Im goldenen Käfig ❖
07.04.2013 '12:39 [280 Wörter]
 ies ist die Geschichte von Valésia, Komtess von Aramajé. Zeit ihres Lebens verbrachte sie ihr Dasein in einem sprichwörtlichen, goldenen Käfig. Wohl behütet verbrachte sie ihre, beinahe sorglose, Kindheit auf der Burg Kreuzenstein, ihrem Zuhause. Denn ihr geschätzter, hoher Vater, der Bernsteingraf, hatte stets hohe Ziele gehegt. Und nun, da der Erbprinz von Olathor, Prinz Merik, ein Auge auf Valésia geworfen hatte, gedachte ihr Vater, sie mit diesem zu vermählen um dadurch seine eigene Macht, im Königreich Ariad, zu festigen. Denn Valésias Vater ist wohlhabend aber Merik ist ein grausamer Mann. Sehr zum Leid der jungen Komtess, die sich eine gänzlich andere Zukunft erträumt.
 hne blauem Blut hingegen streift Endres Endarion durch die Reiche Ariads. Ein Lügenbaron, welcher seinem vorherbestimmten Leben und dem Joch seiner ehrlosen Zukunft entflohen war, um sein Glück in der Ferne zu suchen. Endres, schlug ganz und gar nicht nach seinem Vater und hatte stets anderes im Sinn, als das ehrlose Leben eines Niederen zu fristen. Endres' Käfig war sicherlich alles andere als golden, doch das eiserne Joch seines Standes zwang ihn dazu aus diesem auszubrechen. Und wie es das Schicksal so vorgesehen hatte, war es nur mehr eine Frage der Zeit, derer sich diese beiden, so unterschiedlichen Persönlichkeiten, einander begegnen würden.
 ann die Gunst des Schicksals, welche ihnen zuteil werden wird, ihnen das verhoffte Glück bringen? Oder ist das Schicksal nur ein grausamer Spieler der diese beiden Figuren zwischen Pech und Unglück hin und her schieben wird? Wohin würde sie dieser Weg führen, wenn sie ihn erst einmal eingeschlagen hatten? Welche Zukunft hatte das Schicksal für sie vorgesehen. Die Adelige und der Lügner, welche in dieser Welt niemals füreinander bestimmt waren und doch zueinander fanden?
Fäden des Schicksals ❖
07.04.2013 '12:39 [2.147 Wörter]
 alésia saß im Erker ihrer Räumlichkeiten und nähte. Es war Winter und es schneite. Lautlos fielen die dicken weißen Flocken vom Himmel, die hinter dem dicken Fensterglas nur schemenhaft zu erkennen waren. Zwar hatte der Winter gerade erst begonnen, aber dennoch hatte es schon viel geschneit. Der Schnee verwandelte die Landschaft in eine gedämpfte, stille Welt, und der Lärm, der aus dem Innenhof drang, und der ansonsten immer gut vernehmbar war, war ebenso deutlich gedämpft. Valésia empfand dies als recht angenehm. Sie fröstelte ein wenig, denn die dicken Mauern gaben die Winterkälte kontinuierlich nach innen ab. Viel lieber würde sie ihre Arbeit an der Feuerstelle im Kamin verrichten, doch dort gab es, wie auch in den anderen Räumlichkeiten in der Burg, nicht genug Licht zum Nähen, und Valésia hatte die Aufgabe bekommen, für den Erbprinzen Merik, ihren Verlobten Unterhemden zu nähen. So war es Brauch, dass die Ehefrau für den Ehemann Unterhemden nähte. Zwar war sie noch nicht seine Ehefrau, aber bald würde dies der Fall sein, und es gab eigentlich keinen Grund, noch nicht damit zu beginnen. Es würde ihr einen Vorteil verschaffen. Vielleicht würde dies dem Erbprinzen gefallen. Er verhielt sich ohnehin immer so kühl und distanziert ihr gegenüber, so dass sie stets das Gefühl hatte, grundsätzlich alles falsch zu machen. Mochte er sie nicht? Gefiel sie ihm nicht? Oder musste er erst mit ihr warm werden? Eigentlich war Valésia es nicht gewohnt, derart abgelehnt zu werden. Die meisten Menschen, vornehmlich das männliche Geschlecht, gaben sich ihr gegenüber immer sehr zuvorkommend, und Valésia hatte nicht das Gefühl, dass es nur daran lag, dass es sich meist um Gleichgestellte oder Untergebene handelte. Doch der Erbprinz war ganz anders. Er war um mindestens zehn Jahre älter als Valésia, und er war schon einmal verheiratet gewesen. Die Ehe war kinderlos und nach acht Jahren war sie plötzlich gestorben. Einfach so, ohne jegliche Krankheit oder Vorzeichen. Man munkelte, dass der Erbprinz seine Frau umgebracht hatte, erdrosselt... Oder hatte er sie gar mit seinen eigenen Händen erwürgt? Darüber gab es nur Spekulationen, und Valésia versuchte, diesen Gerüchten und Spekulationen kein Gehör und keinen Glauben zu schenken. Anders würde sie auch verrückt werden. Wie oft hatte sie ihren Vater bekniet, angefleht oder versucht, ihn zu überreden, ihr einen anderen Mann zu geben? Es gab doch so viele gut gestellte Männer in ihren Kreisen. Zwar gehörten diese eher dem niederen Adel an, doch so hoch stand ihre Familie nun auch nicht, dass es eine Schande wäre, eine solche Ehe einzugehen.
Für Valésia bedeuteten Titel und Reichtum nichts. Zwar musste sie zugeben, dass es einige Annehmlichkeiten mit sich brachte, und dennoch würde sie viel lieber ein Leben als freie Frau führen, so es denn Freiheiten für Frauen, oder gar Bürgerliche gab. Die meisten Bauern und Bürgerliche waren Leibeigene. Da hatte sie es als Komtess wahrhaft besser getroffen. Diese Menschen schufteten eigentlich nur für den Adel. Das Wenige, das sie vom erwirtschafteten behalten durften, war meist von geringer Qualität und reichte nicht zum Leben. Fleisch gab es für diese Menschen kaum. Wie auch, wenn es täglich auf dem Tisch der Adeligen stand? Fleisch war teuer und dem Adel vorbehalten. Die Speisereste wurden unter dem Burggesinde verteilt, und selbst hier fielen die Knochen, an denen noch ein wenig Fleisch hing, noch eher unter den Tisch vor die Hunde, als dem Gesinde in die Hände.
Valésia hielt kurz inne. Sie war in ihren Gedanken abgeschweift. Woran hatte sie gerade gedacht, bevor sie den Adeltum gedanklich kritisiert hatte? Oh, beim Erbprinzen Merik... Sie hatte ihren Vater so oft gebeten, ihr einen anderen Mann zu geben, doch ihr Vater hatte stets stumm den Kopf geschüttelt. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass es allerhöchste Ehre sei, den Erbprinzen zum Manne zu bekommen, und dass letztendlich nur das Wohl der Familie zählte. Der einzelne war unwichtig. Es war egal, ob Valésia mit dieser Verbindung einverstanden war, es war nur von Belang, ob diese Verbindung die Familie höher steigen lassen würde, und das würde es! Wenn der Bruder des Erbprinzen, der körperlich und geistig nicht in bester Konstitution war, sterben, oder abdanken würde, dann würde Erbprinz Merik Erzherzog sein, und sie, seine Gemahlin Valésia, würde seine Erzherzogin werden! Höher konnte man in ihrem Fall beinahe nicht mehr steigen. Und wenn Valésia dem Erbprinzen, erst einmal zwei, drei Söhne geschenkt hätte, die die Erblinie sicherten, so war auch ihr Platz gesichert, und ihr Ansehen bei Merik würde steigen. Ganz sicher! Dann würde er sie ganz anders behandeln, mit Respekt und Aufmerksamkeit. Zumindest hoffte sie das...
Valésia seufzte und hielt in ihrer Arbeit inne. Sie blickte zuerst auf ihre Hofdame Malinda, die schweigend daneben saß und in einem Gebetsbuch las, und schließlich auf die zwei bereits fertig gestellten Hemden. Sie konnte nicht bestreiten, dass sie ihre Arbeit gut gemacht hatte. Die Nadelstiche waren regelmäßig gesetzt und auch die Nestellöcher die sie gestickt hatte, waren gleichmäßig und gut gelungen. Der Stoff war feiner, edler Batist, und an der Brust waren noch die Initialen "M. O." mit Goldfäden ein gestickt. Üppig geschwungen und auch diese waren eine gute Arbeit geworden. Diese Hemden wären für einen König gut genug!
Valésia war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie sich die Türe zu ihrem Gemach geöffnet hatte. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Malinda ihr zu zischte. "Komtess!" Valésia hob den Kopf und blickte ihre Hofdame an. "Ja?" fragte sie verwirrt und Malinda nickte dezent in Richtung der Tür und Valésia folgte ihrem Blick. Als sie ihren Vater an der Tür ihres Gemachs erblickte, legte sie rasch ihre Näharbeit beiseite und erhob sich langsam. Dann trat sie aus dem Erker hervor und ging rasch, aber würdevoll, wie nur möglich, auf ihren Vater zu. Als sie ihn gebührlichem Abstand vor ihm stand, knickste sie und senkte den Kopf. Dann hob sie den Kopf und fragte leise "Was wünscht ihr, Vater?" Er nickte zufrieden und Valésia erhob sich aus ihrem Knicks wieder in eine aufrechte und angenehme Stellung. "Ich bin gekommen, um dich an das Fest zu erinnern. Wie du weißt, feiert der Erbprinz Geburtstag, und er hat unsere Familie dazu eingeladen, du erinnerst dich? Morgen früh brechen wir auf." Natürlich erinnerte sich Valésia daran. Sie hatte die ganze Zeit darüber gegrübelt, wie sie diesem Fest entfliehen könnte. "Ich habe es nicht vergessen, Vater, doch ich fühle mich nicht gut genug für die Reise, ich bin unpässlich..." sprach sie leise. Ihr Vater verzog unwillig die Augenbrauen. "Unpässlich? Was soll das heißen?" Valésia kannte diesen strengen Ton ihres Vaters und schalt sich eine Närrin, das sie damit begonnen hatte. "Ich meine damit... Ich habe... Ich..." stammelte sie und ihr Vater äffte "Ich, ich, ich... Was hast du, Valésia? Habe ich Dir etwa beigebracht, zu stottern, wie ein Schwachkopf?" " Sie errötete und sagte "Nein, Vater..." und warf einen scheuen, Hilfesuchenden Blick auf ihr Hofdame Malinda. Malinda verstand ihren Blick und erklärte mit einem Kopfnicken "Sie blutet, mein Graf, und fühlt sich nicht wohl..." Valésia hielt weiterhin den Kopf gesenkt. "Na und? Fehlt es dir an etwas? Stehen dir keine Tücher zur Verfügung? Denkst du, deswegen kannst du dich heute ins Bett legen, oder gar zu Hause bleiben? Es würde den Erbprinzen brüskieren, wenn du fernbleibst! Es ist sein Geburtstag, und du bist seine Braut! Ich erwarte, dass du morgen bei Sonnenaufgang reisefertig bist. Es werden noch andere Häuser dabei sein, und du weißt, wie sie sind, sie beobachten dich akribisch, um irgendeinen Makel an dir zu finden! Ich gestatte keine Makel! Du wirst dich fügen und du wirst reizend sein, so, wie man es von dir erwartet! Hast du mich verstanden?" Valésia nickte ergeben. "Gehab dich wohl..." meinte er und Valésia knickste erneut. Dann wandte er sich ab und rauschte aus ihren Gemächern.
Sie seufzte und schritt wieder zu dem Erker, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Nach einer Weile, in der sie schweigend genäht hatte, flüsterte sie Malinda zu "Ich will ihn nicht heiraten, Malinda... Ich kann ihm nichts abgewinnen..." Malinda seufzte und nickte. "Ich weiß, mein Kind. Doch es ist die höchste Ehre...Und es wird von dir erwartet. Du solltest stolz sein..." "Ich würde lieber einen anderen Mann heiraten, einen, den ich auch lieben könnte, einen, der mich so behandelt wie es einer Braut und zukünftigen Ehefrau zusteht..." "Das tut er doch, Komtess, das tut er..." Valésia seufzte erneut und trennte den vernähten Faden mit einer Schere ab. Das Hemd war fertig, fehlten nur noch die Nestellöcher und die Goldstickerei. Bis zum Nachmittag würde sie fertig sein. Wenn es normal war, dass Ehemänner ihre Frauen so kühl und distanziert behandelten, dann würde sie lieber unverheiratet bleiben...
Am nächsten Morgen, als die Sonne noch nicht aufgegangen war, weckte Malinda ihre Schutzbefohlene Valésia. Malina hatte Valésias Reisekleidung bereits hergerichtet, sowie für eine kleine Morgenmahlzeit gesorgt. Nachdem Valésia sich gewaschen und angekleidet hatte, saß sie lustlos an ihrem Frühstück. Ein Becher Kräutertee, ofenfrisches Brot, sowie ein wenig Speck. Valésia hatte schlecht geschlafen. Sie hatte lange über den Erbprinzen Merik gegrübelt, doch außer, dass sie sich noch einmal darüber im Klaren wurde, dass sie diesen Mann nicht wollte, hatte diese Grübelei nichts ergeben. Malinda versuchte, sie aufzumuntern. "Komtess, so schlimm ist der Mann auch nicht. Er ist sehr mächtig und wohlhabend. Wenn ihr ihm erst einmal einen Sohn geschenkt habt, dann steht ihr in seiner Gunst. Und wenn ihr noch zwei, drei Söhnen das Leben schenkt, dann ist Eurer Platz an seiner Seite gesichert." Valésia wiegte zweifelnd den Kopf. "Und wenn es nur Töchter werden?" Und dann flüsterte sie, als ob sie das Unheil nicht heraufbeschwören wollte "Oder wenn ich gar keine Kinder bekommen kann?" Malinda seufzte, doch sagte sie nichts dazu.
Nur wenige Zeit später brach der Tross auf. Viele Kutschen und berittene Mannen machten sich auf den Weg. Es war eine lange Reise. Sie würden etwa einen ganzen Mond unterwegs sein, einen ganzen Mond lang zusammengepfercht in dieser engen, unbequemen Kutsche, so dass es Valésia schon jetzt davor graute und sich sogar wünschte, nur schon in Olathor zu sein, damit dieses Martyrium, welches noch nicht einmal begonnen hatte, zu Ende sein würde.
Die Tage und Nächte zogen sich langsam dahin. Valésia saß eingehüllt in Pelzen in der Kutsche, zusammen mit ihrer Hofdame Malinda und wurde von Tag zu Tag verzagter. Die Reisebedingungen konnten schlechter nicht sein. Der Schnee lag hoch auf der Flur und erschwerten das Vorwärtskommen immens. Immer wieder mussten lange Pausen eingelegt werden, in welchen alle Mannen zusammengerufen wurden, damit sie die verschneite Straße freiräumten, oder die Kutschen, die bisweilen im Schnee feststeckten, aus dem hohen Schnee schoben. Valésia bekam ihre Eltern auf der Reise nicht oft zu sehen, da diese in einer eigenen Kutsche reisten. Doch wenn Valésia auf ihren Vater traf, hatte dieser oft eine mürrische Miene aufgesetzt. "Wir werden doppelt so lange brauchen, wie unter günstigen Bedingungen!" schimpfte und tobte er bisweilen, und Valésia schwieg dazu.
Eines Abends, an welchem ein heftiger Schneessturm tobte, erreichten sie ein kleines Dörfchen. Der Haushofmeister besprach sich eilig mit dem Grafen von Aramajé. Danach suchte er eine Schenke auf. Unwillig grunzte er, als er die dreckige Schenke betrat. "Gesindel, nur Gesindel hier... Das ist doch kein angemessener Ort für meine Herrschaften..." schimpfte er. Und dennoch, es gab kaum eine andere Wahl. Er suchte das Gespräch mit dem Wirt "Draußen warten die Herrschaften aus der Grafschaft Aramajé. Wir benötigen Euer... 'Haus' für die heutige Nacht. Wie ich erfreut feststelle, ist kaum etwas los." meinte er und blickte sich um. Er hätte, wenn die Schenke voll von Gesindel gewesen wäre, nicht mit der Wimper gezuckt, und dem befohlen, sie alle rauszuschmeissen. So aber saß nur ein einsamer Mann nahe am Feuer, und verhielt sich so unauffällig, dass es ihm egal war. "Wer ist der da?" nickte er zu dem Manne, den Wirt fragend. Der Wirt zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht, ich stelle keine Fragen, woher meine Gäste kommen. Doch er hat eine ähnlich gewählte Aussprache wie ihr, vielleicht einer, aus Euren Kreisen?" Der Haushofmeister zuckte die Schultern. Es konnte keiner von Aramajé sein, und alle anderen waren ihm, an diessem verflucht verschneiten Abend, völlig egal. "Er kann bleiben, so lange er sich benimmt..." entschied er. "Zeigt mir noch die Schlafgemache..." forderte er den Wirt auf. "Schlafgemache?" der Wirt sah den Haushofmeister verdattert an. "Ah, ihr meint die Zimmer, jaja, kommt nur mit, es sind sehr schöne Zimmer!" Er führte ihn die Treppen hinauf und präsentierte stolz die Zimmer. Der Haushofmeister rümpfte die Nase. "Schön, nennt ihr das? Ich nenne es unzumutbar für meine hohen Herren..." Er zögerte für eine Weile, dann lenkte er ein. "Aber wir haben keine andere Wahl. Das Wetter ist grauenhaft, wir müssen heute Nacht hier bleiben! Wir werden eben unsere guten Tuche holen, damit die Herrschaften wenigstens angenehm in diesen 'Betten' liegen können..." Er schüttelte unwillig den Kopf, machte auf dem Absatz kehrt und rief dem Wirt im Laufen noch zu "Ich hoffe, Eure Speisekammer gibt besseres her,als eure 'schönen Gemächer'!"
Brüder im Geiste ❖
07.04.2013 '14:14 [1.851 Wörter]
 s war ein noch sehr junger Winter. Der Kalender schrieb den zehnten Tag des Mondes Dul, dem Totenmond, und die ersten richtigen Schneeflocken rieselten unaufhörlich vom Himmel auf die Erde hernieder. Die harte Winterzeit hatte das Land noch nicht völlig im Würgegriff der Kälte und des Eises. Wenn man aus dem Fenster sah, konnte man hier und da noch braune Erde und verwelkte, scheinbar sterbende Bäume sehen. Das Land starb nicht. Es bereitete sich nur auf den kargen Winter vor, der da unausweichlich kam. Denn der Eisregen, welcher die letzten Tage mehr und mehr von den fallenden Sternen abgelöst worden war, hatte das Land mit Eis überzogen. Fallende Sterne. So hatte Julineya die Schneeflocken immer genannt. Wenn man es recht bedachte, hatte sie mit dieser Bezeichnung auch gar nicht so falsch gelegen. Manch eine Schneeflocke sah wirklich beinahe wie ein wunderschöner Stern aus, welcher langsam und schweigend in dem weißen Meer aus Eis und Schnee versank. Endres wurde ein wenig schwer ums Herz, als er an seine kleine Schwester dachte. Ob sie ihn wohl vermisste? Oder ob sie ihn schon vergessen hatte? Seine Blicke wanderten durch die leicht beschlagene Scheibe des alten Fensterglases. Glas. Dieses Haus muss einmal wohlhabend gewesen sein, bevor es so heruntergekommen war, wie es heute den Anschein hatte. Glas war selten und teuer. In Ariad hatten nur wenige einfache Bürger Glasfenster. Auf dem Fenster hatten sich bereits unzählige, verästelte Eisblumen gebildet und verliehen dem Fenster einen beinahe anmutigen und edlen Anblick.
Endres konnte durch das Fenster einige Bäume sehen. Sie waren kahl und trugen kaum noch ein Blatt, geschweige denn eine Frucht. Die Äste der Bäume waren von einer dünnen Eisschicht umhüllt, und unzählbar viele, kleine Eiszapfen hingen von den unzähligen, dünnen und vereisten Ästen. Es war eine atemberaubende und zugleich natürliche Schönheit, die sich seinem Anblick darbot. Als ob die Bäume selbst von einem Bildhauer aus Eis geschnitzt worden wären. Direkt vor dem Fenster stand ein kleiner Hagebuttenstrauch. Seine leuchtend roten Früchte waren ebenfalls von dem Eis eingeschlossen worden und durch das Eis schienen sie noch mehr zu leuchten als zuvor. Als ob frisches Blut im Inneren dieses Eises gefroren wäre. Endres war beinahe wie gebannt, von der kalten und doch so tödlichen Schönheit dieses frühen Winters, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie Valerion wieder neben ihm Platz genommen hatte. »Wo starrst du hin?«, waren Valerions Worte, welche Endres schließlich aus seiner Geistesabwesenheit heraus rissen. »Nirgends. Ich habe nur an meine Schwester gedacht. Erinnerst du dich an sie?« Valerion schüttelte, mit einem aufrichtigen Bedauern im Blick, den Kopf. »Nein.« Endres zuckte daraufhin mit den Schultern. »Wie dem auch sei. Sie ist Vergangenheit, nicht wahr?«, fragte er seinen Freund und dieser nickte nur stumm. Endres legte seine Finger um den zinnernen Becher, welcher vor ihm stand und sah dann Valerion erneut fragend an. »Und?«, fragte er mit wachsender Neugierde in seinem Blick. »Was, und?«, hakte Valerion nach und musste sich ein gespieltes Grinsen verkneifen. Er wusste schließlich ganz genau, was Endres von ihm wissen wollte. »Nun frag nicht so blöd!«, blaffte Endres. »Wie hoch war die Mitgift?« Er hob den Becher vom Tisch und führte ihn sich langsam zum Mund, ohne dabei seinen Blick von Valerion abzuwenden. »Sieben goldene Dreimark.«, sagte Valerion mit einem breiter werdenden Grinsen. »Sieben?«, hakte Endres nach und stellte den Becher dabei wieder auf den Tisch. Ein leichter, enttäuschter Unterton schwang in seiner Stimme mit, was Valerion erneut zum Grinsen brachte. »Ja. Sieben.«, sagte dieser nur mit einem verschmitzten Lächeln. »Du verschweigst mir doch was. Sieben goldene Mark…« »… Sieh dir doch die Prägung an.«, warf Valerion ein, bevor Endres seinen Satz zu Ende hatte sprechen können, und legte eine der schweren, goldenen Münzen auf den Tisch. Ein sanftes Kratzen zeugte davon, dass die Münze langsam über die Tischplatte geschoben wurde. Wie viele ariadische Münze war auf der einen Seite stets der Kopf eines Adeligen eingraviert. Endres kannte nicht jeden Kopf der auf ariadische Münzen geprägt wurde. Meistens war es irgendein König, oder ein Herzog. Oder eine Heilige. So wirklich auseinanderhalten konnte er sie eigentlich sowieso nicht. Doch als Endres die Münze umdrehte, um zu sehen wessen Wappen sich auf der anderen Seite befand, da weiteten sich für einen Augenblick seine Augen. »Alatea. Währung des königlichen Hauses!«, schnaufte er und sah sich kurz darauf verschwörerisch um. Als ihm klar wurde, dass sie alleine in dem Gasthaus waren, da wandte er sich wieder an Valerion. »Ihr Vater war nur ein einfacher Freiherr …«, stammelte Endres, völlig aus dem Gleichgewicht geworfen. Doch kurz darauf machte sich das breiteste Grinsen auf seinem Gesicht breit, welches er in seinem Repertoire hatte. »Oh, das Schicksal war uns hold! So ein mieser Bastard!« Endres hob den Becher und sogleich stieß Valerion mit dem seinen dagegen. Nun. Vermutlich hatte er die Münze irgendwann einmal von jemand anderen erhalten. Oder sie war ein Erbstück gewesen. Nichtsdestotrotz war sie etwas mehr wert, als andere goldene Münzen. Was Endres sichtlich schmunzeln ließ. Sieben Goldmark. Davon konnte man eine gute Weile sorglos leben. Wenn man denn mit dem Geld sorgsam umging. Doch die beiden waren alles andere als sparsame Menschen. Wenn das Geld knapp wurde, dann gingen sie einfach wieder auf die Pirsch. Das Geld der anderen ließ sich immer leichter ausgeben, als eigenes, ehrlich und hart verdientes Geld.
Nachdem Endres seinen Becher geleert, und ihn wieder auf dem Tisch abgestellt hatte, wischte er sich mit dem Ärmel den Wein vom Mund. »Was gäbe ich jetzt für eine Flasche Goldenen aus Aramad! Wir hätten ihn uns verdient.« Da nickte Valerion und warf dem Wirt, welcher hinter der Ausschank döste, einen verächtlichen Blick zu. »Wir können froh sein, dass er diesen Wein hier überhaupt hatte.« Endres nickte beiläufig, während er die schwere Goldmünze in seiner rechten Hand wog, und sie kurz darauf geschickt über seine Finger tanzen ließ, nur um sie dann mit einer schnellen Handbewegung in seine Westentasche zu stecken. »Bring die anderen Münzen auf unsere Kammer.«, flüsterte Endres und Valerion nickte sogleich. Sie hatten lange und hart dafür gearbeitet, um dieses Gold ihr Eigen zu nennen. Wobei man hart arbeiten in diesem Fall nicht wirklich sagen konnte. Jeder Bauer oder Handwerker würde rot vor Empörung werden, wenn er hören würde, dass die beiden hart gearbeitet hätten. Einer Dame schöne Augen machen. Dem Vater das Blau vom Himmel lügen. Der Mutter süße Worte ins Ohr flüstern und dabei allerlei Ehr und Treue Bekundungen flöten. In Wahrheit war die einzig harte Arbeit, welche Endres hier zu leisten hatte, seine harte Manneskraft unter Beweis zu stellen. Auch wenn es nicht immer gelang die Dame bis zum Bett zu bringen. Meist waren die Damen sehr wohlerzogen oder gläubig. Die Eheschließung fand erst nach der Hochzeit statt. Doch da waren Endres und Valerion oft schon über alle Berge. Also arbeiteten die beiden eigentlich alles andere als hart. Eher weich. Mit geraspeltem Süßholz und butterweichen Worten. Oh, es hatte Spaß gemacht. Seine Tochter war ein dralles und aufreizendes Ding gewesen. Ein wenig zu naiv, doch das kam ihnen gerade gelegen. Auch wenn der Reiz darunter etwas gelitten hatte. Es war eher wie Angeln. Nach Fischen, die bereits auf dem Trockenen lagen. Und doch hatte es Wochen gebraucht, ihren Vater von der Heirat zu überzeugen. Ha! Endres würde gerne ihre Gesichter sehen. Als Valmut, Freiherr von Arjen ihm die Mitgift und auch die Hand seiner Tochter ausgehändigt hatte, und die Beiden noch am selben Tag völlig spurlos verschwunden waren, ohne die Tochter. Er musste zweifellos kochen vor Wut, der edle Freiherr.
Als Valerion den Schankraum verlassen hatte, um ihre Beute im Zimmer zu verstecken, wandte sich Endres an die Ausschank. »He! Wirt! Das Feuer im Kamin ist am erlöschen!«, maulte Endres ein wenig theatralisch. Doch der beleibte Mann rührte sich nicht. Endres erhielt nur einen langen und ausgedehnten Schnarcher als Antwort. »Fauler Hund.«, maulte Endres und ging selbst zum Kamin. »Die Schankmaid ist natürlich auch nicht mehr da.«, grummelte Endres vor sich hin. »Schade eigentlich. Sie ist ein hübsches Ding.« Endres kam vor dem Kamin zum Stehen und besah das sterbende Feuer für einen Augenblick. Doch dann ging er vor dem Feuer in die Hocke und legte einige Scheite Holz nach, nachdem er mit dem Schürhaken die Glut ein wenig angefacht hatte.
Doch gerade als Endres sich wieder zu seinem Tisch begeben wollte, da flog mit einem Mal die Tür auf und einige Schneeflocken stoben zur Türe herein. Und mit ihnen auch ein Mann. »Ihr da!«, bellte die Stimme mit einem unverkennbaren Befehlston. Sofort zuckte Endres erschrocken zusammen. Sein Herz machte einen Sprung und begann aufgeregt zu schlagen. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der dabei erwischt worden war, einen Apfel vom Baum des Herzogs gestohlen zu haben. Sogleich sah er sich nach dem Mann um, doch er kam ihm nicht bekannt vor. Er konnte nicht aus Arjen sein. Der Freiherr von Arjen hatte ihn sicherlich nicht geschickt. Doch der Mann beachtete Endres gar nicht. Er starrte nur auf den Wirt, welcher sich die Augen rieb und den Mann verschlafen ansah. Als Endres erleichtert feststellte, dass er weder angesprochen worden war, noch dass der Freiherr von Arjen ihn in dieser Einöde gefunden hatte, da wandte er sich wieder dem Feuer zu. » Draußen warten die Herrschaften aus der Grafschaft Aramajé. Wir benötigen Euer... 'Haus' für die heutige Nacht. Wie ich erfreut feststelle, ist kaum etwas los.« Da horchte Endres wieder auf. ›Der Graf von Aramajé?‹, schoss es ihm unweigerlich durch den Kopf und er stahl sich leise zu seinem Tisch zurück. Er wollte ganz gewiss keine Aufmerksamkeit erregen.
Als er an seinem Tisch angelangt war, da kam auch schon Valerion aus dem Obergeschoß zurück. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt den er tat, und lenkte so die Aufmerksamkeit aller im Raum auf sich. Doch er ging seelenruhig weiter und nahm dann schließlich bei Endres am Tisch Platz. »Hoher Besuch ...«, raunte Endres ihm zu und nickte verstohlen und verschwörerisch zu dem Herold. »Wie hoch?«, hakte Valerion sogleich nach und verzog seine Augenbraue fragend. »Der Graf von Aramajé«, antwortete Endres leise und Valerions Gesichtszüge entspannten sich. Vermutlich hatte auch er einen Abgesandten aus Aramad - oder gar schlimmer, aus Arjen - befürchtet. »Aramajé…Der Bernsteingraf. Man sagt er soll der reichste Mann in diesem Lehen sein.«, murmelte Valerion und zupfte sich dabei an seiner Unterlippe. »Man sagt, die Tochter des Grafen ist die schönste Frau des ganzen Königreiches.« Endres lächelte Valerion vielsagend an, doch er winkte nur ab. »Wer's glaubt …«, sagte er nur und nahm sich die Flasche Wein zur Hand, um seinen Becher erneut zu befüllen. »Ich habe gehört, dass viele adelige Männer ihr den Hof gemacht haben …«, fuhr Valerion fort und nahm dann Endres die Weinflasche ab, um sich selbst auch etwas einzuschenken. »Und wahrscheinlich trägt sie einen Schleier, damit niemand sieht, wie hässlich sie in Wahrheit ist.« Endres begann zu glucksen, nach seinem abfälligen Scherz und Valerion stieg gleich darauf mit ein. »Ihr Name liegt mir auf der Zunge …«, murmelte Valerion und zupfte sich erneut an der Unterlippe, während Endres sich den Wein genehmigte. »Klingt ähnlich wie eine Blume, die in den Bergen wächst. Es fällt mir schon noch ein...wie hieß sie doch gleich?« Doch der Name wollte ihm einfach nicht einfallen.
Unter Gemeinen ❖
22.04.2013 '00:11 [1.532 Wörter]
 alésia saß in ihrer Kutsche, zusammen mit Malinda und verharrte in Abwartungshaltung. Seit geraumer Zeit hatte der Tross angehalten, und sowohl Valésia, als auch Malinda wussten nicht, was da draußen los war. Die schwache Laterne, die im Inneren der Kutsche angebracht war, spendete nur wenig Licht, und die schweren Vorhänge vor dem offenen Fenster hielten die Kälte nur schwerlich ab, ebenso wenig wie den Sturm, der schon seit geraumer Zeit tobte. Es war schon die längste Zeit dunkel und Valésia hatte ihre Hände unter dem weißen Pelzmantel vergraben, doch die Kälte bahnte sich dennoch ihren Weg durch all die Schichten von Kutsche, Vorhängen, Pelzmantel und Kleidern. "Was mag da draußen nur los sein, Malinda?" hauchte Valésia, und rieb sich ihre Hände, um die Kälte aus ihren Gliedern ein wenig zu vertreiben. "Ich weiß es nicht, Komtess. Es ist besser, wir warten, bis man uns Bescheid gibt." Valésia nickte und seufzte. Ihre Glieder schmerzten, von dem steten Holpern der Kutsche. Zwar dämpfte der Schnee die harten Wege, doch gerade der Schnee machte die Reisewege unwegsam und schwer zu bestreiten. Es schien ihr, als hätte sie in ihrem Sitzfleisch überhaupt kein Gefühl mehr, und sie versuchte, das taube Gefühl zu vertreiben, in dem sie ein wenig hin und her rutschte. Doch Malinda deutete diese Bewegungen falsch und beschwichtigte die Komtess. "Wir werden bestimmt bald wissen, was los ist..." meinte sie und tätschelte ihr über den Pelz, da, wo sie Valésias Hände vermutete. Die junge Frau nickte dennoch und stieß einen schweren Seufzer aus und beobachtete die kleinen Rauchwölkchen, die in dem schwachen Licht aus ihrem Mund traten.
Nach geraumer Zeit wurde schließlich die Wagentüre der Kutsche geöffnet. Erwartend blickten die Frauen zu der Person, die die Türe geöffnet hatte. "Komtess? Heute gibt es kein Weiterkommen mehr. Die Dunkelheit ist hereingebrochen und der Schneesturm hat die Wege verweht und unpassierbar gemacht." Es war die Stimme des Haushofmeisters und er sprach weiter. "Doch seit unbesorgt, wir sind hier in einem kleinen Dorf angekommen und es ist bereits alles geregelt. Die Herrschaften werden heute Nacht hier ihre Quartiere beziehen. Es ist nicht die beste Absteige, das ist wohl wahr, doch es gibt ein wärmendes Feuer und wir haben den Wirt bemüht, uns noch einige Speisen auf zu tischen. Seid nicht allzu enttäuscht, liebe Komtess..." lachte der Haushofmeister. "Seht es als ein Abenteuer, nicht oft habt ihr die Gelegenheit, einen Einblick in das Leben des gewöhnlichen Fußvolkes zu erhaschen..." spottete der Mann und Valésia erwiderte nichts darauf. Was sollte sie auch schon sagen? Galant bot er ihr seinen Arm dar und Valésia nestelte ihre Hände unter dem Pelzmantel hervor und ergriff den Arm. Sie stützte sich daran ab und stieg aus der Kutsche heraus. Sie versank beinahe knie hoch in dem Schnee und erschrak im ersten Moment. Dann bahnte sie sich einen Weg durch den Schnee, gefolgt von ihrer Hofdame Malinda und ihre Blicke fielen auf die kleine Hütte, durch deren Fenster schwaches Licht und das Leuchten des stets auf und ab lodernden Feuers fiel. Es war eine recht einfache Hütte. Was immer da auf die Fensterrahmen gespannt war, Glas war es jedenfalls nicht. Die Hütte war stark zu geschneit und auf den ersten Blick wirkte es, als würde das Dach die Schneelast nicht tragen können. Doch es tat es und Valésia war ehrlich dankbar, dass die Reise zumindest für heute ein Ende hatte. Sie blickte sich um, um ihre Eltern inmitten der vielen Reisenden auszumachen. Doch sie konnte sie nicht entdecken. Und so blieb Valésia vor dem Wirtshaus stehen. Der weiße Fuchsfellmantel war ein Meisterwerk. Er war nicht so kostbar, wie ein Hermelinmantel. Hermelin war Königen vorbehalten, so edel war er, doch das weiße Fuchsfell stand dem Hermelin in beinahe nichts nach. Der Mantel besaß eine weite Kapuze und ließ Valésia, zusammen mit Eis und Schnee, wie eine Schneekönigin wirken, ganz wie in den Geschichten, die Malinda ihr erzählt hatte, als sie noch ein junges Mädchen war. "Bitte haltet Euch nicht in der Kälte auf, Komtess..." unterbrach sie der Haushofmeister. "Ihr könnt Euch mit Eurer Hofdame gerne schon in die Räumlichkeiten hinein begeben. Es wurde bereits alles arrangiert..." Valésia nickte und folgte Malinda, sie bereits vor gestapft war.
Als sie die Schenke betraten, schwall ihr die wohlige Wärme entgegen. Das wohlige Knacken des Holzes, welches in den Flammen sein Ende fand, war das erste Geräusch, welches sie vernahm. Es roch ein wenig eigentümlich in der Schenke. Solche Gerüche waren Valésia noch nie zuvor untergekommen, und sie konnte daher nicht sagen, welche Komponenten da zusammenspielten. Valésia schlug die schwere Kapuze ihres Mantels zurück, um sich besser umsehen zu können. "Komtess, ich helfe Euch..." meinte Malinda, und begann, sie von dem schweren Pelzmantel zu befreien. Valésia half ein wenig mit und Malinda nahm den Mantel an sich, und Valésia bedankte sich höflich für die Hilfestellung. Valésia trug ein schweres Kleid aus dunkelrotem Wollstoff, welches an den Säumen mit kunstvoll gewebter Brettchenborte verziert war. Trotz des Pelzmantels, des wärmenden Wollkleides und ihrer Unterkleider fror sie und ihr erster Gang war der zum Kamin. Sie streckte ihre Hände nach den Flammen aus und rieb sich die Hände. Ihre Wangen waren von der Kälte leicht gerötet. Sie trug ihr gelocktes Haar offen, nur an der Stirnpartie war es mit Haarnadeln zurückgesteckt und der Feuerschein hob den rötlichen Ton darin und die rot gefärbten Wangenknochen nur umso mehr hervor. Ein wenig geistesabwesend sah sie sich um. Da waren einige Tische, und der Wirt und ein junger Bursche waren gerade dabei, die vielen Tische unter lautem Getöse und Scharren zusammen zu schieben. Alle, bis auf einen Tisch, der ein wenig abseits stand. An diesem saßen zwei Männer mit einer Flasche Wein. Doch der Feuerschein erhellte die Stube nur wenig, und tauchte viel mehr alles in tanzende Schatten. Valésia blickte zu dem Tisch, ein wenig länger, als manierlich, doch sie konnte ohnehin nicht viel erkennen, und so widmete sie sich schließlich wieder dem lodernden, knackenden Feuer.
Die Tür wurde erneut geöffnet und der Sturm heulte und brauste und fegte zahlreiche Schneeflocken in die Stube. Es waren der Graf und die Gräfin höchst selbst, welche eintraten. Sofort wurden diese von Lakaien bedrängt, um ihnen die Mäntel abzunehmen. Valésias Eltern nahmen Nase rümpfend an der langen Tischreihe Platz. "Unzumutbar..." murmelte Valésias Mutter und hob geziert die Augenbrauen. "Das ist es wohl. Doch es ist besser, als die Nacht in der Kutsche zu verbringen. Es wäre unserer sicherer Tod." meinte der Graf von Aramajé. "Sei unbesorgt, ich habe schon den Auftrag gegeben, dass die Betten mit den feinen Tuchen ausgelegt werden." "Ich hoffe doch stark, dass es hier kein Ungeziefer gibt!" meinte die Gräfin. "Wo ist eigentlich Valésia?" erkundigte sie sich ein wenig geziert und auch unbeholfen. Sie hätte doch nur ihre Blicke durch die Schenke schweifen lassen müssen, um Valésia am Feuer stehen zu sehen. "Da steht sie, am Feuer..." meinte der Graf und fixierte seine Tochter mit seinen Blicken, welchen die Gräfin folgte. "Willst du sie nicht zu uns rufen?" meinte sie. "Valésia!" donnerte seine Stimme durch die Schenke. Respekt einflößend, und dennoch lauter, als nötig. Valésia wandte den Kopf. "Ich komme!" meinte sie leise, mehr zu sich selbst, als zu ihren Eltern. Man hatte ihr eingebläut, niemals, niemals wie ein Marktweib durch einen Raum zu schreien. Umso mehr verwunderte es sie, dass ihr Vater seine Manieren zu vergessen schien. Es war ihr herzlich egal, denn eigentlich war sie sehr müde und erschöpft und sie sehnte sich nur danach, ihren schmerzenden Körper in einem Bett auszustrecken und zu schlafen. Doch wie sie ihre Eltern kannte, würde sie noch einen Haufen an wohl gemeinten Ratschlägen, Kritik, Ermahnungen und Belehrungen über sich ergehen lassen müssen. Valésia nahm Platz neben ihrer Mutter und Malinda nahm zu Valésias freier Linken Platz. Sie konnte von ihrem Platz aus die ganze Schenke betrachten, was im Grunde egal war, da außer diesen zwei Herren niemand da war, den sie nicht kannte. "Hast du schon etwas zu trinken bekommen, Valésia?" erkundigte sich ihre Mutter bei ihr. Die Komtess schüttelte den Kopf. "Und was möchtest du? Wein? Aber erwarte dir nicht zu viel. Wir sind hier nicht zuhause, der Wein wird vermutlich schlecht sein, aber was soll man machen?" seufzte die Gräfin. "Wein wäre gut..." murmelte Valésia und ließ ihre Blicke nun doch auf dem Tisch in der Ecke ruhen, an welchem die beiden Männer saßen. Auch wenn sie nicht viel erkennen konnte, so war sie dennoch neugierig. Sie hatte wirklich noch nicht viele bürgerliche Menschen in ihrem Leben zu Gesicht bekommen, und so lag über all diesem Neuen ein gewisser Reiz, dem sie sich nicht zu entziehen vermochte. Malinda, die immer ihre Augen überall hatte, und welcher nichts entging, stieß sie sanft in die Seite. "Komtess! Ihr starrt! Das geziemt sich nicht!" zischte sie ihr kaum hörbar zu und Valésia fühlte sich ertappt, senkte den Kopf und starrte in ihren Schoß, während der Wirt geschäftig und so höflich, wie er nur vermochte, Weinflaschen und irdene Becher an dem langen Tisch verteilte. Als Valésia glaubte, sowohl ihre Eltern, als auch Malinda würden sie nicht beobachten, hob sie wieder den Kopf und sah auf zu dem Wirt, der gerade dabei war, den Herrschaften Wein einzuschenken und ließ ihre neugierigen Blicke dann erneut zu dem Tisch wandern...
Der Bernsteingraf und der falsche Adelige ❖
23.04.2013 '01:00 [1.686 Wörter]
 ie beiden Freunde saßen still und schweigend an ihrem Tisch und Valerion beobachtete mit kritischen, aber keinesfalls respektlosen, Blicken die feine Gesellschaft, welche sich langsam, aber stetig, in das kleine Gasthaus ergoss und dabei stetig zunahm. Endres saß mit dem Rücken zur Tür und konnte daher nicht sehen, wer alles den großen Raum betrat, geschweige denn, wie sie alle aussahen. Doch hören konnte man sie sehr gut. Die meisten schnaubten und ließen ihrem Unmut freien Lauf. Sie waren zweifellos bessere Unterkünfte als diese hier gewohnt. Doch Endres hatte nur wenig Mitleid mit ihnen. Und so starrte er in seinen, beinahe zur Gänze geleerten, Becher. Es wäre auch viel zu auffällig gewesen, wenn er immer wieder einen Blick zurück, über die Schulter, gewagt hätte. Die hohen Herren hätten es zweifelsohne irgendwann bemerkt. Und dann hätten der Graf, oder die Gräfin, ihn möglicherweise mit missbilligenden Blicken bedacht. Daher zog Endres es vor, einfach da zu sitzen und seinen Wein zu trinken. Er kannte den Graf von Aramajé nicht. Er hatte nur Gerüchte über ihn gehört. Er soll ein eisenharter Adeliger sein. Und ein gewitzter Halunke. Man sagt, er allein habe die Grafschaft vor der Verarmung, und damit auch der Verschuldung bewahrt. Und das gemeine Volk nannte ihn den Bernsteingraf. Endres gab nichts auf Gerüchte. Die meisten dieser sogenannten Gerüchte waren vom Adel selbst in die Welt gesetzt worden, um sich selbst in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Und der klägliche Rest stammte vom gemeinen Volk. Binsenweisheiten und Lügengeschichten, die von einem Mund zum anderen getragen wurden, und nach jedem Mal wie eine gänzlich neue Geschichte klangen. Doch neugierig war Endres schon, das konnte er nicht leugnen. Und schon gar nicht verbergen. Weder vor sich selbst, noch vor Valerion. Also hielt er sich den zinnernen Becher vor das Gesicht und unterdrückte seine Neugierde, auch wenn es ihm nur schwer gelang. »Was hast du denn?«, fragte Valerion, dem Endres' Unruhe nicht verborgen blieb. »Du benimmst dich, als ob es der Freiherr von Arjen wäre ...« Valerion schmunzelte und tat dann einen tiefen Schluck aus seinem, mit Wein gefüllten, Becher. Doch Endres schwieg nur. »Es ist nur ein Graf. Ein kleines Licht am Ende der Welt.« Valerion tat einen zweiten Schluck, bevor er den Zinnbecher bedächtig auf dem Tisch abstellte. »Er besitzt weniger Land, als der Freiherr von Arjen. Ist das nicht ein Witz?« Valerion flüsterte diese unverfrorenen Worte so leise, dass selbst Endres sie kaum verstand, doch rang er ihm zumindest ein Lächeln ab. Ihm und auch sich selbst. »Wer will schon das Land von Arjen? Da gibt es nur Moore, Sümpfe und verfluchte Wälder.«, flüsterte Endres und hielt sich noch immer den Becher direkt unter die Nase. Doch dann schob er seinen Körper ein wenig zur Seite und lugte, an dem Becher vorbei, in den vorderen Bereich der Schenke. Graf Gunther Adajena von Aramajé stand direkt an dem großen Tisch, welchen der Wirt erst vor wenigen Augenblicken für ihn hergerichtet hatte. Und das zu so später Stunde. Endres rümpfte ein wenig empört die Nase. Für ihn hatte der faule Lump keinen Finger gerührt. Er hatte das Feuer im Kamin selber schüren müssen. Das Feuer, vor welchem sich nun diesen adeligen Herren breit machten. Geschlafen hatte er, wie ein Siebenschläfer. Und das, obwohl auch Endres sich als Mann von Adel vorgestellt hatte, als sie das Zimmer angemietet hatten. Endres fühlte sich ein wenig gekränkt. Ja beinahe beleidigt. Doch als er den Grafen erblickte, da hatte er den faulen, fetten Wirt für einen Moment vergessen. Sofort fiel ihm auf, warum man Graf Gunther den Bernsteingrafen nannte. Er trug ein prächtiges Geschmeide um den Hals. Aus purem Gold! Und besetzt war es mit Bernsteinen, welche so groß wie seine Augäpfel waren. »Meiner Treu. Nun sieh dir diese Kette an.«, murmelte Endres und wandte sich dabei wieder an Valerion. Doch Valerion nickte nur schwermütig, wohl wissend, dass diese Kette niemals in ihren Besitz übergehen würde.
So langsam kam Bewegung in die Runde. Nach und nach betraten immer mehr Menschen den Raum, welcher zusehends voller wurde. Und je mehr Menschen sich in den Raum zwängten, desto mehr gewann man den Eindruck, als ob der Raum schrumpfen würde. Der Graf und die Gräfin waren sehr schnell nicht mehr alleine. Der Haushofdiener und auch die Zofen und die Leibgarde des Königs gesellte sich zu den Herrschaften. Und auch die Dienerschaft, welche in stets gebührendem Abstand verweilte versammelte sich in der warmen Wirtsstube. »Sieh nur, wie sie alle buckeln ...«, raunte Valerion und nickte in Richtung einiger Jünglinge, welche sich am anderen Ende der Stube aufgestellt hatten. Bereit herbei zu eilen, wenn ihr Herr nach ihnen rief. »Wie abgerichtete und kastrierte Hunde.« Valerion beschönigte keine seiner Worte. Er sprach die Wahrheit aus, hart und ehrlich. Das war auch einer der vielen Gründe, warum Endres sich lieber dem zartfühlenden, weiblichen Geschlecht annahm und diese Aufgabe ungern an Valerion übertrug. Außer das Weib war hässlich wie die Nacht. Dann war er froh, wenn Valerion den kürzeren zog. Nichtsdestotrotz übte er seine Arbeit mit aufblühender Hingabe aus und hatte nur wenig Élan für all die anderen Aufgaben der beiden Strolche und Heiratsschwindler.
»Ob seine Tochter auch hier irgendwo ist?«, fragte Endres und sah Valerion fragend an. Er würde sich gerne selbst von ihrer Schönheit überzeugen, von welcher Valerion ihr berichtet hatte. Doch zugleich fragte er sich, woher Valerion wissen wollte, wie sie wohl aussah. Seit sie in Ariad waren, hatten sie kaum eine Nacht getrennt verbracht. »Ich wette, sie ist nicht einmal halb so schön wie du gesagt hast« Valerion runzelte nur die Stirn. »Da wette ich dagegen!« Sogleich legte er eine der schweren, goldenen Münzen, welche sie von dem Freiherrn von Arjen als Mitgift ergaunert hatten, auf den Tisch und grinste Valerion herausfordernd an. Endres sah ihn nur mit ernster Miene an. »Ich habe dir doch gesagt, dass du das Gold auf unserem Zimmer verstecken sollst.«, maßregelte er seinen Freund und erntete nur ein Zucken mit der Schulter. »Du hast doch auch noch eine in deinem Wams.«, sagte Valerion kurzerhand und sah Endres herausfordernd an. Und da lächelte Endres, zog die Goldmünze aus dem der kleinen Tasche und legte sie behutsam auf die Münze Valerions, welche alleine und verloren auf dem Tisch gelegen hatte. »Je näher wir dem Norden gekommen waren, desto öfter habe ich von Valésia, Komtess von Aramajé gehört. So viele gemeine Zungen können nicht irren.«, flachste Valerion siegessicher, doch Endres schien noch nicht sonderlich überzeugt. »Vom Fuße des Weltengebirges, bis zur Grenze des Köhlerwaldes ist sie in aller Munde.« Endres setzte ein schiefes Grinsen auf. »Und die heimatlosen, räudigen Hunde jenseits des Köhlerwaldes wichsen wohl, wenn sie von ihr reden, wie?« »Sicher wie jeder adelige Emporkömmling, den ihr Vater abgewiesen hatte.«, raunte Valerion und dann lächelte er verstohlen und sah an Endres vorbei. »Was starrst du so?«, fragte dieser irritiert, als Valerion so plötzlich das Gespräch unterbrochen hatte. Ein wenig verwirrt und auch irritiert, wandte er seinen Kopf wieder zur Seite und blickte heimlich über die Schulter.
Und dann sah er sie. Sie stand am Feuer und wärmte sich die Hände. Endres konnte gar nicht seinen Blick von ihr abwenden, bis ihm bewusst wurde, wie er sie angestarrt haben musste. »Ist sie das?«, fragte er Valerion und dieser nickte nur. »Wie lange steht sie da schon?«, hakte Endres nach und da lächelte Valerion diebisch. »Seit ich die Münze auf den Tisch gelegt habe.« Ein breites Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit, während er die beiden Goldmünzen einstrich. »Du mieser Halunke! Sei froh dass wir so gute Freunde sind, sonst würd' ich mich jetzt glatt vergessen!« Valerion antwortete ihm gar nicht sondern nahm, mit einem leisen Lied auf den Lippen, welches er kaum hörbar zwischen den Zähnen hindurch pfiff, das Geld an sich. Doch das Goldstück hatte Endres schnell vergessen. Erneut wandte er sich um und sah wieder zu der Tochter des Grafen hinüber. Sie war vom Feuer zu ihren Eltern gegangen und hastig wandte sich Endres wieder zu Valerion um. »Sie ist wunderschön. Deine Worte werden ihr kaum gerecht.«, flüsterte Endres mit einem wilden, lodernden Feuer in den Augen. Valerion kannte diesen Blick und hob sogleich mahnend seine linke Augenbraue. »Vergiss sie. Die ist eine Nummer zu groß für uns.« Endres schürzte herausfordernd seine Lippen, doch Valerion ließ sich gar nicht auf sein Spiel ein. »Ihr Vater ist kein Freiherr. Er ist der Graf von Aramajé. Von dem sehen wir nicht ein Scherflein. Eher noch den Galgen.« Mit diesen Worten griff sich Valerion an den Hals und strich sich ein wenig mit der Hand darüber. »Bei solch einer Frau, geht es doch nicht nur ums Geld.«, flötete Endres und bemerkte wie sein Herzschlag sich leicht erhöht hatte. »Ohne mich.«, wehrte Valerion ab und Endres lächelte. »Auch gut, dann brauchen wir wenigstens keine Hölzchen zu ziehen!«
Mit diesen Worten richtete sich Endres von seinem Platz auf. Als er vor Valerion stand, straffte er sein Wams und zog es einige Male ruckartig herunter, so dass jede Falte so gut es ging verschwunden war, bevor er sich noch einmal durch die Haare fuhr, um sie aus dem Gesicht zu streifen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich von Valerion ab und ging forschen Schrittes zum Tisch des Grafen. »Meine Verehrung, eure Erlaucht. Wenn ihr erlaubt mich vorzustellen? Mein Name ist Endarion, Graf von Hohenehr, aus dem Reich Paltoria.«, mit diesen Worten verbeugte er sich dezent vor dem Grafen. Er hatte bewusst einen gleichrangigen Titel gewählt, da er den Mann nicht brüskieren oder herausfordern wollte, wenn er höhergestellt gewesen wäre. Ein einfacher Graf aus einem fernen Lande ... Kaum hatte er die Worte gesprochen, da hatte er sich alle Blicke der Anwesenden gesichert. Forsch, wie er nun einmal war, verbeugte er sich sogleich auch vor der Gräfin und diese bot ihm, wie es Sitte war, ihre rechte Hand dar. Er deutete einen dezenten Kuss an, ohne ihre Hand mit seinen Lippen zu berühren. Alles andere wäre unverschämt, dreist und hätte die Gräfin brüskiert. Doch als er sich der Tochter des Grafen zuwandte, da nahm er sogleich auch ihre Hand in die seinen und küsste sie sanft auf ihren Handrücken. »Der Ruf eurer Schönheit wird euch nicht gerecht, edle Komtess.«
Was sich geziemt ❖
23.04.2013 '09:30 [3.128 Wörter]
 alésia saß zur Linken ihrer Mutter und fühlte sich ein wenig unwohl. Sie war es schlichtweg nicht gewohnt, dass sie sich so dicht an ihrer Seite befand. Wenn der kleine Kreis der Familie zusammen speiste, so saß jeder in gebührlichem Abstand vom anderen entfernt. So war es seit jeher gewesen, nur hier nicht, in dieser winzigen Schenke, die nicht annähernd soviel Platz bot, wie es Valésia am liebsten gewesen wäre. Doch sie konnte sich keinen anderen Platz auswählen, als den zur Linken ihrer Mutter, die ihr so fremd war, und sie war froh, dass Malinda, diese gute, treue Seele, ebenso nahe bei ihr saß, dass es schon wieder tröstlich war. Gräfin Aurelia Adajena von Aramajé war eine sehr kühle Frau. Sie war ebenso kühl wie der strenge Graf Gunther, und dennoch kam es Valésia vor, dass sie zu ihrer Mutter eine noch viel mehr distanzierte Beziehung hatte, wie zu ihrem Vater. Ihre Mutter kümmerte sich nur um ihre Interessen. Auf Valésie wirkte sie, doch das würde sie nie auszusprechen wagen, wie eine dumme, unterbelichtete Frau, die außer ihren Reizen, die längst vergangenen Zeiten angehörten, nichts erstrebenswertes, gutes, oder freundliches besaß und sich nur durch ihre einstige Schönheit den Grafen von Aramajé hatte angeln können. Und Ihr Vater, nun ja, er verfolgte ebenso nur seine eigenen Ziele, nur mit dem feine Unterschied, dass seine Pläne Valésia schon beinahe von Kindesbeinen an mit ein bezogen hatten.
"Valésia, sitz' aufrecht..." ermahnte sie ihre Mutter. "Bei Erbprinz Merik kannst du es dir ebenso wenig erlauben, so krumm da zu sitzen, und wenn du noch so erschöpft wärest!" Valésia tat, was ihre Mutter von ihr verlangte und drückte ihren Rücken noch ein wenig mehr nach oben, obwohl sie den Eindruck hatte, dass sie aufrechter nicht mehr sitzen konnte, als sie es ohnehin schon getan hatte. "Nun sitzt du stocksteif da, und gibst Einblicke in dein Dekolleté, wie eine...ich wage es nicht auszusprechen!", schnalzte die Gräfin missbilligend mit der Zunge. "Nun blicke nicht so gelangweilt durch die Stube!" tadelte sie ihre Tochter. Valésia war nicht gelangweilt, sie war nur entsetzlich müde, doch sie widersprach ihrer Mutter nicht, sondern versuchte viel mehr, ihren Blick zu klären und fröhlicher drein zu blicken. Sie nahm den irdenen Weinbecher in die Hand und führte ihn an ihre Lippen, und trank einen Schluck. "Und berühre den Becher mit deinen Lippen nicht länger als nötig. Das hier ist eine unsaubere Absteige, und die Becher sind es ganz gewiss ebenso!" wies sie ihre erwachsene Tochter zurecht. Valésia seufzte innerlich schwer. Noch nie hatte sie es ihrer Mutter recht machen können. Nie! Und das würde sich auch in Zukunft nicht ändern. So senkte sie erneut den Kopf, legte die Hände in ihren Schoß und starrte darauf. Wenigstens war das Kribbeln von der Kälte endlich vergangen, und ihre Gesichtsfarbe hatte sich wieder die vornehme, blasse gewandelt, und nicht mehr mit solch geröteten Wangen wie die einer Bauerntochter. Bestimmt hätte ihre Mutter auch daran einen Stein des Anstoßes gefunden.
Plötzlich legte jemand der Gräfin die Hände auf die Schultern. Die Gestalt beugte sich zu ihr hinunter und raunte "So behandle Valésia doch nicht wie eine dreijährige, Mutter. Du sprichst noch immer so mit ihr wie damals, als ihr mich fort geschickt habt..." Über Valésias Gesicht ging ein Leuchten. Roméro! Ihr Bruder war erst einige wenige Tage zurück gekommen, bevor sie nach Olathor aufgebrochen waren, und die Geschwister hatten kaum noch Gelegenheit zu einem ruhigen Gespräch bekommen. Die Gräfin Aurelia verzog ihren Mund zu einem säuerlichen Lächeln, und tätschelte Romeros Hand, die immer noch auf ihrer Schulter ruhte. Er lächelte Valésia spitzbübisch zu und wandte sich schließlich an Malinda. "He, Malinda, rück' zur Seite, ich möchte mich mit meiner Schwester unterhalten..." Malinda wollte schon empört etwas erwidern, doch sie klappte den Mund schließlich wieder zu, ohne etwas zu erwidern und erhob sich schließlich und lächelte in sich hinein. Sie wusste, wie schmerzlich Valésia ihren Bruder all die Jahre vermisst hatte, die Zeit war verloren, und sie würden sie nie wieder aufholen können. Roméro ließ sich auf dem Stuhl neben Valésia nieder. Er legte seine Hand auf die ihre und drückte sie, während er sie musterte. "Du bist zu einer wunderschönen Frau herangewachsen, kleine Schwester..." bemerkte er. "Nur deine Augen sind nicht mehr dieselben, es liegt ein Schatten auf ihnen..." Valésia wusste nicht, was sie erwidern sollte. Es stimmte, seit sie darüber Gewissheit hatte, dass sie dem Erbprinzen Merik zur Frau gegeben werden sollte, war sie nicht mehr so unbeschwert und sonnig wie einst. Dennoch war sie froh, dass sie ihren Bruder wieder an ihrer Seite wusste. Sie unterhielt sich einige Zeit mit ihm, sie lachten, scherzten und erzählten sich über die letzten Jahre, und wie es ihnen ergangen war.
"Meine Verehrung, eure Erlaucht. Wenn ihr erlaubt mich vorzustellen? Mein Name ist Endarion, Graf von Hohenehr, aus dem Reich Paltoria." Diese unerwarteten Worte rissen Valésia aus ihren Gedanken, als sie über einige Worte Romeros nachdachte und sie hob beinahe verwundert den Kopf. Als sie aufblickte, stand ein junger Mann an ihrem Tisch. Es musste einer der beiden sein, die an diesem Tisch in der hinteren Ecke gesessen hatten, denn sonst war niemand mehr herein gekommen, der nicht ihrem Tross angehörte. Valésia betrachtete ihn kurz. Er hatte langes, dichtes blondes Haar, so wie man es von den Paltoren kannte, und es lockte förmlich, mit den Fingern durch zu fahren. Um die Augenfarbe zu erkennen, war das Licht zu sehr gedämpft, doch klug und erhaben strahlten sie. Er besaß ein edles, makelloses Gesicht, gleich wie eine marmorne Statue und seine Erscheinung erschien Valésia beinahe wie ein Abbild aus einem ihrer Gebetsbücher, in welchem die Götter Ariads abgebildet waren, jung, schön, makellos. Ja, er sah aus wie ein junger Gott und seine Stimme war weich wie Samt. Bei den heiligen Göttern, er war einfach hinreißend... Valésia musterte den jungen Grafen eingehend und senkte dann den Blick, bevor ihre Mutter bemerkte, wie sie ihn angestarrt hatte. "Ah, Graf Endarion von Hohenehr..." wiederholte ihr Vater und erhob sich höflich. "Welch erfrischende Fügung, dass der einzige Gast heute und hier von ebenso hoher Geburt ist... Fast zu viel des Zufalls..." Er deutete eine noch kleinere Verneigung an, als es dieser Graf von Hohenehr getan hatte und wandte sich dann seiner Frau zu. "Darf ich euch mit meiner reizenden Frau bekannt machen? Gräfin Aurelia von Aramajé." Der junge Mann wandte sich so gleich der Gräfin zu und diese lächelte ihn aufreizend an, während sie sich, ebenso würdevoll wie der Graf kurz zuvor, erhoben hatte, und bot ihm ihre Hand zum Kuss dar. "Ich bin entzückt..." gurrte sie. Höflich, nach den guten Sitten, ergriff dieser ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf, ohne diese mit den Lippen zu berühren. Der Graf beobachtete diese Geste akribisch, und nickte schließlich zufrieden, als er sich vergewissert hatte, dass dieser Graf nicht die Hand seiner Frau mit seinen Lippen berührt hatte. Er legte die Hand auf Romeros Schulter. "Mein Sohn, Erbgraf Roméro von Aramajé..." Roméro nickte dem Grafen von Hohenehr kurz zu und musterte ihn abschätzend. Graf Gunther wandte seinen Kopf zu Valésia, die still und zurückhaltend sitzen geblieben war, bis man sie vorstellte, oder das Wort an sie richtete. "Und dies hier ist meine Tochter Valésia, die Komtess von Aramajé." stellte er seine Tochter vor und diese erhob sich ebenso. Nicht so selbstsicher, oder aufdringlich, wie ihre Mutter... Höflich, zurückhaltend, und doch ein wenig unsicher streckte sie ihre Hand vor, welche der Graf von Hohenehr so gleich ergriff.
Doch was war das? Er berührte ihren Handrücken mit seinen warmen Lippen, sein heißer Atem streifte ihre Haut, so dass sich die feinen, blonden Härchen auf ihrem Arm aufrichteten, und drückte einen sachten Kuss darauf. Er ging dabei allerdings sehr geschickt vor, denn wie zufällig, fiel eine dichte Haarpartie über seine Stirn und verbarg die dreiste Tat, ausgeführt vor den Augen des Grafen und der Gräfin, die einen wohligen Schauer über Valésias Rücken jagte. Er lächelte beinahe diebisch dabei, fast so, als hätte er es mit berechnender Absicht getan und sagte "Der Ruf eurer Schönheit wird euch nicht gerecht, edle Komtess." Valésia spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Dennoch umspielte ihre Mundwinkel ein verschmitztes Lächeln. Vorsichtig zog sie ihre Hand zurück, knickste flüchtig und erwiderte leise "Ich danke euch für eure Freundlichkeit. Es ist mir eine große Freude, eure Bekanntschaft zu machen, Graf Endarion von Hohenehr..." Endarion, dieser Name war wie ein Gedicht... Es fiel ihr schwer, seinem Blick stand zu halten, doch sie zwang sich dazu, ihm in die Augen zu sehen, alles andere wäre sehr unhöflich, wenn nicht gar brüskierend gewesen. Sie stand noch eine Weile da, und starrte ihn einfach nur an, bis Malinda sie am Ärmel zupfte und die junge Frau mit dieser Geste aus ihrer starrenden Haltung riss. So gleich nahm Valésia wieder Platz. Roméro hatte diese Begegnung zwischen Valésia und dem jungen Grafen aufmerksam, aber stillschweigend beobachtet. Graf Gunther richtete schließlich das Wort an den Grafen von Hohenehr. "Paltoria, also? Da seid ihr wahrlich weit von Eurer Heimat entfernt. Was verschafft mir die Ehre, euch heute und hier in der Grafschaft Aramajé anzutreffen?" erkundigte sich der Graf, obgleich sein Unterton erkennen ließ, dass es ihn nicht sonderlich interessierte. Nach einem kurzen Gespräch kamen der Wirt und sein Bursche mit Tellern und dampfenden Schüsseln herbei und richteten die Speisen am Tisch aus. Schließlich meinte Graf Gunther "Ich will nicht unhöflich sein, Graf Endarion, doch wir haben eine lange Reise hinter uns, und noch eine sehr lange Reise vor uns. Wir wollen uns nun erfrischen und ausruhen." Gräfin Aurelia nickte eifrig und begann "Ja, wir reisen ins Herzogtum Olathor." Mit einem stolzen Lächeln blickte sie zur Seite auf Valésia und fügte hinzu."Die Komtess wird nämlich mit dem Erbprinzen Merik von Olathor vermählt..." Graf Gunther warf einen missbilligenden Seitenblick auf die Gräfin, doch er sagte nichts. Er nickte dem Grafen von Hohenehr kurz zu und richtete seinen Blick schließlich auf die dampfenden Schüsseln. Seinem Blick zu urteilen, gefiel ihm nicht, was sich da in den Schüsseln befand, doch er seufzte ergeben und winkte dann einen seiner Lakaien heran, welcher begann, zuerst ihm, dann seiner Frau und schließlich Roméro und Valésia die Teller zu füllen.
Valésia aß mit mäßigem Appetit, und nach kurzer Zeit richtete sie das Wort an ihre Mutter. "Erlaubt ihr mir, mich zurück zu ziehen? Ich bin so müde und erschöpft..." Gräfin Aurelia sah auf den Teller Valésias und meinte schließlich verständnislos "Aber du hast kaum etwas gegessen, mein Kind..." "Ich bin nicht sonderlich hungrig, Mutter, ich bin nur müde, und möchte mich gerne hinlegen..." Erwartungsvoll blickte sie ihre Mutter an und diese nickte schließlich. "Ja, geh nur... Ich wünsche Dir eine gute Nacht!" Sie drückte ihrer Tochter noch einen Kuss auf die Stirn und damit war diese entlassen. Valésia erhob sich und Malinda tat es ihr gleich. Roméro erhob sich ebenso und drückte seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. "Schlaf gut, kleine Schwester..." Sie lächelte ihn an. "Ich bin so froh, dass du wieder zurückgekehrt bist." Roméro nickte. "Fort an werde ich immer an deiner Seite sein, wenn du mich brauchst... Und auf dich acht geben..." Valésia sah ihn dankbar an, diese Worte waren ein wirklicherTrost für sie. Malinda wandte sich schließlich an den Wirt. "Welches der Zimmer wurde für die Komtess hergerichtet?" Der Wirt glotzte sie an. Er hatte alle Zimmer herrichten lassen, er machte für ihn keinen Unterschied, welches Zimmer das hohe Paar, die Gefolgschaft, die Dienerschaft oder eben die Komtess bezog. Doch er räusperte sich und erwiderte "Die Stufen hinauf, das letzte Zimmer am Ende des Ganges links, wenns beliebt..." Er händigte ihr noch ein kleines Talglicht aus, welches im dunklen Flur und Zimmer für die nötige, wenn auch spärliche Lichtquelle sorgen würde. Malinda nickte dankend, wandte sich schließlich an den Grafen und die Gräfin und machte einen Knicks. "Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe..." sprach sie ergeben und der Graf und die Gräfin nickten. "Auch euch beiden eine angenehme Nacht..." Damit wandte sich Malinda wieder um und legte Valésia die Hand in den Rücken, und schob diese leicht Richtung Treppe. "Komm, mein Kind, lass uns hinauf gehen."
Valésia stieg die hölzernen Stufen hoch. Sie knarrten und ächzten so laut, dass es Valésia beinahe unangenehm war, und Einige die Blicke auf die beiden Frauen richteten. Sie war froh, als sie am Ende des Ganges angekommen waren und Malinda eilte ihr voraus und öffnete die Türe. Sie leuchtete das Zimmer aus. "Nun ja... Feuer im Kamin hätte der Wirt ruhig machen können, hier ist es ja beinahe bitterkalt..." murmelte sie kopfschüttelnd. "Aber sei es drum, schlüpf schnell unter die Bettdecke, dann wird dir schon warm werden... Komm her, Valésia, ich helfe dir, dich zu entkleiden..." Wann immer die beiden Frauen unter sich waren, fielen Malinda und auch Valésia in das vertrauliche 'du' ein. Als Valésia endlich in ihrem bodenlangen Nachtgewand steckte, bedeutete Malinda ihr, sich auf den Stuhl zu setzen, und begann, ihr mit einem kunstvoll geschnitzten Hornkamm das Haar zu entwirren und kämmen. Die beiden Frauen schwiegen während dieser Prozedur, und auch noch, als Malinda ihr das Haar zu einem dicken Zopf flocht und ihr die Nachthaube aufsetzte. Valésia schlüpfte rasch unter die Bettdecke, und Malinda bereitete sich ebenso zur Nachtruhe vor und löschte schließlich das Licht.
Nach einer Weile begann Valésia schließlich "Malinda, warst du eigentlich jemals verheiratet?" fragte Valésia ihre Zofe. Diese lauschte erstaunt in die Dunkelheit und erwiderte schließlich "Nein, mein Kind. Warum fragst du?" Valésia spürte, wie sie errötete. "Nun, ich möchte es einfach wissen. Aber hast du schon einmal bei einem Mann gelegen?" Nun war es an Malinda, zu erröten, und sie erwiderte tadelnd "Was sind denn das für indiskrete Fragen, Valésia? Warum willst du das wissen?" Valésia ihrerseits errötete erneut. "Ich muss es einfach wissen, ich muss wissen, wie es ist, bei einem Mann zu liegen. Ich meine die Hochzeitsnacht... Wie wird es sein?" Malinda überlegte einen Moment und räusperte sich. "Nun ja, ich selbst war nie verheiratet, und ich bin auch noch nie bei einem Manne gelegen. Ich habe mich, schon als ich jünger als du war, mein Kind, voll und ganz dem Dienst deiner hohen Familie verschrieben. Da war für einen Mann und somit ein privates Leben einfach kein Platz. Doch, so viel kann ich dir sagen, was man sich über die Hochzeitsnacht hinter vorgehaltener Hand erzählt: Eine gute Ehefrau schließt die Augen, und lässt es über sich ergehen. Der Ehemann ist ihr Vormund und sie ist seine Genossin, und tritt in sein Recht, wenn sie in sein Bett tritt." Valésia starrte an die dunkle Decke und überlegte kurz. Dann hakte sie nach "Was bedeutet das?" Malinda seufzte. Sie hatte gehofft, dass mit ihrer letzten Antwort keine offenen Fragen mehr bestehen würden. "Nun, es bedeutet, dass erst mit dem Vollzug der Ehe, die Rechtsgültigkeit eintritt. Wenn der Erbprinz Merik und du vermählt worden seid, muss die Ehe im Beisein von Zeugen, das sogenannte Beilager, vollzogen werden."
Valésias Miene ward entsetzt, doch das konnte Malinda nicht sehen. "Willst du damit sagen, dass der Erbprinz und ich... Ich meine, wir müssen die Ehe vor den Augen anderer vollziehen? Jeder kann uns dabei zusehen?" Malinda schwieg für eine Weile und schien zu überlegen. "Naja, ganz so ist es nicht. Ihr werdet zeremoniell in Euer Ehebett gebracht. Ich weiß nicht, ob der Erbprinz über ein Himmelbett mit Vorhängen verfügt. In diesem Fall werden die Vorhänge natürlich zugezogen. Wenn dem nicht so ist, wird, so denke ich, das Licht gelöscht. Doch in jedem Fall sind einige Personen anwesend." "Wer?" fragte Valésia hastig. "Die Eltern des Erbprinzen, deine Eltern, der Priester und einige andere Geistliche, einige Bedienstete, einige Mägde und Kammerdiener und auch ich..." "Malinda, das ist ja entsetzlich beschämend! Ich will das nicht! Ich möchte nicht, dass jemand dabei ist Ich kann das nicht! Das kann niemand von mir verlangen!" stieß die junge Frau abwehrend hervor. Malindas Miene wurde ernst. "Doch, das können sie, und das werden sie auch. Mein Kind, es ist so unglaublich wichtig. Wie ich dir sagte, ist die Ehe erst dann gültig, wenn die Ehe vollzogen wurde. Wenn der Akt nicht vor Zeugen vollzogen wird, könnte der Erbprinz theoretisch die Ehe annullieren lassen, wenn er behauptet, die Ehe wäre nie vollzogen worden. Und dann haftet ein gewisser Ruf an dir. Niemand wird ernsthaft glauben, auch wenn niemand offen das Wort des Erbprinzen anzuzweifeln wagt, dass du dann noch Jungfrau bist. Und dann wirst du nie wieder einen Mann abbekommen, oder nur mehr einen, der weit unter deinem Stand und deiner Würde ist! Aus diesem Grunde ist es unerheblich, was du willst. Es geschieht zu deinem Besten. Im übrigen kann ich dir auch sagen, es wird dir auch nicht die Schmach erspart bleiben, dass sie nach der Hochzeitsnacht deine Laken untersuchen werden." Valésia sah ihre Hofdame verständnislos an. "Die Laken untersuchen? Warum? Wonach werden sie suchen?" "Nach Blutflecken, Valésia." "Blutflecken?" fragte die junge Frau bestürzt. "Wieso Blutflecken?" "Weil du bluten wirst, wenn der Erbprinz dir deine Jungfräulichkeit nimmt. Es ist, so habe ich gehört, nicht besonders angenehm, wenn nicht sogar schmerzhaft, und du wirst danach bluten. Und auch die nächsten Monde wird das Augenmerk darauf gelegt, ob die Laken des morgens blutig sind, denn daraus lässt sich schließen, ob du in anderen Umständen bist. Doch wie ich dir bereits sagte, eine gute Ehefrau schließt die Augen und hält den Mund, sie verweigert sich nicht, sie begehrt nicht auf und lässt das Unvermeidbare über sich ergehen und tut alles, um ihren Mann zufrieden zu stellen und ihm zu gefallen. Und dann hofft sie, dann sie bald schwanger wird und viele gesunde und kräftige Söhne gebärt. Ich denke, ich habe dir genug erzählt, Valésia, du solltest jetzt schlafen. Gute Nacht, mein Kind." Valésia war verstört. "Ist das wirklich und wahrhaftig deine Meinung, Malinda?" fragte sie leise hinüber zu dem Bett auf der anderen Seite des kleinen Raumes. Die alte Hofdame hielt den Atem an und schwieg. Nach einer Weile drang dumpf ihre Stimme an Valésias Ohr "Nein... aber ich kann dir nicht helfen, weil ich es nicht ändern kann.... Und nun mach dir keine Kopfzerbrechen, und versuche, zu schlafen. Gute Nacht..."
Valésia murmelte abwesend "Gute Nacht, Malinda", doch sie war zu tiefst bestürzt. Sie konnte es nicht glauben, was sie da von Malinda erfahren hatte. Nun fürchtete sie sich noch ein wenig mehr davor, die Ehefrau von Erbprinz Merik zu werden. Schweigend und ein wenig krampfhaft starrte sie in die Dunkelheit und versuchte, etwas zu erkennen. Ihre Augen hatten sich schließlich an die Dunkelheit gewöhnt, doch sie konnte nur schemenhafte Dinge erkennen. Ihre Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Durch die Bodendielen drang Lärm nach oben. Geschirrgeklapper, Murmeln, Lachen und nach einer Weile erfüllte neben diesem gedämpften Geräuschpegel nur mehr das leise Schnarchen ihrer alten Freundin das Zimmer, und ließ darauf schließen, dass zumindest eine der beiden Frauen ihre wohlverdiente Nachtruhe gefunden hatte.
Träume sind Schäume ❖
29.04.2013 '02:00 [1.804 Wörter]
 ndres konnte im Geiste schon Valerions maßregelnde Stimme hören, wie sie in seinen Ohren dröhnte. Diese tiefe, rauchige Stimme. Gleich einem Reibeisen. Und Nichtsdestotrotz, oder vielleicht auch gerade deswegen, genoss er den Geschmack von Valésias Haut auf seinen Lippen. Der Geschmack von hochwohlgeborener Reinheit und Schönheit. Nur eine Frau von hoher Geburt konnte solch' ein süßer Nektar auf seinen Lippen sein. Anders als die einfachen Töchter von Händlern und Bürgerlichen. Endres löste seine Lippen von Valésias Handrücken und kurz darauf zog er auch seine Hand von der ihren zurück. Diese unzüchtige und anzügliche, kleine Geste. So unscheinbar und doch so vielsagend. Ein einfacher Kuss konnte schon viel über eine Frau verraten. Die Komtess hätte ihn verraten können, doch hatte sie es nicht getan. Sie hatte sogar eine leichte Gänsehaut bekommen. Ihm waren die feinen Härchen nicht entgangen, welche sich aufgerichtet hatten, nachdem er sie auf den Handrücken geküsst hatte. Und er hatte dies mit einem siegessicheren, wenn auch verhaltenem, Lächeln bemerkt. Ja. Es hatte ihr gefallen. Natürlich hatte es ihr gefallen! Ihre ganze Haltung und Körpersprache hatte sie verraten. Und dadurch wurde erst Endres Interesse an dieser Frau entfacht. Sie zu besitzen, dafür würde wohl sogar ein König einen Krieg vom Zaun brechen. Und wenn man Valerions Worten auch nur halb soviel Gewicht beimaß, dann wurde sie von sehr viel geringeren Männern als nur dem König dieser Lande begehrt. Doch was ihre liebreizende Schönheit in ihm entfacht hatte, war kein Vergleich zu dem, was ihre Stimme in ihm bewirkte. »Ich danke euch für eure Freundlichkeit. Es ist mir eine große Freude, eure Bekanntschaft zu machen, Graf Endarion von Hohenehr...« Graf Endarion von Hohenehr. Endres wusste, dass es eine solche Burg im Reich der Paltoren gab. Doch hätte der Graf ihn danach gefragt, wie sie denn wohl aussah, da hätte er sich nur eine Lügengeschichte ausdenken, und hoffen müssen, der Graf hätte diese Burg niemals mit eigenen Augen gesehen. Endres war hin und weg von ihrer Stimme. Diese süße Stimme. Wie reinster Honig! Sinnlich und verführerisch und doch so unschuldig und jungfräulich. Wie eine Blume so zerbrechlich, zierlich und wohlriechend. Konnte er es wagen sie zu pflücken? Endres beantwortete diese Frage stets mit der selben Antwort. Ja! Eine Frau wie Valésia zu besitzen, und sei es auch nur für eine Nacht, das war etwas wofür ein Mann sich rühmen konnte. Ihre Schönheit war in aller Munde. Und er wollte der Mann sein, der ihr die Jungfräulichkeit stehlen wollte. Nein, sie sich von ihr schenken lassen wollte! Nichts wertvolleres konnte eine Frau wie sie einem Mann schenken. Besonders einem Mann wie ihm. Einem Mann von niederer Geburt, der sich selbst zu Höherem bestimmt sah.
Doch so schön er auch war, dieser Augenblick der Zweisamkeit, so wurde Endres jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als der Graf seine Worte an ihn gerichtet hatte. »Welch erfrischende Fügung, dass der einzige Gast heute und hier von ebenso hoher Geburt ist ... Fast zu viel des Zufalls ...« Die letzten Worte trafen Endres beinahe wie ein Schlag. Für einen Moment sah er sich ein wenig unsicher um, doch weder der Graf noch die Gräfin schienen sich sonderlich argwöhnisch zu verhalten. Er hatte sich ertappt gefühlt. Ja. Das war wirklich ein seltsamer Zufall. Zumal Endres keineswegs von sonderlich hoher Geburt war. Doch er war ein Schauspieler. Ein Charmeur. Er wusste dieses Gefühl schnell zu bändigen und es zu verschleiern. Nicht auszudenken, wenn der Graf es bemerkt hätte. Doch glücklicherweise schien dieser nicht sonderlich interessiert an Endres Person zu sein. Vielmehr schien er den Grafen, aus den so fernen Landen, so schnell wie möglich wieder abwimmeln zu wollen. »Paltoria, also? Da seid ihr wahrlich weit von Eurer Heimat entfernt. Was verschafft mir die Ehre, euch heute und hier in der Grafschaft Aramajé anzutreffen?« Endres lächelte ein wenig spitzbübisch. Elegant und erhaben genug, um nicht herausfordernd zu sein. »Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, verehrte Erlaucht.« Endres schlug für einen Herzschlag die Augen nieder, um so seine Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen, bevor er mit seinen Worten fort fuhr. »Wir sind auf dem Weg ...«, setzte Endres an und wurde dann aber jäh von dem Grafen von Aramajé unterbrochen. »Wir?«, hakte er nach und sah sich sogleich suchend in dem Raum um. Sein Blick blieb auf Valerion haften, welcher gerade einen tiefen Schluck aus seinem Weinbecher tat. Sehr geschickt, so bemerkte dies Endres zufrieden. »Ah, vergebt mir. Mein Knappe dort drüben.« Endres deutete beiläufig auf Valerion doch machte er keine Anstalten diesen zu sich zu rufen. »Beachtet ihn gar nicht.« Endres winkte sogleich ab und lächelte leicht verlegen. Es war ein aufgesetztes Lächeln, um von dem Thema abzulenken. »... Wie ich bereits erwähnte, sind wir auf dem Weg der Schwertleite. Wie es bei den Paltoren so Brauch ist, sind wir auf einer Pilgerfahrt... Lasst mich korrigieren. Viel mehr waren wir es ...« Endres lächelte verhalten. »Unsere Fahrt nähert sich dem Ende, denn wir sind auf dem Weg in die Heimat. Eure Häfen, eure Erlaucht, sind das letzte große Ziel in Ariad, welches noch vor uns liegt.« »Ah, es ehrt mich, dass eure Reise in meinen Ländereien endet. Graf Endarion.«, sagte der Graf daraufhin und Endres kam nicht umhin erneut zu lächeln. »Mein Sohn hat übrigens jüngst den Ritterschlag erhalten.« Mit diesen Worten legte der Graf seinem Sohn seine Hand auf die Schulter und zog ihn, mit sichtlichem Stolz, ein wenig zu sich heran. »Dann muss ich euch wohl Ser nennen, Ser...« Endres hielt inne und sah den Sohn des Grafen mit erwartungsvoller Miene an. »Roméro.«, sagte dieser nur knapp angebunden. »...Ser Roméro.« Endres deutete eine leichte Verbeugung an und damit waren der Höflichkeiten Genüge getan, wie Endres fand. Valésias Bruder blickte Endres so finster und argwöhnisch an, dass diesem dabei mulmig zumute wurde und er kurz darauf den Blick von ihm abwandte. Als dann der Wirt das Essen brachte, da schien Endres ein wenig erleichtert zu sein, dass diese seltsame und unangenehme Situation ihm die Gelegenheit bot, sich zu empfehlen.
Endres wollte ohnehin nicht sonderlich aufdringlich sein. Es stand weder einem Grafen, noch einem Werber sonderlich gut zu Gesicht, wenn er der holden Angebeteten zu sehr nachstellte. Und so erwiderte Endres erneut die dezente Verbeugung, welche der Graf ihm entgegen brachte und nickte dem Bruder der Komtess kurz zu. »Meine Verehrung, edle Schöne.«, sagte er nochmals an Valésia gerichtet und lächelte ihr freundlich zu, bevor er sich von den Herrschaften abwandte und sich kurz darauf von ihnen entfernte. Der Gräfin würdigte er keines weiteren Blickes. Wie auch dem Grafen oder dem Erben. Sie waren bedeutungslos und unwichtig für Endres. Alles was er begehrte war Valésia. Valésia, die Komtess von Aramajé und ihren feuchten, sinnlichen und jungfräulichen Schoß.
Als Endres dann zu Valerion an den Tisch zurück trat, da wurde seine dunklen Vorahnung schnell bestätigt. »Bist du völlig übergeschnappt? Du hast deinen richtigen Namen genannt!« Endres seufzte innerlich und versuchte Valerion entschuldigend und gleichgültig zugleich anzulächeln, doch so recht gelang es ihm nicht. »Sei still.«, maulte Endres und forderte ihn auf sich zu erheben. »Los, es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen.« Valerion runzelte die Stirn und sah Endres mit einem fragenden Blick an, welchen er kurz darauf auf die noch halb volle Weinflasche warf. Doch Endres ließ sich nicht beirren. Ein wenig energischer wedelte er mit den Fingern seiner rechten Hand, bis sich Valerion schließlich erhob, doch nicht ohne die Weinflasche mitzunehmen. »Ihre Schönheit muss mich geblendet haben. Ich war wie von Sinnen.«, schwärmte Endres, als die beiden gemeinsam die Stufen ins Obergeschoss erklommen. »Du wirst am Galgen baumeln, wenn du weitere Fehler machst!«, brummte Valerion ungehalten und blieb für einen Moment auf der Treppe stehen, um seinen Blick nach den Herrschaften zu richten, welche noch immer in der einfachen, bäuerlichen Schankstube saßen und ihr abendliches Mahl verzehrten. »Sieh sie dir an. Sie wirken so verloren und fremd in diesem Haus. Sie gehören hier nicht her. Das weiß der fette Wirt, und sie selbst wissen es vermutlich noch besser.«, flüsterte Valerion verhalten. Seine Stimme glich einem Hauch. Einem abendlichen Windhauch, den man kaum spüren konnte. Auch Valerion hatte kein sonderliches Interesse daran am Galgen zu baumeln, oder gar enthauptet zu werden. Obwohl eine Enthauptung wenigstens schnell vorbei war. Endres und Valerion waren schon bei einigen Hinrichtungen zugegen gewesen, und der Tod am Galgen konnte mitunter sehr langwierig und sichtlich schmerzhaft sein. Bei dem Gedanken griff sich Valerion wieder einmal an den Hals und rieb sich über die stoppelige Haut. »Du solltest dich wieder mal rasieren.«, meinte Endres nur und zog ihn dann weiter, die Stufen hinauf. Als sie am oberen Ende der Stiege angelangt waren, kramte Valerion den Schlüssel zu ihrem Zimmer aus seinem Hosenbund hervor und machte sich daran das Schloss zu öffnen.
Im Zimmer angelangt stieg Endres sogleich aus seinen Stiefeln und warf sie in die Ecke des Raumes. »Du hast Recht...«, begann Endres und wurde sogleich von Valerion mit einem Schnauben unterbrochen. »Natürlich! Ich habe immer Recht.«, sagte dieser nur und lächelte herausfordernd, während er die Tür des Zimmers von innen verschloss. »Sie wird ne' wirklich verdammt harte Nuss! Ihr Vater ist eisenhart. für einen Moment dachte ich schon, er hatte mich durchschaut.« Valerion sah Endres entgeistert an. »Wie das?« »Er fand den Zufall ungewöhnlich...« »Dass kein Gemeiner, sondern ein Mann von Adel zu so später Stunde in der Stube war?« Endres nickte. Valerion grunzte und drückte sich mit Daumen und Zeigefinger gegen die Augenlider. »Doch damit nicht genug.«, fuhr Endres fort und Valerion seufzte theatralisch. »Noch mehr?«, fragte er und es schien ihm Übles zu schwanen. »Sie ist verlobt.« Endres lächelte, als ob er gerade einen Scherz gemacht hätte, oder als ob eine Verlobung in seinen Augen nichts besonderes wäre. »Verlobt?«, fragte Valerion ungläubig und begann schon den Kopf zu schütteln. »Ja, und nicht mir irgendwem. Nein.« »Lass ich raten. Mit dem König.« Da konnte sich Endres ein kurzes, ehrliches Lachen nicht verkneifen. »Nein. Nicht der König. Aber der Erbprinz von Olathor.« Valerion weitete die Augen. »Das ist ja fast dasselbe wie der König!« Erneut rieb er sich die Augenlider und fuhr sich dann mit der Handfläche über das ganze Gesicht. »Willst du es dir nicht lieber doch noch überlegen? Ich habe ein mieses Gefühl in der Magengrube« Doch er wusste schon, bevor er diese Frage gestellt hatte, was Endres sagen würde. »Auf gar keinen Fall! Jetzt wird es erst richtig spannend!« Valerion schüttelte nur den Kopf und setzte die Weinflasche an die Lippen. Er tat einen kräftigen Schluck, bevor er die Flasche wieder von seinen Lippen löste. »Ich habe befürchtet, dass du das sagen wirst.« Endres warf sich rücklings auf das Bett und starrte an die Decke. »Sie ist die schönste Frau, der wir je begegnet sind.«, schwärmte Endres beinahe, doch Valerion brummte nur. »Und ihre Schönheit wird dich an den Galgen bringen! Doch glaube ja nicht, dass ich dich von dem Scheiß Ding herunter schneiden werde, du elender Bastard!«
Auf dem Weg nach Olathor ❖
29.04.2013 '13:24 [3.264 Wörter]
 alésia lag noch lange wach und grübelte. Immer und immer wieder hielt sie sich Malindas Worte vor Augen und diese Gedanken spielten sich immer wieder von Neuem in ihrem Kopf ab. Sie hasste den Adeltum, seit sie denken konnte. Schon immer war es ihr unangenehm, angestarrt zu werden, es war ihr zutiefst zu wider, dass man scheinbar jeden ihrer Schritte protokollierte und sie niemals auch nur eine Stunde für sich alleine hatte. Es war immer jemand bei ihr. Immer! Wenn nicht ihre Hofdame und Vertraute Malinda, dann war es ihr Vater oder ihre Mutter die sie aufsuchten, oder sie schickten irgendwelche Lakaien zur Überbringung einer Nachricht für sie, oder es schwarwenzelten Zofen oder anderwärtige Dienerschaft um sie herum. Von den Hauslehrern, den Gesellschaftern und anderen Lehrern, die sie unterrichteten, gänzlich abgesehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Leben besser sein sollte, als ein Leben als Bürgerliche, mit der Ausnahme, dass sie wohl niemals hart arbeiten musste. Sicher brachte der Adeltum einige Annehmlichkeiten mit sich, sie musste sich um nichts kümmern, wurde stets an alles erinnert, hatte immer saubere Wäsche und Kleider und dennoch...
Ihre trüben Gedanken glitten hinüber zu dem Grafen Endarion, und an den Kuss, welchen er ihr auf den Handrücken gehaucht hatte. Nein, nicht gehaucht, er hatte wahrhaftig seine Lippen auf ihre Hand gedrückt. Ihr Herzschlag erhöhte sich, als sie dieses Erlebnis noch einmal, wie schon aberzählige Male zuvor, in ihrem Geiste passieren ließ, und sie kam nicht umhin zu bemerken, dass sich eine leichte Hitze zwischen ihren Beinen ausbreitete, und sie wünschte sich, dass sie sich noch mehr mit ihm hätte unterhalten können. War dies so üblich in Paltoria? Wusste er denn nicht, welche Brüskierung dies in Ariad darstellte, wenn es jemand bemerkt hätte? Ihre Eltern wären mit Sicherheit sehr aufgebracht gewesen, womöglich hätten sie gleich einen Kurier nach Paltoria in die Burg Hohenehr geschickt und von diesem kompromittierenden Vorfall berichtet. Und hätte sie nicht etwas sagen müssen? Vermutlich, doch sie fand es höflicher, diesen Fremden, der da ganz allein vor ihrer Familie und dem höfischen Anhang gestanden hatte, nicht ins Messer laufen zu lassen. Und davon abgesehen, beschämend musste sie sich eingestehen, so unschicklich es auch war, es hatte ihr gefallen... Dieser Graf Endarion war gänzlich anders, als der Erbprinz von Olathor. Er schien, wenn er auch ebenso von hoher Geburt war, lebensfroh und unbekümmert, nicht so steif und kühl wie Merik, oder viele andere Adelige. Und er sah auch deutend besser aus als der Erbprinz, wenn gleich er nicht einmal annähernd demselben Stand wie diesem entsprach. Doch Valésia kümmerte sich nicht um Ränge und Titel. Ein Stallbursche, so hatte sie schon oft bemerkt, konnte bedeutend herzlicher und höflicher sein, als ein Graf oder ein Prinz. Menschen gaben viel zu viel auf diesen Firlefanz. Und doch schalt sie sich eine Närrin. Sie war dem Erbprinz versprochen! Selbst wenn sie sich tausendmal einen anderen zum Ehemann wünschte, es war nun einmal so. In weniger als zwei Monden war sie die Ehefrau von Merik, dann war sie Erbprinzessin Valésia von Olathor... Warum konnte Merik nicht so sein wie Graf Endarion? Oh, und wenn schon ein Kuss auf den Handrücken ein solches Feuer in ihr entfachte, wie musste es dann erst sein, seine Lippen auf den ihren zu spüren, oder sein Haar, oder sein Antlitz zu berühren? Wie oft hatte der Erbprinz ihr die Hand geküsst, natürlich ohne ihre Hand dabei zu berühren, und doch hatte sie nichts dabei gefühlt, außer Ablehnung... Oh, sie war Rettungslos verloren... Hatten ihre Anstandslehrer ihr nicht vielfach eingetrichtert, dass unbeugsame Treue, unerbittliche Loyalität, neben anderen Eigenschaften wie Tugendhaftigkeit, Zurückhaltung oder Keuschheit die Zierde einer jeden ehrbaren Frau waren? Und sie wollte eine ehrbare Frau sein! In ihrem Kopf gab es keinen Platz für unsittliche oder wortbrüchige Gedanken! Valésia, Erbprinzessin von Olathor...! Nach einer Weile fielen ihr dann doch die Augen zu, doch ihr letzter Gedanke galt dem verführerischen Lächeln, welches Graf Endarion ihr zum Abschied zugeworfen hatte...
Am nächsten Morgen erwachte Valésia überraschenderweise gut ausgeruht und erfrischt. Sie öffnete die Augen und sah Malinda schon herum wuseln. Sie packte alles zusammen, und hatte bereits für dampfend heißes Wasser in einer Schüssel gesorgt, und Hornkamm, sowie ein Stück Seife bereit gelegt. "Ah, guten Morgen, Valésia. Hast du gut geschlafen?" Sie nickte und schlug die Bettdecke zurück und schlüpfte mit den Beinen hervor und ließ diese von der Bettkante baumeln. "Geschwind, geschwind, in der Stube herrscht schon reges Treiben, wie man hört! Du musst dich eilen, komm, zieh dich aus und wasch dich geschwind, und dann zieh dich an, damit ich dir das Haar kämmen und frisieren kann!" Nun erhob sich Valésia, und so schnell konnte sie gar nicht schauen, hatte Malinda ihr schon die Nachthaube vom Kopf gezogen, die Knopfleiste an der Brust aufgeknöpft, und das Nachthemd über den Kopf gezogen. Nackt stand sie vor ihrer Hofdame, die ihr vertrauter war, als ihre leibliche Mutter, und legte schützend und frierend die Arme um sich. "Ja, hier ist es kalt, Komtess, spute dich, je schneller du gewaschen bist, umso schneller kannst du in deine Kleider schlüpfen! Valésia wusch sich schnell, aber gründlich und streifte sich schließlich ihr Unterkleid an, welches aus feinem Wollstoff bestand. Beim roten Wollüberkleid half ihr Malinda. Sie rückte das Kleid zurecht, und schnürte das Kleid im Rücken Stück für Stück, bis die Schnürung das Kleid schließlich gleichmäßig und Körpernah an ihren Körper schmiegte. Schnell noch die Wollsocken und die feinen Lederschuhe angezogen, und Valésia war fertig. "Setz dich" deutete Malinda mit der Hand auf den Stuhl. Valésia tat wie ihr geheißen und Malinda löste den geflochtenen Nachtzopf auf. Sie fuhr ihr noch sacht mit dem Hornkamm durch ihr lockiges Haar und flocht ihr dann links und rechts an der Schläfe zwei dünne Zöpfe, die sie dann nach hinten legte und am Hinterkopf feststeckte. Sie hielten hübsch das lockige Haar aus dem Gesicht. Eine prächtige, kunstvoll gearbeitete Haarspange aus Gold, die die Initialen ' V' und ' A' stehend für Valésia von Aramajé, bildeten, und die von einer zierlichen Efeuranke, umspielt wurden, deren Früchte aus vielen kleinen eingesetzten Rubinen bestanden, auf den Zopfenden befestigt, vervollständigte die schlichte, aber edle Frisur. Diese Haarspange war nebst den Ohrringen und der Halskette, die beide ebenso mit zahlreichen Rubinen verziert waren, ein Geschenk von Erbprinz Merik an seine Braut gewesen, und Malinda nickte zufrieden, als sie Valésias Frisur betrachtete. "Nun lass uns nach unten gehen. Du kannst dich noch stärken bei einer Mahlzeit, dann reisen wir weiter!" meinte die Hofdame und öffnete die Türe, und Valésia trat auf den Flur der Schenke. Erneut ächzten und knarrten die hölzernen Stufen der Treppe, bei jedem Schritt, den sie tat.
Als sie in der Wirtsstube ankamen, stellt Malinda fest, dass zwar Valésias Bruder Roméro schon anwesend war, jedoch nicht der Graf und die Gräfin. Niemand würde ihr Unpünktlichkeit vorwerfen können! Der Tisch war bereits gedeckt, mit Ofenfrischem Brot, Butter, Speck, eingelegtes Früchtekompott und dampfend heißer Kräutertee. Roméro trat an Valésia heran und küsste sie auf die Stirn. "Guten Morgen, Valésia... Hast du gut geschlafen?" "Ja, ich habe sehr gut geschlafen, danke, du hoffe ich, auch?" erkundigte sie sich bei ihrem Bruder. "Ja, es geht... Wir waren gestern noch eine Weile munter, zu viel Wein..." grinste er. "Doch ich war heute Morgen schon vor der Türe, und der eisige Schnee vertreibt auch das letzte schlechte Gefühl und die Müdigkeit..." . Der Graf und die Gräfin betraten schließlich die Stube und Valésia wandte ihnen den Blick zu. Ihre Eltern traten an ihren Tisch heran, vor dem sie noch stand und Valésia grüßte die beiden höflich. "Guten Morgen Vater, guten Morgen, Mutter..." Der Graf nickte ihr zu und die Gräfin drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Guten Morgen, Valésia..." erwiderte sie ihren Gruß. Valésia suchte, einen Platz zu erhaschen, von welchem sie die ganze Schenke überblicken konnte. Sie ließ dezent ihre Blicke durch die Schenke schweifen und ertappte sich dabei, dass sie den Grafen Endarion zu erblicken hoffte, doch Malinda stand ihr im Weg und so war der Blick auf den Tisch versperrt, an welchen er gestern Abend gesessen hatte. Malinda häufte zuerst dem Graf und der Gräfin die Teller voll, goss ihnen einen Kräutertee ein und tat dies schließlich auch bei Roméro und Valésia.Das Grafenpaar nahm Platz, und die letzte Hoffnung, den Platz zu bekommen, den sie sich erhofft hatte, wurde somit zunichte gemacht. Valésia setzte sich schließlich auf einen der letzten freien Stühle. "Es hat heute Nacht keinen Neuschnee gegeben. Das lässt hoffen, dass wir zumindest in der selben Geschwindigkeit wie zuvor vorankommen werden" erklärte der Graf von Aramajé. "Oh ich hoffe, dass wir schnell die Grafschaft von Olathor erreichen werden, diese Reise ist entsetzlich..." seufzte die Gräfin und Valésia musste ihr still beipflichten. Als alle ihre Mahlzeit beendet hatten, trieb der Graf höchst selbst die Gesellschaft an und alle erhoben sich eilig und strömten wie die Ameisen aus der Schenke. Valésia erhob sich ebenso rasch und folgte hastig als einer der Letzten ihrer Hofdame Malinda. Valésia nicht, und auch sonst Niemand bemerkte, wie ihre Haarspange von den zusammen gebundenen Zopfenden glitt schließlich über ihr Kleid rutschte, und beinahe lautlos auf den Boden der Schenke fiel und dort unbeachtet liegen blieb...
Nun machte sich der Tross baldig auf die Weiterreise. Vor der Schenke waren die Kutschen schon bereit, die Pferde versorgt, getränkt, gefüttert und vor die Kutsche gespannt. Valésia hatte ihren weißen Pelzmantel angelegt und trat an ihre Kutsche heran. Malinda öffnete die Türe der Kutsche und half Valésia hinein. Als Malinda ihr folgen wollte, hielt Roméro die Hofdame am Arm zurück. "Ich würde gerne mit meiner Schwester weiterreisen, wenn du nichts dagegen hast, Malinda?" stellte er sie vor vollendete Tatsachen und die Hofdame nickte ergeben. "Aber natürlich, Ser Roméro, ganz wie es Euch beliebt..." murmelte sie. "Du kannst deinen Platz bei Amalthea beziehen. Ihr gegenüber ist noch ein Platz frei..." bot er ihr an und sie nickte. Als Roméro die Kutsche betrat und die die Türe schloß, huschte ein erfreutes Lächeln über Valésias Antlitz. Sie hatte so wenig Zeit mit ihrem Bruder verbracht und nichts würde sie lieber tun, als sich mit Gesprächen die Zeit mit ihm zu vertreiben. Die Pferde setzten sich in Bewegung und auch die Kutschen taten dies. Eine Weile betrachtete Roméro seine Schwester. Dann begann er "Ich habe dich gestern Abend beobachtet..." Valésia sah ihn unverständig an. "So,wie es stets alle tun? Ich weiß nicht, was du meinst..." "Ich meine, so wie du den Grafen Endarion angesehen hast... Nicht angesehen, angestarrt..." "Ich habe lediglich seinem Blick standgehalten, so wie es sich geziemt..." verteidigte sich Valésia ruhig. "Und er hat dich ebenso angeglotzt... Hast du seine Blicke nicht bemerkt?" Verwirrt blickte sie ihn an. "Er hat mich nicht anders angesehen, als er auch unseren Eltern und dir die Höflichkeit erwiesen hat... Worauf stützt du deine Unterstellungen?" Romeros Mund umspielte ein erheiterndes Lächeln. "Süße, unschuldige Valésia... Hast du es wirklich nicht bemerkt, wie er dich angestarrt hat?" "Nein, ich..." begann sie und Roméro unterbrach sie. "Warum hast du nichts gesagt?" Erneut blickte sie ihm verwirrt in die Augen und Roméro sah sie eindringlich an. "Ich meine den Handkuss. Vielleicht sind Vater und Mutter blind, doch ich habe aufmerksame Blicke. Er hat mit seinen Lippen deine Hand berührt..." Valésia errötete und schwieg, und nur die auffordernden Rufe des Kutschers auf dem Kutschbock zu den Pferden durchbrachen das Schweigen, welches herrschte. Sie riss ihre Augen ein wenig auf. "Du... du hast es bemerkt?" fragte sie ihn und er lächelte subtil. "Natürlich habe ich das..." "Ich wollte ihn nicht brüskieren. Es erschien mir als unhöflich, ihn vor Vater und Mutter zu verraten..." verteidigte sie sich. "Unhöflicher noch, als seine Geste?" hakte er nach und lächelte weiterhin. "Vielleicht hat er es aus Versehen getan, und wollte nur den Schein und die Höflichkeit wahren..." meinte Valésia und senkte den Blick. "Ist ja auch egal... Von mir erfährt niemand etwas, und außerdem werden wir diesem Grafen Endarion wahrscheinlich nie wieder im Leben begegnen." Valésia schwieg dazu, sie bedauerte es ein wenig, doch sei wusste, dass ihr Bruder Recht hatte. "Ich... ich... Ich wollte einfach..." begann sie und Roméro unterbrach sie. "Du brauchst dich vor mir nicht rechtfertigen, süße Schwester... Ich fand es nur amüsant, es zu beobachten. Immerhin bist du eine wunderschöne Frau, wer würde da nicht in Versuchung kommen?"
Valésia schwieg zu diesen Worten, nach einer Weile ergänzte sie knapp "Erbprinz Merik..." Roméro seufzte und meinte "Ich habe schon gehört, dass er ein recht unterkühltes Gemüt besitzt. Doch du bist so eine liebenswerte und wunderschöne, und auch begehrenswerte Frau, wenn ich dir das als dein Bruder sagen darf. Du wirst sein Herz schon auftauen, da bin ich mir ganz sicher..." Valésia war sich dessen nicht so sicher. "Und es wird erzählt, er hat seine Frau im rasenden Zorn umgebracht, weil sie ihm keine Kinder schenken konnte!" flüsterte sie, als ob es jemand hören könnte. "Gib nicht soviel auf das Geschwätz des Gesindels..." winkte er ab. "Die haben nichts anderes zu tun, als zu arbeiten, da vertreiben sie sich die Zeit und ihr Leben gerne mit aufregenden Geschichten... die Erbprinzessin von Olathor war vermutlich einfach nur krank. Sie hatte stets eine körperlich schlechte Konstitution, was man so hörte, aber du bist ganz anders, jung, frisch und gesund, das blühende Leben! Du wirst ihm eine ganze Schar an Söhnen gebären!" munterte er sie auf und gab ihr damit das richtige Stichwort.
"Malinda hat mir gestern eine grässliche Geschichte erzählt..." "So? Was hat sie dir denn erzählt?" "Über die Hochzeitsnacht..." Neugierig hob Roméro die Augenbrauen. "Erzähl mir mehr!" "Sie sagte, dass es nicht sehr schön ist, dass eine Menge Leute dem Beilager beiwohnen werden, während die Ehe vollzogen wird. Und dass es schmerzt und ich bluten werde, und am besten die Augen schließe und es über mich ergehen lassen sollte..." Roméro lächelte still. Er überlegte, was er seiner Schwester am besten erzählen könnte. Kannte er doch nur seine Erfahrungen als Mann... Er beugte sich leicht zu ihr und begann "Hör zu, kleine Schwester. Gib nichts auf das Geschwätz von Malinda... Was weiß sie schon? Hat sie je das Lager geteilt mit einem Mann? Nein! Also hör gar nicht erst auf sie. Ich habe schon mit einigen Frauen das Lager geteilt..." begann er und Valésia blickte ihn erstaunt an. "Du bist aber gar nicht verheiratet..." Roméro grinste und meinte "Bei Männern ist es etwas anderes. Ein Mann darf voreheliche Erfahrungen sammeln und wird dafür noch bewundert, eine Frau hingegen hat sich für ihren Ehemann aufzusparen, und wehe ihr, man kommt ihr auf die Schliche, dann kann sie ihr ehrbares Leben vergessen..." "Warum ist das so?" hakte Valésia nach und ihr Bruder zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, ist eben so... Und ich kann dir sagen, dass es zwangsläufig nicht unschön sein muss. Es kommt auf den Mann an, wie erfahren er ist, und wie sehr er dich wertschätzt. Ich weiß natürlich nicht, wie es sich für eine Frau anfühlt, doch es ist die wunderbarste Sache der Welt, in ihrem Schoß zu versinken. Und wenn man für die Frau etwas empfindet, ist es umso schöner. Ich habe alle Frauen geliebt, die ich geliebt habe, auch wenn es nur flüchtige Abenteuer waren..." sinnierte er und bemerkte gar nicht, wie er abdriftete. Er sah Valésia an und sie verstand gar nichts, was sich deutlich in ihrem Gesicht abzeichnete. "Du weißt nicht Bescheid, wie es von Statten geht, habe ich Recht?" seufzte er und setzte noch diebisch lächeln eins drauf. "Und vermutlich weisst du gar nicht, was wir Männer da zwischen unseren Beinen haben, nicht wahr?" Valésia errötete, als sie sich von im ertappt fühlte Sie hatte keine Ahnung! Schon schlimm genug, dass Malinda ihr beim Bade immer Sägespäne auf die Wasseroberfläche streute, und ihr eintrichterte, dass ihre Scham etwas sündiges wäre, dem man gar keine Beachtung schenken durfte, nur waschen sollte man sich gründlich, aber keinesfalls 'da unten hinsehen'. Die Brüste selbst waren nicht ganz so böse, doch auch sie waren etwas, das zu verbergen die höchste Bestrebung einer Frau sein sollte.
Sie erzählte Roméro dies und er begann schallend zu lachen. Schließlich wischte er sich einige Lachtränen aus den Augen und seufzte "Arme Valésia... Da werden dir die wichtigsten Dinge im Leben verleidet. Vielleicht sieht die Allgemeinheit die Geschlechter als sündig an, doch, so glaube mir, das ist es nicht... Wenn du Gewissheit erlangen willst, frage Ellea, die Magd. Man munkelt, sie wäre schon mit jedem unter die Laken gekrochen..." lächelte er diebisch, doch dann wurde sein Blick ernst. "Doch ich warne dich, Valésia. Lass dich niemals, wirklich niemals hinreißen! Du wirst ohnehin keine Gelegenheit dazu bekommen, doch lass dir gesagt sein: Männer sind Eroberer, und Frauen sind immer Huren! Männer lügen Frauen das Blaue vom Himmel, nur, um in ihr Allerheiligstes, also 'da unten' eindringen zu können. Es gibt Frauen, sogenannte Mätressen, die sich der König oder auch Grafen einfach nehmen dürfen, sie werden erst gar nicht gefragt. Doch ihr Ansehen ist verwirkt, nicht einmal ein Stallbursche würde diese Frauen, die schon bei einem anderen Mann gelegen haben, ehelichen wollen! Wenn du dich einem Mann hingibst, der noch nicht dein Ehemann ist, ist es alles aus! Lass dich keinesfalls von Erbprinz Merik zu etwas überreden, solange du nicht mit ihm verheiratet bist! Er wird dich sonst als Hure und Schlampe bezeichnen und die Verlobung womöglich lösen! Und dann werden dich unsere Eltern in einen Tempel stecken, und wir werden uns nie wiedersehen! Sei immer züchtig und zurückhaltend! Was Merik dann mit dir anstellt, oder du mit ihm, wenn du erst rechtmäßig mit ihm verheiratet bist, ist deine Sache. Aber niemals vor der Ehe! Auch keine Küsse, keine Berührungen oder verruchten Worte! Sei so unschuldig wie ein Neugeborenes! Und noch etwas: zu viel Wein lässt auch gewisse Hemmungen sinken, oder löst die Zunge. Einmal ausgesprochene Worte kann man nicht mehr zurück nehmen! Ein Glas Wein am Geburtstagsbankett des Erbprinzen, meinetwegen auch zwei, aber nicht mehr! Nimm dir meine Worte zu Herzen!" Valésia nickte und seufzte "Ich wünschte, ich müsste Merik nicht zum Mann nehmen... Ich wünschte, ich wäre nicht als Frau zur Welt gekommen..." "Doch was wäre die Welt ohne euch Frauen?" zwinkerte Roméro ihr zu...
Valésia lehnte sich seufzend in der Kutsche nach hinten. Schließlich stutzte sie, griff sich an ihr Hinterhaupt, rutschte ein Stück weg von der Bank und tastete darauf herum. Ebenso blickte sie zu Boden. "Was ist?" fragte Roméro sie. Verstört stammelte Valésia "Meine Haarspange ist weg... Du liebe Güte, ich muss sie verloren haben... Sie war ein Geschenk von Erbprinz Merik... Wie soll ich das nur erklären? Er wird sehr erzürnt sein, wenn ich seine Geschenke so unachtsam behandle..." "Ah, vielleicht ist sie ja doch in deinem Gepäck" versuchte Roméro sie zu beruhigen. "Nein. Malinda hat sie mir heute Früh selbst angelegt. Gleich, bevor wir in die Schankstube gegangen sind. Ich muss sie verloren haben. Vielleicht ist mir draußen in den Schnee gefallen... Ich hätte es doch bemerkt, wenn sie in der Schenke zu Boden gefallen wäre." "Vielleicht hat Malinda sie unachtsam befestigt?" "Was tut das zur Sache? Ich habe die Spange getragen, und ich habe sie verloren. Es ist meine Schuld... Ach, die Eltern werden ebenso erzürnt sein, wenn sie davon erfahren... Was soll ich denn jetzt nur tun?" fragte sie Roméro zaghaft. Er hob eine Hand in die Luft "Verloren ist verloren! Die Diener sollen die Kutsche noch einmal gründlich untersuchen, wenn wir in Olathor sind..." Valésia nickte bedrückt.
Nach drei Wochen mühseliger Reise durch Eis, Schnee und peitschenden Stürmen und Verwehungen erreichte der Tross endlich den Sitz des Herzogs von Olathor. Es war nun tiefster Winter, und sie hatten es gerade noch rechtzeitig geschafft. Am nächsten Tag schon würde das Bankett zu Erbprinz Meriks Geburtstag stattfinden...
Ein verlorenes Kleinod ❖
30.04.2013 '01:41 [1.868 Wörter]
 er Morgen graute. Endres reckte und streckte sich auf seiner Schlafstatt und blinzelte müde den Schlaf aus den Augen. Doch dieser wollte sich nicht so einfach lösen und da rieb er ihn sich kurzerhand mit den Fingerkuppen aus den Augenwinkeln. Verschlafen sah er sich um und wurde kurz darauf von einem hellen Sonnenstrahl geblendet, welcher schräg durch das alte Fenster herein fiel. »Verdammt.«, maulte Endres ungehalten und beschattete seine Augen vor der Sonne, in deren gebrochenem Strahl unzählige Staubteilchen herum wirbelten. Als der Schmerz in seinen Augen langsam verging, da sah er sich erneut um. Und ein wenig irritiert musste er feststellen, dass Valerion nicht mehr im Bett nebenan lag. Er wandte den Kopf zur Seite und stützte sich währenddessen mit seinen Armen hinter sich ab. Lässig lehnte er auf dem Bett und schließlich bemerkte er Valerion. Er stand ebenfalls am Fenster. Das Sonnenlicht, welches ihn geblendet hatte, ließ seinen Freund beinahe verschwimmen. Valerion stand vor dem Fenster und hatte eine leicht gebeugte Haltung eingenommen. »Was machst du da?«, fragte Endres verschlafen, doch Valerion antwortete nicht. Er schnaubte nur und gab Endres zu verstehen, dass er seine Ruhe haben wollte. Endres richtete sich auf dem Bett ein wenig auf, und kniff seine Augenlider leicht zusammen, in der Hoffnung so mehr erkennen zu können. Doch obwohl durch das alte Fensterglas ein blendender Sonnenstrahl hinein fiel, lag das Zimmer in einem schummrigen Dämmerlicht. Das Holz war alt und dunkel, und schluckte das meiste Licht, welches durch das teilweise blinde Fenster herein fiel. Und so rutschte Endres noch mehr auf dem Bett vor, bis seine Füße schließlich den Boden berührten und dann stand er schwerfällig auf.
Als er sich aufgerichtet hatte, da erkannte er Valerion deutlich besser. Er hatte ein kleines Messer in der Hand und starrte konzentriert in das kaum spiegelnde Fenster. Sofort umspielte ein schelmisches Grinsen Endres' Mundwinkel. »Du rasierst dich.«, stellte der Herzensbrecher belustigt fest und erinnerte sich daran, dass er dies erst gestern Abend Valerion vorgeschlagen hatte. »So schlimm hat es nun auch wieder nicht ausgesehen.«, feixte Endres und schlurfte während dessen langsam zu der kleinen Schüssel mit Wasser, neben der Tür. Er formte seine Hände zu einer Kuhle und schöpfte sich etwas Wasser in die Hände, welches er sich dann kurz darauf ins Gesicht spritzte. Er wiederholte diese Prozedur noch ein Mal, und rieb sich dann den letzten Schlaf aus dem Gesicht. Dicke Wassertropfen hingen an seiner Nasenspitze, wie auch an seinem Kinn und er nahm sich dann das kleine Tuch zur Hand, welches neben der Schlüssel lag. Als er sich das Gesicht abgetrocknet hatte, ging er wieder zu Valerion zurück ans Fenster. »Weißt du was?«, fragte Valerion plötzlich und hielt das Messer einige Hand breit vor seinem Gesicht auf Abstand. Er wandte seinen Blick an Endres und sah ihn fragend an. »Nein, was?«, hakte Endres, noch ein wenig müde, nach. »Deine Geschichte von dem Weg der Schwertleite ...«, setzte Valerion ernst an und Endres Miene hellte sich merklich auf. Ja, diese Geschichte war ihm spontan eingefallen. Der Graf von Aramajé hatte ihn gefragt, warum er in Ariad war. Irgend etwas hatte er auf diese Frage antworten müssen. Und wenn sich Endres ehrlich war, ist ihm ohnehin nichts besseres eingefallen. »... was klingt überzeugender?«, fragte er Valerion und ging indes in die Hocke, um sein besticktes Wams vom Boden aufzuheben. Er hatte es am gestrigen Abend wohl zu ungeschickt über die Stuhllehne gelegt, so dass es hinunter gefallen war. Er verzog missbilligend die Mundwinkel und begann das edle und überaus kostspielige Kleidungsstück sorgsam von dem Dreck, welcher auf dem Boden vorherrschte, zu befreien. Immer wieder klopfte er sachte auf das Wams, bis er einigermaßen zufrieden war und legte es sich dann sogleich an. »Sehr überzeugend ...«, antwortete Valerion nur und wandte den Blick wieder von Endres ab, um ein letztes Mal sein Spiegelbild in dem Fenster zu begutachten. »Was hast du schon wieder?«, fragte Endres mit einem aufkeimenden, maulenden Unterton. Valerion konnte oftmals so ernst sein, dass er ihm schon in aller Frühe die Laune verderben konnte. Valerion wischte sein Messer an einem kleinen Tuch ab und schob es mit einem harschen Ruck wieder in die kleine, schmucklose Scheide an seinem Gürtel. »Man könnte meinen du hättest letzte Nacht zu viel Wein getrunken. Und dabei war ich es, der alleine die halbe Flasche ausgetrunken hatte, während du dein Schwätzchen mit dem Grafen und seiner liebreizenden Tochter geführt hattest.« Endres sah Valerion nur verständnislos an. Hatte er schlecht geschlafen? »Hat dich in der Nacht eine Bettwanze gebissen?«, fragte Endres so ernst wie er konnte, doch das aufkeimende Lächeln auf seinem Gesicht konnte er nicht verbergen.
Valerion drückte wieder seinen Daumen und auch seinen Zeigefinger auf seine Augenlider und seufzte. »Was gedenkst du nun zu machen?«, fragte er und nahm dann wieder die Hand vom Gesicht, um Endres eingehend in die Augen zu blicken. »Na dem Tross hinterher reiten. Natürlich in gebührlichem Abstand, damit sie uns nicht bemerken.« Valerion nickte und so langsam konnte auch er den Schalk in den Augen nicht mehr verbergen. »Und wo liegt der Bernsteinhafen?«, fragte Valerion und so langsam dämmerte es Endres, worauf er hinaus wollte. »Ach Scheiße!«, murmelte Endres und stampfte ungehalten auf die hölzernen Dielen des Bodens. »Ja, das Mädchen kannst du dir in die Haare schmieren. Sie werden sicher Fragen stellen, warum du in Olathor bist, wo du doch zurück nach Paltoria wolltest. Darauf kannst du Gift nehmen, Herr Endarion.« Den Titel des Ritters sprach Valerion sehr spöttisch aus und Endres hatte nichts, was er auf diese wahren Worte entgegnen konnte. Also schwieg er und zog sich fertig an.
Ein wenig schwermütig dachte er an Valésia. Der Duft ihres wohlriechenden Haares hing ihm noch immer in der Nase, und der Geschmack ihrer zarten Haut lag ihm noch immer auf der Zunge. Wie könnte er sie vergessen, ohne sie besessen zu haben? Sie war wie ein Juwel. Kaum eine Frau war schöner als sie. Schwermütig dachte er daran, dass er wohl nie ihren makellosen Körper mit sinnlichen und zärtlichen Küssen bedecken durfte. Ihre Hand zu küssen, das reichte Endres nicht. In Gedanken strichen seine Hände über ihren jungen, festen Busen und allein der Gedanke daran, dass diese Frau nun so unerreichbar fern für ihn war, schlug ihm schwer aufs Gemüt. Und als seine Gedanken zu ihrer jungfräulichen Scham glitten da fühlte er, wie ihm das Blut in Wallung geriet. Und er ertappte sich dabei, wie er sich an sein Gemächt griff, während er sich vorstellte wie seine Zunge in ihre jungfräuliche Scham glitt um ihr unvorstellbare Lust zu bereiten. Doch Valerion hatte Recht. Es wäre töricht ihr noch einmal unter die Augen zu treten. Ihr Vater war ein gerissener Hund. Er würde augenblicklich wittern, warum Endres erneut ihre Nähe suchte. Ihre Schönheit allein sprach Bände, warum Männer - jung wie alt - ihre Nähe suchten. Doch sie war einem anderen versprochen. Einem sehr bedeutenden Anderen. Dem Erben des Erzherzogs. Der mächtigste Mann, nach dem König, in ganz Ariad. Endres war nicht dumm. Und er liebte sein Leben. Mehr noch als die Frauen. Und als er, gemeinsam mit Valerion, die Treppe hinab ging, stellte er mit einer gewissen Erleichterung fest, dass der hohe Besuch augenscheinlich bereits aufgebrochen war. »Morgen Ser.«, brummte der beleibte Wirt freundlich aber verhalten. Ihm war die Müdigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben. Der Graf und die Gräfin hatten ihn zweifellos lange auf Trab gehalten. Endres war sich ziemlich sicher, dass sie seine Mühen nicht einmal ansatzweise gerecht entlohnt hatten. Doch zu seinem Glück waren - außer Endres und Valerion - sonst keine Gäste im Hause. Und so konnte er sich nun wenigstens von den Strapazen des gestrigen Abends erholen. Sonst wäre er wohl noch immer nicht zum Schlafen gekommen.
Als Endres den Mann näher in Augenschein nahm, da wünschte er sich, dass dieser zumindest eine Tochter gehabt hätte. Eine junge, dralle Maid, um sich über den Verlust der Komtess hinweg zu trösten. Ihre Schenkel zu küssen und sich dabei vorzustellen, es wäre die Komtess. Ein schaler Ersatz. Doch nicht einmal das wurde ihm vergönnt. Der Wirt hatte nur einen Sohn. Einen dünnen, schmächtigen Bengel, der zu kaum etwas taugte. »Wünschen die Herren etwas zu speisen?«, fragte der Sohn, denn sein Vater schien kaum in der Lage aufrecht zu stehen. Endres nickte, doch überließ er es Valerion etwas zu bestellen. Er setzte sich an den erstbesten Tisch und vergrub sein Kinn in seiner linken Handfläche, während er mit der rechten Hand auf der Tischplatte klopfte. Er starrte ins Nichts und grübelte. Doch all seine Gedanken führen in die Leere. Und in diesem Moment verachtete er Valerions Worte, so wahr sie auch waren. »Das Leben ist so ungerecht.«, murrte Endres an sich selbst gerichtet und er klopfte mit seinen Fingernägeln immer wieder auf der Tischplatte. »Es gibt gebratene Wachteleier und Butterbrote.«, sagte Valerion, als er sich neben Endres an den Tisch setzte. Mehr hatten die hohen Herren wohl nicht übrig gelassen. Endres entkam ein kurzes Schnauben, beinahe wie ein unterdrücktes Lachen, aus der Nase. Doch er sagte nichts. Valerion zog eine kleine Pfeife aus seiner Tasche und begann etwas Rauchwerk in den Kopf der Pfeife zu stopfen. »Wollen wir nun zur Bernsteinstadt reisen?«, fragte Valerion, während er die Pfeife mit der Zunderbüchse ansteckte. »Oder zieht es dich zurück in den Süden? Wenn ich ehrlich bin, ist es mir hier oben ein wenig zu kalt.«, sagte Valerion und paffte genüsslich an der Pfeife. Doch Endres gab ihm keine Antwort. Er ließ seine Blicke durch den Raum schweifen und er starrte an den Platz, an welchem Valésia vergangenen Abend gesessen hatte. Und plötzlich fiel ihm ein kleines, glänzendes Kleinod auf, welches unter dem Stuhl lag, auf welchen er gerade seinen Blick gerichtet hatte. »Was ist das?«, fragte er neugierig und erhob sich von seinem Platz. Valerion sah ihm nur fragend nach, doch machte er keine Anstalten ihm zu folgen. Er zog es vor weiter seine Pfeife zu rauchen.
Endres ging zu dem Tisch und als er näher gekommen war, da erkannte er ein kleines, goldenes Kleinod, welches einsam und verloren am Boden lag. Es war besetzt mit leuchtenden, herzförmig geschliffenen Rubinen, welche wie kleine Bluttropfen anmuteten, die von dieser goldenen Spange ab perlten. Ungläubig ging er in die Hocke und hob das Schmuckstück auf. »Was ist das?«, frage Valerion, dessen Neugierde nun ebenfalls geweckt worden war. »Ein Wink des Schicksals ...«, antwortete Endres nur und zeigte Valerion die goldene Spange, welche rot und golden in seiner Hand schimmerte. »Ein Meisterstück.« Valerion pfiff anerkennend zwischen den Zähnen hindurch und schob die Spange wieder Endres zu. »Wenn wir die verkaufen, dann werden wir reich!« Doch Endres schüttelte den Kopf. »Sieh diese Initialen! V.A. Valésia von Aramajé.« Endres deutete mit dem rechten Zeigefinger auf die eingravierten Buchstaben und zeigte sie Valerion. »Sie gehört der Komtess!« Valerion runzelte verwirrt die Stirn. »Vermutlich. Dem Wirt wird es kaum gehören.« Valerion gluckste und zog kurz darauf wieder an der Pfeife. »Verstehst du nicht? Das ist unsere Gelegenheit! Wir bringen ihr die Spange!« Da begann Valerion kurz darauf heftig zu husten. »Spinnst du?« Er klopfte sich auf die Brust um den beißenden Hustenreiz zu bekämpfen und Tränen schossen ihm in die Augen. »Denkst du nur noch mit deinem Schwanz, seit du das Mädchen gesehen hast?«, fragte Valerion scharf, doch Endres rang seinen harten Worten nur ein leichtes Lächeln ab.
Der Erzherzog von Olathor ❖
30.04.2013 '11:13 [3.387 Wörter]
 er Tross erreichte die Burg des Herzogs von Olathor. Hinter dem gewaltigen Burggraben, welcher um das Areal gezogen war, standen viele kleine Bauernhäuser, scheinbar planlos und willkürlich an Ort und Stelle gebaut. Einige davon waren aus Stein gebaut und mit Strohdächern abgedeckt, welche von der Witterung schon stark verfärbt waren. Vermehrt gab es Holzhütten, was darauf schließen ließ, dass die Steinhäuser aus den, vom Burgbau übrig gebliebenen, Gesteinsbrocken gebaut worden waren. Die Menschen, die vor ihren Häusern standen, blickten sie neugierig an, oder kamen angelaufen, und beobachteten die Karawane aus Kutschen und Berittenen. Zwischen den Häusern schlängelte sich die breite Straße, welche zur Burg führte, die auf einer leichten Anhöhe stand und direkt am Fuß des Wehrgebirges gebaut war. Eine mächtige Holzbrücke führte über den Burggraben, und die Kutschen rollten langsam über die Brücke, und sie knarrte nicht annähernd, und zeugte von einer massiven, guten Bauart. Der Tross rollte nach einer Weile durch das mächtige Burgtor. Hinter der Burgmauer befand sich eine kleine Stadt, wo viele Bauern, Handwerker und das Burggesinde lebten. Es dauerte einige Zeit, bis sie die zweite Burgmauer passierten, und schließlich im Burginnenhof zu stehen kamen.
Einige Diener kamen heran gelaufen. Sie spannten die Pferde ab und führten diese in die Stallungen, um sie dort zu tränken und zu versorgen, einige kümmerten sich um die zahlreichen großen Kisten und Truhen, in welchen sich die Habseligkeiten der Grafenfamilie befanden. Der Oberhofmeister stand seelenruhig da, und beäugte das Treiben. Ein Lakai öffnete die Tür der Kutsche des Grafen Gunther und dieser trat sogleich mit seiner Frau heraus. Der Oberhofmeister trat an das Paar heran und verbeugte sich knapp. "Erlaucht... Willkommen auf Burg Olathor... Wir haben euch weitaus früher erwartet..." Seine Augen strahlten Kühlheit aus und sein Blick war gering schätzend, auch wenn er weit dem Grafen von Aramajé unterstand. Der Graf meinte entschuldigend. "Die Wetterbedingungen waren leider mehr als ungünstig, es gab viel Schnee und Schneestürme, wir sind untröstlich..." Der Oberhofmeister nickte verstehend, und nachdem er die Gräfin gebührlich mit einem angedeuteten Handkuss begrüßt hatte, ließ er seine Blicke über den Tross schweifen. Valésia indes war mit Malinda aus ihrer Kutsche ausgestiegen und sah sich in dem Burghof um. Der Bergfried ragte erhaben über die übrige Burg gen Himmel. Die Burgzinnen waren mit Schnee bedeckt, und auch die Dächer der anderen Türme. Es war eine eindrucksvolle Burg, deutlich größer und mächtiger als die Burg Kreuzenstein, welche Valésias Familie ihren Sitz nannte. Und diese Burg Olathor würde nun ihr neues Zuhause werden... Sie wurde in ihrer Erkundung unterbrochen, als ihr Vater sie zu sich heran winkte. Sie schritt durch den Schnee zu ihren Eltern, schwieg jedoch. Als der Oberhofmeister die junge Frau erblickte, glitt ein schmales Lächeln über seine Lippen. "Ah, die Komtess... Willkommen auf Burg Olathor!" begrüßte er sie und verneigte sich knapp vor ihr. Valésia knickste scheu und vergaß, die Hand zum Gruß darzureichen. Dem Oberhofmeister entging dies nicht und er verzog unwillig das Gesicht. Nur die Götter wussten, was er in diesem Moment dachte. Er straffte seinen Oberkörper und meinte schließlich "Meine Befehle lauten, euch nach eurer Ankunft unverzüglich vor den Erzherzog und dem Erbprinzen zu führen. Bitte folgt mir..." Das Grafenpaar schritt hinter dem Oberhofmeister her, gefolgt von Valésia, ihrer Hofdame Malinda und auch Roméro, der im Eilschritt aufzuholen versuchte. Sie schritten durch das Burgtor in die Burg hinein. Der lange Gang, durch welchen sie liefen, barg eine Anzahl an Ahnengemälden, die an den Wänden hingen und endete nach etwa dreißig Fuß und führte direkt in den Thronsaal, in welchem geschäftiges Treiben herrschte. Am Ende des gewaltigen Raumes standen zwei Männer, die, das erkannte man auf den ersten Blick, der Erzherzog und sein Sohn sein mussten. Etwas abseits stand noch ein dritter Mann, welcher wohl der ältere Bruder Meriks war. Die Art und Weise, wie die umstehenden Menschen sich verhielten, knicksten, duckten und sich verbeugten, verriet dies. Valésia blickte sich um, während sie nach vorne schritten. Zahlreiche kostbare Wandteppiche hingen an den Wänden, ebenso wie zahlreiche Schwerter, Waffen und Schilder. Valésia streckte den Kopf nach hinten und betrachtete den schweren hölzernen Luster, der in der Mitte des Thronsaals hing. Je näher sie schritten, desto schwerer fielen Valésia ihre Schritte. Sie konnte förmlich die Blicke aller Anwesenden spüren, die sich in ihren Rücken bohrten, und welche sie anstarrten und dezent zu murmeln begannen.

Der Oberhofmeister verbeugte sich tief vor dem Erzherzog und dem Erbprinzen, blickte dann abwechselnd auf den Erzherzog und danach auf die beiden Erbprinzen Vego und Merik und sprach laut "Durchlauchtigste Hoheit... Meine Prinzen... Graf Gunther und Gräfin Aurelia Adajena von Aramajé, sowie deren Sohn Erbgraf Roméro und die Tochter Komtess Valésia von Aramajé..." Graf Gunther hatte mit Valésia diese Begegnung geübt und geübt, so dass Valésia sofort wusste, was sie zu tun hatte. Einen tiefen Hofknicks zu machen, und verharren, bis man sie ansprach. Und wenn es eine Stunde dauern sollte... Valésia versank sogleich in einen tiefen Knicks und senkte den Kopf. "Mein lieber Graf Gunther! Endlich darf ich euch in meinen Hallen willkommen heißen! Ich dachte schon, ihr habt es euch anders überlegt und die Hand eurer Tochter jemand anderem gereicht..." Er lächelte überheblich, doch der Graf überging diese Spitze. Es stand ihm sowieso nicht zu. Er war nur ein geringer Graf, und er stand einem Erzherzog gegenüber, der weit weit über ihm stand. Gleich über ihm in der Rangordnung stand der König von Ariad! Der Graf löste sich aus seiner tiefen Verbeugung und begann. "Durchlauchtigste Hoheit, ich bin wahrlich untröstlich! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie übel uns das Wetter mitgespielt hat! Wohl sind wir viele Nächte durchgeritten, um die Verzögerung aufzuholen, und doch war es eine Mühsal, die Schneemassen zu bewältigen... Zwei Pferde mussten wir im Schnee zurücklassen, weil sie sich die Beine gebrochen hatten..." "Das ist bestimmt ein schmerzlicher Verlust für euch..." meinte der Erzherzog, und Valésia, die diesem Gespräch lauschte, wusste nicht, ob er es aufrichtig oder spottend meinte. Der Erzherzog wandte sich an die Gräfin. Diese erhob sich und lächelte den Erzherzog so warmherzig an, wie sie nur vermochte. "Es ist mir eine Ehre..." gurrte sie, so, wie sie damals zu Graf Endarion gesprochen hatte, nur, dass es diesmal wirklich eine Ehre darstellte. "Ihr seid keinen Tag gealtert, meine liebe Aurelia..." log der Erzherzog ihr ins Gesicht und Aurelia bedankte sich für diese Worte "Ich danke euch aufrichtig..." Der Erzherzog schritt zu Roméro. "Willkommen bei Hofe... Wie ich hörte, habt ihr die Schwertleite bereits hinter euch, Ser Roméro? Ich gratuliere... " Dieser richtete sich wieder auf und nickte. "So ist es, Durchlauchtigste Hoheit. Ich danke euch." Valésias Beine zitterten bereits, und nur mit viel Anstrengung gelang es ihr, nicht um zu fallen. Das wäre die größte Schande, die sie ihren Eltern nur bereiten konnte! Schließlich und letztendlich wandte er sich an Valésia. "Meine liebe Komtess... Ihr seid noch schöner und anmutiger geworden, seit unserer letzten Begegnung... Ist es nicht so, Merik?" "Fürwahr..." murmelte der Erbprinz und Valésia erhob sich langsam aus ihrem Hofknicks und eine Welle der Erleichterung durch fuhr ihren Körper. "Ihr seid zu freundlich, eure Durchlauchtigste Hoheit... Ich freue mich, nun endlich hier sein zu dürfen!" sprach sie ihn an und nickte mit dem Kopf. "Die Freude ist ganz auf meiner Seite..." erwiderte der Erzherzog. Valésia zögerte. Was nun? Sollte sie nicht auch den Erbprinzen begrüßen? Doch durfte sie ihn überhaupt ansprechen? Doch wenn sie es nicht tat, was wäre das für eine Brüskierung? Oder musste sie warten, bis er sie ansprach? Sie blickte Merik an. Sie sah ihm direkt in das kühle, scharf gezeichnete Antlitz. Er war ein Ebenbild seines Vaters, nur bedeutend jünger. Er war nur drei Jahre älter als sie, und doch wirkte er durch seine ernste Miene mindestens zehn Jahre älter. Die Umstehenden schienen diese Begegnung abwartend zu beobachten. Schließlich fasste sie sich ein Herz und sprach den Erbprinzen an. "Mein Prinz, es ist mir eine außerordentliche Freude, nun endlich, bei euch, in Olathor zu sein..." Sie rang sich ein Lächeln ab und der Prinz erwiderte dieses. Der Erzherzog richtete seine Worte an das Grafenpaar "Ist sie sie nicht herzerfrischend? Von Etikette hat sie keine Ahnung, aber ist sie nicht einfach hinreißend, in ihrer unbekümmerten Natur?" Er lächelte herausfordernd und dem Grafenpaar fiel nichts anderes ein, als in dieses Lächeln einzufallen. "Nun denn, wir werden schon eine angemessene Erbprinzessin aus ihr machen. Sie ist ja eine hinreißende Erscheinung, das alleine ist schon rühmlich. Mein Sohn wird die schönste Frau des Kontinents sein Eigen nennen. Und wenn sie dem Herzogtum viele gesunde Kinder schenkt, so hat sie ihre Pflicht weit mehr als erfüllt... Aber ich rede zu viel, ihr müsst völlig erschöpft von der Reise sein. Eure Gemächer stehen schon längstens bereit für euch. Ser Belar, mein Oberhofmeister, wird euch in eure Gemächer führen. Ah, wartet, ich führe die Komtess Höchstselbst in ihre Gemächer. Sie wird ja nun eine ganze Weile bei uns bleiben..." witzelte er "...da befinden sich ihre Gemächer im anderen Trakt der Burg... Darf ich bitten, liebe Komtess?" Sie nickte ergeben, und folgte dann, in Begleitung ihrer Hofdame Malinda, den Erzherzog, der wiederum seinem Sohn bedeutete, ihn zu begleiten.
Die vier schritten die Stufen zu dem Trakt hinauf und der Erzherzog erklärte "Hier befinden sich ausschließlich die Gemächer der Familie. Eure, liebe Komtess, schließen an jene des Erbprinzens. Dort hinten liegen die Meinen. Daneben liegen die meiner seligen Frau..." Seine Frau war verstorben? Wann? Valésia spürte eine Hitze aufsteigen, davon wusste sie nichts! Was sollte sie nun sagen? Und wann war sie verstorben? "Mein aufrichtiges Beileid..." sagte sie leise. "Nun ja, es ist ja schon zwei Jahre her, die Zeit heilt alle Wunden..." meinte der Erzherzog mit einem schwer deutbaren Unterton in seiner Stimme und Valésia war zutiefst peinlich berührt. Sie verfluchte ihre Eltern dafür, dass sie ihr kein Sterbenswort darüber berichtet hatten! "Und, habt ihr vor, erneut zu heiraten?" erkundigte sich die Komtess mit ehrlich gemeintem Interesse. Der Erzherzog lachte "Du liebe Güte, nein... Meine Zeit ist vorbei. Nach eurer Vermählung werde ich mich zurückziehen, mich nur mehr der Jagd und dem Vergnügen widmen und die Regentschaft vertrauensvoll in die Hände meines Sohnes Vego legen..." meinte dieser. Er blieb vor einer zweiflügeligen Tür stehen, und öffnete diese.
Valésia blieb beinahe der Mund offen stehen, als sie in das Gemach schritt. Der Raum war doppelt so groß, wie ihr Gemach, und es war nur eines von vielen Nebenräumen! Ein großer Erker, dessen obere Hälfte aus Verglasung bestand, fiel ihr sofort ins Auge. In den Erker war eine große, gepolsterte, und mit mit dunkelrotem Samt bezogene Sitzbank eingelassen. Die Verglasung ließ viel Licht in den Raum und Valésia dachte sogleich daran, dass dies ein vorzüglicher Platz zum Nähen und Lesen sein würde. An der östlichen Seite des Raumes stand mittig an der Wand ein prunkvolles Himmelbett, aus edlen, dunklen Hölzern geschnitzt, mit edler Tagesdecke aus goldenem Brokat bedeckt, und die feinen, honigfarbenen Vorhänge waren aus edler, bestickter Seide. Überhaupt war der Raum bis auf die dunklen Möbel, in den Farben Honig und Bernstein gehalten. Zufall, oder Absicht? Der Erzherzog beantwortete diese stille Frage sogleich. "Wir haben die Tuche, die Wäsche und die Einrichtung absichtlich so gewählt. Längst spricht man von euch, der 'Bernsteinrose', im Herzogtum Olathor, und ich fand es passend, diese Farben aufzugreifen. Ich hoffe, sie entsprechen eurem Geschmack..." "Es ist wunderschön, eure Durchlauchtigste Hoheit, ich danke euch von Herzen..." sprach Valésia atemlos. "Da drüben ist das Gemach eurer Hofdame... Es ist von außen ebenso zu erreichen, aber über diese Türe ist sie stets für euch zu erreichen. Versperrt einfach die Türe, wenn ihr es wünscht." Valésia nickte. Sie wandte sich um und sah auf einem dunklen Tisch ein Blumenbouquet in einer Vase. Blumen im Winter? Das war wahrhaft ungewöhnlich! Der Erzherzog bemerkte ihren Blick. "Schneerosen... Sie wachsen im Winter zuhauf bei uns, und nur im Winter, und auch nur in dieser Region." Valésia nickte verstehend, und kam sich von Minute zu Minute, die sie hier war, immer dümmer und unwissender vor. Sie würde hier wahrhaftig kein leichtes Spiel haben... "Nun ja, ich lasse euch nun alleine, eure Hofdame kann mich begleiten, vielleicht kann sie dafür sorgen, dass eure Truhen den richtigen Weg in eure Gemächer finden." Malinda nickte ergeben, und folgte dem Erzherzog. Bevor sie die Türe schloss, warf Valésia ihr noch einen Blick zu und diese nickte ihr aufmunternd zu.
Da standen sie nun in den Gemächern von der zukünftigen Erzherzogin von Olathor, die Komtess Valésia und der Erbprinz Merik, und starrten sich an. Der Erbprinz schien nicht viel von Konversation zu halten, und doch hielt Valésia diese bedrückende Stille nicht mehr aus. "Euer Vater ist zu freundlich und großzügig..." begann sie und endlich brach auch der Erbprinz sein Schweigen. "Es ist reichlich angemessen, für euch." Valésia wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie schluckte, ob der Bedeutsamkeit der Worte und sie erwiderte. "Das ist es..." Sie suchte krampfhaft nach Worten und blickte auf den Erker. "Ein herrlicher Erker. Zuhause war der Erker immer mein bevorzugter Platz, wenn ich Lesen, oder Nähen wollte. Ich bin sehr erfreut, dass es auch hier einen solchen Erker gibt, wenngleich er auch bedeutend schöner ist... In den letzten Wochen vor meiner Abreise habe ich viel Zeit dort verbracht. Ich habe für euch Hemden genäht, so, wie es der Brauch verlangt." Er lächelte bei diesen Worten, doch warum war Valésia so ungewiss darüber, ob es ein erfreutes, oder ein abfälliges Lächeln war? Sie hielt diese Kühlheit schon jetzt nicht mehr aus, darum nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte den Erbprinzen leise "Wird es immer so sein, dass ihr so kühl und zurückhaltend seid? Wie kann ich euer Herz für mich gewinnen?" Der Erbprinz schwieg. Er betrachtete sie und hob seine Hand. "Ihr seid eine wunderschöne Frau, edle Komtess..." murmelte er, und es schien Valésia für einen kurzen Moment einen Blick hinter die starre Fassade erhaschen zu können. Vielleicht war er gar nicht so kühl, wie sie immer geglaubt hatte. Er fuhr ihr vorsichtig über die goldene Kette, welche ein Teil des Brautgeschenkes war. Dann hob er seine Hand und strich ihr sachte das Haar zurück, und legte ihre Ohren frei, an welchen die Ohrringe baumelten. Valésia versuchte, ihre Gefühle zu erforschen, doch sie fühlte nichts, bei seiner Berührung. "Es gefällt mir, dass ihr den Schmuck tragt." Der Schmuck war von seiner verstorbenen Frau, so hatte Valésia gehört, und sie trug ihn nicht gerne. Vielleicht befürchtete sie, das an dem edlen Geschmeide das Unglück der verstorbenen Erbprinzessin haftete, und ihr, Valésia, das selbe Schicksal zuteil wurde. "Ja..." begann Valésia, doch dann hielt sie inne. Er ließ ab von ihr und umrundete sie, musternd. "Ihr tragt ja gar nicht die Haarspange..." bemerkte er mit einem enttäuschten Unterton. "Ich ließ dieses Stück eigens für euch anfertigen. Die Rubine darin waren aus dem Verlobungsring, den mein hoher Vater meiner hohen Mutter einst schenkte. Ein bedeutungsvolles Stück, es soll den Respekt zum Ausdruck bringen, den ich für euch, trotz eures niederen Standes, für euch hege... Wo ist es?" Valésia rang sichtlich um Fassung. Sie wollte ihn nicht belügen, doch sie wagte es auch nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Schließlich siegte ihre Wahrheitsliebe und die Unvernunft und sie sagte kläglich "Ich habe sie auf der Reise verloren... Es tut mir so leid..." Sie blickte ihn abwartend und entschuldigend an. Die Miene des Erbprinzen wurde steinern. "Bei allen Göttern, wie unachtsam von euch! Das ist eine Brüskierung! Ist euer Vater so wohlhabend geworden, dass ihr es nicht nötig habt, euch mit meinem Geschmeide zu schmücken? Ich glaube es ehrlich gesagt nicht! Und da erwartet ihr, mein Herz gewinnen zu können, wenn ihr schon meine Geschenke so mit Füßen tretet?" Valésia schien sich der Zusammenhang zwischen dem Geschenk und seinem Herzen nicht ganz zu erschließen, doch sie hütete sich, dies auszusprechen. "Es tut mir so unendlich leid, mein Prinz... Bitte vergebt mir..." bat sie ihn inständig. "Wir werden sehen..." murmelte der Erbprinz. "Wenn ihr mich nun bitte entschuldigt?" meinte er. Valésia, welche den Kopf gesenkt hatte, hob den Kopf an, nur um leise zu nicken. "Natürlich, mein Prinz..." Er ergriff ihre Hand, welche schlaff, passend, zu ihrer übrigen enttäuschten Körperhaltung, seitlich herunter hing, und hauchte einen förmlichen Kuss darauf. "Gehabt euch wohl, ich sehe euch abends, bei Tisch..." murmelte er. "Ich freue mich darauf" erwiderte Valésia so freundlich, wie sie nur vermochte. "Euer Gnaden?" rief sie ihm leise nach. Er wandte sich noch einmal um und blickte sie fragend an. "Wie kann ich meinen unverzeihlichen Fehler wieder gutmachen?" fragte sie ihn. "Erlangt die Spange zurück..." meinte er trocken und verließ er eilig Valésias Gemächer.
Die junge Komtess blieb zurück und starrte ihm nach, bis er die Türe hinter sich geschlossen hatte. Bedrückt ging sie zu dem Erker, und starrte aus dem gläsernen Fenster. Wie sollte sie nur die Spange zurück erlangen? Sie war unwiederbringlich verloren! Vielleicht sollte sie sich ihrem Vater anvertrauen? Er würde sie schelten, doch er musste zu ihr halten, hier ging es schließlich scheinbar um die Gunst des Erbprinzen! Vor ihr erhob sich das Wehrgebirge, und es erschien ihr so passend, als ob auf dem Herzen des Erbprinzen ein ähnlich großer Gesteinsbrocken zu liegen schien. Eine Weile starrte sie aus dem Fenster. Erst, als sich der Himmel verdunkelte, als sich eine dicke, schier nicht enden wollende Wolkendecke über den Himmel wälzte, und es bald darauf zu schneien begann, löste sie sich aus ihrer starren Haltung und ließ sich auf der blutroten Samtpolsterung der Sitzbank nieder. Der Winter, so schien es ihr, würde ein niemals endender sein, in diesem Herzogtum, und sie wünschte sich sehnlichst, dass Roméro nun bei ihr wäre. Und es schien, als hätten die Götter ihre Gebete erhört, denn nach einiger Zeit klopfte es an der Türe, und der Kopf ihres Bruders schob sich durch den Türspalt. "Bist du gesellschaftsfähig?" fragte er dumpf und Valésia bejahte. Schließlich öffnete er die Türe und hinter ihm standen einige Lakaien, die mit den Truhen der Komtess warteten. Er schritt in ihr Gemach und die Träger folgten ihm. "Wo sollen wir die Truhen abstellen, Ser Roméro?" erkundigte sich einer. Er beachtete ihn gar nicht weiter, als er den gequälten Gesichtsausdruck seiner Schwester sah und erwiderte mit einem Handwinken "Das ist einerlei..." Eilig trat er an den Erker heran, von dessen Sitzbank sich Valésia erhoben hatte. "Was ist passiert, kleine Schwester?" "Haben die Diener in meiner Kutsche die Haarspange gefunden?" erkundigte sie sich hoffnungsvoll, doch Roméro schüttelte den Kopf. Betrübt erzählte sie ihm schließlich von dem Vorfall mit der Haarspange. "Roméro, er ist so schrecklich kühl und distanziert. Er gibt mir überhaupt keine Gelegenheit, dass wir uns näher kommen. Wie kann ich mit so einem Mann nur verheiratet werden? Er stellt den Wert dieses unseligen Schmuckstücks weit über mich, so scheint es, und ständig hält er mir meinen niederen Stand vor... Wieso hat er sich denn überhaupt für mich entschieden, wenn ich so unwürdig zu sein scheine?" Er blickte sie ratlos an. "Er wird gewisse Sympathien für dich hegen, sonst hätte er sich nicht für dich entschieden, dessen bin ich mir sicher..." Behutsam nahm Roméro seine Schwester in den Arm und drückte sie an sich. Er küsste sie auf den Scheitel. "Es wird sich alles zum Guten wenden, glaube mir, Valésia..." "Ich hoffe es so sehr..." murmelte sie, als sie seinen Kopf an seine Schulter bettete und diesen Trost geradezu in sich auf sog. Ihre Gedanken schweiften plötzlich wieder zum Grafen von Hohenehr. Warum? Sie hatte schon sicher zwei Wochen nicht mehr an ihn gedacht. Die erste Woche nach der Abreise aus der Schenke hatte sie sich oft in Tagträumen, in welchen er vorgekommen war, verloren, doch nach einiger Zeit verblasste das Bild dieser Begegnung, und sie konnte nicht einmal mehr sagen, wie er denn eigentlich ausgesehen hatte, so kurz war ihre Begegnung gewesen. Und warum drängte sich just in diesem Moment, in dem sie sich so unbedeutend, ungewollt und tief traurig fühlte, die Erinnerung an ihn, in ihren Kopf? Sie würde ihn ohnehin nie wieder sehen... Nach einer Weile löste sie sich aus der Umarmung ihres Bruders und meinte "Verzeih mir, ich möchte mich vor dem Abendessen noch ein wenig ausruhen..." meinte sie. "Bitte sag Malinda, dass ich nicht gestört werden möchte, und sie möge sich rechtzeitig bei mir einfinden, um mich für den Abend herzurichten..." Roméro nickte und verließ ihr Gemach. Valésia ließ sich bäuchlings auf das Bett fallen, und versank beinahe in den fülligen Daunenkissen. Es dauerte nicht lange, bis sie einschlummerte.
Der eiserne Mann ❖
30.04.2013 '22:22 [2.859 Wörter]
 llmählich begann Endres mit Valerions Ansicht einer Meinung zu werden. Nicht weil Valésia es nicht wert war, Nein. Doch es grenzte beinahe an Wahnsinn den weiten, einsamen Weg in das Herzogtum Olathor einzuschlagen. Er richtete sich in seinem Sattel ein wenig auf und übersah das Land, welches sich vor ihm erstreckte. Nichts als strahlendes, blendendes Weiß - Weiß und Nebel! Und kein einziges Haus war in Sicht, nicht einmal das Erdloch eines Köhlers war zu sehen. Nur Bäume, verkümmerte Sträucher und Schnee. Das Land lag mehr als nur im Sterben. Es war schon unter der weißen Decke des Todes vergraben und das Land war, so weit das Auge reichte, völlig eingeschneit. Und das Auge reichte verdammt weit. Endres verengte seine Augen zu zwei angestrengten Schlitzen, denn der Schnee stach ihm schmerzhaft in den Augen, doch schließlich ließ er sich wieder in den Sattel sinken und wandte den Blick von der Ferne ab. Die Bernsteinstadt war kaum mehr eine Woche mit den Pferden entfernt gewesen, als sie die Schenke verlassen hatten. Sie hätten nahe am Waldesrand des Sichelwaldes bleiben können, um den Schutz der Bäume zu genießen. Der Schnee hatte natürlich auch die gesamte Oststraße zu geschneit und ein Vorankommen auf eben dieser hätte die Reise beinahe unmöglich gemacht. Nicht ohne Reisewagen und einem Tross an Bediensteten, welche den Weg vor dem Wagen freiräumten. Endres seufzte. Auch wenn er sich all die letzten Jahre als einen Adeligen ausgegeben hatte, so hatte er nie das angenehme Leben eines solchen führen können. Vielleicht hätte er beizeiten eine der schönen Frauen wirklich ehelichen sollen, anstatt nur mit ihrer Mitgift durch zu brennen. Doch es half nichts. Er war nicht von Adel und sie befanden sich mitten im Winter.
Endres ließ sich aus dem Sattel seines Pferdes gleiten und wandte dann letztendlich seinen Blick von der trostlosen, weißen Landschaft ab. Er führte sein Pferd in den Sichelwald, dessen westliche Ausläufer sie inzwischen erreicht hatten und führte sein Pferd ein wenig tiefer in den Wald. Das Pferd musste sich stärken. Wurzeln und Moos, vielleicht etwas Baumrinde fressen. Was der Wald eben her gab, zu dieser kargen Jahreszeit. Keine ganze Woche waren sie nun schon unterwegs. Fünf oder sechs Tage. Endres war sich gar nicht so sicher. Vielleicht waren es sogar auch schon acht Tage. Nun, da der Schnee fiel und die Straßen immer unwegsamer wurden und auch die Pferde kaum mehr etwas zu Fressen fanden, war dieser Ritt ein kühnes Wagnis. Endres schalt sich in diesem Moment einen Narren. Sie könnten jetzt vermutlich schon irgendwo in der Bernsteinstadt in einer beheizten Schenke sitzen, warmen Gewürzwein trinken und verruchte Pläne schmieden, welchen Bürgerlichen der Stadt sie als nächstes um die Mitgift seiner Tochter prellen könnten. Und doch loderte in ihm das Verlangen. Das Verlangen nach den Schenkeln dieser unglaublich schönen Frau. Er seufzte innerlich, während er sich seinen Umhang ein wenig enger um den Körper legte, und dem Pferd dabei zusah, wie es den Boden nach etwas Nahrung absuchte. Auch Valerion hatte sein Pferd in den Wald geführt und hatte sich indes an eine alte, knorrige Zeder gelehnt. Der Rauch aus seiner glimmenden Pfeife hüllte sein Gesicht beinahe gänzlich ein, doch Endres verspürte nicht den Wunsch mit ihm zu sprechen. Vielleicht waren es die Schuldgefühle, welche an ihm nagten. Vielleicht aber auch einfach nur die Kälte, welche seine Zunge zu lähmen schien. Er brach sich einen dicken Eiszapfen von einem der tiefer hängenden Äste ab und begann daran zu lutschen. Wasser hatte er schon lange nicht mehr getrunken. Doch selbst der Wein in den Weinschläuchen war gefroren und so musste er eben mit geschmolzenen Eis vorlieb nehmen.
Endres hatte es die letzten Tage vermieden, sich während des Ritts nach Valerion umzusehen, zumal dieser immer ein wenig hinter ihm geritten war. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass sein bester Freund keine besonders gute Laune hatte. Doch wen wunderte es, bei diesem Wintereinbruch und Endres' Starrsinn? Endres hatte ein schlechtes Gewissen. Doch hatte Valerion nicht selbst gesagt, dass Valésia beinahe im ganzen Norden Ariads bekannt war? Er war doch selbst Schuld! Hatte er doch erst das Interesse an dieser Frau in ihm geweckt, als er von ihr zu schwärmen begonnen hatte. Die Kunde von ihrer Schönheit machte die Runde durch die Lande und ebenso durch beinahe jedes Gasthaus, in welchem sie bisher eingekehrt waren. Jeder Mann, ob Bürgerlicher oder Adeliger, träumte davon diese Frau zu der seinen machen zu dürfen. Endres hatte es selbst nicht glauben wollen. Er gab nichts auf das Geschwätz des gemeinen Volkes, denn sie neigten oftmals dazu maßlos zu übertreiben. Doch wie hatte er sich getäuscht, als er Valerions Worte abwertend abgetan hatte. Valésia glich einer Schneekönigin. Rein und edel. Welcher Mann konnte schon seinen Blick von ihr abwenden, ohne sich selbst zu belügen? Selbst die Bauern träumten, obwohl sie wussten, dass diese Träume nicht einmal in tausend Jahren in Erfüllung gehen würden. Endres musste müde lächeln, als er daran dachte, wie ein gewöhnlicher Bauer vor den Grafen von Aramajé treten würde, um Valésia den Hof zu machen. Wie der Bernsteingraf wohl reagieren würde? Endres konnte sich dies nicht einmal in seinen entferntesten Gedanken nahezu annähernd vorstellen. Doch auch Endres war nur ein Mann von einfacher Geburt. Und wehe ihm, wenn dieses Geheimnis jemals gelüftet werden würde. Der Adel konnte hart sein. Hart und unbarmherzig. Wer sich für einen Adeligen ausgab und sich mit Titeln schmückte, die nicht die ihm nicht zur Zierde standen, den ereilte der rasche Tod durch des Henkers Schwert. Doch Endres träumte nicht nur. Er verwirklichte seine Träume. Er würde ihr Herz erobern! Und vielleicht würde er dann ebenso im ganzen Land bekannt werden. Als der Mann, welcher das Herz dieser Edlen erobern konnte. Die Männer würden ihn beneiden und wer ihn nicht beneiden würde, der würde ihn verdammen. Doch sein Name wäre in aller Munde! Ein breites Grinsen machte sich auf Endres' Gesicht breit, doch schlug ihm kurz darauf eine eiskalte Schneewehe ins Gesicht, welche ihm das Grinsen sehr schnell wieder austrieb. Obgleich es seinen Willen, weiter zu reisen, nicht zu dämpfen vermochte.
Gedanken versunken kramte der Paltore ein wenig unbeholfen in seiner Umhängetasche. Er hatte kein Gefühl in den Fingern, denn die ledernen Handschuhe waren sehr dick. Doch irgendwann bekam er zu Fassen, wonach er gesucht hatte und förderte es ans Tageslicht. Valésias goldene Spange. Es schien beinahe aberwitzig, eine solche harte und durchaus auch gefährliche Reise auf sich zu nehmen, nur um einer Adeligen ihr Schmuckstück hinterher zu tragen. Eine wunderschöne Adelige, für die sich eine solche Strapaze mehr als lohnte! Und wenn nicht für sie, dann doch für den süßen Geschmack ihres geheimsten Nektars, den Endres zu kosten gedachte. Doch nicht in den Augen Valerions. Er war nach wie vor der Meinung, dass Endres die junge Komtess besser vergessen sollte um die Spange, für viel Geld, in der Bernsteinstadt zu verkaufen. Womöglich würden sie genug bekommen um eine angenehme Überfahrt nach Paltoria buchen zu können und sie könnten wie Fürsten speisen. Doch Endres war ein Eroberer. Als er Valésia zum ersten Mal gesehen hatte, da war in ihm das Verlangen nach dieser Frau gewachsen. Und nun stand er hier, alleine und frierend im Sichelwald, und hielt diese kleine goldene Spange in den gefühllosen Fingern. Valerion war zwar in diesem Punkt nicht einer Meinung mit Endres, doch war er ein treuer Freund und ging mit Endres durch Dick und Dünn. Er würde zu ihm stehen, auch wenn der Weg hart war. Irgendwann einmal würde wieder der Tag kommen, an welchem Valerion sich etwas in den Kopf setzen würde, und dann wäre Endres ebenso zur Stelle.
Nun war diese eine Woche bereits ins Land gestrichen. Sie hatten sich stets am Rand des Sichelwaldes gehalten. Auch wenn die Straße mit Grenzsteinen abgesteckt war, so dass man sie auch unter dem Schnee erahnen konnte, so hatten sie den Weg am Waldesrand gewählt. Hier waren die Bäume noch Bäume. Denn jene kahlen Borken, welche die große Straße oft zu beider Seiten säumten, glichen mehr krallenbewehrten Klauen, die gefroren und tot aus dem Boden ragten als denn Bäumen. Als ob Riesen unter der Erde vergraben worden wären und nur ihre Hände aus der Erde ragten. Hände mit unzähligen, dünnen und gespenstischen toten Fingern. Vereisten Fingern, voller Eiszapfen und von Schnee bedeckt. Der Sichelwald war Immergrün. Der Nadelwald verlor nie sein grünes Gewand. Höchstens die Farbe, wenn im Winter die Nadeln verblassten oder sich zunehmend braun färbten. Und der Wald erstreckte sich tief in das Herzogtum Olathors hinein. So konnten sie sich nicht verirren, was auf der Straße - trotz der Grenzsteine - durchaus passieren konnte. Und hier hatten die Pferde in der Nacht wenigstens halbwegs trockenen Boden unter den Füßen. Ganz zu schweigen von den beiden Paltoren. Es gab kaum Siedlungen zwischen dem Wehrgebirge und dem Sichelwald, und so war die Reise auf der Straße zu dieser Jahreszeit eine gefährliche Unternehmung. Der Wald bot zumindest etwas Schutz, denn die Bäume standen dicht zusammen und die Baumkronen hielten den meisten Schnee davon ab, den Boden in das weiße Gewand des Winters zu kleiden. Wenn sie nicht sehr weit vom Weg abgekommen waren, hatten sie bereits die Hälfte des Weges hinter sich gebracht. Allerdings war vom Wehrgebirge noch kein Gipfel in Sicht. Doch das war nicht sonderlich verwunderlich, wenn man nicht einmal das Weltengebirge vor lauter Wolken und Schneeflocken sehen konnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, nahmen die beiden Männer wieder ihre Pferde an den Zügeln und saßen auf. Der Wald lichtete sich bereits. Morgen um diese Zeit würden sie ihn bereits weit hinter sich gelassen haben, und wenn das Wetter ein wenig umschlagen würde, dann könnten sie sogar die Gipfel des Wehrgebirges am Horizont sehen. Endres stopfte die Spange wieder in seine Tasche und wickelte sich den Umhang etwas mehr vor sein Gesicht, denn der Schnee peitschte ihm eiskalt ins Gesicht und dicke Schneeflocken fielen unablässig vom Himmel herab. Weder die Sternenberge, noch das mächtige Weltengebirge waren in den letzten Tagen überhaupt zu sehen gewesen. Und das, obwohl dieses gigantische Felsmassiv stets wie ein drohender Schatten am Horizont aufragte.
Als der Abend bereits zu dämmern begann, hielten die beiden einsamen Reiter an. Sie wirkten so verloren in dieser eisigen, weißen Winterlandschaft. Und nichts zeugte von Leben, mit Ausnahme der beiden Reiter und ihrer unzähligen Hufspuren, welche sie im Schnee hinter sich herzogen. Die Straße war, unter all den Schneemassen, unmöglich zu sehen und Endres hoffte sie hätten sie nicht zu weit verlassen. Denn dass sie noch nicht auf der Straße waren, das konnte man deutlich fühlen. Die Pferde machten oftmals unsichere Tritte und der Ritt gestaltete sich als sehr mühsam. Der Weg war holprig und stellenweise unwegsam. Endres machte sich jeden Tag mehr Sorgen, dass die Pferde diesen Marsch nicht mehr lange durchhalten würden. Sie brauchten dringend einen warmen Platz zum Schlafen und etwas zu Fressen. »Was meinst du?«, brach Endres schließlich und endlich das Schweigen und Valerion sah von dem Rücken seines Pferdes auf und sah Endres verschlafen an. Er war im Sitzen eingenickt und trug einen verklärten Blick im Gesicht. »Ich meine mich zu erinnern, dass ein Gasthaus an dieser Straße liegen müsste.« Valerion nickte nur. »Eine Tagesreise vom Sichelwald entfernt.«, murmelte er und streckte seinen Rücken ein wenig durch, um seine Glieder zu wecken. »Wir sind bereits eine Tagesreise vom Sichelwald entfernt.«, brummte Endres und sah sich suchend um. Doch er konnte kein Haus entdecken. »Vielleicht hat der Graf es ja mit nach Olathor genommen.«, feixte Valerion und funkelte Endres ungehalten an. Endres zog es vor zu schweigen und presste seine Beine ein wenig fester gegen die Seiten seines Pferdes. Zum einen, um es zu einer schnelleren Gangart anzutreiben und zum anderen, um sich an dem warmen Körper seines Pferdes die steifen Glieder ein wenig aufzuwärmen.
Doch was das Licht und auch der Schnee des Tages verbargen, das offenbarte die aufkeimende Nacht. »Dort!«, sagte Valerion und deutete mit einem Mal in die gähnende Einöde. »Licht.« Endres richtete sich sogleich in seinem Sattel auf und beschattete seine Augen, obwohl die Sonne so gut wie gar nicht mehr das Land erhellte. Und tatsächlich. Dort, keine zwei Reitstunden entfernt, flackerte ein einsames Licht in der Nacht. Hoffnung keimte in Endres auf und er gab seinem Pferd einen beherzten Stoß in die Seiten. Uns sofort stob das Tier davon. Die Hufe wirbelten den Schnee förmlich auf, als es sich mit einem gewaltigen Satz in Bewegung setzte.
Als die Nacht das Land völlig für sich vereinnahmt hatte, da erreichten sie die Quelle des flackernden Scheins. Ein großes, hölzernes Haus. Es stand direkt an der großen Oststraße und dicker, dunkler Rauch stieg aus dem Schornstein auf. »Der eiserne Mann.«, las Endres den Namen von dem Schild ab, welches über der Tür hing und sein Herz machte förmlich einen Sprung. Neben dem Haus befand sich eine große Scheune und davor stand ein junger Stallbursche, keine zehn Winter alt, und hielt eine gusseiserne Laterne in der rechten Hand. »Seid gegrüßt.«, rief er mit einer gebrochen und zittrigen Stimme. Seine Zähne klapperten und er schien die Laterne kaum halten zu können, so sehr fror er. Was auch kein Wunder war, denn er hatte weder warme Stiefel an, noch einen dicken Wollumhang. Lediglich eine einfache Hose, ein zerschlissenes Leinenhemd und nicht einmal Schuhe. Endres runzelte die Stirn und besah den Jungen mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Guten Abend Junge. Wie heißt du?«, fragte Endres mit einer freundlichen Stimme und der Junge sah ihn mit großen Augen an. »Sigmar.«, antwortete der Junge leise und ließ seine Blicke von Endres zu Valerion wandern. Endres rutschte aus dem Sattel und übergab dem Knilch die Zügel seines Pferdes. »Sei gut zu meinem Pferd. Es hat einen harten Weg hinter sich.« Mit diesen Worten drückte er ihm noch einen halben Heller in die Hand. »Gib ihnen den besten Hafer, den euer Stall hergibt.« Der Junge nickte eifrig und für einen Moment schien er sogar die Kälte vergessen zu haben, welche ihm durch Mark und Bein ging. Auch Valerion reichte dem Burschen seine Zügel, und sichtlich erleichtert machte sich der Junge daran, die Pferde in den warmen Stall zu führen.
Als die Pferde versorgt waren, da schickten sich die beiden Herzensbrecher und Kupferstecher an, sich in das Wirtshaus zu begeben.
Als sie das Haus schließlich betraten, da schwoll ihnen ein warmer Dunst entgegen. Es stank nach abgestandenem Pfeifenrauch, altem Bier und nach modrigem Holz. Doch Endres sog den Duft tief in seine Lungen auf. Denn der Dunst war warm! Zwei offene Kamine beherbergten jeder ein prasselndes, warmes und leuchtend rotes Feuer. Sofort schlug Endres den Weg zu einem dieser offenen Kamine ein und streckte dann seine, beinahe steif gefrorenen, Hände nach den Flammen aus. »Aaah.«, seufzte er gedehnt und ein zufriedenes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. »Wahrlich eine Wohltat.« Auch Valerion hatte sich neben Endres gesellt und wärmte seine Hände am Feuer, bis eine junge Frau an sie herantrat. »Guten Abend.«, flötete sie fröhlich und lenkte so die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich. Sie hatte dunkelblonde Locken und trug eine weiße Schürze um die Hüfte. »Ah! Die Schankmaid!«, meinte Valerion und schien bereits an dem lodernden Feuer aufzutauen, als ob das ganze Eis, welches sich während der letzten Woche um sein Herz gelegt hatte, mit einem Mal davon geschmolzen wäre. »Bitte, wir haben Durst. Zwei große Maß Bier, der Herr! Und ein Zimmer für die Nacht. Ihr habt doch Bier, oder?« Sie nickte fröhlich und machte auf dem Absatz kehrt.
Sowohl Endres als auch Valerion kamen nicht umhin ihr auf die schwankenden Hüften zu starren, welche sich rhythmisch hin und her bewegten, mit jedem Schritt den sie tat. »Was ein dralles Ding.«, murmelte Endres und Valerion klopfte ihm auf die Schulter. »Doch die Komtess lässt sie dich nicht vergessen machen, habe ich Recht?« »Es käme auf einen Versuch an.«, grinste Endres Valerion an und dieser schüttelte nur lächelnd den Kopf und nahm an einem der vielen, freien Tische Platz. Der Raum war Menschenleer. Wenn Gäste zugegen waren, dann lagen diese wohl schon alle in den Betten. Und auch Valerions Rücken sehnte sich nach einem Bett. Und wen es nur ein Lager aus Stroh im Stall wäre. Alles war besser, als der gefrorene und harte Boden des Sichelwaldes.
Es dauerte nicht lange, da stellte die Schankmaid zwei schäumende, hölzerne Humpen auf den Tisch. Und dazu ein kleines Holzbrett, auf welchem zwei dicke Butterbrote lagen. »Ich kann mir vorstellen, dass ihr beide sicher Hunger habt, oder?« Endres griff sofort zu einem der Brote und biss herzhaft ab. Es hatte einen intensiven, körnigen Geschmack und er schloss für einen Moment die Augen, während er genüsslich das einfache Mahl genoss. Die Frau kommentierte Endres' Verhalten mit einem stillen Kichern. »Kann ich sonst noch was für euch tun?«, fragte sie und richtete dabei ihren Blick auf Valerion, da Endres noch die Augen geschlossen hatte. »Ja, welches der Zimmer ist deins?«, neckte Valerion und legte lässig seinen rechten Arm auf den Tisch und beugte sich ein wenig zu der Frau vor. Sie errötete und schlug darauf die Augen nieder. Doch sie gab keine Antwort auf Valerions Frage. Sie lächelte ihm einfach nur verlegen zu und mit einem letzten Blick auf Endres, verließ sie den Tisch der Beiden. Als sie schließlich in der Stube verschwunden war, da grinste Endres Valerion nur breit an. »Hölzchen ziehen?«
Das Bankett ❖
01.05.2013 '11:29 [1.878 Wörter]
 alésia erwachte, als sie eine Hand spürte, die ihr sanft über den Kopf und den Rücken fuhr. Sie öffnete die Augen und blinzelte. Draußen war es schon dunkel, was allerdings im Winter, wo es recht früh dunkel wurde, wahrlich nichts zu sagen hatte. Im Kamin von ihrem Gemach brannte lodernd ein Feuer und warf tanzende Schatten in den Raum. Valésia hob den Kopf und erkannte Malinda, welche an ihrem Bett saß. "Komtess, es wird Zeit, aufzustehen... Du musst dich fertig machen, für das Abendmahl" raunte die Hofdame leise. Valésias Herz raste. Das tat es manchmal, wenn sie aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie war ein wenig verwirrt, und benommen und richtete sich im Bett auf. "Was..?" murmelte sie und blickte sich um. Richtig, sie waren ja bereits in Olathor! "Wie lange habe ich geschlafen, Malinda?" fragte sie ihre Freundin. "Ein Weilchen... Du siehst ja, es ist bereits dunkel... Fühlst du dich nun ausgeruhter?" Valésia musste sich diese Frage mit 'Nein' beantworten, und doch sagte sie "Ja, danke..." Ein wenig schwerfällig erhob sie sich aus dem Bett und stand schließlich auf. "Ich habe deine Kleidertruhen durchgesehen und in Ordnung gebracht. Welches Kleid möchtest du am Abend tragen?" Valésia war immer noch ein wenig schläfrig. "Danke, du Gute..." meinte sie leise. "Welches Kleid? Ich weiß es nicht, zu welchem würdest du mir raten?" Malinda überlegte einen Moment. "Das dunkelblaue Samtkleid... Und dazu deine silbernen Haarkämme mit den Bernsteinen..." Valésia nickte ergeben. Ihr war es einerlei, welches Kleid sie trug, denn sie erinnerte sich wieder an die unliebsame Begegnung mit dem Erbprinzen Merik, welchen sie durch ihr ehrliches Geständnis verärgert hatte. Am liebsten wäre es ihr gewesen, man hätte sie einfach bis zum Morgen schlafen lassen, und sie müsste nicht zu dem Abendmahl erscheinen. Doch das wäre entsetzlich unhöflich, und sie wollte den Prinzen nicht noch mehr brüskieren. Malinda ging zu dem Kamin, neben welchem eine kleine eiserne Vorrichtung war, an dem ein kleiner Kessel hing, damit man Wasser erwärmen oder erhitzen konnte, je nachdem, wie nahe man den Kessel an oder in die Flammen schob. Sie nahm mit dicken Tüchern den eisernen Griff und lief damit zu dem Waschtisch und goss das heiße Wasser in die Waschschüssel. Die, mit Blütenölen, fein beduftete Seife lag ebenso bereits neben der Schüssel, sowie zwei Tücher. "Komm Valésia, zieh dich aus, und wasch dich gründlich, das Gesicht, und vergiss die Ohren nicht, und besonders unter den Armen, und zwischen den Beinen..." mahnte die Hofdame und Valésia ergab sich ihren Anweisungen. Valésia streifte schließlich ihr Reisekleid und das Unterkleid ab und die alte Frau nahm es an sich. Die junge Frau ergriff die Seife, tauchte diese kurz in das heiße Wasser, und begann, sich gründlich zu waschen, wo Malinda es besonders empfohlen hatte. Danach wusch sie sich mit einem nassen Tuch und trocknete sich schließlich ab. Sie seufzte tief und Malinda blickte sie forschend an. "Was ist?" fragte sie. "Hat Roméro es dir nicht erzählt?" fragte Valésia sie. "Du meinst die Geschichte mit der Haarspange?" Valésia nickte. "Du hast richtig gehandelt, Valésia. Wenn du gelogen hättest, oder ausgewichen wärest, dann wäre er dir früher oder später dahinter gekommen, und das wäre weitaus schlimmer gewesen. Vielleicht habe ich sie dir nachlässig im Haar befestigt..." gab Malinda zu und grübelte. "In der Schenke hattest du sie noch, das habe ich gesehen und danach, weiß ich es nicht mehr. Vielleicht hast du sie ja wirklich in der Schenke verloren? Wir könnten einen Reiter dorthin schicken...?" schlug sie vor. "Welchen Sinn hat das? Es dauert wohl Wochen, bis er wieder zurück ist, und wenn ich sie dort nicht verloren habe, dann war es ein vergeudetes Unterfangen..." Die alte Frau nickte zustimmend. "Gräme dich nicht, mein Kind... Es ist nur ein Kleinod... Bei allen Göttern, der Erbprinz ist so wohlhabend, er könnte dir zehn neuer Spangen schenken und es würde ihm nicht in der Geldkassette schmerzen..." lächelte sie. "Aber die Rubine stammten aus dem Verlobungsring seiner verstorbenen Mutter..." gab Valésia zu bedenken und die Hofdame sah sie nur ratlos an. Sie riss sich aus ihrer Lethargie und reichte ihr ein frisches Unterkleid. Valésia streifte es so gleich über und ließ sich dann das Samtkleid reichen. Sie schlüpfte hinein und Malinda schnürte ihr die Schnürung, welche durch die Nestellöcher gefädelt war, im Rücken zu. "Komm setz dich, ich mache dir die Haare..." sagte sie und Valésia setzte sich auf einen Stuhl. "Ich kann es kaum glauben, dass Olathor nun fortan mein Zuhause sein wird." begann sie, während Malinda ihr das Haar kämmte. "Es wird nicht das schlechteste Leben sein, Valésia" "Wenn sie meinen niederen Stand vergessen, dann vielleicht" erwiderte sie bitter , während die Hofdame ihr die Schmuckkämme an den Schläfen ins Haar schob. "So, du bist fertig, komm, wir wollen die anderen nicht warten lassen!" sagte sie und klopfte ihr auf die Schulter.
Die beiden Frauen verließen das Gemach, gingen über den langen Gang, die Treppe hinunter und fanden sich dann im Thronsaal ein, in welchem sich auch die lange Tafel befand. An der Türe im Thronsaal wartete Erbprinz Merik. Als die beiden Frauen ihn sahen, steuerte Malinda direkt auf ihn zu. Beide verneigten sich vor ihm und Merik bot Valésia seinen Arm an. "Komtess, erweist ihr mir die Ehre, euch an euren Platz bei Tisch führen zu dürfen?" richtete er kühl, aber höflich das Wort an sie und sie errötete. "Gerne, habt vielen Dank" sagte sie und nahm seinen dargebotenen Arm und ließ sich von ihm zu Tisch führen.
Am Tisch angekommen, waren bereits alle versammelt. Zur Rechten des Erzherzog Landro von Olathor saß Vego, der ältere Bruder von Merik, und Anwärter des Erbes von Erzherzog Landro, zu seiner Rechten saß seine Frau Niena, deren Ehe bis dato leider kinderlos war, und zu seiner Linken nahm Merik Platz, und ihm zur Seite Valésia. Malinda musste sich an die Tafel setzen, wo alle Zofen und Hofdamen ihren Platz fanden. Valésia fühlte sich ein wenig hilflos, doch sie knickste ergeben vor dem Erzherzog und Erbprinz Vego, welche ihr zunickten. Ihre Eltern fanden ihnen gegenüber Platz, nebst Roméro und es erschien Valésia, als würde, auch sie einstweilen nur die Tischplatte trennte, bereits eine Kluft von ihrer Familie trennen. Der Erzherzog nickte ihr zu und richtete das Wort an sie. "Ihr seht hinreißend aus, liebste Komtess..." Sie bedankte sich höflich und nahm dann an der Seite Meriks Platz. Sie rief sich die Tischregeln in Erinnerung, während die Diener in den Saal stömten, und aberzählige Platten mit Speisen herein trugen. Zuerst wurde der Erzherzog bedient, dann seine Söhne, ihre Eltern, Roméro, zuletzt sie und dann erst der Rest der Höflinge und des anwesenden, niederen Adels. Dann erst durften sich die Hofdamen, Zofen und Mägde an den übrig gebliebenen Speisen bedienen. Solange der Erzherzog nicht zu speisen begonnen hatte, durfte niemand zu speisen beginnen. Und wenn er beendete, durfte ebenso niemand essen. Es wäre ein Affront! Sie wartete geduldig, bis sie ihr Essen auf den Teller gelegt und Wein eingegossen bekam. Die Tafel bog sich förmlich unter der Speisenvielfalt, doch dennoch hatte sie kaum Appetit, die Aufregung und das Unwohlsein schnürten ihr regelrecht die Kehle zu. Ein wenig Abseits standen einige Spielleute und Barden und spielten Tafelmusik auf.
Während des Essens richtete der Erzherzog das Wort an Roméro. "Ihr seid nicht vermählt, mein lieber Erbgraf, obwohl ihr bereits seit langem im heiratsfähigen Alter seid? Hat sich noch keine ansprechende Dame gefunden?" lächelte er dünn. Er hatte auch gut reden, hatte er doch zwei ansehnliche Söhne, die über ein großes Herzogtum gebieten würden, darüber hinaus sehr wohlhabend und von recht hoher Geburt waren, und jede heiratsfähige Tochter eines jeden Adeligen wäre glücklich und dankbar, ihn zum Manne zu bekommen. Jedoch nicht jene, auf welche die Wahl gefallen war. Roméro schüttelte den Kopf. "Nein, eure Durchlauchtigste Hoheit. Ich habe erst meine Schwertleite hinter mir. Bis dahin gab es keine Eile..." "Doch eure Eltern werden sich doch bereits umgesehen haben, oder etwa nicht?" Graf Gunther räusperte sich. Es stimmte, er hatte alle seine Erwartungen, Bestrebungen und Hoffnungen auf Valésia und ihre Bildung gesetzt, dass Roméro, solange er an einem anderen Hof war, absichtlich, oder auch unabsichtlich übergangen worden war. Es war ihm recht gewesen. Er legte keinen Wert auf eine Zweckehe, er liebte sein freies Leben. "Böse Zungen würden munkeln, ihr hegt kein Interesse für Frauen..." funkelte der Erzherzog ihn listig an. Roméro lächelte höflich "Ganz im Gegenteil, eure Durchlauchtigste Hoheit, ich liebe die Frauen! Ich liebe sie so sehr, dass es mir schwer fällt, mich für eine zu entscheiden!" "Aber eines Tages werdet ihr euch entscheiden müssen, denn euer Vater wird nicht jünger, und ihr gewisslich auch nicht, und selbst eure Grafschaft braucht viele gesunde männliche Nachkommen." "Gewiss, Hoheit..." senkte Roméro den Kopf.
Innerlich brodelte Roméro. Meriks erste Ehe war kinderlos gewesen, bis seine Frau verstorben war, und Vegos Ehe war es auch, waren sie doch schon elf Jahre miteinander verheiratet. Hinter vorgehaltener Hand munkelte man, dass die Söhne des Erzherzogs überhaupt keine Kinder zeugen konnten. Die beiden waren gewiss keine Kinder von Trauigkeit, und während es in anderen Grafschaften einen ganzen Haufen an Söhnen und Töchtern gab, und ebenso eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Bastarden, wurde die Burg Olathor von Seiten der erzherzöglichen Familie lange nicht mehr von Kindern bewohnt, auch, wenn die Erbprinzen sicher die eine oder andere Liebschaft pflegten, und diese Gerüchte gaben ihm zu denken. Er sorgte sich um Valésia. Ihr waren ganz gewiss keine acht Jahre Zeit beschieden, um dem Erbprinzen einen Sohn zu schenken. Man würde die Schuld bei ihr suchen, es waren immer die Frauen schuld, wenn der Kindersegen ausblieb und man suchte sich bald, sich ihrer zu entledigen, oder eine neue Ehefrau zu suchen. Valésia sollte es nicht so ergehen, zumal sie ohnehin nicht danach strebte, die Frau des Erbprinzen Meriks zu werden. Vielleicht wäre es besser für sie gewesen, wenn sie einen normalen Grafen aus einer der anderen Ländereien geheiratet hätte.
Nach einem langen Abend durfte Valésia sich endlich zurück ziehen. Sie war so entsetzlich müde, und ebenso verzagt. Erbprinz Merik hatte kaum drei Sätze mit ihr gewechselt, und so hatte sie die Zeit hauptsächlich damit verbracht, zu essen, zu schweigen und Wein zu trinken. Es waren mehr Becher Wein gewesen, als ihr Bruder ihr empfohlen hatte. Drei, oder waren es gar vier gewesen? Es war beinahe tröstlich, sich hinter dem Weinbecher zu verstecken, obgleich sie tunlichst vermied, dass es jemand bemerkte, wie viel Wein sie getrunken hatte. Bei Hofe bekam man schneller einen schlechten Ruf, als einen guten. Zusammen mit Malinda ging sie in ihr Gemach. Nachdem sie sich umgezogen, und bettfertig gemacht hatte, sprach ihre Hofdame sie an, nachdem sie ihre betrübte Miene bemerkt hatte. "Ein kummervolles Gesicht steht einer Komtess mit deiner Heiratsaussicht nicht gut, Valésia..." Ein gewisser Vorwurf und auch Ermahnung schwangen darin mit. Valésia erwiderte nichts darauf, und Malinda strich ihr über die Wange. "Wenn ihr erst einmal vermählt seid, wird sich alles ändern, glaube mir..." Traurig schüttelte Valésia den Kopf. "ich werde heute bei dir schlafen, mein Kind..." meinte sie, doch Valésia schüttelte erneut den Kopf. "Nein, Malinda... Ich möchte lieber alleine sein..." Verwundert vernahm die Hofdame diese Worte, so kannte sie Valésia gar nicht, doch sie nickte schließlich ergeben. "Ganz, wie du wünschst, Komtess... Ich wünsche dir eine angenehme Nachtruhe..." meinte sie ein wenig kühl, verneigte sich und verließ dann Valésias Gemach...
Zwillingsschwestern ❖
05.05.2013 '12:46 [4.580 Wörter]
 alerion saß an dem Tisch vor zwei leeren Krügen. Das Bier war schon längst ausgetrunken. Und wenn dem nicht der Fall gewesen wäre, dann wäre das Bier inzwischen wohl schal und warm geworden. Er starrte in das sterbende Feuer und sah der Schankmaid dabei zu, wie sie neue Holzscheite auf die Glut legte, um das Feuer am Leben zu erhalten. Ihr lockiges Haar hing tief in ihr Gesicht, so dass Valerion es nicht sehen konnte. Doch was er sonst so sehen konnte, gefiel dafür umso besser. Er ertappte sich dabei, wie er sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger um den Mund fuhr. Doch als er sich dessen bewusst wurde, da spreizte er seine Finger zu einem behelfsmäßigen Kamm auseinander und fuhr sich durch die Haare um sie nach hinten zu streifen. Seine Haare waren zwar nicht gar so lang wie die seines Freundes Endres, doch lang genug, dass sie ihm ins Gesicht hingen. Die Haare waren nicht gerade das, was man sauber nannte. Doch wen wunderte es, wenn man seit Wochen unterwegs war? Als er die Haare halbwegs gebändigt hatte, da sah er die Handfläche ein wenig skeptisch an. Die Haare waren versifft und fettig und so wischte er sich die Hand an seiner Hose ab.
Als die Schankmaid damit fertig war, die Holzscheite in den Kamin zu legen, wandte sie sich dem anderen zu. Mit nicht allzu eiligen Schritten ging sie in Richtung des zweiten Kamins und mit jedem Schritt wippte ihr Dekolleté, welches trotz der züchtigen Kleidung unverkennbar zu sehen war. Dieser Anblick zauberte Valerion ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht. Für einen Moment erwog er, noch ein weiteres Bier zu bestellen, doch er entschied sich dagegen. Eigentlich war er gar nicht so müde, nur etwas angeschlagen. Doch was sollte er sonst noch machen? Die Nacht war schon lange angebrochen und morgen hatten sie einen harten Ritt vor sich. Es wäre sicherlich klüger schlafen zu gehen. Doch er war nicht sonderlich müde, was ihn verwunderte, denn die Reise hier her war alles andere als angenehm gewesen. Verschlafen war er. Und in Gedanken versunken. Sein Geist dämmerte bereits weg, während sein Körper noch nicht nach dem Schlaf verlangte, den er so dringend brauchte. Und darum saß er noch an dem Tisch, alleine und schweigsam. Geistesabwesend spielte er mit dem Hölzchen, welches vor ihm auf dem Tisch lag. Und er fuhr mit der Kuppe seines Daumens immer wieder über den kleinen Bruch des Holzes. »Hrmpf«, schnaubte Valerion. »Elender Glückspilz ...«, murrte er ein wenig neidisch und griesgrämig und gedachte Endres, welcher sich wohl just in diesem Moment mit der drallen Schankmaid vergnügte. Und er saß hier in der leeren Schankstube und sinnierte ziellos vor sich hin. Er hatte das kürzere Hölzchen gezogen. Wie so oft. Wieder einmal, wie schon unzählige Male zuvor, beschlich ihn das dumpfe Gefühl, dass Endres irgendwie mogelte, wenn sie Hölzchen zogen. Auch beim Freiherren von Hartholm hatten sie Hölzchen gezogen. Doch nicht, weil sie sich nicht einig werden konnten. Nein. Seine Tochter war hässlich gewesen. Nunja. Nicht gerade hässlich. Aber auch nicht sonderlich schön. Ihr Vater jedenfalls schien sehr begierig darauf, sie so schnell wie möglich anzubringen. Selten hatten sie so leichtes Spiel mit dem Ergaunern einer Mitgift gehabt, wie mit diesem verzweifelten Vater. Er schien so froh gewesen zu sein seine Tochter endlich an einen Mann gebracht zu haben. Sie war jetzt nicht hässlich gewesen. Ihre Schönheit zeugte vielmehr von einer brachialen und einfachen Natur. Irgend ein Bauernlümmel würde sie sicher haben wollen. Doch der Freiherr war ja von blauem Blut. Wenngleich es auch sehr dünn war. Doch sobald auch nur ein Quent blaues Blut durch die Adern eines Mannes floss, hielt er sich für etwas besseres, und ein Bauer war dann nicht gut genug.
Doch auch bei ihr hatte Valerion den Kürzeren gezogen und Endres hatte sich ins Fäustchen gelacht. Oh, er konnte so widerlich sein, wenn er wollte. Manchmal fragte er sich, wie Endres nur ruhig schlafen konnte. Eigentlich hatte Valerion sich die Frage soeben selbst beantwortet. Er war nicht sonderlich müde. Aber schlafen wollte er auch nicht. Vielleicht weil er nicht schlafen konnte?
Seine Blicke glitten wieder zu der Schankmaid, welche gerade dabei war auch in den zweiten Kamin einige Holzscheite zu legen. Valerion drehte das gebrochene Hölzchen immer wieder zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her und starrte der Frau, welche da gebeugt vor dem Kamin stand, auf den Hintern und irgendwann wurden die Bewegungen seiner Finger immer langsamer. »Moment mal ...«, murmelte er und legte den Kopf ein wenig schief. Und so nahm er das Hölzchen und hielt er sich vor die Nase. Ja. Seine Erinnerung trog ihn nicht. Es war das kürzere! Und von Endres war weit und breit keine Spur. Doch warum war sie hier? Sein Blick glitt wieder zu der jungen Frau, welche sich gerade das Holzmehl der trockenen Baumrinde von den Fingern klopfte. »Verzeih.«, räusperte sich Valerion und errang so die Aufmerksamkeit der Frau, welche sich fragend zu ihm umsah. »Herr?« Valerion sah ihr tief in die Augen, bis sie den Blick leicht irritiert abwandte. Ja. Sie war es. Doch wo war Endres? War er gar eingeschlafen? In Valerions Augen blitzte der Schalk auf. Sein Pech. Er straffte sein Wams und stand schließlich von dem Stuhl auf, das Hölzchen ließ er auf dem Tisch liegen. Und so ging er zu der Schankmaid und als er vor ihr zum Stehen kam, da strich er sich erneut durch die Haare. »Verzeih die Frage. Doch ich habe eine lange Reise hinter mir. Und ...« Valerion wollte sagen, dass er schon lange nicht mehr das Bett mit einem wärmenden, weichen Körper einer so schönen Frau wie sie geteilt hatte. Doch irgend etwas in ihm sagte ihm, dass sie keine Frau war, die sich auf so plumpe Art und Weise in sein Bett locken ließ. Nein. Sie sah ihn erwartungsvoll an, als er inne hielt und schließlich räusperte er sich. »... nun, wir müssen morgen schon weiter. Doch es wäre wahrlich eine Wohltat ein Bad zu nehmen. Ich nehme nicht an, dass ihr hier einen Badezuber habt?« Da lächelte die Frau freundlich und nickte. »Doch, wir haben einen.« Valerion erwiderte ihr Lächeln und öffnete seine beiden Hände um sie ein wenig von sich weg zu richten. »Der Zuber steht dort hinten in der kleinen Kammer, neben der Küche.« Mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und ging in die gedeutete Richtung und Valerion folgte ihr unauffällig.
Die Kammer war wirklich klein. Der Zuber stand in der Mitte und eine offene Feuerstelle stand an der Wand. Auch hier prasselte ein Feuer und Valerion sah sich suchend um. Der Zuber war leer. Nur einige Leintücher hingen über den Rand hinaus. Und er war klein. Vielleicht würden gerade so zwei Personen in den Zuber passen, doch sonderlich bequem würde es nicht sein. Jedenfalls konnte Valerion sich das kaum vorstellen. »Es wird eine Weile dauern.«, murmelte sie und verschwand dann in der Küche. Ein wenig betreten stand Valerion da und starrte ihr nach, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwunden war. Valerion trat dann an den Zuber heran und begann zu grübeln. Er hatte es sich ein wenig anders vorgestellt. Doch was hatte er erwartet? Einen vollen Zuber mit dampfenden Wasser, der nur auf ihn gewartet hatte. Er schalt sich einen Narren. Natürlich war der Zuber leer und klein. Dies war ja auch kein Badehaus, sondern nur ein einsames Gasthaus an der Oststraße. Mitten im Winter. Nach einer nicht allzu langen Weile tönte die Stimme der Schankmaid aus der Küche. »Ich benötige etwas Hilfe.« Valerion sah sich irritiert um. Doch schnell wandte er sich von dem Zuber ab und eilte ebenfalls in die Küche.
Dort angekommen sah er sie an einer großen Schwengelpumpe stehen. Valerion kannte diese Pumpen noch aus Paltoria. Doch hier in Ariad hatte er bisher nicht sehr viele von ihnen gesehen. Die meisten Bauern förderten das Wasser noch mit einem Eimer aus tiefen Brunnen oder Zisternen. Sie hatte einen schweren, gusseisernen Kessel in der Hand und war gerade dabei diesen unter der Pumpe abzustellen. »Sie ist schon sehr alt und es ist sehr anstrengend ...«, begann sie und sofort ging ihr Valerion zur Hand. Er krempelte sich die Ärmel ein wenig hoch und umfasste dann den langen, eisernen Griff der Pumpe mit beiden Händen. Dann zog er den Hebel vor und schob ihn zurück und immer wieder, bis er schließlich das erste, leise Plätschern vernahm. Das Wasser unter der Erde war glücklicherweise nicht gefroren und so füllte sich langsam aber stetig der Kessel mit frischem, wenn auch sehr kaltem Wasser. Als er ihre Blicke auf sich spürte, da lächelte er innerlich. »Wie heißt du, wenn mir die Frage gestattet ist?«, fragte er, während er langsam ins Schwitzen geriet, denn die Pumpe war wirklich alt und schwerfällig. »Mein Vater hat mich Madria genannt.«, antwortete sie, während sie dabei war einige Kräuter und auch die Seife in der Küche zu suchen. »Madria. Ein schöner Name.«, säuselte Valerion. Der Kessel war inzwischen beinahe voll und so nahm er die Hände von dem Hebel und ließ das letzte Wasser tropfen, bevor er den Kessel mit beiden Händen an den beiden Ringen zur Hand nahm, welche jeweils rechts und links an dem schweren Ungetüm angebracht worden waren. »Mein Name ist Valerion.«, sagte er und ging vor dem Kessel ein wenig in die Hocke. Er ächzte und schnaufte, doch irgendwie vollbrachte er es den Kessel in die Höhe zu stemmen. »Valerion ...«, murmelte sie nur, doch sagte sie sonst nichts weiter dazu.
In der Kammer angekommen, hängte Valerion den Kessel über dem Feuer an der Kette auf. Das Feuer prasselte und knackte und Valerion wischte sich den Schweiß der Anstrengung von der Stirn. »Phu.«, seufzte er und in diesem Moment wünschte er sich, er wäre doch besser ins Bett gegangen. »Wir brauchen noch einen zweiten Kessel.«, sagte sie und deutete Valerion ihr in die Küche zu folgen. Innerlich rollte Valerion mit den Augen. Wenn all diese Strapazen nicht den Lohn einbrachten, der diese Mühe wert war, dann würde er Endres dafür die Schuld geben. Seine Gedanken schweiften in diesem Moment sogleich zu seinem Freund ab, der wohl in dem Bett lag und im Schlaf der Gerechten lag. Erneut hievte Madria einen Kessel unter den Zulauf und wieder begann Valerion das Wasser herauf zu fördern. Dieses Mal ging es ihm etwas leichter von der Hand, und als der zweite Kessel ebenso voll war, da trug er auch diesen wieder in die kleine Kammer. Madria, welche inzwischen schon voraus gegangen war, hatte damit begonnen die Seifenstücke und auch die Kräuter in dem bereits simmernden Wasser einzustreuen. »Wohin damit?«, ächzte Valerion und sah sich suchend um. In dem Raum war keine zweite Feuerstelle. »In den Zuber natürlich.«, flötete Madria lächelnd, als ob Valerion eine nicht gerade intelligente Frage gestellt hätte. Doch er tat wie ihm geheißen und als das Wasser in dem Zuber war da setzte er sich ein wenig erschöpft auf den hölzernen Rand. »Das Wasser ist gleich fertig.«, sagte sie und wandte sich an Valerion um. »Ich hole ein Tuch, zum abtrocknen.« Valerion nickte ein wenig matt und sah ihr mit verträumten Blicken nach, wie sie in die Stube ging, um ein großes Tuch zu holen. Er hielt einen Finger in das Wasser und es war angenehm warm. Doch dann gähnte er. Er war müde geworden. Hundemüde.
Dampf stieg von dem Kessel auf und das Wasser blubberte und kochte. Valerion nahm zwei dicke Tücher von dem Zuber und wickelte seine Hände darin ein. Dann nahm er den Kessel vom Feuer und zog ihn vorsichtig von der Feuerstelle. Nun musste es schnell gehen. Er wollte sich nicht an dem Kessel verbrennen und so huschte er mit schnellen, kurzen Schritten zu dem Zuber und stellte den Kessel an dem Rand ab. Mit Schwung leerte er das Wasser hinein und sofort zischte und rauchte es. Das kalte Wasser, welches sich bereits in dem Zuber befunden hatte, kühlte das kochend heiße Wasser auf eine angenehme Temperatur herab und die Blüten und Kräuter schwammen in dem kleinen Strudel, welcher sich gebildet hatte, wild umher. Als Valerion den Kessel abgestellt hatte, trat Madria mit einem kleinen hölzernen Becher an ihn heran. Dankend nahm er ihn an sich und führte ihn zu seinen Lippen. Als der Inhalt seine Lippen benetzte da runzelte er überrascht die Stirn. So überrascht, dass er den Becher nochmals von den Lippen nahm. »Wasser?«, fragte er und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Doch in dem Wasser war eine feine Nuance von etwas anderem. »Mit Apfelsaft.«, flüsterte Madria verschwörerisch und Valerion begann zu lächeln. Es war ein einfaches Getränk. Doch das Wasser war erquickend kühl, und die fruchtige Note des Apfelsaftes war ein angenehmer Nachgeschmack. Er schloss die Augen und genoss jeden einzelnen Schluck dieses wohlschmeckenden Wassers, als ob er noch nie in seinem Leben Wasser mit Apfelsaft getrunken hätte. Doch da war noch etwas anderes in dem Wasser gewesen. Er rieb sich die Augen um die aufkeimende Müdigkeit hinfort zu scheuchen. Doch er gähnte erneut. Er konnte es nicht mehr aufhalten.
Madria rieb das Stück Seife. In einer Hand hielt sie die Seife und in der anderen einen groben Lappen, um auf diese Weise ordentlich viel Schaum zu erzeugen. Und während sie sich abmühte, starrte Valerion nur. Unverhohlen. Ihr Körper bewegte sich in rhythmischen Bewegungen. Vor und zurück. Auf und ab. Seife tropfte in das Wasser und trübte es zusehend in milchiger Farbe und Valerion kam nicht umhin diese mit einer wachsenden Faszination anzustarren. Sie stand leicht vornüber gebeugt. Valerion lehnte sich gegen die Wand und ließ seinen Zeigefinger immer wieder auf und ab wandern, während er Madria dabei zusah, wie sie die Seife bearbeitete. Ihr Kleid war an ihrer Hüfte und an ihrem Gesäß gespannt und, ohne es zu ahnen, offenbarte sie ihren prallen Hintern. Und als Valerion den Kopf zur Seite neigte, sah er auch, die tanzenden und hin und her schwingenden Bewegungen ihres Kleides, die von den ihrem vollen Busen herrührten. »Das Wasser ist nun soweit, Herr.«, säuselte Madria und lockte ihn mit ihrem Zeigefinger zu sich. Wie eine gebannte Marionette trat er langsam auf sie zu. Den leeren Becher ließ er einfach fallen. Als er an dem Zuber angelangt war, da stützte er sich an dem Rand ab, welcher mit Leintüchern ausgelegt war, und beugte sich zu ihr herüber. Doch je weiter er sich ihr näherte, desto mehr hatte Valerion den Eindruck, sie würde sich vor ihm zurückziehen. Sie sagte kein Wort. Doch der Zauber des Moments hatte Valerion gänzlich umfangen. Valerion schloss die Augen und gab ihr einen sachten Kuss und Madria erstarrte. Valerion bemerkte, wie sie den Atem angehalten hatte, und wie ihr Körper leicht zu zittern begann. Valerion lächelte wissend. Ja, diesen Moment galt es auszukosten. Valerion dachte in dem Moment nicht einmal daran, ob sie jemals in ihrem Leben geküsst wurde. Er kam sich ein wenig einfältig vor, angenommen zu haben, dass sie die Unschuld vom Lande wäre. Er hatte schon so lange keine Frau mehr gehabt, dass sein Gemächt seine Hose zu zerreißen drohte. Doch dann durchdrang ein schallender Laut die Ruhe der Kammer. Valerion riss die Augen auf und weitete erschrocken die Augen. Seine Wange brannte wie Feuer und Madria war einen Schritt zurück getreten. Sie hatte ihm eine kräftige Ohrfeige verpasst. Verdattert starrte er sie an und seine Blicke wechselten immer wieder zwischen ihrer Hand und ihren entrüsteten Blicken hin und her. »Verzeih.«, stammelte er und er spürte wie sein Kopf hochrot geworden war. »Ich...ich habe angenommen.« Er schüttelte den Kopf und begrub sein Gesicht in seiner Hand. »Es ist wohl besser ich gehe...«, schlug er vor und Madria sog die Luft tief ein und nickte vorsichtig, während sie ihn weiterhin mit skeptischen und zugleich entrüsteten Blicken bedachte. Wie ein scheues Reh, dass mitten auf der Straße stand und sich nicht wagte zu bewegen. Valerion sah sie an und nun mischte sich zu seiner Schamesröte auch noch ein eiskalter Schauer der ihn vom Schopf bis zu den Füßen überkam. Er ertrug den Anblick nicht mehr und wandte sich schließlich von ihr ab. Was für ein Debakel! Er blieb einen Moment lang stehen und hielt sich am Türrahmen fest. »Ich entschuldige mich, in aller Höflichkeit.« Er senkte den Blick und seufzte. »Ich hoffe, du wirst deinem Vater davon nicht berichten?« Er biss sich auf die Lippen. Das klang ja schon beinahe wie eine Drohung. Erneut schüttelte er den Kopf und wandte sich. Doch dann legte sich eine Hand auf seinen Oberarm. Sie war an ihn herangetreten und ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Doch sie sagte kein Wort. Er stand einfach nur da, hin und hergerissen zwischen Reue und Scham und wusste nicht was er sagen sollte. Und sie sagte auch nichts. Doch der Griff ihrer Hand um seinen Arm wurde ein wenig fester. Valerion wandte sich wieder zu ihr um und sie ließ ihn schließlich los. »Es wäre doch Schade um das Bad.«, meinte sie und huschte dann an ihm vorbei und ließ ihn, ohne dass er darauf etwas erwidern konnte, einfach allein in der Kammer zurück.
Wie ein getretener Hund glitt Valerion in den heißen Badezuber, bis nur noch seine Nase knapp über dem milchigen Wasser herausragte. Er verfluchte sich, seine Dummheit und sein Pech. Und dann verwünschte er Endres. Oh, dieser Hund! Er musste es geahnt haben, dass diese Frau ein heißes Eisen war. Und darum hatte er sich schlafen gelegt und ihn in die Falle laufen lassen! Die wohltuende Wärme des Wassers vermochte er kaum zu genießen. Er sank noch etwas tiefer in den Zuber, bis er schließlich ganz darin versunken war und am liebsten wäre er nie wieder aufgetaucht.
Am nächsten Morgen erwachte Valerion beinahe wie ein neuer Mensch. Mit einem leeren Blick lag er im Bett und starrte an die Decke. »Na? Gut geschlafen?«, fragte ihn Endres mit einem ziemlich breiten Grinsen auf dem Gesicht. »Sehr gut sogar.«, murmelte Valerion doch insgeheim verwünschte er Endres. Er war so vergnügt und gut gelaunt! Sicher hatte er keine Ohrfeige bekommen! Und da verzog er eine mürrische Miene und erhob sich langsam aus dem Bett. »Du riechst nach Blumen.«, kommentierte Endres nur und begann neugierig zu grinsen. »Hast du gestern noch gebadet?«, fragte er ein wenig erstaunt und Valerion nickte nur. »Gebadet, in Selbstmitleid und Seifenwasser.« Endres sah ihn fragend an, doch Valerion schwieg. Endres würde nur beleidigt sein, dass er alles verschlafen hatte, obwohl er doch das längere Hölzchen gezogen hatte. Nicht auszudenken, er hätte seine Schmach gesehen. Er würde tagelang von nichts anderem mehr reden und ihn bei jeder, sich bietenden Gelegenheit, damit aufziehen. Nein, dieses Wissen würde er mit ins Grab nehmen. Das schwor er sich im Stillen. »Wenn ich gewusst hätte das es hier einen Zuber gibt, hätte ich auch noch ein Bad genommen.«, murmelte Endres und Valerion legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann nimm doch jetzt noch eines, bevor wir weiter ziehen.«
Gemeinsam gingen sie die Stiegen zur Schankstube hinab, während Endres voran ging und Valerion ein wenig hinter ihm. »Ah, guten Morgen Jalina.«, flötete Endres fröhlich und Valerion hob die linke Augenbraue. Jalina? Valerions Blicke fielen auf die Schankmaid, welche wie gestern Abend schon ihre weiße Schürze umgebunden hatte, und auch ihre haselnussbraunen Locken, welche ihr Gesicht regelrecht einrahmten, waren die selben wie letzten Abend auch. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, da kam eine zweite Frau aus der Küche. Und sie glich Jalina wie ein Ei dem anderen. Madria lächelte schüchtern und verlegen, als sie Valerion sah, und wandte sich dann rasch von ihm ab. Doch das lag zweifelsohne nur daran, dass auch der Wirt, ihr Vater im Raum zugegen war. Valerions Blicke huschten zum Vater, doch dieser schien sie nicht sonderlich zu beachten und insgeheim sandte er ein Stoßgebet des Dankes an das Schicksal. Immerhin hatte sie ihn nicht verraten. Nicht auszudenken, wenn er nun Hals über Kopf aus der Schenke hatte flüchten müssen.
Nachdem Endres ebenso sein Bad genommen hatte, wenngleich es auch nicht so tiefgreifend war, wie jenes, welches Valerion am Abend zuvor hatte, schickten die beiden falschen Adeligen sich an weiter zu reisen. Mit dem ergaunerten Geld vom Freiherren von Harthall kauften sie sich einige Räucherwürste, etwas Brot, einen Kanten Käse und Schnaps. Viel Schnaps. Nicht weil er so gut war, oder sie diesen so mochten. Doch konnte Schnaps, wenn man im tiefsten Winter auf weiter Flur war, einen zumindest von innen wärmen. Und das war wahres Gold wert. Und der Schnaps war billig. Ein nicht von der Hand zu weisender Umstand. Für die Pferde erstanden sie nur zwei dicke Wolldecken, auch wenn diese schon weitaus bessere Tage gesehen hatten. Valerion hätte sich noch gerne etwas Tabak oder Pfeifenkraut gekauft, doch so etwas hatte der Wirt nicht auf Lager. Valerion saß noch lange kopfschüttelnd auf dem Pferd, als das Haus schon weit hinter ihnen lag. »Wie kann man nur kein Pfeifenkraut haben?«, murmelte er verständnislos und Endres musste lächeln. »Mir schmeckt das auch nicht. Also wundere dich nicht weiter. In Tárhjart gibt es sicher etwas. Wenn nicht dort, dann nirgends in ganz Olathor.« Valerion runzelte ob dieser Worte skeptisch die linke Augenbraue. »Ich hoffe doch nicht ...« Er tastete seinen kleinen Beutel ab und seufzte kurz darauf. Er hatte nichts mehr. Nicht einmal mehr genug für eine winzige kleine Pfeife. Endres schwieg. Er war froh, dass Valerions reservierte Haltung ihm gegenüber wohl verflogen war. Vielleicht hätte er der Schankmaid auch dafür danken sollen. Er schmunzelte bei diesem Gedanken.
Sie hielten sich nun auf der Straße. Seit der letzten Nacht hatte es nicht mehr geschneit, und man konnte noch die Wagenspuren im Schnee erkennen. Wagenspuren und Pferdehufe. Der Tross aus Aramajé. »Sie sind schneller als wir gewesen. Obwohl die Straße so zugeschneit war.«, murmelte Endres und Valerion nickte. »Scheint so. Doch auf offener Straße hätten die Pferde niemals bis zum eisernen Mann durchgehalten. Sie wären erfroren oder verhungert.« Doch nicht nur die Wagenspuren waren zu sehen. Auch die Sternenberge ragten am Horizont empor, und das mächtige Weltengebirge dahinter reckte sich hoch in den Himmel. Die Schneeflocken und der Nebel, welche diese beiden Gebirgszüge noch am gestrigen Tage verdeckt hatten, versperrten nicht mehr die Sicht und dadurch fiel es den beiden umso leichter, sich wieder an diesem allgegenwärtigen Felsmassiv zu orientieren.
Die Tage vergingen. Und die trostlose, weiße Landschaft - so malerisch schön sie auch war - schien kein Ende zu nehmen. Doch je näher sie dem Wehrgebirge kamen, desto zuversichtlicher wurden sie. Die Nächte waren besonders hart. Sie hätten die Pferde schonen müssen. Doch unter freiem Himmel im tiefsten Schnee zu übernachten hätte für sie alle den Tod bedeutet. Und so versuchten sie im Sattel zu schlafen und wechselten sich in der Nacht dabei ab. Valerion schien dies leichter zu fallen als Endres. Er konnte nicht auf dem Rücken eines Pferdes schlafen. Das Schaukeln brachte ihn um den Verstand. Und jedes Mal wenn er kurz davor war in den tiefen Schlaf hinab zu gleiten, drohte er beinahe vom Pferd zu fallen. Doch irgendwann übermannte ihn die Müdigkeit und er hing im Sattel wie ein Toter. »Da! Tárhjart!«, rief Valerion und riss Endres aus einem unruhigen Halbschlaf. Sie hatten die große Stadt, das Herz des Fürstentums Olathor, endlich erreicht. Und kein Tag zu früh. Ihre Vorräte, welche sie in dem Wirtshaus gekauft hatten, waren allesamt verbraucht. Sogar der Schnaps. Ihre Glieder waren steif und unterkühlt und die Pferde schnaubten und schnauften. Viel mehr hätte es nicht gebraucht und die Pferde wären vermutlich verendet. Und mit ihnen wohl auch die beiden Herzensbrecher. Was für ein unrühmliches Ende wäre das für diese beiden Halunken nur gewesen. Erfroren im ariadischen Winter. Begraben unter dem Schnee des Dul. Vergessen in einem Land so fern ihrer Heimat. Und höchstens die Leichenfledderer und die Aasfresser würden sich über ihre Leichname freuen. Denn, sie hatten nicht nur die goldene Spange der Komtess im Gepäck, sondern auch eine schwere Handvoll goldener Königskronen.
Der Morgen graute, und vereinzelte Lichter flackerten am Fuße des Wehrgebirges. Die ersten Bauern waren zweifelsohne schon längst auf den Beinen, um ihrer mühsamen Tätigkeit nachzugehen. Hier und passierten sie bereits das eine oder andere Bauernhaus. Neugierige Köpfe lugten aus den Türen, oder den wenigen Fenstern, welche diese Häuser hatten. Zumeist waren es die Köpfe von alten Weibern oder Kindern. Doch Endres und Valerion schenkten ihnen keine sonderliche Aufmerksamkeit. Sie waren von Adel. Und der Adel behandelte die Bauern zumeist mit herablassender Gleichgültigkeit. Die Häuser wurden immer mehr, doch war kaum jemand auf der Straße. Das hatte der Winter so an sich. Die Familien blieben in ihren gut beheizten Stuben und gingen nur vor die Tür wenn es unabdingbar war. Wenn das Essen oder das Feuerholz zu Neige ging. Wen ihnen keine andere Wahl blieb, als sich dem todbringenden Dul zu stellen. Umso neugieriger waren die Leute, dass dort tatsächlich zwei Reiter, hoch zu Ross, von der Oststraße her kamen. Vermutlich hatte der Tross aus Aramajé noch weit mehr Aufsehen erregt, als heute die beiden Herren von augenscheinlich hoher Geburt.
Schließlich rückte die mächtige Wehrmauer der Stadt Tárhjart immer näher, und wurde mit jeder Meile, die sie der Stadt näher kamen ein Stück weiter in die Höhe. Die hohen Türme der Festung Olathor, welche am Südhang des Wehrgebirges errichtet worden war, waren selbst von hier schon gut zu erkennen. »Wahrlich eine mächtige Burg.«, raunte Endres ehrfürchtig und auch Valerion nickte. »Wie sollen wir sie in dieser großen Stadt nur finden?«, grübelte Endres doch Valerion brachte sein Pferd neben das seine und legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Ich habe da schon eine Idee.«
Als sie das Burgtor erreichten, da kreuzte die Stadtwache vor ihnen die Lanzen. »Keine Pferde dürfen in die Stadt!«, blaffte einer der Wachleute und sah zuerst zu Valerion und dann zu Endres. »Unerhört!«, rief Endres lauthals und mit gespielter Empörung. »Ich bin Ser Wigald, Graf von Greifenstein. Ich gehe doch nicht zu Fuß über den gleichen Boden wie das gemeine Gesindel!« Die Wachposten wechselten unschlüssige Blicke zueinander, doch die Lanzen blieben gekreuzt. »Verzeiht, Ser« Der Mann sprach den ritterlichen Titel mit einem Hauch von Ehrerbietung aus, obwohl Endres zugleich das Gefühl hatte, dass er damit nur den Spott kaschieren wollte. »Aber wir haben strikte Anweisungen von unserem Herrn, dem Erzherzog von Olathor.« Ja Endres hatte den Wink verstanden. Was war schon ein Graf im Vergleich zu dem Erzherzog. Man müsste schon ein König sein, oder gesalbte Ritter, um das Privileg zu erhalten in eine Stadt einreiten zu dürfen. Doch Endres war weder das eine, noch das andere. Und so ließ er sich aus dem Sattel gleiten und nahm sein Pferd an den Zügeln. »Dort!«, deutete der Wachposten und lenkte sowohl Endres' als auch Valerions Aufmerksamkeit auf die Stallungen, vor den Toren. »Habt Dank, guter Mann.« Valerion nickte den Stadtwachen ergeben zu, bevor er Endres zu den Stallungen folgte. Es konnte nie schaden, sich mit der Stadtwache gut zu stellen. Ja. Endres musste seine Rolle spielen. Doch ebenso spielte Valerion die seine. Und er war kein Ritter. Nur ein Knappe.
Die Standgebühr für die Pferde war erstaunlicherweise recht gering. Sie hatten schon weit mehr zahlen müssen, um die Pferde in den Stallungen unterbringen zu dürfen. Denn dies war nicht die erste Stadt, die ihnen den Zugang mit dem Pferd versagt hatten. Um zwei silberne Heller erleichtert näherten sie sich erneut der Stadtmauer, und die Wachen nickten ihnen ernst, aber nicht unfreundlich zu. Als sie endlich in der Stadt waren, da lenkte Endres sofort seine Aufmerksamkeit auf die Burg. »Wir sollten zuerst bei Hofe vorsprechen.«, schlug Endres vor. Doch an Valerions Miene erkannte er, dass dieser nicht sonderlich erbaut davon war. »Ich würde lieber erst etwas warmes zu mir nehmen. Und vielleicht etwas Pfeifenkraut erstehen ...«
Eine ungewöhnliche Bitte ❖
05.05.2013 '23:58 [2.122 Wörter]
 alésia saß im Erker und starrte auf das Schneetreiben. Ein Wind war aufgekommen und trieb die Schneeflocken vor sich her. Durch die Ritzen zwischen Mauer und Holzrahmen pfiff und heulte der Wind. Das schneebedeckte Wehrgebirge wirkte matt unter der Wolkendecke, ganz anders noch als heute Morgen, als die Sonne die Gipfel zuerst in zartes rosa tauchte, und später schließlich wie Gold glänzen ließ. Die junge Frau sah zu, wie sich der Schnee außen in den Ecken der gläsernen Scheiben, sowie auf den Glasunterteilungen des Steinkreuzfensters absetzte, und fuhr mit der Fingerspitze von innen über die Eiskristalle, welche sich an den Scheiben gebildet hatte. Je näher sie sich der Fensterscheibe kam, desto kühler war es, als es im Erker ohnehin bereits war, und ihre Finger waren bereits kalt , weil sie sie so lange an den Scheiben hatte ruhen lassen. Als sie ihre Hände wieder zurück zog, hatten sie kleine, ölige Fingerabdrücke hinterlassen. Schuldbewusst betrachtete sie diese, zog schließlich ein besticktes Tüchlein hervor und rieb solange über die Tapser, bis diese nicht mehr zu sehen waren. Sie hatte eine Stickarbeit, welche in einem hölzernen Rahmen gespannt war, weggelegt und starrte darauf. Es war ein farbenfrohes Blumenbouquet mit Plattstichen gesetzt, und obwohl der Winter gerade erst begonnen hatte, sehnte sie sich nach dem Frühling und dem Sommer.
Zuhause hatte sie ein Fenster gen Nordwest, und konnte von ihrem Gemach die Bernsteinstadt überblicken. Und auf der anderen Seite, an der auch ein kleines, erhöhtes Fenster war, konnte sie die Insel Ar'athu sehen, und weiter noch, bis zu Horizont des immer tiefblauen Meeres. Hier gab es kein Meer. Hier gab es nur die weite Flur und die mächtige Gebirgskette des Wehrgebirges, und irgendwo, auf der anderen Seite der Burg, gab es noch, so hörte sie, den Fluss der Tränen, doch dieser war so weit entfernt, dass man ihn von der Burg Olathor aus nicht sehen, geschweige denn erahnen konnte. Dieser mündete in den See der Tränen. Irgendwie klang dies alles sehr schwermütig, und obwohl Valésia bei weitem nicht abergläubisch war, deutete sie dies beinahe schon als schlechtes Zeichen.
Valésia hob den Kopf, als sich plötzlich die Türe öffnete und eine ganze Menge von Zofen, Mägden, und Frauen herein liefen, die sie nicht kannte und schlussendlich folgte dem Frauenschwarm auch ihre Mutter. Die Komtess trat aus dem Erker heraus, und ging einige Schritte nach vorne. Die Frauen, mit Ausnahme von ihrer Mutter, verneigten sich vor ihr. "Valésia.. " begann ihre Mutter und trat an ihre Tochter heran. "Mutter..." erwiderte diese und blickte ihre Mutter fragend und erwartend an. "Die Schneiderinnen sind gekommen. Dein Trauungskleid sollte nun endlich genäht werden, es ist höchste Zeit, mein Kind..." Wie auf Kommando traten durch die Türe einige Lakaien, die haufenweise Stoffballen anschleppten. "Wo sollen wir die Stoffe hinlegen, Gräfin?"erkundigte sich einer von ihnen. Diese zuckte die Schultern und ließ ihre Blicke suchend durch das Gemach schweifen. "Meinetwegen auf das Bett, aber auf keinen Fall auf den Boden, verstanden?" befahl diese und wandte sich schließlich wieder ihrer Tochter zu. Der Erzherzog hat die feinsten Stoffe kommen lassen..." erklärte sie ihr begeistert. "Such dir welche aus, doch zuerst soll man dich vermessen..." meinte sie und winkte eine der Frauen, welche Valésia nicht kannte, zu sich heran. Diese verneigte sich vor der Komtess und Valésia erwiderte den Gruß mit einem Kopfnicken. "Die Gewandnäherinnen des Erzherzogs..." erklärte Gräfin Aurelia. "Darf ich?" fragte die Schneiderin Valésia und streckte ihr die Arme aus. So gleich begann sie die Armspannweite, die Körpergröße und sämtliche anderen relevanten Maße abzunehmen und diktierte diese einer anderen Schneiderin, welche sich diese notierten. "Jetzt zu den Stoffen... Der Erzherzog hat genaue Vorstellungen, die das Kleid aussehen soll, und wir haben alle Stoffe, die sich dafür eignen, mitgebracht. Komtess kann nun auswählen..." meinte die andere Schneiderin und führten Valésia an das Bett, wo die Stoffe ausgebreitet wurden, damit Valésia sie besser betrachten konnte. Ausschließlich edle und kostbare Stoffe gab es da, und Valésia schwirrte der Kopf. Schließlich entschied sie sich für einen edlen, hauchfeinen, bestickten Batist für das Unterkleid, und das Oberkleid würde aus weißem Silberbrokat werden, der aus reiner Seide gewebt war. Gut genug für eine Königin... "Eine ausgezeichnete Wahl, Komtess..." lobte eine der Schneiderinnen die Auswahl, und so schnell, wie sie gekommen waren, so waren sie auch wieder aus dem Gemach gerauscht.
Zurückgeblieben war ihre Mutter. "Heute findet das Geburtstagsfest des Erbprinzen statt", erinnerte sie Valésia. Diese nickte. "Bist du fertig, mit den Hemden für deinen zukünftigen Gemahl?" Erneut nickte Valésia. Ihre Mutter forderte "Hol sie hervor, und zeig sie mir, ich will sie prüfen, ob du sie gut genäht hast..." Valésia trat an eine der Kleidertruhen heran und holte einen kleinen Stapel sorgsam zusammengelegter Hemden heraus und trug sie zu ihrer Mutter. Diese nahm das oberste Hemd von dem Stapel,faltete es auseinander und begann es prüfend und akribisch zu betrachten, und auf Fehler zu untersuchen. Als sie damit fertig war, nickte sie und faltete schließlich eines nach dem anderen auseinander, um sie derselben Prüfung zu unterziehen. Als sie fertig war, nickte sie zufrieden und ließ die Hemden achtlos auf dem kleinen Tisch liegen. "Das hast du sehr gut gemacht, Valésia, ich bin sehr zufrieden mit dir. " "Danke, Mutter..." erwiderte Valésia und blickte ihre Mutter an, welche sie Augenschein nahm. "Du siehst wunderbar aus, mein Kind, ich bin sehr stolz auf dich, wie weit du es gebracht hast. Wenn deine Kinder auch zu solch bildhübschen Menschen heranwachsen, könnten sie noch höher steigen. Wer weiß, vielleicht wird einst ein Königssohn um sie freien.." Die Gräfin sprach die Worte aus, als beneidete sie ihre Tochter, dass sie selbst es nur zu einer Gräfin gebracht hatte, die stets kriechen und buckeln mussten, um die Gunst des höher gestellten Adels zu erhalten. Valésia indes begann, die Hemden wieder zusammen zu legen, und verstaute sie schließlich wieder in der Kleidertruhe. "Ich werde Malinda nach dir schicken lassen" begann sie schließlich. "Sie soll dich für den Abend hübsch machen..." meinte sie schließlich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann verließ sie Valésia wieder.
Die Komtess trat auf den Balkon in ihrem Gemach. Es war eiskalt und Valésia versank beinahe knöchelhoch mit ihren Schuhen im Schnee, der sich abgesetzt hatte. Sie wischte den Schnee, der sich auf der Brüstung abgesetzt hatte, beiseite und betrachtete ihre Hände, die sehr bald rot und kalt wurden, nachdem sie die ganze Brüstung von seiner Schneedecke befreit hatte. Nun stützte sie sich mit den Händen auf der Brüstung ab, und lehnte sich ein wenig nach vorne und blickte nach unten. Wie tief ging es nach unten? Vielleicht fünfzehn Fuß? Wenn man fiel, würden diese fünfzehn Fuß sicher todbringend sein, gab es unter dem Balkon doch nur felsiges Geröll. Über den Himmel zogen immer wieder vereinzelte Raben und kleine Rabenschwärme. Ab und zu konnte man auch einen Greifvogel ausmachen, der seine Kreise zog, oder in der Luft mit den Flügeln auf derselbenStelle flatterte, und sich nach einem Beutetier umsah. Valésias Körper begann zu zittern, und so schlang sie die Arme um ihren Körper und verharrte so noch eine Weile. Sie hätte es weitaus interessanter gefunden, wenn ihr Ausblick über der Stadt Tárjhart gewesen wäre, anstatt immer nur die Einöde überblicken zu können. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und wandte sich um, um wieder hinein zu gehen. Sie erschrak, als sie Malinda plötzlich sah. "Valésia, geh weg da von der Brüstung, du machst mich ganz nervös..." meinte sie, trat auf den Balkon und schob die Komtess wieder in ihr Gemach. Dann verschloss sie noch die hölzernen Türen und wandte sich dann schließlich an Valésia. "Hast du den Erbprinzen heute schon zu seinem Geburtstag deine besten Wünsche überbracht?" Valésia schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe den Erbprinzen heute noch nicht zu Gesicht bekommen, er war des morgens nicht bei Tisch, Roméro hat mir erzählt, der Erzherzog, Erbprinz Merik und sein Bruder Vego haben sich schon sehr früh der Jagd angeschlossen. Sie sind in den nahen Lichterwald geritten, man soll dort einen sehr großen Hirschen umher streifen gesehen haben." Malinda nickte "Komm, ich werde dich zurechtmachen. Hast du dir schon ein Kleid ausgesucht? Valésia nickte "Ich werde das Dunkelgrüne anziehen." "Eine gute Wahl..." meinte ihre Hofdame und machte sich daran, das Kleid aus der Kleidertruhe zu holen. "Du solltest noch baden, Valésia..." erinnerte sie die alte Frau. "Haben wir denn noch soviel Zeit" gab Valésia zu bedenken und Malinda überlegte einen Augenblick. "Nein, du hast Recht, naja dann wasch dich eben nur. Es ist ja nur ein Geburtstagsbankett und nicht ein Hochzeitstag..." Während sie in der Truhe umher kramte, rief sie zu der jungen Frau "Ich habe endlich das Rosenwasser, und das Rosenöl gefunden. Soll ich dir etwas davon in dein Waschwasser träufeln?" Die Komtess nickte. Sie liebte den Duft der Rosen, außerdem hielten diese Essenzen die Haut frisch und duftend. Nachdem sie sich gewaschen und umgezogen hatte, meinte Malinda "Wir haben noch einen Augenblick Zeit, bevor wir hinunter gehen. Nun sag mir, was war denn gestern los mit dir? Du warst so verstimmt..." Valésia errötete "Nein, es ist nur... Ich wollte einfach alleine sein, Malinda, ich bin doch kein Kind mehr, ich brauche nicht die ganze Zeit Gesellschaft. Und in weniger als zwei Wochen bin ich eine verheiratete Frau. Dann werde ich auch alleine schlafen müssen, ohne meine Anstandsdame..." Malinda seufzte, doch wusste sie, dass Valésia recht hatte. "Und dann brauchst du mich nicht mehr..." Die Komtess lenkte ein "Doch, Malinda, du bist mir die beste Freundin, die ich nur habe. Ich brauche dich stets an meiner Seite..."
Die lange Tafel im Thronsaal war festlich geschmückt und gedeckt. Viele geladene Gäste hatten sich eingefunden, zum Geburtstag des Erbprinzen Merik von Olathor. Doch hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass viele der Gäste eher neugierig auf die Braut des Erbprinzen, deren Ruf über ihre Schönheit und ihren Liebreiz ihr weit vorauseilte, denn am Geburtstag von Merik teilzunehmen. Inzwischen war die Jagdgesellschaft wieder in der Burg angekommen und Valésia saß zur rechten des Erbprinzen Meriks an der Tafel. Er war heute besonders gut gelaunt und reizend, was neben seinem Festtag wohl daran lag, dass er den Hirschen erlegt hatte. Dass er ein ausgezeichneter Jäger war, weitaus besser, als sein Bruder Vego, war allseits bekannt. Er sprach an diesem Abend sehr viel mit Valésia, erzählte ihr von sich, dem Herzogtum, und was ihn noch so alles beschäftigte, er bewunderte, so weit ein Mann dies eben vermochte, die traditionellen Hemden, welche Valésia in mühevoller, zeitintensiver Arbeit für ihn genäht hatte, und forderte sie immer wieder auf, mit ihm anzustoßen, so dass sie im Laufe des Abends vier Becher Wein getrunken hatte, mehr durfte es nun nicht mehr werden! Schließlich eröffnete er ihr "Es ist Tradition, dass am Geburtstag der Erzherzoges, oder der Erbprinzen Nahestehenden ein dringender Wunsch oder eine Bitte erfüllt wird. Und da ihr ja schon so gut wie meine Ehefrau seid, will ich auch euch einen solchen gewähren. Was immer ihr euch ersehnt, sprecht es aus, und ich will es euch geben..." Valésia überlegte einen Augenblick. Es gab nichts, das sie begehrte, sich wünschte, oder benötigte. Sie war rundum zufrieden. Doch, eine Sache gab es da... Sie räusperte sich und sprach "Das ist sehr großzügig und freundlich von euch. Ich hoffe, meine Bitte wird euch nicht nicht verstimmen." Neugierig wandte er sich ihr zu, und legte ihr sogar seine Hand auf die ihre, die auf dem Tisch, neben ihrem Teller ruhte und meinte beschwichtigend "Was kann das wohl sein? Sprecht, ich bin wirklich neugierig..." Schließlich fasste sie sich ein Herz und meinte "Seit ich mich erinnern kann, war ich immer und den ganzen Tag von Menschen umgeben. Ich sehne mich ein wenig nach Ruhe. Ich würde mir wünschen, ihr gewährt mir, dass ich jeden Tag eine, oder zwei Stunden für mich alleine habe. Wenige Stunden, die nur mir gehören, und die ich verbringen kann, wo immer ich will..." Sie senkte den Kopf, während sie sprach, und der Erbprinz hörte ihr aufmerksam zu. "Eine ungewöhnliche Bitte... Meine erste Frau erbat sich immer Schmuck und Tand, Kleider, ein neues Reitpferd... Und euch verlangt es nicht nach solchen Gütern?" Valésia schüttelte den Kopf. "Nein, mein Prinz... Mich verlangt es nach nichts dergleichen. Ich habe alles, was ich benötige, und noch viel mehr..." "So sei es, ich gewähre euch diesen bescheidenen Wunsch..." Ab dem morgigen Tag gewähre ich euch jeden Tag zwei Stunden, in denen Euch niemand stören darf, niemand, ja selbst nicht einmal mein Vater, und auch ich werde euch dann nicht aufsuchen." Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. Valésia lächelte und sagte "Ich danke euch,für eure Großzügigkeit, mein Prinz..." Und sie dachte bei sich dass er eigentlich nicht mehr so schrecklich wirkte, wie noch vor wenigen Tagen. An diesem Abend ging sie glücklich und zufrieden zu Bette...
In der Höhle des Löwen ❖
07.05.2013 '00:52 [1.912 Wörter]
 árhjart war eine wahrlich beeindruckend, große Stadt. In ganz Ariad gab es nur wenige Städte, welche sich mit der Größe Tárhjarts messen konnten. Und die Burg Olathor stand über der Stadt, oder die Stadt lag vielmehr der Burg zu Füssen, gleich einem allzeit wachsamen Wachturm. Nur war dieser Turm beachtlich groß. Mehre Wehrtürme und eine Mauer so hoch, dass man den Hals in den Nacken legen musste, um die Zinnen sehen zu können. Man konnte sich beinahe erschlagen fühlen, von der autoritären Präsenz dieser Mauern. Überall in der Stadt standen Türme. Runde Türme, eckige Türme. Türme mit Zinnen bewehrt, oder mit einem runden, kegelförmigen Spitzdach. Sogar Türme, an deren oberen Ausläufern weitere, kleinere Türme angebracht worden waren. Und jeder dieser Türme trug war von dem Schnee, welcher die letzten Wochen immer wieder gefallen war, weiß wie Zucker. Und doch war Tárhjart nichts, im Vergleich zu der Stadt der Türme in Paltoria. Jeder dieser Türme war entweder ein Wehrturm der Stadtwache, oder ein Kornspeicher. Und Endres wusste aus Erzählungen, dass irgendwo in der Stadt, einer dieser Türme eine Wasserkunst war. Ein erstaunliches Wunder der Technik. Doch auch die Stadtmauer selbst war gespickt mit Türmen und mehr als nur Mannshohen Zinnen. Von jedem Dach dieser Türme wehte die Fahne des Herzogtums von Olathor. Ein Meer von scharlachroten Bannern. Und auf jedem von ihnen prangerte der aufgebäumte, gekrönte, goldene Löwe. Brüllend und drohgebärdend. Die unzähligen, fein gestickten, stilisierten Schwertlilien, welche mit feinem Silberfaden auf das schwere Bannertuch angebracht worden waren, vielen kaum auf, so sehr stach einem der Löwe ins Auge. »In der Höhle des Löwen …«, murmelte Endres, während er seinen Blick von einem der mächtigen Banner, welche lau im winterlichen Wind wehten, wieder abwandte. »Lass dich nicht fressen.«, feixte Valerion und schlug Endres brüderlich auf die Schulter.
Valerion und Endres standen vor einem Gemischtwarenhändler und Valerion hatte einen prall gefüllten Beutel mit Pfeifenkraut erstehen können. Es duftete herb und würzig. Doch Endres konnte dem Geschmack des Pfeifenkrautes nichts abgewinnen. Valerion hingegen war regelrecht vernarrt in dieses Zeug. Er zupfte sich etwas davon aus dem Beutel und stopfte sich sogleich eine Pfeife. »Halt mal.«, sagte Valerion und drückte Endres die Pfeife in die Hand, um eine Zunderbüchse aus seiner ledernen Tasche zu fischen. Als er die Zunderbüchse endlich gefunden hatte, da nahm er Endres die Pfeife wieder ab und steckte sich diese sogleich mit einem genussvollen Gesichtsausdruck an. »Ah, welch eine Wohltat.«, seufzte er und Endres rang sich ein müdes Lächeln ab. »Wir sind nicht hier um Pfeifenkraut zu rauchen.«, erinnerte er seinen Freund, doch Valerion zuckte nur die Schultern. »Schade eigentlich. Es ist wirklich gutes Kraut.« Er bot ihm die Pfeife an, obwohl er genau wusste, dass Endres sie ablehnen würde. Und Endres schüttelte nur dankend den Kopf. »Du weißt ganz genau, dass mir von dem Zeug schlecht wird.« Valerion zuckte erneut die Schultern und zog daraufhin erneut an der Pfeife. »Wir sollten ein Gasthaus finden, um uns ein Zimmer zu mieten.«, schlug Valerion vor, doch Endres schüttelte nur den Kopf. »Warum? Wir werden sicher eine Weile hier bleiben, wenn du die Komtess ins Bett locken willst.« Endres sah Valerion finster an. »Lass uns zuerst die Spange zur Burg bringen. Danach können wir uns immer noch in der Stadt umsehen.« Valerion seufzte. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er die Burg lieber später als früher aufsuchen wollen würde. Doch wenn sich Endres einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man ihn nur schwerlich davon abbringen. »Also gut. Bringen wir es hinter uns. Aber dann will ich erst einmal etwas zwischen die Zähne. Der ranzige Käse und das harte Brot liegt mir jetzt noch schwer im Magen.« Endres grinste und konnte sich ein herzliches Lachen nicht verkneifen.
Der Weg zur Burg war, trotz des vielen Schnees, welcher in der Stadt vorherrschte, nicht schwer zu finden. Der Schnee war von der großen Straße geräumt worden und zu seinen Seiten glich er eher braunem Matsch als Schnee. Es war die einzige, gepflasterte Straße in der Stadt. Alle anderen bestanden nur aus festgetretenem Lehm. Sie passierten unzählige hölzerne Häuser. Aber hier und da standen auch einige, welche aus groben Steinen gebaut worden waren. Endres vermutete, dass sie höhergestellten Bürgern oder Angehörigen des niederen Adels gehörten. Einige von ihnen beherbergten wohl auch Handwerker. An einem der Häuser baumelte ein schwerer, massiver Amboss an einer dicken Kette. Endres blieb verwundert stehen und besah den schweren Amboss, welcher drohend, gleich einem Damoklesschwert, über der Tür hing. »Gewagtes Zunftsschild.«, murmelte er nur und wechselte mit Valerion einige verschwörerische Blicke. In dem Blick, welchen Valerion aufgesetzt hatte, konnte Endres erkennen dass er wohl dasselbe dachte. »Solange er keinem auf den Kopf fällt …«, meinte Valerion nur und zog erneut an seiner Pfeife.
Der gepflasterte Weg schlängelte sich nur dezent durch die Stadt. Es schien beinahe, als ob der Weg zuerst errichtet worden war, und erst später die Häuser sich ringsum angesiedelt hatten. Auf der Burgstraße waren unzählige Menschen unterwegs. Einfache Bürger, Händler und Reisende. Aber auch einige Bettler und offensichtliche Leibeigene. Dies erkannte man an er gebeugten Haltung und dem leeren Blick, den diese Menschen in der Regel aufgesetzt hatten. Bemitleidenswert. Auch Valerion war der Sohn eines Leibeignen gewesen, bevor er mit Endres die Heimat verlassen hatte. Doch er sprach ihn nie darauf an. Valerion mochte es nicht, wenn man auf diesen Teil seiner Vergangenheit zu sprechen kam.
Ein Ochsenkarren bahnte sich den Weg auf der Burgstraße hinunter. Ihnen entgegen. Der Wagen war so breit, dass er beinahe die gesamte Straße für sich vereinnahmte und so traten Endres und Valerion auf die Seite um den Wagen passieren zu lassen. Als der Wagen vorüber war, setzten sie ihren Weg fort. Die Straße war leicht abschüssig und der freie Bauer hatte sichtliche Mühe den Ochsen in seiner Gangart zu zügeln.
Während sie so da standen und dem Ochsenkarren dabei zusahen, wie er an ihnen vorbei polterte, da fiel Valerions Blick auf ein Haus, welches sich von den anderen deutlich abhob. Das untere Stockwerk war aus Steinen gebaut, während die beiden oberen Stockwerke aus Holz gezimmert worden waren. Doch nicht die Bauart des Hauses erregte sein Interesse, sondern die Menschen, welche davor standen. Viel mehr die Frauen. Jede von ihnen trug ein gelbes Armband am rechten Oberarm. Die gängige Farbe der Dirnen in Ariad. »Ein Hurenhaus.«, sagte Valerion mit einer leicht erhellten Miene. »Wir sollten hier in der Nähe ein Gasthaus finden.« Endres legte den Kopf ein wenig schief und sah seinen Freund von der Seite an. »Hat die dir Schankmaid im eisernen Mann denn nicht gereicht? Doch Valerion schüttelte nur den Kopf. »Wann hat ein Mann schon genug von einer Frau?« Da musste Endres zustimmen. In seinen Worten lag eine, nicht von der Hand zu weisende, Wahrheit. »Und glaubst du ernsthaft, ich bleibe untätig, während du um die Komtess freist? Ich habe nicht so hochtrabende Ziele. Mir reichen die Dirnen vollauf. Ein paar klimpernde Münzen, und schon sind sie mir zu gefallen. Nein hörig!« Valerions Augen glitzerten und leuchteten, so dass Endres ihn am Arm packte und ihn ein wenig mit sich zog, bevor er noch in den Bann der verruchten Frauen geriet, bevor sie überhaupt einen Fuß in die Burg gesetzt hatten. »Es ist dein Geld.«, sagte Endres nur und Valerion entwand sich seinem Griff. »Ganz genau. Du wirst dein Geld ohnehin für die Komtess brauchen. Ein verarmter Graf aus fernen Landen ist wohl nicht ganz das, wonach es der edlen Dame von hoher Geburt gelüstet.« Valerion kicherte derbe und ignorierte die scharfen Blicke seines Freundes.
Endlich hatten sie die Burg erreicht. Nur noch eine mächtige, hölzerne Brücke trennte sie von ihrem Ziel. Und ein noch weitaus mächtigerer Burggraben. Als Endres und Valerion am Rand der Brücke standen, wagte Endres einen Blick in die gähnende Tiefe. Es befand sich kein Wasser darin. Doch dafür umso mehr spitze Pfähle und eiserne Nägel. Hier und da lagen Geröll und Schutt, und das nicht zu knapp. Der Burggraben war schon lange nicht mehr benötigt worden, das konnte selbst ein Blinder sehen. Und doch lagen hier und da sogar vereinzelte Knochen längst verrottender Skelette. Von einem Kampf konnten sie aber nicht herrühren. Endres lief ein beunruhigender Schauer über den Rücken. Ob dies Opfer einer brutalen Hinrichtung waren? Oder einfach nur unglückliche Betrunkene, welche in der Nacht in den Burggraben gestürzt waren, als sie sich auf dem Weg in den warmen Schoß ihrer Weiber verlaufen hatten.
Als Endres seinen ersten Fuß auf die hölzerne Brücke setzte, verdrängte er die Gedanken daran, was wohl geschehen würde, wenn er in die Tiefe stürzen würde. Instinktiv zog es ihn sogleich in die Mitte der Brücke und so setzte er einen Fuß vor den anderen, bis sie auf halber Brücke angelangt waren. »He! Ihr da!«, rief eine tiefe Stimme mit einem Mal. »Wer seid ihr? Nennt eure Namen!« , klang der befehlende Ton und ein schwer gerüsteter Wächter trat aus einer kleinen Nische, einem Wacherker, heraus. Er trug einen verzierten Helm, auf dessen Spitze ein kleiner, eiserner Löwe saß. Die Garde des Herzogs. Da trat Valerion sogleich vor und deutete eine leichte Verbeugung an. »Dies ist mein Herr. Graf Endarion von Hohenehr.« »Hohenehr?«, hakte der Wächter mit einem skeptischen Unterton nach. »Nie gehört. Wo soll das sein?« Er legte die Hand auf den Griff seines Schwertes. Endres biss sich auf die Lippen, doch unterdrückte er das Verlangen sofort Kehrt zu machen. Und scheinbar kam die Antwort Valerions ein wenig zu langsam, denn er trat einen Schritt auf die beiden falschen Adeligen zu. »Sprecht!« Valerion deutete eine weitere Verbeugung an, während Endres sich bemühte einen möglichst empörten Gesichtsausdruck aufzusetzen. »Bitte um Vergebung. Hohenehr, der Sitz meines Herren, liegt weit im Süden des großartigen Paltoria.« Da entspannte sich die Haltung des Wächters und er beäugelte Endres. Er trug sein bestes Hemd und insgeheim atmete er auf, dass er im eisernen Mann noch ein Bad hatte nehmen können. »Was führt euch nach Tárhjart?«, wollte der Wächter wissen und ließ seine Hand von dem Schwertgriff los. Stattdessen schob er sich den Daumen seiner freigewordenen Hand in den dicken Gürtel, an welchem auch sein Schwert Gehänge baumelte. »Mein Herr wünscht den Graf von Aramajé zu sprechen. Wir haben etwas für seine hohe Tochter, die Komtess Valésia.« Die Blicke des Wächters huschten von Valerion zu Endres, verharrten einige Augenblicke auf diesem, bevor sie wieder zu Valerion zurück wanderten. Doch da wurde es Endres zu bunt. Mit zwei forschen Schritten trat er auf den Wächter zu und plusterte seine Brust ein wenig hervor. »Guter Mann. Ich stehe mir hier die Beine in den Bauch. Es war schon eine Beleidigung mich zu nötigen auf derselben Straße zu gehen, wie der gemeine Pöbel.« Endres kramte in seiner Tasche und zog dann mit einer geschickten Handbewegung die goldene Spange wie aus dem Nichts hervor. »Ich bin hier, um dies der Komtess zu bringen. Ihr Vater wird nicht erbaut sein, sollte er erfahren dass ihr uns daran gehindert habt die Burg zu betreten.« Harsche Worte aus dem Munde eines Adeligen konnten oft Wunder bewirken. Und so auch hier. Der Mann nickte nur und trat schließlich beiseite, doch ließ er es sich nicht nehmen Endres mit mürrischen Blicken zu strafen.
Endres steckte die Spange wieder in seine Tasche und als er, gemeinsam mit Valerion, an dem Mann vorbei lief, da überkam ihn der drängende Wunsch ihn einfach in den Burggraben hinab zu stoßen. Natürlich blieb es nur bei dem geheimen Wunsch. Allein die Vorstellung daran, bereitete Endres eine gewisse Zufriedenheit. Auch wenn es nur bei dem unbändigen Wunsch bleiben sollte...was Endres nur noch mürrischer machte.
Finsterherz und dunkle Wolken ❖
07.05.2013 '11:15 [2.459 Wörter]
 bwohl der Morgen ein solch trüber, eiskalter war, versprach er, zu einem schönen Tag zu werden. Komtess Valésia von Aramajé war guter Dinge und aß das morgendliche Mal in ihrem Gemach mit gutem Appetit. Eigentlich speiste des Familie und deren Angehörige immer gemeinsam, doch das Geburtstagsbankett des Erbprinzen Merik war doch ein wenig ausschweifender und feuchtfröhlich gewesen, und so zogen es die Meisten vor, in ihren Gemächern zu bleiben und dort zu frühstücken. Valésia dachte an den Erbprinzen, und wie aufmerksam und ja beinahe reizend er gestern gewesen war. Er hatte viel mit ihr gesprochen und erzählt, war ein beinahe Kavalier gewesen, hatte ihr Komplimente gemacht, und war ansonsten ein angenehmer Tischnachbar gewesen. Vielleicht hatte er nur einige Zeit gebraucht, um aufzutauen? Valésia blickte auf, als sie in ihrem Augenwinkel sich etwas bewegen sehen konnte. Seit zwei Tagen hockte sich ein Rabe auf die Brüstung ihres Balkons, und Valésia hatte ihm einige Male Futter hingelegt. Und jedes Mal hatte er es sich geholt. Die Fußspuren im Schnee hatten dies bezeugt. Und da war er wieder, der schwarze Rabe. Man sagte, Raben wären Seelenvögel, und dass sie die Seelen ins Reich der Toten brachten. Viele Menschen fürchteten diese. Doch Valésia hielt dies für Unsinn. Es waren einfach anmutige, kluge Tiere, die zu beobachten sie sehr interessant fand. Überhaupt mochte Valésia Tiere gerne. Ob es nun Pferde waren, oder die Hunde, die sowohl auf Burg Kreuzenstein, als auch hier auf Burg Olathor im Burghof, genauso wie die Katzen, die domestiziert wurden, um die Ratten- oder Mäuseplage gering zu halten, umherliefen, Valésias Interesse wurde stets geweckt, wenn sie ein Tier erblickte.
Es gab eine Legende, über eine Burg, im gewaltigen Weltengebirge, Burg Finsterherz. Man kannte diese Burg vom Hörensagen, aber noch nie hatte Valésia darüber gehört, wo genau sich diese Burg befinden sollte. Bestimmt gab es Leute, die wussten, wo sich diese heutige Burgruine befand, doch Valésia wusste es nicht. Aber die Legenden und Geschichten, die sich um diese Burg rankten, erzählte man sich gerne. Geschichten, um Kindern Angst zu machen, oder Wanderer, die sich am Lagerfeuer die Zeit vertrieben, in dem sie sich Geschichten erzählten, aber auch beim Adel waren diese Geschichten beliebt. Es hieß, ein mächtiger Schwarzmagier und Seher lebte einst in der Burg. Es war grausam, und sein Herz war aus Stein, so schwarz und hart wie ein Obsidian. In den umliegenden Dörfern verschwanden oft Menschen. Männer und Frauen ebenso wie Kinder, und die Bevölkerung glaubte fest daran, dass der Schwarzmagier damit zu tun hatte. Doch niemand wusste, was er, so es ihm zuzuschreiben war, mit diesen Menschen anstellte. Manche waren davon überzeugt, dass er sie ermordete und verspeiste, andere wiederum glaubten, dass er sie für schwarzmagische Versuche missbrauchte, und andere wollten wissen, dass er einfach eine sadistische Ader hatte, und seine Opfer quälte und folterte. Man gab ihm die landläufige Bezeichnung „Finsterherz“, und auch die, namentlich unbekannte, Burg erhielt diesen Beinamen. Er schien passend. Die Burg wirkte auf ihre Distanz gesehen, schwarz, immer wieder flogen scharenweise Raben um die Burg, beinahe so, als hätten sie eine Aufgabe zu erfüllen, und als viele Jahrhunderte vergingen, und niemand mehr um den Schwarzmagier wusste, wurde seine Existenz zur Legende und Bestandteil von vielen Schauergeschichten. Die Burg Finsterherz verfiel zusehends zur Legende, und heute, so erzählte man sich, ragte die Burgruine bedrohlich, an einem steinernen Abhang, wie ein schwarzer, abgebrochener Zahn, in den Himmel. Manche abenteuerlustige Menschen waren aufgebrochen zu der Ruine, um sich selbst ein Bild von der Ruine zu machen, vielleicht Anhaltspunkte oder Beweise zu finden, oder den Wahrheitsgehalt dieser Legende zu prüfen. Doch sie alle kamen nie mehr zurück…
Valésia riss sich zurück in die reale Welt. Sie hatte dem Raben den Namen Finsterherz gegeben. Ihr war kein besserer Name eingefallen. Bestimmt hatte er kein finsteres Herz, doch er war finster, wie die Nacht, und so bekam er diesen Namen. Valésia trat sachte an den Balkon heran und beobachtete den Raben durch die gläsernen Scheiben, wie er sich an einer Trockenfrucht gütlich tat. Sie hatte eine Walnuss in der Hand und wollte herausfinden, ob er sie sich auch aus ihrer Hand holte. Sachte öffnete sie die Türe des Balkons. Sie wagte kaum zu atmen. So nahe war sie einem Raben noch nie gewesen. Diese Tiere waren in der Regel sehr scheu, man konnte sie nicht einfangen. Nicht, dass Valésia dies vorhatte. Der Rabe duckte sich, als Valésia, die er schon lange zuvor bemerkte hatte, einen Schritt mehr tat. Dann breitete er seine Schwingen aus, und flog, mit der Trockenfrucht im Schnabel, davon. Valésia lächelte, obgleich sie sich ärgerte und es bedauerte. Sie legte die Walnuss auf die Balkonbrüstung, an dieselbe Stelle, an die sie sonst immer sein Futter hinlegte. Er würde wieder kommen. Da war sie sich ganz sicher.
Valésia ging mit raschelnden Kleidern zurück zu ihrem Tischchen. Sie langweilte sich ein wenig. Malinda rauschte irgendwo in der Burg herum, erledigte Botengänge, von Graf zu Erzherzog, und sie überlegte, ob sie nicht ausreiten wollte. Doch zuerst würde sie Merik aufsuchen. Sie wollte sich noch einmal für den schönen Abend bedanken. Sie ließ die Reste ihrer Speisen stehen und ging aus ihren Gemächern. Die Räumlichkeiten des Erbprinzen Merik lagen schräg gegenüber auf der anderen Seite, es waren nur etwa dreißig Schritte. Als sie an der Tür angelangt war, nahmen die Wachen eine gestraffte Körperhaltung an. „Komtess…“ grüßten diese sie und die junge Frau nickte ihnen zu. „Ich möchte zum Erbprinzen“ meinte sie knapp und legte die Hand auf den Türknauf. „Bedaure, Komtess, ihr könnt da jetzt nicht rein.“ „Ist der Erbprinz nicht da?“ erkundigte sie sich. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Pläne durchkreuzte. „Doch, er ist da, doch ihr könnt da jetzt nicht hinein. Wir haben strikte Anweisungen.“ „Es dauert nur einen kurzen Moment, ich möchte dem Erbprinzen nur etwas sagen…“ Sie ignorierte die Einwände der Wachmänner und öffnete die Türe. Leise schob sie sich in das Gemach des Erbprinzen, doch sie konnte ihn nirgendwo stehen sehen. „Prinz Merik? Seid ihr da?“ rief sie leise fragend in den Raum. „Valésia? Seid ihr das?“ drang eine dumpfe Stimme, die eindeutig dem Erbprinzen gehörte, an ihr Ohr. Sie folgte der Stimme und trat in das große Nebengemach, welches augenscheinlich die Schlafgemächer Meriks darstellten. „Ja… Ich wollte nur…“ begann sie, dann prallte sie zurück. Sie sah den Erbprinzen im Bett, nackt, und er kniete gerade hinter einer Frau, welche ebenso nackt war. Er wandte ihr erschrocken sein Gesicht zu. Da war noch eine zweite Frau, welche nichts tat, außer den beiden zuzusehen. Gleich zwei Frauen? Die beiden Frauen wandten ihr ebenso den Blick zu. Sie errötete, wandte den Blick ab und stammelte „Verzeiht, ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Dann machte sie auf dem Absatz kehrt, verließ das Schlafgemach und lief eilig aus den Gemächern des Prinzen, zurück in ihre eigenen.
Mit klopfendem Herzen und geröteten Wangen betrat sie ihr Gemach. Bei allen Göttern, das hätte sie nicht sehen dürfen… Wieso überhaupt teilte er das Bett so kurz vor ihrer Vermählung mit einer Frau? Nein, gleich mit zwei Frauen! Und was würde er nun denken, dass sie ihn so gesehen hatte? Warum schlitterte sie nur bei ihrem Bräutigam von einer prekären Situation, in die nächste? Es dauerte auch nicht lange, da flog die Türe auf, und Merik stand in der Türe. Wenigstens wieder salonfähig und voll bekleidet. Er blickte sie finster an, während er die Türe schloss und langsam auf sie zutrat. Er musterte sie abschätzend, dann begann er „Wieso betretet ihr unerlaubt meine Gemächer, Komtess? Hatte ich nicht ausdrückliche Befehle, die meine Wachmänner an euch weitergegeben haben? Wieso widersetzt ihr euch diesen Befehlen?“ Valésia errötete erneut. „Ich wollte nur… Ich wusste ja nicht, dass ich euch so vorfinde…“ „Das ist einerlei, wie ihr mich vorgefunden habt! Es geht darum, dass ihr euch unerlaubt Zutritt zu meinem Gemach verschafft habt! Ihr habt euch meinen Befehlen wiedersetzt! Und das dulde ich nicht! Wenn ihr schon nicht mit einem hochrangigeren Titel als dem einer Komtess glänze könnt, dann glänzt wenigstens mit Gehorsam!“ „Ja, aber…“ begann sie doch er schnitt ihr harsch das Wort ab. „Ich erwarte und verlange Gehorsam von meiner zukünftigen Ehefrau! Gehorsam, Diskretion, Verständnis, Geduld und nochmal Gehorsam! Doch wart ihr es? Nein! Was, bei allen Göttern, gab euch das Bewusstsein, so einfach in meine Gemächer zu marschieren, obwohl die Wachen euch gesagt haben, dass ich nicht gestört werden will?“ brüllte er sie an und Valésia schwieg. All die Zuversicht über den vergangenen Abend war zerstört. „Ich… Ich weiß es nicht mehr, ich habe es vergessen…“ flüsterte sie leise. „Na wunderbar! Ich bekomme eine Frau, die sich nicht einmal für einen kurzen Augenblick etwas merken kann! Was war nur in mich gefahren, als ich mir euch auserwählt habe?“ Er war nun voll in Fahrt, und dachte nicht für eine Sekunde daran, seine Stimme zu dämpfen. Vermutlich konnte man sein brüllen weit bis zu den Stiegen vernehmen, vielleicht sogar bis hinunter in den Thronsaal… Sie hoffte es nicht. „Was waren eure Beweggründe?“ fragte sie ihn nach, und bereute im selben Moment, den Satz ausgesprochen, anstatt gedacht zu haben. Er sah sie überrascht an. Vermutlich hatte er nicht erwartet, solch eine Frage gestellt zu bekommen. „Wissen die Götter, was meine Beweggründe waren, alle heiratsfähigen Töchter waren zugegen, hochrangige Adelstöchter, und Euresgleichen, niederer Adel, gänzlich unbekannt. Doch euch kannte ich, vom Hörensagen. Man sagte, ihr seid die schönste Frau, vom Weltengebirge, bis hin zum Köhlerwald… So erzählen es die Barden, die Minnesänger und andere Adelsgeschlechter. Nur deswegen habe ich euren Eltern überhaupt gewährt, mir euch vorzustellen. Nur deswegen! Ich fand, ich verdiene die schönste Frau des Reiches. Und da ihr zu gering seid, für einen König, habe ich meine Bedenken über eure niedere Herkunft zerstreut, und meine Wahl fiel auf euch. Ich verdiene das Beste. Ihr seid wunderschön, ja, das will ich nicht bestreiten, doch beweist mir, dass ich mich nicht geirrt habe, und ihr meiner würdig seid! Seid mir eine gehorsame, kluge, verständnisvolle, tugendsame und bescheidene Ehefrau.“ Valésia schwieg. Was sollte sie auch dazu sagen? „Werdet ihr das sein, Komtess?“ Valésia nickte stumm und er nickte ebenso. Seine Zornesröte verschwand aus dem Gesicht, und der Erbprinz verschwand aus ihren Gemächern.
Ihre Lippen bebten, und sie biss sich darauf. Sie trat vor ihr Gemach und wies die Wachen an „Schickt unverzüglich nach meinem Bruder, ich wünsche ihn zu sprechen.“ Dann ging sie wieder in ihr Gemach. Sie musste sich irgendwie ablenken, und setzte sich in den Erker und nahm ihre Stickarbeit weder auf. Doch immer wieder glitten ihre Gedanken zu den Bildern, die sich regelrecht in ihr inneres Auge eingebrannt hatten, und die darauf folgende Szene. Er würde nie anders sein. Er hielt sich für etwas Besseres, weil er von höherer Geburt war, und weil er ein Mann war. Die Männer beherrschten die Frauen. So war es schon immer, und so würde es immer sein. Nach einer Weile kam ein Bote. „Komtess? Ich bedaure mitteilen zu müssen, dass euer Bruder nicht da ist. Er ist ausgeritten…“ „Danke…“ meinte Valésia knapp und der Bote ging wieder nach draußen. Nun hatte sie keine Lust mehr, auszureiten. Sie hatte auch keine Lust mehr, zu sticken, und so legte sie sie Stickarbeit zurück auf die mit Samt bezogene Bank des Erkers. Sie suchte Trost in einem ihrer Gebetsbücher.
Währenddessen trat ein Kammerdiener zu den Erzherzog, welcher sich gerade im Thronsaal befand und mit Graf Gunther lamentierte. „Eure durchlauchtigste Hoheit?“ verbeugte sich der Kammerdiener tief. Der Erzherzog wandte ihm den Blick zu. „Was gibt es?“ „Eure Hoheit, im Empfangssaal warten zwei Männer, ein Graf mit seinem Knappen. Graf Endarion von Hohenehr.“ „Graf Endarion von Hohenehr? Nie gehört…“ meinte der Erzherzog. Graf Gunther mischte sich sein. „Wenn ihr erlaubt, eure durchlauchtigste Hoheit, ich kenne diesen Grafen, wenn auch nur flüchtig. Wir sind diesem auf unserer Reise begegnet, in einer Taverne.“ „Ihr wart in einer Taverne abgestiegen? In einer niederen, bürgerlichen Taverne?“ fragte der Erzherzog verwundert den Grafen. „Es gab keine andere Möglichkeit, die Pferde waren erschöpft, das Wetter schlecht, aber die Taverne war leer. Bis auf jenen Grafen von Hohenehr, mit seinem Knappen. Er ist aus Paltoria, und kam gerade zurück von der Schwertleite.“ „Also ein Adeliger…“ „Ein ebensolcher…“ nickte der Graf. Der Erzherzog wandte sich wieder an den Kammerdiener zu. „Was will er, dieser Graf… Endarion?“ „Er wünscht, euch seine Aufwartung zu machen, und er will die Komtess zu sprechen…“ „Die Komtess Valésia? Was will er von ihr? Glaubt er, er kann so mir nichts, dir nichts, in die Burg marschieren und sprechen, mit wem es ihm verlangt? Da ist er bei mir aber gänzlich falsch. Das kann er vielleicht in Paltoria auf der Hohenehr machen, aber nicht auf Burg Olathor… Sag ihm das…“ Der Kammerdiener verneigte sich. „Sehr wohl, eure durchlauchtigste Hoheit…“ Dann verschwand er wieder aus dem Thronsaal und ging in den Empfangssaal. Der Erzherzog schüttelte den Kopf und lachte auf. „Ich kenne solche Grafen zur Genüge, eure Durchlaucht… Sie sind ebenso in Burg Kreuzenstein aufgekreuzt…“ Er unterbrach sich und lachte über sein Wortspiel. Dann sprach er weiter. „Alle kamen sie, der Komtess ihre Aufwartung zu machen. Einige waren vermutlich einfach neugierig, sie einmal zu sehen. Aber einige waren auch so dreist, um sie zu freien. Doch ich wusste immer, dass sie nicht für dahergelaufene Grafen und Freiherren bestimmt war.“ Der Erzherzog lächelte dünn. „Ihr sprecht wie ein Erzherzog, Graf Gunter. Doch vergesst nicht, ihr seid nur ein Graf. Und daran ändert auch nichts, nur weil mein Sohn eure Tochter auserwählt hat.“ Graf Gunther neigte demutsvoll das Haupt, um seine zornige Miene zu verbergen. „Ihr habt Recht, eure durchlauchtigste Hoheit.“ Der Kammerdiener erschien wieder. „Hoheit? Der Graf will sich nicht abwimmeln lassen. Er besteht darauf, zu euch durchgelassen zu werden. Er sagt, er hat etwas, das der Komtess gehört, eine goldene Haarspange.“ Der Erzherzog blickte den Kammerdiener irritiert an, und suchte dann den Blick des Grafen. „Eine goldene Haarspange? Wisst ihr etwas darüber Graf Gunther?“ Der Graf nickte. „Meine Tochter hat ihre Haarspange verloren. Eben jene, welche der Erbprinz ihr geschenkt hat. Jene, die zu der Rubinkette und den Ohrringen gehört… Es scheint, als hätte sie diese in der Taverne, wo auch der Graf zugegen war.“ Der Erzherzog nickte verstehend. „Die Spange ist sehr wertvoll… Mein Sohn war sehr aufgebracht darüber, wie geringschätzig eure Tochter mit seinen Geschenken umgeht…“ „Es war gewiss nur ein Versehen, eure Durchlaucht. Valésia war tief betrübt, dieses für sie so wertvolle Schmuckstück verloren zu haben. Doch es ist sehr edelmütig von dem Grafen Endarion, die weite Reise hierher nach Olathor angetreten zu haben. Soweit mir bekannt ist, wollte er direkt nach Paltoria zurückkehren…“ „So denn, lasst den Grafen Endarion vortreten…“ winkte der Erzherzog. Er war auch neugierig, wie dieser Graf aussah, der sich trotz einer Absage durch den Erzherzog nicht beirren ließ. Die Tür ging auf, und zwei Männer betraten den Thronsaal…
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