Im goldenen Käfig
#49
Die Gunst der Drei ❖
baum-berauscht. Das war das Gefühl, wenn man es beim Namen nennen wollte, welches sich Endres' bemächtigt hatte. Völlig berauscht und versunken im Reich der Sinne. Noch nie hatte er solche Gefühle verspürt, wenn er sich einem sinnlichen Kuss hingegeben hatte, wie bei eben diesem, welchen er in genau diesem Augenblick mit Valésia teilte. Es war beinahe so, als ob seine Sinne auf eine Reise gegangen waren. Eine wundersame Reise voller überwältigender Eindrücke und wundersamer Gedanken. Voller Leidenschaft. Valésia raubte ihm jeden Verstand und der Duft ihres Haares, der Geschmack ihrer Lippen und das weiche, angenehme Gefühl, welches ihn völlig erfüllte, als ihre Zungen einander zu liebkosen begannen, glichen einem großen Ganzen, welches kein Sterblicher je zu beschreiben vermochte, selbst die größten Dichter nicht. Und so ergab sich Endres diesen Gefühlen, ohne darüber nachzudenken. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und lähmte seine Zunge. Er war unfähig seine Gefühle in Worte zu fassen, doch waren Worte das letzte, was nötig war. Stumme Leidenschaft war es, welche die beiden einander schenkten und nichts vermochte diese Leidenschaft zu dämpfen. Ganz im Gegenteil. Alles schien beinahe perfekt zu sein. Der Schankraum lag in gedämpftem Zwielicht, als ob es schon immer so vorherbestimmt gewesen war, dass sie hier und heute zueinander finden sollten. Die Straßen vor dem Fenster waren menschenleer und nicht eine Laterne erhellte die dunklen, verschneiten Gassen. Lediglich eine kleine Kerze brannte auf dem Tisch, an welchem sie saßen und spendete ein warmes, und nahezu beruhigendes Licht. Alles rückte in weite Ferne. Der gusseiserne Ofen, welcher dem Raum die Wärme spendete. Der Wirt, welcher hinter seiner Ausschank saß und langsam in die Welten der Träume hinabzugleiten drohte. Ja selbst die Kerze, welche so unmittelbar neben ihnen brannte, dass sie sich daran versengen könnten, würden sie sich nur ein wenig mehr über den Tisch beugen, war in weite Ferne gerückt. Denn Endres' war mit seinem Stuhl an Valésia herangerutscht und hielt sie zärtlich umschlungen. Nichts davon war mehr von Bedeutung. Alles was zählte war die junge Frau, welche, wie auch er selbst, ihre Augen geschlossen hielt, und sich den Berührungen, welche sie einander schenkten, sehnsüchtig hingab. Seine Hände strichen über ihre Wangen und spürten ihre reine und sanfte Haut, welche an Makellosigkeit nur vom Schnee noch übertroffen wurde. Und ihr dunkles, geschwungenes Haar, welches ihr sanft über die Schultern hing, bildete einen unglaublich harmonischen Kontrast zu ihrer hellen Haut. Würde Valésia nun hinaus in den Mondschein treten, welcher die dunklen Gassen in ein silbriges Licht tauchte, würde selbst der Mond in weite Ferne rücken. Denn er war bedeutungslos.

Endres Hände glitten Valésia durchs Haar und sofort drängte ihm der süße Duft, welcher diesen anhaftete, verführerisch in die Nase. Er konnte nicht sagen welcher Blume sie diesen Duft zu verdanken hatte, doch ergänzte er diese unglaublich schöne und begehrenswerte Frau so wunderbar, dass Endres nicht umhin kam den Duft, welchen er wohl für immer mit ihr in Verbindung bringen würde, tief in sich aufzusaugen. Und zugleich ließ er seine andere Hand über ihren Schenkel gleiten. Immer näher und näher an ihren Schoß heran. Die Wiege ihrer Unschuld und die Quelle seiner Lust. Er spürte das sanfte Beben auf ihren Lippen und das feine Zittern, welches die Adelige aus Aramajé überkam, als er sie dort berührte, wo noch niemals ein Mann zuvor sie berührt haben durfte. Und auch das unbändige Verlangen, welches sie ausstrahlte, als ihre Stimme sanft und wohlig aufseufzte. Aber als er auch Valésias Hand auf sich spürte, da wusste er erst, dass sie ihm wirklich und wahrhaftig verfallen war. Ihre zierliche Hand glitt seine Arme hinauf und über seine Brust wieder hinab, immer tiefer und tiefer, bis sie über seine Beine strich. Das Knistern, welches inzwischen in der Luft zu brennen begonnen hatte, war inzwischen ein loderndes Feuer. Das lodernde Feuer ihrer Herzen, welche sich in unbändigem Verlangen einander hingaben. Die Lust und das Verlangen, welches Endres erfüllte, ließ seine Manneskraft anschwellen, und so empfand er ihre Berührungen, als ihre Finger sich langsam zwischen seine Beine schoben, beinahe quälend. Denn dieser Ort war alles andere als geschaffen, um sich einander hinzugeben. Endres war hin und hergerissen. Denn er wollte diesen Kuss niemals enden lassen, doch schrie sein Blut nach mehr. Das Verlangen nach dieser Frau glich einem tosenden Sturm, welcher in seinem Herzen brannte und die Flamme, welche in seinem inneren loderte, drohte ihn zu verschlingen, wenn dieser Kuss nun enden müsse.

Doch schließlich entzog sich Endres Valésias Berührungen, wie auch ihrem Kuss. »Warte hier.«, raunte er ihr mit seinem heißen Atem ins Ohr, welcher mehr als nur verriet, wie es um seine Wollust bestimmt war. Und kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da erhob er sich von seinem Platz und entfernte sich kurz darauf von Valésia. Sein Ziel war die Ausschank, hinter welcher der Wirt ihn aus glasigen Augen anstarrte. Doch so wirklich zu sehen, schien er ihn nicht. »Guter Mann.«, erhob Endres seine Stimme und schreckte den Mann aus seinem verschlafenen Zustand auf. »Habt ihr zufällig ein Zimmer? Die Nacht bricht herein, und ich fürchte wir finden den Weg nicht bis nach Hause.« Doch da schüttelte der Mann nur den Kopf. Bestürzt sah er dem Mann tief in die Augen und eine ungläubige Verzweiflung bemächtigte sich seiner. »Ich habe nur diesen einen Raum.«, entschuldigte sich der Mann und unterdrückte dabei ein herzhaftes Gähnen. »Und ich will euch ungerne vor die Tür setzen, bei dieser Kälte. Doch …« Endres hob nur seine rechte Hand und gebot dem Mann zu schweigen. »Ich verstehe.«, murmelte er nur niedergeschlagen und entfernte sich wieder von dem Wirt. Betreten ging er zurück zu Valésia, welche geduldig, und als ob sie auf glühenden Kohlen zu sitzen schien, auf Endres wartete. »Komm.«, sagte er nur und bot der Komtess seine Hand dar, um ihr galant auf die Beine zu helfen. Wortlos ließ die junge Adelige sich von dem Paltoren zur Tür geleiten und half ihr in ihren weichen, Pelzmantel hinein. »Wohin gehen wir?«, fragte Valésia sichtlich verwirrt und Endres rang sich ein einvernehmendes Lächeln ab. »An einen Ort, der deiner würdig ist.«

Und so traten sie wieder hinaus auf die Straße, und alles in Endres drehte sich. Wohin sollte er nur gehen? Zu so später Stunde gab es kaum mehr eine Möglichkeit. Valésias Blicke verrieten Endres, dass ihr diese Schankstube mehr als ausreichend erschienen war und da seufzte Endres nur. »Ich möchte, dass diese Nacht etwas Besonderes für dich wird. Denn immerhin erhalte ich das kostbarste, das du besitzt.« Und mit diesen Worten legte er ihr seine Hand über die Hüfte und gemeinsam schritten sie durch den Schnee dieser verlassenen Gassen Tárhjarts. Der Mond stand hell am Himmel und beschrieb einen vollständigen Kreis. Und sein helles, silbernes Licht und der Anblick, welchen Valésia ihm bot, verzauberte den falschen Adeligen. Vereinzelte Schneeflocken fielen sanft und geräuschlos vom Himmel und einige davon blieben benetzten das dunkle Haar der Komtess. Wie Perlen aus Eis, welches auf ihre Haare aufgefädelt worden waren, muteten sie beinahe wie kleine, silberne Sterne, welche im Mondlicht schimmerten, an. »Wie Recht deine Eltern bloß hatten, als sie dir den Namen der Valésia gaben. Wie die Valesién bist auch du bist so bezaubernd schön, dass ich es nicht in Worte fassen kann.« Und so griff Endres einfach nach einer dieser Sterne, welche sich in ihren Haaren verfangen hatte und hielt ihr das schmelzende und funkelnde Eis, wie zum Beweis, entgegen. Die Schneeflocke schmolz unter der Wärme seiner Hand nur so dahin und bald schon rann ein winziger Tropfen seine Handfläche entlang, bis sie in seinem Ärmel verschwand. »Wie diese Schneeflocke, so schmelze auch ich in der Gegenwart deiner Herzenswärme dahin. Oh Valésia, wie sehr wünschte ich, dass diese Nacht nicht unsere letzte sein müsste.«

Und so führte er Valésia durch die dunklen Gassen und hielt nach einem Ort Ausschau, welcher ihren Zwecken zur Genüge gereichte. Doch alle Fenster waren dunkel. Nirgends brannte mehr Licht. Endres Verzweiflung wuchs, von Schritt zu Schritt, bis sie schließlich auf die große Hauptstraße kamen. Vereinzelt waren noch einige Menschen auf den Beinen und so drückte sich Endres ein wenig dichter an Valésia heran um neugierige Blicke, welche die beiden womöglich auf sich ziehen konnten, von ihr abzuwenden. »Dort.«, meinte er nur und deutete auf eines der Häuser, welches direkt an der großen, gepflasterten Straße lag. Der Schnee war hier von den Leibeigenen bereits zu beider Seiten der Straße aufgehäuft worden, und die feuchten Pflastersteine schimmerten im fahlen Mondlicht, gleich einem Meer aus Eis, was beinahe romantisch wirkte, wenn Endres nicht der Furcht erlegen wäre, erwischt zu werden. Das Haus, auf welches Endres gedeutet hatte, war eines der wenigen, in welchen noch Licht brannte. Und eine gedämpfte Musik drang von innen heraus auf die Straße. Menschen lachten und Endres Herz machte einen kleinen Sprung. »Dieser Ort ist der richtige. Die Drei sind uns heute Nacht hold.«, meinte er und verwob geschickt den Glauben, welchem Valésia anhing hinein, um ihre Zweifel zu zerstreuen, welche sich ihrer zweifellos bemächtigt hatten, während sie durch die verlassenen und finsteren Gassen gegangen waren. Und tatsächlich. Als sie das Gasthaus betraten, da zeugte dieses von wahrhaft erhabener Atmosphäre. Es war eines der wenigen Häuser, welche gänzlich aus Stein gebaut worden waren. Ein offener Kamin stand nahe der Tür und spendete nicht nur eine angenehme Wärme, sondern ein prasselndes und harmonisches Licht, welches von dem flackernden Feuer ausging. Viele Menschen waren nicht mehr zugegen, doch jene, welche an den Tischen saßen, tranken, lachten oder gar zu der Musik des Barden, welcher in einer Ecke des Schankraums saß und sang, tanzten, erweckten den Eindruck einer gehobenen Gesellschaft. Und so bugsierte Endres die edle Schöne aus dem fernen Osten an den Kamin, so dass sie sich daran aufwärmen konnte und steuerte kurz darauf auf eben jenen Mann zu, welcher ihm wie der Gastwirt erschien. »Guten Abend, werter Herr.«, begrüßte ihn der Mann überschwänglich und deutete eine leichte Verbeugung an. »Es ehrt mich, dass ihr mein Haus aufsucht. Mein Name ist Aradan, wie kann ich euch dienen?« Ein freudiges Lächeln eroberte Endres' Mimik. Dieser Ort war nahezu perfekt. »Das schönste Zimmer, dass ihr habt.« Mit diesen Worten zog Endres seinen edlen Geldbeutel aus dem Wams, in dessen Samt mit Goldfäden seine Initialen eingestickt worden waren und schüttelte diesen vor der Nase Aradans. Das Glitzern in den Augen des Mannes, verriet die Gier, welche sich seiner bemächtigt hatte und sogleich deutete er eine weitere Verbeugung an. »Gewiss. Die Drei sind euch wohlgesonnen, edler Herr. Das beste Zimmer bietet euch einen weitläufigen Ausblick über die Altstadt. Es ist gleich das erste, die Treppe hinauf.« Mit diesen Worten deutete der Mann auf die schmale, hölzerne Treppe, welche ins Obergeschoß führte. Mit einer geschickten Drehung hatte der Mann sich zu einem großen Brett umgewandt, an welchem noch ein halbes Dutzend Schlüssel hingen. »Das Zimmer kostet eine Mark für die Nacht.« Als Endres den Preis für das Zimmer vernahm, da stockte ihm für einen Augenblick der Atem. Eine ganze Mark? Das war so unglaublich viel Geld. Wenn Valerion davon erfuhr, dann würde er ihm zweifellos den Kopf abreißen. Doch musste Endres nun sein Gesicht wahren. Und so zog er bedächtig die Schnürung seiner Börse auf, um das Silber heraus zu nehmen. Doch da legte ihm der Wirt lächelnd die Hand auf den Beutel. »Ihr müsst erst bezahlen, wenn ihr den Schlüssel zurück bringt.«

Diebisch, wie eine Elster, grinste Endres, als er mit dem Schlüssel in der Hand zu Valésia zurück kehrte. Heute waren ihm diese Drei wirklich hold und er dachte nicht im Traum daran, ihre Gunst zu verspielen. Irgendwie würde er sich schon aus dem Haus schleichen, wenn es soweit war. Und so trat er hinter Valésia und näherte sich langsam ihrem Hals, um ihr einen liebevollen Kuss in den Nacken zu geben. »Ob das Feuer mir böse ist, wenn ich dich von ihm entführe?«, fragte er und lächelte dabei verschwörerisch, während er ihr den Schlüssel zeigte, welchen er von dem Wirt erhalten hatte. »Aradan versprach, dass es das beste Zimmer seines Hauses ist.« Und so bot er Valésia seinen Arm dar, um sie die Treppe hinauf zu geleiten.
#50
Zum falschen Grafen ❖
baum-bei den Dreien! Sie brannte lichterloh! Und sie erkannte sich selbst kaum wieder! Was war nur mit ihrer Selbstbeherrschung passiert? Valésia fühlte, wie ihr alles aus den Fingern glitt und sie sich nur mehr von ihrer Lust und von ihrem Verlangen leiten ließ. Aber würde sie anders agieren, würde sie alles, was sie für Endres empfand, verleugnen. Ein wenig zögerlich begann sie ihn zu berühren, denn sie hatte keine Ahnung und Erfahrung auf diesem Gebiet, und so tat sie einerseits einfach, was er tat, und auf der anderen Seite ließ sie sich völlig von ihrem Herzen und von ihren Gefühlen treiben. Sie sah nicht diese schäbige Schenke, sie sah nur Endres, diesen wunderschönen Mann, und als sich ihre Lippen zu einem sinnlichen Kuss trafen, da schloss sie ihre Augen, und vergaß alles um sich herum. Ihr Herz raste, in ihrem Bauch flatterten Schwärme von Schmetterlingen, und ein Gefühl der absoluten Glücksseligkeit überrollte sie. Endres war mit seinem Stuhl ganz nahe an sie herangerückt, und so hielten sie sich einfach nur umschlungen, und tauschten Zärtlichkeiten aus. Er hatte gesagt, dass er sie liebte, und dieser einfache, aber doch so wirkungsvolle Satz ließ in Valésia die letzten Hemmungen und auch die letzten Zweifel fallen. Oh, sie wusste schon so lange, dass sie diesen Mann liebte, doch gab es bislang keinen Raum für diese Gefühle, da sie nicht wusste, wie es in seinem Herzen aussah. Doch diese Worte hatten alles verändert, und Valésia konnte sich nicht daran erinnern, wann sie im Leben je glücklicher gewesen war, als in den Armen dieses Paltoren. Sie genoss seine Berührungen, und wie seine Hand ihr zärtlich über ihre Wange strich, und ihr sanft durch ihr Haar fuhr. Zitternd spürte sie seine andere Hand, wie sie sich ihren Weg über ihre Schenkel bahnten und ganz leise stöhnte sie dabei in seinen Mund, während sie sich immer intensiver und fordernder küssten. Doch dann löste er seine Lippen von den ihren und Valésia blickte ihn fragend an. "Warte hier" raunte er ihr ins Ohr. Sein heißer Atem streifte ihr Ohr und ihren Hals und erneut erschauerte sie, obgleich sie sich plötzlich so verlassen vorkam, als er ihre Lippen verlassen hatte. Er ging hinüber zu dem Wirt und sprach mit ihm. Doch nur nach wenigen Momenten kam er zurück und Valésia blickte ihn erneut fragend an. "Komm..." erwiderte dieser und bot Valésia seine Hand dar, um ihr zu helfen, sich von dem Stuhl zu erheben. Zögerlich nahm sie seine Hand an und erhob sich. Er geleitete sie zur Türe, wo ihr weißer, schwerer Pelzmantel hing, und half ihr in diesen hinein. "Wohin gehen wir?" fragte die Komtess den falschen Grafen. "An einen Ort, der deiner würdig ist." meinte er, und lächelte.

Schließlich fanden sie die beiden auf der schneebedeckten Straße wieder, und Valésia verstand nun gar nichts mehr. Endres seufzte leise und sagte "Ich möchte, dass diese Nacht etwas Besonderes für dich wird. Denn immerhin erhalte ich das kostbarste, das du besitzt." Valésia nickte stumm und dennoch beschlich sich ihr ein seltsames Gefühl. Nun war dies keine spontane Sache mehr, sondern etwas, welches anscheinend einer Planung bedurfte, die allerdings den Zauber des Moments zerstörte. Er legte ihr seine Hand um die Hüfte, und diese Geste ließ Valésia wieder wohlig erschauen. Ja, sie wollte mit ihm mitgehen, wohin er sie immer führen wollte. Und wenn er sie aus Tarhjárt führen würde, sie würde mit ihm gehen, bis zum Weltengebirge, wenn es sein müsste... Valésia blickte auf die bleiche, volle Scheibe des Mondes, welcher den Schnee und die Straßen in ein kühles, aber zauberhaftes und romantisches Licht tauchten. Und Endres nahm diese Stimmung auf, und sagte "Wie Recht deine Eltern bloß hatten, als sie dir den Namen der Valésien gaben. Du bist so bezaubernd schön, dass ich es nicht in Worte fassen kann." Valésia lächelte ihn scheu an. Sie mochte es sehr, wie wortgewandt und galant er doch war. Er fasste an ihr Haar und holte eine der dicken Schneeflocken heraus, die sich auf ihr Haupt abgesetzt hatte, und noch während er sie Valésia unter die Nase hielt, schmolz diese unter ihrer beiden Augen in seiner warmen Hand dahin, und begann, als kleines Rinnsal über seine Finger zu laufen. "Wie diese Schneeflocke, so schmelze auch ich in der Gegenwart deiner Herzenswärme dahin. Oh Valésia, wie sehr wünschte ich, dass diese Nacht nicht unsere letzte sein müsste." Valésia schluckte schwer, Die Nacht hatte noch nicht einmal begonnen, uns schon jetzt fühlte sie sich einsam und verlassen. Ja, warum konnte sie nicht diesen wunderbaren Mann zu ihrem Ehemann erwählen? Nichts würde sie glücklicher machen! Ein wenig ziellos irrten sie durch die Straßen, und Valésia begann trotz ihres Pelzmantels wieder zu frieren, und so schmiegte sie sich ein wenig enger an Endres heran. Trotzdem kam sie nicht herum, dieses Herumirren als Farce zu betrachten. Wo, bei den dreien, sollten sie nur einen Ort finden, an welchem sie ihr Vorhaben, welches Valésia allmählich schon ein wenig töricht und lächerlich vorkam, umsetzen konnten? Und doch schienen ihnen die Götter gnädig zu sein, denn plötzlich sagte Endres "Dort!" und deutete auf ein Haus, aus welchem warmes Licht, Musik und Gelächter drangen. Wenn sie dort nicht unter kamen, dann nirgendwo. Dann würde Valésia schweren Herzens wieder ihren Weg zurück nach Burg Olathor antreten. An dieser hingen ihre Gedanken ohnehin sorgenvoll. Ob man ihr Verschwinden bereits bemerkt hatte, oder sie gar suchte? "Dieser Ort ist der richtige. Die Drei sind uns heute Nacht hold." So ließ sie sich von Endres, mit einem sehr mulmigen Bauchgefühl, in diese Schenke hineinführen, auch wenn der Name dieses Wirtshauses sehr eigentümlich anmutete. "Zum falschen Grafen", stand über der Tür, unter welcher gerade Endres stand, als ob die Lettern über ihm schweben würden. Doch er gab sich alle Mühe, diesen Abend zu etwas besonderem werden zu lassen, und so ließ sie sich nichts von ihren Bedenken anmerken. Denn trotz allem sehnte sie sich nach seiner Wärme, nach seiner Nähe, und nach seinen wunderbaren Küssen!

Endres ging mit Valésia an den Kamin, an welchem sie sogleich ihre Hände ausstreckte, um sich diese wieder aufzuwärmen. Er indes suchte den Wirt auf. Auf Valésias Haar schmolzen die Schneeflocken in der Wärme der Stube sogleich, so dass das eine oder andere dünne Rinnsal über ihre Stirn lief, welches sie sofort hinfort wischte. Sie blickte sich um. Es war eine sehr schöne Wirtstätte, im Vergleich zu der schäbigen kleinen von vorhin, war diese beinahe ein Palast! Nichts hier war aus Holz, bis auf jenes, welches im Kamin brannte, sondern aus edlem Stein gebaut. Endres lies auch nicht lange auf sich warten, und kam frohlockend mit einem Schlüssel in der Hand zurück, während er ihr einen sanften Kuss in den Nacken gab. Erneut überkam Valésia ein mulmiges Gefühl. Sie fühlte sich beinahe wie eine Hure, die einen Freier auf ein Zimmer begleitete. Doch konnte sie jetzt noch einen Rückzieher machen? Wohl kaum... So setzte sie ein aufmunterndes Lächeln auf, und nahm seinen ihr dargebotenen Arm an, und ließ sich von ihm langsam Stufe um Stufe hinauf führen. Der Wirt folgte ihnen mit einer Öllampe in gebührlichen Abstand. "Gestattet mir, dass ich euch das Zimmer ausleuchte, bis ich ein Feuer im Kamin entzündet habe..." meinte er. Das Zimmer war nicht verschlossen, und so traten sie ein. Endres steckte den Schlüssel innen ins Schloss. Der Wirt trat mit der Öllaterne sogleich an den Kamin, kniete nieder, und nach einigem geschickten Hantieren mit einer Zunderbüchse, hatte er ein Feuer in demselben entzündet. Schnaufend erhob er sich wieder, nickte ergeben mit dem Kopf und trat, ohne den Blick von den beiden abzuwenden, rückwärts heraus. Bevor er die Türe schloss, meinte er noch "Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe..." und Valésia fragte sich, ob er wusste, was sich hier heute Abend abspielen würde, doch sie wollte nicht daran denken. Als der Wirt die Türe hinter sich geschlossen hatte, drehte Endres den Schlüssel im Schloss herum. Valésia starrte eine Weile in die Flammen, die sich in die Holzscheite fraßen, und wandte dann schließlich den Blick stumm zu Endres, der bislang regungslos dort verharrt hatte, wo er gestanden war. Das Feuer verströmte sogleich eine angenehme Wärme, und Valésia trat an den Tisch heran, nahm ihren Pelzmantel von den Schultern, und legte diesen auf den Tisch. Ein wenig zögerlich blickte sie Endres an, und dann legte sie ihre Hände in den Rücken, und löste den Verschluss ihres silbernen, schweren Kettengürtels, und als sie diesen geöffnet hatte, legte sie ihn klirrend auf den Pelzmantel. Die beiden taten einige Schritte aufeinander zu, während sie sich tief in die Augen blickten. "Endres..." begann sie leise "Ich bin sehr glücklich, dass wir einander heute begegnet sind... Und nicht nur heute... Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, wo ich jetzt lieber sein würde, und keinen anderen Menschen gibt es, den ich nun lieber um mich hätte, als dich. Jetzt, da ich dich kenne, weiß ich, dass ich noch nie zuvor einen Menschen aufrichtiger geliebt habe, als dich." Dann verstummte sie, und sie neigte leicht ihren Kopf, damit sich ihre Lippen erneut treffen konnten. Erneut begann ihr Herz zu rasen. Sie dachte nicht an den falschen Brief, sie dachte nicht an den Erzherzog, nicht an den Erbprinzen, weder an ihre Eltern, und auch nicht an Roméro. Sie dachte nur an Endres, an ihr Verlangen, an ihr Begehren, und an diese starken Gefühle, die sie für ihn empfand. Heute und hier würde es also passieren. Sie hatte keine genauen Begriffe, was sie erwartete, Sie wusste nur, dass sie Endres liebte, und dass es nur aus Liebe passieren sollte. Sie legte ihre Hände an seine Hüften, und presste sich eng an ihn, während sie sich erneut einen langanhaltenden, zärtlichen, und immer fordernderen Kuss hingaben...
#51
Der Herzenswunsch ❖
baum-es war beinahe perfekt, auch wenn der Umstand, dass sie sich erst ein anderes Quartier hatten suchen müssen, einen fahlen und unangenehm faden Beigeschmack auf Endres' Zunge hinterließ. Doch der falsche Adelige drängte diese unangenehmen Gedanken beiseite, während er, und Valésia hinter dem Wirt standen und ihm dabei zusahen, wie er das Feuer in dem Kamin entfachte. Er wollte nicht, dass sie sich wie eine billige Dirne fühlen musste, wenn er sie einfach auf das Zimmer hinauf geleitete, und sofort zur Sache ging. Und so hielt er den Wirt, welcher gerade im Begriff war das Zimmer zu verlassen, sachte am Arm fest. »Guter Mann. Ich danke euch für die Mühen mit dem Feuer …« Das rang dem Wirt ein schmunzelndes Lächeln ab. Ja fürwahr, für ihn war das sicherlich keine sonderlich große Mühe gewesen, aber ein Mann von Adel, der sich nie sehr die Finger schmutzig machte, konnte allein das Entfachen eines einfachen Feuers in einem Kamin, welcher bereits voll von trockenem Holz gewesen war, eine nahezu unlösbare Aufgabe sein. »Es war mir eine Ehre, werter Herr …« Der Wirt brachte seinen Satz so abrupt zu Ende, dass es nur eines bedeuten konnte. Er hoffte, den Namen seines geschätzten Gastes in Erfahrung zu bringen. Endres sah den Wirt mit einem musternden Blick an. Hatte er sich nicht, als er das Zimmer verlangt hatte, als Aradan vorgestellt? Vielleicht hatte es der Wirt auch nur vergessen, doch kam Endres nicht umhin, anzunehmen, dass dieser Mann ihn auf die Probe stellte. »Ser Aradan.«, half ihm Endres dann schließlich mit einem überheblichen aber wohlwollenden Lächeln auf die Sprünge und sofort verneigte der Wirt, wenn auch nur halbherzig, seinen Kopf. »… Ser Aradan. Wenn ihr noch irgendwelche Wünsche habt, so läutet einfach mit dieser Glocke dort.« Er deutete auf eine kleine Glocke aus Messing, welche neben dem Bett auf dem kleinen Nachtkasten stand. »Oh, wenn ihr schon zugegen seid. Die holde Maid vom Trestal …« Mit diesen Worten deutete er ergebungsvoll auf Valésia. »… und meine Wenigkeit, würden unsere kalten Glieder gerne an einem vorzüglichen Gewürzwein aufwärmen.« Da nickte der Wirt und schenkte der Komtess von Aramajé ein freundliches Lächeln. »Ich habe den besten Gewürzwein aus ganz Tárhjart.« Mit diesen Worten wandte er sich dann schlussendlich von den beiden Verliebten ab und überließ sie sich selbst. Als die Tür ins Schloss gefallen war, da grinste Endres zufrieden. »Zweifellos.«, murmelte er nur und trat dabei an Valésia heran. »Jeder behauptet, den besten Wein der Stadt zu haben. Doch lass es uns doch auf die Probe stellen, ob es nicht nur heiße Luft ist, welche er da von sich gibt, Ja?« Mit diesen Worten hielt Endres ihr seine Hände entgegen, um ihr aus dem schweren, weißen Pelzmantel zu helfen. »Dir muss sicher schon angenehm warm sein, lass mich dir aus diesem Mantel helfen.«, bot er sogleich seine Hilfe an, welche sie, galant und von Adel wie sie war, sogleich entgegen nahm und wandte ihm dafür den Rücken zu. Sanft legte er ihr die Hände an den Kragen ihres Pelzmantels und half ihr so, ohne großartige Schwierigkeiten, aus dem dicken Fell und hängte diesen sogleich an den gusseisernen Haken, nahe der Tür. »Also, da sind wir nun.«, begann er und lächelte verhalten, was Valésia ihrerseits wieder mit einem ebenso verhaltenen Lächeln erwiderte. »Ich bitte diese … unschöne Verzögerung, zu entschuldigen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, der Eckwirt hatte einfach keine Zimmer mehr frei.« Endres versuchte nicht allzu betrübt dreinzublicken, doch die Tatsache, dass sie erst durch den Schnee hatten wandern müssen, bis sie diesen Ort hier gefunden hatte, musste zweifellos Gedanken und Gefühle in Valésia ausgelöst haben. Es war alles so perfekt gewesen, selbst dass die Schenke, welche den originellen Namen 'zum Eck' trug, hatte kaum der Stimmung, welche zwischen den beiden vorgeherrscht hatte, einen Abbruch getan. Doch nun standen sie hier, und jeder wusste nicht so recht, was sie machen sollten.

Und so legte Endres der Komtess von Aramajé sachte die Hand in den Rücken und führte sie zum Fenster, welches aus reinem und sauberen Glas bestand. »Lass uns die Zeit, in welcher wir auf den Gewürzwein warten, nicht mit hohlem Gerede verderben.«, schlug er ihr vor und wartete gar nicht erst ihre Antwort ab, sondern trat mit ihr sogleich an das Fenster heran. »Die Nacht ist noch jung, Valésia. Wir haben alle Zeit der Welt.« Nunja, so ganz entsprach das nicht der Wahrheit, doch wenn man ihr Fehlen bereits bemerkt hatte, dann war es nun ohnehin schon zu spät, und zu so später Stunde wagte es für gewöhnlich niemand, die zukünftige Gemahlin des Erbprinzen Olathors noch zu stören. Höchstens einer ihrer Familienangehörigen, ihre Zofe oder der Erbprinz höchstselbst. Doch damit wollte Endres der Komtess nicht die Stimmung verhageln. Und so deutete er auf das opulente Fenster, welches einen wunderbaren Ausblick über die Stadt bot. »Wie der Wirt versprochen hatte. Die Aussicht von hier ist wirklich malerisch.«, schwärmte Endres und war sich sicher, dass man wohl nur von der Burg Olathors aus eine noch bessere Aussicht über die Stadt hatte. Doch hier waren sie mitten im Herzen der Stadt. Man konnte hier und da noch vereinzelte Menschen umherlaufen sehen und dort, am großen Stadttor, standen einige Stadtwachen und rieben sich die kalten Hände. Selbst die feinen Dunstwolken, welche aus ihren Nasen und auch ihren Mündern aufstiegen, wenn sie sich die warme Atemluft in die Hände bliesen, konnte man schwach erkennen. Die Dächer der Stadt waren allesamt weiß, und der Schnee schien beinahe zu schimmern, ob des Mondlichtes, welches oben vom Himmel auf sie herabschien. »Ein wolkenloser Himmel. Fast, als ob die Götter uns an der Schönheit dieser Nacht teilhaben lassen wollten, findest du nicht auch?« Hier und da ragte ein einfacher, rauchender Kamin aus den dichten, schneebedeckten Dächern hervor und verzauberte die Straßen der Stadt mit dem nebeligen Dunst, welcher von diesen ausging. Einige der schwach flackernden Laternen, die sanft im winterlichen Abendwind hin und her baumelten, spendeten ein warmes, fast magisches Licht, welches dem Schnee den letzten Schliff verliehen, welcher ansonsten nur weiß und kalt dagelegen wäre. Hin und wieder rieselte eine dicke Schneeflocke, beinahe andächtig, an ihrem Fenster vorbei und viele von ihnen glitzernden und funkelten, als ob jemand feinen Silberstaub für sie über die Stadt streute, um so ihren Ausblick weiter zu verschönern. »Sie muten beinahe wie fallende Sterne an, findest du nicht auch?«, fragte er und suchte unauffällig ihre Hand mit der seinen. Als sich ihre Finger schließlich berührten, da streichelte er ihr sanft über die zierlichen Finger, bevor er die seinen zwischen die ihren schob. Es hatte beinahe etwas lüsternes, wenn man sich die Geste so vor Augen führte, doch war es so unscheinbar und galant, dass man Endres kaum eine unterschwellige Geste vorwerfen konnte. »Ob sie uns einen Wunsch erfüllen würden?«, meinte er nur, leise murmelnd, und kam nicht umhin, für einen Moment seine Augen zu schließen. »Was hast du dir gewünscht?«, hauchte Valésia neugierig und da schlug Endres wieder die Augen auf und schenkte ihr sein wärmstes Lächeln. »Dass wir diesen Abend niemals vergessen mögen.«

Endres Blicke glitten über das dünne Glas, welches sie beide vor der Kälte, welche vor dem Haus vorherrschte, abschirmte und entdeckte an den Ecken kleine Eisblumen aus Raureif und vereinzelte Eiskristalle, welche sich an dem Fensterrahmen festgesetzt hatten. »Diese Eisblumen schmeicheln deiner Schönheit, Valésia.« Er legte seine Hand auf das Glas, genau an einer Stelle, wo sich eine besonders große Eisblume gebildet hatte, doch zog er rasch die Hand wieder von dem eiskalten Glas zurück. »Das Mondlicht lässt das Eis förmlich leuchten. Es hat fast den Anschein, als ob silberne Gravuren in das Glas hineingearbeitet worden wären, findest du nicht auch?«, fragte er und versuchte so das Eis, welches zwischen ihnen beiden, seit sie das Zimmer betreten hatten, zu brechen. Und so ließ Endres seine Hand durch ihr üppiges Haar gleiten, bis er über die kleine Haarspange glitt, welche ihr Haar zusammenhielt. »Auch du trägst eine Eisblume.«, stellte er fest, als er das Muster, welches in die Haarspange hineingeätzt worden war, erkannte. Endres ließ es sich natürlich nicht nehmen, seine Hand so dezent durch ihr Haar streifen zu lassen, dass er dabei sanft ihre Wangen streichelte, und so schob er einige ihrer Strähnen zur Seite, um ihr schönes Gesicht, welches von dem Haar verdeckt worden war, näher betrachten zu können. »Und deine Augen schimmern, wie funkelnde Schneeflocken, welche im Mondlicht förmlich zu tanzen scheinen.« Und tatsächlich. Das Mondlicht, welches durch das Fenster herein fiel, legte sich matt auf ihre Iriden und brachte diese beinahe zum Leuchten.

Endres war dieser Frau verfallen. Mit Haut und Haaren und all seiner Vernunft. Ganz gleich, was auch geschehen mochte, diese Nacht war jede Sühne wert. Und so näherte er sich langsam aber in eindeutiger Absicht und schlug dabei immer mehr die Augen nieder. Und just in jenem Moment, als sich seine Augen schließlich gänzlich geschlossen hatten, da spürte er auch schon ihre sinnlichen und weichen Lippen auf den seinen. Seine Hände glitten ihr über die Hüfte und er zog sie sogleich näher an sich heran, während er den Kuss intensivierte. Er kostete von ihren Lippen und sog den fruchtigen Geschmack, welche ihre Zunge, wie auch ihr Atem verströmte, in vollen Zügen aus. Keine Frau war süßer, verführerischer und sündiger zugleich, als Valésia, die Komtess von Aramajé. Und sie war eine unberührte Frucht, gehegt und gepflegt, und es grenzte beinahe an eine Verschwendung eine solch wunderschöne Frau in der Blüte ihrer jungen Jahre nicht zu küssen. Und so verharrten die Beiden, gaben sich ihrer Leidenschaft hin, welche wie ein wärmendes Feuer in ihren Herzen brannte, dass der Kamin beinahe davon überschattet wurde, bis mit einem Mal ein dezentes Klopfen sie aus ihrer innigen Umarmung riss. »Ah, der Gewürzwein.«, hellte sich Endres' Miene sogleich auf. Auch wenn sie erneut gestört worden waren, so empfand er dies nur als eine reizvolle Ablenkung, welche letzten Endes dazu führen würde, dass sie sich einander noch mehr verzehren würden. Und so öffnete Endres dem Wirt die Tür, welcher zwei dampfende und verführerisch duftende Becher aus Keramik herein brachte. »Bitte, guter Mann. Stellt sie doch auf den Tisch.«, bot Endres sogleich an und führte indes Valésia an den Tisch heran, um ihr hingebungsvoll den Platz darzubieten. Der Wirt tat wie ihm geheißen, und als der Wein schließlich auf dem Tisch stand, da nickte er nur und zog noch eine Kerze aus seiner Schürze hervor, welche er in den leeren Kerzenständer, welcher ebenso am Tisch stand, hinein steckte. Er trat an den Kamin heran, zog einen kleinen Holzspan aus der Glut und entfachte damit sogleich die Kerze, welche honigsüß zu duften begann, als der Docht knisternd entflammte. Und noch ehe Endres das romantische Ambiente, welches er dadurch geschaffen hatte, so richtig realisieren hatte können, da war der Wirt auch schon wieder schweigend aus dem Zimmer hinaus gegangen und hatte Endres und die Komtess ihrer trauten Zweisamkeit überlassen.
#52
Süße, verbotene Leidenschaft... ❖
baum-peinlich berührt, vermied es Valésia in die Richtung der Tür zu schauen, bis der Wirt endlich das Zimmer verlassen hatte, was Valésia nur recht war. Sie kam sich ein wenig seltsam vor, so, als wüsste der Wirt haargenau um ihrer beiden Absichten, und dies trieb ihr regelrecht die Schamesröte ins Gesicht. Es war ja nun auch so, dass es ihr schien, dass die Gelegenheit verstrichen war. In der kleinen schäbigen Schenke war die Stimmung ganz zauberhaft gewesen, aber dies hier, schien ihr nun erzwungen. Zwei Verliebte, die krampfhaft versuchten, einen Ort des Geschehens zu finden. Zwar hatten sie diesen nun gefunden, und er schien ihr weiteraus edler, und angemessener, aber doch blieb ein seltsamer Beigeschmack zurück. Sie versuchte, diese schlechten Gedanken zu vertreiben. Und Endres Worte kamen ihr da durchaus gelegen. "Jeder behauptet, den besten Wein der Stadt zu haben. Doch lass es uns doch auf die Probe stellen, ob es nicht nur heiße Luft ist, welche er da von sich gibt, Ja?" Valésia lächelte verhalten. "Es ist der Herzog von Olathor, welcher den besten Wein auf seiner Tafel hat. Denkst du, er würde auch nur dem kleinsten Bauern seinen Wein gönnen? Außerdem ist es eine unsagbare Ehre, den Herzog von Olathor seinen Wein auszuliefern. Und er gibt sich nur mit dem Allerbesten zufrieden. Darum bin ich mir ziemlich sicher, dass er den besten Wein trinkt, den das Herzogtum nur hervorzubringen vermag. Aber dieser, der hier kredenzt wird, mag natürlich auch sehr gut sein, das will ich gar nicht bestreiten" meinte Valésia. Er half ihr schließlich aus ihrem schweren Pelzmantel. Als er diesen aufgehängt, und sich ihr wieder zugewandt hatte, meinte er "Also, da sind wir nun" und lächelte zurückhaltend, was Valésia ebenso erwiderte. "Ich bitte diese … unschöne Verzögerung, zu entschuldigen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, der Eckwirt hatte einfach keine Zimmer mehr frei" "Das macht doch nichts, es ist hier ohnehin schöner..." gab die Komtess höflich zurück und dann blickte sie betreten auf den Boden. "Lass uns die Zeit, in welcher wir auf den Gewürzwein warten, nicht mit hohlem Gerede verderben" meinte er, während er ihr die Hand in den Rücken legte und sie ans Fenster führte. "Die Nacht ist noch jung, Valésia. Wir haben alle Zeit der Welt" Diese Behauptung stimmte nicht so ganz. Ein wenig sorgenvoll dachte sie daran, dass sie mit Sicherheit nicht die ganze Nacht wegbleiben konnte, und so fühlte sie sich ein wenig unter Zeitdruck, was auch auf die Stimmung drückte. Er begann, über die wunderschöne Aussicht über die Stadt, die Eisblumen an den kostbaren Scheiben, und die Schneeflocken zu lamentieren. Valésia fand, dass er es überaus charmant beherrschte, über eine unliebsame Situation hinwegzusprechen, dass er es beinahe gänzlich schaffte, ihre Bedenken zu zerstreuen. Doch seinen Wunsch, den er ihr verriet, konnte sie nicht so gänzlich teilen. Valésia hatte ganz andere Wünsche. Doch waren diese nicht von Belang, für diesen einen Abend. Er schob seine Finger zwischen die ihren, und so standen sie am Fenster, und hielten einander die Hände, während er weitersprach. Er kam auf ihre Haarspange zu sprechen, in die ebenso ein filigranes Muster, wie eine Schneeflocke, graviert war. Er fuhr ihr sacht durch ihr Haar und Valésia schloss bei dieser Geste genießend die Augen. Kurze Zeit später öffnete sie ihre Augen wieder, und blickte ihn einfach nur an. Sie konnte sich nicht sattsehen, er war ein wirklich gutaussehender Mann. Kaum ein Ariader war so blond, wie er es war, und dies fand sie sehr reizvoll, und auch die Tatsache, dass diesem Paltoren etwas verbotenes anhaftete, fand sie nur umso anziehender. "Und deine Augen schimmern, wie funkelnde Schneeflocken, welche im Mondlicht förmlich zu tanzen scheinen" umgarnte er sie weiter und Valésia lächelte scheu. "Deine Augen sind aber auch wunderschön, Endres. Ich verliere mich immer wieder gerne in ihnen..." erwiderte Valésia sein Kompliment, und dann kam er langsam näher, und schloss die Augen, was Valésia auch tat. Und dann legten sich ihrer beider Lippen aufeinander und fanden sich zu einem sinnlichen Kuss. Seine Hände legten sich auf ihre Hüften und zogen sie näher an sich heran, dass sie inniger nicht mehr beieinander stehen konnten. Diese wunderbar weichen Lippen, diese verboten süße Zunge... Valésia konnte sich kaum vorstellen, dass es noch etwas innigeres geben konnte, als solche Küsse. Und doch ahnte sie, dass es da noch mehr gab, auch wenn sie nichts davon wissen konnte. Valésia legte ihre freie Hand in seinen Rücken, knapp über seinem Gesäß, und drückte ihn noch ein wenig näher an sich heran. Oh, wie sie ihn begehrte! Alles, was er mit ihr anstellen wollte, war ihr in diesem Moment Recht! Sie war so sehr in diesem süßen Rausch gefangen, dass sie fürchtete, beinahe den Verstand zu verlieren! Wie tief war sie in diesen sündigen Sumpf gerutscht!? Die Drei würden damit ganz sicherlich nicht einverstanden sein! An den Erbprinzen, und was er davon halten, würde, wenn er davon erführe, dachte sie erst gar nicht...

Ein verhaltenes Klopfen ließ sie erschrecken, und hastig entzog sie sich Endres Umarmung und taumelte rückwärts einige Schritte von ihm weg. Der Wirt öffnete die Türe und brachte die von Endres bestellten Gewürzweine. "Ah, der Gewürzwein. Bitte, guter Mann. Stellt sie doch auf den Tisch." sprach Endres höflich zu dem Wirten, welcher nickte, und seine Aufforderung nachkam, und Endres führte Valésia an den Tisch und bot ihr galant einen Platz ein, auf welchen sie sich niederließ. Sie beobachtete den Wirt, der eine kleine, gelbe Bienenwachskerze aus seiner Schürze hervorzauberte, und verfolgte beinahe ungeduldig die Schritte des Wirten, der ebenso einen Kienspan hervorholte, diesen am Feuer entfachte, und damit die Kerze am Tisch entfachte. Er nickte den beiden noch höflich zu, und verschwand dann ebenso lautlos, wie er gekommen war. Endres saß ähnlich, wie beim Eckwirt, nahe bei Valésia und sie umschloss den heißen Becher mit dem Gewürzwein. Die Situation kam ihr vor, wie ein Deja vúe, und sie hatte eigentlich überhaupt keine Lust, auf den Gewürzwein, Außerdem war er ohnehin viel zu heiß, zum trinken. Sie hatte auch keine Lust, auf oberflächliche Konversation, viel lieber wollte sie wieder Endres' Lippen und Zärtlichkeiten spüren, nach welchen sie sich so sehnte. Als hätten die beiden denselben Gedanken gehegt, neigten sich ihre Gesichter wieder einander zu und ihre Lippen trafen sich zu einem erneuten süßen und zärtlichen Kuss. Valésia zitterte vor Erregung und beinahe gleichzeitig erhoben sich der Paltore und die Ariaderin. Der Gewürzwein war vergessen. So standen sie da, zwischen Tisch und Bett, und gaben sich einander den Küssen hin, die immer fordernder, leidenschaftlicher, und drängender wurden. Endres trat Schritt für Schritt näher an die Komtess heran, die gleichzeitig Schritt für Schritt rückwärts ging, bis sie mit dem Bein an das Bett stieß. Langsam setzte sie sich auf das Bett, und zog ihn sanft, aber bestimmend an seinem Wams mit sich mit, bis sie auf dem Rücken zu erliegen kam. Es war ihr in diesem Moment egal, was er von ihr denken mochte. Immerhin hatte sie ihm erst vor kurzem gestanden, was sie bereit war, ihm zu geben, und sie waren ja nun hier, genau für diesen Zweck hatten sie diese Schenke doch aufgesucht! Was mochte er schon denken, außer zu wissen, was bald passieren würde? Einzig Valésia wusste nicht, was genau nun passieren würde. Langsam kam Endres über sie, stützte sich mit den Händen links und rechts neben ihr ab, und sie tauschten fordernde Küsse aus. Endres stützte sich mit dem linken Ellbogen neben ihr ab, und mit der anderen Hand begann er, ihre Röcke hochzuschieben, bis ihr linkes Bein gänzlich frei gelegt war, und die milchig weiße Haut in dem Feuerschein leuchtete. Er legte seine Hand auf ihren Schenkel, auf ihre kühlte Haut, und begann vorsichtig und bedächtig, über das Bein zu streichen, bis seine Hand langsam zwischen ihre Beine rutschte, da, wo sich ihre jungfräuliche Scham befand. Valésia hielt für einen kurzen Moment den Atem an, und dann entließ sie nach kurzer Zeit erleichtert den Atem wieder und stöhnte leise und erlöst in seinen Mund. Sie fuhr mit ihrer Hand in sein blondes Haar, krallte sich sanft darin fest und drückte ihn ein wenig näher an sich heran. Nun waren sie definitiv weiter gekommen, als je zuvor. Valésia drückte ihn leicht von sich weg, bis sich ihre Lippen voneinander lösten, und dann überkreuzte sie ihre Arme, nahm mit beiden Händen das Kleid, und zog es sich über den Kopf, und ließ es links von sich auf den Boden gleiten. Sie trug nun nichts mehr am Leib, und lag gänzlich nackt vor ihm. Ein wenig befremdlich kam es ihr doch vor, so entblößt vor ihm zu liegen, und sie lächelte ihn unsicher und schüchtern an, während sie sich tief in die Augen blickten.
#53
...und sündiges Begehren ❖
baum-zunächst saßen sich Endres und Valésia, noch schweigend, gegenüber und hielten, jeder, ihren Gewürzwein zwischen den Händen. Der Weg vom Eckwirt zu diesem Haus, welches den befremdlichen Namen »Zum falschen Grafen«, trug, war kalt und verschneit gewesen. Als Endres die Worte über der Tür gelesen hatte, da fühlte er sich, auf eine gewisse Weise, regelrecht durchschaut, als Valésia ihn angesehen hatte. Doch hatte er ihr sicherlich kaum einen Anlass gegeben an ihm zu zweifeln. Dieser Abend war voller Winke und Schicksalsboten gewesen. Und so hatte er den Namen dieses Hauses mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen hingenommen. Und nun, nur wenig später, saßen sie zu zweit und allein unter sich an diesem kleinen Tisch in diesem dunklen Zimmer, welches nur durch das Licht dieser dünnen Kerze, sowie den Flammen, welche im Kamin flackerten und tanzende Schatten an die Wände warfen, erhellt wurde. Heiß dampfte der Wein, welcher einen angenehmen und süßen Duft verströmte, doch weder Endres, noch Valésia, taten auch nur einen Schluck davon. Doch die Wärme, welche der heiße Becher seinen kalten Fingern gespendet hatte, kam ihm gerade Recht. Nichts war unangenehmer als die junge Haut einer schönen Frau mit kalten Fingern zu berühren. Es konnte durchaus auch unglaublich sinnlich sein, wenn die kühlen Finger eine Gänsehaut hervorriefen, aber ebenso könnte es alles verderben, wofür Endres Valésia umgarnt hatte.

Und ehe Endres es sich versah, da hatten sie sich auch schon gemeinsam erhoben und in einem innigen, leidenschaftlichen Kuss einander verloren. Endres legte seine Hände, bedächtig, um ihre Hüften, um sie so näher an sich heran zu ziehen, während Valésia seinen Berührungen folgte und ihm über die Schultern streichelte, oder ihre Finger durch sein offenes Haar gleiten ließ. Und sie schienen einen sinnlichen Tanz der Sinne zu vollführen, als sie immer wieder kleine Schritte taten, welche sie immer weiter weg von dem Tisch führten, aber dafür immer näher an das Bett heran. Das Ziel seines Weges. Des Weges, wofür Endres so lange um Valésia geworben hatte, schien nun in greifbare Nähe gerückt zu sein. Es schien fast, als ob alles so vorgesehen worden war. Die schmucken Eisblumen, welche das klare Fenster zierten und dem Raum einen Hauch von edler Anmut verliehen, wie auch das warme aber dezente Licht des Kamins, welches einen matten Schein spendeten und Valésia in verführerische Schatten hüllte. Es waren jene Art von Schatten, die dafür sorgten, dass das gedämpfte Licht nicht den Moment verdarb, und man nur suchend und tastend vorankam. Ihre Wangen glühten, was wohl sowohl von der Leidenschaft, als auch von dem Schein der Flammen herrührte, welche den Raum mit ihrem brennenden Tanz umgarnten. Und ihr braunes Haar schimmerte beinahe golden, wenn die Flammen ihr flackerndes Licht auf sie warfen. Aber Endres hielt die meiste Zeit seine Augen geschlossen, und so blieben ihm diese kleinen aber feinen Details größtenteils verborgen, denn er hatte ohnehin nur Augen für Valésia. Er konnte ihr Herz schlagen hören, wie es aufgeregt und neugierig gegen ihre Brust hämmerte, in Erwartung dessen, was nun folgten würde.

Doch irgendwann war der Tanz vorüber. Valésia und Endres hatten den Rand des Bettes erreicht und just in jenem Moment, als ihre Beine das dunkle Holz berührt hatten, da ließ sie sich auch schon in die weichen Daunen des Bettes fallen. Und in ihrem sündigen Fall da ergriff sie Endres an seinem Wams und zog ihn mit sich in die Tiefe. Die Tiefe der Leidenschaft. Kaum einen Wimpernschlag waren ihre Lippen voneinander getrennt gewesen, als sie gemeinsam auf dem Bett zum Erliegen kamen und so stützte sich Endres neben ihr auf dem Bett ab und neigte seinen Kopf zu ihr herunter, um den Kuss weiter fortzuführen. Sein blondes Haar fiel ihm immer mehr ins Gesicht und bildete beinahe einen schützenden Vorhang, welcher ihren Kuss vor den begehrlichen Blicken der Götter oder anderer heimlicher Beobachter zu schützen schien. Endres, welcher nun so dicht auf Valésia lag, dass er nicht mehr nur ihren Herzschlag spüren konnte, sondern auch die weiche Erhebung ihres Busens, welcher sich unter ihrem beengenden Kleid wölbte, oder die warmen Schenkel, zwischen welchen er sein linkes Bein liegen hatte, ließen die Lust in ihm wachsen und seine Männlichkeit begann bereits, vor lauter Verlangen, zu pochen und anzuschwellen. »Oh, Valésia.«, hauchte er ihr nur sinnlich ins Ohr, als sie die Lippen von ihm gelöst hatte. Und so verlagerte er seinen Körper ein wenig auf die Seite um sich neben sie zu legen, während er geschickt mit der freigewordenen Hand den Saum ihres Kleides suchte. Als er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte, da begann er, langsam und bedächtig, ihre Röcke, Stück für Stück, hinauf zu schieben und so mehr und mehr von ihren Beinen freizulegen. Sanft glitten seine Finger über ihre weiche und glatte Haut, was in ihm nur noch mehr das Verlangen nach dieser Frau schürte. Und so näherte er sich vorsichtig dem Ziel seines Begehrs. Liebevoll ließ er seine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten, ohne dabei ihre Scham zu berühren, auch wenn seine Hand nur um Haaresbreite davor zum Stillstand kam. Sie war ein Juwel, welches es zu verführen und zu liebkosen galt. Und so wollte Endres sich langsam zu ihrer jungfräulichen Mitte vorarbeiten, ohne diese gänzlich in das Liebesspiel einzubeziehen. Er wollte ihr Verlangen schüren und ihre Lust anfachen, gleich einer zaghaften Glut, welche nur darauf wartete zu einem Feuersturm entfacht zu werden. Der zauberhafte Moment würde verglühen und vergangen sein, noch ehe er begonnen hatte, wen er nun, in diesem Augenblick, seine Hand auf ihr Allerheiligstes gelegt hätte. Und so streichelte er sanft die Innenseite ihrer Schenkel, während er ein sinnliches Spiel mit ihren Lippen und ihrer Zunge ausfocht.

Aber Valésia überraschte Endres. Die wohlerzogene und zurückhaltende Adelige schien von den Gefühlen, welche in ihrem Herzen aufgewühlt worden waren, regelrecht mitgerissen worden zu sein, als sie Endres dazu zwang sich aufzurichten und sich nur kurz darauf die hochgeschobenen Röcke gänzlich über den Kopf zog und sich kurzerhand davon befreite. Sie trug nun nichts mehr als ihre silberne Haarspange, welche aus ihrer dunklen Haarpracht hervorblitzte, am Leib und legte sich langsam wieder in die Kissen, während sie Endres einen verlangenden und zugleich zurückhaltenden Blick schenkte, wie es nur eine Jungfrau vermochte, welche noch niemals in ihrem Leben bei einem Mann gelegen war. Und als sich ihre Blicke kreuzten, da schenkte Endres ihr ein liebevolles Lächeln, während er seine Hände andächtig über ihren Leib gleiten ließ. »Du bist wunderschön, Valésia.«, hauchte er und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Bauch, nur knapp über ihrem Venushügel. Doch bevor er ihr mehr gab, da erhob er sich von ihr und verharrte kniend im Bett, während seine Finger langsam zu seinem Wams glitten und geschickt die silbernen Knöpfe aus ihren Ösen drückte. Einen nach dem anderen, ohne jede Eile oder Hektik. Als er schließlich den letzte Knopf geöffnet hatte, da schob er sich das Wams vom Körper und ließ es, ebenso wie es zuvor mit ihrem Kleid getan hatte, auf den Boden fallen. Und so lockerte er die Schnürung seiner Tunika und zog es sich geschickt über den Kopf. Mit bloßem Oberkörper kniete er nun vor Valésia und bedachte sie mit forschenden und begehrliche Blicken, bevor er sich wieder zu ihr herab beugte. Er nahm sanft ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und schob ihren Kopf bestimmend auf die Seite, um, gleich einem verführerischen Vampir, ihren Hals zu suchen. Doch stand ihm nicht der Sinn nach ihrem Blut. Nein, er wollte nur ihren Duft in sich aufnehmen und den Geschmack ihrer Haut auf den Lippen schmecken. Und so gab er ihr immer wieder kleine, verspielte oder längere, sinnliche Küsse auf den Hals und tastete sich so, Kuss für Kuss, an diesem entlang hinauf, bis sich erneut ihre Lippen fanden und sie in einem weiteren Kuss einander verschmolzen.

Endres ließ sich tiefer in die Kissen gleiten und legte Valésia seine Hand auf den nackten Rücken und begann sie zärtlich zu streicheln, während er sich mit dem anderen Ellenbogen auf dem Bett abstützte, um mit dem Kopf über Valésia zu bleiben. Atemlos und völlig berauscht lag Endres neben Valésia und kostete jeden Augenblick in vollen Zügen aus. Und nichts war zu vernehmen, als das Knistern und Knacken der Flammen, ihr dumpfer Herzschlag und der schwere Atem der beiden Liebenden. Als Endres Hand schließlich über Valésias Hintern glitt, da verharrte er dort für einen Moment um das Gefühl, welches dieser ihm bereitete, in sich aufzunehmen, nur um seine Hand kurz darauf weiter auf ihre Schenkel gleiten zu lassen. Und so zog er ihr Bein etwas näher an sich heran, während er sich noch näher an sie heran drückte. Und da berührte endlich seine Brust die ihre, und die Weichheit ihres Busens umfing ihn beinahe wie eine zärtliche Umarmung. Er wollte mehr und drückte sich so noch näher an sie heran, bis sie schließlich eng umschlungen im Bett lagen und sich mit Armen und Beinen so einander verschlungen hielten, dass sich keiner von ihnen mehr bewegen konnte.

Endres Hand ließ von Valésias Schenkel ab, als diese sich mehr und mehr ihrer Lust hingegeben hatte und ihr heißer und schwerer Atem ihm unaufhörlich ins Ohr drang. Ihr Stöhnen und ihr Seufzen berauschte seine Sinne und ließ sein Blut in den Ohren zum Rauschen bringen und so war der Moment gekommen. Er schob seine Hand zischen ihre Schenkel und zwang sie so, mit mäßigem Nachdruck, sich für ihn zu öffnen. Und je höher Endres' Hand zwischen ihren weichen Schenkeln hinaufglitt, desto mehr weitete Valésia ihre Beine für ihn, bis sie schließlich auf dem Rücken lag und ihm einen tiefen Einblick in ihr Allerheiligstes gewährte. Endres fand es jedes Mal beinahe bezaubernd magisch, wenn der Moment gekommen war, wenn eine Frau bereit war, ihm den Weg in ihre süße Frucht zu offenbaren und so erhob er sich vor Valésia um ihre Gabe ansprechend zu würdigen. Valésias Haut war hell wie Milch und zugleich so warm wie das Feuer. Sie brannte förmlich, was nur dem Verlangen, welches in ihrem Herzen loderte, zuzuschreiben war. Doch inmitten ihrer Schenkel da hob sich ihr dunkler, verführerischer und jungfräulicher Schoß ab, wie ein Schatten auf einer weißen Wand. Und so legte Endres ihr seine warmen Hände auf den Busen und umfing ihre festen Brüste mit einem sanften Druck, während er damit begann diese zu liebkosen und sinnlich daran zu saugen. Immer verlangender ließ er seine Zunge über ihre Knospen kreisen, während er sanft seine Hände auf ihrer Haut tanzen ließ. Valésia erschauderte und ihr Körper bebte förmlich nach jedem Kuss, den er ihr schenkte und Endres genoss die Reaktionen, die seine Berührungen in ihr hervor riefen, doch hatte er erst begonnen und er wollte immer mehr. Er konnte kaum noch an sich halten, als er damit begann langsam ihren Leib hinab zu gleiten, diesen mit süßen und saugenden Küssen einzudecken, während er immer tiefer und tiefer hinab glitt. Immer tiefer glitten auch seine Hände, welche sich schließlich von ihrem Busen gelöst hatten und, einem Windhauch gleichend, an ihren Seiten hinab glitten und so das bebende Gefühl, welches in Valésia tobte, noch verstärkten. Und irgendwann schlossen sich seine Finger über ihren Hintern und er schob seinen Kopf zwischen ihre Schenkel um ihren Beinen dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, wie es schon ihr Busen und auch ihr Bauch erhalten hatte.

Und als er langsam ihre Beine hinauf wanderte, da schob er seine Beine immer weiter zurück, bis sie über das Bett hinaus ragten und so stand er schließlich auf, um von Valésia abzulassen. Ihre Blicke verrieten, dass sie nun soweit war. Sie wollte mehr! Sie wollte es wissen, alles fühlen, was er ihr zu fühlen geben konnte. Und so öffnete er schließlich den Knoten seiner Bruche, und die Schlaufen, welche die Beinlinge hielten, lösten sich. Ein wenig umständlich zog sich Endres die Beinlinge von den Beinen und verfluchte, und das nicht zum ersten Mal, diese umständliche Mode des Adels. Doch als er sich von den Beinlingen befreit hatte, da löste er den Knoten, welcher die Bruche noch zusammen hielt und ließ das letzte Kleidungsstück, welches er noch am Leib trug, zu Boden gleiten. Und nun stand auch er völlig nackt vor der Frau, die sein Herz und seine Leidenschaft für sich erobert hatte und seine Männlichkeit hatte sich stramm in den Himmel erhoben und zuckte pochend und vor lauter Verlangen nach dem unschuldigen und unberührten Schoß dieser jungen und begehrenswerten Bernsteinrose, welche da vor ihm im Bett lag, bebte und vor Lust zu zerfließen schien. Und so kletterte er wieder zu ihr ins Bett zurück, küsste ihren Bauch, streichelte ihr zärtlich durch das dichte Haar, welches ihren Schoß vor neugierigen Blicken zu schützen gedachte und neigte sich schließlich, beinahe unterwürfig, vor ihr nieder, bis seine Lippen die ihres Erdbeermundes berührten. Und da entkam ein sinnlicher und befreiender Seufzer aus Valésias Lippen, welcher sich nur kurz darauf zu einem sündigen Stöhnen wandelte, als Endres seinen Mund geöffnet hatte und seine Zunge über die Perle ihrer Lust kreisen ließ.
#54
Bereit für den König! ❖
baum-nackt und beinahe schutzlos lag Valésia vor Endres in den weichen, sauber duftenden Laken und Kissen. Und doch fühlte sie sich nicht schutzlos, sondern beinahe geborgen unter den warmen Blicken, welche Endres ihr schenkte, und unter seinen zärtlichen Händen, mit welchen er sie sanft und andächtig berührte. "Du bist wunderschön, Valésia." hauchte er atemlos und drückte seine weichen Lippen auf ihre weiche Haut, zwischen ihrem Bauchnabel und ihrem Venushügel, auf welchem sich verführerisch ihr Haar in weichen Wellen lockte. Valésia atmete heftig ein, als er sie dort küsste und selig lächelte sie, ob seiner Worte. Schließlich ließ er ab von ihr, kniete vor der Komtess von Aramajé, legte seine Hände an sein Wams, und begann langsam, und bedächtig Knopf für Knopf seines Wamses zu öffnen. Valésia folgte aufmerksam jeder seiner Bewegungen, und wie sich in jedem seiner silbernen Knöpfe das Feuer des Kamins in Form von funkelnden, goldenen, kleinen Lichtpunkten widerspiegelte. Schließlich zog er sich sein Wams aus, und ließ es zu Valésias Kleid auf den Boden gleiten, und widmete sich der Schnürung seines Hemdes. Ohne den Blick von Valésias Augen abzuwenden, zog er langsam und beinahe verführerisch an der Kordel, legte beide Hände an den Ausschnitt, lockerte diesen und zog sich mit einer ebenso langsamen und verführerischen Geste das Hemd über seinen Kopf und ließ das Hemd ebenso zu dem Wams und den Kleidern Valésias fallen. Mit begehrlichen und stummen Blicken sahen sich Endres und Valésia in die Augen, als sie schließlich schüchtern den Blick senkte und seinen wohlgestalteten nackten Oberkörper betrachtete, auf dessen linke Brust sich drei lange Narben offenbarten, welche Valésia stumm und fragend gleichzeitig betrachtete. Doch auch diese konnten seiner Schönheit keinen Abbruch tun. Endres beugte sich wieder über Valésia, nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, und neigte ihr Haupt leicht zur Seite, ehe er begann, ihren Hals mit sanften Küssen zu bedecken, die Valésia heiße Schauer durch ihren Körper jagten. Sie seufzte leise und dies schien ihn zu beflügeln. Und so spielte er dieses Begehren erweckende Spiel weiter, bis er wieder bei ihren Lippen angelangt war, wo sich ihre Lippen erneut zu seinem sanften Kuss begegneten, der zuerst zärtlich und liebevoll begann, um nur wenige Herzschläge später intensiver und fordernder zu werden.

Schließlich legte er ihr seine Hand in den Rücken, und strich sanft über diesen, bis er auf ihrem Hinterteil strich, und seine Hand auf diesem liegen ließ. Valésia ihrerseits strich bedächtig über seinen Arm, begleitet von schwerem Atem, während sie sich in seinen Augen verlor. Seine Hand strich weiter über ihren Körper, und glitt über ihren Schenkel, welchen er vorsichtig umfasste, und näher an sich heran zog, während er selbst sich ebenso näher an sie herandrückte, bis sie einander schließlich so nahe waren, dass ihre weichen und vollen Brüste sich fest gegen seine Brust schmiegte. Sein Oberkörper fühlte sich so warm und vertraut an, und wie berauscht atmete sie seinen sinnlichen Duft ein, und sie war sich sicher, dass sie nie etwas Süßeres, Wohligeres und Betörenderes erlebt hatte, als Endres männlichen Duft, den sie nicht in einordnen konnte. Eng ineinander geschlungen lagen sie auf dem Bett und schenkten sich einander Zärtlichkeiten, wobei Endres stets die Oberhand behielt, bei der jungfräulichen und völlig unerfahrenen Komtess. Vorsichtig schob er seine Hand zwischen ihre Schenkel und zwang sie so subtil, diese zu öffnen, und nur zu gern kam sie seiner stummen Aufforderung nach, während ihr hart klopfendes Herz schier ihre Brust sprengte. Es fiel ihr schwer, sich zurück zu halten, und so entkamen ihren süßen Lippen immer wieder verhaltene Seufzer und leises stöhnen, während seine Hand zwischen den zarten Innenseiten an Valésias Schenkeln immer höher fuhren. Schließlich ließ sie sich zur Seite gleiten, und lag auf dem Bett, mit geöffneten Beinen, benetzt von feuchten Tropfen der Lust. Endres erhob sich, und kniete zwischen ihren Schenkeln, und kam erneut über sie, und legte seine Hände sachte auf ihre Brüste, deren Knospen vor Erregung erhärtet waren, wie die jungen, geschlossenen Knospen einer zarten Rose. Heiße Wallungen tobten in Valésia und sie bereute bislang keinen Augenblick, dass sie sich ihm zum Geschenk gemacht hatte. Sanft drückte er ihre weiblichen und weichen Brüste, die gut in seine großen Händen passten, und sich einfügten, wie ein einzelnes, fehlendes Mosaiksteinchen in einem Gesamtkunstwerk. Endres kam mit seinem Kopf an ihre Brüste, und begann zärtlich, mit seinem Mund ihre Knospen zu umschließen. Heiß und feucht fühlten sich diese saugenden Küsse und seine Zunge an, welche diese spielerisch umkreisten und Valésia umso mehr beflügelten, zu stöhnen, und sich unter seinen Zärtlichkeiten sacht aufzubäumen. "Endres..." hauchte Valésia tonlos und betört, und er rutschte, ihren Körper mit Küssen bedeckend, immer tiefer, über ihren Bauch, über ihren Bauchnabel, welchen er mit seiner Zunge ebenso liebkoste, was in Valésia unerwartete Erregung schürte. Seine Hände glitten an der Seite ihres Leibes streichelnd und umgarnend, und schließlich rutschte er so tief, dass sein Kopf zwischen ihren Beinen, und direkt vor ihrem Allerheiligsten war. Sein heißer Atem streifte die Mitte zwischen ihren bebenden Beinen, und in dem Moment, wo dieser gleichzeitig kühlende und erhitzende Odem streifte, stöhnte Valésia begehrlich auf. Schließlich ließ er von der Komtess ab, und erhob sich, was Valésia mit einem fragenden und hilflosen Block zugleich quittierte. Und plötzlich fühlte sie sich so einsam und verlassen. Er begann, den Knoten seiner Bruche zu öffnen und die Beinlinge von seinen Beinen zu lösen. In diesem Moment wirkte er ein wenig ungehalten, was Valésia ein wissendes Lächeln abrang. Zwar wusste sie kaum etwas um die männliche Bekleidung, doch wie umständlich und quälend es beizeiten war, sich von den Kleidern zu befreien, das kannte sie aus eigener Erfahrung. Schließlich glitten Beinlinge und Bruche von ihm herab und der Graf von der Hohenehr stand nun gänzlich nackt vor ihr. Und er trug den Schlüssel zu ihrem Schloss hoch und stolz erhoben. Beschämt und Neugierig gleichzeitig betrachtete Valésia seinen entblößten und männlichen Körper. Ihre Blicke glitten von seinem Bauch, auf welchem sich zarte und sehr reizvolle Bauchmuskeln abhoben, direkt zu seinem Schlüssel, der wie für ihr Tor gemacht zu sein schien. Errötend wandte sie den Blick davon ab, und doch konnte sie es nicht lassen, immer wieder darauf zu sehen, während ihr Körper immer noch bebte, und sich nach dem seinen beinahe schmerzlich verzehrte. Ihr Atem stockte und die Hitze stieg ihr förmlich zu Kopfe. Alles in ihr schrie, und doch blieb sie stumm.

Schließlich begab er sich wieder zu der Komtess und küsste erneut ihren flachen Bauch, der unter seinen Küssen vor Erregung zitterte. Seine Hand strich zärtlich durch das Haar und Valésia erschauerte erneut, während sie seine Hand festhielt, dass er nur ja nicht auf den Gedanken kam, seine Hand zu entziehen! Und doch entzog er seine Hand ihrem Schoß, nur, um sich mit dem Kopf diesem zu nähern. Sehr neugierig und gespannt, was folgen würde, hielt Valésia den Atem an, aber sie wusste, dass sie ihm gänzlich vertrauen konnte. Und schließlich drückte er seine weichen Lippen in die Mitte ihrer feuchter Bernsteinrose. Valésias Augen, welche halb geschlossen waren, weiteten sich für einen Herzschlag, sie bäumte ihre Hüfte ganz leicht auf und ein deutlich vernehmbares Raunen entwich ihrer tiefen Kehle, welcher sogleich zu einem verhaltenen, aber lustvollen Laut anschwoll, als er seine Lippen öffnete, und seine Zunge darüber kreisen ließ. Als würde man eine kleine, süße Frucht, etwa eine Kirsche, sinnlich ablecken, bevor man sie sich in den Mund schob, leckte Endres Valésias Perle zwischen ihren Beinen, und völlig wie von Sinnen begann sie, laut aufzustöhnen, so dass sie sich erschrocken eine Hand auf den Mund legte, bevor Endres zärtliche Zungenschläge sie dazu zwangen, sich mit beiden Händen in die Laken zu krallen. Eine heiße Welle umfasste ihre Scham und sinnlich seufzend ergab sie sich seinen Liebkosungen und legte ihre Hände auf seinen Kopf, fuhr zärtlich in sein wunderschönes, blondes und gänzlich paltorisches und seidiges Haar, zerwühlte dieses sacht, und hielt sich schließlich daran fest, als drohe sie hinfort zu schwinden. Valésia schloss die Augen und ergab sich beglückt seinen Zärtlichkeiten und nicht eine Sekunde dachte sie daran, dass etwas falsch daran sein konnte, dass sie, die ariadische Komtess sich einem paltorischen Grafen hingab, obgleich die dem Erbprinzen von Olathor versprochen war, und es ihre Pflicht war, sich ihre Unberührtheit für diesen Mann aufzubewahren. Und sie verschwendetet auch keinen Gedanken an die Drei, und deren Lehren, dass eine Frau stets keusch, zurückhaltend und alles andere als lüstern sein sollte, und sie dachte auch nicht an Meriks Worte, als er Valésia einst sagte 'Seid mir eine gehorsame, kluge, verständnisvolle, tugendsame und bescheidene Ehefrau.' Sie war in diesem Moment weder dem Erbprinzen gegenüber gehorsam, sondern lediglich ihrem Herzen, ihrer Lust und ihrer Liebe, die sie für diesen Mann empfand, der da zwischen ihren Schenkeln lag und ihr so unglaubliche Lust schenkte. Es war auch nicht sehr klug, dass sie dem paltorischen Grafen ihre Jungfräulichkeit zum Geschenk machte, sie hatte keinerlei Verständnis für Meriks Forderungen und Anforderungen an seine Braut, zukünftige Ehefrau und Erbprinzessin von Olathor. Gleichermaßen war sie in diesem Moment auch nicht tugendsam, sondern lüstern, und fordernd nach Endres Zärtlichkeiten und seinem Körper, und alles andere als bescheiden, als sie all diese Dinge von ihm still und begehrlich forderte. Sie liebte Endres mit jeder Faser ihres Herzens, und sie liebte ihn dafür, was er in ihr auslöste und erweckte, so dass sie ihm nur zu bereit jeden Wunsch von den Augen ablesen würde, wenn er sie nur darum bitten würde. Immer heißer und pulsierender tobte die Lust in ihrer Leibesmitte, und immer mehr bäumte sie sich unter Endres heißer und beglückender Zunge auf, die ihr solche Lust und starken Gefühle bereiteten. Und plötzlich geschah etwas. Ein starkes Kribbeln kreiste um ihre Perle, und immer intensivere Gefühle brauten sich zu einem wahren Sturm von Lust und Leidenschaft, und ein Gefühl, das wie ein aufgewühltes Meer war, das seine starken Wellen gegen die Klippen warf, bemächtigte sich ihrer. Von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen erbebte und kribbelte ihr Körper und sie raunte, verstört, wie auch in höchster Lust entflammt "Oh Endres, was tust du, was geschieht nur mit mir?" Und sie konnte nicht anders, als ihre Lust und ihre Lüsternheit laut hinauszuschreien, während ihr Schoß stark pulsierte, und sie ihre Hände so stark in die Laken krallte, dass das weiße ihrer Knöchel hervortrat, und ihre Finger beinahe schmerzten. Heftig keuchend, und mit süß schmerzend rasenden Herzen ließ sie ihren Schoß wieder auf das Bett nieder, und ihr Kopf war so völlig leer und gleichzeitig voll von beglückenden und verstörenden Eindrücken. Matt und selig lag sie vor ihm, während Endres zwischen ihren Beinen auftauchte, und sich wieder über sie beugte. Sie ergriff seine Arme, und zog ihn fordernd zu sich heran, um wieder seine Süßen Lippen zu schmecken, die ihre Lippen schon viel zu lange vermisst hatten. Sein Mund und sein Kinn waren feucht von Valésias Feuchte, und sie schmeckte feine Nuancen davon, während sie sich in einem wilden und fordernden Zungenkuss ergaben, was ihre Lust in einem nur noch verboteneren, sündigeren und gleichzeitig betörenden Licht erscheinen ließen. Valésia fühlte sich wunderbar! Sie wollte alles, sie wollte ihn, sie konnte es kaum erwarten, noch mehr von ihm zu bekommen! Und so lag er auf ihr, und gleichzeitig nicht gänzlich auf ihr, und sein hartes Gemächt lag auf ihrer feuchten Scham, und da wusste sie, dass sie nur noch Erlösung finden konnte, wenn er sich endlich in sie schob. Schüchtern, wie beflügelt gleichzeitig, wanderten ihre Hände zu seinem Gemächt, umschlossen dieses zaghaft und höchst neugierig, und es fühlte sich gut an, in ihrer Hand, wie es subtil pochte und zuckte, und ihr in einem Anflug von Erkenntnis als königlichster Körperteil eins Mannes vorkam. Ja, sie war bereit, für diesen König. Endres umschloss seine Hand um ihre Hand, die nach wie vor sein Gemächt umschlossen hatte, und da zog sie ihre Hand langsam gleitend, zurück. Spielerisch, und wissend lächelnd, führte er sein Gemächt an ihre feuchte, und immer noch leicht pochende Scham, ganz zart glitt es an ihre Öffnung, er rieb es sanft daran, und Valésia umarmte Endres stürmisch, zog ihn an sich heran, und küsste ihn aufgewühlt fordernd, um ihm damit zu verstehen zu geben, dass er endlich ihre lustvolle Qual erlöste und ihr gab, wonach sie sich so unglaublich sehnte...
#55
Des Königs weißes Blut ❖
baum-beinahe selbstgefällig und über die Maßen zufrieden lächelte Endres, als Valésia sich unter den sinnlichen Berührungen seiner Zunge aufgebäumt hatte. Er hatte sie an den Gipfel ihrer Lust geführt, und dort schwebte sie nun, in seligen Höhen, und posaunte ihre ihr Glück und ihre Zufriedenheit in die Welt hinaus, welche ihr in diesem Moment gänzlich zu Füßen lag. Er konnte sie kaum im Zaum halten, so sehr bäumte sich die, sonst so zurückhaltende und scheue, Komtess von Aramajé auf. Dies war der Moment, als Endres bewusst wurde, dass diese Frau Zeit ihres Lebens in einem goldenen Käfig verbracht hatte, der nun, genau in diesem Moment, aufgebrochen war und sie so frei wie noch nie zuvor war. Und sie gab sich diesem unbändigen Gefühl völlig frei und ungezwungen hin. Die verbotenen Geheimnisse, welche ihr verwehrt worden waren. Die Wonnen der Leidenschaft. Zweifellos war sie noch nie in ihrem ganzen Leben auf eine derartige Art und Weise berührt worden und es überstieg völlig ihre Erwartungen. Die Leidenschaft übermannte Endres. Doch Valésia war eine zierliche und hochwohlgeborene, junge Frau. Es viel ihm schwer, sich nicht gänzlich seinem Verlangen hinzugeben. Seine Hände glitten über ihren Körper und umschlossen die festen Rundungen ihres Gesäßes, während er seine Zunge immer wieder über ihre verführerische Perle gleiten ließ, oder an ihren Lippen saugte. Doch nun, da sie den Gipfel erreicht hatten, da spürte er, wie Valésias Ufer überzutreten drohte. Der Quell ihrer Wonne benetzte die Laken und jeder Atemzug den sie tat ward begleitet von einem sanften Beben. Beinahe, als ob sie zugleich zittern und den Atem anhalten würde. Endres fühlte, wie der Hügel ihrer Weiblichkeit langsam anschwoll, als ob all die Lust darin, welche sich bis dahin aufgebaut hatte, auszubrechen drohte, um Valésia ein endlich die sehnliche Erlösung zu bringen, nach der sie sich zu verzehren schien. Er schmeckte ihren Geruch förmlich in der Luft. Er spürte das Knistern, als ob der ganze Raum in Flammen stünde. Und er spürte das Zittern, das Beben und das Pulsieren ihres Körpers bis in sein eigenes Herz hinein. Und das Schlagen ihres Herzens, hämmerte in seinen Ohren. Er war wie von Sinnen und in diesem Augenblick war er ihr mit Haut und Haaren gänzlich verfallen.

Und da ließ sich Valésia, berauscht und matt in die Kissen sinken und ihr Leib bebte, was ihren von, filigranen Schweißperlen benetzten, Busen zum Zittern brachte. Die Perlen gerieten in Bewegung und glitten von ihr ab, wie Eis von einem Gletscher, wenn die Sonne es zum Schmelzen gebracht hatte. Wie ein warmer Sommerregen, oder frischer Morgentau, der sich auf ihrem Körper niedergelegt hatte. Und da erhob sich Endres zwischen ihren Schenkeln und kam langsam über sie. Wie ein Raubtier, pirschte er sich an Valésia heran, welche willenlos, wollüstig und ihm schutzlos ausgeliefert, auf dem Rücken lag. Doch er war kein Raubtier, dass ihr Schaden wollte. Er war der Hirsch, der seine Auserkorene auf den Thron des Himmels tragen wollte. Er hatte nur noch Augen für sie und egal wohin er auch sah, er sah nur Schönheit und Vollkommenheit. Er hielt inne und lächelte sie verführerisch an, während er ihr immer näher kam. Sein Gemächt streifte über ihre weichen Schenkel, und sein offenes, helles Haar kitzelte ihr sanft über die Brust, als er sich langsam über sie beugte, um mit dieser anbetungswürdigen Frau einen weiteren Kuss zu teilen. Und als er so über ihr lag, da drückte ritt der König fordernd über die unberührten Lande. Der stumme Ruf des Königs war klar und deutlich zu vernehmen. Er klopfte an die Tore, welche begierig darauf zu warten schienen doch endlich zu empfangen. Und wie zum Beweis dieses Eindrucks, spürte Endres mit einem Mal, wie sich Valésias zierliche und kühle Finger an dem königlichen Schlüssel zu schaffen machten, um das Schloss zu öffnen. Die angenehme Kühle ihrer Hände riefen in Endres einen wohligen Schauer hervor, und er kam nicht umhin, für einen Augenblick, seine Augen zu schließen. Der Schauer breitete sich unaufhaltsam aus. Wie eine Welle auf einem spiegelglatten See, nachdem man einen Stein hineingeworfen hatte. Sein ganzer Körper schrie nach der Erlösung. Der Erlösung, die nur der Schoß dieser Frau zu geben vermochte. Und so entzog er sich Valésias Händen und nahm den Schlüssel schließlich in die eigene Hand. Er schob ihr sachte die Schenkel entzwei, was Valésia bereitwillig und ohne Gegenwehr geschehen ließ. Der Schlüssel näherte sich dem Schloss. Langsam und andächtig begehrte der König um Einlass in ihre jungfräuliche Weiblichkeit. Doch dieser Teil des Aktes, war der wichtigste und zugleich der schönste, von allem. Wenn der Schaft das erste Mal, langsam, in den weichen Schoß hinein glitt und einen so die Welle der Erregung und zugleich der Erlösung erfasste. Endre wollte den Moment auskosten. Ihn mit jeder Faser seines Körpers genießen. Und so drückte er ihr die glänzende, königliche Krone an die Tore ihrer Bernsteinkammer und schob langsam die Pforte auf, welche den Eingang in ihr Allerheiligstes zu schützen gedachte. Doch schenkte er weder sich, noch Valésia, die ersehnte Erlösung. Stattdessen begann er die willige und sehnsüchtig seufzende Komtess mit seinem Zepter zu berühren. Wie ein König, der einen heiligen Akt vollführte. Voller Andacht und heiliger Bedeutsamkeit. Immer wieder teilte der königliche Stab den adeligen Vorhang, nur um dann doch daran abzugleiten und stattdessen ihre erregte Perle, immer wieder zu umgarnen. Es war, als würde man durch einen Wasserfall schreiten, doch jedes Mal, wenn man kurz davor war, die Höhle dahinter zu betreten, doch noch einmal die einen zögerlichen Schritt zurück trat. Mit jeder Berührung, die er Valésia schenkte, da bäumte sich die junge Jungfrau begehrlich auf. Immer wieder führte sie ihre Hände an seine Lenden, oder seine Brust, um ihm zu zeigen, dass sie mehr als nur bereit für ihn war. Sie war völlig entrückt. All ihrer Gedanken entledigt und von den knisternden Funken, welche sie umgaben, völlig vereinnahmt worden. Hoffnungslos verfallen. Und Endres stachelte ihr Verlangen immer weiter an, bis sie all ihre Zurückhaltung verloren hätte und sie sich ihm willenlos hingeben würde.

Und endlich war es soweit. Valésia hatte die Augen geschlossen und ihr Herz schlug so laut und schnell, dass Endres es klar und deutlich hören konnte. Wie Trommeln, die in einem wilden Takt geschlagen wurden. Endres begehrte diese Frau, wie noch keine vor ihr. Er wollte ihr etwas schenken, dass sie hoffentlich niemals vergessen würde, denn Valésia war noch niemals bei einem Mann gelegen. Sie war unberührt, bis zu diesem Tage. Und Endres war der Mann, der ihr die Unschuld raubte. Nein, er war der Mann, welcher sie zur Frau machen würde. Er, der einfache Sohn, in dessen Adern nicht ein einziger Tropfen blauen Blutes floss, lag im Bett mit der schönsten Frau Ariads und ihr Herz schlug nur für ihn. Niemals hätte er sich dies träumen lassen, als er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte. Und der Umstand allein, dass er niemals jemandem davon erzählen durfte, war der einzige Wermutstropfen an diesem sonst so perfekten Spiel zwischen Hingabe und Begehren.

Und so beendete er die Qual, welche er Valésia auferlegt hatte und schob sich, langsam und gefühlvoll, in den feuchten Schoß Valésias. Wie ein goldener Schlüssel, der nur für dieses eine Schloss gemacht worden war, öffnete sein Gemächt langsam die verriegelten Pforten, hinter den Toren und ließ den König in seine Burg. Und da war es um die Beherrschung der jungen Frau geschehen. Sie gab sich völlig der Lust hin, welche Endres mit geschickten Berührungen heraufbeschworen hatte. Als ob sie ihr Herz zerspringen, und ein Quell der Lust in ihr bersten würde, entkam ihrer goldenen Kehle ein silberner Gesang. Es war ein Gesang der völligen Unbeschwertheit. Ein Zeugnis von Ekstase und Wollust. Doch war es für Endres nichts anderes als Musik in seinen Ohren, als Valésia den Verlust ihrer Jungfräulichkeit mit einem erlösenden Stöhnen untermalte. Manch eine Frau hatte diesen Moment in dunkler Erinnerung. Manch eine gedachte nur der Schmerzen und des Blutes, welche diesem Akt beigewohnt hatten. Doch Valésia, und dessen war sich Endres sicher, würde sich für immer an diesen Tag erinnern. Und so glitt er immer tiefer und tiefer zwischen die makellosen Beine dieser Frau, bis sein Gemächt gänzlich in ihr versunken war. Und da legte er sich auf ihren Bauch und seine Brust schien mit der ihren zu verschmelzen. Als sich ihr weicher Busen sanft an seinen Oberkörper schmiegte, gleich einer liebevollen Umarmung. In diesem Moment waren sie nicht mehr Endres und Valésia. Sie waren zu einem Ganzen verschmolzen. Vereint und unzertrennlich. Endres umfing Valésias Rücken mit seinen liebevollen Händen, strich ihr durch das Haar, bedeckte ihren Hals mit heißen Küssen und drückte sich so noch ein wenig tiefer in sie hinein, indem er sie dazu zwang, ihr Becken sanft zu bewegen. Und dann entzog er sich ihr. Nur ein wenig. Nur um erneut in sie zu gleiten. Immer wieder und wieder. Und langsam und sinnlich. Ja beinahe zärtlich, nahm er die Komtess von Aramajé und schenkte ihr das, was sie verdiente. Eine romantische und zärtliche Liebesnacht.

Bald schon wirkte Valésia befreiter. Das fremde, noch nie dagewesene Gefühl, welches sich in ihrem Schoß breit gemacht hatte, wich langsam einem angenehmeren, welches man niemals mehr missen wollte. Und so löste Endres die Umarmung um Valésias Rücken und stützte sich stattdessen neben ihren Schultern ab. Und als er dies tat, da lösten sich ihre Lippen von einander, welche schon so lange miteinander verschlungen waren, wie der Sand einer Sanduhr benötigt hatte um hindurch zu rieseln. Er hob sanft ihre Beine an, und kostete von der milchigen Haut, welche im gedämpften Kerzenschein, wie flüssiges Wachs anmuteten. Feine Tropfen von Schweiß perlten von ihrer Haut ab und jeder einzelne Tropfen schmeckte wie süßester, verbotener Honig. Er umschlang ihre Beine, wie zwei Geliebte und drückte sich wieder näher an sie heran, wodurch er noch tiefer in sie eindringen konnte. Jede seiner Bewegungen löste in Valésia eine neuerliche Welle der Wonne und Wollust hervor, während Endres seine Stöße rhythmisch und fordernd werden ließ, ohne dabei zu grob oder gar zu stürmisch zu werden. Immer wieder entzog er sich ihr, nur um erneut in sie zu stoßen. Und mit jedem Stoß schickte Valésia einen Seufzer über ihre Lippen, gleich einem dankbaren Gebet, welches sie im Stillen an die Drei entsandte. Irgendwann war der Punkt erreicht, an welchem Endres sie erneut auf den Gipfel der Sinne geführt hatte. Doch dieses Mal hatte er sie dort hinauf begleitet. Und während er sein Liebesspiel immer mehr intensiviert hatte, war das Gefühl, welches sich in seinen Lenden ausgebreitet hatte, zu einem reißenden Fluss angeschwollen, welcher jeden Moment ihre Ufer zu fluten drohte. »Oh, Valésia!«, seufzte Endres. Völlig losgelöst und wie befreit bäumte er sich auf, als sich schließlich, mit einem gewaltigen Beben seines Körpers, das weiße Blut des Königs in ihrem brennenden Schoß ergoss um das unbändige Feuer des Verlangens zu löschen.
#56
Vergissmeinnicht ❖
baum-oh was tat Endres nur mit ihr? Sie erkannte sich kaum wieder, als sie, vor Lust zitternd und bebend, und völlig außer Atem, keuchend, und gänzlich nackt vor ihm lag! Das allein wäre ihr, noch vor wenigen Tagen, völlig unvorstellbar vorgekommen. Seine Lippen und seine Zunge hatten ihr unglaubliche Wonnen bereitet. Sein langes, blondes Haar, welches auf ihre Brust fiel, kitzelte sie gleichermaßen verführerisch, was ihr nur noch mehr Schauer über ihren Körper jagte. Endres lächelte sie an, und Valésia erwiderte sein Lächeln matt, aber selig. Zu mehr war sie im Moment nicht fähig, nur noch, ihm ihre Lippen darzubieten, und um einen weiteren Kuss zu empfangen, nach welchem sie sich so sehnte. Und er gab ihr, was sie einforderte. Sie verzehrte sich so sehr nach ihm, während ihre Lippen sich gegenseitig liebkosten, ihre Zungen sich sanft berührten, und ihre Hände sich ineinander verschlangen, so, als ob einer den anderen festhalten wollte, um nur ja nicht diesem kostbaren Moment entfliehen zu können. Valésia, in Erwartung an jenes, das Malinda ihr so grauenhaft geschildert hatte, an die Schmerzen, mit welchen sie rechnete, hielt für einen Wimpernschlag den Atem an. Doch er schob sie nicht in sie hinein, sondern begann ein neckisches Spiel, und strich ihr verführend über die Pforten ihrer verschlossenen Tore. Beinahe, als würde er mit einem Pinsel ein kunstvolles Gemälde malen, was Valésia begehrlich aufseufzen ließ. Es schien ihr, als kostete er diesen Moment vollends aus, und ergeben schloss sie die Augen. Er spielte dieses Spiel eine ganze Weile, und dies brachte Valésia beinahe um den Verstand. Immer wieder glitten ihre Hände an seine Hüften und zogen ihn näher an sich heran, um ihm unmissverständlich klarzumachen, dass er sie endlich von ihrer süßen Qual erlösen sollte. 

Und schließlich war es so weit. Ganz langsam, und sachte begann er den Schlüssel an das Schloss zu führen. Sein Schlüssel füllte ihr Schloss gänzlich aus und entriegelte langsam aber unaufhaltsam das Gefängnis ihrer Wollust, welches tief in ihr eingesperrt worden war. Er hatte sie befreit und der Schlüssel passte, als wäre er nur für dieses eine Schloss geschmiedet worden. Valésia öffnete ihre Augen und blickte Endres tief in die Augen und hielt den Atem an. Plötzlich wurde sie nervös und ihr Körper schien sich ein wenig zu verkrampfen. Ein kurzer kleiner Stich, der Valésia kurz zusammenzucken ließ, verwandelte sich jedoch sogleich in süße Lust, und Valésia stöhnte leise auf, während er immer tiefer in sie hinabtauchte, bis sich schließlich ihre beiden Körper berührten. Das war also das unsägliche erste Mal für eine Jungfrau, wie Malinda es ihr immer erzählt hatte? Sie hatte sich entsetzlich davor gefürchtet, bei einem Mann zu liegen, doch Endres hatte ihr durch seine Zärtlichkeiten die Scheu und die Angst davor genommen, und sie eines besseren belehrt und darüber hinaus Malinda Lügen gestraft! Endres schob seine Hände unter Valésias Rücken, und drückte sie noch näher an sich heran, und so lagen die beiden Liebenden dicht aneinandergeschmiegt, der Graf von Hohenehr, und die Komtess von Aramajé, die dem Erbprinzen von Olathor versprochen war, und gaben sich einander hin. Und selbst bei diesem Gedanken, überkam sie kein einziges Mal ein Gefühl der Reue oder der Scham. Ihre Lippen trafen sich zu einem erneuten, innigen Kuss, während Endres Valésia behutsam nahm, und die junge Frau ließ ihre Hände über seinen Rücken streichen, über die sanfte Wölbung seines Rückens, die in einem verführerischen Schwung in seinem Hintern mündete, und auch diesen bedachte sie mit streichenden Zärtlichkeiten. Ihre Zungen begannen einen leidenschaftlichen wenngleich auch sanften Kampf auszufechten, und je fordernder der Kuss wurde, desto eindringlicher wurden auch Endres‘ Stöße in Valésias Leib. Valésia seufzte befreit auf. Niemals hatte sie etwas annähernd Vergleichbares gelebt und es schien ihr, als hätten Endres‘ zärtliche Zunge, seine Hände, und auch sein Gemächt sie erst zum Leben erweckt. Ihre Lippen lösten sich wieder voneinander und sie spürte, wie ihr Körper von einem feinen Fluss überzogen wurde, welcher ihr unter der lustvollen Behandlung Endres aus sämtlichen Poren brach. Valésia hob ihre Hände, vergrub sie in seinem wundervollen, blonden Haar und zog seinen Kopf an sich heran, um ihn erneut zu küssen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, und je länger er sie nahm, desto heißer wurde es Valésia, und sie wurde immer erregter, so dass sie jeden einzelnen Stoß mit einem matten Stöhnen oder Seufzen begleitete. Sie danke den Drein innig, dass sie die beiden ungleichen Menschen zueinander geführt hatten. Er hatte sie zur Frau gemacht, und hatte dies mit einer unendlichen Zärtlichkeit Geduld und Einfühlungsvermögen getan, so dass Valésia keine Sekunde Scheu oder Abscheu empfunden hatte, obgleich sie sich im Feuerschein gänzlich nackt voreinander gezeigt hatten. Und dann kam er Punkt, an welchem sich Valésia ihrer Lust ergab. Ihr Schoß sandte heftige Wellen der Lust und der Leidenschaft aus, ließen ihre Scham heiß und nass werden, breiteten sich durch ihren gesamten Körper, kribbelnd von den Haarwurzeln, bis zu den Zehenspitzen und ließen die Komtess heftig erschauen. Sie stöhnte ihre Luft heftig heraus und auch Endres schien es körperlich ähnlich zu ergehen, denn er begann zu beben und heftig zu stöhnen und seufzte „Oh Valésia…“ in ihr Ohr. Valésia drückte ihn ganz nahe an sich heran, während sie sich ihrer Lust hingab und dann, ganz langsam verebbte dieses unbeschreibliche Gefühl und matt sank Endres auf ihre Brust herab, während beide gleichermaßen heftig und stoßweise atmeten.

Valésia schloss die Augen. Für dieses Erlebnis hatte sich alles gelohnt. Heimlich die Burg zu verlassen, um den Tempel der Drei aufzusuchen, mit Endres mitzugehen, sich hierher führen zu lassen, und sich von ihm verführen zu lassen. Doch nun war es vorbei. Immer noch fühlte sich ihr Schoß heiß an, immer noch glitzerten hauchzarte, mit dem freien Auge kaum sichtbare Schweißperlen auf ihrer zarten, hellen Haut, und noch immer atmete Valésia schwer, als es schon lange vorbei war. Endres indes war von ihr herabgerutscht und nun lag sie in seinem Arm, ganz nahe an ihn geschmiegt, und fand keine Worte. Sie liebte diesen Mann, aber sie wusste, dass sie nun in die Burg zurückkehren musste, ganz gleich, ob es ihr gefiel oder nicht. Denn es war ihr nicht bestimmt, an der Seite dieses Mannes zu sein. Ihre Eltern würden nie ihre Zustimmung geben, dass sie mit Endres zusammen war. Niemals. Graf Gunthers Bestreben lag einzig und alleine darin, seine Macht zu stärken und auch die Grafschaft Aramajé… Ob man ihre Abwesenheit bemerkt hatte? In diesem Moment lehnte sich in Valésia alles auf. Sie wollte nicht zurück nach Burg Olathor, sie wollte hier, bei Endres bleiben, in seinem Arm, geborgen durch ihn und seine Körperwärme, geborgen von dem warmen Feuer, welches das Zimmer in einen wunderbaren und wohligen Schein tauchte. Was Endres nun dachte? Sie drehte ihren Kopf und blickte ihn an. Als sie in seine wunderschönen grauen Augen, die beinahe wie mattes Silber wirkten, blickte, konnte sie nicht umhin, ihn zu küssen. Als sich ihre Lippen voneinander lösten, hauchte sie „Es war wunderschön, Endres… Ich danke dir…“

Doch dann war es an der Zeit, sich wieder anzukleiden. Valésia erhob sich, und hob ihre Kleider auf, die neben dem Bett lagen. Wie spät mochte es wohl sein? Sie kleidete sich höchst selten, bis nie alleine an. Doch nun tat sie es. Genauso wie vor einigen Stunden, als sie sich heimlich aus der Burg geschlichen hatte. Als sie sich ihren silbernen Gürtel umlegte, wog dieser schwer, so als würde er sie stumm mit seinem Gewicht auffordern, zu bleiben. Ihr Hals war trocken und so ging sie an den Tisch und nahm ihren Becher mit Gewürzwein. Er war bereits erkaltet und hatte einen schalen Beigeschmack, was allerdings nicht daran lag, dass es kein guter Wein war, nein, er schmeckte sehr gut, doch in diesem Moment war für Valésia alles schal und trostlos, weil sie wusste, dass ihr Platz nicht an der Seite Endres‘ war, sondern an jener von Erbprinz Merik. Endres schlug der Komtess vor, sie bis knapp zum Burgtor zu begleiten, doch Valésia schlug dieses Angebot dankend aus. „Es ist besser, wenn ich ebenso alleine zurückgehe, wie ich gekommen bin. Man wird mein Fehlen ganz sicherlich bemerkt haben, darum wäre es äußerst unklug, wenn man uns zusammen sieht…“ erwiderte sie leise. Die Bernsteinrose hob ihre Hände und legte sie in ihren Nacken. Dort nestelte sie ein wenig herum und löste schließlich ihre goldene Kette, an dem ein wunderbarer, makelloser und sehr wertvoller Bernsteinanhänger baumelte. Bernstein, das Wahrzeichen Adajenas und Aramajés. Sie nahm Endres Hand und legte ihm die zierliche Kette mit dem wunderschönen Bernstein, der kaum etwas wog, in seine Hand und schloss seine Finger darum. „Ich werde immer an dich denken, Endres, und dich nie vergessen. Besonders nicht diese Nacht. Aber auch an all unsere anderen Begegnungen werde ich mich immer erinnern, und diese in meinem Herzen bewahren. Vergiss auch du mich nicht gänzlich“ sagte sie ihm leise. Sie blickte ihm traurig in die Augen und ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. „Ich liebe dich Endres… Ich werde nie einen anderen Mann lieben, außer dich…“ Sie küsste ihn zärtlich und innig und nachdem sie sich wieder von ihm gelöst hatte, lief eine kleine Träne aus ihrem Augenwinkel und sie hauchte „Leb wohl, Endres aus Paltoria…“ Mit diesen Worten zog sie die Kapuze ihres Mantels über ihren Kopf, wandte sich ab und verließ das Zimmer mit leise rauschenden Gewändern. Zurück blieben nur Endres, Valésias Bernsteinkette und ein kleiner, unbedeutender rosa Blutfleck auf dem Laken am Bettrand, als letzter Zeuge des Geschehens dieses Abends…

Valésia eilte die Stufen hinab. Als sie am Ende der Treppe angelangt war, und in den Schankraum blickte, erschrak sie, denn da saßen einige Männer an einem Tisch und hielten ein regelrechtes Saufgelage ab. Valésia dachte im ersten Moment, dass es des Herzogs von Olathors Männer waren, doch dann erkannte sie an den Wappen auf ihren Waffenröcken, welche ein Wappen mit einem Falken zierte. Er waren Ritter aus Alatea. „Trinkt aus, Männer, wir sind ohnedies schon viel zu spät!“ mahnte einer von ihnen. Doch ließen sich die Männer nicht beirren, vielmehr hob sogar einer von ihnen an „Und wer will uns deswegen entgegentreten? Etwa Vego, der Goldritter?“ Da brach schallendes Gelächter am Tisch aus. „Ich erzittere vor dem Schwert des Erbprinzen!“ lachte einer von ihnen und ein anderer spottete „Selbst ein Bauer kann seine Sense tödlicher führen, als ein Schwertstreich des Goldritters vollführen könnte!“ Erneut lachten die Männer und einer von ihnen wurde gar übermütig und rief „Und trotzdem sind die Erbprinzen von den Dreien gesegnet, das beste Beispiel hierfür ist doch Merik. Dieser einfältige Glückspilz bekommt die Hand der Komtess von Aramajé!“ „Joh, bei der würde ich auch gerne einmal eine Schwertleite vollführen, wenn ihr wisst was ich meine!“ grölte einer von ihnen, sprang auf, und vollführte eine obszöne und ganz eindeutige Geste. Valésia errötete. Selten sah man Ritter derart ausgelassen, und sie zweifelte plötzlich, ob Ritter sich gar so ritterlich verhielten, wie sie stets gedacht hatte. Dann fiel ihr wieder ein, dass ja morgen das große Ritterturnier zu Ehren des Brautpaares stattfand. Die Komtess hatte dies völlig vergessen, ihre Gedanken waren stets und einzig bei Endres gewesen. Sie eilte aus der Schenke und lief durch die verschneiten, kalten Gassen. Als sie schon fast bei der Burg angelangt war, hörte sie Hufgetrappel. Sie trat von dem Weg, welcher zur Burg führte, und versteckte sich hinter einem Baum, welcher den Weg säumte. Die Ritter von Alatea kamen gemächlich angetrabt und hinter ihnen lief ein kleiner Tross von Knappen und Knechtschaft zu Fuß. Valésia folgte den Fußgängern in gebührlichen Abstand, und ihre Idee, so unauffällig in die Burg zurückzukehren, ging tatsächlich auf. Die Ritter schwenkten hinüber zu den Stallungen, wo sich sogleich einige Stallburschen ihrer Pferde annahmen und Valésia eilte über den Hof hinüber zum Wohngebäude der herzoglichen Familie. Sie blickte sich stets um, ob denn auch niemand zu sehen war, und eilte die Stufen hinauf, bis sie vor ihrem Gemach stand. Sie drückte leise die Türe auf, und stahl sich hinein. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch es schien geglückt zu sein. Eilig befreite sie sich von ihrem Mantel, von ihrem Gürtel und ihren Kleidern und schlüpfte in ihr Nachtgewand. Valésia hatte sich bei Tisch entschuldigen lassen, und eine Unpässlichkeit vorgetäuscht. Zusammen mit der Erlaubnis des Erbprinzens, des abends zwei Stunden ungestört sein zu sein, war sie beinahe zuversichtlich, dass niemand ihre Abwesenheit bemerkt hatte. Und niemand würde es wagen, die Komtess zu stören, wenn sie es nicht wünschte. Auch nicht ihre Zofe. Als sie so dastand, lief ein wenig Feuchte aus ihrer Scham. Es war Endres Samen, doch davon konnte die unaufgeklärte Komtess natürlich nichts wissen. Sie wusste nur, sie wollte sich ein wenig säubern und waschen. Wo war nur ihre Zofe Elvera? Sie trat an die Tür, welches die Gemächer der Komtess mit jener kleinen Kammer ihrer Zofe verband, aber von Elvera war trotz des kleinen Feuers, welches im Kamin brannte, nichts zu sehen. Doch dann fiel ihr Blick auf die Gewänder, die vor dem Bett verstreut lagen und sie erkannte im Feuerschein ganz eindeutig die Gewänder ihres Bruders Roméro. „Roméro…“ entfuhr es ihr, und da tauchte der dunkle Schopf ihres Bruders unter den Laken hervor. „Valésia? Ich dachte du schläfst!“ zischte er, und eine zweite Gestalt erhob sich aus den Laken. „Elvera!“ hauchte Valésia und die Zofe brachte nur ein verlegenes stammeln hervor. Valésia kam nicht umhin, sich ein Lächeln zwischen ihren zusammengepressten Lippen abzuringen. „Bleibt ja, wo ihr seid!“ rief sie in das schwach erhellte Kämmerlein. „Wir sprechen uns morgen, Roméro! Und Elvera, morgen vor dem Frühstück wünsche ich ein Bad zu nehmen… Bereite alles vor!“ Dann drückte sie die Türe wieder zu und schüttelte den Kopf über ihren Bruder. Doch es war nicht vorwurfsvoll gemeint. Wer war sie schließlich, dass sie ihrem Bruder und ihrer Zofe Vorwürfe machte, wo sie doch selbst in derselben Art gesündigt hatte? So legte sie sich schließlich in die weichen Daunenlaken ihres Bettes, und dachte an den vergangenen Abend. Ihre Gedanken galten einzig und alleine dem Mann ihres Herzens, Endres. Es schmerzte sie sehr, dass ihn hatte zurücklassen müssen. Viel lieber wäre sie bei ihm geblieben und wäre nie wieder zur Burg zurückgekehrt, wenn dies doch nur irgendwie möglich gewesen wäre. Doch dieser Mann war ihr nicht bestimmt. Ihr Schicksal war ein anderes, auch wenn sie dieses nur schwerlich annehmen wollte und konnte. Ihr Geist war aufgewühlt, so dass es lange dauerte, bis sie endlich einschlief.

Am nächsten Morgen erwachte sie, als ihre Zofe Elvera den Badezuber befüllte. Als Valésia sich erhob, warf die Zofe einen Blick auf ihre Herrin und knickste. Scheu senkte sie den Blick. „Guten Morgen, Komtess, ich hoffe, ihr habt gut geschlafen…“ murmelte sie verlegen. Doch Valésia hatte alles andere als gut geschlafen. Sie fühlte sich elend heute Morgen. Noch immer schien es ihr, als haftete Endres‘ betörender Duft ihr an, und dies ließ sie sich noch elender fühlen. Sie fühlte sich in dieser Burg wie in einem goldenen Käfig. „Komtess, es ist mir sehr unangenehm, was ihr gestern mit ansehen musstet…“ Doch Valésia unterbrach sie. „Wir wollen nicht darüber reden. Was mein Bruder treibt, geht mich nichts an, und du…“ Sie winkte müde ab. „Es wird niemand erfahren, also lass uns den Schleier des Vergessens darüber breiten…“ Die Zofe knickste und lächelte sie dankbar an. „Ihr seid sehr gütig… Das Bad ist bereit, ganz wie ihr es wünschtet, Komtess…“ Valésia nickte und erhob sich aus dem Bett. Heute also war der erste Tag des Ritterturniers. Ihre Zofe begann darüber zu schwatzen, während sie der Komtess half, sich auszuziehen und sie zum Badezuber geleitete. Elvera wusch ihr das Haar und den Rücken, und legte neue Kleider bereit. Noch während Valésia im Badezuber saß, klopfte es und der Kopf Romeros schob sich durch die Türe. Valésia wandte den Kopf und sah ihren Bruder. „Darf ich reinkommen, liebe Schwester?“ flötete er. „Komm herein…“ drang es vom Badezuber an sein Ohr. „Elvera, du kannst gehen, ich brauche dich nicht in diesem Moment…“ entließ sie ihre Zofe und diese knickste, nicht, ohne Roméro einen wissend lächelnden Blick zuzuwerfen. Er verfolgte sie noch mit den Augen, bis sie zur Tür hinausverschwunden war und wandte sich dann wieder seiner Schwester zu und grinste sie an. „Verzeih mir…“ meinte er. „Das alles ist mir beinahe unangenehm…“ feixte er. „Du siehst heute Morgen müde aus, Valésia, ist alles in Ordnung mit dir?“ Valésia senkte den Kopf. „Ja. Es ist nichts, ich bin nur erschöpft von den Hochzeitsvorbereitungen“ log sie. Es tat ihr leid, ihren Bruder belügen zu müssen, aber was sonst sollte sie ihm schließlich sagen? Roméro nickte und Valésia entgegnete „Dreh dich um, ich verlasse den Badezuber…“ und Roméro wandte sich ab. Valésia entstieg dem Zuber und trocknete sich mit den vorbereiteten Tüchern ab. Bevor sie sich ihr Kleid greifen konnte, wandte Roméro für eine Sekunde den Blick und musterte seine nackte Schwester verstohlen. Valésia schimpfte ihn empört, während sie sich ein Tuch vor ihren Körper hielt, doch Roméro lachte nur, hob abwehrend die Hände und wandte sich wieder ab. „Eine Schande, dass Merik dieser wundervolle Körper zugedacht ist… Es gäbe so viele bessere Männer, als ihn… “ Valésia erwiderte nichts darauf. Sie wusste nur zu gut, was sie entgegnen würde, wenn sie dürfte. Eilig zog sie sich an, und hielt ihrem Bruder den verzierten Hornkamm vor die Nase. Er ergriff ihn, und begann andächtig das Haar seiner Schwester zu entwirren. „Also das Ritterturnier… Das ganze Herzogtum spricht darüber, was man so hört…“ begann er. „Ich selbst werde auch daran teilnehmen. Ich bin gespannt wie es der Goldritter und sein Bruder halten werden…“ spöttelte er. „Roméro… du vergisst dich! Man könnte uns hören!“ tadelte sie ihren Bruder. Sie schob sich die Haarspange in ihr Haar, jene, welche sie von Merik geschenkt bekommen hatte, und für deren Wiederauffindung Endres ihr einen Kuss gestohlen hatte. Sie seufzte. Je eher sie sich in ihr Schicksal ergab, desto besser. Roméro bot ihr seinen Arm dar. „Komm, süße Schwester, lass uns zu Tisch gehen, man erwartet uns sicher schon…“
#57
Der bittersüße Abschied ❖
baum-noch immer glich Endres' Herzschlag einer wilden Trommel, welcher unaufhörlich in seiner Brust hämmerte, während er neben Valésia lag und einfach nur die schöne Adelige aus Aramajé betrachtete. Beide Liebenden schwiegen und sahen sich einfach nur tief in die Augen, während beide sichtlich darum kämpften, ihren aufgewühlten Körper zu beruhigen. Doch nach einer Weile löste sich Valésia aus seiner Umarmung und rutschte ein wenig näher an ihn heran. Immer näher und näher, bis sich schließlich ihre Lippen zu einem zärtlichen Kuss vereinten. »Es war wunderschön, Endres… Ich danke dir…« Da lächelte Endres nur sanft und strich Valésia zärtlich durchs Haar. »Nein Valésia. Ich muss dir danken. Für dieses wunderbare Geschenk, dass du mir gemacht hast.« Valésia schien beinahe zu erröten, nach diesen Worten und scheinbar suchte sie der unangenehmen Situation zu entfliehen, indem sie aus dem Bett aufstand. Endres hingegen blieb einfach liegen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, und betrachtete die nackte Schönheit, welche vor dem Bett, mit dem Rücken zu ihm gewandt, dastand und sich anzukleiden begann. Ein wissendes, aber auch begieriges Lächeln bemächtigte sich Endres' Gesichtszügen. Oh, was war sie nur für ein Prachtweib. Und er hatte sie gehabt! Alle Mühe hatte sich ausgezahlt und er war für sein langes und umfangreiches Werben mehr als fürstlich entlohnt worden. Sie war nicht nur ein unberührtes Juwel gewesen. Sie war ein wahrer Schatz. Und just in diesem Augenblick musste Endres sich eingestehen, dass sein Herz von Wehklagen erfüllt wurde, wenn er daran dachte, dass diese Perle verschwendet wurde, wenn sie den Erbprinzen ehelichen würde. Er war ihrer nicht würdig! Und er schätzte sie nicht einmal.

Endres' Blicke schweiften auf Valésias nacktem Körper auf und ab, und immer wieder blieb er auf ihrem wohlgeformten Gesäß haften, bis sich Valésia endlich umdrehte und somit einen letzten Blick auf ihren festen und wundervoll prächtigen Busen, wie auch ihre verlockende Scham offenbarte, bevor sie schließlich in ihr Kleid stieg und es sich über den Leib streifte. Und da erhob sich Endres schließlich auch aus dem Bett und tat es Valésia gleich, sich anzukleiden. Und so standen sie sich schließlich gegenüber und fanden kaum ein Wort füreinander. Zu groß war die bedrückende Erkenntnis, welche auf beiden lastete, dass sie nun, da die Zeit gekommen war, wohl einander niemals wieder sehen würden. »Valésia.«, setzte Endres an, doch biss er sich kurz darauf wieder auf die Lippen. Ein wenig unschlüssig sah er sich um und wusste nicht so recht, wie er es sagen sollte. Doch nun, da er sie angesprochen hatte, erwartete sie natürlich, dass er seinen Satz vollendete. Und so bot er sich an, sie in die Burg zu begleiten. »Wenn du willst, begleite ich dich bis zum Burgtor.« Valésia schüttelte den Kopf, und hob sogleich ablehnend ihre Hand, doch Endres ließ sich nicht beirren. »Ich könnte die Wachen ablenken, damit du ungesehen hineinschleichen kannst. Nicht auszudenken, wenn man dich entdecken würde. Das würde ich mir niemals verzeihen, Valésia.« Doch die Komtess blieb hartnäckig. »Es ist besser, wenn ich ebenso alleine zurückgehe, wie ich gekommen bin. Man wird mein Fehlen ganz sicherlich bemerkt haben, darum wäre es äußerst unklug, wenn man uns zusammen sieht.« Und um ihre Worte noch weiter zu unterstreichen und Endres deutlich zu machen, dass dieser Abschied der letzte sein würde, legte sie ihre goldene Kette ab, indem sie sich diese vom Hals löste und sie Endres darreichte. Durchaus bewegt nahm er die Kette an und starrte für einen Augenblick, gedankenverloren, auf das goldene und glänzende Ding in ihrer Hand. »Valésia …«, setzte er an und erhob dabei den Blick von seiner Hand, um ihr in die Augen zu sehen. »Das kann ich nicht annehmen. War dies nicht ein Geschenk deines Vaters? Wird er es nicht bemerken, wenn du es nicht mehr besitzt?« Erneut schüttelte er den Kopf und war schon im Begriff, ihr die Kette zurück zu geben, als die Komtess von Aramajé weiter sprach. »Ich werde immer an dich denken, Endres, und dich nie vergessen. Besonders nicht diese Nacht. Aber auch an all unsere anderen Begegnungen werde ich mich immer erinnern, und diese in meinem Herzen bewahren. Vergiss auch du mich nicht gänzlich.« Er sah sie nur mit seinen hellen, grauen Augen an und schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich dich jemals vergessen, Valésia? Du bist auf ewig in mein Herz eingebrannt und jeder Tag, den ich dich nicht sehen werde, wird mein Herz nur umso mehr verglühen, in Sehnsucht nach dir.« Da traten Valésia die Tränen in die Augen und ein glasiger Schimmer bemächtigte sich ihrer. »Ich liebe dich Endres…« »Ich liebe dich auch, Valésia.« »Ich werde nie einen anderen Mann lieben, außer dich.« Mit diesen Worten schenkte sie Endres ihren letzten Kuss und die Tränen, welche sich in ihren Augen angesammelt hatten, entkamen dem gläsernen Gefängnis und rollten ungehalten ihre Wangen hinab. Endres konnte nicht anders als seinen Zeigefinger leicht anzuwinkeln um ihr die Träne von der Wange zu streichen. »Leb wohl, Endres aus Paltoria.« Und so zog sie sich die Kapuze über den Kopf und wandte sich von ihm ab. Doch Endres hielt sie hastig am Arm fest und zwang sie so, ihn erneut anzusehen. »Es muss nicht so enden, Valésia.« Die Furcht sie zu verlieren, und das für immerdar, hatte seiner zuvor gelähmten Zunge neuen Mut verliehen und die Worte entkamen seiner verkrampften Zunge, gleich einem Wasserfall. »Komm mit mir, Valésia. Wir könnten fliehen! Fort aus Ariad. Vielleicht in die freien Städte? Oder nach Paltoria? Ich … ich bin kein besonders vermögender Mann, wie der Erbprinz, oder dein Vater. Doch würde ich dir ein …« Valésia legte ihm einfach ihren Zeigefinger auf den Mund und sah ihn eindringlich an.

Sie hatte ihre Wahl getroffen. Und so war sie schließlich in die Nacht entschwunden und hatte Endres sich selbst überlassen. Und dieser stand, wie vom Donner gerührt und zugleich vom Blitz erschlagen einfach nur da und starrte ihr nach, wie sie aus seinem Blickfeld entschwand. Doch als Valésia schließlich gegangen war, erinnerte er sich daran, dass die Zeche für das Zimmer noch ausständig war. Und da er nicht Gefahr laufen wollte, dem Wirt in die Arme zu laufen, trat er kurzerhand an eines der Fenster und öffnete es. Er lehnte sich ein wenig hervor, beugte sich über den Rand des Fenstersimses und starrte auf den Boden. Von Valésia war weit und breit kein Zeichen zu sehen. Vermutlich war sie schon in einer der nahen Gassen verschwunden. Alles was er sah, war ein Tross von Rittern, deren Banner und Wappen im lauen Abendwind leicht hin und her wehten und er erkannte das Banner aus Alatea. Doch galt es nun keine Zeit mehr zu vergeuden. Und so klammerte sich Endres an den Fensterrahmen und kletterte kurzerhand aus dem Fenster. Er versuchte an dem Fensterbrett Halt zu finden, doch war es voll von Schnee und das kalte Weiß biss ihm sofort unerbittlich und kalt in die Finger. Endres zog seine Hand zurück und zog sich seinen Umhang her, um mit diesem das Fensterbrett vom Schnee zu befreien, bevor er einen zweiten Versuch wagte. Und dieses Mal hievte er sich aus dem Fenster und hielt sich dabei am Fensterrahmen fest. Bis seine Beine schließlich über dem Abgrund baumelten, und er wie eine faule Frucht am Baum hing. Er schloss die Augen und atmete tief ein, bevor er schließlich das Fenster los ließ und sich auf die Straße fallen ließ.

Der Sturz war schmerzhafter als erhofft und Endres fiel sogleich auf das Gesäß, als er unsanft auf den groben Pflastersteinen zu Fall gekommen war. »Ach Scheiße.«, fluchte Endres, als ihm der Schmerz in die Glieder fuhr. »Zum Henker.«, murmelte er und ärgerte sich insgeheim darüber, dass der gesamte Schnee von der Straße geräumt worden war. Läge noch der Schnee, wäre sein Sturz weit aus sanfter ausgefallen, dessen war er sich sicher. Doch hatte er keine Zeit sich weiter darüber aufzuregen. Und so rappelte er sich auf und klopfte sich den Schnee vom Gewand, bevor er, zuerst eher humpelnd, seinen Weg zu der Herberge antrat, in welcher Valerion und er eingekehrt waren.

Der Weg war beschwerlicher als Endres vermutet hatte. Sein schmerzendes Bein pochte stark und es war auch ein wenig geschwollen. Immer wieder musste er stehen bleiben und rieb sich die Fesseln seines linken Fußes, nur um dabei zu hoffen, ja beinahe zu den Dreien zu beten, dass er sich nicht den Fuß gebrochen hatte. Aber irgendwie hatte er es dann doch geschafft den Weg zurück zu finden. Und so stand er nun vor der Schenke und hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Er suchte jenes Fenster, hinter welchem ihr Zimmer lag. Und als er ein schwaches Licht flackern sah, welches hinter dem trüben Glas zu tanzen schien, da hellte sich Endres' Gesichtsausdruck merklich auf. Valerion schien noch wach zu sein. Nun. Sie hatten sich nicht gerade im Guten getrennt. Ein wenig scheute sich Endres zu ihm hinauf zu gehen, um Valerion unter die Augen zu treten. Doch er konnte dies ohnehin nicht ewig vor sich herschieben. Am Ende würde Valerion noch ohne ihn die Stadt verlassen. Und wenn er sich wirklich den Fuß gebrochen hatte, dann war er ein hinkender Krüppel, der ganz auf sich alleine gestellt war. Und so schlurfte Endres die Stufen zum dem Zimmer hinauf, während er immer wieder kurz verharrte um den stärker werdenden Schmerz so gut es geht zu unterdrücken.

Endlich war er vor der Tür angekommen und hob zaghaft die Hand. Doch fasste er sich schließlich doch ein Herz und klopfte gegen die Tür, welche nur kurz drauf von innen entriegelt wurde und sich langsam öffnete. »Na, wen haben wir denn hier?«, tönte die wohlbekannte Stimme seines alten Freundes aus dem Zimmer. »Unseren Schwerenöter. Na? Hat es sich endlich ausgezahlt? Können wir endlich diese Scheiß Stadt verlassen?« Valerions Stimmung war nicht gerade die beste und so setzte Endres ein verschmitztes Lächeln auf. »Die Jungfrau von Aramajé existiert nicht mehr.«, grinste Endres fröhlich, während er sichtlich darum bemüht war, den Schmerz in seinem Bein zu verbergen. »Na wunderbar. Und war sie es wert?«, fragte Valerion, sichtlich von Neugierde erfasst und Endres nickte nur. »Jede einzelne und erdenkliche Mühe.«, schwärmte Endres nur, aber Valerion rümpfte nur die Nase. »Naja. Ich bin froh, dass es endlich vorbei ist. Mir wird es hier langsam zu ungemütlich. Zu viele wissen von uns. Das kann ins Auge gehen.« Valerion trat einen Schritt zur Seite, um Endres hinein zu lassen. Doch dieser ließ sich zunächst bitten, denn der Schmerz, welcher gerade sein Bein bis zum Knie hinauf kroch, verlangte alle Beherrschung von ihm ab, die er aufzubringen vermochte. Aber Valerion war natürlich nicht dumm. Er legte den Kopf ein wenig schiefer auf die Seite und bedachte Endres mit fragenden und misstrauischen Blicken. »Was ist? Bist du angewurzelt?« Endres schüttelte nur den Kopf und sein gequälter Gesichtsausdruck nahm ausgeprägtere Formen an. »Was is dann? Musst du so dringend scheißen, dass es dich fast zerreißt?« Valerion lachte und schlug dabei mit der offenen Hand gegen den Türrahmen, während Endres nur den Kopf schüttelte. »Dann komm endlich herein.« Und so schlurfte Endres dann doch, sichtlich bemüht sich keine Blöße zu geben, in das Zimmer. »Warum hinkst du so? Hast du dich verletzt?«, fragte Valerion, doch konnte Endres keine Besorgnis oder dergleichen aus seiner Stimme heraus hören. Wenn, dann schwang ein geringer Teil von Häme in seiner Stimme mit, welche Endres nur noch weiter dazu anstachelte, sich vor Valerion nicht die Blöße zu geben. Doch Valerion trat sogleich an Endres heran, zog ihm den Beinling ein wenig herauf und legte sogleich die helle Haut des Paltoren frei. »Ach du Scheiße! Was hast du gemacht? Dein Bein ist total geschwollen und rot!« Sofort richtete sich Valerion auf und öffnete hastig das Fenster des Zimmers, um etwas Schnee von der Fensterbank zusammen zu klauben. Mit dem Schnee trat er wieder in das Zimmer und drückte es Endres sogleich auf die Schwellung. Die plötzliche Kälte fuhr Endres, wie eintausend Nadeln, unbarmherzig in die Haut und er sog, zischend, die Luft zwischen den Zähnen ein. »Das brennt!«, beschwerte sich Endres und Valerion hob nur unwirsch die Hand. »Los! Erzähl mir lieber was passiert ist!«, verlangte er, während Endres einen beleidigten Blick aufsetzte. »Jetzt schau nicht so griesgrämig! Du bist mir ohnehin viel zu viel schuldig! Keine Ausflüchte! Keine Lügen. Sag mir die Wahrheit, oder ich werd dir noch ganz woanders den Schnee reinstopfen!« Da entkam ein ehrliches Lachen Endres, auch wenn dieses durch den Schmerz eher gequält als fröhlich klang. Und so zwang Endre das Lachen herunter und erzählte Valerion was dieser hören wollte, wenn er auch die genauen Einzelheiten, was er alles mit Valésia angestellt hatte, ausließ.
#58
Rückkehr in den goldenen Käfig ❖
baum-valésia ließ sich von Roméro am Arm in den Thronsaal führen, welcher zugleich auch der Wohnraum der Familie und den Speisesaal darstellte. Sie hatte sich mit dem Bade mehr als ausreichend Zeit gelassen, und so hatten sich die Familie des Erzherzoges, sowie ihre Familie bereits am Tisch eingefunden. Der Komtess entging nicht der tadelnde Blick ihrer Mutter, doch auch Graf Gunter wirkte ein wenig angespannt. Valésia ließ den Arm ihres Bruders los, und schritt zur Tafelmitte, und vollführte artig wie grazil zugleich ihren so lange eingeübten Hofknicks, welchen sie schon seit Kindertagen beherrschte, vor dem Erzherzog und seinen beiden Söhnen. „Guten Morgen, liebe Komtess. Wie es erscheint, habt ihr wohl geruht, heute Nacht?“ Valésia blickte den Erzherzog fragend, wie auch unsicher an. War dies eine Fangfrage? Wusste er es? Eine Röte überzog ihr Gesicht, und sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Doch auf eine Frage keine Antwort zu geben war undenkbar, und so entschied Valésia im Bruchteil einer Sekunde, dass sie keine andere Wahl hatte, als das Spiel mitzuspielen, wenn der Erzherzog ein solches spielte. Sie entschied sich, so zu tun, als wäre in der vergangenen Nacht nichts passiert, und dass sie sich wie auch sonst in der Burg befunden hatte, und so nickte sie höflich und erwiderte „Verzeiht mir meine Verspätung bei Tische, euer durchlauchte Hoheit. Ich danke euch, ich habe gut geruht, doch ich habe mir heute Morgen zu lange Zeit gelassen, mein Bestreben galt nur, angemessen für Olathor am heutigen Ritterturnier zu erscheinen. Bitte vergebt mir…“ Da nickte der Erzherzog wohlwollend. „Ja, ihr seid heute in der Tat eine prächtige Erscheinung.“ Er musterte sie eingehend und sah mit Wohlwollen, dass die Komtess die Bernsteinkette abgelegt hatte, und stattdessen den prächtigen Rubinschmuck, die Ohrringe, und die schwere Kette, sowie die verlorene und schließlich wiedergefundene Haarspange trug. Zusammen mit dem dunkelroten, schweren Samtkleid, von welchem sich ihre helle Haut vorteilhaft abhob, war die Komtess von Aramajé an diesem Morgen wahrhaft eine prächtige Erscheinung. „Bitte setz dich, Valésia. Du siehst heute Morgen wirklich bildhübsch aus, ist es nicht so, Merik?“ wandte er sich an seinen Sohn. Dieser nickte. Zwar erwiderte er nichts, doch zumindest schien er dem Erzherzog stumm beizupflichten. Valésia knickste noch vor den beiden Erbprinzen, bevor sie endgültig Platz nahm.

Während die Bediensteten die Speisen auftischten, hing Valésia ihren Gedanken nach. Sie dachte nur an Endres und an den vergangenen Abend, und die wundervollen Stunden, welche er ihr beschert hatte, und das Herz ward ihr schwer. Auf der anderen Seite schämte sie sich aber auch. Wie ein Lamm zur Schlachtbank hatte sie sich von ihm von dem einen ins nächste Gasthaus führen lassen, wohlwissend, was dort passieren würde. Wie ein Hure hatte sie sich benommen, als sie ihm das ‚Geschenk‘ offenbart hatte, welches sie bereit gewesen war, ihm zu geben. Wie eine Hure hatte sie sich entkleidet und in das Bett gelegt. Sie hatte sich nicht geziert, oder Zurückhaltung geübt, wie es für eine anständige, keusche und wohlerzogene Adelige gehörte, sondern hatte sich bereitwillig nehmen lassen, wie eine Hure. Was musste er nur von ihr denken? Ganz sicherlich dachte er, dass sie sich ihm wie eine Hure hingegeben hatte. Sie war eine ehrlose Frau, lüstern und verdorben, und nicht mehr unberührt, wie es sich für die Braut des Erbprinzen von Olathor geziemte. Doch bereute sie es nicht, und das war das, was ihr am meisten Kopfzerbrechen bereitete. Obgleich sie sich schämte, sie bereute nicht, was sie getan hatte. Sie liebte Endres, und ihm ihre Unberührtheit zu schenken, erschien ihr gestern nicht falsch, genauso wenig, wie es ihr nun auch nicht falsch erschien. Und das also sollte der Schrecken über die erste Nacht mit einem Mann gewesen sein, von dem Malinda ihr erzählt hatte? Auch Roméro hatte Recht behalten, sie hatte keine Ahnung gehabt. Noch nie hatte sie süßere Wonnen erlebt, als in den Armen von Endres! Endres war unglaublich zärtlich und einfühlsam gewesen. Sie hatte sich selbst nicht mehr erkannt, als sie sich unter seinen Liebkosungen hatte fallen lassen, und sie würde alles dafür geben, ihn nur noch einmal zu sehen. Endres‘ Worte hallten in ihrem Kopf nach. Komm mit mir, Valésia. Wir könnten fliehen! Fort aus Ariad. Vielleicht in die freien Städte? Oder nach Paltoria? Ich bin kein besonders vermögender Mann, wie der Erbprinz, oder dein Vater. Doch würde ich dir ein… Weiter hatte sie ihn nicht sprechen lassen, sondern ihm Einhalt geboten. Dabei hätte sie nichts lieber getan, als seiner Bitte Folge zu leisten, und mit ihm zu gehen. Er war nicht besonders vermögend? Dieser Umstand war ihr so egal wie sonst nichts. Stattdessen musste er nun glauben, dass sie sich mit nichts geringerem als dem vermögenden Erbprinzen von Olathor zufrieden geben würde. Dabei hatte sie nur Furcht gehabt. Furcht und Angst, man könnte sie beide finden und ergreifen. Man hätte Endres sofort hinrichten lassen, und vielleicht nicht nur ihn, sondern auch sie. Nur der Gedanke daran, dass sie Endres ihretwegen umbringen würden, brach ihr das Herz. Aber trotz allem, nun bereute sie diesen Umstand tief. Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie hatte ihm ihre Liebe gestanden. Dieser Umstand alleine hätte ihr doch gereicht, und mehr noch, er hatte sie gebeten, mit ihm zu kommen, und nun glaubte er sicherlich, dass sie eine oberflächliche, verwöhnte Frau war, die ihr Leben trotzdem lieber im Wohlstand und Überfluss mit dem Erbprinzen leben wollte, dabei stimmte dies nicht einmal Ansatzweise! Hatte sie sich nicht immer gewünscht, eine Gelegenheit zu bekommen, ihrem Schicksal, den Erbprinzen ehelichen zu müssen, entfliehen zu können? Dies war die viel gewünschte Gelegenheit gewesen, und Valésia hatte die Gelegenheit nicht beim Schopf gepackt. Und dieses Wissen ließ ihr Herz schier bluten vor Kummer. Doch nun war es zu spät.

Die zischende Stimme ihrer Mutter, welche an ihr Ohr drang, riss sie aus ihren Gedanken. „Valésia! Kind! Träumst du?“ schimpfte sie leise, und Valésia blickte verwirrt auf, und sah ihre Mutter an. Diese sah sie so wütend an, dass die Komtess beinahe befürchtete, sie würde ihr gleich ins Gesicht springen. „Verzeiht mir, Mutter, ich war in Gedanken…“ murmelte Valésia und warf der Gräfin von Aramajé einen entschuldigenden Blick zu. „Der Erzherzog hat das Wort an dich gerichtet!“ zischte diese leise und Valésia neigte erschrocken ihren Kopf zum Erzherzog. Dieser musterte sie mit einem Blick, gepaart aus Missbilligung und trotzdem sichtlicher Erheiterung. „Vergebt mir, eure Hochwohlgeboren…“ Der Erzherzog winkte gnädig ab. „Ist schon gut…Ich fragte dich, ob du dich schon auf das Turnier heute freust. Es wird zu Ehren meines Sohnes, Erbprinz Merik und seiner liebreizenden Braut abgehalten, wie du sicherlich weißt…“ Valésia nickte so gleich. „Ja, euer Hochwohlgeboren, ich freue mich über diese unsagbare Ehre, die auch mir zu Teil wird. Ich finde Ritterturniere großartig…“ „Ja, da sprecht ihr ein wahres Wort, die ariadischen Ritterturniere sind auch großartig. Eine Turnierkultur, wie wir sie in Ariad pflegen, sucht bei allen anderen Völkern vergeblich ihresgleichen“ erwiderte der Erzherzog mit einem nicht geringen Stolz in seiner Stimme. Fast schien es, als würde er bei diesen seinen Worten einige Zoll in die Höhe wachsen. „Hast du es schon gehört, Valésia? Das Turnier wird unter einem ganz besonderen Stern stehen, denn der ehrenhafte, großartige Einhornritter, ‚Ser Rodrik von Thagnir, Wächter der Ehr‘ wird dem Turnier beiwohnen, und vielleicht sogar daran teilnehmen, wir werden sehen… Nichtsdestotrotz haben sich schon bereits gestern die wichtigsten und ruhmreichsten Ritter aus Ariad auf Burg Olathor eingefunden. Ser Torjen von Alatea, Ser Brandon von Alrun, Ser Welrun von Eándarë, und natürlich Ser Oswald und Ser Heinrich von Hohenstein, beide aus Olathor. Selbst Mye Lareilé Gerlen, aus Norenheim, aus Alatea wird teilnehmen. Kannst du dir das vorstellen, Valésia? Eine Frau, die meisterlich mit dem Bogen umzugehen weiß … Und meine beiden Söhne werden selbstverständlich auch am Turnier teilnehmen.“ Mit diesen Worten warf er seinen beiden Söhnen einen stolzen Blick zu, zumindest seinem älteren Sohn Vego. Valésia hatte die Ritter von Alatea in dem Gasthaus darüber lachen hören. Vego, der Goldritter. Was so ehrenvoll und glanzvoll klang, war in Wahrheit nichts anderes, als eine gekaufte Ritterwürde. Roméro hatte ihr erst kürzlich davon erzählt. Nein, viel eher hatte er darüber gelacht und gespottet. Roméro hatte die Ausbildung zum Knappen gut und erfolgreich hinter sich gebracht, und danach die ehrenhafte Schwertleite erhalten, und war schließlich zum Ritter geschlagen worden, und durfte sich fortan ‚Ser Roméro von Aramajé‘ nennen. Zumindest in diesem Punkt war Roméro, Sohn von Graf Gunther und Aurelia von Aramajé, die solch geringes Ansehen vor dem Erzherzog, und den vielen anderen höherrangigen adeligen Geschlechtern genossen, sowohl Erbprinz Vego als auch Erbprinz Merik bei weitem überlegen. Er war ein wahrer Ritter, er hatte sich den Titel ehrenhaft erarbeitet und erkämpft. Vego hatte den Titel nur, weil sein Vater der Erzherzog Unsummen dafür locker gemacht hatte, und Merik hatte zwar eine Knappenausbildung erhalten, sowie Unterricht im Schwertkampf, doch bislang hatte er nicht das Ritual der Schwertleite hinter sich gebracht, geschweige denn einen Sieg bei einem Turnier errungen. Trotzdem durften beide Söhne des Erzherzogs bei jedem Turnier mitmachen. Oder viel mehr mussten sie es. Würde man die beiden Taugenichtse fragen, so würden sie wohl jedes Mal ablehnen. Doch der Erzherzog bestand darauf, und so blieb ihnen nichts anderes übrig. Die beiden Söhne waren nicht aus dem rechten Holz geschnitzt, aus welchem wahre Ritter zu sein schienen. Doch dies wagte niemand zu sagen, obwohl es jeder wusste. Merik hatte Roméro aufgefordert, gegen ihn auf dem Turnier anzutreten. Ein Zweimannkampf im Schwertkampf. Valésia wusste, wie gut Roméro mit dem Schwert umgehen konnte. Zwar würde Roméro es wahrscheinlich nicht mit dem Einhornritter, so er kämpfen würde, aufnehmen können, aber der vorlaute Merik, welcher Roméro wüst zum Kampf aufgefordert hatte, würde keine Chance gegen ihren Bruder haben.

Und so fanden sich nur wenig später am Vormittag auf dem gewaltigen Burginnenhof alle Menschen mit Rang und Namen zusammen, um dem Turnier beizuwohnen. Auf der Ehrentribüne saßen die erzherzogliche Familie, die Familie von Valésia, und noch viele andere Ehrengäste, die Valésia, so musste sie gestehen, nicht kannte. Wäre vieles anders gekommen, so würde sie diesem Turnier vermutlich gespannt und voll Aufregung beiwohnen. Doch in Gedanken war sie unglücklich und stets bei Endres. Erneut war es der Erzherzog, welcher Valésia aus ihren Gedanken riss. „Komtess, würdet ihr wohl so freundlich sein, und eurem Bräutigam Merik einen kleinen Gunstbeweis zukommen zu lassen? Euer Taschentuch, damit er es unter seiner Rüstung an seiner Brust tragen kann. Dies ist eine alte und beliebte Tradition, holde Maiden stecken ihren angebeteten Rittern einen solchen Gunstbeweis zu, es soll Glück bringen, und ganz besonders gilt dies natürlich bei Braut und Bräutigam…“ Valésia nickte ergeben, und zog ein kleines, weißes, mit Valésien besticktes Taschentuch hervor. Es trug einen sanften Rosenduft, wie man es an der Komtess des Öfteren vernehmen konnte, hervor, und der Erzherzog winkte einen Knappen zu sich heran. Er überreichte ihm das Tuch der Komtess mit den Worten „Bring dieses Tuch Erbprinz Merik von Olathor. Es ist ein Gunstbeweis seiner Braut Komtess Valésia von Aramajé…“ Der Knappe verbeugte sich tief, und lief los, und tat, wie ihm geheißen. Der Erzherzog lächelte Valésia dünn an. „Wunderbar, dann wird Olathor heute unwahrscheinliches Glück haben, und ruhmreich und siegreich aus dem Turnier hervorgehen, nicht wahr?“ Nach diesen Worten klatschte er in die Hände, und die Fanfarenträger stießen in ihre Fanfaren, zum Zeichen, dass das Turnier beginnen möge…
#59
Der Einhornritter ❖
baum-krähen kreisten vor dem Endres' Fenster. Dutzende und ihr Krächzen drang in die bescheidene Kammer herein. Der Morgen graute bereits, als Endres von Krähengeschrei und lauten Fanfaren aus dem Schlaf gerissen wurde. Hektisch, ja beinahe panisch, wälzte er sich im Bett umher und versuchte sich, mehr Schlecht als Recht, von der unsäglichen Decke zu befreien, welche sich buchstäblich, gleich einer tückischen Schlange, um seine Glieder gewickelt zu haben schien. »Ah, was zum …«, fluchte Endres, während er den heillosen Sturz aus dem Bett auf die hölzernen Bretterdielen antrat. Sehr zur Erheiterung von Valerion, welcher, wie schon allzu oft, schon lange wach war. Er war einfach kein Langschläfer und im Gegensatz zu Endres hatte er auch keine sonderlich lange Nacht gehabt. Und so gluckste Valerion dreckig, während Endres grummelnd die verflixte Decke auf das Bett warf. »Lach nicht so bescheuert.«, murrte Endres, doch Valerion grinste ihn nur breit an. »Was ist? Das waren nur die Fanfaren der Ritter dort unten.« Valerion deutete aus dem Fenster auf die verschneite Straße, durch welche sich ein beeindruckender und imposanter Tross aus berittenen Rittern, Wagen und einem Heer von Fußvolk voran kämpfte. »Ritter aus Alatea, wenn mich meine Augen nicht täuschen.«, murmelte Valerion sichtlich nachdenklich. »Welches Banner?«, fragte Endres sogleich und trat neugierig an seinen Freund heran. »Schwert oder Schild?« Durch ihre lange Reise durch das Fürstentum Alateas wussten die beiden Paltoren natürlich um die Feindschaft, welche die beiden Zwillingsfürsten aus Alatea miteinander teilten. Und so war es undenkbar dass beide zur selben Zeit in die Stadt einmarschierten. »Mir scheint der Schwertfürst gibt dem Erbprinzen die Ehre.« Valerion zuckte nur mit den Schultern und wandte sich sogleich von dem Fenster ab. Er hegte nur wenig Interesse für das höfische Gehabe der eitlen Ritter und ihrer Spießgesellen. Doch Endres besah noch einen Augenblick die unzähligen Banner, welche im eisigen Morgenwind flatterten. »Du hast Recht. Ich sehe das Schwertbanner.« Endres wandte sich Valerion zu, welcher ihn nur anteilnahmslos ansah. »Schwertfürst, Schildfürst. Mir ist es gleich. Ob der andere Idiot schon in der Nacht angekommen ist, oder ob er noch auf sich warten lässt, interessiert mich noch weniger Endres.« Da seufzte Endres nur und ließ für einen Moment die Schultern hängen. »Willst du nicht auch sehen, wie sich diese Adeligen gegenseitig grün und blau schlagen?«, fragte er herausfordernd und rang Valerion damit ein diebisches Lächeln ab. »Ich muss zugeben, dieser Gedanke klingt durchaus verlockend. Doch du hast was du wolltest. Die Jungfräulichkeit der verehrten Komtess von Aramajé ist dein. Lass uns endlich von hier verschwinden.«

Ja, das war der Plan. Valésia den Hof machen, sie für sich zu gewinnen und in das Bett zu locken und dann, so schnell wie möglich, zu verschwinden. Doch nun, da der Augenblick gekommen war, musste sich Endres eingestehen, dass er an nichts anderes mehr denken konnte, als die holde Maid aus der fernen Bernsteinstadt noch einmal zu sehen. Doch hütete er sich dies Valerion zu gestehen. Seine Geduld in diesem Punkt war schon mehr als nur überstrapaziert. »Ja, du hast wohl Recht.«, murmelte Endres und schickte sich, sichtlich lustlos, dazu an, seine Gewandung anzulegen. »Außerdem ist der Moment günstig. Unsere Pferde sind schon ziemlich verhungert. In all dem Trubel, welcher nun in der Stadt vorherrscht, wird es ein Leichtes werden, sie gegen bessere einzutauschen.« Endres hob skeptisch die Augenbraue, während er den Blick auf Valerion richtete. »Die Pferde werden alle auf dem Turnier sein. Wie willst du da auch nur eines entwenden?« Da grinste Valerion selbstsicher. »Nur die Pferde der Ritter, welche am Turnier teilnehmen. Doch die hohen Herren haben doch alle mehr als ein Pferd. Und die meisten Stallburschen und Landsknechte werden nur Augen und Ohren für das Turnier haben. Sicher wird es die eine oder andere Scheune geben, welche nicht allzu gut bewacht wird, wie es sonst der Fall ist.« Endres kam nicht umhin verschwörerisch zu lächeln, was Valerion zum Anlass nahm, es ihm gleich zu machen. »Obwohl das Pferd des Einhornritters eine wahrlich fürstliche Trophäe wäre.«, schwärmte er und da hellte sich Endres' Miene auf und er richtete den Zeigefinger seiner rechten Hand auf seinen Freund. »Ha! Du hast dich verraten! Du Heuchler!« Valerion sah Endres nur fragend an, als ob er nicht im geringsten verstünde, wovon sein verrückter Freund schon wieder sprach. »Ach gib's doch zu! Du würdest den Einhornritter gerne sehen.« Valerion rümpfte empört die Nase und sah Endres geringschätzend an. »Den? Der ist doch der schlimmste von allen! Ein eitler Gockel, welcher auf seinem falschen Einhorn und in seiner weißen Rüstung durch die Menge schreitet, als wäre er ein Sonnenengel!« Valerion schnaubte verächtlich doch Endres ließ nicht so leicht locker. Wenn es in seiner Natur läge, schnell aufzugeben, hätte er nie seinen vergoldeten Schlüssel in das heilige Schmuckkästchen der zukünftigen Erbprinzessin von Olathor, Komtess Valésia von Aramajé gesteckt, um dieses unberührte Schloss sachte zu entriegeln. »Aber sein Pferd hättest du dennoch gern. Warum?«, fragte er listig und Valerion sah ihn nur gelangweilt an. »Weil es ein gutes Pferd ist, darum.« Da schüttelte Endres nur den Kopf. »Du bist unverbesserlich.« Endres beugte sich zu einem der Beinlinge herab, um ihn vom Boden aufzuheben. Und während er in den Beinling stieg, dabei versuchte sein Gleichgewicht zu halten, welches er natürlich verlor und dann zu hüpfen begann, um nicht zu Boden zu stürzen, während er sein Bein in den Beinling schob, da sah er Valerion nur herausfordernd an. »Ich wette die Pferde der anderen Ritter sind mindestens genauso gut, wie das des Einhornritters.«, ächzte Endres, sichtlich angestrengt, bis er endlich den Beinling angezogen hatte. »Ach, geh' mir nicht auf den Sack.«, brummte Valerion ungehalten und wandte Endres den Rücken zu. »Ist ja nicht anzusehen, wie ungeschickt du dich anstellst. Ich warte unten. Und lass mich gefälligst nicht zu lange warten, verstanden?«

Kaum hatte er die Worte zu Ende gesprochen, da war die Tür auch schon mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen und Endres stand, mit nur einem Beinling bekleidet, alleine im Zimmer. Gefrustet pfefferte der Paltore den verbliebenen Beinling auf das Bett und trat an das Fenster heran, um es zu öffnen. Und so stützte sich Endres mit den Ellbogen auf die Fensterbank, während er seinen Kopf auf seinen Handflächen auflegte. »Oh, Valésia.«, murmelte Endres sehnsüchtig und versuchte einen Blick auf die Burg zu erhaschen, welche schon bald das neue Zuhause der Komtess sein würde. Doch konnte er, mit Ausnahme einiger Turmspitzen, nur wenig von der Burg erkennen, denn das Fenster bot einen Blick in den südlichen Teil der Stadt, während die Burg östlich der Schenke stand. Und so sehr er sich auch aus dem Fenster hervor beugte, er konnte nicht mehr erkennen. Endres ließ seine Blicke über den Tross gleiten, welcher unter ihm durch die Straßen zog. Die Ritter waren schon längst außer Sichtweite und alles, was Endres noch erkannte waren die Wagen, welche sich schwerfällig durch die verschneiten Furchen aus Eis und Schnee vorwärts kämpften. Einige Knappen und Knechte schoben die Wagen an, während das Weibsvolk eher gebührlichen Abstand zu den Wagen einhielt. Einige von ihnen trugen sogar gelbe Armbinden, welche sie offenkundig als Dirnen auswiesen. Doch ob sie dem Tross angehörten, oder ob sie ortsansässige Hübschlerinnen waren, welche einfach nur die Gunst der Stunde nutzten um einem der Männer verführerische Augen zu machen, konnte Endres nicht sagen. Doch während er den Tross beobachtete wurde er sich klar, wie albern er aussehen musste, wie er sich so weit aus dem Fenster heraus beugte und so zog er sich wieder in die Stube zurück, um sich auch den Rest seiner Gewandung anzukleiden.

Es dauerte noch eine Weile, bis Endres schließlich in den Schankraum herab kam. Mit sich führte er alles, was die beiden Freunde besaßen und ließ es, mit einem dumpfen Schlag, auf den Boden neben Valerions Füßen auf den Boden fallen. »Da! Ich habe deinen Scheiß auch mitgebracht! Dafür trägst du es zu den Pferden.« Mit diesen Worten ließ sich Endres, als ob er gerade einen halben, gefrorenen Acker umgegraben hätte, auf dem freien Stuhl neben Valerion nieder und hob dann seine Hand, um den Wirt auf sich aufmerksam zu machen. »Und wohin wollen wir nun gehen?«, fragte Endres neugierig aber zugleich auch wehmütig. Denn nun war der Moment gekommen, Valésia für immer zu verlassen. Und je näher dieser Augenblick rückte, desto mehr musste er sich eingestehen, dass sein Herz immer schwerer wurde. »In den Süden.«, antwortete Valerion nur kurz angebunden und so rollte Endres nur mit den Augen. »In die freien Städte?«, hakte er nach und Valerion nickte nur, während Endres den Kopf schüttelte. »Vergiss es! Wir können nicht durch Alatea reisen. Wir haben zu viele Adelige dort bis auf die Unterhemden ausgebeutelt.« Bei diesen Worten griff sich Valerion unweigerlich an den Hals. »Du hast Recht.« Er schlug seine Stirn in Falten, während er fieberhaft nachdachte, doch wie er es auch drehte oder wendete, er kam wohl immer auf denselben Ausweg. »Dann müssen wir in die Bernsteinstadt. Von dort können auf einem Handelsschiff anheuern, um in die freien Städte zu kommen.« Endres zupfte sich indes nur an der Unterlippe, während er ein wenig nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelte, da der Wirt noch immer nicht gekommen war, um seine Bestellung aufzunehmen. »Ja, warum nicht?«, meinte er daraufhin. »Dort kennt uns niemand. Und der Bernsteingraf ist ja noch hier.« Und so lehnte sich Endres zurück, während er mit strengen Blicken den Schankraum absuchte, um den Wirt zu finden.

Irgendwann war der Wirt dann doch endlich gekommen und hatte, sowohl Endres' als auch Valerions Bestellung aufgenommen. Sie hatten sich beide für ein eher dürftiges Mahl zum Frühstück entschieden. Während Valerion dies eher aus dem Grund getan hatte, um so schnell wie möglich weiter zu kommen, hatte Endres einfach keinen rechten Appetit gehabt. Zu sehr waren seine Gedanken immer wieder um Valésia gekreist und so hatte er sich, schon mehr als nur ein Mal, gefragt, wie es nur dazu hatte kommen können, dass diese Frau ihn so verändert hatte. Noch niemals war es ihm so ergangen, wie mit Valésia. Alle seine Eroberungen waren schon am nächsten Tag, als sie mit der ergaunerten und erbeuteten Mitgift von Dannen gezogen waren, in Vergessenheit gedrängt worden. Doch nicht Valésia. Sie spukte noch immer in Endres' Gedanken umher und er konnte weder einen klaren Gedanken fassen, noch an etwas anderes denken. Er musste sie noch einmal sehen, doch Valerion dazu zu bewegen, dem Turnier beizuwohnen, hatte er vergebens versucht. Und so stocherte Endres lustlos in dem Haferbrei herum, während Valerion ihn immer wieder nur fragende Blicke zuwarf. Bis es seinem Gefährten dann schließlich zu bunt wurde. »Jetzt spuck es schon aus. Deine Abwesenheit ist noch weniger auszuhalten, als deine Ungeschicklichkeit. Du benimmst dich wie ein …« Weiter kam Valerion nicht, denn so langsam schien es ihm zu dämmern, was in Endres so vor sich ging. »Du …«, setzte Valerion an und vergrub kurz darauf seine Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger. »… also wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich wissen, warum ausgerechnet du dem Turnier beiwohnen willst.«, meinte Valerion und versuchte seine Stimme zu dämpfen. Doch der maßregelnde und zugleich ungläubige Unterton in seiner Stimme, den konnte er nur schwerlich verbergen. Endres hob langsam den Kopf an und sah Valerion fragend an, während dieser nur den Kopf schüttelte. »Ach, sag am besten gar nichts. Ich seh' es doch in deinen Augen!« Endres verstand nicht, wovon Valerion da sprach und auch dies war ihm wohl anzusehen, als dieser, sichtlich genervt, den Holzlöffel auf den Tisch knallte. »Bist du jetzt völlig übergeschnappt?«, herrschte Valerion Endres an und hielt kurz darauf inne, als ihm bewusst wurde, wie laut er gesprochen hatte. Sofort dämpfte er seine Stimme zu einem verschwörerischen Raunen und beugte sich ein wenig näher an Endres heran, damit keine fremden Ohren das folgende Gespräch belauschen konnten. »Vergiss sie! Sie ist dem Erbprinzen versprochen! Verstehst du? Der Erbprinz! Man wird dir den Kopf abschlagen, wenn es je bekannt wird! Verdammt, sie würden dich sicher ans Ende der Welt jagen, wenn es jemals bekannt wird!« Da seufzte Endres nur und nickte, mehr beiläufig, als zustimmend. »Sei doch vernünftig! Das ist nicht einmal sie wert! Und was kannst du ihr schon bieten? Vergiss sie! Sie ist ohne dich besser dran, glaub es mir.« Doch da schüttelte Endres nur den Kopf. »Merik liebt sie nicht. Und er weiß sie weder zu schätzen, noch schenkt er ihr die Aufmerksamkeit, derer sie würdig wäre.« Da schlug sich Valerion nur die Hand vor die Stirn. »Ach du liebe Zeit! Hörst du dich selber reden?« Doch beantwortete er seine Frage nur mit einem Kopfschütteln. »Nein, vermutlich nicht. Du bist, wie all die anderen Narren. Dein verliebtes Herz macht dich blind und dumm. Dumm wie eine hohle Nuss.«

Doch Endres wollte sich von Valerion nicht in die Ecke drängen lassen und setzte zum Gegenangriff an. »Du willst doch ohnehin den Einhornritter sehen.« Doch Valerion schnitt ihm harsch das Wort ab! »Vergiss es! Was soll das bringen? Nur damit du sie noch einmal aus der Ferne sehen kannst? Das macht es nur noch schwerer, sie zu vergessen.« Er schüttelte heftig den Kopf, während er sich danach verstohlen umsah, ob auch wirklich niemand Zeuge ihres Gespräches geworden war. »Was ist schon dabei? Ein Turnier, wie jedes andere. Zumal ich noch nicht einmal meine Belohnung vom Erzherzog abgeholt habe.« Als Valerion diese Worte vernahm, da rollte er nur genervt mit den Augen. »Du willst ernsthaft deine Belohnung holen?« Endres sah Valerion nur fragend an. »Würde es nicht verdächtig wirken, wenn ich es nicht täte?«, hakte er sogleich nach und Valerion runzelte daraufhin die Stirn. »Vermutlich. Aber vielleicht würden sie dich einfach auch nur für so ritterlich, oder einfältig, halten, dass du darauf verzichtest. Wer weiß« Endres nickte nur, doch seine Blicke sprachen eine andere Sprache und Valerion stützte sich irgendwann und resignierend auf seiner Hand ab und blickte Endres vorwurfsvoll an. »Du wirst mir während der gesamten Reise zur Bernsteinstadt nur auf den Nerv gehen, Richtig?« Und da hellte sich Endres' Miene zum ersten Mal wieder auf. »Vermutlich.« »Pha! Vermutlich! Sicher wirst du das. Du wirst jammern und klagen, wie ein elendes Weibsbild! Und keine Stunde Ruhe hätte ich von dir!« Endres konnte das breite Grinsen nicht verbergen, als er sich vorstellte, dass eben dies wohl so eintreffen würde. Denn wenn der Gedanke daran, Valésia niemals wieder zu sehen ihm jetzt schon so schwer aufs Gemüt schlug, wie musste es erst sein, wenn sie meilenweit von der Burg entfernt waren? »Das werde ich noch bereuen.«, seufzte Valerion und erhob sich schließlich von dem Tisch. »Aber noch einmal lasse ich mich nicht ins Bockshorn jagen! Wir halten uns im Hintergrund, verstanden?« Endres schwieg, während er sich ebenso vom Tisch erhob. »Sei lieber froh, dass ich der Sündenbock bin. Denn nun kannst du dir ruhigen Gewissens den Einhornritter ansehen und mir die Schuld daran geben.«, feixte Endres und erntete sogleich einen harten Schlag gegen seine Schulter, als Valerions Faust dagegen schlug. »Halt den Mund.«

Und so schritten die beiden Paltoren den langen Weg zur Burg entlang. Vom Schnee, welcher in der Nacht gefallen war, hatten die Pferde, die Wagen und der Tross kaum mehr als Matsch zurück gelassen. Unzählige Fußspuren hatten den Schnee bis zur Unkenntlichkeit zertreten und die tiefen Furchen der Wagen zogen sich unablässig durch den verschneiten Pfad, bis zur Burg hinauf. Endres versuchte stets ein wenig abseits des Weges zu gehen, um nicht gänzlich in dem eisigen Matsch waten zu müssen, welchen der Tross zurück gelassen hatte, während Valerion dies scheinbar ziemlich egal war. »Deine Füße sind nass, bevor wir oben angekommen sind.«, meinte Endres nur belehrend, was Valerion mit einem gelangweilten Schulterzucken bedachte. »Dann habe ich wenigstens einen Grund, dich zum Gehen anzutreiben. Oder willst du etwa, dass ich mir eine Erkältung hole, nur weil meine Füße kalt geworden sind?« Darauf erwiderte Endres nichts weiter als eine beleidigte Grimasse. Und so gingen sie die meiste Zeit schweigend nebeneinander her, bis die entfernten Stimmen und das Wiehern der Pferde, welches zunächst aus weiter Ferne an ihre Ohren geklungen war, immer lauter wurde. Nach und nach konnten sie einzelne, laute Stimmen aus dem Stimmenmeer heraus hören, während sie sich selbst zur Eile anspornten. »Das Turnier hat bereits begonnen.«, meinte Valerion und wie zum Beweis erschallten kurz darauf schmetternde Fanfaren, welche eine harsche Melodie spielten.

»Zu Ehren eurer Hoheiten, kündige ich Ser Rodrik von Thagnir, Wächter der Ehr an.« Dieser Name war beinahe jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind in Ariad ein Begriff, denn es war kein geringerer als der Einhornritter, welcher, nur durch seine Gegenwart, als Schirmherr der Ehre, dem Turnier einen ehrenvollen Glanz verlieh. »Das Turnier steht unter einem guten Stern, und so auch die nahende Vermählung.«, tönte die Stimme weiter, während Endres einen diebischen Blick zu Valerion warf. »Spute dich, wenn du den Einhornritter noch sehen willst.«, stachelte er Valerion an und da ließ der Paltore seine eiserne Maske schließlich fallen und beschleunigte seine Schritte zusehends. »Ha!«, lachte Endres und tat es Valerion sogleich nach, indem er ebenso schneller lief. »Möge der Beste gewinnen!«, rief die Stimme und kurz darauf ertönten erneut die Fanfaren, während ein lautes Geschrei und das wilde Jubeln der Menge an Endres' Ohren drang.

Doch jäh kam sein Lauf zum Erliegen, als er schließlich den Platz erreicht hatte auf welchem das Turnier vonstattenging. Es waren so viele Menschen zugegen, dass man kaum den Platz sehen konnte, geschweige denn die Ritter, welche, obgleich sie hoch zu Ross saßen, wie in weite Ferne gerückt schienen. Und so hielt Endres inne, während er seine Blicke über die Menge schweifen ließ. Von den Rittern erkannte man nur ihre Helme, wie auch ihre Lanzen, welche hoch in den Himmel ragten und an deren Spitzen dünne Banner im eisigen Winterwind wehten. Von Valerion war kaum eine Spur zu sehen. Zwar war der Platz voll von Fußspuren, welche den Schnee schon unansehnlich braun verfärbt hatten und nichts von der edlen, weißen Zier, welche der Schnee der Stadt verliehen hatte, übrig gelassen hatten, doch stachen Valerions Fußabdrücke nicht gerade augenscheinlich aus der Menge der anderen Fußspuren hervor. Und so ließ Endres von den Spuren im Schnee ab und ließ seine Blicke erneut über die Menge schweifen, bis er über die erhabene Tribüne blickte, auf welchem die hohen Herren von Olathor thronten. Und da erkannte er den Erzherzog, seine beiden Söhne und viele hohe Adelige, deren Gesichter er nur flüchtig gesehen hatte, als er vor dem Erzherzog vorgesprochen hatte. Aber auch der Bernsteingraf und sein Sohn waren zugegen, und so bemerkte Endres, wie sein Herz mit einem Mal schneller zu schlagen begann. Er stemmte sich auf die Zehenspitzen um mehr sehen zu können, und als seine Augen erblickten, wonach er gesucht hatte, da kam er nicht umhin zu lächeln.

Valésia war so weit entfernt, dass er kaum ihr Gesicht erkennen konnte. Und obgleich sie neben dem Erbprinzen saß und in die Menge starrte, war er sich doch sicher, dass sie es war und keine andere. Daran bestand kein Zweifel. Endres ließ sich wieder herab sinken, denn die Kälte kroch ihm unerbittlich in die Zehen und sah sich nochmals um. Doch in diesem Moment war die Vernunft, welche mahnend in seinem Kopf zu ihm sprach, wie hinfort gefegt. Er musste näher heran gehen! Er wollte sie noch einmal sehen! Und so ging er immer näher an den Ort des Geschehens und drängte sich an dem Pöbel vorbei, welcher so dicht gedrängt um den Platz stand, dass Endres regelrecht kämpfen musste, um voran zu kommen. Doch irgendwann hatte er es geschafft. Er hatte die Menge hinter sich gelassen und stand nun vor dem Zaun, welcher die Menge von den Rittern abschnitt. Er schickte sich sogleich an den Blick der Komtess zu suchen, auch wenn er ihr in der Menge wohl kaum auffallen würde, als mit einem Mal ein mächtiges Schlachtross vor ihm in den Schnee stürzte. Kaltes Eis, Schnee und Wasser flog Endres ins Gesicht und kroch ihm unangenehm unter die Kleidung und brannte ihm unerbittlich in den Augen. Das Tier bäumte sich auf und warf den Reiter aus dem Sattel, welcher sogleich dem Pferd folgte und neuerlich Schnee aufwirbelte. »Mein Schwert!«, rief der Ritter und sogleich eilten zwei Knappen herbei, von welchem einer das geforderte Schwert in den Händen hielt, während der andere die Zügel des Pferdes nahm, um es zu beruhigen. Der Ritter indes zog das Schwert, welches er dem Knappen rüde aus den Händen gerissen hatte, aus der Scheide und stapfte durch den Schnee auf seinen Kontrahenten hinzu, welcher direkt vor der Tribüne stand und scheinbar der holden Maid aus Aramajé seine Ehrerbietung darbrachte, indem er sich tief vor ihr verbeugte.
#60
Allein unter Fremden ❖
baum-roméro streifte durch das Lager, welches sich neben dem Turnierplatz befand. An den Spitzen der zahlreichen Zelte, die dort aufgeschlagen waren, flatterten zahlreiche bunte Fahnen in den Farben der Banner der hohen Häuser, und auch an Fahnenstangen, die fest in das Erdreiche geschlagen worden waren, neben den Zelten, wehten die auf feines Leinen genähten Banner. Viele davon waren wahrlich kunstvoll gearbeitet, Initialen der Häuser waren mit Gold- oder Silberfäden bestickt, und es schien, als würden selbst die Banner mit den Wappen einen stillen Kampf ausfechten, welcher der stärkste oder ehrenhafteste von ihnen war. Roméro mochte es, vor Kämpfen und Turnieren durch die Lager zu streifen, wo die Ritter und Adeligen in den Zelten saßen, sich vor den Turnieren ausruhten, beteten, aßen, tranken oder schwatzten, und man musste nicht einmal genau hinsehen, um zu erkennen, dass es in den Lagern nicht so ehrenhaft zuging, wie man es von Rittern erwartete. Am Turnierplatz dann freilich, hatte alles Glanz und Gloria, aber im Lager schienen sie sich nicht von gewöhnlichen Bauern und Unfreien zu unterscheiden. Roméro ließ seine Blicke schweifen und sah einen der Ritter, wie er sich ungeniert hinter seinem Zelt erleichterte, ei Blick in ein anderes Zelt bezeugte, dass dort reichlich Wein in illustrer Runde floss, obwohl es streng genommen verboten war, sich vor einem Turnier zu betrinken, und dann schlenderte der Ser aus Aramajé am Zelt der Erbprinzen vorbei. Es war selbstverständlich das größte und prunkvollste unter ihnen, da ließ der Erzherzog sich nicht lumpen, doch Roméro fragte sich, wozu. Die Erbprinzen waren weitläufig nicht gerade als ruhmreiche Kämpfer bekannt, das tuschelte jeder hinter vorgehaltener Hand, und verbrachten die meiste Zeit bei den Turnieren auf der Tribüne, als im Lager oder gar am Turnierplatz. Roméro fragte sich, ob es ihm der Anstand gebot, dem Erbprinzen, welcher ihm zum Zweikampf herausgefordert hatte, vorher seine Glückwünsche darbringen sollte. Der junge Mann verzog das Gesicht. Ihm stand nicht der Sinn danach, dies zu tun, er konnte den Erbprinzen nicht leiden. Er hatte ihn öffentlich brüskiert und ihm ins Gesicht geschlagen. An einem anderen Ort hätte Roméro zurückgeschlagen, aber vor dem Erzherzog hatte er sich wohl oder übel zurückhalten müssen, und ihm sinnbildlich noch die andere Backe hinhalten müssen. Aber es wurde von ihm erwartet, dass er dem Erbprinzen in den Arsch kroch.

Und so trat er an das Zelt heran, und schob den Vorhang beiseite, welcher am Eingang hing. Doch kaum hatte er den Vorhang ein wenig gelüpft, hielt er auch schon inne, denn er sah den Erbprinzen in eindeutiger Position mit einer jungen, hübschen Magd. Er hatte sie an den Tisch gedrängt, die Röcke hoch geschoben und nahm sie von hinten. Sie hatte ihre Hände auf den Tisch gestützt und stöhnte inbrünstig, wobei Roméro sich fragte, ob sie ihm etwas vor spielte, oder ob er die Frau wirklich zu solchen Gefühlen trieb, wie sie vorgab. Er entschied sich, zu glauben, dass es nicht so war, und die Magd nur ihre gesamte schauspielerische Kunst vollführte. Roméro schnalzte verächtlich mit der Zunge, trat einen Schritt zurück, und ließ de Vorhang wieder zurück gleiten. Kopfschüttelnd wandte er sich ab, und stapfte wieder davon. Er gedachte seiner Schwester, die ihm so Leid tat, und um wie viel sie es besser hatte, wenn sie diesem Arschloch nicht versprochen wäre. Aber so war es leider nun einmal, und niemand in diesem Reich konnte etwas dagegen tun. Sie würde ihn sehr bald zum Manne nehmen müssen, wenn sie Glück hatte, würde sie ihm Söhne gebären, obwohl er dies stark bezweifelte, wenn man den Gerüchten glauben schenkte, die im die Erbprinzen kursierte, und wenn nicht, dann... Er wusste es nicht, was Valésias Schicksal sein würde, wenn sie dem Erbprinzen keine Kinder gebären würde. Ihm wurde schlecht, wenn er nur daran dachte, dass dieser Widerling seine Schwester befingerte und sie beschlief, wo er doch so anspruchsvoll war, und jede Dirne und jede Magd bestieg, die ihm gefiel. Der Erbprinz dachte scheinbar mit keiner Sekunde an seine Braut, die er mit solchen Taten brüskierte und beleidigte. Sicherlich wussten es alle, dass der Erbprinz ein Hurenbock war. Alles Gesinde, alle Knechte, Mägde, Zofen und Kammerdiener wussten es. Sicherlich wurde darüber gespottet und geklatscht. Sicherlich wusste es auch der Erzherzog, aber scheinbar lag ihm auch nichts daran, dies zu unterbinden. Wehe der Frau, die sich so benahm, wie ein herumhurender Mann...

Valésia saß auf der Tribüne, in sich versunken. Der Erbprinz war schon vor längerer Zeit verschwunden, ebenso wie sein Bruder Vego, doch es war ihr Recht, denn ihr stand nicht der Sinn nach oberflächlicher Konversation, und schon gar nicht mit ihrem Bräutigam. Valésia fror ein wenig, da eine recht kalte Brise wehte, und sie zog sich ihren weißen Pelzmantel ein wenig fester um den Leib. Sie wirkte müde, abgeschlagen, und fast schien es, als würde ihre Blässe im Gesicht das Weiß des Pelzes übertrumpfen. Ihre Gedanken kreisten ständig nur um Endres, und an den wundervollen Abend, welchen sie mit ihm verbracht hatte. Und an die Zurückweisung, die sie ihm erteilt hatte. Oh, sie bereute es so bitter! Warum hatte sie seinem Drängen nicht nachgegeben? Sie hätten doch nach Paltoria auf die Hohenehr fliehen können... Dort hätte er sie zu seiner Frau nehmen können, im Stillen, und niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass sie in Paltoria war. Oder hätte sich diese Kunde etwa wie ein Lauffeuer verbreitet, so, wie ihre Schönheit auch in Ariad in aller Munde war? Sie wusste es nicht. Aber sie würde es auch nie erfahren, denn Endres war sicherlich schon längst zurück auf dem Weg in seine Heimat. Sie seufzte schwer aus, und beobachtete die kleinen Dampfwölkchen, die sich beim ausatmen vor ihrem Mund bildeten.

Roméro hatte genug gesehen. Er verließ das Lager und lief zurück zur Tribüne. Er stieg Stufe für Stufe das hölzerne Gerüst herauf, und sah sich um. Der Erzherzog war gerade angeregt in ein Gespräch mit einem der Ehrengäste verwickelt, die Erbprinzen waren nicht zugegen, und schließlich erblickte er seine Schwester, die alleine da saß und auf den Turnierplatz starrte. Roméro nahm sich einige Augenblicke Zeit, sie zu beobachten. Sie wirkte einsam und verloren, wie sie da saß, und obgleich ihre sichtliche Trauer ihrer Schönheit keinen Abbruch tat, so sollte eine Braut nicht aussehen. Sie sollte lächeln, und strahlen, und glücklich sein. Doch Valésia war nichts von alledem. Schließlich beschloss er, sie aufzuheitern, gab er sich einen Ruck, und trat an sie heran. Er verneigte sich höflich vor ihr, ein wenig zu tief, und beinahe wirkte es lächerlich, und er strahlte sie an "Komtess von Aramajé, gestattet ihr mir, euch Gesellschaft zu leisten?" Valésia blickte auf, und als sie ihren Bruder sah, musste sie unweigerlich lächeln. "Roméro... Warum bist du nicht im Lager?" Roméro nahm neben ihr Platz und winkte ab. "Ich spare mir meine Kräfte lieber auf für den Zweikampf mit deinem Bräutigam. Und wenn du wüsstest, wie es dort zugeht. Nein, ich sitze lieber hier und leiste dir Gesellschaft!" Valésia blickte ihren Bruder neugierig an "Was trägt sich denn dort zu?" "Oh, du wärest überrascht liebe Schwester. Ritter sind im allgemeinen nicht so ritterlich und glanzvoll, wie ihr Ruf" Da musste Valésia verwegen lächeln. "Merik hat sich..." begann Roméro und unterbrach sich selbst, als er merkte, dass er sich beinahe verplappert hätte. Valésia sah ihren Bruder eindringlich an und hakte nach "Hat sich...?" "Ah, ist nicht wichtig, kleine Schwester..." Doch als sie ihn so eindringlich, und beinahe fordernd anblickte, wusste er, dass sie nicht eher Ruhe geben würde, bis er ihr erzählt hatte, wovon er begonnen hatte. "Er vergnügt sich gerade im Lager mit einer Magd. Verzeih mir, Valésia, ich wollte es dir nicht erzählen, es ist mir heraus gerutscht..." Valésia nickte stumm und verstehend. Sie versuchte, eine Maske aus Gleichgültigkeit aufzulegen, aber es gelang ihr nicht. "Er zieht sogar jede Magd mir vor. Er denkt nicht eine Minute daran, dass mich sein Verhalten grämt..." flüsterte sie. "Ich weiß, Valésia, und ich wünschte mir so sehr, dass ich dir diese Schicksal ersparen könnte. Aber die Götter wissen, ich kann es nicht..." flüsterte er ihr zurück, während er ihr tröstend die Hand auf die ihre auflegte. Valésia blickte sich suchend über dem Platz um. Aber was sie dort suchte, wusste sie nicht. Vielleicht war es auch nur ein Versuch, sich diesem unangenehmen Gespräch zu entziehen. "Sag mal..." begann Roméro aus heiterem Himmel, und mit gedämpfter Stimme. "Endarion ist wohl auch nicht mehr erschienen, um den Erzherzog um etwas zu bitten, oder?" Valésia blickte ihn seltsam an, beinahe fühlte sie sich ertappt, und sie konnte es nicht verhindern, dass eine Röte ihr Gesicht überzog. Schon alleine die Tatsache, dass sein Name fiel, ließ ihren Herzschlag für einen Moment aussetzen, und sie fühlte sich gleich noch elender. "Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?" glotzte Roméro seine Schwester irritiert an. "Nein... also... nein... Ich meine, nein... Und meines Wissens nach hat er auch vor dem Erzherzog nicht mehr vorgesprochen...." stotterte sie und Roméro blickte sie prüfend an. "Du wirst ja ganz rot... Habe ich dich aus dem Konzept gebracht, kleine Schwester? Da spreche ich von Merik und seinen Bettgeschichten, und das scheint dich in keiner Weise zu irritieren, aber fällt auch nur einmal Endarions Name, da beginnst du zu stammeln, wie ein... ein... Ach du liebe Güte!" Valésia sah ihren Bruder befremdlich an. "Was ist?" flüsterte sie. "Ich weiß es, Valésia...!" Die Komtess fühlte sich, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen. Er wusste es? Woher? Und wenn er es wusste, wer wusste es dann noch aller? "Roméro..." flüsterte sie. "Woher weißt du es?" Da grinste ihr Bruder. "Ich sehe es dir an der Nasenspitze an, süße Schwester..." Verwirrt griff sie sich an ihre Nase, und beinahe hatte sie das Gefühl, als würde sie gleich ohnmächtig werden. "Du hast dich in ihn verschaut, habe ich Recht?" "Was... was meinst du?" fragte sie ihn verunsichert. "Na, als wir drei in der Schenke saßen, Frau von Lumperich... Denkst du, ich habe nicht die Blicke gesehen, die ihr euch immer heimlich zugeworfen habt? Ein Blinder hätte es gesehen..." Valésia presste die Lippen aufeinander. War dies so offensichtlich gewesen? Sie hatte eigentlich den Eindruck gehabt, als hätte sie es recht gut verbergen können. "Roméro... Ich... Du hast Recht..." hauchte sie. "Aber du darfst zu niemandem ein Wort verlieren, versprich es mir!" Roméro grinste sie an. "Ha, ich wusste es!" Dann wurde er wieder ernst. "Valésia. Natürlich erzähle ich niemandem davon, was denkst du von mir? Aber, vergiss ihn. Du bist unerreichbar für ihn, und jetzt einmal davon abgesehen, dass du übermorgen Merik heiratest... Er ist nicht standesgemäß für dich. Er ist Paltore. So etwas hat es in unserer Familie noch nie gegeben, dass eine Ariaderin, und ein Paltore... Ach, lass uns stillschweigen. Schon daran zu denken und darüber zu sprechen ist Hochverrat! Valésia, das weißt du... Also sei ja keine Närrin, und schlag ihn dir aus dem Kopf. Ihr werdet euch ohnehin nie wieder sehen!" raunte er ihr zu. Valésia nickte stumm. "Also deswegen läufst du herum, wie sieben Tage Regenwetter? Lass dir nichts anmerken, Schwester. Lächle, lächle, lächle. Du siehst aus, als würdest du aufs Schafott marschieren. Niemand darf wissen, was dich bewegt. Niemand! Sei eine strahlende Braut!" Er warf einen Blick zur Seite "Du kannst gleich damit anfangen, da kommen dein zukünftiger Bräutigam und sein Bruder" mahnte er und deutete, wenn auch ohne dabei aufzustehen, eine Verneigung an...

Merik und Vego hatten die Tribüne betreten, und Valésia erhob sich sogleich höflich, um vor ihrem Bräutigam einen Hofknicks zu machen. Auch Merik verneigte sich leicht vor der Komtess und schließlich nahmen die Erbprinzen Platz. Merik neben Valésia, und Vego neben seiner Frau, die ein wenig abseits, auf der anderen Seite des Erzherzogs saß. Der Buhurt hatte bereits begonnen, und ein wilder Kampf war auf dem schneebedeckten Platz entbrannt. Jeder kämpfte gegen jeden, ein klares Muster war keines zu erkennen. Es gab auch keines. Gekämpft wurde solange, bis nur mehr ein Ritter übrig geblieben war. Valésia taten die Ritter leid. Die Wetterbedingungen waren alles andere als günstig. Ebenso, wie es mitunter eine Qual sein konnte, ein Turnier an einem hoch sommerlichen Tag abzuhalten. Merik lächelte dünn. "Wer ist euer Auserkorener, welcher eure Gunst genießt, meine hochverehrte Komtess? Valésia blickte ihn irritiert an. "Selbstverständlich ihr, Merik. Habt ihr meinen Gunstbeweis nicht erhalten?" fragte sie ihn und lächelte ihn an, ganz so, wie Roméro es ihr geraten hatte. "Natürlich habe ich das, ich trage es direkt an meinem Herzen..." flötete er, doch verschwieg er dabei, dass er das Taschentuch in seinem Zelt vergessen hatte. "Sonst gibt es keinen auserwählten Ritter, welchem ihr den Sieg wünscht?" Da schüttelte Valésia den Kopf, doch richtete sie wieder ihre Aufmerksamkeit auf den Turnierplatz. Meriks stechende Blicke ließen es ihr schwer fallen, zu lügen, und manchmal glaubte sie, dass er ihr Spiel stets durchschaute. Da gab es plötzlich einen allgemeinen Aufschrei aus der Menschenmasse, am anderen Ende des Platzes, denn ein gewaltiges Schlachtross war auf dem unwegsamen Boden ausgerutscht, und gestürzt, und der Ritter hart in den Schnee gestürzt. Doch anscheinend hatte der Ritter großes Glück gehabt, vielleicht hatte der Schnee seinen Sturz abgefangen. Doch das Pferd hinkte. Valésia beobachtete die Szenerie aufmerksam. Und plötzlich glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Endres! Er stand genau da, wo das Pferd gestürzt war, in erster Reihe, und plötzlich erschien es Valésia wie ein Zeichen der Drei, dass das Pferd gestürzt war. Sie erhob sich mit klopfenden Herzen, und trat an die Brüstung heran. Ja, es war Endres... ihr Herz begann noch schneller zu schlagen und plötzlich erschien ihr die Tribüne so klein, und sie fühlte sich wie in einem Käfig. Nichts lieber würde sie nun tun, als die Tribüne zu verlassen, und zu ihm zu laufen. Aber dann besann sie sich in ihrem närrischen Tun, und setzte sich wieder. Sie schalt sich eine ungeheure Närrin, dass sie so unbesonnen war. Wie leicht könnte man den Paltoren bemerken, und ihr einen Strick daraus drehen, dass sie sich wie eine schmachtende Jungfer benommen hatte, Merik wäre der erste, welcher Misstrauen hegen würde. Und so nahm sie wieder Platz, aber sie ließ ihren Angebeteten nicht aus den Augen... Aber dann erregte doch ein Ritter vor der Tribüne ihre Aufmerksamkeit, denn verneigte sich tief vor den hohen Herren. Doch seine Aufmerksamkeit galt alleine Valésia. "Edle, hochwohlgeborene und wunderschönste Komtess!" rief er, und verneigte sich erneut. "Ich erflehe einen Gunstbeweis von euch!" Roméro, der links neben Valésia saß, begann zu kichern, als Merik seine Augenbrauen zusammen zog und verächtlich fragte "Wer ist dieser unflätige Narr? Weiß er nicht, wen er vor sich hat?" Meriks Knappe beugte sich zu Meriks Ohr und erklärte ihm "Das ist Ser Aridas von Aramajé." "Nie gehört..." murmelte der Erbprinz. "Einen Gunstbeweis der Komtess, was denkt er sich?" stieß er verächtlich hervor. Valésia presste die Lippen zusammen und ihre Blicke wechselten zwischen dem Ser und Merik. Der Ritter blickte sie sehnsüchtig an, und Merik lächelte Valésia kühl an. "Na los, Valésia, eure Reaktion wird erwartet..." Die Komtess räusperte sich. "Verzeiht, Ser Aridas von Aramajé, aber meine Gunst gehört Erbprinz Merik, meinem Bräutigam..." Da lachte Merik gemein, und rief seinen "Wachen zu "Schafft mir den Kerl aus den Augen..." aber da war dessen Kontrahent, welcher nur wenige Augenblicke zuvor gestürzt war, mit seinem Schwert schon auf ihn zugeprescht und forderte ihn mit dieser Geste zum direkten Kampf heraus. Merik hob die Hand, bedeutete seinen Wachen "Wartet!" und lehnte sich entspannt zurück. "Das ist Ser Lorion... Gegen den hat dieser Hänfling keine Chance, ihr könnt euch die Mühe sparen... Hochmut kommt vor dem Fall..." Und so begannen die Beiden einen erbitterten Kampf, direkt vor der Tribüne, doch Valésias Aufmerksamkeit galt im Stillen und Heimlichen alleine dem Mann ihres Herzens...
#61
Unverhofft kommt oft! ❖
baum-der Buhurt war im vollen Gange. Wenn einst auf dem Schaukampfplatz, vor der Tribüne, einmal Schnee gelegen war, so war nun, schon nach wenigen Stunden, nichts mehr davon zu sehen. Die Ritter standen in dem braunen und kalten Matsch aus Schnee, Eis und gefrorener Erde und lieferten sich einen erbitterten Kampf um den Sieg. Die Regeln eines Buhurt waren einfach, aber erbarmungslos. Denn es wurde erbittert bis zum letzten Atemzug gekämpft. Und das Chaos, welches auf dem Kampfplatz vorherrschte war unüberschaubar. Nur wenige, der gut betuchten, adeligen Ritter hatten ihre Pferde mit auf den Platz genommen und, bis auf einen, waren sie bereits alle abgeworfen worden. Einige von ihnen galten schon durch den Sturz als besiegt, denn sie lagen auf der kalten, nassen Erde und rangen nach Atem, welcher ihnen durch den Sturz aus der Lunge gepresst worden war. Zweifellos hatte die schwere Rüstung ihr übriges getan, als sie vom Pferd gestürzt waren und nicht wenige von ihnen hatten sich bereits schwere Prellungen oder gar Brüche zugezogen. Der Buhurt war ehrlos. Zumindest für jene, die nicht bis zum letzten Mann standen. Zahlreiche Ritter wurden von ihren Knappen vom Platz geschleift, damit sie nicht unter die schweren Stiefel, oder gar die brutalen Hufe der Pferde, ihrer Kontrahenten gerieten.

Das Getümmel war unüberschaubar. Da die Ritter in ständiger Bewegung waren, vermochte es Endres nicht, sie zu zählen. Zwar hatte er es immer wieder versucht, doch hatte er sich früher, oder später, dann erneut verzählt. Und so hatte er es aufgegeben und genoss, wenn man das so nennen konnte, einfach nur das Spektakel, welches sich ihm und der Menge darbot. Doch konnte er es nicht verhehlen, immer wieder seine Blicke zu der Tribüne, wo die Komtess saß, schweifen zu lassen. Ihr Angelobter, der verachtenswerte Erbprinz Merik, wie auch sein Bruder, saßen bei ihr, was Endres nur unwirsch den Mundwinkel verziehen ließ. Aber auch ihr Bruder saß bei ihr und hatte sich zu ihr herangebeugt, um ihr ins Ohr zu flüstern. Doch war Endres viel zu weit entfernt um auch nur ansatzweise verstehen zu können, was sie sprachen. Selbst wenn die jubelnde Menge und die klirrenden Schwerter und die schreienden Ritter nicht gewesen wären. Als aber einer der Ritter sich aus dem Pulk des Buhurt herausschälte, um vor der Tribüne eine Verbeugung anzudeuten, erweckte dies sowohl Endres' als auch die Aufmerksamkeit der Anwesenden, welche hoch erhoben über der Menge saßen. Auch hier konnte Endres nicht verstehen, was gesprochen wurde. Doch die Art und Weise wie sich der Ritter gab und der unwillige Blick, welcher kurz darauf Meriks Gesicht umspielte verriet Endres zumindest so viel, dass dem Erbprinzen nicht schmeckte, was der Ritter tat. Wie es für Ritter üblich war hatte dieser wohl um einen Gunstbeweis der Komtess gebeten. Eine närrische Kühnheit, wie Endres befand. Wusste doch jeder Ritter zu welchem Zweck dieses Turnier veranstaltet wurde. Die Vermählung der Komtess mit dem Erbprinzen. Und allein dieser Gedanke versetzte dem falschen Adeligen aus Paltoria einen schmerzenden Stich in der Brust. Allerdings kam er auch nicht umhin die Tollkühnheit dieses Ritters heimlich zu bewundern und so lösten sich seine Blicke vom Antlitz der Komtess und hafteten sich auf eben jenen Ritter, welcher so unverblümt um die Gunst der Komtess freite. Doch als Endres das Wappen, welches dieser Ritter auf dem Umhang trug, erkannte, da wurde ihm klar, woher dieser Ritter kam. Er trug das Wappen Aramajés, jener Grafschaft, aus welcher Valésia stammte. Man konnte dies wohl als Zeichen der Ehrerbietung sehen, wenn ein junger Ritter aus dem Gefolge der Komtess um ihre Gunst bat.

Nichtsdestotrotz war es närrisch gewesen, wenn man, wie Endres, wusste, was für ein Mensch der Erbprinz war. Auch sein Bruder, der als Goldritter verschrien war, schien empört die Nase zu rümpfen, welches nur von dem gehässigen Blick seines Bruders überschattet wurde, als eben jener Ritter, welcher zuvor von seinem Pferd gestürzt war, auf den Mann aus Aramajé zustürmte. Alles schien in weite Ferne zu rücken, als die beiden Kämpfer aufeinander trafen. Der Rest des Buhurts schien wie ausgeblendet, denn alles was Endres wahrnahm, waren diese beiden Ritter, welche direkt vor den Augen der Komtess um den Sieg rangen. »Ser Lorion!«, brüllte eine frenetische Stimme, direkt neben Endres' Ohren und zwang den Paltoren förmlich seine Aufmerksamkeit von dem Kampf abzuziehen. Als er sich umgewandt hatte, da starrte er auf ein dralles Weib, welches wild mit den Armen wedelte und scheinbar diesem Ser Lorion zujubelte. Auch sie hatte ihre Blicke auf jenen Kampf gerichtet, welchen Endres beobachtet hatte und so wurde dem falschen Adeligen klar, dass dieser eine Ritter wohl Ser Lorion sein musste. Endres indes verschränkte nur die Arme und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Kampf, welcher am anderen Ende des Schauplatzes entbrannt war. Schwerthiebe wurden ausgeteilt und mit prächtigen, bemalten Schilden pariert. Metall schabte an Metall und scharfe Klingen trieben in poliertes Holz. Es schien beinahe, als ob dies ein Kampf auf Leben und Tod war. Und im Grunde genommen glich dieser Kampf beinahe einem ebensolchen, wenn nicht eiserne Regeln vorherrschen würden. Der Unterlegene durfte nicht getötet werden. Natürlich gab es immer wieder Unfälle, dass einer der Ritter unglücklich getroffen wurde oder gar ungeschickt vom Pferd fiel, doch blieben Todesfälle eher die Seltenheit. Nicht aber Prellungen, Schürfwunden, Schnittwunden oder gar Knochenbrüche. Ein Buhurt war ein harter Kampf und um nichts in der Welt würde Enders mit auch nur einem dieser Ritter tauschen wollen.

Die beiden Ritter schienen einander ebenbürtig zu sein. Denn, obwohl der Jüngling aus Aramajé von seinem Kontrahenten überrascht worden war, behauptete sich dieser geradezu glanzvoll gegen den gestandenen Ritter Ser Lorion, welcher den Jüngling beinahe um einen ganzen Kopf überragte. Doch vermutlich lag genau darin seine Stärke, denn diese machte ihn wendiger und so entging er mehr als nur einmal einem harten Schlag, indem er behände zur Seite auswich. Endres verfolgte den Kampf mit wachsender Spannung und kam nicht umhin, im Stillen, sich für den Ritter aus Aramajé zu ereifern. Und dieser schlug sich gut, denn als Ser Lorion erneut zu einem harten Schlag ausholte, tat der Recke aus Aramajé einen kurzen Satz auf ihn zu und unterlief somit die Deckung seines Gegners. Wäre dies nun ein Kampf auf Leben und Tod, wäre dies wohl Ser Lorions Ende gewesen. Denn er hielt sein Schwert hoch erhoben, während ein Gegner, mit der Spitze seiner Klinge voran, ihm direkt in die Arme gelaufen war. Doch der Ritter aus Aramajé war ein Ehrenmann und so schlug er seinem Gegner lediglich den Knauf seines Schwertes ins Gesicht, worauf Ser Lorion rücklings zu taumeln begann und kurz darauf, mit blutender Nase, in den kalten Schneematsch stürzte.

Die Menge tobte, als Ser Lorion zu Boden ging. Ihnen war es gleich, wer gewann. Sie bekamen einen guten Kampf geboten und wollten ohnedies nur Blut sehen. Und sie hatten bekommen, wonach es ihnen gelüstete. Euphorisch hob der Ritter aus Aramajé den Schildarm in die Höhe, während er seinem Gegner die Klinge auf die Brust ansetzte. Ein Zeichen des Sieges und Ser Lorion blieb nur die Unterwerfung indem er sein Schwert von sich warf. Doch der Zorn, welcher aus seinen Augen blitzte, war so gewaltig, dass, wenn Blicke zu Töten vermochten, selbst Endres ihn sehen konnte, was dem Paltoren nur ein diebisches Lächeln abrang. Ja, eine Niederlage war schmerzlich. Schmerzlicher noch, als ein gebrochener Knochen. Das wusste selbst Endres, auch wenn sich seine Kämpfe nur auf das Schlafgemach beschränkten und nicht auf den Kampf.

Ser Lorion war geschlagen. Und der junge Recke aus Aramajé verbeugte sich, sowohl vor der Komtess und ihrem Bruder, als auch dem Erzherzog und seinen Söhnen, bevor er sich erneut dem Buhurt zuwandte. Als der Kampf vorbei war, da schien es beinahe, als ob das Klirren der Schwerter und das Ächzen der Männer wieder an Geräuschgewalt zunahm. Zwar war die Menge nun schon deutlich überschaubarer als zuvor, doch konnte man noch immer nicht erahnen, welcher Ritter wohl den Sieg erringen würde. Ein gutes Dutzend Kämpen stand noch auf dem Feld der Ehre, während all jene, welche bereits, wie zuvor auch Ser Lorion, niedergerungen worden waren, bereits abseits des Schaukampfplatzes, auf hölzernen Bänken saßen. Manche enttäuscht und mache zerknirscht und gedemütigt ließen sich von ihren Schildknappen und Lanzenknechten aus den Rüstungen helfen, damit die Heiler und Apotheker des Erzherzogs ihre Wunden versorgen konnten. Denn dies war so Brauch bei den Hochzeitlichen Turnieren, dass der Brautvater die Versorgung der teilnehmenden Ritter gewährleistete. Und vermutlich war dies wohl auch der teuerste Aspekt an einem Turnier wie einem Buhurt.

Indes, auf der Tribüne des Erzherzogs, lächelte Graf Gunther Adajena von Aramajé dünn und auch sichtlich von Stolz erfüllt, dass einer seiner Ritter einen so erfahrenen wie Ser Lorion von Alatea bezwungen hatte. »Meinen Glückwunsch.«, nickte der Erzherzog anerkennend und hielt dem Bernsteingrafen seinen goldenen Weinbecher entgegen, um den Grafen aufzumuntern mit ihm anzustoßen. Doch die Sonne schien nicht allzu lange auf den Grafen hernieder, denn es erklomm ein dünner, hagerer Mann die hölzernen Stufen des Hochsitzes für die hohen Herren. Geschmeidig wie eine Katze und unscheinbar wie ein Schatten schlich er an all den adeligen Anwesenden vorbei und wohl niemand, außer dem Erzherzog, schien ihn gar zu bemerken. Alleine an seiner Gangart konnte man erkennen, dass er weder von Adel war, noch einem ehrbaren Beruf nachging. Und doch war er unbehelligt an den Wachen vorbei gekommen, welche zu Füßen der Treppe postiert waren, um die erzherzogliche Familie vor ungebetenen Gästen abzuschirmen. Als der Erzherzog sich seiner Gegenwart gewahr wurde, da winkte er die dunkle Gestalt mit einer einfachen, ja beinahe gönnerhaften, Geste zu sich. Und zugleich warf er seinen Söhnen einen vernichtenden Blick zu. »Entfernt euch!« Nach diesen Worten war der Schatten, welchen der Bernsteingraf noch soeben auf den Weinbecher des Erzherzogs geworfen hatte, wie aufgelöst, so schnell hatte er das Weite gesucht. Vego sah zunächst seinem Vater tief in die Augen, bevor er die dürre Gestalt zu mustern begann, doch nickte er nur ergeben und erhob sich, so würdevoll wie ihm möglich war, obgleich er sich wie ein Hund hinfort getreten fühlte. »Sehr wohl, Vater.« Doch Merik schien nicht gar so gefasst zu sein, wie sein älterer Bruder. Er starrte die dunkle Gestalt geringschätzend an, bevor er seines Vaters Blicke würdigte. »Dies ist mein Tag. Ich …« Doch mehr konnte Merik nicht mehr hervorbringen, denn der Erzherzog ließ seine Hand, welche er noch immer erhoben gehalten hatte, unvermittelt in das Gesicht seines Sohnes schnellen. »Noch bin ich der Erzherzog, nicht du oder dein Bruder. Und als solcher nicht nur dein Vater, sondern auch dein Lehnsherr.« Meriks Kopf flog zurück und ließ sein Haar ins Gesicht fallen, während der Erbprinz sich die schmerzende Wange rieb. Doch war kein Gehorsam in seinem Blick. Nur Trotz und Verachtung, sehr zu dem Missfallen seines Vaters. »Mir ist zu Ohren gekommen, was du treibst, Merik. Du bringst Schande über den Namen meines Hauses. Und du beleidigst mich.« Da schien Merik nun schließlich doch einzulenken und erhob sich, wenn auch widerwillig, von seinem Platz. »Dein Bruder weiß, wo sein Platz ist.« »Ja, Vater.«, antwortete Merik nur geknirscht und mit zusammen gepressten Zähnen. »Eure Hoheit.« Der Erzherzog blickte Merik streng und gebieterisch an während er dabei den Kopf ein wenig zur Seite legte und seinen Sohn mit einem durchbohrenden Blick ansah. Man konnte fast die Wut um Merik fühlen, welche so immens brannte, dass der Schnee, welcher auf dem Stoffdach der Tribüne lag, zum Schmelzen begann. »Ja, eure Hoheit.« Und kaum hatte er die Worte herausgewürgt, da wandte er seinem Vater zornig den Rücken zu und stampfte wütend davon. Doch nicht, wie Vego, an den Rand der Tribüne, zu den anderen Adeligen. Merik verließ die Tribüne und stieß, wutentbrannt, die beiden Wächter zur Seite, welche nahe der Treppe standen, so dass diese einige Schritte voran taumelten, bevor sie ihr Gleichgewicht wieder errungen hatten.

Als die Söhne des Erzherzogs sich entfernt hatten, da winkte dieser die dunkle Gestalt näher zu sich heran. »Sprich.«, befahl er harsch und der Mann verbeugte sich so tief vor dem Erzherzog, dass seine Nase beinahe die hölzernen Dielen berührte, auf welchem sein schlichter Holzthron stand. »Herr, ich habe, wie ihr mir befohlen habt, den Grafen Endarion von der Hohenehr gesucht um ihn an seine Gegengabe zu erinnern.«, flüsterte der Mann und der Erzherzog nickte gelangweilt. Er konnte sein Desinteresse für diese Worte kaum verbergen, während seine Blicke neugierig über die kämpfenden Ritter des Buhurt huschten. »Das muss das paltorische Blut sein, mich damit so lange warten zu lassen …«, brummte der Erzherzog verstimmt und verzog dabei grimmig seine Mundwinkel, als er mit ansehen musste, wie einer der Ritter aus seinem Haus im Buhurt zu Boden ging. »Versager!« Da zuckte die dunkle Gestalt vor dem Erzherzog erschrocken zurück und blieb in einem gebührlicheren Abstand zu dem hohen Adeligen stehen. »Nicht du, Narr. Ser Edrik von Trauenstein. Hat sich von einem Emporkömmling aus Thagnir besiegen lassen.« Der Erzherzog schüttelte nur den Kopf während er dem Mann an seiner Seite bedeutete wieder näher zu kommen. »Und was hast du nun zu berichten? Sprich!«, befahl er von dem Mann, obwohl er ihn keines einzigen Blickes würdigte, sondern nach den anderen, verbliebenen Rittern Olathors Ausschau hielt. »Ich konnte ihn nicht finden.«, gab der Mann schließlich kleinlaut zu und da war es an dem Erzherzog seinen Kopf ihm zuzuwenden. »Und deswegen behelligst du mich?«, fragte er ungehalten und blickte den Mann finster an. »Findet seinen Knappen. Er wird wissen wo sein Herr ist! Und nun aus meinen Augen!«
#62
Die Keuschheitsprobe ❖
baum-der Buhurt hatte seinen Höhepunkt erreicht, zumindest für die Herrschaften aus Aramajé, als Ser Aridas einen ruhmreichen Sieg gegen Ser Lorion errungen hatte. Ein Umstand, mit welchem wohl niemand gerechnet hatte, wenn man die beiden Ritter schon in ihrer Statur miteinander verglich. Aber Ser Aridas war schnell und wendig gewesen, und dies war wohl sein entscheidender Vorteil gewesen, welcher ihm letztendlich auch den Sieg gebracht hatte. Selbst der Erzherzog gratulierte dem Bernsteingrafen zu diesem Ruhm, der alleine Aramajé gegolten hatte. Wenn auch zurückhaltend, und mit einem dünnen Lächeln. Selbst Valésia fühlte so etwas wie Stolz, und sie hatte sich ebenso erhoben wie Graf Gunther, und Roméro und applaudierte, wenn gleich sie auch stets in der Menschenansammlung Endres ausfindig zu machen suchte. Merik lächelte nicht. Mit gerunzelten Augenbrauen und seine Lippen zu einem dünnen Strich gepresst, saß er auf seinem Stuhl, und blickte finster auf den Turnierplatz, wo der ruhmreiche Jüngling stand, welcher sich im Jubel und Applaus sonnte, welcher ihm alleine galt.

Während der Buhurt weiterhin von Statten ging, wurde Romeros Aufmerksamkeit auf einen unscheinbaren, hageren Mann gezogen, welcher die Tribüne betreten hatte. Der junge Mann aus Aramajé beäugte den Mann geringschätzig. Weder seine Kleidung, noch sein Auftreten zeugten von hoher Geburt, er wirkte vielmehr wie ein Handlanger, ja, wie ein Lump und Tagedieb. Doch warum er sein Interesse für diesen Mann letztlich behielt, war die Tatsache, dass der Bernsteingraf sich erhoben hatte, und zu seinen Kinder gegangen war, weg vom Ehrenplatz neben dem Erzherzog, und ein wenig beleidigt neben Roméro Platz genommen hatte. „Wer ist dieser Mann?“ erkundigte sich Roméro neugierig bei seinem Vater, und dieser zuckte nur verächtlich die Schultern. „Ich weiß es nicht, mein Sohn. Doch scheint er Nachrichten für den Erzherzog zu haben.“ „Und scheinbar so wichtige, dass er dich fort geschickt hat…“ fügte Roméro grinsend hinzu, was dem Bernsteingrafen nur ein verächtliches Schnauben abrang. Man konnte nicht verstehen, was der Erzherzog mit seinem Sohn gesprochen hatte, doch als er ihn öffentlich züchtigte, und damit brüskierte, machte sich eine tiefe Zufriedenheit und Schadenfreude breit, und er beneidete die Dienerschaft, die stets um den Erzherzog scharwenzelte, um ihm jederzeit zu Diensten sein zu können, und auf diese Art stets wusste, was vor sich ging. Valésia selbst hatte es gesehen, und ihre Augen quollen beinahe über vor Überraschung und Fassungslosigkeit, dass der Erzherzog seinen Sohn öffentlich demütigt und brüskiert hatte, und natürlich schwang die Neugierde mit, was sein Beweggrund gewesen war. Doch besaß sie die Geistesgegenwart, so zu tun, als hätte sie es nicht gesehen, da sie fürchtete, Meriks Unmut und Zorn damit herauf zu beschwören.

Die restliche Zeit des Buhurts saß Valésia nur gelangweilt da, tat, als würde sie die Kämpfe mit Interesse verfolgen, doch in ihren Gedanken hing sie nur dem vergangenen Abend nach, dem Abend mit Endres. Noch immer konnte sie seine Küsse auf ihrer Haut spüren, seine zärtlichen Berührungen, seine Zunge, die ihr Allerheiligstes liebkost hatte, ja selbst sein Gemächt konnte sie in ihrem aufgewühlten Unterleib noch förmlich spüren. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich fragte, ob Merik ebenso zärtlich und liebevoll mit ihr umgehen würde, wie Endres. So roh seine Art und sein Umgehen mit ihr und anderen war, konnte sie sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Und ihre Gedanken gingen noch weiter… Die Komtess dachte an Nelanda, Meriks erste Frau. Selbstverständlich kannte Valésia diese nicht, doch es wäre interessant zu wissen, wie diese Frau gewesen war, wie sie zu Merik gestanden hatte, und was Merik für sie empfunden hatte. Aufgrund der Gerüchte, die um den Erbprinzen und seine gestorbene Frau kursierten, und ihren eigenen Erfahrungen mit Merik, fiel es der Komtess schwer, etwas anderes in ihm zu sehen, als ein Rohling, ein Rüpel und einem Taugenichts. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er ein liebevoller, fürsorglicher Ehemann sein würde. Merik war ein verwöhnter, verzogener Mann, der keinerlei nennenswerte gute Eigenschaften besaß, und der vom Reichtum seines Vaters lebte. Vielleicht gab es jemanden, der ihr mehr von dieser Frau erzählen konnte. Vielleicht würde es ihr helfen, diesen undurchdringlichen Schleier, der Merik umgab, zu lüften, oder ihr vielleicht sogar helfen, ihn zu verstehen, oder gar sein kaltes Herz aufzutauen, und für sich zu gewinnen. Zumindest so weit, dass sie miteinander auskommen würden. Aber wer konnte ihr in diesen Belangen helfen?

Roméro war es, der sie aus ihren Gedanken riss, als er sich schwungvoll in den freien Stuhl neben seiner Schwester fallen ließ. „Valésia…“ raunte er und grinste dabei von einem Ohr bis zum anderen. „Willst du wissen, was passiert ist?“ Neugierig und fragend blickte sie ihren Bruder an und schien ein wenig verwirrt. „Was meinst du, Roméro?“ erkundigte sie sich. Roméro indes hob die Hand, schnippte mit den Fingern, und machte so auf sich aufmerksam, als ein Diener sogleich heran eilte. „Bring uns zwei Becher Wein…“ forderte er ihn auf. Der Lakai nickte und verschwand und Valésia haftete ihren Blick wieder fragend auf ihren Bruder. „Was ist los? Was meinst du? Was ist passiert?“ Roméro grinste verwegen, und winkte verschwörerisch ab. „Warten wir auf den Wein, liebe Schwester…“, meinte er, während er dem Diener dabei zusah, wie er dunkelroten Wein in zwei Becher goss. Valésia indes begann nervös mit dem Fuß zu wippen. Wusste er etwas? Wusste gar der Erzherzog etwas? Hatten sie gar Endres hier am Buhurt gefangen genommen? Sie blickte sich suchend um, doch konnte sie ihn nirgendwo entdecken… „Roméro…“ begann sie „Nun sage mir doch, was los ist…“ bat sie ihn ein wenig ungeduldig, doch da kam schon der Diener mit den beiden Bechern an, welche Roméro entgegennahm und einen davon galant an seine Schwester weiterreichte. Interessiert betrachtete Roméro den kunstvoll verzierten Becher und warf schließlich seiner Schwester einen neckischen Blick zu. „Na gut, na gut, ich spanne dich nicht länger auf die Folter“ meinte er und prostete Valésia zu. Er nahm einen Schluck Wein und nickte anerkennend. „Das ist ein vorzüglicher Wein, Schwester, koste!“ „Roméro!“ raunte sie tadelnd. Auffordernd blickte er sie an und ergeben seufzte sie und probierte von dem Wein. „Also…“ begann Roméro. „Willst du wissen, warum der Erzherzog Merik geschlagen hat?“ grinste er sie erneut an, und Valésia nickte. „Er hat erfahren, was Merik so treibt, ich meine, seine Eskapaden mit den Huren und Mägden und Zofen…“ Valésia blickte ihren Bruder unverwandt an. „Verstehst du, was ich damit sagen will, Valésia? Der Erzherzog ist, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, auf deiner Seite. Er heißt es nicht gut, dass Merik solch ein Hurenbock ist. Das ist gut, Valésia. Sehr gut sogar!“ „Woher weißt du das?“ fragte sie ihn und er grinste verschlagen „Du weißt doch, ich habe meine Augen und Ohren überall… Und wenn nicht ich, dann weiß ich, wo ich solche Augen und Ohren finde…“ meinte er und tätschelte dabei seinen Geldbeutel. „Wenn wir schon von Geld sprechen… Lass uns den Buhurt zu Ende sehen. Ich habe eine Menge Münzen auf Ser Aridas gesetzt, nachdem er Ser Lorion derart vernichtend geschlagen hat. Ich hoffe sehr, dass ich nicht auf den Falschen gewettet habe…“

Am Nachmittag war der Buhurt bereits zu Ende. Die hohen Herrschaften hatten sich bereits wieder auf die Burg zurückgezogen, und so auch Komtess Valésia. Der Buhurt war am Ende sehr ermüdend gewesen. Es war ein kalter, unwirtlicher Tag ohne Sonnenschein gewesen, und durch das stundenlange Sitzen auf den unbequemen Bänken und Stühlen schmerzten Valésia sämtliche Knochen im Leib. Sie hatte sich in ihr Gemach zurückgezogen, um sich ein wenig auszuruhen. Was sie auch tat, ihre Gedanken kreisten alleine um Endres, den hinreißenden, wunderbaren Paltoren, der ihr Herz so gänzlich erobert hatte... Ihr stand nicht der Sinn danach, sich mit einer Stickerei zu beschäftigen, und auch das Gebetsbuch der Drei wollte sie nicht lesen. Ohne Endres erschien ihr alles so trist und sinnlos. Ihr Herz verzehrte sich unbändig nach ihm. Wenn sie ihn doch nur einmal noch sehen könnte… Sie hätte sich ihm nie hingeben dürfen. Nicht, dass sie es bereute, nein… Doch wenn sie geahnt hätte, dass sie danach ihres Lebens nicht mehr froh werden würde, hätte sie es nicht getan! Beinahe wünschte sie sich, sie wären einander nie begegnet, dann hätte sie ihr Schicksal besser annehmen können, als nun. Doch andererseits wünschte sie es sich auch wieder nicht. Valésia seufzte schwer auf, als sie alleine in ihrem Gemach stand, und sich umblickte. Da fiel ihr Blick auf den Balkon, etwas in ihrem Augenwinkel bewegte sich, und erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie wandte ihren Kopf zu dem verglasten Fenster. Der Rabe Finsterherz… Es rang ihr ein wehmütiges Lächeln ab, als sie ihn erblickte, doch als sie sich bewegte, um einen Leckerbissen für ihn zu holen, da flog er erschrocken hoch, und verschwand alsbald aus ihrem Blick. Valésia wünschte sich, sie könnte, gleich wie der Rabe, davonfliegen, und von dieser Burg fliehen, ohne, dass ihr jemand nachstellen konnte. Sie ergriff nun doch ihr Gebetsbuch, von dem sie sich Trost erhoffte, setzte sich in dem Erker auf die Fensterbank, und war bald vertieft in die Schriften über die Drei.

Nach einer ganzen Weile klopfte es. Verwundert hob die Komtess den Blick, denn sie erwartete niemanden. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und die Stimme ihres Vaters erschall. „Valésia, bist du gesellschaftsfähig?“ „Ja…“ rief die junge Frau leise, und sogleich öffnete sich die Türe gänzlich. Sie war überrascht, als sie sah, dass er nicht alleine gekommen war. Der Erzherzog, Erbprinz Merik, und eine ältere Frau standen hinter ihm, und sie fragte sich, ob sie etwas vergessen hatte. Ganz sicherlich waren sie gekommen, um eine Angelegenheit, die Hochzeit betreffend, zu klären. Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum auch ausgerechnet Merik mitgekommen war. Er hatte sich noch niemals für die Hochzeitsvorbereitungen interessiert. Vielleicht aber lag dies auch an der Rüge und Ohrfeige, die er sich heute von seinem Vater hatte gefallen lassen müssen… Valésia knickste vor den Herrschaften. Der Bernsteingraf trat einige Schritte an seine Tochter heran, und richtete das Wort an sie. „Du weißt, warum wir gekommen sind?“ Valésia schüttelte den Kopf. „Nein, Vater, es tut mir Leid, ich habe keine Ahnung“ meinte sie entschuldigend. „Wir müssen die Keuschheitsprobe unternehmen. Sei unbesorgt, meine Tochter, du hast ja nichts zu befürchten. Es wird nicht lange dauern.“ „Keuschheitsprobe?“ wiederholte Valésia, und es erschien ihr, als würde ihre Stimme von weit her kommen, während ihr Herzschlag einen Moment lang aussetzte, als sie sich Malindas Worte in Erinnerung rief. „…weil du bluten wirst, wenn der Erbprinz dir deine Jungfräulichkeit nimmt…“ Bei allen Göttern, sie waren hier, um sie zu untersuchen, ob sie noch unberührt war! Valésia hatte das Gefühl, als würde sie schwanken. „Ja, die Keuschheitsprobe…“ schaltete sich der Erzherzog ein. „Hat man dich nicht darüber informiert? Das macht nichts. Das hier ist Gertrud, die Hebamme. Sie steht schon seit vielen Jahren in unseren Diensten. Eine sehr fähige und loyale Frau. Sie wird es auch sein, die dir helfen wird, deine Söhne auf die Welt zu bringen. Keine Sorge, Valésia, sie wird dir nicht wehtun, und es wird auch niemand hinsehen außer ihr, es wird ganz züchtig und diskret von Statten gehen. Du wirst verstehen, dass diese Untersuchung das Wichtigste ist, vor der Hochzeit mit dem Erbprinzen…“ Bei diesen Worten verzog der Erbprinz seine Lippen zu einem süffisanten Grinsen, und Valésia nickte, und ihr Geist begann fieberhaft zu arbeiten. Sie verstand nichts von all diesen Dingen, und sie fragte sich, ob es überhaupt möglich war, so etwas festzustellen, ob eine Frau mit einem Mann das Lager geteilt hatte. Gertrud trat an das Bett heran, zog zwei der Vorhänge des Himmelbettes zu, so dass das Bett von zwei Seiten verdeckt war, und bedeutete ihr mit einer Geste, zu ihr zu kommen. „Komtess, bitte legt euch auf das Bett…“ bat sie die junge Frau und lächelte sie aufmunternd an. „Wie der Erzherzog bereits gesagt hat, es wird nicht wehtun, und ich habe schon viele Frauen untersucht, ihr braucht euch nicht zu schämen.“ Dies war leichter gesagt, als getan. Natürlich schämte sich Valésia, sich vor dieser Fremden zu entblößen. Bei Endres war dies eigenartigerweise etwas anderes gewesen, vor ihm hatte sie sich nicht geschämt… Darüber hinaus hatte sie große Furcht, dass ihre schändliche Tat, und diese war dies ganz gewiss vor den Augen des Erzherzoges, seines Sohnes, und auch vor ihrem Vater… Sie wusste in diesem Moment nicht, vor wessen Zorn sie sich am meisten fürchten sollte, wenn die Wahrheit ans Licht kam…

Langsam, und scheu trat Valésia an ihr Bett heran, und legte sich, wie ihr geheißen, auf die große Liegefläche dieses opulenten Bettes. Die Hebamme nickte ihr freundlich zu und hob ihre Röcke in die Höhe, bis sie ihre Scham freigelegt hatte. Unwillkürlich legte Valésia schützend die Hände über ihre Scham, und Getrud ließ sie gewähren. „Bitte stellt die Beine auf, Komtess…“ murmelte die Hebamme leise, und Valésia leistete dieser Bitte Gehorsam, wenn auch mit stark klopfenden Herzen. Sie spürte förmlich, wie ihre Hände zu schwitzen begannen, und ihr Herzschlag sich in unermessliche Höhen trieb. Gertrud legte ihre Hand auf Valésias entblößtes Knie, und zwang mit leichtem Nachdruck ihre Beine auseinander, während sie ihr de Hände sachte zur Seite legte. Die Hebamme steckte ihren Köpf förmlich zwischen ihre Beine, und blickte mit akribischen und prüfenden Blick auf Valésias Allerheiligstes. Nach einer kurzen Weile blickte sie Valésia fest und ernst in die Augen, sagte aber kein Wort. „Ich bin fertig…“ murmelte sie, und trat vom Bett zurück, und ging zum Erzherzog, Merik und dem Bernsteingrafen.

Die alte Frau schüttelte langsam und bedeutsam den Kopf, was dem Erzherzog einen fragenden, wie auch unwilligen Blick abrang. „Was soll dieses Kopfschütteln bedeuten, Gertrud?“ Der Bernsteingraf, sowie der Erbprinz blickten die Hebamme ebenso verständnislos an. Sie trat einen weiteren Schritt an die Herren heran und senkte ihre Stimme zu einem leisen Flüstern, als galt es, ein Geheimnis zu bewahren. „Sie ist nicht unberührt, euer Hochwohlgeboren…“ Mit diesen Worten knickste sie demutsvoll und senkte das Haupt, als würde sie befürchten, dass er sie für diese Worte schlagen würde. Der Bernsteingraf keuchte entsetzt auf, als er diese Worte vernahm, und der Erbprinz setzte einen verwirrten und wütenden Blick auf. Der Erzherzog runzelte seine Augenbrauen, und verengte seine Augen zu bedrohlichen Schlitzen. „Bist du ganz sicher, Gertrud? Du weißt, was auf dem Spiel steht!“ Die Hebamme hob den Kopf und blickte dem Erzherzog in die Augen. „Ich bin sehr sicher, euer Hochwohlgeboren. Es gibt keinen Zweifel daran. Ich kann unterscheiden, zwischen einer berührten und einer unberührten Frau. Man kann es auf den ersten Blick erkennen.“ Als sie bemerkte, wie sie den Erzherzog unbeabsichtigt belehrt hatte, sank sie erneut in einen tiefen Knicks, und murmelte „Verzeiht mir, euer Hochwohlgeboren. Ich wollte euch nicht belehren. Es stand mir nicht zu…“ Der Erzherzog murmelte einige unverständliche Worte und schloss sich dann dem allgemeinen unangenehmen Schweigen an. Es war es, welcher als erstes seine Sprache wieder fand. „Was soll das heißen, sie ist nicht unberührt, Getrud? Sprich!“ blaffte er sie an, und bevor die Frau noch etwas entgegnen konnte, war es der Erzherzog, der das Wort an sich riss. „Stell keine törichten Fragen, du Dummkopf! Du weißt sehr wohl, was das bedeutet!“ herrschte er seinen Sohn an, und schlug ihm leicht mit der flachen Hand ins Gesicht. „Es bedeutet, dass Valésie keine keusche Frau ist, und dass sie bereits das Lager mit einem Mann geteilt hat! Und es bedeutet…“ mit diesen Worten wandte er sich an den immer noch fassungslosen Graf Gunther und fügte hinzu „… dass ihr mir eine Erklärung schuldet!“ Der Bernsteingraf zuckte zusammen, und begann fassungslos zu stammeln „Euer Hochwohlgeboren! Das ist gänzlich unmöglich! Ich… Ich versichere euch, ich habe meine Tochter immer behütet und beschützt! Sie unterstand immer meinem persönlichen Schutz, das kann nicht sein, dass sie mit einem Mann das Lager geteilt hat! Mein Wort darauf!“ „Nun, allen Anschein nach, habt ihr sie nicht gut genug behütet, denn die Tatsachen sprechen eine gänzlich andere Sprache, als ihr!“ Der arme Bernsteingraf wurde unter den harschen Worten des Erzherzoges immer kleiner, denn er sah all seine Bemühungen, seine Pläne, Valésia gut zu verheiraten, und somit auch seinem Haus und seinem Land einen Aufstieg zu ermöglichen, zunichte gemacht. Nun war es Merik, welcher sich einmischte. „Das… Das ist eine Brüskierung, sondergleichen! Wie könnt ihr es wagen, mir eine berührte Frau als Ehefrau unterzujubeln? Dachtet ihr wirklich, ihr kommt damit durch? Dachtet ihr, wir in Olathor, wären Narren?“ Er schüttelte maßlos empört den Kopf und schnaubte wütend aus. „Beruhige dich, mein Sohn. Nun gilt es, das Gesicht zu wahren… Niemand darf davon erfahren. Niemand! Was in dieser Kammer hier und heute ans Licht gebracht wurde, darf niemals nach außen dringen. Verstanden?“ Mit diesen Worten blickte der Erzherzog alle Anwesenden an. „Eurer Verschwiegenheit kann ich mir gewiss sein, mein lieber Gunther, nicht wahr?“ Der Bernsteingraf nickte heftig den Kopf, während er seine unterwürfige Haltung bewahrte, und dann glitt sein Blick zu Merik. „Und auch du wirst Stillschweigen bewahren, mein Sohn, haben wir uns verstanden? Du bist es, den sie verlachen, wenn je ein Mensch davon erfährt!“ „Ich… ich… Niemand wagt es, über mich zu lachen! Wer es wagt, den werde ich lehren, was es bedeutet, einen Mann aus dem Hause Olathor zu verspotten!“ ereiferte sich der Erbprinz und der Erzherzog nickte, und hob beschwichtigend die Hand. „Nun, da dies geklärt ist, zu dir, Gertrud… Wirst du Stillschweigen bewahren? Kann ich mich auf dein Wort und auf deine Treue, die du Olathor stets entgegengebracht hast, verlassen?“ Die Hebamme nickte demütig. „Ihr könnt euch auf mich verlassen, euer Hochwohlgeboren. Meine Treue und Verschwiegenheit gilt alleine euch, eurer Familie und Olathor“ versicherte sie ihm. Der Erzherzog musterte sie eine ganze Weile, und nickte schließlich. Dann wandte er sich an Merik. „Wir können uns nicht auf sie verlassen. Nicht bei schlechten Nachrichten. Ich kann es an ihren Augen sehen.“ Mit diesen Worten griff er an Meriks Gürtel, und zog dessen Schwert aus der Lederscheide. Er reichte es seinem Sohn mit dem Griff voran, und meinte abfällig „Beweise mir in dieser Stunde, dass du dein Schwert nicht nur zur Zierde mit dir spazieren führst, sondern auch damit umgehen kannst“ und deutete mit einem Kopfnicken auf die Hebamme, die bei diesen Worten erschrocken die Augen weitete. Merik wurde blass, aber er nickte ergeben, umklammerte das Schwert, und mit einer erschlossenen Geste schnellte er nach vorne und stieß der alten Frau das Schwert in die Brust. Ein schmerzerfüllter und gleichsam erstickter Schrei zerriss die kurze Stille, dann ein Gurgeln, und nur wenige Momente später sank die Hebamme sterbend zu Boden, während das heraus schwappende Blut aus ihrer Stichwunde den Boden tränkte. Ohne jede Regung kniete der Erbprinz nieder, wischte das blutige Schwert am Rock der Toten ab, während der Erzherzog ebenso regungslos das Szenario beobachtete und der Bernsteingraf blass und sichtlich mit großer Mühe versuchte, die Fassung zu wahren. „Gut gemacht, mein Sohn…“ murmelte der Erzherzog. „Ein bedauerlicher Zwischenfall. Sie hat versucht, der Komtess ein Leid zuzufügen, und ihr treu ergebener Bräutigam hat beherzt eingegriffen. So war es doch, nicht wahr?“ meinte er und blickte Graf Gunther und Erbprinz Merik an. Diese nickten ergeben, und dann nickte auch der Erzherzig zufrieden. „Graf Gunther…“ richtete er das Wort an den Grafen aus Aramajé. „Ich wünsche eure Tochter zu sehen…“ Dieser nickte und herrschte „Valésia!“

Die Komtess erhob sich schwerfällig vom Bett, auf welchem sie ängstlich gekauert hatte, als ihre Ohren Zeugen von diesem Ereignis geworden waren. Langsam, und mit gesenkten Haupt trat sie an die drei Männer heran, und wagte niemanden anzusehen. Doch sie sah die Hebamme, die tot in ihrer Blutlacke lag, und augenscheinlich nur gestorben war, Valésia wegen. Sie hatte noch nie so nahe einen Toten gesehen. Wohl kam es auf Turnieren, besonders beim Tjosten, manchmal zu bedauerlichen und schrecklichen Unfällen, aber dem Tod und all dem Blut so nahe zu sein, war doch etwas gänzlich anderes. „Valésia! Ist es wahr? Sprich!“ herrschte der Bernsteingraf seine Tochter an, als sie vor ihm stand. Valésia überlegte fieberhaft. Hatte es einen Sinn, zu lügen, und alles abzustreiten? Wohl kaum… Im Zweifelsfall würden sie die nächste Hebamme oder Heilerin herbeirufen, und auch diese würde das Offensichtliche bestätigen. Es wäre wahrhaft klüger, nicht zu lügen. Doch genauso klug war es, zu schweigen, und Endres nicht zu verraten. Lieber würde sie sterben, als ihn ans Messer zu liefern. Die Hebamme war ein glänzendes Beispiel dafür, was sie mit dem Paltoren machen würden, wenn sie auch nur eine Silbe über ihn verlor. Und diese Tat damit zu rechtfertigen, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden war, wäre unglaubhaft, niemand würde ihr glauben, wenn sie eine solche Tat verschwiegen hätte. Und letztendlich würde es nicht helfen. Weder der Erzherzog, noch der Erbprinz würden eine berührte Frau als Erbprinzessin von Olathor akzeptieren. Sie würden sie mitsamt dem gesamten Tross wieder nach Aramajé schicken, ihr Vater würde rasend wütend auf sie sein, und sie verstoßen, sie in einen Tempel schicken, wo sie bis an ihr Lebensende bleiben musste, oder versuchen, sie an irgendeinen unbedeutenden oder anspruchslosen Ritter verschachern. Sie wusste nicht, ob sie sich über diesen Umstand freuen sollte, oder nicht, aber seltsamer Weise fühlte sie in diesem Moment weder Freude, noch Erleichterung, sondern nur Schuld und Schande. „Ihr Schweigen sagt alles…“ bemerkte der Erzherzog. Da trat der Erbprinz einen Schritt hervor, und hob seine Hand. Doch bevor er sie noch gegen Valésia erheben konnte, da umklammerte der Erzherzog sein Handgelenk, und hielt seinen Arm fest. „Wage es nicht, Merik! Du wirst nicht Hand an deine Braut legen!“ Meriks Gesicht wurde bei diesen Worten hochrot vor Zorn und er schrie „Du Hure! Du... Du unehrenhafte Metze! Eine Schande bist du! Alles bist du, aber keine götterfürchtige Frau!“ Da hob der Erzherzog zum dritten Mal an diesem Tag die Hand gegen seinen Sohn, doch diesmal ließ er seinen Handrücken erneut fest in sein Gesicht schnellen. „Schweig, Merik! Du vergisst dich! Du sprichst mit deiner Braut, deiner zukünftigen Ehefrau und Erbprinzessin von Olathor!“ Merik hielt sich seine rote Wange, und blickte den Erzherzog blind vor Zorn an. „Was sagst du da? Das Eheversprechen ist gelöst! Mit dieser Tat ist das Eheversprechen null und nichtig! Ich werde diese Hure von Aramajé nicht ehelichen! Wer weiß schon, wie viele Schwänze sie schon in sich hatte? Ich will eine anständige, treue, und vor allem keusche Ehefrau! Ich werde sie nicht heiraten, Vater!“ „Du wirst! Was du tust, und lässt, obliegt immer noch meiner Entscheidung! Du bist der Letzte, der sein Maul aufmachen sollte, um solche Worte zu sprechen, Merik! Du teilst ständig mit Huren, Mägden und sonstigen Weibern dein Bett! Du bist der Letzte, der sich darum scheren sollte, ob seine Braut unberührt ist, oder nicht! Weißt du, welchen Ruf du genießt in Tarhjárt, Merik? Merik, der Hurenbock! Ich schäme mich für mich! Du ziehst den Ruf von Olathor in den Schmutz! Du beleidigst mich und setzt mich dem Spott aus! Und aus diesem Grund auch wirst du die Komtess zu deiner Frau nehmen! Es ist mir egal, verstehst du? Ich werde nicht zulassen, dass du diese Verlobung löst! Dies obliegt immer noch meiner Entscheidung, und wenn du dich dieser widersetzt, wirst du es schwer bereuen! Hast du mich verstanden, mein Sohn?“ „Du kannst mich nicht zwingen, diese Hure zu ehelichen, Vater!“ schrie Merik, doch gleichzeitig duckte er sich, aus Angst, der Erzherzog könnte erneut seine Hand gegen ihn erheben. „Ich enterbe dich, wenn du dich meinem Willen widersetzt! Du wirst deine Tage in einer verfallenen Bauernhütte fristen müssen, ohne auf meine Unterstützung hoffen zu dürfen, wenn du dich nicht meinem Wunsch beugst! Noch heute! Noch in dieser Stunde! Haben wir uns nun verstanden, Merik?“ schrie der Erzherzog ihn an, und da erbleichte Merik, und senkte das Haupt. „Ja, Vater, ich habe verstanden. Ich beuge mich deinem Willen.“ Da verzog der Erzherzog seinen Mund zu einem zufriedenen Lächeln. „Du kannst gehen, mein Sohn. Und schick nach einer Zofe, und ein paar Kammerdienern, die diese Sauerei da beseitigen.“ „Sehr wohl, Vater…“ sprach der Erbprinz unterwürfig, und verneigte sich. Der Erbprinz warf seiner Braut einen vernichtenden Blick zu, welcher Valésia beinahe zusammenzucken ließ. Sie hatte sich vor dem Erbprinzen immer schon geängstigt, aber nun fürchtete sie ihn wahrlich. Als er das Gemach verlassen hatte, war sie ein wenig erleichterter. Aber dennoch fürchtete sie noch den Zorn des Erzherzogs und den ihres Vaters. „Du hast Aramajé die größte Schande bereitet, die es nur geben kann, Valésia. Ich bin fassungslos, und über alle Maßen enttäuscht von dir“ sprach der Bernsteingraf mit unterschwelligem Zorn und Verachtung. „Wer war es, Valésia? Wenn du mir verrätst, wer es war, dann bin ich geneigt, nachsichtig zu sein. Also?“ fragte der Erzherzog sie. Doch Valésia schwieg weiterhin. Kein Wort kam über ihre Lippen. Der Erzherzog stand eine Weile abwartend da, doch als Valésia stumm blieb, das Haupt gesenkt, da wandte er sich ab. „Damit hast du dein Schicksal besiegelt…“ murmelte er. „Kommt…“ forderte er den Bernsteingrafen auf, und dieser lief ihm hinterher, wie ein geprügelter Hund, und so verließen auch sie das Gemach der Komtess.

Valésia blieb alleine in dieser schweren Stunde in ihrem Gemach zurück, und als die Tragweite ihrer Tat in ihr Bewusstsein sickerte, und ihr Verstand das eben Geschehene verarbeitet hatte, brach sie weinend zusammen…
#63
Ser Endarion von Hohenehr ❖
baum-langsam aber sicher war der Buhurt nun vorüber, zumindest für den heutigen Tag. Die hohen Herren hatten sich bereits zu weiten Teilen von dem Schauplatz entfernt, um sich dem Bewerb des Bogenschießens zuzuwenden, welches nun, nachdem der Buhurt zu seinem Ende gefunden hatte, ausgetragen wurde. Zehn Ritter hatten ihren Namen, wie auch ihren Häusern oder Lehnsherren, Ehre gebracht und waren bis zum letzten Augenblick standhaft geblieben. Ihnen gebührte nun die, in Endres' Augen zweifelhafte, Ehre, am folgenden Tag um den Sieg zu streiten. Ein Sieg, welcher zweifellos durch die Herausforderung des Erbprinzen überschattet werden würde, und dies an dem Turnier, welches zu Ehren seiner eigenen Hochzeit veranstaltet wurde. Und damit nicht genug, hatte er ausgerechnet den Bruder seiner eigenen Braut zum Zweikampf herausgefordert. Es machte bereits die Runde. Es gab kaum ein anderes Thema unter den Gemeinen des Pöbels, als dieses. Dabei wusste eigentlich niemand was schwerwiegender war. Die Tatsache, dass der Erbprinz, nur einen Tag vor seiner Hochzeit, den Bruder seiner Braut zum Zweikampf gefordert hatte, oder dass er im ehrenvollen Endkampf antrat, obwohl er nicht den eigentlichen Buhurt mit bestritten hatte, um sich diese Ehre überhaupt zu verdienen. Denn auch darüber wurde gemunkelt und hinter vorgehaltener Hand gesprochen, wobei es hier zumeist Männer von Adel und Ansehen waren, welcher über diese Themen sprachen. Doch dies alles betraf Endres nur wenig. Er kannte Roméro kaum, wenn man einmal von diesem gemeinsamen Abend mit ihm und seiner Schwester absah, wo er allerdings nur sehr wenig von dem Bruder der Braut mitbekommen hatte. Und das nicht nur, weil er ohnehin nur Augen für die Schöne aus Aramajé gehabt hatte.

Und nun, da der Buhurt zu Ende war und die Knechte und Knappen damit begonnen hatten das Schlachtfeld zu säubern, da hatte Endres auch die Lust am Schaukampf verloren. Die Knechte waren schon emsig am Werk. Sie rechten das Feld der Ehre mit großen, hölzernen Harken, um es für den morgigen Tag in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Hier und dort lag ein gebrochenes Schwert oder ein verbeulter Schild. Aber auch der eine, oder andere, Ritter lagen noch im kalten Schneematsch. Bewusstlos oder zu gedemütigt, um aufzustehen, bevor nicht auch der letzte Adelige von dannen gezogen war. Die Knappen trugen einige dieser Ritter auf Bahren zu den Zelten der Heiler und Apotheker, während die Knechte das Blut mit Sand oder Stroh überdeckten, damit nichts auf dem Kampfplatz an dem morgigen Tag an das Chaos von heute erinnerte, welches hier über mehrere Stunden vorgeherrscht hatte. Denn der morgige Buhurt konnte kaum mehr als solcher bezeichnet werden. Das verbliebene Dutzend würde ihnen allen einen Kampf bieten, welcher sich gänzlich von dem heutigen Getümmel unterscheiden würde. Es sollte ein ehrenvoller Kampf um den Sieg werden, nach allen Regeln der Tugenden der Ritter Ariads. Wie sehr sich Merik an diese Regeln halten würde, das stand noch in den Sternen, doch war sich Endres sicher, dass er zweifellos die eine oder andere Regel missachten würde, wenn er sie nicht gar brach.

Als die Fanfaren zu dem Beginn des Bogenschießturniers bliesen, wandte sich Endres, als einer der letzten, vom Feld der Ehre ab. Valésia, Roméro und deren Vater, der Graf Gunther Adajena von Aramajé, waren schon lange nicht mehr auf der Ehrentribüne des Erzherzogs und doch hatte Endres noch lange Zeit auf jenen Platz gestarrt, auf welchem Valésia gesessen war. Aber nun, da die Fanfaren ertönten, kam auch wieder das Leben zurück in den falschen Graf aus Paltoria. Er machte sich auf die Suche nach seinem treuen Freund Valerion, um, wenn auch schweren Herzens, diese Stadt, und damit auch die Komtess, für immer zu verlassen. Doch wohin er auch ging, Valerion fiel ihm dabei nicht ins Auge. Er lief beinahe den gesamten Zaun, welcher den Buhurt umfriedete, ab, doch fand er kein Anzeichen auf seinen Freund. Und so blieb er, für einen Augenblick lang, stehen und starrte nur gedankenverloren in den Himmel, als ob dieser ihm einen Wink oder gar ein schicksalhaftes Zeichen offenbaren würde. Doch zogen nur einige weiße Wolken über seinem Kopf hinweg. Unbekümmert, unbedeutend und unspektakulär. Nichts an ihnen sah nach irgendeiner Art von Zeichen aus, und so ließ Endres, ein wenig entmutigt, den Kopf hängen, während er schwer ausatmete. »Wo, zum Henker, steckt er nur?«, murmelte er zu sich selbst, obwohl er die Frage laut aussprach. Und so zog es ihn schließlich doch zur großen Mauer der Burg Olathor, an welcher das Duell am Bogen ausgetragen wurde.

Der Auflauf war gewaltig. Endres hatte fast den Eindruck, dass mehr Menschen dem Bogenschießen beiwohnen würden, als dem Buhurt, welcher doch weit interessanter war, als Männern dabei zuzusehen, wie sie mit Pfeilen auf Zielscheiben schossen. Doch vermutlich lag dies einfach nur an der Nähe zur Burg, dass nun mehr Menschen anwesend waren. Hier hatten auch die Mägde und Knechte des Hofstaates, sowie der Burgbewohner eine Gelegenheit dem Treiben zuzusehen, was ihnen bei dem entfernteren Buhurt verwehrt geblieben war. Und als Endres die gewaltige Menschenmenge erblickte, da verharrte er und ließ einfach nur die Schultern sinken. Wenn Valerion sich inmitten dieses Getümmels befand, so würde er ihn niemals finden. Für einen Moment erwog Endres einfach zu dem Gasthaus zurückzukehren, in dessen Stall sie ihre Pferde abgestellt hatten, doch dann entschied er sich doch dagegen und setzte seinen Weg zum großen Tor der Burg Olathor fort.

Doch als er die Burg erreichte, da verließ er nicht, wie all die anderen Menschen, die gepflasterte Straße, um seinen Pfad zum Schießstand einzuschlagen, sondern schritt geradewegs auf das große Tor hinzu. Entgegen seiner Annahme alle Menschen würden dem Turnier beiwohnen, traten, als Endres die große Brücke betrat, zwei gerüstete Wachen aus den Schatten ihrer Erker und kreuzten vor Endres ihre prunkvollen Speere. Die Verzierungen ihrer Umhänge, sowie der pompöse Helm, den sie trugen, zeichnete sie als Ehrengarde des Erzherzogs von Olathor aus und Endres gehorchte ihrem stummen Befehl und blieb unvermittelt stehen. »Wer seid ihr und was ist euer Begehr?«, verlangte einer der beiden Wachen zu erfahren, so dass Endres eine leichte Verbeugung andeutete. »Ser Endarion von Hohenehr …«, stellte er sich vor und hob daraufhin sogleich, beinahe entschuldigend, seine Hände. »Ah, ich erinnere mich an euch, Ser Endarion. Das letzte Mal hatte euer Knappe euch vorgestellt.« Der Mann verengte seine Augen zu zwei Schlitzen, als ob er Valerion suchen würde, oder Endres mit einem missbilligenden Blick bedachte. So recht konnte Endres dies nicht aus seinem Blick herauslesen. Und so nickte er nur, während er auf den nächsten Zug seiner Gegenüber abwartete. »Falls ihr hier seid, um die Gunst des Erzherzogs einzufordern, so muss ich euch enttäuschen, Ser Endarion.« Endres sah den Mann fragend an, bis ihm einfiel, dass er dem Erzherzog ja einen Gefallen abgeleiert hatte, als er die Brosche der Komtess nach Olathor gebracht hatte. Und so zwang er sich zu einem gekünstelten Lächeln, um seine Verwirrung zu vertuschen, während er einen Schritt auf den Mann zutrat. »Und weshalb, guter Mann?«, erkundigte er sich, arrogant und zugleich höflich wie er es konnte, um sein Gesicht zu wahren. »Mit Verlaub, werter Ser. Der Erzherzog wohnt, just in diesem Moment, dem Wettstreit am Schießstand bei. Wenn ihr bei ihm vorsprechen wollt, so müsst ihr euer Glück an der Außenmauer, dort drüben …« Der Wächter deutete mit seiner freien Hand auf jenen Teil der Mauer, welcher kaum zu sehen war, da sich dort so viele Menschen zusammendrängten. »… versuchen. Doch fürchte ich, dass der Erzherzog euch nicht empfangen wird.« Da lächelte der Wächter dünn, als ob es ihm eine regelrechte Genugtuung wäre, den dreisten, paltorischen Adeligen derart vor den Kopf zu stoßen.

Doch da Endres ohnedies kein besonders großes Interesse hatte sich durch das Gedränge der Menschenmenge zu wühlen, und noch viel weniger Interesse daran hatte dem Erzherzog, oder gar seinem unsäglichen Sohn, über den Weg zu laufen, zuckte er nur mit den Schultern. »Fein. Dann werde ich hier auf den Erzherzog warten.« Die Wächter starrten Endres entgeistert an, als ob er gerade einen von ihnen um die Hand ihrer Tochter gebeten hätte, bevor sie nur wenige Augenblicke später beide ihre Köpfe schüttelten. »Aber, verehrter Ser, wollt ihr es euch wirklich zumuten, hier vor dem Tor zu verharren?« Endres zuckte gelassen mit den Schultern. Er konnte sich schon vorstellen, dass seine Gesellschaft ihnen nicht besonders zusagte und so bemühte er sich zu einem gleichgültigen Blick, während er ein keckes, falsches Lächeln aufsetzte. »Warum nicht? Ich habe nichts anderes vor, und das Gedränge vor dem Schießstand schlägt mir nur aufs Gemüt.« Endres musste sich ein schiefes Grinsen, oder gar ein diebisches Lächeln, verkneifen, als die beiden Wachen ihre Blicke miteinander austauschten, nur um kurz darauf die Kreuzung ihrer Speere aufzuheben. »Meldet euch beim Haushofmeister der Burg Olathor. Er wird euch sicher auch helfen können, Ser Endarion.«

Endres schritt, sichtlich vergnügt und ein anzügliches Lied auf den Lippen pfeifend, über den Innenhof der Burg, während er zielstrebig auf den Thronsaal des Erzherzogs zuhielt. Doch kaum hatte er die gewaltigen Tore zum Thronsaal erreicht, wurde er augenblicklich verhaltener. Wie ein Schatten drückte sich Endres gegen die kühle Mauer und horchte in den weitläufigen Saal hinein. Doch als er keine Stimme und auch keinen Schritt vernehmen konnte, da wagte er sich einige Schritte aus den Schatten heraus, nur um kurz darauf hastig wieder darin zu verschwinden, als er den Haushofmeister des Erzherzogs durch den Saal stolzieren sah. Endres Herz klopfte rasend schnell, während er seine Lippen aufeinander presste, um sich nicht gar durch seinen aufgeregten Atem zu verraten. Immer wieder lugte er hinter seiner Ecke hervor, doch der Haushofmeister wollte und wollte einfach nicht verschwinden. Und so seufzte Endres und lehnte sich wieder gegen die Mauer, während seine Gedanken hinfort zu schweifen begannen. Zuerst galten sie Valerion, welcher ihn vielleicht schon suchte und sich selbst einen Narren schimpfte, dass er dieser Torheit zugestimmt hatte. Und nun, da sich die beiden aus den Augen verloren hatten, musste er erneut länger als gewollt in dieser gefährlichen Stadt verweilen.

Doch allzu lange hegte Endres keine Gedanken für Valerion, denn nun befand er sich in der Höhle des Löwen. Er dachte an den Erzherzog, und wie er wohl reagieren würde, täte er ihn hier, verborgen in den Schatten, vorfinden. Endres wunderte sich ein wenig selbst, warum er nicht einfach vor dem Haushofmeister vorsprach, so wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Doch nun, da er noch nicht entdeckt worden war, erbot sich ihm eine gänzlich neue Möglichkeit, welcher er beim Betreten der Burg noch gar nicht bedacht hatte. Und so schweiften seine Gedanken zu jener jungen Adeligen, welcher sein Herz gehörte. Ob sie wohl in ihren Gemächern war? Endres wusste noch sehr genau, wo diese waren, denn immerhin war er schon einmal dort gewesen und er hatte, was dies betraf, einen hervorragenden Orientierungssinn. Besonders wenn es darum ging die verbotene Kammer einer holden Maid zu finden. Doch Endres schüttelte nur den Kopf. Sicher war sie, zusammen mit ihrem Bruder und deren Vater beim Schießstand, wie jeder andere des Hofstaates auch. Immerhin wurde dieses Turnier ihrer baldigen Hochzeit zu Ehren abgehalten. Und ganz gleich wie sehr sie Merik auch verachtete, es wurde zweifelsohne von ihr erwartet den Feierlichkeiten beizuwohnen, bis diese zu ihrem Ende gekommen waren. Doch kaum hatte Endres diesen Gedanken zu Ende gedacht, da vernahm er auch schon Schritte nahe des Tores. Sein Herz machte einen erschrockenen Sprung und er sah sich hastig nach einem besseren Versteck als dem seinen um. Doch alles was er erspähte, war ein kleiner, schattiger Erker, nahe des Tores. Und so huschte er von seinem Platz unbemerkt zu jenem Erker und kurz darauf wurde er auch schon von den einvernehmenden Schatten dieser kleinen Nische verschluckt.

Und keinen Moment zu früh, denn nur wenig später erkannte er die unverkennbare Gestalt von Graf Gunther, Valésias Vater. Der Bernsteingraf schien sichtlich verstimmt zu sein, als er den Thronsaal mit steifen Schritten betrat und dies dicht gefolgt von Roméro, seinem Sohn. »Wie konntest du nur, Roméro?«, wetterte Gunter aufgebracht, doch sein Sohn schien sichtlich unbekümmert zu sein, denn dies verriet Endres sein gelassenes Lächeln. »Ach Vater. Eine Herausforderung wie diese kann ein Mann wie ich doch nicht auf sich sitzen lassen?« Da blieb Gunther unvermittelt stehen und wandte sich, in einer fließenden Bewegung, zu seinem Sohn um. »Ein Mann wie du?«, herrschte er mit einer gedämpften und zischenden Stimme, denn nun, da sie den Thronsaal betreten hatten, würde jede Silbe unweigerlich in jeden Winkel dieses weitläufigen Saales getragen werden. Und womöglich konnten Ohren die folgenden Worte vernehmen, die gar nicht für diese bestimmt waren. »Wer bist du schon, Roméro?«, fragte der Bernsteingraf und trat näher an Roméro heran, so dass Endres sich schwer tat, weiterhin zu lauschen. Doch Graf Gunther ließ seinen Sohn gar nicht erst zu Wort kommen. »Du bist der unbedeutende Sohn eines unbedeutenden Grafen, aus einer unbedeutenden Grafschaft. Vergiss das nicht!« Der Bernsteingraf hob tadelnd den Finger, während Endres sichtlich sah, wie Roméro ungehalten die Mundwinkel verzog. »Er ist der Erbprinz! Und der zukünftige Gemahl deiner geschätzten Schwester!« Da schnaubte Roméro verächtlich aus, doch erneut ließ ihn sein Vater nicht zu Wort kommen. »Ganz gleich, was du von Merik halten magst! Du wirst den Namen unseres Hauses nicht mit untadeligem Unsinn überschatten! Morgen, wenn du im Buhurt stehst, wirst du gegen Merik verlieren! Haben wir uns verstanden?« Romeros Blick funkelte und strotzte förmlich vor Trotz, doch Gunther schien ziemlich einschüchternd auf seinen Sohn zu wirken, und so nickte der Ritter aus Aramajé nur, ohne ein Wort über seine Lippen kommen zu lassen. »Deine Schwester hat es schon schwer genug in Olathor. Mach es ihr nicht noch schwerer, indem du den Erbprinzen, wie auch seinen Vater derart brüskierst, indem du ihn, vor den Augen des gesamten Hochadels derart beleidigst, indem du ihn besiegst. Ich warne dich, Roméro!« Und mit diesen Worten wandte sich Gunther wieder um. »Und nun begib dich in deine Gemächer. Der Erzherzog verlangt meine Anwesenheit in Valésias Gemächern.« Roméro sah seinen Vater fragend an, während er sich räusperte. »Aus welchem Grund, Vater?« Gunther schien ein wenig schwermütiger zu werden, während er sich nochmals zu seinem Sohn umwandte. »Der Erzherzog verlangt nach einer Jungfernprobe.« Roméro, aber auch Endres, verborgen in seinem Erker, zogen bei diesen Worten die Luft zwischen den Zähnen hindurch in ihre Lungen. Roméro mehr aus Entrüstung, doch Endres, welcher wusste, dass Valésia eine derartige Probe nicht bestehen konnte, tat dies vielmehr aus Schrecken. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie erführen, dass Valésia keine Jungfrau mehr war? Endres hatte schon so viele adelige Jungfrauen verführt und ihrer Jungfräulichkeit beraubt, doch nur sehr selten kam es zu einer derartigen Probe. Der Erzherzog schien ein archaischer Mann alter Traditionen zu sein. »Ich verstehe deinen Ärger, Roméro. Es grenzt beinahe einem Schlag ins Gesicht, dies von uns zu fordern. Valésia ist Zeit ihres Lebens behütet aufgewachsen. Ihr Lasterhaftigkeit vorzuwerfen ist beinahe so absurd wie einem Priester der Drei vorzuwerfen den alten Göttern zu huldigen, wie sie es oben im Norden machen.« Der Bernsteingraf seufzte, während er seinem Sohn die Hand auf die Schulter legte. »Doch wie ich bereits sagte. Wer sind wir schon? Er ist der Erzherzog! Nur der König ist mächtige als er. Wie lange habe ich warten müssen, bis sich endlich der Hochadel für unser Geschlecht ermüssigte? Und nun, da es endlich soweit ist, werde ich keinen Stein des Anstoßes liefern, indem ich mich weigere, oder auch nur aufbegehre. Wenn diese Probe vorüber ist, ist es endlich vorbei. Und wir können endlich die Früchte unserer Arbeit ernten.« Doch da schüttelte Roméro den Kopf und trat einen Schritt zurück. »Du opferst Valésia nur für deine Zwecke, Vater.« Das letzte Wort sprach Roméro derart scharf aus, dass es beinahe einem Fluch galt, was Gunther nur mit einem scharfen Blick bedachte, ohne darauf einzugehen. »Gehe in dein Gemach. Wir sprechen später über dies.«

Kaum waren der Bernsteingraf und sein Sohn weitergegangen, da trat Endres auch schon aus dem Erker hervor. Doch er tat gut daran, nicht sofort hinter den beiden herzuschleichen. Denn nur wenige Augenblicke später schritten auch schon der Erzherzog und seine beiden Söhne, Vego der Goldritter und Merik, der zukünftige Gemahl Valésias, durch das Tor. Endres erschrak beinahe, als er den hohen Herren um ein Haar in die Arme gelaufen wäre. Und so kauerte Endres in den Schatten des Erkers und harrte darauf, dass auch diese drei verschwunden waren. Und wie die beiden Adeligen aus Aramajé, so waren auch die Blaublütigen aus Olathor die Treppen hinauf gegangen, direkt zu jener Kammer, welche Valésia ihr Eigen nannte.

Endres konnte nur vermuten, was dort, hinter den verschlossenen Türen, geschehen würde. Und er wagte es nicht, ihnen bis zur Tür der Komtess zu folgen. Zu groß war die Gefahr entdeckt zu werden. Sollte man ihn hier oben, wo er absolut nichts verloren hatte, vorfinden, käme er in arge Erklärungsnot. Und doch konnte Endres das unerträgliche und dumpfe Gefühl, welches sich seiner bemächtig hatte, nicht von sich streifen. Was auch immer diese Jungfernprobe ergeben würde, es wäre im Grunde genommen seine Schuld. Endres stand auf der letzten Stufe der Treppe und konnte sich selbst kaum mehr wiedererkennen. Wie oft schon hatte er die Tochter eines Adeligen umgarnt, bis sie ihm ihre Unschuld, bereitwillig, geschenkt hatte, nur um sie dann zu hintergehen um ihres Vaters Mitgift zu ergaunern. Und niemals zuvor hatte ihn sein Gewissen jemals geplagt, oder hatte er gar einen Gedanken an jene Frau verschwendet, welche durch sein Zutun wohl ihr hohes Ansehen, wie auch ihren ehrbaren Ruf verloren hatte. Doch nun stand der falsche Graf aus Paltoria hier und es schien ihm beinahe, als ob all die vergangenen Sünden, welche er seither begangen hatte, just in diesem Moment auf ihn niederschlagen würden. Er fühlte sich schuldig und reumütig. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sollte Valésia etwas zustoßen, und das nur seinetwegen. Und so haderte und versuchte sich selbst einzureden, dass er schleunigst verschwinden sollte. Ja, wenn er schlau war, würde er der Burg Olathor den Rücken zukehren, Valerion aufsuchen und noch in dieser Stunde, im wilden Galopp, die Stadt verlassen. Valerion suchte zweifellos bereits nah ihm. Und doch stand Endres, beinahe wie angewurzelt, auf der Treppe stehen und wusste weder einen Rat noch einen Ausweg aus seinem Dilemma.

Doch allzu lange konnte er auch hier nicht verweilen. Irgendwann würden die hohen Herren das Gemach wieder verlassen. Und wenn sie ihn nicht bemerken würden, ein Kämmerer oder Knecht aus der Dienerschaft, oder gar ein Mann aus der Leibgarde des Erzherzogs würden ihn sicherlich, früher oder später, dort auf der Treppe entdecken. Und wenn man ihn hier vorfand, nachdem die Probe auf Valésias Jungfräulichkeit vollzogen worden war, würden sich einige der hohen Herren wohl selbst einen Reim auf seine Anwesenheit bilden. Und so setzte Endres seinen waghalsigen und überaus törichten Weg fort. Immer weiter und weiter setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er vor dem Gemach der Komtess angelangt war. Sein Herz klopfte wie wild, als er sachte sein Ohr an die Tür legte. Doch die Stimmen, welche hörbar aufgebracht klangen, tönten nur dumpf durch das dicke Holz der Tür. Doch die Stimmlage, welche in dieser Kammer vorherrschend war, reichte dem jungen Mann aus den fernen Landen, sich rasch von der Tür zu entfernen. »Sie wissen es!«, raunte Endres leise und ein kalter, wie auch beklemmender Schauer lief ihm augenblicklich den Rücken hinab. Doch nun war nicht der rechte Augenblick für falsche Reue. Ein gellender Schrei, welcher ziemlich offensichtlich zu einer Frau gehörte, fuhr Endres durch Mark und Bein. »Valésia!«, hauchte Endres erschrocken, denn er befürchtete schon das Schlimmste. Doch als er gerade die Hand auf das kühle Eisen der Türklinke legte, besann er sich eines Besseren. Wie von selbst zog er die Hand wieder zurück, während er sich einen närrischen Tor schimpfte. »Sie werden mich rädern lassen!« Endres wurde hektisch und sah sich hastig nach beider Seiten um. Doch konnte er, sehr zu seiner Erleichterung, niemanden auf dem Flur erspähen.

Er trat einige Schritte von der Tür zurück und musste, nachdem er einige der anderen Türen überprüft hatte, ernüchternd feststellen, dass alle, mit der Ausnahme von einer einzigen Tür, verriegelt worden waren. »Ausgerechnet Meriks Kammer.«, murmelte Endres bedrückt, doch blieb ihm kaum eine andere Wahl. Und so betrat er das opulent eingerichtete Zimmer des Erbprinzen und versteckte sich direkt hinter der Tür, damit er noch durch das Schlüsselloch spähen konnte. Kaum war er hinter der Tür in die Hocke gegangen, da öffnete sich auch schon die Tür zu Valésias Kammer und Merik stürmte, beinahe kopflos, aber sichtlich verstimmt, aus der Dunkelheit, welche sich hinter der offenen Tür auftat. Endres runzelte nur die Stirn, doch schien ihm keiner der anderen, hohen Adeligen zu folgen. Und während Endres ungeduldig wartete und dabei immer nervöser wurde, verging beinahe ein halbes Glas einer Sanduhr, bis der Erbprinz mit einigen Dienern zurück kehrte. »Sie hat versucht meinen Vater zu erdolchen.«, rief Merik, hörbar empört und aufgebracht, während er die Knappen in das Zimmer bugsierte.

Da die Tür dieses Mal nicht geschlossen worden war, konnte Endres nach und nach die anderen Stimmen der Anwesenden vernehmen. Und das, was er da hörte, ließ ihn vermuten, dass eine Frau umgebracht worden war. Sogleich sackte Endres mutlos zusammen, als er sich bewusst wurde, dass Valésia augenscheinlich von dem Erzherzog, oder einem seiner Söhne, wobei Endres hierbei natürlich sofort an Merik dachte, umgebracht worden war. Umgebracht für einen unschicklichen Fehltritt, den sie sich geleistet hatte. Doch hatten sie sie vorher befragt? Hatten sie sie womöglich gezwungen preiszugeben, mit wem sie das Lager geteilt hatte? Plötzlich wurde Endres regelrecht Angst und Bange. Und während er zuvor noch ein mulmiges Gefühl im Bauch gehabt hatte, so überkam ihn nun die nackte Angst. Wenn sie schon Valésia umgebracht hatten, was würden sie nur mit ihm anstellen? Er wagte kaum zu atmen und klammerte sich regelrecht an dem Türgriff fest, nur um nicht vornüber aus dem Gleichgewicht zu stürzen.

Endres starrte, beinahe wie gebannt, durch das Schlüsselloch. Und nach und nach verließen einer nach dem anderen das Gemach. Zuerst Merik, welcher zornigen Blickes und wütenden Schrittes den Flur hinunter lief. Erneut atmete Endres erleichtert auf, als dieser nicht seine Kammer betreten hatte. Eben jene Kammer, in welcher Endres sich verborgen hielt und heimlich beobachtete was nun geschah. Und nur wenig später, nachdem Meriks Schritte bereits verhallt waren, trat auch schon der Erzherzog aus der Kammer heraus. Ihre Blicke waren so verschieden, wie sie nur sein konnten. Während der Erzherzog noch relativ gleichgültig aussah, schien er dennoch alles andere als gute Laune zu haben. Aber Merik hingegen schien regelrecht von einer Welle des Zorns erfasst gewesen zu sein, als er wutentbrannt die Kammer verlassen hatte. Doch Endres schenkte ihnen kaum mehr Beachtung, sondern starrte weiterhin auf die offene Tür zu Valésias Kammer.

Der Bernsteingraf schien sich allerdings weit mehr Zeit damit zu lassen, Valésias Kammer zu verlassen. Wie auf glühenden Kohlen hockte Endres hinter der Tür und presste sein Gesicht förmlich an das eiserne Schlüsselloch, als endlich der Bernsteingraf die Kammer verließ. Doch kam er nicht allein, sondern mit ihm auch die Knappen, welche Merik zuvor in die Kammer getrieben hatte. Sie trugen einen leblosen Körper aus der Kammer der Komtess heraus, an welchem Endres sofort erkannte, dass es sich nicht um Valésia handelte. Der erleichterte Atem, welchen Endres sogleich aus seinem Mund entließ, ließ für einen Moment den eisernen Beschlag des Schlüssellochs beschlagen, als er sich gewahr wurde, dass es nicht Valésia gewesen war, welche so gequält und schmerzerfüllt aufgeschrien hatte. Und doch warf dieser leblose Körper neuerliche Fragen in dem Geist des Paltoren auf. Wer war nur diese Frau? Den beiden Knechten, welche die Tote trugen, folgte noch ein Dritter, welcher einen hölzernen Eimer trug, aus welchem ein blutgetränktes Tuch heraus lugte. Und so waren sie alle gegangen. All jene, welche zuvor die Kammer betreten haben mussten. Endres hatte Roméro nicht gesehen, aber vermutlich war er einfach nicht zugegen gewesen. Und doch wagte es Endres noch immer nicht aufzustehen um sich wieder aus der Burg heraus zu schleichen, denn vielleicht war Roméro auch noch etwas bei seiner Schwester geblieben, um ihr Trost zu spenden. Die Mauern der Burg, welche vor wenigen Augenblicken zu seiner Todesfalle geworden war, drückten Endres mit einem Mal unglaublich schwer aufs Gemüt. Nun war sie eine wahre Höhle des Löwen geworden, denn er war nun umgeben von Feinden. Zweifellos hatten sie Valésia dazu gebracht seinen Namen zu nennen und somit war er hier, weder in der Burg, noch in dem Herzogtum Olathor, seines Lebens nicht mehr sicher. Und doch, als er sich endlich aus seinem Versteck hervor wagte, konnte er den drängenden Wunsch nicht gänzlich verdrängen, seine Neugierde zu stillen. Von Zweifeln geplagt stand er vor der verschlossenen Tür zu der Kammer der Komtess und hatte bereits die Hand auf die Klinke gelegt, doch wagte er es weder einzutreten, noch anzuklopfen.

Er redete sich selbst gut zu, wenigstens dieses eine Mal, keine Dummheit zu begehen, die Klinke loszulassen und so still und heimlich wie möglich aus der Burg zu entschwinden. Noch waren sicher sehr viele Menschen vor den Toren, nahe der Mauer. Und es wäre ihm ein Leichtes in der Menge unterzutauchen und zu verschwinden. Und doch verharrte er und es schien beinahe, als ob er auf einen Wink des Schicksals zu hoffen schien. Und ehe er es sich versah, da erhielt er auch schon die Antwort auf seine quälende Frage. Denn ein Diener des Erzherzogs kam gerade die Stufen der Treppe hinauf geschritten. Und so wurde Endres, welcher eine geschlagene Zeit vor der Tür ausgeharrt hatte, zum Handeln gezwungen. Hastig drückte er, ohne vorher auch nur anzuklopfen, den Griff der Klinke herunter und huschte in die Kammer der Komtess. In weiser Voraussicht verriegelte er die Tür, sobald er sie hinter sich geschlossen hatte und horchte in die Dunkelheit der Kammer. Ein weinerliches Schluchzen drang an sein Ohr, welches nur von der Komtess kommen konnte. Und so trat er einige, zaghafte Schritte in den Raum hinein, während er sich suchend umsah. Als er schließlich einen Schatten auf dem großen Bett, welches nahe des Fensters stand, ausmachte, hob er seine Stimme zu einem Raunen an. »Valésia? Bist du hier?«
#64
Kummer und Gram ❖
baum-wie ein begossener Pudel stand Graf Gunther von Aramajé in seinem Gemach, als Roméro dieses betrat. Gunther glich einer steinernen Statue, die Hände gefaltet, und ebenso steinern wie auch ausdruckslos, blickte er seinen Sohn an. „Ihr habt nach mir schicken lassen, Vater?“ fragte Roméro, und forschend betrachtete er seinen Vater. „Ihr erscheint mir Sorgenvoll, Vater. Was bedrückt euch?“ fragte er ihn, und versuchte es dann mit einem aufmunternden, aber schiefen Lächeln. „Wenn es wegen dem Turnier ist, dann seid unbesorgt, ich werde Merik gewinnen lassen. Zum Wohle unseres Hauses…“ Müde winkte der Bernsteingraf ab „Wenns nur das wäre, mein Sohn, das ist in diesem Augenblick noch meine geringste Sorge…“ Nach diesen Worten wurde Roméro wieder ernster. „Ist etwas vorgefallen, Vater?“ Er versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, aber, was immer dort geschrieben stand, er konnte es nicht entschlüsseln. Graf Gunther schloss seine Augen, atmete tief ein, und wieder aus, dann öffnete er seine Augen wieder und fixierte Roméro mit stechenden Blicken, so dass der junge Erbgraf sich unter den Augen seines Vaters immer unwohler zu fühlen begann. „Was ich dir nun sagen werde, mein Sohn, darf unter keinen Umständen je nach außen dringen. Nicht einmal deine Mutter darf es wissen. Haben wir uns verstanden? Schwöre auf die Drei, und auf deine Familie, dein Fleisch und Blut. „Natürlich, Vater, ich verspreche es euch, ihr könnt euch meiner Verschwiegenheit gewiss sein… Euer Vertrauen ehrt mich…“ verneigte sich Roméro höflich. Graf Gunther räusperte sich. „Nun… wie soll ich anfangen…?“ sprach er mehr zu sich selbst, als zu Roméro. Er hob seinen Kopf, blickte seinem Sohn direkt in sein Antlitz, und begann „Die Jungfernprobe… Sie ist gescheitert. Die Hebamme beschwor, dass Valésia keine Jungfrau mehr ist…“ Ungläubig blickte Roméro seinen Vater nach diesen Worten an, und schien keine Worte für seine Fassungslosigkeit zu finden. Schließlich stieß er hervor „Was sagt ihr da, Vater? Das… das ist gänzlich unmöglich! Valésia ist der Inbegriff der Reinheit und Keuschheit! Sie wuchs stets behütet unter eurer Obhut auf… Nein, das glaube ich nicht, das kann nicht sein!“ Ergeben und hilflos zuckte Graf Gunther mit den Schultern. „Kann es sein, dass es sich hierbei um eine Verschwörung handelt? Ist Merik Valésia gar überdrüssig, bevor er noch mit ihr den Bund der Ehe eingegangen ist?“ meinte Roméro schließlich nachdenklich „Das kam mir zuerst auch in den Sinn…“ murmelte der Graf. „Das… das kann der Erzherzog doch nicht machen! Arme Valésia! Ihren Namen und ihre Ehre so in den Schmutz zu ziehen! Was sagt Valésia zu diesen ungeheuerlichen Anschuldigungen?“ Graf Gunther lächelte dünn „Nichts… Sie sagt nichts, sie schweigt eisern, wie ein Grab. Und aus diesem Schweigen schließe ich, dass es wahr ist. Oder nicht? Wäre es eine infame Lüge, dann läge deiner Schwester doch etwas daran, dass ihre Ehre nicht in Frage gestellt würde…“ Roméro keuchte auf, ähnlich, wie Graf Gunther es zuvor in Valésias Gemächern getan hatte. „Nein, das ist eine Lüge! Valésia würde so etwas niemals tun!“ Dann begann er nachzudenken. Er erinnerte sich an das Gespräch, welches die Geschwister in der Kutsche auf dem Weg nach Tarhjárt geführt hatten. Sie hatte ihn gefragt, wie es sein würde, wenn sie zum ersten Mal bei einem Mann liegen würde… Seine Gedanken begannen sich zu drehen und überschlagen. „Welcher Bastard war das? Wer hat meine Schwester entehrt?“ murmelte er zornig. Graf Gunther lachte rau auf. „Wenn ich das wüsste, mein Sohn! Ich würde ihn eigenhändig erschlagen! Aber es gibt keinerlei Anhaltspunkte. Weder wann es geschehen ist, noch wo, noch mit wem…“ Roméro war immer noch fassungslos. Unruhig begann er, auf und ab zu gehen, bis sein Blick auf eine gläserne Karaffe fiel, in welcher sich rubinroter Wein befand. Sofort steuerte er auf den kleinen Tisch zu, und goss sich einen Becher beinahe randvoll ein. Vorsichtig, um nichts zu verschütten, führte er den Becher mit leicht gebeugter Haltung an seine Lippen, und trank geräuschvoll das Zuviel an Wein im Becher ab. „Soll ich euch auch einen Wein einschenken?“ fragte er seinen Vater, doch dieser schüttelte nur dankend den Kopf. „Danke, mein Sohn, aber ich muss bei klarem Verstand bleiben…“ „Aber… was nun? Und was sagt der Erzherzog dazu? Und Merik? Erwartet Valésia eine schlimme Bestrafung?“ fragte er den Bernsteingrafen sorgenvoll, und fürchtete insgeheim die Antwort. „Du kannst dir vorstellen, dass sie nicht begeistert sind. Der Erzherzog ist sehr aufgebracht, Merik ist beinahe rasend vor Zorn. Er wollte an Ort und Stelle die Verlobung lösen und die Hochzeit absagen, doch der Erzherzog vertritt eine andere Meinung. Salopp gesagt, hat er gefordert, dass Merik, der ständig mit Huren das Bett teilt, ruhig auch Valésia heiraten kann.“ „Also hat er Valésia mit den Huren, die Merik fickt auf dieselbe Stufe gestellt?“ Der Bernsteingraf blickte seinen Sohn tadelnd an, aber er nickte, und Roméro runzelte wütend die Augenbrauen. „Merik war so wütend, dass er deine Schwester als Hure beschimpft hat, ja, er wollte sie gar züchtigen, doch da hat der Erzherzog eingegriffen.“ Bei diesen Worten ballte Roméro zornig die Fäuste. „Wenn dieser Bastard Hand an meine Schwester legt, dann erteile ich ihm eine Lektion, die er nie wieder im Leben vergisst!“ grollte er. „Du vergisst dich, Roméro! Denke daran, über wen du sprichst! Du wirst nichts dergleichen!“ ereiferte sich der Bernsteingraf und dann fuhr er fort „Ich glaube, der Erzherzog ist nicht auf Valésias Seite, sondern er will Merik einfach nur in die Schranken weisen und ihm demonstrieren, wer auf Burg Olathor immer noch das Sagen hat.“ Roméro nickte nachdenklich. Ohne auf die Worte des Bernsteingrafen einzugehen, hakte er verwirrt nach „Und der Erzherzog besteht immer noch darauf, dass die Hochzeit stattfindet?“ Sein Vater nickte. „Ich bin den Dreien unendlich dankbar für die Nachsicht des Erzherzogs, was auch immer seine Beweggründe sein mögen…“ Nach einer Weile des Schweigens forderte er Roméro auf, zu gehen. „Ich bedarf nun dringend Ruhe, mein Sohn.“ Roméro nickte verstehend. Er verneigte sich vor seinem Vater und wandte sich zum Gehen um. An der Tür blieb er stehen, und fragte den Bernsteingrafen „Soll ich Valésia etwas von dir ausrichten?“ Graf Gunther schüttelte den Kopf „Es gibt nichts mehr zu sagen. Mit deiner Schwester bin ich fertig…“

Valésia indes stand alleine in ihrem Gemach. Sie lauschte dem Knacken des Kaminfeuers, und dem leisen Lodern und Prasseln der Flammen. Es dauerte ein wenig, bis sie begriff, was hier vor sich gegangen war. Sie hatten sie einer Keuschheitsprobe unterzogen. Niemand hatte sie davon in Kenntnis gesetzt. Sie hatten die Keuschheitsprobe einen Tag danach durchgeführt, als sie mit Endres das Lager geteilt hatte. Sie fühlte sich so unglaublich schmutzig, sündig, gedemütigt, und auch alleine gelassen. Nicht, dass sie nun auf Gesellschaft Wert legte, aber sie wagte sich nicht auszudenken, welche weitreichenden Folgen diese Tat hatte. Merik war rasend wütend. Mit dieser Tat hatte sie die letzte Gunst, in welcher sie beim Erbprinzen vielleicht noch gestanden hatte, verspielt. Von nun an würde sich alles schlagartig ändern. Er würde sie geringschätziger behandeln, als jede niedere Zofe, Kammerfrau oder gar Dirne. Er fühlte sich, vermutlich zurecht, von ihr hintergangen, in seiner, wenn auch zweifelhaften, Ehre beschmutzt und beleidigt. Und dennoch musste sie ihn ehelichen. Sie würde ihm nie mehr die Ehefrau sein können, welche sie sein sollte, eine stolze, erhabene und gute Ehefrau. Immer würde dies zwischen ihnen stehen, er würde sie wann immer es sich ergab, damit konfrontieren, sie beleidigen, beschimpfen und zurückweisen. Wenn sie ihren künftigen Ehemann nicht auf ihrer Seite hatte, dann hatte sie denkbar schlechte Karten. Valésia starrte auf den dunklen Fleck auf den Eichendielen. Alle Spuren des blutigen Verbrechens hatten die Kammerdiener nicht beseitigen können. Der Flecke würde ewig wie ein dunkles Mahnmal an die Keuschheitsprobe und ihre Folgen erinnern. Sie würde den Erbprinzen trotz dieses Vorfalls zum Manne nehmen müssen, und sie würde Endres nie wieder sehen. Ihr Herz schien unter dieser wissentlichen Last förmlich zu zerbrechen. Und so warf sie sich auf das Bett, und ließ ihrem Kummer und ihren Tränen freien Lauf. Sie schluchzte und weinte, wie sie es noch nie ihn ihrem Leben getan hatte, und sie verspürte Schmerz, welchen sie bisher in dieser Härte noch nie erfahren hatte.

Nach einer ganzen Weile drang eine Stimme an ihr Ohr. „Valésia, bist du da?“ Ihr Weinen verstummte, und sie horchte auf. Diese Stimme klang so süß, und so vertraut, und für einen Moment glaubte sie, zu fantasieren. Doch da vernahm sie Schritte. Es war jemand im Raum, sie hatte sich dies nicht eingebildet! Doch es war Endres‘ Stimme. Und dies war gänzlich unmöglich. Niemand würde ihn in die Burg lassen, und schon gar nicht zu ihr… Sie wagte nicht einmal, seinen Namen auszusprechen, denn ein falsches Wort an eine falsche Person könnte Endres verraten und in ernste Gefahr bringen. Valésia hielt den Atem an, hob den Kopf und flüsterte „Ja?“ Sie blickte sich suchend um, und dann sah sie im gedämpften Feuerschein eine Silhouette eines Mannes. An der Art, wie er da stand, wusste Valésia augenblicklich, dass sie doch nicht fantasiert hatte. „Endres!“ hauchte sie, und vergessen waren all der Kummer und Gram und wichen einer völligen Verwirrung und Verwunderung. Sie erhob sich von ihrem Bett, und tat einige Schritte auf Endres zu. Sein Anblick rang ihr ein Lächeln ab, welches über alle Maßen wohltuend auf ihr aufgewühltes Gemüt wirkte, und ihr das Herz erwärmte. Bei den Dreien, sie musste furchtbar aussehen! „Endres… Wie kommst du hierher? Und was machst du hier? Oh, wenn sie dich hier finden… Ich wage es nicht auszudenken, was sie dann mit dir machen…“ Sie tat einen erneuten Schritt auf ihn zu, und fiel ihm schließlich an den Hals. „Du bist hier, Endres, ich bin so froh dich zu sehen!“

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