Im goldenen Käfig
#17
Vor dem Greifen und der Schlange ❖
baum-endres und Valerion schritten über die mächtige, hölzerne Brücke und mit jedem Schritt wuchs der Schatten, welchen die Mauer auf sie warf, immer mehr über ihre Köpfe hinaus. Es war beinahe bedrückend, welch weiten Schatten diese Burg auf einen warf. Beinahe so, als wolle sie ihnen sagen, dass ihresgleichen hier nicht erwünscht waren. Doch davon ließ Endres sich nicht schrecken. Um ihn von seinem Vorhaben abzubringen bedurfte es weit mehr als nur eindrucksvolle Mauern und unfreundliche Torwachen. Hatte sich Endres erst einmal etwas in den Kopf gesetzt, war er nur schwerlich noch davon abzubringen. Sehr zum Verdruss Valerions, welcher schon mehr als einmal die ausschweifenden Eskapaden seines Freundes erdulden hatte müssen. »Da hast du einmal diese Frau gesehen, ihre Hand geküsst, und schon bist du ihr verfallen. Du ziehst ihr durch das halbe Herzogtum nach und ignorierst jeden Wink des Schicksals. Als ob sie dich verhext hätte und dein Verstand mit einem Bann belegt wäre, der dich dazu zwingt immer weiter zu gehen, bis du deinen Schwanz endlich zwischen ihre Beine geschoben hast …«, raunte Valerion, dem sichtlich unwohl zumute war. Doch Endres lächelte nur verschmitzt, ob Valerions Worte, als ob dieser nur einen Scherz gemacht hätte. »Vielleicht hat sie das ja auch.« Endres zwinkerte Valerion herausfordernd zu, doch dieser schüttelte nur leicht den Kopf. Er wollte nicht zu viel Aufsehen erregen. »Lass das besser keinen hier hören. Wenn auch nur ein gemeiner Knecht das herum erzählt, kannst du dir das Weibsbild in deine hübschen, blonden Haare schmieren!«, zischte Valerion und sah sich unsicher um. »Wenn der Erzherzog erfährt, dass du die Komtess von Aramajé als eine Hexe bezichtigt hast, dann rollen unsere Köpfe!« »Man sagt, Hexen seien besonders verführerisch und wild.«, feixte Endres und Valerion runzelte skeptisch die Stirn. »Woher hast du denn diese Mär? Bist du bereits bei einer solchen wilden Hexe gelegen?«, fragte Valerion doch Endres gab ihm darauf keine Antwort. Er sah ihn nur verschwörerisch an und zuckte dann mit den Schultern. Valerion seufzte schließlich und murmelte seine letzten Worte, bevor er es vorzog zu schweigen. »Möge das Schicksal uns gewogen sein, Endres.« Auf diese Worte nickte Endres und schloss für einen Augenblick die Augen.

Als die beiden falschen Adeligen den tiefen Schatten der breiten Mauer hinter sich gelassen hatten und unter dem hohen Torbogen des Burgtores standen, lag vor ihnen der weitläufige Burghof. Es herrschte reges, beinahe hektisches, Treiben. Unzählige Bedienstete, welche wohl zum größten Teil aus Leibeigenen bestanden und niedere Frondienste zu verrichten hatten, huschten geschäftig über den Platz. Hier und da stand ein Freier oder gar ein Mann von niederem Adel, welcher die Arbeiten bei Hofe überwachte. »Scheinbar steht ein Fest an.«, murmelte Endres und Valerion blieb direkt neben Endres stehen und ließ seine Blicke über den Hof und das Treiben wandern. »Schon vergessen? Deine Komtess soll den Sohn des Erzherzogs heiraten. Sicher wird wegen den beiden hier so ein Wirbel veranstaltet.« Valerions Worte trafen den Nagel wie immer auf den Kopf und Endres musste ein wenig resignierend seufzten. »Ja, jetzt wo du es sagst.« Valerion nickte und warf einen vorsichtigen Blick über seine rechte Schulter. Die breite Brücke und der gähnende Torbogen lagen dort. Verlassen und auf irgendeine Weise bedrohlich und trostlos. Dieser Eindruck wurde von den scharfen Spitzen des Fallgatters, welche aus dem oberen Ende des Torbogens hervorlugten, noch weiter verstärkt. Valerion fühlte sich, als ob sie eine Brücke hinter sich abgebrochen hätten und nun nur mehr der Weg nach vorne übrig blieb. Direkt in die Höhle des Löwen, wie Endres es so passend beim Namen genannt hatte. »Jetzt gibt es kein Zurück mehr, Ser Wigald.«, stichelte Valerion und wandte den Blick von der Zugbrücke ab. »Dann lass uns keine weitere Zeit verlieren.«, sagte Endres mit einer wachsenden Entschlossenheit in der Stimme und setzte sich wieder in Bewegung. Sein Blick war starr auf eine große, doppelflügelige Tür gerichtet, zu deren beiden Seiten zwei gewaltige, scharlachrote Banner prangerten, welche von den Zinnen des darüber liegenden Wehrganges herab hingen. Auf den Bannern war natürlich der mächtige, gekrönte und goldene Löwe des Herzogtums Olathor abgebildet und schien die beiden falschen Adeligen beinahe herausfordernd anzustarren. »Dort.« Endres deutete auf jene Tür und bedeutete Valerion ihm zu folgen. »Das sieht verdächtig nach dem Thronsaal aus, findest du nicht?«, fragte Endres und Valerion nickte zustimmend.

Der Weg zu jenen Türen gestaltete sich allerdings als schwieriger, als man glauben möchte. Hier und da standen lange Tische im Weg herum, oder ein Gespann von zwei Pferden vor einer kleinen Kutsche. Unzählige Menschen kreuzten ihren Weg, und so waren sie immer wieder gezwungen von ihrem direkten Pfad abzuweichen um ihre Hindernisse zu umgehen. Doch irgendwann standen die beiden vor dem gewaltigen Tor und starrten beinahe wie kleine Kinder daran hinauf. »Wirklich sehr eindrucksvoll.«, musste Endres eingestehen. »Die Burg des Königs selbst kann nicht eindrucksvoller sein.« Valerion schnaubte ein wenig verächtlich. »Der Erzherzog hockt ja förmlich auf dem Gold. Sei froh dass wir nur Herzensdiebe sind, und nicht nach dem Gold des Adels trachten. Hier sähen wir kein Land bei dem Versuch den Erzherzog zu bestehlen.«

Sie betraten den Flügel zum Thronsaal, doch sehr weit kamen sie nicht. Kaum hatten sie die gewaltigen Flügeltüren durchschritten, da kam ihnen auch schon ein schmächtiger und blasierter Kammerdiener entgegen. »Guten Tag. Darf ich, im Namen des Erzherzogs von Olathor, nach euren Namen und eurem Begehr fragen?« Kaum hatte der Mann die Worte zu Ende gesprochen, da trat auch schon Valerion einen Schritt vor und deutete, wie auch schon auf der Brücke zuvor, eine leichte Verbeugung an. »Seid gegrüßt. Mein Herr, Endarion von Hohenehr, wünscht eine Audienz beim Erzherzog von Olathor.« Der Kammerdiener wirkte nicht sonderlich überrascht. Natürlich wollten die meisten, welche den Thronsaal betraten eine Audienz. »Ihm ist zu Ohren gekommen, dass die Komtess Valésia Adajena von Aramajé mit dem Sohn des Erzherzogs vermählt werden soll …« »Ihr habt richtig gehört, Herr.«, pflichtete der Kammerdiener Valerion bei und nickte dabei reserviert. »Mein Herr, Graf Endarion von Hohenehr, wünscht die Komtess zu sprechen. Er hat ein Hochzeitsgeschenk für die hohe Edle aus Aramajé.« Da verbeugte sich der Kammerdiener verhalten und schloss dabei die Augen. »Sehr wohl. Ich werde den Erzherzog von eurer Anwesenheit unterrichten.« Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, wandte sich der Mann von ihnen ab und verließ die Empfangshalle, um kurz darauf im Thronsaal zu verschwinden.

Kaum war der Mann außer Hörweite, da wandte sich Endres an Valerion. »Das war unklug.«, raunte er ein wenig zerknirscht. »Wovon sprichst du?«, hakte Valerion ein wenig verunsichert nach. Immerhin hatte er sich die beste Mühe gegeben. »Du hättest danach verlangen sollen ihrem Vater vorsprechen zu wollen, anstatt sie persönlich sprechen zu wollen.« Endres legte seine Stirn ein wenig in Falten und tippte sich mit dem linken Zeigefinger auf die Unterlippe. Valerion hingegen schlug die Augen ein wenig nieder. »Wir müssen uns langsam und behutsam voran arbeiten …«, fuhr Endres fort, doch unterbrach er sich selbst, als die Tür zum Thronsaal erneut aufging. Über der Türschwelle zum Saal, stand der Kammerdiener und wirkte noch distanzierter als zuvor. »Ich bedaure zutiefst, Herr Endarion. Doch mein Herr wünscht euch nicht zu sehen.«

Als diese Worte Endres erreichten, da schien er kurz darauf aus der Haut fahren zu wollen. »Das ist doch unerhört.«, blaffte Endres den Kammerdiener an doch dieser rümpfte nur die Nase. »Ihr vergesst euch, Graf Endarion.« Der Kammerdiener sprach den vermeintlichen Titel Endarions sehr scharf aus, um ihn daran zu erinnern, wie tief er unter dem Erzherzog stand, doch Endres überhörte diese Spitze und begann in seiner Tasche zu kramen. »Ich verlange Gehör. Mein Geschlecht entstammt einer langen und reinen Linie. So lasst mich durch …«, wetterte Endres und war bereits im Begriff, den Kammerdiener auf die Seite zu schieben. Doch Valerion hielt Endres dezent zurück und ermahnte ihn vorsichtig seine Worte zu bedenken. Endres nickte einlenkend und zog schließlich seine Hand wieder aus seiner Tasche. Um seine letzten Worte zu bekräftigen, hielt er dem Kammerdiener das Kleinod unter die Nase. Die goldene Spange der Komtess, welche mit gut einem Dutzend Rubinen besetzt worden war. Die Augen des Kammerdieners weiteten sich für einen Augenblick, als er das edle Schmuckstück sah, doch hatte er sehr schnell wieder seine ernste Miene aufgelegt. »Ihr habt die verlorene Spange gefunden.«, meinte der Kammerdiener beinahe ehrfürchtig und griff bereits nach der Spange, um diese an sich zu nehmen. Doch Endres war schneller. Er hatte die Faust geballt und hatte das Schmuckstück wieder zu sich heran gezogen. »Ich würde es vorziehen diese Spange der Komtess höchstselbst zu übergeben.« Wieder verzog der Kammerdiener unwillig die Augenbrauen, doch er schwieg. Stattdessen nickte er nur. »Wie ihr wünscht. Ich werde es dem Erzherzog ausrichten.« Ohne dem falschen Adeligen eine weitere Verbeugung zu gönnen, wandte er sich erneut ab und verließ die Empfangshalle.

Dieses Mal war es Valerion, welcher sich zu Wort meldete. »Das war zu dreist, Endres.«, raunte sein Freund und sah sich schon nach den beiden großen Flügeltüren um. »Ich wette, wenn das nächste Mal diese Tür dort aufgeht, kommt die Garde des Erzherzogs um uns vor die Tür zu geleiten.« Endres nickte doch grinste er spitzbübisch. »Da könntest du Recht haben. Doch wie bekommt die Komtess dann ihre Spange wieder, frage ich dich?« Valerion rollte seine Augen und starrte dann erwartungsvoll auf die Tür, welche in den Thronsaal führte.

Es verging beinahe eine halbe Ewigkeit - Jedenfalls kam es den beiden so vor – bis die Tür erneut aufging. Und zu beider Überraschung stand erneut der Kammerdiener vor ihnen. »Mein Herr, der Erzherzog von Olathor, empfängt euch nun. Aber nur euch. Euer Knappe muss hier warten.« Endres nickte und warf Valerion einen forschen Blick zu. »Folgt mir.« Der Kammerdiener betrat erneut den Thronsaal und ließ die beiden Männer hinter sich stehen. »Versuche solange ich mit dem Mistkerl rede herauszufinden, wo die Edle ihr Gemach bezogen hat.«, flüsterte er Valerion und machte sich dann daran, dem Kammerdiener in den Thronsaal zu folgen. Mit jedem Schritt, den Endres tat, wuchs in ihm die Hoffnung, die Komtess wäre ebenso zugegen. Doch kaum hatte er die große Halle betreten, da wurde diese eine Hoffnung auch schon zunichte gemacht. Nicht die Komtess, aber dafür ihr ernster Vater stand neben dem Erzherzog.

Beinahe nebeneinander traten der Kammerdiener und Endres an den Erzherzog heran. »Euer Durchlaucht. Herr Endarion. Graf von Hohenehr.«, stellte der Mann ihm bei seinem Herrn vor und dieser nickte nur. »Geht!«, befahl er nur und binnen weniger Augenblicke schien es, als ob sich der Kammerdiener in Luft aufgelöst hätte. Endres stand nun allein vor den beiden Adeligen. Einer so hoch gestellt, wie die Sonne. Auf seinem Wams prangerte der große, brüllende und goldene Löwe seines Hauses. Während auf dem Wams Gunthers kein Wappen zu erkennen war. Viel mehr schien sein Prunkwams mit unzähligen, reinen Bernsteinen besetzt worden zu sein. Endres befand, dass der Titel Bernsteingraf mehr als nur treffend beschrieb. »Euer Durchlaucht …« Endres deutete eine leichte Verbeugung an. Wohl ein wenig zu leicht, gemessen an dem Mann, vor welchem er sein Haupt neigte. Doch er war kein Ariader. Er war ein Paltore. Er war diesem Mann weder lehnsgetreu, noch ergeben. »Graf Endarion …«, bemerkte der Erzherzog mit einem leicht abfälligen Tonfall. »Was verschafft mir diese Ehre eures Besuches?«, fragte der Monarch, obwohl er sehr wohl schon wusste, warum Endres hier war. »Mit Verlaub, euer Durchlaucht.« Endres zog die goldene Spange aus seiner Tasche und hielt sie so, dass man sie gut sehen konnte. »Dies scheint der edlen Komtess von Aramajé zu gehören.« Der Erzherzog starrte mit einem prüfenden Blick auf das Kleinod, doch nickte er sehr bald, als er es erkannt hatte. »Das ist richtig. Wahrlich edelmütig von euch, dass ihr den weiten Weg durch den tiefen Schnee auf euch genommen habt, nur um dieses Schmuckstück zu ihr zurück zu bringen.« Er verengte seine Augen ein wenig und starrte Endres eindringlich an. »Verehrte Durchlaucht. Dies gebot mir meine Ehre als Ritter. Die Komtess war sicher untröstlich dieses edle Kleinod verloren zu haben.« Mit diesen Worten sah er sowohl den Grafen, als auch den Erzherzog an. Doch dieser hatte seinen Blick nicht mehr auf Endres, sondern ebenso auf den Grafen von Aramajé geworfen. »Wie recht ihr habt, Graf Endarion.« Mit diesen Worten sah er den Grafen mit einem Blick an, den selbst Endres verstand. Geringschätzung. Endres sah sich ein wenig um, bis der Erzherzog wieder seine Aufmerksamkeit einforderte. »Ich bin euch zu Dank verpflichtet, Graf Endarion.« Endres richtete augenblicklich seinen Blick auf den hohen Adeligen. Es war selten, dass ein Mann seines Standes einem niederen Adeligen zu Dank verpflichtet war. Endres konnte sich das Lächeln, welches in ihm aufkam, kaum unterdrücken. »Darf ich es wagen der Komtess ihr Schmuckstück zurück zu geben?«, fragte Endres hoffnungsvoll und der Erzherzog schwieg. Er schien zu grübeln und warf einen flüchtigen Blick auf den Grafen, welcher beinahe mit einer versteinerten Miene neben diesem mächtigen Mann stand. »Wie ihr seht, ist sie nicht zugegen. Händigt es ihrem Vater aus und seid euch meines Dankes gewiss.« Endres seufzte innerlich. Das wäre auch zu viel des Glücks gewesen. Hinterlistiges Schicksal! »Wie ihr wünscht, eure Durchlaucht.« Mit diesen Worten trat er an Gunther heran und überreichte ihm die goldene Spange. »Ihr sollt eine angemessene Belohnung für eure Mühen erhalten. Ihr habt zwei Wochen Zeit euch eine einfallen zu lassen, die ihr für angemessen haltet. Wenn ich sie ebenso für angemessen halte, dann soll sie euch gewährt werden. Am Hochzeitstag meines Sohnes Merik.« Der Erzherzog war kein dummer Mann. Welcher Mann, ob Ritter oder nicht, nahm eine solch beschwerliche Reise auf sich, nur der Ehre wegen. Valésias Schönheit war im gesamten Land bekannt. Natürlich witterte er Endres wahre Beweggründe, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. Doch Endres hatte eine hervorragende Menschenkenntnis. Er schmunzelte und um diese diebische Lächeln zu verbergen, deutete er eine weitere Verbeugung an. »Ihr seid zu großzügig, euer Durchlaucht.« Der Erzherzog winkte ein wenig genervt ab und wedelte mit seiner rechten Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollen würde. »Ihr dürft euch nun entfernen.«

Endres' Gefühle waren etwas durcheinander und Zwiegestalten. Er hatte sich mehr von dieser Unterredung erhofft. Immerhin wurde ihm ein bescheidener Wunsch gewährt. Sehr bescheiden, wie er den Erzherzog einschätzte. Und er würde wohl kaum die Hochzeitsnacht mit Valésia sich wünschen können … Bei diesem Gedanken musste Endres schief grinsen und in diesem Moment war er froh, den beiden Männern bereits den Rücken gekehrt zu haben. »Zwei Wochen …«, murmelte er. Das war nicht viel Zeit. Während ihn seine Schritte aus dem Thronsaal führten, wünschte er sich insgeheim dass die Wege der Komtess und die seinen sich wenigstens – auf dem Weg nach draußen – kreuzen würden. Doch vermutlich würde nur Valerion in der Empfangshalle stehen. Und vermutlich hätte er nur die schlechte Nachricht für ihn, dass er nicht in Erfahrung bringen konnte, wo die Komtess ihr Gemach hatte. Oder wenn doch, dann war es so tief im Innersten der Burg, dass es unmöglich sein würde ihr auch nur ein verführerisches Schreiben zukommen zu lassen. Endres Gedanken drehten sich und er seufzte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht!
#18
Ein dreister Baron ❖
baum-selbst auf das Gebetsbuch konnte Valésia sich nicht eingehend konzentrieren. Sie musste Sätze oder gar ganze Absätze immer wieder lesen, um deren Sinn oder Bedeutung zu verstehen, und dennoch blieb nichts haften. Nach einer Weile seufzte sie erneut. Sie dachte immer noch an den Erbprinzen Merik und diese unliebsame unfreiwillige Beobachtung. Wie lange würde er gegen sie grollen? Sie konnte ihm ja auch nichts entgegensetzen, er war ihren Reizen offenbar nicht erlegen. Und wenn doch, so konnte er dies gut hinter einer steinernen Maske verbergen, denn hatte er nicht gesagt, er hätte sie wegen ihrer vornehmlichen Schönheit erwählt? Als ob Valésia nur Schönheit besaß… Sie selbst sah sich eigentlich nicht übertrieben gutaussehend. Wenn man sie fragen würde, was ihr das Liebste an sich war, so würde sie vermutlich antworten, dass esie sich Gutherzigkeit bewahren konnte, und Demut. Sie hielt sich nicht für etwas Besseres, nur weil sie von Adel war.

Es klopfte an der Türe. Sie hob den Kopf und sah in Romeros Gesicht. „Guten Morgen, Valésia!“ rief er fröhlich. „Guten Morgen, Roméro…“ murmelte sie ein wenig abwesend. „Na, bist du nicht ausgeschlafen? Du wirkst vergrämt…“ Sie legte den Kopf schief, und stieß einen leichten Seufzer aus. „Wenn du nur wüsstest...“ „Warum? Ist etwas vorgefallen?“ fragte er neugierig nach, und nahm neben ihr auf der Erkerbank Platz. „Kühl ist es hier…“ murmelte er unbehaglich. „Doch nicht einmal annähernd so kühl wie der Erbprinz…“ erwiderte Valésia und Roméro blickte sie fragend an. „Was ist los?“ Valésia klappte ihr Gebetsbuch zu und legte es beiseite. „Heute Morgen fand ich, es sei ein guter Einfall, den Erbprinzen aufzusuchen, und ihm für den gestrigen schönen Abend zu danken.“ Roméro sah sie an „Na und? Daran ist doch nichts Verwerfliches…“ „Nein, daran ist nichts verwerfliches, da hast du Recht, aber ich bin ja auch noch nicht fertig mit meiner Erzählung.“ „Ach so… Erzähl weiter!“ „Ich ging zu seinem Gemach, und die Wachen wollten mich wieder wegschicken… Ich sah überhaupt nicht ein, wieso und bin einfach hineingegangen, und dann fand ich Merik…“ Sie errötete und Roméro blickte sie eindringlich an. „Ja und, was war? War er etwa nackt?“ lachte er schließlich. „Ja…“ hauchte Valésia. „Und nicht nur das, er war im Bett und bei ihm waren zwei Frauen, ebenso nackt…“ Roméro pfiff leise durch die Zähne aus. „Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut“ feixte er. „Und? Was hat er gesagt?“ „Nichts, jedenfalls nicht sofort… Ich bin aus seinen Gemächern gelaufen und nach einer Weile kam er dann in mein Gemach. Oh, Roméro, ich wünschte, du wärst dabei gewesen, er hat mich regelrecht angebrüllt, was mir einfiele, und wie ich es wagen könnte, mich den Befehlen der Wachen, also indirekt seinen, zu widersetzen, er wünsche sich eine brave, tugendhafte, gehorsame und verständnisvolle Frau… Es war einfach schrecklich! Ich wusste doch gar nicht, was er macht, ich hätte ihn auch niemals aufgesucht, wenn ich geahnt hätte…“ Sie unterbrach sich. „Ich werde ihm nie genügen… Am liebsten würde ich auf und davon reiten, und nie wieder zurück nach Olathor kommen… Ich möchte nachhause, nach Burg Kreuzenstein… Ich würde den nächstbesten Stallburschen dem Erbprinzen vorziehen, wenn er nur ein freundliches Wesen besäße…“ klagte sie.

„Dann bist du aber eine Närrin, Valésia…“ unterbrach sie eine tiefe Stimme. Es war die des Grafen Gunther, welcher lautlos die Türe geöffnet hatte und nun in der Türe stand. Valésia erschrak und konnte die finstere Miene ihres Vaters erblicken. Heute war wirklich nicht ihr Tag! Valésia erhob sich und trat an ihren Vater heran. Sie knickste ein wenig und meinte „Guten Morgen, Vater…“ Roméro hatte sich ebenso erhoben und beugte knapp den Kopf. „Vater? Euch hat doch nicht etwa Valésia mit ihrer aufmüpfigen Ansprache den Tag verdorben, nachdem er gerade erst begonnen hat?“ scherzte er. „Wenns nur das wäre…“ brummte der Graf, während er die Türe schloss und in den Raum trat. „Guten Morgen, Valésia, guten Morgen, Roméro… Der Erzherzog lässt mich ständig spüren, wie gering wie uns alle schätzt…“ Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Beinahe kann ich Valésia verstehen…“ meinte er und ein Leuchten ging über ihr Gesicht. „Aber nur mehr zwei Wochen, dann sind die beiden vermählt. Er kann seine Ehefrau nicht weiterhin so behandeln, es wird alles besser werden, Valésia, du wirst schon sehen…“ Die aufgeheiterte Miene verschwand wieder. „Was verschafft mir die Ehre eures Besuches, Vater? Was kann ich für euch tun?“ wechselte Valésia schließlich das Thema. „Du? Du kannst gar nichts für mich tun. Frage mich lieber, was ich für dich tun kann…“ Valésia blickte ihn verwirrt an. „Was meint ihr, Vater?“ Der Graf zog einen Gegenstand aus der Tasche und er blitzte im hellen Sonnenlicht, welches der Schnee reflektierte, auf. Schließlich öffnete er seine Hand und auf seiner Handfläche lag die goldene Haarspange, die sie verloren hatte. Valésias Miene hellte sich sichtlich auf. „Oh, die Haarspange! Das ist ja wunderbar! Vater, ich danke euch tausend Mal! Wie habt ihr sie bekommen? Wo hat man sie gefunden?“ „Danke nicht mir, Valésia, ich bin lediglich der Überbringer. Gefunden hat sie der Graf Endarion von Hohenehr…“ meinte Graf Gunther. „Graf Endarion? Er ist hier? Er hat die Spange gefunden, und sie hier her gebracht? Den ganzen, weiten Weg? Wollte er nicht nach Paltoria zurückkehren?“ Graf Gunther nickte immer wieder auf ihre zahlreichen Fragen. „So ist es…“ „Was erhofft er sich nur davon?“ fragte Roméro und der Graf zuckte unwissend die Schultern. „Viel kann es nicht sein. Als Graf besitzt er doch hoffentlich genug eigenen Reichtum und Land, und er weiß, dass die Komtess mit dem Erbprinzen vermählt wird, also was kann er schon wollen? Er meinte, er habe aus Ritterlichkeit gehandelt, aber das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Wer handelt schon uneigennützig? Niemand… Aber das werden wir schon herausfinden. Er hat ja nun zwei Wochen Zeit, sich etwas zu überlegen…“ Zwei Wochen… Das war eine lange Zeit, dachte Valésia bei sich… „Könnt ihr nach dem Grafen schicken lassen, Vater? Ich möchte mich gerne persönlich bei ihm bedanken… Ich finde, das ist das Mindeste, das ich tun kann…“ Der Graf verzog sein Gesicht. „Bin ich etwa dein Lakai? Nein, das bin ich nicht... Aber ich wollte ohnehin gerade gehen, ich werde es einem Kammerdiener im Vorbeigehen sagen… Guten Tag, ihr Beiden…“ meinte er knapp und verließ das Gemach wieder.

Roméro und Valésia blieben zurück. „Hätte ich nicht gedacht, dass wir den je wieder sehen…“ murmelte Roméro ein wenig geistesabwesend. „Ich auch nicht…“ gab Valésia zu. „Hast du etwa daran gedacht?“ lächelte er seiner Schwester wissend zu. Diese errötete. „Nein, das habe ich nicht… Wieso auch?“ Roméro zwinkerte ihr zu. „Ich dachte nur, vielleicht wegen dem Handkuss…“ „Ach so… Daran habe ich gar nicht mehr gedacht…“ meinte sie, auch wenn es nicht der Wahrheit entsprach… Während sie warteten, dass man ihnen den Grafen vorführen würde, dachte Valésia nach. Dass sie sich in dieser unscheinbaren Schenke, wo es weit und breit nur Wald und Wiese gab, begegnet waren, das war ein unglaublicher Zufall gewesen. Doch dass sie ihre Haarspange dort verloren, der Graf Endarion diese gefunden, und ihr zurück gebracht hatte, das war zu viel des Zufalls… Es schien ihr beinahe so schicksalshaft… Waren es doch die Götter, die ihrer alle Wege lenkten… Es war alles von ihnen vorherbestimmt, und seinem Schicksal konnte man sich nicht entziehen. Nach einer Weile wurde schließlich die Türe geöffnet, und dann sah sie ihn… Er sah nicht anders aus, als in der Schenke damals… Sie schalt sich still eine Närrin… es waren doch nur wenige Wochen vergangen, seit dem… Sie schritt ihm langsam entgegen und sprach ihn an. „Graf Endarion… Oder bevorzugt ihr es, mit ‚Ser‘ angesprochen zu werden...? Es freut mich, euch so unverhofft wieder zu sehen, besonders, da euer so unerwarteter Besuch einen solch erfreulichen Hintergrund hat.“ Sie deutete einen leichten Hofknicks an und reichte ihm dann die Hand. Ihr Blick glitt dabei zu Roméro, der stillschweigend daneben stand, und die Szenerie beobachtete. Schließlich löste er sich aus seiner starren Haltung und verbeugte sich vor dem Grafen. „Graf Endarion, ihr könnt euch nicht im Leisesten vorstellen, wie erfreut meine Schwester war, als sie sie Haarspange zurück bekommen hatte. Vielleicht kann sie sich mit dem Wiedererlangen dieses Kleinods auch die Gunst des Erbprinzen zurück erlangen…“ sprach dieser überschwänglich und es schien, als würde ihm der Schalk gar zu sehr im Nacken sitzen. Valésia jedenfalls warf ihrem Bruder einen vernichtenden Blick zu, und sie empfand ihn plötzlich beinahe als Störfaktor. Sie räusperte sich. „Roméro, würdest du bitte einmal für mich nachsehen, wo Malinda ist? Ich benötige nachher ihre Hilfe…“ Roméro verstand die zarte Andeutung dahinter und blickte sie, ebenso wie den Grafen Endarion, belustigt an. „Wir sehen uns, Valésia…“ und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Graf Endarion, gehabt euch wohl…“ verbeugte er sich knapp, machte auf dem Absatz kehrt, und ging aus dem Gemach.

Ein kurzes Schweigen herrschte, und sie musterte den Grafen, so dezent, wie nur möglich… Dann brach Valésia dieses Schweigen und richtete ihre Worte an ihn. „Graf Endarion, ich danke euch von Herzen, dass ihr mir meine Haarspange zurückgebracht habt… Ihr ahnt nicht, wie erleichtert ich bin, sie wieder in meinem Besitz zu wissen. Versteht mich bitte nicht falsch, es handelt sich hierbei nur um ein Schmuckstück. Doch wie mein Bruder schon angedeutet hatte, sah dies der Erbprinz gänzlich anders, sie war ein Geschenk von ihm… Er war rasend wütend…“ Sie sah kurz zur Seite und blickte den jungen Mann dann wieder an. „Doch nun scheint ja alles wieder in Ordnung. Das war sehr ritterlich von euch, und es war sicherlich kein leichtes Unterfangen wenn man den weiten Weg und die Witterung bedenkt, und wolltet ihr nicht nach Paltoria zurückkehren? Es tut mir leid, wenn ich durch meine Ungeschicklichkeit eure Pläne durchkreuzt habe. Ich weiß, wie schmerzlich es sein kann, fern von Zuhause zu sein. Wie ich gehört habe, hat euch der Erzherzog eine Bitte gewährt? Auch wenn mein Einfluss bei Hofe nur sehr gering ist, würde ich mich auch gerne, so es in meiner Macht steht, erkenntlich zeigen. Erbittet euch eine Gefälligkeit, Graf Endarion von Hohenehr.“

Als Valésia diese Worte gesprochen hatte, da erfüllte Endres eine Welle der Euphorie. Er konnte es vom Scheitel bis in die Zehenspitzen fühlen. Ja, die Mühe hatte sich ausgezahlt gemacht. Seine Gedanken kreisten in wilden Bahnen durch seinen Geist. Was konnte er nur von ihr erbitten? Sollte er bescheidene Ritterlichkeit zeigen? Endres erschien dies ihres Standes gebührlich. Ihr Dank war ihm Lohn genug. Die Worte lagen ihm bereits auf der Zunge. Doch wollten sie nicht über seine Lippen kommen. Er hatte in seinem Leben kaum eine andere Frau getroffen, bei der es mehr angebracht gewesen wäre sie mit all dem bezaubernden Charme für sich zu gewinnen, der ihm zur Verfügung stand. Doch schwangen Valerions Worte in seinem Kopf mit diesen Gedanken. Und nicht nur die Worte Valerions. Auch die Worte des Grafen von Aramajé. Zwei Wochen ... In zwei Wochen würde sie mit dem zweiten Sohn des Erzherzogs vermählt werden. Es war so verdammt wenig Zeit. Er musste alles auf eine Karte setzen. Wenn sie ihn abweisen würde, dann müsste er wohl heute noch die Stadt verlassen. Diese Frau war ein Juwel, welches in den edelsten Facetten geschliffen worden war. Und noch nie hatte er derart um eine Frau gefreit, welche bereits einem anderen versprochen war. Doch er wollte sie! Und so verwarf er seine Gedanken ihr Herz mit ritterlicher Bescheidenheit zu gewinnen. »Für meine Bitte bedarf es weder eures Einflusses bei Hofe, noch großer Anstrengung. Alles was ich von euch erbitte, ist einen Kuss.« Mit diesen Worten sah er ihr tief in die Augen und versuchte sein verführerischstes Lächeln aufzusetzen um das Eis ihres Herzens zum Schmelzen zu bringen.

Seine nachfolgenden Worte ließen sie aus allen Wolken fallen. Hatte sie sich verhört? Hatte er tatsächlich die Dreistigkeit besessen, und einen Kuss gefordert? Er wusste doch, dass sie dem Erbprinzen versprochen war, wie konnte er da eine solche Forderung stellen? Irritiert blickte sie ihn an und flüsterte "Graf Endarion...! Das wiederum ist nicht sehr ritterlich von euch... Ich... ich habe noch nie... " Sie unterbrach sich. Was war schon ein kleiner Kuss, gemessen, an seinen Mühen, die er auf sich genommen hatte? Und gemessen an den Unannehmlichkeiten, die nun wegfielen? Und hatte sie nicht in der Schenke, nachdem er ihr diesen frechen Handkuss gegeben hatte, stundenlang darüber sinniert, wie es wäre, ihn zu berühren, oder gar seine Lippen zu berühren? Sie musste sich eingestehen, dass sie bereit war, seiner Bitte nachzugeben, und dass sie es auch wollte. Ihre Begegnung schien doch von den Göttern vorherbestimmt, oder etwa nicht? Doch konnte sie seiner Bitte einfach so nachgeben? Was würde er nur von ihr denken? Zögerlich warf sie einen Blick zur Türe. Es war niemand da, es würde in der nächsten Minute auch niemand ihr Gemach betreten, und es würde vermutlich nie jemand erfahren, der Graf wäre sehr töricht, wenn er sich selbst ans Messer liefern würde. "Einen Kuss..." murmelte sie. "Es wird nie jemand davon erfahren, nicht wahr...? So sei es, ich gewähre euch diesen Kuss..." Sie blieb abwartend stehen. Sie würde sich ihm ganz bestimmt nicht an den Hals werfen, er müsste sich seinen Kuss schon selbst holen...
#19
Der Kuss ❖
baum-als Endres' Worte ihm über die Lippen kamen, da wandelte sich das freudige und aufrichtig dankbare Lächeln auf Valésias Lippen. Endres' Herz schlug aufgeregt und nervös. So oft hatte er schon so vor einer Frau gestanden, nur mit dem Ziel ihr Herz zu erobern, um es kurze Zeit später wieder zu zerbrechen. Und doch stand er abwartend vor Valésia, lächelte und war gespannt zugleich. Sein Blick fixierte ihre Mimik. Augen, Mundwinkel, Wangen, Hände. Jede Regung, die nun folgte, würde jetzt unweigerlich über den weiteren Verlauf dieser Eroberung entscheiden. Beinahe verglichen mit einem Bildhauer, welcher ewige Worte in noch ewigeren Stein meißelt. Und als das dröhnende Hämmern seines Herzens seine Brust zu sprengen drohte, da wandelte sich Valésias Lächeln zu einem irritierten und verhaltenen Schmunzeln. Ja, diese Reaktion war zu erwarten. Und doch verebbte der Herzschlag, als ob sie den Kuss abgewiesen hätte. Sie starrte ihn zuerst verwirrt, und kurz darauf empört an. Entrüstung und Verunsicherung machten sich in ihrer Mimik breit und Endres verfolgte diese stetigen Wechsel ihrer Gemütszustände.

Schließlich erwachte ihre Zunge aus ihrer anfänglich gelähmten Apathie. »Graf Endarion...! Das wiederum ist nicht sehr ritterlich von euch... Ich... ich habe noch nie...« Sie kam ins Stottern und dann verebbten ihre Worte gänzlich. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und sie wirkte peinlich berührt. Endres kam nicht umhin leicht zu schmunzeln, doch verkniff er sich das breitere Grinsen. Das hätte zur Erhaltung der Stimmung nicht sonderlich viel beigetragen. Wohl eher im Gegenteil. Sie hätte sich vermutlich verspottet oder belächelt gefühlt, und dann auf jeden Fall einen Rückzieher gemacht, gleichwohl woran sie jetzt in diesem Augenblick auch immer dachte. Endres wünschte sich, wie schon so oft, ihre Gedanken lesen zu können, oder zumindest ihre Gefühle zu erspüren. Doch eine solche Begabung hatte sich niemals in ihm offenbart. Doch er war ja auch nicht einmal dem Ritus unterzogen worden. Seine Eltern hatten nie etwas auf das Gehabe der Magie gegeben. Die großen Zauberer waren vergangen. Magie kennt man heute doch nur mehr aus Geschichtsbüchern.

Mit einer wachsenden Erleichterung stellte Endres fest, dass sie zwar haderte, aber seiner Bitte nicht gänzlich abgeneigt war. Das war eine befreiende Erkenntnis. Hätte sie seinen Vorschlag so indiskutabel oder unehrenhaft, unsittlich, brüskierend oder gar anrüchig gefunden, hätte sie ihn wohl längst davon gejagt, oder noch schlimmer die Wachen gerufen. Sie waren ohnehin nicht weit, denn das Gemach der königlichen Familie war im selben Flügel wie das ihre. Eine unangenehme Fügung des Schicksals, welches Endres einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Er musste sie irgendwie aus der Kammer und wohl auch dem Turm heraus locken, wenn er ihr Herz für sich gewinnen wollte.

»Ritterlich …«, seufzte Endres und ging damit auf Valésias Frage ziemlich vorsichtig ein. »Was ist daran verwerflich, von einer so edlen und holden Maid, wie euch, einen einzelnen Kuss zu erbitten? Auch die schönste Blume in der Wüste wird irgendwann bestäubt.« Ob Endres in diesem Augenblick sich bewusst war, wie zweideutig sein letzter Satz war, oder ob er sich gar bewusst für diese bildhafte Beschreibung entschieden hatte, weiß wohl niemand. Doch schienen seine honigsüßen Worte, welche in seiner kehligen und zugleich so melodischen und sanften Stimme entkamen, auf fruchtbaren Boden zu treffen. Valésia lächelte verlegen und rang sichtlich mit sich selbst. Sie schien zu hadern. Womöglich wägte sie die Konsequenzen ab, welche solch ein Kuss nach sich ziehen konnte. Oder sie musste erst eigene, moralische Gewissensbisse beruhigen, oder gar überzeugen? Endres konnte nur ahnen, woran Valésia in jenem Moment dachte. Doch seine Zuversicht nahm eine vage Gestalt an. Die Gestalt Valésias. Gleich einem durchscheinenden Schemen, welcher langsam vor seinem geistigen Auge Gestalt annahm. Und diese Gestalt war formschön vollendet und gänzlich hüllenlos. Endres begann ein wenig abwesend zu schmunzeln.

»Ein Kuss …«, setzte Valésia schließlich zögerlich an und Endres horchte gespannt auf. »Es wird nie jemand davon erfahren, nicht wahr?« Und Endres nickte. Mit einem Mal schossen ihm tausende Antworten auf diese unverfängliche Frage ein. Lüsterne wie destruktive und selbst ein Ja und ein Nein. Doch Endres schwieg. Er war so kurz vor dem Ziel, dass er es nicht wagte diesen zerbrechlichen Moment zu zerstören. Und endlich kamen sie. Die Worte, nach welchen er sich so verzehrte. »So sei es, ich gewähre euch diesen Kuss …« Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, da hatte Endres schon freudig gelächelt. Sein Herz pumpte so viel Blut durch seine Adern, dass er beinahe das Rauschen in seinen Ohren vernehmen konnte.

Er trat einen einzelnen Schritt auf die Komtess zu und sah ihr dabei immer in die Augen. Er starrte nicht. Doch kreuzten sich ihre Blicke und sie hielten einander Stand. Niemand wandte den Blick ab, und Valésia schien abwartend, oder unschlüssig zu sein. Natürlich war sie das. Sie war eine Frau von Adel. Und wohl in sehr vielen Belangen eine unberührte Jungfrau. Er nahm ihre Hand in die seine, und verspürte einen leichten, verkrampfenden Widerstand. Als ob Valésia im Begriff war die Hand zurück zu ziehen, so kam es ihm beinahe vor. Ihre Finger zitterten leicht, ob vor Aufregung, Ungewissheit oder Kälte, konnte Endres beim besten Willen nicht sagen. Doch würde sie, wenn sie denn frieren würde, nicht mehr lange die Kälte des eisigen Winters im Leib spüren. »Ihr sei so anmutig und schön. Als ob Aridanëa euch die Seelen der Sterne aus den Nebellanden gezogen hätte, dass sie fortan aus euren Augen strahlen mögen.» Mit diesen Worten ließ er seine Finger so dezent über die ihren streichen, als ob er nur die feinen Härchen ihrer Haut berühren würde. Langsam glitt ein Finger nach dem anderen von den ihren und seine rechte Hand nahm sachte ihr Kinn zwischen Daumen und angewinkeltem Zeigefinger. Valésias gesamte Aufmerksamkeit galt dieser Berührung, so dass sie scheinbar gar nicht bemerkte, wie er seine freie, linke Hand ihr langsam zum Hals führte, in ihr Haar fuhr und langsam am Nacken ankam. Erst als er sie berührte, da wurde schien sie ein wenig skeptisch zu wirken. Doch Endres hielt sie sanft fest und zog sie dann mit einem leichten aber bestimmenden Druck zu sich heran.

Seine Sinne waren nur auf ihre Lippen konzentriert. Wie würden sie schmecken? Süß? Unschuldig? Oder eher sündig und verboten? Würden sie weich sein? Oder eher spitz? Und würde sie beben und zittern, oder kalt wie Eis sein? All diese fragenden Worte schossen ihm durch den Kopf. Und langsam kamen sich ihre Lippen immer näher und näher. Noch näher, bis sie nur noch eine Handbreit voneinander trennte. Er neigte den Kopf leicht zur Seite. Gerade so weit, dass ihre Nasenspitzen sich nicht berühren würden. Und doch streifte er die ihre mit der seinen. Zärtlich und behutsam. Seine Nasenspitze kitzelte leicht, während er mit seinen Lippen die ihren suchte. Und dann berührten sie einander.

Dieses befreiende Gefühl. Eine Frau zum ersten Mal zu küssen. Selbst wenn es nicht der erste Kuss seines Lebens war, so war er doch jedes Mal etwas Neues. Ihre weichen und sinnlichen Lippen wurden von dein seinen umschlossen. Zärtlich und gedehnt drückte er ihr sanft die seinen auf die ihren. Er hatte natürlich erwartet, dass sie vielleicht zurück zucken würde. Sich seinem Griff entwinden wollen würde, oder den Kuss nur halbherzig, unbeholfen oder möglicherweise gar nicht erwidern würde. Er war erstaunt, wie sie reagierte.

Seine beiden Lippen umschlossen ihre Unterlippe und er begann leicht die Luft zwischen seinen Lippen herein zu saugen, was ihre Lippen noch ein wenig näher an die seinen brachte. Er genoss diesen Moment. Und er genoss auch den Geschmack ihrer Lippen. Etwas Süßes haftete diesen Lippen an. Als ob sie noch kurz zuvor von einer süßen Frucht gekostet hätte. Endres hatte längst die Augen geschlossen und konnte nicht mehr sehen wie Valésia ihn ansah, oder auf seinen Kuss reagierte. Doch vermutlich hatte sie ebenso, wie auch er, die Augen geschlossen und genoss einfach nur den Augenblick. Und als der Kuss langsam den Punkt erreichte, wo er mehr werden würde, da war es an der Zeit sich von Valésia zu lösen.

Endres überkam ein unstillbar hohes Verlangen mehr zu fordern. Seine Zunge über die ihre Lippen streichen zu lassen, sanft ihre Lippen zu öffnen um auch ihre Zunge zu liebkosen und seine Hände ihren Hals hinab gleiten zu lassen, um sanft ihren Busen zu umfassen. Doch Endres war nicht dumm. Sein Instinkt war vielleicht ungestüm aber sein ein Wille ungebrochen. Und doch konnte er sich nicht gänzlich dagegen erwehren. Anstatt den Kuss zu lösen, entschloss er sich nur einmal für einen Herzschlag die Lippen zu öffnen, nur um erneut ihre obere Lippe zu zu küssen, um sich dann letzten Endes doch von ihr zu lösen.

Kaum hatten ihre Lippen sich von einander getrennt, da trat er sogleich einen gehörigen Schritt vor ihr zurück. Der Moment war kostbar und Endres fühlte sich unglaublich berauscht. Als ob ihre Lippen die reifen Trauben einer herben Weinrebe waren. Und der Nektar, welchen er von ihren Lippen gekostet hatte, waren wie süßer Wein und wilder Honigtau, welcher seine Sinne berauschte. »Habt Dank für eure Großzügigkeit, edle Komtess.» Er neigte leicht seinen Kopf, doch ohne dabei den Blick von ihr abzuwenden. Und dann wandte er sich auf dem Fuße um. Valésia hatte nach ihrer Haushofdame schicken lassen. Und er wollte ungern zugegen sein, wenn sie den Raum betreten würde. Die Dienerschaft war allzulande dafür bekannt, gerne Gerüchte zu verbreiten. Und Gerüchte über seine Person konnte Endres weder leiden noch sonderlich brauchen. »Vergebt mir, teuerste Komtess. Doch ich sollte euch nun besser verlassen.« Er nickte ihr nur noch einmal zu und wandte sich dann zur Tür.

Als er die Türklinke herunter gedrückt hatte, da schwangen wieder ihrer Worte in seinem Kopf mit. »Das ist nicht sehr ritterlich …« Er warf ihr noch einen weiteren Blick zu, doch behielt er die Worte, welche ihm erneut durch den Kopf spukten eisern für sich. Und dem war sicherlich besser so. »… Nur sehr wenige Ritter legen ein Keuschheitsgelübde ab.« Und so lächelte er nur verwegen.
#20
Der Kuss und seine Folgen ❖
baum-ser Endarion rechtfertigte seine Bitte nach einem Kuss. „Ritterlich … Was ist daran verwerflich, von einer so edlen und holden Maid, wie euch, einen einzelnen Kuss zu erbitten? Auch die schönste Blume in der Wüste wird irgendwann bestäubt.“ Valésia musste ob des Vergleichs lächeln, auch wenn sie nicht ganz die Bedeutung verstand. Doch sie fragte ihn nicht danach, denn ihre zarte Andeutung, dass sie noch niemals geküsst worden war, war ihr schon unangenehm genug gewesen, obgleich es doch nicht verwerflich war, sich für seinen Ehemann aufzusparen. Und doch… Dieser Mann löste in ihr Gefühle aus, die es ihr verwerflich vorkommen ließen. Schließlich hatte sie ihre Bedenken nieder gerungen. Ein unschuldiger Kuss… Was war schon dabei? Es würde nie jemand erfahren, er hinterließ keine Spuren, und so war allen gedient. Immerhin hatte der Erbprinz zwei Frauen in seinem Bett gehabt, und selbst Valésia, die von diesen Dingen, die sich im Schlafgemach zwischen Mann und Frau abspielten, keine Ahnung hatte, wusste, worum es hier gegangen war. Wenn also der Erbprinz sich so kurz vor der Eheschließung zwei Frauen ins Bett holen konnte, so konnte sie dem Grafen Endarion diese bescheidene Bitte gewähren. Schließlich war sie auch neugierig. Er lächelte, als sie diesen Satz ausgesprochen hatte, und kam einen Schritt näher auf sie zu, und stand nun direkt vor ihr. Zwischen ihnen hätte sich vermutlich nicht einmal eine Katze durchschlängeln können. Er ergriff ihre Hand und Valésia bot ihm durch diese unerwartete Geste leichten Widerstand, welcher aber bald erschlaffte. Seine Hand war warm, und seine Haut war weich. Nicht so weich, wie die einer Frau, doch angenehm, eine gräfliche Hand, die keine schwere Arbeit zu verrichten hatte, und nicht so schwielig war, wie zum Beispiel die Hände eines Schmiedes. Valésia spürte, wie ihre Hand ein wenig zitterte. Bis eben war sie eigentlich völlig ruhig gewesen, doch nun war diese Gelassenheit verflogen, und Unsicherheit bemächtigte sich ihrer. Ein schwerer Druck lastete auf ihrer Brust, und es fiel ihr schwer, zu atmen. Graf Endarion blickte ihr die Augen und sagte „Ihr sei so anmutig und schön. Als ob Aridanëa euch die Seelen der Sterne aus den Nebellanden gezogen hätte, dass sie fortan aus euren Augen strahlen mögen.“ Seine Worte waren sie süßer Honig, ebenso wie seine Stimme und Valésia musste ob dieser Worte scheu lächeln und sie senkte den Kopf, um diese Scheuheit zu verbergen. Er strich ihr währenddessen mit seinen Fingern sanft über die ihren und ein Schauer durchfuhr ihren Körper. Graf Endarion hob ihren Kopf an, in dem er Daumen und Zeigefinger an ihr Kinn legte und dieses sanft hinaufdrückte. Dann spürte sie, wie sich seine freie Hand in ihrem Haar verfing und sich auf ihren Nacken legte.

Stumm und fragend blickte sie ihn an und schließlich neigte er seinen Kopf ein wenig zur Seite und zog sie an sich heran. Immer näher kamen die beiden einander und schließlich spürte sie seine Lippen auf den seinen. Sie beobachtete ihn und sah, dass er die Augen geschlossen hatte, und sie tat es ihm gleich. Der Druck seiner Lippen auf die ihren verstärkten sich und Valésia hob wie beinahe unwillkürlich ihre Hand und ließ diese auf seiner Brust ruhen. Doch diese Geste hatte so etwas ablehnendes, und, gute Götter, ablehnend wollte sie auf keinen Fall wirken! Seine Lippen waren wie Samt und nie hätte sie erwartet, dass ein Kuss so süß sein konnte! Süß, und sanft und feine Nuancen von seinem Geschmack und Geruch umspielten ihre Sinne, als er ihre Lippen mit den seinen umschloss und Valésia hob ihre Hand, die eben noch auf seiner Brust geruht hatte, und legte diese ebenso sanft in seinen Nacken. Der Kuss schien eine Ewigkeit zu dauern, und es schien ihr, als würden tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern. Doch so schön dieser Moment auch war, er ging zu Ende, denn er löste sich von ihren Lippen. Doch bevor er sich ihr gänzlich entzog, drückte er seine Lippen erneut auf die ihren und liebkoste ihre Oberlippe. Dann entzog er sich ihr, und tat einen Schritt zurück. Valésia war wie von Sinnen und der Kuss endete beinahe zu jäh für sie. Sie öffnete ihre Augen wieder und blickte ihn verwirrt und stumm an. Sie war so überwältigt, dass sie nicht fähig war, etwas zu sagen. „Habt Dank für eure Großzügigkeit, edle Komtess…“ sprach er und wandte sich schließlich ab. Verwirrt vernahm sie diese Worte, und die folgenden „Vergebt mir, teuerste Komtess. Doch ich sollte euch nun besser verlassen.“ Damit wandte er sich endgültig ab und trat an die Türe. Ein letzter Blick, dann schob er sich hinaus und schloss die Türe.

Und Valésia blieb alleine zurück, verwirrt, verstört, aufgewühlt und gleichzeitig unsagbar selig. Du liebe Güte, was hatte er nur mit ihr getan? Ihre Wangen fühlten sich so heiß an, ihr Herz hämmerte so stark in ihrer Brust, dass sie das Gefühl hatte, es wollte ihre Brust sprengen. Und er war einfach gegangen, so jäh, so unerwartet. Doch was erwartete sie? Sie hatte doch vor seinen Augen ihren Bruder nach Malinda geschickt. Hätte sie gewusst, was da geschehen würde, hätte sie ihn einfach so fortgeschickt. Und selbst dann hätte dieser Augenblick enden müssen. Es geziemte sich nicht, wenn eine Frau, und ein Mann, der weder ihr Vater oder ihr Bruder war, alleine im selben Raum waren. Es war etwa, vor dem Roméro sie gewarnt hatte. Ihr war so heiß, dass sie es beinahe nicht aushielt. Sie öffnete die Flügeltüren ihres Balkons und trat hinaus in den Schnee. Es war ihr egal, dass sie ihre seidenen Schuhe trug, und sie knöchelhoch im Schnee versank… Sie trat an die Brüstung und stützte sich darauf, ungeachtet des Schnees. Sie wollte nur, dass diese Hitze aus ihrem Körper verflog, dass das Herzrasen verging, und sich ihr Gesicht nicht so heiß anfühlte. Ganz sicher waren ihre Wangen rot… Und sie wollte nicht, dass Malinda sie so vorfand. Sie wollte jetzt niemanden bei sich haben, sie wollte alleine sein und nachdenken, und gleichzeitig auch nicht nachdenken… Was würde nun geschehen? Nichts würde geschehen, der Graf hatte seine Bitte erfüllt bekommen, er würde vielleicht noch eine Erkenntlichkeit durch den Erzherzog erfahren, und dann würde er aus ihrem Leben verschwinden, und sie würde hier in Olathor zurück bleiben, die Frau des Erbprinzen werden und ihn nie wieder sehen… Valésia bedauerte, dass sie nichts zu dem Grafen gesagt hatte. Sie hatte einfach geschwiegen und ihn stumm wie ein Fisch angestarrt. Was musste er nur von ihr denken? Ganz sicherlich hielt er sie für eine Närrin, oder dumm und dergleichen… Und sie hatte ihn ebenso im Nacken berührt… Was hatte sie nur geritten? Sie hätte ihm noch sagen sollen, dass sie dies nicht vorgehabt hatte, und nicht wusste, was in sie gefahren war, aber nun war der Moment verstrichen und er würde sich seine eigene Meinung hierzu bilden… Valésia schloss alle hölzernen Fensterläden und dunkelte den Raum ab. Sie legte sich ins Bett, und schloss die Augen. Und immer wieder rief sie sich diesen betörenden Kuss in Erinnerung und sie fühlte, wie ihre komplette Welt ins Wanken geriet. Wie konnte sie nun, da der Graf Endarion sie geküsst hatte, dem Erbprinz überhaupt noch eines Blickes würdigen? Würde ihr die Gnade zuteil werden, einfach wählen zu können, so würde sie ihn erwählen. Er erschien ihr u Welten besser, als der Erbprinz. Niemand anderen, als ihn konnte sie sich noch vorstellen… Ihr grausamen Götter, wieso habt ihr dies zugelassen?

Malinda betrat das Gemach. „Was ist denn hier los? Valésia? Ist alles in Ordnung?“ „Es ist nichts, Malinda, ich fühle mich nur ein wenig müde“ gab sie matt zurück. „Soll ich nach einem Medicus schicken, mein Kind?“ „Nein, nein, es ist nichts...“ rief sie leise. „Ich will mich nur ein wenig ausruhen…“ Auch Roméro erschien. Du liebe Güte, warum belagerte man sie nur immerzu? „Valésia? Ist der Graf schon weg?“ rief er in das abgedunkelte Zimmer. „Ja, schon lange, er ging gleich wieder, nachdem du gegangen warst. „Warum hast du die Räume abgedunkelt?“ fragte er und ein wenig Argwohn schwang in seiner Stimme mit. Er trat an die Fenster und öffnete die Fensterläden und das gleißende Licht strömte wieder in die Räume. Er trat an seine Schwester heran. „Ist alles in Ordnung?“ Er musterte sie eingehend, und seine Blicke verrieten, dass er nichts entdecken konnte. „Was hast du nur, Roméro?“ fragte sie ihn verwirrt. „Nichts…“ murmelte er. „Es ist nichts, ich dachte nur…“ „Was dachtest du?“ hakte Valésia nach. „Nein, nichts, alles in Ordnung…“ nickte er. Doch Valésia ahnte, was er dachte. „Der Graf hat nichts getan, falls du das denkst. Er hat sich sehr gebührlich und ritterlich verhalten. Ich hab mich bei ihm bedankt, und er ist danach gleich wieder gegangen…“ Irgendwie war dies zumindest die halbe Wahrheit. „Ja, ich glaube dir, Valésia, es ist ja gut…“ erwiderte er. „Ich habe noch zu tun… Auf Wiedersehen, kleine Schwester…“
#21
Adel verpflichtet ❖
baum-endres schloss die Tür hinter sich und lehnte sich erst einmal gegen die dicken, kalten Mauern vor Valésias Gemach. Er war innerlich aufgewühlt doch lehnte er einfach nur da und lächelte. Er hatte es geschafft! Er konnte es kaum erwarten Valerion zu finden, um ihm dieses Erlebnis zu erzählen. Doch kaum dachte er an Valerion, da sah er schon die ernste Miene seines Freundes vor seinem geistigen Auge. Es war beinahe erschreckend, wie wirklich dieser Gedanke ihm erschien. In seiner Vorstellung fühlte er die ernsten Blicke seines Freundes auf sich ruhen und seine gesamte Mimik sagte ihm nur eines. »Lass uns verschwinden. Diese Frau ist das Wagnis nicht wert.« Doch Endres schob diesen Gedanken weit von sich. Valerion irrte sich! Diese Frau war jedes Wagnis wert. Sie war ein Bild von einer Frau und wenn sie es nicht wert war, sie zu erobern, dann auch keine andere.

Diese beschwerliche Reise durch Schnee und Eis und kalte Winde hatte sich in Endres Augen schon jetzt gelohnt. Er hatte das prickelnde Knistern zwischen ihnen beiden gespürt. Ihre edle, weiche Haut, und der leichte Schauer, welche sie überkommen hatte. Das Beben ihres Herzschlages - welcher in ihrer Brust angeschwollen war, wie eine sprudelnde Quelle – der sich bis in ihre bebenden Lippen übertragen hatte. Valésia war wie ein eine verdorrende Blume in der sengenden Wüste. Ausgehungert nach dem Elixier des Lebens. Tief in seinem Inneren hatte Endres gewusst, dass sie seinem Charme nicht widerstehen würde können. Sie war eine unerfahrene Jungfrau. Eine Frau von Adel. Jede Frau ihres Alters, und ganz besonders ihres Standes, träumte von einem ritterlichen Edelmann, welcher ihr Herz auf romantische Weise eroberte. Endres spielte mit diesen Träumen und Erwartungen dieser jungen Frauen. Und so auch mit denen Valésias. Sein Lächeln wurde ein wenig breiter, als er sich vorstellte, was wohl alles passieren würde, wenn sie sich erneut wieder sahen. Doch zugleich legte sich ein mulmiger Schatten auf seine Gedanken. Er konnte sich nicht vorstellen wie er wieder in ihr Gemach kommen sollte. Doch das sollte seine Sorge nun nicht sein. Er hatte nun zwei Wochen Zeit das Herz dieser schönen Edlen zu erobern, von dem sündigen Nektar ihrer Weiblichkeit zu kosten, und zu verschwinden, bevor man ihm dafür den Kopf abschlagen konnte.

Schließlich löste er sich von der Wand mit einem leichten Stoß und schlenderte dann gemütlich den Gang entlang. Die Verlockung war groß einfach in das Gemach des Erzherzogs zu spazieren und das Geschmeide seiner Gemahlin zu stehlen. Oder gar dem Verlobten Valésias das Schwert aus der Kammer zu entwenden. Doch ging er an allen Türen vorbei, bis er an jener angelangt war, durch welche er diesen Flügel der Burg betreten hatte. Vor ihm erstreckte sich die breite Treppe, welche direkt in den Thronsaal hinab führte. Diesen Weg war er gekommen. Und diesen Weg sollte er auch wieder gehen. Doch hatte er kein sonderlich großes Interesse daran dem Erzherzog, oder gar dem Vater Valésias in die Arme zu laufen. Wussten sie überhaupt, dass Valésia nach ihm geschickt hatte? Vermutlich. Doch wollte er sich nicht nur auf diese haltlose Vermutung stützen. Er sah sich ein wenig unbeholfen um. Diese Burg war wie ein Labyrinth. Einen unüberlegten Weg gewählt, und man konnte sich in den unzähligen Flügeln und Gängen regelrecht verirren. Er öffnete eine der vielen Türen, welche sich auf dem erhöhten Gang befanden, doch gähnte ihm nur ein langer, Gang entgegen, welcher von unzähligen Türen gesäumt wurde. Er biss sich nachdenklich auf die Unterlippe und kurz darauf ließ er die Tür wieder ins Schloss fallen. Es half nichts. Er musste die steinerne Treppe hinab gehen.

Er hatte Glück. Im Thronsaal war nur der Haushofmeister des Erzherzogs. »Graf Endarion.« Der Mann nickte ihm ernst zu, doch ließ er weder Missbilligung, noch Anerkennung erkennen. Er wirkte beinahe wie eine Statue, wenn er ihn nicht soeben angesprochen hätte. Endres war in diesem Moment froh, nur vorzugeben von Adel zu sein. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen mit solch einem Stock im Arsch leben zu müssen, wie dieser Mann. »Haushofmeister.« Endres nickte dem Mann ebenso zu. »Ich muss, zu meinem Bedauern, eingestehen, dass ich euren Namen vergessen habe.« Der Mann hob seine linke Augenbraue und ein flüchtiges, verhaltenes Lächeln huschte ihm über den rechten Mundwinkel. »Ich habe ihn euch nie genannt, Ser.« Endres hielt inne, als diese Worte an sein Ohr drangen. »Ah. Wollt ihr ihn mir verraten?« »Was verraten?«, hakte der Mann nach, obwohl er genau wusste, was Endres gemeint hatte. »Euren Namen.« Der Haushofmeister sah Endres mit einem ausdruckslosen Ausdruck in den Augen an. Doch eine Antwort blieb er Endres schuldig.

Endres sah den Mann noch einen Augenblick an, doch als dieser weiterhin keine Anstalten machte seinen Namen zu verraten, da wandte er sich von dem Mann ab. »Arschloch …«, murmelte Endres so leise wie er konnte und schüttelte dabei den Kopf. Der Haushofmeister war nur ein Diener. Allerhöchstens ein unfreier Mann von niederem Adel. Ein Versager, der es vorgezogen hatte in die Unfreiheit zu gehen, um sich nicht dem Ernst des Lebens stellen zu müssen. Endres verabscheute solche Menschen. Er konnte sich auch niemals vorstellen seine Freiheit freiwillig aufgeben zu wollen.

Der Thronsaal war bedrückend leer. Doch Endres kannte die Gepflogenheiten beim Hofe Olathors nicht. Die Tatsache, dass der Erzherzog zu dieser Stunde nicht zugegen war, sprach ebenso dafür, dass die Tore der Burg für die gemeinen Bittsteller heute wohl versperrt waren. Endres wäre ein voller Saal lieber gewesen. Dichtes Gedränge, in welchem jeder noch versuchte sein Anliegen dem Erzherzog vorzutragen, bevor dieser den Saal räumen ließ. Endres kannte solche Tage. Immerhin war er schon bei mehr als nur einer Burg zu Gast gewesen. In solch einem dichten Gedränge konnte man unerkannt entschwinden. Dies ersparte lästige Fragen und letzten Endes auch Probleme.

Und so kam es natürlich, wie es kommen musste. Endres lief der Zofe Valésias in die Arme. Er hatte sie schon in der Herberge gesehen. Sie war deutlich älter als die Komtess und vermutlich kannte sie die junge Adelige besser, als jeder andere Mensch in ganz Ariad. Wenn er etwas über Valésia in Erfahrung bringen wollte, dann ging das sicherlich am besten über diese Frau. Doch wenn ihm jemand auf die Schliche kommen würde, dann wohl ebenso ihre Zopfe. Endres überkam ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube, als die Frau ihn erkannte, welche ihm da entgegen kam. »Graf Endarion. Welch' unerwartete Begegnung.« Endres glaubte hinter jedem ihrer Worte einen Hauch von Zweifel heraus zu hören, doch versuchte er sich nichts anmerken zu lassen. Die Hofdame der Komtess senkte ihren Blick und tat einen ergebenen, wenn auch nicht sonderlich tiefen, Knicks. »Vergebt mir …« Er unterbrach sich. Der Name dieser Frau wollte ihm einfach nicht einfallen. Vermutlich aus dem einfachen Grund, dass er ihn nie vernommen hatte. Endres musste schmunzeln. Kannte er hier überhaupt nur einen Menschen beim Namen? Ja. Valésia. Der Name ihres Vaters lag ihm irgendwie auch auf der Zunge, doch in inzwischen kreisten ihm so viele Worte und Namen durch den Kopf, dass er sich selbst nicht mehr sicher war. Er musste dringend Valerion damit beauftragen die wichtigsten Namen in Erfahrung zu bringen. »… Ihr gehört zum Gefolge der Komtess. Ich habe euch in der Herberge in Aramajé gesehen.« Die Frau nickte. »Das ist richtig, Herr.« Endres zwang sich ein dünnes Lächeln auf. »Und ihr habt die goldene Spange der Komtess gefunden, so hörte ich?« Endres antwortete nicht. Er kleidete sich vornehmlich in schweigende Bescheidenheit. Besonders vor dieser Frau musste er sich in Acht nehmen. Gleich nach dem Erzherzog von Olathor und dem Bernsteingrafen. Er durfte sich nicht in die Nesseln setzen, indem er mit der falschen Person die falschen Worte wechselte. »Ich wollte sie der Komtess persönlich überbringen, doch hatte man mich nicht zu ihr gelassen.« Die Frau nickte, ganz so als ob sie diese Ansicht teilte. Endres seufzte ein wenig und lächelte dann, als ob er eine aufkeimende Trübsal verscheuchen wollen würde. »Seid doch so freundlich und richtet der Komtess schöne Grüße von mir aus.« Mit diesen Worten nickte er der Frau zu und verabschiedete sich von ihr.
#22
Tárhjart ❖
baum-am nächsten Morgen erwachte Valésia von dem hellen Sonnenlicht, welches ihr ins Gesicht schien. Ihr erster Gedanke galt sofort dem gestrigen Abend und dem Grafen Endarion, und in ihrem Bauch kribbelte es, als sie an den Kuss dachte. Lange hatte sie nicht einschlafen können, und dementsprechend müde fühlte sie sich. Sie blinzelte einige Male und erhob sich schließlich, und setzte sich an den Bettrand. Ihr Herz schlug nun ein wenig erhöht, und immer noch ärgerte sie sich ein wenig, dass sie so eisern geschwiegen hatte. Sie wollte dem Grafen etwas sagen, doch sie war so perplex gewesen, dass sie kein Wort hervor gebracht hatte. Sie hätte ihm soviel sagen wollen, auch, wenn es sich nicht geziemt hätte, doch der Moment war nun verstrichen, und es war zu spät. Dies machte ihre Laune nun nicht gerade glänzend, an diesem Tag, der doch gerade erst begonnen hatte, und die Aussicht, dass sie heute wieder die meiste Zeit in ihren Gemächern verbringen würde, trug ebenso nicht zu ihrer Laune bei. Malinda betrat den Raum. "Ah, du bist schon wach! Guten Morgen, Valésia!" rief sie gutgelaunt. Ich habe schon die Waschschüssel bereit gestellt, das Wasser dürfte jetzt nicht mehr zu heiß sein, du kannst dich gleich waschen, und danach helfe ich dir beim ankleiden. Valésia nickte stumm und erhob sich schließlich. "Na, du bist heute aber schweigsam... Ist etwas?" fragte die alte Frau sie. "Nein, nein, es ist nichts, ich habe nur nicht gut geschlafen, und bin noch etwas müde..." lenkte die Komtess ein. Malinda nickte. Valésia zog sich schließlich ihr Nachthemd aus und setzte sich an den Waschtisch und begann mit ihrer Morgenwäsche. Als sie damit fertig war, und Malinda ihr Haar kämmte, meinte sie "Gestern Abend bin ich dem Grafen Endarion begegnet... Ich soll dich von ihm grüßen..." "Danke..."meinte Valésia und ihr Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln, wohlwissend, dass ihre Hofdame sie nicht sehen konnte. "Und... Hat er noch etwas gesagt?" fragte sie beiläufig. "Nein, nichts von Belang... Er meinte lediglich, man hätte ihn nicht zur dir gelassen, um dir die Spange zurückzugeben." "Ja, das ist richtig, so war es ja auch..." meinte die Komtess vorsichtig, und schrie leise auf, als Malinda ihr mit dem Kamm an einer verworrenen Haarsträhne riss.

"Sieh einmal, was ich hier habe, deine Mutter schickt es dir" sagte Malinda. "Rosenwasser... Es ist ein Destillat aus den edelsten Rosen Paltorias" erklärte Malinda ihr. Paltoria... Grad Endarion stammte ebenso aus Paltoria. Dann besann sich Valésia wieder und fragte ihre Hofdame "Warum hat sie es mir nicht selbst vorbeigebracht?" Malinda zuckte die Schultern. "Sie ist beschäftigt, meinte sie" und ging nicht näher darauf ein. Sie wusste, dass sie in Wahrheit kein reges Interesse daran hegte, ihre Tochter aufzusuchen. Ihre Tochter war für sie ebenso wie für den Grafen Gunther nur ein Mittel zum Zweck, höher zu steigen, Valésia sollte das bewerkstelligen, was sie bisher selbst nicht geschafft hatten. Die Hofdame zog den Stopfen aus der Flasche und hielt sie der Komtess unter die Nase. "Hier, riech einmal, wie das duftet..." meinte sie, um ihren Schützling ein wenig aufzumuntern. Valésia sog tief ein. "Himmlisch..." meinte sie. "Du kannst dich nach der Wäsche damit besprengen, dann duftest du ebenso wie eine Rose..." sagte Malinda. "Oder..." dabei lächelte sie verschmitzt, "...du besprengst dein Tüchlein damit und steckst es dir tief in deinen Ausschnitt, dass es nicht zu sehen ist, dann verströmt es den ganzen Tag seinen betörenden Duft... So machen es die adeligen Frauen in Paltoria, so habe ich gehört... Valésia rang sich ein Lächeln ab, um die nett gemeinten Ratschläge ihrer Hofdame nicht unhöflich abzufertigen. Doch wen sollte sie denn schon betören? Etwa den kalten Erbprinzen? Doch als sie fertig angekleidet und frisiert war, tränkte sie ihr Tuch dennoch mit dem Rosenwasser und schob es sich tief zwischen ihre Brüste.

Nach dem Frühstück, welches sie gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem Bruder, sowie dem Erzherzog und seinen beiden Söhnen, nebst Vegos Gemahlin eingenommen hatte, eröffnete der Erbprinz, dass heute eine Jagd stattfinden würde. Einige wilde Eber trieben in der nahen Umgebung ihr Unwesen, richteten eine hehre Verwüstung an und aus diesem Grund hatte man beschlossen, diese zu jagen. Der Erbprinz war Feuer und Flamme, doch der Erzherzog äußerte seine Bedenken. "Möchtest du dich nicht einmal deiner reizenden Braut widmen? Du könntest ihr die Stadt zeigen..." Merik zog ein Gesicht wie ein kleiner Junge, dem man ein Spielzeug vor die Nase hielt, nur um es ihm dann wieder weg zu ziehen. "Ich möchte mich lieber der Jagd anschließen... Die Komtess läuft mir ja schließlich nicht davon, die Eber tun es vielleicht." Dann wandte er sich lächelnd an Valésia und ergriff ihre Hand. "Verzeiht mir, meine Holde, ich hoffe ihr seid mir nicht böse. Nach der Hochzeit, so verspreche ich euch, werde ich mich euch jeden Tag widmen..." Valésia setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und meinte "Es macht mir nichts aus, mein Prinz... Geht nur auf die Jagd, ich finde mir schon Beschäftigung..." Er nickte und schließlich mischte sich Roméro ein. "Ich werde mit meiner Schwester in die Stadt gehen... Ich habe ohnehin keine Lust, zu jagen. Es erfreut mein Herz viel mehr, durch die Stadt zu laufen, anstatt durch das unwegsame Gelände und den hohen Schnee..." erklärte er und lächelte verschmitzt. Um nicht zu herablassend zu klingen, fügte er noch hinzu "Ich schmücke mich lieber mit schönen Frauen und überlasse die Jagd lieber jenen, die mehr Begabung hierfür zeigen..." Dies war das richtige Stichwort für den Erzherzog. "Oh ja, meine Söhne sind ganz ausgezeichnete Schützen... Mit Pfeil und Bogen bewehrt, hat kein lebendes Tier eine Chance gegen sie..." Nach einigen salbungsvollen Worten über die Erbprinzen löste sich die Gesellschaft schließlich auf und Roméro ging zu seiner Schwester. "Na, hast du Lust, mit mir in die Stadt zu gehen? Da gibt es immer etwas zu sehen. Du duftest heute übrigens wie eine Rose...." meinte er. Valésia lächelte schief "Malindas Ratschläge, und Mutters Rosenwasser..." "Ich verstehe... Na, was sagst du? Ab nach Tárhjart? Ich habe auch ein scharfes Schwert, und spiele deinen starken Beschützer..." "Einverstanden..." meinte Valésia und lächelte ihrem Bruder zu.

So machte sich das Geschwisterpaar schließlich auf in die Stadt. Tárhjart war eine mächtige Stadt. Viele Menschen liefen hier durch die Straßen, deutlich mehr als in Adajena, der Bernsteinstadt, doch Valésia fand die Bernsteinstadt um Längen besser als Tárhjart, zum einen, weil es dort wesentlich mehr Häuser aus Stein gebaut gab, und zum anderen war Adajena kleiner, dafür hatte sie ein deutlich schöneres Stadtbild, und wirkte allgemein gepflegter und schmucker. Tárhjart war zu groß und unübersichtlich, und zu viele, für Valésias Geschmack, Menschen drängten sich hier durch die teils sehr engen Gassen und durch die überfüllte Hauptstraße. Das Geschwisterpaar war hier noch recht unbekannt, und so konnten sie nahezu ungestört durch die Straßen und Gassen schlendern. Niemand schien die 'Bernsteinrose' zu erkennen, öfters zog das Paar Blicke auf sich, die junge Frau, in ihrem weißen Fuchsfellmantel, und der nicht minder ansehnliche Mann, der sie begleitete. Die Beiden sahen sich eigentlich überhaupt nicht ähnlich, wohl niemand vermutete, dass die beiden Geschwister waren. Während Valésia langes, rotgoldenes, leicht gelocktes Haar besaß, so hatte Roméro dunkelbraunes Haar, jedoch nicht gelockt wie seine Schwester, und nicht einmal dieselben Augen besaßen sie. Nach einigen verwinkelten Gässchen fanden sie sich plötzlich mitten auf einem großen Markt. Händler drängten sich dicht an dicht, priesen lautstark ihre Waren an, und schon schlenderten die Beiden umher und blieben neugierig mal hier und mal da stehen. Einige Dinge erweckten ihr Interesse, doch das Meiste hier war nur Tand. So ungern sie es zugab, doch der Schmuck, die Kleidung, ihre Alltagsgegenstände waren alle deutlich gehobener als jene, welche es hier zu erstehen gab. Ein Priesterzug, der plötzlich durch die Hauptstrasse marschierte, erweckte ihre Aufmerksamkeit und neugierig ging sie einige Schritte näher. Doch leider hatten etwa aberhunderte Menschen die selbe Idee und die Ränder der Hauptstraße sowie der Mittelweg zwischen den Ständen, die an den Seiten der Straße stand, füllten sich rasch mit vielen Menschen die sich dicht an dicht drängten. Valésia achtete nicht weiter darauf, doch als der Priesterzug vorbei gezogen war und die Menschenmenge sich wieder aufgelöst hatte, da konnte sie ihren Bruder Roméro nicht mehr entdecken. Suchend lief sie umher, blickte sich um, drehte sich immer wieder um oder drehte sich im Kreis, um ihn zu finden, doch er war wie vom Erdboden verschwunden. Je mehr sie ihn suchte, desto überzeugter war sie davon ihn überhaupt nicht mehr zu finden. Die Hauptstraße löste sich in einige verzweigte Gassen auf, und Valésia wusste, sie hatte sich verirrt. Die anfängliche Euphorie war verflogen. Valésia war große Menschenansammlungen nicht gewohnt, und es machte sie ein wenig nervös. Sie wusste einerseits, dass es das Klügste wäre, sich nach der Burg umzuschauen und dorthin zurück zu kehren, doch andererseits, ihr Bruder würde sie bestimmt suchen, wie konnte sie da einfach in die Burg zurück laufen? Zumal ihr Bruder sicherlich Vorwürfe bekommen würde, wenn sich herausstellte, dass er sie verloren hatte. Valésia schritt suchend zurück auf die Hauptstraße, und sah in den Himmel, um die Burg ausmachen zu können, doch die zahlreichen Häuser versperrten ihr die Sicht, und Burg Olathor war nirgendwo zu sehen. Je mehr sie suchte und lief, desto mehr schien sie sich nicht mehr zurecht zu finden. Und je weiter der Vormittag fortschritt, desto mehr Menschen drängten sich auf der Hauptstraße. Valésia schritt dann doch wieder in eine Seitengasse, dort konnte sie zumindest frei stehen, ohne von den Menschenmassen hin und her geschoben zu werden, und abwarten, ob sie ihren Bruder nicht doch irgendwo entdecken konnte. Ein wenig verzagt drückte sie sich an eine Hauswand und sprach leise und beschwörend "Roméro, wo bist du nur...?"
#23
Gunst des Schicksals ❖
baum-tárhjart war wirklich eine beeindruckend, große Stadt. Auch wenn das allgemeine Bild, welches die Stadt Endres bot, einen ziemlich brachialen Eindruck vermittelte. Der Großteil der Häuser war aus Holz gebaut worden und entweder mit Stroh oder mit Pech bestrichenen Holzbrettern abgedeckt. Gebäude aus Stein waren wirklich eine Seltenheit in Tárhjart. Wenn hier oder dort ein solches Haus zu sehen war, dann war es wahrlich ein Blickfang. Vornehmlich waren es Wachstuben der Stadtwache, Schmieden oder vornehme Häuser niederer Adeliger. Doch, dass die Stadt zum Größten Teil vom Burggesinde und einfachen Händlern bewohnt wurde, konnte man nicht verleugnen. Nichtsdestotrotz waren ungewöhnlich viele, gut betuchte Menschen auf den Straßen der Stadt, und auch auf dem Burghof anzutreffen. Ob dies immer so war, oder nur dieser Tage, da die Hochzeit des zweiten Sohnes des Erzherzogs sich näherte, konnte Endres beim besten Willen nicht sagen. Dafür kannte er die Stadt nicht gut genug. Eigentlich kannte er sie überhaupt nicht. Er war noch niemals zuvor hier gewesen und eine kleine Stimme in ihm, wünschte sich dass er sie auch bald wieder hinter sich lassen würde.

Endres hielt sich ein wenig abseits der stark frequentierten Wege der Stadt. Der Schnee lag hier nicht gar so hoch, wie außerhalb der Stadt. Und dennoch zog er es vor, durch den Schnee zu waten, anstatt mit dem dreckstarren, matschigen und vereisten Wegen vorlieb nehmen zu müssen. Er wollte sich nicht seine gute Hose ruinieren. Von den Schuhen erst gar nicht zu sprechen. Ein wenig Schnee würde sie nur nass werden lassen, aber in einer warmen Stube würden sie auch schnell wieder trocknen. Der hartnäckige Matsch hingegen, war ein weit größeres Problem. Und nasse Füße würde er so oder so bekommen. Daher kam er auch nur sehr langsam voran, denn der Schnee machte es ihm nicht leicht, schneller zu gehen. Aber das störte Endres recht wenig. Er hatte es nicht eilig.

Nach einer Weile erreichte er die Kreuzung, an welcher auch das Bordell stand, welches Valerion beim Betreten der Stadt aufgefallen war. Eines der wenigen Steingebäude in diesem Viertel der Stadt. Daher auch nicht sonderlich verwunderlich, dass es einem sofort ins Auge stach. Und das nicht nur wegen der vielen Dirnen, welche davor regelrecht herumlungerten und auf Freier warteten. Er nahm nicht an, dass sein Freund sich gerade den fleischlichen Freuden hingeben würde. Nicht am helllichten Tag. Endres konnte sich aber ein feistes Grinsen nicht verkneifen, als er diesen Gedanken zu Ende spann. Immerhin hatten sie sich, auf Valerions Wunsch hin, an diesem Ort verabredet, wenn Endres seine Exkursion ins Gemach der Komtess beendet haben würde. Endres hielt für einen Moment inne und sah sich suchend um. Es fröstelte ihn leicht und weißer Dunst stieg ihm aus Mund und Nase. Es war kalt. Und der Schnee war allgegenwärtig. Zweifellos bezauberte der Schnee, welcher sowohl die Straßen zugeschneit hatte, als auch die Dächer der Stadt mit einer weißen Schicht angezuckert hatte, das Bild der Stadt. Vermutlich war Tárhjart im Winter weit schöner als zu irgendeiner anderen Jahreszeit. Die einfachen, hölzernen Häuser und die lehmigen Wege mochten besonders im Sommer ein gänzlich anderes Bild darbieten, als dies im Winter der Fall war. An beinahe jeder Ecke flackerte eine gusseiserne Laterne und verlieh der verschneiten Stadt beinahe ein romantisches Ambiente. Auch von dem üblen Geruch, welcher solchen großen Städten für gewöhnlich anhaftete, war so gut wie gar nichts zu vernehmen. Der Schnee hatte alles einfach unter sich begraben. Die staubigen und dreckigen Straßen, den Dreck und den Gestank. Es roch sogar auffallend angenehm, denn ein süßer Geruch von Gebäck hing in der Luft. Irgendwo in der Nähe musste eine Backstube stehen.

Endres rieb sich seine Oberarme und ärgerte sich, dass er den schweren Wollmantel bei den Pferden gelassen hatte. Doch dieser war keinesfalls des Hofes von Olathor würdig gewesen. Er war verschlissen und alles andere als eines Grafen würdig. Höchstens eines verarmten, niederen Adeligen. Und einen solchen Eindruck wollte Endres unter gar keinen Umständen vermitteln, denn hier galt es eine Frau von edlem Geblüt für sich zu gewinnen. Wenngleich sie selbst ebenfalls nicht von besonders hoher Geburt war. Mit diesem Mantel hätte man ihn schief angesehen, ihn als das gesehen was er nicht einmal war. Ein niederer, verarmter Adeliger. Und so hatte er es vorgezogen zu frieren. Was tat man nicht alles um die Gunst einer schönen Frau zu erringen? »Da bist du ja endlich.«, rissen ihn Valerions plötzliche Worte aus seinen Gedanken. »Und? Hattest du Erfolg?« In Valerions Worten schwang eine gewisse Hoffnung mit, dass Endres den Kopf schütteln würde. Wenn es nach ihm ginge, wären sie niemals nach Olathor gereist. Er hätte die Spange für viel Geld verkauft und wäre wohl in den Süden des Landes gezogen. Wo es warm war, und von Schnee weit und breit keine Spur zu sehen war. »Sie schmeckt wie süßer Honig und sündige Erdbeeren.«, schwärmte Endres und grinste wie ein Jüngling, welcher zum ersten Mal in seinem Leben ein Mädchen geküsst hatte. Valerion erwiderte dieses Lächeln, verhalten aber ehrlich. Von Trübsal oder Argwohn war in seinem Gesicht keine Spur zu erkennen. »Und wie ist es dir ergangen?«, erkundigte sich Endres und rieb sich erneut die Arme, um die Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben. »Ganz gut.«, murmelte Valerion und klopfte Endres auf die Schulter. »Komm, du Herzensbrecher. Du brauchst dringend einen warmen Tee.«

Nahe des Bordells gab es einen Schankwirt. Valerion hatte die Zeit, in welcher Endres in der Burg Olathor gewesen war, gut genutzt und die nähere Umgebung erkundet. Als die beiden in den Schankraum einkehrten, herrschte reges Treiben in der warmen Stube. Ein helles Feuer brannte in einem großen Kamin nahe der Tür und die Wärme des Feuers schwall ihnen angenehm entgegen. Doch war nicht ein Tisch mehr frei. »Ganz schon viel los.«, murmelte Endres, der seine Aussichten auf einen Sitzplatz rapide schwinden sah. »Die Kälte treibt sie alle in die Wirtshäuser.«, kommentierte Valerion seine Worte mit einem leichten Schulterzucken. »Am Kamin stehen sollte fürs erste auch reichen.«, schlug er vor und Endres nickte ein wenig niedergeschlagen. Zumindest konnte er dort seine nassen Füße aufwärmen und seine kalten Glieder wecken.

Ein regelrechtes Stimmenmeer aus Gemurmel und Geraune schallte Endres ans Ohr. Im Großen und Ganzen herrschte eine angenehme Atmosphäre, auch wenn es beinahe zu laut war, um sich diskret unterhalten zu können. »Zumindest können wir hier nicht belauscht werden.«, meinte Endres und rang sich ein verzweifeltes Lächeln ab. »Haben wir denn etwas zu besprechen, dass niemanden etwas anginge?«, fragte Valerion mit einer neugierigen Miene und Endres nickte verhalten. »Mein Besuch in der Burg hat mir eines aufgezeigt …« …»und das wäre?«, hakte Valerion sogleich dazwischen. »Lass mich halt ausreden.«, brummte Endres und streckte seine Finger ein wenig näher zum Feuer hin. »Ich kenne beinahe niemanden dort beim Namen. Das könnte mir zum Verhängnis werden.«, setzte Endres fort und Valerion stimmte ihm mit einem stummen Nicken zu. »Da könntest du Recht haben. Wenn du möchtest, werde ich mich im Burghof und auch in der Stadt ein wenig umhören. Die Dienerschaft des Erzherzogs lebt schließlich in der Stadt. Ein zwei Bierchen, und jeder plaudert aus dem Nähkästchen.« Valerions Stimme glich beinahe einem Flüstern und so war Endres nahe an ihn heran gerückt, um alles verstehen zu können. Er legte Valerion die Hand auf die Schulter und wandte sich ein wenig mehr zu ihm um. »Das wollte ich gerade vorschlagen, mein Freund.« Valerion grinste nur. »Mach dir keine Sorgen.« Endres schmunzelte und ließ dann seine Blicke durch den Raum wandern. »Ich glaube nicht, dass hier so schnell noch ein Platz frei wird.«, meinte er schließlich. Valerion zuckte mit den Schultern. »Wenigstens ist es warm. Und wir müssen nicht einmal was dafür zahlen.« »Hast du dich auch schon um ein Zimmer für uns umgesehen?«, fragte Endres sogleich und erneut nickte Valerion. »Ja.« Eine kurze und knappe Antwort, wie Endres es von Valerion gewohnt war. »Wunderbar. Ich bin hundemüde.« »Ich weiß nicht, ob du davon sonderlich angetan sein wirst.« Endres sah Valerion fragend an, doch alles was er sah, war der Schalk, welcher aus einen Augen blitzte. »Jetzt sag nicht, dass wir im Bordell schlafen werden.« Valerion lachte erheitert. »Nein, das nicht. Aber du bist nah dran.« Endres rollte mit den Augen. »Hier.«, sagte Valerion und breitete seine Arme ein wenig aus, als ob er Endres den Raum vorstellen wollen würde. »Hier?« Endres runzelte die Stirn und sah sich erneut in dem überfüllten Raum um. »Ja, oben gibt es einige schmucke Zimmer. Wir haben sogar eins mit Ausblick auf die Burg.« Endres' Begeisterung hielt sich in Grenzen. »Lass mich raten …«, murmelte Endres und linste verschwörerisch zu Valerion. »… man kann nicht nur die Burg, sondern auch das Bordell sehen.« Valerions Grinsen war Endres Antwort genug und so seufzte er nur. »Es ist so laut hier. Wann ist Sperrstunde in Tárhjart?« Valerion zuckte mit den Achseln. »Alles habe ich in so kurzer Zeit auch nicht herausgefunden, du undankbarer Mistkerl.« Mit diesen Worten gab er Endres einen leichten Klaps gegen den Hinterkopf und dieser begehrte sogleich dagegen auf. »Ist ja gut. Besser als im Wald zu schlafen ist es auf jeden Fall.« »Das will ich meinen.«

Endres rieb seine Handflächen gegeneinander und räusperte sich. »Mir reichts.«, meinte er schließlich und wandte sich von dem Kamin ab. »Ich habe Hunger. Wenn wir hier schon nichts bekommen, dann will ich woanders mein Glück versuchen.« »Ich halte dich nicht auf.«, meinte Valerion nur und Endres sah ihn fragend an. »Willst du nicht mitkommen?« Valerion schüttelte nur den Kopf. »Ich habe schon gegessen. Ich werde im Zimmer auf dich warten und den Dirnen schöne Augen machen. Vielleicht kommt ja eine zu mir nach oben und lässt sich von mir verführen.« Er kicherte ein wenig diebisch und Endres zuckte nur mit den Schultern. »Gib mir deinen Mantel. Meiner ist noch bei den Pferden.«, meinte er nur und streckte seine offene Hand fordernd nach ihm aus. »Nein, er ist oben.«, sagte Valerion nur, doch öffnete er bereits die Fibel, welche den Mantel zusammen hielt und reichte sowohl diese als auch den Mantel an Endres. »Ich brauche ihn ohnehin nicht.« Als Endres sich den Mantel umgeschlungen hatte, da trat Valerion nochmals an ihn heran. »Wenn du zur großen Hauptstraße im Süden gehst, wirst du einige Schankstuben und Gasthäuser finden.« »Warum sind wir denn nicht dort hingegangen?«, fragte Endres ein wenig beleidigt und Valerion zuckte nur mit den Achseln. »Frag nicht so blöd.«, maulte Valerion nur und versuchte ein griesgrämiges Gesicht aufzulegen, was ihm aber nicht sonderlich gut gelang.

Als Endres das Haus verlassen hatte, und wieder bis zu den Knöcheln im Schnee stand, da sah er einige Dirnen mit ihren gelben Armbinden auf der anderen Seite der Straße vorüber gehen. »Ja, du Lump. Wegen der Huren …« Endres schüttelte den Kopf und setzte sich kurz darauf in Bewegung. Doch so recht wusste er nicht mehr, wo eigentlich die große Hauptstraße lag. Alles war verschneit und inzwischen tanzten wieder einige Schneeflocken vor seiner Nase umher. Er hob seine rechte Hand, um einige von ihnen aufzufangen, während seine Blicke den Himmel absuchten. Dicke Wolken waren heraufgezogen und hier und da konnte er die weißen Flocken am Himmel sehen, wie sie langsam zu Boden segelten. »Das wird ein harter Winter.«, murmelte er nur und ballte seine Faust, in welcher sich einige Schneeflocken angesammelt hatten.

Ziellos irrte Endres durch die Stadt, und das Gedränge der Menschen wurde immer dichter. Er hielt dies für ein deutliches Anzeichen dafür, dass er sich der besagten Handelsstraße näherte. Und als er schließlich um die letzte Ecke bog, da tag sich vor ihm die breite Straße auf. Einige Ochsenkarren kämpften sich durch die matschige Straße und hier und da saß ein Adeliger hoch zu Ross. Sofort erinnerte sich Endres an ihre eigenen Pferde und die unangenehme Gebühr. Sie hatten nur für zwei Tage bezahlt, falls sich Endres Pläne in Olathor im Sande verlaufen sollten. Ihr erster Gang, wenn morgen die Sonne aufgegangen war, würde sie wohl zu den Stallungen führen, um die Gebühr für die nächsten zwei Wochen zu entrichten. Eine Menge Geld. Geld, welches Endres später sicher fehlen würde. Doch im Gedränge war es Valerion oft ein Leichtes hier oder da eine locker sitzende Geldbörse vom Gürtel zu schneiden.

Endres schob diese lästigen und bedrückenden Gedanken beiseite. Er hatte zumindest genügend Geld bei sich, um eine Mahlzeit, sowie einen wärmenden Tee bezahlen zu können, und so steuerte er direkt in die Menschenmenge. Es war ein sinnloses Unterfangen hier im Schnee bleiben zu wollen. Denn der matschige Schnee reichte von einer Häuserwand zur anderen. Die Menschen hatten die gesamte Handelsstraße in Beschlag genommen, und nicht ein unberührter Flecken Schnee war mehr übrig geblieben. Doch glücklicherweise war die Handelsstraße mit schweren Pflastersteinen verlegt worden und so hielt sich der Dreck in Grenzen. Doch irgendwann wurde Endres das Gedränge zu viel. »Das muss er gewusst haben, der Mistkerl.«, fluchte Endres und bedachte Valerion mit einigen wüsten Beschimpfungen. »Er sitzt jetzt in der warmen Stube, während ich mir hier den Arsch abfriere. Als ob heute auch nur eine Schankstube an dieser Straße leer sein würde.« Er schlängelte sich aus der Menschenmenge und bog in eine kleine Seitengasse ein. Hier waren deutlich weniger Menschen zugegen und er blieb erst einmal stehen, um sich zu orientieren.

Doch mit einem Mal drang ihm eine vertraute Stimme ans Ohr. »Roméro? Wo bist du?« Endres glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. »Valésia?«, murmelte er ungläubig und ging einige Schritte in die Richtung, aus welcher die vermeintliche Stimme der Komtess geklungen war. Und tatsächlich. Da stand sie, in all ihrer anmutigen Schönheit. Sie trug einen schneeweißen Pelzmantel und darunter ein honigfarbenes Kleid, welches beinahe wie die Farbe von Bernstein anmutete. Endres verharrte für einen Moment und starrte Valésia an, welche ihn zunächst gar nicht richtig wahrzunehmen schien. Sie glich beinahe einer Schneekönigin. So rein und wunderschön. Die Komtess stand ein wenig hilflos da, so alleine in dieser Gasse. Weit und breit kein Diener oder gar eine Wache. Als ob das Schicksal die beiden hier und jetzt zusammenführen wollte. Und sie wirkte verloren. Immer wieder sah sie sich suchend um und schien sich beinahe im Kreis zu drehen. Endres zupfte sein Wams zurecht und legte seinen Wollmantel über die Schulter, damit er nicht gar so aufdringlich sein würde. Doch im Vergleich zu dem edlen, weißen Mantel der Komtess, war seiner einfach nur ein abgetragener Wollfetzen. »Komtess?«, rief er zögerlich, während er auf die schöne Edle zuging.

Sie wirkte erstaunt, als sie ihn kommen sah. Er selbst fand diesen Zufall auch mehr als außergewöhnlich. Die Straßen waren so voller Menschen, dass es nur das Schicksal gewesen sein konnte und Endres dankte dem Schicksal für diese einmalige Gelegenheit. Eine Frau wie Valésia war niemals alleine. Immer schwirrte eine Zofe, oder gar ein Angehöriger in ihrer Nähe herum. Bei ihr noch mehr, als bei vielen anderen, adeligen Jungfern, denen Endres bisher begegnet war. Als ob ihr Vater sie wie ein Kleinod beschützen würde. Und das war sie im Grunde ja auch. Ein strahlendes Juwel, in dieser fremden Stadt. Für sie wohl genauso fremd, wie auch für ihn. Beinahe malerisch war der Moment ihrer Begegnung. Die enge Gasse wurde zu beider Seiten von reinem Schnee gesäumt, und eine Laterne hing an der nahen Häuserecke und verzauberte den Anblick, der sich Endres bot noch umso mehr.

»Was führt euch in die Stadt, so fern von der Burg?« Er sah sich suchend um, ob nicht doch irgendwo eine Zofe, oder gar ihr Vater stand. Doch konnte er niemanden ausmachen, den er nicht schon einmal gesehen hatte. »Und noch dazu alleine? Habt ihr keine Angst vor dem gemeinen Gesindel?« Er kam kurz vor ihr zum Stehen und deutete eine leichte Verbeugung an, jedoch ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Soll ich euch zur Burg bringen?«, bot er ihr an, und hoffte inständig, dass sie ablehnen würde und bot ihr sogleich seinen Arm dar. Als er sie näher in Augenschein nahm, da glaubte er ein leichtes Beben auf dem dicken Pelzmantel gesehen zu haben. »Ihr zittert ja.« Seine Stimme klang besorgt und einfühlsam und er war sichtlich bemüht ihr Vertrauen zu gewinnen. Und so nahm er einfach, ohne sie vorher zu fragen, ihre rechte Hand in die seine. Die Hand war kühl und die Komtess schien zu frösteln. »Und eure Hände sind so kalt.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da nahm er sogleich die zweite hinzu und vergrub sie in den seinen. Er begann die Hände ein wenig zu reiben und hauchte mit seinem warmen Atem hinein, um diese ein wenig aufzuwärmen.
#24
Heiß und Kalt ❖
baum-da stand Valésia von Aramajé, mitten im Schnee einer Seitengasse, und so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihren Bruder nirgendwo entdecken. Wer wusste schon, wohin er gegangen war, vielleicht hatte er es auch noch gar nicht bemerkt, dass sie sich verloren hatten. Oder er suchte sie in einer gänzlich anderen Richtung, als sie gegangen war. Und das Allerschlimmste war, sie hatte keine Ahnung, wohin sie gegangen war! Jemanden nach dem Weg fragen erschien ihr unmöglich, wen sollte sie fragen, und was half es ihr, den Weg zurück zur Burg zu finden, wenn sie nicht dorthin ohne ihren Bruder zurückgehen konnte? Es schien ihr eine wirklich aussichtslose Situation zu sein. Allmählich begann es wieder zu schneien, und kleine Schneekristalle setzten sich auf ihren weißen Pelzmantel, die dieser in seiner weißen Pracht förmlich verschluckte. Es war ein kalter Wintertag, und aus ihrem Mund traten dichte kleine Atemwölkchen. Valésia blickte in den Himmel und sah zu, wie sich die Schneeflockten mehrten. Die Wolkendecke über ihr schien so dicht zu sein, dass es beinahe so wirkte, als kämen die Schneeflocken nicht vom Himmel, sondern aus dem Nichts. Obgleich sie ihre Hände unter dem dicken Pelzmantel verborgen hielt, und der Mantel ein überaus warmes Kleidungsstück war, waren Valésias Hände schon kalt, und die begann schon die Kälte zu spüren, die sich langsam über ihre ledernen Schuhsohlen ausbreitete, und ihre Beine hinauf wanderte. Eine äußerst ungünstige Situation.

Plötzlich drang durch die Kälte, den Schnee und die Menschenmassen, die sich auf der Hauptstraße, und an der Seitengasse vorbei schoben, eine ihr bekannte Stimme, die sie bei ihrem Titel ansprach. Gleichwohl sagte ihr Verstand, dass es nicht Roméro war, und auch dass es jene Stimme war, von der sie wusste, dass sie es war, aber es erschien ihr in diesem Moment absolut undenkbar. Valésia hob den Kopf und blickte in die Richtung, aus welcher sie die Stimme vernommen hatte. Erstaunt und ungläubig erkannte sie den Grafen Endarion, welcher langsam auf sie zu schritt. Er schien nicht minder überrascht, wie Valésia.

Als er an sie heran geschritten war, sagte sie beinahe verwundert „Graf Endarion…!“, etwas anderes fiel ihr im ersten Überraschungsmoment nicht ein. Und unweigerlich schoss ihr wieder der Gedanke an den Kuss in ihren Kopf, und sie fühlte wie sich eine leise Röte auf ihr Antlitz zauberte. Nun, das konnte auch von der Kälte sein. Die Komtess erschien ein wenig unschlüssig, denn es schien ihr eine verzwackte Situation zu sein; der Anstand und die Höflichkeit gebot ihr, ihm die Hand zum Gruß entgegen zu halten, aber… Doch der Moment, sich darüber weiteres Kopfzerbrechen zu machen, verstrich, als er sie ansprach und überbrückte die Situation glücklich. „Was führt euch in die Stadt, so fern von der Burg?“ Er erfasste die Situation sofort, denn er fügte noch hinzu „Und noch dazu alleine? Habt ihr keine Angst vor dem gemeinen Gesindel?“ „Mein Bruder und ich, wir wollten uns heute Nachmittag die Stadt ansehen… Der Erzherzog und seine Söhne haben zur Jagd in den hiesigen Wald aufgerufen, doch mein Bruder erfreut sich nicht an der Jagd, und daher...“ Sie lächelte scheu und meinte „Wir wollten unseren geringen Bekanntheitsgrad in Olathor nutzen, um uns ungestört und frei die Stadt ein wenig anzusehen.“ Ihr Lächeln verschwand als sie sagte „Aber dann kam diese Prozession, und plötzlich strömten die Menschen von allen Seiten heran. Und als die Menge sich wieder auflöste, konnte ich Roméro nirgendwo mehr entdecken. Ich habe ihn gesucht, doch ich fürchte, ich habe mich immer weiter von ihm entfernt, wo immer er jetzt auch sein mag, ich kann nicht einmal mit aller Sicherheit sagen, wie lange ich schon nach ihm suche, vielleicht nur wenige Minuten, aber vielleicht auch schon länger. Verzeiht mir, ich rede zu viel…“ entschuldigte sie sich. „Soll ich euch zur Burg bringen?“ bot er ihr höflich an, und hob seinen Arm an, doch Valésia schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Das geht nicht, das ist ganz unmöglich!“ rief sie leise, doch besann sie sich ihrer etwas aufbrausenden Reaktion und fügte hinzu „Ich meine… Ich bin nicht sicher, wie sie reagieren würden, wenn sie erfahren, dass wir uns aus den Augen verloren haben… Mein Bruder sollte auf mich aufpassen, versteht ihr? Ich kann ihn nicht ins Messer laufen lassen, in dem ich ohne ihm in die Burg zurückkehre, das würde ihn und nicht zuletzt meinen Vater in einem ungünstigen Licht dastehen lassen… Ich danke euch dennoch für euer freundliches Angebot…“ Sie war ein wenig verzagt. Ein Wind kam auf und stob die Schneeflocken auf, die bislang lautlos zu Boden gerieselt waren, und ein Frösteln bemächtigte sich ihrer. „Ihr zittert ja…“ bemerkte er und griff nach ihrer rechten Hand. In seiner warmen Hand spürte sie erst, wie kalt die ihre war. Sie war ein wenig überrascht von seiner Geste, doch sie ließ ihn gewähren. „Und eure Hände sind so kalt…“ und schließlich nahm er auch ihre zweite Hand, und umschloss ihre beiden zierlichen Hände mit den Seinen. Valésias Herzschlag erhöhte sich, als er ihre Hände zu seinem Gesicht heranführte, und sie zuerst sanft rieb und ihnen dann mit seinem Atem Wärme zu hauchte.

Valésia war wie verzaubert, und wusste zunächst nicht, wie sie reagieren sollte, und was sie entgegnen sollte. Sie hatte ihm ihre Hände nicht entzogen, und so sponn sich die Situation anders hin, als etwa die Sitten geboten. Valésia lächelte ein wenig unbeholfen und meinte schließlich „Ja… Es ist ja auch Winter… Aber eure Hände sind so warm...“ und im selben Moment ärgerte sie sich über diese dummen Worte. Was redete sie da nur für unsinniges Zeug? Er musste sie für eine Närrin halten…! Valésia wandte ihren Blick für einen kurzen Moment zu der Straßenlaterne, in welcher eine kleine Flamme loderte, die vermutlich in weniger als einer Stunde schwaches Licht in der Dämmerung und der späteren Dunkelheit spenden würde. Dann blickte sie wieder den Grafen Endarion an, welcher immer noch ihre Hände hielt. Sie presste ihre Lippen aufeinander, und war ein wenig unschlüssig, was sie sagen sollte. Schließlich meinte sie. „Ich bin den Göttern überaus dankbar, euch hier getroffen zu haben, selbst die Stadtwache könnte mir kein besseres Gefühl geben, mich in guten Händen zu wissen…“ Scheu blickte auf seine Hände, welche die ihren immer noch umschlossen hielten, und sie musste über diese Zweideutigkeit lächeln. „"Ihr haltet mich bestimmt für töricht, doch, glaubt ihr an das Schicksal, oder vielmehr, dass die Götter unsere Wege bestimmen und lenken?" fragte sie ihn. Valésia war fest davon überzeugt, dass es kein Zufall sein konnte, dass der Graf von Hohenehr und sie, die Komtess von Aramajé, sich zuerst in dieser kleinen, unscheinbaren Gaststätte begegnet waren, nur, um sich am Hofe des Erzherzogs von Olathor wieder zu begegnen, und nun hier, in dieser unüberschaubaren Menschenmenge einander gegenüber standen, und sich sogar an den Händen hielten. Doch sie wagte es nicht, auch diesen Gedanken auszusprechen. “Ihr seid ein so aufmerksamer und freundlicher Mensch…“ sagte sie und mit einem kurzen Blick auf die Seite flüsternd, beinahe unhörbar fügte sie noch hinzu „So gänzlich anders als der Erbprinz…“ Valésia blickte auf den Boden. Sie hatte schon viel zu viel gesagt, mehr, als sie wollte, und weitaus mehr, als es die Sitten und der Anstand geboten. Und doch war sie richtiggehend froh, dass sie ihren Bruder verloren hatte. Vielleicht wäre sie dem Grafen Endarion sonst nicht begegnet, und wenn doch, so hätten sie vermutlich einige höfliche, aber belanglose Worte miteinander gewechselt, und wären dann wieder getrennte Wege gegangen. So aber standen sie in dieser Seitengasse, deren Schnee gänzlich weiß, und bis auf die wenigen Fußspuren der Komtess und des Grafen unberührt war, und hielten einander an den Händen. Valésia war ein wenig unschlüssig, was sie nun sagen sollte, oder was sie tun sollte, daher blickte sie den Grafen einfach nur an, und während sie versuchte, seinem Blick stand zu halten, drängte sich in ihr die Erinnerung an den Kuss auf...

Viel später wusste Valésia nicht mehr, welcher Düsterling sich ihrer bemächtigt hatte, doch die Worte waren regelrecht aus ihr heraus gesprudelt, wie aus einer klaren Quelle. "Graf Endarion... Ihr wart gestern so schnell wieder gegangen... Ich wollte euch noch so viel sagen... aber das ist nun einerlei, denn das weiß ich heute ohnehin nicht mehr... Ich weiß nur, und ich möchte sagen, euer Kuss hat mich bezaubert...
#25
Die Schneerose ❖
baum-dndres runzelte ein wenig verwirrt die Stirn, als Komtess Valésia sein Angebot, sie in die Burg zu geleiten, mit einem heftigen Kopfschütteln ausschlug. Doch zugleich war er natürlich auch froh darüber, dass sie es zunächst vorzog in der Stadt zu bleiben. Er hielt noch immer ihre Hände in den seinen und war ganz in ihren Augen verloren, während sie ihm erzählte, wie es dazu gekommen war, warum sie alleine in den verwinkelten Gassen Tárhjarts stand. Doch zugleich bemächtigte ihn ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Was, wenn ihr Bruder jeden Moment um die Ecke biegen würde, und die beiden unter der Laterne stehen sähe? Nicht auszudenken. Endres schüttelte ein wenig den Kopf, um seine Sorgen zu zerstreuen und bot der Komtess seinen Arm dar, damit sie sich darin einhängen konnte. »Lasst uns zumindest diese einsame Gasse hinter uns lassen.«, meinte er auffordernd. Doch waren dies ebenfalls nur Worte der Höflichkeit. Die Gasse war beinahe menschenleer. Nur hier und da hastete ein einzelner Passant durch den hohen Schnee. Eben so schnell, wie es der Schnee zuließ. Die wenigsten hatten mehr als nur einen Blick für die beiden Menschen übrig, welche da mitten auf der Gasse standen und sich unschlüssig, fast wie schüchterne Kinder, anstarrten. Wenn auch beide sichtlich von hohem Stand waren, so edel wie sie gekleidet waren. Wobei die Komtess weit edlere Gewänder, als Endres, ihr Eigen nannte.

Endres war froh, als Valésia erneut seine Geste ausschlug. »… Ich danke euch dennoch für euer freundliches Angebot.« Sie wollte auf ihren Bruder warten. Endres konnte ihren Wunsch verstehen. Ihr Bruder hatte immerhin die Obhut für sie übernommen. Es würde zweifellos ein schlechtes Licht auf ihn werfen, wenn einer von beiden ohne den anderen zurückkehren würde. Und soweit Endres es mitbekommen hatte, standen die beiden Geschwister unter keinem besonders günstigen Stern des Erzherzogs. Und so galt es natürlich jeden Stein des Anstoßes, so gut es geht, zu vermeiden. »Ich will versuchen euch bei der Suche nach eurem Bruder zu helfen, edle Komtess.«, sagte er schließlich und sah ihr ernst in die Augen. Und da bemerkte er, wie sie ein wenig zu frösteln schien. »Eure Hände sind so kalt.« Geschickt hatte er das Thema wieder auf sie gelenkt, um ihre Gedanken ein wenig zu zerstreuen, dass sie nicht gar auf die Idee kam, sich sofort auf die Suche begeben zu wollen.

Ohne weiter darüber nachzudenken, führte er ihre Hände, welche er von den seinen umschlossen hielt, zu seinem Mund und hauchte ihr seinen warmen Atem in die Hände. Sie lächelte Endres ein wenig verhalten an, doch entzog sie ihm ihre Hände nicht, was Endres wiederum ein wissendes Lächeln auf das Gesicht zauberte. »… Ja, es ist ja auch Winter … Aber eure Hände sind so warm.«, entgegnete sie und erwiderte Endres' Lächeln. Der falsche Graf kam nicht umhin, diese seltsame Spannung zu bemerken, welche sich ihrer bemächtigt hatte. Natürlich verhielt er sich nicht sonderlich gebührlich, ihr gegenüber. Eigentlich war es höchst unschicklich, einfach ihre Hände in die seinen zu nehmen. Und doch hatte sie ihn gewähren lassen. Endres war sich sicher, dass es nicht nur die Geste war, welche Valésia zu schätzen wusste. Die leichte Wärme seines Atems, welche ihre Hände umhüllte, war ohne Zweifel auch in ihrem Sinne. Außerdem konnte man sein forsches Handeln getrost auf die widrigen Umstände dieses kalten Winters schieben. Er war schließlich nur um sie besorgt. Nichts weiter. Jedenfalls konnte man das behaupten, wenn Fragen gestellt würden. In Wahrheit hatte Endres gänzlich andere Pläne, als ihr seinen warmen Atem in die Hände zu hauchen, oder mit ihr durch die verschneiten Straßen Tárhjarts zu schlendern, auf der Suche nach ihrem verlorenen Bruder. »Ja, und ein harter Winter obendrein. Doch eure Gegenwart lässt mich all seine grausame Kälte vergessen machen.« Die Worte sprudelten nur so aus Endres heraus. Oft kamen genau dann, wenn er seiner Zunge freien Lauf ließ, die richtigen Worte zu Tage, doch hatte er auch schon so manch' romantische Situation mit den falschen Worten ruiniert. Er war froh, dass es dieses Mal nicht der Fall war. »Wie der Schnee diese Stadt verzauberte und in ein edles Gewand gehüllt hat, so ziert eure Schönheit und Anmut diese verlassene Gasse, gleich einer Schneerose, welche der eisigen Kälte zu trotzen vermag.« Endres sah sich suchend um. Auf dem Weg hier her, hatte er so viele dieser Schneerosen blühen sehen, doch konnte er nun keine einzige sehen. Valésia schien seinen verstimmten Blick richtig zu deuten, und sah ihn fragend an. »Lasst uns dort um die Ecke gehen. Vielleicht haben wir ja Glück.«, meinte er geheimnisvoll und deutete zu der Ecke, an welcher die Laterne hing.

Als Endres unter der Laterne zum Stehen kam, da hellte sich sein Gemüt sogleich auf. Direkt im flackernden Schein der Laterne, im unberührten Schnee, konnte er eine zierliche, kleine und geöffnete Blüte einer jungen Schneerose erblicken. Endres wechselte einen kurzen Blick mit der Komtess und zauberte ein verschwörerisches Lächeln hervor. Es war schon beinahe ein Zeichen des Schicksals. Nicht nur, dass er eine Schneerose gefunden hatte. Nein, es war noch dazu eine junge, welche diesen Winter wohl kaum überleben würde. Denn sie war beinahe zu jung, als ob sie erst sehr spät ihm Herbst zu wachsen begonnen hatte. Ihre wenigen Triebe waren von einer dünnen Eisschicht umhüllt und muteten beinahe wie schimmernde Diamanten an. Da die meisten Triebe bereits vom Eis eingeschlossen worden waren, konnte nur diese einzelne Blüte sich gänzlich entfalten. »Seht.« Er deutete auf die einzelne Blüte, die sich beinahe kaum vom Schnee abhob, welcher die Blume unter sich begraben hatte. »Sie ist so jung, und so zerbrechlich ...« Er wollte keinen direkten Vergleich mit der edlen Schönen ziehen, und vermied es sie dabei anzusehen. »… und doch trotzt sie sie diesem Winter und verleiht ihm einen erhabenen Glanz, gleich einem leuchtenden Juwel. Mehr noch, als der schimmernde Schnee.« Geschickt, und beinahe beiläufig berührte Endres Valésias Hand. Und als ihre Hände sich berührten, da zuckte sie ein wenig vor ihm zurück, als ob diese Berührung sie überrascht hätte.

Endres hätte es nicht besser planen können. Im Stillen dankte er dem Schicksal, für diese Begegnung, während er seinen Blick wieder an Valésia wandte. »Ich bin den Göttern überaus dankbar, euch hier getroffen zu haben, selbst die Stadtwache könnte mir kein besseres Gefühl geben, mich in guten Händen zu wissen…« Endres hingegen nahm diese Worte gleich zum Anlass, um erneut Valésias Hand in die seine zu nehmen. »Ja, die Götter sind heute gnädig. Vielleicht haben sie heute auf uns herab gesehen, und waren so bezaubert von dem Anblick, welcher sich ihnen darbot, dass sie uns ihr Wohlwollen erfahren ließen.« Endres war nicht wirklich ein Anhänger des ariadischen Glaubens. Er glaubte nur an das Schicksal. Doch für eine holde Angebetete, um deren Gunst er freite, war er bereit an beinahe alles zu glauben, wenn sie das tat. Ebenso hatte er bewusst diese letzten Worte gewählt. Nun oblag es Valésia, wie er es genau gemeint hatte. Ob die Götter nun von Valésia bezaubert waren, wie Endres es war, oder ob er einfach nur diese schmucke und verschneite Gasse gemeint hatte, ließ er im Unklaren. »Ich wage zu behaupten, dass sich nicht einmal die Götter eurer Anmut erwehren könnten. Ihr seid das Juwel dieser Stadt. Keine Schneerose kann schöner blühen, als ihr in genau diesem Moment.« Endres blühte förmlich auf, doch nur wenige Augenblicke später biss er sich auf die Zunge. »Der Erbprinz kann sich glücklich schätzen, die Götter beneiden ihn sicherlich Euretwegen.« Er verstummte. Innerlich schalt er sich einen Narren. Warum nur hatte er ausgerechnet den Erbprinzen erwähnt? Nun würde sich die Komtess sicherlich gebührlich vor ihm zurückziehen. Endres verfluchte seine lose Zunge, doch war er darum bemüht sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn er nicht sonderlich sicher war, dass ihm dies auch gelang.

Valésia, welche seinen Worten bisher andächtig gelauscht hatte, erhob nun ihrerseits ihre Stimme. »Ihr haltet mich bestimmt für töricht, doch, glaubt ihr an das Schicksal, oder vielmehr, dass die Götter unsere Wege bestimmen und lenken?« Endres schüttelte verhalten den Kopf. »Nein, das ist ganz und gar nicht töricht, verehrte Komtess.«, sagte er beinahe zu leise. Als ob eine lautere Stimme seine Worte Lügen strafen würde. »Niemand kann sich seines Schicksals erwehren. Wir sind alle nur Figuren im Spiel der Götter.« So gesehen entsprachen Endres Worte auch seiner Auffassung vom lenkenden Schicksal und er zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, welches die Komtess kurz darauf erwiderte. »Ihr seid so ein aufmerksamer und freundlicher Mensch …«, begann Valésia und Endres glitt ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Vielleicht war es eine Art schlechtes Gewissen? Immerhin umgarnte er diese schöne Frau nur ihrer Schönheit willen. Nicht, weil er ein ernsthaftes Interesse an ihr hegte. Er wollte sie nur besitzen, wie beinahe jeder Mann in diesem Königreich. Doch ihre Worte legten sich schwer auf seine Zunge, und er musste hart schlucken. Beinahe erlösend waren ihre folgenden Worte für ihn, dass er sich ihrer Bedeutung beinahe nicht bewusst geworden wäre. »… so gänzlich anders, als der Erbprinz.« Sie wich seinen Blicken aus, und richtete diese auf den verschneiten Boden und so konnte sie Endres Schmunzeln nicht sehen. Sein Ausrutscher, als er den Erbprinzen erwähnte, hatte eine ungeahnte Wendung genommen. Er trat einen vorsichtigen Schritt an Valésia heran, doch bevor er auch nur ein Wort an sie richten konnte, da erhob sie wieder ihren Kopf und blickte ihm direkt in die Augen. Endres starrte ihr ebenso, beinahe wie gebannt, in ihre dunklen Augen. Beinahe so dunkel wie edles Ebenholz. Ihre Augen schienen beinahe zu leuchten, doch schob Endres dies auf den Schein der Laterne und all den schimmernden und glitzernden Schnee, welcher sie umgab. Ihre Wangen waren leicht gerötet, was aber auch an der Kälte liegen konnte, und ihr wundervoll, leicht gelocktes Haar, rahmte ihr Gesicht vornehmlich ein. In ihrem Haar befand sich eine schillernde Brosche, doch hatten sich einige Haarsträhnen darüber gelegt, so dass Endres nicht erkennen konnte, was diese Haarspange darstellen sollte. Doch war sie nicht golden, und auch nicht mit roten Rubinen besetzt. Ob dahinter eine tiefere Bedeutung lag, dass sie nicht den Schmuck ihres Verlobten trug, konnte sich Endres nicht ausmalen. Doch der Erbprinz interessierte ihn ohnehin nicht. Er war nur ein unliebsamer Konkurrent, den er gegen sich ausspielen musste. »Ser Endarion... Ihr wart gestern so schnell wieder gegangen... Ich wollte euch noch so viel sagen... aber das ist nun einerlei, denn das weiß ich heute ohnehin nicht mehr... Ich weiß nur, und ich möchte sagen, euer Kuss hat mich bezaubert...«

Ihre Worte rissen ihn aus seinem Bann, in welchen sie ihn zweifellos unbewusst gezogen hatte. Vielleicht war es die bezaubernde Atmosphäre, welche dieser verschneiten Gasse anhaftete. Oder auch die, Sinne betörende, Stimme Valésias, welche ihn sanft aus seinen Gedanken gerissen hatte. Vielleicht auch einfach das unbändige Verlangen nach dieser Frau. Doch er erwiderte nichts auf ihre Worte. Er trat nur noch einen weiteren Schritt an sie heran und legte seine Hände auf die ihren. Dies war mehr eine unterbewusste Geste. »Auch ihr habt mich bezaubert, Valésia.« Er vergaß sich. Er hatte sie weder bei ihrem Titel angesprochen, noch stand es ihm zu, sie auf eine solch vertrauliche Art und Weise zu berühren. Und doch hatte er es getan. Als er sich bewusst wurde, dass er zu weit gegangen war, da gab es kein Zurück mehr. »Ich …«, setzte Endres an, doch trafen sich in just diesem Moment ihre Blicke, und er glaubte für einen Moment, dass er tief in ihre Seele geschaut hätte, denn ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Doch vielleicht war es auch einfach nur ein lauer Wind gewesen, welcher durch die Gasse gefegt war. Was auch immer es gewesen war. Die Worte, welche ihm zuvor noch auf der Zunge gelegen hatten, waren wie weggefegt. Er stand nur da, und starrte diese wunderschöne Frau an, unfähig etwas zu sagen. Ein betörender Duft umwehte mit einem Mal seine Nase. Es roch nach süßen Rosen und er musste den Drang, an Valésias Hals zu riechen, in sich zügeln. Seine Hände glitten von den ihren und er stand ihr so nahe, dass er ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte. Instinktiv schien sie vor ihm zurück zu weichen. Wohl, ob dieser viel zu vertraulichen Nähe. Doch kam sie abrupt zum Stehen, als sie rücklings gegen die Häuserwand lief. »Wenn ich ehrlich bin, verehrte Valésia.«, setzte Endres an. »Es gibt nichts im Herzogtum Olathors, was mir der Erzherzog geben könnte. Nichts …« Mit diesen Worten führte er seine Lippen zu den ihren und gab ihr einen innigen und lang anhaltenden Kuss. Valésia schien den Kuss gleichermaßen zu wollen, wie auch nicht zu wollen. Zuerst schien sie sich dagegen zu verschließen, doch ihre Gegenwehr war so schwach, dass Endres spürte, dass sie es ebenso wie er wollte. Und da öffnete er leicht seinen Mund, um an ihren Lippen zu spielen um ihre Zunge hervor zu locken, indem er sanft mit der seinen über ihre weichen Lippen strich. Wie ein inniges Liebespaar standen sie da und er drückte sie sachte gegen die Häuserwand, fest in den Fängen seines Charmes gefangen. Dieses Geflecht aus Romantik und Erotik, glich beinahe einem feinen Geäst aus Eis und gefrorener Luft. Es drohte jeden Moment in sich zusammen zu brechen, wenn Valésias Bruder um die Ecke biegen sollte. Und doch genoss Endres jeden einzelnen Herzschlag, den dieser innige Moment andauerte.
#26
Herzerwärmend ❖
baum-die Worte des Grafen Endarion waren wie warme Sonnenstrahlen, welche die vorherrschende Kälte zu mildern vermochten. Nicht nur die Kälte des harten Winters, der vorherrschte, auch die Eisblumen, die in Valésias Herzen wuchsen und gedeihten, und die nur darauf warteten, durch einen liebevollen Menschen an ihrer Seite weg zu schmelzen, um auch das Herz zu wärmen. Und der Graf Endarion war so ein Mensch, so fand Valésia. So ganz anders, als der Erbprinz. Graf Endarion schien keine Ahnung zu haben, oder einfach nur keinen Deut auf Etikette und Sitten zu geben, er schien zu tun, wonach es ihn gerade gelüstete, und er ließ sich von seinen Gefühlen leiten. Dies war eine sehr herzerfrischende Art und Weise, die Valésia sympathisch erschien. Es durchbrach die steife, und teilweise übertriebene Art und Weise, wie sie bei Hofe üblich war. Vieles erschien verständlich, doch es gab auch Sitten bei Hofe, die jeder logischen Grundlage entbehrten. Das Berühren der Komtess, zum Beispiel, war streng untersagt. Niemand durfte sie berühren, ja nicht einmal der Erbprinz tat dies, wenn es über den förmlichen Begrüßungshandkuss hinaus ging. So, als wäre sie ein rohes Ei, ein Schmetterling... Doch auch Valésia sehnte sich nach lieben Worten und Berührungen, welche ihr schlussendlich versagt blieben, weil es sich nicht schickte. Und vermutlich weil es sich nicht schickte, was der Graf Endarion tat, fand Valésia dieses Neuland und diese Ungewöhnlichkeiten erfrischend und aufregend. Niemand sprach mit ihr, wie der Graf Endarion... Er hatte stets ein Kompliment auf den Lippen, und das gefiel ihr. Sie war nur nicht sicher, ob es nicht formelle Höflichkeiten waren, oder ob sie ernst gemeint waren. Auch schwang ein Hauch des Reiz des Verbotenen mit. Denn sich als Ariader mit einem Menschen einzulassen, der nicht ebenso aus Ariad stammte, war gerade zu schändlich... Sie hätte ihm niemals einen Kuss gewähren dürfen, wenn dies jemand gesehen hätte, oder erfahren würde, so wäre sie kompromittiert für den Rest ihres Lebens, und doch hatte sie ihm diesen gewährt. Und sie hätte nie und niemals bei ihrer erneuten Begegnung wieder davon sprechen dürfen. Sie hätte eisern schweigen müssen. Und doch hatte sie davon begonnen. Es schien ihr beinahe, als hätte sie ihre Sinne nicht mehr beisammen, oder als würde ihr Wille ihr nicht mehr gehorchen. Und so gestand sie ihm, dass sie sein Kuss bezaubert hatte.

Ihr Herz schlug schneller bei diesen Worten, und sie schalt sich eine Närrin für ihr loses Mundwerk. Doch seine nachfolgenden Worte ließen ihr Herz noch schneller schlagen als zuvor. "Auch ihr habt mich verzaubert, Valésia..." erwiderte er, während er sie bei den Händen genommen hatte. Valésia errötete, als er dies tat. Er sprach sie bei ihrem Vornamen an, wie es nur ihre Eltern und ihr Bruder taten... Diese Vertrautheit, die er ihr entgegenbrachte, war sie nicht gewohnt, es war völlig unsicheres Terrain für sie, und sie wusste nicht wie sie sich in dieser neuen Situation verhalten sollte. Er trat noch näher an sie heran, so dass vermutlich nicht einmal mehr ein Bogen Pergament zwischen die Beiden passte. Sie wich instinktiv einen Schritt zurück, während ihr Blick an dem seinen hing, doch dann stieß sie mit dem Rücken an eine Häuserwand. "Wenn ich ehrlich bin, verehrte Valésia... es gibt nichts im Herzogtum Olathors, was mir der Erzherzog geben könnte. Nichts …" meinte er und neigte seinen Kopf. Was meinte er nur damit? Wollt er damit sagen, dass er unter diesen Umständen nun abreisen würde? Oder dass das, was er begehrte, unerreichbar war, weil es schon anderem versprochen war? Valésia wusste, was er nun tun würde und ihr Herz raste so schnell die die Flügel eines Kolibris, so schien es ihr. Doch sie wollte, dass passierte, was zu erwarten war, und sie streckte ihm ihr Gesicht leicht entgegen und bot ihm ihre Lippen dar. Und dann presste er seine Lippen auf ihren. Diese weichen, warmen und sinnlichen Lippen! Eine Ewigkeit schien zu vergehen, während Valésia seine Lippen auf den ihren spürte, und ihr Verstand schrie, dass sie sich ihm entziehen musste, dass sie ihm sagen musste, wie ungebührlich und unpassend sein Verhalten war. Doch ihr Herz flüsterte, dass es gut war, dass es schön war, und Valésia vernahm nur das leise Wispern ihres Herzens, welches beinahe so leise war, wie der Schnee, der zu Boden fiel. Und so zerstreute sie alle ihre Bedenken und widmete sich ganz dem Kuss. Sie wollte es, ja sie wollte es so sehr! Nur diesen Augenblick genießen, nur die leise Ahnung erleben, wie es sich anfühlte, wenn einem das Herz warm wurde, und dieses Gefühl war so wunderbar, dass es mit nichts anderem vergleichbar war. Er öffnete leicht seine Lippen, und strich sanft mit seiner Zunge über ihre Lippen, und presste sich gegen sie, dass sie von hinten die harte Häuserwand spürte, und vorne seinen warmen Körper. Valésia konnte nichts anderes tun, als ebenso leicht ihre Lippen zu öffnen, es passierte ganz von selbst, und auch ihre Zunge wagte sich vorsichtig nach vor, um seine Zunge sanft, ganz vorsichtig, zu berühren. So musste es sich anfühlen, vom Blitz getroffen zu werden! Seine Zunge liebkoste die ihre, und drängte diese ein wenig sanft zurück in ihren Mund, nur, um sie dort erneut zu liebkosen. Sein warmer Geruch umströmte ihre Sinne und sein Geschmack war wohlig und so vertraut, als würde sie ihn schon eine Ewigkeit kennen. Sie verschlang ihre Finger mit den seinen, und sie hielt seine Hand fest, als könnte sie damit die Zeit anhalten. Immer und immer wieder suchten sich ihre Zungen gegenseitig, und er saugte mit seinen Lippen vorsichtig an den ihren, und wann immer man glaubte, nun würde die Vernunft siegen und diesen Kuss beenden, so wurde man eines Besseren belehrt, als ihre Lippen doch immer wieder zueinander fanden. Doch alles hatte einmal ein Ende und so endete auch dieser Kuss, in dem sich der Graf sachte von ihr löste.

Valésia war wie betäubt. Sie war verwirrt, sie war völlig außer sich, und sie öffnete die Augen und blickte den Grafen Endarion stumm an. Der 'Graf' war förmlich vergessen und sie stammelte "Endarion... Das... das war..." Nicht sehr ritterlich... Empörend! Skandalös! Ungeheuerlich! Die guten Sitten verletzend! "... wundervoll..." hauchte sie. Es war ihr, als würde sie an irgendeinen Ort getragen worden sein, an dem es keine bittere Kälte gab, nichts Schlechtes, keinen Erbprinzen Merik, kein Herzogtum Olathor, nur den Grafen Endarion und sie, die Komtess Valésia. Sie presste die Lippen aufeinander und schien mit sich zu hadern. Doch schließlich siegte doch das letzte Fünkchen Vernunft und sie begann "Ich sollte jetzt besser gehen... Ich danke euch für alles, ich weiß es zu schätzen, aber ich muss nun meinen Bruder suchen... Es dämmert bereits... Ich werde einfach auf der Hauptstraße bleiben, irgendwann werde ich ihn schon finden... Niemand darf über unsere Begegnung etwas erfahren, der Erzherzog würde..." meinte sie, und wirkte plötzlich wie verstört. Dann schlug sie die Kapuze über ihr von einigen Schneeflocken besetztes Haar, und wandte sich zum gehen ab, um die verwinkelte Seitengasse zu verlassen. Und doch wandte sie sich ein letztes Mal um und fragte ihn "Werde ich euch wiedersehen?"

Auf der Hauptstraße in der Abenddämmerung drängten sich nun deutlich weniger Menschen, als noch einige Zeit zuvor und der Überblick fiel nun um einiges leichter. Jemand berührte sie von hinten an der Schulter. Endarion? Wollte er ihr noch etwas sagen? Erwartungsvoll wandte sie sich um, doch es war nicht Endarion, es war nur ihr Bruder... "Roméro..." rief sie leise. "Valésia! Bei den Göttern, ich bin beinahe halb verrückt geworden, vor lauter Sorge um dich!" Doch es schwang kein Vorwurf in seiner Stimme mit, lediglich Sorge und ein wenig Schuldbewusstsein. "Geht es dir gut?" erkundigte er sich bei ihr und sah sie forschend an. "Ja, danke, es geht mir gut..." lächelte sie. "Jetzt hab ich dich beinahe nur gesucht, angesehen haben wir uns nur gar nichts..." meinte er ein wenig verstimmt. "Das macht doch nichts..."meinte Valésia beschwichtigend. "Mir ist kalt, lass uns zurück in die Burg kehren..." bat sie ihn. "Kein Wort über den heutigen Nachmittag, in Ordnung? Ich glaube, es ist besser, wenn niemand davon weiß, was heute passiert ist..." meinte er ein wenig angespannt, und Valésia lächelte versonnen. "Von mir erfährt niemand etwas..." versicherte sie ihm. Roméro nickte dankbar. "Dann lass uns zurückkehren..." Valésia nickte und so ging das Geschwisterpaar wieder in die Burg zurück.
#27
Die Schneekönigin ❖
baum-dDa stand er nun! In einer verschneiten Gasse, mitten in der Stadt Tárhjart und sah der jungen und schönen Frau nach, welche hastig in der Menge verschwand. Er hatte noch ihren Geruch in der Nase, welcher sich langsam verflüchtigte. Der Duft süßer Rosen hing noch dezent in der Luft. Rote Rosen, keine Schneerosen, welche hier beinahe an jeder Ecke wuchsen. Er sog den Duft noch ein letztes Mal tief ein, bevor er vom eiskalten Wind und den Gerüchen der Stadt davongetragen wurde. Ein zufriedenes Lächeln hatte sich auf seinem Gesicht breit gemacht. Nicht nur, weil er die Komtess geküsst hatte. Nein, sie hatte diesen Kuss auch erwidert. Und sie wollte mehr! »Werde ich euch wiedersehen?« Ihre Worte hallten noch durch seinen Verstand. Immer wieder. »So es das Schicksal will.« Hatte er mit einer leichten Verneigung lediglich gesagt. In dieser kurzen Zeit, die seither vergangen war, hatte er sich schon ein halbes Dutzend Mal gefragt, ob eine andere Antwort nicht besser gewesen wäre. Wie vielleicht »Gewiss.« oder eben einfach nur ein einfaches Nicken. Endres wäre wohl nicht so weit gegangen ihr ein Wiedersehen zu versprechen. Doch vielleicht wäre das gerade bei dieser Frau auch gar nicht so verkehrt gewesen.

Und während Endres dabei zusah, wie Valésia in der Menge verschwand, da verflüchtigten sich diese Gedanken auch schon wieder. Gesagt war gesagt. Er zerrte sich, kaum war die edle Komtess aus seinem Sichtfeld verschwunden, seinen abgetragenen Wintermantel über die Schultern, um sich darin ein wenig einzuhüllen. Die Wolken hatten zugezogen und es war nun schon deutlich kühler geworden, als noch wenige Augenblicke zuvor. Vielleicht war es auch schon länger kalt. Doch hatte Endres bei diesem Kuss eine angenehme Wärme empfunden, dass es ihm gar nicht aufgefallen war, ob es nun kälter geworden war. Doch gegen die Kälte gab es zumindest ein probates Mittel.

Ohne weitere Umschweife steuerte Endres wieder das Bordell an, welchem sie gegenüber wohnten. Endres wollte sich gar nicht ausmalen, was die Komtess wohl von ihm halten würde, wenn sie davon erführe. Auf dem Weg zurück schüttelte Endres immer wieder den Kopf. Valerion verhielt sich ein wenig seltsam, seit Endres sich die Komtess in den Kopf gesetzt hatte. Vorher war er den Dirnen zwar nie abgeneigt gewesen, aber dass er unbedingt in einem Gasthaus übernachten musste, welches einem Hurenhaus gegenüber stand, so kannte Endres ihn nicht. Er wusste, dass Valerion gegen dieses Unterfangen war. Doch so war Endres nun einmal. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann ließ er sich das auch nicht mehr ausreden. Endres käme zwar nie auf die Idee, der edlen Schönen zu zeigen wo er wohnen würde, ganz gleich ob daneben nun ein Bordell stand, oder keines. Sie leisteten sich meistens nur alte Kaschemmen. Gerade trocken genug, um nicht frieren zu müssen. Denn auch wenn er so feine Gewänder trug, und sich in so gewählte Worte kleidete. Er stammte aus alles anderen als gehobenen Verhältnissen. Und wenn er sich nicht in hoher Gesellschaft wie die der Komtess, oder gar die des Erzherzogs bei Hofe befand, dann ließ ihn das Schicksal auch viel zu oft spüren, dass er nicht von Adel war. Ja, es gab auch Adelige die weniger als er besaßen. Nur einen hohen Namen, der niemandem etwas wert war.

Als er schließlich wieder in der Taverne eintraf, saß Valerion etwas abseits der Tür in einer abgeschiedenen Ecke. Er trat an ihn heran und sah sich dabei Schankraum um. »Na? bist du schon unter die Abdecker gegangen, oder warum hockst du in der hintersten Ecke der Schankstube?«, fragte Endres mit einem frechen Grinsen. Zwar waren auch die Scharfrichter ein geächteter Beruf, deren Vertreter ebenso an den abgeschiedenen Tischen zu sitzen hatten, doch mit den Dirnen, welche sich tagein tagaus im Nebenhaus vergnügten, fand Endres den Beruf des Abdeckers irgendwie so zweideutig. Und das letzte, was Valerion machen würde, wäre unter die Scharfrichter zu gehen. Valerion sah von seinem Becher auf, in dessen Tiefe sich seine Blicke verloren hatte, und seine Miene hellte sich merklich auf, als er Endres erkannt hatte. »Der große Ansturm ist wohl vorbei?«, fragte Endres beiläufig, denn dass kaum mehr jemand da war, das war ihm natürlich nicht entgangen. »Ja, kaum warst du weg, war es auf einmal totenstill hier.« Valerion grinste Endres breit an, doch dieser setzte sich erst einmal und ignorierte Valerions Späße. Er zuckte nur mit den Schultern und rieb sich dann die Handflächen zusammen. »Kalt?«, hakte Valerion nach und nippte an seinem Becher. Wusste der Henker, was er da wohl trank. »Was trinkst du eigentlich?«, fragte Endres ein wenig müde. »Met.« Valerion verzog seine Mundwinkel zu einem angenehmen Lächeln. »Met? Wieviel kostet der?«, zischte Endres und sah sich kurz darauf vorsichtig um, ob ihn auch niemand gehört hatte. »Fünf Heller.«, grinste Valerion und wie zum Trotz nippte er nochmal an dem Becher. »Aber es ist mein Geld, also halt die Klappe!«, brummte er kurz darauf, bevor Endres noch weiter darauf eingehen konnte. Endres brummte nur und deutete indes mit seiner linken Hand in die Höhe. Als die Schankmaid schließlich bei ihm eintraf da räusperte er sich verhalten. »Guten Abend.«, flötete die junge Frau und schenkte Endres ein freundliches Lächeln. »Ich habe Hunger. Was gibt es noch?«, fragte er hoffnungsvoll, denn nicht jede Schenke hatte um diese Uhrzeit noch etwas in der Küche. »Belegte Brote und ein paar Reste vom Eintopf.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und Endres nickte. »Wenn der Eintopf warm ist, solls mir recht sein.« Sie nickte und sah zu Valerion herüber, doch der schüttelte nur den Kopf. Als sie wieder zu Endres herüber sah, sah sie ihn erwartungsvoll an, doch sagte sie nichts. Sie sah zweifellos das edle Gewand, in welchem er steckte. Er biss sich ein wenig grummelnd auf die Unterlippe. Er hatte den Mantel abgenommen und nicht daran gedacht, dass er nun wie ein Mann von Adel wirken würde, der sich wohl in diese Absteige verirrt hatte. Vielleicht haderte sie, da sie nicht wusste wie sie ihn anzusprechen hatte. Doch Endres schien ihre Blicke richtig gedeutet zu haben. »Ich hätte gerne einen heißen Tee.« Hier in Ariad gab es nicht viel Auswahl, was die Teesorten anging. Meist konnte man froh sein, wenn eine Schenke überhaupt etwas anderes als warmen Gewürzwein hatte. In dieser kalten Jahreszeit war das Bier nicht so gefragt, wie die warmen Getränke. Lieber zahlte man ein halbes Scherflein mehr und bekam dafür etwas woran man sich aufwärmen konnte. Einen starken Gewürzwein, oder einen bitteren Tee, der noch in der Tasse dampfte, und man zumindest seine steifen Finger an der Tasse aufwärmen konnte.

Als die Schankmaid sie wieder allein gelassen hatte, da sah Valerion Endres neugierig an. »Hunger? Ich dachte, du warst schon essen? Wo warst du so lange?«, fragte er mit wachsendem Interesse und Endres sah Valerion finster an. »Du Hund! Du wusstest sicher ganz genau, dass an der Handelsstraße nicht eine Schankstube leer sein wird!« Valerion begann zunächst recht breit zu grinsen. Doch kurz darauf konnte er sich nicht mehr länger zurück halten, und begann prustend zu lachen. So laut, dass auch andere Gäste sich kurz nach ihnen umsahen. »Sehr witzig.«, brummte Endres und legte seinen Kopf ein wenig lustlos auf seine rechte Hand. Als Valerion sich beruhigt hatte, da beugte er sich zu Endres vor und sah ihn versöhnlich an. »Und? Hast du kalte Füße bekommen?« Der Schalk blitzte Valerion aus den Augen, doch Endres grinste ihn nur ebenso breit an, wie er zuvor. »Wenn du wüsstest.« Valerion sah Endres ein wenig verunsichert an und das Grinsen erstarb auf seinen Lippen. »Was meinst du?«, hakte dieser nach und Endres schmunzelte diebisch. »Ich habe der Schneeköngin das Herz geraubt.« »Was hast du? Wer ist die Schneekönigin?« Valerion runzelte die Stirn. »Wovon redest du?« Endres lächelte geheimnisvoll und öffnete dann seine Hand, um sie Valerion entgegen zu strecken. Und als dieser neugierig in die offene Handfläche sah, da runzelte er verwirrt die Stirn und sah Endres fragend an. »Deine Hand ist leer.« Doch kurz darauf wischte Endres seine Hand harsch zur Seite und versetzte Valerion so eine leichte Ohrfeige. »So! Jetzt sind wir quitt!«
#28
Süße Melancholie ❖
baum-als Valésia und Roméro an den Hof zurückkehrten, war die Jagdgesellschaft auch schon längstens wieder zurückgekehrt. Gleich bei ihrer Ankunft hatte Roméro den Zofen in ihren Gemächern aufgetragen „Bereitet ein heißes Bad für die Komtess, sie friert!“ Ihre Mutter, die ebenfalls zugegen war, als sie von der Rückkehr ihrer Kinder erfahren hatte, erhob allerdings Einwände „Das geht jetzt auf keinen Fall, der Erzherzog und seine Söhne erwarten euch bereits! Bald wird aufgetischt. Das Bad muss jetzt warten. Zieh dich um, Valésia, und dann kommt ihr ohne Umschweife in den Thronsaal!“ Valésia nickte schweigend. Ihre Mutter verschwand, so schnell, wie sie gekommen war, wieder, und Roméro wandte sich an seine Schwester. „Ist auch wirklich alles in Ordnung, Valésia? Du wirkst so verändert… Bist du mir etwa böse?“ Valésia sah ihren Bruder an, und lächelte. „Nein, Roméro, nein, ich bin dir nicht böse, auf keinen Fall… Ich bin nur ein wenig abgeschlagen…“ Am liebsten hätte sie sich nun in ihre Gemächer eingeschlossen und wäre an diesem Abend überhaupt nicht mehr erschienen, doch das war undenkbar… Malinda erschien und scheuchte Roméro sogleich aus den Räumlichkeiten der Komtess. „Geh dich waschen, Roméro, du riechst wie ein Iltis…!“ rief sie ihm scherzhaft zu, und bugsierte in schließlich aus der Türe. Erwartungsvoll sah sie Valésia an. „Na, wie war es in Tárhjart?“ fragte sie sie. „Ist die Stadt ebenso schön, wie Adajena?“ „Nein, nicht wirklich…“ gab sie leise zu, als ob es jemand hören könnte. „Was habt ihr so gemacht, du und Roméro?“ fragte sie weiter. „Hmm, es waren so viele Menschen in der Stadt, man konnte sich nicht wirklich umsehen…“ erwiderte sie nur. Sich jetzt nur nicht verrennen, in irgendwelche Floskeln… „Welches Kleid soll ich anziehen?“ fragte sie ihre Hofdame, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Nimm das Grüne… Heute ist es gar so kalt, und das Grüne ist aus Wollstoff…“ meinte Malinda. „Dazu passt auch gut der Rubinschmuck des Erbprinzen…“ meinte sie. „Was man so hört, ist er heute besonders gut gelaunt… Die Jagd war sehr erfolgreich… Er möchte die Eber, die er erlegt hat, an Eurem Hochzeitstag in die Speisenfolge bringen.“ „Wenn er es wünscht…“ meinte Valésia ergeben, während sie sich umzog. Ihre Gedanken kreisten nur um die Begegnung mit dem Grafen, sie konnte an nichts anderes denken, als an seine wunderbaren Lippen, welche ihr so viel Wonne bereitet hatten. „Valésia?“ riss Malinda sie aus ihren Gedanken. „Kommst du? Lass uns gehen, wir wollen nicht zu spät kommen!“ Verwirrt nickte sie, und folgte ihrer Hofdame nach unten in den Thronsaal.

Als Valésia und Malinda zur Tafel schritten, schienen alle bereits auf die beiden zu warten. Malinda ging zu dem Tisch, an welchem die Hofdamen und das Gesinde saßen, und Valésia knickste vor dem Erzherzog und seinen Söhnen. Dem Erbprinzen reichte sie noch die Hand zum Gruß, welche er galant küsste. „Ihr seht sehr schön aus, heute Abend, meine liebe Komtess…“ meinte er salbungsvoll, doch es wirkte ihr so aufgesetzt… Nach den schmeichelnden Worten des Grafen mehr noch, als je zuvor. „Ich danke euch, mein Prinz. Ihr wirkt zufrieden? War die Jagd erfolgreich?“ erkundigte sie sich höflich, als er sie an ihren Platz führte, und sich mit ihr zusammen niederließ. „Ja, das kann man durchaus sagen…“ begann er beinahe schwärmerisch zu erzählen. „Fünf riesige Wildschweine, davon zwei Keiler und drei Säue! Ich habe beide Keiler zur Strecke gebracht, mit einem Schuss mit Pfeil und Bogen, direkt zwischen die Augen des Untieres, und den anderen Keiler habe ich mit einem Speer erledigt, ein sauberer Blattschuss!“ Seine Stimme troff nur so vor Stolz und Überlegenheit… „Waidmannsheil…“ lächelte Valésia, auch wenn sie nichts auf die Jagd gab. „Waidmannsdank!“ erwiderte der Erbprinz überschwänglich. „Darf ich euch Wein einschenken, liebe Komtess?“ gab er sich galant und Valésia nickte dankend. Während er ihr Wein eingoss, erkundigte er sich bei ihr „Und ihr, meine Liebe, habt euch in Tárhjart umgesehen, mit eurem Bruder? Was sagt ihr zu unserer schmucken Stadt?“ „Sie ist sehr schön, mein Prinz. Wir sahen eine feierliche Priesterprozession…“ begann sie und hoffte, dass der Prinz nicht zu sehr nachhaken würde, denn wirklich viel hatte sie von der Stadt nicht gesehen. „Ah, in der Tat… Ja, dies war wohl die feierliche Prozession der Wintersonnenwende. Dieser Tag wird feierlich eingeläutet, so ist es seit jeher Brauch im Fürstentum Olathor, bedeutet es doch, dass die Tage wieder allmählich länger werden. Der Winter hat zwar gerade erst begonnen, doch ist es jedes Jahr aufs Neue ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes…“ An diesem Abend gab es gebratene Fasane, gefüllt mit gedörrten Zwetschgen, in reicher Soße, doch Valésia hatte kaum Hunger, immer noch war sie zu sehr aufgewühlt, von den Ereignissen des Tages, und so war sie recht froh, als sich die Abendgesellschaft langsam auflöste, und es ihr erlaubt war, sich auch endlich zurück zu ziehen.

Als sie in ihr Gemach zurückzog, hatten die Zofen den Badezuber in ihrem Nebengemach bereits hergerichtet. Valésia schickte sie alle fort, sie wollte alleine sein. Malinda half ihr noch dabei, sich zu entkleiden, dann verließ auch sie Valésias Räumlichkeiten, als Valésia sie darum bat. Als sie in den Badezuber gestiegen war, umwaberten die duftenden Nuancen kostbarer Badeöle ihre Nase, und langsam beruhigte sich Valésias aufgewühltes Gemüt wieder, und doch kam sie nicht umhin, an den Grafen Endarion zu denken. Hoffungsvoll hatte Valésia den Grafen gefragt, ob sie ihn denn wiedersehen würde. „So es das Schicksal will…“ meinte er und deutete eine leichte Verneigung an. Valésia hatte ihn nur stumm angesehen, bemüht darum, sich die Enttäuschung, die sich, ihrer bemächtigt hatte, nicht anmerken zu lassen, und hatte sich dann abgewandt und war in der Menschenmenge verschwunden. Sie hatte sich eine andere Antwort erhofft. Doch warum auch? Es war mehr als töricht und auch unpassend, sich um ein Wiedersehen mit dem Grafen zu bemühen. Erstens war es absolut unschicklich, dass sich eine Frau ihres Standes um einen Mann umsah, wie eine niedere, unerzogene Bauerntochter, zum zweiten war sie bereits dem Erbprinzen Merik versprochen, eine Verbindung, die große Ehre und auch Ansehen für das Haus Adajena bringen würde, und nicht zuletzt war der Graf Endarion ein Paltore. Sein niedriger Stand, im Vergleich zu dem des Erbprinzen Meriks, und die Tatsache, dass Graf Endarion kein Ariader war, waren zwei hieb- und stichfeste Argumente, dass es ein sinnloses Unterfangen war, auch nur davon zu träumen. Ihr Vater würde niemals zustimmen, niemals! Es interessierte ihn nicht, was seine Tochter wollte. Ihr interessierte es nur, Ruhm und Ehre für sein Haus zu bringen, sein Haus zu stärken, sein Ansehen würde steigen, und selbst für Roméro eine bessere Partie abwerfen, wenn die Graftschaft Aramajé und das Herzogtum Olathor erst einmal durch diesen Bund miteinander verflochten waren. Warum waren die Götter zu grausam, ihr jetzt diesen Mann vorzuführen? Einen nicht standesgemäßen Paltoren, der so gar nicht in das Bild der Ariader passte? Und doch, es war Valésia egal, ob er ein Paltore, ein Akadier, oder ein Ariader war. Er war unglaublich charmant, er war gut aussehend, und er hatte Valésia völlig aus ihrem geordneten Leben gerissen. Ihre Gedanken waren nur beseelt von unsittlichen Gedanken, ihr Herz war entflammt für diesen Mann, und eine starke Sehnsucht bemächtigte sich ihrer. Die anfängliche Euphorie war verflogen, und trüben Gedanken voll Sehnsucht und Schwermut gewichen. Vermutlich würde sie ihn nie wieder sehen. Er hatte doch selbst gesagt, dass es in den Händen des Schicksals lag, ob sie sich wiedersehen würden, oder nicht. Und das Schicksal war grausam. Es spielte mit Valésias Träumen und Sehnsüchten, nicht den Erbprinzen Merik zu ehelichen zu wollen, und setzte ihr einen für sie unerreichbaren und nicht standesgemäßen Mann vor die Nase. Und dieser war noch so dreist gewesen, sie zweimal zu küssen… Valésia war noch nie in ihrem Leben geküsst worden. Weder so, wie bei ihrem ersten Kuss, und dass es da noch anderes gab, wie bei dem zweiten, regelrecht unzüchtigen Kuss, davon hatte sie nicht einmal zu träumen gewagt! Ob der Erbprinz sie auch so küssen würde? Und zum anderen hatte der Graf Endarion ihr gesagt, dass es nichts in Olathor gäbe, was der Erzherzog ihm geben könnte. Für Valésia bedeutete dies, dass es keinen Grund für den Grafen gab, sich noch länger in Olathor aufzuhalten. Er hatte ihr die Haarspange zurückgebracht, von Valésia seine geforderte Belohnung dafür erhalten, und nun würde er wieder nach Paltoria zurückkehren. Sie würde ihn nie wieder sehen. Sie wusste ja noch nicht einmal, wo er sein Quartier bezogen hatte. Und wer würde schon darüber Bescheid wissen? Vermutlich niemand, weil sich niemand im erzherzoglichen Fürstentum Olathor für einen niederen Grafen aus Paltoria interessieren würde, und für Valésia war es mehr als nur unziemlich, wenn nicht gar gefährlich, darüber Erkundungen anzustellen. Sie konnte niemandem vertrauen. Schmerzlich wurde ihr gewahr, dass sie nicht einmal Malinda, ihre Vertraute, einweihen konnte. Wer wusste schon, wie Malinda darüber dachte? Vielleicht war sie ja auch darauf angesetzt, Informationen an ihren Vater heran zu tragen, wenn diese schändlich oder verräterisch waren? Vielleicht konnte sie sich Roméro anvertrauen… Roméro würde sie ganz bestimmt nicht verraten und ausliefern. Doch was konnte Roméro schon ausrichten? Gar nichts… Es war aussichtslos, und Valésia sah ein, dass es das Beste war, den Grafen Endarion zu vergessen, und zu versuchen, gar nicht erst wieder an ihn zu denken. Ihre Zukunft lag in Olathor und bei Erbprinz Merik. Früher oder später würde sie sich schon mit der Kühlheit des Prinzen arrangieren, oder vielleicht taute er auch noch auf, kein Winter dauerte ewiglich… Valésia begann zu frösteln, denn das Wasser in dem Zuber war schon deutlich abgekühlt. Sie entstieg dem Zuber und hüllte sich in die angewärmten Badelaken, die nahe bei dem Feuer hingen, und zog sich schließlich ihr Nachtgewand an. Anschließend legte sie sich ins Bett, und fiel als bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf…

Als Valésia am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich elend, als hätte sie kein Auge zugetan. Auch ihr Gebetsbuch konnte ihr den so dringend benötigten Trost nicht geben. Sie hatte schon einige Zeit mehr keinen Tempel mehr aufgesucht. Auch in Tárhjart musste es so einen geben, ganz sicherlich! Sie beschloss, heute, trotz dieses trüben, eiskalten Tages, den Gebetstempel aufzusuchen. Wenn dies ihr keinen Trost spendete, dann würde ohnehin nichts helfen...
#29
Widerlicher Erbseneintopf ❖
baum-beleidigt rieb sich Valerion die Wange und warf Endres einen finsteren und vernichtenden Blick zu. »Du …«, brummte Valerion doch sollte es bei diesem, einen Wort bleiben. Denn die Schankmaid trat an den Tisch der Beiden heran und stellte vor Endres ein Brett mit zwei belegten Broten, sowie eine kleine, hölzerne Schüssel in welcher ein unansehnlicher, grünlicher Eintopf schwamm. »Wohl bekomms.«, meinte sie, während sie noch den Becher mit dem dampfenden Tee daneben stellte. Der intensive Geruch von Kamille stieg ihm in die Nase und er verzog unwillig die Mundwinkel. »Ausgerechnet Kamille.«, brummte er leise und die Schankmaid warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. »Anderen Tee gab es nicht.«, versuchte sie sogleich zu erklären, doch Endres legte ihr beschwichtigend die Hand auf die ihre und versuchte sich ein freundliches Lächeln abzuringen. »Euch trifft doch keine Schuld.« Sie senkte ihren Blick und Endres war, als ob ihr eine leichte Röte auf die Wangen stieg. Sofort kam er nicht umhin an die Komtess zu denken, welche vor nicht allzu langer Zeit noch vor ihm im Schnee gestanden hatte und ebenfalls errötet war, als er ihre Hände berührt hatte. Er zog seine Hände wieder zurück und knotete sich den ledernen Geldbeutel vom Gürtel. Die Schnürung hatte sich ein wenig versteift, da das Leder so lange der Kälte ausgesetzt gewesen war und Endres hatte zunächst sichtliche Mühe den Beutel auf zu bekommen. Als er die Schnürung schlussendlich ein wenig gelockert hatte, schüttelte er zufrieden den Beutel und sah kurz darauf erwartungsvoll zu der Schankmaid auf. »Einen silbernen Heller.«, verlangte sie beinahe entschuldigend. Als ob das Mahl, oder auch der Tee, einen solchen Preis kaum rechtfertigte. Doch Endres zog die geforderte Münze aus dem Beutel und drückte ihn der Frau in die geöffnete Hand. Mit einer geschickten Geste schloss er ihr sanft die Hand um die Münze und legte sogleich die zweite Hand über ihre geballte Faust. Für einen Moment sah er ihr in die Augen und als sie erneut zu erröten begann, da wandte er kurzerhand seinen Blick von ihr ab und entließ sie.

Ein wenig irritiert stand die junge Frau noch für einige Atemzüge neben ihnen, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit widmete. Valerion indes hatte die Szene mit einem wachsamen Auge beobachtet und als die Schankmaid außer Hörweite war, da räusperte er sich. Er grinste Endres an und nickte in die Richtung, in welcher die Schankmaid verschwunden war. »Reicht dir die Komtess nicht?«, fragte er neckend und legte seinen Kopf ein wenig schief, um seine Frage zu unterstreichen. Endres sah ihn nur fragend an, und nahm derweil eines der belegten Brote um herzhaft davon abzubeißen. »Wieso? Ich bin nur höflich.«, sagte er mit einer gespielten Unschuldsmiene. Valerion, der Endres schon sehr lange kannte, nickte nur doch sah man seinem Blick an, dass er keinem seiner Worte Glauben schenkte. »Hübsch ist sie ja.«, meinte Valerion und sah sich nach der Frau um. Endres hingegen zuckte nur mit den Schultern. »Tu dir keinen Zwang an.«, sagte Endres mit vollem Mund und kaute das etwas harte Brot mit sichtlicher Anstrengung. Als er das Brot endlich herunter geschluckt hatte, da nahm er den Tee zur Hand und blies sachte, damit nichts davon hinaus spritzen konnte, in den Becher. »Kamillentee …«, brummte Endres unzufrieden und doch führte er den Becher an seine Lippen und nippte sachte an dem heißen Getränk. Valerion sah Endres indes mit wachsender Skepsis an. Die Skepsis überwog sogar die Belustigung darüber, dass Endres Kamillentee trank. »Irgendwas stimmt hier doch nicht.«, murmelte er und begann mit seinen Fingern auf der Tischplatte zu klopfen. Endres seufzte. Er wusste, er würde erst damit aufhören, wenn er die Karten auf den Tisch gelegt hätte. »Wer ist diese Schneekönigin?«, fragte Valerion neugierig und verlangsamte das Klopfen seiner Finger. »Das weißt du ganz genau.«, gab ihm Endres nur zur Antwort und tauchte den hölzernen Löffel in den Eintopf. Valerion weitete für einen Moment seine Augen und sah sich verschwörerisch um, nur um ein wenig näher an Endres heran zu rücken und seine Stimme zu einem Raunen herab zu dämpfen. »Die Komtess?«, flüsterte er und Endres nickte geheimnisvoll. »Ich traf sie in einer verschneiten Gasse, nicht weit von hier.« Endres schob sich den tropfenden Löffel Eintopf in den Mund und sog kurz darauf die Luft ein. Der Eintopf war heiß und brannte wie Feuer auf der Zunge. Stoßweise sog er die Luft ein, bis sich die Hitze in seinem Mund halbwegs verflüchtigt hatte. Als er den Eintopf herunter gewürgt hatte, denn gut schmeckte er nicht sonderlich, da fuhr er mit seiner Erzählung fort. »Und sie war allein.« »Allein?«, hakte Valerion nach und sah ihn misstrauisch an. »Ja, sie war mit ihrem Bruder durch die Stadt spaziert und sie hatten sich aus den Augen verloren.« Valerion nickte verstehend und Endres lächelte zufrieden. Mehr brauchte Valerion nicht zu wissen, denn den Rest konnte er sich selbst ausmalen. »Hat dich auch niemand gesehen?«, fragte er vorsichtig doch Endres zuckte nur mit den Achseln. »Weiß ich doch nicht. Ich war damit beschäftigt die Komtess von Aramajé nach allen Regeln der Kunst zu verführen.« Er säuselte und grinste Valerion trotzig an, so dass dieser nur mit den Augen rollte. »Wenn du gesehen wurdest, dann …«, mahnte Valerion doch Endres schnitt ihm harsch das Wort ab. »Ja, dann werden unsere Köpfe rollen. Also ich sehe keine Stadtwache, du etwa?«, fragte Endres ein wenig beleidigt und sah sich suchend um. Valerion hingegen hob beschwichtigend die Hände. »Ist ja schon gut. Ich hänge nun mal an meinem Leben.«, brummte Valerion und rutschte mit seinem Stuhl ein Stück zurück. Als Valerion sich vom Tisch erhob, da starrte Endres ihn fragend an. »Wo gehst du hin?«, fragte er verwirrt, als sein Freund vom Tisch aufgestanden war. »Ficken.« Valerion funkelte Endres wütend an, doch konnte er den Schalk, welcher in seinen Augen blitzte nicht gänzlich verbergen. Und da hatte er sich schon in Bewegung gesetzt. Endres vernahm noch einen Moment die verhallenden Schritte Valerions, bis dieser den Schankraum verlassen hatte. Endres war sich nicht sicher, ob er Valerions Worte für bare Münzen nehmen sollte. Vielleicht war er einfach nur vor die Tür gegangen, um sich in aller Ruhe eine Pfeife anzustecken. Doch wer wusste schon, was in ihm vorging? Vielleicht schürten Endres Erzählungen von der Eroberung der Komtess auch die Lust in seinen Lenden?

Endres hingegen löffelte zunächst die ekelhafte Suppe, bis er keinen weiteren Bissen mehr hinunter bekam. Genauso die harten Brote und den Kamillentee. Nichts davon aß oder trank er zu Ende auf. Und so saß er unzufrieden und ein wenig missgelaunt an dem Tisch und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

Doch allzu lange hielt es ihn nicht mehr auf dem Stuhl. »Ich hoffe das Essen war nur heute so schlecht.«, brummte Endres und erhob sich. Als er an der Ausschank vorbei kam, konnte er nur den Wirt sehen, nicht aber die Schankmaid. Ein wenig stutzig runzelte er die Stirn, bevor sich ein wissendes Lächeln auf seinem Gesicht breit machte. Und als er schließlich vor die Schenke trat und vorsichtig in die kleine Seitengasse lugte, da konnte sie sehen. Und sie war nicht allein. Valerion war ebenfalls in dieser Gasse und sein Kopf steckte gerade tief im Dekolleté der Schankmaid. Ein breites Grinsen machte sich auf Endres' Gesicht breit, und er lehnte sich an die Häuserwand und starrte in den zwielichtigen Himmel der Abenddämmerung. Die Kälte kroch ihm zwar in die Beine, doch wollte er warten, bis Valerion fertig war, denn er wollte sich bei ihm für seine harschen Worte und vielleicht auch für die Ohrfeige entschuldigen.
#30
Frau von Lumpenstein ❖
baum-als Valésia morgens bei Tische saß, aß sie wenig. Sie vernahm kaum das Geplapper und Geklappere bei Tisch, und wünschte sich, dass die Mahlzeit schnell hinter sich gebracht werden konnte. Doch der Erzherzog aß mit gutem Appetit, und solange dies der Fall war, durfte sich niemand vom Tisch erheben. Der Erzherzog bemerkte ihre Unlust zu essen, und richtete das Wort an sie. „Meine liebe Komtess…“ Sie hob den Kopf. „Durchlauchtigste Hoheit? „Ich beobachte euch schon seit geraumer Zeit, ihr speist von leeren Tellern, so erscheint es mir… Dass ihr mir nicht eines Tages krank werdet…“ Valésia rang sich ein Lächeln ab „Nein, eure durchlauchtigste Hoheit… Es ehrt mich, dass ihr euch Gedanken um mich macht. Ich bin nur ein wenig aufgeregt, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt.“ Er nickte und Valésia richtete erneut das Wort an ihn. „Ich hoffe, ihr erlaubt mir, heute in den Gebetstempel in Tárhjart zu gehen. Ich möchte mir den Segen der Götter erbeten…“ Der Erzherzog nickte erneut. „Das ist eine sehr gute Idee, Komtess. Ich wünschte, ich könnte euch begleiten, doch die Pflichten eines Erzherzogs erlauben diese Gebete beizeiten nur im stillen Kämmerlein… Wer wird euch begleiten, denn ihr habt doch ganz sicherlich nicht vor, alleine dorthin zu gehen?“ bohrte er nach. Ihr Bruder Roméro lächelte sie an und bedeutete ihr Gesten. „Und ich werde meinen Bruder bitten, mich zu begleiten…“ fügte sie, mit einem Lächeln auf Roméro, noch hinzu. Der Erzherzog nickte wohlwollend und meinte dann „Das ist Recht. Verbringt noch die Zeit, die euch noch bleibt, mit eurem Bruder, nach der Hochzeit werdet ihr kaum mehr Gelegenheit dazu haben, eure Familie wird danach wohl bald wieder nach Adajena zurückkehren…“ Valésia nickte zustimmend, doch bedrückte sie dieser Gedanke. Ihr Bruder war erst kurz vor der Abreise nach Olathor zurückgekehrt, und so bald würden sich ihre Wege wieder trennen… Sie sah sich verstohlen um, doch der Erbprinz war immer noch nicht bei Tisch erschienen. Wo er nur war? Der Erzherzog unterbrach ihre Gedanken. „Nun, dann könnt ihr nach Mittag nach Tárhjart gehen. Der Vormittag erfordert Eure Anwesenheit, es gibt noch einige Vorbereitungen für die Hochzeit, die Anprobe des Kleides, eurer Schuhe, und ihr habt heute Vormittag noch eine Lektion in Etikette, wenn ich euch daran erinnern darf…“ lächelte der Erzherzog verschmitzt.

Valésia hatte für einen Moment daran gedacht, den Erbprinzen zu bitten, sie zu begleiten, ganz sicherlich würde ein gemeinsam erbetener Segen die Götter wohlwollender stimmen, doch als sie den Flügel betrat, in welcher ihre und so auch die Gemächer des Erbprinzen lagen, sah sie, wie sich zwei Frauen aus den Gemächern des Erbprinzen stahlen. Als sie der Komtess begegneten, knicksten sie kurz und höflich, und eilten dann kichernd davon. Enttäuscht ging Valésia dann in ihre Gemächer, ohne den Erbprinzen aufzusuchen.

Der Vormittag verging beinahe zähfließend. Viele Menschen suchten sie auf, sie ließ alle notwendigen Anproben, Lektionen und Belehrungen über sich ergehen, und als dann endlich wieder alle gegangen waren, seufzte sie erleichtert auf. Nur Roméro war bei ihr geblieben und sah sie forschend an. „Du bist sehr verändert, Valésia…“ bemerkte er. „Was hast du?“ Valésia hob den Kopf und sah ihn an. Für einen Moment dachte sie daran, ihrem Bruder alles zu erzählen, über den Grafen Endarion, und was sie so bedrückte, doch dann entschied sie sich anders. „Es ist der Erbprinz… Er vergnügt sich ständig mit irgendwelchen Mätressen, für mich hat er kaum einen Blick und ein offenes Ohr. Ich finde ihn so grässlich…“ seufzte sie. Roméro nickte stumm. „Manchmal wünsche ich mir, dass ich keine Komtess wäre, sondern eine gewöhnliche Bauerntochter, oder Bürgerliche. Wünschst du dir das nicht auch manchmal?“ fragte sie ihn. Roméro wiegte den Kopf, und entschied sich dann für ein klares „Nein… Nein, eigentlich nicht. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Ich muss nicht tagtäglich schuften, ich habe es immer warm, gemütlich und angenehm. Ich muss mir kein Kopfzerbrechen darüber machen, ob ich den harten Winter überlebe und hart arbeiten muss ich auch nicht. Es erscheint mir ein recht angenehmes Leben zu sein…“ „Ja, weil du ein Mann bist. Sieh dir doch den Erbprinzen an. Er holt sich täglich Frauen in sein Bett und niemand findet es verwerflich. Ist Unzucht nicht eine Sünde? Warum darf ein Mann dies, und eine Frau nicht?“ Ihr Bruder unterbrach sie lächelnd. „Willst du denn Unzucht betreiben, süße Schwester?“ Valésia errötete. „Nein… Das meinte ich doch gar nicht… Es geht nur darum, dass ein Mann deutlich mehr Freiheiten hat, als eine Frau… Und eine Adelige sicherlich noch weniger, als eine Bürgerliche…“ Roméro lächelte sie listig an. „Willst du denn einmal als Bürgerliche lustwandeln?“ Valésia blickte ihn verwirrt an. „Was meinst du?“ Er grinste immer noch. „Ein Tag keine Komtess sein, und ich kein Erbgraf… Wir stecken uns in bürgerliche Gewänder und nutzen unsere immer noch Unbekanntheit, und gehen einen Tag in Tárhjart umher.“ Valésia fand die Idee nicht so schlau. „Wenn uns jemand erwischt!“ Roméro zerstreute ihre Bedenken. „Wer soll uns schon erwischen? Wir gehen gewöhnlich aus der Burg, und unterwegs ziehen wir uns um. Niemand wird Verdacht schöpfen! Pfeif doch auf deinen Göttersegen! Musst du in einem Tempel beten, um bei den Göttern auf Gehör zu stoßen? Die Götter erhören dich auch wenn du, wie der Erzherzog, in deinem stillen Kämmerlein betest…“ Langsam fing Valésia an, an diesem Einfall gefallen zu finden. „Stell dir vor, was wir alles erleben könnten! Wir könnten uns in eine dreckige Taverne setzen, Bier trinken, oder eben Wein, was dir lieber ist! Wir können dem Gesindel über die Schultern schauen wie es sich beim trickbetrügen gegenseitig das Geld aus der Tasche zieht, wir können tanzen, lachen, Pfeife rauchen, all das, was sich für eine Komtess noch weniger geziemt, als für einen Erbgrafen…“ „Hast du so etwas schon einmal gemacht?“ hakte Valésia. „Na klar…“ lachte Roméro. „Man darf nur nicht zimperlich sein…!“ Valésia lächelte, und nickte. Einmal nicht steif und geziert sein müssen, das erschien ihr beinahe das Paradies zu sein. Ihr gefiel der Gedanke so gut, dass sie nicht einmal mehr an den Grafen Endarion dachte…

Beim Mittagsmahl glühten Valésias Wangen förmlich vor Aufregung. Sie zwang sich dennoch zu essen, damit niemand einen Stein des Anstoßes daran fand, und der Erzherzog wirkte zufrieden. Als das Mahl beendet war, erlaubte er allen, sich zu entfernen und Roméro schlug sich an die Seite seiner Schwester. „Ich habe alles vorbereitet! Alles ist bereit, passende bürgerliche Kleidung habe ich in einer Nische unter dem Burgtor versteckt, umziehen können wir uns draußen, weit vor den Toren…“ „Aber es ist bitterkalt…“ „Papperlapapp!“ unterbrach er sie. „Das gehört dazu. Oder glaubst du, du kannst dein Pelzmäntelchen dazu tragen? Nein, nein … du musst mit einem gewöhnlichen Wollumhang Vorlieb nehmen! Du wolltest einen Tag eine Bürgerliche sein, so sei es, mit allem, was dazu gehört!“ „In Ordnung…“ lächelte Valésia, auch, wenn sie noch keine wirkliche Ahnung hatte, was sie erwarten würde. „Und wir gehen dorthin, wo uns niemand, wirklich niemand erkennen wird, in die, für deine Begriffe übelste Absteige, die man sich nur denken kann! Gleich gegenüber gibt es ein Freudenhaus! Es ist im Herzen des bürgerlichsten Stadtteils. Dorthin verirrt sich kein Adeliger, das kannst du mir glauben!“ lachte er.

Gesagt, getan. Sie beiden Geschwister verließen Burg Olathor, und in einer Scheune, weit genug entfernt, um von der Burg aus von irgendjemandem gesehen zu werden, wechselten sie ihre feine Kleidung gegen beinahe bäuerliche, die Roméro aus den Gesindehäusern auf Burg Olathor hatte mitgehen lassen, und als sie ihre Kleidung tief unter den Heuhaufen geschoben hatten, gingen sie in die Stadt. Valésia zog sich dennoch ihre Kapuze tief ins Gesicht, man konnte schließlich nie wissen. Sie liefen eine Weile und kamen in das von Roméro besagte Viertel. Valésia war erstaunt, was es hier so alles zu sehen gab. „Wir sind gleich da…“ meinte Roméro und grinste seine Schwester zuversichtlich an. „Warst du schon einmal hier?“ fragte Valésia ihren Bruder neugierig. „Na gut, du hast mich erwischt…“ lächelte er schief. „Komm, gleich…“ Er schien beinahe aufgeregter zu sein, als sie selbst. Sie bogen um die Ecke und vor ihnen tat sich ein Eckhaus auf, welches eine Schenke darstellte. Selbst das Freudenhaus war nicht zu übersehen, die vielen, trotz der Kälte, leicht bekleideten Frauen, waren einfach nicht zu übersehen. Roméro steuerte mit seiner Schwester am Arm auf die Schenke zu, und stieß beinahe mit jemandem zusammen. Valésia durchfuhr es heiß und kalt gleichzeitig, als sie ihn erkannte. Graf Endarion! Nein! Alles, nur das nicht! Was musste er denken, sie beide in einem solch lächerlichen Aufzug zu sehen? Romeros Worte schnitten ihre Gedanken ab, als er den Grafen Endarion ebenso erkannte. „Graf Endarion, bei Ardanal, meinem favorisierten Gott, der zufällig der Gott der Tugend und des Wissens ist…!“ Roméro wirkte sichtlich überrascht, und Valésia versuchte aus seiner Miene herauszulesen, was er nun im Sinn hatte. Doch der Erbgraf war nicht auf den Mund gefallen, und sprach er, sichtlich amüsiert, weiter „Gerade erst habe ich meiner Schwester versichert, dass es hier keinen Adeligen her verschlägt, niemand, der uns kennen oder erkennen würde, und da straft ihr, Graf Endarion von Hohenehr, mich Lügen…“ Er verbeugte sich recht übertrieben vor dem Paltoren und setzte an „Darf ich mich vorstellen, Euer Erlaucht… Meine Name ist Herr von Lumperich, und das hier ist meine liebreizende Schwester, Frau von Lumpenstein…“ Der Schalk blitzte ihn aus den Augen, doch dann wurde er wieder ein wenig ernster. „Verzeiht, Graf Endarion. Die Wahrheit ist, ich wollte meine Schwester einmal in die bürgerlichen Kreise führen, sie war zu neugierig, einmal die andere Seite zu sehen. Es war ganz alleine meine törichte Idee… Unsere Pläne waren ursprünglich der Gebetstempel, doch es kommt oft anders als man denkt…“ Roméro überlegte einen kurzen Augenblick, dann meinte er. „Nun, da es nun ist, wie es nun einmal ist, bitte folgt uns, und trinkt einen Becher Met mit uns, dass ich zuversichtlich sein kann, mir mit einer Einladung euer Schweigen erkauft zu haben…“
#31
Unerwartete Wendung ❖
baum-die Kälte kroch Endres in die Beine und auch in die Arme und er fröstelte. Er rieb sich mit den Händen an den Armen, um diese ein wenig aufzuwärmen und weiße Atemwölkchen stiegen aus seinem Mund auf, jedes Mal wenn er ausatmete. Es war so kalt, dass Endres sich wunderte, dass Valerion und die Schankmaid sich nicht in einem abgeschiedenen Zimmer im Gasthaus miteinander zu vergnügen gedachten. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, da vernahm er schnell nahende Schritte, welche den Schnee zum Knirschen brachten. Endres stieß sich von der Wand ab, an welcher er gelehnt gestanden hatte und stellte sich ein wenig abseits zur Wand auf. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er seinem Freund nachspioniert hatte und tat einen kurzen Schritt.

Doch es war nicht Valerion, welcher um die Ecke bog, sondern die junge Frau, in deren Ausschnitt noch vor einer kurzen Weile Valerions Kopf gesteckt hatte. Sie hatte ein säuerliches Gesicht aufgesetzt und schritt mit kurzen, aber wütenden Schritten durch den Schnee. Endres tat einen Schritt zur Seite, um ihr galant den Weg freizumachen, doch sie würdigte ihn keines Blickes. Fragend sah er ihr nach, als sie sie schon die Hand auf den Knauf der Tür gelegt hatte und kurz darauf im Inneren des Hauses verschwunden war. Eine Welle der Neugierde überkam Endres, als er in die schmale Gasse trat. Valerion stand gegen die Mauer gelehnt, und rieb sich seine linke Wange. Sie wies eine starke Rötung auf, welche schon beinahe an einen Handabdruck erinnerte. Als Valerion bemerkte, dass Endres zu ihm in die Gasse getreten war, da schnaubte er nur. »Frag nicht.«, sagte Valerion nur und nahm die Hand von seiner Wange, als ob er verbergen wollte, dass dieser Handabdruck, der zweifellos von der Schankmaid herrührte, ihm unangenehm war. »Was …«, setzte Endres fragend an, doch Valerion schnitt ihm harsch das Wort ab »Ich sagte doch, du sollst nicht fragen.«, maulte Valerion ungehalten und fuhr sich mit beiden Händen durch seine Haare, in welche sich schon einige Schneeflocken verirrt hatten, um sie wieder halbwegs in Ordnung zu bringen. Endres klappte seinen Mund zu und biss sich förmlich auf die Lippen. Die Frage, welche ihm auf der Zunge brannte, ignorierend starrte er Valerion forsch an, bis dieser sich aus seiner eisigen Versteinerung löste und in Bewegung gesetzt hatte.

Als Valerion Anstalten machte, diese Gasse zu verlassen, da trat ihm Endres in den Weg. Valerion sah ihm ein wenig ungehalten in die Augen und verzog dabei unwillig seinen Mund. »Ich wollte dich um Vergebung bitten.«, meinte Endres ein wenig kleinlaut und Valerion hob fragend seine linke Augenbraue und bedachte Endres mit einem erstaunten Blick. »Weswegen?«, hakte dieser neugierig nach, als ob er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wofür Endres sich entschuldigen wollte. »Für alles.« Valerion schnaubte verächtlich. »Was für eine erbärmliche Entschuldigung.« Doch verharrte er still und regungslos und die Blicke der beiden Männer, die schon so lange Freunde waren, kreuzten sich. »Wenn du meinst.«, meinte Endres daraufhin und steckte seine Hände in die Taschen seines Wamses. »Du hast ja Recht. Ich will genauso wenig wie du, dass man uns die Köpfe abschlägt. Aber sie ist so …« »… schön.«, beendete Valerion seinen Satz und rang sich ein freundschaftliches Lächeln ab. Ja, das traf den Nagel sehr treffend auf den Kopf. »Ich verspreche dir, dass ich nichts Dummes anstellen werde.«, sagte Endres und Valerion entkam ein plötzliches Lachen. »Du? Das kannst du nicht versprechen. Du machst immer irgendetwas Dummes.« Endres verzog seinen Mund zu einer beleidigten Grimasse, doch Valerion sprach munter weiter. »Wie oft schon habe ich die Kastanien aus dem Feuer holen müssen?« Valerion hielt Endres seine Hand vors Gesicht und begann einen Finger nach dem anderen auszustecken. »Mehr als meine Hand Finger hat, Endres.« Da rang sich Endres ein entschuldigendes Lächeln ab und auch Valerion löste sich aus seiner verkrampften Haltung. »Aber ich danke dir.«, sagte sein Freund und legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese Geste war in diesem, so kalten, Moment ein wahrer Balsam für Endres' Seele. »Wenn das hier vorbei ist, und wir dieser Stadt den Rücken kehren, dann stehst du bei mir sehr tief in der Kreide.«, sagte Valerion ernst. »Die nächste schöne Frau, gehört mir. Keine Hölzchen, keine Wetten, keine Würfelspiele!« Endres nickte. Ja, das war er Valerion schuldig. Er hatte war so vernarrt in die Komtess gewesen, dass er beinahe den Blick für das Wesentliche verloren hatte.

Valerion nahm seine Hand von Endres' Schulter und rieb sich dann die kühlen Finger. »Nun, da das geklärt ist.« Er schüttelte sich ein wenig und versuchte die Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben. »Lass uns wieder hinein gehen. Ich brauche einen heißen Gewürzwein, oder meinetwegen auch einen Kamillentee.« Valerion gluckste und warf Endres dabei ein hämisches Lächeln zu. Endres wand sich dem Ende der Gasse zu und Valerion folgte ihm auf dem Fuße. Doch kaum war Endres aus der Gasse getreten, da stieß er beinahe mit einem Mann zusammen, welcher gerade um die Ecke kam. Ein wenig erschrocken fuhr Endres zusammen und wollte auch schon eine wüste Beschimpfung vom Stapel lassen, als er das Gesicht der Komtess erkannte. Sie hatte sich in einfache Gewänder gekleidet und wirkte so fremd und unscheinbar auf ihn, dass er sie beinahe nicht erkannt hatte. » Graf Endarion.«, sprach sogleich der Mann, mit welchem Endres beinahe zusammengestoßen war. Und da erkannte er ihn auch schon als Valésias Bruder. Als diese Worte aus dem Mund des Erbgrafen erschallten, da hatte Valerion sich schon wieder umgewandt und war in die Gasse zurückgegangen. Endres schluckte hart und die Worte blieben ihm im Halse stecken. Was suchten die Beiden hier? Ausgerechnet hier, in diesem schlechten Viertel? Hatten sie ihm nachspioniert? Oder hatte jemand verraten wo er war? Panische Gedanken erfassten ihn. Was, wenn sie wussten, wer er war? Doch was sollte dieser Aufzug? An Valerions Reaktion hatte Endres schnell erkannt, dass sein Freund ähnliche Befürchtungen haben musste, wie auch er. Er war so schnell in der engen Gasse verschwunden, dass Endres nun keine Spur mehr von ihm sah. Nur seine Fußabrücke im Schnee zeugten noch davon, dass Valerion für wenigen Augenblicken noch direkt hinter ihm gestanden hatte. »… bei Ardanal, meinem favorisierten Gott, der zufällig der Gott der Tugend und des Wissens ist…« Endres kam nicht umhin die Worte Valésias Bruders seltsam Zweideutig aufzufassen. Gott der Tugend und des Wissens. Wusste er etwa, was zwischen Valésia und im passiert war? Hatte sie ihn eingeweiht? Nein, so töricht konnte sie nicht gewesen sein, oder doch? Vielleicht erklärte dies auch ihre seltsame Verkleidung. Hatte sie ihren Bruder ins Vertrauen gezogen, in der Hoffnung ihn zu finden? Doch Endres Gedanken wurden schnell wieder zerstreut, als er Valésias Blicke sah. Sie wirkte alles andere, als ob sie erfreut war ihn hier zu sehen. Vielmehr wirkte sie beschämt oder verunsichert. Sollte diese Begegnung wirklich nur ein Zufall sein?

Doch Roméro, so hieß der Bruder der Komtess, wie Endres noch wusste, ließ sich nichts anmerken. Er redete munter weiter. »Gerade erst habe ich meiner Schwester versichert, dass es hier keinen Adeligen her verschlägt, niemand, der uns kennen oder erkennen würde, und da straft ihr, Graf Endarion von Hohenehr, mich Lügen…« Endres rang sich ein verlegenes Lächeln ab, während er ihm am liebsten einen hasserfüllten Blick zugeworfen hätte. Endres deutete eine leichte, entschuldigende Verbeugung an. »Es lag mir nichts ferner, als euch einen Lügner zu strafen, Ser Roméro.«, sagte Endres so trocken wie es ihm nur möglich war. »Doch wenn ihr mir die Frage gestattet. Was führt euch in diese Gegend?« Er sah sich suchend um, als ob Endres irgendwo in der Nähe einige bewaffnete Stadtwachen vermuten würde. Doch konnte er niemanden sehen, der nicht augenscheinlich auch hier her gehörte. Mit Ausnahme der beiden Grafenkinder, welche direkt vor ihm standen. Zwar hatten sie einfaches Gewand angelegt, doch Valésias Haltung strahlte alles andere aus, als die einer einfachen Bürgerlichen. Roméro hingegen vermochte es geschickter Endres zu täuschen. Und gerade das rief in Endres eine Welle des Unbehagens hervor. Roméro kleidete sich in so geschickte Worte, dass Endres nicht umhin kam ihn ein wenig misstrauisch zu beäugen, als dieser seinen Blick zu seiner Schwester gewandt hatte. ›Irgendwas führt er im Schilde.‹, dachte sich Endres verhalten und irgendwie keimte in ihm der Verdacht auf, dass Roméro sicherlich seine eigenen Gedanken zu ihm und Valésia hatte. Doch bevor Endres noch etwas sagen konnte, da erwiderte Roméro seine Verbeugung und räusperte sich theatralisch. »Darf ich mich vorstellen, Euer Erlaucht… Meine Name ist Herr von Lumperich, und das hier ist meine liebreizende Schwester, Frau von Lumpenstein…« Endres konnte sich ein erheitertes Lächeln nicht verkneifen. »Bruder und Schwester? Doch warum tragt ihr nicht denselben Namen?« Er sah Roméro herausfordernd an, während er versuchte den Blicken Valésias auszuweichen. Diese Begegnung war alles andere als erfreulich. So hatte sich Endres ihr Wiedersehen ganz und gar nicht vorgestellt. Und in diesem Moment wünschte er sich lieber in dem Bett einer Dirne zu liegen, als Valésia und Roméro begegnet zu sein. Nicht, dass ihn die Anwesenheit der Komtess störte. Doch ihr Bruder, den brauchte Endres nun wirklich nicht.

Als Roméro seinen Spaß gehabt hatte, da räusperte er sich und legte eine etwas ernstere Stimme auf. »Verzeiht, Graf Endarion. Die Wahrheit ist, ich wollte meine Schwester einmal in die bürgerlichen Kreise führen, sie war zu neugierig, einmal die andere Seite zu sehen.«, versuchte sich der Erbgraf zu erklären. Und seine Worte klangen auch sehr überzeugend. Doch hatte sich Endes bereits ein Bild gemacht, und er wollte sich lieber selbst davon überzeugen, dass sie ihren Bruder nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Wenn dem so war, dann wäre die Sache zum Scheitern verurteilt. Und hatte er nicht Valerion noch vor kurzem versprochen keine Dummheiten mehr zu machen? Wahrlich, es wäre die größte Dummheit in Tárhjart zu bleiben, wenn Roméro wusste was Endres im Sinn hatte.

»Nun, da es nun ist, wie es nun einmal ist, bitte folgt uns, und trinkt einen Becher Met mit uns, dass ich zuversichtlich sein kann, mir mit einer Einladung euer Schweigen erkauft zu haben …« Endres schüttelte nur den Kopf. »Wenn ich vorschlagen dürfte …«, setzte er an und wartete, bis er die Aufmerksamkeit beider gewonnen hatte. »In den, wie ihr es so treffend beim Namen genannt habt, bürgerlichen Kreisen, ist es nicht gerade üblich Met zu trinken. Ein schales Bier oder ein abgestandener Wein ist schon eher das, was in dieser Gegend getrunken wird.« Er hielt für einen Moment inne, als ihm gewahr wurde, dass er sich womöglich selbst verraten hatte. Und so fügte er hastig noch eine Erklärung hinzu. »Met ist ein teures Getränk in diesem Teil des Königreichs. Nur wenige der einfachen Gemeinen können es sich leisten. Ich glaube nicht, dass man euch euer Theater abkaufen wird, wenn ihr ausgerechnet in diesem Viertel einen Met bestellt.« Valésia und Roméro tauschten ihrerseits einige fragende Blicke aus, während Endres verkrampft versuchte sich zu überlegen, wie er sich aus dieser unangenehmen Situation heraus manövrieren konnte. Er konnte unmöglich mit ihnen in diese Schenke gehen. Man wusste dort wer er war, und wenn auch nur einer der Trunkenbolde, welche selbst zu dieser Uhrzeit schon dort zugegen waren, ihn erkennen würde, dann war alles aus. »Ich bin zwar nicht aus dieser Stadt, doch ist mir auf dem Weg über die Hauptstraße ein gutes, bürgerliches Gasthaus aufgefallen.«, schlug Endres vor und hoffte die beiden würden einlenken. Bei Valésia hatte er auch beinahe den Eindruck, doch schien Roméro nicht sonderlich überzeugt zu sein. Da dämpfte Endres seine Stimme zu einem verschwörerischen Raunen. »Ihr wollt doch eure Schwester nicht in eine Schenke führen, welche direkt neben einem Bordell steht.« Er nickte zu den freizügigen Dirnen, welche auf der anderen Straßenseite standen und immer wieder vorbeigehenden Männern Küsse zuwarfen, oder ihren Busen entgegen streckten.

Insgeheim war Endres nun froh, dass er noch immer das edel bestickte Wams trug, weswegen er sich vor nicht allzu langer Zeit geärgert hatte, als die Schankmaid ihn so verhalten angesehen hatte. Nicht auszudenken, wenn sie ihn auch noch in der bürgerlichen Kleidung gesehen hätten. Da wäre er zweifellos in arge Erklärungsnot geraten. Doch nun war ihm ein großer Stein vom Herzen gefallen, als er Roméro sich in die Richtung umsah, in welcher die besagte Hauptstraße lag. »Ich schätze eure Sorge um meine Schwester, verehrter Herr Endarion.«, setzte Roméro an und Endres lächelte ein wenig selbstgefälliger. »Doch wollten wir auch nicht riskieren erkannt zu werden. Man weiß ja nie, wem man auf der Straße begegnet. Ganz besonders auf der Hauptstraße.« Ja, da mochte er Recht haben. Endres nickte verstehend und fuhr sich nachdenklich über das Kinn, als er seine Gedanken ohne nachzudenken laut aussprach. »Die Dirnen sind auch nicht gerade für ihre Verschwiegenheit bekannt.«, sagte Endres und fügte noch ein vielsagendes Augenzwinkern hinzu. Wenn eine der Huren die Beiden erkennen würde, dann würde es sich schneller als ein Lauffeuer ausbreiten. »Doch lasst mich euer Retter in der Not sein, damit ihr dieses Abenteuer weiterführen könnt.« Er wandte sich ein wenig zur Seite und sah sich suchend um. »Wo ist er nur?«, fragte sich Endres mit gespielter Verwunderung. »Wer?«, hakte Roméro nach. »Mein Knappe. Er war doch gerade noch hier.« Endres begann den Fußspuren zu folgen, welche Valerion im Schnee hinterlassen hatte, und die beiden Geschwister folgten ihm, in gebührlichem Abstand. Endres war dies nur Recht. So könnte er Valerion noch etwas ins Ohr flüstern, bevor diese ihn eingeholt hatten.

Valerion war nicht weit gegangen. Er stand schon um die nächste Ecke und hatte sich eine Pfeife angesteckt. Vermutlich hatte er einfach abwarten wollen, bis die Beiden gegangen waren, um dann wieder zu Endres zu gehen. Fragende Blicke standen Valerion im Gesicht, als dieser Endres erkannte. »Mach die Pfeife aus!«, zischte Endres, und hastig klopfte Valerion den glimmenden Tabak in den Schnee. »Was ist los?«, raunte Valerion erschrocken und sah sich verstohlen um. »Die Komtess und ihr Bruder.«, raunte Endres und nickte hinter sich. »Schnell. Das ist die Gelegenheit. So lange die Beiden nicht in der Burg sind.« Endres flüsterte Valerion einige Worte ins Ohr und sah sich immer wieder verstohlen um, doch als dieser mit seinem Plan geendet hatte da starrte ihn Valerion nur entgeistert an. »Bist du übergeschnappt?«, fragte er und er konnte seine Stimme gerade noch zu einem rauen Flüstern dämpfen, bevor sie sich überschlug. »Vertrau mir.«, bat Endres nur und Valerion sah Endres mit wachsendem Zweifel in den Augen an. Doch als die beiden Geschwister, wie auf Befehl, auch schon um die Ecke bogen, da nickte Valerion nur und rannte schon los. »Ich habe meinen Knappen voraus geschickt. Er sollte einen passenden Ort finden, der unseren Zwecken gereicht.« Endres hoffte, dass er dieses Theater schnell hinter sich bringen würde. Es verfluchte das grausame Schicksal, welches ihn wieder mit Valésia zusammen geführt hatte. Nicht der Tatsache wegen, doch die Anwesenheit ihres Bruders würde jede Möglichkeit sich ihr zu nähern, im Keim ersticken.
#32
Zugeständnisse ❖
baum-valésia hielt den Kopf gesenkt, während ihr Bruder Roméro sich mit dem Grafen Endarion unterhielt. Nur ab und an hob sie den Kopf, um seinen Blick zu suchen und diesen zu erforschen. Seine Miene ließ darauf schließen, dass er nicht wirklich begeistert davon war, das Geschwisterpaar zu treffen. Doch woran das lag, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Als sie ihn am Tag zuvor getroffen hatte, war er nicht so kühl wie heute. Doch andererseits... auch der gestrige Abschied war kühl gewesen, und Valésia verstand es einfach nicht. Auch er suchte immer wieder ihren Blick, nur, um diesen schnell wieder abzuwenden.

"Aber, aber, verehrter Graf Endarion, das ist doch nicht eure Schuld, dass ich nun als Lügner dastehe. 'Lügner' ist in dieser Sache ohnehin ein wenig hart formuliert, nicht wahr? Nennen wir es lieber 'unvorhersehbare Umstände'... Er stellte sich und Valésia als namentliches Lumpenpack vor und der Graf kam nicht umhin, zu lächeln. Er erwiderte "Bruder und Schwester? Doch warum tragt ihr nicht denselben Namen?" und blickte ihn beinahe herausfordernd an. Roméro war nicht auf den Mund gefallen. "Oh, wie es euch sicherlich nicht entgangen ist, ist meine Schwester dem Erbprinzen Merik versprochen..." er blickte schnell nach links und dann nach recht, so als wollte er sich vergewissern, dass ihn auch niemand belauschte, und dann dämpfte er seine Stimme und raunte "... der ja bekanntermaßen auch ein Lump ist... Daher, vorgezogen, Lumpenstein... " Er grinste bei diesen Worten. Nach diesen Plänkeleien setzte er eine ernste Miene auf und erklärte dem Grafen Endarion ihre wahren Beweggründe. Valésia wäre am liebsten im Erdboden versunken, nur, um nicht mehr Graf Endarions Blicke auf sich zu spüren. Es erschien ihr plötzlich so töricht, in diesem Unterfangen zugestimmt zu haben. Doch nun war es zu spät, und er dachte sich wohl seinen berechtigten Teil. Ihr Schamgefühl verbesserte sich nicht, als Roméro den Grafen einlud, mit ihnen etwas zu trinken. Doch der Graf Endarion erhob Einwände. "Wenn ich vorschlagen dürfte... In den, wie ihr es so treffend beim Namen genannt habt, bürgerlichen Kreisen, ist es nicht gerade üblich Met zu trinken. Ein schales Bier oder ein abgestandener Wein ist schon eher das, was in dieser Gegend getrunken wird. Met ist ein teures Getränk in diesem Teil des Königreichs. Nur wenige der einfachen Gemeinen können es sich leisten. Ich glaube nicht, dass man euch euer Theater abkaufen wird, wenn ihr ausgerechnet in diesem Viertel einen Met bestellt." Roméro blickte seine Schwester fragend an, und diese erwiderte seinen Blick ebenso fragend und gestenlos. Ihr Bruder wandte sich wieder dem Grafen Endarion zu. "Da mögt ihr Recht haben. Ihr wisst wahrlich gut Bescheid, besser als ich... Sagt bloß, ihr treibt euch des Öfteren in bürgerlichen Kreisen herum, da hättet ihr mir aber zumindest hier schon einmal begegnen müssen, aber Met habe ich hier nicht getrunken, ich hatte anderes zu schaffen, wenn ihr wisst, was ich meine..." Er lächelte schief, und hoffte, dass der Graf, als Mann, der er nun einmal war, seine zarten Andeutungen verstand, da er vor Valésia nicht zur sehr ins Detail gehen wollte. Als der Graf vorschlug, ein anderes Gasthaus aufzusuchen, wurde Romeros Gesicht lang. Die Tatsache, dass er nun auf den Grafen Endarion gestoßen war, wäre ihm eine willkommene Gelegenheit gewesen, seine Schwester, auf die er nun einmal zu achten hatte, vielleicht nur für eine kurze Weile an den Paltoren abzuladen, um sich mit einer Dirne zu vergnügen. "Ich weiß nicht, ich weiß nicht..." murmelte er ein wenig geistesabwesend, und sah sich unschlüssig um, wobei sein Blick auf eine dralle, hübsche Dirne fiel. Der Graf senkte seine Stimme und raunte ihm zu "Ihr wollt doch eure Schwester nicht in eine Schenke führen, welche direkt neben einem Bordell steht."

Roméro kam nicht umhin, zu grinsen, er fühlte sich regelrecht ertappt, und machte aber auch keinen Hehl daraus. " Meine Schwester ist doch keine gar so empfindliche Person, mir wäre im Traum nicht eingefallen, sie in Daunen zu packen, gehören doch die Bordelle ebenso zum Bürgertum. Man darf die Augen vor der Wahrheit nicht verschließen, und ich gebe zu, für einen kurzen Moment erschien es mir, als wären die Götter mir so wohlgesonnen, mir euch zu schicken, um meiner Schwester die Zeit zu vertreiben, auch wenn es sich nicht schickt, um mir..." Er brach seine Worte ab und winkte mit der Hand ab "Egal... Ihr habt vermutlich Recht... Doch glaubt nicht, dass meine Schwester gar zu zart besaitet ist, wenn es um Huren geht, ist doch der Erbprinz selbst der größte Hurenbock von ganz Olathor, die Huren wären zweifellos arbeitslos, wenn diese in seinen Gemächern nicht ein- und ausgehen dürften..." Er lachte bei diesen Worten und Valésia warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Sie hatte ihm diese Sache mit dem Erbprinzen nicht anvertraut, dass er es gleich bei der nächstbesten Gelegenheit nach außen trug. Wie sah denn das aus, wenn bekannt wurde, dass der Erbprinz sich so kurz vor seiner Vermählung immer noch von den Dirnen sein Bett wärmen ließ? "Du vergisst dich, Roméro..." zischte sie ihm zu, und der Erbgraf hob entschuldigend die Hände. "Verzeih mir, süße Schwester, ich und mein loses Mundwerk..." Er wandte sich an den Grafen Endarion und meinte "Doch ich bin mir sicher, dass sich der Graf auch in dieser Sache ausschweigen wird. Zum einen, weil ich ihm einen Schweigemet in Aussicht gestellt habe, eine Einladung, die auszuschlagen sehr unhöflich wäre, und zum anderen, weil er ja bereits bewiesen hat, welch formvollendeter Ritter er ist. Wer hätte schon den weiten Weg im Winter nach Olathor auf sich genommen, um eine Haarspange zurück zu bringen, die durch eine Liederlichkeit meiner Schwester verloren gegangen war?" "Du bist heute unmöglich, Roméro..." murmelte Valésia, während sie den Blick senkte, und sich ihren groben Wollumhang ein wenig fester um den Körper zog. Er warf einen belustigten Blick auf seine Schwester und führte fort "Wie dem auch sei... Ich schätze eure Sorge um meine Schwester, verehrter Graf Endarion. Doch wollten wir auch nicht riskieren erkannt zu werden. Man weiß ja nie, wem man auf der Straße begegnet. Ganz besonders auf der Hauptstraße..." "Die Dirnen sind auch nicht gerade für ihre Verschwiegenheit bekannt." Roméro lachte "Ihr seid ein Schlitzohr, Graf Endarion, es scheint, als wären euch Tárhjarts Dirnen wohlbekannt..."

Graf Endarion blickte sich um, und auf Romeros Frage hin erklärte er, dass er seinen Knappen suchte. Er verfolgte die Fußspuren im Schnee und verschwand um die Ecke. Valésia nahm die Gelegenheit wahr, um eine leise Schimpftirade auf ihren Bruder loszulassen. "Was ist nur in dich gefahren, Roméro? Bist du betrunken?" Er grinste sie entschuldigend an und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und drückte ihr einen sachten Kuss auf die Stirn. "Noch nicht, liebe Schwester..."! feixte er und blickte ihr dann ernster ins Gesicht. "Verzeih einem Narren..." Er nahm sie bei der Hand und sagte "Komm, Frau von Lumpenstein..." und zog sie hinter sich, und bog mit ihr ebenfalls um die Ecke, wie noch vor wenigen Momenten der Graf Endarion. Ein wenig verwundert blickte Roméro dem davongeeilten Knappen hinterher und danach den falschen Grafen an. "Spielen wir nun Fangen?" grinste er, doch Endarion erklärte "Ich habe meinen Knappen voraus geschickt. Er sollte einen passenden Ort finden, der unseren Zwecken gereicht." Roméro nickte und ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. Der Schalk sprang ihm förmlich aus den Augen und er meinte zu dem Grafen "Ach, wie bin ich froh, euch begegnet zu sein, das wäre nur halb so spaßig gewesen. Ihr seid wahrlich aus dem rechten Holz geschnitzt..."

Sie folgten dem Grafen Endarion, und liefen ihm hinterher, durch verwinkelte Seitengässchen, und standen nach einer Weile an einer Ecktaverne, an der Hauptstraße, welche sie durch die Seitengassen erreicht hatten, die den für Roméro erheiternden Namen "Zur eisernen Jungfrau" trug. "Wahrlich züchtig und angemessen, oder gar eine Folterstube...?" grinste er. Graf Endarion ging vor und Roméro legte Valésia die Hand in den Rücken und schob sie durch die Türe und betrat als letzter schließlich auch die Schenke. Die Taverne war recht sauber und angenehm in ihrer Atmosphäre, trotz der Pfeifenkrautschwaden, und die drei Adeligen nahmen schließlich Platz. Roméro setzte sich an einen der Tische, und bedeutete mit einer Geste seiner Schwester, neben ihm Platz zu nehmen. Graf Endarion setzte sich den beiden gegenüber hin und Roméro wandte seinen Kopf, um den Wirten, oder eine Schankmaid auszumachen. Sein Blick kreuzte sich dann auch mit der Schankmaid und er hob die Hand. Sie nickte und trat schließlich an den Tisch heran. "Schönes Kind, bringt uns doch bitte eine Flasche eures besten Weins... Vielleicht habt ihr einen goldenen aus Alatea? Heute reut mich nichts..." meinte er verschmitzt und die Schankmaid nickte. Wenig später kam sie zurück mit einer beinahe edel anmutenden, grüngefärbten Flasche, sowie drei zinnernen Becher. "Zwei Heller.." forderte sie abwartend, als sie die Flasche in der Mitte des Tisches platzierte und jedem der Anwesenden einen Becher hinstellte. Roméro zog seinen Geldbeutel und kramte darin herum, bis er die geforderten Münzen fand. Er drückte sie der Schankmaid in die Hand und diese nickte dankend und zog dann wieder von dannen. Roméro nahm die Flasche und groß zuerst seiner Schwester, danach dem Grafen Endarion, und schließlich sich selbst ein. Er hob den Becher und prostete dem Grafen, sowie seiner Schwester zu. "Ah, ein wahrlich guter Tropfen..." seufzte er, als er den süßen Wein probiert hatte. "Ich vermisse Bodenverhältnisse in dem brachen Aramajé, wo Weinreben einen solch edlen Wein hervor zu bringen vermögen..." seufzte er und trank noch einen großen Schluck. Valésia nippte an ihrem Wein. Er war wirklich vorzüglich, doch ihr fehlte ein wenig die Stimmung, um den Wein wirklich genießen zu können. Immer wieder warf sie dem Grafen Endarion verstohlene Blicke zu und ärgerte sich ein wenig, dass ihr Bruder anwesend war. Sie überlegte einen Moment, und dann wandte sie sich an Roméro. "Wärst du wohl so nett, und besorgst mir einen heißen Tee? Ich friere ein wenig, und vielleicht möchte der Graf Endarion auch einen...?" Roméro nickte und erhob sich, und ging gemächlichen Schrittes an die Ausschank, welche sich am anderen Ende der Taverne befand.

Valésia indes wandte sich an den Grafen Endarion. "Bitte vergebt meinem Bruder, er meint es nicht so... Er ist heute wirklich närrisch, aber er ist ein herzensguter Mensch, er schießt manchmal über das Ziel hinaus, aber er ist wirklich ein Juwel. Er ist der Einzige, dem ich vertrauen kann, in dieser Schlangengrube von Adelsgesellschaft. Ich wage nicht einmal, meiner 'Vertrauten', der Hofdame Malinda, zu vertrauen, denn ich weiß nicht wirklich, wem ihre Loyalität gilt... In einer solchen Gesellschaft einen guten und ehrlichen Menschen zu finden, ist wahrhaftig ein Göttergeschenk..." Ihre Blicke waren vielsagend, und schließlich wanderte ihr Blick hinüber zu der Ausschank, wo Roméro sich lässig hingelümmelt hatte, und mit der Schankmaid zu plaudern begonnen hatte, so dass Valésia weitersprach. "Es ist mir sehr unangenehm, euch in diesem Aufzug begegnet zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass es töricht und närrisch wirkt, sich als jemand anderer auszugeben, der man eigentlich ist, aber ich dachte, es sei einmal etwas Anderes, es sollte auf keinen Fall spöttelnd oder abfällig gegenüber den Bürgerlichen sein, sich selbst als solche auszugeben... Es war ein kläglicher Versuch, dem starren, höfischen Zwang zu entkommen... Und doch bin ich euch wieder begegnet..." Sie wirkte sichtlich verlegen. Erneut wandte sie den Kopf zu ihrem Bruder, welcher nun mit einem Becher an der Ausschank stand, und der Schankmaid zuprostete, die ebenso einen Becher in der Hand hielt. Auch in Bauerngewändern hatte Roméro nichts von seinem edlen Aussehen verloren, was man der Körpersprache der Schankmaid erahnen konnte. Valésia nahm die günstige Gelegenheit wahr und wandte sich hastig wieder dem Grafen zu. Sie beugte sich ein wenig über den Tisch und flüsterte "Darf ich offen sprechen?" Sie nahm einen Schluck des guten Weins und begann schließlich "Ich kann an nichts anderes mehr denken, als an euch... Ihr habt meine Welt ins Wanken gebracht und es quält mich... Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, ein paar Sätze mit euch zu wechseln, die über diese höflich höfische Konversation, die mir so verhasst ist, hinausgingen. Ich habe euch gestern gefragt, ob ich euch wiedersehe, und da wart ihr plötzlich so kühl... Lag es daran, dass ich mich so vergessen hatte? Normalerweise bin ich gar nicht so... Das ist nur wegen euch... Wir beide sollten wissen, dass wir etwas Verbotenes getan haben, und doch gab es nie etwas reizenderes für mich, als euch begegnet zu sein. Ich denke ständig daran, wieso die Götter so grausam sind, und mir euch vor die Nase setzen, jetzt, wo ich den Erbprinz von Olathor ehelichen soll, den ich nie wollte... Ich bin nicht so närrisch, dass ich nicht weiß, dass es nicht sein kann... Und doch habe euch um ein Wiedersehen gebeten, wie eine ungezogene, närrische Bauerstochter... " Sie lächelte ein wenig traurig und setzte fort "Ich kann euch ja nicht einfach nach Burg Olathor einladen, genauso wenig wie ich einfach alleine die Burg verlassen kann... Ich bin mir nicht einmal sicher, was Roméro sagen würde, wenn er es wüsste, ich wage es nicht, ihn einzuweihen, um mir zu erhoffen, dass er auf meiner Seite ist... Aber ich bin den Göttern dankbar, dass ich noch die Gelegenheit bekommen habe, euch dies alles zu sagen, denn die nächsten Tage werde ich mit derlei vielen Dingen beschäftigt werden, dass ich bestimmt nicht mehr..." Sie hielt kurz inne und wandte sich wieder an die Ausschank, doch Roméro machte noch keinerlei Anstalten, sich wieder zu den Beiden zu gesellen. Sie sah den Grafen Endarion wieder an. Sie hielt irritiert für einen Moment inne und bemerkte schließlich, dass sie den Faden verloren hatte. "Verzeiht, ich bin eine unverbesserliche Närrin... Ich hätte nicht so mit euch sprechen dürfen. Bitte vergebt mir, und vergesst meine Worte wieder..." Sie kam sich so dumm vor, wäre am liebsten einfach aufgestanden und davon gelaufen, aber so senkte sie nur den Blick, umklammerte beinahe krampfhaft den zinnernen Becher und starrte in ihren Wein.

Sie kam nicht umhin, den Duft des Pfeifenkrautes, welcher sich in ihrem Haar abgesetzt hatte, zu bemerken. 'Sie werden es riechen, sie werden bemerken, dass wir nicht im Gebetstempel waren... Wohl kann ich meine Kleider ablegen, bevor wir in die Burg zurück kehren, doch den Tavernengeruch, welcher uns anhaftet, kann ich nicht ablegen...' dachte sie sorgenvoll bei sich. Hätte sie doch nie diesem närrischen Unterfangen zugestimmt!

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