Im goldenen Käfig
#97
Verloren in der Heimat ❖
baum-kein Wort wurde gesprochen. Und doch, so schien es Valésia, war diese Stille unsäglich laut. Neben dem romantischen Knacken des Holzes in der Feuerstelle vernahm man nur leise Geräusche, und jedes einzelne davon steigerte ihre Erregung umso mehr. Der Laut von sündigen Zungenküssen, das hörbare erregte Atmen, und dort, wo seine Finger in sie fanden, antwortete ihr Erdbeermund mit einem leisen, nassen Seufzen, wie auch das leise verzückte Stöhnen, das aus ihrem Mund in seinen Mund strömte, während sie sich immer leidenschaftlicher küssten. Sie war hungrig nach seinen Küssen und Berührungen. Die körperliche Liebe war geradezu schockierend für ihr die züchtig erzogene Komtess. Man hatte ihr stets eingetrichtert, wie schmutzig, schmerzhaft und widerlich der Gschlechtsakt sei, und irgendwie lag darin etwas Wahres. Und doch hatte ihr auch niemand erzählt, wie es auf der anderen Seite sein konnte. Zittern vor Verlangen, Hitze im Leib, Erregung, nicht nur jene im Kopf und Herzen, nein, auch wahrhaftige, körperliche Erregung, die einem den Verstand raubte. Dieses Gefühl, das mit nichts zu vergleichen war, wenn Endres sich in sie schob. Und irgendwie schämte sie sich für das, was sie fühlte. Für das, wie ihr Körper auf Endres reagierte. Für das, was ihr Mund nicht auszusprechen wagte, und doch sprach ihr Körper für sie. Und wie er sprach! Da war wieder dieses Geräusch ihrer Feuchte, das sich nun wie ein kleines Rinnsal anfühlte, als er sich in ihr auf und ab bewegte. Irgendwie vulgär. Und doch wunderschön, so schön, dass sie es immer und immer wieder mit ihm tun wollte. Das Allerschönste war jedoch, dass sie niemandem Rechenschaft ablegen, niemanden Rede und Antwort stehen und niemanden mehr gehorchen musste. Sie war frei und ungezwungen und an der Seite des Mannes der sie liebte, und den sie liebte! Sie schlief selig mit ihm in seinen Armen, und später an ihrer Seite ein, und ebenso erwachte sie an seiner Seite. Sie war glücklich! Sie war so wunschlos glücklich, wie ein Mensch nur sein konnte, der soviel verloren und doch auch soviel gewonnen hatte! So würde es nun immer sein. Bis ans Ende ihres Lebens, da war sie sich sicher. Und nichts und niemand konnte dieses Glück trüben.

Als Valésia erwachte und langsam die Augen aufschlug, blickte sie in Endres' Augen. Er lag neben ihr, ruhte auf dem Ellbogen, wie auch sein Kopf in seiner Hand ruhte. Sie war sich beiahe sicher, dass sie wach geworden war, weil er sie angestarrt hatte. "Guten Morgen, meine Schöne" sagte er, und da lächelte sie und erwiderte "Guten Morgen mein Liebster!" Sie schenkten sich einen Kuss, und ihr rutschte von hinten an sie heran und umschloss sie mit seinen Armen. Die Wärme des Bettes und seines nackten Körpers war so wohlig, dass sie keinerlei Ambitionen hatte, aus dem Bett zu schlüpfen. "Ich wünschte, wir könnten den ganzen Tag einfach hier im Bett liegen bleiben" meinte sie und lächelte verschämt. "Ein wenig länger können wir gewiss noch im Bett verweilen" erwiderte er und ehe sie es sich versahen, gaben sie sich erneut der körperlichen Liebe hin, Wer wollte es ihnen auch verbieten? Doch irgendwann war es an der Zeit, doch aus dem Bett aufzustehen. Valésia wusch sich die nötigsten Stellen ihres Körpers, bevor sie in ihr Kleid schlüpfte, und sich von Endres bei der Schnürung helfen ließ. Sie wiederum hatte Spaß daran, auch Endres beim ankleiden zu helfen. So gingen sie kurze Zeit später gut gelaunt in die Wirtstube, wo die Wirtsleute schon ein Frühstück bereitet hatten. Frisch gebackenes Brot, Butter, Käse, Schinken, gebratene Eier und heißer Kräutertee. In Aramajé oder Olathor hatte sie kein vergleichbares Frühstück bekommen, was aber an der Gesellschaft lag, in welcher sie sich befand. Endres war unwiderstehlich charmant, witzig und freundlich, ebenso wie es die Wirtleute waren, die alles daransetzten, ihre hohen Gäste zufriedenzustellen. Valésia biss in eine Scheibe Brot, dick mit Butter bestrichen und aß dazu ein wenig Schinken. Sie war so fröhlich und ausgelassen, dass sie sogar ihre feinen Manieren vergaß und die Scheibe Schinken zu einem Röllchen formte und dieses mit der Hand aß, ebenso wie sie die kleinen Käsewürfel mit Daumen und Zeigefinger in ihren Mund schob. Die grobe aus Eisen geschmiedete Gabel war ohnehin zu groß, schließlich war sie es gewöhnt, mit feinem, zierlichem Silberbesteck zu speisen. "Ich bin sehr, sehr glücklich mit dir, Endres" gestand sie ihm schließlich. "Das Leben könnte nicht schöner sein für mich, selbst wenn wir unser restliches Leben in so einer Bauernstube verbringen müssten. Solange du an meiner Seite bist. Ich weiß, du hast gesagt, dass wir heute schon weiterreisen werden, aber was hältst du davon, wenn wir noch eine Nacht hierbleiben? Es ist einfach so schön hier, und es tut uns ja auch gut, uns einmal ein wenig auszuruhen!" Endres ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen, bevor er sagte "Wenn du willst, bleiben wir gerne noch eine Nacht hier. Ich werde es den Wirtsleuten mitteilen."

Später fanden sie sich auf der Straße von Arjen. Es hatte in der Nacht wieder begonnen zu schneien, und so war alles in frischen Schnee getaucht. Die Dächer, die kahlen Äste der Bäume, die kleinen Fenster der Häuser, alles war wie mit Puderzucker bestreut. Und auch jetzt schneite es. Immer dichter begannen die Flocken, vom Himmel zu fallen. Valésia streckte ihr Gesicht zum Himmel und schloss die Augen, als vorwitzige Schneeflocken sich auf ihre Wimpern setzten, und sie so dazu zwangen. Und auch, wenn es wenig Grund zur Sorge gab erkannt zu werden, so zog Valésia doch vorsorglich die Kapuze ihres Umhangs in ihr Gesicht, als sie durch das kleine Städtchen liefen. Endres hatte ihr erklärt, dass es von äußerstem Vorteil war, wenn sie eine Karte der Umgebung erstehen könnten. Er war nicht aus Ariad und war dementsprechend nicht ortskundig, wie es auch Valésia selbstverständlich nicht war, Er machte ihr klar, dass es viel zu riskant war, nach Aramajé zu reisen, und so wollte er eine Karte besorgen, um sich einen Überblick zu verschaffen über die Orte die sie aufsuchen konnten, und am Ende doch an einen Hafen zu landen. Das erschien Valésia vernünftig und schlüssig. Wenn sie sich ehrlich war, so war sie ohnehin nicht von der Idee erbaut, nach Aramajé zu reisen. Am liebsten würde sie endlich ein Schiff besteigen, welches sie nach Paltoria zur Burg ihres Geliebten bringen würde. Burg Hohenehr. In Arjen gab es keinen eigenständigen Kartographen Laden. Wohl aber gab es einen Gemischtwarenladen, wo man allerlei Zeug kaufen konnte. Einfache Kleidung, Decken, Schaffelle, Lebensmittel, nun, im Winter eher Konserviertes und haltbar gemachtes wie eingelegte Gurken, und anderes Sauergemüse, luftgetrocknete Schinken, geräucherte Wurstwaren, Speck, Sauermilchkäse, Kompotte, Früchte in Honig oder Alkohol eingelegt, Mehl, Getreide, Hülsenfrüchte, Werkzeuge, Wolle, Nähzeug, und anderen Tand, aber auch einfache Karten der nahen Umgebungen. Und eine Karte war, was sie brauchen konnten. Während Valésia sich in dem Laden ein wenig umsah, überließ sie es Endres, eine passende Karte zu erstehen. Zumindest war es gut, zu wissen, dass es diesen Laden hier gab. Wenn sie dann weiterreisten, was vermutlich morgen der Fall war, dann konnten sie sich hier zumindest mit Vorräten für die Weiterreise eindecken, da sie zuletzt kaum mehr etwas hatten. Der Laden hatte etwas heimeliges. Ein paar Einheimische und der Krämer, dem der Laden gehörte, saßen um ein umgedrehtes Fass nahe einer Feuerstelle und tranken heißes Bier und unterhielten sich, denn einen Tisch gab es hier nicht, und es befand sich, von Valésia und Endres abgesehen, keine Kundschaft in den Laden. Die meisten Menschen gingen zu dieser Tageszeit ihrer Arbeit nach. Die Herumsitzenden nahmen kaum Notiz von den Beiden. Da ging die Türe auf und ein großer bäriger Mann betrat den Laden. Der Krämer blickte auf. "Ah! Aelfric! Dich hab' ich ja schon länger nicht mehr gesehen! Komm, setz dich zu uns und trink was Warmes mit uns! Was gibt es so in Thale? Und was bringst du uns für Neuigkeiten?" Der Bär schnaufte, schüttelte sich den Schnee von den Schultern und lüpfte die Kapuze. "Ein Rudel Wölfe treibt in dieser Gegend sein Unwesen, hab' ich gehört. Die scheinen ziemlich ausgehungert zu sein. Sollte man vorsichtig sein dieser Tage" schnaufte er und blickte sich um. "Was macht ihr hier eigentlich? Hat der Graf von Aramajé nicht landesweite Trauer angeordnet? Und ihr sitzt hier zusammen und sauft fröhlich Bier? Und das am Vormittag?" Er setzte ein Grinsen auf, als die Runde ihn mit gespielter Entrüstung anblickte "Wir trauern doch! Sieht man das nicht? Wir trinken auf die Komtess von Aramajé, möge sie in Frieden ruhen!" "Also mir ist das völlig egal. Wir alle müssen sterben! Was kümmerts mich, wenn so ein adeliges Püppchen aus dem Leben scheidet?" meinte einer der Kerle und nahm einen beherzten Schluck aus dem Tonbecher. Das versetzte Valésia einen kleinen Stich im Herzen. Und sie wusste nicht einmal, wieso. Was so ein Bauernlümmel sagte, konnte, oder vielmehr sollte ihr völlig egal sein. Das war es aber nicht. "Sag doch sowas nicht, das arme Ding! Das hat kein Mensch verdienst! Und außerdem, und darauf heb ich meinen Becher, sagt man der Komtess nach, dass sie ein sehr gutherziger und großzügiger Mensch war! Sie hat stets ein Herz für die Armen gehabt, so sagt man. Sie hat den Bittstellern an den Tempel immer ihren Geldbeutel geöffnet, und gegeben, was sie konnte. So erzählt man sich. Und in Aramajé war sie darum sehr beliebt. Und von bildschönem Anblick. Schade um so ein junges Ding. Da gibt’s ganz andere, die einen solchen Tod verdient hätten!" Der Krämer blickte zu seiner Verkaufsbudel. "Ich komme schon, junger Mann!" Valésia verließ den Laden, während Endres eine Karte erstand. Sie konnte das Geschwätz der Männer nicht mehr ertragen. Und sie wusste, wenn Männer zu viel Bier tranken, wurde es in Gesprächen meist unflätig, und darauf hatte sie keine Lust. Sie wartete, bis Endres aus dem Laden kam. "Ist alles in Ordnung?" erkundigte er sich bei ihr, und sie nickte. "Es geht mir gut. Ich glaube nur, es wird noch eine Weile dauern, bis ich mich an meinen Tod gewöhnt habe" zuckte sie die Schultern.
#98
Der Krämer und der Lügner ❖
baum-endres zog sich den Mantel etwas enger um den Leib, da es zu schneien begonnen hatte. Aus seinem Mund und seiner Nase stiegen winzige, weiße Wölkchen auf und der dunkle Wollstoff wirkte beinahe wie mit schimmernden Diamanten besetzt. Fast wie ein königlicher Mantel. Doch nur für einen Augenblick, denn der Schneefall wollte nicht enden und schon bald waren seine Schultern, der Rücken und seine Kapuze gänzlich von dem Weiß bedeckt. »Ach, ich hatte mich schon gefreut, den eisigen Winter hinter uns gelassen zu haben.«, seufzte Endres. »Doch scheinbar eilt uns der Winter mit großen Schritten nach, als ob er uns in diesem Land gefangen setzen möchte.« Endres bot Valésia seinen angewinkelten Arm dar, so dass sie sich einhaken konnte, um gemeinsam mit ihr über den Burghof zu wandeln. Da Valésia den Wunsch geäußert hatte noch eine weite Nacht an diesem Ort zu verbleiben, hatte Endres dies umgehend in die Wege geleitet. Jeder Tag, der sie vom Hafen fernhielt, war ein Tag Aufschub mehr, bei dem Endres mehr Zeit gewann. Zeit darüber nachzudenken, wie es nun weitergehen sollte. Er wollte Valésia nicht vergrämen. Aber er musste ihr doch irgendwann einmal die Wahrheit offenbaren? Und so sehr es ihm auch widerstrebte, war ihm klar, dass es eines Tages keinen weiteren Aufschub und keine weiteren Ausreden mehr geben würde. Und war es nicht besser, wenn sie es von ihm erfahren würde, als von jemand anderen?

Doch Endres schob diese düsteren Gedanken achtlos beiseite. Es waren schwermütige Gedanken und Endres wollte sich einfach nicht damit belasten, besonders solange es nicht nötig war. Erst letzte Nacht hatte er die Wonnen der Lust mit Valésia geteilt. Nun war doch ein gänzlich unpassender Zeitpunkt um über derlei Dinge zu sprechen. Und da Endres den schönen Anblick der nackten Komtess jedes Mal aufs Neue genoss, würde dies doch nur alles verderben und er würde sie vielleicht nie wieder nackt sehen, oder gar in sie eindringen dürfen. Oh, und welch wunderbares Gefühl dies doch war, mit dieser hochwohlgeborenen und blutjungen Frau das Lager zu teilen! Sein Gemächt in sie zu stoßen, ihre Verzückungen zu erfahren und seinen Samen in ihr zu versprühen. Endres war von Valésia und ihrer Anmut derart einvernommen, dass jeder Gedanke daran sie zu verlieren eine untröstliche Bitterkeit in ihm auslöste. Nein, es musste einen anderen Ausweg geben. Er musste einen besseren Weg finden, wie er Valésia an sich binden konnte und dies für alle Zeiten, denn sie war sein Juwel. Die größte seine Eroberungen und das Edelste, dass er je hatte rauben können.

Für den Augenblick genoss Endres ihre Nähe, als Valésia sich in seinen Arm eingehakt hatte und sie gemächlich an den Häusern entlang spazierten, bis sie schließlich einen Krämer fanden. Natürlich war diese Stadt viel zu klein, als dass ein Kartograph hier einen eigenen Laden hätte. Wer sollte die Karten auch schon kaufen? Wenn es einen solchen gab, dann vermutlich in den Diensten des Fürsten dieser Stadt, der diese Karten eigens für seinen Herrn anfertigte. Doch Endres wollte sein Glück dennoch wagen, denn nichts lag ihm ferner als Fremde nach dem Weg zu fragen. Bot man auf diese Weise doch die eigene, unzulängliche Blöße dar. Man war ein Fremder, der nicht einmal wusste welche Orte, Burgen und Städte sich in der Nähe befanden. Ein gefundenes Fressen für Wegelagerer, Beutelschneider und andere Spießgesellen. Und Endres wollte jedes unnötige Ungemach tunlichst vermeiden.

Wie zu erwarten, hatte der Krämer zwar sehr viele, verschiedene Waren im Angebot, doch wenn es im Reisekarten ging, sah es eher mau aus. »Guter Herr …«, begann Endres und ertappte sich dabei, wie er verstohlen zu den anderen Kerlen schielte, denn er witterte hinter jedem Kerl, der zu einer solchen Tageszeit in einem Krämerladen herumlungern konnte, einen zwielichtigen Halsabschneider. »Ich komme schon, junger Mann!« Der Krämer kam angelaufen und Valésia verließ den Laden. Endres sah ihr verwundert nach, doch konnte er sich wohl schon denken, was ihr aufs Gemüt geschlagen hatte. Die derben Worte der Männer, welche über sie gesprochen hatten, ohne zu wissen, dass sie es war, über die sie sprachen. »Wie kann ich dienlich sein, werter Herr?«, erkundigte sich der Krämer, als er schließlich an seinem Verkaufspult angelangt war. »Nun, wie ihr zweifellos erkennen mögt, sind wir nicht von hier…«, begann Endres und der Krämer lächelte dünn. »Nein, fürwahr. Ich kenne so ziemlich jeden aus Arjen, und euch habe ich noch nie gesehen. Was führt euch hierher, wenn mir diese Frage gestattet ist?« Endres setzte ein gespieltes, unbekümmertes Lächeln auf. »Meine Schwester und ich …« Endres deutete in Richtung der Tür, durch welche Valésia soeben entschwunden war. »…wir sind auf der Reise nach…« Endres stockte für einen Moment, denn er wusste nicht einmal wie dieser Ort in Aramajé eigentlich hieß. Doch er wusste, dass weit im Süden des Landes die größte Stadt des Westens war. Oshkïr. Die Perle des Südens, wie manche sie nannten. »…Oshkïr. Unser Schwager wohnt nicht weit von Oshkïr, im Fürstentum Thagnir und hat zu seiner Hochzeit geladen.« Der Krämer lächelte freundlich. »Ach Hochzeiten. Da kommt die Familie aus allen Winkeln des Landes zusammen.« Endres nickte und der Krämer seufzte. »Aber wie kann ich euch nun behilflich sein, werter Herr?« Endres hüstelte verlegen und dämpfte die Stimme und beugte sich zu dem Mann etwas vor. »Es ist mir etwas unangenehm, aber wir haben unseren Geleitbrief verloren. Wegelagerer haben uns auf dem Weg nach Arjen aufgelauert und unsere Habe, unsere Barschaft und den Geleitbrief gestohlen.« Da schnalzte der Krämer mit der Zunge. »Das ist wirklich bedauerlich! Mein Mitgefühl für derlei Ungemach. Und meine tiefste Vergebung, dass euch dies nahe Arjen widerfahren musste.« Endres winkte dankbar ab. »Es ist ja nicht eure Schuld, werter Herr…« Endres machte eine bedeutungsvolle Pause und sah den Krämer dabei fragend an. »…Auwein. Arnhelm Auwein, zu euren Diensten.« Der Krämer verbeugte sich und Endres lächelte dünn. »Sehr erfreut. Mein Name lautet Ehrbrunn, Eskel Ehrbrunn.« »Ehrbrunn, ich kannte einen Mann aus Ehrbrunn, wie hieß er doch gleich?« Der Krämer begann nachdenklich zu grübeln und Endres ertappte sich dabei wie er verlegen hüstelte. So ein unglücklicher Zufall! Doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Er schalt sich insgeheim einen unsäglichen Pechvogel, dass er ausgerechnet einen Namen gewählt hatte, den es wirklich gab, und ausgerechnet dieser Krämer diesen auch noch kannte. Doch er spielte es gekonnt herunter, indem er den Mann nur wissbegierige Blicke zuwarf. Als wäre er höchst interessiert daran den Namen dieses Mannes zu erfahren. »Ah, Alhold Ehrbrunn! Jetzt fällts mir wieder ein. Ein guter Mann. Er macht die besten Kerzen in ganz Aramajé!« Endres lächelte dünn. »Ja, so sagt man.« Endres hielt sich mit den Worten bedeckt, denn jedes falsch gewählte Wort, könnte in eine Falle führen, die dieser Krämer aufdecken konnte. Doch wenn dies der Fall war, so ließ er es sich nicht anmerken. »Nun, ihr könnt natürlich bei unserem Herrn vorsprechen gehen und ihn um einen neuen Geleitbrief bitten. Wenn ihr noch eine so weite Reise vor euch habt, wäre es teuer und töricht sie ohne diesen fortzuführen.« Endres nickte dankend und lächelte dabei mit einer Freundlichkeit eines gelehrten Speichelleckers würdig. »Habt Dank. Wir werden es natürlich versuchen. Doch da wir nicht von edlem Geblüt, sondern nur dem einfachen Landadel zugehörig sind, wird euer Herr uns vermutlich gar nicht erst empfangen wollen. Alles was wir besitzen ist unser guter Name und die Kleidung, die wir am Leibe tragen. Und so ein Geleitbrief ist unsagbar kostspielig.« Da seufzte der Krämer. Endres hatte natürlich bewusst seine Worte gewählt, da er gar nicht verhindern konnte, dass diese seltsamen Gestalten das Gespräch mitanhören würden. Und so wollte er gleich klarstellen, dass es bei ihnen nichts zu holen gab. Weder das schnelle Geld durch einen Raub, noch ein mögliches Lösegeld, wenn man zwei Adelige gefangen nahm um deren Familie zu erpressen. »Vermutlich habt ihr Recht. Doch wie sagt man so schön? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?« Da musste Endres, zur Abwechslung einmal, ehrlich lachen. Das war weitestgehend sein Leitspruch gewesen. Und er hatte so viel gewagt und so hoch gepokert, dass er am Ende das Herz der schönsten Frau des Landes erobert und seinen besten Freund verloren hatte. Ein teuer erkauftes Wagnis. »Fürwahr, guter Mann.«

Endres lehnte sich, nun da die Spannung zwischen den beiden Männern etwas gelockert worden war, mit dem Ellenbogen gegen das Verkaufspult. »Nun, wir sind natürlich nicht in euren Laden gekommen um über Hochzeiten, Geleitbriefe und Kerzen aus Ehrbrunn zu sprechen.« Da nickte der Krämer andächtig. »Oh, natürlich. Wie unhöflich von mir. Verzeiht mir meine Neugier!« Endres winkte gönnerhaft und verzog dabei seinen linken Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. »Eure Neugier gereicht euch zugute, werter Arnhelm Auwein. Man kann schließlich nie wissen welch‘ üble Gestalten, Sittenstrolche, Fahnenflüchtige oder gar Hochwohlgeborene auf der Flucht sich nach Arjen verirren.« Bei diesen Worten nickte der Krämer, als ob er sich von Endres Worten bestätigt fühlte und Endres lächelte dünn, da in diesen Worten doch geschickt die Wahrheit verborgen lag. »Wie sagte mein Vater stets? Vorsicht ist besser als Nachsicht.« »Euer Vater ist ein weiser Mann, Herr Eskel Ehrbrunn. Doch genug der Freundlichkeiten. Wie kann ich euch behilflich sein? Ich hoffe mein bescheidener Laden führt was ihr benötigt?« Endres ließ seine Blicke über die ausgelegten Lebensmittel und all die nützlichen Alltagsgegenstände schweifen. »Gewiss. Meine Schwester und ich benötigen etwas Proviant. Aber es muss kostengünstig sein, denn wie ihr wisst…« Der Krämer nickte. »Ja, die Wegelagerer. Ich verstehe. Ich habe da einige gute Angebote! Zum Beispiel diese Selchwurst. Sie ist schon etwas älter, daher würde ich sie zu einem guten Preis abgeben. Und dieser Käse…« Er nahm ein Stück Käse und schnitt den Schimmel, der sich bereits auf dem Käse angelegt hatte, mit einem Messer ab. »Mein Schwager ist der Bäcker hier am Hof, ich werde ein gutes Wort für euch einlegen, denn ihr scheint ein ehrlicher Mann zu sein. Vielleicht hat er ein paar überschüssige Brote für euch.« Endres nickte. »Das ist wirklich zu gütig, verehrter Herr Auwein. Allerdings habe ich noch ein anderes, vielleicht ungewöhnliches, Anliegen. Unser Schwager hat vor vielen Jahren das Glück im Süden gesucht, doch meine Schwester und meine Wenigkeit sind fast nie aus Ehrbrunn entflohen. So beschämend es sich auch anhören mag, wir wissen natürlich, dass es in Aramajé und Thagnir so manche bekannte Stadt oder Burg gibt. Doch zu unserem Leidwesen, und durch den Verlust unseres Geleitbriefes, sehen wir uns nun dazu gezwungen, einen kleinen Umweg einzuschlagen, um die unnötigen Kosten durch die Stadtzölle und Wegmauten möglichst gering zu halten. Ihr versteht?« Der Krämer nickte, doch schien er noch nicht zu verstehen, worauf Endres eigentlich hinauswollte.

Und schließlich kam Endres auf den Punkt. »Ihr habt nicht zufällig eine Karte in eurem Angebot? Es muss keine detaillierte Landkarte sein. Eine Jagdkarte oder eine Handelskarte würde völlig ausreichen. Einfach dass wir wissen welche Orte sich in der Nähe von Arjen befinden.« Da seufzte der Krämer resignierend. »Oh, mit Verlaub. Ich bin wirklich untröstlich. Doch eine solche Karte habe ich leider nicht in meinem Angebot. Doch wenn ihr nach Oshkïr reisen wollt, gibt es von Arjen aus nur zwei Wege. Durch den Köhlerwald, oder über die Furtwangen. Und vom Köhlerwald würde ich euch tunlichst abraten.« Endres legte den Kopf ein wenig schief und sah den Krämer fragend an. »Im Köhlerwald lauern Wegelagerer und Räuber. Ich selbst wurde einmal dort bis auf das Unterkleid ausgezogen! Nur mein Leben haben sie mir gelassen, diese verdammten Strolche!« Endres seufzte. Diesen Weg hatte er eigentlich einschlagen wollen, denn der Weg führte sie nicht noch tiefer nach Aramajé hinein. »Außerdem gibt es dort Wölfe und Bären! Fragt unseren Aelfric!« Der Krämer rief dem bärtigen Mann zu welcher daraufhin nur seinen Humpen erhob und nickte. »Ja, Wölfe! Und Schattenunholde!« Er lachte dabei und Endres sah ihn nur verwundert an. Er hatte noch nie von einem Schattenunhold gehört. Vermutlich war es ein regionaler Aberglaube, auf den Endres nicht viel gab. »Nun wir wollten eigentlich mit dem Schiff nach Oshkïr segeln und von dort aus weiterreisen. Doch nun…« Endres seufzte theatralisch. »…ich fürchte unsere Barschaft reicht nicht mehr aus um eine solch teure Überfahrt bezahlen zu können, doch wir sind doch streng genommen Fremde im eigenen Land. Es ist mir äußerst unangenehm.« Endres jammerte und stellte seine ganze Armseligkeit bravourös zur Schau. Und es zeigte Wirkung. Der Krämer seufzte mitleidig. »Also ich kann euch leider keine Karte anbieten, werter Herr Ehrbrunn. Doch die Furtwangen kann man nicht verfehlen. Ihr müsst von Arjen aus nur nach Süden reisen, bis ihr auf Aramea trefft. Unser guter Aelfric stammt von dort!« Endres warf dem Mann einen flüchtigen Blick zu, doch dieser Kerl wirkte so grobschlächtig wie ein Mann der einen Baum mit bloßen Händen aus dem Boden reißen konnte und so wandte er den Blick rasch wieder ab. »Von Aramea aus müsst ihr nur dem Fluss Arame folgen bis ihr an die nördlichen Ausläufer des Kornelgebirges kommt. Die Schürfstadt Ajaran ist von dort aus kaum zu verfehlen. Und wenn ihr die große Wehrburg hinter euch gelassen habt, gibt es nur noch eine Straße, welche direkt bis in die Furtwangen zu den Zwillingen führt.« Der Krämer lächelte freundlich und Endres erwiderte diese mit einem dünnen Lächeln. »Das hat mir schon sehr geholfen. Würdet ihr denn so freundlich sein und eine Tasche mit etwas Proviant, ein paar Zundern und einer kleinen Seife vorbereiten? Ich würde es dann morgen, vor unserer Abreise abholen und derweil euren Schwager besuchen gehen.« Da nickte der Krämer geschäftig. »Aber mit Freuden.« Endres kramte in seinem Beutel und fischte dann zwei angelaufene Silbermünzen hervor und legte sie auf den Tisch. »Verzeiht, doch mehr habe ich leider nicht mehr. Ich hoffe, dass dies ausreicht?«, Da nickte der Krämer eifrig. »Aber gewiss. Es ist nicht die Welt, aber ich verstehe eure missliche Lage. Ich werde euch eine ausgewogene Reisetasche zusammenstellen. Seid versichert!« Endres nickte dankend und wollte sich zum Gehen abwenden, doch der Krämer hielt ihn noch zurück. »Einen Moment. Mein Schwager wird euch das Brot nicht umsonst überlassen.« Er kramte in seiner Schatulle und förderte drei Kupferstücke daraus hervor. »Das sollte für ein gutes Brot reichen. Sagt ihm, dass ihr mit Empfehlung von Herrn Auwein kommt.« Endres nahm die Münzen an sich, lächelte dankbar und verließ dann den Krämerladen.

Vor der Tür angekommen, fand er Valésia, die ihren Blick gen Himmel gerichtet hatte und sich von den Schneeflocken liebkosen ließ. »Ist alles in Ordnung, meine Liebste?«, erkundigte sich Endres. »Du bist so rasch verschwunden. Ich habe mir Sorgen gemacht.« Valésia ließ sich von Endres wieder führen und er schenkte ihr ein beherztes Lächeln. »Wir haben eine Empfehlung vom Krämer. Sein Schwager führt die hiesige Backstube und wir können dort ein Brot in seinem Namen erstehen. Außerdem habe ich eine Reisetasche in Auftrag gegeben mit Proviant und allerlei nützlicher Dinge. Leider hatte er keine Karte, doch habe ich eine gute Wegbeschreibung bekommen. Unser Weg wird uns in die Furtwangen führen. Davon hast du doch sicher schon gehört oder? Die berühmten Zwillinge. Die Städte Ahrwart und Furtwart, die über die berühmte Stramark Brücke verbunden sind.« Endres lächelte zufrieden und strich Valésia eine dicke Schneeflocke aus dem Haar. Natürlich kannte sie die berühmte, zweigeteilte Stadt im Süden Aramajés, die sich mit der nördlichsten Stadt Thagnirs ein ständiges Wetteifern um die Brückenzölle leistete. Die Handelsstraße wurde auch Bernsteinstraße genannt, da die goldenen Kostbarkeiten aus Aramajé über eben jene Brücke nach Thagnir und bis in die freien Städte im Süden verbreitet wurden. Und dieser Weg führte sie unweigerlich, wenn auch nur teilweise, durch das Fürstentum Aramajé, aber fort vom großen Hafen. Und damit fort von einem Schiff nach Paltoria. Von den Zwillingen aus würden sie dann noch weiter nach Süden reisen. Nach Thagnir. Oder vielleicht sogar in eine der freien Städte?

Als sie schließlich den Bäcker verlassen hatten, mit zwei schönen Laiben Brot, entschlossen sie sich schließlich zum Wehrmann zurück zu kehren. Die Wirtsleute ließen sich vermutlich abermals nicht lumpen und würden erneut vorzügliche Speisen auftischen. Und Endres wurde dabei schon ganz schwindelig, wenn es schlussendlich um die Bezahlung gehen würde. Doch um dieses Joch würde er nicht herumkommen. Ihre Pferde standen in den Ställen des Wirtshauses unter. Ihre gesamte Habe war im Haus. Und täten sie die Zeche prellen, würden sie vermutlich nicht einmal über das Stadttor hinauskommen, bis sie aufgegriffen werden würden. Und dann drohte schlimmeres als die Enttarnung! In diesen sauren Apfel würde Endres beißen müssen. Und es wird nicht der letzte saure Apfel auf ihrer Reise sein, dessen war er sich gewiss. Und so würden Endres und Valésia am morgigen Tag schließlich Arjen verlassen. Mit zwei gestriegelten und satten Pferden, vollen Reisetaschen, der Tasche des Krämers und den Broten des Bäckers. Und ganze sieben Silberstücke ärmer, als zu ihrer Ankunft. Und dies war erst der Anfang. Denn von nun an würde jedes Gasthaus, jede Stadtmaut und schlussendlich der Brückenzoll nach und nach ihre Geldbörse schröpfen.

Doch auf dem Weg zum Wehrmann blieben die Beiden weder unbemerkt, noch unbehelligt. Seit geraumer Zeit fühlte Endres sich verfolgt, doch immer dann, wenn er einen verstohlenen Blick über die Schulter warf, sah er keine verdächtigen Gestalten. Und just in dem Moment, als er sich wieder umwandte, stand mit einem Mal dieser bärtige Aelfric vor ihnen. Es war kein Zufall, dass sich ihre Wege hier kreuzten. Ganz gewiss nicht. Denn er stand nicht einfach auf der Straße. Er hatte sich ihnen ganz bewusst in den Weg gestellt und zwang die beiden innezuhalten. »Können wir euch behilflich sein?«, erkundigte Endres mit aller gebotenen Höflichkeit und einer mitschwingenden Beklommenheit, die sich langsam in seinen Gliedern ausbreitete. »Ich kam nicht umhin euer Gespräch mit dem Krämer zu hören.«, begann der große Mann und Endres legte eine, halbwegs entrüstete aber bedacht zurückhaltende Stimme auf. »Habt ihr etwa gelauscht?«, verlangte Endres zu wissen, was dem Mann nur ein müdes Lächeln abringen konnte. »Mit Verlaub, es war kaum zu überhören. Ich habe gewiss nicht gelauscht, doch die wenigen Worte, die ich verstehen konnte, haben mir gereicht.« Endres verzog mürrisch seine Mundwinkel und verengte seine Augen zu zwei misstrauischen Schlitzen. »Und was ist euer Begehr, werter Herr?« Endres versuchte es mit der höfischen Höflichkeit der Bessergestellten, doch bei diesem Mann biss er damit förmlich auf Granit. »Ich wollte euch meine Dienste anbieten. Ihr seid fremd in diesen Landen und wie ihr vielleicht gehört habt, treiben hungrige Wölfe ihr Unwesen in dieser Gegend. Es wäre doch tragisch, sollte euch auf eurer Reise etwas zustoßen, nicht wahr?« Für Endres klang dies beinahe wie eine unterschwellige Drohung und er wollte diesen Mann so schnell wie möglich einfach nur abwimmeln. »Und welcher Art sind eure Dienste, wenn die Frage gestattet ist?« Aelfric lächelte, doch konnte man das, wegen seines dichten Bartes, kaum erkennen. »Geleitdienst. Ich hörte, dass ihr auf dem Weg nach Aramea seid. Und wie es der Zufall so will, führt mich mein Weg in ebendiese Richtung.« Endres dachte sich, dass es wohl kaum ein Aufwand für diesen Kerl war, wenn er ohnehin auf dem Weg dorthin sein würde. Doch er hütete sich dies laut auszusprechen. »Was soll uns euer Dienst wohl kosten?«, fragte Endres stattdessen und der Mann hob seine rechte Hand und öffnete die Faust zu einer vollen Fünf…
#99
Katz und Maus ❖
baum-beklommenheit bemächtigte sich der Komtess von Aramajé, als dieser riesige Mann sich ihnen plötzlich in den Weg stellte. Zwar war es nicht so, dass er sie bedrohte, und seine Worte waren nicht unfreundlich, aber alles in allem wirkte es so, als legte er es bewusst darauf an, eine unangenehme und bedrohliche Stimmung zu erzeugen. Valésia hatte sich den Namen dieses Bauern, oder was auch immer er darstellen sollte, selbstverständlich nicht gemerkt. Aber er war es gewesen, welcher dieses pikante Thema über sie überhaupt angestoßen hatte. Endres erkundigte sich, ob er was brauche, ob man ihm behilflich sein könne. Natürlich war dies eine rein rhetorische Frage. Und er kam ohne große Umschweife zum Wesentlichen. Er bot ihnen Geleitdienst an. Es wäre Valésia nicht in den Sinn gekommen, dass sie diesen Mann brauchten, hatten sie ihre Reise doch schon seit geraumer Zeit ohne Geleitdienst bewältigt. Doch er argumentierte, dass dieser Tage in dieser Gegend Bären und ein Wolfsrudel ihr Unwesen trieben, und die Art und Weise wie er betonte, dass es jammerschade wäre, wenn ihnen etwas zustoßen sollte, klang in Valésias Ohren wie eine unterschwellige Drohung. Er wollte fünf Silberstücke für sein Geleit und es war mehr als offensichtlich, dass es ihm lediglich um Profit ging, da sein Weg ihn ohnehin nach Aramea führte, wie er behauptete. Fünf Silberstücke waren nun auch nicht wenig Geld, aber vermutlich dachte er, dass für sie beide, unübersehbar von Adel, jene fünf Silberstücke keine große Angelegenheit waren. Aber konnten sie dieses Angebot überhaupt ausschlagen, ohne diesen Mann zu erzürnen oder zu beleidigen und ihn damit vielleicht erst auf unlautere Gedanken zu bringen, wenn er denselben Weg beschritt? Vielleicht würde er nach Ablehnung ihre Verfolgung aufnehmen, ein Katz und Maus Spiel spielen, vielleicht hatte er sogar Kumpane im Hintergrund, die dann Wegelagerer mimten? Valésia war nicht wohl bei dem Gedanken, dass er sie begleiten sollte. Allerdings war Vaésia auch unwohl bei dem Gedanken, wenn er sie nicht begleiten würde. Der Kerl wirkte in keiner Weise vertrauenswürdig. Doch vielleicht, da er nun in ihren Weg getreten war, vielleicht war es besser, ihn im Auge zu behalten? Oder war es besser, ihn sich vom Leib zu halten? Aber wie konnte man diesen Kerl abweisen, ohne ihn zu beleidigen und damit gar erst zu provozieren? Und schließlich schien Endres auch zu zögern, dieses Angebot anzunehmen, oder abzulehnen. Aelfric, der Endres' Zögern bemerkte, wandte sich schließlich an Valésia. "Wenn ihr erlaubt, ich kenne den Weg gut und bringe Euch wohlbehalten ans Ziel. Der Winter ist schon lange, die Wölfe sind ausgehungert. Und in den Wäldern haben nicht nur die Wölfe und Bären scharfe Zähne. Sondern auch die Wegelagerer. Für eine Dame wie Euch wäre es doch gewiss beruhigend, einen wachsamen Blick mehr an eurer Seite zu wissen?" Vermutlich dachte er, sie wäre nur ein reiches, verwöhntes Fräulein. Doch bei Hof gab es mehr Intrigen und Feinde, als man als Außenstehender denken würde. Vielleicht war Valésia unerfahren. Aber nicht dumm. Er hatte Recht, der Winter war lang und ein ausgehungertes Wolfsrudel konnte zu einem Problem werden. Den Schweiß der Pferde würden sie wittern, wenn sie nicht allzu weit entfernt waren. Valésia hob den Blick und blickte ihn ebenso direkt an, wie er es tat. "Wie war noch Euer Name?" "Aelfric, wenns beliebt." "Wir danken euch für eure Freundlichkeit und eure Besorgnis, Herr Aelfric. Und ihr habt recht, dass es vernünftig ist, achtsam zu reisen und freundliche Hilfe wie die Eure anzunehmen, wenn sie einem angeboten wird. Aber fünf Silberstücke sind etwas hoch angesetzt, wenn man bedenkt, dass ihr den Weg ohnehin beschreiten müsst. Wir können euch drei Silberstücke zahlen. Eines bei Reiseantritt, die anderen zwei bei guter Ankunft in Aramea. Seid ihr mit diesen Bedingungen einverstanden, Herr Aelfric?" Verhandeln, das hatte sie von ihrem Vater gelernt. Graf Gunther von Aramajé war kein Mann, der sich von irgendwem bedrängen ließ, und nichts anderes hatte Aelfric getan, dessen war Valésia sich sicher. Aelfric glotzte sie erst schweigend an, dann verzog er seinen Mund unter dem Bart zu einem breiten Grinsen. Und dann begann er laut zu lachen. "Ein unbeugsames Fräulein seid ihr! Das gefällt mir! Mit euch wird die Reise bestimmt nicht langweilig! Handschlag drauf!" Er reichte Endres die Hand, um den Handel zu besiegeln. Valésia schenkte er ein leichtes Kopfnicken und Valésia lächelte den Mann warm an. "Ich werde unserem Wirten Herrn Wehrmann von Eurem freundlichen Angebot berichten. Er wird sicherlich erfreut sein, in seinem Dorf so aufrechte, hilfsbereite Bürger zu wissen." Damit drückte sie subtil aus, dass er es gar nicht erst versuchen brauchte, irgendwelche krummen Dinge zu versuchen. Sollte etwas passieren, so wusste man zumindest bei wem man anklopfen musste. Aelfric verbeugte sich. "Wir werden uns morgen bei Tagesanbruch auf den Weg machen. Bis dahin gehabt euch wohl!" Er wandte sich ab und stapfte von dannen, und nun endlich war der Weg frei, zurück in die Schenke zu gehen.

"Ich hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich das Gespräch so bestimmend geführt habe. Doch es erschien mir als einzige passable Lösung. Ich habe kein gutes Gefühl, wenn ich ehrlich sein soll. Doch wenn es stimmt, dass hier ein Wolfsrudel umherstreift, habe ich ebenso wenig ein gutes Gefühl." meinte Valésia, als sie langsam, ihre Hand an seinem Arm untergehakt, zurück zum "Wehrmann" schritten. Die Zeit bis zum Abendessen vertrieben sich die beiden oben in ihrem Zimmer. Doch sie lagen einfach nur auf dem Bett, Valésia hatte ihren Kopf auf Endres' Schulter gelegt, ihre Hand in der seinen. Sie lauschte seinem Herzschlag und hatte die Augen geschlossen. Sie konnte nicht glücklicher sein in diesem Moment, ganz nahe bei dem Mann, den sie liebte. Sie musste eingedöst sein, denn ein Klopfen riss sie aus einem Schlummer. Verwirrt blickte sie sich um. "Das Abendmahl ist bereit, die Herrschaften!" drang eine Stimme durch die Tür. Es war die Stimme der jungen Wirtstochter. Man hatte eine Gans geschlachtet, sie mit Äpfeln, Zwiebeln und Weissbrot gefüllt, und langsam über Feuer gebraten. Dazu gab es gesottenes Rotkraut. Die Wirtin hatte eine Zwiebelpastete dazu gebacken und einen Brombeerkuchen. Sie legte sich wirklich ins Zeug, ihren einzigen Gästen einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten. Dafür erwarteten sie ja auch eine entsprechende Entlohnung. In den Bechern befand sich passend zum Mahl ein kräftiger Rotwein, wunderbar gesüßt mit Honig und gekocht mit Gewürzen aus fernen Ländern. Valesia ass gerne und gut, sie hatte, seit sie mit Endres umherzog, einen richtigen Appetit entwickelt. Ihr neues Leben, und wie es sich entwickelt hatte, gefiel ihr ausgesprochen gut. Sie freute sich schon auf Paltoria. Nach dem Essen schritten sie wieder auf ihr Zimmer. Die Laune war gut und der Wein tat sein Übriges. Zum Schlafen zog sich die Komtess aus, und gar nicht erst wieder an. Wozu auch? Spätestens, wenn sie im Bett nebeneinander lagen, fielen die Kleidungsstücke erst wieder von ihren Leibern. Es fiel ihnen beiden schwer, die Hände voneinander zu lassen. Und konnte es einen schöneren Zeitvertreib geben, als sich, nackte Haut an nackter Haut unter einer Daunenbettdecke ganz nahe zu sein? Und je öfter sie miteinander das Lager teilten, desto vertrauter wurde Endres ihr. Desto mutiger und offener wurde sie. Mittlerweile fand sie nichts mehr dabei, sich ihm nackt zu zeigen, ebenso wie sie nichts dabei fand, Endres nackt zu sehen. Sie beugte sich über ihn und streichelte seine Brust, und ihr braungoldenes Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, und auf seine Brust und wie ein schützender Vorhang vor ihre beiden Gesichter, der sie verbarg, als sich ihre Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss trafen. Sie spürte seine Hand, die sich über ihre volle, weiche Brust legte, und diese sanft drückte, und ihre Hand glitt über seinen Bauch und legte sich vorsichtig auf sein hartes Gemächt. Es pochte und zuckte fordernd, und Valésia schloss ihre Hand darum. Es fühlte sich samtig und weich an. Endres legte seine freie Hand darüber und zeigte ihr, wie sie es massieren musste, um ihm süße Wonne zu bereiten. Und während sie tat, wie ihr geheißen, wanderte seine Hand an ihren Schoß um ihre kleine Perle zu streicheln, die sich zwischen ihren Beinen verbarg, umschlossen von ihrem Erdbeermund. Ihr Schoss wurde immer feuchter und sehnte sich nach Endres' hartem Gemächt, das ihr so unvorstellbare Lust bereitete. Und schließlich gab er ihr, was sie so sehnsüchtig verlangte, und nahm sich, was auch er wollte.

Am nächsten Tag bei Tagesanbruch wartete Aelfric schon auf sie. Er hatte ebenso ein Pferd bei sich. Ob es seines war oder ob er es sich ausgeliehen hatte, war nicht zu erkennen. Aber ohne Pferd hätte er sie ohnehin nur aufgehalten. Der Krämer hatte das Verpflegungspaket in aller Frühe, als es noch dunkel war, im Wirtshaus abgegeben und Endres verstaute dieses in der Satteltasche an seinem Pferd, nicht, ohne zu prüfen, ob seine Habe, nämlich die in Gold und Silber, noch vollständig war. Immerhin hatte er eine großzügige Zeche zu bezahlen gehabt, und wer wusste schon, wer ihm dabei zugesehen hatte, oder wer davon wusste. Das Silberstück, das Aelfric, wie vereinbart bei Reiseantritt erhalten sollte, hielt er in der geballten Faust. Aelfric selbst war gut vorbereitet. Am Rücken trug er eine Axt in einem Lederriemen, der zu einer Schlaufe geformt war. Ein praktisches Werkzeug, aber auch eine durchtriebene Waffe. Sie mussten sich eilen, dass sie abends die nächste Unterkunft erreichten. Ob das nun eine Bauernstube, ein Wirtshaus in einem Dorf, oder ähnliches war. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, es herrschte die blaue Stunde, und am Horizont sah man leichtes goldenes warmes Licht. Die Pferde scharrten schon ungeduldig mit den Hufen und stießen dampfende Atemwolken aus. Valésia hatte sich in einen dunkelblauen, dicht gewebten Wollmantel mit großer Kapuze gehüllt. Es war ein eher einfaches Stück. Sie bevorzugte es, auf der Reise nicht allzu viel Aufsehen zu erregen, schließlich konnte man nie wissen, wer einem begegnete, denn sie befanden sich immer noch in Aramajé, das Lehen ihres Vaters. Endres half, galant wie er nun einmal war, der Komtess in den Sattel. Sie hatte den züchtigen Damensattel hinter sich gelassen und ihn schon vor einer Weile gegen einen normalen Herrensattel eingetauscht. Das war zwar reichlich ungewöhnlich und sie hatte einen konsternierten Blick kassiert, doch diese Idee war die beste gewesen, die ihr nur hatte einfallen können, schließlich waren sie lange unterwegs, und so ein Herrensattel war, so unzüchtig er für eine hohe Dame auch sein mochte, doch weitaus bequemer.
Lügen um Lügen und nichts als Lügen ❖
baum-der nächste Tag war angebrochen und Valésia und Endres machten sich bereit, die Stadt zu verlassen. Der Krämer hatte, wie versprochen, eine Tasche mit Proviant geliefert und die Pferde waren wohl versorgt worden. Endres steckte dem Stallburschen, zum Dank für seine gute Arbeit, nochmals eine kupferne Münze zu. Und mit der Zeche, die für die Wirtsleute zu entrichten worden war, dem Lohn für den Krämer und dem Sold für diesen seltsamen Aelfric, beliefen sich die Ausgaben der letzten beiden Tage auf Sage und Schreibe elf Silbermünzen. Weitere zwei wären noch zu entrichten, wenn dieser Kerl am Tor auch heute Wachdienst schieben würde. Und da es nur ein Tor aus der Stadt herausgab, führte auch kein Weg daran vorbei. Endres führte die Pferde auf den Hof und half Valésia in den Sattel, bevor er an Aelfric herantrat, um diesem die silberne Münze zu überreichen. »Ich hoffe ihr seid euer Silber wert, guter Mann. Ich möchte es nur ungern verschwendet haben, denn jede Münze die wir ausgeben müssen, lastet gleich doppelt schwer« Der stämmige Mann schnaubte und nahm die Münze entgegen. »Oh, seid euch gewiss, ihr habt eine gute Wahl getroffen.« Er steckte die Münze in seinen Lederbeutel und stieg dann ebenso auf sein Pferd auf und versetzte diesem dann einen Tritt in die Seiten, so dass es sich sogleich in Bewegung setzte.

Endres und Valésia hielten etwas Abstand zu ihrem Führer, der sich ihnen förmlich selbst aufgedrängt hatte. Wäre doch nur Valerion noch am Leben, dachte sich Endres, dann wäre ihnen so ein Ungemach zweifellos erspart geblieben. Und Endres kam nicht umhin sich zu wünschen, er hätte mehr mit dem Schwert geübt, um es solchen Haderlumpen unter die Nase zu halten, wenn es nötig war. Doch Endres war nicht aus solchem Holz geschnitzt. Seine Talente waren anderer Natur. Und solange sie sich auf Reisen befanden, waren seine Talente eher nutzlos.

Sie erreichten das Tor und Endres stellte mit zaudern fest, dass dieser Wachmann vom gestrigen Tage auch heute am Tor stand. Er zügelte sein Pferd und gebot Valésia es ihm gleichzutun. »Das Glück ist uns erneut nicht hold. Es ist wie verhext.«, maulte Endres und zog sich die Kapuze auf den Kopf, während er sein Pferd hinter Valésias Pferd dirigierte. Doch der Wachmann schenkte Aelfric kaum Beachtung, als er das Tor passieren wollte. Er nickte nur und sah ihn dabei kaum an. In Endres keimte die Hoffnung auf, dass es ihnen ebenso ergehen würde aber bevor sie sich in Bewegung setzen konnten, zügelte Aelfric sein Pferd, als er bemerkte, dass Endres und Valésia nicht bei ihm waren und wandte sich im Sattel zu ihnen um. Seine Blicke zeugten von Verwirrung und einer gewissen Ungeduld. »Sputet euch, hohe Herren. Wir haben eine lange Reise vor uns und der Winter ist uns dicht auf den Fersen!« Der Wachmann hob daraufhin seinen Kopf und sah in eben jene Richtung, in welche Aelfric soeben gerufen hatte, doch da Endres von Valésia abgeschirmt wurde, und Valésia beim Eintritt in die Stadt hinter Endres geritten war, schien er sie nicht sogleich zu erkennen. Er wandte sich stattdessen an Aelfric. »Lange Reise, Aelfric?« Der bärtige Mann nickte und zog dabei etwas ruppig an den Zügeln, da sein Pferd zu tänzeln begonnen hatte. »Ja, ich geleite diese zwei Geschwister nach Aramea.« Da nickte der Wachmann. »Ah, hast du wieder jemanden gefunden…« Mehr sagte der Wachmann nicht, als Aelfic ihm einen funkelnden Blick zuwarf und der Wachmann zuckte nur mit den Achseln und wedelte mit der rechten Hand, zum Zeichen, dass er passieren solle. Endres gab seinem Pferd die Fersen und schloss auf Aelfric auf. »Ihr da!«, rief der Wachmann, als Endres das Tor erreicht hatte und dieser zwang sein Pferd zum Halten. »Auf ein Wort.« Endres wandte sich dem Wachmann zu, welcher an sein Pferd herangetreten war und die Zügel des Pferdes ergriffen hatte. »Zu meinem Bedauern muss ich euch mitteilen, dass unsere Reiter weder eure Habe noch den gestohlene Geleitbrief mitgebracht haben.« Er setzte eine entschuldigende Miene auf, doch man erkannte, dass dieses Bedauern nur eine gespielte Fassade war. Vermutlich war es ihm herzlich egal und nun da diese Fremden die Stadt wieder verließen auch nicht mehr weiter seine Sorge. Endres seufzte theatralisch. Zum einen um den Worten des Mannes eine passende Reaktion zu bieten und zum anderen, dass dieser Mann ein so gutes Gedächtnis hatte, dass er sich sowohl an Endres und Valésia erinnerte, als auch an seine aufgetischte Geschichte von den Rittern, die diese Wegelagerer jagen würden. »Ja, das ist wirklich sehr bedauerlich.« »Nichtsdestotrotz wünsche ich euch noch eine gute Reise, und den Segen der Drei.« Endres nickte dankbar den Kopf und schenkte dem Mann ein mildes Lächeln. »Euch auch, guter Mann. Euch auch« Der Wachmann nickte und ließ die Beiden schließlich unbehelligt passieren. Er warf Endres einen allerdings noch einen langen, misstrauischen Blick zu und Aelfric wendete sein immer ungeduldiger werdendes Pferd. »Wieviel Sold habt ihr denn vereinbart, wenn ich fragen darf?«, rief der Wachmann zu Aelfric herüber. »Drei Silbermünzen, hat mir die junge Dame in Aussicht gestellt…« »In Aussicht gestellt?«, hakte der Wachmann nach und seine Blicke huschten zwischen Endres und Valésia immer wieder hin und her. »Nun, ich habe eine Mark in Anzahlung erhalten. Zwei weitere, wenn wir das Ziel erreicht haben.« Der Wachmann seufzte. »Ihr scheint wirklich jede Münze doppelt umdrehen zu müssen.« Er warf Aelfric daraufhin einen seltsamen Blick zu, bevor er sich wieder an Endres wandte. »Ihr habt doch sicher noch mehr als eine Silbermünze bei euch? Sollte dies eine Art Versicherung sein, damit Aelfric euch auf halbem Weg nicht einfach im Stich lässt?« Er lachte dabei und es klang beinahe wie das Grunzen eines Schweins. »Oder nicht? Wie gedenkt ihr diese Schulden zu begleichen?« Endres blähte seine Wangen auf, um zu protestieren. »Guter Mann! Ich muss doch sehr bitten. Eure Fragen sind äußerst indiskret. Was erdreistet ihr euch eigentlich auf diese Weise mit mir zu sprechen?« Endres versuchte den Zügel seines Pferdes aus der Hand des Wachmanns zu zerren, doch dieser gab nicht nach. »Ich bitte vielmals um Vergebung, euer Gnaden.« spottete der Wachmann. »Doch ihr könnt ja gerne beim Burgvogt eine Beschwerde einreichen, wenn es euch beliebt.« Da verzog Endres mürrisch den Mundwinkel. »Das wird nicht nötig sein.« Da grinste der Wachmann. »Dachte ich es mir doch.« Doch da erwiderte Endres das Lächeln. »Eine Entschuldigung reicht völlig.« Der Wachmann glotzte ihn einfach nur an, doch die Entschuldigung blieb er ihm schuldig. »Ihr seid Fremde hier. Und ihr redet sehr viel, wie mir scheint.« Endres seufzte schwermütig. »Wir sind einfach gebrannte Kinder. Die jüngsten Erfahrungen in diesen Landen haben uns die Vorsicht gelehrt.« Da nickte der Wachmann mürrisch. Erneut warf er Aelfric einen seltsamen Blick zu und löste sich dann schließlich von Endres um sich wieder dem Tor zu widmen. »Das ist ein weiser Gedanke…«

Endres vernahm eine seltsame Stimme in seinem Ohr. Dieser Wachmann wirkte auf ihn, als ob er nicht alles aussprach, was er dachte. Doch seine Worte hatten nun die Aufmerksamkeit ihres Begleiters geweckt. Aelfric hingegen schien von dem Verlauf des Gespräches noch weniger begeistert zu sein als der Endres. »Was hat das zu bedeuten? Ihr habt nicht genug Geld? Habt ihr mir deshalb nur eine Mark gegeben, da ihr gar nicht mehr besitzt und wolltet ihr in Aramea dann die restlichen zwei Münzen schuldig bleiben?« Endres hob abwehrend die Hände. »Nein, bei den Dreien.«, versuchte Endres sich zu entschuldigen. Doch so sehr er sich auch das Hirn zermarterte, ihm wollte auf Anhieb einfach keine gute Ausrede mehr einfallen. »Guter Mann.«, wandte er sich schließlich an den Wachposten und begann sich eine Geschichte zurecht zu legen, die irgendwie plausibel klingen mochte. »Es liegt mir absolut fern einen guten, ehrlichen Mann um seinen verdienten Lohn zu prellen. Wir befinden uns nur in einer misslichen Lage.« Was Endres in dem Moment dachte, sprach er lieber nicht laut aus. Diese Beiden steckten doch unter einer Decke! Gerade er, ein Hochstapler und Betrüger konnte seinesgleichen meilenweit gegen den Wind riechen. Die beiden heckten etwas aus. Dessen war sich Endres gewiss. Vermutlich wollten sie sie ausrauben und dann die Beute teilen. Doch Endres würde sich nicht so leicht geschlagen geben. »Guter Mann. Ich schwöre, bei den Dreien und bei der Seele meiner gnädigen Mutter. Ihr werdet euren versprochenen Lohn erhalten, wenn wir erst unser Ziel erreicht haben. Doch wie ihr zweifellos gemerkt habt, hat der Winter die Stadt eingeholt. Und wir haben noch eine lange Reise vor uns und können es uns noch weniger leisten eingeschneit zu werden und hier festzusitzen. Ich würde es daher wirklich begrüßen, wenn wir dieses unsägliche Gespräch endlich beenden könnten. Ich möchte ungern mitten im Nirgendwo im Schnee stranden. Nicht bei diesem Wetter und dem zurückkehrenden Winter.» Der Wachmann zog an Endres Zügeln und brachte ihn dazu, den Satz abrupt zu beenden. »Auf die Drei zu schwören und dabei zu lügen, ist eine schwere Sünde. Ich werde Aelfric bei seiner Rückkehr fragen, ob er seinen Lohn erhalten hatte. Und für den Fall, dass ihr hier versucht mich zum Narren zu halten… «, brummte der Wachmann und Endres schaukelte unweigerlich im Sattel, als sein Pferd zu scheuen begann, ob dieser ruppigen und plötzlichen Bewegung.

Endres verfluchte ihre Entscheidung nicht einfach im Schutze der Nacht, still und heimlich verschwunden zu sein. So wären sie diesen Kerl losgeworden, hätten die Stadtmaut umgangen, da irgendwann im Laufe des Tages zweifellos eine Wachablöse stattgefunden hätte, und dieses unsägliche, vermaledeite und unglaublich befremdliche Gespräch vermieden. Als Endres sein Pferd wieder beruhigt hatte, wandte er sich wieder dem ruppigen Wachmann zu. »Es ist mir wirklich sehr unangenehm, und ich schäme mich, für all das Ungemach, welches sich hier aufgetan hat. Doch es ist wirklich nicht nötig mit verborgenen Drohungen zu gebärden, seid gewiss. Und ich schwöre euch, bei allem was mir heilig ist…« Vieles war Endres nicht heilig. Daher konnte er getrost auf alles was ihm heilig war einen Schwur leisten, da dieser Schwur genauso viel wert war, wie Hundescheiße an der Schuhsohle. »…nichts läge mir Ferner als euch zum Narren halten zu wollen, oder gar zu betrügen!« Der Wachmann schnaubte nur. »Ihr müsst mir glauben, dass wir keine bösartigen Absichten hegten.« Der Wachmann grunzte doch er ließ sich von Endres Wortschwall einlullen. »Nun, ihr wirkt zumindest reuig und aufrichtig.« Endres nickte dankbar. »Nun, wir haben natürlich schon, bevor wir Arjen erreicht hatten, einen Boten zu meinem Vetter schicken lassen mit der Bitte um einen Geldwechsel. Dieser sollte hoffentlich bald eintreffen, so dass wir diesen in Bares einwechseln können.« Der Wachmann entspannte sich ein wenig, aber nicht genug, um Endres das Gefühl zu geben, dass die brenzlige Situation sich entschärfen würde. »Wenn dieser Schuldschein eingetroffen ist, könnt ihr ihn beim Zöllner gegen Silber wechseln.« Da räusperte sich Endres. »Der Geldwechsel wird in Aramea hinterlegt, nicht hier in Arjen. Dies war nicht meine Entscheidung, werter Herr, denn mein Vetter hat ja nichts davon gewusst, dass wir in Arjen rasten würden. Dies ist auch der Grund für unsere überstürzte Abreise. Gerne hätten wir noch einige Nächte in eurer schönen Stadt zugebracht. Die guten Leute vom Wehrmann haben wirklich eine vorzügliche Gaststube. Und das Essen…« Endres zog das letzte Wort theatralisch in die Länge. Der Wachmann kniff nur seine Augen zusammen. »Wir wollten nach Aramea reisen, den Geldwechsel einfordern und dann einen Boten nach Arjen entsenden, der unsere Habe und den Geleitbrief abholen soll, sollten eure edlen Ritter diese doch zurückerlangt haben.» Und ihr erwartet, dass ich euch das so abkaufe? Für wie einfältig haltet ihr mich eigentlich?«, wetterte der Wachmann, der nicht ganz so einfältig war, wie Endres es erhofft hatte. Endres hob abwehrend die Hände. »Bei den Dreien, nicht doch. Solch eine Dreistigkeit käme mir nie in den Sinn. Doch ich muss doch sehr bitten! Euer Verhalten uns gegenüber ist wirklich sehr ungebührlich!« Der Wachmann brummte, doch gänzlich überzeugt wirkte er nicht. Allerdings hatte Endres resolutes Auftreten zumindest eine Wirkung erzielt. Er lockerte schließlich den Griff um Endres Zügel und wandte sich an Aelfric. Aelfric grunzte missmutig und zog an den Zügeln seines Pferdes, um es dazu zu bewegen, noch etwas näher an Endres und den Wachmann zu schreiten. »Nun. Ich glaube euch. Doch wie es scheint, habt ihr versucht mich an der Nase herumzuführen und meinen Geleitschutz zu einem günstigeren Preis zu erhalten. Doch ich bin gewillt Großzügigkeit walten zu lassen, doch das wird euch aber nochmal drei Silbermünzen kosten, guter Mann.« Er grinste dabei breit und Endres‘ Blick verdunkelte sich, wenn auch nur so wenig, dass man es kaum merken konnte. Aus den Augenwinkeln konnte Endres erkennen, dass der Wachmann ebenfalls ein diebisches Grinsen zu unterdrücken versuchte. Und da war Endres schlussendlich klar, dass dies hier eine abgekartete Sache war, und die beiden unter einer Decke steckten. Sie wollten sie nach Strich und Faden ausnehmen. Doch alles, was Endres nun interessierte, war von diesem Tor wegzukommen. »Aber gewiss doch. Dies klingt nur angemessen.« Da nickte der Wachmann und reichte Aelfric die Hand. »Hand drauf. Ein Wort von Mann zu Mann.« Aelfric schlug ein und damit war der Wachmann wohl zufrieden und ließ Endres Zügel endlich frei.

Endres fühlte sich in diesem Moment wie ein schwerfälliger Kahn der in einem Unwetter hin und her geworfen wurde, und auf dem besten Wege war gnadenlos unterzugehen. Wenn ihm nicht bald eine schlaue Lösung einfallen würde, wie er seinen Kopf aus dieser Schlinge ziehen konnte, würde sich diese unweigerlich so fest um seinen Hals ziehen, bis ihm die Luft abgeschnürt werden würde. Doch die Reise nach Aramea würde ungefähr drei Tage in Anspruch nehmen. Dies würde, so hoffte Endres, genug Zeit sein, um sich einen schlauen Plan zu überlegen. Und zu allem Übel noch hatte Valésia von dieser Schmach, der Endres soeben ausgesetzt worden war, sicherlich einiges mitbekommen. Wie mochte sie wohl darüber denken? All diese Lügen, die Endres hier auftischen musste, von denen sie annehmen musste, dass sie nicht der Wahrheit entsprachen? Endres trottete auf seinem Pferd neben Valésia her und ergriff ihre Hand. »Meine Schöne. Zweifellos stellst du dir berechtigte Fragen. Doch lass mich dir sagen. Ich habe in Olathor etwas verloren, dass mich seit jeher davor bewahrt hatte, unnötige Fehler zu begehen. Ich bin untröstlich. Ich habe nur versucht etwas Geld zu sparen, damit wir bis nach Paltoria damit auskommen. Und was hat es uns gebracht? Noch mehr Geld ausgeben. Valerion hätte diese Situation deutlich besser gemeistert und ich habe ihn in den letzten Augenblicken wahrlich schmerzlich vermisst. Ich habe, bei dem Versuch möglichst unauffällig zu bleiben genau das Gegenteil bewirkt. Rückwirkend betrachtet hätte ich doch einfach die Stadtmaut begleichen sollen. Du musst mich für einen Narren halten…doch diese Beiden…die hecken etwas aus. Da bin ich mir sicher! Wir müssen auf der Hut sein.« Endres schüttelte verlegen den Kopf. Ja, Valerion hätte ihm längst einen Tritt verpasst, oder wäre ihm auf die Füße gestiegen. Doch nun war Endres mit all seiner eitlen Wortgewandtheit auf sich allein gestellt, zusammen mit einer Frau, der er das Herz gestohlen hatte, die aber scheu wie ein Reh war. Und Valésia folgte ihm wie ein stummer Vogel, den er aus dem goldenen Käfig befreit hatte und nun einem leuchtenden Stern in das gelobte Land folgte. Sie war hübsch und jung. Doch auch in gewisser Weise naiv und zu Anmut und Demut erzogen worden. Sie war keine Lügnerin, wie er. Sie war eine Dame von hoher Geburt. Wie konnte er sie nur in eine solche unangemessene und verlegene Situation manövrieren? »Ich gelobe, in Zukunft umsichtiger zu sein, meine Schöne. Und wenn ich erneut eine solche Narretei begehe, dann darfst du mir gerne ins Wort fallen um mich…« Endres räusperte sich. »…uns vor solchen Leuten oder schlimmerem Unheil zu bewahren.«
In zweifelhafter Gesellschaft ❖
baum-die Pferde setzten sich in Bewegung. Voran ritt Aelfric, gefolgt von Endres und Valésia, welche ihre Reittiere in etwas gebührendem Abstand zu ihm hielten. Valésia wusste immer noch nicht, was sie von ihm halten sollte, und wann immer sie einen Blick auf seine Axt warf, die er geschultert trug, so beschlich sie ein ungutes Gefühl. Doch es half nichts, sie mussten ihm vertrauen, denn andernfalls war alles bereits verloren, noch bevor es wirklich begonnen hatte. Es war eisig kalt an diesem Morgen, und die Komtess versuchte, ihre Röcke, die durch die für eine Dame von Adel ungewohnte Position im Herrensattel nach oben geschoben wurden, wieder nach unten zu ziehen, was mehr schlecht als recht gelang. Dafür ließ sich wenigstens ihr Mantel ausbreiten, sodass sie nicht allzu sehr fror. Sie ritten in gemächlichen Schritt durch Arjen, bis sie nach einer kurzen Weile das Stadttor passierten. Der Wachmann richtete das Wort an Aelfric, und sie tauschten kurz angebunden einige Worte aus, bevor sich der Wachmann an Endres wandte. Erst berichtete er ihm, dass die gestohlene Habe nicht abgegeben worden war, dann erkundigte er sich, nicht ohne dabei beträchtliches Misstrauen walten zu lassen, wieviel sie mit Aelfric für seine Dienste vereinbart hatten, und schlussendlich wurde es wirklich unangenehm, als der Burgvogt mit ins Spiel gebracht wurde. Nein, alles, nur das nicht! Doch die Komtess von Aramajé war viel zu gut erzogen, um sich in dieses Gespräch einzumischen und Endres noch mehr Probleme zu bereiten. Er hatte sich eigentlich gut geschlagen, und Valésia hatte mehr und mehr das Gefühl beschlichen, dass hier etwas nicht mit Rechten Dingen zuging. Doch Valésia verstand Endres in diesem Moment wirklich nicht. Und noch weniger diesen ungebührlichen Wachmann, der sich mehr als einmal im Ton vergriffen hatte. Valésia verstand die Welt nicht mehr, und ihr war diese Diskussion mehr als nur unangenehm. Ihr Pferd begann unruhig zu tänzeln, was in Anbetracht der Tatsache, dass es eiskalt war und die Muskeln des Pferdes sich noch nicht mal warmgelaufen hatten, nicht verwunderlich war. Letzten Endes hatte Endres mit seiner Geschichte erreicht, dass Aelfric drei weitere Mark in Aussicht gestellte wurden, um ihn zu beschwichtigen. Valésia verstand, dass dieser Kerl nicht geheuer war. Und ihn gegen sich aufzubringen wäre vermutlich höchst unklug gewesen. Doch dass Endres, diese fünf Silbermark ganz sicherlich nicht zu zahlen gedachte, wenn er ein derartig hanebüches Lügenkonstrukt ersonnen hatte, war Valésia ebenso klar. Sie konnte nur nicht sehen, wie sie sich aus dieser prekären Situation befreien sollten. 

Valésia war erleichtert, als sie endlich das Stadttor passieren durften, und zumindest diesen Wachmann hinter sich lassen konnten, der diese Schmach miterlebt hatte. Vielleicht war es für Endres keine Schmach, wohl aber für Valésia, die sich noch niemals mit solchen Kleinigkeiten hatte behelligen lassen müssen. Doch dass dieses Schauspiel am Tor in Wahrheit vielleicht einen ganz anderen Grund gehabt hatte, das wollte ihr einfach nicht in den Sinn. Der Wachmann war doch ein Mann der Stadt. Er hatte einen Eid geschworen. Er war ein rechtschaffener, ehrlicher Mann. Warum nur hatte er sich so seltsam verhalten? Endres schloss zu Valésia auf und griff schließlich nach ihrer Hand. "Meine Schöne. Zweifellos stellst du dir berechtigte Fragen." Da nickte Valésia, auch, wenn sie darauf noch nichts entgegnete. Doch Endres war sichtlich entschlossen, ihr diese unrühmliche Angelegenheit zu erklären und so sprach er weiter. Er erinnerte sie daran, dass er in Olathor etwas verloren hatte, dass ihn seit jeher davor bewahrt hatte, Fehler zu begehen. Valésia sah ihn fragend an, denn sie wusste nicht, was er damit meinte. Doch sie ließ ihn weiterreden, denn oftmals erübrigten sich gewisse Fragen, wenn man Menschen einfach weitersprechen ließ. Und so war es auch. "Valerion hätte diese Situation deutlich besser gemeistert und ich habe ihn in den letzten Augenblicken wahrlich schmerzlich vermisst." Sie verstand. Und es tat ihr leid, dass er mit diesem schmerzlichen Verlust zu kämpfen hatte. Ganz sicherlich hatte ihn der Tod seines Knappen, den alle mit eigenen Augen hatten mit ansehen müssen, zutiefst erschüttert, und vielleicht war dies auch ein Grund, warum er so völlig neben sich stand. "Du musst mich für einen Narren halten. Doch diese Beiden…die hecken etwas aus. Da bin ich mir sicher! Wir müssen auf der Hut sein." Valésia seufzte doch kam sie nicht umhin einen unsicheren Blick auf Aelfric zu werfen. Und auch nicht, einen sorgenvollen Blick über die Schulter, zurück zu dem Wachmann, zu wagen. Was sollte sie dazu schon sagen? Auf der einen Seite hatte er mit seinen Worten völlig Recht, auf der anderen Seite war diese Flucht aus Olathor, mit all ihren vielseitigen Facetten vermutlich mehr als überfordernd für sie beide. Er hatte bewiesen, was in ihm steckte. Er hatte sie, wenn auch mit reichlich Hilfe ihres Bruders, aus den Fängen Meriks von Olathor befreit, und sie einfach mit sich genommen. So etwas konnte man nicht planen, und über all dem stand noch dieser furchtbare Verlust von seinem Knappen durch Enthauptung. Wie konnte sie von ihm erwarten, dass alles wie am Schnürchen lief? "Endres, mein Liebster…" sagte sie mit leiser Stimme, denn auch ihr Verhältnis zueinander, so wie Aelfric es zu glauben wusste, war nicht das was es war. Sie waren nicht Bruder und Schwester. Sie waren ein Liebespaar. "Ich halte dich nicht für einen Narren. Im Gegenteil, ich halte dich für mutiger, als die meisten, denen ich je begegnet bin. Aber lass mich dir eines sagen…" führte sie fort und schenkte ihm ein belustigtes Lächeln. ".. das eben, war sehr unangenehm. Und nun mache ich mir große Sorgen. Dieser Aelfric wirkt auch auf mich nicht sehr geheuer." Endres versprach ihr, in Zukunft umsichtiger zu sein, und er ermutigte sie sogar, dass sie das nächste Mal etwas sagen sollte, wenn er sie wieder ein eine solche Narretei manövrierte. Valésia schenkte ihm ein warmes Lächeln und nickte. Sie war es nicht gewohnt, dass man sie ermutigte, ihre Meinung kundzutun, denn in den Kreisen, in welchen sie sich bewegte, war die Meinung einer Frau nur selten, bis gar nicht von Relevanz. Überhaupt erschien es ihr, dass er, Endres Endarion von Hohenehr, ganz anders war, als die meisten anderen Adeligen. Er gestattete er ihr Freiheiten, die sie noch niemals erhalten hatte. Auch wenn sie noch keinen Bund geschlossen hatten, und er streng genommen noch nicht ihr Gemahl war. Doch war ein Versprechen auf Papier, ein solches Gelöbnis, ohnehin nur eine förmliche Angelegenheit. Denn sie hatten sich gegenseitig ihre Liebe gestanden, und, diese Liebe auch körperlich miteinander vollzogen. Mehrmals. Das wog in Ariad sogar schwerer als ein Ehevertrag und war faktisch unlösbar. Und dennoch träumte Valésia schon längst von einer prächtigen Hochzeit mit ihrem Liebsten, und die begann wie jedermann wusste, mit einem förmlichen Antrag. Doch war es wohl noch nicht angebracht. Endres befand sich in Trauer, wie er ihr deutlich gezeigt hatte, und erst wohl mussten sie Paltoria erreichen, bevor dies bewerkstelligt werden konnte.

Sie befanden sich schon seit Stunden auf Reisen. Ein scharfer Wind pfiff Ihnen um die Ohren, und auch, wenn der Himmel klar und wolkenlos war, wärmte die Sonne, die strahlend schien, kaum. Mittags machten Sie eine kurze Rast, um zu essen, die Pferde etwas Heu aus einem Ballen, den sie mitgenommen hatten, fressen und sich ausruhen zu lassen, und dann ging es auch schon weiter. Aelfric warf einen Blick in den Himmel und anschließend auf den Horizont. "Wenn wir in diesem Tempo weiterkommen, dann haben wir bei Einbruch der Dunkelheit etwa ein Drittel des Weges geschafft. Derweil verläuft alles nach Plan. Wir sollten bis zum Nachmittag, und auf jeden Fall vor Einbruch der Dunkelheit den Wald erreicht haben, denn wir müssen uns ein Nachtlager bauen. In der gesamten Gegend gibt es keine Gasthäuser oder Bauernhöfe, bei welchen wir um Unterkunft bitten können. Ich hoffe, das ist euch beiden klar. Der Weg führt, wenn ihr das mitbekommen habt, in eine Talsenke. Dort ist es immer um ein paar Grad kälter als anderswo. Dazu hat sich die gesamte Wolkendecke verzogen, und zu guter Letzt noch der Wind. Wenn das alles so bleibt, und davon geh ich aus, bedeutet das, dass es heute Nacht bitterkalt sein wird. Dagegen müssen wir uns wappnen und uns einen Unterschlupf bauen. Heute Nacht müsst ihr eure adelige Würde ablegen…" grinste er. Valésia fragte sich, was er damit meinte, doch sie wagte nicht, ihn danach zu fragen. Sehr wahrscheinlich würde sie es schon noch erfahren.

Am Nachmittag erreichten sie, wie von Aelfric versprochen, den Waldesrand. Es war laut seiner Schätzung noch etwa eine Stunde bis Sonnenuntergang, und als sie ein wenig tiefer in den Tannenwald eingedrungen waren, hielt er sie innezuhalten. "Wir machen Halt für heute." Er wandte sich an Endres. "Ihr und ich, wird werden jetzt einen Unterschlupf bauen. Und damit dem Fräulein nicht kalt wird beim Zuschauen, kann es Feuerholz sammeln gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, also verzeiht, wenn ich sage 'Hopp, hopp!'" Er wandte sich an Valésia. "Verschwendet nicht eure Zeit und Energie, feuchtes Holz einzusammeln!" Valésia blickte ihn fragend an "Aber, welches Holz sollte ich dann suchen?" Soviel wusste auch sie als Komtess, die mit solchen Dingen eigentlich gar nichts am Hut hatte: Frisches, lebendiges Holz brannte nicht. Nur totes, trockenes Holz. Aber damit erschöpfte sich ihr Wissen auch schon. "Ihr müsst nach Totholz suchen, welches nicht den Boden berührt. Schaut in den tieferen Zweigen der Tannen nach abgebrochenen Ästen, vielleicht solche, die in den Zweigen hängen geblieben sind, oder nicht ganz durchgebrochen, aber dennoch tot sind. Vielleicht findet ihr gar einen toten Baum. Stark harziges Totholz ist ideal, Harz ist wie ein Brandbeschleuniger. Von mir, Fräulein, könnt ihr eine Menge lernen, das könnt ihr mir glauben!" Er schenkte ihr ein Lächeln, das alles und nichts bedeuten konnte. "Und entfernt euch nicht zu weit. Man weiß nie, was in den Wäldern lauert. Wölfe, Bären, Gespenster, Wegelagerer oder anderes Gesindel… Abschüssiges Gelände ebenfalls. Bleibt in Sichtweite, edles Fräulein, klar?" Valésia nickte. Ihr war dieser Aelfric zuwider, und sie konnte es jetzt schon kaum erwarten, wenn sie in Aramea angelangt, heil, verstand sich von selbst, und diesen Aelfric endlich losgeworden waren. Doch dies war erst der erste Tag, und so blieb Ihnen noch eine beträchtliche Zeit mit ihm. Valésia stapfte durch den schneebedeckten Wald, und tat, wie ihr geheißen, auf der Suche nach passendem Feuerholz, derweil Aelfric eine Anweisung nach der anderen an Endres gab, und die beiden Männer, vermutlich unfreiwillig in beiderseitigem Einverständnis, eine provisorische Unterkunft bauten, die sie vor dieser, von Aelfric angekündigten bitterkalten Nacht schützen sollte. Valésia entfernte sich ein Stück weit, und der Schnee dämpfte sämtliche Worte und Tun der beiden Männer, bis sie nur noch das Knirschen ihrer Stiefel hörte. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Feuerholz sammeln müssen. Doch jetzt hatte sich ihr Leben deutlich verändert, und so war sie gezwungen, sich diesen Veränderungen und Umständen anzupassen. Und sie hatte sich selbst mehrmals gesagt, als sie noch in den Annehmlichkeiten in Olathor gesteckt hatte, dass sie lieber eine ärmliche Bauersfrau wäre, wenn sie nur ihren geliebten Endres anstatt Erbprinz Merik an ihrer Seite hätte. Und so war es nun gekommen. Also durfte sie sich nicht beklagen. Zwischen dicken Tannenzweigen, die das Gewicht des Schnees tief herunterbog, fanden sich hier und da tatsächlich tote Äste, wie Aelfric es ihr gesagt hatte. Äste, die schwer waren. Die Komtess bürdete sich so viel auf, so viel ihre zarten Arme tragen konnten, und lief damit zurück zum Lagerplatz. "Das ist alles?" maulte Aelfric, als er ihre Rückkehr bemerkte, und in seinem Tun einhielt. "Das reicht für ein Lagerfeuer, aber wir müssen alle halben Stunden ein Scheit nachlegen. Ihr müsst also noch reichlich mehr holen, wertes Fräulein!" "Ich konnte nicht mehr auf einmal tragen…" bemerkte Valésia entschuldigend. "Ich gehe selbstverständlich noch einmal." Sie schlug die Augen nieder und lief zurück, und machte sich auf die Suche nach mehr geeigneten Ästen. Die Komtess von Aramajé stapfte durch den verschneiten Wald und sammelte noch mehr Totholz, und als Aelfric endlich zufrieden war, waren ihre Hände zerschunden, schmutzig und klebrig vom Harz der Bäume, und ihre Kleidung voll von vertrockneten Tannennadeln, alten Spinnweben und Rindenstückchen. Sogar in ihren goldenen Haarsträhnen fanden sich diese Materialien. Zumindest konnte sie sagen, dass diese, für sie durchaus harte Arbeit, sie aufgewärmt hatte. Während Endres, angewiesen von Aelfric das schräge Gerüst, welches sie an eine geeignete Baumformation gebaut hatten, mit dicken, langen Tannenzweigen bedeckte, fragte Aelfric Valésia "Könnt ihr ein Feuer entzünden, Fräulein? Habt ihr das schon einmal gemacht?" Da schüttelte Valésia den Kopf, und Aelfric seufzte. "Wieso wundert mich das nicht?" Da runzelte Valésia unwirsch die Stirn. "Wieso tut ihr es nicht, wenn ihr es mir ohnehin nicht zugetraut habt, und erspart uns beiden Ärger und Demütigung?" Da grinste Aelfric, ging zu seinem Pferd, und holte Zunderzeug hervor. "Kommt, Fräulein, ich werde es euch zeigen. Ich sagte doch, von mir könnt ihr eine Menge lernen, und wie ich immer sage: Es schadet nicht, wenn eine Frau, oder eben eine hohe Dame wie ihr es seid, lernt, selbständig zu sein." Er grinste sie neckisch an und zupfte ihr ein sprödes Tannenästchen aus dem Haar, was Valésia zurückzucken ließ. "Nicht nötig, Angst vor mir zu haben" erklärte er. "Kommt, und seht zu." Er bereitete den Feuerplatz, in dem er den Schnee mit einer wischenden Handbewegung beiseite fegte. Der Boden darunter war hart gefroren und er häufte kleine Scheite, Ästchen auf. "Erst einmal müssen es kleine und dünnere Ästchen sein, die leicht Feuer fangen. Darunter häuft man Zundermaterial an. Material, welches noch leichter brennt, als die kleinen Scheiter. Das Schlageisen und den Feuerstein muss man so gegeneinanderschlagen, dass es Funken schlägt. Und wenn ein Funke auf das Zundermaterial fällt und es entzündet, dann hat man schon fast gewonnen. Aber man muss behutsam damit umgehen, und es vorsichtig dazu zu bringen, eins der kleinen Scheiter in Brand zu stecken. Damit das Feuer sich mehrt und man ein großes Scheit daran entzünden kann. "Wollt ihr es einmal versuchen?" Valésia gab sich zögerlich. "Na kommt, ich beiße ja nicht. Hier!" Er reichte ihr Feuerstein und Schlageisen, welches sie entgegennahm. Sie hockte vor dem kleinen Häuflein Scheiter und Zundermaterial und ebenso zögerlich schlug sie Feuerstein und Schlageisen gegeneinander. Doch nichts passierte. Nicht der kleinste Funke war zu sehen. So sehr sie es auch versuchte, nichts tat sich. Er lachte leise. "Keine Sorge, ich lache nicht über euch. Aber so geht es den meisten bei ihrem Erstversuch. Schaut her…" Er kniete sich hinter sie, legte seine Hände über die ihren und führte diese. Zusammen mit seiner Hilfe gelang es, ein paar Funken zu erzeugen. "Seht ihr? Schon springt der Funke!" Er warf ihr einen Seitenblick zu und grinste. "Ich habe noch nie die Hände einer edlen Dame berührt!" grinste er weiter, was Valésia dazu veranlasste, sich empört aus der Hocke aufzurichten, was zur Folge hatte, dass Aelfric rücklings in den Schnee fiel. "Und es steht euch auch nicht zu!" erwiderte sie kühl und ablehnend. Aelfric rappelte sich hoch. "Ist ja schon gut, es war nur Spaß! Verzeiht, ich wollte euch nicht zu nahetreten! Ich kümmere mich mal um das Feuer, sonst wird das heute nichts mehr. Ihr könnt eurem 'Bruder' helfen gehen." Dabei betonte er das Wort Bruder besonders auffällig, was Valésia dazu veranlasste, ihm einen misstrauischen Blick zuzuwerfen. "Ich bin nicht blöd, wisst ihr? Ich habe Augen im Kopf!" Damit wandte er sich um, und widmete sich der Feuerstelle. Doch dann wandte er sich erneut zu Valésia. "Euch ist schon klar, dass wir uns heute Nacht alle drei eng aneinanderschmiegen müssen, um nicht zu erfrieren? Das könnt ihr eurem Bruder gleich berichten…!" Dabei begann er dreckig zu lachen.
Konfrontation ❖
baum-endres knirschte mit den Zähnen und tat wie ihm geheißen, wobei er sich sichtlich unwohl und auch bevormundet fühlte, von so einem niederen Bauern herumkommandiert zu werden. Natürlich war er selbst auch nicht besser, doch all die Jahre, die er sich für etwas Besseres ausgegeben hatte, hatten ihn auch in gewisser Weise dazu gemacht, sich besser als seinesgleichen zu fühlen. Und da er sich dabei nicht sonderlich geschickt anstellte, erntete er dafür auch noch immer wieder Belehrungen und Rügen von diesem Aelfric. Je mehr Zeit er mit diesem Kerl verbrachte, desto mehr wünschte er sich, die Wölfe würden ihn holen kommen. Es war eine kräftezehrende Arbeit all die schweren Äste zusammen zu tragen, mit dünneren Ästen zu verknoten oder die gröberen miteinander zu verkeilen. Doch nach einiger Zeit hatten sie eine durchaus beachtliche Behausung geschaffen, welche Endres allerdings recht klein erschien, für drei Personen. Aber er war sichtlich stolz auf das was er da geschafft hatte, auch wenn es natürlich unter der forschen Anleitung dieses unflätigen Lumpen geschehen war.

Doch Endres schluckte seinen Ärger herunter und als sie endlich mit ihrer Unterkunft fertig waren, das Feuer geschürt worden war, und Aelfric sich ans Feuer gesetzt hatte, nahm Endres neben Valésia Platz und starrte müde und zugleich nachdenklich in die Flammen. Valésia nestelte etwas unruhig mit ihren Händen und sah immer wieder in die Richtung dieses bärtigen Mannes, welcher begonnen hatte mit einem Stock in dem Feuer herumzustochern, wohl um die Glut etwas anzufachen. »Also ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich habe Hunger.«, meinte Aelfric und sah dabei mit einem vielsagenden Blick auf die Satteltaschen der Pferde. Endres zuckte mit den Achseln. »Wir haben natürlich ein paar Vorräte dabei, aber nichts, was man über dem Feuer zubereiten könnte. Trockenfleisch, Obst, Brot.« Aelfric murrte und stocherte wieder in der Glut und Endres sah ihn zunächst abwartend an. »Hast du auch Hunger?«, wandte sich Endres an Valésia und diese nickte verhalten, beinahe wie ein scheues Reh. Und so erhob sich Endres und reichte Valésia die Hand. »Dann komm, gehen wir etwas holen?« Valésia ergriff seine Hand und ließ sich in die Höhe ziehen. Natürlich hätte Endres auch alleine die Vorräte holen können, doch etwas an Valésias Verhalten bereitete ihm Sorge und so wollte er sie etwas abseits geleiten. »Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich, als sie bei den Pferden angekommen waren und Valésia schüttelte zaghaft den Kopf, während sie ihre Blicke auf den bärtigen Mann richtete, der geistesabwesend mit einem Wetzstein über das Blatt seiner Axt strich. »Dieser Mann ist mir unheimlich.«, gestand Valésia und offenbarte Endres dann wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte und was er so alles gesagt hatte. Endres warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. »Das hat er getan?«, erkundigte sich Endres und sein Blick verfinsterte sich ein wenig. »Er hat auch Andeutungen gemacht.« »Was für Andeutungen meinst du?«, erkundigte sich Endres und da offenbarte sie ihm, dass in der Unterkunft nur wenig Platz sein würde und sie dicht an dicht zu schlafen hatten. Da stemmte Endres die Hände in die Hüften und schüttelte empört den Kopf. »Der erdreistet sich zu viel. Wären wir ihm doch nie begegnet.« Er öffnete die Satteltaschen und nahm drei Äpfel und je drei Streifen Trockenfleisch heraus. Sie hatten ihren Proviant eigentlich nur für zwei Personen bemessen und nicht für drei. Und eigentlich hatte Endres auch nicht angenommen, dass sie Aelfric auch noch verpflegen mussten. Immerhin bezahlten sie ihn ja für sein zweifelhaftes Geleit. Und dieses Geleit kam ihm mehr und mehr wie eine windige Falle vor, je mehr Zeit sie mit diesem Kerl verbrachten und nun da Endres auch noch erfahren hatte wie unverschämt er sich ihr gegenüber verhalten hatte, wünschte sich Endres noch mehr dass ihn ein Rudel Wölfe zerfleischen würden. Und insgeheim hoffte er inständig dass dieser Aelfric sie nicht in einen Hinterhalt zu seinen Kumpanen führte, die irgendwo im Wald lauerten und darauf warteten sie auszurauben. Doch zuzutrauen wäre es diesem Aelfric ebenfalls! Und Endres wurde schon ganz schwarz vor Augen, wenn er auch nur daran dachte.

Endres reichte Valésia den Apfel und das Trockenfleisch und trat dann an das Feuer heran, wobei Aelfric seinen Kopf hob. »Ah.« seufzte er und Endres stellte sich vor ihm auf. »Wir sind einfache Leute. Und wir teilen unsere wenige Habe gerne, auch wenn ich annahm, dass ihr selbst für eure Verpflegung sorgen würdet. Immerhin erhaltet ihr eine stattliche Bezahlung für eure Dienste.«, Endres versuchte so direkt und klar wie möglich zu klingen doch Aelfric sah ihn nur mit einem breiten Grinsen an, bevor er dumpf zu lachen begann. »Stattliche Bezahlung? Allein eure Kleidung is mehr wert, als ich in einem Mond verdiene.« Endres zuckte die Achseln. »Das hat doch nichts zu bedeuten. Nur weil wir gute Kleidung tragen, bedeutet das nicht, dass unsere Börsen prall gefüllt…«, Aelfric ließ ihn gar nicht erst ausreden. Er erhob sich, nahm Endres das Fleisch und die Äpfel ab – ja auch jene die eigentlich für Endres gedacht waren – und setzte sich wieder. »Ich bin zu müde um mich an der Nase herumführen zu lassen.«, brummte der bärtige Kerl und biss herzhaft von dem Apfel ab. Endres blieb sowohl verdattert als auch empört stehen doch Aelfric würdigte ihn keines Blickes. »Guter Mann.«, begann Endres mit einer Stimme die er versuchte so ruhig wie möglich zu halten, während es in ihm bereits brodelte. »Dieser Apfel und dieses Fleisch waren meine Portion.« Aelfric sah Endres mit hochgezogener Augenbraue an und warf dann einen Blick auf den zweiten Apfel in seiner Hand. Dann zuckte er mit den Schultern und warf Endres den Apfel zu, steckte sich aber das zweite Trockenfleisch provokant in den Mund und kaute genüsslich darauf herum. »Ihr seid ein Rüpel.«, beschwerte sich Endres und hob den Apfel vom Boden auf, da es ihm misslungen war ihn in der Luft zu fangen. Aelfric erhob sich erneut und baute sich demonstrativ vor Endres auf. »Wie war das?« Endres, welcher sich soeben nach dem Apfel gebückt hatte, sah sich nun dem größeren und kräftigeren Mann gegenüber. »Ihr seid ein Rüpel!«, wiederholte Endres seine Worte und erwartete schon dass er dafür einen Schlag zu erwarten hatte. Doch Aelfric zuckte nur mit den Schultern und lachte dann, als ob es ihm gar nicht der Mühe wert wäre Endres zu verprügeln, so schmächtig und unfähig wie er auf ihn wirkte. Selbst wenn Endres ein Schwert trug, gab Aelfric nicht viel darauf, denn er hatte zweifellos schon mehr als einen schwertschwingenden, hochnäsigen Kerl verdroschen. Und immerhin hatte Endres die Eier gehabt seine Worte zu widerholen, anstatt sich verdattert zu entschuldigen oder heraus zu lamentieren. Doch für Aelfric war Endres kein wirklicher Gegner, denn wäre dem so, hätte er vermutlich längst sein Schwert gezogen um Aelfric zu zeigen wer der Anführer dieser kleinen Runde war. Doch Endres hatte es vermieden das Schwert zu ziehen, wie es jeder andere Ritter längst getan hätte, sondern die Worte gewählt. Für Aelfric die Wahl der Schwachen. Und So ließ er es bei einem Lachen bewenden und setzte sich wieder ans Feuer. »Ich werde morgen früh auf die Jagd gehen. Dann bekommt ihr euer Fleisch zurück.« murmelte Aelfric nur und warf dabei Valésia einen vielsagenden Blick zu. »Ihr beiden wärt doch ohne mich verloren in dieser Wildnis.« Mit diesen Worten schob er sich das letzte Stück des Trockenfleischs in den Mund und begann wieder mit dem Stock in der Glut zu stochern, wobei einige kleine Funken aufstieben und langsam aufsteigend zu verglühen begannen.

Endres warf nun ebenso einen vielsagenden Blick auf Valésia. »Und mir sind eure Worte an meine Schwester zu Ohren gekommen. Ich erwarte, dass ihr euch für euer flegelhaftes Verhalten bei ihr entschuldigt.« Da begann Aelfric zu lachen. »Eure Schwester?« Endres hielt dem provokanten Blick des Mannes stand und erwiderte diesen mit eiserner Miene. »Ja, meiner Schwester!«, betonte Endres energisch und stemmte dabei die Hände in die Hüften, wodurch sich der Griff des Schwertes, welches er am Gürtel trug, offenbarte. Aelfric kniff seine Augen zusammen und Endres spürte wie seine Blicke über den Griff des Schwertes wanderten. »Außerdem werdet ihr ganz gewiss nicht neben meiner Schwester schlafen. Dies verbietet der Anstand und die Ehre. Als unser Geleitführer, obliegt es euch Wache zu halten und nicht zu schlafen. Außerdem geziemt es sich nicht neben einer Dame zu schlafen, mit der ihr weder verwandt noch vermählt seid.« Da sah Aelfric Endres eindringlich an. »Ich soll draußen bleiben und Wache halten?« Endres nickte bestimmend. »Wofür bezahlen wir euch schließlich?« Aelfric sah Endres stumm an doch man konnte im schwachen Licht des Feuers sehen, dass seine Augen funkelten und seine Mundwinkel zuckten. Doch entweder ließ er es sich nicht anmerken oder er heckte etwas Boshaftes aus. Endres fühlte sich auf der Einen Seite gewissermaßen stolz hier seinen Mann gestanden zu haben und auf der anderen Seite schwante ihm bereits Übles, dass er sich mit diesem Mann angelegt hatte. Er biss sich merklich auf die Unterlippe um nicht seine Contenance zu verlieren. »Also ich habe diese Unterkunft gebaut und jetzt soll ich nicht einmal darin schlafen?« hakte Aelfric nach und Endres nickte bestimmend. »Ich danke euch natürlich für eure Mühen für meine Schwester eine möglichst behagliche Unterkunft gebaut zu haben. Doch ich kann und werde es nicht gestatten, dass ihr euch neben sie legt. Wenn ihr euch besser fühlt, werde ich neben euch Wache halten, damit ihr nicht alleine in der Kälte sitzen müsst.« Endres zauberte die letzten Reste von Ritterlichkeit, Tugend und Anstand aus seinem Repertoire der Schauspielerei. Wohl auch um Valésia zu beeindrucken. Und vielleicht auch um seinen Fauxpas am Tor etwas auszubügeln. Natürlich war dies ein gewagtes Spiel. Würde Aelfric sich entschließen gegen Endres vorzugehen, hätte dieser vermutlich keine Chance gegen ihn. Und wer wusste schon was passieren würde, wenn Endres bewusstlos am Boden lag, oder gar tot. Was würde er dann erst mit Valésia anstellen? Doch Endres konnte auch nicht einfach stumm dastehen und dabei zusehen wie eine Komtess von Ariad entehrt, beleidigt und vorgeführt wurde. Ihre Ehre war beleidigt worden und in Aramajé wären mindestens zehn Ritter aufgesprungen um diese zu verteidigen. Valésia erwartete zweifellos, schon allein ihrer Geburt und ihrer Erziehung wegen, dass Endres für sie in die Bresche sprang. Und wenn Endres eines gelernt hatte, dass man mit dem nötigen Auftreten jede Rolle spielen konnte. Und wenn man überzeugend genug war, auch einen Haudegen wie diesen zur Raison brachte.

Aelfric sah Endres mit mürrischen Augen an doch entweder war er zu müde um sich zu streiten oder zu prügeln, oder er heckte erneut etwas Niederträchtigeres und boshafteres aus. »Also gut.«, meinte Aelfric schließlich und wandte sich an Valésia. »Verzeiht mein ungebührliches Verhalten, werte Dame.« Damit nickte er ihr zu und begann dann wieder mit dem Stock in der Glut zu stochern. »Ich hoffe ihr habt dicke Socken an. Die Nacht wird eisig kalt! Und wenn es recht ist, würde ich zumindest ein paar Stunden schlafen bevor die kalte Wacht losgeht. Eure…Schwester…kann dann nach mir schlafen gehen.« Endres nickte zustimmend doch nicht ohne dass ihm entgangen war, wie scharf und fast spöttisch er das Wort Schwester betont hatte. Er wollte es nicht überstrapazieren und Aelfric am Ende gar zu etwas Nötigen wo er sich nicht mehr herauswinden konnte. »So soll es sein. Wir haben schon so manche Nacht unter den Sternen verbracht. Seid euch gewiss, dass wir aus härterem Holz geschnitzt sind als ihr glaubt.« Da grinste Aelfric breit und zupfte sich an seinem Bart. »Ach ist das so?«

Als Aelfric sich schließlich schlafen gelegt hatte, nahm Endres Valésias Hand uns setzte sich mit ihr an das wärmende Feuer. »Ach was für ein Dilemma. Ich wünschte wir wären diesem Kerl nie begegnet.« raunte er ihr ins Ohr und biss nun auch endlich von seinem Apfel ab. Valésia drückte sich etwas näher an Endres, wohl um sich zu wärmen, oder um seine schützende Nähe zu suchen? Oder vielleicht auch einfach nur weil sie selbst müde war. Endres hingegen lugte immer wieder mit wachsamen Augen zu der Unterkunft, aus welcher nach einiger Zeit laute, schnarchende Geräusche drangen. »Er ist eingeschlafen.«, stellte Endres ernüchternd fest und seufzte dabei. »Die nächsten Tage werden zweifellos eine unendliche Geduldsprobe. Ich hoffe er wird sein Wort halten.« murmelte Endres und erntete dafür sowohl beipflichtende Zustimmung als auch zweifelhafte Unmutsbekundungen. Dieser Aelfric war vermutlich gefährlich. Und mit ihm war gewiss nicht gut Kirschen essen. Ein falsches Wort, ein falscher Schritt und er würde einem die Axt über den Kopf ziehen. Endres wollte dieses Wagnis nicht länger als nötig eingehen. Und als die Nacht langsam hereingebrochen war, und die Tiere des Waldes nach und nach verstummten. Vernahm man nur ein einsames Rufen einer Eule in der Ferne. Und den lauen Wind der über das Land zog. »Wir sollten besser kein Risiko eingehen, meine Liebste.«, flüsterte Endres an Valésia, welche wohl schon sehr müde vor sich hindöste. »Lass uns die Pferde nehmen, auch sein Pferd, und uns klammheimlich aus dem Staub machen. Bis er aufwacht, sind wir über alle Berge und er wird uns zu Fuß niemals einholen.« Valésia schien von diesem Plan nicht sehr erbaut zu sein, den Mann einfach sich selbst zu überlassen. Vielleicht war dies eine Art Mitleid, oder es gebot der ritterliche Anstand? Doch Endres schüttelte nur den Kopf. »Du hast doch selbst gesagt was er für ein Mann ist. Ein unflätiger Mann! Und ich kann nicht garantieren, dass er sich nicht doch an dir vergreifen will. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, wenn er dir etwas antut!« Er nahm Valésia bei den Händen und sah ihr tief in die Augen. »Wir müssen nur leise sein. Die Pferde still halten und zu Fuß so weit von hier führen, bis wir gefahrlos reiten können ohne ihn zu wecken. Und dann reiten wir einfach bis die Pferde uns nicht mehr tragen können und suchen eine Unterkunft.« »Aber er sagte es gibt hier weit und breit keine Gaststuben oder Bauernhöfe.« Da zuckte Endres mit den Achseln. »Wenn er die Wahrheit gesagt hat. Aber wir sind nun schon so lange auf Reisen und haben auch nicht immer einen warmen Unterschlupf gehabt. Wir werden es schon schaffen, dessen bin ich mir gewiss!« Und gerade als Endres sich erhob, um Valésia auf die Beine zu helfen, da erklang das Heulen von Wölfen, die nicht weit von ihnen herum zu streifen schienen. Dem Klang nach waren es vermutlich vier oder sechs Tiere. Und ihr Heulen klang so lang und markerschütternd, dass Valésia zusammen schrak. Ob nun noch an eine Flucht zu denken war? Endres wog die Eventualeitäten ab. Doch nun war die Gefahr deutlich markanter als noch zuvor. Was wenn die Wölfe ihre Witterung aufnahmen? Sie würden schneller sein als Aelfric. Und wenn sie sie eingeholt hatten, würde seine Axt ihnen nicht helfen können. Doch nichtsdestotrotz war es ebenso gefährlich bei diesem Mann zu bleiben. Gefährlich und teuer obendrein! Wenn sie ihn einfach hier zurückließen, würde Endres sich auch eine Menge Silber sparen. Und dieser Gedanke beflügelte ihn es doch zu wagen. Ausgehungerte Wölfe waren vielleicht gefährlich. Aber satte, kräftige Pferde waren schneller und ausdauernder. Und so warf er einen wagemutigen und herausfordernden Blick zu Valésia.
Unter Wölfen ❖
baum-valésia und Endres saßen am Feuer, während Aelfric sich schlafen gelegt hatte. Endres hielt ihre Hände zwischen den seinen. Trotz der Kälte waren seine Hände warm und Valésia empfand diese Geste wie ein kleines hoffnungsspendendes Licht in der Dunkelheit. "Was für ein Dilemma, ich wünschte, wir wären diesem Kerl nie begegnet" murmelte Endres leise und Valésia nickte zustimmend. Es war wahrhaftig wie ein beginnender Alptraum. Dies war erst der erste Tag dieser ohnehin beschwerlichen Reise, und schon jetzt stellten sich gewisse auffällige Warnsignale wie rote Fahnen ein. Aelfric zeigte ganz offenkundig, was er von den beiden hielt. Gar nichts. Und mehr noch als gar nichts. Er machte um seine Verachtung für die beiden überhaupt keinen Hehl und Valésia fragte sich, wieso um alles in der Welt er für solche lumpigen und frechen Dienste überhaupt eine Münze verdient hatte. Sogar von ihren Lebensmitteln hatte er einen Anteil verlangt, obgleich er sich um seine Belange selbst hätte kümmern sollen. Der Anstand gebot zumindest Höflichkeit, er aber zeigte nur Verachtung, Mangel an Respekt, Hochmut, und was das Allerschlimmste war, er wirkte durchaus gefährlich. Wer wusste schon, was er im Schilde führte, und was er tun würde, wenn sie schliefen? Valésia rückte ein wenig näher an Endres heran, und lehnte sich an ihn, was ihr zumindest ein wenig Trost spendete, an diesem immer dunkler werdenden Winterabend. Nach einer Weile des Schweigens und des Abwartens meinte Endres "Er ist eingeschlafen!" "Oh, wer weiß…" flüsterte Valésia. "Vielleicht tut er nur so, um zu prüfen, was wir machen…" wisperte sie skeptisch. "Die nächsten Tage werden zweifellos eine unendliche Geduldsprobe. Ich hoffe er wird sein Wort halten." "Das bezweifle ich, mein Liebster. Ich habe ein denkbar schlechtes Gefühl. Oh, hätten wir ihm nie gestattet, uns zu begleiten! Aber wer weiß schon, was dann gewesen wäre? Vielleicht hätte er uns aufgelauert und es wäre alles noch schlimmer gekommen…" hauchte Valésia und blickte Endres verzagt an, wagte es aber nicht, einen Blick zu dem schlafenden Aelfric zu werfen. In Endres' Gesicht tanzten Schatten, die der Feuerschein warf, auf und ab und Valésia, die große Furcht empfand, beschlichen allmählich Zweifel, ob sie heil aus dieser Situation gelangen konnten. Was konnte man tun? An Schlaf war jedenfalls nicht zu denken, dazu hatte sie viel zu große Angst und Zweifel. Dennoch nickte sie an Endres gelehnt ein wenig ein, und bemerkte dies erst, als er ihr zuraunte, und sie hochschreckte. "Lass uns die Pferde nehmen, auch sein Pferd, und uns klammheimlich aus dem Staub machen. Bis er aufwacht, sind wir über alle Berge und er wird uns zu Fuß niemals einholen." "Meinst du, das ist eine gute Idee? Wenn ihm was zustößt, dann ist es unsere Schuld. Sie werden uns vielleicht suchen, und wenn sie uns finden, werden sie uns vor ein Gericht stellen…" hauchte sie, doch Endres schien nicht derselben Meinung zu sein und schüttelte den Kopf. "Du hast doch selbst gesagt was er für ein Mann ist. Ein unflätiger Mann! Und ich kann nicht garantieren, dass er sich nicht doch an dir vergreifen will. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, wenn er dir etwas antut!" Valésia presste die Lippen aufeinander. Er hatte Recht. Endres nahm ihre Hände, blickte sie eindringlich an und erklärte ihr, was er vorhatte. Die Pferde nehmen, sich heimlich still und leise davonstehlen und dann reiten, was das Zeug hielt. Niemals würde Aelfric sie zu Fuß einholen können. Er zerstreute jeden ihrer Zweifel, bis sie ihm nichts mehr entgegensetzen konnte. Er erhob sich und hielt ihr seine Hände hin und ihr aufzuhelfen. Da ertönte plötzlich ein schauerliches heulendes Geräusch. Wölfe! Valésia erstarrte und blickte Endres angstvoll in die Augen. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und ihr Mund wurde mit einem Mal trocken. Ihr Blick huschte zu dem Lager hin, in dem Aelfric schnarchte. Endres zog sie auf die Beine und blickte sie eindringlich an. Es schien, als würde er sie schweigend auffordern, ihm ihre Zustimmung zu erteilen. Und Valésia gab sich einen Ruck. "Also gut… Wir haben vermutlich nur diese eine Gelegenheit. Und wir müssen sie nutzen!" hauchte Valésia, und ihre Blicke flogen immer wieder zwischen Aelfric der im zwielichtigen Schein des Feuers unter dem Unterstand zu schlafen schien, Endres und dem dunklen Wald hin und her. Sie hielt diesen drohenden Alptraum nicht mehr aus, und wer wusste schon, ob sie noch eine weitere Gelegenheit bekamen. Womöglich entschieden fünf Minuten über eine gelungene oder misslungene Flucht. Vielleicht über Versehrtheit und Unversehrtheit. Aber möglicherweise sogar über ihrer beiden Leben oder Tod! Endres' Züge wurden entspannter und er nickte. Dann nahm er ihre Hand und zog sie zu den Pferden, die an den Bäumen angebunden, mit den Hufen im Schnee tänzelten. Sie schienen das Wolfsrudel, das Endres auf vier bis sechs Tiere geschätzt hatte, bereits gewittert zu haben, doch sie verharrten in relativer Ruhe. Endres half Valésia auf ihr Pferd und löste die Knoten der Stricke, die um den Baum geschlungen waren. Als er dies getan hatte, stieg er selbst auf sein Pferd und ließ den Strick des dritten Pferdes lange, um es mit sich zu führen. Valésia beobachtete die Szenerie dennoch beklommen. Wenn man sie erwischte, und es würde nichts weiter geschehen, dann würde man sie als Pferdediebe anklagen. Wenn jedoch mehr als das passierte, dann würden sie als Mörder angeklagt werden. Doch solange die Möglichkeit bestand, dass Aelfric ihr seinen Willen aufzwang, und sie beide tötete, oder sie beraubte und sie beide tötete, mussten sie diese Gelegenheit beim Schopf packen. Solange sie da nur lebend rauskamen, war alles gut. Für alles weitere würden sie eine Lösung finden. Das versuchte Valésia sich einzureden, während sie stumme Gebete an die Drei schickte, und all das gab ihr Hoffnung.

Der Schnee dämpfte die Hufe der Pferde, und beinahe lautlos entfernten sie sich im langsamen Schritt immer weiter vom Lager in die Dunkelheit. Das Heulen der Wölfe war allgegenwärtig und es war schwer zu sagen, wie nah oder fern es war. Das Blut rauschte in Valésias Ohren und dröhnte in ihrem Kopf. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie je so eine Todesangst empfunden hatte. Beinahe konnte sie nicht atmen. Sie folgte Endres und dem Braunen durch die Dunkelheit, und als hätten die Götter ihre flehenden Gebete erhört, riss die Wolkendecke auf, und Mondlicht überflutete den lichten Wald. Sie trabten langsam dahin, und entfernten sich immer weiter von Aelfric und dem Lager, und plötzlich schien es Valésia, als bewegte sich etwas in ihrem Augenwinkel. "Endres…" zischte sie und plötzlich erscholl ein leises Knurren aus dem schneebedeckten Dickicht. Ein Wolf! Valésia blickte zur Seite, doch der Wolf stand nur da und das Mondlicht reflektierte seine Augen, die aus dem Dunkel schwach leuchteten. Doch er schien nicht näher zu kommen. Vielleicht war ein Pferd mit einem Reiter eine zu bedrohliche und große Beute? Endres beschleunigte seine Schritte, und hieß Valésia, es ihm gleich zu tun. Also gab sie ihrem Pferd einen leichten Tritt in die Flanke und riss leicht an den Zügeln, woraufhin das Pferd in einen leichten Galopp fiel. Sie waren nun weit genug vom Lager entfernt, dass Aelfric sie weder einholen konnte, wenn er rannte, noch dass er sie hören konnte, wenn sie in einen Galopp fielen. Der Schnee war immerhin auf ihrer Seite und dämpfte alle Geräusche. So flohen die beiden im Galopp und Valésia wollte schon frohlocken. Doch plötzlich scheute der Braune, der, von Endres am Seil geführt ohne einen Reiter zu tragen, bereits die ganze Zeit verloren wirkte. Er begann, im Schnee zu rutschen, die Hinterbeine drifteten auseinander, das Pferd begann zu straucheln. Als Endres dies bemerkte, war es schon zu spät. Und was hätte er schon dagegen tun können, wenn ein massives Pferd bei dieser Reitgeschwindigkeit sein Gleichgewicht verlor? Er besaß gerade noch die Geistesgegenwart, das Seil loszulassen, als das Pferd stürzte und sich am Boden überschlug, was Valésias Pferd dazu brachte, aufgeregt wiehernd zu scheuen, ruckartig stehenzubleiben und sich vor dem am Boden wälzenden Braunen aufzubäumen. Die Komtess hatte dies alles in dem schwachen Mondschein nicht kommen sehen, und flog in hohem Bogen aus dem Sattel. Der Schnee dämpfte zwar den Sturz, und dennoch schlug Valésia hart am Waldboden auf und der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen, sodass sie kaum zu Atmen vermochte. "Valésia!" rief Endres erschrocken. Sie warf sich noch gegenwärtig zur Seite und rollte in den leichten Graben am Rand des Pfades, als ihr Pferd leicht nach hinten tänzelte und in dem Moment schlugen die Hufe ihres Pferdes genau auf der Stelle ein, wo sie zuvor noch zu Sturz gekommen war. Die Stute trat auf der Stelle, schnaubte, und stand dann, die Augen weit aufgerissen da und stieß weiße Atemwolken aus. Dann herrschte kurz Stille.

Valésia lag bäuchlings im Schnee und rang nach Luft, stöhnte leise und schmerzerfüllt auf, bevor sie sich auf alle Viere richtete. Endres war von seinem Pferd gestiegen und zu ihr gehastet. "Valésia! Hast du dich verletzt?" Die Komtess hielt inne, und schüttelte langsam den Kopf "Ich… ich weiß nicht... Ich hoffe nicht… ich glaube nicht… Ihr Rücken schmerzte, doch es gelang ihr, mithilfe von Endres aufzustehen. Valésia zitterte am ganzen Leib während ihre Stute teilnahmslos dastand, als sei nichts geschehen und mit dem Vorderhuf im Schnee scharrte, während der Braune immer und immer wieder versuchte, sich aufzurichten. Doch es gelang ihm nicht. Valésia warf einen ängstlichen Blick auf den Weg hinter ihnen, so, als würde sie befürchten, dass Aelfric sogleich zu Ihnen aufschloss, oder vielleicht das Wolfsrudel. Doch weder von dem einen, noch von dem anderen war auch nur die leiseste Anwesenheit zu erahnen. Valésia atmete tief ein und aus und klopfte sich den Schnee von den Gewändern, bevor sie den von Endres dargebotenen Arm annahm und sich von ihm zu ihrer Stute führen ließ, während er den anderen Arm um ihre Hüfte legte. Er vergewisserte sich erneut, ob ihr denn auch wirklich nicht passiert war, doch es schien, als hätte Valésia großes Glück gehabt. "Was machen wir denn jetzt?" fragte sie Endres mit Blick auf den Braunen, der im Schnee lag, den Kopf hochruckte, aber offensichtlich nicht mehr auf seine Beine kam. Eigentlich war das eine dumme Frage, denn was sollte man auch schon tun? Das Pferd wog vermutlich eine halbe Tonne und wenn es nicht durch eigene Kraft auf die Beine kam, oder sich etwa ein Bein gebrochen hatte, dann war sein Schicksal besiegelt, so tragisch das auch war. Vielleicht hätte man das Pferd in irgendeiner Stadt verkaufen können, aber nun blieb ihnen nichts anderes übrig, als es seinem Schicksal zu überlassen. Die Wölfe jedenfalls würden sich seiner annehmen, wenn sie es erst gewittert hatten. "Wenn dir auch wirklich nichts fehlt, dann sollten wir weiterreiten" meinte Endres schließlich, und Valésia nickte. Er half ihr auf ihr Pferd und Valésia biss die Zähne zusammen, als sie in den Sattel plumpste.

Sie ritten bereits seit Stunden durch die Nacht und die allgemeine Anspannung zerrte an Valésias Nerven. Sie war unglaublich müde, und immer wieder drifteten ihre Gedanken zu Aelfric. War er wach geworden und hatte ihr Verschwinden bemerkt? Schlief er noch? War das Feuer ausgegangen und war er mittlerweile erfroren? Hatten sich die Wölfe zu ihm gesellt? Eigentlich konnte ihr sein Schicksal egal sein. Er war ein gefährlich wirkender Mann gewesen, alles andere als vertrauensselig, und die Flucht war das Beste gewesen, was sie aus dieser prekären Situation hätten tun können. Und sie konnten von Glück reden, dass ihnen diese Flucht auch gelungen war. Alles andere war jetzt nicht wichtig. Als der Morgen graute, beschlossen sie, eine kleine Rast zu machen, und eine Kleinigkeit zu essen. Für ein wärmendes Feuer hatten sie zwar Zunder von den Krämer eingepackt bekommen, doch der nutzte ohne trockenes Feuerholz nur wenig. Sie hatten den Wald längst hinter sich gelassen und befanden sich auf einer großen weiten hügellosen Ebene, wo es nichts anderes gab, als eine weisse Schneedecke die die Landschaft bedeckte. Endres holte neben etwas Trockenfleisch und einem Kanten Brot von dem Brotleib des Bäckers noch ein Fell und eine Wolldecke hervor, und so setzten sie sich gemeinsam auf das Fell, rückten eng aneinander, schlangen die Decke um ihre Schultern und aßen die recht trockene Mahlzeit, wo die andere am Abend schon kaum gesättigt hatte. Doch Valésia beklagte sich nicht. Sie beklagte nicht ihren Hunger, sie beklagte nicht ihre schmerzende Seite und sie beklagte nicht die Kälte. Ganz so, wie man es von einer wohlerzogenen hochwohlgeborenen jungen Frau erwarten würde. In manchen stillen Momenten fragte sie sich, ob sie diese Reise überleben, und je die Burg Hohenehr in dem weit entfernten Land Paltoria erblicken würde. Und ob es all das hier wert gewesen war. Aber wenn sie dann einen Blick auf Endres warf, in seine aufrichten grauen Blicke, und er ihr dann ein warmes Lächeln schenkte, dann schalt sie sich eine Närrin und wusste, dass dieser Mann jede Anstrengung, Entbehrung, Mühe und jeden Rückschlag wert war. Sie liebte ihn so aufrichtig, wie man einen Mann nur lieben konnte, und die Zeit, die nun vor ihnen lag, war ganz sicherlich eine von den Dreien auferlegte Prüfung, ob sie die Liebe dieses Mannes verdiente und ob sie stark im Glauben war. Eines Tages würde sie schon den Lohn für diese Mühen einstreichen, dann würden sie den Bund eingehen, er würde sie zu seiner Gräfin von der Hohenehr machen, und sie würde ihm Söhne und Töchter schenken, entzückende, starke Kinder, die so entschlossen und mutig wie ihr Vater waren, und so anmutig und schön wie ihre Mutter. Und sie würden glücklich leben, bis ans Ende ihrer Tage. Nach einer kurzen Rast mussten sie weiterreiten. Sie konnten nicht hier, auf der weiten Flur einfach bleiben. Sie mussten ein kleines Dörfchen finden, oder vielleicht einfach nur einen einfachen Bauernhof. Es konnte einfach nicht sein, dass es hier nichts geben würde, so wie Aelfric es behauptet hatte. Irgendwo stand immer ein Haus, ein Hof, oder dergleichen. Immerhin war das Land in Lehen aufgeteilt. Keiner besaß so viel Land, dass man im gesamten Umkreis nicht ein Haus, einen Bauernhof oder ein winziges Dörfchen finden konnte. Daher war Valésia mittlerweile schon davon überzeugt, dass Aelfric gelogen hatte, um sie zu verunsichern, von einer Flucht abzuhalten oder um sie einfach nur zu quälen mit Ungewissheit und dem Wissen, dass er ihre einzige Hoffnung war, Aramea zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit war ohne Aelfric sogar höher, Aramea zu erreichen, als mit seiner Gesellschaft. Das war zwar ein wenig konfus, doch nicht von der Hand zu weisen. Valésia lehnte sich an Endres an. Sie war zar sehr müde, doch lagen ihr Worte auf der Zunge die es noch auszusprechen galt. So sagte sie "Ich danke dir, dass du meine Ehre verteidigt hast vor diesem ungehobelten Flegel. Du hast ihm unerschütterlich und mutig die Stirn geboten. Obwohl er eine Axt bei sich trug, hast du dich nicht von ihm einschüchtern lassen und das finde ich ziemlich beeindruckend. Du hast das Herz am rechten Fleck und ich kann den Göttern gar nicht genug danken, dass sie unsere Wege zusammengeführt haben!" Dann blickten sie einander tief in die Augen und schenkten sich einen zärtlichen Kuss, der Valésia mehr wärmte, als jedes Lagerfeuer dies je vermochte.
Kein anderer Ausweg ❖
baum-der Schnee knirschte unter Endres' Sohlen, als er klammheimlich und so leise wie möglich Valésia zu den Pferden führte. Im Augenblick waren die Wölfe die größte Bedrohung. Ihr Heulen könnte diesen Bär jederzeit aus dem Schlaf reißen und wenn sie bis dahin noch nicht weit genug von ihm entfernt waren, war die Flucht gescheitert. Valésia äußerte ihrerseits ihre Bedenken was wohl geschehen würde, wenn er sterben würde, doch wenn sich Endres ehrlich war, wäre das aber das Beste was ihnen passieren könnte. Immerhin wusste Aelfric ihre Route in den Süden. Sicherlich hatte er gelauscht, oder sich im Nachhinein beim Krämer informiert, wie sie zu reisen gedachten. Und diese Route stand nun auf Messers Schneide. Wenn sie nicht zügig vorankamen, würde ihre Reise in einer der kommenden Orte ihr Ende finden. Doch für den Moment dachte Endres nur daran, diesen Schlafplatz hier unversehrt zu verlassen. All die anderen, düsteren Gedanken schob er auf einen späteren Zeitpunkt. Es galt erst einmal sicher und unerkannt zu entkommen, bevor man sich Gedanken über mögliche, zukünftige Strapazen machte. Er half Valésia auf ihr Pferd und band dann die drei Pferde von dem Baum los. Doch bevor er auf sein eigenes Pferd aufstieg, ließ Endres es sich nicht nehmen Aelfrics Satteltaschen zu durchsuchen. Allerdings waren sie bis auf ein paar Kleinigkeiten relativ leer. Endres fand zwei kleine lederne Beutel, doch beim schütteln erklang bei einem davon kein metallisches Klimpern, und so zuckte er mit den Achseln und stopfte sich die Beutel in die eigene Satteltasche und nahm sich vor sie später, wenn sie Zeit dafür fanden, die Beutel zu öffnen und den Inhalt zu überprüfen. Wahrscheinlich würde er ohnehin nur enttäuscht sein, doch es war besser als gar nichts.. Und so steig er schließlich in den Sattel seines eigenes Pferdes und führte Valésia und das reiterlose Pferd von dem provisorischen Nachtlager fort, hinaus in die verhängnisvolle Nacht.

Die Ereignisse ihrer Flucht überschlugen sich beinahe, doch kamen sie noch mit einem blauen Auge davon. Valésia stürzte aus dem Sattel, Aelfrics Pferd verunglückte und sie liefen dem hungrigen Wolfsrudel förmlich in die Zange. Und nun sollte sich das reiterlose Pferd als letzte Rettung erweisen. Eigentlich hatten sie es nur mitgenommen, damit Aelfric ihnen nicht so schnell folgen kann, doch nun, da es lahmte und am Boden eingeknickt saß, ließen die Wölfe von Valésia und Endres ab und es würde nicht lange dauern, bis sie über das arme Pferd herfallen würden und ihre hungrigen Zähne in das Tier schlagen würden. Und so musste Endres schwer schlucken. Dieses Unterfangen hätte auch mit dem Tod der Komtess enden können was sich Endres nicht verziehen hätte, wenn er nach Valerions Tod nun auch an Valésias Ende Schuld zu tragen gehabt hätte. Doch mit mehr Glück als Verstand waren die Beiden schließlich ihrem beinahe unausweichlichem Ende doch irgendwie entronnen. Und obwohl das Geheul der Wölfe noch weit hinter ihnen immer leiser wurde bis es kaum noch zu hören war, so trieben sie die Pferde dennoch immer weiter bis zum Morgengrauen.

Schließlich wagten sie es den Pferden eine Rast zu gönnen und sich selbst auch etwas auszuruhen. Valésia wirkte sehr zermartert. Sie hatte kaum geschlafen, war im vollen Galopp aus dem Sattel gestürzt und die ganze Nacht hindurch geritten. Vermutlich ging es ihr furchtbar. Endres hatte einige umgestürzte Bäume am Wegesrand gefunden an welchen sie die Pferden grasen ließen. Doch dafür hatte er erst einmal den Schnee vom Boden räumen müssen, damit die Pferd überhaupt etwas Weidegras finden konnten. Als dies schlussendlich getan war gesellte er sich zu Valésia und gemeinsam hatten sie sich schließlich auf die Baumstämme gesetzt. Valésia lehnte an einem der dickeren Stämme und Endres legte ihr gerade eine zweite Decke über den Körper. »Ich hoffe dir geht es gut?«, erkundigte er sich und Valésia nickte nur matt. Sie fand Worte des Dankes dafür, dass Endres für sie eingestanden war. Doch Endres winkte es nur ab. »Das verstand sich doch von selbst meine Holde. Was für ein Mann wäre ich, würde ich nicht versuchen die Ehre einer Frau zu bewahren?« Endres nickte zufrieden und dankbar und sie gaben sich schließlich eines zärtlichen Kusses hin.

Doch die angenehme Wärme ihrer Umarmung und das Wohlbefinden des Kusses lullte sie schließlich in einen trügerischen Schlaf ein. Die lange Reise forderte letzten Endes ihren Tribut. Als Valésia schließlich eingenickt war hatte es nicht lange gedauert, bis auch Endres dem Schlaf anheimgefallen war. Doch sein Schlaf war nicht von langer Dauer, denn die Kälte kroch ihm immer mehr in die Knochen. Er erwachte mit steifen Gliedern und sein Unterkiefer bebte unaufhörlich da die Kälte ihn frösteln und zittern ließ. Er richtete sich schließlich auf und legte seine Hand auf Valésias Schulter. »Liebste mein, wir müssen weiter reiten. Sonst wird die Kälte unser Ende sein.« Er rüttelte vorsichtig an Valésias Schulter bis sie schließlich die Augen aufschlug. »Wir müssen weiter!«, meinte Endres und half Valésia schließlich zurück in den Sattel. Als Valésia auf dem Pferd saß legte er ihr die Decke über den Schultern so dass sowohl sie als auch das Pferd etwas vor der Kälte geschützt blieben. Und dann hob er sich selbst auch in den Sattel und trieb das Pferd an weiter zu reiten.

»Ich weiß du würdest sicher gerne in Aramea länger verweilen. Doch nun, da wir diesen ungehobelten Kerl alleine zurückgelassen haben, sollten wir unseren Aufenthalt so kurz wie möglich halten. Wenn er in dem Dorf eintrifft, wenn wir noch dort sind, wäre das fatal. Und wir brauchen ohnehin einen ordentlichen Vorsprung, da wir kaum eine Alternative haben um zum Meer zu gelangen weiß er genau wohin wir reiten wollen. Ach weh. Warum mussten wir nur an so einen Kerl geraten? Ist uns nicht auch einmal etwas Glück vergönnt?«, seufzte Endres theatralisch. Doch hatte er natürlich nicht ganz Unrecht. Es gab keine wirkliche Alternative in den Süden. Denn der Köhlerwald war keine wirkliche Alternative. Sie waren ja schon kaum mit Aelfric und ein paar ausgehungerten Wölfen zurechtgekommen. Der Köhlerwald wäre definitiv das Ende für diese beiden jungen Menschen die in ihrem ganzen Leben noch nie richtig gearbeitet oder einen Kampf zu schlagen hatten. Eine Bande Wegelagerer, ein Rudel Wölfe oder ein Bär? Es war einfach viel zu gefährlich. Und ganz abgesehen davon war es ein Umweg von mindestens drei Tagen oder noch mehr, da es nur eine Straße durch den Wald gab. Und dementsprechend gab es für die beiden nur ein Ziel. Die Zwillinge. Und wenn sie diese Stadt erst einmal erreicht hatten, wäre es auch egal ob Aelfric ihnen Häscher nachjagen würde. Sie würden niemals mehr gefunden werden, wenn sie erst einmal die Grafschaft verlassen hatten. Doch bis dahin war es noch ein gefährlicher Weg. Ganz abgesehen davon, dass das Schlafen unter freiem Himmel bei diesen Wetterbedingungen noch gefährlicher war als ein Rudel Wölfe. Sie brauchten unbedingt eine Unterkunft. Ein Gasthaus, ein verlassener Hof, eine Höhle. Irgendetwas, in dem eine gewisse Wärme vorherrschte und sie die Nacht verbringen konnten. Ohne Gefahr zu laufen zu erfrieren, überfallen zu werden oder von Aelfric gefunden zu werden. »Aber wie schnell kann er schon in Aramea sein, ohne einem Pferd? Wir sind fast die ganze Nacht geritten. Wenn wir nicht einen völlig falschen Weg eingeschlagen haben oder er die Wölfe zähmt und sie zu Schlittenhunden zwingt, sollten wir einen sehr guten Vorsprung haben.« Er zwang sich bei seinem neckischen Witz zu einem milden und freundlichen Lächeln um die Sorgen seiner Komtess etwas zu zerstreuen. Doch er war sich nicht sicher ob es ihm gelungen war. Zu sehr sah man ihr die Strapazen der vergangenen Tage an. Und all das Unheil welches über den Köpfen der beiden zu schweben schien. Unablässig darauf lauernd dass es über sie hereinbrechen konnte...Valésia wirkte zudem als hätte sie sich beim Sturz vom Pferd etwas zugezogen. Ob dies nun am Sturz selbst lag, oder dass sie sich danach keine wirkliche Ruhe hatte gönnen können, sondern unaufhörlich weiter geritten war, konnte Endres nicht sagen. Dies entzog sich seines Wissens und Endres wurde klar, dass Valésia bald einen Heiler oder Bader brauchte der sie zumindest einmal untersuchte. Doch diesen Luxus hatten sie noch weniger zur Verfügung als ein schnödes, warmes Bett.

Die Beiden hielten den Gewaltmarsch durch. Mehr oder weniger. Die Pferde trabten oder galoppierten förmlich durch den knöcheltiefen Schnee, und Valésia und Endres wurden zu Spielbällen die in den ledernen Sätteln auf und ab sprangen und mit jeder Stunde die verging mehr und mehr Mühe hatten sich im Sattel zu halten ohne dabei einen unangenehmen Stoß in den Hintern oder die Beine zu bekommen. Und schließlich war ihnen doch auch einmal das Glück hold. Sie begegneten einem Kesselflicker, welcher sie auf seinem Wagen schlafen ließ, zwei Tage später begegneten sie einem Schafhirten, der sie unter seinen Schafen rasten ließ und die warme Wolle und ihre warmen Leiber spendeten unglaublich angenehme Wärme. Und sie fanden den einen oder anderen einsamen Hof. Und als sie endlich Aramea erreicht hatten frischten sie von dem Geld, das eigentlich für Aelfric bestimmt gewesen war, ihre Vorräte auf und Endres war darauf bedacht die Reise so bald wie möglich fortzusetzen. Allerdings musste Valésia erst einmal versorgt werden. Natürlich hatte sich Endres nach einem Heilkundigen erkundigt, doch an diesem Ort lebten beinahe nur Holzfäller und ihre Familien. Es war ein kleiner Ort und die Wunden, welche es dort zu versorgen galt, waren eher Schnittwunden von Sägen oder Schlagwunden von Äxten. Keine Stürze von Pferden. Selbst der Kesselflicker war ihnen eine größere Hilfe gewesen als die Leute von Aramea. Allerdings hatten sie zumindest wertvolle Informationen für die beiden Reisenden gehabt, dass der Weg nach Ajaran deutlich weniger beschwerlich sein würde, als jener von Arjen nach Aramea. Die Anzahl an Gehöften, Stallungen und sogar die eine oder andere Gaststube war deutlich höher. Doch jede von ihnen barg auch die Gefahr, dass Aelfric, sie dort aufspüren würde, wenn sie sich entschließen würden dort zu verweilen.

Aber Valésia war kein Pferd. Er konnte weder seine Geliebte, noch die beiden Pferde die sie ihr Eigen nannten, derart zu Tode schinden. Es war unumgänglich, dass sie das Risiko eingingen, zum Wohle ihrer Gesundheit und auch zum Wohle ihres eigenen Überlebens, jede Gelegenheit mit einem Dach über dem Kopf die Nacht zu verbringen zu ergreifen. Wenn sie einmal die Zwillinge erreicht haben würden, wäre der Winter überstanden. Der Frühling war bereits am erblühen und die Zwillinge lagen so weit im Süden der Grafschaft, dass dort ohnehin ein milderes Klima vorherrschte als im rauen Norden Ariads.

Die Reise von Aramea bis nach Ajaran würde, bei guten Bedingungen und ohne unvorhergesehene Verzögerungen ungefähr eine Woche in Anspruch nehmen. Endres und Valésia übernachteten eine Nacht in Aramea selbst bevor sie sich schließlich wieder auf den Weg machten. Und so hangelten sie sich förmlich von Rastplatz zu Rastplatz. Stets auf der ungewissen Flucht vor Aelfric, aber auch stets mit dem Ziel vor Augen möglichst zügig voran zu kommen. Doch nach drei Tagen war der Zenit irgendwann doch erreicht. Endres war etwas mehr geübt im Reiten als Valésia. Und selbst er konnte einfach nicht mehr richtig im Sattel sitzen ohne dass ihm der Rücken und der Hintern pochten. Sie brauchten eine richtige Rast von mehreren Stunden. Wenn nicht sogar zwei ganzen Tagen! Valésia hatte tapfer die Zähne zusammengebissen, doch Endres bemerkte wie sehr es ihr auf die Substanz ging, je mehr Tage ins Land verstrichen. Und als sie schließlich das Gasthaus fanden, von dem die Menschen in Aramea gesprochen hatten, führte Endres Valésia und die Pferde zu den Unterständen und half seiner Angebeteten aus dem Sattel. »Wir werden hier einen längeren Aufenthalt einlegen, meine Liebste. Die Strapazen der Reise waren sehr beschwerlich. Und ich glaube wir haben einen guten Vorsprung vor etwaigen Verfolgern. Ich denke wir können es wagen zwei Tage zu rasten um neue Kräfte zu schöpfen und zu regenerieren. Und ich glaube ein Bad in dem kleinen See, nahe des Gasthauses wäre eine gute Idee, meinst du nicht?« Endres deutete auf den kleinen See, der sich hinter dem Gebäude abzeichnete, und von dem dampfende Schwaden aufstiegen. Das Wasser war so warm, dass das gesamte Umland beinahe in weiße Nebelschwaden getaucht wirkte, wie ein geisterhafter Vorhang alter Kräfte, die an diesem einsamen und verlassenen Ort noch am Werke waren. Ganz anders als in den befestigten Städten mit ihren gepflasterten Straßen und gemauerten Häusern. Hier war alles so ursprünglich und auf eine gewisse Weise magisch und geheimnisvoll.

Das Gasthaus war ein einfaches Gutshaus, welches seinen Lebensunterhalt damit verdiente, von den Reisenden zu leben die hier einkehrten. Aber auch von dem Handel zwischen Aramea und Ajaran. Sie waren sozusagen der Knotenpunkt zwischen diesen beiden Orten und von hier aus lagen beiden Orte ungefähr gleich weit entfernt. Die Hälfte ihrer Reise hatten sie also schon hinter sich gebracht. Und wie es schien waren sie an diesem Ort nicht völlig alleine. Zwei reisende Händler hatten ebenfalls an diesem Ort ihr Lager aufgeschlagen und vielleicht hatten sie auch Geschichten aus dem Süden zu berichten? Oder gar von den Zwillingen selbst? Endres half Valésia aus dem Sattel und nahm die Satteltasche, in welcher er ihr ganzes Vermögen hortete, vom Pferd ab und schulterte es sich auf der rechten Schulter, während er Valésia seinen linken Arm darbot um sie in das Gasthaus zu geleiten. »Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich habe unglaublichen Appetit. Ich hoffe die Herren des Hauses haben ein gutes Mahl auf der heutigen Speisekarte!« Und während Endres so sprach, umspielten seine Hände die zwei ledernen Beutel, die er aus Aelfrics Habe mitgenommen hatte. Seine Neugier war groß und natürlich auch die Hoffnung, dass sie nicht mit unnötigem Plunder gefüllt waren.
Eine kurze Rast ❖
baum-valésias Beine hatten sich schon seit Wochen an das Reiten gewöhnt. Die anfänglichen Muskelschmerzen an den Innenseiten der Oberschenkel hatten sich verflüchtigt und waren schlussendlich gestärkt aus der zu vorigen Marter hervorgegangen. So war dies mit ihrem gesamten Körper passiert, jeder Schmerz war irgendeinmal vergangen, wenn sie ihn denn nur mit stoischem Schweigen ertragen hatte. Doch die Schmerzen, die sie nun quälten, waren anderer Natur. Seit sie vom Pferd gestürzt war, und der frische Pulverschnee hatte, den Göttern wars gedankt, das Schlimmste verhindert. Wäre der Schnee einige Tage alt gewesen und gefroren, dann wäre dieser Sturz nicht so glimpflich ausgegangen. So aber hatte Valésia nur einige schmerzhafte Prellungen an Torso, Hüfte, und Steißbein davongetragen. Doch jeder Schritt des Pferdes erinnerte sie zu jeder Zeit an diesen Sturz, und was diesem Sturz vorangegangen war. Dazu kam die Nervenaufreibende Angelegenheit, dass Valésia sich vor möglichen Verfolgern fürchtete. Ob es diese nun tatsächlich gab, oder nicht. Es konnte gut möglich sein, dass Aelfric erfroren war, und niemand in Arjen davon in Kenntnis war, da die Reise von Arjen nach Aramea gut eine Woche dauern sollte, und in Aramea niemand die drei erwartete, und in Arjen niemand sich wundern würde, bevor nicht zwei Wochen vergangen waren, in welchen Aelfric nicht zurückgekommen war. Und wenn Aelfric diese Nacht überlebt hatte, dann würde er auch einige Zeit benötigen, zu Fuß wieder nach Arjen zurückzukehren. Doch es war diese Ungewissheit über Aelfrics Schicksal, welches die junge Komtess quälte. Sie war aus ganz anderem Holz geschnitzt als ihr Geliebter. Und so fand sie kaum Ruhe, wenn sie wach war, und auch nachts beherrschte Unruhe ihre Gedanken. Das unaufhörliche Reiten, der Winter mit seiner Kälte, die kargen Mahlzeiten, die geringen Pausen und Ruhe und die Folgen des Sturzes nagten zusätzlich an Valésia, dass sie fürchtete, dass sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Aber nach etwa einer Woche, seit sie Aelfric zurückgelassen hatten, erreichten sie endlich eine Gaststätte in auf dem Weg nach Ajaran, da es in Aramea zu gefährlich war und außerdem nicht einmal eine richtige Gaststätte gegeben hatte.

Die Gaststätte stand an einem Fluss und zusammen mit ein paar weiteren Gebäuden war es nur ein kleines Nest, aber es war eingebettet in eine zauberhafte, ursprüngliche Landschaft, und bot mit geringerem Komfort, im Vergleich zu beispielsweise Arjen dennoch mehr Heimeligkeit. Endres half der Komtess aus dem Sattel und vom Pferd, und Valésia biss die Zähne zusammen, als sie vom Pferd auf den schneebedeckten Boden sprang. Als Endres ihr seinen Arm darbot, um sie ins Gasthaus zu geleiten, schüttelte Valésia langsam den Kopf. "Endres, wir sollten nicht mehr durch allzu auffälliges Verhalten zeigen, dass wir von höherer Geburt sind. Weder mit Gesten, noch mit Worten. Man hat ja gesehen, was uns das in Arjen für Unglück gebracht hat. Nicht auszudenken, wenn der nächste Mann wie Aelfric uns nötigt, seine Dienste in Anspruch zu nehmen, weil er denkt wir sind wohlhabend, weil wir allzu offensichtlich von Adel sind. Außerdem, wenn uns jemand suchte, dann nach den Kriterien die wir offenbart haben: ein Geschwisterpaar. Vielleicht sollten wir in Ajaran deinen Vorschlag, uns einfache, bäuerliche Gewänder zu besorgen, in die Tat umsetzen. So fallen wir am aller wenigsten auf und bleiben unbehelligt" schlug sie ihm vor. So schlug sie auch seinen dargebotenen Arm aus, und ging mit ihm Seite an Seite in die Wirtstube, die beheizt war.

Wohlige und wohltuende Wärme umströmte die Komtess von Aramajé, und sie wurden von dem Wirten freundlich begrüßt. "Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich habe unglaublichen Appetit. Ich hoffe die Herren des Hauses haben ein gutes Mahl auf der heutigen Speisekarte!" Valésia war es gleich. Nach zahllosen Tagen, die sie von immer härter werdendem Brot, hartem Käse, und zähem Trockenfleisch gedarbt hatten, hätte sie auch mit einem wässrigen Gemüseeintopf in den sie Brot eintunken könnte, Vorlieb genommen. Doch das heutige Mahl war ein kräftiger Wildeintopf, mit dem hiesigen Lochbrot, das auf Stöcke gespießt und gedreht gebacken, und dann in Scheiben geschnitten serviert wurde. Abgerundet wurde das Mahl mit in Honig eingelegten Trockenfrüchten, die Sowohl gut zu dem Wildeintopf passten, aber auch separat als süßer Nachtisch dienten. Fürs erste war Valésia einfach nur erleichtert. Nach dem sie gegessen hatten, brachte Endres ihr Gepäck in das Zimmer, welches sie für zwei Tage angemietet hatten, und kam kurz darauf wieder zur Komtess in den Schankraum. In den Händen trug er einen Stapel frischer Gewänder, sowie ihre schmutzigen Reisegewänder, die er der Magd zum waschen in die Arme drückte. Sie waren zwei Tage hier, das würde reichen, die Gewänder zu waschen, zu mangeln und zum trocknen aufzuhängen. Endres berichtete Valésia, dass er sich beim Wirten erkundigt hatte und dass die heiße Quelle unweit der Schenke nur eine von vielen heißen Quellseen war, und dass man dort ohne weiteres baden konnte, da er nicht allzu tief war, und auch jedermann, der nicht schwimmen konnte, gefahrlos in diesen See steigen konnte. Valésia nickte zustimmend. Es würde eine neue Erfahrung für sie werden. Einen heißen See hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie zu Gesicht bekommen. Sie hatte auch noch nie in einem gewöhnlichen See gebadet.

So gingen sie schließlich am frühen Nachmittag zu dem See. Ein wenig abgeschieden und von weißen Fichten gesäumt, deren Zweige schwer mit Schnee bedeckt herunterhingen, befand sich der dampfende See. Der Schnee lag wie eine Daunendecke auf der Landschaft. Klirrende Kälte herrscht, Raureif an jedem Zweig in den kahlen Bäumen. Der See schien wie ein heißes, aber offenes Herz zu pulsieren. Denn überall lag Schnee, nur nicht da wo die Wärme, die aus dem Boden kam, sich verbreitete. Über der Wasseroberfläche waberte feiner dichter Dampf, der sich auflöste, sobald ein Windstoß aufkam. Je näher die dem See kamen, desto merklich wärmer wurde die Luft. Der Schnee rund um das Ufer war an vielen Stellen geschmolzen, matschig oder ganz weggetaut. Stellenweise lugte dunkler festgetretener Boden hervor. Vögel zwitschern leise und ein eigentümlicher Geruch lag in der Luft. War es leichter Schwefelgeruch? Metallisch? Valésia vermochte es nicht zu sagen. vielleicht, je nach Quelle. Spuren im Schnee von Rehen, Wildschweinen und Füchsen waren zu sehen. Auch die Tiere schienen an diesen Ort zu kommen, wenn er Menschenleer war.

Doch Menschenleer war der See zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Dampf hatte die Badenden von einer gewissen Distanz aus verborgen, doch je näher sie gekommen waren, desto deutlicher war, dass Dorfbewohner oder Reisende hier badeten. Sie unterhielten sich, badeten, raunten, kicherten. Ja, als Valésia und Endres an das Ufer kamen, entzündete ein Knecht gerade Feuerkörbe, die hier und dort standen. Es schaffte eine gewisse romantische Atmosphäre, doch Valésia war in höchstem Maße irritiert, da sie davon ausgegangen war, dass außer ihr und Endres niemand anwesend sein würde, und sie Folge dessen unter sich blieben. Doch wie es den Anschein erweckte, waren sie nur zwei von vielen, die hier badeten. Wie konnte sie, die Komtess von Aramajé, sich hier vor allen Anwesenden entblößen und in den See steigen, wo doch ihre Hofdame ihr stets erklärt hatte, wie anrüchig und sündig ein nackter Körper doch war, und dass dieser im Badezuber daher mit einem zarten Schleiertuch bedeckt werden musste? Doch Endres hatte sie längst gelehrt, dass ein nackter Körper keineswegs verborgen werden musste, und Endres und Valésia hatten sich beim Liebesspiel regelmäßig völlig unverhüllt gesehen. Wenn sie es über sich brachte, sich auch hier zu entblößen, dann wäre sie schon wieder ein ganzes Stück weitergekommen. Schließlich hatte sie ihr altes Leben wie eine Haut abgestreift, und dieses Leben gab es längst nicht mehr. Solange sie förmlich vogelfrei durch die Lande zogen, solange konnte, oder vielmehr musste sie auch ihre gewohnten Konventionen abstreifen. Also begann sie, sich ergeben zu entkleiden. Zuerst der Umhang. Schwer fiel er mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Ihre feingliedrigen Finger packten das Oberkleid. Sie zog es von den Schultern, ließ es von den Hüften gleiten, und es fiel wie ein Vorhang zu Boden – enthüllte einen feinen Leinenunterrock, feinst bestickt, an dessen Saum der Dreck hochkroch. Sie zögerte kurz. Schaute in die Nebelschwaden, die ihre Blöße gnädig verbargen. Sie streifte die Stiefel einen nach dem anderen ab, dann das Unterkleid. Und dann war sie nackt bis auf das feine Leibhemd aus hauchzartem Stoff, und als sie es schließlich über den Kopf zog, fiel ihr das offene Haar wie ein Schleier über Schultern und Rücken. Ihr Körper war beinahe so hell wie der Schnee, doch am Rücken, an der Hüfte und an ihrem Hinterteil zog sich eine dunkelblaue Schneise der Verwüstung. Blessuren und ein einziger riesiger blauer Fleck, der beinahe die Breite ihres Leibes besaß, von dem Sturz. Er hob sich von der milchweißen Haut der Komtess beinahe ab wie ein Vollmond am schwarzen Nachthimmel. Keine Frau von Adel sollte sich so zeigen, wie sie es in diesem Augenblick tat, schon gar nicht vor Bauern, und Gemeinen. Manche starrten sie an, als wäre sie nicht von dieser Welt. Valésia tat, als bemerkte sie es nicht. Sie versuchte, möglichst würdevoll ins Wasser zu steigen, aufrecht, doch es gelang ihr nicht. Am Ende ging sie geduckt ins Wasser und war froh, dass das Wasser ihre Blöße nun bedeckte. In diesem Augenblick dachte sie plötzlich an ihre Eltern. Was würden diese sagen, wenn sie Valésia in diesem Moment erleben würden? Der stolze Graf von Aramajé, was würde er sagen, was würde er tun? Doch sie vertrieb ihre Gedanken. Die Komtess Valésia von Aramajé gab es nicht mehr. Sie war gestorben in Olathor, und nichts würde sie wieder zurückbringen. Und darüber hinaus war das Wasser wunderbar warm und angenehm, dass diese trüben Gedanken ganz von alleine verschwanden, wie die Wasserdämpfe, die der laue Wind durcheinander wirbelte.
Stille Wasser sind tief ❖
baum-nach all den Strapazen war es fast eine Wohltat diesen idyllischen Ort gefunden zu haben und für einen Moment lang zu vergessen, dass Endres und Valésia sich eigentlich auf der Flucht befanden. Es war eine willkommene Abwechslung die etwas Zerstreuung und Ablenkung mit sich brachte. Die Beiden nutzten natürlich diese Gelegenheit. Das Dorf war malerisch und obwohl es so klein und unbedeutend wirkte, waren doch mehr Menschen an diesem Ort als es der erste Anschein vermuten ließ. Man merkte schnell, dass dies sowohl ein Ort für die Durchreisende als auch ein Magnet für Menschen war, die gezielt aufbrachen um die wohltuenden, heißen Quellen zu besuchen. Nicht viele Menschen konnten sich derartige Zerstreuung erlauben. Vermutlich stammten einige von ihnen aus wohlhabendem Hause. Sie hatten keinen Hof zu bewirtschaften, keine Felder zu bestellen, keine Verpflichtungen einem Lehnsherrn gegenüber. Ihr Antrieb waren lediglich Langeweile und der Wunsch nach Zerstreuung. Wenn man bedachte, dass nicht weit von diesem Ort ein Holzfällerdorf lag, in welchem die Menschen tagein und tagaus schwer schuften mussten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, war dieser Ort beinahe wie ein Hohn für jene Menschen. Hier saßen die Leute einfach in den natürlichen Becken, welche sich über viele Jahrhunderte gebildet hatten, und genossen die Wärme des Wassers, die frische Luft und die abgeschiedene Ruhe. Sie unterhielten sich, lachten und erzählten einander Geschichten. Und natürlich waren auch fahrende Händler, Reisende, Boten und Kuriere zugegen, die hier eine Rast einlegten. Und so mischten sich das gewöhnliche Volk und die Wohlhabenden und da jeder von ihnen seine Kleider abgelegt hatte, konnte man sie auch gar nicht mehr voneinander unterscheiden.

Doch Endres staunte nicht schlecht als Valésia sich ohne ersichtliche Umschweife einfach entkleidete und völlig nackt in den See stieg. Er hatte natürlich nicht erwartet, dass sie sich einfach so vor fremden Menschen ausziehen würde und instinktiv hatte er sich zwischen Valésia und das Seeufer gestellt, um mögliche Blicke der anderen Anwesenden abzuschirmen. Natürlich nicht gänzlich ritterlich um Valésias Ehre zu bewahren, wie es vielleicht den Anschein haben mochte. Vielmehr keimte in Endres eine gewisse Spur von Missgunst auf, dass andere Menschen sein Kleinod völlig entblößt sehen könnten. Und auch wenn dieser Gedanke, oder dieses Gefühl in ihm, eher unterschwelliger und unbewusster Natur war, so schien es, dass Endres ein wenig besitzergreifend veranlagt war, wenn es um Valésia ging. Niemand sollte sie nackt sehen dürfen, außer ihm. Doch anscheinend hatte niemand wirklich Notiz davon genommen, und Valésia hatte sich so rasch entkleidet, dass es nur den Bruchteil eines Herzschlages oder eines Augenzwinkerns gebraucht hatte, als sie auch schon im Wasser saß und ihre Blöße von dem trüben, fast weißlichen Wasser bedeckt wurde. Ihr Haar schwamm, leicht wogend, auf der Wasseroberfläche und der Ansatz ihres Busens wurde von dem warmen Wasser und den weißen Dämpfen umspielt, was ein wunderbar anmutiges Bild ergab. Endres bestaunte die Frau im Wasser, wenn auch nur für einen kleinen Moment, bevor er sich rasch selbst entkleidete und mit sichtlich errötetem Kopf zu ihr ins Wasser stieg. Würde man ihn fragen, warum er so errötete, würde er es auf das warme Wasser schieben. Doch in Wahrheit war es ihm sichtlich unangenehm von wildfremden Menschen nackt gesehen werden zu können.

Sie saßen für eine Weile in dem warmen See, mit dem Rücken an einige Steine gelehnt, die zweifellos extra dafür am Ufer angebracht worden waren, damit man sich entweder daran anlehnen, oder darauf sitzen konnte um nur die Beine im Wasser baumeln zu lassen, und genossen die Ruhe sowie das wohlige Gefühl welches langsam in ihre geschundenen Glieder kroch. Einzig der strenge Geruch überlagerte die Idylle dieses Ortes. Es roch etwas befremdlich, fast unangenehm. Doch nach einiger Zeit hatte man sich so sehr daran gewöhnt, dass man es gar nicht mehr wahrnahm. Vielmehr schien die Luft, die über dem See hing, mit jedem Atemzug tiefer in die Lungen einzudringen und mit jedem Mal fühlte man sich etwas unbeschwerter und gereinigter als zuvor. Es war beinahe heilsam, mochte man sagen. Doch je länger man in dem Wasser verweilte, desto mehr stellte sich ein Gefühl ein, dass die Haut langsam weicher wurde und es fühlte sich beinahe an als würde sie aufgedunsen werden. Und so zog sich Endres aus dem Wasser und setzte sich auf einen der größeren Steine. Etwas unbeholfen sah er sich um und jäh wurde ihm bewusst, dass sie gar keine Tücher oder andere Stoffe hatten, um sich abzutrocknen. Nicht weit von ihnen stand ein Knecht, der gerade etwas Holz in den Feuerkörben nachlegte und so räusperte sich der strohblonde Paltore, wenn auch etwas zögerlich, um so seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Der Knecht hob den Kopf und blickte in Endres Richtung, wohl aber darauf bedacht keine unzüchtigen Blicke auf ihn oder gar Valésia zu werfen, was Endres ihm insgeheim hoch anrechnete. »Braucht ihr etwas, werter Herr?« Da nickte Endres eifrig. »Verzeiht guter Mann. Aber wie es scheint haben wir vergessen Tücher zum Trocknen mitzubringen.« Da lächelte der Knecht besonnen und warf seinen Blick auf die Feuerkörbe. »Niemand hat solche Tücher bei sich. Ihr könnt euch am wärmenden Feuer trocknen und dann wieder eure Kleidung anlegen. So handhaben es alle Leute hier.« Der Knecht deutete eine verhaltene Verbeugung an und entfernte sich, mit gemächlichem Schritt und ließ den beinahe entsetzt dreinblickenden Endres mit Valésia allein zurück. Am Feuer aufwärmen? Endres warf einen vorsichtigen Blick über seine Schultern. Nackt? In dieser Kälte? Endres verfluchte diesen Ort just in diesem Moment. Wenn er das geahnt hätte! Und so rutschte er wieder zurück in das Wasser und wäre hier wohl am liebsten so lange geblieben, bis auch die letzte Seele diesen Ort verlassen hatte, so dass er sich ungesehen am Feuer trocknen konnte.

Doch kaum jemand machte auch nur den Hauch von einem Eindruck bald schon gehen zu wollen. Endres rutschte etwas näher an Valésia heran, bis sich ihre Körper schließlich berührten. Die wohlige Wärme und die seltsamen Gerüche dieses Ortes umwaberten seine Nase und krochen langsam in seine Gedanken. Mit der Zeit vergaß er beinahe, dass sie nicht alleine an diesem Ort waren und er legte Valésia seine Hand unter das Kinn und führte ihre Lippen zu den seinen um sie sinnlich und zaghaft zu küssen. Und während die eine Hand ihr Kinn hielt, ertappte er sich dabei, wie seine andere Hand sich klammheimlich, und durch das trübe Wasser vor neugierigen Blicken geschützt, langsam über ihre Beine gleitend, ihrer Leibesmitte näherten. Valésia schien es dabei wie Endres zu ergehen. Sie war gefangen zwischen den Geboten der Moral und dem aufflammenden Verlangen und irgendwann gab sie dem Verlangen nach und öffnete ihre Schenkel, wenn auch nur ganz leicht, um Endres‘ Hand den Weg zu offenbaren. Und seine Hand gehorchte ihrer stillen Aufforderung und langsam glitten seine Finger über ihre Lippen, kreisten neckisch um das Haar und der Kuss, dem sie sich indes hingaben wurde immer intensiver. Er zog sie näher an sich heran und als ob eine unsichtbare Macht ihn lenken würden, glitten seine Finger dabei in sie hinein, woraufhin Valésia ein kehliges Seufzten entfleuchte. Doch damit nicht genug, wurde das Verlangen in Endres nur umso intensiver. Seine Manneskraft begann sich zu regen und in ihm keimte ein Wunsch auf, den man bestenfalls als unschicklich bezeichnen mochte. Vielleicht wäre es auch so weit gekommen, doch knirschende Schritte im Schnee und murmelnde Stimmen, die sich ihnen näherten um sich an den Feuerkörben aufzuwärmen, zwangen die beiden beinahe förmlich voneinander abzulassen. Wie scheue Rehe, die im Wald aufgeschreckt worden waren, ließen sie voneinander ab und rutschten so weit auseinander, dass kein Zweifel aufkommen mochte, dass sie mehr als nur ein heißes Bad genossen. Und als die Stimmen sich schließlich näherten begannen Endres und Valésia verhalten zu tuscheln. Es war eine natürliche Reaktion um das Gefühl ertappt worden zu sein zu überspielen. »Das war aufregend.«, flüsterte Endres und legte dabei seine Hand auf Valésias Oberschenkel, wohlwissend dass es niemand wirklich bemerken würde.

Nach einer Weile hatten sich die Menschen wieder entfernt, ohne wirklich nennenswerte Notiz von den beiden Verliebten zu nehmen und da ergriff Endres schließlich die Gelegenheit beim Schopfe und kletterte aus dem Wasser um sich selbst am Feuer aufzuwärmen und zu trocknen. Er reichte Valésia die Hand um ihr aus dem Wasser zu helfen und so standen die beiden nass, aufgeregt und von einem Kribbeln der Aufregung durchflutet am warmen Feuer sichtlich bemüht ihre Scham irgendwie zu bedecken und gleichzeitig dabei trocken zu werden. »Ich glaube nächstes Mal nehmen wir doch ein Tuch zum Trocknen mit.«, wisperte Endres leise, als sie schließlich ihre Kleidung wieder anzogen. Die Wirkung der heißen Quelle hatte ihre müden Knochen und Muskeln entspannt und die Aufregung hatte sich inzwischen wieder gelegt. Endres hatte Valésia seinen Arm dargeboten und gemeinsam schlenderten sie, am Ufer des Sees entlang, zurück zum Gasthof. Doch als Endres seine Blicke über den See schweifen ließ, konnte er im wabernden weißen Dunst am Ufer einige Menschen sehen. Und auch wenn man nicht wirklich etwas erkennen konnte, so war Endres sich bewusst, dass diese Menschen mehr taten als Endres und Valésia gewagt hatten.

Als sie im Gasthof angekommen waren, zeigte sich die Wirkung des warmen Wassers, welches ihre Glieder völlig aufgewärmt und durchflutet hatte, zu voller Gänze. Ein unglaublicher Appetit hatte sich in Endres aufgebaut und Valésia schien es nicht anders zu ergehen. Und so nahmen sich die Beiden einen abgeschiedenen Platz am Fenster und bestellten sich eine üppige Mahlzeit. Bald schon brachte der Wirt die Speisen und stellte einen kleinen Kerzenstumpen auf den hölzernen Tisch, welchen er geschickt mit einem Kienspan entzündete und so eine gewisse, romantische Atmosphäre zu schaffen vermochte. Es wirkte beinahe wie ein einstudiertes Ritual. Das heiße Wasser, die romantische Kerze. Das idyllische Ambiente. Als wolle man die Menschen für immer an diesem Ort festhalten versuchen. Das Essen duftete verführerisch und Endres lief förmlich das Wasser im Mund zusammen. Es war ein deftiger Eintopf mit Linsen und Speck und dazu gab es frisches, noch warmes und duftendes Brot und warmen, gewürzten Wein. Eine vortreffliche Kombination bei diesen Temperaturen, die in diesem Land gerade vorherrschten. Endres hatte inzwischen alle Sorgen vergessen, die ihn bisher geplagt hatten. Der Verlust seines Gefährten, die Angst vor Enttarnung oder etwaigen Verfolgern. Er war ganz verloren in dieser idyllischen Einöde und vielleicht lag ja ein gewisser Zauber auf diesem Ort, der einen einfach in seinen Bann zog? Endres wurde aber schon bald aus diesem Bann gerissen, als ein Mann mittleren Alters an die Beiden herantrat. Er wirkte wie ein Krämer oder anderer, fahrender Händler und als er neben ihnen an den Tisch herantrat, offenbarte er etwas, welches bis dahin in Stoff eingewickelt worden war. Endres warf einen neugierigen Blick auf die drei Gegenstände, die sich in dem Stofftuch in seiner offenen Hand befanden. Es waren Schnitzereien. Kleine Holzstäbe in welche kleine Symbole und am Ende niedliche Gesichter geschnitzt worden waren. »Seid gegrüßt werte Herrschaften. Habt ihr vielleicht Interesse an kunstvollen Schnitzereien der Drei?« Endres verzog seinen Mundwinkel zu einer mürrischen Grimasse. Idole aus Holz, vermutlich hatte der Kerl sie selbst geschnitzt und verhökerte sie zu teuren Preisen. Vermutlich war dieser Ort auch eine Art Wallfahrtsort für Pilger, auf ihrem Weg nach Süden. Und dieser Kerl nutzte natürlich die Gunst der Stunde gekonnt aus. Endres war kein besonders gläubiger Mensch doch in Ariad war der Glaube an die Drei sehr stark verwurzelt. Und so wagte er es nicht sich abfällig zu äußern auch wenn ihm genauso wenig der Sinn danach stand diese hölzernen Statuen zu erwerben. Als ob dem Händler Endres‘ zweifelnde Blicke aufgefallen wären, räusperte er sich nochmals und wandte sich dabei mehr an Valésia als an Endres. »Bei den Schnitzereien sind auch handgewobene Bänder dabei um die Bindungen zwischen den Figuren und eurem Schicksal zu knüpfen.« Er zeigte ihnen die kunstvollen und filigranen Bänder, die, ob der Größe der Figuren, eher wie Schnüre anmuteten, die aus feinen Zwirnen zu kleinen Bändern verdreht worden waren. Und so warf Endres einen fragenden Blick auf Valésia, natürlich in der Hoffnung sie würde ebenso wie er denken. Doch ihre Blicke verrieten ihm, dass sie diesen Händler vermutlich nicht so schnell loswerden würden wie er gehofft hatte.
Veränderungen ❖
baum-valésia entdeckte immer wieder neue Seiten an Endres seit sie sich auf dieser Reise, oder viel mehr auf dieser Flucht, befanden. Diese neuen Seiten waren ein Zusammenspiel aus seinen Worten und seinen Taten und verhielten sich wie kleine Mosaiksteinchen, die sich Stück für Stück und allmählich zu einem klareren Bildnis zusammensetzten, als sie je ein Bildnis von ihm vor Augen gehabt hatte, als sie ihn in Olathor getroffen hatte. Es hatte sich seit damals viel verändert. Aus dieser oberflächlichen Schwärmerei waren tiefe und echte Gefühle gewachsen. Endres war für sie jetzt nicht mehr nur ein junger hübscher Graf aus fernen Landen, der ganz anders und aufregend war und ihr ein neues, aufregendes Leben in Paltoria in Aussicht stellte. Nein, mit ihm an seiner Seite lernte sie diese Welt kennen, wo die ihre bisher so klein und beengt gewesen war, wie ein goldener Käfig. Er war ihr Geliebter, ihr Gefährte und auch ihr Freund, und sie konnte aufrichtigen Herzens sagen, dass sie ihn liebte und brauchte, wie sie noch nie jemandem in ihren bisherigen Leben geliebt und gebraucht hatte. Die Komtess und der paltorische Graf hatten schon viel miteinander erlebt und durchgemacht, dass niemand, der bei klarem Verstand war leugnen konnte, dass diese Verbindung von den Dreien nicht gesegnet war. Denn sonst wären sie wohl niemals so weit gekommen und hätten jeder erdenklichen Gefahren getrotzt, welchen sie ausgesetzt waren. Auch wenn derzeit noch nicht ersichtlich war, welche Gefahren und Widrigkeiten noch auf ihrem Weg lagen.

Doch derweil saßen sie glücklich mitten im Winter in Ariad in einem warmen See, der von einer heißen Quelle gespeist wurde und hatten nur Augen füreinander. Endres schenkte Valésia einen innigen Kuss, den sie nur allzu bereitwillig erwiderte, und während sie sich ihm entgegen reckte, spürte sie, wie seine freie Hand, die im Wasser trieb, auf Tuchfühlung ging. Erst streichelte er ihr Bein, aber bald danach suchten sich seine Finger den Weg zwischen ihre Beine. Zuerst erschrak sie ob dieser unerhört verbotenen Geste in der Öffentlichkeit, doch schnell zeigte sich, dass sich ihre Beine wie von allein willig öffneten, um seinen streichelnden Fingern den Weg zu ihrem Allerheiligsten zu ebnen. Schnell rutschten seine Finger in ihr Inneres und sie stieß einen wohligen Seufzer aus, während sich der Kuss intensivierte. Mit leichtherzigem Erschrecken stellte sie fest, dass sie ihn nicht zurückweisen würde, wenn er sie nun in diesem Augenblick haben wollte, doch aus dem heimlichen Wunsch nach inniger Intimität wurde nichts, da plötzlich knarrende Schritte im Schnee und leises Stimmengemurmel zu vernehmen waren. Sie glitten im Wasser auseinander, wie scheue Tiere und erst als die Menschen an ihnen vorbeigestapft waren ohne auch nur die geringste Notiz von Ihnen zu nehmen, entspannte sich Valésia wieder. "Das war aufregend!" bemerkte Endres, und Valésia, sichtlich errötet, lächelte verschämt und nickte.

Als sie die heiße Quelle schließlich verlassen hatten und sich angekleidet wieder in die Wirtsstube begeben hatten, erwartete sie bald auch schon ein vorzügliches Mahl. Die Komtess war so hungrig, dass ihr vermutlich auch eine weichgekochte Schuhsohle vorzüglich gemundet hätte. Wo sie früher stets opulente Gerichte gewöhnt gewesen war, hatte sich eine ehrliche Zufriedenheit für weitaus einfachere Speisen entwickelt. Linsen mit Speck, dazu frisches Brot und ein heißer Gewürzwein. Die beiden aßen mit gesunden Appetit und als sie fertig waren, saßen sie einfach nur im sanften Schein der Kerze, die auf dem Tisch stand und hielten einander an den Händen. Es war eine sehr romantische und innige Stimmung.

Doch diese Stimmung wurde barsch zerstört, als ein Mann an ihren Tisch trat. Er bot ihnen geschnitzte hölzerne Figuren zum Kauf an die die Drei darstellen sollten. Erst wandte er sich an Endres, doch seine ablehnende Haltung gab dem Manne ohne auch nur ein Wort zu sagen, die Gewissheit, dass er bei ihm auf keinerlei Interesse stoßen würde. Und so wandte er sich an Valésia. "Bei den Schnitzereien sind auch handgewobene Bänder dabei um die Bindungen zwischen den Figuren und eurem Schicksal zu knüpfen." Valésia die es in keiner Weise mochte, plump überfallen zu werden, besonders wenn es nur dem Zweck diente, an ihre Münzen zu kommen, blickte widerum Endres fragend, so wie auch er sie fragend anblickte. Ihre Blicke schweiften daraufhin wieder über die geschnitzten Figürchen und zuletzt blieben sie im Gesicht des Händlers hängen. Die Situation erinnerte sie stark an jene Begegnung mit Aelfric, der ebenso aufdringlich gewesen war und sie schließlich derart in Bedrängnis gebracht hatte, dass ihnen nichts anderes übrig geblieben war, als ihre Prinzipien über den Haufen zu werfen und da nachzugeben wo sie nicht gedachten, nachgeben zu wollen. Valésia räusperte sich leicht und schenkte dem Händler einerseits ein sanftes Lächeln, wie auch eine ablehnende Geste die sie mit einer Kopfschütteln unterstrich. "Habt Dank, werter Herr. Wir brauchen keine Figuren der Drei." Da blickte er sie entrüstet an, beinahe so, als hätte sie ihm gesagt, dass seine Figuren Unsinn seien, und fragte "Seid ihr denn nicht fest im Glauben an die Drei, edles Fräulein?" Ungläubigkeit zu unterstellen war in Ariad stets ein leichtes Unterfangen, an seine Ziele zu kommen, und Valésia wusste das. So erwiderte sie, immer noch lächelnd "Die Drei sind überall, nicht nur in Figuren aus Holz." Da erwiderte er ihr Lächeln und gab zurück "Ganz recht, sie sind überall. Aber eben darum: Mit einer Figur an eurer Seite habt ihr sie auch in dunklen Stunden nah. Was, wenn die Nacht kalt ist und kein Stern zu sehen? Da ist es tröstlich, ein wohlmeinendes göttliches Antlitz zu haben, das euch anschaut!" "Doch gerade dann sprechen die Götter am lautesten wenn alles dunkel ist!" Valésia lächelte immer noch höflich, doch sie spürte, wie leiser Groll in ihr aufstieg. Sie hatte eigentlich klar und höflich angedeutet, dass sie kein Interesse hegte, eine solche Figur kaufen zu wollen, doch er verdrehte ihre Worte, sodass sie eine theologische Diskussion eröffnet hatten, und eigentlich wollte sie keine wortgewandten Diskussionen führen sondern nur in Ruhe Zeit mit ihrem Liebsten verbringen. Er grinste sie an und schien in seinem Repertoire nach einer passenden Antwort zu suchen, da setzte sie nach "Die Götter sehen in mein Herz, nicht in meinen Beutel." "Wohl wahr, die Götter sehen in euer Herz. Doch wir Menschen sind schwach, und nicht jeder Glaube ist gleich fest. Ein Bildnis stärkt euer Herz wenn der Mut schwindet. Selbst die Frommen greifen danach! Nicht weil sie kaufen müssen, sondern weil sie Halt suchen!" "Wenn der Mut schwindet, dann prüfen die Götter mein Herz. Hielte ich mich an einem Stück Holz fest statt an sie, würde ich die Prüfung nicht bestehen. Ich bedaure sehr, doch ich habe bereits ein göttliches Kleinod, das mich begleitet. Glaube wird nicht stärker oder tiefer, wenn ich noch ein Kleinod erwerbe. Sie blickte ihm fest in die Augen, und der Händler nickte, deutete eine leichte Verbeugung an, und trollte sich schließlich. Valésia atmete tief aus. Sie hoffte sehr, dass es damit zur Genüge getan war, und sie nun ihre Ruhe hatten. Als er sich aus Hörweite entfernt hatte, beugte sich Valésia zu Endres und wisperte "Der war ja unerhört… Ich hoffe, er belästigt uns nicht mehr! Von Männern, due" Doch innerlich freute sie sich, dass sie den Mann mit ihren eigenen Worten und Argumenten vertrieben hatte. Auch dies war ein Nebeneffekt, weil sie nun auf sich alleine gestellt war und nicht mehr unter der Fuchtel ihres Vaters, ihrer Mutter und einer Anstandsdame stand, die alle nur stets im Sinn oder den Befehl innegehabt hatten, sie klein zu halten, damit sie eine gut erzogene, disziplinierte und folgsame Frau war, die stets nur aussprach und tat, was man von ihr erwartete und was sich gehörte. Vermutlich hatte der Händler erwartet, dass er nur ein paar hohle Glaubensfloskeln vorbringen musste, um seine Ware loszuwerden. Doch da hatte er sich gründlich getäuscht. Und so wie sie Endres kannte, war er sicherlich froh, nicht wieder Geld ausgegeben haben zu müssen!

Schließlich und letztendlich verließen sie den Schankraum und gingen auf ihr Zimmer. Die heißen Quellen und letztendlich das üppige Mahl samt heißem Wein hatten Valésia müde gemacht. Ihr ging so einiges durch den Kopf, während sie sich Schicht für Schicht, und Stück für Stück ihrer aufwändigen Gewänder auszog. Nämlich Endres' Worte, dass es vielleicht ratsam wäre, sich schlichtere Gewänder zuzulegen. Und das sagte sie ihm auch schließlich. "Ich finde du hast Recht, Endres. Wir sollten uns einfache Gewänder der gemeinen Leute zulegen. Es ist nun schon das zweite Mal, dass wir das Ziel von… von… Wucherern oder… wie nennt man es doch gleich… ah… Schacherern werden. Sie sehen unsere Gewänder und denken, sie könnten uns dazu nötigen, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, oder uns billigen Tand verkaufen. Sie sehen uns an und denken wir wären Goldesel… Aber das sind wir derzeit nicht, aber sie kompromittieren uns damit. Es ist mir sehr, sehr unangenehm. Und ich muss immer noch an diesen Aelfric denken, und was wohl aus ihm geworden ist. Er hätte uns niemals in solch arge Bedrängnis bringen dürfen. Dann wäre das alles nicht passiert." Valésia hatte die Bänder ihres Rocks gelöst und stieg aus dem Rock heraus, legte ihn sorgfältig über die Stuhllehne wo schon ihre anderen Gewänder sorgfältig darüber gelegt waren. Sie trug jetzt nur noch feine Strümpfe und ein dünnes Unterkleid, welches mehr offenbarte, denn verbarg. Sie setzte sich auf das Bett, hob ihr Unterkleid an und offenbarte somit den Blick auf die Strümpfe, die aus feiner Wolle nadelgebunden, und mit einem kupferfarbenen Baum bestickt waren, die das Wappensymbol von Aramajé waren. Sie öffnete die Bänder, welche die Strümpfe unterhalb des Knies an der Wade an Ort und Stelle hielten und schob diese vorsichtig hinunter, zog sie sich von den Füßen und legte diese zuletzt über die Stuhllehne. Sie verharrte, und blickte Endres erwartungsvoll an, und eine nicht unangenehme Stille legte sich über den Raum, bis er sich schließlich zu ihr setzte. Er strich ihr Haar aus dem Gesicht, legte die Hand an ihre Wange und küsste sie schließlich. Sie erwiderte den Kuss nur allzu gerne, spürte, wie sich seine Hände an ihre Hüften legten und langsam das feine Unterkleid hochschoben. Endres selbst hatte sich ebenso ausgekleidet und trug bis auf seine Bruche kein Kleidungsstück mehr. Hatte er sich anfänglich noch ein wenig geziert, sich vor Valésia allzu offenkundig auszukleiden, so hatte sich diese Geziertheit allmählich gelegt. Valésia hatte das Gefühl, dass sich eine allmähliche Vertrautheit zwischen ihnen beiden einspielte, und sie fand, dass das ein ungewohntes, aber sehr schönes Gefühl war. Je mehr Zeit verging in Valésia die elterliche Burg verlassen hatte, desto mehr bröckelten die strengen Regeln ihrer Kindheit und Jugend, Stück für Stück. Sie lachte öfter und herzlicher, sie konnte offener sprechen, und obwohl man an ihren Handlungen, Gesten und Worten klar erkennen konnte, dass sie keine gewöhnliche Bürgerliche war, wurde sie von Tag zu Tag in Freiheit mehr zu einer dieser. Und so saß sie hier nun mit Endres am Bett in dieser einfachen, doch sehr gemütlichen Gaststätte, so als wäre es etwas ganz Normales, dass sich ein Graf und eine Grafentochter in einem gewöhnlichen Gasthaus aufhielten, und gab sich Zärtlichkeiten und Liebkosungen hin, die doch stets in inniger Intimität endeten.
Die einfachen Dinge ❖
baum-endres dachte über Valésias Worte nach. Natürlich war es ihm auf der einen Seite sehr recht sich etwas schlichter zu kleiden. Aber sie hatten ja keine entsprechende Reisekleidung. Mehr und mehr kristallisierte sich heraus wie kopflos und planlos ihr Aufbruch eigentlich gewesen war. Er nahm Valésia bei der Hand und schenkte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Handrücken. »Ja, du hast natürlich Recht, meine Liebste. Ich werde mich darum kümmern. Hier sind ja einige Händler, manche von ihnen werden doch sicher etwas Kleidung zu verkaufen haben.« Am liebsten hätte er ihr noch gleich vorgeschlagen ihr sündhaft teures Kleid gleich zu verkaufen, doch er wollte es nicht auf die Spitze treiben.

Die Nacht war kühl, und klar. Es war eine dieser Nächte in der beide Monde voll am Himmel prangerten und ihr helles Licht die Kammer, in der Valésia und Endres schliefen, in ein helles, kühles Licht tauchten. Das Licht war so hell, dass es Endres aus dem Schlaf zerrte und er richtete sich im Bett auf und warf einen Blick auf die schlafende Schöne neben ihm. Das Licht tauchte sie in ein fast mystisches Gewand und Endres starrte sie einfach nur eine Weile lang an, bis er sich schließlich erhob und ans Fenster trat um die beiden Monde zu betrachten. Es lag eine fast idyllische Ruhe über diesem Ort, welche Endres ein angenehmes Gefühl gaben. Wenn die Umstände anders wären, wäre ein solcher Ort ein schöner Ort um vielleicht für immer hier zu verweilen. Doch die grausame Realität holte Endres bald schon wieder ein und er seufzte schwermütig. Seine Blicke wanderten hinunter auf die Erde. Er konnte den Fluss sehen, welcher an diesem Ort vorbeizog, und wenn man genau hinhörte, konnte man sogar das rauschen des Wassers vernehmen.

Endres zog sich sein Gewand über und schlich auf leisen Sohlen aus der Kammer. Irgendetwas in ihm zog ihn einfach nach draußen. Es war der Ruf des Mondes…wenn man so wollte. Und dass, obwohl er ein Paltore war. Ein Kind des Reichs der Sonne. Endres betrat die Stube und verließ dann das Haus durch die Tür. Und so stand er dann auf der hölzernen Veranda und badete im hellen Mondlicht. Sein Haar schimmerte fast silbern in dem kalten Licht und seine Haut wirkte beinahe wie als hätte er in Milch gebadet. Doch die kühle Nachtluft kroch ihm mehr und mehr in die Glieder und sein Atem stieg in weißen Wölkchen auf. Die Kälte ließ ihn zunächst frösteln, doch schon sehr bald begannen seine Lippen zu zittern und seine Zähne zu klappern. Da hielt er es nicht mehr aus und betrat wieder die Stube und kehrte zurück in die Kammer, zurück zu Valésia.

Am nächsten Morgen, nachdem sie gemeinsam gefrühstückt hatten, stromerte Endres durch um die wenigen Häuser, die entlang der Handelsstraße lagen. Hier und da stand ein Wagen. Doch niemand verkaufte Kleidung. Schließlich kam er bei dem letzten Wagen an. Doch als er den Händler erkannte, wollte er schon auf dem Fuße kehrt machen. Es war dieser aufdringliche Kerl, der ihnen am letzten Abend diese handgeschnitzten Statuetten verkaufen wollte. Er hatte allerlei Dinge in seinem Wagen. Doch da der Händler wohl mehr auf der Durchreise war, als dass er einen Verkaufsstand aufgeschlagen hatte, konnte man nur erahnen, was er da alles verkaufte. Und eigentlich hatte Endres keine große Lust sich wieder mit diesem Mann abzugeben und er wollte tunlichst vermeiden, dass er wieder versucht ihm diese geschnitzten Idole anzudrehen. Und so begab er sich zurück zu Valésia. »Ich fürchte wir müssen mit dem Wechsel unserer Garderobe bis zur nächsten Stadt oder Burg warten. Hier sind leider keine Händler. Die einzige Möglichkeit die wir sonst haben wäre etwas zu stehlen.« Er legte ein schelmisches Lächeln auf, dass die Worte überspielen sollte, so als ob er einen Scherz gemacht hätte. Doch wenn er sich ehrlich war, wäre dies nicht das erste Mal dass er etwas gestohlen hatte. Er hatte schon weitaus kostbare Dinge entwendet als schnöde Bauernkleidung.

Die Zeit war gekommen die Reise fortzusetzen. Es war eine nette Abwechslung gewesen. Eine Flucht aus der Flucht. Doch ihre Reise war noch lange nicht zu Ende, und je mehr Zeit sie vergeudeten, desto länger würde sie dauern. Auch wenn Endres eigentlich am liebsten einfach hier geblieben wäre. Es war ein schöner Ort. Fern aller Dinge. Und auch fern eines Hafens, der sie nach Paltoria hätte bringen können. Also war es auch fern von dem unangenehmen Scheideweg, der Endres bevorstand. Die schwere Beichte, dass es keine Burg Hohenehr in Paltoria gab. Dass es kein Haus Endarion in Paltoria gab. Und dass er nicht einmal blaues Blut in seinen Adern hatte. Und so war Endres natürlich zwiegespaltener Gefühle. Aber letzten Endes obsiegte die Vernunft. Hier zu bleiben war zu riskant. Sie waren noch im Königreich der Mitte. In der Grafschaft Aramajé. Es wäre nicht nur unklug, sondern äußerst töricht hier länger als nötig zu bleiben. Und so half Endres Valésia schließlich aufs Pferd und sie setzten ihre Reise fort. Auf dem Weg nach Ajaran lagen vermutlich noch einige Gehöfte, und Raststationen für die Botenreiter des Königreichs. Sie würden sicherlich noch eine adequate Tarnkleidung auftreiben, bevor sie die Stadt des Silbers und des Eisens betreten würden. Und von dort aus führte der Weg nur noch nach Süden. Bis ins südliche Königreich, über die Brücke der Zwillinge, hinaus aus Aramajé und hinein nach Thagnir. Wenn sie sich sputeten würden sie die Handelsstadt vermutlich in einer Woche erreichen. Mehr als genug Zeit um sich endlich einen guten Plan zu überlegen, Valésia die Wahrheit zu sagen.

Die Tage vergingen, und das Land zog nur stoisch an ihnen vorüber. Endres hatte kaum ein Auge für all die schönen Dinge die ihn umgaben. Seine Gedanken waren immer bei ihren Verfolgern oder lag in der verschwommenen Zukunft. Nur Valésia holte ihn immer wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ein liebevoller Blick, eine verspielte Berührung, ein zärtlicher Kuss. Es war jedesmal Balsam für seine Seele. Aber ungefähr einen Tagesritt von Ajaran entfernt, lag ein kleines Städtchen. Es war eines der vielen Vororte der Burg, welche den Burgherren und seine Dienerschaft mit Lebensmitteln, Materialien und Kleidung versorgten. Dieser Ort schien eine Weberei zu sein. Überall lagen meterweite, lange Bahnen aus Leinen auf der Wiese, um in der Sonne gebleicht zu werden. Man konnte die hellen, weißen Stoffe schon von weitem sehen. Zuerst hatte Endres gedacht dass dieser Ort von Schnee bedeckt war, doch da schon seit drei Tagen kein Schnee mehr gefallen war, und die Tage langsam auch immer wärmer wurden, war er sichtlich froh, dass es kein Schnee war. »Leinen. Wenn wir hier keine einfache Kleidung finden, dann nirgendwo, meinst du nicht auch, meine Liebste?«, säuselte Endres sichtlich fröhlicher gestimmt, als noch zuvor, als er nur Trübsal geblasen hatte. Die Reise machte ihm mindestens genauso zu schaffen wie Valésia. Er konnte kaum noch im Sattel sitzen, ohne dass ihm nicht irgendein Muskel zwickte, oder ein Gelenk steif zog. Sie brauchten dringend eine längere Rast. Und dieser Ort war genauso gut wie jeder andere. Sie waren im direkten Umland von der Bergfestung Ajaran, dem Tor in den Süden. Wenn sie morgen die Reise fortsetzen würden, wären sie um die selbe Tageszeit vermutlich schon vor den Toren der Stadt und dann hätten sie das Schlimmste hinter sich gebracht. »Lass uns eine Raststätte finden, und dann einen Händler oder Schneider, damit wir endlich diese Kleider loswerden können.« Er zupfte an seinem edlen, blauen Gewand, welches vermutlich schon ranzig geworden war. Die Ärmel zeigten schon erste Spuren von Verschleiß, und der Saum seines Rockes sah auch nicht besser aus. Wenn sie nicht die Pferde hätten, würde er vermutlich schon längst auch neue Stiefel benötigen. Doch diese sahen noch erstaunlich gut aus, daran gemessen, wie lange er sie schon trug. »Und ich brauche dringend ein Bad.«, murmelte Endres als er den Geruch wahrnahm, der sich unter seinen Armen breit machte.

Sie sahen vielleicht noch wie Adelige aus. Aber ungewaschen und ungepflegt. Stinkend wie ein Holzfäller oder Stallbursche. Er roch nach Pferd und Schweiß. Niemand der noch alle Sinne beisammen hatte, würde in ihnen eine reiche Beute mehr wittern, dessen war Endres sich gewiss. Und doch war es bitter nötig diese Kleider endlich loszuwerden. Endres beschloss, so sehr es ihn auch an vergangene Zeiten erinnerte, die Kleidung, die er schon so lange am Leib getragen hatte, bei der ersten Gelegenheit zu verkaufen. Immerhin war sie von hoher Güte und würde, trotz der Gebrauchsspuren, noch einen guten Preis erzielen können. Oder zumindest hoffte er das.

Es dauerte nicht lange, da hatten sie eine Herberge gefunden. Doch der Besitzer war ein mürrischer Kerl, der sie mit geteilten Blicken musterte. Abgehalfterte Menschen offensichtlich adeliger Herkunft, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Das roch sehr verdächtig. Und damit war nicht Endres strenge Note gemeint. Aber Endres vermochte es stets solche etwaigen, unangenehmen Situationen mit seinem Charisma – auch wenn dieses aufgrund seines Gestanks eher weniger überzeugend wirkte – und seiner Redegewandtheit auszuloten. Etwaige Zweifel wurden zerstreut. Möglicher Argwohn beschwichtigt und so mogelte sich der Lügenbaron jedes Mal aufs Neue durch unangenehme Situationen. Zwei Adelige auf der Flucht waren in Ariad gar nicht gern gesehen. Dies sorgte stets für Probleme. Und gerade die einfachen Leute wollten einfach keine Probleme mit ihrem Herren. Verdächtige oder Zwielichtige Gestalten wurden gemeldet oder gemieden. Und Endres hatte irgendwie ein Händchen dafür die einfachen Leute um den Finger zu wickeln, so dass sie sich relativ bald weniger abweisend oder weniger misstrauisch verhielten. Und dies kamen Endres und Valésia natürlich zugute.

Zu Endres Bestürzung hatte diese Herberge keinen Badezuber. »Wir waschen uns immer im Fluss, werter Herr.«, hatte der Kerl gemeint. Endres schnaubte mürrisch. Im Fluss baden? Bei dem Wetter? Da holte man sich ja eine Erkältung oder gar eine Lungenentzündung! »Das härtet ab!«, meinte der Mann stolz und Endres kam nicht umhin diese, leicht abwertende Note in der Stimme zu vernehmen. Ja, Adelige waren vielleicht nicht gar so hart wie die Leute vom Land. Feine Damen und Herren, in warmen Burgen, und dicker Wolle. Obwohl es in manchen Burgen zuweilen fast kälter war als in den Bauernhäusern, denn die hatten immerhin das Vieh dass sie wärmte. Aber Endres ließ es dabei bewenden. Als sie schließlich in die Stube eingezogen waren, ihre Sachen verstaut und ein paar Münzen aus ihrer Habe gezählt hatten, wandte sich Endres schließlich an Valésia. »Willst du im Fluss baden gehen?«, er verzog seine Augenbrauen zu einer fragenden Mimik. Er hatte eigentlich keine große Lust dazu sich in dem eiskalten Wasser zu waschen. Aber weiterhin so stinken wollte er auch nicht. In der Stube stand natürlich, wie es so üblich war, eine kleine Schüssel aus Holz und ein Krug mit Wasser. Für die einfache Katzenwäsche. Achseln, Hände, Gesicht. Und wenn es ganz übel roch, vielleicht auch das Gemächt. Endres Blicke ruhten eine Weile auf der Kanne mit dem frischen Wasser, und er entschied für sich, dass die Kanne ausreichend. Und so zog er sich das Hemd aus, kramte in ihren Taschen nach dem Stück Seife, von dem auch nicht mehr sonderlich viel übrig war, und rieb sich damit die besonders prekären Stellen ein. Dann rieb er sich mit dem feuchten Tuch, dass er in die Schüssel getaucht hatte, die schaumige Seife wieder vom Leib. Zufrieden stellte er fest, dass zumindest der unangenehme Geruch verschwunden war, bis er sich wieder das Hemd über den Kopf zog. »Ach du meine Güte.«, ächzte Endres und erntete dafür ein fast belustigtes Lächeln von Valésia. Nachdem Endres sich wieder etwas sauberer fühlte überkam ihn allerdings ein ganz anderes Bedürfnis. Ein tiefes…urmenschliches Bedürfnis. »Meine Schöne. Lass uns durch das Städtchen gehen, einen Schneider und einen Krämer aufsuchen. Wir müssen unsere Bestände auffüllen, und zumindest ich brauche nun mehr den je ein neues Gewand.« Er entschuldigte sich, und verließ Valésia daraufhin, nachdem er mit ihr vereinbart hatte, das sie sich, nachdem sie sich selbst gewaschen hatte, unten vor der Herberge treffen würden. Indes trottete Endres zu einem ganz anderen Ort. Einem stillen Ort. Ein so stiller Ort dass man das Gefühl hatte, dass jedes Geräusch, dass man dabei von sich gab über Meilen zu hören war. Und doch ließ es sich einfach nicht vermeiden. Der Mensch hatte einfach gewisse Bedürfnisse. Hunger und Durst. Schlaf. Und die Notdurft. Und eben jene rief Endres, in beinahe strammen Schritten, schlussendlich auf den Abort, der außerhalb der Herberge hinter dem Haus stand…
Beim Schneider ❖
baum-ohne weitere Umschweife führte der Weg, den sie beschritten, unaufhörlich immer weiter nach Süden, und hatten sie zunächst viel Ungemach erlitten, so schien es nun, dass das Blatt sich gewendet hatte, und das Schlimmste hinter ihnen lag. Sie hatten ein kleines Dorf namens Ardet erreicht das einen Tagesritt von Ajaran entfernt lag. Valésia und Endres ritten in einem gemächlichen Schritt und die Komtess besah sich wie auch Endres die meterlangen Stoffbahnen, die zum Bleichen in der Sonne lagen. Sie war ganz in Gedanken versunken. Die vielen Stoffbahnen erinnerten sie an zuhause. Einmal im Jahr ließ Graf Gunther Tuchhändler und Schneider aus ganz Ariad in seine Burg kommen, was jedes Mal das reinste Spektakel war. In den Gemächern von Ihrer Mutter und Valésia türmten sich die Stoffballen, und die Gräfin suchte gemeinsam mit Valésia Stoffe aus. Diese wurden nach eingehender Beratung durch die versiertesten Schneiderinnen zu edlen Gewändern verarbeitet. Valésia hatte schon immer ein Faible für Stoffe und Tücher gehabt. Kein Stoff war wie der andere, je nach Material und Herkunft, und die Tuchhändler brauchten abgesehen von den textilen Kostbarkeiten auch immer jede Menge spannender Geschichten und Neuigkeiten aus den entlegensten Ecken des Reiches und der Ländereien. Valésia hatte sehr viele ihrer Kleider zurücklassen müssen, so wie die meisten ihrer Habseligkeiten. Und nun waren sie gewissermaßen dazu gezwungen, sich in einfache Gewänder zu kleiden, nur um nicht ständig in Gefahr oder Bedrängnis zu gelangen, da die Menschen in ihnen nicht mehr sahen als ein adeliges Paar, das man nach Lust und Laune schröpfen wollte. Endres holte sie aus ihren Gedanken zurück „..wenn wir hier keine einfache Kleidung finden, dann nirgendwo, meinst du nicht auch, meine Liebste?“ Sie nickte, und lächelte ihn an. „Gewiss!“
Sie fanden schließlich auch eine einfache Herberge, doch der Gastwirt war ein eher ungemütlicher Zeitgenosse, ein verdrießlicher Mensch, ohne Liebenswürdigkeit oder nennenswerte Freundlichkeit. Zu allem Überfluss gab es in dieser Herberge keinen Badezuber, stattdessen verwies er die beiden an den örtlichen Fluss, wo alle Menschen badeten und sich wuschen. Sie ließen es dabei bewenden und bezogen erst einmal ihr Zimmer, wo sie ihr Gepäck verstauten und Endres Geld aus seinen Taschen holte. „Willst du im Fluss baden gehen?“ fragte er sie und Valésia schüttelte den Kopf. Ihr stand nicht der Sinn nach einem Bad in einem eiskalten Fluss. Die warmen Quellen waren etwas ganz anderes gewesen, sie waren warm und angenehm gewesen. Selbst das Wasser in der Schüssel, das Zimmertemperatur angenommen hatte, war recht kalt, da wollte sie gar nicht wissen, wie kalt erst das Wasser im Fluss war. Endres wusch sich derweil die üblichen Stellen, die es am nötigsten hatten, dann entschuldigte er sich und ging nach draußen, nicht, ohne zuvor mit ihr vereinbart zu haben, wann und wo sie sich treffen würden, um anschließend in dem Städtchen einen Schneider und einen Krämer aufzusuchen.

Valésia blieb alleine zurück. Als Endres gegangen war, hatte sie damit begonnen, sich ihre Gewänder auszuziehen, Stück für Stück, bis sie nur noch ihr seidenes Unterkleid trug. Doch da niemand zugegen war, entledigte sie sich auch diesem letzten Kleidungsstück. Im Raum war es kühl und so zog eine Gänsehaut über die nackte, makellose Haut der Komtess. Sie schwemmte die Seife in der Schüssel ab, bevor sie sich damit das Gesicht, unter den Armen, zwischen den Beinen und ihre Füße wusch, und die Seifenreste mit einem nassen Tuch abtrug, bis die Haut glatt und seifenfrei war. Sie holte das andere Seidenhemd hervor, welches sie im Wechsel mit dem anderen trug, und obgleich sie sich bemühte, ihre Kleidungsstücke in Ordnung zu halten und stets zu reinigen und lüften, wann immer es sich ergab, so sah man den Gewändern an, dass sie schon lange keine anständige Wäsche in einem Waschbottich erhalten hatten. Valésia vermisste saubere Leibwäsche, duftende Blütenöle, die Behandlung ihrer Zofen die sich stets um ihr makelloses Äußeres gekümmert hatten, in dem sie ihr die Hände und Füße manikürt, das Haar gekämmt und sie beim Baden unterstützt hatten. Sie fragte sich, wie lange sie noch durch diese Einöden reisten, und wann sie endlich ein Schiff bestiegen, das sie in Endres‘ Heimat Paltoria bringen würde. Sie hatte die Reise mit ihren Strapazen bisher geduldig und ohne klagen ertragen. Doch allmählich wurde sie immer mehr verzagt. Es war nicht Endres' Schuld. Doch auch, wenn sie freiwillig mit ihm geflohen war, hatte sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen ausmalen können, wie diese Flucht sein würde. Und sie hatten vermutlich noch nicht einmal die Hälfte der Reise hinter sich gebracht. Valésia seufzte, und zog sich ihren weißen Wollumhang aus Diamantköper über die Schultern. Unweigerlich musste sie an die Worte ihrer Mutter denken, wenn diese sie stets mit Ratschlägen, die eigentlich keine Ratschläge, sondern verbindliche Anweisung waren. 'Merk es dir Valésia: Männer dulden keine Launen. Sie wollen eine Frau, die stets lächelt, gleich ob ihr danach ist oder nicht.' Und so verließ sie das Zimmer, schritt die Stufen hinunter, so würdevoll ihr das möglich war, denn das Reiten hatte schon seit geraumer Zeit seinen Tribut gefordert, und verließ mit jener freundlichen und gefälligen Miene, die man stets von ihr erwartete, das Gasthaus, um sich mit Endres am vereinbarten Ort zu treffen. Doch ihn zu sehen, dazu brauchte es keine aufgesetzte Miene. Und so nahm sie seinen galant dargebotenen Arm und sein unwiderstehliches Lächeln zum Anlass und schenkte ihm ein ebenso aufrichtiges Lächeln. Schließlich ließ sie sich frohen Herzens von ihm vom Gasthaus wegführen, um sich endlich dem Vorhaben, bürgerliche Kleidung zu kaufen, zu widmen.

Der Tag war kühl, aber mild. Ein leichter Wind wehte, und trug den frischen Geruch von Frühling mit sich. Zwar war der Frühling noch nicht eingekehrt, doch die Tage wurden schon merkbar länger, und die Dunkelheit wurde immer weiter zurückgedrängt. So schlenderten sie gemächlich durch das Dörfchen Ardet, auf der Suche nach einem Schneider. Da das Dörfchen überschaubar war und nicht besonders groß, dauerte es auch nicht lange, bis sie einen Schneider fanden. Das Schild, auf dem ein Tuch, eine Schere und eine Nadel aufgemalt waren, schaukelte sanft und leicht quietschend im Wind. Endres öffnete schwungvoll die Türe und ließ Valésia den Vortritt, und folgte ihr schließlich in den Laden. Ein großer schlanker, um nicht zu sagen dürrer Mann in farbiges Tuch gekleidet, trat auf die zu. Nachdem er sie dezent mit abschätzigen Blicken gemustert hatte, vollführte er eine leichte Verneigung. "Die drei zum Gruße, edle Herrschaften! Wie kann ich euch dienen, in meinem bescheidenen Laden?" Valésia erwiderte den Gruß mit einem leichten Kopfnicken, und überließ schließlich Endres das Sprechen. Er erklärte, dass sie sich neu einkleiden wollten, jedoch in etwas schlichterer Kleidung. Da der Mann der vor ihnen stand, einer war, der die Bedeutung von Kleidung im Sinne von Stand und Herkunft kennen musste, wie kein anderer, waren auch nicht viele Worte nötig, die die Notwendigkeit von schlichterer Kleidung in dieser Region untermauerte. Natürlich war es seltsam, dass ein offenkundig adeliges Paar sich kleiden wollte, wie die hiesige gemeine Bevölkerung, und um nicht noch mehr Misstrauen zu wecken, das sie auf ihrer Reise hier und dort schon gesät hatten, erklärten sie ihm daher kurz und knapp die Gründe für diesen Wunsch. Der Schneider nickte ernst und verstehend. "Ich verstehe! Ja, es ist Winter, die Menschen leben von ihren Vorräten und viele ergreifen nur allzu gerne jede Gelegenheit, offenkundig wohlhabenden Herrschaften das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch keine Sorge! Nicht bei mir! Bei mir erhaltet ihr vortreffliche Arbeit und es kostet keine Mark mehr! Bei uns zahlt der Bauer genauso viel wie der König!" Ein tiefes Gelächter drang wie Donner aus ihm hervor und er wischte sich ein kleines Lachtränchen aus dem Augenwinkel. "Nun! Ich rede zu viel! Was schwebt euch vor? Wenn ich darf, kümmere mich erst einmal um die edle Dame. Gerne führe ich euch die neuesten Stoffe aus unseren regionalen Webereien vor! Leinenstoffe, Nesselstoffe, Wollstoffe… Bitte, nehmt hier auf diesem Stuhl Platz und ich werde euch meine Ware vorführen! Geschäftstüchtig schleppte er Stoffballen um Stoffballen an, legte Tuch um Tuch an Valésias Gesicht, manchmal nickte er, manchmal schüttelte er den Kopf. Und wenn er den Kopf schüttelte, dann trug er den Stoffballen wieder zurück ins Regal, bis auf dem Tisch nur noch Farben lagen, von denen er der Meinung war, dass sie Valésia gut zu Gesicht standen. Die Komtess entschied sich schließlich für ein Überkleid aus honigfarbenem Wollstoff und eines aus waidblauem Wollstoff. Der Schneider entschied, dass sie mindestens zwei Unterkleider und zwei Leibkleider dazu brauchte. Valésia fand, dass sie genug Geld mitgenommen hatte, und sie sich das durchaus kaufen konnte. Sie wusste schon, dass Endres ein sparsamer Mann war, und das war durchaus auch vernünftig, schließlich wusste man nie, was einen noch alles ereilen konnte. Doch all die Monde der Entbehrung hatten in Valésia durchaus den Wunsch entwickelt, diese Entbehrung einmal hinter sich zu lassen, und das Geld dafür zu nutzen wofür es da war: um es auszugeben. Der Schneider war, wie konnte es auch anders sein, Mit Valésias erweckter Kauflust durchwegs zufrieden. Er führte ihr noch handgewebte Borten vor, mit welchen sich die Kleider durchaus schmuck verzieren lassen würden, ohne den Eindruck zu erwecken, allzu wohlhaben zu sein. Schließlich wandte er sich an Endres. "Nun, werter Herr, was schwebt euch vor?"
Fünfundsechzig und Sieben ❖
baum-endres stand schweigend und mit verschränkten Armen in der Schneiderei und beobachtete mit immer dunkler werdenden Augen was sich da vor ihm abspielte. Valésia ließ sich Stoffe vorführen, wie es einer edlen Dame gebührte. Doch nur mit dem feinen Unterschied, dass sie eben auf der Flucht war und nicht mehr über den unerschöpflichen Quell an Geld verfügte wie einst, als sie noch das goldene Vögelchen ihres Vaters gewesen war. Innerlich verkrampfte Endres förmlich und bei jeder Silbe, die der Schneider flötete, blutete sein Herz mehr und mehr, bei dem Gedanken daran was das am Ende alles kosten würde. Doch irgendwann hatte sich Valésia endlich für einige Kleidungsstücke entschieden und so war nun er an der Reihe. »Nun, werter Herr. Was schwebt euch vor?«, säuselte der Schneider, der nun voll in seinem Element zu sein schien. Doch Endres zuckte nur mit den Schultern. »Es sollte praktisch sein. Einfache, feine Wolle. Aber nicht so dass man trotzdem sieht, dass es teuer war, ihr versteht?« Endres sah ihn eindringlich an. »Denn wie wir vielleicht schon erläutert haben, sind wir auf langer Reise in den Süden und bereits zwei Mal in eine sehr unangenehme Situation geraten in welcher Menschen uns nur wegen unserer Kleidung wegen ausrauben oder erpressen wollten. Wenn wir also nun unsere feine Kleidung, um die es mir sehr leidtut, gegen hochwertige Wollkleider auswechseln, wird dies an unseren Problemen nicht viel ändern. Sie werden einfach nur verlagert.« Der Schneider nickte doch in seinem Blick erkannte man, dass er schon mit dem Gedanken gespielt hatte seine besten Stoffe verkaufen zu können. Und Endres hatte diese Hoffnung just in diesem Moment zerschlagen.

Endres war deutlich entscheidungsfreudiger als Valésia. Er entschied sich für eine einfache braune Tunika und dazu ein fast grauer Wollmantel mit Kapuze. Gerade bei Regen und eisigen Winden war so ein Mantel unglaublich praktisch und er legte Valésia nahe sich auch so einen zuzulegen. Als die Beiden sich schließlich für die Farben und Stoffe entschieden hatten, begann der Schneider Maß zu nehmen. Er wuselte geschäftig umher, legte die Maßrolle an, notierte sich Zahlen und nickte dabei immer wieder nachdenklich. »Nun, ich wäre dann soweit, meine Herrschaften.«, verkündete er schließlich. »Ich werde einige Zeit benötigen die Kleidung fertig zu stellen. In zwei Tagen sollte alles erledigt sein.« Endres nickte und dachte bereits mit einem unangenehmen Ziehen in der Magengrube an den unangenehmen Teil der nun folgen würde. »Habt Dank für eure Mühen. Was wird das alles kosten?« Der Schneider rieb sich geschäftig die Hände und begab sich an seinen Verkaufstisch. Dort nahm er einen kleinen Abakus zur Hand und begann die kleinen bunten Steine hin und her zu schieben, erneut begleitet von ständigen Notizen, die er sich währenddessen machte. »Zwei Umhänge, ein Wollkleid, ein Leibkleid, zwei Unterkleider, Untergewand, Bruche, Tunika, Wollhose.« Er sprach mehr mit sich selbst als dass er sich an Valésia oder Endres wandte. Endres fühlte sich wie auf glühenden Kohlen, je länger er mit diesen vermaledeiten Steinchen herum schob und mit seinem Federkiel herumkritzelte. Doch schließlich wurde Endres erlöst. Oder viel mehr wurde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. »Fünfundsechzig Silbermark und sieben Heller.« Endres schluckte und musste sich unglaublich beherrschen weder zu erbleichen noch zu erröten. »Ich verstehe guter Mann.«, antwortete er in einer ruhigen Tonlage. »Und wünscht ihr eine Anzahlung?« Der Händler nickte mit einem freundlichen Lächeln. »Gewiss, guter Mann. Zwei Silbermark als Anzahlung, der Rest bei Abholung.« Endres nickte und kramte in seiner Tasche und zog zwei der silbernen Münzen hervor und legte sie dem Mann auf den Tisch. Egal was es kostete, es kam für Endres dennoch nicht in Frage, dass Valésia die Bezahlung übernahm. Da musste er die Form waren. Nicht nur um seinetwillen, sondern auch vor diesem fremden Schneider. Was sollte der Mann sonst von ihm halten, wenn er die Dame bezahlen ließ? Natürlich unterzog der Schneider die Münzen der obligatorischen Echtheitsprüfung. Doch anstatt einfach hineinzubeißen, wie es die meisten einfacheren Leute taten, legte er sie auf eine kleine Unzen Waage. Auf die zweite Waagschale legte er denn kleine Gewichte bis die Waagschalen auf gleicher Höhe hingen. Und so nickte er zufrieden und strich die Münzen ein. »Nun, habt Dank für den Auftrag und in zwei Tagen ist alles bereit.« Er streckte Endres die offene Hand entgegen um den Vertrag zu besiegeln und Endres schlug ein. Und damit war es besiegelt. Und Endres zunächst um zwei, und vermutlich in zwei weiteren Tagen um fast fünf weitere Silbermünzen ärmer.

Valésia und Endres verließen schließlich die Stube und kaum waren sie vor der Tür murrte Endres auch schon. »Zwei Tage? Er wirkte nicht als ob er so viele Kunden hätte. Wieso braucht er zwei Tage dafür? Und was sollen wir nur so lange in diesem Nest machen, meine Liebste?« Endres seufzte und sah an sich herab. Er hatte gehofft, dass er noch heute neue, saubere Kleidung erstehen könnte, damit er aus diesen stinkenden Kleidern entsteigen konnte. Doch als er seines, und vor allem Valésias Kleider begutachtete, kam ihm der Einfall, dass es sicher keine schlechte Idee wäre, den Schneider zu fragen, ob er ihre hochwertigen, wenn auch nicht mehr neuwertigen, Kleider in Zahlung zu nehmen. Dies hätte gleich mehrere Vorteile. Sie würden etwas Geld sparen, was für Endres natürlich ein nicht unerhebliches Argument war. Und sie würden auch Gepäck sparen. Jedes Kleid, dass sie mit sich schleppten, machte ihr Reisegepäck nur unnötig schwerer. Und Valésia hatte sich immerhin vier Kleider aufschwatzen lassen, wenn man ein Unterkleid als ein Kleid bezeichnen wollte. Er dagegen war ja recht genügsam gewesen mit nur einer Hose und einer Tunika.

Sie stromerten etwas durch den kleinen Ort doch wirklich viel zu bieten hatte er nicht. Und nicht einmal ein Badehaus! Endres seufzte. Hätten sie nicht bei den heißen Quellen zwei Tage warten können, anstatt in diesem Kuhdorf in der es nur einen überteuerten Schneider und einen kalten Fluss zum Baden gab? Endres grummelte fast und war heilfroh als sie endlich wieder in ihrer Unterkunft angekommen waren, um eine warme Mahlzeit einzunehmen. Doch das Mahl war fast genauso karg wie der ganze Ort. Es fehlte an Würze und an Abwechslung. Es war einfach nur ein schnöder Eintopf mit ein paar Speckbrocken die in der zähflüssigen Pampe dümpelten. Und dazu gab es knuspriges und so frisches Brot, dass es sogar noch warm war. Endres tunkte seinen Brotkanten in die Suppe und stocherte währenddessen mit dem hölzernen Löffel etwas lustlos in der Suppe herum. »Ich fühle mich wie am Rand der Welt gestrandet.« Er hob seinen Kopf und bedachte Valésia mit einem fragenden Blick. »Und wie geht es dir, meine Liebste?« Natürlich dachte er nicht nur an ihr derzeitiges Wohlbefinden aufgrund der kargen Situation und dass sie sich wie einfache Frau verkleiden musste. Sondern auch an all die Umstände die sie bisher erlebt hatten. Vor allem der Sturz vom Pferd bereitete ihm Sorgen, denn er hatte schon erlebt, dass Männer durch so einen Sturz ein steifes Bein bekommen hatten, da sie nie richtig behandelt worden waren.

Aber zu Endres Verblüffung waren die nächsten zwei Tage erstaunlich schnell vergangen. Vielleicht war es daran gelegen, dass sie die Zeit genutzt hatten immer recht lang zu schlafen. So konnten sie sich endlich einmal ausreichend ausruhen und der Tag war auch schneller wieder vorüber. Und natürlich hatten sie nicht nur geschlafen, wenn sie miteinander im Bett gelegen waren. Und Endres dachte mit einem seligen Gesichtsausdruck an diese gemeinsamen Stunden während er beinahe verträumt in den Himmel blickte. Endres hatte Valésia zum Fluss geführt und sich mit ihr auf einer Bank niedergelassen um dem Strom des Wassers zu beobachten. »Meine Liebste. Ich muss dich etwas fragen.«, begann er und überlegte wie er die Worte am besten verkaufen sollte. »Bitte denke nicht voreilig über meinen Vorschlag. Er ist aus reinem Pragmatismus geboren aber nicht unerheblich. Deine Garderobe ist sehr…umfangreich. Ja ich weiß, dass sie bei weitem nicht so umfangreich ist, wie dein Kleiderschrank in Aramajé.« Endres hüstelte und lächelte verlegen. »Aber, wenn wir die neuen Kleider abgeholt haben, werden wir ja kaum noch Verwendung für unsere alte Kleidung haben. Und sie wären nur unnötiger Ballast, den wir den Pferden zusätzlich aufbürden würden. Also habe ich überlegt, ob wir sie dem Schneider nicht vielleicht in Zahlung geben möchten? Auch wenn sie nicht mehr neu sind, so haben sie doch einen gewissen Wert für einen Mann wie ihn. Aber ich möchte dich natürlich nicht dazu nötigen. Ich kann verstehen, wenn deine Kleider dich noch ein Stück an dein altes Leben und deine Heimat erinnern.«

Insgeheim hatte Endres natürlich gehofft, dass Valésia sich von ihren teuren aber auffälligen Kleidern trennen würde. Und als sie schließlich beim Schneider standen und ihre neuen Kleider anprobierten, musste Endres mit Anerkennen feststellen, dass sie wie angegossen passten. »Vortreffliche Arbeit, guter Mann. Es sitzt perfekt.« Endres zupfte an den Ärmeln und am Saum seiner Tunike und wenn der Schneider einen Spiegel gehabt hätte, wäre er vermutlich aus allen Wolken gefallen wie erbärmlich gewöhnlich er nun aussah. So viele Jahre hatte er sich für einen Adeligen ausgegeben obwohl er keiner war. Und nun gab er sich für einen Einfachen Mann aus der er eigentlich war, während er aber gleichzeitig den Adeligen mimen musste. Das war sehr ungewöhnlich für Endres. Doch er war ein Überlebenskünstler. Er würde sich schnell an diesen neuen Umstand gewöhnen. Und als auch Valésia sich angezogen hatte und sie den Schneider entlohnt hatten, da verließen sie diesen Ort. Ihr Ziel war der Rand der Berge. Die Bergfestung Ajaran. Sitz der Königlichen Münzprägestätte und gleichzeitig das Silberbergwerk dieser Region. Ein geschichtsträchtiger und zugleich ungemein gefährlicher Ort. Denn dort lebten nicht nur einfache Bauern, Pöbel und Gauner. Sondern auch Adelige und Hochwohlgeborene. Kaufleute, Schuldheiße und Bankiers. Die Gefahr, dass sie jemandem begegneten, der Valésia erkennen könnte, war hoch. Daher war es unabdingbar gewesen sich in einfache Kleidung zu gewanden. Und doch war Valésia nicht irgendeine Frau. Sie war die schönste Frau des ganzen Landes. Selbst in ihren einfachen Gewändern war sie eine anmutige Blume die Endres, jedes Mal wenn er sie ansah, ein warmes Gefühl in der Magengrube und ein sanftes Lächeln auf den Lippen bescherte. Und auch wenn ihr nächstes Ziel viele Gefahren barg, so war es unvermeidbar diesen Ort zu betreten. Es ließ sich kaum einrichten ihn zu umgehen, denn es lag auf dem direkten Weg in den Süden. Und auch wenn es im Umland mehrere kleiner Dörfer wie dieses gab, so lagen sie alle nicht auf dem Weg. Ajaran war die nächstgelegene Befestigung. Hier gab es alles, was Valésia und Endres an dem einfachen Ort der Leinenmacher und Wollweber vermisst hatten. Badezuber, gutes Essen, und ein Hauch von gewohnter Atmosphäre, sofern man sich in die richtigen Kreise begab. Selbst wenn sie an dieser Burgfeste einfach vorbeireiten würden um einfach zum nächsten Ort zu gelangen, benötigten die Pferde auch gelegentlich eine Rast und man musste die Vorräte und den Proviant auffüllen.

Endres drückte sich etwas fester in den Sattel und presste die Beine gegen die Flanken seines Pferdes. Er beschattete seine Augen mit der linken Hand und deutete mit seiner Rechten auf den massiven Bergausläufer, welcher sich vor ihnen in den Himmel erhob. Schon von weitem hatte man diese Berge gesehen und sie waren das ständige Bild am Horizont gewesen und nun waren sie ihnen so nahe, dass man sie beinahe berühren konnte. »Dort ist die Burg! Man kann schon den großen Bergfried sehen und die Rauchfahnen.« Er warf Valésia einen aufmunternden Blick zu. »Heute Abend werden wir endlich, nach fast vier Tagen, wieder in einem Bett schlafen. Und wenn die Burg es gut mit uns meint und du dich dort wohlfühlst, könnten wir auch wieder zwei oder drei Tage rasten um wieder zu Kräften zu kommen und die Pferde zu schonen. Was meinst du, meine Liebste?« Und so gab er dem Pferd schließlich einen sanften Tritt in die Seite und es setzte sich in Bewegung um die letzten Schritte, die sie von dem großen Burgtor noch trennten, zu bewältigen. Die Pferde trotteten, müde und schwerfällig vor sich hin und ihre beiden Reiter wirkten nicht weniger schwerfällig und erschöpft, als sie schließlich, am späten Nachmittag vor den Toren der Burg angekommen waren und Endres sich gewahr wurde, dass nun das alte Leid mit der Torwache und ihrem Misstrauen und lästigen Fragen beginnen würde.
Vor den Toren Ajarans ❖
baum-zwei Tage auf neue Kleidung zu warten war nicht das Schlimmste, wenn man diese Zeit mit seinem Liebsten im Bett verbrachte, anstatt einem geregelten Alltag nachzugehen. Seit Valésia mit Endres geflohen war, hatte es viele solcher Tage gegeben, aber diese zwei Tage waren wohl ein neuer Höhepunkt des Müßigganges und der Lasterhaftigkeit. Doch von Lasterhaftigkeit konnte man hier wohl kaum sprechen. Wenn die Komtess dafür ein Wort finden müsste, dann wäre es wohl so etwas wie Liebesmuße. Immerhin waren sie ein Paar, das einander in Liebe zugeneigt war. Doch war es ein Wunder, dass man hier nichts anderes tun konnte? Erstens war dieses Dorf hier ein kleines Flohdorf, es gab hier nichts, das Essen war nicht wohlschmeckend, es gab kein Badehaus, kein Gebetshaus, eine kleine Menge windschiefer Häuser und nur diesen kalten Fluss, der schon braunes Wasser mit sich führte, da die zusätzlichen Mengen von Schmelzwasser aus den Bergen den schlammigen Grund aufwühlte. Wahrscheinlich war es dieser Tage nicht ungefährlich, in diesem Flusslauf zu baden und Valésia fragte sich, ob die Leute dieser Tage Abstand davon nahmen zu baden. Aber man konnte ja nicht den ganzen Tag miteinander im Bett verbringen, und so hatten sich die beiden nach draußen gezwungen, um ein wenig spazieren zu gehen. Am Fluss ließen sie sich auf einer Bank nieder und Endres hob nach einer Weile schließlich an "Meine Liebste. Ich muss dich etwas fragen. Bitte denke nicht voreilig über meinen Vorschlag. Er ist aus reinem Pragmatismus geboren aber nicht unerheblich." Valésia spitzte die Ohren und war neugierig, was er sie so Wichtiges fragen wollte, dass er so viele Worte dafür gebrauchte, sich bereits im Vorfeld zu erklären, anstatt sie einfach zu fragen, was er wissen wollte. "Deine Garderobe ist sehr… umfangreich. Ja ich weiß, dass sie bei weitem nicht so umfangreich ist, wie dein Kleiderschrank in Aramajé…" hob Endres an und begann schließlich lang und breit über ihre Menge an Kleidern zu schwadronieren, die letztendlich mit ihnen gemeinsam ihre Flucht angetreten hatten. Natürlich war dies nur ein geringer Bruchteil dessen gewesen, was sich sowohl in Aramajé als auch in Olathor in ihren Kleidertruhen befand. Als er seine Ansage beendet hatte, blickte Valésia ihn sichtlich überrascht und vielleicht auch ein wenig enttäuscht an. Wenn sie sich ehrlich war, hatte sie nach seinem ersten Anflug der verlegenen Worte etwas anderes erwartet. Vielleicht hatte sie sogar erhofft, dass er hier am Fluss, auch wenn es dafür sicherlich hübschere und geeignetere Orte geben mochte, um ihre Hand hatte anhalten wollen. Immerhin liebten sie sich, und teilten schon seit vielen Monden Lager und Leben miteinander. Die Götter hatten diese Verbindung offenkundig gesegnet, indem sie sie vor großem Unglück bewahrt, und diese Flucht in ihren völlig unzureichend geplanten Einzelheiten hatten gelingen lassen. Nachdem sie ihre Enttäuschung beiseite gewischt hatte, hörte sie ihm zu und ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen. Er hatte Recht. Er hatte eigentlich immer Recht. Endres war älter und somit auch erfahrener als sie. Was wusste sie schon, die immer nur behütet in ihrem Zuhause gesessen und wenig Erfahrung im Leben hatte sammeln können? Sie wandte ihr Gesicht vom Fluss ab und blickte ihn an. Dieses hübsche Gesicht, das ihr vom ersten Augenblick an ihrer Begegnung den Kopf verdreht und den Verstand geraubt hatte. Er hatte sie gerettet, in vielerlei Hinsicht. Vor ihrem einsamen Herzen, das nur hungrig nach Liebe und Freundlichkeit war. Vor dem Erbprinzen. Vor einem kalten, fremdbestimmten Leben. Endres war mit seiner unkonventionellen Art, wie sie sie noch nie bei einem Adeligen erlebt hatte, in ihr Leben getreten und hatte es von einem Moment auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt. "Du hast Recht, Endres. Wir sollten uns nicht mit unnötigem Ballast herumschlagen. Es mag sein, dass das eine oder andere Gewand einen gewissen sentimentalen Wert für mich besitzt und mich an mein Leben zuhause erinnert. Doch dieses Leben ist längst vorbei. Es liegt hinter mir und wir sollten nicht zurück, sondern nur nach vorne blicken. Um unser Ruhe Willen haben wir uns dazu entschieden, uns künftig als gemeine Menschen auszugeben und nicht mehr als die, die wir sind; von Adel. Und es liegt auch nicht an uns, zu bestimmen, welche Last unsere Pferde zu tragen haben für uns, aus reiner Eitelkeit. Bieten wir dem Schneider unsere Kleider an." Schließlich, und das behielt Valésia für sich, würde ihr spätestens auf Burg Hohenehr doch wohl wieder ein ganzes Heer an Gewandschneidern zur Verfügung zu stehen. Sie hatte sich immer gesagt, dass sie lieber ein bürgerliches Leben mit Endres wünschte, als ein adeliges Leben ohne ihm. Jetzt hatte sie ihn an ihrer Seite, so wie sie es sich gewünscht hatte, da war es doch förmlich ihre Pflicht, dem Prunk zumindest so lange zu entsagen, bis sie ihre Rolle als Frau einer Burg wieder offiziell aufnehmen konnte? Valésia legte ihre Hand in die seine. "Wir haben einander. Ich bin die reichste Frau im ganzen Weltenrund."

Als sie schließlich in gewöhnlicher Kleidung und mit gewöhnlicher Menge Reisegepäck dieses gewöhnliche Dorf verließen, wirkten sie selbst wie gewöhnliche Menschen. Doch sie wirkten auch unbeschwerter und fröhlicher. Valésia hatte lächelnd feststellen müssen, dass Endres mit einem Mal wie ein Bürgerlicher wirkte, und auch als sie an sich herunterblickte, war der Anblick auch ohne Spiegel ungewohnt. Endres zerstreute ihren Anflug an Zweifeln, dass sie trotz ihrer sprichwörtlich mausgrauen Gewandung immer noch eine wunderschöne Frau war. Und das brachte Valésia zum Grübeln. Ihr ganzes Leben war sie nur darauf getrimmt worden, schön, gepflegt und makellos zu sein. Dabei war ihr stets die Tugend der Bildung eines reinen Herzens und Charakters wichtiger gewesen, auch, wenn es natürlich stets schmeichelhaft gewesen war, sein gutes Aussehen als höchstes Lob gespiegelt zu bekommen. Valésia wollte nicht mehr nur wie eine Puppe sein, die man in schöne Kleider stecken und hübsch zurecht machen konnte. Sie wollte für das wahrgenommen werden was sie in ihrem Inneren war. Auch sie besaß Persönlichkeit. Nur im starren Leben ihrer Familie mit den festgesetzten Rollen war das nie möglich gewesen, ein gewisses Potenzial zu entfalten. Und nun, wo sie diese einmalige Gelegenheit erhalten hatte, jetzt, da sie mit Endres in gewöhnlicher Kleidung steckte und ihr altes Leben abgestreift hatte, da fürchtete sie, dass er sie nun nicht mehr lieben und verehren konnte, dass er ihrer bald überdrüssig werden würde, weil sie nur wie eine Bauerstochter aussah.

Am Abend erreichten sie die Stadttore von Ajaran. Vor dem Tor am Ablegeplatz stiegen sie ab und führten die Pferde dann an ihren Zügeln weiter. Es waren wenige Reisende, die darauf warteten, in die Stadt gelassen zu werden und so dauerte es nicht lange, bis Valésia und Endres an der Reihe waren. Als einer der beiden Stadtwachen sie beide mit seiner behandschuhten Hand zu sich heranwinkte, bemerkte Valésia, dass sie Endres nicht gefragt hatte, welche Geschichte er ihnen aufzutischen gedachte. Dass Endres das tun würde, stand außer Frage. Er versuchte immer, wenn es um Geld ging, sich um Kopf und Kragen zu reden, nur, um die eine oder andere Münze zu sparen. Zwar hatte Endres es ihr bereits erklärt warum er das tat, jedoch ging es Valésia einfach nicht in den Sinn, warum er gar so knauserte. Sie hatten doch noch genug Geld, und für sie fühlte es sich einfach entwürdigend an, Zeit zu verschwenden und rührselige Geschichten vorzujammern, anstatt einfach seine Würde zu behalten und die geforderte Summe zu bezahlen. Der Wachmann wandte sich an die beiden. "Wer seid ihr und was wollt ihr in Ajaran?" Valésia überließ es Endres, zu sprechen. "Mein Name ist Edmund und ich reise mit meiner Schwester Liesbeth. Wir sind auf der Durchreise, wir wollen hier nächtigen, uns erholen und unsere Pferde rasten lassen und…" "Woher kommt ihr? Was war eure letzte besuchte Stadt, wenn ihr auf der Durchreise seid?" ließ er Endres gar nicht weitersprechen. "Wir kommen aus Arjen und…" "Gut… gut… Und wie lange gedenkt ihr hier zu bleiben?" "Nun, vielleicht zwei Nächte, oder auch drei, dann reisen wir weiter." "Wohin reist ihr dann?" Der Mann wollte alles ganz genau wissen, hatte es den Anschein. Aber Ajaran war auch eine größere und bedeutendere Stadt und so war dies durchaus nachvollziehbar. "Unsere Reise führt uns dann weiter zu den Zwillingen." Der zweite Wachmann, der sich ihnen nun auch widmete, meinte "Nun, dann zeigt einmal eure Geleitbriefe, und dann scheint nichts dagegen zu sprechen, euch Zutritt zu Ajaran zu gewähren. Nun hob Endres die Hand und begann "Nun, die Sache ist die, wir haben keinen Geleitbrief denn…" Erneut unterbrach der Wachmann Endres. "Keinen Geleitbrief? Ohne Brief ist jeder ein Fremder. Wir wissen nicht, ob ihr ehrliche Reisende seid, oder Landstreicher. Aber wir wollen mal nicht so sein. Du zahlst doppelten Wegzoll: zwei Silbermark für dich, zwei Silbermark für deine Schwester und eine Silbermark für die Pferde." Nun mischte sich Valésia in das Gespräch ein. "Fünf Silbermarkt Wegzoll? Guter Mann, ist das nicht etwas hochgegriffen? Seid ihr wirklich der Meinung, wir sehen wie Landstreicher aus?" Der Mann blickte die Komtess von oben bis unten geringschätzig an. So, als wäre er darüber erbost, dass sie als Frau es gewagt hatte, das Wort an ihn zu richten. "Seid ihr damit nicht einverstanden, wird Euch der Zutritt zu Ajaran verwehrt und ihr könnt draußen vor den Toren lagern, ist uns einerlei!" bellte der Mann und verschränkte die Arme vor der Brust. "Zahlt, oder verschwendet nicht weiter meine Zeit! Ohnedies schließen wir bald die Tore, es wird bereits dunkel, und dann gibt es ohnehin keinen Einlass mehr!" Valésia warf Endres einen bedeutsamen Blick zu und schüttelte sacht den Kopf. "Wir zahlen" meinte sie schließlich.
Kleider machen Leute ❖
baum-zähneknirschend kramte Endres die geforderten Münzen aus dem Beutel. Natürlich mussten sie so viel zahlen, da sie ja nun nicht einmal mehr wie Adelige aussahen, sondern wie gewöhnlicher Pöbel der kurz bevor die Tore geschlossen wurden noch Einlass in die Stadt begehrte. Das schlug sich natürlich auf den Preis nieder. Und dazu war dieser Wachmann noch äußerst resolut und unnachgiebig. Doch er hatte einen, nicht zu vernachlässigenden, Hinweis gegeben. Die Tore würden bald schließen. Endres wusste dass es keinen Sinn machen würde zu versuchen den Preis zu drücken. Und als er Valésias, beinahe peinlich berührten Gesichtsausdruck bemerkte, seufzte er resignierend. Wenn sie endlich dieses vermaledeite, feudale Ariad hinter sich gelassen haben würden, würde die Reise deutlich kostengünstiger werden. Nun musste Endres einfach in den sauren Apfel beißen und den Wegzoll bezahlen und hoffen, dass sie das verlorene Geld wieder irgendwie hereinbekommen würden. Sie hatten ja schon eine beachtliche Summe gespart, als sie Valésias Kleider in Anzahlung gegeben hatten. Der Schneider hatte zuerst gemurrt und dann jeden Makel und jeden Fleck auf den Gewändern beanstandet um so wenig wie möglich für diese dennoch hochwertigen Stoffe zu bezahlen. Doch Endres hatte sich nicht lumpen lassen. Wer versuchte Endres übers Ohr zu hauen war bei ihm an den falschen geraten. Er hatte das Betrügen und Schwindeln zu einer wahren Kunstform entwickelt. Und so hatten sie am Ende statt der geforderten fünfundsechzig Mark nur zwanzig bezahlt, denn die Qualität von Valésias Kleidern war von allererster Güte. Und sie hatte sie, trotz der beschwerlichen Reise, immer gut behandelt. Natürlich waren die Kleider weit mehr als fünfundvierzig Mark wert gewesen. Das hatte auch der Schneider gewusst. Er würde sie mindestens für das doppelte verkaufen können, wenn er sie wieder gereinigt und behandelt hatte, das stand völlig außer Frage. Doch für Endres war jede gesparte Münze ein weiterer Tag ohne Sorgen. Und da sie nun Kleidung im Wert von über sechzig Mark am Leib und im Gepäck hatten, und Valésia trotzdem noch ihr bestes und schönstes Kleid behalten hatte, war Endres gewillt den Aufpreis von fünf Mark dem Wachmann in den Rachen zu werfen. Ob nun der Schneider weniger Nachlass gewährt hätte, oder der Wachmann sie unbehelligt hatte passieren lassen, war letzten Endes einerlei.

Der Kerl sah ihnen noch eine ganze Weile lang nach, als ob er versuchte in ihre Gedanken zu blicken, ob sie nicht doch etwas aushecken würden, doch er blieb an seinem Posten am Tor und beließ es dabei. Vermutlich würden nicht einmal die Hälfte der Münzen tatsächlich in die Zollkasse einfließen und der Rest würde in Bier und Weibsvolk investiert. Doch es gab einfach gewisse Ausgaben die man einfach nicht vermeiden konnte. Und wenn Endres beim Aufstocken des Proviants wieder ein paar Münzen sparen konnte, war der Verlust wieder ausgeglichen. Valésia hingegen wirkte regelrecht erleichtert, dass Endres sich, und damit auch ihr, nicht die Blöße des Feilschens geboten hatte. Und Endres musste feststellen, dass es nicht unbedingt etwas Schlechtes war, wenn man die Frau an seiner Seite zufrieden stellte. Auch er war nicht mehr derselbe Mann wie einst. Er hatte noch nie eine Frau an seiner Seite gehabt mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Und er hatte auch nie die Notwendigkeit gehabt über das Schmeicheln und Säuseln hinaus zu kommen. Mehr war am Anfang nicht nötig. Ein paar gut gestreute Komplimente. Ein bisschen schöne Augen machen. Galantes und charmantes Auftreten, gepaart mit gutem Aussehen. So hatte er schon manches Herz im Sturm erobert und war mit der Mitgift auf und davon geritten, ohne die Konsequenzen zu bedenken oder gar der Frau auch einmal einen Gefallen zu machen. Er war ein Lebemann gewesen. Der nur an sich selbst gedacht hatte. Doch nun, nach der langen Reise mit Valésia hatte sich etwas in Endres geändert. Er war nicht mehr alleine. Er war genauso auf Valésia angewiesen, wie sie auf ihn. Und er wurde sich bewusst, dass er sowohl zu ihrem Wohle, als auch zum Wohle ihrer gemeinsamen Zukunft nicht ewig in seinen alten Mustern verharren konnte. Und über alledem hing nach wie vor dieses drohende Damoklesschwert der Lüge. Er war kein Adeliger. Er war kein Burgherr. Doch seine Liebe zu Valésia war echt und wahrhaftig. Doch würde diese Bestand haben, wenn erst die Wahrheit ans Licht kommen würde?

Und so schlenderten Valésia und Endres durch die abendliche Stadt Ajaran. Es war eine bedeutende Stadt. Eine der größten dieser Region. Der Herzog von Ajaran hatte auf der Silbermine und dem damit folgenden Reichtum eine ganze Burg und darum eine große Stadt aufgebaut. Und heute war es die Münzprägestätte des mittleren Königreiches. Hier waren Männer von Rang und Namen. Hier gab es Geld, Macht und jede Menge Gelegenheiten. Vielleicht würde sich auch für Endres eine Gelegenheit auftun? Und wenn, dann würde er nicht zögern sie zu ergreifen! Egal was es auch kosten möge, solange es nicht auf Kosten von Valésia oder ihrer Ehre gehen würde.

Da es bereits dämmerte, waren die meisten Läden, Schenken und Krämer schon geschlossen. Doch Endres wollte unbedingt die Stadt kennenlernen. Er hatte schon viel von dieser Stadt gehört, doch heute war er zum ersten Mal an diesem Ort. »So, wir haben es hinein geschafft ohne für Aufsehen gesorgt zu haben…», begann Endres und Valésia lächelte dünn aber freundlich. »Ja, weil du keine Szene am Tor gemacht hast. Es kann so einfach sein, wenn man einfach bezahlt.«, meinte die Komtess und Endres verzog seinen Mund zu einer mürrischen Miene. »Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Dir mag das vielleicht befremdlich vorkommen, meine Liebste. Doch ich muss schon seit einigen Jahren mit wenig Geld auskommen. Es ist mir einfach in Fleisch und Blut übergegangen und ich kann mich einfach nicht an dem Geld das wir haben erfreuen, sondern muss immer daran denken, wie lange wird es reichen?« Endres seufzte schwer. Natürlich hatte es immer wieder Zeiten gegeben bei denen er etwas mehr auf der Kante hatte. Besonders frisch nach einem großen Heiratsschwindel. Doch das konnte er Valésia ja kaum unter die Nase reiben. Aber jeder Adelige, der fern der Heimat ist, und das war Endres ja nun einmal, als Paltore in Ariad, hatte immer wieder mit Geldnöten zu kämpfen. Nicht jedes adelige Haus besaß Anleihen oder Pfandbriefe in fernen Reichen. »Aber ich gelobe Besserung. Ich möchte dich nicht enttäuschen, das verspreche ich.« Nachdem er Valésias Sorgen zerstreut und sich sozusagen auch selbst beweihräuchert hatte, machten sie sich gemeinsam auf die Suche nach einer Unterkunft für die Nacht. Natürlich waren die beiden noch die Art und Weise gewohnt gewesen, wie sie beinahe hofiert worden waren, sobald sie eine Gaststube oder ein Wirtshaus betreten hatten. Doch nun, in ihren einfachen, bürgerlichen Gewändern, würdigte man sie keines Blickes. Die Menschen ließen nicht alles stehen und liegen, nur um es den hohen Herren irgendwie Recht zu machen. Kleider machen Leute! Und das mussten Endres und Valésia schnell erfahren, als sie vom Gast förmlich zum Bittsteller wurden, als sie im ersten Gasthaus um ein Zimmer ersuchten und unfreundlich abgewiesen worden waren. »Hast du Worte? Der Kerl braucht wohl unser Geld nicht!«, zeterte Endres und warf der verschlossenen Tür einige stille Verwünschungen entgegen. »Hat uns einfach vor die Tür gesetzt! Wie räudige Straßenköter!« Endres war fassungslos und er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann ihm das letzte Mal etwas in dieser Art passiert war. Nein, er wurde sonst immer mit offenen Armen empfangen, und wenn sein Auftreten und das Klimpern seiner Börse die Menschen nicht empfänglich gemacht hatte, dann spätestens seine salbungsvollen Worte. Doch all das war an diesem Kerl abgeprallt wie Sonnenstrahlen an einem polierten Spiegel.

Und so erging es ihnen auch bei der zweiten Gaststube, was Endres noch mehr aus der Fassung brachte. Doch dieses Mal begann er mehr an seinem Charme zu zweifeln, als dass er es der Kleidung die sie trugen angedachte. Erst bei dem dritten Wirtshaus, welches fast am Stadtrand nahe der Mauer lag, mit einem Blick auf die dunkle Mauer, wurden sie von Erfolg gekrönt. Die Zimmer waren bescheiden, wenn nicht sogar einfach. Sie boten keine Annehmlichkeiten. Kein Herr des Hauses, der sich um ihre Wünsche sorgte. Keine Dame des Hauses die ihnen förmlich hinterher scharwenzelte um es ihnen Recht zu machen. Ihnen wurde einfach ein Schlüssel in die Hand gedrückt, nachdem sie darüber aufgeklärt wurden wie hoch der Zins für die Nacht war und Acht Heller betrug wovon zwei im Vorraus zu entrichten waren und sie wurden mit den salbungsvollen Worten »Dritte Tür, zweiter Stock.« und einer deutenden Geste in die ungefähre Richtung zu ihrem Zimmer geschickt. Niemand schickte sich an ihnen beim Tragen ihres Gepäcks zu helfen und niemand erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden. Und so hockten Endres und Valésia in einer dunklen Kammer, durch deren Fenster kaum genug Mondlicht fiel um den Raum zu erhellen. Und es gab auch keine Kerzen, nur stinkende Talglichter. Endres seufzte und legte Valésia die Hand auf den Schoß. »Kleider machen Leute…« Die Kleidung die sie gerade trugen waren natürlich auch von guter Qualität, aber einfach kein Vergleich zu dem, was sie zuvor getragen hatten. »Aber es hat auch etwas Gutes. So bleiben wir auf jeden Fall von schmierigen Gestalten und unverfrorenen Halsabschneidern verschont.« Er rang sich ein überzeugendes Lächeln ab und rutschte etwas näher an die Komtess heran, welche wohl noch mit diesen neuen Eindrücken und Erfahrungen zu hadern hatte. »Wir haben ein Dach über dem Kopf und morgen ist die Welt nicht mehr grau und dunkel. Wir werden morgen die Stadt erkunden und vielleicht schaffen wir es sogar in die obere Stadt! Ich habe gehört die Silberschmiede von Ajaran zählen zu den Besten des mittleren Königreiches, und ich wollte sie schon immer einmal besuchen. Welch seltsame Fügung des Schicksals…« Endres zog sich sein Gewand vom Leib und trat an die hölzerne Schüssel und dem Tonkrug heran. »Und wenigstens haben wir frisches Wasser. Das ist nichts Selbstverständliches, das kannst du mir glauben.« Er goss etwas von dem Wasser in die Schüssel und den Rest in einen der hölzernen Becher, die neben der Schale gestanden hatten. Er wusch sich das Gesicht und die Hände, und nahm dann den Becher um ihn Valésia darzubieten. Nachdem Valésia ihren Durst gestellt hatte, füllte er den Becher abermals und trank diesen auch in einem Zug leer und begab sich dann ins Bett um mit seiner Liebsten die Nacht zu verbringen und am Ende eng umschlungen einzuschlafen.

Am nächsten Morgen erwachte Endres und Valésia war schon wach. Sie sah ihm in die Augen und lächelte was Endres sogleich erwiderte. Er war hin und hergerissen zwischen seinem Tatendrang von letzter Nacht und dem Wunsch einfach mit Valésia im Bett zu verweilen. Und wie so oft, in den letzten Wochen, obsiegte der Wunsch. Er legte ihr sanft die Hand an die Wange und strich ihr mit dem Daumen über das Gesicht. »Es ist so schön, morgens aufzuwachen und dein Gesicht zu sehen.« Er schob seine Hand vorsichtig in ihren Nacken und zog sie dann sanft zu sich heran, bis ihre Lippen einander trafen. Und als ihre Augen sich schlossen, öffneten sich ihre Lippen und aus der anfänglichen Zartheit wurde schon bald ein ungezügeltes und wildes Verlangen. Endres bedeckte ihren Hals mit fordernden Küssen und seine Hände schienen überall gleichzeitig zu sein. Er streichelte ihr das Haar aus dem Gesicht, während seine andere Hand sich auf ihren Busen legte und diesen sanft zu kneten begann. Und Valésia ergab sich seinen Liebkosungen. Oh Nein, sie ergab sich nicht sondern sie erwiderte sie. Ihre Hände suchten zaghaft seinen Hals und schon bald wanderten sie über seine Brust und schoben sich fordernd in seine Bruche. Als ihre zarten Hände sich sanft um sein Gemächt legten, da entfleuchte Endres ein tiefes, wohliges Geräusch der Wonne, begleitet von wachsender Erregung und pochendem Verlangen. Endres Hände glitten über Valésias Rücken, folgten den feinen Rundungen ihres Hinterns bis sie den Weg zum Inneren ihrer Schenkel gefunden hatte. Und Valésia öffnete ihm bereitwillig die Beine und er begann sich langsam hinab zu begeben. Seine Zunge tänzelte über ihre Haut wie eine Blatt im Wind. Liebkoste ihren Busen, küsste sich seinen Weg hinab bis er zwischen ihren Schenkeln angekommen war. Und dann begann seine Zunge in rhythmischen und sanften Kreisen zu drehen und zu tanzen…

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