Ränke und Spiele ❖
29.03.2014 '23:56 [2.887 Wörter]
 enschenleer war der Thronsaal. Und doch hatte man, zu keinem Augenblick, den Eindruck, dass er verlassen wäre. Was in den Schatten lauerte war nur für das aufmerksame Auge zu erkennen. Das aufmerksame Auge des Erzherzogs, welcher auf dem Thron saß und gedankenverloren an die Decke starrte. Seine Sorgenfalten zerfurchten ihm tief die Stirn und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er alles andere als zufrieden schien. Er hielt seinen Kopf auf Daumen und Zeigefinger gestützt und starrte in die dunklen Schatten, welche den Thronsaal einzuschließen schienen. Und seine Sorgen waren hoch. Höher, als der hohe Adelige es gewohnt war. Für gewöhnlich verlief alles immer so, wie er es sich stets vorgestellt hatte. Alle krochen ihm zu Kreuze, und seine Intrigenspinner hatten ihre Finger in beinahe allen Baronaten, Grafschaften und Herzogtümern des ariadischen Reiches. Ja selbst am Hofe des Königs hatte er seine Spitzel. Doch all diese Macht und all dieses Wissen, welches ihm zur Verfügung stand, hatte ihm nichts genützt. Wie ein Narr war er vorgeführt worden. Vorgeführt von einem niederen Adeligen, dessen Tochter und von seinem eigenen Sohn, welcher so gar nicht nach ihm zu schlagen schien. Selbst Vego, sein älterer Sohn schien nicht aus dem Holze Olathors geschnitzt zu sein. Dem Holz, aus welchem wahre Männer und geborene Heerscher bestanden. Sein Ansehen beim Hochadel drohte mit jedem Tag, an welchem sowohl Vego als auch Merik ihn mit Schande straften, zu schrumpfen und zu wanken. Und nun saß er alleine in dieser weitläufigen Halle und dachte über die Zukunft seines Hauses nach. Seinen älteren Sohn hatte eine wahrlich gute Partie gemacht. Und doch war diese Ehe bisweilen nicht von Nutzen gekrönt worden. Vego war nun schon seit, der Erzherzog schüttelte den Kopf, denn er konnte sich selbst kaum erinnern, unzähligen Jahren vermählt und noch immer ward ihm kein Erbe geboren worden. Auch Merik, welcher alles andere als ein keuscher Mann war, hatte noch nicht einmal einen Bastard zu Wege gebracht. Der Erzherzog wusste, wie man über seine Kinder, natürlich hinter vorgehaltener Hand, sprach. Schwächlinge. Goldritter. Hurenbock. Männer, die keine Männer waren. Sie zeugten keine Kinder, sie gewannen keine Turniere und sie errangen keine Ehre. Weder für sich selbst, noch für das Hause Olathors.
Des Erzherzogs Plan, Merik mit Valésia zu verheiraten, hatte beim hiesigen Hochadel für Verstimmung gesorgt, dass er seinen Sohn, auch wenn er der zweitgeborene war, an eine niedere Adelige versprochen hatte, welche so weit unter seinem Stand war. Auch Merik war zunächst alles andere als erbaut gewesen, doch kaum hatte er Valésias Schönheit erblickt, hatte er zumindest nicht mehr widersprochen. Aber auch hier hatte sich der Erzherzog mehr erwartet. Er war Valésia immerzu kühl und reserviert gegenüber aufgetreten. Der Erzherzog hatte immer gehofft, dass Merik sich für die Komtess ereifern würde, was aber nie geschah. Stattdessen besudelte er weiterhin den Namen seines Hauses, indem er sich den zweifelhaften Titel des Hurenbocks unter den niederen Adeligen, wie auch den Gemeinen erwarb. Und obgleich die Vermählung nicht matrilinear arrangiert worden war, war der Hochadel dennoch verstimmt gewesen. Die Ambitionen des Erzherzoges waren in dieser Hinsicht nur von niederer Natur geprägt gewesen. Dies hatte er seinem Hofstaat auch unmissverständlich erklärt. Denn mit dem Erstarken der Grafschaft von Aramajé, welche selbst den Einfluss ihres Lehnsherren, dem Herzog von Seestadt, überstiegen hatte, war die Aufmerksamkeit des Erzherzogs geweckt worden. Schnell war klar geworden, warum der Bernsteingraf und sein heruntergewirtschaftetes Lehen sich buchstäblich wie der Phönix aus der Asche erhoben hatte. Und mit der Vermählung von Valésia und Merik hatte sich der Erzherzog eine fürstliche Mitgift erwartet. Ja, der Bernsteingraf war zu vielen Kompromissen bereit gewesen, nur um seine geliebte Tochter mit einem hohen Adeligen zu vermählen. Der Erzherzog kannte solche niederen Adeligen nur zur Genüge. Aufstrebende Männer, welchen es nach mehr Ruhm und Macht dürstet, als ihnen von Geburtswegen her zustand. Doch der Erzherzog gedachte nur an den Bernstein, nicht an die Wünsche des Bernsteingrafen.
Und nun drohte alles zusammenzubrechen. Gleich einem wackeligen Kartenhaus, welches auf einem wurmstichigen Tisch stand. Die Komtess, die edle, schöne und reine Blüte des Reiches, war keine Jungfrau! Merik war nun unberechenbar geworden. All die Schmiergelder, welche der Erzherzog hatte fließen lassen, drohten nun, im Sande zu versickern. Das Blut, welches bereits an den Händen des Erzherzogs klebte, als er viele der niederen Adeligen hatte einkerkern oder gar hinrichten lassen, nachdem sie es gewagt hatten ihn, seiner Entscheidung über die Vermählung seines Sohnes, zu kritisieren, drohte nun noch mehr zu werden. Wenn bekannt würde, warum der Erzherzog überhaupt der Vermählung zugestimmt hatte, würde dies seinem Ansehen massiv schaden. Doch wie viele Männer und Frauen, derer er befürchtete eine zu lose Zunge zu besitzen, er auch töten würde. Seinen eigenen Sohn konnte er nicht töten. Nicht, dass er es nicht an manchen Tagen in Erwägung zog. Doch hatte er nur mehr diesen einen unverheirateten, und irgendjemand aus seinem Haus musste die Komtess ehelichen, damit er einen Anspruch auf die Bernsteingründe des Seegrafen erheben konnte. An der Reaktion des Bernsteingrafen hatte er erkannt, dass dieser nichts davon gewusst hatte. Umso mehr nagte an ihm diese quälende Ungewissheit. Noch wollte er nicht soweit gehen, die Komtess eingehend zu verhören, doch wenn sie weiterhin ihren Mantel des Schweigens über diese Affäre legen würde, bliebe ihm wohl keine andere Wahl.
Indes, in der Kammer der Komtess, welche gänzlich in den Schatten lag, standen sich Endres und Valésia gegenüber. Und, obwohl er sie nicht erkennen konnte, so lächelte er und konnte spüren, wie sich sein Herzschlag unweigerlich erhöhte. »Endres … Wie kommst du hierher? Und was machst du hier? Oh, wenn sie dich hier finden …« Da musste der falsche Adelige unweigerlich lächeln. »Ich bin mir sicher, dass mich niemand gesehen hat, als ich die Stufen in die oberen Gemächer erklommen bin.«, versuchte er die Komtess zu beschwichtigen. Auch wenn er wusste, dass zumindest die beiden Wachen am Tor, und auch der Haushofmeister, sich wohl an ihn erinnern würden. »Ich weiß, es ist nicht weise, hier zu sein. Und doch haben mich meine Beine zu dir getragen. Mein Herz verbrennt, vor lauter Sehnsucht nach dir und so sehr es auch mein Verstand gebietet, diese Stadt zu verlassen, so bin ich dazu einfach nicht imstande.« Die Komtess trat einen Schritt auf Endres zu, verharrte noch einen Moment, bevor sie sich ihm schließlich in die Arme warf. Ihre Nähe und ihre Berührungen waren wie eine verbotene Frucht, von welcher Endres nur allzu gerne kostete. Und sein Herz schlug noch höher, nun, da sie ihm so nah war, dass er ihren Duft riechen konnte. »Du bist hier, Endres, ich bin so froh dich zu sehen!« Endres strich Valésia sanft durchs Haar und drückte sie zärtlich näher an sich heran. »Mir ergeht es ebenso, Valésia.« Tausende Gedanken und Worte schossen ihm durch den Kopf, doch nicht eines davon brachte er über die Lippen. Denn alles, was er zuwege brachte war, die Wärme dieser Frau, welche er so sehr begehrte, zu genießen. »Ich habe dich heute beim Buhurt gesehen.«, hob er an und drückte die Komtess ein wenig von sich fort, um ihr in die Augen sehen zu können. »Und als ich dich dort oben sah, war es mir, als ob die Ritter und der Kampfeslärm in weite Ferne gerückt worden war. Du warst so unerreichbar weit weg, dort oben. Und ich konnte nicht gehen, ohne zumindest noch einmal Lebewohl zu sagen.« Endres sah der Komtess tief in die Augen und verharrte in seligem Schweigen, welches nur das Knistern, welches ohnehin zwischen diesen beiden Menschen vorherrschte, nur noch mehr verstärkte. In diesem Moment war es ihm gleich, ob man ihn hier fand, oder nicht. Diese Frau war es wert, für sie zu sterben. Und niemals hätte Endres es für möglich gehalten, jemals, und auf eine solche Weise, solche Gefühle für eine Frau zu hegen. »Du musst gehen, Endres. Wenn sie dich finden, werden sie dich …« Er ließ sie den Satz nicht beenden. Er wusste, dass sie Recht hatte, doch er schüttelte nur den Kopf, und legte ihr dabei den Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Lippen. »Ich habe ja noch die Schuld, welche der Erzherzog mir gewährte. Sollten sie mich in der Burg sehen, bin ich nur hier, um meinen Lohn einzufordern, welchen er mir versprach.« Doch die Komtess schien nicht sonderlich überzeugt zu sein. Endres hingegen ließ seine Hände an ihrem Rücken hinabgleiten, um diese sanft auf ihre Hüften zur Ruhe finden zu lassen. »Ich habe die Tür verschlossen. Niemand wird uns überraschen und somit bin ich hier wohl am sichersten Ort auf der ganzen Burg.«
Valésia ließ sich von Endres, wie eine Puppe in den Händen eines Puppenspielers, führen, als er sie wieder an sich heranzog. Und noch ehe sie, oder gar er, ein Wort hervorbringen konnte, da neigte er auch schon den Kopf zur Seite und führte seine Lippen zu den ihren. Sie zu küssen war wie das Feuer, welches alle Zweifel zu verbrennen vermochte. Der Weltenbrand, der über alle Zweifel erhaben war und nichts und niemand existierte, um diesen Brand zu löschen. Seine Lippen schmeckten den Geschmack der jungen Komtess, welchen er, mit jeder noch so kleinen Nuance, in sich aufsog. Und während seine Hände, beinahe züchtig, auf ihren Hüften verharrten und nicht dem inneren Drang folgten, ihren Körper zu erkunden, verschmolzen die Lippen der beiden Liebenden zu einem Spiel aus Leidenschaft und Wollust. Valésia atmete schwerer und schwerer, je länger der Kuss andauerte und Endres Verlangen nach dieser Frau wuchs und wuchs, während das Feuer seines Herzens sich langsam bis in seine Lenden ausbreitete.
Finster und Schattenverhangen war die Kammer der Komtess, aber auch der Thronsaal, in welchem, nach wie vor, der Erzherzog saß und nachdachte. Jäh wurden seine Gedanken unterbrochen, als sich ein flüchtiger Schatten aus der Umarmung der Dunkelheit schälte, welche in der weitläufigen Halle vorherrschte. Kein verräterischer Schritt hallte durch den Raum und nichts ließ auch nur erahnen, dass der Erzherzog nicht alleine war. Und dennoch war dort jemand. Ein Geist und ein Schatten, welcher selbst unter den wachsamsten Augen vorbeihuschen konnte, ohne dass man ihn bemerkte. Doch nicht der Erzherzog. Er hob den Kopf und starrte wissend in die Finsternis, als er seine tiefe, und von Sorgen überschattete Stimme erhob. »Komm näher.«, befahl er und kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, da trat ein Mann aus den Schatten. Die Worte des Erzherzogs hallten noch, langsam vergehend, durch den Thronsaal, als dieser Mann bereits an den Erzherzog herangetreten war. »Was plagt euch, mein Lehnsherr?«, erkundigte sich der Schatten, doch erhielt er keine Antwort vom Erzherzog. Natürlich wusste dieser Mann, was den Erzherzog plagte. Die Frage war, wenn sie nicht geheuchelt war, nur von rhetorischer Natur gewesen. »Warum bist du hier?«, verlangte dieser nur zu erfahren, ohne auf die, vermutlich geheuchelte, besorgte Frage seines Dieners einzugehen. »Ich bringe Kunde. Schlechte, wie auch gute.« Der Erzherzog verzog grimmig seine Miene, als er diese Worte vernahm und drückte sich ein wenig aufrechter auf den Thron. »Schlechte Kunde sind ein schlechter Gast.«, brummte er nur ungehalten und verstimmt, während er sich mit der Handfläche über das Gesicht strich, um die sorgenvolle Miene abzustreifen. »Sie ist hier nicht willkommen, denn ich habe heute bereits genug schlechte Kunde erhalten.« Da verbeugte sich der Schatten, beinahe unterwürfig, bevor er einen Schritt an den Erzherzog herantrat. »Meine Nachforschungen gestalten sich als schwierig, mein Lehnsherr. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte. Ein Wirt will die Komtess in Begleitung zweier Männer gesehen haben. Nach ihren Beschreibungen zu urteilen, muss es wohl ihr Bruder gewesen sein. Doch der andere, den kannte niemand. Einzig, was ich in Erfahrung hatte bringen können, war, dass er helles Haar hatte.« Der Erzherzog war sichtlich ungehalten, über diese Nachricht. »Aber ich habe Gerüchte gehört. Ein Bruder des Tempels will die Komtess gesehen haben, wie sie gestern, zu später Stunde, zum Gebet in den Tempel ging.« Der Erzherzog hob seine Augenbraue und blickte den Mann nur fragend an. »Ist beten neuerdings ein Verbrechen?« »Sie war alleine, mein Lehnsherr.« Da wurde der Erzherzog hellhöriger. »Alleine? Weder ihr Bruder, noch mein Sohn waren bei ihr? Sie hat alleine die Burg verlassen?« Der Mann, dessen Gesicht unter seiner Kapuze überhaupt nicht zu erkennen war, nickte nur. »Alleine.« Der Erzherog begann zu grübeln, während er den Fremden eingehend studierte.
Der Erzherzog erhob sich von seinem Thron und begann sich, nachdenklich am Ohr zu zupfen. »Das ist seltsam. Wir haben einen Schrein, hier auf der Burg. Weshalb sollte sie sich in den Tempel begeben, außer …« Da unterbrach sich der Erzherzog selbst und starrte den Fremden nur mit einem Gesichtsausdruck der Erleuchtung an. »Sie hat auf jemanden gewartet.« Erneut nickte der Fremde, was den Erzherzog nur dazu veranlasste die Fäuste zu ballen. »Mit wem? Sprich!«, befahl er, doch da musste sein Spion passen. »Bitte vergebt mir, mein Lehnsherr. Ich sagte bereits, ich habe gute, wie auch schlechte Kunde.« Der Erzherzog schnaubte nur verächtlich. »Das hilft mir nicht weiter.«
Der Fremde nickte, doch falls er gedachte noch weitere Worte zu verlieren, so wurden diese von hallenden Schritten unterdrückt. Hallende Schritte, welche immer näher kamen. Und mit ihnen ein flackerndes Licht, welches nach und nach den Thronsaal erhellten. Es war der Haushofmeister der Burg, welcher, mit einer kleinen Laterne in der Hand, den Thronsaal betreten hatten. »Warum verharrt ihr hier im Dunkeln, eure Majestät?«, fragte der hagere Mann mit einem verwirrten Gesichtsausdruck, als er den Erzherzog erkannte. Der Fremde, welcher noch eben beim Erzherzog gestanden hatte, schien mit einem Mal, wie von den Schatten verschlungen worden zu sein. Denn von ihm fehlte jede Spur. »Was willst du?«, fragte der Erzherzog harsch, denn ihm stand nicht der Sinn nach herzoglichen Belangen. »Euer Sohn schickt mich.« Der Erzherzog blickte den Haushofmeister nichtssagend an, während er seine Fäuste langsam öffnete und eine unmissverständlichen Geste vollführte. »Welcher der beiden Nichtsnutze?«, fragte der Erzherzog grimmig, was den Haushofmeister nur dazu veranlasste sich vor seinem Lehnsherren zu verneigen. »Prinz Merik, euer Hochwohlgeboren. Er scheint sehr … erbost zu sein.« Doch da winkte der Erzherzog nur genervt ab. »Verschone mich mit Meriks Stimmung.« »Was soll ich ihm ausrichten, eurer Hochwohlgeboren?«, fragte der Haushofmeister, wenn auch sehr zögerlich und verhalten. Doch der Erzherzog antwortete ihm nicht. Er rieb sich stattdessen nur die Augenlider mit Daumen und Zeigefinger, bevor er sich erneut seinem Untergebenen zuwandte.
Er winkte den Haushofmeister ein wenig näher zu sich heran, bis dieser so nahe gekommen war, dass er ihm seine Hand auf die Schulter legen könnte, wenn er es wollte. Doch er tat es nicht. Stattdessen sah er dem Mann nur tief in die Augen und schwieg. Er liebte diese kleinen Spielchen um Macht und Stärke, und auch wenn der Haushofmeister ein hochnäsiger, ehrgeiziger und auch von sich selbst überzeugte Mann war, so hatte er es noch nie vermocht den Blicken des Erzherzogs lange zu trotzen. »Wenn es sonst nichts gibt …«, sprach der Erzherzog, was seinen Untergebenen dazu veranlasste, erneut zur Stimme zu greifen, welche er noch vor einigen Augenblicke als verloren wähnte. »Nein, heute waren keine Bittsteller oder Vorsprecher im Thronsaal. Das Turnier lenkt die Gemeinen, wie auch die niederen Adeligen, von ihren Sorgen und Problemen offenbar genügend ab, dass sie es nicht für nötig befanden euer Gnaden heute damit zu behelligen.« Der Erzherzog nickte zufrieden. »Allerdings war der Graf Endarion heute hier. Er hatte nach gefragt, wohl der Belohnung wegen, welche ihr ihm zugesichert hattet.«
Wenn der Haushofmeister auch nur irgendeine Reaktion erwartet hatte, sie fiel gänzlich anders aus, als er es vermutet hätte. Denn der Erzherzog starrte ihn nur seltsam an. Als ob ihm in jenem Moment, als er den Paltoren erwähnt hatte, ein Licht aufgegangen wäre. Und als der Erzherzog ihn kurz darauf, mit einer ebenso eindeutigen Geste, wie jene zuvor, entließ, entfernte sich der Haushofmeister aus dem Thronsaal. Kaum waren die Schritte des Mannes bis zur Gänze verhallt, da schälte sich auch schon wieder der Schatten aus dem Schwarz, welches den Erzherzog umgab, hervor. »Ich habe einen Auftrag.« »Wie ihr wünscht, mein Lehnsherr.« Der Erzherzog lächelte selbstgefällig, doch ließ er sich dies kaum anmerken. Stattdessen nahmen die Gedanken und Vermutungen, welche soeben seinen Geist überfluteten, langsam Formen an. »Dies kann kein Zufall sein.«, murmelte der Erzherzog, während sein Untergebener ihn nur fragend ansah. »Wie meinen?«, erkundigte er sich, was dem Erzherzog nur ein müdes Lächeln wert war. »Endarion trägt helles Haar. Helles Haar wie jenes, welches der Wirtsmann gesehen haben will, vielleicht?« Da lächelte der Spion schief, während er verstehend nickte. »Bringt ihn zu mir, er soll seinen Lohn erhalten. Und dann werde ich ihm ein wenig auf den Zahn fühlen.« »Ob er kommen wird?«, wandte sein Untergebener misstrauisch ein, worauf der Erzherzog nur lapidar mit den Händen gestikulierte. »Ladet ihn zum Turnier ein. Als ein Ritter wird er nicht ablehnen. Betont, dass er seine Belohnung beim Turnier erhalten wird, welche er für das Erbringen der Brosche zugestanden bekommen hat.« »Wie ihr wünscht, euer Hochwohlgeboren.« Der Diener verneigte sich beinahe so tief, dass seine Nase den kalten Steinboden berührte. »Wir werden ihm ein wenig auf den Zahn fühlen und wenn ich das Gefühl habe, von ihm betrogen worden zu sein, wird er, als Krönung des Turniers, gegen meinen Erstgeborenen, Ser Vego, antreten, ob er will oder nicht.« Der Erzherzog grinste breit, als ob dies für Ser Endres Endarion einem Todesurteil gleich käme, was in Endres' Fall wohl auch zutraf. Denn er hatte schon so lange kein Schwert mehr in der Hand gehalten, wenn man einmal von jenem Schwert in seiner Hose absah, und zudem hatte er sich den Fuß verstaucht, beim Sprung aus dem Fenster.
Wagemutiges Wiedersehen ❖
30.03.2014 '23:47 [1.088 Wörter]
 n Valésias Gemächern konnte man lediglich das Prasseln des Kaminfeuers vernehmen, als die beiden Adligen, die Komtess eine wahre, der Graf ein falscher, sich gegenüber standen. Die Komtess war nicht wenig erstaunt, ihren Geliebten hier anzutreffen, und so machte sie auch keinen Hehl daraus, als sie ihn danach fragte, wie er in ihre Gemächer gekommen war. Als Endres ihr gestand, dass er Sehnsucht nach ihr hatte, und er aus diesem Grund zu ihr gekommen war, da erhöhte sich Valésias Herzschlag. Und sie trat einen Schritt an Endres heran, und warf sich ihm an den Hals. Ihn zu berühren, und zu spüren, war das Beste jener Gefühle, die sie in dieser dunklen Stunde gefühlt hatte. „Du bist hier, Endres, ich bin so froh dich zu sehen!“ stieß sie hervor und barg ihren Kopf an seiner Brust. Endres strich ihr langsam und zärtlich durch ihr Haar und drückte sie näher an sich heran. „Mir ergeht es ebenso, Valésia“ Nach einem kurzen Moment des Schweigens, schob er sie ein wenig von sich weg, und blickte sie an „Ich habe dich heute beim Buhurt gesehen. Und als ich dich dort oben sah, war es mir, als ob die Ritter und der Kampfeslärm in weite Ferne gerückt worden war. Du warst so unerreichbar weit weg, dort oben. Und ich konnte nicht gehen, ohne zumindest noch einmal Lebewohl zu sagen.“ Valésia lächelte. „Dann haben mir meine Sinne keinen grausamen Streich gespielt, denn auch ich habe dich gesehen. Ich glaubte, dass ich schon verrückt werde, vor Sehnsucht, und auch, wenn ich es so sehr gewollt hatte, so war es mir nicht möglich, die Tribüne zu verlassen, um zu dir zu gehen.“ Endres lächelte, und die beiden blickten sich tief in die Augen. Dieser Moment war perfekt, und jedes weitere Wort hätte ihn unwiederbringlich zerstört. Und doch hob die Komtess an „Du musst gehen, Endres. Wenn sie dich finden, werden sie dich …“ Doch er ließ sie nicht weiter sprechen, sondern legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen, so dass sie verstummte. „Ich habe ja noch die Schuld, welche der Erzherzog mir gewährte. Sollten sie mich in der Burg sehen, bin ich nur hier, um meinen Lohn einzufordern, welchen er mir versprach.“ „Aber nicht hier, in meinem Gemach. Wenn nun jemand kommt, dann ist dein Leben verwirkt…“ Valésia wusste, wenn in diesem Moment der Erbprinz, ihr Vater, oder gar der Erzherzog die Gemächer der Komtess betreten würden, dann wären Endres‘ Tage gezählt. Sie würden wissen, ahnen, oder glauben, dass er es war, der ihr die Unschuld geraubt hatte, und dann würde ihm ein drakonischer Prozess gemacht. „Ich habe die Tür verschlossen. Niemand wird uns überraschen und somit bin ich hier wohl am sichersten Ort auf der ganzen Burg.“ Er fuhr ihr mit seinen Händen über den Rücken, und ließ diese schließlich auf ihren Hüften ruhen, und Valésia atmete sachte, doch erleichtert aus.
Erneut zog er sie mit seinen Händen an den Hüften wieder ganz nahe an sich heran, und er neigte seinen Kopf, und Valésia tat es ihm gleich, während sie ihre Augen schloss. Ihre Lippen trafen sich zu einem zärtlichen Kuss, der an Innigkeit beinahe nicht zu übertreffen war. Nach ihrem Abschied aus der Schenke war sich Valésia sicher gewesen, dass sie sich nie wieder begegnen würden. Doch die Tatsache, dass er die Gefahr nicht gescheut hatte, und sich durch die Burg bis zu ihrem Gemach vorgewagt hatte, straften ihre Befürchtungen Lügen. Sie seufzte glücklich und sehnsüchtig auf, während ihr Kuss immer fordernder und intensiver wurde. Schließlich löste sie sich von seinen Lippen und aus seiner Umarmung. „Warte…“ stieß sie keuchend hervor. Die Komtess ging auf die rechte Seite ihres Gemaches zu, und trat an eine unscheinbare Türe zu, die sich zwischen den kunstvollen Wandteppichen befand. Mit einem Klacken drehte sie den eisernen Schlüssel in dem Schlüsselloch um und zog den Schlüssel ab. Sie legte ihn auf den kleinen Tisch der nur unweit davon entfernt stand, und ging schließlich wieder zu Endres. Sie blickte ihm eindringlich in die Augen. „Die Tür zur Kammer meiner Zofe…“ erklärte sie ihm flüsternd. „Nun ist mein Gemach wahrhaftig der sicherste Ort in der Burg“ lächelte sie ihn an. Valésia blickte Endres stumm an. Sie erwog, ob sie ihm erzählen sollte, was sich hier, nur wenige Zeit zuvor abgespielt hatte, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn mit diesem Wissen zu belasten, und so schwieg sie sich über die Keuschheitsprobe aus. Stattdessen hob sie an „Endres, ich war eine unsägliche Närrin… Ich meine gestern in der Schenke. Ich würde vieles anders machen, wenn ich noch einmal die Gelegenheit dazu bekäme… Doch ich hatte einfach Angst, Angst um dich. Wenn du mich noch einmal fragen würdest… Ich würde dich liebend gerne nach Paltoria begleiten. Noch ist es nicht zu spät, die Hochzeit ist erst morgen… Ich weiß nicht, wie, aber ich würde sofort mit dir mitkommen. Es macht mir nichts aus, wenn du kein vermögender Mann bist. Ich heirate den Erbprinzen nicht, weil es mich nach Reichtum, oder Macht verlangt, sondern weil ich keine Wahl habe. Würde man mir eine Wahl lassen, ich würde mich tausendmal für dich entscheiden, weil ich dich liebe, und weil ich mit dir zusammen sein möchte. Aber niemand hat mich gefragt, was ich möchte. Aber würde man mich fragen, so würde ich mich immer für dich entscheiden, ganz egal, was auch kommen mag. Ich habe dich so sehr vermisst, Endres. Mein Herz ward mir von Augenblick zu Augenblick, in welchem wir länger voneinander getrennt waren, immer schwerer. Ich habe mir so bittere Vorwürfe gemacht, einfach gegangen zu sein. Ich glaubte, ich habe dich für immer verloren. Und nun, da du vor mir stehst, erscheint es mir, als hätten die Drei mir eine erneute Gelegenheit gegeben, meinen törichten Fehler wieder gut zu machen. Bitte, sag mir heute nicht auf immer Lebewohl…“ Die Komtess wandte ihren Kopf zu dem Tisch, auf welchem eine Karaffe Wein und Becher standen, und dann wandte sie sich wieder Endres zu. „Die Höflichkeit gebietet es mir eigentlich, dir nun eine Erfrischung anzubieten. Doch wenn ich ehrlich bin, so steht mir nicht der Sinn nach hohlen Höflichkeiten, oder gar Wein…“ Sie blickte ihm tief in die Augen, und lächelte ihn beinahe hilflos an. „Ich liebe dich, Endres…“ flüsterte sie, und dann fanden die beiden Liebenden sich zu einem erneuten Kuss. Erst sachte, und zärtlich, und dann immer fordernder, und eindringlicher. Von Mut beseelt, löste sich Valésia schließlich erneut von ihm, nahm den Paltoren an der Hand, und führte ihn an das große, opulente Bett heran. Sie ließ sich darauf nieder, und blickte Endres erwartungsvoll an...
Die Kemenate der Komtess ❖
01.04.2014 '21:33 [1.380 Wörter]
 tockfinster war es in der Kammer. So finster, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte, geschweige denn das Gesicht der Komtéss. Doch als sich Endres und Valésia so nah standen, dass sie einander den Atem des anderen im Gesicht spüren konnten, da konnte er die feinen Gesichtszüge im Zwielicht der dämmrigen Kammer erahnen. Valésias Stimme klang untersetzt, als ob sie geweint hätte, was Endres nur noch mehr dazu verleitete, sie zu berühren, nur um ihr Trost zu spenden. Und so lagen sich die Beiden, stehenderweise, in den Armen und schenkten einander zärtliche und innige Berührungen. Gerade noch hatte er ihr beteuert, dass ihre Kemenate wohl der sicherste Ort, für ihn wohlgemerkt, auf der ganzen Burg war, zumal er die Tür verriegelt hatte, und schon im nächsten gaben sie sich einem leidenschaftlichen wie auch sinnlichen Kuss hin. In diesem Moment war es Endres einerlei, ob er das schöne Gesicht seiner holden Angebeteten sehen konnte oder nicht, denn er hatte ohnehin die Augen geschlossen gehalten. Und der Geschmack ihrer sinnlichen Lippen, wie auch der Duft ihrer Weiblichkeit umströmte ihn, so dass er schon bald gänzlich in einen sehnsüchtigen Rausch nach ihr verfiel. Allerdings währte der Kuss nicht sehr lange, denn dieses Mal war es an Valésia, sich aus Endres Umarmung zu lösen. Auch als sie ihm sanft, mit einer beinahe rauchigen Stimme, ins Ohr hauchte, er möge auf sie warten, war er kaum willens sie einfach ziehen zu lassen. Doch er tat es und stand, wie ihm geheißen, alleine im Dunkeln und wartete ab, was Valésia nun vorhatte. »Die Tür zur Kammer meiner Zofe …« Recht bald schon vernahm er das eingehende Geräusch eines einschnappenden Schlosses, in welchem ein metallischer Schlüssel herumgedreht worden war. »Nun ist mein Gemach wahrhaftig der sicherste Ort in der Burg.« Ein listiges Lächeln huschte Endres über die Wangen, als er sich gewahr wurde, dass Valésia sich und ihn soeben in ihrem Schlafgemach eingesperrt hatte. Ein Umstand, welcher ihm, noch vor wenigen Tagen, so unglaublich erschienen war, dass er es selbst kaum für möglich gehalten hätte.
Und während er verzweifelt und beinahe krampfhaft versuchte in dem schlechten Licht mehr von ihr zu erkennen, als nur ihre Silhouette, da richtete Valésia erneut das Wort an ihn. »Endres, ich war eine unsägliche Närrin … Ich meine gestern in der Schenke.« Endres musste sich, auch wenn es noch nicht allzu lange her war, eingestehen, dass er auf Anhieb nicht sagen konnte, wovon sie sprach. In diesem Augenblick war er heimlich darüber erfreut, dass es in der Kemenate der Komtess so dunkel war, dass sie seinen verwirrten und unwissenden Blick nicht erahnen konnte. Und so ließ er sie einfach weitersprechen, ohne das Wort an sich zu reißen oder gar törichte Fragen zu stellen. Und je mehr sie sprach, desto mehr dämmerte es in dem Verstand des Paltoren. Und mit jedem weiteren Wort, welches Valésias Lippen verließ, hellte sich sein Gesicht mehr und mehr auf, bis er sich der Tatsache bewusst wurde, wie unglaublich närrisch er gewesen war, als er sie gebeten hatte mit ihm zu gehen. Oh, ja. Er verzehrte sich nach ihr. Und tief in seinem Inneren erblühte wohl so etwas wie Liebe, wie er sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Doch was konnte er ihr schon bieten? Er war ein Lügner und Betrüger. Ein Mann, welcher sich für einen Adeligen ausgab, der er doch nicht war. Ein mittelloser Mann, welcher von dem Geld lebte, dass er anderen Adeligen abgeluchst hatte, indem er ihren Töchtern den Hof gemacht hatte. Wie konnte er ihr in die Augen sehen und diese Lüge aufrecht erhalten, wenn sie mit ihm ging? Und wohin sollte ihr gemeinsamer Weg sie führen? Nach Paltoria? Unmöglich! Sie würde früher, oder später, seinen Schwindel bemerken. Und dann? Wenn ihr bewusst wurde, dass alles, was er ihr über sich erzählt hatte, eine Lüge war? Würde sie ihn dafür hassen? Würde sie ihm dafür jemals vergeben können? Und würde er es ertragen ihr all diese Schmach und den Zorn ihrer eigenen Familie aufgebürdet zu haben? Endres hatte selbst keine Antwort auf seine Fragen. Und so sehr er auch in Selbstzweifeln ertrank, so spendete Valésias Nähe ihm dennoch Zufriedenheit. Wie eine warme Kerze in einer kalten Hand.
Ganz gleich, wie sehr er sich auch fehlverhalten hatte. Er würde Valésia niemals vergessen können. Und er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie den Erbprinz ehelichen sollte, welcher ihrer ganz und gar nicht würdig war. Allein der Gedanke daran, wie sie dazu gezwungen wäre, für diesen hakennasigen Hurenbock die Beine breit machen zu müssen, bereitete ihm Unbehagen.
»Ich glaubte, ich habe dich für immer verloren. Und nun, da du vor mir stehst, erscheint es mir, als hätten die Drei mir eine erneute Gelegenheit gegeben, meinen törichten Fehler wieder gut zu machen. Bitte, sag mir heute nicht auf immer Lebewohl …« Da schüttelte Endres nur den Kopf. »Wie könnte ich? Allein dieser halbe Tag, an welchem ich dich nur aus der Ferne sehen durfte, war unerträglich.« Endress tastete mit seiner Hand, im Dunkeln, nach der Valésias. Und als er sie endlich gefunden hatte, da nahm er ihre zierlichen Finger sachte zwischen die Seinen, bevor er weitersprach. »Ich liebe dich auch, Komtess Valésia von Aramajé. Und ich würde alles dafür geben, dir das Leben zu bieten, dass du so sehr verdienst.« Die Worte schienen ein regelrechter Balsam für Valésias, augenscheinlich geschundene, Seele zu sein. Doch hielt Endres für einen Moment inne, bevor er weitersprach. »Doch fürchte ich, dass ich das niemals könnte. Ich bin, so wissen die Götter, bei weitem kein Mann ohne Tadel. Und ein Mann meines Schlages verdient eine Frau wie dich noch weniger als der Erbprinz von Olathor.« Es brannte ihm förmlich auf der Zunge ihr nun alles zu gestehen. Sie hatte ihm ihre Liebe gestanden und er ihr die seine. Doch blieben die Worte, vor welchen er sich wohl mehr fürchtete, als vor Valésias Reaktion, wie ein brennender Brocken im Halse stecken. Er wagte es nicht, diesen wunderbaren Moment zu zerstören, denn er fürchtete, dass sie sich nur von ihm anwenden, oder ihn gar mit Verachtung strafen würde.
Und als Endres keine Anstalten machte, weiterzusprechen, da trat Valésia an den kleinen Tisch heran, welcher unweit von ihr stand und entzündete endlich das erlösende Licht, welches sie von dieser klammen Dunkelheit befreite, die sie beinahe gefangen gehalten hatte. Das rötliche Licht, welches sich wie ein matter Schein auf Valésias Haut niederlegte, tauchte das Antlitz der Schönen aus Aramajé in ein unwiderstehliches Licht. Und spätestens nun, da er sie wieder schauen durfte, waren alle Zweifel und alle Gewissensbisse in eine dunkle Ecke seiner Seele verbannt worden. Valésia blickte auf die Flasche goldenen Wein, welcher dort auf dem Tisch stand, und erwog wohl, wenn auch nur für einen Moment, ihm ein Glas davon zu kredenzen. Doch führte sie ihre Hände weder zu der Flasche, noch zu den Bechern, die dort auf dem Tisch standen. Vielmehr wandte sie dem Tisch wieder den Rücken zu und lächelte Endres schüchtern, wie auch verführerisch zugleich ins Gesicht. »Ich liebe dich, Endres.«, flüsterte sie in einer Art, welche Endres beinahe willenlos zu machen schien. »Ich dich ebenso, Valésia.«, antwortete er, als ob er unter dem Zauberbann dieser Frau stehen würde, während er sie einfach nur, ihr gänzlich verfallen, anstarrte.
Und so führte sie ihn schließlich zu dem großen, opulenten Bett, welches nichts geringeres war, als das ihre, und ließ sich, mit erwartungsvollen, wie auch verheißungsvollen Blicken darauf nieder. Und Endres, welcher kaum noch seine Blicke von ihr abwenden konnte, folgte ihrem stummen Flehen sich zu ihr zu legen. Und so kam er langsam und geschmeidig über sie und presste ihr zunächst die Lippen auf die ihren, bevor er seinen gesamten Leib auf sie presste und sie so, jedwelchen Widerstand in ihr brechend, langsam auf den Rücken drängte. Seine Hände gruben sich verlangend, aber zugleich zärtlich, in die Pracht ihrer Haare, während seine Zunge auf eine Reise der Sehnsucht geschickt wurde. Seine Hände ließen langsam von ihrem Haar ab, und wanderten, als ob sie nur ein Windhauch wären, über ihren Leib hinab, bis sie sich schließlich gänzlich über ihren Busen legten, welcher von dem, nun mehr als nur störenden, Kleid verborgen gehalten wurden. Und so richtete sich Endres über Valésia auf, während er damit begann die Schnürung ihres Kleides zu lösen um sie aus diesem unsäglichen, wenn auch sündhaft teuren, Kleid zu befreien.
Liebesschwüre ❖
03.04.2014 '11:40 [1.141 Wörter]
"  ch liebe dich auch, Komtess Valésia von Aramaje. Und ich würde alles dafür geben, dir das Leben zu bieten, dass du so sehr verdienst.“ Valésia schwieg. Sie dachte über seine Worte nach, und kam mit sich darüber herein, dass es nichts gab, das sie begehrte, außer diesen einen Mann, der da vor ihr stand. Der Erbprinz war das beste Beispiel dafür, dass Wohlstand und Macht nicht das Glück auf Erden waren. Endres sprach weiter „Doch fürchte ich, dass ich das niemals könnte. Ich bin, so wissen die Götter, bei weitem kein Mann ohne Tadel. Und ein Mann meines Schlages verdient eine Frau wie dich noch weniger als der Erbprinz von Olathor.“ Valésia schlug die Augen nieder und lächelte scheu. „Wie kannst du so etwas nur sagen, Endres? Niemand ist ohne Tadel. Du gibst mir so viel… Mehr, als du vielleicht ahnst. Du sprichst immer nur davon, was du mir bieten willst, aber nicht bieten kannst. Allein, deine Liebe ist alles, was ich will und brauche. Und selbst wenn du nur ein Bauer wärst, oder ein Stallbursche, so würde mich das nicht stören. Denn du bist ein liebenswerter, guter und anständiger Mann, und das ist das Einzige, das für mich zählt. Der Erbprinz ist all dies nicht, sein Herz ist nicht so groß und gut wie das deine, wie kannst du da sagen, du hättest mich noch weniger verdient, als er? Deine Liebe macht mich zur wohlhabendsten und glücklichsten Frau in Ariad, und damit bin ich sogar reicher, als der König selbst. Es tut so gut, einen Menschen zu haben, der einen liebt, und den man selbst liebt, dem man blind vertrauen und sich voll und ganz hingeben kann, wissentlich, er wird einen nie enttäuschen...“ Nach diesen Worten gaben sie sich einem innigen und zärtlichen Kuss hin, der wohl niemals geendet hätte, wäre die Komtess nicht an den kleinen Tisch herangetreten, um eine der Kerzen zu entzünden. Sie wandte sich wieder dem Paltoren zu und flüsterte „Ich liebe dich, Endres.“ Sie konnte einfach nicht anders, als ihm immer und immer wieder zu sagen, wie es in ihrem Herzen aussah. „Ich dich ebenso, Valésia“ erwiderte er, und nach diesen Worten nahm sie ihn stumm an der Hand, und führte ihn an ihr großes, prunkvolles und auch sehr komfortables Bett, und ließ sich ebenso schweigend darauf nieder.
Ein wenig unschicklich kam ihr ihr Verhalten schon vor, doch sie begehrte ihn, wie sie zuvor noch nie jemanden begehrt hatte, und sie konnte sich kaum erklären, welchen Zauberbann dieser Mann auf sie gelegt hatte, dass sie sich derart unsittlich benahm. Und auf der anderen Seite wiederum, fand sie nichts Falsches daran. Doch es waren ohnehin keine Worte von Nöten, denn er erhörte ihr stummes Flehen, kam sogleich über sie, und küsste sie. Valésia erwiderte den Kuss, doch Endres presste seine Brust an die ihre, und zwang sie so, sich rücklings auf das Bett zu legen. Während er zärtlich mit seinen Händen ihr Haar zerwühlte, gaben sie sich immer noch diesem Kuss hin, welcher von Augenblick zu Augenblick intensiver und fordernder wurde. Langsam fuhren seine Hände über ihre Schultern, ihre Arme und Hüften, nur um über den Bauch zu streichen, immer weiter nach oben, wo sie schließlich auf ihren wohlgeformten, jungen und festen Brüsten ruhten, und diese sacht drückten. Endres richtete sich auf, und Valésia tat es ihm gleich, und so legte er seine Hände in ihren Rücken und öffnete mit geschickten Händen die Schnürung ihres Kleides. Erwartungsvoll erhöhte sich der Herzschlag der Komtess, und ihr Atem ging ein klein wenig schneller, als er schließlich mit ihrer Hilfe die Kleider auszog. Kleid und Unterkleid landeten achtlos auf dem Boden neben dem Bett, und während Valésia nackt und schön vor ihm auf dem Bett saß, schickte sie sich sogleich an, auch Endres von seinem Wams zu befreien. Mit zitternden Fingern knöpfte sie dieses Stück für Stück auf. Der Paltore zog sein Hemd aus, und beide Kleidungsstücke landeten ebenso achtlos auf Valésias Kleid. Mit ihren weichen Händen fuhr sie ihm bedächtig über die Brust, bis sie sich erneut stürmisch in die Arme fielen und einander fordernde und innige Küsse schenkten. Valésia wusste, dass sich ihr Leben schlagartig geändert hatte. Die nicht bestandene Keuschheitsprobe würde ihr Leben am Hof des Erzherzoges ebenso ändern, wie die Liebe, die sie für Endres empfand. Für sie gab es hier nichts mehr. Sie wollte nur ihn, Endres, und dafür war sie bereit, alles zu tun, zu geben, und hinter sich zu lassen. Als Endres sich auch endlich von seinen Stiefeln, Hose und Beinlingen befreit hatte, legten sich die beiden innig und nackt aneinander, und Valésia genoss die Wärme, welchen sein Körper verströmte. Doch sie begann alsbald zu frieren, in diesen kühlen Gemäuern, und so schlüpfte sie eilig unter die wärmenden Laken, und lüpfte die Decke, um Endres dazu aufzufordern, es ihr gleich zu tun. Sie fühlte endlose Geborgenheit und Glück, als sie sich eng unter der wärmenden Decke aneinanderschmiegten, und vorläufig nichts anderes taten, als heiße Küsse auszutauschen, und einander zu berühren und zu streicheln. „Oh Endres…“ flüsterte die Komtess selig, während sie spürte, wie ihr Schoß heiß und feucht wurde, und zu pochen begann. Das Kerzenlicht tauchte den Raum in einen dunklen, wohligen Schein, und draußen pfiff und heulte der Wind um die Gemäuer der Burg Olathor. Valésia erschien es, als hätten sie alle Zeit der Welt, anders, als gestern in der Schenke, wo Valésia unter einem gewissen Zeitdruck gestanden hatte, da sie wieder in die Burg zurückkehren musste. Und als würde Endres dies ebenso spüren, gaben sich die beiden Verliebten ohne jegliches Zeitgefühl der Liebe hin, während das Herz der Komtess so hart gegen ihre Brust schlug, dass es beinahe schon schmerzte. Ein wenig grimmig, aber mit einem nicht unbeträchtlichen Maß an Genugtuung dachte sie für einen kurzen Augenblick an den Erzherzog und an Merik. Sie hatte von Merik ohnehin noch nie Achtung und Respekt erhalten, wie tief konnte sie da, nach dieser Keuschheitsprobe schon noch sinken? Die Tatsache, dass sie bald die Frau des Erbprinzen werden sollte, schmerzte sie, nun, da sie in Endres Armen so geborgen und glücklich war. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, dass sie morgen schon wieder alleine war, und Endres nicht an ihrer Seite sein würde. Schließlich verwarf sie diese unseligen und unangenehmen Gedanken, und widmete sich wieder voll und ganz ihrem Geliebten. Sie konnte sein erhärtetes Gemächt spüren, wie es an ihren Beinen rieb, und sie ließ ihre Hände nach unten wandern, umfasste es ein wenig scheu, und ließ vorsichtig ihre Hände darüber wandern. Sein Gemächt zu berühren, erregte sie über alle Maßen. Wohlig dachte sie daran, wie er sie mit seiner Zunge verwöhnt hatte, und es verdross sie ein wenig, dass sie über die körperliche Liebe so gar nichts wusste, und ihm kaum Zärtlichkeiten schenken konnte. So flüsterte sie ihm ins Ohr „Zeige mir, was ich tun muss, um auch dir Vergnügen zu bereiten…“
Das Blatt wendet sich ❖
09.04.2014 '11:45 [1.541 Wörter]
 eine Kerze brannte und es war dunkel, im Thronsaal des Erzherzogs. Der Thron stand leer und niemand war zugegen. Der Erzherzog stand auf dem ausladenden Balkon, auf welchen man gelangen konnte, wenn man die Vorhänge hinter dem großen Thron zur Seite schob. Er hatte seine Hände auf das Geländer gestützt und betrachtete das weite, weiße Land unter sich. Sein Land. Seine Gedanken schweiften in weite Ferne und er ersann Pläne, welche er kurz darauf wieder verwarf, nur um neue Pläne zu schmieden. Wie passten all diese kleinen, bunten Steine in dieses unfertige Mosaik, welches sich unter ihm ausbreitete und ihn regelrecht verhöhnte, indem es sich ihm nicht offenbarte? »Mein Herr?«, tönte eine leise Stimme, welche den Erzherzog aus seinen Gedanken riss. Er wandte den Kopf zur Seite, ohne den Urheber dieser Stimme anzusehen, nur um zu zeigen, dass seine Aufmerksamkeit geweckt worden war. »Habt ihr den Paltoren gefunden?« Der Diener trat einen untertänigen Schritt hervor, während er sich vor seinem Lehnsherrn tief verbeugte. »Ich … Nein, eure Durchlauchtigste Hoheit.« Der Erzherzog verzog grimmig seine Mundwinkel und schnitt eine abfällige Grimmasse, während er hörbar genervt schnaubte. »Was ist dann der Grund für diese späte Störung?«, hakte er unwirsch nach, was seinem Untergebenen einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte. Er kannte die Ungeduld seines Herrn und fürchtete jeden Augenblick die Strafe dafür zu erhalten, erneut versagt zu haben. Und so hob er sogleich an, weiter zu sprechen. »Wir haben seinen Knappen. Er lungerte, scheinbar zum Aufbruch bereit, in den Straßen der Stadt herum.« Da verwandelte sich die unwillige Grimasse des Erzherzogs in ein dünnes Lächeln. »Also gut.«, murmelte der Erzherzog und nickte, während er sich gänzlich zu seinem Lakaien umwandte. »Führt mich zu ihm.«
Während andernorts Kälte und Ungewissheit vorherrschte, genoss Endres die Wärme des Bettes der Komtess von Aramajé. Und nicht nur die Wärme ihres Bettes. Nein, auch die Wärme ihrer begehrenswerten Schenkel und die Wärme ihrer sinnlichen Lippen, welche mit den seinen in einem innigen Liebesspiel verflochten waren. Endres Herz schlug schnell und pumpte all das heiße Blut, welches in seinem Inneren tobte, durch seinen ganzen Leib, so dass er sich all der Kälte, welche durch die dünnen Fenster der Kemenate hereinkroch, kaum mehr wahrnahm. Endres kniete vor Valésia, welche rücklings vor ihm in den Laken lag und ihm den Blick auf ihr Allerheiligstes gewährte. Und wie die junge Frau so vor ihm lag, da drängte sich die Lust in seine Lenden und ein unbändiges Verlangen überkam ihn, nach dieser edlen Schönen. Und als ob er ihre flehenden Blicke erhört hätte, kam er schließlich über sie und bedeckte sie mit unzähligen, heißen, brennenden Küssen, welche sowohl sie, als auch ihn mit jedem Mal erbeben ließen. »Oh Endres.«, seufzte Valésia wohlig und schien dabei beinahe zu gurren, was Endres nur noch weiter beflügelte. Zart umspielte seine Zunge ihre festen Knospen, während er ihren Busen sachte in den Händen hielt und ihr all die Liebe gab, welche er in diesem Moment für diese Frau empfand. Nichts anderes beherrschte, in diesem Augenblick, sein Denken und sein Handeln, als Valésia, Komtess von Aramajé. Die verbotene Frucht, von welcher er genüsslich kostete.
Endres lächelt nur und sah Valésia dabei begehrlich an, doch zog er es vor sich in Schweigen zu hüllen, während er sich wieder ihrem begehrenswerten Körper widmete. Und so rutschte er immer näher an sie heran, während seine Küsse langsam hinauf, zu ihrem Hals, wanderten. Sein pochendes Gemächt rieb an ihren Schenkeln entlang, auf der Suche in ihren Schoß, während er ihren Hals mit sinnlichen Küssen überhäufte. Doch noch ehe er dazu übergehen konnte sich mit ihr zu vereinigen, da spürte er, wie sich ihre zierlichen Finger um seine Männlichkeit legten. Sichtlich erregt stöhnte Endres lustvoll auf, als sie begann ihn auf ihre Art zu verwöhnen. Doch dann richtete sich Valésia unter ihm auf und raunte ihm begehrliche Worte ins Ohr. »Zeige mir, was ich tun muss, um auch dir Vergnügen zu bereiten …« Endres Brust hob und senkte sich rasant, während sein Atem immer schwerer wurde. Und als er sie, mit verklärtem Blick, ansah, da kreuzten sich ihre Blicke und sie gerieten einander in Gefangenschaft in den Fenstern ihrer Seele. »Oh, du bereitest mir doch bereits so unsagbar viel Vergnügen.«, säuselte er, was Valésia sichtlich entzückt aufzunehmen schien, denn sie lächelte verlegen während sie verzückt raunte. Und so legte Endres seine Finger um ihr Handgelenk und zwang sie so von seinem Gemächt abzulassen. Und kam hatte sie losgelassen, da umschloss er ihre Hüften mit seinen Händen, während er sein Gemächt langsam und zärtlich in sie schob.
Seine Bewegungen waren bedächtig und langsam, lag Valésia ihm doch erst zum zweiten Mal bei. Und doch konnte er bald schon nicht mehr an sich halten, da die Lust seiner Lenden ihn zu übermannen drohte, so sehr raubte ihm diese Frau den Verstand. Und so wurden seine Bewegungen langsam immer intensiver und begehrlicher. Endres lag auf Valésia und genoss das Gefühl ihrer weichen Brüste, welche sich an seinen Körper schmiegten, während ihre Leiber zu einem verschmolzen. Endres spürte, wie ihr Schoß immer feuchter wurde und dies beflügelte ihn dazu immer wieder fest zuzustoßen, ohne dabei zu grob zu ihr zu sein. Doch bald schon hallten die Worte Valésias in seinem Kopf wider und wieder. So dass er sich bald von ihr abdrückte und sie mit einem schiefen Lächeln bedachte. Oh, möchtest du das Vergnügen ein wenig … vertiefen?«, raunte er verführerisch, so dass sie sich ihm kaum zu entziehen vermochte. Und als sie zuerst zögerlich und dann scheu nickte, da glitt er aus ihr heraus und legte sich auf den Rücken, während er sie fordernd ansah. Natürlich hatte Valésia keine Ahnung, was Endres nun von ihr verlangte und so glaubte sie wohl, dass er danach verlangte, dass sie ihn mit dem Mund verwöhnte. Doch als sie langsam zu seinen Lenden glitt, da hielt Endres sie sanft an den Händen und zog sie zu sich, bis sie auf ihm saß. »Setz dich doch.«, säuselte Endres und bot ihr sein hartes Gemächt regelrecht dar, welches feucht und willig unter den Beinen Valésias hervorlugte.
Der Erzherzog war inzwischen in den Kerkern der Burg Olathor angekommen, wo Valerion in einer kleinen Kammer saß. Es war keine Zelle, in welcher Valerion saß, viel mehr ein Warteraum. Doch war sich Valerion bewusst, wo er sich befand und allein diese Tatsache bereitete ihm größtes Unbehagen. Ihm stand der Sinn danach Endres dafür zu verwünschen, nicht zurückgekehrt zu sein. Doch sorgte er sich in diesem Augenblick viel mehr um seiner selbst, als Endres dafür zu verdammen.
Endlich öffnete sich die Tür und der Erzherzog betrat die Kammer, in welcher Valerion saß. »Euer Durchlauchtigste?«, hob Valerion an und verbeugte sich sogleich, als er den Erzherzog erkannt hatte. »Darf ich fragen, warum ich hier bin?« Valerion versuchte die innere Fassung zu wahren, während er sich dabei sehr schwer tat seine Angst zu verbergen. »Verzeiht mir das ungebührliche Verhalten meiner Untergebenen.«, erwiderte der Erzherzog lapidar, doch Valerion schenkte ihm keinen Glauben. Für ihn stand fest, dass dies auf seinen ausdrücklichen Befehl hin geschehen war. Der Erzherzog hatte auf ihn keinen Eindruck gemacht, dass seine Lakaien eigenmächtig handeln würden. Und so nickte Valerion nur, ohne darauf einzugehen, nur in Erwartung einer Erklärung. »Vielleicht könnt ihr mir ja helfen. Als Knappe Ser Endarions, wisst ihr doch sicher, wo ich den ehrenwerten Grafen von Hohenehr zu finden weiß?«, fragte der Erzherzog süffisant und in diesem Augenblick wurde Valerion klar, dass dieser Mann alles wusste! Und wenn er es nicht wusste, dann hatte er zumindest einen Verdacht. Und Männer wie der Erzherzog hatten ihre Mittel die Wahrheit aus einem Mann herauszupressen. Ganz gleich, wie eisern sein Schweigen auch sein mag. »Ich weiß nicht, wo mein Herr ist. Vergebt mir, euer Hoheit.« Der Erzherzog blickte Valerion mit einem ernsten Blick an. »Als sein Knappe müsstet ihr dies wissen.« Valerions Blicke huschten vorsichtig zu beider Seiten, doch war er umgeben von Ariadern und Rittern und sah kein Entkommen. »Ihr wirkt so angespannt. Verheimlicht ihr gar etwas?« Da schüttelte Valerion den Kopf. »Mitnichten, euer Durchlauchtigste. Ich bin nur ein wenig in Sorge um meinen Herren.« Da lächelte der Erzherzog dünn. »Diese Sorge ist auch berechtigt. Mir ist zu Ohren gekommen, dass er sich heimlich mit der Komtess von Aramajé getroffen haben soll.« Da lief es Valerion mit einem mal eiskalt den Rücken herunter und seine Blicke mussten ihn verraten haben, als der Erzherzog ihn siegessicher anstarrte. »Also stimmt es! So tretet ihr meine Gastfreundschaft mit Füßen und dankt es mir?« »Nein, euer Gnaden! Ich schwöre, dass sind nur Lügen und Gerüchte …« Doch der Erzherzog ließ Valerion nicht mehr zu Wort kommen. »Lügen! Ihr wagt es?« Da richtete er seinen drohenden Finger, welcher so schwer von den dicken Ringen war, dass man kaum glauben mochte, dass er die Hand überhaupt erheben vermochte, auf Valerion. »Abführen! Wir werden die Wahrheit schon aus ihn herauskitzeln.« Und da war es um Valerions Selbstbeherrschung geschehen. »Nein! Niemals!« Er zog den verborgenen Dolch, welchen er stets unter dem Gewand trug, um den Erzherzog damit als Geißel zu nehmen, doch hatte er die Waffe nicht einmal zur Hälfte aus der Scheide gezogen, als sich schwere, in eisernen Handschuhen geschützte, Hände auf seine Arme legten und ihn wie Schraubstöcke daran hinderten. »Führt ihn ab! Er entweiht diesen Ehrentag, welcher zu Ehren meines Sohnes abgehalten wird.«
Ein haarsträubender Plan ❖
02.05.2014 '00:00 [3.252 Wörter]
 as Schweigen, welches zwischen den beiden Liebenden herrschte, war unwahrscheinlich prickelnd und nahezu Bewusstseinserweiternd. Denn nie zuvor war der Komtess mehr denn je aufgefallen, dass Blicke mehr als tausend Worte zu sagen vermochten. Endres‘ Blicke sprachen Bände. Lust, Begehren, Liebe und Ergebenheit, dies alles konnte Valésia in seinen Augen erkennen, und sie wiederum schenkte ihm ebensolche Blicke. Sein Lächeln war so zärtlich und liebevoll, dass Valésias Herz ihre Brust zu sprengen drohte, und sie erwiderte scheu dieses Lächeln. Trotz der vorherrschenden Kälte in den Gemächern der Komtess war es unter den Laken mit Endres wohlig warm und sie wusste in diesem Moment, dass Endres sie vollends um den Verstand gebracht hatte. Schließlich lag sie, einen Tag vor ihrer Hochzeit mit dem Erbprinzen von Olathor, in der Burg Olathor höchst Selbst mit dem Grafen Endres Endarion von Paltoria in den Laken und gab sich den sinnlichen Freuden hin. Doch Valésia verschwendete kaum einen Gedanken daran, denn sie wusste, dass dies die letzte Gelegenheit war. Wenn gleich sie dies auch bei den letzten, sich gebotenen Gelegenheiten geglaubt hatte, doch morgen war es dann wirklich vorbei. Trotz der nicht bestandenen Keuschheitsprobe bestand der Erzherzog auf die Trauung, und Valésia fürchtete sich ein wenig vor der Hochzeitsnacht mit dem Erbprinzen. Er, der sie, als sie noch eine untadlige Frau war, schon so gering geschätzt hatte, würde in ihr nichts mehr sehen, als eine Hure. Doch diese unangenehmen Gedanken wischte sie beiseite, darüber konnte sie sich auch später Gedanken machen, dass Endres hier war, war das Einzige, das zählte.
Während sie Endres‘ Liebe genoss, umschloss sie sein hartes Gemächt, und befühlte es bedächtig und höchst neugierig, und begann es zärtlich zu streicheln. Dies rang dem Paltoren ein lustvolles Raunen ab, was Valésia verzückt zur Kenntnis nahm. Und so raunte sie ihm zu „Zeige mir, was ich tun muss, um auch dir Vergnügen zu bereiten“ und blickte ihm dabei tief in die Augen. Er lächelte sie an und hauchte „Oh, du bereitest mir doch bereits so unsagbar viel Vergnügen.“ Diese Worte rangen der Komtess ein seliges Lächeln ab, obgleich sie eine andere Antwort, oder Reaktion, erwartet hatte. Er nahm ihr Handgelenk, und zwang sie damit, von seinem Gemächt abzulassen, was Valésia mit einem verwunderten Blick quittierte. Doch sie sollte sogleich Antwort erhalten, denn er umschloss ihre Hüften mit seinen Händen, hob ihr Becken leicht an, und schob sich sanft in sie, worauf die Komtess mit einem innigen Stöhnen reagierte. Langsam und vorsichtig stieß er zu, und schob sich wieder aus ihr, nur, um sich erneut seinen Weg in sie zu bahnen. Valésia schlang ihre Hände um seinen Hals und zog ihn ein wenig bestimmend an ihn heran, um mit den ihren Lippen die seinen zu suchen, und um innige Küsse auszutauschen. Und während sie sich diesem intensiven Spiel mit ihren Zungen hingaben, intensivierte der Paltore seine Stöße, und Valésia spürte, wie sie von diesen immer feuchter und williger wurde. Er schmiegte sich mit seiner Brust an ihren vollen und weichen Busen, und den so unverkennbaren Duft, welchen Endres verströmte, betörte die Komtess völlig.
Plötzlich hob er sich von ihrer Brust ab, und blickte sie fragend, wie auch verschmitzt lächelnd, an „Oh, möchtest du das Vergnügen ein wenig … vertiefen?“ raunte er ihr verführerisch zu und Valésia, die nicht wusste, was er damit meinte, nickte, wenn auch ein wenig scheu, aber doch bejahend. Sie vertraute ihm voll und ganz, und mit diesem Vertrauen, welches sie für ihn empfand, gab sie sich ihm ebenso voll und ganz hin. Endres glitt aus ihr heraus, rollte sich von ihr herunter, und legte sich rücklings auf das Bett. Valésia setzte sich aufrecht hin, und blickte ihn fragend und verlegen an. Sie hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte! Doch sie dachte daran, wie er sie verwöhnt hatte, als sie vor ihm so gelegen hatte, und nahm an, er wollte, dass sie es ihm nun gleich tat. So legte sie ihre Hände auf seine Schenkel, und fuhr bedächtig darüber, und während ihre Hände immer höher, bis zu seinem Bauch glitten, beugte sie sich über sein Gemächt, bereit, ihn mit dem Mund zu befriedigen. Doch bevor sie auch nur daran denken konnte, nahm Endres vorsichtig ihre Hände, und zog sie zu sich heran, so dass sie nun auf seinen Beinen zu sitzen kam. „Setz dich doch“ forderte er sie spitzbübisch auf, und Valésia blickte zuerst ihn an, dann blickte sie auf sein Gemächt, welches mithilfe seiner Hand keck und aufrecht stand, und dann blickte sie wieder Endres an, und dann verstand sie. Sie erwiderte sein freches Lächeln, und hauchte scherzend tadelnd „Aber Endres…“, und dann erhob sie ihre Hüfte ein Stück, nur, um mit Endres Hilfe, sein Gemächt in sich gleiten zu lassen. Tief und immer tiefer glitt es in den feuchten Schoß der Komtess, was Valésia völlig unerwartet und lustvoll aufstöhnen ließ. Sie blickte ihm tief und fragend in die Augen, denn sie wusste nicht, wie es nun weitergehen würde, und Endres umfasste erneut ihre Hüften, und schob sie andeutungsweise vor und zurück, und die Komtess nickte verstehend. Vorsichtig begann sie ihr Becken, auf Endres sitzend, vor und zurück zu bewegen, und jede Bewegung bereitete ihr solch unsagbare Wonnen, dass sie meinte, vor Lust zerfließen zu müssen. Sie konnte nur erahnen, dass dies nur ein Bruchteil dessen war, was die körperliche Liebe an Möglichkeiten bereit hielt, und sie war begierig darauf, alles darüber zu erfahren. Jedoch mit Endres, und nicht mit dem Erbprinzen. Und so genoss sie diese wunderbare neue Erfahrung, und erklomm immer höhere Gefilde der Lust und der Liebe, bis sich diese in einem erlösenden Höhepunkt entlud.
Noch nie hatte sie süßere Wonnen erlebt, als in den Armen von Endarion! Ihr Atem ging immer noch heftig und sie atmete schwer und stoßweise aus. Ihre Kehle war von dem heftigen atmen so trocken geworden, so dass sie kaum fähig war, zu sprechen, und so lauschte sie an seiner Brust seinen hämmernden Herzschlag, der ebenso heftig ging, wie der von Valésia. Ihr Kopf war völlig leer und sie fühlte sich glücklich, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Nach einer Weile des Schweigens begann sie leise „Ich wünschte, ich könnte jetzt einfach in deinen Armen einschlafen, um morgen darin wieder zu erwachen… Und das bis ans Ende meiner Tage…“ Sie ließ ihre Hand unter die Bettdecke gleiten, und streichelte sanft und bedächtig Endres‘ Brust. „Als ich mich in der Schenke für immer von dir verabschiedet habe, da schwor ich mir, wenn die Götter so gnädig wären, und mir noch eine Gelegenheit gewährten, dich wieder zu sehen, dass ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt ließe.“ Sie richtete sich ein wenig auf, und blickte ihm direkt in sein schönes Gesicht. „Endres, ich flehe dich an, bitte nimm mich mit nach Paltoria. Ich bin mir dessen bewusst, wie eigensüchtig und gefährlich meine Bitte ist, aber ohne dich bin ich verloren. Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe, und ich würde zugrunde gehen, wenn ich dich wieder verlöre… Ich verlange nichts, Endres. Ich brauche keinen Reichtum, ich brauche keine hochrangigen Adelstitel, ich brauche keine Burg, ich brauche nur dich. Du bist alles, was ich will. Mit dir bin ich die glücklichste Frau in ganz Ariad. Ich bete zu den Dreien, dass sie meinen Wunsch wahr werden lassen…“
Es klopfte an der Türe, und die Komtess wurde von eiskalten Schauern erfasst. Sie erschrak beinahe zu Tode und ihr Herzschlag schoss in unermessliche Höhen, mehr noch, als sie mit Endres das Lager geteilt hatte. Sie schlug ihre Hand auf den Mund, um nicht einen Laut von sich zu geben, und starrte Endres entsetzt an. „Valésia?“ erscholl es durch die verschlossene Türe. Als sie die Stimme erkannte, da fiel ein Teil der Last des Schreckens von ihren Schultern. Roméro. Gütige Götter, es war nur ihr Bruder Roméro! Zunächst wusste sie nicht, ob sie darauf reagieren sollte, aber dann rief sie leise „Ja?“ „Darf ich eintreten? Bist du salonfähig? Ich muss mit dir reden, Valésia…“ „Nein, ich bin nicht salonfähig, Roméro…“ und an Endres gerichtet, konnte sie sich ein verhaltenes, lautloses Kichern nicht verkneifen. „Valésia, bitte lass mich ein. Mich quält die Sorge um dich, meine geliebte Schwester…“ Er dämpfte seine Stimme ein wenig und sprach weiter. „Vater hat mir von der Keuschheitsprobe erzählt, um Himmels Willen, was ist geschehen? Ich kann es nicht glauben! Sie müssen sich irren!“ Valésia ärgerte sich, dass er nun von der Keuschheitsprobe begann. Sie hatte vermeiden wollen, es vor Endres zur Sprache zu bringen. Valésia entschlüpfte Endres‘ Armen, und erhob sich aus dem Bett. Sie streifte sich ihr Nachtkleid über und trat an die geschlossene Türe. „Roméro, bist du alleine hier?“ „Natürlich“ raunte er zurück. Valésia nickte und bat ihn „Bitte lass uns morgen darüber sprechen, aber nicht hier und jetzt.“ Roméro schüttelte hinter der Türe vehement seinen Kopf „Nein, Valésia. Mich quälen diese Gerüchte schon den ganzen Tag. Ich werde nicht weggehen, bis du mir alles erzählt hast…“ „Roméro…“ stöhnte die Komtess gequält auf. „Valésia, bitte…“ Die Ariaderin presste ihre Lippen aufeinander. „Roméro… du bist mein Bruder, ich liebe dich, wie man sein eigen Fleisch und Blut nur lieben kann. Ich vertraue dir voll und ganz, und würde dir mein Leben anvertrauen…“ hauchte sie. „Ich denke auch so, meine Schwester…“ Sie lächelte, und nickte. Dann entriegelte sie die Türe, und ließ ihren Bruder in ihr Gemach. Kaum schlüpfte er ins Zimmer, da versperrte sie schon wieder die Türe.
Doch noch bevor sie ihm Erklärungen abgeben konnte, da stand er schon vor dem Himmelbett und rief leise und ungläubig "Bei allen Göttern! Du bist nicht allein! Wer liegt da in deinem Bett?!" Diese unerwartete Wendung schnürte ihr die Kehle zu, sie war unfähig, etwas zu sagen und schwieg daher, mit rasendem Herzen. Mit wenigen schnellen Schritten war Roméro an dem kleinen Tisch angelangt, wo die Karaffe Wein, nebst Bechern und der Kerze stand. Er ergriff den Kerzenständer und war mit ebenso wenigen und schnellen Schritten wieder am Bett angelangt und leuchtete das Paar an, während Valésia sich an den Rand des Bettes gesetzt hatte. "Ser Endarion! Es ist also wahr, die Keuschheitsprobe, sie…" Er unterbrach sich selbst, zog die Kerze wieder zurück, lief wieder zu dem Tisch, während er leise zu sich selbst sprach und fluchte. "Ich wusste es, dass der Ärger machen wird..." und stützte sich mit einer Hand an dem Tisch ab, mit der anderen fuhr er sich über das Gesicht und durch sein Haar. “Wieso wusste ich bloß, dass so etwas passieren würde?" rief er dumpf und vorwurfsvoll zu dem Bett hinüber, doch er erwartete keine Antwort. Er erhielt auch keine, und so schwiegen alle drei. Valésia indes blickte Endres fest an und wisperte „Bitte vertrau mir, Endres...“ während sie ihre Hand an sein Gesicht hob, und ihm zärtlich die Wange streichelte. Roméro sprach weiter. "Endarion! Wie kannst du es wagen, meine Schwester zu verführen? Als ich dir in der Schenke sagte, ich würde lieber dir meine Schwester zur Frau geben, als dem Erbprinzen, meinte ich damit nicht, dass du sie gleich in ihr Bett ziehen sollst! Hast du sie dir mit Gewalt genommen? Sag mir die Wahrheit, Valésia!" Valésia hielt inne, mit ihren Zärtlichkeiten, und rief leise "Nein, Roméro, nein, hör auf mit deinen närrischen Gedanken! So ist es ganz sicherlich nicht gewesen! Ich wollte es auch..." "Ah... Das ist natürlich etwas anderes, Valésia... Er hat sich also nur geopfert, oder wie? Das ist ja noch viel schlimmer, dass du es auch wolltest! Bitte, schweig, Valésia... Zieh dir lieber etwas an, das ein wenig mehr von deinen Reizen verdeckt, als dieses beinahe durchsichtige Nachthemd! Und du, Endarion, raus aus dem Bett meiner Schwester, und zieh dir auch etwas an, wenn ich darum bitten darf!"
Valésia wagte keinen Widerspruch und erhob sich. Roméro schwieg eine Weile, und wandte den Blick in die andere Richtung, als seine Schwester von dem Bett aufstand und starrte auf die Karaffe mit dem Wein, auf welcher sich der flackernde Feuerschein abzeichnete. "Habt ihr zwei euch eigentlich Gedanken darüber gemacht, was geschieht, wenn es jemand erfährt? Hätte irgendjemand etwas mitbekommen davon, noch in dieser Stunde hätte man dich enthauptet, Endarion, und vielleicht nicht nur dich, sondern auch meine Schwester!" Er schüttelte unwillig den Kopf und ergriff die Karaffe Wein. Schweigend goss er sich Wein in einen Becher. Totenstille herrschte, nur das Knacken des Feuers war zu vernehmen, und das leise Plätschern des Weines, welcher in den Becher lief. Er trommelte nervös mit seinen Fingern auf der Tischplatte. „Scheiße…“ flüsterte er führte den Becher an seine Lippen. Während er trank, hatte sich Valésia ihr Nachthemd übergestreift und war vorsichtig an Roméro herangetreten. "Roméro... Du wirst es doch niemand erzählen, oder?" fragte sie leise und vorsichtig nach. Er setzte den Becher ab und sah sie an. "Natürlich nicht, du Närrin, wie könnte ich meine geliebte Schwester, mein eigen Fleisch und Blut, verraten und ans Schafott bringen? Sie würden dich ebenso zum Tode verurteilen, wenn sie wüssten, dass du hier, in der Burg Olathor dein Bett beschmutzt hast…“ Valésia nickte einerseits erleichtert, dass ihr Bruder dennoch zu ihr hielt. und doch, ein ungutes Gefühl bemächtigte sich ihrer und sie schlug den Blick nieder. So hatte sie sich den Ausgang dieses wundervollen Abends nicht vorgestellt. "Sag mir, war das alles geplant? Du brauchst Zeit, um allein zu sein? Hast du in Berechnung gehandelt? Was soll ich nun von dir denken, Valésia?" "Nein... nein, Roméro, das musst du mir glauben, es ist einfach passiert, ich weiß auch nicht, wie es dazu gekommen ist..." beteuerte sie, obwohl sie genau wusste, wie es dazu gekommen war. "Wie ist er überhaupt in dein Gemach gekommen? Im Gang draußen stehen Wachen des Erzherzogs! Ah, ich will es gar nicht wissen..." meinte er und hob abwehrend die Hand. Er nahm einen erneuten Schluck vom Wein. "Das ist eine Katastrophe! Meine Schwester hat ihr Leben weggeworfen, für einen Mann, der noch nicht einmal Ariader ist! Bei den Göttern, was nun?" lachte Roméro verzweifelt auf und goss sich noch einen Becher Wein ein. Er dachte eine ganze Weile nach, während er in die Flammen des Kamins starrte und den zweiten Becher austrank, und stellte ihn schließlich entschlossen auf den Tisch zurück. "Ich habe eine Idee... Endarion, komm zu mir!" forderte er ihn mit entschlossener Stimme auf, die keinen Widerspruch duldete. "Ich habe nicht vor, dich zu verraten. Es wissen wohl nur die Drei was meine Schwester an dir findet, ohne dich beleidigen zu wollen, du weißt, ich mag dich, aber du bist eben kein Ariader, und das macht es so reichlich kompliziert, und, ach... es ist ja nun ohnehin nicht mehr zu ändern. Hör mir gut zu, was ich dir zu sagen habe, Ser..." begann er, und hob den Zeigefinger.
"Die Gerüchte, dass sowohl der Erbprinz Vego, als auch der Erbprinz Merik unfähig sind, Kinder zu zeugen, ist nicht unumstritten. In acht, beziehungsweise elf Jahren ist es keinem der beiden gelungen, auch nur ein Kind zu zeugen. Nicht einmal eine der zahllosen Mätressen, die beide hatten oder haben, hat je einen Bastard geboren. Es kann also nicht an den Frauen liegen, es muss an den Erbprinzen liegen!" Er unterbrach sich und sinnierte, mehr zu sich selbst, "Warum ist das noch niemandem aufgefallen? Wissen sie es, und schweigen es tot, oder glauben sie wirklich nur an die Unfähigkeit der Frauen?" Er wandte seinen Blick wieder auf den Grafen und fuhr fort "Sei es wie es sei, nun ist meine Schwester an der Reihe, die ebenso scheitern wird, einen Erben zu gebären, weil Merik eben nicht dazu in der Lage ist! Und nun, durch diese unsägliche Katastrophe, dass die Keuschheitsprobe zu Valésias Ungunsten ausgefallen ist, gibt es nur mehr eine Möglichkeit, wieder in seiner Gunst zu steigen. Und da kommst du ins Spiel, Endarion! Du wirst nach der Hochzeitsnacht von Merik und Valésia, so lange, wie es nötig ist, bei meiner Schwester liegen. So lange, bis sich bei ihr die eindeutigen Anzeichen einer Schwangerschaft einstellen! Da kannst du dich einmal als wahrer Mann beweisen! Ich selbst werde für alles Nötige sorgen, dass es niemand erfährt! Und wenn Valésia ein Kind erwartet, dann, meinetwegen kannst du wieder nach Paltoria zurückkehren, oder nur verschwinden, wohin auch immer, das ist mir gleich... Ich glaube, in deiner jetzigen Situation gibt es wahrlich schlimmere Schicksale, als bei meiner Schwester zu liegen. Das bist du unserer Familie schuldig, und auch Valésia, die du in solche verheerenden Schwierigkeiten gebracht habt! Und wenn du dem nicht zustimmst, dann würde ich nicht zögern..." Er unterbrach sich. Er wusste nicht genau, wieso, doch er konnte es seiner Schwester nicht antun, dass er Mitschuld daran trug, dass dieser Tunichtgut dem Henker übergeben wurde. Darüber hinaus, wenn er Endarion verriet, würde seine Schwester dadurch ebenso verraten und verkauft werden. Außer, er würde behaupten, der Graf hätte sie sich mit Gewalt genommen. Und hatte er nicht selbst schon einmal einer verbotenen Liebschaft gefrönt, und von dieser süßen, verbotenen Frucht gekostet? Er hatte den Reiz des Verbotenen nicht vergessen, noch heute dachte er amüsiert an jene Kühnheit... Nichts war süßer, als eine unverfängliche Liebschaft, die verboten war. Und er konnte es Graf Endarion eigentlich auch nicht übel nehmen, auch wenn er seine Schwester noch nie so gesehen hatte, wie Endarion sie gesehen hatte, so war ihm dennoch, bewusst dass sie eine begehrenswerte, wunderschöne Frau war, welcher Mann würde sie nicht wollen, wenn er eine Gelegenheit dafür bekam? Und wie konnte er seiner Schwester einen Vorwurf machen, besonders, da der Erbprinz ein solch kühner Mann war? Er sah, wie Valésia darunter litt, und er sah auch jetzt, wie ihre Augen, trotz dieser schwerwiegenden Tat selig glänzten, und wie gerötet ihre Wangen waren. In diesem Augenblick war sie noch schöner und liebreizender, als je zuvor, und noch nie hatte sie glücklicher und lebendiger ausgesehen... Vielleicht war dieser Mann genau, was sie brauchte…
Doch Valésia konnte nicht glauben, was ihr Bruder da forderte. Wahrscheinlich würde es ihr nichts ausmachen, weiterhin mit Endarion das Lager zu teilen, doch auch mit Erbprinz Merik? Nein! "Ich soll mit zwei Männern im Wechsel das Bett teilen? Roméro, weißt du, was du da von mir verlangst? Du machst aus mir eine Hure..." Ihr Bruder unterbrach sie harsch "Falsch! Zur Hure hast du dich selbst gemacht, als du ihm nachgegeben hast..." Er blickte ihr ins Gesicht und wandte sich dann ab. "Verzeih mir, ich wollte dich nicht beleidigen... Hast du denn einen besseren Vorschlag?“ Valésia presste die Lippen aufeinander und als sie Augen aufschlug, und ihren Bruder wieder anblickte, war sie blind von den Tränen, die in ihren Augen standen. „Roméro… Ich habe dich nicht eingeweiht, um mir Vorwürfe anzuhören. Ich bin nur meinem Herzen gefolgt.“ Ihre Stimme brach, und während die dicken, heißen Tränen über ihre Wange kullerten, flüsterte sie heiser „Ich liebe ihn, Roméro. Ich liebe ihn mehr als mein Leben. Und er liebt mich auch. Ich bin so unsagbar froh, dass ich ihn kennenlernen durfte. Durch ihn habe ich erfahren, was Liebe ist, und ich bin ihm so unendlich dankbar dafür. Es ist mir egal, ob er Ariader, oder Paltore ist. Ich kann und werde den Erbprinzen nicht heiraten. Ich möchte mit Endres zusammen sein. Ich möchte Ariad verlassen, und mit ihm gehen. Und ich brauche dich als Verbündeten, denn alleine kann ich solch eine Idee nicht verwirklichen…“ Zunächst blickte Roméro seine Schwester völlig entgeistert an, aber dann bildete sich ein dicker Kloß in seinem Hals, als er seine Schwester so elend und kummervoll sah. Er hob eine Hand, und wischte mit dem Zeigefinger ihre Tränen vom Gesicht. Dann nahm er sie einfach in seine Arme, und drückte sie fest an sich „Beruhige dich, Valésia. Uns wird schon etwas einfallen…“
Zwickmühle ❖
02.05.2014 '17:21 [2.249 Wörter]
 ellwach saß Endres auf dem Bett, als der Morgen graute, und die ersten Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fielen. Als ihm bewusst wurde, dass er, nach dem sinnlichen Liebesspiel mit der Komtess, eingeschlafen war, schrak er von einer inneren Panik ergriffen aus dem Bett auf und sah sich hektisch um. Valerion! Er musste die ganze Nacht bereits gewartet haben. Und zu allem Übel war es nun helllichter Tag! Wie sollte er nun, da weder die Burg noch die Gänge im Halbschatten lagen, ungesehen aus der Burg entschwinden? Sorge plagte seinen Verstand aber auch das untrügerische und beinahe bedrückende Gefühl von Schuldgefühlen, welche er Valerion gegenüber empfand. Doch als seine Blicke die Komtess von Aramajé streiften, hellten sich seine besorgten Blicke sichtlich auf und er lächelte sie verträumt an. Endres erinnerte sich noch gut an Valésias Worte, welche sie am gestrigen Abend zu ihm gesagt hatte. Dass sie mit ihm gehen wolle und dieses, ihr vorbestimmtes, Leben hinter sich lassen bereit zu sein wäre. Und auch erinnerte er sich an den freudigen Moment, welchen er daraufhin empfunden hatte, auch wenn seine Gedanken sogleich zu Valerion geschweift waren, was dieser wohl davon halten würde, käme er mit Valésia zu ihm in die Stallung, wo er und ihre Pferde darauf harrten von diesem Ort zu entfliehen. Doch nun war alles anders. Der Moment der heimlichen Flucht war verstrichen. Die Sonne stand schon hell und hoch am Himmel und wären die schweren Vorhänge nicht gewesen, sie würden das Zimmer gänzlich mit ihrem hellen Schein durchfluten. Wie konnte er nur einschlafen? Dies war ein gefährlicher Ort, selbst mit verriegelten Türen. Mit Anbruch des Tages war es an der Zeit, besonders für die Komtess, sich fein zu machen, für den großen Tag ihres Zukünftigen Gemahls. Die Zofe würde wohl jeden Moment an die Tür klopfen, wenn nicht gar ihr Vater oder noch viel Schlimmeres. Und so verschwammen die Gedanken an seine Antwort, welche er Valésia am gestrigen Abend gegeben hatte, und er rückte wieder ins Hier und Jetzt. »Gerne werde ich dich von diesem Joch, das dir hier droht, erlösen. Du schönste aller holden Maiden.« Seine säuselnde Stimme kroch ihm noch geschmeidig durch die Gedanken, als mit einem Mal jedes Gefühl für Zeit hinfort entschwand.
Endres erschrak förmlich, als das kräftige Klopfen an der Tür ihn aus seinen Gedanken riss. »Oh, verdammt.«, fluchte er und seine Blicke schweiften durch den Raum, auf der Suche nach seinem Gewand, welches, so schien es, in allen Ecken des Raumes verteilt zu sein schien. Auch Valésia schien sichtlich verängstigt, als sie mit geweiteten Augen erschrocken auf die Tür starrte. Und so kam Endres nicht herum ihr behutsam seine Hand auf ihre Schulter zu legen. Doch ließ sich Valésia nicht davon abhalten, sich aus dem Bett zu erheben um zur Tür zu gehen. Sie erkundigte sich wer dort vor der Tür stand und Endres' Herz hämmerte so wild in der Brust, dass es drohte diese zu sprengen. Doch als sich herausstellte, dass nur ihr Bruder vor der Tür stand und nicht gar ihre Zofe oder, was noch viel schlimmer gewesen wäre, ihr Vater. Doch wie man es auch drehte und wendete. Jeder, welcher von der Liebschaft zwischen Valésia und Endres wusste, war eine Gefahr für sie beide. Und so schüttelte Endres nur den Kopf, um nicht gar mit seiner Stimme von seiner Anwesenheit preiszugeben. Sie war sichtlich bemüht ihren Bruder abzuwimmeln und Endres konnte kaum an sich halten, um sich nicht selbst zu verraten, als schließlich das Undenkbare geschah!
Valésia entriegelte die Tür. Endres erstarrte förmlich als er hilflos mit ansehen musste, wie die Tür langsam aufging und der schmale Spalt, zwischen Tür und Rahmen, immer größer wurde, bis, mit einem Mal, Roméro durch jenen Spalt hindurch schlüpfte und im Raum stand. Da half es auch nichts mehr, dass Valésia die Tür hinter ihm wieder verriegelte. Endres lag gänzlich nackt im Bett der Komtess, Romeros Schwester! Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Endres wollte vor Scham am liebsten zwischen den Laken versinken, nur damit Roméro ihn nicht bemerken würde, doch dieser schien den verdächtigen Braten wohl längst gerochen zu haben und eilte, als ob er nichts anderes im Sinn gehabt hätte, auf das große opulente Bett zu. »Bei allen Göttern! Du bist nicht allein! Wer liegt da in deinem Bett?!« Und als Valésia ihrem Bruder keine Antwort gab, da trat Roméro schließlich gänzlich an das Bett heran, bis Endres sich schließlich offenbarte. Mit dem letzten Rest an Würde und Stolz, richtete sich Endres in dem Bett auf und setzte eine geübte Maske auf, als ob es das natürlichste der Welt war, dass er hier, im Bett der Komtess, welche eigentlich mit dem Erbprinzen von Olathor vermählt war, völlig nackt und unbekleidet im Bett lag. Doch ob ihm diese Maske gänzlich gelang, konnte er, ob seines rasenden Herzens, kaum zu sagen. Roméro hingegen sah Valésia, wie auch Endres, abwechselnd an, während er immer wieder starrte, glotzte oder den Kopf schüttelte. »Bist du von allen guten Geistern verlassen, Valésia?«, herrschte er seine Schwester an, nur um kurz darauf das Wort an Endres zu richten. »Und du! Wie kannst du es wagen, meine Schwester zu verführen? Als ich dir in der Schenke sagte, ich würde lieber dir meine Schwester zur Frau geben, als dem Erbprinzen, meinte ich damit nicht, dass du sie gleich in ihr Bett ziehen sollst! Hast du sie dir mit Gewalt genommen? Sag mir die Wahrheit, Valésia!« Da hob Endres sogleich die Stimme an, um zu protestieren, und beinahe im Chor, verneinten sowohl Endres als auch Valésia die schwerwiegende Anschuldigung Romeros, welcher Endres bezichtigte seine Schwester gegen ihren Willen genommen zu haben.
Doch Valésias Ausflüchte und Erklärungen schienen Roméro nicht sonderlich zu beruhigen. Ganz im Gegenteil. Er wurde nur umso aufgebrachte, dass sie sich anscheinend bereitwillig ihm, Endres, hingegeben hatte. Diese Worte kränkten den Paltoren sichtlich und so verzog dieser seine Mundwinkel zu einer beleidigten Grimasse, während Roméro sich wieder seiner Schwester zuwandte. »Bitte, schweig, Valésia... Zieh dir lieber etwas an, das ein wenig mehr von deinen Reizen verdeckt, als dieses beinahe durchsichtige Nachthemd! Und du, Endarion, raus aus dem Bett meiner Schwester, und zieh dir auch etwas an, wenn ich darum bitten darf!«
Wie ein kleiner Junge schluckte Endres seinen Ärger herunter und stieg schließlich aus dem Bett. Ob Roméro heimlich hinsah oder nicht, bemerkte der Paltore kaum, so sehr war er damit beschäftigt die verstreuten Teile seiner Gewandung zusammen zu klauben und unbeholfen hinein zu steigen. Und als dies geschehen war, da schien Roméro seine Gedanken zu ordnen, während er Endres und Valésia, mit tadelnden Blicken bedachte, als ob diese zwei kleine Kinder wären. Und das, obwohl Roméro wohl kaum älter als sie war und, so hatte Endres es noch in Erinnerung, keinen Deut besser war. Schließlich hatte er, obwohl er der Ältere war, noch immer keine Gemahlin und wenn man seinen Worten aus jener verschneiten Nacht Glauben schenken durfte, auch kein unbeschriebenes oder gar unbescholtenes Blatt. Beinahe schon wollte Endres der Komtess von Aramajé einen finsteren Blick zuwerfen, dass sie Roméro überhaupt eingelassen hatte, bevor er sich wenigstens hatte verstecken können, doch da eröffnete Roméro auch schon seinen Plan.
Und da riss Endres schließlich der Geduldsfaden. »Bitte? Ich soll was?«, fragte er mit einer aufkeimenden Wut im Bauch, welche er nur schwer zu zügeln wusste. Auch Valésia schien nicht sonderlich erbaut von dem Plan ihres Bruders zu sein, was Endres auch nicht weiter verwunderte. Denn immerhin verlangte er von ihr, dass sie sich dem Erbprinzen hingab, während sie heimlich mit Endres das Lager teilte. »Du machst aus mir eine Hure!«, bezichtigte Valésia ihren Bruder, welcher sogleich eine Antwort parat hatte, dass sie sich ganz alleine zur Hure gemacht hätte. Und so trat Endres einen Schritt hervor und hielt Roméro den drohenden Zeigefinger unter die Nase. »Aber du machst eine Ehebrecherin aus deiner Schwester.« Endres Stimme war ruhig, obwohl es ihm schwer fiel sich zu beherrschen, was man daran sehen konnte, dass sein Finger bebte. »Sie hat doch bereits ihr Gelöbnis mit dem Erbprinzen gebrochen …«, konterte Roméro gelassen, welcher sich wohl kaum von Endres' Finger beeindrucken ließ. Und so ließ Endres den Finger sinken und lächelte nur subtil. »Sie hat ihm noch gar nichts geschworen. Dieser Bund wurde von ihrem Vater besiegelt.« »Was ihn zu einem gültigen Gelöbnis macht!«, herrschte Roméro Endres an, was den Paltoren sogleich einen Schritt zurücktreten ließ. »Warum bist du so aufbrausend, Roméro?«, fragte Valésia und sah ihren Bruder mit sichtlich verletzten Augen an. »Ich könnte beinahe glauben, du heißt Vaters Entscheidung gut?«, fragte sie weiterhin, was Roméro dazu brauchte schwer zu seufzten. »Nein, natürlich nicht, süße Schwester. Doch ist es nun einmal so. Ob es uns passt oder nicht.« Endres ließ sich davon nicht beirren und verschränkte, während er abwehrend den Kopf schüttelte, die Arme vor der Brust. »Mir ist es gleich. Sie hat nichts geschworen. Und schlimmer noch! Du, der du behauptest gegen diese Verbindung zu sein, verlangst nun von deiner Schwester das Spiel mitzuspielen?« »Hier geht es nicht darum was ich will. Oder Valésia. Hier geht es einzig und allein darum zu überleben. Nicht nur meine Schwester oder du, sondern auch das Haus Aramajé.«
Irgendwann schien es, als ob Valésia es nicht mehr ertragen konnte und so brach sie in bitterlichen Tränen aus, während sie ihren Bruder sichtlich anflehte. »Ich liebe ihn, Roméro. Ich liebe ihn mehr als mein Leben. Und er liebt mich auch. Ich bin so unsagbar froh, dass ich ihn kennenlernen durfte. Durch ihn habe ich erfahren, was Liebe ist, und ich bin ihm so unendlich dankbar dafür. Es ist mir egal, ob er Ariader, oder Paltore ist. Ich kann und werde den Erbprinzen nicht heiraten. Ich möchte mit Endres zusammen sein. Ich möchte Ariad verlassen, und mit ihm gehen. Und ich brauche dich als Verbündeten, denn alleine kann ich solch eine Idee nicht verwirklichen ..« Und da hielt Roméro inne und starrte zuerst Endres eindringlich an, bevor er sich seiner Schwester zuwandte und sie in seine Arme schloss. Die beruhigenden Worte, welche er für sie übrig hatte, halfen dem Paltoren nur wenig. Was konnte er schon ausrichten, nun da der Tag angebrochen war? Und noch ehe Endres eigene Gedanken spinnen konnte, da klopfte es erneut an die Tür. »Valésia?«, tönte es dumpf durch die hölzerne Barriere, welche die Kammer vom Rest der Burg abgrenzte. »Kind, es wird Zeit! Öffne die Tür!« Roméro und Valésia hielten augenblicklich inne, als sie die Stimme ihres Vaters erkannten und Endres' Blicke hetzten wie ein Tier durch den Raum. »Du musst verschwinden!«, zischte Roméro und Valésia nickte sogleich. »Wenn er dich sieht, ist dies dein Ende.«, flüsterte sie mit gebrochener Stimme. Doch Endres zuckte nur mit den Schultern. »Wohin?« Er trat einige Schritte nach links, nur um kurz darauf innezuhalten und die beiden wieder fragend anzusehen. Doch dann fiel ihm die Geheimtür ein, welche in die Gemächer von Valésias Zofe führten. »Ich könnte …«, hob er an und griff bereits nach dem Schlüssel, als Valésia erschrocken hervortrat. »Bist du von Sinnen?«, fragte sie und legte ihm sogleich die Hand auf die seine. »Sie wird dich sehen!«
Erneut klopfte es gegen die Tür und dieses Mal war das Klopfen weit energischer als noch zuvor. »Ich höre dich, Valésia! Was treibst du dort? Öffne mir die Tür!« An der Stimme des Bernsteingrafen gab es nichts misszuverstehen. Er wirkte ungehalten und erwartete, wie so oft in seinem Leben, dass man seinen Bitten wie Befehlen Folge leistete. Doch diese Erwartung zu erfüllen gestaltete sich für Roméro und Valésia als äußerst schwierig. Bis Roméro keinen Ausweg mehr wusste und Endres kurzerhand zu dem großen Fenster schob, welches auf den verschneiten Balkon der Kemenate führte. »Versteck dich hier draußen, bis er wieder fort ist!« Ohne auf Endres Proteste, ob der beißenden Kälte und seines eher unvorteilhaften Gewandes, einzugehen, schob er den Paltoren vor die Tür und schloss diese sogleich wieder hinter sich, während Valésia bereits im Begriff war ihrem Vater die Tür zu öffnen.
Graf Gunter trat, kaum war die Tür geöffnet worden, wie ein Donnergrollen in das Zimmer ein, bis er sich gewahr wurde, dass nicht nur Valésia, sondern auch Roméro zugegen waren. »Roméro? Was machst du hier?« Seine Blicke schweiften zu Valésia, welche noch immer in ihr Nachthemd gekleidet war, auch wenn sie sich nun einen Mantel übergeworfen hatte, als Roméro sie dazu aufgefordert hatte. »Und warum bist du noch nicht angezogen?«, fragte der Bernsteingraf weiterhin, während seine Blicke immer wieder zwischen seinen beiden Kindern hin und her huschten. »Du solltest längst gerüstet sein, mein Sohn! Dein Kampf gegen …« Doch da hielt der Graf von Aramajé urplötzlich inne. »Bei den Dreien!«, stammelte er, als ob er mit einem Mal von dem Schlag der Erkenntnis getroffen worden wäre. »Ihr beide habt doch nicht etwa?«, fragte er, während er zuerst Roméro und dann Valésia eindringlich ansah. Doch als die beiden nicht so recht verstanden, worauf ihr Vater hinaus wollte, da fasste er ihre fragenden Blicke nur als Verschwörung gegen ihn auf und schlug seine Hände zusammen. »Die größte Schande! Eine Blutschande! Wenn der Erzherzog davon erfährt, das ausgerechnet der Bruder seiner Braut ...« Da schien es Roméro zu dämmern und so trat er eilig vor seinen Vater und schüttelte dabei energisch den Kopf. »Nein, Vater! Ihr denkt falsch von uns!« Der Bernsteingraf sah seinen Sohn mit scharfen Blicken an, während er auf Valésia deutete. »Ich schwöre es, bei meiner Ehre und die Drei sollen meine Zeugen sein.« Roméro verbeugte sich beinahe ehrfürchtig vor seinem Vater, was diesen, zumindest sichtlich, milder zu stimmen schien. »Das erklärt noch immer nicht, warum du hier bist, anstatt dich auf deine Niederlage gegen den Erbprinzen vorzubereiten.«
Die Ruhe vor dem Sturm ❖
18.05.2014 '17:30 [1.798 Wörter]
 alésia erstarrte, als sie ein Klopfen an der Türe vernahm. Nun, da Roméro sich hier in ihren Gemächern befand, konnte dies nicht Gutes mehr bedeuten. Im besten Fall war es ihre Zofe, die darauf wartete, ihr beim Ankleiden helfen zu können. Die könnte sie mit viel Glück noch abwimmeln und fortschicken. Im besten Fall! Im anderen Fall konnte es nur ihr Vater, ihr Mutter, oder noch schlimmer, der Erzherzog oder gar der Erbprinz sein. „Valésia?“ drang die Stimme ihres Vaters dumpf durch die verschlossene Türe. „Valesia, Kind, es wird Zeit! Öffne die Tür!“ Valésia blickte wie gehetzt zu Roméro und Endres. Roméro fing ihren Blick auf und so starrten sich die beiden Geschwister entsetzt an. „Es ist Vater!“ wisperte die Komtess entgeistert und ihr Herzschlag schoss in unermessliche Höhen. „Du musst verschwinden!“ zischte Roméro dem Paltoren zu, und Valésia nickte zustimmend „Wenn er dich sieht, ist dies dein Ende“ erwiderte sie ebenso leise zu Endres. Doch guter Rat war teuer. Wie sollte er verschwinden, wenn der einzige Weg, die Gemächer zu verlassen, jene Türe war vor der ihr Vater stand, und seine Aufwartung machte? Endres lief verstört und ratlos auf und ab, auf der Suche nach einem Fluchtweg, doch als er die Hand auf die Türklinke der Türe legte, die die Kammer der Zofe mit den Gemächern der Komtess verband, da schüttelte Valésia heftig den Kopf „Bist du von Sinnen? Sie könnte dich sehen!“ Nein, auch diese Möglichkeit kam nicht in Frage. Doch Graf Gunther ließ den dreien kaum Gelegenheit, über einen anderen Fluchtweg nachzudenken, denn er klopfte erneut und energischer an die Türe und seine Stimmlage verriet, dass seine Geduld erschöpft war. „Ich höre dich, Valésia! Was treibst du dort? Öffne mir die Tür!“ „Ja Vater, ich bitte Euch um einen Augenblick Geduld!“ rief Valésia flehentlich und blickte ihren Bruder Rat- und Hilfesuchend an. „Ich weiß, wohin…“ murmelte dieser, nahm Endres am Oberarm, und drückte ihn zu Valésias Balkon. Er öffnete die Türe und schob den Paltoren kurzerhand aus dem Gemach, auf den schneebedeckten Balkon, an diesem eisigen Wintermorgen. „Versteck dich hier draußen, bis er wieder fort ist!“ forderte er ihn auf. „Verzeih mir, Endarion…“ setzte der Ariader noch nach. Roméro grinste schief, und kam nicht umhin zu denken, dass diese Lösung, die dem Paltoren wahrscheinlich das Leben rettete, gleichzeitig auch bittere Buße war, denn die Morgenluft war eisig, und die Hohe Lage des Balkons versprach gleichzeitig auch eisige Winde. Endarion war wirklich nicht zu beneiden. Behutsam und vorsichtig schloss er lautlos die Türe wieder, und riss sicherheitshalber noch den schweren Vorhang davor. Er hielt inne, lief quer durch den Raum und öffnete das Fenster am anderen Ende des Gemachs. „Warum?“ fragte Valésia. „Dummchen, Vater bemerkt doch die kühle Luft. Es ist nicht lange genug geöffnet gewesen, um zu rechtfertigen, dass wir frische Luft ins Gemach lassen wollten. Am Ende wird er noch misstrauisch und sieht auf dem Balkon nach!“ raunte er. Dies leuchtete Valésia ein, und sie nickte. „Valésia! Was ist denn nun? Öffne mir sofort die Türe!“ polterte der Bernsteingraf, und Valésia eilte zur Türe, um ihrem Vater Einlass zu gewähren.
Ebenso wie seine Stimme gepoltert hatte, so polterte Graf Gunther in Valésia Gemächer. „Wie kannst du es wagen, mich wie einen Bittsteller vor deinem Gemach warten zu lassen? Ich bin dein Vater! Und was wäre gewesen, wenn es der Erzherzog, oder dein Bräutigam gewesen wäre?“ Er hielt inne, als er sich seinem Sohn gewahr wurde, der ebenso im Gemach stand und sich höflich vor seinem Vater verneigte. „Roméro? Was machst du hier?“ fragte er und Romeros Stimme nahm einen spöttelnden Ton an. „Ich wünsche euch ebenso einen guten Morgen, Vater…“ Die Augen des Grafen musterten seine Tochter, die, nur in ihrem durchsichtigen Nachthemd, und einem Mantel bekleidet, einen tiefen Knicks vor ihrem Vater vollführte. „Vergebt mir, Vater, dass ich euch so lange habe warten lassen.“ hauchte sie, doch Graf Gunther schien ihre Worte gar nicht zu vernehmen. Abwechselnd blickte er seine Kinder an, und stellte ihnen die unterschiedlichsten Fragen, bis er schließlich erblasste. „Ihr beide habt doch nicht etwa…?“ Valésia fing seinen Blick auf, und warf ihn ihm fragend und verständnislos zurück, doch Roméro besaß genug Geistesgegenwart, oder Erfahrung, um zu verstehen, was ihr Vater ihnen mit dieser Frage sagen wollte. Doch er war dermaßen vor den Kopf gestoßen, dass ihr Vater auf eine solch haarsträubende Idee kam, dass ihm regelrecht die Worte im Halse stecken blieben. Der Bernsteingraf seinerseits nahm Romeros Schweigen wie ein stummes Zugeständnis auf, und schlug entsetzt die Hände vor der Brust zusammen. „Die größte Schande! Eine Blutschande! Wenn der Erbprinz davon erfährt, dass ausgerechnet der Bruder seiner Braut ...“ Doch dann löste sich Roméro aus seiner Lethargie und trat, energisch den Kopf schüttelnd, an seinen Vater heran. „Nein, Vater! Ihr denkt falsch von uns!“ Der Bernsteingraf sah sowohl seinen Sohn, als auch seine Tochter mit durchdringenden Blicken an, und Roméro entgegnete „Ich schwöre es, bei meiner Ehre und die Drei sollen meine Zeugen sein.“ Graf Gunther wechselte zwischen den Geschwistern noch einige prüfende Blicke, dann nickte er. „Nun gut. Das erklärt noch immer nicht, warum du hier bist, anstatt dich auf deine Niederlage gegen den Erbprinzen vorzubereiten.“ Da lächelte Roméro wissend, und erwiderte „Wie könnte man sich besser auf eine Niederlage vorbereiten, in dem man sich gar nicht vorbereitet, Vater? Und wie könnte ich mich besser auf die Niederlage gegen Merik vorbereiten, als bei seiner in seinen Augen in Ungnade gefallene Braut? Bald sitzen wir im selben Boot, Valésia und ich, wir beide haben Schande gebracht…“ Valésia warf ihrem Bruder einen wütenden Blick zu. So genial ablenkend, von dieser vermeintlichen Blutschande, diese Worte auch waren, aber das Letzte, das Valésia gebrauchte, waren Worte, die ihrem Vater die Schande ihrer Tat in Erinnerung zurück riefen. Doch, Romeros Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, und das Gespräch nahm eine andere Richtung, jedoch nicht zu Valésias Gunsten. Der Bernsteingraf schüttelte den Kopf. „Das ist etwas ganz anderes, mein Sohn. Beim Turnier einen Sieg zu erringen wäre zwar Ehre des Sieges wegen, doch du darfst nicht vergessen, wer dein Gegner ist. Merik zu besiegen bringt Schande über ihn und somit Schande über uns.“ Seine Stimme bezeugte, dass er es todernst meinte, und keine Widerworte duldete. „Es reicht, wenn deine Schwester unsere Familie in den Schmutz gezogen hat…“ meinte er und blitzte seine Tochter mit einem vernichtenden Blick an. Valésia schämte sich, und senkte den Kopf. „Vergebt mir, Vater“ hauchte sie. „Ich vergebe dir, wenn du mir endlich sagst, wer der Bastard war, der meiner Tochter die Unschuld genommen hat!“ Valésia schwieg. „Wen willst du mit deinem Schweigen schützen? Man muss ja wirklich glauben, dass Roméro es gewesen ist.“ Nein, Vater, ich schwöre bei meiner… bei den Dreien…“ verbesserte sie sich. Ein Schwur auf ihre Ehre wäre ein reiner Witz gewesen, zumindest in den Augen ihres Vaters. „… dass Roméro mich niemals berührt hat. Er ist mein Bruder, und er kennt die Gesetze, die König und die Götter uns allen auferlegt haben.“ Der Bernsteingraf funkelte erneut seine Tochter an. „Er… aber du anscheinend nicht. Du bist dir nicht im Klaren darüber, was du angerichtet hast! Du kannst von Glück reden, dass der Erzherzog, dennoch darauf besteht, dass Merik dich zu seiner Frau nimmt. Wissen die Drei, warum, aber es gereicht dir zu höchstem Glück, und mehr Ehre, als du sie verdienst! Und bis es dir wieder eingefallen ist, welcher Bastard dir deine Unschuld, deinen tadellosen Ruf und damit deine Vorzugsstellung auf Burg Olathor, und auch meinen guten Ruf, genommen hat, bist du nicht mehr meine Tochter…“ Mit diesen Worten wandte er sich um, und verließ die Gemächer der Komtess. Valésia keuchte leise auf, als sie die Worte ihres Vaters vernahm. Im Gehen rief der Graf noch „Beeilt euch, die Tafel ist schon angerichtet…“ Mit einem dumpfen Schlag fiel die Türe ins Schloss, und die Schritte des Grafen wurden leiser, je mehr er sich entfernte, bis sie schließlich verstummten.
Valésia stand regungslos da, nur Roméro besaß die Geistesgegenwart, mit wenigen großen Schritten an die Tür zu eilen, um diese wieder zu verschließen. Ebenso, wie das immer noch offenstehende Fenster, in das die Kälte nun vollends hereingeströmt war. „Endarion!“ flüsterte er und erst da fiel Valésia ein, dass sie den Paltoren über die ganze Aufregung völlig vergessen hatte. Wie musste er frieren! „Geh, hol ihn rein… ich schüre besser das Feuer für den armen Eisgrafen…“ grinste er, ging zur Feuerstelle, und hockte sich davor, um die Glut aufzuschüren und große Scheite nachzulegen. Valésia indes zog den Vorhang zurück, öffnete die Türe und trat auf den Balkon. „Endres… es tut mir leid…“ hauchte die Komtess. Sie ergriff Endres an den Händen, welche eiskalt waren und erinnerte sich an ihre Begegnung in Tarhjárt, als sie Roméro im Gedränge verloren hatte. „Deine Hände sind wie aus Eis…“ bemerkte sie, und zog sie zu ihrem Gesicht, und schmiegte ihre warme Wange daran. Diese wenigen Minuten auf dem Balkon mussten ausreichend gewesen sein, dass er gänzlich durchfroren sein musste. Sie drückte ihm einen liebevollen Kuss auf seine kalten Hände. „Komm rein, und wärme dich auf, er ist weg..:“ flüsterte sie, und sie musste ihn kaum ziehen, die Kälte trieb ihn förmlich in das Gemach zurück. Roméro erhob sich zufrieden von dem nun flackernden Feuer, welches die Hitze förmlich in die Gemächer warf, und die Räume angenehm aufwärmte. Roméro zog ein heißes Eisenstück aus dem Feuer, und hielt es in einen Becher Wein. Das Eisen zischte, und sofort begann der Wein zu dampfen. „Hier…“ reichte Roméro dem Paltoren den so erhitzten Wein. „Wärme dich auf, während wir überlegen, wie wir dich aus der Burg schaffen. Valésia, zieh dich an, beeil dich, wir haben keine Zeit mehr, nach deiner Zofe zu schicken.“ Mit diesen Worten drehte er sich dezent um. „Ich sehe auch nicht hin, alles andere musst du dir mit deinem Geliebten vereinbaren. Aber so wie ich das sehe, kennt er ohnehin jeden Zoll deines Körpers…“ stichelte er lachend. Er hielt Valésia den Rücken zugewandt, und schenkte sich einen dritten Becher Wein ein. „Und das schon am frühen Morgen. Alahaid, steh mir heute bei…“ murmelte er belustigt, während er den Wein trank. Valésia indes hatte sich entkleidet und wusch sich eilig, und zog sich ebenso eilig an. Das Kleid, welches sie trug war aus tannengrünem Samt, und war am Ausschnitt und an den Ärmeln Pelzverbrämt, und stand ihr mit den haselnussbraunen Augen und Haaren gut zu Gesicht. Es verstand sich von selbst, dass sie an diesem Tag, der Meriks Ehrentag war, den rubinbesetzten Schmuck, welcher ein Geschenk des Erbprinzen an seine Braut gewesen war, anlegte. Die Ohrringe, eine prächtige Kette, und die beinahe schon berühmte Haarspange, mit welcher alles begonnen hatte. Als Valésia fertig war, und Roméro sich wieder umgewandt hatte, musterte er, mit sichtlichem Stolz, seine Schwester. „Du siehst wunderschön aus, Valésia. Habe ich nicht Recht, Endarion?“ zwinkerte der Ariader dem Paltoren spitzbübisch zu….
Raureif und Eisblumen ❖
18.05.2014 '23:57 [1.389 Wörter]
 einahe hoffnungslos hilflos musste Endres mit ansehen, wie ihm langsam das Ruder entglitt und er von einer Bredouille in die nächste schlitterte. Und so ließ sich Endres, ziemlich widerstandslos, von Roméro von der Tür, welche in das Zimmer der Zofe Valésias führte, hinfort geleiten und beinahe ebenso anstandslos, da Endres offenkundig keinen Ausweg mehr wusste, auf den verschneiten Balkon führen. Und noch ehe er dazu imstande war dagegen Protest einzulegen, fand er sich auch schon, bis zu den Knöcheln, im kalten Schnee versunken, auf dem Balkon wieder. Es fröstelte und ein lauer, aber klirrend eisiger Wind zog vorüber, welcher Endres unbarmherzig in die Glieder fuhr. Endres hatte keine Schuhe an, und auch keinen wärmenden Mantel. Alles was er am Leibe trug war seine Bruche und auch die Tunika, welche er mehr als nur notdürftig übergeworfen hatte, um nicht gänzlich nackt vor Valésias Bruder zu stehen.
Blasse und dampfende Dunstwölkchen stiegen bei jedem Atemzug, welchen Endres tat, aus Mund und Nase auf, während Endres seine Arme um seinen Körper schlang, um sich zumindest so ein wenig zu wärmen, auch wenn es nicht sehr viel half. Die Zeit verging und Endres starrte mal einfach nur in die Ferne, doch immer öfter auf die verschlossenen Fenster, welche ihm den Zutritt in die warmen Gemächer der Komtess von Aramajé verwehrten. Und als der stechende Schmerz, welchen ihm der Schnee in den Füßen bereitete, immer unerträglicher wurde, setzte Endres dazu an, im Schnee ein wenig auf und abzugehen, um die Füße davor zu bewahren zu erfrieren. Doch jeder Schritt brannte wie eisiges Feuer, so dass Endres schließlich an die Balustrade des Balkons herantrat, seine Hände darauf abstützte, und einen Blick in den Abgrund, welcher sich vor ihm auftat, riskierte. Doch noch ehe er den Gedanken erwogen hatte, möglicherweise an diesem, wohlgemerkt vereisten, Balkon hinab zu klettern, hatte er ihn auch schon wieder verworfen. Stattdessen ballte er die Fäuste und war mehr als nur einmal darauf und daran gegen die Fenster zu klopfen, um so Einlass zu begehren, ganz gleich ob der Bernsteingraf dann von ihm wissen würde oder nicht. Doch jedes Mal hinderte ihn die kleine, und für Endres oftmals unscheinbare, Stimme der Vernunft daran, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Denn was hatte Endres schon davon, nun die erlösende Wärme des Kamins zu erhaschen, wenn er nur kurz darauf, von den Wachen des Erzherzogs, in dessen kaltes und schauriges Verließ gesperrt werden würde, nur um dort, im Kerker, auf seine Strafe zu warten. Und so, wie er den Erzherzog inzwischen einschätzte, würde diese Strafe alles andere als milde ausfallen. Und so biss Endres die Zähne zusammen und harrte der Erlösung, die immer länger auf sich warten ließ.
Zwar hatte Roméro ein Fenster geöffnet, doch war es unerreichbar für Endres. Nicht einmal zum Lauschen war es nahe genug, denn auch wenn Endres dumpfe Stimmen vernahm, so konnte er sie weder verstehen noch sonderlich zuordnen. Vermutlich war der Bernsteingraf damit beschäftigt seine Kinder auf den heuten Tag einzuschwören. Valésia, wie auch Roméro, hatten ihr Los zu tragen und beide standen vor schweren Aufgaben, wenngleich Valésias Bürde weit schwerer war, als die Romeros, wenn man einmal über seinen Stolz hinwegzusehen imstande war. Doch weiter konnte Endres seine Gedanken nicht mehr spinnen, als plötzlich die schweren Vorhänge zur Seite gezogen wurden. Und auch wenn dichte Eisblumen und wuchernder Raureif dafür sorgten, dass man kaum mehr durch die Fenster sehen konnte, erkannte der Paltore dennoch die beiden Geschwister, welche nur kurz darauf auch schon die Türe öffneten, um Endres in das warme Gemach zu holen. »Endres… es tut mir leid...«, hauchte die Komtess, was Endres nur ein mildes Lächeln abrang, während er darum bemüht war, seine verklebten Lippen zu öffnen. »Sch...schon g...gut.«, stotterte Endres, sichtlich von zitternder Kälte erfasst. »Deine Hände sind wie aus Eis ...«, stellte die Komtess unnötigerweise fest, was Endres nur dazu zwang eben diese Hände aus den ihren zurück zu ziehen. Es war eine instinktive Handlung, wohl um nicht als schwacher Mann vor der Frau, die er liebte und ihres Bruders, einem gestandenen Ritter, dazustehen. Doch es half nichts. Valésia führte Endres zu dem prasselnden Feuer des Kamins und legte ihm eine dicke Wolldecke über die Schultern. »Komm, wärme dich auf. Er ist weg.« Und so nahm Endres schließlich vor dem Feuer Platz, während er langsam wieder zu tauen begann. Der warme Wein tat sein Übriges und löste die Vereisungen in Endres Eingeweiden, während das wärmende Feuer seine erfrorene Haut mit neuem Leben erfüllte.
Es dauerte nicht allzu lange, da war von der beißenden und beinahe lähmenden Kälte nichts mehr in Endres Körper übrig und so erhob er sich wieder und blickte Roméro, wenn auch schweigend, dankend an. Immerhin hätte dieser ihn auch einfach verraten können, würde er nur ein wenig loyaler zu seinem Vater, wie auch seinem Hause stehen. Doch Roméro hatte stets seine eigenen Gründe und dass er mit der Vermählung Valésias unglücklich war, konnte selbst ein Narr erkennen. Doch bedeutete dies nicht, dass er jenes Geheimnis guthieß, welches er hier entdeckt hatte. Immerhin war Endres kein Ariader und Valésia, als eine ariadische Adelige, hatte sich in mehr als nur ernste Schwierigkeiten gebracht, als sie sich mit ihm eingelassen hatte. Immerhin war es eines, seinem anvertrauten Ehegatten untreu zu sein, besonders wenn dies der Erbprinz eines weit höhergestellten Adelsgeschlechtes war. Doch die Schande, sich mit einem Mann, der kein Ariader war, war umso schwerwiegender. Hätte der Erzherzog davon erfahren, wäre nicht nur Endres' Leben in Gefahr, dessen war sich Roméro sicher. Und so hatte er den Mantel des Schweigens darüber gelegt. Allerdings weder uneigennützig noch edelmütig. Er hatte sich bereits fest vorgenommen den Grafen von Hohenehr zur Rede zu stellen und ihn vielleicht auch daran erinnern, wie tief dieser nun in seiner Schuld stand.
Doch all dies musste nun warten. Roméro wurde auf dem Feld vor der Burg erwartet, um dort ruhmreich und ehrenvoll gegen den Erbprinzen Merik zu verlieren. Eine Farce. Der Erbprinz war nicht gerade für seine kämpferischen Qualitäten berühmt. Er würde keine Ehre erringen, würde er Roméro besiegen. Immerhin war er von höherer Geburt. Und Roméro würde alles andere als Ruhm und Ehre erwarten, wenn er gegen einen Mann unterlag, von dem jeder wusste, dass er ihm nicht ernsthaft ebenbürtig war. Hohn und Spott würden ihn erwarten, dessen war er sich mehr als nur bewusst. Und ob dieses Wissens gärte in Romeros Herzen wohl auch eine schwarze Fäulnis. Ein dunkler Groll gegen seinen hohen Vater, den er ansonsten über alles schätzte.
Natürlich versuchte Roméro dies, wie er es immer tat, mit Scherzen und Wein zu verbergen, was ihm zumindest bei Endres, welcher ihn nicht so sehr kannte, wie Valésia, durchaus gelang. Doch der Paltore hatte gerade auch andere Sorgen. Valésias Einwand, wie sie ihn aus der Burg schaffen könnten, war durchaus berechtigt. Und so saßen sie da, grübelten und dachten darüber nach, während Valésia sich ankleidete. Auf Romeros schlüpfrigen Spruch erwiderte Endres nur ein Schulterzucken, während er es ihm gleichtat und Valésia dezent den Rücken kehrte, damit sie sich ungestört ankleiden konnte. Als dies geschehen war, und auch Endres sich endlich angezogen hatte, räusperte sich der Paltore und versuchte sich sowohl würdevoll, als auch nüchtern zu geben. »Lasst dies nur meine Sorge sein. Ihr habt eure eigenen. Euer Vater erwartet euch, also lasst ihn nicht warten. Nicht dass er am Ende noch einmal hier hereinschneit. Und auf Schnee und Eis kann ich nun wahrlich verzichten, fürs Erste.« Dies rang den beiden Geschwistern ein flüchtiges Lächeln ab, doch konnte Endres schließlich sowohl Roméro, als auch Valésia davon überzeugen, ohne ihn zu gehen. Auch wenn es ihm bei Roméro weitaus einfacher gelang, als bei Valésia, welcher nicht nur die Sorge sondern auch die Sehnsucht mehr als nur ins Gesicht geschrieben stand. Als ob sie drauf und dran war, ihn, in Anwesenheit ihres Bruders, darum zu bitten, mit ihm zu fliehen. »Ich lasse mir etwas einfallen, Valésia. Ich verspreche es.« Er legte ihr beschwichtigend die Hände auf die Schultern und sah ihr dabei tief in die Augen. »Doch nun musst du gehen. Und gräme dich nicht, sonst wird dein Mienenspiel dich verraten.« Endres seufzte. Im stand ganz und gar nicht der Sinn danach, seine Geliebte erneut ziehen zu lassen, doch welche Wahl hatte er schon? Wie konnten sie, nun da es helllichter Tag war, ungesehen aus ihrer Kammer, dann aus der Burg, und dann aus der Stadt entschwinden? Es war gänzlich unmöglich.
Der zweite Turniertag ❖
28.05.2014 '21:35 [1.680 Wörter]
 assungslos und betreten stand Valésia, angezogen, und geschmückt im Gemach, neben Endres und Roméro, und wie man es auch drehte und wendete, es schien niemandem so recht einfallen zu wollen, wie der Paltore unbemerkt aus der Burg fliehen könnte. Schließlich räusperte sich Endres und meinte „Lasst dies nur meine Sorge sein. Ihr habt eure eigenen. Euer Vater erwartet euch, also lasst ihn nicht warten. Nicht dass er am Ende noch einmal hier hereinschneit. Und auf Schnee und Eis kann ich nun wahrlich verzichten, fürs Erste.“ Roméro rangen diese Worte ein erheitertes Lachen ab, während Valésia sichtlich bemüht war, eine höfliche Maske anzulegen, und über diesen Wortwitz ebenso zu schmunzeln. Doch es gelang ihr nicht so Recht. Letztendlich musste sie Endres Recht geben. Je länger sie sich Zeit ließen, desto eher würde man nach ihnen schicken. Aber konnten sie einfach gehen, und Endres in den Gemächern der Komtess zurück lassen? Sehr wahrscheinlich warteten die Kammerzofen nur darauf, dass die Komtess endlich ihre Gemächer verließ, um die Laken auf zu schütteln, die Räume zu lüften, Feuerholz nach zu legen, und alle sonstigen Arbeiten zu besorgen. Und wenn Endres dann noch hier war, und man ihn entdecken würde, dann wäre er, selbst wenn ihm die Flucht gelänge, seines Lebens nicht mehr sicher. Roméro räusperte sich. „Endarion hat Recht, Valésia. Wir müssen gehen, man erwartet uns sicherlich schon ungeduldig bei der Tafel. Schließlich werde ich danach gegen den Erbprinzen antreten…“ verzog er mürrisch seine Miene. Valésia nickte, doch blieb sie zögerlich und haftete ihre Augen auf Endres. Sie sorgte sich ernstlich um ihn, und ihn jetzt zurück zu lassen bereitete ihr Kummer und Schmerz. „Endres…“ flüsterte sie leise, und streckte ihre Hand nach ihm aus. Am liebsten hätte sie ihn gebeten, sie gleich mitzunehmen, doch sie wusste, das dies gänzlich ausgeschlossen war. Wenn dies überhaupt zu bewerkstelligen war, dann nur, wenn man auf den richtigen Moment wartete. Der Paltore nahm ihre Hand in die seine und erwiderte „Ich lasse mir etwas einfallen, Valésia. Ich verspreche es.“ Sie senkte den Kopf, und nickte sachte, und blickte ihn dann wieder sehnsüchtig an. Endres legte ihr seine Hände auf die Schultern und sah sie eindringlich an. „Doch nun musst du gehen. Und gräme dich nicht, sonst wird dein Mienenspiel dich verraten.“ „Oh Endres, wie soll ich mich nicht grämen, nun, da wir wieder voneinander getrennt werden? Ich sorge mich um dich, und ich vermisse dich schon jetzt“ antwortete sie ihm kläglich, und dann fiel sie ihm um den Hals, und hielt ihn fest, so, als könnte sie ihn damit davon abbringen, dass sich ihre Wege wieder trennen mussten. Ihn zu umarmen war tröstlich, doch dann löste sie sich von ihm, und als sich ihre Blicke trafen, fanden sich ihre Lippen zu einem innigen Kuss, so, als wäre Roméro gar nicht anwesend. Das Herz der Komtess schlug heftig, als sie sich gegenseitig Zärtlichkeiten schenkten und einmal mehr wusste sie, wie sehr sie diesen Mann liebte und brauchte. Niemals würde sie den Erbprinzen heiraten, dies wäre ein Hochverrat an der Liebe zu Endres!
Erst, als Roméro sich dezent räusperte, holte er sie damit in die Realität zurück. Sie löste sich, wenn auch nur schwerlich, von Endres, und fuhr sich verlegen übers Gesicht. „Valésia, wir müssen wir gehen, komm…“ murmelte er leise, und trat an seine Schwester heran, und berührte sie sachte am Arm. Valésia nickte, und ließ sich schließlich von ihrem Bruder zur Türe schieben. Bevor er die Türe öffnete, wandte Roméro sich zu dem Paltoren um. „Besser, du versperrst die Türe, bis du eine Lösung gefunden hast. Dies wirft zwar sicherlich Fragen bei den Kammerzofen auf, doch besser so, als man fragt sich, was du in den Gemächern der Komtess zu suchen hattest…“ Er grinste schief, öffnete die Türe, und schob Valésia aus der Kammer. Doch er selbst trat nicht durch die Tür, sondern schloss die Türe wieder. Roméro schüttelte den Kopf. „Du hast sie völlig um den Verstand gebracht, ich erkenne meine eigene Schwester kaum wieder…“ Er schwieg einen kurzen Moment, dann wurde seine Miene Ernst. „Das Versprechen, das du Valésia gegeben hast, war unehrenhaft. Was soll das heißen, du lässt dir etwas einfallen? Ich bin nicht gegen dich, Endarion, doch wir beide wissen, dass das, was ihr beide wollt, unmöglich ist. Auch wenn es mir nicht schmeckt, wird Valésia morgen den Erbprinzen heiraten und ihr Schicksal wird damit besiegelt sein. Sie wird die Erbprinzessin von Olathor werden, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass Vego etwas zustößt, wird sie Erzherzogin von Olathor werden, neben Merik. Ob uns das nun gefällt, oder nicht. Also hör auf, das Herz meiner Schwester aufzuwühlen, und Hoffnungen zu säen, die du nicht zu erfüllen vermagst. Wie stellst du dir das vor? Du hast ihr Herz und ihre Jungfräulichkeit gestohlen, was willst du noch? Willst du Valésia auf einem weißen Ross aus Burg Olathor führen, sie nach Paltoria auf die Hohenehr bringen, sie dort zu deiner Frau nehmen, und mit ihr bis an den Rest eures Lebens glücklich und zufrieden leben? Ich wünsche ihr dies von ganzem Herzen, weil ich glaube, dass du ein zehnmal besserer Mensch bist, als der dämliche Hurenbock Merik, und sie nun einmal etwas Besseres verdient. Doch die Realität sieht leider anders aus. Selbst wenn es euch gelänge, zu fliehen, man würde alle verfügbaren Reiter ausschicken. Sie würden euch finden, euch zum Erzherzog bringen, und euch beiden wegen Hochverrats den Kopf abschlagen. Ich finde Valésias Haupt zu hübsch, als dass man es ihr vom Hals trennen sollte. Und um dich wäre es ja auch schade, Paltore. Vielleicht verschonten sie Valésias Leben, aber ganz sicherlich nicht deines. Und dann würde Valésia ihres Lebens ebenso wenig froh werden, wie sie es jetzt vermutlich nicht mehr wird. Sie hätte ihr Schicksal besser angenommen, wenn du nicht in ihr Leben getreten wärest. Versteh mich nicht falsch, Endarion, aber ich habe stets danach getrachtet, meine Schwester zu beschützen und sie von jedem erdenklichen Leid abzuschirmen. Und nun weiß ich selbst nicht mehr, ob es besser für sie wäre, sich in ihr vorbestimmtes Schicksal zu fügen, oder aber mit dir Reißaus zu nehmen…“ Mit diesen Worten nickte er ihm zu, öffnete die Türe, und schob sich dann hinaus.
Schließlich stand er vor seiner Schwester vor den Gemächern, und blickte sie forschend an. „Wer hätte das gedacht…“ murmelte er. „Du hast deine gute Erziehung gänzlich vergessen wegen dieses Paltoren…“ Valésia errötete, und schüttelte den Kopf. „Warst du noch nie verliebt, Roméro?“ „Nein…“ erwiderte Roméro direkt auf die Frage. „Ich habe in diesem Adelssumpf noch nie eine Frau kennen gelernt, die mein Interesse zu wecken vermochte.“ „Und dabei warst du als Knappe auch an anderen Höfen…“ bemerkte Valésia. Roméro zuckte die Schultern. „Schlag ihn dir aus dem Kopf, Valésia. Du weißt so gut wie ich, dass es unmöglich sein kann, es sei denn du willst, dass er seinen Kopf verliert, und möglicherweise auch du.“ Er bot ihr seinen Arm an. „Was hast du ihm eben noch gesagt?“ erkundigte sich Valésia im Flüsterton bei ihm. Roméro winkte ab. „Dasselbe, was ich dir gesagt habe. Aber nähere Erläuterungen würden hier jetzt zu weit führen. Komm, Valésia, wir dürfen uns nicht länger aufhalten…“
Die Geschwister schritten in den Thronsaal hinunter, an die Tafel, wo die engste Familie und die wichtigen Würdenträger des Herzogtums beisammen saßen, und gemeinsam die Morgenmahlzeit einnahmen. Valésia hatte keinen wirklichen Appetit, und wenn Roméro an das Turnier im Anschluss dachte, musste er sich eingestehen, dass es auch sein Verlangen nach Essen bremste. „Ah, da ist ja endlich das Geschwisterpaar Ardajena. In Aramajé rieselt der Sand langsamer durch das Stundenglas, als in Olathor, nicht wahr?“ stichelte der Erzherzog. „Vergebt uns, Eure durchlauchtigste Hoheit“ verneigte sich Roméro demütig vor dem Erzherzog. „Doch ist mir zu Ohren gekommen, dass die Kammerzofen die Eure Durchlauchtigkeit meiner Schwester zur Seite gestellt haben, diese heute Morgen nicht geweckt hätten.“ In Romeros Gesicht spiegelte sich Gelassenheit und Ergebenheit, doch Graf Gunther knirschte innerlich mit den Zähnen vor Zorn, über die Frechheit, die der junge Erbgraf dem Erzherzog angedacht hatte. „Ich verstehe. Nun, dann setzt euch doch…“ gebot der Erzherzog mit einer einladenden Geste, und Roméro verneigte sich, Valésia knickste, und dann trat jeder an den ihm zugedachten Platz. Roméro neben seinem Vater, und Valésia neben dem Erbprinzen Merik. Immer noch blickte der Bernsteingraf seine Kinder argwöhnisch an. Doch Valésia war sich nicht sicher, ob es wegen dem ungeheuerlichen Vorwurf in ihren Gemächern gewesen war, oder wegen Romeros Dreistigkeit dem Erzherzog gegenüber. Sie fühlte sich über alle Maßen unwohl, was hauptsächlich an der Anwesenheit Meriks lag. Seit der Jungfernprobe fiel es ihr schwer, ihm zu begegnen und ihm in die Augen zu sehen. Er war sicherlich wütend und angewidert. Nach einer Weile, die Valésia lustlos in ihrer Speise herum gelöffelt hatte, richtete er das Wort an sie. „Komtess, ihr fiebert sicherlich schon dem Turnier entgegen. Sagt mir, wem gehört eure Gunst, eurem Bruder, oder eurem Bräutigam?“ Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war Valésia sich ziemlich sicher, dass Roméro gewinnen würde, wenn er nur wollte. Er müsste sich dazu noch nicht einmal anstrengen, Roméro war ein guter Schwertkämpfer, und darüber hinaus war das Turnier von Merik herausgefordert worden, der Roméro damit noch ein wenig mehr demütigen wollte, als er ihm ins Gesicht geschlagen hatte, nachdem Roméro und Valésia nach dem Schneesturm erst am nächsten Morgen in die Burg zurückgekehrt waren. Und der Erbprinz war nicht gerade für seine Kampfkünste berühmt, genauso wenig, wie es sein Bruder Vego war. Doch ihr Vater wollte etwas anderes. Er wollte, dass Roméro den Erbprinzen gewinnen ließ. Aus Gründen, die sich ihr nicht erschlossen. Vielleicht, um Schadensbegrenzung zu betreiben? Merik blickte sie herausfordernd an, und Valésia fiel es schwer, seinem Blick Stand zu halten. So senkte sie den Blick und flüsterte „Natürlich gehört euch meine Gunst. Ihr werdet ruhmreich als Sieger hervorgehen.“ Da lächelte Merik dünn und meinte "Ja, auch ich bin sehr zuversichtlich. Und ich versichere euch, ich kenne das Gerede. Dass euer Bruder mich um Längen schlagen könnte. Euer Bruder wird es nicht wagen, mir den Sieg streitig zu machen. Das wagt er nicht. Das wagt niemand. Ich freue mich schon jetzt auf sein dummes Gesicht..."
Die wahre Geschichte des Erbprinzen ❖
02.07.2014 '22:35 [2.417 Wörter]
 omtess Valésia hatte gerade die Kemenate verlassen, als ihr Bruder Roméro nochmals zurückkam, um Endres unter vier Augen zu sprechen. Der düstere Blick, welchen der Bruder seiner Geliebten aufgesetzt hatte, ließ Endres verheißen, dass er sich just in diesem Moment nichts anderes wünschte, als dass er nicht zurückgekommen wäre. Und nur kurz darauf bewahrheitete sich Endres‘ dunkle Vorahnung, als Roméro seine Meinung kundtat. Endres stand zunächst nur schweigend da. Er hegte nicht den Wunsch mit Roméro zu streiten, oder ihm gar ins Wort zu fallen. Denn, wenn er sich ehrlich war, war es ihm völlig egal, was dieser von ihm dachte oder gar verlangte. Ihm waren auch die hohen Herren Olathors oder Aramajés gleichgültig. Er hatte, im Gegensatz zu Valerion, noch nie vor dem Adel gekuscht. Und er hatte stets getan, wonach ihm der Sinn gestanden hatte. Und heute war ganz sicher nicht jener Tag, an welchem er dies ändern würde. Und so lächelte Endres süffisant und dünn, während er Roméro seine Predigt abhalten ließ, wohl darauf bedacht ihn nicht zu sehr zu provozieren. »Das Versprechen, das du Valésia gegeben hast, war unehrenhaft.« Endres runzelte nur die Stirn und verzog dabei, ein wenig unwirsch, die linke Augenbraue. Allerdings blieb er Roméro eine Antwort auf dessen Frage schuldig auch wenn er sich von dessen Anschuldigung gekränkt fühlte. Denn, auch wenn er nur vorgab ein Mann von Adel zu sein und alleine durch diesen Umstand ohnehin ein ehrloser Mensch war, so war sein Versprechen aus ehrlichem Herzen gekommen. Aber Endres schwieg, und so sprach Roméro munter weiter, auch wenn er vielmehr ernst, als munter, klang. »Was soll das heißen, du lässt dir etwas einfallen? Ich bin nicht gegen dich, Endarion, doch wir beide wissen, dass das, was ihr beide wollt, unmöglich ist.« »Nichts ist unmöglich.«, murmelte Endres nur und rollte dabei mit den Augen. Roméro überging die Spitze geflissentlich und trat einen Schritt an Endres heran, während er dabei die Stimme ein wenig dämpfte, als ob er nicht wollte, dass Valésia draußen, vor der Türe, mithören konnte. »Auch wenn es mir nicht schmeckt, wird Valésia morgen den Erbprinzen heiraten und ihr Schicksal wird damit besiegelt sein. Sie wird die Erbprinzessin von Olathor werden, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass Vego etwas zustößt, wird sie Erzherzogin von Olathor werden, neben Merik. Ob uns das nun gefällt, oder nicht.« So recht wirkte Roméro nicht überzeugt oder zufrieden. Und infolgedessen machte er auch auf Endres keinen sonderlich überzeugenden Eindruck, was sich in dessen skeptischer Miene unweigerlich widerspiegelte. Aber erneut zog es der Paltore vor, zu schweigen. »Also hör auf, das Herz meiner Schwester aufzuwühlen, und Hoffnungen zu säen, die du nicht zu erfüllen vermagst. Wie stellst du dir das vor?« Da war es an Endres einen Schritt auf Roméro zuzumachen. »Das sagte ich doch bereits. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Wenn ich wüsste wie, glaubst du ich müsste sagen, mir etwas einfallen lassen zu wollen?« Endres schüttelte, beinahe belehrend, den Kopf, während er seine Arme vor der Brust verschränkte. Das, für gewöhnlich, untrügerische Zeichen dafür, dass man begann, die Worte und Meinungen des anderen abzublocken. Und genau so war es nun auch bei Endres.
Der falsche Graf, ohne einen einzigen Tropfen blauen Blutes in den Adern, war nicht die Art von Mensch die sich unterordnen konnten. Schon in seiner frühen Kindheit hatte er oft Probleme damit gehabt und hatte Höhergestellte damit brüskiert. Sehr zum Verdruss seines Vaters. Und dieser, in den Augen vieler, schlechte Wesenszug des Paltoren war über die vielen Jahre, in welchen er mehr als nur eine Eroberung gemacht hatte, nicht unbedingt geringer, oder er gar weiser geworden. Er wähnte sich als unbesiegbar. Er war gewitzt und listenreich. Niemand konnte Valerion oder ihm das Wasser reichen. Und so trug Endres natürlich eine gehörige Menge Selbstüberschätzung in sich, dass es selbst Valerion langsam zu viel wurde. »Du hast ihr Herz und ihre Jungfräulichkeit gestohlen, was willst du noch? Willst du Valésia auf einem weißen Ross aus Burg Olathor führen, sie nach Paltoria auf die Hohenehr bringen, sie dort zu deiner Frau nehmen, und mit ihr bis an den Rest eures Lebens glücklich und zufrieden leben?« Endres musste subtil bei diesen Worten lächeln. Ja, im Grunde klang dies durchaus nach einer schönen Geschichte, auch wenn es der Wahrheit nicht ferner sein konnte. Bis auf das weiße Pferd, welches unten in einem der Ställe auf ihn wartete. Der prächtige Schimmel war eines der vielen Errungenschaften seiner verlogenen Liebschaften und Heiratsschwindel gewesen und hatte ihm seither stets gute Dienste geleistet. Vielleicht auch bald erneut, wenn er die Prinzessin von Olathor, wie Roméro es so rühmlich genannt hatte, rauben und mit sich nehmen würde. Endres musste zugeben, dass ihm dieser verwegene Gedanke zu gefallen schien, und je mehr Roméro sprach, desto weniger fielen seine Worte auf fruchtbaren Boden. Im Gegenteil. Er schürte nur weiter den Wunsch zu Erobern und den Willen zu obsiegen in dem Paltoren und falschem Grafen an. »Ich wünsche ihr dies von ganzem Herzen, weil ich glaube, dass du ein zehnmal besserer Mensch bist, als der dämliche Hurenbock Merik, und sie nun einmal etwas Besseres verdient.« Natürlich war er das. Er war besser! Das war sonnenklar. Vielleicht gab es irgendwo in Ariad einen Mann der ihrer würdig war, doch dieser Mann war nicht hier. Ob Endres ihrer wahrlich würdig war, wenn bekannt würde, wie es um seine Herkunft bestellt war, stand allerdings in den Sternen. Doch hütete sich Endres dies natürlich offen auszusprechen. Stattdessen schenkte er Roméro ein versöhnliches Lächeln. Roméro sprach und sprach und je mehr er redete, desto mehr wünschte sich Endres, dass er doch endlich verschwinden möge. Er erzählte ihm nichts Neues. Immerhin konnte er Valerion niemals als Schwarzmaler überbieten, und somit verfügte Endres, was dies betraf, über eine hohe Resistenz gegen derartige Vorwürfe. Natürlich war es schwer. Und natürlich würden sie, wenn sie erst gemerkt hatten, dass Valésia fort war, nicht eher ruhen, bis sie sie gefangen hatten. Doch Endres war ja auch nicht allein. Valerion hatte immer schon ein gutes Gespür gehabt Ärger aus dem Weg zu gehen. »Versteh‘ mich nicht falsch, Endarion, aber ich habe stets danach getrachtet, meine Schwester zu beschützen und sie von jedem erdenklichen Leid abzuschirmen. Und nun weiß ich selbst nicht mehr, ob es besser für sie wäre, sich in ihr vorbestimmtes Schicksal zu fügen, oder aber mit dir Reißaus zu nehmen.« Diese Worte ließen Endres dann doch aufhorchen. »Dann würdest du ihr nicht im Wege stehen, sollte sie sich gegen ihren vorherbestimmten Weg entscheiden?« Roméro blieb ihm die Antwort schuldig. Er sah ihn nur ernst an und Endres legte dabei den Kopf schief. »Mach’s gut, Paltore.«, murmelte Roméro nur und wandte sich kurzerhand zum Gehen. Und so stand Endres nun endlich allein im Gemach der Komtess. Verwirrt und hin und hergerissen. Aber alle Worte Romeros waren bedeutungslos und alle Wünsche Endres hoffnungslos, wenn er diesen Ort nicht baldigst verlassen würde.
Es dauerte auch nicht sehr lange, als die kleine Tür, durch welche Endres noch zuvor hatte verschwinden wollen, verdächtig wackelte. Der kleine Türgriff wurde heruntergedrückt und nur das verriegelte Schloss hatte Endres davor bewahrt unweigerlich entdeckt zu werden. Sich dieser Tatsache bewusst, hastete er wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Raum und sammelte den Rest seiner Habe ein, bevor er es Roméro und Valésia gleichtat, die Kemenate durch die Tür zu verlassen. Es war keine Zeit zum Denken. Keine Zeit um verwegene Fluchtpläne zu schmieden. Ein Schlüssel wurde in das Schloss der Nebentür gesteckt und das kratzende Geräusch von Metall auf Metall verriet Endres, dass dieser Schlüssel soeben im Schloss herumgedreht wurde. Endes rannte zur Tür und beinahe zeitgleich senkten sich sowohl die Klinken der Nebentür, wie auch die der Eingangstür in die Kemenate. Und noch bevor die Zofen den Raum betreten hatten, fand sich Endres auch schon auf dem Gang wieder. »Phu. Das war knapp.«, seufzte er schwer und lehnte sich an die Tür. Aber kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da drangen dumpfe Worte an sein Ohr. Stimmen näherten sich! Jemand befand sich in unmittelbarer Nähe und die Stimmen gehörten nicht Valésia oder ihrem Bruder.
Endres saß in der Falle! Es gab kein Entrinnen, denn er konnte weder den Gang hinab gehen, noch zurück in die Kemenate der Komtess. Alles was ihm blieb, war die Flucht nach vorne. Direkt in das Zimmer gegenüber, in welchem er sich schon einmal versteckt hatte. Doch kaum hatte er die Tür auch nur einen Spalt geöffnet, da erschallten die eindeutigen, lüsternen Geräusche zweier Liebender an sein Ohr. Endres hielt erstarrt inne und lauschte, doch offensichtlich wurde das Öffnen der Türe nicht bemerkt. Allerdings drangen nun nicht mehr nur die Stimmen jener auf dem Gang an sein Ohr, sondern auch die der Liebenden und er befand sich in einer regelrechten Zwickmühle. Es gab kein Entrinnen. Keinen Weg zurück. Und so schob er sich in den Raum hinein und lehnte, aus Furcht davor, durch das Schließen der Tür die Aufmerksamkeit der lustvoll Stöhnenden zu erregen, diese nur leicht an. Es herrschte ein schummriges Licht, was Endres nur zugutekam. Die Vorhänge waren zugezogen und das Bett lag im Halbschatten. Alles was Endres erkennen konnte, waren ein Mann und eine Frau, welche in eindeutigen Haltungen übereinander lagen. Ein tiefes, dumpfes Schnaufen entkam der Kehle des Mannes, während die Frau scheinbar höchst erregt schien. Doch Endres war ein Mann vom Fach. Er hatte schon so vielen Verzückungen verschiedener Frauen lauschen und beiwohnen dürfen, dass relativ bald bemerkte, dass in den lustvollen Gebärden der Frau ein unterdrückter Schmerzenslaut verborgen hallte. Es musste sich um eine Dirne handeln, dessen war sich Endes ziemlich sicher. Doch vielleicht war es auch nur eine Zofe, welche sich den Forderungen ihres hohen Herren nicht erwehren konnte und diesen nun nicht erzürnen wollte. Wie es auch war, es spielte Endres nur kaum in die Hände. Wie sollte er von diesem Ort nur entfliehen? Hinter ihm waren fremde Gestalten und nun befand er sich auch noch in dem Raum eines hohen Adeligen, welcher jeden Moment …
Als ob Endres es verschrien hätte, brachen mit einem Mal laute, beinahe brunftige Laute aus der Kehle des Mannes, was Endres dazu zwang sich hastig in eine dunkle Ecke zu drängen um nicht entdeckt zu werden. Ein Moment der Stille herrschte, welcher kurz darauf von der säuselnden Stimme einer Frau durchbrochen wurde. »War ich euch zu Gefallen, mein Erbprinz?« Die Stimme der Frau klang verführerisch und sanft, was Endres‘ Vermutung nur weiter bestätigte. Er war derartigen Frauen noch niemals beigelegen, doch Valerion hatte eine Schwäche für sie, was Endres sich nie so recht erklären konnte. Doch erhielt sie keine Antwort auf ihre Frage. »Du solltest jetzt gehen.«, brummte der Mann, dessen Stimme Endres mit einem Mal erschreckend bekannt vorkam. Und ehe man sich‘s versah, eilte sich die Frau sich anzukleiden und ging zur Tür. Doch noch ehe sie diese öffnen konnte, da erschallte erneut die Stimme des Mannes. »Wohin gehst du? Nimm gefälligst den Weg für deinesgleichen, du dummes Stück!« Die Frau nickte eifrig und hielt ihren Kopf geduckt, als sie langsam den Rückzug antrat.
Während Endres noch in dem einen Moment kein Licht am Ende des Tunnels sehen konnte, da es keinen Weg gab zu entrinnen, leuchtete das Licht mit einem Mal umso heller. Denn kurz darauf öffnete die vermeintliche Dirne eine kleine, geheime Tür auf der anderen Seite der Kemenate und ein dumpfes Licht fiel in den Raum. »Komme nach dem Turnier wieder. Ich werde … Ablenkung brauchen.« Die Frau hielt inne und starrte den Adeligen, welchen Endres noch immer nicht erkannt hatte, mit fragenden Augen an. »Schau nicht so naiv. Ein halber Tag in ihrer Gegenwart, da verlangt es mich nach Zerstreuung. Und nun verschwinde und lass dich nicht sehen! Mein Vater hat klar zu verstehen gegeben, dass er andere Frauen als die geschätzte Komtess, die heilige Hure von Aramajé, nicht in meinen Gemächern duldet!« Endres konnte es kaum glauben. Es war Erbprinz Merik. Und nun hatte Endres hautnah miterlebt, worauf sich der Ruf Meriks begründete.
Die Dirne war schon lange fort und Merik war noch immer dort und schien keinerlei Anstalten machen zu wollen, ebenfalls die Kammer zu verlassen, bis es irgendwann an der Tür klopfte. »Merik, öffne die Tür!«, befahl eine Stimme, welche Endres ebenso nicht erkannte. Allerdings verriet das genervte Seufzten Meriks, dass ihm dieser Besuch wohl nicht sonderlich Recht war. »Öffne sie dir selbst, Vego!« Es wurde immer schlimmer! Nun waren beide Söhne des Erzherzogs im selben Raum mit jenem Mann, welcher die Braut des Zweitgeborenen ihrer Jungfräulichkeit beraubt hatte. Und auch wenn man nicht annehmen konnte, dass sie davon wussten, so würde allein seine Anwesenheit, die eines Paltoren im Gemach eines ariadischen Erbprinzen, Grund genug sein, ihn in den Kerker zu werfen. Endres kam nicht umhin sich noch ein wenig tiefer in die Ecke zu drücken. Indes betrat Vego, der Goldritter, wie er spöttisch genannt wurde, den Raum. »Es ist Zeit, Bruderherz.«, meinte Vego nur und lächelte dabei matt. »Du kannst es nicht mehr länger vor dir herschieben. Du hast den Bruder deiner Braut zum Kampf herausgefordert. Und nun musst du deinen Mann stehen.« Merik winkte nur genervt ab, während er sein Schwert vom Haken nahm. »Sei kein Schwarzmaler Vego. Nicht ich bin es, den man den Goldritter nennt.« Vego verzog unwirsch den Mund und trat einen Schritt näher an Merik heran. »Es war unklug sich eine derartige Blöße zu geben. Er hat kein Recht auf diese Ehre, denn er ist weit unter uns. Doch was du nicht vergessen darfst, er ist ein Ritter.« Merik schnaubte nur und zog dabei sein Schwert aus dem Gehänge. »Und wenn schon! Er wird es nicht wagen mich zu besiegen. Sein Vater ist eine Marionette in unseren Händen und sein Sohn ist ihm zur Treue verpflichtet. Und außerdem …« Endres konnte seine Ohren kaum mehr spitzen, als sie es ohnehin schon waren. »… ist dieser Roméro sicher kein Narr. Er weiß, dass seiner Schwester eine grauenvolle Zeit bevorsteht, sollte er mich schlagen.« Da grinste Vego und seine angespannte Haltung schien von ihm abzufallen. »Nun lass uns gehen.«, meinte der Erstgeborene und schickte sich an die Kemenate zu verlassen. »Es ist ohnehin gleichgültig. Wenn der Bernsteingraf …« Merik sprach das letzte Wort besonders abfällig aus, »… und sein selbstgefälliger Spross endlich wieder in ihrer heruntergekommenen Grafschaft sind, wird Valésia in den Turm gesperrt, bis Vater stirbt. Und dann …« Mehr konnte Endres nicht verstehen, denn die beiden Brüder hatten sich bereits zu weit aus dem Raum entfernt. Endres hingegen wagte sich schließlich aus seiner dunklen Ecke heraus und eilte zu der verborgenen Tür. Kaum hatte er sie geöffnet, da stieg er schon die engen, Wendelstufen hinab, auf dem Weg an einen unbekannten Ort…
Der Zweikampf ❖
22.07.2014 '22:55 [2.865 Wörter]
 s war später Vormittag und Roméro saß nachdenklich in seinem Gemach. Das Morgenmahl, welches er mit seiner und der erzherzoglichen Familie eingenommen hatte, war schon lange vorbei. Und nun bereitete er sich im Geiste auf das Turnier vor. Im Grunde brauchte er sich gar nicht darauf vorbereiten. Denn er wusste ja jetzt schon, wer als ruhmreicher Sieger hervorgehen würde. Der Erbprinz. Außerdem beschäftigten ihn gänzlich andere Gedanken. Valésia und Endarion. In Romeros Kopf herrschten nur zwei Äußerungen des Paltoren vor. Wenn ich wüsste wie, glaubst du ich müsste sagen, mir etwas einfallen lassen zu wollen? Roméro schüttelte bei diesen Worten sacht den Kopf, so dass seine braunen Locken leicht zitterten. Endarion war ein Narr. Fast mochte man glauben, er wusste nicht, wie das Leben bei Hof war. Wie dieses Spiel gespielt wurde, dieses Spiel um Macht, Geld, Ansehen und Gunst. Dachte er wirklich, er könne Valésia einfach nehmen, und nach Paltoria bringen? Irgendwann würde der Verdacht aufkeimen, dass der Graf aus Paltoria etwas mit Valésias Verschwinden zu tun hatte, besonders dann, wenn sie plötzlich beide wie vom Erdboden verschwunden waren. Und wenn schon nicht der Verdacht auf Endarion fiel, irgendwann würde die Kunde von der schönen Komtess von Aramajé, die einen paltorischen Grafen geheiratet hatte, bis nach Ariad, an sämtliche Höfe kommen. Ihr Vater, der Bernsteingraf, würde ebenso davon erfahren, wie auch der Erzherzog. Und der Erzherzog würde sich diese unglaubliche Schmach mit Sicherheit nicht bieten lassen. Valésias Torheit brachte Aramajé ernsthaft in Gefahr. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr kam er darüber herein, dass seine Schwester auch seine Zukunft gefährdete. Er war der Erbgraf von Aramajé. Wer wusste schon, was Olathor sich einfallen lassen würde? Der Erzherzog war zu klug und besonnen. Doch Merik war eine Katastrophe. Er war ein Kind, das mit Katapulten auf Spatzen schoss. Er war gefährlich. Er würde nicht vor unlauteren Methoden zurückschrecken, um seine Ehre wieder herzustellen. Er liebte Valésia nicht, wahrscheinlich mochte er sie nicht einmal. Das war vor dieser unliebsamen Geschichte mit der Keuschheitsprobe nicht anders gewesen, auch wenn der Erbgraf diese nicht ganz nachvollziehen konnte. Valésia war eine Perle. Eine wunderschöne, kluge, liebreizende Frau. Jeder würde sie gerne zur Frau haben. Jeder, nur nicht der Erbprinz. Manchmal glaubte Roméro, dass der Erbprinz in Wahrheit schwul war, und er seine zahlreichen Affären mit den Mägden, Huren und anderen Weiber nur so zelebrierte, um von den Tatsachen abzulenken. Roméro verzog unwillig die Augenbrauen, und goss sich einen Becher Wein ein. Ein Goldener aus Alatea. Diesen Wein schätzte er ganz besonders. Das süße Aroma mit seinen zahlreichen lieblichen Nuancen kroch ihm verführerisch in die Nase, als er den Becher an seine Lippen führte. Keine Frau war ihm bisher untergekommen, die ihm lieblicher und verführerischer erschienen war, als ein Becher Goldener. Aus diesem Grund war er ebenso noch unverheiratet, aber dafür öfters betrunken. Roméro stürzte den Becher Wein hinunter und füllte den Becher erneut auf. Dann würdest du ihr nicht im Wege stehen, sollte sie sich gegen ihren vorherbestimmten Weg entscheiden? Roméro lächelte gequält, als er diese Worte des Paltoren durch seinen Kopf passieren ließ, und trank den Wein mit einem Zug leer. Das schwungvolle, wie auch entschlossene Abstellen des Bechers auf dem Tisch war seine Antwort. Niemals. Niemals würde er seiner Schwester im Weg stehen. Wie konnte er sein eigen Fleisch und Blut verraten? Zwar war auch sein Vater sein Fleisch und Blut, aber niemand war ihm je näher gestanden, als seine Schwester. Er liebte sie beinahe abgöttisch. In all den Jahren in denen sie voneinander getrennt waren, als Roméro am Hofe von Alatea zum Knappen ausgebildet worden, und auf seine Schwertleite vorbereitet worden war, hatten sie stets regen und niemals enden wollenden schriftlichen Kontakt gehabt. Jeder von ihnen wusste stets, was den anderen bewegte, welche Sorgen und Gefühle sie erfüllten, sie teilten Freude, wie Leid und sogar den Klatsch den das Geschwisterpaar schon immer so entschieden abgelehnt hatte. In dieser Zeit der Trennung waren sie sich näher gekommen, als sie es je hätten werden können, wenn sie nicht voneinander getrennt worden waren. So gab es bei ihrer Wiedervereinigung, als Roméro zurück zu Burg Kreuzenstein gekommen war, keine betretene Wiedersehensfreude, sondern sie begegneten sich, als hätten sie sich tagtäglich gesehen. Roméro lauschte in die Stille, die in seinem Gemach vorherrschte. Er ertrug sie nicht, und darum zog er es vor, dem Gluckern des dritten Becher Weins zu lauschen. Er sagte sich selbst, dass er es nicht übertreiben sollte, mit dem Wein. Schließlich musste er am Turnierplatz noch gegen den Erbprinzen kämpfen. Würde jemand bemerken, dass er zu tief in den Becher geschaut hatte, würde er sich zum Gespött von Olathor machen. Roméro zuckte mit den Schultern, und trank den Goldenen aus. Er schob den Becher weit von sich weg, und starrte ins Leere. Das schlimmste war, gegen einen solchen Schlappschwanz verlieren zu müssen. Würde er gegen den Einhornritter antreten, und verlieren, was ohnehin wahrscheinlich war, es wäre ihm die größte Ehre. Sogar gegen Vego zu verlieren, wäre nicht das Schlimmste, immerhin war er ja ein Goldritter. Aber gegen Merik zu verlieren, dessen einziger Titel ‚Hurenbock‘ war, das war die schlimmste Schmach, die er einstecken müsste.
Es klopfte an der Türe, und kurze Zeit später schob sich ein kurzgeschnittener, dunkler Schopf durch die Türe. Roméro wandte den Kopf, und erblickte seinen Knappen. „Du bist es, Daon…“ murmelte Roméro. „Komm nur herein...“ Der Knappe schlüpfte in das Gemach und schloss die Türe wieder. „Ser, es ist der an der Zeit. Ihr solltet euch längst in den Stallungen eingefunden haben, damit ich euch beim Rüsten helfe. Habt ihr den Kampf gegen den Erbprinzen vergessen?“ erinnerte der Knabe ihn und Roméro lächelte dünn. „Wie könnte ich das vergessen? Diesen Tag wird niemand in Olathor vergessen. Am allerwenigsten ich…“ Daon nickte verstehend. Er gehörte zu den wenigen Eingeweihten, die wussten, was Roméro heute zu tun hatte. „Für mich werdet ihr dennoch der Gewinner sein, Ser, denn ich weiß was in euch steckt, und zu welchem Können ihr im Kampf fähig seid…“ meinte der loyale Knabe, was Roméro ein ehrliches Lächeln auf die Lippen zauberte. „Wie alt bist du nun, Daon?“ „Vierzehn, Ser…“ Roméro nickte. „Wenn diese Sache hier vorbei ist, ich meine, die Hochzeit, und die Feierlichkeiten, dann kehren wir zurück nach Aramajé, wo ich dich auf die Schwertleite vorbereiten werde. Ich kann dir nichts mehr beibringen, als das Kämpfen…“ Der Knabe wirkte stolz bei diesen Worten. „Komm, lass uns darauf trinken, Daon…“ meinte Roméro, und füllte zwei Becher mit dem Goldenen voll. Einen schob er dem Knappen zu, den anderen nahm er an sich. Der Junge blickte ihn zweifelnd an. „Erlaubt mir diese Bemerkung, Ser…“ Roméro blickte ihn prüfend an, nickte, und legte den Kopf schließlich schief. Dann sprach Daon weiter „Ihr seid betrunken, ihr solltet diesen Becher nicht mehr austrinken…“ Diese Worte amüsierten Roméro aufs Höchste, so dass er schallend zu lachen begann. Als er sich wieder gefasst hatte, meinte er „Ist mir scheißegal, heute ist der Tiefpunkt meines Lebens, Daon, los, trink…“ Er prostete dem Knaben zu, und leerte den Becher, als ob ein Durstiger einen Becher Wasser hinunterstürzte. Daon nippte zurückhaltend an dem Becher, und Roméro erhob sich schließlich. Er schlug dem Knappen auf die Schulter und meinte „Wohlan, dann lass uns zur Tat schreiten!“ Daon stellte seinen Becher ab und erhob sich ebenso. Als Roméro sah, dass der Wein beinahe unberührt war, nahm er ihn und trank ihn ebenso aus. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und murmelte „Wie man trinkt, muss ich dir noch beibringen…“
Am Turnierplatz hatten sich schon alle eingefunden. Die Schaulustigen umringten den Platz, hinter der Tribüne, auf welcher die hohen Herren saßen, bereiteten sich die Ritter auf ihre Kämpfe vor, und alles schien den Kämpfen entgegen zu fiebern. Roméro saß in seinem Zelt, vor welchem das Banner vom Aramajé flatterte. Er wusste, dass er sturzbetrunken war, aber er sagte sich, dass dies wohl die beste Art und Weise war, dem Erbprinzen entgegen zu treten. Zumal er dann in seinen Augen für sich eine plausible Erklärung hatte, warum er gegen ihn verlieren konnte. Ein aufmerksamer Diener hatte auch in seinem Zelt eine Karaffe Wein platziert, und Roméro wusste nicht, ob er dies gut finden sollte, oder schlecht. Er entschied sich für ersteres, und goss sich unter den tadelnden Blicken Daons einen Becher ein. „Ser, wenn ich das sagen darf, ihr habt mehr als reichlich getrunken. Wie wollt ihr dem Erbprinzen gerade gegenübertreten? Ihr habt es doch noch nicht einmal mehr ohne meine Hilfe zum Turnierplatz geschafft?“ Roméro schüttelte den Kopf und winkte ab „Halt den Mund, Daon, vielleicht will ich ja gar nicht auf den Turnierplatz, Merik gegenüber, schreiten!“ Daon wirkte unglücklich. „Was wird euer Vater dazu sagen?“ „Is‘ mir scheißegal, was der Alte sagt. Er hat mir das erst eingebrockt…“ lallte er. „Wenn ich am Turnierplatz umfall‘ dann hat der Erbprinz wenigstens gewonnen, ohne dass ich mir die Blöße geben muss, zu verlieren! Ich weiß ja nich‘ mal, wie absichtlich schlecht kämpft! Ich tu das doch nur für meinen Alten, und auch für meine Schwester!“ Roméro griff ins Leere, als er nach der Karaffe hangelte. Es brauchte noch zwei, drei Anläufe, bis er die Karaffe sicher in Händen hielt, und er benötigte zum Einschenken beide Hände, um nicht die Hälfte daneben zu leeren. „Sag nix, Daon, ich weiß, was du sagen willst, aber ich befehle dir, zu schweigen…“ lallte Roméro. „Schweig einfach…“ schnaufte er, und führte den Becher an seine Lippen. „Kein Weib ist so süß wie der Goldene aus Alatea. Wenn der Erzherzog schon zwei so missratene Söhne hat, aber von Wein versteht er was!“ gluckste er, bevor er den Wein austrank. Und dann tat Daon etwas Ungeheuerliches. Er griff die Karaffe, ging damit vor das Zelt, und leerte diese einfach aus, ungerührt von Romeros lautstarkem Protest. „Heeeee, bist du von Sinnen? Der gute Wein!“ Als Daon wieder zurückkam, verneigte er sich. „Es ist nur zu eurem Besten, Ser, ihr vermögt ja nicht einmal mehr aufrecht zu sitzen…“ Roméro grunzte abfällig, doch erwiderte er nichts darauf. Doch es stimmte, so sehr er sich auch bemühte, still zu sitzen, er begann immer zu schwanken, und musste sich an der Sitzfläche des Stuhls festhalten, um nicht nach vorne, nach hinten, oder zur Seite zu kippen. Daon wurde sichtlich nervös. „Ser, es ist spät, ihr tragt noch nicht einmal eure Rüstung, es könnte jeden Moment losgehen…“ Roméro saß eine Weile schweigend da, und tat nichts. Als eine Fanfare ertönte, als Zeichen, dass das Turnier begann, löste sich der Erbgraf aus seiner regungslosen Haltung und dann grinste er schief „Hilf mir mit der Rüstung, ich denke, ich bin jetzt gerade in bester körperlicher Verfassung, mich dem Erbprinzen zu stellen…“ Daon, welcher nur darauf wartete, Roméro seinen Gambeson und das Kettenhemd anziehen zu können, nickte eifrig.
Als Roméro, in Begleitung seines Knappens endlich den Turnierplatz betrat, war mehr Zeit vergangen, als hätte vergehen dürfen. Der Erbprinz stand am Turnierplatz, stützte sich auf sein Schwert, und zog eine mehr als säuerliche Miene, was nicht verwunderlich war, denn der Tag war ein eiskalter Wintertag. In den Zuschauerreihen ging bereits ein Raunen durch, ob der Erbgraf überhaupt am Turnier teilnehmen würde, oder den Erbprinzen durch seine Abwesenheit brüskieren wollte. Als Roméro, sich beherrschend, auf Merik zuschritt, konnte man dennoch erkennen, dass seine Schritte nicht fest, und sein Weg nicht unbeirrbar gerade waren. Es war mehr als offensichtlich, dass der Erbgraf betrunken war, und als der Erzherzog auf der Tribüne dies bemerkte, warf er dem Bernsteingrafen einen fragenden Blick zu. Das Gesicht des Grafen Gunther wurde zuerst rot vor Scham, und dann dunkelrot vor Wut, als er seinen Sohn beobachtete, der unbeholfen versuchte, die Pose des Erbprinzen zu imitieren, was ihm aber aufgrund seines Zustandes nicht ganz gelang. Als Roméro Merik gegenüberstand, verneigte er sich höflich. „Verzeiht mir meine Unpünktlichkeit, mein Prinz…“ grinste er. Merik funkelte ihn wütend an. „Das ist eine bodenlose Brüskierung. Was erdreistet ihr euch?“ Roméro zuckte die Schultern „Ihr wolltet einen Zweikampf. Hier bin ich. Lasst uns keine Zeit vergeuden, und uns endlich beginnen…“ Merik betrachtete ihn eingehend. „Ihr seid ja betrunken! Betrunken wie ein Tagedieb und Taugenichts! Wie könnt ihr es wagen, mir so gegenüber zu treten?“ meckerte der Erbprinz. „Ich weigere mich, so zu kämpfen…!“ Roméro runzelte die Augenbrauen, und trat ein paar drohende Schritte auf den Erbprinzen zu, das Schwert am Boden hinter sich nachziehend. „Seid froh, dass ich so betrunken bin, euer Hochwohlgeboren. Anders würdet ihr mich nie schlagen. Ihr wisst, dass dieser Kampf nur eine Farce ist… Also, wollt ihr nun eure Herausforderung wahrnehmen, oder soll ich wieder gehen?“ Als der Erbprinz nichts erwiderte, wandte sich Roméro ab, um seinen Rückweg anzutreten, doch dann nahm Merik sein Schwert, und begann es nach Roméro zu schwingen. Dieser hatte das zweifellose Glück, den Erbprinzen aus dem Augenwinkel gesehen zu haben. Er hob sein Schwert, und parierte den Schlag mit einer Abwehr, so dass die Schwerter laut gegeneinander klirrten. „So ist das also…“ knurrte Roméro. „Ist das eure Art zu kämpfen? Ja?“ Merik zuckte mit den Schultern „Ich lasse keine Gelegenheit verstreichen…“ Erneut hob Merik das Schwert, um nach dem Erbgrafen zu dreschen, und Roméro wehrte den Streich gerade so ab, dass es aussah, als würde dem Erbprinzen ein ausgezeichneter Schlag gelungen sein.
Auf der Tribüne verfolgten die hohen Herren den Zweikampf mit großem Interesse. Der Erzherzog, sowie auch Vego amüsierten sich sichtlich. Der Erzherzog richtete das Wort an den Bernsteingrafen „Wie es scheint, ist euer Sohn nicht in Form. Ist das wirklich der beste Ritter von Aramajé?“ Der Bernsteingraf antwortete nicht, sondern neigte nur stumm sein Haupt vor dem Erzherzog. Auch, wenn er wütend war, dass Roméro sich betrunken hatte, der Erbprinz würde siegen, und das alleine zählte. Da er sowieso nicht als ruhmreicher Sieger hervorgehen würde, war dieser Umstand auch schon egal.
Indes kämpften der Erbprinz und der Erbgraf auf dem Turnierplatz, und Roméro hatte schon allmählich genug. „Lasst uns diesen Kampf beenden“ zischte er ihm zu. „Ich lasse mich gekonnt auf den Boden fallen, ihr entwaffnet mich, und der Sieg ist euer…“ schlug er vor, obgleich er sich dabei gedemütigt und dämlich vorkam. Da grinste der Erbprinz. „Das erscheint mir eine sehr gute Idee. Werft euch vor mir in den Staub, wie ein Weib… Gleich wie es eure Hure von Schwester in der Hochzeitsnacht tun sollte, in der Hoffnung, meine Gunst wieder zu erlangen…“ Er lachte dreckig, während er mittlerweile gekonnt lässig einen faden Schlagabtausch mit dem Erbgrafen absolvierte.
Romeros Augen wurden dunkel, als er diese Worte vernahm, und ihm schien, als wäre die Trunkenheit von ihm abgefallen. „Wie könnt ihr es wagen, so über meine Schwester zu sprechen? Valésia ist der Inbegriff der Güte, des Liebreizes, der Anmut und der Schönheit! Wer immer diese Keuschheitsprobe durchgeführt hat, der hat sich getäuscht und falsch gesprochen! Wann hätte sie je die Gelegenheit gehabt, sich mit einem Mann einzulassen? Sie hatte stets Zofe und Anstandsdamen um sich, aber um das zu erkennen, dafür reicht eurer Verstand nicht! Meine Schwester ist eine gläubige und anständige Frau, und viel zu gut für Euch! Ihr verdient sie nicht! Wäret ihr ein echter Mann, würdet ihr euch um die Gunst eurer Braut bemühen, denn so eine Frau findet ihr mit Sicherheit kein zweites Mal in Ariad! Aber stattdessen bemüht ihr euch lieber um Dirnen und Mägde!“ Während dieser Worte ließ er einen wahren Schauer an harten Schwertstreichen hernieder gehen, und der Erbprinz hatte sichtlich Mühe, alle Schläge zu parieren. Ohne sein Kettenhemd und sein Gambeson hätte der eine oder andere Schlag sicherlich sämtliche Knochen in seinem Oberkörper gebrochen, und mit entsetzter Miene stolperte er Schritt für Schritt nach hinten, auf der Suche, Romeros Wut zu entgehen. „Ihr wagt es, meine Schwester als Hure zu beschimpfen, und seid doch der größte Hurenbock in ganz Ariad!“ Der nächste Schwertstreich entwaffnete den Erbprinzen, und sein Schwert fiel dumpf in den matschigen Schnee. „Hört auf! So war das nicht abgemacht! Ihr dürft mich nicht entwaffnen!“ jammerte der Erbprinz mit dem letzten Rest Würde, welche er noch in sich trug. „Ich scheiß auf die Abmachung!“ schrie Roméro ihm entgegen und hieb mit seinem Schwert auf den Erbprinzen zu, welcher gerade noch die Geistesgegenwart besaß, sein Schild hochzureißen, welches unter den harten Schlägen in des Erbprinzens Händen zitterte. „Niemand kann von mir verlangen, dass ich mich von so einem verzogenen Bengel vorführen lasse! Ich werde nie wieder eine solche Gelegenheit bekommen, und da sollte ich sie nicht nutzen? Ich bin besoffen, ja, aber selbst dann bin ich noch ein tausendfach besserer Kämpfer als ihr!“ Mit diesen Worten hieb Roméro immer wieder auf den Schild ein, und ein wahrer Regen an Holzspänen hüllte den Erbprinzen ein. Mit dem nächsten Schwerthieb brach der Schild entzwei, und Merik stürzte in den schmutzigen Schnee. „Ich ergebe mich…“ rief der Erbprinz und hob abwehrend die Hände Roméro entgegen. Roméro hielt inne, und atmete schwer. Dann hob er den Kopf, und wandte sich zur Zuschauertribüne, suchte den Blick des Erzherzogs und Vegos und brüllte. „Da habt ihr es gehört, er ergibt sich!“ Roméro wandte sich ab, reckte sein Schwert in die Höhe, und brüllte „Für Aramajé! Und für die liebreizende Komtess Valésia!“ Er ließ das Schwert achtlos in den Schneematsch fallen, wandte sich auf dem Absatz um, ohne Merik noch eines Blickes zu würdigen, und stapfte vom Turnierplatz…
Grausames Schicksal ❖
06.08.2014 '23:24 [1.683 Wörter]
 unkelheit umgab den adretten Lügenbaron aus Paltoria. Dunkelheit, die ihm buchstäblich in die Augen kroch und diese völlig blind machten. Die umwabernde Finsternis zwang den blonden Mann sich langsam und Stufe um Stufe voran zu tasten, um ja nicht zu stolpern und letzten Endes zu stürzen. Wer wusste schon, wie weit diese Wendeltreppe in die Tiefe führte? Vermutlich würde er sehr viele Stufen herunter poltern, bis er mit Prellungen, Brüchen oder gar tot am Ende der Treppe zum Erliegen kam. Und so hielt er sich an dem groben Mauerwerk fest und tastete sich sowohl an der Mauer als auch mit vorsichtigen Schritten langsam immer weiter und wagte sich so immer tiefer in die Höhle des Löwen.
Es dauerte eine Weile, bis er sich gewahr wurde, dass dumpfe Stimmen an sein Ohr drangen. Und ehe er sichs versah, endete die Treppe und er fand sich vor einer schweren, hölzernen Türe wieder. Sowohl durch das massive Schlüsselloch, als auch unter dem Türspalt, kroch ein wenig Licht zu ihm in die Dunkelheit. Doch das Licht war bei weitem nicht ausreichend genug, um auch nur die eigene Hand vor Augen zu erkennen. Er ging vor der Tür in die Hocke und versuchte einen Blick durch das Schlüsselloch zu erhaschen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er endlich sein Auge vor den Lichtspalt hielt, nur um ernüchternd festzustellen, dass hinter jener Tür reger Betrieb herrschte. Knechte, Mägde und Knappen eilten emsig von einer Seite seines Sichtfeldes auf die andere. Es blieb ihm kaum Zeit ihre Gesichter in Augenschein zu nehmen, da waren sie auch schon wieder verschwunden. Endres seufzte. Es war töricht von ihm gewesen die Burg zu betreten. Und nun saß er, wie eine Ratte, in der Falle. Er bekam eine seiner Haarsträhnen zwischen die Finger und begann diese sogleich ein wenig zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her zu drehen. Es verschaffte ihm nicht die nötige Ruhe, die er sich erhofft hatte. Doch reifte, als er sich das blonde Haar zwischen seinen Fingern besah, ein verzweifelter Plan in seinem Geist. Diese hellen Haare würden ihn verraten. Es gab nicht viele Paltoren in Olathor, und schon gar keine in der Burg. Jeder würde ihn anstarren, wenn er diese Tür öffnen und in den Raum dahinter treten würde. Und so packte er seine Haare und knotete sie wild zusammen. Natürlich würde es nur wenig helfen, wenn man ihn nur genauer in Augenschein nahm, doch nun, als er jede einzelne seiner Strähnen gebändigt und gezähmt hatte, zog er sich seinen Umhang ein wenig über den Kopf und sogleich war von dem blonden Haar nichts mehr zu sehen. Zweifellos würde sich der eine oder andere sicherlich fragen, warum Endres sein Haupt unter seinem Mantel verbarg, doch Knappen, Knechte und Mägde waren, für gewöhnlich, mit so vielen Aufgaben betraut, dass sie kaum Zeit hatten, um über seltsame Dinge nachzudenken.
Und so legten sich Endres Finger schließlich auf die Klinke der Tür. Sein Herz hämmerte wild in seiner Brust, als ob darin ein trunkener und tollwütiger Schmied einen Amboss malträtieren würde. Doch schließlich drückte er die Klinke hernieder und ließ die Tür sogleich in ihren Angeln quietschen. Natürlich fühlte sich der eine oder andere Anwesende dazu bemüßigt aufzusehen, um zu sehen, wer dort aus jener Tür kam, von welcher jeder wusste, dass sie in das Schlafgemacht des Erbprinzen führte. Und nicht wenige von ihnen wussten, dass für gewöhnlich junge Dirnen und Metzen aus der Tür hervor traten. Doch kaum einer von ihnen schenkte Endres, obwohl er weder eine Hübschlerin, noch gar eine Frau war, sonderlich viel Interesse. Endres maß dem Erlebten kaum sonderlich hohe Bedeutung zu, als er sich bereits anschickte die Keller der Bediensteten hinter sich zu lassen. Dies gestaltete sich natürlich als schwierig, immerhin kannte Endres weder diesen Teil der Burg, noch wusste er so recht, wohin er eigentlich gehen musste, um schnellst möglichst zu verschwinden.
Doch irgendwann hatte Endres dann doch den Ausgang gefunden. Es dauerte nicht lange, da hatte er einen kleinen Hof erreicht, in welchem einige Hühner emsig nach Körnern scharrten und immer wieder gackerten. Endres fegte durch sie hindurch, als ob er von einer Biene gestochen worden wäre, was die Hühner zu einem empörten Gezeter veranlasste. Doch Endres war froh, endlich die Burg hinter sich gelassen zu haben und eilte sogleich auf den großen Platz, hinter der Burgmauer. Ein reges Treiben herrschte dort, und nichts würde leichter sein, als darin zu entschwinden und unerkannt zu entkommen. Zu den Stallungen war es nicht mehr weit und Valerion wartete sicher schon voller Ungeduld auf ihn. Wenn er überhaupt noch auf ihn wartete. Und so tat Endres einen Schritt vor den anderen, bis er dem Schauplatz des Buhurt so nahe gekommen war, dass er Zeuge dessen wurde, wie Roméro den Erbprinzen besiegte. Und da hielt Endres inne und starrte den siegreichen Ritter verwundert an. Er hatte sein Schwert zu Meriks Füßen geworfen, welcher nun rücklings auf dem matschigen und zugleich gefrorenen Boden saß. Endres konnte kaum verstehen was Roméro sagte, als dieser lauthals den Namen seines Lehen ausrief. »Aramajé!« Viele stimmten mit ein, doch mindestens ebenso viele schwiegen.
Endres wusste, dass Roméro diesen Kampf verlieren hätte müssen. Umso erstaunter war es für den Paltoren, dass es nicht so war. Roméro schien sichtlich betrunken zu sein, was sich alsbald bestätigte, als dieser dem Erbprinzen den Rücken gekehrt hatte und von dannen torkelte. Stimmen wurden laut und die Männer und Frauen der Loge wurden unruhig, als der Erzherzog schließlich aufgestanden war. »Meinen Glückwunsch, Ser Roméro von Aramajé!«, rief dieser und zwang den Angesprochenen sich erneut umzuwenden, um den Erzherzog nicht noch mehr zu beleidigen, als er es durch seinen Sieg ohnehin schon getan hatte. »Er hat sich wacker geschlagen und verdient eine Belohnung.« Der Erzherzog sah Roméro ernst an, während man dem Mann, welcher neben ihm stand, den blanken Zorn im Gesicht geschrieben sah. Es war Romeros Vater. Der Bernsteingraf. Und neben ihm saß Valésia. Scheu und demütig schien sie dreinzublicken. Vermutlich wusste sie nicht ob sie sich über Romeros Sieg freuen sollte, oder gar schämen, dass ihr zukünftiger Gemahl von ihrem eigenen Fleisch und Blut derart und mit all den Gemeinen als Zeugen gedemütigt wurde. »Der Kämpfe wurden somit Genüge getan. Heute, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht hat, wird das Lanzenstechen beginnen!«, rief der Herold des Erzherzogs und erntete daraufhin tosenden Beifall. Das Lanzenstechen war der Höhepunkt jeden Turnieres. Und auch wenn sich nur Männer des Hochadels eine Teilnahme leisten konnten, so war es ein Spektakel, dass jeder gerne mit eigenen Augen sah. »Doch zuvor hat seine Durchlauchtigste Hoheit noch ein besonderes Geschenk an den zukünftigen Bräutigam.« Die lauten Stimmen ebbten langsam ab, während sich der Herold weiterhin Gehör verschaffte.
Und als endlich Stille eingekehrt war, da klatschte der Mann süffisant in die Hände, welche an beinahe jedem einzelnen Finger einen Ring zur Schau stellten. Ketten klirrten und schwere Schritte ertönten, als zwei bewaffnete Wachen einen Gefangenen in die Mitte des Buhurt führten. Er trug ein speckigen und verdreckten Jutesack über dem Kopf und schien mit einem Bein zu hinken, während die Wachen ihn immer wieder mit Tritten oder harten Schlägen dazu antrieben weiterzugehen wenn dieser drohte zu stürzen. Doch bald hatten sie die Mitte des Schauplatzes erreicht, wo sie den Gefangen dazu zwangen sich niederzuknien. »Dieser Mann!« Der Herold deutete mit einer anklagenden Geste auf den Gefangenen. »Dieser Mann ist ein geständiger Verräter! Ein Lügner und ein Ränkeschmied, welcher an einem Komplott gegen den Erbprinzen, wie auch seine zukünftige Gemahlin, die edle Komtess von Aramajé, beteiligt ist!« Die Stimmen der Menge wurden, nach diesen Worten, ein wenig lauter. Einige riefen ungehalten und hoben sogleich Dreckklumpen und kleinere Steine vom Boden auf, um diese nach dem Gefangenen zu werfen, während andere sich damit begnügten ihm Schmähungen an den Kopf zu werfen. »Erst unter der Folter konnten wir seine ketzerische und verlogene Zunge lockern, bis er endlich die wahren Absichten seines ruchlosen Hierseins preisgab.« Mit diesen Worten nickte der Herold, was einer der Wachen zum Anlass nahm, dem Gefangenen den Sack vom Kopf zu ziehen. Der Kopf des Gefangenen flog förmlich nach hinten. Anscheinend hatte der Wachmann wohl einige seiner Haare erwischt, als er nach dem Jutesack gegriffen hatte. Er schrie, von Schmerz erfüllt auf, und kurz darauf sank sein Kopf wieder zurück auf seine Brust, wo er schweigend verharrte. Endres starrte nur auf das Gesicht des Mannes, welches ihm so vertraut vorkam. Seine Fingernägel bohrten sich förmlich in das Holz der Umfriedung, welche den gemeinen Pöbel daran hinderte zu den blaublütigen Rittern in die Arena zu schreiten. Die Worte des Herold verblassten zusehends, während Endres den Mann anstarrte und ihm dabei langsam das Blut in den Adern gefror. Es war Valerion! Er war kaum zu erkennen, denn er hatte eine blutige Lippe und ein geschwollenes Auge, welche ihn fürchterlich entstellten. Doch nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Arme wiesen Schürfwunden, Prellungen und Blutergüsse auf, die mehr als nur Zeugnis der Folter ablegten. Endres hatte die Stimme des Herold beinahe gänzlich verdrängt, als schließlich die unheilvollen Worte dieses Mannes an sein Ohr drangen. »Im Namen seiner Durchlauchtigsten Hoheit, dem Erzherzog von Olathor, wird dieser Mann zum Tode durch Enthauptung verurteilt!«
Endres erstarrte und er fühlte wie sein Herz zerbrach und im selben Moment aufhörte zu schlagen. Das war sein Freund, dort in der Arena. Geprügelt und gefoltert wie ein Verbrecher. Die Menge tobte und schrie ihre Begeisterung heraus, während Endres in sich zusammensackte. Er brachte kaum ein entsetztes »Nein.«, über seine Lippen, als die Männer Valerion auch schon zu Boden warfen. Er wehrte sich beherzt, doch war er sichtlich geschwächt und zudem auch gefesselt. Er hatte keine Möglichkeit sich zu wehren, und während der Erzherzog grimmig und mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen in die Arena hinab sah, hielt sich Endres an dem Zaun fest, um nicht zusammenzubrechen. Einer der Männer hatte Valerion seinen Fuß auf den Rücken gestellt, um diesen daran zu hindern sich aufzurichten, während der zweite bereits das Henkersbeil über seinem Kopf erhoben hielt. »Nein!«, schrie Endres, doch verging sein Schrei in dem Johlen der Menge, welches umso lauter wurde, als schließlich die Axt hernieder ging und den schmutzigen Morgenschnee in blutrotes Gewand tauchte.
Die Schlinge zieht sich zu ❖
05.10.2014 '22:46 [2.944 Wörter]
 tumm, schweigend und sichtlich angespannt saß Valésia auf der Tribüne, und fror. Insgeheim fragte sie sich schon lange, warum die Hochzeit ausgerechnet im Winter angesetzt worden war. Warum nicht einige Monde später? Es war sehr unüblich, nicht in den warmen Monden zu heiraten. War doch schon die kulinarische Versorgung einfacher. Im Sommer gab es Obst und Gemüse mannigfaltig, im Winter hingegen wurde nur aus den Vorräten geschöpft. Geräucherte Fleisch- und Fischspeisen, Wintergemüse, sauer eingelegtes… Doch so sehr sich Valésia auch den Kopf darüber zerbrach, es wollte ihr nicht eingehen. Auch hatte sie einmal ihren Vater nach dem Grund gefragt, doch auch der hatte lediglich mit den Schultern gezuckt und war ihr eine Antwort schuldig geblieben. Die Komtess langweilte sich entsetzlich. Zwar würde in Kürze der Kampf ihres Bruders stattfinden, und sie sah bei den Kämpfen ihres Bruders immer gerne zu, doch selbst Valésia wusste schon jetzt, wie der Kampf enden würde. Es pfiffen die Spatzen von den Dächern, das Gesinde sprach über nichts anderes, und ihre ausgefuchste neue Kammerzofe hatte es ihr, abgesehen von Roméro selbst auch schon erzählt. Viel lieber würde sie in ihrer Kemenate sitzen, an einer Näharbeit, oder einer Stickerei, als die Schmach ihres Bruders zu erleben. Es wollte ihr nicht aus dem Sinn, dass dieser Kampf nicht nur zur Ehre des Erbprinzen gereichen würde, sondern auch eine gezielte Schmach für das Haus Aramajé sein sollte. Lediglich Valésia saß zwischen den Stühlen und konnte nicht wirklich als Verliererin hervorgehen, da sie den Erbprinzen ehelichte, und somit die Braut des Gewinners war, da dachte kaum jemand daran sie noch dem Haus Aramajé angehörte.
Die Komtess beobachtete die kleinen Dampfwölkchen, die aus ihrem Mund aufstiegen, als ein Diener sie ansprach. „Verzeiht, Komtess, möchtet ihr einen Becher heißen Gewürzwein?“ Sie nickte stumm, und gleichzeitig rief der Gewürzwein Erinnerungen an Endres in ihr hervor. Ob er sein Versprechen halten würde? Ob er sie wirklich nach Paltoria auf die Hohenehr mitnehmen würde? Ja, sie vertraute ihm. Er hatte es ihr versprochen. Er hatte ihr gesagt, er werde sich etwas einfallen lassen. Die Komtess genoss es beinahe, dass der Erbprinz die Zuschauertribüne der hohen Herren verlassen hatte, um sich auf den Kampf gegen Roméro zu rüsten. Seine Worte hatten sich regelrecht in ihren Geist eingebrannt. Erst wenige Stunden zuvor hatte er ihr zugeraunt „Auch ich bin sehr zuversichtlich. Und ich versichere euch, ich kenne das Gerede. Dass euer Bruder mich um Längen schlagen könnte. Euer Bruder wird es nicht wagen, mir den Sieg streitig zu machen. Das wagt er nicht. Das wagt niemand. Ich freue mich schon jetzt auf sein dummes Gesicht..." Dieser Tag war ein schwarzer Tag für das Haus Aramajé. Roméro tat ihr leid. Warum auch hatte Merik ihn herausgefordert? Nur, um ihn zu demütigen, denn Roméro war klug genug, zu wissen, dass er verlieren musste, für ihre Vater, für die Gunst des Erzherzogs. Den wahren Treuebeweis lieferte der Erbgraf durch seine Niederlage gegen den Erbprinzen. Der Diener reichte der Komtess den Becher Gewürzwein, und Valésia schlag ihre kalten Finger um den tönernen Becher. Die Wärme war wohltuend, doch nach einer Weile wurde der Becher zu heiß und sie stellte ihn auf die Brüstung der Tribüne. Die Fanfare ertönte. Das Zeichen, das die Kämpfer sich auf den Turnierplatz begeben sollten. Valésia lehnte sich nach vorne, um den Platz besser im Auge zu haben, und da saß sie zu ihrer Linken schon den Erbprinzen daher stapfen. Valésia blickte nach rechts, doch von ihrem Bruder war nichts zu sehen. Valésia lächelte verhalten in sich hinein. Auch, wenn Roméro oft unbesonnen war, sie hatte es nicht für möglich gehalten, dass er es tatsächlich wagte, den Erbprinzen warten zu lassen! In manchen Dingen würde sich Roméro nie ändern. Obgleich aus niederem Haus, besaß er dennoch Stolz wie ein König. Jedoch, von Augenblick, zu Augenblick, der verstrich, ohne, dass Roméro erschien, wurde die Komtess eine Spur nervöser, denn sowohl auf der Tribüne begann man zu murmeln, als auch unten, hinter den Umfriedungen erhob sich ein allgemeines Schwätzen und Raunen. Valésia wandte den Kopf, und erblickte den Erzherzog, welcher sich zum Bernsteingrafen gebeugt hatte. „Es erscheint mir, als hätte eure Sohn auf den Kampf vergessen. Wäre das möglich?“ fragte er ihn süffisant, während Graf Gunther erbleichte. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, Eure Durchlauchtigste Hoheit. Er würde sich niemals eine solche Ehre entgehen lassen“ beteuerte der Graf aus Aramajé, wirkte dabei jedoch recht hilflos. „Aber ihr seht doch, er kommt nicht…“ meinte der Erzherzog, und fuhr zur Bestätigung mit der Handfläche vor dem Turnierplatz umher. „Den Erbprinzen so lange warten zu lassen, ist eine unglaubliche Brüskierung!“ begann er allmählich ungeduldig zu werden. Der Bernsteingraf rutschte unmerklich im Sessel ein wenig tiefer, und warf sogar Valésia einen hilflosen Blick zu, welche bedauernd und ebenso ratlos die Schultern zuckte. Sie beobachtete den Erbprinzen, wie er auf dem Turnierplatz stand, von einem Bein aufs andere trat und sich einerseits zu langweilen und andererseits zu frieren begann. Ebenso gelangweilt, wie auch ratlos ließ sie ihre Blicke schweifen, und entdeckte plötzlich auf Meriks verlassenem Platz das Tüchlein, welches sie ihm als eingeforderten Gunstbeweis gegeben hatte. Überrascht, wie auch empört betrachtete sie es, blickte sich verstohlen um, ob sie auch niemand beobachtete, und nahm das Tuch schließlich an sich, und steckte es unter dem Pelzmantel in ihren Kleiderausschnitt hinein. Und plötzlich war es der Erzherzog, welcher rief „Ah, da ist ja der verlorene Sohn! Aber… seht ihn an, wie er ziellos über den Turnierplatz torkelt! Er ist ja sturzbetrunken! Graf Gunther! Ihr schuldet mir eine Erklärung!“ Valésia erschrak, als sie diese Worte vernahm und ihren Bruder unbeholfen über den Turnierplatz laufen sah. Ein allgemeines Gelächter erhob sich und der Bernsteingraf wurde dunkelrot vor Zorn. „Roméro… was tust du nur?“ hauchte sie. Ihr Vater würde furchtbar wütend auf ihn sein! War es doch schon schlimm genug, dass Valésia in seiner Gunst auf den Tiefpunkt ihres Lebens gefallen war. Nun waren es beide Geschwister, die ihren Eltern und ihrem Haus Schande bereitet hatten. Roméro verneigte sich vor dem Erbprinzen, doch es war keine echte Ehrerbietung, welche in dieser Geste lag, sondern nur Hohn. Die beiden Kämpfer wechselten einige Worte und Valésia wünschte sich, sie wäre ein Floh in Romeros Haupt, um die beiden Männer belauschen zu können. Schließlich trat Roméro wie drohend auf den Erbprinzen zu, das Schwert, welches er hinter sich zog, teilte seine Schritte im Schnee auseinander. Roméro blieb stehen und erneut wechselten sie Worte. Roméro zuckte mit den Schultern, wandte sich um und schritt davon. „Was soll das werden? Warum kämpfen sie nicht?“ fragte der Erzherzog verwundert, doch niemand der Umstehenden vermochte ihm darauf eine Antwort zu geben. Plötzlich hob der Erbprinz unerwartet sein Schwert und hieb damit nach dem Erbgrafen. Valésia sprang erschrocken auf, doch Roméro wandte sich plötzlich um und parierte diesen feigen Angriff gekonnt mit seinem Schwert, so dass die aufeinander treffenden Schwerter klirrten.
Nun endlich hatte der Kampf begonnen. Valésia, die sich schon oft von den Kampffertigkeiten ihres Bruders hatte überzeugen können, erkannte auf den ersten Blick diese Farce, die sich auf dem Turnierplatz abspielte. Roméro kämpfte absichtlich schlecht. Oder hatte er sich derart betrunken, dass er einfach nicht mehr anders kämpfen konnte? So oder so, ihr Vater würde zufrieden sein, hatte er doch Roméro dazu gedrängt, ja ihm förmlich befohlen, diesen Kampf zu verlieren, damit das Haus Aramajé nicht in der Gunst des Erzherzogs fiel. Valésia warf einen Blick auf ihren Vater. Dieser hatte sich sichtlich wieder beruhigt, und rieb sich die Hände. Ob dies nun eine Geste der Zufriedenheit war, oder lediglich, um sich die kalten Hände aufzuwärmen, konnte sie beim besten Willen nicht sagen.
Doch plötzlich änderte sich der Kampf. Es war Roméro, welcher die Oberhand gewann, und sie scheinbar nicht mehr aus der Hand zu geben bereit war. Er drosch förmlich nach dem Erbprinzen, und dieser stapfte Schritt für Schritt auf dem matschigen Platz vor ihm zurück, und rang sichtlich damit, sich zur Wehr zu setzen. Roméro schlug Meriks Schild förmlich kurz und klein, und schließlich zerbrach dieser in zwei Teile, und Merik ließ diesen in den Schnee fallen. „Was tut dieser Narr?“ zischte Graf Gunther, während die Komtess den heftigen Schlagabtausch mit kugelrunden Augen, schier fassungslos verfolgt hatte, und die Antwort erhielt der Bernsteingraf sogleich. Merik fiel in den Schnee, hob abwehrend seine Hände und schien sich zu ergeben. Es war Roméro, der den Blick hob und auf die Zuschauertribüne starrte. Er suchte den Blick des Erzherzogs, und dann schrie er „Da habt ihr es gehört, er ergibt sich!“ Valésia klappte der Mund auf, und innerlich spannte sie sich an. Was hatte er nur getan? Er hätte den Erbprinzen gewinnen lassen müssen! Merik würde unsagbar zornig werden! Und dann trat man ihm besser nicht unter die Augen. Doch sie, seine Braut, durfte ihm nicht aus dem Wege gehen… Roméro wandte sich der Zuschauer Masse zu, reckte sein Schwert in die Höhe, und brüllte „Für Aramajé!“ Jubel erhob sich in der Menge, wenn auch verhaltener. Scheinbar wagte es nicht jeder, unter dem Erzherzog dem siegreichen Aramajé zuzujubeln. Valésia wagte es nicht. Roméro ließ sie jubeln. Er drehte sich wieder um, zur Zuschauertribüne, und suchte die Aufmerksamkeit seiner Schwester. Für sie alleine hatte er den Sieg errungen. Für sie hatte er sich dem Befehl des Vaters widersetzt. Auch für seinen eigenen Stolz, doch es waren Meriks ungebührliche, beleidigende Worte gewesen, die ihn letztendlich hatten rotsehen lassen, und er daraufhin das Blatt gewendet. Und als er sich ihrer Blicke gewahr wurde, von welchen schwer zu sagen war, ob diese bewundernd, anerkennend und stolz waren, oder das genaue Gegenteil. Doch Roméro war betrunken, und es scherte ihn nicht. Er hatte den Sieg errungen, auch, wenn er sich damit nicht rühmen durfte, wenn man wusste, welch schlechter Kämpfer Merik war. Und so rief er „Und für die liebreizende Komtess Valésia!“ Valésia rutschte ein wenig tiefer in den harten und unbequemen Stuhl, und sie spürte, wie ihre Hände, die auf den Armlehnen ruhten, feucht wurden vor Scham und Nervosität. Ja, sie schämte sich für Roméro in diesem Augenblick. Bei jedem anderen Kontrahenten hätte sie vor Stolz gejubelt und applaudiert, aber nicht bei diesem! Roméro hätte Merik gewinnen lassen müssen! Es wäre eine kleine Niederlage für den Erbgrafen gewesen, doch ein großer Sieg für Graf Gunther. Oh, wie würde ihr Vater wieder toben! Roméro indes hatte sein Schwert achtlos in den Schnee geworfen, und stapfte vom Turnierplatz. Ein untrügliches Zeichen, wie betrunken er war. Er behandelte seine Waffen stets mit der aller größter Sorgfalt! Merik erhob sich langsam und Valésia erkannte in jeder seiner Bewegungen den unbändigen Zorn. Sie sah Daon, Romeros Knappe, wie er über den Platz huschte, und sich auf das im Schneematsch versunkene Schwert stürzte, es aufhob und damit davon eilte. Vermutlich wollte auch er nicht länger in Meriks Nähe verweilen, als notwendig war.
Valésia war fassungslos über Romeros ungebührliches Verhalten. Wie hatte er nur einfach von dannen ziehen können, wie ein eitler Gockel? Schlimm genug, dass er Merik geschlagen hatte, aber dieses Davonschreiten war eine Brüskierung, die ihresgleichen suchte! Der Erzherzog erhob sich, und rief Roméro in den Rücken „Meinen Glückwunsch, Ser Roméro von Aramajé! Roméro blieb stehen, und wandte sich zum Erzherzog um. Er verneigte sich tief vor dem Erzherzog und Valésia atmete erleichtert aus. Sie wagte einen Seitenblick zu ihrem Vater, welcher dunkelrot vor Zorn war. Sie konnte sich den Streit, welcher alsbald zwischen Vater und Sohn herrschen würde, schon bildhaft ausmalen. „Er hat sich wacker geschlagen und verdient eine Belohnung“ sprach der Erzherzog gönnerhaft, obgleich seine Miene steinern ernst war, und nahm wieder auf seinem Stuhl Platz. Nun nahm der Herold des Erzherzogs das Wort an sich. „Der Kämpfe wurden somit Genüge getan. Heute, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht hat, wird das Lanzenstechen beginnen!“ Die Menge johlte und klatschte. Lanzenstechen war immer ein besonderer Höhepunkt des Turniers. Als der Jubel verebbt war, hob der Herold erneut an. „Doch zuvor hat seine Durchlauchtigste Hoheit noch ein besonderes Geschenk an den zukünftigen Bräutigam.“ Allgemeines Gemurmel und neugieriges Raunen lief durch die Menge. Als würde der Herold diesen Triumph auskosten wollen, wartete er, bis der Lärm verebbt war, und klatschte in die Hände. Kettengeklirre und schwere Schritte klatschten durch den Schneematsch. Zwei bewaffnete Wachen führten in ihrer Mitte einen hinkenden Mann, dessen Kopf von einem verdreckten Jutesack verborgen war. Die meisten auf der Zuschauertribüne lehnten sich neugierig nach vorne, so auch Valésia, und die Zuschauermenge vor dem Turnierplatz drängte sich dichter nach vorne zusammen, in der Hoffnung, einen besseren Ausblick zu bekommen. Als die drei in der Mitte des Turnierplatzes standen, führte der Herold fort „Dieser Mann ist ein geständiger Verräter! Ein Lügner und ein Ränkeschmied, welcher an einem Komplott gegen den Erbprinzen, wie auch seine zukünftige Gemahlin, die edle Komtess von Aramajé, beteiligt ist!“ Valésia fühlte sich ertappt, obgleich sie nicht wusste, wie diese Worte gemeint waren. Sie konnte sich nicht vorstellen, um welches Komplott es sich handelte. Ihr war nichts dergleichen zu Ohren gekommen. Etwa ein Attentäter? „Erst unter der Folter konnten wir seine ketzerische und verlogene Zunge lockern, bis er endlich die wahren Absichten seines ruchlosen Hierseins preisgab.“ Valésia fühlte sich von Augenblick zu Augenblick unbehaglicher. Sie begann erneut zu frieren, und da konnte weder ein weiterer Becher Gewürzwein, noch ihr warmer Pelzmantel etwas daran ändern. Während der Mann vom aufgebrachten Pöbel mit Schlammbrocken, Steinen und allem anderem was herumlag, beworfen wurde, zog man ihm den Jutesack vom Kopf, begleitet von einem schmerzerfüllten Aufschrei des Mannes. Valésia starrte den Mann an, doch kam er ihr nicht bekannt vor. Er war fürchterlich entstellt, eines seiner Augen war dick angeschwollen und blutunterlaufen, ebenso wie seine Lippe dick geschwollen, aufgeplatzt und blutverkrustet war. Auch Arme und Beine waren abgeschürft und von Blessuren gezeichnet. Er lief barfuß, und trug nur diesen groben, verdreckten Jutesack am Leib, welcher vermutlich davor Erdäpfel beherbergt hatte. Wie musste dieser arme Mann frieren! Und wie musste er Schmerzen leiden. Valésia graute es bei dem Gedanken daran, dass sich der Erzherzog der Folter bediente, und sie fragte sich, ob es auch ihr so ergehen könne, wenn Merik, oder der Erzherzog die Geduld verlören, wenn sie weiterhin so beharrlich schwieg über den Mann, welcher ihr die Unschuld geraubt hatte. Valésia wurde beinahe Angst und Bang. Angst um ihr Leben und ihre Unversehrtheit, und auch Angst um Endres. Ob es auf Burg Kreuzenstein auch eine Folterkammer gab? Die Worte des Herolds rissen sie aus ihren Gedanken und verhallten in ihren Ohren „Im Namen seiner Durchlauchtigsten Hoheit, dem Erzherzog von Olathor, wird dieser Mann zum Tode durch Enthauptung verurteilt!“ Die Menge johlte und schrie begeistert. Ein Umstand, den Valésia noch nie verstanden hatte. Wie konnte man sich am Tod eines anderen Menschen ergötzen? Erst, als die Männer den Mann zu Boden drängten, und er in den Schnee fiel, und einer von ihnen ein Henkersbeil zückte, da Begriff Valésia, dass der Mann hier und jetzt gerichtet würde. In diesem Moment nahm jemand auf dem Stuhl neben ihrer linken Platz. Sie wandte den Kopf, und blickte auf Merik, dem allerdings eine beinahe triumphierende Miene, anstatt der vorherigen Wutverzerrten, ins Gesicht geschrieben stand. Valésia schluckte. Sie wusste nicht, was sie ihm entgegnen sollte. Sie konnte ihm weder gratulieren, noch ihm ihr Beileid ausdrücken. Doch sie wusste, dass sie ihm irgendwelche Worte, oder eine Handlung schuldig war. Noch bevor dies geschehen konnte, legte der Erbprinz seine Hand auf die Ihre und sicherte sich so ihre Aufmerksamkeit. Der Scharfrichter hob das Henkersbeil und Valésia heftete ihren Blick auf den Erbprinzen, dass sie der Enthauptung nicht zusehen musste. Doch Merik lehnte sich ganz nahe zu ihr, so dass sein Atem ihren Hals streifte, und hauchte ihr ins Ohr „Seht gut zu, Komtess, wie Olator Verrätern begegnet...“ Valésia lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, und sie blickte ihn fragend an. Und der Erbprinz legte seine Hand auf ihr Kinn, und drehte ihren Kopf gen Turnierplatz. In dieser Sekunde trennte das hernieder gegangene Beil den Kopf vom Torso des Mannes und der Kopf rollte in den Schnee. Blut schoss Fontänenartig aus dem Hals und färbte den dreckigen Schneematsch zusehends, und immer weitreichender, blutrot. Valésia legte sich geschockt die Hand auf den Mund, und ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, und sie kämpfte mit aller Gewalt dagegen an, dass sich ihr Mageninhalt seinen Weg nach oben bahnte. Fassungslos rang sie nach Atem, doch ihre Kehle war schier wie zugeschnürt. Panik überkam sie über die plötzliche Atemnot, und ihre Gesichtsfarbe wechselte von hochrot zu blass. Ihr Herzschlag schoss in unermessliche Höhen, doch dann fiel sie in eine gnädige Ohnmacht und verlor ihr Bewusstsein.
Die Komtess kippte ohnmächtig nach vorne, und es war Merik, welcher sie geistesgegenwärtig auffing, bevor sie auf die harten Eichendielen der Tribüne zu fallen kam. Ein allgemeiner Tumult brach auf der Tribüne aus. „Die Komtess! Sie ist ohnmächtig geworden!“ rief einer. Roméro, welcher die Enthauptung abseits des Platzes verfolgt hatte, bemerkte die Bestürzung, und er hatte auch die Rufe über Valésias Zustand vernommen. Er fühlte sich mit einem Schlag nüchtern. „Valésia!“ rief er, und hastete zur Zuschauertribüne. Er stürmte regelrecht die Treppe hinauf. „Valésia!“ rief er erneut und lief auf den Erbprinzen zu, in dessen Armen die Komtess blass und wie leblos hing. Roméro trat an ihn heran. „Gebt sie mir, ich bringe meine Schwester in ihre Gemächer!“ forderte er und hielt seine Arme auf. Merik hob sein Bein, und stützte die Komtess für einen winzigen Augenblick darauf, um seinen rechten Arm frei zu bekommen. Er schlug Roméro ins Gesicht. „Schweigt, ihr Bastard! Und nehmt eure dreckigen, ehrlosen Hände weg! Ihr habt jegliches Recht auf eure Schwester verwirkt! Ich werde sie in ihre Gemächer bringen, wie es mir als ihr Ehemann zu steht!“ Mit diesen Worten ließ er Roméro stehen, und drängte sich mit Valésia am Arm vorbei, und verließ die Ehrentribüne.
Heiße Wut und kalter Zorn ❖
06.10.2014 '02:47 [1.272 Wörter]
 ie grausam das Schicksal sein konnte, musste Endres nun, just in diesem Augenblick, am eigenen Leib erfahren. Auch wenn Endres nur im übertragenen Sinne am seelischen Leib erfuhr, während Valerion es wahrhaftig am eigenen Leib erfuhr. Das Henkersbeil schlug gerade eine tiefe Kerbe in den Hals des Paltoren, welcher einst aus einem Leben des Frondienstes und der Armut geflogen war, um auf der anderen Seite der gewaltigen Meerenge ein neues Leben zu suchen und zu finden. Dass er den Tod dabei finden würde, war ihm stets bewusst gewesen. Doch die Art und die Umstände hatten sich weder Valerion noch Endres jemals auf diese Weise erwartet.
Aus der Kerbe war inzwischen eine tödliche Wunde geworden und der, von Blut besudelte Stahl, hatte sich tief in den Henkersblock gegraben, welcher schon rostig braun von all dem Blut, welches das Holz über die vielen Jahre und Aberjahre in sich aufgesogen hatte, war. Der Kopf hingegen, welcher einst Valerions Rumpf zierte, lag mit leeren und zugleich ängstlichen Augen in den, von Wolken verhangenen, Himmel und warfen einen letzten, anklagenden Blick an jenen Ort, wo an einem besseren Tag, als diesem, für gewöhnlich Seraja am Himmel thronte. Doch der erhoffte Trost blieb aus, und statt wärmender Sonnenstrahlen vielen nur kalte Schneeflocken auf den Kopf des Enthaupteten, dessen warmes Blut den umliegenden Schnee tiefrot färbten, bevor dieser sogleich dahinschmolz.
Während Endres in Verzweiflung, Trauer und Reue zerfloss, brandete der Jubel des Pöbels, von welchem er umringt stand, tosend aus. Wie mordlüsternes Pack aus dem Norden bejubelten diese Tiere den Tod eines Menschen. Und nicht irgendeines Menschen. Seines besten Freundes. Endres wurde übel und schwindelig, während er sich, mit aller Kraft, welche er noch aufzubieten imstande war, in den hölzernen Balken hineinkrallte, um nicht zu Boden zu sacken. Er musste die gute Miene zum bösen Spiel mimen, während alles in ihm danach schrie, über diesen Balken, an welchem er sich festhielt, hinweg zu springen und zu Valerion zu eilen. Doch dies wäre nichts anderes als eine närrische Torheit gewesen. Seinen Freund würde dies nicht wieder lebendig machen und was würde er dort schon finden? Nichts als das grausame Schicksal, welches Valerion soeben ereilt hatte. Der Tod. Im kalten Schnee, fern der Heimat in einem kalten und herzlosen Land. Endres tat das einzige, was ihm übrig blieb. Er wandte sich von dem Schauplatz ab und schob sich langsam und lustlos durch die jubelnde Menge, welche oft so dicht beieinander standen, dass sich Endres regelrecht durch die stinkenden und verschwitzten Leiber zwängen musste, was seiner Laune nicht gerade zum Besseren kehrte.
Tausende Gedanken kreisten Endres durch den Verstand. Bilder vermischten sich mit Worten und ergaben ein verworrenes Bild aus Schuld, Reue und Trauer, welche Endres die Tränen in die Augen trieb. Wenn man Endres kannte, und es gab in dieser Stadt nun, da Valerion tot war, nur noch eine Person, welche ihn genug kannte, um dies zu beurteilen, würde man nun einen beinahe gebrochenen Mann vor sich sehen, welcher seine eigenen Hände vors Gesicht hielt und diese, mit gläsernen Augen, anstarrte. »Was habe ich nur getan?«, murmelte Endres, wieder und wieder, als ob er selbst das Blut seines Freundes an den Händen kleben hätte. Und wie seinen Worten und schuldbewussten Gedanken zum Hohn, brach alsbald ein aufreibender Tumult auf der Ehrentribüne des Adelsgeschlechts von Olathor aus. Emsige Gestalten liefen umher und die Stimmen wurden immer lauter, dass sie selbst Endres aus seiner Apathie zu reißen vermochten. »Die Komtess! Sie ist ohnmächtig geworden!« Die Stimme brandete, wie aus einer fernen Welt, an sein Ohr und verhallte dort ungehört und unbeachtet. Doch tief in seinem Inneren wurde er sich dieser Worte doch gewahr. Sie. Die Komtess. Komtess von Aramajé. Valésia. Da hielt Endres abrupt inne und starrte in jene Richtung, in welcher der Tumult entbrannt war. »Sie ist an allem Schuld.«, brummte Endres von Trauer, aber auch von Wut zerfressen. Während sich seine Trauer um den Verlust seines Freundes drehte, schürte der Zorn auf den Erzherzog und seine verzogenen Bastarde von Söhnen seine Wut. Und als er sah, wie Merik, der Hurenbock, wie sie ihn alle nannten, den leblosen Körper Valésias davontrug, da ballte Endres zornig die Fäuste. Die Trauer ebbte ab und an ihre Stelle trat die Wut, welche Endres nun, welcher soeben noch kurz davor gewesen war, zusammenzubrechen, neue Kraft verlieh. Rachegedanken überfluteten seinen Verstand und Frust übermannte ihn. Natürlich konnte Valésia nichts dafür, und auch wenn er ihr im Grunde nicht böse war, so kanalisierte sich ein Teil seiner Wut auch auf die junge Adelige aus dem Westen Ariads. Dass es im Grunde seine eigene Schuld war, dass Valerion nun tot im Schnee lag, nur weil er ihr nochmals nachstellen wollte, verdrängte der rote Schleier des Zorns, welche seinen Geist zu vernebeln drohte.
Wie hin und hergerissen zwischen Trauer und Wut, stapfte Endres, mit geballten Fäusten, durch den Schnee und folgte dem Erbprinzen und seiner Braut. Und mit jedem Schritt staute sich die Wut in ihm auf und brachte sein Blut in Wallung, während zugleich die kalte Winterluft seinen verbitterten Verstand abkühlte. Jeder weitere Schritt, ließ die Erkenntnis in Endres‘ Geist sickern, dass der Erbprinz soeben das einzige, was ihm in diesem Land noch geblieben war, mit sich nahm. Und so fasste Endres einen Entschluss. Einen waghalsigen und verrückten Entschluss. Doch da sie kaum mehr ein Steinwurf voneinander trennte, gab es auch kein Zurück mehr. Endres ging für einen Moment in die Hocke und zerrte, mit vor Wut und zugleich vor Verzweiflung zitternden Händen, das scharfe Stilett aus dem Stiefel. Schwer wog die zierliche Klinge in der rechten Hand des Paltoren und doch schlossen sich seine Finger, als ob sie gefroren wären, um den Griff der Waffe bis sich seine Knöchel weiß verfärbt hatten, während sein Herz wild zu schlagen begann. Doch als Endres sich wieder aufgerichtet hatte, um, in der Absicht Merik die Klinge in den Rücken zu stoßen, weiter zu gehen, da legte sich eine schwere Hand auf seine linke Schulter. »Was hast du vor?«, zischte eine Stimme, welche ihm sowohl wohlvertraut, als auch seltsam fremd war. Endres fuhr der Schreck bis in die Knochen, während er hastig versuchte die Klinge unter seinem Wams verschwinden zu lassen. Sein Herz tat einen gewaltigen Sprung, als ob es aus seiner Brust herausbrechen und in den Schnee stürzen wollte. Doch als Endres sich zu jenem Mann umwandte, welcher ihn da an der Schulter ergriffen hatte, erkannte er Roméro vor sich stehen. Roméro, Valésias Bruder. Er wirkte frischer, als noch zuvor auf dem Turnierplatz, doch konnte man ihm noch den Rausch ansehen, welchem er sich zweifellos hingegeben hatte. Und auch seine Stimme verriet, dass er nicht gänzlich nüchtern war.
Endres starrte Roméro nur mit einem ausdruckslosen Blick an, bevor er endlich seine verschluckte Zunge wiederfand. »Nichts.«, log er und wollte sich wieder umdrehen, als Roméro ihn auch an der zweiten Schulter ergriff. »Mach‘ jetzt bloß keinen Unsinn, du Narr.«, flüsterte Roméro und linste verschwörerisch zu der Klinge, welche unbeholfen unter dem Wams hervorlugte. »Und lass die Klinge verschwinden. Sonst folgst du deinem Freund schneller in den Schnee, als dir lieb ist.« Mit diesen Worten zerrte er Endres von dem Burgweg, welcher hinauf zur Burg Olathor führte, fort. Endres wehrte sich, doch war Roméro zu stark für ihn. Und so fügte sich der Paltore schließlich und schob indes das Stillet in den Stiefel zurück. »Was willst du von mir?«, fragte Endres sowohl von Neugierde, als auch von Auflehnung erfasst. »Und wohin bringst du mich?« »In die Schenke dort!« Roméro deutete auf ein hölzernes Schild, von welchem einige dicke, klare Eiszapfen herabhingen. »Zur einsamen Jungfer. Die wird dir helfen, deinen Schmerz zu ertränken und dich zugleich davon abhalten, heute noch irgendwelche Dummheiten zu begehen.«
Ein blutiger Reigen ❖
12.10.2014 '19:07 [3.262 Wörter]
 ortwörtlich, wie ein geprügelter Hund stand Roméro auf der Ehrentribüne, und blickte dem Erbprinzen finster nach, der eben die letzte Stufe verlassen hatte und die Komtess, die in seinen Armen hing wie ein nasser Sack, durch den Schnee stapfend, wegbrachte. Hinter ihm erklangen leise Schritte und als er den Kopf wandte, erblickte er aus den Augenwinkeln den Bernsteingrafen. Roméro zog die Nase hoch, doch als sich das vermeintliche Rinnsal nicht wieder hochziehen ließ, und er es mit den Fingern wegwischte, entdeckte er schließlich Blut zwischen Daumen und Zeigefinger. Ungläubig starrte er darauf, und wischte sich an seinem Waffenrock ab. „Du hast nur bekommen, was du verdienst…“ brummte Graf Gunther, und Roméro wandte den Kopf, und blickte seinem Vater schier fassungslos ins Gesicht. „Du hast recht gehört, Roméro. Du bist betrunken in diesen Kampf gegangen! Du hast mich bloßgestellt und brüskiert, und du hast den Erzherzog und den Erbprinzen gleichermaßen brüskiert. Du bist kein Ehrenmann, du hast dich gegen die Abmachung entschieden, und wurdest wortbrüchig. Du bist eine Schande für unsere Familie“ klagte der Bernsteingraf seinen Sohn an. „Du hättest hören sollen, wie er am Turnierplatz über Valésia gesprochen hat…“ hob Roméro an, doch der Bernsteingraf unterbrach ihn unwirsch. „Was kümmert mich die Meinung des Erbprinzens über Valésia? Ehelichen soll er sie. Er muss sie nicht lieben, anbeten, oder ihr zu Füßen liegen. Das ist eine Vernunftsehe, eine, die unser Haus zu höherem Ansehen verhelfen soll. Und ich bin den Göttern endlos dankbar, dass er sie trotzdem noch zu seiner Frau nehmen wird, nachdem sie sich diesen unglaublichen Skandal geleistet hat!“ zischte der Graf seinem Sohn zu, so dass nur er es hörte. Roméro nickte teilnahmslos, und wandte sich schließlich ab. Es hatte keinen Sinn, mit seinem Vater zu sprechen. Er sah sie nur als seine Schachfiguren, die er so günstig wie nur möglich positionieren wollte, in diesem Spiel um Macht und Ansehen…
Er hatte keine Lust mehr, diesem Turnier beizuwohnen, und so stieg er die Stufen hinab, um dem Erbprinzen zu folgen. Roméro sorgte sich um Valésia, und so wollte er nach dem Rechten sehen. Als er eben missmutig dahinstapfte, stach ihm mit einem Mal der Paltore ins Auge, der am Rande des Buhurts stand. Seine ganze Körperhaltung drückte Trauer, Verzweiflung und Resignation aus. Roméro, der seinen Knappen Daon gern mochte, konnte es nachvollziehen, dass diese Hinrichtung den Grafen aus Paltoria zutiefst erschüttert haben musste. Er blieb stehen, und beobachtete ihn. Für einen Moment erwog er, zu ihm zu gehen, und ihm sein aufrichtiges Beileid auszudrücken, doch er tat es nicht. Der Paltore schlug denselben Weg ein, welchen schon zuvor Merik mit Valésia eingeschlagen hatte, und Roméro beschloss ihm zu folgen. Zumal er sich ernsthaft fragte, ob ihm nicht klar war, in welch höchster Lebensgefahr er sich befand. Die Tatsache, dass Endarions Knappe enthauptet worden war, sprach Bände. Während sich in Roméro die Vermutung manifestierte, dass der Erzherzog und seine Anhänger wussten, was sich in Valésias Gemach zwischen ihr und dem Paltoren abgespielt hatte, ließ dem Erbgrafen aus Aramajé einen eiskalten Schauder über den Rücken kriechen. Roméro stutzte, als Endres sich hinunterbückte. Doch als kurz darauf eine matte Klinge aufblitzte, schossen ihm tausend Flüche in den Kopf. Er beschleunigte seine Schritte, und als er ihn eingeholt hatte, fasste dem Paltoren entschlossen an die Schulter. „Was hast du vor?“ zischte er und Endres, sichtlich zu Tode erschrocken, versuchte, die Klinge unter seinem Wams zu verstecken. Endres starrte Roméro an, und schließlich, nach einer kurzen Weile, erwiderte er „Nichts…“ Roméro hingegen glaubte ihm kein Wort. Er wäre ein Narr, wenn er dies täte. Stattdessen legte er ihm seine zweite Hand auf die andere Schulter, hielt ihn davon ab, sich abzuwenden, und starrte dem Paltoren eindringlich in die Augen. „Mach‘ jetzt bloß keinen Unsinn, du Narr“ flüsterte er. „Und lass die Klinge verschwinden. Sonst folgst du deinem Freund schneller in den Schnee, als dir lieb ist.“ Er bugsierte ihm vom Weg hinunter, der zur Burg führte. Roméro spürte den Widerstand, welchen der Paltore ausübte, doch es war ihm ein Leichtes, seinen Widerstand zu brechen. „Was willst du von mir?“ fragte er Roméro und dieser erwiderte „Dich vor deinem Leichtsinn und vor deiner Torheit bewahren. Um deiner Selbstwillen. Und um Valésias Willen. Was denkst du, passiert, wenn sie deinen hübschen Kopf aufgespießt im Burghof sieht? Und jetzt komm mit!“ „Und wohin bringst du mich?“ fragte der Paltoren, mit sichtlich wachsender Neugierde in seiner Stimme. Roméro deutete auf ein, mit silbrig schimmernden Eiszapfen verziertes Holzbrett, welches sanft hin und herschaukelte, und auf welchen „Zur einsamen Jungfer“ stand. „Zur einsamen Jungfer. Die wird dir helfen, deinen Schmerz zu ertränken und dich zugleich davon abhalten, heute noch irgendwelche Dummheiten zu begehen.“ Er zog ihm die vom lauen Wind zurückgefallene Kapuze über seinen Blondschopf, und umfasste den Paltoren mit einem Arm an seiner Schulter, während er ihn Richtung Schenke schob. Beinahe eine brüderliche Geste…
Roméro ließ erst von Endres ab, als dieser ihn auf einen Stuhl gesetzt hatte, in der dunkelsten Ecke der Schenke. Er deutete der Schankmaid mit zwei Fingern eine Geste, und sie nickte. Roméro war sich nicht sicher, was sie bringen würde, doch ihm war es einerlei. Nur wenige Wimpernschläge später brachte sie zwei dampfende Gewürzweine, Roméro nickte zufrieden, und ließ zwei blanke Münzen auf die Tischplatte fallen, welche die Schankmaid lächelnd und dankend einstrich. Erst, als sie sich entfernt hatte, und hinter der Ausschank geschäftig zu werkeln begonnen hatte, richtete Roméro seine Blicke wieder auf den Paltoren. Er verzog seinen Mund zu einer nachdenklichen Schnute. Er wusste nicht wirklich, was er sagen sollte. Zum einen spürte er die Wirkung seines Rausches noch ein wenig, und zum anderen waren sie nicht wirklich Freunde. Er hatte stets die Ablehnung gespürt, welchen der Paltore ihm entgegenbrachte, wenn gleich er sie stets mit höflicher Zurückhaltung überdeckte. Doch entgangen war sie ihm nie. Roméro kratzte sich durch seinen Stoppelbart und räusperte sich. „Also…Hm… Daon ist mein Knappe. Er ist gerade erst vierzehn Jahre alt geworden. Ein kluger und tüchtiger Junge. Ich kann ihm nichts mehr beibringen. Mit ihm die Schwertleite zu begehen, wird mir eine besondere Ehre sein, denn ich liebe ihn, wie einen Bruder. Würde jemand Daon ein Leid zufügen, ich würde ihm dasselbe Leid spüren lassen. Darum lass mich dir sagen, es tut mir von Herzen leid, was du heute erleben musstest. Mir ist bewusst, dass das deinen Knappen nicht wieder lebendig macht. Dennoch wollte ich dir das sagen…“
Roméro trank vorsichtig von dem heißen Gewürzwein. Er war stark, doch süß und würzig, und wäre der Anlass dieser Zusammenkunft nicht ein derart tragischer, so wäre der Gewürzwein ein wahrer Herzenswärmer. Roméro blickte Endres forschend an, und senkte seine Stimme zu einem Raunen. „Gestatte mir eine Frage, Endarion… Was wirst du jetzt tun? Ich meine, wegen meiner Schwester…“ „Ich werde Valésia mit mir nehmen…“ war die entschlossene Antwort des Paltoren, und ein Lächeln umspielte Romeros Mund. Er beugte sich ein Stück weit zu Endres, und meinte „Ich hatte gehofft, dass du das sagen wirst. Ich stehe tief in deiner Schuld, Endarion. Ich glaube an dich. Du wirst meiner Schwester das Leben ermöglichen, das sie verdient. Dafür bin ich dir unsagbar dankbar. Und ich bin mir sicher, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun wird, um dich glücklich zu machen. Sie liebt dich unbeschreiblich.“ Er legte den Kopf schief und fügte hinzu „Aber das wird sie dir sicher selbst gesagt haben…“ Er trank noch einen Schluck von dem Wein, und stellte diesen danach entschlossen ab. „Derzeit steht alles Kopf aufgrund der Hochzeitsvorbereitungen. Niemand wird es kümmern, oder bemerke wenn ich einige Vorbereitungen treffe. Deine Pferde stehen noch in den Stallungen an der Stadtmauer? Es muss noch heute, und am Tage geschehen. In der Nacht könnt ihr nicht unbemerkt Olathor verlassen. Sie kontrollieren weniger jene, welche die Stadt verlassen, als jene, die sie betreten. Niemand wird in die Stadt gelassen, ohne eingehend kontrolliert zu werden. Händler, wie auch Gäste, die laufend eintreffen. Sie lassen alle ungehindert aus der Stadt. Das ist euer entscheidender Vorteil. Ich sorge dafür, dass ihr das Nötigste bekommt, um euch bis zur nächsten Stadt zu schlagen. Danach liegt alles in deinen Händen, Endarion… Bleib hier in der Schenke. Wenn ich dich brauche, muss ich dich finden. Hier werden sie dich am allerwenigsten suchen, so nahe an der Burg…“ Mit diesen Worten verließ Roméro den Paltoren, und schickte sich an, zurück auf Burg Olathor zu gehen.
Erbprinz Merik trug Valésia zu den Türen ihrer Gemächer, während eine Zofe eilig hinter ihm herlief, und die Türen öffnete. Merik trug die junge Frau an das Bett heran, in welches er sie legte. Die Zofe schickte sich an, der Komtess ihren Pelzmantel und die Schuhe auszuziehen, und zog unter ihr die Decke heraus, um sie damit zu bedecken. Die verneigte sich vor dem Erbprinzen. „Euer Hochwohlgeboren, soll ich nach einem Heiler schicken?“ fragte sie, doch der Erbprinz schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht todkrank, sie ist nur ohnmächtig. Ich denke nicht, dass wir einen Heiler brauchen. Ich brauche auch dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich werde bei der Komtess bleiben.“ Die Zofe knickste gehorsam, und verließ dann die Gemächer. Merik setzte sich in den Lehnstuhl, in welchem nur wenige Stunden zuvor Roméro gesessen hatte, und schenkte sich einen Wein ein. Er hatte, nach dieser erlittenen Schmach auf dem Turnierplatz, keine rechte Lust, sich irgendwelchen Hämen oder Spott zu stellen, und darum hatte er beschlossen, bei der ohnmächtigen Valésia zu bleiben. Er hob das feine Weinglas an, und blickte durch den goldenen Wein in das Kaminfeuer. Es war schon allmählich am Erkalten, da in den Stunden zuvor niemand dagewesen war, um Holz nachzulegen. Merik trank gemächlich einen Schluck, und schließlich stellte er das Glas auf dem kleinen Tischchen ab, erhob sich, und trat an den Kamin heran. Er ging vor der erkaltenden Glut in die Hocke, und legte einige Holzscheite nach. Ruhig sah er dabei zu, wie sich das Feuer in das Holz fraß, und stetig anwuchs. Der Erbprinz erhob sich wieder und schritt an den Tisch zurück, nahm einen weiteren Schluck des Weines, und trat dann wieder an das Bett heran. Er setzte sich und beobachtete die Komtess. Die junge Frau war kreidebleich, doch auf ihren Wangen hatte sich eine leichte Röte gebildet, was wohl der Wärme des Feuers zuzuschreiben war. Er betrachtete sie, wie das seidig weiche Haar ihr Gesicht umfloss, die fein geschwungenen Augenbrauen, die langen Wimpern, die makellose Nase und die blassroten Lippen. Ihr Atem ging schwer und unregelmäßig und je länger er sie betrachtete, desto mehr musste er einräumen, dass sie eine wunderschöne Frau war, weit schöner, als die Huren und Mätressen, die er unterhielt. Er rief sich Romeros Worte ins Gedächtnis „Valésia ist der Inbegriff der Güte, des Liebreizes, der Anmut und der Schönheit! Ihr verdient sie nicht! Wäret ihr ein echter Mann, würdet ihr euch um die Gunst eurer Braut bemühen, denn so eine Frau findet ihr mit Sicherheit kein zweites Mal in Ariad!“ Wahrscheinlich hatte der Erbgraf sogar Recht, und in diesem Augenblick wurde er mit Stolz erfüllt. Denn sie war seine Braut. Er würde sie zur Frau nehmen. Und sie würde ihm eine Schar Söhne gebären. Söhne, welche Olathor so dringend brauchte. Er tunkte seinen Finger in den Wein, und strich ihr damit über ihre Lippen. Und wenige Momente später regte sich die junge Frau, und schlug die Augen auf. Sie staunte nicht minder, als sie den Erbprinzen an ihrem Bett sitzen sah, und wirkte ein wenig verstört.
„Merik…“ murmelte sie. Valésia presste die Lippen aufeinander und sie senkte den Blick. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und doch gebot es die Höflichkeit etwas zu erwidern. So suchte sie ihn zu beschwichtigen. „Es tut mir leid, dass mein Bruder euch am Turnierplatz derart brüskiert hat. Er hatte nicht das Recht dazu…“ Merik winkte ab „Lasst uns den Schleier des Vergessens über diese unselige Geschichte legen…“ Merik musterte sie eindringlich. Es verlangte ihn nach Zerstreuung, nach dieser peinlichen Niederlage. Vermutlich wartete die Hure, die er nach dem Turnier in seine Gemächer zurückbeordert hatte, und deren Namen er nicht einmal kannte, zumal er ihn ohnehin nicht interessierte, längst dort. Aber auch dies war ihm egal. Er wollte Valésia besitzen. Er wollte nicht bis zur Hochzeit warten. Zumal sie doch ohnehin nicht mehr unberührt war. Er würde sie heiraten. Dies verlangte sein Vater. Es war ohnehin nur mehr ein Tag, welcher sie von dieser Formalität trennte. Und doch fühlte er sich ein wenig hilflos, denn sie war weder eine gewöhnliche Magd, noch eine Zofe, oder gar eine Dirne. Sie war, wenn auch von niederem Blut, von hoher Geburt. Und eine solche Frau durfte man sich nicht einfach nehmen, wie eine Hure, wenn es einen danach verlangte. „Valésia, ihr seid eine wunderschöne Frau…“ sagte er und die Komtess starrte ihn beinahe entgeistert an, während er ihre Hand ergriff. Solche Worte hatte sie noch nie aus seinem Munde vernommen. Er drückte einen angedeuteten Kuss auf ihren Handrücken, und rutschte auf der Matratze ein wenig näher an sie heran, um seine andere Hand um ihre Hüfte zu legen. „Was tut ihr da, Merik?“ fragte sie ihn. Er starrte sie eindringlich an und erwiderte „Vor den Göttern und den Gesetzen sind wir ohnehin schon Mann und Frau… Und wenn ihr einem anderen Mann vor eurer Hochzeit gestattet, euch beizuliegen, dann gebührt mir als euer Mann dieses Recht ebenso…“ Valésia errötete vor Scham. Noch immer schwieg sie sich dazu aus, beinahe so, als wäre es nie geschehen, dass sie mit Endres das Lager geteilt hatte. Merik zog sie an ihrem Am hoch, so dass sie gezwungen war, sich aufzurichten. Die Decke rutschte von ihrem Körper, und trotz Valésias zögerlichen Protesten schickte er sich an, Valésia von ihrem Kleid zu befreien. „Merik, was tut ihr da?“ hauchte sie fassungslos, während der Erbprinz ihre weiblichen Rundungen betrachtete, welche durch das seidene Unterkleid durchstachen. Beschämt bedeckte die Komtess ihre beinahe Blöße mit ihren Händen. Der Erbprinz wurde von diesem Anblick erregt, und eilte sich, sich zu entkleiden. „Merik… wenn euch die Ehe heilig ist, dann lasst ab von eurem Tun… Es ist falsch!“ Merik lachte rau auf. „Falsch? Ist es denn richtig, wenn meine Braut ihre Jungfräulichkeit vor der Hochzeit an einen anderen Mann verschenkt? Ist es falsch, wenn ich mir, als euer Bräutigam, der ich bin, verwehrt, was ihr einem anderen zugestanden habt? Seid mir eine gehorsame, duldsame und tugendsame Ehefrau!“ Mit diesen Worten kroch er unter die Decke, und befreite sie von ihrem Unterkleid. Valésia zog für einen Moment in Erwägung, um Hilfe zu rufen. Doch sie wagte es nicht. Sie fürchtete sich vor dem Erbprinzen und vor seinem Jähzorn. Merik lag neben ihr, und strich mit seinen Händen über ihren Leib, umfasste ihre vollen, vollkommenen Brüste, knetete diese, fuhr über ihren Bauch, strich durch ihre Scham, und teilte schließlich mit seinem Knie ihre Schenkel, als er über sie kroch. Valésia wusste, dass sie sich ihm nicht verwehren durfte, wenn sie klug war. Und sie wünschte sich, dass in diesem Moment jemand kommen würde, jemand an die Tür klopfte, um zu sehen, wie es ihr erginge, und ihn von seinem Tun abzuhalten. Und, als hätten die Götter ihr Flehen erhört, da klopfte es an die Türe. Merik rollte genervt mit den Augen, wandte seinen Blick zur Türe und rief „Verschwinde! Wer immer vor der Türe steht, verschwinde! Valésia spürte sein erhärtetes Gemächt an ihrem Schoß, und schließlich nahm er es in die Hand, und führte dieses an die Tore ihrer Pforte. „Verzeiht mir mein Eindringen, Komtess, aber euer Vater…“ drang plötzlich die unterwürfige Stimme der Zofe in den Raum. Merik ließ von Valésia ab und wandte sich zur Türe. Als die Zofe sah, in was sie da hineingeplatzt war, stieß sie einen spitzen Schrei aus, und lief aus dem Zimmer. "Verflucht! Ich lasse sie hängen! Ich lasse sie hängen!" schrie er wütend, verließ das Bett. hastig und wütend zog er sich an, und verließ ebenso schnell wie die Zofe das Gemach. Die Komtess blieb zurück, verschreckt, und atmete doch erleichtert auf, dass die Götter ihr zur Seite gestanden waren.
Nach geraumer Zeit klopfte es. „Valésia? Valésia! Öffne die Türe!“ Mit Schrecken erkannte sie, dass ihr Vater Als sie nicht antwortete, öffnete sich die Türe, und Graf Gunther trat ein, begleitet von Roméro. Als die beiden sie im Bett liegen sahen, traten sie an das Bett heran. „Valésia! Was ist passiert? Antworte mir!“ fragte der Bernsteingraf seine Tochter. Valésia lief es eiskalt den Rücken herunter. Ihr Vater! Alles, nur das nicht! Sie blickte auf, und blickte in dessen Gesicht, und auch in Romeros. Roméro erstarrte, als er seiner Schwester in das verweinte Angesicht blickte. „Valésia! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ fragte Graf Gunther sie. Als sie nicht antwortete, sondern ihn nur müde anblickte, wiederholte er eindringlich. „Antworte Kind, was ist passiert? Hat er dir etwas getan?“ Argwöhnisch ließ er seine Blicke schweifen, ob sich hier nicht jemand versteckte, und er schickte sich an, die Ecken und verborgenen Nischen des Gemaches nach dem vermeintlichen Stelzbock zu durchsuchen. Die Komtess schlang sich die Decke um den nackten Leib und flüsterte Roméro zu „Merik war hier…“ Roméro nickte. "Ich weiß... Die Zofe hat es Vater erzählt. Was hat der Bastard mit dir gemacht?" Sie erhob sich aus dem Bett, und schlang die Laken um ihren Leib. Als der Bernsteingraf an das Bett herantrat, runzelte er argwöhnisch die Augenbrauen. „Was ist geschehen? Sprecht!“ herrschte er unwillig. "Merik wollte Valésia gegen ihren Willen nehmen!“ Roméro sagte sonst nichts dazu. Er wusste, dass Valésia keine Jungfrau mehr gewesen sein konnte, doch er hielt damit hinterm Berg, denn er ahnte, was ihr Vater darüber denken würde. „Bei den Dreien… Valésia? Ist es wahr?" Da nickte die Komtess beschämt. Roméro wurde nun ernsthaft wütend. Jungfrau hin, oder her. Blind vor Wut lief er im Zimmer auf und ab. „Wie kann es Merik nur wagen, seine Braut vor der Hochzeit nehmen zu wollen, wie eine billige Hure?“ Der Bernsteingraf nickte empört. „Ich denke genauso wie du, mein Sohn. Er hat sie damit schon regelrecht entehrt und entweiht! Lass nach einer Zofe schicken, die deiner Schwester ein heißes Bad bereiten soll. Wir werden vor dem Erzherzog vorsprechen, und die Zofe wird unsere Zeugin sein! Nur weil Merik der Erbprinz ist, bedeutet das nicht, dass er sich derart über die heilige Ehe und das Gesetz stellen darf! Komm, Roméro!“ schnaubte der Bernsteingraf wütend, und rauschte aus den Gemächern der Komtess. Roméro jedoch blieb bei seiner Schwester. „Valésia… Ich habe Endarion gesehen. Es war sein Knappe, den sie enthauptet hatten!“ Ungläubig starrte sie ihn an. „Bei den Dreien…“ flüsterte sie betroffen. „Valésia. Er will dich mit sich nehmen. Bist du bereit, alles hinter dir zu lassen, und mit ihm zu gehen?“ Valésia nickte heftig. „Gut. Wir hatten geplant dass ihr noch vor der Dämmerung Olathor verlasst. Das ist am sichersten. Die Götter wissen, dass es keine leichte Flucht wird. Ihr werdet die ganze Nacht durchreiten müssen, damit ihr einen entscheidenden Vorsprung habt, bevor sie bemerken, dass du weg bist. Diese unselige Sache allerdings, macht uns nun einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Wäre Vater doch nicht hier gewesen, dann wäre alles einfacher… Das einzige, das wir nun tun können, ist, dich abschirmen, weil du unpässlich bist... Aber ob das funktioniert?“
Als Roméro das Gemach verlassen hatte, um seinen Vater zu folgen, fluchte er. Er wünschte diesem dreckigen Bastard den Tod an den Hals. Und er begann zu zweifeln, dass diese Flucht wirklich funktionieren würde. Er musste mit Endarion sprechen! Verdammt, ihnen lief die Zeit davon! So folgte er seinem Vater nun doch nicht, sondern schlug erneut den Weg aus der Burg, und zurück in die Schenke „Zur einsamen Jungfer“ ein…
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