Von Dirnen und Schankmaiden ❖
31.05.2013 '17:17 [3.167 Wörter]
 ürwahr! Endres vermochte seinen Unmut, welchen er wegen der Worte des Erbgrafen Roméro verspürte, kaum zu zügeln. Ein wenig unwillig verzog er seine Mundwinkel, als dieser ihm durch die Blume zu verstehen gegeben hatte, dass Valésia bereits einem anderen versprochen war. Und wie er es getan hatte. »Oh, wie es euch sicherlich nicht entgangen ist, ist meine Schwester dem Erbprinzen Merik versprochen...« Endres war regelrecht froh, dass Roméro beinahe verschwörerisch zu beiden Seiten der Straße blickte, so war ihm Endres Blick vermutlich entgangen. Doch Valésia hatte ihm tief in die Augen gesehen und Endres versuchte sie entschuldigend anzulächeln. Die Worte ihres Bruders hallten noch in seinem Kopf nach und vermutlich hatte Roméro sich dabei gar nichts gedacht, denn so langsam bekam Endres den Eindruck, dass Roméro mehr zu reden, als zu denken schien. Vermutlich ein Makel, der seinem Vater sauer aufstoßen dürfte, sollte er davon wissen. Doch fühlte sich Endres, auch wenn es nur eine Floskel gewesen war, gekränkt. Wie konnte er diesen Umstand vergessen, dass Valésia ausgerechnet dem Erbprinzen versprochen war. Er konnte Valerion verstehen. Dies war kein einfacher Freiherr vom Lande. Der Erbprinz war einer der mächtigsten Männer des Königreiches. Wenn er je davon erfahren würde, dass Endres so dreist um seine Braut freite, wären sie beide wohl einen Kopf kürzer.
Aber Roméro belehrte Endres eines Besseren, als er den Erbprinzen einen Lump schimpfte. Offensichtlich hielt er nur sehr wenig von dem zweiten Sohn des Erzherzogs. Endres runzelte leicht die Stirn, doch rang er sich ein ehrliches Lachen ab. »Ja, das habe ich gehört.«, gab er bescheiden zu und wechselte immer wieder dezente Blicke mit der Schwester des Erbgrafen. Valésia schien den Augenkontakt immer wieder zu unterbrechen, als ob ihr diese Situation unangenehm war.
Als Endres sich nach seinem Vorschlag auf die Lippen gebissen hatte, setzte Valésias Bruder sogleich noch einen drauf. »… sagt bloß, ihr treibt euch des Öfteren in bürgerlichen Kreisen herum …«, fragte der Ritter, welcher in mehr als nur einfachen, bürgerlichen Gewändern vor ihm stand. Endres Bild, welches er von Roméro hatte, begann langsam immer schärfere Konturen anzunehmen. So wie es aussah, war Roméro alles andere als ein sehr tugendhafter Ritter. »Mitnichten, Ser Roméro.«, wehrte Endres sogleich ab. Er wollte durch das Gerede ihres schwatzhaften Bruders auf gar keinen Fall, dass ein falsches Licht auf ihn geworfen wurde. Eine Frau wie Valésia sehnte sich nach einem ehrbaren Mann, der weder dem Alkohol noch den Dirnen verfallen war, dessen war sich Endres ziemlich sicher. Und so war beinahe jedes Wort, welche die Lippen ihres Bruders verließen ein Stich in Endres Brust, der all seine Pläne zunichtemachen konnte. »Doch ich bin fern der Heimat. Auf unseren Reisen von einer Burg zur nächsten, bleibt einem kaum eine andere Wahl, als in einer bürgerlichen Gaststube zu übernachten.« Er lächelte Roméro wissend an, war seine Familie schließlich ebenso gezwungen gewesen in einem bürgerlichen Gasthaus zu übernachten. »Und wie ihr wisst, bin ich erst seit drei Tagen in Tárhjart …« »… Fürwahr, da hättet ihr mir zumindest hier schon einmal begegnen müssen, aber Met habe ich hier nicht getrunken, ich hatte anderes zu schaffen, wenn ihr wisst, was ich meine …« Roméro lächelte Endres ein wenig schief an und diesem Lächeln lag ein verruchter Blick inne. Ja Roméro und Valerion würden sich zweifellos glänzend miteinander verstehen. Vermutlich wäre es Roméro sogar egal, dass Valerion nicht von hoher Geburt war. Wenn er es sich selbst zugestand, war Endres nicht anders. Doch vor Valésia konnte er das unmöglich zugeben, wenn er noch vorhatte, sie für sich zu gewinnen. Stattdessen nickte Endres nur und lächelte wissend. »Ich verstehe, Ser Roméro. Die Pflichten eines Ritters und das Gelöbnis an die Drei. Wie gut, dass der Tempel nicht weit von hier steht.« Er grinste ein wenig verschlagen, während er mit einem dezenten Nicken in jene Richtung nickte, in welcher der Tempel der Drei stand.
Roméro schien sichtlich ertappt. Er konnte die Verlegenheit kaum verbergen und so machte er auch keinen sonderlichen Hehl darum. » Ihr habt vermutlich Recht... Doch glaubt nicht, dass meine Schwester gar zu zart besaitet ist, wenn es um Huren geht, ist doch der Erbprinz selbst der größte Hurenbock von ganz Olathor.« Endres konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Roméro über seinen eigenen Witz zu lachen begann. Valésia hingegen fand Romeros Worte nicht sehr erheiternd. Im Gegenteil, sie war ihm einen vernichtenden Blick zu. »Du vergisst dich, Roméro.«, zischte die schöne Edle und Endres hielt sein Grinsen im Zaum. »Wahrlich eine Schande …«, murmelte er nur. »Der Erbprinz, hat euch wahrlich nicht verdient, edle Komtess.«, raunte Endres an Valésia gerichtet und dämpfte seine Stimme, damit es auch wirklich nur die beiden Geschwister vernehmen konnten, und nicht gar irgend ein anderer, hinter einem nahen Fenster. »Verzeih mir, süße Schwester. Ich und mein lose Mundwerk.« Nach diesen Worten wandte er sich an Endres und rang diesem förmlich das Stillschweigen in dieser Sache ab, während Endres nur stumm nickte und seine Blicke auf die andere Seite der Straße wanderten. Einige Dirnen standen frierend an die Häuserwand gelehnt, während andere immer wieder an Vorbeigehende herantraten, um diese in ihr Bett zu locken, oder vielleicht auch zu einem schnellen Stelldichein in irgendeiner verwinkelten Gasse. Doch kam er auch nicht umhin einige neugierige Blicke dieser Frauen zu bemerken, welche immer wieder verstohlen in ihre, oder vielleicht auch nur Romeros, Richtung blickten.
Mancher Adelige betrachtete die eine oder andere Dirne als seine persönliche Mätresse, in welche nur er seinen Schwanz schieben durfte. Endres fragte sich, ob Roméro auch die eine oder andere Dirne in dieser Stadt hatte, welche nur für ihn ihre Schenkel öffnete. Dirnen waren beinahe etwas wie die verruchten Augen und Ohren für so manchen Adeligen. Sie konnten Dinge in Erfahrung bringen, wie kein anderer, denn so mancher Mann gab sich in seiner Lust zu sehr hin und es lag in der Natur der Frau einem Mann seine Geheimnisse zu entlocken, wenn sie nur ihr Allerheiligstes für ihn öffnete. Wenn auch nur eine dieser Dirnen die Mätresse eines Mannes am Hof des Erzherzogs war, konnte alles, was sie zu berichten hatte, weite Kreise nach sich ziehen.
Als Endres die Dirnen, und ihre mangelnde Verschwiegenheit, zur Sprache gebracht hatte, um die Geschwister, beziehungsweise Roméro, dazu zu bewegen, eine andere Gegend aufzusuchen, da hatte dieser nur gelacht. »Ihr seid ein Schlitzohr, Graf Endarion, es scheint, als wären euch Tárhjarts Dirnen wohlbekannt ...« Endres verengte für einen Moment seine Augen zu zwei Schlitzen. Nein, die Dirnen dieser Stadt waren ihm ganz und gar unbekannt. »Ganz und gar nicht, Ser Roméro.« Den ritterlichen Titel des Erbgrafen sprach Endres vielleicht ein wenig zu scharf aus, doch dieser Spaßvogel ließ Endres mehr und mehr in einem schlechteren Licht dastehen. Was mochte nur die Komtess von ihm denken, wenn sie Romeros anzüglichen Worten Glauben schenkte? »Mir ist nur der Ruf dieser Frauen wohlbekannt. In Paltoria darf man einer Dirne niemals ein Geheimnis anvertrauen und ich denke, hier in Ariad, wird es sich kaum anders verhalten.« Mit diesen Worten war für Endres dieses Gespräch beendet. Unter dem Vorwand seinen Knappen zu suchen, entfernte er sich von Roméro und Valésia, nicht dass dieser am Ende noch dreistere Behauptungen von sich geben würde, und die Komtess am Ende gar das Interesse an ihm verlieren würde. Roméro mochte ja ein umgänglicher Zeitgenosse sein, und würde Endres nicht die Absicht hegen seinen Schwanz ausgerechnet zwischen die Beine seiner Schwester führen zu wollen, hätte er sich wohl niemals so distanziert gegenüber diesen derben Worten verhalten.
Als sie endlich eine Schenke gefunden hatten, welche für Endres' Geschmack weit genug vom Bordell entfernt war, hatte Roméro sogleich einen goldenen Wein bestellt. Endres rollte mit den Augen. Goldenen Wein aus Alatea zu bestellen war noch auffälliger als der versprochene Met, welchen Roméro ihm zugedacht hatte. Goldener Wein war selten und teuer, wenn sie Bürgerliche waren, dann zweifellos besser gestellte, wenn sie sich einen solchen Wein leisten konnten. »Ser Roméro, ob diese Wahl weise war?« Roméro winkte nur ein wenig genervt ab. »Mir ist es gleich. Niemand kennt uns hier. Was macht es für einen Unterschied? Und verwässerter Wein oder Dünnbier sind mir einfach ein Graus!« Endres kam nicht umhin ihm zuzustimmen. Wenn es nach ihm ginge, würde er auch viel lieber auf solchen Alkohol verzichten, wenn dies nur seine Geldbörse zuließe. Doch das konnte er unmöglich vor den beiden Grafengeschwistern zugeben. »Und diese Schankmaid dort, ist draller als jede Dirne, die ich in den Straßen Tárhjarts gesehen habe!«, lachte Roméro und warf Endres einen verschwörerischen Blick zu. »Lasst mich eines klarstellen, Ser Roméro. Ich bin noch nie bei einer Dirne gelegen, geschweige denn dass ich ein Bordell betreten habe …« Endres hielt für einen Moment inne um sich zu räuspern. »Nunja, das ist nicht ganz wahr. Ich war schon einige Male dazu gezwungen ein solches Etablissement betreten, doch diente dies nur dem Zweck der Tugend.« Roméro konnte sich ein geckenhaftes Kichern nicht verkneifen, als Endres diese Worte über die Lippen gebracht hatte. »Wahrlich tugendhaft, Graf Endarion.«, spitzelte Roméro doch Endres zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Mein unseliger knappe ist den Dirnen nicht gar so abgeneigt wie ich es bin und so musste ich ihn schon mehr als einmal aus deinem solchen Freudenhaus an den Ohren heraus schleifen. Wahrlich, ihr würdet euch gut mit ihm verstehen.«, gab Endres die Spitze an Roméro zurück. »Es scheint euch ja ein dringendes Anliegen zu sein, dies nochmals zu erwähnen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es schon längst vergessen.« Endres wandte seinen Blick von Roméro ab und wandte sich stattdessen an Valésia. »Ich wollte nicht, dass unausgesprochene Worte ein falsches Bild vermitteln.« Und er wollte nicht, dass sie schlecht von ihm dachte. Als die Schankmaid den Wein, welcher sich in einer grünen Glasflasche befand, und drei zinnerne Becher brachte, kam Endres nicht umhin ihren ausladenden Busen zu bemerkten. Vermutlich hatte Roméro ihn schon lange vor ihm bemerkt, und als die Schankmaid die Gläser auf dem Tisch abstellte und sich ein wenig vorbeugte, da gewährte sie den beiden Männern einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt. Beinahe schien es, als ob ihr praller Busen jeden Moment aus dem Kleid zu springen drohte. Nur eine sanfte Berührung wäre nötig um die lockere Schnürung ihres Kleides zu öffnen, und man hätte ihre prächtigen Brüste in den Händen halten können. Endres konnte das zufriedene Grinsen Romeros sehen, als sie sein Glas vor ihm abstellte und ihr Busen nur wenige Handbreit vor seinem Gesicht hing. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass dieser, beinahe dankbar der Bitte Valésias nachgekommen war, ihr einen Tee zu bringen.
Endres war dies gerade recht. So hatte er die Gelegenheit einige der Behauptungen, welche ihr Bruder über ihn gemacht hatte, wieder ins rechte Licht zu rücken. Als Roméro ihnen den Rücken gekehrt hatte, da legte Endres ein entschuldigendes Lächeln auf und versuchte die Komtess mit diesem Lächeln zugleich zu umgarnen und ihr Vertrauen für sich zu gewinnen. Doch kaum war Roméro gegangen, war es Valésia, welche das Wort ergriffen hatte. »Bitte vergebt meinem Bruder, er meint es nicht so...« Endres lächelte bescheiden. »Jeder Mensch geht mit der Last, welche ihm aufgebürdet wurde, anders um. Er hat etwas Erfrischendes an sich. Und vielleicht versucht er nur seiner Rolle als Bürgerlicher gerecht zu werden und genießt es, die Bürde der Ritterlichkeit für eine Weile hinter sich lassen zu können.« Endres Lächeln war beinahe gönnerhaft. »Er ist der Einzige, dem ich vertrauen kann, in dieser Schlangengrube von Adelsgesellschaft. Ich wage nicht einmal, meiner 'Vertrauten', der Hofdame Malinda, zu vertrauen, denn ich weiß nicht wirklich, wem ihre Loyalität gilt...« Endres nickte und ihre Worte bestätigten, was er sich insgeheim bereits gedacht hatte. Bei ihrer Zofe musste Endres äußerste Vorsicht walten lassen. Sie stand im Dienst des Grafen von Aramajé, auch wenn sie die Vertraute der Komtess war. »Wie gerne würde ich euch aus eurer Misere helfen, edle Komtess. Doch scheinen mir die Hände gebunden zu sein. Weder mein Stand, noch meine Abstammung lassen mehr zu, als euer Freund sein zu dürfen. Doch werde ich euer Vertrauen in mich nicht enttäuschen, darauf habt ihr mein Wort.« Endres sah ihr tief in die Augen und rutschte mit seinem Stuhl ein wenig näher an den Tisch heran. Auch die Komtess beugte sich ein wenig zu ihm vor und ein verschwörerischer Blick bemächtigte sich ihrer. »Darf ich offen sprechen?«, flüsterte sie so leise, dass ihre Worte kaum zu hören waren. »Es wäre mir eine Freude.«, erwiderte Endres mit einem ebensolchen Flüstern.
»Ich kann an nichts anderes mehr denken, als an euch... Ihr habt meine Welt ins Wanken gebracht und es quält mich...Ich habe euch gestern gefragt, ob ich euch wiedersehe, und da wart ihr plötzlich so kühl…« Endres Lächeln gefror auf seinen Lippen. Seine Gedanken flogen zu jener Begegnung, an diesem kalten Wintertag. »Das lag nicht in meiner Absicht, werte Komtess.«, gab Endres ein wenig kleinlaut zu. »Auch mich verzehrte es nach einem Wiedersehen mit euch, und ich danke dem Schicksal jedes Mal aufs Neue, wenn sich unsere Wege kreuzen. Doch weder wollte ich in euch falsche Hoffnungen schüren, noch wollte ich eure Bitte ausschlagen. In jenem Moment schien mir die Antwort, welche ich euch gab, so zuversichtlich und zugleich nicht zu unsittlich. Wie könnte ich euch eine Bitte ausschlagen? Ihr seid der Stern meiner Nacht und ohne euch ist die Nacht kühl und trostlos.« »Wir beide sollten wissen, dass wir etwas Verbotenes getan haben, und doch gab es nie etwas reizenderes für mich, als euch begegnet zu sein.« »Eure Worte sind Balsam für meine Seele, edle Komtess.« »Ich denke ständig daran, wieso die Götter so grausam sind, und mir euch vor die Nase setzen, jetzt, wo ich den Erbprinz von Olathor ehelichen soll, den ich nie wollte... « »Und es schmerzt mich zu sehen, wie ihr leidet, je näher der Tag eurer Vermählung rückt. Ihr habt weit Besseres verdient, als diesen Mann ohne Ehre, der euch nicht zu würdigen weiß, wie es euch zusteht.« Valésia seufzte, ob wegen Endres Worten, oder einfach wegen den Gefühlen, welche in ihr durcheinander gerieten, konnte er nicht bestimmend sagen. »Ich bin nicht so närrisch, dass ich nicht weiß, dass es nicht sein kann... Und doch habe euch um ein Wiedersehen gebeten, wie eine ungezogene, närrische Bauerstochter...« »Und nun sitzt ihr hier vor mir, wie es das Schicksal wollte, und tragt das Gewand einer Bürgerlichen. Einer Bürgerlichen, der keine solchen Zwänge auferlegt sind, wie einer Frau eures Standes.« Er lächelte sie aufmunternd an und legte ihr seine Hand auf die ihre. »Seht euch um. Außer mir und eurem Bruder ist niemand hier. Ihr braucht euch weder für eure Gefühle, noch für eure Worte zu schämen. Sie kommen aus einem ehrlichen Herzen und wer bin ich, euch eine Närrin zu nennen?«
Als Valésia im eröffnete, dass sie die nächsten Tage mit vielen Dingen beschäftigt sein würde, ließ er ihre Hände wieder los. Er war ebenfalls kein Narr. Die Zeit spielte gegen sie. Vor einer Hochzeit gab es so viele Dinge zu erledigen und nun, da sie sich langsam in die Burg, wie auch die Stadt, eingelebt hatte, musste sie ihren lästigen Pflichten langsam nachkommen. »Ich mache euch keine Vorwürfe. Wenn es nach mir ginge, würde ich euch auf Händen tragen, wohin ihr auch immer gehen wollen würdet.« »Ich hätte nicht so mit euch sprechen dürfen. Bitte vergebt mir, und vergesst meine Worte wieder.« Endres schüttelte sanft den Kopf. »Es gibt nichts zu vergeben. Und wie könnte ich eure Worte je vergessen? Eure liebliche Stimme wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Ihr seid eine freie Frau, Komtess von Aramajé. Ich bin weder ein König, noch der Erzherzog. Eure Worte waren weder ungebührlich, noch braucht ihr euch dafür zu entschuldigen. Und wenn ich ehrlich bin, empfinde ich genau wie ihr, wenn ich an euch denke.« Valésia wandte den Blick von ihm ab und hielt, beinahe verkrampft, den zinnernen Becher in ihren beiden Händen. Endres beugte sich auf dem Tisch vor und legte seine beiden Hände über die ihren und zog diese sachte zu sich heran. »Grämt euch nicht, Valésia. Die Götter waren euch die letzten Tage wohlgesonnen. Vielleicht haben sie ein Einsehen in ihrem grausamen Spiel, wenn sie sehen, wie sehr euch diese Heirat betrübt.« Endres sah sich ein wenig verstohlen um. »Auch wenn es beinahe an Hochverrat grenzt, und ich es kaum wage diese Worte auszusprechen. Doch ein wilder Eber, oder ein verirrter Pfeil sind auf einer Jagd keine Seltenheit. Es liegt in der Hand der Götter, und wer weiß? Vielleicht erhören sie ja eure Gebete.« Am liebsten hätte er ihre Hände geküsst, oder ihr sanft durch ihr lockiges Haar gestreichelt, doch näherte sich Roméro wieder dem Tisch und da zog Endres hastig die Hände von denen der Komtess zurück. »Dein Tee, liebste Schwester. Ich hoffe ihr habt euch nicht zu sehr gelangweilt, während ich fort war?« Er lächelte Valésia an und zwinkerte kurz darauf Endres verschwörerisch zu.
Als Roméro wieder lässig auf seinem Stuhl Platz genommen hatte, schenkte er sich sogleich wieder etwas von dem Wein in seinen Becher und seufzte theatralisch. »Graf Endarion, ich muss euch zu eurem erlesenen Geschmack gratulieren.« Endres sah Roméro stutzend an und verstand zunächst nicht so recht, worauf dieser hinaus wollte. Hatte er gesehen, wie er Valésias Hand gehalten hatte? Nein, dann würde er vermutlich ganz anders reagieren. Außer Valésia täuschte sich in dem Vertrauen in ihren Bruder. »Diese Schenke ist wirklich ein Kleinod.« Bei diesen Worten atmete Endres erleichtert aus, während Roméro seinen Kopf in die Richtung der Schankmaid wandte. »Verzeiht, Ser Roméro.«, räusperte sich Endres und lenkte so die Aufmerksamkeit des Ritters wieder auf sich. »Verzeiht mir die Frage, aber seid ihr nicht der Ältere von euch Beiden?« Roméro nickte und ein fragender Blick legte sich auf seine Augen. »Warum fragt ihr?« »Zweifellos hat der Schwertstreit, zu dessen rühmlichen Ende ich euch noch gar nicht richtig beglückwünscht habe, euch noch keine Gelegenheit gelassen den Bund der Ehe zu schließen.« Roméro lachte und nickte dankend. »Ja, mein Vater hofft durch die Verbesserung seiner Stellung bei Hofe, aufgrund der Heirat Valésias, für mich eine bessere Partie zu arrangieren.« »Ich verstehe …«, nickte Endres und Roméro gluckste erheitert. »Mir solls' Recht sein. Wenn ich ehrlich bin, bin ich kein Mann für die Ehe.«
Endres brannten noch mehr Fragen auf der Zunge. Eine dieser Fragen war auch, wann er endlich zu der Dirne, oder eben der Schankmaid zu gehen gedachte, damit er sich ungestört mit Valésia unterhalten konnte. Doch hätte er es nie gewagt diese Frage laut auszusprechen, und alle anderen rückten in den Hintergrund, als ein Mann die Schenke betrat. Endres stutzte zunächst, als ihm dieser Mann seltsam vertraut erschien, obwohl er ein Fremder in dieser Stadt war. »Verzeiht, aber dieser Mann dort, kommt er euch nicht auch so bekannt vor wie mir? Ich kann mich nicht erinnern ihn am Hofe des Erzherzogs gesehen zu haben.« Sowohl Roméro, als auch Valésia wandten ihre Köpfe zur Tür um, und beinahe im selben Moment wandten sie erschrocken wieder ihre Blicke von dem Mann ab. »Verdammt. Das ist Reimund.«, raunte Roméro und beschattete sein Gesicht mit seiner rechten Hand. »Wer ist Reimund?«, hakte Endres in einem gedämpften Flüsterton nach. »Einer unserer Stallburschen. Er versorgt die Pferde meines Vaters, wie auch die meiner Schwester.«
Roméro von Aramajé ❖
02.06.2013 '22:29 [2.850 Wörter]
 oméro füllte sich seinen Becher erneut mit Wein und leerte diesen Becher Schluck für Schluck, und mit sichtlichem Genuss. „Wenn ich ehrlich bin, ich bin kein Mann für die Ehe. Doch bin ich nun einmal der rechtmäßige Erbe unseres Vaters, wenn auch nicht der Erstgeborene, doch zumindest einer der zähen, die es geschafft haben, zu überleben. Zwei Söhne sind gestorben, bereits im Säuglingsalter. Und ich bin auch nicht dazu geschaffen, das Erbe unseres Vaters eines Tages anzutreten. Vater ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, als ich es bin...“ Er warf einen kurzen Blick auf Valésia und sprach dann weiter „... oder meine Schwester... Er ist unnachgiebig, diszipliniert, ausgefuchst, unerbittlich und ausgesprochen ehrgeizig. Alles Eigenschaften, die ich nicht besitze. Als er Vasall wurde, war Aramajé nichts. Eigentlich ist es auch heute noch nichts, Brachland, untauglich zum Ackerbau, doch es ist bewundernswert, wie er den Reichtum gehäuft hat, und das nur durch seine klugen Ideen mit dem Bernstein...“ sinnierte er. „Doch ich, ich bin ganz anders...“ Valésia beugte sich zu ihrem Bruder hinüber und wisperte ihm etwas ins Ohr. „Da, beim Hinterausgang, vermute ich... Doch erschrecke dich nicht all zu sehr...“ grinste er. Valésia erhob sich und nickte dem Grafen Endarion zu „Bitte entschuldigt mich...“ Dann wandte sie sich ab und verließ den Tisch und den Schankraum durch den Hinterausgang.
 Roméro wandte sich wieder Valésia zu. „Wo war ich gerade...“ murmelte Roméro, als Valésia gegangen war, und starrte auf den Boden seines leeren Bechers. Er schenkte sich nach und füllte auch ungefragt den Becher des Grafen Endarion. „Ach ja... Ich bin nicht dazu geeignet, das Erbe meines Vaters anzutreten. Ich habe eine ganz andere Auffassung vom Leben als er. Für ihn zählt nur Macht, Reichtum und Ansehen. Ich wäre ein Lügner, wenn ich bestreiten würde, dass das Leben als Adeliger durchaus seine Annehmlichkeiten hat. Ich wäre der schlechteste Vasall, den der König je hatte...“ grinste er und nahm einen Schluck des süßen Goldenen. Obgleich ich auch Ruhm und Ehre für unser Haus gebracht habe, ich habe beim Schwertkampfturnier den Sieg errungen und wurde so zum Ritter geschlagen. Vater war sehr stolz auf mich, ich glaube, es war das erste Mal, dass er so etwas wie Stolz für mich empfunden hat. Es ist nicht leicht, unseren Vater zu beeindrucken, er ist sehr stolz und voreingenommen von sich." Er senkte seine Stimme ein wenig und beugte sich etwas weiter über den Tisch. „Besonders, weil er geschafft hat, was eigentlich unmöglich war. Meine Schwester ist das Paradebeispiel dafür. Wie viele ihrer Bewerber hat er abgewiesen, vertröstet, nicht angehört, hat dadurch viele Kränkungen ausgeteilt, viele Unmutsbekundungen einstecken müssen, als er feststellte, zu welch wunderbarer Schönheit sie erblüht war... Er hat Valésia wie einen kostbaren Schatz abgeschirmt, als wäre sie keine heiratsfähige Frau, und das ist sie ja schon seit drei Jahren, das muss man sich vorstellen, drei Jahre hat Vater diese Farcé gespielt... Sie war schon damals und ist noch heute eine vornehmlich schöne Frau mit beneidenswerten Reizen und Vorzügen, klug, gut erzogen, eine wahrhaft glänzende Partie. Obgleich ich ihr Bruder bin, bin ich auch nur ein Mann, und blind bin ich auch keineswegs..." Er hielt ein und versuchte sich dem Grafen zu erklären "Ich denke, ich muss euch nicht erklären, dass aus mir nur die Liebe und der Stolz spricht, welche ich für meine Schwester hege, keinesfalls Begehren oder ähnliche niedere Instinkte, wie sie in manchen anderen Adelsfamilien üblich sein mögen..." Erneut trank Roméro von dem süßen Wein... "Vater wusste, dass er, wenn er nur abwarten würde, in manchen höheren Adelshäusern das Begehren um die 'Bernsteinrose' entflammen und schüren konnte... Und so hat er einigen Unmut, und auch das Risiko auf sich genommen, dass Valésia vielleicht eines Tages plötzlich zu alt ist, um sie standesgemäß zu verheiraten, nur, um abzuwarten, ob sich nicht ein besserer Bewerber findet, als ein gewöhnlicher Graf, wie er selbst einer ist... Und dann, wie durch einen, für ihn, glücklichen Zufall, verstarb die Frau des Erbprinzen. Wie ein Löwe hat Vater gekämpft, war sich nicht zu fein, Spott und Hohn auf sich zu nehmen, von all den höheren Adelshäusern, und seine Mühen und Risiken der ganzen vergangenen Jahre wurden belohnt. Nur der König steht über dem Erzherzog, und Königin kann eine Komtess wahrlich nicht werden, dies steht nur einer Dame vom Hochadel zu. So gesehen hat unser Vater das Unmögliche geschafft. Doch wenn es nach mir ginge, würde ich Valésia nicht dem Erbprinzen zum Manne geben. Wie ich ja vorher bereits anklingen ließ, halte ich vom Erbprinzen gar nichts. Valésia ist gänzlich ungeeignet, seine Frau zu werden, jede andere Frau von Adel wäre eine bessere Wahl, aber das liegt einzig und alleine an Valésias Persönlichkeit, und nicht daran dass ich sie nicht gut genug hielte, dass sie vielleicht eines Tages auch Erzherzogin werden könnte, man kann nie wissen. Hätte Valésia nur die entsprechende Ahnentafel und noch strengere Erziehung genossen, würde ich es für absolut denkbar halten, dass sie von einem König gefreit würde... Aber Valésia strebt nicht nach Macht, Reichtum oder Ansehen. Sie kann dem Adeltum nichts abgewinnen, das ist einfach die falsche Welt, in die sie da hineingeboren wurde... Wie oft hat sie mir schon gesagt, sie würde den nächstbesten Stallburschen ehelichen wollen, wenn er nur ein gutes Herz besäße, oder sie lieben würde? Und der Erbprinz ist ein kalter Stein, ein Lump ist noch sehr höflich formuliert, treffender wäre ein unverbesserlicher Vollidiot. Anfangs dachte ich, es würde sich alles schon einrenken, aber ich glaube nicht mehr, dass es das wird. Er lässt Valésia tagtäglich spüren, wie unwürdig sie seiner ist, er holt sich Huren ins Bett, und es interessiert ihn nicht, ob sie vor den Augen meiner Schwester ein und ausgehen. Einmal hat sie ihn in seinen Gemächern aufsuchen wollen, da lag er wohl gerade mit zwei Dirnen im Bett. Danach hat er Valésia angeschrien, was ihr einfiele, ihn ohne jegliche Erlaubnis aufzusuchen. Er ist jähzornig, arrogant und Selbst verherrlichend. Valésia ist viel zu gut für ihn.“ Er senkte seine Stimme noch ein wenig und meinte „Es gibt Gerüchte, dass der Erbprinz seine erste Frau im Zorn erdrosselt hat, wahrscheinlich, weil sie ihm keine Kinder gebären konnte. Acht Jahre erfreute sie sich bester Gesundheit und von einem Tag am anderen war sie Mausetot. Und die Gerüchte besagen weiters, dass es gar nicht an seiner Frau lag. Die Gerüchte, dass sowohl Erbprinz Vego, der ruhmreiche Goldritter..." spöttelte Roméro, "... als auch Erbprinz Merik... aktuell auch noch kein Ritter..." lachte er leise, "... unfähig sind, Kinder zu zeugen, sind nicht unumstritten. In acht, beziehungsweise elf Jahren ist es keinem der beiden gelungen, auch nur ein Kind zu zeugen. Nicht einmal eine der zahllosen Mätressen oder Huren, die beide hatten oder haben, hat je einen Bastard geboren. Es kann also nicht an den Frauen liegen, es muss an den Erbprinzen liegen! Und Valésia hat keine acht Jahre Zeit. Ich mache mir wirklich ernsthafte Sorgen um sie.” Romeros Blick war ernst und er schob seinen leeren Becher beiseite. “Wie gern würde ich sie an der Seite eines Grafen vom selben Stand, eines Gutbürgerlichen, eines Kaufmannsohnes oder gar eines Lumpensammlers sehen, wenn Valésia ihn nur als den Rechten ansieht, und er auch erkennt, welch unschätzbar kostbare Persönlichkeit sie ist. Ich kenne euch kaum, Graf Endarion, und doch erscheint ihr mir ein Mann von Ehre und Ritterlichkeit zu sein, wenn eure Worte, die ihr von euch gebt, der Wahrheit entsprechen. Ich würde ungeschaut sogar euch die Hand meiner Schwester geben, auch wenn ihr nur ein Paltore seid...” Er räusperte sich und grinste schief. “Verzeiht, es ist nichts persönliches, doch wie ihr vielleicht schon gehört habt, vermischen die Ariader ihr Blut nicht mit anderen Völkern. Es ist eine Schande, wenn eine ariadische Frau sich mit einem nicht ariadischen Manne einlässt, geschweige denn, ihn heiratet. Adelige Kinder aus solchen Verbindungen werden jegliche Rechte abgesprochen, sie sind nicht besser, als Bauernbastarde. Frau und Kind müssen im schlimmsten Fall beide ihr Leben lassen. Das ist Ariad. Ich kenne Paltoria nicht, doch ich nehme an, dass es nicht so ist. Alles wäre besser für Valésia, als Olathor...”
Roméro schwieg und lauschte dem Heulen und Pfeifen des Windes, welcher um die Ecke blies und drehte nachdenklich die leere Glasflasche in seiner Hand. Valésia betrat den Schankraum wieder und ließ sich wieder auf ihren Platz nieder. Roméro indes ließ seine Blicke durch die Schenke schweifen und als er die Blicke der Schankmaid auf sich ruhen sah, hob er gestikulierend die Flasche hoch und die Schankmaid nickte verstehend. Nach wenigen Augenblicken kam sie an den Tisch der drei, mit einer Braunglasflasche. “Verzeiht, aber das war die letzte Flasche vom Goldenen. Darf es vielleicht auch ein Met sein?” Sie hielt die Flasche vor Romeros Nase und dieser grinste. “Aber natürlich, mein schönes Kind, Met habe ich hier noch keinen getrunken...” Die Frau nickte und öffnete die Flasche. “Ah ihr habt ja noch Wein in euren Bechern, ich stelle euch die Flasche einfach hierher, in Ordnung?” Roméro hatte sich in dem einladenden Dekolleté der Schankmaid verloren, und als sie abwartend stehenblieb, riss er sich wieder aus seinen Tagträumen. “Aber ja, aber ja, ich schaffe es noch, uns einzuschenken. Ich hoffe, ihr könnt mir vielleicht später zur Hand gehen..” grinste er vielsagend und die Schankmaid errötete und lächelte.
Romeros Grinsen verschwand aus seinem Gesicht, als Graf Endarion meinte “Verzeiht, aber dieser Mann dort, kommt er euch nicht auch so bekannt vor wie mir? Ich kann mich nicht erinnern ihn am Hofe des Erzherzogs gesehen zu haben“ und er seinen Kopf in die Richtung drehte, in die Endarion bedeutete. “Verdammt. Das ist Reimund. Einer unserer Stallburschen. Er versorgt die Pferde meines Vaters, wie auch die meiner Schwester. Was macht der Bastard hier? Er verdirbt und ja alles... Verderben ist noch gelinde gesagt... Würde ich jetzt meine Kleidung tragen, könnte ich zu ihm gehen und ihm den Marsch blasen, aber ihm in diesen Gewändern gegenüber zu treten, erscheint mir eher unklug...” flüsterte er. Er schien fieberhaft zu überlegen, dann hellte sich seine Miene auf. Er erhob sich, so unauffällig er nur vermochte, und trat an den Hilfsjungen des Wirtes heran, der hinter der Ausschank stand und in einem Bottich Becher wusch und raunte ihm verschwörerisch zu “He, Junge, hör einmal her, ich hab einen hübschen Auftrag für dich!” Er hielt dem Jungen einen Münze vor die Nase. “Hier hast du einen Heller. Lauf damit hinaus, und such dir die hübscheste Dirne aus, die du nur findest. Du sagst ihr, dass sie hierher kommen soll, und sich dem Mann da drüben an den Hals werfen soll. Sie soll sich irgendetwas einfallen lassen, dass der Mann glaubt, heute sei sein Glückstag, und er bekäme ein Stelldichein mit ihr für umsonst. Wenn du tust, wie ich dir geheißen, dann bekommst du ebenso eine Münze. Hast du das verstanden?” Der Junge nickte eifrig, ließ den Becher, den er gerade polierte, in den Bottich zurückfallen, schnappte sich die Münze und eilte aus der Schenke. Zufrieden sah Roméro dem Jungen nach, und ging zurück an ihren Tisch. Reimund hatte sie glücklicherweise nicht bemerkt, und hatte sich dazu noch mit dem Rücken zu ihnen an einen Tisch gesetzt. Valésia blickte ihren Bruder fragend an “Was hast du mit dem Jungen besprochen?” Roméro grinste nur “Warts ab, es gibt keinen größeren Hurenbock, als Reimund...” Und nach kurzer Zeit kam der Junge mit einer Dirne zurück, deutete auf Reimund und die Dirne nickte, zog sich ihren Ausschnitt ein wenig nach unten, strich sich ihr Haar glatt und setzte sich frech auf die Tischkante an Reimunds Tisch. Sie becircte den Stallburschen, und es dauerte nicht lange, da erhoben sie sich, und verließen die Schenke. Roméro grinste breit. “Dass das wirklich funktioniert hat. Hätte ich mir ehrlich gesagt nicht gedacht...” gab er zu und klärte die beiden auf. “Ich hab dem Jungen gesagt, er soll ihr eine Dirne holen. Reimund ist der größte Hurenbock in unserem Tross, behaupte ich...”
Seine Miene wurde ein wenig betreten “Mit diesen Münzen hatte ich eigentlich etwas anderes geplant, als unserem Stallburschen eine Dirne zu bezahlen...” maulte er. Aber dann fiel sein Blick auf die Schankmaid und seine Miene entspannte sich wieder. Dann ließ er den Blick auf die Flasche Met wandern. “Met, Graf Endarion, so unverhofft..." deutete er grinsend auf den Hinweis Endarions an, als dieser meinte, wie auffällig es wäre, für augenscheinliche Lumpen, wie die Geschwister es waren, teuren Met zu bestellen. "Los, los, trink deinen Wein aus, Schwesterlein...” trieb er Valésia an und diese tat, wie ihr geheißen. Sofort goss er alle drei Becher mit dem bernsteinfarbenen Getränk auf. “Ich weiß nicht, wie ihr das seht, mein lieber Graf Endarion, aber wir sitzen hier in einer bürgerlichen Schenke, teilen so manches Geheimnis und so manche Vertraulichkeit, und ich bin es leid, diese starre, förmliche Anrede aufrecht zu erhalten. Lasst uns die Becher heben, wir trinken auf 'Du', und wir trinken auf mich und auf meinen genialen Schachzug, wie ich Reimund vertrieben habe...” grinste er. Roméro warf einen Blick auf seine Schwester. “Dich stört das doch hoffentlich nicht?” fiel ihm ein und Valésia schüttelte den Kopf. “Na wunderbar!” nickte er und hob den Becher und prostete Graf Endarion zu. “Roméro, wenns beliebt, und den Namen meiner liebreizenden Schwester kennst du ja auch bereits, Endarion...” Der Wind, der um die Ecken pfiff, hatte sich allmählich zu einem wahren Sturm zusammengebraut, und Roméro sah argwöhnisch aus dem Fenster. “Da braut sich ein wahrer Schneesturm zusammen, Valésia, und es ist bereits dunkel...” Dann zuckte er jedoch die Schultern und trank weiter seinen Met.
Als die zweite Flasche leer war, erhob er sich, entschuldigte sich bei den beiden anderen und ging durch den Hintereingang nach draußen, zum Abort. Valésia gedachte Endarions Worte, die er zu ihr gesagt hatte, und sie musste unwillkürlich lächeln. Zuvor hatte sie auf seine Worte nicht wirklich viel erwidert, und auch jetzt fiel ihr nichts ein. Sie hatte ohnehin schon mehr zu sagen gewagt, als sonst. “Ich weiß nicht, was ich sagen soll...” gestand sie ihm. Sie schwieg einen kurzen Augenblick, dann begann sie “Deine Worte klingen noch immer in mir nach...” Sie senkte scheu die Augen und starrte eine tiefe Kerbe in der Tischplatte an. Es kam ihr so ungezogen vor, den Grafen Endarion zu duzen... “Ich bin es nicht gewohnt, mein Herz so auf der Zunge zu tragen, und noch weniger bin ich eine solche Nähe gewohnt... und solche Berührungen...” meinte sie, als sie seine warmen Hände auf den ihren spürte, die bislang auf der Tischplatte geruht hatten. “Aber es tut so gut...” flüsterte sie und blickte zur Tür, ob Roméro nicht gerade wieder herein kam. “Wäre ich eine freie Frau, dann wüsste ich, was ich zu tun hätte. Aber ich bin keine freie Frau. Es steht mir nicht zu, mein Leben selbst zu bestimmen, das erledigen andere für mich, und in Zukunft wird es noch schlimmer werden. Valésia fühlte sich tief traurig in diesem Moment, und sie nahm sich sehr zusammen, dass sie nicht zu weinen begann. Ganz sicherlich tat der Alkohol zu ihrer betrübten Stimmung sein Übriges. Als sie sah, wie sich die Türe zum Hinterausgang öffnete, zog sie schnell ihre Hände zurück. Die Tür flog gegen die hölzerne Wand und unzählige dicke Schneeflocken wurden in die Stube getrieben, und Roméro wurde förmlich in den Schankraum getrieben. Er zitterte nicht wenig und trat missmutig an den Tisch. “Verdammt! Was für ein Schneegestöber!” wetterte er und ließ sich auf seinem Stuhl nieder. “Valésia, ich kann heute unmöglich zurück in die Burg, dazu habe ich zuviel getrunken. Und das Wetter ist mehr als grausam, es ist arschkalt, verzieh, und man sieht kaum die Hand vor Augen. Ich würde den Weg nicht zurück finden...” entschuldigte er sich. “Es ist besser, wir nächtigen heute hier...” Valésia schien ein wenig nervös als sie ihn fragte “Aber was wird man dazu sagen, dass wir nicht zurückgekehrt sind?” “Ah, was kümmerts mich?” winkte Roméro lapidar ab. “Ich erkläre das morgen, mach dir keine Sorgen, Valésia, sie werden doch wohl damit rechnen, dass uns der Schneesturm überrascht hat, und heute wird niemand mehr nach uns suchen...” Valésia nickte, allerdings ein wenig sorgenvoll. “Ich kümmere mich um die Zimmer. Zwei... nein, drei? Endarion? Besser wäre das, ich komme natürlich dafür auf, ist ja immerhin meine Schuld... Jetzt mach nicht so ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, Valésia... Es schneestürmt ja nur...” grinste er und fragte sich, ob es dieses Wort tatsächlich gab. Er ging zu dem Wirt, und besorgte drei Zimmer. Einen Schlüssel händigte er Valésia aus, und einen Grad Endarion. “Valésia...” murmelte er, als sein Blick auf die Schankmaid fiel “Besser wärs, du brauchst heute nichts mehr von mir...” Dann wandte er sich dem Grafen Endarion zu und klopfte ihm auf die Schulter “Darf sich Valésia an dich wenden, wenn sie etwas brauchen sollte? Ich glaube ohnehin nicht, dass es nötig sein wird, aber für alle Fälle?” Roméro brachte Valésia noch zu ihrem Zimmer. “Versperr die Türe!” ermahnte er sie und hielt ihr den Schlüssel dicht vor die Nase. “Man weiß nie, ob sich nicht Gesindel herumtreibt... Gute Nacht, süße Schwester...” küsste er sie noch auf die Stirn. Dann verließ er ihr Zimmer und lief noch einmal hinunter in den Schankraum, auf der Suche nach der drallen Schankmaid...
Vertraute Zweisamkeit ❖
08.06.2013 '18:18 [3.045 Wörter]
 achdenklich lauschte Endres den Worten Ser Roméros, während er immer wieder verstohlene Blicke zu seiner Schwester, der Komtess von Aramajé warf. Eigentlich interessierte ihn die Lebensgeschichte von Valésias Bruder nicht im Geringsten, doch gewährte es ihm einige oberflächliche Einblicke in die Familie der beiden Geschwister. Immer wieder rang er sich ein Lächeln ab, welches mehr der Höflichkeit entsprang, als ehrlichem Interesse oder gar Freundlichkeit. »Obgleich ich auch Ruhm und Ehre für unser Haus gebracht habe, ich habe beim Schwertkampfturnier den Sieg errungen und wurde so zum Ritter geschlagen.« Da horchte Endres auf und räusperte sich. »Verzeiht. Ihr habt eure Ritterwürde durch den Sieg bei einem Turnier erhalten?«, fragte Endres nach und Roméro nickte. »Der Schwertstreich.« Endres sah ihn nur fragend an. Er war zwar schon einige Zeit in Ariad und kannte viele Regeln und Gepflogenheiten, die hier galten, aber in Paltoria undenkbar schienen. Auch hatte er schon dem einen oder andern Turnier beigewohnt, doch meist nur in Begleitung einer jungen Dame, derer seine ganze Aufmerksamkeit gegolten hatte, weshalb er meist nur am Rande mitbekommen hatte, wer gewonnen hatte. Roméro lächelte wissend, als er Endres' fragenden Gesichtsausdruck sah. »Ja, wir Ariader sind anders. Bei uns wird man nur zum Ritter geschlagen, wenn man den Schwertstreich für sich entscheidet.« Da nickte Endres anerkennend. »Dann ist die Ritterwürde in Ariad etwas ganz besonderes, wie mir scheint. Nicht jeder Mann ist fähig ein solches Turnier zu gewinnen.« Roméro nickte mit seiner Hand ab, doch schwieg er. »Ich war schon ein oder zwei Mal bei einem Buhurt anwesend, wie er in einigen Lehen Ariads ausgetragen wird. Wahrlich ein unübersichtliches Geraufe aus Klingen und Rüstungen.« Da lachte Roméro und stellte den Becher auf dem Tisch ab. »Ja, das könnt ihr laut sagen. Man möchte fast sagen, dass es mehr Glück als Können ist, die ersten Minuten bei einem Buhurt zu überstehen.« »Und nichtsdestotrotz habt ihr alle anderen geschlagen.« Endres sah Roméro aus neuen Augen an. Dieser Mann war zweifellos ein hervorragender Schwertkämpfer. Endres hatte bei ihrer Ersten Begegnung nicht den Eindruck gehabt, Roméro würde zu mehr taugen, als Wein zu trinken und Dirnen zu vögeln. »Ich muss zugeben, ich habe euch falsch eingeschätzt, Ser Roméro.«, gestand Endres ein wenig kleinlaut, doch Roméro lachte nur. Vermutlich lag es am Wein, oder einfach daran, dass er ein eher sonniges Gemüt besaß. Die anfänglichen Worte, welche Endres als geheime Sticheleien aufgefasst hatten, bekamen so eine gänzlich neue Bedeutung. »Zweifellos blickt eure Schwester zu euch auf, seitdem ihr die Ritterwürde erhalten habt, nicht wahr?«
Roméro wechselte das Thema und kam auf seine Schwester zu sprechen. Was nicht sonderlich verwunderlich war, denn Endes hatte, durch seine Frage, indirekt diesen Wechsel heraufbeschworen. Doch ihm war dies gerade Recht. Roméro war betrunken und Valésia war nicht zugegen. Vielleicht konnte er irgend ein Geheimnis aus Roméro herauskitzeln, oder Dinge über die schöne Edle erfahren, die er sonst nie in Erfahrung bringen würde. Er sprach von ihrer Schönheit und ihren Vorzügen. Alles Dinge, dessen sich Endres ohnehin schon bewusst war. Auch, dass Roméro nicht viel vom Erbprinzen hielt, war Endres bereits bekannt. Schließlich hatte er es erst vor wenigen Stunden in der Gasse, nahe des Bordells angedeutet. »… Valésia ist viel zu gut für ihn.«, seufzte Roméro und Endres nickte stumm. »Hat eure Schwester denn irgendwelche Wünsche? Oder gab es gar einen Mann, für den sie heimliche Gefühle hegte?«, fragte Endres neugierig doch konnte er Romeros Blicke nur schwerlich deuten. »Ihr, als euer Bruder wisst das doch sicher. Ihr beide wirkt so vertraut zueinander. Ich kann mit eurer Schwester mitfühlen. Sie ist eine wunderschöne Frau und liebreizend. Es ist wahrlich eine Schande, dass sie ihr Leben bald mit einem Mann, bar jedwelcher Persönlichkeit verbringen muss.« Da gluckste Roméro. »Ja, die ganze Familie ist ohne Persönlichkeit.« Er erzählte Endres die Gerüchte, welche man sich über die beiden Brüder und Erbprinzen erzählte, und für Endres klang dies alles ziemlich einleuchtend. »Sind das Gerüchte der Gemeinen, oder die Gerüchte der Dirnen?«, fragte Endres mit einem herausfordernden Blick. »Ihr selbst seid kaum länger in der Stadt als ich es bin.« Da grinste Roméro breit, von einem Ohr zum anderen. »Ich glaubt nicht, wie viel Tratsch bei Hofe kursiert. Aber ja, die eine oder andere Dirne ist auch sehr redselig.« Er legte eine kurze Pause ein, welche er dazu nutzte einen Schluck Wein zu trinken. »Sehr lästig, wenn die Weiber so viel reden müssen.« Das rang selbst Endres ein ehrliches Kichern ab. »Die Gerüchte, dass sowohl Erbprinz Vego, der ruhmreiche Goldritter …« Das letzte Wort sprach Roméro beinahe spöttisch aus und grinste dabei. »... als auch Erbprinz Merik ... aktuell auch noch kein Ritter ...« Dieses Mal lachte Roméro sogar leise. »… unfähig sind, Kinder zu zeugen, sind nicht unumstritten.« Endres hob seine Hand ein wenig an, um dem Ritter um einen Augenblick des Schweigens zu bitten. »Verzeiht mir meine Frage. Aber was ist so besonderes an Vego, dass man ihn den Goldritter nennt? Er machte auf mich bisher keinen sonderlich strahlenden Eindruck«, gestand Endres und Roméro sah Endres belustigt an. »Ihr wisst nicht, was das bedeutet?«, fragte er mit einem breiter werdenden Grinsen. »Nein. Ich bin, wie ihr sicher wisst, Paltore und kein Ariader«, gestand Endres ein wenig leiser und Roméro nickte grinsend. »Der Erzherzog sitzt auf dem Gold wie ein Drache auf seinem Hort. Man sagt, er ist wohlhabender als der König selbst! Doch halte ich das für überkandiertes Geschwätz, bei all den Steuern, welche der König alljährlich abgreift. Allein die Küstenpacht, welche die freien Städte jedes Jahr an ihn entrichten müssen könnten die Bernsteinkammer zum Bersten bringen.« Das beantwortete nicht wirklich Endres Frage, doch er nickte nur. »Und da seine Söhne anscheinend nur zum Dirnen ficken und weder zum Kinder machen, noch zum Kämpfen taugen, hat der Erzherzog seinem älteren Sohn Vego die Ritterwürde gekauft. Zwei Mal ist Vego bereits zum Schwertstreich angetreten, habe ich gehört. Und beide Male flog er schon in der ersten Runde aus dem Sattel. Man munkelt er hat über zweihundert Reichskronen für den Ritterstand hingelegt. Pures Gold!« Endres Blicke hellten sich auf, als er die Bedeutung der Worte verstand. »Ah, daher der Titel Goldritter.« Roméro nickte eifrig. »Ja, er hat sich den Titel gekauft und ihn nicht im Schwertstreich erworben. Er ist kein wahrer Ritter, nur ein verzogener Hochgeborener, der sich mit fremden Federn schmückt.« Endres konnte die missbilligende Verachtung in Romeros Stimme vernehmen.
Schließlich vernahm Endres doch ein paar Worte, die ihm gefielen. »Ich kenne euch kaum, Graf Endarion, und doch erscheint ihr mir ein Mann von Ehre und Ritterlichkeit zu sein, wenn eure Worte, die ihr von euch gebt, der Wahrheit entsprechen. Ich würde ungeschaut sogar euch die Hand meiner Schwester geben, auch wenn ihr nur ein Paltore seid ...« »Ihr ehrt mich, Ser Roméro.« Er schwieg sich aber darüber aus, dass er ihre Hand nur allzu gerne nehmen würde. Und wenn er schon dabei war, auch gleich die ganze Komtess. Roméro grinste schief und entschuldigte sich für seine Worte, doch Endres war diese Reden schon gewohnt. Valésia war nicht die erste Ariaderin, mit welcher Endres das Lager zu teilen gedachte. Die niederen Stände waren in dieser Hinsicht nicht so streng, wie die hohen Herren. Er hatte sich diesbezüglich auch schon einige Gedanken gemacht, wie er Valésias Zweifel am besten zerstreuen könnte, doch kam er immer wieder zum selben Schluss. Er musste einfach ihr Herz erobern, dann würden jedwelche Bedenken in den Hintergrund gerückt. Zwar hätte er sich auch einfach als einen Ariader aus dem Süden vorstellen können. Hier hätte man vielleicht wegen seiner blonden Haare argwöhnisch dreingeblickt, doch war der Graf von Aramajé kein dummer Mann. Er hätte Endres' Lüge sicherlich durchschaut. »Das ist Ariad. Ich kenne Paltoria nicht, doch ich nehme an, dass es nicht so ist. Alles wäre besser für Valésia, als Olathor …« Endres seufzte. »Täuscht euch da nicht, Ser Roméro. Paltoria hat dafür andere, tiefe Abgründe, an deren ich euch niemals wünschen würde.«
Endres hätte noch gerne mehr von Valésia erfahren, doch war sie inzwischen wieder vom Abort zurückgekehrt. Und so verlagerte sich das Gespräch auf oberflächliche Floskeln, bis Roméro schließlich den Met zum Anlass nahm, um Endres das Du anzubieten. Wobei man hier nicht wirklich von anbieten sprechen konnte. Er tat es einfach und selbst wenn Endres etwas dagegen gehabt hätte, hatte er so viel geredet, dass jedwelcher Protest im Keim erstickt worden wäre. Und so nickte Endres nur. Insgeheim war es ihm ohnehin lieber nicht ständig das gehobene und falsche Gerede des Adels auf der Zunge liegen zu haben. Und schließlich schlug ihm auch der Alkohol zu Buche. Endres hatte verhältnismäßig wenig getrunken und Roméro den meisten Wein überlassen. Er wollte nicht betrunken sein, denn er wusste wie er war, wenn er betrunken war. Und wenn nicht Romeros anzüglichen Andeutungen das Interesse der Komtess an ihm ruiniert hätten, sein Verhalten hätte den Rest erledigt. Und so saßen sich Endres und Valésia gegenüber und blickten Roméro nach, wie er die Schenke verließ. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll …«, hob sie schließlich die Stimme an. »Deine Worte klingen noch immer in mir nach.« Sie unterbrach sich, um die Augen zu senken und Endres kam es ein wenig merkwürdig vor, von ihr so vertraut angesprochen zu werden, wo sie doch den ganzen Abend zuvor so förmlich gewesen waren. »Ich bin es nicht gewohnt, mein Herz so auf der Zunge zu tragen, und noch weniger bin ich eine solche Nähe gewohnt ... und solche Berührungen.« Endres sah sie eindringlich an, bevor er seine Stimme erhob. »Das ist wahrlich eine Schande. Eine Frau wie ihr …« Er stolperte über seine eigenen Worte, als ihm bewusst wurde, dass er sie noch immer formell angesprochen hatte. »Eine Frau wie du verdient es, auf Händen getragen zu werden. Wie näher könnte man ihr da noch sein?« Er lächelte sie freundlich an und hoffte sie würde darauf eingehen, doch stattdessen wurde sie ein wenig schwermütiger, als sie daran dachte, dass ihr Leben nun noch strengeren Regeln folgen werden müsste. »Auch in einem goldenen Käfig kann man frei sein, wenn man es sich nur selbst gestattet. Ihr werdet eine mächtige Frau sein und könnt euch viele Träume erfüllen, die anderen stets verwehrt bleiben werden.« Endres wollte ihr nur Mut zusprechen, auch wenn ihm bewusst war, dass Valésia nur einen Traum hatte. Und dieser würde sich wohl niemals erfüllen. »Auch als Gemahlin eines Königs könntet ihr euch immer wieder eigenen Dingen widmen, oder einfach nur in den Straßen der Stadt lustwandeln.« Er grinste ein wenig verschlagen, als er das letzte Wort ausgesprochen hatte. Er hatte dieses Wort bewusst gewählt, da es so viele Bedeutungen zugleich in sich barg.
Doch mehr hatte er ihr nicht mehr sagen können, denn Roméro kehrte zurück. Und wie. Er war nass und seine Haare waren von Schneeflocken durchsetzt. Er schüttelte sich und seine Lippen waren ein wenig bläulich verfärbt. Seinen Worten nach gab es diese Nacht kein heimkommen, da durch die Straßen Tárhjarts ein starker Schneesturm fegte. Und da machte Endres' Herz beinahe einen Sprung. Das Schicksal war dieser Tage großzügig zu ihm, wie schon lange nicht mehr. Es war beinahe perfekt. Er war mit der Komtess in einer bürgerlichen Taverne eingesperrt. Besser konnte er es selbst auch nicht planen. Doch hatte die Sache nur einen Haken. Und dieser Haken war nicht unerheblich. Ihr Bruder war ebenfalls hier eingeschneit. Endres musste seine Euphorie und kurz darauf die matte Ernüchterung enorm zügeln und bemüßigte sich ein möglichst neutrales Gesicht nach außen hin zu geben. Da trat Roméro an ihn heran und klopfte ihm auf die Schulter. »Darf sich Valésia an dich wenden, wenn sie etwas brauchen sollte? Ich glaube ohnehin nicht, dass es nötig sein wird, aber für alle Fälle?« Da musste Endres innerlich diebisch grinsen, während er sich leicht verbeugte um sein Lächeln zu verbergen. »Es wäre mir eine Ehre.« Er zwang sich zu einem ernsten Lächeln und warf Valésia einen aufmunternden Blick zu. »Dann ist ja alles im Lot.« Mit diesen Worten drückte Roméro ihm den Schlüssel in die Hand und entschwand mit seine Schwester nach oben.
Kaum waren Endres und Valésia im oberen Geschoß verschwunden, da huschte Endres in eine dunklere Ecke, neben der Treppe. Zweifellos würde Roméro bald wieder herunter kommen, und dann wollte er nicht unnötige Zeit damit verschwenden weiterhin mit ihm belanglose Gespräche zu führen. Und es dauerte auch nicht lange, da kam Roméro, ein wenig schwankend, die Stiegen herunter. Er hielt schnurstracks auf die Schankmaid zu und Endres lächelte verschwörerisch, während er sich die Stufen der Treppe hinauf stahl, um sich zu Valésias Zimmer zu begeben.
Im oberen Geschoss angekommen stand Endres ein wenig unschlüssig in dem schwach beleuchteten Gang. Es brannte weder eine Laterne, noch ein einfaches Talglicht. Alles Licht, welches hier vorherrschte, war das wenige, welches vom Schankraum herauf durch die Tür in den Gang eindrang. Er wusste nicht einmal, welches Zimmer das seine war und so hielt er den Schlüssel in der Hand und begutachtete diesen im schwachen Dämmerlicht. Es befand sich keine besondere Markierung daran. Und auch an den Türen fanden sich weder Ziffern noch sonstige Zeichen, woran man erkennen konnte, welcher Schlüssel, welches Zimmer zu öffnen vermochte. Als Endres dies bewusst wurde, da blitzte der Schalk in seinen Augen auf und er grinste wissend. ›Ja, warum eigentlich nicht?‹, dachte er sich. Dies war doch eine vortreffliche Ausrede, warum er sich an ihrer Tür zu schaffen machte, ohne ihr nachzustellen. Wenn sie ihn fragen würde, warum er an ihrer Tür stand, dann konnte er ruhigen Gewissens behaupten, dass er nicht wusste, welches Zimmer das seine war, geschweige denn das ihre. Und so trat er an die erste Tür heran und steckte den Schlüssel ins Schloss. Er blickte ein wenig überrascht drein, als der Schlüssel sich gänzlich ins Schloss schieben ließ und ein ertapptes Lächeln huschte ihm über das Gesicht, als sich der Schlüssel auch noch im Schloss herum drehen ließ. »Wenigstens weiß ich jetzt, welches Zimmer das meinige ist.«
Er verriegelte die Tür wieder und trat an die nächste Tür heran. Er versuchte den Schlüssel in das Schloss zu stecken, doch sperrte sich der Bart des Schlüssels an dem Schlüsselloch, welches eben nicht für diesen Schlüssel gemacht worden war. Doch er gab nicht auf. Wenn Valésia sich in diesem Zimmer befand, würde sie sicher irgendwann die Tür öffnen, um zu erfahren, wer sich da an ihrer Türe zu schaffen machte. Doch nichts geschah. Und so wandte er sich der nächsten Tür zu. Und als seine Bemühungen auch hier nicht zum Ziel führten, ging er weiter zu der dritten Tür. Hier brauchte er nicht allzu lange an der Tür hantieren, als er im Inneren Schritte vernahm. »Wer ist da?«, erschallte eine weibliche Stimme und Endres lächelte besonnen. Valésia. Ihm wäre lieber gewesen, sie hätte die Tür geöffnet, doch drückte er sich sachte an die Tür, damit er nicht allzu laut rufen musste. »Verzeiht. Valésia? Seid ihr das?«, fragte er und schalt sich im selben Moment einen Narren, als ihm bewusst wurde, dass er sie wieder so formell angesprochen hatte.
Der Schlüssel wurde im inneren des Schlosses herumgedreht und wenig später öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Und da stand sie. Wunderschön und selbst das schlechte Licht vermochte es nicht, ihr einen schlechten Schatten auf Gesicht zu werfen. »Verzeih. Ich suche nur mein Zimmer.«, log Endres entschuldigend und hielt, wie zum Beweis, den Schlüssel ein wenig vor, um ihn ihr zu zeigen. Sie nickte und schien die Tür wieder schließen zu wollen, als er forsch seine Hand auf das schwere Holz legte, um ihr Einhalt zu gebieten. Als sie ihn verwirrt und vielleicht auch ein wenig empört ansah, da zog er hastig die Hand wieder zurück. »Vergib mir. Ich dachte du möchtest vielleicht …« Er hielt inne und schuf so eine Spannungspause, um ihr Interesse für seine folgenden Worte zu erwecken. »Ich hatte den Eindruck, dass noch unausgesprochene Worte im Raum hingen, bevor dein Bruder uns gestört hatte.« Er lächelte und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, als ob er an der Tür vorbei sehen wollte, um ihr in die Augen blicken zu können. »Außerdem bin ich, wenn ich ehrlich bin, noch gar nicht sonderlich müde. Und du?«
Als Endres schließlich das Zimmer betreten hatte, wartete er, bis Valésia die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte. »Findest du diesen Schneesturm nicht auch …« Er wedelte ein wenig mit der rechten Hand, als ob er die passenden Worte suchen würde. »… ich meine. Eigentlich müsstest du ja nun auf der Burg sein. Verpflichtungen würden dich binden. Und nun stehen wir beide hier und der Schneesturm hält uns davon ab.« Er lächelte ein wenig spitzbübisch und trat einen vorsichtigen Schritt näher an sie heran. »Ist dies nicht ein Wink des Schicksals? Ein Zeichen der Drei?«, fragte er und trat einen weiteren Schritt an sie heran. »Ich habe auch über deine Worte nachgedacht.« Er räusperte sich. »Wenn ich ehrlich bin, denke ich an nichts anderes mehr, als an dich.« Er wagte einen weiteren Schritt, noch näher an sie heran. Er wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, doch eine zweite Chance wie diese würde sich ihm sicherlich nicht mehr auftun. Und er selbst hätte keinen besseren Ort aussuchen können. Die Wände waren aus Holz und verliehen dem Raum ein warmes Ambiente. Mehr als jeder steinerne Raum es konnte. Und ein schwaches Talglicht brannte neben dem Bett auf einem kleinen Tisch. Vermutlich hatte Valésia es bereits angezündet. Es war gerade genug Licht, um sich in die Augen sehen zu können, aber nicht zu viel. »Valésia, auch mein Verstand sagt mir, dass ich dich ziehen lassen soll. Doch mein Herz brennt, wenn ich deine Stimme höre, oder deine Hand berühre. Du bist wie eine verbotene Flamme, und doch kann ich nicht anders, als immer mich immer wieder zu verbrennen. Wie könnte ich dich vergessen, ich könnte es nicht ertragen, dich in den Armen dieses Mannes zu sehen, der dich nicht verdient hat.« Mit diesen Worten legte er ihr sanft seine Hand an den Hals und zog sie sachte zu sich her, um ihr einen Kuss zu geben. Er wusste, sie würde sich ihm nicht verschließen. Sie fühlte dasselbe wie auch er. Niemand würde es je erfahren. Sie waren fernab der Burg und ihr Bruder lag wohl gerade zwischen dem weichen Busen dieser Schankmaid. Er fühlte bereits, wie sich ihre weichen Lippen auf die seinen drücken würden, und wie süß ihr Geschmack wohl war. Er konnte bereits ihren Atem auf seinem Gesicht fühlen, und nur mehr ein Hauch trennte sie voneinander.
Gefangen im Schneesturm ❖
10.06.2013 '23:00 [2.058 Wörter]
 emächlich geleitete Roméro seine Schwester in ihr Zimmer. Es war ein einfaches Zimmer, ein Bett, ein Tischchen daneben, ein einfacher schmuckloser Tisch und dazu ein Stuhl. Das Zimmer war ganz eindeutig nur für eine Person ausgelegt, und es war ebenso einfach und genügsam eingerichtet wie das Zimmer in der Schenke, welche sie dereinst aufgesucht hatten, als ein Weiterkommen aufgrund der Schneemassen unmöglich gewesen war. Roméro entzündete für seine Schwester das einfache kleine Talglicht, welches auf dem kleinen Tischen neben dem Bett stand und blickte sich um, während das Talglicht das Zimmer in warmen, sanften Feuerschein tauchte. Er grinste schief und meinte „Naja, zumindest deine Gemächer auf Burg Olathor sind besser, als das das hier ...“ und Valésia verstand die zarte Andeutung dahinter. Das Geschwisterpaar stand sich gegenüber und Valésia musterte ihren Bruder, bis dieser erneut das Wort ergriff. „Verzeih mir, Valésia, ich hatte das alles nicht so geplant. Ich hätte vielleicht weniger trinken sollen, wir hätten uns nicht all zu lange hier aufhalten sollen, und vielleicht hätten sich unsere Wege nicht mit dem Grafen Endarion kreuzen sollen. Wobei ich zugeben muss, dass er mir wie ein recht anständiger, ehrlicher und ritterlicher Mensch wirkt. Wie der Ariader zu sagen pflegt 'Auch wenn er nur ein Paltore ist ...'“ grinste er. Valésia pflichtete ihm in Gedanken bei, doch sie hütete sich, dies zu sagen, und winkte stattdessen ab „Es ist schon in Ordnung, Roméro, du hast es ja nicht absichtlich so kommen lassen, und dieser Schneesturm ist wahrlich überraschend hereingebrochen. Mittags war es noch so mild und sonnig ...“ Roméro nickte. „Ich werde dich nun alleine lassen, du bist sicherlich müde ...“ Valésia nickte. „Gute Nacht, Roméro ...“ Sie wusste, was er noch vorhatte, nämlich der Schankmaid nachzusteigen, doch sie verlor kein Wort darüber. „Gute Nacht, süße Schwester ...“ erwiderte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Vergiss nicht, die Türe zu versperren! Gleich, wenn ich draußen bin! “ erinnerte er sie eindringlich. „Und zieh den Schlüssel ab und lege ihn, was weiß ich, unter deinen Kopfpolster, oder auf das Tischchen hier. Aber lass ihn nicht stecken! Man muss kein geübter Halunke sein, um den Schlüssel von außen mit einem Dietrich, oder dergleichen, aus dem Schloss zu drücken, und ihn unter dem Türschlitz hervor zu angeln!“ hob er mahnend den Finger, und trat dann durch die Türe und schloss sie hinter sich. Er ging langsam den Korridor entlang, und schritt dann Stufe für Stufe hinab, sich am Treppengeländer festhaltend, und darauf bedacht, nicht zu straucheln. Er pfiff ein fröhliches Liedchen und fand sich dann schließlich in der allmählich leeren Schankstube wieder. Er ließ seine Blicke wandern, und ohne zu zögern, steuerte er auf die Schankmaid zu.
Als Roméro gegangen war, versperrte Valésia mit dem Schlüssel die Türe und zog, wie ihr Bruder ihr nahegelegt hatte, den Schlüssel ab und legte ihn auf das Tischchen neben ihr Bett. Sie zog sich das einfache, bürgerliche Wollkleid aus, und legte es sorgsam zu ihrem Wollumhang über dem Stuhl. Sie trug darunter nur ein dünnes Unterkleid aus naturfarbenem Leinen. Das Gewebe war deutlich gröber als sie es gewohnt war, und wäre Sommer gewesen, so hätte sie sich diesem ganz sicher entledigt und hätte nackt geschlafen, da sie hier ja ohnehin alleine war, doch der Winter war unerbittlich kalt, und die Stube war recht kühl, so dass sich die Frage nicht stellte und sie liebend gerne mit dem grobem Stoff Vorlieb nahm. Draußen heulte und fegte der Schneesturm, Roméro hatte zumindest in dieser Weise Recht behalten. Es wäre absolut töricht gewesen, zurück zur Burg zu kehren, wer wusste schon, ob sie sich in dem Schneesturm nicht verlaufen hätten, und wie es geendet hätte? Insgeheim war sie auch froh darüber, dass er sich so ritterlich verhalten hatte, auch für Endarion ein Zimmer zu besorgen. Hatte Roméro doch schließlich den Grafen zu diesem Umtrunk förmlich gedrängt... Valésia verharrte kurz, und lauschte dem unbarmherzigen Schneetreiben draußen, und dann fiel ihr Blick auf das kleine Fenster in der Stube. Neugierig trat sie an das Fenster und tippte mit dem Zeigefinger vorsichtig darauf. Das war kein Glas, das war ... Ja was denn eigentlich? Deutlich dünner und undurchsichtiger, beinahe wie durchscheinendes Leder oder Papier ... Beinahe erheitert darüber schmunzelte sie, als ein metallenes Kratzen an der Türe sie herumwirbeln, und ihren Herzschlag von einer Sekunde auf die andere in die Höhe schnellen ließ. Hatte sich da jemand an der Tür zu schaffen gemacht? Sie starrte auf die Türe, und verhielt sich stille, und da war dieses Kratzen erneut zu vernehmen. Sie huschte leise auf die Türe zu und fragte schließlich „Wer ist da?“ Wahrscheinlich war es nur Roméro, doch sie hatte die Türe nichts versperrt, um danach töricht die Türe zu öffnen, wenn sie nicht wusste, wer dahinter stand. „Verzeiht. Valésia? Seid ihr das?“ klang eine leise, dumpfe Stimme. Valésias Anspannung verflog, als sie Endarion erkannte und wich einer leichten Verwirrung. Was wollte er nur? Zögernd ging sie zu dem Tischchen, ergriff den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn langsam herum. Sie öffnete die Türe einen Spalt breit und lugte durch.
Fragend blickte sie ihn an, und er erwiderte „Verzeih. Ich suche nur mein Zimmer.“ und hielt ihr seinen Schlüssel vor die Nase. Sie nickte verstehend und löste sich aus ihrer angespannten Haltung und war im Begriff, die Türe wieder zu zu drücken. Doch die Türe ließ sich nicht schließen, sie stieß auf Widerstand, und sie bemerkte, dass er es war, welcher seine Hand auf die Türe gelegt hatte. Immer noch stumm blickte sie von seiner Hand fragend zu ihm. Was dachte er sich nur dabei? Als hätte er ihren Blick richtig gedeutet, zog er seine Hand hastig zurück und meinte „Vergib mir. Ich dachte du möchtest vielleicht …“ Er sprach nicht weiter, und das weckte nun ihre Neugierde. „Ja ...?“ hakte sie nach und er fuhr schließlich fort „Ich hatte den Eindruck, dass noch unausgesprochene Worte im Raum hingen, bevor dein Bruder uns gestört hatte.“ Wenn es zumindest keine unausgesprochenen Worte mehr gab, dann musste sie zumindest einräumen, dass ihr Bruder für ihren Geschmack ein wenig zu früh zurück gekehrt war, und wenn sie sich ehrlich war, störte sie sich gar nicht an seiner Anwesenheit, im Gegenteil. Er war viel aufmerksamer und nicht so distanziert, wenn sie unter sich waren, und solche Gelegenheiten waren bis jetzt ohnehin viel zu selten gewesen. „Vielleicht ...“ meinte sie und schalt sich im selben Moment eine Närrin, dass sie sich nun so distanziert verhielt. Daher erwiderte sie, als er meinte „Außerdem bin ich, wenn ich ehrlich bin, noch gar nicht sonderlich müde. Und du?“ „Nein, ich eigentlich auch nicht", und trat zur Seite, dass er nicht so der Tür herumlungern musste, wie ein Tagedieb.
Er nahm diese Geste auch gleich wahr und betrat ihr Zimmer. Sie lugte noch kurz in den Gang, ob denn auch niemand zu sehen war, dann schloss sie die Türe und drehte dennoch den Schlüssel im Schloss herum. Sie wandte sich ihm zu und blickte ihn erwartungsvoll an, bis ihr gewahr wurde, dass sie nur im Unterkleid vor ihm stand, und umklammerte schützend ihre Oberweite mit ihren Armen. Ein wenig unschlüssig dachte sie daran, dass diese Geste auch ein wenig distanziert erschien und so ließ sie die Arme langsam wieder sinken. „Findest du diesen Schneesturm nicht auch ...“ begann er und schien um Worte zu ringen. „Ich meine, eigentlich müsstest du ja nun auf der Burg sein. Verpflichtungen würden dich binden. Und nun stehen wir beide hier und der Schneesturm hält uns davon ab.“ Sie erwiderte sein spitzbübisches Lächeln und meinte „Ja ... Ich kam gerade nicht umhin, dies auch zu bemerken ...“ „Ist dies nicht ein Wink des Schicksals? Ein Zeichen der Drei?“ fragte er sie und trat einen Schritt näher an sie heran. „Was willst du mir damit sagen?“ fragte Valésia, und aus ihrer Tonlage wich Neugierde, gepaart mit Irritation. „Ich habe auch über deine Worte nachgedacht.“ Noch ein Schritt ... Er räusperte sich und fuhr fort „Wenn ich ehrlich bin, denke ich an nichts anderes mehr, als an dich.“ Valésia wurde von einer siedend heißen Welle erfasst, und ihr Herz schlug ihr hart bis zum Hals, so dass sie schlucken musste. Erneut tat er einen Schritt auf sie zu und stand nun dicht vor ihr. Sie befürchtete, er könnte ihr rasend Herz hören. „Valésia, auch mein Verstand sagt mir, dass ich dich ziehen lassen soll. Doch mein Herz brennt, wenn ich deine Stimme höre, oder deine Hand berühre. Du bist wie eine verbotene Flamme, und doch kann ich nicht anders, als immer mich immer wieder zu verbrennen. Wie könnte ich dich vergessen, ich könnte es nicht ertragen, dich in den Armen dieses Mannes zu sehen, der dich nicht verdient hat.“ „Ich fühle ebenso, Endarion ... Und ich kann es ebenso nicht ertragen, daran zu denken, dass ich zu Merik gehören soll, wenn mein Herz mir sagt, dass ich...“ Sie sprach den Satz nicht aus, sondern schloss „Aber du kannst es nicht verhindern ...“ Er legte ihr sanft seine Hand in den Nacken, neigte seinen Kopf und zog sie zu sich heran. Sein Atem streifte ihr Gesicht und sie konnte seinen Mund bereits förmlich auf dem Ihren fühlen, obgleich sie sich noch nicht einmal berührten. Diese sinnlichen, süßen Lippen ... Nie hatte Valésia etwas wohligeres gespürt, als seine Lippen. „Endarion ...“ hauchte sie, dann legten sich seine Lippen endlich auf die ihren.
Sie schloss ihre Augen und öffnete leicht und völlig widerstandslos ihren Mund, bereit, seine sanfte, sündige Zunge mit der ihren zu berühren. Es war ihr beinahe schon so selbstverständlich, als würden sie sich schon ewig kennen... Valésia hob ihrerseits ihre Hand und legte sie in seinen Rücken, und drückte ihn vorsichtig an sich heran. Er fuhr zunächst sanft mit seiner Zunge über ihre Unterlippe, dann schob er ihr seine Zungenspitze vorsichtig in ihren Mund, und begann, die ihre mit der seinen zu liebkosen. Sie sog seinen unwiderstehlichen Duft ein, schmeckte seinen ihr so willkommenen Geschmack auf der Zunge, und dieses Zusammenspiel, und das Wissen, dass sie niemand stören, oder beobachten konnte, ließen sie sich völlig frei und gelöst fühlen. Immer wieder lösten sich ihre Lippen voneinander, nur, um danach noch intensiver zueinander zu finden ... Abertausende Schmetterlinge schienen in ihrem Bauch zu flattern, und der Kuss erreichte einen Punkt, an welchem sie sich zuvor noch nie befunden hatten. Der Kuss wurde eindringlicher, und fordernder, und sie fühlte, wie seine Hand langsam vom Nacken über ihren Rücken glitt, und sich an ihren Po legte, und ihn ein wenig drückte. Und es erschien Valésia, als würde sich der Stoff ihres Unterkleides, unter welchem sie völlig nackt war, ein wenig hoch schieben. Eine für sie völlig unerklärliche Panik überkam sie, und sie löste sich, wenn auch nur schwer, von ihm. „Nein!“ keuchte sie atemlos. „Ich ... Nein, ich kann nicht ... Ich kann dir nicht geben, wonach es dich verlangt!“ Sie blickte ihn an, starrte ihm in seine wunderschönen Augen, und erneut fanden sich ihre Lippen und auch ihre Zungen, und der erneute Kuss schraubte sie erneut in nie zuvor gekannte Höhen, nur, um ihn nach kurzer Zeit endgültig von sich weg zu stoßen. Sie zitterte innerlich heftig, und fürchtete, er könnte es bemerken. „Endarion ... Verzeih mir ... Aber, bitte geh ... !“ hörte sie sich leise sagen, und sie ging an die Türe, drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete ihm die Türe. Sie starrte auf den Boden und wagte nicht, ihn anzusehen, bis er schließlich gegangen war.
Sie versperrte ihre Türe wieder und ließ sich auf ihr Bett fallen. Valésia rang um Atem, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder regelmäßig atmen konnte. Nur das wohlige Gefühl in ihrem Bauch, welches heiß bis in den Unterleib und zwischen ihre Beine strömte, sowie das harte Klopfen ihres Herzens, wollte einfach nicht vergehen. Sie war verwirrt und wie betäubt, sie fühlte sich gleichermaßen erleichtert, dass sie ihn fortgeschickt hatte, wie auch betreten und todunglücklich ... Diese ihre Reaktion war vermutlich zu viel für ihn... Er würde sie keines Blickes mehr würdigen ... Sie hattes es verdorben ... Für einen Moment zögerte sie, ob sie ihn noch aufsuchen und um ein Gespräch bitten sollte, aber die Stimme der Vernunft riet ihr, es bleiben zu lassen, und die Tatsache, dass sie nicht wusste, welches Zimmer seines war, tat ihr übriges. Sie löschte das kleine Talglicht, schloss krampfhaft ihre Augen und lauschte dem Toben des Schneetreibens. Und trotz der heftigen Schneeverwehungen, die da draußen vor sich hergingen, war es nur ein kleiner Wind, verglichen mit dem Sturm, welcher in ihrem Herzen tobte, und dieses aufwühlte.
Das Herz gegen den Verstand ❖
16.06.2013 '22:22 [1.777 Wörter]
 ndres und Valésia standen sich so nah, dass jeder den Herzschlag des anderen spüren konnte. Er fühlte ihren sanften Atem auf dem Gesicht und spürte, wie sich ihre Brust hob und senkte, begleitet von einem leichten Zittern. War es die Aufregung, oder die Furcht, vor dem was noch kommen mochte? Geschickt, wie eine Spinne, hatte Endres seine Worte gezielt gewoben, um Valésias Interesse für sich zu gewinnen. Und es hatte Schritt für Schritt zum Ziel geführt. Nun trennte sie gerade noch ein Haaresbreit voneinander. Und würden sie sich erst küssen, und dabei in Leidenschaft vergehen, dann würde zweifellos eines zum anderen führen. Endres lächelte insgeheim. All der Aufwand hatte sich letzten Endes doch bezahlt gemacht. Hier war er nun, allein mit der Komtess von Aramajé in einer abgeschiedenen Gaststätte, eingeschneit von einem Schneesturm und weit und breit kein Mann des Erzherzogs oder gar einer seiner Söhne. »Valésia, auch mein Verstand sagt mir, dass ich dich ziehen lassen soll. Doch mein Herz brennt, wenn ich deine Stimme höre, oder deine Hand berühre. Du bist wie eine verbotene Flamme, und doch kann ich nicht anders, als immer mich immer wieder zu verbrennen. Wie könnte ich dich vergessen, ich könnte es nicht ertragen, dich in den Armen dieses Mannes zu sehen, der dich nicht verdient hat.« »Ich fühle ebenso, Endarion ... Und ich kann es ebenso nicht ertragen, daran zu denken, dass ich zu Merik gehören soll, wenn mein Herz mir sagt, dass ich …« Endres lächelte, doch erstarb sein Lächeln kurz darauf, als sie den Satz nicht zu Ende sprach. Neugierig sah er sie an. »Was sagt dir dein Herz?«, hakte er vorsichtig nach, doch sie schüttelte nur den Kopf. »Du kannst es nicht verhindern. Niemand kann das.« Sie wirkte mit einem Mal so ausweichend, dass Endres den Eindruck gewann, dass sie ihm langsam entglitt, und das, obwohl er seinem Ziel bereits so nahe war. Er konnte bereits den Geschmack ihrer Lippen auf den seinen fühlen, noch bevor er sie überhaupt berührt hatte. Und so ergriff er die Initiative und führte sachte seine Hand an ihren Nacken, um sie ein wenig näher zu sich zu ziehen. »Endarion …«, begehrte sie auf, doch ihr Protest erstarb ihr auf den Lippen, als er die seinen auf die ihren drückte. Und da war der letzte Widerstand ihrer Gegenwehr gebrochen. Sie gab sich dem Kuss hin und gemeinsam zerflossen sie in dieser verbotenen Leidenschaft. Eine, die ihm wohl den Kopf kosten würde, und ihr jedwelche Achtung.
Doch dieser Kuss war anders, als die vorhergegangenen. Endres wollte mehr. Er wollte sie jetzt und sofort. Er wollte nicht mehr warten. Er war dieses höfische Gehabe satt. Er wollte sie haben, bevor sie irgendein anderer Mann hatte. Ganz besonders vor diesem Bastard, mit welchem sie verheiratet werden sollte. Ein wenig tat sie ihm ja leid, dass sie solch ein schweres Los gezogen hatte. Und auch ein wenig Mitleid schwang in ihm mit, als er daran dachte, was er ihr da antat, wenn er sie verführte um sie kurz darauf eiskalt abzuservieren. Doch waren diese Gefühle nicht stark genug, um sein Vorhaben zu untergraben. Er hielt an seinem Plan fest. Valésia galt als die schönste Frau dieser Lande, und er wollte sie. Um beinahe jeden Preis.
Und so küsste er sie fordernder und leidenschaftlicher, als zuvor. Seine Zunge umspielte neckisch die ihre und er saugte zärtlich an ihren Lippen. Es schien ihr zu gefallen, denn sie ging auf seine Berührungen ein und erwiderte diese sogar. Und so ließ Endres seine Hand von ihrem Nacken los und ließ diese ihren Rücken hinab gleiten. Ganz sachte und zärtlich, so dass sie diese Berührungen kaum spürte. Schließlich rutschte sie über die Rundung ihres Rückens auf ihren Hintern, und dort ließ er die Hand verharren und drückte sie ein wenig fester dagegen. Er schob sie an sich heran, so dass sich ihre Lenden einander berührten. Und während er seine rechte Hand auf ihren Po gelegt hatte, da schob er mit der linken langsam ihr Unterkleid hinauf. Sie hatte ihr Kleid bereits ausgezogen, wohl um sich zur Nachtruhe zu legen, und Endres kam dieser Umstand sehr gelegen. Diese Kleider waren mitunter sehr schwierig auszuziehen. Anders als die Unterkleider. Man musste sie noch hochschieben und konnte all die Pracht, welche sich darunter verbarg, genießen.
Doch seine Berührungen hatten nicht den gewünschten Effekt. Valésia hielt mit einem Mal inne in dem Kuss. Ihre Lippen lösten sich von dein seinen und ihre Hände legten sich sanft, aber bestimmend auf die seine, welche ihr Unterkleid angehoben hatte. »Nein!«, keuchte sie atemlos und drückte sich ein wenig von ihm fort. »Ich ... Nein, ich kann nicht ... Ich kann dir nicht geben, wonach es dich verlangt!« Er sah sie erstaunt an. »Verlangt es dich nicht auch danach?«, erkundigte er sich und ärgerte sich insgeheim, dass er nicht geschickter zu Wege gegangen war. Sie sah sich ein wenig unsicher um und Endres erkannte die Unsicherheit in ihren Bewegungen. Sie wollte es. Das konnte sie nicht leugnen. Doch war dies eine völlig neue Erfahrung. Und natürlich hing ihr auch dieses Damoklesschwert über dem Kopf, dass er kein Ariader war, wie sie. Doch Endres ließ sich nicht so leicht entmutigen. Er entzog sich ihren beiden Händen und legte die Finger seiner freigewordenen Hand an ihr Kinn, um dieses zu sich zu lenken. Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment verloren sie sich ineinander, bis sie von einem weiteren Kuss erlöst wurden. Doch dieser Kuss dauerte nicht gar so lang, wie der letzte, denn Valésia schob ihn von sich weg. »Endarion ... Verzeih mir ... Aber, bitte geh ... !«
Endres' Gefühlswelt brach zusammen wie ein Kartenhaus. Er sah sie irritiert und mit Verständnislosigkeit in den Augen an. Doch begehrte er nicht auf. Er blieb einfach nur stumm und hielt ihren Blicken stand, welche beinahe anklagend waren, als ob er sich ihr aufgedrängt hätte. Wenn er nun gegen ihren Wunsch aufbegehrt hätte, wäre sie für ihn unerreichbar geworden. Stattdessen nickte er nur. »Verzeih, ich wollte nicht …« Er sprach den Satz nicht zu Ende und ließ sich von ihr aus der Tür heraus schieben. Und kaum war er aus dem Zimmer getreten, da hatte sie auch schon die Tür hinter ihm ins Schloss gedrückt. Er vernahm das kratzende Geräusch von Metall auf Metall, als sie den Schlüssel im Schloss herum drehte.
Endres stand noch eine Weile schweigend vor der Tür und starrte auf das Schlüsselloch, bevor er sich schließlich zum Gehen abwandte. Doch trieb es ihn nicht in sein Zimmer zurück. Vielmehr führte ihn sein Weg die Stufen hinab in den Schankraum. Es war kaum etwas los. Seit der Schneesturm eingesetzt hatte, waren keine neuen Gäste mehr erschienen und die wenigen, welche wie Endres, Valésia und Roméro nun in diesem Gebäude förmlich gefangen waren, hatten sich bereits in die Zimmer zurück gezogen. Der Wirt war nicht mehr zugegen, als Endres den Raum betrat. Der Schneesturm hatte ihm zwar neue Gäste verwehrt, aber dafür hatte er mehr Zimmer vermieten können, als dies wohl für gewöhnlich der Fall war. Endres setzte sich an einen der freien Tische und starrte einfach aus dem Fenster. An den Rändern hatte sich bereits eine dicke Schneeschicht angesammelt, und selbst durch das trübe Fenster konnte man die fielen, dicken Schneeflocken sehen, welche davor im Sturm herumgewirbelt wurden. »Na? Gar nicht müde?«, ertönte eine freundliche Stimme und riss Endres aus seinen Gedanken. »Nein. Der Sturm heult so laut.«, antwortete er nur gedankenverloren und richtete dann den Blick zur Seite. Es war die Schankmaid. Sie stand mit einem kleinen Tablett in er Hand neben ihm, welches sie lässig auf die Hüfte gestützt hielt. »Ja, der Wind pfeift in manchen Zimmern förmlich durch jede Ritze.« Sie lächelte und legte dabei den Kopf etwas schiefer, so dass ihr eine ihrer Strähnen ins Gesicht rutschte. »So spät noch auf den Beinen?«, fragte Endres erstaunt und sie seufzte. »Ja, Morhen meinte, da ich ohnehin nicht nach Hause gehen kann, soll ich mich gleich nützlich machen und die Gestrandeten bewirten.« Sie lächelte verkrampft und zuckte dann mit den Achseln. »Ich kann das zusätzliche Geld ohnehin gut gebrauchen, und es ist ja nicht viel los, also …« Erneut zuckte sie mit den Schultern und sah ihn erwartungsvoll an. »Was zu trinken?«, fragte sie und er nickte. »Einen Gewürzwein. Aber ohne Nelken.« Sie nickte und wandte sich schließlich ab, um sich der Küche zuzuwenden. Endres wandte sich wieder dem Fenster zu und trommelte dabei immer wieder ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch. Sollte er es wagen, sich mit dem Sturm zu messen? Er hegte kein sonderlich großes Interesse in diesem Haus zu nächtigen. Besonders, wenn ihm an nächsten Morgen Roméro mit seinen dummen Sprüchen wieder auf die Nerven ging und Valésia ihn wohl mit zurückhaltenden und scheuen, ja vermutlich sogar beschämten Blicken bedenken würde. Nein, darauf konnte er wirklich verzichten. Doch es war eiskalt. Und das Bordell war nicht gerade um die Ecke. Vermutlich würde Valerion gerade zwischen dem warmen und dicken Titten einer dieser Dirnen liegen und sich nicht einmal fragen, wo er denn blieb. Endres schnaubte. »Na? Schlecht gelaunt?«, fragte ihn die Schankmaid, welche schon wieder zurück gekehrt war, und ihm den Gewürzwein hingestellt hatte. »Ich sollte Enttäuschungen eigentlich gewohnt sein, und doch wirft es mich jedes Mal wieder aufs Neue aus der Bahn.« Er lächelte sie unbeholfen an und nahm sich sogleich den Gewürzwein zur Hand. Sie sah ihn nur mit einem stummen Lächeln auf den Lippen an und hielt dabei die rechte Hand auf, um die Zeche, für den Gewürzwein, zu kassieren. Endres kramte in seinem Geldbeutel, bis er die richtige Münze gefunden hatte und händigte sie ihr aus. »Verzeih mir meine direkte Frage.«, hob er dabei an und sah ihr in die Augen. »Ich gebe zu, ich hatte nicht erwartet dich hier anzutreffen.« Sie sah ihn fragend an und Endres ließ seine Blicke durch den Raum schweifen, doch konnte er Roméro nirgends entdecken. »Was meinst du?«, fragte sie und Endes lächelte entschuldigend. »Mein Begleiter hatte ein Auge auf dich geworfen.« Er hob sogleich entschuldigend die Hände. »Aber vergib mir. Ich halte dich sicherlich nicht für eine solche Schankmaid, die für ein paar hübscher Augen, welche man ihr schenkt, sogleich ihr Allerheiligstes öffnet.« Sie kicherte und eine leichte Röte bemächtigte sich ihres Gesichtes. »Ach der. Ja eigentlich …« sie hielt inne und stutzte für einen Moment. »Also ich gebe ja zu, er ist ein stattlicher Mann …« »… aber?«, hakte Endres nach und die Schankmaid deutete in eine Ecke des Raumes. »… aber er scheint heute wohl zu viel getrunken zu haben. Mehr als hübsche Worte hatte er dann nicht mehr, bevor er dort am Tisch eingeschlafen war.«, sie kicherte, während Endres in die Richtung sah, in welche sie gedeutet hatte. Und tatsächlich. Dort lag Roméro, den Kopf in den Armen vergraben, und schien zu schlafen.
Der Spießrutenlauf ❖
20.06.2013 '22:22 [1.969 Wörter]
 ie lange der Schneesturm schon tobte konnte Valésia nicht sage. Sie lag in dem bäuerlichen Bett der Schenke und starrte an die Decke. Es war warm, unter den einfachen Decken, welche sie mit ihrem Körper gewärmt hatte, und dennoch schien es ihr, als würde sie frieren, seit sie Endarion aus dem Zimmer geschickt hatte. Sie schalt sich eine Närrin. Zum einen, weil ihre einzige Sorge dem galt, dass Endarion ihr nun keines Blickes mehr würdigen würde, anstatt froh darüber zu sein, dass nicht mehr passiert war, und zum anderen, weil sie ihrem Verstand gefolgt war, anstatt ihrem Herzen. Ihr Verstand war geprägt von den Dingen, welche man ihr Zeitlebens eingebläut hatte, nämlich dass man sittsam, tugendhaft und keusch zu bleiben hatte, während ihr Herz nach ganz anderen Dingen schrie. Sie hatte diese Schreie ignoriert, und nur auf ihren Verstand gehört. Ihr Herz sagte ihr, dass sie Graf Endarion mehr mochte, als sie zuzugeben bereit war, dass sie sich nach ihm und seinen Berührungen sehnte, und, das war der springende Punkt, dass er ihre Begierde nach mehr geweckt hatte. Ob er nun Paltore oder Ariader war, war ihr mittlerweile völlig einerlei, sie merkte kaum einen Unterschied zwischen diesen Völkern, und sein helles Haar war auf seine eigene Art und Weise unwiderstehlich. Es hatte sich so gut angefühlt, ihn erneut zu küssen, er war der erste Mann, welchen sie geküsst hatte, und wenn sie daran dachte, dass sie in wenigen Tagen mit dem Erbprinzen Merik verheiratet sein würde, kam es ihr als reinste Verschwendung vor, dass er, dieser Hurenbock, wie Roméro ihn schon öfters genannt hatte, ihr ihre Jungfräulichkeit nehmen würde, er, der es doch gar nicht zu schätzen wusste... Niemand hätte es je erfahren, wenn sie sich hier und heute Endarion hingegeben hätte. Doch nun war es zu spät. Sie biss sich fest auf die Lippen, während sie gegen die ansteigenden Tränen kämpfte. Wahrscheinlich würden sich morgen ihre Wege trennen, sie würden sich nie wieder sehen, und er würde ein großes Loch in ihrem Herzen zurücklassen, wenn er es nicht gar ganz mit sich nehmen würde.
Erneut dachte sie an diesen wunderbaren Kuss, und wie anders er gewesen war, als die anderen Male. Sie musste beinahe lächeln über die Tatsache, dass sie sich schon mehrmals geküsst hatten, heimlich, ohne dass jemand darüber Bescheid wusste. Ein süßes Geheimnis welches die Beiden teilten... Und sie dachte weiterhin an den Kuss, und wie er sie an sich gedrückt hatte, und dabei sein hartes Gemächt an ihrem Schoß hatte spüren können. Es hatte etwas verstörend erregendes an sich gehabt, und dies war der Grund gewesen, warum sie ihn von sich weg gestoßen hatte. Dies, und die Tatsache, dass er ihr das Kleid hatte hochschieben wollen, und so ihre Scham entblösst hätte... Wie oft hatte Malinda ihr gesagt, dass die Scham einer Frau, ebenso wie das Gemächt eines Mannes, etwas höchst Unanständiges, Schmutziges, Widerliches war? Doch wie konnte das der Wahrheit entsprechen, wenn ihr Schoß so auf ihn reagierte, und dass es ihr nach nichts anderem verlangte, als dass er sie dort berührte, und weit noch mehr als das, wenn es etwas Abstoßendes war, wie Malinda gesagt hatte? Bei Merik hatte sie nicht einmal ein solche Verlangen gehabt, bei dem Erbprinzen fühlte sie nichts... Er war wie ein kalter Fisch, welchen man nicht anzufassen wagte, weil man sich vor ihm ekelte...
Sie rief sich Endarions Worte in Erinnerung. 'Verlangt es dich nicht auch danach?' Hätte sie anders reagiert, hätte sie ihm diese Frage nicht einmal mit Worten beantworten müssen. Oh ja, es hatte sie danach verlangt, und wie... Und doch war sie so... töricht... gewesen und hatte ihn von sich gedrückt und aus dem Zimmer verwiesen. Oder war sie weise gewesen? Und er war noch so formvollendet ritterlich gewesen... Er hatte ihren Wunsch, so dumm er auch gewesen war, zu gehen, respektiert, er hatte ihr keine harschen oder beleidigten Worte gesagt, er hatte sich auch noch entschuldigt! Valésia stieß einen tiefen Seufzer aus und wünschte sich, sie könnte die Zeit zurückdrehen. Sie schwor sich, wenn er sie heute noch aufsuchen würde, dann würde sie ihn nicht mehr abweisen! Sie würde ihm geben, wonach es ihm verlangte, und auch er würde ihr wohl geben, wonach es sie verlangte... Sie war bereit! Sie war wie eine reife, süße Frucht, die nur darauf wartete, gepflückt und verspeist zu werden! Sie ward sich gewahr, dass sie ihn rasend begehrte, auch wenn es verboten war! Wahrscheinlich begehrte sie ihn, weil es verboten war! Oder war da noch mehr, als der Reiz des Verbotenen? JA, erst seit Endarion fühlte sie sich lebendig, und wie eine Frau, und sie wollte sich dieses Gefühl, welches beim Erbprinzen Merik wieder wie weggeblasen sein würde, gerne bewahren... Valésia wünschte sich sehnlicht, dass er erneut an ihrer Tür klopfen und um Einlass begehren würde. Und doch, er kam nicht wieder zurück, sie hatte ihn verloren, ohne ihn überhaupt besessen zu haben...
Am nächsten Morgen hatte sich der Schneesturm gelegt. Valésia erwachte recht zeitig, und fühlte sich immer noch genauso schlecht wie am Abend zuvor. Als sie schließlich die Schankstube betrat, sah sie Roméro, der an einem der Tische saß, mit einem dampfenden Getränk vor seiner Nase. Es hatte etwas tröstliches an sich, ihn zu sehen, doch viel mehr ließ sie ihre Blicke vorsichtig durch den Raum schweifen, um nach Endarion zu suchen, aber sie konnte ihn nicht entdecken, was sie einerseits bedauerte, doch andererseits auch begrüßte. Wie könnte sie ihm nach dieser Peinlichkeit noch in die Augen sehen? “Guten Morgen, Roméro...” begrüßte sie ihn schließlich und zog sich einen der freien Stühle heran und ließ sich darauf nieder. “Hmm” brummte er ein wenig missmutig. “Guten Morgen, Valésia... Hattest du eine angenehme Nachtruhe?” fragte er sie höflich. Sie schüttelt ehrlich den Kopf, auch wenn sie ihm nicht sagen wütrd, warum dies so gewesen war. “Ich auch nicht...” murmelte Roméro. “Wir zwei sind einfach nicht für bürgerliche Absteigen, wie diese hier, geschaffen...” Auch er verheimlichte ihr, dass er die Nacht, am Tisch im sitzen schlafend, verbracht hatte, anstatt in den Armen dieser süßen, drallen Schankmaid... “Verfluchter Alkohol...” murmelte er, während er die Schankmaid beobachtete, die schon eifrig ihrer Arbeit nachging, und gedachte dabei an Endrion, welcher ihn mit den Flaschen so schmählich im Stich gelassen hatte. “Wo ist Endarion?” fragte sie ihn vorsichtig, während sie mit einer Handgeste dankend die mit Speck belegten Schwarzbrotschnitten ablehnte, welcher Roméro ihr zuschob. “Ich habe keine Ahnung, ich habe ihn noch nicht gesehen, vielleicht schläft er ja noch... Aber, so unhöflich es auch ist, wenn wir uns von ihm nicht mehr verabschieden können, aber wir sollten uns nicht mehr zu lange hier aufhalten. Ganz sicher hat man schon nach uns geschickt, und mir ist lieber, wir kehren ohne zwanghaftes Geleit zurück nach Burg Olathor...” Valésia nickte zustimmend und erneut keimte in ihr das unangenehme Gefühl auf, welches sich ihrer schon am Vorabend bemächtigt hatte, als der Schneesturm eine Rückkehr in die Burg unmöglich gemacht hatte. Während ihr Bruder an seinem Tee nippte, überlegte sie fieberhaft, was sie sagen oder wie sie reagieren sollte, wenn Endarion doch noch hier erschien. Nach einer Weile erhob sich Roméro und ging hinaus zum Abort. Valésia betete inständig zu den Göttern, dass Endarion die Treppe hinabkommen würde, doch ihre Gebete blieben unerhört. Schließlich erhob sie sich ebenfalls, und trat an die Schankmaid heran, welche gerade einen der Tische abräumte. “Verzeiht...” sprach sie diese an und die Schankmaid hob den Kopf in ihr Richtung. “Ja?” fragte sie freundlich und lächelte Valésia an. Es erschien ihr töricht, und dennoch fiel ihr nichts besseres ein. Sie nestelte aus ihren Gewändern ihr feines, mit ihren Initialen besticktes Taschentuch, und hielt es der Schankmaid hin, welche sie ein wenig fragend anblickte. “Wenn... wenn der blonde Herr, welcher gestern mit uns am Tisch saß, noch zugegen sein sollte, oder erneut hier erscheint, wäret ihr so freundlich, und würdet ihm dies geben?” Die Schankmaid nickte und wischte sich ihre Hände an ihrer Schürze ab, bevor sie das edle, feine Gewebe entgegennahm. “Und, was soll ich bestellen, von wem es ist?” fragte die Schankmaid und Valésia überlegte für einen kurzen Moment. Das Taschentuch trug die Initialen 'V.A.', sie war unter den Gemeinen vermutlich nicht so bekannt in Tárhjart, wie in Adajena, von daher glaubte sie nicht, dass dieses Taschentuch ihr zum Verhängnis werden könnte, wenn es in falsche Hände geriet, und doch war es ein sehr riskantes Unterfangen, da diese Geste eine sehr eindeutige war und frivol, wenn man bedachte, dass und mit wem sie verlobt war... Schließlich murmelte sie “Frau Lumpenstein...” Der Schankmaid entglitt ein herzhaftes Lachen, doch sie nickte nur und sagte “Wenn ich ihn sehe, werde ich es ihm geben...” “Danke” neigte Valésia den Kopf und wandte sich wieder um und ging zurück zu ihrem Tisch. Als sie sich eben hingesetzt hatte, betrat Roméro wieder die Schenke. “Na komm, lass uns gehen...” forderte er sie auf und sie erhob sich wieder. Als sie die Schenke schließlich wieder verlassen hatten, und ihre Schritte sich immer näher der Burg zuwandten, meinte Roméro “Ich hoffe, sie stellen nicht zuviele Fragen, der Alkohol liegt mir noch schwer im Blut...”
Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, schlugen sie sich noch in den Stall, wo sie ihre Kleidung versteckt hatten, und tauschten ihre Gewänder. Aus der einfachen Bürgerlichen wurde wieder die in feine Stoffe gekleidete Komtess Valésia von Aramajé, und aus Herr von Lumperich, wurde wieder Ser Roméro von Aramajé. Eiligen Schrittes liefen sie immer näher an die Burg heran, deren Zinnen und Türme von ihrer Warte aus bedrohlich in den Himmel ragten. Als sie durch die Burgtore schritten, schienen zumindest die Burgwachen sie zu erkennen, denn sie lösten sich aus ihrer Lümmelhaltung und salutierten. Schließlich betraten sie die Burg, und fanden sich im Thronsaal wieder. Dort herrschte, wie gewöhnlich, reges Treiben, doch es schien eine Spur aufgeregter zuzugehen, als sonst. Als sie durch den Thronsaal schritten, fielen alle Blicke auf das Geschwisterpaar. Der Erzherzog, welcher gerade gesprochen hatte, verstummte, und ihm zur Seite seine beiden Söhne Vego und Merik. Valésia hatte das Gefühl, als verfinsterten sich die Blicke der drei. Doch mutig, oder viel mehr, ohnehin keine andere Wahl habend, traten sie den dreien von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Valésia sank in einen tiefen Hofknicks, und Roméro verbeugte sich. Kühl sprach der Erzherzog “Ser Roméro...” und gab ihm das Zeichen, sich wieder bequem hinstellen zu dürfen. Doch bevor er noch das Wort an Valésia richten konnte, stürmte Prinz Merik auf Roméro zu und schlug ihm hart ins Gesicht, dass dessen Kopf zur Seite fiel. “Wie ... Wie könnt ihr es wagen, meine Braut nicht zu einer angemessenen Zeit wieder nachhause zu bringen, Ser Roméro?”schrie er diesen an, und die letzten beiden Worte spie er ihm regelrecht vernichtend und giftig entgegen. Alle Anwesenden, einschließlich des Erzherzogs, blickten fassungslos auf diesen Ausfall Meriks und auch Valésia löste sich erschrocken und unerlaubt aus ihrem Knicks und wandte sich hastig zuerst Roméro zu. “Roméro!” flüsterte sie, und dann blickte sie scheu und ängstlich zu Merik, als würde sie erwarten, die Nächste zu sein, die er züchtigen würde. Roméro knurrte “Eure Braut, von welcher ihr sprecht, ist meine Schwester. Ich habe geschworen, auf sie achtzugeben, und dies habe ich getan, in dem ich sie gestern Abend nicht zurück nach Burg Olathor gebracht habe...” Der Restalkohol in seinem Blut, zusammen mit seiner Abneigung und Respektlosigkeit dem Erbprinzen gegenüber, gepaart mit seiner Überlegenheit eines Sers ließ ihn dem Erbprinzen noch folgende Worte an den Kopf schleudern. “Ich habe, im Gegensatz zu euch, oder eurem Bruder, den Ritterschlag bereits erhalten, es ist also nicht von Nöten, mich zu schlagen...” Fassungslose Wut bemächtigte sich Merik, als er diese Worte vernahm. “Meint ihr, ich könne mich mit euresgleichen nicht messen? Wohlan, ihr habt übermorgen die Gelegenheit, euch im Turnier mit mir zu messen...” Der Erzherzog unterbrach sie. “Jetzt ist es aber genug! Ser Roméro, was ist überhaupt vorgefallen...?”
Im Schatten der Nacht ❖
24.06.2013 '23:09 [2.140 Wörter]
 achdem Endres die Schankmaid wieder sich selbst überlassen hatte, ging er mit einem selbstgefälligen Grinsen die Stufen ins Obergeschoss hinauf. Er steuerte geradewegs auf sein Zimmer zu, doch bevor er die Hand auf den Knauf der Tür, welche in sein Zimmer führte, legte, wandte er seine Blicke zu Valésias Zimmer. Er verharrte für einen Moment, starr und regungslos, und schien in Erwägung zu ziehen, noch einmal sein Glück zu versuchen. Doch höchstwahrscheinlich lag Valésia bereits im Bett und schlief. Und doch war Endres die wenigen Schritte zu ihrer Tür gegangen um davor stehen zu bleiben und unentschlossen sein Gewicht von einem Bein auf das andere zu verlagern. Wie hin und hergerissen stand er dort, und hob einige Male die leicht geballte Faust, um mit seinen Knöcheln gegen das schwere Holz zu klopfen, nur um die Hand wieder sinken zu lassen und kurz darauf schwer zu seufzen. Sie würde nur ungehalten sein, wenn er sie nun aufwecken würde. Und ewig würde Roméro auch nicht im Dämmerschlaf des Rausches liegen bleiben.
Und so erhob Endres ein letztes Mal seine Hand, bevor er sie kurz darauf wieder sinken ließ um sich seinem Zimmer zuzuwenden. Als er den Schlüssel in dem Schloss versinken ließ, da vernahm er unregelmäßige, polternde Schritte. Eine dumpfe Stimme hallte die Stufen hinauf und kündigte von seinem Ursprung an. »Verdammter Alkohol.«, brummte eine wohlbekannte Stimme und Endres war in diesem Moment froh, dass er nicht zu Valésia ins Zimmer gegangen war. Roméro kam die Stufen hinauf, und Endres schloss die Tür bis zu einem schmalen Spalt, um ihn kurz zu beobachten. Er torkelte ein wenig unkoordiniert von einer Seite zur anderen, und es machte jeden Moment den Eindruck, als ob er die Stufen hinab poltern würde. Doch irgendwie war es ihm gelungen unbeschadet die Stufen zu erklimmen und Endres verlor das Interesse. Sachte ließ er die Tür ins Schloss fallen und wandte sich seinem Bett zu.
Er lag noch lange Zeit wach und starrte nachdenklich an die Decke. So recht wusste er nicht, was er von Valésias Abfuhr halten sollte. War er nur zu ungestüm gewesen, oder war bei der adeligen Schönheit einfach nicht mehr zu holen, als ein verbotener Kuss. Endres hoffte, dass dem nicht so war. Vermutlich war sie nur nervös und diese fremde Umgebung hatte ihr sicherlich nur wenig Sicherheit vermittelt, die sie vielleicht gebraucht hätte, um sich ihm hinzugeben. Er ballte angespannt die Fäuste und überlegte immer wieder, was er ihr wohl sagen würde, sollten sie sich morgen früh über den Weg laufen. Doch soweit wollte Endres es nicht kommen lassen. Der Sturm heulte noch immer vor den Fenstern, welche nicht einmal aus Glas waren, sondern mit einer Schweinsblase bespannt worden waren.
Endres träumte unruhige und aufreibende Träume. Immer wieder sah er Blut und wie er oder Valerion starben. Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein Herz raste, als er wieder einmal mitten in der Nacht aus dem Schlaf hochschreckte und tief Luft holen musste. »Verdammt.« Er sah sich suchend um, ob nicht irgendwo ein Nachtmahr in einer Ecke hocken würde, dem er die Schuld an seiner Atemnot und seinem rasenden Herz geben konnte, doch natürlich fand er keinen. Wenn einer sich in das Zimmer geschlichen hatte, um sich auf seine Brust zu setzen und ihm den Atem abzuschnüren, dann hatte er sich gut versteckt. Sie waren Kinder der Schatten, natürlich konnte er keinen sehen, wenn nicht einmal das kleine Talglicht brannte. Er sah nur Schatten und Schemen, die alles Mögliche und zugleich nichts sein konnten. Er schüttelte den Kopf, um diese bedrückenden und beinahe auch beängstigenden Gedanken hinfort zu scheuchen, um sich wieder hinzulegen. Doch irgendetwas war anders, als die letzten Male, als ihn seine Alpträume aus dem Schlaf gerissen hatten. Ein wenig skeptisch runzelte Endres die Stirn und sah sich um. Er versuchte zu ergründen, was so anders war, als die letzten beiden Male, als er erwacht war, als sein Blick auf das Fenster fiel. Das Heulen und das Pfeifen waren nicht zu hören. Ein wenig schwerfällig erhob er sich von dem Bett und trat an das Fenster heran, um in die Nacht zu lauschen. Doch es war still. Ungläubig öffnete Endres das Fenster und streckte seinen Kopf ein wenig in die kalte Nacht hinaus, nur um festzustellen, dass der Schneesturm vorüber gezogen war. Alles, was davon zeugte, dass vor wenigen Stunden noch so viel Schnee vom Himmel gefallen war, dass man die Hand vor Augen nicht hätte sehen können, war der Schnee, welcher die Straßen, wie auch die Dächer eingeschneit hatte. Vom Fenster aus konnte man kaum sagen, wie hoch der Schnee nun liegen musste. Doch Endres packte diese Gelegenheit gleich beim Schopf. Solange die beiden, adeligen Geschwister noch schliefen, zog er sich an und verließ sein Zimmer. Leise ging er die Stufen in den Schankraum hinab, und auch hier herrschte Totenstille. Niemand war mehr zugegen. Alle waren entweder gegangen, oder lagen in ihren Betten. Sogar die Schankmaid vermisste Endres, was ihm einen bedauernden Blick entlockte.
Und so trat Endres vor die Tür der Schenke. Es war kalt und dunkel, doch der Mond stand hell am Himmel und ließ den Schnee beinahe unheimlich und magisch schimmern. Als ob der Schnee selbst leuchten würde. Als Endres die Tür geöffnet hatte, stand ihm der Schnee bis zu den Knien und er hob sein rechtes Bein in die weißen Massen, nur um kurz darauf darin zu versinken. Er zog seinen Umhang ein wenig fester zusammen und schritt, einsam und verstohlen, in die eisige Nacht hinaus. Wie lange er unterwegs gewesen war, konnte er nicht mehr sagen, als er endlich das Gasthaus erreicht hatte, in welchem Valerion ein Zimmer angemietet hatte. Doch als er endlich dort angekommen war, schüttelte er sich den Schnee von den Schuhen. Seine Hose war völlig durchnässt und er fror. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, wandte er sich an eines der beiden Feuer, welche kümmerlich in den beiden Kaminen brannten, um sich aufzuwärmen. Doch so wirklich warm wurde ihm nicht. Seine Hose war nass und die Kälte war ihm tief in die Glieder gekrochen, so dass er dem Feuer wieder den Rücken kehrte, um sich zu Valerion zu begeben.
Im Obergeschoss angekommen, musste er ernüchternd feststellen, dass Valerion die Tür von Innen verriegelt hatte. Selbst wenn er einen Schlüssel mit sich gehabt hätte, wäre er nicht hinein gekommen. Und so ließ er seine Faust drei Mal gegen die Tür donnern um Valerion aufzuwecken. Doch nichts geschah. Weder vernahm er schlurfende Schritte, noch grummelnde, dumpfe Worte. Lediglich die Stille, welche bedrückender war, als die eines Grabes. »Mach auf!«, schimpfte Endres und hieb erneut seine Faust gegen die Tür. Doch sie rührte sich nicht. Stattdessen schwang wenig später eine andere Tür auf und ein verschlafener Mann blickte ihn ungehalten an. »Was soll der Scheiß? Mitten in der Nacht so einen Lärm zu veranstalten?« Endres sah ihn trotzig an und verschränkte die Arme vor der Brust. »Hüte deine Zunge, Abschaum!«, blaffte er nur ungehalten und drückte seinen Rücken ein wenig durch, um eine stolzere Haltung einzunehmen. »Was fällt dir ein, so mit mir zu reden, du blöder Arsch?«, blaffte der Mann und trat in den Gang hinaus. Er trug nichts weiter, als seine Bruche und sein dicker Wanst hing über den Bund seiner Hose hinweg. »Ich schlag dir die Zähne aus, jawohl das mach' ich. Du …« Endres linkes Augenlid zuckte, als er den Mann auf sich zu stampfen sah und er verfluchte seine lose Zunge. Er hatte weder ein Schwert, noch einen Dolch bei sich. Geschweige denn ein einfaches, plumpes Messer. Er trat einen vorsichtigen Schritt zurück, um die Lage besser einschätzen zu können, als eine weitere Tür aufging. »Ruhe da draußen, ihr Säcke!«, keifte eine Frau mittleren Alters und streckte erbost die Faust in die Höhe. »Trollt euch in eure Betten, ihr Säufer!«, zischte sie und sowohl der Mann, als auch Endres sahen sie beide mit ausdruckslosen Gesichtern an.
Wie froh war Endres, als dann endlich die Tür zu seinem Gemach aufgegangen war und Valerion verschlafen den Kopf in den Gang geschoben hatte. »Endres? Was …« Endres drückte ihn in die Kammer hinein, und schlüpfte durch den Türspalt. Hastig schloss er die Tür hinter sich und entließ seufzend seinen Atem aus den Lungen. Valerion sah ihn fragend an und hatte recht schnell seine verlorenen Worte wieder gefasst. »Wo warst du? Ich dachte schon, sie haben dich erwischt.«, raunte Valerion und musterte Endres eingehend, doch dieser schüttelte nur den Kopf. »Alles in Ordnung. Ich bin der Komtess und ihrem Bruder begegnet. Und sie haben mich auf einen Umtrunk eingeladen. Leider ist mir der Schneesturm dazwischen gekommen, sonst wäre ich viel früher wieder zurück gewesen.« Während er sprach, nahm er sich seinen Umhang von den Schultern und hängte ihn an den eisernen Haken neben dem gusseisernen Ofen. Auch seinen Beinlingen, wie auch der Bruche war Endres relativ schnell entstiegen und kurz darauf nahm er sich die Decke seines Bettes und wickelte sich darin ein. »Die Komtess?«, fragte Valerion nur und sah Endres fragend an. »Ja. Die Gunst des Schicksals, findest du nicht?« Valerion schüttelte nur den Kopf. »Ich habe mir Sorgen gemacht, und du warst mit der Komtess …« Valerion unterbrach sich und sah Endres kurz darauf tiefer in die Augen. »… habt ihr?« Endres schüttelte den Kopf. »Nein.« »Warum nicht? Eine bessere Gelegenheit wirst du sicher nicht bekommen? War ihre Möse zugefroren, oder warum hast du …« Valerion grinste dreckig und Endres schnitt ihm harsch das Wort ab. »Nein. Nichts dergleichen. Ich musste zuerst das ewige Geschwafel ihres Bruders ertragen. Er hält sich ja für so eloquent. Doch in Wahrheit hat er nur gestört. Ich hatte kaum eine ruhige Minute mit ihr. Und als er dann endlich weg war, und ich mit ihr allein war, da war ich wohl zu ungeduldig.« »Sag bloß, sie hat dich abblitzen lassen?«, fragte Valerion, welcher sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen konnte. Es passierte nicht aller Tage, dass Endres nicht bekam, was er wollte. »Nicht direkt. Ich habe dieses Knistern in der Luft gespürt, wenn man einer Frau so nahe ist, dass man beinahe ihren Herzschlag hören kann. Und ihre Lippen waren süß wie Honig und weicher wie Schnee, obgleich ihre nicht so kalt waren, sondern warm wie die Sonne.« Valerion rollte mit den Augen. »Ich weiß, wie die Komtess aussieht. Erspare mir die romantischen Ausschmückungen.«, maulte er und rieb sich kurz darauf den Schlaf aus den Augen. »Wie du willst.«, brummte Endres beleidigt. »Wir haben uns geküsst, und als ich meine Hand an ihren Schenkel geführt hatte, da hat sie mich von sich gestoßen und regelrecht vor die Tür gesetzt.« Da begann Valerion zu prusten und zu lachen. »Ha, dass ich das noch einmal erleben darf. Der große Herr Endarion.«, spöttelte Valerion und Endres schwieg, während sich eine schwarze Gewitterwolke über ihm zusammenzubrauen schien. »Und? Hast du wenigstens gemacht, worum ich dich gebeten habe?«, fragte Endres beleidigt.
Da hielt Valerion in seinem Lachen inne und sah Endres entrüstet an. »Natürlich. Ich bin ja nicht du.« Er grinste wieder schief und Endres bedachte ihn mit einem schiefen Seitenhieb. »Ich dachte ja schon, dass die ganze Arbeit umsonst gewesen wäre, als du nicht mehr zurückgekommen warst. Doch nun scheint es deine letzte Gelegenheit geworden zu sein.« Endres seufzte schwer und nickte zu Valerions Worten. »Wie Recht du hast, mein Freund. Wie immer. Das Schicksal ist ein räudiger Hund.« Er spuckte auf den Boden und zog sich die Decke ein wenig enger um die Brust. Valerion grinste und zuckte kurz darauf mit den Schultern. »Also ich kann mich nicht beklagen.« Endres horchte neugierig auf und ihre Blicke kreuzten sich, in dem schlechten Dämmerlicht. »Ich habe es geschafft, in die Burg hinein zu schleichen, ohne entdeckt zu werden. Ich habe einen Brief für dich hinterlegt, und ich war sogar im Gemach des Erbprinzen und habe ihm seinen goldenen Siegelring geklaut, um den Brief mit seinem Siegel zu versehen.« Valerion sah Endres mit nicht wenig Stolz an und grinste breit. »Den Ring hab' ich übrigens kurz darauf einer Dirne geschenkt, damit sie ihre Beine für mich öffnet. Alles in allem ein rundum gelungener Tag. Das Schicksal ist kein räudiger Hund. Es ist eine launische Hure, mein Freund.« Valerion grinste und Endres ließ sich theatralisch rücklings ins Bett fallen. Vielleicht würde ihm diese launische Hure nun wenigstens bis zum Morgengrauen schlafen lassen. Bevor er die Augen schloss, räusperte er sich noch ein letztes Mal. »Was hast du geschrieben?«, erkundigte er sich neugierig, versuchte aber seine Neugierde, so gut es ging, zu verbergen. »Ich habe eine Abschrift angefertigt. Sie liegt dort auf dem Tisch.«, meinte Valerion nur, während auch er sich ins Bett fallen ließ. Endres erwog für einen kurzen Moment aufzustehen, um sie zu lesen. Doch das Licht war ohnehin zu schlecht und er war viel zu müde.
Und so lagen die Nachrichten noch ungelesen auf den Tischen. Sowohl auf dem Tisch der Komtess von Aramajé, wie auch auf dem kleinen Tisch neben Endres' Bett.
Ein rätselhafter Brief ❖
25.06.2013 '13:36 [3.001 Wörter]
 er Erzherzog war zwischen die beiden Streithähne Merik und Roméro gegangen. Beschwichtigend legte er seinem Sohn die Hand auf den Arm, um ihm Einhalt zu gebieten, und Graf Gunter von Aramajé stand ein wenig hilflos da, während er versuchte, seinen Sohn mit vernichtenden Blicken zum Schweigen zu bringen. Doch sobald Merik schwieg, fand selbst der redselige Roméro keinen Grund mehr, weiter zu sprechen. Der Erzherzog schickte mit einer scheuchenden Handbewegung sein Gesinde aus dem Thronsaal, und als nur mehr der Erzherzog, Erbprinz Merik, Graf Gunther, Roméro und Valésia und Malinda zugegen waren, faltete er die Hände vor dem Körper und blickte Roméro scharf an. “Wie könnt ihr es wagen, Ser Roméro, meinen Sohn vor dem Gesinde derart bloßzustellen?” funkelte ihn der Erzherzog an. Roméro war in Fahrt. Ihm war gegenwärtig alles gleichgültig. Er zuckte die Schultern, und strich sich mit einer lässigen Handbewegung Strähnen des dunklen, schulterlangen Haar aus dem Gesicht. “Wie kann der Erbprinz es wagen, mir ins Gesicht zu schlagen? Seine Braut ist meine Schwester, deren Wohl mit vermutlich weit mehr am Herzen liegt, als dem Erbprinzen selbst... Es ist reine Eitelkeit und Besitzergreifung.” Graf Gunter lief dunkelrot an, als er Romeros Worte vernahm und wechselte sowohl mit Roméro als auch mit Valésia finstere Blicke. Das törichte Geschwisterpaar hatte ihn erst in eine solch peinliche Lage gebracht. “Nun gut, ich muss einräumen, dass mein Sohn im Affekt gehandet hat. Es tut ihm leid, so seine Beherrschung verloren zu haben.” lenkte der Erzherzog ein und wandte sich an seinen Sohn Merik. “Ist es nicht so, mein Sohn?” Meriks Blicke schienen töten zu können, und dennoch nickte er und erwiderte. “So ist, Vater...” “Nun gut, da diese Hindernisse nun aus dem Weg geräumt sind... Was ist eigentlich passiert, Ser Roméro? Wo, bei den Dreien, wart ihr beiden die ganze Nacht? Ihr schuldet mir noch immer eine Erklärung!” wandte sich der Erzherzog argwöhnisch an Roméro. Dieser wechselte einen kurzen, fragenden Blick mit seiner Schwester, welche weiterhin schwieg. “Nun, Valésia und ich gingen wie ihr euch gewiss noch erinnert, nach Tarhjárt, um den Gebetstempel aufzusuchen. Valésia ist sehr gläubig, wie ihr wisst und sie suchte Trost bei den Dreien. Da der Erbprinz sich nicht dazu herabließ, seine Braut zu begleiten...” stichelte er erneut, “Habe ich meine Schwester begleitet. Wir schlenderten nachmittags gemütlich durch Tarhjárt, und noch bevor wir den Tempel erreichen konnten, kam dieser plötzliche Wetterumschwung und ein Schneesturm braute sich zusammen...” “Da habt ihr euch aber reichlich lange aufgehalten...” brummte der Erzherzog. “Verzeiht, es war ganz alleine meiner Liederlichkeit zuzuschreiben. Valésia trifft keinerlei Schuld.” hob er entschuldigend die Hand, und legte schließlich den Arm um Valésias Schulter, und zog sie ein wenig näher an sich heran. “Dann überraschte uns dieser Schneesturm und ich wagte es nicht, meine Schwester durch diese Naturgewalt zurück zur Burg zu bringen, obgleich ich wusste, wie sehnsüchtig ihr alle unsere Rückkehr erwartet habt...” spöttelte er verhalten und täuschte darüber hinweg, in dem er rasch weitersprach. “So suchten wir also die erstbeste Schenke auf, die in unserer Nähe war, und gut war es, denn kaum waren wir in Sicherheit, fegte der Sturm erst so richtig durch die Stadt. Wir haben uns heißen Tee und Suppe bestellt und dann haben wir abgewartet, dass der Sturm nachlässt. Zu später Stunde, als abzusehen war, dass dem nicht so sein würde, habe ich für meine Schwester und mich getrennte Zimmer besorgt, ihr Anweisungen zu ihrer Sicherheit gegeben und danach legten wir uns zur Ruhe. Es geschah alles nur zum Wohle meiner geliebten Schwester. Glaubt mir, hätte ich eine Brieftaube oder einen Boten schicken können, so hätte ich es getan, damit ihr euch nicht allzu sorgt. Doch höhere Macht war am Werke und mir waren die Hände gebunden.” Der Erzherzog lauschte aufmerksam Romeros Worten. “Nun, das klingt alles recht plausibel. Ist es so gewesen, wie euer Bruder berichtet, mein Kind?” wandte er sich an Valésia. Diese knickste tief und beugte ihr Haupt. “So ist es gewesen, eure durchlauchtigste Hoheit.” “Nun gut...” gab sich der Erzherzog mit dieser Antwort zufrieden. “Da ich diesen Schneesturm ja mit eigenen Augen und Ohren miterlebt habe, will ich von einer weiteren Zurechtweisung absehen...” meinte der Erzherzog gönnerhaft. “Ihr könnt euch nun alle entfernen...” wachelte er mit der Hand und drückte sich Daumen und Zeigefinger auf die geschlossenen Augenlider und rieb diese. Als die drei den Thronsaal verließen, zischte Merik Roméro zu “Ich fordere euch heraus! Am Turnier! Mann gegen Mann! Diese Beleidigung lasse ich nicht auf mir sitzen! Wenn ihr in eurem verarmten, kleinen Bernsteinreich nichts anderes zu tun habt, als euch mit dem Schwert zu messen, bitte, aber auf mich warten bedeutendere Aufgaben, als einen Rittertitel zu erringen! Eines Tages kann ich Erzherzog werden. Was seid ihr dann schon? Ein unbedeutender Ritter, und vielleicht Vasall eines brachen, unwirtschaftlichen Stück Landes, welches dem König gehört...” Er schüttelte verächtlich den Kopf wandte sich noch an Valésia und ergriff ihre Hand. Er beugte sich über ihre zarte, feingliedrige Hand und hauchte einen angedeuteten Kuss darauf. “Verzeiht mir, meine Schöne, dass ihr diese Worte mit anhören musstet. Doch bald ist diese Schmach für euch vorbei, wenn wir erst verheiratet sind. Dann seid ihr Erbprinzessin von Olathor und ihr müsst euch nicht nicht mehr mit dem Gedanken an Aramajé grämen. Ich muss nun gehen...” Damit ließ er das Geschwisterpaar stehen, und verschwand. “Arschloch...” murmelte Roméro. Graf Gunter, welcher in gebührlichem Abstand den Thronsaal verlassen hatte, packte Roméro am Arm. “Du kommst mit mir mit. So alt kannst du gar nicht sein, dass ich dir nicht dennoch den Kopf wasche...!” zischte ihm dieser zu. “Valésia, geh zurück in deine Gemächer!” blaffte er seine Tochter an.
Valesia ihrerseits ging zu ihrem Gemach. Malinda, welche ein wenig besorgt der Szene im Thronsaal beigewohnt hatte, folgte ihr. Die Komtess legte die Hand auf die Türe zu ihrem Gemach und sie erschien beinahe so schwer wie Blei, dass es sie direkt bedrückte. Sie hatte sich gar nicht nach Malinda umgewandt, doch ihre Schritte, und zuletzt die sich schließende Türe hatten Valésia verraten, dass diese sich stets hinter ihr befunden hatte. Die junge Frau trat in den Erker und blickte aus dem gläsernen Fenster. Der Schneesturm hatte für reichliche Verwehungen und Neuschnee gesorgt, dass man nur weiß sah, selbst das Wehrgebirge wurde vom Schnee förmlich verschluckt und hob sich kaum von der restlichen winterlichen Landschaft ab. Valésias Gedanken glitten unwillkürlich zu Endarion. Immer noch fragte sie sich, ob sie richtig gehandelt hatte, oder ob sie einen Fehler gemacht hatte. Sie schalt sich eine Närrin. Sie war nicht zum Glücklichsein geboren und erzogen worden! Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet gewesen, sich zu bilden, sich Wissen und die edlen Tugenden anzueignen, um eine glänzende Partie abzugeben! Wer fragte sie schon, was sie wollte? Niemand! Sie war mit dem Erbprinzen Merik verlobt, in wenigen Tagen würde sie seine Ehefrau werden, und nach den geltenden Tugenden und auch den gesetzlichen Gegebenheiten, gehörte ihre Hand alleine ihm! Ihre Hand, ihr Arm, und auch der Rest des Körpers. Und wenn sie eine gute Ehefrau war, dann würde ihr ganzes Bestreben sein, den Erbprinzen glücklich und zufrieden zu machen, und ihre Bedürfnisse bis zur Selbstaufgabe zurückzustellen. Wenn Merik nicht gar so ein Eisklotz wäre, dann würde es die Sache ein wenig einfacher machen. Sie wollte ja, dass sie Gefühle für ihn hatte, doch er ließ es einfach nicht zu, dass sie sich ihm nähern konnte... Endarion war eine kleine willkommene Abwechslung gewesen. Ein kleiner, romntischer Ausflug in eine andere Welt. Doch nun war sie wieder in die Realität zurückgekommen, nach Burg Olathor, ihrer neuen Heimat, und nun würde sie den charmanten Grafen nie wieder sehen... Nach einer Weile des Schweigens begann sie “Malinda?” “Ja, Komtess?” “Ich möchte gerne ein Bad nehmen... Bitte lass nach den Zofen schicken, dass sie alles bereit machen.” “Sehr wohl, Komtess...” meinte Malinda und nickte ergeben. Sie verließ den Raum und Valésia, welche in dem Erker ein wenig fröstelte, trat aus diesem wieder heraus. Als sie ans Feuer gehen wollte, um sich wieder aufzuwärmen, fiel ihr Blick auf den Tisch, wo ein gefaltetes Pergament lag. Es war verschlossen mit dem Siegelzeichen von Olathor, es war Meriks Siegel. Verwundert, wie auch neugierig, ergriff sie das Pergament, brach das Siegel, und öffnete den Brief.
Verehrte Komtess,
Kommt Übermorgen zur frühen Abendstunde zum Tempel der Drei. Tragt angemessene Kleidung und kommt allein.
Ich wünsche euch zu sprechen, ohne dass mein Vater oder eure Zofe dabei sind.
Verliert zu niemandem ein Wort, wenn ihr meine Gunst nicht gänzlich verlieren wollt.
Merik von Olathor'
Irrtiert las Valésia diese Zeilen. Was hatte dies zu bedeuten? Und wann war 'Übermorgen'? Hatte er den Brief heute in ihr Gemach gebracht? Oder bereits gestern? Dass der Schrieb von heute stammte, war eher unwahrscheinlich, vermutlich hatte er ihn gestern, als sie nicht da war, in ihr Gemach gebracht, oder eher bringen lassen. Also sollte sie sich morgen im Tempel der Drei einfinden. In angemessener Kleidung? Was verstand er unter angemessen? Seinem Stand entsprechend? Hatte sie sich je unangemessen eingekleidet? Verlangte er für den Besuch des Tempels bescheidene Kleidung? Oder prunkvoll, wie es sich für den Erbprinzen geziemte? Dies machte sie ein wenig ratlos und unschlüssig. 'Kommt allein...' Allein? Wie sollte sie alleine in die Stadt kommen? War dies eine Prüfung von ihm? Wäre es nicht besser, sich wie eine Komtess zu verhalten, und nicht alleine dort zu erscheinen? Wieso bestellte er sie zu einer privaten Unterredung nicht in seine Gemächer? Wäre dies unzüchtig? Aber wie, bei den Dreien, sollte sie dorthin kommen? Sie müsste sich doch eine Erlaubnis des Erzherzogs einholen, aber gleichzeitig sollte sie zu niemanden ein Wort verlieren, wenn sie nicht noch mehr die Gunst des Erbprinzen verlieren wollte. Diese unverblümte Drohung... Valésia ließ die Hand mit dem Pergament sinken. Malinda betrat wieder das Gemach. „Valésia, die Zofen wissen Bescheid, sie werden bald mit Eimern heißen Wassers kommen, um deinen Badezuber zu füllen... Was hast du da in der Hand?“ fragte sie sie neugierig. Valésia hob den Kopf und bemerkte erst jetzt ihre Hofdame. Sie knüllte das Pergament in der Hand zusammen, und warf es ins Feuer. „Von Merik...“ murmelte sie leise. Das zu sagen, war ihr doch hoffentlich gestattet, nicht, dass Malinda etwa noch misstrauisch würde. Malinda lächelte. „Etwa ein minniglicher Brief? Ein Gunstbeweis?“ fragte sie neugierig. Valésia ließ ihre irritierte Miene fallen und setzte eine Maske auf. „Vielleicht...“ lächelte sie sie an. „Danke...“ meinte sie noch. „Wofür?“ fragte Malinda. „Für den Badezuber...“ hauchte Valésia. „Ach so, dafür brauchst du dich doch nicht bedanken...“ meinte ihre Hofdame schließlich.
Nach und nach betraten die Zofen Valésias Gemächer und füllten den Badezuber mit heißem Wasser. Als dieser voll war, war das Wasser schon ein wenig abgekühlt. Valésia entkleidete sich mit Malindas Hilfe und stieg in den Zuber. Sie war immer noch nachdenklich. Was hatte Merik nur im Sinne? Diese Ungewissheit schürte ihre Neugierde beinahe ins Unermessliche. Aber bis morgen Abend war es nicht mehr so lange. Blieben nur zwei Fragen offen, welche Kleidung war angemessen, und wie kam sie alleine zum Gebetstempel? Warum ging er nicht direkt mit ihr dorthin? Der Erzherzog würde es sicherlich begrüßen, hatte er Merik doch erst gestern vorgeschlagen, Valésia zum Gebetstempel zu begleiten... Schließlich stieg sie in den Badezuber und ließ sich von Malinda waschen. Valésia hielt sich mit beiden Händen am Rand des Zubers an, während ihre Hofdame ihr den Rücken schrubbte, dann begann Malinda zögerlich, während ihre Streichbewegungen mit der Bürste langsamer wurden. „Man wird es dir noch nicht gesagt haben, Valésia. Aber meine Zeit bei Hofe ist vorbei...“ „Was?“ fragte Valésia und hielt den Atem an. Leise begann Malinda „Ich bin nicht mehr die Jüngste, ich kann meine mir zugeteilten Aufgaben nicht mehr zur Zufriedenheit aller erfüllen...“ sie schrubbte nun wieder etwas schneller, dass Valésias heller Rücken sehr schnell rot wurde und Valésia sich ein wenig schmerzgeplagt im Zuber um wandte. „Aber ich bin zufrieden! Wer hat denn etwas auszusetzen?“ hauchte sie fragend, und blickte Malinda ins Gesicht. „Der Erzherzog... Er hat veranlasst, dass ich unverzüglich zurück nach Aramajé reise. „Was? Aber... Was wird dann aus dir?“ „Graf Gunter ist so großzügig, und setzt mir eine jährliche Leibrente aus. Ich kann auch weiterhin auf Burg Kreuzenstein leben. Das ist doch sehr großzügig von ihm...“ meinte Malinda. „Ja, das ist es... Doch was soll ich nur ohne dich tun? Und wer wird deinen Platz einnehmen?“ „Der Erzherzog hat schon einen Ersatz für mich gefunden. Ein junges Ding, weit jünger als du. Ich kann dir nur raten, sei vorsichtig ,mit dem, was du ihr anvertraust. Sie untersteht dem Erzherzog und Olathor, nicht dir, oder Aramajé...“ Valésia nickte. Sie wandte sich wieder ab, damit ihre Hofdame die Tränen nicht sehen konnte, welche ihr in den Augen standen. Malinda begann, ihr den Kopf und das Haar einzuseifen und massierte mit den Fingern die Kopfhaut. „Und wann wirst du fortgeschickt?“ „Noch vor der Hochzeit, mein Kind. Der Erzherzog hält es für besser, wenn sich deine neue Hofdame um alles kümmert, damit alles nach Brauchtum, wie es in Olathor ist, abläuft...“ „Nein...“ hauchte Valésia. „Leider ist es so... Da kümmere ich mich um dich, Jahrein, Jahraus, und dann warten sie nicht einmal bis nach der Hochzeit...“ murmelte die alte Frau bitter. „Tauch einmal unter und wasch dir die Seife aus dem Haar, ich spüle es dir dann nach...“ wies sie Valésia an und diese tat, wie ihr geheißen. Als sie sich aus dem Badezuber erhob, betrachtete die alte Frau sie kurz und wickelte sie in ein vorgewärmtes, dickes Tuch. „Wenn dir der Erbprinz nach der Hochzeitsnacht nicht mit Leib und Seele verfallen ist, dann weiß ich auch nicht weiter...“ murmelte die alte Frau, während sie der Komtess in ihre Kleider half. Sie verschwieg ihr, dass sie bereits morgen Früh weg sein würde, und sie würde ihr auch nicht Lebewohl sagen, damit der Abschied leichter fiel...
Am nächsten Morgen saß Valésia im Kreise der engen Familie. Sie hatte am Morgen schon Bekanntschaft mit ihrer neuen Zofe gemacht. Kein sehr sympathisches Ding. Sie war höchstens fünfzehn, hatte ein hochnäsiges, neugieriges Gesicht, trug eine weiße, gestärkte Haube, und Valésia kam mit sich darüber herein, dass sie sich mit ihr wohl nicht anfreunden würde. Nie würde es ihr leichter fallen, Befehle zu geben, was ihr bei Malinda, trotz dem sie dieses Leben gewohnt war, seit sie denken konnte, immer ein wenig schwer gefallen war, weil sie sie eher als Freundin, Vertraute und wie eine Mutter betrachtet hatte, und nicht als Untergebene. Valésia warf einen Blick auf den Tisch an welchem das Gesinde saß, doch sie konnte Malinda nicht entdecken. Sie dachte erneut an den Brief des Erbprinzen, und warf ihm immer wieder fragende Blicke zu. Doch er spielte seine Rolle gut, und tat, als wüsste er von nichts. Sie beobachtete ihren Bruder. Er sah nicht gut aus. Es schien, als tat ihm Olathor und Tarhjárt nicht gut. Vor Wochen noch war das blühende Leben, und nun schien es, als würde er täglich trinken, was ihm sichtbare Spuren ins Gesicht zauberte. Ganz sicherlich hatte ihr Vater ihm gestern ins Gewissen geredet, und das war noch sehr charmant formuliert. Sie kannte seine Wutausbrüche. Und sie kannte auch Roméro. Er konnte sehr provozierend sein, in seiner Ruhe und Gelassenheit und ihren Vater damit in den Wahnsinn treiben. Ihre Blicke ruhten auf Merik. Wie um alles in der Welt, sollte sie die Burg verlassen können, ohne jemanden ein Wort davon zu sagen? Sie platzte schier vor Neugierde...
Als es dämmerte, es mochte um die vierte Stunde nach Mittag sein, suchte Valésia sich ein Kleid aus, in der Hoffnung, es wäre angemessen und genehm für den Erbprinz. Eine reinweißes Tunika, welche der Farbe des Schnees in nichts nach stand. Weiß war die Farbe der Unschuld, und doch besaß das Kleid einen Ausschnitt, der nicht zu frivol war, aber den Betrachter dennoch daran erinnerte, dass sie eine Frau war. Der weiche Diamantköper umschmeichelte ihre Hüften, und sie legte dazu einen silbernen Gürtel an, ein Kunstwerk der Schmiedekunst. Ein Schleier um ihren Hals gewickelt, sollte die Kälte bestmöglich abschirmen. Sie legte ihren weißen Fuchsfellmantel an, schlug die Kapuze über ihren Kopf und marschierte einfach durch die menschenleere Burg. Solange sie niemand sah, konnte sie auch niemand aufhalten. Wie lang konnte eine solche Unterredung mit dem Erbprinzen schon dauern? Zurück würden sie gemeinsam gehen, und es würde keine weiteren Fragen aufwerfen. Im verschneiten Burghof fiel sie in ihrer weißen Kleidung kaum auf. Ihr Herz klopfte stark, als sie mit gesenktem Haupt durch das Burgtor trat. Sie war noch nie alleine irgendwo hingegangen.
Valésia lief durch die stark verschneiten Gassen durch Tarhjárt. Die Laternen brannten schon allerorts und tauchten den Schnee in ein warmes, trügerisches Licht. Sie lief eine Weile, bis sie den Gebetstempel erreichte, welchen sie von außen zwar schon gesehen hatte, aber noch nie von innen. Muffige und steinerne Kälte schlug ihr entgegen, als sie den Tempel betrat. Ihre leichtfüßigen Schritte verhalten kaum auf dem marmornen Steinboden und sie blickte sich um. Niemand war zu sehen. Kein Priester, keine Gläubigen oder Schutzsuchenden, auch von Merik war keine Spur zu sehen. Unsicher stand sie da, und beschloss schließlich, die Wartezeit mit Beten zu verbringen. Sie schritt langsam nach vorne, bis sie vor dem Altar stand, welcher zu Ehren der Drei errichtet und geschmückt worden war. Unzählige, weiße Bienenwachkerzen brannten auf dem Altar, und eine Gefäß mit unzähligen Schneerosen zierte diesen. Sie warf einige Münzen in die Opferschale, welche auf dem Altar stand, und das Klingeln der Münzen widerhallte. Sie kniete auf dem mit dunkelrotem Samt bezogenen Betschemel nieder, faltete die Hände und schloss die Augen. Ihre Gebete galten nur Roméro, und selbstsüchtiger Weise ihr, dass dieses schwere Los, mit dem Erbprinzen verheiratet zu werden, durch irgendwelche glücklichen Zufälle doch noch an ihr vorüberzog. Vielleicht passierte es wirklich so, wie Endarion verschwörerisch zu ihr gemeint hatte; ein verirrter Pfeil auf der Jagd, so etwas konnte schnell passieren. Valésia schob diesen Gedanken eindringlich beiseite. Sie wünschte niemandem den Tod, nicht einmal dem Erbprinzen. Ihre Hände waren schnell eiskalt, und sie fröstelte, trotz des Pelzmantels, durch die vorherrschende Kälte, doch sie nahm sich zusammen, um nicht ihre Bedürfnisse über das Gebet zu stellen...
Im Tempel der Drei ❖
05.07.2013 '03:33 [1.809 Wörter]
 ls der Morgen graute, schälte sich Endres mühevoll aus der dicken Decken, in welcher er regelrecht eingewickelt war, wie das Opfer einer Spinne. Er trat die Decke mit den Füßen von sich, während er sich in dem unbequemen Bett aufrichtete um sich dann den Schlaf aus den Augen zu reiben »Steh endlich auf, du Penner.«, schallte ihm die Stimme Valerions entgegen und er riss entrüstet die Augen auf. Und da stand er, hatte die Hand auf seiner Schulter liegen und sah ihn ein wenig finster an. »Ich versuche dich schon seit dem Morgengrauen zu wecken.«, maulte Valerion und trat schließlich von Endres zurück, als dieser endlich aufgewacht war. Endres gähnte und streckte sich, bevor er ihn blinzelnd ansah. »Ich nehme an, du hast besser geschlafen?«, fragte Endres unnötigerweise und Valerion nickte. »Vermutlich. Aber ich bin ja auch nicht durch Knie hohen Schnee gestapft. Verdammt, ich habe Hunger, und du hast den ganzen Tag geschlafen.« Valerion trat an Endres heran und warf ihm einen dicken Wollmantel auf das Bett. »Los, anziehen. Sonst bekommen wir keinen Platz mehr im Schankraum, damit wir nicht dieses Mahl auch noch versäumen. Denn vor die Tür bekommen mich heute sicher keine zehn Pferde, wenn wir woanders essen gehen müssen.« Endres stützte sich indes mit den Armen am Bett ab, um sich auf diese Weise ein wenig Schwung zu verschaffen, der ihn aus dem Bett helfen sollte. Und es gelang auch, mehr oder weniger elegant. Als er endlich aus dem Bett aufgestanden war, da legte er sich die Arme in den Rücken, knapp über der Hüfte und begann sein Kreuz nach hinten durch zu biegen. Es knackte zwei Mal und Endres seufzte dabei erleichtert auf. »Aah. Dieses Bett ist noch der Tod für meinen Rücken.«, maulte Endes und Valerion seufzte nur. »Ich schlafe wie ein König.« Er grinste und insgeheim dachte er nur an die beiden dicken Brüste, welche gestern Abend noch das Bett mit ihm gewärmt hatten. Ein wohliges Grinsen machte sich auf Valerions Gesicht breit, so dass Endres ihn fragend ansah. »Was grinst du so bescheuert?«, fragte Endres noch ein wenig verschlafen, doch Valerion verzog nur seinen Mundwinkel, um das Lächeln zum Sterben zu bringen, aber er gab Endres keine Antwort. »Verschon' mich mit deiner schlechten Laune, Endres.«, wehrte Valerion ab und straffte sich ein wenig den Wollumhang, welcher auf seiner Schulter lag.
Endres indes, war an den kleinen Tisch herangetreten, welcher nahe des vergilbten Fensters stand. Als ihm das kleine Pergament ins Auge fiel, welches auf dem Tisch lag, da begannen seine Augen zu leuchten. »Ah, der Brief, von dem du mir gestern Abend erzählt hast.« Er rollte das Pergament eilig auseinander und überflog hastig die Zeilen. Als er das Pergament wieder zusammen rollte, da räusperte sich Valerion. »Na? Ist es dem Grafen Endarion genehm?«, fragte er mit gespielter Ehrerbietung und offensichtlichem Hohn. »Übermorgen? Was soll das heißen? Wann ist Übermorgen? Woher soll sie wissen, wann Merik den Brief hinterlegt hat?«, fragte Endres und Valerion kratzte sich an Kinn. »Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass ihr die Nacht über fort bleibt. Sie hat ihre Gemächer in den frühen Mittagsstunden verlassen, und wenn sie kurz vor Einbruch der Nacht in ihr Gemacht zurück gekehrt wäre, dann hätte sie den Brief noch am selben Tag vorgefunden, und es bestünden keinerlei Zweifel.«, maulte Valerion entschuldigend. »Ich hab mir das auch nicht so vorgestellt. Der Schneesturm hat alles nur noch schlimmer gemacht. Der Erzherzog ist auch so schon ein strenger Regent. Wenn Roméro nicht die richtigen Worte gefunden hatte, um ihr Fernbleiben über Nacht zu erklären, wird sie bei ihm unter keinem guten Stern stehen. Wer weiß, ob sie überhaupt alleine die Burg verlassen kann? Und was geschieht ihr wohl, wenn sie es doch schafft, und wieder erwischt wird?« Endres Worte überschlugen sich und er malte sich allerlei schlechte Geschichten aus, welche von nun an wohl nur mehr folgen würden, bis Valerion ihm die Hand auf die Schulter legte. »Wird schon. Jetzt gehen wir erst mal runter und schieben uns was zwischen die Beißer.« Er nickte Endres aufmunternd zu und Endres ließ sich schließlich von Valerion in den Schankraum führen. Es gab einen Hafereintopf mit Wurzelgemüse und dazu schlichtes Bauernbrot mit Schmalz und einige Dörräpfel. Endres stellte sich vor, was Valésia in diesem Moment wohl zu Essen aufgetischt bekam, und sein Magen knurrte bei diesem Gedanken. Er hoffte, dass dieser Winter keiner dieser unsäglich langen und dabei hatte der Winter erst angefangen.
Als sie ihr klägliches Mahl beendet hatten, war Endres erstaunt, wie satt er geworden war. Und wirkte nun auch deutlich entspannter und wacher, als noch vor dem Frühstück. »Was machen wir jetzt?«, fragte Valerion und dämpfte seine Stimme zu einem leichten Raunen. »Was meinst du?«, hakte Endres nach und Valerion grinste nur. »Na, du und deine Komtess.« Endres nickte fragend und strich sich dann ein wenig nachdenklich über das Kinn. »Es liegt viel Schnee. Sie wird kaum durchkommen. Die Leibeigenen müssen sicherlich erst noch die Straßen freilegen, aber ob sie das bis zum Abend schaffen?« Endres schüttelte den Kopf, zum Zeichen, dass er nicht daran glaubte. »Aber wir haben noch einen ganzen Tag Zeit. Genug Zeit, um uns vorzubereiten.« Valerion nickte und zog seinen dampfenden Becher, in welchem ein heißer Tee vor sich hin dampfte, näher an sich heran, und nippte vorsichtig an dem heißen Getränk, bevor er kurz darauf in den Becher pustete. »Was hast du dir vorgestellt?«, fragte Valerion neugierig, doch Endres zuckte nur die Schultern. »Ich hätte sie nicht in den Tempel bestellt, dort wird sie sicherlich nicht sehr offen sein, wenn ihre Götter ihr förmlich über die Schultern blicken. Valerion lachte erheitert und stellte den heißen Becher wieder ab. »Ich dachte, nichts kann dich schrecken. Da wirst du wohl noch mit einem, alten Priester und einer jungfräulichen, ariadischen Adeligen fertig werden.« Wieder gluckste Valerion und war sichtlich bemüht, nicht allzu laut zu werden, um kein unnötiges Interesse zu wecken.
Endres verschränkte die Arme. »Das erste, was ich mir wohl überlegen werde, ist, wie ich sie wieder beschwichtige, wenn sie erfährt, dass ich diesen Brief in Meriks Namen hinterlegt hatte. Immerhin bringt sie dieser Brief in gehörige Schwierigkeiten, wenn jemand davon erfährt.«, meinte Endres und Valerion zuckte mit den Achseln und runzelte die Stirn. »Man könnte meinen, dir liegt mehr an ihr, als du zugeben willst. Was kümmert es dich, ob sie bestraft wird? Nimm sie dir, oder wie auch immer du das nennst, und dann lass uns endlich von hier verschwinden.«, forderte Valerion, doch stieß er bei Endres auf taube Ohren. »Wenn wir hier fertig sind, dann gehen wir.« Er gab ihm weder ein Versprechen noch leistete er einen Schwur und Valerion sah ihn mit wachsendem Argwohn an. »Wenn sie erwischt wird, und man sie mit uns findet, weißt du, was das bedeutet. Folter, Verstümmlung oder gar der Tod. Wir sind Fremde in diesem Land. Vielleicht fordern sie für dich von der Hohenehr ein Lösegeld. Es kann Monate dauern, bis man von dort eine Antwort erhält. Zeit, die mir nicht vergönnt wird, denn ich bin nur ein einfacher Diener. Nichts wert.« Valerion sah sich ein wenig vorsichtig um, denn er wollte nicht belauscht werden. Doch schien sich niemand für die beiden Männer am Tisch, welche immer wieder lachten, aber größtenteils miteinander tuschelten, zu interessieren. »So wie mein Leben, wenn die Antwort der Hohenehr eintrifft.«, sagte Endres ernst und Valerions angespannte Haltung entspannte sich ein wenig.
Schließlich verließen die beiden wieder den Schankraum, um auf ihr Zimmer zu gehen. Immer wieder stand Endres, im Laufe des Tages, am Fenster und starrte hinaus in die weiße Stadt, welche von einer gewaltigen Decke eingeschneit worden war. Doch vermutlich war dieser Teil der Stadt einfach zu unbedeutend, als dass sie von den Leibeigenen freigelegt würde. Diese kümmerten sich vielmehr um die große Hauptstraße und die Plätze, welche an jener einzigen, gepflasterten Straße Tárhjarts lagen. Irgendwann sah Endres die Dirnen, wie sie im tiefen Schnee standen und feine, weiße Dunstwölkchen ihren Mündern entstiegen. Anscheinend fand kein Freier den Weg zu ihnen, und so mussten sie wohl oder übel frieren. Endres verzog seine Miene, als er den Frauen noch ein wenig zusah und trat schließlich wieder vom Fenster zurück. »Der Schnee liegt so hoch, dass selbst die Dirnen ohne Freier bleiben.« Da horchte Valerion auf und sah Endres an. »Das klingt verlockend. Sie müssen ja richtig ausgehungert nach einem richtigen Mann sein.« Er konnte sich ein derbes Grinsen nicht verkneifen, doch Endres schnaubte. »Was wenn sie heute schon zum Tempel gegangen ist?« Valerion zuckte mit den Schultern. »Morgen ist der große Tag. Nicht heute. Sie ist nicht dumm, sie wird es schon wissen.«
Der Abend verging quälend langsam, doch irgendwann fand Endres den Schlaf, den er schon seit Stunden herbeisehnte. Und langsam glitt er in einen Traumlosen Schlaf hinein. Am nächsten Morgen, als in aller Früh der Hahn krähte, war Endres einer der ersten, welcher auf den Beinen war. Sogar vor Valerion. Und so vertrat Endres sich ein wenig die Beine und ging vor das Haus. Zu seiner Erleichterung waren gerade einige Männer am Werk, welche begonnen hatten den Schnee auf der Straße vor dem Bordell freizulegen. Er konnte sich eines verstohlenen Gedankens nicht erwehren, dass sich diese Männer all die Mühen nur aufhalsten, um endlich wieder vor ihren hässlichen Weibern in den Schoß einer jungen, hübschen und drallen Dirne fliehen zu können. Und so fieberte Endres dem Treffen mit der Komtess entgegen, während er den ganzen Tag an beinahe nichts anderes denken konnte.
Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt und vereinzelte Schneeflocken fielen, beinahe neckisch im lauen Abendwind tanzend, zu Boden. »Es schneit schon wieder.«, bemerkte Valerion und hielt seine rechte Hand auf, um einige Schneeflocken zu fangen. »Hoffentlich bleibt es bei diesen wenigen.«, raunte Endres leise und deutete Valerion nickend ihm schweigend zu folgen. Kurze Zeit später erreichten sie den Tempel der Drei und Endres hielt Valerion an der Schulter. »Ich weiß nicht, wann der Priester den Tempel verlässt, aber wir können sie nicht allzu lange warten lassen. Sicher ist es kalt darin. Valerion nickte ernst und Endres erläuterte ihm noch einmal seinen Plan. »Also, wir schleichen uns beide rein, und während ich den Priester ablenke, nimmst du dir aus dem Schrein einen Gebetsmantel und trittst an die Komtess heran. Locke sie irgendwie aus dem Tempel, und sobald ihr euch in Bewegung setzt, werde ich draußen wieder zu euch stoßen.«
Und als sich die beiden Männer in den Tempel hinein gestohlen hatten, da dauerte es nicht lange, als ein weiß gewandeter Mann an die Frau heran trat, welche vor den drei Steinen kniete und leise vor sich hin murmelte, als ob sie beten würde. »Verzeiht, mein Kind. Aber ist euch nicht kalt?«, fragte Valerion und verstellte seine Stimme ein wenig tiefer. Doch sobald die Frau den Kopf erheben würde, um ihrem unerwarteten Gegenüber in die Augen zu schauen, würde sie ihn sicherlich erkennen. Und so legte er bereits den rechten Zeigefinger ausgestreckt über seinen Mund.
Genarrt und in die Irre geführt ❖
18.07.2013 '21:03 [1.791 Wörter]
 alésia war in ihr Gebet vertieft, zusammengesunken kniete sie auf dem Gebetsschemel und kaum ein Laut drang von ihren Lippen in den Tempel. Die meisten Gebete vollführte sie lautlos in ihrem Kopf, nur nur hin und wieder hörte man ein verhaltenes Flüstern, welches in dem großen steinernen Tempel beinahe verschluckt wurde. Sie fror. Sie fror entsetzlich. Schon der Weg durch den beinahe kniehohen Schnee war sehr beschwerlich gewesen, und sie hatte ja keine Stiefel, sondern lediglich knöchelhohe Lederschuhe, die lediglich dafür gedacht waren, auf den binsenbestreuten Steinböden in den Burgen zu wandeln. Doch hier war ihr der Schnee in die Schuhe gekrochen, und ihre Füße waren beinahe so kalt geworden, dass sie sie kaum mehr spürte. Und nun diese Steinmauern, die Steinböden und der ganze Tempel an sich, zogen die Kälte förmlich an sich. Es war wie in den Burgen. Auch dort war es immer kalt und zugig. In der Kemenate konnte man aufhalten, ohne kläglich zu frieren. Dort stand der große Kamin, welcher den Raum beheizte, und Valésia hatte auf Burg Kreuzenstein immer ganz nahe am Kamin gesessen, um nur ja nicht der wohligen Wärme zu entgehen, welche das Feuer verströmte. Burg Olathor war ein wenig anders. Dort gab es nicht nur eine Feuerstelle, sondern sogar eine in ihren eigenen Gemächern. Die Erbprinzen, der Erzherzog und die anderen hochrangigen Adeligen auf Burg Olathor würden mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso über eine Feuerstelle in ihren Gemächern verfügen. Dies war der einzige Umstand, welchen Valésia sehr schätzte, an Burg Olathor. Sie begann sich ihre Hände ein wenig zu kneten und zu reiben, denn die Kälte kroch ihr allmählich in alle Knochen. Sie bot wahrscheinlich einen kläglichen Anblick mit ihren roten Wangen und der roten, kalten Nasenspitze. Merik hatte doch immer etwas an ihr auszusetzen, sie würde vermutlich wie ein Hoffnarr aussehen, der sich in seine Maskerade geworfen hatte. Und wo war Merik nur? Sie war wahrscheinlich viel zu früh dran. Oder etwa gar einen Tag zu früh? Vielleicht war das Treffen erst morgen und sie hatte sich geirrt? Dieses Treffen passte irgendwie zu ihm, sie hier in dieser Kälte zu empfangen, und warten zu lassen, sah ihm auch ziemlich ähnlich. Valésia ärgerte sich insgeheim darüber, und doch hegte sie Hoffnungen, dass dieses Treffen vielversprechend sein würde, dass es zu einer Aussprache, zu einer Versöhnung oder ähnlichem kommen würde... Sie wollte einfach nicht mehr die dumme, niedere, nicht standesgemäße Frau sein, in zwei Tagen würde sie seine Ehefrau sein, und sie wünschte sich Ebenbürtigkeit ... Respekt ... Liebe ... War das hochmütig, und zu viel verlangt? Adelige Ehen waren doch meistens nur Zweckehen, geschlossen, um Reichtum zu vermehren, oder Macht, oder die Stellung der Familie zu festigen, oder um sein Land vor möglichen Feinden zu schützen... Nur selten wuchs aus solchen Verbindungen Liebe, oder gar Respekt...
Sie hörte leise Schritte. Merik... Das musste Merik sein! Sie wandte ihren Kopf, doch sie konnte nur den Priester sehen, und so senkte sie ein wenig enttäuscht wieder den Kopf. Sie wusste schon gar nicht mehr, was sie noch beten und erbitten sollte. Sie hatte sämtliche Gebete an die Drei ausgesprochen, sie hatte ihren Bruder bedacht, die Götter um Schutz und Wohlwollen für ihn angesucht, und sie hatte auch völlig eigensinnig sich selbst bedacht, hatte die Drei um Weisheit, Hilfe, und Beistand gebeten, und selbst, wenn sie dies nicht bekam, dann sollten sie wenigstens Meriks Herz erweichen, dass dieser rohe, kühle Mann zumindest erträglicher wurde. Valésia hauchte sich den warmen Atem in die Handflächen, und plötzlich vernahm sie eine Stimme. "Verzeiht, mein Kind. Aber ist euch nicht kalt?" Valésia hob den Kopf, während sie sprach "Euer ehrwürdiger Gnaden, sehr sogar, aber ..." Sie verstummte, als sie in das Gesicht des Priesters blickte, der zum ersten den Zeigefinger auf seinen Mund gelegt hatte, um ihr schweigen zu gebieten, zum zweiten deutlich jünger war, als ein Priester normalerweise war, und zum dritten kam ihr dieser Mann sehr bekannt vor. Sie blickte ihn irritiert, und mit großen Augen an, als versuchte sie, aus seinem Gesicht heraus zu lesen, wer er war. Dann dämmerte es ihr. Er war Endarions Knappe! Was wollte dieser denn hier? Und was wollte er von ihr? Unweigerlich blickte sie sich um, denn wo Endarions Knappe war, konnte auch Endarion in der Nähe sein. Aber sie konnte ihn nirgendwo ausmachen. Und trotzdem war ihr unbehaglich zumute. Merik würde jeden Moment hier sein, und wenn er den Knappen des paltorischen Grafen sah, wie er dort herumlungerte, wo auch seine Braut sich befand, würde er ziemlich ungehalten werden. Und wenn er den paltorischen Grafen höchstselbst bei seiner Braut fand, würde er vermutlich noch viel ungehaltener sein. Valésia wusste, wie ungnädig der Erbprinz von Olathor sein konnte. Ihr fiel die Demütigung ein, die er ihrem Bruder Roméro beigebacht hatte, und diese, oder ähnliche Brüskierungen wollte sie, wenn es nur irgendwie möglich war, Graf Endarion ersparen. Die Komtess blickte unsicher zum Tempeleingang, doch da die Tür sich nicht öffnete, oder schloss, weil jemand hereingekommen war, flüsterte sie "Erbprinz Merik von Olathor wird jeden Moment hier erscheinen ... Er wäre nicht sehr erbaut, wenn er sehen würde, dass ihr, ein einfacher Knappe, mich hier ansprecht ..." Valésia senkte den Blick. "Verzeiht, es ist nichts gegen euch, ich habe weder etwas gegen euch, noch wollte ich euch beleidigen ... Es ist nur ... Der Erbprinz ist sehr ..." Sie unterbrach sich, und ärgerte sich über ihre fehlerhafte Ausdrucksweise und rang mit sich, um die passenden Worte zu finden. "... harsch und besitzergreifend ..." beendete sie ihre Erklärung, dann hob sie ihren Blick wieder, und sah ihn entschuldigend an. "Der Erbprinz wird nicht kommen ..." erwiderte der Knappe und Valésia blickte ihn seltsam an, während sie ein Wechselbad der Gefühle empfand. "Wie ... Er wird nicht kommen ... Was meint ihr damit? Warum wird er nicht kommen?" fragte sie ihn, sichtlich verwirrt.
Und plötzlich fühlte sie sich sehr unwohl, ja gar bedroht, und unweigerlich schoss der Dialog mit Endarion in ihren Kopf. 'Auch wenn es beinahe an Hochverrat grenzt, und ich es kaum wage diese Worte auszusprechen, doch ein wilder Eber, oder ein verirrter Pfeil sind auf einer Jagd keine Seltenheit. Es liegt in der Hand der Götter ...' Hatten die beiden Männer, oder viel mehr der Knappe, damit der Graf sich nicht die Hände schmutzig machen musste, den Erbprinzen abgefangen, und ihn gar umgebracht? Und nun, da er nicht kommen würde, weil er nicht konnte, wäre sie ihnen schutzlos ausgeliefert? Valésia wehrte sich gegen diesen Gedanken, doch war er so an den Haaren herbeigezogen? Ihr Herz pochte, doch der Knappe blickte sie ruhig an, und nichts in seinem Blick verriet ein schändliches Vorhaben, oder eine schändliche Tat. "Glaubt mir, der Erbprinz wird hier und heute nicht erscheinen. Vertraut mir, und kommt mit mir mit ..." Er hielt ihr seine Hand entgegen, doch Valésia zögerte einen Moment. Konnte sie ihm vertrauen? Doch hatte sie eine andere Wahl, wenn sie Endarion dadurch wieder sehen konnte? Ihr Herz pochte immer noch, doch hatte der Grund, warum es so stark pochte, sich gewandelt. Was konnte der Knappe Endarions schon im Sinne haben, außer sie zu seinem Herrn zu bringen? Heute war der dritte Tag gewesen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und die letzten Tage auf Burg Olathor waren eine quälende Zerreißprobe ihrer Sehnsucht gewesen. Sie hatte nur neben sich gestanden, und war vor allem ihrem Bruder Roméro aus dem Weg gegangen, den sie fürchtete, weil er der einzige Mensch war, dem sie nichts vormachen konnte. Er hätte es bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte, und hätte sie bedrängtt, bis sie ihm erzählt hätte, was sie bedrückte, und belügen wollte sie ihn nur ungern. Sie vermisste Endarion beinahe schmerzlich, und all die Vorhaben, ihn aus ihrem Herzen und aus ihrem Geist zu verdrängen, und Zerstreuung zu suchen, waren kläglich gescheitert. Sie hatte die Befürchtung, dass sie ihn vergrämt hatte, als sie ihn in der Schenke so harsch zurückgewiesen hatte, und schämte sich auch dafür. Sie würde, nun, da er ihr so erreichbar schien, weil nicht Merik hier erschienen war, sondern Endarions Knappe, vieles tun, nur, um ihn wieder zu sehen, mit ihm zu sprechen, ihn zu berühren, ihn zu küssen, ihn ...
Und dann legte sie ihre Hand in die des Knappen, welcher ihr half, sich zu erheben. Sie schluckte ein wenig schwer, als sie den Knappen anblickte, und strich ihre Röcke glatt, und zog sich ein wenig enger den weißen Fuchsfellpelzmantel um ihren Körper, um die Kälte ein wenig zu vertreiben, und dann folgte sie ihm, als er sie dazu aufforderte, und voran ging. Ihrer beiden Schritte hallten durch den marmornen Tempel, und nach wenigen Augenblicken fanden sie sich wieder draußen, wo die Kälte noch ein wenig zunahm, wo sie doch nur wenige Minuten zuvor geglaubt hatte, sie könnte nicht mehr frieren, als sie bereits tat. Die Komtess folgte dem Knappen, welcher voran über den kleinen Platz schritt, welcher den Tempel der Drei umgab, und schon bald betraten sie eine kleine Seitengasse. Und dann sah sie Endarion in der Abenddämmerung stehen ... Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, und zu ihrer kältebedingten Röte huschte noch eine zusätzliche, durch freudige Erregung und auch ein wenig Scham und Betretenheit, bedingt. Als sie an ihn herangetreten war, blickte sie ihm eindringlich in seine schönen Augen und hauchte "Endarion ..." Mehr wagte sie nicht zu sagen, da sie das Gefühl hatte, ihr würde die Kehle zugeschnürt werden. Stumm musterte sie den Paltoren, warf abwechselnd dem Knappen und ihm Blicke zu, während ihre Gedanken sich förmlich überschlugen. Dann dämmerte es ihr. Sie blickte den Knappen an, und richtete das Wort an ihn "Ihr sagtet, der Erbprinz wird nicht kommen ... Dann stammt der Brief etwa von Euch?" Sie blickte ihn fest an, und dieser nickte schließlich. Bestürzt beobachtete Valésia dieses Kopfnicken, und war so perplex, dass sie zunächst nichts erwiderte. Doch sie besann sich rasch und meinte schließlich "Bei den Göttern ... Jetzt ist alles aus ... Ich habe mich mit einem schlechten Gefühl heimlich und alleine aus dem Schloss geschlichen, und der einzige Grund, warum ich es getan habe, und meine Bedenken zerstreuen konnte, war das Wissen, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen würde, weil ich zusammen mit dem Erbprinzen zurück nach Burg Olathor kehren werde. Und nun erfahre ich, der Erbprinz weiß gar nichts davon?" Sie biss sich auf die Lippen. Sie fühlte sich wie eine törichte Närrin. Es hätte andere Mittel und Wege geben müssen, um ihn wieder zu sehen, und nicht, sich einfach aus der Burg zu schleichen. Sie schluckte schwer, dann fuhr sie fort "Ich stecke bis zum Hals in Schwierigkeiten... Der Erbprinz schätzt mich ohnehin schon so gering ... Was wird er nur sagen, wenn er erfährt, dass ich mich alleine und heimlich aus der Burg geschlichen habe? Ihr habt keine Begriffe davon, wie er ist, nicht die leiseste Ahnung habt ihr!" Sie haftete ihren Blick auf Endarion. "Warum habt ihr ... hast du ... das getan? Warum ... ?"
Am Scheideweg ❖
13.08.2013 '13:13 [1.280 Wörter]
 uälend langsam sickerte die Erkenntnis in Endres' Verstand. Als die Worte der Komtess an Endres' Ohr drangen, da fühlte er sich von Mal zu Mal schlechter. Er hatte es erahnt, dass sie so reagieren würde. Ja, er hatte es Valerion prophezeit und sich schon einige Ausreden parat gelegt, mit welchen er die Komtess beschwichtigen wollte. Doch nun, als er von ihrer Schönheit beinahe geblendet wurde, da versagte ihm seine Zunge den Dienst. Er stand nur da, und mit jedem ihrer Worte schien er mehr und mehr in sich zusammen zu sinken. Er fühlte sich in diesem Augenblick so hilflos und noch viel mehr schuldig. Und schmerzlich dachte er an Valerions Worte. »Man könnte meinen, dir liegt mehr an ihr, als du zugeben willst. Was kümmert es dich, ob sie bestraft wird? Nimm sie dir, oder wie auch immer du das nennst, und dann lass uns endlich von hier verschwinden.« Ja, Valerion hatte damit eine empfindliche Stelle getroffen. Fürwahr, dies entsprach gänzlich Endres' Beweggründen. Doch nun, als er die verzweifelte Komtess von Aramajé vor sich sah, da plagten ihn mit einem Mal die Schuldgefühle. Er wollte nicht, dass sie zu Schaden kam. Nicht nur, weil sie so unglaublich schön war, und es eine Verschwendung wäre, wenn sie von dieser Welt ginge, nur weil er sie im Stich gelassen hatte. Nein. Er musste sich selbst eingestehen, dass er Valésia lieb gewonnen hatte. Sie war ein Juwel, welches buchstäblich vor die Säue geworfen wurde, indem sie mit einem Mann verheiratet wurde, der sie weder schätzte, noch ihrer würdig war. Konnte Endres mit Bestimmtheit sagen, ob er ihrer würdig wäre? Wohl kaum. Er war kein Mann von Adel. Er besaß nicht einmal Land. Er war der Sohn eines Scharfrichters, eines Mannes, der einem ehrlosen Beruf nachging, und Valerion war sogar der Sohn eines Leibeigenen, und damit waren sie beide einer hochwohlgeborenen Adeligen ihres Standes nicht würdig, ganz zu schweigen davon, dass sie atemberaubend schön war. So schön, dass das halbe Königreich von ihr sprach. »Ihr sagtet, der Erbprinz wird nicht kommen ... Dann stammt der Brief etwa von Euch?«, sah sie Endres fragend und mit beinahe anklagenden Blicken an. Und auch wenn der Brief von Valerion verfasst worden war, so war er doch nur sein Knappe, und es stünde Endres in diesem Augenblick nicht sonderlich gut zu Gesicht, wenn er Valerion die Schuld zuschieben würde. Und so nickte er nur betreten. »Bei den Göttern ... Jetzt ist alles aus ... Ich habe mich mit einem schlechten Gefühl heimlich und alleine aus dem Schloss geschlichen, und der einzige Grund, warum ich es getan habe, und meine Bedenken zerstreuen konnte, war das Wissen, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen würde, weil ich zusammen mit dem Erbprinzen zurück nach Burg Olathor kehren werde. Und nun erfahre ich, der Erbprinz weiß gar nichts davon?« Valésias Fassungslosigkeit erfüllte Endres' Herz mit Gram, Zweifeln und Schuldgefühlen. »Valésia … Komtess. Bitte, ihr müsst mir glauben, dass …« Doch sie ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen und tat sogleich ihrem verzweifelten Unmut kund. »Ich stecke bis zum Hals in Schwierigkeiten ... Der Erbprinz schätzt mich ohnehin schon so gering ... Was wird er nur sagen, wenn er erfährt, dass ich mich alleine und heimlich aus der Burg geschlichen habe? Ihr habt keine Begriffe davon, wie er ist, nicht die leiseste Ahnung habt ihr!« Ihre anklagenden, ja beinahe verzweifelten Blicke, bohrten sich tief in Endres Herz. Just in diesem Moment bereute er es, Valerion damit beauftragt zu haben, sie in die Stadt zu locken. Es hätte sicher eine bessere Möglichkeit gegeben. Doch der Schneesturm hatte alles zunichte gemacht. Und nun stand Endres vor Valésia, der Frau die ihn beinahe um den Verstand brachte und fühlte sich wie ein dummer Junge, der nicht wusste, was er sagen sollte. Sie haftete ihren Blick auf Endarion. »Warum habt ihr ... hast du ... das getan? Warum ... ?« Da trat Endres einen Schritt auf sie zu. Er hatte sich so sehr auf diesen Abend vorbereitet. Doch auf solche Worte konnte man sich nicht vorbereiten. Und so ließ Endres seinem Herzen den Freiraum, den es brauchte, um die Worte zu sprechen, die er sonst wohl nie ausgesprochen hätte. »Ich war wie von Sinnen.«, sagte er, ehe er bemerkte, wie zweideutig seine Worte waren. Für einen Augenblick biss er sich noch auf die Lippen, doch schon im nächsten führte er den Satz zu Ende, bevor Valésia ihn noch missverstand. »Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an euch.« Doch Valésia sah ihn nur bestürzt an und er haderte mit den Worten, die ihm förmlich auf der Zunge brannten. »Nichts lag mir ferner, als euch in Schwierigkeiten zu bringen. Doch bitte erlaubt mir mich zu erklären.« Er wurde nervös und spürte, wie er leicht errötete, doch da es ohnehin so kalt war, mochte einem der Unterschied wohl kaum auffallen. »Als ich Valerion, meinen Knappen, damit beauftragt hatte, euch einen Brief zu hinterlegen, war nicht ersichtlich, dass wir in einen Schneesturm geraten würden. Nun, da ihr bereits den Groll eures zukünftigen Gemahls auf euch gezogen habt, als ihr wegen mir zu spät gekommen seid …« Endres unterbrach sich wieder und wechselte einige fragende Blicke mit Valerion, doch dieser wirkte ebenso unschlüssig und ratlos, wie Endres selbst. »Es war einfach zu spät, den Brief wieder zu entwenden, bevor ihr ihn gelesen habt.« Und so trat er noch einen weiteren Schritt auf die Komtess zu. »Wenn ihr wollt, begleite ich euch in die Burg, und stehe für mein närrisches Verhalten vor dem Herzog gerade …« Weiter kam Endres nicht, als Valerion einen Schritt auf Endres zuging und ihn grob am Arm packte. »Bist du jetzt völlig übergeschnappt, Endres?«, herrschte er ihn an, dass diesem Hören und Sehen verging.
Valésia hingegen schien Valerions Ausbruch mit gemischten Gefühlen aufzunehmen. Vermutlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass ein Knappe mit seinem Ritter auf eine derartige Weise sprechen würde. Doch war die Situation, in welche sie sich nun hinein manövriert hatte, ohnedies nicht sonderlich gewöhnlich. Es war prekär, wenn man es noch milde ausdrückte. »Du vergisst dich, Valerion.«, zwang Endres sich zu einer beherrschten Stimme, doch Valerion ging gar nicht darauf ein. »Ach halt doch die Schnauze. Ich werde 'nen Teufel tun, und in diese Burg gehen! Am Ende werden wir beide am Galgen enden, nur wegen …« Valerions Blicke huschten zu Valésia, deren Blicke so viel und doch zugleich auch gar nichts aussagten. Was mochte sie wohl in diesem Moment denken? Endres verzweifelte, doch Valerion sprach die Worte nicht zu Ende, worüber Endres sehr dankbar war, denn er kannte Valerion zu gut, als dass die folgenden Worte sonderlich schmeichelnd gewesen wären. »Du kannst ja gerne hier bleiben. Sollte ich nicht zurück kehren, überbringe meinem Vater …« Doch wieder fuhr ihm Valerion dazwischen. »Nichts werde ich.« Mit diesen Worten wandte sich Valerion von Endres und Valésia ab und stapfte wütend durch den Schnee.
Und nun standen Endres und die Komtess von Aramajé alleine in dieser Gasse. Im tiefsten Winter, welcher Olathor fest im Würgegriff hatte. Und Endres wagte es kaum, dieser schönen Frau in die Augen zu blicken. »Ihr müsst ihm vergeben, verehrte Komtess. Er hat einfach nur Angst.« Endres verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere, als ihm bewusst wurde, wie er mit der Komtess sprach, da sie sich ja bereits darauf geeinigt hatten, von der distanzierten Art des Adels zu der freundschaftlichen Anrede zu wechseln. »Verzeih auch mir. Ich bin so verwirrt und durch den Wind.« Endres streckte die Hand nach Valésia aus, um die ihre zu ergreifen, doch wagte er es nicht, dies ohne ihre Einwilligung zu machen, und so verharrte er darauf, dass sie darauf eingehen würde. »Du musst elendig frieren. Komm, wir gehen in ein Gasthaus, wärmen uns auf, und dann bringe ich dich zurück in die Burg, zu deinem zukünftigen Gemahl.«
Endres Endarion ❖
01.09.2013 '20:04 [1.736 Wörter]
 ange und eindringlich blickte Valésia Endarion abwartend an, nachdem sie ihm ihre harschen Worte, die eigentlich nur aus einem verzweifelten Herzen kamen, an den Kopf geworfen hatte. Sie hatte völlig ihre gute Erziehung vergessen. Wie konnte sie einen Grafen nur in Anwesenheit seines Knappen derart brüskieren? "Ich war wie von Sinnen..." begann er. Ja, das entsprach der Wahrheit, stellte sie grollend fest. "Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an euch." Diese Worte bestürzten sie. Es ging ihr ja auch nicht anders, doch so gerne sie ihm dies sagen wollte, die Worte kamen nicht über ihre Lippen. "Nichts lag mir ferner, als euch in Schwierigkeiten zu bringen. Doch bitte erlaubt mir mich zu erklären. " Valésia nickte stumm und blickte ihn aufmerksam an. "Als ich Valerion, meinen Knappen, damit beauftragt hatte, euch einen Brief zu hinterlegen, war nicht ersichtlich, dass wir in einen Schneesturm geraten würden. Nun, da ihr bereits den Groll eures zukünftigen Gemahls auf euch gezogen habt, als ihr wegen mir zu spät gekommen seid..." "Aber es war nicht eure Schuld..." gestand sie ihm zu. "Es war Romeros Idee, eine Schenke aufzusuchen. Und der Schneesturm war höhere Macht. Oder... oder Schicksal..." Sie dachte dabei an Endarions Worte, die er zu ihr sagte, als er vor ihrem Zimmer in der Schenke gestanden hatte. "Aber es war nicht... deine... Schuld..." flüsterte sie, und ein warmes Gefühl strömte durch ihren frierenden Körper, als sie ihn so betreten, und beinahe unglücklich wirkend, in der dunklen Gasse stehen sah, die nur von einer kleinen Straßenlaterne erhellt wurde. Endarion trat einen weiteren Schritt auf die Komtess zu und fuhr fort. "Es war einfach zu spät, den Brief wieder zu entwenden, bevor ihr ihn gelesen habt. Wenn ihr wollt, begleite ich euch in die Burg, und stehe für mein närrisches Verhalten vor dem Herzog gerade…" Noch ehe Valésia etwas darauf erwidern konnte, packte sein Knappe ihn plötzlich am Arm und riss ihn herum. "Bist du jetzt völlig übergeschnappt, Endres?" fuhr er ihn in einem seltsamen, vertraulichen Ton und gleichzeitigen Wutanfall an, dass Valésia Endarions Knappen fassungslos anstarrte. Endres? Endarion? Was hatte das zu bedeuten? Und noch immer kreiste die Frage in ihrem Kopf, wie sein Knappe es wagen konnte, in einem derartigen Ton mit seinem Grafen zu sprechen! Beinahe entgeistert beobachtete sie dieses Streitgespräch, und es schien ihr, als würde Endarion versuchen, die Fassung zu behalten. Sie kannte keinen Grafen, der sich von einem derart niederen Rang auch nur eine zart angedeutete Kritik gefallen ließ. "Du vergisst dich, Valerion." erwiderte Endarion bestimmt, doch dies stieß bei dem Knappen nur auf taube Ohren. Vielmehr entgegnete er "Ach halt doch die Schnauze..." Valésias Augen wurden kugelrund und sie errötete, und versuchte krampfhaft, woanders hinzublicken, und presste die Lippen aufeinander. Bis auf ihren Vater hatte noch nie jemand in ihrer Gegenwart derart die Beherrschung verloren. "Ich werde nen Teufel tun, und in diese Burg gehen! Am Ende werden wir beide am Galgen enden, nur wegen …" In diesem Moment trafen sich Valerions und Valésias Blicke und erneut schoss ihr heisse Verlegenheitsröte ins Gesicht und sie senkte den Blick. "Du kannst ja gerne hier bleiben. Sollte ich nicht zurück kehren, überbringe meinem Vater …" begann Endarion, doch sein Knappe ließ ihn nicht aussprechen. " Nichts werde ich." Mit diesen Worten wandte er sich ab, und stapfte davon. Seine Körpersprache verriet ganz deutlich, wie wütend er war, und Valésia blickte ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war.
Valésias Blick blieb auf dem Lichtkegel haften, welchen eine Öllaterne am Häusereck in den Schnee warf. Unweigerlich erinnerte sie dies an ihre erste, zufällige Begegnung in Tárhjart, als sie ihren Bruder Roméro in der Menschenmasse verloren hatte, und ein kaum sichtbares schmunzeln umspielte dabei ihre Lippen. Dann wandte sie den Kopf wieder Endarion zu und blickte ihn an, doch er sah ihr kaum in die Augen, als er sagte "Ihr müsst ihm vergeben, verehrte Komtess. Er hat einfach nur Angst." Valesia nickte stumm mit dem Kopf. Sie musste zugeben, Angst, hatte sie auch. Doch sollte sie nicht so viel Selbstvertrauen besitzen, zu wissen, dass man ihr nichts antun würde, nur weil sie ungefragt oder unerlaubt die Burg verlassen hatte? Immerhin war sie die Braut des Erbprinzen von Olathor, und sie hatte sich sonst nichts zu Schulden kommen lassen. "Verzeih auch mir. Ich bin so verwirrt und durch den Wind" fügte er dann in einer vertraulicheren Anrede hinzu und streckte unsicher die Hand nach ihr aus. Und Valésia lächelte ihn warm an, und legte ihre eiskalte Hand in die seine. "Denkst du, mir ergeht es anders? Auch, wenn die Umstände unserer Begegnung alles andere als erfreulich sind, so bin ich doch sehr glücklich, dass wir uns nun gegenüber stehen." Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und fügte hinzu "Auch, wenn das Verhalten deines Knappen alles andere als akzeptabel war..." Sie lächelte schelmisch dabei. "Du musst elendig frieren. Komm, wir gehen in ein Gasthaus, wärmen uns auf, und dann bringe ich dich zurück in die Burg, zu deinem zukünftigen Gemahl." Valésia schüttelte den Kopf. "Ja, ich friere entsetzlich, das muss ich zugeben...Und gerne gehe ich mit dir in ein Gasthaus um uns aufzuwärmen, aber den Weg zurück in die Burg werde ich auch alleine finden. Ich glaube nicht, dass es besonders klug wäre, wenn ich in deiner Begleitung zur Burg zurückkehre... Ich weiß nicht, wie der Erzherzog auf dich zu sprechen ist, doch der Erbprinz ist es ganz bestimmt nicht..."
Endarion bot ihr schließlich seinen Arm an, und sie hakte sich unter. Durch mehrere verwinkelte Gässchen liefen sie durch den knöchelhohen Schnee, stets darAuf bedacht, die Hauptstraße zu meiden, denn man konnte ja nie wissen, vielleicht suchten sie Valésia schon, und durch die Hauptstraße patrouillierten Wachen der Stadtwache eher, als durch die engen, dunkleren, und verwinkelten Gässchen Tárhjarts. Völlig erfroren und müde war Valésia, als sie schließlich in ein winziges Gasthäuschen kamen. Durch die geschlossenen Fensterläden drang helloranger Feuerschein. Ob das Gasthaus einladend war, konnte man durch die schwache, bis beinahe fehlende Straßenbeleuchtung nicht erkennen, doch es war das erstbeste, welches sie fanden, und so kehrten sie schließlich in die Schenke ein. Die Schankstube war noch winziger, als das Gasthaus von außen anmutete, und bot nur Platz für vier Tische, nebst Ausschank und sich dahinter befindlicher Küche, doch es war niemand sonst anwesend, bis auf den Wirt, und irgendwie hatte diese wionzige Stube etwas anheimelndes. Nach gewohnter Manier suchte Valésia zuerst den Kamin auf, um sich ihre eiskalten und rot gefrorenen Hände aufzuwärmen. Als die Wärme allmählich wieder in ihre Hände zurückkam, die Wangen rot, und die Nasenspitze und Ohren nicht mehr eiskalt waren, wandte sie sich von der Feuerstelle ab, und trat an den Tisch heran, welchen Endarion scheinbar als den besten auserkoren hatte. Sie zog ihren weißen Pelzmantel aus, danach befreite sie sich von ihrem Schleier, welcher um ihren Hals gewickelt war. Der silberne Gürtel aus kunstvoll geschmiedeten, runden Platten bestand, die durch kleine Ringglieder aneinander gereiht waren. Der warme Feuerschein spiegelte sich in dem kühlen Silber wieder, und zauberte auf den Boden und die Deckel kleine Lichtpunkte, die bei jeder ihrer Bewegungen umhertanzten. Valésia strich sich die Röcke ihres weißen Diamantköperwollkleides glatt, zog sich schließlich einen Stuhl heran, welcher zur rechten des Grafen Endarions war, und ließ sich schließlich darauf nieder. Der Wirt kam sogleich an ihren Tisch und blickte nicht wenig verwundert, welch edle Herrschaften um diese ungewöhnliche Zeit in seiner Gaststätte einkehrten. "Was darf ich bringen?" fragte er, und nach kurzem zögern verneigte er sich leicht. Valésia nahm nicht an, dass er sie kannte, und so nahm sie diese Geste ohne ein schlechtes Gefühl zur Kenntnis. Endarion bestellte zwei heiße Gewürzweine, und nach kurzer Weile brachte der Wirt diese. Valésia umschloß den heißen Becher, ließ ihn aber gleich wieder los, da er doch eine Spur zu heiß war.
Ein wenig betreten starrte sie auf die kleinen Dunstwölkchen, die dem heißen Getränk entstiegen, dann blickte sie wieder Endarion an. Sie verlor sich für einen kurzen Moment in seinen Augen, die in dem schwachen Feuerschein des Kamins und des kleinen Talglichtes am Tisch zwar deutlich dünkler waren, als des Tages, doch sie kannte die Farbe seiner strahlend grauen Augen, und es fiel ihr schwer, den Blick davon abzuwenden. "Endarion..." begann sie schließlich. "Ich muss gestehen, ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich noch einmal wiedersehen willst... ich meine, nach dem unsäglichen Zwischenfall in der Schenke... Ich hatte die Schankmaid früh am Morgen, bevor Roméro und ich wieder zurück in die Burg gegangen sind, gebeten, dir etwas zu überbringen... hat sie es dir gegeben?" erkundigte sie sich. "Was da oben in meinem Zimmer passiert ist, tut mir leid... Ich hatte unglaubliche Angst..." Sie schluckte schwer, denn es war ihr unmöglich, weiter zu sprechen. Alles, was nun noch folgen würde, wäre zu unschicklich und unziemlich, aber dennoch brannten ihr noch folgende Worte auf der Seele. "Ich bin keine Närrin. Ich bin zwar gänzlich unerfahren, aber dennoch wusste ich, was du wolltest... Und ich hatte so große Angst, weil ich..." Sie presste die Lippen aufeinander, weil sie nicht wusste, wie sie fortsetzen sollte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, und es schien ihr, als hätte sich ein Nachtmahr auf ihre Brust gesetzt, da sie kaum zu atmen vermochte. Doch es schien, als würde Endarion großes Interesse für ihre Worte haben, und schließlich gab sie sich einen Ruck und vollendete im Flüsterton den Satz "...weil ich es auch wollte..." Jetzt war es heraus. Sie schlug sich ihre Hand vor den Mund und starrte betreten in ihren Weinbecher, und wagte es nicht mehr, ihn anzublicken. Sie schämte sich über alle Maßen. Ihre ganze Erziehung, die sie all die Jahre eingetrichtert bekommen hatte, schien gescheitert zu sein. Was immer man ihr über Sittsamkeit, das Schweigen einer Frau, Keuschheit und all die anderen guten und wichtigen Tugenden, die eine Frau zu besitzen hatte, gelehrt hatte, waren vergessen. Und alles nur wegen dieses einen Mannes... Einem Mann, der noch nicht einmal Ariader war. Ein Graf, der doch nicht standesgemäß war... Sie umschloß den Weinbecher, der nun nicht mehr ganz so heiß war, und hielt ihn beinahe krampfhaft in den Händen, dass sie beinahe befürchtete, er würde in ihrer Umklammerung zerbrechen. "Oh Endarion... Was machst du nur mit mir?" fragte sie ihn leise, ohne ihn eines weiteren Blickes würdigen zu können. Doch dann fuhr ein Geistesblitz durch ihren Kopf, und sie hob doch wieder den Kopf und blickte ihn fest an. "Dein Knappe hat dich vorher 'Endres' genannt... Warum? Was hat das zu bedeuten?"
Alles auf eine Karte ❖
03.09.2013 '18:21 [2.315 Wörter]
 alésias freundliche Worte glichen einem warmen Balsam für Endres' Seele. Er hatte schon befürchtet, dass sie ihm unversöhnlich den Rücken zuwenden würde und er dann allein im Schnee zurück bliebe. Und doch war sie geblieben, trotz der prekären Zwickmühle, in welcher sie sich zum augenblicklichen Zeitpunkt befand. Und als er ihr schließlich seine Hände dargeboten hatte, und sie ihm die ihren dargereicht hatte, da umspielte ein freudiges Lächeln seine Lippen, welche von Eis und Kälte schon spröde und kalt geworden waren. Aber noch war nicht alles verloren. Vielleicht erwies es sich, nun, im Nachhinein, als äußerst geschickter Schachzug, der Komtess von Aramajé das Angebot gemacht zu haben, sie in die Burg zu begleiten. Denn sie ging zwar auf seinen Vorschlag ein, ein wärmendes Gasthaus aufzusuchen, doch im selben Atemzug noch verweigerte sie sein ritterliches Angebot, sie zu begleiten. Und da fiel Endres natürlich ein gewaltiger Stein vom Herzen. So geschickt er mit der Zunge auch war, und das in vielerlei Hinsichten wie er beiläufig und lächelnd bemerkte, aus dieser Situation hätte er sich niemals herausreden können. Sie hätten ihn im besten Fall verbannt. Doch er war ein Paltore. Kein Ariader. Er hatte es gewagt der Komtess, der zukünftigen Erbprinzessin von Olathor, welche damit schon beinahe eine Anwärterin auf den ariadischen Thron werden würde, einen Brief im Namen des Erbprinzen zu schicken, um sie aus der Burg zu locken. Das grenzte nicht nur an Hochverrat, das war eine Brüskierung der hohen Herren, die seinesgleichen suchte. Und während er so darüber nachdachte, wurde ihm erst so richtig bewusst, wie töricht sein Handeln doch gewesen war. Valerion hatte Recht! Was war nur los mit ihm? Früher war Endres niemals so unvorsichtig gewesen, wenn es darum ging einer hübschen Frau den Hof zu machen, oder gar ungeniert nachzustellen. Doch die Komtess von Aramajé schien ihn jeder Vorsicht, jeder Zurückhaltung und jedes Verstandes zu berauben. Und doch ging er immer weiter. Er war so kurz davor das Eis zu brechen, welches ihr junges Herz umschlossen hielt. Das Eis, welches er schmelzen musste, um ihr Blut in Wallung bringen zu können. Er warf alle Ängste und alle Zweifel über den Haufen. Sie war zum Greifen nah, und er musste nur die Gelegenheit am Schopf packen.
Doch dann hatte Valerion seinen Ausbruch gehabt. Ein fataler Mangel an Selbstbeherrschung. Und als er seiner Wut freien Lauf gelassen hatte, sowie seinen Unmut kundgetan, da hatte er Endres und Valésia einfach in der Gasse zurückgelassen und war von dannen gestapft. Eine kleine Stimme in Endres' Herzen riet ihm, Valerion sofort nachzueilen, doch verharrte er weiterhin und hatte nur Augen für Valésia, welche ebenso verwirrt wie unschlüssig vor ihm stand. »Ihr müsst ihm vergeben, verehrte Komtess. Er hat einfach nur Angst.« Kaum hatten die Worte die offenen Tore seiner Lippen passiert, da erwiderte die Komtess seine zurückhaltenden Blicke. »Denkst du, mir ergeht es anders? Auch, wenn die Umstände unserer Begegnung alles andere als erfreulich sind, so bin ich doch sehr glücklich, dass wir uns nun gegenüber stehen.« Und da wusste Endres, dass sie ihm verfallen war. Wie konnte sie so denken, obwohl er sie in derartige Schwierigkeiten gebracht hatte? Sie war neugierig und die Tatsache, dass ihr zukünftiger Gemahl gänzlich dem widersprach, wonach ihr Herz sich so sehr sehnte, schien über jeden Zweifel oder jede anerzogene Zurückhaltung erhaben zu sein.
Valésia lächelte schelmisch als sie sprunghaft das Thema wechselte. »Auch, wenn das Verhalten deines Knappen alles andere als akzeptabel war... « Endres biss sich auf die Lippen, um nicht gar etwas falsches zu sagen, denn Valerion war mehr als nur sein Knappe. Eigentlich war er ihm überhaupt nicht untertan, denn sie waren ebenbürtige Freunde. »Da magst du Recht haben. Doch werde ich ihm seine berechtigte Angst nicht vorwerfen. Höchstens sein ungebührliches Verhalten vor der Komtess von Aramajé.« Wieder zu seinem alten Charmé zurückgefunden, hob Endres Valésias Hand ein wenig empor, um ihr sanft einen Handkuss anzudeuten. Und anders, als damals in dieser verlassenen Schenke in ihrer Heimat, berührten seine Lippen dieses Mal nicht ihre zarte und so helle Haut, welche beinahe der Milch des Mondes glich. Es schien ihm beinahe eine halbe Ewigkeit her zu sein, seit er der Komtess zum ersten Mal begegnet war, und doch waren ihre bisherigen Begegnungen nur spärlich gesät gewesen. Valésia war für Endres noch immer ein verschlossenes Buch, derer sieben Siegel erst zwei geöffnet zu sein schienen. Doch gerade dies machte auch den Reiz an dieser Frau aus, welche Endres Verlangen und auch sein Interesse in unermessliche Höhen schürte.
Während Valésia und Endres auf der Suche nach einer geeigneten Gaststätte waren, welche auch nicht allzu weit entfernt sein durfte, damit die junge Komtess nicht allzu lange durch den tiefen Schnee waten musste, bemühte sich der falsche Graf immer wieder, Wege einzuschlagen, in welchen der Schnee nicht gar so hoch lag, wie auf der Hauptstraße. Und so mochte es vielleicht auch seltsam anmuten, dass er immer wieder in verwinkelte Gassen einbog, da dort der Schnee aufgrund der Tatsache, dass die Häuser dort enger standen und somit weniger Schnee hinein geweht wurde. Und Endres war regelrecht dankbar, dass sie relativ schnell eine Gaststube fanden. Einen bedeutungsvolleren Namen verdiente diese Schenke auch nicht, denn sie nahezu unscheinbar. Das kleine Eckhaus, über dessen Türe ein kleines, hölzernes Schild im lauen Abendwind schaukelte, verschwand beinahe in den dunklen Gassen. Wie die meisten Häuser, so war auch dieses zu großen Teilen aus Holz erbaut worden, und der Name der Schenke beschrieb gut, was sich hinter der Eingangstür befand. »Zum Eck«. Die Gasse selbst lag in den Schatten der Nacht, doch brannte noch Licht im Inneren des Eckhauses und so glomm der Hoffnungsschimmer in Endres auf, welcher, beim Betreten der Schankstube, Endres erleichtert seufzen ließ. Mancher Wirt verriegelte zu so später Stunde bereits seine Türen, um die Tische zu reinigen und den Boden zu fegen. Und vermutlich hätte es auch nicht mehr lange gedauert, denn es befand sich nicht ein einziger Gast an einem der vier Tische. »Wir haben Glück, Valésia.«, raunte Endres der Komtess kaum hörbar zu. »Niemand sonst ist hier. Wir sind ganz ungestört, und die Gefahr jemanden zu treffen, den einer von uns kennt, ist kaum gegeben.« Valésia zog es zunächst zu dem kleinen, gusseisernen Ofen, welcher in der Ecke, nahe der Ausschank stand, was Endres nicht weiter verwunderte. Immerhin war sie schon viel länger der Kälte der Nacht ausgesetzt gewesen, als er selbst. Und so suchte er sich einen der Tische aus, welcher ihm am genehmsten wirkte, und wartete darauf, dass die Komtess sich ausreichend aufgewärmt hatte. Der Wirt, welcher das Eintreffen zweier Gäste, zu so später Stunde, schließlich auch bemerkt hatte, schlurfte gemächlich an den Tisch heran, und beinahe verunsichert wechselten seine Blicke immer wieder zwischen der hohen Maid aus Aramajé und dem fremdländischen, falschen Adeligen, welcher ihr gegenüber saß. »Was darf ich bringen?«, war seine zu erwartende Frage, doch schien er eher verunsichert zu sein. Vermutlich hatte er selten Besuch von Adel und keinen anderen Eindruck erweckten diese beiden Gäste. Seine Verbeugung, welche er kurz darauf andeutete, zeigte Endres auf beinahe dieselbe Weise, wie es um sein Wissen über die hohen Kreise bestellt war. Und so ließ es Endres sich nicht nehmen, ihn weiterhin in diesem Glauben zu lassen, als er seine Bestellung kundtat. »Guter Mann, der Winter kroch uns so tief in die Glieder, dass nur ein warmer Gewürzwein unsere Lebensgeister wieder erwecken könnte. Bringt uns doch bitte zwei davon.«
Als die beiden dampfenden Tonbecher schließlich vor Endres und Valésia standen und der Wirt sich wieder an seinen Platz zurückgezogen hatte, an welchem er sich aufgehalten hatte, bevor sie die Schankstube betreten hatten, herrschte zunächst betretenes Schweigen. Ein Schweigen, welches schließlich von Valésia gebrochen wurde, obwohl Endres in Gedanken immer wieder damit begonnen hatte sie anzusprechen. Doch wollte er den Moment nicht mit den falschen Worten ruinieren. »Endarion. Ich muss gestehen, ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich noch einmal wiedersehen willst ... ich meine, nach dem unsäglichen Zwischenfall in der Schenke.« Da horchte Endres unweigerlich auf. »Wie kommst du darauf?«, waren die einzigen Worte, welche ihm sogleich einfielen, denn er hatte eigentlich erwartet, dass sie das Gespräch, welches sie in der Gasse geführt hatten, nun weiterführen würde. Und so fühlte er sich ein wenig überrumpelt. Doch Valésia ging nicht auf seine Frage ein. »Ich hatte die Schankmaid früh am Morgen, bevor Roméro und ich wieder zurück in die Burg gegangen sind, gebeten, dir etwas zu überbringen ... hat sie es dir gegeben?« Kaum hatte sie ihre Worte ausgesprochen, da bereute Endres augenblicklich, sich bereits in der Nacht davongeschlichen zu haben. Doch was sollte er sagen? Sollte er lügen? Aber wenn, dann würde sie vielleicht näher dazu befragen. Nein, das würde nur weitere Probleme bereiten. Und so entschied er sich, die Wahrheit zu sagen und zu hoffen, dass sie es nicht allzu übel nahm. »Nein.«, antwortete er doch hob er sogleich die Hände in die Höhe, um zu verhindern, dass sie irgendwelche falschen Schlüsse ziehen konnte. »Doch es war nicht die Schuld der Schankmaid. Ich war längst fort, als du ihr deine Gabe gegeben hattest. Noch in derselben Nacht, als ich vor deiner verschlossenen Tür stand, hatte ich mich entschlossen es mit dem Schnee aufzunehmen. Eine törichte Idee …« Er hielt inne und fuhr sich dabei durch sein helles Haar, um es aus dem Gesicht zu streichen. »Doch bitte versteh' dies nicht als Vorwurf. Ich bin nicht aus Groll oder gar aus anderen, niederen Gründen gegangen. Ich wollte dir nur die unangenehme Situation ersparen, wenn wir uns am nächsten Morgen wieder einander begegnet wären, wo der vorherige Abend doch so … unangenehm verlaufen war.« »Was da oben in meinem Zimmer passiert ist, tut mir Leid ... Ich hatte unglaubliche Angst ...« Da beugte sich Endres vor, um seine Hände um Valésias zu legen, welche ihre noch um den heißen Becher Gewürzwein gelegt hatte. »Es braucht dir nicht Leid zu tun. Mein Verhalten war unschicklich und unüberlegt.« »Ich bin keine Närrin. Ich bin zwar gänzlich unerfahren, aber dennoch wusste ich, was du wolltest ... Und ich hatte so große Angst, weil ich ...« Valésia hielt für einen Moment in ihren Worten inne und so erhob Endres seine Stimme erneut. »Natürlich. Du bist immerhin verlobt und ich stand vor dir und stellte deine Treue zu dem Erbprinzen unverhohlen auf die Probe. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, denn ich und nicht du.« Als er sich der Geste, welche er soeben gemacht hatte, bewusst wurde, da zog er hastig die Hände von den ihren zurück, doch Valésia schien noch nicht gesagt zu haben, was sie eigentlich hatte sagen wollen. »Ich hatte so große Angst davor, weil … weil ich es auch wollte.« Ihre Stimme glich beinahe einem Flüstern und doch drang jede einzelne Silbe so klar an sein Ohr, dass er sie nur mit großen Augen anstarrte, und seine Hände, welche eben noch im Begriff waren sich vor ihr zurück zu ziehen, verharrten regungslos, nur wenige Zoll vor den ihren, auf dem Tisch. Das hatte er nun nicht erwartet. Gehofft, Ja. Insgeheim geahnt, wohl auch. Doch vor noch nicht allzu langer Zeit, als sie hinter dem Tempel der Drei im Schnee gestanden waren, hatte Endres nicht den Eindruck gehabt, dass das folgende Gespräch sich in diese Richtung entwickeln würde.
Endres' Gedanken gerieten aus den Fugen. Er hatte das Herz der Komtess von Aramajé erobert. Und war er ihr nicht hunderte Meilen hinterher gereist, nur um sie für sich zu gewinnen? Er war endlich am Ziel und so schmiedete er im Geiste bereits Pläne, während er nach außen hin noch immer seine Maske trug. Valésias Blicke huschten von seinen Augen zu ihrem Becher, welchen sie auch sogleich zu ihren Lippen führte, und wie gebannt starrte er sie an, verfolgte jede ihrer Bewegungen und egal was diese Frau auch tat, es glich einem sinnlichen Gedicht. »Oh Endarion, was machst du nur mit mir?« Da lächelte der Paltore sanft und zugleich auch verschlagen. »Dasselbe, was du mit mir machst, Valésia. Mein Herz brennt, wenn ich an dich denke und ich kann seit Tagen an nichts anderes mehr denken, als an dich. So närrisch mein Handeln auch gewesen war, als ich dir diesen falschen Brief habe zukommen lassen, nun, während wir hier sitzen, bereue ich nichts. Ich verzehre mich nach dir und deine Worte sind Balsam für meine Seele, welche bis zum Zerreißen gespannt war. Ich konnte es kaum ertragen, zuzusehen, dass du in den Bund der Ehe mit diesem Mann eingehen musst, mit dem Wissen wie gering er dich schätzt, wo jeder Mann im Königreich dir jederzeit die Sterne vom Himmel holen würde, wenn er es nur könnte.« Von ihren, wie auch seinen eigenen, Worten regelrecht beflügelt, wagte er es erneut, seine Hände auf die ihren zu legen, während er ein wenig näher an sie heran rutschte. Alles in ihm schrie danach, sie zu berühren, sie zu küssen und so setzte er kurzerhand alles auf eine Karte. Die Zeit war ihm buchstäblich durch die Finger geronnen, denn in nur mehr zwei Tagen würde sie mit Merik, dem zweiten Erbprinzen von Olathor, und dem Bruder des Goldritters Vego verheiratet werden. Morgen schon würde das große Turnier, zu Ehren der Komtess von Aramajé, wie auch ihres zukünftigen Gemahls ausgetragen werden, und jede Gelegenheit sie noch einmal zu sehen, wäre verstrichen. Doch plötzlich hob Valésia den Kopf und sah Endres fragend an. »Dein Knappe hatte dich vorhin Endres genannt. Warum? Was hat das zu bedeuten.« Endres fiel aus allen Wolken. Die warme Glückseligkeit war wie hinfort geweht und zurück blieb nur ein kalter Schauer, welcher ihm den Rücken hinab kroch. Tausende Ausreden fielen ihm mit einem Mal ein, doch keine davon schien ihm sonderlich überzeugend, und jene Worte, welche die richtigen gewesen wären, wollten ihm nicht über die Lippen gehen. »Es ist mein Name, Valésia.« Nun war es heraus. Er hatte die Lügengespinste, in welchen er sich zusehends verstrickte, satt. Wenn sie ihn begehrte, dann nicht seines Namens willens, sondern dessen was er war. Endres Endarion aus Paltoria. »Endres Endarion von Hohenehr.« Nun, vielleicht nicht ganz die Wahrheit.
Wilder Wein ❖
04.09.2013 '09:40 [1.715 Wörter]
 as warme Feuer im Kamin prasselte und flackerte, und Schatten tanzten über die vom Feuerschein beschienenen Wände. Es war eine schäbige, kleine Schenke. Ganz anders als jene, die Endarion zuvor aufgesucht hatte. Den meisten Dreck verbarg vermutlich die Dunkelheit, die unter den Tischen vorherrschte. Das kleine Öllicht, welches am Tisch stand, war mehr schlecht als recht. Es brannte unregelmäßig, flackerte und rußte. Würde Malinda wissen, wo Valésia sich in diesem Augenblick befand, sie würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Aber was Malinda dachte, war nun nicht mehr von Belang, sie war ersetzt worden durch eine junge Zofe, weit jünger als Valésia selbst war. Von dieser konnte sie bestimmt nicht lernen. Es stimmte Valésia traurig, dass Malinda bald wieder mit dem Tross zurück nach Aramajé zurückreisen würde. Sie würde sie vielleicht nie wieder sehen. Wenn der Erzherzog und der Erbprinz wüssten, wo, und vor allem mit wem sie hier saß... Valésia wusste nicht, was sie tun würden... Die Tischplatte war mit unzähligen Kerben, Kratzern und Flecken verunziert, doch Valésia sah von alledem nichts. Auch nicht, wie schäbig die Schankstube war. Sie hatte nur Augen für Endarion, und dankte den Göttern, dass diese ihr diese unerwartete Wendung beschert hatten. Nach einer Weile hob sie schließlich an "Endarion. Ich muss gestehen, ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich noch einmal wiedersehen willst ... ich meine, nach dem unsäglichen Zwischenfall in der Schenke." Er schien über diese Worte verwundert zu sein und erwiderte "Wie kommst du darauf?" Valésia senkte den Kopf und lächelte scheu. Wie hätte sie auch anders darüber denken können? Solche Geschichten waren selbst auf Burg Kreuzenstein nichts ungewöhnliches. Männer, die bei ihren Auserwählten abblitzten, gaben für gewöhnlich auf, und wandten sich einer anderen zu. Und wieso sollte es bei Endarion anders sein? Immerhin wusste er, wem sie versprochen war. Und dennoch hatte er sie unter einer beinahe hochverräterischen Geste in den Gebetstempel gelockt. Es war ein hohes Wagnis gewesen, was, wenn sie sich dem Erbprinzen anvertraut hätte, oder wenn sie sich unabsichtlich verraten hätte? Gewiss hätte der Erzherzog keine Mühen gescheut, den Urheber dieses Briefes zu finden. Dennoch war der Graf geschickt vorgegangen, wahrscheinlich hätten sie den als Priester getarnten Knappen ebenso wenig enttarnt, wie sie Endarion gefunden hätten, der abseits vom Tempel auf sie gewartet hatte. Doch Valésia erwiderte nichts auf seine Worte. Vielmehr fragte sie ihn, ob die Schankmaid ihm ihre Gabe hatte zukommen lassen, doch bei diesen Worten schüttelte er den Kopf. "Nein... Doch es war nicht die Schuld der Schankmaid. Ich war längst fort, als du ihr deine Gabe gegeben hattest. Noch in derselben Nacht, als ich vor deiner verschlossenen Tür stand, hatte ich mich entschlossen es mit dem Schnee aufzunehmen. Eine törichte Idee …" Valésia blickte ihn ausdruckslos an. Wahrscheinlich war es auch töricht von ihr gewesen, der Schankmaid dieses Tuch auszuhändigen. Immerhin waren ihre Initialen auf dieses Tuch gestickt. Wenn davon irgendein Wort bis zum Erzherzog vorgedrungen wäre, dann wäre sie in eine ziemliche Erklärungsnot gekommen. "Doch bitte versteh' dies nicht als Vorwurf. Ich bin nicht aus Groll oder gar aus anderen, niederen Gründen gegangen. Ich wollte dir nur die unangenehme Situation ersparen, wenn wir uns am nächsten Morgen wieder einander begegnet wären, wo der vorherige Abend doch so … unangenehm verlaufen war." Valésia nickte. Es wäre sehr beschämt gewesen, wenn sie sich des Morgens wieder über den Weg gelaufen wären. Und doch, sie hatte so sehr gehofft, dass es so gekommen wäre. Besonders, da sie angenommen hatte, dass sie sich nie wieder begegnen würden. Und nun, da er das Thema des unangenehmen Zwischenfalls aufgenommen hatte, da schämte sie sich erneut. "Was da oben in meinem Zimmer passiert ist, tut mir Leid ... Ich hatte unglaubliche Angst ..." Ja, sie hatte Angst gehabt, dass sie seinem Werben und seinem Annäherungsversuch nachgegeben hatte. Sie hatte Malindas Worte nicht vergessen. Es ist, so habe ich gehört, nicht besonders angenehm, wenn nicht sogar sehr schmerzhaft, und du wirst danach bluten. Und sie hatte auch Romeros Worte nicht vergessen Und vermutlich weisst du gar nicht, was wir Männer da zwischen unseren Beinen haben, nicht wahr? Bei allen Göttern, sie hatte keine Ahnung...
Aber Roméro hatte auch gesagt, dass es die wundervollste Sache der Welt sein könnte, wenn zwei Menschen sich nahe standen. Und sie fühlte sich Endarion sehr verbunden, auch, wenn sie sich kaum kannten, auch, wenn er Paltore war. Weit mehr, als sie sich dem Erbprinzen je verbunden fühlen könnte, selbst wenn dieser eine drastische Änderung seines Wesens durchleben würde. Endarion war der Mann den sie wollte, ihn und keinen anderen. Und weil es nicht sein konnte, wollte sie ihn umso sehnlicher. Endarion beugte sich zu ihr hinüber, und legte seine Hände über ihre Hände, welche beinahe krampfhaft den Weinbecher umschlossen. Als seine Hände ihren Druck auf den heißen Becher verstärkten, da schmerzten Valésias Hände von der Hitze. Und doch vermochten seine Hände, diese wunderbar weichen und starken , den Schmerz im selben Moment wohltuend zu lindern, und ihr Herzschlag erhöhte sich, bei seiner Berührung, welche sie so ersehnte. "Es braucht dir nicht Leid zu tun. Mein Verhalten war unschicklich und unüberlegt" beschwichtigte er sie. Ja, das war es, und doch tat sie nichts, um ihn davon abzuhalten, oder abzubringen, viel mehr noch, durch ihr Verhalten, durch ihre Worte und ihre Gesten, ermunterte sie ihn noch dazu. Und dies war noch viel unschicklicher, als sein Verhalten. "Ich bin keine Närrin. Ich bin zwar gänzlich unerfahren, aber dennoch wusste ich, was du wolltest ... Und ich hatte so große Angst, weil ich ..." stockte sie, und Endarion nahm diese Worte zum Anlass, um zu entgegnen "Natürlich. Du bist immerhin verlobt und ich stand vor dir und stellte deine Treue zu dem Erbprinzen unverhohlen auf die Probe. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, denn ich und nicht du." Von diesem Blickwinkel hatte sie es noch gar nicht betrachtet. Ja, vielleicht war Endarion ihr von den Göttern geschickt worden, um ihre Treue und auch ihren Glauben auf die Probe zu stellen. Aber warum waren die Götter so grausam? Sie verzehrte sich Tag und Nacht nach diesem Paltoren. Warum hatten die Götter ihr keinen Ariader vor die Nase gesetzt? Natürlich war es in erster Linie eine Glaubensprüfung. Die Paltoren beteten zu anderen Göttern und dieses konnte kein Ariader gutheißen. Und doch war es Valésia egal. Sie begehrte diesen Mann, ob er nun Ariader, Paltore, oder vom anderen Ende der Welt war. Und das musste er erfahren. Heute und hier, egal, ob sie sich nie wieder begegneten. "Ich hatte so große Angst davor, weil … weil ich es auch wollte." schloss sie ihren Satz, und Endarion starrte sie mit großen Augen an. Du liebe Güte, was dachte er jetzt von ihr? Sie senkte den Blick und starrte in ihren Weinbecher. "Oh Endarion, was machst du nur mit mir?" flüsterte sie entschuldigend. Er musste sie nicht nur für eine Närrin halten, nein schlimmer, für eine unehrenhafte Frau... Sie hob den Blick wieder, und sah, dass er lächelte. "Dasselbe, was du mit mir machst, Valésia. Mein Herz brennt, wenn ich an dich denke und ich kann seit Tagen an nichts anderes mehr denken, als an dich. So närrisch mein Handeln auch gewesen war, als ich dir diesen falschen Brief habe zukommen lassen, nun, während wir hier sitzen, bereue ich nichts. Ich verzehre mich nach dir und deine Worte sind Balsam für meine Seele, welche bis zum Zerreißen gespannt war. Ich konnte es kaum ertragen, zuzusehen, dass du in den Bund der Ehe mit diesem Mann eingehen musst, mit dem Wissen wie gering er dich schätzt, wo jeder Mann im Königreich dir jederzeit die Sterne vom Himmel holen würde, wenn er es nur könnte." Diese Worte trafen sie mitten ins Herz, und sie erwiderte sein Lächeln scheu. Erneut legte er seine Hände auf die ihren und rückte gar ein Stück näher. Doch dann sagte sie etwas, was ihm sein Lächeln aus dem Gesicht wischte "Dein Knappe hatte dich vorhin Endres genannt. Warum? Was hat das zu bedeuten?"
"Es ist mein Name, Valésia. Endres Endarion von Hohenehr" erklärte er ihr schließlich nach einer Weile. Sie nickte verstehend. Hatte sie schließlich auch mehrere Namen, Beinamen. Es schien, als würde man bei der hohen Geburt eines adeligen Kindes alle hohen Verwandten ehren wollen, die es nur gab, und so war es nicht ungewöhnliches, dass ein Mensch mehrere Namen trug. Ebenso wie sie. Valésia Lyjasa Marenja Aridanëa, Komtess von Aramajé. So war Valésias voller Name. Valésias eigener Rufname, Lyjasa, zu Ehren der Mutter ihrer Mutter, Marenja, zu Ehren der Mutter ihres Vaters, und Aridanëa, zur allerhöchsten Ehre an eine aramajéische, heilig gesprochene Jungfrau aus alten Tagen. So war es Brauch in Ariad. Valésia war froh, dass sie von so niederem Stand war. Je höher der Stand, desto länger die Namensliste, die sich ohnehin kaum einer merken konnte. "Endres... Das ist ein wunderschöner Name..." lächelte sie. "Weitaus schöner, als Endarion..." Sie zog ihre Hände von ihrem Becher zurück, ohne dass er dabei seine von den ihren zurückzog. Danach herrschte Schweigen, in welchem sie einfach nur da saßen, sich hin und wieder Blicke zuwarfen, nur, um gleich wieder die Blicke zu senken. Zumindest bei Valésia war es so. Alles war verloren und vergessen, selbst der Konversationsmeister hatte versagt. Denn niemand konnte einen auf so etwas vorbereiten, denn wie das Herz sprach, das lernte man in keiner Konservationsstunde, in keinem Gespräch mit einem Priester, ja nicht einmal von ihren Eltern. Sie überlegte fieberhaft, während sie sich auf ihr rasendes Herz konzentrierte. Sie war so weit. "Endres..." begann sie "Ich glaube, ich irre mich dieses Mal nicht, wenn ich sage, wir werden uns nicht wieder sehen. Morgen ist das große Ritterturnier zu Ehren des Brautpaares, und übermorgen schon der für mich so schwere Gang zum Altar der Drei, um dort Meriks Frau zu werden." Eine für Valésia bedrückende Stimmung herrschte, und sie kämpfte schwer damit, nicht in Tränen auszubrechen. Noch bevor er etwas erwidern konnte, drückte sie seine Hand und sprach weiter. "Aber lass mich dir sagen, ich bin bereit." Sie senkte den Blick, denn sie konnte es selbst kaum glauben, was sie da sagte. "Ich möchte dich nur um eines bitten, denk nicht schlecht von mir. Und sei bitte behutsam wenn ich dir zum Abschied das Kostbarste schenken will, das ich besitze. Denn so etwas sollte nur aus Liebe geschehen..." Dann beugte sie sich zu seinem Gesicht, und presste ihr Lippen auf die seinen...
Verbotene Leidenschaft ❖
04.09.2013 '22:44 [1.409 Wörter]
 nglaublich erleichtert, dass Valésia nicht weiter auf Endres' Namen eingegangen war, welchen Valerion so unbesonnen ausgesprochen hatte, wirkte er sogleich ein wenig entspannter und sichtlich gelassener. Doch was hätte er nur darum gegeben, zu wissen, was sie just in diesem Augenblick wohl dachte. Er würde es wohl nie erfahren, und da seine geschickte Lüge, welche er in die Wahrheit verpackt hatte, nicht bloßlegen wollte, hütete er sich auch, danach zu fragen. Vielmehr entschied er einfach, Valésia sprechen zu lassen, in der Hoffnung, sie würde ein anderes Thema anschneiden. »Endres, das ist ein wunderschöner Name. Weitaus schöner, als Endarion.« Valésias ehrliches Lächeln verriet ihm, dass sie lediglich die Worte sprach, welche ihr auf dem Herzen lagen, und doch teilte Endres ihre Meinung nicht. Er empfand seinen Nachnamen nicht als weniger schön, welchen er ihr als einen seiner Vornamen verkauft hatte. »Mein Name ist nur Schall und Rauch, und wenn er eine Bedeutung hat, dann ist sie mir nicht einmal bekannt. Doch dein Name, klingt wie ein Gedicht. Valésia. Allein die Bedeutung, welche dein Name in sich birgt, ist unvergleichlich schön, dass Aridanëa wohl vor lauter Neid auf dich herabsehen muss. Immerhin ist dies der alte, kalathische Name für eine wunderschöne Blume, welche an den Hängen, jenseits des Kalathgebirges erblüht.« Da erwiderte Endres ihr Lächeln und ließ seine Zunge für einen Moment schweigen, nur um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen. »Ich kenne den ariadischen Brauch, den Töchtern Hochwohlgeborener den Namen der Göttin zu geben, um sie zu ehren. Doch gibt es im gesamten Königreich keine andere, die ihres Namens würdig wäre. Valésia.« Endres betonte ihren Namen mit einer raunenden und rauchigen Stimmlage, dass selbst ihm beinahe eine Gänsehaut überkommen hätte.
Und so saßen sie sich gegenüber, verharrten in wissendem Schweigen, welches keiner Worte bedurfte. Die Spannung, welche sich in den letzten Augenblicken zwischen ihnen aufgebaut hatte, schien beinahe die Luft zum Knistern zu bringen, und allein ihre Hände, welche einander berührten schien sie davor zu bewahren, dass ihre Herzen in lodernden Flammen aufgingen. Immer wieder trafen sich ihre Blicke, doch hielten sie einander nie sehr lange stand. Stets schlug einer der Beiden die Augen nieder, bevor das Knistern sie beide in einen ewigen Bann ziehen konnte, aus welchem es keinen Ausweg gab, außer die pure Leidenschaft. Doch als das Schweigen immer quälender wurde, und Endres es kaum noch aushielt, da war es erneut Valésia, welche ihr Schweigen brach. »Endres …«, hob Valésia an, und kaum war sie sich seiner Aufmerksamkeit gewiss, da ließ sie ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »Ich glaube, ich irre mich dieses Mal nicht, wenn ich sage, wir werden uns nicht wieder sehen. Morgen ist das große Ritterturnier zu Ehren des Brautpaares, und übermorgen schon der für mich so schwere Gang zum Altar der Drei, um dort Meriks Frau zu werden.« Damit traf Valésia einen wunden Punkt bei Endres. Da war ihm all die Zeit, welche er die letzten Tage und Wochen damit zugebracht hatte, Valésias Herz für sich zu gewinnen, unwiederbringlich durch die Finger geronnen, gleich dem Sand der Zeit, welcher unaufhörlich floss, und kein Stundenglas dieser Welt konnte ihn auffangen. Und nun, als die Funken ihrer Herzen aufeinander überzugehen drohten, da war die Zeit verstrichen. Sie würde Merik heiraten. Es wurde von ihr erwartet, und ganz gleich, was sie davon hielt, für sie gab es kaum einen Ausweg. Endres Gefühle brandeten in tosenden Wellen gegen das unbändige Verlangen, welches sich seines Herzens, wie auch seines Verstandes bemächtigt hatte, doch war er nur ein Blatt im Wind. Er konnte nur stumm zusehen und hoffen, dass das Schicksal gnädig mit ihm war. Und doch saß sie hier bei ihm, und war nicht in die Burg zurückgekehrt. Endres' hatte nur mehr diese eine, letzte Nacht. Oder sie war für immer verloren. Sie, welche er so sehr begehrte, dass es ihn beinahe um den Verstand brachte.
Valésias Stimme wirkte auf eine berührende Weise gebrochen, als ob sie selbst mit ihren Worten rang, und ein kaum spürbares Zittern ging von ihren Händen aus, auf welchen er die seinen gelegt hatte und sie sanft umschloss. Es war Endres beinahe, als ob er das aufgewühlte Schlagen ihres Herzens spüren konnte. »Aber lass mich dir sagen, ich bin bereit.« Kaum hatten die Worte ihre Lippen verlassen, da senkte sie auch schon ihre Augen, und so entging ihr das überschwänglich strahlende Leuchten, welches Endres' Augen erfüllte. »Ich möchte dich nur um Eines bitten, denk nicht schlecht von mir ...« »Wie könnte ich schlecht von dir denken, Valésia? Du bist die Sonne in einem Land aus Eis.« »Und sei bitte behutsam wenn ich dir zum Abschied das Kostbarste schenken will, das ich besitze. Denn so etwas sollte nur aus Liebe geschehen.« Und noch ehe Endres etwas sagen konnte, da beugte sie sich zu ihm hervor und er durfte den Geschmack ihrer süßen Lippen kosten. Das unbändige Verlangen, welches in seinem Herzen tobte und die Ungewissheit, welche sich seiner bemächtigt hatte, war mit einem Schlag verflogen. Er ergab sich völlig diesem befreienden Gefühl den Kuss dieser wunderschönen Frau zu empfangen und schloss dabei nur seine Augen. Bilder tanzten vor seinem Kopf umher und Gedanken schwirrten durch seinen Geist. Doch er schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Alles was in diesem Augenblick für ihn zählte, war der Moment. Dieser Moment der Vollkommenheit, von welchem Endres hoffte, er möge nie vergehen. Ihre weichen und sinnlichen Lippen fühlten sich an, wie sanfter, weicher Schnee, denn sie waren noch kühl, von dem Winter, welcher das Land fest in seiner Gewalt hatte. Ihr betörender Duft, welcher von ihrem Haar ausging, umfing seine Nase und raubte ihm die Sinne, als er schließlich ihren Kuss erwiderte. Erst zögerlich, als ob er die zierlichen Knospen einer jungen Blume berühren würde. Er kostete jeden einzelnen Augenblick in vollen Zügen aus, wohlwissend, dass jeder der letzte sein konnte, wenn sich ihre Lippen wieder von ihm zurückziehen würden. Und so öffnete er bedächtig seine Lippen und sog die ihren zwischen die seinen. Seine Hände glitten von ihren herab, tasteten sich an dem Tisch entlang, bis er ihre Arme fand. Und während er langsam aber sicher die Führung, bei dem Kuss, übernahm, ließ er seine rechte Hand an ihrem Arm hinauf wandern, immer höher und höher, bis er endlich ihren Hals erreicht hatte. Seine linke Hand, indes, fand den Weg zu ihren Schenkeln, und gleich fallendem Schnee, legte er sie darauf, so sanft und zurückhaltend ging er dabei vor. Neckisch begann er einzelne Haarsträhnen zu zwirbeln, während er seine Hand langsam in ihren Nacken legte, um sie noch näher an sich heran zu ziehen, damit dieser Kuss kein jähes Ende finden konnte, sollten die Gefühle in Valésia ihrer übermächtig werden. Er streichelte sie, sowohl im Nacken, als auch an ihren Wangen, glitt ihr durch ihr volles Haar und streifte dabei verführerisch über das Ohr. Jede seiner Berührungen löste in Valésia einen Schauer der Erregung aus. Als ob ihre Seele all die Jahre schier verdurstet wäre, und alles wonach sie sich gesehnt hatte, in jenem Augenblick ihr zum Geschenk gemacht wurde.
In inniger Verschmelzung saßen sich die Beiden gegenüber, berührten einander, streichelten einander und ihre Lippen befanden sich dabei in einem Einklang, wie man es nur selten erleben durfte. Valésia wurde fordernder und Endres gab ihr, wonach ihr Herz so sehr verlangte. Noch ein wenig weiter öffnete er seine Lippen und ließ seine Zunge über ihre Lippen gleiten. Sanft und liebevoll, als würde er die Flügel eines Schmetterlings berühren, welche bei der geringsten, falschen Berührung für immer zerstört würden. Und Valésia tat es ihm gleich. Dies war der erste, richtige Kuss. Als ihre Zungen einander umfingen und sich zu liebkosen begonnen, da wusste Endres, dass Valésia jedes Wagnis und jede Torheit wert gewesen war. Und wie süß diese sündige Frucht schmeckte! Langsam ließ er seine Hand, welche bis dahin noch auf ihrem Schenkel verharrt geblieben war, diesen hinauf wandern, während er die andere, gleich einem Tautropfen hinabgleiten ließ. Immer tiefer, immer höher. Und bald schon hielten beide Hände ihre Hüften umschlossen, drückten sie noch näher an ihn heran, bis sie ihm so nahe war, wie nie zuvor. Und da lösten sich ihre Lippen voneinander. »Ich liebe dich, Valésia.« Die Worte brachen aus Endres hervor, wie ein Quell der Sinne. Und in diesem Moment konnte er selbst nicht sagen, ob sein Herz oder seine Zunge gesprochen hatte. War sie doch, für ihn, nichts weiter als eine Eroberung. Ein verbotener Garten, welcher die süßesten Früchte für ihn bereit hielt, und ihn lockte und verführte, bis er nicht mehr widerstehen konnte. »Von ganzem Herzen.«
Wie unter Wasser ❖
05.09.2013 '18:55 [1.112 Wörter]
 eder Atemzug den Valésia tat fühlte sich an, als ob sie unter Wasser atmen würde. Valésia lächelte scheu, ob seiner schmeichelnden Worte, welche er über ihren Namen verlor. "Mein Name ist nur Schall und Rauch, und wenn er eine Bedeutung hat, dann ist sie mir nicht einmal bekannt. Doch dein Name, klingt wie ein Gedicht. Valésia. Allein die Bedeutung, welche dein Name in sich birgt, ist unvergleichlich schön, dass Aridanëa wohl vor lauter Neid auf dich herabsehen muss. Immerhin ist dies der alte, kalathische Name für eine wunderschöne Blume, welche an den Hängen, jenseits des Kalathgebirges erblüht." Valésia lächelte wissend. Valésien ... Kleine, unscheinbare Blumen, auf den ersten Blick, doch wenn man genau hinsah, auf diese Blumen, welche sich zurückhaltend und unaufdringlich ins Moos drückten, offenbarte sich dem Betrachter ein über alle Maßen entzückender Blütenkopf. Der liebliche Duft der Valésien erfüllte im Frühling die ganze Gegend, berauschend und Sehnsüchte weckend... "Ich kenne den ariadischen Brauch, den Töchtern Hochwohlgeborener den Namen der Göttin zu geben, um sie zu ehren. Doch gibt es im gesamten Königreich keine andere, die ihres Namens würdig wäre. Valésia." Endres' Stimme war sanft, liebkosend, und jagten ihr Schauer über den Rücken, als er ihren Vornamen aussprach. Die Gefühle in Valésia sprudelten über, wie aus einer frischen, sanften, und nie versiegenden Quelle, und ebenso, wie das Quellwasser erstmals den felsigen, trockenen Untergrund benetzte, empfing ihre dürstende Seele seine liebevollen Worte, die ihr Herz übergehen ließen. Und sie lächelte bei seinen Worten "Du hast Recht, auch ich trage diesen Namen." Sie war wirklich sehr überrascht, dass er als Paltore diesen ariadischen Brauch kannte.
Das folgende Schweigen war bedrückend, auf eine ganz wunderbar süß quälende Art und Weise. In diesem Moment, als sich gegenseitig einander die Hände hielten, gelang es Valésia kaum zu atmen, ihr Herz schlug ihr hart und unerbittlich bis zum Hals, und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefasst hatte, und in diesen Augenblicken konnte sie nichts anderes tun, als ihm immer wieder in seine wunderschönen Augen zu blicken, nur, um den Blick danach gleich wieder scheu abzuwenden. Schließlich vermochte sie wieder zu atmen, und als ihr Atem sich beruhigt hatte, da sprach sie "Ich glaube, ich irre mich dieses Mal nicht, wenn ich sage, wir werden uns nicht wieder sehen. Morgen ist das große Ritterturnier zu Ehren des Brautpaares, und übermorgen schon der für mich so schwere Gang zum Altar der Drei, um dort Meriks Frau zu werden." Es schien, als hätte sie mit diesen Worten einen tödlichen Stich versetzt, zumindest ließ seine Miene dies erahnen, und so hob sie an, weiter zu sprechen. "Aber lass mich dir sagen, ich bin bereit. Ich möchte dich nur um Eines bitten, denk nicht schlecht von mir..." Er unterbrach ihre hervorsprudelnden Worte "Wie könnte ich schlecht von dir denken, Valésia? Du bist die Sonne in einem Land aus Eis." Oh, wenn er doch nur wüsste, wie es in ihrem Herzen aussah, denn er war für sie die Sonne, und der so ersehnte Lichtstrahl, der in diesem Winter ihr so lange kaltes Herz erwärmte, wie es zuvor kein Mann je vermocht hatte. Sie entgegnete nichts auf seine Worte, sondern sog sie nur glückselig in sich auf, um danach ihren Satz zu vollenden "Und sei bitte behutsam wenn ich dir zum Abschied das Kostbarste schenken will, das ich besitze. Denn so etwas sollte nur aus Liebe geschehen."
Und als würde ihr die Drei selbst den Mut, und die Bereitschaft zu diesem Schritt einhauchen, beugte sie sich zu ihm nach vor, und legte ihre Lippen auf die seinen. Es war so, wie bei jedem Kuss, welchen Endres und Valésia miteinander ausgetauscht hatten, und doch war dieser so gänzlich anders. Da war dieses Knistern, welches nicht von der Feuerstelle her rührte, und da war dieses Verlangen nach diesem Mann, und die Gewissheit, dass von diesem Moment an nichts mehr sein würde, wie es einmal war. Es war ihr, als würde all die Befangenheit und Scheu von ihr abfallen, als sie sich diesem Kuss hingab. Endres war das Licht, welches sie von der sie allumgebenen Dunkelheit heilte. Er erwiderte den Kuss, und zog saugend ihre Lippen inniger an die Seinen, umschmeichelte sie, liebkoste sie, benetzte sie mit den Lippen, und endlich berührten ihre Zungen einander, tasteten sich vorsichtig aneinander heran, zogen sich scheu zurück, nur um sich danach gleich wieder beherzter einander zu nähern, umschlangen sich und Valésia verfiel in einen unendlichen Rausch der Gefühle, betört, verstört und befangen, welch unwiderstehliche Anziehung Endres auf sie hatte. Selbst das Geräusch des prasselnden Feuers trat in den Hintergrund, und es schien ihr, als könne sie nur das Schlagen ihres Herzens und das Geräusch ihrer sich gegenseitig liebkosenden Lippen und Zungen hören. Ein wahrhaft sinnliches Gefühl. Der Kuss kam an einen Punkt, an dem sich Valésia wünschte, er würde sich steigern, und Endres enttäuschte sie nicht, als er begann, sie mit den Händen zu berühren, ihre Arme entlang zu fahren, welches ihr Gänsehaut bescherte, und den Wunsch verstärkte ihn für sich ganz alleine zu haben. Seine Hand fuhr zärtlich durch ihr Haar, strich ihr über die Wangen, legte sich sanft in ihren Nacken und zog sie näher an sich heran.
Valésia zuckte unmerklich zusammen, als sich seine andere Hand sanft, aber bestimmend auf ihren Oberschenkel legte, in diese Tiefe zwischen ihren Beinen, welche den verheißungsvollen Weg zur ihrem Schoß beschrieben. Es gab keine Distanz mehr zwischen den Beiden, und so ließ sie ihn nur zu gerne gewähren, ja im Gegenteil, sie legte ihre Hand auf jene, die da auf ihr ruhte, um ihn zu bestärken, und durch diese Geste zu bekräftigen, dass sie es so sehr begrüßte und genoss. Und sie wagte noch mehr, denn ihre Hand fuhr sanft über die seine, suchte sich ihren Weg auf seinen Arm, nur um danach über die Hüfte, bis hin zu seiner Lende zu wandern. Sie konnte nur erahnen, was sie da spürte, und doch erregte sie ihr Tun über alle Maßen. Sie seufzte behaglich auf, während sie sich weiterhin seinem Kuss hingab. Seine Hände rutschten an ihre Hüften, hielten diese fest und zogen sie sanft, aber fordernd an sich heran, und sie spürte die Wärme, die er verströmte, und die Geborgenheit, welche er ihr gab. Valésia fühlte, wie feucht und heiß ihr Schoß geworden war. Die Lust und das Verlangen ließen ihre Scham regelrecht pulsieren. Es gab nun kein Zurück mehr, ohne sich selbst in das bodenlose Nichts zu stürzen, und sie wollte auch nicht zurück! Endres löste sich von ihren Lippen und er raunte "Ich liebe dich, Valésia. Von ganzem Herzen." Valésia lächelte, während sie ihre Stirnen aneinander gelehnt blieben, und ihr Magen zog sich bei diesen Worten zusammen. "Ich liebe dich auch von ganzem Herzen, Endres..." wisperte sie.
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