Im goldenen Käfig
#81
Selbstmitleidiges Trübsal ❖
baum-quälend langsam, wie ein getretener Hund, trottete Endres umher. »Es ist alles meine Schuld.« Endres versank in Selbstmitleid. Aus dem einst so unverbesserlichen und unerschütterlichen Draufgänger war nun ein Häuflein Elend geworden, welcher nur mehr ein Schatten seiner selbst geworden war. Ein trauriger Schatten ohne Seele. Er umklammerte den Henkel des Kruges, welchen Roméro ihm bestellt hatte und der warme Dampf des Gewürzweins stieg unablässig aus dem heißen Gebräu herauf, ohne dass Endres diesem auch nur Beachtung schenkte. Ihm dünkte es nicht danach, seine Sorgen in Alkohol zu ertränken. »Ach was. Mach dir keine Vorwürfe.«, versuchte Roméro den falschen Lügenbaron zu beschwichtigen, doch Endres schüttelte vehement den Kopf. »Nein. Es ist meine Schuld. Valerion hat gerochen, dass etwas nicht stimmte. Er hatte mich gedrängt zu gehen und wir …« Endres ließ den Kopf hängen und bemerkte erst jetzt den Becher Gewürzwein in seinen Händen. Und so tat er einen tiefen Schluck daraus. Der warme Trunk lief ihm, sengend heiß, die Kehle herunter und Endres sog scharf die Luft zwischen den Zähnen hindurch, um den plötzlichen Schmerz zu ertragen. »Vorsicht, heiß.«, lachte Roméro nur und stieß sogleich seinen Becher gegen den des Paltoren. »Was du nicht sagst.«, brummte Endres und blies ein wenig in den Becher hinein. Die dunkelrote Oberfläche des kleinen Sees aus Gewürzwein, welcher spiegelglatt in dem Becher lag, kräuselte sich und warf winzige Wellen, die gegen den Becherrand brandeten. Roméro sah ihn nur mit einem Blick an, welcher wohl am ehesten mit Mitleid zu beschreiben wäre. Doch noch ehe er weitere, Trost spendende Worte verlieren konnte, kam ihm Endres schon zuvor, indem er den unterbrochenen Satz beendete. »Wir hatten die Pferde bereits gesattelt und waren bereit aufzubrechen.« Roméro legte den Kopf ein wenig zur Seite und sah Endres aufmerksam an. »Und warum seid ihr nicht gegangen?« Da seufzte Endres und rang sich ein beinahe verzweifeltes Lächeln ab. »Ich konnte nicht gehen, ohne Valésia ein letztes Mal zu sehen …« Da senkte Roméro den Blick und starrte nun seinerseits in den eigenen Becher. Nur dass dieser, im Gegensatz zu Endres‘ Becher, schon leer war, was ihm nun ein neuerliches Seufzen abrang. »Ich verstehe.«, murmelte er nur und sah sich dann nach der Schankmaid um, damit er einen weiteren Wein bestellen konnte. »Wäre ich nicht so … so …« »… verliebt?«, hakte Roméro nach, doch Endres schüttelte nur den Kopf. »… egoistisch gewesen, würde Valerion noch leben.« Roméro nickte geistesabwesend, was Endres aber fehlinterpretierte und nur noch mehr Trübsal blasen ließ. »Was habe ich schon gewonnen? Nichts. Ich werde Valésia niemals wiedersehen. Und nun habe ich meinen besten Freund verloren, nur weil ich sie noch ein letztes Mal sehen wollte, anstatt die Erinnerung an sie in meinem Herzen zu bewahren.« Da wandte Roméro ihm den Blick zu. »Wolltest du sie nicht mit dir nehmen?« In seiner Stimme schwang mehr Verwunderung als Vorwurf mit, was Endres nur mit einem weiteren Schulterzucken bedachte. »Du hast es doch selbst gesagt. Es gab nur eine Gelegenheit dazu. Und diese war verstrichen. Valerion hatte Recht gehabt …« Endres tat einen weiteren Schluck aus dem Becher. »… und nun habe ich seinen Tod verschuldet.«

Roméro schüttelte nur den Kopf, doch gerade in dem Moment, als er Endres einige aufmunternde Worte zusprechen wollte, war die Schankmaid, wegen welcher er seine Hand erhoben hatte, an den Tisch herangetreten. »Bitte, schöne Maid.« Bei diesen Worten entkam ihr ein verlegenes Kichern, was Roméro nur mit einem neckischen Lächeln beantworte. »Mein Becher ist leer. Sei doch so gut und bringe mir noch einen Wein.« Die Schankmaid nahm den Becher und als ihre Finger über die Romeros strichen, errötete sie leicht, was Roméro mit einem verschmitzten Lächeln bemerkte. Als die Schankmaid wieder gegangen war, legte Roméro dem gebrochenen Paltoren die Hand auf die Schulter. »Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Also denke lieber nach, was du nun machen solltest.« Endres hörte ihm gar nicht so richtig zu. »Was weißt du schon davon?«, brummte Endres, welcher zwischen Trauer und Wut immer wieder hin und her schwankte. Trauer um seinen Freund, Wut auf den Mann, der seinen Tod befohlen hatte. »Du hast überhaupt keine Ahnung. Am liebsten würde ich seinen Tod rächen indem ich dem verfluchten Erzherzog die Kehle aufschneide.« Da schnellte Roméro, wie von einer Biene gestochen, von seinem Stuhl auf und legte Endres seine Hand auf den Mund. »Bist du bescheuert? Wenn dich jemand gehört hat!«, zischte er durch seine Zähne und sah sich kurz darauf im Raum um, ob sich irgendwer verdächtig verhielt. Doch es hatte den Anschein, dass niemand diese aufwieglerischen Worte gehört hatte. »Sei froh, dass du noch am Leben bist. Auch wenn du das jetzt nicht glauben oder hören willst, das ist viel wert.« Endres nickte doch sein Geist hatte sich längst vor den Worten des Ritters aus Aramajé verschlossen.

Als Roméro sich vergewissert hatte, dass niemand sie gehört hatte löste er seine Hand wieder von Endres‘ Mund und dämpfte die Stimme. »Wähle deine Worte weise, ganz egal wie es in deinem Herzen aussieht.«, ermahnte er den Paltoren, doch dieser zuckte nur anteilnahmslos mit den Schultern. »Aber du hast ja Recht.«, seufzte Roméro schließlich. »Ich habe die hochgeschätzte Familie ja schon besser kennengelernt und …« Roméro hielt inne, als die Schankmaid mit dem bestellten Gewürzwein zum Tisch gekommen war. Endres, welcher für gewöhnlich stets ein aufmerksames Auge für hübsche Frauen hatte, nahm kaum Notiz von ihr. Doch selbst ihm war aufgefallen, dass sie wohl, während sie den Wein geholt hatte, einen oder gar zwei Knöpfe ihrer Bluse geöffnet haben musste. Und als sie sich ungewöhnlich weit vorbeugte, um Roméro den Wein zu kredenzen, da fühlte sich Endres in seiner Annahme sogleich bestätigt, als ihr Busen beinahe aus dem Mieder zu springen drohte. Auch Roméro hatte kaum mehr Augen für die Augen der Schankmaid, denn sie starrten wie gebannt auf die üppige Pracht heller Haut, die er da erspäht hatte.

Doch so schnell sie gekommen war, so schnell war sie, mit einem recht aufreizenden Hüftschwung, wieder entschwunden. Und zurück blieben ein Trübsal blasender Paltore und ein breit grinsender Ariader. »Ach Endarion. Du solltest wirklich einen klaren Kopf bewahren. Wer weiß, welchen Unfug du noch anstellst, wenn dir der Rausch in die Birne kriecht?« Bei diesen Worten nahm er den Krug, welchen Endres bis dahin umklammert gehalten hatte, an sich und stürzte den Gewürzwein in einem Satz herunter, bevor er sich dem seinen widmete. »Wo war ich stehengeblieben?«, murmelte er mit einer hörbar schwereren Zunge, als noch zuvor. »Ach ja.« Er kratzte sich am Kinn und sah Endres dabei tief in die Augen. »Höre mir jetzt gut zu, Endarion. Denn für das, was ich dir jetzt sage, könnten wir beide das gleiche Schicksal ereilen, wie dein Knappe.« Endres hob den Kopf und erwiderte den Blick des Paltoren. »Mein Vater hat keine Ahnung, in welche Schlangengrube er meine Schwester da geworfen hat …« Roméro hielt stutzig inne, bevor er den Kopf schüttelte. »Nein. Ich mag nicht glauben, dass er es wusste. Doch wie sich die Dinge gerade entwickeln kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass dieses Schwein von einem gottlosen Hurenbock meine Schwester zur Gemahlin nimmt, geschweige denn sie berührt, oder weitere hässliche Kinder zeugt.« Endres nickte verstehend und zum ersten Mal, seit sie die einsame Jungfer betreten hatten, verzog er seine Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln. »Und was bedeutet das nun?« »Ganz einfach. Du wirst dein Versprechen, dass du meiner Schwester gegeben hast, gefälligst einhalten! Verstanden?« Da glotzte Endres ihn nur mit verständnislosen Blicken an und war bereits im Begriff in den Becher zu spähen, um zu prüfen, ob dort wirklich Wein und nicht irgend ein Rauschmittel enthalten war, als ihm bewusst wurde, dass Roméro den Wein ja getrunken hatte. »Und wie stellst du dir das vor? Sie steckt in einem sprichwörtlichen, goldenen Käfig und morgen ist die Hochzeit. Sie wird von nun an, und das rund um die Uhr, von Zofen, Kammerdienern und Angehörigen des Adels umgeben sein.« Da zwinkerte Roméro nur verschwörerisch, nippte an dem dampfenden Gewürzwein und lächelte, dass seine Zähne aufblitzten. »Wirst schon sehen.«

Mit diesen Worten erhob sich Roméro, nickte Endres noch einmal zu, und war dann schon verschwunden. Zurück blieben einige silberne Münzen, welche Roméro für den Gewürzwein auf den Tisch gelegt hatte, sowie Endres, welcher sich nun irgendwie verloren vorkam. Normalerweise würde er mit Valerion gemeinsam am Tisch sitzen, scherzen und lachen, die Beute zählen oder hübschen Frauen Komplimente machen. Doch nun war alles anders. Eine Weile blieb Endres noch sitzen und beobachtete die Menschen, die hier ein und ausgingen. Ab und zu kreuzten seine Blicke auch die der Schankmaid, doch nach einiger Zeit schien es beinahe, als ob sie mit einem Mal nicht mehr zugegen war. Und dann kam der Moment, da Endres sich einen Entschluss gefasst hatte. Er ballte die Fäuste und erhob sich von dem Tisch.

Als er wieder aus der Schenke in das winterliche Tarhjárt trat, wehte ihm sogleich eine Eiseskälte ins Gesicht, welche von Eisregen und gefrorenen Schneeflocken durchsetzt war. Wenn Endres einen Rausch von dem starken Gewürzwein hatte, so hatte der kalte Wind ihn augenblicklich wieder aus seinem Leib vertrieben. Stattdessen umschlang Endres seinen Körper mit seinen Armen um sich wenigstens irgendwie warm zu halten. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt den er tat und hätte Endres einen Blick über die Schulter geworfen, hätte er gesehen, dass seine Fußspuren sehr schnell verweht wurden. Es war ein fürchterliches Wetter und wer fest im Glauben der Drei war, oder besonders abergläubisch, konnte dies beinahe als ein böses Omen für die morgige Hochzeit sehen. Endres wurde natürlich in diesem Augenblick von anderen Gedanken heimgesucht, als dass er an derartige Dinge denken konnte. Doch vergossenes Blut am Vortag einer Hochzeit galt seit jeher als ein dunkles Vorzeichen. Wer wachen Geistes war und nicht gänzlich blind, konnte aber auch ohne der Hinrichtung und dem Eisregen erkennen, dass die Hochzeit des Erbprinzen unter einem schlechten Stern stand.

Endres war nun schon einige Zeit unterwegs gewesen, als er endlich bei jenen Stallungen angekommen war, in welcher Valerion und er ihr Pferde untergebracht hatten. Doch als er sich der Stallung näherte, da stellte Endres ernüchternd fest, dass sich im Schatten der Mauer eine Handvoll Wachen aufhielten, welche mit grimmigen Grimassen und schlotternden Knien versuchten Schutz vor dem kalten Regen und dem stechenden Wind zu finden. Augenblicklich hielt er inne und sein Herz begann wild zu schlagen. Konnte dies ein Zufall sein? Er zweifelte ernsthaft daran. Valerion hatte hier auf ihn gewartet. Und nun war er hingerichtet worden. Alles deutete darauf hin, dass diese Männer, welche Endres durch den dichten Vorhang aus gefrorenen Regentropfen und Hagelkörnern kaum erkennen konnte, gerade wegen ihm hier Wache schoben. In diesem Augenblick lief es Endres eiskalt den Rücken herunter. Was, wenn Valerion der Folter erlegen war? Niemand war davor gefeit, unter schmerzhaften Qualen und verheißungsvollen Versprechungen seine Prinzipien aufzugeben. Selbst Valerion nicht. Und wenn er etwas verraten hatte, dann steckte Endres in mehr als ernsthaften Schwierigkeiten. Doch nicht nur Endres. »Valésia.«, hauchte Endres und eine dichte Dampfwolke entkam seinen bläulichen Lippen. Er huschte, so gut es der Schnee eben zuließ, auf die andere Straßenseite, um keinesfalls Verdacht zu erregen und drückte sich dann, wie es die Wachen an den Stallungen auch taten, gegen die Häuserwand. Der Stein war noch kälter als der beißende Wind, doch wenigstens umwehten ihn keine eiskalten Schneegestöber mehr. Er schüttelte sich den Schnee vom Mantel und zog sich diesen ein wenig enger um den Hals, da der Schnee, welcher sich dort abgelegt hatte, bereits zu schmelzen begann und unangenehm am Nacken hinablief, was ihm neuerlich einen Schauer über die Haut jagte. »Ich muss sie warnen.«, hauchte Endres, denn zu mehr war er, aufgrund seiner brennenden Lungen, kaum mehr imstande. Doch bevor Endres auch nur den Versuch wagen konnte einen Fuß in die Burg Olathor zu setzen, musste er seines Hab und Gutes habhaft werden. Und vielleicht einen Schal umbinden. Dinge, welche sich allesamt in den Stallungen befanden, wo auch die Pferde standen, die streng genommen zwar nicht sein Eigentum waren, aber ihm gehörten. Und so grübelte er und zermarterte sich den Schädel, wie er nur ungesehen an den Wachen vorbei in die Stallungen schleichen konnte, um die Pferde zu holen. Oder zumindest das viele Geld, welches in einer der Satteltaschen versteckt war. Doch so sehr er sich auch bemühte, es wollte ihm einfach nichts einfallen.

Die Wachen standen an den Mauern, als ob sie dort festgefroren wären und Endres wurde immer kälter. Und so fasste er sich schließlich ein Herz und verließ die Gasse und ließ die Stallungen hinter sich. Vielleicht gab es eine Möglichkeit von der anderen Seite ungesehen heranzukommen? Endres trottete, vom Schnee umweht, durch die verschneiten Gassen und blieb an jeder Laterne stehen, welche zu dieser Stunde noch brannte, um seine unterkühlten Finger ein wenig daran zu wärmen, bevor er seinen Weg weiter fortsetzte. Und als er endlich unzählige Ecken und Winkel hinter sich gelassen hatte, da fand er sich endlich auf der anderen Seite der Stallungen wieder und musste ernüchternd feststellen, dass auch hier Wachen postiert waren. Er hätte es sich natürlich denken können, doch anders als jene, welche auf der anderen Seite des Hauses an der Mauer standen und auf die Straße starrten, saßen diese beiden auf zwei umgestürzten Fässern und spielten Karten. Sie mussten sich auch nicht gegen die Wand drücken, da sie unter einem Vordach saßen, unter welchem beinahe gar kein Schnee zu sehen war. Endres zupfte sich nachdenklich an der Unterlippen, während er fieberhaft überlegte, wie er wohl an diesen beiden vorbeikommen sollte. Doch als ihm einfach nichts mehr einfiel, da ging er in die Hocke, grub seine Hände in den Schnee und formte einen Schneeball. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf er den Schneeball auf die beiden Wachen und huschte schnell um die Ecke, damit sie ihn nicht sehen würden, sollte er sie treffen. Doch natürlich verfehlte der Schneeball sein Ziel. Und das nicht zu knapp. Sie waren viel zu weit weg. Erneut ärgerte sich Endres und schluckte einen stummen Fluch herunter.

Wenn sie wirklich auf ihn warteten, dann würden sie ihn, sobald sie ihn sahen, zweifellos verfolgen. Und als Endres dieser Gedanke durch den Kopf ging, da kam ihm eine verwegene Idee. Er drückte sich gegen die Mauer des Hauses, an dessen Ecke er stand und formte dann mit seinen Händen ein einfaches Sprachrohr. »Heda! Ihr da!«, rief er mit lauter Stimme und die beiden Wachleute hielten in ihrem Kartenspiel inne. Einer von ihnen sah in Endres‘ Richtung und richtete sich auf seinem Fass ein wenig auf. »Was willst du?«, rief er zurück und beschattete seine Augen mit den Fingern seiner rechten Hand. Doch es half ihm nicht wirklich besser zu sehen, wer dort eigentlich stand, was Endres nur zum Vorteil gereichte. »Ihr seid zwei stinkende, Arschficker!«, schrie er und kaum hatte das Echo seiner Worte die Wachen erreicht, da sprangen sie auch schon auf die Beine, ergriffen ihre Speere, die an die Wand gelehnt waren. Endres hingegen trat einen Schritt hervor und streckte ihnen seinen Mittelfinger entgegen. »So ein Bastard! Den kauf ich mir!«, zischte einer der Wachleute und stapfte schon wütend los. Doch der andere hielt ihn am Arm fest. »Hast du den Befehl seiner Gnaden vergessen? Wir sollen auf unserem Posten bleiben und wenn uns der Arsch abfriert, bis wir den Paltoren haben.« Der andere knurrte und knirschte wütend mit den Zähnen. »Mir is so verdammt kalt, da kommt mir der gerade recht. Ich werd‘ dem so die Scheiße aus dem Leib prügeln, dass mir der Schweiß auf der Stirn stehen wird.« Da grinste der andere und ließ die Schulter seines Kameraden los. Endres fluchte, als er feststellen musste, dass nur einer von ihnen die Verfolgung nach ihm aufnahm. Doch nun half es ohnehin nichts mehr. Er nahm die Beine in die Hand und rannte los. »Bleib stehen, du feiger Hundsfott!«, blaffte der Wachmann aber Endres dachte nicht im Traum daran. Er lief und lief, dass ihm der Atem in den Lungen brannte und wähnte sich erst in Sicherheit, als er mehrere Häuserecken hinter sich gelassen hatte. »Glaubst du, du kannst mir entkommen? Ich kann deine Fußspuren im Schnee sehen, du Nachteule!«, tönte die Stimme des Wachmannes und Endres biss sich bitter auf die Unterlippe. Sofort lief er weiter, ohne zu wissen, wohin er eigentlich gehen sollte. Doch während er immer weiter und weiter ging, da kam ihm ein neuerlicher Einfall. Und mit diesem Einfall bog er in eine der unzähligen Sackgassen ein, welche es in dieser Stadt zuhauf gab. Als er an der hohen Mauer eines angrenzenden Hauses angelangt war, welche das Ende der Sackgasse kennzeichnete, da ging er rücklings, und stets darauf bedacht nur in seine bestehenden Fußabdrücke hineinzutreten, wieder aus der Gasse heraus. Es kostete ihn einiges an Zeit, doch als er wieder am Eingang zur Gasse stand, da sprang Endres mit einem langen Hechtsprung zur nahen Ecke des nächsten Hauses und kroch durch den Schnee weiter, bis er gänzlich um die Ecke verschwunden war. Mit angehaltenem Atem und zitternden Fingern lugte er abwartend um die Ecke, bis sein Verfolger aus der nahen Gasse eilte. »Ha! Jetzt habe ich dich!«, rief er, als er die Fußspuren sah, die in diese Sackgasse führten. Und kaum hatte er diese betreten, da rappelte sich Endres unbeholfen auf die Beine und rannte weiter. Immer weiter und weiter, bis er nicht mehr wusste, wo er eigentlich genau war. Er hielt inne, starrte zuerst die einzelnen Häuser an, bis er seine Blicke in den Himmel erhob. Doch alles was er sah waren graue Wolken, die unablässig den Schnee zur Erde rieseln ließen. »Wenigstens regnet es nicht mehr.«, waren Endres ernüchternde Worte, als ihm bewusst wurde, dass er sich in den Gassen der Stadt verlaufen hatte.
#82
Spott und Häme ❖
baum-ich bring ihn um! Ich bring ihn um!“ fluchte Roméro leise in sich hinein, als er in der ‚Einsamen Jungfrau‘ stand, und suchend seine Augen durch den Raum schweifen ließ, auf der Suche nach einem Mann, der nicht mehr hier war. Er hatte ihm doch gesagt, er solle hier auf ihn warten, und dieser Windhund hatte natürlich nicht auf ihn gehört. Er hätte es wissen müssen! Roméro war versucht, sich einfach wieder einen Platz zu nehmen, zwei, drei Wein zu trinken, der süßen Schankmaid schöne Augen zu machen, und den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Doch leider war alles nicht so einfach. Im Gegenteil, es war äußerst heikel und abstrus, gelinde gesagt. Eigentlich war es nur gefährlich und fragwürdig, ob es von Erfolg gekrönt sein würde. Valésia, am besten noch vor der Hochzeit, aus der Stadt schleusen, damit sie mit Endres fliehen konnte, war Hochverrat. Wenn nur einer von vielen in diesem verworrenen Spinnennetz auspacken würde, dann würden wohl Köpfe rollen. Seiner, Valésias und Endres‘. Soviel stand fest. Unwillkürlich fasste sich Roméro an seine Kehle, und schluckte hart. Vor der Hochzeit war so vieles anders. Überall waren zusätzliche Wachen postiert, die für die nötige Sicherheit sorgen sollten, es gab viele Kontrollen, und Roméro war an der Planung dieses Wagnisses schier verrückt geworden. Und nun, da er seinen Plan ausgearbeitet und gefestigt hatte, und dabei war, diesen auch auszuführen, war dieser Taugenichts, diese Memme, nicht mehr hier, dabei wäre es so wichtig gewesen! Schließlich trat er an die Schankmaid heran, die gerade hinter der Ausschank Becher in einem Bottich auswusch. „Verzeiht die Störung…“ hob er an und die Schankmaid blickte auf, und lächelte ihn an, als sie ihn erkannte. „Ihr stört mich doch nicht“ entgegnete sie, hielt inne in ihrem Tun und wischte sich die nassen Hände an ihrer Schürze ab. Er erwiderte das Lächeln und fragte „Der Herr, mit dem ich vorhin dort saß, wisst ihr zufällig, wann er gegangen ist?“ Die Schankmaid überlegte kurz „Es ist noch nicht so lange her, aber, genau entsinne ich mich nicht, es tut mir leid.“ Roméro nickte dankend, und schenkte ihr noch ein Lächeln.

Missmutig, aber ohne dabei eine finstere Miene zu ziehen, wandte er sich ab, und beschloss, zurück auf Burg Olathor zu gehen, um zumindest seine Schwester einzuweihen. Schließlich war sie ebenso beteiligt, und sollte ihre Rolle kennen. Ebenso missmutig trat er in den Schnee, zog sich seine Gugel über den Kopf, und blickte in den Himmel, von dem sanft Schneeflocken rieselten, und sich überall, auf den Dächern der Häuser, auf den Laternen, auf den Menschen, selbst in der hintersten Ecke der kleinsten Gasse… Der Schnee knirschte hart unter den schweren Tritten des große, gestandenen Mannes aus Aramajé, und dichte Dampfwölkchen traten aus seinem Mund, während er seinen Weg durch Tarhjárt gen Burg Olathor beschritt. Hin und wieder blickte er sich suchend um, ob er Endres nicht doch irgendwo erspähen konnte, doch keine Spur von dem Paltoren. "Wo bist du nur? Hast du kalte Füße bekommen...?" murmelte er leise zu sich selbst. Spuren im Schnee... ja davon gab es jede Menge, doch ob eine davon Endres gehörte, das wussten nur die Drei. Leise schimpfend trat er den Weg zur Burg an. Er schwor sich, wenn er nach allem, was noch passieren würde, seinen Kopf behielt, dann würde er sich quer durch Ariad vögeln. Und gleich hier mit der süßen Schankmaid beginnen…

Zurück auf Burg Olathor begegnete ihm sein Vater. Graf Gunther war, und das war wirklich bemerkenswert, einmal nicht in der Nähe des Erzherzogs, und das war Roméro sehr Recht. Er verneigte sich vor seinem Vater und erkundigte sich nach Valésia. „Wo ist meine Schwester?“ Graf Gunther erwiderte „Sie hält sich noch in ihren Gemächer auf. Sie hatte eben ein Bad genommen, soweit ich richtig informiert bin. Die Zofe hilft ihr beim Ankleiden, dann kannst du sie aufsuchen, wenn du das möchtest.“ Roméro nickte. „Ich danke Euch.“ Er wandte sich ab, drehte aber auf dem Absatz wieder um. „Ach, beinahe hätte ich es vergessen… Weiß der Erzherzog, was vorgefallen ist?“ Graf Gunther nickte, und senkte seine Stimme zu einem Raunen. „Es scheinen die Spatzen von den Dächern zu pfeifen. Die Zofe, die alles gesehen hat, hat natürlich kein Stillschweigen bewahrt. Nun sitzt sie beim Erzherzog und heult, weil sie sich vor dem Erbprinzen fürchtet. Er hat ihr gedroht, er will sie aufhängen lassen…“ Roméro runzelte die Stirn. „Und der Erzherzog?“ Graf Gunther zuckte die Schultern. „Du weißt doch, was mit der Amme passiert ist. Zwar heißt er das Verhalten seines Sohnes nicht gut, darüber gibt es keinen Zweifel, aber es ist ebenso unumstritten, dass er seine Söhne dennoch vor allem Klatsch und übler Nachrede schützen will. Und dazu ist ihm jedes Mittel Recht.“ Roméro nickte, und in seinem Inneren tat ihm die Zofe jetzt schon leid. Was konnte sie denn dafür, dass der Erbprinz ein derartiger Dummkopf war, und seine Braut verführen wollte, ohne die Gemächer versperrt zu haben? Und dachte er wirklich, dass er damit durchgekommen wäre? Hätte Valésia es ihm erzählt, oder hätte sie Stillschweigen bewahrt? Er wusste es nicht. „Der Erzherzog hat Merik eben zu sich rufen lassen. Ich bin mir sicher, dass man keine sonderlich guten Ohren haben muss, um das mitzuerleben.“ Roméro blickte seinen Vater an, und bemerkte, dass dieser breit grinste. Beinahe wurde es dem Erbgrafen von Aramajé warm ums Herz, denn es war für ihn eine war Seltenheit, dass Graf Gunter seine Gefühle so offenherzig zur Schau stellte. Und dann fiel er in das Grinsen ein. Nur kurz, denn nur wenige Augenblicke später lief er gen den Gemächern des Erzherzogs…

„…ein solcher Idiot! Wie kann das nur möglich sein? Haben die Drei deinem Bruder Vego allen verfügbaren Verstand zugestanden, und dich leer ausgehen lassen?“ Die donnernde Stimme des Erzherzogs verstummte, und wurde abgelöst durch ein lautes Klatschen. Roméro, welcher vor der Türe stand, grinste von einem Ohr bis zum anderen, und er musste sich beherrschen, nicht laut aufzulachen. Wenn Merik sprach, dann schien er zumindest so leise zu sprechen, dass man ihn nicht hören konnte, denn von ihm drang kein Laut aus den Gemächern des Erzherzoges. „Hast du derartigen Notstand, dass du nicht noch einen Tag hättest warten können? Ha? Du besorgst es doch ohnehin jeder Hure in ganz Olathor! Es ist mir unbegreiflich, wieso mein Sohn ein derartiger… Hornochse, Hurenbock und Vollidiot sein kann! Du unterbrichst mich nicht, wenn ich spreche!“ Erneut drang ein lautes Klatschen nach Draußen, und Roméro kicherte vergnügt. „Du wirst dich bei der Komtess entschuldigen, hörst du? Ja, du wirst dich entschuldigen, und zwar auf das Unterwürfigste! Komm mir nicht mit Schadensbegrenzung daher! Die ganze Burg spricht davon! Morgen weiß es das ganze Herzigtum, und daran bist nur du alleine Schuld! Ich werde mitlachen, wenn sie dich alle verhöhnen und verspotten! Soll ich das gesamte Gesinde aufknüpfen lassen? So viele Galgen gibt es in ganz Olathor nicht, du dämlicher Bastard! Lass sie in Ruhe, sie hat nur ihre Pflicht getan! Jawohl, ihre Pflicht! Auch Valésias Zofe untersteht meinen Befehlen und sie ist mir zur Loyalität verpflichtet, und nicht der Komtess, oder gar dir! Ich werde noch lange genug leben, um zu erleben, dass du niemals meinen Platz einnehmen wirst! Vego hat das Zeug zum Herrscher, aber nicht du! Du könntest mit deinem Denkvermögen und Hausverstand nicht einmal ein Bordell betreiben!“ Romeros Grinsen wich einfach nicht aus seinem Gesicht. Der Tag konnte einfach nicht mehr besser werden, oder doch? „Und nun, geh mir aus den Augen!“ schrie der Erzherzog, und Roméro durchfuhr ein Gefühl, ertappt zu werden. Er lief um die Ecke, betrat den kleinen Turm, in dessen Treppe der Weg zu Valésias Gemächern führte, und als er Stufe um Stufe hinaufstieg, pfiff er ein fröhliches Liedchen.
#83
Der blaue Wachmann ❖
baum-ziellos irrte Endres durch die Gassen der Stadt, die ihm nach wie vor völlig fremd war. Zwar kannte er einige Wege, und besonders die Hauptstraße, welche hinauf zur Burg führte, doch in diesem Teil der Stadt war er noch nie gewesen. Und zu allem Übel waren die Straßen über und über mit Schnee bedeckt. Und es wurde immer mehr. Der einzige Vorteil, dem er seiner jetzigen Situation abringen konnte war, dass der Wind ihm in diesen engen Gassen nicht so stark ins Gesicht peitschte, was die Kälte ein wenig erträglicher machte, als noch bei den Stallungen, wo die Häuser viel weiter auseinander standen. Er knabberte nervös an seinen Fingernägeln während sein unterkühlter Verstand fieberhaft an einem Plan arbeitete, wie es nun weitergehen sollte. Doch er kam auf keinen grünen Zweig. Als ihn langsam die Verzweiflung überkam, stellte er sich in den Eingang eines Hauses, um so von dem Schnee ein wenig geschützter zu sein und atmete tief durch. Es half nichts. Er konnte und wollte all das Ersparte, welches Valerion und er über die letzten Dekaden ergaunert hatten, nicht aufgeben. Und er musste dringend Valésia warnen. Sie schwebte in größter Gefahr, dessen war sich Endres, mit jeder Stunde die ungenutzt verstrich, mehr und mehr sicher. Valerion war gefoltert worden. So sehr er auch in ihn vertraut hatte, es war gänzlich unmöglich, dass er alle seine, und auch ihre, Geheimnisse mit in den Tod genommen hatte.

Nach einer Weile, welche Endres wie zähe Stunden vorgekommen waren, verließ Endres wieder den Hauseingang. Er hatte absolut keine Idee, wie er Valésia warnen konnte. Sie würden ihn keine hundert Meter an die Burg herankommen lassen, ohne ihn zu erkennen und aufzugreifen. Und so beschloss er wieder in die Schenke zurück zu gehen, wo Roméro auf ihn warten wollte. Doch wo konnte diese nur sein? Allem Übel zum Trotz ging er nun einfach der Nase nach. Irgendwann musste er die Hauptstraße finden, und dann wusste er wohin er zu gehen hatte. Doch zuerst musste er diese engen und verwinkelten Gassen hinter sich lassen. Denn sobald die Straßen etwas breiter wurden, offenbarte sich sicher der Blick auf die erhabene Burg, welche erhaben über der Stadt thronte. Sie war wie ein Wegweiser, wenn man sich verlaufen hatte und konnte ihm als Anhaltspunkt dienen, wo er sich eigentlich befand. Doch hier, inmitten von Gassen, Mauern und umfriedeten Gärten konnte er die Burg nicht ausmachen. Immer weiter und weiter folgte er den Gassen, die mehr und mehr einem undurchschaubaren Labyrinth aus Stein und Lehm ähnelten, bis er schließlich wieder den beißenden Wind im Gesicht spürte. Der Wind war ein Zeichen, dass die verwinkelten Gassen ihr Ende fanden, und als er schließlich um eine der unzähligen Ecken bog, welche er bereits zuhauf hinter sich gelassen hatte, stand er mit einem Mal mitten auf der Hauptstraße. Augenblicklich hielt er inne und ließ sowohl seine Blicke schweifen als auch seine Gedanken kreisen, bis er schließlich die mächtige Burg Olathor erspähte. Sie war kaum zu erkennen, zwischen den dichten, weißen Vorhängen aus Schnee und Eis. Doch es war unverkennbar die Burg. Sie lag östlich von ihm, was bedeuten musste, dass die Schenke im Süden lag. Und so folgte er der Hauptstraße, bis er schließlich an jenem Ort angekommen war, an welchem seine Irrfahrt begonnen hatte.

Völlig verkühlt und mit zitternden Fingern legte er behutsam die rechte Hand auf die Türklinke und atmete ein letztes Mal die beißende, kalte Winterluft ein. Er fühlte sich beinahe wie ein ungebetener Gast, welcher im Begriff war eine Schlangengrube zu betreten. Doch dann öffnete er die Tür und trat ein. Sofort umfing ihn die wohlige Wärme aus dem Inneren der Stube und das Gelächter der Männer und der wenigen Frauen, die hier zugegen waren, drang fröhlich an sein Ohr. Er schüttelte sich den Schnee vom Gewand und klopfte sich den Matsch von den Schuhen, bevor er die Tür hinter sich schloss und zielstrebig an die Ausschank heran trat. Die Schankmaid, welche ihn sogleich erkannte, was ihr schüchternes Lächeln verriet, sah ihn mit einer beinahe besorgten Miene an, als sie sah, wie bleich seine Haut geworden war. »Geht es euch gut, mein Herr? Ihr seht nicht gut aus.« Endres schüttelte den Kopf. »Ich fühle mich auch nicht besonders gut. Es ist fürchterlich Kalt und ich habe meinen Mantel vergessen.« Sie nickte nur beiläufig, da es offensichtlich war, dass er für dieses Wetter gänzlich unzureichend gekleidet war. »Darf ich euch einen warmen Gewürzwein bringen?«, erkundigte sie sich doch Endres hob dankend die Hand und schüttelte erneut den Kopf. »Nein, habt Dank.« Sie zuckte nur mit den Schultern und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit. Doch bevor sie sich gänzlich von ihm abwenden konnte, da berührte er sie sachte am Arm. »Verzeiht. Mein Freund, mit welchem ich zuvor hier gewesen bin. Ist er inzwischen wieder hier gewesen?« Sie nickte und es schien Endres beinahe, als ob sie bei der Erwähnung Romeros leicht errötete. Endres malmte, mit einem aufkommenden, mulmigen Gefühl, mit den Zähnen. »Ja, er war vor zwei Stunden hier.« »Dann ist er nicht mehr hier?«, fragte Endres unnötigerweise, denn wenn dem so wäre, hätte sie es wohl erwähnt. Und als sie dann entschuldigend mit dem Kopf schüttelte, da ließ Endres entmutigt die Schultern hängen. »Hat er gesagt, ob er wiederkommen wird?« Erneut ein entschuldigendes Kopfschütteln, was Endres nun dazu veranlasste seine Hand von ihr zurück zu ziehen. »Habt Dank.«

Ohne weitere Umschweife wandte er ihr den Rücken zu, um sich in eine dunkle Ecke zurückzuziehen. »Seid ihr sicher, dass ihr keinen Wein wollt?«, erkundigte sie sich dann doch noch einmal, wenn auch mit einer eher verhaltenen und beinahe schüchternen Stimme, doch Endres schüttelte nur abweisend den Kopf. »Nein. Mir ist nicht danach.« In Wahrheit hatte er überhaupt kein Geld in den Taschen. Alles, was er besaß, befand sich bei den Pferden in den Stallungen. In jenen Stallungen, welche von Wachen des Erzherzogs unter Beobachtung standen. Verzweiflung keimte in Endres auf, während er sich von der Ausschank entfernte mit einem mitleidigem Blick in seinem Rücken, welchen er allerdings nicht sehen konnte, da sein Blick nicht mehr der Schankmaid galt. »Bei der Sonne …«, murmelte er, und das obwohl er noch nie zu Seraja gebetet hatte. Doch an diesem kalten Ort des Winters war die Sonne alles andere als zugegen. Er fuhr sich nachdenklich durch die Haare und überlegte erneut, wie schon zuvor in dem verschneiten Hauseingang, was er nun noch machen konnte, außer einem törichten Wagnis. Nichts, dessen wurde er sich schlagartig bewusst.

Es gab keine andere Wahl. Er musste ein törichtes Wagnis eingehen. Eines dieser Wagnisse, für welche Valerion ihn in all den Jahren immer wieder getadelt hatte. Doch Valerion war nicht mehr hier. Er war tot. Was Endres wieder einmal einen neuerlichen Dämpfer verpasste. Und so zog er sich den Umhang wieder etwas fester um den Hals, knöpfte sein Wams ein wenig enger zu und verließ wieder die Schenke, welche ihm zumindest etwas Wärme gespendet hatte, so dass er sich nicht mehr gar so kalt und einsam fühlte, wie noch wenige Augenblicke zuvor. Sein Weg führte ihn zurück zu den Stallungen. Dieses Mal wusste er sehr genau, wohin er zu gehen hatte. Doch was er dann machen sollte, wenn er sie erst einmal erreicht hatte, das wusste er nicht. Er wusste nur, dass er irgendwie an das Geld herankommen musste. Und an seinen Wollmantel, der ebenso in den Satteltaschen auf ihn wartete. Die Zeit verging und langsam wurde es merklich dunkler in den Straßen der Stadt. Und mit der aufkommenden Dämmerung schwand auch die letzte Wärme der Sonne, welche sich dem Ende des Tages neigte. Der Wind wurde kühler und die Luft noch kälter, so dass der dünne Umhang, den Endres sich so eng wie nur möglich um den Körper gezwungen hatte, ihn nicht mehr ausreichend zu schützen vermochte. In Wahrheit hatte er das ohnehin nicht einen Augenblick getan. Doch nun, da es merklich kühler wurde, spürte Endres langsam jeden erfrorenen Knochen im Leib. Als ob sich Raureif auf seine Knochen legen würde, welcher ihn langsam zum Erliegen bringen wollte.

Es dämmerte bereits, als Endres endlich bei den Stallungen angekommen war. Von den Wachen war keine Spur zu sehen, was Endres einen kleinen Hoffnungsschimmer bescherte. »Vielleicht sind sie fort gegangen?«, murmelte er zu sich selbst, während er seine Schritte verlangsamte um nicht gar in einen Hinterhalt zu geraten. Doch je näher er den Stallungen kam, desto mehr erweckte es den Eindruck, dass sie verlassen schienen. Und dieser Anschein erweckte neue Lebensgeister in dem erfrorenen Paltoren. Geschwind huschte er zu dem großen Tor, welches ihn noch von der Wärme der Pferde und dem ersehnten Geld trennte, als mit einem Mal Stimmen an sein Ohr drangen. »Scheiße! Das Bier ist gefroren!«, bellte eine Stimme aus dem Inneren der Stallungen. Und zwei andere Stimmen begannen heiser zu lachen. »Verdammt.«, zischte Endres, welcher gerade im Begriff gewesen war, die Scheunentür zu öffnen. Die Wachen hatten sich in die Scheune zurückgezogen, als die Dämmerung eingesetzt hatte. »Stell es ans Feuer, dann taut es wieder auf.«, lachte einer von ihnen, und als Endres vorsichtig durch den Spalt der hölzernen Türen spähte, erkannte er zwei der Wachleute, die an einem kleinen, hölzernen Tisch saßen und mit silbernen Würfeln spielten. Der dritte stand etwas abseits und rauchte eine kleine Pfeife. Ihr blauer Dunst stieg langsam von ihm auf und der laue Wind, welcher durch die Mauerritzen pfiff, verwehte diesen, sobald er nur etwas höher gestiegen war. »Wo ist nur der vierte?«, murmelte Endres, denn er hatte vier Wachen gesehen, als er beim letzten Mal an den Stallungen gewesen war. »He, Reinhard!«, rief einer der Würfelspieler dem Wachmann mit der Pfeife zu, welcher kurz darauf seine lockere Haltung aufgab und den Kopf zu den beiden Männern am Tisch umwandte. »Was is?«, brummte er, sichtlich gereizt. »Die Wetten stehen zwei zu eins, dass der Mistkerl sich heute nicht mehr blicken lässt. Was sagst du dazu?« Er zuckte nur mit den Achseln, bevor er dann damit begann seine Pfeife an dem Stützbalken auszuklopfen. »Ich würde nur zu gerne meinen ganzen Sold verwetten, wenn ich wüsste dass er heute noch kommt, nur damit ich endlich nach Hause kann. Diese Warterei mach mich ganz krank. Und mit nur zwei Pferden ist es hier auch nicht viel wärmer aus draußen, vor der Tür.« Die anderen nickten zustimmend und das Geräusch von aneinanderschlagenden Würfeln erklang, welche kurz darauf über die Tischplatte tanzten. »Ja. Die Kniescheiben gehören ihm gebrochen, dafür dass er uns so lange warten lässt, der Bastard!«, maulte der zweite Würfelspieler und bei diesen Worten kam Endres nicht umhin unweigerlich über seine Knie zu streichen. »Wo zum Henker bleibt eigentlich Frieder? Wie lange kann man nur brauchen um zu pissen?«

Bei diesen Worten kroch ein eisig kalter Schauer, dem Hauch einer Vorahnung gleich, über den Rücken des Paltoren. Der Vierte! Er musste irgendwo nahe der Scheune sein. Hastig entfernte sich Endres von der Tür und spähte sogleich um die Ecke. Und als er den vermissten, vierten Wachmann dort an der Wand lehnen sah, regungslos und gelassen, da erstarrte er förmlich zu Eis. »Geh mal nachsehen! Vielleicht ist ihm sein Schwanz in der Rüstung eingefroren.«, lachte einer der Wachmänner, was Endres sogleich aus seiner Starre erlöste. Er huschte auf die andere Seite des Hauses und verkroch sich hinter einem Haufen Weidenkörbe, welche wohl dazu dienten die Pferdeäpfel zu lagern, die in den Stallungen anfielen. Ein verräterischer und auch äußerst unangenehmer Duft ging von den Körben aus, doch konnte Endres, bei der Wahl seines Versteckes nicht sonderlich wählerisch sein. Keinen Augenblick zu früh, hatte er sich hinter die Körbe in den Schnee geworfen, als sich kurz darauf das Tor der Stallungen auftat und der Mann mit dem Namen Reinhard in den Schnee heraustrat. Er trug eine kleine, gusseiserne Laterne, in welcher eine ebenso kleine und kaum lebendige Flamme an den verrußten Gläsern tanzte. »He, Frieder! Was machst du da so lange? Is dir die Nudel abgefroren oder stör‘ ich dich beim …« Die Stimme des Mannes erstarb augenblicklich, als er an den Mann herangetreten war, und dieser kurz darauf in sich zusammenfiel. Sein gefrorenes Kettenhemd rasselte klirrend, als ob es völlig zu Eis gefroren war, als der leblose Körper des Wachmannes in den Schnee sackte. »Scheiße!«, rief Reinhard lauthals und stürzte zu seinem Kameraden, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. »Scheiße!«, hallte seine Stimme erneut über den Platz, und nur kurz darauf strömten auch die anderen Beiden aus den Stallungen heraus. »Was ist denn los?«, fragte die besorgte Stimme des dritten Wachmannes, während der vierte sich unbeholfen seinen Wintermantel über die Schultern warf. »Frieder ist tot!«, rief Reinhard und verpasste dem Mann, mit der bläulichen Haut, einen kräftigen Schlag gegen den Kopf. »Beim Pissen eingeschlafen und erfroren!« Einer der Würfelspieler stieß Reinhard zur Seite und nahm dabei seinen Helm vom Kopf. »Ach was. So schnell kann doch keiner erfrieren.« Er drückte Reinhard seinen Helm in die Hand und ging vor Frieder in die Hocke. Dann presste er sein Ohr ganz nah an den Mund des augenscheinlichen Leichnams und sein Gesichtsausdruck wirkte angespannt. Doch als er sich dann kurz darauf in Erleichterung wandelte erhob er sich wieder. »Du Dämlack! Ich hab mir vielleicht Sorgen gemacht! Der pennt nur!« Die anderen beiden wirkten ebenso erleichtert. »Der ist sternhagelvoll!«, bemerkte der Vierte, welcher bereits einen grau melierten Backenbart trug, und wohl der älteste der Vier zu sein schien. »Von einem Bier?«, fragte Reinhard ein wenig skeptisch und kratzte sich ein wenig ungläubig am Hinterkopf. »Er atmet noch, also lebt er noch. Scheiße, wenn er tot gewesen wäre, hätten wir echt den Arsch offen gehabt.« Als er sich erhoben hatte, nahm er Reinhard wieder seinen Helm ab und setzte diesen auf. »Na los! Tragen wir ihn rein, bevor er noch wirklich krepiert!« Und so schwärmten die Drei um den leblosen Wachmann aus, um in an Schulter und Beinen aufzuheben. »Verdammt, ist der schwer!«, maulte Reinhard und ächzte dabei angestrengt. Sie hoben den Wachmann vom Boden auf und mit kurzen, beinahe trippelnden Schritten, verfrachteten sie ihn in das Innere der Stallung.

Indes hatte Endres hinter den stinkenden Pferdeäpfelkörben ausgeharrt, während die Kälte des Schnees ihm immer mehr und mehr in die Füße gekrochen war. Aber erst, als das Tor sich wieder geschlossen hatte, da wagte er sich schließlich, wenn auch zögerlich, aus seinem Versteck heraus. Und nun wusste er nicht so recht, was er nun machen sollte. Er hatte gehofft ungesehen hineinschleichen zu können. Oder den einen oder anderen von ihnen heraus zu locken. Doch nun war alles anders. Nun hatten sie sich alle direkt am Eingang der Stallung zusammen gerottet und sorgten sich um ihren Kameraden. Für Endres gab es keinen Weg hinein und er sah auch keine Möglichkeit wie er auch nur einen von ihnen von ihrem halberfrorenen Kameraden fortlocken konnte. Sie würden nur mit ihm beschäftigt sein, aber zu aufgeweckt und aufmerksam, um ihn zu übersehen, sollte er so töricht sein sich hineinzuschleichen. »Los, Harald. Mach ein Feuer. Er muss sich aufwärmen!«, befahl Reinhard mit lauter Stimme. Doch Harald glotzte nur entgeistert. »In der Scheune? Der Obersthauptmann wird uns den Kopf abreißen und jedem von uns in den Hals pissen! Hier liegt doch überall Stroh herum!« »Halt nicht Maulaffen feil! Er wird sonst erfrieren! Feg das Stroh zur Seite und lege ein paar Steine aus, das sollte das Feuer im Zaum halten.« Reinhard schüttelte den Kopf, doch nach einigen finsteren Blicke huschte er auch schon aus den Stallungen um einige größere Steine zu besorgen. »Und du Reginald. Gib mir eine der Decken von den Pferden! Wir müssen ihn zudecken und warm halten.« Inzwischen war Harald auch schon mit den Steinen zurück gekehrt und Reinhard begann damit einen Feuerkreis auszulegen, in welches sie dann Stroh und Holz legten, was sie in den Stallungen zusammen klaubten. »Er zittert.«, stellte Reginald ernüchternd fest. Es war der Älteste von ihnen und er hatte sich erneut eine Pfeife angesteckt, wohl um den Stress zu dämpfen und auszuräuchern, welcher ihn überkam. »Das sehe ich auch!«, blaffte Reginald ungehalten und hielt dem Unterkühlten seine Hand auf die Stirn. »Und er fiebert.« »Das klingt gar nicht gut.«, murmelte Harald.

Endres bekam davon nur sehr wenig mit. Denn ein weiteres Mal wagte er sich nicht an die Scheunentür. Er stand noch immer bei den Pferdeäpfeln und schritt dahinter auf und ab, während er sich verzweifelt überlegte, wie er sie austricksen konnte. Der Schnee war schon ganz braun und matschig geworden, von all den Schritten, die er darauf getan hatte, als mit einem Mal das Tor zur Stallung aufflog. »Los, sputet euch! Der Apotheker wohnt am Ende der Hauptstraße!« Reginald rannte, als ob der Teufel hinter ihm her wäre, um Mohnblumensaft zu besorgen, während Harald in die andere Richtung rannte, wohl um Hilfe zu holen. Beinahe wäre dieser sogar Endres in die Arme gelaufen, als dieser an den gestapelten Körben vorbeihastete. Doch mehr Aufmerksamkeit als ein »Aus dem Weg, Gesindel!«, schenkte er dem Paltoren nicht, so dass er gar nicht bemerkte, dass dieser Mann so strohblondes Haar hatte, wie der Zunder, mit welchem sie das wärmende Feuer in der Stallung entfacht hatten. Endres hingegen traute seinen Augen nicht. Wie von selbst hatten sich seine Probleme gelöst, denn nun war nur mehr ein Wachmann in den Stallungen, während der zweite bewusstlos war. Und so nahm er all seinen Mut zusammen und schlich sich zu dem offenen Tor. »Komm schon Frieder! Kämpf dagegen an! Du musst es schaffen!«, redete der alte Reginald dem Wachmann, dessen Haut schon eine ungesunde, blaue Färbung angenommen hatte, gut zu. Endres spähte vorsichtig in das Innere der Stallung und sah schließlich seine beiden Pferde, etwas abseits von dem Mann stehen. Sein Herz tat einen förmlichen Sprung, während das Lächeln auf sein Gesicht zurück kehrte, welches schon seit geraumer Zeit in Trübsal gefroren zu sein schien. Auf leisen Sohlen huschte er hinter den Mann und nahm das schwere Holz vom Boden auf, welches sie offensichtlich für das Feuer herangetragen hatten. Er wog es in seinen beiden Händen und befand es für ausreichend genug. Und so, ohne weiter darüber nachzudenken, zog er es dem letzten, verbliebenen Wachmann kräftig über den Schädel.

Das Eisen seines Helmes machte ein lautes Geräusch, als ob man mit einem Knüppel auf eine Marschtrommel gedroschen hätte und kurz darauf sackte der Wachmann bewusstlos zu Boden. »Danke.«, flötete Endres sichtlich von zunehmender Gelassenheit erfüllt und huschte von dem Mann fort, zu den Pferden. Mit zittrigen Fingern löste er das Zaumzeug von dem Gebälk und zerrte die Pferde hinter sich her, als ihm aus dem Augenwinkel das Gewand des unterkühlten Wachmannes auffiel. Sie hatten ihm das Kettenhemd, und auch das Wams und den Helm abgenommen. Endres tauschte einige verstohlene Blicke zwischen den beiden, am Boden liegenden Männern, den Pferden und dem unheilvoll, offenstehenden Tor aus. Doch dann überlegte er nicht weiter, schnappte sich die Ausrüstung des Wachmanns, wie auch das Schwert des anderen und stopfte es hastig in die Satteltaschen. Die Decke ließ er dem blauen Wachmann, denn seinen Tod wollte er nun doch nicht verantworten. Allerdings trat er einige der Steine, welche sie zur Begrenzung des Feuers ausgelegt hatten, ruppig zur Seite. »Das sollte euch eine Weile beschäftigen.«, murmelte er. Irgendwann würde einer der Soldaten wieder zurück kommen, und wenn dann der Brand schwelte, hatten sie wirklich anderes zu tun, als ihn zu verfolgen. Denn die fehlenden Pferde würden sie zweifelsohne bemerken. Endres saß auf dem Pferd auf und trieb diesem die Fersen in die Seiten. »Hüh!«, rief er und sogleich setzte sich das Tier ungelenk in Bewegung.

Erst als Endres sich sicher war, weit genug von den Stallungen und auch von der Hauptstraße entfernt zu sein, zügelte er das Pferd und rutschte aus dem Sattel. »So, dann wollen wir mal.«, murmelte er und schob sich zunächst das Kettenhemd über, bevor er das Wams, auf dessen Brust das Emblem des Erzherzogs eingestickt worden war, ebenfalls darüber streifte. Das Schwertgehänge, wie auch der Helm rundeten seine Verkleidung gänzlich ab. Und sein offenes Haar zwang er zu einem Knoten zusammen, um es unter dem Helm verschwinden zu lassen. »Auf zur Burg Olathor!« Das Pferd setzte sich wieder in Bewegung und Endres fühlte sich beinahe wie ein neuer Mensch. Voller Elán und Tatendrang, aber auch ein wenig geschützt, durch seine Verkleidung. Das mulmige Gefühl, welches sich in seiner Magengrube ausgebreitet hatte schwand allmählich. Doch je näher er der Burg kam, desto mehr kehrte es wieder zurück. Er zügelte die Pferde, um sie in einen langsamen Trab zu zwingen, als er langsam über das Burgtor ritt. Die Hufe klapperten auf den dicken Holz und weckten so die Aufmerksamkeit der Torwachen. Doch als sie einen der Ihren erkannten, nickten sie Endres nur zu und versenkten ihre Augen wieder in den Spielkarten, die sie in den Händen hielten. Im Innenhof angekommen, wurde Endres sogleich von einem Knappen in Empfang genommen, welcher ihm die Zügel der Pferde abnahm. Sich dagegen zu wehren, hätte keinen Sinn gemacht. Viel eher noch hätte es er sich damit noch verdächtig gemacht und den Argwohn des Jungen geschürt. Stattdessen öffnete er noch schnell die Satteltasche und zog die beiden, dicken und schweren Geldbörsen daraus hervor, um sie in seine Bruche zu stopfen. Denn sollte er erneut die Pferde verlieren, würde er das Geld wohl niemals wieder sehen.

Im Hof angelangt, bemerkte Endres eine prächtige Kutsche, die wohl einem hohen Herren gehören musste, der eigens für die morgige Vermählung angereist war. Die Pferde waren noch eingespannt und eine feine Dame wurde gerade aus der Kutsche herausgeleitet. »Lasst die Pferde eingespannt!«, befahl der Mann, welcher offensichtlich ihr Vater war. Schon allein der gerade Gang und die teure Kleidung verrieten dies, doch Endres war der Siegelring an seinem Finger aufgefallen, welcher vielmehr verriet, dass dies ein Mann von Adel war. Wohl ein Vasall des Erzherzogs. Wie gerne hätte er diesen Ring in seine Finger bekommen. Er würde ihm die Flucht sicher um einiges erleichtern. »Wird euer Gnaden nicht bei den Hochzeitsfeierlichkeiten zugegen sein?«, erklang die kriecherische Stimme des Haushofmeisters des Erzherzogs. Als Endres die Stimme erkannte, zog er sich unweigerlich den Helm etwas tiefer ins Gesicht, um von diesem nicht erkannt zu werden. »Natürlich!«, entgegnete der Graf entrüstet, und seine Tochter lächelte verhalten. Als das Mädchen aus dem Wagen gestiegen war, folgte ihr prompt ein junger Edelmann, welcher wohl ihr Bruder war. »Vergebt meinem Vater. Doch haben wir noch Verpflichtungen in der Stadt zu erledigen. Ein Brautgeschenk, ihr versteht?« Da nickte der Haushofmeister und deutete eine knappe Verbeugung an. Endres wandte sich nun gänzlich zum Gehen, denn sein Ziel war nicht der Thronsaal, sondern der Dienstboteneingang. Eben jener Eingang, durch welchen er erst vor einiger Zeit still und heimlich entkommen musste, und von welchem er wusste, dass er direkt zu Meriks Gemächern hinauf führte.
#84
Hoher Einsatz ❖
baum-valésia saß im Erker, und hatte ihr Gebetsbuch auf den Knien liegen. Sie war in einen Morgenmantel aus Seidensamt gehüllt, und wartete, dass ihre Zofen den Badezuber mit heißem Wasser gefüllt hatten. Sie las, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie sich schämte, und um nicht den neugierigen Blicken der Mägde zu begegnen. Sie konnte sich kaum auf die Zeilen konzentrieren, und starrte einfach nur in das Buch, während ihre Gedanken in ihrem Kopf Kreise zogen. Sie dachte an Endres. Roméro hatte ihr erzählt, dass er sie mit sich nehmen wollte, doch nicht einmal Roméro selbst, der die Fäden in diesem Unterfangen zog, vermochte zu sagen, wo er war. Gerüchten zufolge war die Stadtwache auf der Suche nach ihm, und wer wusste schon, ob sie ihn nicht längst gefangen hatten. Wenn dies so wäre, dann wäre alles aus. Die Ehe würde morgen geschlossen, und Endres enthauptet werden, wie sein Knappe. Der Gedanke daran brach ihr schier das Herz und erneut zwang sie sich, sich auf die Zeilen in dem Buch zu konzentrieren, in welchen sie Trost und vielleicht auch Rat suchte. Aber das Gebetsbuch der Drei hatte keine Ratschläge für jene, die den rechten Pfad verließen. Und durch die Vereinigung mit Endres hatte sie, den Lehren der Dreien zufolge, den rechten Pfad verlassen. Dabei war sie nur ihrem Herzen gefolgt. War das so verkehrt gewesen? „Komtess?“ richtete ihre Zofe das Wort an sie. Valésia blickte von dem Buch auf, und sah die Zofe an. „Das Bad ist nun bereit“ sagte sie leise. „Danke. Ihr könnt alle gehen. Ich brauche euch nun nicht mehr. Und ich möchte nun unter keinen Umständen gestört werden“ erwiderte sie. Aber das verstand sich von selbst. Die Zofe und die Mägde knicksten, ohne einen weiteren Einspruch zu erheben, und verließen dann das Gemach der Komtess. Valésia blieb noch eine Weile stumm sitzen, und schließlich erhob sie sich, und schickte sich an, sich zu entkleiden.

Das heiße Bad war wohltuend. Es schien, als ob es die Berührungen Meriks abwusch, die sie sich so schmutzig anfühlen ließen. Der Duft ätherischer Öle stieg ihr in die Nase, und befreite ihren Kopf, zumindest für die Dauer des Bades, von all den beschwerenden Gedanken, die in ihrem Kopf vorherrschten. Valésia wünschte sich, dass Malinda noch bei ihr wäre. Ihre alte und treue Freundin und Vertraute. Die stets einen weisen Rat auf den Lippen gehabt hatte. Die neue Zofe war ihr nicht geheuer. Es schien ihr, als versuche sie stets anwesend zu sein, um Neuigkeiten zu erfahren, die sie sogleich an den Erzherzog herantrug. Valésia bemühte sich, der Zofe keinen Anlass zu Spekulationen oder Gerüchte zu geben, die dem Erzherzog zu Gute kommen konnten. So hatte sie stets gelogen und verneint, wenn die Zofe sie dezent ausfragte, ob an den Gerüchten von vorehelichen Beischlafs etwas Wahres dran gewesen wäre. Die Frage an sich war schon dreist und unverschämt. Doch leider lag es nicht in Valésias Macht, sich ihre Zofe selbst auszusuchen. Dies war eine Entscheidung des Erzherzogs. Das heiße Badewasser machte Valésia müde, und träge. Als das Wasser auskühlte, kleidete sie sich an, und legte sich ins Bett. Eine Zeitlang lag sie nur still da, genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit des Hofes, und tat gar nichts. Nach einer Weile vernahm sie auf der Balkonbrüstung Geräusche, und als sie den Kopf drehte, erkannte sie den Raben, welchem sie den Namen Finsterherz gegeben hatte, welcher dort saß, und schließlich tief und kehlig krähte. Valésia hatte ein Körbchen mit Nüssen auf ihrem Tischchen stehen, die sie für den Raben aufhob. Als sich herausstellte, dass die Nüsse nicht für die Komtess, sondern für einen Raben waren, da gab es manche Mägde, die dies mit seltsamen Blicken und Gesten bedachten. Vielleicht würde sogar manch eine glauben, sie wäre eine Hexe, die sich mit den schwarzen Vögeln, umgab, die als Unglücksboten und Schergen des Todes galten. Doch das Tier war scheu. Kaum, da sie sich aus dem Bett schälte, um eine Nuss zu holen, da war der Rabe auch schon aufgeflogen, und flog davon. Valésia legte dem Tier dennoch einige Nüsse in den Schnee auf dem Balkon. Sie wusste, früher oder später würde er wieder kommen, um sich die Nüsse zu holen.

Doch nun würde es eine Weile dauern, bis er sich wieder blicken ließ, denn es war Roméro, welcher seinen Lockenkopf durch die Tür steckte. Als er sich vergewissert hatte, dass seine Schwester gesellschaftsfähig war, schob er noch seinen restlichen Körper durch die Türe, und schloss diese hinter sich. „Roméro…“ hauchte Valésia, als sie ihren Bruder erblickt hatte. Er nickte ihr kurz zu, schloss mit schnellen Schritten zu ihr auf, und ließ sich dann gleich salopp in einen der beiden Lehnsessel fallen, welche an den Tisch heran gerückt waren. Er ließ seine Blicke auf die Weinkaraffe auf dem Tisch wandern, schien kurz zu überlegen, und schenkte sich dann schließlich einen Becher voll Wein ein. Valésia beobachtete diese Geste mit gerunzelter Stirn. „Du trinkst viel, dieser Tage…“ bemerkte sie, jedoch ohne einen Hauch von Vorwurf oder Missbilligung in ihrem Tonfall. Es war lediglich eine Bemerkung. Roméro grinste sie schelmisch an, und seufzte dann theatralisch. „Ich habe auch allen Grund dazu, liebste Schwester. Deine Liebelei wird uns noch alle an den Galgen bringen. In erster Linie mich, wenn das jemals rauskommt.“ Valésia seufzte schwer. Dann blickte sie ich fragend an. „Was ist?“ kam er ihr zuvor. „Gibt es Neuigkeiten von Endres? Geht es ihm gut?“ Roméro hob entschuldigend die Schultern, und ließ diese dann wieder herunterfallen. „Deswegen bin ich hier, Valésia.“ Ihre Augen weiteten sich erschrocken. „Ist ihm etwas zugestoßen? Haben sie ihn gefangen genommen?“ Ihre Miene war sehr besorgt und ihr Herz begann unverwandt schneller zu schlagen. Roméro hingegen hob abwehrend die Hände. „Verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken, oder beunruhigen. Es geht ihm gut. Zumindest als ich ihm gegenüber gesessen bin. Hm, es geht ihm den Umständen entsprechend. Er ist sehr unglücklich, wegen seinem Knappen.“ Valésia nickte verstehend. „Der Ärmste… Ich wünschte, ich könnte ihm Trost und Zuversicht spenden. Doch wo gibt es Trost und Zuversicht, wo der Tod zugeschlagen hat?“ Roméro blickte sie stumm an, und sprach dann weiter, wobei er seine Stimme senkte. „Also es ging ihm wie gesagt den Umständen entsprechend. Wir haben kurz miteinander gesprochen..:“ „Worüber habt ihr gesprochen?“ unterbrach ihn Valésia neugierig, doch Roméro winkte ab „Ach, unwichtiges. Ich überließ ihn dann sich selbst, und bat ihn, in der Schenke zu bleiben. Doch als ich wieder zurückkehrte, da war der Narr weg…“ „Vielleicht wurde er aufgriffen?“ meinte Valésia besorgt, und griff sich beklommen an die Brust. „Na, das gilt es nun herauszufinden. Dabei habe ich mir einen wunderbaren Plan zurecht gelegt.“ „Welchen Plan?“ Roméro goss sich von dem Wein nach, und trank bedächtig einen Schluck davon. „Gemach, gemach, liebe Schwester. Ich habe alles vorbereitet. Vor der Dämmerung wartet ein Händlerwagen, welcher mit Fellen, Decken und Stoffen handelt. Er bringt seine Handelsware unweit von den Stallungen des Nordtores. Auf diesem müsst ihr euch verstecken. Der Kutscher ist bestochen, ich denke, er ist zuverlässig, aber das weiß man ja nie. Etwa eine Stunde außerhalb der Stadttore steht ein Bauernhaus. Dort wohnen brave Leute, die dem Erzherzog nicht sehr wohlgesonnen sind, weil er trotz der Missernten der vergangenen Jahre horrende Steuern erhoben hat. Dort warten Pferde auf euch. Es sind keine solch edlen Pferde, wie du sie gewohnt bist, aber es sind gute, robuste und starke Pferde. Der Schnee und die Kälte machen ihnen nichts aus. Ihr werdet dort auch Verpflegung und Wegzehrung bekommen. Ihr werdet die Nacht zum Tag machen müssen. Ihr werdet auch einen großen Bogen um die großen Städte machen müssen. Ihr müsst mit kleinen, unbedeutenden Dörfern Vorlieb nehmen müssen, und hoffen, und vor allem beten, dass man euren Spuren nicht folgen kann. Der Erzherzog wird es nicht auf sich sitzen lassen, wenn man ihm derart in die Suppe spuckt.“ Ein wenig sorgenvoll kratzte er sich den Bart. Dieses Vorhaben war ein sehr riskantes Wagnis. Es konnte ihm genauso, wie seiner Schwester und auch Endres den Kopf kosten. Vielleicht sogar seinem Vater, seiner Mutter, wegen Hochverrat… wer konnte den Erzherzog schon einschätzen? Von Merik konnte er sich denken, was dieser machen würde, obläge ihm die Befehlsgewalt. „Was ich sagen will, Valésia. Dieses Vorhaben ist ein Wagnis. Diese Reise durch den tiefsten Winter ist ein Wagnis. Ihr werdet erst sicher sein, wenn ihr in Paltoria gesund und munter ankommt. Und selbst dann ist nichts gewiss. Was meinst du, passiert, wenn einst die Kunde der schönen Gräfin Valésia von Hohenehr bis nach Olathor dringt? Ich mag es mir nicht ausdenken. Bist du dir bewusst, was all das bedeutet, Valésia?“ Die junge Komtess nickte und Roméro blickte sie zweifelnd an „Ich bin nicht so sicher, dass du dir dessen bewusst ist. Die Reise ist sehr gefährlich. Ihr lauft Gefahr, zu erfrieren, ihr lauft Gefahr, dass den Pferden etwas passiert und ihr den Weg zu Fuß fortführen müsst, und das ist dann euer sicherer Tod… Ich will dich nur fragen, Valésia, ist es dir das wert? Vielleicht kannst du dich mit einem Leben mit dem Erbprinzen doch arrangieren?“ Roméro glaubte nicht, was er da von sich gab, und er war erleichtert, als Valésia den Kopf schüttelte. „Lieber würde ich sterben, als mein Leben mit dem Erbprinzen zu verbringen. Ich möchte dieses Wagnis eingehen. Und ich würde für Endres sterben…“
#85
Der dreiste Eindringling ❖
baum-mit jedem Schritt, den Endres tat, wuchs seine Anspannung und zugleich verlor sich die Zuversicht, die er noch gehabt hatte, als er den Dienstbotengang betreten hatte, Stück für Stück. Es war ein törichtes Wagnis, welches er hier einging. Und er wusste nicht einmal, ob Valésia überhaupt in ihrer Kammer war. Zumal dieser Gang nicht in ihre Gemächer, sondern in die des Erbprinzen Meriks führte. Dies war der kniffligste Teil an dem ganzen Unterfangen. Was, wenn er einer seiner Mägde, oder gar Mätressen und gedungenen Dirnen, in die Arme lief? Und selbst wenn er unbehelligt blieb wäre es ebenso eine unüberwindbare Hürde, sollte sich der Mistkerl just in diesem Augenblick in seiner Kammer befinden. Niemals würde er an ihm vorbeischleichen können und würde dadurch gezwungen sein in dem Alkoven hinter der Geheimtür auszuharren, bis er endlich ging oder einschlief. Und so zermarterte sich Endres buchstäblich den Kopf, während er immer weiter eine Stufe der gewundenen Treppe nach der anderen emporstieg.

Eigentlich hatte er keinen Plan oder gar eine besonders einfallsreiche Eingebung gehabt. Er hatte lediglich die Gunst der Stunde genutzt und sich buchstäblich kopflos ins Verderben gestürzt. Und wofür dies alles? Für die vage Hoffnung seine Herzdame zu finden, sie zu rauben und mit ihr zu fliehen. Er klammerte sich förmlich an diese winzige Hoffnung, die an einem seidenen Faden zu hingen schien, ohne sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Die Männer des Erzherzogs würden ihn jagen. Und die des Bernsteingrafen vermutlich ebenso. Im ganzen Land würde man nach ihm suchen. Und wohin sollte er schon gehen? In die Heimat? Zusammen mit Valésia? Sie würde früher oder später zweifellos bemerken, wie es um seine Herkunft bestellt war. Doch diese Gedanken waren Endres in diesem Moment fremd. Er hatte kein Gespür dafür, denn alles, woran er dachte, war Valésia. Vielleicht hatte der Verlust, den er durch den Tod Valerions erlitten hatte, den letzten Rest klaren Verstandes in ihm abgetötet. Oder zumindest nur gelähmt. Und vielleicht hegte er diese Gedanken auch nicht, da es ihm im Moment völlig einerlei war. Sein Leben hatte sich schlagartig geändert. Sein bester Freund, mit dem er gemeinsam aufgewachsen war und ebenso gemeinsam allerlei Ränke geschmiedet hatte, war nicht mehr am Leben. Endres fühlte sich beinahe, als ob man ihm selbst einen Teil seines Lebens vom Körper getrennt hatte, als Valerion den Kopf an des Henkers Beil verlor.

Stimmen drangen an Endres‘ Ohr. Dumpfe und weit entfernte Stimmen, die er kaum zuzuordnen vermochte. Sie ließen ihn innehalten und seinen Aufstieg, wenn auch nur für einen Augenblick, jäh zum Erliegen bringen. Es waren zwei Frauen, die am oberen Ende der Treppe miteinander schwatzten. Doch eine von ihnen klang ein wenig aufgebracht, während die andere hörbar unglücklich klang. Worüber die Frauen sprachen, konnte Endres nicht verstehen. Und er wagte es auch nicht, sich ihnen zu nähern. Denn würden sie ihn entdecken, täten sie ihn höchstwahrscheinlich verraten. Und selbst wenn nicht, würden sie sich seiner erinnern. Und dies würde eine mögliche Flucht erheblich erschweren. Also blieb Endres stehen, drückte sich in die kleine Nische an der Treppe, in dessen Gemäuer eine schmale Schießscharte eingelassen worden war, und versuchte mit den, ihn umgebenden, Schatten zu verschmelzen.

Die Stimmen wurden lauter und deutlicher. Scheinbar bewegten sich die beiden Frauen auf ihn zu, was Endres nur noch mehr dazu veranlasste, sich noch enger an die Wand zu pressen. »Vergiss ihn einfach.« Diese Worte gehörten zu jener Stimme, die zuvor noch sehr aufgebracht gesprochen hatte. »Wenn er das nächste Mal nach dir schickt, gehe nicht zu ihm. Er wird dir wieder wehtun.« Die andere Frau, deren Stimme ein deutliches Zittern anhaftete, lachte verbittert. »Wie könnte ich mich ihm widersetzen? Er würde mich bestrafen, das weißt du genauso wie ich.« Die andere schwieg, und Endres hielt den Atem an, als sie an ihm vorbei gingen. »Nur weil er der Erbprinz ist, hat er noch lange nicht das Recht so mit dir umzuspringen.« Wieder lachte die andere. »Er hat alles Recht.« Die erste schüttelte den Kopf, während ihre Stimme an der gewundenen Mauer immer wieder abprallte und so ein undeutliches Echo schufen. »Sie dich doch an! Dein Gesicht ist ganz rot. Und morgen wird es zweifellos blau sein.« Die Stimmen wurden noch leiser und die wabernden Schatten der beiden Frauen, die von den wenigen Fackeln an die Wände geworfen wurden, verschwanden in der gähnenden Schwärze, die vom Fuß der Treppe heraufkroch. Doch Endres verharrte weiter in dem Alkoven und lauschte angestrengt den Worten, die nun kaum mehr einem Raunen glichen. Er fürchtete, das selbst sein Herzschlag ihn verraten könnte, und so wartete er weiter, bis er weder ihre Stimmen, noch ihre Schritte mehr hören konnte. Erst dann schälte er sich aus dem Schatten seines Versteckes heraus und setzte seinen Weg zu den herrschaftlichen Gemächern fort.

Als er endlich die letzte Stufe erklommen hatte, legte er bedächtig das Ohr an die verborgene Tür und horchte angestrengt, ob sich dahinter jemand im Raum befand. Doch so sehr er sich auch anstrengte, und sich dabei selbst zur Ruhe zwang, konnte er nicht das geringste Geräusch vernehmen. Nur das Schlagen seines Herzens. »Also dann.«, murmelte er, um sich den nötigen Mut zu machen, den er wohl brauchte, um die Tür zu öffnen. Er legte sein Ohr an die hölzerne Wand und versuchte zu lauschen, ob sich jemand in der Kammer dahinter befand. Doch er konnte nichts vernehmen. Ob dies nun daran lag, dass die Wand zu dick war, oder ob Merik sich einfach nur ruhig verhielt, konnte er nicht erahnen. Es half ohnehin nichts. Er musste es wagen. Und so öffnete er die Tür und schob sie einen Spalt breit auf. Vorsichtig lugte er in die Kammer, welche von dem schwachen Licht einer einzelnen Laterne erhellt wurde. Doch von Merik war keine Spur zu sehen. »Glück gehabt.«, murmelte Endres und trat schließlich in die Kammer ein. Nichtsdestotrotz huschte er, in leicht geduckter Haltung, durch die Kammer, bis er an der Tür angekommen war. Und erneut lauschte er an der Tür, um sich zu vergewissern, dass niemand sich auf dem Gang befand, bevor er die Kammer schlussendlich hinter sich ließ, um zu Valésias Gemach vorzudringen. Als er zum dritten Mal an diesem Abend an einer Tür lauschte, vernahm er das erste Mal Stimmen. Es war die Stimme Romeros und seiner Schwester, der Komtess von Aramajé. Valésia. Endres spürte, wie sein Herz aufgeregter zu Schlagen begann. Seine Hand legte sich auf den Türknauf, bereit diese zu öffnen, als er die Worte vernahm, die Roméro sprach. »Ich will dich nur fragen, Valésia, ist es dir das wert? Vielleicht kannst du dich mit einem Leben mit dem Erbprinzen doch arrangieren?« Endres hielt inne und biss sich auf die Lippen. Hatte er sich in Roméro getäuscht, als er den Freund mimte, während sie in der Schenke miteinander gesprochen hatten? Lauter wirre Gedanken spukten ihm auf einmal durch den Kopf, bis Valésia ihre Antwort gab. »Lieber würde ich sterben, als mein Leben mit dem Erbprinzen zu verbringen. Ich möchte dieses Wagnis eingehen. Und ich würde für Endres sterben …« Da lächelte Endres und er spürte, wie es ihm regelrecht warm ums Herz wurde. Ohne weiter darüber nachzudenken, und auch ohne vorher anzuklopfen, öffnete er die Tür und trat in die Stube ein.

Er erhaschte einen Blick auf die beiden Geschwister, welche ihn unverwandt anblickten, als er plötzlich im Raum stand. »… und ich für dich, Valésia.« Er nickte Roméro förmlich zu, doch Valésia schenkte er ein ehrliches Lächeln. »Verzeiht mein Eindringen und auch dass ich an der Tür gelauscht habe. Aber eure Worte waren schwer zu überhören.« Er deutete eine entschuldigende Verbeugung an. »Allerdings muss ich gestehen, dass ich auch nur die letzten Worte vernommen habe.« Er trat an Valésia heran. Doch im Beisein ihres Bruders wagte er nicht mehr, als sie einfach nur anzusehen und sie anzulächeln. Vor lauter Aufregung, über ihre Worte, hatte er völlig vergessen, dass er noch die Rüstung und auch den Helm trug. Vermutlich sah Roméro ihn deshalb so seltsam an. Endres hüstelte verlegen und nahm sich, um sich zu erkennen zu geben, den Helm vom Kopf. Sein silberblondes Haar, welches er unter dem Helm verborgen getragen hatte, fiel ihm über die Schultern und er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, um es aus dem Gesicht zu streichen. »Ich bin es. Endres.« Noch immer stand er unschlüssig vor Valésia und ihre Augen trafen sich. Es schien, als ob sie sich ineinander verlieren würden, als alles um Endres herum in weite Ferne rückte.

»Die Zeit drängt.«, mischte sich Roméro ein und Endres nickte. »Ja.« Endres nickte beipflichtend. Doch so recht wusste er nicht, was nun geschehen sollte. Er war, ohne sich vorher einen Plan zurechtgelegt zu haben, kopflos in die Burg Olathor gegangen. Wenn er sich ehrlich war, hatte er nicht einmal damit gerechnet unbehelligt bis zu Valésia vorzudringen. Und nun, da er vor ihr stand, fühlte er sich mit einem Mal wieder so wie immer. Valerion war der Planschmied gewesen. Endres hatte andere Begabungen. Begabungen die hier, an diesem Ort, nichts nützten. Einige Zeit herrschte ein bedrückendes Schweigen, bis Endres es schließlich brach. »Valésia?« Er richtete das Wort an die Frau, die ihm in so kurzer Zeit so viel mehr als nur eine flüchtige Liebschaft bedeutete. »Waren deine Worte ernst gemeint?« Er hielt erneut inne, um ihr Zeit zu lassen, darauf zu antworten. »Willst du wirklich alle deine Brücken hinter dir abbrechen, und mit mir fliehen?« In seiner Stimme schwang eine brüchige Hoffnung mit, die mit jedem falschen Wort ihrerseits in tausende Scherben zerbersten würde. »Im Hof habe ich eine Kutsche gesehen. Vielleicht könnten wir mit ihrer Hilfe aus dem Schloss entkommen? Mein Pferd steht in den Stallungen und in den Satteltaschen ist alles, was ich besitze.« Endres sah an sich herab, und ihm fiel nun wieder ein, dass er noch immer die Uniform der Burgwache trug. »Deine Verkleidung können wir sicher gut gebrauchen.«, stimmte Roméro ihm zu, und warf Valésia dabei einen verschwörerischen Blick zu, den Endres allerdings nicht deuten konnte. Immerhin hatte er den Anfang ihres Gespräches nicht mitbekommen und wusste nichts von Romeros geschmiedeten Plänen.
#86
Ein kühner Plan ❖
baum-roméro hatte einerseits gehofft, dass Valésia ihm genau diese Antwort geben würde, welche sie ihm gegeben hatte, doch andererseits bedeutete es, dass sie in großer Gefahr schweben würde. Und dies auf zwei Weisen. Zum einen, wenn ihr Verschwinden bemerkt würde, und dies würde es ganz sicherlich. Wenn nicht schon heute Abend, dann doch spätestens morgen früh. Der maßgebliche Unterschied war, dass sie einen entscheidenden Vorsprung haben würden, wenn erst am Morgen entdeckt würde, dass die Komtess verschwunden war. Doch Roméro bemühte sich, sich nicht allzu viele Kopfzerbrechen über dieses Wagnis zu bereiten. Er lächelte seine Schwester tapfer an, bestrebt darin, keine Angst zu zeigen, und Angst hatte er. Große sogar. Die Wahrscheinlichkeit, dass Valésia etwas zustoßen würde, wenn man sie ergreifen würde, war eher gering. Man würde die Braut einfangen, zurück nach Olathor bringen, Endres hängen, und vielleicht würde auch der Händler, den er bestochen hatte, alles gestehen. Dann würde er, Roméro, zusammen mit Endres gehängt werden. Wegen Entführung, Hochverrat, am ehesten noch wegen Hochverrat. Es war nicht nur Valésias und Endres‘ Wagnis, es war auch Romeros. Doch er liebte seine Schwester, und war ebenso, wie sie dies eben beschworen hatte, bereit, alles zu geben, nur, um sie aus den sprichwörtlichen Fängen des Erbprinzen zu befreien. Er würde sie lange nicht sehen, dabei hatten sie sich erst vor wenigen Monden wieder in die Arme schließen können, als er von dem langen, steinigen Weg seiner Schwertleite, zurück als Ritter, und richtiger Mann, gekommen war. Und erst, wenn sie sicher in Paltoria angekommen waren, dann könnte sie ihm vielleicht eine Nachricht zukommen lassen. Auch dies war Teil des Plans. Roméro musste damit rechnen, dass Briefe von Kurieren abgefangen, und auf verdächtigen Inhalt geprüft würden. So würde er belanglose Briefe im Namen einer ariadischen niederen Adeligen, die an einen anderen Hof geschickt worden war, um zu einer Hofdame ausgebildet zu werden, empfangen. Die Inhalte würden belanglos sein, doch die Geschwister hatten geheime Botschaften vereinbart, die belanglose Sätze enthalten würden. Roméro war sich nicht einmal hier sicher, ob der Plan aufgehen würde. Doch versuchen mussten sie es!

Die Tür öffnete sich, und herein trat ein gerüsteter Mann. „Und ich für dich, Valésia“ sagte der Mann. Das Geschwisterpaar wandte sich gleichzeitig zur Türe. Valésia hätte seine Stimme unter tausenden wiedererkannt. Ihr Herz schlug schneller, und nichts lieber hätte sie getan, als sich dem Mann ihres Herzens in die Arme zu werfen. War doch eine ganze Zeit lang nichts über seinen Verbleib und seine Unversehrtheit bekannt gewesen. Endres trat an Valésia heran, und nach einer Welle der Entschuldigungen nahm er seinen Helm ab. Valésia fragte sich, wie er in Besitz dieser Rüstung gekommen, doch dazu war auch später noch Gelegenheit. Als ihre Blicke sich trafen, schlug ihr Herz noch einmal höher. Sie konnte sich einfach nicht sattsehen, an seinen wunderschönen, blauen Augen, und seinem hellen Haar, das man so in ganz Ariad kaum finden konnte. Seine Augen, auch wenn er sie mit liebevollen Blicken bedachte, wirkten müde und voller Trauer. Sicherlich hatte ihn der Verlust seines Knappen schwer getroffen, war er ja auch der Komtess sehr nahe gegangen. Wie gerne würde sie ihn jetzt in die Arme nehmen, und trösten! So standen sie eine Weile versunken da, bis es Roméro war, der in diese schweigende Zweisamkeit eindrang. „Die Zeit drängt“ meinte er, und Endres pflichtete ihm bei. Es schien, als wartete jeder, dass der andere etwas sagte, und so standen sie eine Weile unschlüssig da, bis es Endres war, der seine Worte an Valésia richtete. „Valésia?“ „Ja?“ erwiderte sie neugierig. „Waren deine Worte ernst gemeint?“ Sie blickte ihn fragend an, denn sie wusste nicht, welche der vielen Worte, die sie je an ihn gerichtet hatte, er meinte. „Willst du wirklich alle deine Brücken hinter dir abbrechen, und mit mir fliehen?“ Sie warf einen kurzen Seitenblick zu Roméro, ihr Bruder, der ihr alles bedeutete. Doch nichts konnte die Liebe übertreffen, die sie für Endres empfand. „Ja“ stieß sie hastig hervor, um nur nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie erst darüber hatte nachdenken wollen. „Du bist mir das Wichtigste im Leben, Endres, und nichts würde mich glücklicher machen, als mit dir zu gehen, egal wohin uns der Weg auch führen mag. Ohne dich wäre ich verloren, und mein Leben so leer…“ Roméro klatschte leise in die Hände „Ihr könnt euch später Honig ums Maul schmieren.“ „Im Hof habe ich eine Kutsche gesehen. Vielleicht könnten wir mit ihrer Hilfe aus dem Schloss entkommen? Mein Pferd steht in den Stallungen und in den Satteltaschen ist alles, was ich besitze“ erwiderte Endres schließlich. „Dein Pferd kannst du vergessen, und deine Habe auch. Es ist viel zu riskant, sich wegen eines Gaules durch die Stadt zu schlagen. Es wird bald dunkel, und der Händler wartet.“ Er sah Endres an „Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen, aber du kannst es ja noch nicht wissen. Ein bestochener Händler wartet unweit der Stallungen des Nordtores. Auf seinem Wagen sind Stoffe, Felle und Pelze geladen.“ Er grinste „Auf jeden Fall die beste Wahl. Besser, als Fässer voller eingelegter Salzheringe, aber die Ladung, das muss ich einräumen, ist eher Zufall, denn Berechnung, es hätte euch auch passieren können, dass es Handelsware für den Abdecker, oder den Gerber wäre… Wie auch immer. Der Händler macht einen Umweg, und bringt euch zu einem Bauernhaus. Dort wohnen anständige, gutgesonnene Leute. Das Haus liegt etwa eine Stunde von hier, und ist ein wenig abseits der umliegenden Dörfer. Ihr solltet also nicht allzu auffallen. Wenn ihr jetzt aber denkt, dass ihr euch in dem Bauernhaus ein paar kuschelige Stunden machen könnt, so seid ihr im Irrtum. Es warten dort neue Pferde auf euch. Keine edlen Schlachtrösser oder Turnierpferde, wie ihr beide sie gewohnt seid. Aber sie sind robust, ausdauernd und Kälte macht ihnen nichts aus. Ihr werdet die Nacht durchreiten müssen, wenn ihr euch einen entsprechenden Vorsprung sichern wollt. Für entsprechenden Reiseproviant, und alles nötige, habe ich auch gesorgt, neben einem gut gefüllten Geldbeutel. Ich weiß nicht wie du es in der Wildnis stets gehalten hast, Endres, aber Valésia hat damit noch nie etwas zu schaffen gehabt. Das ist es, was mich sorgt. Ich meine das nicht böse, aber sie ist nun mal eine verwöhnte, kleine Komtess.“ Er grinste, und wandte sich dann an seine Schwester. „Keine opulenten Mahle, kein wärmendes Bett, keinen Badezuber, keine Wechselkleidung. Nun ja, ein, zwei Kleider habe ich dir eingepackt, aber dreimal täglich umziehen kannst du vergessen. Dich wird Hunger, Kälte und Schnee erwarten. Du glaubst, mit Endres zu fliehen, wird der Ende deines Alptraums hier in Olathor sein. Aber ich sage dir, der wahre Alptraum wird erst jetzt beginnen. Es wird auch für euch beide eine Zerreißprobe werden. Wenn ihr ständig aneinanderklebt, werdet ihr euch bald gehörig auf die Nerven gehen. Du wirst zu jammern beginnen, und Endres Vorwürfe machen! Was das angeht, seid ihr Frauen doch alle gleich.“ Valésia schüttelte heftig den Kopf. Doch Roméro sprach unbeirrt weiter. „Du hast keine Begriffe von eisigen Stürmen, Kälte und Schnee. Wenn ihr kein Gasthaus findet, dann müsst ihr im Freien übernachten. Das Holz wird nass sein und kein gutes Lagerfeuer entzünden.“ Er blickte Valésia und Endres entschuldigend an. „Ich musste Abstriche machen. Natürlich hätte ich euch eine komfortable Kutsche offerieren können, aber damit sei ihr viel zu auffällig und vor allem zu langsam.“ Valésia fühlte sich beklommen. Sicherlich hatte er Recht. „Ich muss es wagen, Roméro. So eine Gelegenheit kommt nie wieder! Ich bin bereit, alles aufzugeben, um mit Endres zusammen zu sein.“ Roméro dachte eine Weile nach. „Und wenn wir warten? Ich meine, nach der Schneeschmelze. Vielleicht kann man die Hochzeit doch verschieben. Aus dringenden Gründen. Auch wenn mir keiner einfällt… Ich meine, wer setzt schon eine Hochzeit im Winter an? Das ist doch idiotisch!“ Valésia schüttelte den Kopf. „Ich werde keinen Tag länger hierbleiben! Merik wird nicht warten! Mit keinem Argument wirst du das schaffen! Ich werde heute und hier mit Endres die Burg verlassen. Daran gibt es nichts zu rütteln!“ protestierte die Komtess. „Wahrscheinlich hast du Recht.“ Er musterte Endres. „Deine Verkleidung können wir sicher gut gebrauchen. Verbirg dein verräterisch blondes Haar unter der Kapuze, und dann den Helm darüber. Das Visier muss oben sein, sonst ist es zu auffällig. Du bist von nun an ‚Aryn von Wackerstein‘, also gibst du dich als die persönliche Leibwache der Komtess von Aramajé aus. Wenn dich jemand in der Burg fragt, wohin ihr geht, sagt, die Komtess besucht noch ein Armenhaus, aus Mildtätigkeit, angesichts der morgigen Hochzeit, oder meinetwegen, dass sie in den Tempel beten geht. Denk dir was aus. Im besten Fall aber fragt keiner, weil sie ohnehin alle mit ihren Dingen beschäftigt sind. Die herzogliche Familie wird gleich zu Tisch sitzen, also ist die Gelegenheit einmalig. Die Zeit, in der sich alle fragen, wo Valésia ist, könnt ihr längst dazu nutzen, aus der Burg zu gehen. Ich werde leider auch zu Tische entgegen sein. Ich kann euch nicht begleiten, Valésia, darum müssen wir uns hier und jetzt Lebwohl sagen.“

Er hob eine Hand, und führte sie an ihre Wange. „Lebwohl, meine wunderschöne, starke, eigensinnige Schwester.“ Er schluckte schwer, und es war ihm eine gewisse Nervosität nicht abzustreiten. „Ich will dich nicht belügen, Valésia. Es kann sein, dass dies hier alles nicht gut endet. Es kann sein, dass sie erfahren, dass ich im Hintergrund die Fäden gezogen habe, mich des Hochverrats bezichtigen, und verurteilen. Du hast ja gesehen, wie Hochverrat bestraft wird.“ Da schüttelte Valésia heftig den Kopf. „Nein! Das dürfen sie nicht! Ich bitte dich, Roméro, komm mit uns!“ Hysterische Angst schwang in ihrer Stimme mit. Er lächelte traurig „Was soll ich denn bei euch? Soll ich etwa mit euch kommen, und mir eine paltorische Prinzessin anlachen?“ „Ja! Warum nicht? Alles wäre besser, als den Tod zu finden! Roméro bitte! Ich habe Angst um dich! Ich kann dich nicht zurücklassen, in dieser Löwengrube! Du bist mein Bruder, und ich darf dich nicht im Stich lassen!“ Roméro lachte leise, über den Sinneswandel. Mitzufliehen, über diese Idee hatte er nicht eine Sekunde nachgedacht. In Gedanken hatte er sich schon am Schafott knien sehen. Valésia wandte sich an Endres. „Endres, sag doch auch etwas dazu. Findest du nicht auch, dass es besser wäre, wenn er uns begleiten würde?“ Roméro begann nachzudenken. Würde er mitkommen, könnte er den Händler unschädlich machen. Dieser würde niemals Verrat begehen können, wenn Roméro ihn unschädlich machte. Es sei denn natürlich, er hätte dem Erzherzog längst berichtet. Aber das glaubte Roméro nicht. Sonst wäre die Wache des Erzherzogs längst aufmarschiert. Valésia indes bat bei Endres um Roméro. Die Idee, Roméro dabeizuhaben, gefiel ihr immer besser. Er war ein Ser, er war behände mit dem Schwert, und er konnte ihnen durchaus nützlich sein...
#87
Der Anfang vom Ende ❖
baum-endres‘ Miene wurde ernster, als Roméro ihm unverblümt sagte, dass er seine Habe vergessen sollte. »Mitnichten, Roméro.« Er betonte den Namen des Erbgrafen von Aramaje ungewöhnlich ernst und scharf aus. Vielleicht schärfer, als er es beabsichtigt hatte, was man wohl auch den Umständen, in welchen er sich befand, zuschreiben konnte. Er hatte alles verloren. Freund, Heimat und beinahe auch die Liebe seines Lebens. Und er hatte alles riskiert, um bei ihr zu sein. Da konnte er unmöglich alles hinter sich lassen, was er und Valerion über all die Jahre ergaunert und erbeutet hatten. Was sollte er Valésia schon zu bieten haben? Ja, das Gold hatte er in weiser Voraussicht aus den Satteltaschen genommen. Und es war genug, um davon gute zwei Jahre lang genügsam leben zu können, selbst mit einer Frau, die weit mehr vom Leben gewohnt war, als Endres. Doch in diesen Satteltaschen befanden sich Dinge, die mit keinem Gold der Welt aufzuwiegen waren. Erinnerungsstücke an die Heimat. Und auch an Valerion. Endres‘ Schwert, welches er von seinem Vater dem Scharfrichter erhalten hatte, hing am Sattel und Valerions kleiner Talisman, den er sonst immer bei sich getragen hatte, lag auf dem Grund der Satteltasche. Er hatte ihn abgelegt, als sie das Herzogtum Olathor betreten hatten, da es unschicklich war, derartiges in diesem Teil Ariads zu tragen. Um nichts in der Welt konnte er dies einfach hier lassen. Endres murmelte nur griesgrämig und wandte dann den Blick zu Roméro. »Ich kann den Inhalt der Satteltaschen nicht zurücklassen. Das Pferd ist entbehrlich, das ist wohl wahr. Doch die Sachen in den Taschen nicht.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und stellte damit klar, dass dies sein letztes Wort war. »Außerdem befinden sich darin Dinge, welche die Ratgeber und Spione des Erzherzogs eindeutig mit meiner Person in Verbindung bringen können. Und wenn Valésia fort ist, und sie das Pferd und diese Dinge finden, vermag es selbst der dümmste Erbsenzähler sich zusammenzureimen, wo sie wohl sein mag.«

Roméro seufzte und tauschte dabei einige unschlüssige Blicke mit Valésia, wie auch mit Endres, aus. » Es wird bald dunkel, und der Händler wartet.« Endres stutzte für einen Augenblick und sah Roméro mit großen, fragenden Augen an. »Welcher Händler? Wovon sprichst du?« Roméro schmunzelte wissend und für einen Augenblick blitzte triumphaler Schalk in seinen Augenwinkeln auf. »Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen. Ein bestochener Händler wartet unweit der Stallungen des Nordtores. Auf seinem Wagen sind Stoffe, Felle und Pelze geladen.« Endres nickte verstehend. »Und wohin soll uns dieser Händler bitte bringen? Der Winter naht. Und auf dem Wagen eines Händlers wird die Fahrt eine halbe Ewigkeit andauern. Wir brauchen einen Schlitten und starke Pferde, oder zumindest einige robuste Hunde, und keinen Händlerwagen. Der hilft vielleicht unerkannt aus der Stadt zu entkommen, aber sicher nicht gegen die Schneemassen, die das Land bereits fest in ihrer Gewalt haben.« Endres wusste wovon er sprach. Er war schon mehr als einmal durch verschneite Lande gezogen. Und stets waren Valerion und er nur mit Mühe und Not dem Tod entkommen, da sie nichts mehr zu Essen fanden und kein Feuer heiß genug werden konnte, wenn man nachts nur von Schnee, Eis und der eiskalten Nacht umgeben war.

Nach und nach erklärte Roméro ihm seinen Plan und Endres schwankte immer wieder zwischen Skepsis und Hoffnung hin und her. Aber so wirklich überzeugt wirkte er am Ende nicht. »Dein Plan steht und fällt mit dem Wetter. Sollte der Winter unerwartet über uns hereinbrechen, stecken wir, selbst mit den kräftigsten Pferden, mitten im Niemandsland fest.«, gab er zu bedenken. »Das ist ein ungeheures Wagnis. Und ich glaube nicht, dass Valésia jemals unter derartig schwierigen Bedingungen gereist ist.« Er war Valésia einen entschuldigenden Blick zu und setzte dabei ein wenig überzeugendes und zaghaftes Lächeln auf. »Aber du hast natürlich Recht. Je eher, desto besser wird es sein.« Roméro indes wandte sich an Valésia und unterstrich ihr auf seine eigene, unnachahmliche Art und Weise den Ernst der Lage. »Du glaubst, mit Endres zu fliehen, wird der Ende deines Alptraums hier in Olathor sein. Aber ich sage dir, der wahre Alptraum wird erst jetzt beginnen.« Endres zupfte sich an der Unterlippe und grübelte nachdenklich. »Nicht, wenn wir in den Süden gehen. Dort sind die Winter mild und das Wetter beständig. Wir könnten über die Brückenstadt in die freien Städte gelangen, oder unser Glück im Köhlerwald versuchen. So, oder so, ist es gefährlich, denn im Köhlerwald lauern Gesetzlose und in der Brückenstadt ist Valésia sicher nicht unbekannt. Und genauso ist die Reise zur Bernsteinstadt ein Wagnis, auch wenn der Weg viel kürzer ist. Denn dort warten ein unbarmherziger Winter und streunende Wolfsrudel auf uns.« Endres Hoffnungen, welche zuerst ein wenig erblüht waren, sackten mehr und mehr in sich zusammen. »Wenn wir uns ehrlich sind, klingt kein Weg besonders erbaulich. Es wäre viel klüger, einfach den Winter in einem kleinen Ort auszusitzen und erst im Frühling auf Reisen zu gehen. Doch diesen Luxus können wir uns nicht leisten.«

Und da ergriff Valésia das Wort. Sie hatte zuerst aufbegehrlich gegen Romeros Worte den Kopf geschüttelt, doch er hatte sie nicht zu Wort kommen lassen. Und nun, da er schwieg, waren es ihre Worte, die den Raum erfüllten. »Ich muss es wagen, Roméro. So eine Gelegenheit kommt nie wieder! Ich bin bereit, alles aufzugeben, um mit Endres zusammen zu sein.« Und diese Worte ließen die schwindende Hoffnung in Endres wieder erstarken. Er nickte und sein Gesicht wirkte ernster und entschlossener als je zuvor. »Erst einmal sollten wir aus der Stadt verschwinden. Wohin wir reisen, können wir dann noch immer entscheiden. Und vielleicht ist es sogar besser, wenn Roméro gar nicht weiß, auf welchem Weg wir fliehen, sollte dem Bernsteingrafen oder gar dem Erzherzog einfallen ihn „eingehend“ zu befragen.« Bei dem letzten Satz wich Endres bewusst den Blicken Valésias aus und trat an das Fenster heran, um seinen Blick über das, in das Zwielicht der Abenddämmerung getauchte Land, schweifen zu lassen. Valésia schien von der Aussicht, noch länger auf der Burg verweilen zu müssen, am allerwenigsten erbaut zu sein. Vielmehr tat sie ihren Unmut laut kund und begehrte vehement dagegen auf, auch nur einen Tag mit der Flucht zu warten. Endres wandte sich wieder von dem Fenster ab, denn dort draußen gab es nichts zu sehen, was ihm irgendwie weiterhelfen konnte. Er sah sowohl Roméro, als auch Valésia eindringlich an, und seufzte abermals bis Roméro einen Plan schmiedete, wie sie aus der Burg zum Nordtor gelangen sollten. »Du bist von nun an ‚Aryn von Wackerstein‘, also gibst du dich als die persönliche Leibwache der Komtess von Aramajé aus.« Endres verkniff sich ein Schmunzeln und nickte nur, was Roméro aber kaum zu beachten schien. Der Plan war nicht haltlos. Eine Frau, wie die Komtess, würde sicher nicht ohne Begleitung die Burg verlassen. Und wenn man die jüngsten Ereignisse bedachte wäre es weitaus verdächtiger, wenn sie alleine ginge, als wenn ein Ritter aus Aramajé sie begleitete.

Und die Zeit drängte. Der Erzherzog hatte zum Abendmahl gerufen und hierbei waren natürlich auch Roméro und Valésias Anwesenheit erwünscht. Nur dass Valésia nicht erscheinen würde. Roméro hingegen musste gehen und so verabschiedeten sich die beiden Geschwister voneinander. Ein Umstand, welchen Valésia weniger gut ertrug, als Roméro. Denn die Tatsache, dass ihm ein Leid widerfahren könnte, schien ihr unerträglich zu sein. Ihr Leben war verwirkt, wenn sie diese Burg verlassen hatte. Sie würde in Ariad zur Gejagten werden. Und ihre Familie würde beim Erzherzog, und damit auch beim königlichen Hofe, in Ungnade fallen. Das denkbar schlimmste Los für eine Familie von Adel in diesen Landen. Doch so sehr sie ihre Familie auch liebte, sie war dennoch bereit mit Endres zu fliehen. Und auch wenn sie den guten Namen ihres Hauses, und den Ruf ihres Vaters bereitwillig opfern würde, ihren Bruder konnte sie nicht für sie durchs Feuer gehen lassen. Sie bedrängte Roméro sie zu begleiten, was dieser mit Widerwillen ablehnte. »Was soll ich denn bei euch? Soll ich etwa mit euch kommen, und mir eine paltorische Prinzessin anlachen?« Er lachte bitter, doch Valésia war nicht nach Lachen zumute. »Ja! Warum nicht? Alles wäre besser, als den Tod zu finden! Roméro bitte! Ich habe Angst um dich! Ich kann dich nicht zurücklassen, in dieser Löwengrube!« Roméro legte sanft seine Hand auf ihre Schulter und sah ihr dabei tief in die Augen. »Valésia. So gerne ich auch gehen würde. Einer von uns muss bei Vater bleiben. Er hat Jahre für diese Ehe gekämpft. Und soviel dafür geopfert. Er wird fuchsteufelswild sein, und der Ruf unseres Hauses steht auf dem Spiel. Ich muss bleiben, um den Namen unser Familie zu bewahren, sonst fallen die Wölfe aus Olathor und die Vasallen des Königs gnadenlos über uns her, und Aramajé wird fallen.« Valésia schüttelte nur den Kopf und die Entschlossenheit, welche sie zuvor noch gezeigt hatte, wich erbitterter Sorge um ihren Bruder. »Du bist mein Bruder, und ich darf dich nicht im Stich lassen!« Roméro lachte bitter und seufzte schwer. »Und er ist unser Vater. Ich darf ihn nicht im Stich lassen. Geh, und werde frei sein. Ich werde bei Vater bleiben und Aramajé vor den Löwen schützen.« Diesen Worten zum Trotz wandte sich Valésia, in einem letzten Akt der Verzweiflung an Endres. »Endres, sag doch auch etwas dazu. Findest du nicht auch, dass es besser wäre, wenn er uns begleiten würde?« Endres schluckte. Das Letzte, was er gewollt hatte, war zwischen die Fronten der Beiden zu geraten. Jeder hatte auf seine Weise natürlich Recht. Auch wenn Endres Romeros Ansicht nur wenig teilen konnte. Immerhin hatte er einst auch seine Familie hinter sich gelassen. Doch aus gänzlich anderen Gründen. Und er war nicht der Sohn eines Adelsgeschlechtes, welches seit Generationen die Kronvasallen des Königs waren. Er war nur der Sohn eines Scharfrichters. Ein Niemand. »Valésia …«, setzte Endres unschlüssig an, während er versuchte die richtigen Worte zu finden. »Wenn wir Olathor verlassen, gibt es kein Zurück mehr. Wir werden Geächtete sein, Vogelfrei. Sie werden mich des Hochverrates anklagen und dessen bezichtigen, dich geraubt zu haben. Niemand im Volk wird dir dafür die Schuld geben. Sowohl Roméro, als auch uns wäre sicherlich besser gedient, wenn er hier bliebe, und den richtigen Leuten die richtigen Worte ins Ohr flüstert, damit auch alle genau dies denken. Denn sollte bekannt werden, dass du nicht entführt wurdest, sondern bereitwillig mit mir gegangen bist, schwebt nicht nur Roméro, sondern deine gesamte Familie, wie auch euer Land in großer Gefahr. Und was auch immer du bereit bist zu opfern, ich bin nicht bereit all diese Menschen zu opfern, nur unserer Liebe wegen. Wenn wir fliehen, sind wir auf uns allein gestellt. Wir müssen den Häschern des Erzherzogs entkommen und dafür Sorge tragen, dass jeder im Land glaubt, dass du gegen deinen Willen die Burg verlassen hast. Nur so kannst du deinen Bruder, dein Land und auch deinen Vater vor dem Unheil bewahren, welches ihnen droht.«

Weiter kam Endres nicht, denn just in diesem Moment ertönte hinter der kleinen Tür, welche sich in der Holzvertäfelten Wand befand, ein seltsam dumpfes Geräusch. Und noch ehe sich die Drei es versahen, fand sich die Zofe inmitten unter ihnen und starrte sie aus großen, ungläubigen Augen an. Die Tür hatte nachgegeben und sie war unbeholfen in den Raum gestolpert, und es war nur allzu offensichtlich, dass sie heimlich an der Tür gelauscht hatte, bis diese unter ihrem Gewicht nachgegeben hatte. Als sie schließlich Endres, und sein blondes wallendes Haar erblickte, zuckte sie erschrocken zusammen und legte sogleich beide Hände auf ihren Mund, um ihr überraschtes Entsetzen zu verbergen, da er augenscheinlich jener Mann war, mit welchem Valésia fliehen zu suchte. Es herrschte eine bedrückende Totenstille, und jeder starrte den anderen erwartungsvoll und zugleich ungewiss an. Doch als die Zofe sich anschickte abzuwenden, kam mit einem Mal Leben in die Kemenate. »Haltet sie fest! Sie hat alles gehört!«, rief Roméro und löste sich von den beiden anderen, um es sogleich selbst in die Hand zu nehmen. Die Zofe kreischte erschrocken auf und strauchelte unbeholfen nach hinten, doch da war Roméro auch schon bei ihr, um sie am Arm festzuhalten. »Was machen wir denn jetzt?«, zischte Endres und wirkte mit einem Mal sehr nervös. »Sie weiß alles und wenn wir sie laufen lassen, wird sie es brühwarm dem Bastard, oder gar dem Erzherzog berichten.« Roméro hob beschwichtigend die Hand, um Endres zur Ruhe zu bringen. »Nichts dergleichen wird geschehen.« Er packte die Zofe ein wenig fester am Arm, so dass sie sich unter seinem Griff zu winden begann und ihn mit schmerzerfüllten Blicken ansah. »Bitte, Herr. Lasst mich gehen.« Roméro lachte verwegen. »Aber sicher doch, meine Teuerste. Nichts läge mir ferner, als euch gehen zu lassen.« Ohne weitere Umschweife zog er die Zofe mit sich und trat mit ihr kurzerhand auf den schneebedeckten Balkon. Mit einem rüden Stoß beförderte er sie unsanft in den Schnee, und noch ehe sie aufgestanden war, um wieder in die Kemenate zu gelangen, hatte Roméro auch schon die Türe zugeworfen, um sie daran zu hindern. »Ich kümmere mich um sie. Geht jetzt! Und sorgt dafür, dass man euch nicht sieht!« Er wedelte unaufhörlich mit der Hand und machte damit sowohl Valésia als auch Endres immer nervöser, bis die beiden schließlich nachgaben und durch jene Tür verschwanden, durch welche die Zofe soeben den Raum betreten hatte.


Roméro sah ihnen noch einige Zeit lang nachdenklich nach, bis ihre Schritte gänzlich verhallt waren. Es herrschte absolute Totenstille. Kein Wort, kein Laut und nicht einmal das Knistern des Feuers, welches sonst für gewöhnlich in diesem Raum zu hören war, drang an sein Ohr. Mit einer einzigen Ausnahme. Die unaufhörlichen, dumpfen Schläge der Zofe, welche gegen das dicke und sündhaft teure, uländische Glas schlugen, welches die Tür des Balkons zierten. Und schließlich, als er sich sicher war, dass sowohl Valésia als auch Endres fort waren, öffnete er die Tür und die Zofe stolperte, mit klappernden Zähnen, in den Raum hinein. Er sah die Frau, die vor Kälte zitterte und am Boden kniete beinahe mitleidig an. »Du musst wissen, dass ich meine Schwester über alles liebe.« Die Zofe nickte nur, doch brachte sie kein Wort über ihre blauen Lippen. »Um dies zu verstehen, muss ich dir sagen, dass ich alles machen würde, nur damit sie glücklich wird. Und hier, auf dieser verdammten, kalten Burg, würde sie niemals glücklich werden. Nein, sie würde zerbrechen. An den Intrigen, den Lügen und dem Bastard, der sie zur Frau bekommen soll und sie in keiner Weise verdient hat.« Er ging vor der Zofe in die Hocke und strich ihr sanft das Haar zur Seite. Und als er sie so ansah, da seufzte er schwer. »Weißt du eigentlich, wie ähnlich du ihr siehst? Wärst du nur von höherem Geblüt, könntest du an ihrer Stelle sein und Meriks Gemahlin werden.« Er lachte bitter während die Zofe nur scheu den Blick abwandte. »Ihr seid zu freundlich, Herr.« Roméro erhob sich wieder und seufzte erneut. »Ach, wirklich?« Er packte die Zofe, wenn auch dieses Mal deutlich sanfter, am Arm und half ihr auf die Beine. Als sie dann schließlich vor ihm stand, da schwieg er einen Augenblick, und sie tat es ihm gleich. »Alles.« Er verzog grimmig seine Mundwinkel nach unten. Die Zofe senkte den Blick zu Boden und schien es nicht zu wagen ihn anzusehen, oder gar zu atmen, bis Roméro schließlich wieder das Wort an sie richtete. »Entkleide dich.«, befahl er in einem ruhigen und beinahe gebieterischen Ton, wie es nur ein Mann von Adel vermochte. Und da schien die Zofe aus ihrer Lethargie zu erwachen. »Herr?« Sie starrte ihn entsetzt an, und schickte sich bereits an ihre Arme vor der Brust zu verschränken. »Du hast mich verstanden?« Sie nickte, wenn auch sehr zögerlich. »Dann zieh das Kleid aus.« Er ließ ihren Arm los und trat einen Schritt zurück. Sowohl um ihr den nötigen Platz zu verschaffen sich zu entkleiden, als auch den einzigen Fluchtweg zu blockieren, den sie hatte. Roméro legte seine Hand auf den Schwertknauf und als die Zofe dies bemerkte, da fing sie an, sich umständlich und langsam aus dem Gewand zu schälen. Roméro lächelte bitter. Sie war schön. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort, hätte sie sich vermutlich nur allzu gerne für ihn entkleidet. Doch dies war nicht dieser Ort oder diese Zeit. Sie sah ihn voller Abscheu und Furcht an. Gefühle, welche Roméro völlig fremd waren, wenn es um schöne Frauen ging. Und so konnte er sich auch nicht an ihrem schönen Anblick, dem sie ihm darbot, erfreuen. Er ermunterte sie nicht einmal, sich zu ihm umzudrehen, damit er sie in ihrer ganzen Schönheit betrachten konnte. Stattdessen warf er ihr kurzerhand ein opulentes Abendkleid zu, welches soeben noch auf Valésias Bett gelegen hatte. „Zieh das an!« Die Zofe wirkte mit einem Mal verwirrt und starrte zunächst das Kleid, und dann Roméro an. Doch dieser nickte nur auffordernd, bis sie sich endlich dazu entschloss das sündhaft teure Kleid, welches wohl mehr wert war, als alles was sie besaß, anzuziehen.


Als sie endlich das Kleid trug, da klatschte Roméro langsam und bedächtig. Die Zofe sah ihn wiederum nur fragend an, was Roméro nur mit einem Seufzten bedachte. »Ich sagte doch bereits.« Mit diesen Worten trat er näher an die Zofe heran. »Ich würde alles für meine Schwester machen.« Und mit diesen Worten packte er sie und zerrte sie wieder hinaus auf den Balkon. »Und wer wird den Unterschied schon merken, wenn du dort unten landest?« Ohne mit der Wimper zu zucken, warf er die Zofe über die Balustrade des Balkons und ihr entsetztes Kreischen verklang in dem heulenden Wind, der ihm um die Ohren heulte. »Lebe wohl, geliebte Schwester.«
#88
Der Fenstersturz von Olathor ❖
baum-die Burg war in hellem Aufruhr. Das Unglück der verunglückten Person, die einen so grausamen Tod gefunden hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer von der obersten bewachten Burgzinne, bis hin zu den ausgelagerten Wirtschaftsgebäuden, noch ehe die schreckliche Nachricht an den Erzherzog herangetragen werden konnte.

Einem Zufall war es zu verdanken, dass eine Kammerzofe einen erstickten Aufschrei bemerkt hatte, und nur wenige Augenblicke später war etwas am Fenster des ersten Geschosses vorbei gefallen. Was, das hatte sie nicht erkennen können, doch als sie dann den Kopf aus dem Fenster steckte, erkannte sie mit Entsetzen, dass jemand aus dem Fenster des darüber befindlichen Geschosses gestürzt war. Sofort ward Alarm geschlagen, verfügbare Wachmänner wurden geschickt, die Unglücksstelle auszumachen und in Erfahrung zu bringen, um wen es sich bei dem, oder der Unglücklichen handelte. Auch neugieriges Gesinde war herangeeilt. Doch der steinige, abschüssige Berghang war verschneit, und so verharrte das Gesinde und wartete darauf, dass eine Wache sich dorthin hangelte, um den oder die Verunglückte zu identifizieren. Der Unfallort war ein Ort des Grauens. Weitreichend war der Schnee nicht nur Blutgesprenkelt und Blutgetränkt, nein, der Körper war beinahe bis zur Unkenntlich zerschmettert. Lediglich ein blutgetränktes Büschel haselnussbrauner Haare, und ein prächtiges Kleid einer Damen von blauen Blut ließen erahnen, um wen es sich hier handeln mochte. „Bei allen Dreien… Das ist unmöglich…“ stammelte einer der Wachen. Er legte seinen Kopf in den Nacken und blickte die steinerne Fassade hinauf, um auszumachen, aus welchem Fenster die Unglückliche gestürzt sein mochte. Und es gab in diesem Fall nur einen Verdacht. „Ist dies die Braut des Erbprinzens? Die Komtess von Aramajé?“ Der andere Wachmann zuckte fassungslos die Schultern. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich habe sie kaum zu Angesicht bekommen, und selbst wenn, hier mag niemand mehr etwas erkennen. Man muss jemanden in ihre Gemächer schicken, um nach dem Rechten zu sehen.“ Sein Kumpan nickte, und so schickten sie sich an, den Abhang wieder zu verlassen. Der andere verscheuchte die Schaulustigen. „Geht wieder an eure Arbeit, hier gibt es nichts zu sehen!“ blaffte er. „Wer ist es?“ fragte eine dicke Frau mit unheilschwangerer Ahnung. „Wir wissen es nicht. Geht, na los!“ bellte er erneut, und so wandten sich die murmelnden Menschen wieder ab, und traten durch das Burgtor zurück in die Burg hinein. Die Wachen mochten das Gesinde vertrieben haben, doch den Gerüchten konnte kein Schwert der Welt Einhalt gebieten. Die Wachen ihrerseits nahmen den schweren Gang zum Erzherzog auf sich, um ihm von dem Unglück zu berichten…

Indes schritten Valésia und Endres durch den Dienstbotengang. Still dachte sich Valésia, woher Endres, welcher sehr zielgerichtet durch die Dunkelheit schritt, die nur hie und da von einer schwachen Fackel erhellt wurde, diesen Weg kannte. Ihr waren diese Gänge völlig unbekannt. Doch es spielte ohnehin keine Rolle. Die Komtess betete in Gedanken inbrünstig zu den Dreien. Sie flehte sie in Gedanken an, dass diese ihnen den Weg weisen, und sie sicher aus der Burg lenken würden: es war, wie Roméro und Endres prophezeiten. Würde man sie aufgreifen, dann wäre das Leben des Paltoren verwirkt. Niemand würde ihr Glauben schenken, selbst wenn sie auf die Dreifaltigkeit schwörte, dass sie aus freien Stücken mit ihm gegangen war, und er sie nicht geraubt hatte. Man würde ihn enthaupten, wie man es schon zuvor mit seinem Knappen getan hatte. Und doch war Endres hier, und ging dieses Wagnis ein. Diese Erkenntnis zauberte ihr in der Dunkelheit ein Lächeln auf die Lippen. Valésia setzte vorsichtig Fuß vor Fuß, da der Boden, wie auch die Wände, feucht und beinahe glitschig waren. Irgendwann suchte sie in der Dunkelheit Endres Hand, und schob ihre Finger zwischen die seinen. „Alles wird gut, Endres…“ versuchte sie, zuversichtlich zu klingen, auch, wenn sie in Wahrheit nicht daran glaubte, dass alles sich zum Besten wenden würde. „Was auch immer geschieht, ich verspreche dir, zu dir zu halten, und alles in meiner Macht stehende zu tun, dass dir niemand ein Leid zufügt. Ich liebe dich!“ Sie dachte zurück an die schönen Stunden in dem Gasthaus, und auch an jene in ihrem Gemach, und ein leiser Schauer rieselte über ihren Rücken. Nach einer Weile erreichten sie das Ende des Ganges. Dort befand sich die Küche, und als Valésia und Endres vor der Türe standen, wurden sie Zeuge eines Gespräches, welches der Komtess das Blut in der Adern gefrieren ließ.

„Du errätst nie, wer es war, der aus dem Fenster in den Tod gestürzt ist, die Komtess.“ Erscholl eine triumphierende Stimme, die sehr sensationslüstern, doch nur wenig bedauernd klang. So war das Gesinde nun einmal. „Valésia von Aramajé? Die Braut des Erbprinzen? Bist du sicher?“ erklang eine ungläubige, und nicht minder neugierige und sensationslüsterne Stimme. „So habe ich gehört. Sie befindet sich nicht in ihren Gemächern, sie ist nicht in der Burgkapelle, und niemand hat sie gesehen.“ „Bei den Dreien…“ „Walburga hat ihren gellenden Schrei gehört. Die Ärmste, der Schock sitzt tief bei ihr. Kein Wunder. Gisela hat mir erzählt, sie ist gar grausig zugerichtet, es liegt daran, weil sie so tief gefallen, und auf dem Fels, auf welchem die Burg erbaut wurde, aufgeschlagen ist. Man mag kaum glauben, dass es ein Mensch sei, der da seinen Tod gefunden hat, so übel, sagt sie, sieht es aus. Man hat sie nur an ihren prunkvollen Gewändern erkannt, da diese ein Geschenk des Erbprinzen waren.“ „Was für ein tragischer Unfall, ein Tag vor der Hochzeit!“ „Wer sagt, dass es ein Unfall war? Vielleicht hat sie den Freitod gewählt. Wenn man den Gerüchten um den Erbprinzen glauben darf…“ „Hüte deine Zunge! Wenn jemand dich und deine Anschuldigung hört, ist es vorbei mit dir.“ „Wenn es ein Freitod gewesen wäre, hätte sie dann geschrien? Vielleicht hat sie sich zu weit nach vorne gebeugt, und ist von der Balustrade gestürzt. Vielleicht aber auch ist sie gestoßen worden…“ „Wer würde so etwas tun? Wer würde so etwas wagen? Sie war die Braut des Erbprinzen…“ „Wer weiß schon, was sich zwischen den beiden abgespielt hat? Du weißt doch, dass er sich an ihr vergehen wollte, so kurz vor der Hochzeit, der Bastard…“ „Das ist wahr. Vielleicht hat sie die Schande nicht ertragen, und hat sich von ihrem Fenster gestürzt…“ „Oder er hat die Schmach nicht ertragen. Die ganze Burg hat darüber getratscht…“ „Schht, es kommt jemand, schweig still und geh wieder an deine Arbeit!“ Geschäftiges Küchengeklapper ertönte. „Als würde all das jetzt noch einen Sinn machen. All die Arbeit war umsonst. Die guten Speisen! Eins steht doch fest. Morgen wird es keine Hochzeit geben. Und auch kein Festmahl“ „Und wenn schon. Die Speisen werden dann auch unter uns aufgeteilt werden, wirst schon sehen, es wird doch ein Festmahl werden, für uns…“

Valésia lief es heiß und kalt den Rücken herunter. Aus dem Fenster gestürzt? Sie? Wie war dies nur möglich? Was war nur geschehen? Sie konnte sich keinen Reim drauf machen. Sie wusste nur eines, augenscheinlich war sie totgeglaubt, weil sie aus dem Fenster gestürzt war. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch dies gelang ihr nicht. So richtete sie ihre fassungslosen Worte an Endres. „Was geht hier nur vor sich, Endres?“ flüsterte sie entgeistert. „Sie glauben, ich bin tot? Aus dem Fenster gestürzt? Was ist nur geschehen?“ Zwar wusste Valésia nicht, was hier vor sich ging, doch vielleicht, wenn dieses Gespräch einen wahren Kern hatte, war dies der Schlüssel zu einer erfolgreichen Flucht. Wer würde auf sie beide aufmerksam werden, oder gar nach ihnen suchen, wenn man glaubte, die Komtess von Aramajé hätte ihren Tod auf dem Felsen nach einem Fenstersturz gefunden? Vielleicht würde man die Suche nach Endres wieder aufnehmen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Vielleicht aber auch nicht! Sie dachte an die Fluchtmöglichkeit, die Roméro ihnen verschafft hatte, aber auch an die Bedenken, die Endres geäußert hatte. Der strenge Winter, der ihnen zum Verhängnis werden konnte. Und daran, dass Endres seine Habe zurückholen wollte. Sicherlich bargen diese einige wertvolle Stücke. Habe eines Grafen. Materielles, aber auch Ideelles. Vielleicht Erinnerungsstücke an seinen Knappen, oder von seiner hohen Familie. Valésia hatte trotz der angespannten und riskanten Lage Verständnis für sein Bestreben. „Endres. Wenn du dir deine Habe holen willst, dann werden wir das machen. Wenn du Bedenken wegen Romeros Plan hast, dann können wir ihn auch ändern. Er hat es nur gut gemeint, aber wenn du einen besseren Vorschlag hast, so müssen wir nicht daran festhalten“ sagte sie leise zu dem Mann ihres Herzens. Schließlich schlug sie die Kapuze eines schlichten Wollmantels über den Kopf, um nicht Aufsehen zu erregen, und dann traten sie durch die Dienstbotentüre nach draußen auf den Burghof. Sie müssten nur den Burghof durchqueren. Durch das Burgtor, und dann wären sie draußen… Valésia staunte nicht schlecht, als sie sich im Burghof befanden. Helle Aufregung herrschte, und ein allgemeiner Tumult. Menschen liefen aufgeregt hin und her, und der Betrieb war beinahe mit dem eines Bienenstockes zu vergleichen. Niemand nahm Notiz von ihnen, als sie sich der leerstehenden Kutsche, die, den Dreien war es gedankt, noch mit den Pferden bespannt waren. Endres erweckte den Anschein, als gab er sich als hilfsbereiter Kutscher aus, der einer Dame ins Wageninnere half. Schließlich nahm er am Kutschbock Platz, zog an den Zügeln, und die Pferde setzten sich langsam in Bewegung. Valésias Herz raste beinahe bis zur Besinnungslosigkeit. Sie hatte große Angst, dass jemand die Kutsche aufhalten würde. Denn dann wäre alles aus. Endres Leben wäre verwirkt, und nichts und niemand würde ihm dann noch das Leben retten können. Doch es schien, als wären den beiden Liebenden die Drei hold. Niemand schien die Kutsche zu beachten, niemandem kam etwas seltsam vor. So fuhr die Kutsche langsam aus dem Burghof, durch den Burggang und aus dem Burgtor. Langsam, aber stetig. Erst, als sie die Burg einige Distanz hinter sich gelassen hatten, atmete Valésia ein wenig auf, doch beruhigt war sie noch lange nicht. Denn es war noch nicht gänzlich geglückt…
#89
Im letzten Augenblick ❖
baum-wie gehetzte Tiere stolperten Endres und Valésia durch die dunklen Korridore des Dienerflügels der Burg. Überall hörte man geschäftiges Treiben, oder eine stramme Matrone, die einen Küchenjungen zurecht rügte, oder Teller und Geschirr, welches gestapelt wurde. Je näher sie dem Ausgang kamen, desto mehr vernahm man das Schnauben und Wiehern von Pferden, die in den Stallungen untergebracht waren und den unterschiedlichsten Gästen der morgigen Hochzeit gehörten. Knappen und Knechte rannten emsig umher, und schoben mit Heu und Hafer beladene Schubkarren vor sich her, während irgendwo ein Stallknecht Befehle brüllte und die süffisante Stimme des Haushofmeisters irgendwo an Endres‘ Ohr drang. »Auch das noch.«, murmelte er und hielt inne, den rechten Arm ausgestreckt, um Valésia daran zu hindern an ihm vorüber zu marschieren. »Der Haushofmeister des Erzherzogs ist hier. Er wird dich zweifelsohne erkennen.« Endres sah an sich herab. Die Rüstung der Stadtwache Thagnirs bot ihm in dieser Hinsicht zwar ausreichend Schutz, doch Valésia, in ihrem edlen Kleid und ihrem hochwohlgeborenen Aussehen fiel auf wie ein bunter Hund. »Wir müssen dich irgendwie verkleiden.«, raunte er ihr ins Ohr und huschte vorsichtig voran. »Die Wäscherei der Burg muss hier auch irgendwo sein. Sicher finden wir ein passendes Kleid, welches du zumindest so lange anziehen kannst, bis wir die Burg hinter uns gelassen haben.« Und so zog er Valésia in den Schatten eines Erkers und legte sich sogleich den Finger auf die Lippen um ihr Schweigen zu bedeuten.

Was auch immer sich für ein Raum hinter der nächsten Ecke befand, es herrschte helle Aufregung. Männer und Frauen sprachen wirr und wild durcheinander. Einige tuschelten, andere schienen regelrecht aufgebracht zu sein. »Du errätst nie, wer es war, der aus dem Fenster in den Tod gestürzt ist.« Es war die kräftige Stimme einer Frau. Vermutlich eine Köchin oder Küchenmagd. Und ihre Frage weckte hörbare Neugierde. »Na sag schon. Wer?« »Die Komtess!« Die Stimmen und das Raunen überwog schon kurz darauf, so dass man kaum noch hören konnte, worüber gesprochen wurde. Endres hingegen starrte Valésia mit durchdringenden Blicken in dem dunklen Erker an. »Wovon sprechen die da?«, murmelte er und spitzte die Ohren um angestrengt weitere Gesprächsfetzen zu erhaschen. Doch je mehr die Menschen sprachen, desto verwirrender wurde es. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«, raunte Endres und schob seinen Kopf ein wenig näher an die Ecke heran, bis er feststellte, dass es sich um eine Küche handelte. Dort standen einige Mägde und Küchenjungen. Und gerade betraten zwei Burgwachen den Raum und scheuchten das Küchenpersonal durch den Raum. »Los! Zurück an die Arbeit ihr faules Gesindel!« Endres huschte augenblicklich in den Erker zurück. »Was auch immer dies zu bedeuten hat, wir müssen die Gunst der Stunde nutzen. Die ganze Burg ist in heller Aufregung. Alle werden sehen wollen was an diesen Gerüchten dran ist und der Burghof wird in wenigen Stunden voll von Menschen sein. Wenn wir jetzt nicht verschwinden, werden wir es niemals schaffen.« Er nickte grimmig und ergriff Valésia sogleich an der Hand. »Wir haben keine Zeit für Verkleidungen oder eine notdürftige List.« Und so huschten sie an der Küche vorbei, aus welcher noch immer empörtes Gezeter der Mägde erschallte und das ungehaltene Bellen der Wachposten. Der Haushofmeister, welcher sich zur Zeit in den Stallungen befand, schien von der Neuigkeit ebenso aufgescheucht worden zu sein.

Noch ehe sie die Stallungen erreicht hatten, schallte seine hohe und fistelige Stimme durch die kargen Gänge aus kaltem Stein. »Los! Wir müssen die Burgtore verschließen, bevor sich dieses Gerücht wie ein Lauffeuer über die Stadt ausbreitet! Beruhigt die Pferde, sie sind alle ganz wild von eurem kopflosen Herumgerenne! Und sorgt dafür, dass seine Gnaden von diesen Gerüchten verschont bleibt, bis wir Gewissheit haben, was geschehen ist.« Die Knechte buckelten und duckten sich vor dem hageren Mann, der direkt am Ausgang zu den Stallungen stand und wild mit den Armen gestikulierte. Und erneut seufzte Endres schwermütig. »Das wird ja immer besser. Wenn die Tore verschlossen sind, sind wir hier eingesperrt.« Er warf Valésia einen hoffnungslosen Blick zu, welcher von Augenblick zu Augenblick, der verstrich, immer wehmütiger wurde. »Doch wenigstens wird der Erzherzog davon nicht so schnell erfahren. Das ist immerhin ein Hoffnungsschimmer, denn wer auch immer dort aus dem Fenster gestürzt sein mag, bist nicht du.« Er grinste ob der banalen Tatsache seiner Aussage. »Und wenn jemand feststellen wird, dass du noch lebst, dann ja wohl der Erzherzog oder dein Vater.« Er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder der Flucht. Gedanken über seltsame Ungereimtheiten konnte er sich auch später machen. Nun galt es zu fliehen.

Endres drückte sich mit dem Rücken an die Wand und warf einen flüchtigen Blick in die Stallungen. Der Haushofmeister verließ soeben den hohen und weitläufigen von beider Seiten mit hölzernen Türen und wiehernden und tänzelnden Pferden gesäumten Gang hinaus auf den Hof. »Den wären wir zumindest einmal los.« Endres drückte Valésia die Hand und nickte ihr aufmunternd zu. »Wir müssen es nur auf den Hof schaffen.« Doch als Endres Valésias unheilschwangeren Schimmer in ihren Augen erkannte da lächelte er ihr sanftmütig zu. »Sei unbesorgt. Wir können den Pelzhändler, den Roméro bestochen hat, noch immer erreichen. Doch die Burg müssen wir auf eine andere Weise verlassen, als dein Bruder es geplant hatte.« Er nickte in die Richtung des großen, hölzernen und mit Eisen beschlagenen Tores, durch welches der Haushofmeister soeben verschwunden war. »Direkt vor dieser Tür steht eine zweispännige Kutsche. Da sie hier noch nicht zu sehen ist, muss sie noch draußen im Burghof stehen. Sobald wir auf den Hof treten wirst du allen Trubel und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind meiden und schnurstracks in die Kutsche einsteigen. Ich werde die Pferde aufzäumen und mich auf den Kutschbock setzen. In meiner Rüstung wird niemand Fragen stellen. Besonders, wenn ich die Kutsche lenke. Hast du mich verstanden?« Er wartete, bis Valésia zum Zeichen nickte und dann nahm er sie bei der Hand und schob sie sogleich vor sich, um etwaige Blicke der Knechte auf sie abzuschirmen.

Als sie so durch die Stallungen schritten, so erhaben und zugleich so unscheinbar wie möglich, stolperte gerade ein Stallknecht aus einer der Pferdeboxen hervor. »Heda! Ihr!«, rief der Knecht, doch als er das Wappen auf dem Waffenrock des Paltoren erkannte, senkte er sogleich den Blick und trat ihm unterwürfig aus dem Weg. »Verzeiht, werter Herr.« Endres wedelte lapidar mit freien Hand, während er Valésia mit der anderen so hinter sich bugsierte, dass der Knecht sie unmöglich erkennen konnte. »Wie heißt du, Bursche?«, ertönte Endres‘ Stimme blechern aus dem Visier seines Helmes. »Hans, hoher Herr.« Endres nickte, als ob er mit dieser Antwort zufrieden war und bedeutete dem Knecht sich zu entfernen. »Meine Dame, deren Leben ich zu schützen geschworen habe, wünscht ihre Stute zu sehen. Es war das Geschenk ihres hohen Vaters zum Namenstag und ihr Herz ward schwer bei dem Gedanken daran, sie erst nach der Vermählung des edlen Erbprinzen und der edlen Dame aus Aramajé wiederzusehen.« Endres deutete mit der freien Hand auf jenes Pferd, vor welchem der Knecht soeben zurück gestolpert war. Eben jenes Pferd, auf dessen Rücken noch die prall gefüllten Satteltaschen lagen, in welchen Endres gesamtes Hab und Gut lagerten. »Ich verstehe, werter Herr.« Der Knecht deutete eine weitere Verbeugung an, bevor er sich an Valésia zuwandte. »Euer Ross ist ein wahrer Heißsporn, verehrte Dame.« Dieses Mal verbeugte sich der Knecht sogar noch tiefer, wobei Endres nicht für möglich gehalten hatte, dass ein Mensch sich derart tief verbeugen konnte, ohne vornüber zu stürzen. Endres hingegen wedelte lapidar mit der freien Hand und scheuchte den Stallknecht davon. »Verschwindet nun. Euer Haushofmeister euch doch befohlen das Tor zu verschließen, nicht wahr?« Der Knecht nickte und schon wenige Atemzüge später war er auch schon auf und davon.

Kaum war der Stallbursche auf den Hof hinaus getreten, da packte Endres das Pferd an den Zügeln, drückte Valésia zwischen sich und das Pferd und führte die Stute, wie auch die hohe Dame aus gutem Hause aus dem Stall. »Bleib dicht bei mir, bis wir bei der Kutsche sind.«, raunte er ihr ins Ohr, ohne seinen Blick von dem Hof abzuwenden, dessen Pflastersteine man durch das offene Tor gut sehen konnte. Das Schlagen der Hufeisen auf den groben Steinen schien Endres, als ob es über den gesamten Platz schallen würde, doch niemand schien Notiz von ihnen zu nehmen. Überall waren Menschen. Einige standen in kleinen Trauben beisammen und tuschelten, wobei die Frauen beinahe alle die Hände vor das Gesicht gestürzt hielten. Stallbursche, Knechte und Dienstboten rannten von einem Ende des Hofes zum anderen, während ein gutes halbes Dutzend Burgwachen über den Hof rannten, dass ihre Rüstungen und Waffen nur so klirrten und schepperten. Endres drückte sich etwas näher an Valésia heran, und lotste sie geschickt zur Kutsche hin. »Los. Steig ein.«, zischte er und öffnete ihr so galant wie nötig die Tür, um ja keinen Verdacht zu erregen.

Als dies geschehen war, band er die Stute mit seinem Hab und Gut an die Kutsche an und schwang sich kurzerhand auf den Kutschbock. Ohne zu zögern ließ er die Zügel schnalzen und die Kutsche setzte sich rumpelnd und knarrend in Bewegung. Mit ratternden Rädern humpelte das hölzerne Gefährt, begleitet von dem Hufgetrappel von einem Dutzend Hufeisen über den steinernen Hofplatz der Burg direkt auf das große Fallgatter hinzu, zu welchem gerade der Knecht aus den Stallungen rannte. Endres ließ die Zügel erneut auf die Rücken der Pferde knallen und spornte sie so zu einem zügigen Trab an, was das Geräusch von eisenbeschlagenen Hufen und eisenbespannten Räder nur noch mehr verstärkte und von den Mauern der Burg widerhallen ließ. Doch trugen Endres‘ Anstrengungen schließlich Früchte. Ohne Rücksicht auf den armen Stallburschen polterte an diesem vorbei, so dass dieser sich vor Schreck in einen nahen Heuballen warf um nicht unter die Räder der Kutsche zu geraten. Und noch ehe der Bursche wieder aus dem Heu gekrochen war, um die Befehle des Haushofmeisters an die Torwachen heranzutragen, passierte die einsame Kutsche bereits das große Fallgitter und holperte und polterte über die breite und mächtige, hölzerne Zugbrücke. Hinaus aus der Burg und hinein in die Stadt. Doch erst, als Enders einige gute hundert Meter zwischen die Kutsche und die Burg gebracht hatte, gestattete er es sich erleichtert aufzuatmen. Er rutschte auf dem Bock etwas zur Seite und klopfte mit seinen eisernen Handschuhen gegen das Holz. »Wir haben es geschafft! Die Burg liegt hinter uns. Nun müssen wir nur noch zum Nordtor, den Pelzhändler finden.«
#90
Abgebrochene Brücken ❖
baum-valésia Herz pochte wie wild, als sie in einem rasanten Tempo durch die Burgtore preschten. Sie befürchtete, dass sie Aufsehen erregen würden, dass man sie aufhalten würde, und dann alles aus wäre. Ungeachtet der Tatsache, dass man scheinbar glaubte, die Komtess sei aus ihrem Gemach in den Tod gestürzt. Ein Umstand, welchen sie so gar nicht verstehen und begreifen konnte. Was war nur passiert? Sie wusste nur, dass sie es ganz sicherlich nicht gewesen war, aber wer war es dann? Doch so sehr sie auch grübelte, ihr fiel nichts Plausibles ein, das dieses Ereignis erklären konnte. Und wie es aussah, war man bemüht, dass diese Nachricht nicht aus der Burg hinausgetragen wurde. Soweit sie es beurteilen konnte, war sie zwar innerhalb der Burgmauern totgeglaubt, aber wenn die Nachricht sich nicht verbreitete, war sie für die Außenwelt immer noch am Leben, was bedeutete, dass sie sich dennoch vorsehen mussten, um nicht erkannt zu werden, obgleich sie in Tarhjart ohnehin kaum Bekanntheitsgrad genoss. In Valésias Gemächern hatte Endres Roméro erklärt, dass er noch seine Habe holen wollte. Die Komtess hielt diesen Einfall für ein wenig töricht, da ihr ganzes Bestreben dem galt, sich so rasch und weit wie nur möglich von der Burg zu entfernen, aber was sollte sie schon tun? Nach einer Weile klopfte es an die Kutschenseite und Endres‘ Stimme erscholl „Wir haben es geschafft! Die Burg liegt hinter uns. Nun müssen wir nur noch zum Nordtor, den Pelzhändler finden.“ Valésia nickte, auch, wenn Endres dies nicht sehen konnte. Die Kutsche verlangsamte sich etwas, und schlug dann einen Bogen nach rechts. Valésia vermutete, dass Endres die Kutsche zum Nordtor lenkte, so, wie er es gesagt hatte. Valésia schlug den kleinen Vorhang welcher die Sicht ins Kutscheninnere verbarg zur Seite und warf einen Blick aus dem verglasten Kutschenfenster. Die Welt war in weiß getaucht, und niemand war zu sehen. Auf dieser Seite standen keine Häuser, nur die weite, weiße, schneebedeckte Flur, und Krähen, welche in kleinen Schwärmen über den Himmel zogen, oder auf den umliegenden Feldern umherstapften und nach Nahrung suchten. Hin und wieder schnaubte eines der Pferde, oder sie hörte Endres‘ Zungenschnalzen, wenn er die Pferde antrieb oder lenkte.

Valésia versank in Gedanken. Ob ihre Familie von diesem Vorfall, der sich in der Burg ereignet hatte, schon erfahren hatte? Was würde ihr Vater dazu sagen? Was ihre Mutter? Ob er Trauer empfinden würde, über den Tod seiner Tochter? Oder war sie wirklich nur ein Mittel seiner Zwecke? Würden sie Leid empfinden, oder nur Scham, dass der Tod ihrer Tochter die Verbindung mit Olathór vereitelt hatte? Sie wusste es nicht. Roméro… er würde sicherlich trauern, er wäre zutiefst bestürzt. Nur der Gedanke daran, dass ihr Bruder sie für tot glaubte, zerbrach ihr schier das Herz…. Doch dann begann sie nachzudenken. Roméro selbst hatte sie zusammen mit Endres fortgeschickt. Roméro wusste also, dass sie es nicht wahr, die in den Tod gestürzt war. Und dann begannen ihre Gedanken weiterzuspinnen. Die Zofe. Roméro hatte sie beim Lauschen erwischt, er hatte sie auf Balkon gesperrt, und ihnen gesagt, er würde sich um sie kümmern. Dass sie nicht reden würde. Und kaum, da sie die Burg verlassen hatten, war die Komtess in den Tod gestürzt, vom Balkon ihres Gemachs. Valésia schlug sich bestürzt die Hand vor den Mund. Roméro hatte ihr stets gesagt, dass er alles für sie tun würde. Und nun war er für sie zum Mörder geworden. Nur ihretwegen. Weil sie so unfolgsam gewesen war, und versucht hatte, ihren eigenen Weg zu gehen, und nicht jenen zu beschreiten, der ihr vorbestimmt war. Ein Leben mit Endres, und nicht eines mit dem Erbprinzen. Das hatte sie nicht gewollt, wenngleich sie es auch nicht gewollt hatte, den Erbprinzen zu ehelichen. Die Komtess schloss die Augen, und vor ihrem inneren Auge tauchten Bilder auf. Endres. Nur Endres. Seine strahlend blauen Augen, und wie er sie damit ansah, sein wundervolles, paltorisch blondes Haar, welches sie nur zu gern berührte… Seine Hände, die sie so unglaublich sanft und zärtlich berührt hatten… Ja selbst sein nackter Körper schoss ihr in Kopf, und wie sie sich geliebt hatten. Oh, es war so wundervoll gewesen. Sie liebte ihn. Und er liebte sie. Er war jedes Wagnis wert, und er war jedes Opfer wert. Sie war nur eine niedere Zofe gewesen. Seit jeher hatte man ihr eingebläut, dass Dienstmägde und Diener leicht zu ersetzen waren, im Gegensatz zu Menschen mit adeliger Herkunft und blauem Blut, besonders, wenn die adelige Ahnenreihe lange zurückreichte. Wenn ihr Tod Endres und sie für immer zusammenbrachte und zusammenhielt, wenn man sie niemals suchen würde, da sie ja aus dem Fenster gestürzt war, dann war ihr Tod kein sinnloser gewesen. Diese Gedanken beruhigten ihr aufgewühltes Herz.

Die Kutsche verlangsamte sich, und blieb nach einer Weile stehen. Valésia lüpfte den Vorhang. Sie waren, wie es schien, an den Ausläufern der Stadt, vor den Toren Tarhjarts, vermutlich am Nordtor. Roméro sagte, ein Pelzhändler würde dort auf sie warten. Es herrschte geschäftiges Treiben. Innerhalb der Stadtmauern war der Wochenmarkt. Zahlreiche Händler boten trotz der bitteren Kälte ihre Waren feil. Hauptsächlich Wintergemüse, und Getreide, getrocknetes Obst, aber auch Fleisch, frischgefangenen Fisch und alles andere, was bei dieser Kälte und Jahreszeit begehrt war. Sie sah, dass Endres vom Kutschbock gestiegen war, und zielstrebig auf einen recht beleibten Mann zuging, der vor einem recht großen Kastenwagen stand, und eine Pfeife rauchte. Sie sah, wie die beiden miteinander sprachen, ab und an nickte der Dicke, oder schmunzelte. Valésia hielt es für besser, in der Kutsche zu bleiben, bis sie dazu aufgefordert wurde, etwas anderes zu tun, oder auszusteigen. Nach einer Weile trat Endres an die Kutsche heran, und öffnete die Wagentür. „Alles wurde geklärt, Valésia…“ entgegnete er, und hielt ihr galant die Hand entgegen, um ihr aus der Kutsche zu helfen. Valésia schlug die große Kapuze dieses eher unscheinbaren Wollmantels Romeros, welchen sie aus der Burg mitgenommen hatte, über ihren Kopf. Um nichts in der Welt wollte sie auffallen in ihrer edlen Kleidung, und der Mantel erwies ihr dabei gute Dienste. Vielleicht würde man sie gar nicht bemerken, und so wie es aussah, würde sie ohnehin nur das Gefährt wechseln, um von dem Pelzhändler unauffällig weitergebracht zu werden. Als Valésia Endres Hand ergriff, die eiskalt war, da blickte sie ihn sehnsüchtig an. Wie es aussah, hatten sie es wirklich geschafft. Nun würde alles gut werden. Nun würden sie nach Paltoria reisen, er würde sie auf Burg Hohenehr bringen, wo sie nichts mehr zu befürchten hatte, von ariadischer Seite, er würde sie zu seiner Frau nehmen, und sie würden immer glücklich beisammen bleiben.
#91
Zwischenspiel ❖
baum-zwei Wochen dauerte bisher die Reise von Endres und Valésia, der todgeglaubten Komtess von Aramajé. Sie hatten ihren Weg gewählt, und sich auf die ungewissen Pfade in eine düstere Zukunft begeben. Blind und ohne einen anderen Ausweg, war sie von nun an in den Händen eines Blenders und auf ihn angewiesen. Endres hingegen, geleitet und regelrecht übermannt von Gefühlen, die ihm bisher völlig fremd waren, steht nun mit einem Bein am Galgen und mit dem anderen in einer ungewissen Zukunft. Geplagt von Schuldgefühlen über den Verlust seines Freundes. Hin und her gerissen ob er seine Lügen aufrechterhalten soll, oder seiner Geliebten die Wahrheit offenbaren, auch auf die Gefahr hin sie, und damit alles, zu verlieren. Sie hatten auf dem Wagen des Pelzhändlers ausgeharrt, wie zwei Galgenvögel, die dem Urteil des Henkers zu entkommen versuchten. Und als sie schließlich die bereitgestellten Pferde gesattelt, ihre bescheidene Habe verstaut, und das wenige Geld dass sie besaßen gut versteckt hatten, waren sie auf ihre Reise ins Ungewisse aufgebrochen.

baum-ungewiss für Valésia, welche glaubte in ein fremdes Land zu reisen, auf das Land eines Herren, den es in Wahrheit gar nicht gab. Und Ungewiss für Endres, wie die Komtess wohl reagieren würde, wenn sie von seiner wahren Herkunft erfahren würde? Diese zarte Liebe, die zwischen den beiden erst erblüht war, stand auf sprichwörtlicher Messers Schneide. Ein falsches Wort, ein falscher Tritt, und sie würde zerreißen, wie nasses Papier. Zerspringen, wie hauchdünnes Glas. Doch vielleicht ist doch nicht alles wie es scheint? Und vielleicht ist diese harte Probe, nur der Anfang einer tieferen Verbindung? Selbst das Schicksal kann nicht vorhersagen, wie der Weg dieser beiden Liebenden aussieht, die niemals füreinander bestimmt waren und doch zueinander gefunden hatten. Denn dieser Weg liegt in den Schatten der Zukunft und den Nebeln des Zufalls verborgen. Doch eines ist gewiss, Endres und Valésia sind nun aneinander gebunden, wie die Motte und das Licht, wie der Hunger und Tod, und wie der Blinde und der Taube. Der eine kann ohne den anderen nicht sein, denn jeder von ihnen ist fortan ohne den anderen verloren. Denn sie haben beide ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und ohne einander keine Aussicht auf eine Zukunft.
#92
Unterm Sternenhimmel ❖
baum-es war kalt. Eiskalt. Endres erwachte mit zitternden Händen und klappernden Zähnen. Die Kälte war unerbittlich unter die Decke gekrochen und hatte die wohlige Wärme langsam vertrieben. Er riss die Augen auf und starrte in das Licht der beiden Monde, die kalt und fahl am Himmel prangerten. Und es schien ihm beinahe, als ob sie zurück starren würden. Anklagend? Anteilnahmslos? Richtend… Endres wandte den Blick ab und er erblickte Valésia, welche neben ihm lag. Ihre Brust hob und senkte sich langsam, gefangen im ewigen Reich der Träume. Ein müdes, aber seliges Lächeln huschte ihm über die Mundwinkel. Er konnte nach nun fast zwei Wochen noch immer nicht glauben, dass sie nun ihm gehörte. Er hatte die schönste Frau des Landes erobert. Und nicht nur das. Er hatte sie aus dem Land, das ihre Zukunft werden sollte, geführt und befand sich nun auf einem Weg, zurück in seine Vergangenheit. In das Land der Sonne. In dem für Endes allerdings nie die Sonne scheinen würde. Ihn erwartete keine Burg. Kein Reichtum. Keine Ehre und auch kein Jubel, für diese schöne Frau, die er aus fernen Landen mitbrachte. Er war ein Niemand. Ein Nichts. Hier, in Ariad, war er der stolze Graf von Hohenehr. In seiner Heimat gab es diesen Ort nicht einmal.

Er starrte wieder in den Nachthimmel. Die Monde waren noch immer da. Sie würden auch dann noch da sein, wenn er und Valésia längst zu Asche und Staub zerfallen sein würden. Und sie würden sich weder an ihn, noch an sie erinnern. Sie waren nur ein Blinzeln. Ein flüchtiger Moment. Ein ganzes Menschenleben war nichts weiter als ein Atemzug. Endres seufzte. Er wickelte sich wieder in die Decke und schloss die Augen. Er entschied, dass er diese Fragen ein anderes Mal versuchen würde zu klären. Es war eine lange Reise in das Land der Sonne, und wer wusste schon, was auf dem Weg alles passieren würde? Er war nie ein Mann von großen Plänen gewesen. Er lebte von einem Tag in den nächsten. Und auch wenn ihm bewusst war, dass dies nun ein gänzlich anderes Leben sein würde, nun da Valésia bei ihm war, verdrängte er diesen Umstand. Er schob ihn vor sich her, wie ein unliebsames Kind, welches man nicht verstoßen konnte, aber auch nicht bei sich haben wollte.

Die Zeit würde zeigen, was geschehen würde. Viel mehr Sorgen bereitete es ihm, wie sie ihr Leben in Zukunft bestreiten sollten. Er hatte keinen ehrbaren Beruf erlernt. Hatte keinen reichen Vater, der ihn versorgte. Er hatte immer nur von der Hand in den Mund gelebt, und von der Mitgift betrogener Damen. Darin war er stets gut gewesen. Doch nun konnte er schlecht mit fremden Damen flirten, oder gar mit ihnen das Lager teilen, nur um etwas Geld zu ergaunern. Diese bittere Erkenntnis sickerte in seinen Geist, wie verdorbener Honig. Und Honig konnte eigentlich gar nicht verderben, wenn man ihn richtig lagerte. Es gab sündhaft teuren Honig, der noch aus der Zeit vor dem Fall des großen Reiches Kalaths stammte. Und Endres hatte gehört, dass er nach wie vor süß und wunderbar schmecken sollte. Wie gerne hätte er einmal davon gekostet. Doch irgendwie mussten sie Geld verdienen. Und Endres war kein Mann, der harte Arbeit gewohnt war.

Bedeutete die Liebe zu Valésia, dass er sich keiner anderen Frau mehr hingeben wollen würde? Kein verruchtes Lächeln, kein kokettes Zwinkern? Kein sinnliches Geflüster und galantes Umwerben um die Gunst und das Herz einer Frau zu erobern, nur um es zu zerbrechen, nachdem man sie bestohlen hatte? Etwas anderes konnte Endres doch gar nicht. Es war ihm vielleicht in diesem Augenblick nicht bewusst, wie schwerwiegend die Tragweite seiner Gefühle sein würde. Und dies war die Spannung, die sich hier begann aufzuladen. Eine Spannung, die irgendwann so unermesslich groß sein würde, dass sie zerbersten wird, und nur einen Scherbenhaufen aus seelischen Trümmern und kalten Gefühlen zurücklassen könnte.

Endres Gedanken verloren sich mehr und mehr und vermischten sich mit Erinnerungen, Gefühlen und Dingen, die überhaupt keinen Sinn ergaben. Denn er versank wieder in den Schoß der Nacht, umgarnt von Träumen und Nebeln. Er träumte von Valésia. Jener Tag an der er sie zum ersten Mal sah. Und durch seinen Traum ritt der Einhorn Ritter, stolz und begleitet von Fanfaren. Da waren prächtige Banner, und funkelnde, weiße Schneeflocken. Das seidige Haar der Komtess und der Glanz ihrer Augen…Und dann war da Blut. Alles färbte sich rot. Wie eine Flutwelle übermannte es Endres Gedanken und Erinnerungen und zurück blieb nur ein paar kalter Augen, die ihn anstarrten. Wie die beiden Monde am Himmel. Es waren die Augen seines Freundes. Tot…Leer…Anklagend…

Endres schreckte hoch. Schweißgebadet. Doch dieses Mal war es nicht mehr Nacht. Der Morgen graute und die Sonne warf ihre ersten Strahlen auf das Land. Endres reckte sich und kroch langsam aus den dicken Decken. Es war furchtbar kalt und er begann etwas Holz einzusammeln. Es war nass und voll mit Schnee und Eis. Er verstand nicht viel vom Überleben in der Wildnis, doch selbst er wusste, dass dieses Holz niemals brennen würde. Ganz gleich wie sehr er sich auch bemühte. Resignierend warf er die Zweige auf den Boden und kratzte sich am Kinn. Er begann in der Satteltasche zu kramen, bis er eine kleine Flasche mit Brandwein fand. »Die wird genügen.« Dann riss er von der Decke einen Streifen ab, wickelte diesen um den trockensten Stock, den er finden konnte, und tränkte das Tuch mit dem Brandwein. Schließlich schlichtete er die Hölzer aufeinander und legte das präparierte Stück genau in die Mitte. Er kramte erneut in der Tasche, doch er konnte nichts finden, womit man ein Feuer entfachen konnte. Er hatte noch nie ein Feuer angezündet. Zumindest nicht aus dem Nichts. Doch er wusste, wenn man einen Stock nur schnell genug an einem anderen rieb, würde einer davon irgendwann zu rauchen beginnen. Und so hockte er sich auf die Decke, mit einem Holzstück zwischen den Beinen eingeklemmt, und begann einen zweiten Ast zwischen seinen offenen Handflächen zu reiben, so schnell er auch konnte…

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, und in Endres Armen begannen sich schon Schmerzen auszubreiten, doch von Feuer war bislang nicht die geringste Spur zu sehen. Er roch an dem Holz es roch nur nach Holz und Harz. Aber es war weder richtig warm, noch roch es verbrannt. Er warf den Stock achtlos in den Schnee. »So ein verfluchter Dreck…«, murmelte er, und hielt sich die warmen Handflächen auf die Stirn. Immerhin hatte er nun warme Hände und konnte die Kälte, die sich auf sein Haupt gelegt hatte, etwas vertreiben. Hunger und Durst plagten ihn. Die Müdigkeit und die schwere Last seiner Knochen lasteten auf ihm. Die Strapazen der Reise nagten an ihm. Alles in ihm schrie nach einem heißen Bad und einem fettigen Braten. Doch hier in dieser Einöde gab es nichts. Nicht einmal ein Feuer. Nur diese vermaledeite Hütte, die mitten in der Einöde stand, und der das Dach fehlte. Vielleicht hatte diese Hütte einst einmal ein Dach gehabt, doch es hatte vermutlich einen Brand gegeben, denn Teile des Holzes waren schwarz verfärbt. Und nun war sie nur mehr ein Zeugnis der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die jederzeit Endres Zukunft bedeuten konnte. Verbrannt…Ausgebrannt…Am Ende

Er trat an die alte Feuerstelle heran. Sie war schon so lange nicht mehr benutzt worden, dass dort mehr Staub und Laub lagen, als Kohle. Die Ruine hatte keine Geheimisse mehr preiszugeben. Keine Verstecke, keine Geheimen Kammern. Keinen Feuerstein, keinen glühenden Kienspan. Nur Asche, Staub und Moos. Und ein winziges, kleines, glänzendes Ding, dass in der Asche des alten ausgebrannten Hauses lag. Ein Stück Glas…aus längst vergangenen Tagen. Es war nicht mehr als eine Scherbe. Wertlos und bedeutungslos…wie Endres sich gerade fühlte… Er warf die Scherbe achtlos hinter sich, und sie landete genau auf dem kleinen Reisighaufen…und ohne es zu bemerken, begannen sich, nach einer Weile, die vom Glas gebündelten Sonnenstrahlen zu manifestieren, und aus dem Reisig stieg eine kleine, kaum sichtbare Rauchfahne auf. Wie ein Wink des Schicksals….
#93
Trostlosigkeit ❖
baum-so hatte Valésia sich diese Flucht nicht vorgestellt. In ihren Gedanken hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, mit diesem Mann zu fliehen. Doch in jenen Gedanken gab es keine Kälte die ihr bis ins Innerste kroch, keine Schneemassen die manches Mal die Pferde an ihre Grenzen brachte, dass die Angst über ihnen geschwebt war, dass eines von Ihnen verendetet und sie ohne ein zweites Pferd weiterziehen mussten. Und auch hatte sich die Komtess nicht ausgemalt, wie es sein würde, ohne Bedienstete, die ihr stets jeden Wunsch von den Lippen lasen und sich um ihr Wohlergehen kümmerten. Man konnte sagen, dass Valésia hart auf dem Boden der Realität gelandet war. Ob es gut war, dass dieser Boden vier Fuß hoch mit Schnee gepolstert war, würde sich noch zeigen. Doch Valésia war eine echte Adelige, und von Geburt an war sie von einem Heer aus Ammen, Kammerdienern, Zofen, Gesellschaftsdamen, und Lehrern umgeben gewesen. Sie alle waren der Komtess von der Wiege an zur Seite gestanden und hatten ihren Beitrag geleistet, dass aus dem Säugling eine wohlerzogene und gebildete junge Frau geworden war, deren Gesellschaft zu erfahren stets eine angenehme war. Sie hatte von Kindesbeinen an gelernt, sich niemals zu beschweren, zu beklagen oder gar ihren Unmut kundzutun. Aridanëa hatte ihr Schönheit und Anmut vermacht, und so war der Weg der Komtess von Geburt an vorbestimmt gewesen. Sie war dazu auserwählt, durch eine vorteilhafte Heirat ihre Familie voranzutreiben und höher aufsteigen zu lassen. Aber nun existierte diese junge Frau offiziell nicht mehr. Sie war gestorben, zerschellt auf der felsigen Anhöhe der Burg vom Herzog von Olathór. Und aus diesen Gründen beschwerte sich Valésia auf dieser Flucht niemals. Mochten die Umstände auch noch so widrig sein, die Kälte beißend, der Hunger groß, das Lager auf feuchtem Grund. Graf Endres Endarion von Burg Hohenehr aus Paltoria war sichtlich sehr bemüht, diese Flucht, die zu keinem schlechteren Zeitpunkt als dem Winter hätte erfolgen können, für die junge Frau so angenehm als nur möglich zu machen. Dass sie das nicht war, war einfach den Umständen zuzuschreiben.

Valésia erwachte, als die Sonne auf ihr Gesicht schien, und dieses wärmte. Ein kurzer Seitenblick verriet ihr, dass Endres schon auf den Beinen war, denn er lag nicht mehr unter dem Fell Lager neben ihr. Der Geruch eines Feuers drang an ihre Nase und so schälte sie sich aus dem Deckenhaufen und ging dem Geruch nach, der aus dem Nebenraum zu kommen schien, wenn man das überhaupt noch einen Raum nennen konnte. Sie fand Endres vor der ausgebrannten Feuerstelle dieser Ruine vor einem kleinen Feuerchen, an dem er sich die Hände wärmte. Noch bevor sie an ihn hatte herantreten können, drehte er den Kopf in ihre Richtung und sie ging zu ihm in die Hocke und legte ihm eine Hand auf die Schulter, auch, um sich an ihm abzustützen. „Guten Morgen, Endres. Du hast ja ein Feuer gemacht“ sagte sie und lächelte ihn warm an. „Wie aufmerksam von dir. Hast du gut geschlafen?“ Sie streckte eine Hand nach dem Feuer aus und hielt die Handfläche dagegen. Dabei fiel ihr Blick auf ihre Hand. Die Nägel waren längst nicht mehr perfekt und schön manikürt wie vor ihrer Flucht. Der eine oder andere war abgebrochen und hier und da zeigten sich Schmutzränder. Auch die Haut war nicht mehr so makellos und sauber wie sie es gewohnt war. Valésia erschrak und ballte die Hand zur Faust um die Makel zu verstecken, und zog die Hand wieder unter ihren Mantel zurück. Sie schämte sich, obwohl sie ja nichts dafür konnte. So eine Reise wie diese hatte sie noch nie erfahren müssen. Sie erinnerte sich an die Reise von Aramajé nach Olathor, als sie in dieser Schenke halten mussten, als es kein Weiterkommen gab. Allerdings war beinahe der ganze Hausrat mitgereist und sie hatten Tücher, Seife, duftende Essenzen, Blütenwasser und kostbare pflegende Öle im Gepäck gehabt. Oh wie sehr sehnte sie sich nach einem heißen Bad und einem bequemen Bett! Und auch die ganzen Annehmlichkeiten die ihr Leben ihr stets bereitgehalten hatte. Saubere Wäsche, saubere Kleidung, Wasser oder ein Badezuber wann immer ihr danach war! Diese Flucht mit ihren Entbehrungen hatte Valésia Demut gelehrt. Auch ihr privilegiertes Leben war nun keine Selbstverständlichkeit mehr, jedenfalls so lange nicht, bis sie die Hohenehr erreicht hatten. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie nun auf der Reise nach Paltoria waren. Sie würde Endres‘ Frau werden und die Gräfin von der Hohenehr in Paltoria. Ein so weit entferntes Land, und sie kannte es nicht im Entferntesten! Aber sie wusste, dass sie an der Seite von Endres ihr Glück finden würde. Nicht nur einmal hatte sie im Stillen zu den Göttern gebetet und ihnen inbrünstig dafür gedankt, sie aus den sprichwörtlichen Klauen des herzlosen Merik von Olathór entrissen zu haben, und ihnen stattdessen diesen gutaussehenden herzensguten Mann geschickt zu haben. Er war ein Geschenk der Götter, etwas anderes konnte es nicht sein!

Nach einem kargen Frühstück – hartes Brot und ein geselchtes Würstchen- machten sie sich auf den Weg um weiterzureisen. Die Sonne ging im Winter spät auf und früh unter, was die Reisetage kürzer als im Sommer machte. Das bedeutete, sich ebenso entsprechend früh auf die Weiterreise machen zu müssen. „Ich freue mich schon sehr auf Paltoria, Endres“ begann Valésia nach einer Weile, die die Pferde durch den Schnee stapften. „Ich bin schon sehr gespannt, deine Familie kennenzulernen. Was sie wohl sagen werden, wenn sie mich sehen? Ich glaube kaum, dass sie erwartet haben, dass du von Deiner Pilgerfahrt der Schwertleite eine Frau mitbringst. Entsprechend bin ich natürlich ein wenig nervös. Ich hoffe, sie werden mich mögen“ Sie lächelte ihn verhalten an, beinahe so, als könne sie es immer noch nicht glauben, dass er, der Graf aus fernen Landen sie erwählt hatte und nun mit sich in seine Heimat nahm, und dass dies einfach nur der Beginn eines wunderschönen, neuen Lebens war. Je länger sie ritten, desto merkbar weniger Schnee lag auf der Flur. Kurz nachdem sie Olathór verlassen hatten, war die Schnee noch Hüfthoch gelegen, nach einigen Tagen nur noch Kniehoch und nun, zwei Wochen später lag der Schnee etwa nur noch einen Fuß hoch, was für die Pferde überhaupt kein Problem mehr darstellte. Und kaum waren sie einen halben Tag unterwegs, fanden sich schon die ersten Trampelpfade. Ausgetretene, breite Wege mit festgestampftem Schnee. Das musste bedeuten, dass hier einige Menschen vorbeigekommen waren, und es konnte darauf hindeuten, dass sie bald wieder Häuser und Menschen zu Gesicht bekommen würden. Und wo es Häuser und Menschen gab, gab es vielleicht auch die Gelegenheit zu einem Gasthaus. Als die Sonne tief stand, und den Schnee, die Landschaft und den Horizont in einen warmen glühenden Schein tauchte, erreichten sie ein Dorf. Es war vielleicht übertrieben, dies eine Stadt zu nennen, doch für ein Dorf war es auch zu groß. Ein Dorf, das durch regen Zuzug drauf und dran war, zu einer Stadt zu wachsen. Einige Kinder spielten im Schnee und lieferten sich eine Schneeballschlacht. Als sie die beiden Adeligen reiten sahen, hielten sie inne und glotzten neugierig. Endres erkundigte sich bei ihnen nach dem Namen dieses Ortes und nach einer Wirtstätte. Die Kinder erklärten, diese Stadt hier nenne sich Eichenberg und gaben dem Paltoren eine kurze Wegbeschreibung zu einer Wirtstätte. Valésia frohlockte. Sie konnte es kaum erwarten, eine heiße Mahlzeit, einen Stuhl, einen Tisch, ein Bett und vielleicht sogar einen Badezuber zu bekommen!
#94
Die Burg Arjen ❖
baum-der Schnee wurde von Tag zu Tag weniger. Endres war sich nicht sicher ob sie einfach nur in die falsche Richtung ritten, oder ob langsam das Ende des Winters nahte. Doch da sie dadurch schneller vorankamen, war er nicht unzufrieden. Er saß im Sattel und das Pferd trottete in gemächlichem Gang voran. Sie durften die Pferde nicht zu sehr schinden, denn die Hafervorräte neigten sich langsam ihrem Ende zu. Wenn sie nicht bald einen Ort finden würden, bei welchem sie ihre Vorräte aufstocken konnten, würden die Pferde verenden. Und Endes würde sie lieber verkaufen, denn sie würden gutes Geld bringen. Und so saß Endres, schweigsam, auf dem Pferd und zählte ihre gemeinsame Barschaft. Er wusste wie viele Münzen sich in den zwei Beuteln befanden, die er über die Jahre angespart hatte. Eine beträchtliche Summe. Doch bei weitem nicht genug um dafür ein ganzes Leben in Saus und Braus leben zu können. Dessen war er sich bewusst. Doch Valésia hatte von ihrem Bruder einen Beutel mit Münzen bekommen und Endres wollte wissen, wieviel ihr Bruder locker gemacht hatte. Zweifellos nicht sehr viel, denn es sollte sicher nur reichen um sich über Wasser halten zu können, bis sie in Paltoria angekommen waren. Doch wenn es nach Endres ging, würden sie niemals dort ankommen.

Endres‘ Barschaft belief sich auf ganze acht goldene Kronen und ein paar silberne und kupferne Münzen. Was zweifellos eine beträchtliche Summe war. Wenn man allein lebte und sowohl das Geld hortete wie ein neidischer Drache, als auch stets in Aussicht hatte etwas mehr dazu zu verdienen, indem man die Mitgift eines einfältigen Vaters stahl. Doch mit einer Adeligen im Schlepptau, welche gewohnt war hofiert zu werden, edle Kleider zu tragen und nicht von Gasthaus zu Gasthaus zu reisen, war dies erschreckend wenig Geld. Doch Endres staunte nicht schlecht, als er den Inhalt von Valésias Beutel in Augenschein genommen hatte. Ganze fünfundzwanzig Dreimark Kronen! Ihr verdammter Bruder hatte sich nicht lumpen lassen! Aber wenn es nach Endres ging, hätte er ihr getrost auch fünfzig oder hundert Goldmark mitgeben können. Zusammen mit seiner Barschaft verfügten sie nun über ein Vermögen von dreiunddreißig Goldmark. In seinem Kopf ratterten die Zahlen, wie über einen imaginären Abakus. Doch Endres war nicht der beste Rechenmeister. Derlei Dinge hatte immer Valerion übernommen. Endres Gedanken gerieten ins Wanken, als er an Valerion dachte, und an den Verlust seines besten Freundes. Er vermisste ihn jetzt noch umso mehr. Doch es half nichts. Er würde niemals wieder mit ihm scherzen, trinken oder eine naive Adelige betrügen. Diese Zeiten waren vergangen und für immer vorbei.

Aber Endres wusste, dass dreiundzwanzig Goldmark eine ansehnliche Summe waren. Damit konnte man sich eine ganze Weile über Wasser halten, wenn man denn sparsam genug war. Doch wie sparsam konnte er sein, ohne dass Valésia Verdacht schöpfte, wie es um seine finanzielle Lage bestellt war? Und damit auch um seinen Namen, das Land, dass er nicht besaß, in einem fernen Land in dem er steckbrieflich wegen Trickbetrug und Heiratsschwindel gesucht wurde? So sehr er sich auch den Kopf zermarterte, es gab einfach keinen plausiblen Grund jemals nach Paltoria zu reisen. Doch wie sollte er dies Valésia nur erklären? Wie konnte das Herz dieser Frau, welches er im Sturm erobert hatte, auf Dauer an sich binden, wenn sie jemals erfahren würde, dass er sie von Anfang an nur belogen und betrogen hatte? Nein! Endres war sich sicher. Dies war keine Option. Er musste den Schein wahren. Er musste die Lüge aufrechterhalten. Koste es was es wolle! Und wenn er dafür seine Seele verkaufen müsste, nur um Valésia ein gutes Leben zu ermöglichen. Er würde es wagen!

Die Reise hatte beide auf eine harte Probe gestellt. Aber Valésia hatte sie überstanden. Und Endres näherte sich mit jedem Schritt den sie der Küste näher kamen der Verzweiflung. Wie konnte er die Überfahrt nach Paltoria verhindern, ohne dass Valésia Verdacht schöpfte, oder er die Wahrheit preisgeben musste? Es wollte ihm einfach keine Lösung einfallen, und so langsam machte sich in ihm die Resignation breit. Wenn sie Aramajé erreicht hätten, würde sein Kartenhaus in sich zusammenstürzen. Er würde die Bestürzung in ihren Augen sehen, das Brechen ihres Herzens hören und all ihre Gefühle für ihn würden sich in Rauch auflösen und zu Asche zerfallen. Er würde wie ein Hund aus dem Land fliehen…oder am Galgen enden wie Valerion.

Es war später Nachmittag, als sie die Grenze des Fürstentums erreichten. Eine kleine Stadt erhob sich vor ihnen und von einem hohen Turm wehte ein altes Banner. Es war ein stilisierter Baum. Doch das Banner hing nicht am obersten Punkt der Fahnenstange, sondern ungefähr auf der Hälfte, als ob es nicht gänzlich in die Höhe gezogen worden wäre. Endres runzelte die Stirn. »Das Banner hängt auf Halbmast.«, murmelte er und sah Valésia dabei etwas verwundert an. »Ob in diesem Ort jemand Bedeutungsvolles gestorben ist?« Endres und Valésia zogen sich die Kapuzen ihrer Mäntel über den Kopf und näherten sich schließlich dem Stadttor. »Weißt du wie diese Stadt heißt?«, erkundigte sich Endres doch Valésia schüttelte den Kopf und Endres seufzte. Als sie das Tor erreichten, standen zwei Stadtwachen vor dem Tor, doch das Tor stand offen. Als Endres die beiden Männer erreicht hatte, zügelte er das Pferd und Valésia tat es ihm gleich. »Wer seid ihr?«, erkundigte sich einer der beiden Männer und Endres schob seine Kapuze etwas zurück, um sich zu erkennen zu geben. »Guter Mann, mein Name lautet Eskel und das ist…« Endres wandte sich im Sattel etwas zur Seite und deutete auf Valésia. »…meine geschätzte Schwester Esther.« Der Mann grunzte und bedachte die Beiden mit zwei mürrischen Blicken. »Was führt euch nach Arjen?« Endres lächelte freundlich, aber müde. »Wir sind nur auf der Durchreise zur Küste von Aramajé und suchen eine Bleibe für die Nacht.« Er setzte sein charmantestes Lächeln auf, dass er in seinem Repertoire hatte und der Wächter starrte ihn einen Moment lang mürrisch an. Doch da Endres und Valésia offensichtlich keine Landstreicher waren – allein, weil sie auf Pferden ritten, und hochwertige Kleidung trugen – nickte er zufrieden. »Dann zeigt mir euren Geleitbrief und ihr könnt passieren.« Da schluckte Endres. Er hatte es befürchtet. Und sein Charme hatte diesen Wachmann nicht von seiner Pflicht ablenken können. Er seufzte und sah den Mann betreten, ja beinahe unterwürfig, an. »Ich entschuldige mich, in aller Höflichkeit. Doch leider haben wir keinen solchen Brief bei uns.« Da sah ihn der Wachmann mit einem Mal überaus misstrauisch an, doch noch ehe er etwas erwidern konnte, hob Endres abwehrend die Hände. »Guter Mann, bevor ihr euer Urteil fällt, lasst mich erklären. Wir haben natürlich einen solchen Brief erhalten. Er wurde vom Baron von Aramajé selbst unterschrieben. Doch leider sind wir auf unserer Reise ein paar zwielichtigen Halunken über den Weg gelaufen. Sie haben den Brief, und beinahe unsere gesamte Barschaft erbeutet. Wären nicht zufällig einige geschätzte Männer des Weges gekommen, die das Wappen von Arjen getragen hatten, hätten sie womöglich sogar die Pferde, oder sogar unsere Leben gefordert!« Endres versuchte möglichst theatralisch und dramatisch zu klingen, ohne es zu sehr zu übertreiben. Er wollte authentisch klingen und Mitleid erregen, ohne das Misstrauen des Mannes weiter anzufachen. Und da er, wie beiläufig, erwähnt hatte, dass Männer aus Arjen sie gerettet hatten, hoffte er an das Ehrgefühl oder den Stolz dieses Mannes zu appellieren. Und es hatte den Anschein, dass dies gelungen war, denn der Mann lächelte, wenn auch nur verhalten. »Ja, das freut mich zu hören. Es ist wahrlich eine Schande, welches Gesindel dieser Tage in unseren Ländereien sein Unwesen treibt.« Endres nickte eifrig, um die Worte des Mannes zu bekräftigen. »Aber gerade deshalb versteht ihr hoffentlich, dass wir euch ohne Geleitbrief nicht in die Stadt lassen können...« Er grübelte für einen Moment. »...zumindest nicht zollfrei, wenn ihr versteht?« Endres lächelte verhalten. Jede Münze, die er einem Wachmann zuschieben musste, war eine Münze zu viel. Doch er ließ es sich nicht anmerken, sondern nickte nur dankbar. »Was soll denn der Torzoll kosten, guter Mann?« Der Mann hob nur seinen Zeigefinger hoch. Eine Silbermünze. Und dann warf er einen Blick auf Valésia, und fügte noch den Mittelfinger hinzu. Also zwei Silbermünzen. Endres stöhnte. Doch Endres war sich klar, dass Feilschen hier keinen Sinn machte. Dieser Mann hatte ohnehin schon einen großzügigen Zoll erhoben. Andernorts wären vermutlich mehr als das Doppelte zu berappen. Er seufzte schwermütig und zog dann theatralisch seinen Geldbeutel hervor. »Ich danke euch, guter Mann.« Der Wärter nickte nur, ohne weiter auf Endres schmeichelnden Worte einzugehen. Er hielt ihm einfach nur die offene Hand entgegen um die Münzen in Empfang zu nehmen. Endres bezahlte den Tagessatz und ließ die Münzen in der Hand des Torwächters schließlich los. Doch man konnte, für einen Moment lang, sehen, wie schwer es ihm fiel, sich schlussendlich von den Münzen zu lösen. Als wären es seine Kleinode, und der Verlust sein Herz bluten ließe.  Der Mann nahm die Münzen in Augenschein. Es waren ariadische Münzen aus schwarzem Silber. Er nickte und trat schließlich beiseite. »Ihr dürft passieren.« Endres ließ Valésia den Vortritt, doch bevor er seinem Pferd die Fersen in die Seiten gab, räusperte er sich abermals. »Bei meiner Ehre. Sobald eure tapferen Kameraden zurückgekehrt sind, und sei es noch so unwahrscheinlich, den Freibrief, zurückbringen, wären wir euch zu unermesslichem Dank verpflichten, solltet ihr ihn uns wieder aushändigen.« Der Wachmann grummelte, doch scheinbar wurde er Endres' säuselndes Gefasel langsam leid. Er hielt unwirsch seinen Umhang und wedelte ungeduldig mit den Fingern. Endres verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und brachte schließlich auch sein Pferd in Bewegung. Der Mann bedachte die Münzen abermals mit einem geringschätzenden Blick und murrte. Doch ließ sie schließlich passieren.  Der Mann wedelte nur mit der Hand, als ob er lästige Fliegen verscheuchen würde und Endres gab seinem Pferd die Fersen und hoffte insgeheim, dass dieser Kerl nicht auch am Tor Wache schieben würde, wenn sie die Stadt wieder verlassen würden.

Als sie das Tor hinter sich gelassen hatten, näherte sich Valésia Endres und hielt diesen am Unterarm. »Wir sind in Arjen. Eine befestigte Stadt am der Grenze Aramajés. Ich kenne diesen Ort zwar nicht, aber natürlich habe ich davon schon gehört. Ein großes Hochmoor liegt im Norden der Stadt. Es ist die letzte Stadt vor dem Kornelgebirge, welches das Fürstentum Aramajé von den Fürstentümern Thagnir, Andare und Olathor trennt.« Endres nickte verstehend. Also hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Valésia musste sich sicherlich freuen, endlich wieder in der Heimat zu sein, wenn auch unter falschem Namen. Doch Endres fühlte sich gar nicht wohl in einer Stadt, die von einer Stadtmauer umgeben war. Aber die Pferde brauchten Futter, und Endres und Valésia dringend eine warme Mahlzeit, ein bequemes Bett und ein Bad. Und so stromerten die beiden schließlich durch die Straßen der Stadt, welche überwiegend von festgetretenem Lehm geprägt waren, wie es in den meisten Städten Ariads üblich war, auf der Suche nach einem Gasthaus, dass eine Stallung besaß. Nachdem Endres schließlich nach dem Weg gefragt hatte, waren sie endlich an ihrem Ziel des heutigen Tages angekommen. Ein Schild baumelte über der Tür des Hauses, auf dem mit liebevoll verzierten Buchstaben die Worte »Zum Wehrmann« geschrieben stand. Endres fand den Namen recht befremdlich für ein Gasthaus aber so waren die Leute in Ariad, hatte er den Eindruck gewonnen, seit er sich in diesen Landen aufhielt. Er rutschte aus dem Sattel, und half Valésia schließlich von ihrem Pferd herunter. Ein Knecht kam aus dem Stall herbeigeeilt und deutete eine unbeholfene Verbeugung an. »Soll ich mich um eure Pferde kümmern, verehrte Herrschaften?« Endres nickte und reichte dem Burschen die Zügel. »Aber gewiss doch.«, entgegnete er und flötete die Worte gekonnt süffisant. Dass es üblich war dem Burschen dafür eine Münze in die Hand zu drücken entging dem falschen Grafen, obwohl dieser zaghaft seine Hand offenhielt, um seinen Obolus zu empfangen. Doch da Endres sich lieber seinen Reisetaschen widmete – vor allem den drei Beuteln voller Münzen – schenkte er dem Burschen keine weitere Beachtung mehr. »Versorge die Pferde gut.«, mahnte er den Jungen nur, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen. »Sie haben eine lange Reise hinter sich und gehören gut gefüttert und gestriegelt.« Der Bursche nickte und seufzte als ihm klar wurde, dass er wohl keine Münze mehr erhalten würde. Er leitete Endres‘ Pferd und deutete eine freundliche Verbeugung an, als er die Zügel von Valésias Pferd entgegennehmen wollte. »Darf ich bitten, verehrte Dame?« Der Junge wirkte sehr unbeholfen in seinem Versuch in der gespreizten Sprache der Höhergestellten zu sprechen. Vermutlich kehrten sonst eher normale Bürger in dem Gasthaus ein. Endres schulterte seine Tasche und verstaute die schweren Säcke mit all ihrer Barschaft darin, und da erst bemerkte er den hoffnungsvollen Blick des Stallburschen. Er seufzte, doch ihm war bewusst, dass selbst die wertloseste Münze für einen Knaben wie ihn eine Menge bedeuten konnte. Er kramte in seiner Tasche nach der kleinsten Münze die er finden konnte, und drückte sie dem Burschen in die Hand. Und als ob er den größten Schatz erhalten hätte, strahlte der Bursche mit einem Mal und verbeugte sich abermals. »Habt vielen Dank, gnädiger Herr. Ich werde mich gut um eure Pferde kümmern, seid gewiss!« Endres tätschelte dem Jungen die Schulter und lächelte nur. »Das will ich doch hoffen.« Und so bot er Valésia schließlich seinen Arm dar, so dass sie sich darin einhaken konnte, und betrat mit ihr das Gasthaus.

Im Inneren des Gasthauses herrschte eine gedämpfte aber angenehme Atmosphäre. Es war ein einfaches Haus, mit schlichtem Mobiliar. Natürlich nichts, was eine Komtess von Aramajé gewohnt war, doch Endres war dies gerade recht. Denn somit waren die Zimmer vermutlich billiger als er es zunächst erwartet hatte. Endres sah sich in dem Schankraum um, doch außer ihnen waren sonst überhaupt keine Gäste auszumachen, was Endres ein wenig stutzig machte. Der Wirt ließ auch nicht lange auf sich warten, als er sich den Beiden näherte. »Was wünschen die Herrschaften?«, erkundigte er sich. Endres schätzte den Mann auf dreißig Jahre. Er trug eine lederne Schürze und seine Wangen zierte ein ansehnlicher Backenbart. Er wirkte gepflegt aber nicht herausgeputzt. Ein einfacher Mann eines einfachen Hauses. »Guter Herr, wir hätten gerne ein Zimmer für die Nacht, Speis und Trank, und ein heißes Bad!« Der Wirt nickte und schnippte daraufhin mit den Fingern. Und sogleich strömten zwei weitere Burschen herbei. »Bringt die Sachen der Herrschaften auf unser schönstes Zimmer! Und schickt eure Schwester nach heißem Wasser!« Die Jungen wollten Endres und Valésia die Taschen abnehmen, doch als sie sich anschickten jene Tasche zu ergreifen, in welcher Endres ihr ganzes Vermögen hortete, entzog er sich dezent den helfenden Händen. »Nein, diese Tasche trage ich lieber selbst.«, meinte Endres nur und warf den Burschen einen ernsten Blick zu. Doch sie ließen sich davon nicht wirklich aus dem Konzept bringen. Vermutlich war es ihnen ohnehin recht, so mussten sie weniger tragen. »Meine Tochter wird euch ein Bad einlassen.«, säuselte der Wirt und rieb sich dabei geschäftig die Hände. Vermutlich witterte er bei den beiden hohen Herrschaften eine besondere Ausbeute und ließ sich dabei nicht lumpen. »Mein Weib macht den besten Schweinebraten der Stadt. Und wir haben vorzügliches Bier im Keller.« Endres war alles recht. Nach Wochen der Enthaltsamkeit mit Trockenfleisch, hartem Brot und ranzigem Käse, war jedes Gericht, dass dieser Mann ihm offerieren würde ein wahres Gedicht. Und im Gegensatz zu dem unsäglichen Wegzoll, war er auch bereit für gutes Essen und von diesen einfachen Niederen regelrecht hofiert zu werden, auch entsprechend die Münzen klimpern zu lassen. Sie hatten schließlich genügend Geld! Also nickte er einfach nur und schickte sich an Valésia – den Burschen hinterher – aufs Zimmer zu geleiten. Doch das seltsame Gefühl, dass ihn beschlichen hatte, wollte ihm einfach keine Ruhe lassen. Und so ergriff er die Gelegenheit beim Schopfe und wandte sich nochmals an den Wirt. »Verzeiht guter Mann, wenn meine Frage ungebührlich erscheint. Doch es scheint, dass euer Haus sonst keine Gäste aufzuweisen hat?« Da seufzte der Wirt schwermütig und senkte kurz den Blick. »Wir erhielten vor drei Tagen eine Nachricht von einem Boten.« Endres sah den Mann mit fragenden Blicken an. »Ach, ihr seid ja nicht von hier, das sieht man sofort. Wie könnt ihr es wissen?« Der Mann schlug sich die Hände über die Stirn und deutete eine verlegene Verbeugung an. »Ist ja gut.« murmelte Endres und wedelte auffordernd mit der Hand. »Hängt die Nachricht mit dem Banner zusammen, dass wir draußen auf Halbmast gesehen haben?« Da nickte der Wirt. »Ja. Die Komtess von Aramajé! Sie ist gestorben! Und der hohe Herr hat zur landesweiten Trauer aufgerufen! Jedes Banner im Fürstentum hat auf Halbmast zu hängen. Und jeder Mann, jede Frau und jedes Kind soll den Verlust der Bernsteinrose von Aramajé betrauern.« Der Wirt senkte für einen Moment sein Haupt, als er diese Worte gesprochen hatte, und Endres bemerkte, wie Valésia daraufhin ihre Kapuze etwas tiefer in ihr Gesicht zog. »Darum kehrt auch niemand bei uns ein. Die ganze Stadt befindet sich in Trauer…« »Ich verstehe…«, murmelte Endres und wandte sich schließlich von dem Mann ab, legte seine Hand auf Valésias Rücken und schob sie dezent voran. »Das ist gar nicht gut.«, flüsterte er. »Ich hatte nicht erwartet, dass der Tod der Komtess so schnell in aller Munde sein würde, wir müssen sehr vorsichtig sein.« Er legte ihr seine Hand in den Rücken und schob sie an seine Seite, um sie vor möglichen, neugierigen Blicken besser abschirmen zu können.
#95
Speis und Trank ❖
baum-valésia genoss die Wärme, die in der Wirtsstube herrschte, als die beiden diese betraten. Sie war nun schon seit einigen Wochen mit Endres unterwegs, übernachtete im Freien, in verlassenen Gehöften, und in Schenken, sodass sie eine Burg kaum mehr vermisste. Eine kleine bäuerliche Wirtsstube besaß eine Gemütlichkeit, wie sie in einer herrschaftlichen Kammer mit hohen Räumen niemals herrschen konnte. Zwar war man in manchen Burgen mittlerweile dazu übergegangen, eine Zwischendecke in den Räumen einzuziehen, um einerseits natürlich Heizkosten und Holz zu sparen und andererseits Behaglichkeit durch tatsächliche Wärme zu erreichen, da diese hohen Räume mit ihren Steinmauern wahrlich schwer zu beheizen waren. Aber diese neue Mode war in Aramajé noch nicht angekommen und so mussten die hohen Herren anders ihre Mittel und Wege finden, um in ihren hochherrschaftlichen Burgen nicht zu frieren. Endres sagte dem Wirten sogleich, was sie benötigten, und sofort setzte dieser alle Hebel in Bewegung, um den hohen Gästen ihre Wünsche zu erfüllen. Bevor sie sich anschickten, in ihr Zimmer gebracht zu werden, erkundigte sich Endres noch über den Verbleib der anderen Gäste, denn für eine relativ saubere und gemütliche Wirtsstätte war diese ja geradezu gähnend leer, was durchaus ungewöhnlich anmuten konnte. Und so erzählte der Wirt den beiden, was der Grund hierfür war. Valésia war bestürzt, als sie dies vernahm. Es war ja auch irgendwie mehr als seltsam, über den eigenen Tod zu erfahren, der nicht einmal stattgefunden hatte. Trotzdem, oder vielleicht sogar deswegen, zog sich Valésia in einem unbemerkten Moment ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und konnte es kaum mehr erwarten, hinter die schützenden Wände eines Zimmers zu gelangen. Plötzlich fühlte sie sich in ihrer eigenen Heimat nicht mehr sicher, und dass, obwohl sie sehr erfreut gewesen war, den Heimatboden wieder zu betreten. Und Endres Worte, dass der Tod der Komtess bereits in aller Munde war und sie deshalb vorsichtig sein mussten, untermauerten diese noch. Wie er das sagte! Als wäre sie, Valésia, nicht die Komtess von Aramajé, über deren Tod hier gesprochen wurde. Valésia war froh, als sich endlich die Türe hinter ihnen schloss, und sie ein wenig Ruhe vor dem Bad und dem Abendmahl genießen konnte. Die junge Frau legte ihren Umhang ab, legte diesen über eine Stuhllehne, und setzte sich auf die linke Seite des Bettes. Eine Weile blieb sie stumm und starrte ins Nirgendwo, dann suchte sie Endres‘ Blick. „Halte mich nicht für töricht. Vielleicht ist es ja auch nur dumm von mir, aber ich finde es furchtbar, wenn ich Menschen über meinen Tod sprechen höre. In ganz Aramajé sind die Fahnen auf Halbmast, und alle sollen meinen Tod betrauern, und doch sitze ich hier. Als wir durch Burg Olathor flohen, hörte ich das Gesinde darüber reden. Dass die Komtess… dass ich… aus dem Fenster gestürzt sei und auf dem Felsen zerschellt bin. Und ich frage mich, was Roméro da nur getan hat. Ich ahne, was er getan hat. Nein, ich weiß, was er getan hat. Und er hat es für mich getan. Nicht nur für mich. Für uns. Damit wir unbehelligt fliehen können und niemand je wieder nach mir suchen wird. Ich weiß, dass es das einzig kluge war. Und doch…“ Sie unterbrach sich, als es an der Tür klopfte. Für einen Moment fühlte sie sich ertappt, ein Umstand, den sie seit ihrer Flucht kaum mehr ablegen konnte und Endres trat an die Türe und öffnete diese. Ein Mädchen, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, stand da und knickste artig. „Verzeihung, aber der Badezuber unten steht schon bereit!“ Dann wandte sie sich ab und lief davon. Valésia seufzte leise, erhob sich und zog die beiden Hornkämme aus dem Haar, die ihre langen Locken bändigten und legte sie auf den Tisch. „Macht es dir etwas aus, wenn ich zuerst gehe?“ fragte sie Endres, während sie ihre Wechselgewänder ergriff, und er schien nichts dagegen zu haben.

So verließ sie das Zimmer, und trat die Stufen hinunter, wo am Treppenende das Mädchen wartete. „Hier entlang, bitte sehr“ sagte sie und ging voraus. Am Ende eines kleinen Gangs befand sich ein Zimmer, aus dem bereits der Dampf durch die offene trat. „Ich habe Schaumkraut ins Badewasser gegeben“, erklärte sie sichtlich stolz. „Und hier sind frische Tücher. Ihr könnt euch so viele nehmen, so viele ihr braucht.“ Valésia lächelte das Mädchen an und bedankte sich. „Soll ich euch helfen, edle Dame?“ fragte sie, und es hatte den Anschein, dass sie gar nicht mehr gehen wollte, sondern sie immerzu anstarren wollte. Meistens reagierten gewöhnliche Menschen aus dem Volk aus Adelige so. Und dann war es am besten, höflich, aber bestimmt zu reagieren. „Nein, danke, sehr freundlich von dir. Du kannst jetzt gehen!“ meinte Valésia und die Kleine nickte und trollte sich. Valésia betrat den Raum und schloss die Türe hinter sich. Der hölzerne Riegel der die Tür verschloss, scharrte über das Holz, als sie diesen vorschob. Die ehemalige Komtess von Aramajé begann, sich zu entkleiden. Noch nie hatte sie das ganz alleine getan. Immer war eine Zofe zugegen, die ihr diese Handgriffe zuvorkommend abgenommen hatte. Es war ja auch ein bisschen umständlich, sich die Schnürung der Nestellöcher am Rücken selbst zu lockern, doch es war nicht unmöglich. Und als dies bewerkstelligt war, zog sie sich das Mieder über den Kopf, löste die Schnürung des Rockes, entstieg diesem, zog das Unterkleid und die Unterwäsche und schlüpfte zuletzt aus den Strümpfen. Dann stieg sie in das heisse Wasser und schloss die Augen. Wann hatte sie zuletzt gebadet? Sie empfand sogar so etwas wie Stolz, dass sie dies alles ohne jegliche Hilfe bewerkstelligt hatte. Sie brauchte keine Zofe, um sich zu entkleiden. Wie seltsam das doch war? So viele Menschen lebten in Aramajé und überall auf der Welt, die keine Anziehhilfe hatten. Man half kleinen Kindern beim Ankleiden. Aber doch nicht Erwachsenen! Sie hatte immer schon Dinge hinterfragt, die man als eine gehorsame Grafentochter nicht hinterfragen sollte. Und dafür hatte sie oftmals Spott geerntet. Doch seit Valésia mit Endres durch die Lande zog, hinterfragte sie noch mehr Dinge. Doch das wagte sie Endres nicht zu sagen. Bestimmt würde er sie für verrückt halten. Als sie in dieser Ruine genächtigt hatten, und er am Morgen ein Feuer entfacht hatte, da hatte sie sich vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn sie keine Adelige wäre, und er kein Graf aus Paltoria. Aber der Adelstitel bot nun einmal Annehmlichkeiten, derer sie sich nicht entziehen konnte. Und dazu gehörte selbstverständlich nicht nicht, sich nicht selbst an- und auszukleiden zu müssen. Man konnte es sich nicht schönreden, solch ein verklärtes, freies Leben. In diesen zwei Wochen hatte sie schon einiges gesehen und kennengelernt, was sie aus ihrem früheren Leben nicht kannte. Karges Essen, hartes Brot, ein unbequemes Nachtlager, oder ein Nachtlager in der freien Natur. Das ferne nächtliche Heulen von Wölfen, dass ihr ganz Angst und Bang geworden war. Die Überlegung, ob sie Opfer von Wegelagerern oder Dieben würden, oder in der Nacht erfrieren, trotz Fellen und Pelzen. Dass die Pferde umkamen und sie sich zu Fuß durch den Schnee weiterkämpfen mussten. Nein, die Götter hatten offensichtlich ihre schützende Hand über das Paar. Daran konnte es keinen Zweifel geben. Schluss folglich war ihre Entscheidung, Merik zu ‚verlassen‘ und mit Endres zu fliehen, die Richtige gewesen. Valésia schrubbte sich gründlich den Körper mit Seife und Bürste. Zuhause wären in dem Badewasser noch pflegende duftende Blütenöle gewesen, doch sie wollte sich nicht beklagen. Einen Badezuber hatte sie erst jetzt so richtig zu schätzen gelernt, da er auf Reisen keine Selbstverständlichkeit war. Nach dem Bad kleidete sie sich wieder an, was eine ganze Weile dauerte, und dann stieg sie die Stufen wieder hinauf und ging zurück zu Endres. „Entschuldige bitte, wenn es lange gedauert hat. Es ist ein wenig zeitaufwendiger, wenn ich mich ohne Hilfe ausziehen und wieder anziehen muss“ lächelte sie ihn an. „Ich werde hier oben auf dich warten. Du kannst auch jemanden schicken, der mir Bescheid sagt, wenn du fertig bist, dann musst du nicht erneut hochkommen“ schlug sie vor wie eine Frau, die es ihr Leben lang gewohnt war, dass sie Boten und Diener hatte.

Später saßen sie dann an einem Tisch beim Abendmahl. Der Wirt, beziehungsweise seine Frau hatten sich wahrhaft ins Zeug gelegt, um den beiden Adeligen angemessene Speisen zu kredenzen. Und der Wirt hatte nicht übertrieben. Der Schweinebraten war vorzüglich. Und dazu gab es Brotknödel und sauer eingelegtes Kraut. Kompott aus Pflaumen und Brombeeren, das angepriesene Bier aus des Wirten Keller. Es war das beste Mahl seit langem, so fand Valésia. Als die Wirtin den Tisch abgeräumt hatte, blieben die beiden noch für einen heißen Gewürzwein, der wohl ebenso speziell für die beiden gekocht worden war. Nachdem Valésia einen Becher davon getrunken hatte, hatte sie leicht gerötete Wangen, und nestelte ihre Hand in Endres‘ Hand. „In so einer Gaststätte sind wir einander das erste Mal begegnet. Das werde ich nie vergessen. Erst dachte ich, die Welt ist ein Dorf. Eine leere Schenke in die wir einkehren mussten weil die Wetterbedingungen so schlecht waren. Und du, der Graf von der Hohenehr als einziger Gast ebenso hier. Du hast unter den Augen meiner Eltern meine Hand mit deinen Lippen berührt“ kicherte sie nun. „Manchmal kann ich es nicht glauben, dass all das wirklich passiert ist. Dass du nach Olathor gekommen bist, um mir die verlorene Haarspange zu bringen. Und das Schicksal hat uns immer wieder zueinander geführt. Und nun sitzen wir hier zusammen…“
#96
Ein Königreich für ein Bad! ❖
»baum-halte mich nicht für töricht.« Valésias Worte hallten in Endres Kopf wider und wider. Sie machte sich berechtigte Gedanken und Endres wusste kaum die richtigen Worte um diese zu zerstreuen. »Ich verstehe deine Gedanken.«, versuchte er sie zu beschwichtigen. »Ich kann es dir gut nachempfinden, wie du dich fühlen musst.« Er setzte sich neben sie auf das Bett und nahm ihre Hand in die seine. »Doch das ist auch nur ein Teil der ganzen Scharade, glaub mir.« Doch Endres Worte schienen Valésia kaum Trost zu spenden. Sie grämte sich und Endres konnte es ihr kaum übelnehmen. Auf solche Dinge wurde man in keinem Adelshaus vorbereitet. Endres bezweifelte, dass irgendwo auf dieser Welt überhaupt jemand auf eine solche Situation vorbereitet wurde. Und er selbst wusste auch nicht so recht was er sagen sollte. Und so war er fast erleichtert, als es an der Tür klopfte, und dieses unangenehme Gespräch, zumindest fürs erste, einmal in den Hintergrund rückte.

Es war die Tochter des Wirts, welche sich um das Bad gekümmert hatte. Und natürlich überließ Endres der Dame den Vortritt. Und als Valésia schließlich aus der Kammer verschwunden war, saß Endres noch immer auf der linken Seite des Bettes und starrte, beinahe gedankenverloren und nichtssagend, auf die Tür, durch welche sie entschwunden war. Endres konnte gar nicht wirklich sagen, wie lange er so apathisch auf die Tür gestarrt hatte, aber irgendwann löste er sich aus seiner Starre, blinzelte mit den Augen, und seufzte. Die bisherige Reise war beschwerlich gewesen, und es lag noch so viel vor ihnen. Doch die Hürden, die sich ihnen von nun an in den Weg legten, würden nicht weniger werden. Ganz im Gegenteil. Und da sie zwei heimatlose aus der Flucht waren, würde ihnen, egal wo auch immer es sie hin verschlagen würde, mit Misstrauen und Argwohn begegnet werden. Der Geleitbrief, oder Freibrief, war hier nur die Spitze des Eisberges. Jede größere Stadt, oder befestigte Burg, würde aufs Neue ein Bangen um Einlass bedeuten. Und Endres sehnte sich, für einen Moment lang, nach jenen unbeschwerten Zeiten zurück, in welchen er von Dorf zu Dorf wanderte. Dort wollte niemand einen Geleitbrief sehen. Freilich wurden sie auch dort, oder gerade dort, mit Argwohn beäugt, wenn sie das Gasthaus betraten. Doch sobald man ein paar Bier getrunken hatte, oder mit den Menschen ins Gespräch gekommen war, hatten sich die meisten Anspannungen oft schnell gelegt. Doch in so großen Städten war dies ganz anders. Sie waren Fremde. Und Fremde waren weder gern gesehen, noch traute man ihnen. Vielleicht waren sie Deserteure, oder Verräter, fahnenflüchtige Adelige oder noch schlimmer, nicht einmal Ariader! Irgendwelcher Abschaum aus Kalath, der es irgendwie über die Grenze geschafft hatte. Es gab so vielen Argwohn unter den Ariadern. Das Vertrauen eines Menschen zu gewinnen war etwas anderes, als das einer ganzen Stadt.

Und dennoch. Dies war nicht seine größte Sorge, die ihn plagte. Die größte Sorge, die er wie einen schweren Mahlstein um den Hals mit sich trug, war die Tatsache, dass Valésia weder wusste wer er in Wahrheit war, noch dass Endres bereit war es ihr zu offenbaren. Und er wusste sehr genau, dass der Moment es Valésia zu offenbaren, längst verstrichen war. Von nun an würde jeder weitere Schritt nur bedeuten, sich immer weiter von diesem einen Moment zu entfernen. Endres schalt sich insgeheim einen Narren. Ein blinder Tor, der einen Narren an der Schönheit dieser Frau gefressen hatte. Und all die Vernunft in ihm war machtlos gegen das laute Schlagen seines Herzens…und dem Verlangen zwischen seinen Beinen. Er hatte sich Hals über Kopf in eine Sache verstrickt, die weit über ihm stand. Er hatte in die Sonne geschaut, und war im Begriff lichterloh zu verbrennen. Und doch konnte er einfach nicht den Blick abwenden, wohlwissend, dass er geradewegs in sein Verderben starrte. Und so saß er auf der Bettkante, starrte mit leerem Blick auf die Tür und versuchte die Gedanken zu vertreiben, die in seinem Geist umherspukten. Doch je mehr er es auch versuchte, desto lauter wurden die Stimmen. Er war ein Narr. Ein einfältiger Narr. Geblendet von der Anmut und Grazie dieser Frau. Und er wollte sie nicht verlieren. Weder im Leben, noch im Tod. Was für ihn das eine, wie auch das andere bedeuten würde.

Und so saß er noch auf der Bettkante, als Valésia von ihrem Bad zurückkehrte. Erst als sie den Raum betrat, richtete er sich auf, setzte sein freundliches Lächeln auf und deutete eine zuvorkommende Geste an. Er lächelte lapidar, ob ihrer Entschuldigung und wischte die düsteren Gedanken achtlos beiseite. »Ja das mag wohl so sein. Vielleicht wäre es auch praktischer, wenn wir in Arjen etwas einfachere Kleidung besorgen? Ich denke es ist praktischer auf so langen Reisen, außerdem zieht man so weniger Aufmerksamkeit auf sich. Und du hast dich auch schneller entkleidet, wenn du wieder einmal ein Bad nehmen willst.« Bei den letzten Worten lächelte er fast verwegen.

Endres bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die Tochter des Wirts noch immer im Türrahmen stand und ihren Oberkörper gelangweilt vor und zurück wiegte. »Ich glaube die junge Dame wartet auf jemanden.«, meinte Endres und schenkte zuerst Valésia einen entschuldigenden, und dem Mädchen einen freundlichen Blick. »Ich werde hier oben auf dich warten. Du kannst auch jemanden schicken, der mir Bescheid sagt, wenn du fertig bist, dann musst du nicht erneut hochkommen.« Endres nickte, nahm Valésias Hand in die seine und deutete ihr einen galanten Kuss auf die Hand an. »Es macht mir nichts aus, erneut zu dir herauf zu kommen.« Er lächelte süffisant, fast schon schmierig, und wandte sich dann schließlich von Valésia ab um dem jungen Mädchen zum Badezimmer zu folgen.

Als Endres, frisch gewaschen und von all dem Schmutz, Schweiß und Gestank der langen Reise befreit, zurück in die Kammer trat, saß Valésia am Fenster und ließ ihre Blicke über den Platz schweifen. Endres räusperte sich, um sich so Valésias Aufmerksamkeit zu sichern. Er trat an sie heran und sah für einen Moment lang, schweigend und neben ihr stehend, aus dem Fenster. »Die Straßen sind so leer.«, stellte Endres fest doch er schob diesen Umstand auf die späte Stunde. Valésia seufzte, doch sie entgegnete nichts darauf. Vermutlich war sie in düsteren Gedanken versunken gewesen und Endres fehlten abermals die Worte, um ihr diese Gedanken zu zerstreuen. Und so trat er an die Taschen heran und kramte frische Kleidung aus diesen heraus und begann sich umzuziehen. Doch dann hielt er einen Moment lang inne und warf einen verstohlenen Blick auf die schöne Frau, die dort am Fenster saß und auf den Platz vor dem Gasthaus hinabblickte. Sie musste Zeit ihres Lebens sehr einsam gewesen sein. Was hatte eine Komtess schon viel zu tun gehabt? Endres wusste es nicht einmal. Doch er hütete sich sie in diesem Moment auf alte Erinnerungen anzusprechen. Doch vielmehr fühlte er sich etwas unschlüssig. Sie hatten einander ja bereits nackt gesehen. Und inzwischen auch ein vertrautes Verhältnis aufgebaut. Doch für Valésia ziemte es sich höchstwahrscheinlich nicht, wenn er sich ungeniert vor ihr entkleidete, um sein neues Gewand anzuziehen. Doch Valésia nahm überhaupt keine Notiz von ihm. Endres sah ihr einen Moment lang einfach nur dabei zu, wie sie aus dem Fenster blickte, und bewunderte ihr Haar, dass im Licht der untergehenden Sonne leicht schimmerte. Ihr schönes Kleid, dass ihr schönes Wesen noch weiter hervorhob. Und so trat Endres erneut an Valésia heran und ergriff ihre Hand und lenkte die Schöne so von dem Fenster ab. Sie sah ihn mit erwartungsvollen Blicken an, als ob sie nun weise oder besondere Worte von ihm erwarten würde. Immerhin hatte er ja ihre Aufmerksamkeit errungen Da musste er doch zweifellos etwas von ihr wollen? Doch Endres sah sie einfach nur an. Sein Herz schlug schneller und er verlor sich in ihren Blicken. Der Zauber, den sie ihm auferlegte, zog ihn immer wieder aufs Neue in seinen Bann.

Ja, die letzten Tage waren beschwerlich gewesen. Sie hatten kaum Zeit für sich gehabt, obwohl sie fast die ganze Zeit alleine gewesen waren. Doch sie waren stets in Bewegung geblieben. Hatten Hunger und Kälte getrotzt. Doch nun? Nun befanden sie sich in einem warmen Zimmer. Und waren ganz allein. Umgarnt von der Wärme und ihrem schönen Anblick zog er ihre Hand zu sich und zwang sie so, sich aufzurichten. Und im selben Zuge neigte er seinen Kopf zu ihr herab. Als wolle er ihr ein Geheimnis anvertrauen. Und so standen sie sich gegenüber und starrten einander in die Augen. Und Endres war sich sicher, dass der eine den Herzschlag des anderen hören konnte. Der Moment verging und es fühlte sich beinahe wie eine halbe Ewigkeit an. Bis Endres dem Verlangen, dass in ihm brodelte, nicht mehr widerstehen konnte. Er legte seine Hand in ihren Nacken und zog sie zärtlich, aber bestimmend zu sich heran, während er seine Augen schloss und sich seine Lippen langsam auf die ihren legten. Ein Moment der eine Ewigkeit anzuhalten schien.

Seine Hände legten sich um ihre Hüfte und er zog sie so dicht an sich heran, dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier zwischen ihnen Platz gefunden hätte. Und als der Kuss kein Ende finden wollte und Endres Hände langsam von der Hüfte Valésias hinabglitten, da spürte er das Verlangen in sich aufflammen. Er tat einen Schritt, und Valésia ließ sich leiten. Noch einen Schritt. Endres dirigierte und Valésia ließ es geschehen. Doch als sie fast das Bett erreicht hatten, da klopfte es mit einem Mal an der Tür. Valésia entzog sich ihm und Endres seufzte, als kurz darauf wieder die Tochter des Wirtens die Türe öffnete. »Das Abendmahl ist angerichtet.« Sie machte einen unbeholfenen Knicks, und verließ das Zimmer wieder. »Wartet man in Arjen nicht bis jemand die Türe öffnet?«, gluckste Endres verlegen, doch insgeheim ärgerte er sich ein wenig über diese unvermittelte Unterbrechung. Er seufzte abermals und wandte sich wieder der Kleidung zu, die er zuvor schon bereitgestellt hatte. »Ich kleide mich nur schnell ein, dann können wir gehen.«

Das Essen war wirklich vorzüglich. Und Endres musste sich sehr beherrschen nicht wie ein gieriger Bauer so viel wie möglich davon herunter zu schlingen. Er hatte so lange schon nichts richtiges mehr gegessen, dass mit Wonne alles vertilgte, was die Frau des Wirten kredenzte. Und die Tatsache, dass sowohl Valésia als auch Endres Gefallen an ihrem Essen fanden, schien die Frau des Wirten sehr zu erfreuen. »Es war wirklich vorzüglich, wenn ich das so sagen darf.«, meinte Endres, als er den letzten Bissen mit einem Schluck Bier heruntergespült hatte. »Ich hatte schon lange kein so gutes Mahl.« Er lächelte fröhlich und Valésia pflichtete ihm nickend bei und nestelte ihre Hand in Endres‘ Hand, während die Wirtsleute damit begannen, die Teller und das restliche Geschirr fortzuschaffen. »In so einer Gaststätte sind wir einander das erste Mal begegnet. Das werde ich nie vergessen.« »Oh, wie könnte ich das je vergessen?«, pflichtete Endres ihr bei. »Dieser Tag war wahrlich ein schöner Tag.«, säuselte er zufrieden. »Manchmal kann ich es nicht glauben, dass all das wirklich passiert ist.« Da nickte Endres. »Ja, da geht es mir genauso. Das Schicksal scheint es gut mit uns zu meinen.«, erwiderte er mit einem dünnen Lächeln. Denn er wusste, dass dies nur ein kleiner, zerbrechlicher Moment war. Morgen würden sie wieder auf ihren Pferden sitzen, und die beschwerliche Reise fortsetzen, die noch lange nicht ihr Ende gefunden hatte. Doch in diesem Moment dachte Endres nicht weiter darüber nach. Er war ein Mensch, der für den Augenblick lebte und nicht groß über die Zukunft nachdachte. Dies war schon immer seine Eigenart gewesen. Und die Zeit würde zeigen, ob dies nicht irgendwann wie ein dunkles Echo auf ihn zurückschallen würde. »Und das Schicksal hat uns immer wieder zueinander geführt. Und nun sitzen wir hier zusammen.« Endres legte seine Hand auf Valésias Hand und sah ihr einen Moment lang einfach nur in die Augen. »Nun, ich weiß nicht wie es dir geht, meine Schöne. Doch ich könnte ewig so mit dir hier sitzen.« Er schenkte Valésia ein verführerisches Lächeln und bemerkte wie sie sichtlich errötete.

Der Gewürzwein hatte sich dem Ende geneigt. Die Wirtsleute hatten sich bereits empfohlen. Und Endres fühlte, wie der Moment, der sich zwischen ihm und Valésia aufgebaut hatte, ein unbeschreibliches Knistern geworden war. Und so erhob er sich wortlos von dem Stuhl und zog die junge Frau mit sich. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte und zusammen verließen sie den Schankraum, um sich auf ihre Kammer zu begeben. In der Kammer brannten zwei Kerzen, eine am Fenster, und eine beim Bett. Eines der Kinder hatten wohl die Kerzen für sie angezündet und Endres dachte für den Hauch einer Schrecksekunde, ob sie vielleicht in ihren Sachen gestöbert hätten, und das Geld! Doch Der Raum wirkte sonst unberührt. Alles lag noch so an seinem Platz wie sie es zurückgelassen hatten. Und als Endres die Tür hinter sich geschlossen hatte, schob er, fast unscheinbar, den Riegel vor die Tür. Er wollte keine weitere Störung durch kleine Bälger, oder gar dem Wirt oder seiner Frau, sollten sie sich nach der Zufriedenheit ihrer Gäste erkundigen wollen. Das Licht der Kerzen tauchte den Raum in eine äußerst angenehme Atmosphäre, und Endres nahm Valésia beider Hände in die seinen und sah ihr erneut tief in die Augen. »Du bist wahrlich wunderschön. Und ich kann mein Glück kaum glauben, dass du mich erwählt hast.«, säuselte er in alter Charmeur Manier. Doch, anders als bei vielen anderen Frauen, zu denen er diese Worte gesprochen hatte, war bei Valésia jedes einzelne davon die Wahrheit. Und als Endres Valésias errötende Verlegenheit bemerkte, strich er ihr sanft durchs Haar, und wischte galant eine Strähne aus ihrem Gesicht. Seine andere Hand hielt dabei die ihre und man konnte die Spannung, die sich in diesem Moment aufzubauen schien förmlich spüren. Endres Hände glitten geschickt über Valésias Nacken und stolperten dabei spielerisch über ihre Schultern. Valésia hatte sich für ein sehr schönes Kleid aus ihrem Fundus entschieden und Endres strich über die feinen Stickereien auf dem edlen Stoff. »Ich bin dir ganz und gar verfallen, meine Schöne.«

Mit diesen Worten zog er sie an sich heran. Und wie zuvor, nach dem Bad, suchte er ihre Lippen und fand sie. Seine Hände hielten Valésia umschlungen und er schob sie langsam, aber sicher, immer tiefer in den Raum hinein. Bis sie endlich an dem Bett angekommen waren. Er ließ von ihr ab und ließ sie sich setzen, bevor er erneut ihre Hände festhielt, und seine Hand in ihren Nacken legte. Und dann lösten sich seine Lippen von den ihren und glitten ihren Hals entlang hinab. Sinnlich und fordernd, bedeckte er jede freie Stelle ihrer Haut, bis er schließlich an den lästigen Schnüren angelangt war. Doch er hatte Valésia längst erobert. Sie war ihm verfallen und in diesem Moment, umspielt von dem romantischen Licht der Kerzen und vermutlich auch angeregt von der Wirkung des Weines, ließ sie Endres gewähren. Und er lockerte die Knoten, zog an den Stoffen und zog ihr langsam das Kleid vom Leib, bis sich ihr Busen aus den Stoffen schälte. Und ohne weitere Umschweife bedeckte er sie auch hier mit heißen, zärtlichen Küssen. Doch mit jedem Kuss den er ihr schenkte, wuchs sein Verlangen. Und seine Begierde wandelte sich in ungezügeltes Verlangen. Er öffnete die Knoten die seine Hose hielten. Während er ihre Brüste liebkoste, und mit einer Hand umständlich seine Hose herunterschob, drückte er Valésia langsam auf das Bett nieder.

Schließlich hatte er sich von der Hose und Valésia von dem Kleid befreit. Und sein Gemächt reckte sich hart und fordernd in die Höhe. Valésias Brust bebte vor Erregung und Endres ließ seine Hand zwischen ihre Beine gleiten, um sie so sanft dazu zu bringen sie für ihn zu öffnen. Er streichelte ihr sanft über das Haar, und ließ einen Finger sachte durch den Quell ihrer Weiblichkeit gleiten. Der Finger glitt sanft über die Haut und fand schließlich den Weg in die Tiefen ihres Schoßes. Valésia hatte die Augen geschlossen und Endres bedeckte ihren Körper mit Küssen und ließ den Finger langsam immer tiefer sinken. Sein Atem wurde schwerer und Valésias Beine weiteten sich mit jedem Kuss den er ihr schenkte ein Stück weiter. Und so glitt er aus ihr heraus und wanderte mit seinen Küssen wieder empor, während sich sein Körper immer näher an den ihren bewegte. Als er endlich wieder ihre Lippen fand, drängte sein harter Schaft gegen die Innenseite ihrer Beine. Er hielt sie mit den Händen am Hals und Hüfte und schob sich schließlich, langsam aber tief in sie hinein, begleitet von einem befreienden, tiefen kehligen Laut, der nichts als Erlösung und Verlangen zugleich bedeutete.

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