Im goldenen Käfig
Ein neuer, goldener Käfig ❖
baum-die Tür zu ihrem Gemach öffnete sich lautlos, und bevor Valésia überhaupt den Kopf heben konnte, trat Roméro eilig ein. Er war bleich, wirkte fahrig und durcheinander. Die beiden Zofen machten einen Knicks und verließen, wie es ihnen angewiesen worden war, das Gemach. Valésia stand wie erstarrt. Roméro sah sie nur einen Herzschlag lang aus der Entfernung. Dann löste sich Valésia mit einem Ruck aus ihrer Starre und lief auf ihn zu. Roméro öffnete die Arme gerade noch rechtzeitig, bevor sie gegen ihn prallte und sich an ihn klammerte. Er schloss sie fest in seine Arme und auch Valésia schlang ihre Arme um seinen Oberkörper, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Ein erster Laut, schmerzerfüllt, kaum ein Atemstoß. Und schließlich kam das Schluchzen. Ein herzzerreißendes, tiefes Schluchzen entkam ihr, das ihren ganzen Körper zum Beben brachte. Eine Mischung aus Erleichterung, dass sie ihren Bruder sehen konnte, Schmerz über den Verlust ihres Geliebten und Angst vor der Ungewissheit der sie sich gegenübersah. „Sia…“ Mehr brachte er nicht heraus. Es war ein Kosename, den er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gebraucht hatte, wenn er sie angesprochen hatte. ‚Sia‘, ein Name aus Kindertagen, wenn ein Kind noch nicht in der Lage ist, ein Wort korrekt auszusprechen und sein eigenes Wort dafür findet. Sie zitterte am ganzen Körper, und Roméro hielt sie noch fester, seine Arme schlossen sich um sie, als wolle er sie zusammenhalten, damit sie nicht auseinanderbrechen würde. „Sia… Valésia, bitte…“ Seine Stimme bebte. „Ich habe das nicht gewollt, das musst du mir glauben! Es ist alles meine Schuld!“ Sie schüttelte nur den Kopf, unfähig zu antworten, ihr Atem ging in kurzen Stößen und Tränen durchnässten seinen Kragen. Roméro strich ihr über den Rücken, und versuchte, sie von sich zu drücken um ihr in die Augen schauen zu können. Doch sie hielt ihn weiter fest und schluchzte und hielt ihren Kopf in seiner Halskuhle verborgen. „Ich bin schuld,“ stieß er hervor. „Ich… ich war ein Idiot. Es war alleine meine Schuld. Ich habe im Bordell den Mund nicht halten können. Ich war laut, prahlerisch, betrunken, ich hätte dich nicht als meine Schwester bezeichnen dürfen. Ich wollte deine Ehre verteidigen… Aber weil ich nicht nachgedacht habe, wussten sie am Ende, dass du am Leben bist. Es tut mir so leid!“ Er nahm jetzt ihren Kopf in beide Hände und es gelang ihm einen Schritt Abstand zu bekommen, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. Sie waren rot geädert, verschwollen und ihr Gesicht war tränennass. Sie atmete stoßweise aber endlich, nach einigen stoßweisen Atemzügen, bekam sie einige heisere Worte heraus „Du hast mich nicht verraten… Du hast mich nicht verraten…“ „Doch, das habe ich! Ich hätte den Mund halten müssen,“ fuhr er fort und war völlig aufgelöst. „Ich war zu laut, zu… zu stolz auf irgendeinen Scheiß. Ich hätte wissen müssen das man in einem Bordell seinen Mund hält, aber…“ Er brach ab, atmete schwer, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Sia, sie haben dich wegen mir gefunden. Wegen mir. Ich habe alles zerstört! Und ich bitte dich um Vergebung…!“ Roméro presste die Augen zusammen. Wahrscheinlich weil der Moment ihn überwältigte und auch er nahe dran war, ein paar Tränen zu vergießen. Er zog sie noch einmal in seine Arme und sein Kinn ruhte an ihrem Haar, und Valésia fühlte, wie auch sein Körper bebte. „Nein,“ sagte Valésia sofort und hob ihren Kopf. Ihre Stimme fand für einen Moment wieder Kraft. Sie legte eine Hand an seine Wange und zwang ihn, sie anzusehen. „Du hast mich nicht verraten. Niemals. Ich bin… Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Es war nicht deine Schuld.“ „Doch,“ sagte Roméro. „Ich hätte einfach den Mund halten sollen. Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Du warst sicher. Und ich…“ Er brach ab, schloss die Augen und zog sie wieder in seine Arme. „Ich habe dich in diese Situation gebracht.“ Sie schüttelte den Kopf gegen seine Schulter. „Ich hatte solche Angst um dich,“ murmelte Roméro. „Als sie dich bei der Prozession aus der Menge geholt haben… Ich wusste nicht, was Vater tun würde. Ich wusste nicht, wie du reagieren würdest. Ich wusste nur, dass du allein warst. Ich wollte zu dir kommen, gleich, aber Vater hat es nicht zugelassen“ Sie löste sich ein Stück von ihm, gerade weit genug, um ihm ins Gesicht zu sehen. Seine Augen waren gerötet, seine Miene angespannt, als würde er jeden Moment selbst in Tränen ausbrechen. „Roméro. Es ist nicht deine Schuld, du hast nichts davon in böser Absicht getan, es ist einfach passiert. “ sagte sie heiser. „Du bist mein Bruder. Ich wollte dich sehen. Ich wollte dich sehen und Vater wusste das und hat diesen Umstand ausgenutzt.“ Roméro schnaubte. „Ja. Er denkt nur an sich und an seinen Vorteil. Ich hätte gedacht, er könne nicht mehr aus dieser Sache heraus. Dass er aufgegeben hat. Aber da habe ich mich wohl getäuscht.“ Valésia seufzte. Ihre Knie waren weich und sie ging ein paar Schritte auf ihr Bett zu, auf das sie sich setzte. Roméro setzte sich neben sie. Valésia wischte sich über die Augen, noch zittrig, aber schon deutlich gefasster. „Hast du…“ Sie brach ab, atmete tief ein. „Gibt es etwas über Endres? Weißt du irgendetwas? Konnte er fliehen?“ Roméro schüttelte sofort den Kopf. „Ich habe nichts gehört, Sia. Gar nichts.“ „Gar nichts?“ flüsterte sie. „Wenn sie ihn hätten, würden wir es doch wissen, oder?“ Valésia zuckte ratlos die Schultern. Er sprach leise, aber bestimmt. „Es gab in der Stadt keinen Tumult, keine Festnahme, nichts. Sie haben sofort die Stadttore geschlossen, noch während der Prozession und lassen keine Maus rein oder raus aus der Stadt.“ Dann wurde sein Blick grimmig. „Und Vater hätte schon längst damit geprahlt, dass er den großen Grafen aus Paltoria geschnappt hat.“ Valésia sah ihn an „Also meinst du… er ist entkommen?“ Roméro zuckte mit den Schultern, aber sein Blick war weich. „Endres ist nicht dumm. Er wird geflohen sein und sich irgendwo versteckt haben. Aber ich glaube doch, dass er sich noch in der Stadt aufhält. Wie gesagt, sie lassen niemanden rein oder raus.“ Valésia schloss kurz die Augen. „Ich habe solche Angst um ihn.“ „Ich weiß.“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Aber bisher gibt es keinen Hinweis, dass jemand ihn gesehen oder ergriffen hat. Ein kleiner, brüchiger Atemzug entwich ihr. „Und ich vermisse ihn so sehr. Es ist, als hätte man mir mein Herz aus dem Leib gerissen. Es schmerzt mich hier…“ Sie legte ihre Hand auf ihre Brust. „Ich bleib bei dir, Valésia,“ sagte Roméro. „So lange sie mich lassen.“ Nachdem sich Valésia und Roméro ausgesprochen hatten, blieben sie eine Weile nebeneinander auf dem Bett sitzen. Schulter an Schulter. Manchmal sprachen sie eine ganze Weile kein Wort, doch die Stille war nicht unangenehm. Nur das leise Knistern des Kaminholzes war zu vernehmen. Manchmal hörte man Schritte der Dienerschaft im Gang vor dem Gemach. Draußen änderte sich das Licht. Erst es golden, dann flammend rot und dann sank es schrittweise in die blaue Stunde, die den Abend ankündigte. Die Schatten im Zimmer wurden länger. Valésia legte irgendwann den Kopf leicht an Romeros Schulter. Sie war müde, doch seine Anwesenheit war wie Balsam. Und auch, wenn sie wusste, dass es nur flüchtige Momente waren, so wünschte sie sich, der Augenblick würde nie vergehen. Er legte ihr vorsichtig eine Hand in den Rücken. Sie wussten beide, dass dieser Moment nicht mehr lange anhalten würde.

Und genau so kam es. Ein festes Klopfen an der Tür. Graf Gunter trat ein, ohne abzuwarten. Erst, als er längst im Raum stand, murmelte Roméro, den Blick auf ihn gerichtet, mit einem Spott im Ton „Herein!“ „Roméro,“ sagte er knapp, „Du kannst deine Schwester später wieder sehen. Jetzt lass uns allein.“ Roméro erhob sich, wirkte aber kurz unschlüssig, als wolle er nicht gehen. Valésia fing seinen Blick ein und nickte ihm aufmunternd zu. Dann nickte auch er und verließ das Zimmer. Als die Tür schloss, trat Gunter näher. „Valésia,“ begann er ohne Umschweife, „Der Herzog wünscht, dass du am Abendmahl teilnimmst.“ Sie richtete sich etwas auf. „Ich… bin noch nicht bereit, Vater…“ „Es ist unerheblich, ob du bereit bist,“ unterbrach er ruhig. „Der Herzog verlangt dich zu sehen. Heute noch.“ Sie spürte, wie ihr Brustkorb enger wurde. Gunter verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Du wirst dich ordentlich kleiden. Du wirst pünktlich sein. Und du wirst dich zusammenreißen.“ Er warf einen Blick zur Türe. „Deine Zofen warten schon vor der Türe. Sie werden dir helfen, dich hübsch zu machen. Ganz so wie es deinem Stand geziemt. Dann blickte er wieder zu ihr. „Ich erwarte, dass du dich von deiner besten Seite zeigst. Ohne Tränen, ohne Trotz. Und du wirst etwas essen. Haben wir uns verstanden?“ Sie senkte kurz den Blick, sagte aber nichts. Er wartete keine Antwort ab. „In einer Stunde,“ sagte er schlicht. „Mach dich fertig.“ Er wandte sich zum Gehen, hielt kurz inne und fügte leise hinzu „Schlag ihn dir aus dem Kopf. Es geht nicht nur um dich. Vergiss das nicht. Ich hole dich in einer Stunde, um dich in den Speisesaal zu geleiten.“ Dann öffnete er die Türe, nickte den Zofen zu und diese huschten in Valésias Gemach. Er verließ er das Zimmer und ließ die Tür hinter sich mit einem gedämpften Klicken ins Schloss fallen. Die Zofen traten näher. „Komtess. Wir werden euch helfen“ säuselte eine von ihnen. Die jüngere Zofe goss heißes Wasser in eine Waschschüssel und bald erfüllte ein sanfter Dampf das Gemach. Der Duft von Blütendestillaten lag in der Luft, aufgelöst aus den feinen Seifenflocken, die im Wasser schmolzen. Valésia stand daneben, ließ sich von der älteren entkleiden. Die andere legte bereits vorgewärmte Tücher, Kämme und kleine Fläschchen bereit, alles, was man brauchte, um eine Komtess vor den Herzog zu bringen. „Es wird nicht lange dauern, Komtess,“ sagte die ältere Zofe leise. Valésia nickte nur. Ihre Gedanken hingen noch bei Roméro und vor allem bei Endres. Eine Zofe tauchte ein Tuch in das warme Wasser, wrang es aus und strich damit über Valésias Arme und Schultern. Die andere löste vorsichtig die Spangen aus ihren Haaren, sodass die bernsteinfarbenen Strähnen in weichen Wellen über ihren Rücken fielen. „Rosenwasser?“ fragte die Jüngere, in der Hand hielt sie ein kunstvoll gearbeitetes Glasfläschchen. Valésia nickte und das Mädchen entkorkte die Flasche. Der zarte Duft breitete sich aus. Die Zofe benetzte ein Tuch damit und strich über Valésias Hals und Schlüsselbeine, über die Brust und unter die Arme. „Ihr habt sicherlich eine anstrengende Zeit hinter Euch,“ murmelte die ältere Zofe, überraschend sanft. Es war keine Frage. Eher eine Feststellung, still und respektvoll. Valésia antwortete nicht. Sie wurde auf einen Hocker geführt. Die Zofe begann, ihr Haar zu kämmen, in langen, gleichmäßigen Strichen. Die andere mischte etwas Puder mit Rosenöl und tupfte es sparsam auf Valésias Wangen und Stirn, nur so viel, dass ihre Haut ebenmäßig wirkte. „Ihr seid schön,“ sagte die jüngere Zofe. „Ich habe in dieser Burg noch keine schönere Frau gesehen, als euch! Das Kleid wird Euch stehen.“ Die ältere Zofe schnalzte tadelnd mit der Zunge und warf der jüngeren einen maßregelnden Blick zu. Die jüngere Zofe senkte den Blick. Valésia sah das vorbereitete Kleid bereits auf dem Bett liegen. Zarte, cremefarbene Seide, mit einem Hauch Goldfaden im Stoff. Hochwertig, aber nicht protzig. Die ältere brachte es feierlich, half Valésia beim Ankleiden. Der Ausschnitt war dezent, doch so geschnitten, dass der Ansatz ihres Busens sichtbar blieb. Genug, um Weiblichkeit zu zeigen, nicht genug, um Anstoß zu erregen. Die Ärmel leicht gebauscht, der Rock fließend, die Taille sanft betont. Ein Kleid, das sagte 'Die Trägerin ist jung, wunderschön und von guter Herkunft. Es ist unerheblich ob sie schon berührt wurde. Sie wird ihrem Ehemann dennoch Vergnügen bereiten.' Dann widmeten sie sich der Frisur. Sie flochten nur eine dünne Strähne an jeder Seite, führten sie nach hinten und ließen den Rest offen fallen. Das Haar rahmte ihr Gesicht, fiel weich über die Schultern, glänzte wie Honig im Kerzenschein. Die jüngere brachte einen großen Spiegel und hielt ihn Valésia hin. Sie sah in den Spiegel. Sie wirkte ruhig, und sogar gefasst. Schön , ja. Aber auch tief traurig, und das ließ sich nicht wegpudern oder verbergen. Die ältere Zofe legte ihr zuletzt einen hauchzarten Schleier auf ihr Haupt. Ein Hinweis auf Tugend und Anstand. „Ihr seid bereit, Komtess.“ Valésia atmete tief ein. Draußen war es dunkel geworden und der Abend war angebrochen. Gleich würde ihr Vater an die Tür klopfen. Und sie wusste, der Herzog wartete. Es dämmerte bereits, als die Tür zu Valésias Gemach aufschwang. Die Zofen verneigten sich, als Gunter eintrat. Er musterte seine Tochter nur einen Moment lang ohne Staunen, ohne Rührung, aber ein kaum zu übersehendes Kopfnicken, als sehe er, dass die Zofen ihre Arbeit gut gemacht hatten. So hatte eine Komtess vor dem Herzog zu erscheinen. „Wir gehen“, sagte er knapp. Valésia erhob sich und strich unbewusst den Stoff ihres Kleides glatt. „Hör mir zu. Der Herzog wird viele Fragen stellen. Du antwortest kurz. Wahrheit, ja, aber keine Details, die dich in ein schlechtes Licht rücken. Und schon gar keine, die dich mit diesem Mann…“ Er atmete aus, als müsse er das Wort nicht aussprechen. „… mit diesem Paltoren verbinden.“ Valésia senkte den Blick. „Ich werde mich bemühen.“ „Nein.“ Gunter hob eine Augenbraue. „Du wirst dich konzentrieren. Du wirst höflich bleiben. Und du wirst deine Stimme nicht erheben, egal, was er fragt.“ Er brauchte kurz, um die letzten Worte zu finden. „Wenn es um den Sturz vom Balkon geht, sagst du, eine Zofe hat ein altes Kleid von dir getragen. Das ist nichts ungewöhnliches, dass treue Zofen alte abgelegte Kleider ihrer Damen als Geschenk erhalten. Es war ein tragischer Unfall, du weisst nichts genaues darüber. Du hast höchstens die Gunst der Stunde zur Flucht genutzt als du es erfuhrst. Und so entstand dieses Gerücht über deinen Tod. Punkt.“ Valésia nickte. „Und noch etwas.“ Gunter räusperte sich. „Der Herzog wird seinen Sohn Teran mitbringen. Er wollte ihn selbst aus erster Hand sehen lassen, wie du dich gibst und ob du geeignet bist.“ Valésia hob den Kopf. „Geeignet wozu?“ „Wozu wohl, Valésia? Er wird dich sehen wollen.“ Er machte eine kleine Pause, dann sprach er weiter: „Ich habe einige Erkundigungen über ihn eingeholt. Teran ist einige Jahre älter als du. Er ist klug, ruhiger Natur, kein Mann, der sich mit Dirnen in seinen eigenen Gemächern brüstet. Er ist nicht wie Merik. Doch Teran weiß, dass du keine Unschuld mehr bist. Er wird sicherlich nicht erfreut sein, aber…“ Er musterte sie von oben bis unten. „Er ist auch nur ein Mann. Und ein Mann sieht, was vor ihm steht. Du bist schön, Valésia. Hinreißend sogar. Und manche Dinge kann ein schöner Anblick mildern.“ Valésia errötete leicht, nicht aus Scham, sondern weil die Worte ihres Vaters so unerwartet ehrlich und direkt waren. „Wenn der Herzog dich erst einmal erblickt hat, dann wird er wissen, dass du deinen Wert trotz allem nicht verloren hast. Er weiß, dass die Bernsteinrose von Aramajé hübsch sein soll, aber er hat keine Vorstellung davon, wie du wirklich aussiehst.“ Er ging ein paar Schritte näher, ohne sie zu berühren; nur sein Blick lag auf ihr. „Vielleicht versteht er dann sogar ein Stück weit, warum die Dinge so gekommen sind.“ Valésia senkte für einen Moment den Blick. „Vater… ich werde mir Mühe geben.“ „Du wirst mehr tun als das“, sagte Gunter knapp. „Du wirst sie alle bezaubern, dass es niemanden mehr interessiert, was vorgefallen ist. Alles was sie denken sollen ist, dass das hier einfach eine Brautschau ist. Nur, dass es nicht mehr um Olathor geht, sondern um Ajaran. Ja, es ist jetzt eine Brautschau geworden. Die Karten wurden neu gemischt. Schau mich nicht so an, Valésia. Was hast du erwartet? Der Herzog hat längst beschlossen, dass du Terans Frau werden sollst. Auch wenn er das noch nicht ausgesprochen hat. Er öffnete die Tür. „Es wird Zeit,“ sagte er. „Den Herzog lässt man nicht warten.“ Valésia atmete tief ein und folgte ihm. Die Zofen verneigten sich, und als sie das Zimmer verließ, war sie einfach Valésia von Aramajé.

Die Flügeltüren des Speisesaals standen offen, als Gunter Valésia hineinführte. Der Saal war warm vom Feuer und Duft von Wein, gebratenem Wild und Kräutern hing in der Luft. Ein langer Tisch, festlich gedeckt, Kerzen in schweren Bronzeleuchtern, Becher aus echtem Silber. Der intime Kreis hatte bereits Platz genommen. Der Herzog saß am Kopfende. Sein Gesicht war reglos, doch seine Augen wandelten sich sofort, als Valésia erschien, ein kaum merkliches Aufleuchten, das man einem Mann seines Ranges gar nicht zutrauen würde. Neben ihm zur rechten saß die Herzogin, in dunklen Samt gekleidet, mit einem Blick, der erstaunlich warm und wach wirkte. Zu ihrer Rechten blieb der Platz für Valésia frei. Daneben Roméro. Zur linken des Herzogs saß Teran, jung, aber nicht mehr blutjung. Nicht gutaussehend, auch nicht hässlich. Ein Gesicht, das man vermutlich schnell wieder vergessen würde. Doch auch kein prahlerischer Schnösel wie Merik einer gewesen war, sondern jemand, dem bewusst war, dass er nur unbedeutend war in der Erbfolge. Sein Blick blieb an ihr hängen, offen, neugierig, sichtbar überrascht. Neben ihm sollte Graf Gunter sitzen. Daneben die Gräfin, elegant und still. Valésia hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen, seit sie aufgegriffen worden war. Gunter hatte ihren Besuch bei Valésia angekündigt, doch dazu war dann keine Zeit mehr gewesen. Valésia folgte ihrem Vater. Ihr schlichtes, helles Kleid betonte ihre Jugend, ihre zarte Figur, ohne aufdringlich zu sein. Ein Hauch von Ausschnitt, gerade genug, um Weiblichkeit zu zeigen, ohne Scham hervorzurufen. Ihr Haar fiel in sanften Wellen über die Schultern und rahmte ihr Gesicht ein. Der Duft von Rosenöl schwebte unmerklich wie eine Wolke um sie herum und wurde von ihrer warmen Haut verdunstet. Und etwas an ihr verlieh ihr einen unwiderstehlichen Reiz. Ein Schatten der auf ihr lag. Die Bernsteinrose von Aramajé war eindeutig nicht mehr das naive, gefügige Mädchen, das man einst zur Verlobung nach Olathor geschickt hatte. Sie war eine Frau geworden. Nicht nur durch den Akt mit Endres. Auch durch das Erlebte. Und das sah man. Der Herzog war der Erste, der sich regte. Er richtete sich ein Stück auf und winkte sie zu sich heran. Sie folgte seinem stummen Ruf. „Komtess Valésia,“ sagte er. „Euer Gnaden,“ sagte sie leise.„Es ist uns eine Freude, sie so unerwartet zu heißen. Ich darf ihr unseren Sohn vorstellen? Ser Teran von Ajaran. Der angesprochene senkte leicht den Kopf, fast respektvoll. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, streifte dann aber ihre Gestalt. Valésia bemerkte es, und überspielte es mit einem Knicks. Dann legte sich ihr Blick auf ihre Mutter. Die Gräfin, die schon seit Valésia den Raum betreten hatte, ihren Blick gesucht hatte, legte sich unauffällig eine Hand auf die Brust, um zu prüfen wie schnell ihr Herz schlug. Sie schenkte ihrer Tochter ein Lächeln, Valésia erwiderte es.

Der Abend ging ruhig dahin. Es wurde gut gespeist und gut getrunken. Selbst Valésia hatte ihren Appetit wieder gefunden. Sie antwortete, wenn man sie ansprach, lächelte, wenn es angebracht war und warf hin und wieder einen Blick zu Teran, der sich Mühe gab, sie nicht allzu auffällig anzustarren. Gunter war zurückhaltend, die Gräfin still, Roméro wachsam wie ein Hund, der seine Schwester beschützen wollte, ohne den Anschein zu erwecken. Der Herzog sprach mit seiner Gemahlin, wechselte ein paar Worte mit Gunter, sagte auch Teran dies und jenes, doch seine Augen kehrten immer wieder zu Valésia zurück. Nicht aufdringlich, aber prüfend. Als die Teller des letzten Gangs fortgetragen wurden und die Diener den Wein neu auffüllten, erhob sich der Herzog. Die Gespräche verstummten sofort. Sein Blick ruhte auf Valésia. „Komtess,“ sagte er, nicht laut, aber mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, „Wenn sie so freundlich wäre.“ Er deutete auf eine kleinere Tür seitlich des Saals, die zu einem kleinen Raum mit einem Kamin führte, doch genügend Distanz bot, um sich ungestört unterhalten zu können. Valésia stand langsam auf. Sie neigte den Kopf. „Euer Gnaden.“ Sie folgte ihm und betrat den kleinen Raum. Der Raum war allen Anscheins nach vorbereitet worden, denn im Kamin loderte ein Feuer. Der Herzog ließ die Tür hinter ihnen zufallen, bot ihr einen Sitzplatz an einem kleinen Tischchen an und sie setzte sich. Er hingegen blieb stehen, drehte sich zu ihr und musterte sie. „Sie macht auf uns einen klugen Eindruck, Komtess. Ich hoffe, sie ist ebenso ehrlich zu uns.“ Er trat einen Schritt näher, verschränkte die Hände auf dem Rücken. „Es gibt Dinge, die wir verstehen müssen. Dinge, die sie uns erklären muss.“ Eine kurze Pause. „Und wir wollen die Wahrheit wissen. Nicht die Wahrheit, die ihr Vater wünscht, oder ihr eingetrichtert hat. Sondern die wirkliche Wahrheit.“ Valésia atmete ein. Der Herzog beobachtete sie ein paar Herzschläge lang. Dann kam die erste Frage. „Warum ist sie fortgegangen? Und warum hat sie es so erscheinen lassen, als wäre sie tot?“ Er sah ihr direkt in die Augen. „Wir möchten wissen, was eine Tochter aus gutem Haus dazu bringt, ihren Namen, ihre Verpflichtung und ihren Vater hinter sich zu lassen.“ Valésia räusperte sich. „Euer Gnaden. Ich sollte den Erbprinz von Olathor ehelichen. Auf der Reise machten wir Halt in einer Gaststätte. Dort war ein paltorischer Graf zugegen. Er machte meinem Vater eine kurze Aufwartung, nichts besonderes, ein rein höflicher Akt. Ich verlor in dieser Gaststätte meine goldene Haarspange. Sie war ein Geschenk meines Brautigams und es brüskierte ihn. Ser Endarion fand diese Haarspange und nahm den weiten Umweg nach Olathor auf sich um sie mir zurückzubringen. Als er sie mir überreichte, gewährte ich ihm zum Dank einen Gefallen. Er erbat sich einen Kuss.“ Valésia senkte den Blick „Und ich gestattete es ihm.“ Sie hob ihren Blick wieder um den Herzog anzusehen. Dieser nickte nur. „Spreche sie weiter, Komtess.“ „Natürlich hätte ich ablehnen müssen. Doch er war stattlich und freundlich, ein wenig keck, und er hat mir gefallen. Ich dachte es wäre ein unschuldiger Kuss von dem niemand etwas erfahren würde und wir würden uns niemals wieder begegnen.“ „Aber sie hat ihn wiedergetroffen, diesen… diesen Grafen?“ Valésia nickte. „Mein Bruder und ich nahmen uns damals gewisse unerlaubte Freiheiten heraus. Wir schlichen uns aus der Burg, kleideten uns wie Bürgerliche und spazierten durch die Stadt. Es sollte nur ein unschuldiges Vergnügen sein. Durch Zufälle liefen Graf Endarion und ich uns immer wieder über den Weg, später halfen wir dem Zufall auf die Sprünge und trafen uns zu vereinbarten Zeiten an vereinbarten Orten.“ „Erzähl sie mir von diesem Grafen. Wer ist er und was sind seine Absichten?“ „Er war mit seinem Knappen von der Schwertleite zurückgekehrt, weil er mir die Spange zurückbrachte, machte er einen Umweg. Er ist ein Graf aus Paltoria.“ Der Herzog nickte. „Aber wie kam es, dass sie sich mit ihm zur Flucht entschieden hat? Und wie kam es zu diesem Balkonsturz? Man fand doch eine zerschmetterte Frau am Felsen unter ihrem Balkon!“ Er sah sie an wie ein Habicht seine Beute in Augenschein nimmt. „Ser Meriks Verhalten brachte mich zu diesem Schritt. Er war grob und hochmütig. Er zeigte mir täglich wie gering er mich schätzte. Er ließ Dirnen vor meinen Augen in seinem Gemach ein und ausgehen. Je gemeiner er mich behandelte, umso freundlicher erschien mir Graf Endarion und ich verliebte mich in ihn. Und auch er sich in mich. Wir wussten eigentlich, dass es aussichtslos war, dass ich einem anderen versprochen war und unsere Liebe keine Zukunft hat. Ich weiß nicht, was passierte, aber sie nahmen Graf Endarions Knappen gefangen und ließen ihn am Turniertag enthaupten. Niemand erzählte mir die Gründe. Ser Endarion geriet in Panik, er wollte umgehend Olathor verlassen, ich flehte ihn an, mich mitzunehmen. “ „Und diese Frau?“ Valésia faltete ihre Hände in ihrem Schoss. „Es war wohl ein tragischer Unfall. Ein Rabe kam täglich zu meinem Balkon, den ich fütterte. Er hinterließ immer Nussschalen und Hinterlassenschaften. Meine Zofe wollte die Balustrade wohl reinigen. Als ich erfuhr, dass sie in die Tiefe gestürzt war, nahm ich diesen Tumult zum Anlass, um zu flüchten. Wir hofften, dass jemand annahm, dass ich es war. Und so war es dann auch.“ „Die Zofe trug ihre Kleidung.“ „Nun, alte abgelegte Kleider werden manchmal in Aramajé an Bedienstete verschenkt. Es war nichts ungewöhnliches.“ Der Herzog nickte verstehend. „Komtess. Diese Frage muss ich ihr dennoch stellen. Hat dieser Mann sie zu etwas überredet, hat er sie unsittlich berührt, hat er sie entehrt? Kann es sein, dass sie nur mit ihm gegangen ist, weil er sie dazu überredet hat, vielleicht mit Gewalt oder Erpressung?“ Valésia schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Nichts davon! Es war mein Einfall und ich bin aus freien Stücken mit ihm gegangen.“ „Und sie und er haben miteinander gelebt wie Eheleute?“ Valésia senkte den Kopf erneut. „Ja, Euer Gnaden.“ Der Herzog zog eine Miene, als hätte er nichts anderes erwartet. „Wenigstens ist sie ehrlich. Das rechnen wir ihr hoch an. Also, was waren nun die Ambitionen dieses paltorischen Grafen? Was wollte er von ihr?“ „Euer Gnaden, er wollte nichts von mir.“ „Was will sie uns damit sagen? Hat er etwa nicht um ihre Hand angehalten? Gibt es denn keinen Ehevertrag den sie unterschrieben hat?“ „Nein, Euer Gnaden.“ „Nichts?“ wiederholte der Herzog. „Ein fremder Adeliger taucht in Ariad auf, verkehrt mit einer Komtess, reist mit ihr, lebt mit ihr, und fordert nichts? Keine Bündnisse? Keine Mitgift? Keine Bestätigung seines Standes? Nicht einmal eine Ehe?“ Valésia schüttelte sacht den Kopf. „Seine Familie wurde entmachtet. Er hat keinen Titel mehr, keinen Anspruch, kein Land.“ Sie hob den Blick, offen, ehrlich. „Er hatte nichts, womit er eine Forderung stellen könnte. Und er wollte es auch nicht.“ Der Herzog musterte sie noch schärfer. „Nicht einmal ihre Hand?“ „Nein. Er hat nie versucht, eine Stellung zu gewinnen. Er hat mich geliebt. Das war alles, was ihm wichtig schien.“ „Das begreifen wir nicht…“ murmelte der Herzog, nun sichtlich überrascht. „Aber ihr war es auch nicht wichtig, diese sündige Verbindung wenigstens zu legitimieren, durch ein Ehegelöbnis?“ Valésia errötete. „Es war mir ein Bedürfnis, dass er mich aus freien Stücken fragt. Doch er hat es nie getan.“ Der Herzog kniff die Augen zusammen. „Komtess, hat sie Anlass zu glauben, ein Kind zu erwarten?“ „Euer Gnaden!“ rief sie, nun sichtlich bestürzt. „Beantworte sie meine Frage. Nichts weiter!“ „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt glaube ich nicht, doch ich weiß es nicht.“ Der Herzog nickte. „Nun. Ich danke ihr für ihre Aufrichtigkeit. Ich will ihr noch sagen, was sie zu erwarten hat, bevor sie unseren Sohn Teran von Ajaran ehelichen darf. Und da kann sie noch froh sein, dass sie so glimpflich davon kommt. Sie wird die Läuterung erfahren.“ Valésia blickte ihn fragend an. „Euer Gnaden, was habt ihr da gesagt?“ „Sie wird vor den Dreien und im Beisein seiner Gnaden, der Oberen sowie den Göttern, von ihren Sünden gereinigt. Ihre Sühne wird geläutert. Ihre Ehre wiederhergestellt und die Schande des Hauses Aramajé abgewendet werden. Sie wird vor den Dreien in Demut stehen. Und allem entsagen, was Sünde ist. Ihren Verfehlungen, ihrer Narretei, ihre verblendete Liebe, und ihren sündigen Verfehlungen, einem anderen beigelegen zu haben. Wenn sie das hinter sich gebracht hat, steht einer Ehe nichts mehr im Wege. Sie kann sich jetzt entfernen.“ Valésia glaubte, sich verhört zu haben. Sie erhob sich, und verließ die kleine Kammer, blass und sichtlich aus der Fassung geraten.
Ein Mann zum Pferdestehlen ❖
baum-da Endres nicht wusste, ob man Valésia unter Druck setzen würde, um zu verraten, in welchem Gasthaus sie einquartiert waren, war Endres sehr unschlüssig, was er nun machen sollte. Auf der einen Seite wollte er die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwie Valésia aus den Fängen ihrer Familie, sowie denen des Herzogs, zu befreien um mit ihr zu fliehen. Doch auf der anderen Seite machte er sich keine allzu großen Hoffnungen. Und dieser Gedanke bedrückte ihn zutiefst. Aber das Risiko, einfach hier zu bleiben, war einfach zu groß. Und so hatte Endres ihre Habseligkeiten zusammengepackt. Jedes Mal, wenn er ein Stück, welches Valésia gehörte, in den Händen gehalten hatte, wurde er melancholisch oder dachte wehmütig an die Frau, die er so liebte, und was sie jetzt in diesem Moment wohl erleiden musste.

Als er endlich alles verstaut hatte, nahm er die Taschen und trug sie aus dem Zimmer. Ein wenig albern kam er sich ja vor, während er in Valésias Kleid und mit schweren Taschen beladen, die Treppen herunter stieg. Insgeheim hoffte er, dass kein Kavalier sich ihm aufdrängte, um ihm beim Tragen zu helfen. Und er überlegte sich schon welche Ausreden, Lügengeschichten oder rührselige Ammenmärchen er auftischen würde, sollte man ihn nach dem Verbleib seines Mannes fragen. Endres erreichte die Budel und der Wirt warf ihm einen neugierigen Blick zu. »Ihr verlasst uns schon, Verehrteste?« Endres hatte sich das Haar so gelegt, dass es teilweise in sein Gesicht hing, da er seine Verkleidung nicht allzu überzeugend empfand. Dazu hatte er sich Valésias Umhang um den Hals gehängt und ihn so drapiert, dass er sowohl seinen Oberkörper, als auch den Hals und das Kinn bedeckte. Für einen flüchtigen Blick sollte seine Verkleidung seinen Zweck erfüllen. Und mehr brauchte er auch nicht. Er hatte seine hohe Stimme einstudiert. Immer wieder hatte er die Tonlage geübt, aber dennoch scheute er sich, allzu viel zu sprechen. Er nickte und stellte die Taschen vor der Budel ab. »Es ist bedauerlich.«, murmelte Endres und seine Stimme brach dabei, da es ihm misslang den geübten Ton zu treffen. »Mein Bruder wurde beraubt. Wir können uns diese Unterkunft nicht mehr leisten.«, säuselte Endres mit einem bewusst niedergeschlagenen Ton. »Das ist wirklich bedauerlich. Soll ich euch beim Tragen helfen? Die Taschen sehen schwer aus.« Endres schüttelte vehement den Kopf. »Aber mitnichten, guter Mann.« Er kramte in einer der Taschen nach ein paar Münzen und legte diese schließlich auf die Budel. »Um die Zeche zu begleichen.« Dann hob er die Taschen auf und schickte sich an, das Haus so schnell wie möglich, aber dabei so unverdächtig wie es ging, zu verlassen. »Seid ihr sicher, dass ihr keine Hilfe braucht? Mein Sohn kann euch gerne eure Habe zu den Stallungen tragen.« Erneut schüttelte Endres den Kopf und warf dem Wirt einen dankbaren Blick zu. »Mein Bruder wartet bereits unten. Bemüht euch nicht.«

Endres huschte aus dem Haus und sobald er die Türschwelle übertreten hatte, beschleunigte er seinen Gang um so rasch wie möglich die Straße zu verlassen. Falls der Wirt ihm nachlaufen würde, wollte er nicht mehr auf der Straße zu sehen sein, denn natürlich wartete kein Bruder auf der Straße. Endres eilte mit großen Schritten über die gepflasterte Straße, bis er eine schmale Treppe erreichte, welche auf eine der höheren Terrassen der Stadt führten. Natürlich war Endres dabei mehr als nur mulmig zumute. Eine Frau, welche schwere Taschen trug, konnte sowohl so manchen Kavalier, als auch so manchen Beutelschneiders Interesse wecken. Er eilte die Straße entlang, bis er endlich bei den Stallungen angekommen war, in welchen Valésias und sein Pferd untergestellt waren. Der Stallbursche warf ihm einen seltsamen Blick zu und als er sich den Pferden näherte, da stellte er seine Mistgabel auf die Seite und trat an Endres heran. »Verzeihung, werte Dame.«, erhob der Stallbursche die Stimme. Endres warf ihm einen fragenden Blick zu, in welchem auch das seltsame Gefühl mitschwang, entlarvt worden zu sein. »Ich fürchte, ich habe euch noch nie hier gesehen. Diese Pferde gehören einem jungen Adelspaar.« Endres seufzte und nickte zustimmend. Er stellte die Taschen auf den Boden und tat einen schrecklich falschen und überhaupt nicht damenhaften Knicks. »Ja, die Dame und der Herr sind meine Herren. Sie haben mir aufgetragen nach den Pferden zu sehen.« Der Stallbursche sah Endres mit einem skeptischen Gesichtsausdruck an. Doch da Endres recht wohlhabende Kleider trug, schien er nicht ganz sicher zu sein, wie er am besten vorzugehen hatte. Da er aber genauso den Zorn seines Herren fürchtete, wenn die Pferde, die bei ihnen untergestellt worden waren, gestohlen wurden, ließ er sich von Endres Ausrede nicht so leicht abwimmeln. »Und, bitte verzeiht mir diese Frage, aber wofür habt ihr dann diese Taschen dabei?« Endres tat einen verlegenen Blick. »Ach, das sind nur einige Einkäufe vom Markt. Die Herrschaften planen ein Fest, zum Anlass der heiligen Prozession.« Der Stallbursche nickte und kratzte sich am Hinterkopf. »Ich verstehe.« Endres wusste, dass er sich etwas einfallen lassen musste, um diesen neugierigen Burschen loszuwerden. »Ich möchte euch wirklich ungern belästigen, werte Dame. Doch wärt ihr so gütig, mir die Namen eurer Herren zu nennen? Damit ich weiß, dass es jene Herrschaften sind, welchen diese Pferde gehören?« Endres lächelte dünn. »Aber gewiss. Der Namen des Herren lautet Edmund. Und die Dame hört auf den Namen Liesbeth.« Der Stallbursche nickte und sein Gesicht zeigte eine deutliche Zufriedenheit. »Wäre dies nun alles, oder wollt ihr mich mit weiteren Fragen belästigen? Ich bin spät dran, und ich möchte den Herrschaften ungern erzählen, dass ihr mich von meinen Pflichten abgehalten habt.«, flötete Endres, welcher nun langsam versuchte den Spieß umzudrehen. Und seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. »Aber gewiss. Ihr werdet sehen, dass die Pferde in sehr gutem Zustand sind. Sie erhalten jeden Tag frisches Futter und werden gut behandelt.« Endres nickte und ein müdes Seufzten entkam ihm. »Das wird die Herrschaften freuen zu hören.« Seine hohe Stimme wurde etwas schriller, da er es nicht gewohnt war, so lange mit dieser Stimme zu sprechen und der Stallbursche bemerkte dies, sehr zu Endres Verdruss. »Verzeihung. Geht es euch gut? Eure Stimme klang so…seltsam.« Endres schnaubte. »Ja, mir geht es…gut.« Das letzte Wort war tiefer und Endres legte sich die Hand auf den Mund und versuchte ein falsches Husten zu inszenieren. Aber der Stallbursche war ein hartnäckiger und aufmerksamer Bursche. Wenn die Umstände anders gewesen wären, müsste Endres ihm seinen Respekt zollen für so viel Pflichtbewusstsein. Der Bursche trat einen Schritt näher und verengte seine Augen zu zwei misstrauischen Schlitzen. Für Endres Geschmack war er ihm viel zu nahe gekommen, da er fürchtete, dass seine schlechte Maskerade den prüfenden Blicken des Burschen nicht standhalten würde. Und so kam es wie es kommen musste. »Ihr seid gar keine Frau!«, rief der Bursche und wandte sich um. »Ich werde meinen Vater holen. Der wird euch aus dem Stall jagen, Sittenstrolch!«

Bei diesen Worten überkam Endres die Panik. Er trat einen Schritt vor und schlug dem Stallburschen die Faust an die Schläfe. Der Bursche ging zu Boden, doch zu Endres Übel war er nicht bewusstlos. Er krabbelte voran und wollte um Hilfe rufen. Endres sprang auf den Burschen und drückte ihm die Hand auf den Mund. »Sei still!«, zischte Endres und drückte dem Burschen zwei ausgestreckte Finger in den Rücken. »Ich habe einen Dolch. Ich werde dich abstechen.« Der Bursche weitete erschrocken die Augen doch er nickte. »Wenn ich meine Hand wegnehme, und du schreist, dann stirbst du.«, grunzte Endres und jedes Wort, dass er aussprach fühlte sich wie Gift auf der Zunge an und bereitete ihm Übelkeit. Der Bursche wandte sich unter Endres und schüttelte den Kopf. »Ich werde still sein.«, nuschelte er zwischen Endres Fingern hervor. Die Worte waren kaum verständlich, doch Endres nickte zufrieden. Er ließ die Hand von dem Mund und zog den Burschen in eine der Unterstände der Pferde. Panik stieg in Endres auf und seine Hände begannen zu zittern. »Ich will dich nicht töten. Aber…du…« Endres begann zu stammeln. »Ich werde niemanden ein Wort sagen. Ich schwörs.«, bettelte der Bursche und Endres seufzte. Sobald Endres den Stall verlassen hatte, würde er aufspringen, zu seinem Vater oder gar zur Stadtwache eilen. Endres konnte sich dieses Vertrauen einfach nicht leisten. Er stand ohnehin schon bis zum Hals in der Scheiße. Dieser Angriff auf den Burschen machte alles nur noch Schlimmer. Endres zerrte an der Tunika des Burschen und als er sie soweit gelockert hatte, stopfte er ihm den Stoff in den Mund. Dann nahm er sich eines der Seile, welche in den Stallungen hingen, um die Pferde führen zu können, und wickelte dieses so um den Kopf des Burschen, dass Seil und Tunika einen schlechten Knebel ergaben. Er zurrte die Knoten fest, und zwang den Burschen dann auf den Bauch. Er drückte ihm sein Knie in den Rücken und begann Arme und Beine miteinander zu verknoten. Als er damit fertig war und von dem Burschen abließ, begann dieser sich zu winden und gegen die Fesseln anzukämpfen. »Bitte verzeih mir. Aber ich brauche diese Pferde.« Kurzerhand hievte er die Taschen auf den Rücken der Pferde und band das zweite Pferd an das seine. Doch bevor er sich in den Sattel setzte, zog er sich das störende Kleid aus und stopfte es in die Taschen. Dann zog er seine Hose und seine Tunika an und schwang sich in den Sattel.

Als Endres mit den Pferden aus den Stallungen ritt, wirbelte er das Stroh, welches am Boden verteilt lag auf und preschte über die Pflasterstraßen. Doch sein Weg führte ihn nicht zum Stadttor. Es wäre sinnlos gewesen diesen Weg einzuschlagen, denn die Tore waren ohnehin versperrt. Stattdessen führte er die Pferde in die obere Stadt. »Scheiße. Was habe ich getan?«, flüsterte Endres und warf immer wieder einen Blick über die Schulter, in Erwartung eine Heerschar Stadtwachen zu sehen, welche ihm auf den Fersen waren. Doch niemand verfolgte ihn. Endres überlegte fieberhaft, was er nun machen sollte. Sein Versuch ungesehen und unbemerkt aus der alten Gaststube zu entfliehen war ein einer absoluten Katastrophe geendet. Selbst wenn er Valésia irgendwie aus der Burg entführen konnte, wäre der Versuch, dieses Tor zu nehmen, reiner Selbstmord.

Da es in die Stadt nur noch ein weiteres Tor gab, und dieses in der Oberstadt lag, führte ihn sein Weg zwangsläufig dorthin. Die Unterkünfte waren hier deutlich teurer. Die Augen und Ohren der Leute deutlich aufmerksamer. Es würde alles viel schwerer werden. Endres schalt sich einen Narren. Er hätte die Pferde einfach dort lassen sollen wo sie waren. Aber mit den schweren Taschen durch die halbe Stadt laufen, und dazu noch in Frauenkleidern, das hätte wohl niemals funktioniert.

Endres erreichte nach einiger Zeit das Stadttor in der Oberstadt. Natürlich war dieses Tor ebenfalls verriegelt und hier standen sogar noch mehr Wachen, als bei dem anderen Tor. Endres zügelte die Pferde und richtete sich im Sattel auf. Seine Blicken hielten nach einer Unterkunft für die Pferde Ausschau. Doch noch bevor er eine entdecken konnte, da trat eine der Stadtwachen an ihn heran, legte seine behandschuhte Hand auf seine Zügel und räusperte sich. Endres erschrak und zuckte zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass der Bursche sich so schnell hatte befreien können um die Stadtwache zu alarmieren, und diese ihn dann auch noch so rasch aufgespürt hatte. Aber ein Mann, der zwei Pferde führte, war ohnehin sehr auffällig. Erneut schalt sich Endres einen Narren. Er handelte so kopflos und unüberlegt und fühlte sich wie eine Fliege, die in ein Glas Wasser gefallen war. »Verzeiht, guter Mann. Aber in der Oberstadt ist es nicht gestattet zu Pferde zu reiten.« Endres warf dem Stadtwächter einen entschuldigenden Blick zu. »Verzeiht, guter Mann. Mein Herr hat mich davon nicht in Kenntnis gesetzt.« Endres löste seine Füße aus den Steigeisen und stieg, natürlich nicht auf der Seite, an welcher der Soldat stand, vom Pferd. »Ich bitte untertänigst um Vergebung, guter Mann.« Der Soldat nickte und war bereits im Begriff die Zügel loszulassen. »Wohin sollt ihr die Pferde überhaupt führen? Die Tore sind geschlossen.« Endres warf dem Mann einen, für seine Begriffe, überaus gekonnt gespielten, überraschten Blick zu. »Ach du liebe Güte. Warum sind die Tore denn verschlossen?« Endres spielte den Ahnungslosen und hoffte, dass der Mann es ihm abkaufen würde. Der Soldat, dessen Hand noch immer auf den Zügeln lag, seufzte. »Es gab einen Vorfall. Der Herzog ließ alle Tore schließen. Ihr könnt die Stadt, bis auf weiteres, nicht verlassen. Selbst mit adeligem Ansuchen nicht.« Endres nickte. »Ich verstehe. Dann werde ich die Pferde in einer der nahen Stallungen unterbringen, und meinem Herrn Bericht erstatten.« Der Soldat nickte. »Ihr könnt die Pferde in den Stallungen am Tor unterbringen, wenn ihr wünscht.« Endres lächelte ergeben. Natürlich war dies ein gewisses Wagnis. Aber der dreiste Gedanke, die Pferde direkt unter den Augen der Stadtwache unterzustellen, und das auch noch völlig umsonst, ließ alle anderen Bedenken, die möglicherweise in ihm aufflammten, ignorieren. »Das wäre in der Tat eine große Hilfe guter Mann.« Endres lächelte so scheinfreundlich wie es sein Gesicht nur konnte und der Soldat nickte. »Dann folgt mir.«

Der Mann führte die Pferde bis zum Stadttor und als sie die Stallungen erreicht hatten, übergab er die Zügel an den Stallburschen. »Diese Pferde gehören einem hohen Herrn…« Er wandte sich an Endres um und sah ihn fragend an. »Wie lautet der Name eures Herrn?«, erkundigte er sich und erwischte Endres damit auf dem falschen Fuß. Natürlich kannte er keine Adelshäuser von Ajaran. Geschweige denn irgendwelche hohen Herren, dessen Name irgendeine Bedeutung hatten. Einen kurzen Moment lang überlegte er ob es klug wäre, sich einfach einen auszudenken? Immerhin konnte so ein einfacher Mann der Stadtwache ja wohl kaum alle Namen wissen. Doch dieser Tag hatte schon so viele böse Überraschungen und fatale Wendungen für ihn bereit gehabt, da wollte er sein Glück nicht allzu sehr auf die Probe stellen. »Mein Herr ist Graf Gunther von Aramajé. Er ist ein Vasall des Herzogs und anlässlich der Prozession zu Gast geladen worden.« Der Mann nickte, doch entweder ließ er sich nichts anmerken, oder er hatte Endres Worte für glaubwürdig genug gehalten. »Also denn. Berichtet eurem Herrn. Und wenn die Tore wieder geöffnet werden, steht es euch frei, die Pferde hinaus zu führen.« Endres deutete eine knappe Verbeugung an und legte dabei seine Hand auf die Brust. »Verbindlichsten Dank. Ich werde mir nur die Taschen von den Pferden nehmen. Mein Herr würde nicht wollen, dass ich sie zurücklasse. Selbst in der Obhut der Stadtwache.« Endres trat an die Pferde heran, band die Taschen von den Satteln, und suchte so schnell wie möglich das Weite.

Als er endlich weit genug von dem Stadttor entfernt war, lehnte er sich an eine Wand und seufzte schwer. »Entweder sind diese Pferde für immer verloren, oder der beste Fluchtweg den ich haben konnte. Das Schicksal möge mir hold sein…«
In die Schranken verwiesen ❖
baum-der Nachmittag war ruhig und Valésia saß am Fenster, das Gebetsbuch aufgeschlagen, die Gedanken jedoch nur halbherzig bei den Dreien, dafür mit ganzem Herzen bei Endres. Sie grübelte, was sie tun konnte, und wieviel Sinn es hatte, irgendeinen Fluchtversuch zu planen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt machte eine Flucht, sofern sie dieses Gemach überhaupt verlassen konnte, keinen Sinn. Dass Roméro ihr so überhaupt nichts von Endres hatte berichten können hatte ihr einen herben Rückschlag versetzt. Dass niemand ihn gesehen oder etwas von ihm gehört hatte, war einerseits beruhigend, da sie annehmen konnte, dass er nicht gefangen genommen war. Aber es half ihr nicht im Geringsten, etwas zu unternehmen. Wenn ihr eine Flucht gelingen würde, wohin dann? Das Risiko, auf gut Glück ihr Quartier an der Stadtmauer aufzusuchen war in Anbetracht der Tatsache dass eine Flucht sicher bald bemerkt wurde, zu groß, Wachen auf ihn zu lenken. Sie konnte also nichts tun, und auch Roméro, da war sie sich so sicher wie sonst nichts auf der Welt, würde von ihren Eltern, und vielleicht nicht nur von ihren Eltern überwacht werden, sodass jegliche Versuche, Endres ausfindig zu machen, von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, wenn sie ihn nicht in Gefahr bringen wollte. Ihre Zofen hielten sich im Hintergrund, im selben Maße wie Valésia damit beschäftigt, in ein Buch zu sehen, jedoch nicht wirklich zu lesen, oder so zu tun, als hätten sie etwas zu ordnen. Jeder wusste, dass es eigentlich nichts zu ordnen gab, und warum sie eigentlich hier waren. Graf Gunter wollte sie unter ständiger Beobachtung halten. Valésias Lippen bewegten sich kaum merklich. Sie betete nicht laut, aber jeder Satz in ihrem Kopf ging an die Drei. Doch sie betete nicht für Vergebung, sondern um einen Ausweg. Um einen Weg, zu Endres gelangen zu können. Um eine Möglichkeit, ihr altes neues Leben wiedererhalten zu können. Um eine Gnade, die sie nicht benennen konnte. Dann klopfte es an der Tür. Eine der Zofen erhob sich sofort, trat an die Türe und öffnete sie. „Ja?“ Ein Diener des Herzogs stand vor der Tür und trat nach Erlaubnis durch die ältere Zofe ein. Er trug ein mit Stoff bedecktes Tablett, das er mit beiden Händen präsentierte, den Blick respektvoll gesenkt. „Ein Geschenk, Komtess,“ sagte er und machte eine angemessene Verbeugung. Die ältere Zofe schob sich vor und stemmte die Hände in die Hüften. „Ein Geschenk? Von wem?“ verlangte sie zu wissen. „Von Prinz Teran.“ Valésia blickte überrascht auf und legte das Gebetsbuch zur Seite. Das Tablett wurde vorsichtig vor ihr auf dem Tisch abgestellt. Die ältere Zofe hob den Stoff an und unter dem Tuch befanden sich kleine, kunstvoll aufgereihte Süßigkeiten. Kandierte Mandeln, leicht mit Honig glasiert, feine, zart duftende kandierte Blüten und Früchte, ein paar süße, rosafarbene Würfel. „Von Prinz Teran?“ fragte Valésia leise, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Jawohl, Komtess.“ Der Diener hielt den Kopf gesenkt. „Seine Hoheit bat mich, Euch seine Grüße zu überbringen.“ „Bitte richtet ihm meinen Dank aus,“ erwiderte Valésia. „Sagt ihm…“ Sie musste kurz nachdenken. Sie wollte ihn weder ermutigen, aber auch nicht beleidigen. „…dass seine Aufmerksamkeit mich ehrt.“ Der Diener verneigte sich. „Sehr wohl, Komtess.“ Er ging wieder und die Tür hinter ihm wurde leise geschlossen. Valésia starrte einen Moment auf die Süßigkeiten, als hätte sie vergessen, was man damit überhaupt tat. Die jüngere Zofe lächelte zaghaft. „Das ist sehr freundlich von ihm, Komtess.“ Valésia nickte langsam. „Ja… das ist es.“ Aber ihre Gedanken eilten schon voraus. Ein Geschenk. Ein erster Schritt. Ein subtiles Herantasten? Und alles, was ich brauche, ist ein Ausweg. Sie nahm einen der rosafarbenen Würfel zwischen die Finger. Er war weich. Zart. Und er roch süß und vertraut nach Rosen. Sie schob sich ein Würfelchen in den Mund und genoss den süßen, sanften Geschmack. Und freute sich über diese Geste.

Die Tage vergingen. Valésia hatte im Lauf der Tage immer wieder etwas von den Süßigkeiten genascht. Die Süße in ihrem Mund nahm ein wenig von der Bitterkeit die sie erfüllte, seit sie sich hier in der Burg befand. Der Alltag hier war von Tristesse erfüllt, sah man von den Stunden ab, die sie mit Roméro verbringen durfte. Auch ihre Mutter hatte sie einige Male besucht. Mit Roméro war sie sich darüber einig, dass jegliche Kontaktaufnahme zu Endres zu vermeiden war. Jedoch auch über die Tatsache, dass sie niemandem in der Burg vertrauen durfte. Dies machte es unmöglich, selbst eine Nachricht hinauszuschmuggeln. Es war aussichtlos! Sie war hier eine Gefangene, und konnte nichts unternehmen! Die Zofen nähten im Hintergrund, blickten ab und zu auf. Ein vorsichtiges Klopfen unterbrach die Stille. Die ältere Zofe öffnete die Tür und machte sofort einen Knicks. „Herr!“ Valésia blickte auf. Teran stand im Türrahmen. Auch die jüngere Zofe sprang auf, verbeugte sich hastig. Teran winkte sofort ab. „Ich wollte nicht stören. Darf ich…?“ Valésia erhob sich langsam. „Herr Teran,“ sagte sie leise. „Ihr stört nicht.“ Er lächelte etwas verlegen und trat ein. Die Tür blieb offen, aus Respekt und der Etikette wegen. Solange gewisse Formalitäten wie die der Läuterung und anschließend eine offizielle Verlobung vollzogen waren, galt es ohnehin als unangemessen, Besuche bei seiner Tochter ohne Graf Gunters Zustimmung zu absolvieren. Er wusste darum, ließ sich davon jedoch nicht beirren. Sein Blick fiel auf das Tablett mit den Süßigkeiten. Und mit einem Mal wirkte er irgendwie erleichtert. „Ihr habt davon gekostet.“ Valésia lächelte „Ich habe fast das halbe Tablett verspeist, so gut schmecken sie.“ „So soll es sein,“ sagte er schlicht. Er sah sich vorsichtig in dem Raum um und meinte schließlich „Ich weiß, Ihr seid nicht freiwillig hier.“ Die Zofen hoben erschrocken die Köpfe, als hätte er etwas ungeheuerliches gesagt. Vielleicht hatte er das auch. Valésia war nicht sicher, wie er es gemeint hatte. „Man ließ mich wissen, dass Ihr Euch selten aus Euren Räumen hinwegbewegt… und dass man Euch aus Sorge um Eure Sicherheit begleitet.“ Valésia antwortete ruhig. „Aus Sorge, ja, so nennt man es. Mein Vater möchte mich im Auge behalten.“ „Ich verstehe, was ihr meint. Nicht jede Sorge fühlt sich wie Schutz an.“ erwiderte Teran. Erneut ließ er seine Augen durch den Raum schweifen. „Ich weiß auch, dass euch viele beobachten.“ „Gewiss, Herr, Man sorgt sich doch sehr um mich“ erwiderte sie spitz und das entlockte ihm ein amüsiertes Lächeln. „Ich wollte Euch nur sagen…“ Er räusperte sich. „Ihr seid nicht allein. Auch wenn es so wirkt.“ Valésia senkte den Kopf und schwieg. Dann trat er einen winzigen Schritt näher, mehr schien er nicht zu wagen, oder vielleicht gestattete mehr der Anstand nicht. „Wenn Ihr etwas braucht, Komtess… Wenn Euch etwas bedrückt… Wenn Euch jemand ungerecht begegnet… Ihr dürft zu mir kommen.“ Er suchte ihren Blick, dann sah er verlegen zur Seite. „Ich kann nicht alles tun. Aber wenn es in meiner Macht steht, dann will ich es gerne tun.“ Valésia neigte den Kopf. „Ihr seid zu freundlich, Herr.“ „Ich versuche stets, es zu sein.“ Ein Moment des Schweigens. Dann zog er sich wieder zurück. „Ich lasse Euch nun.“ Er verneigte sich knapp. „Gehabt euch wohl, Komtess…“

Der Herzog von Ajaran arbeitete an einem Stapel Pergamente, als leises Klopfen die Stille brach. Er hob keine Augenbraue, nur die Stimme. „Herein.“ Teran trat ein, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Gesichtsausdruck war ruhig. Er trat ein, verneigte sich knapp. „Vater. Ich bitte um einen Moment Eurer Zeit.“ Der Herzog hob den Blick. „Sprich.“ Teran trat näher. „Es betrifft die Komtess von Aramajé.“ „Was ist mit ihr?“ erkundigte er sich beiläufig, ohne den Kopf zu heben. Der Prinz wählte seine Worte sorgfältig. „Ich war soeben bei ihr, und ich möchte nicht anmaßend sein…“ Jetzt blickte der Herzog auf. Teran suchte kurz nach einem Satz, der weder anklagend noch beleidigend klang. „.. doch es erschien mir, dass ihre derzeitige Unterbringung ihrem Stand nicht entspricht.“ Der Herzog legte die Feder ab. Ein winziges Zucken in seinem linken Auge verriet, dass er durchaus aufmerksam wurde. Der Sohn des Herzogs fuhr ruhig fort. „Sie ist die Tochter eines Grafen, eine zukünftige Braut unseres Hauses und sie sollte nicht in einem Gemach wohnen, das einer einfachen Hofdame gerecht würde.“ Er machte eine kurze, respektvolle Pause. „Es wäre meinem Verständnis nach angemessen, ihr Räume zuzuweisen, die diesem Rang würdig sind.“ „Du weißt, sie ist unter Aufsicht“ sagte der Herzog. "Nicht eingesperrt.“ „Der Unterschied ist gering, wenn ihr es mir verzeiht.“ Der Herzog sah seinen Sohn länger an, als nötig. „Du zeigst ungewöhnliches Interesse an ihr.“ „Sie wird mir als Braut zugedacht,“ antwortete Teran schlicht. „Es ist mir selbstverständlich nicht gleichgültig, in welchem Zustand sie sich befindet.“ Er machte einen kleinen Schritt vor. Noch immer respektvoll, aber jetzt hörte man die Entschlossenheit „Sie verdient eine Umgebung, die ihrer Stellung entspricht. Ich bitte Euch, sie in größere Gemächer verlegen zu lassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Weg von den unzureichenden Gastgemächern.“ Der Herzog lehnte sich zurück. „Du hältst es also für unangebracht, dass sie bei ihrer Familie verweilt?“ Teran antwortete ohne sich beirren zu lassen „Das habe ich nicht gesagt, doch halte ich es für unangebracht, dass sie mit zwei Zofen in einem Zimmer sitzt, in dem kaum Platz für ein Gebet oder einen Gedanken bleibt. Mit Verlaub, diese Zofen wirken auch äußert einfältig. Keine angemessene Gesellschaft, wenn man den ganzen Tag im Gemach verweilen soll. Als ich mir einen ersten Eindruck über ihre Unterbringung gewährte, musste ich feststellen, dass ihr Gemach einem Gefängnis alle Ehre macht. Darüber hinaus wirkt sie alles andere als frohsinnig.“ Der Herzog strich sich langsam über den Bart, als Zeichen, dass er nachdachte. „Du sprichst ungewöhnlich deutlich.“ „Ich spreche aus Pflichtgefühl und aus Anstand heraus, Vater.“ Teran senkte leicht den Kopf. „Eine Frau, die Ihr an meine Seite stellt, sollte nicht wie eine Angeklagte gehalten werden.“ Der Herzog erhob sich nach einem Moment des Schweigens. „Gut.“ Er trat an seinem Sohn vorbei, die Hände auf dem Rücken verschränkt. „Ich werde umgehend veranlassen, dass ihr bessere Gemächer bereitet werden.“ „Ich danke Euch.“ Der Herzog blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Teran.“ „Vater? „Sie ist kein einfaches Mädchen. Und ihre Lage ist noch weniger einfach. Handle nicht unbesonnen.“ Teran neigte den Kopf. „Eure Sorge um mich ehrt mich.“ Er nickte. Du darfst gehen.“

Die Privatgemächer des Herzogs waren größer als die größten Räumlichkeiten auf Burg Kreuzenstein in Aramajé, und durch die hohen Fenster fiel das Licht der untergehenden Sonne durch die Scheiben und flutete den Raum mit goldenen Wogen. Gunter wurde hereingebeten, und er trat mit forschem Schritt forsch und beherrschter Miene in den Raum. Doch die Stirn, die in Falten gelegt war, verhieß als ob er nichts Gutes ahnte. Er verbeugte sich so knapp wie möglich aber so angemessen wie nötig vor dem Herzog. „Euer Gnaden haben nach mir gerufen?“, sagte er mit verhaltener Höflichkeit. Der Herzog von Ajaran stand nicht auf. Er saß in einem breiten gepolsterten Stuhl aus dunklem Holz. Teran stand zu seiner Linken und er schenkte dem Grafen ein freundliches Kopfnicken, die Hände hatte er wie stets hinter dem Rücken verschränkt. „Graf von Aramajé“, erwiderte der Herzog endlich. „Trete er näher.“ Gunter tat es und blickte den Herzog erwartungsvoll an. „Wir wollen seine kostbare Zeit nicht über die Maßen beanspruchen und werden es kurz machen“, begann der Herzog ohne Umschweife. „Seine Tochter wird umquartiert.“ Der Satz kam wie ein Henkersbeil. Kurz. Endgültig. Gunter konnte seine Überraschung nicht verbergen und er tat es auch nicht. „Wie ist dies gemeint, euer Gnaden…? Ich wurde diesbezüglich nicht einmal konsultiert!“ Der Herzog hob kurz den Blick, als müsse er sich vergewissern, dass Gunter das wirklich gesagt hatte. „Das ist richtig.“ Er machte eine kurze Pause. „Es ist auch nicht notwendig.“ Gunter atmete hörbar ein „Mit Verlaub, Euer Gnaden: Valésia ist meine Tochter. Sie steht untersteht meiner Verantwortung und meinem Schutz.“ „Wohin das seine Tochter gebracht hat, hat er ja gesehen. Offensichtlich war er nicht in der Lage, seine Tochter angemessen zu schützen“, sagte der Herzog ruhig. „Sie ist eine Verbindung zwischen unserem Haus und dem seinen. Also wird sie in Gemächern untergebracht, die ihrem Stand entsprechen. Gunter war sprachlos, versuchte es aber noch einmal, nun mit frostiger Höflichkeit. „Ich hätte es zu schätzen gewusst, von Euer Gnaden informiert zu werden, bevor…“ „Er ist jetzt informiert“, unterbrach ihn der Herzog. „Eine letzte Frage, euer Gnaden, wenn ihr mir gestattet?“ Der Herzog machte eine gnädige Handgeste. „Bitte…“ „Wer hat das veranlasst?“ „Wir haben das veranlasst, selbstverständlich!“ „Das ist mir bewusst. Jedoch, auf wessen Vorschlag hin entschiedet Ihr dies, euer Gnaden? Hat meine Tochter sich etwa beklagt?“ Der Herzog schüttelte den Kopf. „Seine Tochter scheint von Natur aus bescheiden und hatte sich mit den Gemächern, die er ihr zuwies, offenbar zufrieden gezeigt. Nein, die Anregung stammte von unserem Sohn Teran. Und da sein Urteil in dieser Angelegenheit offenbar schärfer war als das des Vaters, habe ich es unverzüglich umgesetzt.“ Graf Gunters Blick flog zu Teran. Dieser begegnete ihm mit gelassener Ruhe. Gunter blieb stumm. Er verstand, dass er kein Recht auf Protest hatte. Der Herzog fuhr fort, die Stimme noch immer gelassen „Die Gemächer seiner Tochter bei ihm waren… akzeptabel… für eine Hofdame. Nicht für die angehende Schwiegertochter eines Herzogs.“ Nun trat Teran einen Schritt nach vorne. „Vater, verzeiht… Da es mein Wunsch war, dass die Komtess unter würdigeren Bedingungen untergebracht wird…“ Er wandte sich knapp an Gunter, respektvoll, aber unerbittlich. „… hoffe ich, Ihr nehmt mir das nicht übel, Ser Gunter. Es ist keine Frage eurer Fähigkeiten… Sondern von ihrer Stellung. Sie verdient etwas mehr Raum und ansprechendere Gesellschaft. Sie ist selbstverständlich eine kluge Frau. Darum habe ich auch veranlasst die Zofen, die auf mich einen etwas einfältigen Eindruck machten, durch zwei unserer Hofdamen zu ersetzen. Seid unbesorgt, sie bringen die gleichen guten Fähigkeiten mit, nur sind sie von höherem Stand und daher gebildeter. Ich hoffe ihr habt nichts dagegen.“ Gunter antwortete mit einem Lächeln, das absolut kein Lächeln war. „Natürlich nicht, Herr! Wie könnte ich Eurem Wunsch widersprechen?“ Der Herzog lächelte. „Wunderbar! Nun, da dies zur Zufriedenheit aller geklärt wurde, darf er sich nun entfernen!“ Gunter verneigte sich steif.

Die Tür zu den privaten Gemächern fiel kaum hörbar ins Schloss, doch Gunter stob hinein, als wäre sie laut hinter ihm zugeknallt. Die Gräfin saß auf einem Polsterstuhl, ein Buch lag geöffnet auf ihrem Schoß, und sie hob nur eine Braue, als ihr Gatte unruhig durch den Raum ging. „Ich nehme an, du willst mir etwas sagen?“ meinte sie spitz. Gunter blieb stehen, atmete einmal tief durch, seine Hände waren so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Das kann doch nicht sein!“ donnerte er, so laut, dass die Gräfin erschrocken blinzelte. „Das ist eine bodenlose Frechheit!“ Er lief zwei Schritte auf und ab, unschlüssig, als ob er sich nicht entscheiden konnte, in welche Richtung er laufen wollte. „Er nimmt sie mir einfach weg! Einfach so! Ohne ein Wort! Ohne mit mir Rücksprache!“ Er lachte kurz auf, als wäre er nun übergeschnappt. Ein trockenes, empörtes Lachen. „Meine eigene Tochter!“ Die Gräfin hob eine Hand, um ihn zu bremsen. „Gunter, was redest du da? Wer nimmt dir deine Tochter weg?“ „Prinz Teran. Dieser… dieser…“ Er suchte nach einem halbwegs höflichen Wort und gab schließlich auf. „…dieser Platz drei…!“ Die Gräfin legte ihr Buch beiseite. „Was sprichst du da? Was hat er getan?“ Gunter fuhr sich durch den Bart. „Er ist zum Herzog marschiert. Hat beim Herzog insistiert und sich auch noch durchgesetzt! Gegen mich!“ „Worum ging es denn?“ „Um Valésia. Nein, um ihre Gemächer. Um ihre Behaglichkeit…“ Er pfauchte das letzte Wort beinahe aus. „Er hat sich förmlich bei seinem Vater beklagt als ob ich meine Tochter wie eine Gefangene behandle! Und der Herzog hat eingewilligt. Und jetzt wird meine Tochter aus meinen Gastgemächern geholt und in bessere Gemächer verlegt. Im Südflügel! IN der Nähe der herzoglichen Gemächer. In der Nähe des Prinzen.“ Die Gräfin nickte langsam. „Das klingt doch nicht schlecht.“ „Nicht schlecht???“ Gunters Stimme schraubte sich in die Höhe und aus ihm sprach eine Empörung, als hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben. Die Gräfin atmete durch, langsam, um Ruhe bemüht. „Aber er ist dennoch der Sohn des Herzogs. Und er hat sicherlich seine Gründe…“ Er fiel ihr ins Wort „Seine Gründe? Seine Gründe???“ Gunter fuhr wieder herum. „Seine Gründe interessieren mich einen Dreck! Weißt du eigentlich, was das bedeutet?“ Er stemmte die Hände in die Hüften. „Ich werde künftig vor meiner eigenen Tochter stehen wie ein Bittsteller! Ein Bittsteller!“ Die Gräfin strich sich nervös eine Strähne aus dem Gesicht „Gunter, bitte. Der Herzog…“ „Der Herzog! Der Herzog hat mich schon beim Abendessen gedemütigt, indem er sie zu einer privaten Unterredung befohlen hat! Ohne mein Beisein! Und jetzt das!“ Er schlug mit der Faust in seine offene Handfläche. „Das ist ein Schlag ins Gesicht! Er begann wieder auf und ab zu gehen, diesmal schneller. „Man hätte mich einbeziehen müssen. Ich hätte… Ja, ich hätte wenigstens gefragt werden müssen. Es ist doch meine Tochter!“ Die Gräfin sah ihn fragend an. „Und was willst du tun?“ Für einen Moment stockte ihm der Atem. Dann flüsterte er „Nichts! Ich kann nichts tun. Er ist der Herzog und mein Lehnsherr. Ich kann verdammt noch mal, nichts tun… Er stellt mich vor vollendete Tatsachen, als wäre ich irgendein Vasall ohne das geringste Mitbestimmungsrecht! Er nimmt sie, läutert sie nach seinem Belieben und reicht sie dann seinem dritten Sohn wie einen Wanderpokal!“ Gräfin Aurelia wurde rot im Gesicht „Gunter! Ich bitte dich, sprich nicht so über unsere Tochter!“ „Aber es ist wahr! Ab heute werde ich behandelt wie einer, der höflich um Erlaubnis fragen muss, seine Tochter zu besuchen!“
Hoffnungsschimmer ❖
baum-zwei Tage schon waren die Tore geschlossen, um einen Mann zu fassen, auf welchen der Herzog ein Kopfgeld von einer ganzen Dreimark ausgesetzt hatte. Und in den letzten zwei Tagen gab es weder Erfolge, noch auch nur Berichte, dass man ihn irgendwo gesehen hatte. Dafür gab es allerlei Berichte über Unruhen, vor allem in den Handelsbezirken. Händler standen entweder vor den Toren und mussten ihren Waren beim Verderben zusehen, oder fahrende Händler waren in der Stadt gefangen und konnten nicht heimkehren. Und es häuften sich auch gewisse, kriminelle Aktivitäten. Besonders in den Regionen des unteren Stadttores. Dreiste Diebe, Überfälle und sogar ein besonders dreister Dieb, der zwei Pferde aus den Stallungen gestohlen hatte und sich dafür als Frau verkleidete. Die Stadtwache hatte alle Hände voll zu tun, die Unruhen im Griff zu behalten. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Kunde schließlich auch an den Herzog herangetragen wurde. Die Tür öffnete sich und ein Diener trat in die Empfangskammer des Herzogs. »Was hat er zu berichten?« Der Herzog wirkte angespannt. »Die Vertreter der Zünfte stehen in der Halle, euer Gnaden.« Der Herzog verzog eine mürrische Miene. »Was ist ihr Begehr?«, verlangte der Herzog zu erfahren und der Diener hüstelte verlegen. »Sie verlangen, dass die Tore wieder geöffnet werden. Ihre Waren verderben. Ihre Geschäfte leiden.« Der Herzog zog die Stirn in Falten und winkte abfällig. »Er möge ihnen ausrichten, dass wir sie empfangen werden.« Der Diener verbeugte sich demütig und verließ die Kammer. Kaum hatte der Diener die Tür verschlossen, ließ der Herzog seine Faust auf den Tisch donnern. »Verflucht!«, rief er zornig doch er sammelte sich schon sehr bald wieder, zog sich sein Gewand zurecht, und erhob sich von seinem schweren Stuhl.

Erhaben trat der Herzog aus seiner Kammer und wurde von einer Ansammlung von Männern in Empfang genommen, welche alle durcheinander gesprochen hatten, manche von ihnen voller Unmut. Doch als der Herzog vor ihnen stand, verstummten sie. »Wohlan. Sie mögen sich erklären und ihre Belange vortragen!« Der Herzog nahm auf einem großen, hölzernen Stuhl Platz, den man beinahe für einen Thron halten mochte. Ein Mann trat hervor und verbeugte sich respektvoll. »Euer Gnaden?« Der Herzog nickte und hob seine rechte Hand, zum Zeichen, dass er dem Mann gestattete zu sprechen. »Mein Name lautet Bernholm von Alendaria. Ich vertrete die Kaufmannszunft.« Der Herzog sah ihn eindringlich an und ließ seine Blicke durch den Raum schweifen. »Und er?« Er deutete auf einen anderen Mann. »Euer Gnaden. Mein Name lautet Harald von Ajaran. Oberster Schatzmeister der Silberbank. Zu euren Diensten.« Mit diesen Worten verbeugte er sich untertänig und straffte dann sein teures Gewand, welches er vermutlich gerade für diese Audienz extra hatte herausputzen lassen. Der Herzog nickte und warf erneut Blicke durch die Menge. »Nun. Es ist nicht vonnöten, dass ein jeder einzeln hervortritt und sich mit Namen vorstellt. Sie mögen ihren Namen und ihr Anliegen dem Schreiber vortragen. Wir werden jeder Stimme das gebührende Gehör schenken.« Die Männer nickten, doch auch wenn der Herzog es rein aristokratisch und pragmatisch abkürzen wollte, doch man sah ihnen an, dass sie in ihrem Stolz gekränkt waren. Allerdings hatte niemand den Schneid dies auch anzusprechen. »Wer von ihnen ist der Sprecher für alle?« Ein Mann räusperte sich und hob zaghaft die rechte Hand. Der Herzog winkte ihn heran und der Mann leistete der Aufforderung seines Fürsten Folge. »Wie lautet sein Name?« »Baron Gunther von Aramajé. Euer getreuer Vasall. Von den Vertretern der Zünfte und Gilden, zu ihrem Vertreter gewählt worden, ihre Anliegen vorzutragen, euer Gnaden.« Der Bernsteingraf verbeugte sich und als er dadurch sein Gesicht abgewandt hatte, konnte er sich ein schneidendes Lächeln kaum verkneifen. Er hatte die Wahl natürlich etwas beeinflusst, und dies war seine Art, sich für die Demütigungen etwas zu revanchieren. Auch wenn der Herzog ganz genau wusste, wer er war, hatte er dennoch einfach so getan, als ob er ihn gar nicht kennen würde. Gunther konnte aber nicht einschätzen, ob der Herzog einfach nur der Etikette gefolgt war, oder ob ihn einfach bewusst demütigen wollte, was den Bernsteingraf nur noch weiter in seinem Zorn befeuerte.

Als Gunther sich wieder erhoben hatte, hob der Herzog von Ajaran die Hand. »Dann möge er als die Stimme der Zünfte sprechen.« Gunter trat einen weiteren Schritt vor. »Euer Gnaden. Es ist das Anliegen der Handelszünfte, der Kaufleute, der Bauern und aller Gewerke vor den Toren. Die Silberbank, die Stallmeister und selbst die Stadtwache. Die Tore sind nun seit zwei Tagen geschlossen, wegen dieses…dieses…« Gunter stockte, da er selbst ja auch davon betroffen war, dass Endres die Prozession gestört und seine eigene Tochter sich nun in den Händen des Herzogs befand, anstatt dass er sie in die Heimat bringen konnte, um einen würdigen Gemahl für sie zu finden. Stattdessen hatte der Herzog sie einfach seinem dritten Sohn zugedacht. Und das alles über seinen Kopf hinweg. Gunter fühlte sich übervorteilt. Der dritte Sohn. Auch wenn er der Sohn eines Herzogs war. Das war nicht die Verbindung, die er für seine Tochter angedacht hatte und allein bei dem Gedanken daran, schnürte sich ihm die Kehle zu. »paltorischen Frevlers.« Der Herzog nickte. »Aus gutem Grund, wie er sicher weiß. Der Frevler muss gefasst werden.«, antwortete der Herzog und die Männer begannen zu murmeln. Aber es war eher ein verhaltenes Murmeln. »Euer Gnaden. Die Zünfte und Gilden ersuchen euch, die Tore zu öffnen. Die Waren verderben. Händler sitzen in der Stadt fest. Die Bank verzeichnet bereits sinkende Einnahmen. Handwerker, Bauern und die Niederen sitzen vor den Toren und kommen nicht hinein.« Der Herzog verzog eine grimmige Miene. Es war ihm natürlich bewusst, dass der die Tore nicht ewig geschlossen halten konnte. Doch er wollte diesen Mann um jeden Preis zu Fassen bekommen. Aber die Unruhe der Männer war deutlich spürbar und er hatte ein feines Gespür für Probleme. Wenn er die Vertreter der Zünfte nun mit herzoglicher Autorität in ihre Schranken verwies, würde dies zu weiterem Unmut führen. Und Probleme hatte er schon jetzt genug. »Wohlan!«, rief er und schnippte mit den Fingern. Der Vertreter der Stadtwache trat hervor und schlug sich die Faust auf die Brust. »Die Tore sollen wieder geöffnet werden. Doch jeder Mann, der die Stadt verlassen will, sei geprüft. Jeder Wagen durchsucht, jeder Verdächtige verhört. Er darf diese Stadt nicht verlassen!« Und damit donnerte der Herzog seine Faust auf die Stuhllehne, erhob sich und verließ, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, den Saal.

Endres saß in einer Schenke, nahe des Tempels der Drei, welcher an dem großen Marktplatz lag. An demselben Marktplaz lag auf das Tor zur großen Silberbank und zu allerlei exklusiver Handelshäuser. Doch die Schenke, in welcher Endres an einem schalen Bier saß, war etwas näher am großen Tor und daher mehr von Fahrendem Volk und Tempeldienern besucht, als von hohen Adeligen. Die Schenke war ungewöhnlich voll, was dem Wirt natürlich sehr gelegen kam. Doch viele Menschen, die hier saßen, wussten einfach nicht wohin sie sonst gehen sollten, denn sie waren keine Bürger der Stadt. Sie waren einfach nur in der Stadt gestrandet, weil die Tore geschlossen waren. »Wann machen sie endlich wieder die Tore auf! Mein Weib wartet auf mich.«, brummte ein Mann, der nicht weit von Endres saß. »Ha, dein Weib. Wenns dir nur danach geht, hier gibt es einige Dirnenhäuser.« Der Zweite lachte und erntete dafür einen Hieb auf den Oberarm. »Ich bin ein treuer Mann. Und sie macht sich sicher schon Sorgen, dass etwas vorgefallen ist.« »Bei dir wartet nur dein Weib. Bei mir wartet ein Schiff in Liranda! Und wenn ich die Überfahrt verpasse, sitze ich in Liranda über zwei Wochen fest, bist das nächste Schiff ausläuft! Wer kommt für meine Unkosten auf? Meine Verluste? Niemand!«, klagte ein betuchter Händler, der schon den dritten Becher Wein getrunken hatte. »Und das alles nur wegen so einem Lump, der den Herzog bestohlen hat!« Da klopften die meisten Männer mit ihren Knöcheln auf die Tische. »Möge die Pest ihn holen!« Und bei diesen Worten zeichneten die Männer sogleich das Schutzzeichen der Drei auf ihre Schultern und die Stirn, da sie natürlich selbst von der Pest verschont bleiben wollten. »Ich habe gehört, dass sie ihn gefasst haben.« »Red keinen Unsinn! Wenn sie ihn gefasst haben, warum sind dann die Tore noch geschlossen?« »Ich denke, der ist noch aus der Stadt geflohen, bevor die Tore geschlossen waren und über alle Berge. Und wir sitzen hier eingepfercht wie die Schweine!« Wieder brummten die Männer zustimmend und grummelten und klopften auf die Tische. »Wenn ich den Kerl erwische, schleife ich ihn höchstpersönlich vor den Herzog! An seinen Eiern!«, rief der fahrende Händler, der inzwischen schon seinen vierten Becher Wein bestellt hatte.

Endres rutschte etwas unangenehm auf seinem Stuhl und versuchte sich kleiner und unauffälliger zu machen als er jetzt schon war. Er nahm seinen Bierhumpen, tat einen kräftigen Schluck und stellte ihn wieder vor sich ab. Und das tat er jedes Mal, wenn einer der Männer zufällig in seine Richtung sah, obwohl sein Humpen längst leer war.

Fanfaren erschallten, in weiter Ferne. Auf dem Marktplatz waren Stadtwachen aufmarschiert und ein Herold verkündete die herzoglichen Befehle. »Seine Gnaden, Herzog Heron von Ajaran, der Dritte, lässt verkünden, dass die Tore der Stadt wieder geöffnet werden!« Die Nachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, und an manchen Plätzen, zu welchen die Herolde kamen, um diese zu verkünden, war sie schon bereits in aller Munde. Stadtwachen marschierten bei den Toren auf und verstärkten die Mannschaften an den Toren, um den herzoglichen Befehl, jeden Mann, jeden Wagen und jeden Verdächtigen zu prüfen, zu durchsuchen und zu drangsalieren. Und der eine oder andere von ihnen, würde dabei wohl auch den aufgestauten Frust der letzten beiden Tage ablassen. Vermutlich würden die Vertreter der Zünfte und des Adels schon bald wieder beim Herzog vorstellig werden, um sich darüber zu beschweren, dass Adelige und Kaufleute von den Wachen bedrängt, befragt und gar durchsucht wurden. Ein Adeliger, welcher von einem gemeinen Stadtwächter aufgehalten oder gar angefasst wurde! Das war ein unglaublicher Affront! Doch die Herolde hatten auch an den Toren Stellung bezogen, schlugen beglaubigte Verlautbarungen an die hölzernen Tore, und riefen in regelmäßigen Abständen den herzoglichen Befehl aus. Die Stadtwache war natürlich angehalten, Adelige und Wohlhabende ihres Standes gemäß zu behandeln. Doch da der Gesuchte ebenfalls von Adel war, gestaltete es sich schwierig die Würde des Adels nicht zu brüskieren und gleichzeitig dem Befehl des Herzogs Folge zu leisten.

Endres tat gerade einen weiteren, gespielten Schluck aus seinem leeren Humpen, als ein Mann in die Schenke trat. »Die Tore wurden geöffnet! Die Herzog hat die Tore öffnen lassen!« Sogleich kam eine beinahe hektische Bewegung in die Masse. Die Männer sprangen von ihren Plätzen auf. Warfen Münzen auf die Budel, strömten zur Tür. Der Wirt hatte Mühe den Überblick zu behalten, dass auch wirklich jeder seine Zeche beglich. Doch letzten Endes war der Strom der Männer, die schon seit zwei Tagen in dieser Stadt ausgeharrt hatten, zu stark. Und zweifellos hatten einige von ihnen, in ihrem Überschwang, auch vergessen die Zeche zu bezahlen. Am Ende saßen nur noch drei Männer in der Schenke. Und einer davon war Endres der leise zu Lachen begann. »Was lachst du?«, murrte einer der anderen Beiden und Endres antwortete, ohne seinen Blick in die Richtung des Mannes zu heben. »Alle rennen zum Tor und wollen raus. Das wird ein heilloses Durcheinander. Sie werden stundenlang stehen, bis sie endlich draußen sind.« Und da grinste der Mann und klopfte auf den Tisch. »Dann doch lieber sitzen und noch ein Bier trinken.« Endres hob seinen leeren Becher und stimmte ihm stumm zu. Doch die Nachricht hatte Endres natürlich auch erfreut. Nun gab es eine Hürde weniger, auf dem Weg hinaus aus der Stadt. Er erhob sich, legte eine Münze auf den Tisch, und verließ dann, gemächlich, die Schenke.

Endres musste feststellen, dass sich die Lage kaum verbessert hatte. Die Stadt war in Aufruhr. Menschen strömten zu den Toren, und in jeder Straße sah man Männer und Frauen, Händler mit Wagen und Stadtwachen. Und als Endres erfuhr, dass selbst Adelige kontrolliert werden, da verzog er eine verdrießliche Miene. Er musste sich etwas einfallen lassen. Und noch viel wichtiger war es, herauszufinden, wo Valésia untergebracht worden war und ob es irgendeine Möglichkeit gab, mit ihr in Kontakt zu treten. Endres war kein echter Adeliger. Er war auch kein Stratege oder Spion. Er war einfach nur ein Mann, der aus dem Bauch heraus entschied. Er ließ sich vom Schicksal leiten. Wohin es ihn geführt hatte, konnte er sehen, aber er bewertete es oftmals einfach falsch. Früher, als er törichte Ideen oder waghalsige Pläne geschmiedet hatte, gab es seinen besten Freund, der ihn stets gebremst hatte. Er war der Klügere gewesen. Er hätte Endres zur Vernunft geraten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er Valésia niemals aus Olathor mitgenommen. Wenn Endres auf ihn gehört hätte, würde er heute noch am Leben sein. Doch Endres war ganz allein. Die Sorge um Valésia trübte seinen klaren Verstand. Es benebelte förmlich seine Sinne. Vermutlich wäre es klug gewesen, in der Stadt zu verharrten. Vielleicht irgendwo in der Nähe der Wachhäuser, oder der Zünfte. Oder vielleicht sogar im Tempel der Drei. Irgendeinen Ort, an dem er unscheinbar wirkte. Orte, an denen er Pläne schmieden konnte, Informationen aufschnappen. Orte, wie eine Schenke, in welchen der Adel verkehrte. Oder vielleicht auch eine Schenke, welche vom Hofstaat des Herzogs besucht wurde. Orte an denen Knechte, Laufburschen und Kämmerer ihre Zeit verbrachten, wenn sie nicht im Dienst waren. Irgendjemand wusste immer etwas. Doch Endres war weder ein sehr geduldiger Mensch, noch ein sehr besonnener Mensch. Die Reisen mit Valésia hatten ihn, in dieser Hinsicht, reifen lassen. Doch nun war Valésia ihm genommen worden. Er war ganz alleine, in einer fremden Stadt, gesucht und mit einem Kopfgeld am Hals. Er hatte keine Freunde. Keine Verbündeten. Keine Aussichten. All seine Gedanken drehten sich nur um Valésia. Wenn er sie doch nur irgendwie sehen konnte. Oder ihr eine Nachricht zukommen lassen, dass er am Leben war? Oder wenn er wenigstens ihren Bruder irgendwie sehen konnte. Er war ein Lebemann. Gerne in Tavernen. Doch es gab so viele Orte, an welchen er nach ihm suchen könnte. Eine Nadel im Heuhaufen war einfacher zu finden. Und dass Roméro ebenfalls unter Hausarrest stand, wusste Endres ja auch nicht. Er fühlte sich vom Glück verlassen und vom Schicksal betrogen.

Und so tat Endres, was ein Mann seines Standes, seines Verstandes und in seiner Lage machen konnte, etwas sehr Unüberlegtes. Er schlenderte über den Marktplatz. Vorbei an der Silberbank. Vorbei an den herrschaftlichen Häusern. Und vorbei am großen Tor des herzoglichen Palastes. Er schlenderte die Mauer entlang, welche den Palast vom Rest der Stadt trennte, bis er jenen Ort erreicht hatte, den er zu erreichen gedachte. Das Gesindehaus. Hier gingen Diener, Boten, Zulieferer, Knechte und Mägde ein und aus. Knechte lieferten Holz und Mägde kehrten vom Markt zurück. Boten und Kuriere kamen und gingen, mit ledernen Taschen und herzoglichen Erlassen. Und natürlich gab es auch die Niederen. Die Männer, die den Abort leerten. Die Frauen trugen schmutzige Wäsche in den Hof um sie zu waschen. Endres wusste, dass gerade die Niedersten der Niederen oft sehr gut Bescheid wussten, was in der Burg ihres Herren vor sich ging. Doch er war ein gesuchter Mann. Er konnte nicht einfach zum Gesindehaus gehen, den Kämmerer oder Kellermeister verlangen, und nach Valésia fragen. Er musste sich schlau anstellen. Er musste die richtigen Worte finden. Und er musste dabei natürlich vermeiden, unnötiges Aufsehen zu erregen. Und so lehnte er sich an die Stadtmauer, zog sich das fettige, rußgeschwärzte Haar, aus dem Gesicht und wischte anschließend den Dreck, der an seinen Fingern haften geblieben war, an seiner Hose ab. Er wollte nicht wie ein Niederer aussehen. Aber auch nicht wie jemand von Wert. Ein Küchenjunge, von Ruß geschwärzt. Oder ein Stallbursche. Wenn Endres einen Spiegel gehabt hätte, dann wäre ihm aufgefallen, dass er mehr wie ein Schinder aussah. Nur dass er nicht nach Urin und Mist stank.

Er nickte, mehr zu sich selbst, um sich Mut zu machen, und steuerte dann auf den kleinen Torbogen in der Mauer zu. Das Tor stand offen, und zwei Wachen standen davor und sahen gelangweilt dem Treiben der Leute zu. Natürlich hoffte Endres, dass man ihn hier am allerwenigsten erwarten würde. Wer wäre schon so dumm und dreist, ausgerechnet in die Burg des Herzogs einzudringen, wenn man von diesem gesucht wurde? Aber natürlich gab es immer misstrauische Männer, die Fremde mit Argwohn bedachten. Endres hatte natürlich die Erfahrung gemacht, dass gerade bei den Dienern niemand so genau darauf achtete, wer da eigentlich ein und ausging, und besonders Wachen oder Adelige sich auch nicht wirklich darum scherten, wenn es um die Niederen ging. Sie waren der Puls, der die Burg am Leben hielt. Aber nur wenigen von ihnen war es gestattet, unter die Augen des Adels zu treten. Und jene Menschen kannte der Haushofmeister oder der Kämmerer. Fremde fielen hier sofort auf. Doch in der Küche? Oder im Kohlenkeller? Es war nicht das erste Mal, dass Endres sich in das Haus einer Dame einschlich, um sie zu sehen. Doch es war das erste Mal, dass es die Burg eines Herzogs war, und nicht einfach nur das Haus eines einfachen Adeligen oder freien Ritters. Sein Herz hämmerte wild in der Brust, als er an den Wachen vorbeiging. Er hielt seinen Blick gesenkt, seinen Gang gerade und seine Haltung sollte zeigen, dass er von der vielen Arbeit müde war. Wenn er zu langsam ging, würden sie ihn antreiben. Würde er zu schnell gehen, wäre dies verdächtig. Endres passierte die Wachen, welche ihn nur eines flüchtigen Blickes würdigten, und stand schließlich im Hof des Herzogs von Ajaran! Natürlich nicht in den prächtigen Gärten, mit den schönen, gepflasterten Böden. Doch er war in der Höhle des Löwen!

Ein wenig mulmig war es Endres zumute, als er schließlich über die Schwelle, ins Innere des Gesindehauses trat. Es herrschte geschäftiges Treiben und allerlei Leute liefen emsig umher. Knaben und Mädchen, Knechte und Mägde. Manche von ihnen trugen Dinge wie Kisten, Säcke oder Speisen umher. Andere trugen Eimer, Besen oder ein Huhn, welches aufgeregt gackerte. Zwischen all dem organisierten Chaos, stachen hier und da einige Personen heraus. Sie erteilten Befehle, vergaben Aufgaben und waren stets darauf bedacht, dass jeder etwas zu erledigen hatte. Endres schnappte sich einen losen Sack, von dem er nur mutmaßen konnte, was sich darin wohl befinden mochte, und trug ihn ziellos durch die Gegend. Irgendwann hatte er die Küche erreicht und der Duft von frischem Wildbret und Pastete kroch ihm in die Nase. Das Wasser lief ihm förmlich im Mund zusammen, denn er hatte schon lange keine richtig anständige Mahlzeit mehr genossen. Eine Frau mittleren Alters, stand bei einem großen Ofen und zog gerade die heißen Pasteten heraus. Eine Ältere saß, gemeinsam mit einem kleinen Mädchen, in einer Ecke und schälte Wurzelgemüse, Kartoffeln und Rüben. Und Endres stand irgendwie mittendrin, mit dem Sack in beiden Händen, und wusste nicht so recht, wie ihm geschah. »Stell den Sack da hin!«, befahl die kräftige Frau und zog sich dabei die dicken Handschuhe aus. Endres sah sich suchend um, und entdeckte dann einen Stapel weiterer Säcke auf welchen er dann den seinen fallen ließ. »Komm her! Hilf mir hier mal.«, rief die Frau und Endres sah sich unschlüssig um. Außer ihm gab es noch einige Mägde, welche jede irgendeiner Tätigkeit nachgingen. Endres zuckte mit den Schultern. Es wäre eine gute Gelegenheit die Frau in ein belangloses Gespräch zu verwickeln. Ein bisschen plaudern. Ein paar Worte einstreuen. Und dann hoffen, sie würde auf diese Worte anspringen und ihm irgendwie weiterhelfen können. Endres näherte sich dem Ofen und die Frau deutete auf einen großen, gusseisernen Kessel. »Der Kessel. Stell ihn auf den Herd.«, befahl sie mit einem bestimmenden, resoluten Ton. Endres ergriff den Kessel an den beiden großen Henkeln und hob ihn an. Oder zumindest versuchte er es, denn der Eisenpott war unglaublich schwer. Er schleifte ihn mehr über den Boden, als dass er ihn trug und die Frau sah ihn nur kopfschüttelnd an. Aber Endres ließ sich nicht beirren. Er zog den Kessel bis zu dem Herd und brachte alle Kraft auf, die er nur aufbringen konnte, und stellte ihn dann schließlich auf die offene Feuerstelle. »Gut. Jetzt bring mir Wasser. Wir müssen die Suppe kochen.« Endres nickte doch er hatte ja keine Ahnung wo der Brunnen war. Doch er würde die Arbeit schon an irgendeinen Knecht übergeben. »Die Pasteten riechen herrlich.«, sagte Endres mit einem milden Lächeln. Eben jenes Lächeln, was ihm schon so oft beim Eröffnen eines Gespräches geholfen hatte. Doch bei dieser Frau verfehlte es gänzlich seine Wirkung. »Das Wasser kommt nicht von allein in den Kessel.« Verdutzt sah er sie an und zu allem Überfluss schien sie dies auch noch bemerkt zu haben. »Was schaust du so? Rede ich undeutlich?« Endres schüttelte den Kopf. »Nein. Ich…Ich geh ja schon.« Endres trollte sich und als er die Küche hinter sich gebracht hatte, da stieß er mit einem Knecht zusammen, welcher gerade einen großen Sack mit Mehl getragen hatte. Der Sack fiel zu Boden und die Naht riss auf. Mehlstaub verteilte sich überall im Raum, und auch auf der Kleidung der Beiden. »Ah! Nein! Pass doch auf wo du hinläufst!«, rief der Knabe und klopfte sich das Mehl von den Kleidern. »Die Alte wird mit den Kopf abreißen!«, jammerte er daraufhin und Endres seufzte nur. »Ich…ich hab dich nicht gesehen.«, murmelte Endres verlegen, dem die ganze Situation immer unangenehmer wurde. »Ich soll Wasser holen. Was hältst du davon, wenn ich das Mehl nehme, und du dafür das Wasser holst? Dann kann sie dir auch nicht den Kopf abreißen.« Endres lächelte verlegen. Es war wieder dieses einstudierte Lächeln, welches für gewöhnlich das Eis brach. Und dieses Mal zeigte es Erfolg. Der Knabe nickte und huschte auch schon davon. Endres schickte sich an den Mehlsack aufzuheben, doch noch bevor er ihn überhaupt auf die Schultern packen konnte, bellte die Stimme der kräftigen Frau. »Was machst du denn da?«, herrschte sie ihn an. »Das gute Mehl! Das ist schon das dritte Mal diesen Monat, dass du einen Sack auf den Boden fallen gelassen hast!« Endres sah die Frau verwirrt an. Doch als er an sich heruntersah, wurde ihm klar, warum sie ihn nicht sogleich erkannte. Er hatte so viel Mehl auf der Kleidung, dass er aussah, als hätte er darin ein Bad genommen. Noch ehe Endres auch nur irgendetwas sagen konnte, flog ihm ihre Hand an den Schädel und der Schlag brachte ihn aus dem Gleichgewicht. »Los! Stell den Sack in die Stube und dann hilf mir mit den Pasteten! Seine Gnaden, hat eine Pastete für die Dame bestellt! Sie soll noch dampfen, wenn sie bei ihr aufgetischt wird. Stell die Pastete auf das Holztablett und dann die Glocke drüber, du Taugenichts!« Endres packte den Mehlsack und hievte ihn wieder auf seine Schultern.

Der Sack war so schwer, dass es ihm im Kreuz schmerzte, doch er biss die Zähne zusammen und trug den Sack bis in die Stube. Dann klopfte er sich, so gut es ging, das Mehl vom Leib, und huschte zu der Anrichte, auf welcher die Pasteten aufgereiht waren. Er hob eine davon auf das hölzerne Tablett und sah sich dann suchend nach der Glocke um. Doch von dieser war zunächst weit und breit keine Spur zu sehen. Allem Anschein nach war Endres eine furchtbare Küchenhilfe. Die kräftige Frau hatte scheinbar an allem, was er auch anfasste, etwas auszusetzen. »Bei den Dreien! Du Holzkopf! Du sollst die Pastete doch nicht einfach so auf das Tablett legen!« Endres verzog mürrisch den Mundwinkel. »Aber du hast doch gesagt…« Sie holte aus und verpasste Endres noch eine Schelle. »Sag, hat dich heut ein Esel getreten? Seit wann legen wir die Pasteten einfach so auf das Tablett? Ohne Teller? Ohne Silberbesteck? Und ohne vorher die Hände zu waschen? Wenn seine Gnaden das sehen würde, ließe er dich auspeitschen!« Da schnaubte Endres, denn so langsam riss ihm der Geduldsfaden. »Auspeitschen? Wegen einer Pastete?« Und abermals kassierte Endres eine Schelle, die noch heftiger war als die letzte. »Nicht wegen der Pastete! Die Komtess hat seit Tagen kein Essen angerührt! Alles muss perfekt sein. Bis zu den Preiselbeeren!« Endres Augen weiteten sich und begannen förmlich zu leuchten. »Die Komtess? Die Bernsteinrose?« Er biss sich förmlich auf die Zunge, als er die Worte laut ausgesprochen hatte. Die Köchin schnaubte nur. »Bernsteinrose. Sie sieht aus wie jedes andere, adelige Mädchen. Richte die verdammte Pastete her und mach es ordentlich.« Endres nickte eifrig. Er nahm einen schönen, weißen Teller und legte die Pastete genau in die Mitte. Dann stellte er den Teller auf das Tablett und daneben legte er fein säuberlich das silberne Besteck, welches er zuvor noch mit einem Tuch polierte. Doch bevor er schlussendlich die Glocke über das Tablett legte, sah er sich verstohlen um. Er griff in seine Tasche und kramte den kleinen Ring hervor, welchen er aus Valésias Habe eingesteckt hatte. Als er in der Stube gesessen hatte, und all ihre Habseligkeiten eingepackt, bei jedem zweiten Stück in Wehmut verfallen, und ständig an sie gedacht hatte, da hatte er den Ring bei sich behalten. Eigentlich war es eine törichte, verträumte Geste gewesen. Doch nun war er froh über diese unerwartete Wendung des Schicksals. Er drückte den Ring in die Seite der Pastete, wischte kurz mit dem Finger darüber, um das Loch halbwegs zu verbergen, und stellte dann die Glocke darüber. Dass Valésia womöglich auf den Ring beißen konnte, daran dachte er in dem Moment nicht. Nur dass sie, sobald sie den Ring sehen würde, wusste, dass er noch am Leben war. Und nicht weit von ihr! Und das beflügelte ihn förmlich und er begann zufrieden zu lächeln.
Der Käfig ohne Gitter ❖
baum-eine Zofe der Herzogin erschien kurz nach der Mittagsstunde, verbeugte sich knapp und teilte Valésia mit, dass ihre neuen Gemächer vorbereitet seien. Valésia nickte und folgte ihr schweigend. Der Weg durch die Gänge fühlte sich endlos lange an, und Valésia hing ihren Gedanken nach. Denn eine Übersiedelung fühlte sich bisweilen immer anders an. Zu diesem Zwecke waren ihre Habseligkeiten stets in Truhen gepackt und an ihren neuen Ort der Bestimmung gebracht worden. Doch alles, was Valésia nun besaß, war das, was sie am Leib getragen hatte, und das war nicht viel gewesen. Sie hatte lediglich ihre bürgerlichen Gewänder getragen und diese waren nun ersetzt worden durch standesgemäße Gewänder, die entweder eine Leihgabe oder eine Schenkung waren. Valésia wusste es nicht. Doch niemals zuvor hatte sie weniger Besessen als zu diesem Zeitpunkt. Im Südflügel öffnete die Zofe eine Tür und trat zur Seite. Der Raum dahinter war groß. Sonnig. Durch einen kleinen Erker fiel helles Licht in den Raum und über einen Tisch, auf dem bereits ein Krug Wasser und ein Teller mit Obst standen. Der Boden war mit Binsen und Kräutern bestreut und duftete frisch und heimelig. Zwei Frauen warteten bereits darin und verneigten sich als sie Valésia erblickten. „Wir wurden Euch zugeteilt, Komtess Valésia,“ sagte die ältere von beiden, mit ruhigem Tonfall. „Ich bin Alida, und das ist Leda. Wir stehen Euch zur Verfügung für alles, was Ihr benötigt.“ „Wir gehören dem Hof der Herzogin an,“ ergänzte Leda. Valésia verstand genau, was diese Worte bedeuteten. Ihre Loyalität würde wohl dem Hof des Herzogs gehören und nicht dem Hof von Aramajé. Alida lächelte höflich und deutete auf ein Polster im Erker. „Die Sonne fällt am Nachmittag besonders schön hinein und manchen Tagen ist sie herrlich warm. Wenn Ihr wünscht, kann ich einen Sitzteppich auslegen oder wärmende Decken. Die Herzogin legt Wert darauf, so sagte sie, dass es Euch an nichts fehlt.“ Es klang freundlich. Aber es fühlte sich wie eine Tür an, die sich hinter ihr geschlossen hatte und schließlich zugesperrt worden war. Valésia trat langsam in den Raum und blickte sich staunend um. Er war hell und schöner als alles, was sie seit Kindertagen an, gesehen hatte. Und doch fühlte sie sich, als wäre sie von einem goldenen Käfig in einen größeren goldenen Käfig gesetzt worden. Sie legte eine Hand auf die Fensterbank und blickte durch die bleiverglasten Fenster nach draußen. Das Licht das sie blendete, tat fast in den Augen weh. Es war schön hier. Aber dennoch ein Ort, der auch nur ein goldener Käfig war.

Valésia saß am kleinen Tisch, der sich mitten in dem Raum befand und nachdem das allgemein geschäftige Treiben der Dienerschaft, die Dinge hin und hertrugen, abgenommen hatte, waren die beiden ihr zugeteilten Hofdamen Alida und Leda damit beschäftigt, Ordnung in den hölzernen Truhen zu machen. Sie sortierten Wäsche, die man der Komtess zugewiesen hatte, die ja mit nichts anderem als dem das sie am Leib getragen hatte, in die Burg gekommen war. Auch einige Kleider, Leibwäsche und Utensilien die eine hohe Dame brauchte, waren darunter. Ein leises Klopfen ließ die ältere Hofdame Leda aufblicken. Sie erhob sich, strich den Rock glatt und öffnete die Tür. Eine Küchenmagd stand davor, ein Tablett in den Händen. „Ich bringe das Essen für die Komtess…“ erklärte sie schüchtern. Die Hofdame nickte, nahm das Tablett entgegen und die Küchenmagd knickste unbeholfen vor Valésia. „Danke“ sagte Valésia leise und nickte der Magd freundlich zu. „Du kannst gehen“ erwiderte Leda und die Magd knickste erneut, stolperte rückwärts aus dem Raum und schloss die Tür. Leda trug das Tablett zu ihr hinüber, stellte es ab und hob die Glocke mit einer beinahe feierlichen Bewegung in die Höhe. Der Duft der heißen Pastete erfüllte mit einem Mal den Raum. Sie sah tadellos aus. Die Pastete war mit kleinen ausgestochenen Teigformen verziert, die akkurat darauf drapiert und mitgebacken worden waren. Neben der Pastete befand sich ein Schälchen mit dick gekochtem Preiselbeerkompott. Leda wünschte der Komtess einen guten Appetit und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, ebenso wie die andere Hofdame Alida, und in dem Raum kehrte wieder die stille Routine zurück. Valésia griff nach dem silbernen Löffel. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast matt und doch lag darin eine kleine Spur von Dankbarkeit dafür, dass man sich so viel Mühe gegeben hatte. Sie fragte sich, ob diese Pastete durch eine Anweisung von ihrem Vater an die Küche zubereitet worden war, oder ob es Zufall war. Fleischpastete war Valésias Leibspeise und obgleich sie nach wie vor keinen rechten Appetit verspürte da die Sehnsucht nach Endres und die Einsamkeit tief in ihrem Leib saßen und keinen Raum für mehr gaben, so beschloss sie, zumindest ein wenig davon zu essen. Sie schnitt mit dem Löffel ein Stück ab und kostete davon. Es schmeckte köstlich. Ein zweiter Bissen folgte, dann ein dritter, und für einen kurzen Moment verspürte Valésia so etwas wie Behaglichkeit, da sie der Geschmack an eine Zeit erinnerte, als die Welt für sie noch vollkommen in Ordnung gewesen war. Als der Löffel beim vierten Bissen unerwartet auf etwas Hartes traf, hielt sie inne. Sie erwartete ein Steinchen, oder ein Stück Knochen. Etwas, das zwar nicht vorkommen durfte, aber manchmal doch auftrat, wenn der Koch das Mehl nicht vorher gesiebt hatte oder das Fleisch für die Pastete nicht sorgfältig genug ausgelöst worden war. Sie schob die Teigkruste und Füllung vorsichtig mit dem Löffel beiseite, und ein kleines metallisches Schimmern drang in der Pastete hervor. Sie erkannte es als Gold, noch bevor sie wusste, was genau sie hier eigentlich sah. Ein Ring. Klein, beinahe zierlich, mit einem kleinen, rund polierten eingefassten Bernstein. Im ersten Moment verstand sie nicht, was dies bedeuten sollte doch in der nächsten Sekunde stockte ihr der Atem. Sie kannte diesen Ring. Denn es war ihr Ring! Einst war es ein Geschenk ihrer Eltern gewesen. Jeder aus ihrer Familie trug Bernsteinschmuck, und Valésia besaß neben ihrer Kollektion großartiger Schmuckstücke die sie zu größeren Anlässen trug, auch diesen Ring, der sie stets im Alltag begleitet hatte. Doch seit sie mit Endres geflohen war, hatte sie ihn abgelegt und in ihrem Gepäck verstaut, da das Gold nur unliebsame Blicke oder nicht rechtschaffene Menschen anzog. Der Schock schoss so abrupt durch sie, dass der Stuhl unter ihr leise knirschte. Sie sah auf, intuitiv, fast panisch, um festzustellen, ob die Hofdamen etwas bemerkt hatten, doch beide waren vertieft in ihr Tun, die eine mit halb geneigtem Kopf über dem Stoff, die andere die mit bedächtigen Stichen eine Näharbeit verrichtete. Keine der beiden hatte etwas bemerkt, keine der beiden sah auf. Valésia säuberte den Ring von der Pastetenfüllung und schloss die linke Hand um den Ring, und legte ihre Hand in den Schoss. Und mit einem Mal ergriff sie ein tiefes Gefühl von Wärme und Sehnsucht. Ihr Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen und das Blut dröhnte in ihrer Brust und in ihrem Kopf. So heftig, dass ihr beinahe schwarz vor den Augen wurde. Das Lächeln, das sich auf ihre Lippen legte, war so plötzlich gekommen, dass sie beinahe keine Macht mehr über ihre Gesichtsmuskulatur besaß. Endres war hier. Hier, in diesen Mauern. Es konnte gar nicht anders sein, wie sonst wäre ihr Ring in dieses Pastete gekommen? Die Erkenntnis war zu groß, um sie zu fassen und zu gefährlich, um sie zu zeigen.

Ein erneutes Klopfen an der Tür traf sie wie ein Schlag. Leda hob den Kopf, wechselte einen Blick mit der jüngeren Hofdame Alida, schien ihre Näharbeit nicht beiseite legen zu wollen, deutete ihr mit einem Kopfnicken zur Türe und Alida erhob sich langsam und trat an die Türe. Als sie diese öffnete, trat sie einige Schritte zurück und verneigte sich. „Prinz Teran“, sagte sie, und in ihrer Stimme lag eine Mischung aus Respekt und Aufgeregtheit. Valésia fuhr herum. Sie schob ihre Hand tiefer in die Falten ihres Kleides, den Ring in ihrer kleinen Faust wie ein brennendes Geheimnis darin verschlossen. Teran trat ein, höflich, aufrecht, und blieb wenige Schritte vor Leda stehen, die sich nun doch erhoben hatte und ihm entgegen getreten war, als galt es ihn davon abzuhalten, in dieses Gemach zu treten, in dem sich nur Frauen aufhielten. Seine Augen glitten über Valésias Gesicht, als ob sie dort irgendetwas suchten, doch er sagte nichts, bevor er sich leicht verneigt hatte. „Verzeiht, Komtess. Mir war nicht bewusst, dass ihr gerade speist, und bitte um Verzeihung für diese rücksichtslose Störung.“ Valésia schluckte, obwohl es keinen Bissen in ihrem Mund herunter zu schlucken gab. „Ihr stört nicht, Hoheit, ich habe meine Mahlzeit bereits beendet…“ antwortete, schob zur Demonstration das Tablett mit dem Teller und der halb verzehrten Pastete von sich und trotz aller Mühe lag ein belegter Ton in ihrer Stimme, wie bei jemandem, der bei einer kleinen Unart ertappt wurde. Teran nickte langsam, wandte sich dann den Hofdamen zu. „Ihr könnt uns einen Augenblick allein lassen.“ Beide Frauen erstarrten; die jüngere wirkte, als hätte man sie gebeten, vom höchsten Turm der Burg zu springen, doch auch Leda schien dieselben Gedanken zu hegen. Belehrend begann sie „Hoheit, es ziemt sich nicht, dass ihr…“ „Ich weiß,“ unterbrach er sie ruhig. „Trotzdem bitte ich Euch, uns allein zu lassen.“ Es war keine Bitte, es war ein Befehl. Doch er sprach mit der Ruhe und Gelassenheit die entweder guter Erziehung entsprang oder ganz einfach seiner eigenen, gelassenen Art entsprach. Valésia konnte es nicht sagen, dazu kannte sie ihn nicht gut genug. Doch eines konnte sie mit Bestimmtheit sagen. Dass er von allen Herzogsöhnen, die sie bisher kennengelernt hatte, obgleich es nur zwei gewesen waren, der angenehmste und höflichste war. Die beiden Hofdamen tauschten einen schwer zu deutenden Blick, aber sie verbeugten sich gehorsam und schlüpften durch die Tür hinaus, die hinter ihnen ins Schloss fiel. Die Stille kehrte in den Raum zurück und Teran blieb einen Moment stehen, um ihr nicht zu nahe zu treten. Dann kam er vorsichtig näher. „Darf ich mich setzen?“ deutete er auf den zweiten Stuhl der an dem Tischchen stand. Valésia nickte. Er zog den Stuhl ein wenig von dem Tisch weg, wohl um einen gebührlichen Abstand zu schaffen und ließ sich darauf nieder. Eine Weile sagte keiner etwas. „Komtess“ begann er schließlich. „Ich wollte mich vergewissern, ob Euch die neuen Gemächer gefallen.“ Er schien einen Moment zu zögern, „Und… ob es Euch etwas leichter fällt als zuvor.“ Sie sah ihn an, und der Blick schien ihm zu genügen. Valésia ballte die geschlossene Faust so fest um den Ring, dass seine Kanten sich beinahe schmerzhaft in ihr Fleisch gruben, und die Kombination aus der Glückseligkeit, dass Ihr Geliebter ihr ein Zeichen aus der Burg heraus geschickt hatte, und die Angst, das dies aufgedeckt und ihre neu gewonnene und einzige Hoffnung zerschlagen würde, trieb ihr wohl jede Farbe aus dem Gesicht. „Und ich hörte,“ fuhr er fort, „… dass Ihr oft weint…“ Sein Blick glitt über den Teller mit der Pastete von der sie nur wenig gegessen hatte. „…dass Ihr wenig esst. Und dass Ihr… bedrückt wirkt. Verzeiht mir, dass ich so offen und ungehörig mit euch spreche, es steht mir nicht zu, doch um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich sorge mich um euch.“ Valésia schluckte erneut und spürte mit einem Mal dass ihre Augen sich schwer mit Tränen füllten und dass ihr Blick verschleiert wurde. Noch bevor sie blinzelte, liefen diese Tränen dick und schwer über ihre Wangen. Ein Beben ging durch ihren Körper, als sie ihre freie Hand vor ihre Augen legte und peinlich berührt diese Emotionen die ihren Körper übermannt hatten zuließ, da sie ohnehin machtlos dagegen war. Teran wartete, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte, dann wagte er zu fragen „Was macht euch so unglücklich, Komtess? Kann ich etwas für euch tun, dass es euch leichter macht?“ „Es ist wahr, ich bin sehr unglücklich“, sagte sie leise, und irgendwie war sie erleichtert, diese Worte endlich ausgesprochen zu haben. „Ich bin einsam. Und egal, wohin man mich setzt, es fühlt sich gleich an. Ich werde beobachtet. Ich fühle mich… ich bin eingesperrt.“ Er sagte nichts und gerade dieser Umstand machte es ihr leichter, weiterzusprechen. „Ich versuche, mich zu fügen. Aber ich durfte zumindest für eine kurze Zeit lang erleben, wie Freiheit sich anfühlt. Wie ihr sicher wisst, weiß ich, wie es war, an der Seite eines Mannes zu sein, der mich nicht als sein Eigentum oder wie einen Gegenstand den man hin und herreicht wie es dienlich ist betrachtete, sondern als… als gleichgestellt und frei in der Entscheidungsgewalt. Und…“ Sie schluckte hart. „Es ist schwer, zurückzukehren in etwas, das man nie wirklich wollte. Freiheit ist ein so süßes Gefühl. Aber Liebe ist ein noch viel süßeres Gefühl. Und es ist unsagbar schmerzhaft von einem Menschen fortgerissen zu werden, den man mit ganzem Herzen liebt und der dasselbe empfindet.“ Sie wischte sich die Tränen ab und fügte flüsternd hinzu „Jetzt wisst ihr, was mich bewegt.“ Teran war sehr still. „Glaubt mir, ich wollte nicht, dass man es merkt“ flüsterte sie. „Man merkt es,“ sagte Teran jetzt. „Und man sieht Euch an, dass Ihr leidet. Es… beunruhigt mich.“ Sie senkte den Blick. Ihre rechte Hand umklammerte die linke Hand die immer noch den Ring fest umschlossen hielt „Und ich bitte euch in aller Demut und Aufrichtigkeit um Vergebung. Ich weiß, dass Ihr nichts dafür könnt. Ihr wart gut zu mir. Ich möchte Euch keine Schmach oder Demütigung zufügen. Aber ich kann nicht anders. Ich kann mein Herz nicht umlenken.“ „Ihr müsst euch dafür nicht entschuldigen. Ich danke Euch, dass Ihr mir die Wahrheit gesagt habt. Es braucht Mut, so zu sprechen. Und vielleicht auch ein wenig Vertrauen. Ich schätze beides.“ Eine Weile herrschte Schweigen. Doch es war seltsamer Weise kein unangenehmes Schweigen. Einfach wohltuende Stille und Ruhe. Valésia lockerte den schmerzhaften Griff um den Ring. Die Hand schwitzte und für einen Moment überlegte sie, sich den Ring unauffällig auf den Finger zu streifen. Doch sie wagte es nicht. Sie hatte wahnsinnige Angst, dass es einem aufmerksamen Blick auffallen würde, dass sie diesen Ring bislang nicht am Finger getragen hatte und man Fragen stellen oder anderwärtige Schlüsse ziehen würde. So behielt sie ihn in ihrer Faust. Sie hob schließlich den Blick wieder und sah Prinz Teran an. Es schien, als hätte er nur darauf gewartet, dass sie das getan hatte denn er richtete wieder Worte an sie. „Komtess… Ihr solltet nicht hier drinnen sitzen und warten, bis die Stunden Euch immer schwerer werden. Kommt. Ein Spaziergang wird Euch guttun. Und ich begleite Euch gern, wenn Ihr es gestattet.“ Sie nickte. Mehr war ihr nicht möglich. Er erhob sich und schenkte er ihr ein verschmitztes Lächeln. „Ohnehin sollten wir diese Tür nicht länger verschlossen halten. Eure Hofdamen schlagen sonst noch Alarm.“ Das entlockte Valésia ein ehrliches Lächeln. Teran öffnete die Tür und die beiden Hofdamen standen da wie angewachsen. Die Münder halb geöffnet, die Augen groß vor Fassungslosigkeit. Kein Laut kam über ihre Lippen, als er an ihnen vorbeiging, Valésia direkt hinter ihm. Erst dann hielt er inne und befahl knapp „Bringt der Komtess einen warmen Umhang. Sofort.“ Die Damen fuhren zusammen und eilten los. Als sie Valésia den Umhang über die Schultern legten, wünschte Teran ihnen einen guten Tag, bevor er und Valésia davonzogen.

Er öffnete die Tür, und sie gingen hinaus in die kalte Luft des Burghofs, in das fahle Winterlicht, das sich, wenn man sich Draußen befand, ganz anders verhielt als wenn man es nur vom Inneren einer Burg sah. Valésia atmete tief ein und als sie wieder ausatmete, fiel ein wenig von ihrer Schwere ab. Sie schlenderten über den Burghof, bis hin in den anderen Teil des Burghofes. Ihr Blick hatte sich auf die große Linde gelegt, die mächtig ihre ausladenden Äste in den Hof erstreckte und Raureif ließ ihre Äste starr erscheinen. Valésia konnte sich nicht entsinnen, wann sie zuletzt so etwas wunderschönes gesehen hatte. Die Ruhe dieses Hofes war schön, vielleicht sogar tröstlich, aber Valésias Augen suchten etwas anderes, als Gerüche die bezeugten, dass in der Burgküche am anderen Ende des Hofes, wo sich die Wirtschaftsgebäude befanden, bereits am Abendessen zubereitet wurde. Als sie den Zugang zur Küche entdeckte, blieb ihr Blick einen Moment zu lange daran haften. Ein Gedanke formte sich, unauffällig und doch drängend. „Prinz Teran…“, sagte sie leise. Er drehte sich zu ihr, aufmerksam. „Darf ich mich bei den Köchen bedanken, dass sie mir meine Leibspeise zubereiteten? Für die Pastete. Sie war… sehr gut.“ Er sah sie einen Herzschlag lang an, und es war offensichtlich, dass er die Bitte ungewöhnlich fand. Doch dann lächelte er leicht, höflich und ohne Argwohn. „Natürlich. Es ist stets angemessen, Dank zu zeigen.“ Und so führte er sie näher an die Tür, hinter der Endres vielleicht stand. Oder war er schon fort? Sie wusste es nicht. Als sie sich der Schwelle näherte, fühlte sich ihre Faust, die die ganze Zeit den Ring eisern umschlossen hatte so an, als wäre der Ring ein schlagendes Herz, das nur für sie pulsierte. Teran und Valésia standen einen Moment lang vor der schweren Küchentür, beide unschlüssig, ob sie einfach eintreten sollten oder warten, bis jemand ein oder ausgehen würde. Nach draußen drang das Klappern von Kesseln und irdenem Geschirr, das Keifen und Zetern einer Frau war zu vernehmen und es duftete nach Brot und Gebratenen, leise und laute Stimmen murmelten dahinter. Schließlich öffnete Teran die Tür mit der selbstverständlichen Ruhe eines Mannes, der eigentlich überhaupt nicht darüber nicht nachdenken musste ob er das, was er eben tat tun durfte, oder nicht. Eine Magd näherte sich neugierig, blieb abrupt stehen und verneigte sich hastig, als sie den Prinzen erkannte. Teran verlor keine Zeit mit Höflichkeiten. Er erklärte ruhig, dass die Komtess Valésia den Wunsch habe, sich für die köstliche, eigens für sie gebackene Pastete zu bedanken. Seine Stimme war so gelassen wie immer, und die Magd schluckte überrascht, bevor sie errötend den Weg freigab und davoneilte. Die Bediensteten staunten nicht schlecht über die hohen Herrschaften, die langsam durch die Küche traten. Valésia blickte sich neugierig um. Sie war noch nie in einer Küche gestanden. Ein Koch, der herangeeilt war und sich die Hände an seinem Wanst abwischte, verneigte sich und blickte die beiden erwartungsvoll an. „Komtess Valésia wünschte ein Wort mit Euch“, sagte er ruhig. „Es betrifft die Pastete, die Ihr für sie bereitet habt.“ Mehr fügte er nicht hinzu. Kein Lob, kein Dank, keine Andeutung dessen, was sie selbst sagen wollte. Er ließ dem Koch nur genug Information, um den Moment zu verstehen, und überließ Valésia den Rest. Der Koch senkte den Kopf vor der Komtess. „War damit etwas nicht in Ordnung, werte Dame?“ fragte er unbeholfen. Sie schüttelte den Kopf während sie ihre Worte an den Koch richtete und sich gleichzeitig verstohlen in der Küche umsah „Oh nein, ganz im Gegenteil. Ich war sehr erfreut, dass man mir meine Leibspeise zubereitete. Sie schmeckte sehr gut und ich wollte euch meinen Dank übermitteln. In dieser Pastete steckte sehr viel Hingabe… und… Liebe… Ich habe es gesehen.“ Während sie sprach, warf Teran ihr einen kurzen Seitenblick zu, ein Hauch von Verwunderung. Kein Lächeln, aber auch kein Spott. Ein flüchtiger Blick er erkennen ließ, dass sie ihn mit dieser Geste überrascht hatte. Valésia war bewusst, wie töricht dies alles war, doch sie musste einfach diese Gelegenheit ergreifen obgleich sie nicht einmal im Ansatz erahnen konnte, ob Endres in der Nähe war.
Flüsternde Mauern ❖
baum-eigentlich wäre es schlau gewesen, die Burg so schnell wie möglich zu verlassen, nachdem Endres die geheime Botschaft in der Pastete platziert hatte. Endres erwartete nicht, dass Valésia nun, da sie wusste, dass er am Leben war und in der Burg, sofort zu ihm in die Küche kommen würde. Eher noch war zu erwarten, dass der Ring von einem Bediensteten gefunden wurde, bevor die Pastete überhaupt Valésia erreicht hatte. Und dass man nun in die Küche käme, um herauszufinden woher dieser Ring kam. Man würde der Köchin Schlampigkeit vorwerfen und diese würde ihre Wut an den Untergebenen auslassen. Aber so einen Ring konnte sich niemand leisten, der beim Gesinde und den Niederen arbeitete. Es würde Fragen aufwerfen. Fragen, auf welche keiner eine Antwort haben würde. Endres versuchte indes weiteren, unliebsamen Aufgaben, die man ihm zuschustern konnte, aus dem Weg zu gehen. Aber wenn er schon einmal in der Burg war, wollte er die Gelegenheit etwas mehr zu erfahren, oder vielleicht einen Weg in die Gemächer des Herzogs zu ergründen.

Er stromerte, im Strom der Bediensteten, durch die verschiedenen Räume. Aber er fand nur die Treppe hinunter zum Kohlekeller, und allerlei Lagerräume. Das herzogliche Gesindehaus hatte für beinahe jede Art von Lebensmittel gesonderte Räume. In einigen lagerten nur Obst, welches fein säuberlich geschlichtet worden war, um es möglichst lange haltbar zu halten. In anderen hingen Würste und gepökeltes Fleisch. Schon allein beim Anblick lief Endres das Wasser im Mund zusammen. Doch gerade in diesem Raum schien es einen Kellermeister zu geben, der die Dienerschaft stets im Auge behielt, dass niemand auf die Idee kam, sich heimlich eine Wurst einzustecken. In anderen Räumen lagerten Käse, Mehlsäcke und allerlei Kräuter und Gewürze. Vermutlich würde man mit all den Lebensmitteln, die hier gelagert wurden, die ganze Burg einen halben Mond lang ernähren können. Dennoch kamen täglich neue Waren.

Aber letzten Endes musste Endres ernüchternd feststellen, dass es nur einen Weg aus dem Gesindehaus in die eigentliche Burg gab. Und genau dort standen wieder zwei Wachen. Doch, im Gegensatz zu jenen vor der Mauer, wirkten diese alles andere als gelangweilt und unaufmerksam. Endres fühlte förmlich wie sich ihre misstrauischen Blicke in seinen Rücken bohrten. Und er entschied, dass es viel zu gefährlich war, sich länger als nötig ihren Blicken auszusetzen. Ein Bediensteter…ein Niederer, der offensichtlich keine richtige Beschäftigung hatte. Das konnte Endres gar nicht gebrauchen, wenn er soviel Aufmerksamkeit erregte, dass die Beiden ihn gar ansprachen. Und so trollte er sich wieder zurück in die Küche. Doch als er die Küche betrat, da glaubte er seinen Augen nicht zu trauen.

Da stand sie. Mitten in der Küche. Wunderschön wie in jenen Tagen, als er ihr das erste Mal begegnete. Sie trug ein elegantes Kleid und wirkte kein Bisschen mehr wie noch vor wenigen Tagen, als sie sich als Gemeine getarnt hatten. Sein Blick erstarrte und sein Herz hämmerte in der Brust. Er konnte einfach nicht anders, als sie anstarren. Doch er wagte es nicht, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht, weil er nicht wollte, dass sie ihn sah. Sondern vielmehr, dass er förmlich gelähmt war, aufgrund der Tatsache, dass er sie endlich vor sich sah. Flüchtige, törichte Gedanken huschten durch seinen Kopf. Er konnte einfach ein Messer schnappen, oder einen Hammer. Den schneidigen Adeligen, der etwas hinter ihr stand, bedrängen. Die Menschen beiseite drängen. Er könnte sie einfach ergreifen und mit ihr aus dem Gesindehaus fliehen. Doch egal wie unbesonnen er auch war…so dumm war er auch wieder nicht. Binnen kürzester Zeit wären sie umstellt. Es würde schon allein an der Mauer scheitern, wo die gelangweilten Wachen standen. Und selbst wenn sie es bis in die Stadt schaffen würden. Die Pferde bei den Stallungen würden sie niemals erreichen. Eine Flucht durch die Stadt, am helllichten Tag, verfolgt von Wachen…Es war aussichtslos.

Und so starrte er sie nur an. Er, mit seinem gefärbten Haar, Überall Mehl auf der Kleidung, im Schatten des großen Ofens. Und sie, mitten in der Küche, als ob das Licht des Himmels direkt auf sie scheinen würde. Er kam sich so bedeutungslos vor und ihrer überhaupt nicht würdig.

Als Valésia die Küche wieder verlassen hatte, brauchte Endres noch eine Weile, bis er wieder ins Hier und Jetzt zurück fand. »Was stehst du so bescheuert wie angewurzelt da? Los! An die Arbeit!«, bellte die Köchin und Endres zuckte förmlich zusammen, in Erwartung erneut eine Ohrfeige zu kassieren. Doch von einer Ohrfeige blieb er verschont. Er duckte sich und huschte von dannen. Aber er dachte nicht im Traum daran, noch einen weiteren Handgriff im Dienste des Herzogs zu machen. Und so verließ er das Gesindehaus und kurz darauf schritt er durch das kleine Tor, an welchem die beiden gelangweilten Wachen noch immer standen und ihn erneut keines Blickes würdigten.

Endres‘ Gedanken kreisten nur um Valésia. Wie konnte er sie wiedersehen? Wie könnte er sich ihr ungesehen nähern, um mit ihr zu sprechen? Oder wie könnte er die Mauer überwinden, durch den Burghof schleichen, an einer Wand empor klettern und zu ihrem Balkon gelangen, wie ein närrischer, verliebter Recke? Er schüttelte den Kopf. Es war einfach unmöglich. Er würde niemals so weit kommen. Selbst wenn er sich als Adeliger ausgab, musste er sich eine richtig gute Geschichte ausdenken, um überhaupt vorgelassen zu werden. Und Valésia war in der Obhut des Herzogs. Anscheinend hatte sie auch einen Adeligen Herrn, der sie auf Schritt und Tritt begleitete. Endres überlegte weiter und spielte allerlei Szenarien durch. Doch jeder seiner Gedankengänge führte letzten Endes in eine Sackgasse. Es gab keinen Weg zu Valésia. Sie war in einem goldenen Käfig, zu welchem er keinen Schlüssel und keinen Dietrich hatte oder kannte. Seine einzige Möglichkeit war es, an ihren Bruder heranzukommen, um über ihn einen Weg zu finden. Doch Roméro aufzutreiben war genauso ein Ding der Unmöglichkeit. Er musste schon viel Glück haben, um ihm zufällig über den Weg zu laufen.

Endres lief im Schatten der Mauer des herzoglichen Palastes, und Stimmen drangen an sein Ohr. Menschen, welche sich auf der anderen Seite der Mauer aufhielten, erregten Endres‘ Aufmerksamkeit. Die Stimmen waren keine des Gesindes, dafür war die Ausdrucksweise zu gewählt. Eine innere Unruhe erfasste Endres. Die Stimmen kamen ihm irgendwie bekannt vor. Aber er konnte sie nicht wirklich einer Person zuordnen. Aber seine Aufmerksamkeit wurde nicht einfach von ominösen Stimmen geweckt, die hinter einer Mauer tuschelten. Es waren die wenigen, verständlichen Worte, die ihn dazu veranlassten, sich der Mauer zu nähern um zu lauschen. »Die Komtess.« Natürlich konnte es viele, adelige Damen geben, die diesen Titel trugen. Doch warum sollte man über irgendeine adelige Hofdame im Burggarten tuscheln. Es musste sich um Valésia handeln. Endres drückte sich nahe an die Mauer und versuchte angestrengt jedes Wort zu verstehen, welches dort gesprochen wurde. »Wann ist es soweit?« Es war eine Männerstimme, welche diese Frage geäußert hatte. »In zwei Tagen. Seine Gnaden wünscht, dass es möglichst bald geschieht.« »Solche Dinge brauchen Zeit.« Endres wünschte sich, er hätte das ganze Gespräch gehört. Denn mit den wenigen Wortfetzen konnte er nicht viel anfangen. Er biss sich auf die Unterlippe und hoffte er hatte das Wichtigste nicht schon verpasst. »So schnell wird der Oberste Hüter keine Weberin schicken. Und schon gar nicht Drei.« Der Angesprochene murmelte etwas, was Endres nicht verstehen konnte und egal wie sehr er sich auch konzentrierte, die Worte blieben ihm verschlossen. »Ich vertraue darauf, dass ihr euch darum kümmert. Seine Gnaden wünscht, dass die Zeremonie der Lösung so bald wie möglich durchgeführt werden kann. Der Prinz zeigt bereits Interesse an der Komtess und seine Gnaden will das Feuer schüren solange die Glut erglüht.« »Wie seine Gnaden wünschen. Ich werde mein möglichstes geben, den Hüter dazu zu bewegen, die Weberinnen zu entsenden.« Die Stimmen wurden leiser. Vermutlich begannen die Männer sich von der Mauer zu entfernen. Endres knirschte mit den Zähnen. »Was hatte das zu bedeuten? Lösung? Was haben die vor?« Er musste mehr darüber in Erfahrung bringen. Doch da die Heiligen des Tempels der Drei darin verwickelt zu sein scheinen, konnte er nicht einfach in den Tempel gehen und dort fragen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Und wie es schien hatte er nicht einmal mehr zwei Tage Zeit. »Zwei Tage!«, seufzte Endres. So wenig Zeit. Und er hatte noch nicht einmal den Ansatz einer Idee. Keinen Plan. Nein, er hatte Valésia noch nicht einmal gesprochen. Nur gesehen. Und ob sie ihn erkannte hatte, konnte er auch nicht einmal sagen.

Der Wunsch, in die Burg zurückzukehren und Valésia zu suchen entbrannte unweigerlich in Endres. Doch er wusste, dass dies ein sinnloser Versuch sein würde. Sie war vermutlich längst wieder in der Burg, umschwärmt von Adeligen, beobachtet von Zofen und umgarnt von diesem Prinz. Endres zog eine grimmige Grimasse. »Prinz.« Er schnaubte verächtlich. Diese Hochadeligen wollten seine Valésia irgendeinem Sohn irgendeines Adeligen verschachern! Doch was hatte es mit dieser Lösung auf sich? Endres wirkte wie ein begossener Pudel, als er durch die Straßen schlenderte. Er hatte keine Ahnung was er machen sollte. Und keinen Plan wohin er gehen sollte.

Glockengeläut riss Endes aus dem Schlaf. Er war den ganzen Abend und die halbe Nacht ziellos umhergeirrt. Doch ihm war weder eine zündende Idee gekommen, noch hatte er weitere Gerüchte aufgeschnappt. Diese ominösen Männer, welche am Rand der Mauer scheinbar Geheimes besprochen hatten, schienen diese Dinge bewusst verschleiert zu halten. Endres rieb sich den Schlaf aus den Augen und seine Blicke wanderten aus dem Fenster, hinüber zu dem großen Turm des Tempels der Drei, von welchem das Geläut der Glocken zu vernehmen war. Er warf dem Turm einen mürrischen Blick zu, als ob dieser daran Schuld tragen würde, dass er aus dem Schlaf gerissen worden war. Doch das Läuten der Glocken war schien von Bedeutung zu sein. Auch wenn es in einer Stadt wie dieser völlig normal war, dass die Glocken geläutet wurden. Aber die letzten beiden Tage hatte Endres die Glocken nicht wahrgenommen. Und so kroch er schließlich aus dem Bett. Er trat an die kleine Waschschüssel heran, schöpfte sich immer wieder Wasser in beide Hände, und warf es sich ins Gesicht, um den letzten Schlaf abzuschütteln. Er hob den Blick und sah in den trüben Spiegel, welcher vor der Waschschüssel hing und musste feststellen, dass die dunkle Färbung seiner Haare schon deutlich schwächer geworden war. Das blonde Haar war zwar noch nicht gänzlich zu sehen, doch hier und da zeigten sich bereits einige Strähnen, die offenbarten, dass diese dunkle Farbe nicht seine wahre Haarfarbe war. Außerdem hatte sich das Fett, welches er sich diesem Zweck in die Haare gearbeitet hatte, bereits verklebt und sein Haar war von dicken, klebrigen Strähnen gezeichnet, die beinahe so starr wie Stroh waren. Endres war bewusst, dass er seine Haare wohl oder übel Waschen musste, um die Tarnung zu erneuern. Doch zu diesem Zweck musste er auf den Markt. Neues Fett oder Schmalz kaufen, und irgendwie an Ruß oder Asche kommen. In dieser Unterkunft, welche er inzwischen nahe des Tempels bezogen hatte, gab es keinen Ofen, wie in der letzten. Dieses Haus war eines der alten Gebäude aus den Gründungszeiten der Stadt. Hier gab es nur einen großen Kamin im Erdgeschoss, über welchen alle Räume des Hauses beheizt wurden.

Endres hatte sich seinen Mantel übergeworfen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sein Weg hatte ihn auf den morgendlichen Markt geführt, auf welchem er die nötigen Zutaten für seine Verkleidung erwerben wollte. Fett, Talg oder Schmalz. Rote beeren, oder rote Rüben. Irgendeine Frucht oder Beeren, welche einen rötlichen Saft absonderten. Es war vielleicht keine schlechte Idee die Erneuerung auch gleich mit einer neuen Farbe anzugehen. Und auf seiner Suche fand er auch einige geräucherte Würste, welche jenen, die er am gestrigen Tag in der Küche des Herzogs gesehen hatte, sehr ähnlich waren. Und allein bei dem Gedanken an diese große Speisekammer, voll mir Wurst und Fleisch, hatte ihn der Hunger überkommen. Und so ging er am Ende mit Fett, Wurst, Käse und einem frisch gebackenen, kleinen Brot, zurück in seine Unterkunft, um sein Haar gründlich zu waschen und in eine neue Farbe zu färben. Und wie sehr er das bereuen würde, war ihm noch nicht klar, denn diese rote Farbe würde seine Hände rot färben, als ob er jemanden mit bloßen Händen zu Tode geprügelt hätte.
Keine Kompromisse ❖
baum-der Herzog ließ Teran warten, bis sein Schreiber das Zimmer verlassen hatte. Erst dann wandte er sich vom Tisch ab und sah seinen Sohn an, der mit auf dem Rücken verschränkten Händen verharrte. „Man berichtet mir,“ begann der Herzog ohne Umschweife, „dass du heute die Komtess in ihren Gemächern aufgesucht hast. Allein.“ Er sagte es, als wolle er prüfen, ob Teran widersprechen würde. „Ja“, antwortete Teran ruhig. „Ich wollte mich vergewissern, wie es ihr geht.“ Der Herzog nahm Platz, die Hände auf die Armlehnen gelegt. „Ich nehme an, du weißt, wie das wirkt.“ Es war kein Tadel, nur eine Feststellung. Teran neigte leicht den Kopf. „Ich habe es bedacht. Es schien dennoch notwendig.“ Der Herzog musterte ihn einen Moment, ohne jede Regung. „Notwendig“, wiederholte er. „Ein interessantes Wort. Die Komtess ist nicht deine Gemahlin. Noch nicht einmal deine Verlobte. Und doch entlässt du die Zofen, als hättest du Anspruch auf ein vertrauliches Gespräch.“ Teran wich dem Blick nicht aus. „Ich wollte, dass sie offen sprechen kann. In Gegenwart ihrer Hofdamen hätte sie es nicht getan.“ Der Herzog ließ diesen Punkt einen Augenblick lang stehen. Dann fragte er „Und? Was habt ihr besprochen? Ich brauche ein genaues Bild ihres Zustands.“ Teran nahm sich einen Moment, ehe er antwortete. „Sie ist verzweifelt, Vater. Das war nicht zu übersehen. Sie fühlt sich isoliert und unter ständiger Beobachtung. Es bedrückt sie stärker, als sie zeigt.“ Der Herzog nickte knapp. „Weiter?“ Teran wog seine Worte sichtbar ab. „Sie sprach davon, dass sie sich eingesperrt fühlt. Nicht nur wegen der Mauern, sondern wegen der Erwartungen. Sie sagte, es falle ihr schwer, in ein Leben zurückzukehren, das sie nie freiwillig gewählt hat.“ Der Herzog musterte ihn aufmerksam, doch sein Ausdruck blieb unverändert. „Hat sie von dem Mann gesprochen? Von diesem… Paltoren?“ „In indirekter Weise, ja.“ Terans Stimme blieb ruhig. „Sie hat nicht über Einzelheiten gesprochen. Nur darüber, dass sie an seiner Seite zum ersten Mal das Gefühl hatte, frei zu sein. Dass sie sich ihm verbunden fühlt. Und dass der Verlust schmerzt.“ „Hast du ihr Trost zugesprochen? Oder Hoffnung?“ „Nein“, sagte Teran. „Ich habe zugehört. Mehr fand ich nicht angemessen. Sie bat mich sogar um Vergebung, weil sie ihr Herz nicht mir zuwenden kann.“ Die Lippen des Herzogs kräuselten sich zu einem spöttischen Lächeln. „Ihr Herz tut nichts zur Sache. Es hat kein Gewicht. Was zählt, ist, was sie uns schuldet und wozu sie verpflichtet ist.“ Teran zögerte für einen kurzen Augenblick, dann sagte er „Vater, ich bitte untertänigst um Vergebung, aber das Gesetz sieht in einem vollzogenen Beischlaf bereits eine Form der Ehe. Ob man es wünscht oder nicht. Vor dem Gesetz wäre Valésia damit eigentlich schon gebunden.“ Der Herzog hielt Terans Blick einen Moment fest, kühl und vollkommen unbeeindruckt. „Das weiß ich sehr wohl, mein Sohn. Gerade deshalb wird die Läuterung stattfinden. Damit dieser Makel nicht fortbesteht. Die Läuterung hebt auf, was nicht sein darf. Sie trennt, was nie hätte zusammenfinden sollen.“ Ein kurzer Moment, knapp, eindringlich. „Nach der Läuterung gibt es keine Ehe mehr, keine Ansprüche, keine Verpflichtung. Sie steht dann so frei, wie sie vor diesem Vergehen hätte stehen sollen.“ Teran nickte langsam. „Dann hoffen wir, dass die Lösung so wirksam ist, wie man es sich wünscht.“ „Das wird es, daran habe ich keinen Zweifel!“ „Aber die Läuterung wird sie vielleicht brechen“ warf Teran ein. Die Augen des Herzogs bohrten sich förmlich in seinen Sohn und der Blick, den er ihm zuwarf, ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Einwand unerwünscht war. „Dann bricht sie eben. Gebrochene Menschen sind leichter zu führen. Menschen brechen und wachsen wieder zusammen. Sie wird sich fügen, wie alle anderen auch. Sie wird sich damit arrangieren. Und eines Tages wird sie diesen Paltoren vergessen haben, als wäre er nie gewesen. Aber gut“, sagte er schließlich. „Dann wissen wir nun, dass ihr Zustand keinen wirklichen Grund zur Sorge gibt. Was ich dir noch mitgeben möchte, mein Sohn: Die Öffentlichkeit wird sich das anders erklären. Sie wird sagen, du hättest ein besonderes Interesse an ihr. Dass du dich ihr annäherst.“ Er hob leicht eine Braue. „Und das mag nützlich sein. Oder auch nicht.“ Teran hielt kurz inne. „Ich suche keine Annäherung, Vater.“ „Das hoffe ich. Empfindest du irgendein persönliches Interesse an ihr, das über das Nötige hinaus geht?“ Teran sah auf den Boden. „Ich sehe ihre Vorzüge, gewiss. Aber das macht sie noch nicht zu einer Frau meines Herzens.“ Der Herzog lehnte sich zurück. „Du bist in einer Position, in der jede Geste interpretiert wird. Und du kannst es dir nicht leisten, unklar zu wirken. Weder zu streng, noch zu nachgiebig.“ Ein kurzer Moment der Stille folgte, bevor er weitersprach „Wenn du sie heiraten sollst, steht es dir frei, dir ein Bild von ihr zu machen. Ich habe nichts dagegen, dass du sie beobachtest oder mit ihr sprichst. Im Gegenteil, ein Mann sollte wissen, wen er in sein Haus holt.“ Sein Ton blieb sachlich, doch es klang wie ein pragmatischer Rat, kein väterlicher. Dann änderte sich seine Stimme leicht. „Aber du wirst dich nicht in ihre Lage hineinziehen lassen. Das ist kein Mädchen, das unseren Umgang mit ihr bestimmen darf. Sie steht unter unserem Schutz, aber auch unter unserer Aufsicht. Und du bist nicht ihr Beichtvater.“ Teran nickte knapp. „Ich verstehe.“ Der Herzog beugte sich etwas vor, die Ellbogen aufgestützt, als wolle er die Worte deutlicher setzen. „Mir ist wichtig, dass du in dieser Angelegenheit Abstand hältst. Aus Vernunft. Ein Mann in deiner Stellung darf sich nicht von fremdem Leid beeinflussen lassen.“ Er machte eine kurze, bedeutungsvolle Pause. „Wenn du zu viel Verständnis zeigst, wird man es als Schwäche lesen. Wenn du zu wenig zeigst, als Grausamkeit. Du musst den Mittelweg finden. Mit klarem Kopf.“ Teran senkte den Blick einen Moment, dann wieder hob er ihn wieder. „Ich werde darauf achten.“ Der Herzog stand auf. „Gut. Und noch etwas. Die Komtess ist nicht unberührt. Ihr Ruf ist keine politische Sache mehr. Sie kann dir gesellschaftlich wenig schaden, aber emotional viel Raum einnehmen, wenn du es zulässt. Sei also wachsam.“ Er ging zwei Schritte an ihm vorbei, dann blieb er hinter Terans Schulter stehen „Und mach dir bewusst, dass ihre Tränen nicht nur Trauer sind. Sie sind ein Mittel zum Zweck. Ob bewusst oder unbewusst! Also lass es nicht zu, dass sie dein Beurteilungsvermögen trüben.“ „Gewiss, Vater.“ Der Herzog trat an ihm vorbei und griff nach einem Dokument, als wäre das Gespräch beendet. „Du darfst sie besuchen, wenn du es für nötig hältst. Aber mit Bedacht. Und nicht ohne Aufsicht, außer es gibt dafür einen zwingenden Grund.“ „Ja, Vater.“ Der Herzog sah ihn noch einmal an und nickte. „Dann geh.“ Teran verneigte sich und verließ den Raum, mit einer Mischung aus Verständnis und einer Spur Unruhe. Und der Herzog kehrte zu seinen Schreiben zurück, zufrieden, aber aufmerksam, denn er wusste, dass Gefühle selten das große Problem waren. Das Problem war, wenn sie die Entscheidungskraft zu beeinflussen begannen.

Valésia saß im Erker, das Gebetbuch geöffnet auf ihrem Schoß, die Finger auf einer Seite, die sie nicht las. Der späte Nachmittag mit seinen diffusen Licht war ohnehin nicht mehr auf ihrer Seite und machte den Raum trotz des großen bleiverglasten Erkers bereits dunkler. Warmes Licht aus der Feuerstelle fiel auf den Steinfliesen hüllte den Raum in Wärme und doch fror sie ein wenig. Ihr Herz schlug stetig aufgeregt. Sie hatte Endres gesehen. Nur einen Augenblick, mehr hatte sie nicht gewagt. Beinahe hätte sie ihn nicht erkannt. Sein Haar war schwarz. Eingefärbt um seine verräterische helle Haarfarbe zu verbergen. Aber es hatte gereicht. Ihr Herz hatte einen Sprung getan, so heftig, dass sie kaum wusste, wie sie weiteratmen sollte. Es war nicht Einbildung gewesen. Nicht Sehnsucht, die ihr einen Streich gespielt hatte. Er war dort gewesen. In derselben Burgküche. Nur wenige Schritte entfernt. Sie drückte mit ihren Ellbogen, die sich auf das Gebetbuch stützten, das Buch etwas fester gegen die Knie und schloss kurz die Augen. Die Küche hatte nach Gewürzen und Rauch gerochen, nach Schmorbraten und warmem Teig. Alltägliche Dinge. Und doch stand für sie dieser eine Blick im Raum wie ein Funke, der alles erneut in Brand gesetzt hatte. Er war so nah gewesen. So gefährlich nah, dass sie beinahe jede Besonnenheit in den Wind geschossen hätte. Dieser Ring in der Pastete war ein Zeichen, dass sie nicht allein war. Nicht verloren. Nicht vergessen. Ein Zittern ging durch sie, halb Hoffnung, halb Furcht. Wenn er hier war, dann bedeutete das, dass er einen Plan hatte. Oder verzweifelt war. Oder beides. Er war immer mutig gewesen, manchmal unbesonnen mutig. Und jetzt war er in der Burg, in Reichweite eines Herzogs, der ihn hängen, oder in Ketten legen lassen würde, ohne mit der Wimper zu zucken. Völlig egal ob er ein paltorischer Graf war, oder nicht. Eben weil er ein Paltore war und kein Ariader. Und weil er Valésia besaß. Ihren Kopf, ihr Herz, ihren Körper, ihr ganzes Sein. Sie lehnte den Kopf an das steinerne Gewölbe des Erkers und atmete langsam aus. Einen Teil von ihr überflutete die Hoffnung, heiß und schmerzend wie zu starkes Licht. Die Vorstellung, dass sie noch einmal fliehen könnten. Noch einmal dieses starre Korsett hinter sich lassen, die Mauern, die strengen Augen. Noch einmal frei werden, nur zu zweit, wie damals auf dem Weg nach Süden, wo die Welt so einfach gewesen war, solange er einfach bei ihr gewesen war. Aber der andere Teil wusste, dass jeder Schritt falsch sein konnte. Wenn Endres entdeckt wurde, war alles vorbei. Für ihn. Für sie. Für ihre Familie. Sie strich sich über die Stirn, als könnte sie damit die Gedanken ordnen könnte. „Endres…“ hauchte sie tonlos, nicht hörbar im stillen Raum, wo ihre Hofdamen im Schein des Feuers stickten. Sie wusste nicht, ob die Angst oder die Hoffnung stärker war, vielleicht lag beides so eng beieinander, dass sie die Grenze nicht mehr erkannte. Aber eines wusste sie mit beängstigender Sicherheit: Es würde etwas geschehen.
Sehr bald. Und ihr Leben würde danach nicht mehr sein wie zuvor egal, in welche Richtung es gehen würde.

Gunter kündigte sich nicht an. Er tat es nie. Die Tür an diesem Morgen wurde geöffnet, und bevor die Hofdamen sich erheben konnten, wies er sie mit einer Handbewegung an zu bleiben, wo sie waren. Dann trat er in Valésias Erkerlicht, und sie stand auf, und klappte das Gebetsbuch zu und legte es auf die Sitzbank. „Vater.“ sagte sie ruhig und knickste. Er nickte nur und deutete auf den Platz auf dem sie kurz zuvor noch gesessen war. „Setz dich.“ Sie gehorchte. Sie wusste, dass er nicht zum Plaudern gekommen war. Sein Gesicht zeigte, dass etwas ihn bewegte. „Die Läuterung ist morgen“, begann er. „Und du musst vorbereitet sein.“ Valésia spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog, doch sie sagte nichts. „Du wirst vor den Dreien stehen“, fuhr Gunter fort. „Im Beisein des Herzogs, der Oberen und aller, die Rang haben. Und du wirst tun, was man dir auferlegt und befiehlt.“ Sein Ton war nicht hart, aber unmissverständlich. „Du wirst Demut zeigen. Du wirst dem Herzog, deinem Lehnsherrn, die Treue schwören. Ohne Zögern.” Valésia senkte den Blick. Ihre Finger verkrampften sich um den Saum ihres Kleides. Gunter fuhr fort. „Du wirst deine Verfehlungen bereuen. Du wirst diesem Paltoren abschwören. Als wäre er nie wichtig gewesen. Du wirst zugeben, dass du einem anderen vorehelich beigelegen hast. AM besten sagst du, dass er dich überredet hat, dass du es nicht wolltest, dass du dazu gezwungen wurdest!” Valésia hob den Blick und sah ihrem Vater ernst in die Augen. “Nein! Das ist nicht wahr! Ich wollte es, und ich werde nicht lügen. Nicht vor den Dreien, nicht vor dem Herzog, vor niemandem.” Gunter machte eine saloppe Handbewegung. “Dann wirst du eben sagen, dass es ein Fehler gewesen ist!” Valésia schloss kurz die Augen, weil sie sonst hätte weinen müssen. Aber sie zwang sich, den Kopf zu heben. „Vater… ich kann das nicht.“ Gunter presste die Lippen zusammen in dem Versuch, Geduld zu bewahren. „Doch. Du wirst es tun. Es ist notwendig, Valésia. Du weißt, was auf dem Spiel steht.“ „Ich weiß.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Aber es ist nicht die Wahrheit.“ „Die Wahrheit“, sagte Gunter leise, „Die Wahrheit hat an einem Hof selten Gewicht. Was zählt, ist, was ausgesprochen werden muss, um Schaden abzuwenden.“ Sie sagte nichts. Sie konnte nicht. Gunters Blick wurde milde. Etwas, was sie bei ihm selten gesehen hatte. Er legte seine Hände auf ihre Oberarme und drückte sie fest, als wolle er sich an ihnen festhalten. „Kind… Ich tue das nicht aus Grausamkeit.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Wenn du dich nicht läutern lässt, dann kann niemand mehr etwas für dich tun. Sie werden dich in einen Tempel verbannen und niemand kann dagegen Einspruch erheben. Sie werden dich bis an den Rest deines Lebens einsperren. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist der Platz an der Seite Prinz Terans nicht schlecht. Ich denke, er ist ein guter Mann.” Ihre Augen wurden feucht, doch sie hielt die Tränen zurück. Das war er vielleicht. Doch Endres war der Mann, den sie gewählt hatte, und der sie gewählt hatte. Sie waren von den Dreien, oder vom Schicksal zueinander geführt worden. Gunter erhob sich. „Schau mich an, Valésia.“ Sie gehorchte. „Was morgen geschieht, ist wie ein Ritual. Ein politischer Akt, weiter nichts. Du sagst, was man hören muss. Du bittest um Vergebung für etwas, das man dir ohnehin zuschreibt. Und dann… dann kann es weitergehen.“ „Wohin?“, flüsterte sie. „Wohin soll es weitergehen?“ „Wohin der Herzog es bestimmt. Danach bist du geläutert und frei, Prinz Terans Frau zu werden. Und wer weiß, was das Leben für dich noch bereithält. Man weiß es nie. Du hattest drei Brüder. Zwei von ihnen war es nicht vergönnt, am Leben zu bleiben. Dass Roméro auf Platz eins rückt in der Erbfolge, hat niemand voraussehen können. Wer weiß, wie hoch du noch steigen kannst. Vielleicht wirst du einmal Herzogin von Ajaran. “ Die Worte verfehlten ihre Wirkung. ”Ich will überhaupt nicht Herzogin werden. Ich möchte ein glückliches Leben führen.” Gunter sah sie lange an. Dann sagte er „Den Unseren ist es nun einmal nicht immer beschieden, glücklich zu sein. Dafür sind wir an anderer Stelle mehr als reich bedacht.“ Valésia schluckte. “Ich verstehe, was du meinst, Vater. Doch ich weiß nicht, ob ich das schaffe.” „Du wirst es tun, Valésia. Es gibt keinen anderen Weg.“ Er nickte ihr kurz, als Zeichen, dass das Gespräch beendet war und verließ den Raum. Die Tür schloss sich leise. Aber in Valésia war es, als hätte jemand einen Stein ins Wasser geworfen, und die Wellen die sie zogen, wollten nicht mehr zur Ruhe kommen.
Eine verbotene Beichte ❖
baum-auf dem Weg in seine Unterkunft, führte ihn sein Weg über den großen Marktplatz der Oberstadt. Vorbei an der großen Silberbank und dem Tempel der Drei. Der Tempel hatte einen kleinen umfriedeten Vorhof, mit einer steinernen Mauer. Der größte Teil des Tempels selbst wurde direkt aus dem Berg geschlagen und die Bruchstücke dann als Türme, Tore und Umfriedungen aufgemauert. Der Tempel selbst war in Wahrheit aber eine große, alte Höhle. Teile der Höhle waren sogar heute noch im ursprünglichen Zustand geblieben. Tropfsteine und ein altes Becken, von dem die Weisen und Weber behaupten, das Wasser darin wäre bereits über tausend Jahre alt. In Wahrheit war es nur ein alter Bergsee, entstanden aus Schmelzwasser und dem ewigen Fluss durch das Gestein, wodurch dann die Tropfsteine und letzten Endes auch der See entstanden waren. Doch heute war das Wasser heilig. Es diente zur Segnung. Zur Taufe oder zur Läuterung.
Das Innere des Tempels selbst war dem ariadischen Glauben an die Drei, die Tochter, die Mutter und die Alte. Oder die Junge, die Schwangere und die Gebrechliche…die Jarisen…angepasst. In der Mitte der großen Höhle standen die drei großen Steinstatuen, welche jede aus einem einzelnen Steinblock gemeißelt worden waren. Hochwertige Steinmetzkunst, welche vermutlich Jahrzehnte der Fertigung und hunderte Silbermark gekostet hatten. Die schmalen hohen Pfahlstatuen waren von Bändern miteinander verbunden und auch mit den Wänden und Böden der Höhle. Sie symbolisierten die Lebensfäden und auch das Schicksal, dass alle Menschen miteinander verband. Viele Bänder wurden von den Säulen zur Decke geführt, wo sie in großen Bögen von der Decke hingen.

Der Rest der Höhle war über die Jahre mit Holzverkleidungen, sakraler Tribünen für die Prediger. Beichtkammern und Segenserker für die Weberinnen und einige Gebetsgänge erweitert worden. Überall standen kleine Kerzenhalter, in welchen die Gläubigen ihre Kerze oder Talglicht stecken konnten, wenn sie zum Gebet kamen. Wie die meisten Tempel der Drei gab es kaum Sitzbänke, da es üblich war während der Gebete zu stehen. Jeder Schritt, jedes geflüsterte Wort und jedes Husten, dass in dieser Halle getan wurde, hallte wider und wurde mehrfach gehört. Geheimnisse behielt man an diesem Ort besser für sich. Denn die Drei – und damit eigentlich die Priester und Weber – hörten alles in an diesem Ort und richteten.

Endres zog es natürlich nicht in den Tempel. Er war kein Jünger der Drei. Und er suchte auch keine Geheimnisse, Beichte oder andere Gründe, die einen Mann in den Tempel ziehen konnten. Doch an diesem Tag war der Tempel von einigen Gläubigen besucht. Auch von Händlern, welche vor dem Aufbruch noch um den Segen und Schutz der Drei baten. Und auch zwei Männer, die in den Beichtkammern saßen und ihre Sünden den Webern anvertrauten. Endres schlenderte gerade den Weg an der Tempelmauer entlang, als ein wohlvertrauter Klang seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Stimme, welche ihm seltsam bekannt vorkam. »Seid gegrüßt, eure Heiligkeit.« Ein Mann verbeugte sich dezent, aber respektvoll vor einem Geistlichen des Tempels. Es war ein älterer Mann und vermutlich der Hüter. Der oberste Priester des Ordens der Drei, welcher vermutlich auch die Interessen des Klerus vertrat, wenn es um theokratische oder weltliche Angelegenheiten ging. Den anderen Mann kannte Endres nicht. Er war mittleren Alters. Hatte schütteres Haar, welches bereits einen Haarkranz zu bilden begann. Doch diese Stimme. Endres wusste, er hatte diese Stimme schon einmal irgendwo gehört. »Die Drei wachen über euch, mein Sohn. Was ist euer Begehr?« Der Hüter hob seine Hand als ob er den Mann irgendwie segnen würde. Endres fand dieses Gebaren einfach nur seltsam. Aber jede Religion hatte ihre Eigenarten. Die Sonnenpriester standen dem nur in wenig nach. Aber sie wirkten deutlich autoritärer als die Hüter der Drei. »Seine Gnaden schickt mich in einer dringenden Angelegenheit. Wo können wir ein ungestörtes Gespräch führen?« Wieder verbeugte sich der Mann und der Hüter runzelte die Stirn. Doch da dämmerte es Endres, woher ihm diese Stimme so bekannt vorkam. Es war jener Mann, den er am gestrigen Tag an der Mauer der Burg belauscht hatte. Augenblicklich war Endres‘ Interesse geweckt und er begab sich nun ebenfalls in den Tempel. Er versuchte den Männern dezent zu folgen, und auch wenn die Worte und Schritte an diesem Ort in alle Winkel getragen wurden, so konnte er die Worte der beiden kaum verstehen. Sie verstanden es vortrefflich ihre Stimmen zu dämpfen. Und zu allem Übel stand auch gerade in diesem Moment eine Weberin nahe der Statuen und stimmte einen wehklagenden, aber unglaublich harmonischen Gesang an. Die Worte waren schwer verständlich, zumal Endres ja versuchte die Männer zu belauschen, welche sich inzwischen in die Beichtkammern begeben hatte.

Und so betrat Endres einfach die Kammer daneben, zog die Vorhänge zu und lauschte so angestrengt wie möglich, während er zugleich den unsäglichen Gesang der Weberin verfluchte, egal wie schön ihre Stimme auch in dieser Halle zu einem regelrechten Chor an Stimmen verstärkt wurde. »Seine Gnaden benötigt die heiligen Augen der Weberinnen. Eine Komtess von hoher Geburt soll eine Lösung erfahren und seine Gnaden wünscht eine diskrete und zügige Umsetzung.« Endres kniff die Augen zusammen. »Eine Lösung? Warum diese Eile? Und wie steht es um den Mann, von welchen sie gelöst werden soll?« »Seine Gnaden wünscht seinen Sohn mit ihr zu vermählen. Der Mann, von welchem sie gelöst werden soll, ist ein Verbrecher, Frevler und ein Heide! Er ist kein Diener der Drei. Er hat das Silber der Prozession gestohlen. Er ist unwürdig und seine Gnaden wünscht die Ehre dieser Frau zu reinigen um sie vor den Dreien zu läutern und sühnen.« Der Hüter nickte verstehend. »Das sind in der Tat triftige Gründe, fürwahr. Doch es ist unmöglich so rasch ein Ritual der Läuterung und Lösung vorzubereiten. Wir benötigen Zeit. Gebete, Räucherungen. Mindestens zwei oder drei Weberinnen. Und Zeugen.« »Seine Gnaden hat bereits alles arrangiert. Zeugen sind bereit. Die Würde der Frau soll gewahrt bleiben. Seine Gnaden wünscht keine öffentliche Lösung im Tempel. Sie wird in seinem Palast stattfinden. Im Beisein der Drei und des Hochadels.« Der Hüter brummte nachdenklich. »Ich verstehe. In dem Fall dürften zwei Weberinnen mit Weihrauch Gefäßen ausreichend sein. Sie würden die Dame vor den Herzog führen. Die Reinigung durchführen, die Gebete sprechen und Zeugnis über die Lösung abgeben. Vor den Dreien und vor seiner Gnaden.« Der Mann schien zufrieden und bedankte sich überschwänglich. »Habt Dank, eure Heiligkeit. Wann können wir mit der Ankunft der Weberinnen rechnen?« »Ich werde sie instruieren morgen zur Mittagsstunde den Tempel zu verlassen. Sie werden den Pfad der Reinigung beschreiten. Und dann den Palast aufsuchen.« Endres verstand nicht wirklich was das alles zu bedeuten hatte und runzelte die Stirn. Doch eines war klar. Hier wurde versucht Valésia still, heimlich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit einfach an den Sohn des Herzogs zu verheiraten. Und das alles noch so schnell wie möglich, als ob die Sache geheim oder verboten wäre.

Endres wünschte sich insgeheim er hätte mehr Wissen über diese Traditionen und Rituale. »Das bedeutet, die Weberinnen werden zum Einbruch der Nacht den Palast erreichen?« »So ist es. Und der Obolus für diesen ungewöhnlichen Dienst, werden je eine Dreimark für jede Weberin, und eine weitere für den Hüter…also meine Wenigkeit, sein.« Da schnalzte der Mann mit der Zunge. »Drei Goldmünzen? Für eine einfache Lösung?« Da lächelte der Hüter milde. »Guter Mann. Haltet mich nicht für einen Narr. Die Umstände. Der Drang zur Eile. Die Geheimhaltung. Dies ist keine, wie ihr sagt, einfache Lösung. Gab es für den zu lösenden Mann eine Anhörung? Wird er Zeuge sein? Ich denke, wir beide wissen genau, dass diese Lösung den Tugenden der Drei widerspricht. Einzig dass es hier um einen Frevler und Heiden geht, ließ mich dazu bewegen, diesem Sakrileg zuzustimmen. Richtet euer Gnaden aus, dass diese Gebühren nicht verhandelbar sind. Sie sind der Preis damit diese Lösung vor den Dreien Rechtens sein wird. Dieser Obulus dient einzig und Allein dem Schweigen. Und ich habe mir erlaubt eine Dreimark als für den Hüter zu verlangen, obwohl er gar nicht anwesend sein wird, einfach der Tatsache wegen, dass ihr versucht habt, mich in die Irre zu führen! Seine Gnaden muss verstehen, dass der oberste Hüter nicht erbaut sein wird, wenn er davon erfahren sollte, und dass er nicht über dem Gesetz der Drei steht!« Mit diesen Worten erhob sich der Hüter und verließ die Beichtkammer und ließ den Boten des Herzogs allein zurück. Und Endres, welcher das ganze Gespräch belauscht hatte, saß zusammengesunken in seiner Ecke und die Erschütterung brach über ihm herein, als im klar wurde, was das alles zu bedeuten hatte. Sie wollten Valésia einfach verschachern! Und er konnte nichts machen! Er war ein Gefangener in dieser Stadt. Er konnte doch nicht einfach in den Palast eindringen, Valésia entführen und hoffen lebend zu entkommen! Endres sank in sich zusammen und Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er wusste einfach keinen Ausweg mehr.

Und zu allem Überfluss öffnete sich auch noch die Kammer und der Hüter trat schweigend zu ihm in die Kammer. Er setzte sich ihm gegenüber auf die hölzerne Bank und sah Endres eindringlich an. »Die Drei wachen über dich und sind unsere Zeugen, mein Sohn.« Endres sah den Hüter verwirrt an. Eine Träne rollte ihm über die Wange. Doch da er kein Gläubiger der Drei war, wusste er auch nicht, dass es üblich war auf diesen Gruß um die Abnahme der Beichte zu bitten. Stattdessen saß er einfach nur da, starrte den Hüter an, und dieser sah ihn stoisch aber milde lächelnd an und schien auf die Worte zu warten. Doch je länger Endres nichts sagte, desto verstimmter wirkte er. »Warum seid ihr hier, mein Sohn?«, hakte der Hüter schließlich nach, welcher es sichtlich ungeheuerlich empfand, dass er diese Frage überhaupt stellen musste. »Ich stehe vor einer großen Entscheidung. Und ich weiß nicht was ich machen soll. Jeder Weg, der vor mir liegt, birgt den Tod oder ein Ende in Einsamkeit.« Der Hüter seufzte milde. »Die Drei werden dir den Weg leiten. Vertraue auf die Drei und du wirst den richtigen Weg wählen. Es gibt keinen falschen Weg, wenn man im Sinne der Drei lebt.« Endres lächelte verkniffen. Dieser Ratschlag war der nutzloseste den er je gehört hatte. Er half ihm in keiner Weise und er bezweifelte ernsthaft, dass die Drei ihm dabei helfen würden, Valésia aus dem Palast zu retten. »Die Drei sprechen nie zu mir…«, murmelte Endres. »Doch, mein Sohn. Sie sprechen unentwegt. Du musst nur lernen zu lauschen. Wenn der Weg ungewiss ist, dann wähle den Weg des Herzens.« Der Weg des Herzens…« Wiederholte Enders die Worte und der Hüter lächelte milde. »Ich werde über eure Worte nachdenken. Habt Dank.« Der Hüter verneigte sich leicht und erhob sich schließlich. Doch bevor er die Kammer verließ warf er Endres einen mürrischen Blick zu. Er wirkte so fehl an diesem Orte, wie schon lange niemand vor ihm. Und der Hüter war ein misstrauischer Mann. »Wenn ihr es wünscht, eine Weberin singt gerade bei den Dreien. Sie kann euch einen Segen aussprechen. Vielleicht verleiht er euch neuen Mut.« Mit diesen Worten verließ er die Kammer und ließ Endres allein zurück.

Endres eilte daraufhin so schnell wie möglich aus dem Tempel »Hat er mich beim Lauschen erwischt?«, murmelte er leise und warf immer wieder einen Blick über die Schulter. »Scheiße. Hoffentlich schwärzt der mich jetzt nicht an?« Er beschleunigte seine Schritte. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr wurde ihm klar, dass er den Hüter und diesen Gesandten gerade dabei belauscht hatte ein Ritual durchzuführen, von dem beiden zu wissen schienen, dass es gegen das Recht des Tempels verstieß. Daher die hohe Schweigegebühr. Daher die gespreizten Worte. Und vielleicht war der Hüter auch deshalb so misstrauisch? Endres wusste nicht was das zu bedeuten hatte. Aber er ahnte, dass er nur in ein weiteres Wespennest gestochen hatte. Und wenn man nicht nur den Herzog, sondern auch noch die Kirche zum Feind hatte, dann war Hopfen und Malz verloren. Doch der Hüter würde ihm wohl keinen Meuchelmörder hinterherschicken, oder? Endres schluckte hart bei diesem Gedanken und eilte so rasch wie möglich in seine Stube, um seine Haare zu waschen, und seine Haare, nur um sie dann wieder zu färben. Und wie er fluchte, als er das Ergebnis sah. Furchtbar sahen seine Haare aus! Weder Rot noch in irgendeiner Weise natürlich! Er sah aus, als wäre er aus einem Zirkus entlaufen! So würde er noch weitaus mehr Aufmerksamkeit erregen! Endres fluchte und versuchte die Farbe wieder auszuwaschen, nur um sie dann letzten Endes wieder mit Asche und Ruß grau und schmutzig zu machen..
Die Läuterung ❖
baum-roméro klopfte zweimal, ehe er eintrat. Er hatte nicht gewartet, bis jemand „herein“ sagte, er tat das nie, wenn es um seine Schwester ging. Er betrat das Gemach und sofort nahm er den Raum für sich ein, wie dies stets der Fall war. Die Hofdamen Alida und Leda erhoben sich und versanken in einen Hofknicks und erwiderten stumm sein stets spitzbübisches Lächeln, das er Frauen zuweilen schenkte. Valésia stand vom Fensterplatz auf und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Du hast es schön getroffen,“ meinte er, während sein Blick durch das Gemach wanderte. „Ein Erker. Sonnenlicht. Und deutlich mehr Platz als vorher. Das ist eine ordentliche Verbesserung, würde ich meinen.” „Ein Käfig bleibt es dennoch“ sagte sie leise, aber ohne Bitterkeit. „Auch wenn er größer ist.“ Roméro sah sie für einen Moment schuldbewusst an. Denn er gab sich eine gewisse Schuld daran, dass sie nun hier in diesem Käfig saß. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch und sie nahm ihm gegenüber Platz. Roméro kam ohne Umschweife zum Punkt. „Und morgen soll also diese Läuterung stattfinden?“ fragte er und Valésia nickte. „Ich verstehe nicht, warum sie notwendig ist. Warum diese… Demütigung vor allen? Was soll sie bewirken? Ich habe niemandem etwas getan.“ „Es ist nicht aus moralischen Gründen, oder weil man sich tatsächlich um dein Seelenheil sorgt, Sia. Die Läuterung ist eine Machtdemonstration. Gegen Vater, um ihm zu zeigen, dass er Fehler begangen hat. Und damit er weiß, wo sein Platz ist. Gegen dich, damit du weißt, wo deiner ist.“ Sie senkte den Blick. „Das dachte ich mir.“ „Aber das ist nicht der einzige Grund,“ fuhr Roméro fort. „Es gibt noch einen anderen Grund, einen… formellen.“ Sie hob eine Augenbraue. „Welchen?“ Er zögerte einen Moment. „Sia… Wegen dem, was zwischen dir und Endres geschehen ist…“ Er suchte Worte, die sie nicht völlig aus der Bahn werfen würden, doch diese fand er nicht. Und darum sagte er es gerade heraus. “Vor den Dreien und vor dem Gesetz habt ihr eine Ehe geschlossen.“ Valésia hielt inne in ihrer Bewegung. „Was?“ fragte sie perplex. „So sieht es das Gesetz,“ erklärte Roméro ruhig. „Das Lager zu teilen zwischen zwei Unvermählten gilt als eheähnlicher Bund. Besonders, wenn ihr längere Zeit zusammen wart… Und zusammen gelebt habt. Sie starrte ihn an. „Ich… ich wusste das nicht.“ „Vater wusste es“ sagte Roméro. „Der Herzog weiß es auch. Natürlich wissen sie es. Und sie wissen, was das bedeutet.“ „Dass ich mit Endres verheiratet bin?“ „Nicht im höfischen Sinne,“ korrigierte er sanft. „Aber im religiösen Sinne, ja.“ „Warum hat mir das niemand gesagt?“ Roméro sah sie lange an. „Weil es sie nicht interessiert, ob du verheiratet bist, sondern nur, dass du es nicht mehr bist.“ Sie schloss die Augen. „Darum also die Läuterung.“ „Genau darum,“ bestätigte er. „Sie soll jede Bindung lösen, die es zwischen euch gibt. Offiziell. Vor den Dreien. Dann ist der Weg frei, um dich an Ajaran zu binden. Valésia öffnete die Augen wieder. „Roméro… was soll ich tun?“ Er nahm ihre Hand fest zwischen seine Hände. „Was immer du tust, Sia… überstehe den morgigen Tag. Ich bleibe an deiner Seite. Bis die Prozession beginnt.” Roméro ließ ihre Hand los, doch seine Augen blieben auf ihr ruhen. Valésia blickte kurz zum Fenster, als müsse sie sich sammeln, ehe sie wieder zu ihm sprach. „Roméro… hast du je mit Vater oder irgendjemandem darüber gesprochen, wie unsere Reise war? Woher wir kamen, wo wir waren… wohin wir wollten?“ Er runzelte die Stirn. „Nein. Niemand hat danach gefragt. Niemand wollte wissen, wie ihr unterwegs wart.“ „Gut.“ Ihre Stimme war leise, aber fest. „Dann bleib auch dabei. Du weißt nichts. Du hast nichts gehört. Du hast nichts gesehen.“ Roméro richtete sich ein wenig auf, suchte ihren Blick. „Sia…“ Seine Stimme senkte sich zu einem leisen Raunen und er wandte seinen Kopf in Richtung der Hofdamen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht lauschten. „Warum sagst du das? Was hast du vor?“ Sie lächelte. Kein fröhliches Lächeln. „Vorhaben?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Was sollte ich hier tun können? Ich bin in einem Trakt eingesperrt, der drei Türen und viele Augen hat.“ Sie hob eine Hand, als wollte sie damit demonstrieren, wie aussichtslos ihre Lage war.. „Es ist nicht so, dass ich irgendwohin könnte.“ Roméro ließ sich nicht täuschen. Er kannte sie zu gut, um den Unterton zu überhören. „Sia…“ flüsterte er wieder, diesmal noch leiser, „Wenn du etwas im Sinn hast, sag es mir.“ Sie wandte den Blick ab, ließ die Schultern sacken. „Ich habe nichts im Sinn,“ antwortete sie. „Ich kann hier nichts tun… und selbst wenn ich etwas wollte…“ Sie verschränkte ihre Finger ineinander. „…würde ich es niemandem sagen.“ Roméro beobachtete sie und ihre Miene, und obwohl er sie nicht einordnen konnte, las er genug in ihrer Haltung, um zu wissen, dass etwas in ihr arbeitete. Doch er forschte nicht nach. „Wie du meinst,“ sagte er schließlich. „Aber wenn du etwas brauchst… oder jemandem etwas sagen musst… Ich bin hier.“ Valésia nickte, ohne aufzusehen. „Ich weiß, Roméro. Und dafür bin ich dir sehr dankbar.” Sie saßen noch eine Weile schweigend da, Roméro blieb noch einen Moment an der Tür stehen, nachdem er sich verabschiedet hatte. Valésia hatte den Blick wieder auf das Gebetbuch gesenkt, doch er wusste, dass sie nicht las. Als die Tür hinter ihm zufiel, atmete er tief durch. Er hatte ihr geglaubt, als sie sagte, sie habe nichts vor. Aber er wusste auch, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hatte. Irgendetwas ging vor sich. Aber was? Valésia log selten. Und wenn sie log, dann nicht, um sich selbst vor Unheil zu bewahren. Er dachte an ihre Fragen. An ihren Tonfall. An die Art, wie sie plötzlich sehr aufmerksam geworden war, als er erklärte, dass ihr Verhältnis zu Endres als Ehe angesehen konnte. An die Bitte, dass er was ihre Reise betraf, und ihre Ziele, nichts erzählen, nichts bestätigen sollte. Das war kein Zufall. Das war Absicht. Es schrie förmlich nach Ärger. Roméro war kein Narr. Er spürte etwas zwischen ihren Worten. Und dieses eigenartige Gefühl dass sich seiner bemächtigte, gefiel ihm nicht. „Sia… was spielst du da für ein gefährliches Spiel?“ murmelte er zu sich, während er den Gang entlang ging. Und er war besorgt. Und er wusste dass er, wenn es hart auf hart käme, immer auf ihrer Seite stehen würde. Ganz gleich, was es kostete.

Als die Dämmerung aufzog, zog sich Valésia zurück. Die Hofdamen löschten die Kerzen, bis auf eine, wie es das Ritual verlangte. Man sollte die Nacht vor der Läuterung im Gebet verbringen oder in der Stille. Beides kam ihr vor wie zwei verschiedene Arten derselben Beklemmung. Sie saß wieder im Erker, das Gebetsbuch aufgeschlagen, doch ihre Finger lagen reglos auf den Seiten. Der Ring lag in ihrer geschlossenen Faust, war warm geworden. Mehrmals nahm sie sich vor, zu beten. Mehrmals öffnete sie den Mund, und kein Wort kam heraus. Was hätte sie sagen sollen? Um Vergebung bitten? Wofür? Dass sie jemanden liebte, den ihr Vater als nicht würdig erachtete? Sie schloss die Augen. Zahlreiche Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Zahlreiche Bilder. Die Küche. Der kurze Blick. Endres’ Gesicht. Der Ring in der Pastete. Dieser Ring, den er nie hätte zurückgeben dürfen, wenn ihm sein Leben lieb gewesen wäre. Aber er hatte es getan. Er hatte ihr gezeigt, dass er da war. Und mit dieser Erkenntnis war alles in ihr wieder in Bewegung geraten. Hoffnung, Angst und verzweifeltes Glück, das sie kaum aushalten konnte. Sie stellte sich vor, was morgen geschehen sollte. Wie sie dort stehen würde, vor den Dreien, vor dem Herzog. Sie wusste nicht, wer noch anwesend sein würde. Ihr Vater wohl, ihre Mutter? Roméro? Teran? Wie man verlangte, Worte auszusprechen, die nicht ihre waren. Sie spürte, wie ihr die Kehle eng wurde. „Ich kann das nicht,“ flüsterte sie ins Dunkel. Niemand antwortete. Vielleicht würde Endres einen Weg finden. Vielleicht war seine Präsenz am Hof nicht nur Hoffnung, sondern ein Plan, den sie noch nicht kannte. Vielleicht war alles schon in Gang gesetzt. Oder vielleicht auch nicht. Dann würde morgen alles enden. Ihre Freiheit, ihre Zukunft, ihre Hoffnung. Sie drückte den Ring in ihrer Faust. Das einzige, das sie hatte. „Bitte… gib mir ein Zeichen,“ flüsterte sie. Nicht zu den Dreien. An ihn. Diese Nacht blieb still. Aber in der Stille war etwas. Etwas, das sie nicht sah. War es Ahnung, dass etwas passierte, oder die Angst, dass nichts passieren würde? Diese Ahnung hielt sie wach, Stunde um Stunde, bis die ersten Schritte im Gang ankündigten, dass der Morgen der Läuterung gekommen war.

Der Morgen begann leise. Valésia hörte alles, was vor ihrer Tür in diesem Flügel vor sich ging, da sie bereits wach war, wo sie an anderen Tagen noch geschlafen hatte. Die Burg war wach, und auch Leda und Alinda standen an diesem Morgen schon bereit, um sie für die Prozession zu richten. Beide in ruhiger Haltung, aber sie wussten, was heute geschehen würde. „Komtess?“ fragte Alinda leise und Valésia nickte nur. Sie war zu erschöpft zum Sprechen. Es war, als hätte diese Nacht zur Vorbereitung jeden Willen, jedes Aufbegehren und jeden Wunsch danach dieser Läuterung zu entkommen, getilgt. Die Hofdamen legten das Gewand bereit: schlicht, cremeweiß, ohne Schmuck, ohne Stickereien. Es war das Gewand einer Büßerin. Nur ein wenig edler in Material. Valésia sah es an, während Leda es zurecht legte und ein Teil von ihr wollte weinen. Man würde sie bewusst dastehen lassen, als sei sie aus dem Volk. Den Blick gesenkt, bereit, Worte auszusprechen, die ihr Herz verleugneten. Alinda half ihr aus dem Nachtgewand. Valésia hielt den Ring in der Hand verborgen. Niemand bemerkte es. Während die beiden Frauen ihren Schleier zurecht legten, hörte man im Hof erste Schritte. Die Priester hatten ihre Runden begonnen.Die drei Altarkerzen wurden vorbereitet. Eine große, gebleichte Wachskerze für jede Göttin der Drei. Die Halle des Herzogs wurde geöffnet. Valésia spürte die Anspannung der Burg wie ein Tuch, das sich um sie legte. Leda strich den Stoff an ihren Schultern glatt. „Ihr seht sehr würdig aus, Komtess.“ Valésia nickte ergeben, denn Widerspruch wäre sowieso sinnlos gewesen. Ein Klopfen. Alinda öffnete. Es war ihr Vater. Gunter trat ein, der Blick ernst, auf Valésia gerichtet, die Hofdamen nicht einmal eines Blickes würdigend. Er musterte seine Tochter in diesem schlichten Büßergewand einen Atemzug lang, als müsse er sich vergewissern, dass sie wirklich seine Tochter war. Jetzt stand sie dort wie jemand, den er kaum wiedererkannte. „Es ist Zeit,“ sagte er. Die Hofdamen traten zurück. Valésia senkte den Blick. „Ich bin bereit,“ sagte sie. Das war nicht die Wahrheit. Aber es war die einzige Antwort, die jedermann hören wollte. Und eine andere würde ohnehin nicht akzeptiert. Gunter bot ihr seinen Arm. Sie legte ihre Hand darauf, in der anderen Faust immer noch den Ring versteckt. Als sie den Raum verließen, war Valésia seltsam ruhig. Nicht gefasst, denn gefasst wäre eine Lüge. Aber klar. Heute würde sich alles entscheiden. Ob sie brach oder ob sie einen Weg fand. Ob Endres einen Plan hatte, oder ob sie allein war.

Der Weg zur großen Halle führte über den Innenhof. Die Luft war klar und kalt. Zwei Frauen warteten im Inneren der Südflügels bereits am Ende der Treppe, eingehüllt in weiße Gewänder und mit Weihrauchschwenkern. Weberinnen der Drei. Gunter trat einen Schritt zurück, als die Frauen Valésia übernahmen, weil es so vorgeschrieben war. Die Läuterung gehörte nicht mehr dem Vater. Sie gehörte den Dreien und dem Herzog. „Komtess Valésia von Aramajé,“ sprach die ältere der beiden, ohne sie wirklich anzusehen. „Folgt uns.“ Sie folgte. Der Gang zur Halle fühlte sich länger an als sonst. Nicht, weil sie langsam gingen, sondern weil die Stille drückte. Als die große Tür zur Halle geöffnet wurde, brach ein anderes Schweigen herein. Das gespannte, vielschichtige Schweigen von Menschen, die dem Hochadel angehörten und gekommen waren, um etwas zu sehen, das sie selbst nie erleben wollten. Valésia versuchte, ihre Fassung zu bewahren. Sie wusste, dass leise Blicke sie verfolgten, dass manche mitleidig, andere neugierig, manche zufrieden waren. Sie hielt den Kopf gerade. So würdevoll wie sie nur konnte, und sah niemanden dabei an. Die Weberinnen führten sie zum vorderen Ende der Halle, wo der Altar der Dreien aufgebaut war. Drei Kerzen, drei Schalen Wasser, drei Symbole. Links davon der Herzog. Aufrecht, ohne Regung. Neben ihm stand Teran, und für den Bruchteil eines Herzschlags kreuzten sich ihre Blicke. In seinen Augen lag keine Herablassung, auch kein Triumph. Ein seltsamer Ausdruck. Der Geruch von Räucherwerk hing in der Luft. Ein Sprecher des Herzogs verkündete: „Die Läuterung der Komtess Valésia von Aramajé beginnt.“ Ein leises Raunen ging durch die Reihen, kaum hörbar, doch spürbar wie ein Windstoß. Die ältere der Weberinnen hob die Hand. „Komtess, tretet vor und kniet nieder.“ Valésia tat es. Langsam, den Ring fest in ihrer geschlossenen Hand verborgen. Als wäre es der letzte Halt, den sie noch besaß. Sie kniete im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Weberinnen begannen die Einleitung des Rituals, eine Abfolge von Worten. Die ältere Weberin hob erneut die Hand. „Komtess Valésia von Aramajé“, sagte sie, „Seid ihr aus freien Stücken hier erschienen?"“ Valésia hob den Kopf. „Nein.“ Für einen Herzschlag lang war nichts zu hören. Dann ein leises Murmeln, kaum mehr als ein Atemzug, der durch die Reihen ging. Die Weberin hielt inne, einen Moment zu lang, dann nickte sie, als wäre die Antwort “Ja” gewesen. Die zweite Weberin trat vor. „Seid ihr bereit, den Herzog von Ajaran als deinen Lehnsherrn anzuerkennen und ihm die Treue zu schwören, wie es euer Stand verlangt?“ Valésia spürte den Blick des Herzogs auf sich, scharf wie der Blick eines Falken. Sie blickte ihn nicht an. „Nein.“ Wieder dieses kurze, betretene Schweigen. Ein Rascheln. Ein gehauchtes Raunen, das sofort wieder verstummte. Die erste Weberin zögerte nicht mehr. „Seid ihr bereit, allem zu entsagen, was als Sünde gilt? Euren Fehltritten, eurer Unbesonnenheit und jener Verbindung, die nicht rechtens war?“ Valésias Stimme blieb ruhig. „Nein.“ Jetzt war das Murmeln deutlicher. Nicht empört. Verunsichert. Die Weberinnen waren an viele Antworten gewöhnt. Diese gehörten nicht dazu. Doch die genaue Abfolge des Rituals der Läuterung war stärker als jede Irritation. „Seid ihr bereit zu bekennen, dass ihr einem anderen beigelegen habt, ohne rechtmäßige Bindung, und dass ihr dieses Handeln bereut?“ Valésia atmete einmal tief ein. „Nein.“ Die Halle hielt den Atem an. Die Weberinnen wechselten flüchtige Blicke. Dann sprach die Älteste, mit einer Stimme, die ihre Fassung mühsam wahrte. „Dann sprecht.“ Es war ein Eingeständnis, dass das Ritual seine Kontrolle verloren hatte. Valésia trat einen Schritt vor. Sie stand aufrecht. Ihre Hände zitterten nicht. „Ich bin eine gläubige Frau“, sagte sie mit klarer, lauter Stimme. „Und ich kann nicht vor den Dreien stehen und lügen.“ Ein leises Aufkeuchen ging durch die Halle. „Ja“, fuhr sie fort, „ich habe gesündigt. Ich habe einem Mann beigelegen, der mir nicht von meiner Familie bestimmt war.” Sie machte eine kurze Pause. „Aber es geschah aus Liebe.“ Jetzt war es vollkommen still. „Ich kann nicht bereuen, einen Mann geliebt zu haben, der mich ebenso liebte. Einen Mann, der gut zu mir war, und der mir auf Augenhöhe begegnete.“ Ihre Stimme schwankte nicht. „Das als Unrecht zu bezeichnen, wäre eine Lüge. Und diese Lüge kann ich nicht sprechen.“ Sie hob das Kinn ein wenig. „Man verlangt von mir, einen Mann zu ehelichen, während ich vor dem Gesetz bereits gebunden bin.“ Und sie sprach die Worte, die in eine Katastrophe driften würden. „Ich habe meinem Geliebten so oft beigelegen, dass es weder zu leugnen noch ungeschehen zu machen ist. Nach dem Recht und vor den Dreien ist er mein Ehemann.“ Sie sah nicht zum Herzog. Sie sah nicht zu Teran. Sie sprach zu den Dreien. „Ich kann keinen zweiten Mann nehmen. Nicht ohne Meineid. Nicht ohne meinen Glauben an die Drei zu verraten.”
Bis zum Hals in der Scheiße ❖
baum-wie ein intriganter Schattenmann huschte Endres durch die Gassen der Stadt. Er war ein Mann der nichts mehr zu verlieren hatte. Seit er den Tempel verlassen hatte, waren unzählige Gedanken durch seinen Kopf geschossen, während vor seinem inneren Auge eine stetig rieselnde Sanduhr prangerte. Die Zeit verging. Quälend. Drängend. Unerbittlich und unaufhörlich. Er wusste, dass er nicht einmal mehr einen Tag hatte. Und er hatte weder einen Plan gehabt, noch eine zündende Idee, wie er Valésia erreichen konnte. Oder wie er ihr noch ein Zeichen senden konnte. Doch er brauchte viel mehr als das. Ein Wunder. Er musste sie aus dem Palast des Herzogs herausbekommen, bevor sie an ihr die Lösung vollzogen hatten. Und dafür hatte er nicht einmal mehr einen Tag lang Zeit!

Es war einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Das wurde Endres klar, als die Sonne sich langsam über den Rand der Mauer schob, und die Schatten der Häuser immer länger wurden. Er war ein gesuchter Fremder in dieser Stadt. Er war ganz auf sich allein gestellt. Und er hatte keine Freunde oder Verbündeten in dieser Stadt. Nur Feinde und misstrauische Fremde. Endres fühlte sich wie ein Kompass, welcher an einem Ort ohne Richtung stand. Er drehte sich, in alle möglichen Richtungen, ohne sich auf ein Ziel auszurichten. So war es auch nicht verwunderlich, dass Endres, in seiner Verzweiflung, am Ende an dem Ort landete, welcher ihn bereits schon einmal Valésia nahe gebracht hatte. Der Dienstboten Eingang. Doch da es bereits dämmerte, herrschte hier deutlich weniger Treiben. Die Wachen waren mürrischer und auch aufmerksamer. Um diese Zeit betrat kaum noch Gesinde die Burg. Endres wagte sich kaum zu nähern, als ihm auffiel, dass die Wachen sogar die Menschen aufhielten und sich erkundigten, woher sie kamen oder was sie in der Burg wollten. Endres lehnte sich an die Wand und legte den Kopf in den Nacken. Seine Blicke wanderten über die vielen, verschiedenen Fenster der Burg. Manche lagen im Dunkel, und aus manchen schimmerte Licht. Meistens war es das schwache, flackernde Licht einer Kerze. Und bei einem der Fenster war es Endres, als ob die Silhouette einer Frau am Fenster saß, die einfach in die Ferne sah. Aber selbst, wenn es Valésia gewesen wäre, wie hätte er auf sich aufmerksam machen sollen, ohne dass auch die Wachen auf ihn aufmerksam wurden?

Daher schwieg Endres und starrte nur zu dem Fenster hinauf. Anstatt bemerkt zu werden, blieb er unerkannt. Allerdings erregte er doch irgendwann eine gewisse Aufmerksamkeit. Ein Wagen polterte auf den Torbogen zu. Ein Ochse zog den Karren, welcher von zwei Männern geführt wurde. Der Wagen war groß und schwer aber die Wachen rümpften die Nasen und verzogen ihre Grimassen voller Abscheu. Als der Wagen an Endres vorbei passierte, erging es ihm dabei nicht anders. »Bei den Dreien!« rief eine der Wachen und wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht. Doch als Endres bemerkte, dass die Männer von den Wachen unbehelligt blieben, wurde er hellhörig und beobachtete den Wagen und die Wachen mit wachsamen Blicken. Die Männer führten den Wagen bis zum Tor. Jener welcher den Wagen gelenkt hatte, kletterte vom Bock herunter, während der andere, welcher den Ochsen am Joch geführt hatte, sich langsam an den hinteren Teil des Wagens begab. Er nahm eine kleine Truhe oder Karre von einem Gestell herunter. Endres konnte den Zweck nicht klar zuordnen. Doch es stellte sich relativ schnell heraus, dass es ein einfacher, kleiner Wagen war, welchen der Mann hinter sich herzog. Sie warfen den Wachen einen stummen Gruß zu, doch diese winkten sie einfach nur durch und kurz darauf verschwanden sie in eben jener Tür, durch welche Endres auch erst vor kurzem die Burg betreten hatte.

Man mochte Endres Gedankengänge in diesem Moment vielleicht nachvollziehen können. Immerhin stand er unter einem gewissen Zeitdruck und er hatte den ganzen Tag über kaum Erfolge erzielt. Doch beim Anblick dieses Wagens keimte in ihm eine Idee und ein gewagter Plan war geboren. Endres trat nun auch an den Wagen heran, schnappte sich einen der Eimer, die an den Haken hingen, zog sich die Kapuze seines Mantels auf den Kopf und näherte sich dem Tor. Natürlich war er nervös und sein Herz hämmerte wild in der Brust, als er sich den Wachen näherte. Doch wie auch die beiden Männer zuvor, wurde er keines Blickes gewürdigt und sie hatten ihn einfach passieren lassen.

Doch kaum hatte er die Burg endlich betreten, da ließ er den Eimer einfach stehen und huschte durch die Gänge. Die Küche war nicht mehr so voll, wie bei seinem letzten Besuch. Das Herdfeuer brannte. Diener und Mägde putzen Kessel oder fegten den Boden. Eine wohlbekannte Stimme hallte durch den Raum, welche Endres dazu veranlasste sich in einem Erker zu verdrücken. »Seine Gnaden wünscht für die morgige Feier einen Dreiling.« Der Diener, welcher mit der Köchin sprach, hatte seine Hände hinter dem Rücken gekreuzt und wirkte wie ein Dienstbote oder Laufbursche. »Nur einen?«, hakte die Köchin nach. »Die Nacht der Lichter ist doch schon vorbei.« Der Diener seufzte. »Es ist für die Komtess. Seine Gnaden wünscht, dass er unter einer Glocke serviert werden soll, damit er feierlich enthüllt werden kann.« Die Köchin schnaubte. »Ein Dreiling? Unter der Glocke?« Sie verstand nicht warum wegen eines so einfachen Gebäcks so viel Aufsehens betrieben wurde, aber sie nickte. »Wenn seine Gnaden es so befiehlt, wird es auch so geschehen.« Der Diener verneigte sich leicht. »Sehr wohl. Der Dreiling soll morgen, zum Anbruch der blauen Stunde, in der Halle stehen. Nicht früher. Nicht später.« Mit diesen Worten verschwand der Diener und ließ die Frau allein zurück. Als er außer Hörweite war, schnaubte sie erneut. »Einen einzelnen Dreiling backen? Wegen…der Komtess.« Sie äffte seine Stimme nach und schnippte dann mit den Fingern. »Hilda! Wir brauchen noch ein paar Eier mehr für morgen. Kümmere dich gleich beim Morgengrauen darum!« »Sehr wohl.«, war die einsilbige Antwort der Frau.

Endres hatte sich indes aus der Küche geschlichen. Er hatte genug gehört. Er wusste wo Valésia morgen sein würde. In der großen Halle. Nun musste er nur noch herausfinden wo diese Halle war. Und da die Zeit immer knapper wurde, musste Endres improvisieren. Er nahm sich den Eimer und verließ die Burg wieder um zu den beiden Wachen zurück zu kehren. Als er sich ihnen näherte, da rümpften sie die Nase und bedachten ihn mit geringschätzenden Blicken. Doch als er noch das Wort an sie richtete, da wandelten sich ihre Blicke regelrecht in Abscheu. »Verzeiht, gute Herren.« »Was willst du Ratte?«, zischte einer der Wachmänner, doch Endres überhörte diese rüde Antwort einfach. »Mir wurde aufgetragen, in der großen Halle nach dem Rechten zu sehen, dass für die morgige Feier alles in Ordnung ist.« Die beiden tauschten kurze Blicke miteinander aus, bevor sie sich wieder Endres zuwandten. »Und warum behelligst du uns damit?«, verlangte jener Wachmann zu erfahren, welcher ihn zuvor schon beschimpft hatte. »Nun, es ist mir sehr unangenehm. Doch ich war noch nie in der großen Halle und weiß nicht…« Da seufzte der Wachmann genervt und packte Endres an der Schulter. Er führte ihn zwei Schritte von dem Durchgang fort und deutete dann auf die großen Torbögen nahe des großen Turms. »Da! Die großen Bögen! Kannst du nicht verfehlen!« Endres Blicke folgten seiner Hand, welche mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die erwähnten Fenster deutete. »Und jetzt zisch ab, Ratte.«, befahl der Wachmann und versetzte Endres einen Klaps auf die Schulter. Endres stolperte einen halben Schritt vor und nutzte den ungewollten Schwung sogleich, um sich aus der Reichweite der Männer zu entfernen. Stattdessen trat er an den Ochsen heran und kletterte auf den Bock, da er von dort aus eine bessere Sicht auf den Turm, die Fenster und das Licht, welches von der großen Halle ausging, zu erhaschen hoffte.

Auf dem Bock sah er über den Rand der Mauer hinweg und er lächelte. Doch sein Lächeln war nicht von langer Dauer. Der brüchige Plan, welcher sich in seinem Geist langsam zu formen begann, zersplitterte wie hauchdünnes Glas, als die beiden Männer mit ihrem kleinen Wagen wieder aus der Burg zurück kehrten. »Wer bist du?« verlangte der Ältere, welcher zuvor auf dem Bock gesessen hatte, von Endres zu erfahren. Eine berechtigte Frage, denn immerhin stand Endres auf eben jenem Bock und er hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Endres zuckte erschrocken zusammen, da er soeben noch so in Gedanken versunken gewesen war, dass er das Kommen der Beiden gar nicht bemerkt hatte. Doch Endres war ein geübter Lügenbaron und da dies keine hohen Adeligen, oder misstrauischen Wachleute waren, gelang es ihm erstaunlich schnell, eine überzeugende Miene aufzusetzen und einfach ungeniert das Blaue vom Himmel zu lügen. »Der Herr hat mich geschickt, euch zu helfen, wegen der morgigen Feier des Herzogs.« Die beiden sahen sich zunächst unsicher an doch zuckten dann, sichtlich dankbar, mit den Schultern. »Das ist gut.« Sie begannen den kleinen Wagen zu entladen, und als sie damit fertig waren, trat der Ältere zu Endres auf den Bock. »Ich heiße Loren. Das ist Iren.« Er deutete auf den Burschen, welcher den Ochsen am Joch führte. »Und wie lautete dein Name?«, verlangte der Mann anschließend zu erfahren und Endres lächelte dünn. »Ender.« »Na dann, Ender. Lass uns fahren.« Er schnalzte mit den Zügeln und der Wagen setzte sich rumpelnd in Bewegung, als der Ochse schwerfällig in Bewegung geriet.

Der Wagen rollte über die Pflastersteine und näherte sich seinem nächsten Ziel. Als die Männer ihr Ziel erreicht hatten, sprang Loren vom Bock und Iren band den Ochsen an einem Pfeiler fest. Dann schnalzte er mit der Zunge und als Endres bemerkte, dass dieses Schnalzen ihm gegolten hatte, sah er Iren fragend an. »Komm. Wir holen die Fuhre ab. Zu Dritt geht’s schneller.« Endres warf einen Blick auf den Wagen und ein Schauer überkam ihn. Doch er nickte und sprang ebenfalls vom Bock ab und so verließen die Drei gemeinsam den Wagen und näherten sich den beiden Wachleuten, die am Tor standen. »Ah Loren.«, begrüßte ihn der Wachmann und nickte ihm zu. »Was hast du für mich?«, erkundigte er sich und Loren kramte in seiner Umhängetasche nach einem kleinen Ding, welches in Wachspapier eingewickelt worden war. »Nicht viel.«, antwortete Loren und überreichte den unbekannten Gegenstand, welcher natürlich sogleich Endres‘ Neugier erweckte. Der Wachmann schlug das Wachspapier auf, und warf einen Blick auf den Inhalt. Kurz darauf nickte er zufrieden, schlug das Wachspapier wieder über dem Gegenstand darin zusammen und verstaute es dann in seiner eigenen Tasche. »Macht schnell.«, befahl der Wachmann und Loren runzelte die Augenbrauen. »Seit wann so eine Eile?«, erkundigte er sich. »Morgen kommen zwei Weberinnen. Alle laufen herum wie aufgescheuchte Hühner. Der Wagen muss hier weg bevor die beiden aufkreuzen.« Loren nickte und winkte dann Iren zu sich. »Wir holen die Fuhre, er soll den Wagen nach hinten bringen.« Iren nickte und wandte sich daraufhin an Endres. »Du sollst den Wagen zum hinteren Tor bringen.« Endres, welcher bei diesen Worten innerlich dankbar aufatmete, warf Iren aber einen gekonnt, gespielten, fragenden Blick zu. »Warum dies?«, erkundigte er sich, als ob er es beinahe bedauern würde, nicht dabei helfen zu müssen, die Fuhre zu holen. »Befehl von der Wache. Irgendwelche wichtigen Leute wollen nicht, dass wir zu lange hier sind. Hoher Besuch wird erwartet.« Endres wusste natürlich wer hier erwartet wurde. Dank seiner Neugier hatte er schon mehr als genug gelauscht. »Hoher Besuch?«, hakte er nach und Iren nickte. »Weberinnen. Du verstehst?« Endres verstand es natürlich nicht. Aber er nickte und tat einfach so, als wüsste er darüber Bescheid, was anscheinend jeder zu wissen schien, außer ihm. »Gut, dann mach schnell. Wir sputen uns.«

Endres kletterte auf den Bock und lenkte den Wagen zum Tor. Als er das Tor erreicht hatte, da seufzte er. Er fühlte sich hier so fehl am Platz als ob dies ein schlechter Traum war. »Was mache ich hier überhaupt?«, murmelte er mehr zu sich selbst. Die Beiden würden die Fuhre bringen, diese auf die Pritsche werfen, und weiterfahren. Dies konnte die ganze Nacht so gehen! Doch eigentlich hatte Endres weder Lust, noch Zeit, die ganze Nacht mit diesen beiden Hohlköpfen einer Arbeit nachzugehen, für die er weder bezahlt wurde, noch dass er sehr erpicht darauf sie überhaupt zu machen, selbst wenn er dafür bezahlt werden würde. Geschweige denn, dass er ganz andere Pläne verfolgte, und ihm die Zeit immer schneller durch die Finger lief. Er musste die Beiden loswerden. Er musste von diesem Wagen weg. Und er musste in die Halle kommen, bevor die blaue Stunde angebrochen war.

Ein Wachmann stand nicht weit vom Wagen und warf Endres mürrische Blicke zu. Er war deutlich weniger begeistert davon, dass Endres mit seinem Wagen hier stand, als der andere Wachmann. Und Endres konnte es ihm nachfühlen. Ihm erging es dabei nicht anders, und er war dem Wagen sogar noch näher, als der Wachmann! Der Wagen rumpelte und der Wachmann brummte. »He!«, rief der Wachmann und trat einen Schritt zurück. »Pass doch auf, wohin du den Wagen lenkst, du Idiot!« Endres zog an den Zügeln, um den Wagen zum Halten zu bringen, doch der Ochse wollte ihm einfach nicht gehorchen. Der Wagen polterte über die Steine und schrammte dann mit einem lauten Poltern gegen die Wand, so dass der Karren abrupt zum Stillstand kam. Endres sprang erschrocken vom Bock und der Wachmann näherte sich ihm. »Was hast du gemacht, du Trottel?«, herrschte er Endres an doch dieser wusste gar nicht wie ihm geschah. »Der Ochse hat einfach gemacht was er will!«, rechtfertigte sich Endres und der Wachmanns schnaubte nur. Und zu allem Überfluss kamen auch noch Loren und Iren zurück. »Was ist geschehen?«, erkundigte sich Loren und der Wachmann schnaubte verächtlich. »Euer Kamerad hat den Karren gegen die Wand gefahren!«, Endres deutete indes auf den Ochsen. »Er hat einfach stur den Wagen gegen die Wand gezogen.« Iren seufzte und trat an den Ochsen heran, doch sagte nichts dazu. Loren versuchte indes den Wachmann zu beschwichtigen und Endres trat von einer Stelle auf die andere. Die Situation wirkte angespannt und er wollte einfach nur noch fort von hier.

Und in seinem Ungemach, und auch weil seine Aufmerksamkeit dem aufgebachten Wachmann galt, stieß er daraufhin unweigerlich mit Iren zusammen, welcher gerade dabei gewesen war den Inhalt der Eimer auf die Pritsche zu schütten. Und so entglitt diesem der Kübel, fiel lauthals zu Boden und zerbrach auf dem harten Pflasterstein. Der Inhalt der gesamten Fuhre ergoss sich auf dem Boden und lief dann dem Wachmann und Loren über die Stiefel. »Scheiße! Kannst du nicht aufpassen du Trampel?« herrschte der Wachmann ihn an und trat nach Iren. Dieser duckte sich nur. »Das war nich‘ meine Schuld!«, jammerte er aber der Wachmann trat nochmals nach ihm. »Mach das sauber, aber flott!«, befahl er und Iren erhielt noch einen Tritt. Loren klopfte seine Schuhe am Boden ab und näherte sich dem Wagen. Die Situation eskalierte und über all dem hing der Dunst von einem großen Haufen Ärger. »Der Wagen.«, rief Endres laut und deutete auf die Fuhre, welche an dem Holz entlang zu Boden sickerte. »Er gebrochen. Die Fuhre läuft aus!« Natürlich war dies nicht der Fall, denn das was hier zu Boden tropfte, waren nur die letzten Reste aus Irens gestürztem Eimer. »Scheiße!«, rief Loren und der Wachmann wirkte nun völlig entsetzt. »Schafft den verdammten Wagen fort von hier! Sofort!«, befahl der Wachmann und Endres sprang sogleich auf den Bock, schnappte sich die Zügel und ließ diese durch die Luft schnalzen.

Der Ochse setzte sich in Bewegung und der Wagen rumpelte über die Pflastersteine. Und während sich der Wagen langsam von den Dreien entfernte und durch das Tor rollte, huschte ein diebisches Lächeln über Endres Gesicht.


Der Morgen graute bereits, als Enders endlich wieder in die Stadt zurückkehrte. Er war schon die ganze Nacht auf den Beinen gewesen und so langsam zollte sein Körper seinen Tribut. Er war müde und ausgelaugt. Doch die Nacht war hatte längst ihr Ende überschritten. Die ersten Strahlen der Morgensonne schienen bereits in die Gassen der Stadt. Endres zog sich seine Kapuze vom Kopf und überlegte, wie viele Identitäten er heute schon angenommen hatte. Doch eine war noch übrig…und er hatte so viele Male darüber nachgedacht. Doch egal wie er es auch drehte und wendete. Es war ihm einfach keine andere Idee eingefallen. Er schluckte hart, denn sein Gewissen lag ihm schwer auf der Brust. Aber für Valésia war er bereit alles auf sich zu nehmen. Ja, er würde auch nicht davor scheuen diesen letzten Schritt zu gehen! Er ballte die Fäuste zusammen und biss sich auf die Lippen. Es musste sein! Es gab keinen anderen Weg! Er beschleunigte seine Schritte und verringerte die Distanz zwischen sich und den Personen, welcher er schon seit geraumer Zeit auf den Fersen gewesen war.

Die Sonne stand bereits im Zenit, und wie es der Hüter gesagt hatte, waren die Weberinnen zur Mittagsstunde aufgebrochen um den Pfad der Läuterung zu beschreiten. Es war im Grunde nichts anderes, als vom Tempel, durch den Irrgarten der Gassen, bis zum Tor zu gehen. Eben jenem Tor, an welchem in der Nacht ein unangenehmer Vorfall mit einem Wagen, einem Ochsen, drei Männern und einem Wachmann vorgefallen war. Die Weberinnen verließen den Tempel und schritten schweigend über den großen Marktplatz. Vorbei an den Ständen, vorbei an den vielen Häusern, die zwischen dem Tempel und ihrem Ziel lagen. Die meisten Menschen, die sie bemerkten, grüßten sie oder verneigten sich. Gelegentlich bot ein Händler ihnen eine kleine Gabe an. Einen Apfel, oder ein kleines Gebäck. Sie nahmen es dankend an, spendeten einen kurzen Segen, und setzten ihren Weg fort. Doch an einem der Stände war ein besonders hartnäckiger Gläubiger. Er hatte sich vor einer der Weberinnen auf den Boden geworfen und seine Hände hielten den Saum ihres Gewandes. »Bitte, gewährt mir euren Segen. Meine Frau steht am Rande des Endes.«, flehte der Mann und drückte seine Stirn auf die harten Pflastersteine. »Mögen die Drei euch segnen.«, säuselte die Weberin und legte ihm ihre Hand auf die Schulter um ihn sanft dazu zu bewegen, von ihrer Gefährtin abzulassen. Doch der Mann, dessen Haar rötlich war, wie Stroh welches man in Heidelbeersaft getaucht hatte, ließ einfach nicht von ihr ab. »Schwester, wir müssen weiter.«, raunte die ältere Weberin und wandte sich dem Mann zu, welcher den Saum der Weberin festhielt. »Guter Mann. Bitte. Wir haben eine heilige Pflicht und ihr haltet uns vom Pfad der Läuterung ab.«, zischte die Weberin, ungehalten aber so, dass nur der Mann den Unmut richtig hören konnte. »Verzeiht, heilige Schwester.«, flötete der Mann und ließ von dem Saum ab. »Ich wollte nicht unhöflich oder zudringlich sein.« »Die Wege der Drei sind vorherbestimmt. Ihr könnt das Schicksal nicht verändern, nicht aufhalten, nicht betrügen. Das Schicksal eurer Frau ist vorherbestimmt. Ihr könnt daran nichts ändern. Und nun lasst von meiner Schwester ab, oder ich werde die Wache rufen.«, befahl, die ältere Weberin mürrisch. Diese Drohung zeigte Wirkung. Er öffnete die Umklammerung seiner Finger und entließ die Weberin, welche daraufhin sogleich sichtlich Abstand zu ihm einnahm. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzten die Weberinnen ihren Weg fort, bis sie endlich in Reichweite des Tores kamen. Eben jenes Tor, von welchem sie schließlich in die Burg geführt werden würden, um die Läuterung der Komtess von Aramajé zu leiten, und Zeuge der Lösung zu sein. Der Lösung von ihrem Gemahl, der selbst nicht einmal davon wusste, dass er ihr Gemahl war.

Endres Herz klopfte wie wild als seine Faust sich fest ballte, so dass die Knöchel hervortaten. Die scharfe Kante des Holzes, um welches sich seine Faust geschlossen hatte, schnitt ihm förmlich in die Haut. Doch sein Blick war nur auf sein Ziel gerichtet. Alles um ihn herum verlangsamte sich, wie zäher Honig der langsam von einem Löffel tropfte. Seine Hand hob sich. Ein Schatten huschte aus seinen Augenwinkeln. Ein dumpfer Schlag ertönte. Seine Hand öffnete sich und das Holz fiel dumpf zu Boden. Und seine Blicke waren auf die Person gerichtet, die vor ihm auf dem Boden lag. »Verzeih mir.« flüsterte Endres, als er hastig die Kleidung vom Leib zog, Knöpfe öffnete, Knoten löste und mit jedem Kleidungsstück, dass er wechselte mehr und mehr die Identität wechselte.

Indes huschte ein Diener durch die Hallen des Herzogs. Er klopfte an die Tür und wartete mit nervös zitternden Händen darauf, dass er eingelassen werden würde. Als die dumpfe Stimme des Herzogs ertönte, huschte er sogleich durch die Tür und verbeugte sich. »Euer Gnaden.«, begrüßte der Diener den Herzog, welcher natürlich, gespreizt wie immer, zu erfahren verlangte, was den Diener zu ihm führte. »Die Komtess wird soeben in die Halle geführt. Wie befohlen.« Der Herzog nickte zufrieden. »Und die Weberinnen?«, hakte er nach. »Sie werden jeden Augenblick erwartet. Alles ist vorbereitet. Sobald sie eingetroffen sind, kann die Zeremonie beginnen.« Der Herzog nickte erneut und wedelte mit der Hand. »Er möge sich entfernen.« Der Diener verbeugte sich demütig und verließ daraufhin sogleich den Raum, während ein siegessicheres Lächeln den Mundwinkel des Herzogs umspielte. Doch dieses Lächeln wurde umspielt von einem bitteren, schiefen, Unterton. Der Frevler, auf welchen er ein Kopfgeld ausgesetzt hatte, war noch immer nicht gefasst worden. Und dies nagte sehr an seinem Stolz. Er raffte seine Kleidung zurecht und nahm den verzierten Amtsstab von der Halterung. Das Zeichen seiner Macht und vom König verliehenen Autorität Recht sprechen zu dürfen. Er trug edle Handschuhe und das alte, polierte Holz glitt förmlich durch die Finger, begleitet von einem stoischen, ernsten Blick des Herzogs, während er aus seiner Kammer trat, um sich zur großen Halle zu begeben.

Als der Herzog die Halle betrat, sah er die Komtess von Aramajé auf dem ihr zugewiesenen Platz. Sie stand alleine vor den beiden Weberinnen, welche sich inzwischen auch endlich eingefunden hatten. Wenn es nach dem Herzog gegangen wäre, hätten sie schon viel früher hier sein können. Doch die Heiligen ließen sich nicht drängen. Und er konnte eigentlich schon froh sein, dass sie überhaupt so schnell erschienen waren. »Nun denn. Möge die Lösung beginnen!«, befahl der Herzog und die Weberinnen begannen mit ihrem Ritual. Sie eröffneten mit den Fragen, die sie zu stellen hatten. Doch Valésia gab nicht die Antworten, die sie zu geben hatte. Und mit jedem Nein, welches ihre Lippen verließ, verzog sich mehr und mehr sein Mundwinkel zu einer mürrischen Grimasse. Er bewahrte die äußere Ruhe, doch tief in ihm brodelte es wie in einem Kessel in welchem Pech gekocht wurde, um es über seine Feinde zu stürzen. Doch als Valésia, vor allen Menschen, den Weberinnen und den Angehörigen des Adels verkündete, dass sie diesem Paltoren beigelegen hatte, da ließ der Herzog seine Maske fallen. Er hob den Amtsstab und ließ ihn auf den Tisch donnern, so dass das laute Klacken durch die Halle klang. »Genug!«, rief er und deutete mit dem Amtsstab auf Valésia. »Komtess, Valésia von Aramajé. Sie hat sich dem Urteil dieser Läuterung zu beugen! Vor den Augen der Drei, in Anwesenheit der Weberinnen. In Anwesenheit des Adels. Erklären wir, mit der Autorität seiner Majestät.« Mit diesen Worten hob er den Amtsstab, so dass jeder erkennen konnte, dass er nun nicht als Herzog von Ajaran, sondern als Stimme des Königs von Ariad sprach. »…dass euer Bund als gelöst gelten soll! Sie soll vortreten!«, befahl er und deutete auf die beiden Weberinnen, so dass sie Valésia vor den Herzog führen konnten. Die Ältere trat an Valésia heran und flüsterte. »Wenn ihr euch weiterhin weigert, wird seine Gnaden euch in den Tempel verbannen.«, zischte sie. »Wenn ihr den Amtsstab küsst, erkennt ihr die Lösung an und diese Läuterung ist vorüber.« Valésia sah die Weberin mit einem Blick an, den man schwer deuten vermochte. »Und wenn ihr ihn nicht küsst, wird diese Läuterung…unangenehm.« Mit diesen Worten nickte sie der anderen Weberin zu. Ein geheimes Zeichen…vermutlich. Doch die Weberin wusste nicht was von ihr erwartet wurde. Sie trat an Valésia heran und ergriff sie sanft an ihrem Oberarm. »Vertraust du mir?«, flüsterte die Weberin, und in ihrer Stimme schwang ein Ton mit, den Valésia unter tausenden erkennen würde. Sie nickte stumm. Die Weberin nickte. »Verzeih mir, doch ich habe keinen anderen Weg gefunden, meine Liebste.«, Mit diesen Worten packte die Weberin die Komtess am Arm und zerrte sie zu dem großen Fenster, noch bevor sie den Herzog erreicht hatten. Ein Raunen ging durch die Menge, doch da die meisten nicht so recht wussten, ob dies zur Zeremonie gehörte oder nicht, geriet die Menge nur in Gemurmel. »Was hat das zu bedeuten?«, rief der Herzog und erhob sich von seinem Thron. Und da erst erkannte die Menge, und auch die Wachen, dass dies nicht im Sinne der Läuterung war. Doch es war bereits zu spät. Die Weberin hob Valésia auf das Fensterbrett und riss sich dann den Schleier vom Gesicht. Die Stimmen erhoben sich wie ein Raunen der Entrüstung durch den Saal. Das Gesicht einer Weberin zu sehen war verboten! Sie waren der Inbegriff des Schicksals. Doch die Weberin, welche unter dem Schleier verborgen war, entpuppte sich als ein Mann mit Haar von einer Farbe als ob man Stroh mit Heidelbeeren getränkt hätte.

Endres ergriff Valésia und legte seine Arme um ihre Hüfte. »Nicht durch die Nase atmen.« Und mit diesen Worten sprang er mit Valésia aus dem Fenster. Sie kreischte erschrocken auf und Endres schloss die Augen. Und als sie auf dem Grund aufschlugen wurden sie umfangen von einem weichen Beet, in welches sie bis in die Brust einsanken. Der Wagen ächzte. Der Ochse heulte erschrocken auf und dann donnerte der Wagen über den Hang hinab…

Endres zog Valésia zu sich heran und drückte sie so fest an sich, da er einfach nicht fassen konnte, sie endlich wieder in seine Arme schließen zu können. »Was bei den Dreien?«, ächzte Valésia als ihr der Geruch in die Nase drang. »Im nahen Wald warten die Pferde und unsere Habe auf uns. Wir müssen schnell sein. Ich wünschte ich hätte einen besseren Weg gefunden. Doch es gab keinen…« Er würgte die Worte so ernst wie es ihm möglich war hervor, doch der Gestank von Unrat, Scheiße und Urin schlug ihm so sehr auf den Magen, dass er sich beinahe übergeben musste.
Der Fenstersturz von Ajaran ❖
baum-valésias Worte waren gesprochen. Doch sie hatten nichts verändert. Die Komtess stand noch immer aufrecht vor dem Altar der Dreien und vor dem Herzog, die Hände ruhig vor ihrem Leib gefaltet als hätte sie nicht eben das Fundament der Ordnung in Frage gestellt. In der Halle herrschte eine Stille, die nicht ehrfürchtig war, sondern gespannt wie eine zu straff gezogene Saite einer Laute. Nur eine unsachte Berührung und die Saite würde reißen. Die Weberinnen sagten im Moment nichts mehr. Das Ritual, diese Läuterung und Lösung, alles war gescheitert und sie wussten es. Ein Murmeln lief durch die Reihen der Anwesenden, erst zögerlich, dann breiter, bis es von einem einzigen, scharfen Laut erstickt wurde. Der Herzog hatte sich bewegt. Er trat vor. Mit der würdevollen Ruhe eines Mannes, der entschieden hatte, dass diese Angelegenheit beendet werden musste. „Genug!“ rief er. Seine Stimme fuhr durch die Halle. Sein Gesicht war wie eine ruhige Maske. Würdevoll, ruhig und gefasst. Doch darunter sah es anders aus. Er blickte Valésia an, als sähe er sie nun zum ersten Mal nicht mehr als Person, sondern als Problem. „Komtess, Valésia von Aramajé. Sie hat sich dem Urteil dieser Läuterung zu beugen! Vor den Augen der Drei, in Anwesenheit der Weberinnen. In Anwesenheit des Adels. Erklären wir, mit der Autorität seiner Majestät, dass euer Bund als gelöst gelten soll! Sie soll vortreten!“ Einige der Anwesenden senkten die Blicke. Andere hielten den Atem an. Der Herzog wandte sich halb zu den Weberinnen, halb zur Halle. Und während die Weberinnen sich wieder in Bewegung setzten, gezwungen, diese Lösung fortzuführen, wusste Valésia mit einer Klarheit, die ihr den Atem nahm: egal was sie gesagt hatte, es hatte keinen Bestand. Der Herzog wollte hier nicht die Wahrheit finden, es interessierte ihn nicht, was Gesetz war. Er wollte seinen Willen und die für ihn richtige Ordnung wieder herstellen. Und die Ordnung sah vor, dass sie nicht wählen durfte, was sie längst gewählt hatte und was längst vollzogen worden war. Diese Ordnung sah vor, dass sie sich fügte, seinen Sohn Teran ehelichte und damit Endres entsagte und Aramajé an das Haus von Ajaran band. Ihr Plan, dem allen mit einem schlichten ‚Nein‘ zu entsagen, war nicht aufgegangen. Natürlich nicht. Die ältere Weberin trat an Valésia heran. Ihre Stimme war ruhig geblieben, doch nun lag etwas Unnachgiebiges darin, etwas, das keinen Zweifel ließ. „Wenn ihr euch weiterhin weigert, wird seine Gnaden euch in den Tempel verbannen.“, zischte sie. Valésia rührte sich nicht und sie sprach unbeirrt weiter. „Wenn ihr den Amtsstab küsst, erkennt ihr die Lösung an und diese Läuterung ist vorüber.“ Innerlich sträubte sich Valésia wie eine Katze, die man zu einem Wasserbottich schleifte, um sie ins Wasser zu drücken. Die ältere Weberin neigte den Kopf ein wenig, als spräche sie zu einem eigensinnigen Kind. „Und wenn ihr ihn nicht küsst, wird diese Läuterung…unangenehm..“ Valésia wusste, dass dies keine leere Drohung war. Sie sah den Herzog vor sich, reglos, den Stab bereits erhoben, den Blick fest auf sie gerichtet. Es war kein Zorn darin. Aber Erwartung und Gewissheit. Die zwei Weberinnen traten näher, um sie zum Herzog zu führen. Valésia spürte, wie sich ihr Inneres zusammenzog. Dies war der Punkt, an dem alles endete. Ein Schritt, ein Kuss auf kaltem Metall, und ihre Worte von eben wären bedeutungslos geworden. Endres’ Name. Ihre Wahrheit, nein… die Wahrheit. Alles ausgelöscht. Die jüngere der beiden Weberinnen legte ihre Hand an Valésias Arm. In diesem Moment beugte sie sich leicht vor, so, dass es aussah wie ein flüchtiger, ritueller Handgriff. Ihr Gesicht blieb im Schatten des Schleiers. „Vertraust du mir?“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Aber Valésia kannte diese Stimme und ihr Atem stockte. Sie wagte es nicht, den Kopf zu wenden. Nicht einmal den Blick zu heben. Doch in ihrem Inneren schlug ihr Herz so plötzlich und so heftig, dass ihr beinahe schwindlig wurde. Erleichterung. Freude. Ungläubigkeit. Und eine Hoffnung, die sie eben noch verloren geglaubt hatte. Endres. Er stand bei ihr. Nicht irgendwo in der Menge.

Nicht verborgen und machtlos, nein, er war hier dabei ihr und hielt sie. Und da nickte sie. In all dem Lärm der Halle, in all der starren Aufmerksamkeit, war es ihr, als gäbe es nur sie beide. Valésias Herz begann zu schlagen, als wäre es bis zuletzt erstarrt gewesen. Und vielleicht war es das auch gewesen. Und während die Weberinnen sie weiter nach vorn führten, tat Valésia etwas, das sie vor wenigen Augenblicken noch nicht gekonnt hätte. Sie ging. Sie ließ sich von Endres führen. Und mit jedem Schritt wuchs etwas in ihr, das sie eben noch verloren geglaubt hatte; Mut. Und die Gewissheit, dass dies noch nicht das Ende war. Der Weg, der zum Herzog nach vorne führte, driftete ein klein wenig ab. Und führte an die Mauer der Halle, zu dem großen Fenster. „Verzeih mir, doch ich habe keinen anderen Weg gefunden, meine Liebste.“ Valésia verstand nicht, was er damit meinte. Endres wartete nicht auf ein Zeichen. In dem Moment, in dem Valésia nach vorne geführt werden sollte, legte er ihr die Hand an die Hüfte und hob sie auf das Fensterbrett. Der Stein des Fensters war kalt unter ihren Fingern, als er sie auf das Fensterbrett setzte, und erst jetzt wurde ihr die Höhe bewusst. Auch trotz der Dunkelheit spürte sie sie sofort, dass unter ihr nichts mehr war als die Tiefe. Die Weberin sprang hinterher auf das Fensterbrett, dicht an sie heran, und riss sich mit einer schnellen Bewegung den Schleier vom Gesicht. Ein hörbares Entsetzen ging durch die Halle, ein einziges, kollektives Raunen, denn es war verboten, das Gesicht einer Weberin zu sehen. Aber unter dem Schleier kam keine Frau zum Vorschein, sondern ein Mann. Das Haar war hastig gefärbt, gerade gut genug, um aus der Ferne zu täuschen. Doch sein Gesicht lieb und vertraut. Endres. Noch ehe sie begreifen konnte, was all das bedeutete und was er vorhatte, legte er den Arm um ihre Hüfte und zog sie eng an sich. Er beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas zu, so leise, dass es nur sie hören konnte. Sie verstand den Sinn der Worte, aber nicht die Lage, nicht die Geschwindigkeit, mit der alles geschah. Die Halle hinter ihnen, die Stimmen, der Herzog der sich von seinem Thron erhoben hatte, all das verlor schlagartig an Kontur. Dann sprang er und riss sie mit sich, und Valésias Schrei war nichts als ein Reflex, als sie sich gewahr wurde, dass kein Boden unter ihr war. Der Fall dauerte länger, als sie erwartet hatte, lange genug, dass ihr Körper Zeit hatte, diese Angst zu begreifen, den Aufprall zu erwarten. Der Wind schlug ihr ins Gesicht, ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, und sie klammerte sich an ihn, weil es sonst nichts anderes gab, woran sie sich hätte halten können. Der Aufprall war kein harter Schlag, sondern ein Einsinken, als hätte etwas unter ihnen nachgegeben. Noch bevor sie verstand, worauf sie gelandet waren, brach um sie herum Chaos aus. Ochsen brüllten auf, erschrocken von dem plötzlichen Aufprall, dem Gewicht und dem Lärm, und sie setzten sich ruckartig in Bewegung. Der Wagen setzte sich in Bewegung, immer schneller, Holz ächzte, Räder sprangen über den Untergrund, und all das begann den Abhang hinunter zu rasen. Der allgegenwärtige Gestank erreichte sie erst jetzt. Mit voller Wucht, schwer und überwältigend, so unmittelbar, dass ihr der Atem stockte. Sie spürte die überraschende Wärme an ihrem Körper, an den Armen, an den Beinen, an der Brust, und während der Wagen davonpreschte, setzte die Erkenntnis ein, langsam und unausweichlich. Sie waren auf einem Abtrittwagen gelandet. Der Gedanke kam beinahe panikartig, während sie merkte, wie tief sie festsaß, wie sehr der Gestank alles überlagerte, wie wenig Raum es gab, sich zu bewegen oder sich dem zu entziehen. Sie steckten wortwörtlich in der Scheiße. In diesem Moment gab es nur noch das Hier und Jetzt, den fahrenden Wagen, den Mann an ihrer Seite und die beinahe brutale Tatsache, wie sie entkommen waren. Sie waren gesprungen. Und sie waren entkommen. Aber auf eine Art und Weise, die man niemals vergessen konnte. „Was bei den Dreien…“ hauchte Valésia und sie wagte es fast nicht, den Mund zu öffnen oder sich zu bewegen, da sich durch den Aufprall die Exkremente überall verteilt hatten. Wirklich überall. Es gab keine Möglichkeit sich etwas aus dem Gesicht zu wischen, da die Scheiße wirklich überall anhaftete. Besonders an den Händen, die so tief darin steckten. Endres zog sie an sich, so fest, dass ihr für einen Moment die Luft wegblieb. Valésia ließ es zu, klammerte sich ebenso an ihn. Eigentlich sollte es eine überwältigende Wiedersehensfreude sein. Sie hatte sich so viele Worte zurechtgelegt, was sie sagen könnte. Doch alles, was überwältigend war, war der Gestank. Er drang ihr in die Nase, in den Mund, setzte sich sofort fest. Ihr Magen zog sich zusammen, und sie musste sich zwingen, den Atem flach zu halten und jeden Würgereflex niederzukämpfen. Seine Stimme kam dicht an ihrem Ohr, gedämpft vom Lärm der Ochsen und dem Rumpeln des Wagens. „Im nahen Wald warten die Pferde und unsere Habe auf uns. Wir müssen schnell sein.“ Valésia nickte geistesabwesend und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, weil es wirklich schon egal war. Es gab kein sauberes Fleckchen mehr auf dieser fahrenden Latrine und alles in allem war sie froh, ihren Geliebten wieder bei sich zu haben. Er hatte alles riskiert um sie wieder zueinander zu bringen, und das war ihm auch gelungen. Mehr durfte man nicht verlangen. Der Wagen ruckte, und sie verlor kurz das Gleichgewicht. Etwas unter ihr gab nach, schmatzte, zog an ihr, als wollte es sie festhalten. Sie spürte die feuchte, alles durchtränkende Wärme überall, an den Armen, am Oberkörper, sogar im Gesicht, und der Ekel war so stark, dass ihr die Augen tränten. „Ich wünschte, ich hätte einen besseren Weg gefunden“, hörte sie ihn sagen. Seine Worte kamen stockend, unterbrochen von Atemzügen, die zu hastig klangen. „Doch es gab keinen…“ Er brach ab. Sie spürte, wie sich sein Körper kurz anspannte, wie er den Kopf wegdrehte, und sie wusste, ohne hinzusehen dass es ihm genauso erging wie ihr. Der Geruch von Unrat, Scheiße und Urin lag so dicht um sie herum, dass er keinen Raum ließ für etwas anderes. Valésia presste die Lippen zusammen, schluckte, kämpfte gegen den Würgereiz an. Sie wusste nicht, wie sie das ertragen sollte, nur dass sie es musste, weil es keinen anderen Weg gab, denn sie steckten ja mittendrin.

Der Fahrtwind schlug ihr weiter ins Gesicht, doch der Gestank blieb. Er war einfach nichts, woran man sich gewöhnen konnte. Endres war mittlerweile auf den Kutschbock geklettert und lenkte den Wagen. Hinter ihnen lag Ajaran, längst unsichtbar in der Dunkelheit, vor ihnen der Wald, den sie nicht sehen konnte. Die Angst vor Verfolgern saß Valésia tief in den Knochen, auch wenn Endres versuchte sie zu beruhigen, denn das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Niemand in ganz Ajaran würde so schnell Und irgendwo zwischen Ekel, Schock und Erschöpfung begriff Valésia, dass sie erfolgreich geflohen waren und dass dies hier wohl der Preis der Freiheit war. Es würde keine Läuterung geben, keine Hochzeit mit irgendeinem Herzogsohn, und auch ihre Familie war wieder aus ihrem Leben verschwunden. Irgendwann ließ das Rumpeln nach. Der Wagen wurde langsamer, die Ochsen schnaubten schwer, und zwischen den Bäumen wurde es dunkler und stiller. Der Wald nahm den Lärm auf, verschluckte ihn, bis nur noch das Knacken von Ästen und Tiere im Unterholz zu hören waren. Als der Wagen schließlich zum Stehen kam, war Valésia so erschöpft, dass sie einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass sie nicht mehr fuhren. Der Gestank hing noch immer an ihr, in den Haaren, auf der Haut, in jeder Falte des Kleides. Sie fühlte sich schwer, wie festgehalten von etwas, das sie nicht losließ, selbst jetzt, wo sie sich langsam aus dem Wagen bewegte. Ihre Beine zitterten, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, und sie musste sich einen Augenblick sammeln, bevor sie stehen konnte, ohne einzuknicken. Der Wald roch gut. Feucht, kalt, nach Erde und Laub. Es war kein Trost, aber es war eine Abwechslung, und allein das reichte, um nicht den Verstand zu verlieren. Zwischen den Bäumen standen die Pferde. Ruhig, gesattelt, mit Decken über den Rücken gelegt, grob, dunkel, eindeutig dafür gedacht, sie relativ sauber zu halten. Daneben lagen Bündel, Säcke, alles so angeordnet, dass keine Zeit verloren ging. Endres hatte es für genau diesen Moment vorbereitet. Sie sah an sich hinab und verzog das Gesicht, nicht aus Eitelkeit, sondern aus schlichter Fassungslosigkeit. So auf ein Pferd zu steigen hätte sie sich vor wenigen Stunden nicht einmal vorstellen können. Zumal sie sich nie hätte vorstellen können, einen derartig würdelosen Zustand zu erreichen. Doch dieses Kleid auszuziehen und so dreckig in eins ihrer sauberen zu schlüpfen erschien ihr umso unvorstellbarer. Sie trat näher an das Pferd heran, der moosige Boden weich unter ihren Stiefeln, und sie legte die Hand an den Hals des Pferdes. Es war warm, lebendig, gleichgültig gegenüber ihrem ekelerregenden Zustand. Und diese Gleichgültigkeit des Tieres war unerwartet tröstlich. Valésia zog sich mit einer unbeholfenen Bewegung in den Sattel. Der Stoff klebte, der Geruch stieg erneut auf, und sie musste die Augen schließen, um den Würgereiz niederzukämpfen. Als sie saß, spürte sie, wie sie sich ein bisschen besser fühlte. Außerdem war sie in diesem Zustand ja nicht alleine. Endres erging es ja auch nicht anders. Sie richtete sich auf, so gut es ging, hielt die Zügel fest und atmete einfach nur durch den Mund und nicht durch die Nase.

Sie ritten die Nacht beinahe ohne Pausen durch, denn eine Pause hätte beinahe bedeutet, sich mit dem allgegenwärtigen Gestank auseinander zu setzen, und darauf hatte keiner von beiden Lust. Außerdem wollten sie den Abstand zwischen Ajaran und sich so groß wie nur möglich machen. Wenn sie aufgegriffen wurden, dann würde ihnen niemand mehr helfen können. An ihnen würde ein beispielloses Exempel statuiert werden, über das sich Valésia nicht im Geringsten Gedanken machen wollte. Die Nacht zog sich, dunkel und still, nur unterbrochen vom gleichmäßigen Atem der Pferde und dem leisen Knacken von trockenen Zweigen unter den Hufen, die auf dem weichen Waldboden dahin trappelten. Valésia spürte jeden Muskel, jede Stelle, an der der Körper gegen Müdigkeit und die Kälte der Nacht ankämpfte. Der Gestank hing noch immer an ihr, abgeschwächt vielleicht, aber nicht verschwunden, als wäre jetzt zu einem Dauerbegleiter geworden. Zu ihrer Linken tauchte im Laufe der Stunden ein Gebirgsmassiv aus der Dunkelheit auf. Schwarze krakelige Konturen gegen den Himmel. Der Süden machte sich langsam bemerkbar. Nicht als Wärme, sondern als ein Nachlassen der Härte. Der Wind wurde weniger, der Boden wurde immer trockener, und als der Nachthimmel schließlich dem Morgen wich, war es kein grauer Wintermorgen mehr, sondern ein fahles, zurückhaltendes Licht. Sie ritten aus dem Wald, erreichten eine Heide und dann sah sie das Wasser. Der See war zwischen den Bäumen verborgen geblieben, still, glatt, von keinem Lüftchen bewegt. Doch jetzt, da sie den Wald hinter sich gelassen hatten, sah sie ihn ganz deutlich. Ein dünner Nebel zog darüber hinweg, und selbst aus der Entfernung wusste Valésia, dass es kalt sein würde. Aber das spielte keine Rolle. Nicht in diesem Zustand in dem sie sich befand. Sie stieg vom Pferd, steif vom Reiten und der Kälte, langsam, und ging näher an das Ufer. Der Geruch von Wasser, von Erde und feuchtem Stein war überwältigend. Klar und sauber. Ihre Hände zitterten, als sie in ihren Sachen kramte und die Seife hervorzog, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Und das war sie auch. Ein kostbarer Schatz, eine wirksame Waffe im Kampf, den eingetrockneten Dreck und Gestank loszuwerden. Ohne Zögern riss sie sich das Kleid über den Kopf, beseelt von dem dringenden Wunsch, diesen dreckstarren stinkenden Stoff loszuwerden, der alles festgehalten hatte, was sie hinter sich lassen wollte. Sie warf ihn achtlos am Ufer hin und ging ins Wasser. Das Wasser war kalt. So kalt, dass es ihr beim Eintauchen den Atem nahm und sie einen Moment lang glaubte, es nicht zu schaffen. Ihre Beine schmerzten sofort, die Haut zog sich zusammen, und jeder Schritt kostete Überwindung. Trotzdem ging sie weiter, bis der See sie umschloss, und dann tauchte sie unter. Denn die Kälte war nichts im Vergleich zu dem Gestank dieser fremden Exkremente. Als sie wieder auftauchte, japste sie nach Luft und begann sich zu waschen, ohne Zögern, ohne Rücksicht. Auch Endres trieb es in den kalten See, um sich all dieses Elend abzuwaschen. Valésia rieb sich Arme, Schultern, Hals und Gesicht, immer wieder, bis die Haut brannte und die Finger taub wurden. Seife, Wasser, wieder Seife. So lange, bis ihre Haut rot wurde und der Gestank endlich nachließ. Die Seife schäumte kaum in dem kalten Wasser, aber sie arbeitete weiter, bis der Geruch endlich schwächer wurde. Es dauerte lange. Als sie schließlich aus dem Wasser kam, zitterte sie am ganzen Körper. Ihre Muskeln waren steif, die Lippen blass, und jeder Atemzug tat weh. Aber sie war sauber. Nicht so gründlich, wie es ein warmes Bad vollbringen würde, doch ihre Erleichterung war jetzt riesig. Als wären mit dem Gestank und dem Dreck auch die Beklommenheit und all die Schmach abgefallen. Sie hatten die ganze Nacht kaum ein Wort miteinander gewechselt. So groß war ihre Abscheu gewesen, ihr dreckstarres Gesicht zu bewegen und sie hatte Angst, etwas in den Mund zu bekommen. Doch nun war die Gefahr gebannt. Endres hatte ein kleines Lagerfeuer entfacht und so saßen sie eng aneinandergeschmiegt, ja beinahe fassungslos froh, sich wieder zu haben. In all den Monden, die sie miteinander verbracht hatten, war es beinahe selbstverständlich geworden, einander zu haben. Sie hatte ihn ohne den geringsten Zweifel geliebt, weil es sich einfach richtig angefühlt hatte, an seiner Seite zu sein. Ihre Nähe zueinander war nichts gewesen, das man erklären oder festhalten musste; sie war einfach dagewesen. Erst in Ajaran hatte Valésia begriffen, wie zerbrechlich diese Selbstverständlichkeit gewesen war. Wie schmerzhaft deutlich es war, dass selbst echte Liebe keinen Schutz bot, wenn andere entschieden, sie trennen zu wollen. Und doch wusste sie nun, dass ihre Liebe zu Endres nur noch stärker geworden war.
Die Ahle ❖
baum-finster waren des Herzogs Blicke. »Wie konnte dies geschehen?«, donnerte die Stimme des Herzogs von Ajaran durch die Halle. Alle Anwesenden waren starr vor Schock. Ein Büttel hatte sich indes um die Weberin gekümmert, welche leichenblass in Ohnmacht gefallen war, als ihre vermeintliche Schwester ihren Schleier gelüftet hatte. Ob sie noch mitbekommen hatte, dass sich darunter ein Mann befunden hatte, konnte man nicht sagen. Einige jüngere Adelige waren eilig an jenes Fenster gestürzt, aus welchem die falsche Weberin die Komtess gestoßen hatte, und streckten neugierig die Köpfe aus dem Fenster um in die Tiefe zu blicken. Unter ihnen befand sich auch Roméro, der Bruder der Büßerin, der Erbe von Aramajé. Und er war der einzige unter ihnen der ein verstohlenes Lächeln zu verbergen versuchte, während alle anderen nur in Entsetzen, Empörung oder in brüskiertem Staunen auf den einzelnen Karren herab starrten, in welchem die beiden gelandet waren. »Ergreift sie! Schickt Reiter nach ihnen!«, bellte der Herzog mit aufsteigender Zornesröte im Gesicht, während er völlig die Beherrschung zu verlieren schien. Seine Faust donnerte auf die Lehne seines herzoglichen Thrones. Ritter verneigten sich und so mancher ältere Adelige warf einen beinahe mürrischen Blick auf den zornigen Mann, der gerade in seiner eigenen Burg vorgeführt und bestohlen worden war. Und das, nachdem er eine äußerst zweifelhafte Amtshandlung begangen hatte.

Endres wusste nicht was in diesem Augenblick das Schlimmste war. Von Kopf bis Fuß mit den Exkrementen völlig fremder Menschen besudelt zu sein und zu stinken wie der Abort eines ganzen Hofstaates. Oder mitten im Winter in eiskaltes Wasser zu steigen. Doch der Gestank war so widerlich und ekelerregend, dass Endres nicht lange darüber nachdenken musste. Sein Blicke hafteten auf Valésia, welche sich all ihrer Kleidung entledigt hatte, und in den eiskalten See gestiegen war. Endres konnte selbst in dem fahlen Mondlicht ihre Gänsehaut sehen. Das Beben ihres Körpers welcher unaufhörlich unregelmäßige Wellen auf die Wasseroberfläche zauberte. Endres hatte sich das Gewand vom Körper gezogen, und als die stinkende, besudelte Tunika seine Lippen streifte, musste er unweigerlich mit dem Brechreiz ringen. Er hielt die Zehen in das kalte Wasser und sie Kälte kroch ihm in Mark und Bein. Und während er nackt und schmutzig am Ufer stand, mit der Kälte und dem Brechreiz rang, da überkam ihm, in der Not, der törichte Gedanke es einfach möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Und so sprang er einfach kurzerhand in das eiskalte Wasser. Der Schock, welcher ihn zu übermannen drohte, war übermächtig. Die Kälte umfing ihn wie ein gnadenloser Hammerschlag. Als sein Kopf wieder aus dem Wasser ragte, versuchte er nach Luft zu ringen. Doch die Kälte hatte ihm erbarmungslos die Brust zugeschnürt. Mehr als kurze, panische, Atemzüge wollten ihm nicht gelingen. Und so sog er verzweifelt die Luft in die Lungen ein, während diese zeitgleich versuchten die kalte Luft wieder heraus zu pressen. Schlagartig überkam ihn die Eiseskälte des winterlichen Sees. Endres schrubbte an seinem Leib, wrang sein Haar mehrfach und rieb sich jede Stelle seines Körpers ab. Als seine Finger, seine Zehen und auch seine Männlichkeit langsam begannen sich taub und starr vor Kälte anzufühlen, kroch er verzweifelt an Land. Er zerrte eine der trockenen Decken vom Rücken der Pferde und rieb seinen ganzen Körper damit ab, bevor er das Tuch Valésia darreichte, welche nun ebenfalls aus dem Eiswasser entstiegen war. »Wir sollten ein kleines Feuer entfachen, um und aufzuwärmen. Nur soviel, dass wir nicht erfrieren.«, schlug Endres vor. »Wir haben keinen großen Vorsprung, aber eine Lungenentzündung wäre ebenso unser Tod, wie der Galgen des Herzogs.«

Reiter preschten durch die Dunkelheit. Ihr einziges Licht war das fahle Leuchten des Mondes und der Schnee, welcher das Licht reflektierte. »Feuer!«, rief einer der Reiter und deutete auf einen kleinen, rötlichen Schein, welcher zwischen einigen Bäumen hindurch flackerte. »Das müssen sie sein. Los!«, befahl ein zweiter Reiter und gab seinem Hengst einen Tritt in die Seiten, um es zum Galopp anzutreiben. Als die Reiter das Ufer des Sees erreicht hatten, sprangen sie aus den Sätteln und näherten sich dem Feuer. Die Flammen waren schon sehr schwach und die Glut wandelte sich bereits in verglühte Kohle und Asche. »Sie sind fort.«, stellte ein Reiter unnötigerweise fest. »Sie können nicht weit sein. Das Feuer ist noch frisch. Das Holz rauchte stark, da es frisch geschlagen wurde. Sie müssen noch in der Nähe sein. Sucht ihre Spuren!« »Wir sehen ja kaum etwas. Und haben keine Hunde dabei.«, maulte ein dritter Reiter und erntete dafür einen mürrischen Blick des Kommandanten. »Das kannst du ja dem Herzog erzählen wenn wir ohne die Beiden zurück kommen.« »Hier ist etwas!«, rief der Zweite und erregte so die Aufmerksamkeit der anderen drei Reiter. Als sie sich dem Bündel näherten um es näher in Augenschein zu nehmen, drang den Männern ein seltsamer Duft in die Nase. Kaum als der Ritter das Bündel aufhob überkamen ihn, und seine nahen Kameraden, sogleich ein unerbittlicher Brechreiz. »Bei den Dreien! Das stinkt wie die Latrine des Bordells!«

»Verdammt!«, herrschte der Hauptmann einen unterwürfig stehenden Mann an. »Wie kam es, dass dieser Wagen genau unter dem Fenster stand?« Der Hauptmann der Ostwache schlug zornig auf den Tisch. »Der Mann, welcher letzte Nacht den Wagen entlang der Mauer lenkte, behauptete es wäre der Abortwagen.« Der Hauptmann grummelte nachdenklich. Natürlich war an einem Abortwagen anundfürsich nichts ungewöhnlich. Und er selbst wusste, dass niemand wirklich großes Interesse daran hatte, einen solchen Wagen zu durchsuchen. Jeder war froh, wenn das stinkende Fuhrwerk so schnell wie möglich wieder verschwand. »Der Herzog hat mich in die Halle befohlen. Ich muss eine plausible Erklärung liefern!«, zischte der Hauptmann und versetzte seinem Untergebenen einen Tritt. »Ich habe ihn ja fort geschickt!«, hob die Wache zur Verteidigung an. »Nicht sehr erfolgreich. Der Wagen stand genau unter dem Fenster der großen Halle. Und die beiden sind einfach hinein gesprungen und davon gefahren!« »Er hatte behauptet der Wagen hätte eine gebrochene Achse und…« »…und du warst zu faul das zu überprüfen?« Der Wachmann zuckte mit den Achseln. »Es war nur ein Wagen voller Scheiße. Woher hätte ich riechen können…?« Der Hauptmann seufzte und rückte sich seine Tunika zurecht, um sich auf den schweren Gang in die Halle des Herzogs zu begeben.

Endres ergriff die Zügel von Valésias Pferd und brachte schließlich ihre beiden Pferde zum Halten. »Meine Liebste. Der Weg zu den Zwillingen ist viel zu weit. Die Pferde schaffen den Weg nicht ohne Rast. Und wenn wir jetzt hier, mitten an der Handelsstraße in den Süden, eine Rast einlegen, wird man uns aufgreifen.« Endres sah sich dabei immer wieder über die Schultern um, da er fürchtete, dass die Häscher des Herzogs bereits am Horizont auftauchen würden. Doch außer den ersten Sonnenstrahlen war nichts und niemand auszumachen. »Laut dem Händler aus Ajaran, liegt ein halber Tagesritt gen Süden eine Weggabelung. Der Weg in den Süden führt zu den Zwillingen. Der linke Weg führt zur Hafenstadt Liranda. Des Herzogs Häscher werden vermutlich versuchen beide Orte vor uns zu erreichen.« Endres seufzte. »Sie wissen ganz genau dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt und nur ein Narr würde durch den Köhlerwald reiten. Doch vielleicht ist das ja auch unsere beste Möglichkeit wenn wir sie auf eine falsche Fährte leiten könnten, dass sie glauben wir wären zum Köhlerwald geritten anstatt zu den Zwillingen?« Endres gab seinem Pferd einen sanften Tritt und ließ die Zügel von Valésias Pferd wieder los. »Wie dem auch sei…der Weg durch den Köhlerwald ist nicht nur gefährlich sondern auch viel länger. Die Zwillinge, Ahrwart und Furtwart, oder Liranda. Das sind unsere einzigen wirklichen Auswege. Liranda ist näher, aber ein Schiff zu finden wird schwer. Vor allem so kurzfristig. Und wenn dein Bruder Recht hat, dann wird es unglaublich teuer, wegen der uländischen Korsaren. Die Zwillinge sind ein weiterer Weg. Aber sobald wir die Brücke passiert haben, sind wir im südlichen Reich! Es ist gefährlich aber ich glaube es ist der beste Weg.« Endres gab seinem Pferd wieder einen stärkeren Tritt und es legte rasch an Geschwindigkeit zu.

Wenige Stunden später, als die Sonne bereits über den Kamm der Berge gewandert war, erreichten Endres und Valésia eben jene Weggabelung, welche ihr Scheideweg des Schicksals sein sollte. Hier würde sich der Weg offenbaren, auf die eine oder andere Weise. Und auch wenn Endes nicht sehr gläubig war, so hoffe er in diesem Moment sogar dass die Jarisen der Ariader selbst für ihn einen Schicksalsfaden gesponnen hatten und er nicht auf einem dieser Wege zu Ende gehen würde. Nahe der Weggabelung stand ein Schrein der Drei. Er war keiner jener Alten, wie jene im Norden. Es waren steinerne Statuen, welche aus einem der hiesigen Felsen geschlagen worden waren. Einzelne ewige Talglichter brannten unter den Figuren. Die meisten standen unter der Alten, denn die Händler hofften natürlich stets auf ihre Gunst, dass ihr Weg hier und heute nicht ihr vorbestimmtes Ende sein würde.

Nicht weit von dem Schrein an der Weggabelung lag ein kleines Dorf. Es war mehr eine Ansammlung von sesshaft gewordenen Händlern und Karawanen als echte Bauern und Freien. Da hier viele Reisende, Händler und Boten oder Kuriere entlang kamen war es nur natürlich dass sich hier ein Ort der Rast und auch ein Ort um Waren umzuschlagen entwickelt hatte. Für Endres war dies natürlich ein äußerst zweischneidiges Schwert. Die Pferde benötigten eine Rast. Valésia und er selbst benötigten dringend eine Mahlzeit und vielleicht auch ein zweites Bad, um den letzten Dreck von sich zu waschen. Doch dieser Ort war vermutlich der gefährlichste auf ihrer ganzen Reise. Die Häscher des Herzogs würden sie hier zweifellos suchen. Und wenn sie zu sehr auffallen würden, dann könnten sie ihre Spur der Weiterreise auch kaum verbergen. Und so bemächtigten sich gemischte Gefühle seiner Gedanken, während er sich mit misstrauischen Blicken und knirschenden Zähnen den großen Stallungen des Ortes näherte, den jeder hier nur die Ahle nannten. Ein Stallknecht trat aus dem Tor der Stallungen und verbeugte sich halbherzig vor den beiden Reisenden, die trotz der Tatsache, dass sie auf teuren Pferden ritten, nicht wie Adelige anmuteten. »Guten Tag, die Herrschaften.« Er zog seinen Hut vom Kopf und zwinkerte Valésia freundlich zu, was wohl eine Art Akt der Freundlichkeit zu sein schien. »Das Unterstellen von zwei Pferden kostet drei Mark!« Endres seufzte aber kramte schon in seiner Tasche nach dem verlangten Geld. Er wusste, dass jeder Versuch mit dem Kerl in Verhandlung zu treten sie nur umso besser in sein Gedächtnis brennen würde. Aber Endres hatte sich bereits für eine andere Strategie entschieden, wie er das Gedächtnis dieses Stallmeisters für sich nutzen konnte. Und da er das Silber ohnehin von den Spenden des Herzogs von Ajaran gestohlen hatte, war er damit auch nicht ganz so knauserig, wie mit dem restlichen Geld. Freundlich lächelnd legte er dem Knecht schließlich die drei geforderten silbernen Münzen in die Hand. »Habt Dank, werter Herr.« Als der Knecht die Hand öffnete, um die Münzen zu zählen, viel ihm sogleich die rötlich gefärbte Münze ein, welche oben auf den silbernen Münzen lag. »Wofür istn der rote Heller?«, erkundigte er sich und Endres biss sich dabei unmerklich auf die Lippen. »Dafür dass die Pferde mit Hafer gefüttert werden, statt nur mit Heu und Gras.« Da lächelte der Knecht. »Dafür bekommt jedes sogar ein paar Äpfel.« Endres stieg vom Pferd und reichte dem Mann die Zügel. »Wir werden in wenigen Stunden wieder hier sein. Bitte sorgt dafür dass die Pferde gut versorgt, gestriegelt und gefüttert wurden. Wir wollen sie in Liranda verkaufen und dann dürfen sie nicht halb verwahrlost aussehen.« Da verbeugte sich der Knecht erneut. »Keine Sorge. Die Beiden sind bei mir in guten Händen!«

Endres nickte und führt Valésia, gemeinsam mit den schweren Beuteln voller Silber, die Endres wie seinen Augapfel hütete, als wäre er ein Drache und dies sein ganzer Hort, hinfort. »Warum hast du ihm gesagt dass wir nach Liranda reisen, mein Liebster?« Da lächelte Endres und tippte sich an die Schläfe. »Damit er es den Häschern des Herzogs so verrät wenn sie ihn fragen, während wir auf dem Weg zu den Zwillingen reiten.« Während er die Worte gesprochen hatte lächelte er siegesgewiss und bot Valésia seinen Arm dar, so dass sie sich bei ihn einhaken konnte.

Graf Gunther schlurfte durch die Gänge der herzoglichen Burg. Sein Blick war schwer und müde. Aber wenn man genauer hinsah, dann konnte man sehen, dass auch eine gewisse Erleichterung in seinem Blick lag. Und wenn es nur die Erleichterung war, dass sein Lehnsherr, der ihn so übergangen und brüskiert hatte, nun selbst ein Opfer desselben Mannes geworden war. Nun war es nicht mehr der Graf von Aramajé, der Bernsteingraf, der sich seine Bernsteinrose hatte rauben lassen. Nun war es der Herzog von Ajaran, der sich die Bernsteinrose, die Tochter eines getreuen Vasallen, die öffentlich verlautete Verlobte seines dritten Sohnes hatte rauben lassen. Und nicht einfach auf der Straße oder in einem Wald. Mitten in seiner Burg! In der großen Halle, unter seiner Nase und den Augen des Stadtadels. Es würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten und binnen weniger Tage in aller Munde sein. Und allem Übel zum Trotz den Endres und Valésia ihm bereitet hatten, musste Gunther bei diesem Gedanken breit grinsen, denn nun würde niemand mehr über ihn, den Vasallen reden, sondern nur über den Herzog selbst, der im Namen des Königs gesprochen hatte während ihm die Braut unter der Nase geraubt wurde. Als Roméro das Lächeln seines Vaters bemerkte räusperte er sich verhalten. »Vater?« Der Graf wandte seinen Blick an seinen Erben. »Ihr lächelt?« Gunthers Miene erstarrte, für einen Moment, und er schloss die Augen. »Deine Schwester… sie…hat sich verändert.«, murmelte der Bernsteingraf nur und Roméro lächelte dabei. »Das hat sie. Und ich finde es steht ihr gut.« Da grunzte Gunther mürrisch. »Sie hat besseres verdient als diesen Emporkömmling. Und all die Schande!« Da legte Roméro den Kopf schief und sah seinen Vater lange schweigend an. Doch die harschen Worte seines Vaters hallten noch lange in seinem Kopf wider. Und so hörte er schließlich die Worte seinen Mund verlassen von denen er selbst nicht glaubte, dass er es wagte, dass er sie laut ausgesprochen hatte. »Ich habe ihr vom Recht der Ehe erzählt. Von ihrem Geburtsrecht. Und ihrem Recht auf Mitgift…« Gunther starrte Roméro daraufhin lange mit einem kalten, harten Blick an und Roméro versuchte dem Blick so lange er konnte stand zu halten…Doch letztlich wandte er den Blick ab.
Mann und Frau ❖
baum-der Gasthof, den Endres für sie beide ausgewählt hatte, war klein, die Räume waren niedrig und dunkel. Zwischen den Ritzen der Holzbohlen, aus welchem die Wände bestanden, drangen von außen schwache Lichtschemen in den Raum, was jedoch lediglich dafür sorgte, dass er nicht stockdunkel war. Erhellt wurde er letztendlich von einer Feuerstelle und Talglichtern die hier und da auf Tischen verteilt standen, wobei nicht auf jedem Tisch ein Talglicht stand. Es roch nach Rauch, nach feuchtem Holz und abgestandenem Bier. Zwischen diesen Gerüchen drang noch der Duft nach gekochtem Essen aus einer Kochnische hervor. Valésia war so hungrig, dass es ihr in diesem Augenblick als der wohligste Geruch vorkam, den sie sich nur vorstellen konnte. Und all diese verschiedenen einfachen, erdigen, rauchigen und vielleicht auch muffigen Gerüche rochen um Welten besser als der Wagen, der sie aus Ajaran gebracht hatte. Und für Valésia war es der erste Ort seit Tagen, an dem sie das Gefühl hatte, nicht beobachtet zu werden. Kein Blick blieb an ihr hängen, niemand stellte Fragen, keiner interessierte sich für sie beide. Natürlich war es ein gewisses Risiko, hier zu rasten und zu nächtigen. Der Herzog würde sicherlich nicht zögern, nach ihnen im ganzen Umland suchen zu lassen, immerhin war er öffentlich gedemütigt worden und hatte auf eine bestimmte Art und Weise verloren, wenn man diese ganze Angelegenheit als ein Spiel betrachtete. Und solche Dinge würde er gewiss nicht einfach so stehen lassen. Nicht der Herzog. Es war buchstäblich schon offiziell gewesen, dass Komtess Valésia von Aramajé, die Tochter des Bernsteingrafen, Prinz Teran, den dritten Sohn des Herzogs von Ajaran ehelichen würde. Es war praktisch schon beschlossen gewesen. Und just vor dessen Augen hatte ein unbekannter Graf Endres Endarion von Hohenehr, von dem sie noch nicht einmal wussten, dass er ein verarmter Graf ohne Land, Sitz und jedwede Ansprüche war, und in Wahrheit war er noch nicht einmal das, seine Braut gestohlen. Ein Umstand, der im Übrigen nicht zu ersten Mal passiert war. Die Häscher des Herzogs würden sie suchen, nicht irgendwie und nicht irgendwo. Nein, sie würden systematisch vorgehen, sie entlang der Straßen suchen, in den Dörfern, die Reisende anzogen. Orte wie die Ahle, waren kein Zufluchtsort, sondern ein Rastplatz, und damit auch immer ein Ort an man nach ihnen suchen würde. Doch die letzten Tage hatten wieder eine eisige Kälte ins Land gebracht und wohin sonst sollten sie? Nicht nur sie beide brauchten eine Rast, auch die Pferde benötigten dies. Wenn die Pferde zu Schanden geritten würden, wäre alles verloren.

Eine Magd brachte sie beide in eine Kammer im oberen Stock, erreichbar über eine unbequeme kleine schmale Leiter. Sie musterte Valésia und Endres mit neugierigen Blicken. Valésia hatte man ihre bürgerlichen Kleider weggenommen, welche sie trug als man sie aufgegriffen hatte, und sie hatte sie nicht wieder zurückerhalten. Nachdem ihre Büßerkleidung der Läuterung von Exkrementen dreckstarr in jenem Wäldchen zurückgeblieben war in dem sie sich davon befreit und gewaschen hatten, war Valésia nichts anderes übriggeblieben, eines ihrer letzten edlen Kleider anzuziehen. Und jene Kleidung erregte jetzt natürlich wieder Aufmerksamkeit, was der Komtess alles andere als Recht war. Auch die Kammer hier oben war klein, mit einem einfachen Strohlager auf dem Boden und einem kleinen Fenster, das auf den Hof des Gasthofes hinaus gerichtet war. Vermutlich wäre ein Fenster das auf die Straße gerichtet war besser. Aber wohl kaum würden sie, weder Endres, noch Valésia, Tag und Nacht am Fenster stehen und nach des Herzogs Männern Ausschau halten. Aber immerhin hatte das Kämmerchen ein kleines Fenster, auch wenn dieser Gasthof weitaus schlechter gestellt war als die armseligste Kemenate in welcher sie in Ajaran genächtigt hatten. Von den herzoglichen Gemächern einmal ganz zu schweigen. Als die Tür hinter ihnen zufiel, blieb Valésia einen Moment stehen. Ihr Körper war müde bis in die Knochen, die Kälte vom See saß ihr noch immer in den Gliedern, und ihr Magen rebellierte noch bei jeder falschen Bewegung in Erinnerung an diese Ekelhaftigkeit die sie hatte ertragen müssen. Sie war sich nicht sicher ob ihnen trotz gründlicher Wäsche noch der Geruch dieses Abortwagens anhaftete, oder ob sie sich das nur einbildete. Doch ein Umstand herrschte, den sie schon lange vermisst hatte: Sie waren allein. Sie beide waren allein und hatten nur einander. Sie schritt langsam auf das Strohlager zu, überlegte, ob sie sich darauf niederlassen sollte, unterließ es dann aber und starrte stattdessen einen Moment ins Leere. Erst jetzt, wo allmählich all die Schmach, die Schande und der Ekel dieses Abortwagens in den Hintergrund driftete, atmete sie ruhiger. Endres stand noch an der Tür. Dann drehte sie sich zu ihm um und sie sahen einander lange an. Für einen Augenblick sagten sie nichts. Aber dann spürte Valésia wie ihre Lippen zu beben begannen, sie ging auf ihn zu, fiel in seine Umarmung und schlang gleichermaßen ihre Arme um ihn. „Ich dachte, ich hätte dich verloren“, sagte sie leise und hielt ihn eine Weile einfach nur in ihrer Umarmung. Dann aber löste sich Valésia ein wenig von ihm, gerade so weit, dass sie ihn ansehen konnte. Ihr Gesicht war noch blass von der Kälte und der Müdigkeit, doch ihr Blick war klar. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Du hattest Bedenken, aber ich wollte sie nicht hören.“ Er reagierte nicht sofort, und sie fuhr fort, bevor er ihr die Worte nehmen konnte. „Es war alles meine Schuld. Bei der Winterprozession. Ich wollte, dass Roméro mich sieht. Ich wollte…“ Sie brach ab, suchte kurz nach dem richtigen Ausdruck. „Ich wollte ihn doch nur einmal noch sehen. Nur einen Blick. Ich habe nicht gedacht, dass es so endet. Ich hätte wissen müssen, dass mein Vater kein Narr ist.“ Sie senkte den Blick, nicht aus Scham, sondern weil es einfacher war, ihre Worte zu ordnen, ohne ihm dabei ins Gesicht zu sehen. „Wenn ich mich nicht so in die erste Reihe gestellt hätte, hätten sie mich vielleicht nicht erkannt. Vielleicht hätten sie uns nicht aufgegriffen. Vielleicht wäre alles anders gekommen.“ Ein kurzer, bitterer Blick huschte über ihr Gesicht. „Stattdessen hat dieses Unglück seinen Lauf genommen. Wir wurden getrennt. Und alles, was danach kam…“ Jetzt schluchzte sie auf. Endres zog sie noch näher an sich, und sie erwiderte seinen Griff gleichermaßen. Sie hielt ihn fest umschlungen als hätte sie Angst, er könnte sich ins Nichts auflösen, wenn sie ihn nicht fest genug hielt. Sie spürte seine Hände in ihrem Rücken, warm, zärtlich und erst da löste sich etwas in ihr. Sie begann zu lachen und schüttelte schließlich den Kopf. Es war ein Lachen voll Entsetzen. „Ich bin zuletzt nicht sicher gewesen, was letztendlich schlimmer war. Dich verloren zu haben oder in diesem Wagen gelandet zu sein. Ich habe die ganze Zeit geglaubt, ich müsste mich übergeben. Der Gestank, es war einfach schrecklich! Ich glaube in Ajaran sind die schlimmsten Dinge passiert, die mir je im Leben widerfahren sind!“ Sie sah, wie er lächelte, wie er kurz den Atem anhielt, dann hörte sie ihn leise ausatmen, als würde er das Bild des Abortwagens, oder was immer ihm in diesem Moment in seinem Kopf vor sich ging, vor sich sehen. Sie hob den Kopf und sah ihn jetzt an, wirklich an, und erst jetzt traf sie die Erkenntnis mit voller Wucht. Er war da. Sie hatte diese unwahrscheinliche Chance bekommen, ihrem endgültig geglaubten Schicksal in Ajaran zu entgehen und mit Endres zu fliehen. Schon wieder eine spektakuläre Flucht aus einer Burg. Der Gedanke daran ließ sie unwillkürlich lächeln. Sie legte die Hände an sein Gesicht, fuhr über seine Wangen, als müsste sie sich vergewissern, dass es keine Einbildung war, und sie wirklich hier an diesem Ort waren. Ihre Finger zitterten leicht. „Du bist gesprungen“, sagte sie. „Mit mir.“ Er nickte nur. Valésia schluckte und lächelte vorsichtig. Ihre Augen brannten, aber sie weinte nicht. Sie lehnte sich wieder an ihn, dieses Mal fester, und hielt ihn, als würde sie ihn nicht mehr loslassen. „Ich habe dich so vermisst“, sagte sie. „Ich wollte nicht mehr sein ohne dich, es hatte nichts mehr Sinn ohne dich. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich wollte nicht mehr essen, ich wollte nur dich wieder an meiner Seite haben, und die Drei haben meine sehnlichen Gebete erhört. Oh mein Endres, mein Liebster!“

Endres senkte seinen Kopf zu ihr, und ihre Lippen suchten und fanden sich. Es war ein Kuss, der schon zu lange aufgeschoben worden war, so vertraut und willkommen. Er wühlte sie in ihrem Inneren auf weil sie spürte, wie sehr sie diesen Mann liebte. Valésia war es, die den ersten Schritt zum nächsten Schritt tat. Sie löste ihre Umarmung, legte ihre Hand an seine Brust, spürte darin seinen Atem, den Rhythmus seines Herzschlages, der sie augenblicklich ruhiger werden ließ, aber sie gleichzeitig auch erregte. Ihre Hand rutschte tiefer, an den Bund seiner Hose und als ihre Hand über seine Männlichkeit glitt, erkannte sie, dass auch er erregt war. Endres zog sie näher zu sich, und Valésia spürte, wie die Anspannung der letzten Tage langsam von ihr abfiel. Ihre Hände glitten über seinen Rücken, suchten Halt, suchten Nähe, während der Raum um sie herum an Bedeutung verlor. Irgendwann wich er einen Schritt zurück, nicht um sich zu lösen, sondern um sie mitzunehmen. Sie stolperten beinahe über das Strohlager, und dann ließ er sich zuerst nieder, zog sie mit sich, sodass sie gemeinsam auf dem Stroh landeten. Es raschelte unter ihnen, Strohhalme pieksten an ihrer Haut, doch nichts davon störte sie in diesem Moment. Valésia lag halb auf ihm, ihr Haar fiel ihm ins Gesicht, und sie küsste ihn wieder, nun langsamer, bewusster. Ihre Stirn ruhte an seiner, ihre Atemzüge mischten sich, und für einen Moment geschah nichts weiter, als dass sie beieinander lagen und sich küssten. Doch allmählich flog Stück für Stück ihrer beider Kleidung achtlos in den Raum und sie liebten sich, weil sie glücklich waren, einander wieder zu haben.

Sie lagen noch eine Weile beieinander, bis sich ihr Atem beruhigt hatte und die Anspannung der letzten Tage langsam nachließ. Valésia spürte erst jetzt, wie erschöpft sie war, nicht nur im Körper, sondern bis in die Gedanken hinein. Alles hatte sich so schnell überschlagen, dass kaum Zeit geblieben war, irgendetwas wirklich zu begreifen. Doch sie war sehr glücklich in diesem Moment, auch, wenn es ihr vor vorkam, als schwebe eine Gefahr über ihnen, derer sie sich noch nicht wirklich im Klaren waren. Aber Valésia versuchte, nicht daran zu denken. Schließlich hob sie den Kopf und sah ihn an. Eine Weile sagte sie nichts, als müsste sie die richtigen Worte erst finden. „Roméro hat mir etwas erzählt“, begann sie schließlich leise. Endres wandte sich ihr zu, sein Blick war aufmerksam bis neugierig. „Über uns. Über das, was wir miteinander gelebt haben.“ Sie strich mit dem Rücken ihres Zeigefingers über die Kante seines Gesichtes. „Über uns. Über das, wie wir gelebt haben, die letzten Monde.“ Sie zögerte kurz, dann sprach sie weiter, ohne Umschweife. „Dass es nach ariadischem Recht als Ehe gilt, wenn man so wie wir miteinander zusammen ist, zusammenlebt, auch wenn man sich nicht an einem festen Wohnsitz befindet sondern reist, und vor allem miteinander das Lager teilt. So, wie wir die letzten Monde miteinander gelebt haben.“ Sie ließ die Worte stehen und fuhr fort. „Es zählt nicht, ob man in einem Tempel vor einem Altar gestanden hat, oder einen Vertrag unterschrieben hat. Es zählt, wie man miteinander gelebt hat. Und dass man sich füreinander entschieden hat. Man muss es noch nicht einmal ausgesprochen haben.“ Valésia stützte sich mit dem Arm auf und legte ihren Kopf auf die Hand. „Roméro sagte auch, dass uns nach diesem Recht alles zusteht, was zu einer Ehe gehört. Auch eine Mitgift. Vor allem eine Mitgift. Und die ist bei einer Tochter meines Hauses… nicht klein... Und vor dem Gesetz bin ich, weil ich bereits in einer Ehe lebte, nicht frei gewesen. Nicht für Prinz Teran. Und auch nicht für irgendeinen anderen. Ich bin deine Frau, und du bist mein Mann.“ Ein kurzer Moment des Schweigens verging. „Darum wollten sie diese Läuterung. Nicht nur wegen der Schande. Sondern um genau das auszulöschen. Sie wollten, dass wir jeglichen Anspruch verlieren bevor auch nur einer von uns diesen Anspruch einfordert. Ich wollte, dass du es weißt“, sagte sie. „Weil man versucht hat, mich zu zwingen, all das zu verleugnen.“ Sie rückte ein wenig näher an ihn heran. „Aber ich wollte und ich konnte es nicht. Es ist nur fraglich, wie man diese Ansprüche geltend macht. Denn wir können uns weder beim Herzog noch bei meinem Vater blicken lassen.“
Falsches Spiel ❖
baum-hand in Hand gingen Endres und Valésias. Er hielt die ihre und sie die seine, als ob es nichts anderes auf der Welt gäbe, als diesen Moment. Und so standen sich die beiden schweigend gegenüber und starrten einander an, als ob keiner von beiden wirklich fassen konnte, dass sie zusammen in diesem Raum standen. Es war verdammt knapp gewesen und im Grunde genommen mussten sie den Schicksal dafür danken, dass alles so verlaufen ist. Wenn auch nur ein Mosaiksteinchen nicht an seinem Platz gewesen wäre, dann würde Valésia nun die Gemahlin des Herzogsohnes sein und Endres wäre entweder zur Flucht, zu Kerker oder zum Tode verdammt. Doch das Schicksal war ihnen hold gewesen und nichts von alledem war eingetreten. Stattdessen standen sie hier, in dieser dunklen Kammer, hielten einander die Hände und starrten sich schweigend an. Doch durch dieses Schweigen schien sich eine ungeahnte Spannung zwischen den Beiden aufzubauen, welche immer drängender zu werden schien. Bald schon war die Last, welche auf den Schultern der Beiden gelegen hatte einfach von ihnen abgefallen und sie hatten sich einander hingegeben.

Endres, welcher noch schweren Atems war, lag auf dem Lager und hielt Valésia fest, als würde er erwarten, dass er jeden Moment erwachen würde, nur um festzustellen, dass dies alles nur ein Traum gewesen war. Valésia hingegen hatte ihren Kopf auf seiner Brust gebettet und schien nur seinem Herzschlag und schwerem Atem zu lauschen. Irgendwann brach Endres die Stille und seine gedämpften Worte erfüllten den Raum. »Ich dachte, ich hätte dich verloren«, murmelte er und strich Valésia dabei sanft durchs Haar. »Es war so aussichtslos. Ich fühlte mich wie eine Feder im Wind.« Endres lächelte dünn, bei dem Versuch seine holprigen Worte zu kaschieren. Valésia hob ihren Kopf und sah ihm tief in die Augen und dabei überkam ihn förmlich eine Welle der Erschütterung. » Roméro hat mir etwas erzählt.«, begann sie und schien selbst noch zu Überlegen wie sie die Worte wählen sollte. Endres Interesse war natürlich geweckt worden. Was konnte ihr Bruder schon erzählt haben? »Was hat er dir denn erzählt? War es etwas interessantes?« Valésia schlug die Augen nieder und nickte. »Über uns.« Endres hob seine linke Augenbraue. Nun wirkte Endres sowohl verwirrt als auch verunsichert. Hatte er ihr etwas erzählt, dass Valésia besser nie gehört hätte? »Und was genau?«, hakte er daraufhin, mit einem misstrauischen Unterton, nach. »Über das, wie wir gelebt haben, die letzten Monde.« Endres standen die Verwirrung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Er verstand nicht im Geringsten, worauf Valésia hinauswollte. »Du sprichst in Rätseln, Liebste. Es gibt keinen Grund zur Verlegenheit. Wir sind ganz allein und niemand kann dich hören.« Er lächelte milde und versuchte so Valésias Verlegenheit und vielleicht auch Unsicherheit zu zerstreuen. »Dass es nach ariadischem Recht als Ehe gilt, wenn man so wie wir miteinander zusammen ist, zusammenlebt, auch wenn man sich nicht an einem festen Wohnsitz befindet, sondern reist, und vor allem miteinander das Lager teilt. So, wie wir die letzten Monde miteinander gelebt haben.« Endres sah sie einfach nur schweigend und mit großen Augen an. Hatte er das richtig verstanden? Er erhob die Stimme und öffnete den Mund. Aber seine Lippen bewegten sich zwar, doch keine Worte kamen daraus hervor. Valésia sah ihn mit ebenso großen Augen an und Endres schüttelte schließlich den Kopf. »Was soll das bedeuten? Dass wir…du und ich…« Endres wagte es gar nicht die Worte auszusprechen. Natürlich hatte er sich schon das eine oder andere Mal darüber Gedanken gemacht, wann denn der geeignete Zeitpunkt dafür gekommen war, den Kniefall vor Valésia zu machen. Doch diese Nachricht erschütterte ihn sichtlich und brachte Endres, welcher sonst beinahe über jede unangenehme Situation erhaben war, aus der Fassung. »…wir sind nach dem ariadischen Recht bereits Mann und Frau?«, wiederholte er verdattert ihre Worte und Valésia nickte zustimmend. Endres schüttelte den Kopf und versuchte erneut etwas zu sagen, doch seine Zunge versagte ihm den Dienst. »Es zählt nicht, ob man in einem Tempel vor einem Altar gestanden hat, oder einen Vertrag unterschrieben hat. Es zählt, wie man miteinander gelebt hat. Und dass man sich füreinander entschieden hat. Man muss es noch nicht einmal ausgesprochen haben.« Endres nickte verstehend. Doch wenn er sich ehrlich war, so fühlte er sich in diesem Moment irgendwie vom Schicksal und diesem ariadischen Recht betrogen. Betrogen um die freie Entscheidung Valésia um ihre Hand für den Bund des Lebens zu bitten. Er hatte sich schon darüber Gedanken gemacht. Ein Geschenk? Einen Ring? Ein geeigneter Ort. Die geeignete Zeit. Nichts davon hatte sich ergeben. Und nun stand er beinahe vor vollendeten Tatsachen und fühlte sich betrogen Valésia würdig zu Bitten sein Weib zu werden.

Endres schüttelte den Kopf. Doch Valésia hatte noch eine weitere Neuigkeit für Endres. Und diese sollte ihn vollends aus dem Gleichgewicht bringen. Im wahrsten Sinne des Wortes. »Roméro sagte auch, dass uns nach diesem Recht alles zusteht, was zu einer Ehe gehört. Auch eine Mitgift.« Die Worte drangen in Endres Verstand und begannen sich dort einzunisten. Und als die volle Tragweite dieser Worte schließlich in sein Bewusstsein gedrungen war da sah er Valésia mit beinahe leuchtenden Augen an. »Eine Mitgift?«, wiederholte er die Worte und mit einem Mal wirkte er wie ausgewechselt. Er konnte es noch so sehr verbergen versuchen. Doch wenn es um Geld ging, war er auf einmal ein völlig anderer Mensch. Die Gier flammte in seinen Augen auf und die Aussicht darauf eine Mitgift einfordern zu können, obwohl er Valésia nicht Rechtmäßig erobert hatte, wirkte auf Endres beinahe wie der Balsam für eine geschundene Seele, der nun die Möglichkeit gegeben wurde, sich für all das erlittene Unrecht rächen zu können. Aber so sehr die Gier in ihm auch von ihm Besitz ergreifen wollte, hatte Endres noch genug Selbstbeherrschung nicht völlig breit und selbstgefällig zu Grinsen zu beginnen. »Vor allem eine Mitgift. Und die ist bei einer Tochter meines Hauses… nicht klein...« Mit diesen Worte war es mit Endres Zurückhaltung geschehen. Er lächelte. Und das Lächeln schwoll zu einem breiten Grinsen an. »Eine Mitgift…eine beträchtliche Mitgift?« Er schüttelte den Kopf, als er sich bewusst wurde, wie er in diesem Augenblick wohl wirken musste. »Vor dem Gesetz bin ich, weil ich bereits in einer Ehe lebte, nicht frei gewesen. Nicht für Prinz Teran. Und auch nicht für irgendeinen anderen. Ich bin deine Frau, und du bist mein Mann.« Diese Worte zogen Endres wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ihm wurde schlagartig klar, dass diese Worte von unglaublicher Bedeutung und Tragweite waren. Sie waren zwar auf der Flucht. Aber nun wurde etwas in Endres geweckt, was er noch nie gespürt hatte. Verantwortung. Stolz? Oder vielleicht war es auch ein gewisses Maß an Unbehagen und Unsicherheit. Er hatte eine Verantwortung Valésia gegenüber. Sie war nun seine Frau? Und er ihr Mann? Es war die Aufgabe des Mannes für seine Frau zu sorgen. Sie zu beschützen. Und ihr ein Heim zu bieten. Was davon konnte Endres schon erfüllen? Er hatte kaum Geld. Er hatte keine Burg. Nicht einmal ein einfaches Heim. Er konnte sie auch nicht beschützen, denn er war ein erbärmlicher Kämpfer. Er hatte nur seinen umfangreichen Wortschatz und seine silberne Zunge. Endres wurde klar, dass diese Nachricht alles verändert hatte. Und er war sich nicht sicher was dies für die Zukunft bedeuten mochte.

Endres sah Valésia mit einem nachdenklichen Blick an und die Gier in seinen Augen flaute auch langsam wieder ab. Der Gedanke daran war natürlich äußerst verlockend, doch wie hoch standen schon die Möglichkeiten diese auch wirklich einfordern zu können? Sie befanden sich auf der Flucht. Und waren noch im Land des Herzogs von Ajaran. Würden sie aufgegriffen werden, dann wäre Endres dem Tode geweiht und für Valésia würde das Martyrium von Neuem beginnen. So groß die Verlockung auch schien, nun galt es sich in Bescheidenheit und Unauffälligkeit zu hüllen. Bis man diese Ländereien hinter sich gelassen hatte. »Diese Neuigkeiten sind wahrlich erstaunlich, meine Liebste.«, eröffnete Endres schließlich das Wort und rang Valésia so ein zustimmendes Nicken an. »Darum wollten sie diese Läuterung. Nicht nur wegen der Schande. Sondern um genau das auszulöschen. Sie wollten, dass wir jeglichen Anspruch verlieren bevor auch nur einer von uns diesen Anspruch einfordert. Ich wollte, dass du es weißt“ Endres nickte verstehend. »Aber würdest du dein Recht überhaupt einfordern? Bei deinem Vater? Es würde doch bedeuten, dass du dich offen zu mir bekennst, und offen gegen seinen Willen.« Endres zuckte mit den Schultern und sah Valésia neugierig an, da er natürlich gespannt auf ihre Antwort war. »Weil man versucht hat, mich zu zwingen, all das zu verleugnen...« Mit diesen Worten rückte sie ihm ein wenig näher, als ob sie ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte, und niemand außer ihm es hören durfte. »Aber ich wollte und ich konnte es nicht. Es ist nur fraglich, wie man diese Ansprüche geltend macht. Denn wir können uns weder beim Herzog noch bei meinem Vater blicken lassen.« Diese Antwort zauberte ein Lächeln auf Endres‘ Gesicht. Sie war dem Gedanken nicht gänzlich abgeneigt. »Nun. Zuallererst müssen wir aus dem Land des Herzogs entkommen. Alles andere können wir später überdenken. Doch ich habe gelernt. Wo ein Wille, da ein Weg. Wenn es eine Möglichkeit gibt, werden wir sie finden.« Mit diesen Worten legte er ihr seine Hand auf die Schulter und schenkte ihr ein weiteres Lächeln. Ein Lächeln, dass so vielschichtig war, wie seine Gedanken, die in diesem Moment durch seinen Kopf flogen. Ein Lächeln durchzogen von Wärme, Freundlichkeit, Gier und Falschheit.

Am nächsten Morgen, nachdem Endres die Taschen ausgepackt hatte, und Valésia die bürgerliche Kleidung bereitgelegt hatte, welche er Eigens für sie eingepackt hatte, waren sie zum Speisen in die Stube gegangen. Es hatte eine einfache Mahlzeit gegeben, die mehr eine Brotzeit als eine richtige Mahlzeit gewesen war. Doch sie war wohlschmeckend und sättigend gewesen. Endres hatte den ganzen Morgen schon sehr nachdenklich gewirkt. Natürlich hatte er das Geld, welches er in den Taschen versteckt hatte im Geiste durchgezählt. Doch egal wie oft er es auch zählte, er kam letzten Endes immer auf denselben Nenner. Und dieser war alles andere als rosig. Das Geld, welches sie nun ihr Eigen nannten, würde eine ganze Weile reichen. Doch es war nicht von Dauer. Sie mussten sorgsam damit umgehen, bis sich ihnen ein Weg offenbarte, wie sie an die Mitgift von Valésias Familie herankommen würden. Bis dahin mussten sie sich in Demut und Bescheidenheit üben. Dessen war sich Endres gewiss. Doch der Umstand, dass Valésia nun mehr war, als nur eine Frau die er geraubt hatte, brachte seine Überlegungen stets ins Wanken. Sie war sein Eheweib und in Endres flammte das unstillbare Verlangen auf, ein würdiger Gemahl zu sein. Und als solcher brauchte er mehr Geld, um ihr das Leben bieten zu können, dass sie verdiente. Er wusste, dass er ihr niemals mehr ein solches Leben bieten konnte, welches sie hinter sich gelassen hatte. Doch er wollte alles versuchen, ihr das Beste Leben zu ermöglichen, welches ihnen, mit den Mitteln die sie hatten, möglich war.

Gedankenverloren schlenderten Endres und Valésia über die staubige, lehmige Straße der Ahle, wie man diesen Ort nannte. Ein Ort, an dem überwiegende Reisende, fahrende Händler und das fahrende Volk anzutreffen war. Händler des Nordens und des Südens. Reisende, Botenreiter, Kuriere und Geleitwachen. Aber auch Musikanten und Gaukler. Vagabunden und der eine oder andere Wegelagerer. Sie alle waren hier, in der Ahle, auf einem Haufen zusammengekommen. Gerade in Ariad galt die Dichtkunst und das Bardentum als angesehen und jene, welche durch die Lande zogen, um von Sagen, Geschichten und Liedern zu berichten, wurden gerne gesehen. Endres beäugte eine Gruppe Männer, die sich am Straßenrand versammelt hatten. Manche von ihnen wirkten sehr aufgeregt. Andere wirkten eher angespannt. Die Neugier trieb Endres zu der Traube aus Menschen und als er schließlich zum Kern der Ansammlung vorgedrungen war, erkannte er den Grund für diese Zusammenkunft. An einer Häuserwand saß ein Mann, welcher vor sich ein kleines Brett aufgebaut hatte. Neben diesem Mann lehnte ein zweiter Mann an der Wand und klimperte eine seltsame Melodie auf einer Laute. Doch es war nicht die Musik, welche Endres‘ Aufmerksamkeit erregte, sondern das seltsame Brett, auf welchem sich drei hölzerne Becher befanden. Die umstehenden Männer sprachen allesamt durcheinander und es herrschte ein regelrechtes Gedränge, so dass Endres immer wieder einen Ellenbogen oder eine Schulter zu spüren bekam. »Also! Die Wetten werden angenommen!«, rief der Mann mit der Laute. »Wer errät wo die Kugel liegt?« Endres neugierige Blicke wanderten zu der besagten Kugel. Der sitzende Mann hielt eine kleine, weiße Perle in die Höhe. Vermutlich war sie aus bemaltem Ton oder Holz. Er konnte es nicht genau sagen. Doch der Mann hob die Kugel in die Höhe, so dass jeder sie sehen konnte. Kurz darauf warf er sie in einen der drei Becher und stellte diesen verkehrt herum auf das Brett. Und dann begann er mit seinen Händen so unglaublich schnell die Becher zu verschieben und zu bewegen, dass Endres bald schon nicht mehr genau sagen konnte, unter welchem der Becher die Kugel wohl liegen mochte. Doch die anderen Männer, welche um sie herumstanden, wirkten sehr konzentriert und das Gemurmel und Gerede war für einen Moment verstummt.

Als der Mann schließlich innehielt begannen die Männer Münzen auf das Brett zu legen. Jeder legte eine oder zwei silberne Münzen auf und drückte dann den Daumen oder den Zeigefinger auf die Münzen, so dass niemand sie nehmen konnte. Vor zwei der drei Becher lagen Münzen, so dass es am Ende nicht sicher war, ob es überhaupt einen Sieger geben würde. Der Mann lächelte freundlich und warf einen schweifenden Blick in die Runde, bevor er einen der Becher, vor welchem sich die meisten Münzen befanden, in die Höhe hob. Das enttäuschte Raunen, welches durch die Menge ging, schaukelte sich auf wie eine Woge, denn unter dem Becher hatte sich keine Kugel befunden. »Pech gehabt!«, rief der Mann und strich sich daraufhin die gesetzten Münzen über den Tisch. Der zweite Kerl, mit der Laute, nahm die Münzen an sich und ließ sie in einen kleinen, ledernen Beutel fallen. Während der andere Mann nun auch den zweiten Becher anhob, auf den manche Männer gewettet hatten. Doch auch hier war die Enttäuschung schließlich groß, denn auch hier fand sich keine Kugel unter dem Becher. Als der Mann schließlich den letzten Becher anhob, offenbarte sich die begehrte Kugel. Doch niemand hatte auf diesen Becher gewettet und so gingen sie alle leer aus. Endres lächelte und nahm sich vor beim nächsten Mal etwas genauer hinzusehen, denn er war sich gewiss, dass er schlauer und gewitzter als diese ganzen anderen Männer war. Er würde auf den richtigen Becher wetten!

Das Ganze ging eine Weile und Endres hatte jedes Mal auf den richtigen Becher getippt. Die Männer hatten sich mehr und mehr zerstreut. Entweder weil sie kein Geld mehr hatten, dass sie verwetten konnten, oder weil das Spiel inzwischen nicht mehr unterhaltsam genug war. Doch ungefähr ein Dutzend waren noch geblieben. Und so standen Endres, Valésia und drei weitere Männer schließlich vor den beiden Gauklern, während der Rest etwas Abseits stand. Endres begann in seiner Tasche nach dem Beutel zu kramen. Oh, er hatte genau beobachtet wie dieses Spiel funktionierte. Und ihm war auch nicht entgangen, wie viele Silbermünzen die beiden inzwischen verdient hatten. Die Gier war in ihm erwacht und er wollte den Beiden ein Schnippchen schlagen. Als die Becher wieder zu kreisen begannen, kramte Endres ganze fünf Silbermünzen aus seiner Tasche, denn wenn er den richtigen Becher erraten würde, dann würden sich diese auf zehn verdoppeln. Und bei diesem Gedanken konnte Endres nicht mehr an sich halten. »Die Wetten werden angenommen!« Die Männer schienen noch zu zögern, doch einer von ihnen war sich absolut sicher und knallte eine einzelne, rote Münze auf die Tischplatte genau vor den mittleren Becher. Ein roter Heller. Endres lächelte dünn. Ein kümmerlicher Einsatz! Endres wartete noch einen Moment lang ab, doch dann legte er, beinahe feierlich und siegessicher, die fünf Silbermünzen vor den mittleren Becher. Er hatte den Becher nicht eine Sekunde aus den Augen verloren. Die Kugel musste sich darunter befinden!

Als Endres die Münzen auf den Tisch gelegt hatte, ging ein Raunen durch die Menge. Doch niemand bemerkte, wie der Lautenspieler ebenso dünn lächelte wie Endres zuvor. Der Becherspieler legte seine Hand auf den Becher, vor welchem Endres sein kleines Vermögen aufgetürmt hatte und hob, beinahe feierlich, den Becher. Mit jedem Zoll, den der Becher angehoben wurde, stieg die Spannung und wuchs auch Endres breites Grinsen. Doch als der Becher schließlich angehoben war erstarrte Endres Blick und gefror zu Eis, denn da lag keine Kugel. Endres starrte ungläubig auf die Tischplatte und konnte es nicht fassen. »Pech gehabt.«, grinste der Becherspieler und griff nach Endres Silbermünzen, welcher daraufhin die Hand auf die Münzen legte. »Nein!« protesteierte Endres und warf dem Mann und seinem Gefährten mit der Laute einen misstrauischen Blick zu. »Ihr mogelt! Das geht nicht mit Rechten Dingen zu!«, schimpfte Endres und griff nach dem rechten Becher. Noch ehe der Becherspieler reagieren konnte, hatte Endres den Becher auch schon angehoben und auch hier war keine Kugel zu sehen. Doch noch ehe Endres auch den dritten Becher anheben konnte, da rückten ihm zwei Männer aus der Menge zur Seite und ein Gerangel entstand. »Du hast verloren! Sei ein Mann und steh zu deiner Niederlage!«, brummte einer der Männer und Endres wurde klar, dass dies alles nur ein abgekartetes Spiel gewesen war. Vermutlich waren einige der Zuschauer ebenfalls Teil dieser Truppe und hatten bewusst auf Becher gesetzt, um andere Leute dazu zu bringen, es ihnen gleich zu tun. Endres Hand löste sich von den Münzen und sie wechselten schweigend und nur von einem metallischen Kratzen, das über Holz gezogen wurde, schließlich den Besitzer. »Wir betrügen nicht.«, säuselte der Lautenspieler und trat an den dritten Becher heran. Als er diesen anhob kam schließlich die weiße Kugel zum Vorschein und wirkte wie ein Hohn auf Endres. »Du hast einfach kein scharfes Auge, mein Freund.«

Die Worte trafen Endres wie ein Schlag in die Magengrube. Doch er ließ es dabei bewenden. Doch mit einem Mal kam Bewegung in die Menge. »Reiter des Herzogs!«, rief einer der Männer. Und binnen weniger Augenblicke hatten die Männer ihre Sachen zusammengepackt und begannen sich hastig zu zerstreuen. Endres Blicke huschten in jene Richtung, aus welcher die vermeintlichen Reiter kamen, da er vermutete, dass dies nur eine weitere Finte sein würde. Doch da erkannte er drei Reiter, welche gerade in die Ahle einritten. Reiter des Herzogs. Einer von ihnen trug das Banner von Ajaran. Die beiden Anderen hatten führten ihre Pferde im gemäßigten Trab über die staubige Straße. »Verdammt. Auch das noch.«, brummte Endres und ergriff instinktiv Valésias Hand. »Lass uns verschwinden, meine Liebste.«
Fünf Silberstücke! ❖
baum-das Gasthaus in der Ahle, das sie sich ausgesucht hatten, war niedrig gebaut, das Holz war dunkel geworden über all die Jahre. Kein Marmor, keine Banner, keine Diener, die bei jedem Schritt den Blick senkten. Statt Seide nur grobes Leinen, statt Baldachin ein einfaches Bett mit knarrendem Rahmen. Valésia liebte es. Das erste Licht des Morgens sickerte durch die kleinen Butzenscheiben und legte sich warm über das Zimmer. Sie schlug die Augen auf und brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo sie war. Nicht auf der Burg. Nicht in einem kalten Gemach das erst einmal von Dienern angeheizt werden musste. Sondern hier. Mit ihm. Endres stand bereits am Tisch, das Gepäck geöffnet, die Bewegungen ruhig, geübt. Er hatte ihr ein Kleid über die Stuhllehne gelegt. Kein Samt, kein kostbarer Schnitt. Ein schlichtes bürgerliches Gewand in gedeckter Farbe, dazu einen braunen Gürtel, einen groben Wollumhang, ein Tuch um das Haar zu bedecken. Unauffällig und klug gewählt. Er hatte sogar die Schuhe daneben gestellt. Valésia stemmte sich auf ihre Ellbogen und betrachtete ihn mit einem Ausdruck, der heller war als der Sonnenschein. „Sag mir, womit ich dich verdient habe, mein Liebster“, sagte sie leise und Endres hielt kurz inne, und sah über die Schulter zu ihr zurück. In seinem Blick lag dieses ruhige Lächeln, das er nicht oft zeigte. Am Vorabend hatte sie es ausgesprochen. Dass sie nach ariadischem Recht längst wie Mann und Frau galten. Kein Priester, kein Ring, kein Fest. Aber das Bett miteinander teilen, seine Tage und Nächte miteinander verbringen, das reichte schon. Sie hatte es selbst erst vor kurzem erfahren und es klang noch immer wie ein kleines Wunder in ihren eigenen Ohren. Er kam zum Bett, strich ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine kleine Geste, wie selbstverständlich. Valésia griff nach seiner Hand und zog sie an ihre Lippen. Ihr Blick war ernst unter all dem Glück. „Ich brauche keine Burg und keinen Reichtum, keine Diener und keinen Prunk“, murmelte sie. „Ich brauche nur dich.“

Wie trügerisch Glückseligkeit und Unbekümmertheit waren, sollten die beiden jedoch bald erfahren. Denn sie wurden Opfer einer Betrügerbande die ein abgekartetes Hütchenspiel spielten. Endres hatte im guten Glauben, und dass er die weiße Kugel im Auge behalten würde, ganze fünf Silbermark gesetzt. Der Becher hob sich. Leer. Valésia hörte das Raunen um sie herum wie durch Wasser. Fünf Einsilber. Fünf ganze Silbermünzen. Sie sah sie jetzt immer noch vor sich, schwer und hell in Endres’ Hand, wie er sie vor dem vermuteten Hütchen platziert hatte, bevor sie letztendlich in die fremden Finger der Spieler gelangt waren, als hätten sie niemals ihnen gehört. Fünf ganze Silbermark. Das waren Speis und Trank und ein Dach über dem Kopf. Für mindestens eine Woche, vielleicht mehr, wenn sie bescheiden waren. Wie schnell es fort war! „Liebster, was hast du getan?“ fragte sie ihn und sie spürte Hitze in den Wangen. Vielerlei Gefühle bemächtigten sich ihrer. Nicht ein Anflug aus Zorn allein. Auch Scham. Wie hatte sie so ruhig danebenstehen können? Sie hatte doch gesehen, wie schnell die Hände waren. Wie leicht die Becher glitten. Warum hatte sie nichts gesagt? Weil sie es selbst nicht besser wusste. Sie war doch nur eine Grafentochter aus behütetem Haus. In ihrer Welt gab es solche Trickbetrüger nicht. Wohl war auch an ihrem Hof mit diversen Würfelspielen oder Kartenspielen um Geld gespielt worden. Zum Zeitvertreib, und bestimmt wurde auch hier ab und zu einmal gemogelt und versucht jemanden zu übervorteilen. Jedoch nicht in dieser Dimension. Und noch einen Grund gab es für ihre Arglosigkeit: weil sie glaubte, wenn Endres sicher war, dann müsse es richtig sein. Er ist immer klug, dachte sie. Er ist immer vorsichtig. Und er weiß genau, wie die Welt draußen ist. Offenbar nicht immer. Doch sie noch weniger. Ein stechender Gedanke traf sie noch: Sie hatte sie nie über Geld nachdenken müssen. Es war da. Irgendwo. In Kassen, in Truhen, in Händen von Verwaltern. Jetzt lag ihr ganzes kleines Vermögen in einem Beutel in Endres Besitz. Er verwahrte ihn. Und auch wenn der Besitz den er und sie hatten, nicht trennten, so war doch nun ein beträchtlicher Teil dessen eben verschwunden wie Tau im Morgenlicht. Fünf Silbermark. Für eine falsche Gewissheit. Valésia wagte kaum, ihn anzusehen. Nicht weil sie wütend war. Sondern weil sie in seiner Miene erkannte, wie sehr sein Stolz und seine Würde verletzt waren. Er hatte geglaubt, das Spiel durchschaut zu haben. Sie hatte es ihm geglaubt. Nicht nur der Verlust war beunruhigend. Sondern auch die Erkenntnis, dass sie, Valésia, noch durch eine harte Schule zu gehen hatte, wie schlecht die Welt jenseits von einem behüteten Zuhause sein konnte.

Fünf Silbermark! Noch immer war Valésia geschockt und vielleicht wollte sie gerade etwas sagen, irgendetwas zwischen Vorwurf und Trost, da kippte die Stimmung. Ein Ruck, der durch die Menge ging ohne dass sie zunächst begriff, was hier eigentlich geschah. Die Becher verschwanden. Die Kugel auch. Der Spielmann schob alles in seinen Beutel, als hätte er nur auf ein Zeichen gewartet. Zwei Männer am Rand des Kreises lösten sich gleichzeitig, gingen in entgegengesetzte Richtungen. Der Lautenspieler starrte ungläubig in eine Richtung, schulterte seine Laute und ging mit einer Selbstverständlichkeit von dannen, als hätte er nichts anderes vorgehabt. „Reiter des Herzogs!“, hörte sie jemanden hastig sagen. Es war vielmehr ein Zischen. Valésia spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Das Wort ‚Herzog‘ traf sie anders als das verlorene Silber. Endres’ Hand schloss sich um ihre, fest, warm, entschlossen. Sein Gesicht hatte sich verändert. Der Schock über das Spiel, über den Verlust des Silbers war fort. Jetzt schienen sie beide geläutert zu sein. „Verdammt! Auch das noch! Lass uns verschwinden, meine Liebste“ hörte sie ihn wie aus der Ferne sagen. Sie nickte monoton, ohne zu fragen. Das Silber war vergessen. Der Ärger auch. Es blieb nur das Wissen, dass sie hier nicht stehenbleiben durften. Angst gesellte sich zu dem Schock. Sie wandten sich ab, mischten sich unter die Menschen, die so taten, als ginge sie das alles nichts an. Valésia hielt den Blick gesenkt, spürte Endres’ Griff, der sie führte. Sie mussten von hier verschwinden. Es galt nun, diesen Ort zu verlassen. Das war in diesem Moment wichtiger als fünf Münzen.

Die Hufschläge wurden lauter und bedrohlicher, denn sie kamen näher. Valésia musste nicht hinsehen. Das Geräusch allein reichte, um Bilder in ihr aufflammen zu lassen, die sie mühsam hinter sich gelassen hatte. Männer des Herzogs. Oder Männer unter dem Banner Aramajés. Es war einerlei und sie sah es vor sich, noch ehe es geschah, denn es war schon einmal geschehen, in Ajaran. Jemand zeigte auf sie. Ein Name fiel. Ihr Name. Komtess Valésia von Aramajé. Endres’ Hand wurde ihr entrissen. Zu viele Hände. Zu viele Waffen. Er wehrte sich, natürlich wehrte er sich, und genau das würde man erneut gegen ihn verwenden. Aufrührer. Entführer. Verführer einer Herzogstochter. Und Dieb der Herzogsilber gestohlen hatte. Man würde ihm keine Bühne geben. Kein Verhör mit Zeugen. Kein Recht auf Erklärung. Man würde ihn in Ketten legen. Sie sah das Tor der Burg vor sich, wie es sich hinter ihm schloss. Endres Weg führte hinab in die feuchten Gänge unter der Burg. Der Geruch von Moder. Von Eisen. Von Blut und Angst. Ein Kellerloch ohne Licht und Zeit. Ein Ort, an dem man vergessen wurde und selbst vergaß, dass draußen eine helle Welt existierte. Und sie? Sie sah sich selbst im oberen Gemach. Wieder in Seide, Brokat, Samt. Wieder Dienerinnen. Wieder dieses lächelnde, erstickende Wohlwollen. Ein goldener Käfig, diesmal jedoch nicht offen gelassen. Diesmal mit Schlüssel und fest zugesperrt. Keine Gnade mehr, keine Bitten mehr die erhört würden. Keine Wünsche mehr. Und kein Entkommen. „Es ist zu deinem Besten, Valésia.“, würde man sagen. Und dann Teran. Prinz Teran. Sein Blick, nicht unfreundlich, aber berechnend. Die Art, wie er sie ansah, als sei sie bereits ein Besitz, nur noch nicht offiziell überschrieben. Der Herzog würde die Hochzeit beschleunigen. Ohne Aufsehen. Ohne Widerspruch. Eine Braut, die entlaufen war, musste gebunden werden. Unwiderruflich. Und Endres würde nichts davon wissen. Er würde im Dunkel sitzen, die Hände wund von Eisen, und vielleicht glauben, sie habe ihn aufgegeben. Dieser Gedanke traf sie wie ein Schlag und ihr Atem wurde flach. Sie spürte, wie die Bilder sich verselbständigten, größer wurden, dunkler. Jede Möglichkeit endete in Trennung. In Stein. In Schloss und Riegel. Aber sie war nicht mehr ein Mädchen, das man einfach zurückführte. Sie war eine Frau die schon zweimal davongelaufen war. Einmal ihrem Vater, einmal dem Herzog. Und dafür kannte sie die Welt mitlerweile gut genug, um zu wissen: So etwas blieb nicht ungestraft! Ihre Finger krampften sich um Endres’ Hand. Ihn nicht verlieren. Alles andere war erträglich. Aber nicht das. Gerne jede Silbermünze verlieren die man besaß, aber nicht sich gegenseitig verlieren! Und während die Hufe näher kamen, kämpfte sie gegen ihre eigene Fantasie, die ihr mit grausamer Genauigkeit ausmalte, wie leicht man sie beide erneut auseinanderreißen konnte.

Doch nichts davon geschah. Kein Ruf fiel. Kein Finger zeigte auf sie. Die Reiter bogen in die breite Hauptgasse ein, und für einen furchtbaren Moment glaubte Valésia, einer von ihnen würde den Kopf drehen. Würde sie erkennen. Würde ihr Gesicht aus einer Erinnerung holen, die sie längst hinter sich glaubte. Aber sie waren beschäftigt. Mit einem Händler. Mit Fragen. Mit etwas, das nichts mit ihr zu tun hatte. Niemand nannte ihren Namen. Niemand griff nach Endres. Niemand schien nach ihnen zu suchen! Stattdessen trieben die berittenen Soldaten zwei Händler an, ihnen zu Fuß zu folgen. Valésia zwang sich, langsamer zu atmen. Nicht rennen. Nicht auffallen. Ihr Herz schlug noch immer wie auf der Flucht, doch ihre Schritte wurden ruhiger. Sie sind nicht wegen uns hier. Der Gedanke kam zögerlich. Fast misstrauisch. Endres führte sie in eine schmale Seitengasse, nicht hastig, nur entschlossen. Erst als die Hufe nicht mehr zu hören waren, ließ er ihre Hand los. Valésia blieb stehen. Die Bilder in ihrem Kopf lösten sich auf wie Nebel in der Sonne. Kein dunkler Kerker. Kein goldener Käfig. Kein Teran. Nur eine dunkle kleine Seitengasse. Festgetretener feuchter Lehmboden in dessen Gassenmitte sich eine lange Pfütze gebildet hatte. Und Endres, der sie für einen Moment besorgt ansah, ob sie noch alle ihre Sinne beisammen hatte. Sie hatte sie. Ihr Lächeln war flüchtig, aber echt. „Sie haben nicht nach uns gesucht…“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihm. Und jetzt begann sie zu zittern, jetzt wo der Schreck ihr von den Schultern gefallen war, wurde sie blass und begann zu zittern. Nichts geschah. Nur das gewöhnliche Treiben in der dieser gewöhnlichen kleinen Stadt ging weiter, obwohl es doch nie aufgehört hatte. Ein Mann schob einen Karren an der Gasse vorbei. Eine Frau schimpfte auf ein Kind. Irgendwo schlug eine Tür ins Schloss. Valésia spürte, wie ihre Knie weich wurden. Nicht aus Schwäche. Aus Erleichterung, die ihr zu schnell ins Bewusstsein drang. Wie nah wir immer am Abgrund stehen, dachte sie. Und wie oft wir nur glauben, dass wir fallen. Sie sah zu Endres. Er wirkte ein wenig angespannt, aber gefasst. Er hatte nicht gezögert. Nicht gefragt. Einfach gehandelt. Zwar hatten sie fünf Silbermark verloren. Aber er nicht sie. Und sie nicht ihn. Der Alb der auf ihrer Brust zu sitzen schien, schien sich ins Nichts aufzulösen und sie konnte wieder freier atmen. Das Geld tat weh. Ja. Es war leichtfertig gewesen. Unklug. Doch im Vergleich zu dem, was sie eben vor ihrem inneren Auge gesehen hatte, war es plötzlich klein. Und wer hätte das auch wissen können? Es hätte durchaus auch im Bereich des Möglichen sein können, dass sich ihre fünf Silbermark verdoppelt hätten, weil er richtig getippt hatte. Auch das wäre nicht ganz von der Hand zu weisen. Valésia erkannte einmal mehr, dass sie Angst hatte. Aber nicht vor Armut. Nur vor Trennung von Endres. Sie trat näher zu ihm, ohne viele Worte. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Er ahnte vermutlich nicht im Geringsten, welche Ängste sie gerade durchlitten hatten. Und alles was davon übrig blieb war eine schmutzige kleine Gasse in einem Ort den sie die Ahle nannten. Vielleicht, dachte sie, war Glück manchmal nichts weiter als das Ausbleiben des Schlimmsten.
Drei ganze Ellen lang! ❖
baum-wild hämmerte Endres‘ Herz in der Brust. Der Gedanke, jederzeit aufgegriffen werden zu können, hatte ihm dieses Gefühl gegeben, welches jeder schon einmal hatte, wenn man sich bei einer Sache ertappt gefühlt hatte. Dieses Gefühl von Hitzewallungen, kaltem Schauer und einem plötzlichen Herzklopfen oder dem Rauschen von Blut in den Ohren. Meist verging dieses Gefühl auch so schnell wieder, wie es gekommen war. Doch bei Endres hatte es so lange angehalten, bis Valésia und er endlich in dem kleinen Hinterhof angekommen waren. Seine Hände zitterten und seine Lippen bebten. Er atmete tief ein und aus, um sein aufgebrachtes Gemüt wieder zu beruhigen. Als Valésia sich ihm näherte, um ihn zu umarmen, überkam ihn zudem noch ein warmes Gefühl von innerer Zufriedenheit und Glückseligkeit. Er legte ihr seine Hand auf den Nacken und drückte sie etwas fester an sich, als ob er befürchtete, dass jeden Moment eine Hand, der Häscher des Herzogs, nach ihr greifen könnten. Und bei diesem Gedanken legte er ihr noch die zweite Hand in den Rücken. Und so standen sie eine Weile da, innig miteinander verschlungen und der Moment schien eine halbe Ewigkeit anzuhalten.

Irgendwann löste sich Endres aus Valésias Umarmung. Er nahm ihre Hände in die seinen und lächelte sie verlegen an. »Nun. Da haben wir nochmal Glück gehabt, meine Liebste.« Er seufzte theatralisch. »Ich hoffe diese Reiter sind wirklich nicht unseretwegen hier. Meine Finte, bei den Stallungen, funktioniert doch nur, wenn wir nicht mehr anzutreffen sind.« Er seufzte schwer und blies die Luft aus seinen aufgeblähten Wangen. »Ich kann es kaum erwarten, dass wir dieses Fürstentum hinter uns gelassen haben. Ich gebe es nicht gerne zu, aber das Gefühl, ständig von Schatten und Augen verfolgt zu werden, die jederzeit aus den Schatten nach dir…uns…greifen, behagt mir ganz und gar nicht. Ich würde lieber nach vorne blicken, als ständig den Blick über die Schulter werfen zu müssen.« Erneut seufzte er und zuckte dann mit den Schultern. »Wie dem auch sei. Wir sollten, solange diese Reiter sich hier herumtreiben, mit Bedacht vorgehen. Vielleicht sollten wir versuchen so bald wie möglich von diesem unsäglichen Ort zu entfliehen?« Endres ließ Valésias Hände los, wenn auch nur kurz. Denn als er sich anschickte, sich in Bewegung zu setzen, da bot er ihr seinen Ellenbogen dar, damit sie sich darin einhaken konnte. »Wir sollten versuchen wie zwei unbescholtene und völlig uninteressante Bürger zu wirken. Lass uns einfach in den Krämerladen oder die Schenke gehen und herausfinden, was diese Reiter hier zu suchen haben, ohne dass wir die Aufmerksamkeit auf uns lenken?«, schlug er vor und Valésia nickte zögerlich.

Sie verließen den Hinterhof und fanden sich bald auf der großen Straße wieder. Nun, da diese Betrüger und alle Zuschauer verschwunden waren, wirkte die Gasse mit einem Mal so leer. Beinahe unheimlich. Als ob alle Fenster geschlossen worden wären und die Leute durch kleine Löcher oder Spalte hinaus lugten, um zu sehen, ob die Luft wieder rein war. Doch dies war vermutlich nur ein Gefühl, welches Endres derartige Gedanken hegen ließ. Er legte eine Hand auf Valésias Unterarm und lief gemächlich über die Straße. Seine Augen huschten dabei stetig hin und her. Wo auch immer diese Reiter gerade waren, er wollte ihnen auf keinen Fall einfach in die Arme laufen.

Doch die Reiter des Herzogs waren nicht zu sehen. Endres hielt eine Weile inne und wirkte nachdenklich, denn er traute der Ruhe nicht. Natürlich glaubte er auch nicht, dass die Häscher sich irgendwo hinter Fässern, Tüchern oder Häuserecken versteckten, um nur im rechten Moment hervorzuspringen. Doch Endres hatte schon zu viel Pech erleben müssen, so dass er wohl als gebranntes Kind bezeichnet werden konnte, der sein brüchiges Schicksal, welches nur an einem seidenen Faden zu hingen schien, nicht allzu sehr auf die Probe stellen wollte. Er zuckte abermals mit den Schultern und er konnte nicht wirklich sagen, wie oft er dies schon getan hatte, seit sie, wie die Ratten, geflohen waren, als die Reiter erschienen waren. Doch gerade, als Endres erneut seufzten wollte, da vernahm er eine kräftige Stimme, aus einem der nahen Häuser. Man konnte nicht wirklich verstehen, was gesprochen wurde, aber dort standen sie. Drei gesattelte und kräftige Pferde. Sie waren an einen Pfosten angebunden worden und ihre Köpfe hingen alle in einer Tränke. Endres gab Valésia einen dezenten Stoß in die Seite und nickte in eben jene Richtung. »Die Pferde.«, zischte Endres und schob Valésia dezent auf seine andere Seite. Es war ein eher instinktives Verhalten. Und auf eine gewisse Weise war es ritterlich und diebisch zugleich. Endres kam sich vor, als würde er ein kostbares, geraubtes Kleinod durch die Straßen schmuggeln und bei dem Gedanken musste er müde lächeln. In gewisser Weise entsprach dies ja auch der Wahrheit. Er hatte sie geraubt. Unter den Augen des gesamten Adels von Ajaran. Oh, wie musste der Herzog getobt haben, als ihm bewusst geworden war, dass die Braut, die er für seinen Sohn auserkoren hatte, einfach aus dem Fenster gesprungen war und sich seinem Zugriff entzogen hatte.

Ein Poltern erregte Endres‘ und Valésias Aufmerksamkeit. Und den Beiden war der Schreck durchaus anzumerken, als sie innehielten und ein leichtes Zucken ihre Leiber durchfuhr. Eine Türe öffnete sich und ein Mann stolperte rücklings heraus. Dicht gefolgt von zwei Männern. Einer von ihnen trug das Wappen von Ajaran auf der Brust. Der andere trug einen Mantel, so dass man es nicht wirklich sagen konnte, ob er ebenso ein Wappen trug. Aber Endres vermutete, dass dem wohl so sein musste. »Zeigt mir euren Geleitbrief!«, dröhnte die Stimme des Mannes im Mantel. Der Mann, welcher rücklings aus der Tür gestolpert war, kramte geschäftig in seiner Jacke, wohl um eben jenen Geleitbrief heraus zu holen. Endres schluckte und warf einen flüchtigen Blick auf das andere Ende der Gasse. »Oh, weh. Wenn sie uns nach einem solchen Brief fragen, stehen wir nur mit leeren Händen da. Dein Bruder wollte uns solch einen Brief besorgen. Doch es ist nie dazu gekommen.« Endres seufzte und schob Valésia weiter über die Straße. Endres entschied, dass es wohl das Beste wäre, wenn sie sich vorerst von der Straße fernhielten, bis diese Recken endlich gefunden hatten, was sie suchten, oder von Dannen gezogen waren. Aber etwas in Endres sagte ihm, dass sie nur dann von Dannen ziehen würden, wenn sie Valésia und ihn ergriffen hatten. Warum sonst sollten diese drei Reiter an einem Ort wie diesem sein? Und das so kurz nachdem sie von der Burg geflohen waren? Nein, es gab überhaupt keinen Zweifel daran, dass diese Drei nur wegen ihnen hier waren.

Sie betraten schließlich eine Art Gemischtwarenladen. Es war kein wirklicher Krämer aber auch kein wirklicher Händler. Das Gebäude wirkte mehr wie ein Vorbau, welches einfach vor einer einfachen Hütte aufgebaut worden war. Wenn man genauer hinsah, konnte man sogar die Wagen erkennen, welche hinter dem Haus in sogenannten Unterständen eingespannt worden waren. Dieses Haus war wohl für die fahrenden Händler so etwas wie ein Austauschpunkt. Waren wurden verladen. Waren wurden veräußert. Und während die Händler nichts zu tun hatten, saßen sie an den kleinen, runden Tischen und genossen ein Bier oder einen Wein. Der Vorbau war mit einer Art großer Plane aus gewachstem Tuch überspannt worden. Endres Blicke erkannten einige Männer. Manche wirkten geschäftig und andere gaben einem schon allein durch ihre Körpersprache zu verstehen, dass man sie besser in Ruhe ließ. »Guten Tag, die Herrschaften.«, flötete die Stimme eines Mannes, welchen man getrost als wohlgenährt bezeichnen konnte. Allein sein Hals war so breit, dass es wie ein Kragen aus Fleisch und Haut wirkte, den er sich umgelegt hatte. Er war beleibt und vermutlich wog er mehr als doppelt soviel wie Endres. Oder gar Endres und Valésia zusammen. Er hatte grau meliertes Haar welches am Kopf bereits schütter und kahl geworden war. Seinen Mangel an Kopfhaar schien der Mann durch einen buschigen Backenbart auszugleichen. Alles in Allem wirkte der Mann auf eine gewisse Weise unheimlich und auf die andere sehr vertrauenserweckend. Eine seltsame Mischung, empfand Endres, und er konnte nicht sagen, für welche der beiden Eindrücke er sich wirklich entscheiden sollte. »Mein Name lautet Edran Silberhand.« Mit diesen Worten rieb er sich die Hände, und an den speckigen Fingern und an einigen davon prangerten dicke, silberne Ringe. Endres entging nicht, dass beinahe jeder dieser Ringe so wirkte, als ob er viel zu eng für diese dicken Finger wäre. Die Haut wölbte sich am Rand der silbernen Ringe und vermutlich trug der Mann diese Ringe schon lange bevor sein Leib solche Fülle erreicht hatte. Ob er noch imstande war diese Ringe überhaupt abzunehmen? Dieser Gedanke schoss unweigerlich durch Endres‘ Kopf und er ertappte sich dabei, wie er dümmlich grinste. »Guten Tag auch, der Herr.« Endres nickte mit dem Kopf und deutete eine so dezente Verbeugung an, dass es gerade noch nicht unhöflich wirkte. »Eure Hände sind ja gar nicht aus Silber.«, scherzte Endres, um über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass ihm nicht der Sinn danach stand, sich nun ebenfalls beim Namen vorzustellen.

Edran lachte schallend und klatschte seine Hände zusammen. »Ihr dürft meinen Namen gerne metaphorisch betrachten. Ich habe den Ruf alles zu Silber machen zu können.« Der Stolz in der Stimme des Mannes, war trotz des Lachens, kaum zu überhören. »Alles?« hakte Endres nach und der Mann nickte eifrig. »Alles!«, betonte er mit eindringlicher Bestimmung. Da tippte sich Endres an die Unterlippe und lächelte breit. Er konnte sich kaum vorstellen, wie ein Mann wie dieser wirklich alles zu Silber machen konnte. »Kann ich irgendwie zu Diensten sein?«, erkundigte sich Edran, nachdem Endres eine Weile geschwiegen hatte. Der Lügenbaron schüttelte den Kopf. »Leider haben wir nichts, dass eure geschulten und tüchtigen Hände zu Silber machen könnten. Wir sind nur zwei einfache Leute aus bescheidenen Verhältnissen.« Da schnalzte Edran mit der Zunge. »Ha! Für einen einfachen Mann aus bescheidenen Verhältnissen, versteht ihr sehr gut mit Worten umzugehen.« Endres biss sich auf die Lippe. Er konnte einfach nicht aus seiner Haut heraus. »Wenn ich euch einen Rat geben dürfte. Werter Herr Bescheiden. Streut ein paar Flüche, oder falsch gesprochene Wörter. Oder etwas Dialekt in eure Worte. Dann glaubt man euch vielleicht eher, dass ihr nicht von Adel seid.« Edran gluckste und rieb sich dabei erneut geschäftig die Hände. Endres hingegen kniff die Augen zusammen und fühlte sich sowohl ertappt als auch vorgeführt. Und das schon zum zweiten Mal an diesem Tag. »Ihr habt ein geschultes Gehör, werter Herr.«, konterte Endres und schmierte dem Fettsack so noch etwas mehr Honig ums Maul, was Edran nur allzu gerne annahm, wie es den Anschein hatte. »Nennt es Berufskrankheit.« Edran gluckste erneut und klopfte dann auf die hölzerne Anrichte, neben welcher er stand. Er winkte Endres und Valésia zu sich und legte sich dann einen seiner dicken Wurstfinger auf die Lippen und zischte leise. »Ich werde schweigen wie ein Grab. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse. Und jeder Mensch hat seinen Preis.« Edran lachte erneut und Endres runzelte die Stirn. Wie hatte dieser Mann diese Worte nur gemeint?

Als Endres und Valésia schließlich an die Anrichte herangetreten waren, stellte Edran sogleich drei kleine, hölzerne Becher auf den Tisch. Sie waren kaum größer als Endres‘ Daumen lang war. Und noch ehe Endres fragen konnte, zog Edran einen dicken Korken aus einer Tonflasche und goss eine klare, farblose Flüssigkeit in die drei Becher. »Geht aufs Haus!«, rief Edran freudig und schob dann zuerst Valésia ihren Becher zu. Er nickte und zwinkerte als er Valésia in die Augen sah. Erst als Valésia ihre Hand an den winzigen Becher gelegt hatte, schob er Endres seinen hinüber. »Kostet.«, befahl Edran mit einer schmeichelnden Bestimmtheit. Doch als die beiden noch zu zögerlich reagierten, nahm Edran seinen Becher und hielt ihn vor den Beiden in die Luft. Endres und Valésia wurde bewusst, dass sie sich diesem Wunsch kaum wirklich entziehen konnten. Und so nahm Endres schließlich seinen Becher zur Hand und erhob ihn ebenfalls. »Auf Drei.«, sagte Edran und schlug seinen Becher gegen den der Beiden. Zuerst gegen den von Valésia, dann gegen den von Endres. Und stürzte kurz darauf den brennenden Weingeist herunter. Er kniff die Augen zusammen und schluckte so hart, als ob er eine Wurst im Ganzen verschluckt hätte. Dann öffnete er die Augen und atmete erleichtert aus. »Aaah. Der Beste Brand im ganzen Land.« Endres legte seine Lippen an den Becher und das scharfe Aroma biss ihm förmlich in den Augen, so dass ihm beinahe die Tränen kamen. Doch nun wollte er sich keine Blöße mehr geben! Er schloss die Augen und öffnete den Mund.

Der Schnaps brannte wie Feuer und Endres blieb, wenn auch nur für einen kurzen Moment, der Atem stehen. »Oh, verdammt.«, ächzte Endres und musste ein aufkeimendes Husten unterdrücken. Edran nickte nur lachend. »Nun. Da dies erledigt ist…« Er klopfte erneut auf die Budel und ein zweiter Kerl wuselte hervor. Er zog einen Vorhang zur Seite und offenbarte allerlei Tand und Ramsch, den dieser Seelenverkäufer buchstäblich zu Silber machen wollte. »Kann ich euch für eines meiner guten Stücke begeistern?« Edran lachte breit und vermutlich auch insgeheim über Endres, dessen Kopf inzwischen rot wie ein Apfel geworden war. Endres hustete und schüttelte den Kopf. Doch er brachte keine Worte über seine Lippen.

Nach einer Weile, als das Brennen endlich nachgelassen hatte, lehnte Endres an der Anrichte und ließ seine Blicke über Edrans Waren schweifen. Eigentlich hatte der Mann wirklich alles, was man irgendwie zu Geld machen konnte. Waffen, Tuch, Gewürze. Sogar einfache Lebensmittel. »Nun. Wir könnten einige davon brauchen.«, eröffnete Endres schließlich und deutete auf zwei dicke Würste und etwas Trockenfleisch. Valésia schien sich von dem Schnaps inzwischen auch erholt zu haben und sie stieß Endres in die Seite, während sie auf eine große Decke deutete. »Oh ja, und diese Decke da. Was soll die kosten?« erkundigte sich Endres und Edran lachte geschäftig. »Das ist feinste Wolle aus Arkan.« Er rieb sich die Hände und zerrte den roten Stoff von dem Regal. »Drei Ellen lang!«, rief Edran und fächerte den Stoff vor den beiden aus. Doch Endres schwante schon übles. Drei Ellen hochwertiger Wolle! Selbst wenn dies nur ein Fahrender Händler war, musste der Preis gewaltig sein. »Mit Verlaub…«, raunte Endres. »Unsere Barschaft ist vermutlich nicht ausreichend…« »Aber bei diesem Hütchenspielern hast du fünf Silberstücke verloren.«, murmelte Valésia und Endres kam nicht umhin einen gewissen, vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme zu vernehmen, was ihn unweigerlich dazu brachte sie erstaunt anzusehen. Die sonst so stille Valésia sah Endres mit ihren großen, liebreizenden Augen an und lächelte. Edran hüstelte verlegen und bot Valésia sogleich das Tuch an um es anzufassen, um die Qualität zu erfühlen. »Oh, vor diesen Halunken müsst ihr euch in Acht nehmen. Die lungern überall herum. Alles miese Betrüger!« Edran wedelte mit dem roten Tuch und breitete es vor Endres und Valésia auf der Anrichte aus. »Ich habe selbst schon einmal mein Glück versucht. Doch der Kerl mit der Laute hat so unglaublich schnelle Hände. Ich glaube ja, dass diese Musik, die er da spielt, ein Teil des ganzen Hokuspokus ist, mit dem sie die Leute dazu bringen ihr sauer verdientes Geld zu vergeuden.« Edran lachte breit und warf Valésia dann einen herausfordernden Blick zu. »Na, wie gefällt euch die Tuche?«

Es dämmerte bereits als Endres und Valésia endlich aus Edrans Fängen entkommen waren. Mit Weh musste Endres daran denken, was ihnen dieser kurze Abstecher in diesen Krämerladen gekostet haben musste. Doch immerhin hatten sie nun eine schöne, rote Decke. Und etwas gepökelte Wurst, gesalzenen Fisch und ein paar gute, saftige Äpfel. Endres trug den roten Ballen auf beiden Händen, während Valésia neben ihm herging und den Rest der Einkäufe trug. Ihr Ziel war ihre Unterkunft. Da es bereits dämmerte, war an eine Weiterreise nicht mehr zu denken. Aber immerhin waren sie den Häschern des Herzogs auf diese Weise geschickt aus dem Weg gegangen.

Endres hielt urplötzlich inne, als es so aussah, als ob ein Schatten vor ihnen durch die Gassen huschte. Er trat einen Schritt zur Seite, um sich vor Valésia zu stellen. »Hast du das gesehen?«, raunte er und nickte in eben jene Richtung. Doch Valésia schüttelte nur den Kopf. »Da war doch gerade eine Gestalt? Oder bilde ich mir das nur ein?« , murmelte Endres und Valésia legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Endres glaubte in Valésias Blick einen Hauch von Besorgnis entdeckt zu haben und zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. Doch da huschte eine zweite Gestalt durch die Gasse. Kurz darauf vernahm man polternde Stiefel und rasselnde Kettenhemden. »Halt! Stehenbleiben!«, bellte eine Stimme, welche Endres mehr als bekannt vorkam. Es war die dieses Ritters, welcher schon zuvor diesen Mann nach seinen Geleitbriefen gefragt hatte. »Stehen bleiben, im Namen des Herzogs!« Endres erstarrte förmlich zu einer Salzsäule. Und Valésia schien es nicht anders zu ergehen. Der Häscher des Herzogs näherte sich den Beiden und warf zunächst Valésia einen Blick zu, bevor er kurz und freundlich nickte. »Meine Dame?« Nachdem er den Höflichkeiten genüge getan hatte, wandte er sich Endres zu. »Werter Mann, wie könn' ma' euch helfen?« Endres versuchte sich an Edrans Rat zu halten, und legte einen etwas derben Wortlaut in seine Stimme. Doch so recht wollte es ihm nicht gelingen. »Was wollt ihr von uns, haben wir etwas Unrechtes getan?« Da schüttelte der Ritter den Kopf. »Mitnichten, meine Herrschaften. Wir, meine beiden Kameraden…« Er deutete dabei auf die anderen beiden Reiter, welche am Ende der Gasse standen. »…sind auf Befehl des Herzogs in der Ahle.« Endres schluckte und nickte verstehend. Er wusste ganz genau worum es hier ging. Doch er versuchte sich dumm zu stellen. »Das klingt ja bedeutend, nicht wahr Schwesterchen?« Endres warf Valésia einen zweideutigen Blick zu, während er versuchte, dem prüfenden Blick des Ritters zu entgehen. »Nun. Wir sind auf der Suche nach einer jungen Dame. Und einem Mann.« Endres fühlte, wie ihn ein eisiger Schauer erfüllte. Seine Lippen bebten und die zusammengerollte Decke, welche er nach wie vor trug, fühlte sich auf einmal unsagbar schwer an. Und doch zwang er sich zu einem verlegenen Lächeln. »Nun. Wie es scheint, habt ihr einen Mann und eine Frau gefunden?«, versuchte er zu scherzen. Doch der Ritter verzog keine Miene. »Nun. Die Dame, welche wir suchen, ist von edler Geburt.« Bei diesen Worten warf er Valésia einen prüfenden Blick zu, welcher sich kurz darauf in einen entschuldigenden Blick wandelte. »Verzeiht, werte Dame. Doch wie lautet euer Name?« Endres biss sich bei dieser Frage buchstäblich auf die Lippen. Valésias Stimme war so sanft. Und wenn dieser Ritter ihren Akzent aus Aramajé erkennen würde? Bilder schossen Endres durch den Kopf. Bilder von einem jähen Ende. Schwerter…Ketten…Blut…Das Ende aller Hoffnungen!

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