Aale in der Ahle ❖
05.03.2026 '18:37 [2.117 Wörter]
"  alt! Stehenbleiben!“ schallte es durch das kleine Gässchen und Valésia traf der Schock innerlich. Erst vor wenigen Momenten hatte sie geglaubt, die beiden Ritter hätten es in der Ahle nicht auf sie beide abgesehen, dass ihre Wege sie in einer anderen Angelegenheit in dieses Nest geführt hatten, doch dies schien wohl ein gehöriger Irrtum zu sein. Beide erschraken sichtlich, und als sie nicht sogleich stehen bleiben, bellte der zweite „Stehen bleiben, im Namen des Herzogs!“ Endres blieb nun stehen, ebenfalls wie erstarrt und Valésia tat es ihm gleich. Die beiden Ritter traten näher und stellten sich ihnen in den Weg. Der eine baute sich vor Endres auf, der andere musterte Valésia mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß. Nachdem Endres es auf die komische Art und Weise versucht hatte, von ihnen abzulenken und die Situation mit einem Scherz aufzulockern, was ihm jedoch nicht gelang, zog der eine von ihnen ein zusammengefaltetes Stück Pergament aus dem Gürtel. Er warf nur einen kurzen Blick darauf, dann wieder auf die beiden. „Wir suchen einen Mann. Groß. Blond. Langhaarig.“ Sein Blick glitt über Endres’ Schultern, blieb kurz in seinem hellen Haar hängen. Dann wanderte er zu Valésia. „Und eine junge Frau.“ Stille. Die Wache machte einen Schritt näher und sah Valésia direkt ins Gesicht. „Verzeiht, werte Dame. Doch wie lautet euer Name?“ Valésia spürte, wie ihr Herz hart gegen ihre Rippen schlug und ihr buchstäblich ie Luft zum Atmen nahm. Einen Augenblick lang dachte sie an alles, was passieren konnte, wenn sie jetzt den falschen Ton traf oder etwas Falsches sagte. Doch dann rief sie sich in Erinnerung, was Endres und sie in den letzten Monden schon alles erlebt und bewältigt hatten und sie wusste, dass sie nicht mehr die selbe war wie damals in Olathor. Und darum durfte sie diese auch nicht mehr sein. Dann hob sie leicht die Schultern. „Sia.“ Der Kerl verzog den Mund. „Sia was?“ Valésia ließ sich Zeit, als müsse sie überlegen, ob das überhaupt wichtig war. „Sia Silberhand.“ Endres sah sie aus dem Augenwinkel an, sagte aber nichts. Der Ritter runzelte die Stirn. „Silberhand?“ Valésia nickte mit dem Kinn über den Markt. „Mein Vater. Unser Vater. Edran Silberhand. Der Händler dort mit dem Wagen. Hab mir den Namen ja nicht ausgesucht.“ Der Mann folgte ihrem Blick. Tatsächlich stand ein paar Schritte weiter ein Mann neben einem breiten Stand hinter dem sich ein Wagen befand, der mit allerlei Waren beladen war. Der zweite Ritter verschränkte die Arme. „Du klingst nicht wie eine Händlertochter.“ Valésia schnaubte leise. „Ich wüsste nicht, wie eine Händlertochter sonst zu reden hätte“ Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und legte den herausforderndsten Blick auf, wie sie nur konnte. „Unser Vater kommt aus Aramajé. Der redet noch schlimmer.“ Die Wachen tauschten einen Blick. Der erste wandte sich nun an Endres. „Und der da?“ Valésia antwortete ruhig. „Eskel, mein Bruder.“ „Soso, dein Bruder. Er sieht dir aber überhaupt nicht ähnlich. Das Haar so strohblond wie wie ein…“ „Paltore?“ fragte Valésia und nickte. Allmählich gewann sie ihre Selbstsicherheit zurück und das half ihr, klar und deutlich zu sprechen. Die Worte fielen ihr beinahe von alleine zu. „Ja, das hören wir öfter, wenn wir in Ariad sind. Diese Haarfarbe ist in der Tat sehr ungewöhnlich, da habt ihr Recht. Er ist ja auch mein Halbbruder, wenn ihr es schon ganz genau wissen wollt. Tatsächlich ist die Mutter Paltorin. Händler kommen weit umher, und manchmal geschehen unvorhersehbare Dinge. Das wisst ihr aber mit Sicherheit.“ Der Ritter musterte ihn schärfer. Der andere sah zwischen ihnen hin und her. Blond war er. Das passte. Die Frau… vielleicht. Vielleicht auch nicht. „Wir suchen ein Paar“, sagte sie schließlich. „Die beiden sollen zusammen unterwegs sein. Und die Beschreibung passt ziemlich gut auf euch beide“ Valésia hob wieder die Schultern. „Darüber weiß ich nichts. Wir sind Bruder und Schwester. Wenn das jetzt schon als Paar gilt, wird mein Vater Augen machen.“ Der erste Ritter kniff die Augen zusammen. „Nun, wenn das so ist, dann gehen wir zu eurem Vater. Er wird eure Geschichte bestimmt bestätigen, wenn sie stimmt.“ Valésia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Von mir aus“, sagte sie. Sie setzte sich in Bewegung. Endres neben ihr. Hinter ihnen die Schritte der beiden Wachen. Der Wagen kam näher.
Edran Silberhand stand dort, den Rücken halb zu ihnen, und prüfte gerade eine Kiste mit Messern. Als sie näherkamen, hob er den Kopf. Sein Blick blieb erst auf den beiden Rittern mit dem Wappen des Herzogs stehen, beinahe einen Herzschlag zu lange, dann musterte er Valésia. „Vater“, sagte sie laut genug, dass die Wachen es hörten. Edran legte den Kopf schief. „Ja?“ sagte er. „Eskel und ich wurden von diesen beiden netten Rittern aufgehalten, stimmts, Eskel?“ wandte sie sich an Endres. Nun war es an Endres, einige Worte fallen zu lassen damit der Händler wusste wie ‚seine Kinder‘ hießen. „Sie denken, Sia und ich entsprechen einem Paar das gesucht wird.“ Die Wachen beobachteten jede Bewegung. Dann wandte er sich zu den Wachen. „Meine Kinder! Was haben sie diesmal angestellt?“ Er vollführte eine theatralische Geste in dem er die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Eine der Wachen zeigte auf Valésia. „Nichts weiter! Wir suchen eine junge Frau. Und es wirkte uns, als würde sie der Suche entsprechen. Aber wenn ihr sagt, es ist eure Tochter, dann… “ Edran lachte trocken. „Ja, das ist meine Tochter. Wenn ihr einen guten Preis für sie bezahlt, dürft ihr sie behalten, meinetwegen auch beide.“ Die beiden Ritter blickten ihn ernst an. Ein tiefes dröhnendes Lachen über seinen Scherz ertönte, dass winkte er ab. „Verzeiht einem alten Mann seine Scherze. Meine Kinder. Eskel und Sia. Sie reisen mit mir, seit sie laufen können. Was sollen sie sonst tun, wenn ihr Vater ständig unterwegs ist? Mir war nicht bewusst, dass es in der Ahle verboten ist, umherzulaufen. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Tochter ohne Begleitung ihres Bruders sicherer wäre, weil ihr ein Paar sucht, dann hätte ich sie vielleicht doch ohne Begleiter ziehen lassen. Heieieiei…“ Er kratzt sich am Bart, und sah die beiden ratlos an. Schließlich winkte einer der Männer ab und wandte sich an seinen Kameraden. „Das sind nicht die Gesuchten. Wir gehen weiter.“ Sie nickten ihnen kurz zu, wandten sich um und zogen weiter durch den Markt.
Edran Silberhand wartete, bis die beiden Wachen wirklich außer Hörweite waren. Erst dann lehnte er sich mit beiden Händen auf den Rand seines Wagens und musterte Endres von oben bis unten. Sein Blick blieb einen Moment länger auf dem blonden Haar hängen. „Also“, sagte er schließlich langsam, „jetzt erklärt mir doch mal, warum plötzlich die Männer des Herzogs hinter meiner Tochter her sind.“ Endres ließ sich Zeit mit der Antwort. Er war noch immer angespannt, auch wenn die unmittelbare Gefahr vorüber war. „Weil sie nicht eure Tochter ist“, sagte er ruhig. Edran schnaubte leise. „Das hatte ich mir fast gedacht.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Aber ich muss sagen, ihr habt mich sauber da hineingezogen. Eine falsche Tochter, zwei Wachen und ein halber Markt, der zuhören könnte. Das ist ein hübsches Durcheinander.“ Valésia neigte leicht den Kopf. „Ihr hättet uns auch einfach stehen lassen können. Aber das habt ihr nicht. Danke vielmals!“ Edran zuckte mit den Schultern. „Gewiss. Andernfalls hätten die beiden angefangen, Fragen zu stellen. Vielleicht sogar meine Waren zu durchsuchen.“ Er klopfte mit den Knöcheln gegen eine der Kisten. „Darauf habe ich wenig Lust. Nicht, dass ich etwas zu verbergen hätte!“ Sein Blick glitt wieder über Endres. „Außerdem…“, fügte er hinzu, „…erkenne ich Ärger, wenn ich ihn sehe. Und ihr zwei seid Ärger, das sagt mir meine Nase!“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf seine Nase und ein schwaches Grinsen zog über sein Gesicht. „Ihr beiden schuldet ihr mir noch eine Geschichte. Eine Geschichte, die erklärt, warum ich plötzlich zwei erwachsene Kinder habe.“ Valésia lächelte schwach. „Das habe ich nie behauptet.“ „Doch“, erwiderte Edran gelassen. „Vor zwei Minuten hast du das sehr überzeugend behauptet.“ Für einen Moment lag Stille zwischen ihnen. Marktgeräusche drangen von der Straße herüber. Stimmen, Räder, das Schnauben eines Pferdes. Edran verschränkte die Arme. „Also“, sagte er schließlich. „Willst du mir erzählen, warum der Herzog von Ajaran nach euch sucht?“
Valésia schwieg einen Augenblick, dann hob sie leicht die Schultern. Sie sah kurz zu Endres. Dann wieder zu Edran. Der Händler wirkte nicht neugierig wie ein Klatschmaul, sondern eher wie jemand, der abschätzen wollte, wie viel Ärger er sich gerade eingehandelt hatte. Sie atmete einmal ruhig durch. „Ich sollte jemanden heiraten“, sagte sie schließlich. Edran zog eine Augenbraue hoch. Valésia zuckte mit den Schultern, als wäre es nichts Besonderes. Das war es im Grunde auch nicht. Die Komtess hatte immer gewusst, seit Kindesbeinen an, dass eines Tages der Tag kommen würde an dem sie einen Mann bekommen würde, dessen Verbindung mit dem Haus von Aramajé die Familie voranbringen sollte. Dass sie sich dagegen auflehnen würde, das hatte sie zu keiner Zeit geahnt und gewusst, doch das lag auch nur daran, dass sie Endres kennengelernt hatte. „Einen Mann, den ich nie gesehen habe“ führte sie schließlich fort. Der Händler verzog leicht den Mund. „Das kommt vor.“ „Ja“, sagte Valésia ruhig. „Aber ich hatte nicht vor, mein Leben mit jemandem zu verbringen, der mich nicht für würdig hält.“ Edran musterte sie nun genauer. „Und dann?“ Valésia ließ den Blick einen Moment über den Markt schweifen, als suche sie dort Worte. Dann sah sie wieder zu ihm. „Dann habe ich jemanden getroffen“, sagte sie. Ihr Blick streifte Endres nur kurz, aber lange genug, dass Edran es bemerkte. „Und ich konnte ihn nicht mehr vergessen.“ Der Händler stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen aus. „Also bist du davongelaufen.“ Valésia nickte. „Ja.“ Edran sah nun zu Endres und dann wieder zu Valésia. „Und er?“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Er hat wohl beschlossen, dass ich nicht allein davonlaufen sollte.“ Einen Moment lang sagte niemand etwas. Ein Pferd schnaubte hinter dem Wagen. Irgendwo rief ein Händler seine Preise. Edran kratzte sich am Bart und schien über ihre Worte nachzudenken. „Das erklärt, warum ihr unterwegs seid“, meinte er schließlich. Dann sah er wieder zu Valésia. „Aber nicht, warum die Männer des Herzogs euch suchen.“ „Weil mein Vater sehr stur ist.“ Edran hob eine Augenbraue. Valésia zuckte mit den Schultern. „Weil es meine Aufgabe ist, mich zu fügen, mehr nicht.“ Edran schwieg einen Moment. Sein Blick ruhte länger auf ihr, als es bloße Neugier verlangt hätte. „Viele Väter versprechen ihre Töchter“, sagte er schließlich langsam. „Nicht viele können dafür die Männer eines Herzogs losschicken, wenn die Mädchen türmen.“ Valésia hielt seinem Blick stand, sagte aber nichts. Das genügte. Edran stieß leise Luft durch die Nase aus und nickte einmal, als hätte sich ein Gedanke bestätigt. „Ah. Jetzt verstehe ich.“ Dann kratzte er sich am Bart. „Das ist also die Art von Geschichte, bei der man besser nicht zu viele Fragen stellt.“ Valésia lächelte diesmal ein wenig echter. „Das wäre mir sehr recht.“ „Dann will ich euch noch einen Rat geben.“ „Wenn ein Vater, oder auch ein Herzog ein gewisses Mädchen zurückhaben will, sucht er mit Nachdruck. Dann sah er wieder zu Endres. „Und wenn ein Mann sie behalten will, sollte er lernen, vorsichtiger zu spielen.“ Valésia konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Er hat heute schon fünf Silber beim Glücksspiel verloren.“ Edran lachte leise. „Dann habt ihr beide noch einiges zu lernen. Und wenn ihr weiter durch Dörfer lauft wie zwei Gänse auf dem Jahrmarkt, werdet ihr bald wieder mit Rittern des Herzogs sprechen. Und der nächste Händler ist vielleicht weniger hilfsbereit.“ Valésia nickte „Wir werden es uns zu Herzen nehmen.“ Edran ließ den Blick noch einen Moment zwischen ihnen wandern. Dann schob er die Hände in seinen Gürtel, als hätte er eine Entscheidung getroffen. „Gut“, sagte er schließlich. „Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.“ Er stieß sich vom Wagen ab und trat einen halben Schritt näher. „Jetzt interessiert mich nur noch eines.“ Sein Blick ging kurz über den Markt, wo die Wachen noch immer zwischen den Ständen patrouillierten. Dann wieder zu Endres. „Habt ihr einen Plan, wie es weitergehen soll?“ Endres antwortete nicht sofort. Er folgte ebenfalls dem Blick der Ritter, als befürchtete er, sie würden es sich doch noch anders überlegen. „Wir reisen weiter“, sagte er schließlich. Edran schnaubte leise. „Das dachte ich mir schon, dass ihr hier keine Wurzeln schlagen wollt.“ Er klopfte mit den Fingern gegen die Seitenwand seines Wagens. „Ich fahre morgen weiter nach Süden.“ Edran zuckte mit den Schultern. „Mir kanns ja egal sein. Aber ein Wagen eines Händlers fällt weniger auf als zwei junge Leute, die zu Fuß unterwegs sind und sich bei jeder Wache erklären müssen.“ Er sah Endres an. „Ich fahre ohnehin ein Stück Richtung Küste. Valésia sah zu Endres. War dies ein Angebot, das sie annehmen sollten?
Roter Mond ❖
11.03.2026 '00:45 [3.002 Wörter]
 ndres hörte nur noch das Blut in seinen Ohren rauschen. Dieser Ritter stand so nah vor ihnen, dass er mit jedem Wort, das er sprach, seinen Atem im Gesicht fühlen konnte. Und jeder Versuch, von ihnen abzulenken schlug fehl. Endres biss sich auf die Lippen. Es musste doch einen Ausweg geben? Sein Verstand arbeitete fieberhaft an einer Lösung. Vor seinem geistigen Auge sah er bereits, wie man ihn in Ketten legte und Valésia in Gewahrsam nahm. Er wehrte sich, mit allem was sein Verstand aufbringen konnte. Doch dieser Ritter ließ sich nicht so leicht mit Worten einlullen, wie Endres es erhofft hatte. Letzten Endes wurde jedes Wort, welches der paltorische Lügenbaron von sich gab, auf die goldene Waagschale gelegt. Endres erkannte, dass es keinen Ausweg gab. Er würde dem Kerl die teure, rote Decke über den Kopf werfen und ihn hinfort stoßen. Und dann Valésia schnappen und so schnell ihre Beine sie tragen konnten fliehen. Der zweite Ritter hielt sich in einem gebührlichen Abstand zu ihnen auf. Es war ein törichter Plan. Aber das Einzige, was Endres in diesem Moment einfallen wollte.
Doch bevor Endres diesen erbärmlichen Plan in die Tat umsetzen konnte, wandte sich der Ritter an die Komtess selbst. Er erkundigte sich nach ihrem Namen und vermutlich erhoffte er in der Art wie sie redete, herauszufinden, ob sie von Adel war. Zu Endres‘ Überraschung schlug sich Valésia erstaunlich gut. Doch die Lüge, welche sie dem Ritter auftischte, wollte diesen ebenso wenig beschwichtigen, wie Endres klägliche Versuche. »Nun, wenn das so ist, dann gehen wir zu eurem Vater. Er wird eure Geschichte bestimmt bestätigen, wenn sie stimmt.« Endres Herz hämmerte wie wild. Wenn sie diesen fetten Edran erreicht hatten, würde das ganze Kartenhaus in sich zusammenstürzen. Wieso auch sollte dieser Händler, den sie noch nie zuvor gesehen hatten, für sie einen Ritter des Herzogs anlügen? Nur weil sie vor Kurzem bei ihm etwas erstanden hatten? Endres schüttelte den Kopf. Und während sie sich Edran Silberhand und seinem Wagen näherten, keimte in Endres erneut der Plan mit der roten Decke und der kopflosen Flucht auf. Sobald der Ritter ihm auch nur einen Augenblick den Rücken zukehren würde. Dann würde Endres zuschlagen! Endres nickte, als ob er sich selbst Mut machen würde. Und sein entschlossener Blick heftete sich auf den Ritter, welcher neben ihnen herging. Doch, sehr zu Endres‘ Bedauern, wandte er ihnen nicht einmal den Rücken zu.
Endres stand die ganze Zeit über nur schweigend da. Er konnte selbst kaum glauben, was hier geschah. Dieser Edran log den Händlern so dreist ins Gesicht, dass man ihm sogar abkaufen würde, wenn er behauptet hätte, dass Valésia nicht seine Tochter, sondern seine Mutter gewesen wäre. Und insgeheim begann Endres diesen Mann ein wenig zu bewundern. Er glaubte ja von sich, ein begnadeter Lügner und Wortverdreher zu sein, doch dieser Edran schlug ihn in jeder Hinsicht. Als die Ritter sich schließlich zufriedengaben, wandte jener, welcher sie zu Edran geführt hatte, zunächst an Valésia. »Werte Dame. Ich bitte diese Unannehmlichkeit zu verzeihen.« Er verbeugte sich leicht und wandte sich dann an Endres, welchem er abermals einen kritischen und beinahe misstrauischen Blick zuwarf. »Wir haben unsere Befehle. Ich hoffe, ihr versteht?« Wieder wandte er sich an Valésia und schließlich auch an Edran. Beide winkten ab, als ob dieser Vorfall keiner weiteren Erklärung bedürfe und so wandte sich der Ritter schließlich zum Gehen. Doch auch in dem letzten Moment, ließ er es sich nicht nehmen, Endres erneut einen fragwürdigen und nachdenklichen Blick zuzuwerfen.
Als die Ritter endlich außer Hörweite waren, seufzte Edran schließlich. Natürlich wollte er nun genauere Einzelheiten wissen. Wer wollte nicht wissen, warum man für zwei völlig Fremde, welche man erst wenige Stunden zuvor kennengelernt hatte, zwei Ritter des Herzogs belogen hatte? Schließlich hatte er sich damit auch selbst in Schwierigkeiten gebracht, sollten Valésias und Endres‘ wahre Herkunft offenbart werden. Man würde an ihm ein Exempel statuieren. Und der Herzog von Ajaran war sicherlich nicht für seine Gnade und Nachsicht bekannt. Edran löcherte Valésia förmlich mit Fragen, doch auch hier bewies sie ein ungewöhnliches Geschick. Doch Edran blieb hartnäckig und schließlich offenbarte Valésia ihm einige Teile der ganzen Wahrheit und irgendwann erkannte auch Edran, das es besser war, wenn er nicht alles wusste. Er seufzte erneut und klopfte dann auf die kleine Anrichte, auf welcher er zuvor schon den Schnaps kredenzt hatte. Endres seufzte schwer. »Bitte, nicht schon wieder dieses Gesöff!«, maulte er, mehr zu sich selbst. Doch Endres hatte es dennoch gehört. Er steckte sich seine Daumen in den Gürtel und warf Endres einen Blick der Entrüstung, der Empörung und der schelmischen Rüge zu. »Gesöff?« hakte er nach als ob er nicht glauben konnte, was er da soeben gehört hatte. »Dieser edle Tropfen ist alles andere als ein schnödes Gesöff, mein lieber Sohn!« Edran lachte schallend und sein dicker Hals begann dabei zu beben, was Endres schließlich dazu brachte den Blick abzuwenden. »Nun, dann will ich euch noch einen Rat geben.« Während er sprach, angelte er diese Flasche aus seinem Wagen und stellte sie schließlich auf die Anrichte. Er teilte gut gemeinte, aber belehrende Ratschläge aus und Endres wurmte jedes seiner Worte mit steigender Ablehnung. Als ob er das nicht selber wüsste. Er konnte doch nichts dafür, dass sie von einem Schlamassel in den nächsten gerieten. Endres gab sich alle Mühe, dass sie unbehelligt blieben. Doch das verfluchte Schicksal trieb seine üblen Spiele mit ihm! Edran sah Endres nachdenklich an, während er sich einen kräftigen Schluck von dem edlen Schnaps einschenkte. »Nun schau nicht so grimmig, mein Freund.« Edran lachte und stürzte dann den Inhalt seines Bechers in einem Zug herunter. Endres fühlte schon das brennende Feuer im Hals nur vom Zusehen. Und noch weiter musste Endres ungläubig die Augen öffnen, als sich Edran einen weiteren Schluck in den Becher einschenkte. Edran ließ den Blick noch einen Moment zwischen ihnen wandern. Dann schob er die Hände in seinen Gürtel, als hätte er eine Entscheidung getroffen. Er stürzte auch den zweiten Becher hinunter, als würde er nur Wasser trinken und stieß sich dann von seinem Wagen ab, um einen Schritt auf die Beiden zuzugehen. »Nun. Jetzt interessiert mich nur noch Eines.« Seine Stimme wurde ernster und Endres schwanke bereits, dass ihm die Frage nicht gefallen würde.
Edran sah sich verstohlen um und lächelte dabei verschwörerisch. »Habt ihr schon einen Plan wie es weitergehen soll?« Seine Blicke suchten zunächst die Valésias, doch es schien, als ob er in ihrem unsicheren Blick erkannte, dass sie selbst keine Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte. Also wandte sich Edran daraufhin an Endres und warf ihm diese still, fragenden Blicke zu, als ob er nur mit diesen die Frage wiederholen könnte. »Wir reisen weiter…«, brummte Endres, den der Verlauf dieses Gespräches überhaupt nicht gefiel. Auch wenn sie diesem Mann sozusagen ihren Dank schuldeten, wollte Endres nicht alle seine Pläne mit ihm teilen. Immerhin war er noch immer ein völlig Fremder. Und auch wenn er ihnen gerade geholfen hatte. Das Blatt konnte sich jederzeit wenden. Gerade Menschen wie dieser Edran waren doch nichts weiter als Seelenverkäufer. Sie würden ihre eigene Mutter verkaufen, wenn sie sich dadurch einen Vorteil verschaffen konnten, oder zumindest etwas Silber verdienen. Und Endres spürte irgendwie, dass dieser Edran noch schlimmer war, als die Händler, die den Ruf der Seelenverkäufer einst geschaffen hatten. Edran schnaubte nur. »Ach, Das dachte ich mir schon, dass ihr hier keine Wurzeln schlagen wollt.« Dabei grinste er breit und Endres seufzte und rollte dabei mit den Augen. »Nun. Wir wollen unsere Pläne nicht an die allzu große Glocke hängen. Mit Verlaub, werter Herr Silberhand.« Edran zuckte mit den Schultern, während er bemüht war seine säuselnde, freundliche Stimme aufrecht zu erhalten. Doch wenn Endres die Silberstimme war, dann war Edran die ganze, verdammte Silberader. Er ließ sich von Endres‘ Stimme und Worten kein bisschen einlullen. »Es gibt doch ohnehin nur zwei Wege. In den Süden. Oder in den Osten.« Edran klopfte an die Wand seines Wagens. »Ich fahre morgen in den Süden. Zu den Zwillingen.« Er zwinkerte dabei, als ob er ein besonderes Geheimnis offenbart hatte. Doch in Wahrheit gab es für einen Händler wie Edran ohnehin nur zwei Richtungen. Der Norden, oder den Süden. Wenn er nach Norden reiste, dann um Handel zu treiben. Und wenn es ihn in den Süden zog, dann weil er den Handel bereits hinter sich gebracht hatte. Und ein Händler mit einem Wagen wie Edran ihn hatte, konnte nicht in den Osten zum Hafen fahren. Die Gebühren für eine Überfahrt wären horrend. Und es gab auch nicht viele Schiffe, die derart große Wagen überhaupt verluden. »Natürlich.«, murmelte Endres. »Und ich nehme an ihr wollt uns eine Mitfahrgelegenheit anbieten?«, erkundigte sich Endres mit einer freundlichen Stimme, in welcher ein hörbar misstrauischer Unterton mitschwang. Edran lächelte. »Mir kanns ja egal sein. Aber ein Wagen eines Händlers fällt weniger auf als zwei junge Leute, die zu Fuß unterwegs sind und sich bei jeder Wache erklären müssen.«
Valésia warf daraufhin einen beinahe hoffnungsvollen Blick zu Endres. Doch dieser wirkte von dem Vorschlag nicht sehr erbaut. »Was soll uns dieses Angebot denn kosten, werter Meister Silberhand?« Endres wusste, wann man die richtigen Fragen stellen musste. Und Edran musste schallend lachen. »Ha! Du bist doch nicht so einfältig wie ich dachte.« Da rümpfte Endres empört die Nase. »Ich muss doch sehr bitten.«, protestierte Endres ungehalten doch Edran überging Endres‘ Protest mit einem weiteren Lachen. »Nun. Natürlich biete ich meine Reise nicht umsonst an.« Er warf Valésia einen verschwörerischen Blick zu. »Ihr Beide seid sicher ein verdammt heißes Eisen. Ich könnte mich gehörig in die Nesseln setzen, wenn man euch bei mir finden und aufgreifen würde.« Endres spürte, dass Edran mehr dachte, als er aussprach. Und so verschränkte er schließlich die Arme und warf dem Mann einen herausfordernden Blick zu. »Euch geht es doch gar nicht darum. Sonst hättet ihr nicht, ohne mit der Wimper zu zucken, den Ritter des Herzogs belogen!« Edran lächelte erneut. »Erwischt.« Er grinste breit und klopfte sich dann auf den dicken Bauch. »Nun. Es ist so.« Edran zupfte sich an seinem Backenbart, während er Endres und Valésia diebische Blicke zuwarf. »Die Überfahrt über die Furt der Zwillinge kostet ein Vermögen.« Endres seufzte. Letzten Endes lief es doch immer nur auf Geld hinaus. »Ihr wollt, dass wir die Zollgebühr für euren Wagen entrichten?« Endres lächelte ohne Endres‘ Frage zu beantworten. »Eine Hand wäscht die andere, so sagt man?« Er rieb sich dabei die Hände, als ob er das Geschäft, welches sich zwischen den Dreien anbahnte, schon wittern würde. »Ich habe euch aus der Patsche geholfen, und das wäre doch das Mindeste, oder?« Außerdem würde er die Beiden vermutlich gnadenlos an die Ritter des Herzogs verraten und verkaufen, wenn sie sein Angebot ausschlagen würden, dachte sich Endres. Und dieser Gedanke lag der Wahrheit eigentlich gar nicht so fern.
Endres nahm Valésia bei der Hand und zog sie etwas zu sich. »Guter Mann. Euer Angebot ist wirklich sehr verlockend. Und es, wie es das Schicksal so will, auch der Weg, den wir zu Gehen gedachten.« Da lächelte Edran zufrieden. »Also seid ihr einverstanden?« Endres warf einen Blick zu Valésia. Vielleicht suchte er so etwas wie Zustimmung in ihren Blicken. »Wir werden das besprechen.« Edran seufzte. »Gewiss. Doch lasst euch nicht zu viel Zeit damit. Ich werde bei Sonnenaufgang aufbrechen. Und ich werde nicht auf euch warten.« Da nickte Endres und schob Valésia noch ein Stück beiseite. »Sollen wir ihm vertrauen?«, zischte Endres so leise wie er konnte. »Ich kenne diesen Mann nicht, aber dieses Gespräch hat mir gezeigt, dass dieser Mann nichts anderes ist als ein Opportunist. Wenn sich die Gelegenheit bieten wird uns zu verraten, wird er nicht mit der Wimper zucken. Dessen bin ich mir gewiss.« Endres seufzte und warf einen nachdenklichen Blick zu Edran, welcher ihnen inzwischen den Rücken zugewandt hatte, um sich an seinem Wagen zu Schaffen zu machen. »Aber, ich gestehe, dass dieser Wagen unsere Reise ungemein erleichtern würde. Auch wenn es deutlich langsamer voran gehen würde, als zu Pferde.« Endres zupfte sich am Kragen.
Nach einiger Zeit brach die Dämmerung an. Die Ahle kehrte zur Ruhe. Die Händler schlossen ihre Wagen. Verzurrten die Planen und löschten ihre Laternen. Es wurde merklich ruhiger. Endres und Valésia zog es zu ihrer Unterkunft. Und da sie schon vor Sonnenaufgang wieder auf der Straße sein mussten, sollten sie mit Edran weiterreisen wollen, galt es noch einige Vorbereitungen zu erledigen. »Wir sollten dem Stallburschen Bescheid geben, dass unsere Pferde morgen früh aufbruchbereit sein sollten.«, gab Endres zu Bedenken. Er legte seine Hand auf Valésias, welche sich an seinem Ellenbogen eingehakt hatte. »Außerdem sollten wir nochmals, irgendwie beiläufig, erwähnen, dass wir morgen nach Liranda aufbrechen wollen. Nur für den Fall, dass diese Reiter des Herzogs weitere Fragen stellen.« Valésia nickte und schmiegte sich an Endres an, während sie sich den Stallungen näherten. »Wie du meinst, mein Liebster.« flötete sie und Endres lächelte während ihm dabei angenehm warm ums Herz wurde.
Doch das Schicksal spielte manchmal seltsame Spiele. Auf dem Weg zu den Stallungen, erkannten Endres und Valésia eine Gestalt, welche ihnen unglaublich bekannt vorkam. »Der Lautenspieler!«, zischte Endres und deutete in eben jene Richtung, in welcher er diesen Mann ausgemacht hatte. »Der, der mich um fünf Silbermünzen betrogen hat!« Nun erkannte Valésia ihn auch und Endres Schritte wurden energischer. »Er ist ganz allein. Ich sehe weit und breit keine seiner Lakaien oder Kumpanen.« Noch ehe Endres darüber nachgedacht hatte, eilte er auch schon auf den Mann hinzu. »Guter Mann!« rief er, um sich die Aufmerksamkeit des Mannes gewiss zu werden. Doch als er sich dem Lautenspieler schließlich genähert hatte, wandelte er seine freundliche Minne. »Gemeiner, elendiger Lump! Ich will mein Silber wieder zurück, welches ihr bei eurem betrügerischen Hütchenspiel ergaunert habt!« Der Lautenspieler, welcher zunächst mürrisch dreingeschaut hatte, verzog nun seinen Mundwinkel zu einer spöttischen Grimasse. »Na, mal halblang. Wir haben nicht betrogen. Alles ehrlich gelaufen! Du hattest einfach nur Pech gehabt.« Endres schüttelte energisch den Kopf. »Oh Nein, elendiger Wurm. Ich will das Silber wieder, vorher werde ich euch nicht gehen lassen.« Der Lautenspieler verschränkte die Arme vor der Brust und sah Endres herausfordernd an. »Ich habe es nicht bei mir.« Mit diesen Worten wandte er Endres den Rücken zu, um einfach weiter zu gehen. Doch da hatte er die Rechnung ohne Endres gemacht. Wie er es angedroht hatte, wollte er diesen Mann nicht ziehen lassen. Und so hielt er ihn am Arm fest. Der Lautenspieler handelte instinktiv. Er schnellte herum und seine Faust fuhr Endres mitten ins Gesicht. »Fass mich noch einmal an, und ich werde dir die Scheiße aus dem Leib prügeln!«, zischte der Kerl und zog sich die Laute vom Rücken. Demonstrativ stellte er die Laute an die nahe Häuserwand und warf Valésia dann ein wissendes Lächeln zu. »Werte Dame. Ihr solltet besser gehen.« Endres hielt sich die schmerzende Nase und besah kurz darauf seine Finger, in der Erwartung dort Blut zu sehen. Doch außer einem beißenden Schmerz war nichts geschehen. »Ihr habt mir ins Gesicht geschlagen!?«, stellte Endres entrüstet fest, woraufhin der Lautenspieler breit zu grinsen begann. »Du hast angefangen.« »Angefangen?« Der Mann lächelte provokant. Valésia legte Endres die Hand auf den Arm und zog Endres sachte zu sich. »Lass uns gehen, mein Liebster. Es sind doch nur fünf Silberstücke.« Da lachte der Lautenspieler. »Ja, Hör auf dein Weib. Zieh von Dannen, mit roten Wangen.« Er flötete dabei und schnalzte mit der Zunge, als würde er aus dem Stehgreif ein Lied komponieren. »Mit eingezogenem Schwanze, marschiere er wie die Ganse. Hinfort hinfort, nur fort von diesem Ort.« Er lachte, während er sich nach seiner Laute beugte, um diese wieder aufzuheben.
In diesem Moment sprang Endres dem Mann in den Rücken und stieß ihn so zu Boden. »Wie könnt ihr es wagen, so mit mir zu sprechen?« rief Endres erbost und schlug dem Mann mit der Faust auf den Kopf. Doch der Lautenspieler ließ sich nicht so leicht überrumpeln, wie Endres es gedacht hatte. Er drückte Endres seine Hand an den Hals und hielt ihn auf Abstand. »Verdammt, das wirst du büßen!«, zischte er und seine zweite Hand griff Endres in die langen, offenen Haare. Er riss daran und zwang Endres so von ihm abzulassen. Endres kämpfte gegen den Schmerz an, während er verzweifelt versuchte sich aus dem Griff des Lautenspielers zu befreien. Inzwischen hatte er sich genug Luft verschafft, so dass er Endres von sich stieß. Endres fiel rücklings von dem Mann zurück und seine Blicke hafteten sich auf das Ding, welches dieser in der Hand hielt. Es war keine Laute, sondern eine scharfe, polierte Klinge, die er in der Hand hielt. Der Lautenspieler hieb nach Endres und dieser sprang zurück, während er versuchte sein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Doch der Lautenspieler ließ Endres dazu gar keine Gelegenheit und setzte ihm sogleich nach. Die Klinge kam Endres bedrohlich nahe und er hatte sichtliche Mühe den Hieben und Stichen zu entgehen.
Der Kampf endete, noch bevor er richtig begonnen hatte. Ein Schnitt ging durch Stoff und Haut. Ein kurzes Japsen nach Luft ertönte. Gefolgt von einem dumpfen Schlag, als ob etwas Schweres auf den Boden gefallen wäre. Und als der Mond aus der Wolkendecke brach, stand dort Endres. In seiner Hand das Schwert, welches im Mondlicht rötlich schimmerte. Und ein ungläubiger Blick auf seine ebenso blutverschmierten Hände. Ein Blick, voller Erstaunen, Entsetzen und aufkeimender Furcht. »Was hast du getan?«, hauchte Valésia entsetzt und Endres warf ihr einen reuigen Blick zu. Sein Blick war leer und ausdruckslos. Immer wieder starrte er auf den leblosen Mann, der vor ihm am Boden lag. Die Gedanken, die durch seinen Kopf rasten waren unzählig. Flucht. Scham. Groll. Rechtfertigung! Ja, dieser Mann hatte ihn zuerst angegriffen. Er hatte ihn geschlagen. Er hatte einen Dolch gezogen. Endres hatte sich doch nur zur Wehr gesetzt. Und mit mehr Glück als Verstand obsiegt. Was hatte er getan? Er hatte seine verdammte Haut gerettet! Doch die Worte blieben unausgesprochen. Endres starrte nur auf den Mann, dessen Brust sich nicht bewegte. Doch das rote Blut auf dem Boden bewegte sich. Es wuchs und schwoll an. Tod…Das Schicksal hatte sein Spiel gespielt und Endres war nur die Schachfigur gewesen.
Die herrenlose Laute ❖
14.03.2026 '18:30 [2.222 Wörter]
 ie Situation begann rasch zu eskalieren. Aus Worten wurden Beleidigungen und die Beleidigungen wurden zu Handgreiflichkeiten. Valésia hatte sich den gut gemeinten Ratschlag des Lautenspielers zuerst zu Herzen genommen und war einige Schritte zurückgegangen, als Endres einen Faustschlag mitten ins Gesicht kassierte. Doch als sich abzeichnete, dass dies noch nicht das Ende der Geschichte war, trat Valésia zu Endres, nahm seinen Arm und zog ihn zu sich. „Lass uns gehen, mein Liebster. Es sind doch nur fünf Silberstücke.“ Der Lautenspieler nahm ihre Worte zum Anlass, Endres weiter zu provozieren, das war mehr als offensichtlich, und Valésia ihrerseits versuchte, Endres aus diesem Geschehen zu bringen, da das Ganze ohnehin keinen wirklichen Sinn hatte. So sehr Endres sich auch sein Silber zurückwünschte, so sehr ihn der Betrug auch wurmte, er würde es nicht mehr, und vor allem nicht auf redlichem Wege zurückbekommen. Der Lautenspieler ersann einen Spottreim und lachte, während er sich seiner Laute die er zuvor an eine Hauswand gelehnt hatte zuwandte und sich danach bückte. Endres‘ Hand lag noch in ihrer, doch im nächsten Augenblick riss er sich aus ihrem Griff los. So abrupt, dass Valésia davon regelrecht überrumpelt war. Mit zwei schnellen Schritten war er bei dem Mann, sprang ihm in den Rücken dann sprangen sie aufeinander wie zwei Hunde, die einander zu lange umkreist hatten. Der Lautenspieler ließ sich nicht im Geringsten einschüchtern. Er ging sofort auf Endres los. Valésia sah nur das Aufblitzen von Armen, die ineinander griffen, stießen, rissen. Der Kampf war kein ritterlicher Schlagabtausch, sondern ein wilder, enger Ringkampf im Halbdunkel der Gasse. Stiefel scharrten über das Pflaster, jemand keuchte scharf. Dann sah sie die Bewegungen. Der Lautenspieler ließ seine Arme in kurzen, harten Hieben auf Endres niederfahren, immer wieder, schnell, zielend. Kein Raufen mehr, sondern etwas anderes. Etwas Gefährlicheres. Valésia verstand nicht sofort, was sie sah. Nur dass Endres plötzlich zurückwich, den Körper seitlich drehte, als wolle er etwas vermeiden, das immer wieder nach ihm griff. Er hat ein Messer, dachte sie plötzlich, ohne es jedoch wirklich zu wissen. Es war lediglich eine leise Ahnung. Sie konnte die Klinge nicht sehen. Das Licht reichte nicht aus. Aber die Bewegungen waren eindeutig Kurze Stöße, schnelle Hiebe, die nach Bauch und Brust zielten. Der Lautenspieler kämpfte nicht mehr um Geld. Es ging längst nicht mehr um das dämliche Silber. Er kämpfte darum, jemanden aufzuschlitzen. Und dieser jemand war nicht irgendjemand sondern ihr Endres. Die Angst schnürte ihr regelrecht die Kehle zu, doch sie wusste, dass sie nichts tun konnte. Zwischen diese beiden kämpfenden Männer zu gehen wäre dasselbe, wie wenn man versuchte, zwei raufende Hunde mit den bloßen Händen zu trennen. Im schlimmsten Fall zerfetzten sie einem die einschreitende Hand. Alles geschah so schnell, dass Valésia kaum Atem holen konnte. Die beiden Männer stolperten gegeneinander, rissen sich los, griffen wieder zu. Ein dumpfer Schlag, als jemand gegen die Wand der Gasse prallte. „Endres!“ Der Name entglitt ihr, aber keiner hörte ihn. Der Lautenspieler setzte erneut zu diesen stechenden Bewegungen an, rücksichtslos, hastig, als wüsste er selbst, dass er nur Sekunden hatte. Aber dann, plötzlich änderte sich etwas. Endres wich nicht mehr zurück. Seine Hand ging an die Seite. Ein metallisches Aufblitzen durchzuckte die Dunkelheit. Dann erstarrte der Hütchenspieler. Für einen Herzschlag lang standen sie beide still. Dann sackte der Mann langsam zusammen, als hätte jemand die Kraft aus seinem Körper gezogen. Wolkenfetzen zogen vom Mond und die Dunkelheit wurde erhellt. Für einen Moment blieb Endres noch stehen, das Schwert halb erhoben, als könne er selbst kaum glauben, was eben geschehen war. Dann wurde alles still. Keine Schreie. Kein Aufruhr. Nur ferner Schenkenlärm, irgendwo am Ende der Gasse, und irgendwo das Knarren eines Holzschildes im lauen Abendwind. Die Nacht lag schon über der Ahle, und in dieser Gasse war es dunkler als auf dem offenen Platz. Die Laternen warfen nur matten Schein auf den festgetretenen Boden. Valésia starrte auf den Mann am Boden. Ihr Verstand brauchte einen Moment, um zu begreifen, was gerade geschehen war. „Was hast du getan…?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Der Lautenspieler bewegte sich nicht. Ein dunkler Fleck breitete sich langsam unter ihm aus und verschwand zwischen den Steinen.
Endres sah sich um. Links die Gasse. Rechts der Schatten eines Hauseingangs. Kein Schritt. Keine Stimme. Niemand. Es schien niemand da zu sein und niemand schien es gesehen oder gehört zu haben, was in dieser Gasse eben geschehen war. Er steckte das Schwert langsam zurück. „Er hat zuerst ein Messer gezogen“, sagte er schließlich leise. Valésia nickte, aber ihre Augen blieben auf dem Körper, unter dem sich eine große dunkle Pfütze ausbreitete, die sich immer weiter auseinander dehnte. Sie hatte es also doch gesehen. Es war keine Einbildung gewesen. Den blitzenden Stahl in der Hand des Lautenspielers. Die kurzen, wilden Bewegungen. Und dann Endres’ Antwort. Sie zwang sich schließlich, den Blick abzuwenden. „Wir können hier nicht bleiben.“ Endres folgte ihrem Blick noch einmal zu der dunklen Gestalt am Boden und nickte schließlich. Valésia trat einen Schritt näher zu ihm. „Hat es jemand gehört, oder gesehen…?“ Sie blickte sich ängstlich um. Endres schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich es gehört hätte.“ Für einen Moment lauschten beide. Nichts. Nur die gedämpften Geräusche der Stadt, die ihr eigenes Leben führte, ohne zu wissen, dass in einer Seitenstraße gerade ein Mann gestorben war. Valésia atmete langsam und lautlos aus. „Bei den Dreien, Liebster, wir müssen hier weg. Weg von diesem Ort. Wenn ihn jemand findet, und wenn rauskommt, dass er uns die fünf Silbermark abgeluchst hat, werden sie eins und eins zusammenzählen. Sie werden uns nicht glauben, wir sind fremd hier. Sie werden uns gefangen nehmen und sie werden uns…“ Valésia sprach nicht weiter, sondern legte sich eine Hand auf den Mund. Nur die Erwägung der Vorstellung, dass sie des nachts aus ihrem Bett gezerrt würden, weil irgendjemand vielleicht doch etwas gesehen hatte, oder sich daran erinnerte, dass diese beiden Menschen fünf Silbermark beim Glücksspiel verloren hatten. Fünf Silbermark waren eine Summe, für die einige Menschen wohl morden würden, da gab es nichts daran zu rütteln. Endres nickte. Sie gingen nicht hastig los, sondern ruhig, Schritt für Schritt aus der Gasse hinaus. Erst als sie wieder das schwache Licht der Straße erreichten, wagte Valésia einen kurzen Blick zurück. Der Körper war schon fast im Schatten verschwunden. Sie wandte sich wieder nach vorn. „Endres“, sagte sie leise und blieb stehen. Er blieb ebenfalls stehen und sah sie an. Valésia nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und zog ihn zu sich heran. Sie schloss für einen Moment die Augen, während sie Stirn an Stirn aneinandergepresst in der dunklen Gasse standen. „Das war nicht deine Schuld. Ich weiß es, es war nicht deine Schuld“ hauchte sie. Dann zog sie ihn in ihre Umarmung und hielt ihn fest. So blieben sie einen Moment stehen. Dann verließen sie die Gasse, Ruhig, fast vorsichtig, als hätten sie Angst, ein zu hastiger Schritt könne die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfes auf sie ziehen. Als sie wieder eine breitere Straße erreichten, war das Leben der Ahle noch in vollem Gang. Aus einer Schenke drang Gelächter. Ein Mann zog einen Handkarren über die Straßen. Zwei Männer standen vor einem Wirtshaus und stritten. Niemand sah sie beide an. Niemand wusste, dass wenige Schritte entfernt ein Mann im Dunkeln in seinem Blut lag. Valésia spürte trotzdem, wie sich ein kaltes Gefühl über ihren ganzen Rücken ausbreitete und verweilte. Die Welt ging trotzdem einfach weiter. Obwohl wenige Gassen weiter ein Mann gewaltsam aus dem Leben gerissen worden war. Endres führte sie ohne Worte zum Gasthaus zurück.
Als sie die Türe öffneten und sie den Schankraum betraten, drang der längst vertraut gewordene Geruch von Bier, Pfeifenrauch, Talglichtern und warmem Essen an ihre Nase. Stimmengemurmel und Gelächter, das klirrende Geräusch von irdenen Krügen, die gegeneinander stießen. Sie gingen durch den Schankraum hindurch, auf den Wirt zu. Der Wirt stand hinter dem Tresen und wischte gerade einen Becher aus. „Ah“, brummte er, als er sie sah. „Schon zurück?“ Endres nickte knapp. „Wir brechen noch heute auf.“ Der Mann sah kurz zur Tür hinaus, als wolle er prüfen, ob es noch nicht bereits völlig dunkel war. „Jetzt noch?“ Endres legte ein paar Münzen auf den Tisch um die Zeche zu bezahlen. Der Wirt nahm das Geld, wog es kurz in der Hand und zuckte schließlich mit den Schultern, ohne Fragen zu stellen. „Wie ihr meint.“ Valésia spürte die Wärme des Raumes, hörte das Stimmengewirr, und für einen Augenblick erschien ihr alles beinahe unwirklich. Noch vor wenigen Minuten hatte sie geglaubt, der Abend sei nur eine weitere Station ihrer Flucht. Der Flucht vor dem Herzog von Ajaran. Jetzt lag irgendwo im Dunkeln ein toter Mann, und es schien ihr als wären sie nun auf der Flucht um ihrem Schicksal als Mörder zu entgehen. Sie gingen die schmale Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Die Stufen knarrten unter ihren Schritten. Oben brannte nur ein einzelnes kleines Talglicht im Flur. Endres öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Der Raum sah genauso aus wie zuvor. Die Taschen auf dem Tisch. Die feinen Kleider von Valésia die sie gegen die bürgerlichen getauscht hatte, die immer noch fein säuberlich über einer Stuhllehne hingen. Die Komtess trat hinein und begann, ihre wenigen Sachen zusammenzulegen. Das Rascheln von Stoff war das einzige Geräusch im Zimmer. Endres packte schneller. Er arbeitete konzentriert, fast hastig, doch ohne Hektik. Man sah ihm an, dass er schon häufig gepackt hatte, Valésia bemerkte, dass seine Hände leicht zitterten. Sie sagte nichts. Als alles verstaut war, löschten sie das Licht, und sie gingen wieder hinunter. Der Schankraum war inzwischen lauter geworden. Musikanten stimmten ein Lied an, jemand klopfte im Takt auf den Tisch. Valésia erschien es, als würden die Musikanten sie anklagend anblicken, weil ein Lautenspieler in ihrer Gesellschaft fehlte, doch das war natürlich Unsinn. Niemand beachtete sie, als sie das Gasthaus verließen.
Der Stall lag nur wenige Schritte weiter. Der Stallbursche saß auf einem Hocker vor der Tür und stocherte mit einem Stock im Staub, gähnte herzhaft. Dann sah er auf. „Wollt ihr eure Pferde?“ erriet er den Grund ihres plötzlichen Erscheinens. Endres nickte. „Wir reiten noch ein Stück. Der Weg nach Lirianda ist weit und wir wollen keine Zeit verlieren.“ Der Junge verzog das Gesicht. „Jetzt noch?“ „Wer weiß, wie das Wetter morgen wird“, antwortete Endres. Der Stallbursche schien darüber nachzudenken, zuckte dann aber mit den Schultern und verschwand im Stall. Kurz darauf führte er die beiden Pferde heraus. Die Tiere schnaubten leise und stampften ungeduldig mit den Hufen. Valésia strich ihrer Stute über den Hals, während Endres den Sattel überprüfte. Dann saßen sie auf. Sie ritten im gemächlichen Schritt durch die Straßen der Ahle, langsam, ohne Eile. Einige Fenster waren bereits dunkel, andere noch erleuchtet. Stimmen drangen hinter geschlossenen Türen hervor, und irgendwo bellte ein Hund. Niemand hielt sie auf. Als die letzten Häuser hinter ihnen zurückblieben und der Weg sich zwischen Feldern verlor, atmete Valésia tief die kalte Nachtluft ein. Die Ahle lag nun hinter ihnen, nur noch als ein dunkler Umriss gegen den Himmel. Sie dachte an die Gasse. An das kurze Aufblitzen des Stahls. An den Moment, in dem der Mann zusammengesackt war. Ein Teil von ihr wollte den Gedanken einfach nur vergessen und in die hinterste Ecke ihres Kopfes verdrängen, wo er in Vergessenheit geraten würde. Ein anderer Teil von ihr hielt ihn fest, als müsse sie verarbeiten, was geschehen war. Endres ritt neben ihr, schweigend. Sie wusste, dass er es getan hatte, weil er musste. Sie hatte das Messer gesehen. Oder zumindest die Bewegungen, die nur ein Messer hervorrufen konnte. Er hatte sich schließlich nur verteidigt, was hätte er denn sonst tun sollen? Er hatte keine andere Wahl gehabt. Das hatte man davon, wenn man in einem Kampf Mann gegen Mann heimtückisch eine Waffe zückte. Und doch war es etwas anderes, einen Mann sterben zu sehen, als Geschichten darüber zu hören. Der Weg und das Land lagen still vor ihnen. Valésia ließ den Blick über die dunklen Felder und die Baumwipfel gleiten und dachte daran, wie viel sich in so kurzer Zeit verändert hatte. Noch vor wenigen Monden war ihr Leben aus sicheren Mauern, vertrauten Stimmen und festen Zeiten und Ritualen bestimmt gewesen. Jetzt ritt sie in der Nacht davon, mit dem Mann den sie liebte, der vor wenigen Minuten jemanden getötet hatte weil er musste, und sie wusste nicht, was in den nächsten Momenten oder Tagen geschehen würde. Seltsamerweise fühlte sich der Gedanke nicht alleine bedrohlich an. Er fühlte sich auch frei an. Sie war frei. Sie wandte ihren Kopf kurz zu Endres hinüber. Er wirkte angespannt, wachsam, als lausche er auf jedes Geräusch der Nacht. Sein Gesicht im Mondlicht wirkte bleich. Doch sie konnte nicht sagen, ob es am Mondlicht lag oder nicht. Valésia lenkte ihr Pferd ein wenig näher zu seinem. „Endres, Liebster…“, sagte sie leise. Der Klang seines Namens hing einen Moment in der kühlen Luft. Er wandte den Kopf und dann sagte sie „Es wird alles gut werden…“ Sie wusste nicht, ob sie diese Worte sagte, weil sie davon überzeugt war, oder ob sie sich damit überzeugen und beruhigen wollte. Dann gab Endres seinem Pferd einen leichten Tritt in die Seite mit seiner Ferse und das Pferd beschleunigte seine Schritte. Valésia tat es ihm gleich und die Stute schloss auf. Sie ritten weiter in die Dunkelheit hinaus, während die Lichter der Ahle hinter ihnen langsam verschwanden, aber das Licht des Mondes ihnen den Weg erhellte.
Himmel, Arsch und Zwirn! ❖
18.03.2026 '23:25 [2.202 Wörter]
 ür gewöhnlich konnte Endres von sich behaupten, mit allen Wassern gewaschen zu sein. Doch der Tod war kein Begleiter, dessen Gesellschaft er gewohnt war. Auch wenn dieser Halunke es wohl verdient hatte, dass man ihm eine Lehre erteilte, so hatte Endres seinen Tod gewiss nicht zum Ziel gehabt. Er hatte einfach nur das ergaunerte Silber zurückhaben wollen. Warum hatte dieser hinterlistige Spielmann auch ein Messer ziehen müssen? Hatte er nicht gesehen, dass Endres ebenfalls bewaffnet gewesen war? Endres Gedanken kreisten um all die Möglichkeiten und unüberlegten Entscheidungen, welche ihn an genau diesen Punkt geführt hatten. Er stand, mit dem Schwert in der Hand, in einer dunklen Gasse, bei abendlichem Mondschein. Vor ihm lag ein toter Mann in seinem eigenen Blut. Und dem Lügenbaron stand der Schock sichtlich ins Gesicht geschrieben. Wenn es darum ging Menschen das Blaue vom Himmel herunter zu lügen, darin war Endres ein Meister seines Faches. Sein alter Freund Valerion, hatte Endres zuweilen sogar Honigstimme genannt, da er selbst in ausweglosen Situationen immer die rechten, schmeichelnden Worte gefunden hatte. Doch nun stand Endres wie verdattert da und starrte abwechselnd auf den Toten, sein Schwert und seine Hände. Valésia, welche sich ihm inzwischen wieder genähert hatte, nahm er gar nicht so richtig wahr. »Wir müssen fliehen.«, hauchte die, vermutlich ebenso geschockte Komtess. Endres nickte geistesabwesend. »Ja, meine Liebste.« Doch er setzte sich nicht umgehend in Bewegung. »Er hat die Waffe gezogen!«, flüsterte Endres und bemerkte, wie seine Hände zitterten. »Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ich…« Er schüttelte nur den Kopf. Das war kein Mord. »Das war kein Mord.« Immer wieder spulte Endres diese Worte stumm im Geiste und mit bebenden Lippen ab. Das ariadische Recht würde Endres vermutlich sogar Recht zusprechen. Wenn die Umstände besser wären. Wenn er ein unbescholtener, ariadischer Bürger wäre. Wenn er nicht auf der Flucht wäre, mit einer Frau von hoher Geburt. Wenn er kein Paltore wäre. Doch so? Endres schüttelte erneut den Kopf. »Ja, wir müssen fliehen.« Er nickte entschlossen und wischte sein Schwert an dem Gewand des Toten ab, um es daraufhin in seine Schwertscheide zurück zu stecken. Valésia ergriff Endres‘ Hand um ihn von dem Toten fort zu ziehen. Doch Endres bewegte sich nicht. »Ob er gelogen hat?«, murmelte Endres und Valésia hielt inne. Sie sah ihn fragend an. »Was meinst du?« hakte sie nach und Endres deutete auf den Spielmann. »Er hat behauptet, er hat das Silber nicht bei sich. Ob er gelogen hat?« Valésia wusste nicht, was sie daraufhin entgegnen sollte und zuckte, kaum merkbar, mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, mein Liebster. Doch wir müssen fort!«, drängte sie den Paltoren, welcher noch nicht ganz die Bedeutung dieser Tat begriffen hatte.
Es war der erste Mann, dessen Leben er beendet hatte. Diese Erfahrung war für viele Menschen oft ein prägendes und einschneidendes Erlebnis. Und Endres machte hierbei keine Ausnahme. Nicht jeder konnte einfach einen Mann zur Strecke bringen und danach einfach zur Tagesordnung übergehen. Auch Endres blieb nicht davor gefeit. Daher ging er vor dem Mann in die Hocke, anstatt mit Valésia zu fliehen. »Ich muss es wissen.«, entgegnete Endres entscheidend und begann die Taschen des Mannes zu durchsuchen. Valésia, welche sich dabei vermutlich noch unwohler fühlte, als schon allein bei dem Anblick des Toten, bedeckte ihren Mund mit ihren zierlichen Fingern. Im Grunde genommen war das, was Endres soeben tat, nichts anderes als Leichenfledderei. Und dies war in Ariad ebenso ein Verbrechen, wie das Niederstrecken mit dem Schwert. Doch in diesem Augenblick dachte Endres gar nicht daran. Endres tastete den Mann hastig ab, doch zu seiner Enttäuschung fand er nicht eine einzige Münze. »Dieser Mistkerl.«, fluchte Endres und zog letzten Endes energisch an dem Riemen, welcher die Tasche des Mannes an seinen Körper band. Als er endlich die Tasche von dem Mann gelöst hatte, hängte er sich diese über die Schulter, ohne auch nur einen Blick hinein zu werfen, und ließ sich endlich von Valésia vom Ort des Geschehens fortführen.
Es hatte nicht lange gedauert, und da saßen die beiden auch schon auf ihren Pferden und ritten in die schwarze, mondbeschienene Nacht. Endres hing seinen Gedanken nach und ließ das Pferd von alleine den Weg beschreiten. Er hielt die Zügel locker und seine Gedanken ungebunden. Valésia brachte ihr Pferd näher an Endres‘ heran und legte ihm die Hand auf den Arm. »Endres, Liebster…« Ihre Worte waren sanft und es schwang ein besorgter Ton in ihnen mit. Doch sie beendete ihren Satz nicht. Endres hob den Kopf und sah ihr in die Augen, während er sich zu einem müden Lächeln zwang. Das Mondlicht schien auf Valésias Haupt und in der alles umgebenden Dunkelheit, wirkte sie so wie eine Puppe aus Porzellan und Seide. Endres lächelte erneut und schlug langsam die Augen nieder. »Es ist alles in Ordnung, meine Liebste.«, hauchte Endres und legte, wie zum Bekräftigen seiner Worte, die Hand auf die ihre. »Es wird alles gut. Es wird alles gut.« So wirklich konnte man nicht sagen, ob Endres versuchte Valésia oder sich selbst zu beruhigen. Doch der restliche Ritt ging eher schweigend vonstatten.
Die Nacht näherte sich allmählich der letzten Stunde. Die Mitternacht stand kurz bevor, als sich dicke, schwarze Wolken vor den Mond schoben und so das spärliche Licht, welches dieser spendete, mehr und mehr verschluckten. Es war eine jener Nächte, in welcher nur einer der beiden Monde am Himmel zu sehen war und so konnten weder Endres noch Valésia schon bald kaum mehr die eigene Hand vor Augen erkennen. »Wir sollten eine Rast einlegen. Bei dieser Dunkelheit ist es nicht ratsam weiter zu reiten.«, murmelte Endres. Doch sein eigener Vorschlag stieß, selbst bei ihm, nicht auf besonderes Wohlwollen. Jede Rast bedeutete auch weitere Gefahren. Die Reiter des Herzogs, Wölfe, Räuber oder andere Dinge, konnten sie stets überraschen. Doch weiterhin durch die finstere, schwarze Nacht zu reiten, barg ebenso Gefahren. Sie könnten vom Weg abkommen und die Pferde in eine Senke, oder noch schlimmer in einen Abgrund führen. Wenn die Pferde auch nur ein Bein verstauchten, würden sie, für den Rest der Reise, nicht mehr zu gebrauchen sein. Und dies wäre dann ein verhängnisvolles Problem. Und so zügelte Endres schließlich sein Pferd und brachte es so zum Stillstand. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten und trat an Valésias Pferd heran. »Warte einen Moment.«, gebot er ihr, als sie sich ebenso anschickte aus dem Sattel zu steigen. Er begann in den Satteltaschen zu kramen, was sich aufgrund des spärlichen Lichtes als äußerst schwierig herausstellte. Doch schließlich hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. »Wir könnten diese Laterne anzünden.«, schlug Endres vor und hielt sie Valésia so nah entgegen, dass sie sie sehen konnte. »Dann können wir den Weg fortsetzen, wenn auch in gemäßigter Geschwindigkeit.« Valésia nickte zögerlich, beinahe zurückhaltend und Endres erwiderte dies sogleich.
Und so stellte Endres die Laterne auf dem Boden ab und begann mit den kläglichen Versuchen diese entzünden zu wollen. Während Endres den Feuerstein immer wieder gegen das Schlageisen hieb, um mit den Funken den ölgetränkten Docht zu entzünden, zogen die schwarzen Wolken immer dichter zusammen. Das spärliche Licht wurde inzwischen gänzlich verschluckt, so dass nur noch die hellen, kurzen Funken des Feuerscheins etwas Licht spendeten. Es war beinahe gespenstisch. Für den Bruchteil eines Wimpernschlages wurde Endres‘ Antlitz vom spärlichen Schein der Funken erhellt. Doch noch ehe man sich seiner Person gewahr werden konnte, waren die Funken auch schon wieder verglüht und Endres wieder mit der Nacht verschmolzen. Der achte Schlag brachte schließlich den Erfolg. Der dumpfe Schlag des Feuersteins auf das Eisen brachte einige Funken zutage, und der Docht der Laterne begann zu glimmen. Endres lächelte zufrieden, nur um wenige Augenblicke später erneut vom Schicksal eingeholt zu werden.
Ein ohrenbetäubender Knall ließ Endres aufschrecken. Ein gewaltiger, gleißender Blitz fuhr aus den schwarzen Wolken in einen entfernten Baum. Der Blitz erhellte die Nacht beinahe zum Tage. Als der Blitz schließlich in den Baum eingeschlagen hatte, verschwand er wieder und nur einige Funken und die Schemen seiner verzweigten Pfade, waren noch zu sehen. Sie hatten sich in die Netzhaut der Beiden förmlich eingebrannt und sie konnten den Blitz noch sehen, als er längst vergangen war. Der Donner hatte Endres so überrascht, dass ihm dabei die Laterne aus der Hand gefallen war. Das Feuer war wieder erloschen und sie standen wieder in völliger Dunkelheit. »So ein Mist!« rief Endres und stampfte auf den Boden.
Ein zweiter Donner brachte die Luft zum Beben und ein weiterer Blitz erhellte die Nacht zum Tag. Und noch ehe der Blitz erloschen war, rissen die Wolken über ihnen auf. Dicke, schwere Regentropfen stürzten auf die Erde hernieder und binnen weniger Augenblicke waren Endres und Valésia völlig vom Regen vereinnahmt. »Bei allen Göttern!«, rief Endres und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Das darf doch nicht wahr sein!« Valésia rutschte vom Sattel herunter und suchte Schutz vor den Fluten des Himmels. Wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, hätten sie vermutlich genauso wenig gesehen, wie in dieser absoluten Finsternis, denn die Wassermassen waren so gewaltig, dass sie wie ein Vorhang aus Regentropfen wirkten. Endres zerrte die rote Decke aus den Taschen und spannte diese über sich, um ein notdürftiges Dach zu spannen und Valésia trat an ihn heran und schlug ihre Arme um seinen Körper um ebenfalls Schutz zu suchen. Ein dritter Donner ertönte und Kaskaden von gleißenden Blitzen erhellten die Nacht zum Tag. Leuchtende, weiße Adern, die den Himmel überzogen. Vereinigten sich mit dunklen, violetten Nuancen. Es war ein beeindruckendes Naturschauspiel, wenn man sich nicht mitten darin befand, so wie es den Beiden soeben erging.
Als der Regen endlich nachgelassen hatte, war die Stunde der Mitternacht schon lange vorübergezogen. Die rote Decke war so von Wasser vollgesogen, dass sie kaum noch Schutz darbot und Endres fühlte, wie seine Kleidung ihm an der Haut klebte. Sein Haar hing nass und klebrig an ihm herunter und seine Haut war kühl und feucht. Valésia war nicht weniger glimpflich davongekommen. Auch ihr Haar klebte ihr im Gesicht und ihre Kleidung klebte an ihrem Körper. Da sie nun nicht mehr in ihren edlen Gewändern gekleidet war, hob sich ihr Busen sichtlich ab, da die Kleidung so an der Haut klebte. Endres hätte den Anblick vermutlich bezaubernd gefunden, wenn er es denn hätte sehen können. Denn auch wenn der Regen inzwischen nachgelassen hatte, so bedeckten die Wolken noch immer den einsamen Mond am Himmel.
Endres und Valésia saßen dicht zusammen auf einem kleinen Felsen und hielten die Decke über ihre Köpfe gespannt, als sich ihnen bald schon ein seltsames Licht zu nähern schien. Es war ein ungewöhnliches und seltsames, warmes Licht, welches sich in seltsamen und unregelmäßigen Bahnen hin und her bewegte. »Was ist das?«, murmelte Endres und deutete in jene Richtung. Das Licht wirkte so, als ob es in weiter Ferne an einem unsichtbaren Faden vom Himmel hing und im lauen Nachtwind hin und her schwankte. »Es kommt näher.«, murmelte Endres und er ertappte sich dabei, dass er eigentlich gar nicht wissen wollte, was dies für ein seltsames Licht denn war. Aufgrund der Ereignisse der letzten Tage konnte er nicht so recht glauben, dass dieses Licht etwas Gutes zu bedeuten hatte. »Wir sollten wieder weiterreiten. Wer weiß, was dieses Licht mit sich bringt?«, schlug Endres vor und Valésia pflichtete ihm sichtlich bei.
Als sich das Licht schließlich weiter genähert hatte, waren dem Leuchten auch noch seltsame Geräusche hinzugekommen. Das Klappern von Metall und das Knarren von Holz. Als Endres und Valésia schließlich erkannten, dass es eine einfache Laterne gewesen war, die an einem Wagen hing, seufzten sie erleichtert auf. »Na, wen haben wir denn da?« rief eine Stimme, welche Endres sofort ungemein bekannt vorkam. »Hat der Regen euch überrascht?« Die Stimme lachte und schnalzte daraufhin mit der Zunge, um die beiden Pferde, welche den Wagen zogen, zum Stehen zu bringen. »Hooo!«, rief die Stimme und die Pferde schnaubten und wieherten empört, als die Gerte auf ihre Rücken schlug. Der Mann rutschte von dem Kutschbock herunter und als seine Stiefel in den nassen Boden sanken, schmatzte die weiche Erde, als ob sie eine wohlschmeckende Mahlzeit verzehren würde. »Das Schicksal führt uns wohl immer wieder zusammen, nicht wahr?« Endres nickte. »Es scheint so, Meister Edran…Das Schicksal birgt wahrlich die seltsamsten Zufälle.«
Der Paltore zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. Doch aufgrund der Tatsache, dass ihm selbst die Reiter des Herzogs lieber gewesen wären, als Edran Silberhand erneut wieder zu sehen, ließ es ihm an Überzeugungskraft mangeln. Edran krazte sich im Nacken. »Wahrlich seltsam. Ich hörte, dass ihr nach Liranda reisen wolltet. Doch diese Straße führt, wie jeder weiß, zu den Zwillingen.« Edran warf Endres einen fragenden und zugleich wissenden Blick zu, was Endres nur noch weiteren Unmut bescherte. Und vermutlich hatte auch der Umstand, dass sie nun völlig durchnässt in einem stürmischen Platzregen hatten ausharren müssen, seinen Anteil daran. »Ihr habt nicht zufällig etwas warme Kleidung? Oder eine warme Decke?«, erkundigte sich Endres, um von den angesprochenen Zwillingen abzulenken. Da grinste Edran breit. »Aber gewiss. Für ein paar rote Heller, kann ich mich sicherlich von dem einen oder anderen guten Stück trennen.« Und daraufhin lachte er mit einer donnernden Stimme, die dem Unwetter in nichts nachstand. Endres wusste nicht so recht, ob er diese Worte nun wirklich ernst gemeint hatte, oder ob er wahrhaftig zwei Menschen in Not noch den letzten Gnadenstoß gegeben hatte.
Vom Regen in die Traufe ❖
21.03.2026 '21:16 [6.500 Wörter]
 ie Winterprozession von Ajaran lag eine halbe Mondspanne zurück, und doch schien sein Nachhall noch immer in Rethan Vellors Gedanken zu klingen. Er saß auf dem Bock seines Wagens, die Zügel locker in der Hand, und ließ den Blick über die matschige Straße schweifen. Vor ihm zog sich die Straße ruhig durch flaches Land, von niedrigen Hecken gesäumt, die den Wind brachen, aber auch die Sicht nahmen. Er genoss die Ruhe. Kein Rufen mehr, kein Feilschen mehr, kein unnachgiebiges Gedränge. Nur das gleichmäßige Knarren der Achse und das leise Schnauben seines Pferdes. Eine halbe Mondspanne lag bereits zurück, und noch immer fühlte es sich an, als hätte er den Markt erst gestern verlassen. Er erlaubte sich ein Lächeln. Es war gut gelaufen. Besser als gut. Die Kisten hinter ihm waren leichter geworden, doch die Beutel in seinem Besitz wogen schwerer als je zuvor. Die feinen Wachskerzen hatten sich beinahe von selbst verkauft, kaum dass die ersten Familien begonnen hatten, ihre Fenster zu schmücken. Und die großen, richtig teuren Wachskerzen, die er nur zögerlich mitgenommen hatte, weil sie viel Platz auf dem Wagen nahmen und auch schwer waren, und im schlimmsten Fall niemand sie bezahlen wollte, waren ihm förmlich aus den Händen gerissen worden. Er hatte sich zurückgehalten, als die ersten Münzen über den seine Verkaufsbudel gewandert waren. War ruhig geblieben, sachlich, wie es sich für einen seriösen Händler gehörte. Hatte sich auf keine Verhandlungen eingelassen. Im Namen der Drei wurde nun einmal nicht gehandelt und gefeilscht. Die Menschen kauften Kerzen für heilige Anlässe und bezahlten den geforderten Preis. Feilschen beleidige die Drei. Diesen Umstand brauchte man nicht einmal aussprechen, da die Menschen es wussten. Viele Käufe, viele Beutel die er zu füllen gehabt hatte. Rethan hatte am Ende viel Mühe damit gehabt, die Münzen zu zählen, sortieren und in Beutel aufzuteilen. Der Beutel an seiner Seite war nur ein Teil davon und beherbergte nur die kleinen Münzen. Ein weiterer lag unter der Sitzbank, fest in ein Tuch gewickelt. Und noch einer, kleiner, zwischen zwei Kisten geklemmt, die auf den ersten Blick nichts Besonderes enthielten. Niemand würde dort nachsehen. Rethan war kein Narr. Er hatte als Händler lange genug auf Straßen gelebt, um zu wissen, dass man nicht alles an einem Ort aufbewahrte. Wegelagerer gab es immer und man musste stets mit ihnen rechnen, und solange man schlauer war als sie, konnte man kleine Verluste verschmerzen. Sein Blick glitt über die brachliegenden Felder, die sich zu beiden Seiten ausbreiteten. Das Land lag ruhig, beinahe schläfrig da. Die große Vielzahl von Pilgern und Reisenden hatten sich längst verlaufen. Hier und da zog ein einzelner Wagen am Horizont entlang, weit genug entfernt, dass man einander nicht einmal zuwinken konnte, sofern man das wollte. Es fühlte sich sicher an. Vielleicht zu sicher. Er verlagerte sein Gewicht auf dem Kutschbock, griff unwillkürlich nach dem Beutel an seinem Gürtel, als müsse er sich vergewissern, dass er noch da war. Der Lederbeutel war prall und schwer. Ein vertrautes beruhigendes Gewicht. Noch ein paar Tage, dachte er, dann war er zu Hause. Der Gedanke ließ ihn tiefer durchatmen. Das kommende Jahr war gesichert. Mehr als das. Vielleicht konnte er im nächsten Jahr zwei Wagen und einen Gehilfen mitnehmen. Vielleicht auch konnte er- Ein Ruck ging durch den Wagen. Wie ein plötzlicher Wagenbruch. Er hoffte es nicht. Das linke Rad blieb einen Moment hängen. Das Pferd zog an, schnaubte, kam aber nicht recht voran. „Na los“, murmelte Rethan, zog leicht an den Zügeln. Der Wagen bewegte sich einen Zoll, dann noch einmal. Dann blieb er stehen. Rethan runzelte die Stirn, stieg vom Bock und ging nach hinten. Währenddessen ließ er prüfend seine Blicke über die Straße schweifen. Die Straße sah aus wie jede andere zu diesen Zeiten in Ariad. Er trat neben das Rad, beugte sich hinab. Wahrscheinlich war es vom Morast festgesaugt worden und es steckte fest. „Lasst es.“ Die Stimme war ruhig. Nahe an seinem Ohr. Rethan erstarrte, dann fuhr er erschrocken herum. Sie standen nicht dicht bei ihm. Nicht drohend. Eher um ihn herum verteilt. Fünf, oder sechs Gestalten. Schwer zu sagen auf den ersten Schreck. Als er den Kopf hob, standen sie schon auf dem Weg. Er hätte nicht sagen können, woher sie gekommen waren. Eben war dort nichts gewesen als Matsch, Morast und Hecken… Sein Blick blieb auf den niedrigen Hecken hängen, die hier als Windfang dienten. Natürlich…
Eine Frau hielt eine kleine Armbrust und zielte auf ihn. Ein Mann trat vor, sauber gekleidet, unaufdringlich. Gepflegt. Seine Kleidung war unauffällig, sauber, nichts daran schrie nach Gefahr. Aber konnte man das überhaupt an Kleidung festmachen? Seine Körperhaltung war entspannt, als hätte er alle Zeit der Welt. „Ihr kommt aus Ajaran?“fragte er. Es war die Stimme, die ihn zuvor schon angesprochen hatte. Rethan öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton hervor. Der Mann neigte leicht den Kopf, als würde er ihm ebenso alle Zeit der Welt lassen, um seine Stimme wiederzufinden und ihm die schuldige Antwort zu geben. „Ein halber Mond ist es her…“, fuhr er fort. „War ein gutes Fest. Habe gehört, die Händler haben viele Verkäufe erzielt, habe gehört ihr habt gute Verkäufe erzielt…“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Rethans Blick zuckte kurz zum Wagen. Zu den Kisten. Zur Sitzbank. Der Mann folgte seinem Blick nicht. Rethan schluckte. „Ich… ich habe kaum…“ „Natürlich“, fiel ihm der Mann sanft ins Wort, ohne Ungeduld, ohne Schärfe. „Das sagen sie alle.“ Ein subtiles Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Wir machen es einfach“, sagte er. „Ihr gebt uns, was ihr heute bei euch tragt. Ihr behaltet euer Pferd, euren Wagen und den Rest eurer Ware. Ohne ernsten Schaden. Ohne ernsten Ärger.“ Rethan brachte einen erneuten Einwand. Jedenfalls den Versuch davon. „Und wenn ich…“ Ein leises Surren. Ein Bolzen schlug in das Holz neben Rethans Hand, so dicht, dass einige Splitter, die aufstoben, gegen seine Finger prallten. Rethan zuckte zurück. Die Frau kicherte „Hups! Verzeihung! Ich habe einen nervösen Zeigefinger!“ Der Mann wandte den Blick vom Bolzen der in der Wagenseite steckte wieder auf den Händler. „Die schnelle Möglichkeit. Die weitaus unangenehmere.“, sagte der Mann ruhig. „Ihr versteht?“ Rethan verstand. Langsam griff er an seinen Gürtel, löste den Beutel. Seine Finger zitterten leicht. Mehr aus Anstrengung, als aus Mut. Der Mann nahm ihn entgegen, wog ihn kurz, nickte kaum merklich. „Und den unter der Sitzbank“, sagte er dann. Rethan erstarrte. Der Mann sah ihn an. Nicht streng. Nicht ungeduldig. Nur erwartungsvoll. Rethan stapfte gesenkten Hauptes, begleitet von der Frau, die zwischenzeitlich ihre Armbrust nachgespannt und nachgeladen hatte und diese jetzt von hinten auf ihn richtete. Er senkte den Blick, griff unter die Bank, zog den zweiten Beutel hervor. „Und der kleine“, fügte der Mann hinzu, fast beiläufig. „Der, den ihr zwischen den Kisten versteckt habt.“ Es war, als würde jemand Rethars Gedanken lesen und aussprechen. Rethan runzelte ungläubig die Stirn. Wie konnte er davon wissen? „Wir wollen euch nicht unnötig aufhalten und verhindern, dass wir uns selbst auf die Suche danach machen müssen. Ihr versteht? Nicht nur eure Zeit ist kostbar, auch unsere!“ Rethar kletterte auf den Wagen, und holte auch diesen geforderten Beutel hervor. Es dauerte kaum länger als ein paar Atemzüge. Dann trat der Mann einen Schritt zurück. „Ihr könnt weiterfahren“, sagte er. Rethan schluckte. „Aber das Rad ist...“ „Ist gleich wieder frei!“ Ein kurzer Ruck ging durch den Wagen, als hätte jemand nachgeholfen. Das entsprach auch der Tatsache. Das festgefahrene Rad löste sich, als hätte es nie Widerstand gegeben. Die Speiche war frei. Nur ein Mann blieb neben dem Wagenrad stehen und hielt grinsend einen großen Haken in der Hand, der an einen riesigen Fleischerhaken erinnerte. Als Rethan wieder auf den Bock stieg, zitterten seine Hände noch. Er griff die Zügel, ohne noch einmal aufzusehen. Er hörte keine Schritte. Keine Stimmen. Nur den Wind in seinen Ohren. Er schnalzte und trieb die Pferde an. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Er wagte es lange nicht, sich umzudrehen. Erst als die Straße sich öffnete und der nächste Hügel hinter ihm lag, blickte er zurück. Nichts. Nur der Morast und Stille. Er atmete aus, ohne zu merken, dass er die Luft angehalten hatte. Sein Kopf wandte sich wieder um und dann sah er es. Es lag auf dem Bock neben ihm. Eine kleine Scheibe, grob geschnitten, mit einem eingeritzten Falkenkopf. Rethan starrte sie lange an. Dann steckte er sie ein, ohne recht zu wissen, weshalb. Später würde er anderen davon erzählen. In Wirtshäusern, auf Höfen, irgendwo auf den Straßen. Und jedes Mal würde jemand nicken, leise, wissend, oder unwissend. „Die Wanderfalken, so nennen sie sich“, würde man sagen. Und dann würde jemand anderes hinzufügen „Du hast das Richtige getan. Damit bist du davongekommen.“ Der Wagen rollte weiter. Und irgendwo, weit entfernt, löste sich eine Gruppe wieder in einzelne Wege auf.
Die Straße lag längst wieder ruhig da, als wäre niemals hier etwas geschehen, was noch kurz zuvor geschehen war. Ein einzelner Raubvogel stand über dieser weiten Ebene in der Luft an derselben Stelle, die Flügel schnell schlagend, auf der Suche nach einem Beutetier. Die Wanderfalken hingegen waren schon fort, denn sie hatten reiche Beute gemacht. Sie hatten sich in alle Windrichtungen zerstreut. Nicht gemeinsam. Niemals gemeinsam. Die Frau mit der kleinen Armbrust ging zuerst. Sie hatte sich das Tuch, mit dem sie ihr Haar bändigte, enger um den Kopf gezogen und bewegte sich mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten über einen schmalen Pfad, der von der Straße wegführte. In der Hand hielt sie nichts mehr. Die Waffe war unter ihrer Kleidung verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Ein Stück weiter, kaum sichtbar hinter einer niedrigen Senke, erhob sich der Brecher. Er streckte kurz den Rücken, bis es irgendwo zwischen den Wirbeln knackte und ging dann los, ohne sich noch einmal umzusehen. Der Mann mit dem ruhigen Lächeln blieb noch einen Augenblick stehen, ließ den Blick über den Weg gleiten, als würde er prüfen, ob auch nichts zurückgeblieben war. Dann wandte auch er sich ab als wäre es nichts gewesen.
Erst eine gute Stunde später fanden sie sich wieder. In einer versteckten Senke hinter einem kleinen Wäldchen. Einer nach dem anderen traf ein. Ein kurzes Nicken hier, ein herausfordernder Blick dort. Jedes Mal begleitet von einem durchtriebenen Grinsen. Der höfliche Mann, der sich der Fuchs nannte, kam zuletzt. Ein dumpfer Laut nach dem anderen ertönte, als er aufeinanderfolgend die drei schweren Lederbeutel mit den Münzen des Händlers auf den Waldboden fallen ließ. Triumphierend ließ er seine Blicke in die Runde schweifen. Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann stieß der Brecher ein kurzes, kehliges Lachen aus. „Na schau“, grunzte er, „Der hat sich ja wirklich gelohnt.“ Der Zöllner trat einige Schritte näher, ging in die Hocke, zog einen der Beutel zu sich, löste die Schnur und ließ einige Münzen in seine Hand gleiten. Ein leises, sattes Klimpern erfüllte die Luft. Er lächelte. „Ich sagte doch, es lohnt sich.“ „Du sagst das bei jedem“, warf die Frau ein, während sie sich gegen einen mächtigen Stamm einer einsam stehenden Fichte lehnte. „Diesmal hattest du halt Recht.“ „Ich habe immer Recht“, entgegnete er gelassen und ließ die Münzen wieder klimpernd in den Beutel gleiten. Der Haken trat jetzt ebenso heran, wischte sich die Hände an seiner Hose ab und tätschelte sein gleichnamiges Werkzeug, welches an seinem Gürtel hing. Die gebogene Spitze war leicht verkratzt, das Eisen war staubig. Er musterte es kurz, nickte zufrieden. „Sauber gesetzt“, brummte er, noch zufriedener. „Sauber?“, gluckste der Brecher. „Den Wagen durchfuhr so ein harter Ruck, den hats fast vom Bock gehauen.“ Allgemeines schadenfrohes Gelächter drang über die Lichtung. „Fast“, sagte der Haken trocken. „Aber nicht ganz.“ Ein leises Schnauben ging durch die Runde. Die Krähe saß im Schatten, der Fichte, mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, halb verborgen, als wäre er nie woanders als dort gewesen. Man hätte ihn beinahe übersehen können, wenn man nicht wusste, wo man hinsah. „Er hat gezählt“, sagte er ruhig. „Mehrmals. Immer wieder.“ Der Zöllner hob eine Braue. „Und du auch gezählt, wie oft er zählt?“ „Nein, ich habe beobachtet, wo er die Beutel hingepackt hat“, korrigierte er. Der Zöllner breitete nun ein Tuch auf dem Waldboden aus, löste die Verschnürung von allen drei Lederbeuteln und schüttete den Inhalt aller Beutel auf das Tuch. Der Brecher pfiff leise durch die Zähne. „Das nenn ich mal einen guten Heimweg.“ Die Frau löste sich von der Fichte, trat näher, ging ebenfalls in die Hocke. Dann griff sie in den Münzhaufen, ließ die Münzen klimpernd durch die Finger gleiten. „Für einen halben Mond Arbeit“, sagte sie, „gar nicht schlecht.“ „Für einen Abend“, entgegnete der Zöllner. „Für die richtige Wahl“, fügte die Krähe hinzu. „Die Vorbereitung war aufwendiger als der Überfall.“ Ein kurzes Lachen. Dreckig. Zufrieden. Der Zöllner begann, die Münzen aufzuteilen. Ruhig, geordnet, als würde er eine Rechnung begleichen. Niemand drängte ihn, alle warteten geduldig. Niemand sah ihm kontrollierend über die Schulter als er fünf gleiche Haufen abzählte. Das war nicht nötig. Vertrauen war das um und auf in diesem Trupp. „Dein Anteil“, sagte er und schob einen Teil zur Frau. Sie nahm ihn, und ließ die Münzen ohne nachzuzählen wortlos in ihren eigenen Beutel gleiten. Der Brecher bekam seinen, wog ihn in der Hand und grinste breit. „Der Frühling wird gut.“ „Wenn du deinen Anteil nicht gleich wieder versäufst“, murmelte die Frau, die sich Varelle nannte und grinste schief. „Dann ist es wenigstens lustig.“ Ein paar leise Lacher ertönten. Der Haken nahm seinen Anteil, und steckte ihn ein, als wäre es nichts Besonderes. Sein Blick lag noch einen Moment auf dem Werkzeug, dann nahm er es vom Gürtel und stopfte es in seine Ledertasche. Der Zöllner zögerte kurz, sah zur Krähe. „Heb deinen Arsch und hol dir deinen Anteil, immer lässt du dich bitten, Mann…“ „Wie immer“, sagte dieser grinsend. Dann blieb noch ein Haufen übrig. Niemand griff danach. Niemand drängte den letzten. Dann trat der Fuchs vor. Sein Blick glitt über seinen Anteil der Münzen, dann über die Gesichter aller Anwesenden, dann bückte er sich und nahm sich seinen Anteil. „Gute Arbeit Männer.“, sagte er. Die Frau lächelte schief. Der Brecher nickte. Der Zöllner senkte leicht den Kopf. Die Krähe sagte nichts. Der Wind strich durch das vertrocknete Grasbüschel. Ein Vogel stieß einige Schrille Rufe aus. „Nun, bevor wir uns wieder trennen, setzen wir uns in eine Schenke und besprechen den nächsten Schlag, so wie immer?“ setzte der Fuchs hinterher. „Krähe? Wo ist die nächste?“ „Ne Wegstunde von hier, vielleicht etwas mehr. Is aber nix besonderes.“ Der Fuchs nickte. „Genau was wir brauchen. Dann lasst uns dahin. Was essen, was trinken und alles andere wird sich ergeben.“
Der Regen hatte ihnen jede Wärme aus den Knochen gespült. Wortwörtlich, denn die Komtess war nass bis auf die Haut. Endres hatte sich bemüht und Edran Silberhand um Hilfe beziehungsweise Decken oder Kleidung gebeten, aber der alte Fettsack war im selben Maße ein Geldsack, der, so stieg in Valésia der Verdacht auf, auch seine eigene Mutter verkaufen würde, wenn ihm jemand etwas dafür bieten würde. Valésia spürte die Decke auf ihren Schultern, schwer, aber darunter war es immer noch immer nass. Doch ohne sie wäre es kaum auszuhalten gewesen, da war die warme Feuchte eine gewisse Wohltat. Ihre Finger waren steif, ihre Lippen blass vor Kälte, und selbst jetzt, da sie wieder im Sattel saß, wollte das Zittern nicht ganz weichen. Edrans Wagen rollte vor ihnen her, das Licht der Laterne schaukelte träge im Wind und zeichnete lange, schwankende Schatten auf den Weg. Das Knarren des Holzes und das gleichmäßige Schnauben der Pferde begleiteten sie wie ein stetiger, dumpfer Rhythmus. Valésia zog die Decke enger um sich und trieb ihre Stute näher an Endres heran, bis ihre Knie beinahe seines berührten. Sie versuchte in seiner Miene, die schwach von dem Laternenschein erleuchtet wurde, eine Regung zu finden die von den Ereignissen, doch sie fand nichts. Ihre Zähne schlugen aufeinander und ihre Lippen, die ein wenig blau geworden waren, bebten. Endres sah kurz mit besorgter Miene zu ihr hinüber und zog die Decke an ihrer Schulter ein wenig fester. „Es wird besser, sobald wir ein Dach über den Kopf bekommen.“ Valésia nickte, doch ihr Blick blieb auf das schwankende Licht der Laterne gerichtet. Es hatte etwas Eigenartiges, wie es vor ihnen durch die Dunkelheit tanzte, mal näher, mal weiter entfernt, als würde es sie führen. Vor ihnen hob sich Edrans Stimme. „Wenn ihr euch jetzt schon beklagt, dann wartet, bis der Morgen kommt!“ Er lachte, rau und voll, als wäre der Regen für ihn nichts weiter als ein schlechter Scherz, aber nichts, was einen verdrießlich machen musste. Valésia verzog leicht den Mund. Anfangs hatte sie den alten Mann ganz nett gefunden, und er hatte ihnen zweifellos geholfen die Soldaten des Herzogs abzuschütteln. Aber das war eine Leistung gewesen die ihn nichts gekostet hatte. Die Decke, die sie jetzt um die Schultern trug und die nur mäßig ihre Pflicht erfüllte hingegen war teuer gewesen. „Er ist unerträglich“ flüsterte sie. „Ich hoffe, er verlangt nicht noch etwas dafür, dass wir die Waldluft atmen dürfen, während wir seinem Licht folgen. Am Ende präsentiert er uns eine Rechnung dafür, du wirst schon sehen“ Endres sah zu ihr, und für einen Moment lag ein echtes Lächeln in seinem Gesicht. „Wir können uns auch bei nächstbester Gelegenheit von ihm trennen.“
Das Nieseln, das nach dem Regen angehalten hatte, verebbte allmählich. Der Weg dampfte, und die Luft roch nach nasser Erde und Holz. Die Nacht zog sich, doch irgendwann begann der Himmel heller zu werden. Erst kaum merklich, dann deutlicher, ein graues Licht, das die Welt langsam aus der Dunkelheit schälte. Valésia spürte die Kälte kaum mehr, da sie sie nun die ganze Nacht lang begleitet hatte. Und eine ungeheure Müdigkeit hatte sich dazugesellt. Nach einer Weile wurde Edrans Wagen langsamer. „Da vorn“, rief er und deutete mit der Gerte in die Ferne. Zwischen den Bäumen, auf einer Lichtung tauchte ein Gebäude auf. Niedrig, schief, mit einem Dach, das schon bessere Tage gesehen hatte. Rauch stieg aus dem Schornstein auf, träge und gleichmäßig. An der Fassade hing eine Laterne die blindgewordene, schmutzige Tierhäute aufgespannt hatte und vermutlich schon seit Ewigkeiten kein Licht mehr verströmte. Somit war sie nur mehr ein nutzloses Zierwerk an der Fassade dieses Gasthauses. Valésia hob den Kopf ein wenig. Der Gedanke an Wärme ließ ihr Herz ein wenig höher schlagen. Sie ritten näher. Aus den Fenstern fiel warmes Licht auf den aufgeweichten Boden davor. Edran brachte seinen Wagen mit einem Ruck zum Stehen. „Wenn ihr Glück habt, gibt es dort etwas Warmes“, brummte er und sprang vom Bock. Valésia ließ sich vorsichtig aus dem Sattel gleiten. Ihre Beine fühlten sich noch immer unsicher an, doch sie hielt sich aufrecht. Endres war sofort neben ihr, und half ihr die klamme Decke von den Schultern zu nehmen, die nun ohnehin keinen Zweck mehr zu erfüllen hatte. „Ich bleibe hier draußen, ich habe Wegzehrung dabei, und außerdem muss ja einer beim Wagen bleiben. Ihr könnt euch aufwärmen, aber in einer Stunde spätestens brechen wir wieder auf. Der Weg ist noch weit.“
Die Tür des Gasthauses öffnete sich, und ein Schwall warmer Luft schlug ihnen entgegen, zusammen mit dem Geruch von Suppe, Rauch und Fichtenholz im Kamin. Valésia trat entschlossen an den Kamin, in dem ein herrliches Feuer brannte und streckte ihre klammen Finger den Flammen entgegen. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und mit einem Mal war die Wärme allgegenwärtig. Stimmen lagen in der Luft, dumpf und lebendig zugleich, begleitet vom gelegentlichen Aufschlagen eines Kruges auf Tischplatten. Valésia wandte den Kopf zu Endres um, der mit dem herannahenden Wirten einige Worte gewechselt hatte und zu einem Tisch geführt worden war. Sie gab ihm ein Zeichen, dass sie sich nur noch für einen Moment am Feuer aufwärmen wollte und dann sogleich zu ihm kommen wollte. Der Stoff ihres Kleides war immer noch dunkel vom Regenwasser. Einzelne Strähnen ihres honigfarbenen Haares klebten an ihrer Wange, die sie sich nun aus dem Gesicht strich und dasselbige war blass von der Kälte, die noch immer in ihr steckte. Doch allmählich färbten sich ihre Wangen am Feuer rosig. Und genau all das das ließ sie auffallen. Sie war zwar keine geschmückte hohe Dame in ihrer nassen unscheinbaren Kleidung, aber sie fiel auf wie jemand, der nicht hierhergehörte. Zu aufrecht war ihre Haltung. Zu fein und gewählt ihre Gestik. Und trotz ihres bedauernswerten Aufzugs war sie einfach zu schön, um einfach übersehen zu werden. Es dauerte nicht lange. Am Tisch nahe der Wand, halb im Schatten, saßen fünf Gestalten vor fünf Krügen. Vier Männer und eine Frau, die zu laut lachten und doch nichts übersahen. Das Lachen verstummte nicht. Aber etwas veränderte sich. Ein Blick. Nur einer. Dann noch einer. Der erste von ihnen lehnte sich ein wenig zurück, als würde er sich strecken. Doch seine Augen blieben auf Valésia hängen. Wanderten von den Schultern bis zu ihrem Gesicht. Er sagte nichts. Das taten allerdings seine Blicke. Neben ihm schob ein anderer den Krug zur Seite, ohne hinzusehen. Sein Blick ging zu Endres. Und blieb dort ein wenig zu lange hängen. Nicht wegen der Kleidung, denn diese war schlicht genug. Aber etwas passte nicht zusammen. Die Art, wie er sich bewegte. Wie er den Raum betrat. Wie er den Wirt musterte, nicht als Bittsteller, sondern als jemand, der gewohnt war, als etwas Besseres behandelt zu werden als ein Gemeiner. Der Mann am Tisch verzog leicht den Mund und stieß seinen Sitznachbarn an. Das war kein Händler, und kein Knecht. Der dritte der Gruppe hob kaum merklich das Kinn zum Zeichen. Mehr brauchte es nicht. Sie sahen sich nicht offen an, aber sie hatten sich verstanden. Währenddessen setzte Endres sich an einen der freien Tische. Als Valésia nach einer Weile zu ihm ging, erhob er sich und zog den Stuhl für sie ein Stück zurück, bis sie sich setzte. Eine kleine und liebevolle Geste die er nie ganz hatte ablegen können. Aber eine falsche Geste. Die Frau die am Tisch der Fünf saß, bemerkte dies sofort. Ein leises, kaum hörbares Schnauben entwich ihr und ihr Blick schrie förmlich: „Im ganzen Leben hat mir noch nie jemand einen Stuhl zurecht gerückt auf den ich meinen Arsch hinpflanzen wollte.“ Jetzt waren sich alle sicher, das passte nicht zusammen. Nicht im Geringsten. Und genau deshalb wurde es interessant.
Die Wärme des Raumes hatte allmählich die Kälte aus ihren Körpern vertrieben, während Valésias Kleid bereits zu trocknen begann. Ihr honigfarbenes Haar war getrocknet und glänzte vom warmen Feuerschein wie goldene Kornähren. Nur die Müdigkeit war geblieben, und darum war die Komtess schweigsam. Nur hin und wieder schenkte sie ihrem Liebsten ein liebevolles Lächeln. Endres saß ihr gegenüber, den Becher vor sich. Er wirkte gefasst, doch in der Art, wie sein Blick gelegentlich durch den Raum glitt, lag eine Wachsamkeit, die nicht ganz zur Ruhe kam. Das Gasthaus war gut gefüllt, aber nicht überfüllt. Stimmen mischten sich, Krüge wurden gehoben, jemand lachte zu laut, ein anderer fluchte über ein Würfelspiel. Und doch war da etwas. Valésia konnte es nicht benennen, aber sie spürte es. Doch sie sagte nichts, sondern schob es auf ihre Müdigkeit. Am Tisch nahe der Wand saßen die vier Männer und die Frau noch immer beisammen. Einer von ihnen erhob sich schließlich. Er nahm seinen Krug mit, als wolle er sich lediglich einen besseren Platz suchen, und ging durch den Raum, ohne sich zu beeilen. Sein Weg führte ihn nicht direkt zu Endres und Valésia, sondern in einem leichten Bogen, als habe er sich erst im Gehen entschieden. Er blieb neben ihrem Tisch stehen. „Ist hier noch frei?“ Seine Stimme war ruhig, beinahe beiläufig, und doch lag darin ein Ton, der weniger fragte als feststellte. Endres sah auf. Nicht freundlich. Nicht einladend. Nur ein kurzer Blick und er antwortete nicht sofort. Der Mann wartete aber auch nicht auf eine Antwort sondern setzte sich einfach. Valésia hob den Blick nur kurz. Sie wusste, dass er sie bereits gesehen hatte, noch ehe er sich gesetzt hatte. Er ließ sich Zeit. Er trank einen Schluck von seinem Bier, sah in den Raum, als würde ihn alles andere mehr interessieren als die beiden vor ihm. Dann sprach er. „Ihr seid nicht von hier, ha? Merkt man sofort. Derzeit ist schlechtes Wetter für Reisende.“ Endres nickte. „Das war es“ sagte er jetzt kurz und knapp. Der Mann nickte zustimmend „Der Regen hat euch ordentlich erwischt.“ Sein Blick glitt zu Valésia, dann zurück. Nicht aufdringlich, aber genau genug, um nichts zu übersehen. Endres antwortete ruhig. „Mehr als uns lieb war.“ Der Mann schnaubte leise, fast zustimmend und hob erneut den Krug an seine Lippen. Dann stellte er den Krug wieder auf dem Tisch ab und ließ seine Hand locker darum liegen. Dann kam die nächste Frage, so beiläufig, dass sie fast harmlos wirkte. „Wohin führt euch eure Reise? Seid ihr weit unterwegs?“ Endres nahm einen Schluck, setzte den Becher ab „Ein Stück noch.“ Der Mann nickte langsam. „Ein Stück“, wiederholte er. Er beugte sich leicht vor, kaum merklich, doch die Aufmerksamkeit in seinem Blick war jetzt deutlicher. „Mit einem Wagen? Oder zu Pferd?“ Es war eine einfache Frage, aber eine, die gewichtig schien. Der Mann ließ sich Zeit, nachdem Endres geantwortet hatte. Er wirkte nicht, als hätte er es eilig, irgendetwas aus ihnen herauszubekommen, und doch blieb seine Aufmerksamkeit an ihnen haften, als hätte er sich bereits entschieden, dass es sich lohnte, genauer hinzusehen. „Zu Pferd also“, sagte er schließlich und nickte leicht, als bestätige er sich damit einen eigenen Gedanken. „Das ist klug bei dem Wetter. Räder bleiben derzeit schneller stecken, als einem lieb ist.“ Valésia hatte den Becher, in dem warmer Gewürzwein war, noch immer in den Händen und spürte, wie sich ihre Finger darum legten, ein wenig fester als nötig gewesen wäre. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, und ließ sich nichts anmerken, doch sie merkte sehr genau, wie sich die Aufmerksamkeit des Mannes verschob. Sein Blick glitt über Endres, seiner Kleidung. Dann wanderte sein Blick wieder zu Valésia. Der Kerl nahm wieder einen Schluck aus seinem Krug und ließ den Blick wieder zurück zu Endres gleiten. „Eure Begleiterin ist sehr hübsch, wenn ich das so sagen darf. Ist sie eure…“ „Ehefrau…“ schloss diesmal Valésia den Satz mit Bestimmtheit. Was dabei rauskam, wenn man sich als Geschwisterpaar ausgab, das hatte Aelfric in Arjen eindrucksvoll bewiesen. Er sollte es gleich wissen, dass er vor sich ein Ehepaar und kein Geschwisterpaar hatte. Der Mann nickte und grinste Endres anerkennend an. „Meinen Glückwunsch. Wenn ich einst heirate, wünsche ich mir auch so ein hübsches Weib“ Valésia lächelte kühlt und senkte den Blick. „Und Ihr seid schon lange unterwegs?“, fragte er, als wäre das nur eine Fortsetzung des bisherigen Gesprächs. Endres hob leicht die Schultern. „Lang genug.“ Der Mann nickte langsam. „Ihr reist also zu zweit“, sagte er schließlich, und diesmal war es keine Frage, sondern eine Feststellung, die er ihnen vorlegte. Sein Blick glitt zwischen ihnen hin und her, als würde er die Antwort bereits kennen und nur prüfen, ob sie sie ihm bestätigen würden.
Einer der Männer am Tisch der Falken hatte sich erhoben. „Ich muss mal pissen“ grunzte der Brecher. Sein Stuhl schob sich zurück und er ging zur Tür. Draußen hatte der Regen fast aufgehört. Die Luft war kalt, klar, und der Boden noch weich von der Nässe. Der Mann zog den Mantel enger um sich und blieb einen Moment unter dem Vordach stehen, als er den Wagen bemerkte der nicht weit entfernt dastand. Groß genug, um aufzufallen. Schwer beladen. Die Plane ausgewachstem Stoff darüber noch dunkel vom Regen, das Holz darunter feucht glänzend im fahlen Licht, das aus dem Gasthaus fiel. Der Mann trat langsam näher. Seine Stiefel schmatzten leise im weichen Boden. Er ging einmal um den Wagen herum, strich mit den Fingern über das Holz, als prüfe er nur beiläufig die Qualität. Ein kurzer Blick zu den Rädern, zu den Riemen, zu den Kisten darunter. Er wusste, was er sah. Ein Händler, der nicht leer unterwegs war. Edran Silberhand stand nicht weit davon entfernt, halb im Schatten, und hatte sich gegen den Wagen gelehnt. Ihm blieb im Grunde auch nichts anderes übrig, wenn er seinen vollgepackten Wagen nicht alleine lassen wollte, was er in keinem Fall wollte und schien auch keineswegs überrascht, als der Mann sich näherte. „Habt ihr schöne Ware?“, sagte der Brecher. Edran hob den Kopf. „Für den, der sie bezahlen kann.“ Ein kurzer Moment verstrich, in dem sich beide musterten. Der Brecher lächelte schief. „Allein unterwegs?“ Edran zuckte mit den Schultern. „Manchmal, aber nicht immer.“ Der Mann nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. Sein Blick glitt kurz zurück zur Tür des Gasthauses, hinter der das Stimmengewirr noch immer zu hören war. Die zwei da drin“, sagte er, als würde er über das Wetter sprechen. „Gehören die zu dir?“ Edran ließ sich Zeit mit der Antwort. „Sie reisen ein Stück mit.“ Mehr sagte er nicht. Der Brecher betrachtete ihn einen Moment lang, dann verzog sich sein Lächeln ein wenig, wurde schmaler, zufriedener. „Tun sie das?“ Der Mann trat noch einen halben Schritt näher, senkte die Stimme ein wenig, ohne dass sie wirklich leiser wurde. „Wer zahlen kann, reist mit.“ Der Brecher nickte langsam. Das reichte ihm. Er klopfte einmal gegen die Seitenwand des Wagens, fast freundschaftlich, drehte sich dann um und ging zurück zum Gasthaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Edran blieb zurück. Sein Blick folgte ihm einen Moment, dann sah er wieder auf den Wagen, auf die Riemen, auf die Plane, als hätte sich nichts verändert. Doch das hatte es. Nur wusste es noch keiner der drei. Die Tür öffnete sich, und ein kalter Luftzug strich durch den Schankraum, bevor sie wieder ins Schloss fiel.
Der Brecher trat wieder in den Gastraum ein und blieb einen kurzen Moment stehen. Sein Blick ging einmal durch den Raum, streifte die Gäste, blieb einen Herzschlag lang an Endres und Valésia hängen und kehrte dann zu seinem Tisch zurück. Er setzte sich nicht sofort. Er beugte sich nur leicht vor, stützte eine Hand auf die Tischplatte und murmelte etwas, das im Lärm des Raumes untergehen konnte, wenn man nicht darauf achtete. Doch seine Gefährten taten es. „Draußen steht ein Händler“, sagte er leise. „Sein Wagen ist wahrscheinlich gut beladen unter seiner Regenplane. Gut beladen heißt gute Ware und das wiederum bedeutet ein gut gefüllter Geldbeutel. Oder zwei. Oder mehrere.“ Einer der anderen hob kaum merklich den Kopf. „Die zwei da…“, fuhr der Brecher fort und nickte in Richtung Endres und Valésia, ohne sie direkt anzusehen, „Gehören zu ihm. Zahlen gut, dass sie mitreisen dürfen, sagte der Alte. Er ist da draußen und bewacht seinen Wagen wie ein Vorstehhund.“ Ein nachdenkliches kurzes Schweigen entstand. Kein großes Abwägen und Blicke, die von einem zum anderen gingen. Einer verzog den Mund zu einem schmalen Grinsen. Ein anderer ließ die Würfel sinken, ohne sie zu werfen. Währenddessen am Tisch von Endres und Valésia hatte sich das Gespräch erschöpft. Nicht abrupt, sondern wie etwas, das von selbst zu einem Ende gekommen war. Der Mann, den die anderen den Zöllner nannten, hatte den letzten Schluck aus seinem Krug genommen und ließ ihn nun ruhig auf dem Tisch stehen. Endres hob den Blick zu ihm. „Wir hatten eine lange Reise“, sagte er ruhig, aber bestimmt. „Und die Nacht war nicht gnädig. Wenn Ihr es uns nachseht, würden wir uns jetzt gern zurückziehen.“ Der Zöllner sah ihn einen Moment lang an. Dann glitt sein Blick zu Valésia, nur kurz, aber aufmerksam genug, um ihre Erscheinung noch einmal zu mustern. Ein schwaches Lächeln zog über sein Gesicht. „Natürlich“, sagte er. Er erhob sich, langsam, ohne Hast und als wäre ihm nie daran gelegen gewesen, länger zu bleiben. „Verzeiht. Man sollte sich ausruhen, solange man kann.“ Er nahm seinen Krug, nickte ihnen knapp aber freundlich zu und wandte sich ab.
Der Zöllner setzte sich wieder an den Tisch, und für jeden, der nicht genauer hinsah, war alles wie zuvor. Die Würfel rollten, ein Krug wurde nachgefüllt, einer der Männer erzählte etwas, das ein kurzes, raues Lachen hervorrief. Der Brecher beugte sich ein Stück vor, die Unterarme auf die Knie gestützt, und sprach leise genug, dass seine Worte im allgemeinen Lärm untergingen. „Der Wagen scheint voll“, sagte er. „Kein Kleinkram.“ Einer der anderen nickte. „Und die zwei?“ Der Brecher zuckte leicht mit den Schultern. „Reisen mit. Zahlen gut.“ Ein kurzer Blick ging zum Zöllner. Der lehnte sich zurück, den Krug locker in der Hand, und sah nicht sofort zu ihnen, sondern erst in den Raum, als würde er noch einmal prüfen, ob etwas dagegen sprach. „Dann nehmen wir den Wagen“, sagte er schließlich ruhig. Jetzt schaltete sich die Krähe ein. „Und die beiden?“ Der Zöllner sah nun doch zu Endres und Valésia hinüber, die sich gerade erhoben. Sein Blick blieb einen Moment auf ihnen liegen, länger bei ihr als bei ihm, doch nicht auf die Art, wie man etwas begehrt, sondern wie man etwas einschätzt. „Die lassen wir gehen“, sagte er dann. Ein kurzes Schweigen folgte. Der Brecher hob leicht den Kopf. „Wenn sie gut für die Fahrt zahlen, dann haben sie in ihren Beuteln auch noch etwas für uns, da bin ich mir sicher!“ „Wenn nicht, dann stellen wir sie eben auf den Kopf, bis das Silber nur so aus ihnen herausrollt.“ „Entgegnete der Zöllner, und jetzt schaltete sich der Anführer der Bande an, der Fuchs, ohne die Stimme zu heben. „Aber damit eins klar ist; wir schneiden niemandem die Kehle auf für ein paar Münzen oder ein paar Kisten Ware.“ Einer der Männer nickte zustimmend. „Kein Blut“, murmelte er. „Nur, wenn’s nicht anders geht“, ergänzte der Brecher, mehr als Gewohnheit denn als Widerspruch. Der Zöllner stellte den Krug ab. „Wir sind keine Wegelagerer, die alles nehmen, was sich bewegt“, sagte er leise. „Der Händler fährt voll beladen durch die Gegend. Der hat mehr als genug. Und er kann sichs locker leisten“ Ein schiefes Grinsen ging durch die Runde. „Und morgen verkauft er seine Waren doppelt so teuer, dann hat ers wieder herrinnen“, meinte einer. „Eben“, sagte der Zöllner trocken. Damit war die Angelegenheit geklärt. Kein großes Unrecht in ihren Augen. Nur eine Art Geschäft, bei dem sie sich ihren Anteil nahmen. Einer der Männer erhob sich und griff nach seinem Mantel. „Ich geh schon mal raus“, sagte er. „Ich komme mit“, meinte der Brecher und stand ebenfalls auf. Der Zöllner blieb noch sitzen.
Endres bezahlte den Wirten und sie verließen den Schankraum, und mit dem Öffnen der Tür wich die Wärme schlagartig der kühlen Vormittagsluft. Der Boden vor dem Haus war noch weich vom Regen, das Licht aus dem Inneren fiel nur wenige Schritte weit hinaus und verlor sich dann im Dunkel des Fichtenwaldes. Edrans Wagen stand dort, der Händler lehnte an der an der Wagenseite, eine Hand auf dem Holz und sein Blick lag halb im Schatten, doch er hatte die beiden längst bemerkt, noch bevor sie ganz ins Freie getreten waren. „Na“, brummte er, ohne sich aufzurichten, „wieder aufgewärmt?“ Endres und Valésia hatte das unruhige Gefühl, dass sie während des kurzen Gespräches mit dem Zöllner beschlichen hatte, nicht losgelassen und es war Endres der sich an den Händler wandte. „Wir sollten weiter“, sagte er. Edran schnaubte leise, als hätte er nichts anderes erwartet, und verlagerte nur sein Gewicht, ohne sich vom Wagen zu lösen. „Sollten wir. Finde ich auch, es sind seltsame Gestalten hier“, murmelte er. Noch ehe einer von ihnen mehr sagen konnte, veränderte sich die Dunkelheit um sie herum. Zwei Männer traten aus dem Schatten, einer näher, der andere blieb etwas zurück, und beide bewegten sich langsam, aber ruhig auf den Wagen zu. Ihre Hände waren leer, ihre Haltung offen genug, um keinen sofortigen Angriff anzukündigen, doch es lag eine Klarheit darin, die keinen Zweifel daran ließ, weshalb sie hier waren. „Moin“, sagte der vordere ruhig. Edran antwortete nicht. Sein Blick ging von einem zum anderen, dann kurz zu Endres, als wolle er prüfen, ob der bereits begriffen hatte, was hier vor sich ging. Der Mann trat einen Schritt näher. Nicht genug, um die drei zu bedrängen, aber nah genug, um die Grenze zu markieren, die nun zwischen ihnen stand. „Wir machen es kurz“, sagte er in demselben ruhigen Ton. „Wir wollen keinen Ärger und auch keinen Krempel.“ Sein Blick ruhte direkt auf Edran. „Nur dein Geld.“ Er wandte sich zu Endres. „Und eures.“ Edran verzog langsam den Mund, als schmeck ihm gar nicht was er da hörte, und auch nicht, was er darauf sagen konnte. „Mein Geld“, wiederholte er, und richtete sich ein wenig auf, ohne den Wagen ganz aus der Hand zu geben. „Und was bringt euch auf die Idee, dass ich welches habe?“ Der zweite Mann ließ ein leises, fast amüsiertes Geräusch hören. „Du bist Händler“, sagte er, und in seiner Stimme lag keine Feindseligkeit, sondern eine nüchterne Feststellung. „Und wie man sieht keiner von denen, die leer fahren.“ Edrans Blick glitt kurz über seinen eigenen Wagen, dann wieder zurück zu den beiden Männern, als hätte er sich vergewissert, dass sie sahen, was sie sehen wollten. „Dann wisst ihr auch“, sagte er trocken, „dass ich nicht allein unterwegs bin.“ Der vordere Mann zuckte leicht mit den Schultern. „Sind wir auch nicht.“ Aus den Schatten schälten sich drei weitere Gestalten hervor. Valésia war ruhig neben Endres stehen geblieben, ohne sich einzumischen, doch ihre Aufmerksamkeit lag auf den Männern und ihr Herz klopfte stark. Endres selbst hatte sich nicht bewegt, keinen Schritt vor, keinen unüberlegten Griff der das Gegenüber oftmals zu unüberlegten Handlungen zwang. Er stand einfach da und beobachtete, ohne etwas zu unternehmen. Edran hingegen trat einen halben Schritt nach vorne. „Ihr habt euch den falschen ausgesucht“, sagte er ruhig. Der Mann vor ihm lächelte schmal, nicht spöttisch, eher wissend. „Das hören wir ziemlich oft.“ „Und manche haben recht“ entgegnete Edran. Der zweite Mann bewegte sich ein wenig, als wolle er enger an den Kreis heranrücken, doch der vordere hob leicht die Hand, und es war genug, um ihm Einhalt zu gebieten. „Hör zu“, sagte er und blieb dabei ruhig, beinahe vernünftig. „Wir schneiden niemandem die Kehle auf, wenn es nicht sein muss. Wir nehmen, was du bei dir hast, und dann gehen wir. Du kannst morgen weiterziehen und immer noch Gewinn machen.“ Er machte eine kleine Pause, als gäbe er Edran die Möglichkeit, das Gesagte einzuordnen. „Das ist besser für alle.“ Edran sah ihn lange an, ohne zu antworten, und in seinem Blick lag nichts von Panik, sondern eher eine Abwägung, wie viel dieser Nacht ihn kosten würde. „Ihr nehmt mir den Gewinn einer Woche“, sagte er schließlich. Der Mann zuckte leicht mit den Schultern. „Dann war es eine schlechte Woche.“ Edrans Blick glitt einen Moment zur Seite, zu Endres und Valésia, und kehrte dann zurück. Er spuckte in den Schlamm, als wolle er den Gedanken loswerden, was er gleich tun würde. Seine Hand wanderte langsam zu seinem Gürtel, nicht hastig, nicht versteckt, und löste den Beutel, der daran hing. Er wog ihn kurz in der Hand, und sein Blick verriet, dass es ihm unsagbar schwer fiel, sich davon zu trennen. Dann sah er den Mann wieder an. „Und wenn ich nein sage?“ Der Mann antwortete ruhig, ohne die Stimme zu heben, als hätte er diese Frage erwartet. „Nun, dann wird es für alle unangenehmer, als es sein muss.“
Heisses Eisen auf dünnem Eis ❖
22.03.2026 '17:57 [5.613 Wörter]
 ähneknirschend berappte Endres den Preis für die milden Gaben, welche Edran zu veräußern hatte. Doch in Endres schwoll ein tiefer, dunkler Groll an, als er diesem Mistkerl das Geld in die dicken, schwieligen Griffel drückte. Wenn es wenigstens hochwertige Ware gewesen wäre. Doch die Preise waren scheinbar völlig willkürlich, aus der Situation heraus, entstanden. Und dieser Umstand wurmte Endres wohl am allermeisten. Auch wenn er sich vermutlich insgeheim eingestand, dass es in diesem Land kaum Menschen gab, die einfach aus Güte und Mildtätigkeit anderen, völlig Fremden, ihre Hilfe anbieten würden. Zumal Edran ziemlich sicher wusste, dass hinter Endres und Valésia mehr zu sein schien, als ihre fadenscheinige Fassade offenbarte. Gerade dieser Umstand war Endres mehr als bewusst und er war erfahren und schlau genug, darauf zu achten, dass Edran nicht noch mehr über sie erfahren würde. Sie mussten diesen miesen Seelenverkäufer so schnell wie möglich loswerden, bevor noch schlimmeres Unheil drohte. Die Reise zu den Zwillingen würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, doch Endres ganze Hoffnung lag derzeit darauf endlich die große Zollbrücke zu überqueren und die südlichen Königreiche zu betreten.
Der Regen hatte endlich nachgelassen und auch wenn inzwischen kein Schnee mehr lag, so war dem Land der Winter noch durchaus anzumerken. Es war fröstelnd kalt und nach dem abgeflauten Wolkenbruch zogen immer wieder frische Winde über die Ebene. Endres war sichtlich bemüht Valésia vor dem Wind und dem Wetter abzuschirmen, doch manche Dinge…viele Dinge…lagen einfach weit außerhalb seines Einflusses. Nun galt es einfach das Beste aus der Situation zu machen um nicht noch an einer Lungenentzündung zu erkranken. Umso dankbarer war Endres, als das Schicksal ihnen einen kleinen Gasthof bescherte, welcher sich langsam aus der Dunkelheit schälte, je näher sie ihm kamen. Und wenn Endres sich ehrlich war, war er auch froh darüber, dass Edran entschieden hatte, bei seinem Wagen zu bleiben. Seine Geduld war ohnehin schon überstrapaziert worden und wenn er nun auch noch mit diesem geldgierigen Fettsack im Gasthaus sitzen müsste, und sich gezwungen sah mit ihm zu unterhalten, würde dies seiner Stimmung nicht erträglich sein. Doch Endres hatte sich zu früh gefreut. Anstatt sich von Edran belästigen lassen zu müssen, erdreistete sich ein völlig Fremder, sich einfach zu ihnen an den Tisch zu setzen und sehr ungewöhnliche Fragen zu stellen. Fragen, die weit über die normale, belanglose Plauderei hinausgingen. Endres bemühte sich, möglichst kurz angebunden zu bleiben, um diesen ungebetenen Gesellen zu verstehen zu geben, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. Doch entweder verstand er den Wink mit dem Zaunpfahl nicht, oder Endres war zu subtil. Oder es interessierte ihn einfach nicht. Doch die Fragen wurden immer direkter und so langsam beschlich Endres das unheimliche Gefühl hier ausgehorcht zu werden. »Verzeiht.«, unterbrach Endres den unhöflichen Mann, der trotz seines Mangels an Diskretion eine sehr gewählte Ausdrucksweise pflegte, und sah diesem direkt in die Augen. »Wir kennen euch nicht. Und wir sind hier nur auf der Durchreise. Es war eine anstrengende Reise. Und wenn es euch nichts ausmacht, würden wir gerne alleine sein.« Der Mann, den seine Kumpanen nur den Zöllner nannten, lächelte milde. Doch selbst nach dieser zarten Andeutung, schien er weiterhin ein reges Interesse an den Beiden zu hegen. »Ihr reist also zu zweit.« Endres Kiefer begannen zu malen und er fixierte den Mann mit starren Blicken. »Guter Mann…«, erhob der Paltore und strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. »Wir mögen vielleicht nicht aus dieser Gegend sein. Das ist ja offensichtlich.« Da lachte der Zöllner leise. »Gewiss. Das ist nicht zu übersehen.« Endres überging diese Spitze. »Aber dort, wo wir herkommen, lässt man einen gewissen Anstand walten. Und wie ich bereits erwähnt habe, würden wir es vorziehen, unbehelligt zu bleiben.« Das Lächeln des Zöllners verschob sich zu einem wissenden, beinahe hinterlistigen Grinsen. »Ich verstehe. Ihr wollt, dass ich mich in Luft auflöse.« Endres starrte den Mann mit stechenden Blicken an und nickte. »Ihr habt es also verstanden.« Der Zöllner erhob sich und nahm seinen Humpen am Henkel um diesen geräuschvoll über den Tisch zu ziehen. Endres räusperte sich. »Versteht mich nicht falsch, werter Herr.«, wandte Endres daraufhin noch ein. »Wir hatten eine lange Reise“, sagte er ruhig und sichtlich bemüht die richtigen Worte zu wählen, da er die Beweggründe seines Gegenübers nicht wirklich einzuschätzen vermochte. »Die Nacht war nicht gnädig. Wenn Ihr es uns nachseht, würden wir uns jetzt gern zurückziehen.« Da lächelte der Zöllner freundlich. »Natürlich. Ich habe eure Geduld zu sehr strapaziert. Verzeiht.« Damit erhob er sich und nahm seinen Becher vom Tisch. »Man sollte sich ausruhen, solange man kann.« Nach diesen Worten ging er zurück zu seinen Kumpanen. Endres sah ihm dabei misstrauisch nach, bis er sich schließlich gesetzt hatte. »Was sollte das?«, zischte Valésia leise. Endres senkte die Stimme und rückte etwas näher an Valésia heran. »Wir müssen auf der Hut sein. Diese Kerle da…« Er nickte unauffällig in die Richtung der Gesellen, zu welchen dieser seltsame Kauz gehören zu schien. »…die führen irgendwas im Schilde. Und das verheißt nichts Gutes.« Endres nahm seinen Becher und tat einen kräftigen Schluck, während er seine Blicke immer wieder zu den seltsamen Gestalten wandern ließ. Auch ließ er seine Blicke durch den Raum wandern. Doch außer ihnen, und diesen sechs, waren sonst nur der Wirt selbst und zwei traurige Gestalten in einer abgeschiedenen Ecke auszumachen. Keine Helden. Keine Recken. Keine Soldaten. »Das riecht nach Ärger…«, murmelte Endres und sein Kopf begann zu arbeiten. »Wir sollten gehen. Uns auf die Pferde setzen und so schnell wie möglich diesen Ort hinter uns lassen.« Valésia nickte verstehend. »Wir reiten bis die Pferde nicht mehr können. Wir lassen diesen Edran hinter uns und hoffentlich begnügen sie sich mit ihm.« Endres erhob sich und reichte Valésia seine Hand dar, um mit ihr das Wirtshaus zu verlassen.
Doch Endres Plan sollte schon bald in sich zusammenstürzen wie ein Kartenhaus im Wind. »Wenn wir bei den Pferden sind, dann steig auf und reite. Schau nicht zurück. Reite einfach. Ich werde dich einholen. Verstanden?«, schärfte Endres Valésia ein und diese nickte nur. Das ungute Gefühl, welches sich ihrer bemächtigt hatte, konnte man förmlich in ihren Augen sehen. Endres nahm ihre Hände in die seinen und küsste sie sanft. »Es wird schon gut gehen. Glaube mir. Das ist nicht die erste unangenehme Situation, in welche ich geraten bin. Und es wird auch nicht die letzte sein.« Endres‘ Worte schienen Valésia ein wenig zu beruhigen und sie nickte abermals, was Endres mit einem erleichterten Seufzer quittierte. Sie verließen den Raum und traten hinaus in die dunkle Nacht. Edran stand bei seinem Wagen und wirkte sichtlich angespannt. Endres kam nicht umhin zu bemerken, dass er sich anders verhielt, als noch zuvor. Das unbekümmerte Lächeln. Die lockere Haltung. Alles hatte sich verändert. »Na? Wieder aufgewärmt?«, erkundigte sich Edran und Endres nickte, während er seine Hand in Valésias Rücken legte, um sie sanft zu führen. »Wir sollten weiter.« Bei diesen Worten warf er einen flüchtigen Blick über die Schulter, in der Erwartung, dass diese unheimlichen Gestalten ihnen gefolgt waren. Doch noch war von ihnen keine Spur zu sehen. In Endres keimte der flüchtige Gedanke auf, dass er sich vielleicht umsonst Sorgen gemacht hatte? »Ganz recht. Sollten wir. Es treiben sich seltsame Gestalten hier herum.« Edran schickte sich an auf seinen Wagen zu klettern, als sich zwei Gestalten aus den Schatten schälten. Sie waren nicht aus dem Gasthaus gekommen, sondern schon hier gewesen, als Endres und Valésia gerade erst herausgekommen waren. Endres Blicke huschten zu den Gestalten, doch er konnte sie nicht so richtig erkennen, da das Licht sehr spärlich ausfiel und ihnen nur in den Rücken schien. Endres hielt inne und beobachtete die Scharade, welche ihnen sogleich zur Schau gestellt wurde. Und während die Männer sprachen, beobachtete Endres. Er achtete auf jedes kleine Detail, sei es auch noch so unbedeutend. Man wusste nie, wozu so ein kleines Detail später von Nutzen sein mochte. Einer der Männer trat hervor und legte eine gelassene Lockerheit an den Tag, die falsche Sicherheit vortäuschen sollte. »Moin, wir machen es kurz.« Während die Männer sprachen und klar und unmissverständlich zum Ausdruck brachten, was ihr Begehr war, arbeitete Endres fieberhaft an einer Lösung. Dies war keine gewöhnliche Situation aus der man sich einfach herausreden konnte. Endres wurde schlagartig bewusst, dass es hier um Kopf und Kragen ging und auch nur ein Fehltritt zu einer unvorhersehbaren Eskalation führen würde. Auch wenn Edran bewiesen hatte, dass er alles an jeden verkaufen konnte, so war Endres sich gewiss, dass diese Gesellen sich nicht so einfach mit Worten einlullen lassen würden. Er drückte seine Hand noch etwas näher in Valésias Hüfte und deutete heimlich zu ihren Pferden. »Nimm mein Pferd.«, zischte Endres so leise, dass selbst Valésia es kaum hören konnte. Das Pferd der Komtess stand zwar näher, doch Endres Gedanken galten in diesem Moment nicht nur der Komtess und ihrer Sicherheit. In den Satteltaschen seines Pferdes war der Löwenanteil ihrer Barschaft versteckt. Endres schalt sich einen Narren. Er hätte es besser aufteilen sollen! Natürlich lag der Beutel mit den Geldstücken nicht ganz oben auf dem Präsentierteller. Man musste schon die ganze Tasche ausleeren und all den Proviant, die Reisekleidung und all den unnützen Plunder, den Endres fein säuberlich darüber aufgeschichtet hatte, herauszerren. Doch letzten Endes waren es nur zwei einfache, lederne Satteltaschen. Es gab keine Geheimfächer. Sie würden es finden! Und wenn sie es gefunden hätten, würden sie es an sich reißen und Endres sowie Valésia ins finanzielle Chaos stürzen!
Endres bisss ich auf die Lippen. Was auch immer diese Nacht brachte. Er musste das drohende Unheil irgendwie abwenden. Und wenn er dafür die kleine Börse opfern musste, welche er bei sich trug, nur um von dem großen Wurf abzulenken. Edran indes hegte wohl dieselben Gedanken. Auch er dachte nicht im Traum daran sein hart erwirtschaftetes Geld ein paar dahergelaufenen Straßendieben zu überlassen. Und er würde auch nicht scheuen Endres und Valésia ans Messer zu liefern, nur um besser auszusteigen. Die Situation war brisant und völlig unvorhersehbar. Niemand der Anwesenden kannte einander so recht. Mit Ausnahme der Bande selbst. Die Bande schien gut eingeschworen zu sein. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Endres und Valésia waren vom Schicksal gebeutelt und innerlich musste Endres bitter lächeln. Was hatten sie nur verbrochen, dass ihnen auch überhaupt kein Glück beschienen wurde? Und Edran? Im Gegensatz zu Endres, schien er völlig gelassen und der Dinge harrend, die da kommen mögen. Vermutlich hatte er schon öfter als dieses eine Mal Bekanntschaft mit Gaunern und Halunken gemacht. Für ihn war dies keine neue Erfahrung. Doch für Endres stand viel mehr auf dem Spiel als für Edran. Zweifellos war Edran Mitglied der Handelszunft. Man würde für seinen Verlust aufkommen. Ihn aus der Kassa auslösen. Doch für Endres ging es hier ums nackte Überleben. Nicht um Blut oder Tod, auch wenn diese zweifellos mit im Raum schwebten. Doch ohne Geld waren sie dem Untergang geweiht. Endres verspürte einen kalten Schauer im Nacken und einen eisigen Stich im Herzen. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto weniger wollte ihm eine Lösung einfallen.
»Ihr habt euch den Falschen ausgesucht.«, entgegnete Edran bestimmend. In seinen Worten schwang eine unüberhörbare Ernsthaftigkeit mit. Er war entweder ein sehr geschickter Schauspieler, oder war sich seiner Sache sehr sicher. Man würde nie auf den Gedanken kommen, dass Edran es so faustdick hinter den Ohren hatte. Er war dick. Sein Haar schon grau meliert. Er trug keine Rüstung und keine offenen Waffen. Eigentlich war er das perfekte Paradebeispiel für einen arglosen und hilflosen Händler. Keine Wachen. Keine Begleitung, außer einem nichtsnutzigen Lügenbaron und einer edlen Dame die Zeit ihres Lebens in einem behüteten, goldenen Käfig aufgewachsen war. Weitere Personen näherten sich und Endres zählte insgesamt sechs. Fünf Männer und eine Frau. Die Frau hielt eine Armbrust in der Hand und Endres bemerkte, dass ein Bolzen eingelegt worden war. Die Sache wurde ernst. »Das hören wir ziemlich oft.«, entgegnete der Sprecher mit einer leicht spöttischen Stimme. Das verbale Kräftemessen hatte bereits begonnen. Doch jeder der Anwesenden konnte die Anspannung fühlen. Es kam ein wenig Unruhe in die Männer, doch der Rädelsführer, jener mit der charismatischen Stimme, gebot ihnen Einhalt, indem er seine Hand erhob. »Hört zu. Wir schneiden niemandem die Kehle auf, wenn es nicht sein muss.« Bei diesem Gedanken zuckten unweigerlich Bilder durch Endres Geist. Bilder von seinem Blutsbruder, wie er auf dem Platz von Olathor enthauptet wurde. Bilder von dem toten Spielmann, wie er in seinem eigenen Blut sein Lebenslicht verlor. Edran hingegen zuckte nur mit den Schultern. Der Rädelsführer sprach weiter und gab klar zu verstehen, dass ihnen eigentlich keine andere Wahl blieb, als gehorsam die Taschen zu leeren um unbeschadet von dannen zu ziehen. Endres überlegte. Wie konnte er sicherstellen, dass sie sich mit der geringen Barschaft, die er am Gürtel trug, zufriedengeben würden? Wie konnte er verhindern, dass sie einen tieferen Blick in seine Taschen wagten?
Edran spuckte in den Schlamm und begann seinen Beutel zu lösen. »Und wenn ich Nein sage?«, erkundigte sich Edran, wohlwissend welche Antwort er daraufhin erhalten würde. »Dann wird es für alle Beteiligten deutlich unangenehmer, als es sein muss.«, entgegnete der Redner. Edran warf Endres einen flüchtigen Blick zu. Der Beutel, auf welchem sich seine Initialen eingestickt befanden, lag schwer in Edrans Hand. Er warf einen Blick auf den Redner, welcher ihn wissend anlächelte und dann auf all die anderen Personen, welche hier und da aufgefächert standen, wie in einer einstudierten Formation. Doch Edran schwieg. Und der Beutel verharrte weiterhin in seiner Hand. Als der Redner, welchen seine Kumpanen nur den Fuchs nannten – vermutlich, weil er rotes Haar hatte, oder weil er so schlau wie ein Fuchs war – regte sich ebenso wenig. Er hatte genug Zeit. Sie waren hier im Niemandsland. Weit und breit keine Wachen. Keine Helden und keine Ritter. Und es war finstere Nacht. Die Dunkelheit war auf ihrer Seite. Als Edran nicht weitersprach, kam erneut Unruhe in die Männer. Nach einigen kurzen, verschwörerischen Blicken, wandte sich der Fuchs aber wieder Edran zu. Die übrigen Falken blieben angespannt und wachsam. Endres hingegen erkannte in dieser Situation die Gelegenheit, Valésia ins Abseits zu schieben. »Wir haben nur diesen Versuch.«, raunte er ihr bedächtig ins Ohr. »Los, zu den Pferden und halte dich an das was ich dir gesagt habe.« Valésia nickte. Kaum merklich. Es war mehr ein kurzes Zittern, als ein Nicken. Doch Endres hatte es bemerkt. Er machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, und Valésia folgte ihm. Schritt um Schritt näherten sie sich den Pferden, während Endres darauf achtete, dass niemand Valésia zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Endres konnte schon den Geruch der Pferde in der Nase wahrnehmen und wähnte Valésia in Sicherheit. Doch da hatte er die Rechnung ohne Varelle gemacht. Die Frau mit der Armbrust hatte ihre Blicke auf die beiden geheftet und die Unruhe, welche die beiden ergriffen hatte, bemerkt. »Du!«, äußerte sie in einem scharfen, direkten Tonfall und deutete auf Valésia. Sie richtete ihre Armbrust auf die Komtess, was Endres sogleich dazu brachte, seine Liebste schützend hinter sich zu bugsieren. Die Frau, welche den Namen Varelle trug, lächelte dünn. »Der edle Recke. Willst du den Bolzen für sie fangen? Doch wenn du tot auf dem Boden liegst, wer schützt dann dein Weib?« Endres legte die Stirn in Falten. »Dein Anführer hat versprochen, dass kein Blut fließen wird. Willst du diesen Schwur etwa brechen?« Da lachte die Frau bitter und ließ die Armbrust ein Stück weit sinken, doch hielt sie weiterhin schussbereit auf Valésia gerichtet. Das Herz in Endres Brust pochte als ob ein Wahnsinniger darauf herumtrommeln würde und er atmete einen tiefen Atemzug ein, behielt ihn lange in sich, und entließ ihn wieder lautlos. »Er hat ein Schwert…«, stellte der hagere Mann im Hintergrund, den seine Kumpanen nur die Krähe nannten, fest. Endres kam nicht umhin an sich herabzusehen, und ebenfalls zu bemerken, dass das verräterische Kreuz der Parierstange aus dem Mantel lugte. Er schlug die Augen nieder und lächelte matt. In manchen Situationen war es ratsam den Schwachen zu mimen. Und in machen war es von Vorteil den Starken zu mimen. Diese Recken waren gut vorbereitet. Doch zweifelsohne hatten sie oft nur mit unbewaffneten, oder wehrlosen, Händlern zu schaffen. Ein bewaffneter Mann war eine andere Sache. Endres legte sogleich seine Hand auf den Schwertgriff. Er hatte sich entschieden den Starken zu mimen.
Varelle hob sogleich wieder die Armbrust und richtete sie dieses Mal auf Endres. »Waffe weg!«, befahl Varelle und Endres lächelte matt. »Nun. Immerhin habe ich euch dazu gebracht, die Armbrust nicht mehr auf mein Weib zu richten.« Einer der Männer trat aus den Reihen hervor und näherte sich Endres. »Mit Verlaub. Händigt mir das Schwert aus, und wir versprechen, dass euch kein Leid widerfährt.« Da lachte Endres bitter. »Wir wissen nicht, wie es um eure Ehre bestellt ist. Euer Schwur ist nichts weiter als Schall und Rauch.« Da nickte der Mann, den alle nur den Fuchs nannten. »Gewiss. Doch welche Wahl bleibt euch sonst? Wir sind zu sechst. Ihr nur ganz allein. Eure Begleitung ist eine Dame und ein alter Händler.« Er warf sowohl Valésia als auch Edran einen entschuldigenden Blick zu, in welchem man aber erkennen konnte, dass er es mit der gespielten Reue nicht so ernst nahm. Varelle trat einige Schritte näher heran und begann um Endres und Valésia herum zu gehen, als wären die beiden zwei Statuen, die sie genauer in Augenschein nehmen wollen würde. Sie schritt langsam und bedächtig. Auf und ab. Vor und zurück. Und irgendwann stand sie hinter Valésia und der Brecher näherte sich Endres von vorne. »Das Schwert.«, befahl er in einem ruhigen aber bestimmenden Befehlston. Endres versuchte einen Blick über die Schulter zu werfen, um Varelle im Blick zu halten, doch der Brecher machte ihm einen Strich durch die Rechnung. »Hier spielt die Musik«, Er schnippte mit den Fingern und zwang Endres so wieder sich ihm zu widmen und Valésia wurde Varelle überlassen. »Ergebt euch, und eurem Weib wird nichts geschehen.« Der Fuchs lächelte milde doch alles an diesem Lächeln war falsch. Instinktiv wusste Endres, dass hier viele falsche Worte gesprochen wurden. Es war das trügerische Gefühl, welches ihn erfüllte. Nicht die Erwartung. Oder die traurige Erkenntnis. Etwas tief in ihm wusste, dass der Fuchs nicht die Wahrheit sprach. Endres seufzte niedergeschlagen und hob dann stolz das Kinn. »Ihr lügt. Ich kann es in euren Augen sehen!«
Es wurde schwarz. Noch schwärzer, als die Nacht dunkel war. Endres sah die offene Hand kaum kommen, da hatte der Brecher ihn auch schon mit voller Wucht im Gesicht getroffen. Schmerz stach in Endres Nase und es wurde beißend und dann warm. Blut. Ein unangenehmer Stich durchfuhr Endres und er fühlte, dass dieser Schlag ihm die Nase gebrochen hatte. Endres sackte zusammen und ging auf dem matschigen Grund zu Boden. »Endres!«, japste Valésia erschrocken und trat einen Schritt vor, um sich ihrem Liebsten zu nähern. Doch Varelle hielt Valésia davon ab. Sie ergriff die Komtess am Arm und hielt sie zurück, während der Brecher sich über Endres beugte, um ihm den Schwertgurt zu öffnen. Varelle strich Valésia durchs Haar. Es war eine Geste der Provokation und Valésia, schockstarr wie sie war, ließ es über sich ergehen. »So schönes, weiches Haar.«, säuselte Varelle und hielt dann einige Haarsträhnen in der Hand um sie zwischen den Fingern zu reiben und zu fühlen. »Und so schöne, helle Haut.« Sie trat einen Schritt vor, während der Brecher endlich den Gurt gelöst hatte und Endres das Schwert entrissen hatte. Er zog die Klinge einige Zoll weit aus der Scheide und warf einen prüfenden Blick auf den blanken Stahl. »Gute Qualität.«, stellte er nüchtern fest. Er drückte mit dem Daumen auf die Klinge und brummte nachdenklich. »Scharf.« Der Fuchs runzelte die Stirn. Hochwertiger Stahl und eine Dame, die edler wirkte, als sie wollte. Das hatte ihn misstrauisch gemacht. Er trat nun ebenfalls an Valésia heran und baute sich vor ihr auf. »Zeigt mir eure Hände.«, befahl er und Valésia, welche unsicher mit den Händen in ihren Ärmeln nestelte, gehorchte schließlich. Sie hob die Hände und der Falke warf einen prüfenden Blick darauf. Saubere Fingernägel, zierliche Finger. Keine Schwielen. All diese feinen Details entgingen ihm nicht. »Ihr habt noch nie harte Arbeit verrichten müssen, nicht wahr?«, stellte der Fuchs fest und Valésias Reaktion darauf war ihm Antwort genug. Er warf erneut einen Blick auf die Finger und lächelte erneut dieses diebische, wissende Lächeln. Denn ihm war diese helle Stelle, an welcher sich einst ein Ring befunden haben musste, nicht entgangen. Die Spuren jenes Ring, welchen Valésia ihr Eigen nannte und ihr letztes Erinnerungsstück an ihre Familie darstellte. Eben jener Ring, welcher sich, gut verwahrt, in den Satteltaschen befand. Zusammen mit der Ausbeute und all dem Gold. Die Haut um den Ring herum zeigte noch die Spuren davon und waren ein stummes, verräterisches Zeugnis. »Wo ist der Ring, den ihr an diesem Finger getragen hattet?« Valésia hob scheu die Augen und sah dem Anführer der Falken in die Augen. »Gestohlen.« Der Fuchs lächelte matt. »Gestohlen?«, hakte er nach und legte dabei den Kopf schief. »Von Halunken wie euch.«, setzte Valésia nach und der Mann lächelte noch dünner. Varelle stieß ein kehliges Glucksen aus, was man wohl als eine Art Anerkennung oder Kompliment auffassen mochte. Doch die Falken waren keine Narren. »Ich würde euch ja gerne Glauben schenken, meine Dame. Doch irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass ihr nicht die Wahrheit sprecht.«
Mit diesen Worten ließ der Fuchs Valésias Hände wieder los und überließ sie Varelle. Sein Schritt war forsch. »Was hat das zu bedeuten?« Seine bisher so ruhige Stimme wirkte nervöser. Er warf sowohl Endres, der noch immer im Dreck hockte, als auch Edran abwechselnde Blicke zu. Edran, der wie angewurzelt an seinem Wagen stand und noch immer den Beutel in der Hand hielt, erwiderte den Blick mit stoischer Ruhe. »Wer sind die beiden?«, verlangte der Fuchs zu erfahren und wandte sich an Edran. »Adelige?« Da lächelte Edran dünn. Er wusste es natürlich auch nicht. Doch er war ein schlauer Mann. Jeder wusste, dass schon allein auf Wegelagerei der Strick drohte. Doch das Bedrohen oder gar Töten von Adeligen, zog drakonische Strafen mit sich. Die Falken hatten so lange überlebt, da sie sich nie mit den Falschen angelegt hatten. Einfache, reiche Händler. Kleine Landadelige ohne Beziehungen. Niemand, der ihnen auf die Schliche kommen konnte, oder ihnen ernsthafte Probleme bescheren konnte. Der Fuchs witterte in all diesen Anzeichen eine Sache die aus dem Ruder laufen konnte. Und er wollte um jeden Preis die Kontrolle behalten. Doch Edran wollte um jeden Preis sein Geld behalten. Und auch wenn er nicht wusste, wer Endres und Valésia in Wahrheit waren, so wusste er doch, dass sie etwas zu verbergen hatten. Schon allein diese seltsame Sache in der Ahle. Als sie den Ritter belogen hatten und Edran für sie in die Bresche gesprungen war. Edran lächelte breiter und ließ die Hand, in welcher er noch immer seinen gelösten Beutel hielt, sinken. »Wie ich sagte. Ihr legt euch mit den Falschen an.« Mehr sagte er nicht. Mehr musste er auch gar nicht sagen. Diese wenigen Worte streuten genug Unheil und Ungewissheit, so dass der Fuchs unruhig wurde. »Wir sollten uns sputen. Wir raffen zusammen, was wir bekommen können, und machen uns vom Acker.« schlug der Haken vor und der Fuchs nickte nachdenklich. »Haken. Hol die Pferde.«, befahl der Fuchs und der hagere Mann stieß sich von der Wand ab, an welcher er die ganze Zeit über gelehnt hatte. »Wir gehen nicht mit leeren Händen, alter Mann. Das ist dir sicher klar.« Er deutete auf Edran und warf kurz darauf einen nachdenklichen Blick auf Valésia. »Und sucht den Ring! Sie hat ihn sich sicher gerade erst vom Finger gezogen!« Der Fuchs wollte wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Drohte wirkliche Gefahr? Oder war dies nur ein Hirngespinst?
Varelle stellte sich vor Valésia und deutete einen unbeholfenen , eher spöttischen, Knicks an, während sie dabei zynisch grinste. Anschließend löste sie dann den Bolzen aus der Armbrust, damit sie diese an ihren Gürtel hängen konnte. »Zeig deine Taschen her.«, befahl sie und zog Valésias Hände auseinander. »Los, keinen Widerstand und dir wird nichts passieren.« Varelle begann Valésia zu durchsuchen, doch allzu viele Taschen hatte die Komtess nicht, welche es zu durchsuchen galt. »Kein Ring.«, stellte Varelle ernüchternd fest und der Fuchs kniff misstrauisch die Augen zusammen. Doch dann heftete sich sein Blick auf Endres, der noch immer am Boden lag und voll mit Matsch und feuchter Erde besudelt war. »Er muss ihn haben. Filzt seine Taschen!«, befahl er und daraufhin trat der Brecher hervor und begann Endres abzuklopfen, bis er schließlich den kleinen Beutel gefunden hatte, den er bei sich trug. Er riss den Beutel vom Gürtel und lächelte wissend. Doch als er den Inhalt in seine Hand schüttete, kehrte eine düstere Ernüchterung in seinen Gesichtsausdruck. »Was? Nur ein paar Silbermark und sonst nur Kupfer?«, stellte der Brecher ernüchternd fest und warf Endres einen mürrischen Blick zu. »Mehr haben wir nicht!«, flehte Endres, der nun seine Gelegenheit gekommen sah, endlich aus dem Fokus der Bande zu geraten. »Wir hatten viele Rückschläge. Diebe…und Betrüger. Und diese gierigen Händler, die einem selbst nach einem Wolkenbruch die letzten Münzen aus der Tasche ziehen um uns wärmende Decken zu verkaufen!« Endres warf daraufhin einen flüchtigen, fast giftigen, Blick in Edrans Richtung. Doch der Blick war nicht unbedacht. Er hatte ihn ganz gezielt eingesetzt. Der Blick verfehlte seine Wirkung nicht und genau das hatte Enders sich erhofft. Endres hatte diesen Blick lange geprobt. Früher, bevor er Valésia kennengelernt hatte. Es war dieser flüchtige, strafende Blick. Der kein klares Ziel hatte und doch jedermanns Aufmerksamkeit auf eben jenen Punkt lenkte, ohne dass Endres etwas sagen musste. Der Fuchs folgte seinem Blick und seine Augen trafen die von Edran Silberhand. »Ist das wahr, Händler?«, erkundigte sich der Fuchs und trat nun einen Schritt näher an den so schweigsamen Händler heran. Dieser wirkte hin und hergerissen. Zwischen dem Schachzug, welchen Endres soeben begangen hatte, indem er ihn ans Messer geliefert hatte, und dem Umstand, dass er wirklich, ohne jede Skrupel, selbst seiner eigenen Mutter einen Kanten Brot verkaufen würde, selbst wenn diese kurz davor wäre zu verhungern. Edran versuchte es zu verbergen und setzte eine ruhige Miene auf. Doch die Krähe durchschaute es. »Er hat was zu verbergen.«, stellte die Krähe fest. »Seine Augen…Sie zucken.« Nun war der Fuchs vollends sicher, dass hier ein faules, falsches Spiel getrieben wurde. »Haltet uns nicht zum Narren! Wir waren bisher gnädig. Doch wir können auch andere Saiten aufziehen.« Die Stimme des Mannes, welche bisweilen so nüchtern und kontrolliert geklungen hatte, wurde hörbar ungeduldiger. Der Fuchs hatte sein Schwert gezogen und richtete es auf Edrans Brust. »Keine Spielchen mehr!« Da seufzte Edran niedergeschlagen. »Also gut. Ich hänge an meinem Leben...und an meiner Nase.« Mit diesen Worten warf er einen anklagenden Blick auf Endres, welcher mit blutigem Gesicht im Dreck saß. Er trat an seinen Wagen heran, zog eine Plane beiseite und offenbarte so eine kleine, hölzerne Kiste. »Hier. Bitte.« Er bemühte sich eine theatralische, niedergeschlagene Miene aufzulegen, während er beiseitetrat um den Blick auf die Kiste zu gewähren. Der Fuchs sah das hochwertige, polierte Holz. Die Intarsien und den kunstvoll geschmiedeten Verschluss. Die Kiste allein war schon ein kleines Vermögen wert. Gierig funkelte es in den Augen des Anführers der Falken. Welche Schätze waren wohl in dieser Kiste verborgen? Vielleicht auch der Ring dieser Frau? Er wedelte mit der freien Hand. »Zöllner. Sieh nach, was darin ist.«, befahl er, während er Edran weiterhin in Schach hielt.
Varelle hielt Valésia an den Handgelenken und der Brecher stand vornübergebeugt vor Endres, und zwang ihn so auf den Boden um ihn daran zu hindern wieder aufzustehen. Alles war unter Kontrolle. Der Fuchs wusste, dass sie die Oberhand hatten. Jeden Augenblick würde der Haken mit den Pferden kommen. Dann würden sie die Beute verladen und sich aus dem Staub machen. Das heiße Eisen, welches sie hier angefasst hatten, würde eine kleine Narbe hinterlassen, die keiner Rede wert sein würde. Morgen schon würden sie darüber lachen und bei einem Bier über die drei Narren, die sie ausgenommen hatten, scherzen. Doch jetzt galt es die Kontrolle zu bewahren. Der Fuchs verstärkte den Griff um sein Schwert und zwang sich zur inneren Ruhe. Er musste Herr der Lage bleiben. Dieses Rätsel, dass sich ihm hier aufgetan hatte, bestand aus so vielen kleinen Mosaiken. Und auch wenn er dem Ganzen zu gerne auf den Grund gegangen wäre, so war das Eis, auf dem sie sich hier befanden, viel zu dünn. Wenn diese Frau wirklich eine hohe Adelige war, dann würde er sich die Finger an ihr verbrennen. Und er hatte nicht all die Jahre unbehelligt überlebt, nur um jetzt einen unbedachten Fehler zu begehen. Der Zöllner trat an die Kiste heran und schob den Riegel beiseite. Langsam und bedächtig, als erwartete er einen unermesslichen Schatz darin, hob er den Deckel an, um zu offenbaren was sich darin befand. Sein Blick fiel auf das Objekt, welches sich darin befand und seine Augen wurden größer. »Bei allen Göttern.«, staunte der Zöllner und schob den Deckel weiter auf. Der Fuchs trat einen unruhigen Schritt hervor. »Was ist es?«, verlangte Varelle zu erfahren, welche schon unruhig wurde und am liebsten Valésia losgelassen hätte, um selber nachzusehen. Als er den Deckel zur Hälfte geöffnet hatte, ratterte ein kleiner Mechanismus im Inneren der Kiste. Kaum wahrzunehmen. Es folgte ein Klick, und dann rastete eine Feder ein.
Ein unmenschlicher Schrei hallte durch die Nacht. Ein Schrei voller Schmerz und Bitterkeit. Der Zöllner schrie wie am Spieß und wandte sich wie ein tollwütiges Tier. Als die Feder eingerastet war, hatte Edrans Falle zugeschnappt. Eine kräftige Bärenfalle. Die eiserne Klaue hatte beide Hände des Zöllners erfasst und zerquetscht. Die Handgelenke waren gebrochen, zwei seiner Finger waren genau zwischen den Eisen eingeklemmt worden, und bei jedem Versuch sie zu befreien, riss er die Wunde noch tiefer auf. Die eisernen Zähne hatten sich tief in das Fleisch gebohrt. Edran grinste breit und der Fuchs zuckte erschrocken zusammen. »Ihr wollt mein Geld?«, rief Edran lauthals und schwang den Beutel, den er bis dahin die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, donnerte er dem Fuchs den schweren Beutel ins Gesicht. Der Sack gab unter dem Aufprall nach und öffnete sich. Einige der Kupferstücke, die sich darin befunden hatten, segelten in den matschigen Boden. Unter der Wucht des Aufpralls brach die Nase des Anführers und Tränen trieben ihm in die Augen. Schmerzerfüllt schrie er auf und trat einen Schritt zurück. Doch er behielt das Gleichgewicht, auch wenn das Schwert nun nicht mehr auf Edrans Brust gerichtet war.
Der Brecher schreckte hoch, als des Zöllners gequälter Schrei erklungen war. Er wandte den Kopf zur Seite um in jene Richtung zu schauen. Und in genau diesem Moment ergriff Endres die Gelegenheit beim Schopf. Er warf sich auf den Rücken und hieb dem Brecher, mit aller Kraft die er aufbringen konnte, seinen Stiefel ins Gemächt. Allerdings sah der Brecher den Schlag kommen und packte Endres am Fußgelenk. »Du kleiner Hund!« bellte der Brecher und zog Endres durch den Matsch zu sich. Der Tumult entbrannte vollends. Varelle packte Valésia an den Haaren und zerrte sie zu sich. Und die ganze Zeit über brüllte der Zöllner als würde er unter der Folter der paltorischen Inquisition stehen. Die Pferde wurden unruhig. Besonders Valésias Pferd, welches schon immer etwas schreckhafter war. Dies war auch einer der Gründe warum Endres sie gebeten hatte sein Pferd zu nehmen um zu fliehen. Und natürlich auch weil das ganze Gold in seinen Taschen war. Die Stute begann zu tänzeln. Sie drehte sich und wurde nervöser. Sie schnaubte und wieherte. Der Brecher hob Endres‘ Schwert in die Höhe. Noch war es in der Scheide, doch ein Hieb damit würde genügend Schaden verursachen, dessen waren sich sowohl der Brecher als auch Endres mehr als bewusst. Endres, welcher sich wie eine Made im Schlamm suhlte, sah den Hieb kommen. Alles, was er machen konnte, war sich schützend die Arme vor das Gesicht zu halten, um den Schaden einzugrenzen. Valésia riss sich von Varelle los und stürzte auf die Stute zu. Konnte sie entkommen? Endres sah, wie seine Angebetete das Pferd erreichte. Und aus den Augenwinkeln sah er wie der Brecher das Schwert, mitsamt der Scheide, auf ihn niederschmettern wollte. Valésia packte die Zügel und drückte sich an das Pferd. Sie stellte einen Fuß in den Steigbügel um sich hinauf zu schwingen. Doch da hatte Varelle sie wieder erreicht. Sie packte Valésia am Rock und riss sie zurück. »Hier geblieben, du kleine Schlampe!«, zischte Varelle. Doch die Komtess wusste sich zur Wehr zu setzen. Sie schlug mit dem Ellenbogen nach Varelle aus. Versuchte sie zu kratzen. Sie versuchte alles, was ihr möglich war, sich aus ihrem Griff zu befreien. Doch Varelle war in dieser Hinsicht die stärkere. Valésia wurde rüde von dem Pferd zurück gerissen und da geriet die Stute vollends in Panik. Sie trat aus. Einmal und zweimal. Und beim dritten Austritt trafen die eisenbeschlagenen Hufe den Brecher mitten auf die Brust. Die Wucht war gewaltig. Selbst Endres konnte die Rippen knacken hören, als die Hufe sich in die Brust des Mannes gruben. Der Brecher ächzte und noch ehe der Schmerz ihn vollends erfüllt hatte, stürzte er, wie ein nasser Mehlsack, zu Boden. Der Schlag hatte ihm die Rippen gebrochen und er rang sichtlich, wie ein Fisch auf dem Trockenen, nach Atem. Der Atem war ihm buchstäblich im Halse stecken geblieben und Endres' Schwert lag neben ihm im Schlamm.
Endres rappelte sich unbeholfen auf. Der Matsch war rutschig und nass, doch der Überlebenswille verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Er sprang auf die Beine und stürzte auf Varelle zu, welche Valésia an Haar und Gewand zerrte. Er schrie, mit aller aufgestauten Wut und hieb dem Weib seine Faust mitten ins Gesicht. Varelle ließ von Valésia ab und Endres setzte ihr nach. »Lauf!«, schrie Endres lauthals. »Valésia Los! Nimm mein Pferd und lauf!!«
Allein auf weiter Flur ❖
23.03.2026 '19:54 [3.101 Wörter]
 ndres' Schrei traf sie schmerzhafter als jeder grobe Griff Varelles in ihr Haar. Schmerzhafter als das ruppige Reißen bei dem Valésia schon befürchtet hatte, man würde ihr das Haar büschelweise ausreißen. „Lauf! Valésia Los! Nimm mein Pferd und lauf!!“ Es war keine Bitte. Es war ein verzweifelter Befehl, zu retten, was noch zu retten war. Valésia stand noch genauso wie sie zuvor dagestanden war, als sie auf ihre Stute hatte springen und losreiten wollen. Aber da hatte sie noch Hoffnung gehabt, dass Endres es ihr gleichtun würde und sie gemeinsam fliehen würden. Einen Herzschlag lang war sie gefangen zwischen dem Impuls zu bleiben und dem Wissen, dass sie genau das nicht durfte. Ihre Finger schlossen sich um den Sattelknauf, ihr Fuß fand den Steigbügel. Hastig zog sie sich hinauf, alles andere als elegant, sondern schnell, hektisch getrieben und ängstlich. Valésia sah Endres nur noch aus dem Augenwinkel, mehr wagte sie nicht, denn wenn sie den Kopf zurückdrehen und ihn ansehen würde, würde sie nicht gehen. Und sie musste gehen. Sogar das Pferd spürte es. Noch bevor sie richtig in den Sattel plumpste, war es angespannt unter ihr, die Muskeln bereit, der Kopf erhoben. „Los!“, rief sie, während sie dem Pferd gleichzeitig die Haken in die Seiten stieß. Das Pferd setzte sich in Bewegung, ein wenig unsicher und holprig, sein erster Sprung war hart, brachte die Reiterin beinahe aus dem Gleichgewicht, doch Valésia fing sich schnell, presste die Knie an, griff fester in die Zügel und trieb das Tier an. Hinter ihr brach der Lärm endgültig los, als man begriff, dass Valésia drauf und dran war, zu fliehen. Die Rufe wurden immer leiser, je größer die Distanz wurde, und Valésia tat nichts anderes, als den Waldweg der finsteren Nacht zu folgen. Ihr Herz wurde von einer kalten Angst umklammert, Verzweiflung und Mutlosigkeit gesellten sich dazu. „Endres… Endres… Endres…“ Gebetsmühlenartig formten ihre Lippen immer wieder den Namen ihres Liebsten, um den sie sich mehr sorgte, als um sich selbst. Sie war auf der Flucht, ob auch ihm die Flucht gelungen war, oder ob sie ihn unschädlich gemacht, oder gar getötet hatten, das wussten nur die Drei. Valésia schloss für einen Moment die Augen, als könne sie die aufkommenden Gedanken vertreiben. Natürlich gelang das nicht. Der Weg lag vor ihr, dunkel, feucht, noch vom Regen gezeichnet. Das Licht des Gasthauses verschwand schnell hinter ihr, wurde zu einem schwachen Schimmer und schließlich zu nichts. Doch das sah sie nicht. Sie wandte sich keine Sekunde um. Der Wind schnitt ihr ins Gesicht, riss an ihrem Haar, trieb die letzten feuchten Strähnen aus ihrem Nacken. Die Kälte war noch da, aber sie spürte sie kaum noch. Ihr Körper hatte sich auf etwas anderes eingestellt. Fliehen. Irgendwohin. Schnell. So schnell wie möglich. Nach einigen Minuten ließ sie das Pferd in einen Trab zurückfallen. Denn es schnaufte schon, und als es seinen Kopf zur Seite ruckte, konnte Valésia sehen, wie es die Augen aufgerissen und Schaum vor den Mund trat. Noch dazu war der Weg weich, und stellenweise rutschig vom Regen und ein falscher Schritt konnte das Ende bedeuten. Das Pferd spürte den Untergrund besser als sie, also vertraute sie darauf, dass es seine Schritte richtig setzte und zügelte lediglich das Tempo. Nach einigen Minuten hatte sich auch ihr eigener hektischer Atem beruhigt. Sie nutzte die ruhige Zeit in der das Pferd gemächlich im Schritt ging um zu lauschen. Hinter ihr war noch nichts. Oder sie hörte es nicht. Diese Möglichkeit war allerdings noch viel schlimmer. Denn es bedeutete, dass es kommen konnte. Der Haken, der, der beauftragt worden war, die Pferde zu holen. Vielleicht hatte er sie fliehen gesehen, war sofort auf ein Pferd gesprungen und war ihr hinterher galoppiert. Sie wusste nicht, wie schnell er war, wie gut sein Pferd, wie lange er brauchen würde, um ihr zu folgen oder sie einzuholen. Aber sie wusste, wenn es die Gelegenheit dazu bekam, dass er es tun würde. Oder ein anderer der Halunken, die noch nicht außer Gefecht gesetzt worden waren. Jener, der der Anführer der Bande gewesen war, hatte von Edran Silberhand ziemlich hart seinen Geldsäckel ins Gesicht gedonnert bekommen. Valésia musste zugeben, dass sie dem alten Mann, der noch dazu ziemlich beleibt war, eine solche Gegenwehr gar nicht zugetraut hätte. Die Straße zog sich vor ihr dahin, ein dunkles Band zwischen Wäldern, und als sich die Wälder lichteten, Feldern und vereinzelten Bäumen. Der Himmel war wolkenverhangen, nur manchmal fand sich eine lichte Wolkendecke durch die einer der Monde leuchtete, und sich doch nie ganz zeigte. Sie ritt weiter und weiter, und der gemächliche gleichmäßige Schritt des Pferdes lullte sie immer wieder ein, sodass ihr beinahe die Augen zufielen, doch immer wieder zwang sie sich, die Augen wieder aufzureißen und gegen die Müdigkeit anzukämpfen, die schon in jenem Gasthaus übermächtig gewesen war. Irgendwann am Horizont schimmerte hinter der dunklen Wolkendecke das erste fahle Licht des Morgens, das sich langsam durchkämpfte. Der Weg teilte sich irgendwann. Kaum sichtbar, nur eine Spur, die nach links abbog, schmaler, weniger genutzt. Valésia hieß das Pferd stehen und bleiben und dann überlegte sie lange. Die breite Straße war vermutlich die richtige. Doch welche Straße war die richtige? Wohin sollte sie reiten? Sie war nun schon so viele Stunden unterwegs, dass es längst aufgegeben hatte, irgendwo stehen und zu bleiben und auf Endres zu warten. Sie wusste nicht wohin sie fliehen sollte. Sie lenkte das Pferd schließlich nach links. Sie beugte sich ein wenig nach vorn, sprach leise mit dem Tier, nicht mit Worten, die es verstand, sondern mit dem Ton, mit dem sie es sagte. „Danke dass du mich schon so lange trägst, nur noch ein Stück. Wir suchen eine Bleibe und dann bekommst du alles, was du brauchst…“ Das Pferd reagierte. Zwar sichtlich erschöpft, aber nicht zögernd, sondern willig, als hätte es begriffen, dass es jetzt darauf ankam.
Die Nacht begann zu weichen. Ganz langsam. Das triste Grau wurde heller, die Konturen der Welt schärfer. Bäume nahmen Form an, der Boden wurde lesbarer, die Ferne öffnete sich ein wenig. Die blaue Stunde war angebrochen, und nach der blauen Stunde kam das Licht. Und mit dem Licht kam die Erkenntnis. Sie war allein. Nicht für diese Stunde. Nicht für ein Stück des Weges. Sondern wirklich allein. Der Gedanke traf sie wie ein Schlag, obwohl sie es die ganze Zeit längst gewusst hatte. Doch sie wollte jetzt nicht aufgeben, aber noch weniger wollte sie darüber nachdenken. Valésia richtete sich ein wenig im Sattel auf, zog die Zügel ein wenig an. Wenn sie gejagt wurde, musste sie klug sein. Nicht nur schnell.
Der Weg zog sich weiter und das erste fahle Licht des Morgens hatte die Nacht endgültig vertrieben, ohne ihr Wärme zu bringen. Der Himmel hing grau und schwer über dem Land, und Valésia ritt langsamer, als sich die ersten niedrigen Häuser vor ihr abzeichneten. Ein Dorf. Nicht mehr als eine Handvoll Häuser, unwillkürlich in der Gegend verteilt. Rauch stieg aus einem Schornstein auf, ein Hund bellte irgendwo, und das leise Gackern von Hühnern lag in der Luft. Valésia zügelte ihr Pferd und ließ es schließlich ganz anhalten. Für einen Moment blieb sie im Sattel sitzen und sah auf die wenigen Häuser. Ihr Atem ging ruhiger als zuvor, doch die Müdigkeit lag schwer auf ihr, wie ein Gewicht, das sich nicht abschütteln ließ. Dann stieg sie ab. Ihre Stiefel sanken leicht in den feuchten Boden, als sie neben dem Pferd stand, die Zügel locker in der Hand. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, und genau in diesem Moment kam ihr ein Gedanke. Der Fuchs. Sein Blick. Seine Worte. Ihre Hände. Valésia streckte ihre Hand aus und hielt sie vor ihr Gesicht. Tatsächlich zu sauber, zu hell und zu fein. Gegen die Feingliedrigkeit konnte sie wenig machen. Aber gegen das andere schon. Sie kniete sich ohne weiteres Zögern in den feuchten Boden. Die Erde war noch weich vom Regen, kühl und schwer, und sie grub beide Hände hinein, drückte die Finger tief hinein, bis sich die dunkle, feuchte Erde unter ihre Nägel schob, bis die Haut dreckig war, bis nichts mehr daran erinnerte, wie sie noch vor wenigen Momenten ausgesehen hatte. Sie zog die Hände wieder heraus und betrachtete sie kurz, wusch sich die überschüssige Erde in einer Pfütze ab und betrachtete mit ein wenig Entsetzen wie hässlich ihre Hände nun waren. Dann strich sie sich damit über das Gesicht, nicht hastig, nicht grob, sondern bedacht. Ein wenig über die Wange, ein Hauch an der Stirn, gerade genug um nicht auszusehen wie jemand, der sich versteckte. Sondern wie jemand, der einfach gewöhnlich war und eben so aussah. Valésia erhob sich wieder, nahm die Zügel in die Hand und führte das Pferd langsam auf den schmalen Weg zu, der zwischen den Häusern hindurchführte. Die wenigen Menschen, die bereits wach waren, warfen ihr nur flüchtige Blicke zu. Eine Frau saß vor einem der Häuser auf einem niedrigen Schemel und rupfte ein Huhn. Federn lagen um sie verstreut, und ihre Hände arbeiteten ruhig und stetig. Valésia trat näher. „Verzeiht“, sagte sie, und ihre Stimme klang müde, aber sie sprach laut genug dass die Frau sie verstehen konnte. „Gibt es hier ein Gasthaus?“ Die Frau sah auf, musterte sie kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Nicht hier.“ Mehr sagte sie zunächst nicht, wandte sich schon wieder dem Huhn zu, als wäre die Sache damit erledigt. Valésia blieb stehen. Für einen Moment wusste sie nicht, was sie noch sagen sollte. Die Müdigkeit holte sie ein, drückte auf ihre Schultern, auf ihre Gedanken, und etwas in ihr gab nach. Sie dachte an Endres, den sie vermisste, um den sie sich sorgte und all das Elend das über sie hereinbrach ließen sie stocken. „Ich…“ begann sie, brach ab. Die Worte wollten nicht recht kommen. Sie schluckte, und plötzlich war da mehr als nur Erschöpfung. Die Anspannung, die sie die ganze Nacht getragen hatte, fand einen Weg nach draußen. Ihre Augen brannten, und noch ehe sie es verhindern konnte, traten ihr Tränen hinein und liefen ihr über das verschmutzte Gesicht. Die Frau sah wieder auf. Diesmal länger. Ihr Blick war nicht weich, aber auch nicht hart. Er war der Blick von jemandem, der solche Dinge schon gesehen hatte. „Du kannst in meinem Stall schlafen, oder dich dort wenigstens ausruhen, falls du das möchtest“, sagte sie schließlich. „Dort ist es trocken.“ Valésia schüttelte den Kopf, fast sofort. Das ging nicht. Wenn jemand sie fand, ihre Satteltaschen durchsuchte, oder gleich das ganze Pferd stahl, dann war alles umsonst gewesen. „Nein“, sagte sie leise. Zu schnell vielleicht. Sie fing sich, senkte den Blick ein wenig. „Danke. Aber… ich muss weiter.“ Die Frau zog leicht die Brauen zusammen, sagte aber nichts dazu. Valésia hob den Kopf wieder und ließ ihre Blicke über die Gegend schweifen. „Wo ist das nächste Gasthaus?“ Die Frau deutete mit dem Kinn die Straße entlang. „Eine Stunde vielleicht. Mit dem Pferd vielleicht auch kürzer.“ Valésia nickte. „Danke. Auf Wiedersehen.“ Mehr sagte sie nicht. Sie führte das Pferd noch ein Stück weiter durch das Dorf, bis die Häuser hinter ihr zurückblieben und der Weg sich wieder öffnete. Erst dann blieb sie stehen, legte die Hand kurz an den Hals des Tieres und atmete einmal tief durch. Dann schwang sie sich wieder in den Sattel. Diesmal fühlte es sich schwerer an. Ihr Körper war müde, sie hatte schon lange nichts mehr gegessen, doch sie richtete sich auf, nahm die Zügel und lenkte das Pferd wieder auf den Weg. Die Stunde zog sich. Länger, als sie es erwartet hatte. Die Landschaft blieb gleich in ihrer Art, Felder, vereinzelte Bäume, grauer Himmel, dicke Wolken am Horizont die an der Gebirgskette zu ihrer rechten zu hängen schienen. Und schließlich tauchte vor ihr ein größerer Ort auf. Mehr Häuser, dichter gebaut, Rauch aus mehreren Schornsteinen, eifriges Treiben. Und dort, etwas abseits der Straße, ein Gebäude, das sich deutlich abhob. Ein Gasthof. Valésia hielt nicht lange inne. Sie ritt bis vor die Tür, ließ sich aus dem Sattel gleiten, diesmal spürbar erschöpft, und musste sich einen Moment am Pferd festhalten, bevor sie den nächsten Schritt machte. Dann führte sie es zur Seite, an den Stall, wo ein Stallbursche war. Für gewöhnlich hatte sich Endres um all das gekümmert, aber nun musste sie es selbst tun. Sie vereinbarte mit dem Stallburschen, dass er sich gut um das Pferd kümmern sollte, es abschwitzen, tränken und mit Futter versorgen und bat, dass er ihr half, die Satteltaschen abzunehmen und in den Gasthof zu tragen, wenn sie sich ein Zimmer besorgt hatte. Der Gasthof war nicht groß, aber warm, sauber genug, und vor allem angenehmer als die Nacht, die hinter ihr lag. Die Wirtin musterte sie nur kurz, stellte glücklicherweise keine unnötigen Fragen und nannte ihr einen Preis, den Valésia ohne Wenn und Aber annahm. Wenig später kam der Stallbursche, die Satteltaschen über der Schulter. „Nach oben?“, fragte er. Valésia nickte. „Danke. Ich bezahle euch später, wenns recht ist. Ich würde mich gerne noch ausruhen.“ Der Junge sah sie kurz an, musterte ihr Gesicht, sah ihre Müdigkeit, dann nickte er. „Schon gut.“ Er trug die Taschen die schmale Treppe hinauf, stellte sie im Zimmer ab und verschwand wieder, ohne sich weiter aufzuhalten. Valésia schloss die Tür hinter ihm und schob den Riegel vor. Sie zog ihren Mantel nicht aus. Sie schaffte es kaum bis zum Bett, ließ sich darauf fallen, so wie sie war, die Stiefel noch an den Füßen. Der Schlaf brach über sie herein wie der letzte Regenguss der sie überrascht hatte. Tief. Schwer. Ohne Träume.
Als sie wieder erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. Gewohnheitsmäßig tastete sie nach ihrem Liebsten, doch da war niemand. Das Licht im Raum war anders, heller, klarer, und es brauchte einige Atemzüge, bis sie begriff, dass Tag war. Ein Laut drang von draußen herein. Ein Hahn. Noch einer. Valésia blinzelte, richtete sich langsam auf und fuhr sich über das Gesicht. Für einen kurzen Moment war alles leer in ihrem Kopf, bis die Erinnerung zurückkehrte. Der Weg. Die Nacht. Endres. Sie hielt inne. Nur einen Moment. Dann atmete sie aus und zwang sich weiterzumachen. Doch es half nicht gegen die aufsteigenden Tränen, die wie Sturzbäche aus ihren Augen kullerten. Sie sprach zu den Dreien und fragte, warum das Glück ihnen einfach nicht hold war. Seit Ajaran war es das nicht mehr. Ihr Blick fiel schließlich auf die Satteltaschen. Sie lagen noch dort, wo sie sie hatte abstellen lassen. Sie erhob sich schwerfällig vom Bett, kniete sich davor, öffnete eine der Taschen und suchte den Beutel. Sie zog einige kleinere Münzen hervor, dazu ein paar Silbermark, die sie prüfend in der Hand wog, bevor sie den Rest wieder verstaute und die Tasche schloss. Dann erhob sie sich.
Unten war es heller geworden und die Stube war warm. Einige Gäste saßen bereits an den Tischen. Die Wirtin stand hinter dem Tresen, sah kurz auf, als Valésia eintrat, und nickte ihr zu. „Ihr habt lange geschlafen, sofern ihr mein Klopfen nicht absichtlich überhört habt.“ Valésia trat näher. „Wie lange?“ Die Frau zuckte mit den Schultern. „Gestern angekommen. Heute Morgen wach.“ Valésia hielt kurz inne. „Einen ganzen Tag… und die Nacht?“ „So sieht’s aus.“ Valésia senkte den Blick für einen Moment. „Das tut mir leid. Ich wollte nicht…“ Die Wirtin winkte ab. „Wer so schläft, der braucht’s wohl.“ Valésia nickte dankbar. „Ich nehme etwas zu essen.“ „Kommt gleich.“ Valésia legte die Münzen auf den Tisch. „Und das Zimmer. Ich bezahle gleich.“ Die Wirtin warf einen kurzen Blick auf das Geld, strich es ein. Während sie wartete, sah Valésia sich kurz im Raum um. Alles wirkte gewöhnlich, ruhig, unbeteiligt. Niemand hier wusste, woher sie kam oder wohin sie ging. Das war gut. Nach einigen Bissen hob sie den Blick wieder zur Wirtin. „Wie heißt dieser Ort?“ „Dreimühl.“ Valésia nickte. „Wie weit ist es noch bis zu den Zwillingen?“ Die Wirtin deutete in etwa in die Richtung der Straße. „Ein halber Tag. Höchstens sechs Stunden.“ Valésia nickte erneut, diesmal fester. Das war näher als erwartet, näher, als sie es sich in der Nacht der Flucht vorgestellt hatte. Sie nahm das Brot, das sie nicht mehr aufessen konnte als Wegzehrung mit, wischte sich die Finger an einem Tuch ab und erhob sich langsam. „Danke.“ Die Wirtin sah sie an. „Ihr reist weiter?“ Valésia hielt ihrem Blick stand. „Ja.“ „Allein?“ Valésia nickte erneut, und so tat es die Wirtin auch. Valésia verabschiedete sich und wandte sich zur Tür. Draußen wartete der Weg. Die Zwillinge. Ein halber Tag. Sie würde es heute schaffen. Und erst danach würde sie sich erlauben, darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte.
Edran Silberhand blieb noch eine Weile bei seinem Wagen stehen, nachdem der Lärm verklungen war. Der Boden war zerwühlt, die Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen, und doch war es nicht das, was ihn beschäftigte. Sein Blick war ruhig. Er hatte den Kampf gesehen, so viel wie man in solcher Dunkelheit eben sah. Mehr noch hatte er gehört. Worte, die im Lärm untergegangen wären, wenn man nicht darauf geachtet hätte. Er hatte darauf geachtet. Sein Mund verzog sich leicht, als er sich daran erinnerte. Nicht an das Geschrei. Nicht an die Schläge. Sondern an einen Namen. Valésia. Seine Lippen flüsterten den Namen. Dann kam ihm die Erinnerung. Die Herolde, geschmückt mit schwarzen Bändern. Die verkündete Trauer und die Befehle, alle Banner auf Halbmast zu senken. Landesweite Trauer für jedermann. Graf Gunther von Aramajé hatte seine Tochter verloren, so hatte man es überall gehört. Brieftauben waren gesandt worden, und die Kunde hatte sich schneller verbreitet als die meisten Wahrheiten. Und wer in Aramajé war nicht entsetzt von der Nachricht? Komtess Valésia von Aramajé war tot. Edran schnaubte leise. „Tot“, murmelte er. Sein Blick glitt in die Richtung, in die die junge Frau auf dem Pferd verschwunden war. Sia. Sie hatte sich so genannt. Sia. Valé-Sia? Und der Mann… Eskel. Ein schiefes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Sia und Eskel“, wiederholte er leise. Er hatte gesehen, wie die Männer des Herzogs nach ihnen gefragt hatten. Er hatte gehört, wie sie beschrieben worden war, hatte die Blicke bemerkt, die nicht zu gewöhnlichen Reisenden gehörten. Und nun fügte sich plötzlich alles. „Also gut“, murmelte er. „Dann bist du also gar nicht tot, Valésia von Aramajé? Und auch der Herzog von Ajaran sucht nach dir?“ Er sah noch einmal in die Richtung der Straße, auf der sie verschwunden war. „Und dein Begleiter hat dich bei deinem richtigen Namen gerufen.“ Ein heiseres Lachen entwich ihm. „Das Schicksal“, sagte er leise, „ist manchmal verdammt großzügig. Viel großzügiger als ich es je sein könnte.“ Er richtete sich auf, klopfte den Staub von seinem Ärmel und sah noch einmal zu seinem Wagen. Dann zur Straße. „Mal sehen was sich daraus machen lässt.“
Nur ein Wort ❖
29.03.2026 '00:39 [2.468 Wörter]
 in Knacken ging durch Endres' Kopf. Es war ein unangenehmes und schmerzhaftes Knacken. Eine Faust traf ihn im Gesicht und sein Kopf wurde zurückgeworfen. Varelle schnaubte verächtlich. »Man schlägt keine Frauen.«, maulte sie empört und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Eine rote Spur zeichnete sich auf dem Stoff ab und Varelles Blick verfinsterte sich. Doch Endres zuckte nur mit den Achseln. Varelle schlug erneut nach Endres, doch dieser wich dem Schlag aus und trat Varelle gegen das Schienbein. Varelle schrie schmerzerfüllt auf und Endres ergriff die Gelegenheit beim Schopf und warf sich auf sie, um sie zu Boden zu ringen. Während Endres und Varelle sich im Schlamm suhlten, hasteten der Fuchs und die Krähe zu Edrans Wagen. Der Anführer der Falken rieb sich benommen die Nase. Der heftige Schlag mit dem prallen Geldbeutel hatte ihm die Nase gebrochen und jede Berührung brannte wie Feuer. »Dieser Mistkerl…«, nuschelte der Fuchs nasal und biss kurz darauf die Zähne zusammen. Mit einem kräftigen Ruck brachte er die Nase wieder in Form. Tränen schossen ihm in die Augen und er musste sie, wenn auch nur für einen Moment, schließen. Da die Krähe inzwischen beim Zöllner angekommen war, um diesem aus der Bärenfalle zu helfen, und der Fuchs mehr mit sich und seiner Nase beschäftigt war, nutzte Edran die Gelegenheit, um sich geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er überließ den Zöllner und die Krähe sich selbst. Was sollte er, ein einfacher und dicker Händler, auch gegen zwei wütende und bewaffnete Recken ausrichten? Sein Hauptaugenmerk galt Endres. Immerhin schien er ein Edelmann zu sein. Und da er ein Schwert mit sich führte, musste er auch eine gewisse Ausbildung im Schwertkampf genossen haben. Edran wusste, dass sie diese Sache nur heil überstanden, wenn er Endres zur Hilfe kam. Seine Blicke glitten über die matschige Szenerie. Der grobschlächtige Kerl, den seine Kumpanen nur den Brecher nannten, lag rücklings auf dem Boden. Seine Brust hob und senkte sich in ruckartigen Bewegungen. Er rang nach Atem. Doch er war noch am Leben. Der Pferdetritt hatte ihm einige Rippen gebrochen und den Schmerz allein konnte und wollte Edran sich nicht vorstellen. Aber Endres und Varelle rutschten auf dem matschigen Boden herum. Varelle riss Endres an den langen, goldenen Haaren und Endres versuchte sich aus dieser Umklammerung zu lösen, indem er Varelle in die Hand biss. Edran schüttelte den Kopf. Dieser Edelmann kämpfte wie ein Straßenköter und nicht wie ein Adeliger. Doch er war, das musste Edran sich eingestehen, seine einzige Möglichkeit, hier lebend aus der Sache heraus zu kommen. Und so näherte er sich den Beiden.
Varelle hatte ihre Armbrust verloren. Sie lag herrenlos im Dreck und Edran hob sie kurzerhand auf. Er unterzog die Waffe eines prüfenden Blickes und soweit er das beurteilen konnte, schien sie nicht beschädigt zu sein. Der Bolzen, welchen Varelle nur in den Gürtel geschoben hatte, lag nicht weit von der Armbrust im Matsch. Er war dreckig und voller Schlamm. Edran wischte den Schmutz von dem hölzernen Schaft und legte ihn in die Armbrust ein. Seine zittrigen Hände erschwerten das Unterfangen eine Waffe zu laden und zu spannen, die er bis zu diesem Tage noch nie in den Händen gehalten hatte. Seine Blicke huschten nervös zwischen Varelle und Endres, sowie dem Fuchs und der Krähe hin und her. Doch als Edran endlich die Armbrust gespannt und den Bolzen eingelegt hatte, huschte ein siegessicheres Lächeln über sein Gesicht. »He!« rief er und erregte so die Aufmerksamkeit der Krähe und des Fuchses, welche einige Schritte von ihm entfernt mit der Bärenfalle haderten. »Scheiße.«, zischte die Krähe und starrte auf die Spitze des Bolzens, welcher auf ihn gerichtet war. Der Fuchs trat einen Schritt hervor und hob seine Arme leicht in die Höhe. »Du hast nur diesen einen Schuss, Händler. Und wenn du ihn vergeudest, dann bist du wehrlos.« Der Fuchs lächelte, mit diesem wissenden und überheblichen Lächeln, welches Edran schon die ganze Zeit gehörig auf den Geist gegangen war. »Nun. Vielleicht ist es keine Frage, ob ich ihn vergeude? Sondern nur, wen ich erwische?« Der Mundwinkel des Fuchses zuckte unmerklich doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Seine Blicke huschten ebenfalls über die Szenerie. Er sah Endres und Varelle, wie sie miteinander rangen. Und er sah den Brecher, wie er regungslos im Schlamm lag. Vom Haken war längst keine Spur mehr zu sehen. Als die Frau auf dem Pferd entkommen war, hatte er sich ihr sogleich auf die Fersen geheftet, um sie einzuholen. Der Fuchs biss sich auf die Lippen. Nun, da dieser Händler die geladene Armbrust auf ihn gerichtet hielt, verwünschte er, dass er den Haken dieser Frau hinterher geschickt hatte.
Seine Blicke widmeten sich wieder Edran und der Armbrust. »Und nun?«, erkundigte sich der Fuchs und trat einen Schritt hervor. Er wollte Edran lange genug in die Zwickmühle drängen, bis er nah genug gekommen war, um ihm die Armbrust aus der Hand zu reißen. Die zittrigen Hände und der verkniffene Blick des korpulenten Händlers, waren ihm, trotz des spärlichen Mondlichtes, nicht entgangen. Dieser Mann war kein Armbrustschütze. Vermutlich hatte er noch nie in seinem Leben eine solche Waffe abgefeuert. Der Fuchs lächelte dünn. Doch man durfte einen Mann, der sich in die Enge getrieben fühlte, niemals unterschätzen. Solche Menschen verhielten sich wie verwundete Tiere. Unberechenbar. »Guter Mann.«, begann der Fuchs schließlich und hob seine Arme noch ein Stück weiter in die Höhe, um zu demonstrieren, dass er keine Gefahr darstellte. »Wir können uns doch sicher irgendwie einigen?« Da lachte Edran. »Ja, ihr könnt euch verpissen. Dann drücke ich nochmal ein Auge zu.« Der Fuchs verzog eine grimmige Miene. Das Schicksal hatte ihnen übel in die Hände gespielt. Sie waren sechs Mann gewesen. Und nun waren zwei davon außer Gefecht gesetzt worden und der dritte von dannen geritten, um das Weib zu fangen. Der Fuchs warf einen prüfenden Blick in Varelles Richtung, welche langsam die Oberhand über Endres zu erringen schien. Wenn sie den Paltoren überwinden konnte, hätte der Händler mit der Armbrust einen Feind im Rücken. Dann würden sie ihn ohne weiteres überwinden können. Er musste Varelle nur genügend Zeit verschaffen. Wieder trat er einen Schritt vor und zog somit vollends Edrans Aufmerksamkeit auf sich.
Indes hatte die Krähe wieder begonnen an der Bärenfalle zu hantieren. »Jetzt halt doch endlich still, verdammt.«, zischte er, während er einen Dolch zwischen die Eisen der Falle trieb. »Du hast gut reden, du Arsch! Deine Hände stecken auch nicht in einer Bärenfalle fest!« Die Stimme des Zöllners war frenetisch und in jeder Silbe, die er zwischen den Zähnen hervorpresste schwang der Schmerz mit und der klägliche Versuch diesen zu unterdrücken. »Verdammt. Ich kanns mir vorstellen. Aber wenn du so rumeierst, kann ich nicht die Falle öffnen.« Die Krähe schob den Dolch etwas tiefer zwischen die Eisen und begann dann diese auseinander zu hebeln. Die Eisen lösten sich, doch nicht weit genug. Der Dolch rutschte ab und die Falle schnappte wieder zusammen. Der Zöllner schrie erneut und seine Flüche klangen eher wie ein Wehklagen. »Scheiße! Pass doch auf!«, brüllte er mit Feuer auf der Zunge. »Halt endlich still!«, blaffte die Krähe und legte nun die freie Hand an die Falle, während er den Griff des Dolches hernieder drückte. Die Falle lockerte sich und die Krähe setzte mit dem Druck nach.
Als die Falle sich endlich soweit geöffnet hatte, dass der Zöllner seine Hände herausziehen konnte, sackte dieser kurz darauf in sich zusammen und setzte sich auf den matschigen und vom Regen aufgeweichten Boden. »Scheiße…Scheiße!« brüllte er und hielt die Hände vors Gesicht, um den Schaden, den die Falle verursacht hatte, in Augenschein zu nehmen. »Meine Hände!« Er versuchte die Finger zu bewegen, doch jeder Versuch wurde nur von noch mehr Schmerzen begleitet. »Undank ist der Welten Lohn.«, murrte die Krähe und wandte seine Blicke zuerst zum Fuchs, dann zum Brecher und schließlich auf Edran. »Dieser Bastard. Dem reiß ich den Arsch auf.«, zischte die Krähe und versteifte den Druck seiner Finger um den Griff des Dolches.
Edran, welchem natürlich weder entgangen war, dass der Fuchs sich langsam immer weiter genähert hatte, erkannte nun auch, dass die Krähe den Zöllner aus seiner Notlage befreit hatte. Die Karten wurden neu gemischt und das Blatt hatte sich nicht zum Guten für ihn gewendet. Ganz im Gegenteil. Nun sah er sich sowohl der Krähe als auch dem Fuchs gegenüber. Und dieser blonde Adelige hatte es noch immer nicht vollbracht, diese Furie zu bändigen. »Senk die Armbrust.«, befahl der Fuchs. Doch Edran schüttelte langsam den Kopf. »Einen von euch nehme ich mit. Wenn ihr noch auch nur einen Schritt macht, drücke ich ab!«, bellte Edran und hob die Armbrust etwas in die Höhe. Der Fuchs und die Krähe verharrten, doch man konnte ihnen die drängende Ungeduld förmlich ansehen. Und Edran erkannte, dass es nur einen Weg gab, wie er das drohende Unheil, zu seinen Gunsten, abwenden konnte.
Endres schmeckte Blut. Er hatte Varelle so fest in die Hand gebissen, dass der eiserne Geschmack sich förmlich in seine Lippen brannte. Varelle ließ seine Haare los und schrie. Doch es war mehr ein Schrei der Wut, als des Schmerzes. »Das wirst du büßen!« bellte sie und warf sich auf Endres. Sie setzte sich ihm auf die Brust und versuchte ihre Beine auf seine Arme zu drücken, während ihre Hände darum rangen, die des Paltoren zu Fassen zu bekommen. Ihr Blick war von Wut verzerrt und diese Wut entfesselte ungeahnte Kräfte in ihr. Aus ihrer Nase lief helles rotes Blut und die tiefe Bisswunde in ihrer Hand pochte und brannte. Sie hob die Hand und ballte die Faust, um diese mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, auf Endres zu werfen. Ihre Hand bebte in der Luft, als ob sie die Macht der Nacht heraufbeschwören wollte, ihr beizustehen. Endres packte die Frau am Hals und drückte zu. Er presste seine Finger an ihre Kehle und drückte so fest er konnte zusammen. Endres hingegen knirschte angestrengt mit den Zähnen. Er hatte dieser Frau schon mindestens drei, wenn nicht sogar mehr, heftige Schläge ins Gesicht und gegen das Schienbein verpasst. Doch sie kämpfte verbissen wie ein ausgehungerter Wolf im Winter. Ihre Faust bebte. Ihre Brust hob und senkte sich in kräftigen Stößen. Und ihre Schenkel schlossen Endres Kopf zwischen sich ein, wie bei einem Schraubstock. Ihre Faust bebte voller Inbrunst und dem einzigen, brennenden Wunsch, endlich Endres Gesicht zu donnern. Doch der Schlag blieb aus und ein Ruck ging durch die Frau. Endres spürte, die Veränderung. Der Druck ihrer Beine. Die Anspannung ihres Körpers. Selbst der Griff ihrer Hand, welche sich um seinen Hals gekrallt hatte. Alles hatte sich auf einmal schlagartig verändert.
Der Bolzen drang unvermittelt in Varelles Rücken ein. Die Spitze durchschlug den Leib der Frau und trat über ihrem Bauch wieder aus ihr hervor. Endres. Welcher noch sichtliche Mühe hatte die Frau zu überwinden, konnte die eiserne Spitze, welche der Furie aus der Brust herausbrach, förmlich aus den Augenwinkeln sehen. Varelles Anspannung versiegte. Wortlos sah sie an sich herab, um die Wunde in Augenschein zu nehmen. Ihre Hände lösten sich von Endres und sie betastete die Spitze des Bolzens mit ungläubigen Blicken. »Nein!«, brüllte die Krähe und trat einige, hastige Schritte hervor. Varelle sah auf das blutige Eisen und ihr Blick, welcher zuvor noch von tiefer Wut erfüllt gewesen war, wandelte sich von Überraschung zu Verzweiflung. Ohne ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen, sackte sie in sich zusammen und fiel von Endres ab, welcher daraufhin endlich freikam. Edran reichte Endres die Hand dar und half diesem auf die Beine. »Du hast sie…«, brüllte die Krähe. Doch seine Stimme zerbrach und die übrigen Worte erstickten in der erdrückenden Erkenntnis, welche die Krähe übermannte. Mit geballten Fäusten und bebenden Lippen stand er regungslos da und starrte auf die Armbrust, deren Sehne noch leise sang. Ein Lied von Tod. Er zitterte am ganzen Leib und seine Augenlider zuckten und sprangen immer wieder zwischen Varelle und Edran hin und her.
Der Fuchs trat einen harschen Schritt vor. Er hielt sein Schwert in der Hand und trat neben die Krähe heran, welche noch immer starr vor Wut und Erschütterung erstarrt wirkte. Seine Blicke wurden fahrig und aus schmalen Schlitzen huschten die Iriden über die dunkle, vom fahlen Mond beschienenen, nasse, matschige Straße. Der Zöllner lehnte an dem Wagen mit einem unaufhörlichen Schluchzen auf den Lippen. Der Brecher atmete schwerfällig. Ob er diese Nacht noch überleben würde? Nur wenn er bald zu einem Bader gebracht würde. Varelle lag regungslos im Schlamm. Der Haken war schon so weit von Dannen geritten, dass selbst ein Sturm ihn nicht mehr zurückrufen konnte. Und die Krähe? Sie stand einfach nur da und der Schreck über den Verlust wandelte sich mehr und mehr in blinde Raserei. Er konnte es in seinen Augen sehen. Ein Wort. Und er würde losbrechen. Der Mann, der sonst nur still im Hintergrund beobachtete. Der hagere unscheinbare Vogel, dem niemand Beachtung schenkte aber dessen Blicke alles bemerkten. Der Fuchs wusste, er musste nur ein Wort sagen, und die Krähe würde sich auf diesen Händler mit der Armbrust stürzen. Er konnte die Armbrust nicht mehr rechtzeitig nachladen. Und selbst dieser Adelige, mit dem gezogenen Schwert. Er würde blind vor Wut in seinen eigenen Tod laufen. Und der Fuchs musste es nur anstoßen. Sein Blick haftete sich auf die Krähe. Nur ein Wort...
Doch die Erkenntnis, dass das Schicksal diesen verheißungsvollen Überfall in ein absolutes Desaster verwandelt hatte, ließ die eiserne und sonst so elegante Maske des Fuchses zerbrechen. Er sagte kein Wort. Nicht ein einziges. Er ließ das Schwert sinken und warf einen letzten Blick auf die tote Varelle. Und dann lief er los. Die Männer, die hier lagen, saßen und schockstarr standen. Er ließ sie alle zurück und rannte zu seinem Pferd. Der feuchte Boden schmatzte und der Schlamm spritzte unter seinen schweren Schritten. Er keuchte und innerlich verfluchte er diese Nacht, diesen Händler und diese ominösen Adeligen. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt einfach in die Dunkelheit der Nacht davon.
Edran begann breit zu grinsen. »Nun? Willst du heute Nacht auch sterben, oder dich deinem Anführer anschließen?« Er hob die ungeladene Armbrust und richtete sie mit einer Selbstgefälligkeit auf die Krähe, als ob sie mit einem Dutzend Bolzen geladen worden wäre. Die Krähe löste sich aus seiner Schockstarre. Als der Fuchs die Flucht ergriffen hatte, war die Wut, welche sich in ihm aufgestaut hatte, verbrannt. Der Moment, welchen der Fuchs hätte nutzen können war verstrichen. Die Krähe stürzte los. Mit schweren Schritten stolperte er durch den Matsch. Doch nicht auf Edran hinzu. Nicht in Endres Schwert hinein. Er fiel neben Varelle auf die Knie und zog sie zu sich. »Varelle!«, rief er und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. »Varelle!« Doch die Frau starrte ihn nur aus leeren, kalten Augen entgegen. Ihr Lebenslicht war in dieser sternenlosen, schwarzen Nacht erloschen, als ob der Regen es selbst hin fortgespült hätte.
Ahrwart in Sicht ❖
01.04.2026 '19:30 [2.067 Wörter]
 rimmig erreichte der Haken den Gasthof. Zwei Pferde hatte er am Zügel, eines links, eines rechts, beide unruhig, vom Lärm und Geschrei aufgeschreckt. Er hielt sie kurz an den Zügeln als er näherkam und zwang sie mit einem scharfen Ruck sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Schon aus der Entfernung hatte er gesehen, dass nichts mehr so war, wie es hätte sein sollen. Kein sauberer Überfall, kein schnelles Geschäft. Stattdessen herrschte unerwartetes Chaos und als er näherkam, traf ihn das Ganze mit voller Wucht. Der Zöllner war halb im Schlamm auf die Seite gekippt, die Arme nach vorn gerissen, und dort, wo seine Hände sein sollten, spannte Eisen. Die Bärenfalle hatte zugeschnappt, die Zacken tief im Fleisch, und jedes Zucken ließ sie knirschend nachgeben. Sein Gesicht war grau, der Atem stoßweise, und ein unterdrücktes Keuchen drang aus seiner Kehle, jedes Geräusch ein Kampf gegen den Schmerz und die Unversehrtheit seiner Hände. Der Fuchs stand ein paar Schritte entfernt, eine Hand vor dem Gesicht, zwischen den Fingern rann Blut. Seine Nase war schief, das sah man selbst im schlechten Licht, und es war mehr als klar, dass er gerade einen Schlag kassiert hatte. Der Brecher lag am Boden. Nicht bewusstlos, aber nahe genug daran. Sein Brustkorb hob sich ungleichmäßig, als müsse er sich jeden Atemzug neu erkämpfen, und jedes Einziehen der Luft klang rau, als könnte er nur ein jedoch nicht mehr ausatmen. Schlammspritzer klebten an seinem Gesicht, sein Blick war offen, aber leer, als würde er noch nicht ganz begreifen, wo er war. Und mitten in all dem wälzten sich zwei Gestalten im Dreck. Endres und Varelle. Es war kein sauberer Kampf, sondern ein Ringen, ein Drücken, ein Stoßen, das mehr mit Verzweiflung als mit irgendeiner Kampftechnik zu tun hatte. Ein Knie traf irgendwo, ein Ellbogen folgte, ein kurzer, harter Aufprall, dann wieder ein Ringen um die Oberhand. Der Haken hielt die Pferde an und besah sich das ganze Chaos. Nur einen Moment lang, und stieß dabei die Luft zwischen der Zahnlücke aus die er zwischen den vorderen Schneidezähnen besaß. Sein Blick ging von einem zum anderen und in genau diesem Moment trafen sich seine Blicke und die seines Bandenanführers und der Fuchs herrschte ihn an. „Was stehst du da und glotzt?!“ Seine Stimme war rau, verzerrt und Speichel spritzte bei jedem Wort aus seinem Mund, während das Blut von der sichtlichen Anstrengung, die es ihn gekostet hatte, diese Worte hervorzubrüllen, wieder begann aus der Nase zu laufen. „Beweg deinen verdammten Arsch!“ Der Haken sah zu ihm. Der Fuchs trat einen Schritt näher, die Hand jetzt wieder vorsichtig ab die Nase, die Augen unwillkürlich tränend vom Schmerz. „Das Weib ist weg! Los, hinterher!“ Der Haken verzog leicht den Mund, sah noch einmal zu den beiden am Boden, zu Varelle, der gerade versuchte, sich aus Endres’ Griff zu winden, zu dem Zöllner, der kaum noch stillhalten konnte, zum Brecher, der um Luft rang. Alles gleichzeitig. Der ganze Plan aufgelöst und kaputt. Dann nickte er knapp und ohne ein Wort. Er drückte dem Fuchs eines der Zügel in die Hand, stieg auf, wendete sein eigenes Tier und trieb es an. Der Haken verschwand wieder in der Dunkelheit, hinter ihm blieb der Lärm, und vor ihm die Spur. Er sah die aufgewühlte Erde, den frischen Abdruck, und die Richtung in die Valésia geflohen war. Der Haken duckte sich im Reiten leicht nach vorn, die Finger fest um die Zügel, der Blick auf den Boden gerichtet, wo sich die Spur noch klar zeichnete. Frisch und deutlich im schlammigen Boden nach diesem heftigen Regenguss. Sie war nicht lange weg. Ein kurzes, hartes Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Dich krieg ich“ murmelte er zu sich selbst. Er ließ sein Pferd laufen, doch sein Optimismus wurde sehr bald von den Tatsachen eingeholt. Es war Nacht, es war dunkel. Zwar schien einer der Monde zwischen den Wolkenfetzen durch, doch die Baumkronen warfen Schatten auf den Weg, was die Spuren völlig verzerrte und beinahe unsichtbar machte. An jeder kleinen Weggabelung musste er stehenbleiben um die Spur auszumachen. Der Weg lag dunkel vor ihm, noch nass vom Regen. Die Hufe seines Pferdes schlugen dumpf in den weichen Boden, und jedes Mal, wenn das Tier aufsetzte, sah er die Spur vor sich, wie eine Linie, die ihn direkt zu ihr führen würden. Er trieb sein Pferd weiter an, nur so schnell, dass es nicht ins Stolpern kam. Der Gegenwind schnitt ihm ins Gesicht, riss an seinem Haar, doch er beachtete es nicht. Der Weg wurde fester, die Abdrücke flacher, weniger klar, und er musste seinen Blick schärfen, stehenbleiben und nach den kleinsten Zeichen suchen. Aufgeworfene Grassoden, geknickte Äste, Hufspuren. Dann kam eine erneute Gabelung. Zwei Wege, und beide reitbar. Er zog die Zügel an, das Pferd kam schnaubend zum Stehen. Der Haken fluchte leise, glitt aus dem Sattel und ging ein paar Schritte zurück, ließ den Blick über den Boden wandern. Hier war sie langsamer geworden. Das sah man. Ein Abdruck, tiefer als die anderen. Dann… nichts. Der rechte Weg war glatter, härter, nahm kaum Spuren an. Der linke war weicher, aber unruhig, durchzogen von alten Abdrücken, die sich mit neuen vermischten. Er kniete sich hin, strich mit den Fingern über den Boden, prüfte die Feuchtigkeit, die Frische. Er überlegte, ließ einen Moment verstreichen, und noch einen. Er entschied sich für links. Der Haken ging schnellen Schrittes wieder zu seinem Pferd, sprang wieder in den Sattel und setzte nach, doch das sichere Gefühl, das ihn vorher noch begleitet hatte, war weg. Die Spur war da, aber sie war nicht mehr eindeutig. Er musste, wenn er sich ehrlich war, raten, nicht mehr nur folgen. Die Chancen standen in etwa gleich, dass sich für den richtigen Weg entschieden hatte, wie sie auch in etwa gleich waren, dass er den falschen Weg beschritt. Er überlegte, und das kostete Zeit. Und Zeit war das Einzige, was er nicht hatte. Er ritt zögerlich weiter, hielt das Tempo zunächst schneller, und sein Blick blieb unten, suchte und verwarf. Immer wieder musste er das Tempo des Pferdes zurücknehmen und sich vergewissern, dass er nicht blind ins Nichts ritt. Der Weg zog sich. Die Nacht lag schwer über dem Land, das erste Grau des Morgens schob sich nur langsam in die Dunkelheit, machte die Welt sichtbarer, aber nicht klarer. Und dann kam der Moment, in dem er es merkte. Die Spur war nicht mehr sichtbar. Er konnte nicht sagen ob sie nur derzeit nicht sichtbar war, er aber den richtigen Weg nahm, oder ob er dem falschen Weg folgte. Er hielt an und fluchte erneut. Das Pferd schnaubte, trat unruhig auf der Stelle. Doch der Haken blieb sitzen, den Blick nach vorn gerichtet, in die Richtung, in die sie geritten sein musste. Er hörte nichts. Kein Hufschlag. Kein Rascheln. Nur die Nacht, die langsam dem Morgen wich. Er atmete aus. Er war zu langsam gewesen, oder das Weib zu schnell. Oder zu gerissen. Zu gerissen für ihn? Er grinste kurz bei dem Gedanken, der rechte Mundwinkel schief nach oben gezogen. Selbst wenn er richtig lag mit seiner Vermutung, würde er sie ohnedies nicht mehr einholen. Nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Und vielleicht war es besser, sich diese Tatsache einzustehen und zurück zu seinen Kameraden zu reiten. Er verzog den Mund zu einer wenig begeisterten Schnute, als er an den Fuchs dachte, wenn er ihm von seinem Misserfolg würde erzählen müssen. Für einen Moment blieb er noch sitzen, als würde er abwägen, ob es sich lohne, weiterzumachen. Dann schüttelte er leicht den Kopf. Nein. Er zog die Zügel an, ließ das Pferd wenden, und ohne Hast, aber mit klarer Entscheidung, ritt er zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Vor ihm warteten andere Dinge. Beispielsweise eine aufgeriebene Bande von Wanderfalken. Es war töricht, diese Frau mit Vorsprung in der Dunkelheit und ungewissem Weg weiter zu verfolgen. Und die Jagd war somit vorbei.
Der Weg zu den Zwillingen war breit genug, dass man ihn nicht verfehlen konnte, und gut genug, dass das Pferd in gleichmäßigem Tempo gehen konnte, ohne zu stolpern. Es war kein Ritt mehr wie in der Nacht, kein blindes Fliehen, kein Jagen, sondern ein stetiges Vorankommen, das Raum ließ für Gedanken. Valésia hielt die Zügel fest umklammert, ließ das Pferd seinem Rhythmus traben, und merkte erst nach einer Weile, dass sie kaum noch auf die Umgebung achtete. Die Landschaft zog an ihr vorbei, Felder, vereinzelte Bäume, ein seichtes Bächlein, das sie überquert hatte, ohne es wirklich wahrzunehmen. Ihr Kopf war woanders. Bei ihm. Endres. Der Moment, in dem sie ihn zurückgelassen hatte, sie sah ihn noch immer klar vor ihrem inneren Auge. Die Art, wie er sie angesehen hatte. Seine Stimme, die keinen Widerspruch zugelassen hatte. Sie biss die Zähne aufeinander. Was, wenn es falsch gewesen war? Was, wenn sie hätte bleiben sollen? Die Falken hatten gesagt, sie wollten keinen Ärger. Kein Blut. Nur Geld. Es hätte vielleicht gereicht, still zu halten, abzuwarten, es geschehen zu lassen. Es war nur Geld gewesen. Nur Geld. Und sie hatte ihn allein gelassen. Und doch hatte sie es nur getan, weil er es ihr sprichwörtlich befohlen hatte. Dieser Gedanke setzte sich fest und ließ sich nicht mehr abschütteln. Wie sie es auch drehte und wendete, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem einen zurück: Was, wenn sie ihn getötet hatten? Was, wenn er dort kalt und tot im Schlamm lag, während sie hier ritt, warm und lebendig, mit Geld in den Taschen, das sie nicht einmal hatte behalten wollen, wenn die Falken sie nur lebend hätten ziehen lassen? Valésia schluckte. Sie sah zurück, als könnte sie den langen Weg, den sie bereits geritten war, mit einem einzigen Blick zurückverfolgen bis an den Punkt, wo sie ihren Geliebten im Wald mit drei, vier Halunken hatte zurückgelassen? Sie wandte den Kopf wieder zurück und ihre Augen lagen wieder auf dem Weg, der immer noch derselbe war. Und doch änderte sich alles. Wie sollte sie ihn wiederfinden? Ja, die Zwillinge waren eine Hoffnung. Die einzige Hoffnung, die sie besaß. Er hatte gesagt, er wolle dorthin. Unbedingt dorthin. Aber was, wenn er nicht dort ankam? Was, wenn er einen anderen Weg nahm? Was, wenn er verletzt war, langsamer, aufgehalten, irgendwo zwischen hier und dort? Und selbst wenn er es schaffte… Diese Stadt war sicherlich groß. Zwei Türme, verbunden durch eine gewaltige Brücke, ja, aber darin viele Straßen, viele Gassen, große Plätze, Menschen. Händler, Reisende, Fremde. Wie sollte sie ihn dort finden? Wie sollte er sie finden? Sie konnte nicht einfach beim Stadttor auf ihn warten. Oder doch? Aber wie lange? Tagelang? Eine Woche? Mehr? Und wenn er nie kam? Oder sie einander verpassten? Wie fand man jemanden in einer fremden Stadt, wie man nicht kannte? Valésias Hände umschlossen die ledernen Zügel ein wenig fester, beinahe krampfhaft, ohne es bewusst zu wollen. Ihre Hände schmerzten bereits davon. Das Pferd reagierte sofort, verlangsamte, und sie ließ es gewähren, als hätte sie plötzlich nicht mehr die Kraft, dieses Tempo zu halten. Ein Windstoß strich über das Feld neben ihr, kühl, aber nicht unangenehm. Sie atmete langsam ein und dann langsam wieder aus. Egal wie sehr sie sich das Hirn auch zermarterte, sie konnte dieses Problem jetzt nicht lösen. Nicht jetzt. Nicht auf diesem Weg. SIe konnte erst beginnen, an der Lösung dieses Problems zu arbeiten, wenn sie die Stadt erreicht hatte. Dieser Gedanke traf sie hart und schmerzhaft, aber er war klar. Sie konnte nicht zurück, um ihn zu suchen. Vielleicht lief sie auf diese Art und Weise ihren Widersachern direkt in die Arme. Wer wusste schon, ob ihr jemand auf den Fersen war? Sie konnte nur eines tun: Weiterreiten. Zu den Zwillingen. Dorthin, wo sie zumindest eine Chance hatten, sich zu finden. Eine Chance. Ja oder nein. Es gab kein Vielleicht. Valésia schloss für einen Moment die Augen, nur einen Atemzug lang, dann richtete sie sich wieder auf. Ihre Finger schlossen sich fester um die Zügel, ihr Blick hob sich, streifte das Gebirgsmassiv das sich zu ihrer Linken in den Himmel türmte, und ihre Gedanken wurden klarer. Wenn er lebte, würde er dorthin kommen. Wenn er lebte, würden sie sich wiedertreffen. Wenn nicht, dann… Sie beendete den Gedanken nicht. Sie wollte es nicht. Sie gab ihrem Pferd, das eigentlich Endres‘ Pferd war, leicht die Hacken in die Seiten. Das Pferd setzte sich wieder in Bewegung, und nahm die Geschwindigkeit wieder auf, die sie zuvor verloren hatte. Die Zwillinge lagen vor ihr. Und irgendwo zwischen Hoffnung und Furcht ritt sie ihnen entgegen.
Von Falken und Krähen ❖
10.04.2026 '19:56 [2.247 Wörter]
 dran zog geräuschvoll die Nase hoch und spuckte dann den, zu Tage geförderten, Batzen auf den matschigen Boden. »Nun. Es war mir eine Freude eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber ich hoffe ihr seht mir nach, dass mich wichtige, dringliche Geschäfte rufen.« Er grinste breit und sah dann zu Endres, welcher sich gerade dem Brecher genähert hatte und diesen mit einem schiefen Blick bedachte. »Du elender Hund.«, zischte Endres und versetzte dem schwer atmenden Mann einen Tritt. Der Brecher stöhnte gequält auf doch als er weiterhin am Boden liegen blieb, seufzte Endres zufrieden und ein diebisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Nun, da er sicher war, dass der Mann keine Bedrohung mehr darstellte, beugte er sich zu ihm herab und hob sein Schwert vom Boden auf. »Das gehört mir.«, murmelte Endres und schnaubte, als er bemerkte, dass die ganze Scheide mit Schlamm besudelt war. Als er sich das Schwert an den Gürtel band, stellte er überdies fest, dass er nicht besser aussah als sein Schwert. Durch das Gerangel am Boden, glich er mehr einem Waldschrat als einem Menschen. Er schnaubte erneut und versuchte den Dreck irgendwie abzuschütteln. Doch egal was er auch tat, es wurde nur noch schlimmer.
Edran indes stand an seinem Wagen und wirkte nachdenklich. Endres schenkte ihm nur wenig Beachtung. Doch hätte er geahnt, worüber Edran so nachdachte, hätte er vielleicht die Gelegenheit am Schopf ergriffen und sich dieses Mistkerls an Ort und Stelle entledigt. Doch so stand Endres einfach nur da und klopfte sich die Kleidung ab, während ein diebisches Grinsen auf Edrans Gesicht prangerte. »Wohlan. Es wird Zeit!«, rief Edran und lenkte so Endres‘ Aufmerksamkeit auf sich. Er warf die Armbrust, welche er bis dahin noch in den Händen gehalten hatte, achtlos auf den Boden und begann die Münzen aus dem Dreck zu puhlen. Vermutlich waren einige davon bereits tief in den Schlamm getreten worden und erst in hundert Jahren, wenn man hier ein neues Haus bauen würde, kämen sie wieder zu Tage. »Der Anführer ist davongeritten wie ein Feigling. Der andere Kerl, der deinem Mädchen nachgeritten ist, wer weiß wo er gerade ist. Und der restliche, klägliche Haufen…« Er machte eine ausladende Geste und umfasste damit den Zöllner, der noch immer an seinem Wagen lehnte, die Krähe, welche die tote Frau betrauerte, und den Brecher, der nach wie vor am Rücken lag und schwer atmete. Er verstaute die dreckigen Münzen in einem kleinen Beutel und wischte sich dann die Finger am Hosenbund ab. »…wird wohl keine Schwierigkeiten mehr machen.« Er trat an seinen Wagen heran und rümpfte missbilligend die Nase. »Weg von meinem Wagen, Abschaum.«, zischte Edran und versetzte dem Zöllner einen Tritt, so dass dieser seitwärts in den Dreck stürzte. Zufrieden grinsend kletterte Edran auf den Bock und schnalzte sogleich mit den Zügeln. Stoisch und rumpelnd setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. »Und ihr? Wollt ihr mich bis zu den Zwillingen begleiten?« Edran lächelte, wohlwissend welches Geheimnis er über Endres und Valésia wusste. Und ebenso wohlwissend, dass der Paltore dieses Angebot sicherlich ausschlagen würde. Und Endres enttäuschte Edran in keiner Weise. »Nein. Danke für das Angebot, aber ich fürchte das Schicksal hat nicht vorgesehen dass sich unsere Wege allzu lange kreuzen. Ich muss mein Weib suchen gehen.« Da lächelte Edran und nickte. »Gewiss. Ich wünsche gutes Gelingen.« Ohne weitere Umschweife schnalzte Edran erneut die Zügel und der Wagen rumpelte seines Weges.
Endres seufzte. Natürlich hätte die Lage weitaus schlimmer sein können. Dennoch sah er sich vor einem gewaltigen Scherbenhaufen. Das Land war groß und er war hier fremd. Wohin Valésia geritten war, konnte er nur ahnen oder hoffen. Er wusste, in welche Richtung sie von dannen geritten war. Und auch in welche Richtung ihr der Haken gefolgt war. Seine einzige Hoffnung war, dass Valésia ein sicheres Versteck oder eine Siedlung erreichen würde, bevor der Haken sie eingeholt hatte. Er wog den kleinen Beutel, welchen ihm der Brecher abgenommen und er ihn wieder an sich genommen hatte, in der Hand. Die wenigen Münzen darin klimperten doch es lag keine Freude darin. Es klang beinahe wie ein Anklagen. Endres seufzte und schob den Beutel zwischen seine Gürtel. Er nahm die Zügel des Pferdes und stellte einen Fuß auf den Steigbügel. Doch bevor er sich auf das Pferd schwang, ließ er seine Blicke ein letztes Mal über die Falken, deren Flügel sie gestutzt hatten, schweifen. Endres seufzte. »Ich wünschte wir wären uns nie begegnet.« Da hob die Krähe den Kopf und warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. »Das wünschte ich auch.«, murmelte er und strich mit seinen Fingern über die Augenlider der toten Frau. Endres zuckte erschrocken zusammen. Er hatte eigentlich keine Antwort erwartet. Zu allem Überfluss erhob sich die Krähe nun, wenn auch schwerfällig, aus ihrer Hocke. Endres hielt inne und wirkte beinahe wie versteinert. Unfähig aufzusitzen. Unfähig sich wieder von dem Pferd zu lösen. Die Krähe sah den Mann mit einem nachdenklichen Blick an doch hüllte sie sich in Schweigen.
Dann tat sie einige, langsame Schritte. Endres zuckte erneut, doch die Krähe beachtete ihn gar nicht. Ohne Endres eines Blickes zu würdigen, näherte er sich dem Brecher und ging vor ihm in die Hocke. Seine Hände tasteten den Brustkorb des Mannes ab, welcher unter den Berührungen immer wieder aufstöhnte. »Dich hats ziemlich erwischt.« Die Krähe grinste verlegen, doch das Lächeln wich recht schnell wieder seinem monotonen Blick. »Ich…«, röchelte der Brecher und seine Mundwinkel zuckten angestrengt. »…werds überleben.« Da nickte die Krähe. »Sicher.« Er erhob sich und nun Endres einen dunklen Blick zu. »Man sieht sich immer zweimal. Eskel.« Das letzte Wort zischte die Krähe förmlich hervor und Endres überkam eine leichte Gänsehaut. Die Augen des Paltoren hafteten sich auf die Krähe und beobachteten jede Bewegung. Bis Endres die Armbrust bemerkte, welche da im Matsch lag. Ein kurzer, kalter Schauer überkam ihn. Doch die Armbrust war nicht geladen. Und die Bolzen bei der toten Frau. »Ich suche keinen Streit, Eskel.«, seufzte die Krähe schließlich. »Das Schicksal gab uns einen Wink. Wir haben ihn wohl falsch verstanden.« Er deutete auf den Zöllner, dann auf den Brecher und schließlich, wenn auch zögerlich, auf Varelle. »Und nun?«, verlangte Endres zu erfahren woraufhin die Krähe müde lächelte. »Nichts. Wenn das Schicksal es so will, werden wir uns wiedersehen. Doch ich würde mich dann nicht auf Pferdetritte und Bärenfallen verlassen.« Endres schluckte und nickte dann. »Nun, dann hoffe ich, dass wir uns niemals wieder sehen.« Die Mundwinkel der Krähe zuckten. Doch er verschränkte nur die Arme und zuckte mit den Schultern. Auch ihm war bereits die herrenlose Armbrust im Dreck aufgefallen. Doch anders als Endres, wusste er sehr geschickt seine Blicke zu verbergen. Er ging die Möglichkeiten durch. Doch egal wie er es auch drehte und wendete. Er sah keine Aussicht den Paltoren, von welchem er glaubte er hieße Eskel, zu erwischen. Seine Blicke huschten zu Varelle und glitten dann, unauffällig, hinab zu seiner Hand, in welcher ein einzelner Bolzen ruhte. Endres schwang sich auf sein Pferd und wandte der Krähe somit den Rücken zu. Und in diesem Moment huschte der Mann hervor und stürzte auf die Armbrust hinzu. Endres drückte dem Pferd die Fersen in die Flanken und das Tier setzte sich in Bewegung, ohne zu bemerken, was hinter ihm vor sich ging, Die Krähe ergriff die Armbrust und zog sie aus dem Matsch. Hastig begann der hagere Mann die Sehne zu spannen und den Bolzen einzulegen. Während Endres‘ Pferd immer mehr mit der Dunkelheit verschmolz. »Dich erwische ich, du Hundsfott.«, zischte die Krähe und legte die Armbrust an.
Ein lautes Wiehern durchschnitt die Nacht. Gefolgt von schnellen, polternden Hufschlägen. Der Haken trieb sein Pferd an und schnalzte immer wieder mit der Zunge. »Lauf! Lauf!«, rief er. Das Pferd riss den Kopf in die Höhe und der weiße Schaum tropfte aus den Mundwinkeln. Doch obwohl sein Pferd alles gab, gab er dem Tier noch die Sporen, denn für ihn ging es einfach nicht schnell genug.
Endres zuckte zusammen und sein Pferd machte einen Ausfallschritt. Ein zischendes Heulen ertönte und sein Pferd wieherte und schnaubte und richtete sich erschrocken auf. Endres, welcher davon völlig überrumpelt worden war, packte die Zügel und versuchte das Pferd wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch die Wucht des Ausfalles war so gewaltig, dass es den Paltoren aus dem Sattel hob. Mit einem dumpfen Schlag krachte Endres rücklings auf die Straße. Hätte es nicht die ganze Nacht geregnet, hätte er sich nun vermutlich mehrere Knochen gebrochen. Die Luft wurde aus seinen Lungen getrieben und er ächzte. Doch der Schreck war der schlimmste Schaden, den er davongetragen hatte. Sein Pferd hingegen ging durch. Hals über Kopf ritt es in die Nacht hinfort und Endres rappelte sich wieder auf die Beine. Das Pferd krümmte sich und schlug einige Male mit den Hufen aus, um den Bolzen, welcher sich in die Flanke gebohrt hatte, abzuschütteln. Doch der Bolzen ließ sich noch weniger abschütteln wie lästige Fliegen im Sommer. Endres warf einen Blick über die Schulter und sah die Krähe, mit der Armbrust in der Hand. Der Paltore erstarrte zu Eis. Er erwartete jeden Moment den Schuss, doch als dieser ausblieb, begann er zu verstehen. Er hatte die Armbrust bereits abgefeuert. Und er hatte das Pferd getroffen. Ein dunkler Schatten huschte über Endres Gesicht und dann zog er sein Schwert aus der Scheide. »Du hinterfotziger Bastard!«, brüllte Endres, der nun jede gute Schule vermissen ließ. Er rannte auf die Krähe zu. »Scheiße!«, zischte der hagere Mann und warf die nutzlose Armbrust in den Dreck. Stattdessen nahm er die Beine in die Hand und rannte. Doch nicht auf Endres hinzu, sondern vor ihm fort. Er rannte, bis er schließlich die Pferde erreicht hatte. Hastig kletterte er auf den Rücken und gab dem Tier einen Tritt. »Los! Beweg dich!«, rief er. Das Pferd wieherte und schnaubte empört, während Endres sich eilenden Schrittes immer mehr annäherte.
Das Getrappel der Hufe wurde leiser. Das Pferd wurde langsamer. Der Haken zog sachte an den Zügeln und brachte das Pferd langsam zum Stillstand. Doch er blieb im Sattel sitzen. Seine Blicke wanderten über den Boden und er konnte nichts anderes als stummes Zeugnis ablegen. Dutzende Fußspuren. Tiefe Furchen von Wagenrädern. Abdrücke von Pferdehufen. Und hier und da blitzte eine einzelne Münze aus dem Matsch, als das Mondlicht auf sie fiel. Und dann sah er Varelle und den Brecher. »Was bei den Dreien.« Er glitt aus dem Sattel und näherte sich Varelle. Er zog sie auf die Seite und konnte nur ihren Tod feststellen. Erschrocken zog er seine Hand zurück und wandte sich von der Toten ab um sich dem Brecher zuzuwenden. Dieser hatte die Augen geschlossen und der Haken seufzte. Doch als der Brecher wieder die Augen öffnete da hastete er zu ihm. »Was ist hier passiert?«, verlangte der Haken zu erfahren und der Brecher hustete. »Hab 'nen Pferdetritt abbekommen.« »Und Varelle? Und wo sind die anderen?« Der Brecher hob seine Hand und deutete hinter sich, wo der Haken schließlich auch den Zöllner entdeckte. »Die Krähe und der Fuchs sind abgehauen.«, jammerte der Zöllner und rieb sich die verletzten Hände. »Und dieser Bastard hat alle Pferde genommen!«
Endres pfiff ein Liedchen, während er seinem Pferd die Führung überließ. »Ja, du wirst meine Liebste schon finden, nicht wahr? Immerhin ist sie deine Herrin.« Er tätschelte dem Pferd, welches neben ihm schritt den Hals und strich ihm sanft durch die Mähne. Das Pferd machte einen seitlichen Schritt doch ließ es Endres gewähren. Endres‘ Blick wanderte zu der Wunde, welche der Bolzen geschlagen hatte. Er war natürlich weder ein Pferdemeister noch ein Bader. Doch der Bolzen hatte sich nicht tief eingegraben gehabt. Er hatte ihn, nachdem er endlich das Pferd aufgestöbert hatte, sachte entfernen können. Das Pferd war müde und matt unter einem Baum gestanden, als Endres es endlich im Morgengrauen gefunden hatte. Beinahe schon hatte er die Suche aufgeben wollen. Doch der Umstand, dass eben jenes durchgegangene Pferd seiner Liebsten gehörte, ließ ihn einfach nicht aufgeben wollen. Erleichtert hatte sein aufgeregtes Herz sich wieder beruhigt, als er das Pferd gefunden hatte. Da das Pferd zickig und nervös gewesen war, hatte er es kurzerhand an den Sattel jenes Pferdes gebunden, welches wohl einst dem Zöllner gehört hatte. Die Pferde von Varelle und dem Brecher trotteten stoisch hinterdrein. Er hatte alle Pferde miteinander verbunden und saß auf dem vordersten und pfiff ein zufriedenes Lied zwischen den Zähnen hervor.
Als die Sonne bereits über den Rand der Welt lugte, erreichte er ein Dorf. Irgendwo krähte ein Hahn und es bellte ein Hund. Endres beschirmte seine Augen mit der Hand, da die tiefstehende Sonne ihn blendete. Seine Blicke huschten über die Leute, die über den Dorfplatz huschten. Die meisten von ihnen nahmen kaum Notiz von ihm. Nur ein Knabe, der am Rand eines Hauses stand sah Endres mit großen Augen an. »He, Knabe!« rief Endres und winkte den Burschen zu sich. Der Junge wirkte zurückhaltend doch leistete er dem Ruf des Mannes, der mit vier Pferden in sein Dorf geritten kam, schließlich Folge. »Ihr wünscht, werter Herr?« Der Junge wirkte sichtlich bemüht doch man konnte klar sehen und auch hören, dass er es nicht gewohnt war mit Höhergestellten zu sprechen. »Bitte sag mir, ist hier vielleicht eine Frau vorbeigeritten? Es mag noch dunkel gewesen sein.« Der Junge senkte verlegen die Blicke. »Nein, Herr. Ich…ich habe niemanden sonst auf einem Pferd gesehen.« Endres seufzte und gab dem Pferd wieder einen Tritt, damit es sich in Bewegung setzte.
Egal wen er auch fragte, niemand hatte Valésia gesehen. Und so langsam beschlich Endres der Gedanke, dass sie wohl nie hier vorbeigekommen war. »Oh, wo bist du nur, meine Liebste?«
Neue Zweifel ❖
13.04.2026 '14:48 [1.903 Wörter]
 angsam wurde der Weg immer belebter, je näher Valésia den Zwillingen kam, und ohne, dass sie es wirklich gewollt hatte, war sie plötzlich nicht mehr allein unterwegs, sondern Teil eines stetigen Trosses aus Wagen, Reitern aber auch Menschen, denen nichts anderes übrig blieb, als zu Fuß zu gehen, da sie keine anderen Mittel besaßen, die alle in dieselbe Richtung zogen oder von dort kamen. Es war kein dichtes Gedränge, nur ein ruhiges, gleichmäßiges Vorankommen, bei dem jeder seinen Platz hatte und keiner den anderen lange beachtete, solange sich nichts Auffälliges ergab. Und genau daran hielt sich die junge Frau. Denn sie wollte um keinen Preis auffallen. Schließlich saß sie auf Endres‘ Pferd, in dessen Satteltaschen sich nahezu die gesamte Barschaft von ihnen beiden besaß. Zwar hatte Valésia sich einige kleine Münzen herausgenommen, um in Wirtshäuser und Gaststätten zu bezahlen, aber wieviel genau sich in den dicken Beuteln der Satteltaschen befand, das wusste sie nicht. Doch sie wusste, dass es alles war was sie besaßen und dass es ein großes Unglück wäre, das zu verlieren. Sie ließ das Pferd in einem gemächlichen, gleichmäßigen Tempo gehen, weder zu schnell, um aufzufallen, noch so langsam, dass sie jemand überholen musste, und achtete darauf, sich in die Bewegung einzufügen, als gehöre sie selbstverständlich dazu, nicht als allein reisende hübsche junge Frau. Ihre Hände lagen ruhig an den Zügeln, ihr Rücken blieb aufrecht, und doch zwang sie sich, jede überflüssige Haltung zu vermeiden, die mehr verraten konnte, als ihr lieb war, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der leichte Nieselregen der vom Himmel fiel spielte ihr dabei sogar in die Hände. Trotzdem blieb sie nicht unbemerkt. Immer wieder bemerkte sie diese flüchtigen oder teilweise unverhohlenen Blicke, die einen Augenblick zu lange auf ihr ruhten, bevor die Menschen weitergingen, oder an ihr vorbeiritten. Als hätten die Leute etwas gesehen, das sie nicht recht einordnen konnten, es war ja auch eher ungewöhnlich, dass eine junge Frau alleine ritt.
Sie hatte den Mann, der sie schon seit geraumer Zeit beobachtet hatte, bereits eine Weile im Augenwinkel bemerkt, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Erst als er sein Pferd aus der Reihe löste und näher an das ihre heranlenkte, blieb ihr im Grunde nichts anderes mehr übrig und so hob sie den Blick und sah ihn richtig an. Sein Tier war groß und gut gebaut, trug ihn ruhig, und auch seine Ausrüstung war sauber gehalten, nicht prunkvoll, aber ordentlich genug, um keinen Zweifel daran zu lassen, was er war. Er hielt Abstand, schnitt ihr den Weg nicht ab, und doch war in der Art, wie er neben ihr einfiel, klar zu erkennen, dass er genau wusste, was er tat. „Verzeiht, dass ich euch einfach so anspreche“ sagte er, und seine Stimme war zurückhaltend aber freundlich. „Ihr seid mir schon eine ganze Weile aufgefallen und darum muss ich fragen: Reitet Ihr allein?“ Valésia wandte leicht den Kopf, musterte ihn kurz und nickte. „So sieht es wohl aus.“ Ihr blieb ja auch nichts anderes übrig, als ihm diese Antwort zu geben, an wen hätte sie sich halten können um zu behaupten, dass sie mit ihm oder ihr ritt? Er lächelte verhalten, als hätte er mit keiner anderen Antwort gerechnet. „Das ist selten genug, um aufzufallen“, meinte er. „Vor allem auf dieser Straße.“ Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr, und er schien es zu bemerken, dass Valésia von seiner Aussage beunruhigt wirkte. „Keine Sorge“, fügte er hinzu, fast beiläufig. „Ich frage aus Gewohnheit, nicht aus Neugier. Und selbstverständlich fragte ich mich, ob eine junge hübsche Frau alleine reisen sollte.“ Valésia nickte und fragte aus reiner Höflichkeit, die ihr nun einmal anerzogen war „Und Ihr? Seid ihr auch alleine unterwegs?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Nicht ganz.“ Er deutete mit einem kurzen Nicken nach hinten. „Mein Knappe kommt nach. Wenn er sich nicht wieder mit irgendeinem Händler verplaudert hat.“ Ein Hauch von Ungeduld lag in seiner Stimme, aber auch etwas, das fast nach Nachsicht klang. „Im Grunde ist er nicht mein Knappe, das bin ich eigentlich selbst noch. Aber es ist nur noch eine Formsache. Ihr gestattet, mich vorzustellen? Ich bin Ser Tavian von Dornfels“, stellte er sich dann mit einer leichten Verbeugung im Sattel vor. „Haus Dornfels befindet sich im Norden des Herzogtums Olathor, falls man das nicht ohnehin an meinem Akzent hört.“ Valésia hatte es wohl gehört. Wie könnte sie das Herzogtum Olathor mit all seinen Erlebnissen auch vergessen? Sie neigte leicht den Kopf und stellte sich ebenso vor. „Mein Name ist Sia“ sagte sie und Ser Tavian hob eine Augenbraue. „Sia und wie noch?“ Die Komtess zuckte die Schultern. „Einfach nur Sia“, sagte sie, ohne weiter auszuholen. Er nickte und nahm den Namen so hin, ohne nachzufragen. „Und, Sia, einfach Sia, die alleine reitet… Seid ihr auf dem Weg zu den Zwillingen?“ Er schenkte ihr ein schelmisches Grinsen und es wirkte ansteckend auf Valésia. Sie neigte den Kopf zur Seite und erwiderte „Ja.“ „Dann teilen wir zumindest das Ziel. Ich hoffe, ihr gestattet mir, euch das letzte Stück zu begleiten. Es kann nie schaden, einen Ritter an seiner Seite zu haben.“ Er ließ sein Pferd noch ein wenig näher an ihres herankommen, gerade so weit, dass sie sich unterhalten konnten, ohne die Stimme zu heben. „Ich bin eigentlich noch kein richtiger Ritter, denn ich habe den Ritterschlag noch nicht empfangen. Ich befinde mich jedoch auf der Schwertleite. Ich werde sie bald empfangen“, fuhr er fort, als wäre das die selbstverständlichste Erklärung der Welt. „Oder besser gesagt, wenn alles gut geht, werde ich sie bald empfangen.“ Valésia sah ihn kurz an. „Ihr seid nicht der Einzige auf dieser Straße, ich habe einige Ritter auf dem Weg zu den Zwillingen gesehen“ „Kein Wunder“, meinte er. „Bei den Zwillingen beginnt bald das Frühlingsturnier. Das erste in diesem Jahr. Da zieht es sie alle hin, die sich beweisen wollen.“ Ein erwartungsvolles Funkeln trat in seine Augen. „Ich eingeschlossen.“ Valésia ließ den Blick nach vorn gehen. „Und Ihr wollt Euch dort messen?“ „Natürlich“, erwiderte er, als gäbe es darauf keine andere Antwort. „Was wäre eine Schwertleite wert, wenn man sich nicht zeigt? Jeder angehende Ritter, der sich auf der Schwertleite befindet, hat die bestmögliche Ausbildung erhalten und sollte zeigen, was er kann.“ Er machte eine kleine Pause, dann fügte er hinzu „Wenn Ihr Zeit und Lust habt, solltet Ihr es Euch ansehen. Es ist nicht nur Lärm und das Aufeinanderschlagen von Stahl. Man bekommt einiges dort zu sehen. Viele tapfere Männer aus allein Herzogtümern. Ich habe gehört auch der amtierenden Einhornritter wird zugegen sein. Und man sieht schnell, wer etwas kann und wer nur so tut.“ Valésia schwieg einen Moment. Dann nickte sie leicht. „Vielleicht. Ich weiß nicht, ob ich dafür Zeit oder Gelegenheit finde.“ Das Gespräch hätte an dieser Stelle enden können, doch etwas an dem, was er gesagt hatte, blieb bei ihr hängen. ‚Wer etwas kann. Und wer nur so tut.‘ Warum nur musste sie bei diesen Worten nun an Endres denken? An den Kampf mit den Wanderfalken? An das, was sie gesehen hatte? Sie sah es wieder vor sich, ohne dass sie es wollte. Wie ungeordnet und unbeholfen er gewirkt hatte, wie wenig davon dem glich, was sie mit einem Mann verband, der kurz davorstand, den Ritterschlag zu empfangen. Der eine Ausbildung im Kampf erhalten hatte. Denn hatte Endres nicht erzählt, dass er ebenso auf der Schwertleite war? Sie hatte soviele gestandene Männer kämpfen gesehen. Bei Turnieren, Buhurten. Sie sollte es am besten wissen. Und jetzt, neben diesem baldigen Ritter, der genau das war, was Endres ebenso sein sollte, offenbarten sich große Unterschiede, die sie längst hätte bemerken sollen. Der hier war ganz anders als Endres. In der Haltung. In der Art, wie selbstverständlich er von dem sprach, was vor ihm lag. Selbstsicher, genau wissend. Und plötzlich musste sie an Roméro denken. Auch er hatte die Schwertleite empfangen. Er hatte in Olathor gegen Merik gekämpft und hatte diesen Prinzen regelrecht auseinandergenommen. Dieser Prinz, von dem man hinter vorgehaltener Hand munkelte, seine Ritterwürde sei nur gekauft, da er nie etwas geleistet hatte, wofür er sie verdient hätte. Valésia spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Wenn Endres wirklich auf demselben Weg gewesen war, auf dem Weg der Schwertleite, warum hatte alles dann so anders gewirkt? Und warum war ihr das nicht früher aufgefallen? Sie zwang sich, den Gedanken nicht sofort weiterzutreiben, aber er war da, klarer als zuvor, und ließ sich nicht mehr so leicht übergehen. Neben ihr ritt Ser Tavian ruhig weiter, als hätte er nicht bemerkt, welche Regungen im Antlitz der jungen Frau sichtbar geworden waren. Vielleicht hatte er es auch nicht. Oder er war höflich genug, nicht nachzufragen. Vor ihnen hoben sich schließlich die Zwillinge gegen den grauen Himmel ab, erst undeutlich, dann klarer, bis die beiden Türme deutlich zu erkennen waren, hoch und schlank, durch die Brücke verbunden, die zwischen ihnen hing wie ein schmaler Übergang zwischen zwei Welten. Valésia richtete sich ein wenig auf, unbewusst, und hielt den Blick darauf gerichtet. Das Ziel war nah, und mit ihm alles, was folgen würde.
Es war kein Duell gewesen, kein Kampf, wie man ihn am Hof beschrieb oder bei Gelegenheiten sah, bei denen Männer ihr Können zeigten und sich dabei beobachtet wussten. Es war roh gewesen, ungeordnet, zu nah, zu verzweifelt, als hätte er nichts anderes gehabt als seine Hände und den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ein Mann, der auf dem Weg zur Schwertleite gewesen war, sollte anders kämpfen. Sie hatte solche Dinge gesehen, oft genug, um den Unterschied zu erkennen, auch ohne selbst je ein Schwert geführt zu haben. Haltung, Abstand, Kontrolle, all das hatte gefehlt. Was also hatte sie da gesehen? Valésia zog die Zügel ein wenig an, ohne es bewusst zu wollen, und das Pferd nahm das Tempo zurück, als hätte es gespürt, dass bei seinem Reiter etwas ins Stocken geraten war. Valésia suchte Erklärungen. Vielleicht war es die Situation gewesen. Der aufgeweichte Boden vor dieser Waldschenke, die Dunkelheit, mehrere Gegner, keine Gelegenheit, das anzuwenden, was man gelernt hatte. Aber egal wie sie es auch drehte und wendete, irgendetwas passte nicht. Er war gut in Worten. Aber er hatte ein Schwert, und er hatte es nicht eingesetzt, um die Wanderfalken in die Flucht zu schlagen. Valésia senkte den Blick kurz, sah auf ihre Hände, die die Zügel hielten. Egal, was sie von dem hielt, was sie gesehen hatte, oder eben nicht gesehen hatte. Egal, wie sehr es nicht zu dem Bild passte, das sie sich gemacht hatte, er war nicht geflohen, nicht gewichen, sondern hatte sich zwischen sie und die anderen gestellt, ohne zu zögern. Er hatte versucht, sie zu beschützen und ihr die Flucht zu ermöglichen. Und dennoch ließ der andere Gedanke sie nicht los. Er formte sich nicht zu einer klaren Frage, nicht zu einer Anschuldigung, sondern blieb etwas Unausgesprochenes, das sich immer wieder in ihre Überlegungen schob, ohne dass sie es wirklich festhielt. Was, wenn sie sich irrte? Valésia hob den Blick wieder und sah nach vorn, auf den Weg, der sich vor ihr ausbreitete, und auf die fernen Umrisse der Zwillinge, die langsam deutlicher wurden. Sie zwang sich, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen, nicht jetzt, nicht hier, wo er nichts änderte und nur Unruhe brachte. Es gab bestimmt Dinge, die sie nicht wusste. Und Dinge, die sie erst verstehen konnte, wenn sie Endres wieder vor sich hatte. Bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als mit dem zu leben, was sie gesehen hatte und mit dem, was es in ihr ausgelöst hatte.
Zuber, Gram und Zwillinge! ❖
13.04.2026 '22:59 [2.060 Wörter]
 ualvoll brannte Endres' Hintern. Er fühlte sich taub and und zugleich als ob tausende Feuerameisen darauf herumkrabbeln würden! Endres Leib litt vom langen Reiten. Und egal wie er sich auch versuchte in dem Sattel aufzusetzen, es verschaffte ihm keine Linderung. Er rutschte mehr auf dem Sattel herum, als ein Tagelöhner auf einer billigen Hure. Und Endres Unruhe übertrug sich so langsam auch auf das Pferd unter ihm. »Brrr.«, Endres brachte das Pferd zum Stillstand und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Seine Füße wagen wackelig, als ob er seit Tagen auf einem Schiff gestanden hätte und heute zum ersten Mal wieder richtiges Land unter den Füßen hatte. »Verdammt.«, brummte er und nahm den Zügel in die Hand, um das Pferd zu führen. »So finde ich sie nie.« Er legte den Kopf in den Nacken und versuchte die Verspannung aus dem Körper zu vertreiben, was ihm nur minder gelang. Er richtete seinen Blick auf das kleine Städtchen, welches vor ihm lag. Aus den Schornsteinen stieg rauch auf und man konnte in der Ferne einige Glocken der Kühe auf der Weide vernehmen. Der Ort lag friedlich und still vor ihm. Er hatte keine Ahnung wo er sich eigentlich befand und hoffte eigentlich nur, dass er zumindest auf dem richtigen Weg war.
Endres führte die Pferde über die festgetretene Straße, welche nur aus Lehm und Erde bestand und vermutlich beim nächsten Regen völlig aufgeweicht werden würde. Die Pferde trotteten ihm still und stoisch hinterher. Auch ihnen merkte man inzwischen die lange Reise an. Und auch wenn Endres eigentlich schon deutlich längere Wege gewohnt war, so schien es wohl an dem ungewohnten Sattel zu liegen. Valésia war ja auch etwas leichter als er. Und zierlicher. Der Sattel war eindeutig auf sie zugeschnitten gewesen und für Endres eine Spur zu klein. Er wusste nicht einmal, dass es kleinere Sättel gab. Doch die Erfahrung der letzten Stunden hatte ihn eines Besseren belehrt. Er seufzte und als er die ersten Häuser erreichte, sah er sich suchend um. In jedem Dorf gab es diese neugierigen Blicke. Neugierige Männer und Frauen, die jeden Neuankömmling genauestens unter die Lupe nahmen. Und auch an diesem Ort wurde er nicht enttäuscht. Ein Umstand, der ihm normalweise gehörig gegen den Strich ging, kam ihm nun zugute. Eine Frau, welche gerade dabei war Wäsche zu mangeln, stand abseits der Straße. Sie hob den Kopf, als er und die vier Pferde vorbei trotteten. Und Endres warf ihr ein freundliches Lächeln zu. »Den Dreien zum Gruße!«, rief er und hob seine freie Hand. Die Frau wirkte zwar nicht eingeschüchtert oder misstrauisch, doch sie nickte nur und widmete sich wieder ihrer Wäsche. »Seid gegrüßt Fremder.«, antwortete sie, ohne sich wirklich für Endres zu interessieren. Doch ihre Blicke huschten dennoch immer wieder in seine Richtung und Endres ließ es sich nicht nehmen sie eine Weile zu beobachten. Dies wurde ihr dann doch sichtlich unangenehm. »Wie kann ich euch helfen?«, erkundigte sie sich schließlich und erhob sich von ihrer Arbeit. Endres deutete eine leichte Verbeugung an und wischte sich danach wieder das Haar aus dem Gesicht. »In der Tat hoffe ich, dass ihr mir behilflich sein könnt.« Die Frau sah ihn mit diesem Ausdruck an, der klar und deutlich zu verstehen gab, dass sie eigentlich nur aus Höflichkeit gefragt hatte und nun keineswegs davon erbaut war, dass er wirklich Hilfe wollte. »Ich suche eine Dame. Sie muss vor einiger Zeit hier entlang geritten sein. Sie ist auf dem Weg zu den Zwillingen. Zweifellos muss sie hier vorbei gekommen sein, nicht wahr?« Die Frau erwiderte zunächst nichts darauf. Stattdessen besah sie Endres mit noch kritischeren Blicken. Als ob sie ihm nicht trauen würde, und das Geheimnis, welches sie hütete, vor ihm verbergen musste. »Davon weiß ich nichts, Herr.«, antwortete sie kurz angebunden und wollte sich wieder ihrer Wäsche widmen. Endres legte seine Hand auf den Hals des Pferdes und hielt den Kopf ein wenig zur Seite, um die Frau genauer in Augenschein zu nehmen.
Er konnte es sich nicht erklären. Doch etwas, oder ein Gefühl, verriet ihm, dass die Frau nicht die Wahrheit sagte. Es war ein unerklärliches Gefühl, welches sich seiner bemächtigte. Doch er erkannte, dass die Frau ihm entweder misstraute, oder schlimmer gar, fürchtete. Und so räusperte er sich und trat noch einen Schritt hervor. »Gute Frau. Ich möchte euch wirklich ungern belästigen. Doch die Frau, die ich suche…« Er machte eine kurze Pause und beobachtete die Frau mit neugierigen und forschen Blicken. »…sie ist in Nöten. Und vermutlich in Eile gewesen. Es ist wirklich dringend.« Die Frau schüttelte nur zögernd den Kopf. »Fragt Gram.« Damit wandte sie sich nun wieder ihrer Wäsche zu und ließ Endres einfach links liegen. »Wer ist Gram?«, rief er ihr nach, als sie mit einem schweren Wäschekorb unter dem Arm in ihr Haus ging. »Der Stallbursche.«, rief sie und war dann verschwunden.
Endres runzelte die Stirn. »Seltsames Weib.« murmelte er und tätschelte dann den Hals des Pferdes. »Ein Stallbursche kommt uns grad gelegen.«, meinte er und lächelte dabei. »Ihr habt sicher Hunger. Und Durst.« Er führte die Pferde weiter über die Straße bis er ein größeres Holz aus Stein erreichte. Nicht weit davon stand eine große Scheune in welcher er ein einzelnes Pferd sehen konnte. »Stallbursche…« murmelte Endres und ein verlegenes Lächeln entkam seinen Lippen. »Für so einen Schober?« Er gluckste und sah dann auf die vier Pferde, welche er hinter sich herführte. Ob dieser Schober genug Platz für so viele Pferde hatte, wagte Endres zu bezweifeln. Doch ihm stand ohnehin nicht der Sinn danach die Pferde länger als nötig unterzustellen.
Als er die Scheune erreicht hatte, trottete ein junger Bursche heraus. Er schob eine kleine Karre, welche voll mit Dung und Pferdemist beladen war. Zweifellos gab es hier doch mehr als nur ein Pferd, denn eines allein würde kaum so viel Mist verursachen. »Verzeiht, Bursche!« rief Endres und der junge Mann hielt inne und sah den fremden Neuankömmling mit neugierigen Blicken an. »Ich suche Gram. Ist das euer Name?« Der Bursche stellte nun seinen Karren ab und rieb seine Hände aneinander, als ob er sie grob von Dreck und Unrat befreien wollte. »Wer will das denn wissen?« Da gluckste Endres verdutzt. »Na wer wohl? Sonst hätte ich ja wohl nicht gefragt?« Der Bursche lächelte matt und Endres bemerkte, wie er die Pferde zu beäugen schien. »Braucht ihr eine Unterkunft für eure Pferde, Herr?«, erkundigte sich der Bursche und Endres warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. »Wir haben einen langen Ritt hinter uns. Sie brauchen Wasser und Futter. Und man müsste sie abreiben.« Der Bursche nickte freundlich und deutete in die Scheune, aus welcher er soeben gekommen war. »Bringt sie herein. Ich kümmere mich darum.« Endres trat an den Burschen heran und legte ihm dann seine Hand auf den Unterarm. »Verzeiht, Gram. Doch ich suche eine Frau. Sie muss erst vor Kurzem hier vorbeigeritten sein. Man sagte mir, ich solle einen gewissen Gram fragen.« Der Bursche verengte die Augen zu zwei Schlitzen und schien mehr an Endres vorbei zu schauen. »Hat Marla euch geschickt?« Endres wusste nicht den Namen der Frau, oder wer überhaupt diese Marla war. »Sie hat ihren Namen nicht genannt. Sie war sehr abweisend.« Da nickte Gram und grinste dabei. »Marla.« Er nickte erneut und wirkte nun wie von einer unbekannten Erkenntnis erfüllt. »Nun. Ist jetzt eine Frau hier vorbeigekommen oder nicht?«, hakte Endres nach und Gram nickte erneut. »Ja. Is noch nich‘ so lange her. N halber Tag vielleicht?« Endres Herz machte einen freudigen Sprung. »Wunderbar. Und wohin ist sie weitergezogen?« Da sah Gram Endres schweigend an. Er glotzte unverhohlen zuerst auf die vier Pferde und dann auf den Mann, welcher mehr Schlamm an der Kleidung trug als ein Schwein im Pferch. Endres erwiderte den Blick, bis er die offene Hand bemerkte, welche Gram ihm unverblümt entgegenhielt.
Endres seufzte. »Also gut.«, murmelte er und kramte in seinem Beutel nach einer Münze. Doch dann schnaubte er und nahm stattdessen drei Münzen hervor und legte sie dem Burschen in die Hand. »Für die Mühe. Und für die Pferde.« Der Bursche besah die Münzen, biss in eine davon hinein und nickte dann. Endres verzog mürrisch den Mund. Sah er so wenig vertrauenswürdig aus, dass man sein Geld sogar der Bissprobe unterziehen musste? Er sah an sich herab und beantwortete seine Frage buchstäblich von selbst. Ja. Er war überall mit getrockneter Erde besudelt und erweckte sicherlich alles andere als einen vertrauenswürdigen Anblick. »Nun, mein Herr. Was wollt ihr genau hören?« Endres zuckte mit den Achseln. »Wo kann ich mich und meine Kleider waschen? Ich bin vom Regen überrascht worden und dann auch noch vom Pferd gestürzt.« Er ließ seine Hände über sein Gewand gleiten um die Blicke darauf zu lenken. »Und darum sehe ich jetzt auch so aus.« Der Bursche pfiff zwischen den Zähnen hindurch einen hohen Ton aus. »Ja, das ist kaum zu übersehen.« Er deutete in eben jene Richtung, als welcher Endres schon gekommen war. »Marla kann euch helfen.« Er grinste breit und offenbarte so eine große Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. »Sie hat einen richtig großen Zuber in ihrem Hinterhof. Wenn er sie nett fragt, lässt sie euch vielleicht herein?« Dabei zwinkerte er verschwörerisch. Endres überkam das zweifelhafte Gefühl, dass man hier einen gewaltigen Streich mit ihm spielen wollte. »Marla? Sie war alles andere als begeistert dass ich sie überhaupt angesprochen hatte.« Gram wischte Endres Worte mit einer beifälligen Geste beiseite. »Die is immer so. Macht euch keine Gedanken. Und wegen der Dame. Die ist in diese Richtung geritten.« Er wandte sich ein wenig zur Seite und deutete in eben jene Richtung welche zu den Zwillingen führten. Der Grenzstadt zwischen dem mittleren und dem südlichen Königreich und dem Knotenpunkt aller fahrenden Händler. »Zu den Zwillingen. Ihr könnts kaum verfehlen.« Endres nickte dankbar. Unweigerlich kam in ihm der Gedanke auf sich sofort auf die Pferde zu schwingen und seiner Liebsten nachzureiten. Doch er musste den Pferden ihre Pause gönnen. Und da er nicht untätig herumsitzen wollte, wollte er sein Glück bei dieser Marla versuchen.
Die Sonne stand bereits hoch und war weit über den Zenit hinaus gewandert, als Endres endlich in seine frisch gewaschene Kleidung schlüpfte. Marla stand nicht weit und bearbeitete ein großes Leintuch mit einem Teppichklopfer. Mit jedem Schlag, den sie auf den Stoff hieb, warf sie Endres einen neugierigen Blick zu. Doch es waren eher diese Blicke, die Endres nicht wirklich mochte. Geh endlich weg Fremder. Du bist hier nicht willkommen. Ein Kerl wie du bringt nur Probleme. Doch die Tatsache dass sie vermutlich die ganze Zeit über, während Endres sich gewaschen und sie sich um seine Kleidung gekümmert hatte beschlich Endres Gedanken, dass sie vermutlich doch neugieriger war als sie es zugestehen würde. Er grinste breit und zog sich schließlich die Hose hoch, während er demonstrativ in ihre Richtung blickte. Wie zu erwarten, wandte sie den Blick ab und kümmerte sich, scheinbar völlig wahllos, um ein anderes Wäschestück. »Ja, ich habe dich schon durchschaut, du Frauenzimmer.«, murmelte Endres und ein diebisches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Ach, wenn Valésia nicht wäre, dann wäre es ihm ein leichtes gewesen sie um den Finger zu wickeln. Doch Frauen wie diese Marla entsprachen nicht wirklich seinem Beuteschema. Noch bevor er Valésia kennengelernt hatte. Sie schien alleine zu leben. Endres hatte keinen Mann gesehen. Weder einen Gatten noch einen Vater. Hier gab es nichts zu holen. Und nun, da Endres sich an Valésia gebunden hatte, noch viel weniger. Er seufzte schwermütig. Auch wenn er die Zeit mit Valésia sehr genoss und jeder Gedanke an diese Frau ihm Wonne und Wärme bereitete, gab es dennoch einen Teil in ihm, der diese alten Tage vermisste.
Endres warf sich seine Tunika über und rückte die Kleidung zurecht. Erst dann legte er wieder seinen Schwertgurt an und überprüfte ob alles gut saß. »Richtet eurem Gemahl meinen verbindlichsten Dank aus, werte Frau Marla.« Er deutete eine leichte Verbeugung an und schritt dann zielstrebig von dannen. Wohlwissend, dass sie ihm diese neugierigen und zugleich giftigen Blicke nachwerfen würde, derer sie ihn schon die ganze Zeit bedacht hatte. Doch er wandte sich kein einziges Mal mehr um, bis er endlich die Stallungen erreicht hatte.
Als Endres das Dorf endlich hinter sich gelassen hatte, gab er dem Pferd einen Tritt in die Flanken und ließ die Zügel schnalzen. »Auf und los. Wir müssen noch vor Einbruch der Nacht bei den Zwillingen sein! Du weißt, wie lästig diese Wachen sind, wenn man nach der Sperrstunde die Stadt betreten will!«
Zwei dicke Beutel ❖
14.04.2026 '18:30 [3.134 Wörter]
 ostbare Harze und Hölzer verbrannten in einer Räucherschale, der Duft, den das Räucherwerk verströmte war stark genug, dass er sich in Kleidung und Haar festsetzte. Der Rauch türmte sich zu dichten Wolkenformationen auf, legte sich übereinander, bildete für einen Moment flüchtige Formen und zerfloss gleich darauf wieder, während er träge durch den Raum zog und sich unter den hohen Bögen des Andachtstempels verlor. Das warme, gedämpfte Licht der kostbaren gebleichten Bienenwachskerzen ließ die hohen Bögen der Kapelle größer wirken, als sie waren. Die Schatten, die sie an die Wände malten, zuckten im Einklang zu den flackernden Flammen. Das Echo der Stimmen hallte leise nach, wenn jemand flüsterte oder sich räusperte, doch im Großen und Ganzen lag eine ruhige, ehrfürchtige Stille über den Reihen der Gläubigen. Graf Gunter und die Gräfin Aurelia saßen nebeneinander, Valésia neben ihrer Mutter, die Hände im Schoss gefaltet, den Blick nach vorn gerichtet, so wie es sich gehörte. Neben ihr saß Roméro, etwas zu lässig für den Anlass. Sein Rücken war nicht so gerade aufgerichtet, wie er sein sollte, die Schultern ließ er hängen, und sein Gesichtsausdruck verriet, dass seine Gedanken nicht ganz bei der Messe waren. Der Priester stand vor dem Altar, die Stimme laut und klar, wie jemand, der wusste, zu wem er sprach und wer ihm zuhörte. Nicht nur die gräfliche Familie, nein, die Drei selbst wohnten dieser besonderen Andacht bei. „Die Frau“, sagte er, „ist geschaffen als das weichere Gegenstück zum Mann. Zart, empfänglich, rein im Herzen und von Natur aus geneigt zur Güte.“ Valésia hielt den Blick gesenkt, wie man es ihr viele Male beigebracht hatte, und lauschte konzentriert den Worten des Priesters, da sie sich als Frau die sie nun einmal war, bei dieser Passage der Predigt besonders angesprochen fühlte „Ihre Tugend liegt nicht in der Stärke, sondern in der Haltung. In Keuschheit, in Sanftmut, in Gehorsam gegenüber der weltlichen und göttlichen Ordnung, die die Drei selbst gesetzt haben.“ In den hinteren Reihen der Bürger erklang plötzlich ein lautes Geräusch, als wäre etwas zu Boden gefallen. Der Klang hallte unter den hohen Bögen nach und schnitt für einen Moment durch die andächtige Stille. Gräfin Aurelia drehte sich empört um, ihr Blick scharf und suchend, doch zwischen den dicht sitzenden Gestalten war nichts zu erkennen, was den Lärm erklärt hätte. Nach einem kurzen Zögern wandte sie sich wieder nach vorn, straffte die Haltung und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Priester. „Doch gerade, weil sie zart ist“, fuhr der Priester nach einer kurzen Pause fort, deren Ursprung die Störung der heiligen Messe war, „liegt es am Mann, sie zu beschützen. Wer die Schwäche der Frau missbraucht, wer seine Hand gegen sie erhebt, stellt sich gegen das, was die Drei gewollt haben.“ Roméro beugte sich leicht zu ihr herüber. „Hörst du das?“, murmelte er kaum hörbar. Valésia antwortete nicht, aber er wusste, dass sie es tat. „Man schlägt keine Frauen...“ Sie ließ sich nichts anmerken, doch sie wusste genau, dass er noch nicht fertig war. „Gar nicht“, murmelte er. Er lehnte sich noch ein Stück näher, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Allerhöchstens…“ Er ließ sich Zeit. „…wenn sie darum bittet.“ Valésia atmete geräuschvoll ein und Roméro ließ einen kleinen Moment vergehen. „Im Bett…“ Valésia senkte den Kopf ein wenig tiefer, damit niemand ihr Gesicht sehen konnte. Ein flüchtiges Grinsen huschte über ihre Lippen, begleitet von einem schnellen, warmen Erröten, das sie nicht ganz unterdrücken konnte. Mit dem Ellbogen stieß sie ihn leicht an, kaum spürbar, mehr eine Geste als eine echte Zurechtweisung. „Du bist unmöglich!“ hauchte sie. Roméro tat, als wäre nichts gewesen, grinste breit und sah wieder nach vorn, als hätte er dem Priester mit größter Aufmerksamkeit gelauscht. Valésia zwang sich, ebenfalls wieder ganz bei der Messe zu sein, doch der Moment blieb, leicht und heimlich, eingebettet zwischen all den ernsten Worten.
Der Rhythmus der Hufe holte sie zurück. Die staubige Straße Richtung Ahrwart lag wieder vor ihr, grau und festgetreten, die Türme der Zwillinge nun deutlich näher als noch vor einer Stunde, und doch war es, als hätte sich auf diesem letzten großen Stück der Strecke etwas in ihr verändert, ohne dass sie genau sagen konnte, warum. Die Worte des Priesters waren ohne, dass sie es sagen konnte, in ihr Bewusstsein getreten. Ein Mann, erst recht einer von hoher Geburt, erhebt nicht die Hand gegen eine Frau. Nicht, wenn er weiß, was sich gehört. Nicht, wenn er sich selbst im Griff hat. Niemals. Valésia zog die Zügel ein wenig an, ohne es zu merken, und das Pferd verlangsamte. Sie dachte an Endres. An den Moment im Bordell, als er seine Faust ins Gesicht der Bordellmutter gedonnert hatte. Sie hatte ihn zuerst geschlagen, ja. Doch es hätte bestimmt andere Mittel und Wege gegeben, sich ihrer zu erwehren. Sie konnte es nicht benennen, aber es ließ sie nicht los. Und auch im Waldstück als die Wanderfalken sie überfallen hatten und er auch dieser Frau die Faust ins Gesicht gedonnert hatte. Es war nicht nur der Kampf gewesen. Nicht nur das Chaos. Es war etwas anderes. Etwas, das nicht passte. Doch was? Valésia atmete langsam aus und sah auf die Straße vor sich, ohne sie wirklich zu sehen. Ein seltsames Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung bemächtigte sich ihrer. Und plötzlich vermisste sie ihr altes Leben, ihr strenges Elternhaus. Ihren Vater, ihre Mutter, die doch in allem stets nur das Beste für sie gewollt hatten, weil es der natürlichen Ordnung entsprach die es für eine Adelstochter nun einmal gab. Und vor allen Dingen vermisste sie Roméro. Sie hatte Endres blind vertraut ohne ihn auch nur einigermaßen kennen gelernt zu haben. Ohne lange zu überlegen. War mit ihm gegangen, hatte alles hinter sich gelassen, weil es sich richtig angefühlt hatte, weil er gewesen war, wie er gewesen war. Gutaussehend, sanft, ritterlich, zuvorkommend, in gewisser Weise auch kühn und draufgängerisch. Das hatte ihr damals sehr gefallen, vor allem weil es eine Chance gewesen war, sich von Merik zu lösen. Ganz davon abgesehen dass sie davon ausgegangen war, dass er ein paltorischer Graf war, der im weit entfernten Kaiserreich Paltoria die Burg Hohenehr sein Eigen nannte. Und jetzt… Sie schüttelte den Gedanken nicht ab, auch wenn er ihr höchst unangenehm war. Sie ließ ihn stehen und zerpflückte ihn. War es töricht gewesen? Diese Frage brachte ihren Verstand ins Wanken. Und noch eine Frage drängte sich auf, die schwerer wog: Hatten die Drei ihr einen Weg gezeigt, als sie in Ajaran zurück zu ihrer Familie gebracht worden war? Als ihr vom Herzog höchstselbst befohlen worden war, Prinz Teran zu ehelichen? Hatte er sich nicht höflich und freundlich ihr gegenüber verhalten, obwohl jedermann am Hof wusste, was sie war? Eine Frau die ihr Leben selbst in die Hand genommen hatte, sich einem Mann hingegeben hatte und mit ihm geflohen war. War das eine zweite Chance gewesen, und hatte sie sich gegen den göttlichen Willen, gegen das ihr vorbestimmte Schicksal gestellt und sie einfach ausgeschlagen? Doch was geschehen war, war geschehen. Sie hatte sich mit diesem Mann vereinigt, war vor dem Gesetz seine Ehefrau und sie konnte es nicht mehr rückgängig machen. Und sie wusste ja noch nicht einmal ob sie das überhaupt wollte. Denn sie liebte Endres über alles und für das was er ihr war. Aber dennoch trug sie diesen Zweifel jetzt mit sich, still und hartnäckig, ohne dass sie ihn aussprechen konnte. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Sie wusste nur noch nicht, was genau. Und es war unklar, wie sie es herausfinden sollte. Ob es eine Wahrheit gab, die er ihr vorenthielt, oder ob sie einfach nur vollkommen erschöpft und zerschlagen war von den Anstrengungen und Widrigkeiten dieser Reise… Flucht… und sich aus diesem Grund einfach unsinnige Dinge zusammenreimte und ihrem Geliebten Unrecht tat. Valésia schloss für einen Moment die Augen, nur einen Atemzug lang. Sie war verzweifelt, müde und erschöpft. Müßig der langen anstrengenden Reise und allmählich zweifelte sie an ihrem Verstand, der ihr diese Dinge einflüsterte, die sie nun mit sich trug wie ein zentnerschwerer Fels. Dann öffnete sie die Augen wieder und haftete ihren Blick auf das was vor ihr lag. Die Zwillinge lagen vor ihr. Nah genug, dass es kein Zurück mehr gab und dass sie auch diesen Gedanken den sie vor sich hergeschoben hatte, jetzt durchgehen musste: Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie musste Endres wiederfinden. Sehr wahrscheinlich hatte sie einen Vorsprung, den er einholen musste. Und sie musste sich überlegen, wie sie ihn in Ahrwart finden könnte.
Die Türme der Zwillinge waren schon von weitem zu sehen gewesen, doch erst als Valésia näherkam, begann sich das eigentliche Leben vor den Stadttoren zu zeigen. Wagen, die in die Stadt hineinwollten, stauten sich vor dem Tor, Händler riefen ungeduldig durcheinander, Tiere schnaubten ebenso ungeduldig, und über allem lag ein gleichmäßiger, unruhiger Lärm der stets dort entstand, wo viele Menschen zusammen kamen und einfach nur weiter wollten. Valésia nahm das Pferd zurück, in dem sie sanft an den Zügeln und reihte sich am Ende der Warteschlange ein. Es gab keinen Grund, aufzufallen, und noch weniger, es eilig erscheinen zu lassen. Wann immer man einen solchen Eindruck erweckte, hatten Wachen eine besondere Freude daran, alles genau zu hinterfragen und zu prüfen. Sich Zeit zu lassen und einen regelrecht zu sekkieren. Ihr Blick glitt über die Wachen, die am Tor standen, über ihre Hellebarden, die gleichgültigen, aber wachen Gesichter, und sie wusste bereits, noch ehe sie an der Reihe war, dass man sie genauer ansehen würde als manch anderen.
Der Zug vor dem Stadttor hatte sich nur langsam bewegt, und als Valésia schließlich an der Reihe war, hatte sie längst genug Zeit gehabt, die Wachen zu beobachten. Sie sah, wie sie mit den Leuten sprachen, wie sie einschätzten, wer zahlen konnte und wer nicht, wer eingelassen wurde und wer weggeschickt wurde, und ihr war klar, dass sie selbst nicht unbemerkt bleiben würde. Sie war von dem Pferd abgestiegen und als sie vortrat, richtete sich einer der Männer ein wenig auf, musterte sie mit einem Blick, der nicht unhöflich war, aber auch nichts übersah. „Name und Zweck des Einlassbegehrs?” “Auf der Durchreise” antwortete Valésia wahrheitsgemäß. Sein Blick glitt über ihr Kleid, blieb einen Moment an den Nähten hängen, an dem Stoff, der besser war als das, was einfache Leute trugen, aber nicht reich genug, um sie als hohe adelige zu enttarnen. Dann sah er zu ihrem Pferd, und dort blieb sein Blick einen Herzschlag länger, als ihr lieb war. „Landadel?“ Valésia zögerte einen Moment, dann nickte sie erneut. “Ich möchte unerkannt reisen, wenn ihr versteht.” Der Mann verzog den Mund zu einem kaum merklichen Lächeln, als hätte er genau diese Antwort erwartet. “Ihr reist ganz allein? Kein Knecht, keine Anstandsdame?” Sie schüttelte den Kopf. “Widrige Umstände trennten uns und nun suche ich die Sicherheit einer umfriedeten Stadt bis ich weiß wie es weitergehen kann.” „Freibrief?“ „Verloren“, erwiderte sie ruhig. „Oder gestohlen. Wie ich bereits sagte, widrige Umstände. Ich werde mir einen neuen ausstellen lassen, sobald ich kann. Und ich werde niemanden vergessen, der mir nicht im Wege stand“ sagte sie selbstsicher und blickte den Mann ruhig an. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort, als würde er überlegen, obwohl die Entscheidung längst gefallen war. „Dann wird’s teuer, werte Dame.“ Valésia zuckte kaum sichtbar mit den Schultern. „Sagt mir, wie viel.“ Er nannte eine Summe, ohne mit der Wimper zu zucken. „Zehn Silbermark.“ Das war deutlich mehr, als man gewöhnlich verlangte, selbst ohne Freibrief. Hoch genug, dass ein anderer vielleicht widersprochen, nachverhandelt, oder sich beschwert hätte. Valésia tat nichts davon. Sie griff nach ihrer Börse, zog die Münzen heraus und begann sie abzuzählen. In aller Seelenruhe, als wäre es eine Summe wie jede andere. Für einen kurzen Moment schien selbst der Wachmann überrascht, dass kein Wort des Widerspruchs kam, doch er sagte nichts, sondern nahm das Geld entgegen, wog es kurz in der Hand und steckte es ein. „Willkommen in Ahrwart.“ Valésia neigte leicht den Kopf und zog ihr Pferd am Zügel durch das Tor, ohne sich umzusehen, ohne den Blick der Wache im Rücken weiter zu beachten.Erst als sie zwischen den Häusern war, ließ sie den Atem langsamer gehen. Zehn Silbermark. Endres hatte bei weitaus geringeren Summen zum Jammern begonnen, sie hatte gezahlt, ohne darüber nachzudenken. Der Betrag war hoch gewesen, das hatte sie am Ton des Mannes erkannt, an der kleinen Pause davor, an dem kurzen Blick, mit dem er sie eingeschätzt hatte. Er hatte sein Glück versucht, hatte gehofft, dass sie zahlen konnte, und er hatte es ausgenutzt. Wahrscheinlich wanderten acht Silbermark in seine eigene Tasche und die verbliebenen zwei Silbermark in die Stadtkasse, was immer noch ein hübsches Sümmchen für den Wegzoll einer Person war die keinen Freibrief besaß. Valésia ließ den Blick über die Straße vor sich gleiten, und dachten schon nicht mehr an die zehn Silbermark. Ihre Gedanken blieben bei dem Geld, das sie noch bei sich in den Satteltaschen trug. Es war vermutlich zu viel, um es einfach bei sich zu tragen, zu viel, um es offen zu zeigen, und vor allem zu viel, um es jemand anderem zu überlassen, der vielleicht glaubte, darüber bestimmen zu können. Wie viel trug sie eigentlich mit sich? Und wie lange würde es dauern, bis dies jemand ebenfalls bemerkte, vor allem wenn man sie dabei beobachtet hätte, wie sie eine solche Summe einfach so sprichwörtlich aus dem Ärmel schüttelte? Sie schloss die Finger fester um die Zügel. Das musste sich ändern. Valésia ließ den Blick über den Platz vor dem Stadttor gleiten, über die Häuser, die sich dort dicht aneinander reihten, über die Menschen, die kamen und gingen. Sie lenkte ihr Pferd an den Zügeln über den Platz und fragte sich nicht lange, wohin sie gehen würde. Es gab nur wenige Orte an denen man etwas von Wert abgab und darauf vertrauen konnte, es wieder zu erhalten: Ein Bankhaus. Doch vorher musste sie ihr Pferd versorgen und unterstellen lassen.
Valésia ließ den Blick über die Häuser nahe dem Tor wandern, bis ein Gasthaus darunter hervorstach. Es wirkte gepflegt und sah nach Wohlstand als nach billige Absteige aus. Genau das, was sie suchte. Sie schritt mit ihrem Pferd durch das offene Tor in den Innenhof, wo sofort ein Stallbursche, der auf der Seite im Schatten gesessen hatte aufsprang und auf sie zutrat. Er war nicht mehr ganz jung, aber auch noch kein Mann „Ich nehme ihn, Herrin.“ Valésia hielt die Zügel einen Moment fest, um sich zu vergewissern, dass das Tier ruhig blieb. „Behandelt ihn gut“, sagte sie mit Nachdruck und der Junge nickte sofort. „Natürlich.“ Er griff nach den Zügeln, doch als sein Blick auf die schwere Satteltasche fiel, die seitlich hing, machte er eine Bewegung, als wolle er auch diese abnehmen. Valésia kam ihm zuvor. Sie löste die Riemen selbst, hob die Tasche an und merkte sofort wieder, wie schwer sie war. Für einen Moment geriet sie aus dem Gleichgewicht, fing sich jedoch, und schob sich die Tasche fester gegen die Seite. „Das nehme ich schon, vielen Dank“, sagte sie ruhig. Der Stallbursche zog die Hand zurück, ohne zu widersprechen, und wandte sich stattdessen dem Pferd zu, während Valésia sich bereits zur Tür der Gaststube wandte.
In der Stube war es warm, die Luft war erfüllt vom Geruch von gebratenem Fleisch, Brot und dem leisen Klang von Stimmengemurmel, das sich über den Raum verteilte. Es war kein gewöhnlicher Ort für Durchreisende, die nur schnell weiter wollten, sondern einer, in dem man blieb, wenn man es sich leisten konnte. Der Wirt stand hinter dem Ausschank und sah auf, als sie eintrat, ließ den Blick kurz über sie gehen und blieb dann an der Tasche hängen, die sie mit sich trug. „Ein Zimmer, bitte“, sagte Valésia, bevor er fragen konnte. „Ein Schönes. Mit Blick auf das Stadttor.“ Der Mann hob leicht die Augenbrauen. „Auf das Tor?“ „Ich erwarte jemanden.“ Das genügte ihm. „Ich habe etwas im oberen Stock“, meinte er nach kurzem Überlegen. „Fenster geht direkt zur Straße hinaus, doch ruhiger ist es auf der anderen Seite, hofseitig.“ Valésia nickte. „Das macht nichts ich nehme es. Ist es möglich, hier ein Bad zu nehmen?“ Der Wirt nickte. „Unser Mädchen wird sich darum kümmern. „Danke“, erwiderte sie. „Und ich möchte, dass man mir Essen aufs Zimmer bringt.“ Der Wirt musterte sie noch einen Moment, als wäge er ab, dann nickte er. „Lässt sich wohl einrichten. Wie lange gedankt ihr zu bleiben?“ Valésia zuckte die Schultern. „Kann ich noch nicht genau sagen. Vielleicht zwei Nächte, vielleicht auch länger.“ „Mir ists gleich, doch die Zeche ist jeden Abend vor jeder weiteren Nacht zu bezahlen.“ Die Komtess nickte, bezahlte, ohne zu feilschen, und nahm den Schlüssel entgegen, den er ihr reichte. „Soll ich euch mit der Tasche helfen?“ Valésia lehnte dankend ab. Ein weiterer Blick folgte ihr, als sie die Treppe hinaufging, doch sah sie ihn nicht.
Das Zimmer war genau, wie sie es verlangt hatte. Sauber, mit einem breiten Bett, einem Tisch am Fenster und genug Platz, um sich zu bewegen, ohne ständig an etwas zu stoßen. Vor allem aber gab das Fenster den Blick frei auf das Tor, durch das sie soeben geritten war. Das war alles, was sie wollte. Valésia stellte die Satteltasche auf den Tisch und schloss die Tür hinter sich, drehte den Schlüssel im Schloss und blieb einen Moment stehen, als müsste sie sich erst vergewissern, dass sie tatsächlich allein war. Dann trat sie zum Tisch, öffnete die Tasche, zog die zwei Beutel hervor und kippte den Inhalt auf das Bett aus, ohne groß nachzudenken. Die Münzen fielen auf die Bettdecke, erst vereinzelt, dann in einem schwereren Klang, bis sich ein größerer Haufen vor ihr bildete, der im Licht des Fensters matt aufglänzte. Valésia sah einen Moment lang einfach nur darauf. Es sah jetzt schon mehr aus, als sie erwartet hatte. Dann begann sie zu zählen. Langsam, Stück für Stück, legte sie die Münzen beiseite, ordnete sie, stapelte Münzen zu kleinen Säulen mit immer demselben Wert. Und je weiter sie zählte, desto stiller wurde sie. Als sie fertig war, begann sie die Münzsäulen noch einmal zu zählen um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verrechnet hatte. Und weil sie es nicht glauben wollte, und sich ganz sicher sein wollte, zählte sie es noch einmal. Aber sie kam immer auf exakt dieselbe Summe. Knapp fünfzig Goldmark. Sie hatte nicht gewusst, wieviel es war. Doch weil Endres stets geknausert hatte und weil er die an die Hütchenspieler Gaunerbande fünf verlorenen Silbermark gar so betrauert hatte, war sie davon ausgegangen, dass sie nicht viel hatten. Aber das hier überstieg beinahe ihre Vorstellungskraft. Valésia lehnte sich auf dem Bett leicht zurück, ohne den Blick von dem Geld zu nehmen. Das war keine einfache Reisekassa. Das war etwas ganz anderes. Jetzt verstand sie, warum Endres nichts unversucht gelassen hatte, damit sie mit seinem Pferd und dem Besitz fliehen konnte. Und plötzlich erschien es ihr nicht mehr als Vorteil, es bei sich zu tragen. Sondern als ein gewaltiges Risiko.
Zur goldenen Stund ❖
14.04.2026 '22:59 [3.051 Wörter]
»  uf die Beine, du Tunichtgut!«, bellte der hagere Mann, dessen langer Schatten bedrohlicher als er selbst wirkte. »Auf die Beine, oder ich hack sie dir ab, du Faulpelz!« Die Worte schwangen durch die Luft und um seinen Worten den nötigen Nachtdruck zu verleihen, ließ er auch seine Axt ein wenig beben. »Ich kann nicht mehr...«, jammerte Endres und kroch rücklings vor dem Mann mit der Axt weg. »Glaubst du ein Landsknecht hat Mitleid mit dir, wenn du so am Boden kriechst? Oder ein Vendøl?« Der Mann lachte bitter und tat einen großen Schritt, so dass sein Schatten über Endres lag. »Steh auf, sage ich!« Endres zittrige Hände suchten nach dem Stock, welcher seine einzige Waffe gegen den Mann mit der Axt war. »Ich bin kein Krieger, Vater.« Der Mann seufzte. »Du bist eine einzige Enttäuschung.« Er hob die Axt und tat einen tiefen Schrei. Und dann ließ er die Axt herniedergehen. Endres schrie erschrocken auf und hechtete rücklings hinfort. »Steh auf, verdammt!« Er tat noch einen Schritt. »Steh auf und wehre dich, oder ich mache dich zu meiner Tochter!« Endres ergriff den Stock und wischte sich die aufkommenden Tränen, die langsam seine Augen zu füllen begannen, beiseite. Er hieb nach dem Bein, doch sein halbherziger Angriff wurde müde beiseite geschlagen. »Wehre dich, als ob es um Leben um Tod ginge. Wenn die Vendøl kommen, werden sie keine Gnade zeigen.« Endres krallte sich in den trockenen Boden. Er bekam eine Handvoll Dreck in die Finger und schleuderte sie seinem Vater ins Gesicht. Der hagere Mann wich zurück doch seine Augen waren, wenn auch nur für einen Moment geblendet. Endres kam wieder auf die Beine. Doch der Wagemut, seinen Vater zu schlagen, war in ihm nicht erwacht. Anstatt den Stock gegen ihn zu richten, stand er einfach nur da und starrte auf den Mann, welcher gut zwei Köpfe größer war als er. Sein Blick haftete sich auf die alte Holzfäller Axt. Und dann war der Moment verstrichen. Als er sich den Dreck aus den Augen gerieben hatte, ließ er die Axt sinken und seufzte. »Ich kann dich nicht schlagen, Vater.« Der Mann lächelte bitter. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Ich bin nicht dein Vater. Ich bin ein Vendøl aus dem Norden. Gekommen um deine Mutter und deine Schwester zu schänden und dich an deinen Eingeweiden aufzuhängen!« Endres sah den Mann mit großen Augen an. Doch der Schlag, der ihm mit der offenen Hand ins Gesicht schlug, sah er weder kommen noch konnte er ihn abwehren.
Endres ging zu Boden. Sein Kopf schlug hart auf und er blieb regungslos liegen. Und erst da sah sein Vater, dass sein Sohn aus der Nase blutete. »Endres!«, rief er und ließ die Axt fallen. Er ging vor ihm in die Knie und legte seine Hand in den Nacken. »Endres. Mach die Augen auf, mein Junge!« Endres hing schlaff und leblos in den Armen seines Vaters. Seine Brust hob und senkte sich leicht, doch sonst schien jeder Lebensfunke aus dem Leib des Knaben entronnen zu sein. »Verdammt. Deine Mutter bringt mich um. Mach doch die Augen auf!«, rief sein Vater und tätschelte dabei behutsam die Wangen des Knaben. Doch dann hob dieser die Hand. Und warf erneut Dreck in das Gesicht seines Peinigers. Der Mann zuckte zusammen, als die Wolke aus Staub und Dreck in sein Gesicht flog. Und dieses Mal, näher als zuvor, traf ihn die volle Wucht. Der Staub drang in seine Augen und Nase. Er ließ Endres los und hustete. Endres rappelte sich auf und trat und biss und kratzte. Und schließlich hatte er es vollbracht seinen Vater auf den Rücken zu werfen. Der hagere Mann begann zu lachen und Endres hielt inne. »Verzeihung, murmelte er und sah betreten zu Boden. Sein Vater erhob sich und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. »Du bist kein Ritter. Und auch kein Edelmann. Jeder muss mit den Gaben die ihm gegeben wurden das Beste machen. Ritter kämpfen mit Anstand, nach Regeln und ehrenvoll. Wenn du nicht besser werden kannst als sie, dann nutze ihre Regeln gegen sie. Wenn du dreckig und gemein kämpfst, kannst du jeden Edelmann schlagen.« Er legte ihm die Hand auf den blonden Schopf und brachte mit einigen, ruckartigen Bewegungen sein Haar völlig durcheinander…
Die Sonne hing tief und schwer am Horizont. Es fehlte nicht mehr viel. Vielleicht eine Handbreit, und dann würde sie den Rand der Welt berühren. Endres hob den Kopf und richtete sich im Sattel auf. Vor der Sonne zeichneten sich die Umrisse einer fernen Stadt auf. Er hatte sie zwar noch nie in seinem Leben gesehen, doch er hatte schon viel von den Zwillingen gehört. »Das müssen sie sein.«, murmelte Endres und zügelte sein Pferd. Er warf einen Blick über die Schulter und sah, dass er nicht alleine auf dieser Straße war. Hier und da trotteten einige Bauern mit ihren Wagen und trieben ihre Ochsen an. Ein Kurierreiter eilte in pfeilschnellem Galopp an ihm vorbei und einige Wanderer zu Fuß schlossen langsam zu ihm auf. Er seufzte und seine Miene wurde grimmiger. Wenn noch so viele Menschen auf den Straßen waren, dann mussten die Tore noch geöffnet sein. Und Endres hatte es geschafft! Er versetzte seinem Pferd einen Tritt und es setzte sich wieder in Bewegung. »Na los! Wir haben es bald geschafft, und dann bekommst du deine redlich verdiente Rast! Trage mich bis zu den Toren!«, befahl Endres in einem milden, aber bestimmten Ton.
Das Gedränge vor den Toren war überschaubar. Die meisten Menschen hatten die Stadt längst betreten. Als Endres endlich den Vorhof der Stadt Ahrwart erreicht hatte, war die Sonne schon so weit hinter dem Horizont versunken, dass sie kaum noch zu erkennen war. Sobald die Sonne hinter dem Horizont versunken sein würde, dann würden sich die Tore bis zum Morgengrauen schließen. Und jeder, der es bis dahin nicht in die Stadt geschafft hatte, würde die Nacht vor den Toren verbringen müssen. Endres seufzte. Das Gedränge vorm Tor war überschaubar. Aber es waren einfach mehr Menschen als noch Zeit vorhanden. Zweifellos würden einige von ihnen diese Nacht nicht innerhalb der Stadtmauern verbringen. Und wenn Endres sich nicht sputete, dann würde es ihm genauso ergehen. Endres zwang die Stute noch etwas schneller zu reiten. Die anderen Pferde, welche er an seinen Sattel gebunden hatte, hielten Schritt und Endres Blick haftete sich nur auf das Tor der Stadt. »He, pass doch auf du Hundsfott!«, rief ein Mann, welchen Endres beinahe zu Boden geritten hatte. Doch der Paltore, dessen blondes Haar im Wind wallte, würdigte ihm nicht einmal eines Blickes. »Selber Hundsfott.«, zischte Endres und der Griff um seine Zügel verkrampfte sich noch weiter. Er erreichte das Tor, just in dem Moment, als auch der Kurierreiter in die Stadt einritt. Das Gedränge war groß. Einige Wagen und Fuhrleute waren gerade an der Reihe. Die Wachleute wirkten alles andere als umgänglich. Vermutlich hatten sie bereits den ganzen Tag damit zugebracht, Bittsteller und Landstreicher hinfort zu jagen. Und dutzende Wagen zu durchsuchen. Da sich der Tag bereits dem Ende näherte, sah man ihnen ihre Laune förmlich an. Und Endres wusste, dass er sich etwas einfallen lassen musste, um möglichst unbehelligt in die Stadt zu gelangen.
»Wenn du sie nicht schlagen kannst, dann schlage sie mit ihren eigenen Waffen. Wenn du nicht siegen kannst, dann unterwerfe dich und warte, bis deine Stunde schlägt.« Endres Vater schob sich einen groben, hölzernen Löffel in den Mund. Eine klare, fad schmeckende Brühe in welcher einige Brocken Fleisch schwammen. Er schlürfte und schmatze, als er das karge, Fleisch zu kauen begann. »Du hast gut reden Vater. »Du wirst mich morgen in die Stadt begleiten. Es ist Zeit, dass du das Handwerk erlernst.« Endres nickte und schob sich ebenfalls einen Löffel Brühe in den Mund. Das Handwerk erlernen. Endres hatte seinen Vater schon einige Male dabei zugesehen, wie er sein Handwerk ausgeübt hatte. Doch von Handwerk würde er da nicht unbedingt sprechen, wenn er eine schwere Axt auf den Nacken eines gefesselten Mannes einschlug. »Darf ich Valerion mitnehmen?« Endres Mutter schob den Löffel beiseite und seufzte. »Dieser Junge ist kein guter Umgang für dich. Du solltest dich von ihm fernhalten, Endres.« Endres seufzte und verzog eine Grimasse. »Aber…« Da donnerte sein Vater mit der Faust auf den Tisch, so dass die Suppe in Endres‘ Schüssel überschwappte. »Du sollst deiner Mutter nicht widersprechen!« »Ja, Vater.« Eine dunkle Wolke bildete sich über Endres Kopf doch er schluckte seinen Ärger und auch die Worte, die ihm auf der Zunge lagen herunter. Wenn er gewusst hätte, dass dies die letzte Mahlzeit sein würde, die er zusammen mit seiner Familie einnehmen würde, hätte er vielleicht doch noch einige Worte gefunden. Worte, die er selbst heute nie in Worte fassen konnte.
Endres kniff die Augen zusammen. »Schlage sie, mit ihren eigenen Waffen.« Sein Blick glitt über die vier Pferde, welche um ihn herum langsam voran trotteten. »Diese Mistkerle werden schon allein wegen der Pferde zu viele Fragen stellen.« Er grübelte und zupfte sich an der Unterlippe. Er erwog sich als Pferdehändler auszugeben. Vier Pferde, guter Zustand. Doch warum hatten sie alle einen Sattel? Nein. Das würden sie ihm niemals abkaufen. Und außerdem würde er, als normaler Händler warten müssen bis er an der Reihe war. Und dann würden sich die Tore vor seiner Nase schließen. Und er musste bis zum Morgengrauen warten. Endres sah sich suchend um. Die meisten Städte hatten vor den Toren kleine Vorhöfe. Gasthäuser, Stallungen oder kleine Händlermärkte. Eben all die Dinge, die im Lauf der Jahre von ganz alleine entstanden. Natürlich gab es derartige Dinge auch vor den Toren Ahrwarts. Doch die Gaststuben waren bereits jetzt völlig überlaufen. Und Stallungen gab es gar keine. Diese befanden sich allesamt innerhalb der Stadt. Endres konnte nicht wissen, dass der Stadtvogt jede Form von Landstreicherei und Hausieren vor den Toren untersagte. Wer Handel treiben wolle, der ist in der Stadt willkommen. Aber jeder Handel vor den Toren ist unredlich und wird mit Ächtung geahndet. Natürlich gab es dennoch Händler die ihre Waren stillschweigend und ohne großes Aufsehen veräußerten. Doch nicht gerade vor den Augen der Wachen. Endres überlegte, ob es die Mühe wert war. Er wusste, dass die vier Pferde ein Problem darstellten. Doch so sehr sie auch ein Problem waren. Einfach stehen lassen wollte er sie auch nicht. Immerhin waren sie der Lohn all der Entbehrungen und Schmach, die er erdulden hatten müssen. Das Schicksal hatte ihm diese Pferde zugedacht. Und ihm rollten sich schon die Zehennägel zusammen, allein bei dem Gedanken die Pferde einfach stehen zu lassen, um dadurch unbehelligt in die Stadt zu gelangen. Nein, es musste einen anderen Weg geben! Jeder, der heute nicht in die Stadt kam, musste den langen Weg um die Mauer gehen und Endres wollte keiner dieser armen Teufel sein. »Frechheit siegt!«, rief Endres sich selbst Mut zu und richtete sich in seinem Pferd auf um es schließlich voran zu drängen.
Zuerst protestierten die Leute und riefen allerlei wüste Beschimpfungen zu ihm empor. Doch Endres nahm seine Zügel und zwang das Pferd weiter zu gehen. »Aus dem Weg, Gesinde!«, rief er und trat einem Mann, welcher ihm im Weg stand, achtlos beiseite. »Aus dem Weg, im Namen seiner Gnaden!« Und endlich drangen die Leute auseinander und bildeten eine schmale Gasse. Endres ritt voran, bis er endlich am Tor angekommen war. »Halt, Wer seid ihr?«, Der Wachmann trat einen Schritt hervor und legte seine Hand, welche in einem Kettenhandschuh steckte, auf Endres Zügel. »Was erdreistet ihr euch? Nehmt sofort eure Hände von meinem Pferd!«, rief Endres sichtlich erbost und zog an den Zügeln, um sie dem Wachmann zu entreißen. Doch der Wachmann ließ sich davon noch nicht beeindrucken. Vermutlich hatte er schon mehr als einmal mit einem wichtigtuerischen Adeligen zu schaffen gehabt. »Ihr sagtet euer Gnaden? Ich sehe kein Banner, unter dem ihr reitet.« Endres straffte seinen Rücken und warf den Mantel beiseite, um so den Blick auf sein Schwert freizugeben. »Ich reite im Namen des Herzogs von Ajaran. Aber nicht unter seinem Banner. Ich überbringe diese Pferde und wichtige Kunde für den Stadtvogt!« Der Wachmann runzelte die Stirn. »Noch ein Kurier?« Er warf einem seiner Kameraden einen verwunderten Blick zu. »War der eben nicht auch im Auftrag des Herzogs unterwegs?« Der Angesprochene nickte und trat nun ebenfalls einen Schritt hervor, um die umstehenden Leute besser bändigen zu können. »He, Ihr wartet gefälligst, bis ihr an der Reihe seid!«, bellte er und schob einen Knecht, welcher ihm zu nah gekommen war rüde beiseite. »Wenn ihr mir bitte euren herzoglichen Befehl aushändigen würdet. Dann könnt ihr umgehend passieren, Herr.« Endres, welcher das Gespräch mit wachsendem Unbehagen vernommen hatte, lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ein Kurier des Herzogs? Hier in Ahrwart? Das konnte nichts Gutes verheißen. »Herr? Der herzogliche Befehl?« Endres rutschte im Sattel herum und kramte in den Taschen. »Aber natürlich. Wartet einen Moment«. Er tastete seine Tasche ab, und dann begann er immer hektischer zu werden. Als ob ihm ein Schrecken durch die Glieder fahren würde, während er sichtlich darum bemüht war, die Kontenance zu bewahren, was ihm aber offensichtlich misslang. Oh wie verwünschte er den Tag, an dem Valésias Vater alle Pläne durchkreuzt hatte. Roméro wollte ihnen Geleitbriefe beschaffen. Er wollte sich um alles kümmern. Und nun stand er hier. Ohne Brief. Ohne Wappen. Nur mit einem falschen Namen und einer fadenscheinigen Lüge, die jeden Moment in sich zusammenstürzte. Und dann? Dann würde er die Nacht in der Stadt verbringen. Allerdings nicht wie er sich das gedacht hatte, sondern in Ketten. Im Kerker. Endres biss sich auf die Lippen. Du törichter Narr. Der Pferdehändler wäre die bessere Idee gewesen! Valésia hätte dir diese törichte Idee ausgeredet. Valerion hätte es dir ausgeredet! Denk doch endlich einmal nach, bevor du ständig derartig törichte Dinge machst! »Ach du liebe Güte!«, rief er mit einer gespielten Ungläubigkeit die einen Bühnenschausteller die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Erneut tastete er seine Taschen ab, als könne er kaum glauben, keinen Brief vorzufinden. »Er muss mir aus der Tasche gefallen sein. Ach herrje! Der Herzog wird nicht erfreut sein…« Seine Stimme wurde niedergeschlagen. »Guter Mann. Ich…ich…« Er geriet ins Stocken und seine Stimme bebte und zitterte. »Ich bin wirklich untröstlich. Doch wie es scheint, ist mir der Brief aus der Tasche gefallen. Ach, wie ungeschickt. Und Ich habe diese Pferde beinahe zu schunden geritten um noch vor Sonnenuntergang in Ahrwart zu sein. Was wird der Herzog toben!« Er seufzte theatralisch und der Wachmann runzelte die Stirn.
»Bitte seht es mir nach, Herr. Aber ohne Geleitbrief kann ich euch nicht passieren lassen.« Endres biss sich auf die Lippen. Oh, sollte all der Aufwand umsonst gewesen sein?« Und da kam ihm eine verzweifelte, aber zündende Idee. »Der Kurier! Welcher soeben in die Stadt gelassen wurde. Er kann meine Herkunft bezeugen! Ruft ihn zurück!«, befahl Endres, wohlwissend dass dieser längst im Getümmel der Stadt untergetaucht war. Der Wächter nickte einem seiner Kameraden zu und dieser huschte sogleich durch das Tor. Doch, wie zu erwarten, war der Kurier längst nicht mehr zugegen. »Er ist schon fort.«, rief er und der Wachmann am Tor seufzte. Doch als der Wachmann das Tor geöffnet hatte, war ihm ein unbedeutendes, winziges Detail ins Auge gefallen. Die bunten Banner, welche in der Straße aufgehangen worden waren. Die bunten Wimpel und die langen Fahnen. Endres kannte diese Zierde. Das konnte nur eines bedeuten. Ein Turnier! Ahrwart würde ein Turnier austragen. Ritter aller Herren Länder würden anreisen, um sich miteinander zu messen um Ruhm und Ehre und dem Schmachten der holden Maiden wegen. »Der Schreiber ist schon nach Hause gegangen. Und der Büttel. Der wird auch nicht gerade erbaut sein, wenn wir ihn so kurz vor der Sperrstunde zum Tor holen.« Endres lächelte dünn. »Lasst mich ein, guter Mann. Ich muss die Pferde überstellen. Sie sind den ganzen Tag geritten und brauchen Rast und Stärkung. Mein Herr, der Sohn des Herzogs, wird morgen am Turnier teilnehmen und da müssen die Pferde frisch und gestriegelt sein. Ich kann es mir nicht leisten, die Nacht vor den Toren zu verbringen! Der Herzog, mein Herr wird es mir nicht vergeben, wenn die Pferde zu schunden kamen. Wenn mein Ruf nicht beschädigt wird, dann will ich nicht, dass man euch fragen muss, warum ihr mich aufgehalten habt. Morgen zur goldenen Stund, sobald die Stuben öffnen, werde ich euch den Brief umgehend nachbringen. Ihr habt mein Wort. Das Wort eines Edelmanns von Ehre.« Dabei schlug er sich mit der Faust auf die Brust und warf dem Wachmann einen eindringlichen Blick zu, den nur Männer verstehen würden, die selbst an die Tugenden von Ehre und Ritterlichkeit glaubten. Hohle Floskeln, die dieser Wachmann zweifellos schon zu Genüge gehört hatte. Der Wachmann nickte mürrisch. »Nun. Ich will euch gern glauben, guter Herr. Doch ihr müsst mir einfach nachsehen, dass mein Herr, der Stadtvogt ebenso ein strenger Herr ist, wie der eure. Ich mache euch einen Vorschlag. Ein Pferd ist ein teures Pfand. Ihr überlasst uns eines eurer Pferde. Wir werden uns gut um das Tier kümmern. Und morgen, zur güldenen Stund, kommt ihr es wieder abholen mit Brief und Siegel. Und dann habe ich ein reines Gewissen und ihr euren guten Ruf.« Da lächelte Endres, wenn auch mit einem leichten Zähneknirschen. Das Pferd konnte er so gut wie abhaken. Dabei wollte er es doch am Markt für gutes Geld verkaufen. Allein der Sattel war einiges an Silber wert. Doch besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Zwei Pferde waren besser als gar keines. Und so nickte Endres und willigte schließlich ein. »Abgemacht.«
Wenig später ritt Endres, nun nurmehr mit drei Pferden und dafür mit einem noch viel größeren Problem mehr, durch die Tore der Stadt. »Oh Valésia. Wo bist du nur? Wie soll ich dich in dieser großen Stadt nur finden? Und was, bei den verfluchten Dreien, hat dieser Kurier dem Stadtvogt zu überbringen?« Er runzelte die Stirn. Das Schicksal war einfach ein verfluchtes Miststück. Ständig taten sich Wege auf, nur um sich kurz darauf wieder zu versperren und noch mehr Steine in den Weg zu legen. Ihre Flucht war noch lange nicht beendet. Dessen wurde sich Endres schließlich mehr als bewusst. Und nun, so knapp vor der Grenze zu den südlichen Königreichen, war es nur noch ein Katzensprung um endlich aus dem Einflussgebiet des Herzogs zu entkommen. Doch der Weg dorthin würde sich vermutlich noch deutlich schwerer und länger anfühlen, als der lange Weg von Ajaran bis hin zu den Zwillingen.
Das Buch der Obhut ❖
18.04.2026 '21:58 [2.800 Wörter]
 alésia hatte den Tisch unter Anstrengung geräuschvoll unter das Fenster geschoben, Stück für Stück, bis er endlich genau dort stand, wo sie sitzen und hinausblicken konnte, ohne sich groß verbiegen zu müssen. Es war kein bequemer Platz, aber er erfüllte seinen Zweck, und mehr brauchte sie nicht. Von hier aus sah sie das Tor. Genug, um zu erkennen, wer kam, wer anhielt, wer sich umsah, jeden Einzelnen, der ein oder ausging. Wagen rollten durch, Reiter ritten ein, andere verließen die Stadt, und all das geschah in einem gleichmäßigen Fluss, der sich über Stunden kaum veränderte. Die Wachen kontrollierten jeden, der hinein oder hinaus wollte. Valésia saß vor dem Fenster, und eine Unruhe hatte sie befallen. Sie war es schlichtweg nicht gewöhnt, ganz alleine mit sich zu sein. Seit sie sich erinnern konnte, war immer jemand bei ihr gewesen. Mägde, Zofen, Anstandsdamen, ihre Familie, Vater oder Mutter, Roméro. Und Endres. Immer hatte ihr jemand Gesellschaft geleistet und jetzt völlig auf sich alleine gestellt zu sein war seltsam. Erst bewegte sie sich kaum, hatte die Hände auf den Tisch gelegt, und starrte aus dem Fenster. Aber nach einer Weile wechselte sie ihre Sitzposition, legte ihre Hände in den Schoß, wechselte die Haltung wieder, ohne es bewusst zu bemerken, aber hielt den Blick stets auf das Tor gerichtet, als könnte sie es allein dadurch dazu bringen, das zu zeigen, worauf sie wartete. Die Sonne stand noch hoch, als sie sich gesetzt hatte. Dann sank sie. Langsam, aber stetig. Und mit ihr veränderte sich das Licht, wurde weicher, die Schatten wurden länger, und irgendwann verschwand die leuchtende Scheibe Stück für Stück hinter einem Dachgiebel und tauchte das Zimmer in allmähliche Dunkelheit. Valésia hatte sich kein einziges Mal vom Fenster entfernt. Irgendwann klopfte es. Sie war so sehr darin vertieft, das Stadttor im Auge zu behalten, dass sie einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass das Geräusch ihr galt, so sehr war sie in das stete Kommen und Gehen vor dem Tor versunken gewesen. Valésia erhob sich und trat an die Türe und öffnete sie einen Spalt. Vor der Tür stand eine Magd, die das Essen brachte. Valésia ließ sie ein, und sie trug ein Tablett mit Brot, Fleisch, und einem dicken Gemüsestampf, dessen Duft sich sofort im Raum verteilte, und stellte es vorsichtig auf dem Tisch ab, ohne viel Aufhebens zu machen. Ihr Blick glitt kurz zu Valésia, dann zum Fenster, und ein kaum merkliches Zögern lag in ihrer Bewegung, als hätte sie sich gefragt, ob sie etwas sagen oder fragen sollte. Sie tat es aber nicht. „Wünscht Ihr noch etwas?“ Valésia schüttelte leicht den Kopf. „Das genügt. Danke.“ Die Magd nickte und zog sich wieder zurück, leise genug, dass die Tür kaum hörbar ins Schloss fiel. Valésia setzte sich wieder an den Tisch, zog das Tablett ein Stück näher zu sich, ohne den Blick vom Tor zu nehmen, und begann zu essen. Draußen wurde es dunkler. Stimmen wurden leiser, Schritte vorsichtiger, und das Licht der Fackeln begann zu flackern, wo zuvor nur Tageslicht gewesen war. Allmählich ließen die Ströme der Menschen die Einlass begehrten ab. Nur noch eine Handvoll Händler versuchte, noch Einlass zu bekommen. Valésia saß noch immer am Fenster, als es erneut klopfte. Dieses Mal blieb sie sitzen und drehte sie sich um. „Ja?“ Die Tür öffnete sich einen Spalt, und dieselbe Magd trat ein, mit einem flüchtigen Lächeln sagte sie „Das Bad ist bereit. Wenn Ihr mir folgen möchtet.“ Sie trat vor, nahm Tablett mit dem Geschirr ein, und wartete bis Valésia sich erhoben hatte. Sie stand langsam auf, warf einen letzten Blick zum Fenster, zum Tor, das nun nur noch im Schein der Fackeln zu erkennen war, und nickte dann. Er war nicht gekommen, dann würde er wahrscheinlich heute auch nicht mehr kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er jetzt noch mit den letzten Menschen am Abend nach Ahrwart kommen würde, war gering. So verließ sie ihren Platz mit der Gewissheit, nichts mehr zu verpassen.
Die Badestube lag etwas abseits der übrigen Zimmer, warm schon im Gang davor, als würde die Hitze durch die Wände dringen. Die Magd öffnete die Tür und trat beiseite. „Wenn Ihr etwas braucht, ruft mich einfach. Und keine Sorge, niemand wird den Raum betreten.“ Valésia nickte nur und trat ein. Der Raum war schlicht, aber gut gehalten. Ein großer hölzerner Zuber stand in der Mitte, aus dem leise Dampf aufstieg, daneben ein niedriger Schemel, Tücher, eine Schale mit Wasser, ein Stück Seife, grob, aber sauber. Über all dem schwang ein Hauch von Kräuterduft. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und für einen Moment stand sie einfach da und sah sich in dem Raum um der in sanften Feuerschein getaucht war. Dann begann sie, sich zu entkleiden. Langsam löste sie die Bänder im Rücken, streifte das Kleid ab, legte es ordentlich beiseite, und widmete sich der nächsten Kleiderschicht. Stück für Stück, bis sie schließlich nackt und barfuß auf den warmen rauen Holzbohlen stand. Valésia trat auf den Schemel neben dem Zuber, hielt die Hand kurz über das Wasser um die Temperatur zu prüfen, dann stieg sie erst mit einem Bein hinein, dann folgte das zweite, und schließlich ließ sie sich dann langsam in das Wasser hinein sinken. Es war heiß. Nicht unangenehm heiß, aber deutlich genug, dass sie für einen Moment innehielt, als sie in das Wasser gesunken war. Das Wasser schloss sich um sie, erst an den Beinen, dann höher, bis sie sich schließlich ganz hinein sinken ließ und der Rand des Zubers ihr fast bis zur Brust reichte. Ein leiser Atemzug entwich ihr, unwillkürlich, als die Wärme sie ganz erfasste. Erst jetzt merkte sie, wie sehr ihr Körper angespannt war. Die Kälte der schicksalshaften Regennacht, die Anspannung durch diese Diebesbande, die Flucht durch die Nacht, das lange Reiten vor einem unbekannten Verfolger, das lange Sitzen am Fenster, all das schien sich langsam in dem heißen Badezuber aufzulösen. Valésia lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen und ließ einfach geschehen, dass die Wärme sie durchdrang. Sie dachte an Endres. Sie vermisste ihn und wünschte sich, dass er jetzt einfach nur bei ihr war. Doch das war er nicht. Unwillkürlich fragte sie sich, was sie tun sollte, wenn sie Endres nicht wie gehofft in dieser Stadt antreffen würde. Das war nichts, das sie sich wünschte, doch gänzlich ausschließen konnte sie es nicht. Sie schob diesen beunruhigenden Gedanken beiseite und griff nach der Seife die zurechtgelegt war. Dann rieb sie sie zwischen den Händen, bis sich ein leichter Schaum bildete, und begann, sich zu waschen. Über Arme, Schultern, den Rücken so gut es ging, langsam, gründlich, um den Staub der Straße und den Schweiß der Angst und Anstrengung von sich zu waschen. Als sie sich schließlich das Haar löste, fiel es schwer , die Strähnen leicht verfilzt, über ihre Schultern. Sie beugte sich nach vorn, schöpfte Wasser darüber, strich es mit den Fingern durch, wieder und wieder, bis es sich glatter anfühlte. Der Duft der Seife mischte sich mit dem warmen Wasser, während sie es einarbeitete und wieder ausspülte. Sie ließ sich Zeit, denn nun gab es nichts mehr zu beobachten, nichts zu erwarten, vor allem kein Tor mehr, das sie heute noch im Blick behalten musste. Valésia richtete sich wieder auf, strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und ließ die Hände noch einen Augenblick im Wasser ruhen. Als sie damit fertig war, legte sie ihren Kopf an den Rand des Badezubers, ließ das Haar heraushängen und ließ die wohltuende Wirkung auf ihren Körper noch etwas wirken.
Am nächsten Morgen wusste Valésia zunächst nicht, wo sie war. Das Bett war weich, das Leinentuch, das sie umhüllt hatte war sauber und sie hatte tief geschlafen. Dann fiel es ihr wieder ein, sie war in Ahrwart. Und dem Sonnenlicht nach zu urteilen, hatte sie lange geschlafen. Noch ehe sie ganz wach war, trat sie ans Fenster. Draußen hatte der Tag bereits begonnen. Händler bauten ihre Stände auf, Wagen rollten durch den Durchlass, Stimmen mischten sich mit dem Geräusch von Hufen auf festgetretenem Boden. Es war derselbe Anblick wie am Vortag. Und sie hasst ihn jetzt schon. Wie viele Leute waren heute Morgen schon durch das Stadttor getreten während sie noch geschlafen hatte? Vielleicht war Endres unter ihnen gewesen und sie hatte nichts davon mitbekommen! Sie fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Erst nach einer Weile löste sie sich von dem Fenster und trat zurück in den Raum. Ihre Gedanken waren nun wieder bei der Satteltasche und bei ihrem Inhalt. Sie stand auf, ging hinüber und zog sie näher an sich. Die Riemen gaben nach, als sie sie öffnete, und einer der Beutel kam zum Vorschein, schwer in der Hand. Sie kippte den Inhalt nicht noch einmal aus, das hatte sie am Abend getan, und das Bild war ihr deutlich genug im Gedächtnis geblieben. Knapp fünfzig Goldmark. Die Zahl hatte sich nicht verändert. Sie schloss die Tasche wieder und ließ sie einen Moment in den Händen ruhen, als könnte sie das Gewicht so besser einschätzen. Zu viel, um es bei sich zu tragen, als wäre es nichts. Zu viel, um es offen mit sich herumzuführen, in einer Stadt, in der man gestern bereits gesehen hatte, dass sie zahlen konnte, ohne zu fragen. Wenn sie eines gelernt hatte auf dieser Reise: wie wenig man sich auf sein Glück verlassen durfte und nicht darauf zu bauen, dass andere es gut meinten. Nun, man musste immer vom Schlimmsten ausgehen. Und das war nicht unbedingt ein Aspekt, dass man das schlechte durch die Macht seiner Gedanken förmlich anzog. Was man fürchtete oder nicht wahrhaben wollte, trat oft genug ein. Und vor allem dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte. Mit so viel Geld bei sich wartete man nur darauf, dass es passierte. Valésia stellte die Tasche wieder ab und trat zurück, als müsste sie Abstand gewinnen, um klarer zu denken. Ihr Blick wanderte zurück zum Fenster. Zum Tor. Wenn Endres kam, würde er dort durchreiten. Wenn sie nicht hier war… Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende gehen. Stattdessen blieb sie stehen, zwischen Tisch und Bett, als wäge sie zwei Möglichkeiten ab, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Hier bleiben und warten und alles im Blick behalten? Oder gehen und das Geld in Sicherheit bringen und sich nicht länger angreifbar machen? Valésia fuhr sich mit der Hand durch das Haar und atmete langsam und geräuschvoll aus. Es war keine große Entscheidung, sie konnte nicht so tun, als wäre das Geld kein Problem. Und sie konnte nicht so tun, als würde Endres genau in dem Moment durch das Tor kommen, in dem sie sich für einen Augenblick entfernte. Sie trat wieder ans Fenster, ließ den Blick über das Stadttor gehen. Dann richtete sie sich auf. Sie würde gehen. Nicht lange. Nur so lange, wie es nötig war. Und dann würde sie zurückkommen. Und wenn er kam, würde sie ihn sehen. Valésia wandte sich vom Fenster ab und griff nach der Tasche.
Sie verließ das Gasthaus zu Fuß und ließ das Tor hinter sich, drang tiefer in die Stadt vor, weg von den breiteren Straßen, hinein in die ruhigeren Gassen, in denen der Lärm sich verlor und die Gebäude enger zusammenrückten. Valésia hatte zunächst nach einem Bankhaus Ausschau gehalten, nach einem Haus mit dem Zeichen eines Geldhändlers, wie man es in größeren Städten erwartete. Doch je weiter sie ging, desto unübersichtlicher wurden die Gassen, und nichts sprang ihr ins Auge, das ihr sofort Vertrauen eingeflößt hätte. Erst als sie um eine Biegung trat, stand sie plötzlich vor den Stufen eines Tempels der Drei, schlicht und ruhig zwischen den Häusern. Sie hielt inne, und mit einem Mal fiel ihr ein, was sie längst gewusst, nur nicht bedacht hatte. Was man sichern wollte, gab man nicht immer in fremde Hände, Man konnte es auch dorthin bringen, wo man es unter Aufsicht der Drei wusste. Entschlossen trat sie auf den Tempel zu. Doch sie war schon so lange nicht mehr in einem Tempel der Drei gewesen, dass sie schon regelrecht das schlechte Gewissen plagte. Als sie die wenigen Stufen hinaufstieg, verlangsamte sich ihr Schritt von selbst. Die Türen standen offen, und das Innere empfing sie mit derselben gedämpften Kühle, die in jedem Tempel vorherrschte. Sie trat ein und machte einen kleinen Knicks vor den Dreien. Das Licht fiel hell und tunnelartig durch hohe Oberlichter und sie ließ ihren Blick durch den Raum gehen, als würde sie sich vergewissern, ob sie hier richtig war. Ein Priester trat plötzlich aus einem Seitenschiff hervor und kam ihr entgegen. Er war nicht alt, aber auch nicht mehr jung, und sein Blick war ruhig, aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein. „Die Drei zum Gruße. Kommt Ihr zum Gebet“, fragte er, „oder zur Beichte?“ Valésia schüttelte leicht den Kopf. „Zu beidem nicht, ehrwürdiger Vater. Ich möchte etwas in Verwahrung geben“, sagte sie schließlich. Ein kaum merkliches Nicken. „Dann folgt mir.“ Er führte sie seitlich aus dem Hauptraum hinaus, in einen kleineren Bereich, in dem ein Tisch stand und daran ein Schreiber saß. Die Feder die er führte, kratzte über einen Pergamentbogen und als er die beiden eintreten sah, hob er den Kopf und hielt inne im Schreiben. „Das Buch der Obhut“ sprach der Priester den Schreiber knapp an und dieser nickte, erhob sich und holte ein Buch von einem Regal. Er kam damit zurück zu dem Tisch, legte das Buch darauf und öffnete es an der letzten beschriebenen Seite, bevor er sich wieder auf den Stuhl setzte. Das Buch vor ihm war geöffnet, die Feder ruhte noch, doch seine Aufmerksamkeit lag bereits bei Valésia. Sie trat näher und stellte die Tasche auf den Boden, dann löste sie die Riemen und öffnete sie. Einer der Beutel kam zum Vorschein, und als sie ihn ausschüttete, fielen die vielen Münzen mit einem dumpfen, schweren Klang auf die Tischplatte und schienen beinahe die andächtige Stille dieses Tempels. Der Schreiber hob den nur kurz den Blick, doch der Priester tat es ihm nicht gleich. Seine Augen ruhten auf den Münzen. Einen Herzschlag lang zu lange, dann fiel sein Blick auf die junge Frau. Valésia entging es nicht. Seine Miene fing sich wieder, als hätte er sich daran erinnert, wo er stand und wer er eigentlich war. Der Schreiber begann zu zählen, ruhig, Stück für Stück, doch mit jeder Münze, die zur Seite gelegt wurde, schien sich etwas in der Haltung des Priesters zu verändern. Es war nichts Offenes, nichts, das man hätte benennen können, aber der Blick kehrte immer wieder zurück zu dem wachsenden Haufen, als wolle er sich vergewissern, dass er sich nicht täuschte. Zehn. Zwanzig. Noch mehr. Die anfängliche Verwunderung wich keiner offenen Regung, doch sie blieb sichtbar in der Art, wie er sich verhielt. Er sagte nichts. Aber es war klar, dass er selten sah, was sich dort vor ihm ansammelte. Der Priester sah Valésia an. „Unter welchem Wortlaut soll es zurückgegeben werden?“ Valésia hielt den Blick einen Moment lang gesenkt, als sie überlegte, dann antwortete sie. „Haus Dornfels.“ Jenes Haus des Ritters, den sie auf der Reise zu den Zwillingen kennengelernt hatte. Die Feder kratzte über das Pergament und hielt das Losungswort in dem Buche fest. Der Priester ließ Wachs auf ein kleines Stück festes Material tropfen, wartete einen Augenblick, bis es die richtige Festigkeit hatte, und drückte dann das Siegel der Drei hinein. Als er das Siegel wieder anhob, blieb der Abdruck klar zurück. Er griff nach einem Messer, setzte es an, brach das noch warme Wachs mit einem leisen, trockenen Knacken entzwei. Die beiden Hälften waren ungleich, doch sie gehörten sichtbar zusammen. Eine davon reichte er Valésia. Diese bleibt bei Euch.“ Die andere reichte er dem Schreiber, der sie neben den Eintrag legte. „Ohne beides, Siegel und Losungswort“, sagte der Priester ruhig, „Wird nichts ausgegeben.“ Valésia nahm das Stück Wachs in die Hand. Es war noch warm. Klein genug, um es zu verbergen, unauffällig genug, um nicht weiter beachtet zu werden. Sie schloss die Finger darum und nickte. „Die Drei sind meine Zeugen. Nichts, was unter ihrem Auge verwahrt wird, geht verloren.“ Der Priester erwiderte ihre Geste. „Die Drei sahen, was hier gegeben wurde“, sagte er leise. „Sie sehen, wer zurückkehrt und sie hören was gesagt werden muss.“ Valésia hielt seinen Blick einen Moment, dann wandte sie sich ab. Als sie den Tempel verließ, war die Tasche an ihrer Seite leer. Zum einen war das beruhigend, zum anderen war es auch wieder nicht beruhigend, das ganze Geld in fremde Hände gegeben zu haben. Doch besser in die Hände eines Geistlichen, als in die Hände von dreckigen Wegelagerern, Hütchenspielern oder Tagedieben. Valésia verließ den Tempel ohne Eile, trat hinaus in das helle Licht des Vormittags und blieb für einen kurzen Moment auf den Stufen stehen. Dann setzte sie sich in Bewegung. Der Weg zurück führte sie durch dieselben Gassen, die sie gekommen war, doch sie achtete kaum darauf. Sie eilte sich, rasch wieder zurück zu jedem Gasthof am Stadttor zu kommen.
Gefangen im Fluss der Zeit ❖
23.04.2026 '23:27 [2.377 Wörter]
 nweit vom Tor stand Endres und hielt die Zügel der Pferde in der Hand. Er ließ die Blicke über den großen Platz schweifen, als ob er nach etwas suchen würde. Doch er selbst konnte nicht sagen, wonach er eigentlich Ausschau hielt. Vielleicht hoffte er, dass er unter all den Menschen, wie durch einen unglaublichen Zufall, einfach Valésia auf der Straße sehen würde. Sein Blick wirkte ein wenig sehnsüchtig und zugleich auch ein wenig verloren. Er wandte sich dem Pferd zu, von welchem er soeben angestiegen war und tätschelte es am Hals. »Nun. Lasst uns mal einen Platz für euch suchen.«, murmelte Endres und zog an dem Zügel, um die Pferde mit sich zu führen. Die Tiere setzten sich langsam in Bewegung und Endres suchte, wie mit den Augen eines Falken, immer wieder die Umgebung ab. Doch die Hoffnung in ihm schwand mit jedem Schritt. Valésia war nicht hier. Wie hoch war auch die Wahrscheinlichkeit sie hier einfach auf der Straße anzutreffen. War sie überhaupt schon hier? Ein mulmiges Gefühl bemächtigte sich ihm. Was, wenn ihr etwas zugestoßen war? Wenn sie vom Pferd gestürzt, oder in die falsche Richtung geritten war. Oder noch viel schlimmer, wenn sie Unholden, Raufbolden oder Wegelagerern in die Arme geritten war? Nicht auszudenken. Nun mischte sich sichtliche Besorgnis in seine Gedanken. Doch was sollte er nur machen? Er konnte weder die ganze Stadt nach ihr absuchen, noch wieder den Weg zurückreiten, um sie zu suchen. Das Land war groß und wenn sie nicht in Ahrwart war, dann würde er sie niemals finden. Er schüttelte den Kopf. Nein, so grausam konnte selbst das Schicksal nicht sein. Es hatte ihnen genug übel mitgespielt. Valésia war hier. Er nickte, mehr um sich selbst Mut zuzusprechen. Er musste sie nur finden. Doch wo würde sie wohl sein?
Wenn Endres auf Valésia warten würde. Wo würde er das wohl machen? Er warf den Blick zurück über die Schulter. »Am Tor.« Ja, dort würde er wohl auf sie warten. Irgendwo in der Nähe des Tores. Wo er sie sehen konnte, wenn sie die Stadt betreten würde. Doch in all dem Trubel, den er am Tor veranstaltet hatte, war ihm natürlich keine Frau aufgefallen, welche auf ihn wartete. Und hier, auf diesem Platz, herrschte ein noch viel regeres Treiben. Die Vorbereitungen für das Turnier waren im vollen Gange. Und auch wenn sich der Tag langsam dem Ende näherte, so waren die Vorbereitungen noch lange nicht abgeschlossen. Er sah einigen Frauen zu, welche bunte Girlanden und Wimpel mit dem Wappen der Stadt aufspannten. Eine der Frauen beugte sich aus einem Fenster und band das Seil an einen, eigens dafür vorgesehenen, Haken, welcher in die Mauer getrieben worden war. Den Rest warf sie zu ihrer Gehilfin herunter, welche langsam begann das Knäul an Seil und Wimpeln zu entrollen. Sie legte es fein säuberlich vor sich auf dem Boden aus, und als sie sichtlich zufrieden wirkte, trug sie es auf die andere Straßenseite. Dort stand ein junger Mann auf einem kleinen Balkon, welcher einen kleinen Flaschenzug bediente, um die Girlande zu sich herauf zu ziehen. Nicht weit von dieser Szenerie, sah Endres eifrige Händler, die ihre Stände abbauten. Sie verstauten die Waren in ihren Wagen, schlossen die Verkaufsklappen und irgendwo stolzierten zwei Wachleute über den Platz. Einer von ihnen trug eine große Hellebarde und der andere eine Laterne, welche er vor sich hertrug, als wäre sie der größte Schatz der Stadt. Endres runzelte die Stirn. Irgendwo mussten sich auch Händler aufhalten, welche Waffen, Rüstungen und Tiere verkauften. Händler, denen er die beiden überschüssigen Pferde verkaufen konnte. Denn auch, wenn es durchaus von Vorteil war, mehrere Pferde zu besitzen, so wusste Endres, dass sie einfach zu viel Unterhalt kosteten. Allein das Futter, dass diese Tiere benötigten. Und in jeder Stadt, in der sie verweilen würden, müsste er sie in den Stallungen unterbringen und sie versorgen lassen. Endres schüttelte nachdenklich den Kopf. »Vielleicht verkaufe ich nur eines. Ein zweites Pferd kann sich als nützlich erweisen.« Doch erst einmal galt es einen Unterstand für die Tiere zu finden. Morgen, wenn der neue Tag angebrochen war, konnte er sich um derlei Dinge kümmern.
Nach einiger Zeit hatte er endlich eine Stallung gefunden und als er die Tiere dem Stallburschen in Obhut gegeben hatte, fühlte er sich zumindest von einer Last erleichtert. Doch das weitaus größere Joch, welches ihm schwer auf den Schultern lag, war die Ungewissheit. Die unsägliche Ungewissheit ob Valésia in der Stadt war und ob es ihr gut ergangen war. Endres dachte erneut an das Tor. Wenn Valésia auf ihn warten würde, dann doch sicher dort? Und so schickte er sich an, in der Gegend des Stadttores nach einer Bleibe zu suchen. Nun, da es bereits dämmerte, war an eine Suche nicht mehr zu denken. Man konnte nicht mehr viel erkennen. Auch wenn die Wachleute bereits begonnen hatten die Laternen anzuzünden, so spendeten diese bei weitem nicht genügend Licht um wirklich jeden Winkel der Stadt gut sehen zu können. So sehr es ihm auch widerstrebte. Seine Suche nach Valésia musste er auf den morgigen Tag verschieben.
Er fand schließlich ein Gasthaus. Nicht weit vom Tor, aber doch weit genug davon entfernt, dass er nicht, durch einen unglücklichen Zufall, diesen Torwachen in die Arme lief. Er käme sonst wohl in arge Erklärungsnot, warum er in der Nähe des Tores herumlungerte, wo er doch mit so viel Aufsehens den Einlass in die Stadt begehrt hatte. Er musste bei dem Gedanken zufrieden lächeln. Wie er sie alle an der Nase herumgeführt hatte. Es war eine herrliche Zurschaustellung gewesen. Das war gewiss. Das Gasthaus wirkte ordentlich. Ein paar Gäste waren zugegen. Überwiegend Händler und fahrende Ritter, welche eigens wegen des Turnieres angereist waren. Man erkannte sie an ihren Wappenröcken und dem stolzen Gehabe. Nicht jeder von ihnen war von hohem Adel, das konnte man sehen. Gerade solche Turniere zog allerlei Glücksritter an. Männer, die ihren Unterhalt damit bestritten von Turnier zu Turnier zu reiten um sich von Sieg zu Sieg zu hangeln. Und nicht jeder von ihnen war vom Glück gesegnet. Viele verloren buchstäblich alles und endeten als mittelose, verarmte Heckenritter. Männer mit Namen und Titeln aber ohne Geld in den Taschen. Bei dem Gedanken an das Geld überkam Endres ein kurzer, kalter Schauer. Genau in diesem Moment war er nicht besser als ein solcher Heckenritter. Nein, er war noch weitaus weniger. Er hatte kaum Geld und noch nicht einmal einen Namen den er vorzuweisen hatte. Er war ein Niemand ohne Titel, ohne Namen und ohne Freunde. In einem fernen, fremden Land, in welchen Name und Herkunft alles über einen Mann aussagten und ihn ausmachten. Endres seufzte. Selbst in seiner eigenen Heimat war er ein Niemand gewesen. Doch nun lebte er schon so viele Jahre hier in Ariad und so fern seiner Heimat. Die Lüge, welche er aufgebaut hatte, war inzwischen so allgegenwärtig geworden, dass er zuweilen manchmal selbst vergaß, dass es nur eine Lüge war. Er war ein Mann von hoher Geburt. Ein Mann von Adel. Mit Gehabe und feiner Rede. Mit einem Schwert und drei Pferden. Ein Mann mit drei Pferden hinterließ Eindrücke. Die Menschen sahen den Mann und seine drei Pferde und jeder wusste, dass dies ein kleines Vermögen war. Doch für Endres war es nur eine Last. Er hatte keinen unerschöpflichen Quell von Geldern. Er musste mit dem was er hatte leben. Es vermehrte sich nicht von alleine. Es wurde einfach nur immer weniger. Wie Sand, der einem durch die Finger rann. Endres wusste, dass es ihm früher oder später nicht erspart blieb, eine Arbeit zu suchen. Und ihm graute der Gedanke daran, wie ein Bittsteller um Arbeit zu betteln. All die vergangenen Jahre hatte er ein gutes Leben geführt. Ohne harter, schwerer Arbeit. Das Glück war auf seiner Seite gewesen. Und sein Charme und seine Honigstimme hatten ihm Türen und Tore geöffnet. Aber diese Zeiten waren augenscheinlich vorbei. Er sah sich, seit er Valésias Herz erobert hatte, vom Pech verfolgt. Bisher war sein Weg nicht allzu sehr vom Glück beschienen. Es grenzte beinahe an ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war.
Endres saß auf der Bettkante und starrte aus dem Fenster in den Nachthimmel. Es war bewölkt und man konnte keinen der beiden Monde sehen. Nur das fahle Licht, welches sie auf die Wolken warfen. Er hatte den kleinen Beutel geöffnet und seinen Inhalt in die Hand geschüttet, um die Münzen zu zählen. Und egal wie oft er sie auch zählte. Sie wollten einfach nicht mehr werden. »Das reicht nichtmal für den hohlen Zahn.«, seufzte Endres. Seine Gedanken schweiften wieder zu dem Turnier. Und der verlockende, wenn auch törichte Gedanke, sich einzuschreiben, flammte in ihm auf. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Und nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Immer wieder hatte er mit dem Gedanken gespielt. Doch es wäre nicht nur töricht, sondern hochgradig dumm. Er war kein ausgebildeter Ritter. Ja, er hatte einiges in seinem Leben mitgenommen. Er wusste sein Schwert zu führen. Und notfalls auch seine Fäuste sprechen zu lassen. Doch sich mit gestandenen Rittern messen zu wollen, war eine andere Geschichte. Sie würden ihn gnadenlos in den Staub treten. Doch dann dachte er auch an diese Glücksritter, welche unten im Schankraum gesessen hatten. Männer, die nichts weiter besaßen, als ihre Rüstung und ihr Pferd. Und die alles was sie hatten auf eine Karte setzten, in der geringen Hoffnung bei einem Sieg Ruhm, Ehre und das Pferd des Gegners zu erringen. Endres sah sich in der glücklichen Lage, gleich drei Pferde zu besitzen. Sie würden einen ordentlichen Gewinn einbringen, selbst wenn er sie weit unter Wert verkaufte. Und das würde er auch müssen, denn er hatte keine Urkunden über ihre Herkunft. Sie waren nichts weiter als gestohlene Pferde. Von Dieben und Wegelagerern gestohlen. Aber dennoch gestohlen.
Endres erwachte, als die Sonne in seine Kammer schien und die morgendlichen Sonnenstrahlen sein Gesicht erwärmten. Er richtete sich auf und begann sich anzukleiden. Sein Weg würde ihn zunächst zum Tor führen. In der Hoffnung dort auf Valésia zu treffen. Doch er erwartete nicht, sie dort zu finden, auch wenn er die Hoffnung noch nicht zu Grabe getragen hatte, bevor er es überhaupt versuchte. Aber wenn sich der Weg zum Tor als eine Sackgasse entpuppen sollte, dann musste er andere Wege einschlagen. Valésia war eine gottesfürchtige, gläubige Frau. Vielleicht würde sie das Gebet im Tempel suchen? Oder sie würde auf dem Markt zu finden sein. Lustwandeln, etwas zu Essen kaufen. Ein neues Kleid vielleicht? Endres seufzte. Er kannte Valésia nun schon seit geraumer Zeit, doch so wirklich viel wusste er überhaupt nicht von ihr. Eigentlich war sie ihm mehr wie eine vertraute Fremde. Sie hatten ja, seit ihrer überstürzten Flucht, auch kaum Gelegenheiten gehabt, einander näher kennenzulernen. Aber er wusste, dass sie den Dreien ergeben war. Und dass sie nicht gerne schmutzig war. Zweifellos würde sie ein Bad nehmen…Endres Gedanken machten einen jähen Sprung. Fort vom Markt und dem Tempel. Das Bild von einer jungen Frau, die in einen dampfenden Badezuber stieg erfüllte nun seine Gedanken. Und er kam nicht umhin zu lächeln.
Als Endres schließlich beim Tor angekommen war, stand er eine Weile lang an eine Hauswand gelehnt und beobachtete die Menschen. Viele waren fahrende Händler. Doch immer wieder fand sich auch ein Ritter darunter. Die meisten reisten mit einem Knappen. Manche von ihnen hatten sogar ein kleines Gefolge bei sich. Diener, Schreiber, Knechte. Einer von ihnen hatte sogar einen eigenen Bannerträger, welcher die Farben seines Hauses stolz vor dem Tross hertrug. Endres verzog mürrisch die Mundwinkel, als er sah, wie dieser adelige Mistkerl einfach unbehelligt das Tor passierte. Die Wachen hatten ihn nicht einmal angesprochen. Sie hatten ihn einfach kommentarlos passieren lassen, als ob er der Sohn des Stadtvogtes wäre, den jeder kannte. Ein Mann von Adel, mit einem Namen, den jeder kannte. Endres wünschte sich, dass sein Name von solcher Bedeutung sein würde, dass die Leute ihn nur sahen und bereitwillig aus dem Weg gingen. Ihn in die Stadt einließen ohne Fragen zu stellen. Ihm den Hof machten und seine Nähe suchten, nur um sich im Lichte seiner Sonne sehen zu lassen. Doch er musste für alles was er besaß und alles was er wollte kämpfen. Mit Worten. Mit Lügen, und manchmal auch mit den Fäusten. Wie gegen diese Mistkerle, die an allem die Schuld trugen, dass er und Valésia nun getrennt worden waren. Ein Umstand, den selbst ihr eigener Vater und der Herzog von Ajaran nicht hatten vollbringen können. Aber diese dahergelaufenen Gauner hatten es geschafft. Und nun stand Endres hier, wie ein Hund der hier nicht hingehörte, und sah den Fremden dabei zu, wie sie in die Stadt ritten. Doch er konnte keine Frau erspähen, die auch nur eine Ähnlichkeit mit Valésia hatte.
Er stieß sich von der Wand ab. »Das führt doch zu nichts. Ich kann noch bis heute Abend hier herumstehen. Sie wird nicht einfach aus dem Nichts erscheinen und mir in die Arme laufen.« Er fasste einen Entschluss. Er würde zum Markt gehen. Und einen Händler suchen. Einen, der die Pferde kaufen würde, ohne große Fragen zu stellen. Und dann würde er den Tempel der Drei aufsuchen, um zu sehen, ob Valésia vielleicht dort war. All das war besser, als einfach nur hier, am Tor, herumzulungern. Und irgendwann würden die Leute auch merken, dass er nichts anderes tat als die Reisenden zu beobachten. Man würde sich fragen, was das wohl zu bedeuten hatte. Und so verließ Endres schließlich den Vorplatz des Stadttores. Just in dem Moment, als Valésia an das Fenster trat, um nach Endres Ausschau zu halten, bog er um eine Ecke und war im Labyrinth der Straßen Ahrwarts verschwunden. Denn das Schicksal war ein grausamer Hund, der gerne seine Schachfiguren auf dem Spielbrett herumschob, wie es ihm in den Sinn kam. Und Valésia starrte sehnsüchtig zum Tor, in der Hoffnung ihren Liebsten einreiten zu sehen. Doch dieser war schon längst in der Stadt angekommen. Wäre er noch einen Moment länger geblieben, hätte sie ihn sicher gesehen. Doch der Moment war verstrichen. Und das Schicksal hatte wieder seine Fäden gesponnen. Nur die Zeit würde zeigen, wann ihre Fäden sich wieder miteinander verweben würden. Und bis dahin, würden sie wie lose Enden in einem stetig fließenden Fluss hin und her wabern. Stets auf der Suche und stets ohne ein Ziel vor Augen. Gefangen im Fluss der Zeit und den Ränken des Schicksals.
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