Im goldenen Käfig
Ein mürrischer Wirt ❖
baum-sanftes kühles Mondlicht fiel in den kleinen Raum, durch ein klitzekleines Fenster, das eher ein Oberlicht war, doch der Lichtstreifen erhellte kaum das Zimmer, und das Talglicht waberte mit kleiner Flamme über dem flüssigen Talg hin und her, rußte, brannte schlecht und stank obendrein. Valésia fühlte sich wie ein Gossenhund, den man getreten hatte, weil er hungrig war und gebettelt hatte. So eine Behandlung hatte sie noch nie über sich ergehen lassen müssen und das fühlte sich beinahe schmerzhaft an. Endres seufzte und legte seine Hand auf ihren Schoss und fand aufmunternde Worte. "Es hat auch etwas Gutes. So bleiben wir auf jeden Fall von schmierigen Gestalten und unverfrorenen Halsabschneidern verschont." Er lächelte in der Dunkelheit und Valésia legte ihre Hand auf die Seine und sagte leise "Und das war es doch, was wir wollten, nicht wahr? Wir wollten nicht mehr behelligt werden aufgrund unserer feinen Kleider." "Und wir haben ein Dach über den Kopf. Morgen ist die Welt nicht mehr grau und dunkel." Valésia nickte und fühlte sich schon ein wenig besser. Endres verstand es stets, alles in einem besseren Licht dastehen zu lassen, das war schon eine bemerkenswerte Eigenschaft. Während er sich Wasser in eine Waschschüssel goss und selbst über das Wasser lobende Worte fand, erzählte er über Ajaran und dessen Silberschmiede, die er schon immer besuchen wollte. Nachdem Endres und Valésia sich gewaschen hatten, schlüpften sie auch schon ins Bett, da sie völlig müde und erschöpft waren. Es war ein langer anstrengender Tag gewesen und sie hatten an dem Punkt, an dem sie schon erschöpft waren, noch die halbe Stadt durchqueren müssen auf der Suche nach einem Quartier, das sie letzten Endes hier gefunden hatten.

Am nächsten Tag erwachte Valésia vor Endres. Es war noch dämmrig und Endres schlief noch. Sie beschloss, aus dem Bett zu kriechen und zu beten. Auf dieser Flucht hatte es sehr wenige Gelegenheiten gegeben, zu beten. Nun, vermutlich hatte es genug Gelegenheiten gegeben, doch sie hatte es nicht getan. Vermutlich war sie mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Es war nicht so, dass sie gar nicht mehr gebetet hatte, schließlich konnte man auch auf einem Pferd sitzen ein Gespräch in Gedanken zu den Göttern führen. Aber die große Inbrunst war verloren gegangen. Hatte es mit Endres zu tun? Sie sah ihn nie beten und er hatte ihr auch noch nie etwas über den Glauben seines Landes erzählt, oder über Rituale und dergleichen. War er überhaupt gläubig? Das schlechte Gewissen, sich so gottlos zu verhalten, überwog, dass sie nun aus dem Bett stieg, in diesem dunklen Zimmer, sich mit den Knien auf die rauen groben Holzdielen kniete, und sich mit den Ellbogen auf den kleinen Tisch lehnte. Das kleine Nachtlicht, das Talglicht, brannte immer noch und sie legte ihre Stirn auf ihre gefalteten Hände. Ihr offenes Haar floss über ihre Schultern und ihren Rücken und sie überlegte, ob die Götter ihr überhaupt Gehör schenken würden.
„Ihr Drei, die ihr wacht über uns Sterbliche,
seht gnädig auf mich herab.
Lenkt meine Schritte, auf rechten Pfaden,
gebt ihr Kraft das Gute zu bewahren
und Mut das Schwere zu ertragen.

Für die, die ich liebe, bitte ich um euren Schutz,
dass sie heil den Morgen schauen.
Seid mir Licht in der Finsternis,
Seid nahe, wenn die Nacht mich umfängt
und Stütze, wenn ich wanke.

So spreche ich, so vertraue ich,
so gebe ich mich in eure Hand.
Jetzt und allezeit.“
Natürlich schloss sie Endres in ihr Gebet ein, aber sie dachte auch an ihren Vater, ihre Mutter, und an ihren Bruder Roméro. Letzteren vermisste sie am allermeisten, ja sie vermisste ihn schmerzlich, und sie fragte sich, ob sie ihn je wiedersehen würde. Zwar hatte sie gewusst, was es bedeuten würde, alles hinter sich zu lassen, aber sie hatte nicht geahnt, wie es sich tatsächlich anfühlen würde. Endres war unglaublich lieb und fürsorglich. Er war ein echtes Kleinod, der alles in seiner Macht stehende tat, um ihr dies Reise so angenehm wie möglich zu gestalten. Und doch konnte er sie nicht vor allem beschützen. Und das sollte er auch gar nicht. Es gab Angelegenheiten, mit denen musste sie selbst fertig werden. Weil sie einst eine unumkehrbare Entscheidung getroffen hatte. Als sie ihr Gebet beendet hatte, kroch sie zurück ins Bett zu Endres und betrachtete ihn, während er schlief. Er lag seitlich, das Gesicht halb im Kissen vergraben und eine Haarsträhne war ihm ins Gesicht gefallen. Ihre Finger hoben sich, als wollte sie die Strähne aus seiner Stirn streichen, doch sie hielt inne, aus Furcht, ihn zu wecken. Die Stirn, in die des Tages manches Mal eine tiefe Furche gezogen war, war im Schlaf glatt und überhaupt wirkte er im Schlaf weitaus friedlicher und sorgenfreier. Hin und wieder blickte er ernst und nachdenklich, und Valésia fragte sich stets, was ihm solches Kopfzerbrechen bereitete. Im Schlaf schien es keinerlei Rolle zu spielen. Ein stilles Gefühl von Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus, während sie ihn betrachtete. Sie liebte ihn über alles. Sie war bereit, für diesen Mann, für den sie schon so viel aufgegeben hatte, noch weitaus mehr aufzugeben.

Dann regte er sich, erwachte und öffnete seine Augen, was Valésia zum Lächeln brachte. Er erwiderte das Lächeln und meinte "Es ist so schön, morgens aufzuwachen und dein Gesicht zu sehen." Da lächelte sie noch breiter und sagte "Es ist schön, morgens aufzuwachen und deinen Schlaf zu bewachen" Er zog sie zu sich heran und schenkte ihr einen zärtlichen Kuss, den sie nur allzu gerne erwiderte. Und aus dem zärtlichen sanften Kuss entwickelte sich bald ein fordernder, eindringlicher Kuss, ihre beiden Hände gingen auf Entdeckungsreise, und obgleich sie der Meinung war, seinen Körper schon gut zu kennen, so war es doch immer wieder aufregend, ihn zu erkunden, und immer wieder Neues zu entdecken, welche Berührung ihm gefiel, aber auch, welche Berührungen Abneigung bei ihm hervorriefen. Er mochte es, wenn sie sein Gemächt in die Hand nahm und sanft ihre Hand darum schloss und dann ein wenig fester zupackte. Und er mochte es, wenn sie ihn an den Beininnenseiten auf und ab streichelte. Sie spürte es stets, wie er Gänsehaut bekam, wenn sie mit ihren Fingernägeln sanft über seinen Rücken kraulte. Und Endres wusste ganz genau, welche Hebel er in Bewegung setzen musste, um ihr Wonne zu bereiten. Er bedeckte ihren Körper mit Küssen und wanderte immer tiefer, bis sein Kopf zwischen ihren Beinen versank und er sie mit Lippen und Zunge verwöhnte. Es tat dies oft, es schien ihm Vergnügen zu bereiten, doch es war ein wenig seltsam, wenn er danach wieder auftauchte und sie sich küssten. Es war eigenartig, sich selbst zu schmecken, zumal sie nicht fand, dass es wohlschmeckend war. Valésia tat einen tiefen Seufzer und stöhnte leise, als seine Zunge zwischen ihren Beinen kreiste. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie vergaß alles um sich herum. Es gab nur sie und ihren Geliebten. Als sie vor Wonne bereits zerfloss, tauchte er wieder zu ihr hinauf und schob sich in sie. Losgelöst von der Welt gaben sie sich einander hin, bis sie am Ende einander selig umarmt hielten. Valésia musste unweigerlich an ihr Zuhause denken, und auch, wenn die Sehnsucht nach Zuhause in gewisser Weise stets gegenwärtig war, so musste sie in dieser Situation, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt angemessen war, doch an ihre Eltern denken. Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass Valésia nicht gestorben war, sondern sich hier, das frische, blühende Leben, mit einem Mann vergnügte, der nicht der Erbprinz von Olathor war. Vor allem, wenn es nicht dem Zweck diente, einen Sohn zu zeugen und ganz besonders nicht, da sie mit diesem Mann nicht vermählt war. Ihre Mutter würde vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, anders als sonst, keine entrüsteten Worte finden, sondern einfach nur den Mund auf und zuklappen. Vielleicht aber auch würde sie theatralisch zum Schluchzen beginnen und feststellen, dass jegliche Erziehung bei ihrer Tochter versagt hatte und man sie viel, viel strenger hätte erziehen müssen. Ein Umstand, der Valésia innerlich zum Schmunzeln brachte. Valésia selbst fand ihr Leben nach all den vielen Monden, die sie nun schon mit Endres durch Aramajé reiste, mittlerweile normal, und für sie war es überhaupt nicht mehr schlimm, so zu leben, wie sie es tat. Warum durfte eine Frau nicht selbst ihr Leben in die Hand nehmen? Es war natürlich völlig unkonventionell, doch es war aufregender und unterhaltsamer, als das Leben bei Hofe. Sie musste feststellen, dass ihr dieses Leben gefiel, und sie hoffte, da Endres ja doch ein Adeliger war, dass sie selbst nicht allzu verwilderte und letztendlich zu einem Menschen wurde, der ihm nicht mehr gefiel. Immerhin hatte er sie unter völlig anderen Umständen kennengelernt. Und so war es ihr ein Anliegen, dass sie ihm das auch mitteilte. "Endres…" sagte sie leise in seine Halsbeuge. "Ich bin sehr glücklich mit dir. Ich könnte mir mein Leben nicht schöner vorstellen. Du bist wie die Sonne in mein dunkles Leben getreten, erhellend und wärmend. Aber wir waren andere, als wir uns kennengelernt hatten. Dieser neue Lebenswandel hat mich verändert, ich kann es deutlich erkennen. Wenn es also passiert, dass du mich zu verändert findest, auf eine Art und Weise die dir nicht gefällt, dann musst du mir das unbedingt sagen, versprich es mir!" Sie sah ihn dabei mit ernster Miene an.

Sie blieben noch eine Weile liegen und waren am Ende sogar wieder eingedöst. Doch irgendwann war der Punkt erreicht, an dem man spürte, die Zeit des Müßigganges war vorbei. So stiegen sie ein wenig murrend aus dem Bett, wuschen sich, und begannen, sich anzukleiden. Die Sonne schien durch die kleine Dachluke, und tauchte schon alleine das Zimmer in ein freundlicheres Licht als am vergangenen Abend, wo sie in der Dunkelheit von der unfreundlichen Stadtwache, und von Wirtstätte zu Wirtsstätte gescheucht worden waren. "Ich muss sagen, dass mir dein neues Aussehen gefällt. Deine neue Kleidung gibt dir etwas Verwegenes. Auch, wenn sie einfach ist, steht sie dir sehr gut zu Gesicht. Ich will nicht sagen, dass es dir besser passt als deine andere Kleidung. Aber irgendwie doch…" meinte Valésia, nachdem sie Endres immer wieder heimlich in Augenschein genommen hatte, während er sich angekleidet hatte. Endres bot ihr im Anschluss galant den Arm dar und dann gingen sie gemeinsam in den Gastraum. Sie hofften, ein spätes Frühstück, oder ein verfrühtes Mittagessen zu bekommen.

Der Gastwirt, der das Ansinnen der beiden vernommen hatte, unterzog sie einer eingehenden Musterung, so, als hätte er sie zum ersten Male gesehen und schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf. Breitbeinig stand er da, mit hochgekrempelten Ärmeln, auf deren haarigen dicken Armen der Schweiß glänzte, sichtlich verschwitzt von seiner Arbeit, die er wohl schon seit den frühen Morgenstunden verrichtet hatte, und nun kamen da zwei junge Leute an, die es augenscheinlich eben erst aus dem Bett geschafft hatten. Er mustert sie erneut, mit zusammengezogenen Brauen, bevor er mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme anhob: "Was? Frühstück? Oder wollen die jungen Herrschaften gleich schon 'nen Braten zum Mittag?" Sein Tonfall verriet, dass er das in keiner Weise so meinte, wie er das sagte, und darum schwieg Valésia, und überließ das Sprechen lieber Endres, sofern er dazu etwas zu sagen hatte. Und sie sollte Recht behalten. Der Wirt schlug die Faust auf das blankgescheuerte Holz der Theke, dass die Humpen, die dort aufgestapelt waren, nur so klirrten. "Meint ihr, meine Alte stünde hinten in der Küche nur auf Abruf bereit, für zwei so dahergelaufene Taugenichtse wie ihr es seid?" Er hob die Hand und richtete abwechselnd den Zeigefinger auf Endres und auf Valésia. "Ich habe ganz genau gehört, was ihr da oben getrieben habt, und jetzt kommt ihr daher und erwartet, dass meine Alte springt und euch noch bedient?" Beinahe konnte man denken, als wäre es neidisch. Jetzt trat die Angesprochene aus der Küche, die Hände mehlig, das teigige Gesicht verschwitzt und glänzend, hier und da lösten sich Strähnen aus ihrer Haube hervor. Auch sie blickte mürrisch drein und begann schließlich: "Ich habe seit den frühen Morgenstunden Brotteig geknetet, die Bierfässer angestochen, die Stube gefegt, die Tische gescheuert, das Gemüse geputzt und zerkleinert, und eben erst angefeuert. Es dauert, bis die Glut soweit ist. Wenn ihr unbedingt was essen wollt, kann ich euch einen Kanten Graubrot mit Schmalz und dazu ein kaltes Dünnbier aufn Tisch bringen. Aber gebratene Täubchen gibt’s hier nicht. Warmes Essen gibt es frühestens in zwei Stunden, und wenn euch etwas daran nicht passt, dann könnt ihr euch selbst ans Feuer stellen. Aber ihr seht mir nicht so aus, als ob ihr dazu im Stande seid!" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und es schien ihr völlig egal zu sein, dass zahlende Gäste vor ihr standen. Valésia war wie vom Donner gerührt. Erst gestern war sie verzagt deswegen gewesen, wie man mit ihnen umgesprungen war, und nun diese, ihrer Meinung nach völlig ungerechtfertigten Schimpftirade, das war zu viel für sie. Sie zupfte an Endres' Umhang, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie gehen wollte. Graubrot mit Schmalz und Dünnbier war ohnehin nichts, worauf sie jetzt Lust hatte, und obendrein war ihr der Appetit fürs erste sowieso vergangen.
Der Wink des Schicksals ❖
baum-ganz im Rausch geleitete Endres seine Bernsteinrose in den Schankraum, wo sie von dem unfreundlichen Wirt und seiner nicht weniger unfreundlichen Frau, regelrecht vorgeführt wurden. Nein, vielmehr als das sogar. Endres versuchte sich zu erklären. Er spielte die Worte gezielt und gewählt aus. Doch egal was er auch sagte, es schien an ihnen einfach abzuprallen. Entweder waren sie zu stolz dafür, oder die Worte waren einfach zu hoch und es scheiterte an ihrem einfachen Verstand. Sie sahen sie wie eitle Möchtegernherrschaften, die in ihren einfachen Gewändern aber ihrem stolzen Gehabe für etwas Besseres hielten. Scheinbar hatten sie entweder nicht gut geschlafen, oder schon lange nicht mehr miteinander geschlafen. Endres musste bei dem Gedanken innerlich schmunzeln, doch er bewahrte sich seine Contenance und versuchte die Wogen zu glätten. »Verzeihung, aber euer Tonfall ist mehr als unangebracht. Immerhin sind wir Gäste in eurem Haus und nicht irgendwelche Bittsteller!«, empörte sich Endres, was bei den Beiden aber nur ein müdes Lächeln hervorrief. »Da wo ihr vielleicht herkommt ist es wahrscheinlich anders. Aber hier, in meinem Haus, bin ich der Herr des Hauses. Und es gibt dann Essen, wenn es fertig ist.«, brummte der Wirt und Endres spürte das zaghafte Zupfen Valésias an seinem Ärmel. »Nun denn, wir wollen euch wirklich nicht zur Last fallen. Wir werden einfach die Stadt etwas erkunden und zu gegebener Stunde zurück kehren…« oder auch nicht, dachte sich Endres. Der Wirt brummte zufrieden und schien damit endlich besänftigt zu sein. Oder zumindest hatte Endres ihm das Gefühl gegeben, dass er der Herr des Hauses war und sein Wort letzten Endes anerkannt worden war. Endres war dies einerlei. Er wollte einfach nur fort von hier, genauso wie Valésia. Und so führte er Valésia zur Türschwelle und warf den beiden noch einen grimmigen Blick zu, welcher von den beiden daraufhin gleichsam erwidert wurde. »Wie es scheint kann man sich in dieser Stadt vor lauter Gästen gar nicht retten. Anders kann ich mir diesen Umgangston nicht erklären. Und daher entschuldigen wir uns auch nicht für den … Lärm … den wir veranstaltet haben.« Er lächelte süffisant und führte Valésia zur Treppe ohne weiter darauf zu achten wie die beiden auf diese Worte reagierten. Ob mit Empörung oder mit Grimm. Endres konnte es nicht sehen, da es den Effekt komplett ruiniert hätte, wenn er sich nochmals zu ihnen umgewandt hätte. In manchen Situationen war es besser sich die Reaktion der Leute einfach vorzustellen, während man ihnen die kalte Schulter zeigt.

Als sie an der Treppe angekommen waren, die zu den oberen Schlafräumen führte, löste er sich aus Valésias eingehaktem Arm. »Warte hier einen Moment.«, hauchte er ihr ins Ohr und huschte schnell die Treppe hinauf, raffte ihre ganze Habe zusammen und war so schnell wieder unten an der Treppe, bei der geduldig aber sich sichtlich unwohl fühlenden, wartenden Valésia angekommen, dass die Zeit wie im Flug vergangen war. »Weißt du was?«, raunte er ihr ins Ohr. »Wenn die beiden solche Rüpel sein wollen, sollen sie dafür belohnt werden.« Er deutete auf die Habe und die lederne Tasche, die er sich bereits umgehängt hatte und führte Valésia aus der Tür hinaus auf die Straße. »Dann werden sie die Zeche für die letzte Nacht nicht bekommen, denn wir kommen einfach nicht mehr zurück.« Ein diebisches Lächeln huschte über Endres Gesicht und in seinen Augen funkelte der Schalk. Und natürlich auch die Gewissheit wieder etwas Geld gespart zu haben was in Anbetracht der Genugtuung es den beiden auf diese Weise heimgezahlt zu haben, gleich doppelte Freude bereitete. »So schön war das Zimmer ohnehin nicht. Keine Mark und keinen Heller war das alles wert, was wir bekommen haben. Und obendrein noch dieses unflätige Verhalten. Das einzig Schöne an diesem Ort bist du gewesen, meine Rose.« Er gluckste und führte Valésia, in zügigen Schritten, so weit wie möglich von dem Gasthaus fort. »Aber wir sollten unser nächstes Gasthaus möglichst weit von diesem suchen.«, gab Endres zu bedenken. »Nicht, dass wir den Beiden nochmal über den Weg laufen. Dieses möchte ich mir dann doch lieber ersparen.«

Wenn Endres sich ehrlich war, war es ihm ohnehin lieber das viele Geld, dass sie bei sich trugen, nahe am Körper zu wissen, anstatt in so einer heruntergekommenen Schenke. Wer wusste schon ob der Wirt in ihrer Abwesenheit nicht einfach ihre Sachen durchstöberte? Zuzutrauen wäre es ihm allemal, da war sich Endres beinahe sicher und ihm wurde ganz flau im Magen, wenn er nur daran dachte, dass ihnen jemand ihre Barschaft stehlen würde. Dies wäre eine absolute Katastrophe der die Beiden in ein unsagbar tiefes Tal des Jammers und des Elends stürzen würde. Ohne finanziellen Halt. Ohne ein Einkommen, waren sie dann nichts weiter als Landstreicher, Vagabunden nein sogar schlimmer. Bettler! Er würde diese Schmach nicht verdauen. Und wie sollte er es Valésia beibringen, dass sie nun nicht nur mittellos waren, sondern auch noch für immer an dieses Joch des Elends gebunden waren? Er würde ihr offenbaren müssen, dass es keine Möglichkeit gab an Geld zu kommen. Selbst für einen Adeligen in fernen Landen war es nicht möglich einfach ein Schiff zu buchen um in die Heimat zu segeln. Aber er war kein Adeliger. Er hatte keine Burg. Und er hatte kein Vermögen. Alles was er besaß trug er am Leib und hielt er an seiner Hand. Die zierlichen Finger seiner edlen Maid die er, bei diesem Gedanken, umso fester hielt, als könnte er sie verlieren. Was mindestens genauso eine Tragödie wäre wie der Verlust des Geldes. Instinktiv legte er eine Hand schützend, aber möglichst unauffällig, über die Tasche, so dass man weder hineingreifen, noch sie ihm vom Leib reißen konnte, sollten sich Taschendiebe oder Beutelschneider in den Straßen befinden.

Endres und Valésia ließen sich treiben. Sie hatten kein klares Ziel vor Augen, denn sie waren beide fremd in dieser großen Stadt, welche mehrere tausend Einwohner zählte, das war allgemein bekannt. Immerhin war sie um eine der drei größten Silberminen Ariads errichtet worden und unter dem Einfluss des Herzogs zu einer wehrhaften und reichen Stadt gewachsen. Und da solche Städte auch Schattenseiten hatten, versuchten sie die Sonnenseite der Stadt zu finden. Es dauerte nicht allzu lang, denn die Stadt hatte eine sehr klare Struktur. Schon bald hatten sie eine bessere Gegend gefunden, in der die Häuser schmucker, die Straßen sauberer und die Leute edler gekleidet waren. »Warst du schon einmal an diesem Ort?«, erkundigte sich Endres und warf Valésia einen fragenden Blick zu, bevor er sich suchend umsah. Hier musste es doch einen Händler geben, der Leckereien verkaufte. Oder einen Marktplatz. Dort würden sie zweifellos fündig werden. Sie konnten ihren Proviant auffüllen und vielleicht auch ein einfaches Frühstück erstehen. Und das vermutlich zu einem deutlich geringeren Preis als in einem Wirtshaus. Immerhin waren die Preise am Markt für gewöhnlich deutlich geringer. Und so stromerten Endres und Valésia durch die Stadt immer darauf bedacht den Geräuschen der Stadt zu folgen. Besonders lautes Geschrei war hier der Schlüssel ihrer Suche. Die Marktschreier waren oft von Weitem zu hören. Und bald vernahmen sie dumpfe Rufe. Man konnte nicht verstehen, was gerufen wurde, doch es war eindeutig ein Händler der Waren feilbot. Und nach nur wenigen Ecken hatten sie den Marktplatz gefunden.

Es herrschte reges Treiben, wenngleich es wahrscheinlich zu einer früheren Stunde deutlich turbulenter und voller gewesen war. Immerhin waren die meisten Menschen schon mit dem ersten Hahnenschrei auf den Beinen um Waren zu erstehen, Botengänge zu erledigen oder für ihre hohen Herren Einkäufe zu erledigen. So war es natürlich nicht verwunderlich, dass die meisten Händler bereits kaum noch über frische Waren verfügten und Endres zog ein enttäuschtes Gesicht. »Der frühe Vogel fängt wohl den Wurm.«, murmelte er. Doch die Hoffnung auf etwas Glück bei ihrer Suche schlug er noch nicht gänzlich in den Wind. »Lass uns zu diesen Häusern da drüben gehen. Die Händler am Rand des Marktes sind oft weniger stark besucht.« Und so fanden sie schon bald einen Mann der gebratenes und gedörrtes verkaufte. Pökelfleisch, Dörrobst, Salz und Käse. Allerlei Dinge, die vielleicht für den verwöhnten Gaumen zu gewöhnlich waren, aber für lange Reisen unentbehrlich. Endres und der Händler kamen schließlich ins Gespräch und ein langes Feilschen folgte. Der Händler wollte natürlich so viel wie möglich zu einem möglichst hohen Preis veräußern. Endres hingegen wollte natürlich so wenig wie möglich ausgeben. Es war ein Kampf der Worte und der wilden Gestiken. Mit Händen und Füßen stritten sie sich um kleinste Beträge, doch am Markt war das völlig normal. Nein es gehörte zum guten Ton sich über Waren zu streiten, und als sie sich endlich einander einigten, lächelten beide und reichten sich die Hände. Jeder fühlte sich als moralischer Sieger. Jeder dachte sich er hätte einen guten Handel gemacht. Der Händler hatte mehr erhalten als er selbst ausgegeben hatte, und Endres hatte den Preis fast um ein Drittel gedrückt. Letzten Endes war es ein Spiel. Und Endres schien es im Blut zu liegen dieses Spiel zu spielen. Doch zweifellos gab es Menschen die deutlich begabter waren als er. Er wandte sich an Valésia und zeigte ihr stolz seine Errungenschaften. »Sieh mal. Was wir alles bekommen haben.« Er zeigte ihr das Fleisch und den Käse. «Deutlich bessere Qualität als die letzten Sachen die wir erstanden hatten, und zu einem deutlich besseren Preis.« Aber ein wirkliches Frühstück war dies bei weitem nicht. Und so zog es sie weiter über den Markt. »Wir brauchen noch etwas für die Pferde.«, meinte er und hielt alsbald an, als ihm ein süßer und betörender Duft in die Nase stieg. Ein Stand, der nur vor einem Gebäude aufgestellt worden war, entpuppte sich als Bäckerei. Sie boten frisches Brot, und allerlei Gebäck mit Honig, Butter und kandiertem Obst feil. Und da beiden schon der Magen bis zu den Knien hing, entschlossen sie sich kurzerhand hier für ihr leibliches Wohl zu sorgen.

Zufrieden und gut gelaunt saßen beide auf einer Bank, am Rand des Marktes, genossen ihre Süßwaren und tranken frisches Wasser, welches der Laufbrunnen des Marktplatzes in Hülle und Fülle spendete. Endres hatte sogar zwei gute Wasserschläuche erstanden, denn der eine den sie bisher gehabt hatten, war viel zu wenig gewesen. Nun hatten sie genug Wasser für lange Strecken und waren bestens ausgerüstet für die weitere Reise. Doch mit den Errungenschaften des Tages kam auch die Ernüchterung. Die ganzen Waren entpuppten sich als unhandlich und schwer. Und mit der Zeit übergab Valésia immer wieder etwas an Endres, da diese nicht mehr tragen konnte. »Wir müssen eine Bleibe finden. Unsere Waren verstauen und kein Loch wie das letzte. Wir sollten in die Nähe des Tores gehen und uns dort umsehen, was meinst du?«

Es war einfacher gesagt als getan. Zwar waren die Wirtsleute und Gastwirte nicht gar so unfreundlich wie noch am Abend zuvor. Aber viele mussten sie mit vertröstenden Worten fortschicken, dass sie keine freien Zimmer zur Verfügung hatten. Als sie das dritte Gasthaus verlassen hatten stellte Endres die Einkäufe auf dem Boden ab und nahm Valésia ihre Bürde ab. »Das ist doch nicht zu glauben?«, empörte er sich. »Wieso ist hier so viel Andrang? Das kann doch nur bedeuten, dass eine hohe Gesellschaft zu Gast ist, oder ein Turnier bevorsteht. Ansonsten wären doch nicht so viele Häuser bereits belegt?« Ein Passant, welcher nicht weit von Endres vorbeigegangen war, schien seine Worte gehört zu haben. »Oh, fürwahr, werter Herr. Ihr habt Recht! Heute Morgen ist ein Fürstlicher Tross in der Stadt angekommen. Ich habe die Banner des Herzogs gesehen und noch weitere seiner Vasallen.« Endres spitzte neugierig die Ohren. »Wird es ein Fest geben?«, erkundigte er sich mit einem gewissen Glitzern in den Augen. Solche Feste waren immer eine wunderbare Zerstreuung, und boten immer gute Gelegenheiten um…« Seine Gedanken endeten abrupt als seine Blicke auf Valésia fielen. Ja, die gewöhnliche Art wie er diese Feste zu nutzen pflegte, war ja nun nicht mehr möglich. Valésia würde es zweifelsohne keineswegs gutheißen, wenn er irgendwelchen Damen hübsche Augen machte, nur um sie um etwas Geld zu prellen. Nein, dieser Weg war nun versperrt. Doch Endres empfand kein Bedauern darüber. Jedenfalls nicht über die Arbeit, die damit verbunden war. »Nein, es ist kein Fest, werter Herr. Es ist ein trauriger Anlass, wie ich hörte. Der Bernsteingraf, mit Gemahlin und seinem Erben, wurden vom Herzog eingeladen. Sie sollen angeblich einen tragischen Verlust erlitten haben. Ich weiß leider nicht mehr darüber. Aber wenn ihr zum Burgamt gehet. Dort werdet ihr sicher mehr erfahren.« Endres deutete eine Verbeugung an und schenkte dem Mann ein freundliches Lächeln. »Habt Dank, werter Herr. Wir werden es in Erwägung ziehen.« Doch kaum war der Mann außer Reichweite wandte sich Endres an Valésia und sein Blick war wie erstarrt. »Meine Güte!«, hauchte er und er erkannte auch in Valésias Blick, dass sie hin und hergerissen wirkte. Zweifellos würde sie ihren Bruder gerne sehen wollen. Doch ihrem Vater durfte sie keinesfalls unter die Augen geraten. »Was machen wir denn jetzt?«, erkundigte sich Endres und zum ersten Mal seit langem wirkte er völlig aus der Bahn geworfen. Das hatte absolut er nicht vorhersehen können. Natürlich hatten sie viel Zeit verloren auf ihrer beschwerlichen Reise. Der Tross des Grafen hatte bessere Pferde, bessere Mittel und konnte unbehelligt den direkten Weg einschlagen. Sie haben die ganze Zeit, in der Valésia und Endres als Vorsprung hatten, besser einholen können. »Ob er nach dir sucht?«, meinte Endres, dem beinahe Zweifel aufkamen, so unwahrscheinlich und seltsam das auch sein mochte. Vermutlich war es nur ein gewaltiger Zufall, welcher aber die Karten völlig neu mischte.
Bruder und Schwester ❖
baum-hatte Valésia eben noch gelächelt, als sie Endres beim Feilschen beobachtet hatte und er sich anschließend voller Stolz über seinen Erfolg freute, so wich ihr nun alle Farbe aus dem Gesicht, als sie die Worte des Fremden hörte. Ihre Familie war heute Morgen in der Stadt eingetroffen? Die Nachricht traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. „Meine Güte!“, entfuhr es Endres, doch Valésia nahm seine Worte nur verschwommen wahr, dumpf, wie durch Wasser. Es war, als sei sie in ein eiskaltes Wasser gestürzt: Erst der brennende Schock der Kälte, dann das langsame Versinken in einer Lautlosigkeit, die jedes Geräusch verschluckte, und schließlich das beklemmende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. „Was sollen wir tun?“ Sie konnte kaum glauben, dass das Gehörte Wirklichkeit war. Alles schien wie ein böser Traum. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Endres leise. „Lass uns erst eine Bleibe suchen, wo wir unser Gepäck unterbringen können. Danach sehen wir weiter.“ Sie hakte sich an seinem Arm ein, ließ sich von ihm führen, ohne die Straßen mit wachem Blick wahrzunehmen. An mehreren Gasthäusern scheiterten sie, mussten abgewiesen wieder kehrtmachen. Immer wieder dieselbe Antwort: ausgebucht. Valésia spürte, wie ihr Herz mit jedem Schritt schwerer wurde. Die Straßen wurden schmaler und enger, das Pflaster uneben, bis es schließlich gänzlich fehlte, und matschige ausgetretene steinige Gossen wich. Je weiter sie gingen, desto mehr bröckelte das Stadtbild und eine gewisse bürgerliche Ordnung. Aus den Fenstern hingen bunte grelle und von Wind und Wetter zerfledderte Tücher, die ein gewisses Bild vermitteln wollten, das es nicht gab, Türen standen offen, und die Gerüche von abgestandenem Bier, Rauch und billigem Parfum legte sich schwer in die Luft. Valésia hielt sich enger an Endres’ Arm, hob unwillkürlich das Kinn, als wolle sie die Ausdünstungen der Gasse damit von sich fernhalten. Ihre Augen jedoch irrten unstet von Seite zu Seite, als könnte sie nicht glauben, wo sie gelandet war. Am Rand einer niedrigen Schenke hockten Frauen mit tief ausgeschnittenen Kleidern, die Stoffe verblichen, fadenscheinig, geschmacklos und bunt. Sie lachten verführerisch, schrill, riefen Vorübergehenden schlüpfrige Worte zu, ein Händlerjunge bekam einen Klaps auf den Hintern, während er mit hochrotem Kopf davonstürzte. Zwei andere Mädchen, vermutlich weitaus jünger als Valésia selbst, standen an eine Tür gelehnt, der Ausschnitt ihrer Dekolletés so tief, dass man mehr sah, als es schicklich war und spielten aufreizend mit ihren Haarsträhnen, wie eine verheißungsvolle Einladung an jeden, der vorüberging, egal ob Mann oder Frau. „Bei den Göttern…“ dachte Valésia bei sich. Noch nie hatte sie eine solche Offenheit, eine derart schamlose Zurschaustellung von Frauen und ihren Körpern gesehen. In Olathor waren solche Gestalten im Schatten geblieben, am Rand, verborgen. Zumindest in ihren Augen. Hier aber drängten sie sich mitten auf die Straße, warfen ihre Blicke gierig nach allem, was vorbeiging. Ein Mädchen mit aufgedunsenen Lippen trat ihnen fast in den Weg, klimperte mit den Wimpern und stemmte eine Hand in ihre Hüfte. „Kommt ihr mit mir?“ hauchte sie, und das Parfum, süß und faul zugleich, stieg Valésia in die Nase. Sie sog scharf die Luft ein, drückte sich fester an Endres’ Seite, und er schob die Dirne mit einem knappen Schulterzucken beiseite, ohne sie eines Wortes zu würdigen. Als sie weitergingen, wurden die Geräusche dieses Viertels immer lauter: lautes, gackerndes und sehr aufgesetztes Lachen, das Knarren eines Bettes in einem Haus über ihnen, das durch ein offenes Fenster drang, begleitet von eindeutigem Stöhnen, das Schimpfen eines Zuhälters, der hinter einer Tür polterte. Für sie war es eine Welt des Elends, aber auch des Groben, Fremden, das in grellem Gegensatz zu dem Leben stand, das sie kannte. „Und hier sollen wir wohnen?“ Ihre Stimme zitterte, halb empört, halb erschrocken. Sie hatte auf ihrer Flucht, oder mittlerweile war es eine Reise geworden, schon so einiges erlebt. Und doch gab es immer wieder Situationen, die sie aus dem Gleichgewicht brachten. Nicht so Endres, wie es schien. Er erwiderte ruhig: „Meine Liebste. Nur für eine kurze Weile. Es ist billig, und vor allem: hier sucht uns niemand, und niemand fragt, wer wir sind.“

In diesem Viertel gab es einige Gasthöfe. Das Klientel blieb hier oft nur kurze Zeit bis stundenweise, und so war es nicht schwer, ein Zimmer zu bekommen, deren Gäste in Aussicht stellten, ein paar Tage zu bleiben. Schließlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als in einem heruntergekommenen Viertel ein Zimmer zu nehmen. Es war billig, und doch lag es gleich neben dem Rotlichtbezirk. Entsprechend war auch die Nachbarschaft: zwielichtige Gestalten, fahrendes Volk, fragwürdige Gesichter, die sich im Halbdunkel der Gassen herumtrieben. Dass ausgerechnet sie, eine Komtess, an einem Ort verweilen sollte, an dem das Gesindel der Stadt hauste, und an der Seite eines paltorischen Grafen! Es erschien ihr so unwirklich, dass sie den Gedanken kaum fassen konnte. Das Zimmer, das man ihnen zuwies, war sauber, wenn man nicht genau hinsah, und recht einfach gehalten. Das spärliche Mobilar war abgenutzt, der Tisch hatte Scharten, die Bettdecke war dünn, wenn nicht sogar fadenscheinig. Valésia trat ans Fenster, das sich in der Giebelwand befand, und starrte hinaus in den grauen Vormittag. Heimelig war es trotz des fehlenden Komforts, und doch war ihr nicht danach, es wahrzunehmen. „Ob er nach dir sucht?“ fragte Endres nach einer Weile des Schweigens. „Wer?“ „Dein Bruder. Er weiß von uns.“ Valésia wandte sich zu ihm, schüttelte den Kopf. „Warum sollte er? Hast du nicht gehört, dass auch mein Vater und meine Mutter hier sind? Doch wieso sind sie hier? Es kann nur ein unglücklicher Zufall sein. Nein… Das ist kein Zufall. Es ist Schicksal, Endres. Eine göttliche Fügung.“ Sie merkte kaum, dass ihr Bein nervös zu wippen begann. Die Gedanken drängten, und bevor sie sie zu Ende formen konnte, fanden sie schon den Weg über ihre Lippen. „Endres, mein Liebster… Ich muss Roméro sehen. Ich denke beinahe täglich an ihn, und ich vermisse ihn schrecklich. Ich hatte mich damit abgefunden, ihn nie wiederzusehen und doch scheinen die Götter anders entschieden zu haben. Ich muss mit ihm sprechen, muss wissen, was er getan hat, wie es ihm ergangen ist. Das verstehst du doch? Wenn du Sorge hast, er könnte eine Gefahr darstellen und uns verraten: Er würde mich niemals verraten. Niemals.“ Endres schwieg einen Moment, und sie sah, dass ihn Bedenken plagten. „Selbst wenn es keine Gefahr gäbe, für unsere Flucht zur Rechenschaft gezogen zu werden, es ist wohl nicht einfach, zu ihm zu gelangen. Wir können nicht einfach zum Burgtor gehen und Einlass verlangen. Wir haben uns nun einmal entschieden, in bürgerlicher Erscheinung zu reisen.“ Valésia nickte. Dies stimmte natürlich. Sie konnten nicht einfach aufmarschieren und erwarten, man würde sie einfach einlassen. Und selbst wenn sie ihre adeligen Gewänder trügen, was, bei den Dreien, sollten sie auch sagen? Dass der Grad Endres Endarion von Hohenehr und die Komtess Valésia Aridanëa von Aramajé hier waren, und Valésia ihren Bruder Roméro von Aramajé Nein, eine andere Möglichkeit musste her. „Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit“, entgegnete Valésia mit aufleuchtenden Augen, denn sie hatte eine Idee. „Wenn sie erst heute eingetroffen sind, haben wir nichts versäumt. Roméro hat es geliebt, durch die Stadt zu flanieren, immer unter Menschen. In Olathor gingen wir oft gemeinsam hinaus, du weißt ja, wir haben uns in der Stadt getroffen, als ich meinen Bruder während dieser Prozession verlor. Er war stets voller Neugier, voller Sehnsucht nach dem Leben der bürgerlichen Menschen.“ Ein verschämtes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Er ging immer in die Bordelle. Vater missbilligte es, doch Roméro tat es trotzdem. Selbst in seinen Briefen erzählte er mir davon, voller Übermut und Spott. Ich bin sicher, er wird auch hier danach suchen. Wenn wir schon hier sind, in diesem Elendsviertel, müssen nur herausfinden, wo in Ajaran die besseren Häuser liegen, wo man vielleicht die hohen Herren antrifft.“ Sie setzte sich auf die Bettkante, die Hände fest ineinander verschränkt. Ihre Stimme schwankte zwischen Erregung und Furcht. Für Valésia war es mehr als bloße Neugier, es war die Hoffnung, inmitten all der Unsicherheit der letzten Monde ein vertrautes Gesicht wiederzusehen, das wichtigste, das sie ihr Leben lang gekannt hatte. Endres trat neben sie, legte eine Hand auf ihre Schulter. „Wenn es dir so wichtig ist, Valésia, will ich dir nicht widersprechen. Aber sei dir bewusst: Es wird gefährlich sein, ihn zu suchen. Und noch gefährlicher, ihn zu finden. Wir wissen nicht, wie es enden kann! “Sie hob den Kopf, sah ihn mit einem Ernst an, der keinen Widerspruch duldete. „Ich weiß. Aber ich muss es tun. Wenn ich es nicht tue, dann werde ich mir wahrscheinlich immer Vorwürfe machen. Es wäre eine Gelegenheit die ich verspielt habe, weil ich feig gewesen war. Das schwache Licht, das durch das kleine Fenster fiel, zeichnete Schatten auf die Wände. Draußen erhoben sich Stimmen, Gelächter, das klatschende Geräusch von schweren Stiefeln auf matschigem Grund. Das Viertel lebte seine eigene ruhelose Geschäftigkeit, doch für Valésia war alles still, als hielte die Welt den Atem an, bis sie ihren Bruder Roméro wiedersehen würde. Wenn die Götter es so wollten.

Ein Windstoß riss das Fenster in der kleinen Kaschemme auf, und brachte den Geruch von Rauch, Wein und billigem Parfüm mit sich. Valésia riss die Augen auf, und nachdem sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte, und sie wusste, wo sie eigentlich war, atmete tief ein, als könne sie die Richtung in die Roméro sich befand, schon riechen. Valésia lag auf Endres Brust. Sie hatten sich nur ein wenig ausruhen wollen nach ihrer Reise, doch scheinbar waren sie eingeschlafen. Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit sie eingenickt waren, doch nun hielt Valésia es nicht mehr aus. Irgendwie hatte sie Angst. Angst vor einer Begegnung mit dem Rotlichtviertel, Angst vor einer etwaigen Begegnung mit ihrem Bruder, doch sie wusste, an ersterem führte kein Weg vorbei um zweiterem den Weg zu ebnen. Ohnedies war es ungewiss, ob ihre Suche von Erfolg gekrönt würde. Sie hob ihren Kopf, schenkte Endres einen Kuss und ein knappes Lächeln, "Wollen wir los, mein Liebster?" fragte sie ihn leise und stützte ihren Kopf auf ihre Hand und bedachte ihn mit einem sanften fragenden Blick. Endres nickte, und Valésia erhob sich. Erst trat sie an das Fenster heran und schloss es wieder, dann ergriff sie ihren Umhang, wie auch Endres es tat, und dann verließen sie ihre Behausung.

Draußen herrschte bereits die Dämmerung, jene Stunde, in der die Händler ihre Stände abräumten und jene Menschen, die von der Nacht lebten, ihre Türen und Weinfässer öffneten. Zwischen meist roten Laternen standen Mädchen in bunten Tüchern, mehr nackt als bekleidet. Das Straßenbild wurde beherrscht Männer mit fettigen Haaren, oder abgeranzten Kleidern, die sie die Dirnen musterten, und leichte Mädchen die sie anlachten, als stünden vor ihnen die schönsten, begehrenswerten Männer, die es nur geben konnte.
Valésia und Endres schlichen durch das Viertel wie Tagediebe, ihre Blicke glitten unablässig von Gesicht zu Gesicht, von Tür zu Tür. Sie fragten nach seinem Namen, erst zögerlich, dann immer bestimmter. Die meisten zuckten nur mit den Schultern oder wichen aus. Doch an der Ecke, wo der Regen das Kopfsteinpflaster spiegelte, blieb eine der Frauen stehen.
"Ser Roméro?" Sie lächelte schief. "Den Namen hab' ich heute schon gehört. Und den Mann der dazugehört, schon gesehen. Ein schmucker Kerl. Großzügig und gut. Da oben, in der roten Gasse, beim Haus mit den zwei Laternen. Wenn ihr Glück habt, ist er noch da. Aber was wollt ihr von ihm?" Valésia blieb stehen. Ihr Herz schlug schneller, als sie Endres ansah. Sie konnte nicht glauben, dass es so einfach sein könnte, aber irgendwie spürte sie, dass der Zufall sie in die richtige Richtung getrieben hatte.

Die rote Gasse lag ein wenig abseits. Der Regen, der vor Stunden gefallen war, hatte den festgetreteten Lehmboden aufgeweicht und in den Pfützen spiegelte sich das rote Licht der Laternen und verwandelte das dreckige Wasser in Blut. Valésia hielt den Atem an, als sie die zwei Laternen sah, eine auf jeder Seite der Tür. Musik drang aus dem Inneren, ein langsames Lautenspiel, durchzogen vom Lachen betrunkener Männer und glockenhelles Lachen von Frauen. Ein Geruch aus Wein, Parfüm und Pfeifenrauch hing schwer in der Luft. Valésia blickte Endres fragend an. Sie brachte keinen Ton heraus, so aufgeregt war sie. Die Tür stand einen Spalt offen. Doch als sie an die Türe traten, schob sich eine dicke ältere Frau mit geschminktem Mund und aufgetürmten blonden Haar, das von grauen Strähnen meliert war, zwischen die beiden und der Türe und musterte sie auffällig von oben nach unten. "Was wollt ihr hier?" fragte sie. "Nun, Gnädigste. Was man in einem solchen Etablissement eben tut…" war Endres' knappe Antwort, bevor Valésia sich auch nur eine Antwort zurechtsuchen konnte. Sie Frau kaute an etwas, und musterte besonders Valésia. "Die auch?" fragte sie neugierig. "Ja, sie auch" erwiderte Endres unbeirrt und da begann die Alte hämisch zu lachen, sagte aber sonst nichts, sondern trat beiseite. Das Innere dieses Bordells war rauchgeschwängert, und in irgendeiner Ecke wurden sogar Harze verbrannt, die die Luft verbessern sollten. Viele kleine Nischen, die nur für zwei Personen groß genug waren, aber auch solche, die eine ganze Gruppe beherbergten, gab es. Dort, wo keine heimeligen Nischen waren, gab es Liegen an der Wand auf der leicht bekleidete Frauen lagen wie faule Katzen, und die die Neuankömmlinge unter halb geschlossenen Augen lasziv musterten.

Dann, in einer Nische, sah sie ihn. Roméro. Er hatte sich in keiner Weise verändert, immer noch trug er dieselben dunklen Locken, den verschmitzten, lausbübischen Gesichtsausdruck, der ihm ein verwegenes Aussehen gab und ihn jünger wirken ließ als er tatsächlich war. Er saß halb im Schatten, halb im sanft flackernden Licht einer Lampe, den Arm locker über die Schulter einer wenig bekleideten jungen Frau gelegt, in derselben Hand hielt er einen Weinkelch. Seine Klappentunika war geöffnet und entblößte seine behaarte Brust, die Klappen nachlässig, fast liederlich, und notdürftig übereinandergelegt, offenbarten doch mehr als sie verbargen. Das Mädchen um das er den Arm gelegt hatte, trug einen Hauch von Nichts, und mit einer ungeschickten Bewegung verschüttete er etwas von seinem Wein, das ihr zwischen die Brüste und tief hinunter bis in ihre Röcke lief. Sie kicherte, er lachte leise, beugte sich vor, ließ seine Lippen über ihre Brüste und ihren Ausschnitt streifen und schien ihr den verschütteten Wein von Dekolleté und Brüsten zu lecken. Dann schob er seine Hand unter ihren Rock, und zog sie nur wenig später wieder hervor und leckte seinen Finger ab, wobei er sie herausfordernd anblickte. Sie lachte und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und er stieß ein heiteres Gelächter aus. Valésia wandte sich ab. So hatte sie ihren Bruder noch nie gesehen. Fragend blickte sie Endres an, wusste nicht, wie sie reagieren sollte, wusste nicht was sie tun sollte. Sein unbekümmertes Lachen traf Valésia härter als jedes Wort. Es war so vertraut und zugleich so fremd, dass ihr Herz schmerzte. Für einen Moment wusste sie nicht, ob sie ihm entgegengehen oder davonlaufen wollte. Doch darum war sie hergekommen, oder etwas nicht? Sie wäre vermutlich schon längst zu ihm gegangen, doch die Frau an seiner Seite hielt sie davon ab. Was sollte Valésia auch zu ihm sagen? Sie zögerte, zauderte, und fand plötzlich, dass es eine miserable Idee gewesen war. Sie war schon Im Begriff, Endres an der Hand zu nehmen und das Bordell zu verlassen. In diesem Augenblick hob er den Kopf, halb im Begriff, nur beiläufig durch den Raum zu sehen, und dann blieb sein Blick an ihr hängen. Schon alleine deswegen, weil sie sich mit ihrer Kleidung stark von den übrigen Frauen in diesem Raum abhob, und auch, weil sie mit ihrer Schönheit selbst in einer unscheinbaren bürgerlichen Kleidung auffiel. Einen Herzschlag lang starrte er sie an, als versuche er sich zu erinnern, woher er dieses Gesicht kannte. Eine bürgerliche Frau in dieser fremden Stadt, das lange blonde Haar mit einem warmen Bernsteinschimmer, das in sanften Wellen ihr Gesicht einrahmte und über ihre Schultern und Brust fiel. Sein Lachen war seit einigen Herzschlägen verklungen. Seine Miene blieb starr, während der Gedanke der in ihm zu keimen schien, sich in seiner Miene abzeichnete. Valésia stand reglos da, den Blick fest auf ihn gerichtet. Ihre Lippen bewegten sich, kaum merklich, formten seinen Namen, ohne ihn laut zu sagen. Und das genügte. Romeros Gesichtszüge entglitten, er richtete sich langsam auf, die Frau auf seinem Schoß rutschte beiseite, verunsichert vom plötzlichen Ernst in seinem Gesicht. "Was ist denn los?" säuselte sie, er schob sie beiseite, ohne den Blick von Valésia abzuwenden und murmelte. "Du kannst gehen, ich brauche dich nicht mehr." Die Frau blickte ihn ungläubig an, sah von ihm zu Valésia, erhob sich mit einem abfälligen Blick und einem Schulterzucken und trollte sich. Aber Dirnen waren ein launisches Volk. Flüsterten sie einem noch eben süße Worte ins Ohr, zischten sie einem ihren Unmut entgegen, wenn man sie fallen ließ.

Er starrte Valésia an, murmelte schließlich, rau und heiser: "Bei den Dreien… Valésia?" Und Valésia nickte, und trat einige Schritte auf ihn zu. "Ja, Roméro. Ich bins!" Sein Blick veränderte sich nun völlig, als hätte er ein Gespenst gesehen. Mit zwei großen Schritten war er an sie herangetreten, dann hielt er inne, sah an sich herunter, schlug verlegen die Klappen seiner Tunika um sich, jetzt gluckste Valésia, und schlang ungerührt seine Arme um ihn. Auch seine Arme legten sich um sie, drückten ihr beinahe die Luft aus den Lungen. Eine Weile standen sie so da, reglos, in inniger geschwisterlicher Umarmung. Dann rückte er sie von sich ab und betrachtete sie. "Ich habe eine Menge Fragen!" Dann kratzte er sich verlegen am Kinn. "Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal frisch machen." Valésia, deren Gesicht von Freudentränen überzogen war, etwas, was auch für sie, die am Hof ihres Vaters immer ihre Gefühle hinter einer Maske hatte verbergen müssen, etwas völlig ungewohntes und bestürzendes, wenn auch befreiendes war, stieß ein ersticktes Lachen hervor und nickte. Dann fiel sein Blick auf Endres, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte. "Immer noch derselbe Mann, das ist gut!" grinste er. Dann wirkte er mit einem Male fahrig, als gelte es, keine Zeit mehr zu verlieren. "Lasst uns eine Schenke aufsuchen! Ich frage wo es hier eine passende Gaststätte gibt. Wartet hier!" Dann verschwand er nach hinten, in den Waschräumlichkeiten.
Matronen und Mätressen ❖
baum-begeistert war Endres nicht gerade, wenn er sich ausmalte, was alles geschehen könnte, wenn sie Valésias Bruder, oder gar ihren Eltern begegnen würden. Am liebsten hätte er noch heute die Stadt verlassen. Doch Valésia wollte ihren Bruder unbedingt sehen. Und natürlich verstand er diesen Wunsch. Es war nachvollziehbar. Vermutlich würde er genauso denken, wie auch sie, wäre er in ihrer Situation. Es war absolut töricht und unvernünftig, doch so war der Mensch nun einmal. Und Endres selbst hatte mehr als einmal entgegen aller Vernunft gehandelt. Es hatte letzten Endes dazu geführt, dass Valerion getötet worden war und Endres mit Valésia, Hals über Kopf, das nördliche Königreich hinter sich gelassen hatten. Und jetzt befanden sie sich so weit im Osten Ariads, wie es nur weit weg sein konnte. Und die Vergangenheit hatte sie eingeholt wie ein Schatten, den man einfach niemals loswerden konnte. Was die nächsten Tage mit sich bringen würden, stand nur in den Sternen. Doch Endres sah es als ein schlechtes Omen. Und egal was auch passieren würde, Valésias Eltern durften weder sie, noch ihn sehen. Denn sollten sie Valésia erkennen, würden sie ihre Tochter wieder mit sich nehmen. Und Endres würde als Verräter, Entführer, Frauengreifer oder noch schlimmeres in allen ariadischen Landen gejagt werden. Er sah es schon vor sich, in jeder Stadt einen Steckbrief mit seinem Gesicht darauf. Endres verzog seine Mundwinkel zu einer verdrießlichen Grimasse aber er schwieg. Endres glaubte, dass seine Worte ihre Wirkung erzielt hatten. Doch da hatte er sich getäuscht. Natürlich war es unmöglich, egal in welchen Gewändern, einfach in die Burg zu gehen und nach dem Erbgrafen Aramajés zu fragen. Doch Valésia belehrte Endres eines Besseren. Die Bordelle der Stadt waren für ihren Bruder stehts wie das Licht für die Motten gewesen. Und so schlug sie natürlich vor, dort nach ihm zu suchen. »Diese Stadt ist so groß. Wie sollen wir ihn da nur finden?«, warf Endres seinen Einwand ein. Doch auch dieser führte zu nichts. Und so gab er sich schließlich geschlagen. »Wenn es dir so wichtig ist, Valésia, will ich dir nicht widersprechen. Aber sei dir bewusst: Es wird gefährlich sein, ihn zu suchen. Und noch gefährlicher, ihn zu finden. Wir wissen nicht, wie es enden kann!« Als auch diese Worte Valésia unbeirrt an ihrem Wunsch festhalten ließen, seufzte Endres resignierend. »Also gut. Lass uns eine Bleibe suchen, und dann schauen wir ob es des Schicksals Wunsch ist, dass ihr beide euch noch einmal sehen könnt.«, schlug Endres vor und Valésia nickte zustimmend. Aber in ihren Augen war ein feuriges Leuchten. Etwas, dass er schon seit geraumer Zeit nicht mehr in ihren Augen gesehen hatte. Und vielleicht hatte es so gesehen doch etwas Gutes an sich. Das Letzte, was Endres wollte war, dass seine wunderschöne Blume in Trostlosigkeit und Trauer verwelkte. Und egal wie riskant, gefährlich oder töricht es auch war, er wollte ihr dabei helfen.

Die Bleibe, die sie schließlich gefunden hatten, war eine üble Kaschemme. Endres Fußnägel rollten sich förmlich zusammen und es lief ihm ein Schauer aus Ekel und Abscheu über die Haut. Dieses Rattenloch war kein Ort für die schönste Frau des Landes. Es war auch kein Ort für Endres, soviel stand fest. Doch Endres hatte in seinen vielen Jahren in Ariad natürlich schon schlimmere Unterkünfte erlebt. Immerhin war der Zins gering, was aber auch der einzige Vorteil war, der in keiner Weise all die Nachteile und schattenhaften Kehrseiten aufzuwiegen vermochte.

Valésia ließ keine Zeit verstreichen. Sie wollte sich unverzüglich auf die Suche machen und Endres fühlte sich hin und hergerissen. Zum einen war es ihm natürlich sehr recht, so wenig Zeit wie möglich in dieser Unterkunft verbringen zu müssen. Doch bedeutete dies auch, dass sie sich durch dieses dubiose Viertel bewegen mussten. Vermutlich würden sie von Hurenhaus zu Hurenhaus spazieren müssen, bis sie endlich ein Lebenszeichen gefunden hätten, wenn sie denn überhaupt etwas finden würden? Endres sah Schwarz. Wie hoch war schon die Wahrscheinlichkeit, dass Valésias Bruder schon am ersten Tag seiner Ankunft sofort eine Dirne aufsuchen würde? Endres lächelte bitter. Er sah es schon kommen. Sie würden, bis zum Einbruch der Nacht, durch enge Gassen schleichen, nur um am Ende des Tages die Suche aufzugeben. Endres dachte sich, dass es vermutlich klüger war, einfach in die obere Stadt zu gehen und dort Ausschau nach den Adeligen zu halten, bis sie das Banner Aramajés gefunden hätten. Das wäre vermutlich eine deutlich zielführendere Herangehensweise, aber natürlich war es auch nicht von der Hand zu weisen, dass dabei die Gefahr der Entdeckung deutlich höher war.

Die Straßen, rund um ihre Unterkunft schien in einer Ecke der Stadt zu liegen, in welcher nur die Tagelöhner, Arbeiter, Handwerker und Straßenschläger zu verkehren schienen. An beinahe jeder Ecke lungerten zwielichtige Gestalten herum. Vor beinahe jeder Tür standen Dirnen und boten ihre Körper zu Schau. Aus jedem offenen Fenster drangen obszöne Laute oder Geschrei und Gezeter. Endres zog sich die Kapuze etwas tiefer ins Gesicht und hielt Valésias Hand, während sie sich bei seinem Arm eingehakt hatte. »Hier werden wir ihn gewiss nicht finden. Eher noch werden wir überfallen als dass wir hier fündig werden. Lass uns in die obere Stadt gehen. Für die Adeligen und Betuchten gibt es zweifellos bessere Orte als diese Straße hier.«, schlug Endres vor und Valésia war seinem Vorschlag nicht abgeneigt. Gerade, als sie die Straße hinter sich gelassen hatten, stolperte ein Mann aus einer Gasse. Er hielt sich gerade so auf den Beinen und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Endres sah ihn mit sowohl sorgenvoller als auch misstrauischer Miene an. Doch der Mann würdigte die beiden keines Blickes. Vielmehr schien es, dass die Pflastersteine, zu seinen Füßen, seine vollste Aufmerksamkeit einnahmen. Und kaum hatte Endres den Blick abgewendet, da gurgelte und würgte der Mann, bis er sich kurz darauf auf den Boden erbrach. Endres schob Valésia vor sich her und beschleunigte seine Schritte.

Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine kleine Treppe, welche zwischen zwei alten Häusern hinauf auf eine höher gelegene Straße führten. Mit jeder Stufe, die sie erklommen, schien es, als ob sich das Bild mehr und mehr zu wandeln schien. Hinter ihnen lagen die heruntergekommenen Häuser. Holzfassaden, bröckelnder Putz, lose Dachschindeln. Aber vor ihnen, sahen die Häuser gepflegter und schöner aus. Als sie die letzte Stufe erklommen hatten, fanden sie sich auf einer kleinen Weggabelung wieder. Während der rechte Weg zu einem großen Platz zu führen schien, wirkte der linke Weg deutlich düsterer. Was einfach daran lag, dass die Häuser sehr eng beieinanderstanden. Doch das Ende der Straße war erhellt von einem rötlichen Schein. Ähnlich jenem Schein, aus dem Viertel, aus welchem sie soeben gekommen waren. Es war ein eindeutiges Zeichen. »Ich war noch niemals in dieser Stadt. Ich kann nicht sagen, wie viele solche Häuser es hier wohl geben mag.«, murmelte Endres, während er mit Valésia durch die hohle Gasse ging. Ihre Schritte hallten an den Wänden wider und auch wenn diese Straße deutlich weniger bedrohlich wirkte, als jene in der unteren Stadt, hielt Endres noch immer Valésias Hand fest, als fürchtete er, dass jeden Moment ein Häscher aus den Schatten springen würde, um sie ihm zu entreißen.

Als sie schließlich das Ende der Gasse erreicht hatten, wurde die Straße deutlich breiter. Und auf beiden Seiten der Straße reihten sich Tür um Tür und Balkon um Balkon. Und über jeder zweiten Tür baumelte eine kleine Laterne. »Nun, es scheint, wir haben die besseren Hurenhäuser gefunden. Was denkst du, welches davon würde deinen Bruder ansprechen?« Endres lächelte bitter. Es war eigentlich ja eher eine Frage die er beantworten könnte, als Valésia. Immerhin war er der Mann und sie hatte so ein Haus gewiss noch nie in ihrem ganzen Leben betreten, geschweige denn, dass ihr Bruder ihr davon überhaupt etwas erzählt hätte, welche Art von Häusern oder Huren er bevorzugte. Und sie sah ihn natürlich daraufhin mit einem Ausdruck an, der ihm genau dies auch vermittelte. »Lass uns ein paar der Leute hier fragen.«, schlug Endres vor. Und so traten sie an eine kleine Gruppe heran, welchen man schon anhand ihrer Kleidung und ihrer Haltung ansah, dass sie kein gemeiner Pöbel waren. »Verzeiht, meine Herren.« Endres räusperte sich und als er die Aufmerksamkeit der drei Männer errungen hatte, setzte er ein charmantes Lächeln auf. »Wie können wir euch helfen?«, erkundigte sich einer von ihnen und Endres hüstelte verlegen. »Es ist mir sehr unangenehm, eine solche Frage stellen zu müssen.« Einer der Männer verzog seine Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln. »Sprecht frei heraus, guter Mann.« Endres deutete eine verlegene Verbeugung an. »Wir suchen einen Freund. Und wir wissen, dass er gerne an Orten wie diesen dem Vergnügen nachhängt.« Da grinste einer der Männer. »Ja, jetzt verstehe ich eure Verlegenheit.« Er drückte seinem Kameraden den Ellenbogen in die Seite und nickte auf Valésia. »Dies ist kein Ort für eine so holde Maid.« Endres schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht. Aber die Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Daher frage ich, ob die Herren vielleicht wissen, in welchem dieser Häuser die hohen Herren von Adel einzugehen pflegen?« Die Männer sahen zunächst einander, und dann Endres und Valésia eindringlich an. »Es gibt da zwei oder drei Häuser. Aber da müsstet ihr schon etwas präzisieren, guter Mann.« Endres seufzte. »Wen sucht ihr denn, wenn die Frage gestattet ist?« Endres überlegte für einen Moment, wie er es am besten formulieren sollte. «Heute kam der Tross des Grafen von Aramajé in die Stadt, davon habt ihr doch sicher gehört?« Die Männer schüttelten den Kopf, doch in ihren Blicken war zu erkennen, dass ihre Neugier geweckt worden war. »Nun, dann fürchte ich, dass ich vergeblich eure Zeit in Anspruch genommen habe.« Da sahen die Männer mit enttäuschten Blicken zuerst zu Endres, dann zu Valésia und dann sahen sie sich einander an. »Einen Ritter haben wir hier nicht gesehen, guter Mann.« Endres seufzte. Er bedankte sich und führte Valésia weiter. Doch das Getuschel der Männer blieb ihm dabei nicht unbemerkt. »Warum hast du ihnen nicht verraten, wen wir suchen?«, erkundigte sich Valésia und Endres warf einen Blick über die Schulter. »Diese Männer wirkten auf mich nicht sehr vertrauenswürdig. Nenn es Intuition. Außerdem haben sie nicht einmal von der Ankunft deiner Familie gehört. Wie sollten sie uns da eine Hilfe sein? Ich weiß nicht wie wir nach deinem Bruder fragen sollen, ohne dass ein lasterhafter Schatten auf seinen Namen fällt. Und da ich bereits nach den Häusern gefragt hatte, war es allzu offensichtlich. Also bleibt uns wohl nichts anderes übrig als von Tür zu Tür zu gehen und zu fragen.«

Endres führte Valésia zur ersten Tür und klopfte zögerlich. Zunächst glaubte er, dass sein Klopfen nicht beherzt genug gewesen war, denn niemand öffnete. Doch gerade, als er ein zweites Mal klopfen wollte, wurde die Türe dann gerade geöffnet. »Willkommen.« säuselte die Stimme einer Frau, deren Gestalt dazu aber gänzlich in den Schatten verschwand. »Tretet ein und fühlt euch…« Die Stimme unterbrach, als sie Valésia entdeckt hatte. »Frauen haben keinen Zutritt.« Die Stimme hatte ihr freundliches Säuseln eingebüßt und war kalt und abweisend geworden. Endres trat einen Schritt vor und stellte seinen Fuß auf die Schwelle. »Verzeiht, wir suchen einen Freund.« »Das ist kein Auskunftshaus. Verschwindet.« Die Frau wollte die Tür zuschlagen, aber Endres Fuß verhinderte dies woraufhin die Frau ein ärgerliches Zischen von sich gab. »Sucht ihr etwa Ärger?« »Keineswegs!«, lenkte Endres ein und zog unweigerlich den Fuß von der Schwelle zurück. »Wir suchen nur einen Mann aus dem Gefolge Aramajés.« »Nie gehört.«, blaffte die Stimme und die Tür schlug vor seiner Nase zu. Endres seufzte. »Na das wird ein Spießrutenlauf.«, murmelte Endres und führte Valésia zur nächsten Tür. »Vielleicht solltest du deine Kapuze etwas tiefer ins Gesicht ziehen, damit man nicht sofort erkennt, dass du eine Frau bist.«, schlug er vor, während er an die nächste Tür klopfte.

Doch auch nach der fünften Tür verließ Endres langsam der Mut. »Wir werden ihn bestimmt nie finden. Ich kann doch nicht von Hurenhaus zu Hurenhaus gehen und fragen ob Ser Roméro von Aramajé zu Gast ist! Da sprecht dann morgen die ganze Straße davon! Das würde ein übles Licht auf deinen Bruder werfen! Die Lästermäuler und Dirnen werden darüber reden. Und dann wird es irgendwann an die falschen Ohren getragen werden.« Valésia nickte und in ihrem Blick war eine gewisse Niedergeschlagenheit zu erkennen. »Ser Roméro?«, erkundigte sich eine Frau, welche Endres Worte, scheinbar zufällig, vernommen hatte. »Den Namen hab' ich heute schon gehört. Und den Mann der dazugehört, schon gesehen. Ein schmucker Kerl. Großzügig und gut. Da oben, in der roten Gasse, beim Haus mit den zwei Laternen. Wenn ihr Glück habt, ist er noch da. Aber was wollt ihr von ihm?« Endres bedachte die Frau mit neugierigen Blicken. Sie war offensichtlich keine gewöhnliche Bürgerin dieser Stadt. Sie war eindeutig eine jener Frauen, die in einem jener Häuser ihrem Tagwerk, oder eher Nachtwerk, nachging. »Habt Dank.«, antwortete Endres nur und schenke Valésia ein kurzes Lächeln. »Aber unser Interesse an diesem Mann geht euch nichts an.« Die Frau verzog ihren Mundwinkel zu einer schnippischen Grimasse doch Endres zog Valésia weiter und beachtete die empörte Frau nicht weiter.

Beim erwähnten Haus angekommen, wurden schnell klar, dass dieses Haus die Herren der besseren Kreise zu bedienen pflegte. Das Haus wirkte einladend und wohlhabend. Und der Klang der Musik und der Duft von Parfum, der aus den Fenstern zu Endres und Valésia an die Ohren drang, wirkte einladend und zugleich verlockend. »Das sieht aus wie ein Haus nach seinem Geschmack.«, murmelte Endres und steuerte mit Valésia auf die Tür zu. Anders, als bei den Häusern, bei denen sie abgewiesen worden waren, war hier die Tür nicht einmal verschlossen. Sie stand einen Spalt offen, als ob sie dazu einladen würde, einfach einzutreten. Doch als Endres und Valésia dieser stillen Einladung Folge leisteten, stellte sich ihnen eine Matrone in den Weg, welche mit viel zu viel Schminke im Gesicht und soviel Parfum auf der Kleidung, dass man annehmen konnte, dass der Duft der von dem Haus auszugehen schien, von ihr ganz allein kam. »Was wollt ihr?«, fragte die Frau und besah Endres und Valésia mit neugierigen und musternden Blicken. Vermutlich wirkten die beiden, aufgrund ihrer Kleidung, nicht gerade wie die übliche Klientel, die in diesem Haus einzugehen schien. Und so kramte Endres eine Münze aus dem Beutel und ließ diesen über die Finger gleiten, um zu demonstrieren, dass sie über Geld verfügten. »Nun, Gnädigste. Was man in einem solchen Etablissement eben tut…wir begehren Einlass.« Er setzte sein charmantes Lächeln auf und schob sich etwas vor Valésia, um diese vor den prüfenden Blicken der Matrone abzuschirmen. Doch natürlich war dieser nicht entgangen, dass Valésia eine Frau war. »Die auch?«, hakte die Frau nach und Endres zog Valésia näher an sich heran. »Ja, gewiss! Sie auch!« Da grinste die Frau breit und fast hämisch aber trat schließlich beiseite um die beiden einzulassen.

Endres schob sich an der Frau vorbei und diese bedachte sowohl ihn als auch Valésia mit einem wissenden Blick. »Mögen die Drei über euch wachen.«, säuselte sie vergnügt und Endres schlug die Augen nieder. Natürlich war es äußerst unschicklich für eine Frau ein solches Haus zu betreten um die Dienste einer anderen Frau in Anspruch zu nehmen. Doch so weit sollte es ja auch gar nicht kommen. Immerhin waren Endres und Valésia ja nicht hier um sich dem fleischlichen Vergnügen hinzugeben. Allerhöchstens miteinander, aber gewiss nicht mit einer Dirne. Sie waren auf der Suche nach Valésias Bruder und Endres hoffte inständig, dass sie ihn schnell finden würden, bevor sie in eine unangenehme Situation gerieten, aus der er sich nur schwer herausreden konnte. Und das Schicksal meinte es an diesem Tag besonders gut mit ihnen. Nicht nur, dass diese zufällige Dirne auf der Straße ihnen den Weg gewiesen hatte. Sondern auch, dass sie Roméro tatsächlich in kurzer Zeit ausfindig gemacht hatten. Valésia wirkte wie vom Donner gerührt, als sie ihren Bruder in den Armen dieser Frau gefunden hatte. Aber Endres konnte nicht genau sagen ob es schlicht und ergreifend die Tatsache war, dass sie ihn endlich wieder sah, oder ob sie peinlich berührt war, dass sie ihn so gesehen hatte, wie sie ihn vermutlich noch nie gesehen hatte.

Und als Roméro schließlich seine Schwester erkannt hatte, da schien es ihm ebenso wie zuvor ihr zu ergehen. Scheinbar konnte er, wenn auch nur für einen Moment, seinen eigenen Augen nicht trauen. »Bei den Dreien…Valésia?« Sie löste sich aus ihrer erstarrten Haltung und trat einen Schritt auf ihren Bruder zu. »Ja, Roméro. Ich bin es.« Zuerst lief er ungestüm auf sie zu, bis er sich bewusstwurde, wie er gekleidet war. Er hielt inne, sah an sich herab und warf seiner Schwester schließlich einen betreten, verlegenen Blick zu. Nachdem sie sich schließlich umarmt hatten, zog er sich zurück, um sich anzukleiden und nach einer Schenke zu fragen. Doch noch bevor Endres ihn aufhalten konnte, war er auch schon von dannen. »Oh, ich ahne übles.«, murmelte Endres und Valésia sah ihn fragend an. »Warum?«, erkundigte sie sich unweigerlich und Endres seufzte und noch bevor er sich wirklich erklären konnte, brach auch schon ein Tumult in dem Haus aus. »Was?«, blaffte eine Stimme, die Endres wohlbekannt vorkam, aus dem hinteren Raum. Und kurz darauf stapfte die Matrone in den Raum. »Wenn ich das geahnt hätte!« Sie richtete ihren Zeigefinger zuerst auf Endres und dann, noch weitaus anklagender und drohender, auf Valésia. »Ich hätte es wissen müssen!«, rief sie und trat an die beiden heran. »Keine Freier! Nur zwei Ratten, die meine Kunden abwerben!« Sie drückte Valésia ihren Finger auf die Brust und bohrte diesen, beinahe wie einen Dolch, zwischen ihre Brüste. Hinter der Matrone stand die Dirne, welche zuvor noch bei Roméro gelegen hatte und hielt ihre Arme verschränkt vor der Brust. »Ich habe euch in mein Haus gelassen, als Gäste. Und was muss ich da hören? Du machst einem Kunden hübsche Augen und er schickt mein Mädchen einfach weg? Was fällt dir eigentlich ein, du miese kleine Schlampe?«, zischte sie und bohrte ihren Finger noch weiter in Valésias Brust, welche bereits den zweiten Schritt zurückgetreten war, um diesen dolchartigen Fingern zu entgehen. »Haltet ein, gute Frau!«, mischte sich Endres ein, doch die Matrone versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. »Schweig! Du bist genauso ein falscher Hund! Du hast dieses Weibstück in mein Haus geführt! Verlasst mein Haus!« Endres rieb sich die Wange und stellte sich, so gut es ihm möglich war, zwischen die Matrone und Valésia. »Ihr missversteht völlig…«, versuchte er sich zu erklären, während er abwehrend die Hände emporhielt. Zum einen natürlich um zu demonstrieren, dass er versuchte zu vermitteln und zum anderen, um eine weitere Ohrfeige zu verhindern. Doch die Matrone schlug ihm stattdessen einfach die Faust in den Bauch. »Arnd! Komm her! Hier sind Abwerber! Schmeiß sie raus!«, bellte die Frau und Endres keuchte von dem Schlag. »Du blöde Fotze!«, schrie Endres daraufhin, alle guten Manieren und die feine Sprache fahren lassend. »Wie hast du mich gerade genannt, du Wurm?«, keifte die Matrone und Endres stellte sich vor ihr auf. »Eine blöde Fotze, du Vettel!« Der Kopf der Frau wurde rot wie die Laternen, die über ihrer Tür hingen und sie hob die Hand, um Endres einen weiteren Schlag zu verpassen. Doch da schnellte seine Faust hervor und donnerte ihr genau auf die Nase. Die Matrone schrie auf und hielt sich die Nase. »Arnd! Komm her! Sofort!« »So haltet doch ein!«, rief Roméro, welcher schließlich aus dem Zimmer zurückgekehrt war. Er hatte seine Kleidung und die Stiefel angezogen, sein Schwert umgegürtet und war gerade im Begriff sich zwischen die Matrone und seine Schwester zu stellen, um die Situation zu erklären. »Sie ist keine Dirne! Sie ist meine Schwester! Ich verbitte mir, dass ihr meine Schwester als Dirne bezeichnet!« Die Matrone ließ sich davon gar nicht beeindrucken. Als Endres ihr auf die Nase geschlagen hatte, war die Möglichkeit vertan worden, diese Situation mit Vernunft zu klären. »Ich nenne sie wie ich will! Und Arnd wird diesem Lump die Scheiße aus dem Leib prügeln!«

Eine Tür öffnete sich und schwere Stiefel traten in den Raum. Ein vierschrötiger Kerl mit Händen wie Schraubstöcke trat in den Raum. Arnd. »Da bist du ja endlich, du Nichtsnutz! Schmeiß die Dirne raus! Und brech‘ diesem blonden Hübschling die Nase! Brech‘ ihm gleich alle Knochen!« Arnd brummte und Endres trat erschrocken einen Schritt zurück. »Ich sagte doch, dass ihr meine Schwester nicht Dirne nennen sollt?«, rief Roméro daraufhin und versetzte der Matrone nun ebenfalls einen Schlag auf die Nase. Die Frau schrie erschrocken auf und stolperte zurück. Arnd sprang daraufhin förmlich hervor um Roméro anzugreifen, doch dieser zog sein Schwert und hielt es dem Schläger vor die Nase. »Du bleibst wo du bist.«, befahl Roméro mit befehlender Stimme. »Bring meine Schwester hier raus.«, befahl Roméro, ohne dabei den Blick von Arnd abzuwenden. Endres ergriff Valésia am Arm und zog sie mit sich. »Komm, meine Liebste. Lass uns schnell verschwinden.« Und so hasteten Valésia und Endres schließlich aus dem Hurenhaus, hinaus auf die Straße. Und kurz darauf folgte auch Roméro, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Das Grinsen wandelte sich bald zu einem schallenden Lachen. »Ha, du hast ihr auf die Nase geschlagen?«, lachte Roméro und Endres, welcher noch völlig verdattert von den überschlagenen Ereignissen war, antwortete darauf nur mit einem dümmlichen Lächeln. »Du doch auch?«

Die Anspannung aller drei löste sich langsam und schließlich standen alle drei da und begannen zu Lachen…Roméro laut und schallend und sein Lachen steckten Endres und Valésia schließlich an, so dass die Anspannung langsam von ihnen abfiel und sie sich dem Gelächter hingaben. »Los, lasst und lieber schnell von hier verschwinden.«, schlug Roméro vor. Ein Vorschlag, den sowohl Endres als auch Valésia ohne Widerspruch annahmen. Und so huschten die Drei durch die Gassen, bis sie die verruchte Straße schließlich hinter sich gelassen hatten und die erste Schenke, die sie auf ihrem Weg gefunden hatten, betraten.

Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, wandte sich Roméro an Valésia und schlang sie in seine Arme. »Es ist schön dich wiederzusehen! Du glaubst gar nicht wie.« Und als Valésia die Umarmung erwiderte, da brach in ihr der Moment der Starre und Verhaltenheit. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie erwiderte die Umarmung, als ob ein lang verschollener Bruder von den Toten zurückgekehrt wäre. Roméro wandte sich schließlich an Endres. »Warum seid ihr hier?«, erkundigte er sich und Endres runzelte die Stirn. »Dasselbe könnte ich euch fragen.« Da seufzte Roméro. »Wir sind auf dem Weg zu den Zwillingen. Der Weg durch den Köhlerwald ist zu gefährlich.« antwortete Endres schließlich auf Roméros Frage und dieser nickte. »Ich verstehe. Ich hatte erwartet, dass ihr nach Liranda oder Ardamand reisen würdet.« Endres zuckte verlegen mit den Achseln. »Aber nach allem was man so hört, ist es vermutlich besser, in den Süden zu reisen.« Er klopfte Endres auf die Schultern und zog Valésia dann schließlich zu einem der Tische, um ihr den Stuhl bereit zu halten, damit sie sich setzen konnte. »Was hat das zu bedeuten? Und wie konntet ihr so schnell nach Ajaran kommen?«, erkundigte sich Endres und Roméro lächelte matt. »Die Drei spielen ihre Spiele. Und wir sind nicht auf der Flucht. Natürlich kommen wir schneller durch das Land.« Roméro sah mit einem eindringlichen Blick zu Valésia. »Mutter ist untröstlich. Vater versucht es zu überspielen. Aber dein Tod…« Er schwieg, als ob er über seine Worte nachdenken würde. »…hat ihn sehr getroffen. Ich wollte ihm die Wahrheit sagen. Aber ich habe es nicht gewagt. Ich wollte es auch schon Mutter sagen. Doch…« Roméro schwieg als der Wirt an den Tisch geschlurft kam, um die Bestellung aufzunehmen.

Später, als jeder von ihnen ein starkes Gebräu vor sich stehen hatte, führte Roméro schließlich fort. »Vater hat Boten ausgesandt um von deinem Tod zu verkünden. Alle Städte, alle Burgen, sollen ihre Banner auf Halbmast hängen, um deinen Tod zu betrauern.« »Ich weiß…«, antwortete Valésia daraufhin mit matter Stimme. »Wir waren in Arjen, als wir davon erfahren hatten. «Aber wieso seid ihr jetzt hier?«, hakte Endres abermals nach, da ihm Roméros vorherige Antwort nicht ausgereicht hatte und sie dann unterbrochen worden waren. »Mein Vater ist der Vasall des Herzogs von Ajaran. Er hat ihn zu sich bestellt. Der Bote kam nur drei Tage nach eurer Flucht in Olathor an.« Endres runzelte die Stirn. »Also wusste er noch gar nichts vom Tod der Komtess?« Roméro schüttelte den Kopf. »Nein. Ich weiß noch nicht warum wir an den Hof zitiert wurden. Vater hat es mir nicht gesagt. Ich werde es morgen wohl erfahren, wenn wir vor den Herzog geladen werden.« Endres nickte, doch er äußerte sich nicht weiter dazu. »Es ist gut, dass ihr euch für den Süden entschieden habt.«, meinte Roméro schließlich. »In den Osten zu reisen, wäre zu riskant gewesen. Überall sind Botenreiter unterwegs. Und in jeder Stadt spricht man nur von Valésia. Im Süden kennt man diesen Namen kaum.« Endres nickte. Das waren natürlich auch seine Bedenken gewesen und er fühlte sich dadurch natürlich bestätigt. Doch etwas an Roméros Worten stimmte den Paltoren nachdenklich. Nach allem was man so hört? Was hört man denn so? »Gibt es Probleme im Osten?«, erkundigte sich Endres doch Roméro seufzte nur. »Politik…Und es werden immer öfter uländische Schiffe vor den Küsten gesichtet. Vermutlich wurde Vater deswegen zum Herzog bestellt.« Roméro wischte die Worte beifällig beiseite, als ob er kein Interesse hätte über Politik und dergleichen zu sprechen. »Und? Wie ist eure Reise bisher so verlaufen, liebste Schwester?«, erkundigte sich Roméro neugierig und tat einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen. Vielleicht auch nur um die Bitterkeit etwas herunter zu spülen, die sich in ihm aufgestaut hatte.
Schatten der Vergangenheit ❖
baum-die Komtess von Aramajé war fassungslos, als sie hautnah erlebte, wie Graf Endres Endarion von Hohenehr seine Selbstbeherrschung verlor, und die Puffmutter erst als blöde Fotze bezeichnete, und anschließend ihr noch mit der Faust auf die Nase schlug. Dies war eine völlig neue Seite an Endres. Und sie musste überrascht zugeben, dass ihr diese unbekannte Seite an ihm gefiel. Vielleicht hätten sie sich eine Menge an Schwierigkeiten und Ungemach erspart, wenn er eine solche Seite schon früher aufgezogen hätte. Wie zum Beispiel in Aramea, als dieser ungehobelte Holzfäller ihnen die Reise erschwert hatte. Es hatte auf dieser Flucht sicher noch mehr solcher Gelegenheiten gegeben, nur fielen sie Valésia in diesem Augenblick nicht ein. Dazu war sie viel zu aufgeregt, denn sie stand wahrhaftig vor ihrem Bruder. Die Drei hatten sie völlig unerwartet zueinander geführt und das musste sie erst einmal verarbeiten. So ganz konnte sie es nämlich immer noch nicht glauben. Ihr Weg hatte sie nach dieser peinlichen Situation im Bordell in eine weit entfernte Gaststätte geführt, wo sich die Geschwister erneut innig umarmten, bevor sie sich schließlich setzten. Nach einem kurzen Wortgeplänkel wandte sich Roméro an Valésia. "Mutter ist untröstlich. Vater versucht es zu überspielen. Aber dein Tod… hat ihn sehr getroffen." Valésia schluckte und schwieg. Romeros Worte trafen sie hart in ihrem Innersten. Sie hatte sich sehr egoistisch verhalten. Valésia hatte eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf gepackt und ihr Leben schließlich selbst in die Hand genommen. Ohne an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Bisher hatte sie das auch gut und richtig gefunden. Warum denn auch nicht? Doch nun, als sie Romeros Worte hörte, da packten sie Zweifel. Ihre Eltern hatte sie damit großen Schmerz zugefügt, wie man hörte. Valésia konnte es nicht wissen, wie es war, ein Kind zu verlieren. Noch dazu auf eine solch brutale Weise. Sie konnte es Roméro auch nicht verdenken, dass er einerseits dazu geneigt gewesen war, ihnen die Wahrheit zu sagen, und andererseits auch wieder nicht. Wie konnte man so etwas beichten? Valésia lag die Frage auf der Zunge, wie er es angestellt hatte. Was genau er getan hatte. Natürlich konnte sie eins und eins zusammenzählen. Aber sie wollte sie am liebsten aus seinem Mund hören. Ohne wilde Spekulationen ihrerseits. Doch sie wagte es nicht. Nicht vor Endres. Selbst, wenn auch er mit Sicherheit ahnen konnte, was ungefähr vorgefallen war, nachdem Roméro ihnen versprochen hatte, sich um alles zu kümmern. Endres und Roméro besprachen die Lage in den Fürstentümern Ariads, während Valésia ihren Krug umklammert hielt und in ihren Gedanken versunken war. Konnte man das alles wieder gutmachen? Gab es eine Möglichkeit, ihren Eltern Seelenfrieden zu geben? Doch es war nicht absehbar, was passieren würde, wenn sie erfuhren, das sie gar nicht gestorben war sondern was in Wahrheit wirklich passiert war. Valésia hatte diese Flucht begangen ohne sich wirklich auch nur im Entferntesten Gedanken darüber zu machen, welche weitreichenden Konsequenzen dies alles haben würde. Es war wie ein kleiner Kieselstein, den man unbekümmert in einen kleinen Tümpel warf. Der Kiesel war winzig, doch die Kreise die er zog waren im Gegensatz dazu gewaltig. Nein, wie man es auch drehte und wendete. Sie hatte sich entschieden. Sie war tot. Sie hatte sich von ihrem alten Leben abgewandt und niemals mehr gab es ein Zurück. Was auch immer noch kommen würde, sie war völlig angewiesen und abhängig von Endres. Ohne ihn war sie ein Nichts und ein absoluter Niemand.

"Und? Wie ist eure Reise bisher so verlaufen, liebste Schwester?" riss Roméro sie aus ihren Gedanken und sie schenkte ihm ein hohles Lächeln. "Nun, ich hätte mir gewünscht, dass wir diese Reise nicht im Winter hätten hinter uns bringen müssen. Ich gebe zu, so im Nachhinein betrachtet, hatte ich es mir völlig anders vorgestellt, als es dann tatsächlich war. Doch ich habe in dieser kurzen Zeit mehr gesehen, erlebt und gelernt, als in meinem bisherigen Leben. Das kannst du mir glauben." "Ist es dir wohl ergangen?" meinte Roméro und warf ihr einen forschenden Blick zu. Valésia nickte. "Ja. Ich… Wir mussten viele Entbehrungen hinnehmen. Eine solche Reise… oder vielmehr Flucht…" flüsterte sie… "… ist natürlich etwas ganz anderes, als unsere Eltern und du jetzt hinter euch gebracht haben werdet. Ich bin mir sicher, ihr habt stets in verhältnismäßig guten Betten und gediegenen Gaststätten übernachtet, anstatt in der freien Flur, so wie wir es oftmals tun mussten. Eure Mahlzeiten bestanden bestimmt nicht nur Brot, hartem Käse und Trockenfleisch. Während ihr vermutlich Wein getrunken habt, hatten wir oft nur geschmolzenen Schnee." Sie lächelte ihn verschmitzt an. "Und Endres? Behandelt er dich so, wie es sich geziemt, auch, wenn du jetzt wohl keine Komtess mehr bist?" Valésias Gesichtszüge wurden ernst. "Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Komtess von Aramajé bin, die ich von Geburt an war?" "Nun, rein äußerlich betrachtet, eine hehre Blume. Aber wohl keine Bernsteinrose mehr, eher noch eine Bauernrose." Er grinste, doch als Roméro bemerkte, wie bekümmert sie plötzlich dreinblickte, beugte er sich zu ihr und sein Blick wandelte sich vom spitzbübischen Grinsen zu einer ernsten Miene, und er senkte seine Stimme zu einem Raunen. "Valésia, sieh mich an. Du wirst immer die bleiben, als die du geboren wurdest. Die wunderschöne liebliche Komtess Valésia Aridanëa von Aramajé. Du bist von hoher Geburt und das wirst du auch bleiben, egal ob du in Olathor wärst, zuhause in Aramajé oder hier in Arajan in bürgerlicher Kleidung. Ja?" Valésia nickte. "Aber zurück zu meiner Frage" hielt er den Kopf schief. Valésia warf einen kurzen Blick zu Endres und legte ihre Hand auf die seine. "Endres ist ein formvollendeter Edelmann. Er ist liebevoll, ehrlich und gut. Er ist der beste Mann, den ich mir nur wünschen könnte. Ich liebe ihn über alles. Ich könnte nicht glücklicher sein und ich habe keinen Tag bereut, den ich mit ihm verbringen durfte." Jetzt leuchteten ihre Augen und sie lächelte. "Du siehst glücklich aus" stimmte Roméro ihr zu. "Dann hatte dies alles zumindest einen guten Zweck, nicht wahr?" Valésia nickte. "Roméro. Erzähl mir bitte, was passierte, nachdem es… Nein… Erzähl mir alles. Was hattest du getan? Wer war die Frau, die man zerschmettert auf den Felsen fand, wie man es hörte?" Valésia hauchte es beinahe tonlos zu ihm, sodass nur ja niemand hören konnte, was hier gesprochen wurde. Roméro verzog das Gesicht. Man konnte erkennen, dass er nicht gewillt war, darüber zu sprechen. Und er schwieg. "Roméro. Bitte, ich muss es wissen. Ich frage mich das täglich, und die Ungewissheit quält mich." Er runzelte die Stirn. "Und denkst du, mich quält nichts? Dass mein Leben einfach so weiter ging? Mit dem, was geschehen war? Du konntest ja förmlich vor allem davonlaufen. Aber ich nicht." Valésia nickte. "Du hast Recht. Entschuldige, Roméro." Er nahm den Bierhumpen und nahm einen erneuten tiefen Schluck. Dann wischte er sich den Bierschaum von der Oberlippe und räusperte sich. "Die Drei wissen, ich habe es für dich getan. Für dich alleine, damit du frei sein kannst. Frei von diesem Bastard Merik und frei für deine Liebe." "Das weiß ich Roméro…" erwiderte Valésia und nahm seine Hand fest in ihre. "Und dafür werde ich dir immer unendlich dankbar sein. Ich weiß, dass ich diese Schuld nie zurückzahlen kann, und wenn ich es noch so sehr wollte!" Er schüttelte den Kopf. “Das musst du nicht.” “Ich wollte, ich könnte es. Du warst immer der wichtigste Mensch in meinem Leben.” ‘Warst?” feixte er. “Bist. Du bist eine der wichtigsten Menschen in meinem Leben”, korrigierte sie sich. “Manchmal kann man sich eben nicht entscheiden. Manchmal sitzen auf dem ersten Platz zwei.” “Damit kann ich leben” lächelte Roméro.

Dann wurde er wieder ernst. “Ich habe noch nie darüber gesprochen. Und ich werde es nur einmal tun, damit deine Fragen nicht unbeantwortet bleiben. Ich habe es mir einfacher vorgestellt. Es war einfacher zu planen und durchzusetzen als nun damit leben zu müssen. Das musst du mir glauben, Valésia." Die Komtess nickte und sah ihren Bruder fest an. Er seufzte, dann begann er "Es war deine neue Zofe von Olathor. Deine alte Malinda wurde ja abbestellt um sie in Aramajé in ihren wohlverdienten Ruhestand zu schicken. Und sie hätte ja auch wohl kaum gepasst, die alte Dame. Deine neue Zofe hatte eine ähnliche Gestalt wie du, und auch ihr Haar war ähnlich, wenn man die Zöpfe entflochten hatte. Ich zwang sie, deine Gewänder anzuziehen, bevor ich sie über die Balustrade stieß. Man hat aus Rücksicht auf die Familie davon abgesehen, den Leichnam ohne Schleier aufzubahren. Was kein Wunder war, so wie der Körper zugerichtet war. Ich glaube, es war auch viel Glück dabei gewesen. Es hätte sein können, dass sie so gefallen wäre, dann ihr Antlitz unversehrt geblieben wäre. Dann wäre eine große Erklärungsnot dagewesen. Aber wir hatten Glück in diesem Unglück. Und Menschen lassen sich blenden, wenn sie von etwas überzeugt sind. Und jedermann war davon überzeugt, dass du es warst. Wahrscheinlich wollte auch niemand so genau hinschauen." Valésia hob den großen Bierhumpen an, der für ihre zierlichen Hände beinahe zu groß und zu schwer war, und trank daraus. Doch das Bier war herb und so nahm sie nur einen kleinen Schluck davon, ehe sie den Bierhumoen wieder absetzte. "Aber…" Valésia zögerte, die Frage zu stellen, die sie beschäftigte. "…ist das Verschwinden der Zofe nicht aufgefallen? Jemand muss doch bemerkt haben, dass sie nicht mehr da ist…" ergänzte sie schließlich und presste erwartungsvoll ihre Lippen aufeinander. Roméro nickte. " Natürlich ist es aufgefallen. Aber du weißt, wie das Gesinde ist. Es gab Tratsch von der ersten Stunde an. Und irgendwann hörte man von Gerüchten, dass die Zofe dich vom Balkon gestoßen hat und geflohen ist." Roméro warf die Hände auf. "Manchmal ist es hilfreich, Gerüchten ihren Lauf zu lassen anstatt sie zu unterbinden. Vielleicht suchen sie noch heute nach jener Zofe, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Vater und Mutter, kaum, dass sie den ersten Schock überwunden hatten, eine Nachricht eines Kuriers vom Herzog von Arajan erhielten. Du kennst das Kurierwesen. Vermutlich war der Kurier erst in Aramajé und erfuhr dort, dass wir nach Olathor gereist waren. Ich weiß nicht, ob der Herzog von Ajaran wusste, dass wir nach Olathor gereist waren, weil es eine Hochzeit mit dem Erbbastard Merik geben sollte. Und drei Tage nach dem Unglück auf Olathor traf der Kurier aus Ajaran in Olathor ein. Mutter sagt heute noch, dass man es ihr genommen hat, standesgemäß und wie es die Traditionen verlangen, um dich zu trauern. Sie sagte, schon deswegen wird diesen Verlust nie verwinden." Valésia schlug die Augen nieder "Das tut mir sehr leid. Ich wünschte, ich könnte sie in die Arme nehmen und ihr sagen, wie leid es mir tut…" flüsterte sie. "Das Schlimmste ja noch…." murmelte Roméro und Valésia hob den Kopf. "Was, bei den Dreien kann denn noch schlimmer sein, als das?" Er räusperte sich. "Nun. Deine sterblichen Überreste… Was heißt Deine…? Die sterblichen Überreste… Für unsere Eltern war es nur natürlich und selbstverständlich, dass sie den Leichnam zurück nach Aramajé bringen damit du dort ein angemessenes letztes Geleit erhalten sollst und in der Familiengruft zur ewigen Ruhe gebettet wirst. Nun aber kam jener Kurier, und wir mussten sang- und klanglos aufbrechen und nach Ajaran reisen. Das heißt, die sterblichen Überreste liegen gegenwärtig in der Familiengruft in Olathor. Wenn diese Reise hier endet und wir wieder nach Hause kehren, müssen wir erst zurück nach Olathor und die sterblichen Überreste holen und nach Aramajé überführen. Und am Ende liegen die Gebeine einer völlig fremden und in keiner Weise standesgemäßen Frau in unserer Familiengruft." Romeros Mund schloss sich und bildete einen resignierten Strich. "All das haben wir nicht bedacht, bei unserem Plan, nicht wahr? Und auch, wenn es letztendlich keine Rolle spielen sollte, so bleibt eine gewisse Bitterkeit zurück. Wir werden am Ende nie wissen, ob wir richtig gehandelt haben, oder ob es andere Möglichkeiten gegeben hätten. Wir müssen glauben, dass wir das richtige getan haben, auch, wenn ich so meine gewissen Zweifel habe." Valésia fühlte sich nach Romeros Beichte und Bericht richtig elend. Sie hatte ihre Entscheidung, mit Endres geflohen zu sein nie bereut. Er liebte sie und sie liebte ihn. Sie passten, so fand sie, so gut zusammen, und war ihre erste Begegnung in jener Gaststätte nicht schicksalshaft gewesen? War ihre Verbindung nicht gesegnet durch die Drei, weil sie bis zum heutigen Tag unversehrt und unbehelligt geblieben waren? Doch warum fühlte es sich nun nicht so an?
Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere ❖
baum-während Roméro sprach und sich mit Valésia unterhielt, fühlte sich Endres irgendwie fehl am Platz. Selbst wenn er gewollt hätte, so gab es kaum die Möglichkeit sich wirklich am Gespräch zu beteiligen. Und so saß er einfach nur schweigend da und lauschte den beiden Geschwistern, wie sie sich über ihre Familie unterhielten. Endres wusste ohnehin noch nicht, wie er diese Situation am besten bewerten sollte. Aber es hatte auch etwas Gutes, dass Valésia ihren Bruder noch einmal sehen konnte. Doch zugleich hatte diese Zusammenkunft auch einen gewaltigen Rückschlag bedeutet. Valésia hatte inzwischen einen langwierigen Prozess hinter sich, ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihr Land einfach hinter sich zu lassen. Mit jedem Tag, den sie gemeinsam gereist waren, hatte sie sich weiter entfernt. Sie hatte sich sehr langsam, aber dennoch stetig, an ihre neue Zukunft gewöhnen müssen. Und vielleicht hatte sie inzwischen sogar begonnen diese zu akzeptieren? Doch nun hatte sich alles geändert. Jäh wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt und an all das erinnert, was sie zurückgelassen oder verloren hatte. Und was hatte Endres ihr schon zu bieten, außer seiner Liebe? Nichts. Er war kein Adeliger. Er hatte kein Vermögen. Er hatte keine Besitztümer. Er war ein Hochstapler und ein Schwindler. Alles, woran Valésia glaubte war auf einer Lüge aufgebaut. Und wenn Endres auch nur einen Funken Anstand im Leib trüge, würde er Valésia mit ihrem Bruder ziehen lassen. Tief in sich gab es diesen Anstand. Und er dachte immer wieder darüber nach. Doch seine Liebe zu Valésia wahr ehrlich und wahrhaftig. Doch die Lüge, auf dessen sie aufgebaut war, stand zwischen ihnen wie eine Mauer. Und dies nagte an dem Lügenbaron.

Valésia äußerte schließlich ihre Zweifel. Wer war sie? Eine Frau von hoher Geburt, von allen todgeglaubt. Sie war von hoher Geburt, aber ihr Name war Vergangenheit. Sie konnte niemals wieder diesen Namen tragen. Sie würde niemals am Hofe eines Adelshauses stehen können und ihren Namen, oder ihre Herkunft, mit Stolz verkünden können. Roméro beschwichtigte sie und fand die goldenen Worte um sie zu besänftigen. Doch Endres fand diese Worte nur hohl und rührselig. Sie hatten keine Bedeutung, außer jener, dass Valésia sich besser fühlte. Und vielleicht hatte es auch geholfen? Wenn auch nur für diesen Moment.

Als sie schließlich von ihrem Bruder, aus seinem eigenen Munde, hören wollte, wie er es geschafft hatte, ihren Tod vorzutäuschen, wurde das Gespräch melancholischer. Die wahre Bürde, die Roméro sich aufgeladen hatte, offenbarte sich. Hätte er auch so gehandelt, wenn er gewusst hätte, dass Endres kein Mann von hoher Geburt war? Würde er seine Schwester weiterhin in seiner Obhut lassen? Oder würde er ihn persönlich vor seinen Vater schleifen? Endres schüttelte innerlich den Kopf. Zweifelsohne würde er erzürnt sein. Zweifellos würde er Endres dafür eine verpassen. Doch vor seinen Vater schleifen? Wenn bekannt würde, dass Valésia noch am Leben war, würde Olathor davon erfahren. Und dies würde eine gewaltige, politische Eskalation bedeuten. Vielleicht würde Endres eine Strafe erhalten. Aber sie würden den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten. Vielleicht würden sie Valésia wieder in die Heimat mitnehmen. Doch sie würde niemals wieder frei sein können. Sie würde verborgen gehalten, und eingeschlossen. Zu groß wäre die Gefahr, dass die Königshäuser davon erführen. Zu groß wären Schmach, Schande und Prestigeverlust, wenn man wüsste, dass Valésia noch am Leben war. Und Roméro? Endres sah ihn nachdenklich an. Wie würde er wohl entscheiden? Zum Wohle seiner Schwester? Oder zum Wohle seines Hauses? Endres kannte ihn nicht gut genug, um diese Frage beantworten zu können. Alle Fragen und alle Gedanken, die Endres bewegten, endeten letzten Endes immer an derselben, dunklen Weggabelung. Es war ein Sprung ins ungewisse, kalte Wasser. Würde er irgendwann einmal den Schneid aufbringen, die Wahrheit zu gestehen? Auch wenn dies bedeuten würde, alles zu verlieren? Valésia? Seinen, wenn auch zweifelhaften, Ruf? Sein Leben? Endres schüttelte den Kopf. Mehr aus Resignation, denn aus Feigheit. Und doch schalt er sich einen Feigling, der nicht den Mut aufbringen konnte, die Wahrheit zu gestehen.

»Endres ist ein formvollendeter Edelmann. Er ist liebevoll, ehrlich und gut. Er ist der beste Mann, den ich mir nur wünschen könnte. Ich liebe ihn über alles. Ich könnte nicht glücklicher sein und ich habe keinen Tag bereut, den ich mit ihm verbringen durfte.« Diese Worte waren zugleich wie Honig und wie bitterer Essig in Endres Ohren. Was machte einen wahren Edelmann eigentlich aus? Das blaue Blut? Die adelige Herkunft? Oder waren es die Taten und das redliche Herz? Wenn man danach ging, war Endres vermutlich ein Edelmann. Ein Kavalier und ein Mann der für seine Prinzipien einstand? Endres schüttelte erneut den Kopf. Hatte er überhaupt Prinzipien? Er hatte so vielen Frauen das blaue vom Himmel versprochen, nur um ihre Mitgift stehlen zu können. Er war ein Lump und ein Dieb. Und doch…gegenüber Valésia hatte er sich stets ritterlich, redlich und zuvorkommend verhalten. Für sie war er der Edelmann. Für sie war er der Ritter in der goldenen Rüstung. Auch ohne Land, ohne Titel, ohne blauem Blut. Und Valésia liebte ihn? Diese Worte waren mehr als wie Honig. Sie waren ein goldener Balsam. Und auch er liebte diese Frau. Mit jeder Faser seines Daseins. Wie konnte er ihrer nur gerecht werden? Er war einer Frau wie ihr doch gar nicht würdig. Er war einfach nur ein Nichts. Ein Niemand. Weniger wert als der Dreck an ihren Schuhen. Aber er wollte jemand sein, wollte ihr all die Dinge ermöglichen, die ihr zustanden. All die Dinge geben, die sie verdiente. Doch in einer Welt wie dieser, in welcher nur Namen, Rang und Titel von Bedeutung waren, fühlte sich Endres wie ein Herdfeuer, bei dem man vergessen hatte, einen Holzscheit nachzulegen. Man würde ihn mit Füßen treten, keines Blickes würdigen, in die Gosse stoßen und mit Spucke, Dreck und Unrat bedenken, wenn man wüsste, wer er eigentlich war.

Die Tatsache, dass eine Fremde in der Familiengruft beigesetzt werden würde, traf Endres nicht sonderlich. Es war nur ein toter Körper, der irgendwann zu Staub und Asche zerfallen sein würde. Aber Endres hütete sich diese Gedanken laut auszusprechen. Aber als das Gespräch langsam sein Ende fand, und eine, beinahe bedrückende, Stille einkehrte, fühlte Endres sich mindestens genauso unwohl, wie Valésia. Er hob den Kopf und sah sich in der Schenke um, und als seine Blicke die der Schankmaid trafen, hob er seine Hand und bedeutete ihr, dass er drei weitere Humpen bestellen wollte.

Und so saßen die Drei eine Weile an diesem Ort. Tranken Bier und sinnierten über die Vergangenheit, wie auch die Zukunft. Endres wusste nicht einmal mehr, wie viele Biere sie bereits bestellt hatten, doch das Gefühl, welches sich in ihm ausbreitete, verkündete davon, dass es mindestens ein Bier zu viel gewesen war. Das Blut in seinen Adern rauschte und seine Zunge begann sich allmählich zu lockern. »Du hattest die Uländer erwähnt.«, begann Endres schließlich und stürzte einen großen Schluck aus seinem Humpen herunter. »Ja. Diese Bastarde.«, schimpfte Roméro und tat es Endres gleich, indem er ebenfalls einen tiefen Schluck aus seinem eigenen Humpen nahm. »Es kommen immer öfter Berichte von unseren Handelsfahrern. Uländische Schiffe, uländische Freibeuter…« Endres zog die Stirn in zweifelnde Falten. Natürlich kannte er die Uländer. Immerhin kam er ja von der anderen Seite der Schwertschneise. Doch uländische Freibeuter erkannte man meistens nicht an einer Flagge. Erst, wenn sie an Bord waren. «Woher weiß man, dass es Uländer sind?«, hakte er daraufhin nach und Roméro seufzte. »Die Akadier haben andere Farben. Und sonst wagen sich kaum andere Schiffe so weit bis zu unserer Küste vor. Natürlich könnten es auch Schiffe aus Namaria, Paltoria oder von Nastrand sein. Aber die meisten sind einfach uländischer Abschaum.« Endres nickte verstehend. »In jüngster Zeit wurden bereits drei unserer Schiffe gekapert. Alles Schiffe, die Bernstein geladen hatten.« Endres zupfte nachdenklich an seiner Lippe, während Roméro einen weiteren Schluck aus seinem Humpen nahm. »Drei Schiffe.« Roméro nickte und Endres seufzte. »Ob sie auf eigene Faust arbeiten, oder mit den Akadiern paktieren, ist die Frage.«, murmelte Roméro und Endres sah ihn daraufhin fragend an. »Wieso die Akadier?«, erkundigte er sich woraufhin Roméro theatralisch mit den Fingern wedelte. »Jeder weiß doch, dass Akadier total vernarrt in Bernstein sind. Aber sie selbst haben kaum eigene Vorkommen. Der Reichtum unserer Familie begründete sich im Grunde darauf, dass Akadien unser größter Handelspartner wurde, seit ihre eigenen Vorkommen versiegten und sie unseren Bernstein kaufen. Aber einen uländischen Piraten anheuern, der ein Schiff kapert, das Bernstein geladen hat, ist immer noch billiger, als den Bernstein zum regulären Marktpreis zu erwerben.« Mit einem lauten Knall stellte Roméro stellte seinen leeren Humpen auf den Tisch. »Wirt! Noch eine Runde!«, bellte er und Endres schüttelte daraufhin den Kopf. Oh, wenn er noch ein weiteres Bier trinken musste, würde er vermutlich besinnungslos werden. »Vielleicht wurde Vater auch deswegen nach Ajaran gerufen. Immerhin ist er als Vasall des Fürsten von Ajaran auch Tributpflichtig. Und wenn Vaters Einnahmen sinken, so auch seine Anteile…«, sinnierte Roméro nachdenklich und Endres legte ihm eine Hand auf den Oberarm. »Du solltest derartige Dine nicht so laut aussprechen. Wer weiß, wer sie hören kann?« Roméro zwinkerte daraufhin und ein spitzbübisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Da magst du Recht haben. Aber dann erzähl doch du einfach etwas, und lass uns das Thema wechseln.« Endres schluckte. Worüber sollte er schon etwas erzählen wollen, oder können? Etwas dass die beiden wirklich interessierte? »Wohin führst du meine Schwester?«, verlangte Roméro schließlich zu wissen. »Nun, da der Hafen von Lirandra bereits hinter euch liegt?« Endres hatte natürlich nicht gewusst, dass uländische Freibeuter vor der Küste kreuzten. Es war natürlich ein angenehmer Zufall, der ihm gut in die Karten spielte. Aber sein wahrer Beweggrund war ja der Süden gewesen. Es zog ihn nicht in den Osten, über das große Meer. »Ich kann es noch nicht mit Gewissheit sagen, wenn ich ehrlich bin.« Roméro sah ihn fragend an und zog eine Augenbraue in die Höhe. »Wir sehen uns vor vielen Steinen, die uns mehr und mehr in den Weg gelegt werden. Wegelagerer, Erpresser, Beutelschneider. Die sind nur das geringe Übel. Aber wir haben keinen Freibrief! Jede Einreise in eine Stadt kostet uns ein Vermögen!« Da schnalzte Roméro mit der Zunge. »Aber natürlich! Ja, das ist ein wirklich großes Problem!« Endres überlegte für einen Moment, ob er noch weiter ins Detail gehen sollte, doch er entschied es diplomatisch und vorsichtig zu gestalten. Er wollte Roméro schließlich nicht überrumpeln. »Dadurch waren wir natürlich gezwungen mehr Geld auszugeben, als uns lieb war.« Da lachte Roméro bitter. »Ja, das bisschen Geld, dass ich euch mitgegeben habe, reicht vermutlich gerade für den hohlen Zahn. Aber mehr war einfach nicht zu machen…« Endres seufzte und Roméro tippte mit seinen Fingernägeln auf dem leeren Humpen. »Jedenfalls nicht in so kurzer Zeit.«, murmelte er und Endres wurde hellhörig. Also wäre mehr möglich? Er biss sich fast auf die Zunge, doch der Gedanke weckte in ihm alte Lebensgeister und Erinnerungen, während er schon fieberhaft überlegte und Pläne schmiedete, wie er noch mehr Geld aus Roméro herausholen konnte.

»Fürwahr. Jede weitere Stadt verlangt Tribut und Wegzoll. Und nicht auszudenken, wenn wir in die Hände von Dieben geraten und alles verlören! Die Reise nach Süden ist lang. Und der Weg über das Meer ist gefährlich. Mit den Uländern ist nicht zu spaßen.« »Fürwahr, liebe Schwester! Die sind erbarmungslos. Und eine schöne Blume wie dich würden sie glatt nach Namaria oder Vendland verkaufen!« Roméro schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Elende Seelenverkäufer!« Endres räusperte sich und beugte seinen Kopf etwas mehr hervor, um seine Stimme zu dämpfen. »Ist es denn nicht irgendwie möglich, an so einen Freibrief für uns zu kommen? Du hast doch sicher Mittel und Wege, die uns verschlossen sind?« Roméro kratzte sich am Kinn. »Ich kanns nicht versprechen. Aber welche Namen sollen denn auf den Freibriefen stehen? Endres und Valésia? Fahnenflüchtige?« Da lachte er und schlug Endres dabei freundschaftlich auf die Schultern. Doch als die Schankmaid endlich die geforderte, nächste Runde brachte, da hielt er einen Moment lang inne und warf ihr einen freundlichen Blick zu. »Hab Dank, du Schöne.« Die Frau lächelte verlegen und senkte dann den Blick. »Sag. Bist du bereits einem Mann versprochen, oder darf es wagen deinem Vater vorstellig zu werden?« Er gluckste und die Schankmaid kicherte, während sie sichtlich peinlich berührt errötete. »Er ist betrunken. Achtet gar nicht auf seine Worte.«, mischte sich Endres daraufhin ein und wedelte mit der Hand, um ihr so zu bedeuten, sich zu entfernen. Sie wandte sich daraufhin, mit einem nicht unübersehbar, wenn auch dezenten, Hüftschwung ab und warf Roméro einen letzten Blick zu, bevor sie schließlich von dannen zog. »Du hast genug gehabt. Du bringst uns noch in Verruf mit deinem schlechten Benehmen.« murmelte Endres und legte ihm eine Hand auf den Arm.
Nichts bleibt verborgen ❖
baum-der Abend nahm ein abruptes Ende, als Endres entschied, dass Roméro genug getrunken hatte. Als sie sich auf der Straße wiederfanden, blieb Valésia unsicher vor ihrem Bruder stehen und sah ihn lange an. “Es war so schön, dich wiederzusehen, Roméro. Denkst du, wir können uns morgen noch einmal treffen?” sagte sie schließlich und schenkte ihm einen erwartungsvollen Blick. Er berührte sie sacht am Oberarm. ‘Selbstverständlich Valésia! Solange wir hier verweilen, können wir uns jeden Tag sehen.” Er warf einen Blick zu Endres. “Wenn Endres nichts dagegen hat, natürlich. Und wenn er etwas einzuwenden hat, dann kommst du eben alleine!” grinste er sie spitzbübisch an. Dann umarmte er sie. “Morgen um dieselbe Zeit, hier? Vielleicht kann ich euch dann schon näheres berichten wegen einem Freibrief.” Valésia nickte. “Doch wenn es dir nicht möglich ist, dann ist es nicht schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach sein wird, immerhin ist es nicht unsere Grafschaft, in welcher wir uns befinden.” Roméro winkte ab. “Das lass nur meine Sorge sein, Schwesterherz.” Als er schon ging, wandte er sich noch einmal um und fragte “Ah, bevor ich es vergesse, wo habt ihr Quartier bezogen?” Valésia errötete. “Frag nicht! Es ist eine furchtbare Absteige im Vergnügungsviertel! Doch es war eines der wenigen, die noch ein freies Zimmer hatten.” Dann warf sie einen Seitenblick auf Endres. “Und es kostet nicht viel. Darum bin ich den Dreien dankbar.” “Wie bescheiden du geworden bist!” feixte er. Dann wandte er sich um “Gute Nacht ihr beiden!” rief er in die Nacht und lief die Gasse hinunter. Wobei er ein wenig schwankte. Valésia und Endres führte der Weg zu ihrer Absteige in die andere Richtung. Valésia fühlte ein unsagbares Glück in sich. Ihr Bruder war noch immer derselbe, er hatte sich überhaupt nicht verändert. Und das war schön. Sie hakte sich bei Endres unter, als sie durch die kleinen Gassen schlenderten. Nach einer Weile des Schweigens begann sie “Ich verstehe deine Beweggründe, Endres. Aber ich bitte dich… Frage Roméro nicht um Geld. Es ist mir sehr unangenehm. Wir haben uns entschieden, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Und wir wussten, dass er steinig sein würde. Gibt es denn keine anderen Mittel und Wege? Wir haben noch meinen Schmuck im Gepäck. Diesen könnten wir doch verkaufen. Hier in Ajaran gibt es dich bestimmt einen Pfandleiher, oder ähnliches.” Dann schmiegte sie sich an ihn heran “Und wenn wir erst Zuhause in Paltoria sind, dann schenkst du mir einfach neuen.” Sie erreichten schließlich ihre Unterkunft und stiegen die steile Treppe empor, die zu ihrem Zimmer führte. Oben angekommen, begannen die beiden, sich zu entkleiden, um sich bereit für die Nacht zu machen. Es war ein sehr langer Tag gewesen und die Müdigkeit steckte beiden in den Gliedern. Als das Licht gelöscht war und Valésia sich an Endres schmiegte, begann sie nach einer Weile “ Du hast mir heute eine völlig neue Seite an die gezeigt, Ser Endarion… Ich meine, wie du mit dieser Bordell Besitzerin gesprochen hast. Und wie du ihr danach auf die Nase geschlagen hast…” Valésia begann in der Dunkelheit zu kichern. “Ich muss gestehen, dass mir das gefallen hat. Du erschienst mir beinahe wie ein verwegener Held aus einer Geschichte. Ich weiß, dass du ein gutes Herz und ein sanftmütiges Gemüt hast. Aber ich glaube, in dieser Welt kommt man damit nicht recht weit. Das hat man durchaus gesehen bei diesem Aelfric und nun in diesem Bordell. "Vielleicht würde es nicht schaden, sich das für die eine oder andere Gelegenheit zu bewahren.” Sie suchte mit ihrer Hand sein Gesicht in der Dunkelheit und drückte ihre Lippen auf seinen Mund. “Ich liebe dich, Endres Endarion.”

Am nächsten Vormittag klopfte es an der Türe. “Herein!” erwiderte eine selbstbewusste Stimme und ein Kammerdiener öffnete die Türe. Der Herzog saß über Papiere gebeugt, als es an der Tür klopfte. Ein weiterer Diener trat ein, verbeugte sich und wartete, bis der Herzog den Kopf hob. „Ich kenne diesen Blick. Du siehst aus, als hättest du Neuigkeiten, die mir nicht gefallen werden. Habe ich Recht?“ Diener: „Euer Gnaden, ihr habt Recht. Doch es handelt sich um keine redlichen Nachrichten. Es dreht sich um das Haus ‘Zur Roten Blüte’ im Südviertel.“ Der Herzog hob eine Augenbraue. “ Welche Nachrichten, ein Bordell betreffend, könnten wichtig für mich sein?” Der Diener räusperte sich. “Euer Gnaden. Es kam dort gestern zu einem Aufruhr. Ein Streit zwischen der Hausmutter und einem Gast. Jedoch nicht irgendeinem Gast. Sondern zwischen der Hausmutter und dem jungen Herrn von Aramajé." „Roméro?“.„Euer Gnaden, ja. Er geriet in Händel, nachdem er eine Frau in Schutz genommen hatte, die die Wirtin als Dirne beschimpfte. Der Herzog blickte ihn an, als hätte der Diener bereits eine Minute seiner äußerst kostbaren Zeit vergeudet. „Und? Was ist daran nun berichtenswert? Eine Frau in einem entsprechenden Gewerbe als Dirne zu bezeichnen gereicht doch eher der Wahrheit zur Ehre als dies als bemerkenswerten Tratsch weiterzuverbreiten? Mir scheint, er verschwendet hier nur meine Zeit!“ “Euer Gnaden. Man sagt, er habe der Hausmutter Einhalt geboten, dass sie nicht so mit seiner Schwester zu sprechen hätte! Danach kam es zu Handgreiflichkeiten, und er floh mit der Frau und einem Begleiter.“ Der Herzog legte nun die Feder beiseite und sah den Mann lange an. Dann fragte der Herzog “Seine Schwester? Die, die ein tragisches Schicksal erlitten hat, wie der Bernsteingraf mir erst gestern berichtete? “Euer Gnaden, so berichtete man. Mehrere Zeugen schworen, die Frau wurde von ihm als seine Schwester bezeichnet.” Der Herzog schwieg einen Moment. Nur das leise Knistern der Kerze, die an seinem Tisch brannte, war zu vernehmen. “Welche Zeugen sollen das gewesen sein?” Der Diener senkte den Blick und setzte ein verlegenes Lächeln auf. “Euer Gnaden… Liederliche…” “Ich verstehe. Lasst nach Graf Gunther und seiner Gemahlin schicken. Ich möchte erst alleine mit ihnen sprechen, bevor ich ihren Sohn hinzuziehe.” Der Diener verneinte sich “Sehr wohl…”

Der Herzog empfing das Grafenpaar in seinem Privatgemach, die Wintersonne schien an diesem Mittag warm und hell in die großen verglasten Fenster und tauchten den Raum in ein freundliches helles Licht. Nachdem die üblichen Förmlichkeiten getauscht waren, schwieg er einen Moment, betrachtete das Paar über den Rand seines Kelches hinweg und sagte ruhig „Ich gestehe, meine Gedanken sind nicht ganz bei unserem Gespräch. Mich beschäftigt ein Gerücht, das mir heute Morgen zugetragen wurde. Ein Gerücht, das ich mir kaum zu glauben erlaube. Es betrifft Euren Sohn, Graf Gunther und wenn ich der Sache traue, vielleicht sogar Eure Tochter.“ Für einen Herzschlag lang war es still. Dann stieß die Gräfin ein kurzes, kaum hörbares Ächzen aus, als wäre ihr für einen Augenblick die Luft entzogen worden. Und man vernahm das leise Klirren des gläsernen Bechers in Gunthers Hand, als er ihn absetzte. Sein Blick war hart geworden, fast beleidigt, aber auch schmerzerfüllt und er richtete sich im Lehnstuhl auf. “Euer Gnaden, ich bitte um Vergebung. Doch meine Tochter ist tot - wie ihr wohl wisst. Ich habe euch gestern über ihren entsetzlichen Unfall berichtet.” Der Herzog nickte bedächtig. “„Ich erinnere mich gut, Graf Gunther. Darum sage ich Gerücht, nicht Nachricht. Dennoch. Eure Tochter wurde in einer Angelegenheit genannt, die ich nicht überhören konnte. Es heißt, Euer Sohn habe in einem Haus zweifelhafter Art laut die Ehre seiner Schwester verteidigt.” Der Bernsteingraf hob fragend eine Augenbraue. “Wie darf ich das verstehen? Bitte drückt Euch unmissverständlich aus.” “ Nun, vielleicht wollen wir nach Eurem Sohn rufen lassen. Es wird am Besten sein, wenn er uns selbst darüber Bericht erstattet. Selbst wenn ich euch jetzt erzähle, was mir zu Ohren gekommen ist, werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch Fragen offenbleiben." Der Bernsteingraf nickte ergeben “Ihr habt sicher Recht. Soll ich ihn holen?” Der Herzog schüttelte den Kopf “Nein, ich lasse nach ihm schicken.” Er gab seinem Kammerdiener ein Zeichen, dieser nickte und verließ für einen Moment das Gemacht des Herzogs um einen weiteren Diener zu instruieren. Das Grafenpaar aus Aramajé blieb mit wachsender Bestürzung zurück. “Euer Gnaden, ich verstehe wirklich nicht, was das Ganze soll! Es ist mir ein äußerstes Rätsel, was mein Sohn getan haben soll.” Die Gräfin begann leise zu wimmern, dann zu schluchzen und konnte sich nicht mehr zurückhalten. “Beruhige dich, Aurelia. Es wird sich schon alles aufklären.” Er tätschelte ihr den Arm und zog aus seinem Wams ein gesticktes Taschentuch mit welchem sie sich ihre geröteten Augen abtupfte. “Verzeiht, Euer Gnaden, doch wie ihr sicherlich bemerkt, setzt der Tod meiner Tochter meiner verehrten Gemahlin noch sehr zu. Sie hat es bis zum heutigen Tage nicht verwunden.” “Mehr Wein?” bot der Herzog an, doch die beiden lehnten dankend ab. Es folgte ein ewig andauernder Moment des Schweigens, dann öffnete sich die Tür. Roméro trat ein, lässig und gut gelaunt wie stets, er begrüßte den Herzog mit einer überschwänglichen Geste und war im Begriff dies auch seinen Eltern entgegen zu bringen. Doch kaum sah er den finsteren Blick seines Vaters und den aufgelösten Blick seiner Mutter die ihn mit einem verweinten Gesicht anblickte, erstarrte das Lächeln. Die Atmosphäre war so still, dass man den Atem hören konnte. Er blieb stehen, unschlüssig, und sein Blick wanderte von einem zum anderen. Dann hob er leicht die Augenbrauen und zog kaum merklich die Schultern an. Eine stumme, fragende Geste, die sagte Was ist los? Doch keiner antwortete. Der Herzog lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der Vater sah ihn an, ohne Regung, und die Mutter hielt die Hände im Schoß gefaltet. “Setzt euch, Ser Roméro” forderte ihn der Herzog auf und Roméro zögerte, dann folgte er der Aufforderung. Der Stuhl knarrte leise, als er sich setzte. Er versuchte zu lächeln, doch niemand erwiderte es und in diesem Moment verlor er die Geduld. “Darf ich erfahren, was los ist?” Sein Vater brauste auf “Du darfst sprechen, wenn du gefragt wirst, mein Sohn!” Roméro blickte zum Herzog von Ajaran und dieser ließ sich Zeit, bevor er weiter sprach. “Ich will nicht lange um den heißen Brei reden. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Ihr gestern im Südviertel wart. In einem Haus, das, sagen wir, nicht unbedingt für seine Sittlichkeit bekannt ist.” Roméro hob überrascht die Augenbrauen. “Euer Gnaden, ich…” Der Herzog gebot ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. “Lasst mich ausreden, junger Herr. Ich spreche nicht über Euer Freizeitvergnügen. Man berichtete mir, Ihr hättet dort eine Frau verteidigt und dabei erklärt, sie sei Eure Schwester.“ Roméro sah erst den Herzog an, dann den Vater. Einen Augenblick lang schien er zu überlegen, ob das ein Scherz sei. Doch das Gesicht des Herzogs blieb unbewegt. Der Blick des Vaters war starr. „Das… das ist… ein Missverständnis, Euer Gnaden.“ „Dann bin ich erleichtert.“ antwortete dieser. Er lehnte sich zurück, die Hände ruhig auf den Lehnen seines Stuhls. „Doch Ihr versteht gewiss, warum ich frage. Und ich möchte euren Vater nicht brüskieren oder beleidigen, in dem ich nun so tue, als ob ich denke, mich zu irren. Denn er erzählte mir gestern, die Komtess von Aramajé sei tot.” Erneut entwich der Gräfin ein Schluchzen. Roméro wandte sich ihr zu, erschrocken, dann wieder dem Vater, der keine Regung zeigte. „Erklär dich, Roméro.“ zischte dieser ihm zu. „Ich… bin hineingegangen, ja. Ich wollte nicht. Es war spät, und ich war betrunken. Dann hat die Wirtin ein Mädchen angeschrien, jenes Mädchen, und da hab ich mich eingemischt. Das war alles. Dem Herzog entglitt ein amüsiertes Lächeln, doch Graf Gunther mischte sich jetzt barsch ein. “Das reicht. Ich will keine detaillierte Schilderung deiner Nachmittagsunterhaltung, wenn du in einem Bordell bist.“ Roméro verstummte sofort. Der Herzog hob eine Hand, um die Spannung zu glätten. „Das wäre alles unerheblich, Ser Roméro, wenn es nicht diese eine Aussage gäbe. Mehrere Zeugen schworen, ihr hättet eine Frau in Schutz genommen und dabei gesagt, sie sei Eure Schwester. Wollt Ihr bestreiten, das gesagt zu haben?“ Roméro starrte auf das Tischchen in der Mitte aller Personen. Sein Verstand arbeitete fieberhaft, aber die passenden Worte wollten nicht kommen. Schließlich hob er den Kopf, zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Euer Gnaden, verzeiht. Aber Huren erzählen alles, wenn sie eine Münze zur Belohnung in Aussicht haben. Und ich… ich war nicht… ganz nüchtern. Vielleicht habe ich etwas gesagt, das man falsch verstand. Die Frau erinnerte mich an meine Schwester, das ist alles. Ich sagte, sie sei wie meine Schwester, vielleicht verstand man dies falsch. Oder vielleicht wollte man mir eins auswischen, ich habe mich der Herrin des Hauses gegenüber nicht ganz wohlerzogen benommen.” Der Herzog nickte langsam, als prüfe er die Worte auf ihr Gewicht. Er lehnte sich zurück, der Blick kühl, doch ohne sichtbare Anspannung. „Ich will Euch glauben, junger Herr. Dennoch rate ich, künftig dort zu verkehren, wo man nüchtern bleiben kann. Er wandte sich dem Graf Gunther zu. “Ser Gunther, ich danke für Eure Zeit. Ich nehme an, Ihr werdet in Eurer Familie selbst das Nötige veranlassen.“ Graf Gunther neigte den Kopf, knapp und steif. „Selbstverständlich, Euer Gnaden.“ Der Herzog nickte zum Zeichen, und damit war die Unterredung beendet. Roméro stand auf, verbeugte sich, mied den Blick des Vaters. Er wusste, das Gespräch war nicht vorbei, es würde nur anderswo fortgeführt werden.

Kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, blieb Gunther stehen. Roméro drehte sich halb zu ihm um, noch immer bemüht, gelassen zu wirken, aber der Blick des Vaters ließ keinen Platz mehr für Fassade Der Bernsteingraf blickte seinen Sohn eisig an „Du willst mir also weismachen, das alles sei ein Missverständnis?“ Roméro öffnete den Mund, zögerte, schloss ihn wieder. „Vater, ich…” „Schweig. Ich habe genug gehört.“ unterbrach er ihn barsch. Er ging ein paar Schritte auf ihn zu, langsam, die Gräfin blieb zurück, den Blick gesenkt, beide Hände an der Brust. „Du weißt, ich bin kein Narr. Und ich weiß, du bist kein Narr! Du magst betrunken gewesen sein, aber du weißt, was du sagst! Also sag es mir gerade heraus ins Gesicht! Und keine Lügen, keine Ausflüchte! Ich warne dich! Ich frage dich ein einziges Mal! Warum, bei den Dreien, hast du in einem Bordell von deiner Schwester gesprochen, wenn sie tot ist?“ Er machte eine kurze Pause, dann fragte er “Oder ist sie es nicht?” Roméro hielt den Atem an. Er sah seinen Vater an, wollte lächeln, wollte sein spitzbübisches Lächeln aufsetzen, das ihm so oft den Arsch gerettet hatte, doch seine Mundwinkel fanden nicht den Weg hinauf. „Ich… ich habe sie gesehen.“ Die Mutter stieß einen entsetzten Laut aus. Graf Gunther erstarrte, denn auch, wenn er eine ähnliche Antwort vielleicht vermutet hatte, so hatte ihn nichts auf diese Antwort vorbereiten können. „Wo?“ „Hier. In Ajaran. Im Südviertel.“ Roméro hob abwehrend die Hände “Bei den Dreien, nein, sie ist nicht in einem Bordell beschäftigt! Sie hatte gehört, ich sei hier und war auf der Suche nach mir, um mich zu sehen!” „Allein?“ „Nein. Sie ist in Begleitung!” „Mit wem?“ Roméro schwieg. “Wer? Ein Mann?” Roméro schluckte und nickte. „Sag seinen Namen.“ „Graf Endarion von Hohenehr.“ Der Bernsteingraf lachte auf. Es war kein echtes Lachen, eher ein Laut zwischen Zorn und Verzweiflung. “Ich beginne zu begreifen. Graf Endarion von Hohenehr. Das ist also der Mann, für den sie sich das Leben nahm. Der, der sie aus allem herausgerissen hat, was sie war.“ “Es war ihre Entscheidung, nicht seine. Und es war nicht nur wegen Endarion. Es war auch wegen Merik. Und jetzt ist sie glücklich, Vater.“ “Sag mir, Roméro… Wusstest du es? Wusstest du es von Anfang an?” Roméro schluckte und nickte. “Du wusstest es?” schrie der Bernsteingraf. “Als deine Mutter tagelang in ihren Gemächern weinte und kaum mehr das Bett verlassen konnte… Und du... du hast sie getröstet, sie angelogen, während du wusstest, dass ihre Tochter lebte?!” Roméro stand still, die Schultern steif, der Blick gesenkt. Als er sprach, war seine Stimme rau, aber beherrscht. „Ja, ich wusste es.“ Graf Gunther machte einen Schritt auf ihn zu, blass vor Zorn. „Und du hast uns leiden lassen?“ Roméro hatte nun Tränen in den Augen „Was hätte ich tun sollen, Vater?“ In seinem Gesicht spiegelten sich Schuld und Verzweiflung. “Ihr hättet es nie verstanden. Sie wollte fort aus Olathor, sie wollte frei sein. Sie fürchtete sich vor Merik, sie fürchtete sich vor der Hochzeit, und dass wir abreisen und sie alleine in seiner Obhut lassen. Obhut…” er spie das letzte Wort vor Verachtung aus. “Er hat sie wie den letzten Dreck behandelt! Er war ein Hurenbock und ein arrogantes Arschloch! Ohne Endres Endarion hätte sie sich vom Balkon gestürzt! Und wenn ich euch gesagt hätte, dass sie lebt, wer weiß, was dann gewesen wäre? Ihr hättet sie vielleicht zurückgeholt, ob sie wollte oder nicht! Und das hätte ich sie zugelassen! Familie über alles, das waren stets Eure Worte! Und trotzdem habt ihr sie an das größte Arschloch im Weltenrund verschachert! Familie über alles, das gilt auch für meine Schwester! Und darum habe ich geschwiegen!" Gunther schwieg, die Hände zu Fäusten geballt. Roméro machte einen Schritt vor, die Stimme nun lauter und sicherer „Ich konnte ihr das nicht antun, Vater. Sie bat mich, zu schweigen. Und ich… ich habe ihr geholfen und sie gehen lassen. Ich habe euch belogen, ja, aber nur, weil ich ihr helfen wollte.” Gräfin Aurelia stand im Raum, die Hände an den Lippen, Tränen in den Augen. Aber unter ihren Händen erschien ein kleines Lächeln. Gunther atmete schwer, blickte seinen Sohn lange an und man sah, wie Zorn und Erschütterung sich in ihm abwechselnden.

Valésia und Endres saßen am Abend in jener Gaststätte, in der sie sich mit Roméro verabredet hatten. Abgesehen davon dass Valésia in freudiger Erwartung war, ihren Bruder wieder zu sehen, hofften sie natürlich auch auf eine Lösung für einen Freibrief, den er in Aussicht gestellt hatte, zu besorgen. Sie warteten schon eine geraume Zeit auf Roméro, doch er kam nicht. Valésia rutschte unsicher auf ihrem Stuhl hin und her. “Warum verspätet er sich so? Er wollte längst hier sein. Oder habe ich etwas missverstanden? Er sagte, am selben Ort zur selben Zeit. Das ist hier und jetzt.” flüsterte Valésia Endres zu. Da öffnete sich die Tür der Wirtsstätte, und ein junger Mann betrat den Gastraum. Er sah sich um, bis seine Blicke auf das Paar fielen, das erwartungsvoll in einer Ecke saßen. Er lächelte, als er die beiden sah und trat festen Schrittes auf die beiden zu. Als er Valésia sah, lächelte er sie an und deutete mit dem Kopf eine winzige Verbeugung an. “Guten Abend, Komtess…” raunte er. Valésia erstarrte, als sie in das Gesicht des Jungen blickte. “Daon…?” hauchte sie und er nickte. Der Knappe Romeros. “Es ist also wahr. Ich wollte es nicht glauben.” sagte er und betrachtete sie beinahe ungläubig. “Daon… wieso… was ist los? Wo ist Roméro?” stammelte sie. “Er kann im Moment nicht kommen, er schickte mich, Euch dieses Schreiben zu überreichen. Er händigte ihr ein gefaltetes Pergament aus, und trat einen Schritt zurück. Er starrte sie immer noch ungläubig an, während sie erst Endres einen fragenden Blick schenkte, und danach das Siegel brach. Das Siegel das das Wappen Aramajés, und die Initialen Romeros trug.
Liebste Schwester,
ich kann nicht zu dir kommen, jedenfalls nicht jetzt. Was im Bordell vorgefallen ist, ist nicht im Bordell geblieben. Der Herzog erfuhr es und somit erfuhren es auch Vater und Mutter. Sie haben mich ins Kreuzverhör genommen und es erschien mir unter diesen Aspekten unmöglich, die Lüge aufrecht zu erhalten. Sie wissen, dass du lebst, verzeih mir! Vater will es mit eigenen Augen sehen, er will dich unter allen Umständen sehen. Und auch Mutter. Ich beschwöre dich, tut nichts unüberlegtes, und flieht nicht. Ich werde tun, was ich kann. Ich schicke meinen Knappen Daon Morgen um dieselbe Uhrzeit mit einer weiteren Nachricht, bis dahin hoffe ich, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst.

Roméro
Am Scheideweg ❖
baum-endres lag die Nacht über immer wieder mit offenen Augen im Bett und starrte an die Decke. Valésias Worte, wollten ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. »Wir haben noch meinen Schmuck im Gepäck. Diesen könnten wir doch verkaufen…Und wenn wir erst Zuhause in Paltoria sind, dann schenkst du mir einfach neuen.« Und Endres konnte es sich nicht wirklich erklären. Aber es war wohl das schlechte Gewissen, welches mehr und mehr an ihm nagte. Zu Hause…Endres hatte seine Heimat schon so lange nicht mehr gesehen. Paltoria. Endres schüttelte den Kopf. Er konnte nicht nach Hause gehen. Und Valésia schon gar keinen neuen Schmuck schenken, zumindest nicht exorbitant teuren. Die Nacht neigte sich bereits dem Ende, und Endres war schon zum dritten Mal erwacht. Eine Nacht wie diese hatte er schon lange nicht mehr überstehen müssen. Lag es nur an dem unbequemen Bett, der schlechten Gegend, dem Bier? Oder war es doch das schlechte Gewissen? Er warf der schlafenden Valésia immer wieder einen Blick zu, sah sie nachdenklich an und schloss wieder die Augen. Sie war so unschuldig und voller Hoffnung. Und er täuschte sie in eine Illusion, die niemals Wirklichkeit werden würde. Er liebte sie, sehr sogar. Doch war es noch Liebe, wenn man die Frau, die man liebte, auf eine solche Art und Weise hinterging und im Dunkeln ließ? Wie gerne hätte er ihr längst die Wahrheit gesagt. Doch er wagte es nicht. Zu groß war die Scham. Er, ein Niederer. Ein Lügenbaron, das war das einzig adelige an ihm. Und er hatte ihr absolut nichts zu bieten. Und nun, als ihre Familie, und damit auch ihre Vergangenheit, eingeholt hatte, raubte der Wink des Schicksals ihm den Schlaf. Vielleicht war dies ein Moment, diesen Traum…diese Illusion…diese Lüge aufzugeben. Bevor er Valésia noch tiefer ins Unglück stürzte. Wenn man jemanden liebt, muss man ihn ziehen lassen können. Aber wenn Valésia die Wahrheit erführe, und sich doch für ihn entschied? Endres schüttelte den Kopf. Vielleicht hatten die Drei, an welche die Ariader glaubten, dass sie das Schicksal repräsentierten, ihm ein Zeichen gesandt. Valésia loslassen. Sie zurück in den Schoß ihrer Familie kehren zu lassen. Ihr die Möglichkeit auf das bessere Leben ermöglichen, dass sie verdiente? Doch Endres konnte sie nicht loslassen. Er war ihr ganz und gar verfallen. Doch die Wahrheit? Die konnte er ihr nicht sagen. Niemals!

Der neue Morgen riss Endres schließlich zum letzten Mal aus dem Schlaf. Valésia wirkte aufgeregt, und es schien als könne sie es kaum erwarten, dass der Tag endlich sein Ende fand, so dass sie ihren Bruder wieder sehen konnte. Endres erging es in dieser Zeit etwas anders. Natürlich war er auch neugierig, ob Roméro gute Nachrichten für sie bringen würde. Doch auf der anderen Seite war er auch besorgt, denn je öfter Valésia ihren Bruder sehen würde, desto schwerer würde ihr auch dann der Abschied fallen, wenn sie ihre Reise dann fortsetzen würden. Der Tag verging quälend langsam. Endres und Valésia verließen, kaum hatten sie sich angekleidet, sofort ihre Unterkunft und daraufhin auch so rasch wie möglich, das Viertel. Endres wollte so wenig Zeit wie möglich an diesem ruchlosen Ort verbringen. Allein das Gezeter der Menschen, und all die Obdachlosen, die auf den Straßen herumlungerten, waren in seinen Augen ein Greul. Niemals würde er sich dazu herablassen, auf der Straße um Almosen zu betteln. Ganzgleich wie tief er auch fallen möge. Ganz gleich, wie wenig Geld er auch besitzen mochte. Niemals, das hatte er sich einst geschworen, würde er für Almosen auf dem Boden sitzen und um Münzen betteln. Solange noch etwas Schneid und etwas Charme in ihm übrig waren, gab es immer eine Möglichkeit an Geld zu kommen. Doch diese Herabwürdigung würde er niemals ertragen.

Sie hatten das Viertel gerade hinter sich gelassen und den großen Markt betreten. Es herrschte reges Treiben und die Händler und Tandler boten allerlei Waren feil. Von Lebensmitteln bis zu allerlei Tand und Ramsch. Doch Endres gelüstete es nicht, auf dem Markt zu flanieren. Der Hunger trieb die Beiden zu einem Stand, welcher Teil eines kleinen Ladens war. Dort wurden Geräuchertes und Geselchtes verkauft. Aber auch frisches Brot. Doch ein Brot mit geräucherter Wurst oder Schinken, war nicht gerade eine fürstliche Mahlzeit. Und sie vermochte es auch nicht, allzu lange, den Hunger zu stillen. Einige Meter weiter, bot ein Bäcker frische Backwaren an. Überwiegend süßes Gebäck und Pasteten. Eine Pastete war schon sehr schmackhaft. Und es gab sie in allerlei Varianten. Mit Marmelade, mit Gänseleber, mit Obst oder Gemüse gefüllt. Endres lief das Wasser im Mund zusammen, als die unzähligen, verschiedenen Düfte seine Nase umgarnten und so entschlossen sie schließlich, dass eine Pastete genau das richtige sein würde.

Die Pastete war warm und wohlschmeckend gewesen. Und das Dünnbier, welches sie dazu getrunken hatten, ergänzte den Geschmack geradezu. Und so schlenderten die beiden schließlich weiter. Valésia hatte angedeutet, ihren Schmuck veräußern zu wollen und so hatten sie sich entschlossen, in der oberen Stadt, nach einem Pfandleiher zu suchen. Eine Stadt in der Größe wie Ajaran hatte sicherlich mehr als nur einen. Zwischen Wechselstuben, Handelshäusern und Gaststuben, fanden sie schließlich auch eine Pfandleihe. Es war ein kleiner Laden, welcher durch eine hölzerne Budel in zwei Teile getrennt worden war. Der Bereich für die Kunden war nur ein kleiner Wartebereich, doch hinter der Budel standen allerlei Regale, in welchen sich allerlei Gegenstände befanden. Doch nichts davon schien von besonderem Wert zu sein. Die wirklich wertvollen Sachen befanden sich zweifellos in einem Tresor. Oder in einem gesonderten Raum, zu welchem eine, beinahe unscheinbare, Türe führte. Valésia zeigte dem Pfandleiher den Schmuck, den sie bereit war zu veräußern, und das Feilschen hatte kaum begonnen, als Endres seine Hand auf die Budel legte. «Guter Mann. Wir wollten vorerst nur einen Preis erfragen. Wir möchten den Schmuck noch nicht veräußern.« Der Pfandleiher sah die Beiden mit mürrischen als auch mit wehmütigen Blicken an. »Wirklich Schade. Das hier…« Er deutete auf eine Kette. »…ist wirklich ein schönes Stück. Der Rest ist eher wertlos. Einfaches Geschmeide, vergoldetes Silber. Bernsteine. Nichts von großem Widerverkaufswert. Aber diese Kette…Sie ist interessant.« Endres rollte mit den Augen. Der Mann war offensichtlich ein Betrüger. Endres konnte sich nicht vorstellen, dass der Schmuck der Komtess von Aramajé von minderer Qualität war. Er versuchte nur den Preis zu drücken, da ihm klar war, was für kleine Schätze er da in den Händen hielt. »Für die Kette würde ich vier Schmarzmark bieten. Den Rest würde ich für eine weitere dazunehmen. Aber nur wenn die Kette auch verkauft wird.« Endres nickte bestimmend, und schob den Schmuck zurück, so dass Valésia ihn wieder einpacken konnte. »Wir werden darüber nachdenken, guter Mann.« Und so verließen sie die Pfandleihe und kaum hatten sie den Laden verlassen, da begann Enders auch schon ungehalten zu murren. »Hast du Worte? Der Kerl hat doch die Unverfrorenheit uns direkt ins Gesicht zu lügen! Vergoldet? Pha.« Er legte seinen Arm um Valésias Hüfte und schob sie, beinahe als würde er sie so schnell und weit wie möglich von diesem Laden hinfort schieben wollen.

Der zweite Pfandleiher hingegen schien etwas aufrichtiger als sein Zunftsgenosse zu sein. Er offerierte auch eine deutlich höhere Summe, doch er räumte bereits ein, dass er den Schmuck nicht kaufen wollte. Als Endres sich erkundigte aus welchen Gründen, da gestand der Pfandleiher, dass ihm aktuell die Geldmittel fehlten. Aber im nächsten Monat würde er gewiss und gerne alle Schmuckstücke erwerben wollen. Endres wirkte nicht sehr erbaut. »Wie kann ein Pfandleiher nicht über Geld verfügen? Eure Regale sind voll mit Waren.« Da lächelte der Mann und eine bittere Note mischte sich in sein Lächeln. »Ja, Alles Dinge, die ich erworben habe. Mit meinem Geld. Aber ein Pfandleiher lebt davon, dass die Waren irgendwann auch wieder zurück gekauft werden. Volle Regale sind ein Zeugnis von schlechten Entscheidungen.« Da nickte Endres verstehend.

Der Tag neigte sich so langsam dem Ende und der Weg der beiden führte sie schließlich zu jenem Gasthaus, in welchem sie sich mit Valésias Bruder treffen wollten. Endres zog den Stuhl zurecht, so dass Valésia Platz nehmen konnte, und anschließend nahm er ihr gegenüber Platz. Und so begann das Warten. Die Schankmaid kam, nahm eine Bestellung entgegen und Endres bestellte zwei einfache Dünnbier. Er ahnte bereits, dass Roméro, sobald er aufkreuzen würde, zu stärkerem wechseln würde. Endres trank langsam und Valésia wohl auch. Vermutlich war das Bier schon halb schal, als es noch immer nicht leer getrunken war, doch Roméro war bisher noch nicht erschienen. Valésia begann schon, ungeduldig oder nervös auf ihrem Stuhl herum zu rutschen und Endres sah ihre Sorge, doch wusste keine Antwort auf ihre Frage. »Warum verspätet er sich so? Er wollte längst hier sein. Oder habe ich etwas missverstanden?« Endres schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebste. Wenn du etwas missverstanden haben solltest, dann habe ich das wohl auch.« »Er sagte, am selben Ort zur selben Zeit. Das ist hier und jetzt.« Endres zuckte mit den Schultern. »Vielleicht verspätet er sich. Heute war doch die Unterredung mit dem Herzog. Vielleicht gab es dringende Angelegenheiten, die keinen Aufschub duldeten?« Mehr viel ihm dazu auch nicht mehr ein. »Er wird schon noch kommen.« Endres legte ihr seine Hand auf die ihre und versuchte sie auf diese Weise zu beruhigen. Doch seine Worte sollten sich als falsch erweisen. Ein Bote betrat die Schenke und er überbrachte eine Nachricht von Valésias Bruder. Und als sie die Nachricht las, da zogen sich Sorgenfalten auf ihre Stirn. »Was steht dort, meine Liebste?«, erkundigte sich Endres neugierig, nachdem Valésia den Brief gelesen hatte. »Roméro…«, antwortete sie nachdenklich. »Er wird nicht kommen.« Endres nahm den Brief an sich und las ihn nun selbst. Und als er die Worte, die auf dem Papier geschrieben standen, gelesen hatte, weiteten sich seine Augen. »Er hat es ihnen gesagt?« Seine Stimme war so leise, dass man sie kaum vernehmen konnte. Und instinktiv huschten seine Augen durch den Raum.

Mit einem Mal fühlte er sich nur noch beobachtet und verfolgt. Wenn Valésias Eltern wussten, dass sie nicht verschieden war, dann würden sie nach ihr suchen. Wenn sie Roméro ins Kreuzverhör genommen hatten und er das verraten hatte, dann vielleicht auch, dass sie sich hier treffen wollten? Vielleicht war der Bote beschattet worden? Endres wurde kreidebleich. »Das ist…« begann er und seine sonst so geschmeidigen, wohlüberlegten und selbstsicheren Worte verloren sich in Stocken und Straucheln. »…wir müssen gehen.«, meinte Endres und rief die Schankmaid, indem er die Hand erhob und ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. »Verzeihung, wir würden gerne die Zeche begleichen.« Endres legte die geforderten Münzen auf den Tisch, erhob sich und bot Valésia seinen Arm dar. »Wir sollten gehen, meine Liebste.« Endres führte Valésia auf die Straße und sah sich suchend um. Und scheinbar bemerkte Valésia die Unruhe die sich seiner bemächtigt hatte. »Deine Eltern wollen dich sehen.«, murmelte Endres und in ihm krampfte sich alles zusammen. Ihm wurde ungewöhnlich heiß und ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. »Dein Bruder wird morgen um eine weitere Nachricht schicken? Er will ein Treffen arrangieren?« Endres geriet nun vollends aus der Fassung und beschleunigte seine Schritte, so dass er Valésia förmlich hinter sich her zog. Als ihm bewusst wurde, dass Valésia kaum Schritt halten konnte, hielt er inne und versuchte sich wieder zu beruhigen. »Das ist keine gute Idee! Gar keine!«, meinte er und sah ihr dabei tief in die Augen. »Egal, was dein Bruder gesagt hat. Wir sollten fliehen. Noch heute!« Valésia schien von Endres‘ Vorschlag nicht sehr erbaut zu sein, doch Endres schüttelte nur den Kopf. »Du weißt, was mit Valerion passiert ist?« Er sah sie fragend an und sein Blick wurde sehr ernst. »Sie werden mich gefangen nehmen. Mich vor den Herzog schleifen und mich bezichtigen dich entführt zu haben. Ganz gleich, was auch immer du sagen wirst. Sie werden es nicht glauben, oder es nicht anerkennen. Du bist einem Höhergestellten versprochen gewesen. Dein Tod wurde vorgetäuscht, du wurdest aus dem Land gebracht und jetzt findet man dich so nah an der Grenze des Königreiches. Das ist Hochverrat. Entführung einer Adeligen. Vertuschung…oh weh. Und wenn sie die Frau, die sie für deine sterblichen Überreste halten… Verschwörung. Mord! All das werden sie mir anlasten!« Endres wirkte mit einem Mal völlig aus der Ruhe. Er wirkte nervös. Zitterte am ganzen Leib und seine Haut hatte beinahe jede Farbe verloren. »Es macht keinen Unterschied ob ich von Adel bin…ich bin doch nicht einmal aus den ariadischen Königreichen. Ein Fremder. Ein…ein…« Endres hielt inne und nahm Valésias Hände in die seinen. »Du liebst mich doch oder?« Valésia sah ihm tief in die Augen und nickte. »Natürlich. Ich liebe dich, Endres Endarion.« Endres nickte und sein Herzschlag schien sich etwas zu beruhigen. »Und würdest du mit mir gehen. Egal wohin wir auch gehen? Würdest du mich diesem Los ausliefern?« Valésia schüttelte den Kopf, doch man konnte sehen, dass sie nicht ganz verstand, warum Endres so aufgebracht war. »Vielleicht wird Vater uns seinen Segen geben, du bist doch von hoher Geburt.« Endres lachte bitter…

Es hatte so viele Gelegenheiten gegeben, Valésia reinen Wein einzuschenken. So viele Gedanken hatte er dazu gesponnen. Wie sollte er es ihr sagen? Was sollte er ihr sagen? Wie würde sie reagieren? Endres stand nun hier und versuchte Valésia davon zu überzeugen, dass es die schlechteste Idee überhaupt wäre, bei ihren Eltern vorstellig zu werden. Sie würden sie einfach mitnehmen. Ihr Vater war ehrgeizig. Er wollte sie an einen höhergestellten Adeligen verheiraten, von zweifelhaftem Ruf. Dies nur zum Zwecke einer politischen oder wirtschaftlichen Allianz. Um Valésias Wohl ging es ihm hierbei nicht. Und wenn sie Valésia mit sich nehmen würden, hätten sie nur drei Wege zu beschreiten. Reumütig nach Olathor zurückkehren, alles für ein Missverständnis erklären, Endres als Sündenbock ausliefern und Valésia zurück in Meriks Arme führen. Doch wenn Merik, oder gar sein Vater der Erzherzog, sie ablehnen würden, würden Valésia wie auch ihrer Familie die Schande anhaften. Würde ihr Vater ein solches Risiko eingehen, nur um eventuell doch seinen Nutzen daraus zu ziehen? Die Alternativen waren ein Kloster oder Valésia für immer in der Burg gefangen zu halten. In ihrem goldenen Käfig. Niemals frei. Und egal welches Szenario es sein würde. Für Endres würde es mit dem Tode enden. Sie glaubten er wäre ein Adeliger aus Paltorie. Der ihr ein gutes Leben bieten konnte. Würden sie ihm ihren Segen geben? Damit sie fern der Heimat leben konnte. In Wohlstand und Freude? Würden sie die Brüskierung abschütteln? Und der Liebe ihrer Tochter den Vorzug geben? Und dies alles, ohne einen einzigen Vorteil oder Nutzen daraus zu ziehen?

Als Endres und Valésia in ihrer Unterkunft angelangt waren, begann Endres sogleich ihr Hab und Gut in den Taschen zu verstauen. »Wir…« Er hielt kurz inne und warf Valésia ein freundliches, wenn auch mattes und bitteres Lächeln zu. »…Ich kann kein Risiko eingehen. Ich möchte nicht enden wie Valerion…Ich möchte nicht an den Pranger.« Valésia ergriff Endres‘ Hand und sah ihn nur an doch Endres erkannte, dass sie einfach nicht verstand, was in ihm vor ging. »Ich…«, Endres stotterte und nahm Valésias Hand in die seine. »Bitte verzeih mir, meine Liebste. Ich schwöre dir. Mein Herz gehört nur dir allein. Ich liebe dich, von ganzem Herzen.« Mit diesen Worten fiel er vor ihr auf ein Knie und sah ihr, mit den Kopf in den Nacken gestützt, in die Augen. »Aber wenn ich vor deinen Vater trete, fürchte ich, dass dies mein Ende sein wird. Er wird mich niemals als seinen Schwiegersohn akzeptieren. Mich…« Endres biss sich auf die Lippen und sein Blick wurde verklärter. »Ich wünschte mir, dass wir unser ganzes Leben gemeinsam verbringen. Doch ich kann dich nicht von dieser Stadt, und von deiner Familie, fortführen. Gegen deinen Willen. »Wenn du Vater diese Worte sagst, bin ich sicher, dass er uns ziehen lassen wird. Vielleicht ist ein Bündnis mit Paltoria, wenn wir beider auf der Hohenehr leben, für ihn auch von Nutzen?« Endres‘ erstarrte. Sein bitteres Lächeln verkrampfte sich und er sah Valésia mit einem Blick an der Resignation und Trauer ausdrückte. »Ich habe es immer wieder versucht. Aber es stets vor mir hergeschoben. Ich dachte, ich könnte diesem Moment entgehen. Es irgendwie schaffen. Und dir ein Leben bieten, dass du verdienst.« Valésia sah Endres sichtlich verwirrt an. »Ich muss dir die bittere Wahrheit verraten. Eine Wahrheit, vor der ich mich gefürchtet habe sie dir je zu offenbaren, denn ich fürchtete, dass deine Liebe zu mir sich in Ablehnung und Verachtung wandeln würde. Dass ich dich betrogen habe und belogen…Doch ich schwöre dir, von ganzem Herzen, ich habe dies nie in böswilliger Absicht getan, sondern aus ehrlicher Liebe. Vom ersten Moment an, an dem ich dich sah, war ich dir verfallen. Und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir jemals eine Zukunft haben könnten. Doch die Ereignisse überschlugen sich. Ich hatte die Gelegenheit verpasst, dir die Wahrheit zu offenbaren. Und dann, als wir schon auf der Flucht waren, da gab es kein Zurück mehr. Und ich hoffte, jeden Tag, dass sich ein Wink des Schicksals ergeben würde.« Valésia sah Endres mit einem sorgenvollen Blick an. Zweifellos waren diese Worte sehr verwirrend für sie. Er gestand ihr seine Liebe doch all die anderen Worte ergaben doch keinen rechten Sinn. »Was hat das alles zu bedeuten?«, erkundigte sie sich und Endres seufzte. »Ich habe gelogen. Ich bin kein reicher Adeliger. Ich besitze keine Burg, keine Ländereien…kein Geld.« Endres stockte, für einen Moment. Er dachte darüber nach, ihr die ganze Wahrheit zu verraten. Doch er brachte es einfach nicht über die Lippen. Die Schmach und die Schande waren zu groß. Sowohl für sie, als auch für ihn selbst. Und vermutlich war letzteres sogar das größere Problem, denn Endres war ein stolzer Mann, der sich für seine Herkunft schämte. »Ich bin mittellos. Meine Familie wurde verstoßen und entmachtet. Valerion und ich sind aus Paltoria geflohen, da uns der Tod drohte. Ich kniee hier vor dir, und bitte dich um Vergebung. Und wenn du mich jetzt hassen wirst, dann wird mein Herz zerbrechen. Doch ich kann dir die Zukunft, die du dir erhoffst, nicht bieten. Und so sehr ich dich auch liebt, wenn du mit deiner Familie gehen willst, dann kann und darf ich dir diese Wahrheit nicht vorenthalten.« Und mit diesen Worten ließ er seinen Kopf sinken und Valésia ihre Hände aus den seinen gleiten. Fassungslos starrte sie ihn an und Endres ergab sich in das Schicksal, dass er viel zu lange vor sich hergeschoben und welches ihn nun gnadenlos eingeholt hatte.
Nüchterne Erkenntnis ❖
"baum-er hat es ihnen gesagt?" hauchte Endres und Valésia sah, wie sich sein Gesichtsausdruck änderte. Ihr schien förmlich in sich zusammen zu fallen und sogar die Farbe wich ihm aus dem Gesicht. "Sieh, was er geschrieben hat" meinte Valésia leise. "Er konnte unter diesen Aspekten die Lüge nicht mehr aufrechterhalten, und ich glaube ihm. Er hat es nicht böswillig getan, Endres, und das musst du ihm auch glauben!" Endres bezahlte umgehend die Zeche, und kurz darauf fanden sie sich schon auf der Straße. Eine unglaubliche Unruhe schien sich seiner bemächtigt zu haben und er sprach zwar zu ihr und doch schien er mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein "Deine Eltern wollen dich sehen. Dein Bruder wird morgen um eine weitere Nachricht schicken? Er will ein Treffen arrangieren?" Valésia versuchte, mit Endres Schritt zu halten, doch dies gestaltete sich als äußert schwierig. "Beruhige dich, Liebster. Das hat er nicht geschrieben. Er schrieb lediglich, dass sie mich sehen wollen! Und das ist nach so einer Nachricht nur verständlich!" "Das ist keine gute Idee. Gar keine!" meinte Endres und fügte noch hinzu, dass sie heute noch die Stadt verlassen und fliehen sollten. Doch Valésia war von dieser Idee nicht unbedingt begeistert. Zum ersten war es bereits Abend. Jetzt alles abzubrechen und diese Stadt zu verlassen in die sie erst vor einem Tag gekommen waren, erschien ihr nicht der beste Vorschlag zu sein. Und außerdem hatte sie gerade erst ihren Bruder getroffen und jetzt sollte sie, wider seine Bitte die er in seinem Schreiben geäußert hatte, sang und klanglos und ohne Abschied verschwinden? Nein, das war gänzlich unmöglich! "Endres. Bitte nicht. Warten wir dich erst einmal ab, vielleicht wird es nicht so schlimm, wie du dir das vielleicht ausmalen magst. Was können sie schon tun?" "Du weißt, was mit Valerion passiert ist?" fragte sie und sie nickte stumm. "Sie werden mich gefangen nehmen. Mich vor den Herzog schleifen und mich bezichtigen dich entführt zu haben." Valésia schüttelte den Kopf. "Nein, Liebster! Das werde ich zu verhindern wissen! Ich werde ihnen die Wahrheit sagen. Dass ich aus freien Stücken mit dir gegangen bin und dass es ganz alleine meine Idee war! So war es doch! Nicht du hast mich gebeten, mit dir zu kommen, nein, ich habe dich angefleht, mich mitzunehmen!" Doch Endres schüttelte den Kopf. "Ganz gleich, was auch immer du sagen wirst. Sie werden es nicht glauben, oder es nicht anerkennen. Du bist einem Höhergestellten versprochen gewesen. Dein Tod wurde vorgetäuscht, du wurdest aus dem Land gebracht und jetzt findet man dich so nah an der Grenze des Königreiches. Das ist Hochverrat. Entführung einer Adeligen. Vertuschung…oh weh. Und wenn sie die Frau, die sie für deine sterblichen Überreste halten… Verschwörung. Mord! All das werden sie mir anlasten!" Angst stieg in der jungen Frau hoch, und sie schluckte. "Endres… du machst mir Angst!" hauchte sie, aber sie versuchte ihm Mut zuzusprechen. Oder sich selbst? "Du wirst nicht das gleiche Schicksal erleiden wie dein Knappe. Du trägst das edle Blut deiner Ahnen in dir! Niemand wird es wagen, dich wegen Hochverrat anzuklagen, oder gar zu köpfen!" Doch Endres ließ sich davon nicht beirren; in seinen Augen hatte ein Fremder in Ariad ohnehin keine Gnade zu erwarten.

Kaum in ihrer Unterkunft angelangt, begann er, ihre Sachen zu packen. Valésia verstand dies alles nicht. So hatte sie ihren Liebsten noch nie erlebt. Er, der stets wusste, was zu tun war, der immer eine Idee hatte und sie aus jedem Schlamassel gebracht hatte, stand nun hier wie ein Häufchen Elend und wirkte gar nicht mehr so selbstsicher wie noch vor einer Stunde. Ja, er ging vor ihr auf die Knie, während sie einander an den Händen hielten, und die Komtess begriff nicht mehr, was hier vor sich ging. "Wenn du Vater diese Worte sagst, bin ich sicher, dass er uns ziehen lassen wird. Vielleicht ist ein Bündnis mit Paltoria, wenn wir beide auf der Hohenehr leben, für ihn auch von Nutzen?" Endres erstarrte. Und plötzlich schien es, als hätte sich etwas in Endres gelöst. Es war, als risse eine innere Schleuse auf, und die Worte stürzten hervor wie Wasserfluten nach einem Dammbruch. Und mit einer ebensolchen Wucht stürzten diese Worte auf die junge Komtess hernieder, dass sie kaum begriff, was in diesem Moment geschah. Doch Valésia spürte, dass jetzt etwas Schreckliches passieren würde, noch bevor er den Mund öffnete. Etwas in seiner Haltung verriet es. Dieses kleine Zögern, das zu lang dauerte, dieser Blick, mit dem er sie ansah. Ihr Herz begann schneller zu schlagen vor Angst, so plötzlich, dass sie kaum atmen konnte. Ihr Blut rauschte in ihren Ohren. Dumpf, schnell, laut. Ihre Brust wurde eng und ihr war, als lege sich eine Hand um ihren Hals und drücke zu. Es fühlte sich an, als dehnte sich alles in ihr aus und schnürte sich zugleich zusammen. Sie sah ihn an, doch das Bild verschwamm leicht. Geräusche im Zimmer, das Prasseln und Knacken der unsauberen Kerze, der Wind am Fenster, das dumpfe Poltern unter ihren Füßen des Wirtshauses, all das rückte in weite Ferne. Nur ihr eigener Herzschlag und ihren Atem blieben laut, wie Trommelschläge auf einem Schlachtfeld, und wie ein ohrenbetäubender Sturm. Sie wusste nicht, was er sagen würde. Aber sie wusste, dass etwas kommen würde. Und diese Erkenntnis war vielleicht schlimmer als alles, was danach noch kommen konnte. Als Endres vor ihr auf die Knie gegangen war, da hatte sie für einen kurzen Augenblick gedacht, er wolle sie jetzt überstürzt um ihre Hand bitten. Doch da hatte sie sich arg getäuscht. Stattdessen drangen die Entschuldigungen, Beteuerungen und Erklärungen in ihr Bewusstsein. Und auf ihre vorsichtige Frage, was dies alles zu bedeuten hatte, da erklärte er, was er ihr schon seit dem sie sich kannten, vorenthalten hatte. Es gab keine Burg. Keine Ländereien. Kein Geld. Seine Familie war verstoßen und entmachtet worden, und so auch er. Er war aus Paltoria vor dem Tod geflohen, Es gab keine hoffnungsvolle Zukunft in Paltoria. Das alles sagte er ihr und bat sie auf seinen Knien um Vergebung, während er den Kopf sinken ließ.

Die Erkenntnis über die Bedeutung dieser Worte traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Hatte sie gestern noch ihrem Bruder gesagt, sie habe ihre Identität verloren und sei keine Komtess von Aramajé mehr, so begriff sie jetzt, dass sie in diesem Augenblick weniger als das war. Es gab keine Burg Hohenehr, keine Ländereien, kein Geld, keine Familie, keinen Titel. Und es gab auch kein Zuhause, für sie nicht mehr in Aramajé, aber auch nicht in Paltoria, nirgends. Sie war keine Komtess von Aramajé mehr, und sie würde keine Gräfin von Hohenehr sein. Sie war nichts. Fassungslos starrte sie auf ihn herunter, wie er da vor ihr kniete, doch sie fand keine Worte. Es war, als hätte sie ihre Stimme und ihre Sprache verloren. Valésia taumelte zwei, drei Schritte zurück. Doch dieses Zimmer war klein und damit hatte sie schon das Bett erreicht. Nach einem kurzen Blick über ihre Schulter ließ sie sich auf das Bett nieder und starrte Endres immer noch an. Sie hatte keine Worte, keine Gedanken. In ihrem Inneren herrschte heilloses Chaos. Es war, als hätte man ihr nicht nur alles genommen, sondern auch noch den Boden unter ihren Füßen weggezogen. Es herrschte völlige Stille. Es war so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Selbst dad Gepolter unter ihren Füßen im Schankraum war verklungen, als wüsste jeder um Endres Geständnis und hielte nun gespannt den Atem an. Nach einem schier endlosen Augenblick des Schweigens fand sie ihre Sprache wieder. Zumindest versuchte sie zu sprechen, doch ihre Stimme brach, rau und schwach. Valésia räusperte sich. Dann versuchte sie es erneut. "Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe keine Worte, Endres. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Aber eines weiß ich. Ich gehe heute nirgendwo mehr hin." Mit diesen Worten legte sie sich auf das Bett, wandte ihm den Rücken zu und zog sich die Decke beinahe bis zu ihrer Nasenspitze. Sie schloss die Augen und versuchte mit aller Gewalt, an nichts mehr zu denken und einfach zu schlafen. Doch das gelang ihr natürlich nicht. Wie ein Kreisel drehten sich seine Worte in ihrem Kopf. Immer und immer wieder. Je mehr sie versuchte, die Gedanken zu verdrängen, desto lauter wurden sie. Jeder Satz, jedes Wort, das er gesagt hatte, hallte nach. Seine Stimme, ruhig und doch so schwer, legte sich über alles andere wie ein Schatten. Sie lag stocksteig auf dem Bett, zog die Decke enger um sich, als könnte sie sich damit gegen die Gedanken abschirmen. Doch in ihrem Kopf drehte sich alles weiter. Endlos und unaufhaltsam. Das Bild seines Gesichts, als er diese folgenschweren Worte sprach. Die Art, wie er sie nicht ansah, als hätte er Angst vor dem, was er in ihren Augen sehen würde. Mit jedem Atemzug wurde die Stille lauter. Sie fühlte die Müdigkeit, tief, fast körperlich, aber der Schlaf blieb fern. Nur das Pochen in der Brust blieb, und dieses lähmende Gefühl, dass irgendetwas zerbrochen war. Sie öffnete kurz die Augen, starrte ins Leere und dachte, dass es vielleicht einfacher gewesen wäre, wenn er weitergelogen hätte. Aber irgendwann wäre der Tag der Wahrheit wahrscheinlich doch noch gekommen. Dann schloss sie die Augen wieder und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sich zu beruhigen. Doch es gelang nicht. Sie atmete tief ein, und als sie wieder ausatmete, entkam ihr ein tiefer, schmerzlicher Seufzer. Und dann musste sie weinen. Sie weinte lautlos. Tränen der Enttäuschung, des Schmerzes und der Resignation. Sie weinte, bis das Kopfkissen feucht war. Sie weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Bis sie vor emotionaler Erschöpfung einschlief.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, schlief Endres noch. Sie fühlte sich nicht mehr so elend wie am gestrigen Abend. Und als sie ihn so betrachtete wie er schlief, da stellte sie fest, dass er immer noch derselbe Mann war, der er vor seiner Beichte gewesen war. Eigentlich hatte er sich nicht geändert. Nur die Umstände hatten sich geändert. Alles hatte sich verändert. Aber war das nicht das gewesen, das sie gewollt hatte? Als sie ihn gebeten hatte, sie mit sich zu nehmen, weg von Merik, weg von Olathor, hatte sie ihn damit nicht erst in diese Lage gebracht? War es am Ende nicht vielleicht sogar ihre Schuld und er stand nun als Sündenbock da? Sie hatte zu ihm gesagt "Ich verlange nichts, Endres. Ich brauche keinen Reichtum, ich brauche keine hochrangigen Adelstitel, ich brauche keine Burg, ich brauche nur dich. Du bist alles, was ich will. Mit dir bin ich die glücklichste Frau in ganz Ariad." Nun hatte sie doch, was sie wollte. Ihn. Ohne Reichtum, ohne Burg, ohne einflussreiche Familie, die ihr ganzes Leben bestimmt hatte. Keinen Adelstitel mehr. Sie war ein Niemand so wie auch er, aber genau das hatte sie doch haben wollen, wenn sie nur der Hochzeit mit Merik entging. Vielleicht hätte als das vorteilhafter ablaufen können. Wenn er ihr nach ihrer Bitte, sie mitzunehmen, gesagt hätte "Ich besitze nichts, keine Burg, keine Ländereien, kein Geld, keine Familie…", was hätte sie dann getan? Sie hätte vermutlich mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass es ihr egal wäre. Sie hätte ihre Seele verkauft, wenn sie nur dem Handel mit Merik entgangen wäre. Sie hatte ihn gebeten, sie mit sich zu nehmen, was mit einem erheblichen Risiko verbunden war, wie man jetzt sehen konnte. Er hatte viel riskiert für sie. Weil er sie liebte. Wenn sie sich ehrlich war, so hatte sie schon auf der Flucht gespürt, dass irgendetwas nicht stimmig war. Kein Mensch mit Stand, Besitz und Zukunft floh so kopflos mit einer Frau, die er kaum kannte. Doch sie hatte das nicht hinterfragt, weil sie wollte, dass es wahr war. Sie war in einem goldenen Käfig gefangen gewesen, mit einer Zukunft, die sie nicht wollte, und als er kam, hatte sie ihn angefleht, sie mitzunehmen, fort von Merik, fort von Olathor. Er hatte ihr kein Versprechen gegeben, nur die Möglichkeit zu fliehen. Und sie hatte sie ergriffen, ohne zu fragen, wohin der Weg führen würde. Wenn es nur eine geringe Möglichkeit gab, dass Endres mit seinen Worten Recht behalten würde und diese Möglichkeit bestand durchaus, dann wäre es absoluter Wahnsinn, einem Wiedersehen mit ihren Eltern zuzustimmen. Man konnte ihm alles anlasten. Und nur ein einziges Vergehen dieser langen Liste würde schwer genug wiegen. Entehrung, Entführung, Hochverrat, Mord. Valésia liebte Endres. Und niemals würde sie es riskieren, dass man ihr das Liebste nahm. Und wenn man sie zurück in den goldenen Käfig steckte, dann würde ihr Geist elendig daran zugrunde gehen. Und vielleicht nicht nur ihr Geist.

Sie hob ihre Hand und strich Endres eine Strähne aus dem Gesicht. "Endres… Endres, wach auf…" sagte sie leise und strich ihm über sein Gesicht, bis er schließlich die Augen öffnete. "Ich vergebe dir. Nein, es gibt nichts zu vergeben. Ich weiß, warum du nichts gesagt hast. Wenn wir ehrlich sind, Endres, so war das am Anfang doch nichts weiter als ein Spiel.
Es war aufregend. Dazu kam ein wenig Neugier, ein wenig Trotz, und ein wenig Begehren. Ich war verlobt mit einem Mann, den ich nicht wollte und du warst… nun, du warst charmant und ein wenig unkonventionell. Und ich mochte das. Ich mochte, wie du mit gesprochen hast, wie du mit mir umgegangen bist, wie du mich zum Lachen gebracht hast. Ich habe nicht geglaubt, dass daraus mehr wird. Und du wohl auch nicht. Es war ein kleines Abenteuer, ein Spiel mit dem Feuer, nur dass keiner von uns gemerkt hat, als es plötzlich ernst wurde. Vielleicht hättest du es mir anfänglich sagen können. Aber dann war der Moment verstrichen. Ich verstehe das, Endres. Wir waren am Ende beide zu tief drin. Ich habe dich gebeten, mich mitzunehmen. Ich habe dich gebraucht. Und nicht nur, um wegzukommen. Es ist alles einfach passiert. Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gab. Und ich sagte dir, ich brauche keine Burg, Keinen Reichtum. Keinen Titel. Ich brauche nur dich. Und daran hat sich mit deinem Geständnis nichts geändert. Daran halte ich fest. Die letzten Monde mit dir waren die glücklichsten meines Lebens. Und wir hatten keine Heimat, keine Burg, keinen Reichtum. Wir hatten nur uns. Und das ist alles, was ich je wollte. Mein Herz gehört ganz und gar dir. Und ich liebe dich, wie man nur einmal im Leben liebt." Ihre Stimme war ruhig, aber mit jedem Wort kam sie ihm näher. Am Ende lagen ihre Köpfe fast aneinander. Dann schwieg sie, sah ihn aus großen Augen an, und es war, als würde eine unsichtbare Macht sie zueinander ziehen. Er berührte ihre Wange, fuhr mit dem Daumen über ihre Lippen. Ein Zittern ging durch sie, so fein, fast unmerklich. Er wollte etwas erwidern, doch sie legte ihm die Hand auf die Brust. Sie fühlte den Schlag seines Herzens unter ihren Fingern, fest und unruhig zugleich. Er griff nach ihrer Hand, hielt sie fest, als fürchte er, sie könnte sich lösen. Sie spürte seine Wärme, das Pochen seines Herzschlags, und all das Ungesagte, das zwischen ihnen gehangen hatte, löste sich wie Nebel in der Sonne. Weil es bedeutungslos war. Sie küssten sich. Erst sacht, zärtlich und vorsichtig. Ein stilles, sehnsüchtiges Wiederfinden, obwohl sie einander nicht verloren hatten. Das Licht, das durch das kleine, mit Tierhaut bespannte Fenster fiel, schimmerte auf ihrer hellen Haut, als sie sich Stück für Stück ihre Kleidung vom Leib streifte und sich in seine Umarmung begab. Sie liebten sich, als wäre es das einzige, das wirklich zählte, und mit dem Wissen, dass sie sich wirklich verziehen hatten. Mit Körper, Herz und Seele zugleich.
Ein Ende ist stets auch ein Anfang ❖
baum-mit dem Rücken zur Wand und ohne eine andere Wahl gehabt zu haben, hatte Endres sich Valésias Urteil ausgeliefert. Er hatte, im Angesicht der drohenden Konsequenzen, dafür entschieden Valésia reinen Wein einzuschenken. Etwas, dass er schon viel früher hätte machen sollen. Und auch wenn er den Kern der Wahrheit etwas verdreht hatte, entsprach es doch der Situation und der Zukunft vor der er und auch sie standen. Er war kein Mann von Adel. Doch ein vertriebener, zum Tode verurteilter Adeliger, der von seinem Land vertrieben und ins Exil geflüchtet ist, unterscheidet sich nicht mehr viel zu einem einfachen Mann in dessen Adern nie blaues Blut geflossen ist. Und den Schlag, den er Valésia versetzt hatte, musste sie auch erst einmal verdauen. Endres hatte, für den Bruchteil eines Atemzuges, darüber nachgedacht, ihr die ganze Wahrheit zu gestehen. Doch er befürchtete, dass diese Wahrheit, so unerschütterlich und grausam gewesen wäre, dass sie diese niemals verwunden hätte. Sie, eine Adelige von hoher Geburt. Seit ihrer Kindheit darauf vorbereitet einen Adeligen von hoher Geburt und hohem Status zu ehelichen. Aufgewachsen in einem goldenen Käfig, behangen mit feinstem Geschmeide und gekleidet in feinsten Gewändern. Und er? Ein ordinärer Bürgerlicher aus einem fremden Reich, der ihre Ehre, ihren Namen und ihren Status untergraben hatte und sie entweiht, entjungfert, entehrt hatte. Nein, das hatte er nicht übers Herz gebracht. Nicht nur ihretwegen, sondern auch um seiner eigenen Scham willen. Er hatte seine Vergangenheit und sein altes Leben tief in sich vergraben und weit hinter sich gelassen. Er war nicht mehr der Mann, der einst Paltoria verlassen hatte. Und er lebte schon viel länger als ein Scheinadeliger und Hochstapler, als er als einfacher Mann gelebt hatte. Dieses Leben hatte Spuren hinterlassen und ihn geprägt. Er fühlte sich mehr von hoher Geburt und von edlem Geblüt als dass er sich zu dem einfachen Volk zugehörig fühlte.

Valésia hatte die Nachricht wie erwartet aufgenommen. Sie war sprachlos und völlig aus der Bahn geworfen. Sie hatte kein Wort gesagt und ihn einfach nur mit großen Augen und bebenden Lippen angestarrt. Sie hatte den Atem angehalten. Doch in jedem Atemzug, den sie tat, konnte man das Zittern mitschwingen hören, welches sich ihrer bemächtigt hatte. Doch gesprochen hatte sie kein Wort mehr. Und Endres hatte es ihr gleichgetan. Den Rest des Abends hing eine unangenehme Spannung in der Luft. Es herrschte eine beklemmende, fast erdrückende, Stimmung und Endres fühlte, dass das Band, welches zwischen ihnen war, sich gelöst hatte. Er fühlte sich schlecht und alles in ihm hatte danach geschrien, einfach zu gehen, sich niemals umzusehen, und aus ihrem Leben zu verschwinden. Doch er saß einfach nur da, legte seine Hand auf ihre Schulter und schwieg. Und als ihn irgendwann der Schlaf übermannt hatte, träumte er einen dunklen Traum ohne Bilder und ohne Erinnerungen.

Am nächsten Morgen, als Valésia ihn weckte, sah er das schönste Gesicht, dass in seiner Welt existierte. Valésia sah ihn mit großen Augen an und er erwiderte den Blick, still und schweigend. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und Endres wollte sie hinnehmen. Ihr Lebewohl wünschen. Sie nochmals um Verzeihung bitten…sie anflehen, bei ihm zu bleiben. Jede Würde und jeden Stolz abwerfen, wenn sie doch nur bei ihm bliebe.

Aber Valésias Entscheidung war Vergebung gewesen. Endres sah sie mit großen Augen an. Er konnte die Worte, die sie sprach, kaum glauben. Doch sie kehrte seine Worte ins Gegenteil. »Nein, es ist doch nicht deine Schuld!«, warf er ein. »Ich bin in dein Leben getreten, mich für einen Adeligen mit Rang und Besitz ausgegeben. Ich habe dir Hoffnungen gemacht, die in dir eine Sehnsucht geweckt hatte. Wenn du von Anbeginn an gewusst hättest, dass ich nicht mehr Geld besitze, als jenes, welches ich bei mir trug, wären diese Gefühle niemals entstanden.« Seine Stimme war monoton und nüchtern. Doch Valésia schüttelte den Kopf. »Ich sagte dir, ich brauche keine Burg, Keinen Reichtum. Keinen Titel. Ich brauche nur dich. Und daran hat sich mit deinem Geständnis nichts geändert.« Endres sah sie einfach nur an. In seinem Inneren brodelte es förmlich und eine einzelne Träne sammelte sich in seinem Augenwinkel. Er war tief ergriffen von ihren Worten und als sie sich eine Weile lang schweigend in die Augen sahen, umarmte er sie und drückte sie so fest an sich, als ob er fürchtete, dieser flüchtige Moment könnte zerbrechen und sich in Asche und Staub verwandeln, nur um dann vom Wind verweht zu werden. »Du ahnst nicht, wie viel mir diese Worte bedeuten, meine Liebste.« Sie sahen einander in die Augen und wieder herrschte eine unfassbare Stille. Doch dieses Mal war sie nicht unangenehm oder bedrückend. Es war beinahe wie an jenem Tag, als sie sich das erste Mal einen Kuss gegeben hatten. Endres fühlte, wie ihm förmlich das Herz in der Brust zersprang. Und als sie sich einander so nah waren, dass sie den Atem des anderen auf der Haut spüren konnten, da seufzte Endres. Ihre Lippen berührten sich und dieser zaghafte, beinahe zerbrechliche Moment, fühlte sich an als ob eine zentnerschwere Last von Endres‘ Schultern abfiel. Er legte seine Hand in ihren Nacken und zog sie an sich heran. Als diese unsichtbare Wand, welche zwischen ihnen gestanden hatte, in sich zusammengefallen war, da brach die Leidenschaft aus ihnen heraus, wie ein brechender Damm, hinter welchem sich tausende Tränen zu einem See angesammelt hatten. Endres‘ Lippen verschmolzen förmlich mit jenen Valésias und auch ihr Verlangen wuchs so dass aus dem zaghaften, zerbrechlichen Kuss sich schon bald ein ungezügeltes Verlangen entwickelte. Endres Lippen glitten über ihren Hals und seine Hände streiften ihr das Kleid von den Schultern. Valésias Hände schoben sich unter die Bettdecke und glitten auf seinem Oberkörper entlang, bis sie ihren Weg in seine Bruche gefunden hatten. Seine Manneskraft war schon längst zu voller Größe erwacht und als ihre zierlichen, warmen Finger sich langsam darum schlossen, da entfleuchte Endres ein wohliges, tiefes und sehnsüchtiges Seufzen. Seine Manneskraft pochte und wurde noch härter und seine Küsse wurden feuriger und fordernder. Endres Hände zerrten an ihrer Kleidung, streiften sie von ihrem Körper und er bedeckte ihren ganzen Körper mit innigen Küssen. Das Verlangen stieg ins Unermessliche. Sein Atem wurde schwer und ihr Atem wurde schneller und als sie sich schließlich miteinander vereinten, schob er sich so tief in sie, dass Valésia ihre Augen verdrehte und sich mit den Händen in das Bettzeug krallte. Endres ließ seine Hände in die ihren gleiten, während er immer wieder und immer fester zustieß. Der Rausch wurde immer überwältigender, das Verlangen immer intensiver und Endres fühlte in sich ein noch nie dagewesenes Verlangen, welches all das Verlangen, welches er zuvor für diese Frau empfunden hatte, bei weitem übertraf.

Der Akt dauerte nicht sehr lange, doch für Endres fühlte es sich an wie eine halbe Ewigkeit. Als er sich schließlich in Valésia ergoss, da seufzte er als ob all die Last und all die Angst, die sich in ihm aufgebaut hatte, von ihm genommen wurde. Er ließ sich auf Valésia niedersinken und legte seinen Kopf auf ihre Brüste. Ihr Herzschlag dröhnte in seinen Ohren und ihrer beider Atem war das einzige, was man im Raum noch vernehmen konnte. »Ich liebe dich, meine Bernsteinrose.«, flüsterte Endres und hob den Kopf, um Valésia in die Augen zu blicken. »Und ich schwöre, ich werde alles, was in meiner Macht steht, dafür geben, dass wir ein Leben haben, dass du verdienst.« Mit diesen Worten glitt er schließlich aus ihr heraus und legte sich neben sie, hob ihren Kopf und legte ihn auf seine Schulter. Und so lagen sie nur da, starrten an die Decke und ließen die Gefühle, den Rausch und die Eindrücke, langsam auf sich wirken bis sie verklungen waren.

Die Sonne stand bereits in ihrem Zenit, als Endres und Valésia endlich aus dem Bett kamen. Sie wuschen sich mit dem Wasser aus der kleinen Kanne, kleideten sich an, und packten ihre Habseligkeiten zusammen. »Was machen wir jetzt?«, erkundigte sich Endres schließlich. Auch wenn Valésia sich nun für ihn entschieden hatte, stand noch immer die große Frage im Raum. »Möchtest du deinen Bruder nun sehen?« Valésia schien sich dabei nicht sicher zu sein und Endres setzte sich dann schließlich auf das Bett und sah sie mit ernsten Blicken an. »Wenn du ihn sehen möchtest, dann werde ich dir dabei nicht im Weg stehen. Ich hoffe du verstehst, dass ich dich dabei nicht begleiten kann. Jedenfalls nicht bis zum Ende. Ich werde an deiner Seite gehen, bis wir in der Nähe sind, damit dir nichts geschieht. Doch ich wage es nicht, deinen Eltern unter die Augen zu treten. Ich schwöre dir, dass ich auf dich warten werde. Egal wie lange es auch dauern mag. Ich werde diese Stadt nicht ohne dich verlassen.« Und so nahm er ihre Hand in die seine und drückte ihr einen sanften Kuss auf den Handrücken.

Der restliche Tag verging beinahe quälend langsam. Es schien beinahe, als ob der Sand der Zeit ihre Geduld auf die Probe stellen wollte, und die Stunden wie Honig zerfließen ließ. Die beiden spazierten durch die Stadt, besuchten die verschiedensten Orte und Plätze. An einem der Plätze waren einige Musikanten, welche mit Schalmei, Fidel und Laute ein fröhliches Lied zum Besten gaben. Endres und Valésia ließen sich treiben und es war beinahe so, als ob dieser Tag der erste Tag eines völlig neuen Lebens geworden war. Eine Widergeburt. Endres konnte es kaum glauben. Das Hochgefühl, in welchem er nun schwebte und er dachte mit Wehmut an all die Tage und Wochen zurück, welche nun hinter ihnen lagen. Wie sehr er sich doch gegrämt und gequält hatte. Wie sehr er darüber nachgedacht hatte, wie er es Valésia beichten sollte. Wann er es ihr beichten sollte, oder ob er es ihr beichten sollte. Und nun, da die Worte endlich ausgesprochen waren, da fühlte er sich irgendwie befreit. Sein Geist war sogar so befreit, dass die kleine Lüge, die er in die Wahrheit eingeflochten hatte, völlig darin untergegangen war. Selbst dieser kleine Makel bereitete ihm kein Unbehagen mehr.

Als die Musikanten ihr Lied beendet hatten, da klatschte Endres tosenden Beifall, und die Menschen, welche in seiner Nähe standen, taten es ihm gleich. Endres trat an die Musikanten heran und warf eine kleine, Münze auf das Tuch, welches sie vor sich ausgebreitet hatten und er erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Er, der wegen jeder Münze, die er ausgab, beinahe so sehr litt, wie eine Frau, die ihr einziges Kind zu Grabe tragen musste, verschenkte Geld. Einfach so. An wildfremde Musikanten. Doch Endres kümmerte es nicht. Er nahm Valésia bei der Hand und gemeinsam spazierten sie weiter, bis sie schließlich in die obere Stadt kamen. Die Bauwerke hier waren etwas schmucker und sauberer. Die Menschen waren besser gekleidet und die Läden offerierten bessere Waren. Endres und Valésia fühlten stromerten über die Straßen, von Platz zu Platz. Blieben vor Auslagen stehen, bewunderten die Waren. Endres wusste, dass sie sich nichts von all diesen Dingen leisten konnten. Und doch bereitete es ihm, in diesem Moment, keinerlei Kummer. Im Gegenteil. Er sah die silbernen Kleinode. Die Schmuckstücke. Die exquisite Kleidung. Und all die anderen, teuren Dinge. Und er sah nicht, dass sie unerreichbar für ihn waren. Er sah nur, dass er eines Tages, wenn das Schicksal ihnen Hold sein würde, in einen solchen Laden gehen würden, und sie das teuerste Stück erwerben würden. Und als dieser Gedanke sich in Endres‘ Geist manifestierte, zauberte es ein freudiges Lächeln auf sein Gesicht.

Der Tag neigte sich mehr und mehr dem Ende und Endres führte Valésia zu jener Schenke, in welcher ihr Bruder auf sie warten wollte. Als das Haus schon in Sichtweite war, da hielt Endres inne und zog Valésia an sich heran. »Da wären wir nun.« Er legte seine rechte Hand an ihre Hüfte, und seine linke Hand in ihren Nacken um sie eng und nah an sich heran zu ziehen. Valésia hingegen legte ihre Hände auf seine Brust und ihre Augen schienen beinahe zu leuchten. »Ich werde hier, in dieser Gasse auf dich warten.« Er schenkte ihr einen zärtlichen Kuss, aber immer dann, wenn sie sich voneinander lösen wollten, da zog einer der beiden nach, oder bewegte seinen Kopf. Und so hielt der Kuss beinahe eine halbe Ewigkeit an, als ob es der letzte Kuss sein würde, den sie sich einander geben würden.

Schritte hallten durch die Gassen, als schwere Stiefel auf den Pflastersteinen entlang schritten. Endres löste sich schließlich von Valésia und zog sie in die Gasse. Und da sah Endres, wie ein halbes Dutzend bewaffneter Soldaten die Gasse entlang schritten. Unweigerlich überkam ihm dieses unangenehme Gefühl. Kalter Schauer und heiße Hitzewallungen. Als ob er bei einer unredlichen Schandtat erwischt worden wäre. Die schweren Stiefel der Ritter schlugen auf die Pflastersteine. Ihre Kettenhemden rasselten und die schweren Beschläge ihrer Gürtel schlugen gegen die gepanzerten Schoner ihrer Beine. Und da sah er schließlich einen weiteren Mann. Er schritt den Soldaten nicht voran, sondern er lief hinter ihnen her und Endres überkam sogleich ein unangenehmes Gefühl. Ein Gefühl von Verrat, Misstrauen und Furcht. Doch es war zu dunkel um ihn zu erkennen, obwohl er der einzige war, der keinen Helm trug. »Bist du dir sicher, dass du zu ihm gehen möchtest?«, flüsterte er, da er fürchtete, dass seine Stimme von den Soldaten bemerkt werden könnte, obwohl sie selbst lauter waren als Kesselflicker in einem Wortgefecht.
Gefangen in der Stadt ❖
baum-es war merkwürdig. Endres’ Geständnis schien das Gegenteil dessen zu bewirken, was zu befürchten gewesen war. Es verflocht die Zuneigung beider füreinander nur noch stärker. Sie konnten kaum die Finger voneinander lassen, warfen sich gegenseitig liebevolle Blicke zu, oder suchten ständig die Nähe zueinander, obwohl sie ohnehin die ganze Zeit beieinander waren. Eine trennende Mauer, von der man kaum erwähnt hatte, dass es sie gegeben hatte, war eingestürzt und hatte den Weg zueinander geebnet. Sie verbrachten diesen Tag, der schon morgens so intensiv begonnen hatte, im Bett. Eng aneinander geschmiegt und sich gegenseitig liebkosend, suchten sie immer wieder die Nähe des anderen. Ihre Leidenschaft war nahezu unerschöpflich, sie gaben sich einander hin, bis die Müdigkeit sie einholte. Und doch wuchs das Verlangen jedes Mal aufs Neue und sie liebten sich, bis sie vor Erschöpfung wieder in die Laken sanken, bis zu dem Augenblick, da es ihnen wieder nacheinander verlangte. “Ich liebe dich, meine Bernsteinrose. Und ich schwöre, ich werde alles, was in meiner Macht steht, dafür geben, dass wir ein Leben haben, dass du verdienst", flüsterte Endres ihr zu, als sie ermattet und schwer atmend nebeneinander lagen. Und Valésia streichelte seine Brust und hauchte “Wir werden ein Leben führen, das wir beide verdienen, Liebster. Auch ich werde selbstverständlich alles dafür tun, dass du glücklich bist.”

Als sie sich schließlich doch aus dem Bett begaben, sich wuschen und ankleideten, fragte Endres Valésia, ob sie nun eigentlich ihren Bruder treffen wollte. Die Komtess war unsicher. Einerseits wollte sie ihren Bruder noch so oft wie nur möglich sehen, da sie wusste, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt war, aber auf der anderen Seite barg es ein gewisses Risiko, da Endres’ Worte bezüglich seiner Ängste und Befürchtungen sie ins Wanken gebracht hatten. Vielleicht war seine Besorgnis unbegründet, doch möglicherweise traf diese auch ins Schwarze. Nichtsdestotrotz würde sie es niemals herausfinden, wenn sie es nicht versuchte. Doch bevor es so weit war, verbrachten sie einen wunderbaren Tag in Ajaran. Endres überraschte Valésia damit, dass er einem Straßenmusikanten eine Münze für seine Darbietung gab, was der jungen Frau ein verschmitztes Lächeln abrang, ihre Beine trugen sie auf unverhofften Wegen in die obere, bessere Stadt, wo sie sich teure und außerordentliche Schmuckstücke und anderen Tand, den Händler zur Schau stellten und zum Kauf anboten, ansahen. Und Valésia, die bisher keine Begriffe über tatsächlichen Wert und Preis solcher Stücke besaß, die sie alltäglich und zu besonderen Anlässen getragen hatte, stellte fest, dass dies eigentlich völlig unsinnig war. Es war, ähnlich wie edle Kleidung, nur Zierrat, welcher zwielichtige Halunken anzog wie das Licht die Motten. Es wurde schließlich Abend und Zeit, sich in der Schenke einzufinden, in welcher die bereits mit Roméro gesessen waren und welche sie überhastet verlassen hatten, als Valésias Bruder ihnen die Nachricht übermittelt hatte die im Grunde nichts Dramatisches enthielt, es sei denn, man war Endres. Doch die Dramatik holte letzten Endes auch die Komtess ein, denn als sie sich in einer Seitengasse noch ausgiebig küssten und nicht voneinander losließen, polterte mit einem Mal eine Schar bewaffneter Soldaten an ihnen vorbei. Endres setzte eine besorgte Miene auf. Und obwohl er seine Herzensdame schon losgelassen hatte und sie schon auf den Weg zu dieser Schenke entlassen wollte, da legte er erneut seine Hand um ihre Hüfte und blickte ihr Ernst in die Augen. Bist du dir sicher, dass du zu ihm gehen möchtest?” Und Valésia ließ sich von der Furcht in seinen Augen anstecken. Sie wusste nicht, was sie darauf entgegen sollte und zögerte. Warum waren Soldaten in dieser Ecke des Viertels? Das konnte doch nur ein dummer Zufall sein, oder? Valésia waren, bis auf heute in der oberen Stadt, keine Soldaten aufgefallen. Vielleicht hatte sie bisher nicht darauf geachtet und nun, wo die Besorgnis, von Männern des Herzogs oder von ihren Eltern aufgegriffen zu werden, nicht gänzlich ausgeschlossen werden konnte, bildete sie diesen Umstand ein? Vor allen Dingen… wer war dieser Mann, dessen Antlitz von einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze verborgen war? Valésia wurde von Furcht und Zweifeln gepackt. “Endres, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Vielleicht sind diese Männer nur zufällig vorbeigekommen. Doch was, wenn nicht? Ich kann und will nicht glauben, dass Roméro uns in den Rücken gefallen ist. Er ist gestern trotz unserer Vereinbarung nicht in der Schenke erschienen, sondern hat seinen Knappen Daon geschickt um und diese Nachricht zu übermitteln. Damit eben niemand uns ergreifen kann, falls ihm jemand folgt. Er ist zwar manchmal töricht, aber nicht dumm! Er muss das gewusst haben. Und darum kann ich mir nicht vorstellen, dass er jetzt umgefallen sein soll.” Sie sah ihn mit ratlosen, aber auch verzweifelten Blick an. Sie wusste, was Endres dachte. Vor allem nun, da sich das Blatt gewendet haben konnte. Als Valésia an Endres vorbei in die Gasse schaute, und sich umsah, und mit den Augen nach irgendetwas oder irgendwem suchte, der ihnen vielleicht helfen könnte, oder ihnen ihre Augen leihen könnte, fiel ihr ein Junge auf, der vor einem Hauseingang lungerte. Er war vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt und hockte dort einfach. Er beobachtete die Gasse mit der Gleichgültigkeit eines Kindes, der auf der Straße großgeworden war, und dem es kaum was ausmachte, sich dort den langen lieben Tag zu langweilen. Valésia zögerte erst, dann rief sie leise nach ihm und winkte. „Du! Junge!“ Er schien nicht zu wissen, ob er gemeint war, sah sich kurz um, dann deutete sie erneut, doch diesmal unmissverständlich. Langsam, misstrauisch, kam er näher. „Was wollt Ihr?“ fragte er, und Valésia ließ sich von Endres eine kleine Kupfermünze geben, und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, dass sie im schwachen Laternenlicht aufblitzte. „Ich benötige deine Dienste für eine Kleinigkeit. Du gehst dort hinten zur Schenke am Eck, und siehst nach, wer dort im Schankraum sitzt und wartet. Wahrscheinlich ein einzelner Mann. Es ist wichtig, dass du dir gut einprägst, wie er aussieht. Oder ob du ein Wappen siehst. Es kann gut sein, dass die Schenke gut besucht ist, darum achte darauf, ob jemand immer wieder zur Tür blickt oder auf jemanden zu warten scheint. Und wenn du mir sagen kannst, wo die Männer hingegangen sind, die eben hier vorbeikamen ein Dutzend Soldaten in Rüstungen, bekommst du noch eine. Du musst dich verhalten, so dass dich niemand bemerkt oder niemand von dir Notiz nimmt. Das ist sehr wichtig.“ Der Junge blinzelte, die Lippen leicht verzogen, so als prüfe er, ob sie ihn auf den Arm nehmen wollte. Dann nickte er langsam. „Zwei Münzen? Wirklich?“ hakte er nach und Valésia nickte. „Wenn du tust, was ich dir sage, und dich niemand erwischt.“ Er sah von ihr zu Endres, der ihn nachdenklich musterte und zuckte dann mit den Schultern. „Wartet hier. Ich bin gleich wieder da.“ Dann verschwand er lautlos in der Gasse. Valésia sah ihm lange nach und wandte sich dann an Endres. „Ich hoffe, er macht keine Fehler.“

Der Junge kam nach einer kleinen Ewigkeit zurück. Er sah sich erst um, ob ihn jemand beobachtete, dann trat er näher, das Gesicht im Schatten seiner abgenutzten Gugel. „Da drin sitzen drei Männer. Vielleicht vier, einer von ihnen kam später dazu, aber er stand am Ausschank und sprach mit der Wirtin.“ Valésia nickte kaum merklich. „Wie sehen sie aus?“ erkundigte sie sich. „Einer trägt so’n dunklen Mantel, mit Stickerei am Kragen. Er war der einzige, der keine Rüstung trug. Der andere, der ebenfalls an dem Tisch saß, hatte ne Narbe auf der Wange, starrte nur finster in den Schankraum.“ Er sah kurz zu Endres, dann wieder zu Valésia. „Die Wirtin hat ganz komisch getan. Wollte mich gleich rauswerfen, sobald sie mich gesehen hatte, sagte, ich müsse gehen, und hätte hier nichts zu verloren. Deswegen konnte ich nicht weiter schauen. Und draußen um die Ecke stand einer. Unter dem Mantel versteckte er ein Schwert. Aber ich habs trotzdem entdeckt“ erwiderte er mit sichtlichem Stolz. „Der hat mich ganz komisch angeschaut.“ Endres kniff misstrauisch seine Augen zusammen. „Ist er dir gefolgt?“ Der Junge schüttelte eifrig den Kopf. „Nee. Er blieb an der Wand gelehnt stehen. Ich bin hintenrum, nur deswegen habe ich den Kerl gesehen der ums Eck stand. Aber die sahen dauernd zur Tür, als wenn sie auf wen warten.“ „Wie sah der Mann aus, der keine Rüstung trug, der mit dem dunklen Mantel und der Stickerei am Kragen?“ Der Junge zuckte die Schultern. „Er saß mit gesenktem Kopf da, ich konnte ihn nicht erkennen, dann at mich die Wirtin schon rausgescheucht.“ Valésia blickte betroffen drein und schwieg. Das Herz schlug ihr laut gegen die Brust, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie sah den Jungen an, gab ihm die zweite Münze. „Das hast du gut gemacht. Danke für deine Hilfe. Und noch was; Du sagst besser nichts über mich oder den Mann da, du hast weder mich, noch ihn gesehen. Denn wir niederen Leute müssen zusammenhalten. Für die da oben sind wir sowieso nichts wert, ja?“ „Ehrensache…“ grinste er, nickte und verschwand in der Dunkelheit der nächsten Seitengasse. Valésia schwieg, während der Junge sich entfernte. Seine Schritte verklangen, und die Stille, die blieb, fühlte sich schwerer an als vorher. Endres stand noch immer neben ihr, die Arme verschränkt, den Blick auf die dunkle Gasse gerichtet, aus der der Junge gekommen war. Die Beschreibung des Jungen und was er in dieser Schenke beobachtet hatte, klang eigenartig. Drei Männer, die nur da saßen und nichts tranken, nichts sprachen. Eine Wirtin, die fand, dass Kinder dort nichts verloren hatten. Das alles war kein Zufall. Kein Bruder, der wartete, um sie in die Arme zu schließen. Zumal sie nicht einmal wusste, wer der Mann mit dem dunklen Mantel war. Die Hoffnung in ihr fiel in sich zusammen. Nicht vor Angst, denn die war seltsamerweise schon vorbei. Sondern diese kalte Gewissheit, dass das, was sie gehofft hatte, nicht mehr zu retten war. Endres schwieg, aber sie wusste, dass er das Gleiche dachte. Sie blickte noch einmal in Richtung der Schenke und wurde sich der Tatsache gewiss, dass alles umsonst gewesen war. Die Drei hatten wir gewährt, ihren Bruder noch einmal in die Arme zu schließen, aber es war ihr nicht ein weiteres Mal vergönnt. Ob alles anders gekommen wäre, hätten sie ihn nicht in dem Bordell aufgesucht, wo es schließlich zu diesem Streit und dieser Auseinandersetzung gekommen war? Sie wusste es nicht, und sie würde es wohl niemals erfahren. Langsam atmete sie aus. „Dann ist diese Tür wohl für immer geschlossen“ flüsterte sie leise und mit einem hörbaren Bedauern in der Stimme. Und als sie sich von der Gasse abwandten, spürte sie, dass es keine Rückkehr mehr geben würde. Auch, wenn das nicht der Plan gewesen war. Doch von ihrer Familie in dieser Stadt zu wissen, fühlte sich für einen kurzen Moment wie eine Chance an, alles in Ordnung zu bringen, auch, wenn es vielleicht töricht gewesen war, das zu glauben. Sie würde niemals mehr einen Platz zu Hause in Aramajé haben, sie würde niemals mehr Kontakt zu ihrem Bruder Roméro aufnehmen können. Das Leben, das einmal ihres gewesen war, war endgültig vorbei. Und das seltsamste war, dass sie diesmal nicht weinen musste.

Sie gingen zurück zu ihrer Unterkunft, und als Valésia sich für die Nacht vorbereitete, sich das Haar bürstete und sich wusch, wandte sie sich zu Endres um. „Er hat mich nicht verraten, Endres. Das will und werde ich nicht glauben. Aber wer weiß, was sie mit Roméro gemacht haben. Vielleicht haben sie ihm gedroht und ihn erpresst. Immerhin hat er sich mitschuldig gemacht, als er uns geholfen hat. Vielleicht haben sie ihn gezwungen, diesen Brief zu schreiben. Was, wenn sie ihm etwas angetan haben? Wie kann ich meinem Bruder so misstrauen, der doch immer nur das Beste für mich wollte? Wieso hätte er uns sonst zur Flucht verhelfen sollen? Irgendetwas stimmt hier nicht...“ In Valésia stieg ein ungutes Gefühl auf und sie wirkte mit einem Mal verzagt. Wie konnte sie alle Brücken abbrechen, ohne Gewissheit darüber zu haben, ob es ihrem Bruder gut ging, der doch aller Wahrscheinlichkeit nach nur ihretwegen in eine prekäre Lage gekommen war? Sie war beinahe fest entschlossen, herauszufinden, ob er sie verraten hatte, oder was der Grund war, dass nun alles so in eine bestimmte Richtung lief. Aber das wagte sie Endres nicht zu sagen, ohne zumindest eine Nacht darüber zu schlafen. „…und noch etwas ist mir eingefallen. Du hast Roméro unsere Reiseroute verraten. Du hast ihm erzählt, dass wir uns nach Süden halten und auf dem Weg zu den Zwillingen sind. Was, wenn meine Eltern uns Verfolger hinterher schicken? Wie können wir die Stadt unbemerkt verlassen? Was, wenn jemand am Tor sitzt und nur darauf wartet, dass wir die Stadt verlassen?“ Mit einem Male kam sie sich vor, wie eine Gefangene in Ajaran.
Kühnheit und Erkenntnis ❖
baum-als der Junge wieder gegangen war, bemerkte Endres unweigerlich die Niedergeschlagenheit in Valésia, welche die Erkenntnis mit sich gebracht hatte. Er nahm ihre Hände in die seinen und sah ihr tief in die Augen. »Ich glaube nicht, dass dein Bruder dich…uns…verraten hat. Vielleicht hat der Herzog auf deine Eltern Druck ausgeübt? Du hast Roméro doch gehört. Der Bernsteinhandel hat Probleme. Seine Vasallen, also deine Eltern, haben ihre Tochter verloren. Und ihr einziger Sohn, der Erbe, hat da seine Finger mit im Spiel. Für deine Eltern und auch für dich hat das gewiss eine ganz andere Tragweite, als für einen Mann seines Standes. Wenn der Herzog in Roméro einen Mann ohne Ehre, oder mit falschen Loyalitäten erahnt, kann das zu Problemen führen. Ich wünsche mir, dass dein Bruder Besonnenheit zeigt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die großen Herren, an ihren Tischen, ganz eigene Pläne schmieden. Schon allein die Tatsache, dass dein Vater schnell zu Reichtum kam, kann für viele Grafen gleichen Standes als Bedrohung angesehen werden. Und bei einem Herzog? Oh, Valésia. Politik ist wie eine Schlangengrube. Wenn der Herzog auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, oder Argwohn und Intrigen, ihn dazu verleiten ließen, eine Gefahr in deiner Familie zu sehen, er würde sie gnadenlos zerstören…« Endres hielt inne, als ihm seine eigenen Worte klar geworden waren. »Du solltest mit dem Erbprinzen von Olathor verheiratet werden. Ein Herzog!« Er sah Valésia mit großen Augen an, welche scheinbar nicht gänzlich verstand, worauf Endres hinauswollte. »Eine Heirat in einen höheren Adelsstand! Derselbe Stand, des Herzogs von Ajaran, welchem deine Familie als Vasall zur Treue verpflichtet ist. Vielleicht wurde deine Familie aus diesem Grund an seinen Hof zitiert? Vielleicht deutete er die großen Ambitionen deines Vaters, und sieht in ihm eine Bedrohung? Und nun, da er vielleicht sogar erfahren hat, dass du am Leben bist…dass Roméro gelogen hat? Nicht auszudenken!« Endres sprach die letzten Worte nicht mehr aus. Wenn der Herzog von Ajaran wirklich erfahren haben sollte, dass Roméro in ein Komplott verstrickt worden war, könnte dies als Verrat angesehen werden. Und auch die Absichten des Bernsteingrafen könnten als Intrige angesehen werden.

Valésias Familie war an den Hof zitiert worden und stand nun inmitten einer Schlangengrube. Ein Fehltritt, und ihr Fall würde tiefer gehen, als der des Seegrafen. »Meine Liebste. Ich wünschte, du könntest Roméro noch einmal sehen. Doch heute scheint mir dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Wir sollten gehen, bevor man uns hier sieht.« Valésia seufzte resignierend. »Dann ist diese Tür wohl für immer geschlossen?«, stellte sie ernüchternd fest. Endres biss sich auf die Lippen. Eigentlich spielte diese Wendung der Dinge ihm ja perfekt in die Hände. Er wollte, so schnell wie möglich so viel Abstand zwischen sich und Valésias Familie. Doch das Gewissen, welches Endres sich, seit er Valésia für sich gewonnen hatte, begann mehr und mehr an ihm zu nagen. Und auch wenn Endres nicht wirklich daran dachte, und es eher eine unterbewusste Erkenntnis war, so konnte es auch zweckdienlich sein, sich die Dankbarkeit ihrer Familie gewiss zu sein. Doch in diesem Moment kamen ihm dazu keinerlei Gedanken. Und wenn, dann hätte er keine Idee gehabt, wie man diese Situation für sich nutzen konnte. Und so verließen Valésia und Endres die Gasse und kehrten zurück in die schäbige Unterkunft, in welcher sie sich einquartiert hatten.

Die Gedanken, welche Valésia auf dem Heimweg in sich verborgen gehalten hatte, schienen nun nicht mehr unterdrückt werden zu können. Sie wandte sich an Endres und hielt ihre Bürste in der Hand, mit welcher sie soeben noch ihr Haar gekämmt hatte. »Er hat mich nicht verraten, Endres. Das will und werde ich nicht glauben.« Endres nickte verstehend. »Ich glaube auch nicht, dass er das getan hat, meine Liebste.«, lenkte er beschwichtigend ein. »Vielleicht haben sie ihn gezwungen, diesen Brief zu schreiben.« Endres legte seinen Zeigefinger an die Lippen und tippte dann nachdenklich dagegen. »Aber wer? Deine Eltern, oder der Herzog?«, hakte er nach und Valésia schüttelte den Kopf, da sie ihm darauf keine Antwort geben konnte. Woher sollte sie es auch wissen? »Was, wenn sie ihm etwas angetan haben? Wie kann ich meinem Bruder so misstrauen, der doch immer nur das Beste für mich wollte? Wieso hätte er uns sonst zur Flucht verhelfen sollen? Irgendetwas stimmt hier nicht...« »Aber, was willst du machen? Wir können doch nicht einfach an den Hof des Herzogs spazieren. Das würde Roméro nicht helfen, sondern noch mehr schaden, da es beweisen würde, dass er an einer Vertuschung beteiligt ist. Hier geht es schließlich um eine rechtlich, bindende Ehe, die zwischen hohen Adeligen vereinbart worden war. Das ist keine Lappalie…« Doch Valésia schien in diesem Moment viel weiter zu denken als Endres, und jäh zog sie ihn auf den Boden der Tatsachen zurück, als sie ihn daran erinnerte, was ihr noch eingefallen war. »Du hast Roméro unsere Reiseroute verraten. Du hast ihm erzählt, dass wir uns nach Süden halten und auf dem Weg zu den Zwillingen sind. Was, wenn meine Eltern uns Verfolger hinterher schicken? Wie können wir die Stadt unbemerkt verlassen? Was, wenn jemand am Tor sitzt und nur darauf wartet, dass wir die Stadt verlassen?« Da überkam es Endres wie ein kalter Schauer. Es fiel ihm förmlich wie Schuppen von den Augen und er starrte Valésia entgeistert an. »Du hast Recht. Wie konnte ich nur so blind sein und das vergessen?« Er wirkte nun sichtlich nervöser. »Nein, du hast absolut recht. Das wäre töricht und waghalsig. Wir können nicht einfach durch das Tor fliehen. Aber über die Mauer klettern auch nicht. Ich fürchte wir müssen noch einige Tage in dieser Stadt ausharren, uns bedeckt halten, und sehen, ob nach uns gesucht wird. Aber wir können auf keinen Fall mehr hier, an diesem schäbigen Ort des Lasters und Verfalls verbleiben.« Endres zupfte sich nachdenklich an der Unterlippe. »Und so gefährlich es auch klingen mag. Wir müssen es irgendwie schaffen deinen Bruder in einen Dialog zu treten. Wir müssen erfahren, was sie wissen. Was sie von ihm erfahren haben…und was das mit diesen Soldaten heute zu bedeuten hatte. Aber wie?« Endres grübelte und grübelte, doch ihm wollte einfach keine Lösung einfallen und je mehr er darüber nachdachte, desto unruhiger wurde er und hilfloser fühlte er sich. Ein falscher Adeliger zu sein half ungemein dabei die Herzen naiver Jungfrauen zu erobern. Doch wenn es um die Ränke und die wahre Macht der Adeligen ging, war er nur ein dummer, einfacher Straßenköter, der weder die Beziehungen, noch das Wissen hatte, wie man in solchen Fällen vorzugehen hatte.

Da sie keine wirkliche Lösung finden konnten, hatten sie sich irgendwann zu Bett gelegt und Trost in den Armen des anderen gefunden. Sie hielten sich, umschlungen, als ob sie die der letzte Halt waren, den sie noch hatten. Und im Grunde genommen war es auch genau dies. Sie hatten nichts. Keinen Namen, keine Beziehungen, keine Titel und keine Verbündeten. Nur sich selbst, und das wenige Geld, dass sie bei sich hatten. Und ohne diesem Geld wären sie weniger als Nichts. Zu Armut und Erniedrigung verdammt. Endres schwor sich, dass er dieses drohende Damoklesschwert, welches drohend und klagend über ihren Köpfen hing, um jeden Preis abwenden wollte.

Als sie am nächsten Morgen erwacht waren, hatten sie sich leidenschaftlich geliebt, einander Zärtlichkeiten gespendet und Mut zugesprochen. Und so hatten sie ihr weniges Hab und Gut gepackt, und die schäbige Unterkunft verlassen, mit dem eisernen Willen niemals wieder zurück zu kehren. Sie suchten die Stadt ab, versuchten ihr Glück in den besseren Gegenden der Stadt. Doch das Glück ließ sehr lange auf sich warten. Fast schon zu lange, denn als sie schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten, überhaupt noch eine adäquate Unterkunft zu finden, hatten sie das Glück, genau in dem Moment das nötige Quäntchen Glück, dass sie davor bewahrte, doch die Stadt zu verlassen.

Die neue Unterkunft war nahe an der Stadtmauer, wie auch die letzte. Doch die Gegend lag nahe des Stadttores, und ebenso nahe des großen Marktes, der die untere Stadt von der oberen trennte. Ein fast perfekter Ort, denn von hier aus konnte man sehr schnell die Stadt verlassen, wenn es denn nötig sein sollte, aber ebenso auch schnell in die obere Stadt gelangen. Endres stand am Fenster, welches sich in einem kleinen, hölzernen Erker befand und einen Blick auf das Stadttor gewährte. »Besser hätten wir es nicht treffen können, meine Liebste.«, flötete Endres zufrieden, der nun endlich wieder Licht am Ende des Horizontes sah. »Von hier aus können wir sehr gut das Tor beobachten. Und wenn wir merken, dass Soldaten, oder gar Ritter des Herzogs, oder von Aramajé, hier ungewöhnlich oft zugegen sein sollten, dann wissen wir, dass nach uns gefahndet wird. Aber auch wenn der Schein trügt, es wirkt so, als ob niemand sich um unser Verbleiben schert.« Er runzelte die Stirn. »Aber ich glaube, dein Bruder macht sich vermutlich große Sorgen um dein Wohl. Ich möchte wirklich der Letzte sein, der dir die Möglichkeit verwehrt, deinen Bruder ein letztes Mal zu sehen. Und auch wenn es gefährlich ist, so wird uns doch sicher ein Weg einfallen, oder?« Endres trat von dem Fenster zurück und setzte sich auf den Rand des Bettes. Er stützte seine Ellenbogen auf die Oberschenkel und legte dann, mit nachdenklichen Blicken, sein Kinn auf seine Handflächen. »Zweifellos wird er auch nach dir suchen. Und er wusste ja, dass wir in keinem guten Teil der Stadt einquartiert waren.« Endres hob schließlich den Kopf und sah Valésia mit einem bitteren Lächeln an. »Ziellos nach ihm Ausschau zu halten, wird nichts bringen. Und erneut nach ihm fragen, wird nur die Aufmerksamkeit der falschen Leute auf uns lenken. Also bleiben uns nun nur zwei Wege offen. Wir verlassen die Stadt, so rasch wie möglich. Kurz bevor sie die Tore schließen, oder kurz nachdem sie die Tore geöffnet haben, beim morgigen, ersten Sonnenstrahl…« Valésia sah Endres daraufhin erwartungsvoll an, als ob sie von ihm irgendwelche Wunder oder ausgefuchste Pläne erhoffte. Doch da musste Endres sie leider enttäuschen. Er war ein galanter Mann der Worte. Er wusste wie er Menschen für sich einnehmen konnte. Wie er Frauen mit seinem Charme und seinem Aussehen bezirzen und um den Finger wickeln konnte. Wie er sie manipulieren konnte. Oder wie er sich aus der Affäre zu ziehen vermochte. Aber in diesem Fall war er hilflos und haltlos überfordert. »Oder wir versuchen in der Nähe des herzoglichen Hauses unser Glück, bis wir ihn zufällig sehen. Das birgt natürlich Gefahren. Aber meiner Erfahrung nach wird man von Verfolgern am allerwenigsten vor ihrem eigenen Haus erwartet. Sie suchen dich überall. Sogar in Heuhaufen und Mistkarren…« Endres verzog bei diesem Gedanken eine bittere Grimasse. Ja, auch er hatte sich schon an solchen Orten verstecken müssen, um nicht in die Hände von gehörnten Verlobten oder rachsüchtigen Vätern zu geraten. Aber diese Erfahrungen hatten ihn mit jedem Mal gewitzter und schlauer werden lassen. Und auch diese Erfahrung, hier in Ajaran, würde, sofern er sie überleben würde, ihn schlauer, stärker und gewitzter machen. Dessen war er sich gewiss. »Doch sie kämen nie auf die Idee, dich in ihrem Vorgarten zu suchen.« Da lächelte Endres beinahe schelmisch. Ja, er selbst hatte doch die Dreistigkeit gehabt, im umfriedeten Hofgarten Olathors um Valésias Gunst und Aufmerksamkeit zu buhlen. Nein sie förmlich aus den Fängen des Erbprinzen zu locken. Mit schmeichelnden Worten, mit öliger Stimme und mit jugendlichem Wagemut. Dieser Wagemut war es doch, der sie ihr Herz erobern hatte lassen. Und dieser Wagemut war es doch letzten Endes, den sie sich in ihm ersehnte? Wie könnte er dieser Frau seinen Wert beweisen, wenn er nun einfach, wie ein feiger Hund, mit ihr davoneilte und floh? Nein, in Endres erwachte ein neuer Lebensgeist. Ein Geist des Widerstandes, des Wagemutes und der Kühnheit. In Endres Augen war dies seine Form von Ritterlichkeit. Doch vielleicht war dies einfach nur törichte Torheit und blinde, stolze Selbstüberschätzung. Aber Endres war noch nie für seine wohlüberlegten Entscheidungen bekannt gewesen. Er hatte oft impulsiv und unüberlegt gehandelt und sich mehr als einmal in die Bredouille gebracht. Aber jedes Mal war es ihm gelungen, irgendwie, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und was einmal, oder mehrmals gelang, das kann doch auch wieder gelingen? »Frechheit siegt…«, murmelte Endres und nahm dann Valésias Hand in die seinen und sah ihr tief und eindringlich in die Augen. »Also, meine Liebste. Was sollen wir machen? Sollen wir fliehen? Oder willst du erfahren, was hier vor sich geht?« Und in diesem Moment erkannte Endres in Valésias Augen ein Funkeln, was auf Endres förmlich überzuspringen schien. Wie zwei törichte, von blinder Liebe geleitete Narren, die in ihren eigenen Untergang stolperten, ohne dass sie es erkannten.
Wachskerzen und Gebäck ❖
baum-unvermittelt lächelte Valésia Endres an. „Lass es uns herausfinden, was vor sich geht. Ich glaube, die Drei sind mit uns. Sie werden unseren Weg weiterhin behüten“ erwiderte Valésia. „Und sich dem Tor nähern kann genauso riskant sein. Wir wissen nicht, ob man nach uns sucht, wir müssen es annehmen, aber es ist wohl besser, sich ruhig zu verhalten.“ Sie gingen nebeneinander her, auf der Suche nach einer Schenke, um ein Mahl einzunehmen. Die Köpfe hielten sie gesenkt, die Hände ineinander verschlungen. Ajaran war zwar dieselbe Stadt geblieben und doch fühlte sie sich nun fremd an. Das leichte Gefühl, sich frei bewegen zu können, war verschwunden. Wo sie gestern noch gelacht hatten, wenn jemand sie anpöbelte oder ein Betrunkener ihnen nachrief, da spürten sie jetzt nur noch Anspannung. Jeder Blick, der zu lange auf ihnen ruhte, konnte ein Späher sein. Jeder Schatten an einer Straßenecke ein Häscher ihres Vaters. Manchmal warf Valésia einen Blick hinter sich, als erwartete sie, dass jemand hinter ihr war der sie entdeckt hatte und sie packen wollte. Valésia lauschte Stimmen, Gesprächen und Diskussionen, suchte in jedem Laut nach dem Akzent der ihr vertraut war, dem Akzent aus Aramajé und hoffte gleichzeitig, ihn ja nicht zu hören. Sie wussten, dass ihre Eltern in der Stadt waren. Sie wussten, dass sie von ihrer Flucht, ihrem Überleben, erfahren hatten. Und sie wussten, dass der Bernsteingraf sie sehen wollte, offenbar um jeden Preis. Was sie nicht wussten, war, wer sonst davon wusste. Ob der Herzog von Ajaran in Kenntnis gesetzt worden war. Ob der ganze Hof von Ajaran damit beschäftigt war, eine Schlinge um ihre Hälse zu ziehen. Sie gingen durch Seitenstraßen, auf der Suche nach einer Schenke. Eine Suche, die vorgestern noch einfach gewesen war. Einen Ort zu finden, mit warmem Licht, einer Ecke zum Sitzen, und eine warme Mahlzeit, schien zu einer Prüfung zu werden. Jede offene Schenkentür wirkte wie eine Falle, jede freundliche Stimme wie ein Risiko. Schließlich fanden sie eine kleine Taverne, in deren Fenster nur ein matter Schein brannte. Endres sah sie an. Valésia nickte. Sie hatte längst begriffen, dass es keine hundertprozentig sicheren Orte mehr gab. Jede Schenke war im Prinzip so gut wie die andere.

Endres drückte die Tür auf, und ein Schwall warmer, abgestandener Luft schlug ihnen entgegen. Das Feuer in der Feuerstelle prasselte und wärmte wohltuend den Raum. Es roch nach Bier, Eintopf und dem tranigen Geruch von Talglichtern. Es war kein besonders guter Ort, aber ein unauffälliger. Die Gäste, fünf oder sechs Gestalten, verteilt an Tischen, hoben kurz die Köpfe, musterten sie, und wandten sich wieder ihren Krügen zu. Keiner von ihnen wirkte wie jemand, der für einen Grafen oder einen Herzog auskundschaftete. Oder wie jemand, der Soldaten rief, wenn Fremde, die gesucht wurden, eintraten. Aber vielleicht war genau das der Sinn, einen solchen auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Endres suchte einen Platz an der Wand, mit Blick zur Tür. Er deutete darauf, und Valésia nickte. Sie hatten nicht darüber gesprochen, aber beide wussten, dass sie sich in dieser Stadt nie wieder mit dem Rücken in einen Raum setzen konnten. Als sie saßen, lehnte Valésia ihre Hände auf die Tischplatte. Die Oberfläche war von unzähligen Händen glattpoliert, von Messern schartig, aber ihre Finger zitterten kaum. Ihr Blick wanderte immer wieder zur Tür. Doch sie wusste auch, dass es irgendwie nicht ihr Vater war, der ihr Angst machte. Es war das Ungewisse. Ob der Herzog Bescheid wusste. Ob die Stadtwachen eine Beschreibung hatten. Ob irgendjemand in dieser Schenke das Gerücht gehört hatte, die totgeglaubte Tochter des Bernsteingrafen sei in den Gassen von Ajaran gesehen worden. Ein Murren am Nebentisch ließ sie auffahren. Ein Mann hob aber nur seinen leeren Krug und rief nach der Wirtin. Doch Valésia spürte, wie sich ihre Schultern verkrampften. „Das ist irgendwie nervenzerreibend…“ gab sie schließlich kläglich zu, und Endres nickte. Sie wusste, dass sie nicht nur hierhergekommen waren, um etwas zu essen. Sondern auch, um nachzudenken, und einen Plan zu schmieden. Doch in einer Stadt in der sie sich nicht auskannten, und gesucht wurden, war guter Rat teuer. Endres legte die Hand auf den Tisch, knapp neben ihre. Dann rutschte seine auf ihre Hand und umschloss sie. Sie war warm und vertraut. Und es half, dass sich ihre Bedenken ein wenig zerstreuten. „Wir werden einen Weg finden“ meinte er. „Wir werden immer einen Weg finden.“ Auf Valésias Antlitz stahl sich ein Lächeln. „Ja“ hauchte sie. Sie sah ihn an, und in seinem Blick lag kein Zweifel. Zum ersten Mal seit Stunden spürte sie wieder so etwas wie Zuversicht. Weil er an ihrer Seite war. Die Wirtin kam an den Tisch, die Schürze, die sie vor ihren Röcken gebunden hatte, war fleckig, die Ärmel hochgefaltet, offenbarten rote Arme und Hände. Sie sahen aus wie die er Waschfrauen, die den ganzen Tag ihre Arme förmlich in Waschlauge badeten. Sie musterte die beiden kurz, aber ohne Argwohn. Eher mit dieser gleichgültigen Art einer Wirtin, die schon alle erdenklichen Gästen gesehen hatte. „Was darf’s sein?“ „Zwei Becher Wein. Und eine warme Mahlzeit, wenn Ihr was habt“ sagte Endres. Sie nickte, wandte sich ab, und Valésia atmete erst dann ruhig aus. Nichts in dem Blick der Wirtin war verdächtig gewesen. Keine Wiedererkennung, kein Misstrauen. Sie warteten schweigend, bis der Wein kam. Dazu brachte sie je eine Schale Eintopf und einen Kanten Brot. Die Wärme der Schenke kroch langsam in ihre Finger, ließ Valésia die Anspannung verlieren. Sie sprachen wenig, aber während sie aßen, aber ihre Blicke fanden sich immer wieder. Wann immer sich ihre Blicken trafen, verspürte Valésia dieses angenehme Ziehen im Bauch. Sie beobachtete, wie er den Wein probierte, wie seine Finger den Weinbechers berührten, bevor sie sich darum schlossen, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie gern seine Hand nehmen würde, weil sie wusste, wie warm diese in diesem Moment war, weil sie sich gerne daran erinnerte, wie er sie mit diesen warmen Händen berührte, wenn sie einander ganz nahe waren. Und jedes Mal, wenn er wieder zu ihr hinübersah, möglicherweise um zu prüfen ob auch sie immer wieder zu ihm sah, da schoss ihr dieses warme Gefühl, das ihr innerstes zu packen schien, erneut in ihre Leibesmitte. Sie kannte ihn gut. Seine ruhige Art, die kleinen Falten am Augenwinkel, wenn er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte, die Gelassenheit, die er ausstrahlte, sobald sie einander nah waren. Diese Dinge waren ihr längst nicht mehr neu, sondern tief vertraut und umso schöner. Und gerade deshalb beobachtete sie ihn gern. Jedes Mal, wenn er den Blick hob und ihn mit ihrem verflocht, fühlte es sich an als würde die Welt kurz für sie beide stehen bleiben. Genauso, fand Valésia, sollte Liebe sich anfühlen.

Nach einer Weile drangen Gesprächsfetzen vom Nachbartisch zu ihnen herüber. Drei Männer, mittleren Alters sprachen miteinander. „Habt ihr eure Kerzen schon besorgt?“, fragte einer der Männer und rieb sich die kalten Finger. „Noch nicht“, antwortete der zweite. „Die Preise sind heuer unverschämt. Für eine ordentliche Wachskerze verlangen sie fast das Doppelte.“ Der dritte nahm einen Schluck aus seinem Becher. „Was lässt dich zögern? Teuer oder nicht, wir kommen nicht drum herum. Es ist Brauch. Wenn die Fenster dunkel bleiben, redet die ganze Nachbarschaft.“ „Stimmt“, murmelte der erste. „Und man will ja nicht der Einzige sein, dessen Haus ohne Licht dasteht.“ Der zweite beugte sich etwas vor, die Stimme gedämpft. „Ich hab gehört, dass es dieses Jahr reichere Gaben geben soll…“ Valésia hob den Kopf. Sie hörte erst nur zu, dann sah sie Endres an, ihre Augen plötzlich hellwach. „Hast du zugehört?“ Endres blickte sie an, dann schüttelte er langsam den Kopf. Valésia rückte näher, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Die Winterprozession. Oder ‚die Nacht des Lichts‘. Habe ich dir je davon erzählt?“ Erneut schüttelte Endres den Kopf. „An diesem Tag stellt jeder in Ariad eine Kerze ins Fenster, bevor die Sonne untergeht. Jeder. Vom Bettler bis zum Herzog. Am längsten Abend des Jahres. Es heißt, die Drei gehen in dieser Nacht durch Ariad, um den Glauben der Menschen zu prüfen. Es heißt, wer sein Licht ins Fenster stellt, beweist, dass er stark im Glauben an die Drei ist. Es heisst, wen in dieser Nacht überall ein Feuer brennt, dann wird die Dunkelheit besiegt und das Licht erobert das Land wieder. Und es heißt, wer die Flamme löscht, bevor der Morgen graut, verliert für ein Jahr die Gunst der Drei. Aber das ist noch längst nicht alles. An diesem Tag gibt es eine feierliche Prozession. In den Großstädten, wo die hohen Herren ihren Sitz haben, gibt es solche Prozessionen. So auch in Ajaran. Die herzogliche Familie wird es genauso machen, wie es meine Familie in Aramajé getan hat. Der Herzog und seine Familie werden durch die Hauptstraßen Ajarans ziehen, mit Priestern, aber natürlich auch mit Wachen, und Gaben an die Menschen verteilen. Ich weiß nicht, wie es man es hier nennt, in Aramajé haben wir es Lichtling genannt, es ist ein wunderbares Gebäck. Es ist aus drei Strängen geflochten, und aus dem feinsten weißen Mehl gebacken, das man sich nur vorstellen kann. Es soll das wiederkehrende Licht symbolisieren. Es ist kein alltägliches Brot wie man es kennt, sondern süßes. Eier, Butter und Honig ist im Teig, und jede dieser Zutaten steht für eine der Drei. Die Eier symbolisieren die junge Göttin. Es steht für den Anfang, oder den Neubeginn. Die Butter steht für die zweite Göttin die herniedergeht mit einem Kind im Leib. Die Butter symbolisiert das Nährende. Wie die Butter, so sagt man, aus dem Herz der Milch hergestellt wird und ihr Kind im Leibe nährt, so nährt auch der Glaube die Menschen. Und letztendlich steht der Honig für die Alte. Honig ist kostbar und wird seit jeher mit Heilung und Beständigkeit verbunden. Er entsteht langsam, wie auch das Alter reifen muss, und kann sehr lange haltbar sein. Der Lichtling wird in der ganzen Bevölkerung verteilt, manchmal gibt es noch andere Gaben dazu. Und die Herrscherfamilie führt die Prozession an. Es ist Gesetz, Brauch, Pflicht. Sie verschränkte die Finger ineinander, als müsste sie sich selbst festhalten. „Ich nehme an, auch min Vater und meine Mutter werden an der Prozession teilnehmen, wenn sie schon einmal hier sind. Und Roméro.“ Dann warf Valésia ihm einen wissenden Blick zu. „Es ist eine Gelegenheit, ihn zu sehen. Ihm vielleicht eine Botschaft zu geben. Es werden so viele Menschen da sein, dass wir nicht auffallen werden.“ Endres starrte sie an, die Stirn leicht gerunzelt. „Es ist gefährlich“, sagte er. „Ich weiß.“ Sie holte tief Luft. „Aber in der Menge… mitten unter hunderten Menschen… wenn wir es schlau anstellen…“ Sie suchte in seinem Gesicht die Bestätigung, dass ihr Gedanke nicht völlig abwegig war. „Nur ein Blick. Nur ein Wort mit Roméro. Er ist dort, und diesmal kann es keine Falle sein. Wir waren uns doch einig, dass er uns nicht verraten hat, dass er uns nichts schlechtes will, und dass er auf unserer Seite ist. Das stimmt doch, oder hast du deine Meinung geändert? Das ist die einzige Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Die Einzige, die uns nicht sofort das Genick bricht.“ Sie stockte kurz, als müsse sie ihren Mut sammeln. „Ich weiß nicht… vielleicht könnten wir uns…“ Ein leichtes Erröten stieg ihr ins Gesicht, als hielte sie die Idee selbst für töricht, doch sie sprach sie dennoch aus. „…vielleicht als Bettler tarnen.“ Sie fuhr leiser fort: „Die Nacht des Lichtes zieht immer Scharen an Menschen an, die sonst am Rand der Gesellschaft leben. Arme, Kranke, Straßenkinder… Der perfekte Ort, um unterzutauchen. Die Wachen achten kaum auf Gesichter, und die Bürger sind mit der Prozession beschäftigt. Es ist Brauch, den Bedürftigen etwas zu geben. Die hohen Herren ertragen ihren Anblick zwar nicht gern, aber an diesem Abend geben sie sich großzügig, weil die Priester der Drei genau hinschauen. Es ist ein schlechtes Vorzeichen für das Herzogtum, wenn der Herrscher an diesem Tag nicht großzügig Almosen verteilt. Sie atmete aus, als hätte sie damit alles gesagt, was sie sagen konnte. „Dort wären wir unsichtbar, Endres. Und weder der Herzog, noch meine Eltern würden uns an diesem Ort erwarten.“
Silber und Staub ❖
baum-endres saß am Fenster und starrte gedankenverloren auf die Straße und das Treiben am Stadttor. Menschen gingen ein und aus, Händler, einfache Reisende, Soldaten. Endres versuchte zwischen all den Menschen etwas zu erahnen, dass auf irgendeine Art und Weise ungewöhnlich wirkte. Doch je länger er die Menschen beobachtete, desto weniger konnte er Ungereimtheiten feststellen. Es wirkte alles so gewöhnlich und normal, dass Endres irgendwann ein langes Seufzen ausstieß. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu den Möglichkeiten, die er nun hatte. Und keine davon wirkte sonderlich zufriedenstellend. Eigentlich war er ein Gefangener. Gefangen in seinem eigenen Netz aus Lügen. Die Zukunft, die sich ihm, vor seinem geistigen Auge, offenbarte, war alles andere als rosig. Ein Leben auf der Flucht. Ein Leben in Bescheidenheit. Ein Leben unter falschem Namen und stets mit einem Blick in die Vergangenheit. So sehr er sich auch konzentrierte wollte ihm kein Weg einfallen, welcher ihn vollen Mutes nach vorne schauen lassen wollte. Endres erhob sich und warf einen letzten Blick auf die Menschen auf der Straße. Ein Wagen, welcher vermutlich schwer mit Waren beladen war, passierte gerade das Tor. Der Wachmann warf einen inspizierenden Blick auf den Wagen, sprach mit dem Händler. Der Händler offenbarte ein Pergament, welches der Soldat aufmerksam zu lesen schien. Und dann war die Szene auch schon erledigt. Der Wagen setzte seinen Weg in die Stadt fort und der Wachmann widmete sich schon dem nächsten Wagen, welcher seinen Weg in die Stadt suchte. Ein scheinbar unendlicher Strom an Menschen, die tagein, tagaus in die Stadt strömten.

Endres wandte sich vom Fenster ab und trat an Valésia heran, welche in Gedanken verloren am Rand des Bettes saß. Er sah sie, für einen Moment lang, schweigend an und bewunderte einfach nur ihre Ausstrahlung, und wie diese auf ihn ihre Wirkung entfaltete. Und er ertappte sich dabei, wie sich ein mildes, zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht stahl. Er stellte sich vor, woran sie wohl gerade denken mochte. Zweifellos kreisten ihre Gedanken nur um diese Prozession und wie sie sich am besten ihrem Bruder nähern konnte, ohne dabei erkannt zu werden. Auch Endres hatte überlegt, wie sie ihren Wunsch am besten in die Tat umsetzen vermochten, doch egal welchen Weg seine Gedanken gegangen waren, sie hatten letzten Endes immer zu demselben Ergebnis geführt. Endres in Ketten und Valésia in einem goldenen Käfig. Endres seufzte resignierend und blies den Atem aus den aufgeblähten Wangen. Valésia wandte daraufhin den Kopf hoch und sah ihm in die Augen. Tief hinter den Spiegeln ihrer Seele, schimmerte ein ferner und unergründlicher Schein, welcher Endres stets in seinen Bann zu ziehen vermochte. »Lass uns einen Spaziergang machen, meine Liebste.«, schlug Endres vor und bot ihr seinen Ellenbogen dar, sodass Valésia seiner Aufforderung folge leistend, sich darin einhaken konnte.

Gemeinsam verließen sie die Schenke und fanden sich wenig später auf den Straßen der Stadt wieder. Ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben, spazierten sie an den vielen, alten Häusern entlang und befanden sich dabei mitten im Strom der Menschen, welche alle in die Stadt strömten. »Diese Prozession zieht so viele Menschen an.«, bemerkte Endres feststellend und ließ seine Blicke über die Menschen gleiten, die da an ihnen vorbeischritten, ohne wirklich Notiz von ihnen zu nehmen. Valésias Worte spukten in Endres Gedanken umher und so sehr er sich auch den Kopf zermarterte, ihm wollte keine Lösung einfallen. Und so verbrachte er den Spaziergang größtenteils schweigend und in Gedanken versunken. Valésia sah immer wieder zu Endres und man konnte die stumme Frage, welche ihr auf der Zunge brannte, förmlich im Gesicht ansehen. Und irgendwann schien die Neugier über die Zurückhaltung zu obsiegen. »Woran denkst du, mein Liebster?« Endres zuckte mit den Achseln. »Wie sollen wir die Aufmerksamkeit deines Bruders erwecken? Wie soll er dich, unter dutzenden anderen Bettlern, erkennen? Nur er allein, und sonst niemand?« Endres verzog seinen Mundwinkel zu einer mürrischen Mimik. »Sobald du dich zu erkennen gibst, setzt du dich der Gefahr der Enttarnung aus. Und wenn wir entdeckt werden…« Endres ließ die Konsequenz daraus unausgesprochen. Es war mehr als klar, was dann passieren würde.

Sie erreichten das Ende der großen Hauptstraße, welche in einen großen, runden Marktplatz mündete. Von dem Marktplatz aus führte eine zweite, große Straße, hinauf in die Hauptstadt. Dort oben lebten der Adel und residierten die herrschaftlichen Angehörigen des Herzogtums. Aber auch reiche Kaufleute, freie Ritter und wohlhabende Bankiers. Das Herz dieser oberen Stadt war die große Münzprägestätte, welche direkt am Fuß der bedeutendsten Silbermine dieser Region errichtet worden war. Über die Jahre war aus dem einstigen Bergwerk eine gewaltige Burg und eine pulsierende Handelsstadt gewachsen. In der oberen Stadt reihten sich die großen Kontore, edle Handelshäuser, herzogliche Wechselstube, all die herrschaftlichen Häuser des Adels dicht an dicht. Doch das Herz war natürlich das bedeutendste Gebäude von allen. Die große Silberbank von Ajaran. Der Sitz der wirtschaftlichen Macht des Herzogs und das Herz seines wahren Autorität über das Herzogtum und aller seiner Vasallen. Von dem Marktplatz, auf welchem Endres und Valésia sich gerade befanden und ihre Blicke hinauf zur Oberstadt warfen, führten zudem mehrere große Treppen zu höheren Ebenen der Mittelstadt. Die Treppen waren von unterschiedlichster Bauart und es hatte den Anschein, dass jede dieser Treppen eine eigene Geschichte zu erzählen hatte. Manche waren direkt aus dem Felsmassiv des Gebirges geschlagen worden. Andere sind nachträglich gemauert worden. Einige führten direkt zwischen Gebäuden in die höheren Ebenen der Stadt, andere schmiegten sich direkt an den natürlichen Felsen des Berges empor. Doch eines hatten die meisten Treppen gemeinsam. Am Fuße jeder Treppe stand eine Stadtwache, welche ihre gelangweilten Blicke über die Menschen wandern ließ, wobei es den Anschein hatte, als ob keiner dieser Menschen von Bedeutung wäre. Und wer das Recht hatte, eine dieser Treppen zu betreten, oblag allein seiner Willkür. Manche Treppen waren mit einem Geländer aus kunstvoll geschmiedetem Eisen versehen, andere hingegen hatten gemauerte Brüstungen, oder direkt die Wand eines Gebäudes als Begrenzung. Dieser Ort hatte so viele Eindrucke verschiedenster Epochen dieser Stadt, allesamt gebündelt an einem Ort. In gewisser Weise war die ganze Stadt beschaffen als wäre sie über die Jahre einfach gewachsen. Altes und Neues, harmonisch ineinander verwoben. Anzeichen von jenen Tagen, in welchen Ajaran noch ein Bergwerk gewesen war, wurden vom Prunk des Aufschwungs überlagert und blitzten hier und dort noch hervor, als würden sie sich weigern in Vergessenheit geraten zu wollen. Die alten Gebäude wurden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, als aus der Silbermine eine blühende Stadt gewachsen war. Ajarans Altstadt war direkt aus dem Berg, auf welchem sie errichtet worden war, herausgeschlagen worden. Und nach und nach war die Stadt gewachsen und erweitert worden. Doch die alten Teile der Stadt zeugten noch immer von der ursprünglichen Bauweise, die sowohl praktischer Natur als auch strategischer Zweckmäßigkeit entsprungen war. Die Spuren der ersten Tage zeigten sich in rohen Steinwänden, alten Treppen und glatt polierten Böden, welche seit Jahrzehnten von tausenden Schuhen, tagein wie tagaus, glattgeschliffen worden waren. Und direkt vor einem einst alten, aus dem Berg geschlagenen, Gebäude der Silberzunft, reckte sich ein runder, gemauerter Turm in die Höhe, welcher dem Seneschall des Marktamtes heute als Sitz und zugleich als Verwaltungsgebäude diente. Der Turm fügte sich so gut ins Stadtbild ein, dass es den Anschein hatte, als wäre er schon immer hier gewesen, doch der Turm selbst war nicht aus dem Felsen geschlagen, sondern erst viele Jahre später von Maurern und Steinmetzen in die Höhe gezogen worden. Er war genauso ein Teil dieser Stadt, wie die Wohnhäuser, welche den Marktplatz in mehreren Terrassen umfassten. Man konnte die kleinen, Treppen und die geschwungenen Wege zwischen manchen Häusern erkennen und all die Menschen, die sich im oberen Teil der Stadt aufhielten und jeder von ihnen sah buchstäblich auf den Markt hinab, und all die einfachen Menschen, die dort ihr Dasein fristeten. All den Menschen, die auch im Stand weit unter den Menschen in der oberen Stadt waren. Bauern, welche ihre Ernte am Markt offerierten, Händler aus fernen Städten oder angrenzenden Fürstentümern, und allerlei Reisende, Glücksritter und natürlich auch Endres und Valésia, welche in der Menge standen und gleich der Stadt selbst, mit der Menge verschmolzen und zugleich daraus hervorstachen, da sie weder ein Teil der Stadt waren, noch einem Stand angehörten. Sie waren keine einfachen Bürger, aber auch keine Adeligen. Ein Dorn im Herzen der Stadt, den niemand spüren konnte, solange man sich der beiden nicht gewahr wurde.

Die Winterprozession kündigte sich bereits an. Überall hingen Girlanden, geschmückte Kränze aus geflochtenen Weidenzweigen, welche mit Misteln verziert worden waren. Händler bauten ihre Stände auf, um Waren zu verkaufen. Da während der Prozession Gebäck verschenkt wurde, konzentrierten sich die meisten Händler auf praktische Dinge wie Kerzen, duftende Kräuter oder geschnitzte Reliquien. Man konnte schon förmlich die heilige Stimmung, in welche sich die Stadt versetzt hatte, spüren. Endres nahm Valésias Hand und zog sie etwas näher zu sich heran. Gemeinsam wandelten sie über den Marktplatz und steuerten auf die breite Straße zu, welche über eine breite Treppe, in die obere Stadt führte. Mit jeder Stufe, die sie nahmen, beschleunigte sich sein Herzschlag. Er war nervös und aufgeregt. Er fühlte sich beinahe, als ob er sich mit jedem Schritt weiter ins Verderben stürzte. »In wenigen Stunden beginnt es zu dämmern. Man kann schon förmlich spüren, wie die Menschen sich auf heute Abend vorbereiten. Sieh nur. Er deutete auf eine Gruppe Frauen, welche gerade dabei war, Kränze aufzuhängen. Einige von ihnen stellten brennende Talglichter auf das Fensterbrett und ihre Kinder legten kleine Gaben daneben. Jeder hatte einen kleinen, innigen Wunsch, den sie sich von den Dreien erhofften. Segen. Glück. Schutz. Endres hätte eigentlich dutzende Kerzen aufstellen müssen, für all die Wünsche die er hegte. Doch er war nie im Glauben der Drei erzogen worden. Er war unter dem Glauben der Sonne aufgewachsen. Und als ein gebrandmarkter Mann, der vor der Sonne geflohen war, zog es ihn weder zum Licht der Sonne noch zum Kerzenlicht der Drei.

Sie erreichten schließlich die Oberstadt. Hier waren die Menschen deutlich betuchter. Die Händler boten hochwertige Waren feil. Beinahe jedes Haus hatte einen kleinen Stand aufgebaut, mit allerlei Kerzen, silbernem Tand und heiligen, teuren Kerzen aus hochwertigem Wachs oder ganze Armleuchter, welche man während der Prozession tragen konnte. Diese Prozession diente für den Adel weniger des Glaubens, sondern mehr der eigenen Reputation. Wer Geld hatte, zeigte dies. Mit teuren Gewändern und hochwertigem Tand. Natürlich war es nicht üblich, prunkvolle oder pompöse Gewänder zu tragen. Es war ein heiliges Fest, bei dem es üblich war einfache, helle Gewänder zu tragen. Doch der Adel hatte seine Wege, sich dennoch vom Pöbel abzuheben. Hochwertige Stoffe aus feinster Wolle. Aufwändige Stickereien mit weißen und goldgelben Fäden. Die Schnitte der Kleidung waren einfach und zweckmäßig, doch die Verarbeitung und die verwendeten Materialien umso hochwertiger. Endres staunte als er die geschmückte Oberstadt sah. Am Ende der Straße ragte das mächtige Gebäude der Silberbank wie ein drohender Finger in den Himmel. Ein Ort, so reich und wohlhabend, wie kaum ein anderer im gesamten Herzogtum. Hier lagerten tausende Tonnen Silber und allein der Gedanke daran ließ Endres in ungeahnte Höhen schweben. Doch verschwendete er keinen Gedanken daran darüber nachzudenken die Bank zu bestehlen zu versuchen. Dies wäre ein törichtes und von Anfang an zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen. »Nun. Ich habe über deine Worte nachgedacht, meine Liebste. Ich denke es könnte funktionieren.« Valésia warf ihm einen Blick zu, in welchem sich ihre Freude förmlich widerspiegelte. »Ich denke, der beste Ort dafür, wird hier sein. Nahe der Treppe. Wenn etwas schief geht, können wir über die Treppe entkommen. Oder in diese Gasse dort.« Er deutete auf eine schmale Gasse, welche zu einer der oberen Terrassen führte. Von dort aus konnte man im Labyrinth der Stadt, oder über die Dächer entschwinden. Endres nickte entschlossen. »Bis zur Prozession sind es nur noch wenige Stunden. Lass uns zwei einfache Umhänge erwerben um uns als, um Almosen bettelnder Pöbel zu verkleiden.«

Die Sonne lag bereits auf dem Rand der Welt und ihr tiefer, roter Schein, tauchte die Stadt in einen warmen, beinahe goldenen Ton. Glocken läuteten, Schalmeien erklangen und die ersten Gesänge der Tempeldiener waren in den Straßen zu vernehmen. Endres und Valésia saßen am Rand der großen Treppe und hatten sich zwei alte, lumpige Umhänge über den Kopf gelegt. Sie sahen aus, wie jeder andere, der hier am Rand der Treppe saß, und auf die heiligen Brote wartete. Endres sah viele Kinder, ihre Gesichter waren schmutzig, ihre Zähne waren gelb, aber ihr Lächeln war ehrlich und in ihren Augen funkelte eine unglaubliche, kindliche Freude, die Endres einfach nicht beschreiben oder erklären konnte. Die Mütter hingegen wirkten eher traurig und demütig. Sie saßen im Schneidersitz oder knieten und hielten die Häupter gesenkt. Und als die Gesänge lauter wurden, und die Trommeln erklangen, da wusste Endres, dass der Moment gekommen war, auf den sie so lange gewartet hatten.

Durch die Menge ging ein Raunen, als zwei strahlende Ritter in polierten Rüstungen die Straße entlang schritten. Sie hielten jeder eine lange Hellebarde an dessen Ende das Wappen von Ajaran im lauen Abendwind wehte. Hinter den Wachen schritten Tempeldiener, welche einen Wagen zogen, der mit hunderten Broten beladen worden war. Junge Dienerinnen zogen ein Brot nach dem anderen vom Wagen und reichten es an Weiber, Kinder und gebrechliche Männer. Sie sprachen Segen aus, berührten die Häupter der Frauen oder die Wangen der Kinder. Schenkten milde, segensreiche Worte umrahmt von ebenso milden, salbungsvollen Lächeln. Als die ersten Wagen an Endres und Valésia vorüberzogen, und jeder von ihnen ein Brot bekommen hatte, folgte der eigentliche Marsch. Soldaten säumten den Weg zu beider Seiten und zwischen den Reihen der Soldaten erkannte man schließlich den Herrn dieser Stadt. Der Herzog von Ajaran. Er trug eine schlichte, weiße Robe mit goldenen Stickereien. Auf seinem Haupt lag ein silberner Kranz aus Mistelzweigen, zweifellos ein kunstvolles und kostspieliges Werk hochwertiger Schmiedekunst. Neben ihm lief seine Gemahlin, welche ebenso schlicht gekleidet war wie er. Sie trug einen Schleier und man konnte ihr Gesicht nur erahnen, wenn der Schein der Kerze, welche sie vor sich hertrug im richtigen Winkel auf sie schien. Die Kinder des Herzogs schritten hinterdrein und ihnen folgten weitere Wagen mit Gebäck und Gaben. Und diesen Wagen folgten weitere Ritter. Einer von ihnen saß hoch Ross. Es war ein weißer Schimmel, und der Umhang des Ritters war so lang, dass er über das Pferd hinausragte und fast den Boden berührte. Doch als auch dieser Ritter schließlich Endres und Valésia passiert hatte, weiteten sich Endres‘ Augen. Er hatte Roméro in dem einfachen, heiligen Gewand kaum erkannt. Doch das Gesicht war unverkennbar. Er zog den Umhang etwas tiefer ins Gesicht und berührte Valésia an der Hand. »Dein Bruder.«, flüsterte er und nickte in jene Richtung, in welcher Roméro ging. Und nicht nur er. Nebendrein schritten der Bernsteingraf, seine Gemahlin und weitere Angehörige des Hauses Aramajé. Zwischen all den Soldaten und den Adeligen, befanden sich mehrere Tempeldiener, welche einen ledernen Beutel, der an einer langen, hölzernen Stange befestigt worden war, und hielten diese in die Menge. Die Stangen waren lang genug, um über die Reihen der Armen und Bedürftigen hinweg gehalten werden zu können, und jene Menschen dahinter zu erreichen. Wohlhabende Bürgerliche, Freie Ritter, niedere Adelige. All jene Menschen, die den Segen der Drei auf ihre Weise erhalten wollten. Sie gaben Spenden. Silbermünzen und einfacher Tand. Manch einer legte sogar eine Goldmünze in den Beutel, um sich so die Gunst der Götter zu sichern. Es war ein ausgeklügeltes Spiel von Politik, Religion und Macht.

Als Valésias Familie nur noch eine Armlänge entfernt war, hob Valésia schließlich den Kopf. Sie suchte die Blicke ihres Bruders, welcher feierlich, ernst und begleitet von den Rittern seines Hauses, stoisch seines Weges ging. Doch als die Blicke der beiden Geschwister sich schließlich trafen, da hielt er, wenn auch nur für einen Augenblick lang, inne. Endres konnte die Verwunderung, die Erleichterung und auch die Freude, welche sich zugleich mit Unbehaglichkeit zu vermischen schien, förmlich in seinen Augen sehen. Roméro sah sich verstohlen um. Doch sein Blick suchte immer wieder Valésia, und schließlich konnte er nicht mehr an sich halten. Er schritt, so unauffällig, wie es ihm scheinbar möglich war, immer näher an Valésia heran. Als er vor ihr zum Stehen gekommen war, hielt er ihr einen Lichtling entgegen und sprach, laut und so, dass es jeder hören konnte. »Mögen die Drei dich segnen, gute Frau.« Doch als er ihr die Hand, zum Zeichen seines Segens, auf das Haupt legte, beugte er sich etwas weiter vor und dämpfte seine Stimme zu einem Raunen. »Was machst du hier? Seid ihr von Sinnen? Sie suchen euch überall! Wir treffen uns…« Roméro konnte den Satz nicht mehr beenden.

Zwei Ritter des Bernsteingrafen legten Roméro die Hände auf die Schultern und nahmen ihn in die Zange. »Wir haben sie!«, rief einer von ihnen, laut genug, dass man die Stimme hören konnte, aber gedämpft genug, dass es kaum Aufsehen erregte. Sogleich strömten weitere Ritter auf Roméro und Valésia hinzu. Sie näherten sich geschickt und unscheinbar. So dass dem Pöbel und all den anderen Anwesenden kaum auffiel, was hier eigentlich geschah. Nur Endres, Valésia und Roméro wussten sehr genau, was hier vor sich ging. Hände griffen in die Menge, drängten Kinder und Frauen beiseite und schließlich durchbrach die Unruhe die heilige Prozession. »Lauf Valésia!«, rief Roméro und versuchte sich aus dem Griff der Ritter zu befreien. Doch es gelang ihm nicht. Valésia versuchte aufzustehen doch noch bevor ihr das gelungen war, hatten sich bereits zwei Ritter ihrer angenommen. Endres konnte nur hilflos mitansehen, wie die Situation völlig seinen Händen entglitt. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Was sollte er nur machen? »Nein!«, rief er nur, als einer der Ritter Hand an Valésia legte. Er drängte sich zwischen Valésia und ihren Häscher, doch dieser überwältigte Endres und schickte ihn mit einem Schlag zu Boden. »Bleibt zurück, Pöbel!«, befahl der Ritter und schirmte Valésia vor der Menge ab. «Bringt die Komtess in die Burg!«, befahl der Truppführer und Endres konnte nichts dagegen unternehmen, als Roméro und Valésia in die Obhut ihrer Familie gebracht wurden. »Valésia…«, ächzte Endres und seine Stimme brach, während er auf allen Vieren auf dem Boden kniete und nur hilflos dabei zusehen konnte, wie seine Liebste fortgebracht wurde. Doch noch während die Ritter sich dem Tross näherten, drängte sich der Bernsteingraf höchstselbst, seiner Tochter entgegen. »Ergreift diesen Mann!«, befahl er in einer gedämpften aber kaum überhörbaren Tonlage. Seine Finger waren auf Endres gerichtet, der zwischen all den Bettlern und Betenden am Boden kniete.

Doch da flammte in Endres die Torheit auf. Seine impulsive Art, die ihn stets in Schwierigkeiten gebracht hatte. Sein Blick wurde grimmig und er sprang auf die Beine. Er rannte los, sprang über am Boden knieende Frauen, rempelte Kinder zur Seite und drängte sich zwischen die marschierende Menge. »Haltet ihn auf!« Gellten die Stimmen. »Ergreift ihn!« »Nein!«, rief Valésias Stimme zwischen all den anderen. Endres zog sich den lumpigen Umhang vom Hals und warf ihn über einen der Ritter vor sich. Dieser kämpfte gegen den Umhang an, als Endres ihn rüde zur Seite rempelte. Schwerter wurden gezogen, und Hellebarden vor Valésia gekreuzt. Es gab kein Entrinnen für sie und Endres erkannte, dass es zu spät war. Dies war das Ende…sein Ende…das Ende ihrer Reise…das Ende ihrer Liebe?

Endres Blicke huschten, wie jene eines gehetzten Tieres, von Ritter zu Ritter. Sie versuchten ihn einzukreisen und er ging rückwärts, bis er gegen den Wagen stolperte, welcher die Spenden der Tempeldiener beförderte. Endres handelte instinktiv und ohne nachzudenken ergriff er sich zwei der Beutel, und warf sie schwungvoll auf die Straße. Die Schnürung riss und die ledernen Beutel platzten förmlich auf, als sie unter der Wucht und ihrem eigenen Gewicht, auf die steinerne Straße aufschlugen. Dutzende silberne Münzen ergossen sich klimpernd auf die Straße. Endres ergriff einen zweiten Beutel und beförderte diesen ebenfalls auf die Straße. Das Geklimper und das helle funkeln der Münzen, erweckte schließlich einen schlafenden, in Demut versunkenen Riesen. »Geld!«, riefen vereinzelte Stimmen. »Geld!« Das Geschrei der Leute wurde eine gewaltige Woge. Und die Massen stürzten über die am Boden liegenden Münzen wie Ratten. Frauen und Kinder krabbelten über den Boden. Männer sprangen in die Menge. Unzählige Hände griffen nach den am Boden liegenden Münzen. Der Tumult und das Chaos waren unbeschreiblich. Die Ritter wurden förmlich zur Seite gedrängt. »Schützt den Herzog! Schützt den Grafen!«, bellten die Befehle der Soldaten. »Bringt die Komtess in Sicherheit!«, rief ein anderer Ritter. »Ergreift diesen Mann!«, schrie der Bernsteingraf. All diese Stimmen. Alle schrien sie und gingen in dem Meer aus gierigen Stimmen des Pöbels förmlich unter. »Geld! Silber!«, riefen die Menschen und drängten die Ritter, die Tempeldiener und die Adeligen beiseite wie ein brechender Damm der von einer Sturmflut überschwemmt wurde. Die Ritter stießen den Pöbel beiseite und als Endres schließlich so weit in Bedrängnis geraten war, dass sie ihn ergreifen konnten, da riss sich Valésia von ihrem Häscher los und drängte sich zwischen die Ritter und Endres. »Haltet ein! Bitte, verschont ihn!«, rief sie und breitete schützend die Arme aus. Endres, welcher soeben zwei weitere Beutel genommen hatte, um auch diese auf den Boden zu werfen, stand völlig zwischen den Fronten. »Haltet ein! Der Komtess darf kein Leid geschehen«, rief eine Stimme. »Ergreift diesen Lump!«, rief der Bernsteingraf…und die lauteste Stimme von allen rief schließlich. »Lauf Endres! Lauf!«

Endres rannte, als wären ihm tausende Ritter auf den Fersen. Er rannte durch die enge Gasse, sprang auf Häuserdächer und von diesen herunter auf die tieferen Terrassen. Er rannte, bis der Atem in seinen Lungen brannte und seine Füße schmerzten. Doch er rannte immer weiter. Die Schritte der Verfolger waren schon lange nicht mehr zu hören, doch er rannte unbeirrt weiter. Er rannte so lange, bis er nicht mehr konnte und erschöpft zusammenbrach…und als er schließlich am Ende seiner Kräfte war, begann er zu schluchzen. Er zitterte am ganzen Leib, Tränen quollen aus seinen Augen und jeder Atemzug brannte wie Feuer. Und in seinen Händen hielt er noch immer diese beiden Beutel, welche er daraufhin ungläubig ansah. »Valésia. Oh was mache ich denn jetzt?«

Der Tumult auf der Straße war inzwischen zur Ruhe gekommen. Die Stadtwache des Herzogs von Ajaran hatte für Ruhe gesorgt und man hatte die Straßen geräumt und die Prozession beendet. Die Priester der Drei hatten die Menschen beruhigt und die Stadtwache das Chaos eingedämmt. Das verlorene Silber war zu großen Teilen unwiederbringlich verloren, doch der Schaden der dadurch entstanden war, war deutlich höher als nur das Silber. Der Herzog tobte innerlich, doch nach außen hin, gab er sich keine Blöße. »Meine Verehrten Bürger! Adelige und Gäste! Die Heiligkeit dieser Prozession wurde von Frevlern entweiht!«, rief er, sichtlich darum bemüht die Ordnung wiederherzustellen. Doch der schlafende Riese tobte. Die Menge war in Bewegung geraten. Es gab nichts, dass diese Massen beruhigen konnte. Keine salbungsvollen Worte. Keine süßen Brote. Und keine Waffengewalt. Die Ritter bildeten einen Kreis um die Adeligen und brachten diese schließlich aus der Menge heraus. Die Tempeldiener versuchten ihr Möglichstes die Massen zu beruhigen, als der Herzog mit lauter Stimme durch das Stimmenmeer der Menge schnitt. »Diese Stadt, diese heilige Prozession. Sie stehen unter meinem Schutz! Ich schwöre, dass die Verantwortlichen für ihren Frevel bezahlen werden! Dieser Tag ist ein heiliger Tag der Drei! Wir sind alle Diener der Götter. Und wir neigen unser Haupt in Demut und Hingabe!« Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Als der Herzog höchstselbst auf die Knie ging, und sein Haupt beugte, da ergriff es die Menge und einer nach dem anderen folgte seinem Beispiel. Jene, die noch zögerten, wurden von den Rittern dazu angetrieben, auf die Knie zu gehen. Und so hatte der Herzog es gerade noch geschafft, eine totale Eskalation zu verhindern. »Bringt den Menschen das Wort und die Gaben der Drei.«, befahl der Herzog an die Tempeldiener gerichtet und schnippte dann mit den Fingern. »Wir gehen. Es gibt viel zu bereden.«

Als der Herzog schließlich auf seiner Burg, im Schutze seiner Leibwache und Diener angekommen war, entkam all die Wut und aufgestaute Zurückhaltung. »Wie konnte das passieren? Was, bei all den Göttern hatte das zu bedeuten?« Seine Stimme schallte durch die Gänge und jeder, der sie vernahm, zuckte unweigerlich zusammen. »Ein Mann hat das Silber der Spenden auf den Boden geworfen und die Menge in Aufruhr gebracht.« Der Herzog warf dem Sprecher einen finsteren Blick zu. »Ein einzelner Mann? Ihr wollt mir sagen, ein Mann hat beinahe einen Aufstand heraufbeschworen? Warum bei allen Göttern?« Die Berater und Ritter des Königs wussten darauf keine Antwort. »Ich verlange zu erfahren, was hier geschehen ist! Man möge diesen Mann finden! Ich klage ihn an, wegen Häresie, Ketzerei und schweren Raubes des heiligen herzoglichen Silbers! Ich verlange seinen Namen, Ich verlange, dass er mir vorgeführt wird! Schreibt ein Kopfgeld aus, in Höhe von einer Goldmark!« Da trat ein Diener hervor und räusperte sich. »Mit Verlaub, euer Gnaden.« Der Herzog sah den Mann mit einem feurigen und zugleich geringschätzenden Blick an. »Was hat er zu berichten?«, verlangte der Herzog zu erfahren und der Diener verbeugte sich demütig. »Ich war selbst kein Zeuge, euer Gnaden. Doch mir ist zu Ohren gekommen, dass der Aufstand aufgrund des Hauses von Aramajé ausgebrochen ist.« Der Herzog sog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Weiß er da, was er da spricht? Das ist eine schwere Anschuldigung!« Der Diener senkte demütig den Kopf. »Gewiss, euer Gnaden. Doch wie ich erfahren habe, wurde in der Menge eine Frau aufgegriffen, wodurch es zu diesem Aufruhr kam. Sie wurde in aller Stille, im Schutze des Aufruhrs in die Gemächer des Grafen geschafft.« Der Herzog wedelte mit der Hand, an welcher sich auch sein schwerer Siegelring befand. »Er kann sich entfernen.« Als der Diener sich schließlich entfernt hatte da veränderte sich der Blick des Herzogs zu einer zornigen, finsteren Fratze. »Graf Gunter…«, brummte er. »Sein Sohn hat gelogen. Die Komtess von Aramajé? Sie soll verschieden sein. Was hat das alles zu bedeuten?« Er schnippte mit den Fingern und ein höfischer Schreiber kam buckelnd angelaufen. »Verfasst einen Brief an den Grafen von Aramajé. Er möge sich unverzüglich zu einer Unterredung einfinden. Und die Frau, welche er in seinen Gemächern unter Verschluss hält, ist mir unverzüglich zu übergeben.«
Ohne jede Hoffnung ❖
baum-es ging alles so unglaublich schnell, als die Prozession in heillosem Durcheinander auseinanderbrach. Roméros Worte, welche er an Valésia gerichtet hatte, hatten letzten Endes den Stein ins Rollen gebracht, als er ihr einen Lichtling gereicht hatte. Vielleicht hätte niemand etwas bemerkt, wenn er sie überhaupt nicht gesegnet hätte. Allein wer Roméro kannte, wusste, dass ein Segen, ausgerechnet von ihm ausgesprochen nichts anderes als sehr ungewöhnlich war. Vielleicht war es aber nicht dieser laut ausgesprochene Segen, den er hörbar für jeden ausgesprochen hatte, sondern das Flüstern und das Raunen danach. Er hatte sich zu lange an ihr aufgehalten, wo er doch zuvor bei niemandem gehalten hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es diese Zuneigung der Geschwister füreinander, die alles zu Fall gebracht hatte. Valésia die wider jede Vernunft ihren Bruder noch einmal sehen wollte und Roméro der sich trotz dem gesamten Tross aus Aramajé diese Gelegenheit nicht hatte entgehen lassen wollen, einen Treffpunkt zu vereinbaren. Leise aber unerbittlich gesprochene Befehle ertönten, Valésia spürte, wie sich zwei Ritter an sie drängten, flankierten und die in die Mangel nahmen. Dann ging alles schnell, es brach ein Tumult los, ausgehend von Endres, der Valésia schützen wollte. Doch was sollte er ausrichten gegen einen Haufen gerüsteter Ritter? Er wurde in den Staub getreten, eine Unruhe ging durch die Menge, Menschen, die sich in alle Richtungen drängten. Kerzen fielen, Dienerinnen und Priester der Drei versuchten Ordnung zu wahren, doch ihre mahnenden Stimmen gingen in dem Lärm unter. „Komtess, bitte keine Gegenwehr…“, sagte der Ritter zu ihrer Rechten. Sie kannte ihn vom Sehen, konnte ihn aber nicht zuordnen. Sein Griff an ihrem Ellbogen war nicht ruppig, es war nur eine höflich platzierte Hand, die jedoch weder Widerspruch und Widerstand zuließ. Der zweite Ritter hielt sich knapp seitlich versetzt hinter ihr. Valésias Sorge galt nur einem. Sie versuchte, sich umzudrehen, den Blick zurück in die Menge zu werfen, dorthin, wo sie Endres zuletzt gesehen hatte. Doch die Ritter schirmten sie ab, höflich, aber wirkungsvoll. Valésia erblickte für einen kurzen Augenblick ihre Mutter und Roméro. Beide waren blass, beide sichtlich bemüht, Würde zu wahren. Die Gräfin blickte sich immer wieder um, als wolle sie sicherstellen, dass es wirklich Valésia war die aufgegriffen worden war, doch Valésia senkte den Kopf unter ihrer Kapuze sobald sie sie entdeckt hatte, um zu verhindern, dass sich ihre Blicke kreuzten. Roméro hingegen wirkte angespannt, ernst und hatte die Hände in seiner feierlichen Robe verborgen. Und etwas weiter vor ihnen, im Schutz seiner persönlichen Garde, ging Graf Gunter. Er sah nicht zurück, nicht einmal ein einziges Mal, was Valésia nur Recht war. Sie verlangsamte ihre Schritte, als könne sie irgendwas damit erreichen, doch ihre Garde war damit sichtlich nicht einverstanden. „Komtess, wir müssen weiter“, sagte der hintere Ritter. „Wir dürfen uns nicht aufhalten.” Valésia hob den Kopf ein wenig, sah über die Schultern der beiden hinweg in das Gewühl aus Menschen, Kerzen, Rauch und aufgewühlten Stimmen. Aber Endres war längst verschwunden. Kein blonder Haarschopf, keine vertraute Gestalt. Niemand, der Endres war und sich noch einmal zu ihr umwandte. “Aus dem Weg!!“, blaffte einer der Männer Gunters den Pöbel an, um sich den Weg frei zu bahnen. “Zurück, sofort!“

Der zielgerichtete Weg zur Burg des Herzogs war kurz, aber er schien sich in die Länge zu ziehen. Valésia stand unter Schock. Es war, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und ihr den Verstand genommen. Wie eine willenlose Marionette ließ sie sich von den Rittern flankiert führen. Ohnehin hätte sie keine andere Möglichkeit gehabt. Sie hatte die eine Gelegenheit die sie von Schicksal erhielt als sie sich losgerissen hatte, dazu verwendet, sich zwischen Endres und die Ritter zu stellen um ihrem Geliebten eine Flucht zu ermöglichen. Der Ritter, der sie zunächst lose am Arm gehalten hatte, hatte gesehen, wie schnell sie sich aus seinem Griff lösen konnte. Von da an wich er ihr keinen Schritt mehr von der Seite und hielt sie so im Auge und im Griff, dass sie nicht einmal mehr daran denken konnte wegzukommen. Sie erreichten schließlich die Burg, eilten durch den Hof, wurden von verwunderten Wachmännern die ihre Rückkehr so bald nicht erwartet hatten, durch einen Salut begrüßt, doch der Tross aus Aramajé beachtete diese kaum. Es galt nur, die verlorene Tochter Valésia Aridaneä von Aramajé in den Schutz der Burg zu bringen. Zurück in den goldenen Käfig.

Man führte Valésia nicht sofort zu ihrem Vater. Zuerst brachte man sie in ein Gemach, wo ihr die einfache Kleidung abgenommen wurde. Sie wurde in einen Badezuber gesteckt, gewaschen, gekämmt und in angemessene feine Gewänder gekleidet. Erst dann, ordnungsgemäß hergerichtet, durfte sie ihrem Vater gegenübertreten. Niemand ließ sie auch nur eine Sekunde lang aus den Augen. Zwei Burgwachen geleiteten sie durch die Gänge der Burg, einen langen Korridor entlang, bis sie vor einer Tür standen. Sie klopften, die Türen öffneten sich. Valésia trat ein, blickte sich unsicher um. Warme Luft aus dieser einer geheizten Kammer schlug ihr entgegen. Sie sah ihren Vater am Fenster stehen. Er blickte aus dem Fenster, die Hände am Rücken ineinander verschränkt. “Ich wünsche die Komtess alleine zu sprechen” sagte er nach einer kurzen Weile ohne sich umzudrehen und die Wachen nickten, ohne dass er sie sehen konnte, zogen sich zurück und schlossen die Türen hinter Valésia.

Unbehagliche Stille breitete sich aus, der Bernsteingraf stand immer noch schweigend am Fenster. Als er sich endlich umdrehte, hafteten sich seine Augen auf sie, als könnte er nicht glauben, dass das alles wirklich passiert war. Für Valésia sah es aus, als müsste er sich sammeln. Sie wusste, dass er seine Worte längst zurechtgelegt hatte, doch der Moment traf ihn offenbar so hart, dass ihm plötzlich nichts mehr über die Lippen kam. “Valésia” sagte er, während ihr nun die Worte im Hals stecken blieben. Als sie nichts erwiderte, sagte er leise “Komm näher.“ Sie trat zwei zaghafte Schritte vor. Er wirkte älter, als sie ihn in Erinnerung hatte. „Du lebst.“ Es war kein Vorwurf. Ja nicht einmal ein Staunen. Es war eine Feststellung. „Ja“, sagte sie schließlich, leiser, als er zuvor gesprochen hatte. Er sah sie lange an. So lange, dass ihr irgendwann bewusst wurde, dass er nicht einmal geblinzelt hatte. Sein Blick war der eines Habichts. “Sie gesehen, dass jemand gefallen war und sie hatten jemanden gefunden“, begann er schließlich. „In deinen Kleidern. Am Fuß des Felsmassivs unter deinem Balkon.“ Valésia senkte den Kopf. Er fuhr fort, ohne ihre Reaktion abzuwarten. “Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Burg. Gerüchte entstanden, man wusste nicht, wer es war, doch man hatte eine Vermutung. Und es war letztendlich meine Aufgabe, dort hinabzusteigen und den zerschellten Körper in Augenschein zu nehmen. Zu bestätigen, dass du es warst. Keinem Vater sollte so ein Anblick zugemutet werden, Valésia. Und doch hast du es in Kauf genommen, mir das zuzumuten. Und jetzt, wo ich weiß, dass du es nicht warst, fühle ich mich dennoch nicht besser.” Sie hob den Kopf und sah in seine Augen. Da war etwas zu sehen, das sie bei ihm noch nie gesehen hatte. Schmerz. Und das wiederum verursachte in ihr ebenso Schmerz. Es traf sie unerwartet. „Es tut mir von Herzen leid, Vater“, sagte sie. Sein Blick verriet, dass er es nicht entschuldigte. Ein langer schweigender Moment verging. Gunter ging zum Tisch, stützte beide Hände darauf, als müsste er sich festhalten. „Sag mir eines,“ begann er leiser. “Du kanntest deine Pflichten. Du wurdest dein Leben lang auf eine solche Ehe vorbereitet. Warum hast du dich davongestohlen, Valésia? Warum hast du uns so zurückgelassen?“ Sie antwortete nicht sofort. Was sollte sie ihm auch erklären, was er ohnehin nicht verstand? Doch er erwartete eine Antwort und Valésia wollte ihm so ehrlich wie nur möglich darauf antworten. „Es war wegen Erbprinz Merik. Er behandelte mich schlecht. Er hat mich gedemütigt. Er holte sich ständig Dirnen ins Bett. Er wusste, dass ich davon wusste, doch es war ihm egal. Er hatte kein Interesse an dieser arrangierten Ehe, noch bevor sie eingegangen wurde. Er war launisch, ungehobelt und grob und ich hatte Angst vor ihm. Und weil ich wusste, dass es keinen anderen Weg gibt, diesem Schicksal zu entrinnen. Aber nicht nur deswegen. In erster Linie deshalb, weil ich Endres liebe.” Dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie zwang sich fest dazu, nicht zu weinen.

Der Bernsteingraf nickte verstehend und musterte sie erneut. „Ich will es verstehen, nein, ich muss es verstehen…“ sagte er plötzlich. Er ging um den Tisch herum und einige langsame Schritte auf sie zu, blieb stehen und sah sie direkt an. Valésia sah ihn fragend an „Was?“ „Wie das alles passieren konnte.“ Seine Stimme war ruhig, aber angespannt. Und zum ersten Mal in ihrem Leben erkannte Valésia, dass er nicht komplett Herr der Lage, Herr über sich selbst war. „Wie du… Wie ihr… Wie das zwischen dir und diesem Paltoren in so kurzer Zeit entstanden sein soll. Wir waren nicht eine solch lange Zeit auf Burg Olathor, wie du weißt.“ „Es ist einfach passiert,“ sagte sie schlicht und er sah sie unwillig an. „Diese Antwort reicht mir nicht.“ Er kam noch einen Schritt näher, nicht drohend, aber bestimmt. „Erkläre es mir.“ Valésia hielt seinem Blick stand. “Das kann ich nicht.” Gunter verzog kaum die Miene, aber sie sah, wie es in ihm arbeitete. „Ihr wart einander Fremde. Ihr habt euch kurz in dieser Schenke gesehen. Kaum ein Wort gewechselt. Und als er dir diese Spange zurückgebracht hat. Du kanntest ihn nicht und hast trotzdem alles für ihn weggeworfen? Dein Haus, deinen Namen, deinen Stand und deine Zukunft?“ „Ja.“ „Warum?“ Valésia schwieg. Gunter machte eine ungeduldige Handbewegung. „War es aus Dankbarkeit? Oder weil er dich beeindruckt hat? Ich gebe zu, er sieht gut aus. Aber dafür wirft man doch wohl nicht alles weg? Oder weil er…“ Er zuckte für einen unmerklichen Augenblick die Schultern und sprach nicht weiter, sondern blickte sie fragend an. „Ich weiß nicht, wonach Ihr sucht, Vater“, sagte Valésia leise. „Ich suche nach der Wahrheit Valésia. Nur du kennst sie. Es gab wohl doch Gespräche zwischen dir und ihm von denen ich nichts weiß? Gab es heimliche Treffen? Hat er dir irgendetwas eingeredet? Hat er dich bedrängt?” „Nein.“ „Was hatte es mit dieser Jungfernprobe auf sich? Hattest du dich ihm hingegeben und dies war der Grund warum du sie nicht bestanden hattest?” Schweigen. “Valésia…” sagte er mit Nachdruck. Sie schwieg weiterhin. „Du willst diese Frage nicht beantworten. Aber du brauchst nicht zu sagen, denn dein Schweigen ist mir Antwort genug.“ „Nun, wenn ihr die Antwort kennt, Vater, dann muss ich es auch nicht mehr beantworten.“ „Du weißt, was das bedeutet“, sagte er. „Für dich. Für deinen Namen. Für dein Haus.“ „Ich weiß.“ „Und es war dir egal.“ „Ja.“ „Unbegreiflich, Valésia. Ich verstehe es nicht. Jahre der Erziehung. Ich, aber auch deine Mutter, vergiss das nicht, haben so viel in dich investiert. Und du sagst, es ist dir egal?“ „Ich sage, dass es meine Sache ist.“ „Es ist nicht deine Sache“, sagte er bestimmt. „Du bist von meinem Blut. Auch wenn du das vielleicht vergisst.“ Sie hob wieder den Blick. „Ich vergesse nie, wer ich bin… Wer ich war…“ „Falsch! Du hattest dich längst vergessen, Valésia!“ Jetzt erhob er die Stimme. „Du hast dich, deine gute Erziehung, deine Familie, ja selbst die Drei vergessen, als du dich diesem Paltoren hingegeben hast wie ein verliebtes einfältiges Bauermädchen und du hast alles vergessen, als du diesen abscheulichen Plan in die Tat umgesetzt hast und mit ihm geflohen bist! Und du bist nicht einmal Willens, deinem Vater die ganze Wahrheit zu sagen! „Es ist alles, was ich sagen kann.“ „Es ist alles, was du sagen willst. Valésia, ich bin dein Vater“, sagte er leise. „Auch, wenn ich es nicht mit Worten gesagt oder dir immer gezeigt habe, doch ich habe dich immer geliebt. Ich habe dich erzogen, dich vorbereitet, dich beschützt. Und dann… Warst du fort. Einfach fort.“ Valésia fühlte, wie ihr die Kehle eng wurde. „Und es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich wünschte, es hätte einen anderen Weg gegeben, doch ich habe mir nicht anders zu helfen gewusst.“ „Tut es dir wirklich leid, oder tut es dir nur leid, weil wir dich zurückgeholt haben?“ Er wartete keine Antwort ab, sondern sprach weiter. „Sag mir, Valésia. Willst du zu ihm zurück?“ „Ja. Um alles in der Welt.“ „Selbst wenn ich es dir verbiete?“ „Ja.“

Er sah sie lange an. „Hör mir jetzt gut zu. Es gibt kein Zurück für dich zu dem Leben, das du dir ausgemalt hast. Nicht zu diesem Paltoren. Nicht zu irgendeiner Freiheit, die du dir selbst genommen hast, ohne das Recht dazu zu haben. Dieser Abschnitt deines Lebens ist vorbei,“ sagte er ruhig. Er machte einen Schritt auf sie zu. „Du bist Komtess Valésia Aridanäe von Aramajé. Dein Platz ist an der Seite deiner Familie. Nicht an der Seite eines fremden Mannes, der einem fremden Glauben anhängt und nicht Die Drei anerkennt.“ „Ihr könnt mich zu nichts zwingen, was mein Herz ablehnt,“ sagte sie leise, aber aufbrausend. „Ich zwinge dich nicht, dass du ihn vergisst,“ antwortete er kühl. „Aber ich zwinge dich zu deiner Pflicht.“ Valésia atmete durch und sah ihm in die Augen. „Wozu genau wollt ihr mich zwingen?“ Gunter hielt ihren Blick fest. „Du bleibst bei uns, bis du verheiratet bist. Mit einem Mann, den ich auswähle. Nicht du.“ „Und wenn ich Nein sage?“ Jetzt lachte er leise, als hätte sie etwas Lustiges gesagt. „Valésia. Sei nicht dumm. Oder hast du vergessen, dass ich dein Einverständnis nicht brauche? Ich bin dein Vater, ich bin dein Vormund bis du verheiratet bist und dein Ehemann dein neuer Vormund wird. Und ich erwähle deinen Ehemann, ich! Niemand sonst! Ja nicht einmal deine Mutter!“ Valésia sah ihn an, als könne sie nicht glauben, was sie da gehört hatte. „Ihr erwartet von mir, mich zu fügen? Einfach so?“ „Natürlich,“ sagte er mit einer Überzeugung, wie sie nur ein Adeliger besaß. Er trat noch näher und war ihr nun ganz nahe. „Du bist meine Tochter. Und du hast keine Ahnung, was du in deiner verliebten Torheit angerichtet hast. Du hast mich vor dem Herzog wie einen Narren aussehen lassen. Ich habe ihm erst vorgestern, als wir angekommen waren, von deinem Tod berichtet! Du hast eine Frau in deinen Kleidern sterben lassen. Vielleicht wird selbst dieser Umstand noch ein Nachspiel haben. Ob du willst oder nicht, dein Name ist jetzt mit diesem Tod verknüpft. Und du bist mit einem Mann geflohen, der kein Ariader ist! Er hat dich entehrt! Er hat dich entführt. Und du glaubst, dass ich das so einfach hinnehmen werde?“ „Er hat mich nicht entführt! Ich bin freiwillig mit ihm gegangen. Und ihr kennt ihn nicht, er besitzt mehr Ehre und Anstand als ihr glauben wollt!“ flüsterte Valésia. „Ich muss ihn nicht kennen.“ sagte Gunter. „Ich kenne dich. Und ich weiß, dass du meinen Schutz brauchst, bevor du dir selbst noch einmal schadest. Denn ganz offensichtlich hast du den Verstand verloren!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich brauche keinen Schutz, alles, was ich brauche ist Endres.“ „Dann brauchst du Grenzen. Und du wirst sie erhalten, sei dir da gewiss!“ Valésia ballte die Hände zu Fäusten, aber sie sagte nichts. Gunter wartete nicht auf eine Antwort. „Du wirst ab sofort in dieser Familie bleiben,“ sagte er fest. „Du wirst da bleiben, wo ich es anordne. Du wirst keine Besuche erhalten. Du wirst niemandem schreiben. Du wirst nirgendwo hin gehen. Mit niemandem. Außer mir mir. Und du wirst verheiratet. Sobald es sich fügt.“ „Mit wem?“ Valésia fühlte, wie ihr Hals sich zuschnürte. „Das wird sich noch weisen. Vielleicht biete ich dich noch einmal Olathor an.“ Valésia schüttelte heftig den Kopf. „Merik? Niemals!“ Der Bernsteingraf hob eine Hand und machte eine abfällige Geste. „Wer würde dich jetzt noch wollen? Ich habe im ganzen Reich verkünden lassen, dass du tot bist. Vielleicht bleibt dir nur noch ein Tempel. Oder eben Olathor.“ „Das ist ein goldener Käfig.“ Graf Gunter antwortete ohne Zögern „Dann ist es wohl ein Käfig, den du brauchst.“ „Ich brauche keinen Käfig, Vater, ich brauche Liebe. Und Endres gibt mir diese Liebe. Er ist freundlich, großzügig, er würde sich nie wie ein Vormund benehmen. Er liebt mich über alles, und ich liebe ihn über alles!“

Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. „Liebe… Liebe vergeht, Valésia. Das tut sie immer. Liebe ist nichts worauf du bauen kannst. Familie und Bündnisse, darauf kannst du bauen!“ Valésia fiel vor ihrem Vater auf die Knie. Es war das Letzte, was ihr noch einfiel. „Vater… Bitte. Tut so, als hättet Ihr mich nicht gesehen. Lasst mich tot sein und tot bleiben. Lasst mich gehen. Ich gehe leise und nie werde ich Euch nie wieder Ungemach bereiten! Aber ich kann ohne ihn nicht. Ich sterbe sonst innerlich!“ „Valésia! Steh auf! Ich will dich nicht auf Knien sehen! Meine Antwort lautet ‚Nein‘! Ich denke doch, ich hatte mich zuvor schon klar ausgedrückt.“ „Das habt ihr, Vater, aber dennoch habe ich noch Hoffnung. Vater, bitte. Ich schaffe das nicht. Ich brauche ihn. Ich will nicht zurück in dieses Leben.“ Dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Er ging an ihr vorbei, und öffnete die Tür. Er richtete seine Worte an die Wachen, die vor der Tür standen. „Bringt sie in ihr Gemach.“ Die Wachen traten ein und blickten unschlüssig von der Komtess, die immer noch am Boden kniete und weinte, hin zum Bernsteingrafen. „Steh auf, Valésia. Halte den Kopf hoch, und tue, was von einer Komtess erwartet wird.“ „Vater… Ich gehe zugrunde, wenn ich ihn verliere.“ „Was man so hört, ist er geflohen, also hast du ihn wohl schon verloren?“ Valésia ließ den Kopf hängen und schluchzte schmerzerfüllt auf. Sie hatte keine Kraft mehr, aufzustehen. Und schon gar keinen Willen dazu. Graf Gunter warf den Wachen einen Blick zu und nickte auf seine Tochter. Die beiden traten zögerlich auf Valésia zu und zogen sie behutsam auf die Füße. Sie sah ihn aus verweinten Augen an und immer noch hatte sie Hoffnung, er würde sich erweichen lassen. Es war, als schien er in ihren Gedanken lesen zu können. „Du bist nicht die erste junge Frau, die denkt, sie könne nicht ohne ihren Liebsten sein.“ Sie schluckte. „Vater, ich flehe dich an!“ „Du flehst nicht, Valésia. Du gehorchst! Und du bleibst! Dein Leben gehört deiner Familie, nicht irgendeinem fremden Mann aus Paltoria, und wenn es der Kaiser von Paltoria höchstpersönlich wäre! Und damit ist das Gespräch beendet! Geht jetzt!“ Er wandte sich ab und die Wachen geleiteten Valésia hinaus.

Die beiden Wachen führten Valésia den Korridor hinunter, schweigend, als hätte Gunter ihnen ausdrücklich verboten, auch nur ein Wort zu sagen. Valésia fühlte sich elend. Vor ihrer Tür blieb einer der Männer stehen. „Komtess, bitte sehr…“ Er öffnete die Tür. Valésia trat ein und blieb sofort stehen. Zwei junge Frauen erhoben sich hastig von Stühlen, die viel zu nah an ihrem Bett standen. „Komtess Valésia“, begann die ältere von beiden mit einem höflichen Knicks. „Wir wurden geschickt, um Euch heute Nacht Gesellschaft zu leisten.“ Gesellschaft. Diese Lüge war mehr als offensichtlich. Valésia blickte drein, als hätte sie sich verhört. Sie sah von einer zur anderen. Beide lächelten. Doch es waren fremde Gesichter. Und sie wusste, wem sie dienten. „Ich brauche keine Gesellschaft“, brachte sie hervor. Ihre Stimme war rau vom Weinen. Die ältere Zofe senkte entschuldigend den Blick. „Das ist die Anweisung des Grafen, Komtess.“ Die jüngere nickte unsicher. „Wir sollen Euch begleiten und Euch Gesellschaft leisten. Und Euch helfen, falls Ihr etwas braucht.“ Valésia fühlte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Ich brauche meinen Bruder. Geht, und schickt nach Ser Roméro.“ Beide schüttelten den Kopf mit einem Ausdruck, als hätten sie saure Milch getrunken. „Der Graf hat es verboten. Keine Besucher, Komtess, ich bedaure.“ Die Antwort war wie ein Schlag in ihre Magengrube. „Dann geht, ich brauche euch nicht.“, sagte sie leise. Die Zofen schwiegen. „Geht“, wiederholte sie, diesmal mit etwas mehr Nachdruck. Die ältere antwortete ruhig „Wir können nicht gehen, Komtess, dies ist uns nicht gestattet!.“ Valésia wandte sich von ihnen ab, als hätte sie keine Kraft mehr, ihre Miene zu halten. Sie ging zum Bett, und ließ sich darauf fallen. Sie vergrub das Gesicht im Kissen. Die heißen Tränen liefen still in die kostbaren Stoffe. Die Zofen sagten nichts. Sie standen nur da, reglos, wie zwei Statuen, die über sie wachten.

Der Morgen war angebrochen, als es an der Tür klopfte. Die jüngere Zofe öffnete derselben Küchenmagd, die gestern ein Tablett mit wunderbaren Speisen zum Abendbrot gebracht hatte, die Türe. In ihren Händen hielt sie ein Tablett, von dem der Duft von frischem Brot und warmer Milch stieg. Auf dem Tablett stand auch ein Schälchen Apfelkompott, und dünne Scheiben kalter Braten. Valésia hatte kaum geschlafen, und sie saß auf der Fensterbank, ein Gebetsbuch auf den Knien, den Blick starr auf eine Seite gerichtet. Die Magd stellte das Frühstück neben dem Tablett vom Abend ab. Die ältere der beiden Zofen schob ihr das Tablett vom Vorabend in die Hände. Das Brot war hart geworden, die Brühe längst erkaltet, die Fettaugen klebten weiß und starr am Rand der Schüssel, das Fleisch auf dem Teller hatte eine dunkelbraune trockene Oberfläche bekommen, die gebutterten Rübchen einen matten Schleier. „Unberührt,“ murmelte die Zofe der Magd zu. „Gar nichts?“ fragte die Magd im Flüsterton. „Nicht einen Bissen.“ Beide warf einen kurzen Blick zu Valésia. Die Magd seufzte, schüttelte leicht den Kopf und nahm das alte Tablett mit sich. „Sie hatte wohl gestern keinen Appetit. Was auch irgendwie kein Wunder ist.“ Sie nickte den beiden Zofen zu und schloss die Tür wieder hinter sich. Valésia rührte sich nicht. Sie wusste, dass die Zofen sie beobachteten, doch sie sah weiterhin in das Gebetsbuch, ohne ein einziges Wort zu lesen. Ihre Gedanken drehten sich nur um Endres. Manchmal blickte sie aus dem Fenster und starrte in den Himmel. Irgendwo unter demselben Himmel befand er sich jetzt. Ihre Sorge galt seiner Unversehrtheit. Hatte er es geschafft, zu fliehen? Dachte er an sie, wie sie auch an ihn dachte? Mit einem Herz schwer voll Sehnsucht. Sie vermisste ihn an ihrer Seite. Seit sie miteinander geflohen waren, hatten sie Tag und Nacht miteinander verbracht. Sie vermisste sein Lächeln, seine Stimme, seine liebevollen Worte, seinen warmen Körper an ihrer Seite, seine zärtlichen Hände, seine Küsse, einfach alles. In ihrem Inneren tat etwas weh. Es war, als hätte man ihr gewaltsam ein Stück aus ihrem Körper gerissen, als sie sie mitgenommen und von Endres getrennt hatten. Ihr Magen war wie zugeschnürt. Sie hatte keinen Appetit, se verspürte keinen Hunger. Nur eine kalte Leere. Sie trank nur einen Schluck Wasser, um ihre trockene Kehle zu befeuchten, nicht mehr. Gegen Mittag kam die Küchenmagd wieder. Sie trug ein Tablett mit einem dampfenden Teller. Knödel aus weißem Brot, dazu Fleischragout, und eine halbierte gekochte Birne, die mit einer hellen süßen Sauce übergossen war. Es duftete herrlich. Die ältere Zofe nahm ihr das Tablett ab und hielt im selben Zug das Frühstück von heute Morgen hin, es war wieder unberührt. „Schon wieder nichts?“ murmelte die Magd. „Nein,“ sagte die Zofe. Ihr Blick wurde kurz weich, dann wieder streng. „Sag es unten in der Küche. Sie sollen es wissen.“ Die Magd nickte. „Das haben sie ohnehin von alleine gemerkt, aber was soll ich tun?“ Die Zofe zuckte erneut die Schultern. „Der Graf muss davon in Kenntnis gesetzt werden.“ Die jüngere Zofe, ein blondes Mädchen mit runden Augen, antwortete leise: „Sie liest nicht wirklich. Sie schaut nur das Buch.“ „Ich habe selbst Augen im Kopf.“ sagte die Ältere. Die Magd verließ den Raum mit dem Tablett im Arm, Valésia blieb still auf ihrem Bett liegen. Ihre Hände lagen im Schoß. Das Buch war geöffnet, doch sie sah kaum die Buchstaben, denn ihre Augen schwammen wieder voll mit Tränen. „Der Graf muss davon erfahren, Komtess, es tut mir leid.“ Valésia erwiderte nichts darauf. Und im Grunde war es ihr auch egal. Sie war hier wie eine Gefangene, und ohne ihren Geliebten hatte ihr Leben ohnehin keinen Sinn.

Am späten Nachmittag öffnete sich die Tür, ohne Anklopfen. Der Bernsteingraf trat ein. Er wirkte ruhig und abgeklärt. „Verlasst das Zimmer“ befahl er den Zofen, die sich knicksend und ohne ihm den Rücken zuzukehren, aus dem Gemach bewegten. Er sah den beiden Frauen nach, bis sich die Türe hinter ihnen schloss, dann trat er an das Bett heran, blieb vor ihr stehen und betrachtete sie einen Moment lang schweigend. „„Du hast wieder nichts gegessen,“ sagte er. Valésia hob den Kopf, sah ihn aber nicht an „Ich habe keinen Hunger.“ Er musterte sie. „Du hast seit gestern Abend nichts angerührt.“ „Ich möchte nichts.“ Einen Moment lang herrschte Stille. „Warum?“ fragte er ruhig. Valésia schloss kurz die Augen. „Ich bin allein. Ich habe niemanden hier. Außer diesen einfältigen Zofen die ich nicht kenne und die ich nicht mag. Ich fühle mich wie eine Gefangene. Ich…bin eine Gefangene“ Sie schluckte. „Ich kann nicht einfach so tun, als wäre alles gut.“ Gunter atmete tief ein. „Der Herzog hat nach dir gefragt, er wünscht dich zu sehen. Ich hatte gestern eine lange Unterredung mit ihm, doch das braucht dich nicht zu bekümmern.“ sagte er schließlich. „Ich habe ihm gesagt, du seist momentan unpässlich. Das hat mir etwas Zeit verschafft. Einen Tag. Aber ich kann ihn nicht weiter hinhalten.“ „Ich will nicht zu ihm gehen“ flüsterte sie. „Du musst.“ erwiderte Gunter. Er wartete eine Antwort ab, aber sie sagte nichts. „Valésia.“ Er sagte ihren Namen mit einer Strenge, die sie selten von ihm gehört hatte. Es war auch kein Wunder, denn bisher hatte stets gehorcht und getan, was man von ihr verlangt hatte. „Reiß dich zusammen. Du kannst nicht schwach vor ihm erscheinen. Nicht in unserer Lage.“ Sie hob den Kopf „Was will er denn von mir?“ „Ich habe ihm vor zwei Tagen erzählt, dass du tot bist, jetzt weiß er, dass du lebst,“ sagte er ruhig. „Wir brauchen eine Strategie, wie wir aus dieser misslichen Lage halbwegs schmerzlos herauskommen.“ Er dachte einen Augenblick lang nach. „Du bist also einsam. Dann komm heute Abend an die Tafel. Da wirst du dem Herzog begegnen, aber nicht alleine. Dann kannst du deine Mutter sehen und auch deinen Bruder.“ Valésia schüttelte den Kopf. Ein leises, kaum hörbares Geräusch entwich ihm. Ein gefrustetes Atmen. Ein entnervtes Atmen. „Du stellst meine Geduld auf eine harte Probe, Valésia. Du machst es uns allen unnötig schwer,“ sagte er mürrisch. Sie antwortete nicht. Es mochte stimmen, aber sie fühlte sich nicht in der Lage, es irgendjemandem einfach zu machen. Sie wollte nur ihr altes Leben mit Endres zurück. Wie sie ihm gesagt hatte. Sie brauchte keine Burg, keine schönen Kleider, kein Geld, keinen Namen und keine einflussreiche Familie. Sie brauchte nur ihn. Und nun hatte sie ihn verloren. Sie hatte nichts mehr im Leben. „Du fühlst dich einsam, willst aber nicht an die Tafel kommen?“ Sie nickte kaum sichtbar. „Gut,“ sagte er. „Dann werde ich dir jemanden schicken.“ Valésia blinzelte skeptisch. „Wen? Eine weitere einfältige Zofe?“ Er schüttelte den Kopf und warf ihr einen listigen Blick zu. „Roméro,“ sagte er. „Dein Bruder. Er macht eine ähnlich verdrießliche Miene wie du. Ihr passt gut zusammen. Aus ihm ist ebenso wenig herauszubekommen wie aus dir. Ihr seid euch wahrlich ähnlich. Niemand kann abstreiten, dass ihr Geschwister seid. Er kann hier bei dir sitzen. Ihr könnt gemeinsam hier sitzen und Trübsal blasen, oder aber ihr nutzt die Zeit die ich euch gebe. Sie starrte ihn an, und in ihrem Inneren tat ihr Herz einen kleinen Sprung. „Ich schicke ihn zu dir. Für eine Stunde. Vielleicht auch zwei. Er wird dir Gesellschaft leisten.“ Valésia überlegte einen Moment, dann fragte sie „Darf ich mit ihm alleine sein?“ Graf Gunter dachte für einen Moment nach. Als wäge er ab, ob es eine Gefahr darstellte, wenn er seine offenbar momentan sehr rebellische Tochter mit seinem Sohn in diesem Gemach alleine lassen würde. Und scheinbar vertrat er die Meinung, dass dem nicht so war. „Ja,“ sagte er schließlich. „Ich erlaube dir, alleine mit ihm zu sein. Ich lasse ihn holen. Vielleicht hilft dir seine Anwesenheit, wieder etwas zu essen. Vielleicht aber auch nicht. Aber wenigstens wirst du nicht allein sein. Niemand kann mir vorwerfen, ich hätte nichts versucht. Und heute Abend…“ fuhr Gunter fort, wieder etwas strenger, „Wirst du dich zusammennehmen. Der Herzog wird dich sehen wollen. Du wirst zu ihm gehen, wenn er nach dir schickt. Du wirst mit ihm sprechen, wenn er dich dazu auffordert, oder wenn er das Wort an dich richtet. Du wirst zeigen, dass du am Leben bist, und du wirst reizend und freundlich sein, so wie wir dich erzogen haben! Du wirst keinen Unsinn reden. Kein Wort über deinen paltorischen Grafen. Du bist jung, schön, unberührt und wohlerzogen. Verstehen wir uns da richtig? Du wirst ohnehin sehr genau darauf achten müssen, was du sagst.“ Sie verschränkte ihre Hände in ihrem Schoss. „Ich werde es versuchen,“ sagte sie leise. Der Bernsteingraf nickte. „Gut. Aber ein Versuch allein ist nicht ausreichend. Ich werde noch einmal darüber nachdenken, so wie ich es schon den ganzen Tag tue, und mir etwas einfallen lassen.“ Er trat an die Türe heran, zog die Tür auf, sah sie noch einmal an. „Ich lasse nach deinem Bruder schicken, Roméro wird bald kommen.“ Bevor er ging, hielt Valésia ihn auf „Vater?“ „Ja, mein Kind?“ „Hat Mutter nach mit gefragt? Warum ist sie noch nicht gekommen?“ „Deine Mutter wird dich bald besuchen kommen. Nachdem wir dich bei der Prozession aufgegriffen hatten, hatte sie einen Ohnmachtsanfall. Sie wird bald kommen.“ Er nickte ihr aufmunternd zu, dann ging er. Als er das Zimmer verlassen hatten, betraten die Zofen wieder das Gemach. Es schien der Komtess wie eine Wachablöse. Aber Valésia saß da, mit einem kleinen Funken Wärme im Leib, der ihre innere Leere ein klein wenig vertrieb. Sie würde Roméro sehen. Auch, wenn er sicherlich keine Kenntnis vom Verbleib Endres‘ hatte, doch es war tröstlich und schön, den einzigen Menschen sehen und mit ihm sprechen zu können, dem sie noch vertraute. Sie spürte die neugierigen Blicke der Zofen und griff wieder nach ihrem Gebetsbuch, um es aufzuklappen, auf ihren Schoß zu legen und wieder hinein zu sehen, ohne, seit sie sich in diesem Gemach befand, auch nur eine Silbe gelesen zu haben.
Für jedes Schloss gibt es einen Schlüssel ❖
baum-wie ein geprügelter Hund trottete Endres durch die Gassen der Stadt Ajaran. Er wusste nicht was er machen sollte. Wohin sollte er gehen? Was konnte er noch erreichen? Unweigerlich kamen ihm immer wieder dieselben Gedanken. Flucht. Einfach nur fort von diesem Ort. Alles hinter sich lassen und irgendwo in der Ferne von Neuem beginnen. Doch jedes Mal, wenn er an Valésia dachte, da schüttelte er diese Gedanken wieder ab. Er wollte sie nicht einfach so aufgeben. Doch er war sich bewusst, dass diese Gedanken töricht waren. Sie befand sich nun in der Obhut ihrer Familie. Und nicht nur das! Sie war in der Burg des Herzogs. Dies war mit nichts in Olathor vergleichbar. An jenem Ort hatte Valésia noch die Freiheit gehabt, sich innerhalb der Burganlage frei bewegen zu dürfen. Doch nun würde sie unter ständiger Beobachtung stehen, wenn sie überhaupt die Burg verlassen durfte. Endres konnte sich nicht vorstellen, wie er sie jemals wiedersehen könnte. Geschweige denn, gemeinsam aus dieser Stadt zu entkommen.

Jedes Mal, wenn schwere Stiefel durch die Gassen marschierten, zuckte Endres zusammen. Er fühlte sich, als ob er jeden Moment von einer Wache aufgegriffen werden würde. Ob man ihn suchte? Er war sich nicht sicher. Hatte man ihn überhaupt erkannt? Valésias Eltern wussten wie er aussah. Doch die Wachen des Herzogs vermutlich nicht. Aber als Endres Blicke auf die beiden, schweren Beutel fielen, wurde er sich bewusst, dass sie ihn allein des Inhaltes dieser beiden Beutel wegen suchen würden. Was hatte er nur getan? Bei dem Versuch Valésia zu befreien, indem er Verwirrung stiftete, hatte er gleich zwei Beutel voll mit Spenden und göttlichen Gaben an die Drei gestohlen. Dieses Silber war so heiß wie ein glühendes Eisen. Allein der Besitz dieses Silbers war eine Sünde und es war Silber des Herzogs. Er würde ihn nur allein des Silbers jagen lassen. Ob man die Silberbank von Ajaran, einen Schuldheiß oder einen Spendenwagen beraubt, dies alles bedeutete nur eines. Man hatte das Staatssilber gestohlen. Aber tief in Endres rief die Stimme der Vernunft, dass es ebenso töricht wäre, das Silber einfach fort zu werfen. Nun, da er es gestohlen hatte, würde er dafür bestraft werden, egal ob es sich noch in seinem Besitz befand, wenn man ihn aufgreifen würde. Aber Endres dachte nicht daran sich aufgreifen zu lassen. Er musste nur in die Unterkunft, nahe des Stadttores gelangen, dann wäre er – wenn auch nur fürs Erste – in Sicherheit.

Er drückte sich von Ecke zu Ecke. Horchte und Lauschte. Spähte in die Gassen. Wie ein Dieb stahl er sich durch die Dämmerung der Stadt. Irgendwo in der Ferne konnte man die Gesänge der Priester und die monotonen Schläge ihrer Trommeln hören. Die Prozession folgte wieder ihrem gewohnten Lauf. Der Tumult, den er verursacht hatte, schien wohl unter Kontrolle gebracht worden zu sein. Dies bedeutete, dass die Straßen vermutlich leerer sein würden, als gewöhnlich, da viele Menschen bei der Prozession anwesend sein würden. Aber es bedeutete ebenso, dass er sich sehr verdächtig machte, wenn er alleine durch dunkle Gassen streifte. Eine Wache würde umso neugieriger oder gar misstrauischer werden, sollte er einer begegnen. Und so verhielt sich Endres bedeckt, vorsichtig und umsichtig. Und eine gefühlte Ewigkeit später hatte er endlich das Stadttor erreicht. Wenn der Plan, die Stadt fluchtartig zu verlassen, noch in seinem Geist präsent gewesen wäre, hätte dieser Plan nun jäh sein Ende gefunden. Die Tore waren verriegelt. Und ein halbes Dutzend Wachen stand davor und wachte mit wachen Augen auf jeden, der sich auf der Straße aufhielt. Der Herzog hatte wohl die Stadt abriegeln lassen und befohlen, dass niemand sie verlassen darf, bis der Dieb – Endres Endarion, ein fremdländischer Mann mit hellem Haar – gefasst wurde. Endres schluckte hart und drückte sich in den Schatten der nahen Gebäude. Er schob sich die beiden Beutel unter seine Tunika und bewegte sich, im Schutz der Dunkelheit, so weit vor, bis er endlich an der Tür zu jener Unterkunft angekommen war, welche sie erst am heutigen Tage bezogen hatten.

Doch auch als Endres die Stube betreten hatte, und so den Argusaugen der Wachen entkommen war, blieb er weiterhin wachsam. Er wusste ja nicht, inwieweit der Wirt Bescheid wusste. Hatte man ihn informiert? Hatte er etwas gehört? Endres wagte einen kurzen Blick in die Stube, doch sie war fast so leer, wie die Straßen. Er konnte nicht einmal den Wirt sehen und so verharrte er noch einige Augenblicke, bis er sich vergewissert hatte. Doch von dem Wirt war keine Spur. Weder ein Laut noch ein Schatten. Endres zuckte mit den Schultern. Vermutlich war er auch bei der Prozession? Doch warum war das Wirtshaus dann nicht versperrt? Endres kramte in seiner Tasche nach dem Schlüssel zu seinem Zimmer und huschte dann eilends durch die Stube zu der kleinen Treppe, welche in das obere Geschoss führte. In Windeseile nahm er immer mehrere Stufen auf einmal um möglichst schnell und dabei auch so leise wie möglich, in seine Stube zu gelangen. Aber erst als er endlich die Tür hinter sich geschlossen hatte, den Schlüssel im Schloss herumgedreht und sich erleichtert gegen die Türe lehnte, fielen die Angst und das ständige Gefühl beobachtet zu werden endlich von ihm ab.

Eine Weile stand er einfach nur an die Tür gelehnt und den Kopf in den Nacken gelegt. Sein Atem ging schwer und sein Herz raste schnell. Doch als er sich langsam beruhigt hatte, kramte er die schweren Beutel aus seiner Tunika und warf sie zu jener Tasche, in welcher sich ihre Habe, das Geld und ihre Vorräte befanden. Er trat an das Fenster heran und riskierte einen Blick auf die Straße, doch er konnte nichts erkennen, außer den Wachen, welche vor dem verschlossenen Tor standen und ihre Blicke förmlich auf die Straße brannten. Die langen Schatten, welche von den Fackeln in ihren Händen, geworfen wurden, verliehen ihnen beinahe etwas unheimliches. Als würden meterhohe Hünen das Tor bewachen. Dieser Gedanke ließ Endres von dem Fenster zurücktreten und er warf sich auf das Bett, vergrub sein Gesicht in den Kissen und konnte letzten Endes nicht mehr an sich halten. Der Stress, der Verlust und die gnadenlose Angst, welche ihn die letzten Stunden begleitet hatte, ließ ihn völlig in sich zusammensinken. Er schluchzte und sein Leib bebte als litte er unter Schüttelfrost. Tränen entfleuchten seinen zusammengepressten Augen und seine Finger krallten sich förmlich in die Laken. Und nach einer Weile fühlte er sich einfach nur noch hilflos, alleine und verlassen bis er von der Einsamkeit und der Dunkelheit, die ihn umgab, gänzlich umfangen worden war.

Am nächsten Morgen erwachte Endres, als das Licht des Tages durch das Fenster hereinfiel und mit dem Licht auch der Lärm der Stadt. Endres trat an das Fenster heran und musste feststellen, dass mehrere Händler sich vor dem Tor versammelt hatten. Ihre empörten Stimmen waren so laut, dass Endres ihre Worte selbst in seiner Kammer verstehen konnte. »Es ist unerhört!«, beschwerte sich ein älterer Bauer. »Wir wollen die Stadt verlassen!«, rief eine Frau doch die Stadtwache schickte einen nach dem anderen zurück. »Geht zurück! Die Tore sind auf Anordnung des Herzogs von Ajaran verriegelt! Niemand darf die Stadt verlassen, bis der Herzog es wieder gestattet!« Aufbegehrende Stimmen erklangen, doch sie vermischten sich allesamt zu einem undeutlichen Meer an Lauten, die man nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. »Wenn der Dieb gefasst wurde, werden die Tore wieder geöffnet!«, rief ein anderer Torwächter. »Wie sieht er denn aus?« »Woher wisst ihr denn ob er nicht schon längst die Stadt verlassen hat?« »Wir wissen, dass es ein Mann mit hellem Haar ist.« Wieder begehrten die Stimmen auf. Doch unter all den unverständlichen Worten, drangen die Worte einer Frau glasklar an Endres Ohr. »Helles Haar ist ja eher selten. Wenn er noch hier ist, wird er sich an keinem Ort lange verstecken können.« Endres überkam ein eiskalter Schauer. Unweigerlich ergriff er sein offenes Haar und hielt es so weit in die Höhe, dass er es betrachten konnte. »Was soll ich nur tun?«, murmelte er und immer wieder suchte sein Blick durch den Raum. Doch selbst wenn hier irgendwo ein Messer, oder gar eine Schere liegen würde, widerstrebte Endres der Gedanke daran sich das Haar zu schneiden. Es musste einen anderen Weg geben.

Er ließ die Haarsträhne wieder los und begann die Satteltaschen auf dem Bett auszuleeren. Die Beutel mit dem Gold und Silber stellte er vorsorglich unter das Bett, während er den Rest fein säuberlich auf dem Bett ausbreitete. Trockenfleisch, Lagerobst, Käse, und gepökelte Wurst. Ein Laib Brot und mehrere alltägliche Dinge, welche jedes für sich, fein säuberlich in Leinentücher oder Wachstücher gewickelt worden waren. Seife, Waffenöl, zwei kleine Kerzen, etwas Fett, eine kleine Pfanne, welche sie erst vor zwei Tagen gekauft hatten und ein Messer. Endres Blicke hafteten sehr lange auf der Klinge. Einige Male hob er die Hand, um nach dem Messer zu greifen, doch er zog sie kurz darauf wieder zurück. Stattdessen legte sich Endres Hand auf das Kleid, welches er auf dem Bett drapiert hatte. Es war Valésias letztes, schönes Kleid, welches sie für Notfälle aufgehoben hatte. Die anderen hatten sie ja dem Schneider in Anzahlung gegeben. Auf dem Kleid lag noch eine kleine, hölzerne Schatulle, in welcher Valésias gesamte Schmuck verwahrt war. Und dann lag da noch eine kleine Rolle, in welcher Valésia wohl eine letzte Erinnerung verwahrte. Endres wusste eigentlich gar nicht so recht, was darin war. Wenn er sich ehrlich war, hatte er diese Rolle bisher noch nie gesehen. Aber so oft hatte er die Taschen ja auch nicht durchwühlt. Für einen Moment überlegte er ob er sie öffnen sollte, doch er starrte nur auf das Kleid, welches er schlussendlich vorsichtig, als fürchtete er, er könnte es beschädigen, vom Bett aufnahm und sich an die Wange drückte. Er sog tief den Atem durch die Nase ein und der Duft Valésias, welcher noch an dem Kleid hing, umgarnte seine Nase. Er schloss die Augen und in seinem Geiste erschien ihr liebliches Gesicht und ihr freundliches Lächeln. Er stand eine ganze Weile einfach nur da, sog den Duft in sich auf und schwelgte in schwärmender Erinnerung. Wie konnte er Valésia nur aus der Burg schaffen, gemeinsam mit den Pferden aus der Stadt entkommen, und das, während die Tore verriegelt sind? Endres seufzte schwer und legte schließlich das Kleid ab.

Indes stand der Herzog von Ajaran am Balkon seines Gemaches. Die, mit schweren Ringen, verzierten Hände ruhten auf der Balustrade und seine Blicke wanderten über den Innenhof seiner Burg. Ein Klopfen ertönte an der Tür, welche sich kurz darauf einen Spalt weit öffnete. »Euer Gnaden?«, hauchte eine unterwürfige Stimme. Der Herzog ließ sich zu keiner Antwort herab. Er starrte einfach weiter in den Burghof und das Klopfen ertönte ein zweites Mal. »Euer Gnaden? Verzeiht die Störung.« Der Herzog rollte mit den Augen und wandte schließlich seine Blicke von dem Hof ab und betrat sein Gemach. »Er darf eintreten.« Die Türe öffnete sich und ein hagerer Diener betrat das Gemach. »Euer Gnaden. Graf Gunter von Aramajé, ist eingetroffen. Er wartet unten im großen Saal.« Ein dünnes Lächeln huschte über das Gesicht des Herzogs. Ein Lächeln von Überlegenheit…Arroganz…und einen Hauch von Berechnung. »Nun. Wie lange wartet der Graf denn schon?« Der Diener deutete eine dezente Verbeugung an und räusperte sich. »Seit geraumer Zeit. Er wirkt angespannt.« Der Herzog lächelte erneut. »Nun, Ich denke, wir haben den Grafen lange genug ausharren lassen. Melde er ihm, dass wir ihn sogleich zur Audienz empfangen werden.« Der Diener verbeugte sich abermals und legte dabei seine Hand leicht auf die Brust. »Sehr wohl, euer Gnaden.« Und mit diesen Worten verließ er auch wieder das Gemach. Doch der Herzog wandte sich sogleich wieder seinem Balkon zu und legte wieder die Hände auf die Balustrade. »Angespannt…«, murmelte der Herzog und ließ wieder seine Blicke über den Innenhof schweifen. »Was wohl in seinem Kopf vorgeht? Und welche Lügen er mir vorsetzen wird?« Er verzog mürrisch den Mundwinkel und nahm seinen Siegelring, welcher an dem kleinen Finger der linken Hand prangerte, zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und begann diesen ein wenig hin und her zu drehen. Und so stand er da, starrte in den Innenhof und vergaß dabei fast die Zeit, welche schier endlos zu vergehen schien, doch für ihn wirkte es nur wie ein kurzer Moment.

Fast eine Stunde später, verließ der Herzog schließlich sein Gemach und begab sich in die große Halle, um Graf Gunter von Aramajé zu empfangen. Als der Graf das Nahen des Herzogs bemerkte, straffte er sich, legte die Hände in den Rücken und legte eine entschlossene, stolze aber auch demütige Miene auf. »Euer Gnaden!«, rief der Bernsteingraf, als sein Lehnsherr endlich im großen Saal eingetroffen war. »Graf Gunter von Aramajé«, antwortete der Herzog knapp und breitete seine offene Hand dar und deutete damit auf einen der freien Stühle um dem Bernsteingrafen zu bedeuten, dass er sich setzen möge.

Als die beiden Männer sich gegenübersaßen, herrschte – für einen Moment lang – bedrückendes Schweigen. Doch während der Herzog jede Bewegung des Grafen musterte, ließ dieser sich nichts anmerken und verharrte - stoisch und geduldig. Schließlich seufzte der Herzog und nahm eine etwas entspanntere Haltung ein. »Mir sind Dinge zu Ohren gekommen, Graf Gunter. Dinge, die ungeheuerlich klingen und abenteuerlich. Und wir erwarten, dass er mir erklärt, was gestern Abend euer Anlass war, die Prozession in Aufruhr zu versetzen?« Graf Gunter sammelte seine Gedanken und hielt den Blicken des Herzogs stand. Er war ein Diplomat und wusste, dass die Vermählung mit Valésia durchaus ein riskantes Manöver gewesen war. Doch wenn er die richtigen Worte wählen würde, glaubte er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können. »Euer Gnaden…«, eröffnete Graf Gunter schließlich das Wort. »Die Angelegenheit war eine familiäre Angelegenheit. Ich wollte euch damit nicht belasten. Meine Ritter waren angehalten keinen Auffuhr zu verursachen. Doch dieser…Paltore…« Gunter knirschte mit den Zähnen. »Er hat das Spendensilber entwendet und dem Pöbel aufgewiegelt.« Der Herzog nickte verstehend. »Nun. Er mag verstehen, dass seine Angelegenheiten, als unser Vasall, auch die unseren sind. Er hat in der Stadt einen Tumult verursacht, als er diese Frau aus der Menge ergriffen hat.« Graf Gunter sah den Herzog mit abwägenden Blicken an. Was genau wusste er, und wieviel davon mutmaßte er nur? Doch der Herzog war undurchschaubar. Graf Gunter wusste, dass es klüger war, gewisse Tatsachen nicht zu leugnen. Schon allein zu seinem eigenen Wohl. »Wir gehen recht in der Annahme, dass diese Frau seine verlorene, todgeglaubte Tochter war?« Graf Gunter nickte langsam. »Wir haben erst in Ajaran davon erfahren, euer Gnaden. Es lag nicht in unserer Absicht…« Der Herzog hob seine Hand und gebot den Grafen zum Schweigen. »Das ist uns wohl bewusst. Er hätte die Sache nicht auf diese Weise regeln dürfen. Was hat das zu bedeuten? Er vermählt seine Tochter, die Rose von Aramajé, mit Olathor? Eine gewagte Wahl. Ihm muss klar gewesen sein, dass wir diese Ehe nicht billigen würden. Zu seinem Glück, ward diese Ehe nicht vollzogen worden.« Graf Gunter knirschte erneut mit den Zähnen und nickte, doch sagte daraufhin kein Wort. »Wir wünschen eure Tochter zu sprechen. Sie möge beim Mahl zur Mittagsstunde anwesend sein. Wir möchten ihr einige Fragen stellen und erfahren wie es zu diesem Possenspiel kommen konnte. Wie ist sie aus Olathor entkommen. Hat dieser…dieser Paltore…« Der Herzog verzog unwirsch seinen Mundwinkel. »…sie entführt? Hat er ihr beigelegen? Ist sie ihm verfallen? Wir haben viele Fragen und die Antworten seiner Tochter werden über das ihre, wie auch das seine Schicksal entscheiden.« Der Bernsteingraf senkte den Kopf. In seinem Blick konnte man sehr gut erkennen, wie sehr dies alles ihm widerstrebte, doch er behielt seine Gedanken für sich. »Sehr wohl, euer Gnaden.«

Der Herzog tippte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf der Tischplatte. »Dieser Paltore. Was weiß er über ihn? Ist er aus gutem Hause? Hat er Verbindungen? Was war sein Ziel bei diesem Spiel?« Bevor Graf Gunter antworten kannte, räusperte sich der Herzog allerdings und verschaffte sich so weiteres Gehör. »Er sollte wissen, dass ein Kopfgeld von einer Dreimark auf diesen Paltoren ausgesetzt wurde. Wegen Ketzerei, Frevelei und Diebstahl von Spendensilber. Zweifellos weiß er, wie dieser Mann aussieht und kann unserem Schreiber eine Beschreibung geben?« Der Bernsteingraf nickte. »Gewiss, euer Gnaden. Wenn es der Widerherstellung meines guten Namens dient, will ich gerne behilflich sein.« Da lächelte der Herzog dünn. »Nun. Was das angeht. Seine Tochter wird den Reinheitseid ablegen. Wenn dieser bestanden wird, soll seine Tochter frei sein und zurück zu seiner Familie kehren. Wir gewähren dann die freie Wahl eines ehelichen Bündnisses, nur nicht mit Olathor! Doch, sollte seine Tochter nicht mehr unberührt sein…« Der Herzog sah den Bernsteingrafen dabei eindringlich an, und in seinem Blick war klar zu verstehen, dass er nicht davon ausging, dass Valésia noch unberührt war. »…oder sie gar Gefühle für diesen Usurpator hegen. Dann soll sie mit unserem dritten Sohn, Teran von Ajaran, vermählt werden.« Diese Worte trafen Graf Gunter bis ins Mark. Eine Ehe, mit einem Sohn der erst an dritter Stelle in der Erbfolge stand. Das war weit unter jenem Stand, den er sich für Valésia erhofft hatte. Aus dieser Ehe gab es keinen Mehrwert für das Haus Aramajé. Diese Ehe würde zwar eine gewisse Mitgift einbringen, aber weder politische Vorteile noch Ländereien. Letzten Endes diente es nur dem Zweck das Haus Aramajé fest an das Herzogtum Ajaran zu binden. Dann hätte Graf Gunter alles verloren, wofür er so viele Jahre gearbeitet und verhandelt hatte. Valésia wäre dazu verdammt die Frau eines unbedeutenden, dritten Sohnes zu sein. Vielleicht war er besser als Merik von Olathor. Aber Gunter wollte Valésia nach Olathor vermählen wegen der Bündnisse. Wegen der Mitgift und wegen der Ländereien. Und natürlich hätte diese Ehe auch wirtschaftliche Unabhängigkeit von Ajaran bedeutet, da Gunter viel zu hohe Zölle an den Häfen zu entrichten hatte. Aber der Herzog, welcher sah, wie Gunter abermals mit den Zähnen knirschte, lächelte nur. »Er versteht sicherlich, dass unser Sohn, Teran von Ajaran, keine befleckte, entehrte Frau zu der Seinigen nehmen kann. Seine Tochter wird dem Urteil der Läuterung unterzogen werden. Sie wird vor den Dreien, und im Beisein seiner Gnaden, der Oberen sowie den Göttern, von ihren Sünden gereinigt. Ihre Sühne wird geläutert. Ihre Ehre wiederhergestellt und die Schande des Hauses Aramajé abgewendet werden. Sie wird vor den Dreien in Demut stehen. Sie wird uns, ihrem Lehnsherrn, die Treue schwören, und sie wird allem entsagen, was Sünde ist. Ihren Verfehlungen, ihrer Narretei und verblendeten Liebe, und ihren sündigen Verfehlungen, einem anderen beigelegen zu haben.« Nun japste der Bernsteingraf sichtlich, denn die Worte des Herzogs waren ungeheuerlich. Natürlich wollte er ihn bestrafen. Und er tat dies über Valésia. »Euer Gnaden! Ihr wollt Valésia vor den Augen aller dem Ritual der Reinigung und Läuterung unterziehen? Das könnt ihr nicht verlangen! Meine Tochter soll nicht, völlig entblößt, zur Schau gestellt werden.« Der Herzog verzog mürrisch seine Mundwinkel. »Wir können dies verlangen und so soll es geschehen. Andernfalls müssen wir annehmen, dass seine Tochter des Hochverrates schuldig ist und dafür, auf immerdar, ihre Tage im Tempel der Drei fristen muss. Er wird sich fügen, oder hat er vergessen? Schuld eines Kindes ist die Schuld des Hauses. Die Schuld des Hauses ist die Schuld des Lehnsherrn. Es ist unsere Pflicht, seine Tochter zurück in den Schoß der Drei zu führen. Er wird sich fügen, oder sein Sohn wird ebenfalls zur Läuterung berufen, aufgrund der Lügen, und dienten sie nur dem Schutz seiner Schwester, die er sich erdreistete. Es ist bereits alles veranlasst. Wenn die Läuterung vollzogen wurde und die Vermählung abgeschlossen, erhält Haus Aramajé eine stattliche Mitgift.« Mit diesen Worten erhob sich der Herzog und ließ den Bernsteingrafen wortlos zurück.

Graf Gunters Blicke verfinsterten sich, doch egal in welche Richtung seine Gedanken auch kreisten, er fand keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle. Und während Graf Gunter von Aramajé mit knirschenden Zähnen und einem schweren Stein auf dem Herzen zu Valésia schritt, saß Endres in seiner kleinen Kammer, mit einer Schale voller Fett, in welches er Asche und Ruß aus dem Kamin gemengt hatte. Die fettige Masse war schwarz und matt, und er knetete sich eine Handvoll nach der anderen in die Haare, um das blonde Haar, welches so verräterisch in der Sonne glänzte, schwarz und matt zu verfärben…Und auf dem Bett lag Valésias Kleid, ihr Schmuck, und die beiden gefüllten Wasserschläuche. Endres Blick war alles andere als erhaben. In gewisser Weise lag ein widerstrebender Blick in seinen Augen, doch so sehr er auch darüber nachgedacht hatte. Eine bessere Idee war ihm einfach nicht eingefallen. Wenn die ganze Stadt nach einem blonden Mann suchte, würde niemand auf eine adelige Frau mit dunklem Haar achten. Auch wenn Endres sich noch nicht so ganz vorstellen konnte, ob seine Maskerade auch glaubhaft wirken würde…

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