Im goldenen Käfig
Gesucht: Ein Geizkragen ❖
baum-valésia hatte sich Mühe gegeben, geduldig zu bleiben. Zu Beginn war es ihr sogar leichtgefallen. Sie hatte am Fenster gesessen, die Arme auf der Tischplatte abgelegt, und hinaus auf das Stadttor geblickt, als würde es genügen, nur lange genug auszuharren. Jeder Reiter, der durch das Stadttor kam, zog ihren Blick auf sich. Jedes helle Haar, jede ähnliche Aufmachung im Sattel ließ ihr Herz für einen Augenblick schneller schlagen, ehe die Hoffnung wieder in sich zusammensackte und aus einem vermeintlich vertrauten Mann bloß ein Fremder wurde. Und die Stunden verstrichen. Das Licht der Sonne wanderte über die Dächer, die Schatten änderten sich, während unten auf der Straße das Leben unaufhörlich weiterging. Händler stritten mit Fuhrleuten, Kinder liefen kreischend zwischen den Wagen hindurch, Wachen wechselten ihre Posten, und mitten darin saß Valésia am Fenster und starrte hinaus, bis ihr allmählich die Augen brannten. Irgendwann begann ihr Rücken vom langen Sitzen zu schmerzen. Trotzdem blieb sie dort sitzen. Sie hatte geglaubt, das Schwerste läge hinter ihr. Die Flucht. Die Nacht. Die Angst. Doch nun begriff sie langsam, dass das eigentliche Warten beinahe grausamer war als all das. Denn während die vergangenen Tage wenigstens Bewegung gekannt hatten, bestand ihr Leben nun plötzlich nur noch daraus, aus dem Fenster zu sehen und zu hoffen. Und Hoffnung wurde mit jeder Stunde schwerer zu ertragen. Noch schwerer wog allerdings etwas anderes. Die Einsamkeit. Valésia war nie allein gewesen. In Aramajé hatte ständig jemand ihre Nähe gesucht, Dienerinnen, Hofdamen, ihre Mutter, Roméro, Besucher, Wachen. Selbst in Ajaran war sie kaum jemals an einem Ort gewesen, an dem nicht Stimmen zu hören gewesen wären oder Schritte durch die Gänge hallten. Jetzt war da nur Stille. Nicht wirkliche Stille, denn draußen tobte das Leben der Stadt weiter, doch um sie herum hatte sich eine Leere gelegt, mit der sie nichts anzufangen wusste. Es fühlte sich falsch an. Diese Stadt war ihr zu groß, wenn sie alleine war. Dieses Zimmer war zu leer, wenn sie es nicht mit ihrem Geliebten teilen konnte. Schließlich ließ Valésia die Stirn gegen den Fensterrahmen sinken und schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte sich das einfacher vorgestellt. Viel einfacher. In ihrer Vorstellung hatte es genügt, das richtige Gasthaus zu wählen und dort zu warten, bis Endres früher oder später durch das Tor ritt. Vielleicht noch am selben Tag. Vielleicht am nächsten Morgen. Nun aber saß sie hier und begriff erst wirklich, wie leicht ein einzelner Mensch in einer Stadt verschwinden konnte. Oder er war gar nicht angekommen. Vielleicht würde er auch gar nicht ankommen. Valésia gestattete sich nicht, diesen Gedanken zu Ende zu spinnen, aber kaum war die Idee erst einmal in ihren Geist eingedrungen und hatte sich dort eingenistet, so vermehrten sich die Gedanken unaufhaltsam und ganz von alleine. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war? Vielleicht hatten diese Kerle dieser Bande ihm etwas schreckliches angetan, vielleicht hatten sie ihm, obwohl sie versichert hatten, dass sie niemandem etwas zuleide tun würden, wenn sich niemand querlegte. Die Frage war nur, hatte Endres am Ende versucht, zu fliehen, oder hatte sonst etwas getan, was am Ende vielleicht den Unmut aller heraufbeschworen hatte? Vielleicht war ihm auch unterwegs etwas zugestoßen. Und Sie saß hier und würde auf ihn warten und er würde doch nie mehr kommen. Dieser Gedanke erfüllte ihr Herz mit der größten Schwermut die sie sich nur vorstellen konnte.

Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Sie erhob sich, strich das Kleid glatt und verließ das Zimmer. Bereits auf der Treppe schlugen ihr Stimmen entgegen, Gelächter, das dumpfe Poltern von Krügen und der Geruch nach warmem Essen. Allein das war genug, um die bedrückende Leere und Stille des Zimmers ein wenig von ihr abfallen zu lassen. Unten in der Schankstube war es voll geworden. Reisende saßen dicht gedrängt an den Tischen, irgendwo wurde laut diskutiert, und eine Magd kämpfte sich mit zwei dampfenden Schüsseln durch den Raum. Valésia setzte sich an einen freien Platz neben Fremde, ohne dass irgendjemand sie beachtete, und bestellte das Tagesgericht. Wenig später stellte man ihr eine schwere Tonschüssel hin. Dicker Getreideeintopf, dampfend heiß, mit Wurzelgemüse und einem Stück Schweinebauch, dessen wabbelige Fettschicht sie unter gewöhnlichen Umständen wohl kaum angerührt hätte. Jetzt störte sie sich nicht mehr daran. Der Eintopf war kräftig gewürzt, warm und sättigend, und nach den vergangenen Tagen schmeckte selbst einfache Kost beinahe wohltuend. Während sie langsam aß, verloren sich ihre Gedanken wieder. Wo war Endres? Lebte er überhaupt noch? War sie töricht gewesen, ihn zurückzulassen? Ja, es war töricht gewesen. Sie hatte bei jenem Waldgasthaus auf ihn gehört, ihm vertraut, aber so wie sie Endres kannte, hatte er nicht immer die allerbesten Ideen. Zweifelsohne war er klug, doch nicht jede seiner Ideen war auch eine gute gewesen. Manche hatte sie ihm ausreden können, bevor daraus mehr geworden war. Vielleicht hätte sie es diesmal ebenfalls tun sollen. Vielleicht hätte sie nicht auf ihn hören und nicht ohne ihn fliehen dürfen. Doch nun war es zu spät, und es ließ sich nicht mehr ändern. Sie konnte nur weiterhin zu den Dreien beten und hoffen, dass sie ihre Gebete erhören um sie wieder mit ihrem Liebsten vereinen würden. Valésia kreiste dieselben Fragen immer wieder durch, bis ihr plötzlich etwas so Naheliegendes einfiel, dass sie mitten in der Bewegung innehielt. Die Stadtwache. Natürlich! Wenn Endres nach Ahrwart gekommen war, mussten die Wachen ihn gesehen haben. Der Gedanke ließ sie augenblicklich unruhig werden. Sie aß hastig zu Ende, stellte den Löffel beiseite und verließ kurz darauf die Gaststube wieder.

Am Stadttor herrschte noch immer reger Betrieb. Wagen rumpelten durch den Durchlass, Reiter warteten auf Einlass, und zwischen all dem standen die Wachen mit jener gelangweilten Aufmerksamkeit, die Menschen entwickelten, die denselben Anblick Tag für Tag sahen. Valésia trat an einen der Männer heran. „Verzeiht“, begann sie ruhig, „ich suche jemanden.“ Der Wachmann sah sie an, nicht unfreundlich, aber prüfend. „Wen denn?“ „Einen Mann. Blond. Etwa Eure Größe“, sagte sie und bemühte sich, beiläufig zu klingen. „Er könnte gestern Abend oder heute hier eingetroffen sein.“ Der Mann runzelte die Stirn und dachte nach. „Blond…“ Er kratzte sich am Bart. „Da war tatsächlich einer.“ Valésias Herz schlug augenblicklich schneller. „Wirklich?“ „Ja! Ich kann mich sehr gut an ihn erinnern. Hat gestern kurz vor Toresschluss ziemlichen Wirbel gemacht“, meinte der Wachmann. „Wollte unbedingt noch hinein, hatte aber keinen Geleitbrief dabei.“ Valésias Herz tat einen Sprung. Das klang nach Endres. „Und Ihr habt ihn trotzdem eingelassen?“ „Naja“, brummte der Mann, „Er hat behauptet, Kurier des Herzogs von Ajaran zu sein. Irgendwas von Kunde für den Stadtvogt und Pferden, die er überbringen sollte.“ Valésia wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ein Kurier aus Ajaran. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es tatsächlich nur ein Bote des Herzogs gewesen. Andererseits passte der fehlende Geleitbrief wieder viel zu gut zu Endres, als dass sie den Gedanken einfach hätte verwerfen können. „Und wo ist dieser Mann jetzt?“ fragte sie vorsichtig. „Nun, er durfte passieren. Er hat als Pfand eines seiner Pferde hiergelassen“, erklärte der Wachmann. „Heute Morgen ist er wieder ausgeritten. Meinte, er käme morgen gegen Mittag mit ordentlichem Geleit zurück und würde das Tier wieder auslösen.“ Ein Pferd als Pfand? Eines von mehreren? Woher sollte Endres mehrere Pferde haben? Für einen kurzen, gefährlichen Moment wollte Valésia fragen, ob sie es sehen durfte. Wenn es Endres’ Pferd war, nein, ihr Pferd, würde sie es natürlich sofort erkennen! Doch der Gedanke verging ebenso rasch wieder. Zu viele Fragen wären unklug gewesen. Wenn es tatsächlich ein echter Kurier des Herzogs war, durfte sie sich auf keinen Fall bemerkbar machen. Also zwang sie sich lediglich zu einem kleinen Nicken. „Ich verstehe“, sagte sie ruhig. Der Wachmann zuckte mit den Schultern, als hätte ihn die ganze Sache längst nicht mehr interessiert. Valésia bedankte sich höflich und trat wieder zurück in die Menge. Während sie langsam zum Gasthaus zurückging, überschlugen sich ihre Gedanken. Ein blonder Mann. Ohne Geleitbrief. Ein Pferd als Pfand. Und die Ankündigung, morgen zurückzukehren. Vielleicht war es Endres. Vielleicht auch nicht. Doch zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte sie wenigstens etwas, woran sie sich festhalten konnte. Morgen zur Mittagsstunde würde sie auf jeden Fall wieder am Fenster sitzen und nach Endres Ausschau halten.

Die nächsten Tage begannen schließlich ineinander zu verlaufen. Valésia saß nicht mehr vom Morgen bis zum Abend am Fenster ihres Zimmers, bis ihr Rücken schmerzte und ihre Gedanken sich nur noch im Kreis drehten. Stattdessen begann sie hinauszugehen, zunächst nur für kurze Zeit, später für Stunden. Sie zog durch die Straßen Ahrwarts, langsam, ohne festes Ziel, und ließ sich von den Wegen treiben, die sich zwischen Häusern, Märkten und kleinen Plätzen auftaten. Doch selbst wenn sie scheinbar ziellos ging, suchte sie die ganze Zeit. Ihr Blick glitt über Gesichter, blieb an hellem Haar hängen, an hochgewachsenen Männern, an jedem Reiter, der ihr entfernt ähnlich erschien. Immer wieder hob sich ihr Herz für einen kurzen Moment, nur um gleich darauf wieder schwer zu werden, sobald ein Fremder sich umdrehte. Mit der Zeit begann sie zu fragen. Immer mit dem Wissen im Hintergrund, dass sich offensichtlich Kuriere des Herzogs von Ajaran in Ahrwart befanden. Zu welchem Zwecke, das wusste sie nicht. Und deswegen fragte sie nicht aufdringlich. Nicht so, dass es offenkundig war und auffiel. Eher beiläufig, als würde sie sich selbst dafür schämen, wie sehr sie sich an jeden kleinen Hinweis klammerte. Sie fragte bei Wirtsleuten. Sie erkundigte sich bei Händlern bei welchen sie etwas zu essen kaufte, ehr beiläufig, wenn es sich ergab, ein Gespräch auf das passende Thema zu lenken oder einzuhaken. „Ist Euch vielleicht ein blonder Mann aufgefallen? Langhaarig. Etwa so groß“, fragte sie und zeigte es manchmal mit der Hand an. „Vielleicht etwas… eigensinnig?“ Manche schüttelten sofort den Kopf. Andere überlegten kurz, ehe sie ebenfalls verneinten. Einmal meinte ein Händler lachend: „Eigensinnig? Davon laufen hier dutzende herum.“ Ein anderes Mal fragte ein Wirt: „Was für eigensinnig?“ Valésia zögerte kurz, ehe sie antwortete: „Jemand, der über Preise diskutiert, obwohl er sie vermutlich bezahlen könnte.“ Der Wirt lachte laut auf. „Davon laufen hier hunderte herum. Alle jammern sie über die Preise und wollen sie nicht bezahlen!“ Trotzdem hörte sie nicht auf zu fragen. Sie fragte weiter, Tag für Tag, von Straße zu Straße, und irgendwann begann sie den Menschen am Ende immer denselben Satz mitzugeben. „Falls Ihr ihn seht… oder glaubt, ihn zu sehen, sagt ihm bitte, seine Ehefrau sucht nach ihm.“ Es war seltsam, dieses Wort auszusprechen. Ehefrau. Noch vor wenigen Wochen hätte sie sich nicht einmal vorstellen können, so etwas zu sagen, und nun hing sie sich daran fest, weil es einfacher war, als die Situation anders zu erklären. „Ich bin meist nahe des Stadttors“, fügte sie dann oft hinzu. „Dort findet er mich.“ Manche nickten nur höflich. Andere wirkten ehrlich bemüht. Ein alter Gemüsehändler versprach sogar „Wenn ich so einen Geizhals sehe, schicke ich ihn Euch.“ Valésia lächelte zum ersten Mal seit Tagen wirklich darüber. Endres blieb verschwunden. An diesem Nachmittag führten ihre Schritte sie schließlich fort von den lauteren Straßen und den belebten Märkten hinein in einen ruhigeren Teil der Stadt. Die Häuser waren enger aneinander gebaut, der Trubel wurde leiser, und zwischen zwei schmalen Gebäuden entdeckte sie plötzlich einen kleinen Tempel der Drei. Er war unscheinbar. Kein großer Bau mit hohen Säulen oder kunstvollen Fenstern wie jener Tempel, in dem sie ihr Geld hinterlegt hatte. Dieser hier war klein, beinahe schlicht, mit abgelaufenen Steinstufen und einem niedrigen Eingang, über dem nur das Zeichen der Drei angebracht war. Und gerade deshalb zog er sie an. Niemand drängte sich davor. Keine Bettler standen auf den Stufen. Es war still dort, still genug, dass man das leise Knistern der Opferkerzen hörte, noch ehe man eintrat. Valésia blieb kurz stehen, dann stieg sie langsam die wenigen Stufen hinauf und trat ein. Der Innenraum war kühl und einfach gehalten. Einige Kerzen brannten vor kleinen steinernen Nischen, Weihrauch hing schwach in der Luft, und irgendwo weiter hinten murmelte jemand ein leises Gebet. Valésia sagte nichts. Sie trat nur langsam vor, sank schließlich auf die Knie und ließ den Blick sinken, bis nur noch der kalte Steinboden unter ihr blieb. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hörte sie auf zu suchen. Und begann stattdessen zu beten.

Während Valésia dort auf den kalten Steinplatten kniete und die Hände ineinandergelegt hielt, musste sie plötzlich an Roméro denken. Unwillkürlich fragte sie sich, was er wohl sagen würde, wenn er sie jetzt sehen könnte. Sie. Allein in einer fremden Stadt. Ohne Dienerschaft. Ohne Wachen. Ohne Familie. Ohne jemanden, der Entscheidungen für sie traf oder ihr sagte, wohin sie gehen sollte. Sie zog selbst durch die Straßen, sprach mit Händlern und Wirten, aß zwischen einfachen Leuten in überfüllten Schankräumen und fragte nach einem Mann, den niemand zu kennen schien. Roméro hätte es vermutlich zuerst gar nicht geglaubt. Und dann hätte er gelacht. Nicht spöttisch. Nun ja, vielleicht doch. Aber niemals böse. Vor allem aber auf eine ungläubige Weise. Sia allein in einer fremden Stadt? Der Gedanke war so absurd, dass sie ihn beinahe vor sich hören konnte. Vielleicht hätte er sie gefragt, wie lange es gedauert hatte, bis sie sich verlaufen hatte. Vielleicht hätte er wissen wollen, ob sie wenigstens daran gedacht hatte zu handeln, bevor man ihr irgendeinen lächerlichen Preis abnahm. Er hätte sie als vollkommen verrückt bezeichnet, wenn sie ihm erzählen würde, wieviel Wegzoll sie am Stadttor bezahlt hatte, nur um ohne Geleitbrief und ohne großes Aufhebens in die Stadt zu gelangen. Und wahrscheinlich hätte er sie am Ende doch angesehen, halb belustigt, halb erstaunt, und gesagt, dass er nie gedacht hätte, dass sie das tatsächlich schaffen würde. Valésia spürte, wie sich ihre Kehle plötzlich eng anfühlte. Denn sie wusste nicht einmal mehr, ob sie es tatsächlich schaffte. Denn mit jeder Stunde die verging, ohne dass sie Endres fand, ohne zu wissen ob er tatsächlich kommen würde, oder ob er bereits hier war, wurde ihr alles immer schwerer und unerträglicher.
Törichte Verzweiflungstat ❖
baum-quälend langsam, kämpfte sich Endres durch eine Woge an Menschen, Wagen und Reitern. Der Weg zum Markt war völlig überlaufen. Dutzende Menschen drängten sich in gewaltigen Schlangen durch die engen Straßen der Stadt. Das Turnier hatte scheinbar alle Menschen des Landes angezogen, wie Motten vom Licht angezogen wurden. An jeder Ecke standen Händler mit kleinen Wagen, oder tragbaren Ständen. Manche von ihnen hatten sogar einfach nur eine Art Tablett an den Hals gebunden, oder eine kleine Lade, und boten die wenigen Waren, die sie hatten, feil. Vermutlich waren sie Knechte großer Handelshäuser. Oder angelernte Hilfskräfte von Händlern, deren Stände oder Kontore sich weit vom Markt, oder von den belebten Straßen befanden. Und auf diese Weise konnten sie ihren Umsatz etwas aufpolieren, und in Konkurrenz zu den Händlern am Marktplatz treten, welche die begehrten Plätze direkt auf dem Platz, oder in der Nähe des Tores, ergatterten konnten. Endres fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Immer wieder trat ihm ein Mensch auf die Füße, oder ein Pferd, oder ein Ochse drängte ihn vom Weg ab. Er bemühte sich möglichst autoritär und würdevoll zu präsentieren. Doch kaum jemand nahm von ihm Notiz. Er war alleine. Kein Herold, der sein Kommen ankündigte. Kein Knecht, der seine Pferde führte. Kein Bursche, der sein Banner vor ihm hertrug. Nur Endres und die drei Pferde, die er versuchte zum Markt zu führen, um sie irgendwie loszuwerden. Doch der Weg zum Markt war voller Menschen. Zu dicht war das Gedränge. Als Endres, welcher nur im Schneckentempo vorangekommen war, endlich die Pforten des Marktes erreicht hatte, traten ihm zwei Wachleute in den Weg. »He!«, rief einer der Männer und deutete auf die Pferde. »Ihr dürft mit den Pferden nicht auf den Marktplatz.« Endres sah sich verwundert um. Und da fiel es ihm erst auf. Die ganzen Tiere, welche zuvor noch mit ihm auf der Straße gewesen waren. Kein einziges davon war mehr zu sehen. Die Maulesel, Ochsen und Packpferde. Alle waren sie verschwunden. Nur Endres stand hier, und war zum Zeichen des Unmutes vieler anderer Menschen geworden, da er mit seinen Pferden buchstäblich im Weg stand. »Verzeiht. Ich wollte die Pferde an einen Händler verkaufen.« Da schüttelte der zweite Wachmann den Kopf. »Am Markt sind keine Pferdehändler. Ihr müsst euch nach Osten halten. Dort entlang.« Er deutete in eine vage Richtung, welche Endres sich versuchte einzuprägen. »Eine Weggabelung zuvor. Ihr müsst sie in dem Gedränge wohl verpasst haben?« Der Wachmann musterte Endres mit eingehenden Blicken, doch welche Gedanken auch immer ihm dabei durch den Kopf gingen, er behielt sie für sich. Endres nickte nur. »Ich verstehe. Habt Dank, guter Mann.« Endres wandte sich zum Gehen und verzog eine mürrische Grimasse. »Und die Stallungen? Wo finde ich diese?« Der Wachmann, welcher ihm zuerst in den Weg getreten war, deutete nun in eine gänzlich andere Richtung. »In jene Richtung, Herr. Nicht weit vom Turnierplatz entfernt. Doch ich fürchte, dass wegen des Turniers, bereits alle Plätze belegt sind.« Endres verzog nun eine noch mürrischere Miene.

Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis Endres endlich aus dem Gedränge der Menschen entronnen war. Er fühlte sich wie ein geprügelter Hund, so oft hatte er einen Ellenbogen, oder einen Tritt abbekommen. Und er stand vor einem umfriedeten Vorhof. Die Pferde standen stumm und stoisch hinter ihm. Würde hier irgendwo Gras wachsen, hätten sie wohl ihre Zeit damit verbracht es zu vertilgen. Doch hier gab es nichts weiter als festgetretene Erde, hölzerne und steinerne Häuser und kargen Boden. Der umfriedete Platz hingegen bot einige Büsche und sogar einen Baum. Und dahinter war ein kleiner Tempel der Drei. Endres seufzte. Die Wahrscheinlichkeit Valésia hier zu finden, war vermutlich größer, als am Tor. Doch wo sollte er nur die Pferde unterbringen?

Endres führte die Tiere auf den Platz und band sie kurzerhand an dem Baum fest, als schon ein älterer Mann angedackelt kam. Er wirkte gehetzt und zugleich demütig, ja beinahe unterwürfig. »Verzeiht, guter Mann!«, rief er und seine Stimme klang, als ob er stundenlang gerannt wäre, nur um zu Endres und dem Baum zu gelangen. »Aber ihr könnt eure Pferde nicht an diesem Baum anbinden.« Er zog eine seiner Hände aus den Ärmeln seiner Tunika hervor und vollzog das segnende Zeichen der Drei in der Luft. Endres stemmte die Hände in die Hüfte. »Ich habe sonst keinen Ort, an dem ich sie unterstellen kann. Und dieser Baum ist unter dem Schutze der Drei.« Da lächelte der Alte milde. »Nun, das mag wohl so sein, werter Herr. Und dennoch, könnt ihr eure Pferde hier nicht anbinden.« Endres verzog abermals, mürrisch und genervt, die Mundwinkel. »Und warum nicht? Ist das etwa ein heiliger Baum?«, erkundigte er sich, halb spöttisch. Doch der Alte schien Endres spitze Zunge geflissentlich zu überhören. »Nein, das nicht. Aber…« Endres hob seine Hand und wischte die folgenden Worte des Mannes achtlos beiseite. »Nun. Ich suche nur meine Frau. Wir sind getrennt worden, und ich wollte im Tempel nachsehen, ob sie hier ist. Es wird nicht lange dauern. Ihr habt mein Wort.« Er tätschelte den Alten an der Schulter und ließ diesen einfach links stehen. Der Alte protestierte noch und seine Blicke schwankten immer wieder zwischen Endres und den Pferden hin und her. Doch Endres hatte inzwischen schon die Stufen zum Tempel erreicht und das mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Eine kleine Genugtuung, für all die Strapazen, die er den restlichen Tag auf dem Weg zum Markt hatte erdulden müssen.

Doch wie zu erwarten war Valésia nicht im Tempel gewesen. Endres hatte die Pferde wieder vom Baum gebunden und den Platz verlassen. Und das breite Grinsen hatte sich inzwischen auch aus seinem Gesicht verzogen, denn bei seiner Rückkehr zu den Pferden hatten dort schon drei Weber, oder Hüter bei den Pferden versammelt. Und sie zankten und sandten Schimpftriaden an Endres. Als er den Platz schon verlassen hatte, zeterten die Alten noch immer und wedelten mit ihren tattrigen, dürren Armen. Vermutlich würden sie ihm am liebsten üble Verwünschungen nachrufen, doch ihr Glaube, oder ihre gute Erziehung, hatten dies unterbunden. Und so war Endres wieder, wo er zuvor gewesen war. Am Anfang.

Der Tag neigte sich bereits dem Ende und Endres irrte noch immer durch die Stadt. Er hatte kein Zeichen von Valésia gefunden. Jeden, den er gefragt hatte. Vom Tor bis zum großen Tempel. Niemand hatte eine junge, schöne Frau gesehen. Oder eine Frau, die ganz alleine durch die Stadt geirrt war. Natürlich hatte Endres sich schwer getan sie zu beschreiben. Er wollte ja schließlich keine allzu große Aufmerksamkeit auf Valésia lenken. Und so hatte er stets vage bleiben müssen. Aber nun, da sich der Tag bereits dem Ende näherte, gab Endres die Suche nach Valésia auf. Wenn es dunkel werden würde, dann war sie vermutlich in einem der zahllosen Gasthäuser untergekommen und harrte dort auf ihn. Die Wahrscheinlichkeit genau jenes Gasthaus aufzustöbern war genauso groß, wie sie im Tempel der Drei anzutreffen. Endres sah zu den Pferden, welche ihm schon den ganzen Tag hinterher getrottet waren. Ihre vorwurfsvollen, stoischen, beinahe müden Blicke bohrten sich in Endres Seele. »Was schaut ihr mich so vorwurfsvoll an? Ich kann auch nichts dafür!«, maulte Endres doch die Pferde gaben weder einen Laut von sich, noch wandten sie die Köpfe ab. Endres seufzte. Das alles hatte er sich wirklich einfacher vorgestellt.

Das letzte Licht des Tages hing noch am Horizont, als Endres endlich den Turnierplatz erreichte. Es herrschte kein besonders hoher Andrang mehr. Jeder von Rang und Namen war wohl schon im Laufe des Tages dort eingetroffen. Ein Knecht, welcher Endres bemerkt hatte, war auf ihn aufmerksam geworden und an herangetreten. »Herr. Die Annahme schließt demnächst. Falls ihr euch zum Turnier melden wollt, dann eilt euch.« Endres schüttelte den Kopf. Am Turnier teilnehmen? Daran dachte Endres nicht einmal im Traum. »Oh, ich suche nur einen Unterstand für meine Pferde. Alle Stallungen sind restlos überfüllt. Und ich irre nun schon den ganzen Tag durch die Stadt, in der Hoffnung einen guten Platz für meine Pferde zu finden.« Da seufzte der Knecht und senkte niedergeschlagen den Blick. »Vergebt mir Herr, doch die Stallungen hier, sind nur für Teilnehmer des Turniers.« Endres verzog, zum wiederholten Male an diesem Tag, den Blick zu einer mürrischen Grimasse. »Ihr könntet euer Glück am Tor versuchen. Die Stadtwache hat vielleicht noch etwas Platz für eure Tiere?« Da schüttelte Endres den Kopf. Oh, wenn er wieder zum Tor gehen würde, um dort die anderen drei Tiere unterzustellen, würde das zweifellos Fragen aufwerfen. War er nicht der Reiter gewesen, der diese Tiere unbedingt zum Turnier überstellen musste? Er käme in arge Erklärungsnot, wenn er nun dort aufkreuzen würde, mit der Bitte die anderen drei Tiere auch unterstellen zu dürfen. Endres knirschte mit den Zähnen. »Sonst gibt es keine Stallungen mehr in der Stadt?« Der Knecht schüttelte den Kopf. »Nicht auf dieser Seite der Brücke. Vielleicht gibt es noch in Furtwart eine…doch ich denke beide Städte platzen bereits aus allen Nähten. Es steht ein Turnier an, Herr. Da ist die Stadt immer brechend voll.«

Endres wusste, dass er die Pferde nicht einfach auf der Straße stehen lassen konnte. Wenn er am nächsten Morgen zu ihnen zurückkehren würde, wären sie auf und davon. Gestohlen oder in den städtischen Stallungen der Stadtwache untergebracht. Um sie dort wieder auszulösen, musste er erneut mit der Stadtwache sprechen. Und wenn der Kerl ihn wiedererkannte, war alles für die Katz. Und so seufzte Endres. »Nun, dann.« Er ließ sich von dem Knecht den Weg zur Einschreibung zeigen.

Ein alter Schreiber sah zu Endres auf, als dieser an ihn herantrat. »Seid gegrüßt, werter Herr. Für welches Haus wünscht ihr am Turnier teilzunehmen?« Er sah sich suchend um, doch außer Endres und den Pferden konnte er niemanden entdecken. Keinen Knappen. Keinen Herold. Und auch sonst niemanden. Und weder Endres noch die Pferde wiesen ein Banner oder ein Wappen auf und so verengte der Schreiber die Augen zu zwei misstrauischen Schlitzen. Endres schwieg für einen Moment. »Guter Mann. Ich bin aus fernen Landen angereist. Doch ich muss gestehen, dass ich mit den Gepflogenheiten dieses Frühlingsturnieres nicht gut vertraut bin.« Da lächelte der Schreiber milde, doch in seinem Lächeln konnte Endres die Abfälligkeit und Geringschätzung erkennen. Die Ariader waren verschrien für ihre Abneigung gegen Fremde. Der Argwohn stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, doch er ließ sich von Endes Worten nicht blenden. »Euer Wappen? Der Name eueres Hauses?« Er betonte die Worte, als ob er mit einem einfältigen Kind sprechen würde, was Endres nur erneut mürrisch dreinblicken ließ. »Mein Name ist Eskel von der Hohenehr.« Der Alte zuckte mit den Achseln. »Noch nie davon gehört.« Da baute sich Endres, der des Spieles langsam überdrüssig wurde, sich vor ihm auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Was fällt euch ein?«, rief Endres erbost und tippte dann mit dem Finger auf den kleinen Tisch des Schreibers. Der Mann sah ihn daraufhin verwundert an, und die Müdigkeit seines Blickes war wie hinfort gefegt. »Ich muss doch sehr bitten.«, pöbelte Endres weiter aufgebracht. »Eure Bildung scheint über das Schreiben von Worten nicht hinausgewachsen zu sein. Oder wollt ihr mir etwa weismachen, ihr wüsstet von jedem Hause und jedem Wappen des Landes?« Da lächelte der Schreiber und ein schelmisches Funkeln glitzerte in seinen Augen. Scharfe Worte und eine ebenso scharfe Spitze lagen ihm auf der Zunge. Doch er schluckte sie herunter. »Die wichtigen und richtigen, Ja.« Die Worte verfehlten ihre Wirkung dennoch kaum. Ja, die großen Häuser mit Rang und Namen. Die kannte jeder. Die kleinen, Unbedeutenden. Die der Heckenritter und fahrenden Recken. Die des niederen Adels ohne Land und ohne Namen. Die kannte niemand. Und er hatte Endres zu verstehen gegeben, dass er für ihn nichts anderes war als ein Glücksritter ohne Namen und von keiner Bedeutung. »Nun. Wenn ihr damit fertig seid, Herr…«, begann der Schreiber und deutete auf Endres stolz geschwollene Brust. »Dann würde ich gerne fortfahren. Herr Eskel von Hohenehr.« Die letzten Worte klangen beinahe wie ein höhnischer Spottname, was Endres mit einem Augenzucken bemerkte. Doch vermutlich war es nur Endres' Wahrnehmung. Keiner der Niederen würde es wagen einen Mann von Adel zu verspotten oder zu brüskieren. Selbst wenn er von niederem Adel war. Als ob der Schreiber Endres' Gedanken lesen konnte hob er schließlich die Feder, lächelte nur und tippte sich auf die Brust. Ein kleiner, eingestickter Schlüssel war dort zu sehen. »Mein Name ist Willibald von Ahrwart. Schreiber und Sohn des Stadtvogtes.« Er war selbst von Adel. Niederer Adel, denn ansonsten würde er nicht hier am Turnierplatz sitzen und die Ritter und Adeligen einschreiben. Doch vermutlich sah er sich auf gleicher Stufe wie Endres, was dem falschen Ritter und Lügenbaron nun auch den letzten Wind aus den Segeln nahm.

Der Paltore straffte seine Tunika und versuchte möglichst eloquent zu wirken, ohne sich dabei die Blöße zu geben, von diesem Mann vorgeführt worden zu sein. »Nun. Werter Herr Waldemar von Ahrwart. Wenn ihr die Güte hättet…« Endres deutete auf seine Pferde und machte dabei eine ausladende Handbewegung. »Ich brauche Unterstand für drei Pferde. Und meine Habe.« Der Schreiber sah sich suchend um, doch mehr als die drei Pferde konnte er einfach nicht ausmachen. »Eure Habe?«, hakte er fragend nach und Endres seufzte. »Sie ist noch nicht eingetroffen.« Endres knirschte mit den Zähnen und der Schreiber nickte. »Ich verstehe. Nun, Eskel von Hohenehr. Die Teilnahme an dem Turnier kostet eine Gebühr. Für Einheimische, aus den Ostmarken. Zehn Silbermark. Doch für Fremdländische Teilnehmer oder Heckenritter, hat unser Gnaden, mein Vater, die Gebühr auf fünfzehn Silbermark festgesetzt.« Er lächelte dünn, als ob er Endres damit heimlich einen Dolch zwischen die Rippen hatte stoßen wollen. »Oder ein gleichwertiges Pfand.« Er tippte zuerst mit der Feder auf den Tisch und deutete dann auf das weiße Pferd, welches einst wohl dem Zöllner oder der toten Frau gehört hatte. Endres verstand. »Ein Pferd?« Endres schnaubte und blies die Wangen auf. »Oder fünfzehn Silbermark.«, beendete der Schreiber den Satz. Als ob er Endres und seine Knausrigkeit kennen würde. Doch vermutlich hatte er sich einfach nur ein Bild gemacht. Ein einzelner Ritter. Ohne bekanntes Wappen. Mit drei Pferden aber nicht einmal einem Knappen. Er hatte schlicht und ergreifend Eins und Eins zusammengezählt und war zu dem Schluss gekommen, dass ein Mann wie Endres vermutlich eines oder zwei dieser Pferde auf einem anderen Turnier gewonnen hatte, und über keine derart hohe Barschaft verfügte. Und er hatte in mehrfacher Weise damit Recht. Endres verfügte weder über so viel Bargeld, da der Großteil seines Geldes sich ja derzeit in Valésias Obhut befand. Noch war er gewillt soviel Geld überhaupt ausgeben zu wollen. Doch was der Schreiber nicht wusste war, dass diese Pferde ohnehin gestohlen waren und für Endres kaum ein großer Verlust, wenn man einmal von dem Erlös, den sie einbringen würden, absah. Und so nickte Enders schließlich. »Nun denn. Das Pferd als Pfand.« Der Schreiber nickte und seine Feder kritzelte über das Pergament, als er Eskel von Hoheneher als offiziellen Teilnehmer des Turniers eintrug. »Und für welche Waffengattung darf ich euch eintragen?« Da blinzelte Endres nervös, bis der Schreiber schließlich seufzte. »Lanzenstechen? Ringreiten, Buhurt, Bogenschießen, oder Pferderennen?« Da lächelte Endres dünn. »Pferderennen.« Ein Wettbewerb, der keine große Gefahr darstellte…So glaubte Endres…Doch da er sollte sich noch gewaltig irren. Doch immerhin war er nun, als Eskel von Hohenehr, ein offizieller Teilnehmer des Turnieres. Das berechtigte ihn dazu, seine Pferde in den Stallungen des Stadtvogtes unterbringen zu lassen. Sein Name würde ausgerufen werden, und vielleicht würde Valésia ihn so endlich finden, und er dann auch sie? Seit fast zwei Tagen war er durch die Stadt geirrt. Ohne Ergebnis. Ohne Erfolg. So töricht es auch gewesen sein mag, sich zu diesem Turnier anzumelden. Wenn das Schicksal sie nicht hatte zufällig übereinander stolpern lassen, so hatte Endres wohl schlicht und ergreifend etwas nachhelfen müssen, damit sie einander endlich wieder fanden. Endres vage Hoffnung war nur, dass dies geschah, bevor er zum ersten Waffengang antreten musste, damit sie die Stadt zügig verlassen konnten, ohne großes Aufsehen zu erregen.

Denn nicht nur Valésia von Aramajé kannte den Namen Eskel von Hohenehr. Auch ein gewisser Edran Silberhand. Und dieser ominöse Kurier des Herzogs von Ajaran... Doch an derlei Dinge dachte Endres in diesem Moment nicht mehr. Er wollte einfach nur die Pferde loswerden und Valésia finden. Nach all den Strapazen des Tages, war ihm dieser letzte Ausweg der einzige geblieben, der ihm in den Sinn gekommen war. Er hatte diese Abkürzung gewählt. Und was sollte an einem Pferderennen schon groß Schiefgehen können? Das Schicksal musste ihm doch irgendwann auch einmal gnädig sein...
Umringt von Rittern ❖
baum-nun waren bereits mehrere Tage ins Land gezogen, da Valésia in Ahrwart angekommen war. Und sie war bislang keinen Zoll weitergekommen in dem Wissen, ob Endres bereits hier eingetroffen war, oder nicht. Die äußert vagen Anhaltspunkte die sie bisher in Erfahrung bringen konnte, waren, dass die Stadtwache am Stadttor einen blonden Mann mit drei Pferden gesprochen hatte. Der Mann ohne Geleitbrief, der eins seiner drei Pferde als Pfand abgegeben und sich als Kurier aus Ajaran ausgegeben hatte. Doch Valésia hatte diesen Gedanken rasch wieder verworfen, dass dieser Mann Endres sein konnte. Es klang in keiner Weise nach Endres. Im Gegenteil, es klang eher danach dass ein Kurier des Herzogs von Ajaran in Ahrwart eingetroffen war, seinen Geleitbrief verloren hatte, und zur Sicherheit eins der Pferde die er abgeben sollte, in Pfand gegeben hatte, bis er einen neu ausgestellten Geleitbrief vorlegen konnte, was für einen Kurier des Herzogs von Ajaran eine Kleinigkeit darstellen würde. Und dass ein Kurier des Herzogs von Ajaran nach Ahrwart gekommen war, war in höchstem Maße beunruhigend.

Die Tage vergingen. Nicht schnell genug, um die Sehnsucht zu lindern, aber schnell genug, dass Valésia irgendwann aufhörte, sie einzeln zu zählen. Jeder Morgen begann mit Hoffnung, Endres an diesem Tag endlich zu finden. Und jeder Abend endete ohne Endres gefunden zu haben. Und dennoch gab sie die Suche nicht auf. Und sie war nicht einmal sicher, ob er sich überhaupt in der Stadt befand. An diesem heutigen Tag führte ihr Weg sie erneut durch die Stadt. Ohne wirkliches Ziel ließ sie sich durch die Straßen treiben, fragte hier und da nach einem blonden Mann, belauschte Gespräche in Schankstuben, hielt an Stallungen an und beobachtete Reisende, die durch die Tore kamen. Es war bereits später Nachmittag, als sie den Wachmann wiedersah. Sie erkannte ihn sofort. Es war derselbe Mann, mit dem sie vor einigen Tagen gesprochen hatte, jener, der sich an den angeblichen Kurier des Herzogs erinnert hatte. Damals hatte er von einem blonden Mann gesprochen. Von einem Pferd als Pfand. Von der Absicht, zurückzukehren. Und nun führte er genau dieses Pferd am Zügel durch die Stadt und neben ihm lief ein zweiter Wachmann, mit dem er sprach. Normalerweise wäre Valésia einfach weitergegangen. Doch etwas an dem Gespräch ließ sie innehalten. „Bei den Dreien, ich habe genug von diesem verdammten Gaul.“ Valésia hob den Kopf. „Du schimpfst seit drei Tagen darüber.“ „Weil das Vieh seit vier Tagen bei uns herumsteht.“ Der zweite lachte. „Vielleicht kommt dein Freund ja noch.“ „Mein Freund kann mich mal.“ Die Wache zog missmutig am Zügel, obwohl das Pferd nichts dafür konnte. „Große Worte hat er gemacht. 'Ihr habt mein Wort. Das Wort eines Edelmanns von Ehre.'“ äffte er Endres nach. Er verzog das Gesicht. „Vielleicht hat er die Stadt längst verlassen.“ „Ohne sein Pfand?“ Der andere zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wollte er es loswerden.“ „Dann hätte er es wenigstens sagen können. Stattdessen verschwindet er einfach und wir dürfen uns um das Tier kümmern.“ Der zweite grinste. „Du hast dich eh nicht drum gekümmert, das hat der Stallbursche übernommen. „Es geht mir um den Stellplatz. Die sind, wie die Drei wissen, gerade sehr begrenzt, und der Gaul frisst nicht zu knapp.“ Der zweite lachte. Daraufhin verzog der erste mürrisch die Lippen. „Lach du nur. Der Stadtvogt lacht jedenfalls nicht. Der hat heute Morgen angeordnet, das Tier am Pferdemarkt zu verkaufen.“ „Jetzt sind wir der Wahrheit schon näher.“ „Wenn der Blondschopf jetzt plötzlich auftaucht, kann er sein Pferd auf dem Markt zurückkaufen.“ „Das würde ich gern sehen.“ „Ich auch. Und obendrein kriegt er kostenlos ein paar aufs Maul von mir.“ Valésia war den beiden in gebührlichen Abstand gefolgt. Die beiden bemerkten sie nicht. Warum sollten sie auch? Aber Valésia spürte, wie sich etwas in ihr regte. Der Markt. Das Pferd. Ein blonder Mann ohne Geleitbrief. Der angebliche Kurier. Sie hatte all das längst wieder verworfen. Zu viele Möglichkeiten, zu viele Zufälle, zu wenig Gewissheit. Und doch... Ein richtiger Kurier hätte sein Pfand längst ausgelöst. Ein richtiger Kurier wäre zurückgekehrt. Ein richtiger Kurier hätte sich nicht einfach in Luft aufgelöst. Doch Endres dagegen… Valésia biss sich leicht auf die Unterlippe. Vielleicht war es töricht. Vielleicht lief sie wieder einer falschen Spur hinterher. Aber wenn sie es nicht tat, würde sie den ganzen Abend darüber nachdenken. Also folgte sie den beiden Männern. Nicht direkt. Nicht so nah, dass sie auffiel. Einfach weit genug dahinter, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Weg führte quer durch die Stadt. Vorbei an Handwerkshäusern, über einen kleinen Platz mit Brunnen, durch eine breitere Straße, in der sich bereits zahlreiche Pferdehändler und Reisende bewegten. Je weiter sie gingen, desto deutlicher änderte sich das Bild. Die Häuser wurden weniger. Die freien Flächen größer. Und schließlich öffnete sich vor ihnen das Gelände der Turnierwiesen. Dort herrschte geschäftiges Treiben. Zimmerleute arbeiteten noch immer an Tribünen. Händler errichteten Verkaufsstände. Pferde wurden geführt, gestriegelt, begutachtet und gehandelt. Überall hörte man Stimmen, Hufschläge und das Klappern von Werkzeug. Wenn man in Ahrwart ein Pferd verkaufen wollte, dann hier. Die Wachen steuerten direkt auf den Pferdemarkt zu. Valésia blieb am Rand stehen. Ihr Blick hing an dem Tier. Sie versuchte sich zu erinnern. War es eines der Pferde der Wanderfalken? War es überhaupt dasselbe Pferd? Je länger sie hinsah, desto weniger sicher war sie sich. Sie hatte die Tiere nie so aufmerksam betrachtet. Und trotzdem. Die Hoffnung ließ sich nicht vertreiben. Vielleicht war das Endres' Spur. Vielleicht war sie ihm näher als jemals zuvor. Vielleicht... Doch was nutzte ihr diese Spur, wenn augenscheinlich niemand kommen würde, dieses Pferd, dieses Pfand auszulösen? Und doch konnte er hier sein. Wenn er tatsächlich mit Pferden unterwegs war, wenn es wirklich Endres war, vielleicht würde ihm in den Sinn kommen, ein Pferd das ihm zu viel an der Hand war, zu verkaufen. Dann musste ein Ort wie dieser ihn anziehen wie ein Feuer die Motten.

Die Komtess blieb stehen und ihr Blick glitt über Zelte, Wappen, Pferdedecken und aufgestellte Schilde. Es war das Lager der Turnierteilnehmer, die sich schon eingefunden hatten. Dann hielt sie inne. Ein bekanntes Wappen fiel ihr ins Auge. Dornfels. Sie erkannte es nicht sofort aus Sicherheit, sondern aus Erinnerung. Ein Wappen auf einer Pferdedecke, ordentlich angebracht, nicht groß genug, um prahlerisch zu sein, aber deutlich genug, dass jeder wusste, zu wem das Tier gehörte. Ser Tavian von Dornfels. Valésia blieb einen Moment stehen und spürte, wie in ihr zwei Regungen aufkeimten. Er war nicht der Mann, den sie suchte. Und gerade deshalb wäre es vielleicht besser gewesen, einfach weiterzugehen. Doch er war auch kein Fremder mehr. Er hatte sie auf der Straße in Richtung Zwillinge angesprochen. Höflich, aufmerksam, nicht drängend. Er war einer der Ritter, die an diesem Turnier teilnehmen wollte. Und vielleicht konnte gerade jemand wie er ihr Zugang zu Orten verschaffen, an denen sie allein nie unauffällig suchen konnte. Schließlich musste sie jede Gelegenheit ausschöpfen. Endres war damals in Olathor auch am Turnier erschienen. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass er auch bei diesem zugegen sein würde? Sie wusste es nicht. Doch sie hatte seit Tagen Tag für Tag am Fenster des Gasthofs gesessen, hatte die ganze Stadt erfolglos abgesucht, und wenn sie sich ehrlich war, wusste sie schon nicht mehr was sie tun sollte, oder wo sie noch nach Endres suchen sollte. Verzweiflung und Resignation hatten in ihr längst die Oberhand gewonnen. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber sie besaß nur noch wenig Hoffnung, dass sie Endres in Ahrwart noch antreffen würde. Doch solange sie sich dies nicht eingestand und den Gedanken beiseiteschob, solange besaß sie noch Mut und Hoffnung und konnte die Verzweiflung niederdrücken.

Sie trat näher an das Lager heran. Ein junger Bursche, der an einem Sattelriemen nestelte, hob den Kopf und musterte sie mit unverhohlener Neugier. Doch er sagte nichts. „Ich suche Ser Tavian von Dornfels“, sagte Valésia. Der Junge richtete sich etwas auf. „Mein Herr ist auf der Bahn. Übt mit seinem Pferd für das Turnier.“ Er deutete mit dem Kinn über die Wiese hinweg, zu einem abgesteckten Wiesenstreifen, auf dem längst kein Grashalm mehr wuchs, und auf dem mehrere Reiter unterwegs waren. Valésia folgte seinem Blick. „Erlaubt ihr mir, hier auf ihn zu warten?“ Der Bursche zuckte mit den Schultern, als sei das nicht seine Entscheidung, aber auch kein Verbot. „Wenn Ihr niemandem im Weg steht.“ Also wartete sie. Und während sie wartete, sah sie zu. Es war seltsam, wie vertraut ihr das meiste vorkam und wie fremd zugleich. Sie kannte die Turniere aus der Ferne, von der Zuschauertribüne der hohen Herren, aus Erzählungen, aus dem, was Frauen darüber sagten, während Männer sich rüsteten. Doch hier sah sie nicht die feierliche Seite, sondern die Arbeit dahinter. Lederriemen wurde nachgezogen, Hufe geprüft und beschlagen, Pferde beruhigt, Lanzen hin und hergetragen. Junge Männer lachten zu laut, ältere warfen ihnen missbilligende Blicke zu, und irgendwo fluchte jemand. Valésia bemerkte erst nach einer Weile, dass sie seit geraumer Zeit einfach nur das Treiben in dem Lager betrachtete und zum ersten Mal seit Tagen dachte sie nicht darüber nach, welche Straße sie als Nächstes absuchen oder wen sie noch befragen könnte. Das geschäftige Treiben um sie herum ließ ihre Sorgen nicht verschwinden, aber für einen Augenblick rückten sie in den Hintergrund. Sie lehnte sich leicht gegen einen der Pfosten und ließ den Blick über die Übungsbahn schweifen, wo mehrere Reiter ihre Pferde durch enge Wendungen und über niedrige Hindernisse führten. Und dann sah sie Ser Tavian. Er kam von der Bahn herüber, noch nicht gerüstet, aber eindeutig in seinem Element. Staub hing an seinen Stiefeln, sein Haar war vom Reiten zerzaust, und doch wirkte er gesammelt. Er Wechselte kurz mit seinem Knappen einige Worte, übergab ihm die Zügel, und erst als der Bursche den Blick zu Valésia hinüberschweifen ließ, folgte Ser Tavian seinem Blick und sein Gesicht hellte sich überrascht auf. „Fräulein Sia?“ Valésia spürte, wie eigenartig es war, diesen Namen aus seinem Mund zu hören. „Ser Tavian von Dornfels.“ Er kam langsam näher, und in seinem Gesicht zeichnete sich ehrliche Freude ab. „Ihr seid also wohlbehalten in Ahrwart angekommen.“ „So scheint es.“ Tavian sah sie einen Moment aufmerksamer an. „Und immer noch allein?“ Valésia hielt seinem Blick stand. „Für den Augenblick.“ Er nickte langsam und fragte nicht sofort weiter. Das rechnete sie ihm hoch an. Stattdessen sah er kurz über das Turnierfeld. „Dann habt Ihr Euch den lebendigsten Ort der Stadt ausgesucht, um weiterhin allein zu sein.“ Valésia ließ den Blick über die Turnierwiesen schweifen. „Das scheint mir auch so.“ Tavian verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Und was verschlägt Euch hierher?“ Die Frage war freundlich und triefte dennoch vor Neugierde. Gerade deshalb musste Valésia aufpassen. „Neugier.“ Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Neugier?“ „Ist das so schwer zu glauben?“ erwiderte die Komtess. „Ein wenig“ gab Ser Tavian zurück. Valésia hob fragend eine Augenbraue. „Warum?“ Tavian ließ den Blick über das Lager schweifen. „Weil die meisten Leute erst kommen, wenn die Tribünen fertig sind und die ersten Ritter gegeneinander antreten. Im Augenblick gibt es hier hauptsächlich Arbeit zu sehen.“ „Vielleicht interessiert mich gerade das.“ „Dann gehört Ihr zu einer seltenen Sorte Mensch.“ Das brachte sie tatsächlich zum Schmunzeln. Für einen Moment schwiegen beide und beobachteten das geschäftige Treiben auf den Turnierwiesen. Ein Knappe hastete mit einem verschnürten Bündel Lanzen vorbei. Hinter ihm schimpfte ein älterer Ritter über einen gerissenen Sattelgurt so knapp vor dem Turnier. Von der Bahn her drang das dumpfe Schlagen galoppierender Hufe herüber. „Und wie gefällt Euch Ahrwart bislang?“, fragte Tavian schließlich. „Es ist groß und sehr voll.“ Er lachte. „Das ist es wohl.“ „Und laut.“ „Daran wird sich bis zum Ende des Turniers nichts ändern.“ Sein Blick fiel kurz auf sie. „Bleibt Ihr denn länger in der Stadt?“ Wieder eine harmlose Frage. Wieder eine, die schwieriger zu beantworten war, als sie sein sollte. „Vermutlich, aber ich weiß es noch nicht.“ „Das klingt nicht besonders überzeugt.“ „Manchmal entscheidet das Leben anders als man selbst.“ Tavian betrachtete sie einen Augenblick, als würde ihm die Antwort gefallen. „Das ist vermutlich wahr.“ Dann deutete er mit einer kleinen Bewegung über das Lager. „Falls Ihr morgen wieder hierherkommt, sucht nicht nach einem Platz zwischen den gewöhnlichen Zuschauern. Die besten Plätze sind ohnehin nicht auf den Tribünen.“ Valésia sah ihn fragend an. „Ach nein?“ Tavian schüttelte den Kopf und deutete auf die Zelte hinter sich. „Nein. Von hier sieht man die Ritter vor und nach den Wettkämpfen. Das ist meist interessanter als der Wettkampf selbst. Meldet Euch bei meinen Leuten. Man wird Euch durchlassen.“ „Das erscheint mir sehr großzügig.“ „Es kostet mich ja nichts“ lachte er. Valésia sah ihn an. „Und Ihr ladet jede fremde Frau in Euer Lager ein?“ „Nein.“ „Warum also mich?“ Sein Blick ruhte einen Augenblick auf ihr. „Ihr seid ja keine Fremde mehr. Und weil ihr alleine in Ahrwart seid.“ „Das genügt?“ „Absolut. Ich sehe vor mir einfach eine Frau allein in einer fremden Stadt. Für einen ehrenhaften Ritter reicht das bereits. Und das bin ich.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. Diesmal musste Valésia tatsächlich lachen.

Der Nachmittag war längst dem Abend gewichen, als Tavian schließlich bemerkte, wie tief die Sonne bereits stand. Das geschäftige Treiben auf den Turnierwiesen hatte sich verändert. Die Hämmer waren verstummt. Die meisten Händler hatten ihre Arbeiten beendet. Nur vereinzelt hörte man noch das Schnauben eines Pferdes oder das Klirren von Werkzeug, das für die Nacht weggeräumt wurde. Valésia hatte kaum bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Zum ersten Mal seit Tagen hatte sie sich nicht ausschließlich mit ihrer Suche beschäftigt. Sie hatte den Männern bei der Arbeit zugesehen, den Knappen beim Üben, den Stallburschen beim Versorgen der Tiere. Es war eine Ablenkung gewesen, und eine Pause von den immer gleichen Gedanken. „Ich fürchte, ich habe Euch den langweiligsten Teil eines Turniers gezeigt.“ Valésia wandte den Blick von den Übungsbahnen ab. „Langweilig?“ „Die Arbeit davor.“ Tavian deutete über das Lager. „Staub, Schweiß, schlechte Laune und Männer, die einander wegen jeder Kleinigkeit anschreien.“ Das brachte sie zum Lächeln. „Dann möchte ich die bessere Seite sehen.“ „Die beginnt gewöhnlich nach Sonnenuntergang.“ Er sagte es beiläufig. Fast so, als spräche er nur einen Gedanken aus. Dann fügte er hinzu: „Einige der Ritter speisen heute gemeinsam. Nichts Besonderes. Brot, Fleisch, Wein und die üblichen Geschichten über Heldentaten, die nach jedem Becher Wein größer werden.“ Valésia lachte leise. „Das klingt gefährlich.“ Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr. „Falls Ihr Euch Sorgen macht, Ihr seid mein Gast. Niemand wird Euch belästigen oder in Verlegenheit bringen. Dafür stehe ich mit meinem Namen ein.“ Die Worte waren schlicht gesprochen. Valésia zögerte dennoch. Vor wenigen Monden hätte sie eine solche Einladung vermutlich höflich ausgeschlagen. Eine junge Frau speiste nicht allein mit fremden Männern. Zumindest nicht ohne Familie, Begleitung oder einen guten Grund. Doch vor wenigen Monden war sie auch keine Frau gewesen, die allein durch Ariad reiste. Außerdem wusste sie ohnehin nicht, was sie sonst tun sollte. Zurück in ihr Gasthaus gehen? Wieder aus dem Fenster sehen? Wieder über Endres nachdenken, den sie einfach nicht fand, egal, wie sehr sie es sich wünschte? Die Vorstellung erschien ihr plötzlich quälend. „Dann nehme ich Eure Einladung an.“ Ein ehrliches Lächeln huschte über Tavians Gesicht. „Gut.“

Als die Sonne hinter den Dächern der Stadt versank und die Schatten länger wurden, veränderte sich die Turnierwiese. Die Hämmer verstummten nach und nach, Werkzeuge wurden weggeräumt, Pferde versorgt und an Leinen unter wettergeschützten Planen festgebunden. Wo tagsüber gearbeitet worden war, begann nun der ruhigere Teil des Abends. Die Ritter speisten nicht in einem prächtigen Saal, sondern unter einem großen Zeltdach, das an den Seiten offenstand. Mehrere Tische waren zusammengestellt worden. Über ihnen hingen Laternen, deren warmes Licht sich mit dem Schein kleiner Feuer vermischte, die zwischen den Zelten brannten. Vor dem Lager stand ein Dreibein über einer Feuerstelle, in dem ein duftender Eintopf köchelte. Knappen eilten mit Krügen und dampfenden Schüsseln um die Tische herum, während von irgendwoher der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot herüberzog. Doch hier begnügte man sich mit einem schlichten Eintopf. Es war ein Anblick, den Valésia in dieser Form noch nie erlebt hatte. Und sie saß mittendrin. Sie kannte Ritter von Festen, Audienzen und Turnieren. Sie kannte sie geschniegelt bis in die letzte Haarspitze, geschniegelt genug, um selbst beim Essen noch auf ihre Haltung zu achten. Hier jedoch begegnete sie ihnen anders. Hier sah sie Männer, die ihre Stiefel ausgezogen hatten und sich über schmerzende Beine beklagten. Ritter, die über störrische Pferde schimpften. Knappen, die sich gegenseitig neckten. Es wirkte ungezwungen. Fast familiär. Und genau das überraschte sie. Anfangs hielt sie sich zurück. Sie lauschte den Gesprächen, beobachtete die Menschen um sich herum und beteiligte sich nur gelegentlich mit einem Lächeln oder einer knappen Bemerkung. Niemand bedrängte sie. Niemand stellte unangenehme Fragen. Man nahm ihre Anwesenheit zur Kenntnis und schien sie zugleich als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Mehrmals brach Gelächter aus. Ein Ritter behauptete steif und fest, er werde das bevorstehende Turnier gewinnen. Sofort widersprachen ihm mehrere andere mit einer Vehemenz, die verriet, dass diese Diskussion nicht zum ersten Mal geführt wurde. Bald wurde über vergangene Wettkämpfe gesprochen. Über missglückte Lanzenstöße, verlorene Pferde und Gegner, die ihre Fähigkeiten in den Erzählungen regelmäßig verdoppelten. Valésia ertappte sich dabei, wie sie lächelte. Vielleicht war es die Atmosphäre. Vielleicht die Tatsache, dass niemand etwas von ihr erwartete. Oder vielleicht einfach die Erleichterung, einmal nicht allein zu sein. Je länger der Abend dauerte, desto leichter fiel es ihr, die vergangenen Tage für eine Weile zu vergessen. Endres verschwand nicht aus ihren Gedanken, doch er stand nicht mehr im Mittelpunkt jedes einzelnen Augenblicks. Irgendwann wurde über die Teilnehmer des Turniers gesprochen. Namen fielen. Wappen wurden erwähnt. Familien, Bündnisse und alte Rivalitäten kamen zur Sprache. Und genau dort begann Valésia unvorsichtig zu werden. Nicht absichtlich, ja nicht einmal bewusst. Als einer der Ritter den Namen eines Grafen erwähnte und sich spöttisch über dessen Sohn äußerte, antwortete sie beinahe gedankenlos. Erst nachdem sie gesprochen hatte, bemerkte sie die kurzen Blicke, die mehrere Männer miteinander tauschten. Es war nichts Besonderes gewesen. Jedenfalls erschien es ihr nicht so. Doch sie hatte nicht nur den Namen gekannt. Sie hatte gewusst, mit welchem Haus die Familie verschwägert war und weshalb die Fehde mit den Nachbarn überhaupt entstanden war. Für Valésia waren solche Dinge selbstverständlich. Sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, sie zu hören. Für viele andere Menschen waren sie es nicht. Das Gespräch ging weiter. Niemand sagte etwas. Und dennoch spürte sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf sich ruhen. Nicht misstrauisch. Neugierig. Als würde man versuchen, ein Rätsel zu lösen. Später sprach sie mit einem älteren Ritter über Pferde. Eigentlich hatte sie nur eine beiläufige Bemerkung gemacht. Dass ein bestimmter Hengst vermutlich aus guter Zucht stamme. Auch das war für sie nichts Außergewöhnliches. Doch erneut folgte dieses kurze Schweigen. Nicht lang genug, um unangenehm zu werden. Gerade lang genug, um bemerkt zu werden. Am anderen Ende des Tisches lehnte sich schließlich ein grauhaariger Ritter etwas näher zu Tavian. „Wo habt Ihr sie gefunden?“ Tavian folgte seinem Blick. „Auf der Straße.“ Der ältere Mann lachte leise. „Unsinn.“ „Mehr weiß ich tatsächlich nicht.“ Der Ritter schwieg einen Moment und betrachtete Valésia erneut. Wie sie sprach. Wie sie saß. Wie sie sich gebärdete. Wie selbstverständlich sie sich in einer Gesellschaft bewegte, die den meisten Bürgerlichen unbekannt waren. Schließlich nahm er einen Schluck Wein. „Nun“ murmelte er mehr zu sich selbst als zu Tavian, „eine gewöhnliche Reisende scheint sie jedenfalls nicht zu sein, oder?“ Tavian antwortete nicht. Doch zum ersten Mal fragte auch er sich, ob der alte Ritter vielleicht recht haben könnte.
Der Apfelritter ❖
baum-resignierend saß Endres in einer Schenke Ahrwarts. Zwei Tage war er nun schon in der Stadt und von Valésia hatte er nicht das geringste Lebenszeichen gefunden. Zum einen machte sich eine stetig wachsende Sorge in ihm breit. Eine Sorge um ihr Wohlbefinden und ob sie überhaupt je in der Stadt angekommen war. Was, wenn ihr auf ihrer Flucht etwas zugestoßen war? War sie überhaupt je in Ahrwart angekommen? Doch die weitaus größere Sorge, die ihn umtrieb war gänzlich anderer Natur. Eine weniger edle und ehrenhafte Sorge. Eine weltliche und nicht von der Hand zu weisende Sorte von Sorge. Er hatte seinen kleinen Beutel aufgezogen und die wenigen Münzen, die er derzeit sein Eigen nannte gezählt. Doch egal wie oft er sie auch gezählt hatte, sie wollten einfach nicht mehr werden. Ein kümmerlicher Haufen. Zwei silberne Mark. Vier rote Heller und sonst nur Kupfer. Nachdem er die Gebühr für die Teilnahme am Turnier entrichtet hatte, war kaum noch etwas übriggeblieben. Er wusste, dass das wenige Geld, welches ihm noch zur Verfügung stand kaum für den hohlen Zahn reichte. Valésia hatte das ganze Geld in ihren Satteltaschen. Und Valésia war wie vom Erdboden verschluckt. Innerlich verfluchte er diese verdammten Falken. Wären sie nicht gewesen, dann wäre alles anders gekommen. Sie wären nun vermutlich auch längst in Ahrwart angekommen. Aber gemeinsam. Und sie wären vermutlich inzwischen über die Stramark Brücke nach Furtwart geritten und im südlichen Königreich. Außer Reichweite der Gerichtsbarkeit von Ajaran, oder Olathor. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihnen. Sie waren noch immer nicht über die Grenze in den Süden geritten. Die Häscher des Herzogs waren ihnen auf den Fersen und ein Kurier eben jenes war noch vor ihm in die Stadt gekommen. Welche Kunde er wohl gebracht haben mochte? Endres konnte und wollte es sich nicht ausmalen. Sie waren getrennt worden und Valésia hatte das ganze Geld, während Endres buchstäblich auf dem Trockenen saß. Er wusste nicht einmal, wieviel Geld sie eigentlich hatten, denn seit ihrer Flucht aus Ajaran hatte er noch nicht einmal die Zeit gefunden es zu zählen. Endres schüttelte den Kopf. Es machte keinen Sinn darüber nachzudenken. Wieviel Geld konnte sich schon in den Spendenbeuteln der Prozession befunden haben? Er selbst war kein sehr gläubiger Mensch. Wenn er geahnt hätte, dass der Inhalt der Beutel ihre anfängliche Barschaft beinahe verdoppelt hatte, wäre er in einen Freudenrausch verfallen. Und vermutlich würden Valésia und er nun in einem exklusiven Gasthaus nächtigen, hochwertige Speisen konsumieren und sich in edlen Kleidern ausstaffieren lassen. Doch stattdessen saß er hier, drehte jede Münze dreimal um und wusste nicht wie er die Tage ohne Valésia überstehen sollte.

Anstatt mit Valésia in den Süden zu reiten und den unverhofften Geldsegen in vollen Zügen zu genießen, saß er stattdessen in einer billigen Absteige am Rande der Stadt und zählte seine letzten, verbliebenen Kröten mit tiefen, verbitterten Sorgenfalten im Gesicht. Er nahm den Becher, welcher vor ihm auf dem Tisch gestanden hatte, und stürzte den kläglichen Rest des schalen Bieres herunter. »Nun denn.« Er kratzte die Münzen wieder zusammen und verschnürte den Beutel, welchen er sich dann an seinem Gürtel festband. Als er aufstand, prüfte er den Schwertgurt und schob das Schwert, welches ihm schon die ganze Reise über ein treuer Begleiter gewesen war, an die richtige Stelle, so dass es beim Gehen nicht in den Stiefeln hängen bleiben konnte und verließ ohne weitere Umschweife die Schenke.

Der Tag war schon weit vorangeschritten. Die Sonne stand im Zenit und warf nur sehr knappe Schatten. Endres seufzte, als er auf die Straße trat. Sein Blick glitt suchend durch die Menschenmenge. Er hielt die Augen, egal wohin er auch ging und egal wohin er auch blickte, stets nach Valésia offen. Sie musste hier sein. Das Schicksal konnte…durfte…nicht so grausam sein, dass ihr ein Unglück widerfahren war, auf ihrer Flucht vor den Falken. Endres wusste allerdings eine, unumstößliche Wahrheit. Wenn er Valésia nicht bald wiedersehen würde, dann würde er vor einem massiven Problem stehen. Ein Mann, ohne Heimat, ohne Freunde und ohne Geld. Das war ein gewaltiges Problem. Irgendwann musste er Geld beschaffen. Doch die Gedanken daran verdrängte er auf einen anderen Tag.

Der Lügenbaron wusste nicht so wirklich was er machen sollte. Er war fremd in dieser Stadt. Er kannte weder seine Gepflogenheiten, noch wusste er welche Namen hier von Bedeutung waren. Alles in allem fühlte er sich hier so fremd wie man sich nur fühlen konnte. Der Umstand, dass diese Stadt von fahrenden Rittern und hohen Adeligen des ganzen Reiches besucht wurde, erschwerte die Sache nur noch weiter. Egal wohin er blickte sah er edle Recken und wehende Banner. Banner auf Fahnen. Banner auf Wappenröcken. Ja sogar Banner auf den Schabracken der Pferde. Und gelegentlich sah er sogar einen jungen Knappen, oder einen einfachen Knecht, welcher das Wappen seines Herren auf der Brust trug. Jeder gottverdammte Kerl hatte ein Wappen. Nur er nicht! Endres war das buchstäbliche schwarze Schaf der fahrenden Ritterschaft. Er wusste, dass verarmte, fahrende Ritter oder Heckenritter auch mit Hohn und Spott zu kämpfen hatten. Aber diese Männer hatten wenigstens ein Banner oder einen Schild mit einem aufgemalten Wappen. Jeder Kerl hier trug seine Farben offen zur Schau, denn letzten Endes zählte nur der Name. Und je bekannter der Name war, desto mehr Ruhm und Anerkennung bekam man. Die Banner der großen Häuser flatterten über den Zelten, prangerten auf Wimpeln und Fahnen und waren fast auf jedes Stück Stoff gestickt, dass man sich vorstellen konnte. Manche trugen sogar ihr Wappen auf der Schwertklinge, oder im Sattel eingebrannt. Selbst die ärmsten fahrenden Ritter hatten wenigstens einen Wappenrock, einen Schild oder eine Brosche, die verrieten, wer sie waren. Nur Endres besaß nichts dergleichen. Er hatte keinen Schild. Kein Banner. Kein Wappenrock. Nicht einmal ein verdammtes Abzeichen. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Söldner, der sich verlaufen hatte. Man würde ihn verspotten und über ihn lachen. Der verarmte Ritter. Ohne Gefolge. Ohne Geld und ohne Wappen. Er schüttelte den Kopf. Nein, so konnte er unmöglich auf dem Turnierplatz aufkreuzen. Auch wenn er nicht wirklich gedachte am Turnier teilzunehmen. Er hatte sich ja nur eingeschrieben, da es die einzige Möglichkeit gewesen war seine Pferde unterbringen zu lassen. Und natürlich auch in der Hoffnung Valésia würde ihn so leichter finden. Wenn die Namen der Ritter auf die große Tafel geschrieben werden…oder wenn die Namen der Ritter lauthals ausgerufen werden würden. Dann würden sie seinen Namen rufen. Und Valésia würde ihn hören. Doch damit man seinen Namen ausrufen konnte, musste er auch am Turnier teilnehmen. Er biss sich auf die Unterlippe. Es war wie verhext. Er musste Valésia finden, bevor es zu spät für einen Rückzieher war.

Endres war so in Gedanken versunken, dass er erst bemerkte, dass er wieder beim Turnierplatz angekommen war, als ihm das laute Klirren von Schwertern ans Ohr drang. Auf dem Platz standen Recken und Ritter mit ihren Knechten und Knappen. Jeder wusste, dass diese Ritter nicht zum Üben allein auf dem Platz standen. Es waren meistens arme, fahrende Ritter, ohne Mäzene und ohne Gönner. Sie wollten ihren Wert zur Schau stellen. Um Bewunderung zu ernten, mögliche Kontrahenten einzuschüchtern, oder den einen oder anderen Hochadeligen zu beeindrucken. Ein Gönner konnte bei einem armen Ritter eine gewaltige Stütze sein. Endres dachte nicht einmal im Traum daran, sich auf den Platz zu stellen, und mit seinem Schwert durch die Luft zu fuchteln, nur damit ein höhergestellter auf ihn Aufmerksam wurde. Doch dann wurde ihm schlagartig bewusst, dass dies vielleicht eine Möglichkeit wäre Valésias Aufmerksamkeit zu erregen, ohne am Turnier teilnehmen zu müssen. Und dieser Gedanke weckte Hoffnungen in ihm. Doch sie wurde auch sogleich wieder zerschlagen. Wenn Valésia gar nicht hier war, dann wäre jeder Versuch nur vergebene Liebesmüh'. Er schüttelte den Kopf. Anstatt sich auf den Platz zu stellen, lehnte er sich an einer der großen Pfosten an. Das Banner, welches an diesem Pfosten im Wind flatterte gehörte dem Herren von Thagnir. Endres erkannte es nicht, doch er erkannte das Banner, welches an dem nächsten Pfosten hing. Es war das Banner von Ajaran. Dem Herzog von Ajaran. Der Vogt von Ahrwart war einer seiner Vasallen. Natürlich wehte das Banner seines Lehnsherren am Turnierplatz. Doch Endres wurde ein wenig mulmig zumute bei dem Gedanken daran, dass der Herzog, oder einer seiner gestandenen Söhne, am Turnier teilnehmen könnten. Und spätestens bei diesem Gedanken begrub er die verrückte Idee, sich auf dem Turnierplatz zur Schau zu stellen, nur um eventuell Valésias Aufmerksamkeit zu erringen. Es musste eine andere Lösung geben.

Endres zermarterte sich den Kopf und war so tief in Gedanken versunken, dass er den Mann, welcher sich ihm genähert hatte, erst bemerkte, als dieser ihn ansprach. »Verzeiht, edler Herr.« Endres hob den Kopf und sah zu dem Mann herüber. »Ihr seid Eskel, Eskel von Hohenehr? Nicht wahr?« Endres sah den Mann mit einem fragenden und zugleich misstrauischen Blick an. »Ja, der bin ich. Wer seid ihr, wenn die Frage gestattet ist?« Der Mann deutete eine knappe Verbeugung an. »Mein Name ist Haldrin. Haldrin von Ahrwart. Mein Herr ist der Vogt von Ahrwart, zu euren Diensten.« Endres schenkte dem Mann ein mildes, wenn auch müdes Lächeln. »Verzeiht, dass ich euch belästige…« begann Haldrin und Endres hob seine linke Hand um dem Mann zu beschwichtigen. »Ihr belästigt mich nicht. Was ist der Grund für euer Hiersein?« Der Mann räusperte sich. »Eines eurer Pferde. Es…es ist sehr störrisch.« Endres hob seine Augenbraue und bedachte den Mann mit einem fragenden Blick. »Es lässt sich nicht beruhigen. Ich bitte um eure geschätzte Anwesenheit in den Stallungen. Der Stallknecht hat einen Tritt abbekommen…« Endres trat einen Schritt auf den Mann hinzu. »Ist er verletzt?« Der Mann schüttelte den Kopf. »Nicht sehr.« Endres seufzte erleichtert und ließ sich dann von dem Mann zu den Stallungen führen.

In den Stallungen offenbarte sich, dass eines der Pferde der Falken angefangen hatte störrisch zu werden. Immer wieder bäumte es sich auf und trat gegen alles was sich in seiner Nähe befand. Endres stockte. Wie sollte er dieses Pferd nur beruhigen? Er hatte es von Dieben gestohlen, die ihn bestehlen wollten. Er hatte keinerlei Erfahrungen mit Pferden. Dieses Pferd war einen anderen Herren als ihn gewohnt. Er hatte es nicht einmal geritten, seit es sich in seinem Besitz befand, denn er hatte es einfach an sein Pferd angebunden und geführt. Instinktiv wusste er, wenn er sich diesem störrischen Hengst nähern würde, dann fürchtete er, dass das Pferd ihn einfach zertrampeln würde. »Seht selbst, Herr Eskel.« Der Mann deutete auf den grauen Hengst, dessen Augen starr geweitet waren. Endres trat einen Schritt vor, doch das Pferd bäumte sich, just in diesem Moment, leicht auf. Es wieherte und schnaubte, doch es hielt sich nicht lange auf den Beinen und trat dann einen unsanften Schritt zurück. Es war klar zu sehen, dass das Pferd vermied eines seiner Beine zu belasten. »Was hat das Tier?«, verlangte Endres zu erfahren. »So habe ich ihn noch nie erlebt.«, meinte Endres daraufhin, um zumindest den Schein zu wahren, dass dieses Pferd schon immer seines war. »Wir glauben, einer der Nägel des rechten Hufeisens hat sich gelöst. Der Stallbursche hatte versucht es zu beruhigen, damit der Schmied ein Auge darauf werfen möge. Doch das Pferd lässt niemanden heran.« Endres seufzte. »Ja das Pferd ist wild und manchmal störrisch.«, murmelte Endres. »Es macht die anderen Pferde immer nervöser. Wenn es sich nicht bald beruhigt, wird es auf die anderen Pferde übergehen.« »Endres runzelte die Stirn. »Unser Stallmeister wird versuchen das Tier zu bändigen. Wir hofften, eure Gegenwart wird das Tier etwas beruhigen. Es ist nervös und ängstlich.« Der Mann deutete auf das Pferd, welches die Ohren anlegte und mit geweiteten Augen in der Ecke stand. Endres nickte. Dass dieses Pferd sich nicht wie die anderen verhielt, konnte selbst ein Laie wie er sehen. Doch er hatte absolut keinen Plan, wie er hier helfen sollte. »Eure Gegenwart könnte hilfreich sein. Immerhin kennt es euch.« Endres seufzte. Dieses Pferd kannte ihn kaum besser als die anderen Männer hier.  Endres wagte einen weiteren Schritt hervor. Er hob seine Hand und tat einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen. Doch als er sich nah genug an das Tier herangewagt hatte, schnaubte es und schnappte nach ihm, als ob es ganz genau wusste, was es da tat. Endres zuckte zusammen. »Es hat nach mir geschnappt!« rief er erbost, als ob er nicht glauben wollte, was soeben geschehen war. »Seit wann machen Pferde sowas?« Der Stallbursche bedachte Endres mit einem Blick, der Endres sofort ins Auge stach. Belustigung. »Sie machen es, wenn sie ihren Herren nicht mögen.«, flüsterte der Stallbursche und Endres warf ihm einen funkelnden Blick zu. Der Stallmeister, welcher inzwischen auch hinzugekommen war, bedachte Endres ebenso mit einem mürrischen Blick. »Was sollen wir nur machen?«, fragte Endres daraufhin. Er überlegte und dann lächelte er, als ob ihm eine grandiose Idee eingefallen wäre. «Wir könnten ihm die Augen verbinden?« Da nickte der Stallmeister. »Gewiss. Das würde helfen. Doch dazu müsste das Tier uns erst einmal an sich heranlassen, damit wir ihm die Augen verbinden können.« Endres seufzte. Egal wie er es auch drehte und wendete…er musste in den sauren Apfel beißen. Bei dem Gedanken daran hellte sich sein Gemüt auf. »Bringt mir einen Apfel. Einen sauren Apfel!« Die Männer sahen ihn fragend an, doch der Stallbursche nickte eifrig und eilte schon von dannen, um aus dem großen Korb, am Rand der Stallungen den gewünschten Apfel zu holen.

Als der Stallbursche mit dem Apfel zurückkam und ihn Endres überreicht hatte, nahm der Paltore diesen und rieb ihn an seiner Tunika, bis er glänzte. »Und nun, Herr Eskel?«, erkundigte sich der Stallmeister. »Wie soll der Apfel nun weiterhelfen?« Endres stutzte und besah den Apfel. Es war ein schöner, roter Apfel. »Pferde mögen doch Äpfel, oder?«, meinte Endres mit einer Selbstverständlichkeit, die seine ganze innere Unsicherheit überschattete. »Nun. Meistens.«, antwortete der Stallmeister doch er erkannte schon, dass Endres nicht den Hauch einer Ahnung von Pferden hatte. Er seufzte. »Nun. Dann versuchen wir es.«, meinte Endres, der die Worte des Stallmeisters für bare Münze genommen hatte. Mit dem Apfel in der Hand würde das Pferd ihm aus der Hand fressen. Er lächelte siegesgewiss und trat, mit neu geschöpftem Mut an das Tier heran. Langsam hob er den Arm und bot dem Tier den Apfel dar. Doch das Pferd zeigte keinerlei Interesse an der angebotenen Frucht. Es scheute. Es schnaubte. Endres trat daraufhin einen Schritt zurück und der Stallmeister konnte sich ein wissendes Lächeln nicht verkneifen. Doch er behielt seine Meinung für sich. Denn er hatte schon zu viele, arrogante Adelige erlebt. Seiner Meinung nach lehnte das Pferd diesen Ritter ab. Vermutlich schlug er das Pferd. Oder er zog zu hart an den Zügeln, trieb ihm die Fersen zu fest in die Flanken. Oder er war einer jener Ritter, die gerne die Gerte benutzten. Dieser Apfel würde rein gar nichts ändern.

Endres nahm den Apfel und betrachtete ihn. Und während er den Apfel betrachtete, lagen alle Augen auf ihm, als ob sie von ihm ein Wunder erwarteten, dass er niemals würde vollbringen können. Und dann seufzte Endres. Er zuckte mit den Achseln und biss kurzerhand von dem Apfel ab. »Herr?«, erkundigte sich der Stallbursche, der nicht verstand, wozu er ihm jetzt diesen Apfel hatte bringen sollen. Endres sah zu dem Stallburschen und kaute auf dem Apfelstück herum. »Der Apfel ist süß«, stellte Endres fest. »Ein süßer, roter Apfel.« Die Männer tauschten verunsicherte Blicke untereinander aus. Doch Endres hatte nur Augen für den Apfel und den verdammten, störrischen Hengst, der ihm hier gerade das Leben unnötig schwer machte. »Schau. Ich habe davon abgebissen. Und jetzt du!«, meinte Endres und bot dem Pferd erneut den Apfel an. Wieder schnaubte es. Doch dieses Mal schnappte es danach. Endres zuckte zusammen und riss instinktiv die Hand zurück. Der Apfel viel zu Boden und Endres stolperte. Das Pferd machte einen Schritt und warf den Kopf zur Seite. Endres bekam die volle Breitseite ab. Der wuchtige Pferdekopf fegte ihn buchstäblich von den Beinen. Und als Endres im Stroh landete, nur um Haaresbreite von einem Apfel gänzlich anderer Natur entfernt, da keuchte er erschrocken. Das Pferd schnaubte und Endres wähnte, dass es nun noch nach ihm treten würde.

Doch das Pferd verharrte regungslos. Endres tat es dem Pferd gleich. Er hielt sogar den Atem an und verharrte noch regungsloser. Und so starrten sich das Pferd und der falsche Ritter eine Zeit lang an, bis das Pferd schließlich seinen Kopf neigte und nach dem Apfel schnappte, der zu seinen Füßen lag. »Jetzt!«, rief der Stallmeister. Zwei Knechte näherten sich dem Pferd und warfen diesem einen Sack über den Kopf. Das Pferd wieherte erschrocken auf, doch als der Sack dem Tier schließlich die Sicht nahm, da trat der Stallmeister schließlich hervor und packte das Bein des Pferdes. Der Widerstand des Tieres kam zum Erliegen und als Endres erkannte, dass die Situation endlich unter Kontrolle war, da rappelte er sich schließlich auf und klopfte sich das Stroh von der Kleidung. »Gut gemacht!«, rief er und klopfte dem Stallmeister ermutigend auf die Schulter. »Der Schmied!«, rief der Stallmeister nur, ohne auf Endres näher einzugehen. 

Der Schmied, ein gestandener Mann mit Glatze und einer schweren, ledernen Schürze, eilte herbei. Er hatte eine schwere Zange und ein seltsam geformtes Messer, das mehr an eine Sichel erinnerte in den Händen. Mit dem Messer kratzte er den Dreck vom Huf des Pferdes, bis er schließlich den losen Nagel freigelegt hatte. »Ah, da ist ja der Übeltäter.«, stellte er zufrieden fest. Er packte den Nagel mit der Zange und hebelte ihn mit zwei geschickten Drehungen aus dem Huf des Pferdes. »Haltet es noch einen Moment.«, befahl der Schmied, während er die restlichen Nägel in Augenschein nahm. »Das Eisen ist verbogen. Ich muss es auswechseln.« Und so zog er die restlichen Nägel auch heraus, entfernte das Hufeisen und säuberte den Huf. Binnen weniger Augenblicke hatte er ein neues Hufeisen aufgesetzt und angenagelt.

Das Pferd schnaubte, als man den Sack von seinem Kopf zog. Es hob das Bein einige Male an und setzte es wieder auf dem Boden auf. Doch der Schmerz, den es zuvor erfahren hatte, blieb aus. Und so beruhigte sich das Pferd schlussendlich wieder: »Geschafft.« Der Stallmeister trat schließlich an Endres heran und lächelte bitter. »Habt Dank, Herr Eskel. Für euren beherzten…Einsatz.« Er konnte sich ein leichtes Grinsen kaum verkneifen. »Doch ich würde euch raten, die Gerte bei diesem Hengst in Zukunft nicht mehr einzusetzen.« Endres sah den Mann mit einem nichtssagenden Blick an. »Die Gerte?«, murmelte Endres, da er nicht wirklich verstand, worauf der Mann eigentlich hinauswollte. Der Stallmeister seufzte. »Es war klar zu sehen, dass das Pferd euch nicht vertraut, Herr. Ihr solltet es…besser behandeln.« Und damit wandte sich der Stallmeister ab und ließ Endres allein zurück. Er hatte gesagt was ihm auf der Zunge gebrannt hatte. Sollte dieser verzogene Adelige doch eine verdammte Beschwerde einlegen. Er war ein Mann mit Prinzipien. Und ein Pferd war ein edles und stolzes Tier und sollte nicht geschlagen werden. »Die Aufregung ist vorbei! Kehrt wieder zurück an die Arbeit!«, rief der Stallmeister und warf einem jeden einen maßregelnden Blick zu. »Wir werden uns gut um euer Pferd kümmern. Darauf mein Wort, Ser Apfelritter.« Der Stallmeister lächelte dünn und dann verließ er ohne weitere Umschweife die Stallungen und ließ einen brüskierten Endres zurück, der sich, ohne es zu wollen, einen neuen Spitznamen eingefangen hatte. »Ser Apfelritter?« Er verzog mürrisch den Mundwinkel. Nun, es hätte weitaus schlimmer kommen können. Wäre er nur einen Zoll weiter links im Stroh gelandet, wäre der Name weitaus weniger ansprechend geworden…da war Apfelritter noch annehmbar. Er zuckte mit den Schultern. Sobald sie Ahrwart hinter sich gelassen hatten, würde er diesen Kosenamen abstreifen, als hätte es ihn nie gegeben. Und bis dahin, würde er diesen Spottnamen erdulden. Mit einem Apfel aus Gold…denn Bescheidenheit war noch nie eine von Endres' Stärken gewesen.
Turniertag ❖
baum-das Feuer war inzwischen zu einem Häufchen aus rot glimmender Kohle zusammengeschrumpft, über der eine Schicht hellgrauer Asche lag. Nach und nach erhoben sich die ersten Ritter von den Tischen. Hier verabschiedete sich jemand mit einem kräftigen Händedruck, dort verschwand ein Knappe gähnend zwischen den Zelten. Über den Turnierwiesen lag jene eigentümliche Ruhe, die entstand, wenn ein langer Tag endlich seinem Ende entgegenging. Die Gespräche waren langsam verebbt. Aus den umliegenden Lagern drang nur noch vereinzeltes Lachen herüber, und über die Wiesen und die Bäume spannte sich bereits der dunkle Himmel, an dem die ersten Sterne sichtbar wurden. Valésia bemerkte erst jetzt, wie spät es geworden war. Auch Ser Tavian bemerkte es und blickte in den Himmel, als er aus dem Zelt trat. „Bei den Dreien“, meinte Tavian schließlich und warf einen Blick in die Dunkelheit. „Ich fürchte, wir haben die Zeit aus den Augen verloren.“ Valésia folgte seinem Blick und musste feststellen, dass er recht hatte. Sie nickte zu seinen Worten bekräftigend.  „Wo seid Ihr eigentlich untergekommen?“ erkundigte er sich beiläufig. Nicht neugierig, sondern eher aus praktischen Gründen. Valésia nannte den Namen des Gasthauses. Tavian nickte langsam. „Kein schlechtes Haus. Dass ihr dort noch einen Platz bekommen habt, zeigt, dass ich ein Trödler war!“ Valésia lächelte. „Dann sollte ich Euch wohl dankbar sein. Wärt Ihr pünktlicher gewesen, hätte ich womöglich draußen schlafen müssen.“ Ein leises Schmunzeln huschte über sein Gesicht. „Das hätte mein ritterliches Herz niemals verkraftet!“ „Dann bin ich erleichtert, dass ich Euch dieses Leid ersparen konnte.“ Tavian legte eine Hand an die Brust. „Euer Mitgefühl ehrt Euch. Nicht jede Dame würde sich derart um das Wohlergehen eines Ritters sorgen.“ Valésia erwiderte „Man hat mir beigebracht, mich stets rücksichtsvoll zu verhalten.“ Tavian lachte auf. „Dann werde ich Eure Güte gewiss nicht vergessen.“ Er erhob sich und griff nach seinem Mantel, während er sagte „Und bevor Ihr Euch noch weiterer Ritter annehmen müsst, die Eurer Fürsorge bedürfen, bringe ich Euch besser zurück zu Eurem Gasthaus, natürlich nur wenn ihr gestattet, Sia.“ Valésia überlegte kurz. „Das ist sehr freundlich von euch, aber nicht nötig.“ „Vermutlich nicht“, gab ihr Tavian Recht. „Doch ich wäre untröstlich, wenn Ihr nach all dem ausgerechnet auf dem Heimweg verloren gingt.“ „Traut ihr mir etwas derartiges zu?“ fragte Valésia herausfordernd, während sie sich ebenfalls erhob. „Nein, dennoch werde ich es tun. Meine Ehre als Ritter gebietet es mir.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte, ließ keinen Platz für Widerspruch, wirkte dabei aber nicht bevormundend. Eher wie etwas, das für ihn schlicht zum guten Ton gehörte. Valésia zuckte mit den Schultern „Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich vertrauensvoll in Eure Obhut zu begeben. Aber ihr müsst Euch deswegen nicht bemühen.“ „Es ist keine Mühe.“ Tavian warf sich den Umhang über die Schultern. „Außerdem würde ich nur ungern erfahren, dass mein Gast auf dem Heimweg von einem Betrunkenen belästigt oder von irgendeinem Halunken um seinen Geldbeutel erleichtert wurde.“ Valésia lachte leise und gemeinsam verließen sie das Lager. Hinter ihnen blieben die Feuer der Ritter zurück, deren Licht noch zwischen den Zelten flackerte. Vor ihnen lag die Stadt, deutlich ruhiger als noch am Tag. Die meisten Marktstände waren längst geschlossen. Nur vereinzelt fiel Licht aus Fenstern auf das Pflaster, und irgendwo in der Ferne hörte man die letzten Gäste einer Schankstube singen. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Es war kein unangenehmes Schweigen. Eher jenes Schweigen, das entstand, wenn zwei Menschen feststellten, dass sie nicht jede Lücke in einem Gespräch mit Worten füllen mussten. Valésia ertappte sich sogar dabei, den Weg weniger aufmerksam zu beobachten als sonst. In den vergangenen Tagen hatte sie jede Straße mit dem Gedanken durchquert, Endres könnte hinter der nächsten Ecke auftauchen. Heute war es anders. Vielleicht lag es an dem ungewohnten Gefühl, nicht allein zu sein. Schließlich warf Tavian ihr einen kurzen Blick zu. „Seid Ihr oft auf Turnieren gewesen?“ Die Frage überraschte Valésia. „Warum fragt Ihr das?“ Tavian zuckte leicht mit den Schultern. „Weil Ihr Euch heute nicht verhalten habt wie jemand, der zum ersten Mal ein Turnierlager betritt.“ Valésia lächelte schwach. „Aber wie verhält sich jemand, der zum ersten Mal eines betritt?“ „Gewöhnlich stellt er mehr Fragen.“ „Vielleicht stand mir mehr der Sinn nach Zuhören.“ „Vielleicht.“ Einen Augenblick schien Tavian zu überlegen. „Das war keine Antwort auf meine Frage.“ Valésia lachte leise. „Dann lautet die Antwort: Ja. Ich habe schon einige Turniere gesehen.“ „Einige?“ „Ja. Aber immer nur auf der Zuschauerseite. Im Lager war ich heute zum ersten Mal.“ Das war nicht gelogen, sagte aber nichts bedeutendes. „Darf ich Euch etwas fragen?“ hob er nach einer Weile schließlich an. Valésia warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Ihr habt heute bereits mehrere Fragen gestellt.“ „Dann darf ich offenbar?“ Das brachte sie zum Schmunzeln. „Das hängt von der Frage ab.“ Tavian nickte, als hätte er mit keiner anderen Antwort gerechnet. „Woher stammt Ihr eigentlich?“ Da war sie. Die Frage war schlicht gestellt. So schlicht, dass sie ihr beinahe gefährlicher erschien als jede neugierige Nachforschung. Für einen Moment sah Valésia geradeaus auf die dunkle Straße vor ihnen. „Von weiter nördlich.“ „Das grenzt die Möglichkeiten auf beeindruckende Weise ein.“ „Mehr war auch nicht beabsichtigt.“ Zu ihrer Überraschung lachte Tavian leise. „Dann werde ich mich mit dieser Antwort wohl zufriedengeben müssen.“ Valésia nickte.  Das Thema hätte damit beendet sein können. Doch nach einigen Schritten sprach er erneut. „Was treibt Euch eigentlich nach Ahrwart?“ Sie wandte den Kopf leicht zu ihm. „Ihr stellt viele Fragen.“ „Das habt ihr mir bereits vorgeworfen.“ „Und was sagt Ihr zu Eurer Verteidigung?“ Tavian dachte einen Moment darüber nach. „Dass Ihr auf die meisten davon ohnehin keine Antwort gebt.“ Gegen ihren Willen musste Valésia lächeln. „Dann solltet Ihr vielleicht bessere Fragen stellen.“ „Das war mein Versuch.“ Für einen Augenblick schwieg sie. Die ehrliche Antwort wäre einfach gewesen. Endres. Doch so einfach war die Welt leider nicht. „Ich suche jemanden.“ Tavian sah sie kurz an. Zum ersten Mal hatte sie ihm etwas gegeben, das einer wirklichen Antwort nahekam. „Und habt Ihr ihn gefunden?“ Valésia schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“ „Dann hoffe ich, dass die Suche erfolgreich endet.“ „Das hoffe ich ebenfalls.“ Tavian nickte langsam. Er fragte nicht, wen sie suchte. Vielleicht aus Höflichkeit. Vielleicht weil er spürte, dass die Antwort auf diese Frage ihm ebenso wenig gegeben werden würde wie die auf viele andere. „Nun“, sagte er schließlich, „Ahrwart ist groß, aber nicht unendlich groß. Wenn die Person tatsächlich hier ist, stehen die Chancen besser als anderswo.“ Valésia blickte geradeaus in die dunkle Straße. „Das rede ich mir seit Tagen ein.“ Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Dann sagte er: „Nun, während des Turniers werde ich Euch vermutlich keine große Hilfe sein.“ Er deutete mit einem knappen Nicken in Richtung der Turnierwiesen hinter ihnen. „Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird irgendein Herold, Stallmeister, Waffenknecht oder Turnierrichter etwas von mir wollen.“ Valésia lächelte schwach. „Aber falls Ihr die gesuchte Person nach dem Turnier noch immer nicht gefunden habt ...“ Er ließ den Satz einen Moment offen. „... dann sagt mir Bescheid.“ Valésia sah zu ihm auf. „Ihr würdet mir helfen?“ Tavian zuckte mit den Schultern, als wäre das nichts Besonderes. Als sie schließlich das Gasthaus erreichten, blieb Tavian vor der Tür stehen. „Dann wäre Eure Reise für heute beendet.“ Valésia blickte zum Eingang hinauf und anschließend wieder zu ihm. „Und Eure ebenso.“ „Nicht ganz. Morgen beginnt das Turnier. Von da an gehört meine Zeit ohnehin nicht mehr mir.“ Das brachte sie erneut zum Lächeln. „Dann wünsche ich Euch Glück.“ „Und ich Euch eine ruhige Nacht.“ Für einen Moment standen sie einfach da. Dann neigte Tavian leicht den Kopf. „Vielleicht sieht man sich morgen?“ „Vielleicht. Doch will ich eure Zeit nicht stehlen.“ Da lächelte er spitzbübisch und erwiderte „Darüber müsst Ihr Euch keine Sorgen machen. Ich bin durchaus in der Lage, über meine eigene Zeit zu verfügen.“ Er verabschiedete sich ohne weitere Worte und verschwand schließlich in der Dunkelheit der Straße. 

Valésia blieb noch einen Augenblick vor dem Gasthaus stehen und sah ihm nach, bis seine Gestalt zwischen den Schatten der Häuser verschwunden war. Erst dann trat sie ein. Und während sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg, wurde ihr bewusst, dass sie einen ganzen Abend verbracht hatte, ohne ständig an Endres denken zu müssen. Der Gedanke löste ein schlechtes Gewissen aus und sofort war ihr Geliebter und der Verlust über ihn wieder allgegenwärtig. Sie stieg die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf und öffnete mit dem Schlüssel die Türe. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, blieb Valésia zunächst einen Augenblick reglos stehen. Die Stille des Zimmers empfing sie wie eine Wand. Noch vor wenigen Minuten hatte sie zwischen Menschen gesessen. Hatte Stimmen gehört, Gelächter, Gespräche. Hatte sich ablenken lassen. Für ein paar kostbare Stunden hatte sie beinahe vergessen, wie schwer die vergangenen Tage gewesen waren. Nun war sie wieder allein. Langsam löste sie die Spange ihres Umhangs und legte ihn über den Stuhl. Danach setzte sie sich auf die Bettkante und blickte auf ihre gefalteten Hände hinab. Sie hatte Endres nicht gefunden. Wieder nicht. Tag für Tag war sie durch die Stadt gelaufen. Hatte Menschen angesprochen, sich erkundigt, jeder noch so kleinen Spur hinterhergejagt. Jedes Mal hatte sie geglaubt, nun endlich näherzukommen. Jedes Mal war ihr die Hoffnung wieder zwischen den Fingern zerronnen. Morgen würde sie von Neuem beginnen. Und plötzlich wusste sie nicht mehr, wie oft sie sich das noch sagen konnte. Valésia senkte den Kopf. Sie vermisste ihn. Bei den Drei, wie sehr sie ihn vermisste. Nicht nur seine Stimme oder sein Lächeln. Sie vermisste seine Gegenwart. Die Selbstverständlichkeit, mit der er neben ihr gewesen war. Die Gewissheit, nicht allein zu sein. Selbst seine törichten Einfälle, über die sie sich so oft geärgert hatte. Nun hätte sie alles dafür gegeben, sich noch einmal über einen davon ärgern zu dürfen. Ihre Finger schlossen sich fester ineinander. Was, wenn er sie suchte? Was, wenn er irgendwo in dieser Stadt umherirrte und dieselben Gedanken hatte? Was, wenn sie sich immer wieder um Haaresbreite verpassten? Oder schlimmer noch... Was, wenn ihm etwas zugestoßen war? Valésia presste die Lippen aufeinander. Sie hatte sich diese Frage tagelang verboten. Doch jetzt, allein in ihrem Zimmer, ließ sie sich nicht länger verdrängen. Sie wusste nicht, wo Endres war. Sie wusste nicht, ob es ihm gut ging. Sie wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch in Ahrwart war. Und plötzlich fühlte sie sich müde. Nicht die Müdigkeit eines langen Tages. Etwas Tieferes. Eine Erschöpfung, die sich über Tage aufgebaut hatte. Seit ihrer Flucht hatte sie sich immer weiter vorwärts bewegt. Von einer Hoffnung zur nächsten. Von einer Entscheidung zur nächsten. Immer mit dem Gedanken, dass alles gut werden würde, sobald sie Endres wiederfand. Doch nun saß sie hier. Allein. In einer fremden Stadt. Ohne Familie. Ohne Freunde. Ohne irgendeinen Menschen, dem sie die Wahrheit sagen konnte. Die erste Träne traf ihren Handrücken, bevor sie bemerkte, dass sie überhaupt weinte. Valésia hob eine Hand an ihr Gesicht. Dann noch eine Träne. Und noch eine. Keine Schluchzer. Kein Zusammenbruch. Nur heisse Tränen, die sie nicht länger zurückhalten konnte. Sie dachte an Roméro. An ihr Zuhause. An alles, was sie zurückgelassen hatte. An die Zukunft, die sie aufgegeben hatte. Und an die Zukunft, die sie stattdessen gewählt hatte, ohne zu wissen, ob sie jemals Wirklichkeit werden würde. Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich, Angst zu haben. Angst davor, Endres niemals wiederzufinden. Angst davor, dass ihre Flucht vergeblich gewesen sein könnte. Angst davor, dass sie all das verloren hatte und am Ende dennoch allein zurückblieb. Lange saß sie so auf der Bettkante. Bis die Tränen irgendwann versiegten, weil selbst ihre Verzweiflung irgendwann müde wurde. Schließlich legte sie sich hin und zog die Decke bis zum Kinn. Im Dunkeln lauschte sie auf die Geräusche der Stadt. Und bevor der Schlaf sie endlich fand, formte ihr Herz nur einen einzigen, verzweifelten Wunsch. Bitte sei hier, Endres. Bitte gib nicht auf. Bitte suche mich weiter.

Als Valésia am nächsten Morgen die Turnierwiesen erreichte, war von der Geschäftigkeit des Vortages kaum noch etwas übrig geblieben. Über Nacht hatte sich der Ort verwandelt. Wo gestern noch Zimmerleute gehämmert, Stallburschen geschuftet und Händler ihre Plätze markiert hatten, herrschte nun das lebendige Chaos eines Turniers, das endlich begonnen hatte. Überall bewegten sich Menschen. Ritter ritten zwischen den Lagern umher, Knappen schleppten Schilde, Lanzen und Helme von einem Ende der Wiesen zum anderen, während Herolde mit beschrifteten Tafeln und zusammengerollten Pergamenten geschäftig durch die Menge eilten. Händler hatten ihre Stände geöffnet und priesen lautstark ihre Waren an. Der Duft von gebratenem Fleisch, frischem Brot, Pferden und zahllosen Menschen hing über dem Platz. Aus allen Richtungen drangen Stimmen an ihr Ohr. Das Wiehern von Pferden, das Kreischen eines Händlers, der seine Preise anpries, das Gelächter einiger Knappen, die sich gegenseitig verspotteten, und über allem das Murmeln Hunderter Menschen, die sich zwischen den Zelten und Tribünen bewegten. Valésia blieb einen Moment stehen und ließ den Blick über das Gelände schweifen. Eigentlich hatte sie direkt zu Tavians Lager gehen wollen. Der Gedanke war ihr beim Frühstück noch vollkommen vernünftig erschienen. Sie hatte ausreichend gegessen, sich sorgfältig angekleidet und sich schließlich auf den Weg gemacht. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie nicht einmal lange darüber nachgedacht, wohin sie gehen würde. Das Turnier war inzwischen der logischste Ort geworden, an dem sie Endres begegnen konnte. Falls er sich tatsächlich noch in Ahrwart befand, musste er früher oder später von diesem Ereignis erfahren.  Doch nun, da sie hier war, meldete sich ihre Neugier. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie sich bewegen, ohne einem festen Ziel folgen zu müssen. Niemand wartete auf sie. Niemand erwartete ihre Anwesenheit. Niemand schrieb ihr vor, wohin sie gehen sollte. Also ließ sie sich treiben. Langsam schlenderte sie zwischen den Zelten hindurch und betrachtete die Banner, die über den Lagern der angereisten Häuser im Wind flatterten. Viele kannte sie nur aus Erzählungen oder von Wappenrollen. Andere erkannte sie auf den ersten Blick. Hier ein silberner Falke auf dunkelgrünem Grund. Dort ein schwarzer Hirsch auf Gold. Einige Banner waren kunstvoll gearbeitet und mit kostbaren Fransen versehen, andere wirkten schlicht und zweckmäßig. Dennoch erzählte jedes einzelne von einem Haus, einer Familie, einer Geschichte. Unwillkürlich blieb sie immer wieder stehen.  Sie hatte ihr Leben lang Wappen gesehen. Auf Turnieren, bei Empfängen, auf Siegeln, Bannern und Schilden. Es war ein vertrauter Anblick, und vielleicht gerade deshalb bemerkte sie zunächst nicht, wie sehr sie selbst auffiel. Valésia trug keine Prunkgewänder. Die Kleider, die sie auf ihrer Flucht mitgenommen hatte, gehörten keineswegs zu den kostbarsten Stücken ihrer Garderobe. Es waren schlichte Gewänder, ohne Zierde, ohne Gold oder Schmuck. Dennoch waren sie von guter Qualität. Der Stoff fiel sauber, die Stickereien waren dezent, aber sorgfältig gearbeitet, und die Farben waren erlesen. Zwischen Händlern, Stallburschen, Knappen und einfachen Besuchern wirkte sie deutlich vornehmer, als ihr bewusst war. Mehr als einmal bemerkte sie einen Blick auf sich ruhen. Ein junger Knappe wandte sich nach ihr um und wurde prompt von seinem Meister am Ohr weitergezerrt. Zwei Händler unterbrachen ihr Gespräch, als sie vorbeiging. Ein Ritter sah ihr einen Augenblick länger nach, als es eigentlich nötig gewesen wäre. Valésia nahm kaum Notiz davon. Ihre Aufmerksamkeit galt längst etwas anderem.

Ein Banner, das etwas weiter vorne über einer Reihe besonders großer Zelte flatterte, hatte ihren Blick eingefangen. Silber und dunkles Grün. Der Greif von Olathor. Unwillkürlich blieb sie stehen. Eine leichte Anspannung breitete sich in ihr aus. Olathor. Natürlich. Ein Turnier dieser Größe zog die bedeutendsten Häuser Ariads an. Es wäre beinahe verwunderlich gewesen, wenn Olathor nicht vertreten gewesen wäre. Dennoch ließ der Anblick sie nicht kalt. Für einen Moment dachte sie an den Erbprinzen Merik. An die geplante Verbindung. An all die Gespräche, die über sie geführt worden waren, als wäre sie ein Vertrag und kein Mensch. Mit einem leisen Atemzug wandte sie sich wieder ab und ging weiter. Wenige Minuten später entdeckte sie das nächste Banner das sie erkannte. Diesmal musste sie nicht einmal näher hinschauen. Die Farben erkannte sie sofort. Ajaran. Ihr Schritt verlangsamte sich. Der Herzog von Ajaran hatte sie für seinen Sohn gewollt. Teran hatte sie gewollt. Oder zumindest geglaubt, sie zu wollen. Allein die Erinnerung daran genügte, um ihr Unbehagen zu bereiten. Jetzt, wo sie die zwei Häuser sah, denen sie entkommen war… Dennoch zwang sie sich weiterzugehen. Es war nur ein Turnier. Nichts weiter. Natürlich waren sie hier. Natürlich waren die großen Häuser vertreten. Sie durfte nicht hinter jedem Banner eine Bedrohung sehen. Niemand war hier, um sie zu suchen, nun, Olathor bestimmt nicht. Ajaran… vielleicht… aber vermutlich ebenso nicht. Mit diesem Gedanken setzte sie ihren Weg fort. Dann sah sie das dritte Wappen. Und blieb stehen. Der Baum von Aramajé. Für einen Herzschlag war alles andere verschwunden. Das Stimmengewirr um sie herum. Die Händler. Die Pferde. Die Musik. Alles trat in den Hintergrund. Aramajé. Ihr Zuhause. Ihre Familie. Roméro. Ihr Vater. Ihre Mutter. Menschen, die sie liebte. Menschen, vor denen sie zugleich geflohen war. Und nicht nur einmal.  Plötzlich wurde ihr bewusst, wie töricht ihre bisherigen Gedanken gewesen waren. Natürlich waren sie hier. Wie hatte sie überhaupt glauben können, ein Turnier dieser Größe würde ohne Vertreter Aramajés stattfinden? Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht war es nur ein Ritter. Vielleicht ein entfernter Verwandter. Vielleicht... Der Gedanke starb, noch bevor sie ihn zu Ende denken konnte. Sie glaubte selbst nicht daran. Langsam wich die Farbe aus ihrem Gesicht. Die Banner von Olathor und Ajaran hatten ihr Unbehagen bereitet. Das Banner von Aramajé bereitete ihr Angst. Nicht vor ihrem Bruder. Nicht einmal vor ihrem Vater. Sondern vor der Möglichkeit, erkannt zu werden. Vor der Möglichkeit, dass die sorgsam aufgebaute Fassade der reisenden Sia in einem einzigen Augenblick zusammenbrechen konnte. Ohne dass sie es bewusst entschied, wandten sich ihre Schritte schließlich von den großen Lagern ab. Sie ging weiter. Vorbei an Zelten und Bannern. Vorbei an Herolden und Händlern. Bis sie bemerkte, dass sie längst einen vertrauten Teil der Turnierwiesen ansteuerte. Dort, wo die Banner von Dornfels im Wind flatterten. Dort, wo sie zumindest einen Menschen kannte. Und im Gegensatz zu den anderen Häusern, wo es eine gewisse Chance gab, dass sie jemand erkannte, war das Haus Dornfels eines, das nicht wusste, wer sie eigentlich war. Und das gab ihr die nötige Sicherheit die sie brauchte.
Die Sonne Paltorias ❖
baum-fanfaren ertönten. Es schien, als ob sie überall in der Stadt zugleich erklingen würden. Die Menschen gerieten in Unruhe. Kinder rannten auf die Straße und selbst der eine oder andere einfache Heckenritter ließ es sich nicht nehmen zur großen Stramark Brücke zu eilen. Die Fanfaren schmetterten wie ein Gewitter über den Platz, durch die Straßen und bis hin zur kleinsten, engen Gasse. Die Fanfaren erzählten von der Ankunft eines Reiters unter einem der berühmtesten Banner aus dem Süden Ariads. Endres stand nahe der Stallungen, als die Töne der Fanfaren ihn erreichten. Er wandte sich suchend um, doch er erkannte, dass viele Menschen zur Brücke strömten. Jemand bedeutungsvolles musste eingetroffen sein, dessen war er sich gewiss. »Wessen Fanfaren erschallen da?«, fragte er einen Mann, der hastig an ihm vorbeieilte, doch der Mann sah ihn an, als ob Endres ein Narr vom Hofe des Königs sei, der einen schlechten Scherz gemacht hatte. »Ihr seid wohl nicht von hier, was? Jeder hier weiß, was diese Fanfaren bedeuten.«, antwortete er nur und schüttelte den Kopf, während er Endres immer wieder mit mürrischen Blicken bedachte. Doch er hatte sich schon bald wieder dem Strom der Menge angeschlossen und war zum Tor geeilt.

Das Gedränge am Platz vor der Brücke war überwältigend. Die Stadtwache hatte ein Spalier aus Männern und Reitern gebildet, um die Menschen daran zu hindern den Weg zu versperren. »Man könnte meinen ein König würde einreiten.«, murmelte Endres und schob sich elegant durch die Menge. Kinder jubelten, junge, schöne Frauen seufzten und bedeckten sich dabei mit einem gestickten Tuch die Münder. Und Männer jubelten vor Stolz und Freude als ein Mann durch dass Brückentor einritt. Sein Pferd war ein weißer Schimmel und seine Rüstung aus hellem Stahl, mit Silber beschlagen und weißer Emaille überzogen. Auf seinem Haupt, und auch dem Haupt des Rossharnisch, prangerte ein großes, einzelnes Horn, und jeder der den Ritter sah, wurde erfüllt von einem Gefühl von Stolz, Neid oder Freude. »Macht Platz!«, rief ein Herold. Er schritt durch die enge Gasse, welche zu beider Seiten von jubelnden Menschen gesäumt war. Wie musste sich dieser Mann nur fühlen, von einem Meer von Stimmen, die wie Sturmwogen über ihn hinweg brandeten. Hinter dem Herold liefen zwei junge Frauen. Sie waren ganz in weiß gekleidet und ihre Gesichter waren von einem dünnen Schleier bedeckt. Die weißen Jungfern streuten weiße Blütenblätter vor dem Ritter aus, welcher in heroischem Trab durch die Tore der Stadt einritt. »Macht Platz, für den Einhornritter! Ser Rodrik von Thagnir, Wächter der Ehr!« Die Menge jubelte. Manche warfen Blumen auf die Straße oder klatschten Beifall. Der Einhornritter schritt durch das Meer von Menschen, als ob er der König des Reiches wäre und vermutlich wurde er auch mehr bejubelt als der König selbst. Endres Augen weiteten sich. Tief in seinem Innersten bewunderte er diesen Mann und all den Ruhm und den Ruf, der diesem Mann anhaftete. Es gab keine größere Ehre in Ariad als das Amt des Einhornritters. Ein jährlich wechselnder Ehrentitel, der nicht nur Ruhm und Ehre für den Ritter selbst, sondern auch für seinen Lehnsherrn und König bedeutete. Endres erinnerte sich an das Turnier in Olathor. Dieses Mal war er ihm so nahe, dass er selbst die feinen Intarsien auf der Rüstung erkennen konnte. Und mit einem Mal wurde ihm weh und schwer ums Herz. Sein Blick verdunkelte sich und eine tiefe Trauer durchzog seine glasig gewordenen Augen. Valerion. Nun dachte Endres nicht mehr an all den Ruhm und die Heraldik und all den Jubel der Menschen. Er dachte nur noch an einen Kopf, der von den Schultern seines Freundes getrennt worden war. Niemals wieder würde er den strahlenden Ruhm des Einhornritters mit denselben Augen sehen können wie all der Pöbel es tat.

Seine Blicke wanderten von dem Einhornritter ab. Seine Aufmerksamkeit haftete sich auf die beiden Herrschaften, die hinter dem Einhornritter einritten. Es waren ein Mann, der hoch zu Ross ritt. Und neben ihm eine Frau. Endres erstarrte. Die Frau trug ein Kleid, welches für ariadische Mode bestenfalls als obszön oder provokant zu bezeichnen war. Während die hohen Damen Ariads alle Kleidung trugen, die man als züchtig, keusch oder ehrbar bezeichnen würde, war diese Frau gänzlich anders gekleidet. Es schien beinahe als ob sie ihre Garderobe bewusst gewählt hätte um die Blicke auf sich zu ziehen. Ihr Kleid hatte einen langen Schlitz entlang der Beine. Und obwohl sie auf einem Damensattel saß, und beide Beine auf der rechten Seite des Pferdes herabhingen, konnte jeder ihre Beine sehen. Doch damit nicht genug. Der Ausschnitt ihres Kleides war asymmetrisch geschnitten und offenbarte ein tief geschnittenes Dekolletee, welches von ihrem offenen Haar in einen perfekt inszenierten Rahmen gesetzt worden war. Sie lächelte und hob ihre linke Hand um den jubelnden Menschen zum Gruße zu winken. Ihr langer Schleier, den sie mehr zur Zierde trug, als sich damit zu verhüllen, hing über den Rücken des Pferdes herab und schleifte auf dem Boden entlang. Unzählige der ausgestreuten Blüten wurden von ihrem Schleier aufgewirbelt. Doch Endres konnte einfach nicht mehr seinen Blick von dieser Frau ablenken. Auf ihrem Kopf saß ein feines, silbernes Diadem, in welches in der Mitte ein tiefgrüner Smaragd eingefasst worden war. Man könnte meinen, dass ihre Kleidung ihre Weiblichkeit zur Schau stellen sollte. Doch alles an ihrer Garderobe war so perfekt geschnitten, dass selbst auf dem unsteten Rücken des Pferdes nichts verrutschte. Es schien beinahe, als ob das Pferd so sanft dahinglitt, wie ein Schiff auf spiegelglatter See.

Der Mann, welcher neben ihr einherritt, war ein adretter Mann von bemerkenswert hochadeliger Erscheinung. Er wirkte weder wie ein Ritter noch wie einer jener Turnierreiter, die ihr Leben im Sattel verbrachten. Viel eher mochte man ihn für den Sohn eines reichen Fürsten oder den Erben eines alten, mächtigen Hauses halten. Seine Kleidung saß makellos. Sein Haar war geschniegelt. Der Bart glänzte beinahe mehr als das Fell seines Pferdes. Selbst sein Pferd schien eher ausgewählt worden zu sein, um gut auszusehen, als um ein Rennen zu gewinnen. Vermutlich war er kaum mehr als zehn Jahre älter als Endres selbst. Er trug eine Kombination aus einem Mantel und einer prunkvollen Tunika. Die Tunika war in dem silbergrauen Türkis des Südens gehalten. Doch der Mantel hatte ein tiefes Rot. Es war das reinste und tiefste Rot, welches Endres je gesehen hatte. Arkanrot. Als die Beiden schließlich die Menge passierten, ertönten die Fanfaren erneut. Hörner wurden gestoßen. Trommeln geschlagen. »Seine Hoheit, König  Havel Arelon von Marenfels. König des Südens und seine Gemahlin. Die weiße Dame von Weißenhall. Adelène von Tiralén.« Die Fanfaren erklangen erneut und nun war es das Königspaar, welches im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Natürlich gab es noch einige, die dem Einhornritter Blumen zuwarfen. Doch die meisten Menschen warfen nun dem Herrscherpaar ihre Huldigungen, Blumen und schmachtenden Blicke zu. Natürlich hatte Havel dies geschickt inszeniert, um sich in den Fokus zu drängen. Er war ein Charmeur und ein Diplomat. Er wusste, wie man die Menge gewinnen konnte. Und seine Frau schlug in dieselbe Kerbe wie er es selbst auch tat. Anders, als in vielen arrangierten Ehen bildeten die beiden eine ungewöhnliche, beinahe moderne, Kombination. Sie brachte weitaus mehr in diese Verbindung ein als nur eine Mitgift und einen Namen. Doch ihre Kleidung riefen, vor allen in den hohen Damen der Stadt Ahrwart und der anwesenden Ritterschaft, nicht nur Bewunderung und nette Worte hervor. Manch ein konservativer Edelmann sah in Adeléne eine Gefahr. Andere Frauen könnten ihr nacheifern wollen. Freizügigere Kleidung. Und genau dieser Punkt war es auch, der paradoxerweise auch die hohen Damen brüskierte. Doch diese sahen in der Königin des Südens weniger eine Gefahr. Für sie war diese schamlose Frau einfach nur eine adelige Hure. Für viele der hohen Damen war Adelène von Tiralén keine Königin. Sie war eine Schande. Eine Frau, die ihren Rang benutzte, um sich Dinge herauszunehmen, für die jede andere Dame gesellschaftlich geächtet worden wäre.

Das Gedränge der Menge blieb noch lange bestehen, selbst als der Einhornritter, das Herrscherpaar, und deren gesamtes Gefolge längst die Burg von Ahrwart erreicht hatten. Viele Menschen waren dem Tross gefolgt, und die Stadtwache hatte sichtlich Mühe gehabt sie alle auf Abstand zu halten. Und Endres lächelte bitter. »Zwei Tage später und ich hätte einfach unbehelligt in die Stadt reiten können und niemand hätte es geschert.« Er zuckte mit den Schultern. Es hatte ihn ein Pferd gekostet, in die Stadt zu kommen. Ein Pferd, das er nun gut gebrauchen könnte, um es als Pfand zu setzen. Oder gegen Silber zu tauschen. Oder einfach nur als Einsatz auf das kommende Rennen. Doch wer konnte es auch ahnen, dass der König des Südens ein solches Aufsehen um seine Ankunft machen würde? Nun, wenn man den Mann kannte, dann wusste man, dass er immer einen großen Auftritt bevorzugte. Er liebte es von Menschen bewundert zu werden und zugleich den beiden anderen Königen einen versteckten Seitenhieb zu bereiten. Der König des Südens war ein gerissener Diplomat und wusste wie er die Menschen lenken konnte. Endres hatte allerdings das Interesse an den hohen Herren verloren. Im Gegensatz zur breiten Masse, die den Adeligen wie gehorsame Hunde folgten, entfernte sich Endres langsam von dem Tross der Gesellschaft und fand die Stadt erstaunlich leer vor.

Wo gestern noch in beinahe jeder Straße ein enges Gedränge geherrscht hatte, gab es nun kaum noch Menschen. Hier und da lief ein Bote durch die Gegend, oder ein Händler nutzte die Gelegenheit seinen schweren Wagen durch die Straße zu ziehen. Einige Soldaten marschierten durch die Straßen um für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch im Großen und Ganzen war es ruhig und beinahe wie ausgestorben. Endres schlenderte gedankenverloren durch die leeren Straßen.An der Brücke selbst herrschte noch ein reger Tumult. Endres warf einen wegmütigen Blick auf die andere Seite des Flusses. Nur diese eine Brücke trennte ihn von dem südlichen Königreich. Die Freiheit war so nah und doch so fern. Wenn Valésia bei dem Einmarsch des Königs zugegen gewesen wäre, dann hätte er sie wohl ohnehin niemals finden können. Er fand sie ja nicht einmal unter normalen Bedingungen in dieser Stadt. Doch hier, in den fast leeren Straßen. Da würde er sie sofort erkennen. Doch hier war keine Valésia. Nicht einmal eine einzige Frau war zu sehen. Ein Gedanke überkam Endres. Was, wenn Valésia bereits auf der anderen Seite auf ihn wartete? Ein einsamer Bettler saß an einer Wand und schüttelte eine kleine, hölzerne Schale um Endres' Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch Endres würdigte dem Mann nicht einmal eines einzigen Blickes. Im Gegenteil. Er beschleunigte sogar kurz seinen Gang, um möglichst schnell an dem Mann vorbei zu kommen. Nach der Nächsten Ecke verlangsamte er sich wieder auf seinen gemütlichen, nachdenklichen Schritt.

Er ging so einige Zeit, bis er vor einem Gebäude zum Stehen kam. Er hob den Kopf und las die verzierten Buchstaben, die auf ein kunstvoll bemaltes, hölzernes Brett gezeichnet worden waren. »Schneiderei« Endres hielt inne. Der Laden war ein typischer, ariadischer Stadtladen. Ein großer Torbogen im Erdgeschoss, welcher den Laden, der sich darin befand, beinahe zu einer Art Freiluft Laden machte. Man konnte direkt von der Straße die Ware in Augenschein nehmen. Es gab einige, hölzerne Läden, die man aufgezogen hatte. Sie dienten als Sonnenschutz und bei Regen boten sie ebenfalls einen sicheren Unterstand. Und des Nachts, wenn der Laden geschlossen hatte, dienten sie als Tür und Riegel. Endres ließ seine Augen über die Waren schweifen. Es gab nicht viel zur Auswahl. Ein Schneider in Ahrwart arbeitete für gewöhnlich nach Maß und nur auf Auftrag. Doch Turniere wie diese zogen stets Reisende, Schaulustige und Abenteurer an. Viele Händler boten, eigens zu diesem Zwecke, einige besondere Stücke an, die sie sonst nie zur Auswahl hätten. Es gab immer einen Weg diese Dinge an den Mann zu bringen. Und Endres war einer dieser Wege. Endres dachte an das stolze Herrscherpaar. Er dachte an den Einhornritter. Und all die Knappen, Knechte und Herolde. Er dachte an die Wappen und die Banner und die edlen Stoffe. Und selbst der einfachste Turnierreiter vom Lande hatte zumindest ein Banner gehabt. Und Endres seufzte bei diesem Gedanken. Er hatte nichts. Absolut gar nichts. Er konnte sich nicht zum Gespött der Leute machen. Das war ihm mehr als bewusst.

Und so betrat Endres schließlich den Laden durch den großen Torbogen und der Schneider, besser gesagt die Frau des Schneiders, wurde sogleich auf ihn Aufmerksam. »Guten Tag, werter Herr.« Die Frau hielt einen gebührlichen Abstand zu Endres und deutete eine formlose Verbeugung an. »Wie können wir euch dienlich sein?« Endres hob den Kopf und sah der Frau in die Augen, während sie auf den Mann deutete, welche hinter einem Pult saß und mit Nadel und Faden beschäftigt war. Endres konnte nicht wirklich einschätzen ob er wohl ihr Vater oder ihr Gemahl war. Beides wäre im Bereich des Möglichen gewesen. Doch Endres scherte sich ohnedies nicht darum. »Guten Tag, die Dame.« Endres erwiderte die formlose Verbeugung und schenkte ihr ein bedeutungsloses Lächeln. »Ich bin in einer Zwickmühle.«, gestand er offen und die Frau sah ihn daraufhin neugierig und fragend zugleich an. »Welcher Art, ist diese Zwickmühle, mein Herr?«, hakte sie freundlich nach und Endres seufzte. »Mein Name ist Eskel von Hohenehr. Und ich bin beim heutigen Pferderennen angemeldet.« Da lächelte die Frau und verbeugte sich abermals. Doch dieses Mal ein wenig tiefer als zuvor. »Oh, ein Turnier Ritter. Es ist mir eine Ehre euch in unserem Laden begrüßen zu dürfen.« Endres erwiderte das Lächeln mit einem leicht süffisanten Schmunzeln. Ja, die ariadische Turnierkultur und der große Stolz des Volkes, der sich damit verband. Menschen waren stolz auf ihre edlen Ritter. Die im Namen ihres Herren kämpften, ritten und sich schlugen. Er konnte nicht verstehen, wie gemeine Niedere da einen gewissen Stolz empfinden konnten. Aber vermutlich war es einfach wegen all dem Gehabe der hohen Herren. Man hatte ja beim König des Südens gesehen, wie er sich hatte feiern lassen und wie die Menschen ihn bejubelt hatten. Obwohl er vermutlich noch nie auch nur etwas für sie getan hatte, außer ihr Herrscher zu sein. »Mein Wappenrock ist leider beschädigt. Und ich…« Endres seufzte und wischte sich eine lästige Haarsträhne aus dem Gesicht, was die Frau mit aufmerksamen Blicken verflogt hatte. Sein goldenes Haar hing offen über seine Schultern und das Licht schien von außen auf ihn herab, und tauchte ihn so in ein noch besseres Licht. »Und ich hoffte, hier einen solchen zu erwerben.« Da hellte sich die Miene der Frau sichtlich auf. »Das ist kein Problem, Herr.« Sie deutete auf einige Kleidungsstücke, die fein säuberlich auf hölzernen Gestellen oder Puppen aus Stroh zur Auswahl bereitet worden waren.  »Viele Ritter kommen genau deswegen zu uns.« Sie grinste wissend. Es war kein großes Geheimnis, dass Wappenröcke schnell beschädigt wurden. Und viele niedere Adelige, fahrende Ritter oder einfache Heckenritter hatten oft nur den einen. Die weniger wohlhabenden flickten sie so lange, bis sie bunter waren als die Banner am Turnierplatz. Doch jene, die auf dem Platz einen gewissen Eindruck schinden wollten, erwarben sich einen neuen. »Was sind die Farben eures Hauses, Herr? Vielleicht haben wir ja einen passenden in der richtigen Farbe für euch?« Endres nickte und begutachtete die ausgestellten Waren. Viele davon waren sehr schöne Stücke. Edle Stoffe, gut vernähter Saum. Doch Endres schwante bereits, dass er sich davon nicht ein einziges würde leisten können. »Gute Frau.«, hob Endres schließlich an und schenkte ihr ein bedauerndes Lächeln. Das charmanteste und bedauernswerteste, dass er in diesem Moment im Stande war aufzubringen. »Was soll dieser Wappenrock hier bitte kosten?« Er deutete auf einen einfachen, ärmellosen Wappenrock. Er war aus dünner, feiner Wolle und in einem schönen Blauton eingefärbt worden. Endres mochte die Farbe Blau. Die Frau lächelte freundlich und hielt dann drei ausgestreckte Finger in die Höhe. »Drei Silbermark, mein Herr. Eine wirklich gute Wahl.« Endres seufzte. Für gewöhnlich hätte er jetzt eine lange Ausrede gesucht. Und versucht sie mit seinem Charme und seinen schmeichelnden Worten einzulullen. Doch er wollte sich weder die Blöße eines Scheiterns geben und ihm stand, ob seiner Sorge um Valésia und die kürzliche Erinnerung an den Verlust seines Freundes, einfach nicht der Sinn danach. »Nun.« Er zog den Beutel vom Gürtel und zog, beinahe zeremoniell, das lederne Band auf, bis er den Beutel so weit geöffnet hatte, um alle Münzen, die sich darin befanden in seine offene Hand zu schütten. »Was bekomme ich hierfür?« Der klägliche Rest, den er besaß. Und wenn er alles davon ausgegeben hatte, konnte er sich nicht einmal mehr eine Mahlzeit oder ein Bett in einem Gasthof leisten. Doch auf Turnieren gab es immer irgendwo eine Möglichkeit sich durchzuschlagen. Da machte sich Endres, nun in diesem Augenblick, keine Gedanken. Die Frau ließ ihre Blicke über die Münzen wandern und verzog dann den Mundwinkel. Endres konnte nicht sagen ob es Enttäuschung, Mitleid oder etwa ein verachtender Blick gewesen war. Doch sie räusperte sich. »Einen Moment, werter Herr. Ich werde meinen Mann fragen.« Endres nickte und hob dann seine Hand, zum Zeichen, dass sie gerne gehen möge. »Gewiss. Ich werde hier warten.« Sie nickte und erwiderte aber nichts darauf.

Die Frau verschwand hinter die Budel und Endres konnte die flüsternden und tuschelnden Worte vernehmen. Doch er machte sich keine Mühe sie belauschen zu wollen. Stattdessen ging er von einem Kleidungsstück zum nächsten. Mal zupfte er an dem Stoff. Mal glitt er einfach mit der Hand darüber. Es waren alles schöne Stücke. Doch wenn er nichts Günstigeres finden würde, dann hatte es alles keinen Sinn. Und ein Wappen hatte er dann auch noch nicht einmal. Wieder einmal verwünschte er die verdammten Falken, sowie das ebenso verdammte Schicksal, welches sich unentwegt auf ihrem Weg einzumischen schien. Das Leben könnte so unbeschwert sein, wenn es einem nicht ständig Stein um  Stein in den Weg legen würde. Und Endres hatte das Gefühl, dass diese Steine mit jedem Mal größer und unbeweglicher wurden. Als ob sie einen steilen Berg erklommen und ihnen auf dem Weg zum Gipfel immer wieder große Brocken entgegen stürzten.

»Herr?«, rief die Schneiderin Endres schließlich aus seinen Gedanken. Endres wandte sich zu ihr um und in ihrem Blick lag etwas, dass Endres innerlich resignieren ließ. »Ich bin wirklich untröstlich.«, begann sie und legte dabei ein beinahe verständnisvolles Gesicht auf. »Aber diese Stücke können wir nicht günstiger verkaufen. Ich hoffe ihr versteht das?« Endres nickte und wedelte lapidar mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen würde. Allerdings hätte sich davon kaum eine Fliege ernsthaft verscheuchen lassen, denn Endres wirkte eher als wäre er müde und matt. »Das verstehe ich, gute Frau. Ich danke dennoch, dass ihr zumindest nachgesehen habt.« Wieder verbeugte er sich leicht und schickte sich an den Laden zu verlassen. »Nun. Ich wünsche euch noch einen guten Tag.« Die Frau räusperte sich. »Herr. Ich meinte, diese Stücke, aber…« Endres hielt abrupt inne und wandte sich wieder zu ihr um. »Aber?«, hakte er hoffnungsvoll nach. In dem Moment, als ihm klar geworden war, dass man ohne Geld ein Niemand und ein Nichts war, hätte er vermutlich sogar einen abgetragenen Wappenrock mit dem Wappen eines anderen genommen. Er hätte sich schon eine nette Geschichte darum ausgedacht und es zu seinem Banner werden lassen. Nur damit er nicht der einzige Ritter ohne Banner sein würde. »Wir haben ein Stück. Möglicherweise gefällt es euch?« Sie trat an den Tisch heran, auf welchem ein Kleidungsstück lag, in einem blassen, graugrünem Ton. Sie hob den Wappenrock in die Höhe und Endres musste schmunzeln. »Es ist nicht blau, Herr. Doch diese Farbe ist doch auch schön, oder?« Endres scherte sich eigentlich gar nicht um die blaue Farbe. Doch auf dem Wappenrock prangerte auf der Brust eine große, goldene Sonne. Es war keine hochwertige Stickerei. Es war eher ein rund, ausgeschnittenes Stück Stoff, welches nur am Saum mit dem Wappenrock vernäht worden war. »Was bedeutet dieser gelbe Kreis?«, wollte er wissen und die Frau seufzte. »Es ist…« Da trat ihr Mann hinter dem Tisch hervor. »Ich gebe es euch für zwei Einmark.« Endres starrte nochmals auf den Wappenrock. Es war dicht gewobener Leinen. Kein besonders hochwertiger Stoff, aber die Verarbeitung war gut gemacht. Ein bestickter Saum. Keine Fransen, keine Löcher. Am Bodensaum des Wappenrocks war sogar eine schmucke Borte angebracht. Er warf einen Blick zu den Stücken, welche auf den Strohpuppen und Holzgestellen ausgestellt waren. Er war kein Schneider und kannte sich auch nicht mit Stoffen aus. Doch dieses Stück schien mindestens von gleicher Qualität zu sein. Um sicher zu gehen, nahm er den Wappenrock zwischen die Finger und berührte den Stoff. »Wo ist der Haken?«, hakte Endres misstrauisch nach. Es musste einen Haken geben. Es gab immer einen Haken, denn warum sonst sollte der Schneider dieses Stück so günstig verkaufen. Der Mann seufzte. »Ein anderer Ritter hatte es so bestellt. Doch er ist nie aufgekreuzt. Und die Stickerei auf der Brust ist daher auch nie vollendet worden.« Endres nickte verstehend. »Ich sage es, wie es ist. Dieser Wappenrock hängt nun schon viel zu lange in meinem Laden und daher gebe ich ihn euch für zwei Silbermark.« Endres nickte »Könntet ihr aus dem gelben Kreis vielleicht eine Sonne machen?« Der Schneider verzog seine Augenbraue und warf dann seiner Frau einen kurzen, schweigenden Blick zu. »Wir können euch eine Sonne aufmalen. Wenn ihr möchtet. Ohne Aufpreis. Doch Sticken. Das schaffen wir heute nicht mehr. Und das würde auch noch eine weitere Silbermark kosten.« Da nickte Endres zufrieden. Das war mehr als er brauchte. »Ich nehme ihn.« Und da schlugen die Männer auf den Handel ein und Endres war nun der stolze Besitzer eines herrenlos gewesenen Wappenrocks. Die Farbe war nicht ganz sein Fall, doch die Sonne sah Endres als ein Wink des Schicksals. Immerhin war er doch ein Mann aus dem Sonnenreich Paltoria. Wer, wenn nicht er, sollte in Ariad die goldene Sonne auf der Brust tragen?
Erwischt und entwischt ❖
baum-doch soweit sollte es nicht kommen. Nachdem sie die Banner von Aramajé lange hinter sich gelassen hatte, setzte Valésia ihren Weg fort. Sie schlenderte weiter durch die Turnierlager, vorbei an Zelten, Pferchen und bunten Bannern, die im Wind flatterten. Hier und dort blieb sie stehen, um einem Herold zuzuhören, der die Abstammung irgendeines Ritters verkündete, oder um einen Blick auf besonders prächtige Pferde zu werfen. Die Anspannung, die der Anblick des Wappens von Aramajé in ihr ausgelöst hatte, ließ allmählich wieder nach. Natürlich waren die großen Häuser hier vertreten. Natürlich waren Olathor, Ajaran und Aramajé angereist. Wie könnten sie auch nicht? Doch nur weil die Banner hier wehten, bedeutete das nicht, dass hinter jedem Zelt jemand stand, der sie kannte. Je länger sie durch das Lager streifte, desto mehr gewann das bunte Treiben ihre Aufmerksamkeit zurück. Zwischen Rittern, Knappen, Händlern und Schaulustigen fühlte sie sich beinahe wie eine gewöhnliche Besucherin des Turniers. Wachsam genug, um ihre Umgebung nicht aus den Augen zu verlieren, aber gelöst genug, um den Gedanken an eine drohende Entdeckung für eine Weile beiseitezuschieben. Genau deshalb bemerkte sie den Mann erst, als es bereits zu spät war. Beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt. Der Zusammenstoß kam unerwartet. Er war nicht heftig genug, um jemanden zu Boden zu werfen, aber doch stark genug, dass beide instinktiv nach den Armen des anderen griffen, um das Gleichgewicht zu halten. „Vergebt mir, edle Dame!“ rief der Mann erschrocken. Und Valésia erwiderte „Auch ich bitte um Verzeihung!“ Die Worte kamen beinahe gleichzeitig. Für einen Augenblick hielten sie sich noch gegenseitig fest. Gerade lange genug, um einander anzusehen. Der Mann war bereits im besten Alter. Sein Haar zeigte erste graue Strähnen, das Gesicht war wettergegerbt, die Haltung die eines Mannes, der sein Leben überwiegend im Sattel verbracht hatte. Und dann erstarrte er. Es war kein großes, aufsehenerregendes Erstarren, sondern eher ein kaum wahrnehmbares Verharren. Als hätte sein Verstand einen Herzschlag länger gebraucht als gewöhnlich. Valésia spürte augenblicklich, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. Sie  kannte diesen Blick. Er kannte sie. Oder erkannte sie. Nicht nur möglicherweise. Nein, er kannte sie! Langsam ließ der Mann ihre Arme los. Seine Augen weiteten sich kaum merklich. „Komt...“ Das Wort starb auf seinen Lippen. Nun war es an Valésia zu erstarren. Bei den Dreien! Sie kannte ihn ebenfalls. Nicht persönlich. Aber vom Sehen. Einer der alten Gefolgsleute Aramajés. Ein Mann, der ihrem Vater seit vielen Jahren diente. Einer jener Ritter und Recken, die auf Festen, Turnieren und Empfängen stets irgendwo im Hintergrund standen und dennoch alles sahen. Sein Blick huschte über ihr Gesicht. Dann über ihre Kleidung. Dann wieder zurück. Seine Miene zeigte die verschiedensten Gefühlsregungen: Ungläubigkeit. Verwirrtheit. Und plötzlich voller Gewissheit. „Bei Alune...“ Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. „Komtess Valésia?“ „Nein, ihr irrt Euch.“ Die Antwort kam viel zu schnell, viel zu hastig. Der Mann sagte nichts. Valésia hörte sich selbst weiterreden. „Ihr müsst mich mit jemand anderem verwechseln!“ Noch während sie sprach, wusste sie bereits, wie nutzlos es war. Sie hatte sich nicht gerade besonders schlau verhalten. Dazu kam noch: Der Schreck musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen. Niemand reagierte so auf eine Verwechslung. Der alte Recke sah sie an. Zu lange.  Einen Moment lang schien er ernsthaft zu überlegen, ob er seinen eigenen Augen trauen durfte. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Nein.“ Es war kein Vorwurf. Keine Anklage. Nur schlichte Gewissheit. „Nein, Herrin. Das tue ich nicht.“ Valésia spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. „Ihr müsst mich verwechseln, ihr wünscht euch, in mir jemanden zu sehen, der ich sein sollte… Aber das bin ich ganz gewiss nicht!“ „Komtess, ich kenne Euch, seit Ihr ein Kind wart.“ Bei den Dreien, natürlich tat er das. Der Mann war seit Jahren im Gefolge Aramajés. Sie erinnerte sich dunkel an sein Gesicht von Festen, Jagden und Turnieren. „„Bei den Drei... Ihr seid tatsächlich hier.“ „Ihr irrt Euch.“ „Nein.“ Sein Blick wanderte kurz über das Lager.“ „Ist er ebenfalls hier?“ Valésia schüttelte heftig den Kopf. Sie war wie gelähmt. „Euer Vater sucht Euch. Eure Mutter ist wieder untröstlich. “ Seine Stimme war leiser geworden. „Und ganz Aramajé denkt noch immer ihr wärt tot.“ Valésia schwieg, und sie erkannte, dass es keinen Sinn mehr machte, zu leugnen. „Wir haben Reiter von Ajaran ausgesandt. Boten. Kundschafter. Selbst in den angrenzenden Grafschaften wurde nach Euch gesucht.“ Der Recke schüttelte ungläubig den Kopf. „Bei den Dreien, Herrin. Wisst Ihr eigentlich, was Ihr ausgelöst habt?“ Valésia wusste es. Wahrscheinlich besser als jeder andere. „Komtess, bitte, kommt mit mir. Euer Bruder ist hier. Euer Bruder…“ Valésia wurde das Herz schwer. Roméro… Er war hier? Ganz nahe, da hinten, wo sie vorbeigegangen war? Er saß vielleicht in dem großen Zelt, und bereitete sich auf das Turnier vor? Der Recke bemerkte, wie ihr Widerstand zu bröckeln begann. „Komtess Valésia… ich bitte…“  Weiter kam er nicht. Aus einer Gasse zwischen zwei Zelten, gleich zu ihrer beiden Linken, ertönte plötzlich ein Ruf. „Heda! Aus dem Weg da vorne!" Ein Stallbursche führte einen kräftigen braunen Hengst an den Zügeln und versuchte sich einen Weg durch zu bahnen.  Der alte Recke wandte den Kopf für einen Augenblick. Nur für einen Herzschlag. 

Mehr brauchte Valésia nicht. Bevor der Mann überhaupt begriff, was geschah, griff sie nach dem Saum seiner Tunika und riss ihn mit einer entschlossenen Bewegung nach oben. „Herrin, was—“ Das grobe Leinen landete ihm halb über dem Kopf. Im selben Augenblick stemmte Valésia beide Hände gegen seine Brust. Es war kein besonders kraftvoller Stoß. Aber ein völlig unerwarteter und es reichte, dass der Recke einen hastigen Schritt rückwärts machte, sich gleichzeitig in seiner hochgerutschten Tunika verhedderte und das Gleichgewicht verlor. Mit einem überraschten Aufschrei kippte er rücklings nach hinten und landete unsanft im Staub. Noch während er versuchte herauszufinden, wo oben und unten war, machte Valésia bereits kehrt. „Verzeiht!“ Dann rannte sie los. Hinter ihr hörte sie dumpfes Fluchen. Endres wäre stolz auf sie gewesen! „Komtess!!!" Eine Pause. „Komtess, kommt sofort zurück!!!" Valésia beschleunigte. Nein. Das würde sie ganz bestimmt nicht tun! Valésia rannte, was ihre Beine hergaben, sprang in eine Zeltgasse, um aus der Sicht zu entschwinden, rannte weiter, schlug einen erneuten Haken in eine Gasse, und erst am Ende dieser Gasse blieb sie stehen und rang nach Atem. Sie versuchte sich kurz zu orientieren, lief wieder nach rechts. Zwischen Zelten hindurch. Vorbei an Pferchen, Händlern und Menschen. Mehr als einmal hatte sie sich umgedreht, ohne überhaupt zu wissen, ob jemand ihr folgte. Valésia wusste später nicht mehr genau, welchen Weg sie genommen. Erst als die Banner von Dornfels über ihr auftauchten, verlangsamte sie ihre Schritte. Wenige Augenblicke später schob sie den Zelteingang einfach beiseite und trat ein. So groß war die Angst, dass sie jemand der ihr vielleicht doch gefolgt war, sie vor dem Lager entdecken und zurück zu ihrem Gefolge und somit zu ihrem Vater schleifen würde. Die Worte blieben ihr im Hals stecken als sie bemerkte, dass sie jegliche Erziehung vergessen hatte, als sie in das Zelt geplatzt war. 

Im Zelt befanden sich deutlich mehr Menschen als erwartet. Ser Tavian stand mitten im Raum, während ein Knappe gerade versuchte, einen Lederriemen an seinem Waffenrock zu befestigen. Ein zweiter hielt einen Helm unter dem Arm. Ein dritter sortierte irgendwelche Kleidungsstücke in einer Truhe. Für einen Augenblick starrten sich alle gegenseitig an. Der Knappe ließ vor Schreck beinahe den Helm fallen. Ser Tavian wandte den Blick und starrte sie wortlos an. „Sia?“ Erst jetzt wurde Valésia bewusst, wie außer Atem sie war, und vielleicht wie zerzaust. Und vor allem, dass sie gerade ohne Ankündigung in das Zelt eines Ritters, den sie kaum kannte, gestürmt war, als wäre sie auf der Flucht vor einer Räuberbande. „Ich...“ Du liebe Güte…[ „...bin gelaufen...“ Stille herrschte. Ser Tavian sah sie an. Dann sah er ihre geröteten Wangen. Dann auf ihre völlig außer Atem geratene Gestalt. Dann sagte er trocken „Das wäre mir beinahe entgangen.“ Dann wandte er sich an seine Knappen. „Lasst uns bitte alleine…“ Die drei verneigten sich, ließen alles stehen und liegen und verließen wie geheißen das Zelt. Nachdem die Knappen verschwunden waren und Tavian die Zeltplane wieder zufallen ließ, kam er ohne Umschweife direkt zur Frage „Nun gut“, sagte er schließlich. „Möchtet Ihr mir erzählen, weshalb Ihr tatsächlich gerannt seid?“ Valésia stand noch immer mitten im Zelt. Die Aufregung ließ langsam nach. Jetzt, da sie zum Stillstand gekommen war, begann ihr Herz umso lauter gegen ihre Rippen zu schlagen. Und ihr fiel aus dem Stehgreif keine passende Ausrede ein. Also sagte sie wahrheitsgemäß „Ich bin jemandem begegnet.“ Mehr sagte sie nicht. Ser Tavian wartete jedoch, ob von ihrer Seite noch etwas kommen würde. Doch das tat es nicht. Daher hakte er weiter nach. „Jemandem, den Ihr kennt?“ Die Komtess nickte. „Ja.“ „Und das hat Euch zum Rennen gebracht?“ Valésia stieß einen leisen Atemzug aus. „Nun… ja… Nicht jeder Bekannte ist eine erfreuliche Überraschung.“ Ein schwaches Schmunzeln huschte über sein Gesicht. „Nun, da kann ich schwer widersprechen.“ Seine Heiterkeit hielt jedoch nicht lange an, denn mittlerweile war auch ihm aufgefallen, dass sie nicht aussah wie jemand, der bloß einem unangenehmen Gespräch entgangen war. „Wer war es?“ Da war sie: Die Frage, die sie nicht beantworten konnte. Oder nicht beantworten wollte. „Jemand aus meiner Vergangenheit.“ Tavian schwieg einen Moment. Dann nickte er langsam. „Das überrascht mich.“ Valésia hob den Blick. „Warum?“ „Weil Ihr mir gestern erzählt habt, Ihr stammt von weiter nördlich.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Und nun trefft Ihr ausgerechnet hier jemanden, der Euch kennt.“ Valésia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Bei den Dreien… Natürlich war ihm das aufgefallen. „Die Welt ist kleiner, als man glaubt.“ Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht und sie stimmte zu „Das ist sie tatsächlich.“ Einen Moment schwieg er. Dann fügte er ruhiger hinzu: „Allerdings nicht klein genug, um einen Menschen derart zu erschrecken, nur weil ihm ein alter Bekannter über den Weg läuft.“ Valésias Lächeln schwand. Nun fühlte sie sich anständig in die Ecke gedrängt. „Er stammt nicht aus Ahrwart“ sagte sie leise. „Das hatte ich vermutet.“ „Und ich habe nicht erwartet, ihn hier zu treffen.“ Ser Tavian nickte. „Das wiederum glaube ich Euch sofort.“ „Und Ihr wolltet nicht gefunden werden.“ Es war keine Frage. Valésia senkte den Blick. „Nein.“ Wieder entstand Schweigen. Kein unangenehmes, eher eines, in dem Ser Tavian nachdachte. Schließlich verschränkte er die Arme. „Dann stellt sich nur eine Frage.“ Valésia sah auf. „Welche?“ „Hat er Euch erkannt?“ Für einen Moment überlegte sie zu lügen. Doch dann nickte sie „Ja.“ Tavian schloss kurz die Augen. „Das hatte ich befürchtet.“ „Warum? Ist das so offensichtlich?“ „Sia.“ Er deutete auf ihre geröteten Wangen. „Ihr seid durch ein halbes Turnierlager gerannt und in mein Zelt gestürzt.“ Valésia errötete, mehr noch, als sie bereits war. „Das klingt rückblickend betrachtet, etwas töricht.“ „Etwas.“ Bestätigte Tavian trocken.  Zu ihrer Überraschung brachte sie das beinahe zum Lachen. Jedoch nur beinahe. Dann wurde sie wieder ernst. „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Und das war vermutlich der ehrlichste Satz, den sie ihm bislang gesagt hatte. Ser Tavian schien erneut nachzudenken, dann sagte er „Und ich weiß nicht, was ich euch raten soll, Sia. Ihr habt kein Vertrauen und ihr weicht aus. Was kann ich da tun? Mir fiele nur die Frage ein: Wird dieser Mann nach Euch suchen?“ „Vielleicht.“ „Wird er anderen von Euch erzählen?“ Valésia schloss die Augen. „Ja.“ Tavian schwieg eine Weile. Sein Blick ruhte auf ihr, ohne sie zu bedrängen. Schließlich stieß er einen leisen Atemzug aus. „Gut…“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr wollt mir nicht sagen, wer der Mann war. Das ist Euer gutes Recht.“ Er hob eine Hand, noch bevor sie etwas erwidern konnte. „Aber Ihr habt mir gerade gesagt, dass er Euch erkannt hat. Und Ihr seid durch ein halbes Turnierlager gerannt, um ihm zu entkommen. Das genügt mir, um zu erkennen, dass Ihr ein Problem habt.“ Valésia wusste nicht recht, ob sie erleichtert oder beunruhigt sein sollte. „Und was nun?“ „Nun werde ich herausfinden, ob dieser Mann noch immer nach Euch sucht.“ Sofort hob sie den Kopf. „Nein.“ Ser Tavian runzelte die Stirn. „Nein?“ „Lasst es einfach auf sich beruhen.“ „Sia.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Ihr habt Angst.“ Valésia wollte widersprechen. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Bleibt hier.“ Ser Tavian griff nach seinem Schwertgurt. „Ich bin nicht lange fort.“ „Tavian...“ „Nur ein paar Fragen.“ Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und wandte sich um. Wenige Augenblicke später fiel die Zeltplane hinter ihm zu. 

Zunächst blieb Valésia einfach stehen. Sie lauschte seinen Schritten. Dann der Stille. Dann den Geräuschen des Turniers draußen. Ein Pferd wieherte. Jemand rief nach einem Burschen. In der Ferne jubelte eine Menschenmenge. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Vergeblich. Denn je länger sie allein war, desto lauter wurden ihre Gedanken. Was, wenn der Recke noch immer nach ihr suchte? Was, wenn er weitere Männer aus Aramajé verständigt hatte? Was, wenn im ganzen Lager mit mehreren Männern nach ihr gesucht würde?  Was, wenn Tavian ihnen bereits begegnet war? Was, wenn sie ihm erzählt hatten, wer sie war und er ihnen gesagt hatte dass sie hier war, und in genau diesem Augenblick gemeinsam hierher unterwegs waren? Valésia schloss kurz die Augen. Nein, das war Unsinn, Panik, weiter nichts. Und doch... Sie wusste nicht, wem Tavian begegnen würde. Sie wusste nicht, was er erfuhr. Sie wusste nicht, was er anschließend tun würde. Nicht weil sie ihm misstraute. Sondern weil sie ihn kaum kannte. Seit wann? Seit gestern? Und vor ein paar Tagen ein kurzes Wegstück Richtung Zwillinge? Ein freundliches Gesicht machte noch keinen Verbündeten. Nicht in einer Angelegenheit wie dieser. Sie begann im Zelt auf und ab zu gehen. Mit jedem Schritt wuchs das unangenehme Gefühl in ihrem Inneren. Bis sie schließlich stehen blieb. Ihr Blick fiel auf eine große Truhe neben einem Feldbett. Langsam trat sie näher. Sie hob den Deckel dr Truhe an in der einer der Knappen vorher herumgekramt hatte. Kleidung. Mäntel. Wolltuniken. Nichts Besonderes. Aber genau das war der Punkt. Es sollte auch nichts Besonderes sein.Valésia blickte an sich hinab. Auf ihr Kleid, auf die feinen Nähte, auf den guten Stoff, auf die Farben. Und plötzlich sah sie all das mit anderen Augen. Der Recke hatte sie erkannt. Vielleicht nicht wegen des Kleides. Aber das Kleid hatte gewiss nicht geholfen sie zu verbergen. Sie dachte an Endres. Daran, wie er sich als Weberin ausgegeben hatte. Damals hatte sie heimlich den Kopf darüber geschüttelt. Nun stand sie vor einer geöffneten Truhe und ertappte sich bei genau demselben Gedanken. Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann traf sie ihre Entscheidung. Schnell zog sie eines der schlichten Kleidungsstücke hervor. Eine Tunika. Einen Gürtel, ein paar Hosen. Danach einen Mantel. Nichts davon passte besonders gut. Aber das musste es auch nicht. Das Kleid raffte sie so nach oben, dass es in der Tunika war, der Gürtel verhinderte, dass alles wieder nach unten rutschte. Wenige Minuten später war von der adligen Reisenden kaum noch etwas übrig. Sie warf einen letzten Blick durch das Zelt. Sie schnappte sich einen der Helme und setzte sich diesen auf. Dann schob sie die Zeltplane vorsichtig beiseite. Draußen herrschte weiterhin geschäftiges Treiben. Niemand schenkte ihr besondere Aufmerksamkeit. Genau so, wie sie es gehofft hatte. Valésia atmete tief durch. Dann verschwand sie zwischen den Zelten. Fort von Dornfels. Fort von Tavian. Und bevor dieser überhaupt zurückkehren konnte, war sie bereits wieder in der Menge untergetaucht.
Pferde und Äpfel ❖
baum-endres hielt den Wappenrock vor sich und begutachtete das Wappen, welches die Frau des Schneiders auf den gelben Stoffkreis gemalt hatte. Er sagte nichts, während er die feinen Pinselstriche in Augenschein nahm. »Gefällt es euch?«, erkundigte sich die Frau mit einem Räuspern auf den Lippen. Endres nickte gedankenverloren. »Aber Gewiss. Es ist wirklich schön geworden.« Da lächelte die Frau und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und steckte sie notdürftig zurück in ihren Dutt. »Verzeiht mir die Frage…«, hob sie an und erregte so Endres' Aufmerksamkeit. »Ihr sagtet, Eskel von Hohenehr sei euer Name. Und dieses Wappen ist das eures Hauses?« Endres nickte und ein dezentes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ja, so ist es.« Die Frau wirkte ein wenig verlegen. »Verzeiht mir mein Unwissen, Herr. Doch mir war bisher noch nie der Name Hohenehr untergekommen. Und von einem Banner mit der Sonne, habe ich in Ariad auch noch nie gehört.« Endres Lächeln erstarb. Ja. Das war eine berechtigte Frage. Sicherlich eine Frage, die er noch öfter hören würde. Er musste sich eine gute Geschichte ausdenken. Und er musste sie sich einprägen, damit er nicht aus Versehen ständig andere Dinge erzählte, und so Misstrauen schürte. Doch bei dieser Frau…sie war nicht von Adel. Und er würde sie vermutlich niemals wieder sehen. Da war es nicht nötig eine Geschichte zu erfinden. »Ich stamme auch nicht aus Ariad.« Die Frau sah ihn daraufhin verwundert an und ihre Augen bezeugten ihre Verwunderung ebenso wie ihr leicht geöffneter Mund. »Oh.« War das einzige, was sie daraufhin entgegnete. »Die Jahreszeitenturniere sind für jeden Adeligen aller Herren Länder offen.«, erklärte Endres und innerlich dankte er dem Schicksal, dass er dieses Wissen erfahren und auch bewahrt hatte. »Dann seid ihr aus…« Sie warf einen vorsichtigen Blick auf das Banner. Eine große, goldene Sonne. Mit schwarzen und roten Sonnenstrahlen. »Paltoria. Dem Sonnenreich.«, schloss Endres und nickte dabei ernst und auch ein wenig stolz. Wobei er nicht wirklich stolz auf seine Herkunft war. Aber man konnte schon ein wenig Stolz in sich tragen aus dem größten Reich der Menschen zu stammen. Oder? Sie schlug die Augen nieder und nestelte an ihrer Nähschürze. »Ich verstehe.« Endres zog die Augenbraue hoch. Und da hellte sich seine Miene auf. »Ah. Wegen der Sonne, nicht wahr?« Sie nickte. »Nun. Keine Sorge, ich bin kein Mann des Sonnenglaubens. Ich bin nicht hier, um Ariad zur Sonne zu führen. Es ist einfach nur ein Wappen. Nichts weiter.«

Einfach nur ein Wappen. Nichts weiter. Endres zog sich den Wappenrock über den Kopf und schlüpfte dann in seine Rolle. Die Rolle eines Ritters namens Eskel von Hohenehr. Ein fahrender Ritter aus dem fernen Paltoria…oder sollte er lieber Uland sagen? Doch er wusste, dass die Uländer die Küsten Ariads heimsuchten. Besonders die Bernstein Transporte waren ständig Ziel ihrer Angriffe. Nein, Uland war gewiss keine gute Idee. Namarra vielleicht? Ja, dieses Land war vermutlich die bessere Wahl. Er nickte zufrieden, als er endlich den Turnierplatz erreichte.

Es herrschte reges Treiben. Die Könige des Südens und der Kernlande waren bereits eingetroffen. König Arvid II hatte seinen Platz auf der Ehrentribüne eingenommen und blickte mit einem arroganten und aufgesetzten, milden Lächeln zu den Niederen und Gemeinen herab. Sogar auf die fahrenden Ritter und Freiherren, die zwar blaues Blut in ihren Adern hatten, aber in seinen Augen vermutlich kaum mehr als die Gemeinen und der Pöbel waren. Seine Krone funkelte immer wieder, wenn ein Sonnenstrahl sich darauf verirrte. Die roten Edelsteine blitzten dann rötlich auf, was dem Herrn der Kernlande eine seltsame Aura verlieh. Da Ahrwart dem Reich der Kernlande angehörte, und Furtwart dem Reich der Südinseln, war es nur logisch, dass beide Könige an diesem Turnier zugegen waren. Und beide ließen es sich natürlich auch nicht nehmen ihre Herrschaftlichkeit zur Schau zu stellen. Es glich beinahe einem Wettstreit, wer die größte Krone, den prächtigsten Mantel und die schönste Tribüne hatte. Endres bemerkte, dass die Ehrenloge des roten Königs ein wenig größer und pompöser gestaltet war, als die des blauen Königs. Wie zwei eitle Hähne stritten sich diese beiden Könige. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Der Konservative Arvid und der provokante Havel. Arvid sah sich als den einen, wahren König aller drei Reiche. Immerhin war Alatea, bevor Ariad in drei Reiche zerfallen war, ein Reich unter einem Hochkönig. Sein Alatea. Er war der wahre Hochkönig. Und dieser Emporkömmling nutzte beinahe jede Gelegenheit um ihn zu provozieren und zu brüskieren. Ja selbst seine Gemahlin schien jede Gelegenheit zu nutzen. Das zeigte sich offensichtlich, da sie sich kleidete wie eine Dirne! Sie trug die Mode der freien Städte. Sie verleugnete das Erbe und die Traditionen Ariads. Doch das Volk schien sie zu lieben, was Arvid ein noch größerer Dorn im Auge war, als das Herrscherpaar selbst. Und so warf er abermals einen giftigen Blick hinunter auf die Gemeinen. Einen mürrischen Blick den er hinter einem falschen Lächeln verbarg.

Fanfaren ertönten und binnen weniger Augenblicke kehrte Ruhe auf dem Platz ein. Ein beleibter Mann betrat die Tribüne. Er war so beleibt, dass das Wort beleibt sich davon beleidigt fühlen musste, dass man diesen Mann nur beleibt bezeichnete. Er kämpfte sich die hölzernen Stufen hinauf und trat an ein trichterförmiges Rohr aus gewalztem Messing. »Höret, Höret!«, rief er und breitete die Hände aus, um auch die letzten Stimmen zum Schweigen zu bringen. »Sehr verehrte Damen und Herren. Geehrte Adelige, Ritter und Freiherren. Geschätzte Untertanen und Reisende aus fernen Ländern. Eure Majestäten. König Arvid der Zweite, König der Kronlande…« Ja Kronlande. Arvid nannte sein Königreich die Kronlande. Während man die anderen beiden nur die Könige des Nordens oder des Südens nannte, war er der Herr der Kronlande. Doch in den anderen beiden Reichen nannte man es einfach nur die Kernlande. Endres musste bei diesem Gedanken lächeln. Dieser Mann wusste was er wollte und in einer gewissen Weise war dies durchaus bemerkenswert und einer Bewunderung würdig. Doch er wollte niemals so werden wie Arvid. Verbittert, vergrämt und unbeliebt. »…und König von Ahrwart.« Der Herold wandte sich dem roten König zu und verbeugte sich untertänigst. »König Havel Arelon von Marenfels. König des Südens. Herr der Südinseln.« Und nun verbeugte er sich, wenn auch etwas weniger demütig vor dem blauen König. »Mein Name ist Leopold, Stadtvogt von Ahrwart und im Namen ihrer Majestäten…« Endres starrte den Mann mit ungläubigen Blicken an. Der Stadtvogt? Dieser fette Kerl? Endres hatte ihn für einen gewöhnlichen Herold gehalten. Oder den Turnierausrufer. Er war der Herr der Stadt Ahrwart? »…erklären das diesjährige Frühlingsturnier für eröffnet!« Er klatschte in die Hände und gebot mit eindeutigen Gesten, dass das Volk, die versammelten Ritter und jede Frau und jedes Kind seinem Beispiel folgen sollten. Ein zweiter Mann trat neben den beleibten Vogt. Er trug einen große, weit ausladende, Schalhaube mit einer noch viel ausladenderen Feder. Als ob er etwas damit zu kompensieren gedachte, schmunzelte Endres in sich hinein. Auch er trat an das Schallrohr und räusperte sich. »Sehr geehrte Damen und Herren… Eure Majestäten…« Endres rollte mit den Augen. Der Tölpel spulte genau die gleiche Rede herunter, wie der Stadtvogt zuvor? Er war wie ein Echo. Nur dass er nicht so beleibt war, aber dafür einen viel zu protzigen Hut trug. Und tatsächlich. Seine Rede glich der des Stadtvogtes beinahe wie ein sich widerholendes Echo. »Mein Name ist Florent von Furtwart. Stadtvogt von Furtwart und Baron der Furtmark.« Jetzt dämmerte es Endres. Die Stadt wurde ja durch den Fluss in zwei Teile geteilt. Sie lag in zwei Königreichen, unterlag zwei Königen. Natürlich gab es auch zwei Stadtherren. Doch der eine war nur ein Stadtvogt. Der andere sogar ein Baron! Das musste sehr am Ego des beleibten Stadvogts nagen, dachte Endres und kam nicht umhin in gewisser Häme zu grinsen.

Es schien nicht nur Endres zu ermüden, dass diese hohen Herren stets so lange, salbungsvolle Worte anpreisen mussten. Er erkannte den einen oder anderen Ritter, wie er – natürlich hinter vorgehaltener Hand – gähnte, oder sich am Bart kratzte. Einer hatte sich sogar in die Bruche gefasst um sein bestes Stück gerade zu rücken, da es unangenehm zwischen Hose und Beinschonern eingeklemmt lag. Die Pferde hoben immer wieder die Köpfe und einige von ihnen begannen schon unruhig zu tänzeln. »Hiermit  erklären die Herren von Ahrwart und Furtwart, im Namen ihrer Majestäten, das Frühjahrsturnier für eröffnet!« Fanfaren ertönten und Trommeln erklangen. Und die Menge schenkte den hohen Herren Beifall. Endres konnte nicht sagen, ob sie froh waren, dass die Rede endlich vorbei war, oder ob sie einfach nur die Vorfreude auf die kommenden Spektakel zu lange hatten unterdrücken müssen.

Das Turnier war eröffnet worden. Und Endres stand, gemeinsam mit dem grauen Hengst, welchen er von den Falken erbeutet hatte, auf dem Turnierplatz. Manch einer hatte ihm davon abgeraten dieses Pferd zu nehmen. Doch er hatte eigentlich kaum eine andere Wahl. Sein eigenes Pferd befand sich in Valésias Obhut. Und Valésias Pferd war kein Turnierpferd. Es hatte schon auf der Reise durch die Lande immer wieder gescheut oder gebockt. Und bei einem Pferderennen zählte Temperament und Feuer. Und dieser Hengst hatte beides. Er musste ihm nur genügend Freiraum geben. Ohne ihn zu drängen. Den Rest würde das Pferd von ganz alleine machen. Und wenn er mit dem Pferd gewinnen würde. Dann würde sich sein Wert verdoppeln! Das war auch dringend nötig, nun da sich das hartnäckige Gerücht verbreitet hatte, dass der Graue ein Beißer und Heißsporn war.

Ein Herold trat an das Sprachrohr. Er entrollte eine Schriftrolle und begann die Namen zu verlesen, welche dann ein Schreiber mit Kreide auf eine große Tafel übertrug, so dass jeder, der des Lesens mächtig war, die Namen lesen konnte. »Traditionsgemäß wird das Turnier mit dem ersten, von insgesamt sieben, Pferderennen eröffnet. Sieben Reiter messen ihr Geschick auf der Bahn und im Walde vor der Stadt! Jeder Reiter, hat die große Ehre, und auch die gebotene Pflicht, am morgigen Buhurt teilzunehmen, so wie es die Tradition verlangt!« Endres erstarrte. Wenn er sich im Spiegel betrachten würde, dann hätte er erkannt, dass seine Kinnlade beinahe bis Brusthöhe heruntergefallen war. Der Buhurt? Endres fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, um es aus dem Gesicht zu bändigen. Nein. Das musste doch ein schlechter Scherz sein! »Der Buhurt ist die große Vorauscheidung  für die drei Disziplinen der Ehr! Der Ritter, der in allen drei Disziplinen den Sieg erringt, wird am Ende dieses Turnieres von ihren Majestäten die Ehre zuteil bekommen, beim Turnier des Einhorns in Thagnir antreten zu dürfen.« Ein eiskalter und zugleich brennend heißer Schauer überrollte Endres. Der Einhornritter? Das war kein normales Turnier mehr. Es war eine Schlacht. Ein Krieg um Ruhm, Ehre und Ansehen. Jeder Ritter, der auch nur einen Hauch von Ritterlichkeit oder Ehrgeiz in sich verspürte, musste in diesem Buhurt antreten. Und sie würden keine Gnade zeigen. Keinen Zoll zurückweichen. Denn hier ging es um mehr als nur den Sieg. Es ging um die größte Ehre des Reiches. Endres spürte wie ihm die Knie weich wurden und er war kreidebleich geworden.

Er hatte keine Rüstung. Er hatte keinen Schild. Und er hatte auch kein Geld um das alles überhaupt bezahlen zu können! Die Teilnahme war Pflicht? Erneut überkam ihn ein Schauer des Grauens. Er würde keine zehn Minuten überstehen! Sie würden ihn niedermähen wie Gras im Hochsommer. Endres verkrampfte sich in den Zügeln seines Pferdes. Er presste die Beine so fest er nur konnte gegen das Tier und klammerte sich fest, als ob er am ertrinken wäre und das Pferd sein letzter, rettender Anker. Und im Grunde genommen entsprach dies auch der Wahrheit. Er wäre einfach vom Pferd gekippt und ohnmächtig auf dem Platz gelandet. Er hätte sich zum Gespött aller Ritter und Zuschauer gemacht, noch bevor das Rennen überhaupt angefangen hatte.

»Die Ritter und Recken mögen sich zur Aufstellung begeben und in der Reihenfolge, wie ihre Namen ausgerufen werden, auf ihren Platz begeben!«, rief der Herold. Nun war der Moment gekommen. Endres schüttelte den Kopf, um die schrecklichen Gedanken an den Buhurt aus dem Kopf zu bekommen. Nun galt es ein Rennen zu reiten. Und er musste gut abschneiden! Er zwang sich zur inneren Ruhe und wartete darauf, dass sein Name ausgerufen wurde. »Ser Wildren von Schwarzhall!« Der Schreiber kratzte mit der Kreide über die Tafel und der Ritter gab seinem Pferd einen sanften Tritt, so dass es sich schließlich in Bewegung setzte. »Ser Taran von Oldenburg!« Der aufgerufene schnalzte nur mit der Zunge und das Pferd gehorchte. Und so ging es weiter und weiter. »Ser Ulran von Ulmenhain. Ser Roden der Dritte von Rothenburg. Ser Roméro von Aramajé…« Endres überkam eine Starre, welche die vorherige in den Schatten stellte. Es war eine Starre von solcher Mannigfalt, dass Endres glaubte er wäre versteinert worden und dem Tode geweiht. Ser Roméro von Aramajé? Valesás Bruder? Endres wagte nicht den Kopf zu heben, und starrte unentwegt auf den Kopf seines Pferdes. Roméro kannte den Namen Eskel nicht. Das wusste Endres. Doch Hohenehr? Das war ihm doch ein Begriff. Er musste ihn erkennen, sobald der Name ausgerufen werden würde. Endres wurde kreidebleich, hochrot und schwarz vor Augen. Und das alles zur selben Zeit. »Freiherr Kunibert von Kaltenbach, Ser Eskel von Hohenehr!« Sein Name war ausgerufen worden. Doch Endres' Pferd verharrte für einen Moment, bis er realisierte, dass sein Name gerufen worden war. Er hob die Zügel und ließ sie schwingen, ohne dem Pferd einen Tritt zu geben, während er sich an die mahnenden Worte des Stallmeisters erinnerte.

Die Reiter hatten ihre Stellungen bezogen. Der Herold nickte der Kapelle zu und ein Dutzend Männer begann einen fulminanten Trommelwirbel zu veranstalten. »Wenn die letzte Trommel verstummt, ist das Rennen eröffnet!« Endres hob den Kopf. Er wagte kaum in Roméros Richtung zu schauen. Doch der Erbgraf von Aramajé schien sich nicht im Geringsten um Endres zu scheren. Nicht einmal hatte er in seine Richtung gesehen. Nicht einmal den Kopf gehoben, oder den Blick zur Seite bewegt. Endres hielt den Atem an, während die Trommeln ein Gewitter über sie hernieder prasseln ließen. Hatte er vielleicht Glück im Unglück? Und Roméro hatte keinen Verdacht geschöpft? War er vielleicht wenigstens einmal vom Schicksal begünstigt worden und befand sich noch nicht mit einem Fuß auf dem Schafott?

Das Trommeln endete. Und die Reiter preschten los. Die Hufe donnerten über den sandigen und lehmigen Boden, und übertrafen sogar den Lärm der Trommeln. Die Menge jubelte und tobte. Die Fanfaren erklangen und die Banner flatterten im Wind. Und Endres preschte auf dem Rücken des Grauen wie ein Pfeil durch die Luft. Das Pferd hatte soviel Feuer im Blut, dass er bereits zwei Ritter hinter sich gelassen hatte, als sie die Turnierbahnen verließen. Der Weg wurde unwegsamer und zu beiden Seiten standen Männer, Frauen und Kinder. Sie schwenkten kleine, bunte Wimpel. Meist in den Farben des Ritters dem sie zujubelten, oder auf den sie ihr Geld gesetzt hatten. Doch niemand schwenkte die Farben des Herrn der Hohenehr. Keiner von ihnen.

Doch Endres kümmerte es nicht. Er hatte nur Augen auf das Ziel gerichtet. Eine große Biegung führte direkt in den Wald hinein. Und hier begann der wahre Ritt. Es war wie ein Tanz auf dem Vulkan, während Endres darauf bedacht sein musste, keine Äste ins Gesicht zu bekommen, musste er zugleich darauf achten, dass das Pferd auf dem Pfad blieb und nicht in eine Senke oder Wurzel trat.

Es Donnerte. Die Pferde preschten durch den Wald. Männer schrien und pfiffen. Und dann donnerte es erneut. Doch dieses Mal war es kein Donnern von Hufen. Kein Donnern eines gestürzten Ritters, derer schon zwei den Halt verloren hatten und aus dem Rennen ausgeschieden waren. Nein. Es war das Donnern des Schicksals. Der Zorn des Himmels, als die Wolken aufbrachen und ein ungeheurer Wokenbruch über das Land hernieder ging. Der Boden wurde weicher. Die Kleidung klebte an Endres und sein Haar hing ihm im Gesicht. Der Regen peitschte ihm in die Augen und der Wind raubte ihm den Atem. Er presste sich näher an den Hals des Pferdes und flüsterte so laut, dass es beinahe ein Schrei war. »Lauf Grauer! Lauf und siege und du bekommst so viele Äpfel wie du willst!« Der Regen peitschte ihm um die Ohren und sein Wappenrock flatterte im Wind. Von der frisch aufgemalten Sonne war nichts mehr zu sehen. Die Roten Strahlen und die dunklen Farben hatten sich mit dem goldenen Kreis zu einem seltsam anmutenden Fleck vermischt. Das Gold der Sonne und das rot der Strahlen. Es glich nun mehr einem güldenen roten Apfel, als einer strahlenden, stolzen Sonne.

Der Regen wurde schwächer. Die Wolken lichter. Und als die ersten Sonnenstrahlen aus den Wolken brachen, preschte Endres aus dem Wald heraus. Niemand sonst war zu sehen. Weder Roméro, noch ein anderer Ritter. Endres hob den Kopf und sah sich um. Hatte er den Weg verpasst? War er an einer falschen Ecke abgebogen? Doch die Menschen jubelten und schwenkten ihre nassen Hüte. Einzelne Stimmen riefen ihm zu. Doch die Worte wurden vom Wind vertragen. Hatten sie ihm zugerufen? Und was hatten sie gesagt? Endres Herzschlag schlug im gleichen Takt wie das Donnern der Hufe seines Pferdes. Er erreichte die große Menschenmenge und wagte einen Blick hinter sich. Da erkannte er ihn. Roméro. Sein brauner Hengst ritt Kopf an Kopf mit der schwarzen Stute des Herren von Ulmenhain. Beide Reiter hatten sich im Sattel erhoben und forderten von ihren Pferden den letzten, großen Kraftakt. Endres wandte den Kopf wieder auf das Ziel. Es war zum greifen Nahe. Noch wenige Meter, und er hätte das Ziel erreicht. Nur noch einen Hauch!

»Der Apfelritter! Der Apfelritter!«, riefen die Leute, als sie das verwaschene Wappen auf Endres Wappenrock erkannten und Endres verzog mürrisch die Augenbrauen. Apfelritter? Er trug eine Sonne auf der Brust. Warum zum Henker nannten sie ihn Apfelritter und nicht den Sonnenreiter? »Der Apfelritter!«, riefen sie, denn die Sonne sah nun aus wie ein großer, prächtiger Apfel…
Der eine unter Tausend ❖
baum-kaum hatte Valésia das Turnierlager hinter sich gelassen, begann sie zu begreifen, dass ihr Plan erhebliche Schwächen besaß. Zunächst hatte in ihrem Kopf alles ausgesprochen vernünftig geklungen: Sie würde sich anders kleiden. Und zwar nicht als Frau, nach der man nun zweifellos suchen würde, sondern als Mann, als Knappe nach dem niemand fragen würde, da er niemandem diente. Sie würde also nicht mehr wie eine adelige Reisende aussehen. Niemand würde sie erkennen. Idealerweise würde sie auch Endres unter den Zuschauern finden. Der letzte Teil erwies sich jedoch als schwieriger als erwartet. Deutlich schwieriger. Die Kapazität der Turnierwiese hatte inzwischen ihren Höhepunkt erreicht. Die Zuschauertribünen waren dicht besetzt, entlang der Absperrungen drängten sich Schaulustige Schulter an Schulter, am Rande stehende Händler mit kleinen Wagen und tragbaren Verkaufskisten verkauften Speisen und Kinder liefen kreischend zwischen Erwachsenen hindurch, und überall bewegten sich Menschen. Unzählige Menschen. So viele Menschen dicht an dicht gedrängt, dass Valésia beinahe Angst und Bang wurde. Immer wieder musste sie eine Hand auf den Helm legen und diesen festhalten, damit er nicht herunterfiel. Er rutschte ohnehin schon locker auf ihrem Kopf hin und her da er ihr viel zu groß war. Valésia schob sich durch die Menge und versuchte über Köpfe hinweg etwas zu erkennen. Vergeblich. Es standen viel zu viele Menschen herum die sie meist um eine Kopflänge überragten. Sie hatte Endres in der Stadt nicht gefunden. Nun suchte sie ihn auf einem Turnier, das offenbar halb Ariad versammelt hatte. Rückblickend erschien ihr das beinahe lächerlich. Aber was sonst sollte sie jetzt noch tun? Sie hatte Ser Tavian von Dornfels Knappengewand entwendet und einen vermutlich teuren Helm, um unerkannt aus dem Turnier Lager zu entkommen in dem sie mit einem der Gefolgsmänner ihres Vaters zusammengestoßen war und dieser sie zweifelsfrei erkannt hatte. Wieviel Zeit blieb ihr noch, bis der Mann sich aufgerappelt und im Lager von Aramajé Bescheid gegeben hatte, um zu berichten wen er glaubte, gesehen und vor allem gesprochen zu haben? Valésia hatte sich zunächst am Rande der Menschenmasse gehalten. Ein Ritter in voller Rüstung ritt an ihr vorbei und zwang die Menschen, zur Seite zu treten. Valésia wich aus, wurde gleichzeitig von einem Händler angerempelt und verlor beinahe den viel zu großen Helm. Fluchend drückte sich der Händler an der Komtess vorbei und murmelte etwas wie “dummer Lümmel…” Und Valésia stellte fest: Der Helm war keine ausgezeichnete Idee gewesen. Jedenfalls nicht wenn man versuchte, darin etwas zu sehen. Sie blieb stehen und reckte den Hals. Überall Männer. in der anderen Richtung überall Pferde und überall Banner. Und nirgendwo Endres. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, unter welch schlechtem Stern ihre Suche eigentlich war.  Sie suchte keinen Ritter mit einem bestimmten Wappen. Keinen Händler mit einem festen Stand. Nicht einmal einen Turnierteilnehmer. Sie suchte einen blonden Mann. In einer Menge, die vermutlich mehrere tausend Menschen umfasste. „Das ist unmöglich“, murmelte und mit einem Seufzen drängte sie sich weiter durch die Menge. Irgendwo hier musste Endres sein. Zumindest redete sie sich das weiterhin ein. Immer wieder stellte sie sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals, nur um im nächsten Augenblick wieder von irgendeinem breitschultrigen Mann oder einer wehenden Fahne die Sicht genommen zu bekommen.

Doch irgendwann hatte Valésia aufgegeben, in der Menge nach Endres Ausschau zu halten. Die Idee war bereits töricht gewesen, bevor sie das Turniergelände betreten hatte. Nun, da sie zwischen Hunderten, oder wahrscheinlich Tausenden von Menschen eingekeilt stand, erschien sie ihr geradezu lächerlich. Von ihrem Platz aus konnte sie kaum mehr erkennen als die Rücken der Zuschauer vor sich, dazwischen vereinzelte Banner, die über den Köpfen der Menge flatterten, und die Turnierbahn, die sich wie ein schmaler Streifen durch das Gewimmel zog. Zu allem Überfluss hatte inzwischen die offizielle Eröffnung begonnen. Der Stadtvogt von Ahrwart hielt eine Rede. Eine lange Rede. Eine ausgesprochen lange Rede. Valésia hätte hinterher vermutlich nicht sagen können, worüber genau gesprochen worden war. Irgendetwas über die Ehre der Stadt, die Bedeutung des Turniers und die hohe Ehre, gleich zwei Könige auf den Turnierwiesen begrüßen zu dürfen. Das schien ihr zumindest der allgemeine Inhalt gewesen zu sein. Doch genau wusste sie es nicht, da sie kaum zugehört hatte, sondern ihren finsteren Gedanken nachgehangen hatte. Die Menschen um sie herum lauschten mit unterschiedlicher Begeisterung. Einige hörten aufmerksam zu. Andere nutzten die Gelegenheit, um miteinander zu reden oder zu scherzen. Nachdem der Stadtvogt von Ahrwart endlich geendet hatte, trat der Stadtvogt von Furtwart vor. Zu Valésias stillem Entsetzen begann auch dieser eine Rede. Der Mann erklärte den Ablauf des Turniers, die Reihenfolge der Wettkämpfe, die Regeln des Lanzenreitens, die Bedingungen für das Ausscheiden und eine Vielzahl weiterer Einzelheiten, die Valésia nur mit halbem Ohr verfolgte. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Zu dem Recken aus Aramajé. Zu Ser Tavian den sie im Grunde genommen bestohlen hatte und ihrer anschließenden Flucht aus dem Lager von Dornfels. Ob er bereits zurück war und ihr Verschwinden und das seiner Gewandung und dem Helm bemerkt hatte? Ob er nichts getan hatte, oder gar Meldung an die Stadtwachen gemacht hatte? Diesen unangenehmen Gedanken schob sie ganz weit zur Seite und ließen Platz für wichtigere Gedanken. Gedanken an Endres. Vor allem an Endres. Sie fragte sich einmal mehr, wo er gerade war. Ob er tatsächlich noch in Ahrwart war. Ob sie sich erneut einer falschen Spur hinterherjagen ließ oder ob sie ihm vielleicht näher war, als sie selbst ahnte. Ob es ihm überhaupt gut ging, ob er sie vielleicht schon aufgegeben hatte, oder ob er überhaupt noch lebte. Sie verfluchte diese verdammten Wanderfalken die an allem Schuld waren! Erst als der Stadtvogt schließlich damit begann, die Namen der ersten Teilnehmer zu verlesen, kehrte ihre Aufmerksamkeit allmählich zurück. Die ersten Namen sagten ihr wenig. Einige kannte sie vom Hörensagen, zumindest deren Häuser. Andere wiederum überhaupt nicht. Dann fiel plötzlich ein Name, der sie aus ihren Gedanken riss. „... Ser Roméro von Aramajé.“ Valésia erstarrte. Für einen Moment glaubte sie, sich verhört zu haben. Langsam hob sie den Kopf. Natürlich. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Es war eines der bedeutendsten Turniere des Jahres. Ritter, Adlige und Ehrgeizlinge aus allen Teilen Ariads waren angereist, um sich miteinander zu messen. Roméro hätte sich eine solche Gelegenheit niemals entgehen lassen. Und dennoch traf die Erkenntnis sie völlig unvorbereitet. Ihr Bruder war hier. Auf denselben Turnierwiesen. Vielleicht befand er sich in diesem Augenblick irgendwo hinter den Zelten und bereitete sich auf seinen Lauf vor. Vielleicht war er nur wenige hundert Schritt von ihr entfernt. Valésia spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Sie vermisste ihn. Mehr, als sie sich eingestehen wollte. Von allen Menschen, die sie zurückgelassen hatte, war Roméro derjenige, dessen Verlust sie am schwersten traf. Nicht ihr Vater. Nicht ihre Mutter. Nicht die vertrauten Hallen von Aramajé. Roméro. Der Gedanke, ihn so nah zu wissen und doch nicht zu ihm gehen zu können, schmerzte mehr, als sie erwartet hatte. Die nächsten Namen drangen kaum noch zu ihr durch. Sie hörte sie, ohne ihnen Bedeutung beizumessen. Erst als der Vogt einen weiteren Namen verlas, blieb ihr Herz beinahe stehen. „... Eskel von Hohenehr.“ Valésia hob den Kopf, als könne sie es nicht glauben. Am liebsten wäre ihr gewesen, dass der Name noch einmal verlesen wurde. Nur zur Sicherheit. Denn sie war überzeugt davon, sich verhört zu haben. Der  Name hallte in ihrem Kopf nach. Eskel von Hohenehr. Endres Endarion von Hohenehr… Sie senkte ihren Kopf und der vermaledeite Helm rutsche sogleich nach vorne. Sie legte die Hand an den Helm und schloss langsam die Finger um den Rand des Helmes. Nein. Das konnte nicht sein. Oder? Sie wusste selbst nicht, was sie glauben sollte. Eskel von Hohrenehr. Konnte es sein, dass es ein riesiger Zufall war? 

Was, wenn er es war? Was, wenn Endres die ganze Zeit hier gewesen war? Was, wenn sie tagelang jede Schankstube, jeden Stall und jede Seitengasse Ahrwarts abgesucht hatte, während er sich gleichzeitig für das Turnier anmeldete? Allein, wieso sollte er sich für dieses Turnier anmelden? Der Gedanke war so absurd, dass sie ihn eigentlich hätte verwerfen müssen. Doch genau das gelang ihr nicht. Denn die Hoffnung, dass es doch Endres war, war nun einmal aufgekeimt, und nichts und niemand konnte diese Hoffnung in diesem Moment zunichtemachen, bis die Realität sie zunichtemachen würde. Und bis dahin hegte sie Hoffnung. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto weniger fügte sich alles auf eine beinahe unerträgliche Weise zusammen. Valésia starrte auf die Turnierbahn. Plötzlich war ihr jedes Wort der Stadtvögte gleichgültig geworden. Plötzlich waren sogar Roméro, Aramajé, Ser Tavian und sogar ihre eigene Verkleidung in den Hintergrund gerückt. Es gab nur noch eine einzige Frage. War Eskel von Hohenehr tatsächlich Endres? Oder erlaubte sie sich gerade die grausamste Hoffnung, die sie seit ihrer Ankunft in Ahrwart gehegt hatte? Valésia bemerkte kaum, wie die Verlesung der Namen fortgesetzt wurde und weitere Instruktionen und Erklärungen gegeben wurden. Der Name Eskel von Hohenehr hallte noch immer in ihrem Kopf nach und verdrängte alles andere. Das Stimmengewirr um sie herum, die letzten Worte des Stadtvogts und sogar die neugierigen Zuschauer, die sich bereits entlang der Absperrungen drängten, rückten in den Hintergrund. Sie hatte plötzlich nur noch ein einziges Ziel. Sie musste die Reiter sehen. Noch bevor die ersten Teilnehmer sich mit ihren Pferden auf die Bahn begaben, begann sie sich durch die Menge zu schieben. Das erwies sich allerdings als deutlich schwieriger, als sie gehofft hatte. Die Zuschauer standen dicht gedrängt entlang der Turnierstrecke, und jeder schien davon überzeugt zu sein, genau an der Stelle stehen zu müssen, an der er gerade stand. Und er oder sie würde niemanden an diese Stelle lassen. Dies wurde mit aller Vehemenz und aller verfügbaren Ellbogen durchgesetzt. 

Mehr als einmal wurde Valésia zurückgedrängt bei dem Versuch, weiter nach vorne zu gelangen. Einmal geriet sie zwischen einige Menschen die lautstark darüber stritten, wer wem den Platz versperrte. Ein anderes Mal blieb sie mit ihrer geliehenen Tunika an einem Wanderstock hängen, der ein knorriges Ende hatte, und völlig unbekümmert waagerecht mitten in der Menge gehalten wurde und handelte sich dafür noch wüste Beschimpfungen ein. Mittlerweile vertrat die Komtess von Aramajé, die sich vor dem Kennenlernen von Endres nur in vornehmen Kreisen bewegt hatte, die Meinung, dass es eine ganze Menge unflätige, ungehobelte und gemeine Menschen gab. Schließlich gelang es ihr dennoch, bis an eine der hölzernen Absperrung, die Publikum und Turnierteilnehmer voneinander trennte, vorzudringen. Nicht weit entfernt lag die Turnierbahn. Die ersten Reiter hatten sich bereits eingefunden. Valésia stützte beide Hände auf die Absperrung und lehnte sich ein Stück weit nach vorne um bessere Sicht zu haben. Sieben Männer. Sieben Pferde. Und irgendwo unter ihnen möglicherweise Endres. Oder auch nicht. Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen.

Die Teilnehmer ritten nacheinander auf die Bahn hinaus, während die Herolde ihre Namen und Herkunft verlasen. Valésia stützte beide Hände auf die hölzerne Absperrung und ließ ihren Blick über die Reihe der Reiter wandern. Dann blieb er an einem von ihnen hängen. Roméro. Sie erkannte ihn augenblicklich. Nicht, weil sein Name wenige Augenblicke zuvor ausgerufen worden war. Nicht einmal, weil sie wusste, dass er hier war.  Sie erkannte ihn, weil er ihr Bruder war. Weil sie sein Gesicht seit ihrer Kindheit kannte. Weil sie den dunklen Lockenkopf selbst auf der anderen Seite eines Schlachtfeldes erkannt hätte. Weil sie wusste, wie er im Sattel saß, wie er die Schultern hielt und wie selbstverständlich er wirkte, sobald ein Pferd unter ihm war. Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum. Die Menschenmenge. Die Turnierbahn. Den geliehenen und schlechtsitzenden Helm auf ihrem Kopf. Den Recken aus Aramajé. Alles. Da ritt ihr Bruder. So nah ritt er an ihr vorbei, dass sie ihn beinahe hätte rufen können. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in ihrem Hals. Bei den Dreien, wie sehr sie ihn vermisste! Sie hatte geglaubt, sich an die Trennung gewöhnt zu haben. Geglaubt, die vergangenen Wochen hätten die Wunden langsam heilen lassen. Nun genügte ein einziger Blick auf Roméro, um ihr vor Augen zu führen, wie sehr sie sich geirrt hatte. Langsam ließ sie ihren Blick weiterwandern. Von einem Reiter zum nächsten. Und dann sah sie ihn. Die goldblonden Haare sprangen ihr sofort ins Auge. Valésia erstarrte. Die Welt um sie herum verlor jede Bedeutung. Das Johlen der Zuschauer verstummte. Die Stimmen der Herolde wurden fern. Selbst das Donnern der Hufe schien plötzlich aus weiter Ferne zu kommen. Da war er. Endres. Ohne jeden Zweifel, er war es! Sie hätte ihn unter Tausenden erkannt. An seinem edlen Gesicht. An seiner Haltung. An der Art, wie er im Sattel saß. An allem. Ihr Herz zog sich so schmerzhaft zusammen, dass sie für einen Augenblick glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Sie hatte ihn gefunden. Nach all den einsamen Tagen. Nach all den einsamen Nächten. Nach all den vergeblichen Fragen und falschen Spuren. Er war hier. Lebendig. Unversehrt. Und gutaussehender als jede Erinnerung, die sie von ihm bewahrt hatte. Tränen stiegen ihr in die Augen, bevor sie es verhindern konnte. Sie blinzelte hastig, doch das half wenig. Die Welt verschwamm vor ihren Blicken. Valésia bemerkte es kaum. Sie konnte nur noch ihn ansehen. Endres. Endlich! Keine hundert Schritt von ihr entfernt. Und ohne auch nur die geringste Ahnung, dass seine Frau ihn gerade entdeckt hatte. Seine Frau, die getarnt in Männerkleidung zwischen all diesen vielen Menschen steckte…

Alle warteten gespannt, als ein plötzlicher Wolkenbruch herniederging. Die meisten der Menschen hielten sich über, was sie gerade hatten. Die meisten ihren Umhang, manche trugen einen Filzhut und es war ihnen gleich, manche hatten gar nichts und standen einfach im Regen, weil sie aus dieser Menschenmenge ohnehin nicht fliehen konnten, also ließen sie den Regen stoisch auf sich herniedergehen. Die Turnierbahn lag leer vor ihnen, verwandelte sich schnell in Matsch, während die Zuschauer ihre Blicke auf den Waldrand richteten. Dort irgendwo verlief die Strecke, auf die die ersten Reiter entsandt worden waren. Immer wieder reckten Menschen die Hälse, stellten sich auf die Zehenspitzen oder schirmten die Augen gegen die Sonne ab, als könnten sie die Teilnehmer dadurch früher entdecken. Banner flatterten im Wind. Wimpel wurden geschwenkt. Die Menge war gespannt vor Erwartung wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm. Dann zeigte plötzlich jemand auf den Waldrand und rief „Sie kommen! Sie kommen! Wer mag wohl den Sieg davontragen?“ Ein Raunen ging durch die Zuschauer, schwoll an zu aufgeregten Getratsche. Wenige Augenblicke später erschienen die ersten Reiter zwischen den Bäumen. Zunächst waren nur Bewegung und Farben zu erkennen. Dann wurden Pferde daraus. Männer. Banner. Das Raunen schwoll an. Jubel brandete auf. Die Teilnehmer kehrten zurück. Valésia spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug. Sie sah sie kaum, die anderen Reiter. All das verschwamm zu einem bedeutungslosen Hintergrund. Denn an der Spitze der Gruppe ritt ein Mann mit goldblondem Haar. Endres. Oder Eskel von Hohenehr. Welchen Namen er auch tragen mochte. Er war es. Und er hatte gewonnen. Es gab keinen Zweifel daran, wie der Lauf ausgegangen war. Er war den anderen weit voraus ins Ziel geritten. Die Zuschauer jubelten ihm entgegen, während die übrigen Reiter hinter ihm aus dem Wald zurückkehrten. „Der Apfelritter!“, rief jemand. „Der Apfelritter!“, stimmten andere ein. Innerhalb weniger Augenblicke breitete sich der Ruf über die Turnierwiesen aus. Valésia war verwirrt. Der Apfelritter? Erst dann bemerkte sie den Grund. Auf seiner Brust prangerte ein Symbol, das aussah wie ein Apfel. Aber warum, bei den Dreien, ein Apfel? Unwillkürlich musste sie lächeln. Irgendwie passt das zu Endres. Als hätte das Schicksal ihm nach all den Tagen des Suchens und Bangens noch eine weitere Ironie schenken wollen. 

Die Reiter ritten die Bahn entlang und wurden von ihren Knappen und Stallburschen in Empfang genommen. Pferde wurden übernommen. Trinkschläuche gereicht. Glückwünsche ausgetauscht. Valésia wartete nicht länger. Noch ehe sie darüber nachdenken konnte, hatte sie sich bereits in Bewegung gesetzt. Sie drängte sich durch die Menschenmenge, schlüpfte zwischen Zuschauern und der Absperrung hinweg hindurch und eilte den Teilnehmern entgegen. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie glaubte, jeden Augenblick daran zu ersticken. Da war er. Nur noch wenige Schritt entfernt. Und sie würde nicht noch einmal den Fehler machen und ihn verlieren. Und dennoch wagte sie kaum zu glauben, dass dieser Augenblick nun tatsächlich gekommen war. Endres brachte sein Pferd zum Stehen. Wie sie erwartet hatte, wartete niemand auf ihn. Keine Knappen. Keine Diener. Keine Stallburschen. Nur Endres. Woher sollte er auch einen Knappen haben? Valésia trat vor. Wortlos griff sie nach den Zügeln. Das Pferd schnaubte leise. Endres ließ die Zügel los und reichte sie ihr, ohne ihr zunächst größere Aufmerksamkeit zu schenken. Wahrscheinlich hielt er sie für irgendeinen jungen Burschen, der sich ein paar Kupfermünzen verdienen wollte. „Mein Dank“, sagte er. Valésia antwortete nicht. Sie konnte nicht. Die Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen. Endres hob weiter an „Doch falls ihr euch für eure Dienste eine Bezahlung erhofft, dann muss ich leider sagen…“  Valésia hob den Kopf. Der viel zu große Helm rutschte nach hinten. Für einen Herzschlag blieb er an ihrem Haar hängen. Dann fiel er zu Boden und blieb im Matsch stecken. Goldbraune Strähnen lösten sich und ergossen sich über ihre Schultern. Endres verstummte. Der Rest der Welt schien es ebenfalls zu tun. Jedenfalls nahm Valésia nun nichts anderes mehr wahr. Für einen Augenblick verschwanden Jubel, Stimmen und das geschäftige Treiben der Turnierwiesen hinter einem Schleier, als hätten sie plötzlich jede Bedeutung verloren. Nichts auf der Welt hätte sie in diesem Augenblick dazu bringen können, den Blick von ihm abzuwenden. Die vergangenen Tage. Die Angst um ihn, die Angst, ihn nie wieder zu sehen. Die Angst nicht zu wissen wie es weitergehen sollte. Die Einsamkeit. Die Verzweiflung. Die endlose Suche. All das löste sich plötzlich ins Nichts auf. Denn er war hier. Und er sah sie an. Für einen Moment schien selbst Endres nicht recht zu begreifen, wen er vor sich hatte. Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, als müsse er sich vergewissern, dass sie nicht bloß eine Einbildung war. Valésia spürte, wie ihre Augen erneut feucht wurden. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Sie standen einfach da und sahen einander an. Und zum ersten Mal seit ihrer Trennung hatte Valésia das Gefühl, das endlich alles wieder gut werden würde.
Der silberne Falke ❖
baum-zufrieden und zugleich verunsichert erreichte Endres das Ziel. Er hatte gesiegt. Er konnte es selbst kaum glauben. Sein Haar klebte ihm noch nass an der Haut. Seine Tunika hing matt herunter und das Wappen auf seiner Brust, welches noch vor Beginn des Rennens eine stolze Sonne gezeigt hatte, war verlaufen und sah wie ein grotesker Apfel aus. Eigentlich hatte Endres gar nicht zum Ziel gehabt zu siegen. Ein Sieg zog unnötige Aufmerksamkeit auf sich. Aufmerksamkeit, welche Endres eigentlich gar nicht gebrauchen konnte. Doch sein Pferd hatte all seinem Feuer und ungezügeltem Temperament freien Lauf gelassen. Wie ein Pfeil war er über die Strecke geflogen und noch ehe er sichs versah, hatte er als erster das Ziel überquert. Und nun saß er mit nasser Kleidung und einem wild schlagenden Herz im Sattel und beobachtete die anderen Ritter. Sie wurden umschwärmt. Von Gratulanten. Von ihren Knappen. Von anderen Rittern. Vom Pöbel und den Gemeinen. Und Endres? Er saß ganz allein auf seinem Pferd. Niemand schenkte ihm Beachtung. Niemand kam zu ihm um ihm aus dem Sattel zu helfen oder sein Pferd abzunehmen. Endres hatte keine Knappen und auch keine Gefolgsleute. Und wo eben noch die Sorge in seinem Herzen innegewohnt hatte, man könnte ihn erkennen oder gar verhaften, legte sich nun die matte, resignierende Erkenntnis über sein Herz. Er hatte gewonnen, aber niemand scherte sich um ihn. Und diese Erkenntnis schlug ihm ungewöhnlich schwer aufs Gemüt.

Doch dann legte sich die Hand eines Fremden auf die Zügel seines Pferdes. Endres ließ sich aus dem Sattel gleiten und überließ die Zügel dem Fremden, ohne diesem allzu große Aufmerksamkeit zu schenken. Vermutlich war es einer der Stallburschen des Stallmeisters? Endres sollte es recht sein. Doch dann warf er doch einen flüchtigen Blick auf den Fremden. Ein schmächtiger Recke mit einem Helm auf dem Kopf. Endres verzog verwirrt die Augenbraue und wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Warum trug dieser Mann einen Helm? Dies war ein Pferderennen gewesen und kein Kampf. Er schmunzelte. Vielleicht war er ja unansehnlich und wollte dies mit dem Helm verbergen? Oder er trug eine entstellende Narbe? Die Neugier, welche in Endres aufflammte, ließ ihn lächeln. Nur kurz. Ein Fremder, der sich um sein Pferd kümmern wollte? Mit einem Helm auf dem Kopf? Welcher Stallbursche konnte sich schon einen solch teuren Helm leisten? Er stutzte und runzelte die Stirn. »Meinen Dank.«, hob Endres an und legte dabei den Kopf ein wenig schräg, bei dem Versuch zwischen den Atemschlitzen und den Sichtlöchern das Gesicht des Fremden zu erkennen. Doch der Helm verbarg die Identität des Mannes und Endres seufzte. Als der Fremde auch keine Antwort gab, zuckte Endres mit den Schultern. Nicht nur hässlich sondern auch noch scheu und stumm? Er seufzte abermals. »Doch falls ihr euch für eure Dienste eine Bezahlung erhofft, dann muss ich leider sagen…« Weiter kam er nicht. Der Recke hob den Kopf und der, offensichtlich viel zu große Helm, rutschte ihm vom Kopf. Er starrte nur. Ungläubig weitete er die Augen. Da war sie. Die Bernsteinrose. Überall hatte er sie gesucht, zwischen all dem Unkraut der Stadt. Und nun stand sie vor ihm. Wie eine zarte Knospe, die sich unter einer eisernen Tarnkappe verborgen hatte. Sie sah ihn mit großen Augen an und Endres erstarrte. So standen sich die beiden gegenüber, inmitten des Getümmels der Menschen und fanden keine Worte. Sein Herz tat einen Sprung. Ein Lächeln überkam ihn und eine Wärme durchflutete seinen Körper, die ihn selbst die feuchte Kleidung vergessen ließ. »Valésia…«, hauchte er ungläubig. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen. Doch als er sie wieder öffnete, stand sie noch immer da. Dies war kein Traum! Kein Streich, der ihm gespielt wurde. Sie war wirklich und leibhaftig hier. Sie hob den Kopf und öffnete die Lippen, doch die Worte blieben unausgesprochen. Als ob sie es nicht wagte zu sprechen.

Da löste sich Endres aus seiner Starre. Er trat einen Schritt vor und umschlang die Frau, der sein Herz gehörte in einer innigen und niemals enden wollenden Umarmung. Tränen flossen aus ihrer beiden Augen und ihr Atem bebte. »Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.« flüsterte Endres und er spürte wie sein ganzer Körper zu zittern begann. Die Menschen um Endres und Valésia herum schenkten ihnen kaum Beachtung. Endres vergaß sie allesamt. Die Ritter, die Knappen. Die Stallburschen. Selbst die hohen Damen, welche hier und da über das Feld zu gleiten schienen. Endres hob den Kopf. Seine Hände ließen von Valésia ab und er legte sie zu beiden Seiten an ihren Kopf und zog sie an sich heran. Ohne weiter darüber nachzudenken gab er ihr einen Kuss der all die Freude, die Erleichterung und auch die Sehnsucht, die er die letzten Tage verspürt hatte, mit einem einzigen Atemzug ausbrechen ließ. Als ob eine schwere Last von seinen Schultern genommen worden wäre. Und Valésia ließ sich mitreißen. Sie legte ihm die Hände in den Rücken und in den Nacken und erwiderte den Kuss.

Die Menschen hielten inne. Sie starrten Endres und Valésia an. Manche von ihnen begannen zu tuscheln. Andere wandten beschämt die Blicke ab. Zwei Männer! Sie küssten sich ungeniert vor den Augen aller Anwesenden! Es war unschicklich und provokant! Sie mussten Reiter aus dem Süden sein. Es war ja bekannt, dass dort Lasterhaftigkeit und Unzucht herrschte. Ahrwart lag an der Grenze. Und drüben, auf der anderen Seite des Flusses, lag bereits der verruchte Süden. Mit all seinen Lastern und unmoralischen Sitten. Endres und Valésia schienen die Blicke auf sich zu spüren. Und da lösten sie sich schließlich von einander und als die Menschen sie mit gemischten Blicken straften, da wandten sie sich, beinahe beschämt von den Menschen ab. Ob sie überhaupt gemerkt hatten, dass Valésia kein Knabe gewesen war? Doch sie trug die Kleidung eines Recken. Nein, sogar die eines Ritters. Eine Frau in Männerkleidung! Das war vermutlich genauso unschicklich, wie der Kuss zweier Ritter.

Endres legte Valésia die Hand in den Rücken, um ihr auf das Pferd zu helfen. Er hatte sie endlich wieder gefunden! Sein verrückter Plan, ihre Aufmerksamkeit durch die Teilnahme am Rennen zu gewinnen hatte funktioniert! Nun war es ihm völlig egal, was die Leute dachten. Sollten sie doch reden und spotten und tuscheln! Sie hatten sich endlich wieder. Und nun hielt sie nichts mehr davon ab, endlich über die Stramark Brücke in den Süden zu entfliehen! Hinfort von all diesen Menschen. Hinfort von dem drohenden Buhurt. Und hinfort aus dem langen und bedrohlichen Schatten des Herzogs von Ajaran.

Doch der Pöbel machte Endres einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Männer, Frauen und Kinder. Immer mehr Menschen näherten sich Endres. Doch anders als die empörten und strafenden Blicke der Adeligen waren ihre Gesichter voller Freude und ihre Augen leuchteten beinahe ebenso hell wie ihr Lachen. »Apfelritter!«, rief ein Mädchen, welches höchstens zehn Jahre alt sein mochte. »Apfelritter!«, tönte die Stimme einer Frau, welche einen roten Apfel in der Hand hielt und diesen Endres darrreichte. Die Menschen drängten sich um Endres und Valésia. Manche schenkten ihm nur Glückwünsche. Hände legten sich auf seine Arme und seine Schultern. Und mit einem Mal fand sich Endres umgeben von Menschen und Gefolgsleuten, die er noch niemals in seinem Leben gesehen hatte. Der Regen hatte aufgehört und die Wolkendecke brach auf, als ein warmer Sonnenstrahl auf Endres herabschien. Und da veränderte sich etwas in ihm. So fühlte sich der Ruhm also an. Wenn Menschen einem zujubelten, nur weil man einen Sieg errungen hatte. Seine anfängliche Scheu wich mehr und mehr einem stolzen und freundlichen Lächeln. Er nahm den Apfel entgegen. Er schüttelte eine Hand. Er erwiderte Berührungen. Die Aufmerksamkeit um Endres' erweckte schließlich auch die der Adeligen. Zuerst nur die der Heckenritter und Freiherren. Manch einer von ihnen trat an Endres heran und klopfte diesem anerkennend auf die Schulter. Eine hohe Dame, in Begleitung einer Zofe und einer älteren Hofdame in ihrem Schatten, lächelte Endres zu. Und als Endres das Lächeln unbekümmert erwiderte, schien sie förmlich zu erröten und bedeckte ihren Mund mit einem Tuch. Sehr zum Verdruss der Hofdame, welche sich förmlich zwischen Endres und die Dame drängte. Und auch Valésia schien dies bemerkt zu haben und trat aus dem Schatten hinter Endres hervor. Doch sie war keine Dame. Sie trug kein Kleid. Keinen edlen Schmuck. Sie war ein Mann. Ein junger, zierlicher Mann, mit langem Haar und einem wunderschönen Gesicht, wie das einer Porzellanfigur. Endres ergriff Valésias Hand, doch die Woge der Gemeinen schob sie immer wieder hin und her, bis sich ihre Hände voneinander lösten. Sie wurden getrennt. Endres Herz stockte und ein Schauer des Schreckens überkam ihn, wenn auch nur für einen Moment. »Val…Sija!«, hauchte er und seine Blicke hafteten sich förmlich auf die Frau seines Herzens. »Apfelritter! Apfelritter!«, riefen die Menschen und Endres fühlte sich mehr und mehr unwohl in seiner neuen, ruhmreichen Rolle.

Ein Herold trat in die Menge. »So bedrängt ihn doch nicht so!«, bellte er und es kehrte etwas Ruhe ein. Der Mann schüttelte mürrisch den Kopf, doch ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. »Der Vogt…« sagte er und nickte in die Richtung der großen Tribüne. »Er harrt auf den Sieger. Alle anderen Recken sind bereits dort.« Da überkam Endres ein neuerlicher Schauer. Die Ehrung. Im Trubel der Menge und der unerwarteten Wiedersehensfreude mit Valésia hatte er gar nicht mehr daran gedacht, dass dem Sieger des Rennens auch ein Preis verliehen werden mochte. Endres nickte und straffte sich seine Tunika. Und erst da bemerkte er, dass die Sonne verlaufen war. Nun verstand er das Aufsehen des Pöbels. »Apfelritter…«, murmelte und strich sich über die verlaufene Sonne. Die Farbe war inzwischen schon wieder getrocknet. Hier und da blätterte etwas davon ab. Endres seufzte. Am liebsten hätte er diesen unsäglichen Wappenrock einfach vom Kopf gestreift und in die nächste Ecke gepfeffert. Er warf Valésia einen letzten Blick zu. »Warte beim Pferd.«, hatte er noch gesagt, eher der Herold ihn fortführte. Warte beim Pferd. Und dann fliehen wir…

Endres wurde vor die Stadtvogte von Ahrwart und Furtwart geführt. Die beiden ungleichen Männer wirkten unbeholfen bei ihrem Versuch möglichst feierlich zu wirken. Doch Endres nahm kaum Notiz von ihnen. Sein Blick harrte auf der Frau, welche hinter den beiden Männern auf einem kunstvoll verzierten Stuhl saß, der beinahe an einen Thron erinnerte. Ihr Haar glänzte im Sonnenlicht und der grüne Smaragd in ihrem edlen Diadem verlieh ihr eine fast mystische Schönheit. Sein Blick glitt über ihr Kleid. Ihr freizügiges Kleid. Eines ihrer Beine blitzte zwischen den Stoffen heraus. Die Frau war es die seine gebannten Blicke auf ihr hielt. Doch der Mann, welcher vor den Vogten stand, war es, der Endres einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Valésias Bruder.

Roméro hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wippte immer wieder zwischen Ferse und Ballen auf und ab. Als ob er die Langeweile, die ihn beherrschte, kaum noch auszuhalten vermochte. »Verehrte Damen und Herren!«, rief der Vogt von Ahrwart. Die Menschen sahen zu ihm. Alle, mit der Ausnahme zweier Augenpaare. Endres und Roméro. Sie starrten sich an. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Kein Lächeln. Keine bösen Blicke. Nichts. Roméro starrte Endres einfach nur an. Und Endres konnte nichts anderes machen als stumm zurück zu starren. »Hiermit verkünden wir den Sieger des ersten Rennens.«, rief der zweite Stadtvogt. Doch auch jetzt lösten sich die Blicke der beiden kaum voneinander. »Ser Eskel von Hohenehr!« Applaus brandete auf. Jubel ertönte. Der eine oder andere aus der Menge rief laut. »Apfelritter!« Und der Vogt lächelte erhaben. »Der Apfelritter!« Da riss Endres den Kopf in die Höhe. Jetzt hatte es sogar der verdammte Vogt gesagt! Vor allen Leuten! Damit war es beinahe wie ein offizieller Titel geworden. Endres kräuselte die Lippen. Er wollte nur noch zu Valésia und so schnell wie möglich diesen Ort hinter sich lassen. Noch länger als ein Apfelritter bezeichnet zu werden, ließ ihn sauer den Mund verziehen.

Der Vogt breitete die Hände aus und gemahnte die Menge zur Ruhe. »Der Sieger möge vor seine Hoheiten treten!«, rief der Vogt feierlich und Endres ließ sich von dem Sog der Menge förmlich treiben. Endres trat auf die hölzernen Stufen und jeder Schritt fühlte sich an wie der Gang zum Schafott. Der Zwiespalt, der in ihm einen stummen Kampf ausfocht war nicht zum Schweigen zu bringen. Flieh du Narr. Sonne dich in deinem verdienten Ruhm du Held! Roméro hat dich erkannt, sei nicht dumm! Die Königin des Südens! Die Gedanken sprangen wild hin und her. Und schließlich stand Endres vor dem Vogt, welcher ihm feierlich den Preis überreichte. Endres nahm ihn stoisch entgegen, während er vermied den hohen Adeligen, dem Bruder seiner Herzensdame, oder gar dem Vogt selbst in die Augen zu schauen. Nun stand er hier. Auf dem Podest. Und jeder der Anwesenden konnte ihn sehen. Endres starrte auf den kleinen ledernen Beutel, welcher ihm überreicht worden war. Ein paar Silbermünzen vermutlich? Und dann trat eine junge Dame aus dem Kreis der Adeligen hervor. Es war die Tochter eines Würdenträgers. »Die Gunst der weißen Dame!«, rief der Herold. Endres verstand nicht wirklich was es zu bedeuten hatte. Doch in den Turnieren des Südens war es üblich, dass eine holde Maid den Siegern eine Nadel des Sieges ans Wams steckte. Ihre feinen, zierlichen Hände hielten eine kleine Nadel in der Hand. Sie hielt den Blick züchtig gesenkt und trat an Endres hervor. Ihre Hände berührten sein Wams. Endres spürte das Zittern ihrer Hände. Sie steckte die kleine Nadel in den Stoff und senkte dann den Kopf. Endres warf ihr schließlich einen neugierigen Blick zu. Doch ihr Gesicht war von einem dünnen Schleier verhüllt. Als sie ihre Hände wieder zurückgezogen hatte, und diese vor ihrem Schoß faltete, da trat sie einen Schritt zurück und hob den Saum ihres Kleides. Mit einem vornehmen Knicks verbeugte sie sich leicht und trat dann noch einige Schritte zurück. Endres sah auf die kleine Nadel. Sie war aus Silber. Kein besonders wertvolles Stück. Der Kopf der Nadel bildete die Blüte einer Rose. Die Rose der weißen Dame. Es war ein Kunstvoll gefertigtes Stück, aus der Hand eines Silberschmieds. Nichts von großem Wert, denn die Nadel war schmucklos. Keine Verzierungen. Keine weiße Emaille. Keine Gravuren. Einfach nur eine Nadel mit dem Kopf einer weißen Rose.

Endres verbeugte sich zu der jungen Dame und legte sich dann die Hand auf die Brust, als ob er gespürt hätte, dass dies von ihm erwartet worden war. Dann räusperte sich die Königin des Südens. Sie hob ihre linke Hand und bot diese leicht erhoben, aber matt und gebieterisch dar. Endres Blicke wurden sichtlich verlegen. Er wusste, was hier von ihm erwartet wurde. Doch seine Blicke glitten immer wieder von der Hand zu dem Dekolleté der Frau. Er schlug die Augen nieder, in der Hoffnung, dass es niemand bemerkt hatte. Doch jedes Mal wenn er neuerlich den Blick hob, haftete sich dieser kurz darauf wieder auf die Königin. Und nicht auf ihre Hand. Er räusperte sich und trat vor die Königin. »Meinen Glückwunsch, werter Ser.«, säuselte die Königin mit einer ruhigen Stimme die den rauschenden Wogen des Meeres glichen. Endres nahm die Hand der Königin, beugte sich hervor, und deutete einen Kuss über ihrer Hand an, ohne diese dabei zu berühren. Dann zog sie ihre Hand zurück und legte diese über der anderen auf ihren Schoß. »Ser Eskel von Hohenehr.«, erhob schließlich Havel Arelon, der König des Südens« Endres löste seine Blicke von der Königin und sah stattdessen zu ihrem Gemahl. »Ein Haus, dessen Name mir unbekannt ist.«, murmelte der König und lehnte sich ein wenig auf seinem Thron hervor. Endres erstarrte innerlich. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch seine verkrampfte Miene musste doch jeder hier bemerkt haben! Endres nickte schließlich und deutete auch vor dem König eine Verbeugung an. »Eure Majestät?« »Sage er mir. In welchem der beiden Reiche liegt die Hohenehr?«, verlangte der König zu erfahren und da erinnerte sich Endres an seine Gedanken. Er musste eine gute Geschichte liefern. Eine gute Geschichte und sie dann niemals verändern, damit niemand Misstrauen schöpfte. »Mit Verlaub, euer Gnaden…«, erhob Endres mit gespielter Demut. »Die Hohenehr ist ein Lehen im Reich Namarra. Einst Vasall des Sonnenkaisers.« Da runzelte Havel die Stirn und er nickte. Die Königin schnalzte süffisant mit der Zunge. »Ein Ritter aus fernen Landen?« Endres nickte, doch er erwiderte nichts darauf. Nur einen weiteren scheuen, fast unterwürfigen Blick. Doch er wagte es nicht die Königin anzusehen, aus Furcht davor ihr wieder unschicklich auf den Busen zu starren. Da lachte die Königin glockenhell und wandte sich an die Adeligen, welche zu ihrer Rechten saßen. »Ein Fremder hat euch geschlagen. Wie groß muss euer Gram nur sein?« Sie lachte und schenkte Endres ein fast herausforderndes Lächeln. Auch der König des Südens lächelte. Doch in seinem Lächeln lag ein unergründlicher Blick, der Endres einen Schauer über den Rücken warf. »Er darf sich nun entfernen.«, murmelte Havel und Endres fiel dabei ein schwerer Stein vom Herzen.

Als er schließlich von der Tribüne herabstieg, da bemerkte er Roméro erneut. Der Sohn des Bernsteingrafen und sein Erbe. Valésias Bruder. Er stand noch immer da. Mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt. Und dann. Zwinkerte er und ein schiefes, verstohlenes Lächeln, huschte über sein Gesicht. Roméro wandte sich ab und ging dann einfach fort und ließ einen verdutzten Endres zurück.

Endres eilte zu Valésia. Er konnte es kaum erwarten sie wieder in die Arme zu schließen. Doch dies musste warten, bis sie endlich wieder unter sich waren. Alleine…bei Kerzenschein…in einem weichen Bett. Endres Gedanken schweiften ab und er musste dabei Lächeln. Es war eigentlich mehr ein breites Grinsen. Als ob seine Gedanken ein Bild vor seinem geistigen Auge gezeichnet hätten und er jeden Augenblick genoss, der sich ihm darbot. »Los, Wir verschwinden.«, raunte Endres, als er Valésia erreicht hatte. »Wo hast du dein Pferd?« Er sah sich verstohlen um. »Und das Geld?« Dabei dämpfte er die Stimme zu einem fast tonlosen Raunen. Seine Gedanken schweiften ab. Fort von der Königin und ihrem hübschen Kleid. Fort von dem hübschen Kleid und was sich darin verborgen gehalten hatte. Fort von dem König und seinen seltsamen Fragen. Fort von Roméro und seinem verschwörerischen Zwinkern. Seine Gedanken wurden nur noch von zwei Dingen beherrscht. Valésia, die Bernsteinrose. Und die zwei prall gefüllten Beutel mit all ihrer Habe. Und da wurde er sich des kleinen Beutels gewahr, welchen er als Preis erhalten hatte. Er zog das Lederband auf und schüttete den Inhalt in seine offene Hand. Vier Münzen fielen ihm in die Hand. Eine davon war golden. Doch sie war keine Goldmünze. Es war eine vergoldete Münze aus Eisen. Das Wappen Ahrwarts auf der einen Seite und das Wappen Furtwarts auf der anderen. Eine Ehrenmünze für den Sieger. Er starrte sie ungläubig an und der goldene Schimmer der polierten Münze spiegelte sich in den Iriden seiner hellen, grauen Augen wieder. Doch dann wurde er sich der anderen drei Münzen gewahr. »Drei Silbermark?« Er seufzte. »Naja, besser als nichts, oder?« Doch Valésia deutete auf die Münzen. »Das sind drei Damen.« Endres verstand nicht, was sie damit meinte. Er sah die Münzen nochmals genauer an. Sie hatte Recht. Jede der silbernen Münzen zeigte das Bildnis einer anderen Frau. »Das sind die Drei. Die Junge. Die Mutter und die Alte. Es bringt Glück, einen ganzen Satz sein Eigen zu nennen.«, erklärte Valésia mit einer beinahe ehrfürchtigen Feierlichkeit in der Stimme. Endres nickte. Nun. Er gab nicht viel auf die religiöse Bedeutung dieser drei Münzen. Für ihn waren es einfach nur drei Silbermark. Nicht mehr und auch nicht weniger.

»Drei Damen.«, Ertönte die Stimme eines Mannes, welcher an die Beiden herangetreten war. »Der Segen der Drei scheint euch hold zu sein.« Endres wandte sich zu dem Mann um und sah in die blauesten Augen, die er je gesehen hatte. Sie wirkten beinahe wie gefrorenes Eis. Der Mann hatte Schulterlanges, gepflegtes, braunes Haar. Ein echter Ariader einer vermutlich alten, ruhmreichen Linie. Er trug einen Schnauzbart und hatte eine dunkelblaue Tunika aus feinster Wolle, auf welcher ein silberner Turm und darüber ein ebenso silberner Falke mit ausgespreizten Flügeln prangerte. Und unter seinem Arm trug er den Helm eines Turnierritters. »Verzeiht.«, hob der Ritter an und deutete eine verhaltene, seinem Stand angemessene Verbeugung an. »Ich vergaß mich vorzustellen.« Er warf Endres einen entschuldigenden Blick zu, und dann hafteten sich seine Blicke auf Valésia. Er stutzte. Doch er erkannte ihre unverkennbare Schönheit, die trotz, oder vielleicht auch gerade wegen, ihrer Männerkleidung ihm nicht unbemerkt geblieben war. »Mein Name ist Waldemar von Falkenstein. Der Baron von Falkenstein. Man nennt mich den silbernen Falken.« Er tippte kurz und unscheinbar auf den Falken auf seiner Brust und reichte Endres dann die Hand. Endres erwiderte den Gruß und deutete nun ebenfalls eine Verbeugung an. »Meinen Glückwunsch zum Sieg, Ser Eskel von Hohenehr.«, stellte Waldemar fest und warf dann einen Blick auf Valésia. »Und euer Name, Herrin?« Seine Blicke schienen Valésia regelrecht zu mustern. Endres räusperte sich. »Sie ist meine Gemahlin.« »Sija.«, antwortete Valésia mit einem Zögern in der Stimme. Da zwirbelte Waldemar seinen Schnurbart. »Es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Sija, von Hohenehr.« Doch er warf einen neuerlichen, beinahe neugierigen Blick auf Valésia. Endres runzelte die Stirn. Für seinen Geschmack schenkte er Valésia beinahe zu viel Aufmerksamkeit. Nicht, weil Endres egoistisch, ob der ihr geschenkten Aufmerksamkeit, gewesen wäre. Valésia war eine schöne Frau. Eine sehr schöne Frau. Und dieser Ritter war ein edler Herr. Gutaussehend. Ein Baron! Vermutlich vermögend und adrett gekleidet. Allerdings hafteten seine Blicke förmlich auf seiner Herzdame. »Verzeiht mir, Herrin. Doch ich muss diese Frage stellen. Warum tragt ihr die Gewandung eures Gemahls?« Dabei warf er verwunderte Blicke welche er sowohl Endres als auch Valésia zuwarf.

Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht worden waren, räusperte sich Waldemar. »Ser Eskel.«, begann er schließlich. »Zweifellos fragt ihr euch, warum ich an euch herangetreten bin?« Endres nickte und warf einen suchenden Blick zu Valésia, welche ebenso neugierig schien wie Endres selbst. »Nun. Ihr seid ein fahrender Ritter aus fernen Landen.« Er lächelte milde. »Für gewöhnlich wissen die Menschen wer ich bin, sobald sie meinen Namen hören. Darum will ich es euch gerne erklären.« Wieder zwirbelte er seinen Schnurbart und lächelte dabei einvernehmend. »Ich bin ein Glücksritter.«, begann Waldemar. »Anders, als viele fahrende Ritter, Heckenritter und Glücksritter, bin ich mit einem großzügigen Erbe gesegnet worden. Doch zog es mich Zeit meines Lebens auf das Feld der Ehr. Ruhm und Ehre, das ist es, wonach ich stets strebte. Und wenn ihr die Ritter hier fragt, werden viele zweifellos bestätigen, dass Waldemar von Falkenstein ein Name von Bedeutung ist.« Damit hatte Waldemar sich genug in seinem Ruhm gesonnt. Waldemar deutete auf die kleine Rose, welche Endres' Wams zierte. »Die Rose der weißen Dame. Und die drei Damen von Alatea. Ihr reitet gut, Ser Eskel.« Er straffte seinen Rücken und nickte dabei. Endres nickte anerkennend, doch etwas in ihm wusste, dass dieser Waldemar etwas von ihm wollte. »Habt Dank.«, erwiderte Endres nur und Waldemar kräuselte zufrieden die Lippen. »Kämpft ihr auch so gut, wie ihr reitet?« Da zog Endres die Stirn in Falten. »Ich weiß mit dem Schwert umzugehen…«, antwortete Endres und da seufzte Waldemar wissend. Ein echter Ritter hätte geprahlt. Er hätte von seinen ruhmreichen Taten gepriesen. Von den errungenen Siegen berichtet. Endres hatte dies nicht getan. War er nur bescheiden, oder war dies nur eine versteckte Andeutung, dass er kein geübter Kämpfer war? Waldemars Neugier war entfacht worden und dann wurde seine Miene ein wenig ernster. »Ich sehe keine Knappen. Kein Banner. Und kein Gefolge. Ihr reist alleine, habe ich Recht?« Damit hatte er Endres förmlich durchschaut. Der Lügenbaron nickte und Waldemar lächelte wissend. »Nun. Glücksritter wie wir, sind stets auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Nicht wahr?« Wieder nickte Endres. »Der Segen der weißen Dame und der Drei ist euch gewogen. Die Rose der weißen Dame schmückt bereits euer Wams.«, hob Waldemar an und lächelte dabei unergründlich. »Manch einer würde darin ein gutes Omen sehen. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben. Männer kämpfen lieber an der Seite eines Siegers als gegen ihn.« Endres lächelte verlegen, doch Waldemar hatte noch nicht fertig gesprochen. »Ich stelle für den morgigen Buhurt eine Schar zusammen. Und ich biete euch einen Platz unter meiner Schirmherrschaft an, wenn ihr denn Interesse habt?« Waldemar sah Endres mit ernster und erwartungsvoller Miene an. Doch Endres stockte der Atem. Es war großzügiges Angebot. Das wusste Endres. Und es würde ihm, sollte er am Buhurt teilnehmen, einen unerwarteten Vorteil verschaffen, den er alleine niemals gehabt hätte. Doch seine Gedanken kreisten um Valésia und ihre Flucht. Waldemar schien das Zögern des falschen Adeligen auf seine Weise zu deuten. »Nun. Ich erwarte keine sofortige Antwort. Ihr könnt in euch gehen. Bis zum Abend erwarte ich eure Entscheidung.« Er nickte und warf dann Valésia einen milden, freundlichen Blick zu und verbeugte sich ergeben vor ihr. »Ich erwarte allerdings, dass jeder Mann, der unter meinem Banner kämpft, auch mein Banner trägt.« Damit deutete er auf das verwaschene Apfelwappen des Apfelritters. »Und seine eigene Ausrüstung stellt.« Und damit lenkte Waldemar die Aufmerksamkeit auf den Helm, welchen er die ganze Zeit über unterm Arm getragen hatte. »Den habt ihr wohl verloren. Ich fand ihn bei eurem Pferd.« Er überreichte ihn Endres und zwirbelte zum wiederholten Male seinen Schnurbart. »Ich erwarte eure Antwort zur blauen Stunde.« Und damit entfernte sich Waldemar von Endres und Valésia und ließ diese wortlos zurück.

»Kennst du diesen Waldemar?«, flüsterte Endres und sah Valésia dabei erwartungsvoll an. »Er wirkt auf mich wie ein Mann von Ehre. Vielleicht…« Endres schüttelte den Kopf. Die Verlockung war da. Endres erinnerte sich an jenen Moment des Ruhmes, nach dem Sieg des Rennens. Es war ein besonderes Gefühl gewesen, welches sich seiner bemächtigt hatte. Und auch wenn es töricht war. Ein Teil von ihm wünschte sich, mit diesem edlen Ritter gemeinsam im Buhurt zu stehen und zu Ruhm und Ehre zu finden. Doch die Vernunft siegte schließlich. »Wir sollten das Geld holen und fliehen.«, murmelte Endres und Valésia nickte beipflichtend. Als Endres von Valésia erfuhr, dass sie das ganze Geld in die Obhut des Tempels der Drei gegeben hatte, stockte ihm der Atem. Doch er erkannte die Notwendigkeit dahinter. Es wäre viel zu gefährlich gewesen so viel Geld in einem Gasthaus zu hinterlegen. »Nun. Dann gehen wir jetzt am besten in den Tempel und holen das Geld, oder?« Er bot Valésia den Arm dar, um gemeinsam mit ihr zum Tempel zu schlendern. Endres hatte es nicht eilig. Er fühlte sich befreit. Er hatte Valésia wieder gefunden und an seiner Seite. Der drohende Buhurt war in weite Ferne gerückt. Sie würden einfach das Geld holen, auf die Pferde sitzen und gemeinsam, im Sonnenuntergang, in den Süden reiten.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit den Beiden. Als sie den Tempel der Drei erreicht hatten und Valésia ihr Losungswort genannt hatte, um das hinterlegte Geld auszulösen, da seufzte der Tempeldiener. »Der Name ist der richtige. Das Losungswort wurde korrekt genannt.«, hob der Priester an und tat einen tiefen, ausgedehnten Atemzug. »Doch ich bin wirklich untröstlich.« Damit warf er den beiden einen beinahe entschuldigenden Blick zu. »Der Schatzmeister hatte, aufgrund des Turnieres, veranlasst dass euer Geld in die Schatzkammer der Obhut überführt würde. Es sind so viele Menschen in der Stadt.« Endres kaute genervt auf den Lippen herum. »Können wir nicht einfach zur Kammer der Obhut gehen, und dort die Auszahlung unserer Habe fordern?«, murrte Endres ungehalten und der Priester schüttelte untertänig den Kopf. »Nur der Schatzmeister des Ordens hat den Schlüssel zur Kammer der Obhut. Und nur ihm und den Archivaren ist der Zutritt gestattet. Ihr müsst verstehen, Herr. Solche Turniere ziehen nicht nur die edlen, rechtschaffenen Ritter an. Auch allerlei Gesindel. Und seit dem jüngsten Vorfall in Ajaran, als ein Ketzer die Spenden der Prozession gestohlen hatte, hat der Ordensmeister verfügt, dass größere Summen in der Schatzkammer aufbewahrt werden sollen. Besonders während des großen Turniers.« Da seufzten Endres und Valésia resignierend. Und die tragische Ironie daran war, dass Endres selbst dieser ketzerische Flegel gewesen war. Schließlich nickte er und wischte sich eine störrische Haarsträhne aus dem Gesicht. »Nun denn. Und wann können wir mit dem Geld rechnen?« Der Bote blätterte in einem kleinen Buch, welches auf seinem Tisch lag. Er flog über die Zeilen aus Tinte und Pergament und hob dann den Kopf. »Ich werde einen Boten ausschicken lassen. In…« Er schien nachzudenken und prüfte erneut einige Zeilen in seinem Buch. »…drei Tagen. Der Schatzmeister ist leider gerade in Furtwart. Und er wird frühestens in zwei Tagen zurückerwartet.« Endres seufzte.

Als sie den Tempel verließen stöhnte Endres theatralisch. »Drei Tage? Von wegen die Gunst der Drei!«, blaffte er schnippisch. »Die drei spielen ein grausames Spiel mit uns!« Er trat nach einem losen Stein der auf der Straße lag und wischte sich die störrische Haarsträhne, welche ihm erneut ins Gesicht gefallen war, wieder aus dem Gesicht. »Was machen wir jetzt, mein Liebster?«, erkundigte sich Valésia und da fiel Endres dieser Waldemar wieder ein. »Wir gehen zu Ser Waldemar. Er hat uns eine Schirmherrschaft angeboten. Das ist besser als nichts. Wir können unter seinem Banner die drei Tage aussitzen. Und niemand wird uns allzu sehr behelligen. Solange wir niemanden auffallen.« Valésia nickte. Eine bessere Idee wollte ihr wohl auch nicht einfallen.

Als sie schließlich an das Zelt von Ser Waldemar von Falkenstein herantraten, winkte ein Knappe sie heran. »Herr. Ser Eskel.« Waldemar erhob sich von seinem Stuhl und ein breites Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. »Ah. Ihr habt euch also entschieden?« Da lächelte Endres verkrampft. Als ob sie eine andere Wahl gehabt hatten. »Es scheint so, Ser Waldemar.«  Der ruhmreiche Turnierritter, welcher erst letztes Jahr beim großen Turnier des Einhorns knapp auf dem dritten Platz gelandet war, lächelte wissend. »Nun denn. Dann kommt. Ich stelle euch die anderen Recken vor. Und dann reden wir…über den Lohn.« Endres hatte es geahnt! Es gab immer einen Haken! Doch nun konnte er sich nicht mehr herauswinden. Er konnte zappeln. Er konnte murren. Doch er würde langsam aber sicher aus dem Fluss gezogen werden. »Ser Bertram von der Westmark.« Er deutete auf einen gestandenen Ritter, dessen Rüstung aussah, als ob er sie aus allerlei Teilen anderer Rüstungen zusammengebaut hatte, die er bei verschiedenen Turnieren gewonnen hatte. »Ser Burkhart von Arkan.« Der Ritter trug einen roten Wappenrock. Endres wunderte sich. Ein Ritter von Arkan? Er musste vermögend sein, wenn er gänzlich in rot gekleidet, mit einer der teuersten Stoffe des Reiches, antrat. Doch wer wusste schon, warum er unter Waldemars Banner kämpfen wollte. Pragmatismus? Die Aussicht auf Ruhm? Oder vielleicht war er doch gar nicht so vermögend wie er es zur Schau stellte? »Freiherr Torben von Ahrwart. Ein Mann aus der Stadt.« Ein einfacher Stadtadeliger also. Endres musste schmunzeln. Er hätte wohl unter dem Banner Ahrwarts kämpfen können. War es seine eigene Entscheidung gewesen, oder wollten seine eigenen Leute ihn nicht haben? Er würde es wohl bald erfahren. »Und schließlich. Ser Tavian von Dornfels!« Waldemar deutete auf den letzten Ritter, welcher wohl eine Art Heckenritter zu sein schien. Er hatte eine einfache Ausrüstung. Aber er wirkte, als könne er kämpfen. Und das war ein gutes Zeichen. Endres hatte jedem der Recken die Hand gereicht und nun standen sich Tavian und Endres gegenüber. »Ser Eskel von Hohenehr.«, stellte Endres ihn den anderen Recken der Schar vor. »Unser fünfter Mann. Damit sind wir ein halbes Dutzend. Wie es der Brauch verlangt!«, erklärte Waldemar feierlich. Die Männer lächelten. Begrüßten Endres und nickten Valésia freundlich zu. Manche von ihnen sogar ritterlich und ergeben. Doch einer von ihnen wirkte sichtlich verwirrt. »Dieser Helm da…«, murmelte Tavian und deutete auf Endres' Helm, den er unterm Arm trug. »Der gehört mir!« Endres sah auf den Helm und dann huschte sein Blick zu Valésia. Er zog den Helm schützend an sich. Waldemar hatte ihm den Helm gegeben. Was redete dieser Tavian da nur? »Ich erkenne ihn.«, sagte Tavian beharrlich. »Woher habt ihr ihn?«, verlangte er zu erfahren und sah entschlossen drein. Dann fiel sein Blick auf Valésia…Sie trug andere Kleidung. Ihr Haar anders. Sie hielt den Blick abgewandt. Er erkannte sie zunächst nicht…doch dann sickerte etwas in seinen Blick. Ein Blick der Erkenntnis…
Erwischt ❖
baum-valésia folgte Ser Waldemars Blick und musste unwillkürlich an sich hinabblicken. Erst jetzt wurde ihr bewusst, welch eigentümliches Bild sie wohl abgeben musste. Die viel zu weite Tunika hing ihr beinahe bis über die Knie. Die Ärmel hatte sie mehrfach umgeschlagen, dennoch verschwanden ihre Hände beinahe darin, weil auch die Schultern viel zu tief am Ärmel angesetzt waren. Den ledernen Gürtel hatte sie so eng wie es nur ging um ihre Taille geschlungen, doch da dieser für einen Mann gefertigt worden war, ging sein Ende bis über ihre Knie. Man konnte es nicht leugnen, dass sie einen lächerlichen Anblick abgeben musste, aber das war ihr in diesem Moment völlig egal. Diese Maskerade hatte letzten Endes dabei geholfen, dass sie unerkannt aus dem Turnierlager hatte fliehen können, bevor der Recke aus Aramajé Bericht erstatten hatte können, was er vermutlich tun würde. Und es hatte ihr dabei geholfen, Endres wiederzubekommen.  Sie konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. „Nun...“, begann sie und strich sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr. „Eigentlich war das so nicht geplant.“ Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. „Ich hatte heute Morgen noch ein Kleid an.“ Für einen kurzen Augenblick schweiften ihre Gedanken zu Ser Tavian. Bei den Drei... Sie hoffte inständig, der arme Mann vermisste seine Kleidung nicht, die sie ihm… sie wollte den Gedanken kaum zu Ende denken… gestohlen hatte.  „Dann kam allerdings einiges dazwischen.“ Sie warf einen flüchtigen Seitenblick zu Endres, ehe sie den Baron wieder ansah. „Und da meinem Gemahl sein Knappe abhandengekommen war, hielt ich es für eine durchaus vernünftige Entscheidung, diese Aufgabe kurzerhand selbst zu übernehmen.“ Ser Waldemar hob amüsiert eine Augenbraue und nickte verstehend. Valésia erwiderte seinen Blick mit einer Gelassenheit, die sie selbst überraschte. Valésia erwiderte seinen Blick mit einer Gelassenheit, die sie selbst überraschte. Und noch etwas überraschte sie: Noch vor wenigen Monden, ja selbst Wochen, hätte sie sich bei einer solchen Ausrede verraten. Man hätte es ihr angesehen. Jeder Blick, jedes Zögern, jede Unsicherheit hätte sie entlarvt. Nun hingegen kamen ihr Ausflüchte, Unwahrheiten und selbst faustdicke Lügen und beinahe mühelos über die Lippen. Der Gedanke gefiel ihr nicht. Sie war nicht stolz darauf. Und doch hatten die vergangenen Wochen ihr auf schmerzliche Weise gezeigt, dass Aufrichtigkeit ein kostbares Gut war, das man sich nicht jedem gegenüber leisten konnte. Manchmal bedeutete eine gut erzählte Lüge nicht weniger als die Freiheit. Manchmal sogar das Leben. Diese Erkenntnis hatte sie sich nie gewünscht. Dennoch war sie inzwischen ein Teil von ihr geworden. Valésia wandte ihren Kopf zur Seite, griff nach Endres‘ Hand und lächelte ihn strahlend an. Noch vor weniger als einer Stunde hätte sie sich nicht vorstellen können, jemals wieder unbeschwert zu lächeln. Nun aber stand Endres neben ihr und allein seine Gegenwart schien ihr jene Leichtigkeit zurückzugeben, die sie während der vergangenen Tage verloren geglaubt hatte. Waldemar musterte sie noch einen Augenblick, dann schüttelte er mit einem amüsierten Lächeln den Kopf. „Ich gestehe, Herrin, in all den Jahren auf Turnieren habe ich vieles gesehen. Ritter, die ihre Knappen ausschimpften. Knappen, die ihre Ritter im Stich ließen. Sogar einen Stallburschen, der seinem Herrn den Helm verkehrt herum aufsetzte.“ Er ließ den Blick noch einmal über Valésias viel zu große Tunika gleiten. „Aber eine Gemahlin, die kurzerhand den Dienst ihres eigenen Knappen übernimmt, ist mir bislang noch nicht begegnet.“ Valésia konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Dann werdet Ihr vermutlich noch weitere Überraschungen erleben.“ „Ist das eine Warnung?“ fragte er sie und Valésia schüttelte den Kopf  „Nein, das ist keine Warnung“ erwiderte sie und schenkte ihm ein freundliches Lächeln.  Waldemar hob fragend eine Augenbraue. Valésia warf Endres einen kurzen Blick zu, ehe sie den Baron wieder ansah. „Ihr werdet feststellen, dass wir kein gewöhnliches Ehepaar sind.“ Das“, erwiderte Waldemar mit einem leisen Lachen, „hatte ich bereits zu ahnen begonnen.“

Während Waldemar sprach, wurde Valésia immer deutlicher bewusst, dass er ein Mann war, der seine Worte mit Bedacht wählte und dabei doch keinen Zweifel daran ließ, welchen Rang er in der Welt der Ritter einnahm. Ohne überheblich zu wirken, sprach er von den Erfolgen seines Hauses, seinem Streben nach Ruhm und Ehre und davon, weshalb ihn so viele Turnierplätze Ariads längst kannten. Es war kein hohles Prahlen. Eher die ruhige Gewissheit eines Mannes, der wusste, was er erreicht hatte. Doch was, wenn dieser Mann sich in seinem Ruhm sonnte, ohne das zu sein, was er vorgab? Schließlich kam er auf Endres zu sprechen. Er hatte den Sieg des Apfelritters aufmerksam verfolgt und schien ebenso beeindruckt von dessen Reitkunst wie neugierig auf den Mann hinter dem Namen Eskel von Hohenehr zu sein. Mit höflichen Fragen tastete er sich vor, erkundigte sich nach Endres' Kampferfahrung, seinem fehlenden Gefolge und den Umständen seiner Reise. Valésia bemerkte rasch, dass Waldemar keineswegs nur plauderte. Er prüfte sein Gegenüber, und schließlich offenbarte er den eigentlichen Grund seiner Annäherung. Für den Buhurt des folgenden Tages stellte er eine eigene Schar zusammen und bot Endres einen Platz unter seinem Banner an. Es war ein großzügiges Angebot, das jeder fahrende Ritter als Auszeichnung verstanden hätte. Valésia konnte kaum übersehen, wie sehr Endres die Aussicht reizte. Als Waldemar sich verabschiedet hatte und die beiden schließlich wieder unter sich waren, fragte Endres sie leise nach ihrer Einschätzung des Barons. „Er scheint mir ein Mann von Ehre zu sein“, antwortete sie nach kurzem Überlegen. „Zumindest einer, der seine Männer nicht leichtfertig in den Tod schickt. Aber wir kennen ihn nicht, und wenn ich eines auf unserer bisherigen Reise gelernt habe, dann, dass wir oftmals Menschen vertraut haben oder mussten und sich dieses als fatal herausgestellt hatte. Ich kann dir keinen gültigen Ratschlag geben, mein Liebster, ich wage es nicht!“  Mehr wagte sie nicht zu sagen. Sie kannte Waldemar kaum. Nüchtern betrachtet war er ein guter Mann.  Umso schwerer fiel es ihr, Endres daran zu erinnern, weshalb sie überhaupt nach Ahrwart gekommen waren. Sie mussten fort. Je schneller, desto besser. Sie befanden sich nun bereits so nahe an der Grenze, nach welcher sie schon so lange gestrebt hatten, dass die Komtess eine regelrechte Nervosität in sich verspürte. Sie waren so kurz vor ihrem Ziel, und es schien seit Monden nicht so zu sein, dass ihnen das Glück an den Fersen klebte. Im Gegenteil… Und als Endres den Vorschlag machte, zunächst das hinterlegte Geld aus dem Tempel der Drei zu holen und noch am selben Tag nach Süden aufzubrechen, nickte sie erleichtert. Genau das hatte sie sich erhofft.


Diese Erleichterung hielt jedoch nur bis zu jenem Augenblick an, als der Tempeldiener ihnen mit aufrichtigem Bedauern erklärte, dass ihre gesamte Habe inzwischen in die Schatzkammer überführt worden war. Wegen des Turniers würden größere Geldsummen nur noch dort verwahrt, und ausgerechnet der Schatzmeister befand sich für die nächsten Tage in Furtwart. Drei Tage. Valésia schloss für einen Moment die Augen. Ausgrechnet jetzt! Davon war, als sie das Geld zur Verwahrung gegeben hatte, keine Rede gewesen! Wären sie nicht dazu verpflichtet gewesen, ihr dies zu sagen? Sie fühlte sich von den Dienern ihres eigenen Glaubens regelrecht betrogen und sie konnte Endres kaum ansehen, als der Priester den Grund für diese verschärften Sicherheitsmaßnahmen erwähnte. Ein Ketzer hatte während der Prozession in Ajaran die Spenden geraubt! Und deswegen war jenes Geld, das zum Teil aus jeden geraubten Spenden bestand und das sie zur Verwahrung gegeben hatte, erst in drei Tagen wieder zu erhalten! Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass das Schicksal, oder der Wille der Drei launisch und grausam war. War es ein göttlicher Denkzettel der Drei? Stattdessen biss sie sich auf die Lippen und schwieg. Erst als sie den Tempel wieder verlassen hatten und Endres seinem Ärger über die Launen der Drei lautstark Luft machte, legte sie beruhigend eine Hand auf seinen Arm. „Es hilft nichts, mein Liebster“, sagte sie leise. „Drei Tage vergehen schneller, als sie im ersten Augenblick erscheinen.“ Endres schnaubte nur, doch sie bemerkte, wie sein Blick bereits wieder nachdenklich wurde. Und schließlich fiel sein Entschluss. Sie würden Waldemars Angebot annehmen. Weil die Schirmherrschaft eines angesehenen Barons für die kommenden drei Tage vermutlich der sicherste Ort war, den sie in ganz Ahrwart finden konnten. 


Während sie langsam nebeneinander durch die Straßen Ahrwarts schlenderten, erzählte Valésia ihm von den vergangenen Tagen. Anfangs fiel ihr das Sprechen schwer. Nicht weil sie nicht gewusst hätte, was sie sagen sollte, sondern weil sie kaum entscheiden konnte, wo sie überhaupt beginnen sollte. Es war, als lägen zwischen ihrer Flucht vor den Wanderfalken und diesem Augenblick nicht wenige Tage, sondern ein ganzes Leben. „Die erste Nacht“, begann sie schließlich, „habe ich kaum ein Auge zugemacht.“ Ihr Blick war ernst. „Immer wenn ich die Augen schloss, glaubte ich, Hufschläge zu hören. Ich war überzeugt, jeden Augenblick würden Reiter hinter mir auftauchen. Und ich habe mir unsagbare Sorgen um dich gemacht, mein Liebster. Eigentlich wollte ich dich nicht zurücklassen und ohne dich fliehen. Nach den ersten Schrecksekunden habe ich es bereits bereut, und hatte überlegt, ob ich zu dir umkehren sollte…“ Ihr Blick glitt für einen Moment über das geschäftige Treiben der Straße. „Irgendwann habe ich begriffen, dass die größte Gefahr nicht hinter mir lag, sondern vor mir, denn eine Frau die ganz alleine reist, und mit soviel Besitz in ihren Taschen… Sie atmete leise aus. „Doch ich habe mich ganz gut geschlagen, und die Drei waren an meiner Seite. Kurz vor Ahrwart begegnete ich einem Ritter. Ser Tavian von Dornfels.“ Sie lächelte bei der Erinnerung. „Er war ausgesprochen höflich. Er bemerkte wohl rasch, dass ich allein unterwegs war, und bot mir an, mich bis nach Ahrwart zu begleiten.“ Einen Augenblick dachte sie an den jungen Ritter zurück. An seine ruhige, formvollendet höfliche Art. An seine Geduld. Dass er sie nie zu etwas gedrängt hatte obwohl sie deutlich den Eindruck gemacht hatte, dass sie etwas zu verbergen hatte.  „Ich war nicht sicher, ob er mich für eine alleinreisende Adelige gehalten hat oder eine bürgerliche Frau…“ überlegte sie.  „Auf jeden Fall eine verlorene. Vermutlich machte ich auch genau diesen Eindruck, obwohl ich versuchte dies zu verbergen.“ Sie lachte leise. „Er fragte mich erstaunlich wenig. Das mochte ich an ihm. Er schien zu spüren, dass es Dinge gab, über die ich nicht sprechen wollte, und ließ sie einfach ruhen.“ Sie schwieg. Vor ihrem inneren Auge erschien für einen flüchtigen Augenblick Tavians Zelt. Die geöffnete Truhe. Die viel zu große Tunika. Der Helm. Vor allem der teure Helm! Und schließlich der dumpfe Schlag ihres schlechten Gewissens, als sie mit allem davongeeilt war. Sie überlegte, ob sie Endres auch davon erzählen sollte. Aber dann verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem dünnen Strich. Nein. Davon würde sie nichts erzählen. Was würde Endres nur von ihr denken, wenn sie ihm erzählte, dass sie einen Ritter der ihr zu Hilfe gekommen war, einfach bestohlen hatte? Und ebenso wenig wollte sie ihm von dem Recken aus Aramajé, der sie in dem Turnierlager beinahe umgerannt und danach erkannt hatte, erzählen. Und auch nicht von ihrer Panik, und von ihrer überstürzten Flucht, die sie letztendlich zurück zu Ser Tavian und der anschließenden Tat getrieben hatte. Das alles lag jetzt hinter ihr. Und sie wollte nicht, dass ausgerechnet das Wiedersehen mit Endres von Sorgen überschattet wurde, die längst überstanden waren. „Jedenfalls“, sagte sie schließlich und hob den Blick wieder, „…hat er mich wohlbehalten bis nach Ahrwart begleitet. Danach trennten sich unsere Wege.“ Es war keine Lüge, nur nicht die ganze Wahrheit. Und erneut erschrak sie darüber, wie leicht ihr Halbwahrheiten mittlerweile über die Lippen kamen. Und sie schreckte nicht einmal vor ihrem Liebsten zurück. 


„Ich habe mir gleich am ersten Abend eine Schenke direkt am Stadttor gesucht“, erzählte Valésia, während sie sich langsam durch die belebten Straßen treiben ließen. „Mit einem Fenster, von dem aus ich das Tor sehen konnte. Ich war fest davon überzeugt, dass du früher oder später dort auftauchen würdest.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Die ersten beiden Tage habe ich kaum etwas anderes getan, als am Fenster zu sitzen und hinaus zu starren. Ich habe mir sogar die Speisen aufs Zimmer bringen lassen, weil ich befürchtete ich verpasse dich wenn ich in die Gaststube essen gehe. Jedes Mal, wenn ein Reiter durch das Tor kam, dachte ich... jetzt bist du es.“ Ihr Lächeln verblasste. „Aber du kamst nicht.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Irgendwann hielt ich es dort einfach nicht mehr aus und sagte mir, es hat keinen Sinn, vielleicht bist du längst in der Stadt und suchst nach mir und dann würde ich dich ja gar nicht mehr finden. Also begann ich, die Stadt zu durchkämmen.“ Sie atmete tief durch. „Ich habe Wirte gefragt. Stallburschen. Händler. Fuhrleute. Bettler. Eigentlich jeden, der mir über den Weg lief.“ Ein leises Schnauben entfuhr ihr. „Am dritten Tag meinte einer der Torwächter schließlich, ein blonder Pferdehändler sei vor wenigen Tagen durch das Stadttor gekommen. Ich war so erleichtert, dass ich ihm beinahe um den Hals gefallen wäre.“ Sie lächelte matt. „Doch auch das war nur eine falsche Fährte.“ Sie hob die Schultern. „Mit jedem Tag wurde ich verzweifelter“, gestand sie schließlich leise. „Ich wusste irgendwann nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Ich habe mich nachts gefragt, was ich tun würde, wenn ich dich niemals fände.“ Sie hielt kurz inne. „Und ich hatte keine Antwort.“ Langsam rückte sie näher an ihn heran, bis ihre Schulter die seine berührte. „Ich weiß nur eines.“ Sie schmiegte sich an seinen Arm und schloss für einen flüchtigen Augenblick die Augen. „Ich werde nie wieder zulassen, dass irgendjemand oder irgendetwas uns voneinander trennt.“


„Ser Tavian von Dornfels.“ Im selben Augenblick fuhr Valésia der Schreck wie ein Messer durch den Leib und sie wandte den Kopf. Ser Tavian. Ihr Herz begann bis zum Hals zu schlagen. Von allen möglichen Rittern Ariads. Von allen Menschen, denen sie hier hätte begegnen können... Ausgerechnet er. Sie zwang sich, ruhig stehen zu bleiben. Nur nicht auffallen. Nur nicht... Da glitt Tavians Blick auf Endres. Genauer gesagt auf den Helm, den dieser achtlos unter den Arm geklemmt hatte. Seinen Helm. Den Helm, den Valésia ihm einfach entwendet hatte. Valésia sah, wie sich etwas in seinem Gesicht veränderte. Erst Verwunderung. Dann Erkenntnis. Und schließlich Fassungslosigkeit. Endres wirkte nicht minder überrascht, als Ser Tavian den Helm zurückforderte, und Valésia wünschte sich, der Erdboden täte sich zu ihren Füßen auf und würde sie verschlucken. Langsam hob sich sein Blick von dem Helm zu ihr, und sie wusste, dass jede weitere Täuschung zwecklos war. Sie sah in seinem Blick, dass er sie erkannte. Natürlich erkannte er sie, sie hatten genügend Stunden miteinander verbracht, dass man sich nicht gänzlich fremd war, wie bei einer flüchtigen Begegnung. Dennoch senkte sie instinktiv den Blick. Als könne sie dadurch ungeschehen machen, was längst geschehen war. „...Sia?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein ungläubiges Flüstern. Und dennoch schien sie im ganzen Zelt widerzuhallen. Alle Gespräche verstummten. Kein Wunder, schließlich war niemandem entgangen, dass Ser Eskel von Hohenehr einen Helm bei sich trug den Ser Tavian als den seinen erkannte.  Valésia schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Dann hob sie den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Sie sah keine Wut in seinem Gesicht. Keine Verachtung. Nur ehrliche Verblüffung. Und eine Frage, auf die sie ihm eine Antwort schuldete. Langsam senkte sie den Blick erneut. Sie hob die Seiten ihres Kleides mit beiden Händen, hielt einen winzigen Augenblick inne und vollführte schließlich den tiefsten und zugleich anmutigsten Hofknicks, dessen sie fähig war. Als sie sich wieder erhob, wagte sie es endlich, ihm in die Augen zu sehen. „Ser Tavian...“ Ihre Stimme war leise und voller aufrichtiger Beschämung. „Ich bitte Euch...“ Sie stockte einen Augenblick. „... gewährt mir eine Unterredung.“ Ein flüchtiger Blick glitt zu den übrigen Rittern. „Unter vier Augen.“ Für einen Moment sagte niemand etwas. Ser Waldemar sah fragend zwischen Ser Tavian und Valésia hin und her. Ser Burkhart zog eine Augenbraue hoch. Freiherr Torben musterte die beiden mit unverhohlener Neugier. Ser Bertram zupfte sich den Bart. Offenkundig war ihm nicht entgangen, dass sich hier mehr verbarg als eine flüchtige Bekanntschaft. Valésia hingegen wartete keine Antwort ab. Sie wusste, dass sie Tavian eine Erklärung schuldete. Eine Erklärung, die sie allerdings nicht vor den Augen aller Ritter geben wollte. Mit gesenktem Kopf trat sie aus dem Zelt hinaus. Einen Augenblick später folgten ihr ruhige Schritte. Sie musste sich nicht umdrehen. Sie wusste auch so, dass Ser Tavian ihr gefolgt war. Kaum hatten sie das Zelt hinter sich gelassen, blieb Valésia stehen. Eine Weile sagte sie nichts. Der Wind spielte mit den Bannern über ihren Köpfen, irgendwo wieherte ein Pferd, und von den Turnierwiesen drang gedämpfter Jubel herüber. All das schien plötzlich unendlich weit entfernt. Langsam drehte sie sich zu Tavian um. „Ich schulde Euch mehr als nur eine Entschuldigung.“ Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Hände hatten sich unbewusst ineinander verschränkt. „Ich habe Euch belogen.“ Sie senkte den Blick. „Mehr als einmal. Und das, obwohl ihr gut zu mir wart. Ihr habt mir Geleit und Schutz geboten. Ihr habt mich in eurem Zelt als Gast aufgenommen. Ihr habt mir geholfen, mir zugehört und mich niemals zu Worten oder Erklärungen gedrängt.“ Für einen Augenblick schwieg sie wieder, ehe sie ihn erneut ansah. „Ser Tavian... Ehe ich Euch erkläre, weshalb ich all das getan habe, muss ich Euch um etwas bitten.“ Er erwiderte ihren Blick schweigend. „Ich bitte Euch um einen Schwur.“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Welchen?“ Valésia atmete tief durch. „Schwört bei den Drei, dass alles, was ich Euch nun anvertrauen werde, niemals Euren Mund verlässt. Nicht morgen. Nicht in einem Jahr. Nicht unter Drohungen. Nicht gegen Gold.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern geworden. „Ich bitte Euch, es mit ins Grab zu nehmen, sofern ich Euch nicht eines Tages selbst von diesem Schwur entbinde.“ Tavian antwortete nicht sofort. Er sah sie lange an, als wolle er begreifen, welch ungeheure Last auf den Worten ruhte, die sie von ihm verlangte. Schließlich legte er langsam die rechte Hand an den Knauf seines Schwertes. „Bei den Dreien schwöre ich es.“ Seine Stimme war fest. „Mögen die Drei über meine Seele richten, sollte ich dieses Wort jemals brechen.“ Valésia schloss für einen flüchtigen Augenblick die Augen. Erst jetzt fiel die Anspannung ein wenig von ihr ab. „Habt Dank.“ Sie schwieg erneut. Dann sagte sie „Mein Name ist nicht Sia. Zumindest nicht der, mit dem ich geboren wurde.“ Sie hob langsam den Blick. „Mein Name ist Valésia.“ Wieder ließ sie einen Augenblick verstreichen. „Komtess Valésia von Aramajé.“ Sie sah, wie Tavian sie aufmerksam musterte, doch sie sprach weiter, ehe er Gelegenheit fand, etwas zu erwidern. „Ich bin die Tochter des Grafen von Aramajé.“ Diese Worte klangen ihr selbst fremd, als gehörten sie längst einem anderen Leben. Und doch war es schön, diese Worte wieder einmal auszusprechen, schließlich war sie stolz auf ihre Herkunft. „Und auch wenn es seltsam klingen mag, doch ich gelte als tot.“ Sie lächelte traurig. „Fast ganz Ariad glaubt, ich sei vor einigen Monden ums Leben gekommen.“ Ihre Hände schlossen sich fester ineinander. „Nur ist das nicht geschehen.“ Sie atmete tief durch. „Ich bin geflohen.“ Der Wind strich durch ihr Haar. „Der Mann, den Ihr vorhin kennengelernt habt... Eskel…nein, Endres ...ist mein Gemahl.“ Sie hob den Blick zum Himmel, als suche sie dort die richtigen Worte. „Wir flohen der Liebe wegen aus Aramajé.“ Mehr sagte sie zunächst nicht. „Und als ich Euer Lager verließ, war ich nicht auf der Flucht vor Euch.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Ich war auf der Flucht vor einem Recken aus dem Gefolge meines Vaters.“ Beschämt senkte sie den Blick. „Er hatte mich erkannt.“ Sie schloss kurz die Augen. „Ich wusste weder ein noch aus. Ich hatte panische Angst, dass er weitere Männer holen würde. Also tat ich das Erste, was mir in den Sinn kam.“ Ein gequältes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich war ja bereits auf dem Weg zu euch, und lief darum in Euer Zelt... und als ihr mir sagtet ihr wolltet nachsehen… nahm ich Eure Tunika... Euren Helm... und verschwand.“ Nun hob sie den Blick wieder und begegnete seinen Augen ohne auszuweichen. „Nicht, weil ich Euch bestehlen wollte.“ Ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Sondern weil ich glaubte, keine andere Wahl mehr zu haben.“ Sie hielt inne. „Glaubt mir, ich habe eine bessere Erziehung genossen als ich Euch zur Schau gestellt habe. Ich habe Euer Vertrauen missbraucht. Und ich bitte euch von Herzen um Vergebung.“

Ser Tavian schwieg lange. Langsam senkte er den Blick, atmete einmal tief durch und trat schließlich einen Schritt auf sie zu. Zu Valésias Verwunderung ging er vor ihr auf ein Knie. Sie wollte instinktiv einen Schritt zurückweichen. „Ser Tavian...“ Er hob leicht die Hand, nicht um sie zum Schweigen zu bringen, sondern als höfliche Bitte, ihn ausreden zu lassen. „Es gibt nichts, worum Ihr mich um Vergebung bitten müsst, verehrte Komtess von Aramajé.“ Seine Stimme war ruhig und frei von jedem Vorwurf. „Ihr habt mich nicht belogen, weil Ihr Gefallen daran gefunden hättet. Ihr habt es getan, weil Ihr Euch in einer Lage befandet, in der Vertrauen ein Wagnis gewesen wäre.“ Er hob den Kopf. Seine braunen Augen ruhten auf ihr, und zum ersten Mal glaubte Valésia darin nicht bloß die Höflichkeit eines wohlerzogenen Ritters zu erkennen, sondern aufrichtigen Respekt. „Vergebt vielmehr Ihr mir.“ Sie sah ihn überrascht an. „Ich habe Euch als eine einfache Reisende kennengelernt. Ich gestehe, ich war nicht sicher, welcher Frau ich mein Geleit anbot. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, wer Ihr wirklich seid. Für eine Bürgerliche wart Ihr zu fein erzogen, für eine Dame von Stand wiederum zu schlicht und genügsam.“ Für einen flüchtigen Augenblick huschte ein trauriges Lächeln über ihr Gesicht. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben… auch ich frage mich manchmal, wer ich eigentlich bin…“ Er nickte. „Gestattet mir nur eine einzige Bitte.“ Valésia erwiderte sein Nicken kaum merklich. „Nennt sie.“ „Erlaubt mir, Euch ein einziges Mal mit Eurem wahren Namen anzusprechen.“ Ihre Lippen öffneten sich, doch kein Wort kam über sie. Stattdessen lächelte sie sanft und neigte langsam den Kopf. Tavian erwiderte das Lächeln. Es war das stille Lächeln eines Menschen, der sich geehrt fühlte, dass man ihm Vertrauen geschenkt hatte. „Herrin Valésia.“ Nur diese beiden schlichten Worte. Und doch hatte Valésia beinahe das Gefühl, ihren eigenen Namen noch nie mit so viel Achtung ausgesprochen gehört zu haben.

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