Ein Fass ohne Boden ❖
29.07.2023 '03:00 [4.787 Wörter]
 chweigend lehnte Doréan mit dem Rücken an der Wand im Inneren eines alten Fasses, welches zu einem einfachen Nachtlager umfunktioniert worden war. Wenn man die Augen schloss, konnte man sogar noch den leichten Geruch dessen wahrnehmen, was einst in diesem Fass gelagert worden war. Aelia erzählte, warum sie nicht mehr im Aschemädchen geblieben war. Natürlich war es wegen Ronïa gewesen. Doréan seufzte. »Ich weiß, sie ist deine beste Freundin…« Doréan runzelte die Stirn und setzte dabei ein müdes Lächeln auf. »Eigentlich is sie mehr wie meine große Schwester. Wir sind zusammen aufgewachsen.«, murmelte Doréan, während Aelia weiter ihre Gründe erläuterte. »Aber ich... ich bin mit ihrer Art einfach nicht warm geworden.« Da lachte Doréan heiser. »Glaub mir, mein Liebchen. Das schafft niemand so wirklich.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um sie dadurch etwas zu bändigen. »Sie war nich' immer so, weißt du.« Aelia schlug die Augen nieder und lächelte verhalten. »Sie war auch nie unhöflich zu mir, oder so, da will ich gar nichts sagen…Nur... ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber ich hab‘ mich in ihrer Nähe einfach nicht wohlgefühlt, und ich wusste, ich kann nicht noch eine Nacht da bleiben.« Doréan nickte doch er sagte nicht sofort etwas darauf. Er wirkte ein wenig nachdenklich, bevor er schließlich einen tiefen Seufzer machte. »Weißt du, mein Liebchen…«, hob er schließlich an. »…so geht es vielen. Es wär ihr vermutlich nich' recht, wenn ich darüber spreche. Und wenn sie es erführe, tät sie mich gewaltig zur Schnecke machen.« Er gluckste verstohlen und mit einem leicht verhaltenen Unterton. »Aber es hat seine Gründe warum sie so is.« Er legte sich eine Hand auf das halbe Gesicht. »Das mit ihren Haaren. Das hat auch damit zu tun. Aber mach dir keine Gedanken.« Er zuckte mit den Achseln. »Sie hat ne harte Schale…ne verdammt harte Schale. Da kommt keiner durch, wenn sie das nich' will.« Er lächelte erneut. Doch beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass es vermutlich besser gewesen wäre nicht zu lächeln. »Warum hast du mich damals eigentlich zu Ronïa gebracht... und nicht zu dir?« Daraufhin erstarb das Lächeln auf Doréans Gesicht. Aelia hatte einen sehr wunden Punkt getroffen. Plötzlich wäre es ihm sogar lieber weiter über Ronïa zu sprechen. Und die Leichen die sie im Keller hatte. Er hüstelte verlegen und streckte dann die Arme aus. »Nun, das is…schwierig.«
Er ertappte sich dabei wie er es vermied ihr in die Augen zu sehen. Immer wieder hob er den Kopf, nur um dann doch woanders hinzusehen. »Es is nich' so, dass ich auf der Straße lebe. Auch wenn ich aus der Gosse komme. Aber vielleicht erinnerst du dich ja daran, was ich einst zu dir gesagt habe?« Er sah sie erwartungsvoll an, doch Aelia schien nicht ganz zu ergründen, worauf er hinauswollte. »Niemals in die Ascherinne gehen?« Da dämmerte es Aelia und Doréan seufzte. »Nun. Ich wohn in einem…« Hurenhaus. Das Wort lag ihm auf der Zunge, doch auch wenn er schon viele Jahre in diesem Milieu aufgewachsen war, so war er in Aelias Gegenwart von einer bis dahin unbekannten Scham erfüllt, wenn es darum ging darüber zu sprechen. »…Rattenloch an der Grenze der Ascherinne.« Er schlug die Augen nieder. »Der Kerl, bei dem ich wohne…«, murmelte Doréan mit einer so leisen Stimme, dass Aelia etwas näher rückte, um alles zu verstehen. »Der is ein mieser Hundsfott. Ich dachte einfach, im Aschemädchen bist du besser aufgehoben als bei mir.« Er hob die Augen und sah Aelia mit diesem reumütigen Hundeblick an. Voller Gram und Scham. »Ich dachte mir, vielleicht finde ich was Besseres, solange du bei Ronïa in guter Obhut bist.« Er seufzte. »Aber ich hatte nich' so viel Glück wie du, mit diesem Ort hier.« Er deutete auf das Fass und den Hof, auf welchem es sich befand. Erneut schlug er die Augen nieder. Doch dann setzte er ein aufmunterndes Lächeln auf. Nicht nur um Aelia zu überzeugen, sondern auch sich selbst. »Also.« Seine Stimme wurde ein wenig kräftiger. »Wenn du mir versprichst, dass du mir dann nich' Hals über Kopf davonläufst…« Er grinste breit, um seinen Worten einen gewissen Zynismus zu verleihen. Doch wenn er sich ehrlich war, waren genau dies seine Befürchtungen. »…dann kannst du natürlich gern bei mir pennen. Und wenn dieser miese Hundsfott Bertram dir zu nahe kommt, dann verpass ich ihm eine.« Er ballte die Faust und schlug damit in den Polster, als ob er sich dabei vorstellen würde, es wäre Bertrams Gesicht.
Er hatte Aelia und auch sich selbst geschworen um sie zu kämpfen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Und für sie durchs Feuer zu gehen. Sich mit Bertram anzulegen war genau diese Art von Feuer, durch die man gehen musste, wenn man ihn sich zum Feind machte. »Aber…«, hob er mit einer etwas leiseren und zaghafteren Stimme an. »Besser wärs natürlich, wenn du ihm einfach aus'm Weg gehst. Glaub mir, gegen den is Ronïa ein Sonnenschein.« Er gluckste belustigt, obwohl daran eigentlich gar nichts lustig war.
»Eigentlich weiß ich erschreckend wenig über dich.« Aelias Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und Doréan schwieg die ganze Zeit über, während sie sprach. Seine Miene wurde dabei immer verhaltener. Als ob ihm dieses Gespräch sichtlich unangenehm wurde. »Versteh mich bitte nicht falsch.« Sie sah ihm dabei direkt in die Augen und Doréan fühlte sich beinahe, als ob sie ihm tief in die Seele schauen würde. »Ich will dich nicht ausfragen. Und ich erwarte auch nicht, dass du mir alles auf einmal erzählst.« Da brach Doréan schließlich sein Schweigen. »Nein, nein, mein Liebchen. Ich will dir gern erzählen, was du wissen möchtest. Aber…« Er knabberte an seiner Unterlippe und rang sichtlich um die Worte. »Ich…ich bin halt kein großer Mann. Ich hab' keinen Laden, den ich mal erben werde. So wie dieser Ruben. Ich arbeite, wenn ich Arbeit bekomme.« Mehr wollte er in diesem Augenblick nicht über seine Arbeit sagen. Allein wenn er an die Worte dieses alten, schrulligen Kerls in jener Schenke dachte, in welcher sie sich kennengelernt hatten. Er wollte Aelia natürlich vor diesem Abgrund fernhalten. Dem Sog der Sanra'Jena. Doch ihm war auch klar, dass dies nicht in seiner Macht stand. Aber genauso wenig wollte er sie nun mit allem auf einmal überrumpeln. Irgendwann würde der richtige Moment kommen. Und vielleicht würde sie es dann auch verstehen, dass er eigentlich nie eine andere Wahl gehabt hatte. Er war kein Abschaum. Auch wenn die ehrlichen Leute so über die Sanra'Jena und die Nedran'Ja sprachen. Doch wie sollte man jemandem beweisen, dass man selbst kein Abschaum war, wenn alle anderen tief in diese Kerbe schlugen? »Ich…« Er seufzte. Diese Worte waren so einfach, und dennoch lagen sie ihm auf der Zunge wie Blei. Irgendetwas in ihm stemmte sich förmlich dagegen. Es widersprach allem, was ihn ausmachte. Ein Gossenkind. Er scherte sich nicht darum was andere Leute von ihm dachten. Er schämte sich nicht seiner Herkunft wegen. Er war selten um eine Ausrede, eine Beleidigung oder eine schlagfertige Antwort verlegen. Und wenn man ihn einen Straßenköter nannte oder einen Hurensohn, war ihm das einerlei. Er war an einem Ort aufgewachsen, an dem das Zeigen von Schwäche ein Todesurteil sein konnte. Und nun, hier in diesem Moment, war er dazu gezwungen sich wider dem Gesetz der Gosse zu verhalten. »Ich hab' einfach nur Schiss, dass du enttäuscht bist, wenn du siehst, dass ich dir nix bieten kann…außer meinem Versprechen, dass ich dir am Leuchtturm gegeben habe.« Nun schwieg Doréan und man konnte ihm ansehen, dass er sich alles andere als wohl fühlte. »Es is was anderes, nur darüber zu reden.«, murmelte er. »Ich habe manchmal das Gefühl, ich kenne nur den Doréan, den du mich sehen lässt. Aber ich möchte den Menschen kennenlernen, der du wirklich bist.« Doréan fühlte sich ein wenig ertappt. »Aber wenn du dann selber siehst, woher ich wirklich komme…« Ein Straßenköter aus der Ascherinne. »…wer ich wirklich bin...« Er hob den Kopf und versuchte das seltsame Gefühl, dass ihn zu überwältigen drohte mit einem Lächeln zu überspielen. Doch es gelang ihm nicht. »Ich bin einfach nur ich selbst. Manchmal weiß ich selber nich' was ich vom Leben erwarte. Mehr als ich bekomme…das auf jeden Fall.« Dabei stahl sich ein schiefes Lächeln auf sein Gesicht. »Aber eins weiß ich ganz genau. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, hab' ich dich nimmer aus meinem Kopf bekommen.« Das Lächeln wurde ein wenig überzeugender. »Und auch wenn ich mir darum zuerst keine Gedanken gemacht hab...« Er blies die Wangen auf und ließ dann langsam wieder die Luft entweichen. Er hatte ihr gesagt, für sie wolle er ein besserer Mann sein. Ronïa hatte ihm gesagt, dass er nun nicht mehr alleine war und eine gewisse Verantwortung für Aelia trug. Doch das war alles leichter gesagt als getan. Wie sollte man das alle schaffen, wenn man ganz unten war und sich alles selbst erkämpfen musste. Es war etwas anderes, wenn man sich alleine durchs Leben schlug, in Waden biss und niemandem Rechenschaft schuldig war oder für jemanden anderen als sich selbst eine Verantwortung hatte. Dies war die bittere Wahrheit. Er war ein Mann der einer Frau nichts bieten konnte, außer sich selbst. Doch war dies auch genug? Er war schon früh gezwungen gewesen erwachsener zu sein, als er eigentlich war. Sein großspuriges Gehabe und seine große Klappe waren in Wahrheit nichts anderes als eine Mauer gegen die widrige Welt, die einem Stein um Stein in den Weg legte. » …aber mir is klar geworden, dass eine Frau mehr erwartet. Mehr als ich bieten kann.« Da seufzte er und lehnte sich gegen die Wand des Fasses, während er Aelia mit zwiegespaltenen Blicken ansah.
Aelia hatte ihn zuerst lange angeschaut. Vielleicht hatte sie im Inneren einen stummen Kampf ausgefochten. Zwischen der bitteren Wahrheit und dem bittersüßen Schmerz, der sich tief in ihr Herz gegraben hatte. Doch irgendwann hatte sie sich zu ihm gelegt und ihren Kopf auf seine Schultern gebettet. Und Doréan hatte zufrieden die Augen geschlossen und einfach nur ihre Nähe genossen. Das letzte Mal, als er ein derartiges Gefühl hatte erleben dürfen war schon so lange her gewesen, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte. Seine Hand glitt langsam hinab und legte sich ihr auf die Schultern. Zuerst lagen sie einfach nur stumm da und lauschten einander dem Atem und dem Herzschlag des anderen. Doch bald schon regten sich Doréans Finger. Zaghaft glitten sie über ihren Arm. Er strich ihr sanft durchs Haar und sog den Duft, den sie verströmte, in sich auf. Bald schon erwiderte Aelia die Berührungen. Ihre Hand glitt über seinen Arm. Legte sich in seinen Nacken und bald schon war mehr als nur das Schlagen ihrer Herzen und ihr schwerer Atem zu hören. Das Knistern, welches sich langsam aufgebaut hatte, es schien den engen, kleinen Raum förmlich auszufüllen. Aelia hob den Blick zu ihm und einander versanken sie in den Tiefen der Sehnsucht des anderen.
Am nächsten Morgen schlenderten Aelia und Doréan durch die Stadt. Sie hatten kein wirkliches Ziel vor Augen und ließen sich eher treiben. Auf ihrem Weg vernahmen sie irgendwann eine Melodie, die langsam immer lauter wurde, je näher sie ihr kamen. Ein alter, blinder Musikant saß auf einer Stufe und spielte ein Lied auf einer alten Fidel. Hin und wieder mischte sich ein schiefer Ton in das Stück, doch Aelia und Doréan standen dennoch eine ganze Weile einfach nur da und lauschten der Musik. Auch wenn keiner von ihnen das Lied kannte, so wirkte es durch seine tragende Melancholie wie ein Bann, der ihre Gedanken an ferne Orte zu tragen schien. Doréan hatte seine Hand um Aelias Hüfte gelegt und so hatten sie der Melodie gebannt gelauscht. Sie kauften sich etwas zu Essen und Doréan erwarb eine Handvoll Krähendreck Stangen. Seine neckischen Versuche Aelia diese bittere Süßigkeit schmackhaft zu machen scheiterten kläglich. »Die schmecken furchtbar.«, maulte Aelia und Doréan zuckte mit den Achseln. »Find' ich nich'.« Demonstrativ biss er in eine ebensolche Stange hinein und zog so lange daran, bis sie schließlich nachgab und dann kaute er genüsslich auf dem zähen, klebrigen Stück herum. Aelia konnte sich ein vergnügtes Lachen nicht verkneifen. Doréan kaufte ihr stattdessen süße Stangen die mit Honig und kandierten Früchten garniert worden waren. Und so saßen sie irgendwann im alten Hafen und ließen die Füße über dem dunklen Wasser baumeln, während sie einfach nur dasaßen und gedankenverloren in die Ferne schauten. Aelias kleine Beichte, dass sie letzte Nacht einfach in der Straße geschlafen hatte, schwang noch in Doréans Gedanken nach. Unweigerlich hatte er an die tote Dirne denken müssen. »Also, wenn du jemals wieder auf so eine blöde Idee kommen solltest, dann vergiss sie gleich wieder, mein Liebchen.« Während er sprach hatte er eine halbe Stange Krähendreck im Mund und warf Aelia einen mahnenden Blick zu. »Du bist nochmal glimpflich davongekommen. Aber ich hab dich gewarnt. Geh niemals allein in die Ascherinne. Und schon gar nich' in der Nacht.«
Alles in Allem, war es ein schöner Tag, den die beiden miteinander verbracht hatten. Doch er sollte schon bald ein jähes Ende finden. Denn das Schicksal machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Wie so oft. »Na, wen haben wir denn da?« Eine wohlbekannte Stimme ertönte hinter Doréan und dieser biss sich, einen Fluch unterdrückend, auf die Lippen. »Vergnügst dich mit irgend' so'nem Luder, während ich mir die Hacken wundlaufe, um dich zu finden?« Doréan riss sich von Aelia los und rappelte sich auf die Beine. »Raban.« Doréans Stimme sprach den Namen mit einem Hauch von Unbehagen aus, dem ein nicht unüberhörbares Maß an Groll mitschwang. Doréan kniff die Lippen zusammen und sein Kiefer spannte sich an und begann zu pochen. Es war unvermeidlich gewesen, dass Aelia irgendwann einem der Sanra'Jena über den Weg laufen würde. Ebenso war es unvermeidlich, dass sie irgendwann erfahren würde, welcher Arbeit er in Wahrheit eigentlich nachging. Doch dass es ausgerechnet Raban sein musste, war der bittere Wermutstropfen, der dem ganzen noch die Krone aufsetzte. »Willst du mich nicht vorstellen?« Raban lehnte lässig an einer nahen Backsteinmauer und nickte in Aelias Richtung, welche den Mann mit großen Augen anzusehen schien. Doch Doréan schwieg. Er hatte keine Lust darauf ihm Aelia vorzustellen. »Was willst du?« Doréan trat an Raban heran, doch nur um sich wieder keuchend einige Schritte zurückzuziehen, als Rabans Handfläche ihm eine schallende Ohrfeige verpasst hatte. »Willst du den starken Mann markieren, du kleiner Hund? Hüte deine vorlaute Zunge!« Er schenkte Aelia ein flüchtiges, und sehr schmieriges, Lächeln. »Immerhin ist eine Dame anwesend. Da möchte ich dir ungern die Scheiße aus dem Leib prügeln müssen.« Doréan hustete und knirschte dann mit den Zähnen, während er rücklings auf den Boden stolperte. Von allen Tagen, an welchen Aelia ihn kennenlernen musste, war es ausgerechnet einer jener Tage, an welchen Raban schlechte Laune hatte. Der herbe Duft von Opium und billigem Fusel haftete ihm an. Der bittere Geschmack von Süßholz und Anis begann in Doréan aufzubegehren, als er sich an dem Stück Lakritze, die er eben noch im Mund gehabt hatte, beinahe verschluckt hatte. Doréan unterdrückte den Brechreiz, doch die heißen Tränen, die ihm in die Augen stiegen, konnte er nicht unterdrücken. »Los. Komm!« Er zog Doréan auf die Beine und wandte sich dann wieder Aelia zu. »Na? Willst du nicht auch von deinem hübschen Hintern aufstehen?« Er lächelte ihr mit einem falschen, freundlichen Lächeln zu, während seine Blicke sich auf die Münze um ihren Hals hafteten. »Raban…«, hob Doréan an. »…lass sie einfach in Ruhe.« Doréan raffte sich auf und streckte das Kreuz ein wenig durch. »Ich würde mich zutiefst grämen, ein so hübsches Ding wie dich ganz alleine an den Docks zu wissen. Mein Gewissen, als Mann von Ehre, würde mich um den Schlaf bringen, täte einem so hübschen Ding etwas zustoßen.« Er lächelte süffisant, während er Doréan einen prüfenden Blick zuwarf. »Hast du die tote Schlampe von letzter Nacht schon vergessen? Ein Mörder streift durch die Stadt. Wäre doch jammerschade, wenn sie sein nächstes Opfer wird, oder?« Doréan schluckte. Auch wenn Rabans Worte ihre Wirkung nicht verfehlten, so haftete ihnen der fahle Beigeschmack einer unterschwelligen Drohung an. Indes musterte Raban den Gossenfloh mit einem seltsamen Blick, als ob er es ihm nicht zugetraut hätte, so ein hübsches Mädchen dazu gebracht zu haben Zeit mit ihm zu verbringen. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Aelias Zögern, seiner Aufforderung nachzukommen, ließ Raban, der es gewohnt war, dass man seinen Befehlen Folge leistete, schließlich den Mund zu einer unwirschen Grimasse verziehen. »Na los. Auf die Beine Mädchen.« Er schnippte unwirsch mit den Fingern und winkte dann, als ob er die Macht hätte sie allein durch bloße Willenskraft dazu zu bringen, sich zu erheben.
So verließen sie den Kai, und kurz darauf auch den Hafen. Ihr Weg führte sie an einen Ort zwischen finstersten Gassen und zwielichtigen Spelunken, in eine Gegend, in welche Doréan sie niemals gebracht hätte. Die Nachmittagssonne drang hier zwischen den Häusern kaum mehr vor, so dass die langen Schatten unheimlicher und bedrohlicher wirkten, als es um diese Zeit üblich war. Die vorherrschenden Schatten legten sich regelrecht über die Drei, als würden sie versuchen Eins mit ihnen zu werden. Nach einer Weile erreichten sie eine jener Spelunken, welchen sowohl ein zweifelhafter Ruf anhaftete, als auch der unscheinbare Dunst, der aus dem Kamin, den Fenstern und selbst den Mauerritzen auszutreten schien. »Der Haarige Bär«
Raban öffnete die Tür, und vollführte eine spöttische, galante Geste. »Nach euch, die Dame.« Er grinste breit und legte Aelia, um seiner Geste den nötigen Nachdruck zu verleihen, die Hand in den Rücken und schob sie regelrecht über die Türschwelle. Dann schnippte er unwirsch mit den Fingern und bedeutete Doréan es ihr gleichzutun. »Dahinten.«, murmelte Raban und deutete auf einen Platz, den man im schlechten Licht kaum sehen konnte. Auf den ersten Blick wirkte dieser Ort wie eine schäbige Schenke. Doch Doréan wusste es besser. Es war eine Opiumhöhle und er ertappte sich dabei, wie er immer wieder einen verstohlenen Blick zu Aelia warf. Pfeifenrauch schwängerte die Luft und der milchige, weiße Dunst schien sie regelrecht zu umwabern. Der süße, schwere Duft von Opium lag verführerisch und dennoch verschwommen, wie ein flüchtiger Traum, in der Luft. Doréan bemerkte, dass am Ende der Kaschemme mehrere Männer saßen. Und hier und da konnte man auch die eine oder andere Dirne ausmachen, welche zwischen den Männern saßen, über ihre schlechten Scherze lachten, oder sich auf ihrem Schoß gebärdeten. Sie gingen an einigen Kerlen vorbei, die Doréan noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Und vermutlich schenkten sie ihnen kaum Beachtung. Sie starrten einfach nur ins Leere. Sie waren an einem anderen Ort und bemerkten nicht einmal die Blicke, welche auf ihnen lasteten.
Einer der Männer saß auf einer Bank und auf seinem Schoß räkelte sich eine junge Frau, welche ihnen nur den Rücken zugewandt hatte. Ihre rhythmischen Bewegungen und ihre kehligen Laute drangen dumpf und verhalten an Doréans Ohr. Während der Mann einen Blick an der Dirne vorbeiwarf und sich seine Blicke mit jenen Doréans kreuzten. Auf seinem Gesicht lag ein breites, beinahe entrücktes Lächeln und sein Blick schien nur durch Doréan hindurchzugleiten, als ob Doréan nur ein Trugbild aus dem Schleier wäre, der ihn umgab. Aelia indes war dichter an Doréan herangetreten und hatte ihren Arm um den seinen geschlungen. Sie hatte ihre Stimme zu einem Raunen gedämpft. »Wer ist das?« Da seufzte Doréan. »Raban. Und glaub mir. Ich wünschte du wärst ihm nie begegnet.«, brummte er und zog Aelia ein wenig näher an sich heran.
Während sie gingen, vermied es Doréan Aelia anzusehen. Und dies aus mehreren Gründen. Er wollte ihr nicht in die Augen sehen, da ihm diese Situation weder geheuer noch angenehm war. Zum einen wegen Raban und seiner seltsamen Art Aelia gegenüber, und zum anderen, weil Doréan nicht wusste, warum sie ausgerechnet hier waren. Nicht im Traum hätte er daran gedacht Aelia an einen solchen Ort zu bringen. Und doch befanden sie sich nun im »Haarigen Bären«. Eine Opiumhöhle, in der es von Schlägern der Sanra'Jena nur so wimmelte. Die meisten Menschen kannten diesen Ort nur als einen Hort des Verbrechens, wo Schläger, Bandenmitglieder und Prostituierte herumlungerten. Kein rechtschaffener Mensch wagte einen Fuß hinein. Und die Stadtwache schon gar nicht. Es war eine Lasterhöhle. Hier wurde Glücksspiel betrieben, die Dienste von Dirnen in Anspruch genommen und sich dem Rausch des Opium und anderen Rauschgiften hingegeben.
Raban beobachtete Aelia und Doréan und irgendwann räusperte er sich. »Was macht ihr Beiden so lange Gesichter?«, verlangte er zu erfahren. Er zwinkerte und schnalzte schließlich mit der Zunge. »Was machen wir hier?« hakte Doréan nach, während sich eine Dirne mit einem auffälligen, aber ungeschickten Hüftschwung näherte. Raban bleckte die Zähne und ließ es sich nicht nehmen der Frau auf den Hinter zu fassen, welche daraufhin verhalten lächelte. Man konnte nicht sagen, ob sie gerne an diesem Ort war, oder ob man sie dazu gezwungen hatte. Doch sie verstand es gute Miene zum bösen Spiel vorzugaukeln. Sie ließ ihre Hand über Rabans Schulter gleiten und entzog sich dann wieder seinem Griff, während sie Raban ein kurzes, verspieltes Zwinkern schenkte. »Wirst du schon sehn.«, brummte Raban, welcher der Dirne noch einen letzten, wehmütigen Blick nachwarf. Doch dann wandte er sich Aelia zu. Aelia schien zaghaft, wie ein scheues Reh inmitten einer Höhle voller ausgehungerter Wölfe. Raban schlug sich mit der offenen Hand auf den Oberschenkel und seufzte. »Wie kommts, dass ich dich noch nie gesehen habe?«, murmelte er und seine Blicke huschten zwischen Doréan und Aelia immer wieder hin und her. Der Gossenfloh räusperte sich, und lenkte so Rabans Aufmerksamkeit auf sich. »Warum sind wir hier, Raban?« Er lächelte verschlagen. »Alles zu seiner Zeit, Welpe.« Doréan stellte diese Antwort alles andere als zufrieden. Eine wachsende Unruhe begann sich in ihm auszubreiten, während Raban sich schließlich zu den Beiden umwandte. »Ich bin gleich wieder da. Warte hier, verstanden?« Er tippte Doréan auf die Brust und warf daraufhin Aelia einen scharfen Blick zu. »Nicht weglaufen, ich würde dich ungern suchen müssen, verstanden?«
Doréan entspannte sich ein wenig, als Raban schließlich gegangen war. Und da schien Aelia nicht mehr an sich halten zu können und rutschte ein wenig an ihn heran. »Was hat das hier zu bedeuten?«, hauchte sie aber Doréan hatte darauf keine ehrliche Antwort. »Ich weiß es selber nich', mein Liebchen. Aber Raban…« Er hielt einen Moment lang inne und schürzte säuerlich die Lippen. »Er also…sozusagen…ich arbeite für ihn.« Er warf Aelia einen vielsagenden Blick zu. »Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich nich' gern darüber reden wollte?« Er versuchte ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, doch es wirkte eher kläglich als überzeugend. Doréan hob die Hände, als ob er sie beschwichtigen wollte. »Man kann sich im grauen Viertel nich' aussuchen, für wen man arbeitet. Und wenn man, wie ich, aus der Ascherinne kommt, dann hat man oft auch keine andere Wahl.« Er seufzte und senkte dann den Blick, als ob er Aelias Blicken ausweichen wollte. »Und was ist das für ein Ort?«, hakte Aelia nach und Doréan lächelte wissend. »Der Haarige Bär.« Dieses Mal lächelte er ein wenig verwegener. »Am besten wir verhalten uns ganz ruhig, dann wird er schon sagen, was er will.« Mit diesen Worten legte er ihr, vertrauensvoll und in diesem Augenblick wohl auch von einem instinktiven Beschützerinstinkt geleitet, die Hand auf das Knie.
Als Raban zurückkehrte, versetzte er Doréan einen mürrischen Tritt gegen das Bein. »Mach Platz.«, befahl er und setzte sich dann genau zwischen ihn und Aelia. Doréan entging nicht, dass sie sich geschickt ein wenig zur Seite setzte, um nicht so nah an Raban sitzen zu müssen. »Ein hübsches Ding hast du da, muss ich dir lassen.« Er zwinkerte Aelia vielsagend zu. Es war der Blick eines Mannes, der nicht davor zurückschrecken würde, sie seinem besten Freund auszuspannen. Und Doréan war alles andere als Rabans bester Freund. »Aber ich bin ein wenig beleidigt, dass du sie mir noch nie vorgestellt hattest.« Da schluckte Doréan. Er wog ab, welche Antwort Raban wohl hören wollen würde, welche ihn zufriedenstellen könnte. Doch er wurde sich gewahr, dass es unmöglich war. Und so entschied er nur mit den Schultern zu zucken. »Ich wüsste nich', was dich das anginge.«, brummte Doréan und erntete dafür sogleich einen missbilligenden Blick Rabans. Raban rutschte unruhig auf der Bank herum, als ob er auf glühenden Kohlen sitzen würde. Dann begann er verschlagen und beinahe verschwörerisch zu grinsen und drehte er sich unvermittelt zu Aelia um. »Der kleine Hund hat sich gestern seine Sporen verdient, musst du wissen.« Da lachte Raban und begann mit den Fingern zu schnippen.
Doréan wagte es nicht, in Aelias Gegenwart, diese Fragen, die ihm auf der Zunge brannten, zu stellen. Stattdessen nickte er nur, was Raban zu gefallen schien. »Ich mag Bescheidenheit. Du scheinst endlich zu begreifen.« Er klopfte Doréan beinahe brüderlich auf die Schultern, was bei Raban aber mehr einem Biss einer falschen Schlange glich, wenn man ihn kannte. »Und dein Mädchen gefällt mir auch. Ich mag ihre großen…Augen.« Bei diesen Worten konnte Raban nicht anders als Aelia ebenfalls auf den Schenkel zu klopfen. »Nimms mir nich' übel, Kleine. Ja?« Aelia sah ihn daraufhin fragend an und Raban lachte. »Na, ich hab dich zuerst für ne Dirne gehalten. So wie du aussiehst…und dich mit dem da auf der Straße blicken lässt.« Doréans Blick verfinsterte sich, während Raban amüsiert gluckste. Kurz darauf schnippte er erneut mit den Fingern und warf einen energischen Blick in die Richtung der jungen Frau, die unweit von ihnen mit einem kleinen Teller stand. »Komm endlich, du nichtsnutziges Stück!« Als ob Rabans Schnippen ein geheimes Zeichen gewesen wäre, näherte sich die Dirne schließlich, wie einem stummen Befehl folgend, und nahm neben Aelia Platz, während sie sich anschickte den Teller vor ihnen zu drapieren. Dann setzte sie sich gerade hin und legte ihre Hände vor sich in den Schoß, als ob sie nicht genau wusste, was sie sonst damit machen sollte. »Mirijam. Das is Aelia. Sei nett zu ihr, verstanden?«, brummte Raban und die junge Frau drehte sich ein wenig zur Seite um Aelia in die Augen schauen zu können. Zuerst hüstelte sie nur verlegen, da sie augenscheinlich nicht wusste, was nun von ihr erwartet wurde. Doch dann wanderten ihre Blicke über Aelia. Entgegen der Blicke der meisten Männer, hafteten sich die ihren nur auf die Münze und nicht das, was darunter lag. Doch viel mehr als die Münze, welche sie mit einem kurzen Augenzucken bedachte, galt ihr Interesse ihrem Haar. Sie nahm unbeholfen eine Strähne zwischen die Finger und begann die Finger zu bewegen. »Du hast schöne Haare.« Ihre Stimme war ruhig und sanft. Dann aber ließ sie die Strähne unvermittelt los und legte sich die Hände wieder in den Schoß um sie zwischen den Falten ihrer Röcke zu vergraben. Raban schnippte energisch und deutete dann auf die Lampe vor ihnen. Und so beugte sie sich wieder vor und begann drei Pfeifen vorzubereiten. Mit geübten Fingern zog sie eine lange Nadel aus der Lampe und begann damit die Pfeifen zu präparieren. Raban indes warf Aelia einen neugierigen Blick zu. »Wie heißt du eigentlich, Kleine? Oder soll ich mir selber nen Namen für dich aussuchen.«
Die Dirne erhob sich und warf Aelia einen flüchtigen Blick zu. Die Pfeife in ihrer Hand gloste und eine dünne Rauchfahne stieg aus dem Kopf auf. Während sie sichtlich darum bemüht war, dass Raban gut auf ihre schweren Brüste sehen konnte, die ihr beinahe aus dem Kleid sprangen, und so sein Interesse an Aelia ablenkte. Sie reichte Raban die Pfeife dar und hielt in der anderen die lange Nadel bereit, auf dessen Spitze ein kleiner, dunkler, harzige Opium klebte. Raban nahm die Pfeife zur Hand und setzte dann das Mundstück an die Lippen, währen die Dirne die Nadel über die Glut hielt, um so das Opium der Pfeife zuzuführen bis es die richtige Temperatur erreicht hatte. Raban tat einen tiefen Zug und blies dann kurz darauf den weißen Rauch aus Mund und Nase aus. Raban ließ die Pfeife weiterwandern und sogleich begann Aelia mit dem Kopf zu schütteln, während Raban den weißen Rauch aus den Nasenlöchern quellen ließ. »Was ist mit dir los, Kleine?« Seine Stimme war weder harsch noch bedrohlich, sondern ihm schwang eine verwunderte Neugierde mit. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es Menschen gab, die dem Rausch des Opiums nichts abgewinnen konnten. Stattdessen nahm er der Dirne die Nadel aus der Hand und versetzte ihr einen Klaps auf den Hintern. »Los verschwinde.« Er nickte mit dem Kopf und hielt dann die Nadel in die Flamme der Laterne, bis das Klümpchen immer weicher wurde. Mit geschickten Fingern stopfte er das, an Pech erinnernde, Opium in die Pfeife, zog einige Male daran, um sie zu entfachen und reichte sie schließlich an Aelia. Etwaige Versuche seine Geste auszuschlagen unterstrich Raban mit ruhigen, aber bestimmenden Worten und einem anschließenden, wölfischen Grinsen. »Ich bestehe darauf. Du wirst es mögen, vertrau mir.«
Im haarigen Bären ❖
29.07.2023 '17:34 [3.056 Wörter]
 elia blickte, ähnlich wie Doréan, friedvoll auf das Meer. Sie mochte das Blau des Meeres, welches am Horizont in ein Glitzern überging, wenn die Sonne sich darin spiegelte. Die schrillen Schreie der Möwen erinnerten das eine oder andere Mal an Menschengelächter. Sie liebte das sanfte Rauschen der Wellen, die langsam, aber kraftvoll an das Ufer krochen, oder das heftige Rauschen und Platschen, wenn Wellen gegen Felsen geworfen wurden. Sie mochte die salzige Seeluft, ja sogar den Fischgeruch, wie er den Häfen zu Eigen war. Als sie das erste Mal in das graue Viertel gekommen war, war ihr erster Weg der zum Meer gewesen, eine kleine, entlegene Bucht, fern der Häfen. Doch seitdem war sie nie wieder hier gewesen, erst Doréan hatte sie immer wieder ans Meer geführt. Und nun saßen sie beide hier. Doréan hatte seine Arme lässig auf der Lehne der Bank ausgebreitet, und Aelia genoss die warmen Sonnenstrahlen. Doch der Frieden währte nicht lange. Eben noch hatten sie schweigend am Meer gesessen und den Möwen gelauscht. Dann war Raban aufgetaucht und hatte diesen friedlichen Nachmittag binnen weniger Augenblicke in sein Gegenteil verkehrt. Sie sah Doréan noch immer vor sich, wie er sich nach der Ohrfeige mühsam wieder aufrichtete und den Schmerz ebenso tapfer hinunterschluckte wie die Demütigung. Es war nicht allein der Schlag gewesen, der Aelia erschüttert hatte. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der Raban Gewalt ausübte, als hätte niemand das Recht, sich ihm zu widersetzen. Aelia hatte etwas sagen wollen. Mehr als einmal. Doch jedes Mal war ihr der Blick zu Doréan geglitten. Er hatte kaum ein Wort gesprochen, war schweigend neben Raban hergegangen und hatte die Schultern so angespannt gehalten, dass selbst sie erkennen konnte, wie sehr er sich beherrschen musste. Irgendetwas sagte ihr, dass jeder Widerspruch die Lage nur verschlimmern würde. So folgte sie den beiden schließlich ebenfalls. Nicht weil sie es wollte, sondern weil ihr das Gefühl blieb, Doréan in diesem Augenblick unmöglich allein lassen zu können. Sie verließen die Docks, tauchten wieder in die engen Gassen des grauen Viertels ein. Mit jedem Schritt wurde Aelia mulmiger zumute. Sie wusste weder, wohin Raban sie führte, noch weshalb er Doréan überhaupt gesucht hatte. Erst als sie schließlich vor einer heruntergekommenen Kaschemme stehen blieben, über deren Eingang ein verwittertes Schild im Wind knarrte, ahnte Aelia, dass der schlimmste Teil dieses Tages womöglich noch vor ihr lag. Und so sollte es auch kommen.
Aelia starrte die Pfeife an, als hätte Raban ihr eine Schlange hingehalten. Eine, deren Giftzähne sie nicht sehen konnte, von denen sie aber wusste, dass sie da waren. Jeder Instinkt schrie sie an, die Hände bei sich zu behalten. Der süßlich harzige Geruch, der dem weißen Rauch anhaftete, reizte schon ihre Nase, obwohl sie die Pfeife noch nicht einmal an sich herangeführt, geschweige denn berührt hatte. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. „Nein... ich… möchte nicht…” Sie schenkte ihm ein höfliches Lächeln, denn dass er ein unangenehmer Mann zu sein schien, das hatte er längst unter Beweis gestellt. Raban erwiderte ihr Lächeln nur. Nicht spöttisch und auch nicht zornig, es war ein ruhiges und beinahe beruhigendes Lächeln. Doch gerade dieses ruhige Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen. „Ach, Kleine...“ Seine Stimme klang beinahe nachsichtig. „Du tust ja gerade so, als wollte ich dich vergiften.“ Er hielt ihr die Pfeife noch ein Stück näher hin. „Ein Zug. Mehr nicht.“ Aelia wich mit dem Oberkörper zurück und ihr Blick glitt hilfesuchend zu Doréan. Er sagte nichts. Er saß nur da, den Kiefer so fest zusammengepresst, dass die Muskeln darunter zuckten. Sie sah ihn an und er hob den Blick. Da sah sie in seinen Augen etwas, das sie an ihm noch nie gesehen hatte. Ohnmacht. Ihr Blick schien ihn stumm zu fragen, was sie nun tun sollte. „Schon gut...“, murmelte er heiser. „Nimm einfach… einen Zug.“ Etwas begann in Aelia zu bröckeln in diesem Augenblick. Nicht ihr Vertrauen zu ihm, aber die Gewissheit, dass Doréan sie beschützen könnte. Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, wirkte er ebenso ausgeliefert wie sie. Raban beobachtete den stummen Austausch der beiden mit sichtlichem Vergnügen. „Siehst du?“ Er grinste zufrieden. „Der kleine Hund weiß, wann er vernünftig sein sollte.“ Er drehte die Pfeife leicht zwischen den Fingern. „Nun komm schon...“ Seine Stimme blieb ruhig. Beinahe freundlich. Doch hinter jedem einzelnen Wort stand unausgesprochen dieselbe Drohung die Aelia, seit ihrer Begegnung mit ihm, begleitete. Dieselbe, die er auch Doréan entgegen brachte. Widersprich mir nicht, du tust, was ich dir sage, du tust, was ich will. Aelia spürte, wie ihre Finger vor Nervosität feucht geworden waren. Langsam hob sie die Hand. Sie wollte es nicht. Jeder Gedanke in ihr schrie danach, die Pfeife wegzuschlagen und aus dieser widerwärtigen Höhle davonzulaufen. Doch ihre Finger griffen nach einigem Zögern trotzdem nach der Opiumpfeife. Raban nahm ihr die Pfeife plötzlich aus der Hand. Bevor die Glut erlosch, setzte er sie selbst noch einmal an die Lippen und zog langsam daran. Das Köpfchen glomm erneut hell auf, während dichter, weißer Rauch aus seinem Mund quoll. Währenddessen erklärte er ihr. „Schau mir zu, Kleine... So geht das.“ Erneut hob er die Pfeife an seine Lippen. „Langsam ziehen... ganz ruhig.“ Er demonstrierte es, ehe er die Pfeife wieder ein Stück sinken ließ. „Den Rauch nich' gleich wieder auspusten. Erst in die Lunge damit.“ Er klopfte sich mit zwei Fingern gegen die Brust. „Einen Augenblick halten... und dann langsam wieder raus. Is‘ keine Zauberei. Und jetzt du…“ Erst dann drückte er die Pfeife Aelia ein weiteres Mal in ihre Hände. Sie hielt den Atem an, führte die Pfeife an ihre Lippen und nahm einen vorsichtigen Zug. Das Mundstück war noch warm von Rabans Lippen. Allein dieser Gedanke ließ ihr den Magen umdrehen. Kaum hatte sie den Rauch eingesogen, begann es unangenehm in ihrer Kehle zu kratzen. Schon im nächsten Augenblick begann sie heftig zu husten. Ihre Augen begannen zu tränen, während sie sich leicht nach vorn beugte und sich mit der freien Hand gegen die Bank stemmte. Raban lachte schallend. „Na also.“ Er nahm ihr die Pfeife wieder aus der Hand, als hätte sie soeben eine kleine Prüfung bestanden. „Geht doch.“ Er nahm die Pfeife entgegen, doch anstatt selbst daran zu ziehen, reichte er sie wortlos an Doréan weiter. Aelia wandte den Blick zu ihm hinüber. Für einen flüchtigen Moment hoffte sie beinahe, er würde sie einfach beiseitelegen. Dass er diesem Mann endlich widersprechen würde. Doch dazu kam es nicht. Doréan nahm die Pfeife schweigend entgegen. Der kleine, glimmende Kopf leuchtete auf, als er einen tiefen Zug nahm. Für einen kurzen Augenblick verschwand sein Gesicht hinter einer milchigen Rauchwolke, ehe er den weißen Dunst langsam wieder ausatmete. Raban nahm sie ihm kommentarlos wieder aus der Hand. „Siehst du?“, brummte er zufrieden. „Der Junge weiß wenigstens, wie man's macht.“ Er setzte selbst das Mundstück an die Lippen, sog genüsslich daran und lehnte sich mit einem hörbaren Seufzer zurück. Seine Lider sanken ein wenig herab, während sich der Rauch in Schwaden träge aus Mund und Nase wand. Dann glitt sein Blick wieder zu Aelia. Langsam streckte er ihr die Pfeife entgegen. „Noch mal.“ Es war keine Bitte. Aelia spürte, wie sich ihr Magen erneut zusammenzog. „Ich... ich glaube wirklich nicht, dass...“ „Doch.“ Er unterbrach sie und sprach das Wort mit einer solchen Entschiedenheit aus, dass Aelia gar nicht erst wagte, ihm erneut zu widersprechen. Sie schluckte. Einen Moment lang blieb ihr Blick an dem dunklen Holz hängen. Dort, wo eben noch Rabans Lippen gelegen hatten. Ihr widerstrebte jeder Gedanke daran. Trotzdem hob sie zögernd die Hand. Sie hasste sich in diesem Augenblick dafür, dass sie ihm gehorchte. Und doch streckte sie die Hand aus. Beinahe wie von selbst legten sich ihre Finger um den hölzernen Schaft der Pfeife und führte sie an ihre Lippen. Diesmal zog sie vorsichtiger. Der Rauch brannte noch immer in ihrer Kehle, doch längst nicht mehr so heftig wie zuvor. Sie hustete nur einmal kurz und presste die Lippen aufeinander. Wärme. Ganz langsam begann sie sich in ihrer Brust auszubreiten. Sie war kaum mehr als ein leises Glimmen, das sich träge bis in ihren Kopf schob. Die Anspannung, die ihren Körper seit ihrer Begegnung mit Raban fest umklammert hielt, lockerte sich für einen flüchtigen Augenblick. Aelia runzelte die Stirn. Sie mochte dieses Gefühl nicht. Und gerade deshalb erschrak sie darüber, dass ihr Körper es offenbar anders sah. Sie gab die Pfeife hastig Raban zurück. Dieser nahm sie entgegen und drückte sie im nächsten Augenblick Doréan in die Hand ohne den Blick von Aelia abzuwenden. Raban betrachtete sie einen langen Augenblick schweigend. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, blieb an ihren Augen hängen, huschte über ihr Dekolleté und schließlich wieder zurück in ihre Augen. „Na?“ fragte er und Aelia sah ihn verständnislos an. „Wie fühlt's sich an?“ Die Frage überraschte sie und sie blinzelte. „Ich...“ Sie räusperte sich leise. „Ich weiß nicht...“ Sie hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. „Warm... irgendwie… und sehr seltsam…“ Sie wusste, dass sie diese Worte aussprach, aber es schien, als kämen sie von ganz woanders her. Raban nickte langsam. „Mhm.“ Er nickte knapp, als hätte sie ihm genau die Antwort gegeben, mit der er gerechnet hatte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen. „Gut.“ Er nahm selbst einen Zug, ließ den Rauch gemächlich aus Mund und Nase entweichen und beobachtete sie dabei unverwandt. Dann hielt er ihr die Pfeife erneut hin. „Noch einen.“ Die Pfeife wanderte zwischen den Dreien hin und her. Raban nahm einen gemächlichen Zug, ließ den Rauch mit sichtlichem Genuss aus Mund und Nase entweichen und drückte sie anschließend Doréan in die Hand, als wäre dies ein seit Jahren eingeübtes Ritual. Ohne ein Wort wechselte sie kurz darauf erneut den Besitzer. Aelia zögerte nicht mehr und es war auch nicht mehr nötig, dass Raban auch nur ein Wort sagte. Er hielt ihr die Pfeife lediglich hin und sah sie an. Es genügte. Sie nahm die Pfeife entgegen und führte sie an die Lippen. Es kam ihr nicht einmal mehr in den Sinn, ihr Handeln zu hinterfragen. Diesmal legten sich ihre Finger schon etwas sicherer um den Pfeifenschaft. Sie führte das Mundstück an die Lippen, erinnerte sich an Rabans Worte und zog vorsichtig daran. Der Rauch kratzte kaum noch in ihrer Kehle, und sie musste längst nicht mehr husten wie beim ersten Mal. Ein leises Räuspern entrang sich ihr, ehe sie den weißlichen Dunst wieder ausatmete. Raban nickte zufrieden und lächelte. „Schön!“ Mehr sagte er nicht.
Die Pfeife machte erneut die Runde. Minuten vergingen, ohne dass Aelia hätte sagen können, wie viele. Raban sprach zwischendurch mit einem der Männer am Nebentisch. Irgendwo wurde schallend gelacht. Eine Dirne kicherte auf, ehe ihre Stimme wieder im dumpfen Gemurmel der Kaschemme unterging. Die Pfeife wechselte weiter von Hand zu Hand, und jedes Mal, wenn sie wieder vor Aelia auftauchte, hielt Raban sie ihr mit derselben selbstverständlichen Geduld entgegen. Mit jedem Zug breitete sich die angenehme Wärme ein wenig weiter in ihrem Körper aus. Die Anspannung, die sich dort seit Rabans Auftauchen festgesetzt hatte, begann sich langsam zu lösen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf regte sich der flüchtige Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch kaum versuchte sie den Gedanken zu fassen, glitt er ihr schon wieder davon. Und ihr Körper gehorchte ihr längst nicht mehr. Die Geräusche der Schenke rückten allmählich in die Ferne. Das Klirren von Krügen, Gelächter und Gesprächsfetzen waren noch immer da, wirkten jedoch, als drängten sie sich durch mehrere Lagen schweren Stoffes an ihr Ohr. Selbst der süßliche Opiumgeruch, der ihr anfangs den Magen umgedreht hatte, schien seinen Biss verloren zu haben. Das Licht der Öllampen in der Opiumhöhle flimmerte träge über den rußgeschwärzten Wänden. Die Schatten wirkten weicher als zuvor, ihre harten Kanten schienen sich beinahe unmerklich aufzulösen. Aelia versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was tue ich hier eigentlich? Der Satz war da. Einen Augenblick später glitt er ihr wieder davon. Sie wusste noch, dass sie an etwas Wichtiges gedacht hatte. Nur woran, das wollte ihr nicht mehr einfallen. Langsam hob sie den Blick. Raban saß noch immer neben ihr. Sein Gesicht war unverändert. Dasselbe schmierige Lächeln. Dieselben gierigen Augen. Nichts an ihm hatte sich verändert. Und doch... Aelia erschrak. Sie wusste, dass sie sich vor ihm gefürchtet hatte. Sie wusste, dass sie diesen Mann von der ersten Sekunde an verabscheut hatte. Warum also fühlte sich diese Furcht plötzlich an, als läge sie hinter einem dicken Nebelschleier?
Irgendwo neben Raban saß Doréan. Aelia wusste das, auch wenn sie ihn kaum noch wahrnahm. Zwischen ihnen lag nicht mehr als die Schulter des Mannes, der sich ungefragt zwischen sie gesetzt hatte, und doch kam es ihr plötzlich vor, als wäre Doréan unerreichbar weit entfernt. Ein Teil von ihr hätte sich am liebsten einfach ein Stück zu ihm hinübergelehnt. Nur seine Hand zu spüren oder seinen Ärmel an ihrem Arm zu fühlen, erschien ihr auf einmal ungemein tröstlich. Doch jedes Mal, wenn sie den Kopf ein wenig in seine Richtung wenden wollte, blieb ihr Blick wieder an Raban hängen, der sie mit einer Aufmerksamkeit musterte, die ihr vor wenigen Minuten noch einen Schauder über den Rücken gejagt hätte. Raban betrachtete sie eine Weile schweigend. Schließlich legte er den Kopf leicht schief und musterte sie. „Du bist ganz blass um die Nase, Kleine.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft. Fast klang es, als spräche ein besorgter Bruder zu seiner jüngeren Schwester. „Leg dich lieber ein bisschen auf die Liege. Das tut dir gut.“ Für einen flüchtigen Augenblick erschien Aelia dieser Vorschlag erstaunlich vernünftig. Die gepolsterte Liege wirkte auf einmal verlockend, und sie fragte sich benommen, weshalb sie sich überhaupt noch aufrecht hielt. „Leg dich ein bisschen hin. Das Zeug fährt manchen beim ersten Mal ganz schön in die Glieder.“ Er rückte ein Stück zur Seite und klopfte mit der flachen Hand auf die schmale Liege. Aelia folgte der Aufforderung beinahe gedankenverloren. Langsam drehte sie sich ein wenig zur Seite und streckte die Beine aus. Das raue Polster unter ihr fühlte sich überraschend weich an, und für einen Augenblick schloss sie die Augen. Irgendwo neben ihr saß Doréan. Sie wusste es. Sie hätte ihm gern die Hand gereicht. Oder wenigstens gespürt, dass er noch da war. Doch zwischen ihnen war Raban wie eine Mauer, und mit jedem Augenblick schien Doréan ein wenig weiter in den dichten Schleier aus Rauch und dumpfen Stimmen zurückzuweichen. „Réan...?“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Raban beugte sich ein wenig zu ihr hinüber, damit er sie überhaupt verstehen konnte. „Was hast du gesagt?“, fragte er leise. Aelias Lider hoben sich nur einen Spalt. „Doréan...“ Ihre Stimme klang fern. „Wo ist er...? Wo ist mein Herz...?“ Ein flüchtiges Schmunzeln legte sich auf Rabans Lippen. „Hier ist dein Herz“, murmelte er mit trügerischer Ruhe und Aelia schloss beruhigt die Augen. „Er ist hier? Das ist gut…“ flüsterte sie. Langsam hob er die Hand und legte sie auf die Weichheit ihrer Brust. „Hier ist dein Herz. Und es schlägt wie verrückt…“ murmelte er. Die Wärme der Hand, die sie durch den Stoff ihrer Kleidung spürte, erschien ihr vertraut. Beruhigend. Ohne darüber nachzudenken, hob sie ihre eigene Hand und legte sie auf die seine. „Oh... Doréan...“, hauchte sie kaum hörbar. Ein leises, glückliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Für einen flüchtigen Augenblick fühlte sich alles leicht an. Schwerelos. Als gäbe es weder den süßlichen Rauch, noch diese dreckige, stickige Kaschemme oder die fremden Stimmen um sie herum. Raban sagte nichts. Er ließ seine Hand einfach liegen und beobachtete sie aufmerksam, als würde ihn jede noch so kleine Regung interessieren. Aelia spürte, wie die Hand, die ihre Brust gedrückt hatte, langsam tiefer glitt. Über ihren Bauch, über ihre Schenkel, und tiefer, bis sie einen Moment lang an Ort und Stelle verharrte. Die feinen Härchen auf Aelias Beinen stellten sich auf, als sie seine Hand auf ihrer Haut spürte, wie sie langsam unter ihrem Kleid nach oben strich, sich ihren Weg zwischen ihre Schenkeln bahnte und sich zwischen das Dreieck schob. Aelia kicherte. „Doréan…“ Doch irgendetwas daran war nicht richtig. Er war nicht behutsam. Seine Hand war schwer und rau, und nichts an dieser Berührung erinnerte sie an Doréan. Sie kniff ihre Augen schmerzhaft zusammen als sich zwei Finger in ihr Inneres schoben und sie öffnete die Augen. Aelia fuhr entsetzt in die Höhe, als sie erkannte, dass es nicht Doréan war, sondern Raban. Und für den Bruchteil eines Herzschlags war der Nebel in ihrem Kopf wie zerrissen. Sie packte seine Hand ruckartig und stieß sie von sich weg. „Fass mich nicht an du Schwein…“ zischte sie und riss ihren Rock nach unten. Raban reagierte nicht sofort. Stattdessen hob er langsam den Finger, betrachtete ihn einen flüchtigen Augenblick und führte ihn dann mit einem schiefen Grinsen an seinen Mund. Genüsslich steckte er ihn sich in den Mund und leckte er darüber, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Nicht schlecht…“, murmelte er. Und im nächsten Augenblick schnellte seine Hand vor. Der Handrücken traf Aelia mit solcher Wucht im Gesicht, dass sie nichts als weiße Blitze vor ihren Augen sah. Erst einen Herzschlag später setzte der Schmerz ein und ein schrilles Pfeifen erfüllte ihre Ohren. Erst als etwas Warmes über ihre Lippen rann, begriff sie, dass sie aus ihrer Nase blutete. „Was fällt dir ein, du Schlampe!“, bellte Raban. Voller Schrecken fuhr sie hoch. Sie musste fort. Weg von ihm. Weg aus diesem Loch! Sie sprang von der Liege auf, doch kaum hatte sie einen Schritt gemacht, versagten ihr die Beine. Der Boden schwankte unter ihr, als stünde sie auf einem Boot im Sturm. Sie versuchte noch, das Gleichgewicht zu halten, griff ins Leere und ihre Beine versagten ihr vollends. Hart schlug sie auf den schmutzigen Dielen auf. „Verdammt...“ hörte sie jemanden rufen. Zwei der Mädchen, die den Tumult bemerkt hatten, eilten herbei. Behutsam griffen sie Aelia unter die Arme und halfen ihr wieder auf die Beine. Sie versuchte sich loszumachen, doch ihre Beine wollten sie einfach nicht mehr tragen. „Ganz ruhig“, sagte eine der beiden leise. „Du kannst im Moment nicht stehen.“ Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie zurück zur Liege zu bringen und setzten sie wieder hin, während Aelia benommen versuchte, den Blick zwischen den verschwommenen Gestalten zu fokussieren. „Raban hat ihr eine geknallt…“ hörte sie eins der Mädchen sagen. Ihre Brust hob und senkte sich hastig, und das Blut tropfte unaufhörlich auf ihre Haut und ihr Kleid. Aelia presste zitternd eine Hand gegen ihre blutende Nase und rang vergeblich um einen klaren Gedanken in diesem Nebel.
Das eiserne Gesetz ❖
01.08.2023 '00:42 [3.257 Wörter]
 ebelschwaden und Dunstschleier krochen Doréan in den Kopf. Noch bevor er überhaupt einen Zug genommen hatte, umwaberte der Rauch bereits seine Gedanken. Als Raban Aelia die Pfeife darreichte, da schüttelte Doréan den Kopf. Doch seine Worte gingen unter Rabans Drängen unter. Aelia war im Netz der Spinne gefangen, wie eine Motte, die dem Licht gefolgt war und sich nun in den Fängen der schwarzen Witwe befand. Die Geräusche wurden dumpfer und seine Gedanken langsamer und träge. Die Wirkung des Rauschgiftes entfaltete sich langsam. Viel langsamer als gewöhnlich. Der Drang, sich dem Rausch hinzugeben. Er war stets anwesend und nagte an ihm. Ganz besonders jetzt, als er die Pfeife in der Hand hielt und seine Blicke in der dünnen Rauchfahne, die vom Kopf aufstieg etwas zu erkennen glaubten, dass seltsam war. Doréan hatte den Rauch nicht tief inhaliert, sondern ihn nur im Mund zirkulieren lassen. In Doréans Innerem tobte ein Kampf zwischen der Sucht und dem Argwohn, der ihn umfangen hielt. Raban hatte sie an diesen Ort geschleift und Aelia förmlich gezwungen sie zu begleiten. Natürlich waren ihm diese seltsamen Blicke Rabans nicht entgangen. Und dann hatte er sich auch noch zwischen sie gesetzt. Alles in Doréan begehrte auf, doch er konnte es nicht beim Namen nennen. Was ging hier vor sich? Warum waren sie überhaupt hier. Raban war der Ranghöhere. Er konnte versuchen gegen ihn aufbegehren. Ihm die Stirn bieten. Etwas sagen. Und wenn es nur ein Fluch war, oder ein Schimpfwort. Doch aus Erfahrung wusste er, dass dies Konsequenzen hatte. Nicht, wenn Doréan wie so oft seine vorlaute Klappe nicht im Zaum hatte halten können. Es war eine Frage des Respekts, den man von Männern wie Doréan gegenüber Älteren oder Ranghöheren Mitgliedern der Bande erwartete. Doch etwas an Raban hatte Doréans innere Alarmglocke zum Läuten gebracht. Die Sucht war verlockend und der süße, schwere Duft des Opiums wehte ihm verlockend um die Nase. Und doch hatte er dem Sog des Schlafmohns widerstanden. Um Aelias Willen. Auch wenn das Wenige, welches er eingeatmet hatte, sich bereits in seinem Geist ausbreitete. Wie ein Funke, der auf ein Herz aus Zunder gefallen war. Das Feuer war zu schwach um in Flammen aufzugehen. Doch der Rauch schwelte unaufhörlich und breitete sich langsam immer weiter aus.
Etwas sträubte sich in dem Jungen aus der Ascherinne. Kein klarer Gedanke, keine begründete Furcht. Eher jenes dumpfe Ziehen tief im Bauch. Ein Stich, der ihn an dunkle Tage, oder die Gosse der Ascherinne erinnerte. Ein Gefühl, welches ihm in den alten Gassen schon mehr als einmal vor einem Messer im Dunkeln bewahrt hatte. Es war derselbe stumme Instinkt, der ihn spüren ließ, wenn eine Gasse zu still war oder ein Lächeln nicht ehrlich gemeint war. Allerdings war dieses Gefühl stärker als das Verlangen und die Verlockungen sich dem Rausch hinzugeben. Es war nicht Rabans Gegenwart allein. Es war mehr als das. Sein Gebaren. Seine Geheimniskrämerei über den Grund ihres Hierseins. Seine Beharrlichkeit. Die Art, wie sein Blick immer wieder an Aelia hängen blieb. Allein dieser Gedanke ließ Doréans Nackenhaare sträuben und eine gärende Wut in seinem Bauch brodeln. Aelia war eine schöne Frau. Viele Männer drehten sich nach ihr um oder bedachten sie mit neugierigen Blicken. Das wusste Doréan. Doch Raban war rau, launisch und bisweilen unerträglich. Doréan hatte schon oft am eigenen Leib erfahren müssen, wenn Raban über die Stränge geschlagen hatte. Meistens wenn das Zittern in seiner Hand Überhand zu nehmen drohte. Wenn der Kalte Schweiß ihm auf der Stirn stand und seine schwitzigen Hände zitterten und er sie kaum einen Augenblick stillhalten konnte. Wie oft hatte er ihn schon grundlos geschlagen, und sich nach dem ersten Zug aus seiner Pfeife wieder entschuldigt? Doréan konnte es nicht sagen. Aber heute war es anders als sonst. Vielleicht war Raban auch nur nervös und dieses ominöse Geheimnis war der Grund dafür. Allerdings war es vielmehr dieses namenlose Gefühl, das an den Gedanken des Gossenflohs nagte, wie der Lindwurm an den Wurzeln des Weltenbaums. Doréan hatte gelernt, einem unguten Gefühl eher zu vertrauen als jeder vernünftigen Erklärung. Wer auf den Straßen Oshkïrs zu lange nach Gründen suchte, war oft schon tot, bevor er auch nur einen gefunden hatte. Und heute flüsterte es ihm nur stumme, raunende Worte ins Ohr. Hier stimmt etwas nicht. Daher hatte er dem Rauch entsagt und nur den Schein gewahrt.
Langsam sickerte das schwere Gefühl in Doréans Gedanken. Das Opium wütete in seinem Kopf und legte sich träge über seinen Geist wie ein Tuch aus Nebel und Schwaden. »Aelia.«, murmelte Doréan und warf einen Blick zur Seite. Sie lag einfach nur da und hatte die Augen geschlossen. Doréan lächelte und seufzte einen tiefen und langen Atemzug hinaus. Die innere Stimme verstummte langsam, als würde das Opium sie mehr und mehr ersticken. Doch mit einem Mal schnitt ein scharfer Ton durch die Stille. »Fass mich nicht an, du Schwein!«
Der scharfe Ruf durchschnitt den Opiumdunst wie ein Messer, das hinterrücks gezogen worden war. Im Haarigen Bären wurde es schlagartig still. Dann klatschte eine Ohrfeige. Ein harsches und hässliches Geräusch, das durch die Stille bis in den letzten Winkel der Kaschemme zu hören gewesen war. Mehrere Köpfe fuhren herum. Die Männer und Handvoll Dirnen, die im haarigen Bären zugegen waren, rührten sich. Jeder auf eine eigene Weise. Einer der alten Haudegen richtete sich langsam auf. Eine Dirne presste erschrocken die Hand vor den Mund. Die Menschen sahen auf oder kniffen angespannt die Augen zusammen. »Raban hat ihr eine geknallt.« Sie hatte die Worte mehr zu sich selbst gesprochen. Doch ein Mann, dessen Gesicht beinahe gänzlich in den Schatten lag, nickte nur. »Ja.« Und dann schüttelte er missbilligend den Kopf. Doch noch rührte sich niemand. Es schien, als ob jeder wusste, dass die Luft zum Zerreißen gespannt war, doch niemand wollte der Grund sein, dass der letzte, seidene Faden zerriss. Doréan war aus seiner Lethargie erwacht und auf die Beine gesprungen. »Lass die Finger von meinem Liebchen, du Hundsfott!«, bellte Doréan und versetzte Raban einen Stoß. Mit beiden Händen schubste er Raban von Aelia weg und stellte sich dann zwischen ihn und seine Herzensdame. Raban fuhr daraufhin herum und funkelte Doréan grimmig an. »Wie hast du mich genannt?«, zischte Raban und ballte die Faust. »Du hast mich schon verstanden, du dreckiger Hundsfott.« Er hob trotzig das Kinn und funkelte Raban wütend an. Seine Fäuste waren geballt und sein ganzer Körper zitterte vor schäumender Wut. Als Raban das Zittern bemerkte, da grinste er breit. »Ach..der Hund zeigt seine Zähne?« Doréan zitterte. Vor Wut und vor lähmender Ohnmacht. Raban war der Ranghöhere. Er durfte ihn nicht schlagen. Das wussten sowohl Doréan als auch Raban und dieser schnalzte süffisant mit der Zunge und trat einen Schritt an Doréan heran. Er hob seine Hand und schnippte Doréan verächtlich gegen die Stirn. »Große Klappe...« Er versetzte Doréan einen Stoß, der ihn zurückweichen ließ. »…aber nichts dahinter.« Er blies die Luft aus den Wangen und grinste noch herausfordernder. »Hab ichs mir doch gedacht. Du willst ihr Wolf sein?« Raban lachte leise. »Du bist nur ein Wurm…ein kleiner Köter, der winselnd den Schwanz einzieht, sobald sein Herr knurrt.« Daraufhin knurrte Raban, als ob er seinen Spott mit Doréan treiben würde. »Und jetzt entschuldige dich, für dein respektloses Verhalten, bevor ich mich vergesse.«, knurrte Raban grimmig. Doréan zitterte noch immer und er sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Halt dein Scheiß Maul, du Hundsfott!«, blaffte Doréan. »Du…« Rabans Hand fegte durch den Nebel des Opiums und zerteilte diese wie Pflug. Doréans Kopf flog zur Seite, als Rabans Hand ihn erwischt hatte.
Etwas in Doréan zerbrach. Wie ein filigranes Glas, das man zu grob angefasst hatte. Ein Sprung, der sich durch das Glas seinen Weg bahnte. Und dann zersplitterte das Glas und all die Wut, die sich in Doréan aufgestaut hatte wurde mit einem Schlag freigesetzt. Doréans Faust schnellte hervor und traf Raban direkt auf der Nase. »Fass sie noch einmal an…« brummte Doréan und Raban hielt sich die Nase. »Dann wirst du morgen bei den Fischen aufwachen.« Für einen Herzschlag stand die Zeit still. Niemand sprach oder wagte es zu atmen. Dann scharrten plötzlich Stühle über den Boden. Die alten Haudegen, die noch nicht völlig vom Opium betäubt waren, standen beinahe gleichzeitig auf den Beinen. Sie näherten sich den Beiden, um sie voneinander zu trennen. Die Dirnen wichen erschrocken zur Seite und manche von ihnen verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Spelunke. Jeder im Haarigen Bären wusste, was dieser Schlag bedeutete. Ein einfacher Laufbursche hatte soeben einem Ranghöheren Mitglied der Sanra'Jena vor versammelter Mannschaft einen Schlag verpasst.
Doch noch ehe jemand den ersten der beiden erreichen konnte, durchschnitt eine tiefe Stimme den Schankraum. »Genug.« Die Männer erstarrten und es schien beinahe, als ob die Luft zu Eis gefror und alles um Doréan herum in der Zeit gefangen zu sein schien. Lenan, Boss der Sanra'Jena trat aus der Tür des Hinterzimmers und warf einen grimmigen Blick in die Runde. »Was hat das hier zu bedeuten?«, verlangte er zu wissen. Da wandelte sich Rabans Gebaren. Fort war seine Autorität. Fort war seine Dominanz. Nun, da der wahre Leitwolf der Bande vor ihm stand, war er es, der nur ein winselnder Köter im Schatten des Werwolfs war. »Nichts, Boss.«, murmelte Raban. »Nur 'ne Meinungsverschiedenheit.« Er warf Doréan einen grimmigen Blick zu. »Is doch so, oder Réan?« Doréan nickte. Zögerlich und wenig überzeugend. Doch er sagte kein Wort. Lenan nickte nachdenklich und fuhr sich mit der Hand über die Wange. »Komm her.«, befahl Lenan und winkte Raban zu sich. Er folgte. Wenn auch mit sichtlichem Zögern. Als er schließlich vor Lenan stand, straffte er seine hängenden Schultern und hob den Blick zu Lenan auf. »Meinungsverschiedenheit?«, murmelte Lenan und Raban seufzte. »Nichts, worüber du dir Gedanken machen musst, Boss.«, murmelte Raban und rieb sich die pochende Nase. »Sieht aber nicht so aus.«, brummte Lenan und warf forsche Blicke auf Raban und auch auf Doréan. »Und der Junge?« befahl er unwirsch und die alten Haudegen, die zuvor aufgesprungen waren um Raban und Doréan zu trennen, verschränkten nun ebenfalls die Arme vor der Brust. »Er hat die Zähne gezeigt, mehr nicht Boss.« Lenans linkes Augenlid zuckte. Doch er schwieg und warf dann Doréan einen flüchtigen Blick zu, bis er schließlich auf Aelia haften blieb. Eine Weile lang starrte er die junge Frau an, bis er sich wieder Raban zuwandte.
Schließlich räusperte sich Lenan und seufzte langsam. »Der Junge. Wie hat er sich geschlagen?« Raban sah ihn verdutzt an und Lenan lächelte wissend. »Am Tor.« Da sickerte die Erkenntnis in Rabans Gesichtsausdruck. »Bestanden, hat getan was man ihm gesagt hat.« Da nickte Lenan zufrieden und lächelte dünn. »Gut.« Lenan warf einen Blick zu Doréan und musterte ihn eingehend. »Und dieser Wachmann?«, erkundigte sich Lenan mit ruhigem Ton und über Rabans Mundwinkel huschte ein diebisches Grinsen. »Bei den Fischen.« Wieder nickte Lenan und wirkte sichtlich zufrieden. Und das hier?«, erkundigte sich Lenan und ließ seinen Finger durch die Luft kreisen um den ganzen Ort damit einzuschließen. »Wir haben nur ein bisschen gefeiert, Boss.« Lenan trat einen Schritt auf Raban zu warf dabei immer wieder einen merkwürdigen Blick zu Aelia. »Gefeiert?«, hakte Lenan nach und Raban nickte, doch dieses Mal etwas zögerlicher, als ob er spüren würde, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. »Nun, Raban.« Lenan seufzte und legte ihm beinahe väterlich eine schwere Hand auf die Schulter. »Es klang anders.«, raunte Lenan und Raban schluckte. »Alles in Ordnung Boss.« Er warf Doréan einen Blick zu und nickte dann in Richtung Lenan. »Ja, alles in Ordnung.«, murmelte Doréan, woraufhin Lenan dem Gossenfloh einen flüchtigen Blick zuwarf. »Gut.« Lenan nickte und klopfte Raban schließlich auf die Schultern. Die Haudegen entspannten sich nun ebenfalls und die angeheizte Stimmung kühlte langsam wieder ab.
Rabans Schultern entspannten sich. Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er glaubte, die Sache sei ausgestanden. Lenans Blick wanderte langsam durch den Raum. Über Doréan. Über die schweigenden Männer und die Dirnen, die sich in die Ecken gekauert hielten. Dann blieb er an Aelia hängen. »Du.« Er deutete auf die junge Frau und winkte dann mit der Hand, um sie zu sich zu rufen. Aelia zuckte zusammen. »Komm her, Herzchen.« Sie warf Doréan einen unsicheren Blick zu. Dann trat sie langsam vor. Lenan sah sie mit musternden Blicken an. Er hob seine Hand und legte ihr dann Daumen und Zeigefinger unters Kinn, um ihren Kopf ein wenig anzuheben. Dann neigte er ihren Kopf zur rechten Seite und betrachtete sie lange und schweigend. Doch dann ließ er sie wieder los und winkte freundlich. »Keine Angst, Mädchen.« Aelia sah zuerst Raban und dann Lenan an. »Boss.«, hob Raban an doch Lenan schnitt ihm das Wort ab. »Sie war frech. Ich hab' ihr nur…« Ein gellender Schrei durchging den Haarigen Bären, als Lenan ihn am Handgelenk gepackt hatte und dieses hart verdreht hatte. Raban keuchte schmerzerfüllt und sank auf die Knie um dem Schmerz entgegenzuwirken. Doch Lenan verstärkte den Griff weiter und zwang Raban so vor ihm zu knien. Und als Lenan einen Schritt zurücktat, da folgte ihm Raban kriechend auf den Knien. »Ich habe dir eine einfache Frage gestellt, Raban.«, brummte Lenan und übte noch einen Hauch mehr Druck auf das Handgelenk aus, so dass die Knorpel langsam knackten. »Und du lügst mir einfach mitten ins Gesicht?« Lenan schnalzte mit der Zunge, während Raban sichtlich darum kämpfte, sich aus Lenans Griff zu winden. »Und noch viel schlimmer…«, fuhr Lenan fort und wandte sich dann an Aelia. »Du brichst das eiserne Gesetz. Unter meinem Dach!« Wieder verstärkte Lenan ruppig den Druck und Raban kroch noch etwas tiefer vor ihm bis sein Gesicht beinahe den Boden berührte. Lenan schnippte schließlich mit den Fingern und die Haudegen begannen sich zu regen. »Niemand legt Hand an die Frauen Sanras. Du kennst das Gesetz.« Lenan funkelte ihn grimmig an. »Niemand.« Ein Knacken brach die Stille. Raban heulte auf und als Lenan ihn schließlich losließ, da sackte er mit gebrochenem Handgelenk zusammen. »Auge um Auge. Zahn um Zahn.«, murmelte Lenan. Das eiserne Gesetz der Sanra'Jena war verletzt worden. Lenan hatte klar gemacht, dass niemand über dem Gesetz stand. Nicht einmal jemand, der sein Vertrauen genoss. Nicht nur hatte Raban Aelia entehrt. Auch hatte er Doréan vor den Augen aller gedemütigt. Dies war kein Verhalten, welches die Sanra'Jena tolerierten. Jeder Mann hatte den Ranghöheren Respekt zu zollen. Doch dies gewährte nicht gleich das Recht die Rangniederen nach Gutdünken zu behandeln. Als Raban Hand an Aelia gelegt hatte, da hatte er eine rote Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten dürfen. Raban hätte es besser wissen müssen. Vielleicht war es das Opium gewesen. Oder sein Blut hatte sich an einer anderen Körperstelle angesammelt und ihm im Kopf gefehlt. Und nun hatte er den Preis dafür bezahlt.
Schließlich trat Lenan an Doréan heran. »Du, wie lautet dein Name?« Der Gossenfloh trat an Lenan heran und schluckte einen dicken Kloß herunter. »Doréan.« Da lächelte Lenan wissend. »Doréan.« Er schüttelte den Kopf. »Du hast einen Ranghöheren geschlagen. Das verdient Strafe, das weißt du?«, brummte Lenan und der dicke Kloß wurde mit einem Mal noch viel schwerer. Doréan schlug die Augen nieder und betrachtete seine Schuhe, als ob er diese zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hätte und eine Geschichte zu erzählen hatten, die noch Stunden gehen könnte. »Sieh mich an, Doréan.«, befahl Lenan und der Gossenfloh hob daraufhin gehorsam den Kopf. »Aber…« Lenan nickte zu Aelia. »Du hast eine Frau verteidigt, die unter dem Schutz des eisernen Gesetzes stand.« Da nickte Lenan anerkennend. »Auge um Auge.« Doréans angespannte Miene entspannte sich und er begann zaghaft zu lächeln. Doch da schnellte Lenans Hand hervor und er traf ihn mit dem Handrücken im Gesicht. Nicht hart, aber fest genug, dass Doréans Wange brannte. »Deine Schuld ist vergeben.« Lenan hielt Doréan seine Hand entgegen und an seinem kleinen Finger prangerte ein dicker Siegelring, in welchem ein Symbol eingraviert war, dass an eine gewundene Schlange erinnerte. Das S für Sanra'Jena. Doréan starrte einen Moment lang auf den Ring. Doch als Lenan keine Anstalten machte, die Hand sinken zu lassen, da erkannte Doréan, was von ihm verlangt wurde. Als Lenan ihn dann noch mit einem strengen ungeduldigen Blick bedachte, da näherte sich Doréan der ausgestreckten Hand. Anschließend schloss er die Augen und küsste den Ring. Da nickte Lenan zufrieden und ließ die Hand sinken. »Ihr könnt gehen.«, befahl Lenan und deutete auf Aelia und Doréan. »Los. Alle, die nicht vom Blute Sanras sind, raus!« Die Männer gerieten in Bewegung. Die Dirnen. Die Handlanger. Jeder einzelne der kein Mitglied der Sanra'Jena war wurde vor die Tür gesetzt. Dies schloss auch Aelia und Doréan ein, denn auch wenn er ein Laufbursche der Sanra'Jena war, der seine Bewährung bestanden hatte. Er war noch keiner von ihnen.
Die kalte Nachtluft empfing Doréan und Aelia, als sie den Haarigen Bären verließen. Schweigend griff Doréan nach Aelias Hand. Sie erwiderte den Druck ihrer Finger, ohne den Blick von der Tür der Schenke zu lösen. Hinter den kleinen Butzenscheiben flackerte noch immer warmes Licht. Einen Augenblick glaubte Doréan, eine dunkle Gestalt darin stehen zu sehen. Raban. Reglos. Mit gebrochener Haltung, aber einem Blick, der selbst durch das trübe Glas wie blanker Hass wirkte. Doréan erschauderte einen Moment, bevor er sich Aelia zuwandte. »Nun, mein Liebchen.« Er seufzte mit einem leicht beschämten Unterton in der Stimme. »Alles in Ordnung?«, murmelte Doréan als er Aelias angespannten Blick bemerkte. Er trat an sie heran und betastete ihre Wange. »Dieser miese Hundsfott.« Er ballte die Faust und schluckte seine Wut herunter um Aelia ein freundliches Lächeln zu schenken. Das Lächeln war matt und angespannt. Er zuckte mit den Achseln und bedachte Aelia mit entschuldigenden Blicken. »Jetzt weißt du, für was für Leute ich arbeite.« Er seufzte. »Darauf hätt' ich getrost verzichten können.« Er rollte mit den Augen. »Und Raban, der Hundsfott. Hat sich wieder mal von seiner besten Seite gezeigt, das Arschloch.«, brummte er, ohne zu wissen was er in Wahrheit noch mit Aelia getan hatte. 'Schlimmer konnte es nun auch nicht mehr kommen.' Doch da huschte ein Gedanke durch seinen Kopf und er seufzte. Bertram. Es konnte noch schlimmer kommen. Wenn man Raban und Bertram zum Kampf um die Krone des größten Arschlochs zwingen würde, dann wüsste er nicht, auf wen er wetten sollte. »Nun, weißt du, mein Liebchen.«, murmelte er und legte seine Hand um ihre Hüfte, da sie immer wieder ein wenig schwankte. »Du musst erstmal den Kopf frei bekommen.« Er strich ihr liebevoll das Haar aus dem Gesicht. »Der verdammte Hundsfott habt bekommen was er verdient.« Er lächelte wissend. »Ich bin so müde.«, seufzte Aelia und lehnte sich an Doréan an, welcher nur stumm nickte. »Aber ich hab heute keinen Ort, an dem ich schlafen kann.« Aelia geriet erneut ins Wanken. Ihre Beine wurden weich und sie knickte ein. Doréan konnte sie gerade noch halten, bevor sie stürzte. »Nun, was soll ich sagen, wir können zu mir gehen. Aber...« Er seufzte niedergeschlagen. »...Ich hatte gehofft, dass wir einen anderen Ort finden.« Er erinnerte sich an Madiahs schmähende Worte. »Einmal Gosse, immer Gosse hat diese Hundsfut gesagt.« Er seufzte mit einem grimmigen Blick. »Dieser Spruch trifft den Nagel leider ziemlich auf den Kopf.« Da lächelte Aelia und drückte ihm die Hand auf die Brust. »Solange wir zusammen sind, ist mir alles recht.« Da lächelte Doréan gequält und schüttelte langsam den Kopf. »Du wirst anders darüber denken, wenn wir dort sind.« Schließlich führte er sie langsam immer tiefer ins graue Viertel, bis sie die Grenze zur Ascherinne erreicht hatten. Das rote Licht über dem Tor zu Bertrams Stall schimmerte schwach und unheilschwanger in der Dunkelheit und warf einen diffusen Schein auf die alte Straße.
Giftige Nattern und ein Aasgeier ❖
08.08.2023 '17:22 [3.468 Wörter]
 elia saß reglos auf der schmalen Liege. Mit zitternden Fingern presste sie den feuchten Lappen gegen ihre Nase, den ihr eines der Mädchen gereicht hatte. Trotzdem sickerte immer wieder warmes Blut zwischen dem Stoff hervor und tropfte lautlos auf ihr Kleid. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leicht an, als würde er jeden Augenblick davonschweben, während ringsum Stimmen lauter wurden und ineinanderflossen wie das unaufhörliche Rauschen des Meeres. Erst langsam hob sie den Blick. Doréan. Wann war er aufgestanden? Sie wusste es nicht. Er stand zwischen ihr und Raban. Breitbeinig, die Schultern angespannt, den Rücken zu ihr gewandt. Aelia blinzelte. Der süße Schleier des Opiums machte es schwer, die Gedanken festzuhalten. Alles verschwamm. Nur Doréan blieb. Wie ein Fels, an dem der Nebel einfach vorbeizog und seine Stimme drang an ihr Ohr. Rau, laut und voller Zorn. Sie verstand kaum ein Wort. Aber sie verstand, weshalb er Raban gegenüber laut geworden war und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er stellte sich ihretwegen vor sie. Sein ganzer Körper bebte vor Wut, und trotzdem wich er keinen Schritt zurück. Sie wusste nicht, ob sie jemals zuvor erlebt hatte, dass sich jemand schützend vor sie gestellt hatte. Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls konnte sie sich an keinen einzigen Menschen erinnern. Nicht einmal ihre eigene Mutter hatte sich zwischen sie und Ludger gestellt. Ein fremdes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Warm und schmerzhaft zugleich. Es war so überwältigend, dass ihr für einen flüchtigen Augenblick selbst der pochende Schmerz in ihrer Nase gleichgültig wurde. Sie hatte sich ihr ganzes Leben allein gegen die Welt behaupten müssen. Und nun stand dort ein junger Mann, kaum älter als sie selbst, und war bereit, sich mit jemandem anzulegen, der ihm an Kraft, Rang und Einfluss weit überlegen war. Nur ihretwegen. Aelia konnte den Blick nicht von ihm lösen. Der Raum schwankte noch immer vor ihren Augen. Stimmen verschwammen im süßlichen Nebel des Opiums, der Geruch von Blut und abgestandenen Pfeifenrauch hing schwer in der Luft, und doch blieb Doréan seltsam klar. Er stand zwischen ihr und Raban, die Fäuste geballt, den Atem hastig, die Wange gerötet von der Ohrfeige, die er ihretwegen eingesteckt hatte. Dann schlug er zu. Seine Faust traf Raban mit einer Wucht, die selbst den Schleier in Aelias Kopf für einen flüchtigen Herzschlag zerriss. Sie starrte ihn nur an. Er hatte sich ihretwegen vor Raban gestellt. Vor einem Mann, vor dem sich jeder in diesem Raum zu fürchten schien. Vor einem Mann, der ihm vermutlich an Kraft überlegen war. Vor einem Mann, der über ihm stand, und vermutlich sein Boss war. Und trotzdem hatte Doréan keinen einzigen Schritt zurückgewichen. Aelia wusste nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Alles daran war falsch. Der Blutgeruch. Die schmutzigen Dielen unter ihren Füßen. Das Opium, das ihre Gedanken träge machte. Der Schmerz, der noch immer in ihrer Nase pochte. Und dennoch lag in all diesem Elend etwas, das ihr das Herz auf eine Weise berührte, die sie nicht in Worte zu fassen vermochte. Etwas, das sie noch nie erlebt hatte. Mit einem Mal wusste Aelia, weshalb ihr Herz jedes Mal schneller schlug, wenn Doréan sie ansah. Weshalb sie seine Nähe suchte. Jetzt erst begriff sie, was all seine Blicke, Berührungen und ihre gemeinsamen Augenblicke die ganze Zeit bedeutet hatten. Jetzt verstand sie ihr eigenes Herz. Und auch das seine. Und das wurde ihr ausgerechnet mitten in einer verruchten Opiumhöhle klar. Mit einer blutenden Nase. Zwischen Schlägern, Dirnen und Pfeifenrauch. Es war eine verdorbene Romantik. Und niemals zuvor war ihr etwas schöner erschienen, als die Tatsache, dass ein Mann ihretwegen einem anderen die Faust ins Gesicht gedonnert hatte.
Aelia trat hinaus in die kalte Nachtluft und sog die wohltuende Luft tief ein. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er den süßen, schweren Dunst aus ihrem Kopf treiben. Ihre Gedanken wurden noch lange nicht klar, doch sie hörten auf, wie lose Blätter im Wind durcheinander zu wirbeln. Die Welt hörte auf zu schwanken. Nur langsam. Als würde der Rausch sich widerwillig aus ihren Gedanken lösen. Als Doréan nach ihrer Hand griff, schloss sie ihre Finger ohne zu zögern um die seinen. Sein Lächeln war schief. Er lächelte, doch Aelia erkannte sofort, dass es nur ein dünner Schleier war, hinter dem sich Schuld und Scham verbargen. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er und sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich weiß nicht...“, murmelte sie leise. „Es ist alles so trüb in meinem Kopf...“ Ihre Finger schlossen sich etwas fester um seine Hand und einen langen Augenblick sagte sie nichts, während sie weitergingen. Ihr Blick glitt über sein Gesicht. Lenans Ohrfeige hatte kaum eine Spur hinterlassen. Und doch blieb sie mit ihren Gedanken daran hängen, dass sie beide an diesem Abend eine Ohrfeige abbekommen hatten. Ein flüchtiger Gedanke kehrte zurück. Jener kalte, hasserfüllten Blick, mit dem er Doréan angesehen hatte, nachdem Lenan ihn vor allen Leuten zurechtgewiesen hatte. Aelia kannte die Regeln dieser Männer nicht. Sie wusste nicht, weshalb Lenan so gehandelt hatte oder welche Strafen innerhalb ihrer Reihen galten. Aber sie kannte Menschen. Sie wusste, wie ein Mann aussah, dessen Stolz bis aufs Mark verletzt worden war. Und sie wusste ebenso gut, dass Männer wie Raban Demütigungen nicht vergaßen. Unwillkürlich schloss sie ihre Finger etwas fester um Doréans Hand, während sie neben ihm mehr stolperte als ging. Das ungute Gefühl, das sich eben noch wie ein flüchtiger Schatten an ihren Gedanken vorbeigeschlichen hatte, begann sich langsam in ihrer Brust festzusetzen. Lenan mochte den Streit beendet haben. Für Raban, da war sie sich beinahe sicher, hatte er gerade erst begonnen. Und das macht ihr irgendwie Angst. „Dieser miese Hundsfott… Jetzt weißt du, für was für Leute ich arbeite.“ Aelia antwortete nicht. Während Doréans Worte langsam in der kalten Nachtluft verhallten, blieb ihr Blick an seinem Gesicht hängen. Es war noch immer derselbe junge Mann, dessen Hand sie fest umschlossen hielt. Derselbe Doréan, dessen Lächeln sie liebgewonnen hatte und in dessen Nähe sie zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl gehabt hatte, zugehörig zu sein. Und doch hatte er mit einem einzigen Satz eine Tür geöffnet, hinter der sich eine Welt verbarg, die ihr fremder kaum hätte sein können. Von deren Existenz Aelia, und Jedermann im grauen Viertel zumindest einmal etwas gehört, aber niemals geahnt hatte, dass sie damit jemals in Berührung kommen würde., Dahinter lag eine Welt, in der Männer schneller nach der Faust oder dem Messer griffen, als ein vernünftiger Mensch überhaupt einen Streit begonnen hätte. Eine Welt voller Gewalt, rauer Gesetze und Männer. Es war dieselbe Welt, in der Doréan jeden Morgen erwachte, sie jedoch nicht. Aelia konnte diese Tatsache in diesem Moment, in dem das Opium noch in ihrem Körper wütete, weder so recht begreifen, noch recht verarbeiten. Sie schwankte immer noch, und Doréan legte seine Hand um ihre Hüften um sie zu stützen. „Ja, jetzt weiß ich es“ erwiderte sie schließlich. Mehr sagte sie zunächst nicht. „Darauf hätt' ich getrost verzichten können.“ Er klang, als bedaure er nicht, dass sie die Wahrheit erfahren hatte, sondern die Art, auf die sie sie erfahren hatte. Dennoch ließ sich der Gedanke nicht abschütteln. Hätte er sie ihr überhaupt jemals erzählt? Sie wusste selbst nicht, weshalb ausgerechnet dieser Gedanke sich hartnäckig in ihrem Kopf festsetzte. Vielleicht lag es am Opium, vielleicht an der Erschöpfung. Doch während sie Doréans Hand hielt, fragte sie sich unwillkürlich, ob sie all das jemals erfahren hätte, wäre Raban ihnen an den Docks nicht über den Weg gelaufen. Ob Doréan ihr diese Tür eines Tages von sich aus geöffnet hätte. Oder ob sie noch Wochen, vielleicht Monate miteinander verbracht hätten, während dieser Teil seines Lebens stumm zwischen ihnen gestanden hätte.
Schweigend gingen sie weiter durch die dunklen Gassen des grauen Viertels. Der Wind strich durch die Gassen, spielte mit ihrem Haar und kühlte ihre erhitzte Haut, doch in ihrem Kopf hing der süße Nebel des Opiums noch immer schwer zwischen ihren Gedanken. In ihrem Kopf fühlte sich nach wie vor alles noch immer sonderbar leicht und weit entfernt an. Gedanken kamen in trägen Wellen, stießen gegeneinander und versanken wieder, ehe sie sich zu Ende denken ließen. Lediglich ein Gedanke kam immer wieder zurück. Sie sah Rabans Gesicht vor sich. Sein Blick mit dem er sie angesehen hatte, als sie der Tatsache gewahr wurde, dass es nicht Doréan gewesen war, der ihr die Hand zwischen die Beine geschoben hatte. Sie fühlte sich schmutzig, und auf eine seltsame Art und Weise schuldig. Es fühlte sich fast so an, als hätte sie Doréan hintergangen. Immer wieder warf sie ihm einen Seitenblick zu. Ihre Schritte waren noch immer unsicher, und das Pflaster unter ihren Füßen schien sich auf eine sonderbare Weise zu bewegen, sobald sie zu lange darauf sah. Sie hielt Doréans Hand fest und versuchte, jenen Gedanken lange genug bei sich zu behalten, um ihn aussprechen zu können. „Réan...“ Aelia wartete einen Augenblick, ohne recht zu wissen, wie sie anfangen sollte. Schon der Gedanke daran ließ etwas Unangenehmes in ihrem Magen aufsteigen. „Vorhin, im haarigen Bären...“ Ihre Stimme wurde leiser. „Ich hab‘ dir gar nicht gesagt, was Raban gemacht hat.“ Aelia presste die Lippen aufeinander. Ihr Blick blieb auf dem Pflaster vor ihren Füßen hängen. „Er hat mich angefasst.“ Das allein klang falsch. Doréan wusste schließlich, dass Raban sie angefasst hatte. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. „Ich mein... nicht nur so.“ Sie schluckte und ärgerte sich darüber, dass ihr ausgerechnet jetzt die richtigen Worte fehlten. „Er hat mir zwischen die Beine gefasst.“ Nun war es heraus. Aelia hob den Blick nicht. Ihre Finger hielten Doréans Hand noch immer fest, während sie mit leiser, beinahe brüchiger Stimme hinzufügte „Deswegen hab ich ihn angeschrien.“ Sie zog die Nase hoch und verzog gleich darauf das Gesicht, weil selbst das noch wehtat. „Ich hab seine Hand weggeschlagen und ihn angeschrien, er soll mich nicht anfassen.“ Für einen Augenblick verlor sich ihr Blick irgendwo auf dem Pflaster. „Und deswegen hat er mich geschlagen.“ „Ich wusste erst gar nicht richtig, was passiert. Ich war so verdammt breit, Réan. Ich hab vorher sogar gedacht...“ Sie brach ab. Ausgerechnet diese Erinnerung brachte sie ins Stocken. Dass sie Rabans Hand für Doréans gehalten hatte, ließ sie sich ganz anders fühlen. „Ach, Scheiße... Als Raban seine Hand auf meine Brust gelegt hat...“ Sie schluckte schwer. „...hab ich gedacht, du wärst das.“ Allein die Worte auszusprechen, schnürte ihr die Kehle zu. „Ich hatte die Augen geschlossen… ich hab sogar meine Hand auf seine gelegt.“ Ihre Wangen begannen zu glühen. „Ich hab 'Oh, Doréan...' gesagt. Und dann schob er seine Hand unter meine Röcke und seine Finger in mich hinein. Er war so grob, und erst dann hab ich gemerkt, dass du das gar nicht warst.“ Sie blieb einen Moment stehen. Sie schämte sich so sehr, dass sie ihn nicht einmal ansehen konnte. „Es tut mir leid.“ Der Satz war kaum mehr als ein Flüstern.

Schließlich blieben sie vor einem Haus stehen. Aelia hob nur flüchtig den Blick. Die Dunkelheit verschluckte die meisten Einzelheiten, und ihr vom Opium benebelter Kopf hatte ohnehin weder Sinn noch Kraft, sich über krumme Balken oder bröckelnde Mauern Gedanken zu machen. „So, da wären wir“ meinte Doréan und Aelia ließ ihre Augen über das Anwesen schweifen. Aelia nickte. „Sieht nicht so fein aus, wie dein altes Zuhause. Aber es gibt weder Flöhe, noch Wanzen. Und auch keine alten Vetteln, die einem sagen, was man zu tun hat.“ Aelia grinste „Keine Flöhe und Wanzen? Na, das hört sich schwer nach Zuhause an…“ Da drangen mit einem Mal eindeutige Lustschreie an ihr Ohr, welche zweifelsohne aus dem Haus zu kommen schienen, auf welches Doréan zugesteuert hatte. „Hier lebe ich“ erklärte er, und sein Antlitz verriet, dass es ihm sichtlich unangenehm war. Doch seine Erklärung wurde unterbrochen von zwei Weibern, die Aelia zunächst gar nicht gesehen hatte und die lautstark begonnen hatten, sich gegenseitig anzukeifen. Aelia beobachtete die beiden mit wachsender Neugierde, bis die zwei Schabracken sich gewahr wurden, dass sie beobachtet wurden. Sie hielten inne in ihrem Gekeife, und musterten die beiden Neuankömmlinge mit ebenso wachsender Neugierde. Es war die dünnere von beiden, die schließlich das Wort an sie beide richtete, oder vielmehr an Doréan „Na, sieh mal einer an, wenn das nicht der hübsche Doréan ist … Hast du dir eine neue Hure gefunden?“ Damit wandte sie sich Aelia zu und musterte sie ohne jede Scheu oder Anzeichen von Anstand von oben bis unten. „Hab dich hier noch nie gesehen. Aber brauchst dich gar nicht erst breitzumachen. Das Revier ist schon besetzt.“ Zur Bekräftigung stemmte sie beide Hände in die Hüften und grinste Aelia herausfordernd an. Dabei schoben sich ihre schief gewachsenen, weit vorstehenden Schneidezähne über die Unterlippe, und Aelia musste sich zusammenreißen, sie nicht ebenso unverhohlen anzustarren, wie die Frau es mit ihr tat. „Ich bin keine Hure.“, entgegnete sie entschieden. Das rang der Dirne nur ein neuerliches Grinsen ab. „Ach ist das so?“ Sie schnalzte mit der Zunge und wandte sich wieder Doréan zu. „Ist dir etwa die Lust auf Huren vergangen? Oder bloß das Geld ausgegangen, dass du dir keine mehr leisten kannst?“ Sie gackerte vergnügt über ihren eigenen Scherz, ehe ihr offenbar noch etwas einfiel. Sie tippte sich auf die Unterlippe, als ob sie angestrengt überlegen müsste. Dabei zwinkerte sie verstohlen, da sie längst wusste, was sie sagen wollte, und nur darüber nachdachte, wie sie es möglichst gehässig formulieren konnte. „Ich hab gehört...Ela sucht dich. Hat wen hergeschickt, um nach dir zu suchen. Zweimal.“ Sie überlegte kurz. „Oder dreimal? Weiß ich nicht mehr so genau.“ Wieder zeigte sich das hässliche Grinsen auf ihrem Gesicht. „Scheint dich jedenfalls zu vermissen. Ist ihr Lager wohl schon zu kalt geworden.“ Aelia brachte kein Wort heraus. Sie hatte geglaubt, Doréan inzwischen ein wenig zu kennen. Nun genügten ein paar achtlos dahingeworfene Sätze dieser Dirne, um dieses Bild gehörig ins Wanken zu bringen und sie versuchte, die Worte der Dirne irgendwie mit dem Doréan in Einklang zu bringen, den sie kennengelernt hatte. Doréan kannte also Huren. Und das nicht nur weil er bei ihnen lebte. Offenbar sogar so sehr, dass man sich hier bereits darüber wunderte, wenn er einmal keine mitbrachte? Und irgendeine Ela fragte nach ihm. Mehrmals. Ihr war, als ob sie den Namen schon einmal gehört hatte, doch sie konnte sich nicht erinnern woher. Aelia schluckte sämtliche Fragen hinunter, die ihr augenblicklich auf der Zunge lagen, und bemühte sich mit Ernst darum, sich nichts anmerken zu lassen. Angesichts des Opiums, das noch immer schwer durch ihren Kopf waberte, war das bereits eine Leistung für sich. Sie sah Doréan an. Nur einen Augenblick zu lange. Dann hob sie leicht die Brauen. „Schau nicht so betrübt, Schätzchen“, mischte sich jetzt die Dicke von den beiden ein. „Der Haderlump is beim Dirnenvolk bestens bekannt...zumindest bei den meisten.“ Sie grinste frivol, ja beinahe herausfordernd was Aelia zu einem eisigen Blick veranlasste und Doréan schnitt dabei eine mürrische Grimasse. Zum einen hatte sie mit so einer Situation nicht gerechnet, und zum anderen auch nicht, dass man ihr das im Gesicht ansehen würde „Hat euch keiner gewollt, dass ihr hier jetzt ganz allein steht und euer Gift verspritzt? Bei eurem Aussehen würd ich den Mund nicht so weit aufreißen. Seid lieber freundlich, vielleicht erbarmt sich dann irgendwann ein Freier“ lachte Aelia auf, doch sie kam sich dumm vor. Die beiden Schabracken sahen Aelia entrüstet und zugleich mit so giftigen Blicken an, als ob sich die Beiden in diesem Moment nichts mehr wünschten, als ihr die Augen auszukratzen. Wäre sie nicht so benebelt vom Opium, sie hätte die drei an Ort und Stelle stehen gelassen, und wäre davon marschiert. So aber blieb ihr nichts anderes übrig, als zu verweilen. „Komm…“ murmelte sie zu Doréan, und zog ihn am Arm von den abgehalfterten Schandmäulern fort.
Jede Stufe, die zum Dachgeschoss führte, auf welchen Aelia einen Fuß setzte, knarrte unheilvoll, und die junge Frau befürchtete beinahe, dass die Treppe bald in sich zusammenbrechen würde, wenn sie noch länger darauf verweilte. Dass Doréan die Stufen vor ihr erklomm, beruhigte sie in keiner Weise. Doch, so heruntergekommen das Haus auch wirkte, die Treppe blieb heil, und so betraten sie nach kurzer Zeit den Dachboden, sich Doréans Zimmer befinden sollte. Aelia folgte ihm durch eine kleine Tür, und stand dann in jenem Raum, welchen Doréan sein Eigen nennen musste. Sie kniff ihre Augen zusammen, um etwas zu erkennen, doch das gelang ihr nicht, und so entspannte sie ihre Augen wieder, und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen würden. Doréan indes machte sich in dem Raum zu schaffen, und nur wenige Momente später glomm Licht in einer Tranlampe auf, welches die Umgebung in sanftes, aber schwaches Licht tauchte. Es war zumindest ausreichend, um den Raum näher in Augenschein zu nehmen, und so ließ Aelia ihre Blicke umherschweifen. Doch viel gab es hier nicht, das einen Blick gelohnt hätte. Unter der Schräge des Dachstuhls befand sich ein einfaches Bett, in einer Ecke stand noch eine kleine hölzerne Truhe, die vermutlich Doréans Habseligkeiten barg. Sonst gab es nichts in diesem Kämmerchen. Aelia sah sich vergeblich nach einem Tisch, einem Stuhl, oder gar einer Waschschüssel um. Obwohl sie aus ärmeren Verhältnissen stammte, so war der Anblick dieses Raumes eigenartig, und sie war hin und hergerissen, zwischen Mitleid und Verwunderung. Jetzt verstand sie auch, warum Doréan ihr Zimmer in Lestars Schenke als sauber und schön bezeichnet hatte. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte, und so stand sie einfach nur da, und blickte Doréan wortlos an, als sie knarrende Schritte hörte, die bezeugten, dass sich jemand die Stufen hochkämpfte, begleitet von keuchenden Atem, dem widerwärtigen Hochziehen einer Nase, und beharrlichem Räuspern. Nach einigen Momenten, in welchen Aelia zur Treppe gestarrt hatte erschien ein Mann an der immer noch offenen Tür, dessen Bauch bereits ein gutes Stück vor ihm den Raum betrat. Er war nicht mager, aber auch nicht fettleibig, doch ein ordentliches Stück größer als Doréan, und damit noch ein beträchtliches Stück größer als Aelia. Das schüttere Haar auf seinem Kopf hatte er mit reichlich Haaröl nach vorn gestrichen, um die kahle Stelle auf seinem Scheitel zu verbergen. Das Vorhaben war ebenso ehrgeizig wie erfolglos. Ein paar fettig glänzende Strähnen klebten ihm an der Stirn, während dahinter die blanke Kopfhaut ungeniert hervorlugte. Als er Doréan erblickte, steuerte er zielgerichtet auf ihn zu. Aelia tat sich schwer in dem spärlichen Licht diesen Unbekannten genau zu erkennen, der Doréan mit einer Miene betrachtete, als hätte dieser ihm allein durch seine Anwesenheit den Abend verdorben. „Ah, wieder da. Hast geglaubt, kannst dich einfach reinschleichen?“ Er zog geräuschvoll die Nase hoch und ließ seinen Blick durch den kümmerlichen Verschlag schweifen, bis er schließlich an Aelia hängen blieb. Dort verweilte er deutlich länger, als ihr lieb war. „Und wen haste da im Schlepptau. Hab ich noch nie gesehn?“ Aelia erwiderte seinen Blick mit wachsendem Unbehagen, während sich auf seinem Gesicht langsam ein wissendes Grinsen ausbreitete. „Junge, ich hab die Drecksbude an dich vermietet.“ Er hob den Zeigefinger und hielt ihn Doréan beinahe vor die Nase. „Eine Person.“ Als befürchtete er, Doréan könne bereits an dieser einfachen Zahl scheitern, ließ er seinen Finger noch einmal bedeutungsvoll vor dessen Gesicht hin und her wippen. „Eine“, wiederholte er gedehnt. „Kannste so weit zählen?“ Sein Blick wanderte wieder zu Aelia. „Wenn du hier ein Mädel mitbringst und das auch noch über Nacht bleibt, kostet das extra. Ich führ schließlich kein Armenhaus, sondern ein Bordell. Die Freier unten müssen schließlich auch bezahlen.“ Aelia starrte ihn an. Nach allem, was sie an diesem Abend bereits gehört und erlebt hatte, hätte sie wohl kaum noch etwas überraschen dürfen, doch offenbar war die Nacht noch lange nicht fertig mit ihr. „Aber“, setzte der Mann plötzlich in versöhnlicherem Ton hinzu und musterte sie abermals von Kopf bis Fuß, „ich bin ja kein Unmensch.“ Das Grinsen, das dabei über sein Gesicht kroch, ließ Aelia nichts Gutes erwarten. „Ich nehm auch andere Bezahlung.“ Seine Augen blieben unverhohlen an ihr hängen. „Bist 'n verdammt hübsches Ding. Sowas könnt ich in meinem Stall gut gebrauchen.“ Er nickte zufrieden, als hätte er bereits entschieden, dass Aelia zu seinem Inventar gehörte. „So'n Gesicht, solche Titten… das bringt Kundschaft.“ Für einen Moment war Aelia tatsächlich sprachlos. Sie hatte geglaubt, die beiden Dirnen unten hätten ihr für diesen Abend bereits ausreichend vor Augen geführt, in welcher Art Haus Doréan wohnte. Offenbar hatte der Hausherr persönlich noch etwas hinzuzufügen. „Ich bin keine verdammte Hure.“, brachte sie schließlich hervor. Bertram hob lediglich die Brauen, doch sagte nichts weiter dazu. Aelia verzog den Mund. Das Opium lag ihr noch immer schwer im Kopf, ihre Beine fühlten sich weich an, ihre Nase schmerzte und irgendwo tief in ihr gärte ohnehin noch die Kränkung über das, was sie unten über Doréan hatte hören müssen. Aelia begegnete seinem Blick einen langen Augenblick, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dann wandte sie sich wortlos von ihm ab und sah zu Doréan, als wäre Bertram plötzlich gar nicht hier. Denn irgendwie reichte es ihr mittlerweile.
Lügen, Lästern & Lamentieren ❖
10.08.2023 '02:16 [3.311 Wörter]
 oréan rollte genervt mit den Augen als sich unter dem roten Licht der Laternen zwei Dirnen herausgeschält hatten, die auch noch unflätig miteinander stritten. Überdies drang zu allem Überfluss auch noch lustvolles Stöhnen aus dem Fenster des Obergeschosses heraus, welches alles andere als ehrlich oder authentisch klang. Dieses verfluchte Rattenloch hatte nicht einmal den Anstand sich einmal von einer halbwegs guten Seite zu zeigen. Ausgerechnet an diesem Abend hatte Doréan noch irgendwie gehofft, dass es zu einer so späten Stunde einfach nur ruhig und friedlich sein mochte. Doch seine Hoffnungen wurden rücksichtslos zerschlagen. Als ob die verdorbene Seele dieses Ortes selbst ein niederträchtiges Vergnügen dabei empfand ihn, nach allem was an diesem Abend geschehen war, nun vollends bloßzustellen. Als Doréan die beiden Dirnen erkannte, da wäre er am liebsten auf der Stelle umgekehrt. Diese beiden Schindluder hatten an der Stelle, wo andere Menschen ein Herz hatten, nichts anderes als einen dunklen Klumpen voller Gram, Neid und Niedertracht in sich. Immerhin war Bertram nicht zu sehen. Der verdammte Bastard wäre noch die Krönende Kirsche auf dem Fiasko des Tages gewesen. Doréan hoffte, dass er irgendwo besoffen zwischen seinen Huren lag, wie er es öfters tat. Manchmal fragte sich Doréan ob Bertram nicht sein eigener, bester Kunde war und grinste innerlich bei diesem Gedanken. Die Frauen, die unter seiner Fuchtel standen waren überwiegend eher weniger mit auszeichnenden Vorzügen gesegnet.
Doréan hatte Aelia mit sich gezogen und gar nicht daran gedacht, ihre Hand loszulassen. Nicht nur um zu demonstrieren, dass sie sein Liebchen war. Auch nicht, weil sie in diesem Moment sehr zerbrechlich war, da der Nebel des Schlafmohns in ihren Gedanken spukte. Sondern auch, weil er sehr gerne ihre Hand in der seinen spürte. Ganz im Gegensatz zu den Schreckensgestalten und Schindludern, die hier sonst herumlungerten. Doch da hatte Doréan die Rechnung ohne die beiden Schabracken gemacht, welche im Tor von Bertrams Stall im rötlichen Schein der kümmerlichen Laterne beinahe so wirkten, als hätten sie nur auf ihn und Aelia gewartet. Alle anderen Dirnen hatten sicher längst einen hart arbeitenden Auserkorenen zwischen ihre Beine gelockt gehabt. Allein die Geräuschkulisse, die im Innenhof vorherrschte, zeugte davon. Alle, nur die Beiden nicht. Fast schon konnten sie einem leidtun, dass sie um jeden Freier förmlich betteln mussten. Doch nur fast, denn Doréan kannte das wahre Gesicht dieser Beiden. Doréan konnte nicht sagen wen er weniger mochte. Bertram oder diese beiden Lästermäuler. Eigentlich wurde die Liste an Menschen, die Doréan nicht leiden konnte mit jedem Tag immer länger. Seit neuestem hatte sich auch noch Raban hinzugesellt, nachdem Aelia ihm erzählt hatte, was dieser verdammte Hundsfott getan hatte. Er hatte Aelias Blicke wie heiße, stechende Nadeln selbst tief in seiner Seele gespürt. Die Scham und dass sie ihm nicht einmal in die Augen sehen hatte können. Er hatte zuerst nur geschwiegen und ihr tröstend die andere Hand auf die Schulter gelegt. »Das war nich' deine Schuld gewes'n, mein Liebchen.« Er hatte geseufzt und ihre Hand noch etwas fester gedrückt, als wollte er sie vor allem und jeden beschützen, der ihr auch nur ein Haar krümmen wollte, während innerlich die Wut zu gären begonnen hatte. Dieser verdammte Mistkerl. Wenn er ihm jemals alleine in einer dunklen Gasse begegnen sollte, dann würde er ihm mehr als nur das Handgelenk brechen. Doréan hatte sich in diesem Moment geschworen, diesem Hundsfott die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. Aelia hingegen hatte sich sogar entschuldigt. Für etwas, dass dieser Hund getan hatte. Doréan hatte sie einen Moment lang angesehen und nur mit großen, verwirrten Blicken angeschaut. »Warum entschuldigst du dich, mein Liebchen?« Er hatte es einfach nicht verstanden und dann den Kopf geschüttelt. »Der Hundsfott hat dich gezwungen und ausgenutzt.« Wenn sich einer hätte entschuldigen müssen, dann Raban. Oder vielleicht sogar noch Doréan, dafür dass er sie nicht hatte beschützen können. Wie hätte er sie auch beschützen können? Er war nur ein kleines Licht im Meer der dunklen, roten Kerzen des grauen Viertels. Rabans Licht hatte heller geleuchtet als das seine. Sein Wort galt mehr als das seine. Aber auch Doréans Unvermögen die geschehenen Ereignisse auch nur ansatzweise vorhersehen zu können, hatten ihren Teil dazu beigetragen. Hätte er geahnt, was geschehen würde…doch das hatte er nicht. Er hatte einfach nur dagestanden und entrüstet sowie wütend zugleich den Kopf geschüttelt. Wut die Raban galt. Enttäuschung die er sich selbst zuschrieb. Und Mitleid, dass Aelia gegolten hatte. »Er wird dich nie wieder anfassen. Das schwöre ich dir. Und er hat dafür bekommen was er verdient hat. Sie ham ihm seine Hand gebrochen, wie 'nen morschen Zweig.«
Und nun standen sie vor diesen beiden Schandhuren. Nichts anderes waren sie. Schind und Schade sollten ihre Namen sein, fand Doréan. Denn diese Namen passten wie die Faust aufs Auge. Doréan wollte einfach nur an ihnen vorbei, ohne sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Aber die beiden hatten an diesem Abend wohl bereits zu viele Abfuhren erdulden müssen. Dies konnte Doréan in ihren Blicken spüren, in ihren gehässigen Worten hören und der Art wie sie sich bewegten förmlich ansehen. Wie zwei Nattern, die sich um ein auserkorenes Opfer schlängelten, wandten sie sich Doréan und Aelia zu. Sie sprühten höhnenden Spott und streuten allerlei Lügen und Worte, welche sie bewusst zu wählen schienen um Doréan vor Aelia bloßzustellen. Und dann kicherten sie. Wie Hyänen. Und sie gackerten wie einfältige Hühner. Doréans Miene verfinsterte sich und er warf Hilde und Edith vernichtende Blicke zu. Sein Blick huschte über Edith und er musterte sie mit abfälligen Blicken. Sie sah älter aus als sie eigentlich war. Dürr und hager. Ihr rotes Haar wirkte im rötlichen Schein der Laterne beinahe als ob es lodern würde und ihre hellen Augen stachen aus ihren eingesunkenen Augenhöhlen hervor wie kalter Stahl. Das allein genügte schon, um Doréan einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Doch als sie den Mund öffnete und breit grinste, nachdem sie Aelia ihre stichelnden Worte an den Kopf geworfen hatte, da offenbarten sich die schiefen, langen Zähne. Wie die eines Pferdes. Sie war alles andere als eine schöne Frau. Es war als ob jemand mit Nägeln über Schiefertafeln kratzte, als sie mit der Stimme einer Nebelkrähe zu sprechen begann. »Du brauchst dich hier gar nicht breitmachen…« Doréan schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Niemand will sich hier breitmachen. Nich'mal Ratten! Ihr vergrault selbst Blinde und Taube. Ihr könnt doch froh sein, dass Bertram euch nich' schon längst 'nen Sack über den Kopf gebunden hat!« Edith schnaubte wütend und funkelte dann Aelia an, als ob sie in ihr eine Rivalin sah, die sie mit allen Mitteln vertreiben musste. Indes wandte sich Doréan Hilde zu. Sie hatte deutlich mehr Schminke im Gesicht als sonst. Wie ein Gemälde, dem man zu viel Grün und Ocker beigefügt hatte. Doch das blau unterlaufene Auge, dem ein seltsamer Silberblick anhaftete, konnte sie damit dennoch nicht kaschieren. Und im Schatten der Laterne kam es ironischerweise noch mehr zur Geltung. »Wie zum Teufel hast du es wieder aus der Ostkehre geschafft?«, brummte er ungehalten und lenkte damit das Thema von Aelia fort. Sie stemmte die Hände in die Hüfte und rümpfte die Nase. »Als Bertram dich dorthin verbannt hatte, dachte ich, du würdest dort vor die Hunde gehen.« Doréan knirschte mit den Zähnen doch Hilde grinste nur noch breiter. »Das hättest du wohl gern, du mieser Hurensohn.« Doréan zuckte mit dem linken Augenlid. Eigentlich berührte es ihn nicht, wenn man ihn so nannte, doch auf der Zunge dieser Vettel wog das Wort schwerer als sonst. »Du musst es ja wissen, weißt du überhaupt noch wie viele Hurenkinder du dir hast andrehen lassen?«, brummte Doréan. Die angesprochene grunzte nur, wobei sie es sich nehmen ließ Doréan ein beinahe schmieriges Lächeln zuzuwerfen und ihre Hände in die Hüften zu stemmen um ihre Rundungen in ein besseres Licht zu rücken. Als ob sie sich an jene Tage erinnerte, als die Männer bei ihr Schlange gestanden hatten, was Doréan sich überhaupt nicht vorstellen konnte und allein beim Gedanken daran konnte er nur diese Frau vor sich sehen und ihm wurde schwarz vor Augen. »Charmant wie immer.« Edith, die mit dem schiefen Pferdegebiss und den stechenden Augen trat hervor und betrachtete Aelia eingehend. So nah, dass der Geruch ihres billigen Parfums ihnen unerbittlich in die Nase getrieben wurde. Allein mit ihrer dürren Figur, dem strohigen, roten Haar und diesem unheimlichen Blick ließ sie einem das Blut in den Adern gefrieren. Und ihre schiefen Pferdezähne taten ihr Übriges. Wenn man nicht Angst haben musste, dass sie einem etwas Wertvolles abbiss, so wunderte es Doréan, dass es dennoch Männer gab, welche dieser Frau auch noch ein paar Scherben dafür gaben, ihr zu gefallen zu sein. Doréan konnte gar nicht anders, als ihre verstörend wirkenden Augen anzustarren, während eine unangenehme Gänsehaut in ihm emporkroch.
»Ich bin keine Hure.«, protestierte Aelia entschieden. Die beiden Dirnen warfen sich verstohlene Blicke zu und gackerten gehässig, wie aus einem Mund. »Ach ist das so?«, flötete Edith und ließ ihre Hände von den Hüften gleiten um den Versuch eines verführerischen Hüftschwungs zu wagen. »Und dann kommst du hierher? In den Hurenstall?« Sie gackerte abermals und schien sich königlich über ihre eigenen Worte zu amüsieren. »Ach übrigens…Doréan.« Sie sprach seinen Namen mit einem beinahe wohlklingenden Klang aus. Als ob sie es zelebrieren würde den Namen möglichst sinnlich und zugleich voller Spott auszusprechen. »Ela sucht dich. Hat wen hergeschickt, um nach dir zu suchen.« Wieder erklang ihre krähende Stimme und fuhr Doréan unangenehm unter die Haut. Er kniff die Augen zusammen. »Würdest du dein Schandmaul halten, wenn ich dir dafür ne Scherbe in den Rachen stopfe?«, blaffte Doréan und die Dirne sah ihn daraufhin kurz an, als ob sie ernsthaft über sein Angebot nachdenken würde. Doch dann schüttelte sie nur den Kopf und lächelte dabei verschlagen, als ob sie inzwischen Gefallen daran gefunden hatte ihren Frust an Doréan auszulassen. »Sie scheint dich jedenfalls zu vermissen, sonst würde sie wohl nicht so oft fragen, oder?« Sie tippte sich wissend an den Kopf doch in ihrem Blick lag ein Groll, den sie kaum zu verbergen wusste. Zu allem Überfluss mischte sich nun auch noch Hilde ein und grinste dabei dreist, während Doréan und Aelia das Gefühl hatten, als ob sie mit ihrem Silberblick beide gleichzeitig ansehen konnte. »Schau nicht so betrübt, Schätzchen. Der Haderlump is beim Dirnenvolk bestens bekannt...zumindest bei den meisten.« Da platzte Doréan der Kragen. Er trat einen Schritt vor Aelia und funkelte die Dirnen finster an. »Was fällt euch eigentlich ein, ihr Nachtschrate? Lasst sie gefälligst in Ruhe.« Zuerst verschränkte Hilde die Arme vor der Brust und dann trat Edith einen Schritt vor und drückte einen Kuss auf ihre Handfläche, um diesen in nächsten Moment zu ihnen zu pusten. Doch es waren Aelias Worte, die ihnen schlussendlich den Wind aus den Segeln nahmen. »Hat euch keiner gewollt, dass ihr hier jetzt ganz allein steht und euer Gift verspritzt? Bei eurem Aussehen würd ich den Mund nicht so weit aufreißen. Seid lieber freundlich, vielleicht erbarmt sich dann irgendwann ein Freier« Die beiden verzogen ihre Mundwinkel zu zwei liederlichen Grimassen. »Hast du Worte, was fällt dir ein, du kleines Luder?«, zischte Hilde ungehalten und Aelia lachte auf. Doréan stellte sich neben Aelia und grinste breit. »Wie zwei Köter. Nichts als kläffen und krakeelen. Möge euch der Blitz beim Scheißen treffen, ihr verdammten, elendigen Bordsteinschwalben!«, fluchte Doréan wütend« Aelia hakte sich in Doréans Arm ein und sie ließen die Beiden schließlich einfach hinter sich.
Kaum hatten sie die Stufen der Treppe erreicht schob Doréan Aelia beiseite und dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern. »Vergiss, was die beiden verlogenen Nattern da von sich gegeben haben.« Aelia wirkte mit einem Mal, als ob sie sich hier gänzlich unwohl fühlen würde. »Sie sind verbitterte, alte Huren.« Aelia nickte doch ihre Blicke sagten mehr als tausend Worte. »Ihre Worte waren sehr…deutlich.« Doréan nickte. »Dass wir ausgerechnet den beiden über den Weg laufen mussten.«, maulte er und schlug die Arme über dem Kopf zusammen. »Die hassen mich einfach.« Aelia verzog die Augenbraue und bedachte Doréan mit nachdenklichen Blicken. »Den hübschen Doréan? Hassen?« Da rang sich Doréan ein Schmunzeln ab. »Naja. Sie hassten meine Mutter…und ich bin sozusagen der Erbe ihres Hasses geworden.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich wünschte, die beiden würden einfach tot umfallen. Wundert es dich denn nicht, dass sie die einzigen waren, die noch auf der Straße stehen mussten, während alle anderen nur aus den Fenstern zu hören sind?« Doréan brummte zerknirscht und schüttelte den Kopf. »Und wer ist diese Ela?« Da veränderte sich Doréans Miene. Nur ein wenig, aber genug, dass er es nicht verbergen konnte. »Hast du das vergessen?«, murmelte Doréan und Aelia sah ihn daraufhin fragend an. »Im Aschemädchen? Ronïa hatte von ihr gesprochen. Erinnerst du dich?« Da schien Aelia ein Licht aufzugehen. »Was will sie von dir?«, murmelte Aelia und ein seltsamer Blick schlich sich in ihre Iriden. Doch Doréan zuckte abermals nur mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich hoffe, sie hat nich' spitzgekriegt, dass du im Aschemädchen geschlafen hast.« Er grinste breit und als Aelia daraufhin nur leere Blicke für Doréan hatte da flaute sein Grinsen etwas ab.
Als sie schließlich in der Rumpelkammer, die Doréan sein Zimmer nannte, angekommen waren, atmete er erleichtert aus. Wenigstens waren sie von Bertram verschont geblieben. Doch kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gesponnen, da vernahm er auch schon schwere Schritte und einen unüberhörbar rasselnden Atem vor der Tür. »Wenn man vom Teufel spricht.« Doréan seufzte und noch ehe er sichs versah, stand der Mann auch schon im Raum, mitten unter ihnen. »Was willst du hier?«, brummte Doréan ungehalten. »Werd mal nich' frech, Bengel.«, brummte Bertram und kratzte sich am Bart. »Die beiden Grazien…« Er grinste breit, wohlwissend, dass die beiden alles andere diesem Wort gerecht wurden. »…meinten, du hast eine Liederliche aufm Zimmer. Da wollte ich mal nachschauen.« Doréan schnaubte mürrisch. »Sie ist keine Dirne, verdammt.«, herrschte Doréan und stellte sich demonstrativ neben Aelia. Bertram musterte Aelia und jeder einzelne Blick den er über Aelia schweifen ließ, war ein Greul in Doréans Augen. »Bist 'n verdammt hübsches Ding. Sowas könnt ich in meinem Stall gut gebrauchen.« Doréan sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein. »Das hättest du wohl gern.«, blaffte Doréan. »Sag mal…hast du von Raban gehört?«, murmelte Doréan bissig und Bertram hob fragend die Augenbraue. »Ne, was soll mit dem sein?« Da grinste Doréan breit. »Wirst du noch früh genug hören.« Bertram zuckte mit den Achseln und bedachte Doréan mit einem teilnahmslosen Blick, während die Blicke, welche er Aelia zuwarf dafür umso anzüglicher waren. »Lenan hat ihm die Hand gebrochen, weil er das eiserne Gesetz gebrochen hat.«, brummte Doréan und da wurde Bertram hellhörig. »Ach, wirklich?« Er kratzte sich wieder am Bart, was ein schabendes Geräusch verursachte, dass förmlich die Stille durchbrach. Seine Blicke huschten nachdenklich durch den Raum. Immer wieder blieben sie auf Aelia haften, was in Doréan stets für neuen Unmut sorgte, bis er schließlich genervt seufzte. »Was willst du, Bertram?« Da grinste er breit und rieb sich Daumen und Zeigefinger. »Geld.« Da verschränkte Doréan die Arme vor der Brust. »Ich hab dir erst gestern den Zins gezahlt, du verdammter Hundsfott.« Bertram verzog mürrisch den Mundwinkel und trat einen Schritt hervor. »Hüte deine Zunge, Bengel. Sonst vergess ich, dass eine Dame anwesend is.« Doréans Lippen zuckten angespannt. »Du hast den Rest einbehalten. Das sollte ein paar Nächte für sie wert sein, oder?« Bertram kratzte sich am Rücken und zog sich dann die Hose etwas höher als er bemerkte, dass sie tiefer gerutscht war, als es ihm lieb war. Doch dann knirschte er mit den Zähnen. »Drei.«, murmelte Bertram und hob demonstrativ drei ausgestreckte Finger. »Nich' mehr. Klar?« Doréan nickte und legte dann den Arm um Aelias Hüfte. »Wenn ich sie in drei Tagen nochmal seh, dann…zahlt sie den üblichen Preis. Klar?« Er ließ abermals seine Blicke über Aelia schweifen und ein schmieriges Lächeln huschte über sein Gesicht. Kurz darauf war alles was von seiner schwindenden Gegenwart zeugte seine schwere Schritte, rasselnder Atem, eine vergnügte Melodie die er vor sich hin pfiff.
Doréan richtete sich unweigerlich auf und war bemüht eine halbwegs strenge Haltung anzunehmen. »Ich hasse dieses Arschloch, wie die Pest.« Er hob seine geballte Faust und richtete den ausgestreckten Mittelfinger auf die Tür, hinter welcher Bertram verschwunden war. Als er seinem Ärger Luft gemacht hatte, trat er an Aelia heran, die nun alles andere als zufrieden dreinblickte. »Es tut mir so leid, mein Liebchen. Wenn ich geahnt hätte, dass dieser beschissene Abend noch schlimmer würde, hätte ich dich in irgendeine Schenke gebracht, damit wir dort schlafen können.« Da lächelte Aelia und sah sich in der Kammer um. Ihre missbilligenden Blicke zeugten, dass der Gedanke daran einen gewissen Reiz hatte. »Nun, wir können noch immer gehen.«, meinte sie und ein schiefes, herausforderndes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Doréan zuckte unbeholfen mit den Schultern. »Die nächsten drei Tage haben wir jedenfalls mal Ruhe vor dem.« Doréan hob seinen ausgestreckten Zeigefinger und lächelte dann verschwörerisch. »Warte einen Augenblick.« Er eilte an seine Truhe, die etwas abseits von dem Bett stand und begann darin herumzukramen.
Er kramte in den spärlichen Habseligkeiten herum und förderte schließlich eine dicke, weiße Kerze zu Tage, die er auf den Boden stellte. Dann nahm er das stinkende Talglicht von dem Schemel schickte sich an, die Kerze zu entzünden. Die Flamme leckte an dem alten Docht, welcher nach einer Weile schließlich schwach zu Flackern begann. Die Flamme leckte über das alte Wachs. Und züngelte an Doréans Fingern, bis er sich schließlich an der Hitze verbrannte. »Scheiße.«, fluchte Doréan. »Halt mal.« murmelte er und reichte Aelia die Kerze und kratzte sich das inzwischen getrocknete Wachs von den Fingern. Als er wieder den Kopf hob, da hielt er einen Moment lang inne. Das warme Licht der Kerze tauchte den Raum in ein schummriges Licht. Doch war Aelias Anblick der ihn erstarren ließ. Das Licht verlieh ihr einen anmutigen Schein und die Schatten des Raumes rahmten ihre Gestalt schmeichelnd ein. »Du…«, murmelte er verlegen und rang sich ein verhaltenes Lächeln ab. »…siehst gut aus. In diesem Licht.« Er hob erneut den Kopf und trat an Aelia heran. Seine Finger umschlossen die ihren und nun wurden ihrer beiden Gesichter in das warme Kerzenlicht getaucht. »Ich…« Er stockte und rang sichtlich nach Worten. »Dieser Tag war…« Wieder stockte er und schüttelte dann den Kopf. »Bist du müde?«, murmelte er, da er sich gewahr wurde, dass alle anderen seiner Gedanken sich einfach nicht in Worte fassen lassen wollten. Doréans Hände lösten sich von Aelias Fingern und er kramte in seiner Tasche, bis er einen alten, eisernen Schlüssel hervorgezogen hatte. Mit dem Schlüssel trat er an die alte Tür heran und versperrte schließlich das Schloss. Allerdings ließ er den Schlüssel stecken und seufzte dann nachdenklich. »Ich…« Wieder stockten ihm die Worte und er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und sank langsam in die Knie. »Ich weiß, es ist nicht' das schönste Zimmer.« Als ob das Zimmer sich von seiner schlechtesten Seite zeigen wollte, drangen durch die Wände immer wieder dumpfes Stöhnen und gespieltes Gebärden, solange die beiden kein Wort miteinander sprachen. Doréan knirschte mit den Zähnen und richtete sich wieder etwas auf. Er versuchte die Stille mit Worten zu füllen, doch die unangenehme Stille, die zwischen ihnen herrschte wirkte beinahe wie ein Schwert, welches langsam die Luft zwischen ihnen zu teilen versuchte. »Ich kann morgen wieder im roten Bullen schlafen.«, murmelte Aelia und hob dann den Blick, welcher durch das Licht der Kerze, die sie noch immer in den Händen hielt, in ein seltsames Licht getaucht wurde. Doréan nickte nachdenklich. Doch das Licht der Kerze begann unruhig zu werden. Als ob Aelias Atem unregelmäßigere zu gehen schien. Doréan trat an sie heran. »Alles in Ordnung?« Sie hob den Blick und da erkannte er, dass ihre Haut sehr hell und fahl geworden war. Das Opium zollte seinen Tribut. Die Kerze rutschte ihr aus den Händen und Doréans Hände umfassten ihre Hüfte, als ihre Knie unter ihr immer weicher wurden.
Ein Andenken von Raban ❖
10.08.2023 '18:21 [5.000 Wörter]
 nvermittelt ereilte Aelia ein Schwächeanfall, dass sie zunächst kaum begriff, was mit ihr geschah. Eben noch hatte sie die Kerze in den Händen gehalten, im nächsten Augenblick glitt sie ihr zwischen den Fingern hindurch. Sie schlug auf den Dielen auf und rollte ein kurzes Stück über den Boden. Die Flamme flackerte wild, duckte sich beinahe bis an den Docht und richtete sich wieder auf. Erst als die Kerze liegen blieb, kam auch die Flamme zur Ruhe und warf lange, zitternde Schatten durch die kleine Dachbodenkammer. Aelias Knie wurden weich, und für einen kurzen Moment schien der Boden unter ihr nachzugeben und die junge Frau drohte zusammenzusacken. Doch Doréans Hände griffen nach ihren Hüften, noch ehe sie fiel. Aelia stieß einen leisen Laut aus und klammerte sich an ihn. Der Schwindel schwoll an, ließ die Kammer um sie herum schwanken und das wenige Licht zu ihren Füßen zu verschwommenen Flecken zerfließen. Sie schloss die Lider und presste ihr Gesicht gegen Doréans Brust, weil allein der Versuch, sich auf irgendetwas im Raum zu konzentrieren, Übelkeit in ihr aufsteigen ließ. „Mir ist nur ein bisschen schwindlig“, murmelte sie. Es klang selbst in ihren Ohren wenig überzeugend. Ihr Körper fühlte sich mit einem Mal entsetzlich schwer an und ihr war kotzübel. Eine bleierne Müdigkeit hatte sich in ihren Armen und Beinen festgesetzt, und selbst den Kopf aufrecht zu halten schien plötzlich mehr Kraft zu verlangen, als sie noch aufzubringen vermochte. Der Opiumrausch war noch da. Schwer und warm lullte er sie ein, machte ihre Gedanken langsam und ihre Wahrnehmung sonderbar fern. Doch von jener angenehmen Leichtigkeit, die sie zuvor noch empfunden hatte, war kaum etwas geblieben. Das Opium trug sie nicht länger durch weiche Nebelwelten. Nein, es zog sie hinab und das fühlte sich verdammt übel an. Aelia atmete langsam durch den Mund und wartete darauf, dass der Schwindel nachließ. Dabei lauschte sie Doréans Herzschlag. Sie wusste nicht, wie lange sie so dastand. Vielleicht waren es nur einige Atemzüge. Vielleicht länger. Zeit war an diesem Abend ohnehin zu etwas geworden, das sich dehnte und zusammenzog, wie es ihm beliebte. Allmählich hörte die Kammer auf, sich zu drehen. Aelia öffnete die Augen, löste sich jedoch nicht von Doréan. Ihre Finger hatten sich in seinem Gewand vergraben und sie ließ sie dort. Doréans Nähe tat gut, gerade jetzt, da sich alles andere so sonderbar fern und unsicher anfühlte. Davon hatte es an diesem Abend genug gegeben. Noch am Nachmittag hatte sie mit Doréan am Meer gesessen. Die Sonne hatte auf dem Wasser geglitzert, Möwen hatten über den Docks geschrien, und für eine Weile war die Welt so einfach gewesen, dass Aelia beinahe vergessen hatte, wie kostbar solche Momente waren. Mit Rabans Erscheinen an den Docks schienen sich alle Ereignisse danach überschlagen zu haben. Ein Bild schob sich vor ihr inneres Auge: Rabans Gesicht, viel zu nah an ihrem Eigenen. Seine Hand auf ihrem Körper. Das schallende Klatschen, als er sie geschlagen hatte. Blut, das aus ihrer Nase auf ihr Kleid getropft war. Und Doréan, der sich vor sie gestellt hatte. Selbst jetzt, in der schäbigen Dachkammer über Bertrams Stall, zog sich bei der Erinnerung etwas tief in ihrer Brust zusammen. Sie sah wieder seine geballten Fäuste, erinnerte sich an seine zitternde Wut und daran, wie er Raban ins Gesicht geschlagen hatte, obwohl offenbar jeder im Haarigen Bären gewusst hatte, dass er genau das niemals hätte tun dürfen. Aelia hatte geglaubt, Doréan inzwischen ein wenig zu kennen. Wenigstens jenen Teil von ihm, den er ihr in den vergangenen Tagen gezeigt hatte. Sie dachte an das Meer und an die Stunden am Leuchtturm, an den Krähendreck und Honigstangen, die sie miteinander geteilt hatten, während unter ihnen die Wellen gegen die Felsen schlugen. An ihre Initialen, die Seite an Seite in das Glas der Seelaterne am Fleischmarkt geritzt worden waren, mit jenem kleinen Herz dazwischen, über das sie heute noch lächeln musste. Sie erinnerte sich an die Mauer und an all die schönen Gespräche, die dort zwischen ihnen entstanden waren, an sein vertrautes „mein Liebchen“, das irgendwann aufgehört hatte, bloß eine neckische Anrede zu sein. An jenen Abend, an dem er ihr seine verstümmelte Hand gezeigt und damit etwas preisgegeben hatte, das er vor anderen sorgsam verbarg. Und an sein Versprechen, niemals die Hand gegen sie zu erheben. Es waren im Grunde keine großen Dinge gewesen. Ein paar gemeinsam verbrachte Stunden, geteilte Süßigkeiten, Gespräche am Meer und kleine Geheimnisse, die nur ihnen beiden gehört hatten. Doch aus all diesen Augenblicken war etwas entstanden, das Aelia längst kostbarer geworden war, als sie sich eingestehen wollte. Mit Doréan hatte sie Erinnerungen gesammelt, an die sie gern zurückdachte; kleine Lichtblicke in einem Leben, das ihr davor bisher nicht allzu viele geschenkt hatte. Vielleicht fiel es ihr gerade deshalb so schwer, das alles mit dem Doréan zusammenzubringen, den sie an diesem Abend kennengelernt hatte. Dieser Doréan war zwar noch immer da. Doch seit diesem Abend stand plötzlich ein anderer neben ihm. Einer, der für die Sanra'Jena arbeitete. Aelia wusste kaum etwas über diese Männer. Doch was sie wusste, reichte ihr fürs Erste vollkommen. Sie hatte gesehen, wie die Stimmung im Haarigen Bären umgeschlagen war, als Doréans Faust Raban getroffen hatte. Sie hatte gesehen, wie Männer aufgestanden waren und wie Lenan schließlich eingegriffen hatte. Sie hatte Rabans Blick gesehen, nachdem alles vorbei gewesen war. Und Doréan hatte es ihr verschwiegen. Jetzt weißt du, für was für Leute ich arbeite. Ja, jetzt wusste sie es. Und als hätte dieser Abend noch nicht genügend Überraschungen für sie bereitgehalten, waren da unten diese beiden Dirnen gewesen. Ihre hämischen Gesichter tauchten in ihrer Erinnerung auf, begleitet von Worten, die sich hartnäckiger in ihrem benebelten Kopf festgesetzt hatten, als Aelia lieb war. Doréan liebte das Dirnenvolk. Ela suchte ihn. Ela vermisste ihn offenbar sogar. Aelia verzog unwillkürlich den Mund. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Vor allem wollte sie sich nicht eingestehen, wie sehr es sie gekränkt hatte. Sie kannte diese Ela nicht einmal. Vielleicht war alles nur das boshafte Geschwätz zweier Frauen gewesen, die Freude daran hatten, ein fremdes Mädchen zu ärgern. Vielleicht auch nicht. Gerade wusste sie überhaupt nichts mehr. Sie wusste nicht, wer Ela war. Sie wusste nicht, was Doréan mit den Dirnen in diesem Stall verband. Sie wusste nicht, was seine Arbeit für die Sanra'Jena tatsächlich bedeutete oder was Raban nach diesem Abend tun würde. Sie wusste nicht einmal, welche Hälfte ihrer Gedanken dem Opium geschuldet war und welche am nächsten Morgen noch genauso aussehen würde. Und dann war da Bertram gewesen, der sie kaum angesehen hatte, bevor er bereits darüber nachdachte, wie viel Geld sich mit ihr verdienen ließe. Aelia schloss wieder die Augen. Es war zu viel. Nicht auf jene dramatische Weise, die nach Tränen oder großen Worten verlangte. Sie war schlicht erschöpft. Ihr Körper war schwer, ihr Kopf voller Gedanken, die sich im Opiumnebel gegenseitig im Weg standen, und irgendwo dazwischen lag die unangenehme Gewissheit, dass dieser Tag etwas zwischen ihr und Doréan verändert hatte. Was genau, wusste sie noch nicht. Vielleicht würde sie es morgen wissen. Vielleicht würde sie ihm sagen, dass sie erst einmal Zeit brauchte, um all das zu verstehen. Doch morgen war für sie noch weit weg. Jetzt stand sie in einer armseligen Dachkammer über einem Bordell, immer noch benommen vom Opium und müde bis in die Knochen, und Doréans Arme hielten sie auf den Beinen. Ausgerechnet Doréan. Der Mensch, über den sie in diesem Augenblick mehr Fragen hatte als über jeden anderen, war zugleich der Einzige, bei dem sie bleiben wollte. Aelia atmete tief ein. Sein Geruch war ihr inzwischen vertraut geworden. Vertrauter als dieser Raum, vertrauter als das ganze verdammte graue Viertel. Ihre Finger lockerten sich ein wenig in seinem Gewand, doch sie machte keine Anstalten, sich von ihm zu lösen. Und für diesen Moment genügte ihr das. Sie musste nicht wissen, wie es mit ihnen weiterging. Sie musste auch nicht entscheiden, was sie von den Sanra'Jena, von Ela oder von all den Dingen hielt, die Doréan ihr bisher verschwiegen hatte. Heute Nacht war sie einfach müde. Und so blieb sie noch einen Augenblick an ihn gelehnt stehen, während in Bertrams Stall eindeutige Geräusche und lüsternes Gestöhne der Dirnen durchs Gebälk und die Zimmerdecke drang. Doréans wahre Welt war ihr innerhalb weniger Stunden sehr viel nähergekommen, und das mehr, als ihr lieb war. Und dennoch hielt sie sich an ihm fest.
Als Aelia am nächsten Morgen erwachte, wusste sie zunächst nicht, was sie geweckt hatte. Es war wohl irgendein lautes Geräusch gewesen. Eine Weile lang blieb sie einfach liegen, die Augen geschlossen. Ihr Körper fühlte sich warm und schwer und feucht an. Doréans Arm lag um sie, sein nackter Körper dicht hinter ihrem, und sein gleichmäßiger Atem strich ihr in langen, ruhigen Zügen über den Nacken, was ihr einen wohligen Schauer über den Rücken sandte. Durch irgendeinen Spalt zwischen den Balken drang ein schmaler Streifen Tageslicht in die Dachkammer und zeichnete eine blasse Linie über die Dielen. Aelia blinzelte. Tageslicht. Mit einem Schlag war sie wirklich wach. „Scheiße...“ Das Wort kam kaum hörbar über ihre Lippen. Sie hatte nicht verschlafen. Zumindest hoffte sie das. Doch früh war es ganz gewiss nicht mehr, und bis zum Scherbentor lag ein gutes Stück Weg vor ihr. Aelia wollte sich aufrichten und bereute es beinahe augenblicklich. Ihr Kopf war schwer und dumpf, und hinter ihrer Stirn schien jeder Gedanke länger zu brauchen, bis er endlich Gestalt annahm. Auch ihr Magen fühlte sich sehr seltsam an. Sie hielt inne, schloss noch einmal die Augen und wartete darauf, dass sich ihr Innerstes wieder beruhigte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den gestrigen Abend in ihren Gedanken wieder zusammensetzen konnte und begriff, was eigentlich los war mit ihr. Das Opium. Die Erinnerung daran kam nur langsam zurück. Nicht als Ganzes, sondern in einzelnen Bildern, die aus dem trüben Dämmer ihres Kopfes auftauchten. Der Haarige Bär. Raban. Seine Hand die sie schlug. Doréan. Seine Faust die Raban schlug. Lenan. Die beiden lästerhaften Dirnen. Bertram. Aelia verzog das Gesicht. Wenn sie gewusst hätte, welche Erinnerungen sie zurückholen würde, dann hätte sie sie lieber dort gelassen, wo sie waren. Ihr Mund war trocken und schal, ihre Zunge klebte unangenehm am Gaumen. Selbst ihre Glieder fühlten sich schwer an, als wären sie aus Blei. Dabei musste sie tief geschlafen haben. Sie erinnerte sich nicht einmal daran, wann sie eingeschlafen war und was sie davor getan hatte. Irgendwann hatte sie neben Doréan gelegen, warm und erschöpft, und danach war da einfach nichts mehr. Doréan schlief noch. Aelia blieb einen Augenblick liegen und betrachtete ihn. Im fahlen Morgenlicht sah alles anders aus als in der Nacht. Bei Tag sah Doréans Kammer noch unzulänglicher aus als in der Nacht zuvor. Doréans Schlafstatt kaum mehr als das, was sie tatsächlich war, und durch die alten Balken drangen bereits die ersten Geräusche aus den unteren Stockwerken. Doch Doréan sah im Schlaf beinahe friedlich aus und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. Gestern Abend hatte sie geglaubt, kaum noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Heute Morgen waren ihre Gedanken zwar nicht wesentlich schneller, dafür hatten sie unangenehmerweise begonnen, wieder mehr Gewicht zu bekommen. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Nicht über Raban. Nicht über die Sanra'Jena. Nicht über irgendeine Ela. Und schon gar nicht darüber, was all diese Dinge für sie und Doréan bedeuteten. Später. Sie musste zum Roten Bullen. Behutsam hob sie Doréans Arm an und schob sich darunter hervor. Für einen Moment regte er sich, und Aelia erstarrte mitten in der Bewegung. Doch sein Atem fand bald wieder in seinen ruhigen Takt zurück. Langsam setzte sie sich auf. Der Dachboden schwankte ein wenig. Oder schwankte sie? Aelia presste die Lippen zusammen und wartete. „Verdammter Mist...“, flüsterte sie. Aelia sammelte ihre Kleidung zusammen und zog sich hastig an, wobei ihre Finger heute Morgen erstaunlich wenig Lust hatten, das zu tun, was sie von ihnen erwartete. Mehrmals musste sie neu ansetzen, und als sie sich vorbeugte, um ihre Schuhe anzuziehen, stieg erneut Übelkeit in ihr hoch. Sie richtete sich langsam wieder auf und sie schwor sich, dass sie nie wieder Opium anrühren würde. Ihre Nase schmerzte noch immer. Als sie gedankenverloren darüberstrich, zuckte sie zusammen und zog die Hand sofort wieder zurück. Auch die Haut darunter und um eines ihrer Augen fühlte sich empfindlich an, doch Aelia schenkte dem kaum Beachtung. Raban hatte ihr schließlich eine ordentliche Ohrfeige verpasst. Dass sich dort über Nacht ein dunkler Bluterguss ausgebreitet hatte, konnte sie nicht wissen. In Doréans Kammer hing kein Spiegel. Bevor sie ging, blieb sie noch einmal neben seinem Lager stehen. Einen Augenblick lang überlegte sie, ihn zu wecken. Sie tat es nicht. Was hätte sie ihm sagen sollen? Dass sie noch immer nicht wusste, was sie von all dem halten sollte? Dass sie ihn ansah und dabei zugleich an den Leuchtturm und an Raban dachte, an ihre Namen in der Seelaterne und an die Sanra'Jena, an seine Arme um sie und an irgendeine Ela, deren Lager ohne ihn angeblich kalt blieb? Sie wusste nicht, was sie denken und sagen sollte. Nur eines wusste sie: dass sie keine Ahnung hatte, ob sie mit all dem zurechtkommen konnte. Mit den Dingen, die er ihr verschwiegen hatte. Und das Schlimmste daran war, dass nichts davon etwas an dem geändert hatte, was sie für ihn empfand. Aelia betrachtete ihn noch einen Moment, dann wandte sie sich ab und ging zur Tür. Dann schlich sie hinaus.
Die Treppe hinunter nahm sie vorsichtig. Jeder Tritt knarrte unter ihren Füßen, und bei jedem Geräusch fürchtete sie beinahe, das halbe Haus zu wecken. Unten roch es abgestanden nach Talg, kaltem Rauch, verschüttetem Bier und den Überresten einer langen Nacht. Bertrams Stall hatte am Morgen einiges von jener zweifelhaften Lebendigkeit verloren, die ihn nachts erfüllt hatte. Eine Frau schlurfte irgendwo durch einen Gang, nur halb bekleidet und mit zerzaustem Haar, würdigte Aelia jedoch keines zweiten Blickes. Aelia war dankbar dafür. Sie wollte nur hinaus. Als sie endlich vor die Tür trat, empfing sie der Morgen mit einer Helligkeit, die ihr in den Augen stach. Aelia kniff die Augen zusammen. „Ach, Scheiße“ fluchte sie. Sie blieb kurz vor dem Haus stehen und atmete die kühle Morgenluft ein. Sie tat gut, aber wirkte keine Wunder. Der dumpfe Schleier in ihrem Kopf blieb, ebenso die Müdigkeit, die sich wie Blei an ihre Beine gehängt hatte. Dann fiel ihr wieder ein, wie weit sie noch musste. Bis zum Scherbentor. Bis zum Roten Bullen. Aelia setzte sich in Bewegung. Zunächst ging sie. Nach wenigen Schritten wurde daraus ein hastiges Gehen. Dann begann sie zu laufen. Es war ein jämmerlicher Lauf. Ihre Beine fühlten sich schwer an, ihr Magen schwappte bei jedem Schritt unangenehm mit, und schon bald hämmerte ihr Herz schneller, als ihr lieb war. Doch sie lief weiter. Durch die Gasse vorbei an der Ascherinne, vorbei an Häusern, die im Morgenlicht erbärmlicher aussahen als bei Nacht, hinaus in die vertrauteren Straßen des grauen Viertels. Mit jedem Schritt schien die Stadt weiter zu erwachen. Händler öffneten ihre Läden. Karren rumpelten über das Pflaster. Irgendwo stritt eine Frau lautstark mit einem Mann und Aelia murrte, während sie vorbeilief. Warum mussten Menschen sich immer streiten? Und das bereits am Morgen! Aus einer Backstube zog der Geruch von frischem Brot auf die Straße und brachte Aelias ohnehin angeschlagenen Magen für einen Moment vollends gegen sie auf. Sie lief trotzdem. Erst als das Scherbentor endlich vor ihr auftauchte, verlangsamte sie ihre Schritte. Der Rote Bulle war nicht mehr weit. Aelia rang nach Atem. Ihr Haar klebte ihr an Stirn und Nacken, ihre Beine waren weich, und der schale Geschmack in ihrem Mund war durch den Lauf kein bisschen besser geworden. Sie hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, sich zu waschen, wenigstens ein bisschen. Und so fühlte sie sich, abgesehen davon, dass ihr hundeelend war, auch noch schmutzig. Der Pfeifenrauch des Haarigen Bären hing in ihrem Haar und ihren Kleidern, vermischt mit Schweiß und jenem süßlichen Geruch des Opiums, den sie gestern irgendwann kaum noch wahrgenommen hatte. Ihre Haut fühlte sich unangenehm klebrig an, ihr Haar strähnig, und als sie sich mit der Zunge über die trockenen Lippen fuhr, schmeckte sie noch immer diesen schalen Geschmack im Mund, der einfach nicht verschwinden wollte. Sie strich ihr Kleid glatt, fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und versuchte, wenigstens halbwegs so auszusehen, als hätte sie die vergangene Nacht nicht in einer Opiumhöhle begonnen und über einem Bordell beendet.
Als Aelia endlich den Roten Bullen betrat, war sie ein paar Minuten zu spät. „Guten Morgen!“ rief sie atemlos. Während sie die Tür hinter sich schloss, ließ sie den Blick durch die Schankstube schweifen, in der längst geschäftiges Treiben herrschte, obwohl es noch eine ganze Weile dauern würde, bis für die ersten Gäste geöffnet wurde. Die Stühle standen zum Teil noch auf den Tischen, irgendwo klapperte Geschirr, und aus der Küche drangen bereits die ersten Gerüche des Mittagessens, das vorbereitet wurde. Peer war beschäftigt, Hannes und Koni schafften irgendetwas von einer Seite der Schankstube zur anderen, während Ida und Berta ebenfalls mitten in den Vorbereitungen steckten. Auch Arne war da. Nur von Lene und Albin war nichts zu sehen; wahrscheinlich hatten die beiden heute frei, was Aelia zumindest wegen Lene, die eine ziemlich spitze Zunge hatte, durchaus freute. Über allem lag ein Durcheinander aus Stimmen, Schritten und gelegentlichem Gelächter, und Aelia steuerte auf Marta zu, als sie sie entdeckte. „Entschuldige“, brachte sie noch hervor. „Bin ein bisschen spät.“ Sie wollte schon nach dem greifen, womit Marta gerade beschäftigt war, um ihr zur Hand zu gehen, als diese sich zu ihr umwandte und mitten in der Bewegung innehielt. Marta starrte sie an. Die sonst so beherrschte Frau ließ ihren Blick über Aelias Gesicht wandern und schien für einen Moment vergessen zu haben, was sie gerade hatte sagen oder tun wollen. Aelia erwiderte den Blick irritiert und wartete, doch als Marta weiterhin schwieg, zog sie fragend die Brauen zusammen. „Was?“ „Nichts.“ Sie drückte Aelia einen Handfeger und eine blecherne Schaufel in die Finger und deutete zur Feuerstelle. „Die Asche muss raus. Danach schichtest du frisches Holz auf. Und wenn du damit fertig bist, nimmst du dir die Tische vor, und zuletzt den Boden.“ „Mach ich“ nickte Aelia. Damit war die Sache für sie zunächst erledigt. Sie war sogar froh über die Arbeit, denn je weniger Zeit sie hatte, über ihren schweren Kopf, ihren flauen Magen oder die vergangene Nacht nachzudenken, desto besser.
Also kniete sie sich vor die Feuerstelle und machte sich daran, die kalte Asche zusammenzufegen. Feiner grauer Staub stieg ihr entgegen und kitzelte unangenehm in der Nase, sodass sie ein Niesen gerade noch unterdrücken konnte. Allein die Vorstellung davon ließ ihre noch immer schmerzende Nase pochen. Vorsichtiger kehrte sie die letzten Aschereste zusammen, schaufelte diese in einen hölzernen Eimer und begann anschließend, frische Scheite ordentlich in der Feuerstelle aufzuschichten. Um sie herum ging das morgendliche Treiben weiter, und eine Weile achtete Aelia kaum darauf. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihren schweren Kopf unten zu halten, ohne dass ihr dabei wieder schwindlig wurde. Erst nach und nach fiel ihr auf, dass sich etwas verändert hatte. Das unbekümmerte Geplauder, das sie bei ihrem Eintreten noch empfangen hatte, war leiser geworden. Gespräche wurden gedämpfter geführt, Stimmen senkten sich, sobald sie in die Nähe kam, und als Aelia sich irgendwann von der Feuerstelle aufrichtete, sah sie gerade noch, wie Hannes und Konrad die Köpfe zusammengesteckt hatten. In dem Augenblick, in dem sie zu ihnen hinübersah, verstummten beide. Hannes wandte sich augenblicklich wieder seiner Arbeit zu, und Koni tat es ihm gleich, wenngleich mit etwas weniger überzeugender Eile. Aelia zog die Brauen zusammen. Was hatten die denn? Sie nahm das nächste Holzscheit, legte es auf den Stapel und versuchte, dem keine weitere Beachtung zu schenken. Kurz darauf bemerkte sie jedoch Ida, die einige Schritte entfernt stand und sie mit einem Ausdruck betrachtete, den Aelia noch weniger verstand. Besorgt, beinahe mitleidig sah sie drein. Als ihre Blicke sich trafen, schenkte Ida ihr ein kleines Lächeln und wandte sich wieder dem zu, was sie gerade tat. Nun gut. Seltsam war es schon. Aelia schob aber auch das beiseite und widmete sich, nachdem sie mit der Feuerstelle fertig war, den Tischen. Sie streute Sand über die erste Platte und begann mit einer Wurzelbürste kräftig zu scheuern. Das raue Knirschen unter dem Lappen war beinahe angenehm eintönig, und bald konzentrierte sie sich nur noch darauf, den Sand über das Holz zu treiben, bis eingetrocknete Bierflecken, Fett und die klebrigen Überreste des vergangenen Tages nach und nach unter ihren Händen verschwanden. Es war eine Arbeit, bei der man nicht viel denken musste, und heute war das ein Segen. Nur ließen die anderen sie dabei nicht in Ruhe. Nicht einmal mit Worten; gerade das machte es so merkwürdig. Immer wieder spürte Aelia einen Blick auf sich, und wenn sie aufsah, beschäftigte sich plötzlich jemand mit etwas anderem. Hannes sah zu ihr herüber, Koni ebenfalls. Ida hatte sie schon wieder angesehen, und selbst Berta musterte sie einmal quer durch die Schankstube, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte. Marta sagte nach wie vor kein Wort dazu, doch auch sie hatte Aelia inzwischen mehr als einmal auf diese sonderbare Weise angesehen. Allmählich ging es ihr auf die Nerven. Was zum Henker war denn heute mit allen los? Aelia widerstand dem Drang, zu fragen, warum sie alle so glotzten. Vielleicht sah sie tatsächlich so elend aus, wie sie sich fühlte. Besonders überraschend wäre das kaum gewesen. Sie hatte in denselben Kleidern geschlafen, in denen sie gestern durch den Haarigen Bären gestolpert war, ihr Haar, wenn auch zurechtgemacht, musste aussehen wie ein Vogelnest, und nach Rauch roch sie wahrscheinlich ebenfalls noch. Spätestens der Lauf hierher hatte zudem dafür gesorgt, dass sie sich schon wieder verschwitzt fühlte. Einen besonders erfreulichen Anblick bot sie an diesem Morgen gewiss nicht, aber war das gleich ein Grund so zu starren? Als sie sich über den nächsten Tisch beugte und wieder zu scheuern begann, bemerkte sie aus dem Augenwinkel erneut, dass jemand zu ihr hersah. Arne. Diesmal sah er nicht schnell genug weg. Jetzt ging ihr dieses Geglotze allmählich gehörig auf die Nerven. Sie richtete sich auf, den Lappen noch in der Hand. „Was schaust du denn so komisch?“ Arne schien einen Augenblick lang nicht recht zu wissen, was er darauf sagen sollte. Dann zog er leicht die Brauen hoch und trat einige Schritte auf sie zu. „Hast du heut schon dein Gesicht gesehen?“ fragte er sie leise. „Nein…“ begann sie und dann verstummte sie. Mit einem Mal ergaben Martas entgeisterter Blick, Idas besorgte Miene und das Gemurmel von Hannes und Koni einen ganz anderen Sinn, und irgendwo in ihrem ohnehin schon flauen Magen regte sich ein ausgesprochen ungutes Gefühl. Ihr Gesicht. Natürlich hatte sie ihr Gesicht heute noch nicht gesehen. Wo denn auch? In Doréans Dachkammer hatte es nichts gegeben, worin sie sich hätte betrachten können, und auf dem ganzen Weg hierher hatte sie wahrlich andere Sorgen gehabt. Spiegel waren Dinge für Leute, die genug Geld besaßen, um sich einen leisten zu können. Im grauen Viertel begegnete einem das eigene Gesicht höchstens einmal verschwommen auf einer Wasseroberfläche oder im matten Glanz von Metall. Langsam hob Aelia die Hand und berührte zunächst ihre Nase. Schon der leichte Druck ließ sie das Gesicht verziehen. Als ihre Fingerspitzen vorsichtig höher wanderten, über die Wange und bis unter das Auge, meldete sich dort ein dumpfer Schmerz, dem sie bislang kaum Beachtung geschenkt hatte. Die Haut fühlte sich gespannt an, empfindlich und ein wenig geschwollen. Und plötzlich sah sie Raban wieder vor sich. Sie erinnerte sich an seine Wut, an die Hand, die auf sie zuschoss, an das harte Klatschen des Schlages. Gestern hatte das Opium vieles weich und fern gemacht, selbst den Schmerz. Heute Morgen war davon nur diese dumpfe Empfindlichkeit geblieben, die zwischen all den anderen Beschwerden kaum aufgefallen war. Aelia zog die Finger zurück und sah Arne an. Sein Blick ruhte noch immer auf ihrem Gesicht, und allein das genügte, um ihr zu verraten, dass es wohl schlimmer aussah, als es sich anfühlte. Sie hätte ihn gern gefragt, ob es wirklich so schlimm war. Die Frage kam ihr nicht über die Lippen. Also schüttelte sie nur langsam den Kopf. Nein. Sie hatte ihr Gesicht noch nicht gesehen. Und nach den Blicken der anderen war sie sich plötzlich gar nicht mehr sicher, ob sie das überhaupt wollte. Arne sah sie noch einmal an, bis sein Blick an der Lochmünze hängen blieb, die wie immer an dem dünnen Band um ihren Hals hing. „Dein hübscher Anhänger hat auch was abbekommen.“ Aelia sah verwundert an sich hinunter. Er griff nach der Münze und nahm sie behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Berührung dauerte kaum einen Augenblick. Auf dem geschwärzten Silber haftete am Rand ein dunkler Fleck, der sich deutlich von der stumpfen Oberfläche abhob. Eingetrocknetes Blut. Aelia starrte darauf. Jetzt erinnerte sie sich wieder daran, an das warme Blut, das ihr aus der Nase gelaufen war. Warm und unaufhaltsam, während sie einen kleinen Lappen dagegengepresst hatte. Offenbar war einiges davon weiter hinabgelaufen, als sie bemerkt hatte. Arne ließ die Münze wieder los. Sie fiel zurück an ihren Platz über ihrem Dekolleté. Sein Blick wanderte noch einmal zu ihrem Gesicht, und diesmal lag nichts Neugieriges darin. „Muss ein ziemlicher Idiot gewesen sein.“ Aelia antwortete nicht. Ihre Finger schlossen sich für einen Moment um die Lochmünze, während ihr Blick auf dem eingetrockneten Blut verharrte. Dann ließ sie sie los, nahm die Wurzelbürste wieder zur Hand und begann weiterzuscheuern.
Aelia hatte gerade den Sand vom letzten Tisch gefegt und war dabei, ihn mit dem übrigen Schmutz auf den Dielen zusammenzukehren, als sie bemerkte, dass Peer auf sie zukam. Er sagte zunächst nichts. Er blieb nur ein paar Schritte entfernt stehen und sah sie an. Aelia kehrte weiter. Seit Arnes Frage wusste sie wenigstens, weshalb heute jeder zweite Blick an ihrem Gesicht hängen blieb, angenehmer machte es die Sache allerdings nicht. Im Gegenteil. Inzwischen war ihr sehr bewusst, dass sich in ihrem Gesicht etwas Sehenswertes befinden musste, das eine ganze Belegschaft zum Tuscheln brachte. „Aelia.“ Sie hob den Kopf. Peer machte eine kurze Bewegung zur Seite, fort von den anderen. „Komm mal her.“ Das klang nicht nach einer Bitte. Aelia stellte den Besen an den nächsten Tisch und folgte ihm ein Stück aus dem unmittelbaren Treiben der Schankstube. Weit mussten sie nicht gehen. Peer schien wohl vermeiden zu wollen, dass Hannes, Koni und der Rest der Mannschaft jedes Wort mitbekamen. Kaum standen sie etwas abseits, verschränkte er die Arme vor der Brust und betrachtete sie erneut. „Was ist passiert?“ Aelia wusste natürlich sofort, wovon er sprach. Trotzdem brauchte sie einen Augenblick zu lange für ihre Antwort. „Was soll passiert sein?“ Peers Blick wurde nicht eben freundlicher. Aelia senkte die Augen. „Dein Gesicht“, sagte er. „Ach so.“ Eine ausgesprochen dumme Antwort. Peer wartete, während sie weiter auf den Boden starrte. Auf einmal schien der Boden zwischen ihren Füßen ungemein interessant. Sie hatte keine Ahnung, was sie erzählen sollte. „War das dein Freund?“ Aelias Kopf fuhr hoch. „Was? Nein!“ Die Antwort kam so schnell und so erschrocken, dass Peer leicht die Brauen hob. Aelia schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Das war nicht mein Freund. Er würde nie die Hand gegen mich erheben…“ Für einen Moment sah Peer sie schweigend an. Offenbar genügte ihm, was er in ihrem Gesicht fand, denn er fragte nicht weiter nach Doréan. „Wer war's dann?“ Aelia öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie mochte Peer. Gerade deshalb wollte sie ihm nicht ins Gesicht lügen. Zum Glück musste sie das eigentlich auch gar nicht. „Irgendein besoffener Idiot“, murmelte sie schließlich. „Gestern im grauen Viertel.“ Peer wartete, als käme da noch etwas. Aelia ließ den Blick wieder sinken und fügte leiser hinzu „Ich kenn den Kerl nicht.“ Auch das war, wenn man es genau nahm, wahr. Sie kannte Raban nicht. Vor gestern hatte sie ihn noch nie gesehen, und nach allem, was sie inzwischen über ihn wusste, verspürte sie auch kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Peer schien mit ihrer Erklärung dennoch nicht ganz zufrieden. Seine Stirn legte sich in Falten, und einen Augenblick lang sah es aus, als wolle er weiterfragen. Schließlich atmete er nur hörbar durch die Nase aus. Deshalb legte Aelia nach „Is‘ ja schließlich nicht so, dass man als Frau im grauen Viertel nicht einfach Pech haben kann, verstehst du?“ Er schien zu verstehen. „Na schön.“ Aelia wagte einen vorsichtigen Blick zu ihm. Peer musterte ihr Gesicht noch einmal, diesmal mit jener nüchternen Gründlichkeit, mit der er vermutlich auch einen gesprungenen Krug oder ein wackliges Tischbein betrachtet hätte. Sein Blick blieb an ihrem Auge hängen. „So gehst du mir heut jedenfalls nicht unter die Gäste.“ Aelia blinzelte. „Was?“ „Du hast mich schon verstanden.“ „Aber ich kann doch arbeiten.“ „Hab ich gesagt, dass du das nicht kannst?“ „Nein, aber…“ „Dann sind wir uns ja einig.“ Aelia presste die Lippen zusammen. Peer deutete mit dem Kinn in Richtung Küche. „Du bleibst für den Rest der Woche hinten und hilfst dort mit. Danach schauen wir, wie das aussieht.“ Unwillkürlich hob Aelia wieder die Finger an ihr Gesicht, hielt jedoch inne, ehe sie das schmerzende Auge berührte. „Ist es so schlimm?“ Die Frage war heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte. Peer sah sie an. Und diese kleine Pause gefiel ihr überhaupt nicht. „Man kanns eben nicht übersehen...“ Aelia ließ die Hand sinken. Peer wurde bereits wieder von irgendeiner anderen Arbeit in Beschlag genommen, doch bevor er sich abwandte, fügte er hinzu: „Geh zu Marta und sag ihr, dass du heute in der Küche gebraucht wirst, und danach meldest du dich in der Küche.“ Aelia nickte ergeben. „Ja.“ Peer ging davon. Sie blieb noch einen Augenblick stehen und sah ihm hinterher, ehe ihr Blick durch die Schankstube wanderte. Hannes arbeitete. Koni ebenfalls. Arne hatte sich augenscheinlich sehr gewissenhaft einer anderen Beschäftigung zugewandt. Keiner sah zu ihr. Was aber nur bedeuten mochte, dass vermutlich jeder mit halbem Ohr zugehört hatte. Aelia seufzte und griff wieder nach ihrem Besen. Wenigstens hatte Peer nicht weitergefragt. Und sie hatte ihn nicht einmal richtig anlügen müssen. Irgendein besoffener Idiot aus dem grauen Viertel. Das traf Raban eigentlich ganz gut.
Hochmut kommt vor dem Fall ❖
14.08.2023 '01:35 [7.077 Wörter]
 ahl schien das Morgenlicht durch das trübe Fenster. Direkt auf Doréans Gesicht. Seine Augenlider zuckten träge und er wandte sich zur Seite. Doch Das Licht hatte ihn längst aus dem Schlaf geweckt. Er lag noch einen Moment mit geschlossenen Augen da und knirschte mit den Zähnen. Aber irgendwann blinzelte er apathisch und wälzte sich zurück auf den Rücken. Seine Augen öffneten sich langsam und wanderten durch den Raum, bis sie neben sich auf dem sonst leeren Bett haften blieben. »Aelia?«, raunte Doréan doch außer dem morgendlichen Lärm, der von der Straße und der Umgebung heraufschallte, herrschte sonst nur Stille. Er richtete sich auf und stützte sich auf die Ellenbogen. Nachdenklich sah er an sich herab. Er trug keine Kleidung. Nicht einmal seine Bruche. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sonst schlief er nie unbekleidet. Seine Gedanken schweiften ab und die Erinnerungen an den vergangenen Abend kehrten bruchstückhaft zurück. Die finsteren und düsteren Gedanken blendete Doréan aus. Alles woran er in diesem Moment dachte waren die letzten Momente, bevor er eingeschlafen war. Die letzten Momente, derer er sich noch erinnern konnte. Momente die der Grund dafür waren, dass er nun unbekleidet in seinem Bett lag. »Aelia?«, raunte er erneut. Ihre Kleidung lag nicht auf dem Bett und auch nicht auf dem Boden. Doch seine Gedanken sahen sie klar vor sich, wie sie sich dieser entledigt hatte. Wie sie miteinander in den Laken gelegen hatten. Doch nun war davon nichts mehr geblieben. Kein Rausch. Nur Kopfschmerzen. Und diese seltsame Leere, die sich in Doréan auszubreiten begann. Nicht wegen den Nachwirkungen des Opiums. Sondern weil Aelia fort war.
Seine Gedanken begannen sich langsam zu sammeln und zu ordnen. Er versuchte sie sich in Erinnerung zu rufen, doch die meisten seiner Gedanken waren verworren, unvollständig und in Schatten gehüllt. Doch dann lichtete sich der Nebel in seinem Kopf und die Bruchstücke setzten sich mehr und mehr zu einem Mosaik zusammen. Er erinnerte sich daran, dass sie heute arbeiten musste und er ließ sich wieder ins Bett sinken. Er seufzte. Wie gerne hätte er sie noch einmal gesehen, bevor sie gegangen war. Doch die Schwermut, die sich seiner bemächtigte, wurde von einer kurzweiligen Zufriedenheit abgelöst, als er daran dachte, dass sie auch irgendwann mit der Arbeit fertig sein würde und sie sich dann wiedersähen. Er kroch aus dem Bett und zog sich an. Während er seinen rechten Fuß in den Stiefel schob, wanderte sein Blick abwesend durch den Raum und blieb auf der dicken, alten Kerze haften, die noch immer am Boden lag. Er runzelte die Augenbrauen. Alles um die Kerze herum lag in dunkler Schwärze. Als ob die tote Kerze, deren Flamme längst erloschen war, nun das restliche Licht in sich aufzusaugen schien. Er drückte seine Ferse hinunter um gänzlich in den Stiefel zu gleiten und nahm den zweiten zur Hand, während er sich vom Bett aufrichtete. Er trat näher an die Kerze heran und hob sie schließlich vom Boden auf. »Scheiße.«, brummte er und hob die Kerze ins Gegenlicht, welches durchs Fenster hereinfiel. »Das war knapp.« Die Kerze hatte noch gebrannt, als sie zu Boden gefallen war. Die Hälfte der Kerze war zerflossen und das Wachs hatte sich auf dem Boden gesammelt. Die Dielen waren von Ruß geschwärzt und verschluckten nun alles Licht, welches auf sie traf. Er tastete den Boden ab, doch das Holz war kühl. Kühl und modrig. Beinahe feucht. Das war wohl der einzige Grund, warum die Dielen kein Feuer gefangen hatten und die Flamme letzten Endes erloschen war, anstatt sich auf das ganze Haus auszubreiten.
Doréan stellte die Kerze auf seine Truhe und zog sich den zweiten Stiefel an. Ohne weitere Umschweife verließ er das Kabuff, verschloss hinter sich die Tür und steckte sich den Schlüssel in die Tasche. Seine Schritte führten ihn die knarrende Treppe hinab, über den Innenhof von Bertrams Stall, bis an jenes Tor, an welchem er am vergangenen Abend in die Arme von Hilde und Edith gelaufen war. Doch die beiden waren zum Glück nicht mehr hier. Vermutlich schliefen sie noch. Wobei Doréan sich eher wünschte, sie wären doch einfach tot umgefallen. Er verzog mürrisch die Miene und seine Blicke wanderten über den Hof. Aber niemand war zu sehen. Nicht einmal zu hören. Er seufzte und wandte dem Hof wieder den Rücken zu, um auf die Straße zu treten. Sein Weg führte ihn, ohne einem klaren Ziel vor Augen, immer weiter in den Norden des Viertels. Die Unbeschwertheit seiner Gedanken verflog mit jedem Schritt und wich einer sich aufbauenden Ungewissheit. Er musste an die Ereignisse des letzten Abends denken. Vor allen an Aelia und Raban. Raban. Dieser verfluchte Hundsfott. Er ballte unweigerlich die Fäuste zusammen.
Der Tag zog ereignislos dahin. Doréan hatte seinen Geldbeutel aus der Tasche gezogen und das Lederband aufgezogen, um die Münzen zu zählen. »Zu wenig um zu leben. Genug um nicht zu sterben.«, murmelte er und ließ die silbernen und kupfernen Münzen wieder in dem Beutel verschwinden. Vorerst hatte er genug Geld. Und da er Raban ohnehin aus dem Weg gehen wollte, zog es ihn auch nicht unbedingt in die Hafengegend. Zumal Doréan nicht einmal wusste, wie es nun weitergehen sollte. Raban hatte immerhin mehrere Leute unter seiner Fuchtel gehabt. Wer würde nun, da Raban in Ungnade gefallen war, seinen Platz einnehmen? Vermutlich nur ein anderer Hundsfott, der keinen Deut besser war als Raban. Doréan saß auf einer alten Bank, nahe der großen Marktstraße und starrte immer wieder in die Richtung des Scherbentores. Doch seine Aufmerksamkeit galt weniger dem Tor selbst, als dem großen, rötlichen Haus, welches unweit davor stand und er erst gerade verlassen hatte. Der rote Bulle. Immer wieder warf er einen Blick gen Himmel, nur um festzustellen, dass der Tag noch lange nicht sein Ende erreicht hatte. Wenn die Dämmerung hereinbrach, würde Aelia mit ihrer Arbeit fertig sein. Doréan hatte in dem Gedränge des roten Bullen nach Aelia Ausschau gehalten gehabt. Allerlei Leute waren dort gewesen. Kaufleute, Fuhrwerker, Stadtwachen. Und überall war ein Knecht oder eine Schankmaid durch die Reihen gewuselt. Doch Aelia hatte er nicht gesehen. Irgendwann hatte Doréan angefangen sich Sorgen zu machen. Was, wenn sie gar nicht hier war? Und so hatte er einen der Knechte gefragt gehabt. »Ist Aelia heute nich' da?« Der Mann sah ihn mit einem seltsamen Blick an und schien ihn von oben bis unten zu mustern. »Wer?« Doréan seufzte. »Aelia. Junge, hübsche Frau. Dunkles Haar.« Der Kerl hatte ihn weiterhin nur ausdruckslos angesehen, bis Doréan sich schließlich mit dem Zeigefinger auf die Brust gedeutet hatte. »Sie trägt eine Lochmünze um den Hals.« Da hatte sich die Miene des Mannes aufgehellt. »Ah, die Neue.« Er lächelte entschuldigend und nickte dann in die Richtung der Küche. »Ja die is da. Aber heut net in der Stube. Warum fragst du?« Doréan hatte nur den Kopf geschüttelt. Er hatte überlegt drinnen auf Aelia zu warten. Doch das letzte Mal, als er im roten Bullen gewesen war, hatte dies nur glimpflich mit einer waghalsigen Flucht geendet. Allein bei diesem Gedanken hatte er das Gefühl gehabt, dass sich dutzende Blicke von anwesenden Stadtwachen auf ihn gelegt hatten. »Nich' so wichtig.« Außerdem stand ihm nicht der Sinn danach sein sauer verdientes Geld für Bier um Bier zu verplempern, nur weil er sonst nichts Besseres zu tun hatte, als auf sein Liebchen zu warten. »Seit sie hier arbeitet, zieht es die Leute scharenweise in den Bullen.«, flachste der Knecht und warf nun einen geheimnisvollen Blick in eine unbestimmte Richtung. »Aber heut…«, murmelte der Knecht, der wohl kaum älter als Doréan selbst gewesen war. Der Gossenfloh hatte nur genickt, woraufhin der Knecht ihn nur fragend angesehen hatte. »Und wer bist du?« Er grinste breit. »Oder soll ich sagen, ein geheimnisvoller Fremder hat nach dir gefragt?« Daraufhin sah er ihn mit einem seltsamen Blick an, der beinahe misstrauisch und argwöhnisch wirkte. Als ob der Knecht Doréan misstraute und versuchte ihn von Aelia fernzuhalten. Der Gossenfloh winkte lapidar mit der Hand. »Sag ihr einfach, Réan war da.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hatte er den roten Bullen wieder verlassen. Schließlich hatte Doréan es sich einfach auf eine Bank vor der Schenke gesetzt und wollte hier einfach auf die blaue Stunde warten, bis Aelia endlich herauskommen würde. Doch die Warterei erwies sich als quälend und langweilig. Immer wieder schabte er mit der Ferse über den Boden, trommelte mit den Fingern auf der Bank oder kratzte sich den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Und immer wieder schweiften seine Gedanken ab zu Raban und den gestrigen Ereignissen. »Der Teufel soll den verfickten Hundsfott holen.«, brummte Doréan und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er lehnte sich an die Wand zurück und schloss die Augen, um auf diese Weise seine Gedanken zum Schweigen zu bringen.
Genervt kratzte sich Hartwig über die Wange. Er hatte sich nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr rasiert und die Haut juckte immer wieder. Doch der Bart war es nicht, der ihm die Stimmung verhagelt hatte. Er trottete über die Straße und war sichtlich erleichtert endlich aus Madiahs Schenke entkommen zu sein. Es hatte sich lediglich als reine Zeitverschwendung entpuppt sich bei ihr über diese beiden Gossenkinder, Doréan und Aelia, zu erkundigen. Sie hatte nur geflucht und sich beschwert. Ihr war nicht einmal aufgefallen, dass er nicht mehr den Harnisch der Stadtwache getragen hatte. Wie ein Wasserfall hatte sie sich über die Unfähigkeit seiner ehemaligen Kameraden und auch über die seine beschwert. Drei Tage schon ist es her, und er hatte nicht einmal den Ansatz einer Spur gefunden. Er tappte im Dunkeln wie ein Blinder Hund der die berühmte Nadel im Heuhaufen suchte. Und so schlurfte Hartwig mürrisch über die Straße. Immer wieder sah er die blitzenden Lanzen seiner ehemaligen Kameraden aus der Menschenmenge herausragen. Dann drückte er sich in eine dunkle Ecke, nahm Ware die ihn eigentlich gar nicht interessierte in Augenschein oder machte einfach kehrt. Dieses Viertel war gewaltig groß. Diese beiden Ratten konnten überall sein. Doch eine Frau in Aelias Alter, und mit ihrem Aussehen, war auffällig. Hartwig wusste, wenn er diesen Gossenköter finden wollte, musste er nur sie finden. Sie war eine Schankmaid. Sicher würde sie in anderen Schenken um eine Arbeit suchen. Doch je mehr Zeit verstrich, desto geringer waren die Aussichten sie zu finden. Und irgendwann…wenn genug Zeit verstrichen war…musste Hartwig wohl auch anfangen die roten Häuser nach ihr abzusuchen. Denn dort endeten Frauen ihres Schlages früher oder später. Jung. Ansehnlich. Wenn ihnen erst einmal keine andere Wahl mehr blieb und die roten Hände sie in die Finger bekamen. Doch noch hegte Hartwig die geringe Hoffnung sie in einer der vielen Schenken aufzustöbern.
Sein Weg führte ihn schließlich zum roten Bullen. Auch wenn dort viele seiner ehemaligen Kameraden einzukehren pflegten, so scheute Hartwig diesen Ort keineswegs. Wirklich erkennen würden ihn nur Esben, Lothar und Alrik. Von letzterem wusste er, dass er nie im roten Bullen abhing. Esben hingegen würde er nur allzu gern unter die Augen treten. Nur um ihn in die nächste, dunkle Gasse zu locken, um ihm für das unfreiwillige Bad im Kanal zu danken. Doch er würde sich nicht so dilettantisch dabei anstellen und dafür sorgen, dass Esben so lange unter Wasser bleiben würde, bis die letzte Luftblase aufgestiegen war. Eigentlich war nur Lothar wirklich ein Problem. Diesem Mistkerl musste er unbedingt aus dem Weg gehen. Aber sie hielten ihn ohnehin für tot und würden ihre Augen nicht nach einem Mann wie Hartwig offenhalten. Zudem würden sein neuer Haarschnitt und der Bart ihr Übriges erledigen. Die anderen Stadtwachen wussten vermutlich nicht einmal, dass seine korrupten Kameraden ihn zu den Fischen geschickt hatten. Je mehr Hartwig darüber nachdachte, erschien ihm dieser Gedanke immer zermürbender. Nur wegen diesem verdammten Gossenköter hatte er buchstäblich alles verloren. Die falsche Freundschaft seiner ehemaligen Kameraden. Ein geregeltes Einkommen. Eine respektable Anstellung. Er würde ihm das Fell abziehen und ihn für all diese Schmach bluten lassen. Und wenn er erfahren würde, dass die Ratte sich mit einem Schiff übers Meer abgesetzt hatte, würde er ihm auch dorthin folgen. Bis zum bitteren Ende, denn so lautete das ungeschriebene Gesetz des grauen Viertels. Auge um Auge. Zahn um Zahn.
Trübsal blasend und in düstere Gedanken versunken saß Hartwig in einer verrauchten Ecke des roten Bullen. Immer wieder schweiften seine Blicke durch die Stube. Auf der Suche nach dieser Aelia. Oder einem Kameraden, der ihn erkennen könnte. Doch weder das vermaledeite Luder, noch ein bekannter Lanzer fiel ihm auf. Er tat einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen und seufzte. »Darfs noch einer sein?«, flötete eine Schankmaid, welche Hartwigs leeren Becher bereits vom Tisch genommen hatte. Er hob den Blick und rang sich ein müdes Lächeln ab. »Warum nicht.« Die Frau nickte und wandte sich daraufhin um, doch Hartwig hielt sie sachte am Oberarm fest. »Sag mal, Mädchen.«, brummte er und zog so ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Wie viele Mädchen arbeiten hier eigentlich? Und hat in letzter Zeit 'ne Neue hier angefangen?« Die junge Frau sah ihn daraufhin mit großen Augen an. »Wieso, warum fragt ihr?« Hartwig seufzte und schnippte mit den Fingern. »Ich suche meine Schwester. Hab sie aus den Augen verloren.« Die Schankmaid nickte verstehend und stemmte dann ihre freie Hand in die Hüfte. »Wie heißt sie denn?« »Aelia.« Hartwig sah der Frau dabei genau in die Augen. Wenn sie diese Frau kannte, dann würden ihre Augen dies schon verraten, noch bevor ihre Zunge eine Lüge verbreiten konnte.
Ein Mann setzte sich neben Doréan auf die Bank und legte seine Hände auf die Knie. Doréan hob das linke Augenlid ein wenig an und bedachte ihn mit einem kurzen, musternden Blick. Doch der Mann würdigte ihn nicht eines Blickes und sprach auch kein Wort. Er saß einfach nur da und tippte gelegentlich mit seinen Fingern auf den Knien herum. Als ob er auf jemanden warten würde. Und so schloss Doréan wieder die Augen und atmete schwermütig aus, da er sich insgeheim nur wünschte, die folgenden Stunden mögen ein wenig schneller vergehen. »Schöner Tag, was?«, murmelte der Kerl nach einer gefühlten Ewigkeit des stoischen Schweigens. »Wenn du das sagst.«, antwortete Doréan nur ohne seine Augen zu öffnen. Der Mann räusperte sich erneut, wohl um sich Doréans Aufmerksamkeit zu erringen. Doch Doréan hegte kein Interesse an einer Unterhaltung mit irgendeinem dahergelaufenen Kerl. »Lass mich in Ruhe.« Da schnalzte der Kerl hörbar mit der Zunge und sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Du hast vielleicht Nerven.«, brummte der Mann. Doréan richtete sich auf und ließ seine Arme sinken, während er den Mann mit fragenden Blicken bedachte. »Kennen wir uns?«, murmelte Doréan nachdenklich. Irgendwie kam er ihm bekannt vor, doch er konnte nicht sagen woher. Der Mann schnaubte nur. »Hat der Boss dir gestern 'ne zu harte Schelle verpasst?« Er wandte den Kopf zur Seite und sah Doréan nun genau in die Augen. Und da dämmerte es Doréan. Dieses Gesicht hatte er schon mehr als einmal gesehen. »Hagen.«, murmelte Doréan. Hagen war, wie Doréan, einer von Rabans Handlangern gewesen. Er hob seinen Mundwinkel zu einem zynischen Grinsen. »Dämmerts jetzt?« Er schnalzte mit der Zunge. »Denn ich frage mich, was du hier eigentlich treibst?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Nichts?« Da entkam dem Kerl ein einzelnes, ehrliches, wenn auch kaltschnäuziges Lachen. »Ja, das sieht man.« Er beugte sich etwas zu Doréan vor. »Bist du bescheuert?« Doréan verzog mürrisch den Mundwinkel. »Was willst du überhaupt?« Hagen stand auf und bedeutete Doréan es ihm gleichzutun. »Raban will dich sehen.« Da stockte Doréan und warf Hagen einen misstrauischen Blick zu. »Was?« Hagen rollte genervt mit den Augen. »Komm jetzt, oder muss ich dich an den Eiern zu ihm schleifen?«
Mit einem ziemlich miesen, mulmigen Gefühl in der Magengrube war Doréan Hagen gefolgt. Hätte er den Weg in eine dunkle, hohle Gasse eingeschlagen, oder wären sie zu den Hundsgassen gegangen, hätte er wohl augenblicklich die Beine in die Hand genommen. Doch Hagen führte ihn unbekümmert über die breiten Marktstraßen, bis hinunter zum Hafen. Als sie die Grenze zu den roten Vierteln erreicht hatten, ließ er einen kurzen, schrillen Pfiff durch die Zähne erklingen. »Hab' ihn gefunden!« Ein Schemen schälte sich aus den Schatten eines nahen Hauses. Raban. Doréans Miene verfinsterte sich augenblicklich, während zugleich sein Herzschlag immer langsamer wurde und ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. »Was wird das hier?«, murmelte Doréan mürrisch und warf sowohl Raban als auch Hagen misstrauische Blicke zu. Raban, der die Furcht in Doréans Augen bemerkt hatte, grinste breit. »Hast du Schiss?« Doréan erwiderte nichts darauf und starrte nur auf den Arm des Mannes, der in einer Schlinge eingehängt worden war. Wohl, um die gebrochene Hand zu schonen. »Wenn ich du wär, hätt ich Schiss.«, murmelte Hagen. Als Raban die Blicke bemerkte schnaubte er mürrisch. »Wir haben Arbeit.«, hob Raban mit einer mürrischen Feierlichkeit an, die Doréan nur verwunderte Blicke abrang. »Wir?« Doréan hatte nach der gestrigen Sache zwischen Raban und Lenan angenommen, nie wieder Befehle von ihm entgegennehmen zu müssen. Raban schien Doréans Gedanken förmlich gelesen zu haben und grinste herablassend. »Glaubst du, nur weil der Boss mir die Hand gebrochen hat, wärst du mich los?« Um seine Worte noch weiter zu unterstreichen, hob er die Hand ein wenig an und Doréans Blicke blieben weiterhin darauf gehaftet, als ob die geschiente Hand aus purem Gold bestünde und er nur darüber nachdachte, wie er sie sich unter den Nagel reißen könnte. Doch eine Antwort blieb er Raban schuldig. »Da hast du dich geschnitten, Pisspott. Deinetwegen und wegen deiner miesen, kleinen Schlampe darf ich jetzt den Huren die Händchen halten.« Doréan hob den Kopf. Die Verwirrung stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Aber auch der aufkeimende Trotz. »Nenn sie nich' so. Sie is keine Schlampe.« Da grunzte Raban mürrisch. »Ich nenn die kleine Fotze wie ich will, und wenn du nochmal dein Maul aufreißt, dann verpass ich dir eine.« Er hob die Hand und verzog dann zischend den Mundwinkel. Er ließ den Arm wieder sinken und als der Schmerz wieder nachgelassen hatte blies Raban mürrisch die Luft aus den Wangen. »Oder Hagen verpasst dir eine.« Daraufhin warf Doréan dem Angesprochenen einen flüchtigen, vorsichtigen Blick zu. Doch Hagen sah ihn einfach nur mit stoischen Blicken an. Als Doréan nichts weiter darauf sagte, nickte Raban zufrieden. »Gut. Nun komm mit.« Raban führte Hagen und Doréan tiefer ins graue Viertel, bis sie die Grenze zu den roten Häusern überschritten hatten. »Was machen wir hier?« erkundigte sich Doréan, doch Raban antwortete ihm daraufhin nur mit grimmigen Schnauben. »Hab ich doch gesagt!«, blaffte er und kramte genervt in seiner Tasche, bis er endlich seine Pfeife herausgezogen hatte. Umständlich klemmte er sich die Pfeife zwischen Daumen und Zeigefinger der geschienten Hand, während er mit der anderen etwas Kraut in den Kopf stopfte. »Der Boss hat uns die Scheiß Weiber aufgehalst. Du hast mir die Suppe eingebrockt. Also löffelst du sie mit uns aus. Verstanden?« Doréan nickte, aber verstanden hatte er eigentlich kein einziges Wort. Raban entzündete schließlich seine Pfeife und lehnte sich gegen die nächstbeste Hauswand und sog langsam und tief den Rauch in seine Lungen. Hagen indes trat etwas näher an Doréan heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Gossenfloh zuckte zuerst nervös zusammen, doch als Hagen seine Stimme zu einem Flüstern senkte, entspannte er sich wieder ein wenig. »Der Boss hat Raban unter Bewährung gestellt.« Doréan sah Hagen mit einem Ausdruck an, der klar zu verstehen gab, dass er keine Ahnung hatte, was das zu bedeuten hatte. Hagen grinste durchtrieben. »Raban hat das eiserne Gesetz gebrochen. Und zur Strafe hat der Boss eine Bewährung verhängt. Er muss jetzt so lange bei den ganzen Schlampen des Viertels Buße tun, bis er Demut gelernt hat.« Da rollte Doréan mit den Augen, während er sich ein belustigtes Grinsen kaum verkneifen konnte. Raban soll also Demut lernen und begreifen, dass die Schwachen im Grauen Viertel nicht nur zum Ausnutzen da sind, sondern ebenfalls unter Lenans Schutz stehen. Doch als ihm langsam bewusstwurde, was das für ihn bedeutete, da verging ihm wieder das Grinsen. »Und wir?« Da seufzte Hagen. »Was denkst du, an wem wird er die ganze Scheiße jetzt auslassen? Schönen Dank auch dafür, Doréan.«, murmelte Hagen mit einem beinahe neckischen Augenzwinkern. Raban schnalzte mit der Zunge. »Ich höre euch tuscheln. Wie zwei Waschweiber.« Er blies einen einzelnen Rauchkringel in die Luft.
 Ihr erster Auftrag führte sie zum Haus das man gemeinhin als den roten Pfau kannte. Es lag direkt am Hafen und einige der Zimmer boten sogar eine schmucke Aussicht auf das schwarze Wasser. Doréan, Hagen und Raban standen vor einer beleibten Matrone. »Ah, Raban.« Die Stimme der Frau klang beinahe wie ein rostiges Reibeisen. Doréan kniff die Augen zusammen. Auch wenn diese Person viel Schminke im Gesicht trug und ein üppiges, ausladendes Dekolleté vorzuweisen hatte, so wurde Doréan das Gefühl nicht los, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte. »Die klingt ja wie ein Kerl.«, raunte Doréan zu Hagen und dieser grinste nur breit. »Wo die hinhaut, wächst kein Gras mehr.« Wieder grinste Hagen. »Was willst du, Frauke?« Da gluckste Doréan, als er den Namen aus Rabans Mund vernahm. Der Name selbst trug das Wort Frau in sich, und dennoch wirkte dieses Mannsweib kein bisschen weiblich. Die Matrone warf Doréan und Hagen mürrische Blicke zu. »Wer sind die zwei Komiker?« Raban wedelte lapidar mit der Hand. »Deine Problemlöser.« Da grinste die Matrone breit. »Ach?« Ein fieses Grinsen zog sich über ihr Gesicht und vermischte sich mit der bunten Schminke zu einer grotesken Fratze. Da erstarrte das Grinsen auf den Gesichtern der beiden Männer. »Wir sind gefickt.«, raunte Hagen und die Matrone nickte langsam. » Nein, meine Lieben. Dafür müsstet ihr bezahlen. Und ihr seht nicht aus als ob ihr genug Geld dafür hättet.« Doréan seufzte und warf dem Mannsweib einen verstörten Blick zu. »Wer bezahlt denn freiwillig…« Raban unterbrach ihn unwirsch. »Und was hast du für ein Problem, Frauke?«, erkundigte sich Raban, dem langsam die Geduld abhanden ging. »Mein Prachtstück ist weg.« Doréan kam nicht umhin bei diesen Worten seine Blicke über Fraukes Dekolleté wandern zu lassen, bis sich sein Blick auf tiefere Gefilde haftete. Frauke, welche Doréans Blicke bemerkte, verschränkte die Arme vor der Brust, was ihre üppige Oberweite nur noch weiter hervorquellen ließ. »Wo starrst du denn hin, Bengel?« Doréans Blicke wanderten daraufhin unweigerlich noch etwas tiefer, bis er seine eigenen Stiefel betrachtete, als ob er diese zum ersten Mal in seinem Leben bemerkt hätte. »Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«, herrschte Frauke ungehalten. Doch Hagen konnte nicht mehr länger an sich halten. Er prustete zwischen der vorgehaltenen Hand hervor. »Dein bestes Stück?« Fraukes Blick wurde kühl und die Schminke auf ihrem Gesicht schien förmlich zu erstarren. »Sehr lustig, ihr zwei Pappnasen.« Frauke strich sich, mit der einer Engelsgeduld die kurz davor war zu zerreißen, die Falten aus dem Kleid. »Raban.«, brummte Frauke und warf Doréan und Hagen missbilligende Blicke zu. »Mir wurde gesagt, dass Du Demut lernen solltest. Das hier…« Sie deutete auf sich selbst und dann auf die beiden Ulknudeln. »Ist alles andere als demütig. Es ist demütigend!« Frauke verschränkte wieder die Arme vor der Brust. Raban rollte genervt mit den Augen. »Was ist das für ein Prachtstück?«, wagte Doréan schließlich die Frage zu stellen, die bisher ungefragt im Raum gestanden hatte. »Mein liebstes Vögelchen, ist davongeflogen.« »Wie heißt sie?«, erkundigte sich Raban, dem es langsam zu bunt wurde. Frauke hob den Blick und sah Raban daraufhin mit einem stoischen, ernsten Blick an. »Alfons.« Da starrten sie alle Drei wortlos an. Doréan, Hagen und Raban. »Alfons?«, hakte Raban nach. »Merkwürdiger Name für eine Hure.«, murmelte Doréan und Hagen rollte mit den Augen. »Ein Lustknabe?« Frauke schnalzte genervt mit der Zunge. »Alfons ist keine Hure!«, blaffte Frauke ungehalten. »Dein Lieblings Freier?«, wagte Doréan einen weiteren Versuch, was nur weitere, mürrische Blicke der Matrone heraufbeschwor. »Raban. Was sind das für Armleuchter? Alfons ist ein Vogel!« Daraufhin zog sie eine rötliche Pfauenfeder aus ihrem Haar. »Der rote Pfau!« Sie wedelte stolz mit der Feder, welche offensichtlich nicht von Natur aus rötlicher Farbe war. »Du hast uns wegen eines beschissenen Vogels holen lassen?«, beschwerte sich Raban mürrisch und Frauke stemmte die Hände in die Hüfte. »Dieser beschissene Vogel ist das Wahrzeichen meines Hauses. Die Leute kommen von der anderen Seite des Hafens, um ihn zu sehen.« Da gluckste Doréan dreckig. »Wegen der Mädchen kommt wohl keiner, was?« Frauke bedachte Doréan daraufhin mit einem eisigen Blick. »Hüte deine Zunge, du vorlautes Balg.« Doréan verbiss sich einen weiteren Kommentar und Frauke wandte sich daraufhin wieder Raban zu. »Alfons ist heute Morgen aus seinem Zimmer entkommen. Eine von meinen Mädchen hat die Tür nicht richtig geschlossen.« »Er hat mich gebissen!«, beschwerte sich eine piepsige Stimme aus einem der hinteren Zimmer, woraufhin Frauke sich unwirsch umwandte. »Weil du ihm eine Feder ausgerissen hast!« Raban seufzte und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. »Wo ist das verdammte Vieh jetzt?«, murmelte er ungehalten und Frauke führte die Männer vor das Haus. »Dort!« Sie deutete auf das schwarze Hafenwasser und auf einem der hölzernen Pfähle, die wie verfaulte Zähne aus dem Wasser ragten saß er. Ein roter Pfau. »Der is ja wirklich rot!«, stellte Doréan erstaunt fest. »Habt ihr den Vogel angemalt?«, erkundigte sich Hagen und runzelte dabei die Stirn. »Ich hab noch nie einen Pfau gesehen.«, stellte Doréan fest, woraufhin Frauke unwirsch mit den Händen wedelte. »Holt Alfons zurück! Keine von uns kann schwimmen und traut sich.« Raban seufzte erneut, ob der Obskurität dieses Auftrags. »Na los. Holt den verdammten Vogel von dem Scheiß Pfahl!«, befahl er unwirsch, wohlwissend dass er selbst genauso nicht schwimmen konnte. Daraufhin begann der Pfau mit den Flügeln zu flattern und ein Rad zu schlagen. Dicht gefolgt von einem markerschütternden, schiefen Krächzen.
Nachdem sie den verdammten Pfau endlich eingefangen hatten, führte ihr Weg sie langsam an einen Ort, der Doréan immer bekannter vorkam. Seine Füße klebten an den Schuhen, in denen noch das schwarze Hafenwasser bei jedem Schritt schmatzte. Da er der einzige war, der wirklich schwimmen konnte, war es letzten Endes auf ihn gefallen, den verdammten, angemalten Vogel einzufangen. Und natürlich war er, kaum hatte sich Doréan auf die Pfähle begeben, einfach davongeflogen. Doréan knirschte mürrisch mit den Zähnen wenn er nur daran dachte. Er führ sich mit den Fingern durch das noch leicht feuchte Haar stieß einen langen Seufzer aus. Je näher sie dem nächsten Ort kamen, desto schwerer wurde der Frosch in seinem Hals. »Bertrams Stall?«, brummte Doréan und Raban nickte. »Ja. Hier kennst du dich doch gut aus, oder?« Raban grinste dreckig. »Und was machen wir hier?« Raban zuckte mit den Achseln. »Bertram hat ein Problem. Wir sollen es lösen.« Doréan seufzte theatralisch und hörbar aus. »Na wunderbar. Wenigstens hat er keinen beschissenen Vogel.« Es stellte sich heraus, dass Bertram ein sehr delikates Problem hatte. Und da Bertram direkt Raban unterstellt war, lag es nahe, dass dieser auch geschickt wurde, wenn Bertram ein Problem hatte. »Die verdammten Schinder.«, brummte Bertram und kratzte sich in der Falte seines Hinterns. Immer wieder zog er die Hose hoch und herunter um sich auf diese Weise etwas Linderung zu verschaffen. »Der Wichser hat den Schlamassel gesehen und is einfach gegangen.« Raban räusperte sich. »Moment mal. Was genau is dein Problem, Bertram?« »Der Abort is brechend voll.«, beklagte sich Bertram und Raban zuckte mit den Schultern. Lenan hatte sie dazu abgestellt sich um die Dirnen zu kümmern. Nicht um deren Scheiße. Hagen verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Dafür sind wir nicht zuständig.« Bertram trat einen Schritt näher. »Lenan sagte, Raban und seine Männer kümmern sich um jedes Scheiß Problem, das wir haben.« Hagen hielt Bertrams Blick nicht lange stand und wandte den Blick schließlich ab. Raban indes verzog keine Miene. »Hat er das genau so gesagt?« »Wort für Wort.«, bekräftigte Bertram und kratzte sich erneut mit seiner Hose in der Falte. Hagen verzog eine misstrauische Grimasse und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das hast du dir doch grad ausgedacht.« Als Rabans Blick aber auf Doréan haften blieb, da bemächtigte sich seiner Augen ein finsteres, gehässiges Funkeln. »Na wies der Zufall so will, hab ich zwei kräftige, helfende Hände dabei.« Doréan blies die Luft aus den Wangen. »Dein Ernst?« Raban verschränkte, so gut es die Schlinge in der sein Arm hing zuließ, die Arme. »Todernst.« Er schnippte und nickte dann in die Richtung des Aborts. »Scheiße.« Bertram grinste ebenso dreckig wie Raban. Selbst Hagen grinste dreckig, doch als Raban dies sah, da schnippte er mit den Fingern. »Wenn ichs mir Recht überlege, haben wir sogar vier Hände.« Er versetzte Hagen einen Stoß und dieser warf daraufhin allerlei finstere Blicke zwischen Bertram, Raban und Doréan hin und her.
Zu allem Überfluss stromerte auch noch die Vogelscheuche Edith über den Hof. Als sie die Männer bemerkte blieb sie unvermittelt stehen und beobachtete sie, mit einem wachen Blick. »Da runter.«, befahl Bertram, nachdem er die Tür zum Abtritt geöffnet hatte. Er drückte Doréan eine Schaufel in die Hand und Hagen einen großen Eimer. Doréan versuchte angestrengt durch den Mund zu atmen und dabei so lange wie möglich den Atem anzuhalten. Doch der Gestank war übermächtig. Er trieb die Schaufel in den Haufen und hievte diese mit angewiderten Blicken in den Kübel. Immer wieder und wieder. »Ha!«, lachte Edith und stemmte die Hände in die Hüften. »Wie war das, du kleiner Bastard?« Sie hob die Hand und deutete damit hämisch auf Doréan. »Der Blitz soll uns beim Scheißen treffen?« Sie begann lauthals zu gackern und Doréan wünschte sich in diesem Moment, der Boden würde sich unter ihm auftun und ihn einfach verschlucken. Morgen würden es alle Dirnen wissen, dass er bis zu den Knien in ihrer Scheiße gestanden hatte. Der Aufruhr im Hof weckte nach und nach das Interesse weiterer Dirnen, die sich alle wie geiernde Tauben an den Fenstern sammelten. »Bertram? Sind das die Abortmägde?« Bertram hob den Kopf und nickte kurz angebunden. »Wie sehen sie denn für dich aus, Dirna?« Da hob eine andere Dirne den Kopf aus dem Fenster und gluckste frivol. »Also die Kleine da sieht doch ganz brauchbar aus!« Doréan hielt inne und hob den Kopf. »Welche Kleine?« Hagen legte ihm die Hand auf die Schulter und schob ihn ein Stück vorwärts. »Wenn du dich angesprochen fühlst, dann wohl du. Schau wieder runter.« Doréan überkam ein heißer Schauer wobei er selbst nicht sagen konnte ob es Scham, Wut oder Ekel war.
Als seine Schaufel schließlich auf etwas Hartes stieß, hielt Doréan inne. Er hob den Gegenstand aus dem braunen Haufen und kaum hatte er ihn angehoben, da sackte mit einem Mal der Inhalt des Aborts ab. Wie eine Lawine rutschte der Rest in die Tiefe, gefolgt von einem gierigen Schmatzen und anhaltenden Gurgeln. »Scheiße!«, rief Doréan und sprang förmlich aus der Grube, um nicht am Ende mit in die Tiefe gezogen zu werden. »Wem gehört das?«, rief Hagen und hielt das hölzerne Ding in die Höhe, welches ihm seltsam vertraut vorkam. Bertram trat näher heran und rümpfte dann die Nase. »Ein Luststab!« Die Dirnen schüttelten nur die Köpfe. »Mir nicht!«, rief eine und eine andere stimmte mit ein. »Noch nie gesehen!« Bertram schnalzte mit der Zunge. »Wie oft muss ich noch sagen, dass ihr euren Unrat nicht in den Abort werfen sollt?«
Nachdem sie Bertrams Problem endlich beseitigt hatten, schwor sich Doréan nicht nur Raban alle Knochen zu brechen, sondern auch dem verdammten Bertram, den verfluchten Huren und dem Schinder, der seine Arbeit nicht hatte erledigen wollen. Wenn er je erfahren würde, wie sein Name lautete. »Los weiter.«, befahl Raban und pfiff dabei ein vergnügtes Lied. »Sehr demütig wirkt er ja nich' auf mich.«, maulte Doréan und atmete einen tiefen Atemzug aus. »Ja.«, brummte Hagen mürrisch und Doréan konnte das grimmige Funkeln in seinen Augenhöhlen förmlich sehen. Doch als Hagen sich Raban soweit genähert hatte, dass er ihn riechen konnte, da hielt Raban grimmig inne. »Komm mir bloß nicht zu nahe.« Hagen hob daraufhin seine Hände und grinste breit. Doréan breitete die Arme aus. »Aber Raban. Ich dachte, wir löffeln die Suppe gemeinsam aus.« »Wenn ihr mich anfasst, bring ich euch beide um!«
Ihr Weg führte sie schließlich immer tiefer ins rote Viertel. Mal mussten sie einen Freier aufmischen, der bei den Dirnen zu zudringlich geworden war. Ein anderes Mal mussten sie einen Mann daran erinnern, dass Dirnen kein Freiwild waren, das man kostenlos besteigen durfte. Das waren zwar eher Arbeiten nach Rabans Geschmack, dennoch wurmte es ihn. »Los. Stellt ihn mir schön hin.«, befahl Raban, während Doréan und Hagen einen Kerl in der Mangel hielten. »Man schlägt keine Frauen.«, brummte Raban mürrisch und verpasste dem Kerl einen harten Schlag in die Magengrube. Er ächzte und krümmte sich, so gut es unter Doréans und Hagens Griff ging. Doch Raban war noch nicht mit ihm fertig. Der ganze Frust, der sich den Tag über aufgebaut hatte, all die Demütigungen und jeder noch so niedere Auftrag den er erdulden hatte müssen, wurden nun an diesem armen Tropf ausgelassen. »Hoch mit ihm, verdammt.« Und so wiederholten sie das ganze Spiel. Doréan hielt den Kerl in die Höhe. Raban schlug zu und er ging wieder in die Knie. »Der hat genug.«, murmelte Hagen, doch Raban schüttelte den Kopf. »Nein. Er hat dann genug, wenn ich sage, dass er genug hat.« »Der kann kaum noch stehen.«, gab Doréan zu bedenken aber Raban wedelte unwirsch mit der Hand. »Dann helft dem Pisspott auf die Beine.« Doréan gehorchte schließlich, aber sichtbar widerwillig während er Raban einen flüchtigen, finsteren Blick zuwarf. Demut sah anders aus, das wusste selbst Doréan. Erneut zwangen sie den Mann auf die Beine, welcher nur noch aufrecht stehen konnte, da sie ihn auf den Beinen hielten. Und erneut schlug Raban zu. Doch dieses Mal traf er nicht den Kerl, sondern Doréan. Der Gossenfloh keuchte erschrocken auf und trat einen Schritt zurück. »Was soll die Scheiße, Raban?«, fluchte Doréan ungehalten doch Raban funkelte Doréan nur wütend an. »Hast ihn wohl nicht richtig gehalten.«, brummt Raban und wedelte dann unwirsch mit der Hand. »Jetzt halt den verdammten Pisspott gefälligst richtig.« Doréans Kiefer malmten, während er an Hagen herantrat. Dieser schien tunlichst jeden Blickkontakt zu Raban zu vermeiden. Gemeinsam hievten sie den armen Tropf wieder auf die Beine. Als dieser sich halbherzig zu wehren begann, verpasste Doréan ihm einen Schlag in die Knie. »Halt still, du dämlicher Hundsfott.«, maulte Doréan. Jeder weitere Schlag Rabans wurde ein wenig fester, während er sichtlich damit haderte, dass seine zweite Hand wie ein unnützes Anhängsel an der Brust gebunden hing. Irgendwann keuchte der Mann nicht einmal mehr und hing noch schwerer in Doréans und Hagens Armen. »Er is bewusstlos.«, stellte Doréan fest und ließ den Mann erschrocken los. Da trat Raban an ihn heran und hob sein Kinn etwas in die Höhe. »Lebt noch.«, stellte er fest und richtete sich wieder auf, als hätte er einfach nur einen lästigen Käfer zertreten. »Wir gehen, der hat die Botschaft verstanden.«, befahl Raban und Doréan warf einen kurzen Blick zu dem Mann auf dem Boden. »Sollen wir den hier einfach liegen lassen?« Hagen nickte und warf Raban einen fragenden Blick zu. »Der sieht nicht gut aus, Raban.« Raban ging vor dem Mann schließlich in die Hocke und tätschelte seine Wange. Der Mann ächzte nur und hustete und Raban nickte selbstgefällig. Dann hob er seinen Kopf erneut in die Höhe und zwang ihn die junge Frau, welche stumm und erschrocken in der Ecke stand, in die Augen zu sehen. »Na los. Entschuldige dich.«, befahl Raban unwirsch. Der Mann ächzte und versuchte verzweifelt die Worte hervor zu würgen. Doch alles was ihm gelang war ein halbherziges »Tschuldige.« Raban ließ den Mann achtlos los und trat an die Dirne heran. »Der wird dich nicht mehr belästigen.« Die Frau zuckte zusammen, als Raban ihr die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Raban sah sie verwirrt an, doch als er die Angst in ihren Augen sah, da zog er die Hand zurück. Als sich die Frau dann noch Doréan zuwandte und sichtlich vor Raban zurückwich, da knirschte dieser mit den Zähnen. »Du bist nicht besser als…«, hob die Frau an doch dann hielt sie sich die Hand vor den Mund und wagte es nicht den Satz zu beenden. Rabans Blick verfinsterte sich. Sein Augenlid zuckte und schließlich griff er in seine Tasche, um seine Pfeife hervor zu holen. »Schon gut.«, brummte Raban und steckte sich mit einigen, umständlichen Handgriffen die Pfeife an. »Du kannst nach Hause gehen.«, murmelte Doréan und legte der Dirne behutsam die Hand auf die Schulter. Doch dieses Mal zuckte sie nicht zurück, was Raban nicht entging. Ihr Blick war es, der Raban gefangen hielt. Sie starrte. Unentwegt. Doch nicht auf die Hand, mit der er den Mann geschlagen hatte. Nein. Ihr Blick haftete förmlich auf der gebrochenen Hand, die in der Schlinge hing. Sie hatte Angst vor Raban. Wegen dem Gerücht, dass die Runde machte. Er war ein Frauenschläger. Und er hatte gerade vor ihren Augen einen Mann halbtot geschlagen. Raban schloss die Augen und steckte sich dann die Pfeife zwischen die Zähne. »Entschuldige Mädchen, dass du das sehen musstest.«, murmelte Raban halbherzig und tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. Die Frau, welche noch immer am ganzen Leib zitterte, erwiderte kein Wort. Ihre Blicke huschten zwischen Doréan, Hagen und Raban hin und her, welcher erneut einen tiefen Zug aus seiner Pfeife tat. Eine Weile lang herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Bis Raban den weißen Dunst aus den Nasenlöchern blies. »Du hast den Bengel doch verstanden, Mädchen. Du kannst gehen.« »Könnt…ihr mich begleiten?« Raban hob den Blick und sah die Frau mit verklärten Blicken an. »Hast du Angst im Dunkeln?«, gluckste er mit spitzer Zunge doch das Mädchen schüttelte den Kopf, so dass ihre Haare hin und her schwangen. »Nein. Nicht vor der Dunkelheit. Aber vor dem schwarzen Mann.« Raban hustete und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Der schwarze Mann?« Sie nickte und er legte den Kopf schief. »Wie alt bist du, dass du noch an den schwarzen Mann glaubst?« Da schüttelte sie erneut den Kopf. »Der Mann, der den Dirnen einen zweiten Mund macht.« Da verstummte Raban und sein Gesichtsausdruck wurde ernster. »Hast du ihn gesehen?« Wieder nickte sie, doch ihr Blick barg unausgesprochene Furcht in sich. »Wie sah er aus?« Sie schlug die Augen nieder. »Ich habe nur einen Schatten gesehen. Doch er war immer da, wenn ich mich umgedreht hatte. Ich bin gelaufen. So schnell ich konnte. Ich habe seine Schritte von den Wänden hallen gehört. Doch dann war er auf einmal verschwunden. Dann hab ich bloß noch das Geschrei von Krähen gehört.« Raban ließ die Pfeife sinken und blies den letzten Rauch aus der Nase. Anschließend hob er die Pfeife und deutete in eine unbestimmte Richtung. »Bringt sie nach Hause.«, brummte Raban und legte sich dann wieder die Pfeife auf die Lippen. Als Doréan und Hagen sich schließlich in Bewegung setzten, umwaberten Raban dichte Rauschschwaden. Er legte Doréan die Hand auf die Schulter, woraufhin der Gossenfloh erstarrte und Raban einen flüchtigen Blick zuwarf. »Entschuldige Réan…«, brummte Raban und klopfte Doréan halbherzig gegen den rechten Oberarm, bevor er sich umwandte um ihn nicht mehr ansehen zu müssen. »Wofür?«, hakte der Gossenfloh nach und Raban knirschte mit den Zähnen. »Das weißt du genau.« Da hob er seine gebrochene Hand, als ob dies Antwort genug wäre und wedelte unwirsch mit der anderen Hand, so dass der Rauch aus der Pfeife hin und her waberte. »Du solltest dich bei Aelia entschuldigen.«, brummte Doréan und Hagen indes sah ihn mit seltsamen Blicken an, doch sagte keiner von ihnen sonst ein Wort.
Der Tag näherte sich langsam dem Ende. Die blaue Stunde stand kurz bevor und die Sonne lag am Horizont wie eine trotzige, rote Dirnenmurmel. Raban lehnte gegen eine Wand und das spärliche, rote Abendlich tauchte sein Gesicht in ein unheimliches Licht, während sein Körper ab dem Hals in dunklen Schatten lag. »Das gefällt mir nicht«, murmelte Raban und zog erneut an der Pfeife. »Der schwarze Mann?«, hakte Doréan nach und Raban nickte gedankenabwesend. »Du erinnerst dich an die tote Dirne? Die mit der toten Krähe?« Doréan nickte ernst und Raban zog erneut an seiner Pfeife. »Der Boss hat noch was befohlen. Wenn wir was von diesem Bastard hören, dann sollen wir dem nachgehen. Und ab jetzt sollen wir in jeder freien Minute Augen und Ohren nach diesem Dirnenmörder offenhalten.« »Jede freie Minute?«, hakte Doréan nach und ein ungehaltenes Stöhnen mischte sich in seine Stimme, welches Raban nicht unbemerkt blieb. »Aber schlafen dürfen wir noch, oder?« Da schnaubte Raban grimmig. »Jetzt begreifst du langsam, wie beschissen mein Tag ist, du kleiner Scheißer.« Er zog erneut an seiner Pfeife. Das Kraut welches ihn schon die ganze, vergangene Nacht und den darauffolgenden Tag wach gehalten hatte durchströmte erneut seine Lungen. Schließlich stieß er sich von der Wand ab und klopfte die Pfeife an der Wand aus. »Wir werden zu ihr gehen.« Hagen hob den Kopf und Doréan runzelte verwirrt die Stirn. »Zu wem?« »Zu ihr.«, wiederholte Hagen Rabans Worte. »Die Krähenkönigin.«
Raban führte Doréan und Hagen über verwinkelte Treppen und Leitern hinauf auf die Dächer des grauen Viertels. Hier und da erklommen sie einen Balkon oder hangelten sich an einem Vorsprung entlang. »Wer ist diese Krähenkönigin?«, erkundigte sich Doréan, der diesen Namen noch nie gehört hatte. »Wenn einer nachts durch die roten Gassen schleicht, haben ihre Vögel es bestimmt gesehen.«, antwortete Raban geheimnisvoll, ohne näher ins Detail zu gehen. Der Aufstieg wurde immer beschwerlicher. Raban war deutlich anzumerken, wie schwer ihm seine gebrochene Hand auf den engen, steilen Treppen zu schaffen machte. Immer wieder hielt er inne und ließ Doréan oder Hagen den Vortritt. »Wenn wir bei ihr sind, haltet einfach eure Schnauzen und lasst mich reden, klar?« Doréan und Hagen nickten. Das wäre zur Abwechslung mal ein einfacher Auftrag. Je höher sie kamen desto öfter bemerkte Doréan eine Krähe die sie regelrecht zu beobachten schien. Sie saßen auf Kaminen, Wäscheleinen oder Dachgiebeln. Sie krächzten, schnarrten und krähten. Auf dem nächsten First saßen drei Krähen. Als die Männer näherkamen, flogen sie nicht davon. Sie drehten lediglich die Köpfe und sahen ihnen nach. Doréan hatte bei jeder einzelnen das Gefühl, dass sie ihn anstarren würden. Eine weitere wartete auf dem Schornstein des Nachbarhauses. Dann noch eine auf einer zerbrochenen Wetterfahne. Nach einer Weile stellte er fest, dass die Krähen sie nicht nur beobachteten, sondern regelrecht zu begleiten schienen, als ob sie ihnen den Weg lotsen würden. »Die sind unheimlich. «, murmelte Doréan woraufhin Raban leise gluckste. »Dann freu dich schonmal auf ihre Herrin.« Als sie auf den Dächern angekommen waren, versank gerade der letzte, rote Schein hinterm Horizont. Unweigerlich schweiften Doréans Gedanken zum roten Bullen und Aelia. Bald schon würde sie ihre Arbeit beendet haben. Und dann würde sie ihn suchen und er wäre nicht da. Bei diesem Gedanken ballte er die Fäuste und presste die Lippen zusammen.
Zuviel Aufmerksamkeit ❖
14.08.2023 '16:28 [6.057 Wörter]
 aum hatte Aelia die Küche betreten, hob Ida den Kopf von ihrer Arbeit. Ihre Hände hielten mitten in der Bewegung inne, und für einen Augenblick geschah genau das, was Aelia inzwischen gründlich leid war: Idas Blick blieb an ihrem Gesicht hängen. Aelia unterdrückte ein Seufzen. Berta, die einige Schritte weiter an der Arbeitsplatte stand, bemerkte es ebenfalls. Sie warf erst Aelia einen gründlichen Blick zu, dann Ida. „Jetzt glotz das Mädchen nicht so an“, sagte sie trocken. „Davon wird's auch nicht besser. Mach dich lieber nützlich und hol ihr einen kalten Lappen.“ Ida schien erst jetzt zu bemerken, wie unverhohlen sie Aelia angestarrt hatte. „Ich hab doch gar nicht…“ „Doch hast du…“ Berta widmete sich wieder ihrer Arbeit. Ida verzog den Mund, griff aber nach einem sauberen Tuch und tauchte es in den Eimer mit Brunnenwasser. Als sie es wieder herauszog, rann das Wasser über ihre Finger. Sie wrang den Lappen nur leicht aus und kam damit zu Aelia herüber. „Da.“ Sie drückte ihr das zusammengefaltete Tuch in die Hand und deutete auf einen Schemel an der Wand. „Und jetzt hockst du dich erst einmal hin.“ Aelia nahm den Lappen entgegen. „Danke“, murmelte sie und betrachtete das nasse Tuch wenig überzeugt. „Aber das war doch schon gestern Abend. Das bringt jetzt bestimmt eh nichts mehr.“ „Papperlapapp, drauf damit“, erwiderte Ida nur und deutete auf ihr Auge. Aelia setzte sich ergeben auf den Schemel und legte den feuchten Lappen vorsichtig auf die schmerzende Stelle und verzog bei der ersten Berührung leicht das Gesicht. Die Haut darunter war empfindlicher, als sie gedacht hatte, doch die Kühle tat gut, sodass sie das Tuch schließlich dort liegen ließ. Wenig später stand sie vor einem großen Bottich, befreite einen Berg Rüben von Erde und Schmutz mit einer Wurzelbürste und war, entgegen ihrer ersten Befürchtung, gar nicht mehr sonderlich unglücklich darüber, in die Küche verdonnert worden zu sein. Hier hinten war es warm und geschäftig, trotz des Geklappers und Geplappers war es deutlich ruhiger als im Schankraum und niemand starrte sie mehr an. Es gab keine neugierigen Blicke, kein plötzlich verstummendes Gemurmel und vor allem keine Gäste, die sie in wenigen Stunden vermutlich mit denselben Fragen gelöchert hätten wie Peer. Stattdessen bekam sie Arbeit vor die Nase gesetzt, und davon gab es reichlich. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr musste sie sich ohnehin eingestehen, dass Peer ihr mit seiner Entscheidung vermutlich einen Gefallen getan hatte. Sie fühlte sich hundeelend, ihr Kopf war noch immer seltsam vom Opium, und jedes Mal, wenn sie sich zu hastig bückte oder wieder aufrichtete, erinnerte ihr Magen sie daran, dass er den gestrigen Abend noch keineswegs verziehen hatte. Dazu kam ihr Gesicht, von dem sie inzwischen wusste, dass es schlimm genug aussehen musste, um Hannes und Koni zum Tuscheln und sogar Marta für einen Augenblick aus der Fassung zu bringen. Bei Mahdia wäre sie damit vermutlich nicht bis in die Küche gekommen. Der Gedanke ließ Aelia mitten in ihrer Arbeit innehalten. Zu spät zur Arbeit erschienen. Ungewaschen, mit zerknittertem Kleid, dem Geruch einer durchzechten Nacht in den Haaren und einem Gesicht, das aussah, als hätte sie sich geprügelt. Mahdia hätte sie vermutlich schon an der Tür wieder hinausbefördert. Aelia verzog den Mund und arbeitete weiter. Vielleicht hatte sie mit dem Roten Bullen doch mehr Glück gehabt, als ihr bislang bewusst gewesen war.
Der Mittag und Nachmittag vergingen, ohne dass Aelia viel Gelegenheit hatte, über den vergangenen Abend nachzudenken. Ida arbeitete am Herd, und die ältere Berta war damit beschäftigt, die verschiedensten Arbeiten gleichzeitig im Auge zu behalten. Seit der Rote Bulle seine Türen geöffnet hatte, drang durch die Küche immer deutlicher der Lärm der Schankstube. Stimmen vermischten sich mit dem Klappern von Geschirr und dem Rücken der Stühle über die Dielen, dazwischen schwang immer wieder die Tür auf, wenn jemand einen leeren Krug hereinbrachte, eine Schüssel abholte oder hastig nach etwas verlangte, das draußen gerade fehlte. Aelia war froh, nicht mitten in diesem Trubel arbeiten zu müssen. Sie hatte gerade eine Zwiebel halbiert, als die Küchentür erneut geöffnet wurde und Arne hereinkam. Einige leere Krüge hatte er unter den Arm geklemmt, weitere trug er in der Hand. Er stellte sie zu den anderen, die darauf warteten, ausgespült zu werden, wechselte ein paar Worte mit Ida und war bereits im Begriff, wieder hinauszugehen, als sein Blick auf Aelia fiel. Er blieb stehen. Aelia bemerkte es, sagte jedoch zunächst nichts. Sie schob die geschnittene Zwiebel in die Schüssel, griff nach der nächsten und begann, die trockene Schale davon abzuziehen. Erst als Arne nach einigen Augenblicken noch immer keine Anstalten machte zu gehen, sah sie zu ihm auf. „Ist was?“ „Eigentlich schon.“ Arne trat ein wenig näher an den Tisch. Arne trat ein wenig näher an den Tisch. „Ich soll dir was ausrichten.“ Aelia legte die Zwiebel vor sich auf das Brett und sah zu ihm auf. „Mir?“ „Vorhin war einer da und hat nach dir gefragt.“ „Wer?“ „Keine Ahnung. Irgendein Kerl, den ich noch nie gesehen hab.“ Arne lehnte sich mit einer Hand an die Tischkante. „Hat nach Aelia gefragt und wissen wollen, ob du heute da bist. Ich hab ihn erst mal reden lassen.“ Aelia verstand. „Und so getan, als könntest du mit meinem Namen nichts anfangen.“ „Natürlich.“ Ein kleines Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. „Ich sag doch nicht jedem Fremden, der hier hereinspaziert und nach einer von euch fragt, wo er sie findet.“ Das leuchtete Aelia ein. „Und?“ „Dann hat er angefangen, dich zu beschreiben. Jung, dunkle Haare, hübsch.“ Arne hielt einen Augenblick inne, ehe er mit einem kaum merklichen Lächeln hinzufügte: „Bis dahin war er zumindest auf der richtigen Fährte.“ Aelia warf ihm einen kurzen Blick zu. „Irgendwann ist ihm dann noch deine Lochmünze eingefallen“, fuhr Arne fort. „Da war mir wenigstens klar, dass er dich tatsächlich kennt.“ Aelias Hand wanderte unwillkürlich zu der Münze an ihrem Hals. „Hat er einen Namen genannt?“ „Réan.“ Ihre Finger hielten auf dem geschwärzten Silber inne. „Doréan.“ „Doréan?“ „Ja.“ Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Réan nennen ihn nur die, die ihn gut kennen.“ Sie begann weiterzuschneiden, während Arne neben dem Tisch stehen blieb. Seine Nachricht hatte er damit eigentlich überbracht, doch offenbar war seine Pflicht damit noch nicht ganz erfüllt. Nach einer Weile bemerkte Aelia seinen Blick und sah wieder auf. „War noch etwas?“ „Nein, eigentlich nicht.“ Er zögerte kurz. „Ich hab mich nur gefragt, wer er ist.“ Aelia musste beinahe schmunzeln. „Du bist ja gar nicht neugierig.“ „Überhaupt nicht“, erwiderte Arne mit einer Unschuld, die ihm nicht recht stehen wollte. „Aber wenn einer hier hereinspaziert und nach dir fragt, darf man doch wohl wissen, wem man hinterher eine Nachricht ausrichten soll.“ „Die hast du doch schon ausgerichtet.“ „Das stimmt.“ Trotzdem blieb er stehen. Von der anderen Seite der Küche hob Berta den Kopf. „Arne, wenn du da draußen nichts mehr zu tun hast, kannst du gern hierbleiben. Arbeit find ich genug.“ Arne schenkte der Warnung nicht mehr Beachtung als unbedingt nötig. „Bin gleich wieder draußen.“ Berta murmelte etwas vor sich hin, das Aelia nicht verstand, und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Arne hingegen hatte sein Interesse an der Sache noch keineswegs verloren. „Also?“, fragte er. Aelia blickte von ihrer Zwiebel auf. „Also was?“ „Wer ist Doréan?“ „Mein Freund.“ Arne schwieg einen Moment. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich, wenn auch nur wenig, und Aelia konnte nicht recht sagen, was es war. Sein Blick wanderte von ihr zur Schüssel auf dem Tisch und schließlich wieder zu ihr zurück. „Dein Freund“, wiederholte er nachdenklich. „Ja.“ Aelia schnitt weiter. Sie erwartete eigentlich, dass sich seine Neugier damit erledigt hatte, doch als sie nach einigen Augenblicken erneut aufsah, bemerkte sie, dass Arne ihr Gesicht betrachtete. Nicht die Lochmünze diesmal und auch nicht ihr Haar. Sein Blick ruhte auf der dunklen Verfärbung unter ihrem Auge. Er musste nichts sagen. Aelia wusste sofort, was ihm durch den Kopf ging. „Nein“, sagte sie entschieden. Arne sah ihr wieder in die Augen. „Ich hab nichts gesagt.“ „Aber ich weiß, dass du das denkst.“ Er stritt es nicht ab. Vielleicht hätte er es getan, wenn Aelia weniger sicher geklungen hätte, doch so blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als sie fragend anzusehen. Sie legte das Messer beiseite. „Doréan hat mich nicht geschlagen.“ „Gut.“ Aelia schüttelte den Kopf. Allein die Vorstellung, dass jemand das von Doréan glauben könnte, missfiel ihr mehr, als sie erwartet hatte. „Er würde so etwas niemals tun.“ Arne musterte sie einen Augenblick lang, und diesmal wich Aelia seinem Blick nicht aus. Bei allem, was sie seit gestern beschäftigte, bei all den Dingen, die Doréan ihr nicht erzählt hatte und über die sie selbst noch nicht wusste, was sie davon halten sollte, war sie sich dessen sicher. Sie erinnerte sich an den Leuchtturm und an sein Versprechen, niemals die Hand gegen sie zu erheben. Vor allem aber erinnerte sie sich daran, wie er am vergangenen Abend vor ihr gestanden hatte, nachdem Raban sie geschlagen hatte. Arne nickte schließlich. Es war kein besonders überzeugtes Nicken, aber wenigstens schien er verstanden zu haben, dass es darüber mit Aelia nichts zu verhandeln gab. Sie nahm das Messer wieder auf und machte sich erneut an ihre Arbeit. Für einige Augenblicke war nur das regelmäßige Geräusch der Klinge auf dem Holz zwischen ihnen zu hören. Arne schien noch etwas erwidern zu wollen, doch in diesem Augenblick erklang Bertas Stimme erneut durch die Küche. „Arne.“ „Ich geh ja schon.“ Er stieß sich vom Tisch ab und wandte sich zur Tür. Kurz davor hielt er jedoch noch einmal inne. „Jedenfalls soll ich dir sagen, dass er da war.“ Aelia sah zu ihm auf und nickte. „Danke.“ Arne verschwand wieder in der Schankstube, und mit der zufallenden Tür wurde der Lärm dahinter für einen Augenblick gedämpft. Aelia blieb über ihrem Brett stehen und betrachtete die halb geschnittene Zwiebel vor sich. Doréan war hier gewesen. Er hatte nach ihr gesucht, vermutlich weil er wissen wollte, ob sie gut im Roten Bullen angekommen war, nachdem sie sich am Morgen fortgeschlichen hatte, ohne ihn zu wecken. Sie freute sich darüber. Nur löste sein Besuch erneut die Reihe von jenen Fragen aus, die seit der vergangenen Nacht in ihr herumgingen. Sie wusste noch immer nicht, wie sie mit dem zurechtkommen sollte, was sie über ihn erfahren hatte. Sie wusste nicht, was sie von den Sanra'Jena halten sollte, von Raban oder von jener Ela, deren Name ihr hartnäckiger im Gedächtnis geblieben war, als ihr lieb war. Und irgendwo zwischen all diesen Dingen stand noch immer Doréan, den sie zugleich besser zu kennen glaubte als noch vor wenigen Tagen und der ihr seit gestern in manchen Dingen fremder erschien als zuvor. Aelia atmete leise aus, nahm das Messer wieder auf und widmete sich ihrer Arbeit. Für den Augenblick gab es ohnehin nichts anderes zu tun.
Hartwig hatte seinen Platz mit Bedacht gewählt. Der Tisch stand weit genug hinten in der Schankstube, dass er nicht jedem ins Auge fiel, von dort aus aber dennoch einen guten Teil des Roten Bullen überblicken konnte. Seit geraumer Zeit saß er nun schon dort, einen Humpen vor sich, und ließ seinen Blick immer wieder durch den Raum wandern. Kaufleute und Fuhrwerker saßen dicht gedrängt an den Tischen, dazwischen Männer, die nach Handwerkern aussahen, ein paar Knechte und, zu Hartwigs Missfallen, auch mehrere Stadtwachen. Immer wieder bahnte sich eine Schankmaid mit vollen Krügen oder Schüsseln ihren Weg durch die Reihen, verschwand hinter der Küchentür und tauchte kurz darauf wieder auf. Hartwig hob den Humpen an die Lippen und trank, ohne den Blick lange von der Schankstube abzuwenden. Er hatte keinen Anhaltspunkt und auch Gewissheit hatte er keine. Und noch weniger wusste er, ob Doréan sich überhaupt noch in ihrer Nähe herumtrieb. Aber genau deshalb war er hier. Er hatte lange genug bei der Stadtwache gedient, um zu wissen, dass es wenig brachte, mit einer Beschreibung von Tisch zu Tisch zu gehen und Fragen zu stellen. Wer zu viel wissen wollte, sorgte nur dafür, dass die Leute sich später an ihn erinnerten. Also saß er, trank sein Bier und sah zu. Als sein Humpen leer war, dauerte es nicht lange, bis eine junge Schankmaid an seinen Tisch trat. Hartwig hatte sie bereits einige Male durch die Stube gehen sehen. Sie war flink und nicht auf den Mund gefallen. „Darf's noch einer sein?“, fragte sie und griff nach seinem leeren Humpen. Hartwig hob den Blick zu ihr und rang sich ein freundliches Lächeln ab. „Warum nicht.“ Die junge Frau nickte und wollte sich bereits abwenden, als Hartwig sie sachte am Oberarm zurückhielt. „Sag mal, Mädchen.“ Sie sah erst auf seine Hand und dann zu ihm. Hartwig ließ sie wieder los. „Wie viele Schankmädchen arbeiten hier eigentlich?“ Ein wenig Verwunderung trat in ihr Gesicht. „Wieso, warum fragt ihr?“ „Ich meine Schwester. Hab sie aus den Augen verloren.“ Das Misstrauen verschwand nicht aus dem Gesicht der Schankmaid, doch es milderte sich ein wenig. „Wie heißt sie denn?“ Hartwig beobachtete sie genau, als er antwortete. „Aelia.“ Da war es. Nicht mehr als ein winziges Zögern, kaum länger als ein Herzschlag. Vielleicht hätte ein anderer es nicht einmal bemerkt. Hartwig jedoch hatte jahrelang Menschen ausgefragt, die ihm etwas verheimlichen wollten, und gelernt, nicht nur auf das zu achten, was sie sagten. Für einen Augenblick lag etwas in den Augen des Mädchens, ein kurzes Erkennen vielleicht, bevor ihre Miene wieder so unverfänglich wurde wie zuvor. „Und Ihr glaubt, dass sie hier ist?“ Hartwig ließ sich nicht anmerken, dass ihm ihre Gegenfrage bereits genügte, um seine Vermutung zu stärken. „Das versuche ich gerade herauszufinden.“ „Dann wisst Ihr's also selbst nicht.“ „Sonst müsste ich dich wohl kaum fragen.“ Die Schankmaid verlagerte den leeren Humpen in ihrer Hand. „Und wer hat Euch gesagt, dass sie hier sein könnte?“ Nun war es Hartwig, der sie einen Augenblick lang schweigend ansah. Das Gespräch verlief anders, als er es sich vorgestellt hatte. Eigentlich hatte er die Fragen stellen wollen, doch die Kleine schien keineswegs gewillt, einem fremden Mann Auskunft über die Frauen des Hauses zu geben, nur weil dieser eine Geschichte von einer verlorenen Schwester auftischte. „Jemand, der sie gesehen haben will“, antwortete er schließlich. „Wer?“ Hartwig schnaubte leise. „Du stellst ganz schön viele Fragen.“ „Ihr auch.“ Für einen Augenblick sahen sie einander an. Dann hob Hartwig beschwichtigend eine Hand. „Schon gut. Bring mir einfach das Bier.“ Die junge Frau nickte, nahm den Humpen und verschwand zwischen den Tischen. Hartwig sah ihr nach. Sie hatte nichts gesagt. Kein einziges Wort, mit dem sie bestätigt hätte, dass eine Aelia hier arbeitete. Dennoch war er sich beinahe sicher, dass sie den Namen kannte. Nur reichte ihm beinahe nicht. Er brauchte mehr als den flüchtigen Ausdruck im Gesicht irgendeiner Schankmaid, wenn er seine Zeit nicht mit einer falschen Spur vergeuden wollte. Also blieb er sitzen. Sein nächstes Bier kam, und Hartwig ließ sich Zeit damit. Die junge Schankmaid, Lene, wie er wenig später aufschnappte, als jemand nach ihr rief, kam noch zweimal an seinem Tisch vorbei, ohne das Gespräch wieder aufzunehmen. Auch Hartwig fragte nicht weiter. Er hatte keinen Grund, sie vorsichtiger zu machen, als sie ohnehin schon war. Stattdessen beobachtete er. Dabei entging ihm nicht, dass Lene ihn ihrerseits gelegentlich im Auge behielt. Das gefiel ihm weniger. Eine Weile später sah er sie mit einem jungen Knecht sprechen, der sich mit mehreren leeren Krügen durch die Stube drängte. Hartwig kannte ihn nicht, hatte ihn aber schon zuvor bemerkt. Hartwig wandte den Blick ab, noch bevor Lene zu ihm herübersah. Er nahm einen Schluck Bier und hörte nur mit halbem Ohr auf das Stimmengewirr ringsum. Das meiste ging darin unter: Bestellungen, Gelächter, das Scharren von Stühlen, ein lautstarker Streit darüber, wer die nächste Runde zu bezahlen hatte. Dann jedoch drang etwas an sein Ohr, das seine Aufmerksamkeit augenblicklich zurückkehren ließ. „... nach der Neuen gefragt hat.“ Hartwigs Hand verharrte am Humpen. Er hob den Blick nicht sofort. Lene stand noch immer bei dem jungen Knecht. Was sie davor gesagt hatte, war im Lärm untergegangen, doch die wenigen Worte genügten. Die Neue. Hartwig setzte den Humpen langsam wieder ab. „Der von vorhin?“, hörte er den Knecht fragen. Lene nickte. „Ja. Wer war das eigentlich?“ Der Bursche zuckte mit den Schultern. „Ihr Freund.“ Hartwig sah nun doch hinüber. Lene hob kurz den Blick und wechselte einige weitere Worte mit dem Knecht, die Hartwig nicht mehr verstand, ehe sie sich trennten und beide wieder ihrer Arbeit nachgingen. Hartwig blieb reglos sitzen und betrachtete das Bier in seinem Humpen. Heute hatte also bereits ein Mann nach einer neuen Frau im Roten Bullen gefragt. Das konnte jeder gewesen sein. Ein Buhle. Ein Bekannter. Irgendein Bursche, der Gefallen an einer der Schankmägde gefunden hatte. Oder genau der Mann, dessentwegen Hartwig überhaupt hier saß.
Er ließ einige Zeit verstreichen, bevor er den jungen Knecht wieder suchte. Es wäre töricht gewesen, ihn unmittelbar nach dem Gespräch mit Lene zu sich zu rufen und damit jedem zu zeigen, wie sehr ihn ein beiläufig aufgeschnappter Name interessierte. Erst als der Bursche später mit einem Tablett an seinem Tisch vorbeikam und gerade keine vollen Krüge darauf standen, hob Hartwig die Hand. „He, Junge.“ Der Knecht blieb stehen und sah zu ihm. „Hast du einen Augenblick?“ „Wenn's schnell geht.“ Hartwig deutete auf die freie Bank ihm gegenüber, doch der Bursche machte keine Anstalten, sich zu setzen. „Vorhin war wohl einer hier, der nach einer von euren Frauen gesucht hat.“ Arne blieb neben dem Tisch stehen. „Hier suchen ständig irgendwelche Kerle nach irgendwelchen Frauen.“ „Der hier war jung. Dunkles Haar. Nennt sich Doréan.“ Hartwig ließ den Namen fallen, ohne den Burschen dabei aus den Augen zu lassen. Er hatte mit irgendeiner Regung gerechnet, einem flüchtigen Erkennen vielleicht, doch Arne tat ihm den Gefallen nicht. Seine Miene blieb so nichtssagend wie zuvor. „Kenn ich nicht.“ Ob das stimmte, vermochte Hartwig nicht zu sagen. „Schade.“ Er nahm seinen Humpen und drehte ihn langsam zwischen den Händen. „Ich dachte, vielleicht wär er derjenige gewesen, der vorhin hier nach einem Mädchen gefragt hat.“ Arne zuckte mit den Schultern. „Kann sein, kann nicht sein.“ „Kann sein?“ „Ich frag die Gäste nicht nach ihrem Stammbaum.“ Hartwig musste lächeln. „Aber wer nach euren Mädchen fragt, den schaut ihr euch ein bisschen genauer an, was?“ „Die Erfahrung zeigt: ja.“ Hartwig nahm einen Schluck. Der Junge war vorsichtig, und anders als Lene schien er nicht einmal das Bedürfnis zu haben, die unangenehme Stille mit Worten zu füllen. Also versuchte Hartwig es ein letztes Mal. „Meine Schwester ist erst seit kurzem in der Stadt. Jung, dunkles Haar, sehr hübsch. Aelia heißt sie.“ Arne sah ihn an, doch auch diesmal kam nichts. „Und?“ „Und ich suche sie.“ „Dann hoff ich, Ihr findet sie.“ Damit griff Arne nach dem leeren Krug vom Nachbartisch und wandte sich ab. Hartwig sah ihm nach. „Hilfsbereites Völkchen seid ihr hier“, murmelte er. Arne blickte noch einmal über die Schulter. „Wir im Roten Bullen, mögen keine Schnüffler…“ Dann war er fort. Hartwig blieb zurück und strich mit dem Daumen über den Rand seines Humpens. Viel hatte ihm auch dieses Gespräch nicht eingebracht. Weder Lene noch der Knecht hatten im Grunde bestätigt, dass Aelia im Roten Bullen arbeitete, und auf Doréans Namen hatte der Bursche nicht so viel wie mit einer hochgezogenen Braue reagiert. Vielleicht wusste er tatsächlich von nichts. Vielleicht verstand er sich aber auch nur besser darauf, den Mund zu halten, als Hartwig gehofft hatte. Es verging einige Zeit, in der er sich wieder darauf beschränkte, die Schankstube zu beobachten. Der Nachmittagsbetrieb hatte inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Arne eilte zwischen den Tischen umher, trug Krüge fort, brachte neue, wechselte hier ein paar Worte mit einem Gast und half dort, eine schwere Schüssel weiterzureichen. Hartwig verlor ihn immer wieder aus den Augen und fand ihn kurz darauf irgendwo anders in der Menge wieder. Schließlich sah er, wie der Bursche einige leere Krüge einsammelte und damit hinter der Tür zur Küche verschwand. Daran war zunächst nichts Bemerkenswertes. Als Arne jedoch nicht gleich wieder herauskam, wanderte Hartwigs Blick ein zweites Mal zu der geschlossenen Tür. Eine Weile geschah nichts. Hartwig trank weiter. Noch immer nichts. Vielleicht half der Bursche dort hinten bei irgendeiner Arbeit. Vielleicht hielt ihn jemand auf. Vielleicht gab es überhaupt nichts, worüber nachzudenken lohnte. Doch Hartwig saß nun schon lange genug herum. Lene hatte auf Aelias Namen reagiert, mochte sie auch noch so sorgfältig vermieden haben, ihm etwas zu bestätigen. Und nun verschwand einer der Knechte in der Küche und blieb dort länger, als es brauchte, ein paar leere Krüge abzustellen. Es war nicht viel. Aber Hartwig brauchte auch nicht viel. Er leerte seinen Humpen, stellte ihn auf den Tisch und erhob sich.
Niemand schenkte ihm besondere Beachtung, als er sich zwischen den Tischen hindurchbewegte. Er ging nicht hastig und sah sich auch nicht verstohlen um. Gerade in einem vollen Wirtshaus fiel ein Mann am wenigsten auf, wenn er den Eindruck erweckte, genau zu wissen, wohin er wollte. An der Küchentür hielt er nicht einmal inne. Er legte die Hand an das Holz und öffnete sie. Wärme und der schwere Geruch nach Zwiebeln, Brühe und Rauch schlugen ihm entgegen. Mehrere Gesichter wandten sich zu ihm um. Eine ältere Frau stand nahe dem Herd, eine zweite arbeitete an einem Tisch, und etwas weiter hinten befand sich der junge Knecht, mit dem er eben noch gesprochen hatte. Hartwigs Blick glitt an ihm vorbei. Dort stand sie. Dunkles Haar, schmale Gestalt, jenes Silber an ein Band geknüpft, das sie um den Hals trug und das auf ihrer Brust ruhte. Ein Messer in der Hand über einem Brett voller geschnittenem Gemüse. Aelia. Er hatte sie nur ein einziges Mal gesehen, doch es bestand kein Zweifel. Hartwig ließ seinen Blick weiterwandern, als wäre sie nicht mehr gewesen als eines von mehreren unbekannten Gesichtern in einer Küche, in der er nichts verloren hatte. „In der Küche sind keine Gäste gestattet!“ rief die freundliche Ida bemerkenswert scharf von der Kochstelle. Eine ältere Frau sah ihn an, als erwäge sie bereits, womit sie ihn am besten wieder hinaustreiben sollte. Hartwig setzte eine entschuldigende Miene auf. „Verzeiht. Ich such den Abort.“ „Dann seid Ihr hier falsch.“ „Das seh ich.“ Er wollte die Tür bereits wieder schließen, als hinter ihm Lenes Stimme erklang. „He!“ Hartwig wandte sich um. Sie stand einige Schritte entfernt in der Schankstube und starrte ihn an. In ihrem Gesicht war von der freundlichen Schankmaid, die ihm vorhin Bier gebracht hatte, nicht mehr viel übrig. „Was macht Ihr da?“ „Mich offenbar verlaufen.“ „In die Küche?“ „Scheint so.“ Lene glaubte ihm kein Wort. Das sah Hartwig ihr an. Und als ihr Blick an ihm vorbei in die Küche fiel, begriff sie vermutlich auch weshalb. „Ihr habt doch vorhin nach Eurer Schwester gefragt.“ Hartwig sah Lene noch einen Moment an, dann schritt er langsam den Weg zurück und hinaus aus der Schenke. Mehr brauchte er nicht. Er kannte nun den Ort. Alles Weitere konnte warten.
Es war noch nicht allzu lange her, dass Arne die Küche verlassen hatte, als die Tür erneut aufging und er wieder hereinkam. Diesmal brachte er weder leere Krüge noch Geschirr mit, und auch seine Miene hatte etwas von der unbekümmerten Neugier verloren, mit der er Aelia zuvor über Doréan ausgefragt hatte. Aelia stand noch immer am Tisch und schnitt Gemüse. Als sie ihn kommen sah, hob sie nur kurz den Blick, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit widmete. „Na Arne, dir scheint heute langweilig zu sein“ feixte Aelia. Arne trat zu ihr und blieb neben dem Tisch stehen. „Du bist heut gefragt.“ Aelia sah wieder auf. „Wie meinst du das?“ „Da war noch einer.“ Diesmal legte sie das Messer aus der Hand. „Noch einer, der nach mir gefragt hat?“ „Mhm.“ Arne zog einen Schemel ein Stück zur Seite, damit Ida mit einer Schüssel an ihm vorbeikam, und trat anschließend wieder näher. „Lene hat mit ihm geredet. Hat sie ausgefragt, wie viele Mädchen hier arbeiten und ob in letzter Zeit eine Neue angefangen hat. Angeblich sucht er seine Schwester.“ Aelia runzelte die Stirn. Noch erschien ihr daran lediglich etwas seltsam, ohne dass sie hätte sagen können, was genau. „Und was hat das mit mir zu tun?“ „Seine Schwester heißt Aelia.“ Für einen Augenblick sah sie ihn nur an. „Was?“ „Hat er zumindest behauptet.“ Aelias Verwirrung hielt kaum länger als einen Herzschlag. „Ich hab keinen Bruder.“ Arnes Gesicht wurde ernst. „Gar keinen?“ „Nein.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Ich hatte nie einen.“ Nun war es Arne, der schwieg. Aelia griff nicht wieder nach dem Messer. Ihre Gedanken waren bereits woanders, und plötzlich erinnerte sie sich an etwas, dem sie bisher weit weniger Bedeutung beigemessen hatte. Millie. Erst vor wenigen Tagen hatte sie ihr erzählt, dass auf dem Markt jemand nach ihr gefragt hatte. Eine Wache, hatte Millie gesagt. Ein Mann, der wissen wollte, ob sie eine Aelia kannte, und der sie nach ihr ausgefragt hatte. Aelia hatte es damals schon nicht gefallen, doch zwischen allem, was seither geschehen war, war die Sache wieder in den Hintergrund gerückt. Jetzt war sie mit einem Mal wieder da. „Scheiße“, murmelte sie. „Was?“ Aelia sah zu Arne auf. „Millie hat mir erzählt, dass schon einmal jemand nach mir gesucht hat.“ „Wer ist Millie?“ „Eine Freundin.“ Aelia schob das Brett unwillkürlich ein Stück von sich fort. An Arbeit und Gemüse dachte sie längst nicht mehr. „Sie war am Markt. Da war eine Wache bei ihr und hat nach mir gefragt. Hat wissen wollen, ob sie mich kennt.“ „Eine Stadtwache?“ „Ich weiß nicht, ob er eine war. Millie hat gesagt, er sah aus wie eine.“ Arne warf einen Blick zur Küchentür. „Hat sie dir gesagt, wie er aussah?“ Aelia versuchte sich zu erinnern. Millie hatte ihr einiges erzählt, doch mit keiner Silbe hatte sie erwähnt wie der Kerl ausgesehen hatte. Und Aelia hatte nicht gefragt. „Ich weiß es nicht mehr genau.“ Sie strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und sah zur Tür, als könnte der Mann jeden Augenblick dort erscheinen. „Was wollte der hier von Lene?“ „Wissen, ob du hier arbeitest. Hat sie ihm aber nicht gesagt.“ „Und er ist noch da?“ „Vorhin jedenfalls schon. Er hat auch mich nach dir gefragt. Und er fragte nach einem Doréan.“ Jetzt wurde Aelia heiß und kalt gleichzeitig. Jemand hatte am Markt nach ihr gesucht. Nun tauchte ein fremder Mann im Roten Bullen auf, fragte wieder nach ihr und erfand dafür einen Bruder, den es nicht gab. Das war kein Zufall mehr. „Warum sucht mich jemand?“, fragte sie mehr zu sich selbst als zu Arne. Eine Antwort bekam sie nicht. In diesem Augenblick öffnete sich die Küchentür. Als keiner eintrat, sahen alle hin. Auch Aelia sah hin. Ein fremder Mann stand auf der Schwelle. Es war nichts an ihm, was ihr im ersten Augenblick bekannt vorkam. Sie hatte dieses Gesicht noch nie gesehen, dessen war sie sich sicher. Dennoch blieb ihr Blick an ihm hängen, allein schon deshalb, weil ein Gast in der Küche nichts verloren hatte und sein Auftauchen unmittelbar nach ihrem Gespräch mit Arne ihr Herz einen Schlag schneller gehen ließ. Auch der Mann sah sie an. Nicht lange. Vielleicht kaum länger als die anderen Frauen im Raum. Sein Blick glitt durch die Küche, über Ida, über Berta, über Arne und über Aelia. Arne beugte sich ein wenig zu ihr hinunter. „Das ist der Kerl“, zischte er. Aelia erstarrte. Nun sah sie den Fremden anders an. Sie versuchte sich sein Gesicht einzuprägen, jedes Merkmal, das sie später Millie nennen konnte. Gleichzeitig schoss ihr durch den Kopf, dass er sie nun ebenfalls sah. Wenn er tatsächlich derselbe Mann war, der bereits auf dem Markt nach ihr hatte suchen lassen, dann hatte er bekommen, was er wollte. Er hatte sie gefunden. Ida war die Erste, die ihre Stimme wiederfand. „In der Küche sind keine Gäste gestattet!“ Der Mann wandte sich ihr zu. Von Unsicherheit war ihm nichts anzumerken. „Verzeiht. Ich such den Abort.“ Berta sah ihn an, dann ließ sie ihren Blick mit betonter Deutlichkeit über Töpfe, Schüsseln und Lebensmittel schweifen. „Dann seid Ihr offensichtlich falsch.“ „Scheint so.“ Er zog die Tür bereits wieder zu, als von draußen eine Frauenstimme erklang. Lene sagte etwas, das Aelia durch den Lärm der Schankstube nicht verstand. Der Mann antwortete ebenso leise. Dann schloss sich die Tür endgültig. Für einige Augenblicke rührte Aelia sich nicht. „War er das?“, fragte sie. Arne nickte. „Der angebliche Bruder.“ Aelia blickte noch immer auf die geschlossene Tür. „Ich hab keinen Bruder!“ rief sie aufgeregter, als sie wollte. Dieser Mann wusste jetzt, dass sie hier war. Sie wusste hingegen noch immer nicht einmal, wer er war. Wenig später wurde die Tür ein weiteres Mal geöffnet. Diesmal war es Lene, und hinter ihr erschien Peer. Schon an dessen Gesicht erkannte Aelia, dass Lene ihm erzählt hatte, was geschehen war. „Der Kerl, der eben hier drin war“, begann Peer und trat in die Küche. „Lene sagt, der hat nach dir gefragt.“ Aelia nickte langsam. „Arne hat's mir erzählt.“ Lene kam näher. „Er hat gesagt, er sucht seine Schwester. Ich hab ihm nicht gesagt, dass du hier bist. Überhaupt nichts hab ich ihm gesagt.“ Aelia sah sie an. „Ich hab keinen Bruder.“ Lene blinzelte. „Was?“ „Keinen Bruder. Der Mann hat gelogen.“ Nun veränderte sich auch Peers Miene. „Kennst du ihn?“ „Nein.“ „Bist du sicher?“ „Ich hab ihn noch nie gesehen.“ Aelia zögerte, bevor sie hinzufügte: „Aber eine Freundin von mir hat mir vor ein paar Tagen erzählt, dass am Markt schon jemand nach mir gefragt hat. Vielleicht war er das.“ Peer schwieg einen Moment. „Was wollte der von dir?“ „Das weiß ich ja nicht.“ Und genau das machte ihr Angst. Aelia blickte wieder zur Küchentür. Erst jetzt kam ihr ein Gedanke, der noch unangenehmer war als alles zuvor. Vielleicht suchte der Mann gar nicht sie. Vielleicht war sie lediglich der einfachste Weg zu jemand anderem Zu Doréan. Nach dem, was sie inzwischen wusste, war dieser Gedanke nicht einmal besonders weit hergeholt. Arne hatte ihr ja erzählt, dass er nach Doréan gefragt hatte. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte sofort nach ihm gesucht. Doch irgendwo draußen saß womöglich noch immer der Mann, der genau darauf wartete.
Peer zog einen Stuhl vom Tisch weg und setzte sich nicht darauf, sondern stützte lediglich eine Hand auf die Lehne. „Also gut. Dann erzählst du mir jetzt, was hier los ist.“ „Ich weiß es nicht.“ „Aelia.“ „Ich weiß es wirklich nicht.“ Peer betrachtete sie lange genug, dass sie unruhig wurde. Sie hätte ihm gern etwas anderes gesagt, schon allein deshalb, weil ihr selbst diese Antwort mittlerweile lächerlich vorkam. Ein fremder Mann fragte auf dem Markt nach ihr. Derselbe oder ein anderer tauchte wenig später an ihrem Arbeitsplatz auf und erfand eine Verwandtschaft, die es nicht gab. Und sie saß hier und wusste tatsächlich nicht, wer er war. „Warum sucht der da draußen nach dir?“ „Ich weiß es nicht.“ Seine Stimme wurde nicht lauter, aber die Ungeduld darin war inzwischen unüberhörbar. „Wer könnte etwas von dir wollen?“ Diese Frage ließ Aelia verstummen. Zum ersten Mal hätte sie ihm eine Antwort geben können. Doréan. Der Gedanke war schon zuvor da gewesen, doch nun drängte er sich mit unangenehmer Deutlichkeit nach vorn. Sie hatte selbst nichts getan, weswegen eine Wache sie suchen sollte. Doréan dagegen hatte allen Grund, sich vor der Stadtwache fernzuhalten. Erst gestern hatte sie erfahren, dass er für die Sanra'Jena arbeitete, und vielleicht suchte dieser Mann gar nicht nach ihr. Vielleicht suchte er einen Weg zu Doréan. Aelia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Aelia?“ Sie sah Peer wieder an. „Ich weiß es nicht“, sagte sie noch einmal, diesmal leiser. Peer schwieg. Ob er ihr glaubte, konnte sie nicht erkennen. Vielleicht glaubte er ihr sogar und war lediglich ebenso wenig zufrieden mit dieser Antwort wie sie selbst. Er strich sich über den Bart und blickte kurz zur Küchentür, hinter der der gewöhnliche Lärm der Schankstube weiterging, als wäre überhaupt nichts geschehen. „Aber du bist zwei Tage hier, und schon kommen mir fremde Kerle ins Haus, fragen meine Leute nach dir aus und stecken ihre Nasen in meine Küche. Was auch immer du mit dir herumschleppst, Aelia ich will's nicht in meiner Schenke haben.“ Das traf sie. „Aber ich kann doch nichts dafür, wenn irgendein Mann nach mir sucht.“ „Vielleicht nicht.“ „Nicht vielleicht. Ich kann nichts dafür.“ Peer sah sie ruhig an. „Ändert aber nichts daran, dass er hier war.“ Aelia öffnete den Mund, fand jedoch nichts, was sie darauf erwidern konnte. Denn so ungerecht es sich anfühlte, Peer hatte recht. Es spielte für ihn keine Rolle, ob sie diesen Ärger wollte. Der Rote Bulle war seine Schenke. Seine Leute arbeiteten hier, seine Gäste saßen draußen, und irgendein Fremder hatte soeben unter einer Lüge versucht herauszufinden, ob seine neue Schankmagd hier zu finden war. Peer ließ ihr einige Augenblicke Zeit, bevor er weitersprach. „Du arbeitest gut. Du bist fleißig, du packst an, und Marta hat sich bisher nicht über dich beschwert. Das ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum wir dieses Gespräch überhaupt noch führen.“ Aelia wurde flau im Magen. Sie wusste genau, was das bedeutete. „Willst du mich rauswerfen?“ Peer antwortete nicht sofort. Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr, als wöge er tatsächlich ab, ob es nicht das Einfachste wäre. Aelia saß vollkommen still. Erst Mahdia. Nun Peer. Zwei Arbeitsstellen innerhalb weniger Tage, und schon wieder stand sie da und musste darum bangen, ob sie am nächsten Morgen noch irgendwohin zurückkehren durfte. Schließlich atmete Peer durch die Nase aus. „Ich überlegs mir, aber heute nicht.“ Es war keine besonders beruhigende Antwort. „Aber ich sag dir eines“, fuhr er fort. „Wenn du weißt, was hinter der Sache steckt, dann sagst du's mir. Ich hab keine Lust, erst dann davon zu erfahren, wenn mir der nächste Kerl durch die Küche läuft oder mir irgendeiner draußen eine Schlägerei anfängt. Und wenn du selbst nicht weißt, was los ist, dann findest du's besser raus.“ Aelia nickte langsam. „Vielleicht steckt ja gar nichts dahinter“ mischte sich jetzt Arne ein. Peer wandte den Kopf zu ihm. Bislang hatte Arne sich aus dem Gespräch herausgehalten, nun zuckte er leicht mit den Schultern. „Was denn? Kann doch sein. Vielleicht ist der Kerl einfach irgendein Narr, der sie irgendwo gesehen und sich in den Kopf gesetzt hat, sie kennenlernen zu müssen.“ „Und deshalb erzählt er Lene, er wär ihr Bruder?“, fragte Peer. „Hab nicht gesagt, dass er besonders richtig im Kopf sein muss.“ Peer bedachte ihn mit einem wenig überzeugten Blick, doch Arne ließ sich davon nicht beirren. „Schaut sie euch doch an“, fuhr er fort und deutete mit einer beiläufigen Bewegung auf Aelia. „So unwahrscheinlich ist das nun wirklich nicht.“ Aelia, die bis dahin schweigend zwischen den beiden hin und her gesehen hatte, blinzelte. Peer sah erst sie an, dann wieder Arne. „Was genau soll ich mir anschauen?“ Für einen kurzen Moment schien Arne zu bemerken, dass er sich mit seiner Verteidigung ein wenig weiter vorgewagt hatte als beabsichtigt. Zurückrudern wollte er jedoch offenbar auch nicht. „Na, sie ist halt eine schöne Frau“, sagte er schließlich, als wäre das eine vollkommen sachliche Feststellung. „Das wird wohl nicht nur mir aufgefallen sein. Ich mein ja nur, dass nicht gleich irgendwelcher Ärger dahinterstecken muss.“ „Ein Mann sucht sie erst am Markt, kommt dann hierher, gibt sich als ihr Bruder aus und läuft mir in die Küche“, erwiderte Peer. „Und deine Erklärung dafür ist, dass sie hübsch ist.“ Arne verzog den Mund. „Wenn du‘s so sagt, klingt's tatsächlich ein bisschen verrückt. Wir wissen aber nicht ob es derselbe Mann ist, oder?“ „Nee das wissen wir in der Tat nicht…“ murmelte Peer und wandte sich bereits halb zum Gehen, hielt jedoch noch einmal inne. „Und bis dahin erzählt hier niemand irgendwem etwas über dich. Nicht wann du arbeitest, nicht wann du gehst und auch nicht, wo du wohnst.“ Sein Blick wanderte von Arne zu Lene und schließlich zu Ida und Berta. „Wenn noch einer fragt, kommt ihr zu mir. Verstanden?“ Allgemeines Nicken folgte. Dann sah Peer noch einmal Aelia an. „Und sorg dafür, dass dein Ärger draußen bleibt.“ Damit ging er. Aelia blieb zurück und starrte auf das Gemüse vor sich. Dein Ärger. Sie hätte ihm am liebsten hinterhergerufen, dass es nicht ihr Ärger war. Dass sie diesen Mann nicht kannte, niemanden geschickt hatte und selbst gern gewusst hätte, weshalb plötzlich Fremde durch die Stadt liefen und nach ihr fragten. Doch sie ließ es bleiben. Denn während sie das Messer wieder in die Hand nahm, wusste sie längst, dass Peer mit einem Punkt vermutlich näher an der Wahrheit lag, als ihr lieb war. Der Ärger mochte nicht ihrer sein, wahrscheinlich gehörte er zu Doréan… und zu den Sanra’Jena…
Die Krähenkönigin ❖
15.08.2023 '17:10 [4.618 Wörter]
 ährend Doréan die letzten Stufen erklomm, die auf eine alte Terrasse führten, schien es ihm, als ob dutzende Krähen ihn bei jedem Schritt beobachten würden. »Wer is diese Krähenkönigin überhaupt?«, murmelte Doréan. Hagen, welcher Doréan kurz darauf auf das Dach gefolgt war, hob seinen Kopf über die Balustrade. Er erschrak, als genau vor seinem Gesicht eine Krähe hockte, die den Kopf schief gelegt hielt. Ihre Augen schimmerten silbern im späten Licht des Sonnenuntergangs. Die Augen blinzelten, doch der schwarze Vogel regte sich nicht. Hagen hielt inne und starrte den Vogel eine Weile an. Doch dann hüpfte der Vogel zur Seite und krächzte herausfordernd. Erst als der Vogel sich weit genug entfernt hatte, wagte Hagen schließlich sich wieder zu bewegen. »Hast du Angst vor Krähen?«, gluckste Doréan doch Hagen schüttelte den Kopf. »Nur Respekt.« Er klopfte sich den Staub von der Kleidung. »Raban weiß mehr als ich.« Er warf einen Blick hinunter, wo Raban sich abmühte das Gleichgewicht zu halten. »Die Krähenkönigin ist nur ein Name.«, murmelte Hagen. »Sie ist seltsam und verschroben. Aber ich habe gehört, sie weiß Dinge.« Doréan runzelte die Stirn. »Woher?« Hagen zuckte mit den Achseln. »Bin ihr noch nie begegnet. Is auch für mich das erste Mal.« Doréan nickte verstehend. »Angeblich kann sie mit den Krähen sprechen. Und die verdammten Biester gehorchen ihr.« Hagen grinste schief. Doréan sah sich daraufhin suchend um. Die Krähen hockten überall. Auf den Dächern. Auf hölzernen Stangen und Wäscheleinen. Und sie alle saßen stumm und beobachtend da und starrten sie an. »Sie wirken, als ob sie auf etwas warten würden.« Hagen schüttelte den Kopf. »Sie hat sie abgerichtet. Das is das große Geheimnis. Sie gehen dir auf die Eier. Sie krähen und krächzen. Sie klauen Münzen und stibizen allerlei funkelnden Tand. Aber sprechen? Ich hab noch nie ne Krähe sprechen gehört.« Er gluckste, als ob es völlig absurd wäre zu glauben, dass Tiere sprechen könnten. »Die richtigen Leute wissen, dass die kleinen Bastarde ihre wahren Spione sind.«, brummte Hagen und Doréan hob den Kopf. »Die Krähen?« Er schüttelte belustigt den Kopf. »Nein, Mann. Die Straßenköter. Die Gossenbälger. Das eine oder andere leichte Mädchen. Sie sind doch praktisch überall. Sehen alles. Hören alles. Und sie erfährt es.« »Ah, ich verstehe.« Straßenkinder erreichen sie über Dachböden, Regenrinnen, Holzstege und diese enge Treppe, welche sie soeben selbst erklommen hatten. Dirnen hören Gespräche, die Männer sonst niemandem erzählen würden. Dazu noch gab es allerlei Menschen, die auf den Dächern lebten oder arbeiteten. Dachdecker, Schornsteinfeger oder ein Glöckner. Es war klar, dass diese Krähen eine Bedeutung hatten. Aber ihr Wissen wurde ihr von Menschen zugetragen. Dennoch konnte sich Doréan des trügerischen Gefühls nicht erwehren, dass diese Krähen mehr in sich bargen als es den Anschein hatte
Krähen waren intelligente Tiere. Nicht viele wussten, dass sie ein hervorragendes Erinnerungsvermögen besaßen. Sie konnten Menschen erkennen und sich diese auch merken. Selbst Artgenossen, die diesen Menschen noch nie gesehen hatten, schienen ihn wiederzuerkennen, als hätten andere Krähen sie vor ihm gewarnt. Wer eine Krähe schlecht behandelte, wurde fortan immer mit warnenden Rufen und unruhigen Gebärden begleitet, wo auch immer Krähen waren. Die Krähenkönigin war keine Königin im Sinne eines Bandenbosses wie Lenan oder des Anführers der Nedran’Ja. Sie war auch keine Königin wie der oberste Hauptmann der Stadtwache oder der Herrscher von Oshkïr selbst. Ihr Reich waren Dächer, Speicher, verlassene Terrassen und Glockentürme. Dadurch stand sie über der eigentlichen Ordnung der Stadt, mit all ihren Regeln, Gesetzen und den Männern die Macht über Menschen ausübten. Ihre Macht waren Wissen und Aberglaube. Wann immer eine Krähe in der Nähe war, konnte man sich nie sicher sein, was diese sah und wer davon erfuhr. Die Krähen waren praktisch überall. Sie saßen in alten Bäumen, hockten auf Dächern, oder spazierten über den großen Markt. Niemand beachtete sie. Manche fluchten lediglich über sie, aber niemand wusste die Wahrheit. Sie waren eigensinnig und zugleich sehr neugierig. Natürlich stahlen sie nicht nur Futter oder wertvolle Dinge. Sie brachten auch allerlei wertlosen Plunder zur Krähenkönigin. Knöpfe, Scherben, Nägel, glänzende Steine, verlorene Gaunermurmeln. Aber dazwischen befand sich gelegentlich auch etwas Bedeutendes. Dinge die glänzten. Dinge die in den Augen der Krähen von Bedeutung waren. Münzen, Schlüssel oder anderer Tand. Vielleicht sahen sie auch mehr als die Menschen es vermochten. Die Krähenkönigin verstand es die Bedeutung dahinter zu erkennen. Oder zumindest zu erahnen.
Raban keuchte und sein Gesicht war von Schmerz und Anstrengung gezeichnet. »Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt die Schnauzen halten, solange wir hier oben sind.«, blaffte Raban, wobei Doréan nicht umhin kam zu bemerken, dass er selbst die Stimme gedämpft hielt. »Diese verdammten Viecher hören alles, was ihr sagt.« Er wedelte unwirsch mit einer Hand, als ihm eine Krähe zu nahegekommen war, um diese zu verscheuchen. Der Vogel krächzte protestierend und flatterte empört davon. »Verdammte Viecher«, wiederholte eine krächzende Stimme. Raban erstarrte. Doréan sah dem Vogel nach. Die Krähe hatte sich auf dem First eines nahen Daches niedergelassen und blickte mit schief gelegtem Kopf zu ihnen zurück. »Habt ihr das gehört?«, fragte Doréan und Hagen grinste unsicher. »War bestimmt…« »Nur eine Krähe«, erklang eine Frauenstimme hinter ihnen.

Alle drei fuhren herum. Unter einem schiefen Vordach, halb verborgen zwischen flatternden Tüchern und einem alten Taubenverschlag, hockte eine Frau auf einem alten Mauervorsprung, der einst einmal eine Treppe zu einem höher gelegenen Geschoss gewesen war. Doréan hätte schwören können, dass dort eben noch niemand gesessen hatte. Eine große schwarze Krähe ruhte auf ihrer Schulter. Eine zweite, kleinere saß auf der Mauer und zupfte mit dem Schnabel an einem losen Faden ihres Ärmels. Etwas an der größeren Krähe war anders. Sie hatte einen größeren Schnabel. Ein stolzeres Gehabe. Es war keine Krähe, sondern ein Rabe. Die Frau lächelte und etwas in diesem Lächeln jagte Doréan einen Schauer über den Rücken. Es war unheimlich, obwohl es in keiner Weise bedrohlich wirkte. Die Frau war älter als Raban, das konnte man sehen. Doch ihr wahres Alter ließ sich nur schwer schätzen. Doréan betrachtete die Frau. Sie war hager und hatte eingefallene Wangenknochen. Sie wirkte nicht kränklich aber doch schmaler, als es gesund wirkte. Irgendetwas an ihr war seltsam. Beinahe hätte man meinen können, sie sähe selbst einer Krähe ähnlich. Dabei besaß sie weder eine besonders krumme Nase noch sonst etwas, das tatsächlich an einen Vogel erinnerte. Die Nase war lediglich etwas lang, das Gesicht schmal und die dunklen Augen ungewöhnlich aufmerksam. Wenn der Wind durch die vielen Lagen ihres schwarzen Gewandes fuhr, flatterten die losen Stoffbahnen um ihren mageren Körper wie zerzaustes Gefieder. Ebenso wie ihr langes, schwarzes Haar, welches sich sanft im lauen Abendwind bewegte. Doréan schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war es wie bei Hunden und ihren Besitzern. Wenn sie nur lange genug beieinanderblieben, sahen sie sich irgendwann ähnlich. Vermutlich war dies der Preis des Wissens, dachte sich Doréan. Und der Rabe, der auf ihrer Schulter saß, hob den Kopf und starrte Doréan an, als ob sie tief in seine Seele schauen könnte.
Auch sie sah Doréan mit demselben stechenden Blick an, bis dieser schließlich sich dabei ertappte, wie er seine Blicke unstet und ziellos umherschweifen ließ, nur um nicht in ihre Richtung schauen zu müssen. Doréan bemerkte auf dem Dach weitaus mehr, als es anfangs zu sehen gab. Es war nicht nur ein Dach. Hier gab es allerlei Dinge. Offene Verschläge und große Käfige. Sie erinnerten an einen Taubenverschlag und Doréan musste unweigerlich daran denken, ob diese Krähen nicht gar die Überbringer geheimer Nachrichten sein mochten. »Sei nicht töricht.« Sie kicherte gespielt verlegen und dennoch völlig ruhig und mit stoischer Miene. »Krähen können doch bekanntlich nicht sprechen.« »Nicht sprechen«, krächzte der Vogel auf ihrer Schulter. Hagens Grinsen schmolz ihm buchstäblich aus dem Gesicht und hinterließ nur die letzten Falten, die langsam mit dem Rest der Haut verschmolzen. Doréan hingegen musste sich auf die Innenseite der Wange beißen, um nicht breit zu grinsen. Immerhin hatte die Krähe ihn gerade selbst Lügen gestraft. Langsam wandte er den Kopf zu Hagen. »Aha. Du hast also noch nie 'ne Krähe sprechen gehört, hm?« Er deutete auf den schwarzen Vogel. »Ach, halt die Fresse.«, brummte Hagen. »Halt die Fresse.«, krähte es und Doréan riss den Kopf herum. Ebenso wie auch Hagen. »Halt die Fresse«, wiederholte die Krähe abermals und flatterte dann mit den Flügeln als ob es ihr unglaublichen Spaß bereiten würde diese Worte immer wieder von sich zu geben. »Will der mich verarschen?«, brummte Hagen. »Verarschen. Krah, Krah.« Hagen presste die Lippen zusammen und sein Mund wurde nur noch ein schmaler Strich. Er schwor sich, heute nichts mehr in der Gegenwart dieses vermaledeiten Vogels zu sagen. Die Krähenkönigin legte den Kopf schief. Beinahe genauso wie ihre Vögel. Ihr Blick wanderte von Hagen zu Doréan und blieb schließlich an Raban hängen. »Raban.«
Sie sprach seinen Namen nicht wie eine Begrüßung aus. Eher wie die Feststellung, dass jemand etwas Unangenehmes auf ihre Terrasse getragen hatte. Dann fiel ihr Blick auf seine Hand, die in einer Schlinge vor seinem Bauch hing. Sie schwieg eine Weile und das Schweigen griff auf die Männer langsam über. Nur die Krähen schwiegen nicht. Hier und da krächzte eine, oder eine andere gab ein raues, rollendes Krah von sich. »Was ist denn mit deiner Hand?« Die Krähenkönigin betrachtete die Schlinge mit einem eigentümlichen Blick. Raban zuckte bloß mit den Schultern und winkte ab. »Ach, das. Nichts. Nur ne Meinungsverschiedenheit.« Die Krähenkönigin nickte langsam. Dabei warf sie Doréan einen flüchtigen Blick zu. »Eine Meinungsverschiedenheit.« Sie machte eine kurze Pause und hob ihre Hand, so dass der Rabe sich auf ihren Arm setzen konnte. »Mit Lenan?« Raban hob den Kopf und sah sie finster an. Das Lächeln der Krähenkönigin wurde breit und wissend. »Wie kommst du auf die absurde Idee, ich wüsste es nicht längst?« Sie legte den Kopf leicht zur Seite und beugte sich ein wenig zu ihm entgegen. »Es wird bereits überall von den Dächern gerufen. Raban, der das eiserne Gesetz gebrochen hat.« Raban schwieg. Doch sein Blick verriet, dass er der Frau am liebsten gezeigt hätte, was seine Hand alles anrichten konnte. Die dunkle Frau lehnte sich ein wenig zurück und ihr Lächeln wurde reservierter und abweisender. »Du kommst zu mir, weil du etwas von mir willst – und belügst mich?« Mit zwei Fingern strich sie dem Raben über den schwarzen Kropf und strich ihm dabei sanft über das Gefieder. Der schwarze Vogel begann zu schnurren. Beinahe wie eine Katze. »Lügen«, krächzte der Vogel.
Rabans Kiefer mahlte. Sein Blick wanderte von der Frau zu dem Raben und schließlich zu Doréan, als wäre jeder von ihnen persönlich für seine Demütigung verantwortlich. »Du bist hier, weil es eine Strafe ist.«, fuhr die Krähenkönigin fort. »Du sollst Demut lernen. Und das Erste, was du tust, ist lügen.« Sie kraulte den Raben unter dem Schnabel. Er schloss genüsslich ein Auge. Raban verschränkte die Arme vor der Brust. »Meine Kinder haben mir längst alles berichtet.« »Wenn deine Kinder…« Er sprach das Wort geradezu spöttisch aus. »…dir alles erzählt haben. Dann weißt du auch, warum wir wirklich hier sind. Nicht wegen mir. Sondern wegen dem schwarzen Mann.« Da seufzte die Frau melancholisch. »Ja. Meine Kinder. In letzter Zeit verschwinden immer mehr von ihnen.« Um Rabans Mundwinkel zuckte ein kurzes Aufblitzen von grimmigem Hohn. »Deine Kinder.« Die Frau hob ihre Hand und streckte dabei drei Finger in die Höhe. »Drei meiner Kinder.« Raban verzog das Gesicht. »Es sind nur Krähen.« Der Rabe hob daraufhin den Kopf und plusterte sich auf. »Nur Krähen.«, wiederholte der Vogel mit einer grotesken, unheimlichen Stimme. Raban schnaubte. »Ich würde ja gern den ganzen Abend hier stehen und mit dir über deine vermaledeiten Krähen reden, aber wir haben keine Zeit.« Die Krähenkönigin verzog einen Mundwinkel. Man konnte nicht sagen, ob sie verstimmt war oder sich insgeheim amüsierte. »Du solltest nicht so über sie sprechen.« Raban zuckte mit den Schultern. »Wenn ich ihren Zorn fürchten müsste, bräuchte ich wohl kaum nach dem schwarzen Mann zu suchen, der deine toten Kinder bei den Dirnen hinterlässt.« Daraufhin schwieg die Krähenkönigin. Doréan sah, wie ihre Finger im schwarzen Gefieder des Raben innehielten. Nur für einen Moment, doch Raban hatte es ebenfalls bemerkt. Ein herausforderndes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Er hatte einen wunden Punkt getroffen. Sie sah Raban eine Weile schweigend an, und alle Krähen schienen sich mit einem Mal seltsam zu verhalten. Als würden sie etwas spüren, das sonst niemand wahrnehmen konnte. Doréan fühlte eine unangenehme Spannung in der Luft und all diese schwarzen, im Licht silbern schimmernden, Augen starrten sie an. »Was willst du?«, fragte sie kurz angebunden. »Wo finde ich ihn?« Die Krähenkönigin antwortete nicht. Ihr Blick wanderte über Raban hinweg zu den Dächern des Grauen Viertels, als hoffte sie, dort eine Antwort zu entdecken.
Doréan beobachtete sie aufmerksam. Hatte sie Angst? Oder wusste sie es selbst nicht? Nein. Sie verbarg etwas. »Geht morgen in den Glockenhof«, sagte die Krähenkönigin schließlich. »Fragt dort nach Magda.« Doréan bemerkte wie Hagen bei diesen Worten leicht zu lächeln begann. Er kannte den Glockenhof, und die Geschichten die sich um diesen Ort rankten. »Und was weiß sie?«, fragte Raban, der dieser rätselhaften Antworten langsam überdrüssig wurde. Die Krähenkönigin strich dem Raben über den Kropf. Raban wartete. Als nichts weiter kam, knirschte er mit den Zähnen. »Was werden wir dort erfahren?« Da lächelte die schwarz gekleidete Frau wissend. Als ob sie dieses Machtspiel genießen würde. »Was es ist, werdet ihr sehen.« »Ich hasse solche Spielchen.«, brummte Raban ungehalten und ballte die gesunde Faust, was der Krähenkönigin nicht entging. »Nein. Du hasst es, wenn jemand mehr weiß als du.« Raban funkelte sie an, doch erwiderte nichts darauf. Der Zorn, der in ihm aufbegehrte, war dennoch deutlich zu spüren. »Seltsam«, fuhr die Krähenkönigin fort. »Wohin du auch gehst, überall findest du jemanden, der an deinem Elend schuld ist. Das Mädchen. Der Bengel…« Dabei nickte sie in Doréans Richtung. »Lenan.« Ihr Blick fiel auf seine geschiente Hand. »Nur im Spiegel hast du noch nie gesucht.« Für einen Moment herrschte vollkommene Stille auf dem Dach. Dann stieß Raban ein abfälliges Schnauben aus. »Deine Krähen sind allesamt Lügner und Verräter.« Die Krähenkönigin schnalzte missbilligend mit der Zunge und hob einen mahnenden Finger. »Verräter vielleicht, das liegt im Auge des Betrachters. Aber Krähen lügen nicht.« Sie legte den Kopf schief und Rabe tat es ihr gleich, als ob er ein Spiegelbild ihrer Gedanken wäre. Ihr Mundwinkel hob sich. »Sie erzählen nur die Dinge, die niemand hören will.« »Niemand hören will«, krächzte der Rabe. Raban warf erst dem Vogel, dann der Krähenkönigin und schließlich Doréan einen finsteren Blick zu. Doréan presste die Lippen zusammen. Rabans Blicke sprachen Bände. Sein Gesicht war ein offenes Buch, dem alle Siegel gebrochen worden waren. Sein Blick haftete sich auf Doréan, als trüge er auch irgendwie Schuld daran, dass diese verfluchte Frau ihn soeben bloßgestellt hatte.
Doréan hetzte mit heißem Atem und einem unerbittlichen Stechen in der Brust durch die immer dunkler werdenden Gassen. Dieser verdammte Ausflug hatte verflucht viel Zeit gekostet. Aelia musste inzwischen längst auf ihn warten. Darum rannte er bis seine Lunge brannte und er völlig außer Atem endlich den Platz vorm Scherbentor erreicht hatte. Der rote Bulle ragte dunkel vor dem spärlich beleuchteten Tor auf. Wie ein dunkles Omen, dass ihn anklagend ansah. Die Lichter waren allesamt gelöscht worden. Keine Stimmen. Kein Gelächter und auch keine Musik. Der Ort war wie ausgestorben. »Verdammt.«, brummte Doréan. Er war zu spät gekommen. Die Schenke hatte ihre Tore für diesen Tag geschlossen. Selbst die letzten Betrunkenen, die sonst noch durch die Straßen torkelten, waren nicht mehr zu sehen. Doréan trat an eines der Fenster heran und stellte sich auf die Zehenspitzen um in die dahinter liegende Dunkelheit zu spähen. Im Inneren brannte ein schwaches Licht. Und er konnte noch eine Gestalt erkennen, die mit einem Besen durch die Stube fegte. Doch sonst war nichts und niemand mehr zu sehen. »Na?« Doréans Herz machte einen Sprung. »Wen suchen wir denn?« Doréan wandte sich auf der Stelle um und grinste breit. »Niemanden?« Er trat von dem Fenster weg. »Ach. Ist das so?« Doréan nickte aufrichtig. »Ich weiß. Ich bin zu spät.« Er ließ die Blicke sinken. Aelia verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich wollte gerade gehen.« Doréan hob den Kopf und da bemerkte er erst den dunklen Schatten, der sich auf Aelias Gesicht gelegt hatte. Er trat näher an sie heran und legte ihr behutsam die Hand unters Kinn, um dieses ein wenig in die Höhe zu heben. Doch Aelia entzog sich seiner Berührung und senkte den Kopf. Doréan hielt inne und legte dann den Kopf zur Seite. »Raban.«, murmelte Doréan und ein hörbarer Funke des Zorns schwang in seiner Stimme mit. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«, murmelte Aelia doch Doréan schüttelte nur den Kopf. »Du kannst dir nich' vorstellen, wie beschissen mein Tag war.«, maulte Doréan und grinste dann verlegen. »Dieser Hundsfott…« Er vermied es Raban zu erwähnen, in Erwartung dass es Aelia verstimmen könnte. »…hat uns durch die halbe Stadt geschleift. Ich…ich musste…« Nein. Er wollte nicht über den Abort sprechen. Spätestens, wenn Aelia und er wieder in Bertrams Stall aufkreuzen würden, würde sie ohnehin davon erfahren. »Und wie war dein Tag so?« Erkundigte sich Doréan und legte dabei einen neugierigen Blick auf.
Doréan hatte Aelias Hand ergriffen und gemeinsam spazierten sie durch die engen Gassen, die zu den Hinterhöfen führten. Ein unangenehmer Geruch hing in der Luft, der in ihm unschöne Erinnerungen aufkeimen ließ. Es roch nach Ammoniak. Ein schwerer, beißender Gestank. Zudem herrschte eine klamme Schwüle, aufgrund des warmen Tages. Der Geruch war unangenehm, stechend und reizend. Als ob er einem in die Nase kroch und sofort ein flaues Gefühl hervorrief. Hinter dem roten Bullen lag der Zugang zum Schindertor. Der kleine Platz, an welchem die Männer und Frauen jeden Tag durch die Tore kamen um die schweren, stinkenden Abtrittkarren zu verladen. Der Geruch erinnerte ihn sofort an seine beschissene Begegnung mit Bertrams Abort. »Wah.«, schnaubte Doréan mürrisch. »Dieser Geruch!« Er zog Aelia ein Stück weiter, bis sie endlich hinter dem roten Bullen angelangt waren. Ein Schatten regte sich. Kaum sichtbar. Verborgen für Aelias oder Doréans Blicke. Doréan warf einen Blick über Aelias Schulter. Unter dem Vordach auf der anderen Seite des Platzes stand ein Mann. Breit gebaut, mit einem struppigen Bart und einem dunklen Mantel. Für einen Augenblick überkam Doréan ein seltsames Gefühl. Doch als der Fremde den Kopf senkte, verlor sich der Eindruck wieder. Hartwig grinste breit. »Da seid ihr ja.« Er warf sich seinen Mantel über die Schultern und verschmolz noch weiter mit den Schatten.
Als am nächsten Morgen der Hahn krähte richtete sich Doréan auf. Zu hastig. Er stieß seinen Kopf an der niedrigen Decke des ehemaligen Lagerfasses. »Wie zum Teufel hat der Hundsfott eigentlich diese riesigen Dinger hierher bekommen?«, murmelte Doréan, ohne zu wissen, dass der rote Bulle einst, vor langer Zeit, einmal einen gewaltigen Weinkeller gehabt hatte. Es war nicht immer eine Schenke gewesen. Doch nach dem Fall des Viertels, als der Atem des Feuerberges die halbe Stadt unter grauer Asche vergraben hatte und das graue Viertel so seinen Namen erhalten hatte, waren die alten Keller in Vergessenheit geraten. Sie waren eingestürzt und der Innenhof irgendwann abgesackt. Auch heute noch gab es diesen alten Weinkeller unter dem Hof. Doch niemand wusste etwas davon. Als der rote Bulle sich dann noch auf der falschen Seite der Mauer wiedergefunden hatte, waren diese gewaltigen Fässer alles, was von seiner alten Blütezeit übriggeblieben war.
Aelia kroch aus dem Bett konnte sich, im Gegensatz zu Doréan, gänzlich in dem alten Lagerfass aufrichten. »Sag mal, mein Liebchen.« Aelia hob den Kopf und sah ihn dann erwartungsvoll an. »Bekommst du im Bullen eigentlich auch was zu Beißen, wenn du frei hast?« Er grinste breit, doch Aelias verunsicherter Blick zeugte davon, dass sie es wohl selbst nicht wusste. Doréan seufzte und kramte seinen Beutel aus der Tasche. Er ließ den abgetragenen, ledernen Beutel vor Aelias Nase auf und ab tanzen. »Lass uns was anstellen.« Aelia hob den Blick und lächelte müde. »Und was?« Da zuckte Doréan mit den Achseln. »Keine Ahnung. Irgendwas.« Doréan wusste zwar, dass er heute noch zum Glockenhof gehen musste, doch niemand hatte ihm gesagt wann. Bei dem Gedanken grinste er breit. Raban konnte sich zum Teufel scheren.
Als das Scherbentor seine Pforten öffnete, um den wartenden Strom an Menschen den Zugang zur Stadt zu eröffnen, strömten, wie jeden Morgen, dutzende Männer und Frauen durch die Tore. Tagelöhner, Glücksritter und Hafenarbeiter. Aber auch Händler und Fuhrleute. Menschen, die das Glück hatten eine Arbeit auf der anderen Seite der Mauer gefunden zu haben. Sie alle strömten durch das Tor in den dahinterliegenden Bezirk Steinward. Und jeder von ihnen musste dafür eine Scherbe zahlen. Aber jene Menschen, die ins graue Viertel strömten blieben nahezu unbehelligt. Bis auf einen Mann. Er war mittleren Alters, hatte ein breites Kreuz und eine schwere Nase, über deren Spitze sich ein feines Geflecht geplatzter, weinroter Äderchen zog. Er trat an den Wachmann heran und räusperte sich verhalten. Der Wachmann bedachte ihn mit einem flüchtigen Blick, aber schenkte ihm sonst keine große Aufmerksamkeit. Er war es gewohnt dass Männer und Frauen tagtäglich an ihm vorübergingen. Manche von ihnen hatten immer etwas zu erzählen. Nicht wenige hatten etwas, worüber es sich zu beschweren galt. Doch als der Kerl sich nicht entfernte, da atmete der Wachmann schwer aus. »Was willst du? Sieh zu, dass du Land gewinnst.«, brummte er ungehalten und deutete durch das Scherbentor in die Richtung des grauen Viertels. »Verzeihung. Ich suche jemanden.« Da rollte der Wachmann mit den Augen. »Sehe ich aus wie ein Amtsbüttel?« Der Mann grunzte mürrisch, doch er schluckte seinen Ärger herunter. Sich mit der Wache anzulegen würde ihm nicht viel nützen. Das wusste er. »Ich suche meine Tochter. Sie ist vor einigen Monden von zu Hause fortgelaufen.« Da lachte der Wachmann. »Das wundert mich nicht.« Der Mann hob eine fragende Braue woraufhin der Wachmann ihm nur auf die Brust tippte. »Mann. Ich kann den billigen Fusel den du ausdünstest bis hier riechen! Verpiss dich!« Der Mann trat einen Schritt zurück. In seinen Augen flammte ein Funke auf. Widerstand. Zorn. Groll aber auch Scham. »Ich hab seit Tagen nichts getrunken.«, brummte er beleidigt und der Wachmann lachte nur. »Kein Geld mehr, was?« Er wedelte unwirsch mit der Hand und bedeutete dem Mann sich endlich zu trollen.
Schließlich hatte er das graue Viertel betreten. Sein Weg führte ihn am Scherbentor entlang. Vorbei an Fuhrwerken, Abtrittwagen und Händlerständen. Menschenmassen strömten an ihm vorbei und niemand nahm so wirklich Notiz von ihm. Er stand eine Weile einfach nur da und die Menschen strömten an ihm vorbei als wäre er ein Fels in einem stetig fließenden Fluss. Doch dann ballte er die Faust und nickte entschlossen. Er kehrte zum Scherbentor zurück. Doch dieses Mal wandte er sich dem kleinen Häuschen zu, welches unweit des Tores stand. Eine Zollstube, in welcher ein schmächtiger Büttel saß. Dieser wirkte deutlich umgänglicher als der mürrische Wachmann am Tor. Er zog seinen Hut vom Kopf und nahm ihn in beide Hände. Und er hielt gebührlichen Abstand. »Verzeiht, werter Herr.«, hob er mit einem regelrecht unterwürfigen Ton an. Der Angesprochene hob müde den Kopf. Er war vermutlich schon der hundertste Bittsteller der heute etwas von ihm wollte. Doch er hob die Augenbraue und lieh ihm sein Ohr. »Hm?« Der Mann mit der roten Nase lächelte verlegen. »Ich weiß, ihr könnt mir wohl nicht helfen. Doch wohin kann ich mich wenden, wenn ich jemanden suche?« Der Büttel lachte. »Hier? Im grauen Viertel?« Der Mann nickte. »Vergesst es. Das Rattenloch is wie der berüchtigte, verfluchte Heuhaufen. Und die Menschen darin sind die verdammten Nadeln.« Der Mann seufzte niedergeschlagen. »Hier gibt es nicht einmal ein Amtsregister, wie drüben in Steinward. Keine Namen. Keine Zahlen. In Wahrheit ist jeder, der hier lebt ein Fremder. Wen sucht ihr überhaupt?« Da hellte sich seine Miene auf. Eine gespielte, gut einstudierte Freundlichkeit. »Meine Tochter. Ich habe gehört, sie könnte hier sein.« Gehört. Das traf es nicht ganz. Er hatte den Lump gefunden, der ihr das ganze Geld…sein Geld…abgeluchst und verprasst hatte. Zunächst hatte er so getan, als wüsste er von nichts. Doch nachdem er ihm die Beine und die Nase gebrochen hatte, war er auf einmal viel gesprächiger gewesen. »Sie is ins graue Viertel, mehr weiß ich nicht!« Der Büttel zupfte sich nachdenklich an dem Schnauzbart. »Versuchts mal am Markt. Oder in den Schenken. Wenn sie noch nicht lange hier ist, könntet ihr Glück haben.« Der Büttel seufzte, denn er wusste, dass dies nur eine fahle Hoffnung war. »Glück?«, hakte der Mann nach. »Ja. Die meisten Frauen die hier landen, enden irgendwann in den roten Häusern. Dann is eure Tochter verloren und ihr werdet sie wohl nie mehr finden.« Der Mann nickte verstehend. Insgeheim dachte er sich, dass seine undankbare Göre von Tochter solch ein Schicksal wohl verdient hätte. Doch er war nicht ohne Grund in diese Stadt gekommen. Und wenn, dann wollte er derjenige sein, der sie an eines dieser Häuser verschacherte. Wenn dies denn der einzige Weg war, sein Geld wieder zu bekommen. Der Büttel räusperte sich verhalten. »Ist eure Tochter vielleicht hübsch?« Der Mann mit der roten Nase hob verwirrt die Augenbraue. Eine derartige Frage hatte er nun nicht erwartet. »Nun.« Er kratzte sich im Nacken. »Warum fragt ihr?« Da lächelte der Büttel dünn. »Ich bin nach Feierabend gern im roten Bullen. Und da hat erst vor kurzem eine Neue angefangen. Vielleicht habt ihr ja Glück?« Da lächelte der Büttel freundlich und der Mann erwiderte es…wenn auch weniger freundlich aber dafür verschlagen.
Als der Mann sich wieder dem Strom der Marktstraße angeschlossen hatte, hatte er den roten Bullen auch schon bald gefunden. Das auffällige Gebäude war kaum zu übersehen. Man konnte es selbst aus Steinward, von der anderen Seite des Tores aus erkennen. Doch wie wahr dieser Vergleich mit der Nadel und dem Heuhaufen sein sollte, wurde ihm erst klar, als er die Schenke betreten hatte. Es war bis zu den Dachbalken voll mit Menschen. Es gab kaum einen freien Platz und er musste allerlei Tritte auf die Schuhe und Rempler in den Rücken erdulden, bis er endlich an der Ausschank angekommen war. Immer wieder hatte er nach der Neuen gefragt, wie der Büttel sie genannt hatte. Immer wieder war er nur abgewimmelt worden. Eine Dame, die drei schwere Humpen Bier trug, drückte sich an ihm vorbei. Ein Knecht, der einen kunstvoll gestapelten Berg an hölzernen Tellern zurück in die Küche brachte, rempelte ihn an. Irgendwann hatte er einen eigenen Humpen Bier vor sich stehen und starrte nachdenklich auf das verschwommene Spiegelbild seiner selbst, das er in dem Humpen sah. »Na?«, murmelte ein Kerl, der den miesepetrigen Gesichtsausdruck in seinem Gesicht gesehen hatte. »Schlechter Tag?« Er hob den Kopf und sah dem Mann in die Augen. »Kann man so sagen.« Der Kerl wirkte griesgrämig und alles andere als vertrauenserweckend. »Bist mir schon am Tor aufgefallen.«, brummte der Kerl und sah ihn dabei mit musternden Augen an. Er wusste zuerst gar nicht, was das zu bedeuten hatte. Doch dann lächelte der Kerl breiter. »Ich bin normal nicht so neugierig. Aber zufällig hab ich gehört, dass du die Leute hier nach einem Mädchen gefragt hast.« »Ich wüsste nicht, warum dich das was anginge?« Da lachte der Kerl und blähte seine Brust ein wenig heraus. »Nun. Dann halt nicht.« Er wandte sich um und stand unvermittelt auf. Doch etwas an diesem Kerl war seltsam. Er konnte nicht sagen warum, doch dann legte er ihm die Hand auf die Schulter. »Ich heiße Ludger.« Da lächelte Hartwig grimmig. Doch er gab seinen Namen noch nicht preis. »Und der Name deiner Tochter?« Ludger hob seinen Blick und setzte seinen Humpen ab. Das Bier schwappte hin und her und das Spiegelbild verschwamm darin. »Aelia.« Hartwigs grimmiges Lächeln wandelte sich in ein wissendes Grinsen. »Ich glaube ich weiß wo dein verlorenes Töchterlein ist.« Er hob seine Hand und öffnete eine fordernde Handfläche. »Für ein bisschen Silber, führ ich dich zu ihr.«
Nur Probleme ❖
16.08.2023 '11:48 [7.269 Wörter]
 ls Aelia den Roten Bullen verließ, hatte die Dunkelheit über den Dächern und in den Gassen längst Einzug gehalten, während aus den Fenstern der Schenken und Häusern hier und da noch warmes Licht auf das Pflaster fiel. Nur der rote Bulle hatte um diese Uhrzeit schon seine Läden dicht gemacht. Heute war es Lene, die die Spätschicht hatte und es oblag ihr, die Schenke noch gründlich auszufegen und als Letzte die Schenke zu verlassen. Aelia hatte man diese Tätigkeit noch nicht anvertraut, und für sie war es fraglich, ob es auch jemals dazu kommen würde, nach allem, was heute passiert war. Aelia setzte sich auf eine kleine Bank die, ähnlich wie bei Lestars Schenke, neben der Tür des roten Bullen stand und wartete auf Doréan. Normalerweise hätte sie kaum darauf geachtet, wer ihr in dieser Straße entlangkam. Sie war lange genug im grauen Viertel, um zu wissen, wann man einen Mann besser nicht ansah, wann man einem Betrunkenen auswich und welche Gassen man bei Dunkelheit besser mied. An diesem Abend jedoch wanderte ihr Blick beinahe von selbst zu jedem Gesicht, das aus dem Halbdunkel auftauchte. Besonders bei Männern, die allein unterwegs waren, ertappte sie sich dabei, dass sie genauer hinsah. Denn der Fremde aus dem Roten Bullen ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie sah noch immer sein Gesicht vor sich, wie es für jenen kurzen Augenblick im Türrahmen der Küche erschienen war. Er hatte sie angesehen, und sie ihn, ohne dass sie einander kannten. Ein wenig hatte sie sich gewundert, doch erst Arnes leises Das ist der Kerl hatte diesem belanglosen Blick plötzlich eine andere Bedeutung gegeben. Ein Mann, der behauptete, ihr Bruder zu sein. Aelia hatte keinen Bruder. Und Millie hatte ihr bereits erzählt, dass auf dem Markt jemand nach ihr gefragt hatte. Seitdem fühlte es sich an, als hätte sich etwas verändert, ohne dass sie genau benennen konnte, was. Es war immer noch dasselbe graue Viertel, dieselben Menschen, die sich durch dieselben Straßen drängten, und doch hatte Aelia nun das unangenehme Wissen im Nacken, dass irgendwo darin jemand herumlief, der ihren Namen kannte und wissen wollte, wo sie zu finden war. Ob es derselbe Mann gewesen war, wusste sie nicht. Millies Beschreibung war nicht genau genug gewesen, als dass Aelia sich darauf hätte verlassen können, und damals hatte sie der Sache längst nicht dieselbe Bedeutung beigemessen wie jetzt. Vielleicht waren es zwei Männer. Vielleicht war es einer. Keine der beiden Möglichkeiten gefiel ihr. Ihre Gedanken glitten wieder zu Doréan. Seit der vergangenen Nacht wusste sie, dass er für die Sanra'Jena arbeitete, doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr dieses Wissen wie eine Antwort vor, die eigentlich nur neue Fragen aufgeworfen hatte. Sie wusste nun, für wen er arbeitete. Was er für diese Leute tat, wusste sie noch immer nicht. Botengänge, das hatte er einmal erwähnt. Aber waren es wirklich nur Botengänge? Vielleicht brach er irgendwo ein. Vielleicht stahl er. Vielleicht überbrachte er nicht nur Nachrichten, sondern Dinge, von denen besser niemand wusste, wem sie gehörten. Vielleicht tat er noch ganz anderes. Aelia wusste es schlicht nicht. Und gerade deshalb erschien ihr der Gedanke, dass der Fremde gar nicht ihretwegen nach ihr suchte, immer weniger abwegig. Es musste so sein, dass er nach Doréan suchte, und nicht nach ihr, denn was hatte sie sich denn schon zu Schulden kommen lassen, dass man nach ihr suchen sollte? Während sie auf der Bank auf Doréan wartete, blieb Aelias Blick an der Wand eines Hauses hängen, dessen unteres Geschoss bereits dunkel war. Weiter oben brannte hinter einem mit Pergament bespannten Fenster Licht, und gelegentlich bewegte sich dahinter ein Schatten. Auf der anderen Straßenseite hing eine Laterne über dem Eingang einer kleinen, abgeranzten Schenke. Ihr Licht reichte kaum bis zur Mitte der Straße, ließ aber wenigstens die Gesichter der Vorübergehenden für einen Augenblick erkennen, bevor sie wieder im Dunkel verschwanden. Doréan würde gleich kommen. Zumindest hoffte sie das. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die kühle Hauswand, während sie den wenigen Menschen zusah, die ab und zu an ihr vorbeigingen. Zwei Frauen kamen leise miteinander redend aus einer Seitengasse und verschwanden kurz darauf in der Schenke gegenüber. Wenig später zog ein Karren vorbei, langsam und rumpelnd, und obwohl sein Fuhrmann in mit einem Stock beharrlich antrieb, der arme müde Esel, der davor gespannt war, ließ den Kopf so tief hängen, als würde er bald streiken und keinen Schritt mehr weitergehen wollen. Aelia wartete weiter. Es störte sie anfangs nicht einmal besonders, dass Doréan sich verspätete. Ein paar Augenblicke bedeuteten nichts, schon gar nicht in einer so großen Stadt. Doch aus ein paar Augenblicken wurde mehr. Die Straße mit den ohnehin bereits wenigen wurde noch einsamer, und mit jedem Menschen, der an ihr vorbeikam, ohne Doréan zu sein, wurde Aelia ein wenig unruhiger. Einmal tauchte am Ende der Straße ein einzelner Mann auf. Sie bemerkte ihn sofort. Er ging nicht besonders schnell und auch nicht unmittelbar auf sie zu, dennoch löste Aelia die Schulter von der Wand als sie ihn bemerkte und richtete sich auf. Das Gesicht des Mannes lag im Schatten, solange er zwischen den dunklen Häusern ging, und für einige Herzschläge konnte sie nicht erkennen, ob sie ihn kannte. Ihre Hand wanderte beinahe unbewusst an ihren Hals und schloss sich um die Lochmünze. Erst als der Fremde durch den Lichtschein der kleinen Schenke gegenüber ging, und sehr nahe an ihr vorbeiging erkannte sie dass es nur ein alter Mann mit grauem Bart war. Aelia ließ die Münze wieder los und ärgerte sich wie immer über ihr schlecht sehendes Auge, das ihr zu gerne einen Streich spielte. „Meine Güte…“, murmelte sie um sich selbst zu beruhigen und atmete durch. Doréan ließ weiterhin auf sich warten. Irgendwann wusste Aelia nicht mehr, wie lange sie bereits dort saß. Lange genug jedenfalls, dass sie begann, ungehalten zu werden, und noch länger, dass sich unter den Ärger allmählich noch etwas anderes mischte. Misstrauen. Die Worte der Dirnen. ‚Er liebt das Dirnenvolk nun mal‘… ‚Ela vermisst dich…‘ Wo blieb er denn nur? Und würde er überhaupt noch kommen? Sie wusste nun, womit er sein Geld verdiente. Oder wenigstens, für wen. Damit war die Vorstellung, dass er einfach irgendwo aufgehalten worden war, nicht gerade beruhigender geworden. Was, wenn etwas passiert war? Was, wenn die Stadtwache ihn erwischt hatte? Wenn irgendeiner der Sanra'Jena ihn irgendwohin geschickt hatte wo er… Aelia brach den Gedanken ab. Doréan konnte ebenso gut irgendwo sitzen und nicht bemerkt haben, wie spät es geworden war. „So ein Holzkopf“, murmelte sie. Kaum waren die Worte über ihre Lippen gekommen, verzog sie das Gesicht. Oh nein. Jetzt redete sie schon wie Ronïa. Beinahe erwartete sie, als Nächstes noch die Augen zu verdrehen. So weit durfte es wirklich nicht kommen. Immer wieder nahm sie sich vor, nur noch ein kleines Weilchen zu warten. Dann verstrichen weitere Minuten, und sie saß noch immer da. Schließlich wurde selbst ihr das zu dumm. Es wurde allmählich stockdunkel, und inzwischen gefiel ihr die Vorstellung überhaupt nicht mehr, allein an einer dunklen Straße herumzusitzen, während irgendwo in dieser Stadt ein Mann nach ihr suchte. Aelia beugte sich ein wenig nach vorne und blickte ein letztes Mal links und rechts die Straße hinunter. Nichts. „Na dann nicht…“ murmelte sie zu sich selbst, erhob sich von der Bank und begann langsam in Richtung der Arbeiterquartiere zu gehen. Vielleicht war Doréan längst in Bertrams Stall und hatte ihre Verabredung schlicht vergessen.
Aelia war kaum einige Schritte gegangen, als hinter ihr plötzlich schnelle Tritte über das Pflaster hallten. Nicht das gemächliche Gehen eines Vorübergehenden, sondern das hastige, unregelmäßige Aufsetzen von Füßen, die jemanden trugen, der es eilig hatte. Oder jemand, der sie einholen wollte. Und packen wollte. Sie fuhr herum. Ihr Herz machte einen unangenehmen Sprung. Eine Gestalt kam die Straße entlanggelaufen. Sie duckte sich an die Häuserwand in den Schatten. Im ersten Augenblick erkannte Aelia in der Dunkelheit nur einen jungen Mann, dunkel gegen die Häuser hinter ihm, und sofort war der Fremde aus dem Roten Bullen wieder in ihrem Kopf. Sie wich einen halben Schritt zurück, ehe die Gestalt in einen der wenigen helleren Flecken geriet und sie das Gesicht erkannte. Doréan. Die Angst fiel von ihr ab und gleichzeitig breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus, dass Aelia trotz der langen Warterei, trotz des beschissenen Tages und trotz ihres festen Vorsatzes, ihm seine Verspätung nicht einfach so durchgehen zu lassen, lächeln musste. Da war er. Mehr brauchte sie gar nicht. Doréan kam tatsächlich angerannt, und allein dieser Anblick machte es beinahe unmöglich, ihm ernsthaft böse zu sein. Aelia beobachtete ihn, wie er durch die Fenster des Roten Bullen spähte und sie musste grinsen. Erst dann erinnerte sie sich daran, dass sie sich eigentlich hatte ärgern wollen, und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie langsam schlendernd nähertrat. „Na? Wen suchen wir denn?“ fragte sie. Doréan hob den Kopf, und als sein Blick noch einmal über die Straße schweifte, musterte Aelia ihn aufmerksam. Er wandte sich auf der Stelle um und grinste breit. „Niemanden?“ Aelia hob die Brauen. „Ach. Ist das so?“ Doréan nickte aufrichtig. „Ich weiß. Ich bin zu spät.“ Dabei ließ er den Blick sinken. „Ein bisschen“, erwiderte Aelia, wobei das Lächeln, das sich auf ihren Mund gestohlen hatte, ihrem Versuch, ungehalten zu wirken, einiges von seiner Wirkung nahm. „Ich wollte gerade gehen. Ich steh hier schon eine halbe Ewigkeit.“ Eigentlich hätte sie ihm gern noch vorgehalten, dass sie dabei jeden zweiten Mann auf der Straße für einen möglichen Verfolger gehalten hatte, doch dazu kam sie nicht mehr. Doréan hatte den Kopf wieder gehoben, und nun bemerkte er offenbar erst den dunklen Schatten unter ihrem Auge. Als er näher trat und ihr behutsam die Hand unters Kinn legen wollte, wich Aelia seiner Berührung aus und senkte den Kopf. Nicht weil sie ihn sich nicht berühren lassen wollte; sie wollte nur nicht, dass er sich das dunkellila Mal noch genauer ansah, als er es ohnehin schon jeder tat. „Raban“, murmelte Doréan, und der Zorn, der plötzlich in seiner Stimme lag, ließ Aelia wieder zu ihm aufsehen. „Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“, erwiderte sie leise. Das stimmte sogar einigermaßen. Inzwischen schmerzte die Stelle kaum noch, solange sie nicht darankam. Doréan schüttelte nur den Kopf. „Du kannst dir nich' vorstellen, wie beschissen mein Tag war“, maulte er schließlich und grinste verlegen. Aelia betrachtete ihn einen Augenblick. Nach allem, was heute geschehen war, war das beinahe eine Herausforderung. „Frag mich mal… Meiner war auch alles andere als toll…“ „Dieser Hundsfott …“, begann Doréan, vermied es jedoch, Raban noch einmal beim Namen zu nennen. „… hat uns durch die halbe Stadt geschleift. Ich … ich musste …“ Dann brach er ab und Aelia legte fragend den Kopf leicht schief. Erst dabei fiel ihr auf, dass zwischen all dem Zuspätkommen, ihrem lädierten Gesicht und Doréans Flucherei etwas ganz Wesentliches untergegangen war. Ohne noch länger darüber nachzudenken, trat sie dicht an ihn heran, schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Für einen Augenblick hielt sie ihn einfach nur fest, genoss seine Nähe und die vertraute Wärme seines Körpers, ehe sie das Gesicht zu ihm hob und ihn küsste. Nicht flüchtig, wie zur Begrüßung, sondern lange und innig, um all das nachholen, wofür in den ersten aufgeregten Augenblicken keine Gelegenheit gewesen war. Als Aelia sich schließlich von seinen Lippen löste, blieb sie noch einen Moment in seinen Armen, das Gesicht nahe an seinem, und ein zufriedenes kleines Lächeln lag auf ihren Lippen und spürte, wie die Anspannung, die sie während des langen Wartens begleitet hatte, allmählich von ihr abfiel. Seit sie allein in der Dunkelheit gestanden hatte, war ihr Blick bei jedem Fremden hängen geblieben, alle näherkommende Schritte hatten ihre Aufmerksamkeit auf unangenehme Art und Weise geweckt. Jetzt dachte sie nicht einmal mehr daran. Doréan war da, seine Arme waren um sie, und damit verlor die dunkle Straße mit einem Mal einen guten Teil von dem Unbehagen, das sie ihr noch wenige Augenblicke zuvor bereitet hatte. Er vermittelte ihr das Gefühl, dass wenn er bei ihr war, sie sich nicht ständig umsehen und darauf achten musste, wer hinter ihr ging oder aus welcher dunklen Gasse jemand kommen mochte. Und das war ein verdammt schönes Gefühl.
„Jemand sucht nach mir…“, sagte sie schließlich. Die Worte klangen in ihren Ohren noch unheilvoller, als sie sie nun auch laut aussprach. Aelia sah Doréan wieder an und fuhr fort, bevor sie selbst anfangen konnte, daran zu zweifeln. „Heute war ein Mann im Roten Bullen. Ich hab ihn noch nie gesehen, aber er kannte meinen Namen und hat Lene und Arne ausgefragt, ob ich im roten Bullen arbeite.“ Sie verzog den Mund. „Er hatte behauptet ich sei seine Schwester.“ Allein darüber hätte sie unter anderen Umständen vielleicht lachen können. Jetzt fand sie es nur noch beunruhigend. „Ich hab halt keinen Bruder, verstehst du? Jedenfalls keinen Bruder, von dem ich wüsste“, fügte sie nach kurzem Zögern hinzu. Der Gedanke kam ihr erst, nachdem sie es ausgesprochen hatte. Ihre Mutter hatte kein weiteres Kind geboren, dessen war Aelia sich sicher. Schließlich war sie immer bei ihr gewesen. Bei ihrem Vater sah die Sache schon anders aus. Der hatte oft genug bei anderen Frauen gelegen, und wer wusste schon, was daraus irgendwann entstanden war. Dabei wusste sie ebenso wenig, was er in all den Jahren getrieben hatte, wenn er nicht zu Hause gewesen war, mit wem er gelegen oder ob er irgendwo ein Kind gezeugt hatte. Der Gedanke gefiel ihr nicht. Wenn Aelia einen Bruder hatte, dann war er ihr ebenso fremd wie dieser Fremde, der behauptete ihr Bruder zu sein. Ohnehin war es völliger Unsinn. Der Mann aus dem Roten Bullen war deutlich älter gewesen als sie. Wie viele Jahre genau, hätte sie nicht sagen können, doch genug, dass selbst ohne großes Rechnen feststand, dass er ein Sohn ihres leiblichen Vaters sein konnte. Und irgendein unbekannter Sohn ihres Vaters mochte theoretisch irgendwo auf der Welt herumlaufen, nur wäre der deutlich jünger als dieser Mann und es wäre darüber hinaus schon ein reichlich sonderbarer Zufall, wenn ausgerechnet der plötzlich in Oshkïr auftauchte, ihren Namen kannte und sich, völlig zufällig, nach ihr erkundigte. Nein. Was immer dieser Mann von ihr wollte, ‘Bruder’ war mit ziemlicher Sicherheit nicht die richtige Antwort.
Aelia schob ihre Hand in die seine und blickte für einen Augenblick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Die Straße hinter ihnen lag ruhig da. Niemand stand dort, niemand schien sie zu beobachten, und dennoch war das unangenehme Gefühl sofort wieder da. Dann gingen sie gemeinsam Hand in Hand die kleine Gasse neben dem roten Bullen hinein. „Aber das ist noch nicht alles. Millie hat mir vor ein paar Tagen erzählt, dass auf dem Markt schon einmal jemand nach mir gefragt hat. Ein Mann, der sie ausgefragt hat, ob sie mich kennt und weiß, wo ich bin. Sie meinte, er wäre eine Wache gewesen. Oder jedenfalls sah er aus wie eine.“ Damals hatte Aelia nicht gewusst, was sie damit anfangen sollte. Nun erschien ihr die Sache in einem ganz anderen Licht. „Vielleicht war's derselbe“, sagte sie und strich mit dem Daumen gedankenverloren über die Lochmünze an ihrem Hals. „Aber der heute war kein Wachmann. Ach, ich weiß es nicht. Millie hat ihn beschrieben, aber ich hab mir damals nicht viel dabei gedacht.“ Das war nicht ganz wahr. Natürlich hatte sie sich Gedanken gemacht. Nur hatte es damals noch tausend mögliche Erklärungen gegeben, und keine davon hatte besonders seltsam gewirkt. Aus Millies Mund erzählt, hatte es damals so geklungen das suche er irgendeine Frau die einfach neu hier war. Und nicht sie. Jetzt hatte dieser Mann vor ihr gestanden. „Arne hat mir erzählt, dass er nach mir gefragt hat und kurz danach ist der Kerl einfach in die Küche gekommen.“ Aelia schnaubte leise. „Angeblich hat er den Abort gesucht. Aber so wie er mich angeglotzt hat, hat dem das sowieso niemand geglaubt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Kannst du dir das vorstellen, in welche Lage mich das gebracht hat? Peer war gar nicht begeistert. Ich bin zwei Tage bei ihm und schon laufen irgendwelche fremden Männer in seine Küche, weil sie nach mir suchen. Wenn noch mehr von denen auftauchen, kann ich mir wahrscheinlich gleich wieder eine neue Arbeit suchen.“ Für einen Moment schwieg sie, ehe sie leiser hinzufügte „Nur… je länger ich darüber nachdenke, so glaube ich, dass der Mann nicht wirklich etwas von mir will.“ Jetzt sprach sie den Gedanken aus, der sie seit dem Nachmittag immer wieder beschäftigt hatte. „Ich glaube aber, in Wahrheit sucht er dich und nicht mich. Denn Arne hat er nach einem Doréan gefragt… Der Kerl muss also einer sein, den du kennst. Was mich aber beunruhigt ist die Tatsache dass er meinen Namen kennt. Wer bitte könnte deinen, und meinen Namen kennen, dessen Gesicht ich nicht kenne?“ Aelia sah Doréan dabei unmittelbar an. Es lag kein Vorwurf darin. Sie wollte eine Antwort. Denn seit gestern wusste sie endlich, für wen Doréan arbeitete. Und jetzt hatte sie das Gefühl, dass diese ganze Angelegenheit damit zu tun hatte, was genau er tat.
Doch sie waren jung, verliebt und kümmerten sich wenig darum, was morgen sein würde. Was morgen kam, würde früh genug zum Heute werden. Und darum war dieser Morgen anders als der vergangene Abend. Aelia erwachte, als Doréan seinen Kopf an einem Deckenbalken anstieß. Während er irgendwelche wüsten Worte murmelte, die Aelia nur im Halbschlaf vernahm, versuchte sie ihre Augen, die schwer wie Mühlsteine zu sein schienen, zu öffnen. Ein schläfriges Lächeln huschte über ihr Gesicht, noch ehe sie überhaupt richtig begriffen hatte, was geschehen war. Aber es machte nichts, sie waren zusammen hier und das war alles, was zählte. Für sie gab es kaum etwas Schöneres, als morgens die Augen aufzuschlagen und ihn bei sich zu wissen. Nach einer Weile richtete Doréan seine Worte an sie. „Sag mal mein Liebchen, bekommst du im Bullen auch etwas zu Beißen, wenn du frei hast?“ Sie blickte ihn unsicher an. Sie wusste es nicht. Und nun verflüchtigte sich auch die Unbeschwertheit an diesem Morgen. Denn wenn der gestrige Tag nicht so verlaufen wäre, wie er nun mal verlaufen war, dann hätte sie sich diese Frage vermutlich gar nicht gestellt. Sie wäre wohl einfach in den Bullen marschiert und hätte gefragt. So aber würde sie den Teufel tun und einfach dreiste Forderungen zu stellen, denn sie hatte ohnehin den Eindruck, dass ihr Arbeitsverhältnis bereits jetzt schon auf Messers Schneide stand, obwohl sie überhaupt nichts dafürkonnte. Doréan schien ihre Gedanken zu erraten. Er zog seinen Geldbeutel hervor und wedelte ihn vor ihrem Gesicht herum, sodass die sich darin befindlichen Münzen klimperten. Aelia fragte sich unweigerlich, für welche Arbeit er diese Münzen wohl bekommen hatte, schob den Gedanken daran aber sogleich wieder beiseite, da sie keine Lust hatte, sich diesen schönen Morgen mit seltsamen Gedanken zu verderben.
Als Aelia wenig später mit Doréan das Fass verließ, breiteten sich die hellen Sonnenstrahlen bereits über das Graue Viertel aus. Zwischen den Häusern lag noch die angenehme feuchte Kühle der Nacht, die sich jedoch schneller verflüchtigen und der Hitze des Tages Platz machen würde als einem lieb war, und in den Gassen regte sich das erste geschäftige Leben. Türen wurden geöffnet, von irgendwoher drang der warme Geruch nach Brot, während ein Stück weiter ein Mann fluchend einen Karren über das unebene Pflaster zog. Einer im grauen Viertel war schließlich immer unzufrieden. Doréans Frage, ob sie im Roten Bullen wohl auch an ihren freien Tagen etwas zu essen bekam, beschäftigte Aelia noch, als sie sich auf den Weg dorthin machte. Sie hatte keine Ahnung. Danach fragen würde sie jedenfalls nicht. Allein die Vorstellung war ihr unangenehm. Sie arbeitete erst seit zwei Tagen dort und war heute nicht einmal zum Dienst eingeteilt; sie hatte lediglich den Schlüssel zurückzubringen, den Peer ihr für die Nacht überlassen hatte. Da würde sie gewiss nicht in der Küche stehen und fragen, ob man ihr trotzdem das Maul stopfte. Also betrat sie den Roten Bullen mit nichts weiter im Sinn, als den Schlüssel abzugeben und möglichst bald wieder hinauszugehen. Um diese frühe Stunde war die Schankstube noch frei von Gästen. Und Aelia kam nicht umhin zu denken, das dies die schönsten Stunden im roten Bullen war: Wenn keine Gäste da waren und nur die Belegschaft anwesend, die schwatzte, lachte oder noch müde und brummelig dasaß. Die Fensterläden standen bereits offen, sodass das Morgenlicht über die Tische fiel. Aelia entdeckte Peer und ging zu ihm hinüber. „Morgen“ murmelte sie schüchtern. Sie legte den Schlüssel vor ihm auf den Tisch. „Ich wollt nur den zurückbringen.“ Damit wäre die Sache für sie eigentlich erledigt gewesen. Sie war schon im Begriff, sich wieder abzuwenden, als ihr Blick unwillkürlich in Richtung Küche wanderte. Vielleicht war es der Geruch. Vielleicht auch Doréans Frage, die ihr noch immer im Kopf herumging. Was auch immer es war, Peer bemerkte es offenbar. „Hast schon gegessen?“ Aelia sah wieder zu ihm. „Nein.“ „Dann nimm dir was mit.“ Für einen Augenblick glaubte sie, ihn falsch verstanden zu haben. „Ich hab heut doch frei.“ „Das weiß ich.“ „Ich mein nur …“ Sie zögerte. „Ich arbeite heut nicht.. .“ Peer sah sie an, als hätte sie ihm gerade etwas vollkommen Unsinniges erklärt. „Deswegen musst du trotzdem essen.“ Aelia wusste darauf zunächst nichts zu erwidern. „In der Küche liegt noch kalter Braten von gestern“, fügte er hinzu. „Brot ist auch da. Nimm dir, was du brauchst.“ „Wirklich?“ „Nein, Aelia. Ich sag's nur, damit du mir noch eine Weile Löcher in den Bauch fragst.“ Erst errötete sie, aber dann huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Danke.“ Als sie in die Küche kam, waren dort bereits einige der anderen bei der Arbeit. Berta stand an einem Tisch und sortierte Gemüse, während Konrad damit beschäftigt war, sich gleichzeitig Fleisch und Brot in den Mund zu stopfen. Arne war ebenfalls da, und sie entdeckte auch Lene. Mehrere Köpfe wandten sich zu ihr. Aelia wäre beinahe wieder eingefallen, wie sie am Vortag in eben dieser Küche gesessen hatte, während draußen ein fremder Mann nach ihr suchte. Einen Augenblick lang fühlte sie sich entsprechend unbehaglich, doch niemand begann mit Fragen. „Was machst du denn hier?“, fragte Lene. „Schlüssel zurückbringen.“ Aelia deutete mit dem Kopf nach hinten. „Peer hat gesagt, ich darf mir was zu essen nehmen.“ „Dann nimm dir was“, meinte Berta, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. Das musste man Aelia nicht zweimal sagen. Auf einem Brett lagen noch einige Stücke kalten Bratens vom Vortag. Daneben stand ein angeschnittener Brotlaib, dessen Kruste bereits ein wenig zäh geworden war. Für Aelia sah beides trotzdem hervorragend aus. Sie schnitt sich ein Stück Brot ab und nahm etwas von dem Fleisch dazu, hielt dann aber inne. Doréan wartete draußen. Nach kurzem Überlegen schnitt sie noch ein zweites Stück Brot ab. Und noch etwas Braten. Arne, der das natürlich bemerkte, lehnte sich ein wenig näher. „Hast du plötzlich doppelt so viel Hunger?“ Aelia warf ihm einen Blick zu. „Ja. Ich hab immer Hunger. Ich bin ein Freßsack.“ „Mhm.“ Sein Grinsen verriet deutlich, dass er ihr kein Wort glaubte. „Lass sie in Ruh“, kam es von Berta. „Ich hab doch gar nichts gesagt.“ „Dein Gesicht sagt genug.“ Aelia konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und wickelte das Brot zusammen mit dem Fleisch in ein sauberes Stück Tuch. Als sie sich wieder aufrichtete, stand Lene noch immer in ihrer Nähe. „Wegen gestern …“, begann sie. Aelia sah zu ihr. Lene schien kurz zu überlegen, wie sie fortfahren sollte. Von der sonstigen Spitze, die so oft in ihrer Stimme lag, war diesmal wenig zu hören. „Mach dir keinen Kopf wegen dem Kerl. Wenn der noch mal kommt, sagt ihm sowieso keiner was.“ Aelia blinzelte überrascht. Ausgerechnet von Lene hatte sie das nicht erwartet. „Danke“, sagte sie nach einem Moment. Lene zuckte mit einer Schulter, als wäre daran nichts Besonderes. „War ja ein komischer Hund. Erst erzählt er mir was von seiner Schwester und dann läuft er einfach in die Küche.“ Sie verzog den Mund. Das klang schon wieder wesentlich mehr nach Lene. Aelia lächelte. „Und wenn er wiederkommt, fliegt er diesmal gleich raus“, warf Arne ein. Aelia spürte, wie ihr warm wurde. „Ihr müsst euch doch nicht wegen mir mit irgendwelchen Fremden anlegen.“ „Wer redet denn von anlegen?“ Arne grinste. „Ich würd ihn selbstverständlich höflich bitten.“ „Und wenn höflich nicht reicht?“, fragte Lene. Arne zuckte mit den Schultern. „Dann eben weniger höflich.“ „Peer wirft ihn raus“, sagte Berta, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. „Und wenn Peer einen rauswirft dann ist das alles andere als höflich.“ Lene verzog den Mund. „So einer kommt doch nicht wieder durch die Vordertür. Wenn der wirklich was von ihr will, wartet er draußen.“ Aelias Lächeln verschwand ein wenig. Konrad, der das Gespräch bislang schweigend mitangehört hatte, stellte seinen Korb ab und schnaubte. „Jetzt hör doch auf, dem Mädel Angst zu machen.“ Aelia sah zu ihm. Er wischte sich die Hände an seiner Tunika ab und musterte sie mit seiner schiefen Nase und jener etwas mürrischen Miene, die bei ihm offenbar wenig darüber verriet, ob er tatsächlich schlechter Laune war, denn irgendwie sah er auch mürrisch drein, wenn er lachte. „Wenn einer hier arbeitet, gehört er zum Haus“, sagte er. „Ganz einfach.“ Aelia schwieg. „Und wer einem von uns Ärger macht, legt sich mit uns allen an. Soll der Kerl ruhig noch mal kommen. Dann zeigen wir ihm schon, wo der Bartel den Most holt.“ Aelia stand noch immer mit ihrem kleinen Bündel in den Händen und wusste plötzlich nicht recht, wohin sie schauen sollte. Es war ihr beinahe peinlich, wie sehr sie sich über diese paar hingeworfenen Worte freute. Sie kannte diese Menschen kaum. Vorgestern hatte sie nicht einmal ihre Namen gewusst, und gestern war sie noch überzeugt gewesen, dass Peer sie jeden Augenblick wieder vor die Tür setzen könnte. Nun stand Konrad da und erklärte ihr, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass jemand, der hier arbeitete, zum Haus gehörte. Aelia wandte sich zur Tür, doch weit kam sie nicht. „Wart mal Mädel...“ Berta hatte sie gerufen. Aelia drehte sich um und sah gerade noch, wie die alte Frau in einen Korb griff. Einen Augenblick später flog etwas durch die Luft. Aelia hob erschrocken die Hände und fing es mehr aus Glück als aus Geschick. Ein Apfel. Sie betrachtete ihn und sah dann zu Berta. „Für unterwegs“, sagte die nur. Aelia steckte den Apfel zu Brot und Fleisch und zog das Bündel etwas fester zusammen. Als sie sich diesmal verabschiedete, kamen die Antworten aus mehreren Richtungen zugleich, und noch während sie zur Tür ging, hörte sie Konrad irgendetwas zu Arne sagen, woraufhin Lene lachte.
Als Aelia wieder aus dem Roten Bullen trat, war von der gedrückten Stimmung, mit der sie vorhin den roten Bullen betreten hatte, keine Spur mehr übrig. Mit einem breiten Lächeln ging sie auf ihn zu, das sie nicht einmal zu verbergen versuchte. Noch ehe sie ganz bei ihm angekommen war, hob sie das kleine Bündel in ihrer Hand wie eine Trophäe in die Höhe. „Sieh mal.“ Mit sichtlichem Vergnügen schlug sie das Tuch ein Stück auseinander und gewährte ihm einen Blick auf das Brot und die Stücke kalten Bratens darin. Bertas Apfel kam ebenfalls zum Vorschein, halb zwischen allem anderen verborgen. „Ich hab nur den Schlüssel zurückgebracht“, erzählte sie, noch immer beinahe ein wenig verwundert über ihr Glück. „Und Peer hat mir einfach gesagt, ich soll mir was nehmen. Obwohl ich heute gar nicht arbeite. Ich hab dir natürlich auch etwas gemopst", meinte sie mit einem verschmitzten Lächeln und wickelte das Tuch wieder sorgfältig um ihre Beute. Dass sie sich darüber freute, dass man ihr weit mehr geschenkt hatte als ein paar Scheiben Brot, kalten Braten und einen Apfel, schien Aelia selbst nicht aufzufallen. Es war schließlich auch nicht allein das Essen, das ihre Laune gehoben hatte. Noch vor wenigen Tagen hatte sie vor dem Nichts gestanden, ohne Arbeit und ohne zu wissen, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte. Nun bekam sie an ihrem freien Tag etwas vom Tisch des Roten Bullen mitgegeben, als wäre es ganz selbstverständlich, dass auch für sie etwas abfiel. Und das obwohl sie gestern solchen Ärger bereitet hatte. „Du kannst dir deine Münzen also sparen“, erklärte sie zufrieden und trat zu Doréan, um sich bei ihm unterzuhaken. Das Bündel nahm sie in die andere Hand und schmiegte sich für einen Augenblick mit der Schulter an seinen Arm. „Lass uns irgendwo hingehen und erst einmal essen.“ Wohin, war ihr ziemlich gleich. Sie brauchten keinen Tisch und keine Schenke, schon gar nicht, wenn sie das Frühstück bereits bei sich trug. Irgendein ruhiger Platz genügte ihr, an dem sie sich niederlassen, das Brot zwischen ihnen aufteilen und den kalten Braten mit den Fingern essen konnten.
Also ließen sie sich treiben. Sie gingen dorthin, wo die Straßen sie hinführten, Aelia hielt sich dabei an Doréans Arm, ohne dass sie sich sonderlich darum kümmerte, wo sie am Ende landen würden. Erst als die Häuser weniger wurden und sich vor ihnen das vertraute Gewimmel des Fleischmarktes auftat, wusste sie es. Ihr Blick suchte beinahe von selbst nach der Seelaterne. Dort hing sie. Aelia musste lächeln. Sie sah sie sich einen Moment lang an, bevor sie sich schließlich in der Nähe auf einer Bank im kühlen Schatten niederließen und begannen zu essen. Um sie herum ging der Fleischmarkt längst seinem gewöhnlichen Treiben nach. Händler priesen ihre Waren an, Menschen drängten zwischen den Ständen hindurch. Ein räudiger Hund schlich hoffnungsvoll um einen Metzgerstand und wurde mit einem Fußtritt verscheucht, nur um wenige Augenblicke später von der anderen Seite zurückzukehren und sein Glück erneut zu versuchen. Aelia saß mitten in diesem Lärm, aß ihren kalten Braten und war zufrieden. Als schließlich nur noch der Apfel übrig war, betrachtete sie ihn kurz, ehe sie hinein biss und ihn anschließend Doréan hin hielt. So wechselte er ein paarmal zwischen ihnen hin und her, bis kaum mehr als das Kerngehäuse übrig war. Aelia leckte sich etwas Saft vom Daumen und sah Doréan an. Nun hatten sie gegessen und sie war zufrieden. Und vor ihnen lag immer noch ein ganzer freier Tag. Ein Gedanke, der ihr bereits früher gekommen war, kehrte zurück. Diesmal gefiel er ihr noch besser. Ihre Brauen hoben sich, und ein kleines, vielsagendes Wackeln derselben kündigte bereits an, dass sie etwas vorhatte. „Weißt du, was wir machen könnten?“ Sie ließ ihn einen Augenblick warten. „Wir könnten ins Badehaus gehen.“ Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Warum eigentlich nicht? Sie hatte ohnehin vorgehabt, irgendwann wieder einmal gründlich warmes Wasser an mehr als nur einem Waschlappen zu erleben, und gemeinsam klang die Aussicht noch erheblich verlockender. Also machten sie sich auf den Weg. Das alte Badehaus lag nicht unmittelbar am Fleischmarkt, und Aelia genoss den Spaziergang dorthin, solange sie nur Doréans Hand hielt. Inzwischen stand die Sonne hoch genug, um selbst manche der engeren Gassen zu erreichen und die Stadt war endgültig erwacht. Aelia hielt sich wieder bei Doréan untergehakt und war gerade damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie herrlich es sein würde, den Geruch nach Küche, Rauch und den letzten beiden Tagen endlich vollständig von der Haut zu bekommen, als sie auf der anderen Straßenseite ein bekanntes Gesicht entdeckte.
Millie. Aelia blieb beinahe mitten im Schritt stehen. Ausgerechnet Millie! Noch bevor Millie in ihre Richtung sah, drehte Aelia ihr das Gesicht weg. „Oh nein.“ Sie rückte augenblicklich dichter an Doréan heran und senkte die Stimme. „Da ist Millie.“ Unter anderen Umständen wäre sie längst zu ihr hinüber gelaufen. Jetzt jedoch dachte Aelia nur an den dunklen Schatten unter ihrem Auge und daran, wie Millie reagieren würde, sobald sie ihn sah. Nein. Ganz bestimmt nicht. Wenigstens ein paar Tage wollte Aelia ihr aus dem Weg gehen, bis aus dem dunklen Veilchen etwas geworden war, das nicht schon aus zehn Schritt Entfernung danach aussah, als hätte ihr jemand eine Hand ins Gesicht geschlagen, auch wenn das nun einmal den Tatsachen entsprach. „Sie darf mich so nicht sehen“, flüsterte sie und warf einen vorsichtigen Blick zurück. Ob Millie sie bereits entdeckt hatte, konnte sie nicht erkennen. Aelia wartete auch nicht darauf, es herauszufinden. Sie griff nach Doréan und zog ihn kurzerhand mit sich von der Straße, unter den tiefen Dachvorsprung eines Hauses, wo ein zurückgesetzter Eingang eine schmale Nische zwischen zwei Mauervorsprüngen bildete. Dort drängte sie sich dicht an die Wand und lauschte einen Augenblick, als wäre Millie eine Stadtwache, vor der sie sich verbergen musste. Eigentlich war es lächerlich. Sie stand mit Doréan in einer dunklen Hausecke und versteckte sich vor ihrer besten Freundin, nur weil sie keine Lust hatte, ihr das Veilchen zu erklären. Als sie zu ihm aufsah, war er ihr ohnehin viel zu nahe, um diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.Aelia legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich. Schließlich gab es schlechtere Arten, die Zeit zu überbrücken, bis Millie verschwunden war. Aelia schmiegte sich an Doréan und sie küssten sich ausgiebig, vollkommen zufrieden damit, für die nächsten Augenblicke weder zu wissen, noch wissen zu wollen, was draußen auf der Straße geschah. Doch offenbar war genau das ihr Fehler. „Ahaaa!“ Aelia erstarrte mitten im Kuss. Diese Stimme. „Ihr zwei Turteltauben versteckt euch also vor mir?“ Aelia schloss kurz die Augen. Verdammt. Langsam löste sie sich von Doréan und wandte den Kopf. Millie stand wenige Schritte entfernt und grinste sie an. Jedenfalls tat sie das für ungefähr zwei Herzschläge. Dann sah sie Aelias Gesicht. Das Grinsen verschwand. Millie wurde vollkommen still. Ihr Blick blieb an Aelias Auge hängen, und Aelia konnte förmlich beobachten, wie sich die Belustigung aus ihrem Gesicht zurückzog. Die Veränderung geschah so schnell, dass Aelia schon wusste, was als Nächstes kommen würde. „ Aelia! Wie siehst du denn aus?“ „Hallo Millie… “ begann sie, doch Millie sah bereits an ihr vorbei. Zu Doréan. Aelia begriff sofort. „Nein.“ Millies Blick kehrte zu ihr zurück. „Nein, Millie.“ Aelia schüttelte entschieden den Kopf. „Es ist nicht, was du denkst.“ Dass diese Worte vermutlich zu den wenig überzeugendsten gehörten, die sie in diesem Augenblick hätte wählen können, fiel ihr erst auf, nachdem sie sie ausgesprochen hatte. “So? Was glaubst du denn, was ich denke? “ fragte sie Aelia, griff sie am Arm und zog sie einige Schritte fort. Nicht weit, aber weit genug, dass sie offenbar glaubte, Doréan könne nicht jedes Wort verstehen. Aelia ließ es geschehen. „War er das?“, fragte Millie leise. „Nein!” erwiderte Aelia schärfer als beabsichtigt. „Aelia.“ „Nein!“ Diesmal kam es noch schärfer, beinahe schrie sie. „Doréan war das nicht.“ Millie musterte sie, und Aelia kannte diesen Blick. Es war derselbe, mit dem ihre Freundin sie ansah, wenn sie überzeugt war, dass Aelia ihr irgendeinen Unsinn erzählen wollte. „Wer dann?“ Da war die Frage, vor der Aelia sich hatte drücken wollen. Sie wich Millies Blick aus. „Das kann ich dir nicht sagen.“ Für einen Augenblick sagte Millie gar nichts und es herrschte ein unangenehmes Schweigen. Dann wiederholte sie „Du kannst es mir nicht sagen?” „Nein.“ „Warum nicht?“ Aelia fuhr sich unbehaglich über den Arm. „Weil ich's einfach nicht kann.“ Millies Gesicht veränderte sich. Die Sorge war noch immer da, doch nun mischte sich etwas Verletztes darunter. „Ich verstehe.“ Sie nickte langsam. „Jetzt hast du also schon Geheimnisse vor mir.“ „Nein.“ Aelia sah sofort wieder zu ihr. „So ist das nicht.“ „Wie ist es denn dann?“ „Millie, bitte.“ Aelia senkte die Stimme. „Ich würd's dir sagen, wenn ich könnte.“ „Aber du kannst nicht.“ Aelia schüttelte den Kopf. Millie warf einen kurzen Blick in Doréans Richtung und sah anschließend wieder Aelia an. Genau dieser Blick machte ihr klar, was ihre Freundin dachte. „Hör auf“, sagte Aelia. „Ich hab nichts gesagt.“ „Musst du auch nicht.Ich seh doch, wie du ihn anschaust.“ „Du stehst mit einem blauen Auge vor mir und willst mir nicht sagen, wer's war. Was soll ich denn denken?“ „Dass ich dir die Wahrheit sage!“ Aelia hatte lauter gesprochen, als sie wollte, und mäßigte ihre Stimme wieder. „Du kennst Doréan nicht. Er ist unglaublich lieb und sanft. Er würde mich niemals schlagen!“ Diesmal ließ sie keinen Raum für Zweifel. „Niemals, Millie.“ Millie sah sie lange an. Aelia hielt ihrem Blick stand. Bei allem, was sie ihr verschwieg, gab es wenigstens daran nichts zu erklären, nichts abzuwägen und nichts, worüber sie selbst im Unklaren war. „Er war es nicht“, wiederholte sie ruhiger. „Das musst du mir glauben.“ Millie sah sie lange an. Die Falte zwischen ihren Brauen blieb, und obwohl der erste, beinahe anklagende Blick in Doréans Richtung verschwunden war, wirkte sie keineswegs überzeugt. „Ich glaub dir ja, dass du das glaubst.“ Aelia starrte sie an. Für einen Moment war sie nicht einmal sicher, ob sie richtig gehört hatte. Dann zog sie die Brauen zusammen. „Was soll denn das heißen?“ Millie senkte die Stimme noch ein wenig. „Dass du nicht die Erste wärst, die mir erzählt, ihr Kerl würd ihr niemals was tun, während sie mit einem blauen Auge vor mir steht.“ „Aber er hat mir nichts getan!“ „Pst.“ Millie warf einen kurzen Blick zur Straße, ehe sie sich wieder Aelia zuwandte. „Schrei doch nicht gleich.“ „Dann erzähl mir nicht so einen Unsinn!” Aelia spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Ausgerechnet Doréan. Der Gedanke allein regte sie auf. Sie konnte Millie nicht einmal wirklich verdenken, dass sie auf ihn gekommen war; schließlich hatte sie Aelia mit einem dunklen Bluterguss im Gesicht neben einem Mann gefunden, von dem sie kaum etwas wusste. Trotzdem sträubte sich in Aelia alles dagegen, ihn auch nur für einen Augenblick in dieselbe Reihe mit jenen Männern zu stellen. „Ich weiß, wer mich geschlagen hat“, sagte sie nun leiser, dafür mit umso größerem Nachdruck. „Und es war nicht Doréan.“ Millie schwieg. „Wer dann?“ Aelia presste die Lippen aufeinander. Sie konnte es einfach nicht gut sein lassen! Raban konnte sie nicht nennen. Nicht, ohne die nächste Frage heraufzubeschwören, und die nächste danach. Wer war Raban? Woher kannte sie ihn? Weshalb war sie bei ihm gewesen? Was hatte Doréan damit zu tun? Und spätestens nach wenigen Antworten wäre sie bei den Sanra'Jena angelangt. Für einen Augenblick standen sie einander schweigend gegenüber. Hinter ihnen ging das Leben auf der Straße unbekümmert weiter; Menschen liefen vorbei, irgendwo rief ein Händler seine Ware aus, und aus einiger Entfernung drang das helle Lachen einer Frau zu ihnen herüber. Aelia wünschte sich mit einem Mal zurück zu dem Augenblick, als ihr größtes Problem noch darin bestanden hatte, ungesehen an Millie vorbeizukommen. Millies Blick wanderte erneut über ihr Gesicht. „Hat er dich schon einmal geschlagen?“ Aelia wusste sofort, wen sie meinte. „Nein.“ „Bedroht?“ „Nein.“ „Festgehalten, obwohl du weg wolltest?“ „Nein.“ „Dir Angst gemacht?“ „Nein.“ “Dich zu Dingen gezwungen die Du nicht tun wolltest?” “Nein!” Millie beobachtete sie dabei so aufmerksam, dass Aelia beinahe ungehalten wurde. „Er tut mir nichts“, sagte sie. „Du kennst ihn nicht.“ „Eben.“ Aelia wollte bereits widersprechen, doch Millie kam ihr zuvor. „Ich kenn ihn nicht. Ich kenn dich.“ Ihre Stimme war ruhiger geworden. „Und deshalb frag ich. Is ja nicht so, dass das noch nie vorgekommen ist, nach allem was du mir erzählt hast.“ Damit war Aelias aufkommender Ärger beinahe ebenso schnell wieder verpufft, wie er gekommen war. Sie sah ihre Freundin an und atmete langsam aus. „Ich weiß.“ Millie schwieg. Aelia zögerte einen Augenblick, ehe sie nach ihrer Hand griff. „Es war wirklich nicht Doréan.“ „Na schön.“ „Millie.“ „Was willst du denn hören?“ „Dass du mir glaubst.“ Ihre Freundin betrachtete sie noch einmal. Diesmal dauerte es eine Weile, bevor sie antwortete. „Gut. Ich glaub dir.“ Aelia suchte in ihrem Gesicht nach jenem kleinen Rest Zweifel, den sie dort noch immer vermutete. „Wirklich?“ „Ja.“ Millie verdrehte leicht die Augen. „Beim Henker, Aelia. Ja.“ Das genügte ihr fürs Erste. „Danke.“ „Bedank dich nicht zu früh.“ Millie verschränkte die Arme. „Jetzt will ich nämlich wissen, wer's dann war.“ Aelia stöhnte leise auf. „Das kann ich dir doch gerade nicht sagen.“ „Du kannst mir nicht sagen, wer dir eine reingehauen hat.“ „Nein.“ „Und der Kerl läuft noch herum.“ Aelia zögerte. „Vermutlich.“ Millies Augen wurden schmal. „Und du bist nicht in Gefahr?“ Diesmal wusste Aelia nicht recht, was sie antworten sollte. Raban selbst würde wohl kaum durchs graue Viertel laufen, um ihr noch eine zu verpassen. Vor ihm hatte sie im Augenblick nicht einmal besonders große Angst. Dafür lief irgendwo jener andere Mann herum, der am Markt nach ihr gefragt hatte, im Roten Bullen aufgetaucht war und sich als ihr Bruder ausgegeben hatte. „Nicht deswegen“, sagte sie schließlich. Millie schloss kurz die Augen. „Nicht deswegen! “ “Da ist nur …“ begann Aelia und brach ab. Millie wartete. Aelia durfte ihr von diesem Kerl erzählen. Daran war schließlich nichts geheim. Im Gegenteil, Millie war womöglich die einzige Person, die ihr sagen konnte, ob es sich um denselben Mann handelte. „Der Mann, der dich auf dem Markt nach mir gefragt hat“, begann sie. „Weißt du noch, wie der ausgesehen hat?“ Die Veränderung in Millies Gesicht war gering, aber sofort sichtbar. „Hmm so ungefähr.. .“ „Gestern war einer im Roten Bullen.“ Nun hatte sie Millies volle Aufmerksamkeit. „Er hat Lene ausgefragt, ob dort eine Aelia arbeitet. Hat behauptet, er sucht seine Schwester.“ „Deine Schwester?“ „Seine.“ Aelia verzog den Mund. „Also mich.“ Millie starrte sie an. „Ich hab keinen Bruder.“ „Das weiß ich.“ „Jedenfalls keinen, von dem ich wüsste“, murmelte Aelia, schob diesen Gedanken jedoch gleich wieder beiseite. Dafür war jetzt wirklich nicht der Augenblick. „Der Kerl ist irgendwann einfach in die Küche gekommen. Arne meint, er wollte bloß sehen, ob ich wirklich dort bin.“ „Und hat er?“ Aelia nickte. „Wir haben uns angesehen.“ Millie wurde still. „Beschreib ihn mir.“ Aelia tat es so gut sie konnte. Sie erinnerte sich an sein Gesicht, seine ungefähre Größe, sein Alter, an alles, was ihr in den wenigen Augenblicken aufgefallen war, in denen Hartwig in der Küchentür gestanden hatte. Millie Miene wurde nachdenklich. „Ich könnt jetzt nicht beschwören dass es nach dem vom Markt klingt. Ich hab ihn auch nicht ewig angestarrt.“ Millie runzelte die Stirn. „Aber ich könnte Ven noch fragen… Und jetzt sag mir noch einmal, dass ich mir keine Sorgen machen soll.“ Aelia hielt Millies Hand noch einen Augenblick fest, ehe sie einen kurzen Blick zu Doréan hinüber warf. „Eins will ich dir sagen, Millie. “ Millie hob fragend die Brauen. Aelia zögerte. Es kam ihr plötzlich merkwürdig vor, es laut auszusprechen, obwohl es längst nichts mehr gab, worüber sie sich selbst im Unklaren war. „Doréan ist mein Freund.“ Millies Mundwinkel zuckte. „Das hab ich mir nach dem, was ihr da hinten getrieben habt, beinahe gedacht.“ „Nein, ich mein …“ Aelia spürte, wie ihr Röte in die Wangen stieg. „Nicht einfach so. Richtig.“ Nun wurde Millie tatsächlich still. „Es ist ernst mit uns“, fuhr Aelia etwas leiser fort. „Und deshalb möcht ich nicht, dass du jedes Mal so schaust, sobald du ihn siehst.“ „Wie schau ich denn?“ Aelia warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Du weißt genau, wie.“ Millie verzog den Mund, widersprach aber nicht. „Du musst ihn ja nicht gleich lieben…”, sagte Aelia. „Aber du bist meine beste Freundin und er ist mein Freund. Ihr seid mir beide wichtig.“ Sie hielt kurz inne. „Also wär's schön, wenn ihr euch wenigstens halbwegs verstehen könntet.“ Millie sah erst sie an und dann an ihr vorbei zu Doréan. „Halbwegs? Das krieg ich hin… “ Aelia lächelte erleichtert. „Gut.“ „Nur, wenn er sich benimmt.“ „Das wird er. Aber wir müssen jetzt sowieso los. Wir wollen ins Badehaus.“ Millies Blick wanderte zu Doréan und wieder zurück zu Aelia. Ein vielsagendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Zusammen?“ Aelia hob das Kinn. „Ja, zusammen.“ „Aha.“„Was heißt denn jetzt schon wieder aha?“ „Gar nichts.“ Millie grinste nur noch breiter. „Viel Spaß beim Baden.“ Aelia brummte, zog Millie noch einmal kurz an sich und verabschiedete sich von ihr, ehe sie zu Doréan zurückkehrte. Im Vorbeigehen griff sie nach seiner Hand. „Komm, lass uns verschwinden“, sagte sie. „Bevor ihr noch mehr Blödsinn einfällt.“ Hinter ihr hörte sie Millie lachen.
Murmeln, Möpse und Glocken ❖
19.08.2023 '00:00 [6.818 Wörter]
 bwohl die blaue Stunde bereits weit vorangeschritten war, hatte Doréan es noch rechtzeitig zum roten Bullen geschafft. Gemeinsam gingen Doréan und Aelia durch die Hintergassen, als Aelia ihm von den seltsamen Begebenheiten ihres Tages berichtete. Dieser Fremde, der sie zu suchen schien. Es ließ Doréan keine Ruhe. »Dein Bruder?« Aelia schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Bruder. Jedenfalls keinen, von dem ich wüsste.« Doréan nickte, doch er sagte nichts dazu. Erst als Aelia dann auch noch von diesem Wachmann erzählte, der ebenfalls nach ihr gefragt hatte, da wurde er hellhörig. »Ein Wachmann?« Der Gedanke biss sich in seinem Kopf fest. Unweigerlich musste er an diesen Kerl denken, der seine Handschuhe am Gürtel getragen hatte. Er kratzte sich am Hinterkopf, denn er konnte nicht sagen, warum er ausgerechnet jetzt an diesen Kerl hatte denken müssen. »Ich weiß nich'.«, murmelte er. »Halt mich für verrückt, mein Liebchen.« Er lächelte verlegen und sah Aelia nur halbherzig in die Augen, während er weiterhin seinen Gedanken nachhing. »Aber erinnerst du dich an diesen Kerl?« Doréan schnippte mit den Fingern, als ob ihm ein Wort auf der Zunge läge, dass einfach nicht in seinen Verstand sickern wollte. Aelia sah ihn daraufhin mit einem ebenso neugierigen, wie auch fragenden Blick an. »Na der Kerl, der uns neulich verfolgt hatte. Bis wir ihn in der Ascherinne abgehängt hatten.« Aelia nickte. »Ja, ich erinnere mich.« »Vor ein paar Tagen hatte mich Ronïa zum roten Bullen geschickt. Wegen deiner freien Stelle.« Er lächelte breit. »Da war genau dieser Kerl gewesen.« Aelias Gedanken schienen nun ebenfalls zu kreisen. »Aber das seltsamste war. Der Kerl hatte meine Handschuhe am Gürtel!« Nun schien Aelia noch verwirrter. Die Frage, die ihr auf den Lippen hing, war schon zu hören, bevor sie überhaupt ausgesprochen war. »Ich weiß, es klingt seltsam. Aber…ich hatt' sie in deiner Stube vergess'n. Als diese dämliche Hundsfut Madiah uns rausgeschmissen hatte!« Doréan knirschte mit den Zähnen. »Und am nächsten Tag seh' ich sie bei diesem Hundsfott am Gürtel. Meine Handschuhe!« Doréan schnaubte doch stahl sich dann ein unglaublich breites Grinsen auf sein Gesicht. »Hab sie mir natürlich geschnappt.« Er hob, wie zum Beweis, seine freie Hand in die Höhe welche in ebendiesen Handschuh steckte. Man konnte Steinchen um Steinchen aufeinander stapeln und kam nur zu dem einen Schluss. Madiah hatte die beiden bei der Wache gemeldet. Vermutlich wegen dem vermaledeiten Fischfass. Oder wegen der unflätigen Worte. Oder weil Madiah einfach nun Mal so war. Da zuckte Doréan mit den Achseln. »Erinnerst du dich an ihn? War es derselbe Kerl, der gestern in der Schenke war?« Doréan sah Aelia fragend an.
Aelia sah Doréan nur noch fragender an. Die Fragen schienen sich in ihrem Kopf förmlich zu überschlagen. »Was will er nur von uns?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Nur… je länger ich darüber nachdenke, so glaube ich, dass der Mann nicht wirklich etwas von mir will.« Aelia sah Doréan beinahe herausfordernd an. »Ich glaube aber, in Wahrheit sucht er dich und nicht mich.« Doréan blieb abrupt stehen. Ein seltsames Gefühl beschlich sich seiner und er kam nicht umhin einen flüchtigen Blick in die schattenumwobenen Gassen zu werfen. »Ich…« Er hüstelte verlegen. »Vielleicht…hab' ich ihm vor ein paar Tagen etwas Silber zugesteckt?« Er hatte die Stimme zu einem kaum hörbaren Raunen gedämpft. Doch dann legte er sich den ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen. »Das habe ich dir jetzt nich' erzählt klar?« Er schüttelte energisch den Kopf. »Du…Ich darf über manche Sachen nich' reden. Alles was… Die…betrifft.« Aelia konnte dennoch nicht an sich halten. Die Zunge brannte ihr wie Feuer. »Wieso hast du ihm Silber gegeben?« Er zuckte mit den Schultern. »Raban hats befohlen. Ich hab's gemacht. Ganz einfach.« Da wirkte Aelia nachdenklich. »Und du hast ihm die Handschuhe geklaut!« Da grinste Doréan breit. »Das sind meine Handschuhe. Ich kann ja schlecht klauen, was mir gehört, oder?« Aelia verzog ihre Lippen zu einem schiefen Strich und schüttelte nur den Kopf. »Das erklärt immer noch nicht, warum er mich…oder dich…verfolgt?« Doréan blies nur die Luft aus den Wangen. »Ich glaube es is besser, wenn wir es gar nich' erst rausfinden.«
Doch als Doréan einen seltsamen Kerl in den Schatten bemerkt hatte, da hallten erneut Aelias Worte durch seinen Kopf. Jemand verfolgt sie. Jemand sucht sie. Ob es dieser Kerl war? Doréan wagte einen zweiten, verstohlenen Blick. Doch der Kerl war wieder mit den Schatten verschmolzen. Er kniff die Augen zusammen, doch außer einem seltsamen Schemen konnte er nichts mehr erkennen. Da er Aelia aber nicht beunruhigen wollte, schwieg er. Er nahm sich vor später, wenn sie in der sicheren Stube waren, einen verstohlenen Blick aus dem Fenster zu werfen, um zu sehen, was dieser Schatten tat, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Doch dazu war es nicht gekommen. Doréan hatte seinen Vorsatz ebenso schnell vergessen, wie er ihn sich vorgenommen hatte. Als Aelia ihre Hüllen fallengelassen hatte, da waren seine Gedanken nur noch von dieser Frau beherrscht worden. Und nichts anderem mehr.
Am nächsten Tag war von dem Kerl keine Spur mehr zu sehen und Doréan dachte nicht einmal mehr an ihn. Er war nur noch eine dunkle Erinnerung. Sie stromerten durch das graue Viertel. Aßen die Brotzeit und landeten schließlich auf dem Fleischmarkt. Über ihnen baumelte die alte Seelaterne und die schwache Gravur ihrer Initialen war nur zu sehen, wenn man wusste, wo man suchen musste. Doch Doréan kam nicht umhin einen verstohlenen Blick in die Höhe zu werfen. Allerdings trübte die Begegnung mit Millie diese Erinnerung. Doréan hegte kein sonderlich großes Interesse daran, die beiden zu belauschen. Doch Millies beinahe anklagende Blicke trafen Doréan jedes Mal aufs Neue. Er wusste, was sie dachte. Bei ihrer letzten Begegnung hatte sie ihm klar zu verstehen gegeben, was sie von ihm hielt. Doréan bezweifelte, dass sich daran seither viel geändert hatte. Also war es auch nicht verwunderlich, dass er nicht gerade erpicht darauf war, sich in das Gespräch der beiden Freundinnen einzumischen.
Doréan kam nicht umhin sich einzugestehen, dass ihm insgeheim ein Stein vom Herzen fiel, als sie Millie endlich hinter sich gelassen hatten. Auf dem Weg zum Badehaus gingen sie Hand in Hand und Doréan warf Aelia immer wieder flüchtige Blicke zu. Auch wenn er Aelia inzwischen schon oft genug ohne Kleider gesehen hatte, so freute er sich darauf sie bald schon wieder ohne störende Hüllen sehen zu dürfen. »Warst du schonmal in diesem Badehaus?«, murmelte Doréan, der sich schweigend eingestand, noch nie dort gewesen zu sein. Aelia zwinkerte und lächelte wissend und Doréan hatte seine Antwort, ohne dass ein Wort gesprochen worden war. Auf dem Weg zum Badehaus erreichten sie schließlich das Tor zum Fleischmarkt. Oder in ihrem Falle, aus dem Fleischmarkt hinaus. Am Schlund standen drei zwielichtige Wachen mit ebenso zwielichtigen Hunden. Doch sie schienen sich mehr für die Menschen zu interessieren, die mit großen Wagen den Schlund passierten. Aelia und Doréan blieben nahezu unbehelligt. Lediglich einer der Hunde trottete etwas näher an sie heran und begann zu schnüffeln. Einer der Zwingermeister trat aus dem Schatten des Schlunds und warf Doréan einen mürrischen Blick zu. Doch wirkten die beiden nicht als allzu lohnende Opfer für ihre Gängeleien. Selbst mit dem Wissen, dass Aelia eine silberne Lochmünze um den Hals trug. Er zog an der Leine und zwang den Hund wieder an seinen Platz zurückzukehren.
Als sie den Schlund hinter sich gelassen hatten, sah Doréan auf der anderen Straßenseite ein Haus mit schwarzen Schindeln und ein altes, aber hochwertiges Schild. Früher einmal war dieses Schild aus hochwertigem Bronze gewesen. Mit bunter Emaille darauf. Doch heute blätterte die Farbe ab und das Bronze darunter trug Grünspan und schwarzen Rost. Die Buchstaben auf dem Schild waren schwer zu entziffern. Nur das kleine Bündel Kräuter trug noch ein wenig Farbe. Einige Flecken Gelb und Violett. Und ein wenig Grün, welches man aber kaum mehr von der Oxidation des Bronze unterscheiden konnte. Meister Aralians Laden. Ein Heiler und Kräuterkundiger. Doréan konnte die Worte über dem Laden nicht lesen, denn er hatte nie das Lesen oder Schreiben gelernt. Die Huren, welche ihn großgezogen hatten, lehrten ihn viele Dinge. Doch Lesen gehörte nicht dazu.
Auf dem Weg zum Badehaus drangen immer wieder laute Rufe an Doréan und Aelias Ohren. Rufe. Jubel. Spott. Doréan spitzte die Ohren. Das graue Viertel barg allerlei Überraschungen hinter buchstäblich jeder Ecke. Ein vertrautes, klackendes Geräusch hallte durch die hohle Gasse, aus welcher auch die Laute kamen. Klack. Klack. Klack. Eine kleine schwarze Murmel kullerte an Doréans Füßen vorbei. Sie sprang über einige Pflastersteine und kam schließlich vor Aelias Füßen in einer der vielen Rillen zwischen den Steinen zum Halt. Doréan hob den Kopf und sah in jene Richtung, aus welcher die Murmel gekommen war. Ein jüngerer Bursche rannte aus der hohlen Gasse und rempelte Doréan beinahe zu Boden. »Meine Murmel!«, rief er aufgeregt. Seine suchenden Blicke huschten über die dunklen Pflastersteine, doch die schwarze Murmel lag verborgen in einer dunklen Ritze und hob sich kaum von dem Dreck, dem Moos und den dunklen Steinen ab. »Habt ihr sie gesehen?«, verlangte er mit aufgeregter Stimme, doch Aelia schüttelte entschuldigend den Kopf. Doréan beugte sich in die Hocke und deutete schließlich auf die kleine, schimmernde Perle. Der Junge grinste zufrieden, schnappte sich die Murmel, und rannte wieder zurück. Doréan kam nicht umhin sowie einen neugierigen, als auch einen sehnsüchtigen Blick in die Gasse zu werfen. »Ich weiß, wir wollten ins Badehaus, mein Liebchen.«, hob er an und lächelte schmeichelnd. »Aber, hast du Lust zuzuschauen?« Sein Lächeln wurde ein breiteres Grinsen. »Du weißt doch, ich liebe dieses Spiel.«
Das Gaunermurmeln war bereits im vollen Gange. Ein junger Mann und ein älterer Kerl, mit einem richtigen Gaunerzinken im Gesicht, spielten gegeneinander. Doréan erkannte, dass es für den Jüngling schwer stand. Er brauchte eine gehörige Portion Glück, oder er musste unverschämt gut mogeln, um noch das Blatt wenden zu können. Doréan biss sich auf die Zunge, während seine Augen gespannt den kullernden Murmeln folgten. »Wenn der Kleine es schafft, diese beiden schwarzen Murmeln irgendwie aus dem Spiel zu bringen, hat er gewonnen.«, raunte Doréan und grinste schief. Der Schalk blitzte in seinen Augen und er trat an den Jungen Burschen heran. »Um was spielt ihr?« Der Knabe, vermutlich kaum älter als Aelia oder Doréan, hob den Kopf. »Um einen Gossenfänger.« Da starrte Doréan den Jungen mit einem seltsamen Blick an. »Einen Gossenfänger?« Der Junge nickte doch Doréan kam sich mit einem Mal seltsam beobachtet vor. War dies nur ein Zufall? Erst gestern war er bei der Krähenkönigin gewesen. Sie hatten über den schwarzen Mann gesprochen und über die toten Dirnen und die getöteten Krähen. Und schon am nächsten Tag stolperte er in ein Spiel Gaunermurmeln in welcher eine verdammt seltene Murmel der Einsatz war. Der Gossenfänger. Diese Murmel gab es nur selten. Man konnte sie nicht kaufen. Natürlich wurden immer wieder Fälschungen in Umlauf gebracht. Doch echte Murmeln waren äußerst rar. Doch dies war nicht der Grund für Doréans Gefühl. Der Gossenfänger, das war nur einer der Namen, welchen man dem geheimnisvollen Mann gegeben hatte, der nachts in den Gossen den Dirnen auflauerte. Diese, meist dunkle, blaue Murmel hatte nur eine Sonderregel. Man konnte mit ihr, gegnerische Dirnen ausschalten. Wenn man bedachte, dass der echte, schwarze Mann im grauen Viertel sein Unwesen trieb und des Nächtens Dirnen ermordete, war diese Murmel schon beinahe ein makaberer Galgenhumor, wie er nur aus den Gossen des grauen Viertels entspringen konnte.
Doréan warf Aelia einen kurzen Blick zu. Doch da sie mit den Regeln dieses Spiels nicht wirklich vertraut war, räusperte er sich. »Der Gossenfänger. Ist eine…böse Murmel.« Er warf dem hakennasigen Mann einen flüchtigen Blick zu. Es war ihm, als ob er sich von ihm beobachtet fühlte. »Ich hab' dir doch von den toten Dirnen erzählt?«, flüsterte Doréan, so dass nur Aelia es hören konnte. »Die Leute nennen ihn Gossenfänger…schwarzer Mann…Straßenkehrer.« Doréan dachte erneut an die Worte der Krähenkönigin und unweigerlich hob er den Kopf hinauf zu den Dächern. Ihm war, als ob er für einen Moment, eine Krähe hätte über den Rand der Dächer schauen sehen. Doch nun sah er nichts verdächtiges mehr. Doréan zwang sich zu einem gestelltem Lächeln. »Was is dein Einsatz, Bengel?«, verlangte er zu erfahren und der Junge lächelte. »Der Gossenfänger natürlich. Der Alte hat mich herausgefordert. Er will die Murmel unbedingt haben.« Da nickte Doréan. »Aber warum hast du akzeptiert?« Da zuckte der Junge mit den Achseln. »Die Murmel is mir schnuppe. Der Kerl hat mir'n Loch dafür geboten. Doch ich wollte sie nich' verkauf'n. Ich sagte, wenn du gewinnst, kannst'se ham.« Da begann Doréan zu lachen. Es war ein kurzes, ehrliches Lachen. »Dein Ernst?« Der Junge nickte mit der Unschuld eines Kindes in den Augen. »Sie is nix wert. Kaum wer spielt Dirnen, seit die rote Liese in den Gassen ihr Unwesen treibt.« Da grinste Doréan breit. »Wenn du gewinnst…« Da seufzte der Junge. »Ich kann nimmer gewinnen.« Der Alte räusperte sich. »Was is, Bursche? Willste aufgeben? Hör auf rumzufaseln!« Der Junge schüttelte den Kopf und Doréan warf ihm einen mürrischen Blick zu. Der Kerl hatte nicht nur eine unglaublich große Nase, sondern war ihm auch auf Anhieb unsympathisch. »Niemals!« Er grinste breit und die Menge begann zu grinsen. Wieder wandte sich Doréan an Aelia. »Ich hab' 'n seltsames Gefühl. Ich weiß nich' warum. Aber das hier is doch kein Zufall, oder?« Er tippte dem Bengel wieder auf die Schulter. »Du gefällst mir, Bengel.«, lachte Doréan daraufhin. Er kramte in seinem Beutel und fischte drei Scherben zu Tage. Achtlos warf er sie in den Staub und lenkte so die Aufmerksamkeit auf sich. »Ich setz' drei Scherben auf den Bengel!«, rief er laut. Die Menge begann schallend zu lachen und der Junge sah ihn daraufhin mit einem irritierten Gesichtsausdruck an. »Ich sagte doch, ich kann nimmer gewinnen.« Da lachten die Leute noch mehr, doch Doréan schüttelte nur den Kopf. »Wenn du so denkst, hast du schon verloren. Ich hab' drei Scherben auf dich gesetzt. Also zeig mir, dass du kein Verlierer bist!« Der Junge starrte zuerst auf die drei Scherben. Vermutlich mehr Geld, als er seit langem überhaupt gesehen hatte. Und dann sah er zu Doréan. »Warum machst du das?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Is nur son' Gefühl. Und ich finde man sollte so 'ne seltene Murmel nich' an so nen Hundsfott mit so ner schirchen Nase verlieren.«, spottete Doréan, was ihm sogleich weiteres Gelächter einbrachte. Dieses Mal aber auf Kosten des Gegenspielers, welcher Doréan daraufhin einen mürrischen Blick zuwarf. Doch das Feuer war in dem Jungen entfacht worden. Gaunermurmeln war weitaus mehr als nur ein Spiel. Es brauchte mehr als nur Geschick. Lug und Trug. Und eine anständige Beleidigung. »Wann hast du denn das letzte Mal innen Spiegel geschaut, Köter?«, blaffte der Mann, woraufhin Doréan entrüstet die Arme vor der Brust verschränkte. »Ich hab' nich'mal 'nen Spiegel, aber selbst 'n Blinder würde sehen, dass deiner schon zerspringt, wenn du dich ihm nur näherst!« Da brach die Menge in schallendes Gelächter aus. Einige warfen eine Handvoll Nägel auf Doréans Scherben und stiegen in die Wette ein. Doréan hatte die Menge für sich gewonnen. Nun hing es an dem Jungen dieses verlorene Spiel doch irgendwie zu gewinnen. »Also gut. Wird mir ne Freude sein, dem Bengel die Murmel und dir deine Scherben abzuluchsen.« Es klimperte. Drei weitere Scherben landeten im Staub. »Ich steig in die Wette ein. Wenn der Bengel gewinnt, dann verdoppel ich.« Der Alte grinste herausfordernd und seine Augen funkelten wie die eines Luchses. Doréan hingegen musste sich auf die Unterlippe beißen, damit sein Grinsen nicht noch breiter wurde.
Doréan trat an Aelia heran. »Der Hundsfott will verdoppeln?« Er grinste breit. »Wieso hast du überhaupt gewettet?«, murmelte Aelia. »Der Kleine kann doch nicht gewinnen.« Da grinste Doréan diebisch. »Oh, das muss er doch gar nich'« Aelia sah Doréan an als ob er in einer fremden Sprache mit ihr sprechen würde. Doréan lachte nur. »Du wirst schon sehn, mein Liebchen. Sorg einfach für eine rigorose Ablenkung, und dann gehört uns der ganze Haufen da!« Er deutete mit seinem gierigen Finger auf die vielen Münzen, die da zwischen den Murmeln im Staub lagen. Und als Aelia erkannte, wieviel Geld da eigentlich lag, da lächelte sie diebisch. »Fluche, Schimpfe und beleidige den Hundsfott nach Strich und Faden. Und wenn ich mit der Zunge schnalze, dann sorg dafür, dass alle zu dir schau'n.«, grinste Doréan, woraufhin Aelia ihn mit einem kurzen, seltsamen Blick bedachte. »Du willst mogeln?«, hakte Aelia flüsternd nach und sprach das offensichtliche aus. Daraufhin legte Doréan eine geheuchelte, unschuldige Miene auf, die selbst das zerbrochene Spiegelbild des Hakennasenkerls überzeugt hätte. »Beim Gaunermurmlen? Ich doch nich'!«
Der Alte nahm eine schwarze Murmel und legte sie sich zwischen Daumen und Zeigefinger bereit, um sie zu schnippen. »Seht zu, und weint.«, rief der Alte und biss sich dann angestrengt auf die Lippen. »Siehst du die Murmel überhaupt?«, fragte Doréan mit hörbarem Spott in der Stimme. »Oder siehst du nur deinen Zinken, wenn du nach unten schaust?« Der Alte knirschte mürrisch mit den Zähnen. Er wusste, er musste dem Spruch etwas entgegensetzen, wenn er das Wohlwollen der Menge nicht verlieren wollte. Doch da trat Aelia hervor und stemmte die Hände in die Hüfte. »Du solltest die Nase nicht beleidigen.« Doréan warf einen Blick zu Aelia und man konnte in seinem Blick sehen, dass er sich fühlte, als hätte sie ihm soeben einen Dolch in den Rücken gerammt. Der Alte grinste breit, doch Aelia begann daraufhin spöttisch zu lächeln. »Die kann schließlich nichts dafür, dass hinten so'n Arsch dranhängt.« Da brach die Menge in schallendes Gelächter aus. Die Leute lachten und klatschten. »Los, hau noch einen Raus, Mädchen!«, rief eine unbekannte Stimme aus der Menge und Aelia wurde davon regelrecht aufgestachelt. Sie grinste von einem Ohr bis zum anderen und trat einen Schritt hervor. »Langsam wirds mir klar.« Aelia nickte langsam. »Der Kerl hat eben nur Murmeln im Kopf. Schade, dass keine davon groß genug zum Denken is'.« Der Alte bebte vor Zorn. Sein Finger zuckte und die schwarze Murmel sprang ihm von der Hand. Doch sie hatte nicht genug Schwung um auch nur in die Nähe der anderen Murmeln zu gelangen. »Du, blöde Funsen! Deinetwegen is mir die Murmel vom Finger gerutscht.« Einige Leute lachten. Andere warfen ihm Schmähungen zu. »Miese Ausrede!«, rief einer aus der Menge. »Brauchst wohl unbedingt die Kohle, um so hart einzusteigen?« Da schnalzte Doréan mit der Zunge und gab das geheime Zeichen. Aelia trat noch einen Schritt hervor. »Hör mal, du Holzkopf.« Sie hob einen drohenden Finger in die Höhe. »Die paar Scherben hab ich doch gar nicht nötig!« Um ihre Worte zu untermalen zog sie an dem Lederbändchen um ihren Hals und ließ die schwarz angelaufene, silberne Lochmünze vor seinen Augen baumeln. Doch die Blicke der Leute richtete sich auf weitaus mehr als nur das Silber. Die Blicke blieben auf Aelias Ausschnitt gehaftet, wie Fliegen am Honigtopf. Doréan wusste, dass dies die Gelegenheit war, die er brauchte. Er trat an die Murmeln heran und seine Stiefelspitze berührte dabei, beinahe wie zufällig, zwei schwarze Murmeln. Doréan hob den Kopf, als ob er gerade etwas furchtbar Interessantes auf den Dächern der Gasse gesehen hätte. Die Murmeln indes kullerten zur Seite. Als Doréan schließlich einen zweiten Schritt tat, landete sein Stiefel genau darauf und trieb sie tief in den Sand. Was für ein bedauerlicher Zufall. Er verlagerte sein Gewicht und trat wieder zurück neben Aelia, während er breit und dreckig grinste. Der Alte hatte verloren. »Du bist dran, Junge!«, rief Doréan. »Der Alte hat seinen Wurf vergeigt.« Der Bursche trat hervor und kramte nun eine graue Murmel hervor. Sein Blick huschte über das Spielfeld. Der wissende Blick, der sich auf sein Gesicht legte, erregte schon bald die Aufmerksamkeit des Alten. »Moment mal!« rief er erbost. Doch die graue Murmel flog bereits durch die Luft. Sie klackerte über den Boden und schlug gegen die letzte, schwarze Murmel seines Gegners. »Verdammt, ihr beschissenen Gören! Ihr habt Betrogen!«, bellte der Alte und stürmte auf Doréan und Aelia zu. Seine Hand griff nach der silbernen Lochmünze. Ein Bein stellte sich ihm in den Weg. Er stolperte und ruderte mit den Armen. Und dann lag er auf dem Boden. Die Murmeln kullerten in alle Richtungen davon. Und er erntete noch weiteres Gelächter: »Schlechter Verlierer! Schlechter Verlierer! Geh und pack deine letzten Murmeln in den Sack!« Sie spotteten und lachten.
Doréan ging vor dem Münzhaufen in die Hocke und begann die Scherben aufzulesen. Seine eigenen drei Scherben nahm er in die linke Hand. Die nächsten drei Scherben reichte er an Aelia weiter. Die Nägel der anderen Wettenden ließ er liegen, doch die übrigen Scherben nahm er in die rechte Hand und hielt sie dem Jungen hin. »Dein Anteil, Bursche.« Der Junge starrte zuerst auf die Münzen und dann auf Aelia und Doréan. Er schwieg und starrte lange auf das Geld. Es war eine Menge Geld, für einen Jungen wie ihn. Er legte seine Hand auf die Münzen. Doch als er das Geld an sich genommen hatte, sah Doréan eine dunkle Murmeln in seiner Hand. Der Gossenfänger. Er hob den Blick und sah dem Jungen wortlos in die Augen. »Ohne euch hätte ich sie an den Kerl verloren.« Er zuckte mit den Achseln. Doréan warf erneut einen Blick auf die dunkle Murmel, die seltsam im Licht schimmerte. Doch der einzige Gedanke, der ihn überkam war ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Warum zum Henker hab ausgerechnet ich das Ding jetzt?
Doréan und Aelia zogen nach dem Murmelspiel weiter. Doréan ließ die Münzen in seiner offenen Hand tanzen, indem er sie immer wieder demonstrativ kurz in die Luft warf und sie dann wieder auffing. »Du bist ein Naturtalent.« flötete Doréan und ließ die Scherben erneut klimpern. »Und dem Alten können wir danken, dass er unser Badewasser bezahlt hat.« Er grinste breit und ließ dann die Scherben in seine Tasche wandern. Doch die gute Laune Doréans wurde jäh zerschlagen, als er in der nächsten Straße einen Mann gegen der Hauswand lehnen sah. »Ach Scheiße.« brummte Doréan. Aelia warf ihm einen flüchtigen Blick zu, doch Doréan nickte nur in jene Richtung. Dort lehnte Hagen. Jeder Versuch sich zu verstecken, war zwecklos. Denn sie waren ihm buchstäblich in die Arme gelaufen. »Is auch schön dich zu seh'n.«, maulte Hagen und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Blicke huschten zu Aelia und hafteten sich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, auf die Münze um ihren Hals, die wie auf magische Weise stets die Blicke der Männer an sich zu binden schaffte. »Und du bist sicher der Grund, warum Raban so ne Scheißlaune hat, oder?« Er grinste breit und hob sogleich beschwichtigend die Hände in die Höhe, bevor Aelia auch nur auf den Gedanken kommen konnte, seine Worte deuten zu wollen. »Was machst du hier?«, brummte Doréan. »Dieselbe Frage könnte ich dich fragen. Was machst du hier?« Doréan deutete auf Aelia und dann zum Ende der Straße. »Sieht man doch.« Hagen schüttelte langsam den Kopf. »Wir müssen zum Glockenhof. Das weißt du.« »Kann das nich' bis morgen warten?«, maulte Doréan ungehalten und Hagen seufzte. »Nein, das weißt du ganz genau.« »Oder wenigstens erst in zwei Stunden?« Hagen warf Doréan und anschließend Aelia einen vielsagenden Blick zu. »Zwei Stunden?« Doréan lächelte matt. »Oder eine halbe?« Er gluckste doch da schüttelte Hagen nur den Kopf. »Raban wartet.«
»Du bist ein mieser Hundsfott, das weißt du.«, brummte Doréan, als er mit Hagen wenig später die Straße entlang ging. »Ich weiß.« Hagen grinste breit. »Aber im Glockenhof wartet Magda auf uns. Und wir wollen sie nicht unnötig warten lassen.« Doréan seufzte. »Ich könnte mir jetzt besseres vorstell'n, als irgendne Magda im Glockenhof zu besuchen. Kennst du sie?« Hagen zuckte mit den Schultern. »Hab von ihr gehört.« Er grinste wissend, doch er ließ Doréan darüber im Unklaren.
Im Glockenhof angekommen, wurden Hagen und Doréan bereits von Raban erwartet. Sein Blick war grimmig und sprach Bände, wie es um seine Stimmung bestellt war. Als er Doréan und Hagen bemerkt hatte, erhob er sich von seiner Bank und trat an Doréan heran. Ohne ein Wort zu verlieren, schlug er ihm die Faust in den Magen. »Was fällt dir eigentlich ein?«, brummte Raban ungehalten. Doréan ächzte und biss die Zähne zusammen. »Du machst das doch mit Absicht, du kleine Ratte.« Doréan richtete sich langsam auf und erwiderte Rabans finsteren Blick. »Keiner hat gesagt, wann wir uns hier treffen.«, konterte Doréan zynisch, woraufhin Raban drohend die Faust hob. »Hör bloß auf mit deiner Wortklauberei, du Großmaul.« Doréan wich instinktiv einen Schritt zurück, um einer etwaigen zweiten Schelle vorzubeugen. Doch Raban seufzte nur. »Los. Wir haben noch genug Scheiße vor uns. Sucht diese verdammte Magda.«
Es stellte sich heraus, dass der Glockenhof nur das Ende einer großen Sackgasse war. Überall stromerten vereinzelte Menschen herum, doch niemand würdigte den Dreien eines besonderen Blickes. »Was glaubt ihr, weiß diese Magda?«, murmelte Doréan und Raban schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Wie ich das verdammte Krähenweib kenn, gar nichts. Die führt uns nur an der Nase herum.« Doréan konnte sich das schwer vorstellen. »Aber ihre toten Krähen? Sie will doch sicher auch, dass der schwarze Mann gefunden wird?« Da lachte Raban verächtlich. »Diese verdammten Viecher interessieren mich nen Dreck. Und diese beschissenen Huren genauso wenig. Wir machen das nur, weil der Boss es befohlen hat.« Doréan schwieg und Hagen tat es ihm gleich. Demut sah anders aus.
Nach einer Weile hatten sie Magda schließlich gefunden. Sie war eine Frau mittleren Alters. Raban trat hervor und versuchte herauszufinden, warum die Krähenkönigin sie ausgerechnet zu dieser gewöhnlichen Frau geschickt hatten. »Was weißt du über die toten Huren, Magda?« Die Frau seufzte. »Eine Schande ist das.« Sie atmete theatralisch aus und schüttelte dann den Kopf, als ob sie irgendeine Form von Mitleid mit den Opfern hätte. »Und was weißt du über die Blonde?«, hakte Raban nach, woraufhin Magda ihn nur fragend ansah. »Welche Blonde?« Raban schnalzte genervt mit der Zunge. »Ich weiß ihren verdammten Namen nicht. Darum frag ich doch dich.« Magda stemmte die Hände in die Hüfte. »Also ein bisschen was musst du mir schon liefern. Weißt du eigentlich wie viele Mädchen hier leben?« Raban rieb sich genervt mit der Hand übers Gesicht. »Sie hatte ne Muschel als Anhänger um den Hals.«, warf Doréan daraufhin ein, als er sich an das tote Mädchen erinnerte. »Ah. Mariel.«, seufzte Magda nachdenklich. »Sie hatte in letzter Zeit kein Glück.« Da grunzte Raban abfällig. »Das kann man wohl so sagen.« Magda hob den Blick und sah Raban mit einem rügenden Blick an. »Na, weil sie jetzt tot ist.«, brummte Raban und Magda hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Was?« Da erkannte Raban, dass Magda einen Scheiß wusste. Diese verdammte Krähenkönigin hatte sie völlig sinnlos an diesen verlotterten Ort geschickt. »Ach, dieses Miststück.«, brummte Raban, doch Magda verstand die Worte natürlich anders als er sie gemeint hatte. »Mariel war kein Miststück. Sie war noch so jung. Und…« Raban schnitt ihr unwirsch das Wort ab. »Ich meinte nicht die Blonde. Weißt du vielleicht, wer sie zuletzt gesehen hatte?« Magda überlegte einen Augenblick lang, doch dann zuckte sie mit den Achseln. »Fragt mal Monika. Die weiß immer alles.« Wieder rollte Raban mit den Augen. »Und wer ist jetzt diese Monika?« Magda sah Raban an, als ob sie nicht glauben konnte, was er da sagte. »Monika? Die kennt doch jeder! Die mit den drei Möpsen!« Hagen grinste breit. »Ach die Monika.«, meinte er als ob jeder wusste, wer Monika war. Doréan währenddessen glaubte sich verhört zu haben. »Wie war das? Drei Möpse?« Er hob skeptisch eine Augenbraue. »Ganz recht.« Magda deutete in eine ungefähre Richtung. »Sie wohnt dort, in dem dritten Haus. Ihr erkennt sie schon, wenn ihr sie seht.« Das konnte Doréan sich vorstellen. Drei Möpse sah man schließlich nicht alle Tage
Raban klopfte schließlich an die Tür und eine Frau öffnete. Doréans Blicke wanderten Unweigerlich zu ihrem Vorbau, doch für ihn sah das ganz normal aus. »Bist du Monika?«, erkundigte sich Raban und die Frau schüttelte den Kopf. »Die mit den drei Möpsen?«, hakte Doréan nach. Da kicherte die Frau und deutete ins Innere des Hauses. »Hat sie wirklich drei?«, erkundigte sich Hagen neugierig und die Frau zuckte mit den Achseln. »Das letzte Mal als ich sie gesehen hatte, waren es noch drei.« Hagen nickte nur stumm. Dem gab es schließlich nichts entgegenzusetzen. Die drei Männer betraten die Stube und erklommen die Stufen ins Obergeschoß. Kaum hatte die letzte Stufe zu knarren begonnen, da stürmten mit einem Mal drei hechelnde, röchelnde und sabbernde Hunde auf sie zu. Drei Möpse. Doréan starrte auf die Hunde. »Ach solche Möpse.«, murmelte er und Raban begann zu lachen. »Was hast du denn erwartet?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Jedenfalls keine Hunde.«
Monika war eine Frau mittleren Alters. Aber obwohl sie den ganzen Tag über nur am Fenster saß und auf die Straße schaute, hatte war sie den Dreien keine große Hilfe. »Mariel? Ja die hab' ich gesehen. Erst vor zwei Tagen. Da hat sie mit so einem Wachmann gesprochen.« Raban legte den Kopf schief. »Ein Wachmann? Hier?« Monika nickte. »Er is mit ihr aufs Zimmer gegangen.« Raban schnaubte mürrisch. »Danach habe ich sie nicht mehr gesehen. Aber ihr könntet Gisela fragen. Die kennt Mariel besser als ich.« Rabans Geduldsfaden lag unter einer heftigen Zerreißprobe. »Und wer ist jetzt wieder diese Gisela?« Monika deutete aus dem Fenster auf das Ende der Sackgasse. Dort stand ein kleiner Turm. »Gisela, die mit den gewaltigen Glocken. Die kennt doch jeder hier. Ist ein echtes Tratschweib.« Doréans Augenlid zuckte. »Gewaltige Glocken?« Da grinste Hagen breit. »Wie gewaltig sind denn diese Glocken?« Monika schien kurz zu überlegen. »Also ich hab' schon größere gesehen.« Raban verpasste Hagen eine Kopfnuss. »Wir sind nicht wegen der verdammten Glocken hier.« Hagen rieb sich nur den Kopf aber das dämliche Grinsen stand ihm weiterhin ins Gesicht geschrieben.
Am Ende der Straße hob Doréan den Kopf. Der Turm war alt. Und trug einen hölzernen Aufbau, der beinahe wie ein Käfig anmutete. Er runzelte die Stirn. Etwas in ihm ließ alle Glocken schrillen. »Gisela?«, rief Raban, als er die Tür geöffnet hatte. Doch sie erhielten keine Antwort und so betraten sie schließlich den alten Turm. Das Innere des Turms war erstaunlich leer. Es war eine leere Halle in dessen Mitte ein schweres Seil von der Decke hing. »Gisela?«, rief Raban erneut, diesmal mit etwas Nachdruck in der Stimme. »Hier oben!«, rief eine Frauenstimme. »Das kam von dem Loch da.«, brummte Doréan und trat näher an das Seil. Sein Blick hob sich und kurz darauf rollte er mit den Augen. »Giselas gewaltige Glocken.« Er deutete an dem Seil entlang und dort hingen sie. Zwei alte, bronzene Glocken. Hagen verzog mürrisch den Mund, als ihm ebenfalls klar geworden war, dass diese wohlversprechenden Glocken nichts anderes als schnöde Glocken gewesen waren. »Ihr zwei benehmt euch wie räudige, läufige Köter. Ist euch das eigentlich klar?«, maulte Raban.
Gisela hatte sich als ein waschechtes Tratschweib entpuppt. Sie hatte Mariel noch einen Tag vor ihrem tragischen Ende gesehen. Sie konnte alles mögliche über Mariel erzählen. Dinge, nach denen Raben weder gefragt hatte, noch dass es ihn wirklich interessierte. Sogar das Mariel erst vor drei Monden ins graue Viertel gekommen war. Sie war hier gestrandet und nur durch Pech im roten Milieu gelandet. Zwar wusste sie nichts von diesem ominösen Wachmann, doch dafür hatte sie einen anderen Mann gesehen. Sie hatte einen Mann durch die Gassen schleichen sehen. Er schien sehr darauf bedacht gewesen zu sein, dass ihn niemand erkannte. Denn immer wieder hatte er sich den Kragen seines Mantels ins Gesicht gezogen. »Also hast du sein Gesicht nicht gesehen?«, hakte Raban nach und Gisela hatte entschuldigend den Kopf geschüttelt. »Was hast du sonst gesehen?« »Mariel. Sie hat mit dem Mann gesprochen.« Raban horchte auf. »Und dann?« Gisela schwieg einen Moment. »Ich habe sie nicht verfolgt. Ist ja nicht so, als ob das was Ungewöhnliches hier wäre…« Sie tippte sich an die Unterlippe. »Aber etwas an dem Kerl war seltsam. Und Mariel…das arme Ding.« Gisela unterdrückte ein Schluchzen, was Raban nur noch mehr auf die Nerven ging, als ihr offensichtliches Unwissen. »Weiß irgendjemand an diesem verfickten Ort überhaupt irgendwas über den verdammten Kerl?«, herrschte er ungehalten. »Ich habe gestern mit Trude gesprochen. Sie meinte Birgit würde sich seit gestern seltsam benehmen. Angeblich hatte sie etwas gesehen.« »Und wo finden wir diese Birgit nun wieder?«, brummte Raban ungehalten. Gisela deutete die Straße entlang zu einer kleinen Abzweigung am Ende des Hofes. »Weiter runter, zweite Gasse links.« Raban schüttelte genervt den Kopf. »Geht das auch etwas genauer? Wie erkennen wir diese Birgit?« Da lächelte Gisela wissend. »Die könnt ihr kaum übersehen. Hat mächtig Holz vor der Hütte.« Hagens Mundwinkel zuckte. Nur einen Moment. Doch die letzten beiden Enttäuschungen hatten ihn inzwischen Misstrauisch gemacht. »Holz vor der Hütte.«, brummte Doréan.
Es stellte sich heraus, dass Birgit nicht zu Hause war. Laut ihrer Nachbarin Trude war sie seit dem gestrigen Abend nicht mehr gesehen worden. »Sie is wie vom Erdboden verschluckt, Raban.« Doréan indes deutete auf die kleine Hütte. »Mächtig Holz vor der Hütte.«, brummte Doréan und grinste unverhohlen, während Hagen nur mit den Augen rollte. Vor Birgits Haus türmte sich ein beachtlich großer Stapel Holzscheite in die Höhe. »Warum hatte ich das irgendwie gewusst?«, murmelte Hagen. »Also mir wir das langsam zu bunt. Keiner weiß hier auch nur irgendeinen Scheißdreck.«, fluchte Raban und trat mürrisch gegen den Stapel Holzscheite, so dass eines der Stücke zu Boden fiel. »Margot. Birgit war gestern bei Margot.«, mischte sich Trude ein. »Und warum?« verlangte Raban zu wissen. »Los, spucks endlich aus, ich will euch Weibern nicht ständig alles aus der Nase ziehen müssen!«, herrschte Raban noch ungehaltener. Trude zuckte erschrocken zusammen. »Margot sagte, sie habe gestern eine tote Krähe gefunden.« Da veränderte sich Rabans Gesichtsausdruck. Er wurde kühler und sein Blick fixierte die alte Frau wie ein Habicht seine Beute. »Eine tote Krähe, sagst du?« Trude nickte. »Sie dachte sich zuerst nichts dabei. Doch Margot meinte, dass wäre kein gutes Zeichen.« Raban runzelte die Stirn und strich sich dann das Haar aus dem Gesicht. »Diese Margot, die scheint was zu wissen.«, murmelte er. »Wo finde ich die?« Trude deutete ans Ende der Straße. Sie ist das Milchmädchen. Sie hat…« Da schnaubte Doréan und Hagen rollte mit den Augen. »Lass mich Raten. Die hat zwei gewaltige Milchkannen?« Trude hielt inne und bedachte die beiden Männer mit einem seltsamen Blick. Raban verpasste Doréan daraufhin eine Kopfnuss, wie er es zuvor auch bei Hagen getan hatte. »Ignorier die beiden Vollpfosten einfach.« Doch Trudes lächelte nur und sie senkte schließlich die Augen. »Margot kennt hier jeder. Ihr werdet sie kaum übersehen.« »Pha, wahrscheinlich ist sie einfach nur unglaublich fett.« »Oder sieht aus wie ein Ochse.«, stimmte Hagen ein. »Oder ihre Milchkannen sind alt und rostig?« Da schüttelte Hagen den Kopf.
 Als Raban, Hagen und Doréan vor der alten Molkerei angekommen waren verstummten sie und ihre Blicke sprachen Bände. Vor dem Tor stand eine Frau, die gerade zwei große Milchkannen in den Hof stellte. Sie lenkte die Blicke aller Männer auf sich, die des Weges kamen. »Das gibt’s doch nicht.«, murmelte Raban, der selbst kaum glauben konnte was er da sah. »Was zum Teufel?« Doréan rieb sich die Augen. »Das sind die größten Dinger, die ich je in meinem Leben gesehen habe.« Er konnte kaum glauben was er da sah. Da stand sie. Margot, mit den mächtigen Milchkannen. Sie lehnte sich gegen die Wand und zog sich eine Pfeife aus der Tasche. Gemütlich lehnte sie gegen die Wand und paffte den weißen Dunst in die Luft, als sie Raban und seine beiden Schatten schließlich bemerkte. »Ja Hallo, ihr drei Hübschen.«, flötete sie. »Wollt ihr Milch kaufen?« Doch keiner der Drei fand so rasch seine Worte wieder. »Verdammt.« brummte Hagen. »Scheiße, is die hässlich.«, grunzte Doréan und erntete dafür eine weitere Schelle von Raban.
Als die Drei aber keine Antwort gaben und selbst Raban sich ertappte wie er immer wieder starrte, zog Margot schließlich an ihrer Pfeife und musterte die drei Männer. »Also? Wollt ihr nun Milch kaufen oder nur weiter glotzen?« Doréan hob den Blick. »Milch kaufen?« War sie nun eine Dirne, oder ein Milchmädchen? Eine Frau wie diese, wenn man ihr einen Sack über den Kopf stülpte, zog gewisse Männer sicher scharenweise an. Wie eine ranzige Öllampe von dutzenden, gierigen Motten umschwärmt wurde. Raban räusperte sich. »Wir suchen Birgit.« »Die war gestern hier. Ziemlich durch den Wind. Sie hatte einen Kerl mit einem Messer gesehen. Und einer toten Krähe.« Mit einem Mal waren die gewaltigen Milchkannen vergessen und Raban hob den Blick aus dem Anblick der sich ihm geboten hatte. Doch Margot setzte sogar noch einen obendrauf. »Aber da war noch die Kleine…Mariel.« Raban horchte auf. »Die Blonde?« »Ja. Genau. Kennt ihr sie?« Raban seufzte. »Die ist tot.« Dabei fuhr er sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger über den Hals. »Hat nen zweiten Mund bekommen.« Margots Lächeln verschwand. »Oh.« Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und ihr Gesicht nahm eine Farbe an, wie die Milch in ihren Kannen. »Das ist…traurig.« Einen Moment schwieg sie. »Und du hast eine furchtbare Art, schlechte Nachrichten zu überbringen, du herzloser Bastard.« »Hast du sonst irgendwas ungewöhnliches gesehen?«, hakte Raban nach, ohne auf Margots Empörungen einzugehen. Margot schien zu überlegen, doch dann zuckte sie mit den Achseln. »Einen Kerl.«, murmelte Margot. »Hab ihn mit Mariel gesehen. Und auch bei Birgit.« Da funkelten Rabans Augen. Das war die erste, richtige Spur zwischen all den bisherigen Nieten. »Wie sah er aus?« Da seufzte Margot, und man konnte sehen, wie sehr sie der Tod der jungen Dirne getroffen hatte. Ihre Augen wurden wässrig und sie wischte sich die aufkeimenden Tränen mit dem Handrücken beiseite. »Ich…Ich weiß nicht. Sein Gesicht hab ich nicht gesehen. Langes Haar. Hochgestellter Kragen. Aber sein Mantel war sauber. Teurer Stoff. Keiner von den üblichen Gossenkötern.« Raban nickte verstehend. Das grenzte die Kundschaft zwar erheblich ein, aber es gab auch im grauen Viertel noch genügend Leute, die sich einen solchen Mantel hätten leisten können. »Und er hat komisch geredet.« Raban hob die Augenbraue. »Komisch? Wie meinst du das. Hatte er nen Akzent. Oder klang er fremdländisch? Oder hat er so geredet wie der Bengel?« Er deutete auf Doréan, welcher sogleich empört die Arme vor der Brust verschränkte. »Was soll'n das heißen. Ich red' nich' komisch, du dämlicher Hundsfott!« Raban warf Doréan einen grimmigen Blick zu, doch die Schelle, für die Doréan sich soeben angemeldet hatte, vertagte er auf einen späteren Zeitpunkt.
Margot warf Doréan einen flüchtigen Blick zu und schüttelte dann den Kopf. »Nein. Nicht so.« Sie wedelte mit der Pfeife durch die Luft, so dass der Rauch sich buchstäblich überall verteilte. »Er war ruhig. Seine Worte gewählt. Und er hat gesprochen wie…einer der was auf sich hält. Als würde er sich jedes Wort vorher überlegen.« Raban und Hagen wechselten einen Blick, während Doréans Blicke immer wieder zu den abstrus, um nicht zu sagen außergewöhnlich absurd großen Brüsten abschweiften. Sie schienen auf die Augen der Männer buchstäblich eine gewaltige Anziehungskraft auszuwirken. Selbst Raban musste sich schwer zusammenreißen, nicht ständig hinzusehen. Doch während Hagen und Raban durchaus gefallen daran fanden, was sie da sahen, konnte Doréan nur das hässliche Gesicht dieser Frau sehen und wünschte sich eigentlich nichts anderes, als im Badehaus sitzen zu können.
Es stellte sich letzten Endes heraus, dass dieser Fremde und Mariel sich getroffen hatten. Margot berichtete, dass sie unter ihrem Balkon gestanden hätten und mit gedämpften Stimmen gesprochen hatten. »Sie stand einfach bei ihm. Kein Streit. Keine Angst. Dann hat etwas Silbernes in seiner Hand aufgeblitzt. Münzen, denke ich. Und dann ist sie mit ihm gegangen.« Margot nahm die Pfeife wieder zum Mund und tat einen tiefen Zug. Der Rauch quoll ihr aus der Nase und legte sich, beinahe wie ein milchiger Vorhang, über ihren Ausschnitt und lief ihr buchstäblich zwischen die Milchkannen. Raban schwieg einen Augenblick. »Hat er sie bedrängt, oder ihr gedroht?« Margot schüttelte nur den Kopf. »Ein Mann bezahlt eine Dirne und geht mit ihr fort. Was soll daran im Glockenhof ungewöhnlich sein?« Doréan sah zu Hagen und dieser erwiderte den Blick. Daran gab es nicht viel zu rütteln. Und darum war es vermutlich auch so schwer überhaupt Hinweise zu diesem Kerl zu finden.
Doréan war heilfroh, als sie endlich den Glockenhof verlassen hatten. »Was für eine Zeitverschwendung.«, raunzte Raban. »Nur vage Hinweise, Vermutungen und Altweibergewäsch.« Er trat an Hagen heran. »Und zwei Vollpfosten, die nur Titten im Kopf haben.« Er verpasste Hagen eine zweite Kopfnuss. Doréan hingegen versetzte er einen Hieb in die Seite. »Und einer davon hat noch dazu ein zu großes Maul. Ihr seid so nutzlos, wie Hundescheiße am Absatz. Verpisst euch. Haltet die Augen offen. Heute Abend, wenn es dunkel wird, will ich euch am Hafen sehen. Und ich warne dich…« Damit hob er drohend den Zeigefinger in Doréans Richtung. »Wenn du wieder zu spät kommst, dann ersäufe ich dich in der Scheiß Bucht!« Doréan nickte nur, doch kaum hatte Raban ihm den Rücken zugewandt, da rannte er auch schon. Vielleicht war Aelia noch im Badehaus? Und er musste sich den Anblick dieser Schranze von den Augäpfeln waschen. Doch insgeheim wusste er, dass er diesen Anblick wohl niemals mehr vergessen konnte.
Die rote Murmel ❖
19.08.2023 '15:42 [6.742 Wörter]
 as Murmelspiel lag bereits ein Stück des Weges hinter ihnen, doch Aelia trug noch immer dieses zufriedene kleine Lächeln im Gesicht, das sich jedes Mal ein wenig vertiefte, wenn sie an diesen unerwarteten Gewinn dachte. Drei Scherben waren gewiss nicht genug, um sich plötzlich reich zu fühlen, und doch verliehen sie ihr ein gutes Gefühl. Sie waren am Morgen noch nicht da gewesen. Sie hatte nicht für sie arbeiten, keine Krüge schleppen, keine Tische scheuern und sich nicht darum sorgen müssen, ob Peer sie am Ende der Woche überhaupt noch im Roten Bullen haben wollte. Sie hatte lediglich ein paar Gemeinheiten aussprechen und mit ihrer Lochmünze an ihrem Dekolleté spielen müssen, und hatte dabei offenbar mehr Geschick bewiesen, als sie selbst erwartet hatte, und nun klimperten drei Scherben zusätzlich in ihrer Hand. Für einen kurzen, seltenen Augenblick musste sie nicht darüber nachdenken, wie lange das Geld in ihrem Beutel noch reichen würde. Es würde ohnehin nicht lange reichen, denn sie befanden sich ja nun am Weg ins Badehaus. Aber das Geld war gewonnen und geschenkt. Und das war eine gute Sache. „Du bist ein Naturtalent“, flötete Doréan. Aelia grinste, als sie seine Worte vernahm und wandte ihm das Gesicht zu. „Und du bist sehr großzügig, mein Hübscher.“ Während sie weiterschlenderte, griff sie an den Ausschnitt ihres Kleides und bekam das schmale Band zu fassen, an dem ihr Geldbeutel hing. Sie zog daran, bis das kleine Ledersäckchen aus seinem sicheren Versteck zwischen ihren Brüsten zum Vorschein kam, und hielt es mit einer Hand fest, während sie mit der anderen den Verschluss löste. Dann ließ sie die drei Scherben hineinfallen. Das helle Klirren, mit dem sie auf die übrigen Münzen trafen, gefiel ihr ausnehmend gut. Aelia konnte nicht anders, sie musste noch einmal in den Beutel schauen, obwohl sich dessen Inhalt durch die drei kleinen Scherben kaum eindrucksvoll verändert hatte. Dennoch ließ sie ihre Finger noch ein letztes Mal über die Münzen tanzen und wollte das Säckchen gerade wieder zuziehen, als etwas Rundes unter ihrem Daumen davonrollte. Sie hielt inne. Zwischen den Münzen lag ein kleiner roter Schimmer. „Ach.“ Aelia griff hinein und fischte die Murmel heraus. Für einen Augenblick hatte sie tatsächlich vergessen, dass sie sie noch besaß. Die rote Murmel der Liese lag kühl und glatt zwischen ihren Fingern, vollkommen unversehrt von all dem Kleingeld, mit dem Aelia sie seither achtlos in ihrem Beutel herumgetragen hatte. Schon damals hatte sie ihr gefallen, doch draußen im hellen Tageslicht sah sie noch schöner aus. Aelia hob sie vor die Augen und drehte sie langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Dort, wo die Sonne durch das rote Glas drang, schien die Farbe von innen heraus aufzuleuchten, satt und klar, während ein winziger roter Lichtfleck über ihre Wange wanderte und bei jeder Bewegung ihrer Hand an eine andere Stelle wanderte. Aelia lächelte. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie die Murmel erbeutet hatte. An das Gedränge, die Hände, die gleichzeitig danach gegriffen hatten, und an diesen kleinen Augenblick des Triumphs, als ausgerechnet ihre Finger sich darum geschlossen hatten. Dass eine rote Murmel der Liese etwas Besonderes war, hatte sie schon damals begriffen. Man hatte es an den Blicken gesehen, an der Aufregung, die durch die Menge gegangen war, kaum dass Liese sie geworfen hatte. Was man mit einer solchen Murmel tat, nachdem man sie ergattert hatte, wenn man selbst nicht das Murmelspiel beherrschte, darüber hatte Aelia sich allerdings nie Gedanken gemacht. Bis jetzt. Sie ließ die Hand sinken und sah zu Doréan. Drei Scherben. Ein Drittel seines Gewinns hatte er ihr einfach überlassen, und wahrscheinlich hätte er sich nichts weiter dabei gedacht. Aelia dagegen schon. Drei Scherben waren drei Scherben, und sie wusste nur zu gut, wie viele Tage sie damit Essen kaufen konnte, und das war eine verdammt schöne Sache. Die Murmel hingegen lag seit Tagen darin und tat nichts weiter, als hübsch auszusehen. Außerdem gehörte sie, wie Aelia fand, sehr viel mehr zu Doréan als zu ihr. Der Entschluss war so rasch gefasst, dass sie gar nicht weiter darüber nachdachte. Sie blieb stehen, drehte sich zu ihm und hielt ihm die Murmel entgegen. „Hier.“ Zwischen ihren Fingerspitzen fing das rote Glas noch einmal die Sonne ein. Aelia betrachtete es einen Moment, dann glitt ihr Blick hinauf zu Doréan, und ihr Lächeln wurde weicher. „Die Murmel schenk ich dir dafür, mein Herz.“ Sie streckte die Hand noch etwas weiter nach ihm aus. „Du kannst sie ja doch viel besser brauchen als ich.“ Für Aelia war die Sache damit vollkommen schlüssig. Er hatte seinen Gewinn aus diesem Spiel mit ihr geteilt, also teilte sie nun das Wertvollste mit ihm, das sie selbst aus jenem Spiel davongetragen hatte. Dass sie dabei drei Scherben gegen etwas aufwog, dessen Wert sich überhaupt nicht in Scherben bemessen ließ, kam ihr nicht in den Sinn. Sie sah nur die rote Murmel zwischen ihren Fingern und Doréan vor sich. Und wartete darauf, dass er sie nahm, doch Doréan nahm die Murmel nicht. Aelias Lächeln wich einem fragenden Ausdruck. Sie hielt ihm das kleine rote Ding noch immer entgegen, während ihr Blick kurz von ihrer Hand zu seinem Gesicht wanderte, als hätte er vielleicht nur nicht verstanden, was sie gemeint hatte. „Die ist für dich“, sagte sie noch einmal. Aber gerade das schien das Problem zu sein. Eine rote Murmel der Liese, erklärte Doréan ihr schließlich, konnte man nicht einfach herschenken. Nicht eine, die man selbst erbeutet hatte. Aelia zog die Hand ein wenig zurück und betrachtete die Murmel, als könnte sie ihr ansehen, weshalb darum plötzlich solche Umstände gemacht wurden. „Warum nicht?“ Weil sie eine Geschichte hatte. Eine solche rote Murmel der Liese bekam man nicht, weil man genügend Scherben dafür auf den Tisch legte, und man gab sie auch nicht weiter, um irgendeine Schuld zu begleichen. Wer eine von Liese erbeutete, hatte sie sich verdient, und damit gehörte nicht nur die Murmel ihm, sondern auch die Geschichte, wie sie in seinen Besitz gelangt war. Wollte man sie eines Tages einem anderen überlassen, dann brauchte es dafür wieder eine Geschichte. Eine, die es wert war, weitererzählt zu werden. Aelia sah Doréan zunächst nur an, und allmählich begriff sie, worauf er hinauswollte. „Aber ich tausch sie doch nicht gegen die Scherben“, wandte sie ein. „Du hast mir was von deinem Gewinn gegeben, und ich wollte dir dafür eben auch was geben. Du kannst sie doch viel besser brauchen, ich spiel das Spiel doch gar nicht. Dann brauche ich auch keine Murmel der roten Liese. Und du weißt, dass sie eine Geschichte hat. Ich habe die im Getümmel aller Menschen die sie ebenso haben wollten, zu fassen bekommen, und das, obwohl ich nicht mal so gut sehe!“ deutete sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand, mit deren restlichen Fingern sie die rote Glasmurmel umschlossen hielt, auf ihr rechtes Auge. „Aber genau das…“, machte Doréan ihr jedoch klar, „Kommt am Ende aufs Selbe raus. Wenn du mir die rote Murmel gibst, weil ich dir drei Scherben überlass‘n hab‘, hängt da keine Geschichte mehr dran, sondern ein Preis. Drei Scherben. Du hättest sie ebenso gut verkauf‘n können. Aelia verzog beinahe empört den Mund. „Ich würd sie doch niemals verkaufen.“ Allein die Vorstellung gefiel ihr nicht. Die Murmel mochte für sie keinen praktischen Nutzen haben, doch deshalb war sie noch lange kein Stück Tand, das sie bei nächster Gelegenheit gegen ein paar Münzen eintauschte. Sie hatte sie selbst aus der Menge gefischt, schneller als all die anderen Hände, die danach gegriffen hatten, und war hinterher stolz wie sonst etwas darauf gewesen. Vielleicht verstand sie gerade deshalb langsam, was Doréan meinte. Aelia hob die Murmel wieder ins Licht und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern. Der rote Schein glitt über ihre Fingerknöchel, verschwand und erschien wieder, sobald sie das Glas ein wenig bewegte. „Also kann ich sie dir gar nicht einfach schenken?“ Doréan schüttelte den Kopf. Nicht einfach so. Dafür brauchte es eine gute Geschichte.
 Aelia schwieg einen Moment und betrachtete die Murmel, ehe ihr Blick wieder zu Doréan wanderte. In ihren Augen lag bereits jenes kleine Funkeln, das verriet, dass sie sich mit dieser Antwort keineswegs endgültig geschlagen gab. Aelia betrachtete ihn noch einen Augenblick, dann glitt ihr Blick erneut hinunter zu der roten Murmel zwischen ihren Fingern. Offenbar waren die Regeln der Gaunermurmeln erheblich verzwickter, als sie gedacht hatte. Drei Scherben waren keine Geschichte, und ein Geschenk aus Dankbarkeit war anscheinend auch keine. Was Doréan unter einer Geschichte verstand, die einer roten Murmel der Liese würdig war, wusste sie zwar noch immer nicht so recht, doch eines hatte sie inzwischen begriffen: Mit gewöhnlichem Tauschen kam sie nicht weiter. Langsam ließ sie die Hand mit der Murmel sinken. Dann trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Na schön.“ Sie ließ die Murmel wieder in ihrer geschlossenen Faust verschwinden, als sie danach zu Doréan aufsah, lag noch immer dieses Lächeln auf ihren Lippen, nur hatte sich etwas darin verändert. Ohne ein weiteres Wort griff Aelia nach ihm und zog ihn zu sich heran. Ihre Lippen fanden seine, und aus dem Kuss, der vielleicht noch als verspielte Antwort auf seine Weigerung begonnen hatte, wurde beinahe augenblicklich etwas anderes. Doréan erwiderte ihn, und Aelia schlang die Arme um ihn, während sie sich dicht an ihn schmiegte. Seine Arme zogen sie näher, bis kaum noch Platz zwischen ihnen blieb, und für eine ganze Weile waren die rote Murmel, die drei Scherben und die seltsamen Regeln, die darüber bestimmten, wem was gehörte, vollkommen vergessen. Aelia wusste nicht, wie lange sie so dastanden. Der Kuss schien sich immer weiter auszudehnen, ohne dass einer von ihnen große Eile gehabt hätte, ihn zu beenden. Immer wenn sich ihre Lippen für einen Herzschlag voneinander lösten, fanden sie einander gleich wieder, und Aelia hielt ihn nur noch ein wenig fester, als könnte sie dadurch verhindern, dass dieser Augenblick irgendwann doch vorüberging. Erst als ihr schließlich beinahe die Luft ausging, löste sie sich von ihm. Nicht weit, ihre Arme blieben um ihn geschlungen, und auch Doréan hielt sie noch dicht bei sich. Aelia atmete ein paarmal tief durch, während sie ihn ansah, und ein glückliches, beinahe ein wenig triumphierendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Das ist doch aber ein guter Tausch für die rote Murmel der Liese, nicht wahr?“, hauchte sie. Doréan grinste, schüttelte jedoch den Kopf. Aelias Lächeln verschwand zugunsten eines ausgesprochenen Schmollmundes. „Auch dafür nicht?“ Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick vorwurfsvoll, dann ließ sie den Blick sinken. „Hmm …“ Für einige Herzschläge sah es tatsächlich so aus, als würde sie ernsthaft über dieses offenbar unlösbare Problem nachdenken. Dann veränderte sich etwas in ihrer Miene. Aelia hob langsam den Kopf. Diesmal war der Schalk aus ihrem Blick verschwunden. Sie sah Doréan lange an, unmittelbar und tief in seine Augen, während ihre Arme noch immer locker um ihn lagen. „Du willst also eine Geschichte dazu?“ Doréan hielt ihrem Blick stand. „Wie wär's damit …“ Aelia verstummte. Was eben noch als Antwort auf Doréans Forderung nach einer Geschichte begonnen hatte, war mit einem Mal keine Spielerei mehr. Sie wusste genau, was sie ihm sagen wollte. Nun aber, da die Worte unmittelbar vor ihr lagen, brachte sie sie plötzlich nicht mehr über die Lippen. Ihr Herz schlug schneller. Nicht, weil sie sich ihrer Sache nicht sicher gewesen wäre. Gerade das Gegenteil war der Fall. Sie wusste es längst. Vielleicht hatte sie es schon gewusst, bevor sie selbst einen Namen dafür gehabt hatte, und spätestens in den vergangenen Tagen war nichts mehr daran übriggeblieben, worüber sie noch hätte nachdenken müssen. Nur gesagt hatte sie es ihm noch nicht. Aelias Blick löste sich für einen Moment von seinem. Ein wenig von ihrem Mut verließ sie, und beinahe wäre sie wieder in irgendeinen Scherz ausgewichen, hätte die Sache mit der Murmel auf später verschoben und so getan, als wäre ihr eben doch keine passende Geschichte eingefallen. Stattdessen nahm Aelia Doréans Hand. Sie legte die Murmel hinein, schloss seine Finger jedoch noch nicht darum. Ihre Hand blieb unter seiner liegen, während die kleine rote Kugel auf seiner Handfläche ruhte. Als sie wieder zu ihm aufsah, war von dem scherzhaften Schmollen nichts mehr übrig. „Was hältst du davon…“, begann sie noch einmal, diesmal leiser, „dass du sie von mir bekommen hast, als ich dir zum ersten Mal gesagt hab, dass ich dich liebe?“ Jetzt war es heraus. Aelia spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg, doch diesmal wich sie seinem Blick nicht aus. Ein kleines, beinahe scheues Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Weil ich das nämlich tue.“ Ihre Finger schlossen sich langsam um seine Finger und diese damit um die Murmel, die nun in seiner Handfläche verborgen lag. „Auch wenn das vielleicht verrückt klingt …“ Sie hielt kurz inne. „Ich glaube, da war schon was, als wir uns das erste Mal in der Schlangengrube begegnet sind. Als ich am Boden lag und du mir deine Hand entgegengestreckt hast.“ Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ich wusste damals nur noch nicht, was es war.“ Sie sah ihm in die Augen und wurde wieder ernster. „Aber als du Raban deine Faust ins Gesicht gedonnert hast … da wusste ich es.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Noch nie war ich jemandem wichtig genug, dass er sich für mich mit einem wie Raban anlegt. Noch nie.“ Einen Augenblick schwieg sie, als müsste sie die Worte erst über diese letzte kleine Schwelle bringen. „Ich liebe dich, Doréan.“ Für einige Herzschläge sagte Aelia nichts mehr. Sie ließ die Worte einfach stehen, ohne sie abzuschwächen, ohne ihnen einen Scherz hinterherzuschicken. Dann glitt ihr Blick hinunter zu seiner geschlossenen Hand. „Und jetzt nimm endlich diese verdammte Murmel. Und wenn du sie irgendwann beim Spiel wieder in der Hand hältst“, fügte sie leise hinzu, „dann weißt du noch, wann ich sie dir gegeben hab.“ Ein kleines Lächeln kehrte zurück. „Ist dir das Geschichte genug?“
Nachdem die Sache mit der roten Murmel endlich geklärt war, blieb etwas zwischen ihnen zurück, das Aelia nicht recht benennen konnte. Sie verflocht ihre Finger zwischen denen von Doréan und ging dicht an seiner Seite weiter, noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen, das sich einfach nicht vertreiben ließ. Doch dann geschah etwas, was ihr Lächeln unerwartet hinfort wischte, wie ein Sturm der über einen Platz fegte und alles mit sich riss. „Ach Scheiße…“ brummte Doréan und nachdem Aelia ihm einen fragenden Blick zugeworfen hatte, deutete er mit dem Kopf in jene Richtung, in die auch Aelia schließlich blickte. An einer Hauswand lehnte ein verschlagen wirkender Kerl. Und es half nichts. Um sich zu verstecken, oder einen anderen Weg einzuschlagen, war es zu spät. Aus diesem Grund liefen sie langsam zu dem Kerl hin, wobei Aelia sich eher von Doréan hinziehen ließ, als selbst dorthin zu laufen. „Is auch schön, dich zu sehen…“ brummte Hagen und sein Blick blieb einen Augenblick an der Lochmünze hängen, ehe er zu Aelias Gesicht wanderte. „Und du bist sicher der Grund, warum Raban so ’ne Scheißlaune hat, oder?“ Aelias eben noch gute Stimmung bekam einen merklichen Dämpfer. Sie sah Hagen kühl an. „An seiner Laune, die sicherlich mit seiner gebrochenen Hand zusammenhängt, ist er ganz allein schuld.“ Hagen hob die Brauen und verzog seine Lippen zu einem leichten Grinsen. „Dann kennst du Raban wohl noch nicht gut genug. Schuld sind bei ihm grundsätzlich die anderen.“ Aelia verzog den Mund. „Vielleicht sollt er dann lernen, seine Hände bei sich zu behalten.“ Jetzt lachte Hagen leise. „Wenn du ihm das beibringen willst, wünsch ich dir viel Glück.“ Aelia hatte dem Hin und Her zwischen den beiden schweigend zugehört, wobei ihr spätestens bei Hagens entschiedenem „Raban wartet“ klar wurde, dass aus ihrem gemeinsamen Besuch im Badehaus nichts mehr werden würde. Ein wenig enttäuschte sie das schon, doch daran ließ sich offenbar nichts ändern. Sie trat noch einmal zu Doréan, legte ihm kurz eine Hand an den Arm und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Mehr Zärtlichkeit wollte sie vor Hagen nicht mit ihm austauschen, auch wenn sie Doréan nur ungern ausgerechnet zu Raban ziehen ließ. „Dann geh ich eben allein“, sagte sie schließlich. „Vielleicht kannst du ja nachkommen. Bis später, Réan.“, sagte sie leise. Dann trat sie zurück und ließ ihn gehen. Aelia sah den beiden noch einen Moment nach, bis sie zwischen den Häusern verschwanden. Dann wandte sie sich um und setzte ihren Weg fort. Allerdings kam sie nicht weit. Nach einigen Schritten verlangsamte sie ihren Gang, bis sie schließlich ganz stehen blieb. Vor ihr führte die Straße weiter in jene Richtung, in der das Badehaus lag. Eigentlich hatte sie sich bereits darauf gefreut. Warmes Wasser, saubere Haare und eine Gelegenheit, den Geruch der letzten Tage endlich gründlich von der Haut zu bekommen, klangen noch immer ausgesprochen verlockend. Aelia betrachtete nachdenklich das Ende der Straße. Dann drehte sie den Kopf und sah zurück. Eine ganze Weile stand sie so da, als lägen zu beiden Seiten gleichermaßen gewichtige Gründe, ehe sich ihre Stirn plötzlich glättete. Das Badehaus lief ihr nicht davon. Und wenn Doréan schon nicht mitkommen konnte, gab es etwas anderes, das sie längst hatte erledigen wollen. Etwas, das sie beinahe vergessen hätte. Aelia machte auf dem Absatz kehrt. Statt weiter in Richtung Badehaus zu gehen, lief sie denselben Weg zurück, den sie eben erst mit Doréan gekommen war. Ihre Schritte wurden rascher, sobald der Entschluss gefasst war. Sie kannte den Weg inzwischen gut genug, um nicht lange überlegen zu müssen, und nach einiger Zeit tauchte zwischen den vertrauten Häuserfronten schließlich der Laden auf, den sie gesucht hatte. Meister Aralians Kräuterladen.
„Meister Aralian – Kräuter und Drogen aus aller Herren Länder“ stand in kunstvoll geschwungenen Lettern auf dem Schild über der Tür, was Aelia freilich ebenso wenig lesen konnte wie jede andere Aufschrift in der Stadt. Dass sie trotzdem vor dem richtigen Laden stand, verriet ihr einerseits das große Kräuterbukett, das jemand vor vielen Jahren auf die Fassade gemalt hatte. Wind, Regen und Sonne hatten ihm zugesetzt; die Farben waren stumpf geworden und blätterten an manchen Stellen vom Putz, doch noch immer ließen sich die verschiedenen Blätter, Blüten und Wurzeln erkennen. Und andererseits die Tatsache, dass sie schon einmal in dem Laden gewesen war. Überhaupt wirkte das Haus wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der das Graue Viertel noch nicht grau gewesen war, sondern einfach ein gewöhnlicher Teil Oshkïrs. Die Fenster waren größer als die der meisten umliegenden Häuser, die Einfassung der Tür zeigte unter Schmutz und Alter noch Spuren einstiger Verzierungen, und selbst das verblichene Bild an der Wand verriet, dass sich hier einmal jemand Mühe gegeben hatte, eine gewisse Liebe zum Detail und in dem was er tat, auszudrücken, aber natürlich auch, um Kundschaft anzulocken.
Aelia drückte die Tür auf und trat ein. Der vertraute Geruch empfing sie noch bevor Meister Aralian sich aus seinem Lehnstuhl erhob. Der Duft von getrockneten Kräutern, Wurzeln, Harzen und allerlei Dingen, die sie nicht benennen konnte da sie sie nicht kannte, vermischten sich mit dem Duft von Holz und jener herben Süße, deren Ursprung irgendwo in den zahllosen Dosen und Gefäßen verborgen sein musste. Meister Aralian saß hinter seinem Tisch. Der kleine, bucklige Mann schien selbst beinahe zum Inventar seines Ladens zu gehören. Die dicke Sehhilfe saß ihm auf der Nase, und als er beim Klang der Tür den Kopf hob, blickte er Aelia zunächst an, ohne dass sich in seinem Gesicht ein Zeichen des Wiedererkennens zeigte. Er nahm die Sehhilfe von der Nase und legte das Buch beiseite in dem er geblättert hatte, bevor er an die Budel herantrat. „Guten Tag, junges Fräulein. Wie kann ich dienen?“ Aelia musste lächeln. Offenbar erinnerte er sich tatsächlich nicht an sie, obwohl ihr letzter Besuch noch gar nicht lange zurücklag. Sie war kaum einige Schritte nähergekommen, als sein Blick auf die Lochmünze fiel, die an ihrem Hals über dem Ausschnitt lag. „Ah!“ Aralians Gesicht hellte sich jetzt auf. „Die junge Frau mit der Münze.“ Aelia sah an sich hinunter und nahm die geschwärzte Silbermünze zwischen zwei Finger. „An die könnt Ihr Euch erinnern, aber an mich nicht?“ „Jetzt erinnere ich mich doch an dich.“ „Wegen der Münze.“ Er lächelte ergeben und senkte kurz den Kopf. „Sie hat meinem Gedächtnis lediglich ein wenig auf die Sprünge geholfen.“ Aelia schüttelte amüsiert den Kopf und ließ die Lochmünze wieder gegen ihre Brust sinken. „Dann sollte ich wohl gut darauf aufpassen.“ „Das würde ich Dir ohnehin raten. Ein hübsches Stück. Und womit kann ich Dir diesmal helfen?“ Aelia trat näher an den Tisch. „Das wisst Ihr bestimmt besser als ich.“ Aralian schmunzelte. „Dann musst du mir wenigstens verraten, wo das Problem liegt.“ Ein Problem gab es eigentlich noch nicht. Und genau das sollte nach Möglichkeit so bleiben. Aelia trat näher an die Budel und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Solange sie den Gedanken nur für sich behalten hatte, war ihr die Sache ausgesprochen vernünftig vorgekommen. Nun musste sie einem alten Mann erklären, warum sie hier war, und plötzlich schien es doch ein wenig schwieriger. „Nun … ich bin mit einem Mann zusammen.“ Aralian wartete geduldig. „Und wir …“ Aelia stockte, verzog den Mund und beschloss, sich das Weitere zu sparen. „Gibt es ein Kraut, das verhindert, dass man ein Kind bekommt?“ „Eines?“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Es gibt viele.“ Aelia blinzelte. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet. „Wirklich?“ „Gewiss. Ich kann dir welche zeigen.“ Aralian schlurfte zu dem großen Regal, das beinahe die gesamte Wand hinter ihm einnahm. Aelia blieb zurück und sah sich um, während er mit den Fingern über Dosen und kleine beschriftete Kästchen fuhr. Zahllose Säckchen, Bündel und Gefäße standen dort dicht an dicht; manches war sorgfältig verschnürt, anderes steckte in Töpfen oder Blechdosen, und von den Balken hingen getrocknete Pflanzen kopfüber herab. Der Geruch des Ladens weckte nun eine Erinnerung, die Aelia beim Eintreten nur vage verspürt hatte. Ihre Mutter hatte ebenfalls Kräuter gesammelt. Natürlich nicht solche Mengen und schon gar keine seltenen Pflanzen aus allen möglichen Ländern. Es waren die gewöhnlichen Dinge gewesen, die um Weidenau wuchsen und nichts kosteten, wenn man wusste, wo man suchen musste. Ihre Mutter hatte sie in Bündeln getrocknet, dicke Kräutersude für ihre Seifen daraus gekocht und einen kleinen Vorrat für die Hausapotheke zurückbehalten. Einen Arzt hatten sie sich ohnehin nicht leisten können. Gegen Bauchweh gab es Kräuter, gegen Husten ebenfalls, gegen kleine Wunden, Fieber und manches andere, was sich behandeln ließ, ohne dafür Geld auszugeben. Aelia hatte lange nicht mehr daran gedacht. „Da haben wir ihn.“ Aralians Stimme holte sie zurück. Er kam mit einer großen Holzdose zu ihr und nahm den Deckel ab. Darin lagen unscheinbare, hellbraune Wurzelstücke. Er hielt Aelia die Dose hin, und sie beugte sich neugierig darüber. Viel zu riechen gab es nicht und das schien man ihrer Miene auch anzusehen. Aralian lachte leise. „Enttäuscht?“ Aelia hob den Kopf. „Du hast etwas Eindrucksvolleres erwartet“, stellte er fest. „Einen abscheulichen Gestank vielleicht? Oder wenigstens etwas, das so riecht, als könnte es im Leib einer Frau allerhand anrichten.“ Ertappt grinste Aelia. „Was ist das?“ „Mondwurz.“ Diesmal erkannte sie den Namen sofort. „Den kenn ich. Aber ich dachte, der kann gar nichts.“ Aralian hob eine Braue. „Also … nichts Heilsames“, verbesserte Aelia sich. „Man sagt doch, das sei nur eine Aberglaubenspflanze.“ „Das sagt man tatsächlich.“ Er nahm eines der Wurzelstücke zwischen die Finger und betrachtete es, als hätte es ihn gekränkt, dass man der Pflanze so wenig zutraute.“ Aelia sah wieder in die Dose. „Warum heißt er eigentlich Mondwurz?“ „Wegen seiner Blätter. Bei Nacht werfen sie selbst schwaches Mondlicht zurück. Auf einer offenen Heide kann man die Pflanzen bei vollem Mond schon von Weitem erkennen. Mein Meister hat mich als jungen Mann einmal über die Heiden Paltorias geführt. Eine ganze Senke voller Mondwurz. Ich habe so etwas später nie wieder gesehen.“ Er schwieg kurz. „Die alten Kräuterkundigen sahen darin ein Zeichen. Der Mond galt seit jeher als eng mit dem weiblichen Leib verbunden, also suchten sie unter den Pflanzen, die sein Zeichen trugen, nach solchen, die auf Empfängnis, Blutung und Geburt wirkten.“ Aelia betrachtete die Wurzel skeptisch. „Und deshalb verhindert die da Kinder?“ Aralian schmunzelte. „Nein. Deshalb haben sie angefangen, es mit ihr zu versuchen. Dass sie tatsächlich wirkt, haben ihnen die Frauen gesagt, die sie genommen haben.“ Das leuchtete Aelia schon wesentlich eher ein. „Das ist Signaturenlehre“, erklärte er. „Sie kann einem zeigen, wo man suchen sollte. Ob man dort auch findet, was man vermutet, muss die Erfahrung lehren.“ Er warf das Wurzelstück wieder in die Dose zurück. „Viel von diesem Wissen ist verloren gegangen. Noch mehr liegt in Büchern, die kaum jemand zu Gesicht bekommt. Ein Jammer, wenn du mich fragst. Wissen nützt niemandem, wenn man es einsperrt.“ Seine Stimme war ruhiger geworden. „Gerade dieses hier nicht. Wie viele Frauen bekommen Kinder, die sie nicht bekommen wollten? Wie viele Dirnen werden schwanger, obwohl sie alles versucht haben, um es zu verhindern? Und wenn das Kind erst einmal da ist…“ Aralian schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe erlebt, was Frauen sich antun, um eine Schwangerschaft wieder loszuwerden. Manche überleben es nicht. Andere überleben es und tragen den Schaden trotzdem für den Rest ihres Lebens.“ Aelia war das Lächeln vergangen. „Wie muss ich den Mondwurz nehmen?“ Aralian schob die Dose ein Stück näher zu sich. „Die Wurzel enthält die meiste Kraft. Man kann ein kleines Stück davon auskochen und den Sud trinken. Einfacher ist eine Tinktur. Dafür lässt man Wurzeln einige Tage in starkem Schnaps ziehen. Von einer ordentlich angesetzten Tinktur genügt ein kleiner Löffel voll. Die Wirkung hält gewöhnlich etwa eine Woche.“ Eine ganze Woche. Das klang beinahe zu einfach. „Und das funktioniert wirklich?“ „Meistens.“ Aelia verzog das Gesicht. „Meistens?“ „Wenn Du nach vollkommener Gewissheit suchst, junges Fräulein, bist du in der Kräuterkunde falsch.“ Aralian setzte den Deckel auf die Dose. „Aber richtig bereitet und richtig genommen ist Mondwurz eines der zuverlässigsten Mittel, die ich kenne.“ Das genügte ihr zu wissen. „Jedoch …“ Aralian hob den Zeigefinger. Natürlich kam ein Jedoch. „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Und mehr hilft nicht mehr, nur weil man größere Angst vor einem Kind hat.“ Aelia sah ihn aufmerksam an. „Zu viel Mondwurz bringt das Blut durcheinander. Manche Frauen bekommen Krämpfe, andere bluten länger oder stärker als gewöhnlich. Bei zu hoher Dosis kann eine Frau so viel Blut verlieren, dass es gefährlich wird. Wer ihn über lange Zeit falsch anwendet, kann seinem Leib dauerhaften Schaden zufügen und irgendwann womöglich überhaupt kein Kind mehr empfangen.“ Letzteres klang in Aelias Ohren nicht annähernd so erschreckend, wie Meister Aralian es vermutlich beabsichtigt hatte. „Aber das wäre ja gut?“ Der Alte musterte sie über seine Sehhilfe hinweg. Aelia hob unschuldig die Brauen. „Du bist noch sehr jung“, sagte er schließlich. „Was Dir heute wie ein geringer Preis vorkommt, kann Dich in zehn oder zwanzig Jahren bitter reuen.“ Aelia bezweifelte das. Sie wollte keine Kinder. Sie hatte noch nie welche gewollt, und die Aussicht, irgendwann einen dicken Bauch vor sich herzutragen, ein Kind unter Schmerzen zur Welt zu bringen und anschließend jahrelang dafür verantwortlich zu sein, erschien ihr keineswegs verlockender, nur weil andere Frauen darin ihr größtes Glück sahen. Im schlimmsten Falle brachte eine Geburt eine Frau sogar unter die Erde. Aelia erschauerte bei diesem Gedanken. Aber Aralian hatte von Krämpfen und gefährlichen Blutungen gesprochen. Das überzeugte sie schon eher, sich an seine Anweisungen zu halten. „Also nur ein kleiner Schluck.“ „Nur ein kleiner Schluck“, bestätigte er. „Und nicht morgen noch einer, weil Du dem ersten nicht vertraust. Die Menge macht aus einer Arznei ein Gift.“ Aelia nickte. „Und wenn ich vielleicht schon…?“ Sie ließ den Satz offen. Aralian verstand trotzdem. „Dann hilft Dir der Mondwurz nicht. Er verhindert eine Empfängnis. Eine bestehende Schwangerschaft beendet er nicht.“ Das war gut zu wissen. „Ich kann mir nur keinen Tee kochen“, gestand Aelia nach kurzem Zögern. Ihr Blick sank dabei beinahe von selbst auf die Tischplatte. „Ich hab keine Feuerstelle.“ Aralian betrachtete sie einen Augenblick, stellte dann die Dose beiseite. „Dann koche ich Dir einen.“ Aelia hob überrascht den Kopf. „Jetzt?“ „Wenn Du ein wenig Zeit hast.“ Zeit hatte sie reichlich. Während Aralian Wasser aufsetzte und die Wurzel vorbereitete, begann er zu erzählen. Erst vom Mondwurz, dann von anderen Pflanzen, die damit nichts mehr zu tun hatten, und Aelia hörte ihm mit wachsendem Interesse zu. Je länger sie zuhörte, desto unbegreiflicher wurde ihr, weshalb dieser Mann mit all seinem Wissen nicht längst ein Vermögen verdient hatte. Allein der Mondwurz! Wenn sich unter den Dirnen im Grauen Viertel herumsprach, dass ein kleiner Schluck genügte, um eine Woche lang keine Angst vor einem Kind haben zu müssen, würden sie ihm doch die Tür einrennen. Und wer wusste schon, was sich in den zahllosen Dosen und Säckchen ringsum noch verbarg? Aralian hätte wahrscheinlich aus der Hälfte seines Ladens klingende Münze machen können. Als Aelia vorsichtig nach dem Preis fragte, wurde ihr Unverständnis nur größer. Er verlangte beinahe nichts dafür. „Das könntet Ihr viel teurer verkaufen“, stellte sie fest. Aralian sah auf. „Gewiss.“ Aelia wartete. Mehr kam nicht. „Warum tut Ihr's dann nicht?“ „Weil die Frauen, die es am dringendsten brauchen, es sich dann nicht mehr leisten könnten.“ Er sagte es so beiläufig, dass Aelia zunächst glaubte, es müsse noch etwas folgen. Doch für Aralian war die Sache damit offenbar erklärt. Aelia schwieg und sah ihm zu, wie er den Sud durch ein kleines Tuch abseihte. Sie hätte vermutlich anders gerechnet. Wenn etwas begehrt war, konnte man mehr dafür verlangen. Wenn jemand es unbedingt brauchte, erst recht. So funktionierte die Welt schließlich. Meister Aralian schien davon allerdings seine ganz eigene Vorstellung zu haben. Wenig später stellte er ihr einen Becher hin und bereitete auch für sich selbst einen Tee. Was in seinem Becher schwamm, wusste Aelia nicht, doch Mondwurz war es hoffentlich nicht. Der Gedanke brachte sie zum Schmunzeln. Aralian nahm ihr gegenüber Platz. „Es ist schön, mit Dir eine Tasse Tee zu trinken.“ Aelia lächelte und wollte gerade antworten, als der Alte beim Herumgehen um den Tisch plötzlich ins Straucheln geriet. Seine Hand fuhr nach der Tischkante. Er bekam sie zu fassen, riss dabei jedoch mehrere Blechdosen mit sich. Sie polterten zu Boden, eine rollte unter den Tisch, und ein kleines Glas kippte über die Kante und zerbrach auf den Dielen. Aelia war bereits aufgesprungen. Sie bekam Aralian am Arm zu fassen, ehe er das Gleichgewicht vollends verlor, und hielt ihn fest, bis er wieder sicher auf beiden Beinen stand. „Oje, oje.“ Er sah an sich hinunter und machte bereits Anstalten, sich nach einer der Dosen zu bücken. „Nein.“ Aelia hielt ihn kurzerhand zurück. „Bitte setzt Euch, Meister Aralian. Ich mach das schon.“ Sie bugsierte ihn zu einem der Lehnstühle und wartete, bis er tatsächlich saß, bevor sie sich um das Durcheinander kümmerte. Die Blechdosen hatten bis auf ein paar neue Dellen keinen Schaden genommen und waren zum Glück verschlossen geblieben. Anders sah es mit dem Glas aus. Zwischen den Scherben hatte sich eine dunkle Tinktur über die Dielen ergossen. Aelia sammelte zunächst vorsichtig die größeren Glasscherben auf, suchte anschließend nach den kleineren und wischte zuletzt die verschüttete Flüssigkeit weg. Erst als sie sicher war, dass niemand mehr in einen Splitter treten konnte, stellte sie die Dosen wieder an ihren Platz. Dann setzte sie sich zurück an den Tisch und nahm ihren Becher wieder in beide Hände. Der Mondwurztee war inzwischen ein wenig abgekühlt. Was Aelia nach der kleinen Aufregung gar nicht ungelegen kam.
Als Aelia sich schließlich zum Gehen erhob, griff Aralian noch einmal hinter sich ins Regal. Ohne ein Wort nahm er einen kleinen Tiegel heraus und schob ihn über den Tisch zu ihr. Aelia sah erst den Tiegel an, dann ihn. „Was ist das?“ Aralian deutete mit einem Finger auf ihr blaues Auge. „Dafür.“ Mehr sagte er nicht. Aelia nahm den Deckel ab und schnupperte vorsichtig an der Salbe. Sie roch herb nach Kräutern und ein wenig nach Fett. „Wie oft?“ „Morgens und abends dünn auftragen. Nicht ins Auge.“ „Was kostet sie?“ Aralian winkte nur ab und begann, ein wenig Ordnung auf seinem Tisch zu machen. Aelia betrachtete ihn einen Augenblick. „Danke, Meister Aralian.“ „Nichts zu danken.“ Damit schien die Sache für ihn erledigt. Aelia verließ Aralians Laden und zog die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick blieb sie davor stehen und sah die Straße hinunter. Eigentlich hätte sie diesen Weg vor einer ganzen Weile gemeinsam mit Doréan gehen wollen. Stattdessen hatte Hagen ihn eingesammelt und zum Glockenhof geschleppt, weil Raban offenbar nur mit dem Finger zu schnippen brauchte und schon hatten sämtliche Männer in seinem Umkreis zu springen. Nun, dafür konnte Aelia nichts. Und vor allem sah sie nicht ein, weshalb deshalb auch ihr eigener freier Nachmittag ins Wasser fallen sollte. Sie wandte sich nach links und ging denselben Weg zurück, den sie vorhin mit Doréan entlanggeschlendert war.
Das Badehaus war schon von weitem zu sehen. Schon von außen unterschied es sich von den meisten Gebäuden des Grauen Viertels. Es war breit und niedrig, vollständig aus Stein errichtet und beinahe etwas Wehrhaftes an sich. Wie eine Festung. Die Fassade war verwittert, an einigen Stellen geschwärzt und dort, wo einst irgendein Zierrat gewesen sein mochte, von der Witterung glattpoliert. Neben dem Badehaus standen hölzerne Verschläge, die mit großen Wachstüchern überspannt worden waren. Sie bargen eine große Latrine, welche zu Stoßzeiten bis zu einem Dutzend Menschen Platz boten, um ihren Geschäften nachzugehen. Im durchaus zweideutigen Sinne. Trotzdem war unverkennbar, dass das Gebäude aus einer Zeit stammte, in der hier mit anderem Anspruch gebaut worden war. Das Graue Viertel hatte sich um das Badehaus herum verändert; das Badehaus selbst war einfach stehen geblieben. Es war ein Relikt aus alten Zeiten. Aus einer Öffnung hoch oben unter dem Dach quoll ein dünner Schleier weißen Dampfes. Aelia ging hinein. Hinter der schweren Tür lag zunächst eine kleine Vorhalle, deren steinerner Boden von unzähligen Schuhen glatt getreten worden war. Es war merklich schwüler als draußen. Feuchtigkeit lag in der Luft, vermischt mit dem Geruch von nassem Stein, Holzrauch, Seife und etwas Krautigem, das vermutlich aus einem der hinteren Räume herüberzog. An einem gemauerten Verschlag gleich neben dem Eingang saß eine ältere Frau und kassierte den Eintritt. Über ihrem Kopf waren mehrere kleine Holztafeln angebracht, deren Bedeutung Aelia ebenso verborgen blieb wie beinahe alles Geschriebene in dieser Stadt. Glücklicherweise musste sie nichts davon lesen können. Wer zum Henker konnte im grauen Viertel schon lesen? Sie sagte, was sie wollte, bekam den Preis genannt und legte die entsprechende Münze auf den Tisch. Das Bad selbst war nicht teuer. Wer Seife, ein frisches Tuch oder irgendwelche wohlriechenden Zusätze haben wollte, bezahlte extra. Ebenso kostete es mehr, wenn man sich von einem Badeknecht oder einer Magd abschrubben, die Haare waschen oder mit Öl einreiben lassen wollte. Nichts davon wollte Aelia. Sie hatte ihre eigene Seife dabei und so beschränkte sie sich fürs Erste auf den Eintritt. Hinter der Vorhalle führte ein Durchgang in einen spartanischen Umkleideraum. An den Wänden waren breite Holzbänke, darüber befanden sich Reihen tiefer Wandnischen und hölzerner Fächer mit kleinen Türen, die mit altertümlichen Schlössern versehen waren und in den denen kleine Eisenschlüssel an einem Band steckten. Wer etwas Wertvolles bei sich trug, konnte es hier drinnen verwahren, was Aelia sehr praktisch fand. Sie suchte sich einen freien Platz auf einer der Bänke. Hier waren nur Frauen. Offenbar waren die Bereiche zum Umkleiden getrennt, auch wenn das eigentliche Bad von beiden Geschlechtern benutzt wurde. Manche Frauen waren bereits fast fertig angezogen, andere schlüpften gerade aus ihren Kleidern oder wickelten sich große, grobe Leinentücher um den Körper. Niemand schenkte Aelia besondere Aufmerksamkeit. Nacktheit schien hier ungefähr so bemerkenswert zu sein wie ein räudiger Köter an einer Straßenecke. Sie löste zunächst ihren Gürtel und legte ihn in das Fach über sich. Dann zog sie Schuhe und Strümpfe aus, stellte sie dazu und begann, ihre Kleidung abzulegen. Ihre Kleidung legte sie ordentlich zusammen und schob sie möglichst weit nach hinten in die Nische. Die kleine Flasche und den Salbentiegel von Meister Aralian stellte sie ebenso dazu, wie sie auch die Lochmünze abnahm und ganz oben auf den Kleiderhaufen legte. Dann schloss sie ab und hing sich den Schlüssel um den Hals. Erst danach nahm sie eines der bereitliegenden Leinentücher und schlug es um sich. Vom Umkleideraum gelangte sie durch einen weiteren steinernen Bogen tiefer in das Gebäude.
Die Wärme schlug ihr entgegen, feucht und schwer, und binnen weniger Atemzüge legte sie sich auf ihre Haut. Das Stimmengewirr bekam zwischen den Steinwänden einen dumpfen Widerhall. Wasser plätscherte irgendwo unablässig, hin und wieder folgte das helle Klatschen, wenn jemand ins Becken stieg. Durch den Dunst drang gedämpftes Licht aus hoch gelegenen Fensteröffnungen, die so angebracht waren, dass niemand von draußen hineinsehen konnte. Das Badehaus musste einmal prächtig gewesen sein. Davon war noch genug übrig, um es zu erkennen. Der Hauptraum war höher, als Aelia nach dem Äußeren des Gebäudes erwartet hatte. Das Becken selbst nahm einen beträchtlichen Teil des Raumes ein. Drei breite Steinstufen führten ins trübe, dampfende Wasser hinab. Entlang des Randes waren steinerne Sitzflächen eingelassen, sodass man bis zu den Schultern im Wasser sitzen konnte, ohne ständig stehen zu müssen. In einer Wand mündete ein steinerner Wasserspeier, aus dessen weit geöffnetem Maul beständig warmes Wasser in das Becken rann. An der gegenüberliegenden Seite verschwand überschüssiges Wasser durch eine Rinne im Boden. Das Wasser war warm und hatte einen eigentümlichen Geruch. Unter dem Geruch von Seife und feuchtem Stein lag unverkennbar der Geruch von Rauch. Wahrscheinlich gab es hinter dem Bad einen eigenen großen Kessel, der von Badeknechten gefüttert wurde. Der heiße Dampf wurde von dort in den Baderaum geleitet. Das war weniger wundersam als die alten Geschichten von Badehäusern, deren Fußböden selbst geheizt wurden, aber immer noch ein Luxus, den sich in Weidenau niemand hätte vorstellen können.
Das große Becken war auch nicht alles. Durch weitere Bögen konnte Aelia zwei weitere, deutlich kleinere Räume erkennen. Einer war deutlich heißer; der Dampf darin war so dicht, dass die Menschen nur schemenhaft zu erkennen waren. In einem anderen standen kleinere Steinbecken mit kühlerem Wasser. Es war ein Waschraum mit niedrigen Hockern, Schüsseln und Eimern, wo man sich zunächst den Schmutz vom Körper schrubben konnte, bevor man ins gemeinsame Wasser stieg. Wer bezahlen wollte, ließ diese Arbeit erledigen. Wer nicht bezahlen wollte, bekam Wasser und erledigte sie selbst. Aelia entschied sich für Letzteres. Sie setzte sich auf einen der niedrigen Hocker und begann, sich mit warmem Wasser und der duftenden Seife den Schmutz der letzten Tage von der Haut zu waschen. Nur an ihren Rücken kam sie schlecht heran. Nach einigen unbeholfenen Versuchen ließ sie den Arm sinken und dachte unwillkürlich an Doréan. Der hätte ihr jetzt den Rücken einseifen können. Und sie seinen. Die Vorstellung gefiel ihr. Vielleicht ein wenig zu gut, denn kaum hatte sie an Doréan gedacht, der nackt neben ihr saß, so blieb es in ihrer Vorstellung nicht lange beim gegenseitigen Waschen. Aelia biss sich auf die Unterlippe, während ihr Blick wie von selbst zu den kleinen, etwas abgeschiedeneren Waschplätzen wanderte. Wie leicht man dort vergessen konnte, weshalb man ursprünglich hergekommen war, musste man wohl niemand erklären. Wärme stieg ihr ins Gesicht, die ausnahmsweise nichts mit dem heißen Wasser zu tun hatte. Verdammt. Jetzt fehlte er ihr erst recht. Schließlich wusch sie sich noch ihr Haar, spülte den Schaum von Haut und Haar und wrang schließlich ihre nassen Haare aus. Erst dann ging sie zum großen Becken. An der obersten Stufe blieb sie kurz stehen. Das Wasser schimmerte dunkel unter dem Dampf. Stimmen hallten durch das Gewölbe, eine Gruppe Menschen saß im Wasser die sich eine Menge zu erzählen hatte. Sie saßen ringförmig im Wasser und plapperten laut durcheinander, und von der Oberfläche stieg eine angenehme Wärme auf, die ihr über Beine und Bauch strich. Sie dachte erneut an Doréan, der jetzt bei ihr hätte sein sollen. Stattdessen war er beim Glockenhof, weil Raban gepfiffen hatte und er springen musste. Allein der Gedanke ließ Aelia wieder missmutig den Mund verziehen. Erst hatte dieser Kerl sie begrapscht, sich dafür eine gebrochene Hand eingefangen, und nun pfiff er nach Doréan, als hätte der nichts Besseres zu tun, als zu springen, sobald Raban etwas von ihm wollte. Anstatt bei ihr zu sein. Und das war Rabans Schuld. Sie kam nicht umhin festzustellen, dass sie diesen Kerl immer mehr Scheiße fand. Das Tuch, welches sie um ihren nackten Leib geschlungen hatte abzulegen kostete sie dennoch einen kurzen Augenblick Überwindung. Aelia wusste zwar, dass hier niemand etwas dabei fand, splitterfasernackt herumzulaufen, doch das hieß noch lange nicht, dass sie sich dabei ebenso unbefangen fühlte. Sie strich beinahe unwillkürlich über den kleinen Schlüssel, der an einem Band um ihren Hals hing, ehe sie das Tuch zusammengeknüllt am Beckenrand zurückließ und die erste Stufe hinunterstieg. Die Wärme umschloss ihre Füße. Noch eine Stufe. Dann die dritte. Aelia ließ sich bis zu den Schultern ins Wasser gleiten, lehnte sich gegen den warmen Steinrand und schloss für einen Moment die Augen.
Herz in Flammen ❖
20.08.2023 '18:30 [7.117 Wörter]
 oréan hielt die kleine, rote Murmel in der Hand und betrachtete sie mit einem angenehmen Gefühl in der Brust. Aelias Worte schwangen durch seinen Kopf. »Ich liebe dich, Doréan.« Er hob den Kopf und sah Aelia daraufhin mit großen Augen an. Zu behaupten, er wäre überwältigt, wäre übertrieben. Doréan hatte ihre Worte und die Geste dahinter verstanden. Sehr gut sogar. Doch während die Worte in sein Bewusstsein drangen, wusste sein Verstand nicht damit umzugehen. Noch nie in seinem Leben hatte jemand solche Worte zu ihm gesagt. Er hatte weder erfahren, noch bei anderen Menschen gesehen, wie Menschen echte Liebe empfanden oder diese miteinander teilten. Er sah erneut auf die rote Murmel und ein stoisches, beinahe verunsichertes Lächeln zog sich über sein Gesicht. Nicht weil er nichts empfand. Auch nicht, weil er Aelias Worten nicht die richtige Bedeutung beimessen konnte. Ihm fehlte einfach etwas, dass ihm nie erklärt, nie gelehrt oder vorgelebt worden war. Er war in einer Welt aufgewachsen, umgeben von Falschheit, Lügen und Käuflichkeit. Die Huren empfanden keine Liebe. Weder zu ihren Freiern noch zueinander. Die einzige Person, welche Doréan jemals etwas vergleichbares wie Liebe entgegengebracht hatte, war seine Mutter gewesen. Doch er konnte sich kaum noch an sie erinnern. Zwar hatte die prägende Bindung sich tief in sein Unterbewusstsein gebrannt. Doch Aelias Worte trafen Doréan wie ein Tropfen auf einem kalten Stein. Sie verdampften nicht. Sie perlten einfach an ihm ab und hinterließen lediglich eine dünne, feuchte Spur, welche langsam vom Stein aufgesogen wurde.
Das Vorhandensein eines Gefühls und das Bedürfnis oder die Fähigkeit, es verbal auszudrücken, waren zwei verschiedene Dinge. Bei Doréan konnte man dies eine emotionale Verkrüppelung nennen. Ihm fehlten die Worte. Nicht weil er nicht wusste was Liebe bedeutete. Er kannte das Wort. Doch er hatte keine Erinnerungen oder Erfahrungen um diesen Worten die richtige Wertung zu verleihen. Doch eines wusste er, dass diese Worte etwas Besonderes waren. Schon allein, dass sie ihm noch niemand jemals gesagt hatte. Er hob erneut den Blick zu Aelia und sein, beinahe verkrampftes, freundliches Lächeln wirkte wie eine groteske Maske. Nicht unehrlich. Eher unerfahren. Er kannte Liebe vor allem in einer beschädigten Form. Seine Mutter hat ihn geliebt, aber selbst diese Liebe existierte in einer Welt aus Armut, Prostitution, Gewalt und der ständigen Furcht vor einem Leben in Knechtschaft. Andere Frauen hatte er geliebt, aber nur auf eine körperliche Weise, ohne echte Gefühle dahinter. Nach dem Tod seiner Mutter hatten die Dirnen ihn keine Liebe gelehrt. Keine Liebe die mit wahrer Liebe vergleichbar war. Diese Frauen prägten ihn mit ihren Werten. Lehrten ihn, ohne es benannt zu haben, seinen Kodex. Sie gaben ihm moralische Werte. In einer gewissen Form war das auch eine Art von Liebe gewesen. Wenn auch mit einem gewissen Eigennutz. Doréans Form von Liebe waren keine Worte. Es waren Taten. Ein Schwur, niemals gegen eine Frau die Hand zu erheben. Er schenkte Aelia Dinge die von Wert oder Bedeutung waren. Diese silberne Münze, einen Löwenzahn der am Straßenrand wuchs. Ein Lächeln. Seine Nähe. Er zeigte ihr Dinge aus seiner Welt. Er versuchte sie zu schützen und davor zu bewahren in seine Welt zu geraten. Wohlwissend, dass er sie niemals davor bewahren konnte. Sie war längst ein Teil davon geworden. Um Aelia schützen zu können, müsste er sie aus seinem Leben ziehen lassen. Doch das konnte er nicht. War dies seine Art von Liebe? Eine Abhängigkeit. Ein Gefühl, dass ihn zu dieser Frau zog und allein der Gedanke daran sie zu verlieren ihn in ein tiefes Loch stürzen würde?
Er ließ die Murmel zwischen Daumen und Zeigefinger immer wieder hin und her rollen und lächelte dann etwas verwegener. »Ist dir das Geschichte genug?« Doréans Blicke hafteten sich wieder auf die Murmel und er nickte. »Klingt schön.«, murmelte er und ließ dann die kleine, rote Kugel zu den anderen Murmeln in seinem Beutel verschwinden. Ein dunkler Ort voller schwarzer Wachen und grauen Gaunern. Nun lag sie da. Die zweite rote Dirnenmurmel die er besaß. Doch während die eine nur eine gewöhnliche Dirnenmurmel war, so war Aelias Murmel etwas gänzlich anderes. Eine Herzmurmel. Der Wert dieser Murmel war weit mehr als nur die einer Dirne. Doréan wusste, dass er diese Murmel niemals als eine gewöhnliche Dirne würde spielen können oder wollen. Aber in dem Beutel lauerte noch eine andere Murmel. Eine Dunkle. Der Gossenfänger. Es war beinahe wie ein spöttischer Hohn des Universums, dass Aelias Liebe nun an eine Murmel gebunden worden war, die nichts anderes als eine Dirne war. Da hob er wieder den Kopf und schüttelte diese Gedanken von sich. »Eine schöne Geschichte. Es freut mich, deine Murmel mein Eigen zu nennen…und auch Dich, mein Liebchen.« Er biss sich auf die Unterlippe. Aelia hatte ihm ihre Liebe gestanden. Doch er fand nur Worte für diese dämliche Murmel. Ich liebe dich auch. Es waren so einfache Worte. Doch er brachte sie nicht über die Lippen. Sie kamen ihm nicht einmal in den Sinn. Stattdessen sah er Aelia immer wieder nur in die Augen und lächelte dabei wie ein betretener Köter. Ein Straßenköter, der er nun einmal war. Aelia wartete natürlich. Vielleicht nicht bewusst oder gezielt. Doch wenn man solche Worte aussprach, dann kam normalerweise eine Gegenreaktion. Eine Bestätigung. Oder eine Ablehnung. Irgendetwas. Denn sie hatte gerade ihre verdammte Brust geöffnet und ihr schlagendes Herz herausgeholt um es Doréan, in Form dieser roten Murmel, zu überreichen. Zu schenken. Doréan merkte irgendwann durchaus, dass hier offenbar noch etwas von ihm erwartet wurde. Er lächelte verlegen und rieb sich mit der Hand über den Hinterkopf. »Also…dass du mich magst, ist mir schon aufgefallen.« Aelia hob eine Augenbraue und rang sich ein Lächeln ab. Man konnte nicht sagen ob sie gekränkt oder wirklich belustigt war. Wäre Ronïa hier gewesen, hätte sie Doréan vermutlich die härteste Schelle seines Lebens verpasst und ihn einen verfluchten, dämlichen Holzkopf genannt. Doch Ronïa war nicht hier. Doréan war ganz alleine und stand vor dieser Frau, für die sein Herz so stark schlug, dass es beinahe von selbst aus der Brust springen wollte. »Ich…«, murmelte Doréan. »…hab nich's, dass ich dir für die Murmel geben könnte. Aber ich werd' sie hüten, als ob sie ein Teil deines Herzens wär.« Er biss sich wieder auf die Lippen. Eigentlich hatte er ihr doch so etwas schon längst geschenkt. Die silberne Lochmünze, die sie um den Hals trug. Was für ein dämlicher Spruch das doch war! Er schüttelte innerlich den Kopf und zwang sich zu einem ehrlichen Lächeln. Doch wegen ihm trug sie auch eine gänzlich andere Zierde. »Ich hab' dich auch sehr lieb, mein Liebchen.« Um der unangenehmen Situation endlich Herr zu werden, schloss er Aelia daraufhin einfach in die Arme. Er hob seine Hand zu ihrem Kinn und zwang Aelia, mit sanftem Nachdruck, den Kopf zu heben. Er betrachtete sie eine Weile und ihre Blicke schienen regelrecht miteinander zu verschmelzen. Und dann schloss Doréan einfach die Augen und legte seine Lippen auf die ihren. Das war doch auch ein Liebesbeweis, oder nicht?
Doréan rannte durch die engen Hundsgassen. Seine Schritte hallten von den Wänden wider und während er rannte, da vernahm er das verräterische Klacken der Murmeln in seiner Tasche. Immer wieder. Klack, klick, klack. Sofort erinnerte er sich wieder an die rote Murmel, die inmitten all der schwarzen, grauen und der dunklen Gossenfänger Murmel in ihrem Beutel hin und her sprangen. Und natürlich kamen ihm unweigerlich auch Aelias Worte in den Sinn. Er hatte sich wie ein Holzkopf, wie Ronïa es nennen würde, benommen. Seine Schritte verlangsamten sich, bis er schließlich gänzlich stehen blieb. Der Gossenfänger. Es schien beinahe, als ob er spüren konnte, wenn diese dunkle Murmel jedes Mal gegen Aelias schöne rote Murmel schlug. Und es versetzte ihm einen seltsamen Stich im Herzen. Er öffnete den Beutel und zog die schimmernde, gläserne, rote Murmel heraus. Er hob den Kopf, doch kein Sonnenlicht erreichte die dunkle Gasse. Die Hundsgassen waren eng und selbst am Mittag, wenn die Sonne im Zenit stand, erreichte ihr Licht kaum den Boden dieser engen Gassen. Aber heute war die Sonne selbst in der ganzen Stadt nicht zu sehen. Dicke, dunkle Wolken waren aufgezogen. Und die Luft war schwer und stand schwül in den engen Gassen. Die Luft wirkte wie geschwängert und statisch aufgeladen und selbst hier, in der dunklen Gasse roch es nach Regen.
Ein gestandenes Weib zog an einer Wäscheleine, die über Doréans Kopf hing. Sie zerrte die Laken und Hemden die im lauen Windzug baumelten zu sich ans Fenster. »Ein Gewitter kommt.«, brummte sie während sie Stück um Stück von der Leine zog. Eines der Wäschestücke fiel dabei von der Leine zu Boden und landete vor Doréans Füßen. Er beugte sich herab und nahm das Stück Stoff in die andere Hand, während die rote Murmel noch immer in der einen lag. »He!«, rief die Frau und beugte sich noch etwas weiter aus dem Fenster, so dass ihr Dekolleté beinahe aus dem Kleid baumelte. »Was machst du da mit meiner Unterwäsche, du Lustmolch?« Doréan hob den Kopf und verzog schnippisch den Mund. »Als ob ich deine Unterwäsche haben wollte, du schirche Arschkrampe!« Er wedelte unwirsch mit dem Ding in der Luft herum, welches so aussah, als diente es als Geschirr für zwei richtig große Murmeln. Bei diesem Gedanken hielt Doréan schließlich inne. Er zog sein Messer aus dem Gürtel und schnitt ein Stück von dem Stoff ab. Achtlos ließ er den Rest fallen und wickelte dann Aelias Murmel sorgsam in den Stofffetzen ein. Mit einem geschickten Knoten schloss er Aelias rote Murmel in den Stoff und lächelte dann zufrieden, mit dem Wissen, dass der verdammte Gossenfänger nun nicht mehr gegen diese Murmel schlagen konnte. Die Frau hingegen war überhaupt nicht erfreut, als sie das gesehen hatte. »Du Arsch! Das war mein bester Busenhalter! Weißt du eigentlich wie schwer die zu bekommen sind?« Doréan hob den Kopf und streckte ihr die Zunge entgegen. »Leck mich doch. Als ob sich noch irgendwer nach dir umdrehen würde.« Die Frau japste nach Luft und griff zu einem Wackerstein, welchen sie auf dem Fensterbrett liegen hatte, um die Wäscheleine damit zu beschweren. Mit einem polternden Krachen landete der Stein nur um Haaresbreite neben Doréan auf dem Boden, woraufhin der Gossenfloh erschrocken den Kopf einzog. »Spinnst du, du dämliche Furie? Du hast mich fast getroffen!« Die Frau hingegen keifte aufgebracht, um die Fehde noch weiter zu befeuern. »Ich wollte dich ja auch treffen, du dreckiger Straßenflegel!« Doréan hob daraufhin das Wäschestück auf und wedelte provokant damit in der Luft. »Na wart nur, du blöde Schranze!« Er zog erneut sein Messer aus dem Gürtel und stach dann willkürlich einige Löcher in den Stoff. »So, das hast du davon!« Er knüllte den Stoff zusammen und warf ihn, im hohen Bogen, über die angrenzende Mauer, direkt in einen kleinen Schweinestall. Die Schweine grunzten aufgeregt und Doréan verließ die Gasse mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht, verfolgt von weiterem, unflätigen Gezeter der Frau im Fenster.
Aelia lehnte mit geschlossenen Augen am Rand des steinernen Beckens. Das warme Wasser umfing sie, wie eine zärtliche Hand, die sie gänzlich umschloss. Das Badehaus war das einzige im grauen Viertel, welches noch ein altes, großes Becken sein Eigen nannte. Die meisten Badehäuser dieses Viertels hatten nur einen, oder mehrere, einfache, hölzerne Zuber, welche man von Hand mit zuvor erhitztem Wasser füllen musste. Während diese Badezuber meist nur Platz für höchstens zwei Personen boten, konnten in diesem Becken fast ein Dutzend Menschen sitzen. Doch dieses alte Haus, hatte ein ausgeklügeltes System einer altertümlichen Kanalisation, welche das Becken aus einer alten, schwefelhaltigen Quelle einspeiste. Viele glaubten, dass sich unter dem Becken ein alter Brennofen befand, welcher stets für angenehme Wärme und jede Menge Rauch und Dampf sorgte. Wenn man bedachte, wie teuer Feuerholz im grauen Viertel war, mutete dieses Relikt alter Tage beinahe dekadent an. Wie eine Perle in einem Pfuhl aus Scheiße und Schweinemist. Doch in Wahrheit war es die Quelle selbst, welches warmes Wasser führte. Das Wasser wurde durch Schleusen morgens in das Becken eingelassen und abends ins Meer abgelassen. Allerdings gab es einen zweiten Raum, in welchem der Dampf so dicht war, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Dieser Dampf wurde durch einen alten Ofen erzeugt, doch darin kam kein Brennholz zum Einsatz. Man nutzte Kohle, welche man in den Schlotgruben gewann. Diese Kohle spendete lange Zeit Wärme und war sehr erschwinglich. Andernfalls waren diese Öfen nur an besonderen Tagen in Betrieb, wenn die Betreiber des Badehauses genug Kohle herangeschafft hatten.
Aelia atmete zufrieden ein und sog die Luft in ihre Lungen. Obwohl die Luft von dem eigentümlichen Geruch geschwängert war, entfaltete sich eine angenehme, losgelöste Stimmung in ihr. Doch dann legten sich zwei Hände auf ihre Augen. Aelia schrak zusammen und richtete sich in dem Becken auf. Sie versuchte sich aus dem Griff des Fremden zu winden, doch dieser verstärkte nur den Griff ein wenig. »Hab ich dich gefunden, mein Liebchen.«, flötete Doréan vergnügt und drückte Aelia daraufhin einen Kuss auf die Lippen, während sie weiterhin seine Hände auf den Augen hatte. Doréan stieg zu Aelia in das Wasser, doch als er den Geruch wahrnahm, der von dem Wasser ausging, da rümpfte er die Nase. »Hier stinkts.«, stellte er mürrisch fest. »Als ob jemand einen gewaltigen Schass gelassen hätte.« Er rümpfte angewidert die Nase. Doch das Wasser selbst war klar, wenn man von den vereinzelten Luftblasen absah, die gelegentlich an die Wasseroberfläche stiegen. Rings um Doréan trübte sich das Wasser, als er immer tiefer in das Becken einsank. Aelia hob den Kopf und warf ihm daraufhin einen fragenden Blick zu. »Sag, hast du dich nicht gewaschen, bevor du ins Wasser gekommen bist?« Da hob er belustigt das Kinn. »Ist dafür nich' das Becken da? Waschen, vorm Baden?« Er begann belustigt zu gackern, doch Aelia schlug nur die Augen nieder, in der Hoffnung die anderen Anwesenden hätten davon nichts gehört.
Doréan atmete erleichtert aus. Er fühlte sich wie ein neuer Mensch. Als sie das Badehaus verließen, da umwehte ihn ein gänzlich neuer Duft. Der Geruch von Schwefel und faulen Eiern wich zunächst dem Geruch der großen Latrine, welche sich hinter dem Badehaus befand. Doch auch dieser Geruch wich einem eigenen, eigentümlichen Geruch. Die Luft war schwül und schwer. Darin lag ein feiner, metallischer Geruch, scharf, feucht und eigentümlich drückend. Beinahe elektrisierend. Die Luft stand und die geballte Wärme des Tages umfingen Aelia und Doréan, als sie auf die Straße traten. Die drückende Wärme umfing sie, wie zuvor das warme Wasser. Doch diese Wärme war unangenehm und beklemmend. Es fühlte sich seltsam schwermütig an. Beinahe melancholisch. Und zugleich war der laue Windhauch leicht belebend. Doréan hob den Kopf und sah nur graue und dunkle, fast schwarze Wolken. Ein Grollen rumorte. Es war nicht wie jenes der Wellen, die gegen die Klippen schlugen. Es war ein tieferes und dumpferes Grollen, welches sich aus weiter Ferne bis zu ihnen gewälzt hatte. Ein warmer Tropfen fiel Doréan aufs Gesicht. Dicht gefolgt von einem zweiten, der auf seine Nase fiel. Das Grollen schwoll an und ein Schlag erklang, als ob jemand mit einem gewaltigen Schwengel gegen ein altes Blech geschlagen hätte.
Und dann stürzten immer mehr Tropfen vom schwarzen Himmel. Wie warme Tränen, die aus einem schwarzen Kelch gegossen wurden. Binnen weniger Augenblicke waren Doréans Haare und Kleidung klatschnass. Das Haar klebte ihm im Gesicht und die Kleidung auf der Haut, während die warmen Tropfen langsam vom aufflauenden Wind abgekühlt wurden. »Na wunderbar.«, maulte Doréan und begann zu lachen. »Da hätten wir uns das Badehaus auch sparen können.« Er hob die Hände und legte den Kopf in den Nacken. »Eine kostenlose Regendusche!« Er gluckste erneut, während Aelia versuchte ihr frisch gewaschenes Haar vor dem Regen zu schützen.
Doch so schnell wie der Regen gekommen war, so schnell war er auch wieder verebbt. Hier und da tropfte es noch von Regenfängern oder Dachsimsen in kleine Ansammlungen von Lachen und Pfützen. Doch das Grollen hing noch immer schwer in der Luft. »Das wars noch lange nich'.«, murmelte Doréan, während er einen nachdenklichen Blick auf den schwarzen Himmel warf. Er wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht und wrang seine Kleidung aus, so gut es eben ging. Die aufgestaute Hitze des Tages war einem schwülen Dampf gewichen, der buchstäblich überall von den warmen Pflastersteinen und hölzernen Dächern aufzusteigen schien. Es roch nach nassem Holz und feuchtem Stein, nach aufgewühltem Staub und Regen, der eben erst über die Straßen gezogen war. »Wir sollten schleunigst von der Straße, denn ich fürchte, der nächste Wolkenbruch wird unerbittlich werden.«, murmelte Doréan und reichte Aelia die Hand.
Der Tag näherte sich immer mehr seinem Ende. Man konnte kaum noch sagen ob es Tag war, oder bereits Dämmerung, denn die Sonne hatte man schon seit geraumer Zeit nicht mehr unter den Wolken hervorlugen sehen. Seit dem kurzen Regenschauer hatte der Himmel immer wieder gegrollt und rumort, aber der Wolkenbruch, der sich schon seit Stunden ankündigte, war ausgeblieben. Von dem letzten Regenschauer war kaum noch etwas zu sehen. Die Steine dampften noch hier und da. Doch die Hitze des Tages und die warme Luft hatten fast alle Spuren des Regens hinfort gebrannt. Die hölzernen Dächer ächzten und das spröde Holz öffnete seine Poren um das wenige Wasser aufzusaugen, welches noch wie ein dünner Schleier in der Luft hing. Die alten Strohdächer knisterten förmlich wie Zunder, während die alten Seile und Schilder der Schenken und Handwerker im lauen Ostwind schaukelten, ächzten und quietschten.
Während sie so gingen schien Doréan innerlich zu grübeln. Er zauderte und schien mit sich zu hadern. Nun, da der Himmel so dunkel geworden war, dass man kaum noch sagen konnte ob es Tag oder Abend war, rückte der Augenblick immer näher. Raban erwartete ihn am Hafen. Aber Doréan wusste, dass Aelia für diese Nacht kein Dach über dem Kopf hatte. Und in Bertrams Stall wollte er sie nicht alleine wissen. Zudem musste er Aelia möglichst schonend beibringen, dass er bei Einbruch der Dämmerung von Raban erwartet wurde. Und da Raban klargemacht hatte, was er mit ihm anstellen würde, wenn er wieder zu spät kam, sah er auch kein Entrinnen davor. Doréan hatte keine Ahnung, was ihn am Hafen erwartete, doch vermutlich würde es nicht allzu lange dauern. Und so stromerten die beiden immer tiefer ins graue Viertel, bis der schwere Geruch von salziger Seeluft sich unter die warmen und unangenehmen Gerüche der Stadt gemischt hatte. Doréan hielt inne und warf einen Blick zum Himmel. Die schwarzen Wolken hingen drohend über ihnen, wie eine dunkle Faust, die jeden Moment auf sie niedergehen konnte. »Weißt du was, mein Liebchen?«, murmelte Doréan. »Der Scheiß Wolkenbruch kann jeden Moment zuschlagen. Wir schaffen es niemals zu meiner Stube…« In Bertrams Stall. Er hatte ja nicht einmal einen Ofen, um die Kleidung trocknen zu können. Doréan kramte in seiner Tasche und fischte die letzten Münzen, die von seiner Murmelwette übrig geblieben waren hervor und fächerte in seiner Handfläche auf. »Wir nehmen uns ein schönes Zimmer. Hier am Hafen. Mit einem Ofen. Und einem Fenster mit Hafenblick.«, schlug er vor und lächelte dabei verschwörerisch. Warum nicht das Angenehme mit dem Lästigen verbinden? So wusste Doréan Aelia in Sicherheit. In einem Haus, dessen Türen man versperren konnte. Ein Haus mit einem Kohlebecken und einem Fenster mit einer netten Aussicht auf die Schiffsmasten, die wie altertümliche Gerippe in den Himmel ragten. Einen Ort, nicht weit vom Hafen, zu dem er nach getaner Arbeit schnell zurückkehren konnte, damit Aelia nicht allzu lange alleine auf ihn warten musste. Und natürlich konnten sie die wenige Zeit, die ihnen noch verblieben war nutzen, während ihre Kleidung über dem Ofen trocknete. Die Idee gefiel ihm dabei am meisten.
Endlich von seiner Hose befreit gesellte sich ein weiterer Schatten zu jenen tanzenden Schemen der Kleidung, die vor dem Kohleofen baumelten, auf den hölzernen Wänden hinzu. Dieser Schatten tanzte nicht, sondern reckte sich nur stumm und voller Ungeduld in die Höhe. Doch Doréan schenkte den Schatten an den Wänden keinerlei Beachtung. Seine Aufmerksamkeit galt der jungen und bildschönen Frau, welche vor ihm auf dem Bett lag und ihn erwartungsvoll ansah. Er spürte ihre Blicke auf sich ruhen und ohne weitere Umschweife folgte er ihren stumm, begehrlichen Blicken hinab auf das, von Laken bedeckte, Stroh. Der stramme Schaft streifte ihre makellosen Schenkel, während er langsam über sie kam. Aelia schloss dabei, mit einem stummen Seufzer auf den Lippen, die Augen. Doréan senkte sein Haupt über Aelia hernieder und bedeckte ihren Körper mit sinnlichen, wie auch fordernden Küssen. Wobei er ein besonderes Augenmerk ihren Brüsten zu widmen schien. Seine Hände gesellten sich zu seinen Lippen und im Wechselspiel liebkosten sie Aelias Busen, während sein Gemächt immer wieder gegen ihren Unterleib stieß und um Einlass begehrte. Aelia schien es genauso wie ihm zu ergehen und dirigierte ihn langsam, aber energisch zum Ziel ihrer beider Wünsche. Doréans Herz hämmerte wie wild in seiner Brust und sein Atem hing schwer auf seinen Lippen, welcher mit jedem Kuss, den er Aelia schenkte, sich langsam auf ihren Körper niederlegte.
Er strich ihr sanft durchs Haar, während sein elfter Finger über gänzlich anderes Haar streifte. Endlich war es soweit. Ihr feuchter Schoß umfing seinen harten Pfahl und er trieb ihn langsam immer tiefer hinein, bis Aelia in einem sinnlichen Stöhnen zerfloss. Von Aelias Wonnen angespornt begann Doréan seine Hüfte zu heben und zu senken, sie langsam kreisen zu lassen und dabei immer fordernder zu werden, so dass Aelias Finger sich in seinen Körper gruben. Der Schmerz, welcher Doréan durch den Leib fuhr, trieb ihn nur noch weiter an und sein Kopf senkte sich hernieder um den Hals, den Aelia ihm soeben entblößt hatte, mit verlangenden und saugenden Küssen zu bedecken, bis sie Beiden im Spiel von Sinnlichkeit und Lust begannen miteinander zu verschmelzen.
Wenig später lag Doréan wach auf dem Bett und starrte aus dem Fenster hinaus in den dunklen Abendhimmel. Ein Gedanke hielt ihn wach, den er einfach nicht abschütteln konnte. Aelias Kopf lag auf seiner Schulter und ihre Hand hielt die seine umschlungen. Es dämmerte bereits. Doréan wusste, dass es Zeit war und seufzte resignierend. Langsam hob er Aelias Kopf um sich ihr zu entziehen, ohne sie dabei zu wecken. Doch sie hob den Kopf und öffnete, halb verschlafen die Augen. »Wohin gehst du?«, murmelte sie. Doréan biss sich auf die Unterlippe, während er den Gürtel um seine Hose zuschnallte. »Raban.« Er nickte aus dem Fenster hinaus zum Hafen. »Ich muss zum Hafen.« Aelia öffnete nun gänzlich die Augen und stützte sich auf den Ellenbogen. Ihr Busen hob sich schwach vom spärlichen Licht des Kohleofens beleuchtet und lenkte Doréans Aufmerksamkeit auf sich. Erneut biss er sich auf die Unterlippe, nur bei dem Gedanken daran jetzt gehen zu müssen. Er nickte kleinlaut. »Ich spute mich. Wird nich' lang' dauern mein Liebchen.« Er beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen flüchtigen Kuss. »Versprochen.«
Raban und Hagen erreichten den alten Kai kurz nach Doréan, welcher gelangweilt gegen ein Bündel Taue gelehnt stand. »Da seid ihr ja endlich.«, murmelte Doréan und grinste verschlagen. Raban schnaubte nur. »Jetzt bildet er sich drauf was ein, dass er einmal vor uns da war?« Hagen grinste breit und Raban beäugte Doréan mit mürrischen Blicken. »Euch wird das dämliche Grinsen noch vergehen, das wette ich.« Er trat an den Rand des Kais und das alte Holz ächzte verräterisch unter seinem Gewicht. Raban hob seinen Arm und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein Schiff, welches träge und mit gerefften Segeln am Ende des Hafens vor Anker lag. »Erinnerst du doch noch an den Kahn?«, murmelte Raban und wandte sich dann zu Doréan um. Doréan verengte die Augen zu zwei Schlitzen, doch für ihn sah diese Schaluppe aus wie jede andere auch. »Der Fisch. Dämmerts jetzt?«, brummte Raban und daraufhin nickte Doréan. Der verdammte Fisch. Wie konnte er den nur vergessen? »Du solltest Wahrsager werden.«, flachste Raban und verschränkte die Arme vor der Brust. Doréan hingegen sah ihn nur fragend an, was Raban mit einem mürrischen Schnalzen seiner Zunge quittierte. »Er hat die Warnung in den Wind geschlagen. So wie du es vermutet hattest.« Doréan zuckte mit den Achseln. »Und jetzt?« Da grinste Raban breit. »Nun bekommt er eine deutlichere Warnung.« Raban zog aus seiner Tasche, die er lässig über die Schulter trug, zwei tönerne Gefäße hervor. Eines davon reichte er an Hagen, das andere drückte er Doréan in die Hand. Im Inneren konnte Doréan das verräterische Geräusch von schwappendem Öl wahrnehmen. »Wir haben den Befehl, den Scheiß Kahn anzuzünden.«, brummte Raban und seine hellen Zähne blitzten einen Moment lang auf, als das fahle Mondlicht durch die schwarze Wolkendecke brach. Doréan wurde klamm und mulmig zumute. »Ihr Zwei.«, bestimmte Raban daraufhin. »Schleicht euch auf das Schiff. Verschüttet das Öl und steckt es in Brand. Ich werde die Taue lösen, damit das Schiff von der Strömung in das Hafenbecken gezogen wird.« Raban zog seine Pfeife aus der Tasche und begann sie zu stopfen. »Lasst euch nicht sehen. Der Hafenmeister wird zwar wissen, was Sache is. Aber wir können keine Zeugen gebrauchen, klar?« Doréan nickte und Hagen wog gedankenverloren das Tongefäß immer wieder von einer Hand in die andere, als ob ihn das ganze gar nicht großartig kümmern würde. Raban trat an eine alte Öllaterne heran und entzündete an dieser seine Pfeife, in dem er einige Male kräftige, paffende Züge tat. Der weiße Rauch umschlang Rabans Gesicht und der süßliche, herbe Duft zog Doréan und Hagen in die Nase. »Und wenn ihr eure Sache gut gemacht habt, bekommt ihr auch ein Pfeifchen.« Raban grinste breit. »Silber wär mir lieber.«, maulte Hagen, der dem Opium nichts abgewinnen konnte, woraufhin Raban genervt seufzte. »Silber gibt’s sowieso, du undankbarer Hund.«
Wenig später huschten die drei Gestalten verstohlen über die alten Kaianlagen. Ihre Schemen hoben sich immer wieder vor dem dunklen Horizont ab, obwohl sie es vermieden in den direkten Schein von Laternen zu treten, damit der Hafenmeister sie nicht erspähen konnte. Die schwere Planke bog sich unter dem Gewicht der verschwörerischen Gestalten, als sie über den alten Kai huschten. Doréan ergriff ein Tau, welches vom Schiff zu einem mächtigen, hölzernen Poller führte. Er steckte sich das Tongefäß in die Tasche und begann an dem Seil auf das Schiff zu klettern. Wenig später folgte ihm schon Hagen, während Raban im Schatten eines kleineren Bootes sie mit seinen wachenden Blicken beobachtete. Nur das schwache Glimmen seiner Pfeife verriet, dass hier überhaupt ein Mann war. Als Doréan und Hagen schließlich an Bord des Schiffes angekommen waren und kein Alarm geschlagen wurde lächelte Raban dünn. Der verdammte Kapitän wird morgen blöd schauen, wenn er zum Hafen kommt und von seinem Schiff nur noch die verbrannten Gräten aus dem Wasser ragten. Er tat einen weiteren Zug aus seiner Pfeife und stimmte ein vergnügtes Liedchen an, während er langsam zum ersten Tau trat, um dieses zu zerschneiden.
Indes huschte Hagen nach Achtern. Er hatte das Gefäß geöffnet und verschüttete auf seinem Weg ein dünnes Rinnsal an Öl. Doréan hingegen war zum Bug des Schiffes gegangen, bis er an einer großen Luke angekommen war, die in das Innere des Schiffes führte. Verstohlen sah er sich um, doch das Schiff lag leer und verlassen da, gleich einem unheimlichen Geisterschiff. Die Stufen knarrten verräterisch und Doréan hielt jedes Mal inne, als ob jedes Ächzen der Stufen eine Katastrophe heraufbeschwören könnte. Doch außer dem trägen Ächzen der Balken und dem schiefen Krächzen der Takelage und den gespannten Tauen, war nichts zu vernehmen. Doréan verschüttete schließlich den letzten Rest seines Öls auf den Stufen, die hinab in den Laderaum führten. Im Zwielicht konnte er einige herrenlose Fässer stehen sehen. Plötzlich erklang ein kratzendes Geräusch. Etwas huschte vor seinen Augen durch den Schatten und Doréans Herz machte einen Sprung. Erneut kratzte es und ein Scharren ertönte. Eine Ratte erschien im Lichtschein des fahlen Mondes. »Scheißvieh.«, brummte Doréan und schüttete den Rest seines Öls auf die Ratte, welche daraufhin aufgebracht zu quieken begann und in der Dunkelheit des Laderaums verschwand.
Als Hagen und Doréan schließlich am Hauptmast des Schiffes zusammenfanden, trug Hagen eine Fackel in der Hand. »Bereit?«, raunte Hagen und Doréan nickte entschlossen. »Alles erledigt.«, brummte der Gossenfloh. Hagen atmete tief ein und schloss die Augen. »Mach dich bereit, wie der Teufel zu rennen.« Da grinste Hagen breit und Doréan ließ sich davon anstecken. »Was zum Teufel macht ihr verfluchten Ratten auf meinem Schiff?« Doréan und Hagen zuckten erschrocken zusammen. »Scheiße!«, zischte Hagen, während seine Finger zuckten. Er musste nur noch die Fackel fallen lassen und gemeinsam mit Doréan von Deck türmen. Raban indes, der den Tumult an Deck bemerkt hatte, hielt inne. Er hob den Kopf. »Wer seid ihr zwei Scheißer?«, drang die dröhnende Stimme des Kapitäns von Deck herunter. »Ach verdammt.«, brummt Raban. »Der Hurensohn ist auf dem Schiff?« Raban erhob sich und schob sein Messer wieder in den Gürtel. Mit hastigen Schritten rannte er auf die Planke, um auf das Schiff zu gelangen. Doréan wich instinktiv zurück. Doch der Kapitän preschte heran und packte Hagen am Arm. »Was wird das hier?«, brummte der alte Seebär, bis ihm der seltsame Geruch, der in der Luft hing in die Nase drang. »Beim Klabautermann!«, blaffte er ungehalten, während er versuchte Hagen die Fackel aus der Hand zu reißen. »Die zwei können auch nichts richtig machen.« brummte Raban, als er endlich an Deck des Kahns angekommen war. Vor ihm standen die drei Männer und rangen miteinander um die flackernde Fackel. Rabans Blicke huschten über das Deck. Die verräterische, glänzende Spur von Öl schimmerte schwach im fahlen Mondlicht. Er zog einen letzten Zug aus seiner Pfeife und fachte so die letzte Glut nochmals an. Dieses Schiff würde brennen. Und wenn er dafür seine Pfeife opfern musste.
»Ihr verfickten Sanra'Jena! Ich hätte es wissen müssen.«, fluchte der Kapitän und zerrte an Hagens Arm. »Hättest du.«, brummte Raban und zog im Schritt sein Messer, um es dem Kapitän auf die Brust zu legen. Der Mann hielt inne. Sein Blick heftete sich auf die blanke Klinge. Sein Bart bebte. Doch er wich nicht einen Zoll zurück. Stattdessen ließ er Hagens Arm los und griff nach einem Seil, welches vom Masten baumelte. Ruckartig zog er daran und eine schrille Glocke begann zu läuten. »Verpisst euch.« Raban verzog grimmig den Mundwinkel. Jeden Moment würde es hier vor Nachtwachen wimmeln. »Ihr seid geliefert.« Raban schnitt eine unwirsche Grimasse und richtete drohend das Messer auf den Kapitän. Der Kapitän wischte mit der Hand durch die Luft und schlug Rabans Klinge beiseite. Doch Raban ließ sich nicht übertölpeln. Er hob sein Knie und trat dem Kapitän die Sohle seines Stiefels auf die Brust. Der Mann taumelte zurück und nach dem dritten Schritt ging sein Fuß ins Leere. Er stürzte in die offene Luke, die in den Laderaum führte. Es polterte und ein lautes, hässliches Knacken drang aus der Dunkelheit der Luke zu ihnen herauf. Doréan hastete sogleich zum Ort des Geschehens und wagte einen Blick in die Tiefe. »Scheiße.«, brummte Doréan und hob den Kopf. »Der is tot!« Raban und Hagen traten an Doréan heran und überzeugten sich nun selbst von dem Schlamassel. Der Kapitän lag am Fuß der Treppe. Sein Hals war seltsam verdreht und seine Augen starrten leer und leblos zu ihnen empor. »Na wunderbar.«, murmelte Doréan. »Den Denkzettel können wir uns jetzt wohl an den Hut stecken, was?« Er grinste breit, doch Raban fand daran gar nichts zum Lachen. »Scheiße!«, blaffte Raban. »Was machen wir denn jetzt?«, murmelte Hagen, der die Fackel noch immer in seinen zitternden Händen hielt. »Lenan wird uns den Kopf abreißen.«, murmelte Doréan, doch da schnaubte Raban. »Der Auftrag ist noch nicht zu Ende.« Da hob Doréan den Kopf und deutete auf den Toten zu ihren Füßen. »Der Kerl is mausetot!« Raban riss Hagen die Fackel aus der Hand und warf sie auf die ölige Spur. Es zischte und ein Flammenstoß schoss über die Planken, wie eine Sternschnuppe die über den Himmel raste. »Es ist zu Ende, wenn ich sage, dass es zu Ende ist.« Das Feuer begann sich auszubreiten und erste Flammen züngelten aus dem Lagerraum. »Wenn niemand seine Leiche findet, dann reißt uns auch keiner den verdammten Kopf ab, verstanden?«, murrte Raban. Hagen nickte grimmig und selbst Doréan fand an dieser grotesken Argumentation einen gewissen Hauch von Überzeugung.

Doréan trat an die Reling und starrte in die Tiefe. Eigentlich hatte er keine große Lust in das Hafenwasser zu springen, doch vermutlich war das Schiff längst zu weit weg abgetrieben. Doch als er feststellen musste, dass die Taue das Schiff eisern am Kai hielten, da hob er den Kopf. »Die Taue.«, rief er. »Die hängen ja noch!« Raban schwieg einen Moment. Doch dann sog er scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Ihr habt euren Teil verbockt, da musste ich eingreifen.« Doréans Augenlid zuckte und Hagen schwieg mit einem finsteren Glitzern in den Augen. Doréan schnappte nach Luft. »Was? Wir haben unseren verdammten Scheiß gemacht! Was hast du denn die ganze Zeit gemacht? Mit deinen Murmeln gespielt?« Raban ballte die Fäuste. Das zornige Funkeln in seinen Augen loderte noch heller als die Flammen, die bereits auf die ersten Taue der Takelage übergriffen. »Was fällt dir eigentlich ein, so mit mir zu sprechen, du kleiner Köter?«, schnauzte Raban ungehalten und baute sich drohend vor Doréan auf. Hagen, welcher wusste, wohin dies führen würde, trat nun zwischen die Beiden. Doch noch bevor die beiden darauf reagieren konnten, hob er erschrocken den Kopf. »Boss?«, murmelte Hagen, aber Raban hatte nur Augen für Doréan. Als Raban nicht reagierte, schraubte sich Hagens Stimme in die Höhe. »Boss!« Raban riss den Kopf zur Seite. »Was ist, verdammt?« Hagen hob eine Hand in die Höhe und deutete auf die Flammen. »Der Wind! Er hat sich gedreht!« Die roten Flammen züngelten an der Takelage und leckten bereits an den Tauen, welche das Schiff mit dem Kai verbanden. Doch auch das offene Feuer auf dem Achterdeck breitete sich zusehends aus. Erste Flammen sprangen bereits über den Rand des Schiffes hinweg. »Scheiße!«, rief Raban und schnappte sich eine Axt, die nahe der Taue lag. Er warf sie Hagen zu. »Los. Kapp die verdammten Taue!« Hagen rannte zum Bug des Schiffes und begann auf die Seile einzuhacken.
Raban schnappte Doréan am Kragen. »Du kommst mit, du vorlaute Krätze.« Er zerrte Doréan vom Schiff. Am Achterseil angekommen begann Raban an dem schweren Knoten zu zerren, um diesen zu lösen. Doch das Seil war unter einer so enormen Zug, dass es sich keinen Deut weit bewegte. Doréan stemmte sich dagegen, zog an dem Tau während Raban verzweifelt versuchte das Tau zu lockern. Doch das Tau stand unter enormer Spannung. Schließlich zog Raban sein Messer und begann an dem dicken Tau zu schneiden. »Los, hilf mir verdammt.«, befahl Raban mürrisch. »Das Scheißding ist verdammt zäh!« Doréan zog nun sein eigenes Messer und gemeinsam säbelten sie, als ob das Leben hunderter Menschen davon abhing an dem Tau, dass so dick war wie Doréans Arm. Hack, Hack, Hack. Sie traktierten das zähe Tau als würden sie ihren größten Feind abstechen wollen.
Als Hagen das erste Tau endlich gefällt hatte, durchging das Schiff ein Ruck. Die gleißenden Flammen sprangen in die Höhe und das Schiff bekam Schlagseite und trudelte zur Seite. Das Seil, an welchem Doréan und Raban arbeiteten surrte und zurrte. Erste Fäden rissen und zerrissen die Luft wie Peitschenhiebe. Die Fässer im Lagerraum gerieten ins Strudeln. Eines der Fässer schlug gegen die Seitenwand des Schiffes und die Dauben brachen. Dunkler Rum trat aus dem Fass aus und verteilte sich über den ganzen Lagerraum. Das Feuer leckte an dem Holz und die Dämpfe des Alkohols füllten langsam den Raum. Wie ein brennender Wasserfall, fraß sich die Feuerzunge Stufe um Stufe immer tiefer in den Lagerraum hinab. Ein neuerlicher Ruck ging durch das Schiff, als Raban und Doréan endlich das letzte Tau durchtrennt hatten. Das Feuer und der Alkohol kamen sich einander so nahe, dass die Dämpfe des Alkohols vom heißen Atem der Flammen geküsst wurden. Die Luft begann zu flirren und zu flimmern. Und dann züngelte ein bläulicher Blitz. Die Flamme breitete sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit zu einem großen Geflecht aus. Einige Fässer barsten und mit jedem Fass, dass sich unter dem Druck öffnete, wurde immer mehr Rum freigesetzt, bis die ersten Planken und Dielen des Schiffes unter der Hitzewelle des Brandes nachgaben. Ein ohrenbetäubender Knall ließ die Männer hochschrecken, als eine Kaskade an brennenden Holztrümmern aus dem Bauch des Schiffes geschleudert wurden. Die brennende Takelage zerriss unter einem noch lauteren Peitschenhieb und brennendes Segeltuch trieb durch die Lüfte. Die Flammen erreichten die Plankenburgen und Pfahlbauten am Rand der Ascherinne. Die alten, hölzernen Dächer waren trocken wie Zunder und das Feuer breitete sich schlagartig aus. »Scheiße!« »Die Stadt brennt!« Alarmglocken erschallten. Menschen riefen in Panik und inmitten des ganzen Chaos standen die drei Männer die nur hilflos dabei zusehen konnten, wie das Feuer sich immer weiter ausbreitete. »Zu spät.«, fluchte Raban. »Wenn du die Taue gleich gekappt hättest, wär der Kahn längst draußen.«, blaffte Doréan ungehalten. »Hättest du nicht rumgebrüllt, wär der Arsch gar nicht hochgekommen!« Doréan schüttelte genervt den Kopf. »Ich hab' ihn nich' durch die Luke geprügelt, verdammt nochmal!«
Erneut drehte sich der Wind. Die Flammen wurden hin und her getragen, wie brennende Blätter im Wind. Ein glosendes Holzstück landete auf dem Dach einer alten Mietskaserne. Das Feuer breitete sich wütend aus auf das nächste Haus. Ein altes, schmuckes Gasthaus mit Zimmern die einen Ausblick auf die Hafenbucht boten. Doréan starrte ungläubig auf das Feuer, welches sich auf seinen Augen widerspiegelte. »Aelia…« Ihm stockte der Atem, während das Inferno sich immer weiter ausbreitete. Ein verirrtes, glosendes Segeltuch landete auf dem Dach eines Lagerhauses. Die trockenen Holzschindeln begannen zu schwelen. Dichtem, schwarzen Rauch folgte bald ein roter Schein. Als Raban dies erkannte, da biss er die Zähne zusammen. Lenan würde ihm den Schädel abreißen und alle anderen in den Hals pissen lassen. Ihm wurde flau im Magen und ein kalter Schauer überkam ihn, trotz der wallenden Hitze, die ihn überall umgab. »Das ist alles deine Schuld, du Köter!« Da starrte Doréan Raban entgeistert an. »Meine Schuld?« In Raban überschlugen sich die Gedanken. Der Kapitän war doch nur gekommen, weil Doréan herumgebrüllt habe. Die Taue habe Raban nicht lösen können, weil er wegen Doréan und Hagen an Bord kommen musste. Lenan habe ihn schon im Haarigen Bären wegen Doréan gedemütigt, und nun stand eines seiner Lagerhäuser in lichterlohen Flammen. Seit dieses verdammte Mädchen da in sein Leben getreten war, mache Doréan nur noch Schwierigkeiten. »Sieh dir doch diese Scheiße an! Es is ein absolutes Fiasko! Und jetzt darf ich wieder den Kopf hinhalten. Wegen dir und deiner kleinen Schlampe!« Doréans Mundwinkel zuckten zornig. Er ballte die Fäuste und seine Blicke wurden von einem tiefen Groll erfüllt. »Aelia is' keine Schlampe, du…« Rabans Augenlid zuckte. Sein Mundwinkel verzog sich zu einer schiefen Grimasse. Ein toter Kapitän. Ein paar brennende Bretterburgen. Das war ein Problem, aber nichts, was Raban nicht wieder gradebiegen konnte. Aber die Stadt? Und Lenans Lager? Er wusste, dass er tief in der Scheiße saß. Er brauchte einen Sündenbock. Und da blitzte es in Rabans Augen. Direkt vor ihm stand er. Doréan. »Du bist an allem Schuld. Du hast den Auftrag verbockt. Wegen dir brennt die halbe Stadt.« Doréan japste hörbar nach Luft. »Lenan wird uns den Kopf abreißen.«, murmelte Raban nachdenklich und trat einen Schritt vor Doréan zurück. »Aber Lenan wird nichts davon erfahren, ich springe nicht wegen euch über die Klinge.« Doréan sah Raban mit einem verwirrten Blick an. »Er wird meine Geschichte hören. Nicht deine.« Raban hob eine hölzerne Planke auf und fegte damit unvermittelt durch die Luft. Das kantige Holz traf Doréan an der Schläfe und er taumelte rücklings. »Du und deine kleine Schlampe. Ihr seid an allem Schuld.«, zischte Raban und versetzte Doréan einen Tritt. Doréan stürzte ins schwarze Wasser. Doréans Hand griff nach dem zerfetzten Tau. Sein Kopf hämmerte und sein benommener Verstand wurde augenblicklich mit Adrenalin durchflutet, als die schwarzen Wassermassen ihn unbarmherzig in die Tiefe zogen. Er strampelte mit den Beinen und das Tau begann sich um seinen Körper zu schlingen. Kopfüber hing er unter Wasser, zwischen dem schwarzen Grund und dem brennenden Himmel.
Raban starrte auf die Wasseroberfläche und beobachtete die Luftblasen. Als die letzte Luftblase aufgestiegen war lächelte er zufrieden. Doch dann tauchte Doréans Kopf auf. Er hustete und spuckte das schwarze Wasser aus. Der schwarze Rauch kroch ihm in die Augen und er klammerte sich verzweifelt an dem Kai fest, während das schwere Tau und seine nasse Kleidung unerbittlich versuchten ihn wieder in die Tiefe zu ziehen. »Hilf mir.«, rief Doréan verzweifelt, als er spürte, wie ihn die Kräfte verließen. Raban starrte auf Doréan, der verzweifelt gegen die Taue, das Wasser und das Feuer, welches sich über das Schiff fraß, ankämpfte. Doch dann hob er seinen Fuß und trat Doréan auf die Finger. Der Gossenfloh glitt hinab in die Tiefe. Umschlungen vom Tau. Seine kraftlosen Finger umklammerten das Messer, während er verzweifelt versuchte das Tau zu durchtrennen, dass ihn in die Tiefe zog. Doch das Wasser kroch ihm langsam in die Lungen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Raban hob den Kopf. Aber dann erstarb sein Grinsen. An der Reling des Schiffes stand Hagen und starrte zu Raban hinab. Die Blicke der Männer kreuzten sich. Raban knirschte mit den Zähnen. »Verdammt.« raunte er zu sich selbst. Hagen hatte alles gesehen. Ihre Blicke fanden sich noch ein zweites Mal. Und dann rannte Hagen, als wäre der Leibhaftige ihm auf den Fersen.
Dichter Qualm sammelte sich über dem Wasser. Es schien, als ob das Wasser selbst brennen würde, während sich der Flammenschein in dem schwarzen Wasser spiegelte. Glocken erklangen. Schrille Schreie drangen über das schwarze Wasser. Helle Alarmglocken und die tiefe, dröhnende Glocke vom Glockenhof mischten sich in die Sinfonie des Chaos. Ein Donner erfüllte den Himmel. Ein tiefes Grollen rollte über die Dächer der Stadt.Das lodernde Schiff stand wie eine riesige Fackel auf dem schwarzen Wasser, als ein gleißender, heller Blitz durch den Nachthimmel zuckte. Das grelle Leuchten durchschnitt den schwarzen Himmel und verwandelte den brennenden Hafen für einen Herzschlag in eine grellweiße Landschaft. Für einen Moment sah man die ganze Katastrophe wie in einem einzigen grellen Standbild. Das lodernde Schiff, die brennenden Dächer, den dichten Rauch im Hafen, Menschen mit Eimern an den Kais, Funken und die Stadtwache, die verzweifelt an den Seilen der Warnglocken zogen. Funken stieben vom Schiff in den schwarzen Himmel. Doréans Hand umschloss verzweifelt das Tau, dass ihn unter Wasser hielt. Ihm war schwarz vor Augen und dann war die Nacht wieder dunkel. Nur winzige weiße und violette Funken zerfielen auf der verblassenden Spur des Blitzes und folgten ihm in das Nichts, aus dem er erschienen war. Eine trügerische Ruhe herrschte. Nur für den Moment eines angehaltenen Atems. Schließlich riss der Himmel entzwei. Das Prasseln des schweren Regens mischte sich ins Knacken des Feuers. Die dicken Tropfen schlugen auf die hölzernen Dächer wie kleine Kieselsteine. Die Wolken brachen buchstäblich auseinander und der Regen fiel in so dichten Fäden herab, dass es an einen schweren Vorhang aus Wasser erinnerte, der zum letzten Akt die Bühne verhüllte.
Die graue Prinzessin in einer feuerroten Nacht ❖
23.08.2023 '12:53 [2.976 Wörter]
 lingt schön“ sagte Doréan und ließ die rote Murmel in seinen Beutel zu den anderen gleiten. Aelia sah der roten Murmel nach, bis sie zwischen den übrigen in seinem Beutel verschwunden war. Ein kleines Lächeln lag noch auf ihren Lippen, während sie ihn ansah und erwiderte „Ja, das ist es auch.“ Sie hob den Blick wieder zu ihm und wartete. „Eine schöne Geschichte. Es freut mich, deine Murmel mein Eigen zu nennen … und auch dich, mein Liebchen.“ Es gefiel ihr, wie selbstverständlich seine Worte etwas zu verstehen gaben, das sie längst ebenso empfand: dass sie einander gehörten. „Darüber freue ich mich auch“, erwiderte sie leise darauf und hob nun wieder erwartungsvoll den Blick zu ihm. Sie hatte ihm diese drei kleinen Worte anvertraut und damit aus einer gläsernen Murmel etwas weit Kostbareres gemacht und nach den Regeln des Spiels der Liebe war nun Doréan an der Reihe. Doch statt etwas zu erwidern, stand er einfach nur vor ihr. Er biss sich auf die Unterlippe und Aelia beobachtete ihn genauer. Da war etwas an seiner Haltung, an diesem seltsam unbeholfenen Lächeln und der Art, wie sein Blick immer wieder den ihren suchte und doch nichts von dem preisgab, was offenbar in seinem Kopf vor sich ging. Verlegenheit kannte sie an ihm durchaus. Aber das hier ging darüber hinaus. Doréan wirkte mit einem Mal so unsicher, beinahe beschämt, als hätte nicht sie ihm gerade ihr Herz ausgeschüttet, sondern als hätte sie ihn bei irgendeiner Schandtat ertappt und dafür getadelt. Schließlich hob er eine Hand an den Hinterkopf und kratzte sich dort. Jetzt begriff Aelia. Er suchte nach Worten. Und offenbar fand er keine. Etwas an dieser Erkenntnis berührte sie beinahe mehr, als sie erwartet hätte. Doréan, dem sonst zu beinahe allem irgendeine Frechheit einfiel, der selten um eine Antwort verlegen war und seinen Mund selbst dann noch aufbekam, wenn es vermutlich klüger gewesen wäre, ihn geschlossen zu halten, stand vor ihr und wusste nicht, was er sagen sollte. Wahrscheinlich wusste er sogar, was er sagen wollte, aber seine Zunge war wie gelähmt. Und je länger sie ihn ansah, desto mehr bekam sie sogar den Eindruck, ihn mit ihrem Geständnis regelrecht in die Enge getrieben zu haben. Als stünde er mit dem Rücken an einer Wand und suche verzweifelt nach einer Lücke, durch die er entwischen konnte. Nicht weil er fortwollte. So sah er sie nicht an. Es war vielmehr die Hilflosigkeit eines scheuen Tieres, das sich plötzlich in eine Ecke gedrängt fand und nicht verstand, was man nun von ihm erwartete. Aelias Lächeln verlor etwas von seiner Erwartung. Das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte ihm nur sagen wollen, wie es in ihrem Herzen aussah. Dass sie ihn liebte. Mehr nicht. Sie hatte Doréan damit keine Aufgabe stellen und schon gar keine Antwort aus ihm herauspressen wollen, die er nicht geben konnte. Und als er nun so vor ihr stand, als müsse er unbedingt die richtigen Worte sagen, nur weil sie die ihren bereits ausgesprochen hatte, da tat es ihr beinahe leid, dass sie ihn damit derart überrumpelt hatte. Gerade wollte sie etwas sagen, ihm vielleicht irgendwie aus der Lage helfen, als Doréan endlich selbst den Mund aufbekam. „Also … dass du mich magst, ist mir schon aufgefallen.“ Aelia hob langsam eine Augenbraue. Einen Herzschlag lang sah sie ihn einfach nur an. Dann zuckte es um ihre Mundwinkel. Das beinahe feierliche Gewicht, das noch vor wenigen Augenblicken über der kleinen roten Murmel und ihrem Geständnis gelegen hatte, bekam plötzlich einen Riss, und Aelia konnte nicht verhindern, dass ihr Lächeln breiter wurde. Nicht spöttisch und auch nicht gekränkt. Die ganze Situation begann ihr schlicht auf eine so eigentümliche Weise komisch vorzukommen, dass sie sich das Lachen beinahe verkneifen musste. Doch ein Lachen hätte ihn wohl noch mehr verunsichert und alles wahrscheinlich noch komplizierter gemacht. Darum lächelte sie ihn warm an und meinte „Das sollte dir auch auffallen, mein Herz.“ Aelia hielt seinem Blick stand, während ihre Hände vor ihrem Leib ineinander verschränkt blieben. Nur ihre Finger mit denen sie umhernestelte, verrieten, dass auch sie längst nicht so ruhig war, wie sie vielleicht wirkte. „Ich…“, murmelte Doréan. „…hab nich's, dass ich dir für die Murmel geben könnte. Aber ich werd' sie hüten, als ob sie ein Teil deines Herzens wär.“ Aelia berührte flüchtig die Lochmünze an ihrer Brust. „Du hast mir doch längst etwas gegeben.“ Sie lächelte. „Und mir ist sie wichtig, weil sie von dir ist.“ Dann deutete sie mit einem kleinen Nicken auf seinen Murmelbeutel. „Also pass du einfach gut auf mein Herz auf.“ Doréans Züge entspannten sich ein wenig. Für einen Moment betrachtete er sie schweigend, und diesmal lag etwas beinahe Zärtliches in seinem noch immer verlegenen Lächeln. „Ich hab dich auch sehr lieb, mein Liebchen.“ Aelia lächelte. Ein schlichtes „Ich dich auch“ hätte eigentlich vollkommen genügt. Stattdessen hatte Doréan sich einen erstaunlichen Umweg gebahnt, sich gewunden und nach Worten gesucht, bis er schließlich bei einem Satz angekommen war, der viel länger und umständlicher war als alles, was er stattdessen hätte sagen können. Doch nachdem sie Doréan die letzten Augenblicke dabei zugesehen hatte, wie er sich an ein paar einfachen Worten beinahe die Zähne ausbiss, brachte seine Antwort sie zu einem glücklichen Lächeln. Was auch immer ihm durch den Kopf ging, er hatte sich redlich bemüht, es irgendwie herauszubekommen. Bevor Aelia etwas darauf erwidern konnte, zog er sie an sich. Bereitwillig schmiegte sie sich in seine Arme. Als seine Hand sich unter ihr Kinn legte und ihr Gesicht anhob, ließ sie es geschehen. Für einen Moment sahen sie einander nur an, so nah, dass sie seinen Atem auf ihren Lippen spüren konnte. Von der Verlegenheit, die eben noch zwischen ihnen gestanden hatte, blieb kaum etwas übrig. Hier schien Doréan plötzlich wieder sehr viel besser zu wissen, was er tat. Als er sie küsste, schloss Aelia die Augen und legte die Arme um ihn. Sie erwiderte seinen Kuss ohne Zögern, zog ihn näher an sich und ließ damit auch die letzten Worte, die vielleicht noch zwischen ihnen gefehlt hatten, für diesen Augenblick auf sich beruhen.
Aelia lag im zerwühlten Bett, während Doréans Schritte auf dem Gang des Gasthauses verhallten. Eine Diele knarrte noch unter seinen Füßen, dann eine zweite, weiter entfernt, und schließlich war nichts mehr von ihm zu hören. Sie blieb auf der Seite liegen, auf die er sie verlassen hatte, die Decke lose über den nackten Körper gezogen. Dort, wo Doréan noch vor wenigen Augenblicken gelegen hatte, war das Laken warm. Aelia streckte einen Fuß hinüber, schob ihn unter die Decke auf seine Seite und schloss für einen Moment die Augen. Er würde sich sputen, hatte er gesagt. Also wartete sie. Doch mit der Stille kamen auch ihre Gedanken zurück. Nicht an Raban und nicht daran, was er am Hafen wohl von ihm wollte. Stattdessen schob sich etwas ganz anderes wieder in ihr Bewusstsein, das im Laufe des Nachmittags zwischen allem, was geschehen war, beinahe untergegangen war. Diese drei Worte. Aelia öffnete die Augen und betrachtete gedankenverloren die schwach vom Kohlebecken beschienene Wand. Aelia war glücklich. So glücklich, dass ihr das Ausmaß dieses Glücks erst jetzt bewusst wurde, da sie allein dalag und nichts mehr ihre Aufmerksamkeit beanspruchte. Sie liebte Doréan. Und sie wusste, dass auch er sie liebte. Vor kaum mehr als zwei Wochen waren sie einander begegnet. Ein fremder Bursche in einer üblen Schenke, der plötzlich zwischen ihr und ein paar Männern gestanden, ihr das Leben gerettet und ihr die Hand entgegengestreckt hatte. Das Schicksal hatte ihn ihr regelrecht vor die Füße geworfen, ohne Vorwarnung, mitten hinein in ein Leben, in dem sie gerade genug damit zu tun gehabt hatte, sich selbst über Wasser zu halten. Und nun konnte sie sich dieses Leben ohne ihn kaum noch vorstellen. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Doréan behandelte sie wie eine Prinzessin. Eine graue Prinzessin. Der Gedanke gefiel ihr und sie sponn diesen Gedanken weiter. Eine Prinzessin des grauen Viertels nannte ganz andere Kostbarkeiten ihr Eigen. Ihr Gold wuchs als Löwenzahn an Mauerritzen und zwischen Pflastersteinen. Ihr Silber trug sie als Lochmünze um den Hals. Ihr Kupferschatz bestand aus drei Scherben, die Doréan ihr von seinem Gewinn abgegeben hatte. Ihre Tafel war stets ein gemeinsames Essen irgendwo am Straßenrand, ihr vornehmes Bad ein Schwefelbecken, in dem Doréan das Wasser trübte, weil er sich vorher nicht gewaschen hatte. Und statt einer Kammer mit seidenen Laken hatte er ihr für diese Nacht ein Gasthauszimmer besorgt, warm und trocken und mit einer Tür, die sie hinter sich schließen konnte. Der graue Prinz dieser grauen Prinzessin ritt freilich auf keinem weißen Ross. Er trug abgewetzte Stiefel, hatte keine Münze mehr als nötig und war ihr nicht vor einem Schloss begegnet, sondern in der Schlangengrube. Dort hatte er ihr die Hand entgegengestreckt als Aelia eine Hand gebraucht hatte und sie mit einem schiefen Grinsen in sein Leben gezogen. Aelia musste bei diesem Gedanken lachen und drückte das Gesicht kurz ins Kissen. Der heutige Tag war vollkommen gewesen. Sie hatten den Tag miteinander verbracht. Gegessen, waren durch die Straßen geschlendert, hatten gespielt und gebadet. Sie hatte Doréan ihre rote Murmel geschenkt und ihr eine Geschichte mitgegeben, die niemand mehr von ihr würde trennen können. Zum ersten Mal hatte sie ihm gesagt, dass sie ihn liebte, und irgendwo draußen am Hafen trug er diese Worte wie auch die Glasmurmel nun bei sich. Am Ende dieses Tages hatte er auch noch an etwas gedacht, das Aelia selbst am liebsten bis zum letzten Augenblick verdrängt hätte. Sie brauchte einen Schlafplatz. Doréan hatte daraus keine große Sache gemacht. Er hatte gewusst, dass er zum Hafen musste, hatte seine Münzen gezählt und ein Zimmer für sie genommen. Ein richtiges Zimmer. Mit einem Bett, einem Ofen und einer Tür, die sich hinter ihr schließen ließ. Er hatte dafür bezahlt, obwohl sein eigener Beutel wahrlich nicht überquoll. Für sie. Aelia ließ den Blick durch den Raum schweifen. Ihre Kleider, die nach dem Badehaus nass vom Platzregen geworden waren, hingen zum Trocknen noch beim Ofen, das Bett war ein einziges Durcheinander, und Doréans Versprechen, bald wiederzukommen, schien noch irgendwo zwischen den Wänden zu hängen. Sie wollte, dass er bald wiederkam. Und wenn sie sich ehrlich wahr, mehr noch als das. Sie wollte irgendwann aufhören müssen, darauf zu warten. Seit Mahdia sie vor die Tür gesetzt hatte, zog Aelia mit ihren wenigen Sachen von einem notdürftigen Schlafplatz zum nächsten. Eine Nacht hier, die nächste dort. Im Roten Bullen, bei Doréan. Sie hatte jetzt schon genug davon. Aelia drehte sich auf die Seite und schob ihre Hand über das zerknitterte Laken neben sich. Ihre Finger strichen über die Stelle, an der Doréan gelegen hatte. Genau das wollte sie. Kein geliehenes Bett für eine Nacht. Kein Zimmer, das morgen wieder einem Fremden gehörte. Keine Frage mehr, wohin sie ging, wenn es dunkel wurde. Sie wollte mit Doréan zusammen sein. Abends neben ihm unter eine Decke kriechen, seinen warmen Körper an ihrem spüren und sich darüber ärgern, wenn er ihr im Schlaf die Decke wegnahm. Sie wollte morgens die Augen öffnen und sein zerzaustes Haar neben sich sehen. Wollte Gewissheit darüber haben, wo sie am Abend hingehörte, ohne vorher darüber nachdenken zu müssen. Zu ihm. Aelia betrachtete die leere Hälfte des Bettes und lächelte. Vielleicht war es verrückt, sich das nach so kurzer Zeit zu wünschen. Das änderte aber nichts daran, dass sie es wollte. Doréan sollte nicht länger der Mann sein, bei dem sie gelegentlich schlief. Sie wollte mit ihm leben. Und mit diesem Gedanken schlief sie schließlich ein.
 Aelia erwachte von einem reizenden Husten, der sie erfüllte. Sie riss die Augen auf und sog erschrocken Luft ein, was den nächsten Hustenstoß nur schlimmer machte. Ihr Hals kratzte, ihre Augen brannten. Aelia war mit einem Schlag hellwach, richtete sie sich auf und starrte in das Zimmer, ohne zunächst zu begreifen, was eigentlich los war. Rauch. Dünne graue Schwaden zogen unter der Decke entlang. Sie quollen nicht dicht und schwarz durch den Raum, doch sie waren überall, bewegten sich träge im flackernden Schein des Kohlebeckens und ließen die gegenüberliegende Wand verschwimmen. „Scheiße.“ Sie fuhr hoch und warf die Decke von sich. Das Kohlebecken. Ihr Blick schoss dorthin. Die Kleider, die sie zum Trocknen aufgehängt hatten. Hatte sie etwas zu dicht an die Glut gehängt? War ein Stück Stoff hineingefallen und sie hatte es nicht bemerkt? Doch die Ursache des Rauches lag nicht beim Kohlebecken. Ihr Magen zog sich zusammen. Noch bevor sie aus dem Bett kam, hörte sie Poltern auf dem Gang. Schwere hastige Schritte, eine Tür wurde aufgerissen. Jemand brüllte etwas, das sie nicht verstand. Dann eine zweite Stimme, lauter als die erste. „Feuer!“ Aelia sprang auf. Jetzt nahm sie auch das Geräusch wahr, das ihr im Schlaf entgangen war. Irgendwo her drang ein Knacken an ihr Ohr, gedämpft durch die Zimmerdecke, aber deutlich genug, dass sie unwillkürlich den Kopf hob. Das kam von oben. Sie erstarrte einen Herzschlag lang. Dann war jeder Gedanke an das Kohlebecken fort. Sie griff nach ihren Sachen. Das Unterkleid zuerst. Aelia raffte den Stoff zusammen und zog ihn sich hastig über den Kopf. Er blieb an ihrer Schulter hängen, und für einen kostbaren Augenblick bekam sie den Arm nicht durch den Ärmel. Sie zerrte daran, fluchte, fand endlich die Öffnung und riss den Stoff über ihren Leib hinunter. Das Mieder lag daneben. Sie schnappte es sich zusammen mit ihrem Rock und den Stiefeln. Anziehen konnte sie den Rest später. Über ihr arbeitete das Feuer bereits im Dachstuhl. Sie konnte es nicht sehen, aber hören: dieses trockene, hungrige Knacken von Holz, dazwischen ein dumpfes Brechen, dann wieder das Prasseln, das sich über ihr ausbreitete. Und sie spürte die aufkeimende Hitze die von oben kam. Sie musste raus. Aelia entriegelte die Tür und riss sie auf. Der Gang lag voller Rauch. Nicht so dicht, dass sie nichts mehr erkennen konnte. Die wenigen Lichter an den Wänden schimmerten noch hindurch, trüb und gelb, und durch den grauen Dunst bewegten sich Gestalten. Türen standen offen. Menschen drängten aus ihren Zimmern, manche halb angezogen, andere mit Kleidern und Bündeln unter den Armen. Einer rannte an Aelia vorbei. Eine Frau schrie nach jemandem. Von irgendwo weiter hinten kam das Weinen eines Kindes und das Kreischen einer weiteren Frau. Aelia trat hinaus und zog die Tür hinter sich gar nicht erst zu. Der Rauch biss ihr sofort in die Kehle. Sie hustete, duckte den Kopf und drängte sich vorwärts. Rock und Mieder hatte sie unter einen Arm geklemmt, die Stiefel hielt sie an den Schäften gepackt in der Hand. Schon nach wenigen Schritten tränten ihre Augen so stark, dass sie kaum noch etwas erkennen konnte. Aelia riss den Rock unter ihrem Arm hervor und presste einen Teil des Stoffes vor Mund und Nase. Die Treppe lag vor ihr. Menschen hasteten hinunter, und Aelia schob sich zwischen sie. Jemand rempelte sie von hinten an. Sie stolperte über die nächste Stufe, fing sich gerade noch am Geländer bevor sie kopfvoran die Treppe hinunterstürzte und verlor beinahe einen ihrer Stiefel. Ihre Finger schlossen sich fester darum. Ein Schrei brach irgendwo im oberen Stockwerk los. Doch Aelia sah nicht zurück. Stufe um Stufe arbeitete sie sich hinunter. Der Rauch wurde dichter, je länger sie darin blieb; jeder Atemzug durch den Stoff schmeckte nach Ruß. Ihre Lungen verlangten nach Luft, doch sobald sie tiefer einatmete, begann sie wieder zu husten. Vor ihr stolperte jemand durch den Schankraum. Die Eingangstür stand weit offen. Dahinter lag die Nacht. Aelia drängte hinaus. Regen schlug ihr ins Gesicht. Für einen Augenblick blieb sie einfach stehen. Der Himmel hatte sämtliche Schleusen geöffnet, als wüsste er, welche Regengüsse erforderlich wären. Das Wasser fiel so dicht vom Himmel, dass es ihr binnen Sekunden das Haar an den Kopf klebte und ihr Unterkleid dunkel färbte. Aelia atmete tief ein und sog gierig die frische feuchte Luft ein, hustete noch ein paar Mal, spürte den Regen auf ihren immer noch brennenden Augen und wollte sich bereits vom Gasthaus entfernen. Dann hob sie den Kopf. Und sah den Hafen brennen. Was sie eben noch für einen Brand in ihrem Gasthaus gehalten hatte, war nur ein winziger Teil davon. Der Hafen stand in Flammen. Feuer fraß sich durch die Bretterburgen am Wasser. Ganze Dächer glühten rot unter dem schwarzen Himmel; aus Fenstern schlugen Flammen, verschwanden im Regen und schossen wenige Augenblicke später wieder hervor. Brennendes Holz brach aus den oberen Stockwerken und stürzte zwischen die eng stehenden Häuser. Weiter draußen auf dem schwarzen Wasser loderte ein Schiff, hoch und hell, eine gewaltige Fackel zwischen den Kais. Sein Feuerschein lag zitternd auf der aufgewühlten Wasseroberfläche. Über allem hing Rauch. Der Wolkenbruch drückte ihn nieder, trieb ihn durch die Straßen und vermischte ihn mit Dampf, der von den brennenden Dächern quoll. Regen rauschte auf Holz und Pflaster. Glocken sangen durcheinander in der Nacht. Menschen schrien durcheinander. Andere liefen mit Eimern zum Wasser und zurück, bildeten Ketten, riefen einander Befehle zu. Bewohner der Bretterburgen schleppten Bündel, Halbseligkeiten die sich tragen ließen und Kinder aus den Häusern. Manche standen einfach im Regen und starrten auf das, was eben noch ihr Zuhause gewesen war. Aelia hatte vergessen, dass sie halb angezogen war. Vergessen, dass sie ihren Rock in der einen und ihre Stiefel in der anderen Hand hielt und barfuß aus dem Gasthof gerannt war. Sie stand im strömenden Regen wie ein begossener Straßenköter und starrte auf das brennende Hafenviertel. Der Hafen. Etwas in ihr ließ sie plötzlich erstarren. Sie war klatschnass bis auf die Haut und begann in der nächtlichen Kühle zu frösteln. Aber es war nicht die Kälte die ihr bis ins Mark fuhr. Sondern die Gewissheit, dass Doréan zum Hafen gegangen und nicht zurückgekehrt war. Der Gedanke brauchte einen Augenblick, bis er seine ganze Bedeutung entfaltete. Raban. Ich muss zum Hafen. So hatte er es gesagt. Aelias Blick fuhr über die brennenden Kais, über das lodernde Schiff und die Bretterburgen, zwischen denen Menschen durch Rauch und Regen rannten. „Doréan.“ Mehr brachte sie nicht hervor. Und dann setzte sie sich in Bewegung.
Auf Messers Schneide ❖
24.08.2023 '00:58 [3.300 Wörter]
 rüb und dunkel wurde Doréan von dem schwarzen Hafenwasser umfangen. Unter ihm lag die totale Finsternis und über ihm tobte der rötliche Schein über der Wasseroberfläche, welcher zusehends schwächer wurde, während er immer tiefer in die Schwärze gezogen wurde. Doréan riss die Augen auf und kämpfte gegen den Sog an. Doch langsam ging ihm die Luft aus und das Licht um ihn herum wurde immer schwächer. Seine Hand hielt verzweifelt und verkrampft das Messer, mit welchem noch immer das Tau traktierte, welches ihn gefangen hielt. Doch mit jedem vergehenden Herzschlag breitete sich langsam eine unbarmherzige Erkenntnis in Doréan aus. Er würde hier und heute sterben. Bei den Fischen schlafen. Er schloss die Augen. Und dann biss er die Zähne zusammen. Nein. Er würde nicht bei den verdammten Fischen schlafen! Der letzte Widerstand, den er noch in sich hatte, flammte auf und er mobilisierte die letzten Kräfte, bis er endlich das verfluchte Tau durchtrennt hatte. Er ruderte mit den Armen und strampelte mit den Beinen. Doch auch seine Schuhe und die Kleidung, die sich mit Wasser vollgesogen hatte, hinderte ihn an einem raschen Aufstieg. Er japste. Der erste, salzige Schluck Wasser füllte seinen Mund. Doch er presste das salzige Wasser wieder heraus. Er hielt verzweifelt die Lippen zusammen. Doch seine Lunge hatte alle Luft, die sie zur Verfügung gehabt hatte bereits verbraucht. Ein zweiter Atemzug drängte sich ihm auf. Der Wunsch zu Atmen wurde unerbittlich und Doréan konnte ihn nicht mehr zurückhalten. Wasser wurde in seine Lungen gesogen. Die Erlösung wurde zur Qual. Er kämpfte dagegen an. Doch sein Mund brannte und der salzige Geschmack des Wassers breitete sich in ihm aus. Er fühlte, wie sich das Wasser seinen Weg bahnte. Statt erlösender Luft atmete er das salzige Wasser der schwarzen Bucht ein, während er von einer panischen Angst übermannt wurde. Er hatte es doch geschafft. Das Tau durchtrennt. Sich befreit. Es fehlten nur noch ein paar Meter, bis zur Oberfläche. Sein Kopf dröhnte. Nicht nur wegen der mangelnden Luft und der der Angst, die seine Brust klamm zusammenpresste. Auch von dem Schlag, welchen Raban ihm verpasst hatte. Bei dem Gedanken an diesen Hundsfott flammte der Zorn in Doréans Augen auf. Beinahe so rot, wie die Flammen, die auf der Wasseroberfläche wüteten. Er hob den Blick und ruderte weiter. Doch der rötliche Schein, welcher ihm den Weg nach Oben gewiesen hatte, wurde immer dunkler und schwächer. Müsste er nicht heller werden, je näher er dem Schiff kam? Warum wurde es dunkler? Sank er gar in die Tiefe?
Ein gleißender Blitz durchzog den schwarzen Himmel. Und kurz darauf zerriss ein ohrenbetäubender Donner die Luft. Ein Donner, der klang, als ob die Welt zerbrach. Die Wolken brachen auf und die Wogen des Himmels ergossen sich auf die Stadt. Die schwere Luft, die schon den ganzen Tag über von schwüler Schwere geschwängert worden war, kühlte augenblicklich ab, als Millionen und Abermillionen Regentropfen aus dem Himmel stürzten, als ob jemand die Schleusen des Himmels geöffnet hätte, um das Feuer zu ersäufen. Die Flammen wurden schwächer. Das Feuer verlor den Kampf gegen das Wasser. So wie auch der kleine Straßenköter, der unter dem großen, brennenden Schiff um sein Leben kämpfte gerade dabei war den Kampf zu verlieren. Die Flammen auf den Plankenburgen und Pfahlbauten erloschen zuerst. Die Dächer schwelten und dampften von weißem Dampf und schwarzem Rauch. Die Feuer auf den Kais erloschen kurz darauf. Nur das brennende Schiff, welches wie ein lohendes Leuchtfeuer auf dem schwarzen Wasser trieb, stand noch in Flammen. Die Rah hing schief am Hauptmast. Die Segeltücher waren inzwischen längst alle verbrannt und vom Winde verweht worden. Ein lautes Poltern rumpelte über das Schiff, als der schwere Holzbalken vom Hauptmast brach. Hunderte Funken stieben in die Höhe und ein Teil der Rah stürzte glosend in das schwarze Wasser. Es zischte und platschte, als das Feuer erlosch und der schwarz verkohlte Holzbalken ins Wasser gefallen war. Und kurz darauf erklang ein zweites Geräusch. Kein Aufprall. Kein Platschen. Ein Prusten.
Doréan klammerte sich an den Rahbalken, und hustete. Das Wasser, welches er zuvor eingeatmet hatte kam in kurzen Stößen heraus und er erbrach sich. Und dann tat er den ersten, erlösenden Atemzug, während er sich zitternd und mit letzter Kraft an dem warmen Balken festhielt. »Scheiße.«, hustete Doréan und tat einen zweiten Atemzug. »Das war knapp.« Sein Atem rasselte und seine Brust bebte. Er war dem Tod im letzten Augenblick von der Schippe gesprungen. Doch noch war er nicht in Sicherheit. Das brennende Schiff ächzte und knarrte. Immer wieder stürzten hölzerne Teile ein. Es brach eine Planke oder Diele. Der hölzerne Koloss bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor das Feuer den Bauch komplett zerfressen hatte. Wasser trat durch die ersten Öffnungen ein. Es Zischte und Dampfte, als die Flammen erloschen und sich vor dem Wasser zurückzogen, als wären sie die Schatten und das Wasser das Licht. Das Schiff neigte sich und die Flammen flatterten wie ein rotes Segel im Wind. Das Schiff würde jeden Moment in der Bucht versinken und in seinem Sog alles mit sich in die Tiefe reißen, welches sich in seiner Nähe befand. Doréan stemmte sich von dem Schiff ab. Rings um ihn lagen verkohlte Holzstücke und auch brennende Ölteppiche auf dem Wasser. Er ruderte und strampelte und kämpfte sich beschwerlich bis zum Kai. Seine Hände klammerten sich an die hölzernen Bretter. Doch die Kraft versagte ihm. Er hing an dem Steg, unfähig sich in die Höhe zu ziehen. Das Schiff dröhnte und ein langgezogener, durchdringender Ton rumorte über das stumme Wasser. Und dann kippte das Schiff zur Seite und kenterte. Die Wassermaßen umspülten sogleich das brennende Ungetüm, wie die Grundhaie, die in diesem Hafen ihr Unwesen trieben und über jene herfielen, die zu den Fischen geschickt wurden. Nicht mehr viel hätte gefehlt, und die ersten Haie hätten auch Doréan gefunden.
Eine Hand packte Doréan am Handgelenk und zerrte ihn aus dem Wasser. »Hab dich!« Hagen ächzte und zerrte den leblosen Straßenköter wie einen nassen Sack aus dem Wasser. »Scheiße, lebst du noch?« Hagen verpasste Doréan einige vorsichtige Ohrfeigen. Doréan zuckte. »Wo ist Raban?«, brummte Doréan mit schwacher Stimme. und Hagen hob den Blick in eine unbestimmte Richtung. »Abgehauen.« Doréan lag auf dem Rücken und starrte eine Weile in den Nachthimmel. Der Regen prasselte ihm dabei unaufhörlich ins Gesicht und Hagen stand einfach nur neben ihm und beobachtete ihn dabei. Doréan tat immer wieder einen tiefen Atemzug und irgendwann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. »Das war verdammt knapp. Scheiße.«, murmelte Doréan und seufzte. Schließlich richtete er sich auf und Hagen half ihm dabei auf die Beine. Doch als Doréans Blick in jene Richtung fiel, in welcher das Gasthaus lag, in welcher er Aelia untergebracht hatte, da überkam ihn mit einem Mal die Sorge. »Aelia.«, hauchte er erschrocken. Hagen blickte über die Schulter und versuchte in dieselbe Richtung zu schauen, in welche Doréan sah. Doch die Flammen waren bereits größtenteils nur zu einem matten Rauch erstickt worden. »Ihr geht’s sicher gut.« murmelte Hagen. Doréan schüttelte den Kopf. »Ich muss nach ihr sehen.« Doch bevor Doréan sich in Bewegung setzen konnte, bemerkte er, dass seine Tasche offen war. Er hob die Tasche an und sie war schwerer als gewöhnlich. Und so stellte er die Tasche auf den Kopf und ein Schwall Wasser ergoss sich daraus. Doch nicht nur das Wasser. Auch die zwei ledernen Beutel, die sich darin befanden. Der kleine Geldbeutel und der abgewetzte Beutel mit seinen Murmeln. Der Geldbeutel schlug dumpf auf den hölzernen Brettern auf. Doch der Beutel mit den Murmeln kullerte unbeholfen über die Planken und ehe Doréan sichs versah, rollte er über den Rand und fiel ins Wasser. »Nein!«, rief Doréan erschrocken. Er stürzte an den Rand des Kais und warf sich auf den Boden, um den Beutel zu fangen. Doch er kam zu spät. Der Beutel mit den Murmeln stürzte in das schwarze Wasser und versank. Die Herzmurmel! Das war Doréans einziger Gedanke. Ohne darüber nachzudenken sprang er einfach dem Beutel hinterher. »He, spinnst du?«, rief Hagen, und wollte Doréan noch davon abhalten, doch auch er kam zu spät.
Doréan riss die Augen auf. Doch das Wasser war schon bei Tag so finster wie das Arschloch einer Seekuh. Jetzt, als nur die Sterne ihr klägliches Licht auf den Hafen spendeten, konnte er nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Er griff immer wieder vor sich. Versuchte zu ertasten. Und ihm kamen dabei allerlei Dinge zwischen die Finger. Doréan tauchte immer tiefer, bis er den steinernen Vorsprung erreicht hatte, der einst für den Stapellauf von Schiffen genutzt worden war. Doch heute war dieser Ort voller Schlick und Algen, da hier schon seit dutzenden Jahren kein Schiff mehr gebaut worden war. Man konnte noch die alte Rille im Stein fühlen, die von hunderten Schiffen in den Stein gerieben worden war. Sie war voller Algen, Schlamm und Unrat. Hier und dort lagen Dinge, die man besser nicht berührte. Scharfkantige, rostige Nägel. Abfall und Seeigel. Ein Grundhai huschte unter Doréan hinweg,, am Abgrund zur tieferen Bucht hinweg. Doch der Gossenfloh bemerkte ihn nicht einmal. Hektisch tastete er sich durch das Wasser, auf der Suche nach dem Beutel voller Murmeln.
Hagen indes stand oben auf dem Kai. Die Finne des Grundelhais tauchte kurz aus der dunklen Wasseroberfläche auf und verschwand dann wieder. »Oh, Scheiße.«, brummte Hagen und sah sich hektisch auf dem Kai um. Er entdeckte einen Bootshaken, der an einer langen Stange angebracht worden war. Mit diesem schlug er immer wieder auf die Wasseroberfläche um den Hai zu vertreiben. Er schlug zu. Platsch. Er hob die lange Stange und holte erneut aus. Platsch. Beim dritten Schlag tauchte Doréans Kopf aus dem Wasser auf und Hagen hätte ihm um ein Haar die Stange mit dem rostigen Haken auf den Schädel geschlagen. »Bist du völlig bescheuert?«, blaffte Hagen und zerrte Doréan sogleich aus dem Wasser. Doréan ignorierte Hagens Gebärden. Kaum war er wieder an Land zerrte er hektisch den Beutel auf und schüttete sich die Murmeln in die offene Hand. Hagen, der die kleinen Murmeln sah, schüttelte den Kopf. »Wegen ein paar Murmeln springst du nochmal rein?« Als er die kleine eingewickelte Murmel zwischen den übrigen Kugeln entdeckte, entwich ihm ein erstickter Laut. Er schloss die Faust darum, sank gegen den Poller und presste die Hand erleichtert und mit einem lang anhaltendem Atem an seine Brust.
Hagen trat irgendwann an Doréan heran und warf ihm seinen Geldbeutel, den er zuvor auf die Planken gestreut hatte, in den Schoß. »Da kommt jemand.«, brummte er und auf seinem Gesicht lag ein breites Lächeln. Er deutete in jene Richtung und als Doréan den Kopf hob da entdeckte er eine junge Frau. Sie war nass bis auf die Knochen und trug nur ein dünnes Leinenhemd. Das Hemd war so mit Wasser vollgesogen, dass es ihr am Leib klebte, wie eine zweite Haut. In ihren Händen trug sie zwei völlig durchnässte Stiefel und über die Schulter hatte sie einen dunklen, nassen Stoff gelegt. Doréan erkannte sie zunächst gar nicht. Doch als er sich gewahr wurde, wer da über die Planken rannte und sich immer wieder suchend umsah, da rappelte er sich auf. Seine Tasche fiel zu Boden. Sein Geldbeutel fiel ihm aus dem Schoß. Und auch seine Murmeln fielen auf den Boden.
Die Herzmurmel hielt er ja noch in der Hand. Doch der offene Beutel fiel auf die Planken und wäre Hagen nicht instinktiv darauf getreten, wären sie vermutlich alle ins Hafenbecken gerollt und für immer verloren gewesen. »Aelia!« rief Doréan aufgeregt und wedelte mit der Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie stand am anderen Ende des Kais und es wirkte beinahe als ob er sie durch einen gläsernen Vorhang aus seidenen Fäden auf welchen dutzende Tränen aufgefädelt worden waren, betrachten würde. Aelia schien ihn nicht einmal zu hören. Das Prasseln des Regens. Das Rufen der Menschen und das Geläut der Glocken überdeckten alle anderen Geräusche. Ein Ohrenbetäubender Lärm durchschnitt die Nacht. Ein gleißender Blitz donnerte über den Himmel. Und dann herrschte einen Moment lang Stille. Eine Stille, die Doréan nutzte um erneut ihren Namen zu rufen.
Sie rannten aufeinander zu und schlossen sich in die Arme, als ob sie sich seit Jahren nicht gesehen hätten. Doch waren seither nicht einmal genug Stunden vergangen, dass es kaum Mitternacht geworden war. Doréan schloss Aelia in die Arme und Aelia schlang ihre Arme um seinen Körper. »Dir geht es gut.«, raunten sie beide beinahe wie aus einem Munde. Doréan schob Aelia ein Stück von sich weg und musste verwirrt lächeln. »Wie siehst du denn aus?«, murmelte er beinahe verlegen. Ihr Kleid war so nass, dass es beinahe durchscheinend geworden war. Ihre Haut glänzte, als ob sie von tausenden, kleinen Perlen bedeckt worden wäre. Und unter dem Leinenkleid sah man ihre Haut hindurchscheinen. Aelia hingegen betrachte Doréan. Doch im Gegensatz zu ihm, zeichnete sich eine große Sorgenfalte auf ihre Stirn. »Du bist verletzt.«, raunte sie und legte zögerlich, als fürchtete sie, sie könnte ihm dabei Leid zufügen, ihre Finger auf seine Wunde. Doréan hatte sie in der Aufregung kaum wahrgenommen. Doch nun, als Aelia ihn berührte, begann die Platzwunde zu brennen und zu pochen. Die Haut war aufgeschürft und rot und Blut sickerte hervor. Doréan hob seinen Arm und wischte sich über die Schläfe und durchs Haar. Als er die Hand wieder zurückzog schimmerte seine Hand rötlich im fahlen Licht. »Oh.«, murmelte er.
Hagen trat an die beiden heran und trug dabei Doréans Tasche, in welcher er auch die beiden Beutel verstaut hatte. Wortlos reichte er Doréan die Tasche und bedachte Aelia eines kurzen, flüchtigen Blickes. Er musste sich sehr zusammenreißen, Aelia nicht unverhohlen anzustarren, doch ein kurzes, wissendes Lächeln konnte er sich dabei nicht verkneifen. Aber Doréan wurde nun von einer gänzlich anderen, plagenden Sorge ergriffen. Das Gasthaus. Wenn Aelia hier war, dann hatte sie das Feuer vertrieben. Und dies bedeutete, dass sie für diese Nacht kein Dach über dem Kopf hatte. Noch dazu nasse Kleidung und Doréan seufzte schwermütig. Er hatte Aelia nicht alleine in Bertrams Stall wissen wollen. Doch nun waren sie letzten Endes vom Schicksal dazu gezwungen worden, zu diesem Ort zu gehen. Doréan biss sich auf die Lippen, während Hagen ganz andere Sorgen plagten. »Was machen wir jetzt?«, murmelte er und warf Doréan einen fragenden Blick zu, während er es vermied dabei in Aelias Richtung zu schauen. Der Gossenfloh verstand nicht, was Hagen damit gemeint hatte und hob fragend die Augenbraue. »Was meinste?«, murmelte Doréan und Hagen lächelte bitter. »Wir sind sowas von am Arsch.« Dabei deutete er auf den Hafen und breitete seine Arme aus als wolle er den gesamten Hafen in seine Arme einschließen. »Das alles hier.« Er lugte einen Moment lang in Aelias Richtung. Doch er entschied sich, dass er vor ihr nicht über diese Dinge sprechen wollte. »Und Raban? Was passiert jetzt?« Da zuckte Doréan mit den Achseln. »Ich fürchte, das werden wir schon bald herausfinden.«
Der Morgen graute. Hartwig und Ludger standen in einer alten Gasse am Rand der Ascherinne. Ludger wirkte unruhig und lief immer wieder auf und ab, während Hartwig lässig gegen eine Wand lehnte und mit seinem Daumen über die Schneide seines Dolches strich, als würde er die Schärfe der Klinge prüfen. Ludger schnaubte irgendwann grimmig. »Der verdammte Hahn hat schon vor Stunden gekräht. Wie lange kann ein Mensch eigentlich schlafen?« Hartwig lächelte wissend und nickte in jene Richtung, in welcher der Hafen lag. Er steckte den Dolch in die Scheide und verschränkte anschließend gelangweilt die Arme. »Nach letzter Nacht? Offenbar ziemlich lange.« Ludger grunzte ungehalten. »Wir haben gesehen, wie sie reingegangen sind.« Hartwig nickte stoisch, doch antwortete nicht darauf. Er empfand es als unsinnig das offensichtliche erneut zu erwähnen. »Seit Stunden stehen wir schon hier rum. Wie zwei Trottel.« Da grinste Hartwig. »Solange du mich bezahlst, können wir noch ein paar Stunden hier herumstehen.« Ludger warf Hartwig einen mürrischen Blick. »Ich will nicht mehr warten.« Hartig ließ langsam seine Arme sinken. Dieser Mann war ein Narr. Doch sie hegten schließlich beide ein Interesse an diesen zwei Gossenratten. Doch im Gegensatz zu Hartwig schien Ludger über keine Geduld zu verfügen. Aber Ludger wurde ja auch nicht für tot gehalten und musste vermeiden gesehen zu werden. Ludger starrte indes wieder zum Haus. »Vielleicht sind sie hinten raus.« Hartwig antwortete nicht sofort. Der Gedanke war ihm längst selbst gekommen. Bordelle haben oft mehr als einen Zugang. Den richtigen, für die Freier. Und jenen für die Dirnen, die geheimen Zugänge für die Handlanger, oder möglicherweise einen Hof oder Hinterausgang. Einfach hineingehen und nachsehen wäre das Naheliegendste – wenn es eben kein Rotes Haus wäre. »Wir warten noch.«, entschied Hartwig und erntete dafür von Ludger einen unzufriedenen Blick. »Es ist mein Silber. Ich entscheide.« Hartwig verzog eine mürrische Miene. »Und was schwebt dir vor, wenn ich fragen darf?« Ludger überlegte einen Moment. Aber eigentlich hatte er sich schon längst entschieden gehabt. »Scheiß drauf. Gehen wir rein.« Hartwig stieß sich von der Wand ab und trat an Ludger heran. Er sah ihn mit einer ernsten Miene an und schüttelte dann den Kopf. »Nein.« »Wozu bezahl ich dich überhaupt?«, entgegnete Ludger genervt. »Und wozu brauche ich dich, ich weiß ja jetzt wo sie wohnen. Du…« Da unterbrach ihn Hartwig unwirsch. »Du bezahlst mich dafür, dass du deine Rache bekommst. Und du brauchst mich, dass du am Ende nicht in der Bucht landest…mit Steinen im Bauch.« Ludger schwieg. Er hob seine Hand und deutete auf das Bordell am Ende der Straße. »Sie ist da drin. Wir müssen nur reingehen und es hinter uns bringen.«
Hartwig schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ja, das könnten wir. Aber du vergisst dabei eine Kleinigkeit. Das ist kein gewöhnliches Bordell. Das ist ein rotes Haus.« Ludger hob fragend die Augenbraue. »Und was ist da jetzt so ein großer Unterschied? Huren sind Huren.« Da lachte Hartwig. »Ja die Huren sind auch nicht das Problem. Sondern die Arschlöcher der roten Hände.« Ludger blickte in Richtung Hafen. Über den Dächern hing noch immer eine schmutzige Fahne aus Rauch und die Luft war dunstig und roch nach Ruß und verbranntem Holz. »Die haben seit letzter Nacht ganz andere Sorgen. Wenn wir es machen wollen, dann jetzt.« Hartwig nickte langsam. Nach einem solchen Brand waren Männer gebunden. Verletzte mussten versorgt, Schäden begutachtet, Schuldige gesucht werden. Vielleicht war die halbe Bande auf den Beinen. Aber Hartwig schüttelte schließlich den Kopf. »Nein.« Ludger fluchte. »Du machst mich narrisch. Warum nicht? Damit du noch ein Silberstück mehr verdienen kannst?« Da lachte Hartwig belustigt. »Is dir eigentlich klar, was hier ein Brand im Hafen bedeutet?« Ludger hatte natürlich keine Ahnung. Das konnte Hartwig ihm förmlich ansehen. »Solange wir nicht mehr wissen, müssen wir aufpassen nicht dem falschen auf die Füße zu treten. Jetzt da reinzuplatzen wäre dasselbe, wie in ein Hornissennest zu stechen. Ein Hornissennest voller Spinner, die gerade alle ihre Messer wetzen.« Ludger schwieg und nickte geistesabwesend. Schließlich hob er den Kopf und sah Hartwig herausfordernd an. »Und die Stadtwache? Wir könnten die doch die Drecksarbeit erledigen lassen.« Hartwig lachte trocken. »Die Stadtwache? Hier rein? Man merkt, dass du nicht von hier bist, du Armleuchter.« Ludger verzog schmollend den Mund. »Die kommen hier rein, wenn die Kacke am Dampfen ist. Und die haben wegen dem Feuer sicher genug um die Ohren. Die Hurenhäuser betreten sie nur wenn sie Lust auf ein Mädchen haben und nicht für zwei Gossenratten.« Ludger knirschte angespannt mit den Zähnen. »Lass mal das Denken lieber meine Sorge sein. Du bekommst deine Rache. Dafür werde ich schon Sorge tragen. Alles was du mitbringen musst, ist etwas mehr Geduld.« Hartwig warf einen nachdenklichen Blick auf Bertrams Stall. Dass die Beiden schon seit Stunden nicht herausgekommen waren konnte alles mögliche Bedeuten. Aber Hartwig hatte in diesem verdammten, versifften Viertel nicht ohne Grund viele Jahre überlebt. Er wusste, wenn etwas faul roch. Und das hier roch verdächtig faul. Wie ein ganzer Korb fauliger Äpfel. »Wir brauchen Leute, die dumm genug sind…« Er lächelte wissend. »…oder verrückt genug, sich mit den Sanra’Jena anzulegen.«
Feuer und Gezänk ❖
25.08.2023 '16:09 [5.435 Wörter]
 elia blieb stehen. Vor ihr brannte der Hafen. Für einige Herzschläge vermochte sie das Ausmaß dessen, was sie sah, kaum zu erfassen. Das Feuer hatte längst aufgehört, etwas zu sein, das ein einzelnes Haus beherrschte. Es zog sich durch die Bretterburgen am Wasser, fraß sich über Dächer und Giebel, quoll aus Fenstern und schoss an den hölzernen Fassaden empor. Weiter draußen loderte ein Schiff auf dem schwarzen Hafenbecken. Flammen liefen über seine Takelage und zeichneten die Masten in glühenden Säulen gegen den Nachthimmel, während ihr goldener Schein über das vom Regen aufgewühlte Wasser waberte. Der Wolkenbruch stürzte mit solcher Gewalt auf das graue Viertel herab, dass dessen Welt hinter einem dichten Vorhang aus Wasser verschwamm. Regen trommelte auf Dächer und Pflaster, rauschte aus Rinnen und stürzte in breiten Strömen durch die Gassen. Wo er auf brennendes Holz traf, zischte und dampfte es. Schwarzer Rauch sank schwer zwischen die Häuser, vermischte sich mit weißen Dampfschwaden und kroch über die Straßen. Und mitten darin stand Aelia. Das dünne Leinen ihres Unterkleides klebte ihr bereits am Leib. Regenwasser lief ihr aus den Haaren über Stirn und Wangen, rann ihr über den Rücken und zwischen die Schulterblätter. Ihren Rock und das Mieder hielt sie noch immer an sich gepresst, die Stiefel baumelten an den Schäften in ihrer Hand. Sie sah in die Flammen und etwas regte sich in ihr. Zuerst kam die Erinnerung. So schnell, dass zwischen dem brennenden Hafen und jener Scheune kaum ein Gedanke Platz fand. Das Feuer. Der Funkenflug. Die Hitze. Und dieser eine winzige, glühende Funke, der damals seinen Weg zu ihr gefunden hatte. Aelias rechte Gesichtshälfte zuckte. Für einen schrecklichen Augenblick glaubte sie den Schmerz wieder zu spüren. Jenes sengende Brennen, das sich durch ihr Auge gebohrt hatte, heiß und grell und so tief, dass es damals weit über Fleisch und Blut hineingedrungen war. Ihre Hand fuhr an ihr Gesicht. Ihr rechtes Auge begann zu tränen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Ihre Hand presste sich auf ihr rechtes Auge, während die Erinnerung an die Scheune mit solcher Gewalt durch sie hindurchfuhr, dass die brennenden Häuser vor ihr für einen Moment mit einem anderen Feuer, jenes, aus der Vergangenheit, verschmolzen. Dann spürte sie es. Aelia ließ die Hand langsam sinken. Der Zundergeist war wach. Seit jener Nacht hatte seine Essenz irgendwo tief in ihr gelegen. Sie hatte sich an seine seltsame Gegenwart gewöhnt, soweit man sich an etwas gewöhnen konnte, das keinen eigenen Körper besaß und sich doch in den eigenen Geist eingenistet hatte und von dem man eigentlich kaum begriff, was es eigentlich war. Meist schlief es dort. Ein stetiger Dämmerschlaf, tief und schwer, aus dem es nur gelegentlich aufschreckte. Dann, wenn Aelias Zorn plötzlich über seine Grenzen trat. Wenn aus Ärger Wut wurde und aus Wut für wenige Augenblicke etwas Rasendes, Zerstörerisches, das sie mitriss und ausgebrannt zurückließ. Aelia kannte dieses Erwachen. Doch diesmal hatte sie niemand erzürnt. Und trotzdem war er hellwach. Etwas spannte sich hinter ihrem beschädigten Auge an. Ein feiner Druck zunächst, kaum mehr als das vertraute Vorgefühl jener Augenblicke, in denen ihre Wut sonst hochschoss. Dann breitete sich die Spannung weiter aus, griff nach ihren Gedanken und schärfte ihre Wahrnehmung auf eine eigentümliche Weise. Aelia schluckte. Ihr Blick wanderte zurück zum Feuer. Eine Herdflamme hatte den Zundergeist nie gerührt. Ebenso wenig die Kerzen in einer Schenke, das Feuer unter einem Suppenkessel oder die Glut eines Kohlebeckens. All diese kleinen Feuer lebten in Grenzen. Menschen hatten sie entzündet und ihnen einen Platz gegeben. Sie fraßen, was man ihnen gab, spendeten Wärme und Licht und starben, sobald ihre Nahrung versiegte. Die Flammen dieses Infernos hingegen kannte solche Grenzen nicht. Das Feuer fraß sich durch den Hafen und die Bretterburgen. Es fand trockenes Holz und nahm es. Es fand ein Dach und lief darüber hinweg. Es griff nach einem Balken, kroch daran empor und sprang weiter zum nächsten Haus. Funken stoben durch die Nacht, wurden vom Wind fortgerissen und trugen das Feuer an Orte, die noch Augenblicke zuvor unversehrt gewesen waren. Eine Flamme gebar die nächste, diese wieder eine weitere, und jede fand neue Nahrung. Das Feuer wuchs aus sich selbst heraus. Wild, gierig und zerstörerisch. Genau daraus war der Zundergeist gemacht. Aelia begriff es mit einer Klarheit, die ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Etwas tief in ihrem Geist witterte seinesgleichen. Der Gedanke erschreckte sie mehr als das vertraute Aufflammen ihrer Wut. Bei einem Streit gehörte der Zorn wenigstens ihr. Sie kannte seinen Anlass, kannte das Gefühl, das ihn nährte.
Jetzt stand sie verängstigt im strömenden Regen, während ringsum Menschen vor den Flammen flohen, und in ihrem Inneren erhob sich etwas aus seinem Dämmerschlaf, weil ein Teil der Welt um sie herum brannte. Der Zundergeist besaß keine Stimme. Er flüsterte ihr keine Worte zu, formte keinen Gedanken und verlangte nichts von ihr. Er war einfach wach. Wie ein Kettenhund, der eben noch zusammengerollt im Staub gelegen hatte und plötzlich eine Witterung aufnahm. Der Kopf hob sich. Die Ohren stellten sich auf. Jede Faser richtete sich auf das, was draußen vorüberzog. Aelia spürte seine Aufmerksamkeit. Und mit ihr kam etwas, das sie noch stärker verstörte. Ihr Blick wollte beim Feuer bleiben. Eine Flammenzunge schoss über den First eines Hauses und griff nach den Schindeln des nächsten. Aelias Auge folgte ihr. Sie sah, wie das Feuer dort zunächst klein aufflackerte, vom Regen beinahe erstickt wurde und plötzlich wieder hochschlug, als es unter einer überstehenden Dachkante trockenes Holz fand. Ein brennender Balken brach aus einem Giebel und stürzte auf die Straße. Funken sprühten auseinander und erloschen auf dem nassen Pflaster. Ihre Aufmerksamkeit sprang mit ihnen. Von Flamme zu Flamme. Von Dach zu Dach. Von einem glühenden Stück Holz zum nächsten. Aelia stand mitten im Regen und empfand dabei eine entsetzliche Fremdheit gegenüber ihrem eigenen Blick. Menschen schrien. Glocken schlugen. Irgendwo weinte eine Frau. Sie hörte all das, und trotzdem zog das Feuer ihre Aufmerksamkeit immer wieder zu sich zurück. Der Zundergeist schaute durch ihr Auge. Dieser aufkeimende Gedanke traf sie mit solcher Wucht, dass sie einen Schritt zurückwich. Ihre Finger krampften sich um Rock und Stiefel. Sie presste die Sachen an sich und zwang ihren Blick fort von den Flammen, hinunter auf das nasse Pflaster. Ihr Atem ging schnell. Wasser lief über ihre Wimpern und tropfte von ihrer Nasenspitze. „Hör auf“, murmelte sie. Ob sie damit sich selbst meinte oder das Ding in ihrem Geist, wusste sie nicht. Dann hob sie wieder den Kopf. Und diesmal sah sie den Hafen. Die Kais. Das brennende Schiff. Die Menschen, die zwischen Lagerhäusern und Bretterburgen umherliefen. Der Hafen. Aelias Herz setzte einen Schlag aus. Doréan. Alles andere fiel augenblicklich hinter diesem einen Gedanken zurück. Raban. Ich muss zum Hafen. Sie hörte Doréans Stimme wieder, müde und widerwillig, während er sich im Gasthaus angezogen hatte. Aelias Blick schoss über das Inferno. „Doréan.“ Der Zundergeist mochte wach sein. Er mochte wittern, was dort draußen brannte, und sich tief in ihrem Geist gegen eine unsichtbare Kette stemmen. Aelia hatte jetzt nur noch einen Gedanken. Doréan war irgendwo dort draußen. Im dünnen, vom Regen durchtränkten Unterkleid setzte sie sich in Bewegung. Erst ging sie einige schnelle Schritte. Dann begann sie zu laufen. „Doréan!“ Sein Name brach rau aus ihrer vom Rauch gereizten Kehle und verlor sich zwischen Glockenschlägen, Regen und den Rufen der Menschen. Aelia rannte tiefer in den Hafen hinein. Der Wolkenbruch begann das Feuer allmählich niederzuringen. Auf manchen Dächern sanken die Flammen bereits zusammen und hinterließen rotglühende Gerippe, aus denen Dampf in dichten Wolken aufstieg. An anderen Stellen kämpfte sich das Feuer weiter durch geschützte Winkel, fraß unter Dachvorsprüngen und zwischen eng aneinandergebauten Wänden. Über die Straßen liefen schwarze Rinnsale aus Regenwasser, Ruß und Asche. Aelia suchte. Sie wusste nicht, wohin Raban Doréan bestellt hatte. Der Hafen erstreckte sich vor ihr als ein Gewirr aus Kais, Lagerhäusern, Schuppen, Schenken und schmalen Wegen am Wasser. Überall waren Menschen. Männer schleppten Eimer, Verwundete wurden fortgebracht, Bewohner der Bretterburgen zerrten ihre Habe aus den Häusern. Gesichter tauchten aus dem Rauch auf und verschwanden wieder im Regen. „Doréan!“ Aelia lief weiter. Jede schmale Gestalt ließ ihr Herz hochschlagen. Dunkles Haar zwischen den Menschen, ein junger Mann von hinten, eine Bewegung, die für einen Augenblick vertraut wirkte, immer wieder glaubte sie, ihn entdeckt zu haben, und jedes Mal fand sie das Gesicht eines Fremden. Ihre nackten Füße schlugen auf das nasse Pflaster. Kleine Steine schnitten in die Sohlen. Sie spürte sie kaum. Das Leinen klebte inzwischen so eng und durchsichtig an ihrem Körper, dass es mehr von ihr zeigte als verbarg. Männer hätten sie an jedem anderen Abend angestarrt. Vielleicht taten sie es sogar jetzt. Aelia bemerkte keinen einzigen Blick. „Doréan!“ Ihre Stimme wurde heiser. Sie bog in eine weitere Gasse ein, kam an einem qualmenden Lagerhaus vorbei, musste einem Trupp Männer ausweichen, die einen Verletzten zwischen sich trugen, und rannte weiter zum nächsten Kai. Nichts. Mit jedem Augenblick wuchs die Angst weiter. Vielleicht suchte sie am falschen Ende des Hafens. Vielleicht war Doréan längst zum Gasthaus zurückgekehrt und suchte nun seinerseits nach ihr. Vielleicht hatte Raban ihn irgendwohin mitgenommen. Vielleicht… Aelia brach den Gedanken ab. Weiter. Immer weiter. Der Zundergeist blieb währenddessen wach. Sie spürte ihn hinter allem anderen, diese gespannte, fremde Aufmerksamkeit tief in ihrem Geist. Jedes Mal, wenn sie an einem brennenden Gebäude vorbeikam, schien etwas in ihr den Kopf danach zu wenden. Aelia ließ es gewähren. Sie hatte weder Kraft noch Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Sie suchte Doréan. Die Minuten dehnten sich. Der Regen lief ihr über das Gesicht, und irgendwann wusste sie nicht mehr, ob es nur Regenrinnsale waren, oder Tränen. Ihre Lungen schmerzten vom Laufen und vom Rauch. Sie blieb stehen, rang nach Atem und drehte sich einmal um die eigene Achse. Überall Menschen. Überall Rauch. Überall Feuer. Nur Doréan war nirgends. „Doréan!“ Ihre Stimme brach beinahe an seinem Namen. Aelia blieb erschöpft stehen und lief ihre Blicke suchend umherschweifen. Sie atmete schwer, sie war erschöpft und sie konnte nicht mehr.
Dann hörte sie ihren Namen. Diese Stimme… Sie war ihr vertrauter und lieber als jede andere auf der Welt. Und sie schrie ihren Namen. „Aelia!“ Sie erstarrte. Der Hafen verschwand. Das Prasseln des Regens, die Glocken, die Rufe, selbst das Feuer, für einen einzigen Herzschlag sank alles hinter dieser Stimme zurück. Sie kannte sie. Aelia hätte sie überall erkannt. „Aelia!“ Sie fuhr herum. Da war er. Zwischen Regen und Rauch, ein Stück weiter die Straße hinab, stand Doréan und fuchtelte wild mit den Armen. Aelia starrte ihn an. Und dann rannte sie. „Doréan!“ Auch er setzte sich in Bewegung. Menschen lagen zwischen ihnen, liefen quer über die Straße, drängten in Hauseingänge und hinaus auf die Kais. Aelia wich ihnen aus, schob sich an ihnen vorbei. Näher. Noch näher. Die letzten Schritte warf sie sich ihm entgegen. Doréan fing sie auf. Aelia prallte gegen seine Brust und schlang die Arme um ihn. Seine Arme schlossen sich um sie, fest und hastig, und sie vergrub das Gesicht an seinem Hals. Er war nass bis auf die Haut. Er roch nach brackigem Hafenwasser, Rauch und Ruß. Unter ihrer Wange spürte sie seine Wärme. Am Leben, Doréan war am Leben, und das war alles, was zählte. Aelia klammerte sich an ihn, während ihre Beine plötzlich kaum noch Kraft besaßen. Alles, was sie durch den brennenden Hafen getrieben hatte, brach in diesem einen Augenblick in sich zusammen. Ihre Hände glitten an seinem nassen Stoff ab, krallten sich schließlich in seinen nassen Mantel und hielten ihn fest. Tief in ihr witterte der Zundergeist noch immer das Feuer. Der Kettenhund war noch wach, den Kopf erhoben, die Aufmerksamkeit gespannt auf die Flammen, die langsam immer mehr vom Regen erstickt wurden und verzweifelt aufbegehrten. Doch als Doréans Arme sich um sie schlossen, trat seine Gegenwart zurück. Aelia vergrub das Gesicht noch tiefer in seinem Hals und hielt ihn fest. Spürte seinen Atem, seine Wärme, das heftige Schlagen seines Herzens. Doréan lebte. Er war hier. Sie hatte ihn wieder. Ringsum brannte der Hafen, und irgendwo tief in ihrem Geist stand der Zundergeist noch immer mit erhobenem Kopf und witterte die Flammen. Aelias Herz aber gehörte in diesem Augenblick einzig Doréan. Die gespannte Wachheit, die sich seit dem Anblick der Flammen in ihrem Geist ausgebreitet hatte, wich zurück. Langsam zuerst, dann immer weiter, als würde der mächtige Kettenhund widerwillig von seiner Witterung ablassen. Das Feuer lockte noch immer ringsum, fraß, sprang und glomm in tausend goldenen Zungen durch die Nacht, doch seine Gegenwart erreichte Aelia kaum noch. Tief in ihrem Geist zog sich der Zundergeist zurück. Dorthin, wo er seit Monaten seinen Dämmerschlaf hielt, in einen dunklen Winkel jenseits ihrer Gedanken. Nicht gebändigt, nur zurückgedrängt. Aelia blieb zurück, zusammen mit dem wilden Schlagen ihres eigenen Herzens, und die überwältigende Gewissheit, dass der Mensch, den sie liebte, lebendig vor ihr stand.
Der Schlaf hielt Aelia länger gefangen, als sie je beabsichtigt hätte. Als sie die Augen öffnete, drang bereits helles Tageslicht in Doréans Dachkammer. Es kroch durch die Ritzen zwischen den Brettern und zeichnete schmale Streifen auf Balken, Dielen und das dürftige Lager. Für einen Augenblick blieb Aelia reglos liegen. Ihr Körper fühlte sich seltsam schwer an, jeder Muskel war müde, der Kopf dumpf und leer. Selbst das Öffnen der Augen schien mehr Kraft zu verlangen, als eine so lächerlich kleine Verrichtung eigentlich kosten durfte. Die Erinnerung an die vergangene Nacht kam nur langsam zurück. Das Feuer. Der Hafen. Der Regen. Doréan. Sie wandte den Kopf zu ihm. Am liebsten wäre sie einfach liegen geblieben. Doréan war verletzt worden. Allein dieser Umstand wäre Grund genug, die Decke wieder über die Schulter zu ziehen, sich an ihn zu schmiegen und den Rest des Tages bei ihm zu verbringen. Nach allem, was in der Nacht geschehen war, erschien ihr die Vorstellung beinahe absurd, ihn jetzt allein zu lassen und sich im Roten Bullen krumm und buckelig zu schuften. Dann fiel ihr Peer ein. Aelia schloss die Augen. „Scheiße.“ Es musste spät sein. Sehr spät. Sie richtete sich auf und bereute die Bewegung augenblicklich. Ihr Kopf pochte und irgendwo tief hinter dem rechten Auge lag noch die dumpfe Erschöpfung der vergangenen Nacht. Der Zundergeist schlief wieder. Was er zurückgelassen hatte, fühlte sich an wie die Müdigkeit nach einem jener Wutausbrüche, die sie innerhalb weniger Augenblicke vollkommen leer fraßen, nur tiefer diesmal. Sie sah wieder zu Doréan. Ein paar Herzschläge lang rang sie mit sich. Sie brauchte diese Arbeit. Seit Mahdia sie hinausgeworfen hatte, besaß Aelia ohnehin schon viel zu wenig Sicherheit in ihrem Leben. Der Rote Bulle war derzeit das Einzige, worauf sie sich wenigstens halbwegs verlassen konnte. Peer zahlte sie. Peer hatte ihr eine Chance gegeben. Und Peer hatte bereits mehr Verständnis für ihre Schwierigkeiten aufgebracht, als Aelia von einem Wirt erwarten durfte. Wenn sie diese Arbeit auch noch verlor, hatte sie ein echtes Problem. Sie beugte sich zu Doréan, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und stand auf. Wenig später lief sie durchs graue Viertel. Die Ereignisse der vergangenen Nacht waren sichtbar. In manchen Straßen roch es noch nach nassem Ruß und verbranntem Holz. Menschen standen vor geschwärzten Fassaden, Karren transportierten verkohlte Balken fort, und über den Dächern des Hafenviertels hing irgendwie noch immer ein rußiger Schleier. Aelia selbst trug den Brand ebenfalls mit sich herum. Der Geruch hatte sich in ihr Haar, ihre Haut und ihre Kleidung gesetzt. Sie hatte erst viel Geld für ein Bad im Badehaus bezahlt. Und jetzt war alles umsonst gewesen. Wie gern hätte sie sich den Rauchgeruch aus Haar Kleidung und Haut gewaschen. Aber für ein Bad hatte sie keine Zeit. Und auch keine Lust schon wieder Geld dafür hinzulegen wenn sie nicht genug davon hatte. Als der Rote Bulle endlich vor ihr auftauchte, brauchte sie keinen Blick zum Himmel, um zu wissen, wie schlimm es stand. Es war beinahe Mittag. Aelia lief die letzten Schritte, riss die Tür auf und trat außer Atem in die Schenke.
Der Betrieb war längst in vollem Gang. Gespräche, Gelächter und das Klappern von Geschirr schlugen ihr entgegen. Hinter dem Schanktisch wurde ausgeschenkt, an mehreren Tischen standen bereits leere Krüge herum, und kaum war Aelia über die Schwelle getreten, trafen sie die ersten Blicke. Natürlich, sie kam Stunden zu spät. Aelia suchte Peer. Als sie ihn entdeckte, ging sie sofort zu ihm. „Peer...“ Er drehte sich um. Sein Blick glitt einmal über sie hinweg. Seine Miene veränderte sich dabei kaum, und gerade das machte Aelia nervös. „Es tut mir leid“, begann sie sofort. „Ich weiß, wie spät es ist. Ich hab verschlafen und…“ „Aelia.“ „Ich weiß. Wirklich. Ich…“ „Komm mal mit.“ Das klang schlimmer als jedes Donnerwetter. Peer legte das Tuch beiseite, das er gerade in der Hand gehalten hatte, und führte sie einige Schritte fort vom Schanktisch, weit genug, dass sie nicht mitten vor den Gästen miteinander reden mussten. Aelia folgte ihm mit einem zunehmend unguten Gefühl. Peer verschränkte die Arme. „Gestern waren wieder Männer wegen dir hier.“ Welche weitere Entschuldigung auch immer sie sich zurechtgelegt hatte, sie erstarb ihr auf den Lippen. „Was?“ „Zwei diesmal.“ „Zwei?“ Peer nickte. „Der eine war schon einmal hier und hat nach dir gefragt. Du weißt, der Kerl der einfach in die Küche gehen wollte. Diesmal hatte er aber einen anderen dabei.“ Aelia starrte ihn an. Sie kannte den Namen des Mannes weiterhin nicht. Trotzdem wusste sie sofort, wen Peer meinte. „Was wollten sie?“ „Dich.“ „Hat keiner gesagt, warum?“ „Nein.“ Aelia sah unwillkürlich zur Tür. Zwei Männer? Bislang hatte sie sich einreden können, dieser Fremde würde irgendwann das Interesse verlieren. Nun kam er wieder. Und brachte jemanden mit. „Aelia.“ Sie wandte sich wieder Peer zu. Sein Gesicht war ernst geworden. „So geht das nicht weiter.“ „Peer, ich…“ „Lass mich ausreden.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Ich will dich nicht vor die Tür setzen. Wenn ich das wollte, hätte ich das längst getan.“ Aelia schwieg. „Ich weiß, dass bei dir gerade einiges schiefzulaufen scheint.“ Er deutete mit dem Kinn auf sie. „Du riechst ohnehin, als wärst du selbst im Feuer gelegen.“ „Ich war mittendrin.“ Peer hielt inne. „Im Hafen?“ Aelia nickte. „Das Gasthaus, in dem ich geschlafen hab, hat gebrannt. Ich bin mit den anderen raus. Und mein Freund war am Hafen.“ Sie schluckte. „Ich wusste nicht, wo er ist. Ich hab ihn gesucht.“ „Ich bin erst irgendwann spät nachts eingeschlafen. Bei ihm. Er ist verletzt und ich wollte eigentlich..“ Aelia brach ab und fuhr sich müde über das Gesicht. „Ich hätte trotzdem hier sein müssen.“ Peer atmete durch die Nase aus. „Genau da liegt mein Problem.“ Aelia blickte auf. „Ich glaub dir das alles. Ich hab gestern Nacht selbst die verdammten Flammen gesehen. Die halbe Stadt hat sie gesehen.“ Er senkte die Stimme. „Aber ich hab hier eine Schenke. Und Leute, die für mich arbeiten. Wenn Männer auftauchen und nach einer meiner Schankmägde fragen, wenn irgendwelcher Ärger bis vor meine Tür getragen wird und ich inzwischen einen Mann bezahlen muss, der abends aufpasst, wer hier reinkommt und wen er wieder rauswirft, dann betrifft deine Scheiße irgendwann auch mich.“ Aelia senkte den Blick. Das traf sie, weil sie ihm kaum widersprechen konnte. „Ich hab den Ärger aber nicht hergebracht.“ „Das weiß ich.“ Sie sah wieder auf. Peer wirkte weder wütend noch kalt. Eher müde. „Ich weiß, dass du dir diese Kerle vermutlich nicht bestellt hast. Darum reden wir gerade miteinander.“ Er deutete mit zwei Fingern zwischen ihnen. „Ich will dir helfen, Aelia. Wirklich. Jeder kann eine Zeit haben, in der ihm die Scheiße bis zum Hals steht. Auch ich hatte solche Zeiten am eigenen Leib erlebt. Aber sobald meine Gäste oder meine Leute da mit drinstecken, muss ich etwas tun.“ Aelia nickte langsam und Peer deutete mit einem Nicken zur Tür, neben der ein vierschrötiger Kerl auf einem Hocker saß, der schon aufgrund seines massigen Leibs viel zu klein für ihn wirkte. „ Baldric bleibt“, fuhr Peer fort. „Wenn der Kerl wiederkommt, fliegt er raus. Wenn sein Freund mitkommt, fliegt der gleich mit raus. Aber wenn noch fünf dazukommen, haben wir ein anderes Problem.“ Ein schwaches, erschöpftes Lächeln zuckte über Aelias Gesicht. Peer erwiderte es kaum merklich. „Dafür brauche ich von dir auch etwas.“ „Ich komme pünktlich.“ „Das wäre ein Anfang.“ Aelia verzog den Mund. „Ich reiß mich zusammen“, sagte sie. „Versprochen.“ Peer musterte sie noch einen Augenblick. Dann nickte er in Richtung Schankraum. „Dann fang gleich damit an. Geh arbeiten.“ Das ließ sie sich kein zweites Mal sagen. Aelia band sich die Schürze um und verschwand in der Küche.
Schon nach wenigen Minuten spürte sie, wie sehr ihr die vergangene Nacht noch in den Knochen steckte. Die Wärme der Herdstellen machte ihr den Kopf schwer, ihre Arme wurden vom Schleppen der Wassereimer und Töpfe müde, und jedes Bücken nach einem Korb oder einer Schüssel zog unangenehm durch Rücken und Beine. Ihr Körper verlangte nach Schlaf, nach etwas Ordentlichem im Magen und einfach nur Ruhe. Sie schälte Gemüse, schrubbte Töpfe, schleppte Wasser, rupfte Kräuter, schnitt Zwiebeln und nahm der Köchin jede Arbeit aus der Hand, die man ihr zuschieben konnte. Kaum war eine Schüssel geleert, griff sie nach der nächsten; kaum stand ein Topf sauber an seinem Platz, fand sie einen neuen, an dessen Boden die Reste vom Vortag klebten. Sie arbeitete mit einer beinahe verbissenen Geschäftigkeit, als ließen sich die versäumten Stunden des Vormittags wieder aufholen. Natürlich bemerkten die anderen, dass etwas nicht stimmte. Dafür musste niemand besonders scharfsinnig sein. Aelia war zu spät gekommen, Peer hatte sie unmittelbar zur Seite genommen, und anschließend arbeitete sie mit jener verbissenen Geschäftigkeit, die jedem verriet, dass dieses Gespräch kein Lob für hervorragende Dienste gewesen war. Dazu kamen ihre Müdigkeit, der Rauchgeruch, der selbst zwischen Bier, Bratenfett und Schweiß noch an ihr haftete, und die dunklen Schatten unter ihren Augen. Früher oder später würde vielleicht jemand fragen. Und Aelia wusste noch immer nicht, was sie mehr beunruhigte: dass inzwischen zwei Männer nach ihr suchten, oder dass sie absolut keine Ahnung hatte, warum.
Gegen Mittag schickte Peer sie zum Markt. Der Brand hatte den üblichen Warenfluss im grauen Viertel gründlich durcheinandergebracht. Ein Teil der Fuhrleute war seit dem frühen Morgen damit beschäftigt, Hausrat oder Waren aus dem Hafenviertel zu schaffen, andere weigerten sich, mit ihren Karren durch Straßen zu fahren, die noch immer voller Schutt, Löschwasser und Menschen waren. Was sonst irgendwann von selbst an der Hintertür des Roten Bullen auftauchte, musste heute eigenhändig besorgt werden. Peer drückte Aelia einen Korb in die Hand, zählte ihr auf, was in der Küche fehlte, und schickte sie los. Aelia war froh darüber. Der Himmel war wolkenverhangen, die Luft draußen war heute kühl und roch nach dem nächtlichen Regen, wenngleich der Brandgeruch selbst hier noch über dem Viertel hing. Seit Stunden hatte sie in der heißen Küche gestanden, und die Erschöpfung saß ihr inzwischen in den Gliedern. Der Weg zum Markt versprach wenigstens ein wenig frische Luft und ein wenig Abwechslung. Auf dem Markt herrschte dafür das reinste Durcheinander. Aelia hatte ihren Korb bereits halb mit Gemüse gefüllt, als sie eine Stimme hörte, die ihr den Tag augenblicklich verdarb. „Na sieh einer an.“ Aelia erstarrte. Diese Stimme kannte sie. Sie wandte langsam den Kopf. Mahdia stand nur wenige Schritte entfernt. Auch sie trug einen Korb am Arm und hatte offenbar dasselbe Vorhaben wie Aelia. Einen Moment lang musterten die beiden einander schweigend. Mahdias Blick glitt über Aelias Kleid, die Schürze, den Korb in ihrer Hand und blieb schließlich an ihrem Gesicht hängen. Ihre Augen wurden schmal. „Du.“ Aelia hob das Kinn ein wenig. „Ich?“ „Als hätte ich heute noch nicht genug Ärger.“ „Dann geh doch einfach weiter…“ gab Aelia mürrisch zurück. Mahdias Augen verengten sich noch ein Stück weit. Aelia hätte es dabei belassen können. Vermutlich wäre das sogar klug gewesen. Mahdia machte ihr diese vernünftige Entscheidung leicht zunichte. „Immer noch dasselbe missratene Gör.“ Aelia drehte sich nun ganz zu ihr um. „Und du bist immer noch dieselbe alte Ziege.“ „Wie redest du mit mir?“ „Genauso, wie du mit mir redest. Ausserdem, du hast mir gar nichts mehr zu sagen, Mahdia.“ „Wenigstens weiß ich, wie man sich zu benehmen hat. Das wirst du vermutlich nie lernen.“ Aelias Finger schlossen sich fester um den Henkel ihres Korbes. „Sagt ausgerechnet die, die mich wegen eines einzigen Fehltritts mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt hat.“ „Ist das jetzt etwa meine Schuld?“ Mahdia stieß ein trockenes Lachen aus. „Du hast dich in meinem Haus von diesem Gossenfloh vögeln lassen und ich soll schuld sein?“ Ein paar Köpfe drehten sich zu den beiden Frauen um und Aelia spürte Hitze in ihre Wangen steigen. „Schrei's noch lauter. Der Fischhändler dort hinten hat's vielleicht nicht gehört.“ „Der kennt die Geschichte vermutlich längst“ lachte Mahdia gemein. „Bestimmt von dir.“ Mahdia schnaubte. „Wo wir gerade von Fisch reden… Ich habe wegen euch beiden eine Woche lang kaum einen Gast in die Schenke bekommen! Eine Woche! Weißt du, was mich dieser verdammte Fischunrat gekostet hat?“ „Wovon redest du bitte?“ „Ihr habt ein ganzes Fass in meiner Schankstube verteilt!“ „Wer behauptet denn das?“ Mahdia hob eine Augenbraue. „Ach bitte, Aelia. Ich habe eine Zeugin.“ „Aha. Und wer soll das bitte sein?“ „Hiltrud!“ Aelia verdrehte die Augen. „Das olle Lumpenweib. Die hat doch längst nicht mehr alle Latten am Zaun, das weiß doch jeder, und ihr glaubst du mehr als mir?“ Mahdia betrachtete sie einen Moment lang mit hochgezogenen Brauen. „Sie wusste erstaunlich genau Bescheid.“ „Natürlich wusste sie das. Die hängt doch den ganzen Tag aus ihrem Fenster und glotzt auf die Straße, wenn sie nicht grad durchs Viertel strolcht und Mist einsammelt.“ „Dann hatte sie ja offenbar den besten Platz.“ Aelia verzog den Mund. „Sie hat gesehen, wie ihr das Fass auf die Straße gekippt habt!“ fuhr Mahdia fort. „Sie hat den Fischunrat auf der Straße gesehen. Sie hat dich erkannt. Und sie hat mir erzählt, dass du einen Stein nach ihr geworfen hast.“ Aelia schwieg einen Augenblick. „Der hat sie aber nicht getroffen.“ „Du hast einen Stein nach einer alten Frau geworfen!“ Aelia öffnete den Mund, schloss ihn wieder und verzog schließlich trotzig das Gesicht. „Ich war wütend weil du mich auf die Straße gesetzt hast.“ „Weil du diesen Straßenköter mit in dein Bett genommen hast.“ Aelia presste die Lippen zusammen. Mahdia sah es und wusste natürlich sofort, wo sie weiterbohren musste. „Seitdem treibst du dich wohl ohnehin überall herum.“ Ein hässliches kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Hab gehört, du schläfst mal da, mal dort. Einmal bei deinem Straßenköter, einmal bei irgendwelchen Leuten. Kein Zimmer, keine ordentliche Stellung…“ „Ich hab eine Arbeit.“ Mahdia blinzelte. Aelia konnte sich ein kleines, befriedigtes Lächeln nicht verkneifen. „Sogar eine bessere als bei dir.“ Mahdias Gesicht sprach für sich. „Ach?“ „Ja!“ „Und was soll das für eine großartige Arbeit sein?“ Aelia hob demonstrativ den Korb. „Eine, für die ich gerade einkaufe.“ Mahdia betrachtete den Korb, dann die Schürze, schließlich wieder Aelia. Ihr Mund verzog sich. „Und ich dachte schon, du verdienst dein Geld inzwischen auf dem Rücken.“ Aelias Lächeln verschwand und Mahdia legte nach „So abwegig ist der Gedanke gar nicht. Bei deinem verkommenen Straßenköter warst du mit dem Beine breitmachen schließlich auch nicht besonders zurückhaltend.“ Aelia wollte etwas erwidern, aber Mahdia war jetzt richtig in Fahrt geraten. „Ein Bett brauchst du ja ohnehin jede Nacht. Da kannst du dir wenigstens gleich eines suchen, in dem du dafür bezahlt wirst.“ Aelia kniff wütend die Augen zusammen. Einen Augenblick lang sah es aus, als würde sie Mahdia am liebsten an die Gurgel gehen. Dann veränderte sich ihr Gesicht. Der Zorn wich einem langsamen, beinahe süffisanten Lächeln. „Sag mal, Mahdia … was hat dir eigentlich dein Robert immer fürs Bett bezahlt?“ Mahdias Gesicht erstarrte. „Oder hast du's umsonst gemacht?“ Für einen Augenblick sagte Mahdia kein Wort. Dann trat sie dicht an Aelia heran. „Halt dein lästerhaftes Maul.“ Aelias Brauen hoben sich. „Oh. Jetzt sind wir plötzlich empfindlich?“ „Du weißt überhaupt nicht, wovon du redest.“ „Doch. Eigentlich ziemlich genau.“ „Noch ein Wort darüber, und…“ „Und was?“ Aelia sah sie herausfordernd an. „Wirfst du mich noch mal raus? Mein neuer Arbeitgeber jedenfalls wirft seine Leute nicht wegen jedem Scheiß auf die Straße.“ Mahdias Gesicht verhärtete sich wieder. „Du hast dir das selbst eingebrockt. Und nachdem ihr meine Schenke verwüstet habt, hast du das auch gar nicht anders verdient!“ Mahdias Stimme wurde schrill. „Ihr habt mir die ganze Stube verpestet! Ich musste die Stadtwache holen und die Schenke schließen und Alva musste mehrere Tage mit Essig putzen um den Gestank wieder rauszubekommen!“ Aelia hielt inne. Etwas in diesem Satz blieb hängen. „Was?“ Mahdia war bereits mitten in ihrem nächsten Atemzug, doch Aelias Gesicht ließ sie verstummen. „Was hast du gerade gesagt?“ „Was soll ich gesagt haben?“ „Du hast die Stadtwache geholt.“ Mahdia verdrehte die Augen. „Natürlich hab ich die Stadtwache geholt. Glaubst du, ich lasse mir sowas bieten von zwei Rotzgören?“ Aelia starrte sie an. Hartwig. Auch, wenn sie seinen Namen nicht kannte.. Plötzlich hatte sie Gewissheit. „Dieser Wachmann…“, fuhr Aelia leiser fort. „Der mir seitdem auf den Fersen hängt und Ärger macht... Du hast denen einfach von mir erzählt?“ „Ich habe ihnen erzählt, was passiert ist.“ „Du hast ihm meinen Namen gegeben!“ „Natürlich hab ich deinen Namen genannt!“, fauchte Mahdia. „Die Wache wollte wissen, wer beteiligt war. Was hätte ich denn tun sollen? Für dich auch noch lügen?“ Aelia spürte das Pochen hinter ihrem rechten Auge. „Seitdem hängt mir dieser Kerl am Arsch.“ „Dann wird er wohl seinen Grund haben.“ Der Satz traf Aelia. Die Erschöpfung der vergangenen Nacht, die Stunden in der Küche, das Wissen um die beiden Männer, die wieder nach ihr gesucht hatten, all die letzten Tage ohne eigenes Bett und ein richtiges Dach über dem Kopf, und vor ihr stand Mahdia und tat, als wäre das alles eine gerechte Strafe für ein Mädchen, das sich einmal gegen ihre Regeln vergangen hatte. „Seinen Grund?“ Mahdia hob trotzig das Kinn. „Vielleicht solltest du endlich aufhören, die Schuld für jeden Scheiß bei anderen zu suchen.“ Aelia trat auf sie zu. „Du hast doch keine Ahnung, was du angerichtet hast.“ „Und du hast keine Ahnung, was du ständig anrichtest, du undankbares kleines…“ Aelia stieß sie von sich. Es geschah in einer einzigen Bewegung. Beide Hände trafen Mahdia vor der Brust, und in dem Augenblick, in dem Aelia die Arme durchdrückte, fuhr jene vertraute, jähe Hitze durch ihren Kopf. Mahdia taumelte rückwärts. Ein Schritt, noch einer; ihre Ferse verfing sich an einem abgestellten Korb, und mit einem erschrockenen Aufschrei verlor sie das Gleichgewicht. Sie landete mitten auf dem Hintern. Der Korb kippte unter ihr weg. Zwiebeln kullerten über das Pflaster. Ringsum wurde es auf jene eigentümliche Weise still, wie ein belebter Markt eben still werden konnte: Die Händler riefen weiter, irgendwo wurde gefeilscht, ein Karren rumpelte vorbei – doch in dem kleinen Kreis um die beiden Frauen verstummten plötzlich sämtliche Gespräche. Aelia stand da und starrte Mahdia an. Selbst sie hatte mit diesem Ereignis nicht gerechnet. Mahdia offenbar auch nicht. Die Wirtin saß zwischen verstreuten Zwiebeln und Rüben auf dem Boden, beide Hände hinter sich abgestützt, und blickte zu Aelia empor. Auf ihrem Gesicht wechselten Unglaube und Empörung miteinander, bis schließlich der Zorn gewann. „Du kleine Drecksau!“ Aelia atmete schwer. Hinter ihrem rechten Auge pochte es inzwischen im Takt ihres Herzens. Aelia stellte ihren Korb ab. Langsam. „Du blöde Kuh.“ Mahdia riss die Augen auf. „Was hast du gesagt?“ „Blöde, verfickte Kuh! Steh auf!“ Mahdia blinzelte. „Was?“ „Steh auf, wenn du mich weiter beleidigen willst.“ Mahdia rappelte sich unbeholfen hoch. Langsamer, als Aelia erwartet hatte. Eine Hand stützte sich auf das Knie, die andere fuhr über den Rock, an dem Schmutz und die zerdrückten Reste einer Zwiebel klebten. Um sie herum kullerten noch immer einige Zwiebeln über das Pflaster. Ein Händler hatte sich hinter seinem Stand aufgerichtet, zwei Frauen waren beim Feilschen verstummt, und selbst ein Junge mit einem Korb voll Äpfeln blieb stehen, um sich das Schauspiel anzusehen. Als Mahdia sich ganz aufgerichtet hatte, war ihr Gesicht dunkelrot. „Du miese kleine Schlampe!“ Sie ging geradewegs auf Aelia zu und die Ohrfeige kam schnell und unerwartet. Mahdias Hand klatschte gegen ihre Wange und riss Aelias Kopf zur Seite. Einen Herzschlag lang blieb Aelia so stehen. Dann fuhr ihr Blick zurück. Die Hitze hinter ihrem rechten Auge flammte auf. Ihre Hand zuckte bereits nach oben. Mahdia sah es. Und Aelia spürte es. Diesen einen winzigen Augenblick, in dem es so leicht gewesen wäre. Die Hand zur Faust schließen. Zuschlagen. Einmal nur. Mit all der Wut über diese Ungerechtigkeit, die seit Tagen an ihr fraß. Ihre Finger krümmten sich. Dann ließ sie die Hand sinken und der Augenblick verstrich. Was eben noch heiß durch ihren Kopf geschossen war, fiel ebenso rasch in sich zusammen und verpuffte ins Nichts. Aelia hob ihren Korb auf und funkelte Mahdia wütend an „Geh mir aus dem Weg…“ Dann ging sie an ihr vorbei und stieß sie dabei zur Seite.
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