Einmal Gosse, immer Gosse
#1
Einmal Gosse, immer Gosse ❖
rabe-dies ist die Geschichte von Doréan und Aelia. Doréan, welcher im Armenviertel - dem Grauen Viertel - Oshkïrs aufgewachsen ist und mit jedem Tag der vergeht, ums Überleben kämpfen muss. Auge um Auge, Zahn um Zahn. So lautet die Devise in den grauen Vierteln der freien Städte. Und die Sanra'Jena halten es mit dieser Philosophie sehr genau. Schon mit jungen Jahren ist er den Sog der Sanra'Jena hineingeraten und kennt keine andere Welt als diese. Für einen Mann wie Doréan heißt es mitziehen oder untergehen. Und untergehen heißt hier nichts anderes, als bei den Fischen zu schlafen.

rabe-und für Aelia, in deren Herzen die Essenz eines gefährlichen Zundergeistes lodert, stehen alle Zeichen auf Schlecht. In eine ehrlose Familie hineingeboren und von einem hartherzigen Stiefvater geflohen, führte sie das Schicksal an den denkbar gefährlichsten Ort für die junge Frau. Ein Ort, an welcher das Leben einer Frau nichts wert zu sein scheint und wo die Verlockungen der Opiumhöhlen allgegenwärtig zu spüren ist. Ihr aufbrausendes Gemüt steht im Konflikt mit den eisernen Gesetzen der grausamen Stadt. Früher oder später wird sich weisen, ob sie im grauen Viertel aufblühen oder verbrennen wird.

rabe-quälend grausam kann das Leben im grauen Viertel sein. Allein die Zeit wird zeigen, ob sich diese beiden, jungen Menschen dem Sog der Sanra'Jena entziehen können, welche die grauen Viertel fest im Würgegriff halten und in Rabenblut zu ertränken drohen. Denn wenn es ein ungeschriebenes Gesetz auf dieser Welt gibt, dann, dass die gebrochene Perle des Südens niemanden mehr herausgibt, der sie einmal betreten hat!
#2
Ein Leben in Knechtschaft ❖
rabe-der Morgen graute, als Aelia schweißgebadet erwachte. Augenblicklich war sie hellwach, und blickte sich verschreckt und mit rasendem Herzen in dem Heuschober um, in welchem sie schlief. Doch alles lag im Dunkel, und es war weder Geruch von Feuer und Rauch zu vernehmen, noch flackerte verräterischer Feuerschein auf. Nein, es brannte nicht, somit war dies nur wieder einmal ein scheußlicher Alptraum gewesen, wie sie ihn immer wieder hatte, seit sie diesem Zundergeist begegnet war. Mit immer noch klopfendem Herzen legte sie ihre Hände auf ihr Gesicht, und rieb sich mit ihren Zeige- und Mittelfingern die Augen, und schließlich wischte sie sich mit ihrem Ringfinger noch den Schlaf aus den Augen, und stand schließlich auf. Sie gähnte, dann stieg sie die Stufen der Leiter, die zu ihrem Schlafplatz führte hinab, lief hinaus in den Hof, und steuerte geradewegs auf den Brunnen zu, welcher ein wenig abseits am Rand stand. Aelia kurbelte, und der Holzeimer an dem Seil fuhr wackelnd hinab, und wurde kurzer Zeit später, vollgefüllt mit Wasser, wieder von ihr hochgezogen. Mit einem Holzlöffel schöpfte sie sich ein wenig Wasser in die Handkuhle, wusch sich damit ihr Gesicht und trank noch einen Schluck davon. Mit dem restlichen gefüllten Eimer ging sie durch den Hintereingang in die Küche der Wirtstube. Als Aelia sah, dass außer ihr noch niemand wach war, stieß sie wüste Verwünschungen über die Schankmaid Talma aus, die in ihren Augen nur eine dumme, faule Schlampe war, riss unwillig den Schürhaken von der Wand, und stocherte in der Asche auf der Suche nach Glutbrocken, die noch nicht erloschen waren. Doch die Asche war bereits kalt, und kein Glutfünkchen befand sich mehr in deren Mitte. So fegte sie die Asche aus dem Ofen, schüttete sie fein säuberlich in einen Holzeimer, und breitete dann kleine Holzstückchen, Späne, und Zunder aus Rohrkolben aus, und holte die kleine Dose mit Schlageisen und Feuerstein vom Kaminvorsprung. Es war totenstill in der Schenke, nur das klacken der aneinanderschlagenden Steine war zu vernehmen. Kleine Funken fielen auf den Zunder. Viele waren es nicht, doch wie so oft im Leben war nur ein Funke nötig, um ein Feuer zu entfachen. Als auf dem Zundermaterial ein schwelendes Flämmchen geboren ward, hielt Aelia schnell einen Holzspan hinein der sogleich brannte, und damit entzündete sie sogleich ein Talglicht. Es dauerte nicht lange, und Aelia starrte in ein loderndes Feuer, welches ihr die Wangen wärmte, und Trost spendete. Sie mochte Feuer. Es war heimelig, gemütlich und es war ein nützlicher Diener, doch es ließ sich nicht bändigen. Als sie eine Weile so versunken da saß, legte sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter.

Sie schreckte hoch, und als sie sich umwandte, erkannte sie Madiah, die Wirtin. „Ah du bist es…“ murmelte Aelia und erhob sich schließlich. „Na, was ist denn mit dir los? Hast du schlecht geschlafen?“ fragte Madiah, welche die Hände in ihre Hüften stemmte, und sie forschend musterte. „Aber nein, ich habe gut geschlafen…“ log Aelia, denn sie hatte keine Lust, wieder darüber nachzudenken, und noch weniger, vor der Wirtin auch nur die geringste Schwäche zu zeigen. Madiah war knallhart. Wenn sie nur merkte, dass man nicht hart zupackte und selbständig arbeitete, dann setzte sie jedermann unerbittlich vor die Türe. Sie mochte eine nette Frau sein, doch gab sie niemandem eine zweite Gelegenheit, einen Fehler wieder gut zu machen. Ob dies am Einfluss des grauen Viertels lag? Waren hier alle so, oder war Madiah nur eine besonders harte Frau? Zumindest hatte Aelia hier wirklich gut arbeiten gelernt. Sie konnte gut zupacken und war hart im Nehmen. So leicht warf sie nichts um… „Wo ist Talma?“ fragte sie die Wirtin, und diese zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, ist noch nicht hier?“ „Nein, sonst würde ich ja nicht fragen“ gab Aelia gleichmütig zurück. „Dann geh nach oben, und sieh nach, ob sie noch schläft…“ forderte Madiah sie auf. „Wenn Lestar es bemerkt, zieht er wieder den ganzen Tag ein grimmiges Gesicht, und darauf habe ich noch weniger Lust als mich über sie zu ärgern. Aelia seufzte, doch sie tat wie ihr geheißen, und ging die Stufen hinauf, wo sich hinten, am Ende des Ganges, in welchen sich die wenigen Gästezimmer befanden, das Schlafgemach der Schankmaid befand.

Aelia fand, dass Talma es nicht verdiente, ein eigenes Zimmer zu besitzen. Sie fand, dass es ihr zustünde, denn sie war viel fleißiger, und nützlicher, während Talma nur dazu gut war, Männer dazu zu bringen, stundenlang in der Schenke zu hocken, und Bier zu bestellen, um sich an ihrem Anblick zu ergötzen. Talma war ein dralles Weib, gesegnet mit sämtlichen Vorzügen, die man sich nur wünschen konnte. Sie besaß ein volles Dekolleté, eine schmale Taille, nicht zu breite Hüften, einen runden, wohlgeformten Hintern, und schlanke Beine. Ihr dicker blonder Zopf, der wie Gold glänzte, trieb die Männer scharenweise in die Schenke, und obwohl das Bier sehr gut war, lag es nicht am Bier, warum die Schenke schon mittags, und vor allem abends gut besucht war. Als Magd stand Aelia immer abseits vom Geschehen, war fast immer im Hof, in den Ställen, im Heuschober, oder erledigte Einkäufe für die Wirtsleute. Von ihr nahm in der Schenke kaum jemand Notiz, weil fast niemand wusste, dass es sie überhaupt gab. Und dabei stand sie Talma in nichts nach. Auch sie war von der Natur gesegnet. Sie hatte eine ansehnliche, weibliche Figur. Üppig und wohlgestalt. Nur einer hatte sie bemerkt, als sie einmal aus der Schenke huschte, um auf den Markt zu gehen. Ruben. Er hatte sie am Markt gesehen, hatte er ihr einen Apfel gekauft, und lächelnd zugesteckt. Sie waren ins Gespräch gekommen, er hatte ihre Besorgungen heimgetragen und seitdem hatte er täglich vor der Schenke gewartet, unverdrossen von der Tatsache, ob sie herauskam oder nicht. Wenn sie dies nicht tat, weil sie keinen Botengang oder Einkauf zu erledigen hatte, ging er nach Hause und stand am nächsten Morgen wieder vor der Schenke. Seitdem war ein voller Mond vergangen, und seit einem halben Mond waren sie so etwas, wie ein Paar. Er schien sie regelrecht anzubeten. Aelia wusste, dass er gut für sie war. Er kam nicht aus dem grauen Viertel, seine Eltern betrieben eine Bäckerei im Ostende von Oshkïr. Er könnte sie aus dem grauen Viertel holen, und ihr schon mit dieser Geste ein besseres Leben ermöglichen. Und wenn er sie heiraten wollte, war ihr Überleben gesichert. Doch leider, so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach nicht mehr für ihn empfinden, als Sympathie. Er war ein netter Kerl, aber mehr nicht.

Aelia klopfte an die Türe. Dreimal, nicht zu zaghaft. „Talma?“ fragte sie, doch sie erhielt keine Antwort. „Talma? Madiah schickt mich, warum du noch nicht in der Stube unten bist…“ Als sie wieder nichts vernahm, öffnete sie einfach die Türe, und trat in das Zimmer ein. Ein kleines Talglicht flackerte, und tauchte das dunkle Zimmer in einen hellen Schein. Talma saß aufrecht im Bett, und wirkte sehr blass. Als sie Aelia sah, sagte sie leise „Geh weg, Aelia…“ Doch Aelia ignorierte ihre Forderung. „Warum stehst du nicht auf? Fühlst du dich nicht wohl?“ „Ich sagte, geh weg, Aelia. Kümmere dich um deine Angelegenheiten!“ Aelia runzelte die Stirn und trat ein wenig näher „Madiah schickt mich, du sollst sofort…“ Sie unterbrach sich selbst, denn als sie näher trat, sah sie den feinen Schweißfilm im Feuerschein glitzern, und bemerkte, wie die Schankmaid immer wieder zitterte, und geschüttelt wurde. „Hast du Fieber, Talma? Was ist mit dir?“ fragte sie vorsichtig, und legte ihr behutsam die Hand auf die Stirn. Sie schreckte zurück, denn die Stirn war nicht heiß, wie erwartet, sondern eiskalt. Ihre Augen wanderten ratlos über die Frau, und dann sah sie, dass die Hände blutbenetzt waren. „Talma, was ist passiert?“ fragte sie, und als diese sie nur ansah, als hätte sie einen Geist vor sich, da riss Aelia beherzt die Decke zurück. Und erschrak. Die Schankmaid saß in einer Lacke aus Blut, und blutige seltsam geformte Klumpen lagen zwischen ihren Beinen. „Scheiße!“ entfuhr es Aelia, und als sie den ersten Schock überwunden hatte, zählte sie eins und eins zusammen. Talma schien eine Fehlgeburt erlitten zu haben. Aelia hatte nicht einmal gewusst, dass sie ein Kind unter ihrem Herzen getragen hatte. Ob es die Wirtsleute wussten? Aelia ließ ihre Augen über dieses Grauen wandern. „Wusste Madiah davon…?“ hauchte Aelia und Talma schüttelte den Kopf. „Was soll ich denn jetzt nur tun?“ fragte sie. Aelia überlegte einen Moment. Wenn die Wirtsleute davon erführen, und Talma nicht arbeitsfähig war, - und so sah sie aus- dann würden sie sie rauswerfen. War das nicht eine einmalige Gelegenheit? Doch als sie die Schankmaid betrachtete, wie sie da saß, wie ein Häufchen Elend, da brachte sie es nicht übers Herz, ihr einen Strick aus ihrer Misere zu drehen. Stattdessen sagte sie „Reiß dich zusammen, Talma. Du weißt, wie streng und gläubig Madiah ist. Wenn sie erfährt dass du ein Kind unter deinem Herzen getragen hast, ohne verheiratet zu sein, und es verloren hast, dann wird sie denken, es sei eine Götterstrafe. „Vielleicht ist es das ja auch…“ jammerte Talma. Aelia fühlte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals festsetzte. Dennoch riss sie sich zur Raison. „Das ist Unsinn, Talma. Völliger Unsinn. Die Götter mischen sich nicht in unsere Belange. Reiß dich zusammen. Steh auf, wasch dich, mach dich hübsch zurecht und dann komm in die Stube! Madiah hat gesagt, gestern Abend ist ein großes Schiff im Hafen eingelaufen. Aus …Uland, glaube ich.... Das bedeutet, die Schenken hier werden bald brechend voll sein. Du kannst es dir jetzt nicht erlauben, im Bett zu liegen! Steh auf, los, ich schaffe die blutigen Laken weg! Zitternd erhob sich Talma, und Aelia raffte die Laken zusammen. Sie zu waschen hatte keinen Sinn. Es würden Flecken zurück bleiben. Das verschwundene Laken zu erklären war wirklich nicht ihr Problem. Allerdings könnte es zu ihrem Problem werden, wenn alles aufflog. Als Aelia die Laken aus dem Bett gezogen hatte, sackte Talma plötzlich in sich zusammen und schlug dumpf auf dem Boden auf. „Oh nein…“ murmelte Aelia. Madiah hatte es bestimmt gehört. Und nur wenige Augenblicke später stand die Wirtsfrau auch schon in der Türe...

Das Ende der Geschichte war vorhersehbar. Talma verlor ihre Stellung. Sie wurde einfach auf die Straße gesetzt, so, wie sie war. Sie erhielt keine Gelegenheit, sich für ein paar Tage ins Bett zu legen, um wieder zu Kräften zu kommen, was Aelia ein wenig schockierte. Sie hätte nicht gedacht, dass Madiah, wenn es wirklich einmal eine Ausnahmesituation, wie diese, gab, wahrhaftig so handeln würde. Was würde nun aus Talma werden? Hatte Madiahs Rausschmiss sie zum Tode verurteilt? Was, wenn ihr, Aelia, ein ähnliches Schicksal widerfuhr? Sie würde ebenso wieder in der Gosse landen. Nun musste Aelia, zusätzlich zu ihren Aufgaben als Magd, noch Talmas übernehmen, und bis zum späten Abend in der Schankstube aushelfen. Dafür erhielt sie wenigstens zusätzliches Geld, und sie durfte Talmas Zimmer haben, so, wie sie es sich gewünscht hatte, doch echte Befriedigung empfand sie dabei keine…

Am Abend, als Madiah sie nicht mehr brauchte, suchte sie die Schlangengrube auf. Für einen Moment hatte sie erwogen, Ruben zu besuchen. Doch der Weg vom grauen Viertel zum Nordende Oshkïrs war weit, die Stunde war schon spät, und vermutlich schlief Ruben längst, um in der Nacht seinen Eltern zu helfen, Brote und Gebäck zu backen. Und wenn sie ehrlich war, hielt sie es eher für ihre Pflicht, ihn zu besuchen, als das sie die Sehnsucht zu ihm trieb. Und auch, wenn sie dem grauen Viertel zu entkommen versuchte, so trieb es sie doch immer wieder zurück in den tiefsten Kern, wie eine Katze, die mit einer Maus spielte, aber nicht einmal im Traum daran dachte, sie wieder frei zu lassen. Und so lief sie die drei Gässchen, die die Schlangengrube von Lestars Taverne trennte, um ein wenig Zerstreuung zu suchen.

Die Schlangengrube war nun wirklich nichts Besonderes. Ein finsteres, mit dunklem Holz vertäfeltes Loch, ein festgestampfter Lehmboden, von dem immer eine leise Kälte hochkroch. Ein paar Tische und Stühle, das einzig Besondere an dieser Schenke war, dass vor der Ausschank eine Bank stand, deren Sitzfläche so hoch gezimmert war, dass man dort sitzen konnte, und Auge in Auge mit dem Wirt sprechen konnte. Jewen, der Wirt, hatte diese Bank selbst gezimmert. Einige der Stammgäste behaupteten sogar, dass Jewen das nur Aelia wegen getan hatte, weil sie meistens mit ihrem Becher an der Ausschank stand, und mit ihm plauderte, wann immer es sich ergab. Dies glaubte Aelia zwar nicht, aber wie auch immer es sich verhielt, sie war froh, dass es nun ein wenig bequemer war, und sie einmal auch sitzen konnte, wo sie sich doch ohnehin fast den ganzen Tag die Hacken ablief, oder sich die Beine in den Bauch stand. Und dreckig war diese Schenke genauso, wie alle anderen auch. Das einzige, was diese Schenke von den anderen unterschied, war, dass sich hier viel finsteres Gesocks umhertrieb. Männer, die nur ihr Geld versoffen, oder im Glücksspiel verloren, waren noch die harmlosesten. Dennoch fühlte sie sich hier wohl, was hauptsächlich an Jewen lag. Er war beinahe wie ein Vater für sie. Aelia betrat die Schenke, und blickte sich um. An diesem Abend herrschte nicht mehr viel Betrieb, immerhin war die Stunde schon weit fortgeschritten. An einem Tisch saßen zwei Männer und würfelten, in einer finsteren Ecke saß ein Kerl, und schien zu schlafen, und ein weiterer saß über einem kleinen Bier und starrte ins Nirgendwo. Niemand, den sie kannte, und so steuerte sie geradewegs auf die Ausschank zu. „Guten Abend, Jewen…“ meinte sie und lächelte den Wirt an. „Ah, Aelia, schön, dass du auch mal wieder vorbei schaust! Ich hab mich schon gefragt, ob du irgendwo in einer Gasse liegst…“ er sprach nicht weiter, sondern zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Willst du etwas trinken?“ „Ja, ein Drachenbier, bitte“ erwiderte sie, und setzte sich auf die Bank. „Nanu? Ein Drachenbier? Was ist los mit dir, was hast du heute noch vor? Möchtest du dich hemmungslos besaufen?“ „Ach, frag nicht, Jewen. Bring mir erst mein Bier…“ seufzte Aelia. Forschend blickte er sie an, während er ein Drachenbier zapfte. Geräuschvoll stellte er es vor sie ihn. „Das macht drei Kupferlinge“ fügte er hinzu, und Aelia kramte in ihrem Geldbeutel nach der gewünschten Summe, bis sie drei Kupfermünzen zutage gefördert hatte. „Na?“ hakte er nach „Ach Jewen, der Tag war heute beschissen. Madiah hat Talma auf die Straße geworfen. „Talma? Ist das etwa dieses dralle Weibsstück, die mit den großen Titten und dem geilen Arsch?“ grinste er unverblümt. Jewens derbe Ausdrucksweise brachte Aelia oft zum Schmunzeln. „Eben jene.“ „Bring sie her, sie kann sofort bei mir anfangen, ich brauche zwar keine Schankhilfe, aber sie kann mir anders zur Hand gehen hahaha!“ Aelia legte den Kopf leicht schief „Du wirst keine Freude mit ihr haben. Sie hatte heute Morgen eine Fehlgeburt.“ „Wer ist der Vater?“ Aelia zuckte die Schultern „Ich habe keine Ahnung, sie hat doch für jeden die Beine breit gemacht, wenn sie ein anständiges Trinkgeld bekommen hatte… Als ich ihr helfen wollte, ist sie einfach zusammengeklappt und ohnmächtig geworden. Als hätte Madiah es gerochen, stand sie nur wenige Augenblicke später in der Türe. Meine Güte, Jewen, das ganze Bett, die Laken, war dunkelrot vor Blut… ich habe das Gefühl, als hätte ich diesen metallischen Geruch immer noch in der Nase! Und dann dieser kleine Klumpen, der beinahe wie ein Alraunenmännchen ausgesehen hatte…“ Sie schüttelte den Kopf und ihre Miene war entsetzt und angewidert gleichzeitig. „Das Allerschlimmste war, dass Madiah sie ohne mit der Wimper zu zucken auf die Straße geworfen hat.“ „Oh, na dann möchte ich sie lieber doch nicht bei mir aufnehmen…“ grinste Jewen. „Ich musste Talmas Arbeit auch noch übernehmen. Ich bin seit dem Morgengrauen auf den Beinen, hab den Hof und die Schenke ausgefegt, die Tische geschrubbt, Madiahs Wäsche gewaschen, gemangelt und aufgehängt, und dazwischen habe ich noch die Schankmaid gespielt…“ Jewen pfiff spöttisch „Oh, meine Aelia wird noch zu einem Emporkömmling!“ Aelia grinste und schüttelte den Kopf. „Du weißt, ich mochte Talma nie, ich fand und das finde ich immer noch, dass sie eine faule, dumme Schlampe ist. Aber das hat niemand verdient. Du hättest sie sehen müssen. Sie war bleich wie ein Toter, kalt wie ein Fisch und hat gezittert und wurde von Krämpfen geschüttelt… “ „Die wird die Nacht nicht überleben, glaub mir, sowas habe ich schon oft erlebt. Der Seele kämpft dagegen an, aus dem Körper zu entweichen, aber den Kampf hat noch jeder verloren, der sich so gebärdete.“ „Denkst du wirklich? Jewen seufzte. „Ach Mädchen, wie lange bist du nun schon hier bei uns im grauen Viertel? Hier verdienen wenige, was ihnen widerfährt, und genauso viele verdienten mehr, als sie bekommen. Die Regeln sind ungeschrieben, aber klar. Und du kennst die Regeln, Süße. Wer hier geboren ist, stirbt auch hier. Es gilt lediglich, das Beste daraus zu machen, und so lange und gut wie nur möglich zu überleben. Wenn man noch ein Dach über dem Kopf hat, wie du und ich, und drei Kupfermünzen zum versaufen, dann ist doch alles in Ordnung!“ „Ach Jewen… ich wünschte, ich könnte diesen Tag einfach nur aus meinem Gedächtnis streichen…“ Jewen grinste verschmitzt. „Ist das so?“ „Ja…“ „Na dann habe ich genau das richtige für dich!“ Er bückte sich, und holte unter der Ausschank eine dunkelgrüne, bauchige Flasche hervor, und goss ein wenig davon in einen Zinnbecher. „Hier, der geht aufs Haus! Danach geht’s dir besser!“ „Was ist das?“ fragte Aelia skeptisch. „Drachenfeuer, Aelia. Der stärkste Schnaps, den je ein Mensch gebrannt hat! Nach dem Drachenbier trinkst du das Drachenfeuer, danach gehst du heim, und legst dich ins Bett, und wenn du morgen erwachst, bist du ein völliger neuer Mensch. Wirst schon sehen, Süße!“
#3
Von Schatullen und Schlangen ❖
rabe-mit einem schweren Kloß im Hals und einer bebenden Brust, dass man den Herzschlag wohl noch in der Nachbargasse hören mochte, schlich Doréan durch die verwinkelten und engen, dunklen Gassen des grauen Viertels. Seine Gedanken galten sowohl dem Paket in seiner Hand, als auch den beiden leblosen Körpern, die auf den Grund der Hafenbucht sanken. Wenn er gewusst hätte, dass eine dieser Leichname ein ungeborenes Kind in sich trug wäre ihm wohl noch unwohler als es ohnehin schon war. »Wenn du das hier verbockst, werde ich dich finden und dich an deinen Eingeweiden aufhängen. Hast du das kapiert?« Doréan versuchte den dicken Kloß, welcher ihm im Hals steckte herunterzuschlucken, doch schnürte dieser ihm nur den Hals zu und so konnte er nur mehr nicken. »Wenn dieses Paket so wichtig ist, warum machst es dann nich' selbst, hm?« fragte Doréan und noch bevor er die Frage bereuen konnte, da flog sein Kopf ruckartig zur Seite, als Rabans Hand mit einem lauten Knall gegen seine Schläfe schlug. »Halts Maul!«, blaffte der Halunke und trat einen Schritt von Doréan zurück. Raban versuchte es zu verbergen, doch Doréan war das leichte Zittern seiner Hände nicht entgangen, und als dieser in eine seiner Taschen griff, um seine Pfeife herauszuholen und hastig etwas von dem schwarzen Zeug in den Kopf zu stopfen, wurde schnell klar, dass Raban sich sichtlich schwer damit tat, das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Doch Doréan ließ sich nichts anmerken und schwieg, während er sich die Schläfe massierte, um den Schmerz zu dämpfen. Der pochende, hämmernde Schmerz, welcher sich in seinem Kopf austobte half ihm dabei, diese Dinge schneller zu verdrängen und so tat er einfach so, als ob der Mörtel der Wand neben ihm mit einem Mal unsagbar interessant wäre. Raban indes hatte das schwarze Zeug endlich in die Pfeife gestopft und war an eine der stinkenden Pechgetränkten Fackeln herangetreten, welche zuweilen in den dunklen Gassen der grauen Viertel brannten, um sich daran die Pfeife zu entzünden. Doréan wusste, dass dies kein gewöhnlicher Tabak war, den der Hundsfott da rauchte. Er hatte zerriebenes Opium, welches er mit billigem Tabak versetzt hatte, zu seiner sogenannten Hausmischung zusammen gepantscht. Jedes Mal, wenn er sich eine solche Pfeife ansteckte, konnte Doréan die feine Nuance in der Luft riechen, welche Raban stets umwehte.

Als Raban einige Züge aus der Pfeife gezogen hatte, nahm sein Gesicht langsam einen viel entspannteren Gesichtszug an. »'Tschuldige.«, brummelte Raban halbherzig daher, als er sich endlich wieder beruhigt hatte, und blies dabei dichte Kaskaden an einem leicht milchigen Rauch aus Mund und Nasenlöchern aus, dass Doréan Mühe hatte sein Gesicht in dem schlechten, vorherrschenden Dämmerlicht zu erkennen. »Aber was stellst du auch so bescheuerte Fragen? Du weißt ganz genau, dass Lenan es so angeordnet hat. Also vermassle es nicht und verpiss dich endlich! Ich will dich nicht mehr sehen, wenn die Pfeife ausgeraucht ist, verstanden?« Raban wedelte unwirsch mit der freien Hand und kurz darauf hatte Doréan sich auch schon abgewandt um mit den Schatten der dunklen Gasse zu verschmelzen. Wohl war ihm allerdings nicht bei dem Gedanken dieses ominöse Paket durch das halbe, graue Viertel zu tragen. Zudem die nagende Ungewissheit und die immer stärker aufkeimende Neugierde ihn längst erfüllt hatten. Wie gerne hätte er es einfach geöffnet, um zu erfahren was er da bei sich trug und warum es so wichtig war. Aber Doréan wäre ein närrischer Tor, wenn er diesem Verlangen nachgeben würde. Und ein Toter noch dazu. Noch ehe die Sonne aufgegangen wäre, würde er sich, leblos und mit aufgeschlitztem Bauch, am Grund des stinkenden Hafenbeckens wiederfinden, wenn er dieses Paket öffnen würde, und Raban, oder schlimmer noch Lenan, dahinterkommen würde.

Doréan verstaute es in seiner ledernen Umhängetasche und wandte sich immer wieder vorsorglich um, ob ihm auch niemand folgte. An jeder Häuserecke blieb er stehen, verharrte einen Augenblick um zu lauschen, bevor er vorsichtig um die Ecke spähte, ob dort auch keine Gefahr drohte. Er fühlte sich beinahe wie eine dreckige Ratte, welche durch ein dunkles Labyrinth irrte, auf der Suche nach dem verheißungsvollen Ende. In Doréans Fall wäre dies der wohlverdiente Lohn seiner langen Arbeit für Lenan. Ein Leben welches niemandem zu wünschen ist, und wovon Doréan dennoch träumte. Nicht aus Eifer, sondern vielmehr, weil ihm keine andere Wahl blieb. Welche großartigen Möglichkeiten hatte ein Mann aus den grauen Vierteln schon, wenn er in den besseren Teilen der Stadt sein Glück versuchte? Er würde nur als Bettler, Schinder oder gar im Kerker enden. Natürlich war das Leben hier nicht viel besser. Aber immerhin hatte er Geld, ein Dach überm Kopf und man trat nicht nach ihm, kaum dass man ihn sah. Und das war schon ne ganze Menge wert.

Neben Straßenbanden, der Stadtwache welche selten, aber immer wieder, in den grauen Vierteln auf Ärger aus waren, gab es noch eine weitaus größere Gefahr, welcher sich ein Mann wie Lenan, oder eher Straßenköter wie Doréan, ausgesetzt sah. Denn der Bestimmungsort, wohin der Weg, den Doréan ging, führte, lag im Gebiet der Nedran'Ja, dem erbittertsten Feind der Sanra'Jena. Zwar war der Einfluss der Sanra'Jena in den grauen Vierteln spürbar höher, als jener der Nedran'Ja, doch vermutlich täuschte dies auch einfach nur, da Doréan die Gebiete, die sie unter ihrer Kontrolle hatten, nur selten besuchte. Viele Nedran'Ja sah man jedenfalls nicht, so dass niemand so wirklich wusste, wie viele von ihnen eigentlich an diesem Ort lebten. Und je mehr Schritte er in die Richtung seines Zieles tat, desto mulmiger wurde ihm zumute. Doréan glaubte zwar nicht, dass die Häscher der Nedran'Ja wussten, dass er für Lenan arbeitete. Doch sicher war er sich dabei natürlich auch nicht und so schwebte diese bedrückende Ungewissheit wie ein schartiges Henkersbeil über ihm, welches drohte, jederzeit auf ihn zu stürzen, um ihn zu enthaupten.

Es war die zehnte oder zwölfte Ecke, um welche Doréan gerade spähte, als er leise, gedämpfte Stimmen vernahm, die Doréan mehr als nur verdächtig erschienen. Wer, nach Einbruch der Dunkelheit, in den Gassen der grauen Viertel unterwegs war, war nach Doréans Erfahrung niemals ein unbescholtener, mittelloser Bürger. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörten diese dumpfen Stimmen, deren Worte Doréan nicht verstehen konnte, einigen Schlägern, die des nachts auf ahnungslose und wehrlose Opfer warteten. Und da Doréan das Risiko nicht eingehen wollte, ausgerechnet von dahergelaufenen Schlägern aufgehalten oder gar beraubt zu werden, machte er kehrt. Und so entwickelte sich ein ohnehin schon schwieriges Unterfangen zu einem Ding der Unmöglichkeit, denn die Gasse, in welcher Doréan gerade stand, wies, mit Ausnahme jener Kreuzung, an welcher er sich befand, kaum Lücken zwischen den Häusern auf. Alles war hier Mauer an Mauer errichtet worden, damit die baufälligen Häuser sich gegenseitig stützen konnten.

Doréan verengte seine Augen zu zwei angestrengten Schlitzen, denn die nächste Gasse war so weit entfernt, dass er sie nicht sehen konnte. Aber dem Gossenfloh blieb ohnehin keine andere Wahl. Andernfalls musste er noch tiefer in das Gebiet der Nedran'Ja vordringen, nur um einen vermeidbaren, langen Umweg zu gehen. Jeder Schritt, den Doréan nun tat, konnte sein letzter sein. Und diese Gewissheit drückte schon deutlich auf seinen Wagemut. Wie froh war Doréan, als er endlich die Gasse hinter sich gelassen hatte, und schließlich in die nächste Gasse eingebogen war. Doch diese Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Denn als Doréan sich schließlich klar geworden war, dass er sich in diesem Teil der grauen Viertel so gut wie gar nicht auskannte, da kehrte das aufgeregte und von Angst getriebene Beben in seiner Brust zurück. »Was mache ich hier eigentlich?«, flüsterte Doréan und hielt erneut inne, um in die hohle Gasse hineinzuhorchen, welche da vor ihm, einem dunklen, alles verschlingenden Schlund gleich, darauf lauerte, dass er sie endlich betrat. Doch dieses Mal war ihm das Glück wohl hold, als er keine verdächtigen Geräusche, oder gar Stimmen vernehmen konnte. Er biss sich auf die Unterlippe und ballte entschlossen die Fäuste, als er in die dunkle Gasse eintrat.

Erleichtert atmete Doréan schließlich wieder aus, als der erwartete Überfall auf ihn ausgeblieben war. Wie ein Kleinod, das es zu hüten und zu hegen galt, tätschelte Doréan nervös die Tasche, in welcher das geheimnisvolle Paket war. Doch auch diese Erleichterung war nur wenige Augenblicke später, wie von einem starken Wind, hinfort gefegt. Stimmen drangen an sein Ohr und dumpfe Geräusche von mehreren, verschiedenen Schritten hallten von den Wänden der engstehenden Gebäude wider. Doréan vermutete, drei oder vielleicht auch vier unbekannte Männer, welche forschen Schrittes durch die dunkle Gasse liefen. Und zu allem Übel, schien es, als ob sie genau in Doréans Richtung gingen. Zuerst drückte Doréan sich an die Wand, um im Schatten der Häuser unerkannt zu bleiben. Doch keine der Alkoven, Erker oder Nischen, welche sich hier und da anboten, erschien Doréan sicher genug zu sein. Doréan begann zu schwitzen und atmete schwere Luft aus, da der Kloß in seinem Hals noch immer das Atmen erschwerte. An einem anderen Tag und unter anderen Umständen würde Doréan vermutlich einfach auf der Straße bleiben und beim ersten Anzeichen von Ärger schlagartig die Flucht ergreifen. Zumal er für gewöhnlich vermied zu solch später Stunde auf den Straßen der falschen Seite herumzulungern. Doch nun waren die Umstände anders. Er hatte kostbares Gut bei sich und durfte, schon um seines eigenen Lebens willen, nicht riskieren es zu verlieren oder bestohlen zu werden. Und so huschte Doréan auf die andere Straßenseite hinüber, denn dort baumelte ein hölzernes Schild im lauen Hafenwind. Das Gebäude war alt und aus Stein gebaut. Einstmals war es wohl ein wichtiges Gebäude gewesen. Eine Brauerei oder vielleicht eine Wachstube. Heute war es nur noch ein alter, verwitterter, Klotz. Die alten Lagerhäuser dahinter wurden von allerlei Gesindel bewohnt und man hatte auf dem Gebäude selbst hölzerne Anbauten gebaut, welche mit einfachen, hölzernen Brücken miteinander verbunden worden waren. Ein grotesker Bau aus alter, vergessener Zeit. Das Schild quietschte und schaukelte und erweckte Doréans Aufmerksamkeit. Wenn er hätte lesen können dann würde ihm der Name »Schlangengrube« vermutlich ebenso abschrecken, wie diese näherkommenden Schritte unbekannter Beine. Doch so war alles, was er auf dem Schild erkennen konnte, kryptische Symbole und eine Schlange, welche stilistisch in das Holz geschnitzt worden war.

Ohne weiter darüber nachzudenken öffnete Doréan die Tür und betrat das Haus, welches sich, kaum hatte er die Tür wieder hinter sich geschlossen, als heruntergekommene Spelunke entpuppte. Wenn er gewusst hätte, was heute Nacht noch passieren würde, hätte er es wohl vorgezogen im Schatten der gegenüberliegenden Mauer zu verharren, bis alles vorbei war. Doch dem war nicht so. Doréan betrat den Raum und sogleich richteten sich die Blicke der Anwesenden auf ihn. Und diese waren nicht sehr zahlreich, was Doréan bei dieser späten Stunde auch nicht weiter verwunderte. Dort stand ein Mann, dessen dreckige Schürze ihm verriet, dass es wohl der Wirt sein musste. Er war der einzige, welcher ihm ein halbwegs anständiges Lächeln schenkte. Und dass, obwohl eine durchaus hübsch anzusehende, junge Frau bei ihm am Tisch saß, welcher Doréan ein kurzes Lächeln schenkte. Von den anderen Anwesenden wurde nur Leere auf Doréan geworfen. Doch das Interesse an dem Neuankömmling war bald vergangen und der einzige, welcher noch immer in seine Richtung sah, war der Wirt. »Heda!« Er nickte Doréan zu, welcher das Nicken sogleich erwiderte. Doréan sah sich in dem Raum um und wählte einen der leerstehenden Tische in der hintersten Ecke aus. Kaum hatte er Platz genommen, da stand der Wirt auch schon vor ihm und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Na? Was darfs sein?« »'Nen Schnaps. 'Nen starken Schnaps!« Doréan musste die Nervosität und Angst, welche sich in ihm aufgestaut hatte ertränken und der Wirt grinste ihn mit einem wissenden Blick an, bevor er sich umwandte.

Doch den Schnaps sollte Doréan nie erhalten. Denn gerade in dem Moment, als der Wirt den Schnaps in einen kleinen Becher eingoss, öffnete sich erneut die Tür und drei kräftige Männer betraten den Raum. »Aah Jewen!«, posaunte die Stimme des Mannes, welcher als erster die Taverne betreten hatte. Doréan blickte zuerst neugierig die Neuankömmlinge an, wie er auch kurz zuvor von den anderen Anwesenden angestarrt wurde. Doch als der Wirt der hübschen Frau mit einer verborgenen Geste seiner abwinkenden Finger deutete sich von ihm zu entfernen, da wurde Doréan mit einem Mal sehr mulmig zumute. »Wie ich sehe hast du Gäste?«, ertönte die Stimme des unbekannten Mannes erneut und der Wirt trat ihm sogleich entgegen, als wolle er die junge Frau vor den Eindringlingen abschirmen. »Ich … ich habe dich erst morgen erwartet.« Weiter kam der Wirt nicht, denn kurz darauf grub sich die grobe Faust des Mannes in seine Magengrube. »Drei Tage!«, brüllte der Fremde, dass es in Doréans Ohren klingelte. Beinahe augenblicklich senkten alle Anwesenden die Blicke und taten so, als ob mit einem Mal etwas furchtbar Interessantes auf dem Grund ihrer Bierkrüge vonstattenging, während die beiden anderen Männer den Wirt zur rechten, wie auch zur linken Seite flankierten. »Bitte …«, ächzte Jewen und erntete nur einen weiteren Hieb in die Magengrube. »Drei Tage warten wir nun schon auf das verdammte Kohle. Und was haben wir bekommen?« Er wandte seinen Blick an einen seiner Begleiter doch der schüttelte nur den Kopf. »Ganz genau! Nichts! Nichtmal nen Haufen Scheiße, oder auch nur ein Wort von dir.« »Die Geschäfte gehen schlecht …«, versuchte Jewen sich zu verteidigen, was ihm nur einen neuerlichen Schlag einbrachte. »Habe ich dir erlaubt zu sprechen, du fetter Hurensohn?«, blaffte der Schläger und packte Jewen am Schopf um seinen Kopf ruppig nach hinten zu ziehen. Wie aus dem Nichts hielt er mit einem Mal ein blankes Messer in der anderen Hand, welches er Jewen sogleich an die Kehle setzte. »Also Jewen. Wo ist mein Geld?« Der Wirt deutete mit zittrigem Zeigefinger auf eine kleine, hölzerne Kiste, welche inmitten einiger Tonkrüge stand. Daraufhin ließ der Schläger von ihm ab und obließ ihn den anderen beiden, welche immer wieder finstere Blicke durch die Schenke wandern ließen. Doréan hatte, wie alle anderen auch, seine Blicke abgewandt, so dass er nur aus den Augenwinkeln mitbekam, dass der Schläger die Schatulle öffnete.

Als die Schatulle offen war, hob der Schläger diese, mit einem beinahe boshaften Lächeln im Gesicht in die Höhe. »Jewen? Willst du mich beleidigen? Das ist alles?« Der Wirt nickte nur matt und hing mehr schlecht als Recht in den Armen der beiden anderen. »Das ist nicht was wir vereinbart hatten. Was machst du eigentlich den ganzen Tag in deinem Rattenloch? Dir einen runterholen?« Er schloss die Schatulle und knallte sie ungehalten auf den Tisch, so dass die Münzen, welche sich darin befanden laut klirrten. Mit einem kräftigen Tritt schickte er den Wirt auf die Bretter und als dieser hart mit dem Kopf aufschlug, verlor er augenblicklich das Bewusstsein. »Bastard.« Er spuckte dem leblosen Wirt ins Gesicht, strich sich kurz darauf durchs Haar und ließ dann seine Finger knacken. Erst dann nahm er die Münzen aus der inzwischen zerbrochenen Schatulle und ließ diese in einem ledernen Beutel verschwinden. »Zwei zu wenig.«, murmelte der Schläger und als ob dies ein geheimes Zeichen gewesen wäre, schwärmten die beiden anderen mit einem Mal aus. »Ihr habt nun die Wahl, ihr Ratten! Begleicht Jewens Schulden oder ihr werdet heute Nacht bei den Fischen schlafen.«

Mit einem Mal überkam ein fürchterlich kalter und zugleich unerträglich heißer Schauer Doréans Rücken. Das Paket! Sie durften es auf keinen Fall bekommen, sonst wäre er am Arsch und sein Leben verwirkt. Doch wenn er es ihnen nicht gab, war sein Leben wohl ebenso verwirkt. Vor seinem geistigen Auge sah er schon die neugierigen Fische, die sich ihm näherten um etwas von ihm abzubeißen. »He! Was haben wir denn da?«, rief einer der anderen Kerle und packte die junge Frau, von welcher Jewen zuerst geschickt abgelenkt hatte, am Arm. »Na mein Püppchen? Von dir nehmen wir auch eine andere Bezahlung entgegen.« Er lachte dreckig und seine beiden Kumpanen stimmten heiter in das Gelächter mit ein. Sie begannen damit sie ein wenig herumzuschubsen und ließen es sich dabei auch nicht nehmen sie an Stellen anzufassen, an welchen eine Frau von solchen, stinkenden Ratten am wenigsten berührt werden wollte. »Hattest du schonmal 'nen echten Mann zwischen den Beinen?«, lachte einer von ihnen und griff sich, um zu verdeutlichen wovon er sprach, obszön in den Schritt. »Vermutlich nicht.« »Von wem redest du? Von dir selbst, wohl kaum.«, grunzte der andere dreckig und lachte spöttisch. Und so ging es einige Zeit, bis der Schläger, welcher Jewen auf die Bretter geschickt hatte, seinen Blick in Doréans Richtung schickte. »Was glotzt’n so blöde?«, blaffte er und war binnen weniger Schritte bei ihm am Tisch. Er richtete sein Messer, mit welchem er bereits Jewen gedroht hatte, auf Doréan und fuchtelte dabei ungeduldig vor seiner Nase herum. »Her mit dem Geld, oder ich steche dir deine neugierigen Augen aus, dreckige Ratte!«
#4
Heiß wie Drachenfeuer ❖
rabe-aelia ließ sich Jewens Worte durch den Kopf gehen, während er ihr das Drachenfeuer eingoss. Fürwahr, sie war noch nicht lange im grauen Viertel. Keine zwei Monde. Wirklich wohl fühlte sie sich hier nicht. Viel hatte sie noch nicht gesehen, aber die Geschichten, die Talma ihr ab und an erzählt hatte, rückten das graue Viertel ins jenes Licht, dessen Namen es trug. Trist, düster, unheilvoll und gefährlich. Bandenkriege zwischen Sanra'Jena und Nedran'Ja. Im steten Kampf um jeden armen Teufel, welchem sie Rauschmittel verkaufen konnten. Geld und Macht, das war es, wonach sie strebten. Aelia war sowohl von Talma aber auch von Madiah und Lestar nahegelegt worden, niemals von Fremden, aber auch von vermeintlichen Freunden etwas anzunehmen, niemals etwas zu probieren, seinen Becher stets im Auge zu behalten. Denn man tat mehr als gut daran, sich nicht in dieses Netz ziehen zu lassen, aus welchem es kein Entrinnen gab. Aber hier hatte die das unglaubliche Glück erfahren, Arbeit zu finden, was ihr in den anderen Vierteln Oshkïrs verwehrt geblieben war. Und wenn man in Zeiten wie diesen Arbeit gefunden hatte, dann hielt man daran fest, komme, was da wollte. Ein Vorfall wie jener mit Talma war eher eine Ausnahmesituation, und wahrscheinlich würde es nicht lange dauern, bis eine neue Schankmaid in Lestars Taverne Einzug hielt, denn es war fraglich, wie lange Aelia es durchhielt, auch Talmas Arbeit zu erledigen. Für sie wäre es natürlich ein bedeutender Vorteil, wenn Talma nicht ersetzt würde, denn das Geld konnte sie dringend brauchen. Aelia lebte wahrhaftig unter dem Existenzminimum. Jeden Kupferling, den sie verdiente, legte sie beiseite, versteckt in einem kleinen Beutel unter dem Heuhaufen, in welchem sie schlief, doch es war viel zu wenig, um selbst in einem Jahr damit einen Neuanfang, in einem besseren Teil Oshkïrs zu beginnen. Aelia versuchte, kein Geld für Lebensmittel auszugeben, sondern davon zu zehren, was die Wirtsleute zur Verfügung stellten. Und das war auch nicht viel. Madiah war eine ausgefuchste Wirtin. Jeden noch so kleinen Speiserest, den ein Gast übrig gelassen hatte, kratzte sie aus den Schüsseln, und diese Reste hatte sie stets an Talma und Aelia verteilt. Anfangs hatte Aelia sich davor geekelt, davon zu essen, was das Gesocks, das in Lestars Taverne verkehrte, übrig ließ. Doch der Hunger war der beste Koch, und irgendwann hatte Aelia sich daran gewöhnt. Immerhin war es umsonst. Sie war nicht in der Lage, Ansprüche zu stellen. Die Zeit, in welcher sie einen stets gefüllten Bauch hatte, war an jenem Tag verstrichen, als sie ihr Elternhaus verlassen hatte. Und auch jeder Kupferling, welchen sie für einen Krug Bier ausgab, war im Grunde verschwendet und unwiederbringlich verloren. Aber was sonst hatte sie sonst von ihrem Leben? Die Leute, mit welchen sie sich umgab und umgeben hatte, waren hauptsächlich Madiah und Lestar, und hin und wieder auch Talma gewesen. Und Ruben. Ruben, der, von diesem Blickwinkel aus betrachtet, ein wahrliches Geschenk der Götter war. Er war gut und bemüht, und eigentlich konnte Aelia nichts Schlechtes über ihn sagen. Plötzlich schämte sie sich, dass sie derart anspruchsvoll war, was Männer betraf. Sie war auch kaum erfahren in solchen Dingen. Die meisten hatte sie nur ausgenutzt, und sonst hatte es keine Männer gegeben, wenn man von Ruben absah. Madiah hatte Aelia stets eingeschärft, sich keinem Mann hinzugeben, bevor man nicht den Bund der Ehe eingangen war. Erst dann war man sicher und versorgt, und, die wahre Liebe, betonte sie stets, gab es ohnehin nicht. Eine Vernunftsehe war die beste Entscheidung, die man treffen konnte. Im Leben zählte nur, dass man versorgt und in Sicherheit war. Einen Mann suchte man sich nicht danach aus, was man für ihn empfand, sondern war er einem bieten konnte. Wenn er einem nichts bieten konnte, dann war er nicht der Richtige. So sprach Madiah. Und auch ihre folgenden Worte hatten sich in Aelias Geist förmlich eingebrannt: „Aelia, du bist eine hübsche Frau, beschenkt mit Vorzügen und du kannst hart anpacken. Das macht dich zu einer guten Partie unter Unsresgleichen. Wirf dein Leben nicht so weg, wie Talma dies getan hat. Wer wollte sie noch heiraten, nachdem sie so unzählig viele Männer in sich hatte, und mit diesem Ruf, der ihr anhaftet?“ Wenn Aelia entgegnet hatte, dass Talma nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, dann widersprach ihr Madiah, dass jene sie nur vögeln, aber niemals zur Ehefrau wollten. Dazu hatte Aelia nichts mehr zu sagen. Und während sie so nachdachte, da sickerte in ihr Bewusstsein, dass sie eine Närrin wäre, wenn sie Ruben einen Korb gab. Vielleicht hatte Madiah Recht, was die wahre Liebe betraf? Vielleicht würde sie lernen, Ruben zu lieben. Dass er sie liebte, oder zumindest sehr gerne mochte, war unbestritten. Und dies allein war sehr viel wert. Ein warmes Gefühl erfüllte ihr Herz, und sie fand sich im Hier und Jetzt wieder. Hätte sie nicht ein eben bezahltes, volles Bier vor sich stehen, hätte sie den Schnaps herunter gekippt, und wäre sogleich ins Nordende gelaufen, egal ob Ruben schlief, oder nicht.

„Drachenfeuer also?“ Aelia sah Jewen mit gemischten Blicken an. Sie wirkte nervös und unsicher. Doch Jewen war ein guter Kerl. Aber die mahnenden Worte der Wirtsleute hallten in ihrem Kopf wieder. Nichts von Fremden annehmen. Nichts probieren. Sie hob den Kopf und sah zu Jewen auf, welcher den Blick von ihrem Gesicht hinter sich schweifen ließ. Sie folgte seinem Blick und wandte sich auf der Bank, auf welcher sie saß, um. Ein Mann hatte die Schlangengrube betreten, und blickte sich um. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte er ihr kurz zu, und schlagartig wandte sie sich wieder Jewen zu, doch ein leises Lächeln huschte über ihre Lippen, und Jewen zwinkerte ihr verschwörerisch zu, denn ihm war nichts entgangen. Aelia schmunzelte leicht scheu, als sie unter Jewens Blicken errötete, und sich hinter dem großen Bierkrug versteckte, von welchem sie immer noch nicht getrunken hatte. Jewen schlurfte hinter der Ausschank hervor, und Aelia verfolgte ihn mit ihren Blicken, bis sie sich wieder umwenden musste. Der Wirt ging an den Tisch, an welchem der junge Mann Platz genommen hatte, und nach einem recht kurzen und knappen Wortgeplänkel schlurfte er wieder zurück hinter die Budel, und begann, dort zu schaffen. „Was?“ murmelte Aelia neugierig, als er schmunzelte. „Noch ein Drachenfeuer. Da scheint jemand einen ähnlichen verkorksten Tag zu haben, wie du, Mädchen.“ Aelia erwiderte nichts darauf, doch als sie in Jewens Miene blickte, der wie versteinert hinter sie blickte, da lief ihr ein Schauder über den Rücken. „Aelia… mach das du verschwindest… da rüber in den Schatten, sofort!“ zischte er nervös, und Aelia zog unwillkürlich ihre Schultern an, und tat, wie ihr geheißen. Im selben Moment als sie von der Bank kroch, mühte sich Jewen umständlich hinter der Budel hervor, beinahe so, als würde er versuchen sie zu verstecken, und dann drang auch schon eine Stimme an ihr Ohr. „Aah, Jewen! Wie ich sehe, hast du Gäste!“ waren die lang gezogenen, spöttisch klingenden Worte, und Aelia drückte sich instinktiv in den Schatten an die Wand. Als sie Jewens beklommene Stimme vernahm, begann ihr Herz unheilvoll und wild zu schlagen, und ihre Brust fühlte sich mit einem Mal an, als würde dort ein Alb sitzen und ihren Leib abdrücken. „Ich habe dich erst morgen erwartet…“ hob Jewen an, doch mit einem Mal stöhnte er dumpf und schmerzerfüllt auf, und Aelia hielt den Atem an als sie sah, dass der Mann ihm mit der Faust brutal in den Bauch geboxt hatte. „Drei Tage!“ brüllte der Mann, und alle Anwesenden wandten mit einem Mal den Kopf, als wären sie gar nicht anwesend. Als Jewen ein ersticktes „Bitte…“ anhob, kassierte er einen weiteren Fausthieb in die Magengrube, was ihn erneut schmerzerfüllt aufstöhnen ließ. Aelia begann unkontrolliert zu zittern, als der Mann ein Messer aufblitzen ließ, und an Jewens Kehle hielt. „Wo ist mein Geld?“ herrschte er ihn an, und Jewen deutete mit zitternden Händen auf eine Ansammlung von Tonkrügen. Der Mann trat darauf zu, und wühlte mit seinen Händen unachtsam zwischen dem irdenen Geschirr umher, und warf dabei einige der Krüge um. Schließlich förderte er einen kleine Holzschatulle zutage und öffnete sie. Doch ihr Inhalt schien den Mann alles andere als zufrieden zu stellen. Er schimpfte und fluchte, als Jewen zugab, nicht mehr zu besitzen. Er knallte die Schatulle auf die Ausschank, preschte auf den Wirt, welcher in der Mangel zwischen den beiden anderen Männern war, die bislang nur geschwiegen und abgewartet hatten, und gab ihm einen Tritt, so dass Jewen wie ein nasser Sack umfiel und hart mit dem Kopf auf den hölzernen Dielen aufschlug. Aelia presste erschrocken die Hand auf den Mund, um nicht laut aufzukreischen, vor Angst, um Jewen, aber auch entsetzliche Angst davor, noch passieren würde, oder was geschah, wenn sie entdeckt würde. Der Mann nahm das Geld schließlich doch an sich, allein, es war zu wenig. Er rief den Gästen zu „Ihr habt nun die Wahl, ihr Ratten! Begleicht Jewens Schulden oder ihr werdet heute Nacht bei den Fischen schlafen!“ Da schwärmten die Männer aus, denn vier weitere Männer befanden sich in der Schenke. Einer der Kerle verengte seine Augen zu zwei Schlitzen, und starrte in Aelias Richtung, die einmal mehr zu atmen wagte. Er tat einige wenige Schritte, seine Hand schnellte in den Schatten, und mit einem Mal hatte er die junge Frau am Arm gepackt, und aus dem Schatten gezogen. „He! Was haben wir denn da?“ rief er und grinste. „Na mein Püppchen? Von dir nehmen wir auch eine andere Bezahlung entgegen.“ Das Interesse der beiden anderen Männer wurde von den Gästen auf Aelia gelenkt, und sie traten auf die Beiden zu. Der Mann hatte seinen Arm um ihre Hüfte gelegt, und die andere Hand legte er auf ihre Brust, und drückte leichte zu. „Mhm, groß und weich…“ brummte er und seine Hand, die auf ihrer Hüfte geruht hatte, glitt tiefer herab „Und ein feister Arsch…“ Er gab ihr einen Stoß, und sie fiel dem nächsten in die Arme, welcher sich ebenso ihrer Vorzügen vergewisserte, ehe er sie an den dritten weiterreichte. Dieser grinste sie lüstern an und meinte „Hattest du schon mal 'nen echten Mann zwischen den Beinen?“ Aelia reagierte völlig irrational, denn sie stotterte „Ähm… der… der eine hat mich sitzen gelassen, und… und der andere…“ … Der andere hatte Aelia nicht einmal annähernd befriedigt, mochte er sich noch so sehr auf ihr abgemüht haben. Die Männer begannen schallend zu lachen „Also, vermutlich nicht… Das ist heute dein Glückstag, meine Hübsche du kannst gleich drei wahre Männer, auf einmal...oder nacheinander haben…“ Einer der Männer richtete seine Blicke plötzlich auf den jungen Mann, welcher zuletzt die Schlangengrube betreten hatte, und blaffte. „Was glotzt’n so blöde? Her mit dem Geld, oder ich steche dir deine neugierigen Augen aus, du Ratte!“ Er hatte sein Messer gezogen, und hielt es ihm unter die Nase, während der zweite plötzlich großes Interesse für die beiden Würfelspieler zeigte. „Na, ihr Nasen! Scheint wohl heute nicht euer Glückstag zu sein, hm? “ Er lachte dreckig über seinen eigenen Witz, den irgendwie auch nur er zum Lachen fand und zog sich einen Stuhl heran. Ohne Umschweife ließ er sich darauf nieder, nahm sich den Würfelbecher, und warf die Würfel hinein. „Ihr erlaubt, dass ich mit Euch spiele? Die beiden Gestalten nickten eifrig, doch nur aus reiner Angst, und die Miene des Schurken hellte sich auf. „Wunderbar… also dann, lasst uns beginnen…“

Der dritte, welcher bei Aelia verblieben war, grinste ihr gierig zu. „Und wir beide, hm?“ Sein Atem ging schneller, während er sie in den Schatten drängte. Aelia bebte, doch sie wagte kein Widerwort. Was konnte sie schon ausrichten? Keiner der Anwesenden würde sich einmischen, und sein Leben riskieren, das war ihr bewusst. Im besten Fall kam sie mit dem Leben davon, wenn sie einfach die Augen schloss und ihn gewähren ließ. Wäre sie doch einfach nach Hause gegangen... oder... oder gar nicht erst in die Schlangengrube! Das Schicksal war manchmal grausam, dass nur wenige Augenblicke über Tod und Leben entscheiden konnten... Seine Hände wanderten unter ihre Röcke. Und seine Miene wurde enttäuscht, ob Aelias Gesichtsausdruck an Ekel und Ablehnung. „Was is los Mädchen. Zier dich nicht so.“ Seine Stimmlage war bedrohlich. Plötzlich tauchte ein Schatten hinter dem Mann auf, und ehe Aelia realisierte, was passiert war, da legte sich eine Hand auf den Mund des Ganoven, und eine zweite Hand offenbarte ein Messer, welches dem Kerl die Kehle durch schnitt. Langsam sank der Tote, von einem Arm gestützt, zu Boden, und gab den Blick auf Jewen frei, welcher matt, aber grimmig dreinblickte und mit warnendem Blick einen Finger auf seine Mund legte, und die junge Frau durchdringend anblickte. Aelias Lippen formten ein lautloses ‚Danke‘ und ihre Blicke hetzten ziellos durch den Raum.

Der Kerl, der mit den beiden Männern seelenruhig das saß, und würfelte, als hätten sie das schon den ganzen Abend getan, und sprang auf. „Du verfluchter kleiner Bastard!“ schrie er, und ehe man es sich versah, hatte er ein Messer gezogen, und seinem Gegenüber in die Brust gestoßen. Der andere Würfelspieler wurde kreidebleich und begann zu zittern. Und wenn es in der Schenke still gewesen wäre, dann hätte man das leise plätschern vernommen, das erschall, als der Mann sich vor Angst einnässte. Kaum hatte er das Messer aus der Brust herausgezogen, hatte er den anderen Würfelspieler fixiert. „Du bist genauso ein dreckiger Falschspieler!“ brüllte er, und nur wenige Wimpernschläge später hatte er ihn ebenso niedergestochen. „Mit gezinkten Würfeln spielen ist tödlich!“ Er erhob sich schließlich und begann in aller Seelenruhe die Münzhäufchen einzusammeln, um welche die beiden Männer gespielt hatten, und stopfte sie in einen Lederbeutel, welchen er einem der Toten vom Gürtel geschnitten hatte. "Nur Nägel. Nicht eine Scherbe war dabei." Er schüttelte den Kopf und die beiden Toten starrten ihn nur aus leeren, anklagenden Augen an.

Der Kerl, welcher mit dem Messer vor dem jungen Mann herumgefuchtelt hatte, stand immer noch vor ihm, und grinste ihn herausfordernd an. „Und du, was ist nun, gibst du mir dein Geld freiwillig, oder muss ich dir erst was abschneiden, ha?“ Aelia stand immer noch regungslos da, und versuchte, die Situation zu erfassen. Für einen kurzen Moment bemächtigte sich ein Funkeln in ihren Augen, und es war die Essenz des Zundergeistes, welcher sich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, ihrem Herzen bemächtigte, und ihr Mut verlieh. Oder war es nur der Wahnsinn? Die junge Frau jedenfalls nahm ihren Bierkrug, und mit wenigen Schritten war sie an dem zweiten herangesprungen, welcher den jungen Mann bedrohte, und hatte ihm den schweren, zinnernen Krug über den Schädel gezogen. Das Bier schwappte aus dem Becher heraus, spritzte auf ihr Kleid, auf den Kerl, und auch auf den, noch kurz zuvor bedrohten Mann. Wie ein geprügelter Hund fiel der Niedergeschlagene geradewegs nach vorne auf den Tisch und blieb dort einfach liegen. „Eh du blöde Schlampe! Bist du verrückt? Das wirst du bereuen!“ schrie der andere Kerl mit mürrischen Blicken, während er den Beutel mit den erbeuteten Münzen zusammengezogen hatte. Bedrohlich trat er auf Aelia zu, mit der blutigen Klinge in der Hand, während Aelia langsam Schritt für Schritt nach hinten stolperte. „Bleib stehen, du dreckige Fotze! Erst besteig ich dich, dass dir hören und sehen vergeht, und dann schlitz ich dir den Bauch auf, schmeiß dich zu den Fischen in den Fluss!“ Aelia kreischte panisch auf, und lief hinter den Ausschank, wissentlich, dass sie dies nicht schützen würde. „Komm heraus, du kannst dich sowieso nicht vor mir verstecken! Den Tag wirst du noch bereuen!“ schrie er und rannte ihr nach.
#5
Ein ganzer Zoo an Wörtern ❖
rabe-instinktiv rückte Doréan ein wenig und so gut es der Stuhl, auf dem er gerade saß zuließ, zurück. Denn das Messer war seinem Gesicht schon bedrohlich nahe gekommen. Alles woran er dachte war das Bündel, welches in der ledernen Tasche verstaut war, und wie er sowohl dieses, als auch seine Haut, aus dieser prekären Affaire ziehen konnte. Doch in diesem Augenblick nach der Tasche zu greifen wäre die denkbar schlechteste Entscheidungen aller schlechten Entscheidungen, die er überhaupt treffen konnte. Stattdessen hob er seine Hände auf den Tisch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Oder zumindest, dass er keine Waffe in der Hand hatte, denn nichts lag ihm ferner, als sich seine Augen ausstechen zu lassen. Immerhin hing er sehr an seinem Augenlicht. Und wenn er schon sein Augenlicht verlieren musste, dann auf keinen Fall an einen dieser dreckigen Nedran Kanalratten. Natürlich musste er nun, da er sich der sicher schon oft benutzten Klinge eines dieser ehrlosen Ratten gegenüber sah, seine wahren Gedanken verbergen. Es fiel ihm gelinde gesagt auch nicht sonderlich schwer die Angst und Bange um sein Augenlicht, oder gar die Unversehrtheit seines Körpers, zu verbergen. Nichts stand einem Mann schlechter zu Gesicht, als dutzende, blutender Messerstichwunden, die sowohl den Leib als auch das Gewand verunstalteten. Einmal abgesehen von dem unangenehmen Umstand eines möglichen Todes, durch derartige Verletzungen. Und so mimte Doréan gute Miene zum bösen Spiel, hielt die Hände sichtbar auf dem Tisch und schenkte dem Kerl die größten Rehaugen, die er aufbringen konnte. »Fein, geht doch.«, brummte der Kerl und wirkte sichtbar entspannter, als noch zuvor. Natürlich verweilte das Messer nach wie vor unter Doréans Kinnlade, doch der ernste, mordlüsterne Blick in den Augen des Schlägers war einem spöttischen, überheblichen Grinsen gewichen. »Passt dir etwa irgendwas nich', du Köter?«, schnauzte dieser ihn an, als Doréan an ihm vorbei zu der jungen Frau sah, welche von dem dritten Schläger bedrängt, betatscht und unflätig behandelt wurde. »Nein.«, antwortete Doréan einsilbig aber ohne dem Rädelsführer dabei ins Gesicht zu sehen. »Wie war das, du Made? Dir passt etwas nicht?« Da erst besann sich Doréan, dass man seine Antwort auf zweierlei Weisen deuten konnte und hob abwehrend die Hände, in Erwartung eines brutalen Messerstiches. »Nein. Ich meine, ich hab' kein Problem.« Er verlor die Kontrolle und auch wenn er es sich nicht selbst eingestehen würde, so hatte die Angst um sein noch so junges und unentbehrliches Leben seinen Zorn auf diese ungehobelten Ratten übermannt. »Dann glotz‘ nich‘ so, du Armleuchter.« Doréan nickte, wenn auch zerknirscht und wandte den Blick von der jungen Frau ab. »Augen zu mir.«, befahl der Schläger und Doréan gehorchte, wenn auch widerwillig. »So ists brav. Wie ein Hund.« Er lachte bellend, wie ein kläffender Straßenköter und erntete sogleich das Echo eines weiteren Gelächters, von dem anderen Kerl, welcher die Würfelspieler drangsalierte. »Und jetzt Flossen auf’n Tisch, du Kröte!« Der Kerl hatte scheinbar ein ganzes Repertoire an Tieren bei der Hand, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinem Gegenüber an den Kopf werfen musste. Doréan ließ die Hände auf die Tischplatte sinken, und kaum hatte er dies getan, da schnellte die Hand des Mannes hervor und die Klinge grub sich tief zwischen Doréans Fingern in das Holz. Erschrocken zuckte er zusammen, doch schien es, als ob seine Hände, wie vor Angst, gelähmt waren. Denn diese verharrten noch immer auf dem Tisch.

Der erwartete Schmerz war ausgeblieben, doch Doréan hatte den Atem scharf eingesogen und anschließend angehalten. Der Schläger indes hatte die Klinge wieder aus dem Holztisch gezogen und nickte nur. »Na wer hätt’s gedacht. Die Töle hat Mumm in den Knochen.« Er wandte sich für einen Moment zur Seite, um einen widerlichen, klebrigen und ungesund aussehenden Rotz auszuspucken, bevor er sich wieder seinem auserkorenen Opfer zuwandte. Doréan. Welcher sich von Sekunde zu Sekunde mehr wünschte, an einem anderen Ort zu sein. »Und jetzt her mit den Moneten, du Fisch. Sonst schnitz‘ ich mir n‘ Paar Würfel aus deinen Knochen.« Doréans Hände zitterten, als er langsam die Hände vom Tisch zog. Doch noch ehe seine Handflächen auch nur den Rand der Tischplatte erreicht hatten, bohrte sich erneut das Messer in das abgewetzte Holz. »Das is‘ die letzte Warnung, du dämlicher Hurensohn. Lass deine verdammten, dreckigen Griffel auf'm Tisch.« Doréan nickte stumm und der fragende Blick, welcher sich seiner bemächtigt hatte, schien seinem Gegenüber auch aufgefallen zu sein. »Und wie soll ich dir dann das Geld geben?« Doréan presste nach dieser Frage seine Lippen wieder aufeinander, während der Schläger ihn nur finster anstarrte. »Habt ihr das gehört? Frech wird er!« »Stich ihn ab!«, befahl der Kerl, welcher soeben die beiden Würfelspieler abgemurkst hatte. »Was glaubst du denn, wie du mir das Geld geben sollst, du Wurm?«, hakte er nach und Doréan fühlte, wie sich das kalte, stechende Eisen einer Messerspitze auf seine Nase drückte. Als Doréan auf diese provokante Frage keine Antwort gab, grunzte der Schläger nur und das unangenehme Stechen verschwand, als er sein Messer wieder zurückzog. »Ganz genau.« Seine Blicke wanderten zu der ledernen Tasche, welche am Stuhl hing und kurz darauf zu Doréan zurück. »Also. Hast du es am Gürtel, oder in der Tasche da?« Er deutete mit dem Messer auf die Tasche. Kaum hatte er von der Tasche Notiz genommen lief es Doréan eiskalt den Rücken herunter. Das Bündel!

Wie gelähmt beobachtete Doréan, wie der Mistkerl die Tasche an sich nahm und kurz darauf das Bündel herausnahm. »Na was haben wir denn da?«, murmelte er und grinste dabei zufrieden. »Sind da deine Knochen drin, Köter?« Doréan verengte die Augen zu zwei Schlitzen und presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. »Ach, hats‘ der Ratte die Sprache verschlagen?« Er fuhr mit der Klinge zwischen die Schnüre, die das Bündel zusammenhielten und mit einem geschickten Schnitt hatte er sie alle durchtrennt. »Was zum …« Dem Nedranschläger fielen keine Worte ein, als er sah, was sich in dem Bündel befand. Wortlos starrte er in die Schachtel, bevor er immer wieder Doréan flüchtige Blicke zuwarf, nur um sich neuerlich von dem Inhalt zu überzeugen, welchen er absolut nicht erwartet hatte. In einem Anflug von waghalsigem Wagemut, griff Doréan zu dem Bündel, um sie den diebischen Fingern dieses Schlägers zu entreißen. Ein törichtes Unterfangen. Denn kaum hatte Doréan die Hände vom Tisch genommen, da hatte ihn der Schläger auch schon am Kragen gepackt. »Du raffst es scheinbar nich', du Schabe!« Aber noch ehe Doréan darauf reagieren konnte, schwappte mit einem Mal schales Bier über den Tisch, wie auch über die beiden Männer und kurz darauf sackte der Mistkerl auf dem Tisch zusammen. Doréan, starrte diesen zunächst nur verdutzt an, bevor er erkannte, dass die junge Frau hinter ihm stand, mit einem lädierten Krug in der Hand und mit einem Mal ging alles furchtbar schnell. Der Kerl, welcher die Würfelspieler abgemurkst hatte, schrie, während der andere sich stöhnend den Schädel massierte. Das Messer, welches er zuvor noch drohend unter Doréans Nase gehalten hatte, lag irgendwo auf dem Boden und die Frau rannte kreischend durch den schummrigen Raum. »Eh du blöde Schlampe! Bist du verrückt? Das wirst du bereuen!« Er rannte der Frau nach und Doréans Glück war, dass er solche Dinge schon so oft erlebt hatte.

Bisher war er allerdings immer davor verschont geblieben an Häscher der Nedran'Ja zu geraten, denn ansonsten war er nie einer jener armen Teufel gewesen, welche um ihr Leben bangen mussten. Jedenfalls nicht auf diese Weise. Im grauen Viertel lauerte der Tod an jeder Ecke. Und so konnte Doréan endlich einmal etwas Gutes aus seinem verschissenen Leben ziehen. Andere wären wohl erstarrt, oder hätten einfach ihre Tasche genommen und wären davongelaufen. Doch nicht Doréan. Dieser griff sich in den Hosenbund und zog sein rostiges Messer hervor. Der Nedran'Ja ächzte und schnaufte, als er sich langsam wieder aufrichtete. Er fasste sich an den Schädel und als er seine Finger betrachtete und das Blut daran haften sah, verzog er grimmig seine Mundwinkel. »Dafür werde ich die Schlampe erwürgen.« Doréan sprang von seinem Stuhl auf, schlug den Mann auf den Tisch zurück und drückte sein Messer an dessen Hals. »Nen' Scheiß wirst du, dreckiger Hundsfott.« Der Schläger ließ sich von Doréan allerdings nicht so einfach einschüchtern, wie Doréan wenige Augenblicke zuvor. »Ach, Hat der Köter seinen Mumm gefunden? Dich werde ich auch …« Doch weiter kam er nicht, denn Doréan stieß ihm, ohne weitere Worte zu verschwenden, die Klinge in den Nacken. »Grüß‘ die Fische von den Sanra'Jena.« Die Erkenntnis die ihm in die Augen sickerte, vereinigte sich im Moment seines Todes mit der gähnenden Leere, welche dem Tod stets folgte.

Doréan ließ die rostige Klinge stecken. Denn das Messer, welches dort am Boden lag lächelte Doréan beinahe verführerisch entgegen. »Hab Dank für deine Klinge.«, grinste Doréan und wog das Messer des Nedran'Ja in der rechten Hand, als kurz darauf ein hasserfüllter Schrei seine Aufmerksamkeit erregte. »Komm heraus, du kannst dich sowieso nicht vor mir verstecken!« Doréan sah zu dem Toten, welcher dort auf dem Tisch lag und noch immer das Bündel in den toten, erkaltenden Fingern hielt. Der Drang, einen Blick hinein zu werfen war groß. Doch die Gefahr war nicht gebannt. Noch war einer der drei Bastarde am Leben. Und sollte er entkommen, würde hier bald ein Hexenkessel ausbrechen. Er warf Flaschen auf den Boden und machte sich an etwas zu schaffen, dass sich offensichtlich unter dem Tisch befand. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die junge Frau sich darunter verkrochen hatte, denn nun zerrte er sie an den Beinen heraus. »Hab‘ ich dich, du Miststück!«, bellte er zufrieden. Sie trat und schrie und kratzte. Vermutlich hätte sie ihn auch gebissen, wenn sie nur nahe genug an ihn herangekommen wäre. Doch all ihr Gebärden rang dem Schläger nur ein abgekämpftes Lächeln ab. »Scheiße! Bist du kratzbürstig! Götz! Falk! Kommt gefälligst her. Die braucht dringend ne‘ Abreibung!« Er löste die Schnalle seines Gürtels, während er sie immer wieder mit Tritten beharkte, um ihren Willen zu brechen. Kaum hatte er den Gürtel offen, da warf er sich, ohne weitere Umschweife, auf sie drauf. »Halt still, Schlampe! Niemand legt sich ungestraft mit den Nedran'Ja an! Diesen Tag wirst du nie vergessen!« Sie versuchte sich beherzt zu wehren, doch er war einfach viel stärker als sie.

Doréan hatte bisweilen nur zugesehen. Das Wohl seiner eigenen Haut war nun, da das Bündel geöffnet worden war, ohnehin keinen Groschen mehr wert. Immerhin hatte Raban ihm eingeschärft, das Bündel weder zu öffnen, geschweige denn zu verlieren. Dies war die einmalige Gelegenheit, einfach zu verschwinden, während dieser Bastard sich mit der jungen Frau vergnügte und dieser Götz irgendwelche anderen Schenkengäste drangsalierte. Doch dieses Bild der Verzweiflung, welches dieser Frau ins Gesicht geschrieben stand, als sie dem Rädelsführer den Zinnkrug über den Schädel gezogen hatte, wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. »Das wirst du noch bereuen.«, seufzte Doréan und ließ die Tasche in den toten Fingern des toten Schlägers. Er verstärkte den Griff um sein neues Messer und war mit wenigen, hastigen Schritten an den Bastard herangetreten, welcher gerade die Beine der Frau auseinander trieb. »Ich verspreche dir, dass es schön wehtun wird!«, lachte der Schänder und drückte sich an ihren unwilligen Schoß, während sie alle Kraft aufbrachte ihn von sich abzuhalten. Doch der Schmerz kam anders, als er versprochen hatte. Denn anstatt in sie einzudringen, bohrte Doréan kurzerhand das Messer in den Rücken des Peinigers. »Verrecke, dreckiger Nedran'Ja!«, spie Doréan und versetzte dem Mistkerl noch einen harten Tritt gegen den Schädel. Er schrie unvermittelt auf, ließ von der jungen Frau ab und rollte sich von ihr herunter. Der Anblick, welcher sich Doréan nun darbot, ließ den Gossenfloh zufrieden nickend grunzen. »Hrm. Wer lacht jetzt? Du Mistgeburt!« »Missgeburt.«, stöhnte der Wirt, welcher soeben an Doréan herangetreten war, doch er hatte gar nicht wahrgenommen, dass er soeben in seiner Aussprache korrigiert worden war. Stattdessen trat Doréan dem Mistkerl auf die Brust und bohrte so das Messer noch viel tiefer in den Rücken des Mannes.

Als er seinen letzten Atemzug getan hatte, trat Doréan an die völlig verängstigte Frau heran. »Komm. Nimm meine Hand.« Sie schien sichtlich verstört, was Doréan dazu veranlasste ihr sein vertrauensseligstes Lächeln zu schenken. »Die Pisspötte sind alle tot. Du brauchst keine Angst mehr zu ham'.« Und als er sie so am Boden liegen sah, mit zerrissenem Rock und dicken Tränen in den Augen, da stellte er erst fest, wie hübsch sie eigentlich war. Was befremdlich war, wenn man bedachte, in welcher Situation sie sich soeben noch befunden hatte.
#6
Traue Niemandem! ❖
rabe-aelia hatte sich kreischend hinter dem Ausschank in einer Nische versteckt, und bebte vor Angst am ganzen Leib, als sie der schweren Schritte gewahr wurde, die bedrohlich näher und näher kamen. Sie verfluchte sich dafür, dass sie sich eingemischt hatte. Durch ihr Eingreifen hatte sie wohl nichts bewirkt, außer dass der Halunke noch wütender geworden war. Sein Zorn würde sich auf den jungen Mann entladen, und am meisten wohl auf sie. Er blieb stehen, und tat nichts, und für einen Moment glaubte Aelia, dass er sie nicht sehen würde, doch es war ein grausames Spiel. Er wog sie nur in kurzer Sicherheit, um danach zuzuschlagen. Mit einem Satz sprang er hinter den Ausschank, und war mit zwei schnellen Schritten auf sie zugegangen. Die junge Frau erstarrte, und ihr Hals schnürte sich zu, so dass sie nicht fähig war, um Hilfe zu schreien, einfach nur zu kreischen, oder sonstiges zu erwidern. Der Mann ging in die Hocke, und blickte sie eine Weile an, bis sich seine Augen an die vorherrschende Dunkelheit der Nische gewöhnt hatten. Als er ihr Gesicht erkennen konnte, grinste er sie bösartig an. „Da bist du ja. Du musst verrückt sein, dich mit uns anzulegen…“ Er spielte mit der blutigen Klinge des Messers, mit welchem er zuvor die beiden Würfelspieler abgestochen hatte, bis er schließlich genug davon hatte, und das Messer in den Holzboden rammte, wo es zitternd stecken blieb. Panik kroch in Aelia hoch, und sie bereute es bitter, dem jungen Mann geholfen zu haben, und sich damit so derartig der Wut dieser Männer, und ganz besonders diesem hier, ausgeliefert zu haben. Seine Hand schnellte nach vorne, packte ihr Bein, und zog sie ruppig aus ihrem Versteckt hervor. "Hab ich dich, du Miststück!" bellte er lachend, und umklammerte nun mit der zweiten Hand auch ihr anderes Bein. Aelia schrie, doch drang kein Laut aus ihrer Kehle hervor, nur ein heiseres Quieken, welches ungehört in dem allgemeinen Tumult verging. Stattdessen suchte sie eine Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten und so ihren Peiniger daran zu hindern, sie gänzlich hervorzuziehen, doch da war nichts, und so war sie ihm hilflos ausgeliefert. Die junge Frau presste ihre Beine zusammen, und versuchte gleichzeitig, ihm ins Gesicht, oder sonst wohin zu treten, doch er lachte nur bei dem Versuch, und hielt ihre Knöchel eisern umklammert. "Scheiße! Bist du kratzbürstig! Du trittst nach mir? Dich werd ich lehren, was es heißt, Bert zu treten! Götz! Falk! Kommt gefälligst her. Die braucht dringend ne‘ Abreibung!" rief er, ohne dabei jedoch von seiner eisernen Umklammerung abzusehen, noch, seine Blicke von ihr abzuwenden. Aelias Kräfte schwanden. Seine groben Pranken, und auch seine Nägel, gruben sich tief in ihr Fleisch, und ihre vergebenen Bemühungen, sich diesen Drecksack vom Leib zu halten, kosteten sie ihre letzten Energiereserven, so dass sie nur wenig später regelrecht erschlaffte, und beinahe aufgab. Doch nur beinahe. Denn als er ihre Beine schließlich nur mehr mit einer Hand zusammenhielt, um sich seinen Gürtel zu öffnen, da nutzte Aelia diese einmalige Gelegenheit, und trat dem Kerl mit aller letzter Kraft in seine Kronjuwelen. Er ächzte auf, doch auch diese Bemühung verlief sich im Sand. Der Kerl steckte den Treffer unerwartet gut weg. Sein Gesicht war zwar von Schmerz verzerrt, doch in seinen Augen funkelte diese unbändige Wut, die Aelia einen eiskalten Schauer bescherte. Dieser Versuch sich zu wehren, hatte ihn nur wütend gemacht, und so brüllte er "Du verschissene Hure! Na wart nur!" Und mit diesen Worten trat er ebenso nach ihr, so dass Aelia nichts anderes übrig blieb, als instinktiv ihren Kopf in ihren Armen zu bergen, und aufzuheulen zu beginnen. Ihr Herz schlug wild vor Angst in ihrer Brust, und auch, wenn es ausweglos war, so blickte sie sich suchend um, um irgendein sprichwörtliches Schlupfloch zu finden, wo keines war. Bert holte aus und verpasste Aelia eine harte Ohrfeige. "Schluss jetzt, ich hab jetzt keine Lust mehr auf Plänkeleien... Halt still, du Schlampe! Niemand legt sich ungestraft mit den Nedran'Ja an! Diesen Tag wirst du nie vergessen!" Und mit diesen Worten warf er sich ungerührt auf sie, während sie ungehemmt zu schluchzen begann, und ihre heißen Tränen unaufhörlich über ihre Wangen perlten.

Ihr Widerstand war gebrochen. Bert schob ihre Röcke hoch, und machte sich dabei an seiner Hose zu schaffen, während Aelia nicht einmal mehr Gedanken der Scham fand. Sie spürte, wie seine klebrigen Finger sie an Stellen berührten, die sie wohl niemals mehr richtig sauber bekommen würde. Sein stinkender, in Erregung schneller gehender Atem streifte ihr Gesicht und als sie diesen Gestank wahrnahm, kroch Übelkeit in ihr hoch und sie fand sich in Gedanken wieder in jener Scheune vor langer Zeit wieder, wo sie sich in einer ähnlichen Situation befunden hatte. Nur die Erinnerung daran ließ sie schier wahnsinnig werden. "Ich verspreche dir, dass es schön wehtun wird!" lachte er gemein, und Aelia schloss die Augen, und wimmerte leise, wobei erneut dicke Tränen über ihre Wangen liefen. "Verrecke, dreckiger Nedran'Ja!" drang eine leise, zischende Stimme an ihr Ohr, und als sie kurzerhand ihre Augen wieder öffnete, sah sie den Mistkerl laut schreiend zur Seite fallen. Erstaunt versuchte sie die Situation zu erfassen, die sich so urplötzlich gewendet hatte, doch war alles so schnell vonstatten gegangen dass es schon vorbei war, bevor es überhaupt angefangen hatte. Zwei Gestalten sah sie vor sich stehen, zum einen Jewen, der Wirt, und zum anderen den jungen Mann, welcher seinen Fuß auf die Brust ihres Peinigers gestellt hatte, und der nur noch starr zur Decke glotzte, und sich nicht mehr rührte.

Der Mann beugte sich zu ihr und hielt ihr seine Hand hin. Immer noch unter Schock stehend, starrte sie ihn nur mit ausdruckslosen Augen an. Er lächelte sie an, und es schien Aelia, als wäre sein Lächeln wie strahlender Sonnenschein, der an einem trostlosen, tristen, und wolkenverhangenem Tag durch die dicke Wolkendecke brach, und alles in ein gutes Licht tauchte. Das Lächeln löste sie aus ihrem lethargischen Schock, und sich ihrer Entblößung wieder gewahr geworden, riss sie hastig ihre Röcke herunter, hob ihre Hand, legte sie in die seine, und ließ sich von ihm hochziehen. Verlegen strich sie ihr zerzaustes Haar nach hinten, wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht, und schämte sich mit einem Mal so unglaublich vor Jewen und diesem Fremden, weil die beiden Männer ihre Schmach so mitangesehen hatten. Ihr Herzschlag hatte sich mittlerweile wieder beruhigt, und ihr Herz schlug nun sachter in ihrer Brust, als noch wenige Augenblicke zuvor. "Danke..." Mehr brachte sie nicht hervor, und musterte ihr Gegenüber doch ein wenig neugierig. Er hatte ein Allerweltsgesicht und wirkte, im Vergleich zu den drei Schlägern wie ein angenehmer Zeitgenosse, fand Aelia, obgleich ihr Äußerlichkeiten eigentlich ganz egal waren. Er besaß etwas markantes an sich, von dem sie noch nicht sagen konnte was es war, so beurteilte sie, und er schien in einem ähnlichen Alter wie Aelia zu sein, obgleich sie sich da nicht ganz sicher war, denn das Leben schien sichtbare Spuren in sein Gesicht gezeichnet zu haben, denn davon abgesehen, dass es ein wenig hager und ausgezehrt schien, war da noch etwas anderes in seinem Antlitz, und um das zu sehen, bedurfte es nicht unbedingt eines scharfen Sehvermögens, welches Aelia ohnehin nicht besaß, jedoch einen wachen Blick und Einfühlungsvermögen, wovon sie beides besaß. Aelia war regelrecht verzaubert von ihm, obgleich sie nur dastanden, und sich gegenseitig angafften. Doch vermutlich war dies einfach nur, weil er ihr zur Hilfe gekommen war. 

Es war Jewen, welcher sie aus diesem Zauber erlöste. Er seufzte schwer auf, und klopfte dem jungen Mann dankbar, aber hart auf die Schulter. "Dich schicken die Götter, Jungchen! Du hast mein Leben, meine Habe, und nicht nur das gerettet, sondern auch Aelias Leben. Ich danke dir!" Er wandte sich von ihm ab und blickte Aelia an. "Geht es dir gut, Liebes?" fragte er besorgt, und Aelia nickte, während sich ihre Miene ein wenig schmerzlich verzog, und sie leicht wankte, als ihre Knie nachgaben. Jewen stützte sie, und schob sie rasch an einen der Tische. "Setz dich, Aelia. Ich bringe dir was Stärkendes." Er schlurfte davon und wandte sich im Gehen auch an den jungen Mann. "Du, setz dich auch, du hattest dein Drachenfeuer ja auch noch nicht, bevor diese Drecksäcke hier alles aufgemischt haben, ha?" Er kam zurück mit drei Bechern, platzierte einen davon vor Aelias Nase, und die anderen beiden in gebührenden Abstand davon, und füllte jeden von ihnen beinahe randvoll mit dem starken Gesöff. "Da, geht aufs Haus, is ja klar! Das haben wir uns jetzt aber mehr als redlich verdient..." schnaufte er, während er sich auf einen der Stühle fallen ließ, und seinen Becher in einem Zug leerte. Dann erst ließ er sich in seinen Stuhl niedersacken, als ob eine unendlich schwere Last von ihm abgefallen war. "Scheiße..." unterbrach er die Stille, die vorherrschte, nach wenigen Momenten. "Ich hab mir beinahe in die Hosen geschissen, das könnt ihr mir glauben..." lachte er ein wenig verzweifelt auf. "Genau das meinte ich, Aelia! Ob nun Nedran'Ja, oder Sanra'Jena, die sind alle gleich! Verschissene Hurensöhne und Bastarde! Nichtsnutze, Tagediebe, gefährliche Dreckskerle! Die würden alle sogar ihre eigene Mutter umbringen, wenn es ihnen einen Nutzen brächte! Traue keinem von denen hörst du, Aelia? Jetzt muss ich mir überlegen, wie ich fünf Leichen beseitige wobei mir gerade nur diese drei Schwanzlutscher Sorgen bereiten...Wenn jemand von den Nedran'Ja davon Wind bekommt, was sich heute in meiner Schenke abgespielt hat, kann ich mein Testament machen..." seufzte Jewen, erhob sich ein wenig schwerfällig von seinem Stuhl und schlurfte langsam zur Ausschank zurück...
#7
Bastarde, Nichtsnutze, Dreckskerle! ❖
rabe-doréan verzog mürrisch den Mundwinkel, als der Wirt ihn Jungchen genannt hatte. »Jungchen?«, fragte er sichtlich empört. »Hast du heute schonmal in 'nen Spiegel geschaut, Alter?«, konterte der Gossenfloh und wandte dann den Blick von dem Mann ab. Die junge Frau, welche er gerade von dem miesen Mistkerl befreit hatte, der sich auf sie hatte werfen wollen, war doch bei weitem anregender, als der dieses bärtigen Kerls mit den Fettflecken auf seiner Schürze. »Du hast mein Leben, meine Habe, und nicht nur das gerettet, sondern auch Aelias Leben. Ich danke dir!« Doréan nickte nur und winkte abfällig mit der Hand. »Schon gut. Sie haben es verdient, die dreckigen Hundeficker.« Doréan zog geräuschvoll die Nase hoch um möglichst viel Speichel zu fördern und spuckte den Batz aus Rotz und Schleim auf den Bastard, der mit leerem Blick auf dem Boden lag. »Mieser Hundsfott!« Dass Doréan zuerst mit dem Gedanken gespielt hatte, einfach klammheimlich zu verduften, verschwieg er geflissentlich. Immerhin war es immer gut, wenn es Menschen gab die einem in der Schuld standen. Das war im grauen Viertel immerhin eine ganze Menge wert. Sogar mehr, als Gold. Man wusste schließlich nie, wann man einmal einen Gefallen einfordern musste. Als die Frau sich schließlich von ihm auf die Beine hatte helfen lassen und nun im Begriff war ihr Haar zu richten, schenkte Doréan ihr ein freundliches Lächeln, während er ihr tief in die Augen sah. Die Augen eines Menschen konnten einem viel über diesen Menschen sagen. »Danke.« Dies waren alle Worte, die sie für ihn übrig gehabt hatte. Doch wenn man bedachte, was ihr soeben widerfahren war, da war dies nicht sonderlich verwunderlich. »Aelia heißt du also?«, hakte Doréan nach, obwohl der Wirt den Namen eben noch genannt hatte. Aber er wollte es aus ihrem Munde hören und nicht aus dem des Alten. »Du bist nicht wirklich von hier, oder?« Doréan lächelte spitzbübisch und warf einen Blick auf ihre Erscheinung. Das einfache Gewand sprach nicht unbedingt dafür, dass sie aus einem der gehobeneren Bezirke stammte. Wobei er sich da noch mehr wundern würde, wie sie ausgerechnet an diesen Ort geraten wäre. Doch da der Wirt ihren Namen kannte, war sie zumindest schon mehr als einmal hier gewesen.

Oh, Doréan war Neugierig. Vielleicht zu neugierig, wenn man es genauer betrachtete. Doch dieser verkackte Tag, der schon so mies begonnen hatte, und von Stunde zu Stunde beschissener geworden war, hatte dann doch wenigstens eine erfreuliche Wendung genommen. Immerhin hatte er zwei Nedran'Ja zu den Fischen geschickt. Schade nur, dass Raban oder Lenan es nicht gesehen hatten. Sie würden es ihm niemals glauben, wenn er es ihnen erzählen würde. Nichtsdestotrotz gab ihm dies ein herrlich gutes Gefühl. Wenn nur Raban hier gewesen wäre um dies mitanzusehen! Doch Raban war nicht hier. Er hockte sicher im Hinterzimmer irgendeiner versifften Spelunke und dröhnte sich den Schädel mit Opium zu, während er sich von irgendeiner billigen Hafenhure den Schwanz lutschen ließ. So wie er es stets tat. Indes war der Wirt an Aelia herangetreten und hatte ihr besorgt die Hand auf die Schulter gelegt, während er ihr tief in die Augen sah. »Geht es dir gut Liebes?« Sie nickte, doch strafte sie die schwindende Kraft, die ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte, schon kurz darauf Lügen. Doch noch ehe sie zusammenbrechen konnte, hatte der Wirt sie auch schon gehalten und zu einem der nun vielen freien Stühle geführt, damit sie sich setzen konnte. »Setz dich, Aelia. Ich bringe dir was Stärkendes.« Doréan wollte ihn sogleich daran erinnern, dass er auch einen gewissen Bedarf an etwas Stärkung hatte da er fürchtete von der Fürsorge des Wirtes übertölpelt zu werden. Immerhin hatte er Aelia gerettet und er hatte nur im Weg gestanden. Aber der Wirt hatte ihn nicht vergessen. »Du, setz dich auch, du hattest dein Drachenfeuer ja auch noch nicht, bevor diese Drecksäcke hier alles aufgemischt haben, ha?« »Äh, ja. genau.« Er kniff die Augen zusammen, doch grinste er kurz darauf breit. »Hätten sich lieber 'n anderes Drecksloch zum Aufmischen ausgesucht. Dann müssten sie heute nicht bei den Fischen schlafen.« Ohne groß zu fragen nahm Doréan sogleich am selben Tisch Platz, nachdem er sich den Stuhl verkehrt herum gedreht hatte und nun seine Arme auf der Rückenlehne verschränkte um seinen Kopf darauf zu stützen und Aelia anzustarren. »Woher kennt ihr zwei euch denn?« Die Höflichkeit hätte vielleicht geboten zumindest ein, wenn ich fragen darf, nachzuwerfen. Doch Doréan war weder ein Kind der Höflichkeit noch ein Kind von Traurigkeit. Und schon gar kein Kind der guten Umgangsformen. Er war ein Grauer, aus den grauen Vierteln. Der Absatz der Gesellschaft. Die Scheiße am Stiefel eines jeden anderen, der unachtsam hinein trat. Und er hatte nie gelernt, wie man sich in der Nähe einer Dame zu benehmen hatte. Er redete einfach wie es ihm in den Sinn kam. Er war nur eine stinkende Ratte die keiner beachtete und niemand in seiner Nähe haben wollte. Und dass Aelia hier war, sprach zumindest dafür, dass sie auch ein wenig mehr von ihm als von all den anderen der Stadt hatte, welche alle mit einem Stock im Arsch daher gingen, als ob ihnen die ganze Welt gehören würde.

Als der Wirt schließlich mit drei Bechern und einer Flasche daherkam, die aussah als hätte sie schon deutlich bessere Zeiten gesehen, richtete Doréan sich auf dem Stuhl ein wenig auf und nickte dankend. »Da, geht aufs Haus, is ja klar! Das haben wir uns jetzt aber mehr als redlich verdient...« Da nickte Doréan erneut. »Verdammt, das kannst'de aber laut sagen.« Er nahm sogleich den Becher zur Hand und führte ihn an die Lippen. Doch bevor er trank, hob er den Becher nochmals in die Höhe. »Trinken wir darauf, dass dieser Tag nur mehr besser werden kann.« Als sie dann die Becher zusammengeschlagen hatten, stürzte Doréan das Drachenfeuer in einem Satz herunter und wurde kurz darauf hart dafür bestraft. Der Name, welchen dieses Gesöff trug, zeigte schon sehr schnell seine unbarmherzige Wirkung. Doréan wurde von einem heftigen Hustenreiz gebeutelt und er musste sich mehrmals auf die Brust klopfen, bis der brennende Schmerz verklungen war. »Verdammte Scheiße, Alter! Was is’n das für ‘ne Plörre?« Der Wirt ging gar nicht auf diese Beleidigung ein, sondern lachte nur mit einer tiefen, kehligen Stimme. »Du bist ein ganz schönes Großmaul, Kleiner. Das is‘ keine Plörre! Du verträgst einfach nix!« Erneut lachte er. Und als ob er etwas beweisen wollte goss er sich einen zweiten Becher ein und kippte sich den Feuerschnaps genüsslich hinter die Binde, ohne dass ihm auch nur eine Träne in die Augen schoss oder er gar rot anlief. Doréans linkes Augenlid zuckte misstrauisch und als der Wirt den Becher, mit einem lauten Knall, abstellte, ergriff Doréan diesen sogleich um daran zu riechen. »Was? Da war kein Wasser drin, Bürschchen!« Doréan stellte den Becher wieder zurück und wandte den Blick von ihm ab. „»Ich hab mir beinahe in die Hosen geschissen, das könnt ihr mir glauben..« Doréan nickte nur. Ihm war es schließlich nicht anders ergangen. Und viel hätte auch nicht gefehlt, dann läge er nun tot auf dem Boden mit aufgeschlitztem Bauch während sich der betörende Geruch von Pisse und Scheiße im Raum ausbreiten würde.

Doch als der Wirt zu fluchen begann, da beschloss Doréan, dass er ihn von nun an hassen wollte. »Genau das meinte ich, Aelia! Ob nun Nedran'Ja, oder Sanra'Jena, die sind alle gleich! Verschissene Hurensöhne und Bastarde! Nichtsnutze, Tagediebe, gefährliche Dreckskerle!« Oh, wie gerne wäre er aufgesprungen und hätte dem miesen Schweinepriester das abgewetzte Messer des Nedran'Ja in die Brust getrieben, für diese Worte. Das wäre dann doch schon eine ironische Wendung der Dinge gewesen. Von einem Sanra'Jena vor den Nedran'Ja gerettet worden, nur um dann am Ende doch abgestochen zu werden. Niemand beleidigte die Sanra'Jena in seiner Gegenwart! Doch der Schnaps brannte noch in seinen Eingeweiden und außerdem wollte er das hübsche Mädchen nicht verängstigen oder gar vergraulen. Denn immerhin kannten sich diese Beiden augenscheinlich. Wie sehr und woher musste er nur noch herausfinden. »Die würden alle sogar ihre eigene Mutter umbringen, wenn es ihnen einen Nutzen brächte! Traue keinem von diesen Bastarden, hörst du, Aelia?«, schärfte er ihr eindringlich, beinahe väterlich, ein und sie nickte nur stoisch, was Doréan nur mit einem feindseligen Schweigen quittierte. »Jetzt muss ich mir überlegen, wie ich fünf Leichen beseitige...Wenn jemand von den Nedran'Ja davon Wind bekommt, was sich heute in meiner Schenke abgespielt hat, kann ich mein Testament machen...« »Da kannst du Gift drauf nehmen. Die werden dich nich' nur töten, sondern ein 'Exzembel' an dir statuiern und dich an die Häuserwand deiner Spelunke nageln.« Doréan wusste wovon er sprach. Immerhin hatte er das schon mehr als nur einmal mit eigenen Augen gesehen. »Und hast du irgendeine Idee, wie du die drei Mistgeburten da entsorgst?« Er deutete mit dem Daumen auf jenen, der in unmittelbarer Nähe zu ihnen lag. »Ich würde sie ja einfach in den verdammten Fluss werfen. Wenn man sie findet, glaubt jeder es waren die Sanra'Jena.«
#8
Schnapsfahne ❖
rabe-jewen zog fragend eine Augenbraue hoch, als der junge Mann ihn frech, und nicht gerade subtil, beleidigte. Der Wirt warf Aelia einen vielsagenden Blick zu, und sie schmunzelte verlegen, und beinahe entschuldigend, obwohl sie für die Wortwahl des Kerls nichts dafür konnte "Ich habe heute schon einmal in den Spiegel gesehen, nachdem ich mich heute rasiert habe, und ich meine nicht nur im Gesicht, nicht wahr?" Das '…du Milchgesicht' ließ er dann doch weg, schließlich hatte er dem Jungen auch einiges zu verdanken. Zwei Leben und seine Wochenlosung, und all das zusammen, war nicht gerade wenig. "Aber sei es, wie es sei, Du hast mein Leben, meine Habe, und nicht nur das gerettet, sondern auch Aelias Leben. Ich danke dir!" Der Junge winkte ab. "Schon gut. Sie haben es verdient, die dreckigen Hundeficker." Als er dann noch geräuschvoll die Nase hochzog und auf den Toten spuckte, untermalt von den Worten „Mieser Hundsfott", blickte Aelia ihn ein wenig angewidert an, erwiderte aber nichts darauf. Sie musste zugeben, dass ihr erster Eindruck von ihm besser gewesen war, zumindest solange er nicht den Mund aufgemacht hatte. Er spuckte ziemlich große Töne, und schien, zumindest seinem Benehmen zu entnehmen, aus der Gosse zu kommen. Er besaß auch die Frechheit, ihr ziemlich tief in die Augen zu starren, eine Eigenart, die Aelia so gar nicht mochte, aber immerhin hatte er schöne Augen, stellte sie fest, bevor sie ihren Blick senkte. Außerdem geboten es ihre Manieren, sich bei ihm zu bedanken. Mehr, als ein kurz angebundenes, gehauchtes 'Danke' brachte sie jedoch nicht hervor. "Aelia heißt du also?" fragte er sie, und die junge Frau nickte. "Das ist mein Name…" lächelte sie ihn verhalten an. "Und wie heißt du?" "Ich bin Doréan. Du bist nicht wirklich von hier, oder?" Sie legte den Kopf schief "Ich bin nicht hier geboren und aufgewachsen, aber seit etwas mehr als zwei Monden lebe ich nun hier im grauen Viertel…" erzählte sie ihm, und verschränkte schützend ihre Arme vor der Brust, als sie sich von ihm angestarrt fühlte.

Jewen bugsierte Aelia auf den nächsten Stuhl, als er bemerkte, wie ihre Beine nachgaben, und der junge Mann, welcher sich als Doréan vorgestellt hatte, tat es ihr gleich, und setzte sich lässig auf den verkehrt hingedrehten Stuhl hin. Der Wirt war zur Ausschank gegangen, um die Flasche Drachenfeuer zu holen, welche er Aelia und auch Doréan versprochen hatte, und schenkte kurzerhand die Becher ziemlich voll. Aelia, die sich von Doréan ziemlich angestarrt fühlte, umklammerte ihren Bierkrug, hob ihn an, da man sich ziemlich gut dahinter verstecken konnte, und trank einen großen Schluck von dem Drachenbier, welches Jewen ihr neben dem Drachenfeuer von der Budel mitgebracht hatte. Erst das Bier, dann der Schnaps, hatte der Wirt ihr geraten, und die junge Frau hielt sich an diesen Ratschlag. Das Drachenbier war ein schweres herbes Bier, und Aelia mutmaßte manchmal, dass es nur ein Starkbier, versetzt mit Schnaps war, anders konnte sie sich es nicht erklären, wieso es so derart stark war. Aber es passte vorzüglich zu ihrer Stimmung, die schon beim Betreten der Schenke nicht gerade die Beste gewesen war, und durch diesen Zwischenfall sich auch nicht zum Besten gewandt hatte. "Woher wir uns kennen? Nun, ich komme gelegentlich hierher, wenn es meine Zeit zulässt, was nicht so häufig der Fall ist." Sie fühlte sich irgendwie unwohl. Eigentlich war sie ja deutlich öfter hier, aber nicht dass der Kerl ihr noch nachstellte und dann, wie durch einen seltsamen Zufall, ebenfalls jeden Abend hier herumlungerte, nur weil er ihr nachstellen wollte. "Aber Jewen ist mir ein guter Freund geworden, und ich komme gerne hier her, um mit ihm zu reden, und ein Bier zu trinken" erklärte sie ihm. "Die 'Schlangengrube' hat eine besondere Atmosphäre, finde ich. Das heute war hoffentlich eine Ausnahme…" Dass sie es unter dem Dach von Lestar und Madiah kaum länger als nötig aushielt, und Jewens Schenke so ziemlich der einzige Rückzugsort war, den sie kannte, wollte sie ihm nicht unbedingt auf die Nase binden.

"Trinken wir darauf, dass dieser Tag nur mehr besser werden kann." "Du sagst es, mein Junge, darauf trinke ich!" stimmte Jewen zu, und so stießen die drei ihre Becher aneinander, und Aelia die sich immer noch an Jewens Mahnung hielt, und nur aus Höflichkeit angestoßen hatte, stellte den Becher wieder unangetastet auf den Tisch und trank stattdessen noch einen Schluck Bier. Sogleich bekam sie einen Vorgeschmack darauf, wie sehr dieser Schnaps seinen Namen verdiente, denn Doran wurde von einem mächtigen Hustenanfall gebeutelt, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Aelia musste darüber hinter der vorgehaltenen Hand kichern, und Jewen stand die Schadenfreude förmlich ins Gesicht geschrieben. "Verdammte Scheiße, Alter! Was is’n das für ‘ne Plörre?“ Der Wirt lachte schadenfroh und erwiderte „Du bist ein ganz schönes Großmaul für dein Alter. Das is‘ keine Plörre! Du verträgst einfach nix!" Wie zum Beweis goss Jewen sich einen zweiten Becher voll und trank diesen, als ob er nur einen Schluck Wasser trank, leer. Doréan schien zu denken, dass es sich tatsächlich um Wasser handelte, doch Jewen belehrte ihn eines Besseren. Und dann begann er zu fluchen, und über die Nedran'Ja und die Sanra'Jena zu schimpfen, und Aelia davor zu warnen. Sorgenvoll berichtete er über seine Ängste und Befürchtungen, und es war Doréan, der ihm beipflichtete. "Da kannst du Gift drauf nehmen. Die werden dich nicht nur töten, sondern ein 'Exzembel' an dir statuiern und dich an die Häuserwand deiner Spelunke nageln.“ Aelia lief es eiskalt den Rücken herunter als sie diese grauenhaften Worte vernahm. Und dennoch musste sie auch innerlich schmunzeln. Doréan hatte eine seltsame Art zu sprechen und manche Worte sprach er auch noch falsch aus. Sie fragte sich, ob er überhaupt Lesen oder Schreiben konnte. „Ich würde sie ja einfach in den Fluss werfen. Wenn man sie findet, glaubt jeder es waren die Sanra'Jena.“ "Bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig" brummte der Wirt, erhob sich, und schlurfte zu der Ausschank zurück, dort mit dem Aufräumen zu beginnen.

Aelia und Doréan blieben am Tisch zurück, und mittlerweile hatte die junge Frau auch ihr Bier ausgetrunken. Blieb nur mehr das Drachenfeuer. Austrinken heimgehen, schlafen und sich wie ein neuer Mensch fühlen am nächsten Morgen, das war Jewens Versprechen gewesen. Ein wenig fürchtete sie sich davor, und es erschien ihr, als hafteten sich alle Blicke auf sie, als den Becher in die Hand nahm, und hochhob. Nun wollte sie kein Hasenfuß sein, und so führte sie de Becher an ihre Lippen, und kippte den Inhalt beherzt hinunter. Wie flüssiges Feuer brannte sich der Drachenschnaps langsam seinen Weg durch ihre Kehle, bis hinunter in ihre Eingeweide, wo es den Anschein hatte, als würde er dort ein wahres Inferno entzünden. Aelia quollen beinahe die Augen aus ihren Höhlen, und ähnlich die Doréan begann sie heftig zu husten und zu prusten. Doch es wollte ihr einfach keine Linderung verschaffen. Ihre Zunge brannte wie Feuer und in ihrer Verzweiflung sprang sie vom Stuhl auf, und hüpfte auf und ab während sie sich mit ihren Fingern kühlende Luft zufächerte. Während sie gegen das Brennen ankämpfte, und sich vor Doréan förmlich zum Gespött machte, bemerkte sie nicht, dass sie sich gebärdete wie eine Frau es bisweilen nur tat, wenn sich eine Frau genüsslich auf einem Mann auf und ab bewegte. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schniefte erleichtert auf. Ein wenig peinlich war es ihr schon, aber als Jewen hinter seiner Budel lauthals zu lachen begonnen hatte, da stimmte sie mit ein, als ob sein Lachen ansteckend wäre. Bald waren es Lachtränen, die erneut über ihre Wangen liefen. Das ausgelassene Lachen stimmte sie fröhlich und sie fühlte sich über alle Maßen befreit, so dass sie die unschönen Ereignisse schnell vergessen hatte. Doch fühlte sie sich nicht nur befreit...

… sondern ein seltsames Gefühl in ihrem Kopf aufflammen. Der Schnaps, nach dem starken Bier, hatte seine Wirkung nicht verfehlt! Seufzend wischte sie sich die Tränen erneut aus dem Gesicht und murmelte "Ach du liebe Güte, das Zeug haut mich jetzt aber wirklich aus den Stiefeln… Verzeih…" wandte sie sich an Dorean, und lächelte ihn beinahe übermütig an. Es war Jewen nicht entgangen, wie Dorean Aelia die ganze Zeit angestarrt hatte. Und so lehnte er sich lässig auf die Budel und meinte "Aelia, sag einmal, wie geht es eigentlich Ruben? Hat er dich nun endlich auf Knien angefleht, dass du seine Frau wirst?" Aelia begann zu lachen "Ruben? Neee, hat er nicht. Das wird er nie tun, glaube ich…" "Dann ist er aber ein selten blöder Holzkopf…" meinte Jewen. "Wär ich nur zwanzig Jahre jünger! Worauf wartet er? Dass er eine bessere kennenlernt? Die wird er nicht finden…" rief er ihr herüber und polierte mit einem Lappen einen Becher, und stellte ihn ins Wandregal. "So ein dämlicher Hund, aber wirklich wahr…" murmelte er leise schüttelte er fassungslos den Kopf. Aelia ging nicht mehr darauf ein. Sie hatte jetzt aber auch wirklich andere Sorgen. Alles in ihr drehte sich. Ihr Magen. Ihr Kopf und ihr Gleichgewicht. Und sie musste jetzt noch den Weg zurück in Lestars Schenke finden. "Scheiße, alles dreht sich…" murmelte sie, während sie sich langsam erhob. "Ich wünsch dir was, Jewen…" verabschiedete sie sich von ihrem väterlichen Freund. Dieser grinste frivol. "Ich hoffe, nur das Beste, zum Beispiel eine Stadt ohne Nedran'Ja!?" lachte dieser. "Auf jeden Fall…" erwiderte sie grinsend. Dann wandte sie sich an Doréan. Der wirkte ihr, von ihrem besoffenen Zustand aus betrachtet, nun gar nicht mehr so übel, wie noch wenige Augenblicke zuvor… Sie hielt ihm die Hand entgegen, und lächelte ihn an. "Ich möchte mich bei dir noch einmal, bedanken, das war wirklich außergewöhnlich selbstlos von dir, Dorean…" Seinen Namen betonte sie besonders, dann wandte sie sich ab. "Geht’s, Aelia? Schaffst du es alleine nach Hause? Soll ich dich begleiten?" rief ihr Jewen besorgt von der Budel zu. Doch Aelia winkte ab "Aber klar doch, Jewen, mach dir keinen Kopf! Gute Nacht, ihr Beiden!" Mit diesen Worten verließ sie die 'Schlangengrube, und trat in die nächtlichen, leeren Straßen hinaus.
#9
Nebelschwaden in dunklen Gassen ❖
rabe-doréan musste sich ein schadenfrohes Lächeln verkneifen als das Drachenfeuer in Aelias Rachen hinunter brannte. Er verbarg dieses hinter seiner vorgehaltenen Hand, während er so tat, als würde er gähnen. Doch als Aelias Augen aus ihren Augenhöhlen hervorquollen, als ob sie jeden Moment auf den Tisch springen würden, da konnte er sich nicht mehr halten und prustete lauthals lachend los. »Du solltest dein Gesicht sehen, Mäd‘l.«, gackerte er geckenhaft und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Doch als Aelia plötzlich aufgesprungen war und aufgeregt im Schankraum umhersprang, wohl um den brennenden Schmerz auf diese sinnlose Weise abklingen zu lassen, da verstummte der Haderlump aus den grauen Vierteln. Wie gebannt starrte er auf das Schauspiel welches Aelia ihm nun darbot, ohne es zu wollen oder zu ahnen. Verführerisch und beinahe betörend, sprang sie auf und ab und er ertappte sich dabei, wie er unverhohlen seine starrenden Blicke auf sie gehaftet hielt. Ein breites Grinsen war ihm aufs Gesicht geschnitten und er hatte, in diesem Augenblick nur noch Augen für sie und ihre Darbietung. Immerhin trug sie ein eng geschnittenes Kleid und ihre Rundungen, die ihm zuvor schon aufgefallen waren, kamen mit jedem Sprung in eine eigene, hypnotische Bewegung. Doréan stellte seinen rechten Ellenbogen auf dem Tisch und stützte denn seinen Kopf auf der Hand ab, während er ihr einfach nur dabei zusah, als ob sie einen Tanz, nur für ihn, vorführen würde. »Wirklich eine reizende Darbietung.«, neckte Doréan und klopfte mit den Knöcheln seiner geballten Faust auf den hölzernen Tisch. »Möchtest du vielleicht noch einen Schluck?«, schlug Doréan grinsend vor, da er sie vermutlich den ganzen Abend lang beobachten konnte, wie sie durch den Raum sprang. Ohne eine Antwort abzuwarten, goss sogleich einen weiteren Schuss Drachenfeuer in ihren Becher ein. Und auch Jewen, wie Doréan nun erfahren hatte, dass der Namen des Wirten lautete, stimmte in Doréans erheitertes Lachen ein. Allerdings wohl eher wegen der Komik der Situation, da dieser nicht sehen konnte, was Doréan zu sehen bekam. Vielleicht lag es auch am Schnaps, welcher wütend in ihrer aller Bäuchen loderte und brannte, doch Doréan fühlte sich nun, in diesem Augenblick, nicht wie ein Mann, der in wenigen Stunden tot sein würde. Es hatte eher den Anschein, dass sie alle vergessen hatten, dass sie gerade eben noch um ihr Leben hatten bangen müssen und die Leichen sich noch immer in ihrer unmittelbaren Nähe befanden.

Es war noch irgendwie glimpflich ausgegangen. Aber diese Kerle hatten das Paket geöffnet! Raban würde kurzen Prozess mit ihm machen, wenn Doréan ein geöffnetes Paket abliefern würde. Doch noch war nicht Hopfen und Malz verloren. Er könnte eine neue Verpackung auftreiben und das Objekt, welches darin lag, wieder sorgsam verpacken. Niemand, außer Raban, wusste doch, wie es ursprünglich ausgesehen hatte, oder?

Doch bevor er diese Gedanken erneut weiterspinnen konnte, riss ihn Aelia buchstäblich daraus hervor. »Verzeih…« »Hä?« Doréan sah Aelia schief an und sein Blick zeugte mehr als nur davon, dass er keine Ahnung hatte, was sie eigentlich meinte. »Ach du liebe Güte, das Zeug haut mich jetzt aber wirklich aus den Stiefeln…« Da grinste Doréan breit und lehnte sich mit den verschränkten Armen wieder auf die Stuhllehne. »Ach wirklich?« Man konnte förmlich den Schabernack in seinen Augen blitzen sehen, als er sich ein wenig zu ihr hervor beugte um ihr tief in die Augen zu sehen. »Wie sehr haut’s dich denn aus deinen hübschen Stiefelchen?«, feixte Doréan und ließ dabei seine Blicke über ihren Körper gleiten. Nun, war sie nicht mehr nur irgendeine Frau in irgendeiner heruntergekommenen Schenke. Er war neugierig geworden. Und je länger er sie ansah, desto hübscher wurde sie und er begann ein reges Interesse an dieser fremden Frau zu entwickeln. Doch dieses Interesse wurde jäh zerstört, als Jewen die Stimme erhoben hatte. Er sprach von irgendeinem Hanswurst, der Aelia einen Antrag machen wollte, und so schnell wie er diese Frau anziehend gefunden hatte, so schnell waren auch Neid und Missgunst aufgekommen, den er nun für sie und diesen unbekannten Bastard hegte. Im Meer gab es viele Fische. Doch diejenigen, die man nicht fangen konnte, waren einfach diejenigen, die man fangen wollte! »So ein dämlicher Hund, aber wirklich wahr.« Diese Worte hallten in Doréans leerem Geist wider und wider, bis die letzte Heiterkeit aus seinem Geist vertrieben worden war. Dummer Hund…Dummer, dämlicher Hund.

Bei diesem Gedanken sprang der Tunichtgut von seinem Hocker auf und rannte zu dem Tisch, an welchem er gesessen hatte, als die Schläger der Nedran'Ja Jewens Schenke betreten hatten. Mit wild schlagendem Herzen näherte er sich dem Paket und wagte kaum einen Blick hineinzuwerfen. Doch die gierigen und glänzenden Blicke des Schlägers, welcher das Paket geöffnet hatte, wollten Doréan einfach keine Ruhe lassen. Die Neugierde war stärker als die Vernunft, und so wagte Doréan nun auch einen Blick. Und was er dort sah, ließ ihn vor Erstaunen erstarren. »Was, bei den drei Huren der roten Laterne…«, flüsterte er und nahm das seltsame Ding, das dort lag, aus der Schachtel heraus. »Was ist das?«, murmelte er und betrachtete es von allen Seiten. So etwas hatte er noch nie gesehen. Es war aus Metall und sah seltsam und fremdartig aus. Wäre Doréan in der Alchemie bewandert, dann hätte er wohl gewusst, was er für ein Kleinod in den Händen hielt. Doch er war nur ein ungebildeter Straßenköter, welcher weder lesen noch schreiben konnte, geschweige denn alchemistische Symbole zu entziffern. Und so sah er sich nur verstohlen um. Doch Jewen stand noch immer bei seinen Weinfässern und Aelia kämpfte noch mit den Hitzewallungen welche sie zweifellos überkamen. Also ließ Doréan das Objekt wieder in die Schachtel gleiten und stopfte diese hastig in seine lederne Tasche, bevor er wieder zu den beiden anderen zurückkehrte. »Was war denn das?«, fragte Jewen und Doréan zuckte nur mit den Schultern. »Na das? Was hast du da gemacht?«, hakte Jewen, für Doréans Geschmack viel zu neugierig, nach und Doréan legte instinktiv die Hand auf seine lederne Tasche. »Nichts, was dich was anginge…Jewen.« Er betonte den Namen des Wirten besonders, was beinahe als eine Art Drohung klang.

Aelia indes schien von alledem nur wenig Notiz zu nehmen. Das Drachenfeuer war wohl die Art von Gebräu, welches dazu geschaffen worden war alle Hemmungen fallen zu lassen. Oder sich mit feuriger Kehle zu übergeben. Denn schon bald entfaltete es seine ganze Wirkung in dem Blut der jungen Frau. Sie wankte, auch wenn sie es zu verbergen versuchte. Doch Doréan musste zugeben, dass der Rausch des Drachenfeuers seinen Geist zumindest soweit beruhigt hatte, dass es ihm die Angst vor Raban beinahe hinweggebrannt hatte. Und so lehnte er sich auf die verschränkten Arme auf der Rückenlehne und starrte gedankenlos ins Leere, während sein Blick sich mehr und mehr verklärte. »Was habe ich mir nur dabei gedacht, zwei Kindern Drachenfeuer zu geben?“« lachte Jewen und wischte sich dabei die Hände an seiner Schürze ab. Während Doréan zusehend apathischer wurde, schien Aelia von einer inneren Unruhe geplagt zu werden. Denn von einem Moment auf den nächsten erhob sie sich, wenn auch ein wenig benommen, und verabschiedete sich. »He, willste nich' helfen die Kadaver in den Hafen zu schmeißen?«, lachte Doréan, obwohl daran eigentlich gar nichts lustiges zu finden war. Aber Aelia schlug sowohl Jewens Geste, sie zu begleiten, als auch seinen scherzhaften Vorschlag dankend aus und verließ die Schenke. Für einen Moment starrten sich die beiden Männer daraufhin wortlos an, als ob sie nun, da Aelia fort war, nicht so recht wussten, was nun zu tun war. »Weisst du, Jewen?« Der Wirt hob den Kopf und starrte Doréan fragend an. »Also, wenn ich's mir recht überlege, habe ich auch keinen Bock dir dabei zu helfen, die Pisspötte da in den Fluss zu schmeißen.« Und so rappelte er sich von seinem Stuhl auf und schulterte seine Tasche, in welcher sich dieses seltsame und scheinbar wertvolle Ding befand. »Also gehab dich wohl.« »Na danke, du nutzloser Bengel.«, brummte Jewen, was Doréan nur ein mildes Achselzucken abrang. »He, immerhin lebst du noch. Also sei nich' undankbar.«

Und so war er Aelia in den Schatten der nächtigen Straße gefolgt. Der kühle, salzige Hauch wehte ihm um die Nase, doch fand er daran nichts Befreiendes. Immerhin stank es hier nach Pisse, Fisch und dem Unrat des grauen Viertels. Doch immerhin half die kühle Luft seinen Geist ein wenig zu läutern. Irgendwo bellte ein verlauster Straßenköter und von einer anderen Ecke klang das verzweifelte Plärren irgendeines Balges an sein Ohr. »Solltest du nicht längst schon schlafen?«, murmelte Doréan, während er seine Blicke durch die dunkle Gasse schweifen ließ. Der abendliche Nebel kroch bereits durch die Gassen, so wie jeden Abend. Früher, als er noch kleiner war, da hatte er den Nebel gefürchtet. So wie viele andere, die in diesem Drecksloch hausten. Der Nebel barg etwas Unheimliches und allerlei Schauergeschichten kursierten in den Schenken und Bordellen des Viertels. Angeblich sollen seltsame Gestalten und Meerjungfrauen in den Nebeln hausen und wenn es Nacht würde, kämen sie wie Ratten aus ihren Löchern und zerrten einen in das Wasser. Doréan pfiff auf das Gerede der abergläubischen Narren. Sicher stammten diese Gerüchte von irgendwelchen Betrunkenen oder den Starren, die den ganzen Tag auf den Straßen herumlagen um zu sterben, denn er hatte noch nie irgendetwas Seltsames in den Nebeln gesehen.

Der Nebel war diesen Abend ungewöhnlich dicht. Fast schon mutete er wie lebendiger Qualm oder Rauch an, der auf dem Boden umherkroch. Und mit jedem Schritt, den Doréan tat, teilte er den Nebel, welcher sich hinter ihm wieder schloss. Die Luft war kalt und kroch ihm unangenehm unter die Haut und so blieb er lieber in Bewegung, während er weiter nach Aelia Ausschau hielt. Als er Aelia am Ende der Straße erblickte, da nahm er sogleich die Beine in die Hand und stellte ihr nach. »He! Warte doch mal!«, rief er, was in einem Viertel wie diesem nicht unbemerkt blieb. »Ruhe da unten, du Hund!«, bellte sogleich eine raubeinige Stimme aus einer der unzähligen vernagelten Bretterverschläge, die die Menschen hier ihr Heim nannten. Doch da war er an Doréan an den falschen geraten. Der Gossenfloh hatte ein Ego für zehn Männer und hatte dafür noch nie in seinem Leben eine Tracht Prügel kassiert, was ihn natürlich umso mehr darin bekräftigt hatte so zu sein, wie er nun einmal war. »Wer ist hier ein Hund, du Hundsfott?“« rief Doréan lauthals in die Nacht zurück, während er seinen Kopf in alle Richtungen drehte, um den dreisten Mistkerl zu erspähen, der ihn derart beleidigte. Irgendwo polterte es und morsches Holz knirschte und knackte, als kurz darauf der Glatzkopf eines korpulenten Tagelöhners aus einem Fenster spähte. »Na warte, dir reiße ich die Eier ab, du Ratte!« Doréan zeigte dem Mann mit einer eindeutigen und obszönen Geste, was er von dieser leeren Drohung hielt, was den Mann nur weiter in Rage versetzte. »Du kleine, verfickte Ratte!«, bellte der Mann und sprang förmlich aus dem Fenster. Ein spitzer, scharfer Gegenstand flog haarscharf an Doréans Schädel vorbei und hätte er sich die Mühe gemacht, sich danach umzusehen, hätte er erkannt, dass es ein rostiges Messer gewesen war. Eine gellende Stimme, welche wohl seiner Frau gehörte, verebbte abrupt als ein lauter Schlag erklang, der nur eine harte Schelle gewesen sein konnte. »Halts Maul! Den Bengel kauf ich mir, und zieh ihm das Fell über die Ohren!« Doréan seufzte. Egal wo man in den grauen Vierteln war, der Abschaum war überall. Doch nun, da er diesen Fleischberg gesehen hatte, wollte er lieber nicht hier sein, wenn er doch den Weg in die vernebelte Gasse fände. Und so sputete er sich, Aelia einzuholen, welche inzwischen wieder ein ganzes Stück vorangegangen war.

Ein wenig seltsam fand er es ja doch, dieser fremden Frau einfach durch die dunklen Gassen zu folgen. Doch diese Frau hatte ihn irgendwie verzaubert und ihn in ihren Bann gezogen. Sie war hübsch. Er konnte es sich nicht besser erklären. Aber er wollte sie näher kennenlernen. Sie hatte ein freundliches Lächeln. Und...ja sie war richtig hübsch. Sie strahlte förmlich heraus aus dem Meer an Frauen, die es sonst im grauen Viertel gab. »So warte doch!« »Bleib stehen!« »Lauf nicht weg!« Doréans Rufe hallten durch die dunklen Gassen, und ob sie nun ihren Zweck erfüllt hatten, oder er einfach nur schneller war als sie, konnte man nicht so wirklich sagen, als er sie endlich eingeholt hatte. »Vor wem läufst du denn davon, mein Liebchen?«, flötete Doréan vergnügt, als er sie endlich gefangen hatte.
#10
Verfolgung im Nebel ❖
rabe-nachdem Aelia die 'Schlangengrube' verlassen hatte, blieben Doréan und Jewen, der Wirt, zurück. Letzterer natürlich hatte keine andere Wahl, denn es war ja seine Schenke. Aber da der junge Mann auch noch verblieben war, nutzte der Wirt die Gelegenheit und meinte, sich räuspernd, "Also… ich könnte Hilfe wirklich gut gebrauchen. Der Hafen ist ja nicht weit weg von hier…." Da erwiderte der junge Mann "Also, wenn ich es mir recht überlege, habe ich auch keinen Bock dir dabei zu helfen, die Pisspötte da in den Fluss zu schmeißen. Also gehab dich wohl.“ Er erhob sich von seinem Stuhl, und schulterte seine Habe. Jewen vernahm diese Worte mit wenig Begeisterung. „Na danke, du nutzloser Bengel" brummte er. Doch wenn er sich ehrlich wahr, wer konnte es ihm verdenken? Immerhin kannten sich die beiden Männer gar nicht, und man musste kein sonderlich schlauer Mensch sein, um zu bemerken, dass diese beiden nicht gerade auf einer Wellenlänge lagen, oder es auch werden könnten. Bevor der Mann die Schenke verließ, rief er ihm noch zu "He, warte mal! Lass dir noch eins gesagt sein… Ich hab gesehen, wie du Aelia angeglotzt hast. Belass es dabei. Das ist keine Frau für dich. Erstens mal ist sie sowieso in festen Händen, aber davon abgesehen interessiert sie sich sowieso nicht für einen, der ihr nix bieten kann. Ich nehme stark an, dass ich dich eh nie wieder sehen werd, trotzdem, wenn du da jetzt rausgehst, lässt du sie in Ruhe. Ich werd ungemütlich, wenn mir anderes zu Ohren kommt, verstanden?" Jewen verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und legte eine ernste Miene auf, um klarzustellen, wie ernst es ihm war. Ob der vorlaute Bengel sich seine Worte zu Herzen nehmen würde, stand allerdings auf einem anderen Blatt geschrieben.

Aelia indes schritt über den festgetretenen, trockenen Boden der Gasse. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet, und darum war der lehmige Boden, der sich nach einem Regenguss sofort in Matsch und Dreck verwandelte, hart, trocken, und bisweilen sogar schon rissig. Es war dunkel hier, und keine einzige Ölfunzel oder Laterne brannte in diesem Teil des grauen Viertel. Zwar gab es hier und da eine Laterne an einer Häuserfassade, aber diese stammten noch aus den Zeiten Oshkïrs, da dieser Teil der Stadt ein besserer gewesen war. Kein Nachtwächter wagte sich in dieses Viertel, und niemand gab einen Deut darauf, auch nur einen Tropfen Laternenöl in diesem Rattenloch zu verschwenden. Aber der Mond spendete sanftes, kühles Licht. Doch das Licht des Mondes vermischte sich mit dem heraufsteigenden, am Boden kriechenden Nebel zu einem unheimlichen, geisterhaften Geschwade, und bald würde es so nebelig sein, dass man kaum mehr eine Hand vor Augen sehen würde. Aelia wusste das, und darum schickte sie sich an, sich zu beeilen. Denn auch wenn sie vielleicht etwas berauscht war, so war sie keineswegs einfältig. Nachts auf diesen Straßen zu sein, und dazu noch als eine hübsche Frau, die sie nun einmal war. Obwohl es wohl auch hässliche Frauen treffen konnte. Es war gefährlich. Lestars Gasthaus war nicht weit von der Schlangengrube entfernt, keine fünf Häuserblöcke die Straße hinunter. "He, warte doch mal!" rief ihr jemand hinterher, und Aelia wandte sich um, ohne dabei stehen zu bleiben. Schemenhaft schälte sich eine Gestalt aus dem schattigen Nebel. Niemand, den Aelia zu kennen glaubte. Im Grunde kannte sie kaum jemanden im grauen Viertel. Ein paar Mädchen, die sie immer traf, wenn sie zum Brunnen lief, um Wasser zu holen, ein paar Stammgäste, ein paar Händler und Verkäufer vom Markt. Aber nun war Nacht. Aelia hatte kein Interesse, jemanden zu treffen, oder mit jemandem zu plaudern, außerdem war es das graue Viertel. Niemand forderte einen einfach so auf, stehenzubleiben, wenn er nicht etwas im Schilde führte. Und so beachtete sie diesen Jemand nicht weiter, sondern beschleunigte stattdessen ihre Schritte, und ging eilig weiter. Und mit jedem Schritt erhöhte sich auch ihr Herzschlag. So sehr war sie aufgeregt, dass sich die benebelnde Wirkung des Alkohols in den Hintergrund drängte. Hinter ihr erscholl wüstes Geschreie und Geschimpfe, so wie es hier an der Tagesordnung war. Aelia war es Recht. Wenn hier jemand in der Nacht war, der ihr nachstellte, so schien dieser Ablenkung in Form von Streit gefunden zu haben. Und dies konnte ihr nur zu Gute kommen. Doch nur wenige Augenblicke später drang diese Stimme erneut an ihr Ohr. "So warte doch! Bleib stehen! Lauf nicht weg!" Sie blickte sie nicht um, sondern hastete weiter. Nur noch wenige Meter, dann war sie bei Lestars Taverne! Oh, wie sie dieses Viertel doch verabscheute. Wenn sie irgendwann genug Geld zusammengespart hatte, würde sie in einem anderen Teil der Stadt ihr Glück versuchen. Sie griff an ihren Hals, an welchem ein Schüssel an einer kratzigen Kordel unter ihrem Kleid versteckt baumelte. Doch noch bevor sie diesen hervorziehen konnte, hörte sie Schritte, ganz nahe bei sich, einen leise keuchenden Atem und Worte die hervorgepresst wurden. "Vor wem läufst du denn davon, mein Liebchen?" "Ich bin nicht dein Liebchen, hau ab!" zischte sie, und warf dem Kerl einen giftigen Blick zu. Doch erst, als sie den Kerl eine Weile angestarrt hatte, mit ihrem eingeschränkten, verschwommenen Sichtfeld, zumal die Dunkelheit nicht auf ihrer Seite war, da erkannte sie erst, dass es dieser Doréan war. "Ach, du bist es, ich hab dich nicht erkannt…" murmelte sie leise, und eine Erleichterung durchströmte ihren Körper, und ihre Anspannung fiel von ihr ab. Auch wenn sie diesen Kerl eigentlich gar nicht kannte, und er sich als ein mieser Mistkerl entpuppen könnte. So hatte sie das Gefühl, dass dieser das Herz am rechten Fleck hatte. "Wenn du vorhattest, mich zu Tode zu erschrecken, dann warst du am richtigen Weg!" maulte sie. "Warum sollte man gerade hier, und um diese späte Stunde nicht weglaufen?" legte sie den Kopf schief, und im selben Moment, da sie erst Erleichterung erfahren hatte, baute sich erneutes Misstrauen in der jungen Frau auf. "Wieso verfolgst du mich? Was willst du?" Unwillkürlich glitt ihre Hand an ihre Hüfte, an der sich ihr kleines Messer befand. Auch, wenn er ihr in der Schenke das Leben gerettet hatte, bedeutete das nicht, dass er keine Gefahr darstellte.
#11
Die arme, alte Frida ❖
rabe-doréan erschrak ein wenig und trat einen Schritt zurück, als Aelia sich unverwandt umgedreht hatte. Wenn Blicke töten könnten, wäre er wohl aufgrund ihres giftigen Blickes augenblicklich wie ein nasser Sack umgefallen. »Ich bin nicht dein Liebchen.«, zischte sie ungehalten. Doch Doréan gewann seine Fassung schnell zurück. »Nun, vielleicht nich'. Aber hübsch bist du allemal.« Erneut konnte er sich eines breiten Grinsens nicht erwehren, auch wenn es mehr von dem Grinsen eines betrunkenen Knaben hatte, welcher gerade ein hübsches Mädchen anstarrte, als das eines gestandenen Mannes der seine Worte wohl gewählt hatte. Die Tatsache, dass sie gerade eine sehr unangenehme Erfahrung hinter sich hatte schien er dabei völlig auszublenden. Und während er so grinste, begann er beinahe Unschuld heuchelnd die Hände auszubreiten, um ihr zu zeigen, dass ihr von ihm keinerlei Gefahr drohte. »Ich bin’s nur.« Doréan trat wieder ein wenig näher an sie heran, denn in der Finsternis dieser hohlen Gasse konnte man ja kaum die Hand vor Augen erkennen. Und das letzte was er suchte, war eine kräftige Schelle. »Also mach dir nich' ins Höschen, mein Liebchen.«, neckte er sie und erwartete bereits den nächsten Fluch aus ihrem Munde, während er sichauf die Lippen biss. Was hatte er da bloß gesagt? Wenn er sie vertreiben wollte, hätte er vermutlich kaum etwas dämlicheresaafwn können. »Ach, du bist es, ich hab dich nicht erkannt.« Da verzog Doréan seine Mundwinkel zu einem gemimten, gekränkten Ausdruck. »Ach, das verletzt mich. Und dabei bin ich doch so ein anständiger Kerl. Das kannst du mir ruhig glauben.« Wieder dieses Lächeln, bei dem man nicht wirklich wusste, ob er einfach nur einfältig war und nichts anderes konnte als grinsen und sich über alles und jeden lustig zu machen, oder wirklich einfach nur ein netter Kerl war. Aber innerlich atmete er erleichtert auf. »Wenn du vorhattest, mich zu Tode zu erschrecken, dann warst du am richtigen Weg!« Da musste Doréan kurz lachen. »Warum denn? Hast du etwa Angst? So allein, und im Dunkeln?« Ihre Körpersprache verriet ihm zumindest, dass sie sich unwohl fühlen musste. Und wieder erkannteer, dass er besser nichts gesagt hätte, bevor er so etwas dummes von sich gab. Am liebsten hätte er sich dafür geohrfeigt. Was war nur los mit ihm? »Wenn dem so ist, warum hast du dich dann alleine in die Dunkelheit dünne gemacht? Immerhin hat Jewen dir doch angeboten dich nach Hause zu begleiten. Und überhaupt, wo wohnst du eigentlich?« Dies war Doréans Art. Offen, direkt und distanzlos. Oftmals dachte er sich nicht einmal etwas dabei. Er sprach die Worte, die ihm in den Sinn kamen einfach aus, ohne groß darüber nachzudenken. Doch nun waren die Dinge ein wenig anders. Und das nicht nur, weil Aelia ein hübsches Ding war. Sein Kopf war nicht allzu klar, denn das starke Drachenfeuer hielt seinen Verstand umnebelt und seine Zunge an der langen Leine. Dagegen konnte auch der kühle Nebel, der nach wie vor um ihre Füße kroch wie geisterhafte Schatten, kaum etwas ändern. Ja, die frische Luft hatte ihn ein wenig von dem Dunst befreit, der seinen Geist einzuhüllen versucht hatte. Doch kein Nebel und keine noch so frische Luft - und die im grauen Viertel war ohnehin alles andere als frisch - konnte den Dunst eines Drachenfeuers so einfach hinfort wischen.

Aelia hingegen schien alles andere als angetan von seiner Aufdringlichkeit. »Warum sollte man gerade hier, und um diese späte Stunde nicht weglaufen?« »Ja, das ist eine gute Frage, mein Liebchen.« Erneut lachte Doréan, wenn auch nur kurz. »Nich' falsch verstehen, mein Liebchen. Ich lache natürlich nicht über dich. Wenn du willst und dich dann besser fühlst begleite ich dich ein Stück. Ich wohne nich' sehr weit von hier. Wir könnten also gemeinsam gehen?«, bot er ihr in seiner charmanten Selbstlosigkeit an. »Dann brauchst du dich auch nich' so wegen der Schatten hinter den Ecken fürchten, zu dieser späten Stunde.« Nach diesen Worten legte Aelia den Kopf ein wenig schief und bedachte Doréan mit misstrauischen Blicken. »Warum? Wieso verfolgst du mich? Was willst du?« Ihre Worte winkte er nur beiläufig ab. »Ich verfolge dich doch nich'.«, antwortete er ihr ausweichend. »Sonst hätte ich ja wohl kaum mit lauten Rufen auf mich aufmerksam gemacht, oder?« Ja. Laute Rufe waren alles andere als gern gehört in dieser Gegend. Der fette Mistkerl, welcher ihm wohl nur allzu gerne jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen hätte, konnte davon freilich ein Liedlein singen. »Ich bin nur auf dem Weg nach Hause, wie du. Ich kann doch nix dafür, dass wir in derselben Ecke wohnen, oder?« Natürlich wohnte Doréan keineswegs in dieser Ecke. Wenn er die Wahrheit sagen würde, müsste er ihr beichten, dass er eigentlich gar kein Zuhause hatte. Nicht, seit die Dirnen ihn vertrieben hatten und Lenan die letzten Menschen, die ihn beherbergt hatten, im Fluss versenkt hatte. Doch solche Dinge wollte ein Mädchen auf keinen Fall hören. Das wusste selbst Doréan, der sonst immer aussprach was er gerade dachte. Und schon gar nicht in einer finsteren Gasse zu so später Stunde, wo doch nur zwielichtige Gestalten herumlungerten und gerade auf so hübsche Mädchen, wie sie es eben nun einmal war, warteten. Doch was auch immer Aelia antworten würde, wenn sie überhaupt hätte wollen, es wurde ihr verwehrt. Denn eine alte Vettel öffnete ein nahes Fenster und streckte ihren runzligen Kopf daraus hervor. »Habt ihr es dann bald? Es gibt Leute, die versuchen zu schlafen.« Doréan wandte sich der Alten zu und verbeugte sich spöttisch. »Oh, verzeih holde Maid.« »Willst du mich auf den Arm nehmen? Schleich dich, und nimm dein dummes Flittchen da gleich mit!« Da stöhnte Doréan empört. »Es läge mir fern, dich auf den Arm zu nehmen. Hast du schonmal in den Spiegel gesehen? Da heb‘ ich mir ja 'nen Bruch, so fett wie du bist!« Die Alte zeterte und fuchtelte wild mit der ausgestreckten Hand. »Du unverschämter Flegel! Sieh zu, dass du Land gewinnst, oder …« «…oder was? Verdrischst du uns dann mit deinem morschen Nudelholz?« Doréan lachte unverblümt, bis die Alte etwas aus dem Fenster warf, was nur schemenhaft in der Dunkelheit zu erkennen war. »Warum stellt ihr euch nicht unter das Fenster der alten Frida? Hört auf mich zu belästigen!« »Ja, als ob wir nichts Besseres zu tun hätten, als die arme, alte Frida zu belästigen.«, ätzte Doréan schnippisch und versuchte in der finsteren Dunkelheit das Ding auszumachen, welches sie nach ihm geworfen hatte. Doch es hatte keinen Sinn. Er würde wohl alles Mögliche finden, nur nicht das, wonach er suchte. Und so wandte er sich von der Alten in ihrem Fenster ab und widmete sich wieder Aelia, welche allerdings schon das Weite gesucht hatte. »He! Wo willst du denn hin?« »Na mich wunderts nicht. Mit so einer missratenen Ratte wie dir würde ich mich auch nicht auf der Straße sehen lassen wollen.« »Wer hat dich denn gefragt! Geh doch zu deinem Alten und erzähl dem deine Ammenmärchen!« Das weitere Gezeter der Alten kümmerte Doréan nicht weiter. Stattdessen folgte er Aelia weiter durch die wabernden Nebel, welche bereits so hoch gestiegen waren, dass seine Füße gänzlich darin verschwanden.
#12
Hiltrud, das Lumpenweib ❖
"rabe-ach, das verletzt mich. Und dabei bin ich doch so ein anständiger Kerl. Das kannst du mir ruhig glauben." Aelia zog bei diesen Worten eine Augenbraue hoch, obgleich Doréan es in der Dunkelheit sicherlich nicht sehen konnte. "Weißt du, vielleicht sind genau jene, die von sich behaupten, anständig zu sein, alles andere als das. Warum wohl müssten sie es sonst so hervorheben?" gab Aelia zu bedenken, während sie ihn genauer in Augenschein nahm. "Aber, wenn du vorhattest, mich zu Tode zu erschrecken, dann warst du am richtigen Weg!" Da lachte Doréan. "Warum denn? Hast du etwa Angst? So allein, und im Dunkeln?“ "Siehst du, genau aus diesem Grund halte ich dich für keinen sonderlich anständigen Kerl, sondern eher für einen Sadisten" zischte sie aufgebracht. "Was ist denn daran bitte so lustig, wenn man sich hier fürchtet, als Frau, und alleine? Ich bin knappe zwei Monde hier, und habe schon mehr erlebt und gesehen, als mir lieb ist. Wenn du das graue Viertel also kennst, dann vermag es dich nicht zu verwundern, wenn ich mich fürchte, wenn mir des Nachts ein seltsam anmutender Kerl nachläuft, der von sich behauptet, ein anständiger Kerl zu sein…" „Wenn dem so ist, warum hast du dich dann alleine in die Dunkelheit dünne gemacht? Immerhin hat Jewen dir doch angeboten dich nach Hause zu begleiten." Aelia schüttelte den Kopf. "Jewen ist nicht mein Vater, ich bin erwachsen, und als ich mein Elternhaus verlassen habe, entschied ich damals, auf mich alleine aufzupassen. Und das ist mir im Großen und Ganzen eigentlich ganz gut gelungen, denke ich. Das bedeutet aber nicht, dass ich nie Angst habe, oder nicht weiß, wie ich dies oder jenes zu meistern vermag." Sie blickte sich um. "Und außerdem hat Jewen im Moment genug andere Probleme, da möchte ich es ihm nicht noch aufbürden, meine Amme zu spielen. Wie gesagt, ich bin kein kleines Kind mehr, ich finde trotz des Drachenfeuers alleine nach Hause…. Also dorthin, wo ich wohne…" verbesserte sie sich. "Und überhaupt, wo wohnst du eigentlich?“ erkundigte sich Doréan. "Gar nicht weit von hier…" lächelte Aelia geheimnisvoll, schwieg sich aber über nähere Einzelheiten aus.

"Nich' falsch verstehen, mein Liebchen. Ich lache natürlich nicht über dich. Wenn du willst, begleite ich dich ein Stück. Ich wohne nich' sehr weit von hier. Wir könnten also gemeinsam gehen?" bot er ihr schließlich an. Es sollte wohl eine nette Geste sein, aber alles in allem wirkte es ein wenig holprig und plump. Aelia musste erneut lächeln aber überging sein Angebot. Auch wenn er einen halbwegs vertrauensseligen Eindruck vermittelte, stand ihr nichtder Sinn danach ihn wissen zu lassen wo sie wohnte. "Genau hab ich es jetzt nicht gezählt, aber sicherlich fünfmal hast du mich jetzt schon 'mein Liebchen' genannt. Ich denke, ich habs schon verstanden, wobei du selbst schon gesagt hast, dass ich nicht 'deine' bin", legte sie erneut den Kopf schief und diesmal war es an ihr, ihn zu necken. Auf ihre Frage, was er denn nun eigentlich von ihr wollte, und warum er sie verfolge, wich er aus. "Ich verfolge dich doch nich'. Ich bin nur auf dem Weg nach Hause, wie du. Ich kann doch nix dafür, dass wir in derselben Ecke wohnen, oder?" "Habe ich gesagt, dass ich in dieser Ecke hier wohne? Nein? Wie kannst du dir dann so sicher sein, dass wir in derselben Ecke wohnen?" Aelia fing an, dieses Spiel zu gefallen. Ihre schlechte Laune war nun gänzlich verflogen, woran dieser Doréan keinen unbeträchtlichen Anteil hatte, wie sie zugeben musste. Doch während sie sich dies dachte, steckte eine alte Frau den Kopf beim Fenster heraus, und begann zu keifen. Aelia rollte mit den Augen, und zog den Kopf ein, als sie die alles durchdringende Stimme, die wie ein Reibeisen war, erkannte. Hiltrud, ein Lumpenweib. Wussten die Götter, was sie in den grauen Vierteln alles einsammelte, und wie sie diesen Plunder, die Fetzen und den Unrat zu Geld machte, das wussten vermutlich nicht einmal die Götter. Doréan war jedoch nicht auf den Kopf gefallen, und bot ihr die Stirn. Zunächst durchwegs freundlich, wenn auch spöttisch, so dass Aelia hinter vorgehaltener Hand kichern musste. Doch Hiltrud stieg auf Doréans Reden ein und schon begannen sie sich gegenseitig zu beleidigen, weswegen Aelia noch mehr kichern musste. Als die Alte schließlich etwas aus dem Fenster warf, sah Aelia zu, dass sie sich rasch dünne machte. Falls Hiltrud sie erkannte, würde das bei Lestar und Madiah nur für Ärger sorgen, und die junge Frau vermied es tunlichst, Ärger zu bereiten, denn sie brauchte die Arbeit, und das jüngste Ereignis mit der herausgeworfenen Schankmaid erinnerte sie daran, dass mit den beiden Wirtsleuten wahrlich nicht zu spaßen war.

"He, wo willst du denn hin?" rief er ihr nach, und als Doréan dann zuguter Letzt noch obszön wurde, erscholl Aelias glockenhelles Lachen durch die Gasse, bis sie schließlich um die Ecke verschwand. Die junge Frau lehnte am Straßeneck, in der kleinen Seitengasse, und als Doréan sie eingeholt hatte, zog sie ihn in die Gasse. Sie senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Raunen und erklärte "Die kenne ich, das ist Hiltrud, ein Lumpenweib. Sie zieht den ganzen Tag durch das graue Viertel und sammelt allen möglichen Unrat und Abfall ein. Weiß der Kuckuck, wie sie den Plunder zu Geld macht, aber scheinbar kann sie gut genug davon leben. Ich schwöre dir, sie hat ihre Augen und Ohren überall, wenn sie erfährt, dass ich es war, gibt das nur Ärger. Und Ärger brauche ich keinen. Sei still" legte sie ihren Zeigefinger auf den Mund und schwieg, und lauschte in die Dunkelheit hinaus. Nach einer kleinen Weile des Schweigens trat sie wieder aus der Gasse heraus. "Ich denke, sie hat sich wieder schlafen gelegt" flüsterte Aelia. "Also, ich habs mir überlegt." Er sah sie erwartungsvoll ab. "Du hast recht. Ich glaube ich würde mich etwas sicherer fühlen, wenn wir ein Stück zusammen gehen." Er lächelte und sie erwiderte es. Und dennoch war da ein gewisser Zweifely der sich nicht gänzlich verdrängen ließ. "Zumindest bis wir auf der großen Marktstrasse sind." Dort brannten Laternen und egal zu welcher Stunde gab es dort immer Menschen. Dort war sie sicherer als in diesen dunklen, verschlungenen Ecken. Dort könnte sie sich verabschieden ohne unhöflich zu wirken und wäre ihn dann vielleicht wieder los.

Und so gingen sie eine Weile. Nur ihre Schritte hallten von den Wänden der hohlen Gassen wieder, während Aelia ihn kreuz und quer durch die Gassen lotste aber in Wahrheit nur im Kreis ging. Denn eigentlich hatten sie ja längst schon den Ort erreicht gehabt welchen sie ihr zweifelhaftes Zuhause nannte. Nach einer Weile glaubte Aelia genug Irrwege gegangen zu sein So liefen sie also wieder das kleine Stück die Straße zurück, und vor einer Türe blieb Aelia schließlich unvermittelt stehen. Es war kein Wohnhaus. Nur eine Tür die zu einem Innenhof führte. Von diesem aus würde sie einfach über den Hinterhof zur Schenke gehen. Mehr Vorsicht konnte sie kaum noch walten lassen, entschied sie. Sie drückte die Hand gegen die Türe, doch sie ließ sich nicht öffnen. Aelia hielt verwirrt inne. Diese Tür war doch sonst nie verschlossen? Sie wandte sich zu Doréan um und lächelte "Alsoo, hier sind wir nun…" meinte Aelia. "Hier also wohne ich… wenn man es so nennen kann. Aber wenn man bedenkt, dass ich gestern noch in der Scheune geschlafen habe, und mich heute bereits in einem Bett ausstrecken kann, so will ich mich nicht beklagen…" Aelia betrachtete Doréan und lächelte verhalten. "Danke für die Begleitung." Sie legte die Hand an die Tür und nickte ihm zu, um ihm zu verstehen zu geben, dass der gemeinsame Weg nun beendet sei. Doch da dachte sie an seine Worte und musste dabei schmunzeln. "Du bist eigentlich auch nicht so unhübsch, weißt du? Gute Nacht, Doréan…" Sie kehrte ihm den Rücken zu und schloss dann, peinlich berührt von ihren eigenen Worten, die Augen.

Also widmete sie sich der Tür und versuchte diese zu öffnen. Der Moment war verstrichen. Abschied nehmen, in der Tür verschwinden, Doréan stehen lassen und daran denken wie er ihr verdutzt nachschaute. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Aber die Tür machte ihr einen Strich durch die Rechnung und sie biss mürrisch die Zähne zusammen während sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Doch entweder war Doréan ein wahrer Ehrenmann der solange warten würde, bis sie sicher zu Hause war, oder er wollte ihr nachstellen bis zum bitteren Ende. Und dieser Gedanke ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Aber wie immer, wenn es klappen sollte, klappte es nicht. Sie drückte sich mit aller Kraft gegen die Tür, in der Hoffnung sie ließe sich dadurch endlich öffnen. Doréan lächelte nur verhalten und musterte die Mauer um die Tür herum mit akribischen Blicken. "Brauchst du Hilfe?" Bot er ihr an doch Aelia lehnte dankend ab.

Schließlich gab die Tür doch nach und sie stolperte in den Innenhof. Sie warf ihm einen letzten Blick zu und betrat schließlich den Innenhof. Kaum hatte sie den Bereich hinter der Tür betreten, da wurde ihr klar, warum die Tür sich nicht hatte öffnen lassen. Da lag ein Mann. Sein starrer Blick sah sie anklagend an und sie erschrack. Schockstarr hielt sie inne und legte sich die Hände auf den Mund. Doch der Mann rührte sich nicht. Sie warf einen sorgenvollen Blick über die Schulter, zurück zu Doréan doch dieser war nicht mehr zu sehen. Also nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und steig über den Mann hinweg. Der Anblick der sich ihr bot war ernüchternd. Im Innenhof lagen noch drei weitere Kerle. Alle starrten sie an. Doch keiner sprach nur ein Wort. Und da überkam sie eine wachsende Unruhe. Sie eilte zurück auf die Straße nur fort von diesem unheimlichen Ort.

Als sie sich umwandte, stand der Doréan immer noch da. Und irgendwie fand sie ihn erheiternd...und nett, auf seine plumpe Art. Und allemal netter, als dieser unheimlichen Kerle im Innenhof. Und so ließ sie alle Vernunft fahren. Einen Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie wusste rein gar nichts über ihn. Er lehnte an der Wand und schien gelangweilt in den Nachthimmel zu starren. Vielleicht war es der Rausch des Drachenfeuers? Sie räusperte sich und er wurde sich ihrer Gegenwart gewahr und lächelte. "Bist du einem Geist begegnet?" Sie schüttelte den Kopf. Doch etwas an ihr schien den Eindruck zu hinterlassen dass ihr die Furcht ins Gesicht geschrieben stand. Er war ein Fremder. Madiah und Jewen hatten sie immer wieder gewarnt. Und doch wusste er nun wo sie wohnte. Mehr oder weniger. Und wie sie hieß. Und sie war drauf und dran ihn auch noch herein zu lassen. War sie noch bei Sinnen? Ihr Mut war ihr schon bis zu den Knien gerutscht, und so nahm sie das letzte bisschen was noch übrig geblieben war in die Hand. "Da...da liegen...Tote..." antwortete sie kleinlaut und Doréan warf daraufhin einen neugierigen Blick in den Innenhof.
#13
Die starrenden Toten ❖
rabe-mit einem selbstzufriedenen Grinsen wandte sich Doréan von der alten Vettel ab, wohlwissend ihr gezeigt zu haben, wo der Hammer hängt. Und nun war es an der Zeit sich in seinem Ruhm zu sonnen und zwar indem er sich seine fällige Bestätigung bei Aelia abholte. Doch zu seinem erschütterten Bedauern musste er resigniert feststellen, dass sie gar nicht mehr da war. Er kniff die Augen zusammen und brummte, beinahe etwas beleidigt. »Hat sich einfach aus dem Staub gemacht.« Er schüttelte dabei den Kopf und ließ seine Blicke währenddessen suchend durch die vernebelten Gassen schweifen. Am Ende der Gasse erkannte er eine schemenhafte Gestalt. Das musste sie sein! Er eilte ihr sogleich nach und war, wenn er sich ehrlich war, wohl erleichtert, dass es sich tatsächlich um Aelia gehandelt hatte. Nicht auszudenken, dass es eine andere Frau gewesen sein könnte. Was sie wohl von ihm gedacht hätte? Ein Fremder der sie mitten in der Nacht einfach verfolgte? »Warum rennst du dauernd weg? Hast du was ausgefressen?«, fragte Doréan mit einem neugierigen Lächeln, welches ihr mehr als nur zu unterstellen schien, dass dies tatsächlich das war, was er glaubte. Doch Aelia legte nur ihren Finger auf die Lippen. »Die kenne ich, das ist Hiltrud, ein Lumpenweib. Sie zieht den ganzen Tag durch das graue Viertel und sammelt allen möglichen Unrat und Abfall ein.« Da gluckste Doréan vergnügt. »Ja, so sieht die auch aus. Eine heruntergekommene alte Vettel, ist das.« »Ich schwöre dir, sie hat ihre Augen und Ohren überall, wenn sie erfährt, dass ich es war, gibt das nur Ärger. Und Ärger brauche ich keinen. Sei still!« Doréan verzog argwöhnisch die Augenbrauen. »Hast du etwa Angst vor der? Welchen Ärger kann eine wie die schon machen? Stinkende Lumpen nach dir werfen? Sich das Maul zerreißen? Wer gibt schon nen‘ Dreck auf das, was so eine von sich gibt? Also ich nich', das kannst' mir glauben.« Er zuckte mit den Schultern und schenkte ihr ein sorgloses Lächeln, als ob es nichts im grauen Viertel gäbe, das ihn schrecken könnte.

Als sie das Gefühl hatte, vor der alten Schreckschraube in Sicherheit zu sein, eröffnete sie ihm, dass sie seinen Vorschlag nun doch annehmen wollte, sie ein Stück zu begleiten. Zumindest bis zur Marktstraße. Doréans Miene hellte sich sichtlich auf und er nickte zufrieden. »Das freut mich zu hören, mein Liebchen.« Er zwinkerte mit dem rechten Auge und deutete ihr, mit leicht ausgestreckter Hand, sie möge doch vorgehen. Und so gingen sie eine Weile durch die hohlen Gassen, doch je mehr sie gingen, desto mehr hatte Doréan den Eindruck, dass sie im Kreis gehen würden. »Sag, weißt du überhaupt wohin du gehst?«, hakte er fragend nach, doch sie gab ihm darauf keine Antwort. Und so folgte er ihr stumm und in Erwartung, jeden Moment vor ihrem Haus anzukommen.

Doch die Zeit verging und sie waren schon um so viele Ecken gebogen, dass Doréan sie nicht mehr zählen konnte, als er schließlich das gemeinsame Schweigen brach. »Weißt du, ich kenn mich hier eigentlich ganz gut aus. Und ich glaube, du führst mich an der Nase herum, mein Liebchen.« Er lächelte matt und sie blieb unvermittelt stehen. Sie deutete auf eine Tür und lächelte verhalten. »Alsoo, hier sind wir nun.« Doréan legte den Kopf in den Nacken. Vor ihnen erhob sich eine alte Mauer. Es war eine jener Teile der Stadt, die noch aus alten Zeiten stammten, als das graue Viertel noch kein Armenviertel gewesen war, sondern das Hafenviertel der großen Stadt. Bevor alles den Bach runtergegangen ist und der Hafen verlegt worden war. Bevor alles in Asche und Dreck versunken war. Doch ein Haus konnte Doréan nicht sehen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte. »Nun. Dann.«, sagte er, ohne wirklich zu wissen, was er sonst groß sagen sollte. »Gute Nacht?«, hob er schließlich an und sie erwiderte es, mit einem neckischen Lächeln auf den Lippen. » Du bist eigentlich auch nicht so unhübsch, weißt du? Gute Nacht, Doréan…« Die Worte trafen ihn so unvorbereitet, dass er nichts darauf entgegnete. Die Bedeutung dieser Worte sickerte langsam in seinen Geist und hätte sie es geschafft die Türe zu öffnen, nur um dann dahinter zu verschwinden, wäre der zauberhafte Moment erhalten geblieben. Doch die Tür machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie verwehrte ihr den Zugang und nun war sie mit ihm auf der anderen Seite förmlich gefangen. Doréan grinste, bis über beide Ohren. »Was ist los. Brauchst du Hilfe mit der Tür?« Doch schließlich gab die Tür dann doch nach und Aelia verschwand. Sie ließ Doréan einfach auf der Straße stehen und dieser lehnte sich daraufhin an die Wand und wandte seinen Blick in den nächtlichen Himmel. Sie fand ihn nicht unhübsch. Er grinste breit und hätte er einen Spiegel gehabt, dann hätte er gesehen, wie dämlich er ausgesehen hatte. Doch das kümmerte ihn nicht weiter. Diese Frau hatte ihn buchstäblich bezaubert. Und auch wenn sie sich etwas seltsam verhielt, so musste er zugeben, dass sie eine unerwartete Faszination auf ihn ausübte. Er verzog mürrisch den Mundwinkel, als er an Jewens mahnende Worte dachte. »Zum Henker mit dem Hundsfott.«

Doch Aelia war gar nicht verschwunden. Wenige Augenblicke später kam sie wieder zu ihm zurück und wirkte besorgt. Ja beinahe verängstigt. Doréan sah sie fragend an und musterte sie von Kopf bis Fuß. »Bist du einem Geist begegnet?«, erkundigte er sich, ohne zu ahnen wie nah er der Wahrheit doch kam. »Da…da liegen Tote.«, stammelte sie und man konnte ihre Verunsicherung förmlich hören. Doréan lugte daraufhin neugierig um die Ecke. Doch er konnte nichts erkennen. Er gebot ihr, sich hinter ihm zu halten und durchschritt schließlich die Tür. Doch als er den Kerl sah, der direkt in seine Richtung starrte, ohne ihn wirklich dabei anzusehen, da schmunzelte Doréan erleichtert. Der Kerl sah einfach durch ihn hindurch, als wäre Doréan gar nicht hier. Und in einer gewissen Weise war dem auch so. Er wandte sich zu Aelia und lächelte selbstgefällig. »Nein, mein Liebchen. Die sind nich' tot. Das sind Starre!« Sie sah ihn daraufhin mit einem fragenden Blick an und Doréan trat an den einen Kerl, welcher die Tür blockiert hatte. »Schau.« Er versetzte dem Kerl einen beherzten Tritt. Der Mann stöhnte und rollte sich auf die Seite. Doch zu mehr schien er nicht imstande zu sein. »Starre. Die haben Rabenblut intus.« Er ging vor dem Kerl in die Hocke und wedelte dann mit seiner offenen Hand vor seinen offenen Augen hin und her. Doch die getrübten, milchigen Iriden bewegten sich nicht. Sie zuckten nicht einmal. »Der ist nicht mehr hier. Du könntest dem die Schuhe klauen, und er würde höchstens brummen.« Doréan nahm den Kerl genauer in Augenschein. »Aber wies aussieht kommen wir dafür eh zu spät.« Er deutete auf die Füße des Mannes. Er trug keine Schuhe. Und er hatte auch sonst nichts bei sich. »Ausgeraubt bis auf das Hemd. Der arme Tropf.«, stellte Doréan ernüchternd fest.

Aber dann wandte sich Doréan wieder an Aelia. »Also du hast mich schon ein wenig an der Nase herumgeführt. Oder? Du kannst es ja ruhig sagen, wenn du mich loswerden willst.« Er verschränkte, sichtlich beleidigt die Arme vor der Brust. Aelia schien allerdings nicht ganz zu verstehen, worauf er eigentlich hinauswollte. »Es ist klar, dass du hier nicht wohnst. Das ist nur ein Innenhof!« Er deutete auf die verschiedenen Gebäude, die an dem Hofe angrenzten. »Also, welches davon ist jetzt deins?« Und dabei sah er sie herausfordernd und mit einem breiten Grinsen an. Er hatte sie am Haken und nun war es nur noch die Frage, wie sehr sie sich winden würde, um ihm wieder zu entkommen.
#14
Hin und Her gerissen ❖
rabe-aAelia atmete erleichtert aus, als ihr klar wurde, dass diese Männer nicht tot waren. Sie beobachtete Doréan, während er dem Mann bei der Tür näher in Augenschein nahm. Doch egal was er auch tat, der Mann ließ alles über sich ergehen, was ihr einen gewissen Schauer über den Rücken laufen ließ. Sie hatte von diesem Rabenblut gehört. Und mehr als alles andere war ihr eingeschärft worden niemals davon zu probieren. Nun verstand sie auch warum. Es verwandelte einen in eine hilflose Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Nicht auszudenken was man mit ihr machen würde, wenn sie so hilflos am Boden liegen würde. Und bei dem Gedanken daran wurde ihr unwohl.

Sie entfernte sich von dem Toten und Doréan stellte ihr eine herausfordernde Frage. Sie fühlte sich ertappt. "Ja. Ich entschuldige mich für diese Irreführung." Sie senkte den Blick als ob sie ihm dabei nicht in die Augen schauen wollte. Sie wollte es nicht offen zugeben. Eigentlich war er ein Fremder und sie wollte ihn nicht zu ihrem Haus führen. Wer wusste schon, was das am Ende mit sich bringen würde? Dann würde er ihr noch nachstellen und sie nicht in Ruhe lassen. Und Lestar und Mediah würden ihr eine Szene machen und sie am Ende noch rauswerfen. Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich halte dich nicht für einfältig. Verzeihung.", gestand sie kleinlaut ein. Doch dann regte sich einer der Starren. Er schnaufte qualvoll und rappelte sich auf die Knie. "Ach du liebe Güte.", hauchte Aelia und trat noch einen Schritt zurück. Der Mann wirkte orientierungslos. Er sah an sich herab und stellte fest, dass man ihm alles gestohlen hatte. Seine Stiefel. Seine Hose. Und auch alle Habe, die er bei sich gehabt hatte. Er sah zu Aelia und in seinem verklärten Blick lag beinahe so etwas wie ein anklagender Blick. Doch er sagte kein Wort. Er starrte sie einfach nur an. Und je länger er sie anstarrte, desto unwohler fühlte sie sich. Schließlich zog sie Doréan zu sich und flüsterte mit gedämpfter Stimme. "Lass uns lieber verschwinden.", schlug sie vor und Doréan nickte, doch er wirkte bei weitem nicht so eingeschüchtert wie sie.

Alle Zweifel zum Trotz und allen stillen Warnsignalen, die in ihr läuteten, führte sie ihn schließlich bis zur Tür der Schenke. Diese Begegnung mit diesen Scheintoten hatten sie regelrecht aus der Bahn geworfen. Vielleicht war sie auch einfach der Macht der Gewohnheit gefolgt. Doch als sie sich schließlich der Tür näherte, da ging sie einfach daran vorbei. Ihr Herz schlug wild und immer wieder sah sie verstohlen über die Schulter. Doch Doréan schien ihr einfach wie ein Hund zu folgen. Sie lächelte aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam beklemmend. Sie kannte diesen Kerl doch gar nicht. Sie waren sich heute zum ersten Mal begegnet. Ja er hatte ihr in Jewens Schenke geholfen. Doch warum war er ihr die ganze Zeit gefolgt. Und er hatte nicht einen einzigen Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Sie seufzte schließlich und blieb in der dunklen Gasse kurz stehen. "Also. Ich danke dir für deine Hilfe.", sagte sie und lächelte verlegen. Doréan nickte nur doch sagte er nichts dazu. Um die unangenehme Stille etwas zu durchbrechen begann sie unüberlegt die Gedanken die sie beherrschten einfach auszusprechen. "Ahm… Du kannst jetzt gehen. Ich finde wirklich alleine nach Hause." Sie biss sich auf die Lippen und kam sich irgendwie unhöflich vor. Und so setzte sie ein verhaltenes Lächeln auf, um die Situation etwas zu entschärfen. Er stand einfach nur da, lehnte an der Wand und lächelte. Und je mehr sie ihn ansah, desto mehr gerieten ihre Gedanken ins Wanken. Doch dann gab sie ihrem Herzen einen Stoß. Sie machte in der Gasse kehrt und ging dann zur Tür zurück. "Hier wohne ich.", murmelte sie verlegen. "Möchtest du noch mit reinkommen? Es lauern ja lauter schräge Vögel in den dunklen Gassen." Eine Hitzewallung des Schreckens überkam sie und sie hoffte er würde einfach ablehnen. Warum hatte sie das jetzt gesagt? Wass hatte sie sich nur dabei gedacht? Und was würden Madiah und Lestar sagen, wenn sie ihn sehen würden? Sie würden sie rauswerfen. Im hohen Bogen! Sie wandte den Blick von Doréan ab und zog an dem kleinen Bändchen, welches um ihren Hals hing. Sie förderte aus ihrem Ausschnitt den Schlüssel der Schenke hervor. "Ich...ich habs mir anders überlegt." Gestand sie kleinlaut. Und so stand sie da, und stocherte unbeholfen mit dem Schlüssel am Türschloss herum. Es war dunkel und sie konnte nicht viel sehen. Und da sie nur auf einem Auge wirklich gut sehen konnte, erschwerte dies das Unterfangen noch mehr. Sie kam sich wie eine Närrin vor und wünschte sich in diesem Moment, dass sich einfach der Boden unter ihr auftun würde um sie zu verschlucken, nur um den Blicken Doréans endlich zu entgehen. "Scheiße…" fluchte sie flüsternd. Dann aber besann sie sich, und atmete tief durch. Manchmal war es besser, sich nicht auf seine Augen zu verlassen, sondern auf seine anderen Sinne. Und so schloss sie die Augen und konzentrierte sich darauf, sich vorzustellen, wo das Schlüsselloch sich befände, und nur wenige Augenblicke später, steckte der Schlüssel endlich im Schlüsselloch. Erleichtert atmete sie auf, und drehte den Schlüssel im Schloss herum.

Sie bemühte sich, keinen Lärm zu machen, doch die Anspannung, unter welcher sie stand, vergrößerte sich von Moment zu Moment, und am liebsten hätte sie fluchend gegen die Türe getreten. Stattdessen fluchte sie nur innerlich, während sie immer nervöser wurde. „Du musst wissen, ich bin äußerst geschickt darin … Schlüssel in die passenden … Löcher … zu schieben“ erzählte Doréan, aber Aelia war zu sehr mit dem Schloss und ihren Gedanken beschäftigt und verstand den zotigen Witz in diesem Moment nicht. Sie wandte sich ihm zu. „Tatsächlich?“ Sie hantierte weiter an dem Schloss, während sie ihn ansah, und dann hatte sie endlich das Schlüsselloch getroffen. Das Schloss klackte, als sich der Riegel zurückschob. Aelia atmete erleichtert auf. „Ah. Für einen Moment dachte ich schon, dass das gar nicht dein Haus ist“ meinte Doréan und Aelia blickte ihn unverwandt an. „Wieso sollte ich mich an fremden Häusern Schlösser zu schaffen machen?“ Da zuckte Doréan die Schultern. „Immerhin warst du so darauf bedacht Stille zu wahren und hast dich mit dem Schloss so schwer getan …“ „Ja, weil ich die Wirtsleute nicht aufwecken will, und weil es hier so dunkel ist dass man beinahe nicht die Hand vor Augen sehen kann…“ erwiderte sie unwillig. Auf ihre Augen mochte das sicherlich zutreffen.

Endlich war das Schloss offen. Sie seufzte erleichtert. Und die unangenehme Stille, welche zwischen den beiden herrschte, lag schwer in der dunklen Nachtluft. Nun war der Moment gekommen, Abschied zu nehmen. Sie würde sich auf die Lippen beißen und nichts törichtes sagen. Sie nickte entschlossen. Wenn es das Schicksal so wollte, dann würden sie sich sicher irgendwann wiedersehen. Ein heißere Schauer überkam sie, als sie an Ruben denken musste. Nein, das wäre doch nicht richtig, einen fremden Mann, den sie erst heute kennengelernt hatte, einfach in das Haus, in dem sie wohnte, einzuladen! Doch als sie das Haus betrat, machte Doréan keine Anstalten einfach zu gehen. Er stand da und sah sie an, als ob er nur darauf warten würde ihr endlich folgen zu können, was die junge Frau etwas irritierte. "Danke für die Begleitung. Ab hier schaffe ich es doch alleine." Doréan seufzte und Aelia sah ihn einen Moment lang an. Sie warf immer wieder misstrauische Blicke über die Schulter. Doch wenn Lestar oder Madiah sie gehört hätten, wären sie inzwischen längst aufgekreuzt. Und jedes Mal wenn sie Doréan ansah, da musste sie lächeln. Er hatte sie gerettet. Und er hatte sie nach Hause begleitet, ohne ihr zu Nahe zu treten. Und als sie ihn in die Irre geführt hatte und durch das Labyrinth der dunklen Gassen geführt hatte, war er die ganze Zeit in ihrer Nähe geblieben. Selbst als sie über diesen Starren gestolpert war, hatte er ihr beigestanden. Er war ein guter Mensch. Sie verwarf ihre Zweifel und auch ihre Scheu. Er hatte so lange nichts getan, dass ihr Misstrauen hätte bestätigen können. Er hatte sich wie ein Mann verhalten, dem man trauen konnte. Abermals überkam sie ein heißer Schauer, der ihr vom Schopf bis in den Schoß lief. Eine kalte Gänsehaut überkam sie und da schloss sie die Augen, biss auf ihre Lippen und schüttelte den Kopf. Und so trat sie schließlich beiseite und hielt die Türe offen, zum Zeichen, dass er, wenn er denn wollte, auch eintreten konnte. Und dabei begann ihr Herz immer schneller zu schlagen, als ob ihr Körper sich gegen diese Dummheit zu wehren versuchte. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie ihm nicht einfach die Tür vor der Nase zuschlug...
#15
Anekdoten des Doréan Grau ❖
rabe-langsam verstand Doréan, was hier gespielt wurde. Sie hatte einen Umweg eingeschlagen. Und der einzige Grund, warum sie ihn nicht einfach auf der Straße zurückgelassen hatte, waren die Starren gewesen. Doch Doréan war nicht aus dem Holz geschnitzt, dass er so einfach die Flinte ins Korn warf. Frauen waren manchmal einfach kompliziert. Sie hätte ihn ja schon von Anfang an wegschicken können. Ihm sagen, dass sie keine Hilfe wollte. Und doch hatte sie seine Gesellschaft geduldet. Und am Ende auch noch durchblicken lassen, dass sie ihn nicht unhübsch fand. Allein dieser Gedanke hatte sich so fest in sein Gedächtnis gebrannt, dass er all die anderen Anzeichen einfach ignorierte. Wenn er sich ehrlich war, dann musste er sich eingestehen, dass er dieser hübschen Frau mit dem ersten Wort, dass sie an ihn gerichtet hatte, verfallen war. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick kannte Doréan natürlich nicht. Und er würde es auch niemals so nennen. Aber Aelia übte eine ungeheure Faszination auf ihn aus. Und dass sie dazu noch hübsch war und ein viel zu enges Mieder trug, welches ihren Busen regelrecht hervorquellen ließ, tat sein Übriges zu dem Ganzen. Er musste Grinsen. Und zugleich spürte er wir sein Herzschlag immer schneller wurde. Diese Frau hatte den jungen Gossenfloh gänzlich um den Finger gewickelt. Wie noch niemals eine Frau zuvor. Ihre Worte hatten ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht. Das musste er zugeben »Du bist eigentlich auch nicht so unhübsch, weißt du?« Natürlich war er sich dessen bewusst. Er war nicht selbstverliebt. Gewiss nicht. Doch er war einfach ein Mann, der scheinbar auf die Butterseite des Lebens gefallen war. Er war geworden wie er war, eben wegen aller Erfahrungen und Ereignisse in seiner Vergangenheit. Er war kein besonders attraktiver Mann, das wusste er. Umso mehr waren diese Worte wie Honig, den er Löffel für Löffel genoss.

Und dennoch war er, was sein Aussehen betraf, doch deutlich über dem allgemeinen Durchschnitt im grauen Viertel. Dies lag weniger daran, dass die Menschen hier hässlich waren. Eher daran, dass sie arm waren und in ärmlichen Verhältnissen ihr Dasein fristen mussten. Sauberkeit, ein regelmäßiges Bad, saubere Kleidung. Das war für viele ein Luxus, den sie sich einfach nicht leisten konnten. Und so sahen viele Menschen hier deutlich schlechter aus, als sie aussehen könnten. Wer wusste schon wie viele Kleinode und geheime Perlen unter den Schichten aus Schmutz und Lumpen verborgen waren, denen man tagtäglich über den Weg lief, sie aber keines Blickes würdigte, da sie furchtbar stanken oder in heruntergekommenen Lumpen gekleidet waren? Doréan hingegen wirkte auf seine Weise durchaus darüber erhaben. Er hatte noch alle Zähne. Keine Narben oder tiefstehende Falten unter den Augen. Er hatte halbwegs saubere Kleidung, und er war noch jung. Immerhin war er unter Huren, Dirnen und anderen Liederlichen aufgewachsen und hatte immer wieder diese Worte gehört. »Doréan. Einer wie du passt doch gar nicht ins graue Viertel. Doréan, einer wie du hat nichts bei uns verloren. Du solltest was aus dir machen. Doréan, dein hübsches Gesicht wird nur kaputt gemacht werden, und das wäre, als ob man Perlen vor die Säue werfen würde.« Ach die Weiber redeten viel, wenn der Tag lang war. Wohin hätte er denn gehen sollen? Und was hätte anders als sie machen können? Für viele Frauen gab es ja kaum eine Alternative. Welche Aussichten hatte er, aufgewachsen unter Dirnen. In Wahrheit hatte er doch dieselben Möglichkeiten wie die meisten anderen Frauen ohne Aussichten im grauen Viertel Eine Dirne konnte er nicht werden, egal ob er unter ihnen aufgewachsen war oder nicht. Und selbst wenn es einen Markt für Männer gab, die sich lüsternen Frauen für Geld zur Verfügung stellten. Das wäre wirklich das letzte, was Doréan in Erwägung ziehen würde. Sah man einmal von Aelia ab, welche Doréan als eine der schönsten Frauen seit langem betrachtete, dann war allein der Gedanke daran, so eine heruntergekommene Vettel befriedigen zu müssen, ihm ein Greul. Nur der Gedanke daran ließ ihn eine Gänsehaut bekommen. Da würde er doch lieber ein Straßenschläger werden, oder ein Beutelschneider. Oder er würde bei den Kerlen anheuern, die ihr Leben riskierten um auf dem Grund der Bucht nach Schätzen zu suchen. All das war verlockender, als eine Dirne zu sein. Er konnte sich auch, und das obwohl er unter ihnen aufgewachsen war, beim besten Willen nicht vorstellen, was eine Frau dazu trieb diesem Gewerbe nachzugehen. Sicher. Viele dieser Frauen hatten keine andere Wahl. Und manche wurden von den Nedran'Ja oder den Sanra'Jena sogar dazu gezwungen. Sie waren Leibeigene. Es gab viele Möglichkeiten, die man im grauen Viertel ergreifen konnte, wenn man in Doréans Lage war. Aber dem grauen Viertel entkommen? Unmöglich! Was blieb einem Mann wie ihm, ohne ehrbarer Abstammung. Ohne Geld und ohne einflussreicher Freunde? Lange Finger machen, in Bezirken, die einem mehr als nur einen Finger abhackten, sollte man erwischt werden? Er hatte bereits diese Erfahrung machen müssen und einen Finger verloren. Seither trug er diesen ledernen Handschuh, in welchem er einige Holzstücke eingelegt hatte, um den fehlenden Finger zu kaschieren. Doch den Finger zu verlieren war noch das gnädige Los. Meistens drohte einem der Galgen, wenn man beim Stehlen oder Schlimmeren erwischt wurde. Doréan griff sich unweigerlich an den Hals. Nein, sein hübscher Kopf sollte gefälligst schön auf seinen ebenso hübschen Schultern bleiben. So schlimm war es im grauen Viertel nun nicht, wenn man die Alternativen bedachte. 

Aelia indes hatte sich abgewandt und mühte sich mit dem Schlüssel ab. Doch scheinbar hatte sie Schwierigkeiten das Loch zu treffen, und bei diesem Gedanken musste er breit grinsten. »Was ist? Brauchst du Hilfe?« Er lehnte sich lässig an die Wand und beobachtete ihre zierlichen Finger dabei, wie sie mit dem klobigen Schlüssel hantierte. Er selbst hatte einen ganzen Satz voller Schlüssel bei sich. Beinahe jede Tür und jedes Schloss dieser Stadt konnten diese Schlüssel öffnen, und sie waren alle zusammen zierlicher und filigraner als dieser eine Schlüssel, den sie da hatte. »Du musst wissen, ich bin äußerst geschickt darin … Schlüssel in die passenden … Löcher … zu schieben.« Erneut musste er, beinahe herausfordernd, grinsen, doch Aelia fluchte nur und ging auf seinen gelungenen Wortwitz gar nicht ein. Hatte sie ihn überhaupt verstanden? Noch bevor er ihr ritterlich zur Seite stehen konnte, da hatte sie das Schloss auch endlich aufbekommen. »Ah. Für einen Moment dachte ich schon, dass das gar nicht dein Haus ist.« Er zuckte scheinheilig mit den Achseln. Doch als Aelia schließlich die Tür geöffnet hatte, da wirkte sie unentschlossen. Ihre Körpersprache verriet ihm, dass sie sich sichtlich unwohl zu fühlen schien. Aber Doréan wollte sich so einfach nicht abwimmeln lassen. »Und jetzt?«, fragte er ohne genauer darauf einzugehen, was er eigentlich meinte. Aelia zuckte mit den Schultern. Sie hätte ihm einfach die Tür vor der Nase zuschlagen können. Schlafen gehen und hoffen, er würde am nächsten Morgen nicht mehr da sein. Doch sie tat es nicht. Stattdessen hielt sie die Türe auf und trat einen Schritt zur Seite. »Ahm…Möchtest du vielleicht noch mit reinkommen? Es lauern ja lauter schräge Vögel in den dunklen Gassen.« Da musterte Doréan sie mit einem freundlichen Blick, während er nicht umhin kam daran zu denken, dass er zweifellos auch einer genau dieser schrägen Vögel war. »Sicher.« Er lugte in die schattenumwobene Stube, welche hinter der offenen Tür auf sie wartete. »Wirst du da keinen Ärger bekommen? Immerhin bist du auch so schon nervös genug. Da will ich dich doch in keine unnötigen Schwierigkeiten bringen.« Noch immer lehnte er lässig an der Wand, sein rechtes Bein angewinkelt, so dass der Fuß an der Mauer lehnte, und die Arme verschränkt, während er sie neugierig betrachtete.
#16
Zwei salzige Gurken ❖
rabe-unschlüssig stand Aelia in der geöffneten Tür und sie betrat weder die Stube, noch schloss sie diese vor Doréans Nase. Sie stand einfach nur da und wartete. Und mit jedem Augenblick der verging, wurde sie nervöser und ihr Herzschlag ein wenig lauter. 'Was machst du hier bloß?' fragte sie sich. Doch sie blieb sich die Antwort darauf selbst schuldig. Der Moment Abschied zu nehmen war längst verstrichen. Doch anstatt ihm ‚Wiedersehen‘, oder ‚Lebwohl‘ zu sagen, lud sie ihn auf eine Mahlzeit ein. Doréan streute zunächst noch Worte des Zweifelns und äußerte seine Bedenken dazu, was Aelias Zweifel letzten Endes nur noch mehr zerstreute. Ja, er war doch ein redlicher Kerl. Er hatte eine große Klappe und wirkte ein wenig plump, oder einfältig. Aber er schien nett zu sein, so dass Aelias Zweifel langsam aber sicher zerstreut wurden. Sie selbst hatte es ohnehin nicht mehr in der Hand. Der starke Alkohol hatte einen nicht allzu unerheblichen Anteil daran. Man fühlte sich nicht unbedingt schlecht. Und auch nicht schwindelig. Doch dieses Drachenfeuer senkte die Hemmschwelle. Und die Zurechnungsfähigkeit. Entscheidungen, die man unter seinem Einfluss traf, würde man unter anderen Umständen niemals auf die gleiche Weise entscheiden. Doch Aelia war sich dessen nicht bewusst. Sie stand einfach nur zwischen Tür und Angel und obwohl alles in ihr aufschrie, Doréan einfach fortzuschicken, so schien ihr Körper sich gänzlich anders zu verhalten. War es wirklich nur der Alkohol? Oder war es etwas anderes. Tief in ihr verborgenes? „Wirst du da keinen Ärger bekommen? Immerhin bist du auch so schon nervös genug. Da will ich dich doch in keine unnötigen Schwierigkeiten bringen.“ „Ach was…“ entgegnete Aelia abwinkend. „Ich bin doch nicht nervös weil ich befürchte in Schwierigkeiten zu kommen.“ zuckte sie die Schultern und mustere Doréan, welcher sich wieder lässig an die Mauer lehnte. „Aber wie es aussieht, hast du es grad sehr bequem. Also wenn du lieber Wurzeln schlägst, anstatt mit rein zu kommen, dann bitte…“ grinste sie. „Andernfalls komm, und sei bitte leise!“ Aelia betrat den dunklen Schankraum. Auch, wenn sie schlecht sah, hier kannte sie sich aus, wie in ihrer Westentasche, wenn sie eine hätte. Außerdem glühten die abgebrannten Holzscheiter in der Feuerstelle noch, und so trat sie zu dieser heran, zog einen Span aus dem Holzstapel, und steckte diesen in die heiße Glut. Es dauerte nicht lang, bis der Span Feuer gefangen hatte, und an diesem Feuerchen entzündete sie eine kleine Walratkerze, die sich in einer mit Pergament bespannten Laterne befand. Obgleich es ein kleines Flämmchen war, das Pergament streute den Feuerschein gut, und so ergab die Laterne eine hervorragende Lichtquelle. Aelia schob noch einige Holzscheite in die Glut, um das Feuer am Leben zu erhalten, und dann trat sie an Doréan heran, und bedeutete ihm mit einem Kopfnicken, mit zu kommen. Der Weg führte quer durch den Schankraum, zum Fuß der Treppe, und dann die Treppe hinauf. Das letzte Zimmer am kurzen Gang war Aelias. Der Raum war sehr schlicht eingerichtet. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett, dessen Matratze nur aus Lammfellen bestand, und eine kleine Waschschüssel, die auf einem der Stühle in einem Eck stand. Auf dem Stuhl neben der Waschschüssel lag ein Stück Seife. Das war, neben einem Tierhautbespanntem Fenster, alles. Aelia stellte die Laterne auf den kleinen Tisch und meinte leise „Warte kurz. Und verhalt dich ruhig! Ich hol schnell was zu essen…“ Sie fand, dass der Mondschein genug Licht für Doréan spenden musste, schnappte sich daher die Laterne wieder, verließ das Zimmer, schlich die Treppe hinab und ging in die Speisekammer.

Mit klopfendem Herzen schnitt sie von dem gekochten, geselchten Fleisch zwei Scheiben ab, und hoffte, Mahdia würde es nicht bemerken. Wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht, ob die Wirtsfrau gut Bescheid wusste über die Mengenverhältnisse und Vorräte in der Speisekammer. Ein kleiner Kanten Brot war noch da, den legte sie auf die Fleischscheiben, diesen würde Mahdia schon nicht vermissen, denn immer wieder gab es Ratten, die, das hatte sie beobachtet, einen solchen kleinen Brotkanten durchaus wegschleifen konnten. Dann fischte sie aus dem Gurkenfass noch zwei große Salzgurken heraus, welche ebenfalls auf dem Teller landeten. Niemand würde Gurken zählen! Aelia überlegte, ob sie noch eine Flasche Wein nehmen sollte, aber der Wein war sehr teuer und sie wagte es nicht.

Mit dem beladenem Teller schlich sie aus der Speisekammer, durch den Schankraum, die Treppe hinauf, und zurück zu Doréan. „Da bin ich wieder…“ flüsterte sie. „Um auf deine Frage von vorhin zurückzukommen; ich wohne hier, weil ich hier arbeite. Es ist nicht mein Wirtshaus, es gehört Lestar und Mahdia, und bis gestern war ich hier eine ganz normale, niedere Magd. Heute haben sie die Schankmaid auf die Straße gesetzt, und das ist jetzt meine Arbeit geworden. Darum darf ich in diesem Zimmer wohnen…“ plauderte sie munter drauf los, während sie sich ein Stück von dem Kanten abriss, die Scheibe Schinken drauflegte, eine Gurke vom Teller nahm, und sich auf die Ecke des Tisches setzte. „Greif zu, und iss. Und bitte, setz dich doch…“ deutete sie auf den freien Stuhl am Tisch. Schließlich winkelte sie ein Bein an, machte es sich auf der Tischecke so bequem wie nur möglich, und wandte sich ihm zu. „Also, was gibt’s über dich so zu erzählen? Was machst du so? Und wo lebst du? Du sagtest doch, du wohnst gleich in der Nähe? Ich hab dich allerdings hier noch nie gesehen, und ich bin jetzt auch schon wieder zwei Monde hier…“ Mitten in den Plaudereien drangen plötzlich Geräusche an ihr Ohr. Sie hielt in ihrem Redefluss inne, ließ ihre Augen durch den Raum wandern, als ob sie etwas zu entdecken glaubte, aber dann erkannte sie, um welche Geräusche es sich handelte. Geräusche, wie von zwei liebestollen Hirschen. Ächzen, Stöhnen, wohliges Brummen, Knurren, Kichern, knarrendes Holz. Auch wenn Aelia nicht sehr erfahren war, so wusste sie, was die Wirtsleute trieben. Wortwörtlich. Und sie errötete. Sie wusste nicht warum, doch sie tat es. Wenn sie alleine war, und dieses Geräusch die Schenke bis zu den Stallungen erfüllte, dann nahm sie es gleichgültig hin, doch nun, da Doréan dasaß, war es ihr unangenehm. Sie wagte es nicht, Doréan anzusehen, und obgleich am liebsten im Boden versunken wäre, so wünschte sie sich in diesem Moment, dass er doch nicht mitgekommen wäre und rührte sich keinen Zoll. Sie verwünschte die Wirtsleute in Gedanken tausendfach, warum diese ihr dies antaten, wenn auch unwissentlich... Unbeweglich blieb sie sitzen und blickte sie auf den Boden, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen. Es war zu laut, um es geflissentlich zu ignorieren, zu eindringlich, um es mit plaudern zu überdecken, und zu präsent, so zu tun, als wäre es nicht da. Sie versuchte, sich so gleichgültig wie nur möglich zu geben, und biss herzhaft in ihre Salzgurke…

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