Einmal Gosse, immer Gosse
#33
Bittersüße Wahrheit ❖
rabe-doréans Herz klopfte wild, während er mit Aelia die alte Hafenstraße entlang ging. Sie erreichten die Kais und die alten Stege. Mit jedem Schritt, den sie taten, knarrte das alte Holz. Möwen kreischten und das Wasser plätscherte, wenn es gegen die hölzernen Pfähle schlug. Und sein Herzschlag wurde nicht ruhiger. Immer wieder warf er ihr einen flüchtigen Blick zu. Doch als sich ihre Blicke schließlich kreuzten, da wandte er dann doch den Blick wieder ab. Irgendwann durchbrach Aelia die Stille und Doréan seufzte. Es war kaum auszuhalten gewesen. Sonst war er doch auch nicht auf den Mund gefallen. Aber in ihrer Gegenwart, wirkte er wie ausgewechselt. Die unflätigen Worte. Unüberlegte Sprüche. Sein ganzes Gehabe, welches er sonst an den Tag legte. Er wirkte wie ein völlig anderer Mensch. Wenn Ronïa ihn sehen könnte, sie würde ihren Augen kaum trauen. Und wenn Raban ihn beobachtete, dann würde er ihn nur einen Armleuchter nennen. Doch die beiden waren nicht hier. Nur Doréan und Aelia. »Ich wusste nicht einmal, dass es diesen Teil der Stadt gibt.« Doréan nickte. »Das dachte ich mir. Aber wir sind nich' wegen der Bretterburgen hier. Unser Ziel ist weiter weg.« Er deutete auf die alte Stadtmauer, welche sich dunkel am Horizont erhob. Wie eine finstete Wand, welche das graue Viertel vom Rest der Welt abschottete. Am Ende der Mauer stand ein dünner, hoher Turm. Wie ein Zahn, der einsam aus dem schwarzen Wasser des Hafens heraus ragte. »Da hin, gehen wir.« Er zeigte direkt auf den Leuchtturm. Aelia sah ihn mit einem fragenden Blick an. Der Leuchtturm war alt und verlottert. Nicht einmal das Feuer brannte hier, und das schon seit Jahren. Doréan selbst konnte sich nicht daran erinnern, dass in dem Turm je ein Licht gebrannt hatte. Er wirkte eher wie ein Mahnmal, als ein Leuchtfeuer. Ein Zeichen der Abwehr, anstelle von sicherer Heimkehr. »Ja, er sieht nicht sonderlich einladend aus. Das geb ich zu.«, flachste Doréan mit einem verhaltenen Lächeln. »Aber du wirst schon sehn, warum wir dahin geh'n.« Und so hatte sich Aelia schließlich, vermutlich von Neugier getrieben, von ihm bis zu diesem alten, vergessenen, dunklen Turm führen lassen.

Es dämmerte bereits. Die ersten Lichter brannten in der Stadt und die Sonne war schon seit einigen Augenblicken hinter dem Horizont verschwunden. Aelia hielt inne und warf einen Blick in die Höhe. Der Turm wirkte, wenn man direkt vor ihm stand, noch ein wenig bedrohlicher und unheimlicher. »Kann man da hinauf?« Doréan nickte. »Niemand geht mehr rauf. Aber es ist nich' verboten oder so. Nur…ein bisschen gefährlich.« Er lächelte verwegen. »Aber ich bin ja bei dir. Ich pass auf dich auf. Versprochen.« Er reichte ihr die Hand, um ihr über die ersten Stufen, welche an einigen Stellen gebrochen waren, zu helfen. Das alte Moos, und die Algen, welchen sich auf den steinernen Stufen angesiedelt hatten, machten besonders die ersten Schritte unberechenbar. Es herrschte Ebbe. Zu einer anderen Tageszeit würden sie unter dem Wasser verborgen liegen, und der Turm wäre unerreichbar für sie. Zumindest, ohne einem Boot. Doch bei Ebbe kamen die alten Stufen wieder zum Vorschein. Voll mit Algen, Muscheln und Seetang. Als sie die glitschigen Stufen gemeistert hatten, standen sie vor der alten, hölzernen Tür. Sie hing ein wenig schief in den Angeln. Und sie stand einen kleinen Spalt weit offen. Doréan drückte die Tür auf und die alten Scharniere knarrten. Sie überquerten die Schwelle und fanden sich auf dem kleinen Vorhof des eigentlichen Leuchtturms wieder. Hier wuchsen Gräser, Flechten und Löwenzahn in rauen Mengen. Wenn Doréan gewusst hätte, dass hier so viel davon wuchs, hätte er sie einfach damit überraschen können. Er hätte behaupten können…Seine Gedanken stockten. Und dann lächelte er verschmitzt. »Du wolltest einen Löwenzahn?« Er lächelte verwegen. »Ich dachte mir, einer allein würde dir gar nich' gerecht werd'n.« Und da deutete er auf die unzähligen gelben Blütenköpfe, die sich zwischen Mauerritzen, gebrochenen Felsen und alten Pflastersteinen hindurch gekämpft hatten. Die trotzige, unbeugsame Saat. Egal wohin man auch schaute, sah man eine gelbe Blume.

Als sie den Vorhof hinter sich gelassen hatten, standen sie schließlich vor dem eigentlichen Leuchtturm. Die alte Tür fehlte. Doréan wusste gar nicht, wie lange diese Tür schon fehlte. Und ebenso wenig wusste er ob sie gestohlen worden, oder einfach dem Zahn der Zeit zum Opfer geworden war. Sie erklommen die hölzernen Stufen. Jede einzelne davon knarrte und ächzte unter ihren Schritten. »Ist das hier auch sicher?« Doréan nickte. »Aber klar. Solange du nich' auf die falschen Stufen trittst. Geh immer dort, wo auch ich gehe, mein Liebchen.« Er schenkte ihr ein sorgloses Lächeln. Er war hier schon so oft gewesen. Er wusste, welche Stufen noch trugen, und welche schon unter dem leichtesten Gewicht nachgaben. »Das ist ganz schön hoch.«, stellte Aelia mit einem seltsamen Klang in der Stimme fest. Doréan nickte und drückte ihre Hand ein wenig fester. »Einfach nicht nach unten schau'n. Das hilft. Glaub mir.« Und so erklommen sie den Turm immer weiter, bis sie endlich das Ende der Stufen erreicht hatten.

Als sie in der luftigen Höhe der Plattform angekommen waren, umwehte sie der abendliche, kühle Wind. Er zerrte an Haaren und Kleidung. Der Aufstieg hatte sich gelohnt. Unter ihnen erstreckte sich der Hafen in seiner ganzen, zweifelhaften Pracht. Beinahe friedlich. Hier und da brannten bereits die ersten Laternen. Das Wasser war ruhig…und erschien im Abendlicht des Sonnenuntergangs als ob man rote Farbe auf einen dunklen Spiegel geschüttet hätte. Das Licht der bereits aufgegangenen Monde mischte sich kalt und fahl hinzu und bildete im Zusammenspiel mit dem Licht der Laternen und dem Sonnenuntergang ein kurioses und atemberaubendes Farbenspiel. Beinahe, als würde man durch ein Kaleidoskop schauen, nur ohne die seltsamer, geometrischen Illusionen.

Aelia seufzte wohlig. »Es ist wunderschön hier.«, stellte sie fest und ihre Blicke konnten gar nicht alles auf einmal einfangen. Sie sah sich um. Nach Osten, zur Mauer, und auch das was man dahinter sah. Den großen Hafen, welcher im dunkelroten Schein der untergehenden Sonne ertränkt wurde. Der Horizont selbst war nur ein dunkler, beinahe schwarzer Streifen, der in das dunkelrote und violette Abendlicht getaucht wurde. Doch hinter der Mauer sah man die dutzenden Schiffe. Schiffe aller Herren Länder. Man sah die Schemen von großen, steinernen Gebäuden. Kontore und Werften. Und die große Wasseruhr von Altwasser. Doch all diese Schiffe und Gebäude waren nur Schatten und Schemen. Man konnte sie kaum erkennen, da die Sonne bereits am Untergehen war. Im Westen lag der alte Hafen des grauen Viertels. Ruhig. Trostlos. Und dennoch haftete diesem eine melancholische Idylle an, welche sich gänzlich vom Trubel und dem Leben des wahren Lebens unterschied. Wenn man tagein, tagaus sein Leben dort unten fristen musste, kannte man nur die alten Häuser. Die lehmigen Straßen und den Geruch der Gassen, der allgegenwärtig zu sein schien. Doch hier oben? Es war, als würde man eine alte Welt aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Und im Norden…da lag das graue Viertel. In seiner ganzen, unsäglichen Pracht. Man konnte nicht viel erkennen. Nur Nebelschwaden, Rauchfahnen und dutzende, alte, graue Dächer, die hier und da von dem rötlichen Schein einer schwachen Laterne erhellt wurden. »Na, das hab ich doch gesagt, mein Liebchen. Hab ich dir zu viel versprochen?« Er nickte zufrieden und breitete die Arme aus. »Hast du die Stadt je gesehen, wie du sie jetzt siehst?« Doréan trat an den Rand der gebrochenen Plattform heran. Seine Stiefelspitzen ragten über den Rand hinaus. Nur ein Windstoß. Nur ein falscher Schritt. Und er würde in die Tiefe stürzen. Doch Doréan setzte sich einfach an den Rand und ließ seine Beine ins Leere baumeln. Und dann wandte er seinen Blick an Aelia und forderte sie auf sich zu ihm zu setzen.

Er kramte in seinen Taschen nach den Leckereien, die er eigens für diesen Augenblick mitgebracht hatte. Langsam entfaltete er das Papier und offenbarte die länglichen Stücke, die an kleine Stöcke oder Äste erinnerten. »Was ist das?«, erkundigte sich Aelia und er lächelte breit. »Ich hab dir doch gestern davon erzählt.« Er nahm eine der dunklen Stangen in die Hand und hielt sie in die Höhe. »Die beste Leckerei der ganzen Stadt!« Er deutete auf die übrigen Stangen. Einige davon waren zerbrochen. »Es gibt drei verschiedene Sorten. Da ich nicht wusste, welche dir am liebsten schmeckt, habe ich alle drei gekauft. Doch leider gab es von den Süßen nur noch Bruch.« Er seufzte niedergeschlagen. »Aber sie schmecken auch so.« Er rang sich ein zaghaftes Lächeln ab und deutete auf die dunkelste Stange. »Die mag ich am liebsten.« Er nahm jene, welche er bereits in die Höhe gehalten hatte, und schob sie sich in den Mund.

Und so saßen sie eine Weile am Rand der Plattform und schauten, bis zum Rand der Welt. Der Wind spielte mit ihrem Haar und strich ihnen über das Gesicht. Wie eine zärtliche, aber stürmische Geliebte. Sie genossen die zähe Süßspeise und schauten schweigend in den abendlichen Sonnenuntergang. Immer wieder tauschten sie kurze, stillschweigende Blicke aus. Bis Aelia schließlich das Schweigen brach. Sie erzählte von ihrer Vergangenheit. Doréan schenkte ihr seine aufmerksamen Blicke und lauschte andächtig ihren ruhigen Worten. Von dem Ort ihrer Herkunft…Weidenau…hatte er noch nie gehört. Doch die Welt, in der sie lebten war groß. Man konnte sein ganzes Leben im grauen Viertel verbringen, und doch nie das ganze gesehen haben. Wie heute, an diesem Abend. Sie saßen auf dem Leuchtturm und Doréan zeigte Aelia einen Teil der Stadt, den sie noch nie gesehen hatte. Ihre Worte wurden ernster. Doréan schwieg stoisch und kaute immer wieder auf der zähen Stange, die nach Süßholz und bitterem Malz schmeckte. Immer wieder verkeilte er seine Zähne in die Leckerei und zog ein kleines Stück davon ab, während er ihren Worten lauschte ohne dabei ein Wort zu sagen.

Aelia berichtete von ihren Schicksalsschlägen. Von ihren wideren Lebensumständen. Und wie sie letzten Endes im grauen Viertel gelandet war. Scheinbar vom Pech verfolgt. Oder vom Schicksal betrogen. Doréan lauschte ihren Worten und ein wenig von ihrer Lebensgeschichte fand er in seiner Eigenen wieder.  Sie war vor  einem Leben aus Gewalt und Ungerechtigkeit geflohen. Und am Ende in den Armen eines Mannes gelandet, der sie nur ausgenutzt hatte. Ihr Glück mit den Männern war nicht von Glück beseelt, so schien es. Das Lächeln in Doréans Antlitz war schon längst verschwunden. Aelias Geschichte war alles andere als fröhlich. »Wie es scheint, hattest du in der Vergangenheit kein Glück mit den Männern.«, murmelte er ohne darüber nachzudenken. Wäre Ronïa hier gewesen, hätte sie ihm jetzt eine deftige Schelle verpasst. »Du Hornochse! Kannst du nicht einmal dein Maul halten und nachdenken bevor du redest?« Sie würde die Hände in die Hüften stemmen und ihn mit einem Blick betrachten, der ihn noch kleiner werden ließ. »Sie hat dir grad ihr Herz ausgeschüttet, und das ist alles was du dazu zu sagen hattest?« Doch Ronïa war nicht hier. Niemand war hier, der ihn vor dummen Sprüchen zurückhalten konnte. Doch Aelia war mit ihrer Geschichte noch lange nicht fertig. Sie hatte alles verloren. Ihre Heimat. Ihre Eltern. Und all ihr Geld. Und dadurch auch die Gunst des Mannes, der sich ihrer angenommen hatte.

Sie war nur um Haaresbreite dem Schicksal der meisten Frauen im grauen Viertel entronnen. In einem der roten Häuser zu enden. Sie hatte Glück im Unglück gehabt. »Daraufhin schlug er mich« Bei diesen Worten verkrampfte sich etwas in Doréan. Er hatte dies schon oft erlebt. Viele Frauen, mit denen er aufgewachsen war, hatten ähnliches erlitten. Ein Mann. Ein Zubringer. Ein Schlag. Unweigerlich dachte er an die raue Zeit in der Ascherinne. Die Gewalt. Die Schmähungen. Aelias Geschichte war ein Spiegel der Geschichte aller Frauen in diesem Viertel. Da erst offenbarte sich die Schwere seiner unbedachten Worte. Doréan schluckte. »Du hattest Glück. Nich' viele Menschen haben so'n Glück.«, murmelte Doréan kleinlaut. »Auch wenn du es vielleicht nich' so siehst. Doch deine Geschichte. Sie ist die älteste Geschichte des grauen Viertels. Frag irgendeine Dirne…irgendeine Frau…sie werden dir alle eine ähnliche Geschichte erzählen.« Mit diesen Worten legte er ihr seine Hand auf ihren linken Handrücken. Eine einfache Geste. Doch sie trug so viel Bedeutung in sich. Ein schwacher Trost. Doch was sollte er sonst groß machen? Die Zeit konnte er nicht zurückdrehen. Und Aelias Pech hatte sich scheinbar zum Guten gewendet. Sie hatte Glück gefunden, wo viele andere Mädchen nur noch tiefer in den Sumpf des grauen Viertels gerutscht wären. Sie hatte Halt gefunden. Eine Arbeit. Einen Mann…Einen Mann, der nicht dass in ihr sah, was Doréan in ihr sah. Einen Mann, der sie umwarb…aber nie für sie da war. Einen Mann, der sich bewusst sein musste, dass sie im grauen Viertel dazu verdammt war zu vergehen, anstatt zu erblühen. Er hatte die Möglichkeit sie aus diesem Elend zu ziehen. Sie zu sich zu holen. Nach Steinward. Doch er hatte es bisher nicht getan. Doréans Gedanken waren hin und hergerissen. Zum Einen war ihm natürlich bewusst, dass er ihr vermutlich niemals begegnet wäre, wenn Ruben Aelia zu sich geholt hätte. Und zum anderen fluchte er innerlich über diesen Narr. Wie konnte man eine so wunderschöne Frau wie Aelia einfach ihrem Schicksal überlassen? Doréan biss sich auf die Lippen. Wenn er in Rubens Lage gewesen wäre. Mit Geld. Einem Geschäft. Mit einem Namen. Er hätte sie schon längst aus diesem Sumpf gezogen.

Lag es an Ruben, oder am Ende gar an Aelia selbst? Doréan schüttelte den Kopf. Dieser Tor war diese Frau gar nicht wert. Er verdiente sie nicht. Denn wenn er sich auch nur einen Deut um sie scheren würde, dann wäre längst vor ihr auf die Knie gefallen. Sie war eine Graue. Durch widere Umstände. Letzten Endes trennte sich immer die Spreu vom Weizen. Er konnte sie begehren. Er konnte sie mögen…aber ein Mann, der die Frau, die er liebte nicht umwarb…liebte sie nicht wahrhaftig. Doréan konnte sich nur schwer vorstellen, in Rubens Lage zu sein. Er konnte sich nicht im entferntesten vorstellen ein Juwel wie sie, nicht aus dem Sog des grauen Viertels ziehen zu wollen. Wenn er nicht selbst in diesem Sog gefangen wäre, er würde mit ihr bis ans Ende der Welt reisen. Nur um ihr das Leben zu geben, dass sie in seinen Augen verdiente. Und dennoch. Er war ein Kind der Ascherinne. Und er hatte kein Geld. Keine Familie. Keinen großen Namen. Und er würde alles dafür geben, diese Frau vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Vor seinem eigenen Schicksal, dem er nicht entfliehen konnte. »Dein Ruben…«, murmelte Doréan. »Er lebt in einer anderen Welt. Vielleicht mag er dich wirklich. Aber wenn er wüsste, was es bedeutet eine Graue zu sein. Dann hätte er dich längst nach Steinward geholt.« Der sah Aelia daraufhin grimmig an und biss ein großes Stück von seinem bitteren, schwarzen Krähendreck ab.

Aelia seufzte und drehte die Blume der Ascherinne, welche Doréan ihr geschenkt hatte, zwischen den Fingern. » Seit diesem Abend erkenne ich mich selbst nicht mehr wieder. Wir kennen uns kaum drei Tage.« Doréan hob den Kopf und sah ihr dabei in die Augen. »Für mich waren es die schönsten drei Tage seit langem.«, murmelte er. Doch etwas in ihm sagte, dass Aelia wohl ein wenig anders darüber dachte. Vielleicht waren die letzten drei Tage für sie eher zermürbend gewesen. Eine Belastung. Eine Störung ihrer geregelten Ordnung. » Eigentlich müsste ich über etwas völlig anderes nachdenken. Über meine Arbeit. Über meine Zukunft. Über all die vernünftigen Dinge, die bisher wichtig waren.« Doréan zuckte mit den Schultern. Er konnte schon wieder Ronïas Worte im Kopf hören. »Halt jetzt bloß die Klappe. Sag keinen Scheiß, du Holzkopf!« Er schüttelte den Kopf. Doch irgendetwas musste er doch sagen? »Und warum machst du's nich'? Was hält dich davon ab?«, fragte er daraufhin und Aelia seufzte schwermütig. » Stattdessen denke ich an dich.« Dabei sah sie ihm tief in die Augen und es traf ihn wie ein Donnerschlag. »An mich?«, wiederholte er ihre Worte, da er sie kaum glauben konnte. Niemand dachte an ihn. Er war ein Straßenköter. Ein wertloser Gossenfloh. Ein Hurensohn aus der Ascherinne. »Den ganzen Tag.«, bestätigte Aelia seine Frage und da lächelte er, mit einer sichtbaren Zufriedenheit im Gesicht. »Ich denke auch sehr oft an dich, mein Liebchen.« Er schlug die Augen nieder und begann am Saum seiner Tunika zu nesteln. Dieses Gespräch hatte sich urplötzlich in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Eine Richtung, die Doréan gefiel. Und zugleich aus der Reserve lockte, da er sich auch seltsam beschämt fühlte. Er konnte nicht einmal sagen warum. Es war einfach da. So oft hatte er keine Angst. Nahm keinerlei Rücksicht. Er fühlte keine Scham, wenn er ein altes Weib, oder ein dreckstarres Kind beschimpfte. Er fühlte keine Reue, wenn er mit den niedersten und bösartigsten Flüchen um sich warf. Doch in diesem Moment. In Gegenwart dieser Frau. Wirkte er mit einem Mal wie ein Mann, der kurz vorm Ertrinken war, da er nicht wusste, was er sagen sollte.

Aelia nickte. Sie wirkte nicht minder unsicher wie Doréan. Sie erzählte ihm von ihrem Tag. Und egal was sie auch getan hatte. Er war immer da gewesen. In ihren Gedanken. »Immer wieder musste ich an dich denken.« Doréan hob die Stimme an, um etwas zu erwidern. Doch ein unangenehmer Kloß hatte sich in seinem Hals breit gemacht. »Ich…«, musste auch nur an dich denken. Den ganzen verdammten Tag. Es lag ihm auf der Zunge. Er wollte es herausschreien. Doch die Worte blieben unausgesprochen. Warum konnte er es nicht einfach sagen? Der Moment war da. Das Schicksal bot ihm eine Gelegenheit. Doch er starrte sie nur mit großen Augen an und kaute an dem schwarzen Krähendreck herum. »Vielleicht klingt das töricht. Vielleicht ist es das auch. Aber ich habe das Gefühl, dass unsere Begegnung kein Zufall gewesen ist« Er schüttelte langsam den Kopf. Nein, das war kein Zufall gewesen. Es war Schicksal gewesen. Das wusste er. Tief in seinem Innersten.

Einen Moment lang herrschte ein bedrückendes Schweigen zwischen den beiden. Aelia hatte ihr Innerstes offenbart. Ihre dunkle und trostlose Vergangenheit. Ihre Gedanken und Gefühle. Doréan fühlte ihre Gedanken. Und er kannte ihren Schmerz. Nur allzu gut. Seiner war vermutlich noch etwas stärker als der ihre gewesen. Er war als Sohn einer Dirne unter der ständigen Furcht vor dem Tod, sowie dem Hohn und Spott der anderen aufgewachsen. Er wusste wie es sich anfühlte nichts zu besitzen. Keine Freunde zu haben. Keine Freude im Leben. Aelia war nicht allein. »Wir sind uns gar nich' so unähnlich.«, stellte er mit ruhiger Stimme fest. Aelias Blicke wanderten über Doréans Gestalt. Von seinen Augen, hinunter…bis zu seinen Händen. Dort verharrte ihr Blick. Und sie zog die Stirn in krause Zweifel. »Ich denke ich war jetzt ziemlich mutig. Ich habe dir ein Geheimnis offenbart. Und ich finde, es ist an der Zeit, dass ich erfahre, weshalb du deine Handschuhe trägst.« Doréan zog die bittere, schwarze Stange aus dem Mund und sah ihr dabei tief in die Augen. Er nickte. Schweigsam und stoisch. Mit einer Ernsthaftigkeit, die Doréan nur selten an den Tag zu legen vermochte. »Da magst du Recht haben.« Er seufzte, legte die schwarze Stange beiseite und lehnte sich ein wenig zurück. Er stützte sich mit seinen beiden Händen hinter sich ab, und verlagerte sein Gewicht nach hinten, während seine Beine weiterhin über dem tiefen Abgrund baumelten. Doch die Unbekümmertheit in seinen Gedanken war dahin. Sie war einer düsteren Schwermut gewichen. Er befand sich am Abgrund. Die Frau, die sein Herz im Sturm erobert hatte. Er musste ihr das versprochene Geheimnis offenbaren. Und tief in seinem Innersten wusste er, dass er sie damit verlieren würde. Und diese Erkenntnis traf ihn wie ein Stich ins Herz.

Unter ihnen brandeten die Wogen des Meeres gegen die Felsen. Ein lauer Wind pfiff durch die luftigen Höhen. Irgendwo in der Ferne erklang das monotone, sich ständig widerholende Geläut einer Schiffsglocke. Oder einer Boje. Und Doréan seufzte. »Aber das ist nich' so einfach, wie du denkst, mein Liebchen.« Er tat einen tiefen Atemzug und dachte nach. Wie sollte er die Worte am besten sagen? Immerhin war es ein Geheimnis, von dem nur wenige wussten. Ein Geheimnis, dass ihn in einer gewissen Weise abstempelte. Einen Mann, den eine Frau wie Aelia niemals wählen würde. Ein Taugenichts. Ein Tagedieb. Ein Verbrecher. Der Sohn einer Dirne. Er hatte keinen eigenen Laden. Er konnte ihr kein besseres Leben bieten. Alles was er hatte war er selbst. Und das war nicht besonders viel. Er lächelte bitter. In seinem Blick war beinahe etwas wie hilflose Melancholie. »Es ist eine lange Geschichte…«, hob er an. »Diese Handschuhe. Sie sind nur ein Teil davon.« Er seufzte. »Meine Geschichte is ein wenig wie deine…nur weniger schön.« Aelias Geschichte war nicht schön. Doch er hatte keine andere Worte gefunden als diese. Aelia sah ihn daraufhin mit einem seltsamen Blick an. Doch sie schwieg. Sie schien zu spüren, dass Doréan an einem Scheideweg stand. An einem Punkt, bei dem er sich entscheiden musste. Und sie schien zu spüren, dass jedes Wort aus ihrem Mund diesen Moment zerstören würde. »Du hast Recht. Ich hab's versproch'n. Und ich steh' zu meinem Wort.« Er lächelte. Oder zumindest versuchte es. Es wirkte gequält und beinahe wie aufgesetzt. Er blickte auf seine Hände. Lange sagte er nichts. Schließlich griff er mit der rechten Hand nach dem Handschuh seiner Linken. Seine Finger verharrten auf der Hand und schlossen sich langsam um das Leder des Handschuhs. Und so verharrte er. Und er schwieg, einen Moment. »Ich bin in der Ascherinne aufgewachsen. Nicht nur das. Du warst kurz davor in dieses Leben gedrängt zu werden…ich aber bin dort hineingeboren worden.« Er schwieg erneut. Man konnte spüren, dass es ihn viel Überwindung kostete die Worte zu finden und auszusprechen. »Meine Mutter war eine Hure.«, sagte er dann mit einer stoischen Ruhe, die beinahe beängstigend wirken konnte. Schließlich hob er den Kopf und sah ihr in die Augen. Und in seine melancholische Traurigkeit mischte sich ein aufkeimender, feuriger Trotz. »Keine ehrbare Frau. Mein Leben war vom ersten Tag an vorherbestimmt.«  Er schwieg einen Moment. »Ich bin nich' stolz drauf.« Er hob den Blick. »Aber ich schäm mich auch nich' dafür, wo ich herkomme.« Er lächelte, wenn auch mit einer bittersüßen Note. Der Wind strich durch sein Haar. Eine Strähne fiel ihm dabei ins Gesicht. Doch er wischte sie nicht weg sondern sah Aelia weiterhin tief in die Augen. »Man sucht sich seine Mutter nich' aus. Genauso wie man sich seinen Stiefvater nich' aussuchen kann. Man sucht sich die Gasse nich' aus, in der man aufwächst. Und in der Ascherinne sucht man sich meistens auch nich' aus, was aus einem wird.«  Wieder lächelte er bitter.  »Man lernt früh, entweder zu nehmen... oder unterzugeh'n.« Und mit diesen Worten zog er schließlich den Handschuh von den Fingern. Langsam und bedächtig.

Als er den Handschuh vollends abgezogen hatte, offenbarte sich der fehlende Finger. Der schlecht vernarbte Stumpf, der ihm wie ein Stigmata anhaftete. »Ich wurde beim Stehlen erwischt. Und die Stadtwache hat mir dafür einen Finger abgeschnitten.« Er seufzte. »Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man falsche Entscheidungen trifft. Doch wenn ich ehrlich bin, hat man im grauen Viertel ohnehin keine Wahl.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin nur ein Straßenköter…Ich hab' keinen eigenen Laden. Keine stolze Familie. Ich bin ganz allein. Und dann bist du in mein Leben getreten. Und seither ist alles auf den Kopf gestellt. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nur dich. Wenn ich morgens aufwache, denke ich an dich...« Er senkte den Blick, da er es nicht mehr ertragen konnte sie anzusehen. »Ich hab's verborgen, weil ich wusste, was passiert, wenn Frauen wie du erfahren, wer ich wirklich bin.« Er sah auf seine verstümmelte Hand und Aelia räusperte sich. »Frauen wie ich? Was soll das heißen…Frauen wie ich?« Er sah ihr daraufhin in die Augen und seufzte. »Eine Frau wie du…« Er hielt inne und schnalzte mit der Zunge. »Scheiße…«, dann biss er sich auf die Lippen. »Ich weiß nich' wie ich es sagen soll…du bist einfach…eine Frau für die ich ein besserer Mann sein will, als ich es bin.« Wieder sah er auf seine verstümmelte Hand. »Sobald die meisten den Finger sehen, seh'n sie nich' mehr mich.« Er schloss langsam die Finger und ballte die Faust und verbarg so den fehlenden Finger ein wenig. »Sie sehen einen Dieb. Einen Mann aus der Ascherinne. Abschaum. Gossenfloh. Straßenköter.« Er kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Lippen. »Einen Mann, der ihnen nichts bieten kann als sich selbst.« Aelia schwieg einen Moment. Doch dann runzelte die Stirn. »Warum hast du mich dann hier rauf geführt? Auf den Leuchtturm?« Doréan zögerte. Einen Moment zu lange und Aelia schien dies zu bemerken. » Was erhoffst du dir davon? Wenn du mir, wie du sagtest, nichts bieten kannst. Wenn du ein Dieb bis, der nichts zu bieten hat. Ist das ein Spiel? Bin ich nur eine deiner Eroberungen? Wirst du mich fallen lassen, wie all die anderen Männer auch, wenn du bekommen hast, was du wolltest und mich morgen schon wieder vergessen?« Doréans Worte trafen Aelia. Sie trafen sie so tief in seinem Innersten, dass sich sein Herz zusammenkrampfte. »Nein…«, murmelte er mit einer so leisen Stimme, dass sie beinahe vom Wind verschlungen wurde. »Ich wollte dir einfach nur was Schönes zeigen. Einen Ort, der einer meiner liebsten Orte im grauen Viertel ist.« Er deutete auf die Schiffe, und die Häuser. Und die winzigen Menschen die man am Hafen sehen konnte. »Weißt du, warum ich manchmal gern hier oben bin?« Er sah sie fragend an. »Hier oben sieht man den ganzen Dreck nich', der da unten allgegenwärtig is. Niemand schert sich hier oben um meinen verdammten Handschuh. Oder meine Herkunft. Hier oben bin ich kein Straßenköter. Kein Hurensohn. Hier oben, sieht man auf all diese Menschen herab. Man fühlt sich beinahe wie ein König auf einem luftigen Thron und sieht auf all die Menschen da unten herab.« Dann sah er ihr wieder tief in die Augen. »Das is ein schönes Gefühl…und wenn ich einer wär…würd' ich dich behandeln, wie meine Königin.« Er schwieg verlegen. Man konnte ihm sichtlich ansehen, dass es ihn eine immense Überwindung gekostet hatte, diese Worte auszusprechen. Auch wenn er schon wieder Ronïa vor sich erscheinen sah. »Du bist so ein Holzkopf!« Sie schüttelte den Kopf. »Du bist kein König. Und du wirst nie einer sein! Also wirst du sie auch nie wie eine Königin behandeln. Das ist alles was sie gehört hat!« Doréan schüttelte den Kopf. Nein. Das hatte er so nicht gesagt. Er würde für sie die Sterne vom Himmel holen. Das sagte man doch so. Und doch konnte kein Mensch auch nur einen Stern vom Himmel holen. Sie war für ihn die schönste Frau der Welt. Er wäre bereits ein König, wenn sie sich für ihn entscheiden würde. »Ich kann dir kein Haus bieten. Kein sicheres Leben…wie dieser Ruben…aber ich kann dir etwas versprechen.« Er schwieg einen Moment und beobachtete Aelia. Er wartete. Ob sie Neugier zeigen würde. Oder ob sie sich enttäuscht abwenden würde. Doch sie blieb sitzen und sah sie mit großen, neugierigen Augen an. »Und was willst du mir versprechen?«, fragte sie schließlich und Doréan lächelte. Es war kein spöttisches oder halbherziges Lächeln. Es war das ehrlichste Lächeln seit langem. »Dass ich niemals…niemals die Hand gegen dich erheben würde.« Er schüttelte den Kopf. »Ich würde niemals eine Frau schlagen. Ich bin unter solchen Männern aufgewachsen und habe mir geschworen, niemals wie sie zu werden…Ich würde um dich kämpfen…und sei es noch so aussichtslos.« Dann schwieg er und sein Herz hämmerte so wild in seiner Brust, dass es drohte zu zerspringen. Der Wind heulte. Das Haar der beiden flatterte im Wind und die Stille, die zwischen beiden herrschte wurde nur von den Wellen des Meeres und dem Pfeifen des Windes begleitet. Es war eine bedrückende Stille. Doréan fühlte es. Tief in seinem Inneren. Er zwang sich zu einem verwegenen Lächeln. Doch hinter diesem Lächeln wartete nur Leere. Er wusste nicht, was in Aelia vorging. Vielleicht hatte er sie gerade verloren. Noch bevor er sie überhaupt hatte erobern können. Was waren schon anfängliche Schwärmereien? Schmetterlinge, die einen umschwirrten. Herzklopfen und kreisende Gedanken. Er konnte ihr nichts bieten…und er saß am Rande des Abgrunds und alles was noch fehlte war ein kleiner Stoß. Und er würde in die Tiefe fallen. Dass er den ganzen Tag geschuftet und Kohle geschleppt hatte, nur um ihr heute einen schönen Tag bereiten zu können. Was zählte das schon? Sie wusste es ja nicht einmal. Und wenn hier und jetzt in die Tiefe stürzen würde? Niemand würde ihn vermissen. Denn niemand würde sich an ihn erinnern. Er zwang sich erneut zu einem verwegenen Lächeln. Ein selbstbewusstes Grinsen. Um über seine düsteren Gedanken hinweg zu täuschen. Um sich selbst einer Lüge zu umschmeicheln. Er war nichts anderes als ein Straßenköter. Und nun, da sie die Wahrheit kannte, würde sie das auch in ihm sehen. Nur ein Straßenköter. Der elendige Bastard einer Hure.
#34
Mein Herz brennt ❖
rabe-aelia schwieg lange. Der Wind strich über die Plattform und ließ den Rock ihres Kleides leise flattern. Unter ihnen brandeten die Wellen gegen die Felsen, doch selbst ihr stetiges Rauschen vermochte das Schweigen zwischen ihnen nicht zu durchbrechen. Zu vieles hatte Doréan ihr in den vergangenen Minuten offenbart. Und all das konnte sie nicht so recht zu einem Gedanken ordnen. Egal, was sie jetzt sagen würde, es wäre Blödsinn. Darum sagte sie gar nichts. Nach einer Weile hob sie den Blick zu ihm. „Bringst du mich nach Hause?“ bat sie ihn leise. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, biss sie sich leicht auf die Lippen. Was musste er jetzt denken?  „Es ist nicht...“ begann sie, dann brach sie ab. Nicht, weil sie ihn loswerden wollte. Nicht einmal, weil sie bereute, hier mit ihm heraufgestiegen zu sein. Sie wusste schlicht nicht, wie sie all das, was gerade in ihr vorging, in Worte fassen sollte. Doréan nickte lediglich. Gemeinsam verließen sie die Plattform und stiegen die schmalen Stufen des Leuchtturms hinab. Während sie durch das dämmrige Hafenviertel gingen, verlor sich das bedrückende Schweigen nach und nach in belanglosen Bemerkungen. Sie sprachen über die Fischerboote, die mit der Abendflut zurückkehrten, über die Bretterburgen und darüber, dass Aelia sich wohl nie mit dem Geschmack von den Stangen die den wenig schmeichelhaften Namen Krähendreck hatten, würde anfreunden können, die jedoch Doréans Lieblingsgeschmack waren. Als sie schließlich vor Lestars Schenke stehen blieben, wandte Doréan sich ihr noch einmal zu. „Sehen wir uns morgen?“ Aelia strich sich verlegen über den linken Unterarm und senkte für einen Moment den Blick. „Ich habe morgen frei“, sagte sie leise. „Und ich habe Ruben versprochen, dass wir uns sehen.“ Sie brauchte nur einen flüchtigen Blick in Doréans Gesicht zu werfen, um zu erkennen, was ihre Worte in ihm auslösten. „Aber...“ setzte sie rasch nach. „Du kannst am Abend kommen.“ Sie deutete auf den steinernen Torbogen neben der Schenke. „Bei Sonnenuntergang warte ich dort auf dich.“ Einen Augenblick blieb sie noch stehen, als wollte sie sich vergewissern, dass sie das Richtige gesagt hatte. „Gute Nacht, Doréan.“ Dann wandte sie sich um, trat durch die Tür der Schenke und verschwand im warmen Licht des Schankraumes.

Als Aelia ihre kleine Kammer betrat, schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich einen Augenblick dagegen. Die Ruhe in ihrem Zimmer umfing sie und sie atmete aus. Wie automatisch begann sie sich auszuziehen. Sie warf die Stiefel achtlos neben das Bett, löste mit müden Fingern die Schnürung ihres Kleides und wusch sich mit dem abgestandenen kalten Wasser aus der Schüssel. Wenig später lag sie unter ihrer Decke und starrte in die Dunkelheit. An Schlaf war nicht zu denken. Zuviel ging ihr im Kopf herum. Sie hatte geglaubt, unter Doréans Handschuh verberge sich irgendeine hässliche Narbe. Eine Brandwunde vielleicht. Verstümmelte Finger. Irgendetwas, das einen Menschen dazu brachte, selbst an den heißesten Sommertagen Lederhandschuhe zu tragen. Ein fehlender Finger. Sie schloss die Augen. Deswegen also. Fast musste sie über sich selbst lächeln. Wie oft hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen? Wie oft hatte sie sich gefragt, welches düstere Geheimnis dieser Mann mit sich herumtrug? Und dann war es ein fehlender Finger gewesen. Nein. Sie verzog leicht das Gesicht. Nicht nur ein fehlender Finger. Ihre Gedanken wanderten zurück auf den Leuchtturm. Sie sah ihn wieder vor sich. Nicht, als er den Handschuh ausgezogen hatte. Sondern einen Moment vorher. Diese kurze Stille. Die Finger seiner linken Hand, die reglos auf dem Leder des rechten Handschuhs verharrt hatten. Er hatte Angst gehabt. Nicht vor ihr. Vor ihrer Antwort. Frauen wie du... Der Satz ließ sie nicht los. Was meinte er bloß damit? Sie war eine gewöhnliche Frau. Ihr Vater hatte Seife gesiedet. Ihr Stiefvater hatte sie geschlagen. Sie selbst hatte das gesamte Geld gestohlen, ehe sie geflohen war. Hätte Ludger sie gefunden, hätte ihr vermutlich eine weit härtere Strafe gedroht als ein verlorener Finger. Und trotzdem hatte Doréan sie angesehen, als stünde zwischen ihnen eine Mauer. Sie erinnerte sich an seinen Blick. Nicht an den fehlenden Finger. Als wartete er darauf, dass sie aufstand und ging. Langsam ließ sie die Luft aus. „Du Idiot…“ murmelte sie. Er hätte sie belügen können. Er hätte behaupten können, ein Unfall habe ihm den Finger genommen. Er hätte sich irgendeine Heldengeschichte ausdenken können. Stattdessen hatte er ihr alles erzählt. Nicht nur, weshalb er Handschuhe trug. Sondern weshalb er glaubte, sie überhaupt tragen zu müssen. Frauen wie sie… Sie schloss die Augen. Immer wieder hörte sie seine Stimme.

Du bist eine Frau, für die ich ein besserer Mann sein will. Sie warf sich im Bett auf die andere Seite. Wenn ich ein König wär, würd ich dich wie meine Königin behandeln. Unwillkürlich musste sie an das gequälte Lächeln denken, mit dem er diese Worte ausgesprochen hatte. Es war kein Mann gewesen, der mit großen Versprechen hatte prahlen wollen. Es war beinahe gewesen, als säße er neben ihr und zählte all die Dinge auf, die er ihr niemals würde schenken können, nur um sie mit den wenigen aufzuwiegen, die er ihr aus tiefstem Herzen versprach. Ich kann dir kein Haus bieten. Kein sicheres Leben... Ich würde niemals eine Frau schlagen. Ich würde um dich kämpfen... und sei es noch so aussichtslos. Aelia öffnete die Augen wieder und starrte in die Dunkelheit. Es tat ihr beinahe im Herzen weh. Diese Verzweiflung, die sie gespürt hatte. Er hatte ihr immer wieder zu erklären versucht, was für ein Mann er war. Nicht, indem er von dem sprach, was er besaß. Er besaß ja nichts. Nicht einmal eine Familie, auf die er stolz sein konnte. Also hatte er ihr stattdessen all das aufgezählt, was er ihr stattdessen geben wollte. Dass er sie gut behandeln würde. Dass er bereit war, für sie zu kämpfen. Er hatte all das gesagt als glaubte er, es reiche nicht aus. Als müsse er jedes einzelne fehlende Stück seines Lebens mit einem neuen Versprechen aufwiegen. Langsam ließ sie die Luft aus ihren Lungen entweichen. Er hatte ihr nicht erzählt, wer seine Mutter gewesen war, weil er Mitleid wollte. Er hatte es ihr erzählt, weil er überzeugt gewesen war, sie müsse es wissen, bevor sie sich ein Urteil über ihn bildete. Und plötzlich verstand sie auch den Blick, mit dem er sie angesehen hatte, als seine Finger auf dem Handschuh verharrt hatten. Er hatte nicht darauf gewartet, dass sie den fehlenden Finger sah. Er hatte darauf gewartet, dass sie aufstand und ging, weil auch sie nicht mehr ihn, den Mann, sondern nur noch das Mahnmal seiner Tat sehen würde. Plötzlich wurde sie wütend. „Wie kannst du es wagen, so von mir zu denken, Doréan?“ murmelte sie, und schloss erneut ihre Augen. Doch kaum hatte sie die Augen geschlossen, erschien vor ihrem inneren Auge nicht der fehlende Finger. Sondern Doréans Gesicht. Und dieser eine, beinahe hilflose Ausdruck, mit dem er darauf gewartet hatte, von ihr verurteilt zu werden. Als ob man sich Liebe verdienen müsse, indem man ständig beweist, dass man trotz aller Makel etwas wert ist…

Aelia am nächsten Morgen erwachte, war sie zunächst ein wenig verwirrt. Sie war einfach eingeschlafen und hatte es wie jedes Mal nicht bemerkt. Und sofort hingen ihre Gedanken wieder an dem vergangenen Abend. Es hätte ein schöner Abend werden können. Stattdessen war er voll von hässlichen Geschichten und traurigen Schicksalen auf beiden Seiten. Aelia rieb sich den Schlaf aus den Augen und fragte sich, ob sie gestern anders hätte reagieren sollten. Ob sie direkt in sich hätte gehen sollen und mit Doréan über alles hätte reden sollen. Doch gestern hatte sie keine Worte gefunden für all das. Warum glaubte Doréan eigentlich, nur er müsse ihr etwas bieten? War ihm gar nicht bewusst, dass auch sie etwas zu geben hatte, obgleich sie ebenso wenig besaß wie er? Wer war sie schon? Was hatte sie denn? Nichts. Alles was sie besaß, trug sie am Leib, sie hatte genauso wenig wie er. Und was nutzte ihr ihre Herkunft, die nur in geringem Maße besser war? Ihr Vater hatte ständig etwas mit anderen Frauen gehabt. Das hatte selbst sie als Kind mitbekommen. Und als er gestorben war, hatte ihre Mutter einen neuen, einen ‚besseren‘ Mann gefunden. Einen der ein gewisses Ansehen im Dorf gehabt hatte. Den man respektiert hatte, weil er sich etwas aufgebaut hatte. Doch es war nur Schein statt Sein, denn niemand hatte gewusst, was sich hinter verschlossenen Türen abgespielt hatte… 

Aelia seufzte und setzte sich im Bett auf, schob ihre Beine aus dem Bett und saß eine Weile gedankenverloren da, bevor sie nach ihrem kleinen Lederbeutel griff, in dem sie ihr Geld aufbewahrte. Als sie die Münzen auf das Bett schüttete, begann sie sie beinahe gedankenverloren abzuzählen. Der Weg nach Steinward war jedes Mal derselbe Ärger. Allein der Wegzoll verschlang einen Betrag, den sie sich eigentlich kaum leisten konnte. Unwillkürlich verzog sie das Gesicht, als sie die nötigen Münzen beiseitelegte. „Für den Preis, den sie da verlangen, sollten sie einen durch das Tor tragen…“ murmelte sie empört vor sich hin. Normalerweise hätte sie ernsthaft darüber nachgedacht, ob sich der Weg überhaupt lohnte. Doch heute nicht. Heute wollte sie Ruben sehen. Nein. Sie musste ihn sehen. Zum einen hatte sie es ihm versprochen. Und zum anderen: Seit der vergangenen Nacht ließ ihr ein Gedanke keine Ruhe. Nicht Doréan. Nicht der Leuchtturm. Nicht einmal seine Geschichte. Sondern sie selbst. Sie wusste plötzlich nicht mehr, wo sie und Ruben eigentlich standen. In den vergangenen Wochen hatte sie vieles als selbstverständlich hingenommen. Vielleicht zu selbstverständlich. Vielleicht hatte sie nie den Mut gehabt, die Fragen zu stellen, die längst zwischen ihnen standen. Und heute wollte sie Antworten. 

Der Geruch von Haferbrei hing bereits in der Küche, und vermischte sich mit dem von gebratenen Zwiebeln und Schweineschmalz, als Aelia die schmale Holztreppe hinabstieg und die Küche betrat. Mahdia stand am Herd und rührte in einem großen gusseisernen Topf, aus dem der milde Duft gekochten Hafers aufstieg. „Na? Auch schon wach.“ Als Mahdia Aelia bemerkt hatte, warf sie ihr einen flüchtigen Blick zu, ohne mit dem Rühren aufzuhören. „Was fängst du mit deinem freien Tag an?“ Seltsamerweise schien sie an diesem Morgen gute Laune zu haben. Ungefragt füllte sie ihr eine Schüssel mit frischem dickem Haferbrei und drehte sich damit um. Aelia nahm dankbar die dampfende Schüssel entgegen und setzte sich an den groben Holztisch. „Ich gehe nach Steinward“, antwortete sie, nachdem sie den ersten Löffel gekostet hatte. „Ich will Ruben besuchen.“ Mahdia lächelte zufrieden. „Ein guter Fang“ bemerkte sie. „Du musst nur das Netz zu machen, bevor ihn sich eine andere schnappt…“ Aelia nickte langsam. „Ja...“ Mehr brachte sie nicht über die Lippen. Eigentlich stimmte es. Ruben war fleißig, anständig und seine Eltern besaßen eine eigene Bäckerei. Es gab nichts, was sie dieser Aussage hätte entgegensetzen können. Und dennoch... Kaum war sein Name gefallen, schob sich ein anderes Gesicht vor ihr inneres Auge. Doréan. Sie sah ihn wieder neben sich auf dem Leuchtturm sitzen. Hörte seine Stimme. Sah den Moment, in dem seine Finger reglos auf dem Handschuh verharrt hatten, ehe er ihn ausgezogen hatte. Unwillkürlich legte sie den Löffel beiseite. „Mahdia?“ „Hm?“ „Was... ist eigentlich die Ascherinne?“ Mahdia hielt mitten in ihrer Bewegung inne. Langsam drehte sie den Kopf. „Die Ascherinne?“ Aelia nickte. „Ja.“ Mahdia schnaubte verächtlich. „Du liebe Güte! Das ist der schlimmste Fleck im ganzen grauen Viertel. Ein wahrer Schandfleck! Lass dich dort bloß nie blicken!“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Dort lebt der Bodensatz dieser Stadt! Huren, Mörder, Räuber, Gesetzlose, Kinderschänder und das liederlichste Gesindel das es nur geben kann! Da wagt sich nicht einmal die Stadtwache hinein! Wenn du mich fragst, sollte man diesen ganzen Sumpf dem Erdboden gleichmachen.“ Sie verschränkte jetzt die Arme vor der Brust. „Ausräuchern wie ein Rattenloch.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie trocken hinzu „Am besten gleich niederbrennen. Mit all dem Abschaum, der dort haust.“ Aelia hatte den Löffel bereits halb zum Mund geführt. Er blieb in der Luft stehen. Einen Augenblick starrte sie Mahdia nur an. „Warum fragst du überhaupt?“ Aelia blinzelte. Dann senkte sie rasch den Blick auf ihre Schüssel. „Ach... nur so.“ Sie zuckte beiläufig mit den Achseln. „Ich hatte den Namen vorher noch nie gehört.“ Noch ehe Mahdia etwas erwidern konnte, schob sie sich einen viel zu großen Löffel Haferbrei in den Mund und beschäftigte sich mit ausgiebigem Kauen. Sie hoffte inständig, Mahdia würde nicht weiter nachfragen. Und sie tat es nicht. Aelia aß schnell auf und nachdem sie fertig war, erhob sie sich und verabschiedete sich von Mahdia. Der Weg von Lestars Schenke bis zu Rubens Bäckerei war weit. Sie würde wohl zwei Stunden bis nach Steinward brauchen, wenn sie zügig ging. 

Ohne weitere Zeit zu verlieren machte sie sich auf den Weg. Sie hatte sich ungewöhnlich viel Mühe gegeben. Ihr Kleid hatte sie ausgebürstet und über Nacht am Fenster lüften lassen, ihr Haar sorgfältig gekämmt. Sogar die schlichten Lederschuhe hatte sie am Vorabend noch mit etwas Fett eingerieben. An dieser Stelle musste sie plötzlich daran denken, welchen Aufwand sie betrieben hatte, bevor sie sich am gestrigen Abend mit Doréan getroffen hatte. Mit welchen Gedanken sie sich gewaschen hatte. Wo sie sich überall gewaschen hatte. Warum eigentlich? Sie wusste es selbst nicht so recht. Heute hatte sie sich einfach zurechtgemacht, weil sie sich heute einfach gefallen wollte. Der Weg führte sie quer durch das graue Viertel. Vorbei an windschiefen Häusern, durch schmale Gassen, dann auf die Hauptstraßen, wo sich immer mehr Menschen ihren Weg Richtung Scherbentor bahnten. Je näher sie der Mauer kam, die das graue Viertel von Steinward trennte, desto dichter wurde das Gedränge. Händler schoben ihre Karren in beide Richtungen durch die Menge, Menschen mit schweren Lasten trugen diese mit mürrischem Gesichtsausdruck hin und her und immer wieder mussten Menschen warten, bis die Wachen jemanden durch das Tor ließen. Die Grauen standen geduldig in einer losen Schlange. Geduldig deshalb, weil ihnen nichts anderes übrigblieb. Die Torwachen verstanden ihr Handwerk. Wer aus dem grauen Viertel kam, wurde nicht selten angeraunzt, durchsucht oder grundlos warten gelassen. Manchmal nur, weil einer der Männer schlechte Laune hatte. Als Aelia an die Reihe kam, glitt der Blick des älteren Wachmannes über sie. Er hob eine Augenbraue. „Na sieh einer an.“ Sein jüngerer Kamerad trat einen halben Schritt näher und musterte sie mit einem schiefen Grinsen. „Was verschlägt denn so ein hübsches Ding nach Steinward?“ Aelia zwang sich zu einem höflichen Lächeln. „Ich besuche jemanden.“ Der ältere Wachmann nickte langsam, als überlege er einen Augenblick, ob er sie trotzdem schikanieren sollte. Schließlich winkte er mit einer trägen Handbewegung ab. „Na los.“ Der Jüngere grinste noch immer. „Lass dich nicht zu lange aufhalten.“ Unter anderen Umständen hätte Aelia vermutlich eine passende Antwort auf den Lippen gehabt. Heute nicht. Sie bezahlte den geforderten Wegzoll, nickte nur knapp und schritt durch das Tor. Erst als die Stimmen der Wachen hinter ihr verklungen waren, ließ sie unmerklich die Luft aus ihren Lungen entweichen. Heute hatte sie Glück gehabt. Sie hatte meistens Glück, wenn sie durch das Scherbentor wollte. Hübsche Frauen hatten es erheblich leichter, als andere Menschen. Sie wusste genau, dass nicht jeder Graue das Scherbentor so mühelos passieren durfte.

Die kleine Messingglocke über der Tür erklang hell, als Aelia die Bäckerei betrat. Der vertraute Duft nach frischem Brot, Hefe und warmem Gebäck schlug ihr entgegen. Hinter der Budel wischte Ruben mit einem Leinentuch die hölzerne Arbeitsplatte ab, und eine ältere Frau legte eben einen Brotlaib in ihren Korb und verabschiedete sich. Als er aufsah und Aelia erkannte, huschte augenblicklich ein ehrliches Lächeln über sein Gesicht. Er sah müde aus, vermutlich war er seit Mitternacht auf den Beinen und in der Backstube gewesen. „Aelia. Da bist du ja. Ich hatte dich nicht so früh erwartet!“ Aelia erwiderte das Lächeln. „Ich hab es dir doch versprochen.“ „Und ich habe schon befürchtet, du würdest mich heute versetzen.“ „Wieso sollte ich das tun?“ Ruben antwortete nicht, er lachte nur leise. „Ich bin gleich fertig“, sagte er und hängte das Tuch über seine Schulter. „Gib mir nur noch einen Augenblick. Ich sage nur meinen Eltern Bescheid.“ Aelia nickte und lehnte sich mit den Unterarmen auf den Verkaufstresen. „Viel los gewesen?“ „Wie jeden Morgen.“ „Und jetzt ist kaum mehr was da. Hast du mir etwas aufgehoben oder ist wieder alles verkauft?“ Ruben grinste. „Für dich bleibt immer etwas übrig. Er verließ den Laden und lief nach hinten in die eigentliche Backstube, nach einer Weile kam er wieder zurück. Er band sich seine Bäckerschürze ab und wischte sich mit den Händen noch einmal Mehlspuren von Tunika und Hose. „Wir können gehen, komm.“ Gemeinsam verließen sie die Bäckerei und Ruben hielt ihr ein kleines Päckchen hin. Aelia nahm es entgegen und schlug das Leinentuch zurück. Als sie die Honig Nuss Schnecke entdeckte, hellte sich ihr Gesicht auf. „Oh ... eine Nussschnecke.“ Es war ihr erklärtes Lieblingsgebäck. Sie musste lächeln, weil Ruben sich daran erinnert hatte. Sie biss ohne Zögern hinein. Das noch warme Innere schmeckte nach Honig, geriebenen Nüssen, einem Hauch Nelkenwurz und reichlich Butter. Einen Augenblick vergaß sie alles andere. Eine Nussschnecke war ein Luxus, den sie sich kaum je erlaubte. Für das Geld bekam sie andernorts einen ganzen Laib Brot und der machte länger satt. Erst als sie die belebte Bäckerstraße hinter sich gelassen hatten und tiefer nach Steinward hineingingen, wurde es ruhiger. Die engen Gassen wichen breiteren Straßen, gesäumt von blühenden Lindenbäumen und kleinen Vorgärten, in denen Rosenstöcke und Lavendel in voller Blüte standen und ihren Duft verströmten. Zusammen mit dem Duft der Lindenblüten konnte einem von diesem schweren Duft ganz schwummrig werden. Hier roch es anders als im grauen Viertel, hier roch es nach einem besseren Leben und nach Sommer. Jedes Mal, wenn Aelia diesen Teil der Stadt betrat, erfüllte beinahe Sehnsucht ihr Herz. Die gepflegten Gärten, die die kleinen Häuser umgaben, die blühenden Rosen wirkten wie Balsam auf ihre Seele. Manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, selbst eines Tages in einem solch kleinen Haus zu wohnen, mit einem kleinen Garten davor und einem Rosenstock, der jedes Frühjahr aufs Neue erblühte. Sie würde ihn hegen und pflegen und sich jeden Tag aufs Neue daran erfreuen. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Ruben schließlich nach ihrer Hand griff. Aelia ließ es geschehen. Er blieb stehen, zog sie sanft zu sich heran und küsste sie zur Begrüßung, als hätten sie nun erst wirklich Zeit füreinander gefunden. „Schön, dass du da bist“, sagte er leise. „Ich freue mich auch, hier zu sein“ gab sie ehrlich zurück.
 
Danach setzten sie ihren Weg fort. Sie sprachen über Belanglosigkeiten. Über das warme Wetter und darüber, dass der Sommer in diesem Jahr ungewöhnlich früh gekommen war, über die Blütenpracht, Ruben erzählte ihr einige Ungewöhnlichkeiten die sich in der Backstube zugetragen hatten und von diesem oder jenen Nachbarn, doch je länger sie nebeneinander gingen, desto deutlicher spürte Aelia die Unruhe die sich ihrer bemächtigt hatte. Schließlich blieb sie stehen. Ruben sah sie fragend an. Sie holte einmal tief Luft und sah ihn an. „Ich muss dich etwas fragen, Ruben.“ „So ernst?“ Er lächelte noch immer. Doch Aelia erwiderte das Lächeln nicht. „Ja.“ Einen Moment suchte sie nach den richtigen Worten. „Es geht um uns.“ Ihre Finger schlossen sich unbewusst etwas fester um seine Hand. „Ich möchte wissen, wie du dir unsere Zukunft vorstellst.“ Ruben blinzelte überrascht. „Unsere Zukunft?“ Er lächelte unsicher, als suche er nach einem Scherz, der die Unsicherheit vertreiben könnte, die jetzt plötzlich zwischen ihnen stand. „Das kam jetzt unerwartet.“ Aelia nickte kaum merklich. „Ich weiß.“ Einen Augenblick schwiegen beide, doch Aelia blickte ihn aufmerksam an und wartete auf eine Antwort.  „Ich...“, begann Ruben schließlich. „Ich habe ehrlich gesagt noch nicht so weit gedacht.“ „Nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Wir kennen uns doch noch gar nicht lange, dass man sich darum Gedanken machen müsste.“ Aelia sah ihn schweigend an. „Wir kennen uns seit sechs Wochen“ erwiderte sie schließlich.  „Eben“ bestätigte er und lächelte entschuldigend. Dann hob er weiter an „Sechs Wochen sind nicht viel. Aber ich finde, wir verstehen uns gut. Ich verbringe gern Zeit mit dir. Ich würde dich gern noch besser kennenlernen. Aber...“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Aber?“ hakte Aelia nach. „...alles andere ergibt sich doch mit der Zeit.“ Aelia sah ihn schweigend an. Sie hatte nicht einmal gewusst, welche Antwort sie erwartet hatte. Diese vermutlich nicht. „Und...“, fragte sie vorsichtig, „hast du dir nie Gedanken gemacht, wohin das führen soll?“ Ruben runzelte leicht die Stirn. „Natürlich habe ich das.“ „Und?“ Er ließ den Blick einen Moment über die gepflegten Gärten schweifen. „Na ja... wenn es gut läuft, wird sich alles weitere ergeben.“ „Wenn es gut läuft...“ murmelte Aelia.  Er nickte. „Man muss doch erst einmal sehen, ob zwei Menschen wirklich zueinander passen.“ „Aber es läuft doch gut zwischen uns.“ Die Worte waren ihr herausgerutscht. Ruben lächelte. „Ja.“ „Ja eben“ ergänzte sie.  Sie sah ihn fragend an. „Warum klingt es dann, als wärst du dir nicht sicher?“ Ruben antwortete nicht sofort. Aelia spürte, wie sich etwas in ihr regte. Läuft es wirklich gut? Sie hatte es die ganze Zeit geglaubt. Sie verstanden sich. Sie lachten miteinander. Ruben war freundlich zu ihr. Verlässlich. Anständig. Nie hatte er ihr einen Grund gegeben, an seinem Charakter zu zweifeln. Und doch... Sie wusste nicht, weshalb dieser Gedanke ihr ausgerechnet jetzt kam. Sie dachte an Doréan. Als hätte sie in ihm einen Menschen getroffen, den sie schon immer gekannt hatte, nach dessen Dasein sie sich immer gesehnt hatte. Etwas Seltsames hatte von Anfang an zwischen ihnen gelegen. Etwas, das sich jeder vernünftigen Erklärung entzog. Eine Vertrautheit, die sie sich selbst nicht hatte erklären können. Als hätten zwei Wege, die das ganze Leben lang getrennt verlaufen waren, sich endlich gekreuzt. Sie hatte dieses Gefühl in den letzten drei Tagen fortgeschoben. Immer wieder. Weil sie mit Ruben zusammen war, und weil sie vernünftig sein wollte. Doch jetzt, da Ruben ihr gegenüberstand und davon sprach, erst noch herausfinden zu müssen, ob sie zueinander passten, wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie dieses Gefühl bei ihm nie gehabt hatte. Nicht ein einziges Mal. Sie hatte gehofft, es würde mit der Zeit wachsen. Vielleicht, weil sie geglaubt hatte, Liebe müsse wachsen. Vielleicht, weil sie es sich so sehr gewünscht hatte. Weil sie ein solches kleines Haus und einen Rosenstock wollte… Langsam hob sie den Blick. „Ruben...“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Hast du dieses Gefühl nie gehabt?“ Ruben antwortete nicht sofort. Er blieb stehen, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und blickte einen Moment schweigend auf die gepflegten Vorgärten zu ihrer Linken, in denen die Rosenstöcke in der warmen Mittagssonne und zahlreichen Bienen umschwirrt wurden. Die Luft vibrierte regelrecht davon. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme ungewohnt nachdenklich. „Doch“, sagte er leise. „Ich glaube schon, dass ich dieses Gefühl einmal hatte.“ Aelia sah überrascht zu ihm auf. „Wirklich?“ Ein flüchtiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Natürlich. Sonst hätte ich mich kaum immer wieder mit dir treffen wollen.“ Für einen kurzen Augenblick fiel die Anspannung von ihr ab. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sehr sie sich vor seiner Antwort gefürchtet hatte. Doch Ruben sprach bereits weiter. „Und trotzdem...“ Er brach ab, als suche er selbst noch immer nach den richtigen Worten. „... hat mich irgendetwas immer zögern lassen.“ Aelia zog unwillkürlich die Stirn kraus. „Zögern?“ Ruben nickte langsam. „Ich soll doch ehrlich sein, oder etwa nicht?“ Aelia nickte „Ja sprich nur weiter.“ „Also du weißt, dass die Bäckerei meiner Familie gehört.“ „Ja.“ „Und du weißt auch, dass ich sie eines Tages übernehmen werde.“ Sie nickte erneut. „Meine Eltern haben ihr ganzes Leben in dieses Geschäft gesteckt. Sie werden nicht gleichgültig dabei zusehen, wen ich eines Tages heirate. Natürlich werden sie ein Wort mitzureden haben.“ Aelia sah ihn lange an, und etwas an diesen Worten gefiel ihr nicht. Ruben bemerkte ihren Blick sofort und hob beschwichtigend die Hände. „Nein... nein, so, wie du jetzt schaust, habe ich das nicht gemeint.“ Er schüttelte hastig den Kopf. „Es geht mir nicht darum, dass du aus dem grauen Viertel kommst.“ Aelia runzelte die Augenbrauen. „Ich komme da auch nicht her. Ich bin hier nur gelandet als… du kennst doch die Geschichte.“ Er lächelte entschuldigend. Sein Blick glitt einen Moment über sie. „Ich weiß, du bist keine Graue. Ich kenne alle deine Vorzüge. Du bist hübsch. Wirklich hübsch.“ Aelia wurde unwillkürlich ein wenig rot. „Du bist fleißig. Ich habe gesehen, wie hart du arbeitest. Du bist freundlich, geduldig und...“ Er räusperte sich verlegen.  „... du bist eine kräftige junge Frau. Gesund. Ich glaube, jede Mutter würde sich eine Schwiegertochter wünschen, die einmal viele hübsche Kinder zur Welt bringen kann.“ Er lächelte matt. „An dir selbst hat es nie gelegen, Aelia.“ Sie erwiderte sein Lächeln nicht. „Und trotzdem“, fuhr Ruben leiser fort, „hatte ich dieses seltsame Gefühl, als würde noch irgendetwas fehlen.“ Er ließ den Blick in die Ferne schweifen. Und Aelia wurde langsam ungeduldig. „Aber was fehlt dir denn an mir?“  „Ich konnte es nie benennen. Ich habe mir eingeredet, das würde sich mit der Zeit schon geben.“ Er atmete tief durch. „Bis zu jener Nacht.“ 

Aelia spürte augenblicklich, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie wusste augenblicklich, welche Nacht er meinte. „Als dieser Straßenköter aus deinem Fenster geklettert ist.“ Das Wort war für Aelia wie ein Schlag ins Gesicht und sie sah Doréan wieder vor sich. Wie er den Handschuh langsam von seiner Hand zog. Wie schwer ihm jedes einzelne Wort gefallen war. Ich bin nur ein Straßenköter... Sie hatte geglaubt, diese Worte seien bloß Ausdruck einer tiefen Unsicherheit gewesen. Nun hörte sie sie erneut. Aus Rubens Mund. Plötzlich begriff sie, weshalb Doréan sie überhaupt ausgesprochen hatte. Weil die Welt ihn tatsächlich so sah. Weil sie ihn auf seine Herkunft, seine Mutter und den fehlenden Finger reduzierte, noch ehe sie sich die Mühe machte, den Menschen dahinter kennenzulernen. Und ausgerechnet dieser Mann hatte am Abend zuvor mit beinahe verzweifelter Beharrlichkeit versucht, ihr zu erklären, dass er mehr war als all das. Dass er sie achten würde. Dass er niemals die Hand gegen sie erheben würde. Dass er für sie kämpfen würde. Es tat ihr beinahe körperlich weh, daran zu denken, wie gering der Wert war, den er sich selbst beimaß. Ruben bemerkte ihre Reaktion gar nicht. Er sprach weiter, als erzähle er ihr lediglich von einer Erkenntnis, zu der er erst viel später gelangt war. „Da wurde mir plötzlich klar, weshalb ich die ganze Zeit gezögert hatte.“ Er hob den Blick und sah sie ernst an. „Weil ich tief in meinem Innersten wohl gespürt habe, dass zwischen uns etwas nicht stimmte.“ Ruben sprach weiter. Er erklärte ihr, weshalb jener Abend ihn nicht mehr losgelassen hatte. Weshalb er geglaubt hatte, endlich den Grund für sein Zögern gefunden zu haben. Doch Aelia hörte ihm kaum noch zu. Seine Stimme drang nur noch gedämpft an ihr Ohr, als stünde er plötzlich viele Schritt von ihr entfernt. In ihrem Inneren begann etwas zu lodern. Sie kannte dieses Gefühl, ohne zu wissen, was da in ihr geschah.  Der Zundergeist. Meist schlummerte er tief in ihrem Innersten, kaum mehr als eine warme Glut. Doch wenn sie Ungerechtigkeit sah, oder wenn Zorn an ihrem Herz riss, begann dieser Funke zu atmen und zu wachsen. Rubens Worte schlugen gegen die Feuermauer, die der Zundergeist in ihrem Inneren emporlodern ließ, und verglühten, noch ehe sie sie erreichen konnten. Sie hörte wieder Doréans Stimme. Ich bin nur ein Straßenköter... Gestern Abend hatte sie geglaubt, diese Worte seien bloß Ausdruck seiner Unsicherheit gewesen. Nun begriff sie, dass sie aus einem ganzen Leben stammten. Aus Blicken. Aus Verachtung. Aus Menschen, die in ihm niemals etwas anderes sahen als den Sohn einer Hure aus der Ascherinne. Menschen wie Ruben. Zum ersten Mal sah sie den Bäcker mit anderen Augen. Er mochte fleißig sein, verlässlich, gutherzig. Ja, zu seinesgleichen. Doch auch er hatte Doréan auf das reduziert, wofür dieser nichts konnte. Mit einem einzigen Satz hatte er all das bestätigt, wogegen Doréan sein Leben lang angekämpft hatte und damit genau zu jener Last beigetragen, unter der er sich selbst für wertlos hielt. Ohne ihn überhaupt zu kennen. Dabei war Doréan, gemessen an seinem Wesen, mehr Mann als viele, die sich auf ihre ehrbare Herkunft etwas einbildeten. Und ausgerechnet dieser Mann hatte sich mit beinahe verzweifelter Beharrlichkeit bemüht, ihr zu zeigen, dass er mehr war als nur ein Straßenköter. Und das war er. Er hatte ihr gesagt, dass er sie achten würde. Dass er niemals die Hand gegen sie erheben würde. Dass er für sie kämpfen würde, und wenn es noch so aussichtslos war. Der Zundergeist nährte sich an ihrer Empörung wie ein Glutbrocken an einem trockenen Holzscheit. Mit jedem Wort, das Ruben sprach, wurde das Feuer in ihr heißer. Sie wusste nicht einmal mehr, was er zuletzt gesagt hatte. Die Worte die sie zuletzt vernommen hatte, waren "…unbegreiflich, warum man einen solchen Mann, den man nicht kennt, einfach in sein Zimmer lässt…" Sie wusste nur, dass sie nicht länger schweigen konnte. „Ich habe dir doch gesagt, dass da nichts war.“ Aelias Stimme war leise geblieben, beinahe ruhig. Dennoch blieb Ruben stehen und sah sie an. Zwischen ihnen herrschte für einen Augenblick eine eigentümliche Stille. „Wir haben nur geredet“, fuhr sie fort. „Nicht mehr.“ Ruben erwiderte ihren Blick, ohne etwas zu sagen. Es war kein misstrauischer Blick. Vielmehr der eines Mannes, der versuchte, etwas zu verstehen, das sich seinem Verständnis entzog. Aelia holte tief Luft. „Und diese Geste... Sie hatte nicht die Bedeutung, die du glaubst.“ „Ach nein?“ In seiner Stimme lag weder Spott noch Wut. Eher Skepsis. „Nein.“ Sie begegnete seinem Blick offen. „Du hast ihn umgestoßen. Du hast ihn beleidigt. Er wollte dir damit nichts anderes sagen als ‚Fick dich ins Knie‘ Es war eine angemessene Reaktion auf deine. Mehr nicht.“ Ruben verzog kaum merklich das Gesicht, als bereite es ihm bereits Unbehagen, diese Worte überhaupt zu hören. „Und das“, fragte er schließlich langsam, „hältst du für angemessen?“ Aelia blinzelte. „Was meinst du?“ „Diesen Ausdruck.“ Er sprach die Worte mit hörbarem Widerwillen aus. „Fick dich ins Knie.“ Für einen kurzen Moment ließ er den Blick über die Straße schweifen, als hoffe er beinahe, niemand könne sie hören. „Ist das ein Umgangston, den du entschuldigen möchtest?“ Aelia wollte bereits antworten, doch Ruben hob leicht die Hand. „Vor allem aber...“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Woher weißt du überhaupt so genau, was er damit gemeint hat?“ Sie hätte ausweichen können. Eine Ausrede finden. Irgendeine halbherzige Erklärung. Doch sie tat es nicht. Sie war es leid, halbe Wahrheiten auszusprechen. „Weil ich ihn wiedergetroffen habe.“ Ruben stand einfach nur da und sah sie an. „Du... hast ihn wiedergesehen?“ Aelia nickte langsam. „Ja.“ „Wann?“ „Gestern. Und vorgestern.“ Sie bemerkte, wie sich sein Gesicht veränderte. Nicht schlagartig. Ganz langsam. Erst verschwand das letzte Lächeln. Dann wurde sein Blick leer, beinahe fassungslos. „Ich habe ihn wieder gesehen und darauf angesprochen.“ Sie sprach ruhig weiter, obwohl sie spürte, dass sie ihn damit verletzte. Wenigstens seinen Stolz. Darum relativierte sie ihre Aussage. „Auf alles. Auf den Abend. Auf die Geste. Auf... vieles. Ich wollte einfach wissen, was er mit dieser Geste, die du so anstößig fandest, und die solch ein tiefes Misstrauen heraufbeschworen hat, gemeint hatte.“ Ruben stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus. „Natürlich, und da musst du ihn gleich zweimal wieder treffen. Etwa wieder in deinem Zimmer? Aus Dankbarkeit mit einem Essen und einem fröhlichen Tratsch?“ Es war kein fröhliches Lachen. Es klang eher, als habe sich gerade etwas in ihm bestätigt, das er die ganze Zeit nicht hatte glauben wollen. „Und? Was hat der Gossenjunge dir noch so erzählt?“ Aelia zog unwillkürlich die Augenbrauen zusammen. Ruben verschränkte langsam die Arme vor der Brust. Das ungläubige Lächeln war noch immer nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen, wirkte inzwischen jedoch bitterer als zuvor. Aelia antwortete nicht sofort. Sie sah ihn nur an. Dieses Wort ließ sie zusammenzucken. Nicht, weil sie es nicht schon unzählige Male gehört hätte. Sondern weil sie seit dem gestrigen Abend wusste, welche Wunden solche Worte hinterließen. „Nenn ihn nicht so“ sagte sie und ihre Worte waren schärfer als sie beabsichtigt hatte. Ruben zog verwundert die Augenbrauen hoch. „Wie denn?“ „Du weißt genau, was ich meine.“ Einen Augenblick musterte er sie schweigend, dann schnaubte er leise. „Ach so. Gossenjunge. Oder Straßenköter.“ Er ließ den Blick kurz über die Straße schweifen, ehe er sie wieder ansah. „Darf man die Dinge jetzt nicht einmal mehr beim Namen nennen?“ Aelia schüttelte langsam den Kopf. „Er heißt Doréan.“ Ruben lächelte dünn „Aha. Aber deshalb hört er noch lange nicht auf, ein Gassenjunge zu sein.“ Aelia spürte, wie sich ihre Finger unwillkürlich zu Fäusten schlossen. „Das ist nicht alles, was er ist.“ „Nein?“ Ruben sah sie fragend an. „Was ist er denn noch?“ Aelia hielt seinem Blick stand. „Anständig.“ Für einen kurzen Moment sagte keiner von beiden etwas. Zwischen ihnen rauschte der Wind durch die blühenden Linden, irgendwo klapperten Wagenräder über das Pflaster, und das fröhliche Lachen zweier spielender Kinder drang in die Spannung die sich zwischen die beiden aufgebaut hatte. Schließlich schüttelte Ruben langsam den Kopf. „Aelia...“ Seine Stimme klang beschwichtigend, als wolle er nicht streiten, doch in Aelias Ohren klang sie lediglich mitleidig. Mitleid für ihre Naivität … „Du tust gerade so, als wäre seine Herkunft völlig belanglos. Ist sie aber nicht.“ Er sprach ruhig. Überzeugt, wie ein Mensch, der nie Anlass gehabt hatte, seine eigene Sicht auf die Welt infrage zu stellen. „Doch, ist sie. Ich habe ihn kennengelernt. Und du tust ihm Unrecht. Er hat mir schließlich das Leben gerettet.  Ruben schüttelte langsam den Kopf. „Aelia...“ Sie ließ ihn diesmal nicht ausreden. „Nein, Ruben. Du sprichst von ihm, als würdest du ihn kennen. Dabei hast du ihn vielleicht fünf Minuten erlebt.“ Er winkte abfällig ab „Fünf Minuten haben mir gereicht.“ Aelia widersprach ihm trotzig. „Nein.“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Sie haben dir gereicht, um ihn zu verurteilen. So wie alle das tun.“ Ruben schnaubte. „Ich muss keinen Mann kennen, der in der Gosse aufgewachsen ist, um zu wissen, was er ist.“ Diese Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Der Zundergeist loderte längst in ihr. Ruben bemerkte davon nichts. Mit jedem weiteren Wort schürte er das Feuer nur noch mehr. „Er ist ein anständiger Mensch“, sagte sie fest. Ruben lachte trocken. „Ein anständiger Mensch?“ Er konnte sich ein trockenes Lachen nicht verkneifen. Er schüttelte langsam den Kopf, als hätte er eben etwas so Abwegiges gehört, dass ihm jede vernünftige Erwiderung fehlte. „Er ist und bleibt ein Gassenköter. Und du… “ Mitten im Satz verstummte er. Aelia starrte ihn mit wildem Blick an „Ich was? Ich auch? Ist es das, was du sagen wolltest? Dass ich inzwischen ebenfalls nur noch eine Graue bin?“ Ruben hob beinahe erschrocken die Hände. „Nein.“ Er fuhr sich fahrig durchs Haar und schüttelte erneut den Kopf. „Nein, so meine ich das nicht.“ „Aber gedacht hast du es.“ Es war keine Frage, sondern eine Anschuldigung.  Ruben senkte den Blick für einen kurzen Augenblick, ehe er tief durchatmete. „Du bist keine Graue, Aelia.“ Seine Stimme klang nun beinahe beschwichtigend. „Aber ich erkenne, dass dein Doréan in den letzten zwei Tagen mehr auf dich abgefärbt hat, als dir guttut.“ Der Zundergeist war nicht länger bloß eine flackernde Glut. Er war zu einer lodernden Feuersbrunst geworden, die sich mit jedem Herzschlag weiter ausbreitete. „Dein Doréan...“ Sie stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus, das nicht die geringste Spur von Heiterkeit in sich trug. Etwas zerriss zwischen ihnen, als die Geißel des Zundergeists eine Schneise durch ihr Herz schlug und sich die Hitze bis in ihren Kopf ausbreitete. Ihr Verstand, ihre Vernunft, beides war wie fortgewischt. Ehe ihr Verstand die Worte zurechtlegen konnte, hatte ihr Mund sie bereits ausgesprochen. „Mein Doréan?“ Sie lachte kurz auf. Es war ein scharfes, ungläubiges Lachen. „Weißt du, Ruben... vielleicht hast du recht. Vielleicht hat er tatsächlich mehr auf mich abgefärbt, als ich bisher begreifen wollte. Aber weißt du, was mir gerade erst klar geworden ist?“ Ihre Stimme bebte vor Zorn. „Du hast mich die ganze Zeit gar nicht wirklich gesehen.“ Ruben wollte etwas erwidern, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen und hob ihre Hand. „Nein! Jetzt rede ich! Du hast mich hübsch genannt. Fleißig. Gesund. Du hast mir erklärt, dass ich einmal eine gute Ehefrau abgäbe. Du hast all die Dinge aufgezählt, die eine Frau deiner Meinung nach mitbringen sollte. Und dann hast du mir gesagt, dass du trotzdem noch sehen wolltest, ob ich gut genug für dich bin.“ „[i[Das[/i] habe ich das nicht...“ „Doch!“ Sie hatte das Wort lauter ausgesprochen, als sie beabsichtigt hatte. Tatsächlich hatte sie es quer über die Straße geschrien. Ein paar Menschen blickten sich um und Ruben zog den Kopf ein. „Aelia!“ zischte er. Aelia sprach unbeirrt weiter.  „Du hast mich dir warmgehalten, bis du dich entschieden hast, ob ich die Richtige bin... oder ob sich vielleicht doch noch eine Bessere findet.“ Ruben starrte sie fassungslos an. „Aelia, das ist Unsinn...“ „Nein!“ Der Zundergeist war entfesselt und ließ sich nicht mehr in Zaum halten.  „Weißt du, wie es ist, wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind?“ Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die andere. „Man weiß es!“ Ihre Augen funkelten „Nicht erst nach sechs Wochen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Auch nicht nach sechs Monden.“ „Sondern vom ersten Augenblick an.“ Die Worte kamen jetzt von ganz allein. Sie konnte sie nicht mehr aufhalten. „Und genau dieses Gefühl...“ Sie stockte einen Herzschlag lang. In diesem winzigen Augenblick begriff sie selbst, was sie sagen würde. Doch es war zu spät. „... genau dieses Gefühl habe ich bei Doréan.“ Die Welt schien für einen Moment stillzustehen. Alle Menschen schienen verstummt, die Vögel die in den Lindenbäumen zwitscherten, schienen verstummt. Nur der Wind wagte es, nicht still zu sein und spielte neckisch mit einer Strähne von Aelias Haar und wehte es ihr ins Gesicht. Sie hatte es ausgesprochen. 

Ruben sah sie lange an. Es war ein Blick voller verborgenen Zorns. Der Blick eines Mannes, dessen Stolz bis ins Mark verletzt worden war. Der erkannte, dass er gegen einen Mann verloren hatte, den er weder für ebenbürtig noch überhaupt für einen Rivalen gehalten hatte. Schließlich stieß er hörbar die Luft aus und nickte langsam vor sich hin. „Ich hab's doch gewusst.“ Mehr sagte er zunächst nicht. Aelia spürte noch immer das Feuer des Zundergeistes in sich lodern. Es fraß jeden Versuch nieder, die eben ausgesprochenen Worte zurückzunehmen oder auch nur abzuschwächen. Sie hatte etwas ausgesprochen, das sie bis zu diesem Augenblick selbst nicht hatte wahrhaben wollen. „Ich auch“, erwiderte sie nach einem langen Schweigen, und hob trotzig das Kinn. „Ich wollt‘s wohl nicht wahrhaben.“ Jetzt schien selbst der Wind zwischen ihnen zu verstummen. Ruben senkte den Blick, stieß ein kurzes, hartes Lachen aus und schüttelte langsam den Kopf. „Dann hat sich das wohl erledigt.“ Er sprach den Satz beinahe beiläufig aus. Fast sachlich. Als spräche er nicht über zwei Menschen, sondern über einen Handel, der eben gescheitert war. Er schwieg lange. So lange, dass sie bereits glaubte, das Gespräch sei vorüber. Erst dann hob er den Kopf wieder und sah sie mit einem Blick an, den sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. „Vielleicht passt ihr wirklich besser zusammen. Er stammt aus der Gosse.“ Sein Blick ruhte fest auf ihr. „Und offenbar zieht sie dich mehr an, als Steinward es jemals vermocht hat.“ Noch ehe sie etwas erwidern konnte, sprach Ruben weiter. „Vielleicht“, sagte er langsam, beinahe nachdenklich, „Warst du am Ende eben doch immer nur eine Graue.“ Mit einem Mal war es still. Nicht nur zwischen ihnen. Auch in Aelia. Der Zundergeist, der eben noch lichterloh in ihr gebrannt hatte, schien mit einem einzigen Atemzug alle Flammen verschlungen zu haben. Zurück blieb keine Wut mehr. Nur ein Häufchen Asche und eine erschreckende Klarheit. Sie starrte Ruben lange an. So lange, bis sein Blick unruhig wurde. Dann sagte sie leise „Fick dich ins Knie, Ruben. Ich will dich nie wiedersehen.“ Sie wartete keine Antwort mehr ab. Sie drehte sich um und ging, ohne sich ein einziges Mal noch nach ihm umzusehen.

Erst als sie eine Weile gelaufen war, merkte Aelia, wie leicht sich ihre Schritte plötzlich anfühlten. War das eben wirklich geschehen? Hatte sie tatsächlich mit Ruben Schluss gemacht? Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn nie mehr wiedersehen wollte. Doch was immer zwischen ihnen eben zerbrochen war, sie verspürte nicht den Schmerz, den sie erwartet hätte. Sondern eigenartigen Frieden. Eine ungewohnte, beinahe erschreckende Ruhe breitete sich in ihr aus, als hätte jemand eine Last von ihren Schultern genommen, deren Gewicht sie erst jetzt begriff. Sie ging weiter durch Steinward. Ihr Blick glitt über die gepflegten Vorgärten, über Rosenbüsche, die trotz dieser dunklen Regenwolke die sich über ihrem Kopf ausgebreitet zu haben schien, in voller Blüte standen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie sich danach gesehnt, eines Tages selbst hier zu leben. Ein kleines Haus. Ein Garten. Ein Rosenstock vor der Tür. Nun war ihr all das gleichgültig. Es gab nur einen Menschen, bei dem sie jetzt sein wollte. Doréan. Dein Doréan.. Sie lächelte bei diesen Worten die Ruben so abfällig ausgesprochen hatte. Ja… ihr Doréan. Ihr Hübscher. Das fühlte sich wirklich gut an… Sie hätte ihm am liebsten alles erzählt. Hätte ihm lachend berichtet, was eben geschehen war. Ohne näher auszuführen, was das alles bedeutete. Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Doch ebenso rasch holte die Wirklichkeit sie wieder ein. Sie wusste nur, dass er aus der Ascherinne stammte. Nicht, wo genau er wohnte. Sie wusste nicht, wo sie nach ihm suchen sollte. Oder wen sie fragen konnte. Millie hätte es vielleicht gewusst, wie sie einen Mann in der Ascherinne finden konnte. Aber Millie schlief jetzt. Und so sehr es ihr unter den Nägeln brannte, sie würde sie deshalb nicht wecken. Für einen flüchtigen Augenblick spielte sie sogar mit dem Gedanken, selbst in die Ascherinne zu gehen und so lange nach Doréan zu fragen, bis sie ihn fand. Dann erinnerte sie sich an Mahdias warnende Worte. Dass die Ascherinne der verkommendste Ort des grauen Viertels war, und sie wusste, dass es auch in ihrer Wohngegend Ecken gab, vor denen Mahdia sie eindringlich gewarnt hatte. Somit verflog der Gedanke ebenso schnell, wie er gekommen war. Und mit einem Mal entlud sich die dunkle Regenwolke über ihrem Kopf in einen kalten Wolkenbruch. Sie hatte frei. Den ersten freien Tag seit Tagen. Und sie würde ihn allein verbringen. Die Freude, die eben noch so hell in ihr aufgeflammt war, erlosch. Zurück blieb eine tiefe, schmerzliche Traurigkeit. Nicht, weil sie Ruben verloren hatte. Sondern weil sie nicht wusste, wie sie den Mann finden sollte, bei dem sie jetzt sein wollte, damit der Tag kein verlorener war.
#35
Der Hund und die Hure ❖
rabe-unbehagen. Dieses Gefühl beschrieb es am besten, welches in diesem Moment in Doréan vorherrschte. Unbehagen und dieses seltsame Gefühl, als würden dutzende, anklagende Augen einen anstarren. Augen aus den Schatten. Augen aus den alten Mauerritzen. Und Aelias Augen. Er hatte soeben sein wahres Inneres offenbart. Und Aelia starrte ihn einfach nur an. Mit diesen unbehaglichen und anklagenden Blicken. Mehr noch. Diese bohrenden, fast starrenden Blicke. Als würde sie versuchen etwas in ihm zu sehen, das tief unter seinen Worten verborgen lag. Als ob die Dinge, die er ihr soeben gesagt hatte, kaum zu glauben wären und sie die echte Wahrheit dahinter suchte. Doréan fühlte sich als ob ihre Blicke ihn förmlich durchbohrten. Wie ein Gelehrter einen unbekannten, seltenen Schmetterling aufspießte, um ihn dann seinen wissenschaftlichen Studien zu unterziehen. Doréan schwieg. Und Aelia ebenso. Und da saßen sie und starrten sich schweigend an. Und mit jedem Moment der verging, wurde das Schweigen unerträglicher. Seine Gedanken und Erinnerungen wechselten von der Gegenwart in die Vergangenheit. Immer wieder. Hin und zurück. Wie ein Blatt im launischen Wind seiner verworrenen Gefühlswelt. Er suchte nach diesem Moment, an welchem noch alles in Ordnung gewesen war, um ihn festzuhalten. Um ihn zurück zu bringen, obwohl er wusste, dass dies unmöglich war.

Es war noch gar nicht so lange her, da waren sie an den Docks entlang spaziert. Die Sonne hatte geschienen und Doréan hatte sein Geheimnis noch nicht offenbart gehabt. Sie waren über die Holzplanken geschlendert, welche mit jedem Schritt geknarrt und geächzt hatten. Hier und da war ein mürrischer alter Kerl herumgelungert, mit mürrischen Gesichtern und ebenso mürrischen Blicken. Die Sonne hatte warm herab geschienen und Aelia in den strahlend blauen Himmel, der von nur wenigen weißen Wolken geschmückt gewesen war, geschaut. Doréan hatte sie noch bildhaft vor sich. Wie sie mit ihrer Hand die Augen beschattet hatte, um in den Himmel schauen zu können. Wie ihre Silhouette sich unter ihrem Kleid abgezeichnet hatte. Wie Doréan sie angesehen hatte. Sie hatte zufrieden gewirkt. Ja beinahe glücklich. Nichts davon war jetzt mehr in ihrem Gesicht zu sehen. Er erinnerte sich an ihre Worte. »Heute ist so ein schöner, warmer Tag, da sieht sogar das graue Viertel beinahe freundlich aus.« Und er erinnerte sich an seine Worte. Worte, die nun wie ein dunkler Nachhall in ihm heraufbeschworen wurden. »Das graue Viertel ist niemals freundlich. Niemals. Alles andere ist nur Lug und Trug. Nichts als Schein.« Er erinnerte sich an sein ernstes Lächeln und dass sich eine Wolke vor die Sonne geschoben hatte, nur um sein Gesicht in einen grauen Schatten zu hüllen. Auch erinnerte er sich an den Moment, als sie auf der Plattform des Leuchtturms angekommen waren. Hier oben, wo das graue Viertel ebenfalls freundlich und nicht mehr so schmutzig und trostlos gewirkt hatte. Fern ab von dem Lug und dem Trug. Wie zwei Vögel am Himmel, die auf die Welt unter ihnen herabschauten, und weder das Elend noch das Leid sehen konnten, dass dort herrschte. Diese Wolke war wie ein Omen gewesen. Ein Omen, welches Doréan ignoriert hatte?  In diesem wolkenverhangenen Licht hatten die Docks schon nicht mehr so freundlich ausgesehen. Und nun, nachdem Doréan sein Geheimnis offenbart hatte, war gar nichts mehr freundlich und der trügerische Schein komplett verblasst. Aelia hatte gelächelt. Dieses warme und herzige Lächeln, welches auf Doréan wie Balsam wirkte. Sie hatte gefragt wohin sie denn gehen würden, als sie auf dem Weg zum Leuchtturm gewesen waren. »Du kennst dich hier gut aus, oder?« Doréan hatte gelächelt und mit einem gewissen Stolz in seinem Blick eifrig genickt. »Klar. Wie meine eigene Tasche. Nenn mich ruhig, Herr von Grau, aus dem grauen Viertel.« Da hatte er noch gescherzt. Und Aelia hatte gelacht…Doch nun lachte sie nicht mehr. Und Doréan fühlte sich nicht mehr wie der Herr von Grau. Sondern vielmehr wie der Niemand aus der Ascherinne, der er nun einmal war. Nur ein kleiner, unbedeutender Köter aus der Gosse, mit einem viel zu großen Mundwerk. So wie sich jeder aus dem grauen Viertel fühlte, wenn die besseren Menschen…die Menschen, die sich für etwas Besseres hielten…ihnen zeigten, wo ihr Platz war. Wo sie hingehörten. Wo er hingehörte. Doréan fühlte sich wie ein Käfer, der zur Sonne emporgestiegen war, und sich dabei verbrannt hatte. Aelia war die Sonne gewesen…und er hatte sich nicht nur die Finger verbrannt. Die Flügel…die Augen…seine Würde. Er fühlte sich wie ein Haufen Scheiße, in den man noch hineingetreten war. Und mit jedem Schritt den man tat, streifte man ein Stück von ihm ab. Auf den Pflastersteinen. An den Straßenrinnen. Am Randstein der alten Gassen. Er sagte kein Wort. Er sah Aelia nur an und hoffte, dass sie irgendetwas sagen würde. Ein nettes Wort. Er hoffte auf einen kleinen Sonnenstrahl.

»Bringst du mich nach Hause?« Ihre Worte trafen ihn wie ein kalter Schwall Wasser, den man nach den Kerlen schüttete, die ungebeten vor der Haustür herumlungerten. Er hatte ihr sein Geheimnis verraten. Das Geheimnis, dass sie so beharrlich hatte ergründen wollen. Er biss sich auf die Lippen. Er hätte lügen können. Die Wahrheit ein wenig ausschmücken. Es ein wenig verbiegen um sich in ein besseres Licht zu stellen. Doch er war ein Narr gewesen. Er hatte ihr die harte und ungeschminkte Wahrheit offenbart. In einem Anflug von Hoffnung, sie würde es verstehen. Doch ihre Blicke verrieten alles. Er hatte diese Blicke schon so oft gesehen und er wusste, was sie bedeuteten. Sie hatte nichts gesagt. Sie brauchte auch gar nichts zu sagen, denn ihre Blicke sagten bereits alles. Er hob den Kopf und nickte. »Klar.« Doch in seiner Stimme fehlte dieser Klang, der ihm sonst zu Eigen war. Diese Unbekümmertheit. Dieser eigentümliche Ton. Mit dem man dem Tod ins Gesicht lachte, wenn man nichts und niemanden fürchtete. Diesen Moment hatte er gefürchtet. Er hatte die Zeichen ignoriert. Die Wolken, die den Himmel verdunkelt hatten. Dieses Ziehen in seinem Nacken. Das schwere Klopfen seines Herzens.

Er rappelte sich auf. Gerade noch war er am Rand der alten Plattform gesessen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als ob dieser Ort nur ihm gehören würde. Doch nun fühlte er sich wie ein getretener Hund, der von seinem Lieblingsplatz vertrieben worden war. Er seufzte und wischte sich den Staub vom Hosenboden. »Ja, du solltest nich' allein durch den Hafen heimgeh'n.«, murmelte er und führte sie daraufhin, ohne weitere Umschweife, den Leuchtturm hinab. »Das Geschmeiß im alten Hafen klaut einem die Schuhe unterm Arsch weg, wenn man nich' aufpasst.« Er versuchte ein wissendes Lächeln aufzusetzen. Doch es gelang ihm nicht. Dieses bedrückende Gefühl, welches zwischen ihnen herrschte, lag ihm klamm auf der Brust. »Erinner dich nur an die armen Hunde hinter deinem Haus.« Er zuckte mit den Achseln. »Aber solange du in meiner Nähe bleibst, passiert dir schon nich's…« mein Liebchen. Es lag ihm schon auf der Zunge. Doch er schluckte die Worte hinunter. Nun, da zwischen ihnen so eine seltsame Kälte herrschte, waren diese Worte wie Salz in einer offenen Wunde. Eine Wunde, die er sich selbst beigefügt hatte, nur um ihre Neugier nach diesem Geheimnis zu stillen. Eine Wunde, in der er nicht noch weiter bohren wollte. Doréan hatte das Gefühl, er würde nur mit sich selbst reden. Seine Worte dienten letzten Endes nur die bedrückende Stille zu füllen, damit sie die Leere seines Herzens nicht offenbarten. Er versuchte seine wankende Stimmung mit holen Worten zu überspielen. Dass Aelia nicht merkte, wie er sich in diesem Augenblick fühlte. Leer. Zurückgewiesen. Fallen gelassen, wie ein heißes Eisen, nachdem man sich daran verbrannt hatte. Die Neugier nach dem geheimnisvollen Unbekannten. Der brennende Schmerz, der einen wieder zurück in die Realität zerrte.

Als sie am Fuß des Leuchtturms angekommen waren, ließ er Aelia den Vortritt. Hinüber auf die kleine Stiege, welche am Rand der Mauer hinab führte. Dann entlang der Mauer, bis zur großen Brücke über den alten Kanal. Von dort aus führte er sie immer weiter. Entlang der Pfahlbauten, bis zur Hafenstraße. Hindurch unter alten Torbögen und Brücken. Im Schatten der großen Häuser aus den guten alten Zeiten. Obwohl es dunkel war, zögerte er kein einziges Mal. An keiner Kreuzung. An keiner Weggabelung. Selbst wenn diese in düsteren Schatten lag und man kaum sehen konnte, wohin die Straße wohl führte. »Du kennst dich hier gut aus.«, stellte Aelia fest und Doréan seufzte und wedelte lapidar mit der linken Hand. Das hatte sie heute schon einmal gesagt. Doch dieses Mal hörte es sich irgendwie anders an. Beinahe wie ein Vorwurf? »Ich könnte mit verbundenen Augen hier lang gehen, und würde dennoch den Weg finden.« Seine Worte waren ruhig und ließen den Stolz, den er noch in der Stimme getragen hatte, als sie zum Leuchtturm gegangen waren, hörbar vermissen. Seine Stimme war gefasst. Er sagte die Dinge einfach nur wie sie waren. Er war ein Straßenköter aus der Ascherinne. Er kannte jeden Winkel hier. Ob man darauf stolz sein konnte? Doréan schüttelte den Kopf.

Am Rand des Hafens, im Schatten der Mauer, waren sie auf ihrem Herweg an einer kleinen Ruine vorbeigekommen. Doréan hatte der Ruine keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Er war schon so oft an dieser Ruine vorbei gegangen, dass er dieser keinerlei Beachtung würdigte. Doch Aelia hatte sie mit einem seltsamen Blick angeschaut. Sie wirkte wie ein Fremdkörper umgeben von all den hölzernen Verschlägen und alten Lagerhallen. Früher einmal, noch bevor das graue Viertel seinen Namen erhalten hatte, war dies eine Kapelle gewesen. Früher einmal war sie vielleicht von Bedeutung gewesen. Ein kleiner Schrein für eine Gottheit, die heute schon lange in Vergessenheit geraten war. Doch als die Mauer errichtet worden war, welche fortan das graue Viertel von den angrenzenden Bezirken trennen sollte, hatte sich der Schrein auf der falschen Seite der Mauer wiedergefunden. Und er war zu einem verruchten Heiligtum zu zweifelhaften Ehren Maëlas geworden. Seitdem war sie mehr und mehr zu einer Ruine verkommen. Anfangs hatten sich Dirnen und Liederliche darin eingenistet. Aus dem kleinen Tempel war ein Ort von Laster geworden. Ein Sinnbild des Verfalls von Sitte und Moral.

Doch mit den Dirnen, die den Männern schöne Augen machten, waren auch die roten Hände gekommen. Und mit ihnen auch die Gerüchte. Zuerst waren es nur flüsternde Stimmen von verzweifelten Ehefrauen. Dann wurden die Gerüchte lauter. Kinder verschwanden. Junge Mädchen. Junge Witwen und Waisen. Frauen, die niemand vermisste. Aus den Gerüchten hatte sich eine regelrechte Hexenjagd gebildet, bis heilige Männer, im Geleitschutz der Stadtwache, gekommen waren. Sie hatten den Schrein ausgeräuchert. All jene, die nicht rechtzeitig geflohen waren, wurden geläutert und gebrandmarkt wegen Ausübung eines verruchten Gewerbes ohne Direanischem Siegel. Schändung und Entweihung eines heiligen Ortes. Exempel waren statuiert worden. Rote Hände wie Dirnen an der Mauer aufgehängt. Die Dirnen waren in die Ascherinne geflohen. Und in die rote Meile. Und zurück war nur dieser alte Schrein geblieben. Nach und nach geriet er in Vergessenheit. Die Menschen haben einfach die Steine aus den Mauern gebrochen, um damit ihre eigenen Häuser zu bauen. Der Ort geriet in Verruf und schließlich in Vergessenheit. Nur die Erinnerung an Maëla überdauerte…und die Dirnen huldigten ihr auch heute noch. Ohne zu wissen, wer sie eigentlich war.

Heute scherte sich niemand mehr um diesen Ort. Keine Dirnen. Keine heiligen Männer. Und auch die Stadtwache nicht mehr. Der Schrein war ein toter Ort geworden. Ein Fluch, über den man hinter hervorgehaltener Hand sprach. Hier verschwanden Menschen. Diesen Ort mied man, wenn man an seinem Leben hing. Selbst die Starren mieden ihn. Als ob die Götter, nach allem was an diesem Ort geschehen war, diesen mit einem Fluch belegt hatten. Doréan verengte die Augen zu zwei Schlitzen. »Was ist das für eine Ruine?«, hatte sie Doréan gefragt. Er hatte nur den Kopf geschüttelt. »Vergiss, dass du die gesehen hast. Auf diesem Ort lastet ein Fluch…« Er hatte seine Wangen aufgebläht. »Und es ist gefährlich obendrein.  Diese alte Ruine steht kurz davor in sich zusammenzufallen. Nur die Seelen der Toten wissen, warum sie noch steht. Keiner, der auch nur genug Hirnschmalz in der Birne hat, wagt sich in das alte Gemäuer rein.« Dann hatte er den Atem aus seinen aufgeblähten Wangen entlassen und erneut den Kopf geschüttelt. »Vertrau mir, mein Liebchen.« Die Tatsache, dass die Ruine noch stand, obwohl es zuweilen sehr stürmisch sein konnte, schien seine Worte mit Lügen zu strafen. Doch dass diese verfallene Ruine gefährlich war, stand außer Frage. »Sie haben so lange Steine aus dem alten Schrein getragen, bis das Dach eingestürzt war und drei Männer unter sich begraben hatte. Seither wagte niemand mehr das Ding zu betreten. Manche von den abergläubischeren Altweibern faselten von einer Strafe des zornigen Himmels. Sogar die Grabsteine von dem Friedhof haben sie geklaut und daraus Mauersteine gemacht.« Doréan hatte gelacht, als ob dies irgendein seltsamer Scherz wäre. Er erinnerte sich noch an die Worte. Und sie kehrten, wie ein stilles Echo zu ihm zurück, als sie unter dem Licht der Monde erneut an diesem Ort vorbeikamen. Doch dieses Mal sprachen sie kein Wort. Und Doréan schenkte der Ruine noch weniger Beachtung als sonst. Allerdings gluckste er still, als er sich vorstellte, wie die Geister der Toten, deren Gräber geschändet worden waren, jene Diebe des Nachts heimsuchten.

Nachdem Doréan und Aelia sich getrennt hatten und sie in die Schenke gegangen war, starrte Doréan noch eine Weile auf die Tür. Er wartete. Vielleicht darauf, dass Aelia noch einmal herauskommen würde. Etwas sagen würde. Irgendetwas. Doch sie kam nicht mehr. Als Doréan sich klar wurde, dass Aelia vor Sonnenaufgang nicht mehr aus dieser Tür kommen würde, zog es den Gossenfloh zurück in die Gassen des grauen Viertels. Scheinbar ziellos streifte er umher. Er würde nicht mehr sagen können, warum ihn sein Weg ausgerechnet hierher geführt hatte. Doch als er vor der Tür des Aschemädchens stand, klopfte er. Ohne zu zögern. Er klopfte drei Mal und wartete. Irgendwann öffnete sich die Tür. Nur einen Spalt. Ein paar neugierige Augen, in welchen auch ein gewisser Unmut mitschwang, lugten durch den Spalt. Doch als sie Doreán erkannten, öffnete sich die Tür etwas weiter. »Was machst du denn hier?«, zischte eine flüsternde Stimme. »Es ist ur spät!« Doréan nickte. »Ich weiß.« Ronïa trat aus dem Schatten zwischen die Türschwelle. Ihr Gesicht lag noch immer im Schatten, während sie ihm einen nachdenklichen Blick zuwarf. »Was ist passiert?«, fragte sie und verschränkte dann die Arme vor der Brust. »Ich…« Doréan senkte den Blick. »…habs verbockt.« Ronïa seufzte. Sie trat einen Schritt beiseite und nickte ins Innere des Hauses. »Komm. Aber sei leise.«, flüsterte sie und führte Doréan hinein. Als er das Haus betreten hatte, warf sie einen kurzen Blick hinaus auf die Straße. Sie sah in die hohle Gasse, und hinüber auf die andere Seite. Als ob sie Ausschau nach jemandem halten würde. Doch dann schloss sie die Tür und winkte ihm mit dem Zeigefinger und bedeutete ihm so ihr zu folgen.

Sie erreichten ihre Stube und als Doréan sich schließlich auf den Rand ihres Bettes gesetzt hatte seufzte sie. Für einen Moment überlegte sie, ob sie die Türe offen lassen sollte. Nur einen Spalt. Doch dann schüttelte sie, kaum merklich den Kopf. Immerhin waren einige Mädchen noch immer bei der Arbeit. Und sie wollte nicht, dass ungebetener Besuch einfach an der Tür klopfte. Sie zog die Tür langsam zu. Beinahe andächtig. Als die Tür sanft ins Schloss gefallen war, legte sie ihre Finger auf den eisernen Schlüssel und drehte ihn, ebenso langsam, im Schloss herum. Dann setzte sie sich neben ihm, in gebührlichem Abstand, auch auf das Bett. »Was hast du verbockt, du Holzkopf?« Sie zog ein Bein auf das Bett und winkelte es an um eine gemütlichere Haltung einzunehmen. Sie bedachte Doréan mit fragenden Blicken, doch Doréan wirkte wie ein Häuflein Elend. Er schwieg und Ronïa schnaubte schließlich. »Jetzt rück schon mit der Sprache raus. Ich muss heute auch noch schlafen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Doréan grimmig an. Doréan hingegen sah Ronïa an. Sie sah anders aus als sonst. Sie hatte ihr Haar offen. Der sonst geflochtene Zopf war aufgedröselt und die Strähnen hingen in Wellen über ihre Schulter. Ihr Gesicht lag im Halbschatten, doch die Narbe, die sonst geschickt verborgen war, zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie trug ein einfaches Nachtkleid. Nichts Aufreizendes. Ein gewöhnlicher Mantel, der um die Hüfte nur mit einem Band zusammengehalten wurde. Doréans Blick wanderte über ihre Gestalt. Ihre verschränkten Arme. Ihr strenger Blick. Und ihr angewinkeltes Bein, dass lässig vom Rand des Bettes hing. »Ich war mit Aelia am Leuchtturm.« Ronïa lächelte dünn. Natürlich kannte sie diesen Ort. Sie beide waren auch schon einige Male dort oben gewesen. Hatten Steine hinuntergeworfen und sich vorgestellt die Herrscher des grauen Viertels zu sein. Dass er sie auf den Leuchtturm geführt hatte, war etwas Besonderes. Das wusste Ronïa. Nur wenigen Menschen hatte er bisher diesen Ort gezeigt. »Und?«, hakte sie nach. »Wie kannst du es da noch verbocken?« Doréan seufzte und erzählte was alles so geschehen war. »Sie wollte wissen warum ich die hier trage…« Er hob seine Hände und zeigte Ronïa die Handschuhe. Sie antwortete nicht sofort. Eine nachdenkliche Falte zeichnete sich auf ihrer Stirn ab. Und dann strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Jene Haarsträhne, welche ihre Narbe bisher verhüllt hatte. »Du hast ihr die Wahrheit gesagt…«, stellte Ronïa nüchtern fest. Natürlich hatte der Holzkopf es getan. Sie schüttelte den Kopf. Nicht weil sie es nicht glauben konnte. Sondern, weil es ihm ähnlich sah. »Du bist ein Holzkopf.«, flüsterte sie und senkte den Blick, während sie die störrische Strähne, erneut aus dem Gesicht strich und hinter dem Ohr einfädelte. »Und was hat sie gesagt?« Doréan hob den Blick und in seinen Augen war eine glasige, tiefe Leere. »Nichts.«

Ronïa hob den Blick und runzelte die Stirn. »Nichts? Wie nichts. Gar nichts?« Doréan nickte. Sie seufzte. »Nun, das muss ja nichts heißen.« Doréan schüttelte den Kopf. »Nein. Aber…« Ronïa sog den Atem zwischen den Zähnen ein. »Ich hab' sie dann nach Haus gebracht.« Ronïa nickte mit dem Kopf. Doch man sah, dass sie noch immer zu warten schien. Auf den großen Knall. Auf den Moment, in dem Doréan es verbockt haben sollte. »Und dann?«, verlangte sie zu erfahren und verlagerte ihr Gewicht. Sie zog das andere Bein auf das Bett und verschränkte es mit dem bereits angewinkelten. Dann stützte sie ihre Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und stützte ihren Kopf auf den Händen ab. »Ich hab gefragt, ob wir uns morgen sehen.« Ronïa schwieg und nickte nur, so gut es in ihrer derzeitigen Haltung ging. Sie wollte ihm nicht alles aus der Nase ziehen. Doréan ließ sich Zeit und sie ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Doch sie ließ es sich nicht nehmen immer wieder zu seufzen und zu schnauben. »Sie hat gesagt, dass sie morgen diesen Ruben treffen will.« Da sog Ronïa scharf die Luft zwischen den zusammengepressten Lippen ein. »Sie hat was?«, hakte sie ungläubig nach. Doréan wiederholte die Worte und beim zweiten Mal klangen sie für Ronïa noch ungeheuerlicher. »Diese blöde Schnalle hat vielleicht Nerven. Das sagt sie dir? Mitten ins Gesicht?« Ronïa schimpfte wie ein Kesselflicker und Doréan seufzte. »Sie hat gesagt, dass sie es ihm versprochen hat.« Doch das machte für Ronïa kaum einen Unterschied. Ganz im Gegenteil. »Die hat vielleicht Nerven.«, murmelte sie und schüttelte den Kopf. Doréan schwieg. Aelia hatte noch mehr gesagt. Aber Ronïa war inzwischen aufgesprungen und schritt mürrisch in der Stube auf und ab. »Was stimmt mit der nicht?«, fauchte sie grollend. »Das Weibsbild weiß doch gar nicht was sie will. Sie…« Sie stockte einen Moment und warf Doréan dann einen fürsorglichen Blick zu. Der Mann, den sie wie ihren kleinen Bruder behandelte, sah mit hängendem Kopf da und diese Frau hielt ihn sich nur warm. Das brachte die Weißglut in Ronïa zum Glühen. Doréan verdiente eine bessere Behandlung. »…sie weiß doch gar nicht was sie an dir hat.« Sie brummte wütend. »Sie beurteilt dich nur wegen deiner Herkunft…und dann rennt sie zu diesem Scheiß Ruben in seinem Scheiß Steinward! Und das sagt sie dir einfach so, ins Gesicht?« Ronïa schüttelte verärgert den Kopf und verschränkte dann die Arme vor der Brust. Doch lange konnte sie die Verschränkung ihrer Arme nicht aufrechterhalten. Sie warf ihre Hände in die Höhe und schüttele erneut den Kopf. »Ich glaub, ich muss mit der 'n ernstes Wörtchen reden, mein Lieber.« Dabei warf sie Doréan einen entschlossenen Blick zu und stemmte entschlossen ihre Hände in die Hüfte. Doréan richtete sich etwas auf und hob den Kopf. »Nein. Du machst doch alles nur noch schlimmer…wie immer.«, maulte er unzufrieden. »Und außerdem…«, murmelte er. »Hat sie gesagt, ich könnte am Abend vorbeikommen.« Da schnalzte Ronïa mit der Zunge. »Ach am Abend? Wenn sie von ihrem tollen Ruben wieder heimgekommen ist? Dann darfst du wieder angekrochen kommen? Wie ein Hund, auf allen Vieren!« Sie biss sich auf die Lippen. Die Worte waren unüberlegt aus ihr hervorgebrochen. Doch nun waren sie ausgesprochen worden. Und Doréan sah sie mit einem stummen Blick an. Doréan hatte die Worte vernommen. Doch sein erster Gedanke war nur, dass sie Aelia Unrecht tat. Dass sie ihn als einen Hund bezeichnet hatte, war ihm dagegen ziemlich gleichgültig. Er nahm es nicht einmal richtig wahr. Er warf ihr einen düsteren Blick zu. Nicht wegen dem Hund. Nur weil sie schlecht von Aelia dachte. Doch nur, weil sie Aelia doch gar nicht kannte. »Entschuldige…ich…ich habs nicht so gemeint.« Doréan seufzte. »Doch hast du.« Er zuckte mit den Achseln. »Aber du darfst das…im Gegensatz zu diesem Hundsfott Ruben.« Da lächelte Ronïa. »Ja genau. Lass dich nicht unterkriegen. Die Raben sollen ihn holen!« Sie trat an Doréan heran und legte ihm ihre Hand unter das Kinn, um seinen Kopf in die Höhe zu zwingen. »Du bist mehr wert als alle anderen Kerle die ich kenne. Und das sag ich nicht nur so.« Sie sah ihm dabei tief in die Augen und Doréan erwiderte den Blick. »Ich weiß nich'.« Ronïa schnalzte mit der Zunge. Sie kannte Doréan schon seit sie Kinder waren. Sie kannte ihn als einen Mann der nie auf den Mund gefallen war. Jedem die Stirn bot. Immer und überall einen Spruch auf den Lippen hatte. Und war er noch so töricht. Und nun erkannte sie ihn kaum wieder. Doch sie konnte noch nicht sagen, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Und ob sie diese Aelia dafür verfluchen oder ihr danken sollte. Allerdings konnte sie sehen, dass es Doréan schwer zu Herzen ging.

Ronïa seufzte. Sie kannte Aelia nicht. Und bei allem, was sie über diesen Ruben gehört hatte, wollte sie diesem am liebsten in seiner Bäckerei besuchen und ihn einen Hundsfott nennen, eine schallende Ohrfeige verpassen und ihm einen verwünschten Gruß von den Grauen ausrichten. Aber sie wusste auch, dass dies nicht Doréans erstes Mädchen war. Sie presste ihre Lippen zusammen. Sie musste es wissen. Wie ernst war es ihm mit dieser Aelia. Ihre Hand ruhte noch auf seiner Schulter und sie atmete tief ein und wieder aus, um etwas ruhiger zu werden. Und dann setzte sie sich neben ihn und legte ihm ihre Hand auf die Schulter, um ihn sachte zu schubsen. Ein wenig schäbig kam sie sich schon allein bei dem Gedanken vor. Doch sie wollte Gewissheit. Unumstößliche Gewissheit. Sie musste wissen ob dies nur eine einfache Schwärmerei war, oder ob Doréan sein Herz an diese Frau verloren hatte. »Réan. Vergiss diesen Ruben einfach. Der ist wie alle aus Steinward.« Doréan lächelte und hob den Blick. »Er sieht auch aus wie einer aus Steinward. Der Scheiß Hundsfott.« Da zwinkerte Ronïa und drückte ihre Finger ein wenig fester an Doréans Schulter. »Wenn diese Aelia dich nicht sehen will, wie du wirklich bist. Dann vergiss sie am besten. Du bist kein Hund. Du hast es nicht nötig nach ihrer Pfeife zu tanzen.« Doréan schwieg und sah Ronïa mit einem durchdringenden Blick an. »Das kann ich aber nich'«, murmelte er und senkte dann den Blick. »Dann vergiss sie nicht für immer. Nur für heute.«, murmelte Ronïa. Doréan hob den Kopf und sah sie daraufhin fragend an. »Wie meinst du das?« Da hob Ronïa ihre linke Augenbraue. »Das weißt du ganz genau, du Holzkopf.« Doréan starrte Ronïa mit einem verwirrten Blick an. Ihr Blick war starr auf ihn gerichtet und sie nickte. »Allein hier im Aschemädchen, gibt es fünf Mädchen, die nicht weniger hübsch als Aelia sind. Such dir für heute Nacht einfach eine aus.« Doréan blinzelte, als ob er sich verhört hätte. »Was?« Er schüttelte den Kopf. »Nein.« Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. Ronïa lächelte. Doch sie setzte noch einen drauf und legte den Finger an die offene Wunde. »Maria. Die Rothaarige. Sie hat eine Stimme süß wie Honig. Und Lippen, weich wie Seide.« Doréan hob den Kopf. »Sie ist aber nicht Aelia.«, antwortete der Gossenfloh und sein Blick barg offene Entrüstung und zugleich tiefe Enttäuschung in sich. Da nickte Ronïa zufrieden. Sie hatte ihre Antwort. Und sie schwieg eine Weile. Doréan sank in sich zusammen und stützte seinen Kopf auf seine Hände. »Ich will deine Mädchen nicht. Ich will nur sie.«, flüsterte Doréan und schloss die Augen. Er unterdrückte eine Träne, die sich in seine Augen gestohlen hatte, denn er wollte nicht vor Ronïa anfangen zu weinen, wie ein erbärmlicher Köter. Ronïa schien dies aber dennoch bemerkt zu haben.

Sie drückte ihn an sich. Wie eine gute Freundin, die einen guten Freund Trost spenden wollte. Doréan sträubte sich zunächst. Vielleicht wegen ihrer kränkenden Worte. Vielleicht, weil er vor ihr keine Schwäche zeigen wollte. Doch er war in diesem Moment nicht stark genug. Er war nichts weiter als ihr jüngerer Bruder und schließlich gab er ihrem Zug nach und ließ sich von ihr in die Arme nehmen. »Die kommt wieder zur Vernunft. Du wirst schon sehen.«, murmelte Ronïa. Und wenn ich sie mir zur Brust nehmen muss. Doch diesen Gedanken behielt sie für sich. Als sein Kopf ihre Brust berührte, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Ihre Finger verkrampften sich im Stoff seines Hemdes. Erst nach einem langen Augenblick zwang sie sich dazu, wieder auszuatmen. Ihre Hand, die sich auf seine Schulter gelegt hatte, bewegte sich nicht, als ob sie versteinert worden wäre, doch ihr Herzschlag verriet, dass sie nicht gänzlich erstarrt war. Sie schloss die Augen und schob Doréan dann, mit einem grimmigen Nicken, von sich fort, als sie erkannt hatte, dass Doréan dieser Aelia mit Haut und Haaren verfallen war. Und sie wollte ihm dabei weder im Weg stehen, noch tatenlos dabei zusehen, wie er daran zugrunde ging.

Am nächsten Morgen lümmelte Doréan lässig auf einer alten Bank im Hafen und hatte seine Arme auf der Lehne ausgestreckt, als ob die Bank ihm gehören würde. Er hatte sich Ronïas Worte zu Herzen genommen. Natürlich hatte er nicht sehr gut geschlafen, doch als er erwacht war, hatte er sich vorgenommen, dass er nicht auf Ronïas Ratschlag hören wollte. Er hatte Aelia versprochen, dass er um sie kämpfen wollen würde. Bis zum bitteren Ende. Und das bedeutete für ihn, dass er heute Abend bei diesem Torbogen aufkreuzen würde. Um ihr zu beweisen, dass er sich auf sie verlassen konnte. Entgegen aller schlechten Anzeichen. Entgegen aller Vorurteile, die man über die Grauen aus der Ascherinne hatte.

Doch bis zum Abend war noch viel Zeit. Und so saß er auf dieser Bank im Hafen und starrte einfach nur auf das Meer von Schiffsmasten und gerefften Segeln, die in der Mittagssonne im Hafen dümpelten. Er überlegte, ob er Aelia dieses Mal vielleicht wieder einen Löwenzahn mitbringen sollte. Oder vielleicht etwas ganz anderes? Seine Blicke schweiften über das ruhige Wasser und seine Gedanken verloren sich immer wieder in den Tiefen des dunklen Brackwassers. Hier und da kreiste eine vereinzelte Möwe, doch die Fischer hatten längst ihre Boote verlassen, um ihre heutige Beute auszunehmen, zu entschuppen und für den Verkauf auf dem Fischmarkt vorzubereiten. Hier gab es nichts zu holen. Erst, wenn die Fischer fertig waren, und das Gedärm der Fische in das Hafenbecken schütten würden. Doréan zog geräuschvoll die Nase hoch und trommelte, von einer inneren Unruhe ergriffen, gleichmäßig mit den Fingern auf dem Holz der Banklehne. Er fühlte sich nicht unwohl. Auch war er nicht wegen Aelia nervös. Vielmehr war es sein Körper, der nach etwas verlangte, was er schon lange nicht mehr bekommen hatte. Und auch wenn er in diesem Moment nicht daran dachte, so würde er es im Laufe dieses Tages sicher noch tun. Drei Tage war es inzwischen her, seit er das letzte Mal in einer der unzähligen Opiumhöhlen gewesen war, die über die gesamte Stadt verstreut existierten. Doréan konnte sich nicht einmal die schäbigen Spelunken leisten, die in den grauen Vierteln ihr Dasein fristeten. Und in einer der gehobenen, aus den anderen Vierteln, hatte er noch nie in seinem Leben einen Fuß gesetzt. Doch gerade in diesem Augenblick starrte er nur auf die Schiffe und schien beinahe gebannt von diesem ruhigen und gleichsam monotonen Bild zu sein, das sich ihm darbot. Und er versuchte seine verworrenen Gedanken abzulenken, welche wie eine Boje von den Wogen hin und her geworfen wurden.

Doch das Schicksal offenbarte sich ihm, wie so oft, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. »Na, wen haben wir denn da?« Eine wohlbekannte Stimme ertönte hinter Doréan und dieser biss sich, einen Fluch unterdrückend, auf die Lippen. »Gönnst dir 'nen schönen Tag am Hafen, während ich mir die Hacken wundlaufe, um dich zu finden?« Doréan wandte sich auf der Bank um, ohne dabei aufzustehen. »Raban.« Doréans Stimme sprach den Namen mit einem Hauch von Groll aus, welcher gerade so gering war, dass dieser keinen Anstoß daran finden konnte. „Seit zwei Tagen hast du dich nicht blicken lassen.« Der Mann lehnte lässig an der nahen Backsteinmauer und nickte in Doréans Richtung, welche den Mann mit großen Augen anzusehen schien. Doch Doréan schwieg. Er hatte keine Lust sich auf Rabans Machtspiele einzulassen. »Was willst du?« Er hatte in den letzten Stunden genug düsteren Gedanken nachgehangen. Die sorgenvollen Gedanken um Aelia und Ronïas Worten. Das Zittern in seinem Körper. Am liebsten hätte er Raban einfach vor die Füße gespuckt. Doréan erhob sich von der Bank und trat an Raban heran, doch nur um sich wieder keuchend zu setzen, als dessen Faust sich in seine Magengrube gebohrt hatte. »Du blöder Hundsfott! Hüte deine vorlaute Zunge!« Er schenkte Doréan ein flüchtiges, und ein abfälliges, schmieriges Lächeln.  Doréan unterdrückte den Brechreiz, doch die heißen Tränen, die ihm in die Augen stiegen, konnte er nicht unterdrücken. »Los. Steh auf!« Er zog Doréan am Kragen auf die Beine Doréan raffte sich auf und streckte das Kreuz ein wenig durch. »Wohin gehen wir?«, verlangte Doréan zu erfahren doch Raban schnalzte nur missbilligend mit der Zunge. »Wirst du schon sehen, Köter.« Und damit zerrte er Doréan schon über den Kai, als wäre dieser ein störrischer Hund, der seinem Herrn nicht brav an der Leine folgen wollte.

So verließen sie den Kai, und den Hafen, und ihr Weg führte sie immer tiefer ins graue Vierte. Hinein in finsterste Gassen, in eine Gegend, die nur aus finsteren Gassen zu bestehen schien. Die Nachmittagssonne drang hier zwischen den Häusern kaum mehr vor, so dass die dunklen Gässchen unheimlicher und bedrohlicher wirkten, als es um diese Zeit sein sollte. Die vorherrschenden Schatten steigerten das Gefühl von Bedrohung und drohendem Unheil. Nach einer Weile erreichten sie eine Schenke, welche Doréan nur zu gut kannte. Raban öffnete die Tür, und vollführte eine ruppige Geste und schubste Doréan über die Türschwelle, hinein in den »Haarigen Bären.«

Die meisten Menschen kannten diesen Ort nur als einen Hort des Verbrechens, wo Schläger, Bandenmitglieder und Dirnen herumlungerten. Letztere weniger weil sie eine große Wahl gehabt hätten. Kein rechtschaffener Mensch wagte einen Fuß hinein. Und die Stadtwache schon gar nicht. Doch wer es wagte, und dieses Wagnis überlebte, der wusste, dass der »Haarige Bär« mehr als nur eine Schenke war. Es war eine Lasterhöhle. Hier wurde Glücksspiel betrieben und sich ungeniert dem Rausch des Opium und anderen Rauschgiften hingegeben. Der »Haarige Bär« war eine der vielen Opiumhöhlen, die in den freien Städten wie Pilze wuchsen. Wurde eine dieser Höhlen von der Stadtwache gesprengt und zerschlagen, wurde schon bald woanders eine neue eingerichtet.

Als Raban und Doréan sich schließlich gesetzt hatten, trat noch ein dritter Mann an sie heran. Irgendwie kam ihm dieser Mann seltsam bekannt vor. Doch so sehr er sich auch versuchte zu erinnern, es wollte ihm einfach nicht einfallen, woher er diesen Mann kannte. »Also. Hast ihn endlich gefunden?«, murmelte der Kerl und Raban nickte. »Ja, hat an den Docks rumgelungert, der Pisspott.« Raban sprach über Doréan, als wäre dieser gar nicht anwesend. Doch er schwieg. Es war manchmal besser, nicht aufzufallen. Dann ersparte man sich eine Menge Ärger. Und er fühlte, dass er davon schon genug am Hals hatte. Der Dritte betrachtete Doréan mit einem musternden Blick. »Sieht nicht sehr stabil aus, der Kerl.« Raban seufzte. »Der Schein trügt.« Doréan warf Raban daraufhin einen verwirrten Blick zu. Hatte er ihn gerade indirekt gelobt? Er kniff die Augen zusammen und warf dem dritten Kerl daraufhin einen noch nachdenklicheren Blick zu. Der Mann nickte nur und verschränkte die Arme vor der Brust. »Er sieht aus, als ob ihm die hässlichste Dirne der Stadt nen Korb gegeben hätte.« Er lachte dreckig und Raban stimmte in das Gelächter mit ein. »Aber…«, hob er schließlich an. »Er hat die Ware gerettet. Also soll er seine Belohnung bekommen.« Doréan verstand nicht wovon die Männer sprachen. Raban klopfte Doréan auf die Schultern. »Ja, der Kleine hat sich dafür sogar in den Hafen geschmissen. Wie ein verfickter Held.« Nun dämmerte es Doréan. Das Paket! Der Kerl schnippte mit den Fingern und ein junges Mädchen, das kaum älter als er selbst war, brachte eine Schale. Sie stellte diese vor ihnen auf dem Tisch ab und hielt dabei den Blick gesenkt. Doch als sie sich entfernen wollte, da packte Raban sie am Handgelenk und zwang sie, sich auf seinen Schoß zu setzen. »Na, du bleibst schön hier, meine Kleine.« Er grunzte und fischte aus der Schale eine kleine, dunkle Kugel heraus. »Sei doch so freundlich, und geh mir dabei etwas zur Hand, ja?« Die Frau gehorchte und Doréan konnte die Furcht, die sich ihres zitternden Körpers bemächtigt hatte, förmlich riechen.

Raban nannte es eine Belohnung. Der Dritte hatte ein abgegriffenes, schäbiges Loch auf den Tisch gelegt. Eine Silbermünze. »Dein Lohn.« Er hatte Doréan die Münze zugeschoben und als dieser sie in seine Tasche geschoben hatte, war er aufgestanden und wortlos gegangen. Raban indes hatte bereits die erste Pfeife angezündet und der weiße Qualm hüllte ihn und das junge Mädchen in einen dichten, weißen Vorhang aus Rauch. Doréan leckte sich über die Lippen. Das Zittern, welches er schon am Hafen gespürt hatte, brach über ihn herein wie ein Donnerschlag. Seine Beine zitterten und er wippte mit dem Fuß, um es irgendwie zu unterdrücken. Doch Doréan machte keine Anstalten. Eigentlich wollte er einfach nur von hier verschwinden. Doch Raban sah ihn mit einem missbilligenden Blick an und hielt ihm die Pfeife vor das Gesicht. »Na los. Zieh.«, befahl Raban und Doréan nahm die Pfeife zögerlich in die Hand. Alles in ihm schrie danach. Es begehrte danach. Aus tiefstem Herzen. Die junge Frau sah Doréan aus gleichgültigen und glasigen Augen an. Das Opium hatte sie längst in ihren Bann gezogen. Sie würde heute alles über sich ergehen lassen und sich morgen vermutlich nicht einmal mehr daran erinnern. Doréan hingegen hatte gänzlich andere Sorgen. Die Zeit. Die Sonne hatte bereits sehr tief gestanden. Er dachte an Aelia. Er hatte doch versprochen, er würde am Abend wieder kommen. Und dieser Abend rückte immer näher und näher. Er konnte an nichts anderes denken. Doch das Verlangen nach der Pfeife war so unglaublich stark. Er konnte dem stillen Ruf des Schlafmohns kaum mehr widerstehen. Raban, der Doréans Zögern bemerkt hatte, legte seine Hand an die Pfeife und schob sie Doréan immer näher und näher. Bis dieser schließlich seine Lippen um das Hornstück legte. Mit nervösen, zitternden Händen umschloss er die Pfeife. Andächtig und beinahe als hätte er Angst, er könnte diese zerbrechen. Doch als der erste Zug des Opium langsam seine Lungen füllte, verfiel er langsam in eine apathische Lethargie.

Die Zeit verging. Quälend langsam. Die Geräusche um Doréan wurden gedämpfter und immer mehr in den Hintergrund gedrückt. Alles um ihn herum wurde langsamer und irgendwann erreichte er einen Punkt, bei dem er glaubte die Zeit wäre völlig zum Stillstand gekommen. Doch die Gedanken an Aelia waren nie gänzlich verdrängt worden. Der weiße Rauch umwaberte ihn. Der Rausch pulsierte in seinem Venen und kroch ihm durch den Verstand. Aber Aelia war allgegenwärtig. Sie erschien ihm, vor seinem geistigen Auge. Mal lächelte sie. Mal lachte sie ihn aus. Mal sah sie ihn verträumt an. Mal mit einem enttäuschten Blick. Mal voller Abscheu. Doch dann senkte sie die Augen. Ihre Hände legten sich auf ihr Kleid. Langsam und andächtig schob sie es sich über die Schultern. Und dann öffnete sie ihre Augen. Ein tiefer Blick. Ein Hauch. Ihre vollen Lippen formten einen Kuss. Sie schloss die Augen und dann wandte sie sich ab. Ein anklagender Blick. Sie schüttelte den Kopf. Und dann wandte sie sich einem anderen Mann zu, der in den Schatten stand. Doréans Herz raste und eine Woge brandete in ihm hoch. Immer wieder und wieder. Bis er plötzlich die Augen aufriss.

Er rappelte sich unbeholfen auf. Er hielt sich an einem Stuhl fest. An Raban. An der jungen Frau. An einer Wand. Irgendwie hatte er es aus der Opiumhöhle herausgeschafft. Sein Geist war umnebelt. Er konnte kaum einen Schritt vor den anderen setzen, und doch kämpfte er sich immer weiter vor. Bis er endlich auf der alten Hafenstraße angekommen war. »Aelia.«, nuschelte er und seine Zunge leckte ihm über seine völlig ausgetrockneten Lippen. »Aelia. Ich komme.« Er versuchte schneller zu gehen. Doch mit jedem Schritt den er tat, geriet er mehr und mehr ins Wanken. Und dann ging er zu Boden. Erschrocken riss er die Augen hoch. Ein Schatten schälte sich aus der Dämmerung und dem Zwielicht der dunklen Gasse. Und da stand sie. Mit verschränkten Armen und einem Blick auf ihn herab, als wäre er ein unwürdiger Wurm. »Du Holzkopf!« Ronïa schüttelte den Kopf. »So lasse ich dich sicher nicht zu ihr. Bist du bescheuert?« Sie schüttelte erneut den Kopf, doch als Doréan begann auf allen Vieren zu krabbeln, versetzte sie ihm einen Tritt. »Sie wartet auf mich…«, nuschelte Doréan und versuchte sich aufzurichten, was ihm nicht gelingen wollte. »Sie wartet ganz sicher nicht auf dich, du Holzkopf. Nicht so! Was glaubst du wird sie machen, wenn sie dich so sieht? Du Neunfingriger, auf allen Vieren kriechender, Hundsfott aus der Ascherinne!« Doréan schüttelt den Kopf. »Nein…ich hab gesagt ich werde um sie kämpfen.« Da lachte Ronïa. »Ja, auf so ein Häufchen Elend wie dich hat sie sicher gewartet. Du wirst mir noch danken, dass ich dich heute nicht zu ihr gehen lasse.« »Was wird sie denken, wenn ich schon am selben Abend nich' mehr erscheine? Welchen Wert haben meine Worte dann noch?« Da seufzte Ronïa. »Das hättest du dich fragen sollen, bevor du dich dem Opium hingegeben hast.« Ein gequältes Lachen entkam Doréans Kehle. Eine Mischung aus Verzweiflung und Hilflosigkeit. »Wie hast du mich überhaupt gefunden?« Ronïa zuckte mit den Schultern. »Du musst noch viel über uns Frauen lernen…Eine ganze Menge.« Doréan hob den Blick und sah sie verständnislos an. »Das beantwortet meine Frage nich', du blöde Hundsfut!« Ronïa zuckte mit den Achseln. »Du brauchst mich von da unten gar nich' so ankläffen. Das ist einfach nur erbärmlich, Réan.« Doréan seufzte resignierend und ließ sich auf den Rücken fallen. Er starrte in den abendlichen Himmel. Hier und da konnte man einige Sterne sehen. Er atmete langsam aus, begleitet von einem tiefen Seufzten. Aber er antwortete nicht. » Lass mich dir einen weiblichen Ratschlag geben. Frauen  wollen keinen Hund, der ihnen blind hinterher läuft. Und schon gar nicht wollen sie einen Mann, der auf allen Vieren kriecht, und nach Opium stinkt!« Und damit half sie Doréan schließlich auf die Beine und ihr Mund umspielte eine schiefe Falte. »Aber wenn du willst, komme ich morgen mit und erkläre ihr alles.« Da schüttelte Doréan den Kopf. »Untersteh dich, du…du blöde Hure.« Er schloss die Augen und Ronïa hielt ihn mit beiden Armen umschlungen, um ihn davor zu bewahren wieder zu Boden zu stürzen.
#36
Ein leerer Abend ❖
rabe-der Rückweg ins Graue Viertel kam Aelia deutlich länger vor als noch am Morgen. Dabei bereute sie kein einziges Wort, das zwischen ihr und Ruben gefallen war, im Gegenteil. Was auch immer eben zwischen ihr und Ruben geschehen war, sie verspürte nicht den geringsten Wunsch, es ungeschehen zu machen. Auf eine seltsame Art und Weise war sie froh, dass es beendet war. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, Doréan mit einem offenen, freien Herzen begegnen zu können. Sie fühlte sich so frei und froh, dass ihre Hände auf Aufregung bis in die Fingerspitzen zu kribbeln begonnen hatten. Was sie allerdings wirklich ärgerte, war der Wegzoll. Missmutig griff sie nach ihrem kleinen Lederbeutel, den sie tief zwischen ihren Brüsten versteckt, verwahrte. Dafür hatte sie nun tatsächlich Geld ausgegeben. Geld, das sie woanders dringender gebraucht hätte, Geld das sie sich hätte sparen können, wenn sie einfach gewartet hätte, bis Ruben sie das nächste Mal im Laden besuchte. Eigentlich hatte sie nur mit Ruben reden wollen. Alles, was danach geschehen war, hatte sich ihrer eigenen Kontrolle beinahe entzogen. Wäre sie daheim geblieben, hätte Ruben sie früher oder später ohnehin besucht. Sie hätte dieselben Fragen stellen können, dieselben Antworten erhalten – und wäre um ein paar Münzen reicher geblieben. Allerdings hätte dieses ‚früher oder später‘ ebenso gut erst in einer Woche sein können. Geduld war nun wirklich nicht ihre Stärke. Und wer konnte das schon ahnen? Missmutig verzog sie den Mund. „Das Geld hätt‘ ich mir sparen können.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, begann das Kribbeln in ihren Handflächen unangenehm zu werden. Sie rieb sie unwillkürlich an ihrem Rock ab. Vielleicht war die Waschlauge diesmal etwas zu scharf gewesen? Es kam vor, dass ihr die Hände nach einem langen Waschtag spannten oder rissig wurden. Doch noch während sie den Gedanken zu Ende dachte, schüttelte sie leicht den Kopf. Der Waschtag lag bereits zwei Tage zurück. So spät hatte sie darauf noch nie reagiert. Außerdem hatte sie sich die Hände danach mit Rindertalg eingerieben und ihre Hände waren danach weich gewesen. Das Kribbeln ließ nicht nach. Im Gegenteil. Es breitete sich langsam über beide Handflächen aus und verwandelte sich in ein hartnäckiges Jucken. Aelia kratzte sich erst mit den Fingernägeln der rechten Hand über die linke, dann umgekehrt. Die Haut fühlte sich seltsam warm an. Vielleicht war es bloß die Aufregung. Der Streit mit Ruben hatte ihr mehr zugesetzt, als sie sich eingestehen wollte. Nervosität konnte schließlich die merkwürdigsten Dinge hervorrufen. Sie betrachtete ihre Hände. Da beide Handflächen gleichermaßen betroffen waren, kam ihr nicht einmal der Gedanke, dass sie irgendetwas Bestimmtes berührt haben könnte. Sie erinnerte sich nur daran, sich in der Bäckerei kurz auf Rubens Verkaufstheke abgestützt zu haben. Sonst war da nichts gewesen. Mit einem Schulterzucken setzte sie ihren Weg fort. Als sie wenig später das Graue Viertel erreichte, hatte sich das Jucken bereits derart gesteigert, dass sie kaum noch widerstehen konnte, sich die Handflächen zu kratzen. Erschrocken stellte sie fest, dass sich auf den geröteten Handflächen unregelmäßige Quaddeln gebildet hatten, die sich heiß anfühlten und mit jeder Minute deutlicher hervortraten. Sie beschleunigte ihre Schritte und steuerte ohne Umwege Lestars Schenke an. 

Als Aelia durch die Hintertür hereinkam, flog die Türe so unvermittelt auf, dass sie mit einem dumpfen Schlag gegen den Anschlag prallte. Hinter dem Ausschank fuhr Mahdia zusammen. Gerade hatte sie einen Krug mit einem Tuch ausgewischt. Nun hob sie den Kopf und starrte Aelia an. „Aelia! Mädchen!“ Sie hielt sich eine Hand an die Brust. „Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt! Was ist denn mit dir?“ Aelia trat auf sie zu und hielt ihr beide Hände entgegen. „Hast du eine Ahnung, was das sein könnte? Es juckt und brennt fürchterlich.“ Mahdia nahm eine ihrer Hände in die eigenen und betrachtete die gerötete Haut aufmerksam. Ihre Stirn legte sich in Falten. „Hast du Brennnesseln gerupft?“ „Nein.“ „Oder irgendein anderes Kraut angefasst?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Wo warst du denn? Was hast du gemacht?“ „Ich war bei Ruben in Steinward.“ „Und dort?“ „Nichts Besonderes. Ich hab mich vielleicht einmal auf seiner Budel abgestützt. Sonst… ich wüsste nicht, was ich angefasst haben sollte.“ Mahdia drehte ihre Hand langsam hin und her. „Merkwürdig sieht das schon aus.“ Aelia nickte nur. Mittlerweile hatte das Jucken einem unangenehmen Brennen Platz gemacht. „Ich hab so etwas noch nie gehabt.“ „Sieht fast aus, als würde deine Haut irgendetwas nicht vertragen.“ Aelia schwieg. Irgendetwas nicht vertragen... Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. 

Langsam stieg sie die knarrende Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Dort setzte sie sich auf die Bettkante und ließ den Blick gedankenverloren durch den kleinen Raum schweifen. Erst da fiel ihr die silberblaue Blume ins Auge. Sie lag noch immer dort, wo sie sie am Morgen behutsam abgelegt hatte. Aelia runzelte die Stirn. Sie hob die Blume auf und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern. Eigentlich... Eigentlich war sie das Einzige, was sie angefasst hatte und woran sie sich bewusst erinnern konnte. Aber das war vor über zwölf Stunden gewesen. Mit der Blume in der Hand ging sie wieder hinunter. „Mahdia.“ Die Wirtin blickte auf. „Kennst du die?“ Sie nahm die Blume entgegen, betrachtete die silbrig schimmernden Blätter und die ungewöhnlichen blauen Blütenstände von allen Seiten, schüttelte schließlich aber den Kopf. „Noch nie gesehen.“ Sie reichte sie Aelia zurück. „Wo hast du die her?“ Aelia zögerte einen Herzschlag. „Ich... hab sie geschenkt bekommen.“ Mahdias Mundwinkel verzogen sich kaum merklich. „Von wem?“ „Nicht so wichtig.“ Die Wirtin musterte sie einen Moment länger, verzichtete jedoch darauf nachzuhaken. Stattdessen fiel ihr Blick erneut auf Aelias Hände, die inzwischen beinahe scharlachrot geworden waren. Die Quaddeln hatten sich weiter ausgebreitet, und Aelia verzog unwillkürlich das Gesicht, als das Brennen erneut aufflammte. „Ich würd an deiner Stelle zum Bader gehen. Oder zu einem Arzt.“ Aelia winkte sofort ab. „Auf keinen Fall. Für so etwas geb‘ ich doch kein Geld aus. Das geht bestimmt von allein wieder weg. Vielleicht sollte ich sie in kaltes Wasser stecken.“ Mahdia seufzte leise und verschränkte die Arme vor der Brust. Eine Weile sagte sie nichts. Dann schien ihr plötzlich ein Gedanke zu kommen. „Nimm das Ding und geh in die Hauptstraße Nummer zwölf.“ Aelia sah sie fragend an. „Was ist denn dort?“ „Der alte Basilius.“ Mahdia nickte auf die Blume in ihrer Hand. „Wenn einer weiß, was das für ein Gewächs ist und was man dagegen tun kann, dann der.“

Der freie Tag war ohnehin verloren. Was spielte da eine Stunde Fußweg noch für eine Rolle? Aelia betrachtete die silberblaue Blume einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern. Was machte es jetzt noch für einen Unterschied? Sie nahm sie wieder in die Hand und machte sich auf den Weg zur Hauptstraße. Anders als das Scherbentor lag sie beinahe im Herzen des Grauen Viertels.  Je näher sie der Hauptstraße kam, desto dichter wurde das Gedränge. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Handkarren rumpelten über das unebene Pflaster, Kinder jagten kreischend zwischen den Passanten hindurch. Die Hauptstraße war eine der Lebensadern des Grauen Viertels. Sie schlief nie. Nachdem Aelia sich zweimal durchgefragt hatte, blieb sie schließlich vor einem kleinen Laden stehen. Über der Tür hing ein verwittertes Holzschild, auf dem in kunstvoll geschwungenen Lettern geschrieben stand: Meister Basilius – Kräuter und Drogen aus aller Herren Länder. Lesen konnte Aelia die Schrift zwar nicht, doch das sorgfältig gemalte Kräuterbukett daneben sprach eine deutliche Sprache. Salbei, Fingerkraut, Schafgarbe, Mohnkapseln und Pflanzen, die selbst ihr nichts sagten, rankten sich über die verwitterte Fassade. Die Farben waren längst von Sonne, Wind und Regen ausgebleicht, dennoch erzählte das Gemälde von einer Zeit, in der dieses Haus einmal stolz gewesen sein musste. Vielleicht sogar das ganze Viertel. Aber das schien lange her zu sein. Aelia drückte die Tür auf. Ein warmer Geruch aus getrockneten Kräutern, Harzen und etwas Bitterem schlug ihr entgegen. Überall hingen Bündel von der Decke, Regale bogen sich unter Gläsern, Tiegeln und Säckchen, und zwischen all dem schien kaum noch Platz für den Menschen zu sein, dem der Laden gehörte. Meister Basilius war klein, und so schmal, dass man meinte, ein kräftiger Wind könne ihn umwerfen. Das Alter hatte seinen Rücken gekrümmt, als hätte er Jahrzehnte unter der Last unzähliger Kräutersäcke gestanden. Ein schlohweißer Haarkranz umgab seinen kahlen Schädel, und hinter einer übergroßen Sehhilfe blickten zwei erstaunlich wache, hellblaue Augen hervor. Als die Türglocke erklang, hob er den Kopf und lächelte. „Na schau einer an“, sagte er mit warmer Stimme. „Was verschlägt denn so eine junge Dame zu einem alten Kräutersammler?“ „Ich hoffe, Ihr könnt mir helfen“, begann Aelia und trat an den Verkaufstresen. „Heute Morgen haben meine Handflächen plötzlich angefangen zu jucken. Erst dachte ich mir nichts dabei. Dann wurden es Quaddeln. Ich hab gekratzt wie verrückt und jetzt tun sie schon richtig weh.“ Sie verzog das Gesicht und streckte ihm beide Hände entgegen. „Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, irgendetwas angefasst zu haben.“ Sie hielt kurz inne. „Na ja...“ Langsam hob sie die silberblaue Blume an. „Außer der hier.“ Sie zog sie zwischen Kleid und Gürtel hervor und legte sie vorsichtig auf den Tresen. Basilius rückte seine dicke Sehhilfe mit Daumen und Zeigefinger zurecht, beugte sich über die Blüte und betrachtete sie einen langen Augenblick schweigend. Dann wanderten seine Augen zu Aelias Händen. Er brummte leise. Aelia war sein Brummen unangenehm. Sie nahm an, dass er sich ärgerte, warum sie hier seine Zeit vergeudete anstatt einfach einen Arzt aufzusuchen. „Ich weiß, ich sollte eher zu einem Arzt gehen. Aber um ehrlich zu sein, ich kann mir keinen Arzt leisten…“ Sie presste betreten die Lippen zusammen und schwieg dann wieder. Basilius blickte sie über seine Sehhilfe an, lächelte und winkte mit einer Hand ab „Ich bezweifle, dass Ärzte ein Studium in Pflanzenkunde absolviert haben! Du bist schon richtig hier bei mir, das ist überhaupt kein Problem, ich helfe gerne!“ Er schob seine Sehhilfe mit zwei Fingern höher auf die Nase und beugte sich über die Blume, ohne sie anzurühren. Kaum war sein Blick auf die silbrig schimmernden Blätter gefallen, nickte er langsam. „Aha.“ Basilius zog ein altes Leinentuch aus der Schublade, legte es über die Blume und hob sie erst dann vorsichtig an. „Steinbrand! Die sollte man besser nicht mit bloßen Händen anfassen. Hübsches Ding. Gerade so hübsch, dass die Leute sie pflücken. Und gerade giftig genug, dass sie's hinterher bereuen.“ Aelia blinzelte. „Giftig?“ „Nicht sonderlich. Davon fällst du nicht tot um.“ Er legte die Blume wieder auf den Tresen. „Aber ihr Prinzip ist ähnlich wie bei Brennnesseln. Der Pflanzensaft verursacht genau solche Hautreaktionen. Erst fängt es an zu jucken, dann kommen die Quaddeln und wenn man kratzt, brennt's irgendwann wie Feuer.“ Aelia betrachtete ihre geröteten Handflächen ungläubig. „Sie sieht so harmlos aus!“ Basilius lachte leise. „Das tun die meisten Pflanzen die giftig sind. Die Natur hat einen eigentümlichen Sinn für Humor. Darf ich fragen, wie du überhaupt an diese Blume gekommen bist? Die wächst nämlich nicht überall. Aelia lächelte andächtig. „Ich habe sie geschenkt bekommen. Von einem Mann.“ Der alte Kräuterhändler hob langsam eine Augenbraue. „Hat er wohl nicht gewusst, dass sie giftig ist?“ „Ich glaube kaum, dass er das wusste.“ Unwillkürlich musste sie lächeln. „Er hat sie wahrscheinlich nur gesehen und gedacht, dass sie schön aussieht.“ Basilius nickte bedächtig. „Das verstehe ich sogar. Sie ist wirklich eine außergewöhnlich schöne Blume.“ Sein Blick fiel erneut auf die silbrig schimmernden Blütenblätter. „Nur eben eine, die man besser mit Handschuhen pflückt.“ „Man sollte sie nur mit Handschuhen pflücken.“ Aelia wollte gerade nicken. Dann hielt sie inne. Vor ihrem inneren Auge tauchte Doréan auf. Schwarze Lederhandschuhe, immer, und ohne jede Ausnahme.  Einen Herzschlag lang starrte sie die Blume an. Dann musste sie plötzlich lachen. Basilius blinzelte sie verwundert an. „Hab ich etwas Lustiges gesagt?“ Aelia schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Augenwinkel. „Nein.“ Sie lachte noch einmal auf. „Ganz und gar nicht.“ „Ich fürchte, ich verstehe nicht.“ „Der Mann, der sie mir geschenkt hat... trägt ständig Handschuhe.“ Basilius lächelte in seinen Bart. „Tatsächlich? Dann wage ich einmal eine gewagte Vermutung.“ „Welche?“ „Dass zwischen einem Mann, der ständig Handschuhe trägt, und der Silberdisteln verschenkt, ein nicht ganz zufälliger Zusammenhang besteht.“ Aelia blickte ihn mit großen Augen an „Euer Ernst?“ fragte sie ihn und nun lachte Basilius. „Aber nein. Ich würde höchstens sagen, dass Glück war ihm mehr hold als euch. Sag ihm, wenn er dir wieder eine seltsam anmutende Blume schenken möchte, sollte er durchaus seine Handschuhe anbehalten und bei mir vorbeischauen.“ Aelia kicherte. „Das wird ich ihm sagen…“ 

„Drei bis fünf Tage?“, wiederholte Mahdia ungläubig. Die dicke Wirtin betrachtete das Tiegelchen mit der Kräutersalbe und das Säckchen mit der Eichenrinde, als könne sie noch immer nicht glauben, was Aelia ihr erzählte. Aelia nickte. „Mehrmals täglich kalte Handbäder in Eichenrindensud, anschließend die Salbe auftragen und vor allem die Hände stillhalten. Basilius meinte, wenn die Quaddeln aufplatzen, kann sich alles entzünden, und dann wird’s noch schlimmer“ Mahdia blinzelte sie einen Augenblick lang sprachlos an. Langsam wanderten ihre Augen von dem Töpfchen zu Aelias Händen und wieder zurück. „Die Hände stillhalten“, wiederholte sie schließlich, als schmecke ihr jeder einzelne dieser drei Worte nicht. „Aelia, du arbeitest in einer Schenke. Wie, bei allen...“ Sie brach ab, schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Aelia zuckte die Schultern. „Basilius meint, ich soll mehrmals täglich die Hände in kalten Eichenrindensud halten und sie möglichst gar nicht benutzen.“ Mahdia starrte sie an. „Gar nicht benutzen?“ „Wenn die Quaddeln aufplatzen, kann sich alles entzünden.“ Die Wirtin riss die Augen auf. „Und wer, beim Henker, soll in der Zwischenzeit deine Arbeit erledigen?“ Aelia zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Frag Basilius.“ Mahdia schnaubte. „Den frag ich bestimmt nicht. Wie stellt sich dieser alte Kauz das denn vor? Soll ich dich auf einen Schemel setzen und den Gästen erklären, dass eine unserer Mägde gerade Pause macht, weil sie eine giftige Blume angefasst hat?“ Dann traf sie eine Erkenntnis. „Ich hab das Ding auch angefasst!“ Aelia konnte sich ein schwaches Grinsen nicht verkneifen. „Dann solltest du dir schnell die Hände waschen, vielleicht ist es noch nicht zu spät!“ Die Wirtsfrau bückte sich und wusch ihre Hände in einem Eimer Wasser, und wischte sich die derben Hände anschließend an ihrer Schürze ab. Aelia sprach weiter.  „Ich hab mir das mir auch nicht ausgesucht, Mahdia.“ „Nein, aber irgendein anderer.“ Mahdias Miene verfinsterte sich. Sie trat einen Schritt näher und deutete mit dem Kinn auf die silberblaue Distel, die unschuldig aussehend auf dem Tisch lag. „Jetzt erzähl mir endlich: Welcher Hornochse hat dir dieses verflixte Ding geschenkt?“ Aelia zögerte keinen Herzschlag. „Na, ich dachte, das müsste ich gar nicht sagen. Das liegt doch auf der Hand.“ Mahdia sah sie verständnislos an. „Na, Ruben natürlich.“ Die Wirtin schnaubte so verächtlich, dass beinahe die Strähne aus ihrer Stirn aufflog. „Na, warte“, murmelte sie. „Wenn der sich hier wieder blicken lässt, erzähl ich ihm aber was. Einer jungen Frau so ein Giftkraut in die Hand zu drücken... Hat der Bursche denn gar keinen Verstand?“ Aelia bemühte sich, nicht allzu sehr zu lächeln, setzte aber eine unschuldige Miene auf. „Er wird kaum gewusst haben, dass sie giftig ist.“ „Das hoffe ich für ihn“, knurrte Mahdia. „Denn wenn doch, dann kann er froh sein, dass ich ihn nicht zuerst in die Finger bekomme.“

Mahdia seufzte schwer und ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Also gut. Eine Woche kriegen wir irgendwie herum.“ Aelia hob erleichtert den Blick, doch die Erleichterung hielt nicht lange an. „Bezahlt wird sie dir natürlich nicht.“ „Was?“ Mahdia erwiderte ihren Blick ohne jede Häme. „Wovon denn? Vom guten Willen? Solange du nicht arbeiten kannst, verdienst du nichts. Und trotzdem muss ich jemanden finden, der deine Schichten übernimmt.“ Aelia biss sich auf die Lippe. „Das... das kann ich mir nicht leisten.“ „Ich weiß, aber das hier ist kein Almosenhaus. Nun stelle man sich das einmal vor, man würde fürs Kranksein auch noch bezahlt werden...“ Sie schüttelte den Kopf und es entstand eine kurze Stille. Mahdia trommelte nachdenklich mit den Fingern auf den Tresen. „Es gäbe eine Möglichkeit.“ Aelia sah auf. „Du arbeitest die Zeit nach.“ „Wie?“ „Vier Wochen lang gibt's für dich keinen freien Tag. Dann sind wir quitt.“ Aelia starrte sie ungläubig an. „Vier Wochen? Das meinst du doch nicht ernst.“ „Doch.“ „Das sind…“ Aelia überlegte einen Moment lang, dann ergänzte sie „…sechsunddreißig Tage am Stück!“ Mahdia zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Dann genieße die nächsten Tage nicht zu sehr und gewöhn dich besser schon mal an den Gedanken.“ „Das ist Wahnsinn, Mahdia! Ich kann doch nichts dafür!“ Mahdia hob gleichgültig die Schultern. „Hab ich das behauptet?“ „Dann ist das nicht gerecht.“ „Gerecht?“ Mahdia schnaubte. „Seit wann zahlt Gerechtigkeit meine Rechnungen?“ Aelia öffnete den Mund, doch Mahdia kam ihr zuvor. „Du kannst die nächsten Tage nicht arbeiten. Das ist Pech. Deins und meins. Ich brauch trotzdem jemanden der deine Arbeit macht. Den muss ich bezahlen.“ Sie verschränkte die Arme. „Also bezahl ich entweder zwei Leute oder ich lass dich die Tage nacharbeiten. So einfach ist das.“ „Vier Wochen ohne einen freien Tag... Und wenn ich stattdessen jeden Tag eine Stunde länger arbeite, bis es abgegolten ist?“ „Nein.“ Mahdia blieb unerbittlich. „Das Geschäft richtet sich nicht nach deinem Kopf, sondern nach den Gästen. Ich brauch dich an den Tagen, an denen hier Betrieb ist. Nicht eine Stunde länger, wenn längst keiner mehr ein Bier bestellt.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Das kannst du nicht von mir verlangen.“ Mahdia verschränkte die Arme. „Doch. Und ich tu's auch.“ Aelia wollte etwas erwidern, doch Mahdia ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Hör gut zu. Ich führe hier eine Schenke und kein Almosenhaus. Solange du deine Hände im Schoß liegen hast, verdienst du keinen einzigen Scherben. Dass ich dir deinen Lohn trotzdem weiterzahle, ist mein Angebot. Wenn dir das nicht passt, kannst du deine Schürze gleich hier auf den Tresen legen und gehen.“ „Ist ja gut, ich akzeptiere deine Entscheidung…“ murrte Aelia und erhob sich um in ihr Zimmer zu gehen.

Als sie die Tür zu ihrer kleinen Kammer hinter sich schloss, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, wie eintönig ein freier Tag sein konnte. Bis vor wenigen Augenblicken hatte sie geglaubt, Mahdias Entscheidung sei das Schlimmste an diesem Tag gewesen. Vier Wochen ohne einen einzigen freien Tag. Allein der Gedanke daran genügte, um ihr bereits heute die Laune gründlich zu vermiesen. Nun aber stand sie mitten in ihrem Zimmer, blickte auf das Bett, den einfachen Tisch und den einzigen Stuhl, der vor dem Fenster stand, und wusste mit einem Mal überhaupt nichts mehr mit sich anzufangen. Arbeiten sollte sie nicht. Die Hände pochten noch immer dumpf, und jedes Mal, wenn sie vergaß, sie zu schonen, erinnerte sie ein stechender Schmerz daran, weshalb Basilius ihr das Arbeiten verboten hatte. So blieb ihr nichts als Warten. Unwillkürlich musste sie lächeln. Vor kaum einer Stunde hätte sie noch geschworen, dieser freie Tag sei endgültig verdorben. Nun ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick immer wieder zum Fenster wanderte. Draußen stand die Sonne noch viel zu hoch. Bis zum Sonnenuntergang würden noch viele Stunden vergehen. Doréan hatte versprochen, am Abend zu kommen. Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie fragte sich, ob er wieder seine schwarzen Handschuhe tragen würde, oder ob er, nachdem er ihr reinen Wein eingeschenkt hatte, darauf verzichten würde, oder nicht. Ob er wohl ebenso aufgeregt war wie sie? Ob sein Herz so klopfte wie ihres? Sie dachte an den Leuchtturm zurück, an seine stockenden Worte, an alles, was er ihr über sich erzählt hatte. Erst jetzt, in der Stille ihrer kleinen Kammer, begriff sie nach und nach, wie viel Überwindung ihn dieses Geständnis gekostet haben musste. Ein Mann aus der Ascherinne, der ihr ohne jede Beschönigung eröffnet hatte, dass er ihr weder ein Haus noch ein sorgenfreies Leben versprechen könne. Alles, was er besaß, hatte er ihr stattdessen in wenigen schlichten Sätzen angeboten: seine Ehrlichkeit, seine Treue und das Versprechen, sie niemals schlecht zu behandeln. Je länger sie darüber nachdachte, desto wärmer wurde ihr ums Herz. Sie hatte Ruben nicht wegen eines flüchtigen Gefühls verlassen. Sie hatte ihn verlassen, weil ihr in diesem Augenblick klar geworden war, dass sie Doréan längst ihr Herz geschenkt hatte. Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, zu Millie hinüberzugehen. Es brannte ihr unter den Nägeln, ihr alles zu erzählen. Von Ruben. Von Doréan. Vom Leuchtturm. Von der silberblauen Blume, die ihr die Hände verdorben hatte. Eigentlich hätte sie am liebsten alles auf einmal herausgesprudelt. Doch kaum hatte sie sich erhoben, ließ sie sich wieder auf den Bettrand sinken. Sie war den halben Tag kreuz und quer durch das graue Viertel gelaufen. Bis rüber nach Steinward, dann wieder nachhause, dann zu Basilius in die Hauptstraße und schließlich wieder zurück zur Schenke. Allein der Gedanke, noch einmal aufzubrechen, ließ ihre Beine schwer werden. „Morgen“, murmelte sie leise. Millie lief ihr nicht davon. Also blieb sie, wo sie war.

Noch bevor die Sonne den Horizont berührte, trat Aelia aus der Schenke und ließ sich in den Torbogen sinken. Der warme Stein in ihrem Rücken hatte den ganzen Tag über die Wärme gespeichert, und irgendwo über den Dächern zogen bereits die ersten Schwalben mit ihren hellen Rufen ihre Kreise. Sie lächelte unwillkürlich. Doréan hatte gesagt, er würde am Abend kommen. Wenn die Sonne untergangen war.  Zum ersten Mal, seit sie im Grauen Viertel lebte, hatte sie das Gefühl, auf jemanden zu warten, auf den sie sich von Herzen freute. Immer wieder schweifte ihr Blick die Straße hinunter. Menschen kamen und gingen, Nachbarn kehrten mit Körben vom Markt zurück, und langsam leerte sich die Straße. Jeder dunkle Haarschopf ließ ihr Herz für einen flüchtigen Augenblick schneller schlagen, ehe sie erkannte, dass sie sich geirrt hatte. Doch sie machte sich nichts daraus bei Sonnenuntergang, hatte er gesagt. Die Sonne glitt tiefer und tauchte die Dächer in jenes warme Gold, das selbst dem grauen Viertel für einen kurzen Augenblick etwas Friedliches verlieh. Aelia war bereits vom Torbogen auf die kleine Sitzbank, dem halben Baumstamm, neben dem Schenkeneingang übergewechselt. Er würde schon kommen. Als die Sonne schließlich hinter den Dächern versank und der Himmel dünkler, richtete sie sich auf. Noch immer hielt sie bei jedem näher kommenden Schritt unwillkürlich den Atem an. Doch jedes Mal ging ein Fremder vorüber. Oder betrat Lestars Schenke. Die ersten Laternen wurden entzündet. Aus der Schenke drang Gelächter und Stimmen auf die Straße. Irgendwo klimperte ein schiefes Musikintrument aus einem Fenster und füllte die Abendluft mit Misstönen. Die Luft wurde kühler, und das Gold des Himmels wich nach und nach jenem tiefen Blau, das über die blaue Stunde hinausging. Doréan war noch immer nicht da. Aelia runzelte die Stirn. Vielleicht hatte ihn etwas aufgehalten. Vielleicht war bei der Arbeit etwas dazwischengekommen. Was arbeitete er überhaupt? Das hatte sie ihn noch nie gefragt. Vielleicht hatte er schlicht vergessen, wie spät es inzwischen war. Oder, er hatte sie vergessen? Sie versuchte, den Gedanken wieder fortzuschieben. Doch mit jeder Minute, die verstrich, fiel ihr das schwerer. Unablässig begann sie, nach jener Gestalt Ausschau zu halten, die sie inzwischen selbst aus weiter Entfernung erkannt hätte. Schwarze Handschuhe. Dunkles Haar. Dieser leicht lässige Gang. Doch nichts. Sie zog ihren Umhang etwas enger um die Schultern und blickte erneut die Straße hinunter. Wo bleibst du denn...? murmelte sie. Er wusste, dass sie wartete.

Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in ihrer Brust aus. Langsam begann sie, den gestrigen Abend noch einmal vor ihrem inneren Auge durchzugehen. Jedes Wort. Jeden Blick. Jedes Lächeln. War sie sich wirklich so sicher gewesen? Vielleicht hatte sie seine Worte ganz anders verstanden, als sie gemeint gewesen waren. Vielleicht war sie die Einzige gewesen, die in ihnen mehr gesehen hatte. Vielleicht hatte er sich auf dem Heimweg gefragt, was er da eigentlich getan hatte. Vielleicht schämte er sich. Vielleicht bereute er alles. Vielleicht war ihm erst später bewusst geworden, wem er sein Herz ausgeschüttet hatte. Einer Frau, die ihm gesagt hatte, dass ihr freier Tag bereits einem anderen gehörte und für ihn nur die Stunden blieben, die davon übrig waren. Vielleicht... Vielleicht hatte ihm das die Augen geöffnet. Er hatte schließlich einen ganzen Tag lang Zeit gehabt um nachzudenken. Vielleicht war ihm inzwischen gleichgültig geworden, ob sie auf ihn wartete oder nicht. Vielleicht war sie ihm gleichgültig geworden und er würde nie wieder kommen! Sie schloss die Augen und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Vielleicht war sie tatsächlich nur ein kurzer Zeitvertreib gewesen. Ein hübsches Mädchen, das man umwarb, solange es reizvoll war, bis der Mut verflog oder das Interesse. Sie presste die Lippen fest aufeinander. Jetzt konnte sie ihre Enttäuschung nicht mehr zurückhalten. Warum war er nicht hier? Mit einem tiefen Seufzer stemmte Aelia sich schließlich von der Bank hoch. Der Abend war längst der Nacht gewichen, und mit jedem Augenblick wurde ihr klarer, was sie bis zuletzt nicht hatte wahrhaben wollen. Doréan würde nicht mehr kommen. Sie blieb noch eine kurze Zeit auf der Straße stehen, blickte nach rechts und nach links, als würde er jetzt wirklich kommen, aber dann erkannte sie, dass es sinnlos war, und kehrte wortlos in die Schenke und schließlich auf ihr Zimmer zurück.
#37
Bilder im Kopf ❖
rabe-träge schleppte sich Doréan am nächsten Morgen aus dem Bett. Es war dunkel. Und das, obwohl es bereits helllichter Tag war. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und sah sich um. Doch irgendetwas war ungewöhnlich. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er nach Hause gekommen war. Er blinzelte und gähnte. Doch jedes Mal, wenn er die Augen öffnete, stellte er eine neuerliche Ungewöhnlichkeit fest. Das Zimmer roch seltsam. Die Decke sah irgendwie anders aus. Wenn man bedachte, unter welchem Einfluss er letzte Nacht gestanden hatte, konnte man sagen, dass er sehr gut geschlafen hatte. Wie ein Stein, mochten manche sagen. Doch nun saß er in diesem Bett und starrte an die Wand. Es sickerte nur langsam in seinen Verstand. Doch allmählich nahm der Raum Formen und Farben an. Dort war ein Vorhang. Seit wann hatte er überhaupt ein Fenster? Er hielt stutzig inne. Das Bett war weich und…er schrak hoch und sprang auf die Beine. Es war überhaupt nicht sein Bett. Es war nicht einmal sein Zimmer. Er trat an den Vorhang heran und zog ihn hastig beiseite. Das Tageslicht strömte herein und offenbarte ihm ein Zimmer, welches mit dunklen und roten Teppichen ausgelegt worden war. Keine besonders hochwertigen. Aber es verlieh dem Raum ein gewisses Ambiente. Sein Blick haftete sich auf das Bett. Dort lag doch jemand? Langsam schritt er an das Bett heran und hob die Decke an. Er bemerkte, wie sein Herz zu klopfen begann. Nervös. Immer schneller. Seine Hand zog langsam an der Decke und dann…

Das Bett war leer. Unter der Decke waren nur die Kissen und Polster gelegen. Er seufzte. Wieder trat er an das Fenster. Wo zum Henker war er hier? Und wie war er hier her gekommen? Das Fenster war mit einem alten, geölten Leinen bespannt worden. Das Licht der Sonne schien zwar hinein, doch er konnte nicht hindurch sehen. Und er fand auch keinen Haken oder Verschluss um es zu öffnen. Er seufzte abermals. Schließlich wandte er sich der Tür zu. Er öffnete sie und trat aus dem Zimmer heraus. Zunächst hielt er irritiert inne. Doch so langsam kam ihm der Ort bekannt vor. Er befand sich im »Aschemädchen«. »Verdammt.«, murmelte er. Wie war er denn hier gelandet? Er runzelte die Stirn und versuchte fieberhaft sich zu erinnern. Doch das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war sein kläglicher Versuch aus dem »Haarigen Bären« zu entrinnen. »Ah du bist wach.« Doréan erschrak und wandte sich der Stimme zu. Eine junge Frau, vermutlich kaum älter als er selbst, stand hinter ihm. Sie trug einen einfachen, schlichten Morgenmantel und lächelte freundlich. Als sie die Blicke Doréans auf sich bemerkte, zog sie den Mantel am Dekolleté etwas enger zusammen. Doch Doréan achtete kaum darauf. Er runzelte nur die Stirn und kratze sich am Hinterkopf. »Wie…warum…«, stammelte er und dann seufzte er langatmig. Sie lächelte schüchtern. »Ronïa hat dich hergebracht.« Doréan zog die Stirn in Falten. »Warum?« Da zuckte sie mit den Achseln. »Das musst du wohl sie fragen.« Sie deutete auf eine der verschlossenen Türen, am Ende des Gangs. Und dann schwebte sie, mit einem dezenten Hüftschwung an Doréan vorbei. Doch noch bevor sie den Gang verlassen hatte, wandte sie sich nochmals zu ihm um. »Wenn du Hunger hast – unten in der Stube steht noch Gerstenbrei auf dem Herd. Mit etwas Zwiebel und Speck. Doréan nickte zunächst, doch dann schüttelte er den Kopf. Sie zuckte mit den Achseln. »Wie du magst. Wir haben auch frisch gebrühten Salbeitee.« Sie lächelte matt und sah Doréan mit einem beinahe mitleidigen Blick an. Er musste hundeelend aussehen. Er erwiderte ihren Blick mit einem kurzen Lächeln. »Danke.« Es musste Mittag sein. Doréan sah sich verstohlen um. Wenn Ela ihn sehen würde, dann…Er schüttelte erneut den Kopf. Nein, auf diese Begegnung konnte er getrost verzichten. Auch wenn die Mahlzeit verlockend klang.

Gerade, als er sich zum Gehen wenden wollte, vernahm er das Knarren und Ächzen schwerer Schritte auf den hölzernen Stufen. Wenn es etwas gab, worauf er noch mehr verzichten konnte, als Ela zu begegnen, dann war es einem Freier in die Arme zu laufen. Oder gar einem Kerl, der ihn noch kannte. Instinktiv hielt er nach einem geeigneten Versteck Ausschau. Doch außer den Türen gab es hier oben nichts. Nicht einmal einen Vorhang, hinter dem er sich hätte verbergen können. Der Weg zu jenem Zimmer, aus welchem er gerade gekommen war, erschien sogar noch weiter weg zu sein, als jene Tür, auf welche die Dirne gerade gedeutet hatte. Und so hastete Doréan, ohne weiter darüber nachzudenken, zu jener Tür hinter welcher Ronïa ihre Kammer hatte. Ohne anzuklopfen, riss er die Türe auf und trat hinein. In der Kammer herrschte schummriges Licht. Doch egal wie schummrig es auch war, es war nicht dunkel genug. Ronïa stand mitten im Raum und starrte ihn mit überraschten Augen an. Und Doréan stand starr vor der Tür, welche gerade hinter ihm ins Schloss gefallen war. Ronïa fuhr erschrocken zusammen, doch als sie Doréan erkannte, da erschrak sie beinahe noch mehr. Hastig, beinahe reflexartig, zog sie eine Decke vor ihre Brust und drehte sich zur Seite. »Scheiße! Réan! Kannst du nicht anklopfen, du Holzkopf?« Sie versuchte die Decke um sich zu schlingen, doch Doréans Blicke galten nicht dem, was sie zu verbergen suchte. Sondern vielmehr hatten sie sich beinahe gebannt…oder noch eher ungläubig…auf das gehaftet, was sie ihm stattdessen offenbarte. Ihren Rücken.

Mitten zwischen den Schulterblättern verliefen blasse, helle Striemen. Seine Augen glitten über die vernarbte Haut und unwillkürlich begann er die Narben zu zählen. Eine, Drei…Fünf. Irgendwann hörte er auf zu zählen. Manche waren dünn wie mit einer Messerspitze gezogen, andere breiter, als wären sie einst von einer Peitsche auf ihre Haut gezeichnet worden. Sie waren alt. Verheilt. Doch gerade deshalb konnte er seinen gebannten Blick kaum davon abwenden. Er hatte ihre Narbe im Gesicht gekannt. Er wusste auch, wie sie ihr zugefügt worden war. Doch diese hier…davon hatte sie ihm nie etwas erzählt.

Das brutale Gemälde auf ihrer Haut hatte sich ihm förmlich in den Geist gebrannt. Ihre hastigen Versuche ihren Busen zu bedecken, und sich seinen Blicken zu entziehen geriet nur weiter in eine schier groteske und unangenehme Situation. Ronïa war sonst so verhalten. Zurückhaltend. Unauffällig. Und nun stand sie hier und versuchte verzweifelt sich Blicken zu entziehen, die sie überhaupt nicht ansahen. Zumindest nicht auf die Weise, wie sie es annahm. Doréan lief rot an, begann zu stammeln und Ronïa schnalzte ungehalten mit der Zunge. »Jetzt dreh dich schon endlich um und starr nich' so blöd, du Holzkopf!« Da erst löste er sich aus seiner Starre und wandte sich dann unbeholfen um. »Ja, warum sperrst du auch nich' zu, wenn du…« er sprach den Satz nicht zu Ende…es war ihm schon unangenehm genug sie überhaupt so gesehen zu haben…und er wusste nicht, was er überhaupt sagen sollte.

Ronïa warf sich einen Mantel über und richtete sich das Haar. Sie trat noch hastig an einen alten, vergilbten Spiegel heran. Doch das spärliche Licht machten es beinahe unmöglich, dass sie etwas erkannte. Sie seufzte. Wenn sie es nicht sah, dann sah er es auch nicht. »Du kannst dich wieder umdrehn.«, murmelte sie. »Aber schau nich' zu mir, klar?« Doréan lehnte sich an die Tür, starrte unangenehm an die Decke und seufzte. Doch schließlich senkte er seinen Blick und ihre Blicke kreuzten sich. Nur für einen Augenblick. Sie starrten sich einen Moment lang an…einen Moment, der viel zu lange anhielt. Doch dann schüttelte Doréan den Kopf. »Ich…ich wusste nicht.« Ronïa sah ihm einen merkwürdigen Blick zu. Eine Mischung aus verhaltenem Schmunzeln und sichtlichem Unbehagen. »Ich dachte du schläfst noch.«, murmelte sie und zupfte an einer Strähne, welche ihr einfach nicht gehorchen wollte. Doréan wollte die Narben auf dem Rücken zur Sprache bringen. Doch egal wie er sich die Worte zurechtlegte. Er fand keine, welche die Situation in irgendeiner Weise verbessern würden. Und so senkte er schließlich den Blick und sagte gar nichts. Er seufzte. Schließlich hob er wieder den Blick und vermied es dabei Ronïa zu sehr anzusehen. »Wie bin ich hier…« Ronïa schnaubte und ein zynisches Lachen mischte sich dazu. »Na was glaubst du denn?« Doréan schwieg. Es war natürlich offensichtlich. Die Dirne draußen hatte es ja auch schon gesagt. »Aber…warum hierher?« Ronïa seufzte. »Ich hasse den verfickten Bertram. Außerdem is der Weg zu deinem schäbigen Rattenloch noch weiter weg. Und ich wollte einfach nur von der Straße runter.« Doréan nickte verstehend. Er schenkte ihr ein kurzes, beschämtes Lächeln. »Danke.« Sie winkte ab und wedelte lapidar mit der freien Hand, während sie mit ihrer anderen den Mantel davor bewahrte sich zu öffnen. »Vergiss es einfach. Du würdest dasselbe für mich machen.« Doréan nickte. Auch wenn er sie vermutlich nicht zu sich nach Hause schleppen würde. Und das nicht wegen Bertram, den er mindestens genauso wenig ausstehen konnte, wie sie. »Ich…« Doréan wandte sich schließlich um. »Ich gehe jetzt.« Ronïa trat einen Schritt vor. Ihre Lippen öffneten sich. Nur einen Spalt. Doch dann verharrte sie und ließ den Arm sinken. Sie sagte nichts. Und Doréan verließ ihre Kammer wieder. Nun war es auf einmal nicht mehr so schlimm, wenn er Ela oder einem Vierschrötigen Hundsfott in die Arme laufen würde. Alles wäre ihm lieber gewesen, als Ronïa so gesehen zu haben…diesen Anblick würde er niemals wieder vergessen…weder ihre Narben…noch ihre Blicke…noch das, was er nicht hatte sehen sollen. Und auch nicht das Schweigen zwischen ihnen, welches ihm beinahe noch am unangenehmsten gewesen war.

Hals über Kopf türmte Doréan aus dem Aschemädchen. Er stürmte förmlich aus dem Viertel und lief so lange, bis er die Ascherinne hinter sich gelassen hatte. Er fand sich am Hafen wieder und hielt nachdenklich inne. Er hatte es verbockt. Er hatte es nicht nur verbockt, sondern absolut reingeschissen. Nicht nur, dass er Aelia offensichtlich versetzt hatte. Nein, er hatte auch noch Ronïa…nackt gesehen! Diese Bilder würde er wohl eine ganze Weile nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Das war, als hätte er seine eigene Schwester nackt gesehen. Doréan schüttelte seinen Kopf. Und warum hatte sie ihn so komisch angesehen? Das wollte ihm am allerwenigsten einen Sinn ergeben. Er seufzte. Das Schicksal trieb seine grausamen Scherze mit ihm. Er warf einen kurzen Blick in den Himmel. Die Sonne stand hoch am Himmel. Vermutlich war es gerade Mittag. Innerlich verfluchte er Raban. Auch wenn er sich ehrlich zugestehen musste, dass er an der ganzen Misere auch eine gewisse eigene Schuld zu tragen hatte. Doch was geschehen war, war geschehen. Er konnte es nicht mehr rückgängig machen. Aber vielleicht war es auch ein Wink des Schicksals gewesen? Unweigerlich musste er an Aelia denken. Was mochte sie wohl von ihm halten. Er war nicht gekommen. Hatte sie auf ihn gewartet? Und was hatte sie wohl gedacht, als er doch nicht gekommen war? Sie wollte zu Ruben gehen. Ausgerechnet Ruben. Dabei hatte Doréan sich so viel Mühe gegeben. Er ließ resignierend den Kopf hängen und trottete, wie ein geprügelter Hund, über die Kais der alten Docks.

Doch irgendwann war Doréan an einem Punkt angelangt, bei dem er sich in seinem eigenen Selbstmitleid kaum mehr ertragen konnte. Er ballte die Fäuste und biss grimmig die Zähne zusammen. Er hatte geschworen um sie zu kämpfen. Sollte er wirklich beim ersten Fehlschlag den Schwanz einziehen? Er schüttelte erneut den Kopf. Und so hob er den Blick gen Norden. Es war Mittag. Sie würde sicher in der Schenke arbeiten. Etwaige, aufkommende Zweifel verbannte Doréan sogleich wieder aus seinen Gedanken. Er musste alles auf eine Karte setzen. Wenn er sich nun verkriechen würde, dann würde er sie damit nur in die Arme dieses Ruben zurücktreiben. Und allein der Gedanke daran war ihm so zuwider, dass ein völlig neues Gefühl sich seiner bemächtigte. Trotz.

Als Doréan schließlich die Schenke erreicht hatte, blieb er einen Moment lang auf dem Hof stehen. Seine Blicke huschten suchend über den Ort. Wäsche baumelte lau im Wind. Einige Männer kamen und gingen. Doch er konnte Aelia nicht sehen. Und so betrat er schließlich die Schenke. Es herrschte ein reges Treiben und es gab kaum noch freie Tische. Doréan runzelte verwundert die Stirn. Es gab nicht viele Schenken, die sich so regen Besuches erfreuen durften. Manche hatten nur die ewig gleichen Stammkunden, die stundenlang an ihrem Bier hockten. Doch hier ging es so hektisch zu. Doréan suchte sich einen Platz, irgendwo abseits. Möglichst weit weg von der Ausschank. Und dann beginn er die Leute zu beobachten. Immer wieder sah er eine ältere Frau. Sie fegte durch die Schenke wie ein Derwisch. Sie schrie herum. Sie bellte Befehle. Alles schien nach ihrer Pfeife zu tanzen. Doch Doréan hielt nach einer anderen Frau Ausschau. Aelia.

Irgendwann trat eine junge Frau an ihn heran. Sie hatte haselnussbraunes Haar, welches sie zu einem lockeren Dutt zusammengesteckt hatte. Sie trug eine einfache Schürze und ein grünes Kleid. Sie wirkte angespannt. Beinahe gestresst. »Guten Abend.« Sie vollführte einen unbeholfenen Knicks. Als ob sie nie gelernt hatte, wie man diesen richtig ausführte. Doch Doréan fand daran keinen Hehl. Im Gegenteil. Er fand es sogar ungewöhnlich aufreizend. Immerhin hatte er selbst ja auch nie gelernt wie man einen richtigen Knicks vollführte, und daher sah er nicht die Unbeholfenheit. Sonden nur die freundliche Geste, die man den Gästen dieses Hauses entgegenbrachte. Und dies, obwohl man hier im grauen Viertel war. Und nicht in Steinward. Oder einem gar noch gehobeneren Bezirk. Doréan lächelte und die Schankmaid erwiderte sein Lächeln. Wenn auch nur zaghaft. »Was darf ich bringen?« Doréan lehnte sich etwas vor und dämpfte seine Stimme zu einem Raunen. »Eigentlich…« murmelte er. »Habe ich gar keinen Durst.« Die Schankmaid sah ihn verwirrt an. »Wir haben heute einen Rübeneintopf. Mit schwartigem Speck und Bohnen.«, eröffnete sie ihm, in der Annahme, dass er wegen des Hungers gekommen war. Doch auch dieses Mal schüttelte Doréan den Kopf, woraufhin sie ihn nicht mehr verwirrt, sondern mit einem mürrischen Blick bedachte. »Dann…«, hob sie an und warf einen verunsicherten Blick zu der Matrone, welche hinter der Ausschank gerade etwas Bier anzapfte. »Was willst du?«, murmelte sie und Doréan räusperte sich. »Wie ist dein Name?«, erkundigte sich Doréan, um ein wenig das Eis zu brechen. Doch hätte er geahnt, was seine Worte bewirken würden, hätte er vermutlich nur ein Bier bestellt. »Die Schankmaid errötete. »Wir…wir dürfen nicht mit Gästen…« Da schüttelte Doréan den Kopf. »Nein. Ich…ich versuche doch nur freundlich zu sein.« Er legte sich die offene Hand auf das Gesicht und seufzte. »Alva.«, murmelte sie leise. »Ich heiße Alva.« Da nickte Doréan zufrieden. »Und mein Name ist Doréan.« Da lächelte sie und die anfängliche Anspannung ließ langsam von ihr ab. »Also. Doréan.«, flötete sie, mit einer ruhigen Stimme. »Wir haben wirklich gutes Bier.« Doréan seufzte und nickte dann. »Dann nehme ich eins.« Sie nickte und vollführte erneut diesen unbeholfenen Knicks. Doch dieses Mal ein wenig eleganter. Und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

Doréan trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte, während er seinen Kopf auf der anderen Hand abstützte. Seine Blicke schweiften durch den Schankraum. Er beobachtete die Leute. Und vor allem beobachtete er die Schankmaid und diese Matrone. »Madiah!« rief ein Gast, welcher schon mehr als ein Bier zu viel getrunken hatte. »Deine Schankmaid ist heute echt lahmarschig!« Madiah stemmte die Hände in die Hüfte und warf dem Mann einen giftigen Blick zu. »Hüte deine vorlaute Zunge, Robert. Sonst schmeiß ich dich im hohen Bogen raus. Klar?« Der Kerl grummelte beleidigt und wedelte mit seinem leeren Humpen in der Luft herum. »Noch ein Bier!« Madiah erweckte auf Doréan einen ungemütlichen Eindruck. Sie trat an diese Alva heran und versetzte ihr einen Klaps auf den Hintern. Und dann deutete sie auf den Mann, welcher nach seinem Bier verlangt hatte. Alva stolperte unbeholfen durch die Schankstube. Nahm Bestellungen auf. Brachte das Bier. Nahm abermals Bestellungen auf. Nach geraumer Zeit trommelte Doréan noch immer auf der Tischplatte herum. Doch ein Bier hatte er bisher nicht bekommen. Doch viel schwerer als das mangelnde Bier, wog die bittere Erkenntnis. Aelia war nicht hier.

Doréan rappelte sich auf. Er verließ die Schenke und fand sich wenig später auf dem Hof wieder. Sein Blick huschte zu den Fenstern des oberen Stockwerks. Er hoffte auf ein Licht, dass dort vielleicht brannte. Ein Anzeichen, dass Aelia möglicherweise irgendwo dort oben war. Doch alle Fenster lagen in absoluter Finsternis. Er warf einen letzten Blick über die Schulter, zurück in den Schankraum. Aus den Augenwinkeln sah er wieder diese Madiah. Wie sie schimpfte und zeterte. Und dann, wie sie dieser Alva eine Ohrfeige verpasste. »Du hohle Funsen!«, schallten die Worte durch die Schenke. Aber mehr konnte er nicht verstehen, was sie ihr sonst noch an den Kopf warf. Doch das junge Ding schien die Tränen, die sie überkamen, nicht mehr zurückhalten zu können. »Was für eine Hundsfut.«, brummte Doréan. Und so langsam verstand er, warum Aelia so viel Angst vor dieser Frau zu haben schien.

Doréans Blick verfinsterte sich. Wenn Aelia nicht hier war. Dann konnte sie überall sein. Doch seine Gedanken schweiften nicht zum Markt. Nicht zum Hafen. Auch nicht zu fernen Orten, irgendwo auf der anderen Seite des Viertels. Nein. Sie schweiften ab, nach Steinward. Ein finsterer Blick übermannte ihn. »Sie wollte Ruben besuchen.«, murmelte Doréan. Wenn er gewusst hätte, wo dieser Ruben zu finden war. Dann wäre er ohne weiter darüber nachzudenken durch das Scherbentor gelaufen. Doch dies war, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen. Das graue Viertel war schon gewaltig groß. Steinward selbst war kaum kleiner. Er würde ihn niemals finden…er würde Aelia niemals finden…

Resignierend setzte sich Doréan auf die kleine Bank, welche nicht weit von der Schenke in einem kleinen Mauervorsprung stand. Er legte seine Hände in den Schoß und ließ den Kopf hängen und hing seinen Gedanken nach. Irgendwann. Irgendwann musste sie ja wieder zurück kehren. Und dann…dann würde er es nicht noch einmal vermasseln. Doch kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, da wurde ihm jäh bewusst, dass er nichts für Aelia hatte. Keinen Löwenzahn. Keine Leckerei. Ja nicht einmal eine richtige Erklärung, warum er gestern nicht erschienen war. Und so begann er zu grübeln. Was sollte er ihr nur sagen? Wie sollte er es ihr am besten erklären, dass es nicht seine Schuld gewesen war…obwohl es eigentlich doch seine Schuld gewesen war. Er seufzte. Und erneut warf er einen Blick in den Himmel. Das Licht der Sonne färbte sich bereits rötlich. Der Sonnenuntergang stand bevor. Doch von Aelia hatte er nicht das geringste Anzeichen gesehen.

Eine Frau verließ die Schenke. Doréans Herz machte einen Sprung und er hob den Blick. Doch als er erkannte, dass es nicht Aelia gewesen war, sondern diese Alva da sank er wieder enttäuscht in sich zusammen. Seine Blicke hafteten sich wieder auf seine Schuhe, welche ihm in den letzten Stunden das einzige gewesen waren, was er angestarrt hatte. Er konnte diese vermaledeiten Schuhe langsam nicht mehr sehen. Aber dann näherten sich ihm bedächtige Schritte. Der Saum eines Rockes kam in sein Blickfeld. Und da hob er langsam den Kopf. Aelia…Nein. Alva. Sie stand vor ihm. Mit den Händen vor ihrem Schoß zusammengelegt. Sie sah ihn mit einem neugierigen Blick an und lächelte dann freundlich aber verhalten. »Darf ich mich setzen?«, erkundigte sie sich. Doréan nickte gedankenverloren und rutschte ein wenig zur Seite, um der jungen Frau etwas Platz zu lassen. Alva strich sich ihr Haar hinters Ohr und bedachte Doréan mit einem neugierigen Blick. Doréan hingegen schenkte ihr kaum Beachtung und starrte weiter auf seine Schuhe. Alva hingegen wirkte ein wenig unentschlossen und schwieg einen Augenblick. Schließlich räusperte sie sich und erregte so Doréans Aufmerksamkeit. Er hob den Blick und sah sie fragend an. Ihre Augen waren hell. Grau oder Grün. In dem späten Licht des Sonnenuntergangs konnte er es nicht genau sagen. »Du sitzt hier schon den ganzen Tag.« Doréan hob die linke Augenbraue. »Ach wirklich?« Sie nickte und die Haarsträhne, welche sie sich zuvor aus dem Gesicht gestrichen hatte, fiel ihr wieder ins Gesicht. »Wartest du auf jemanden?« Sie sah ihn neugierig an, und ihr Mund vollführte ein kurzes, verhaltenes Lächeln. »Ja.«, antwortete er und seufzte dabei. »Kenne ich sie?«, murmelte Alva und legte sich dabei wieder ihre Hände in den Schoß. Die Anzeichen…Doréan war ein Holzkopf. So wie Ronïa es ihm immer wieder sagte. Er bemerkte sie einfach nicht. Wie sollte er auch? Er hob den Kopf und sah Alva in die Augen. »Ich denke schon.«, da grinste er und Alva schien dabei zu erröten. Sie schlug die Augen nieder und Doréans Grinsen wurde noch ein wenig breiter. »Sie heißt Aelia.«
#38
Gossenkinder ❖
rabe-die Nacht hatte ihr wenig Schlaf und kaum Ruhe gebracht. Kaum, dass ein Gedanke vorübergezogen und gedanklich abgearbeitet war, hatte sie sich auf die andere Seite gedreht und gehofft, der Schlaf würde die Gedanken endlich zum Schweigen bringen. Doch kaum schloss sie die Augen, sah Doréan wieder vor sich, oben auf dem Leuchtturm, wo der Wind mit seinen Haaren spielte und er mit einer Ehrlichkeit von sich gesprochen hatte, die ihr noch immer das Herz zuschnürte. Und immer wieder drehten sich dieselben Gedanken in ihrem Kopf umher: Er hatte nichts beschönigt. Kein einziges Mal hatte er versucht, sich größer zu machen, als er war. Er hatte ihr erzählt, wer seine Mutter gewesen war. Was er war. Woher er kam. Dass er ihr weder ein Haus noch Wohlstand versprechen könne. Nur sich selbst. Und was hatte sie letzten Endes darauf erwidert? Nichts. Je länger sie wach gelegen hatte, desto unerträglicher war ihr die Erinnerung geworden. Sie hatte ihm am Ende des Tages erklärt, dass sie ihren freien Tag bereits mit Ruben verbringen würde. Und dann hatte sie gesagt, am Abend könne er ja vorbeikommen. Am Abend. Aelia vergrub das Gesicht in den Händen und verzog schmerzhaft das Gesicht, als die gereizte Haut ihrer Hände zu brennen begann. Wie musste das nur auf ihn gewirkt haben? Gestern war ihr das noch ganz selbstverständlich erschienen. Schließlich hatte sie Ruben versprochen, ihn zu besuchen. Natürlich wollte sie dieses Versprechen halten. Doch inzwischen sah sie das Gespräch mit völlig anderen Augen. Für Doréan musste es geklungen haben, als gehöre ihr freier Tag einem anderen Mann, während für ihn gerade noch die Stunden übrigblieben, die auch keine Rolle mehr spielten.  Dieser Gedanke bohrte sich tief in ihr Herz. Vielleicht hatte sie ihn in genau dem Augenblick verletzt, in dem er sich ihr so schutzlos gezeigt hatte wie noch keinem Menschen zuvor? Und wenn das stimmte... Vielleicht hatte er dann gar nicht anders gekonnt. Dann war sein Fernbleiben völlig nachvollziehbar gewesen. Und eine deutliche Antwort darauf was er von ihr hielt.

Als Aelia an Millies Tür im gewohnten Klopfzeichen klopfte, dauerte es nur einen Augenblick, bis von drinnen Schritte zu hören waren. „Aelia?“ Noch während die Tür aufschwang, hatte Millie ihren Namen bereits ausgesprochen. Erst als ihr Blick auf Aelias Gesicht fiel, verschwand das Lächeln aus ihren Zügen. Aelia fiel ihrer Freundin um den Hals „Oh Millie“ murmelte sie und Millie legte ihr eine Hand in den Rücken. Eine Weile hielt sie sie fest, dann drückte sie sie von sich und fragte „Was ist passiert? Komm rein, setz dich!“ Aelia folgte ihr wortlos und nahm an einem der Stühle Platz. Auf dem Tisch dampfte noch ein Becher Kräutertee, daneben lag ein halb geflicktes Kleidungsstück, Nadel und Faden ordentlich daneben abgelegt. Millie stellte einen Becher vor Aelia und goss ihr Kräutertee ein. Sie legte den Kopf leicht schief und betrachtete sie „Du schaust furchtbar aus…“ Aelia starrte sie einen Moment lang an. „So fühl ich mich auch.“ Millie zog den zweiten Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Dann griff sie wieder nach ihrem Nähzeug. „Lass dich davon nicht stören, ich muss das noch fertig flicken“ murmelte sie und stach die Nadel durch den Stoff. Dann blickte sie kurz wieder auf. „Also?“ Aelia atmete tief durch. „Ich hab mit Ruben Schluss gemacht.“ Millie sah von ihrer Näharbeit auf und es wirkte, als schien sie diese Nachricht kaum zu überraschen.  Stattdessen lächelte sie nur leise. „Ich sollte jetzt wohl die Augen aufreißen und „Nein!“ rufen, oder? Aber ich gebe zu, es überrascht mich nicht.“ „Nicht?“ hakte Aelia nach, die zugegebenermaßen ein wenig enttäuscht war, dass diese in ihren Augen weltbewegende Neuigkeit Millie in keiner Weise aus der Reserve lockte. Millie schüttelte betont den Kopf, was ihre Locken hin und her tanzen ließ. „Das hat doch ein Blinder gesehen, dass dein Herz längst nicht mehr bei Ruben war, seit du begonnen hast von Doréan zu erzählen. Ich hätte nur nicht gedacht, dass dein Verstand so schnell hinterher kommt.“ Jetzt zeigte sie sie ihr für eine Sekunde neckisch die Zunge und verbesserte sich „Ich meinte ich hätte gedacht es dauert länger, bis du es dir erstens eingestehst und zweitens, bis du handelst.“ Sie blickte sie forschend an und wartete, dass Aelia weitersprach, doch Aelia tat es nicht. Schließlich fragte sie „Und was ist jetzt das Problem an der ganzen Sache?“ Aelia senkte den Blick und starrte auf die Oberfläche des Kräutertees aus dem immer noch wabernde Dampfschwaden stiegen. „Ich denke, ich habe einen großen Fehler gemacht.“ „Meinst du etwa, du hättest nicht mit Ruben Schluss machen sollen?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein, das meinte ich nicht. Ich meine ich glaube, ich habe Doréan gekränkt.“ Das Lächeln verschwand aus Millies Gesicht. „Erzähl.“ Aelia schwieg einen Moment. Sie wusste kaum, wo sie anfangen sollte. Die letzten beiden Tage waren beinahe wie ein Sturm über sie hinweggefegt. Schließlich hob sie den Blick. „Weißt du noch, als ich dir erzählt habe, dass Doréan ständig Handschuhe trägt?“ Millie nickte. „Ja.“ „Gestern... hat er sie ausgezogen.“  Millie runzelte die Stirn. „Einfach so?“ „Nein.“ Aelia schüttelte langsam den Kopf. „Er hat mir gezeigt, warum er sie trägt.“ Aelia erzählte vom Leuchtturm. Davon, wie sie dort oben nebeneinander gesessen und auf das Meer hinausgeblickt hatten, während Doréan plötzlich ungewohnt still geworden war. Sie berichtete, wie er schließlich einen seiner schwarzen Handschuhe ausgezogen und ihr die verstümmelte Hand gezeigt hatte. Von dem fehlenden Finger. Von der Scham, die ihn sein ganzes Leben begleitet hatte. Millie sagte kein Wort. Sie hörte einfach nur zu. Und Aelia erzählte weiter. Wie Doréan ihr gestanden hatte, dass seine Mutter eine Hure gewesen war. Dass er in der Ascherinne geboren und aufgewachsen war. Dass er ihr weder ein eigenes Haus noch ein sorgenfreies Leben versprechen könne, weil er all das selbst nicht besaß. „Er hat gesagt“, fuhr Aelia leise fort, „dass er mir nichts bieten könne. Nur, dass er mich immer gut behandeln würde. Dass er niemals die Hand gegen mich erheben würde. Und...“ Sie lächelte schwach. „...dass er mich wie eine Königin behandeln würde, wenn er könnte.“ Je weiter sie sprach, desto stiller wurde Millie. Kein einziges Mal unterbrach sie ihre Freundin. Nur ihre Augen wurden mit jedem Satz ein wenig größer. Als Aelia geendet hatte, herrschte eine Weile Schweigen. Schließlich lehnte Millie sich langsam zurück. „Das... hat er dir alles erzählt?“ Aelia nickte. „Ja.“ „Einfach so?“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Aelias Gesicht. „Nein. Nicht ganz, aber ich habe ihm auch dafür Geheimnisse von mir offenbart.“ Millie schwieg noch einen Moment, ehe sie leise den Kopf schüttelte. „Der Kerl ist bis über beide Ohren verliebt.“ Aelia schluckte. „Das hab ich auch geglaubt.“ „'Geglaubt'?“ wiederholte Millie. Aelia senkte den Blick. „Ich hab ihm gesagt, dass ich heute frei habe... aber den Tag mit Ruben verbringen werde.“ Millie zog die Brauen zusammen. „Was? Und?“ „„Ich hab ihm gesagt, er könne ja am Abend kommen.“ Sie senkte den Blick. „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr schäme ich mich dafür.“ „Warum?“ „Weil es klingt, als wäre Ruben das Wichtigste gewesen... und Doréan hätte nehmen dürfen, was davon übrig blieb.“ „Gestern ist mir das gar nicht aufgefallen. Aber heute Nacht... ich hab die ganze Zeit daran gedacht.“ Sie hob den Blick wieder zu Millie. „Verstehst du? Für mich war das selbstverständlich. Ich hatte Ruben den Tag versprochen. Natürlich wollte ich dieses Versprechen halten.“ Sie rang nach Worten. „Aber für Doréan...“ Sie verstummte. Langsam schüttelte Aelia den Kopf. „Er ist nicht gekommen. Ich habe lang auf ihn gewartet.“ Millie sagte nichts und wieder herrschte Stille zwischen ihnen. Aelia starrte auf ihre Hände. „Ich glaube... ich habe ihn genau in dem Moment zurückgestoßen, als er mir sein Herz geschenkt hat.“ Ihre Stimme brach. Sie biss sich auf die Lippen, doch es war zu spät. Eine einzelne Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und lief lautlos über ihre Wange. Millie schwieg. Sie betrachtete Aelia einen langen Moment, stand schließlich auf, eilte um den Tisch herum und legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. „Ach, Aelia...“ Mehr sagte sie zunächst nicht. Sie wartete einfach, bis Aelia den Kopf hob. „Du weißt doch gar nicht, warum er nicht gekommen ist.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich kanns mir denken.“ „Dann tu dir selbst nicht den Gefallen, dir ausgerechnet den schlimmsten Grund auszusuchen.“ Aelia sah sie mit geröteten Augen an. „Vielleicht hat er sich tatsächlich vor den Kopf gestoßen gefühlt, und braucht einfach Zeit. Mann, du weßst doch wie Männer sind!“, räumte Millie ein. „Vielleicht ist aber auch etwas ganz anderes dazwischengekommen. Vielleicht musste er arbeiten. Vielleicht brauchte irgendjemand seine Hilfe. Vielleicht ist einfach irgendetwas passiert, womit keiner gerechnet hat.“ Sie lächelte sanft. „Es gibt tausend Möglichkeiten. Warum glaubst du ausgerechnet an die, die dir am schlimmsten vorkommt?“ Aelia wischte sich mit dem Handrücken über die Wange und zog geräuschvoll die Nase hoch. „Vielleicht hast du recht.“ „Natürlich hab ich recht.“ Millie grinste schief. „So“, erklärte Millie schließlich und klatschte entschlossen in die Hände, „genug gegrübelt.“ Aelia hob den Blick. „Du hast heute frei. Ich hab heute frei. Und bevor du den restlichen Tag in meiner Kammer sitzt und dich mit Schuldgefühlen auffrisst, gehen wir jetzt raus.“ „Mir ist eigentlich gar nicht danach.“ Milie schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Eben deshalb!“


Wenig später schlenderten sie nebeneinander durch die kleinen Gassen des Grauen Viertels, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Millie schien jede zweite Person zu kennen. Kaum zehn Schritte vergingen, ohne dass sie jemanden grüßte, ein paar Worte wechselte oder sich den neuesten Tratsch erzählen ließ. Aelia hörte meist nur mit halbem Ohr zu, doch allein Millies unermüdliche Art zu plaudern tat gut. Sie verlangte keine Antworten. Es genügte ihr, dass Aelia neben ihr herlief und sie ohne Pause plaudern konnte. Schließlich ließen sie sich an einem alten Brunnen nieder, dessen steinerner Rand von Kindern belagert wurde. Zwei kleine Jungen spritzte sich mit Wasser an, während eine alte Frau schimpfend hinter ihnen herfuchtelte und damit genau das Gegenteil dessen erreichte, was sie beabsichtigte. Millie beobachtete das Schauspiel grinsend. Sie blieben eine Weile sitzen, bis die Sonne höher gestiegen war und der Platz sich allmählich leerte. Danach zog Millie sie weiter zum Lumpenmarkt. Zwischen schiefen Holzständen stapelten sich ausgebesserte Stiefel, mit Flicken ausgebesserte Umhänge, umgenähte Kleider, alte Ledergürtel, und allerlei Dinge, die schon bessere Tage hinter sich hatten. Händler priesen lautstark ihre Waren an und feilschten um jeden Nagel. Schließlich blieb Aelias Blick an einem Paar schwarzer Lederhandschuhe hängen. Das Leder war vom Alter stumpf geworden, an den Fingerspitzen zeigten sich feine Risse, und doch erinnerte ihr Anblick sie augenblicklich an Doréan. Millie bemerkte natürlich, sagte jedoch nichts. Stattdessen zog sie Aelia sanft am Ärmel weiter. „Komm.“ Am Ende des Marktes kaufte sie von einem alten Händler zwei Äpfel, die sie an ihrem Busen sauber rieb und einen grinsend an Aelia weiterreichte.
Jede von ihnen mit einem Apfel in der Hand, so schlenderten sie weiter durch das Viertel. Sie blieben hier und da stehen, beobachteten das geschäftige Treiben auf den Straßen und als sie wenig später an einem kleinen Blumenstand vorbeikamen, verlangsamte Aelia unwillkürlich ihre Schritte. Zwischen Ringelblumen, Kornblumen und wilden Kräutern standen einige Töpfe mit Kletterosen. Die Blüten leuchteten in kräftigem Rot, zartem Rosa und hellem Weiß. Sie blieb stehen. „Schön, nicht?“, fragte Millie leise. Aelia nickte. „Ich hätte irgendwann gern einen.“ „Einen Rosenstock?“ fragte Millie und Aelia nickte. „Und ein kleines Haus. Und im Hinterhof an einem Rankgitter eine solche Kletterrose. Sie sind sehr teuer, aber sie wuchern wie Unkraut. Ein, zwei Jahre später ist schon alles berankt.“  Millie betrachtete sie einen Augenblick von der Seite. „Ich hab immer gedacht“, sagte sie nachdenklich, „du ziehst irgendwann fort...“ Aelia antwortete nicht. „Raus aus dem Grauen Viertel. Irgendwohin, wo die Häuser nicht schief stehen und die Leute nicht jeden zweiten Tag ums Überleben kämpfen. Nach Steinward zum Beispiel.“ Wieder schwieg Aelia. Millie lächelte. „Vielleicht wird's ja doch ein Rosenstock im Grauen Viertel.“ Aelia hob langsam den Blick zu ihr. Zum ersten Mal, seit sie Doréan kennengelernt hatte, erschien ihr dieser Gedanke gar nicht mehr so abwegig. Aber nun sah alles wieder anders aus… Gerade als sie den Blumenstand hinter sich ließen, hörte Millie plötzlich jemanden ihren Namen rufen. Sie drehte sich um, lächelte breit und winkte. „Hans!“


Ein kräftig gebauter Mann mit offenem, gutmütigem Gesicht kam auf sie zu. Seine Kleidung war schlicht und an den Ärmeln von der Arbeit bereits etwas verschlissen, doch sein Lächeln wirkte so ehrlich, dass Aelia ihn auf Anhieb sympathisch fand. „Das ist Hans“, erklärte Millie, als er bei ihnen angekommen war. „Ein alter Bekannter von mir.“ Hans nickte Aelia freundlich zu. „Freut mich.“ „Mich ebenfalls.“ Kaum waren die ersten Höflichkeiten gewechselt, schlenderte er ein Stück des Weges mit. Er erzählte irgendeine Begebenheit aus seinem Arbeitsalltag, über die Millie lauthals lachen musste, und obwohl Aelia zunächst nur zuhörte, bemerkte sie bald, wie gut ihr diese ungezwungene Unterhaltung tat. Als Hans einen Moment vorausging, weil ihn ein Händler am Straßenrand zum Probieren seiner Ware überreden wollte, beugte Aelia sich neugierig zu Millie. „Woher kennst du ihn eigentlich?“ Millie grinste. „Aus dem Bordell.“ „Wie bitte?“ „Hans war früher Stammgast.“ Aelia warf dem gutmütigen Mann einen ungläubigen Blick hinterher. „Und jetzt... seid ihr Freunde?“ Millie musste lachen. „Das klingt, als wäre das etwas Ungewöhnliches.“ „Ja, das ist es auch irgendwie.“ Millie schüttelte den Kopf. „Ach was. Nur weil ein Mann einmal zu mir gekommen ist, heißt das doch nicht, dass ich ihm fortan aus dem Weg gehe. Aber Hans dagegen war ein Sonderfall. Ich glaube, der arme Kerl hat in all den Monaten mehr geredet als alles andere.“ Aelia hob überrascht die Brauen. „Geredet?“ „Stundenlang.“ Millie schmunzelte bei der Erinnerung. „Der hat sich über seine Arbeit beklagt, über seinen Meister, über Nachbarn, über seinen Bruder...  Aelia musste lachen. „Und dafür hat er bezahlt?“ „Dafür, dass ihm endlich mal jemand zugehört hat. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, der steht nicht mal auf Frauen…“ zwinkerte Millie Aelia zu. 

Bevor Aelia sich versah, begann die Sonne bereits langsam hinter den Dächern des Grauen Viertels zu versinken und tauchte die schiefen Häuserfassaden in warmes, bernsteinfarbenes Licht. „Siehst du?“, sagte Millie nicht ohne Genugtuung. „Ich hab dir doch gesagt, dass es besser ist, den Tag nicht allein in deiner Kammer zu verbringen. Du siehst schon viel besser aus.“ Aelia lächelte. „Du hattest recht.“ „Wie so oft.“ Millie lachte zufrieden, hakte sich bei ihr unter. „Komm. Hans und ich bringen dich noch bis zur Schenke am Ende muss keiner von uns Mädels alleine nach Hause gehen, das macht Hans doch gerne, oder?“ Er nickte und so gingen sie durch die Gassen und Straßen Richtung Hafen, in der Lestars Schenke stand. Als sie in die Gasse einbogen und die Schenke in Sicht kam, wanderte Aelias Blick beinahe unwillkürlich zu jener Bank neben dem Torbogen, auf der sie am Abend zuvor so lange vergeblich gewartet hatte, auf einen Mann gewartet hatte, der nicht gekommen war. Im ersten Augenblick glaubte sie, sich zu täuschen. Auf der Bank saß Doréan. Mitten im Schritt blieb sie stehen. „Millie...“ zischte sie. Millie und Hans wandten sich gleichzeitig zu ihr um. „Was ist?“ "Auf der Bank... das ist Doréan!" Sie hob nur langsam den Arm und deutete wortlos zur Schenke hinüber. Millie folgte ihrem Blick. Für einen Moment schien Aelias Welt stillzustehen. Er war gekommen. Nicht gestern. Heute. Hatte er den Tag verwechselt? Hatte sie sich missverständlich ausgedrückt? Hatte er den heutigen Tag gemeint? Es war Sonnenuntergang und Doréan war da.  Ein warmes Ziehen durchströmte Aelias Brust. All die Vorwürfe, die sie sich seit dem Morgen gemacht hatte, all die schlaflosen Stunden, in denen sie sich eingeredet hatte, ihn mit ihren unbedachten Worten verletzt und für immer von sich gestoßen zu haben, schienen mit einem Mal ihre Bedeutung zu verlieren. Er war gekommen. Vielleicht hatte sie sich doch geirrt. Vielleicht... Das zaghafte Lächeln, das sich eben noch auf ihre Lippen legen wollte, erstarrte. Doréan war nicht allein. Neben ihm saß Alva. Die junge Schankmaid hatte sich ihm leicht zugewandt. Aelia konnte auf diese Entfernung nicht verstehen, worüber sie sprachen, doch sie sah, wie Alva plötzlich lachte und mit einer selbstverständlichen Bewegung in Doréans Haar griff. Einen Augenblick lang hielt sie inne, als suche sie nach etwas, dann zog sie einen kleinen trockenen Halm zwischen seinen dunklen Strähnen hervor und hielt ihn grinsend in die Höhe. Selbst auf diese Entfernung erkannte Aelia das dankbare Lächeln, das über sein Gesicht huschte. Alva lachte erneut. Aelia spürte, wie ihr Herz schwer wurde. „...Das ist Doréan?“ Millies Stimme klang leiser als sonst. Aelia nickte kaum merklich. „Und wer ist das Mädchen?“ „Das ist Alva, sie arbeitet mit mir in der Schenke.“ Millie betrachtete die beiden schweigend. Niemand sagte etwas. Man hörte nur das ferne Stimmengewirr der Hauptstraße und irgendwo das Klappern eines Wagens über das Kopfsteinpflaster. Gerade sagte Doréan offenbar etwas, das Alva erneut zum Lächeln brachte. Millie verzog den Mund. „Also...“ Sie ließ sich mit ihrer Antwort Zeit, als wolle sie sich erst ganz sicher sein. „…so hab ich mir einen Mann nicht vorgestellt, der gestern noch um dich kämpfen wollte. Dachte, der ist so verliebt in dich?“ Der Satz traf Aelia unvorbereitet. Sie hätte widersprechen wollen. Sie hatte seine Worte gehört. Hatte gesehen, wie schwer es ihm gefallen war, den Handschuh auszuziehen und ihr alles zu erzählen. Sie wusste, dass kein Mensch sich so schutzlos machte, wenn ihm der andere gleichgültig war. Und doch... Gestern hatte sie bis spät am Abend auf eben dieser Bank gesessen. Und heute saß dort Alva. Millie beobachtete die beiden weiter und stemmte eine Hand in die Hüfte, ein Auge leicht zugekniffen.  „Schau ihn dir an.“ Aelia hätte den Blick am liebsten abgewandt. Sie konnte es nicht. Vielleicht hatte Millie recht. Vielleicht hatte Doréan sich längst damit abgefunden. Vielleicht war sie wirklich nur ein flüchtiger Augenblick gewesen. Vielleicht hatte er sich gestern Abend wirklich gedacht, dass eine Frau, die ihren freien Tag selbstverständlich einem anderen Mann schenkte und ihm lediglich den Abend übrigließ, die Mühe nicht wert war. Je länger sie hinsah, desto vernünftiger erschien ihr dieser Gedanke. Sie hatte ihn verletzt. Und nun zog er weiter. „Ist doch egal, Millie…“

Millie atmete hörbar aus. „Nein, Aelia, es ist nich egal!“ Ihre Stimme hatte plötzlich einen Ton angenommen, den Aelia nur zu gut kannte. „So nicht.“ Noch ehe Aelia begriff, was sie vorhatte, setzte Millie sich bereits in Bewegung und marschierte mit entschlossenen Schritten über die Straße. „Millie...“ rief Aelia leise. Keine Reaktion. „Millie! Nein!“ Aelia machte einen halben Schritt nach vorn, blieb dann jedoch wie angewurzelt auf er anderen Straßenseite stehen. Sie wusste genau, dass es zwecklos war. Nämlich genau jetzt. Wenn Millie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich von niemandem mehr aufhalten. Mit jedem Schritt, den Millie auf die Schenke zulief, kochte ihre Wut höher. Vor der Bank blieb sie stehen, stemmte die Hände in die Hüften und funkelte Doréan an. „Du bist Doréan?“ Er hob überrascht den Kopf. „Ja...?“ „Ja, dachte ich mir schon. Weißt du... ich hab mir den Kerl, wegen dem meine beste Freundin den ganzen Tag fix und fertig war, irgendwie anders vorgestellt.“ Aelia lief jetzt über die Straße und packte ihre Freundin am Arm und sie zur Räson zu bringen. „Millie, bitte, hör auf...“ raunte sie, doch davon wollte die Dirne nichts wissen. „Nein! Jetzt halt du auch mal den Rand!“ Dann wandte sie sich wieder Doréan zu.  Sie zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Bank. „Genau da hat sie gestern gehockt! Den halben Abend! Und hat auf dich gewartet! Jedes Mal, wenn irgendwo Schritte zu hören waren, hat sie geglaubt, jetzt kommst du endlich um die Ecke.“ Millie machte einen Schritt nach vorn. „Und weißt du, was heute war? Heute durfte ich mir anhören, dass das alles ihre Schuld gewesen sein soll! Dass sie dich verletzt hat! Dass sie dich vor den Kopf gestoßen hat! Dass sie alles kaputtgemacht hat!“ „Ich hab den ganzen verdammten Tag gebraucht, dass sie wieder lacht. Und wofür eigentlich?“ Ihre Stimme wurde lauter und sie deutete mit dem Finger auf Aelia. „Weißt du überhaupt, was sie gestern getan hat? Sie hat Ruben den Laufpass gegeben. Wegen dir! Weil sie geglaubt hat, dass du's ernst mit ihr meinst!“ Mit einer heftigen Kopfbewegung deutete sie auf Alva. „Und keinen Tag später hockst du schon da und machst du‘s dir mit irgendeinem billigen Flittchen gemütlich. Hättest du dir dafür nicht wenigstens eine andere Schenke aussuchen können, du Lappen?“ Dann blickte sie die Schankmaid an. „Und du? Musstest ausgerechnet den nehmen? Gab's im ganzen Grauen Viertel keinen anderen?“ Alva machte Anstalten aufzustehen. Millie drückte ihr kurzerhand die Hand gegen die Schulter. „Nein, sitzenbleiben, ich bin noch nicht fertig.“ Als Alva den Mund aufmachte, schnitt Millie ihr sofort das Wort ab. „Halt den Mund. Keiner will hören was du zu sagen hast!“ Erst dann wandte sie sich wieder Doréan zu. „Wenn du Aelia nicht willst, dann hättest du wenigstens den Arsch in der Hose haben können, ihr das ins Gesicht zu sagen! Aber sie warten zu lassen, dass sie sich die ganze Nacht den Kopf zerbricht, und am nächsten Tag schon mit einer anderen vor der Schenke zu hocken...“ Sie spuckte ihm verächtlich vor die Füße. „...das ist einfach nur erbärmlich.“
#39
Katzen und Miezen ❖
rabe-je länger Doréan auf der Bank verweilte, desto unruhiger wurde er. Er starrte seine Füße an. Er starrte Löcher in die Luft. Er begann mit dem Bein zu wippen. Er zählte die losen Pflastersteine auf der Straße. Dieses unerträgliche Warten stellte seine Geduld auf eine harte Probe. Die Zeit verging quälend langsam, doch für Doréan kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Die Sonne sank langsam immer tiefer und Doréan verharrte auf der Bank. In der stillen Hoffnung, dass Aelia jeden Moment über die Straße laufen würde. Er hatte genug Zeit gehabt, sich eine Ausrede auszudenken. Eine Ausrede, die nicht wie eine halbherzige Ausrede klang. Ein triftiger Grund, warum er gestern nicht gekommen war.

Alvas Erscheinen war ihm in gewisser Weise eine willkommene Ablenkung gewesen. Zwar hatten sie zuerst nur schweigend nebeneinander gesessen. Doch als Alva ihn schließlich in ein Gespräch verwickelt hatte, waren Doréans wild kreisende Gedanken, zumindest für eine Weile, abgelenkt gewesen. Die Zeit verging nicht mehr wie zäh fließender Honig, der langsam durch ein Stundenglas rann. Als Alva allerdings erfuhr, dass es Aelia war, auf welche Doréan wartete da lächelte sie verlegen. »Aelia?«, hakte sie nach und Doréan nickte. Für einen Moment sagte sie nichts mehr. Dann lehnte sie sich leicht zurück. Schließlich seufzte sie und begann mit ihren Händen, die nach wie vor in ihrem Schoß lagen, herum zu nesteln. »Das hätte ich jetzt nicht erwartet.« Doréan hob den Kopf und sah sie mit einem fragenden Blick an. »Wieso. Was meinst du?« Da lächelte Alva. »Vielleicht weißt du es ja nicht…«, murmelte sie dann und strich sich wieder diese störrische Strähne aus dem Gesicht, welche immer wieder in ihr Gesicht fallen wollte. »Aber ich habe gehört…sie is doch mit Ruben zusammen?« Da seufzte Doréan und lächelte wissend. »Ja, das weiß ich.« Er grinste breit und lehnte sich nun ebenfalls auf der Bank zurück. Er lehnte sich gegen die warme Mauer, welche den ganzen Tag über von der Sonne erwärmt worden war, und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Alva hingegen sah Doréan mit sichtlicher Verwirrung an und schüttelte dann den Kopf. »Und trotzdem…« Doréan ließ sie gar nicht erst zu Ende sprechen. »Ja, das schreckt mich doch nich'.« Er grinste noch breiter. Doréans Grinsen schien auf Alva abzufärben und sie begann nun ebenfalls zu lächeln. »Aelia ist ja auch hübsch. Kein Wunder, dass die Männer bei ihr Schlange stehen.« Da runzelte Doréan die Stirn und schnalzte mit der Zunge. Er schüttelte missbilligend den Kopf. Ihre Worte klangen, als ob er nur ihres Aussehens wegen einen Narren an ihr gefressen hätte. »Nein. Ich…«, murmelte Doréan und seufzte. »Also…ja Aelia is hübsch.« Er lächelte unbeholfen. »Aber deswegen steh ich nich' bei ihr Schlange…« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Und überhaupt. Ich steh doch nich' Schlange!« Da kicherte Alva. »Nein. Du sitzt nur den ganzen Tag auf der Bank.« Doréan hob an, etwas darauf zu sagen. Doch sie hatte ihn sichtlich entwaffnet und ihm wollte darauf keine rechte Antwort einfallen. Natürlich ließ sich nicht von der Hand weisen, dass Aelia eine schöne Frau war. Alva hingegen senkte den Blick und sah auf ihre Hände hinab. Vielleicht fühlte sie sich gerade wie eine Närrin. Würde man sie in diesem Augenblick fragen, warum sie sich neben Doréan gesetzt hatte, dann könnte sie darauf gar keine ehrliche Antwort geben. Sie war einfach einem inneren Impuls gefolgt. Doch nun, da sich herauskristallisiert hatte, dass Doréans Herz an Aelia vergeben war, da seufzte sie innerlich. Er wirkte freundlich. Das war, im grauen Viertel selten. Vielleicht war es auch einfach der Umstand, dass ihr Tag heute nicht besonders erquickend verlaufen war. Ganz im Gegenteil. Madiah hatte sie heute geschlagen. Zwei Mal! Und vor allen Leuten zur Schnecke gemacht. Vielleicht hatte sie einfach nur die Gesellschaft eines augenscheinlich netten Menschen gesucht. Mehr nicht. Oder doch?

Sie hob wieder den Blick. »Ich wünschte es gäbe einen Mann, der den halben Tag vor der Schenke auf mich warten würde.«, murmelte Alva verlegen und senkte wieder den Blick. Hatte sie das gerade laut gesagt? Sie kniff ihre Lippen zusammen und schüttelte zaghaft den Kopf. Doréan hob die linke Augenbraue. Unweigerlich musste er Alva anschauen. Ihr Gesicht. Ihre Hände, mit denen sie ununterbrochen an den Falten ihres Kleides spielte. Er zuckte die Achseln. »Du machst dich unnötig klein, Alva.« murmelte Doréan und Alva sah ihn mit einem Ausdruck gemischter Gefühle an. »Wie meinst du das?« Doréan zuckte mit den Schultern. »Du schaust doch gut aus. Dir schauns in der Schenke doch sicher auch ständig…« auf den Arsch…auf den Vorbau? Doréan biss sich auf die Lippen und unterdrückte ein verzogenes Grinsen. »…hinterher. Irgendwo is sicher einer, der an eine wie dich denkt.« Er zuckte mit den Achseln. Eine wie sie? Alva verzog eine Miene. Was sollte das jetzt wieder bedeuten? Doch sie zog es vor zu schweigen. »Aelia…« murmelte Doréan schließlich, um das Thema wieder zu wechseln. Alva hob den Kopf und sah sie neugierig an. »Du kennst sie doch, oder?« Er zuckte mit den Achseln. »Ich mein. Du arbeitest mit ihr…da kennt man sich doch…irgendwie?« Alva zuckte mit den Achseln und zögerte…doch dann nickte sie. »So ein bisschen. Ich arbeite noch nicht lange hier. Warum fragst du.« Daraufhin sah er sie ein wenig ernster an. »Warum ist sie heute nicht hier?« Alva schwieg und errötete leicht…doch nicht aus dem Grund, welchen es den Anschein hatte. Sie fühlte sich ein wenig unwohl. Sie wusste doch, dass sie mit Ruben zusammen war. Warum sollte sie diesem Kerl helfen, sie zu erobern? Vielleicht wäre es besser, ihn einfach gegen die Wand laufen zu lassen…und vielleicht…würde er dann morgen wieder hier auf der Bank sitzen…und dann…vielleicht…setzt sie sich wieder zu ihm? Doch sie behielt ihre Gedanken für sich und nickte nur. »Sie hat sich die Hände verletzt. Darum muss ich jetzt ihre Arbeit auch noch machen.« Sie seufzte. »Sie hat irgendso einen Ausschlag bekommen.« Doréans Blick ließ nicht ergründen, was er sich dabei wohl dachte. Doch Alva lächelte bitter. »Und jetzt muss ich nicht nur meine, sondern auch noch ihre Arbeit machen.« Sie seufzte während Doréan nachdenklich an seinem Ohr zupfte. »Ich verstehe.«, murmelte er.

Nun war es Alva, die sich räusperte. »Was findest du überhaupt an ihr?« Da schmunzelte Doréan und verfiel in ein verträumtes Lächeln. »Es sind ihre Augen…und ihr Lächeln. Sie bekommt ein Grübchen, wenn sie lächelt.« Alva schnaubte und schüttelte den Kopf. »So genau habe ich sie noch nicht angeschaut.«, murmelte sie und zuckte dann mit den Schultern. Aber die anderen Gäste…die schauen sie alle ständig an. Doch da musste sie unweigerlich an Doreáns Worte denken. Vielleicht hatte er ja Recht. Vielleicht sah man sie ja auch ständig an? Und sie bemerkte es nur nicht. Alva nestelte wieder an ihrem Rock…und wandte den Blick von Doréan ab. Doréan hingegen hing seinen eigenen Gedanken nach. Sie hatte heute also nicht arbeiten müssen. Doch wo war sie nur den ganzen Tag gewesen? Hatte sie ihm vielleicht aus dem Weg gehen wollen, nachdem er am gestrigen Abend nicht erschienen war? Er hob den Kopf und seine Blicke richteten sich auf die junge Frau, welche neben ihm saß und es sichtlich vermied ihn anzusehen. »Wenn sie den ganzen Tag nicht arbeiten musste. Wo war sie dann? Ist sie mir vielleicht aus'm Weg gegangen?« Alva überlegte kurz, denn eine ehrliche Antwort konnte sie ihm darauf beim besten Willen nicht geben. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Aber wenn sie dir wirklich was bedeutet, dann wartest du einfach weiter auf der Bank.« Doréan schnaubt leise und Alva lächelt schief. »Klingt ja verlockend….« Er gluckste. »Und wenn sie nie mehr kommt?« Er lächelte schief und ein schalkhaftes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. »Dann...« Sie klopfe mit der Hand leicht auf die Bank.»…setze ich mich gerne wieder zu dir, und leiste dir Gesellschaft.« Doréans Grinsen verschwand. Nicht sofort. Nicht abrupt. Eher langsam. Als ob die Bedeutung ihrer Worte sich nur langsam in seinen Geist bahnten. »Ich würde jeden Tag auf dieser Bank sitzen…und auf Aelia warten.«

Einen Moment lang herrschte ein betretenes Schweigen. Ein Schweigen, welches Doréan, je länger es anhielt, immer unangenehmer wurde. Und so entspannte er sich, lehnte sich etwas zurück und breitete überschwänglich die Arme aus. »Is ja auch 'ne bequeme Bank. Da wartet man doch gern.« Alva schien sich ein Lächeln zu verkneifen und spannte den Kiefer an. Und auch Doréan rang sich, erleichtert darüber, die angespannte Situation etwas gelockert zu haben, ein zufriedenes Lächeln ab. Doch dann, starrte sie ihn auf einmal unerwartet an. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe und hob dann ihre linke Hand. Doch dann zögerte sie und hielt inne. Schließlich seufzte sie. »Halt mal still.«, murmelte sie und vollendete dann die Bewegung. Sie zupfte an Doréans Haaren und förderte einen Strohhalm daraus hervor, welchen sie ihm daraufhin demonstrativ präsentierte. »So kannst du Aelia doch nicht unter die Augen treten. Mit Stroh im Haar.« Doréan zuckte mit den Achseln. «Sie weiß doch sowieso, dass ich aus der Gosse komme.«, entgegnete er und Alva warf den Strohhalm auf den Boden. »Aber du musst sie ja nicht noch mit dir herumtragen.« Da lachte Doréan herzhaft.

Alva hatte Doréans Trübsal für eine Weile vertrieben. Und dank ihr, war auch die Zeit ein wenig schneller vergangen. Doch hätte er geahnt, was dieses Gespräch für Wellen schlagen würde, dann hätte er sie wohl einfach fortgeschickt, als sie darum gebeten hatte, sich setzen zu dürfen. Denn der Sturm kam. Und er kam in Gestalt einer zierlichen jungen Frau mit goldenen Locken und einem grimmigen Blick, der nichts Gutes verhieß.  »Bist du Doréan?« Der Gossenfloh hob den Kopf und sah die Frau, mit den goldenen Locken, mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an. Er hatte sie noch nie gesehen. Und doch wusste sie, wie sein Name lautete? Er kniff, für einen Moment, die Augen zusammen. »Wer bist'n du?«, murmelte Doréan und richtete sich auf der Bank ein wenig auf. Die Frau stemmte ihre linke Hand in die Hüfte und wischte mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand unwirsch durch die Luft. »Ich stelle hier die Fragen. Also, bist du Doréan?« Er fühlte sich regelrecht überrumpelt. Seine Blicke huschten zwischen Alva und der Fremden, welche sichtlich aufgebracht wirkte, einen Moment hin und her. Doch dann hob er kleinlaut die Stimme an. »Ja?« Und da war es um ihn geschehen. Der Sturm. Er brach ohne weitere Vorwarnung über ihn herein. Als ob bei strahlendem Sonnenschein mit einem Mal ein Wolkenbruch den Himmel aufreißen ließ und ihn bis zu den Schuhsohlen durchnässte. Sie schimpfte und sie zeterte und mit jedem Wort, dass sie schimpfte, keimte in Doréan ein Gefühl auf, dass er sich wie von einem Pferd getreten fühlte.

»Ja, dachte ich mir schon. Weißt du...ich hab' mir den Kerl, wegen dem meine beste Freundin den ganzen Tag fix und fertig war, irgendwie anders vorgestellt.« Doréan glotzte sie nur mit verwirrten Augen an. »Deine Freundin? Wer zum Henker…« Dabei warf er Alva wieder einen fragenden Blick zu, als ob er vermuten würde, dass sie es war, von der diese Frau da sprach. »Ich kenn dich nich' mal und du gackerst hier herum, als ob dir ein Ei im Arsch klemmt. Und von wem, zum Henker, faselst du da…« Doréans Worte blieben ihm unvermittelt im Halse stecken, als Aelia an diese Furie herangetreten war und versuchte sie am Arm zu ziehen. »Aelia?«, riefen Alva und Doréan beinahe gleichzeitig. Der eine, weil er es nicht glauben konnte, dass sie plötzlich vor ihnen stand. Und die andere, weil sie hoffte, dass sie ihr aus dieser unangenehmen Situation helfen würde.

Doréans Herzschlag erhöhte sich merklich. Wobei es sowohl wegen dieser Furie, als auch der Gegenwart von Aelia gleichermaßen zu verdanken war. Aelia schien schlichten zu wollen, doch die junge Frau blaffte sie jetzt auch noch an. Aelia hatte sie Millie genannt. Doréans Blicke huschten zwischen dieser Millie und Aelia hin und her. Wobei er sich selbst nicht einig werden konnte, wen er nun ansehen sollte. Doch ein drohender, auf ihn gerichteter Finger, zwang ihn, sich schließlich zu entscheiden. Er hielt Millies giftigen Blicken stand. »Genau da hat sie gestern gehockt! Den halben Abend! Und hat auf dich gewartet! Jedes Mal, wenn irgendwo Schritte zu hören waren, hat sie geglaubt, jetzt kommst du endlich um die Ecke.« Die Worte prasselten auf Doréan hernieder, doch er vernahm nicht die Vorwürfe, die darin mitschwangen. Aelia hatte auf ihn gewartet. Den ganzen Abend. Ein freudiges Lächeln huschte auf Doréans Gesicht. Sie hatte auf ihn gewartet. Millie hingegen trat noch näher an ihn heran. So nahe, dass sie ihm beinahe auf die Füße trat. Doch Doréans Blicke sahen an ihr vorbei. Hinüber zu Aelia, welche die Situation sichtlich unangenehm war. Millies Worte hagelten auf Doréan hernieder. Wie sie Aelia getröstet hatte. Aelias Zweifel. Aelias Gedanken. Doréan hob den Kopf und versuchte Millie die Stirn zu bieten. Millies Stimme schraubte sich hörbar in die Höhe und nun richtete sie ihren Finger auf Aelia, anstelle von Doréan. Doréan wurde von Millie völlig überrumpelt. Und Aelia ließ ihn im Regen stehen. Millie ließ ihm überhaupt keine Möglichkeit zu Wort zu kommen. Doch mit ihren folgenden Worten riss sie ihm schließlich völlig den Boden unter den Füßen weg. Allerdings nicht im schlechten Sinne. »Weißt du überhaupt, was sie gestern getan hat?« Ihr Atem bebte, ebenso wie ihr Finger. »Sie hat Ruben den Laufpass gegeben. Wegen dir!« Die Worte schwangen über Doréans Kopf, wie eine schwarze Wolke. Wie eine schwere, eiserne Kette, die ihn gefesselt gehalten hatte. Doch nun brach diese entzwei. Doréans Blick haftete sich auf Aelia. Doch sie schien den seinen auszuweichen.Der Gossenfloh hatte geglaubt, dass seine Wahrheit am Leuchtturm alles ruiniert hatte. Doch das launische Schicksal hatte ihn nun, im Sturm von Millies Wut, eines Besseren belehrt. Ihre Worte prallten an ihm ab, wie Regen an einem frisch geölten Wachstuch. Und das breite, zufriedene Grinsen auf Doréans Gesicht schwoll immer weiter an. »Was grinst du jetzt so blöd?«, herrschte Millie und schnippte energisch mit den Fingern. »Sie hat ihm den Laufpass gegeben, weil sie geglaubt hat, dass du's ernst mit ihr meinst!« Da sprang Doréan auf die Beine und richtete nun seinen Finger auf Millie. »Das meine ich auch! Wie kommst du nur auf diese bescheuerte Idee, dass dem nich' so wär, du blonde Furie!« Millie schnappte empört nach Luft und ergriff Aelia am Arm und zog sie zu sich heran. Und dann schnalzte sie theatralisch mit der Zunge. »Das sieht doch ein Blinder!«, zeterte sie und deutete auf Alva, als ob sie ein Beweis für Millies Worte darstellen würde. »Keinen Tag später hockst du schon da und machst‘s dir mit irgendeinem billigen Flittchen gemütlich.« Nun sprang auch Alva auf die Beine und schubste Millie beherzt. Doch Millie hielt der Gegenwehr vehement Stand. »Ich bin kein Flittchen, du…du Hexe!« Alvas Stimme zitterte. Vor Aufregung. Vor Empörung. Oder vor Wut?

Doch Millie hatte sich völlig hineingesteigert. Sie lachte bitter und trat einen Schritt an Alva heran. »Ich habe doch Augen im Kopf!« Millie hob ihre Hand und schubste nun Alva, welche weniger Standhaftigkeit bewies, als Millie zuvor. Alva stolperte rücklings und kam unsanft auf der Bank zum Sitzen. Millie grinste, beinahe zufrieden. »Und jetzt bleib gefälligst sitzen, du Flittchen!«, zischte sie boshaft und wandte sich wieder zurück an Doréan. »Hättest du dir dafür nicht wenigstens eine andere Schenke aussuchen können, du Lappen?« Erneut wandte sie sich an Alva und versetzte ihr damit einen weiteren Seitenhieb. Alva, welcher die Situation sichtlich unangenehm geworden war, hob abwehrend die Hände und versuchte aufzustehen. Als Millie es erneut verhindern wollte, mischte sich nun Aelia ein, und versuchte sie zurück zu halten, damit die Situation nicht unnötig eskalierte. Alva richtete sich auf und trat an die blonde Dirne heran. Doréan hingegen schnaubte und japste hörbar nach Luft. »Was heißt hier nehmen? Niemand hat hier irgendwen genommen!« Millie indes richtete ihren drohenden Zeigefinger auf Alva und Doréan im wilden Wechselspiel. Und als Alva sich dagegen zu wehren versuchte, da schnitt ihr diese goldlockige Furie auch noch rüde das Wort ab. »Wenn du Aelia nicht willst, dann hättest du wenigstens den Arsch in der Hose haben können, ihr das ins Gesicht zu sagen!« Sie hämmerte die Worte auf Doréan ein, als wäre er ein Amboss und sie ein brennender Hammer. Und als sie das letzte Wort ausgesprochen hatte spuckte ihm noch verächtlich vor die Füße.

Doréan starrte Millie entgeistert an. »Du…du…«, er begann zu stammeln. »Du dämliche Hundsfut! Bist du jetzt völlig übergeschnappt?« Er konnte nicht glauben, dass sie ihm vor die Füße gespuckt hatte. Wie einem wertlosen Straßenköter. Er wandte seinen Blick an Aelia. »Sag doch auch mal was. Die spinnt doch!« Millie lachte frenetisch. »Alles nur Ausreden. Männer wie du kenne ich zu Genüge. Die gibt’s hier wie den sprichwörtlichen Sand am Meer.« Sie wandte sich an Alva. »Und so hinterfotzige Luder wie dich auch. Die keinen Anstand besitzen und…« Ein heller, schallender Knall unterbrach Millies Worte. Ihr Kopf flog zur Seite und auf ihrer Wange zeichnete sich ein roter Handabdruck ab. »Ich…« Millie trat erschrocken einen Schritt zurück und hielt sich die Wange. »Ich bin kein Luder!« Alvas Stimme bebte vor Aufregung. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Hand zitterte.

Für den Bruchteil eines Atemzugs herrschte eine unheimliche Stille. Millie hielt sich die Wange und starrte ungläubig auf Alva. Doch dann wandelte sich ihr Blick. »Du hast mich geschlagen!« Ihre Stimme bebte…es klang beinahe, als ob sie kurz davor war zu zerbrechen. Die sonst so fröhliche Millie, die nichts aus der Ruhe bringen konnte. Ihr Blick wurde finster. Und dann lief ihr eine Träne über die Wange, die sie mit dem Handrücken beiseite wischte. Doréan trat zwischen Alva und Millie und hob die Hände. »Jetzt beruhige dich doch.«, gemahnte er und Millie warf ihm einen grimmigen Blick zu. Doréan warf abermals einen hilfesuchenden Blick zu Aelia und trat dann an Millie heran. »Wir haben nur geredet.«, hob Doréan an, doch seine Worte trafen auf taube Ohren und versandeten unbeachtet. Und nun warf Doréan Alva einen hilfesuchenden Blick zu. In diesem Moment wünschte er sich, dass Ronïa hier wäre. Sie wüsste, wie man ein Rudel Weiber zur Ruhe brachte. Er seufzte resignierend. »Hör mal, Goldlöckchen.«, murmelte Doréan und warf ihr ein mildes Lächeln zu. Doch Millie fühlte sich von Doréan nicht beschwichtigt. Nur belächelt. »Vielleicht solltest du Aelia mal was sagen lassen, anstatt hier den Kettenhund zu mimen?«
#40
Nach dem Sturm ❖
rabe-was eben noch wie ein lautstarker Streit ausgesehen hatte, geriet innerhalb weniger Augenblicke völlig außer Kontrolle. Kaum hatte Aelia Millie erreicht und sie vorsichtig am Arm berührt, um sie zurückzuhalten, bemerkte sie, dass Doréans Aufmerksamkeit längst auf ihr ruhte. Zwischen all den Vorwürfen, die Millie ihm ohne Unterlass entgegenschleuderte, begegneten sich ihre Blicke für einen flüchtigen Moment. Aelia brachte ein kleines, entschuldigendes Lächeln zustande mehr ein stummes 'Verzeih…', als ein wirkliches Lächeln, ehe sie den Blick wieder ihrer Freundin zuwandte und abermals versuchte, sie zu beruhigen. Vergeblich. Millie war in Rage und längst nicht mehr aufzuhalten. Jeder Satz schien den nächsten nur noch wütender hervorzubringen, bis sie schließlich jene Worte aussprach, von welchen Aelia nicht erwartet hatte, dass Millie sie aussprechen würde. „Weißt du überhaupt, was sie gestern getan hat? Sie hat Ruben den Laufpass gegeben. Wegen dir!“ Aelia erstarrte. Entsetzt fuhr ihr Kopf zu Millie herum. „Millie...“ Es war kaum mehr als ein erschrockenes Hauchen. Doch es war zu spät. Die Worte standen bereits zwischen ihnen, unüberhörbar und endgültig. Langsam wandte Aelia den Blick in Doréans Richtung, doch kaum hatten sich ihre Augen getroffen, senkte sie sie wieder. Ihre Wangen begannen zu glühen. So hatte sie es ihm nicht wissen lassen wollen. Nicht hier. Nicht vor aller Augen. Sie hatte sich unzählige Male ausgemalt, wie sie es ihm erzählen würde, doch niemals hätte sie sich vorstellen können, dass ausgerechnet Millie ihr dieses Geständnis in einem Streit auf der Straße abnahm. Während Aelia noch verlegen den Blick auf den staubigen Boden gerichtet hielt, hatte Millie ihr nächstes Ziel bereits gefunden. Nun galt ihre Wut Alva. Vorwürfe flogen hin und her. Kaum hatte die eine ausgesprochen, fiel ihr die andere ins Wort. Keine von beiden war bereit nachzugeben, und mit jedem Atemzug schaukelte sich der Streit weiter hoch. Beschimpfungen und gegenseitiges Schubsen. Aelia versuchte noch einmal dazwischenzugehen, legte Millie beschwichtigend eine Hand an den Arm und zog leicht daran. „Millie... bitte!“ Doch ihre Freundin schüttelte sie nur ab, ohne sie überhaupt anzusehen. Da erklang Doréans Stimme, der Aelia aufforderte, auch mal was zu sagen. Aelia hob den Kopf, breitete hilflos die Hände ein wenig aus und machte eine kleine, ratlose Geste, die kaum mehr sagte als 'Ich habe es doch versucht, mehr konnte ich nicht tun.' Im selben Augenblick geschah es. Ein Knall zerriss die aufgeheizte Luft als Alvas Hand durch die Luft schnellte. Millies Kopf wurde zur Seite gerissen. Mit einem Schlag verstummte alles. Die eben noch lärmende Straße versank in einer Stille, die beinahe unwirklich wirkte. Aelia starrte Alva fassungslos an. Sie hatte tatsächlich zugeschlagen. Langsam hob Millie eine Hand an ihre gerötete Wange. In ihren weit aufgerissenen Augen glänzte es feucht, und einen Herzschlag später löste sich eine einzelne Träne, die lautlos ihre Wange hinablief. Aelia kannte sie gut genug, um zu wissen, dass diese Träne nicht dem Schmerz galt. Millie weinte aus Zorn und aus Demütigung. Alva hatte sie vor aller Augen bloßgestellt. Doréan versuchte die Wogen zu glätten, sagte zu Millie, dass sie Aelia doch auch mal etwas sagen lassen sollte. Doch soweit sollte es nicht kommen. Noch ehe jemand ein weiteres Wort sagen konnte, wurde die Tür der Schenke mit solcher Wucht aufgestoßen, dass sie gegen die Außenwand schlug. Mahdia trat hinaus.


Mit festem Schritt blieb sie auf der Schwelle stehen und ließ ihren Blick langsam durch die Runde wandern. Erst glitt er über Aelia, dann über Millie, deren Wange sich bereits tiefrot verfärbt hatte. Anschließend fiel ihr Blick auf Doréan. Einen Moment lang musterte sie ihn schweigend, ehe sie sich Alva zuwandte. Niemand sagte ein Wort. Mahdia stemmte die Hände in die Hüften. „Habt ihr sie noch alle? Was soll der Radau vor meiner Schenke?“ Millie war die Erste, die ihre Stimme wiederfand. Noch immer zitternd vor Wut hob sie den Arm und deutete auf Alva. „Sie hat mich geschlagen!“ Mahdias Blick wanderte langsam zu ihrer Schankmaid. „Stimmt das?“ Alva öffnete den Mund. Doch bevor sie ein Wort hervorbringen konnte, trat Aelia einen Schritt vor. „Ja“ erwiderte sie schlicht. "Das hat sie getan." Mahdia sah sie einen Augenblick lang schweigend an. Aelia hielt ihrem Blick stand und nickte ein einziges Mal. Das genügte. Ohne auch nur eine weitere Frage zu stellen, trat Mahdia auf Alva zu. Die Ohrfeige hallte über die Straße. Alvas Kopf wurde zur Seite gerissen. Sie taumelte einen Schritt zurück und presste sich erschrocken eine Hand auf die brennende Wange. Um sie herum herrschte vollkommene Stille. Selbst Millie stand der Mund offen für einen Augenblick. Alva blinzelte gegen die Tränen an, die ihr augenblicklich in die Augen schossen. Mahdia ließ die Arme neben ihren Körper sinken. Sie stand da wie eine Frau, die sich durchaus der Tatsache bewusst war, sich Respekt verschaffen zu können. „Deine Pause dürfte damit wohl beendet sein.“ Alva senkte beschämt den Blick. „Wenn du noch genug Kraft hast, vor meiner Schenke Ohrfeigen zu verteilen“, fuhr Mahdia ungerührt fort, „Dann hast du auch noch genug Kraft, Krüge zu schleppen. Die Schenke ist voll.“  Alva schluckte schwer. „Ja, Mahdia.“ Sie wischte sich hastig über die Augen, drängte sich an ihrer Wirtin vorbei und verschwand mit gesenktem Kopf in der Schenke. Mahdia blieb noch einen Moment stehen. Langsam ließ sie ihren Blick über Aelia, Millie und Doréan schweifen. „Ich hoffe“, sagte sie mit Nachdruck, „Jetzt ist Ruhe.“  Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und stapfte zurück in die Schenke. Kurz darauf fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Die Stille, die sie zurückließ, wog schwerer als jedes Geschrei zuvor.


Noch einen Augenblick herrschte Stille, dann schüttelte Aelia über Mahdia den Kopf. „Was für ein böses Weib.“ Millie rieb sich über die noch immer brennende Wange und verzog grimmig den Mund. „Geschieht der blöden Kuh ganz recht,“ wobei sie dabei ein Schmunzeln nicht verbergen konnte. „Ich hab von Mahdia auch schon einmal eine Ohrfeige bekommen. Sie hat Pranken wie ein Holzhacker…“ murmelte Aelia. „Geschieht ihr recht. Wer austeilt, muss auch einstecken können.“ grinste Millie. Nun trat Aelia einen Schritt auf ihre Freundin zu, nahm sie sanft am Unterarm und schob sie einige Schritte weit weg. „Danke, Millie“ Millie sah sie verständnislos an. „Wofür?“ „Dafür, dass du so für mich gekämpft hast!“ Millie winkte ab, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Du bist meine beste Freundin, ich würde immer für dich in die Bresche springen. Du hättest für mich doch genau dasselbe getan.“ Aelia lächelte schief und legte den Kopf leicht zur Seite. „Sicher doch, aber vermutlich nicht ganz so.“ Jetzt musste selbst Millie grinsen „Du bist halt keine Graue.“ Aelia warf einen kurzen Blick hinüber zu Doréan und lächelte. „Um den Rest kümmere ich mich schon selbst.“ Dann blickte sie sich um und sah über die Straße. Hans hatte den ganzen Tumult klugerweise aus sicherer Entfernung verfolgt und wirkte „Ah, der ist ja auch noch da“ murmelte Aelia. „Hans?“ rief sie hinüber und er hob den Kopf.  „Bring Millie nach Hause.“ Jetzt trat Hans näher und nickte. „Mach ich“ Millie sah Aelia noch einen langen Augenblick an. Schließlich trat sie einen Schritt auf sie zu, schloss sie fest in die Arme und murmelte ihr leise ins Ohr „Mach keinen Blödsinn.“ Aelia lächelte matt und erwiderte die Umarmung. „Ich versuch's.“ Millie löste sich wieder von ihr, musterte sie noch einmal prüfend und nickte schließlich. „Das will ich hoffen.“ Aelia lächelte immer noch, dann meinte sie „Schade, dass euer erstes richtiges Aufeinandertreffen ausgerechnet so verlaufen musste. Es wäre mir lieber gewesen, du hättest ihn auf normale Art und Weise kennengelernt.“ Millie zuckte die Schultern. „Na, dann hoff ich für uns alle, dass der zweite Eindruck besser wird.“ Ein letzter Blick zwischen den beiden Freundinnen, dann wandte sie sich um und ging gemeinsam mit Hans davon.


Erst als Hans und Millie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden waren, blieb Aelia noch einen Augenblick reglos stehen. Dann atmete sie tief durch. Langsam setzte sie sich in Bewegung und schlenderte auf Doréan zu. Mit jedem Schritt schlug ihr Herz ein wenig schneller. Sie wusste selbst nicht, was ihr im Augenblick peinlicher war dass Millie auf offener Straße einen solchen Aufstand veranstaltet hatte oder dass sie ausgerechnet ihm verraten hatte, weshalb sie Ruben den Laufpass gegeben hatte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Andererseits... Nun wusste er es wenigstens. Als sie vor ihm stehen blieb, hob sie den Blick und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Es tut mir leid.“ Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und schüttelte mit einem leisen Schmunzeln den Kopf. „Mit so einem Sturm habe ich wirklich nicht gerechnet. Was denkst du jetzt nur von mir…!“  Ihr Blick glitt noch einmal in die Richtung, in der Millie und Hans verschwunden waren. „Millie ist meine beste Freundin. Sie...“ Ein leises Seufzen entwich ihr. „...sie hat es wirklich nicht böse gemeint. Auch wenn das vermutlich überhaupt nicht danach ausgesehen hat.“ Sie lächelte entschuldigend. „Wenn sie glaubt, jemand sei nicht gut für mich, dann fährt sie die Krallen aus. Erst danach fängt sie an nachzudenken.“ Für einen kurzen Augenblick schwiegen sie. Dann hob Aelia ihre Hände und drehte die Handflächen nach oben. Die Haut war gerötet und an mehreren Stellen von kleinen, hellen Bläschen übersät. „Übrigens...“ Sie betrachtete ihre Handflächen und schmunzelte. „Diese hübsche Blume war Steinbrand.“ Sie hob den Blick wieder. „Herr Basilius meinte, sie sei wohl leicht giftig.“ Ein kleines Schulterzucken folgte. „Mach dir keine Gedanken, das konntest du ja nicht wissen. Aber nächstes Mal bitte doch lieber Löwenzahn.“ Sie drehte die Hände einmal hin und her. „Deshalb soll ich diese Woche nicht mehr arbeiten, sondern meine Hände schonen.“ Diesmal wurde ihr Lächeln ein wenig breiter. „Eigentlich ist das gar nicht so schlecht. Ich habe plötzlich ganz viel Zeit. Oder wusstest du von der Eigenschaft um den Steinbrand und wolltest, dass wir auf die Art und Weise mehr Zeit füreinander bekommen?“ fügte sie neckisch hinzu.  Einen Moment lang sah sie ihn einfach nur an. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen. „Weißt du... Ich habe gestern ziemlich lange auf dich gewartet. Warum bist du nicht gekommen?“ Es war eine schlichte Frage ohne den geringsten Vorwurf darin. Sie legte den Kopf ein wenig schief. „Eigentlich schuldest du mir deshalb den ganzen heutigen Abend.“ Ein nachdenkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Und weil ich morgen weder früh aufstehen, noch arbeiten muss, bestimme heute ausnahmsweise nicht ich, wann er endet. Und vielleicht...“ Sie lächelte geheimnisvoll... „Ziehst du irgendwann auch deine Handschuhe aus?“ Kaum hatten diese Worte ihre Lippen verlassen, wurde ihr bewusst, wie zweideutig all das klingen mochte. Sie hätte die Zweideutigkeit mit wenigen Worten auflösen können. Stattdessen schwieg sie. Die Worte waren gesprochen und ließen sich nicht mehr zurücknehmen. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie das auch gar nicht. Ob Doréan daraus den Wunsch hörte, die ganze Nacht gemeinsam mit ihr durch die Gassen des Grauen Viertels zu streifen, oder den, sie bis zum Morgengrauen in seinen Armen zu halten, vermochte sie nicht zu sagen. Eigentlich verspürte sie aber auch nicht das Bedürfnis, ihre Worte näher zu erklären.
#41
Von Dirnen und Murmeln ❖
rabe-keifendes Gezeter und schrilles Geschrei erfüllte die Gasse vor der Schenke. Doréan, welcher sich von drei Frauen umringt sah, die jede auf ihre eigene Weise ihren Anteil an dem Streit beigetragen hatte, presste angestrengt die Zähne zusammen. Seine Kiefer malmten und die Haut spannte sich. Er rieb sich die Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger und hielt dabei die Augen geschlossen. Aber als Alva Millie eine schallende Ohrfeige gegeben hatte, mischte sich eine kühle Briese in den hitzigen Streit. Wie ein dünner Schleier, der sich langsam über die Gasse zu legen schien. Für einen Moment hing der seidene Faden nur noch an einem einzelnen, rostigen Nagel. Ein kleines Blatt, welches vom Wind aufgewirbelt worden war, flog durch die Luft. Es beschrieb einen kleinen Kreis und segelte dann, als der Wind verebbte, langsam zu Boden. Millie rieb sich die rote Wange. Alva stand einfach nur da mit bebender Brust. Doréan und Aelia sahen einander erschrocken an. Die Luft war bis zerreißen gespannt. Nur ein falsches Wort. Nur ein einzelnes Blatt wäre nötig gewesen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Doch die Wirtin hatte dem rigoros einen Riegel vorgeschoben. Wie viele andere Leute, die abseits dem Treiben der jungen Leute zugesehen hatten. Hier und da hatte eine alte, mürrisch dreinblickende, Vettel den Kopf aus dem Fenster geschoben. Irgendwo lümmelten einige, dreckige Straßenkinder und sie alle starrten. Doch Madiah stapfte aus der Schenke heraus. »Was soll dieser Radau? Vor meiner Schenke?« Sie baute sich drohend vor den Streitenden auf und bedachte jeden mit einem mürrischen, geringschätzenden Blick. »Habt ihr nichts Besseres zu tun, als vor meiner Schenke die Gäste zu vergraulen?« Millie war die erste, die ihre Worte wiederfand. »Sie hat mich geschlagen!«, maulte die vorlaute Dirne und deutete dann auf Alva. Der jungen Schankmaid war deutlich der Zorn anzusehen…aber auch etwas anderes. Furcht. Die Furcht vor der Wirtin. Ihre Lippen bebten. Sie wollte etwas sagen. Um sich zu verteidigen. Um sich rechtzufertigen. »Stimmt das?«, murrte Madiah und noch bevor Alva etwas sagen konnte, hob Aelia die Stimme. »Ja. Das hat sie getan.« Ein weiterer Ausdruck mischte sich in Alvas Gesichtsausdruck. Zorn, Furcht und geweitete Augen der Erkenntnis, dass sie soeben verraten worden war. Und nur einen Augenblick später kam noch ein vierter hinzu. Ein gequälter, von Schmerz getriebener, Ausdruck der Pein, als Madiah ihr eine schallende Ohrfeige verpasst hatte. Die Heftigkeit des Schlages ließ sie zurücktaumeln. Alvas Ohrfeige hatte bei weitem nicht so viel Wucht gehabt. Doréan zuckte zusammen, Millie und Aelia starrten nur mit ungläubigen, offenen Mündern. Madiah hingegen stemmte die Hände in die Hüften und bedachte Alva mit einem mürrischen Blick. »Sieh zu, dass du wieder an die Arbeit gehst. Wenn du deine Pause damit verplemperst und noch genug Kraft hast, vor meiner Schenke Ohrfeigen zu verteilen, dann kannst du auch volle Bierkrüge schleppen. Die Schenke ist voll!« Sie deutete auf die Tür und wedelte unwirsch mit der Hand. »Los, husch!« Alva rieb sich die Wange und warf Millie einen wütenden Blick zu, während sie um Madiah einen hohen Bogen machte. »Aber…«, maulte Alva niedergeschlagen. »…Millie hat angefangen.« Sie wagte es nicht Madiah dabei anzusehen, sondern warf stattdessen Aelia einen enttäuschten Blick zu…einen Blick, den nur Aelia sehen konnte. Weder Millie noch Doréan. Madiah schnippte unwirsch mit den Fingern. »Hat sie dich geschlagen?« Alva schüttelte den Kopf. »Nein. Aber sie war voll gemein und hat mich ein Luder genannt.« Alva zog die Nase hoch und wischte sich eine Träne hinfort, die kurz davor gewesen war, verräterisch über ihr Gesicht zu laufen. Da schnaubte Madiah und bedachte Millie mit einem rügenden Blick. »Ich kenne dich…«, sagte sie und deutete mit dem Finger auf Millie. »Du solltest dich von meinen Mädchen fernhalten, du verkommenes Gör.« Damit wandte sich Madiah herum um Alva dazu anzutreiben wieder an die Arbeit zu gehen. »Vor meiner Schenke wird sich nicht geschlagen.« Da grunzte Doréan. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Es lag nicht an Alva oder Millie. Aber diese Frau hatte mit übertriebener Heftigkeit zugeschlagen. Und nun behauptete sie, dass man sich vor ihrer Schenke nicht schlug und teilte selbst eine Schelle aus. »Das gilt wohl nur für alle ander'n was?« Madiah wandte den Blick über die Schulter und starrte Doréan mit einem verärgerten Blick an. »Was hast du da gesagt?« Da war es Doréan, der die Hände in die Hüften stemmte und die Brust breit machte. »Du hast mich schon verstanden, du schirche Hundsfut.« Madiah starrte Doréan mit einem offenen Mund und ebenso geöffneten Augen an. »Wer bist du, dass du so mit mir redest, du unflätiger Flegel?« Sie holte aus und wischte mit ihrer Hand durch die Luft, um Doréan ebenso eine Schelle zu verpassen. Doch dieser wich ihr geschickt aus und begann noch breiter zu grinsen. »Kannst deinen Frust wohl nur an kleinen Mädchen auslassen.« Madiah ächzte und schlug ein weiteres Mal nach Doréan. Doch dieses Mal erwischte sie ihn, als ob er eine lästige Fliege wäre, die sie penetrant umschwirrt hatte. »Für Bengel wie dich reichts wohl noch.« Zufrieden seufzte sie und warf dann einen finsteren Blick in die Runde. Doréan rieb sich den Hinterkopf. Alva hielt sich die Wange, Millie senkte den Blick und Aelia presste die Lippen zusammen. »Ich hoffe, damit ist jetzt endlich Ruhe!«

Als Madiah endlich wieder in ihrer Schenke verschwunden war, atmeten die drei erleichtert aus. Es schien beinahe, als ob sie alle die Luft angehalten hatten, bis sie endlich verschwunden war. »Was für 'ne blöde Funsen.«, maulte Doréan. »Sie ist so ein böses Weib.«, erwiderte Aelia und schüttelte dabei den Kopf. Millie grinste breit. Ihre bedrückenden Blicke, nachdem Madiah sie so seltsam angesprochen hatte, waren wie weggewischt. Nun blitzten der Schalk und die Schadenfreude aus ihren Augen heraus und sie begann so breit zu lächeln, dass man ihre weißen Zähne sah. »Geschieht ihr Recht.« Und dann warf sie Doréan einen selbstgefälligen Blick zu. »Und dir auch!« Sie streckte die Zunge heraus und stellte sich, demonstrativ, neben Aelia. Doch Aelia ergriff sie am Unterarm und zog sie von Doréan fort, welcher nur die Arme verschränkte und Millie mit einem finsteren Blick bedachte. »Dämliches, blöd grinsendes Balg.«, murmelte er so leise, dass nur er es hören konnte. Doch Madiahs Worte wollten ihm dabei nicht aus dem Kopf. Verkommenes Gör…was konnte sie damit nur gemeint haben?

Schließlich standen sich Doréan und Aelia alleine gegenüber. Millies Worte hingen noch schwer in der Luft, doch Doréan brachte es nicht zur Sprache. Stattdessen sah er Aelia einfach nur an und lächelte verlegen. Und sie erwiderte das verlegene Lächeln. »Es tut mir leid.« Sie lächelte, sichtlich verlegen und unterstrich diese Verlegenheit noch mit einer zaghaften Geste, indem sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Doréan zuckte mit den Schultern. »Halb so wild.«, murmelte er und sah dabei auf eben jene Haarsträhne, die sie hinter ihr Ohr gestrichen hatte. »Mit so einem Sturm habe ich wirklich nicht gerechnet. Was denkst du jetzt nur von mir?« Da lächelte Doréan matt. »Was soll ich von dir denken? Millie hat doch alles gesagt.« Er zuckte mit den Schultern. »Millie ist meine beste Freundin. Sie...hat es wirklich nicht böse gemeint. Auch wenn das vermutlich überhaupt nicht danach ausgesehen hat.« Seine Finger trommelten gegen seinen Handrücken und das dumpfe Geräusch von Leder auf Leder füllte die Stille zwischen ihnen, während Aelia ihm noch mehr über Millie erzählte. Doch Doréans Interesse galt weniger Millies Worten, sondern vielmehr was die Wirtin gesagt hatte. »Ach, ich kenn da auch so jemanden. Dagegen is deine Millie richtig handzahm.« Er grinste breit, während er unweigerlich an Ronïa denken musste. Oh, was hätte er darum gegeben, wenn sie hier gewesen wäre. Das hätte er wirklich gern gesehen. Wenn Frauen geschlagen wurde, reagierte Doréan mürrisch. Doch Ronïa. Die fuhr nicht nur ihre Krallen aus. Sie wetzte ihr Messer. Doréan hob den Blick und sah Aelia mit einem fragenden Ausdruck in den Augen an. »Was hat Madiah damit gemeint?« Für einen kurzen Augenblick sagte er nichts weiter. »Du weißt schon…dieses…halte dich von meinen Mädchen fern.« Er imitierte Madiahs Stimme und nahm dabei seine Hände zur Hilfe, als ob sie die Worte sprechen würden.

Aelia lenkte das Gespräch auf ihre Hände, und die Blume, welche Doréan ihr geschenkt hatte. Übrigens. »Diese hübsche Blume war Steinbrand.« Doréan starrte unbeholfen auf ihre Hände und als er den roten Ausschlag sah, da ließ er die Schultern hängen und murmelte verlegen. »Äh, ich…« Er wusste nicht dass die Blume giftig war. Er hatte sie gepflückt, weil sie hübsch ausgesehen hatte. Niemand hatte ihm das je gesagt. Er hob den Kopf und sah Aelia mit einem entschuldigenden Blick an, während seine Ohren rot anliefen. »…ich hab das nich' gewusst.« Er schlug sich mit der Handfläche auf die Stirn. »Mach dir keine Gedanken…nächstes Mal bitte doch lieber Löwenzahn.« Da lächelte er erleichtert und nickte, so dass sein Haar dabei hin und her tanzte. »Klar. Löwenzahn.» Sie lächelten sich gegenseitig an, und Aelia drehte ihre Hände hin und her. »Eigentlich ist das gar nicht so schlecht. Ich habe plötzlich ganz viel Zeit. Oder wusstest du von der Eigenschaft um den Steinbrand und wolltest, dass wir auf die Art und Weise mehr Zeit füreinander bekommen?« Da lachte Doréan und ein breites Grinsen ersetzte den peinlich berührten Gesichtsausdruck, welcher sein Gesicht vereinnahmt hatte. »Ja klar. Jetzt hast du mich aber durchschaut, mein Liebchen.« Er hielt inne, hob den Kopf und sah sie mit einem beinahe verspielten und zugleich verlegenen Blick an. Mein Liebchen. Sie hatte am Leuchtturm mit höflicher Verlegenheit darauf reagiert. Nun, da er wusste, dass sie nicht mehr an diesen Ruben gebunden war, erhoffte er sich eine ähnliche Reaktion. Er beobachtete sie. Und sie lächelte. Langsam. Als ob sie sich selbst erst davon überzeugen musste, lächeln zu wollen. Schließlich hob sie die Stimme an, und sie wurde ein wenig ernster. »Weißt du... Ich habe gestern ziemlich lange auf dich gewartet. Warum bist du nicht gekommen?« Da atmete Doréan hörbar aus. Er hatte diese Frage natürlich befürchtet. Und er hatte lange darüber nachgedacht. Auch, während er mit Alva auf der Bank gesessen hatte, wollte ihn diese Frage einfach keine Ruhe lassen.

Er hob den Kopf leicht an und legte ihn in den Nacken. Mit einer Hand fuhr er sich durchs Haar bis in den Nacken und presste die Lippen aufeinander. Für einen Moment rang ein verlegenes Schmunzeln mit einem gequälten Lächeln um Doréans Mimik. Ein Lächeln, das selbst nicht recht wusste, ob es Verlegenheit überspielen oder einer Antwort ausweichen wollte. Als ob man kalt erwischt wurde und nun versuchte es mit Gelassenheit herunter zu spielen, aber die unübersehbare Verlegenheit langsam die Oberhand gewann. »Nun, das is mir echt unangenehm.«, hob er an. »Aber. Ich…mir is was dazwischen…gekommen. Ich musste…länger arbeiten.« Er biss sich auf die Lippen. Er hatte so viel Zeit gehabt sich eine gute…eine überzeugenden Ausrede auszudenken. Und dann brachte er nur diesen halbherzigen Unsinn über die Lippen? Er sah es schon auf sich zukommen. Ihre fragenden Blicke. Ihre Lippen, die eine bohrende Frage formten. Was arbeitet er überhaupt. Er hat doch gar keine Arbeit. Er hangelt sich von Tag zu Tag. Wie ein Taugenichts. Ein Tagelöhner, der nur von einer Mahlzeit zur nächsten dachte. Und die andere Arbeit? Darüber konnte er mit ihr nicht sprechen. Noch nicht…nein gar nicht! Es gab klare Regeln. Über Raban und die Sanra'Jena durfte man nicht sprechen. Zu niemandem ein Wort. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. »Ich hatte den Kopf voll.«, murmelte er, während er versuchte möglichst ruhig zu wirken. So gesehen, war es ja nicht einmal eine Lüge. Er hatte schließlich tatsächlich den Kopf voll gehabt. Kurzerhand entschied er, dass er den gestrigen Abend in Worte kleidete, die nichts als die Wahrheit waren, ohne dabei auf den wahren Grund zur Sprache zu kommen. »Meine Beine waren schwer wie Steine…« Steine, die so schwer waren, dass man auf allen Vieren kriechen musste. Kleine unscheinbare, dunkle Steine, die sich in weißem, milchigen Rauch auflösten und Doréan träge und müde gemacht hatten. Steine. So schwer, dass jeder Schritt zur Qual wurde. Dass selbst der Gedanke aufzustehen Überwindung gekostet hatte. »Ich konnte kaum mehr die Augen offenhalten. Und…wollte einfach nicht, dass du mich so siehst.« Beinahe wäre ihm ihr Name über die Lippen gekommen. Gerade noch rechtzeitig verschluckte er den Namen. Ronïa hatte verhindert, dass er so zu Aelia gegangen war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er selbst auf allen Vieren irgendwie den Weg zu ihr gefunden. Eigentlich war er nur wegen Ronïa nicht erschienen. Er hatte das Wort…ihren Namen…nicht erwähnt. Nun, nach diesem völlig sinnlosen und hitzigen Streit. Wegen einer Frau die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Nur weil sie neben ihm auf einer Bank gesessen hatte. Er biss sich förmlich auf die Lippen. Er würde sich hüten jetzt von einer Frau zu sprechen, die er schon seit Jahren kannte und noch dazu in einem der roten Häuser arbeitete. Er schüttelte erneut den Kopf. Das würde einen Sturm heraufbeschwören, gegen welchen dieser vorherige nur wie ein lauer Abendwind wirkte.

Aelia schien sich mit Doréans Ausrede zufrieden zu geben. Er atmete erleichtert aus, während er dies mit einem geschickten, breiten Lächeln überspielte. »Eigentlich schuldest du mir deshalb den ganzen heutigen Abend.«, hob sie an mit einer theatralischen, vorwurfsvollen Stimme. Doch das Lächeln, was darin mitschwang, war kaum zu überhören. Er tippte sich an die Unterlippe und musterte sie aufmerksam. »Nun, ich hab' sonst nich's weiter vor. Wir ham den ganzen Abend Zeit. Meinetwegen bis Mitternacht.« Er zwinkerte verschwörerisch. »Und weil ich morgen weder früh aufstehen, noch arbeiten muss, bestimme heute ausnahmsweise nicht ich, wann er endet. Und vielleicht...ziehst du irgendwann auch deine Handschuhe aus?“

Ihr verlegener Blick barg etwas in sich…ein verborgenes Verlangen. Einen Gedanken, den sie sich selbst nicht eingestehen wollte. Es war nicht so, dass es ihr bildhaft ins Gesicht geschrieben stand. Doch Doréan entging ihr verhaltenes Lächeln nicht. Auch über Doréans Gesicht huschte unwillkürlich ein Lächeln. Er spürte, wie sein linker Mundwinkel für einen Moment zuckte, ehe er sich ein verräterisches Grinsen nicht länger verkneifen konnte. Für einen Moment. Schließlich grinste umso breiter und legte die Finger seiner rechten Hand um die der Linken. »Vielleicht?« Er schürzte die Lippen und kräuselte sie dann zu einem schiefen, spitzbübischen Bogen.

»Wenn du willst, zieh' ich den hier aus und…« Er schüttelte den Kopf und gluckste unbeholfen über sich selbst. »Du kannst dann deine Hand in meine legen…und irgendwann…wenn niemand hinsieht…überleg' ich mir vielleicht sogar, ob ich den zweiten auch auszieh'.« Und da schenkte er ihr ein schelmisches Lächeln und hob die Hand leicht in die Höhe, als würde er nur noch darauf warten, einen Finger nach dem anderen langsam vom Handschuh zu befreien zu dürfen.

Und so hatten sie schlussendlich auch die Straße hinter sich gelassen. Ihr Weg führte immer weiter von Madiahs Schenke, die eigentlich Lestars Schenke hieß, fort. Doch irgendwie beschlich Doréan das unbestimmte Gefühl, dass der Name nur auf dem Papier von Bedeutung war. Man sah immer nur Madiah. Man hörte immer nur Madiah. Und so wie sie aussah, konnte man sich ausmalen, dass dieser Lestar vermutlich gänzlich unter der Fuchtel dieser herrischen Vettel stand. Doch Doréan kümmerte dies nicht mehr. Seine Aufmerksamkeit galt nur noch Aelia.

Ihr Weg führte durch die ruhigen Straßen und Gassen des Viertels. Er hatte sich keine allzu großen Gedanken gemacht, wohin sie gehen sollten. »Du bist ja noch nich' so lange im grauen Viertel.«, hob er irgendwann an und deutete auf einen alten Turm, welcher hinter einer Reihe von Häusern herausragte. »Warst du schon mal dort?« An Aelias zurückhaltenden Blicken konnte er ihre Antwort bereits ablesen, ohne dass sie ein Wort gesagt hatte. »Das is der Fleischmarkt.« Er schnaubte belustigt. »Lass dich von den Namen bloß nich' täuschen.« Er ließ seinen ausgestreckten Finger von dem Turm fort wandern. »Die beiden Türme stehen mitten auf der Marktstraße. Überall in der Straße hängen alte Seelaternen. Die meisten funktionieren kaum noch, aber bevor sie versanken, dachten sich die Leute, sie zerren sie lieber aus dem Wasser und hängen sie über dem Markt auf. Wenn es dunkel wird, dann fangen die alten Seelaternen an zu glühen und tauchen den ganzen Markt in ihren matten Schein.« Doréan hob den Blick zum Himmel. Es würde noch einige Stunden dauern, bis die Zeit der blauen Stunde gekommen war. »Aber jetzt sind die Türme nur zwei langweilige, alte Türme. Wenn du magst, können wir am Abend hingeh'n und uns die Lichter anschau'n?« Er hatte das Leuchten der alten Seelaternen natürlich schon oft genug gesehen. Doch für jemanden, der sie noch nie gesehen hatte, bargen sie etwas Geheimnisvolles. Irgendwie waren sie das Wahrzeichen des Mauerviertels. Doréan runzelte die Stirn. Er hatte sich schon oft gefragt, warum man diesen Teil der Stadt das Mauerviertel nannte. Obwohl es überhaupt nicht an der Mauer lag. Vermutlich lag es eher an den vielen kleinen Umfriedungen der alten Häuser, die noch von einer Zeit zeugten, als dieses Viertel noch nicht so heruntergekommen war. Heute waren diese kleinen Höfe keine Gärten mehr. Der Fleischmarkt war einst vermutlich ein Ort an dem wohlhabende Bürger gelebt hatten. Heute suhlten sich dort fette Schweine im Dreck. Hühner und Gänse rannten über die alte Straße und es stank nach Ziege. Doch die Türme zogen so manchen in ihren Bann. Wenn das schwache Licht, im Wechselspiel zwischen mattem grün und diffusem rot die Straße unter einen seltsamen Bann legte.

Doréan zog Aelia mit sich. Fort von den Türmen. »Dort unten. Wir könnten zur Mauer geh'n. Es gibt da ne Stelle, da wachsen überall Schwefelblumen und 'n Haufen Bienen schwirren den ganzen Tag herum. Die Schweidler klettern den ganzen Tag auf der alten Ruine herum. An einer Stelle kann man hochklettern. Wenn wir Glück haben, is die Stadtwache grad nich' da und wir können auf dem schmalen, halb eingestürzten Wehrgang rüber in den großen Hafen schauen und die Schiffe beobachten?« Aelia schien der Vorschlag zu gefallen, und so bahnten sie sich langsam den Weg zur Mauer. Immer wieder blieben sie irgendwo stehen. Sahen Menschen bei der Arbeit zu. Kauften sich eine Kleinigkeit zu Essen. Oder lauschten einem Musikanten, der an einer Mauer lehnte und auf seinem Instrument klimperte. Doch als sie sich langsam der Mauer näherten, wurde das Gedränge in den Straßen immer größer. Es war laut und es herrschte helle Aufregung. Neugierig schoben sich Aelia und Doréan durch die Menge, bis sie am Rand der Mauer an einen kleinen Platz kamen. Dutzende Menschen standen im Kreis. Schmähungen wurden gerufen. Jubel gerufen. Kinder kreischten. Männer lachten. Und zwischen all dem Tumult fanden sich Doréan und Aelia wieder.

Als Doréan erkannte, was hier gerade passierte, da hellte sich seine Miene auf und seine Augen begannen zu leuchten. »Ein Murmelduell!« Er zog Aelia noch etwas weiter in die Menge, bis sie so nah herangekommen waren, wie es möglich war. »Ich liebe dieses Spiel.« Unweigerlich griff er in seine Tasche und zog einen kleinen, abgewetzten, ledernen Beutel hervor. Er öffnete ihn und offenbarte was sich darin befand. »Meine Schätze.« Man sah eine große, weiße, hölzerne Kugel. Doréans Kugel war allerdings ziemlich abgewetzt und zeugte davon, dass sie schon einige Spiele hinter sich hatte. Neben der großen, fanden sich darin noch eine Handvoll schwarzer und grauer Murmeln. Und zwei farbige, die besonders hervorstachen. Eine rote und eine gelbe.« Er sah zu Aelia und zurrte seinen Beutel wieder zu. »Soll ich dir das Spiel erklären?«

Aelia hatte von dem Spiel augenscheinlich noch nie etwas gehört. Doréan deutete auf die beiden Männer und zeigte dabei auf den Boden zu ihren Füßen. »Schau, da is'n Kreis in der Erde. Die weißen Kugeln sind die Bosse. Die schwarzen die Stadtwachen und die grauen die Gauner.« Aelia hob das Kinn ein wenig an um besser über die Köpfe der anderen schauen zu können. »Und die anderen Farben?« Da seufzte Doréan. »Das sind begehrte Murmeln. Schwer zu bekommen. Die Roten nennt man Dirnen.« Er sah sie ein bisschen verlegen an. »Du hast ne gelbe. Was ist das für eine?« Da grinste Doréan bis über beide Ohren. »Mein ganzer Stolz. Eine Braut! Die haben nich' viele.« Aelia warf einen Blick zu den beiden Männern und runzelte dann die Stirn. »Seine Murmel war aber grün.« Da nickte Doréan eifrig. »Ja, Bräute können alle möglichen Farben haben.« Aelia zog erneut die Stirn in Falten und Doréan lachte. »Am besten du schaust einfach mal zu. Dabei lernt man es am besten.« Die beiden Männer traten einander gegenüber. Jeder nahm seine Murmeln in die geschlossene Faust und begann sie langsam zu schwingen. Das leise Klackern schwoll zwischen den Rufen der Zuschauer zu einem vertrauten Klang an. Manche Zuschauer schlossen sogar die Augen und lauschten. »Hörst du das?«, murmelte Doréan. »Die großen Spieler behaupten, sie erkennen am Klang Glas, Ton und Metall.« Aelia raunte daraufhin mit nachdenklichen Blicken. »Sind die Kugeln nicht alle aus dem gleichen Material?« Da schüttelte Doréan den Kopf und begann ehrlich zu lachen. »Nein. Warum sollten sie? Das macht ja den Reiz aus. Nur die große, weiße Kugel muss aus Holz sein. Das ist eine feste Regel. Alle anderen sind völlig egal. Jeder Spieler hat seinen eigenen Stil. Und seine Rituale. Viele von denen sind richtig abergläubisch und schwören auf bestimmte Materialien.«

Die beiden Kontrahenten im Kreis warfen eine Scherbe, welche dumpf auf den lehmigen Boden fiel. »Kopf oder Zahl. Der Sieger entscheidet, wer zuerst Stadtwache ist.« Ihre andere Hand hielten sie zur Faust geballt. Sie gingen schließlich in die Hocke und schüttelten die Fäuste. Es begann zu klicken und zu klackern. Einer aus der Menge rief lauthals. »Der klickert wie ein Schmied!« Er erntete dafür ein schallendes Lachen. Dann rief der erste Spieler lauthals und übertönte das Lachen der Meute. »Ich spiele mit Braut und Dirne. Meine Braut habe ich aus dem Fluss gezogen!« Der andere schüttelte den Kopf. »Ich spiele nur mit Gaunern!« Die Leute buhten. Die Menge rief laut und einige Leute lachten, während viele begannen zu spotten und Schmähungen zu rufen. »Miese Lüge!« »Die Braut is doch gekauft!« »Er spielt nur mit Gaunern. Pack dein Flussweib wieder ein, du bist ihrer nicht würdig!«, riefen die Leute. Während der Kerl, welcher die Braut ausgerufen hatte, erneut ausgelacht wurde. »Er darf die Braut nich' spielen. Brautmurmeln gewinnt man…die findet man nich'«, gluckste Doréan und warf dem Mann einen mitleidigen Blick zu. »Zu dreiste Lüge. Wer soll'n das glauben? Jeder weiß, dass noch nie einer 'ne Braut aus'm Fluss gezogen hat.« Doréan zwinkerte Aelia zu doch diese sah ihn nur fragend an. »Was bedeutet das.« Und da seufzte Doréan. »Das Spiel is eigentlich ziemlich einfach. Es is ein Spiel, dass Geschick erfordert. Aber nicht nur das. Man muss ein Meister in Lug und Trug sein. Und man sollte Fluchen können wie ein Kesselflicker.« Ein Spiel, dass wie für Doréan gemacht zu sein schien. Er würde es niemals zugeben, aber gegen Ronïa hatte er schon so oft verloren, dass er sich irgendwann mal einfach geweigert hatte, wieder gegen sie zu spielen. Doréan konnte fluchen. Wie ein Rohrspatz. Aber Ronïa…die war die Königin des Fluchens.

Doréan nutzte den kurzen Moment der Ruhe, als die Spieler ihre Murmeln gegeneinander schlagen ließen, um die Spannung zu erhöhen. »Ein Spiel geht immer über zwei Runden. Ein Spieler ist die Stadtwache. Der andere der Gauner. Und in der zweiten Runde werden die Rollen vertauscht. Ziel der Stadtwache ist es, die große weiße Kugel – den Boss – einzukesseln. Ziel der Gauner ist es, die Stadtwache zu vertreiben. Und notfalls auch mit schmutzigen Tricks, Lügen, Flüchen oder speziellen Murmeln wie den roten Dirnen. Die dürfen aber den Boss nich' berühr'n, sonst gewinnt die Stadtwache. Wer am Ende die meisten, dunklen Kugeln nahe des Bosses hat, gewinnt.« Er deutete auf den Kreis, in welchem die Männer gerade die Hände öffneten um ihre Murmeln zu präsentieren. Der Spieler, der nur Gauner ausgerufen hatte, hielt eine farbige Kugel in der Hand und Doréan klatschte sich lachend in die Hände. »Er hat gelogen! Er hatte auch eine Braut in der Hand. Jetzt kann er eine einsetzen, aber der andere nich'.« Aelia schwieg daraufhin. »Das klingt total willkürlich. Der andere hat seine Braut verkündet, und sie wurde ihm aberkannt. Und der hat einfach gelogen und darf sie jetzt behalten?« Sie schnalzte mit der Zunge und Doréan schenkte ihr daraufhin ein Lächeln. »Ja, aber es folgt strengen Regeln. Jeder Vorteil kann auch zu einem Nachteil werden. Und diese dreiste Lüge, kann die Meute gegen sich lenken. Das war kein schlauer Zug.« Aelia nickte und drückte sich ein wenig näher an Doréan heran, da das Gedränge immer größer Wurde. Doréan hielt einen Moment lang inne. Ein warmer Schauer überkam ihn und er drückte Aelias Hand ein wenig fester.

Doréan sah zu Aelia und lächelte. Er seufzte und schwelgte dabei in Erinnerungen. »Frage hundert Leute im grauen Viertel. Jeder wird dir 'ne andere Geschichte erzähl'n. Aber ich kenn kaum jemand, der keinen eigenen Satz Murmeln hat.« Er grinste breit. Die Menge rief lauthals und unterbrach somit Doréans Geschichte. »Schieb dir deine Murmeln in den Arsch, du dreckiger Gauner!« Ein anderer brüllte laut und warf einen matschigen Apfel nach den Spielern. »Zeigs der verdammten Stadtwache, du Pisspott!« Doréan grinste bis über beide Ohren. Die Menge war der Schiedsrichter. Wer die Menge auf seiner Seite zog, hatte gute Karten. »Gespielt wird meistens nur um Nägel. Leute, die kein Geld haben, spielen um Ehre und setzen wertvolle Murmeln.« Da lächelte Doréan wissend. »So hab' ich meine Braut gewonnen.« Er grinste noch breiter. Natürlich hatte er dabei gemogelt, um die Braut in die Finger zu bekommen. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Und der Zweck heiligte schließlich die Mittel.

Vor hundert Jahren…so sagt man. Als die Banden der Sanra'Jena und der Nedran'ja noch unbekannter gewesen waren. Als die Stadtwache noch nicht die Herrschaft über weite Teile des grauen Viertels verloren hatten. Da wurden die alten Bosse der Banden gejagt. Die gängigste Geschichte war, dass die Stadtwache, welche in dem Spiel durch schwarze Murmeln repräsentiert werden, einen der Bosse beinahe eingekreist hatten. Sie waren kurz davor ihn gefangen zu nehmen. Doch da strömten die Gauner und Halunken der Banden aus ihren Verstecken. Überrumpelten die Stadtwache. Warfen sie zu Boden und der Boss konnte entkommen. Dies war eine große Schmach für die Stadtwache gewesen. Sie versuchte es immer wieder. Und immer wieder scheiterten sie. Und heute, über hundert Jahre später, erinnerte man sich nicht einmal mehr an die Namen der Bosse. Doch mit dem Spiel der Bosse, lebte die Erinnerung an diese Zeit weiter. Bis heute. Selbst Kinder spielten es, obwohl sie keine Ahnung von der alten Geschichte und seiner Bedeutung hatten. Sehr zum Verdruss der Stadtwache. Jedes Spiel gilt als ein Affront gegen die Obrigkeit. Jeder Sieg der Gauner, ein weiterer Stich ins stolze Herz der Wachen. Und jeder Sieger ein Aufwiegler, der gegen ihre Autorität steht. Kein Wunder, dass sie rigoros versuchen jedes Spiel, zu sprengen und jeden Spieler gefangen zu nehmen. Um ihnen alle Murmeln abzunehmen. Und in manchen Fällen die Spieler sogar zu in den Kerker zu werfen. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten die Menschen allerdings. Jeder behauptete, dass die Stadtwache das Spiel selbst auch spielte. Mit anderen Namen…mit anderen Regeln. Und sie stahlen einfach nur die guten Murmeln. Doch Wahrheit und Gerüchte lagen oft näher beieinander als man glaubte.

Der zweite Spieler öffnete seine Hand und offenbarte, wie vorhergesagt eine Dirne sowie die Braut. Doch diese musste er wieder aus der Hand nehmen, da sie ihm aberkannt worden war. »Die roten Kugeln, sind die Dirnen.«, murmelte Doréan, als alle die rote Murmel sehen konnten. »Ich hab nur eine.« Er zuckte mit den Achseln. »Niemand gewinnt nur mit Dirnen.« Er nickte ernst, denn er hatte selten erlebt, dass Dirnen den Sieg gebracht hatten. Es lag in jedem seiner Worte eine, nicht von der Hand zu weisende, Doppeldeutigkeit. »Also im Spiel. Dirnen können keine Stadtwachen schlagen. Nur ablenken.« Er zuckte mit den Schultern. »Darum spielen die meisten Leute nur eine…wenn überhaupt Lieber eine Braut als drei Dirnen.« Er grinste breit und lachte dabei. Doch noch während Doréan sprach, kam Bewegung in die Menge. Eine Frau trat in den Ring. Eine Frau, die Doréan Lügen strafen sollte. Als die Menge sie erkannte, raunten manche der Männer. Einige ließen sogar ihre Beutel mit den Murmeln in der Tasche verschwinden. Als ob sie zuerst geplant hatten, selbst in den Ring zu steigen, und es sich nun plötzlich anders überlegt hatten. »Die rote Liese.«, raunte ein Mädchen, welches nicht weit von Doréan und Aelia stand. Doréans Blicke richtete sich unweigerlich auf die Frau, die selbstsicher und mit einem wissenden Lächeln den Kreis der Kontrahenten betreten hatte. Sie war es wirklich. Die rote Liese, wie man sie im ganzen grauen Viertel nannte. Jeder, der Gaunermurmeln schon einmal gespielt hatte, musste früher oder später von der roten Liese gehört haben Sie war einer der besten Spieler der Stadt und dafür bekannt, unverschämt oft die roten Murmeln einzusetzen und dabei auch noch unverschämt oft zu gewinnen. Sie vollbrachte oft das Unmögliche und jeder wusste, dass sie mogelte. Doch niemand konnte ihr etwas beweisen. Denn mogeln und schummeln war in dem Spiel schließlich in einem gewissen Rahmen erlaubt. Genauso wie Geschicklichkeit, Lügen und Fluchen zum Sieg führen konnte, war auch das Mogeln ein Weg zum Sieg. Und sie beherrschte dieses Spiel besser als die meisten Männer. »Die rote Liese!«, rief eine Frau und jubelte frenetisch. »Nun könnt ihr einpacken, ihr Stümper!« Doréan seufzte. Er hatte noch nie gegen sie gespielt. Dafür war er nicht gut genug. Aber insgeheim wünschte er sich, dass er eines Tages die richtigen Murmeln dafür hatte, um dieser Frau gegenüberzutreten.

Als die rote Liese das Spiel betrat, räumten die Männer ihre Murmeln zusammen. Die beiden Kontrahenten sahen zu ihr und sie lächelte nur und nickte dann auf den Boden. »Spielt es zu Ende?« Der erste schüttelte den Kopf und seufzte. Er hob seine Murmeln auf und verstaute sie in seinem Beutel. Die rote Liese seufzte theatralisch. »Ach komm…«, murmelte sie. »Nicht schon wieder!«, rief einer aus der Menge. »Hast du deine echten Murmeln zu Hause vergessen?«, kreischte eine dralle Frau und die Menge spendierte ihr ein ehrliches, dreckiges Lachen. Die rote Liese stemmte die Hände in die Hüften und trat vor die Menge. »Na? Wer will sich mit mir messen?« Keiner trat vor und sie seufzte. »Ist keiner von euch Manns genug? Ich schwöre, ich spiele ohne Schummeln!« Da lachten die Leute. »Wers glaubt!«, maulte ein anderer und Liese seufzte und zog ihren Beutel vom Gürtel um ihn ein wenig zu schütteln. Die Murmeln darin begannen zu klackern und zu klicken und sie warf verheißungsvolle Blicke in die Menge. Liese sah sich suchend um und seufzte dann. »Nun gut. Ich spiele heute ohne Dirnen!« Die Menge raunte, doch kurz darauf bellte ein Mann. »Wer soll das glauben?« »Niemand!« Wieder lachten die Leute und Liese lächelte dünn. »Dann so…« Sie öffnete ihren Beutel und fischte eine blaue Murmel heraus und hielt sie in die Sonne. Selbst Doréan konnte erkennen, dass sich im inneren der Murmel ein wunderschönes Muster befand. Sie war aus Glas. Eine Rarität im grauen Viertel. Die rote Liese räusperte sich feierlich. »Wer mich schlägt, erhält meine schönste Braut!«

Ein Mann trat in aus der Menge. »Die Braut krall ich mir.«, brummte er siegessicher und zog seinen Beutel vom Gürtel. Liese lächelte dünn. »Und was ist dein Einsatz?«, verlangte sie zu erfahren. Auch wenn sie den Mann erst mit einem stattlichen Preis ködern musste. Regel war Regel. Sie hatte ein Pfand gesetzt, also musste er das auch. »Du liebst doch Dirnen. Wenn du gewinnst, darfst du dir eine meiner Dirnen aussuchen.« Er schüttete alle seine Murmeln in die offene Hand und förderte gleich vier schillernd rote Murmeln zu Tage. Lieses Augen funkelten und ein gieriger Blick legte sich auf die Hand voller bunter Murmeln. »Einverstanden.«, rief sie und die Menge begann erneut zu rufen und zu klatschen.

Der Mann grinste. »Du spielst ohne Dirnen.« Da schüttelte Liese den Kopf. »Nein? Die Meute hatte mein Angebot abgelehnt. Wir spielen um die Braut…oder deine Dirne.« Da verzog der Mann seinen Mund zu einem mürrischen Blick. »Ich erlaube dir nur eine. Nicht mehr.« Liese schlug enttäuscht die Augen nieder und funkelte den Mann dann mit einem neckischen Augenaufschlag an. »Und was bekomme ich dafür?« Er grunzte. »Ich setze zwei Dirnen!« Da lachte die rote Liese und nickte freundlich. »Einverstanden. Und weißt du was, mein Süßer?« Er sah sie neugierig an. »Wenn du gewinnst, bekommst du einen dicken Kuss von mir.« Da brach die Menge in schallendes Gelächter aus. Doréan stieß Aelia sanft in die Seite. »Sie ist eine richtig gute Spielerin. Sie wird den Kerl aufs Kreuz legen.« Er lächelte dünn. »Hast du Geld dabei? Wir könnten auf sie wetten! Das is 'n sicheres Ding, sag ich dir!«

Liese kramte in ihrem Beutel und nahm die Murmeln in ihre linke Hand. Ihr Gegenspieler tat dasselbe. Dann wurde die Scherbe geworfen. Die erste Runde ging an Liese. Sie schüttelten ihre Hände. Offenbarten ihre Murmeln. Sie hielt drei Stadtwachen in der Hand, wie zu erwarten war. Ihr Gegner offenbarte zwei Gauner und eine Dirne. Da schürzte Liese betroffen die Lippen. »Du setzt eine Dirne gegen mich ein? Schämst du dich denn gar nicht?« Wieder lachten die Leute und selbst Aelia konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Doch dann folgte die zweite Runde. Wieder schüttelten sie ihre Hände. Wieder offenbarten sie ihre Murmeln. »Zwei Gauner, eine Dirne!«, rief der Kerl und Liese lächelte dünn. »Eine Dirne.«, rief sie, wie es vereinbart worden war. Und als sie ihre Hand öffnete, lagen darin eine graue, eine rote und die schöne blaue Murmel, welche sie als Einsatz ausgerufen hatte. »Ha! Sie spielt ihre Braut!« Der Mann knirschte mit den Zähnen. Die Braut war eine Murmel, die jeder Regel folgen konnte. Wie die Dame im Schach. Er wusste, dass er nun mit harten Bandagen kämpfen musste. Er warf seine schwarzen Kugeln geschickt. Alle kamen sehr nah an den Boss heran. Doch mit der letzten gelang ihm ein wahrer Meisterschuss. Die kleine, schwarze Murmel kam direkt neben dem Boss zum Erliegen. Da grinste er breit. »Wenn du das schlägst…«, gab er sich siegessicher. »…dann?«, hakte Liese nach und zwinkerte herausfordernd. »Dann leg ich noch ne dritte Dirne drauf!«, rief er laut und die Menge grölte lauthals. »Ja! Zeigs der Liese!«, rief ein kleiner Junge, welcher seinen eigenen Murmelbeutel zu schütteln begann, dass man die Murmeln klacken hören konnte. »Wird Zeit, dass die mal einer vom Platz fegt!«, rief ein Mann lauthals. Liese nickte. »Herausforderung angeommen.«

Sie raffte ihr Kleid und ging dann in die Hocke. Dann schloss sie die Augen und schien für einen Moment lang zu verharren. Und dann nahm sie die graue Murmel – den Gauner – zwischen Daumen und Zeigefinger. Die graue Murmel flog über das Spielfeld…schlug einmal auf und kullerte dann gegen eine der Stadtwachen. Diese rollte dann just gegen jene, welche bereits am Boss lag. »Zwei Wachen am Boss!«, rief ein Zuschauer, der kaum glauben konnte was er da sah. Liese schnaubte und verzog eine grimmige Grimasse. Doch ihr Gegner sah noch säuerlicher drein. »Ich weiß, was du versuchst hier abzuziehen. Zwei auf einen Streich.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Das wird dir nicht gelingen.« Liese lächelte süffisant. »Willst du wetten?«, murmelte sie doch der Mann schüttelte ernst den Kopf. »Ich hab genug gewettet. Ich wusste, dass du sowas versuchen wirst, als du die Braut gezogen hast. Darum liegt meine dritte Wache auch hinter dem Boss. Du kommst da niemals ran, ohne eine andere Murmel zu stoßen. Du hast verloren.« Daraufhin lächelte sie und trat ganz nah an ihn heran und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. »Noch ist das Spiel nicht vorbei, mein Süßer.« Daraufhin nahm Liese die blaue Murmel in die Hand und hielt sie demonstrativ in die Höhe. »Ich spiele meine Braut als Dirne!« Die Menge verstummte und nur ihr Gegner brummte ungehalten. »Ich wusste es. Du hinterhältiges Luder!« Liese lächelte dünn und zuckte dann mit den Achseln. Aelia wandte sich an Doréan und sah ihn fragend an. »Ist das was Besonderes?« Da nickte Doréan eifrig, während er seinen Blick nicht von Liese abwenden konnte. »Jetzt macht sie ernst.« Liese sah ihren Kontrahenten mit gespielter Empörung an. »Ich habe nicht gelogen. Nur eine Dirne.« Der Mann schnaubte. »Du spielst die Braut als Dirne!« Da schüttelte Liese den Kopf. »Ich spiele die Braut. Keine Dirne.« Daraufhin schwieg er und knirschte mit den Zähnen. »Was solls. Ich hab' zwei Wachen am Boss. Und du keine Gauner mehr. Du kannst nicht mehr gewinnen. Deine Braut gehört schon so gut wie mir.«

Liese zelebrierte ihr Ritual erneut. Sie raffte ihre Röcke und ging demonstrativ in die Hocke. Sie beugte sich sogar etwas vor und drehte ihre Hüfte ein wenig, was bei dem einen oder anderen Mann für verdrehte Augen sorgte. Und dann schloss sie die Augen. Atmete tief ein und wartete. Die Menge starrte gebannt auf die Murmeln. Zwei Wachen. Direkt am Boss. Und eine dritte Wache direkt dahinter. Mit zwei Dirnen, konnte sie unmöglich drei Wachen ausschalten. Ihr eigener Gauner lag viel zu weit weg. Sie musste alle drei Wachen ausknipsen.

Die blaue Murmel flog durch die Luft. Und Doréan glaubte, dass sich im Inneren der Murmel das Licht der Gasse spiegelte und einen kleinen Schimmer offenbarte. Wie gebannt hatte er seine Blicke auf das blaue Kleinod gehaftet. Sie schlug auf. Hob sich erneut in die Höhe. Schlug erneut auf. Und rollte langsam immer weiter. *Klack*« Die Braut kam zum Stehen. Und legte sich zunächst an die erste schwarze Murmel und dann an die zweite. »Zwei Wachen ausgeschaltet! Mit einer Dirne!« Die Menschen konnten es kaum glauben. Sie spendeten Beifall und manche stampften mit den Füßen auf dem Boden. Liese lächelte zufrieden, zog ihre letzte Murmel hervor und legte die schillernde, rote Murmel, welche ebenfalls aus Glas zu sein schien an. Sie schnippte sie einfach aus dem Handgelenk. Just in dem Moment, als sie die Murmel losschickte, versetzte ihr Gegner ihr einen kleinen Stoß. Um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein kleiner Rempler…er sollte ihm den Sieg bringen. Ein kleiner, schmutziger Trick. Erlaubt ist was gefällt. Die Menge hatte es natürlich bemerkt. Sie schimpften und klatschten. »Guter Stoß, Bruder!« »Ja, guter Zug!«. Doch es war zu spät. Die Kugel flog im hohen Bogen. Schlug auf dem Boden auf und rutschte über die kleine Rille, welche in den Boden gezogen worden war, um den Kreis zu bilden. Sie wurde abgelenkt und verlor an Schwung. Und dann, schlitterte sie einen Augenblick lang in der Rille, bevor sie unverhofft an der dritten, schwarzen Kugel zum Erliegen kam. »Unglaublich.«, murmelte der Mann und sah Liese mit einem Ausdruck an als ob er soeben gegen eine Hexe verloren hätte. »Wie…wie hast du das gemacht?« Liese erhob sich und klopfte sich den Staub vom Kleid. »Talent.« Sie zwinkerte und der Beifall der Menge brandete über sie herein wie ein Sturm. »Liese! Liese, Liese!«, rief die Menge und tobte! Ihr Gegner ballte die Fäuste. Am Liebsten hätte er wutentbrannt seine Murmeln aufgelesen und wäre davon gestürmt. Doch während das Spiel dreckig und voller Lügen und Flüche war, so galt es nach dem Spiel Rückgrat und Ehre zu beweisen. Er reichte Liese die Hand und legte ihr, mürrisch und mit sichtlichem Groll, die drei roten Murmeln in die offene Handfläche.

Liese nickte zufrieden und nahm jeder der drei Murmeln in Augenschein. »Du hast gut gespielt, mein Süßer.« Sie lächelte und küsste sich dann auf die Handfläche. »Dein Trostpreis.«, sie blies den Kuss von ihrer Hand direkt in sein Gesicht. Und dann hob sie eine der Murmeln in die Höhe und warf sie in die Menge. »Wers findet, darfs behalten! Und hat dann eine richtig gute Geschichte für sein nächstes Spiel!« Die rote Murmel flog in hohem Bogen durch die Luft. Und die Menge brach auseinander. Jeder wollte die Murmel ergattern. Selbst Doréan war aufgesprungen. Eine rote Murmel, von der roten Liese! Die war mehr wert, als eine Braut! Doréan sprang in die Höhe und griff in die Luft. Doch das Glück war ihm nicht hold. Er stürzte zu Boden und wurde beinahe von den gierigen Menschen, die ebenfalls ihr Glück versuchten, getreten. Enttäuscht rappelte er sich auf und wandte sich dann an Aelia, welche mit einem Ausdruck von Stolz und einem breiten Grinsen, die rote Murmel zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe hielt. »Meine!«, rief sie und Liese zwinkerte ihr ein letztes Mal zu, bevor sie schließlich in der Menge verschwand.
#42
Lichter der Stadt ❖
rabe-mahdias Worte hallten noch einen Augenblick in Aelias Gedanken nach. "Ich kenne dich, du verkommenes Gör." Sie wusste genau, weshalb Mahdia das gesagt hatte. Und nun hatte Doréan sie gefragt „Was hat Madiah damit gemeint? Du weißt schon, dieses… ‚halte dich von meinen Mädchen fern!‘ “

In jenen Tagen in denen sie sich kennengelernt hatten, und feststellten, wie gut sie sich verstanden, hatte Millie ihr eines Abends davon erzählt. Mit einer beinahe bewundernswerten Gleichgültigkeit die nur Menschen beherrschten, die längst aufgehört hatten, mit ihrem Schicksal zu hadern. Millie war im Grauen Viertel aufgewachsen. Ihr Elternhaus war nie ein angenehmes Zuhause gewesen, wie ein Zuhause sein sollte. Ein jähzorniger, alles dominierender Vater, und eine Mutter, die sich in Resignation und Schweigen geflüchtet hatte, sie führte ein regelrechtes Schattenleben in der Familie und war eine Mutter die alles über sich ergehen ließ und auch über ihre Kinder. Ein Leben, das aus Schimpfwörtern, Ohrfeigen und der ständigen Erinnerung bestand, niemals gut genug zu sein. Als sie alt genug gewesen war, hatte sie ihre wenigen Habseligkeiten genommen und war gegangen. Sogar ihren richtigen Namen hatte sie abgelegt, hatte Millie erzählt. „Wie heißt du denn wirklich?“ fragte Aelia, und Millie hatte die Augen verdreht. „Mildred. Ich weiß, ein scheußlicher Name.“ Dann lachte sie. „Und deswegen habe ich den scheußlichen Namen, den mein scheußlicher Vater mir gegeben hat, an dem scheußlichen Ort meiner Familie zurückgelassen.“ Sie hob spielerisch drohend die Faust. „Und wenn du mich je Mildred nennst, wirst du mich wirklich kennenlernen!“ Lieber Hunger als noch eine Nacht unter demselben Dach, hatte Millie sich gesagt. Doch damals hatte sie noch nicht gewusst was das eigentlich bedeutet. Was es bedeutet, im grauen Viertel zu leben, ohne ein Dach über dem Kopf. Darum hatte sie sich die erstbeste Bleibe gesucht, die für das Graue Viertel gesehen viel zu teuer war. Zunächst hatte sie sich als Küchenmagd verdingt, später als Schankmaid. Doch der Lohn reichte kaum für die Miete und ein Stück Brot. Egal wie hart sie schuftete, es reichte nie, und als der Vermieter ihr gedroht hatte, sie vor die Türe zu setzen, war sie ins Bordell gegangen. Denn hübsche Mädchen wurden immer gerne genommen. Mit ihren blonden Locken war sie aufgefallen. Nicht, weil sie diesen Weg unbedingt hatte gehen wollen. Sondern weil es der einzige gewesen war, der ihr noch offenstand. Als ihre Familie davon erfuhr, welchen Weg Millie eingeschlagen hatte, hatte sich die Möglichkeit, vielleicht jemals wieder zurückzukommen, regelrecht in Rauch aufgelöst. „Ich hatte die Wahl zwischen Hure und Bettlerin“, hatte Millie damals mit einem schiefen Grinsen gesagt. „Und ganz ehrlich? Betteln lag mir noch nie. Genauso wenig, so hart zu schuften wie du, Aelia. Es ist nicht immer einfach, das gebe ich zu, aber das meiste Geld verdiene ich im Liegen, und das ist weitaus weniger anstrengend als deine Arbeit.“ Aelia hatte nie vergessen, wie sie das gesagt hatte. Trotzig, beinahe leidenschaftlich. Millie hatte beschlossen, dass ihre Arbeit kein Grund war, sie als etwas niederes, liederliches oder verkommenes anzusehen. Und dieses Selbstbewusstsein das Millie an den Tag legte war ein Umstand, den Aelia heimlich bewunderte.

Aelia schwieg auf Doréans Frage einen Augenblick lang, ehe sie leise ausatmete und den Blick kurz über das Kopfsteinpflaster schweifen ließ. „Millie ist... Dirne. Mahdia weiß das. Jeder der sie kennt, weiß das. Mahdia hat ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wie sich Frauen zu verhalten haben. Was in ihrem Wirtshaus geschieht, bestimmt sie. Und sie duldet nicht, dass ihre Schankmädchen Umgang mit Dirnen pflegen. Mahdia glaubt, dass Frauen wie sie einen schlechten Einfluss haben und Ärger nach sich ziehen. Dabei irrt sie sich. Und ich lasse mir den Umgang mit meiner besten Freundin ganz sicher nicht verbieten.“ Ein leises Schmunzeln legte sich auf ihre Lippen. „Millie redet oft, bevor sie denkt, ist nicht auf den Mund gefallen und gerät schneller in einen Streit, als andere Guten Morgen sagen. Aber sie besitzt ein besseres Herz als viele Menschen, die sich für ehrbar halten.“ Sie hielt einen Moment inne und dann lächelte sie Doréan warm an. „Vielleicht seid ihr euch gar nicht so unähnlich.“ 

Als Aelia Doréan fragte, warum er nicht gekommen war, begann Doréan sich zu erklären und sie hörte ihm schweigend zu. Je länger er sprach, desto sanfter wurde ihr Lächeln. Ob nun alles stimmte oder nicht, spielte in diesem Augenblick kaum eine Rolle. Sie sah ihm an, wie unangenehm es ihm war, sie am vergangenen Abend versetzt zu haben, und allein das genügte ihr. Als er geendet hatte, trat sie einen halben Schritt näher, legte ihm behutsam eine Hand auf den Unterarm und nickte.„Ich verstehe das. Wirklich“ Ihre Finger ruhten einen Augenblick auf seinem Arm. Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Alles gut.“

„…und vielleicht ziehst du irgendwann auch deine Handschuhe aus?“ Aelia hatte mit vielem gerechnet. Mit einem Schmunzeln, mit einer ausweichenden Antwort. Vielleich sogar mit einer frechen Bemerkung. Doch nicht damit: „...Du kannst dann deine Hand in meine legen...“ Für einen flüchtigen Augenblick starrte sie ihn an und spürte zunächst gar nicht, wie sie unbewusst den Atem angehalten hatte. Unwillkürlich schoss ihr die Wärme in die Wangen, während ihr Herz so heftig gegen ihre Brust schlug, dass sie glaubte, Doréan müsse es hören können. Er wollte ihre Hand halten. Nichts weiter. Und doch fühlte sich dieser schlichte Gedanke plötzlich unendlich groß an. Sie sah zu, wie er Fingerling für Fingerling von seinen Fingern zog und seinen Handschuh von der Hand streifte. Ganz langsam. Als gäbe er damit ein kleines Geheimnis preis, was auf eine bestimmte Art und Weise auch zutraf. Aelias Blick hob sich zu seinem Gesicht. Er schenkte ihr dieses verschmitzte Lächeln, das sie inzwischen so liebgewonnen hatte und erwiderte es. Dann hob sie ihre Hand und legte sie wie selbstverständlich in seine. Warm. Das war ihr erster Gedanke. Warm und erstaunlich weich. Nicht die raue, schwielige Hand eines Mannes, der tagein, tagaus schwer arbeitete. Seine Finger schlossen sich behutsam um die ihren, als hätten sie das schon immer getan. Aelia senkte den Blick auf ihre ineinander verschlungenen Hände. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen. Wie sonderbar, seine Hand fühlte sich fremd an und zugleich auf eine kaum begreifliche Weise vertraut. Nie hätte Aelia geglaubt, dass sich das bloße Ineinanderlegen ihrer Hände derart vertraut anfühlen konnte. Es war, als würden sie beide wortlos anerkennen, was längst zwischen ihnen heranwuchs. Wortlos, und in kleinen, behutsamen Schritten. Doréan setzte sich in Bewegung. Ohne ihre Hand loszulassen. Aelia folgte ihm lächelnd, während sich ihre Finger ganz von selbst etwas fester um seine schlossen und sie gemeinsam tiefer in die verwinkelten Gassen des Grauen Viertels eintauchten. Sie gingen weiter. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Und doch geschah etwas. Fast unmerklich verschoben sich ihre Hände gegeneinander. Erst streifte einer ihrer Finger den seinen, dann fand der nächste seinen Platz. Ohne dass einer von ihnen es bewusst gewollt hätte, verflochten sich ihre Finger nach und nach miteinander, bis ihre Hände schließlich wie selbstverständlich ineinander ruhten. Aelia bemerkte es erst, als es längst geschehen war. Und nichts daran wirkte gewollt. Nichts daran wirkte erzwungen. Es geschah einfach, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Während sie langsam durch die Gassen schlenderten, begann Doréan, ihr von den Orten zu erzählen, die Oshkïr bei Einbruch der Dämmerung von seiner schönsten Seite zeigten. Am Fleischmarkt, erklärte er ihr, hingen alte Seelaternen, Relikte längst vergangener Zeiten, die mit Einbruch der Dunkelheit allmählich zu glimmen begannen und den Platz in ein sanftes, grünliches Licht tauchten. Bei den Ruinen wiederum ließen sich  häufig die Schweidler beobachten, die mit erstaunlicher Geschicklichkeit den kostbaren Schwefelhonig aus den Nestern der Schwefelbienen, die in den alten Gemäuern nisteten, bargen. Und wenn ihr der Sinn nach einer schöneren Aussicht stand, könnten sie den halb verfallenen Wehrgang erklimmen und von dort aus den großen Hafen betrachten, wo die mächtigen Handelsschiffe langsam zwischen den Wellen glitten. Aelia lauschte ihm aufmerksam. Je länger er erzählte, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie gut Doréan seine Heimat, das graue Viertel kannte. Kleine Wunder, an denen die meisten achtlos vorübergingen. Sie lächelte. „Das klingt alles wunderschön“ Für einen kurzen Moment überlegte sie, welchen seiner Vorschläge sie am liebsten wählen würde. Die geheimnisvoll leuchtenden Seelaternen reizten sie ebenso wie die Schweidler bei ihrer Arbeit, und der Gedanke, gemeinsam mit ihm über den Dächern des Grauen Viertels zu stehen und die Schiffe im Hafen zu beobachten, besaß seinen ganz eigenen Zauber. Schließlich schüttelte sie den Kopf und ihre Augen blitzten herausfordernd auf.  „Ich kann mich gar nicht entscheiden.“ Ihr Blick glitt zu ihm hinüber. „Überrasch mich einfach.“ 

Doréan führte sie weiter durch die immer lebhafter werdenden Gassen, bis ihnen schließlich der verführerische Duft von frisch gebackenem Hefeteig entgegenwehte. Vor einem kleinen Straßenstand hatte sich bereits eine kurze Schlange gebildet. In flachen Körben lagen goldbraun gebackene Gebäckkugeln, deren Füllung erst ein kleiner Einschnitt auf der Oberseite verriet. Aelia trat neugierig näher. „Was ist das?“ fragte sie Doréan, doch es war eine der Mädchen, die hinter der fahrenden Schaubäckerei arbeitete, die ihr antwortete.  „Bohnenbollen“, erklärte sie. „Gefüllt mit Bohnenmus“, erklärte nun der Händler. „Gesüßt. Und mit ein paar Gewürzen.“ Aelia hob interessiert die Augenbrauen. „Das klingt ungewöhnlich, hab ich noch nie gehört.“ Der Händler hob einen der noch warmen Hefebällchen hoch. „Das ist eine echte Spezialität aus Oshkïr.““, erklärte er nicht ohne Stolz, „Ach ja?“ Er nickte. „Du kennst doch den Beinamen unserer Stadt. Die Perle des Südens.“ Aelia nickte. „Vor vielen Generationen wollte irgendein Bäcker dieser Perle ein Gebäck widmen. Klein, rund und kostbar sollte es sein. Also nannte er sie... Perlen.“ Der Händler verzog grinsend das Gesicht. „Hat bloß keiner gesagt.“ Aelia lachte. „Perlen? Darunter stelle ich mir etwas kleines vor.“ „Genau. Jeder hat nur von den Bollen gesprochen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Irgendwann hat selbst der Bäcker aufgegeben und seitdem heißen sie eben Bollen. Und über die Füllungen gibt es hier und da sogar Streit.“ Der Händler winkte beinahe verächtlich ab. „In den besseren Bezirken stopfen sie die Dinger heute mit allem voll, was teuer ist. Mandelmus, kandierte Früchte, Nüsse vom anderen Ende der Welt… Hauptsache, es klingt nach viel Geld.“ Er schnaubte. „Die glauben, guter Geschmack liegt am Preis. Aber hier im Grauen Viertel weiß jeder, dass ein ordentlicher Bollen keine kostbaren Zutaten braucht. Cremig gestampftes, süßes Bohnenmus, das auf der Zunge zergeht, oder dick eingekochtes Apfelmus, mehr braucht's nicht. Alles andere ist nur dekadenter Scheiß.“  Aelia warf Doréan einen kurzen Blick zu. Schließlich entschieden sie sich für einen Bohnenbollen und einen Apfelbollen. Noch ehe sie weitergingen, brach Aelia beide sorgfältig entzwei und hielt Doréan die jeweils eine Hälfte hin. „Wir teilen.“ Sie lächelte ihn an. „Dann können wir beide probieren.“ Mit den jeweils halben Bollen in der Hand setzten sie ihren Weg fort. Aelia biss zunächst vom Bohnenbollen ab, dann vom Apfelbollen und war überrascht, wie fein und cremig das gesüßte Bohnenmus schmeckte. Einen Augenblick später hob sie den Blick zu Doréan. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir ausgerechnet der Bohnenbollen besser schmeckt." Während sie gemächlich weiter schlenderten, sagte Aelia nach einer Weile nachdenklich „Ich werde mich mit solchen Leckereien in den nächsten Tagen aber wohl etwas zurückhalten müssen.“ Sie biss noch einmal von ihrem Bollen ab und kaute einen Augenblick schweigend. Dann erklärte sie „Mahdia zahlt ohnehin nicht gerade großzügig. Und solange ich mit meinen Händen nicht arbeiten kann, kommt auch kein neuer Lohn dazu.“ Sie ließ den Blick für einen Moment über das Kopfsteinpflaster schweifen. „Und dann war da noch der Weg nach Steinward. Der Wegzoll hat mich mehr gekostet, als mir lieb war. Meine Ersparnisse sind fast aufgebraucht.“ Aelia schwieg einen Herzschlag lang. „Ich hatte nicht erwartet, dass ein Abschied so teuer werden kann.“ Sie warf Doréan einen warmen Seitenblick zu, in dem nicht die geringste Spur von Reue lag. „Aber wenn ich ehrlich bin, war jeder einzelne Kirling gut angelegt.“

Mit jedem Schritt wurden die Straßen voller. Händler riefen ihre Angebote aus, Kinder huschten lachend zwischen den Erwachsenen hindurch, und aus den Schenken drangen Stimmen und Gelächter bis weit auf die Gasse hinaus. Schließlich verlangsamte sich der Menschenstrom ganz von selbst. Vor ihnen hatte sich eine dichte Traube aus Schaulustigen gebildet. Männer, Frauen und Kinder standen dicht an dicht, reckten die Hälse oder stellten sich auf Zehenspitzen, um einen Blick auf das Geschehen in ihrer Mitte zu erhaschen. Aelia hob fragend den Blick zu Doréan, dessen Gesicht sich plötzlich merklich aufhellte. Offenbar wusste er sofort, weshalb sich hier so viele Menschen versammelt hatten. Es war ein Murmelspiel. Und auch wenn Aelia die Regeln nicht so gut verstand, war es spannend anzusehen.


Als Liese sich schließlich zum Gehen wandte, blieb sie noch einmal stehen. Mit einem schelmischen Grinsen zog sie eine einzelne rote Murmel aus ihrer Tasche, hielt sie einen Augenblick zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe und warf sie mit einer beiläufigen Bewegung mitten in die Menschenmenge. Für den Bruchteil eines Herzschlags geschah gar nichts. Dann brach das Chaos los. Von allen Seiten stürzten sich Menschen und Hände auf das kleine rote Glaskügelchen. Erwachsene schoben Kinder zur Seite, Kinder tauchten zwischen Beinen hindurch, irgendjemand fluchte laut, während zwei Burschen beinahe zusammenstießen. Aelia zögerte keine Sekunde. Sie duckte sich unter einem ausgestreckten Arm hindurch, wich einem Ellbogen aus und ließ sich beinahe auf die Knie fallen. Gerade als eine kräftige Hand nach der Murmel greifen wollte, schlossen sich ihre Finger darum. „Hab sie!“, rief sie lachend. Triumphierend richtete sie sich wieder auf, den kleinen roten Schatz fest in der Hand. Unter den halb neidischen, halb anerkennenden Blicken der Umstehenden zog sie ihren kleinen Geldbeutel hervor, den sie wie immer gut verborgen zwischen ihren Brüsten trug, ließ die Murmel zwischen ihre wenigen Münzen gleiten und verstaute ihn wieder. Mit einem verschmitzten Lächeln wandte sie sich zu Doréan. „Wenn du die Murmel haben willst, wirst du dir schon überlegen müssen, wie du sie mir wieder abluchst.“ Ihre Augen funkelten vergnügt. „Schließlich muss daran eine gute Geschichte hängen.“ Sie hob das Kinn ein wenig. „Eine weitaus bessere, als dass Aelia sich unter einem Haufen gieriger Leute behauptet hat, um die Murmel für ihren Hübschen zu erbeuten.“ Lachend schob sie die Hände hinter den Rücken und sah ihn erwartungsvoll an „Wohin gehen wir jetzt?“ fragte sie ihn und sah in den Himmel. Die Sonne war bereits am Untergehen. 

Während sie Hand in Hand durch die Straßen des Mauerviertels schlenderten, neigte sich die Sonne langsam den Dächern des grauen Viertels entgegen. Ihr warmes Licht legte sich über die schiefen Fassaden und ließ selbst das verwitterte Mauerwerk für einen flüchtigen Augenblick beinahe golden erscheinen. Die Schatten wurden länger, die Wärme des Tages wich allmählich einer angenehmen Abendkühle, und doch schien das Leben hier auf den Straßen erst richtig zu erwachen. Je näher sie dem Fleischmarkt kamen, desto breiter wurde die Gasse. Die dicht aneinander gedrängten Häuser wichen einem langgezogenen Platz, dessen Mitte von zwei wuchtigen, alten Türmen beherrscht wurde. Sie wirkten weder prächtig noch besonders gepflegt. Aelia blieb einen Augenblick stehen. Das also waren die Türme, von denen Doréan gesprochen hatte. Sie sah in der Marktstraße hinauf zu den Seilen an denen Dutzende alter Laternen, jede aus Metall gefertigt, jede von derselben eigenwilligen Form, als stammten sie aus einer längst vergangenen Zeit. Noch waren sie dunkel und beinahe unscheinbar. Doch Aelia gefiel bereits dieser Anblick. Kaum etwas deutete darauf hin, dass sie mit Einbruch der Nacht den ganzen Fleischmarkt in jenes geheimnisvolle Leuchten tauchen würden, von dem Doréan erzählt hatte. Dennoch haftete den beiden Türmen etwas Eigenartiges an. Als warteten sie geduldig auf den Augenblick, in dem die Sonne endgültig hinter den Dächern verschwinden würde.

Aelia und Doréan gingen schweigend nebeneinander her. Ihre Finger ruhten noch immer ineinander verschlungen, und Aelia ertappte sich dabei, wie ihr Blick immer wieder zu seiner bloßen Hand glitt. Sie lächelte leise. „Weißt du ...“ Sie schwieg einen Augenblick. „Du hast mir einen Makel gezeigt.“ Ihr Blick hob sich zu ihm. „Dann sollte ich dir meinen wohl auch zeigen. Aber lass uns dort drüben Platz nehmen“ Aelia nickte zu einer der Steinbänke die in regelmäßigen Abständen in der Nähe der Mauer standen. Als sie sich schließlich nebeneinander auf einer Bank niederließen, hob sie die rechte Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf ihr rechtes Auge. „Man sieht es nicht. Aber ich sehe damit schlechter. Viel schlechter als mit dem linken.“ Sie zuckte mit den Schultern, als wolle sie die Sache relativieren. „Ich habe mich daran gewöhnt. Aber wenn ich etwas am Rand meines Blickfeldes übersehe oder Entfernungen falsch einschätze, oder einfach sage ‚Ich habs nicht gesehen!‘ ... dann liegt es daran.“ Sie schwieg kurz. „Das ist in einer jener Nacht passiert, in der ich von zu Hause fortgelaufen bin.“ Ihr Blick verlor sich irgendwo zwischen den Pflastersteinen. „Ich war tagelang unterwegs. Hungrig, müde ... und irgendwann fand ich ein kleines Gehöft. Der Mann, der dort lebte, gab mir etwas zu essen und erlaubte mir, im Heu seines Stalls zu schlafen.“ Ein bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen. „Damals hielt ich das für großes Glück.“ Sie erzählte ihm von dem Erwachen mitten in der Nacht. Von dem Mann, der plötzlich über ihr gestanden hatte. Davon, wie sich aus Dankbarkeit innerhalb weniger Augenblicke nackte Angst entwickelt hatte.
  Wie sie sich unter seinem Gewicht kaum hatte bewegen können. Wie sehr sie sich vor seinem Atem, seiner Nähe und seinen Händen geekelt hatte. Ihre Stimme blieb ruhig. Vielleicht, weil sie diese Nacht längst so oft in Gedanken durchlebt hatte, dass die Worte ihren Schrecken verloren hatten, nicht aber die Erinnerungen. „Irgendwie gelang es mir, mich zu befreien und aufzuspringen. Ich wollte fliehen.“ Sie atmete tief durch. „Dabei fiel das Talglicht um. Das Heu fing Feuer. Alles ging furchtbar schnell.“ Vor ihrem inneren Auge sah sie die Flammen wieder emporschlagen, hörte das Knistern des brennenden Strohs und roch den beißenden Rauch. „Ich weiß noch, dass ich einen Moment lang wie gelähmt dastand.“ Sie runzelte leicht die Stirn. „Und dann ...“ Sie verstummte. „Ab dann wurde alles seltsam.“ Zum ersten Mal klang Unsicherheit in ihrer Stimme mit. „Ich weiß bis heute nicht, was davon wirklich geschehen ist und was mein erschrockener Verstand vielleicht nur aus dem Feuer und dem Rauch gemacht hat.“ Sie zuckte leicht die Schultern. „Ich meine ... ich hätte etwas in den Flammen gesehen.“ Die Worte kamen zögerlich. „Nicht einfach nur ein Gesicht oder einen Schatten. Eher ... eine Gestalt. Aber keine menschliche Gestalt. Nein, es sah aus wie eine finstere, brennende Schattengestalt.“ Sie stieß ein unsicheres Lachen hervor. „Wenn ich das laut ausspreche, klingt es töricht.“ Einen Moment schwieg sie. „Ich erinnere mich nur noch daran, dass plötzlich etwas aus den Flammen auf mich zuflog. Nur dieser eine Funken.“ Unwillkürlich strich sie mit den Fingerspitzen über ihr rechtes Augenlid. „Direkt in mein geöffnetes Auge. Der Schmerz war so schlimm, dass ich glaubte, mein Auge würde verbrennen.“ Sie atmete langsam aus. „Als ich Tage später wieder klar denken konnte, sah ich auf diesem Auge nur noch verschwommen.“ Wieder wurde sie einen zögerlichen Augenblick lang still. „Manchmal frage ich mich bis heute, ob in jener Nacht außer dem Feuer noch etwas anderes mit mir geschehen ist.“ Sie hielt kurz inne. „Ich weiß nur nicht, was. Und seit jener Nacht ist nicht nur mein Auge schlechter. Ich... bin es manchmal auch.“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Früher war ich nicht so. Natürlich konnte ich mich auch ärgern oder wütend werden. Aber heute genügt manchmal eine Kleinigkeit, und es ist, als würde etwas in mir Feuer fangen. Dann verliere ich für einen Augenblick die Beherrschung. Es geht so schnell, dass ich es selbst kaum kommen sehe.“ Sie lächelte entschuldigend. „Meistens dauert es nur wenige Augenblicke. Aber ich dachte, das solltest du über mich wissen. Meistens ist es aber nur wenn mir jemand Unrecht tut.“ Ihr Blick glitt wieder zu ihm. „Vielleicht hat die Angst jener Nacht etwas in mir zerbrochen. Vielleicht bilde ich mir den Zusammenhang auch nur ein. Ich weiß es nicht.“ Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass ich seitdem manchmal das Gefühl habe, nicht mehr ganz dieselbe Aelia zu sein.“ Aelia schwieg eine Weile. „Aber weißt du...“, sagte sie schließlich leise. „Es gibt auch etwas Gutes.“ Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Seit ich dich kenne, habe ich das Gefühl, dass dieses... Feuer in mir leiser geworden ist.“ Sie hob den Blick zu ihm. „Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. In deiner Nähe fällt alles von mir ab. Unruhe. Angst. Sie hob die Schultern und ließ sie gleich wieder fallen. „Bei dir fühle ich mich…“ Ihre Mundwinkel hoben sich. „…geborgen...“ Ihre Finger ruhten noch immer in seinen. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie seinen Daumen ganz unbewusst mit dem ihren gestreichelt hatte und hielt urplötzlich inne. Nach einem kurzen Schweigen fügte sie fast verlegen hinzu: „...und glücklich.“ Sie ließ das Wort einen Augenblick zwischen ihnen stehen. „Wegen alledem habe ich auch mit Ruben Schluss gemacht. Als er begann, über dich zu reden... dich einen Straßenköter und einen Gossenjungen nannte...“ Sie sah ihn entschuldigend an. „...da wurde ich so unendlich wütend.“ Sie erinnerte sich noch genau an dieses Brennen in ihrer Brust, an die Hitze, die mit jedem seiner Worte größer geworden war.  „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn nie wiedersehen will. Und mir wurde klar: Ich möchte, dass dir nichts Schlechtes widerfährt. Ich möchte da sein, wenn du mich brauchst. Ich wünsche mir einfach, dass du dich in meiner Nähe genauso geborgen fühlen kannst, wie ich mich in deiner.“ Gerade als die letzten Worte verklungen waren, wurde es um sie herum mit einem Mal stiller. Nicht wenige Menschen verharrten einen Moment und ließen Blicke nach oben schweifen. Aelia hob den Kopf. Hoch über der Marktstraße begann die erste Seelaterne zu glimmen. Ein sanftes, mattes Grün erwachte tief im Inneren der alten Laternen, kaum heller als der letzte Schimmer des Tages. Wenige Herzschläge später antwortete eine zweite Laterne mit einem weichen, diffusen Rot. Dann eine dritte. Eine vierte. Wie ein lautloses Erwachen griff das geheimnisvolle Leuchten von Laterne zu Laterne über, bis sich zwischen den beiden uralten Türmen ein schimmerndes Netz aus mattgelben und rotem Licht spannte. Die Farben überlagerten sich auf den glattgetretenen Pflastersteinen, tanzten über die Fassaden der Häuser und tauchten den ganzen Fleischmarkt in einen Zauber, der schwer mit Worten zu beschreiben war. Aelia blieb stumm. Mit großen Augen sah sie zu den Seelaternen hinauf.
#43
Ein alter Schwur ❖
rabe-hand in Hand liefen Aelia und Doréan durch die engen Gassen des grauen Viertels. Zunächst liefen sie im Schatten der alten Mauer entlang. Doréans ursprünglicher Gedanke, auf die Mauern zu klettern und die Schiffe zu beobachten,  hatte sich buchstäblich im Sande verlaufen. Der Tumult auf dem Platz und das Gaunermurmeln hatte zu viel Zeit in Anspruch genommen und nun, als die Sonne sich bereits dem Horizont genähert hatte, war es einfach zu spät geworden.  Immerhin würde der Aufstieg eine gewisse Zeit beanspruchen und letzten Endes blieben ihnen dann nur einige Augenblicke um die letzten Schiffe unter den letzten, rötlichen Sonnenstrahlen zu beobachten.  Doréan führte Aelia von der Mauer fort und durch das graue Viertel hindurch. Vorbei an den Hundsgassen. Vorbei am Südwinkel, bis hin zum alten Kronviertel. Der alte Zahn. Der abgebrochene Zacken aus der einstigen Krone der Stadt, war ein auffälliges, altes Gebäude am Rand der alten Marktstraße.  Der alte Turm war irgendwann in sich zusammengefallen und übrig geblieben war nur ein alter, hohler Stumpf, der trostlos aus der Zahnreihe an angrenzenden Gebäuden ragte. Dieser Turm war einer von fünf Türmen gewesen. Zwei weitere erhoben sich inmitten der vor ihnen liegenden Straße. Einer stand an dessen Ende und der letzte stand weiter südlich. Fünf Türme, welche einst dieses noble Viertel geziert hatten. Doch die alte Kronallee, welche den Süden und den Norden des Viertels miteinander verbunden hatte, war mehr und mehr zugebaut worden. Hölzerne Verschläge, Balkone und andere Anbauten, hatten aus den einstigen, noblen Häusern der Adeligen und Kaufleute eine eigene Straße des Blutes und des Fleisches gemacht. Schweinepferche, Hühnerställe und Metzgereien, Fleischhacker und allerlei Buden und Stände, die frisches Fleisch oder fettige, günstige Speisen anboten. Der Fleischmarkt. Eine lange Straße voller Gerüche, Gestank, Geschichte und Geschrei. Zwischen den Ständen priesen die Marktschreier ihre frische Ware an. Wobei diese meistens das alte, unverkaufte Fleisch vom Vortag waren…oder noch schlimmer. Metzger schrien auf die gegenüberliegende Seite und stritten lauthals mit den Fleischern. Manchmal flog auch mehr als nur ein scharfes Wort oder ein böser Blick auf die andere Straßenseite. Und zwischen all den Menschen rannten Hühner und Gänse…und auch die eine oder andere fette Ratte…umher. Hier grunzte eine trächtige Sau, dort quiekte ein Ferkel, das gerade auf dem Schlachtblock lag und überall hörte man Gezeter, Gezanke, Gefeilsche und Gelächter. Es war ein Ort voller Leben…Seite an Seite mit dem allgegenwärtigen Tod.

Und der hohle Zahn war das Tor zum Fleischmarkt. In dem alten Zahn hatte man eine hölzerne Plombe eingesetzt. Einen Torbogen der nun aus dem Rest des hohlen Zahns, herausragte, das Fundament des alten Gemäuers vor dem Einsturz bewahrte und gleichzeitig den Eingang zum Markt bildete. Niemand nannte ihn seither mehr den hohlen Zahn. Das Tor zum Fleischmarkt, war seither nur mehr als der Schlund bekannt. In dem Torbogen selbst wohnten keine Händler. Und auch keine Bürger. Hier hausten Torwächter. Sie gehörten nicht zur Stadtwache, denn es waren eher gedungene Handlanger, die zweifelhafte Steuern eintrieben, willkürliche Gebühren verlangten oder einfach das Tor  schlossen, indem sie ein großes  hölzernes Gatter herunter ließen. Am anderen Ende der Straße stand ein weiterer Turm. Der berüchtigte rote Turm. Der Eingang zur roten Meile. Und zwischen diesen beiden Türmen erhoben sich die Wahrzeichen des grauen Viertels…oder zumindest die des Turmviertels, wie man es heute nur noch nannte. Die alten Türme waren einst einmal etwas besonderes gewesen.  Ein Wachturm womöglich. Oder der Turm eines dekadent Adeligen, der jedem seinen Reichtum unter die Nase reiben wollte. Doch heute waren sie ein Teil des Fleischmarktes geworden. Während der erste heute einem miesen und schmierigen Mistkerl namens Albert gehörte, der auf jede Scherbe, die hier verdient wurde, einen Nagel als Zoll verlangte. Und die schwarzen Ratten am Schlund, standen allesamt unter seiner Fuchtel.

Doch der zweite Turm bot ein gänzlich anderes Bild, denn er war zu einem gänzlich anderen Ort umfunktioniert worden. Hier arbeiteten die Männer, Frauen und deren Kinder, die den Ruf des Fleischmarktes am leuchtenden Leben erhielten. Sie restaurierten die alten, wertlos gewordenen oder gebrochenen Seelaternen. So gut es eben ging. Manchmal bauten sie aus den Teilen zweier Alter eine Neue, der sie wieder etwas Leben hatten einhauchen können.  Sie banden sie an alte Ketten oder dicke Taue und Seile. Hingen sie in alten Netzen oder Haken auf oder kletterten auf den Mauern und Dächern herum, um das Spinnennetz aus Ketten, Seilen und Tauen zu kontrollieren. Der Turm war ein regelrechtes Sammelsurium an altem, vergilbtem  Glas, rostigen Eisen und halb verbrauchten, alchemistischen Suden und Tinkturen, deren Geheimnis sie oft nicht einmal verstanden. Aber sie verstanden es vortrefflich all jene Laternen, welche aufgrund ihres Alters oder wegen eines Gebrechens ausrangiert worden waren, ein zweites Licht zu geben. Und all diese verlorenen und verstoßen Kinder der See baumelten nun über dem Fleischmarkt und tauchten diesen, jeden Abend, in ein seltsames Licht aus altem, diffusen Ocker, gelblichem Grün und glimmendem Rot.

Und hier standen nun Doréan und Aelia. Ersterer lächelte wissend, während Aelia, die zum ersten Mal Zeuge dieses schäbigen Schauspiels wurde, staunend ihre Blicke über die alten Seelaternen schweifen ließ.  »Man nennt sie auch Immerlichter. Da sie scheinbar ewig leuchten…« Er schnaubte. »Natürlich leuchten die nich‘ ewig. Aber Immerlicht klingt halt besser als Leuchtkugel die irgendwann neu gefüllt werden muss, oder?« Er grinste breit und drückte, sachte, Aelias Hand, während er nun auch seine Blicke empor richtete. Zaghaft legten sich seine Finger ein wenig fester um ihre Hand. Als ob er nicht genau wusste wie er sich verhalten sollte. Über ihnen spannte sich buchstäblich ein Netz aus Ketten und Seilen. An Haken, Kordeln und in bauchigen Netzen hingen dutzende  glimmende Kugeln, die den Fleischmarkt in ein seltsames, beinahe romantisches Licht tauchten. Er zuckte mit den Achseln und sah Aelia schließlich in die Augen.  Sein Blick wurde beinahe suchend, als ob er etwas in ihren Iriden suchen würde.  Doch außer dem Glanz der Laternen konnte er nichts weiter erkennen. »Ich hab keine Ahnung was du meinst. Aber ich kann keine brennende Gestalt in deinem Auge sehen.« Wieder zuckte er mit den Schultern und deutete auf die Kugeln über ihnen. »Genauso hab‘ ich keine Ahnung wie die Dinger funktionieren…so wie die meisten.« Er gluckste, als ob er sein Unwissen zugleich beschämend als auch belustigend fand. »Aber solange keine Funken aus deinem Auge springen, oder du anfängst Feuer zu spucken, wird’s schon nich‘ so schlimm sein.« Er lächelte freundlich. »Immerhin kann man deinen Makel nich‘ seh’n, im Gegensatz zu meinem.« Dabei hob er seine behandschuhte Hand und wedelte dezent mit den Fingern. Dann deutete er auf den ersten Turm. Als würde er von der unangenehmen Situation ablenken wollen. Mit einem möglichst unpassenden Thema, das ihm nur einfallen konnte. »Da drin hockt der alte Albert. Ein fetter Hundsfott. Ich hasse den Kerl, wie die Pest.« Er grunzte grimmig und hielt sich gerade noch dabei zurück verächtlich auf den Boden zu spucken. »Mach am besten einen großen Bogen um den. Der glaubt der Fleischmarkt gehört ihm und wenn er keine Nägel kassiert, stolziert er wie ein eitler Gockel über den Markt.« Er deutete in jene Richtung in welcher er die Schenke wähnte, in welcher Aelia arbeitete. »Er wohnt nich‘ weit von deiner Schenke.« Er hielt kurz inne und ein diebisches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Wenn man vom Teufel spricht.« Nun lachte er schnaubend und deutete auf einen beleibten Mann, der just in diesem Augenblick über den Platz stolzierte.  Es war ein ehrlich verächtliches und zugleich tiefes , kehliges Lachen. Albert pflügte, wie ein eitler Pfau über das alte Katzenkopfpflaster und die Blicke der Beiden hafteten sich förmlich auf ihn. Er schnauzte alte Weiber an, die ihn im Weg standen, schubste einen Knaben beiseite, der beinahe eine Kiste mit Hackbret fallen ließ und griff in die hölzerne Schale eines abgehalfterten Bettlers um ein paar rostige Nägel heraus zu klauben. Schließlich begann er mit einem Händler zu streiten und zu stänkern, bis dieser endlich ebenfalls ein paar Nägel herausrückte. »Albert.« Doréan deutete auf den Mann, als ob er ihn insgeheim vorstellen würde. »Wie er lebt und lebt, der verfickte Hundsfott.« und dabei grinste er verächtlich.  Wenn das überhaupt möglich war auf diese Weise zu grinsen.

Nach einer Weile erreichten sie den zweiten Turm. Einige Burschen waren gerade dabei eine alte Laterne an einen Haken zu binden und sie in die Höhe zu ziehen. Unten stand ein alter Mann, der seine besten Tage schon lange hinter sich gelassen hatte.  Und oben, am Rand der Dächer standen zwei junge Burschen, welche das andere Ende des Seiles spannten, um die Seelaterne hinauf zu ziehen. Doréan beobachte einen Moment lang stillschweigend die Szenerie,  bis sich sein Gesicht aufhellte, als ob ihm eine spontane Idee in den Sinn gekommen wäre. Die Idee hatte sich förmlich manifestiert und dann in seinen Geist gebrannt, dass ihn nichts mehr davon abbringen könnte, und sei dieser Gedankenblitz auch noch so töricht. »Komm.«, rief er und zog Aelia hinter sich her, bis sie an der dumpf glimmenden Seelaterne angekommen waren. »Schnell, solang‘ der Alte nich‘ hinschaut.«. Er zog sein Messer aus dem Gürtel und lächelte dabei verschwörerisch…beinahe verwegen. Aelia sah ihn fragend an und richtete dann einen merkwürdige Blick auf sein Messer. Doréan kratzte zögerlich und mit sichtlich steigendem Zögern mit der Klinge auf dem Glas herum. Immer wieder warf er einen flüchtigen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, ob der Alte es nicht bemerkte. Schließlich hatte er es aber geschafft ein unförmiges Herz in das Glas hinein zu kratzen. Danach warf er einen kurzen Blick zu Aelia. »Komm. Wir kratzen uns’re Namen ins Glas. Dann hängen sie hier für immer, wie die Immerlichter.« Er sah sie aufmunternd an, doch noch ehe Aelia das Messer ergreifen konnte, da packte ihn ein rüder Griff am Unterarm. »Was machst’n du da, du Bengel?«, herrschte ihn eine tiefe Stimme an und Doréan zuckte erschrocken zusammen.  Doch als er in die alten, grauen Augen des Laternenflickers blickte, da setzte er ein selbstverständliches Grinsen auf. »Ich wollte den Namen meines Liebchens ins Glas ritzen.« Der Alte brummte mürrisch und nahm Doréan unwirsch das Messer aus der Hand. »Drei Tage hab ich an der Laterne gearbeitet,  dass sie wieder funktioniert. Und du kratzt einfach drauf rum. Willst du, dass das Glas springt und die ganze alchemistische Plörre ausläuft?« Doréan sah den Mann mit einem stummen und dem verständnislos Blick eines nichtsahnenden Narren an. Schließlich seufzte der Alte und warf Aelia einen musternden Blick zu. Je längerer sie ansah,  desto milder wurde sein Blick. Beinahe sehnsüchtig.  »Ach…die Liebe…«, brummte er und warf dann Doréan einen schiefen Blick zu. »Macht blind…und blöd.« Wieder warf er Aelia einen forschen Blick zu. »Wie heißt’n ihr zwei Turteltauben?«

Da grinste Doréan breit. »Doréan. Und das…«, dabei deutete er beinahe stolz auf Aelia. »…is mein Liebchen Aelia.« Erneut sah er Aelia mit einem musternden Blick an. Beinahe väterlich. Als ob er sich an seine eigene Jugend erinnern würde und an die Dummheiten die er damals gemacht hatte. »Doréan…Helenes Bengel?« Doréan hielt dem Blick des Mannes mit einem beinahe trotzigem Blick stand, bis dieser schließlich milde, beinahe müde, lächelte und Aelia einen flüchtigen Blick zuwarf. Er seufzte langatmig und begann das Messer zwischen seinen Fingern zu drehen. Es schien, als ob er innerlich mit sich ringen würde. Zwischen der Vernunft und der Erinnerung.  Schließlich seufzte er und kratze mit dem Messer zwei Buchstaben in das krakelige Herz. A und D. Dann reichte er, mit einem ernsten Blick, das Messer an Doréan. »Behandle sie gut, Junge. Sie ist ein hübsches Juwel. Und das hier…« Damit deutete er auf das Herz in der schimmernden Seelaterne. »…ist ein Schwur.« Ohne die Beiden eines weiteren Blickes zu würdigen, legte er sich zwei Finger auf die Zunge und entließ einen schrillen Pfiff. »Los Jungs! Hoch mit der alten Dame!«

Die Seelaterne hob sich schwankend in die Höhe. Sie begann zu flackern und schließlich breitete sich in der dunklen, trüben Flüssigkeit darin ein Schein aus, welcher langsam die ganze Laterne erfüllte. Als die Laterne schließlich über ihren Köpfen baumelte, da räusperte sich der Alte und lächelte dabei, dass sich dutzende Falten in seine alte Haut gruben. »Ein Schwur verlangt ein Bekenntnis.« Doréan und Aelia sahen den Mann nur fragend an woraufhin dieser nur mit den Augen rollte und seufzte. »Ein Herz…ein Mann…eine Frau…« Er schüttelte den Kopf und wandte sich schließlich von ihnen ab. Vielleicht hatte Aelia es ebenso verstanden. Vielleicht aber auch nicht.  Doch Doréan hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden,  als ob er ihm die alte Latte um die Ohren gehauen hätte. Ohne ein Wort zu sagen, trat er an Aelia heran, ergriff ihre Hand und zog sie an sich heran. Er sah ihr in dir Augen. Diese schönen, blauen Augen, in welchen sich das Licht der Laterne spiegelte. »Du hast echt hübsche Augen, mein Liebchen.«, murmelte er leise. Ein Moment der Stille kehrte ein, welcher nur von den immerwährenden Geräuschen des Fleischmarktes durchbrochen wurde. Ein zaghaftes, fast schüchternes Lächeln huschte über Aelias Gesicht. Doréan erwiderte es…mutig und zaghaft zugleich. Als stünde er vor einem Baum voller verbotener Früchte. Und ein Schauer überkam ihn, als ob er beim Stehlen erwischt worden wäre. Er schloss die Augen. Langsam. Dann näherte er sich ihr und drückte ihr dann, mit zitternden Händen und bebendem Herzen, seine Lippen auf die ihren…
#44
A und D ❖
rabe-aelia hatte dem Ganzen nur sprachlos beigewohnt. Zunächst hatte sie Doréan nur verwundert angesehen, als er sie so plötzlich zur Seelaterne zog, an welcher eben gearbeitet worden war. Dann hatte er ihr erklärt, was er vorhatte. Ein Herz in das Glas einritzen. Für sie beide. Mitten auf eine Seelaterne, deren Licht vielleicht noch unzählige Jahre auf den Fleischmarkt fallen und ihre beiden Initialen erleuchten würde. Führte ihr Weg sie künftig wieder zum Fleischmarkt, und daran bestand kaum ein Zweifel, würde ihr Blick unweigerlich zu jener Seelaterne wandern. Und jedes Mal würde sie sich an diesen Abend erinnern, an dem Doréan seiner Zuneigung für sie auf so ungewöhnliche Weise einen Platz für die Ewigkeit gegeben hatte. Allein dieser Gedanke hatte ihr den Atem genommen. Für einen langen Augenblick brachte sie nichts hervor. In ihrem Inneren lag ein Staunen, das sie selbst kaum begreifen konnte. Niemand… Nicht ein einziger Mensch… hatte ihr jemals das Gefühl gegeben, etwas so Kostbares zu sein, dass man ihren Namen für immer bewahren wollte. Doch als der alte Laternenflicker danach mit ruhiger Stimme erklärte „Ein Schwur verlangt ein Bekenntnis”, da spürte Aelia, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammen zog. Ein Herz, ein Mann und eine Frau. Ein solcher Schwur verlangte einen Kuss. Sie hob langsam den Blick zu Doréan. Ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ganz vorsichtig schob sie ihre Finger wieder zwischen die seinen und drückte seine Hand sanft. Das war alles, wozu sie in diesem Moment imstande war. Denn sie wusste bereits jetzt, dass sie diesen Abend niemals vergessen würde. Doréan verstärkte den Druck auf ihre Hand und wie von selbst ließ Aelia sich von ihm näher zu sich ziehen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Als Doréan ihr in die Augen sah und mit dieser leisen, beinahe unsicheren Stimme sagte „Du hast echt hübsche Augen, mein Liebchen“, da stahl sich ein verlegenes Lächeln auf ihre Lippen. Ihre Wangen wurden warm. Sie hätte ihm so gern etwas erwidert. Irgendetwas. Ein Dankeschön. Ein erwidertes Kompliment. Vielleicht einfach nur seinen Namen. Doch kein einziges Wort wollte ihr über die Lippen kommen. Sie wusste ganz genau, was nun geschehen würde. Und sie wollte nichts lieber, als das. Langsam schloss Doréan die Augen während sein Gesicht sich ihrem immer mehr näherte. Und Aelia folgte seinem Beispiel. Ganz von selbst sanken auch ihre Lider herab, als wolle sie diesen einen Augenblick mit allen anderen Sinnen aufnehmen. 

Dann spürte sie seinen warmen Atem. Ganz nah. Er streifte ihre Wangen, glitt über ihre Lippen und ließ ihren Atem stocken. Noch ein winziger Augenblick… Dann berührten seine Lippen die ihren. So sanft, dass sie im ersten Moment kaum mehr war als eine flüchtige Ahnung. Aelia hielt unwillkürlich den Atem an. Ihre weichen Lippen legten sich auf seine, und es war, als schien die Zeit für einen kleinen Augenblick stillzustehen. Aelia wagte kaum zu atmen. Für einen Herzschlag verharrten sie einfach so. Nur diese Berührung. Nichts weiter. Und doch schien die ganze Welt in ihr zu verstummen. Sie spürte nur noch ihn. Langsam bewegten sich ihre Lippen gegeneinander. Sie lösten sich einen Hauch voneinander, nur um einander im nächsten Augenblick wiederzufinden, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie den Kuss beenden oder noch einen weiteren kostbaren Augenblick darin verweilen wollten. Immer wieder geschah es. Ein sanftes Lösen. Ein ebenso sanftes Wiederfinden. Mit jedem Mal verlor Aelia ein wenig mehr die Scheu. Aus ihrer anfänglichen Unsicherheit wurde Sehnsucht. Sie erwiderte den Kuss nun ganz selbstverständlich und vergaß alles um sich herum. Sie hörte den abendlichen Trubel des Fleischmarktes nicht mehr. Nicht die Stimmen. Bemerkte nicht mehr das geheimnisvolle Leuchten der Seelaterne. Da war nur noch Doréan. Seine Nähe. Seine Wärme. Sie trat einen kleinen Schritt auf ihn zu, bis sich ihre Körper berührten. Ganz von selbst legten sich ihre Hände an seine Brust und sie spürte sein Herz, das ebenso unruhig gegen ihre Brust zu schlagen schien wie ihr eigenes. Ein leises Zittern durchlief sie. Nicht unangenehm, sondern so überwältigend schön, dass sie glaubte, ihr Herz müsse jeden Augenblick zerspringen. Als sich ihre Lippen schließlich voneinander lösten, blieb sie ganz nah an ihn gedrückt stehen. Ihr Atem ging schneller. Aelia öffnete langsam die Augen und sah ihn an. Für einen langen Moment brachte sie kein Wort hervor. Ihr Atem ging schneller, ihre Wangen glühten, und noch immer fühlte sie das sanfte Kribbeln auf ihren Lippen, eine Erinnerung an seinen Kuss. Sie sah ihn einfach nur an. Ein warmes, glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war klein, beinahe scheu, und doch so voller Glück, dass sie es unmöglich verbergen konnte. Sie wollte etwas sagen. Doch jedes Wort erschien ihr plötzlich viel zu klein für das, was sie gerade empfand. Ja, beinahe überflüssig. So blieb sie einfach vor ihm stehen, ihren Blick in seinem verloren, und lächelte ihn an, als gäbe es in diesem Augenblick nichts Schöneres auf der Welt.

Noch lange standen sie unter den Seelaternen, ohne ein Wort zu sagen. Das geheimnisvolle Licht glitt in matten grünen, ockerfarbenen und roten Schleiern über das Pflaster, über die alten Mauern und über ihre Gesichter, während um sie herum das Leben des Fleischmarktes unaufhörlich weiterging. Aelia bemerkte kaum etwas davon. Sie spürte noch immer seine Lippen auf ihren Lippen. Ganz unwillkürlich huschte ihr Blick immer wieder zu Doréan. Jedes Mal, wenn sich ihre Augen begegneten, breitete sich dieses glückliche Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das sie einfach nicht mehr loswurde. Der Fleischmarkt leerte sich mehr und mehr. Und schließlich löste sie sich nur widerwillig aus ihrer Versunkenheit. „Wir sollten wohl langsam zurück” meinte sie schließlich, aber es klang nicht allzu überzeugt. Doch sie machten sich trotzdem langsam auf den Heimweg. Hand in Hand schlenderten sie durch die nächtlichen Gassen des grauen Viertels, vorbei an längst geschlossenen Ständen und Verkaufsbuden, an Schankstuben, aus denen Gelächter auf die Straße drang, und an schmalen Höfen, in denen nur noch der eine oder andere Betrunkene die Stille durchbrach. Sie redeten über dies und das, Doréan erzählte ihr Geschichten über den fetten Albert und warum er ihn so hasste, Aelia ihrerseits brachte Hiltrud das Lumpenweib zur Sprache, das in der Nähe von Lestars Schenke wohnte und tagein und tagaus durch Aelias Grätzel strolchte. Sie zog in der Nachbarschaft von Tür zu Tür und leierte jeden noch so löchrigen Fetzen und selbst die kleinsten Flicken ab. Man erzählte sich sogar, dass sie tote Ratten und Katzen in einen Beutel stopfte, den sie mit sich herumtrug, und dieses Getier den Abdeckern für einige Nägel verkaufte. Immer wieder verstummten sie. Doch selbst das Schweigen fühlte sich nicht leer an. Es war, als hätten sie sich längst genug zu sagen, ohne jedes Gefühl in Worte fassen zu müssen. Viel schneller, als Aelia lieb gewesen wäre, tauchte schließlich Lestars Taverne vor ihnen auf. Sie blieb stehen und ihr Blick glitt zur Tür. Dann wieder zu Doréan. Sie seufzte leise. „Das ging jetzt viel zu schnell. Der Weg zurück ist immer schneller als der Weg hin, findest du nicht auch?” Für einen Augenblick schwiegen beide. Aelia ließ den Blick die Gasse hinaufwandern. Sie wusste genau, was jetzt eigentlich folgen sollte. Eine Verabschiedung. Ein „Bis morgen“. Dann würde sie die Tür öffnen, die Treppe hinaufsteigen und die halbe Nacht lang wachliegen und sich fragen, ob das alles wirklich geschehen war. Der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Langsam hob sie den Blick wieder zu Doréan. Ein verschmitztes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Eigentlich möchte ich noch gar nicht nach Hause. Wir könnten...“ Sie machte eine bedeutungsvolle Redepause, dann sah sie Doréan geheimnisvoll an. „...einfach noch eine Runde gehen?“ Sie hatten den ganzen Abend damit verbracht, durch das graue Viertel zu schlendern. Sie hatte zum ersten Mal das Murmelspiel erlebt, zum ersten Mal Bollen gegessen und den Fleischmarkt besucht, den sie immer nur tagsüber gesehen hatte. Dass diese Laternen am Abend den Fleischmarkt beleuchteten, hatte sie nicht gewusst, bevor Doréan es ihr gezeigt hatte. Und so hatte sie noch die Seelaternen bestaunt, ein Bekenntnis Doréans auf einer Seelaterne erhalten und waren nun wieder dort angekommen, wo sie aufgebrochen waren. Und doch wollte Aelia nichts lieber, als sich noch einmal mit ihm umzudrehen und denselben Weg ein zweites Mal zu gehen. Nicht unbedingt wegen all den Dingen die sie heute erlebt hatte. Sondern weil jeder Schritt, den sie an seiner Seite machte, den Abschied in dieser Nacht noch ein klein wenig weiter in die Ferne rückte. Und so beschlossen sie, diesen Abend an dieser Stelle noch nicht zu beenden sondern einfach noch weiter zu schlendern, durch die schmalen Gassen des Grauen Viertels. Ohne Eile. Ohne Ziel. Es spielte längst keine Rolle mehr, wohin sie gingen. Hauptsache, sie waren zusammen.

Aelia warf Doréan immer wieder einen verstohlenen Blick zu. Sah wieder nach vorne. Sah wieder zu ihm, bis auch er sie wieder ansah, nur um wieder wegzusehen. noch einen. Sie zelebrierten ein regelrechtes Spiel daraus. Und wenn sich ihre Blicke trafen, musste sie immer unwillkürlich lächeln. „Was schaust du denn immer so?“, fragte sie schließlich halb neckisch, halb verlegen, als sie bemerkte, dass er sie schon wieder ansah. Und im selben Augenblick übersah sie einen fehlenden Pflastersteine, trat in das Loch und stolperte. „Oh!“ rief sie leise und beinahe wäre sie wohl gefallen, hätte Doréan sie nicht im letzten Augenblick geistesgegenwärtig am Arm gepackt, den anderen Arm um ihre Hüfte gelegt und sie zu sich gezogen. Im nächsten Moment prallte sie leicht gegen ihn. Einen Herzschlag lang sahen sie einander nur an. Dann musste Aelia plötzlich lachen. Sie fand daran eigentlich nichts besonders lustig. Und trotzdem musste sie lachen. Ein helles, glückliches Lachen, das sich an diesem Abend offenbar immer wieder seinen Weg nach draußen suchte. „Das war jetzt aber ganz schön peinlich...“, brachte sie zwischen zwei Atemzügen hervor. Und noch ehe sie sich wieder ganz gefangen hatte, stieß ihr Fuß gegen einen alten Blecheimer, der neben einer Haustür gestanden hatte. Scheppernd polterte er über das Kopfsteinpflaster. Der Lärm hallte durch die ganze Gasse. Für einen winzigen Augenblick wurde es vollkommen still. Dann flog über ihnen ein Fenster auf. Ein Kopf mit einer Nachthaube darauf schob sich hervor und blickte sich empört um, bis er die Ursache für die nächtliche Ruhestörung entdeckt hatte. „Seid's ihr zwei komplett narrisch?!“ plärrte eine kratzige Stimme in die Nacht. „Normale Leut schlafen um diese Uhrzeit!“ Aelia zuckte erschrocken zusammen. Doch sie war viel zu gut gelaunt an diesem Abend, um sich von diesem Zwischenfall die Laune verderben zu lassen. Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht schon wieder loszulachen. Langsam hob sie den Blick zu Doréan und ahnte bereits, dass er sich diese Schimpftirade kaum widerspruchslos gefallen lassen würde.

Doch irgendwann führte ihr Weg sie schließlich doch zurück zu Lestars Taverne. Diesmal gab es keine Ausflucht mehr. Die Tür war nur noch wenige Schritte entfernt. Hinter den Fenstern war es dunkel, der Schankraum lag verlassen da und Aelia würde sich durch den Seiteneingang im Torbogen in die Schenke schleichen müssen und tunlichst darauf achten, keinen Lärm zu machen um die Wirtsleute nicht aufzuwecken. Aelia blieb vor dem Torbogen stehen und sah hinein. Dann wieder zu Doréan. Ein leises Bedauern erfüllte ihr Herz. „Jetzt muss ich wirklich hinein.“ Für einen flüchtigen Augenblick standen sie einfach nur voreinander, als hofften beide insgeheim, der Abschied würde sich von selbst noch ein wenig hinauszögern. “Es war ein sehr, sehr schöner Abend…” sagte sie leise. “Ja, mein Liebchen” erwiderte Doréan. Schließlich trat Aelia einen halben Schritt auf ihn zu. Ganz von selbst fanden ihre Hände die seinen. Mit einem zarten Lächeln zog sie ihn mit sich in den Torbogen neben der Taverne, verborgen vor den Blicken der vereinzelten, die um diese Uhrzeit noch vorbeigingen. Dort blieb sie stehen und sah zu ihm auf. In ihren Augen lag noch immer dieser Glanz, der sie den ganzen Abend begleitet hatte. Langsam hob sie eine Hand, strich ihm behutsam eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und ließ ihre Fingerspitzen einen Augenblick auf seiner Wange ruhen. Dann schloss sie die Augen und ihre Lippen fanden einander zum zweiten Mal. Diesmal war es kein zögerlicher erster Kuss mehr. Es war ein Kuss, bei dem sich keiner der beiden fragen musste, ob sie es wagen sollten. Als sich ihre Lippen langsam wieder voneinander lösten, blieb sie noch einen Moment ganz dicht bei ihm stehen. Langsam lösten sich ihre Hände voneinander. Aelia spürte noch einmal seine Finger zwischen den ihren, ehe sie sich widerwillig ganz aus seinem Griff löste. Ganz unbewusst strich ihr Daumen ein letztes Mal sanft über seinen Handrücken. Vor ihrem inneren Auge tauchte noch einmal das kleine Herz in der Seelaterne auf. A und D. Ein Schwur. Unwillkürlich lächelte sie. „Schlaf gut...“, sagte sie leise. Für einen flüchtigen Augenblick stockte sie. Dann hob sie den Blick wieder zu ihm. „...mein Herz.“ Die Worte waren ihr einfach entschlüpft. Leicht und selbstverständlich ausgesprochen. Erst im nächsten Moment begriff sie selbst, wie sie ihn gerade genannt hatte. Ihre Wangen färbten sich augenblicklich rot. „Ich...“ Ein verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Doch es fühlte sich richtig an, und darum sagte sie nichts weiter. Mit einem letzten warmen Blick sah sie ihn an, drehte sich um und schlüpfte durch die Seitentür in Lestars Taverne. Erst als sie die schmale Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg, musste sie unwillkürlich lächeln. “Mein Herz", flüsterte sie. Und je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich, dass sie ihn wieder so nennen würde.
#45
Tote Winkel und Diamanten ❖
rabe-breit grinsend und mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht, ließ Doréan die Schenke hinter sich. Seine Gedanken kreisten nur um den Kuss. Und das Gefühl, welches sich in ihm ausgebreitet hatte. Selbst wenn Doréan hier und jetzt in einen großen Haufen Hundescheiße getreten wäre, würde ihn dies nicht mehr aus der Ruhe bringen können. Sie hatte ihn geküsst. Er hatte ihren Atem auf seiner Haut gefühlt und ihre Lippen geschmeckt. Es war der schönste Kuss, den er je bekommen hatte. Seine Gedanken kreisten immer wieder um diesen einen Moment. Diese Stille. Diese Anspannung. Und dann, schlussendlich diese stumme, beinahe befreiende Erlösung. Dieses warme Gefühl, welches sich in ihm ausgebreitet hatte. Er schloss die Augen und das Grinsen wurde noch ein wenig breiter. Und so schlenderte er die lange Straße entlang und schwelgte, völlig gedankenverloren, in dieser Erinnerung.

Ein Glockenschlag ertönte. Und kurz darauf der Klang von drei weiteren, helleren Glocken. Doréan erschrak und zuckte zusammen. »So spät schon.«, murmelte er und unweigerlich richtete sich sein Blick in den abendlichen Himmel. Die blaue Stunde hatte sich schon beinahe ihrem Ende genähert. Ein langgezogener, tiefer Ton dröhnte eine halbe Ewigkeit durch die verschlungenen Straßen des grauen Viertels und hallte lange zwischen den hohlen Gassen nach. Mit ihr endete die blaue Stunde. Nun gehörte das Viertel endgültig der Nacht. Und mit ihr, allen Schatten und Gestalten, welche jede Nacht aus ihren Löchern krochen. »Scheiße.«, fluchte Doréan und wo eben noch eine angenehme warme Woge in ihm gebrandet hatte, überkam ihn mit einem Mal ein unangenehmer, kalter Schauer. Er war viel zu spät geworden. Raban würde schlecht gelaunt sein. Vielleicht bliebe es bei einem Fluch. Wenn er es überhaupt dabei beließ. Raban verstand keinen Spaß, wenn man ihn warten ließ. Und so beschleunigte Doréan schließlich seine Schritte. Immer weiter und weiter. Bis er schließlich rannte. Wie eine Ratte, die durch die dunklen Gassen huschte. Seine Schritte hallten an den Wänden wider, während er sich immer tiefer in das graue Viertel hinein bewegte.

Nach einer Weile hatte er sein Ziel erreicht. Eine schäbige Tür, über welcher ein ebenso heruntergekommenes Schild im lauen Abendwind schaukelte. Auf dem Schild stand nichts geschrieben. Lediglich der Umriss eines Vogels war zu sehen. Die Farbe war schon lange abgeblättert und das Holz hatte sich schon schwarz verfärbt und Moos angesetzt. Über der alten Tür befand sich in der Fassade des Hauses ein kleiner Erker, in welchem eine alte Statue auf jeden herunterblickte, welcher vor der Türe stand. Einst war diese Statue vermutlich einmal eine Maid gewesen. Doch der Zahn der Zeit war mit der Statue nicht gnädig gewesen. Auf der Statue hatte sich allerlei Ruß und Taubenkot angesammelt. Eine der Hände war abgebrochen. Alles in allem erweckte diese Statue einen sehr verwahrlosten Eindruck, die schon lange den Glanz vergangener Tage verloren hatte. Und dennoch sah sie mit einem anklagenden Blick auf Doréan herab, als hätte sie in ihrem Leben schon mehr gesehen, als man sehen sollte. »Da bist du ja endlich.«, brummte eine raue Stimme aus den Schatten. Ein Mann, welcher an der Wand gelehnt hatte, trat an Doréan heran. Raban. »Du kommst zu spät. Schon wieder.« Doréan senkte den Blick und steckte die Hände in die Taschen. »War am Fleischmarkt. Alberts Pisspötte…« Raban schnalzte mit der Zunge. »Was interessier'n mich deine Ausflüchte.« Er knirschte mit den Zähnen und Doréan konnte die Knöchel seiner Finger knacken hören. »Du hast mich warten lassen. Dafür wirst du heute nur den halben Sold bekommen.« Doréan seufzte und hob dann den Blick. »Und was soll ich machen?« Wieder stieß Raban diesen missbilligenden Ton mit der Zunge aus. »Wir klappern 'n paar tote Winkel ab.« Tote Winkel nannten die Gassenleute jene unauffälligen Verstecke, die niemand eines zweiten Blickes würdigte. Ein loses Brett. Eine Nische in einer Mauer. Ein Stein, der sich aus einem Brunnenrand ziehen ließ. Ein Krug, der scheinbar vergessen im Hafenwasser an einer Schnur dümpelte. Die Hehler legten dort Geld oder heiße Ware ab. Die Greifer sammelten sie nach der blauen Stunde ein. Kein Wort, kein Treffen, keine lästigen Zeugen.

Doréan nickte. »Ich verstehe.« In Wahrheit verstand er nicht besonders viel davon, doch er wollte sich keine Blöße geben. Er wusste zwar, wovon Raban da sprach. Doch hatte er keine Ahnung was diese toten Winkel in Wahrheit eigentlich waren. Es gab Gerüchte, die man sich in den Gassen erzählte. Aber es konnte alles Mögliche sein, oder auch einfach gar nichts. Doch nun, da Raban es erwähnt hatte, wusste Doréan, dass es etwas von Bedeutung sein musste. Welcher Art von Bedeutung, das würde sich heute Nacht wohl weisen. Denn bisher hatte er kaum mehr getan als die üblichen Arbeiten eines Laufburschen. Mal brachte er ein kleines Paket von einem Ende des Viertels zum anderen, mal übermittelte er eine Nachricht. Hier musste etwas hinterlegt, dort etwas abgeholt werden. Nichts, was jemals besonderes Geschick oder gar Mut verlangt hatte.

Die größte Verantwortung, die man ihm bislang übertragen hatte, waren gewesen, eine Dirne nach Hause zu begleiten, Schmiere zu stehen und nach der Stadtwache Ausschau zu halten. Tauchten irgendwo Lanzenträger oder Hundeführer auf, sollte er den vereinbarten Pfiff ausstoßen. Ein anderes Mal hatte er die ganze Nacht an einem verlassenen Lagerhaus Wache geschoben und am Morgen gemeldet, was ihm verdächtig vorgekommen war. Wirklich spannend war das nie. Meist kämpfte man eher gegen den Schlaf als gegen irgendwelche Halunken, die sich des Nachts in den Schatten herumtrieben. Doch tote Winkel abzugreifen – das hatte Doréan noch nie getan. Und er wurde das Gefühl nicht los, dass es etwas mit dem Paket zu tun haben musste, welches er gerettet und wofür dieser seltsame Fremde ihm sogar ein silbernes Loch überlassen hatte.

Doréan folgte Raban, wie ein unauffälliger Schatten, während dieser durch die dunklen Gassen des grauen Viertels ging, als ob er die Augen einer Katze besäße. Doréan konnte in manchen Gassen kaum die Hand vor Augen sehen, und doch bewegte sich Raban, ohne zu zögern, immer in der gleichen Geschwindigkeit voran. »Hier ist der erste.«, murmelte er und deutete auf eine Mauer aus alten Ziegeln. Der Putz war schon lange abgebröckelt. Hier und da standen einige Ziegel etwas weiter heraus. Doréan sah Raban nur fragend an, da er nicht wusste, was nun von ihm erwartet wurde. Raban schnalzte mit der Zunge und deutete auf einen der herausstehenden Ziegelsteine. »Zieh ihn raus.«, befahl er unwirsch und der Gossenfloh trat an die Mauer heran und zog an dem Ziegelstein. Er ließ sich, ohne großen Widerstand, einfach aus der Wand lösen und offenbarte ein gähnendes Loch in der Mauer. Doréan griff hinein und bekam einen kleinen, ledernen Beutel zu fassen. Nun wurde ihm auch klar, warum man es abgreifen nannte und er lächelte dabei stumm. Raban streckte seine Hand aus und öffnete die Faust. »Gib schon her, und steck den Scheiß Stein wieder zurück. Wir haben noch genug andere Winkel vor uns.« Doréan tat wie ihm geheißen, und sie setzten ihren Weg fort. Der Lederbeutel hatte geklimpert. Münzen hatten sich darin befunden, dessen war sich Doréan gewiss. »Merk dir die Stellen. Vielleicht musst du sie irgendwann alleine abgreifen.«, brummte Raban mürrisch und führte ihn zum nächsten toten Winkel.

Die beiden erreichten im Laufe der Nacht einen alten Brunnen, eine alte, ausgebrannte Laterne, welche Doréan nur hatte erreichen können, als er auf einen kleinen Vorsprung geklettert war, und eine noch ältere Brücke. Unter der Brücke war, im Torbogen, ein kleiner Vorsprung gewesen auf welchem das begehrte Gut gelegen hatte. »Acht Löcher.«, murmelte Raban und schüttete die Münzen in einen ledernen Beutel, bevor sie ihren Weg fortsetzten.

Wieder erreichten sie einen toten Winkel. Ein alter Blumenkasten, in welchem nur vertrocknetes, altes Unkraut wucherte. »Drei Löcher.«, murmelte Doréan, leise zu sich selbst und reichte Raban schließlich die Münzen, an welchen noch Erde klebte. Später betraten sie eine kleine Seitengasse, welche sich als Sackgasse entpuppte. Am Ende der Gasse deutete Raban auf ein Loch nahe des Rinnsteins. Es war kaum größer als ein Rattenloch und vermutlich hauste darin auch die eine oder andere Ratte. »Da drin.«, brummte Raban und Doréan ging auf die Knie und steckte die Hand in das gähnende Loch hinein. Er tastete hin und her…doch er fand nichts. »Is leer...«, murmelte Doréan und Raban zischte genervt und spuckte dann auf den Boden. »Greif tiefer rein.«, befahl er und Doréan schnaubte. »Das scheiß Loch is net so tief. Ich hab alles abgegriffen, greif doch selber rein, wenn du mir nich' glaubst...«, maulte Doréan mürrisch. Raban verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf in den Nacken und schwieg. Nur einen Moment. »Dann weiter.« Doréan rappelte sich wieder auf und klopfte sich den Dreck von den Knien. »Warum wars leer?«, erkundigte sich Doréan und Raban funkelte ihn mit einem stummen Blick an. »Gibt viele Gründe. Is aber nich' unser Bier.« Doréan zuckte mit den Achseln. »Wir machen Meldung. Andere werden sich drum kümmern. Entweder jemand hats geklaut, oder der Streuer hat heute 'nen schlechten Tag gehabt…« Doréan runzelte die Stirn. »Schlechten Tag?« Raban legte sich die Hand auf den Hals und ließ dann die Zunge aus dem Mundwinkel baumeln während er ein röchelndes Geräusch von sich gab. Da verstand Doréan und verkniff sich weitere Fragen. Sie gingen einige Schritte, bis sie den Ausgang der Sackgasse erreicht hatten. Unvermittelt blieb Raban stehen und wandte sich um. Doréan hielt inne, doch den Schlag sah er nicht kommen. Rabans Faust bohrte sich in seine Magengrube und Doréan ächzte mit zusammengekniffenen Zähnen. »Red' nochmal so mit mir, und ich brech' dir 'ne Rippe. Klar?« Doréan senkte den Blick, doch er sagte kein Wort. Stattdessen zog er nur den Schwanz ein, wie ein getretener Straßenköter und folgte Raban zum nächsten toten Winkel.

Nach einer Zeit, welche Doréan wie eine halbe Ewigkeit vorkam, erreichten sie schließlich einen weiteren Winkel. Dieser befand sich in einem kleinen Hinterhof. Sie hatten über eine Mauer klettern müssen, da das alte, eiserne Tor verschlossen gewesen war. Zunächst hatte Doréan eine Räuberleiter gemacht, bevor Raban ihn schließlich von oben über die Mauer geholfen hatte. In dem Hof war ein kleiner Brunnen gewesen. Doréan war zielstrebig auf den Brunnen hinzugelaufen, doch da hatte Raban abermals mit der Zunge geschnalzt und einen dumpfen Pfiff zwischen den Zähnen erklingen lassen. »Dort. In dem Astloch.« Er deutete auf einen knorrigen Baum, dessen Krone nur wenige Blätter aufwies. Auf halber Höhe hatte sich ein Loch im Baum befunden und Doréan war gezwungen gewesen, wie eine Katze auf den Baum zu klettern. Als er die Beute aus dem Loch gezogen hatte, hob er kurz den Blick hinüber zu dem gegenüberlegenden Haus. Es hatte dunkle, fast schwarze Schindeln. Und ein alter Mann mit grauem Haar starrte ihm direkt in die Augen. Doréan erschrak und fiel beinahe vom Baum herunter. Er konnte sich gerade noch festhalten, doch die knorrige Rinde hatte einige Stiemen auf seinen Armen hinterlassen. »Was ist los mit dir?«, zischte Raban ungehalten und Doréan deutete verhalten zu dem Fenster hinauf, hinter welchem das spärliche Licht einer Talglampe flackerte. »Der Alte da.«, flüsterte Doréan. »Er hat mich geseh'n« Raban hob den Kopf empor, doch der Alte war nicht mehr am Fenster. »Wer?«, murmelte Raban und Doréan seufzte. »Er ist weg.« Raban grunzte. »Hier, nimm.« Er reichte ihm einen Kreidegriffel und deutete wieder auf den Baum. »Mach ein Zeichen, irgendwo beim Baum. Wenn der Alte dich wirklich gesehen hat, is dieser Winkel gestorben. Sonst bedienen sich noch 'n Starrer oder ein Gossenbalg an unserem Eigentum.« Doréan tat wie ihm befohlen wurde und kritzelte mit der speckigen Kreide einen kleinen Gaunerzinken auf die Wand, gegen welchen sich der Stamm des alten Baumes lehnte. Indes warf Raban einen Blick auf das Haus. Doch der Alte war nicht mehr zu sehen. Er tippte Doréan auf die Schulter und sie verließen den Hof wieder. Als sie zurück auf der Straße waren, trat Raban vor das Haus und stemmte die Hände in die Hüfte. »Meister Basilius – Kräuter und Drogen aus aller Herren Länder.«, las er die Inschrift auf dem Schild. »Den merken wir uns vor.«, schnaubte Raban und zog Doréan weiter in die Dunkelheit der nächsten, hohlen Gasse.

Die Nacht wandelte sich langsam. Die Dunkelheit zog sich zurück. Aus tiefster Schwärze wurde langsam ein diffuses Blau. Die Wolken hatten sich verzogen und das Licht der Monde beschien die dunklen Gassen. Und weit hinter dem Horizont, krochen schon die ersten Sonnenstrahlen über den Rand der Welt. »Es dämmert schon. Sind wir bald fertig?«, maulte Doréan und erntete einen rügenden Blick Rabans. »Bald.«, blaffte dieser ungehalten und lehnte sich an eine alte, steinerne Mauer. »Da.«, er deutete auf die Stadtmauer, welche sich dunkel und von Schatten umwoben, vor ihnen erhob. »Unser letzter Halt, für heute.« Doréan kniff die Augen zusammen. Am Scherbentor brannten zwei alte Laternen und im Schatten der Laternen konnte man das verräterische Schimmern von Helmen und Lanzen ausmachen. Das Tor war verschlossen. Es würde sich erst öffnen, wenn der erste Glockenschlag den Tag einläuten würde. »Beim Scherbentor?« Raban nickte und fischte seine Pfeife aus der Tasche. Er begann seine widerlich stinkende Hausmischung in den Kopf zu stopfen und stellte sein rechtes Bein gegen die Wand. »Hier.« Raban zog eine dunkle Armbinde aus der Tasche und reichte sie Doréan. Der Gossenfloh hielt sie gegen das Mondlicht und ein halb verblasstes Symbol, welches in den dunklen Stoff eingestickt worden war, schimmerte matt im fahlen Schein. Der Faden war einst einmal silbergrau gewesen. Doch nun war er nur noch grau und an einigen Stellen hatten sich die Nähte schon aufgelöst. »Was is das?«, murmelte Doréan, der weder lesen konnte, noch das Symbol erkannte. Raban rollte mit den Augen. »Ne Armbinde, du Armleuchter.« Als Doréan ihn weiterhin fragend ansah, da rollte er mit den Augen. »Ziehs dir auf den rechten Arm drauf. Man, muss ich dir alles vorkauen, wie einem beschränkten Vollpfosten?« Doréan band sich die Armbinde um und biss sich dabei auf die Lippen, um einen ungehaltenen Fluch zu unterdrücken. »Und jetzt?«, maulte Doréan trotzig und Raban warf ihm einen Beutel zu, welchen Doréan gerade noch in der Luft gefangen hatte, bevor dieser auf den Boden hatte fallen können. Der Beutel wog schwer. Vermutlich war er voller Silber und Doréan hob fragend den Blick. Raben indes versuchte seine Pfeife mit dem gestreckten Opiumkraut an einer rußenden Fackel zu entzünden und so ließ Doréan seine Blicke erneut zum Stadttor schweifen. Ihm schwante Übles. »Gib dem da den Beutel.« Er deutete auf einen der Wachposten, welche unweit vom Tor seine stoischen Bahnen beschritt. Doréan kniff die Augen zusammen und hob dann eine Augenbraue, als ob er sich verhört hätte. »Gehört das auch zum Abgreifen?« Da lächelte Raban dünn. »Nein.« Da runzelte Doréan die Stirn. Nun verstand er gar nichts mehr. »Hör auf mir Löcher in den Bauch zu fragen. Mach was ich dir sage, du Kackvogel.« Raban schnaubte mürrisch. »Aber achte drauf, dass er die Scheiß Armbinde sieht, klar?« Doréan sah zuerst an sich herab und prüfte, ob das Stück Stoff auch gut saß. Doch es hob sich von seiner Kleidung kaum ab und war nur schwer zu sehen. Doréan seufzte. »Ich kann das Ding ja nich'mal selber seh'n. Wie soll der Hundsfott es dann erkennen?« Da rollte Raban genervt mit den Augen. »Is das mein Problem?« Er zuckte mit den Achseln und tat schließlich einen tiefen Zug aus seiner Pfeife.

Der weiße Rauch umwaberte Rabans Gesicht. Demonstrativ blies er Doréan einen beträchtlichen Anteil davon direkt ins Gesicht. »Du bist ja immer noch hier. Verpiss dich schon endlich. Der Kerl schiebt nich' ewig Wache.« Doréan verzog seinen Mundwinkel zu einem schiefen Strich und wandte sich zum Gehen. »Verbocks nich'« Und mit diesen Worten stieß sich Raban von der Wand ab und verschwand in den Schatten der hohlen Gasse. Beinahe, als ob er vermeiden wollte, von der Wache gesehen werden zu können, was Doréans beklommenes Gefühl nur noch weiter verstärkte. Er umschloss den Beutel ein wenig fester, als fürchtete er, er könnte ihn verlieren, oder just in diesem Moment könnte ein Hundsfott hinter einer Ecke hervorspringen, um ihn aus seinen Fingern zu entreißen. Und so schritt er forschen und zugleich zögerlichen Schritten auf das Scherbentor hinzu.

Als der Mann den Gossenfloh bemerkte, legte er langsam eine Hand an den Griff seines Schwerts. Eine schweigende und zugleich drohende Geste. Mit der anderen Hand hielt er seine Laterne etwas höher, damit diese den Schein auf Doréans Gesicht werfen konnte. »Wer bist du?«, fragte er mit einer ruhigen Stimme in der ein unüberhörbarer, drohender Ton mitschwang, bis sein Blick die Armbinde bemerkte. Er kniff die Augen zusammen und musterte Doréan, doch das Licht der Laterne war nicht hell genug, um sein Gesicht zu erkennen. Seine musternden Blicke wanderten über Doréans Erscheinung. Immer wieder blieb er an den Händen haften, nur um kurz darauf wieder den Blickkontakt des Gossenflohs zu suchen.  Schließlich offenbarte Doréan zögerlich den Beutel, welchen Raben ihm anvertraut hatte. Als der Mann erkannte, was Doréan da in den Händen hielt, ließ er seine Laterne langsam sinken und nickte seitwärts mit dem Kopf, um den Gossenfloh zu einer nahem Gasse zu dirigieren. Er folgte ihn, wenn auch in gebührlichem Abstand. Als der Wächter schließlich an einer dunklen Häuserecke stehen blieb, stellte er die Laterne, beinahe beiläufig, auf dem Boden ab und trat hervor, als ob er das Licht mit seinem Körper abzuschirmen gedachte. Er hob die Hand und öffnete die Finger. Doréan schluckte und trat näher an ihn heran. Wortlos legte er ihm den Beutel in die Hand und konnte dabei ein nervöses Zittern kaum unterdrücken.

Der Mann nahm den Beutel entgegen. Doch warf er Doréan dabei einen seltsamen Blick zu. Er hatte das Zittern bemerkt. Er hatte die Handschuhe bemerkt. Und er hatte diesen einen Finger, der seltsam und im Gegensatz zu den anderen, unnatürlich wirkte. Irgendetwas an dieser Hand sollte ihm im Gedächtnis bleiben. Doch in diesem Augenblick, sagte er kein Wort und sah Doréan nur auffordernd und zugleich stoisch an. Seine Finger streiften Doréans behandschuhte Hand und dann umfasste er den Beutel und nahm ihn schweigend an sich. Wieder nickte er. Doch dieses Mal war es keine Einladung. Es war ein unwirsches und unmissverständliches »Verpiss dich.« Und Doréan ließ sich dies nicht zwei Mal sagen.

Der Hahn krähte, noch bevor die erste Glocke erklang. Doréan hatte schlecht und viel zu wenig geschlafen. Die Nacht hatte sich tief in seine Glieder verbissen und er kämpfte sich mühevoll aus dem Bett. Doch ein Gedanke beherrschte ihn noch mehr, als die Geschehnisse der letzten Nacht. Aelia. Er würde sie heute wieder besuchen. Und bei diesem Gedanken hellte sich sein Gemüt ein wenig auf, auch wenn er sich fühlte, als ob er auf einer Streckbank geschlafen hätte. Es dauerte eine ganze Weile, bis Doréan auch die letzten Spuren der vergangenen Nacht aus seinem Körper vertrieben hatte. Er hatte auf Bitterwurzen gekaut und sogar ein halbes Dutzend Krähendreck gekauft, auf welchem er lustlos kaute und nagte.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Doréan vor Aelias Schenke wartete. Wieder saß er auf der Bank doch dieses Mal hoffte er, dass Alva oder Millie sich nicht blicken lassen würden, während er mit müden Knochen und Augenringen schwarz wie Kohle auf der Bank ausharrte. Er kaute auf den dunklen, bitteren Krähendreckstangen herum…und spielte mit etwas in seiner Hand, dass er immer wieder ansah. Er drehte es um. Sah es wieder an. Und schloss dann erneut die Faust. Und dies wiederholte sich immer wieder, als ob es das Einzige wäre, welches ihn von seiner Langeweile abzulenken vermochte. Oder von seiner Müdigkeit. Doch all die düsteren Gedanken und jede Schwermut war wie hinfort geweht, als Aelia endlich gekommen war. Er sprang von der Bank und lief ihr, mit einem breiten Grinsen entgegen. »Schön dich zu seh'n, mein Liebchen.« Als die Beiden sich schließlich so nahe standen, dass sie sich beinahe berührten, da hielten sie plötzlich inne. Sie wirkten beinahe unbeholfen. Als ob der gestrige Kuss nur ein Traum gewesen wäre, den sie beide kaum zu glauben vermochten. Wieder standen sie einfach nur da und sahen sich an. Wieder war da dieses ungewisse Zögern. Doch als sie sich einander die Hände gaben, überkam Doréan eine Welle der Ruhe und sein Herz begann schneller zu schlagen. »Wohin gehen wir heute?«, flötete Aelia und Doréan lächelte wissend und beinahe verschwörerisch. »Auf die Mauer. Das wird dir gefallen, mein Liebchen.« Er legte ihr die Hand um die Hüfte, doch tiefer als ihre Taille, ließ sie seine Hand nicht gleiten, denn da hatten sich ihre Finger schon um seine geschlossen, als ob sie fürchtete, Doréan könnte sich jeden Moment in Luft auflösen. Und so gingen sie gemeinsam zum Hafen. Entlang der alten Schaluppen und Kähne. Vorbei an den langen Bahnen aus aufgespannten Netzen, die in der Sonne trockneten. Vorbei an unzähligen Menschen, die ihnen nicht einmal eines Blickes würdigten. Jeder hatte nur Augen für seinen eigenen Weg. Und so wirkten die beiden, welche sich langsam gegen den Strom der Menschen hindurch bewegten, wie ein verflochtenes Stück Treibgut, welches durch den grauen Strom des Viertels trieb.

Bis sie endlich die Mauer erreicht hatten. Doréan hatte Aelia geholfen die schmale Treppe empor zu steigen. Er hatte ihr die Hand gereicht. Hatte sie gestützt. Und als Aelia kurz ins Straucheln geraten war, hatte er sie an der Hüfte gehalten und davor bewahrt in die Tiefe zu stürzen. Er hatte sie vorbeigeführt, an den Fischern, die wie auf einer Perlenkette aufgefädelt am Rand der Mauer saßen. Und er hatte sie vorbeigeführt an den mürrischen Stadtwachen, welche gelangweilt an einem kleinen Erker lehnten und sie kaum eines Blickes würdigten. Nur ein Blick blieb an Doréan haften. Einen flüchtigen Moment lang musterte der Wachmann den Gassenjungen. Seine Augen wanderten über Aelias Rundungen, ihren Arm entlang bis zu ihrer Hand, in welcher auch Doréans Hand lag. Einen Moment lang verharrte sein Blick auf den Händen der Beiden, bis sie an sich schließlich weit genug entfernt hatten. Der Mann runzelte kurz die Stirn. Als hätte sich irgendwo tief in seinem Gedächtnis etwas geregt. Doch der Gedanke entglitt ihm ebenso rasch wieder, wie er gekommen war, bis er schließlich gänzlich verblasste. Für einen kurzen Augenblick warf der Wachmann Doréan und Aelia noch einen kurzen, seltsam mürrischen Blick nach. Doch als die beiden schließlich vorübergezogen waren, hatte sich das Interesse an den Beiden auch schon wieder verflüchtigt. Schließlich schob er den flüchtigen Gedanken beiseite und lehnte sich wieder gegen den Erker, als hätte es die beiden nie gegeben und ließ seinen gelangweilten Blick erneut über den Hafen schweifen. Auf der Suche nach etwas, dass seine Aufmerksamkeit mehr verdiente.

Als sie endlich am Rand der Mauer saßen und ihre Blicke die Pracht erblickten, welche sich ihnen nun darbot, da lächelte Aelia. Und Doréan lächelte, weil sie lächelte. Die Sonne stand hoch über der Stadt und vor ihnen offenbarte sich die wahre Perle des Südens. Dutzende Schiffe schoben sich über das Wasser. Rote, blaue, weiße und grüne Segel. Banner und Wimpel in allen möglichen Farben und Formen. Und das Meer glitzerte und funkelte, als ob ein See aus Diamanten vor ihnen lag, der vom Schein der Sonne in ein bezauberndes Licht getaucht wurde. »Es ist wunderschön.«, hauchte Aelia und Doréan nickte mit einem breiten Grinsen. »Hab ich doch gesagt, mein Liebchen.« Er zog seinen Arm von ihrer Schulter und begann in seiner Tasche zu nesteln. »Ich…«, murmelte er verlegen. »Ich hab was für dich.« Er ballte die Faust und nur ein Stück ledernes Band lugte daraus hervor. »Es is nich's besond'res…«, murmelte er und senkte dabei den Blick und lächelte dabei, so selbstsicher, wie er es nur aufsetzen konnte. Doch schließlich öffnete er die Hand und offenbarte die kleine Lochmünze, an welche er ein einfaches Lederband gebunden hatte. Es war eben jene Münze, die er von diesem seltsamen Fremden bekommen hatte. Seine erste Silbermünze. Doch er wollte Aelia etwas besonderes schenken. Und etwas anderes hatte er nicht. Es war alles was er besaß und daher mehr wert als eine Kette aus Gold oder ein Anhänger aus Diamanten. Er spannte die Kette mit beiden Händen, indem er sie jeweils mit Daumen und Zeigefinger hielt, und ließ die alte, geschwärzte Lochmünze vor Aelias Augen hin und her baumeln. Und dabei grinste er breit und stolz, auch wenn man die Verlegenheit, die darin mitlächelte, nicht übersehen konnte.
#46
Wo die Möwen kreisen ❖
rabe-mit einem leisen Räuspern trat Aelia an die Kochstelle. Mahdia stand mit dem Rücken zu ihr am Herd und rührte mit kräftigen Bewegungen in einem großen, dampfenden Kessel, ohne sich auch nur nach ihr umzudrehen. „Mahdia...?“ „Wenn's um noch mehr freie Tage geht, kannst du gleich wieder umdrehen“ erwiderte sie, ohne auch nur den Kopf zu haben. Aelia schüttelte den Kopf, ohne dass es Mahdia sehen konnte. „Nein... darum geht's nicht.“ Erst jetzt zog Mahdia den Kochlöffel aus dem Eintopf, klopfte ihn geräuschvoll am inneren Rand des Topfes ab und legte ihn beiseite. Nun wandte sich ihr zu. „Na dann. Was gibt's?“ Für einen Augenblick rang Aelia mit sich. Es war ihr sichtlich unangenehm, überhaupt fragen zu müssen. „Ich wollte dich fragen, ob ich vielleicht etwas Brot haben könnte. Und... ein bisschen Schinken.“ Mahdias Blick glitt prüfend über sie. „Hast du Hunger? Dann setz dich doch einfach, ich geb dir etwas Eintopf“ Aelia senkte kurz den Blick. „Ja, aber… Eintopf kann ich nicht mitnehmen…“ „Mitnehmen? Wohin willst du denn mit Brot und Schinken?“ Aelia nickte zaghaft. „Ich wollte... draußen mit jemandem essen.“ Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann schnaubte Mahdia leise. „Hat der Bäckersbursche neuerdings vergessen, dass sein Vater eine Backstube besitzt? Der könnte doch selbst Brot mitbringen.“ Aelia brachte es nicht über sich, den Irrtum aufzuklären. Es sollte eine Überraschung werden…“, erwiderte sie stattdessen leise. Mahdia musterte sie einen langen Augenblick. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Du bist ein sonderbares Mädchen.“ Sie griff nach einem frischen Laib und schnitt zwei kräftige Scheiben davon ab. Danach folgten zwei dicke Scheiben Schinken, den sie sorgfältig auf die Brotscheiben auf einem Leinentuch legte. Beinahe war sie fertig, da hielt sie noch einmal inne, griff mit der Holzzange in das Fass neben sich und legte zwei Essiggurken dazu. Aelia sah überrascht auf. „Nicht falsch verstehen“, brummte Mahdia, während sie das Tuch zusammenfaltete. „Das zieh ich dir alles vom nächsten Lohn ab.“ „Natürlich.“ „Und die Gurken erst recht.“ Aelia nickte dankbar. Mahdia reichte ihr das kleine Bündel, ließ es jedoch noch einen Augenblick in ihrer Hand. Dann packte sie Aelias Hand und drehte sie mit der Handfläche nach oben. „Das schaut doch nicht schlecht aus. Morgen kannst du wieder arbeiten. Verstanden?“ Aelia nickte wortlos. Widerspruch hatte sowieso keinen Sinn, Mahdia würde ihr bestimmt einen Vortrag halten dass Herr Basilius keinen Schimmer von der Führung eines Gasthofes besaß. Erst nach Aelias Nicken ließ sie ihre Hand los und hielt ihr das Bündel hin. Aelia nahm es behutsam entgegen und lächelte. „Danke, Mahdia.“ „Los jetzt. Bevor ich's mir anders überlege“ brummte die Wirtin und griff wieder nach ihrem Kochlöffel. Das ließ sich Aelia nicht zweimal sagen, lief durch die Küche und verschwand durch die Tür. Kaum war die Tür hinter Aelia ins Schloss gefallen, fuhr Alva fort, die erdverkrusteten Kartoffeln mit der Wurzelbürste sauber zu schrubben. Das Schaben der Borsten über die Schale erfüllte für einen Augenblick die Küche, während Mahdia den Kochlöffel wieder in den Kessel tauchte.

Erst nach einer Weile hob Alva den Blick. „Mahdia...?“ „Hm?“ „Aelia hat doch mit Ruben Schluss gemacht.“ Mahdias Hand verharrte mitten in der Bewegung. „Was hat sie?“ „Vor ein paar Tagen. Ich habs gehört von ihrer Freundin.“ Alva ließ eine weitere gesäuberte Kartoffel in eine Schüssel neben dem kleinen Waschzuber plumpsen. „Hat sie dir das nicht erzählt?“ Mahdia sah sie einen langen Moment schweigend an. „Sie hat mit Ruben, dem Bäckerssohn aus Steinward Schluss gemacht?“ „Mhm.“ „Und wieso?“ Alva zuckte die Schultern. „Ich habe gehört…“ begann sie geheimnisvoll, „Dass es wegen einem anderen Kerl war.“ Ein ungläubiges Schnauben entfuhr der Wirtin. „Hat das Mädchen den Verstand verloren? Ein anständiger Bursche, fleißig, mit einer sicheren Zukunft... und sie schickt ihn fort?“ Alva zuckte mit den Schultern, als gehe sie das alles nichts an. „Anscheinend.“ Mahdia schüttelte langsam den Kopf. „Und mit wem trifft sie sich nun? Wem gibt sie mein Brot und meinen Schinken, wenn nicht dem Bäckerjungen?“ Alva griff nach der nächsten Kartoffel und begann sie sorgfältig abzubürsten. „Der heißt Doréan. In letzter Zeit steht er fast jeden Tag vor unserer Schenke. Mal wartet er draußen auf sie, mal holt er sie ab. Heute sind die beiden wohl auch wieder zusammen unterwegs.“ Mahdia runzelte die Stirn. „Doréan...kenne ich nicht.“ Alva hielt inne in ihrem Tun und wandte sich nun wieder zu Mahdia um. „Doch… Du hast ihn gesehen. Mahdia runzelte die Stirn. Alva hob den Blick von den Kartoffeln, über die sie mit kräftigen Strichen die Wurzelbürste führte. Mahdia sah sie fragend an. „Vorgestern.“ Alva ließ eine weitere Kartoffel in die Schüssel fallen. „Der Junge, der sich draußen mit dir angelegt hat.“ Für einen Herzschlag wurde es still. Mahdia blinzelte. Und dann, als sie die Erkenntnis ereilte, riss sie die Augen auf. „Der???“ Ihr Kochlöffel blieb mitten in der Bewegung stehen. „Dieser freche Rotzbengel?“ Alva nickte zustimmend „Genau der.“ Mahdia starrte sie einen Moment fassungslos an. „Der Bengel, der mich eine Hundsfut genannt hat?“ „Mhm.“ „Der Bengel, der sich benommen hat wie der letzte Gossenlümmel?“ Alva konnte sich ein kaum merkliches Grinsen nicht verkneifen. Mahdia stemmte beide Hände in die Hüften. „Bei allen guten Geistern...“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Für den hat sie Ruben verlassen?“ Ihre Stimme wurde mit jedem Wort lauter. „Einen anständigen, fleißigen und höflichen Bäckerssohn hat sie ausgetauscht gegen diesen unverschämten Flegel? Das kann ich nicht glauben!“ Sie drehte sich um und starrte zur Tür, durch die Aelia eben verschwunden war. Dann fiel ihr plötzlich das Leinenbündel ein. „Moment mal...“ Langsam drehte sie sich wieder zu Alva um. „Du willst mir jetzt nicht erzählen...“ Alva sagte nichts. Sie schrubbte seelenruhig die nächste Kartoffel. Mahdia schnappte hörbar nach Luft. „Dieser Bengel...“ Sie zeigte empört auf die Tür. „...isst mein Brot!“ Eine kurze Pause folgte. „Meinen Schinken!“ Noch eine Pause, bevor sie nach Luft schnappte „...und… und… meine Essiggurken?“ Alva presste die Lippen aufeinander, um nicht loszuprusten.“ Als sie ihre Beherrschung wiedererlangt hatte, zuckte sie die Schultern und lächelte sacht „So scheint es!“ Mahdia schnaubte. „Das zieh ich ihr doppelt vom Lohn ab! Und wehe, ich sehe ihn einmal auf meiner Bank sitzen. Der soll gefälligst woanders warten, dieser kleine Köter…“ Mahdia schüttelte noch immer ungläubig den Kopf. Sie griff nach dem Kochlöffel, rührte mit kräftigen Bewegungen im dampfenden Eintopf und murmelte mehr zu sich selbst als zu Alva „Da läuft ihr ein anständiger Bäckersbursche nach... und sie lässt ihn stehen und sucht sich ausgerechnet den Bengel aus, der mich Hundsfut nennt.“ Sie schnaubte verächtlich. Kopfschüttelnd kostete sie den Eintopf, griff nach einer Prise Salz und warf sie in den Kessel. „Ist ja ihr Leben, nicht meins. Solange sie keinen Ärger in meine Schenke bringt, ist mir das Wurst.“ 


Aelia, die neben Doréan saß, der seinen Arm behutsam um sie gelegt hatte, ließ den Blick langsam über das blaue Meer gleiten und unwillkürlich hielt sie den Atem einen Augenblick lang an. Weit vor ihnen breitete sich der Hafen aus wie eine eigene kleine Welt. Dicht an dicht lagen die Schiffe an den Kais, ihre Masten ragten in den wolkenlosen Himmel. Zwischen ihnen blähten sich rote, blaue, grüne und weiße Segeltücher im Wind. Möwen kreisten kreischend über dem Meer, über den Dächern der Häuser und über ihnen. Doch erst dahinter begann die eigentliche Schönheit. Das Meer schien beinahe mit dem wolkenlosen blauen Himmel zu verschmelzen. Nur dazwischen lag ein schmaler heller Streifen der Himmel und Meer leicht sichtbar voneinander trennte. Sonnenlicht funkelte in tausend flirrenden Reflexen über den sanften Wellen, als hätte jemand unzählige kleine Silberstücke über die Wasseroberfläche gestreut. Weit draußen zogen einzelne Schiffe vorbei, bis sie schließlich nur noch dunkle, verschwommene Tupfen am Horizont waren. Diese Aussicht hier war weitaus schöner und gewaltiger als der Blick vom Leuchtturm, wo Doréan sie zuerst hingeführt hatte. Dort hatte lediglich ein Teil des grauen Viertels zu ihren Füßen gelegen, rau und verwinkelt, mit ihren schiefen Dächern und den engen Gassen. Von hier oben aber zeigte sich ein anderer Ausblick Größer. Weiter. Lebendiger. Sie lehnte sich ein wenig gegen Doréans Arm, ohne den Blick von der Aussicht zu lösen. Ein leichter Wind strich über die Mauerkrone, spielte mit einer losen Haarsträhne und trug den salzigen Duft des Meeres bis zu ihnen hinauf. Für einen flüchtigen Augenblick schloss Aelia die Augen. Sie hörte das ferne Rufen der Möwen, und mehr war hier oben auch nicht zu hören, abgesehen vom Wind, der manchmal in ihren Ohren säuselte. „Es ist wunderschön hier“, sagte sie leise. „Hab ich doch gesagt, mein Liebchen“ erwiderte Doréan, nicht ohne einem gewissen Stolz und Zufriedenheit in seiner Stimme. Aelia wandte ihren Kopf in seine Richtung, als er seinen Arm von ihren Schultern nahm und in seiner Tasche nestelte. Seine Worte machten sie hellhörig „Ich hab was für dich. Es ist nichts besonderes…“ Aelia Blick fiel auf seine geschlossene Faust aus der ein Lederband lugte. Dann öffnete er die Faust und darin, an jenem Lederband, war eine schwarz angelaufene Lochmünze aufgefädelt. Mit beiden Händen hielt er das Lederband zwischen Daumen und Zeigefinger gespannt, sodass die alte, dunkel angelaufene Lochmünze sacht vor Aelias Augen hin und her schwang. Aelia betrachtete die Lochmünze, die an dem schlichten Lederband zwischen Doréans Fingern hin und her pendelte. Das matte geschwärzte Silber schien das helle Sonnenlicht das die beiden umstrahlte, regelrecht zu verschlucken, doch das machte nichts, viel heller als jedes glänzende Schmuckstück leuchten könnte, erschien ihr nämlich das unbeholfene Lächeln, mit dem er sie ansah. Eben noch hatte er sie mit seinem selbstbewussten und verschmitzten „Hab ich doch gesagt, mein Liebchen“ zum Lächeln gebracht. Jetzt jedoch lag in seinem Blick eine der wenigen Momenten in denen eine gewisse Unsicherheit aufschien, als fürchte er, sein Geschenk könne ihr nicht gefallen. Aelia starrte weiterhin auf die Lochmünze. Er hatte an sie gedacht. Allein dieser Gedanke ließ ihr Herz warm werden. Dann hob sie den Blick von der baumelnden Münze zu seinem Gesicht. „Doréan... du kannst mir doch keine Lochmünze schenken. Die ist viel zu wertvoll.“ Doréan zuckte mit den Schultern. „Na und?“ „Na und? Das ist Silber.“ Er sah sie an, als verstünde er das Problem überhaupt nicht. „Ich will sie dir schenken.“ Aelia schüttelte langsam den Kopf. „Aber…“ „Ich hab sie dir geschenkt. Also gehört sie jetzt dir.“ Aelia senkte den Blick und lächelte. „Natürlich. Entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein.“ Sie nahm die Münze und ließ diese einen Moment zwischen ihren Fingern ruhen und strich mit dem Daumen über das kühle Metall, um die Prägung genau zu fühlen, dann hob sie den Blick wieder zu ihm. In ihren Augen lag dieses leise Staunen, das sie in seiner Gegenwart inzwischen so oft empfand. „Sie ist wunderschön.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ein zärtliches Lächeln legte sich auf Aelias Lippen. „Dann.. .Hilfst du mir, sie anzulegen?“ Behutsam nahm sie das Lederband an beiden Enden, führte die Enden hinter ihren Kopf wo sie beide Enden in eine Hand nahm und raffte mit der anderen ihr Haar zusammen, sodass ihr heller Nacken frei wurde. Doréan antwortete nicht. Er lächelte nur. Vorsichtig nahm er ihr die Enden aus der Hand und begannen, den Knoten zu binden. Dabei strichen seine Fingerspitzen wie zufällig über ihre Haut. Aelia zuckte kaum merklich zusammen. Ein sachter Schauer lief ihr den Rücken hinab, und eine Gänsehaut breitete sich über ihren Nacken und ihre Arme aus. Für einen flüchtigen Augenblick schloss sie die Augen. Sie spürte nichts als seine vorsichtigen Berührungen, den warmen Atem, der sie streifte, und ihr Herz, das mit jedem Schlag ein wenig schneller zu schlagen schien. „So...“, murmelte Doréan schließlich leise. „Fertig.“ 


Langsam ließ Aelia ihr Haar wieder über ihre Schultern fallen. Die kleine Lochmünze ruhte nun auf ihrer Brust. Behutsam nahm sie sie zwischen Daumen und Zeigefinger, hob sie ein wenig an und betrachtete sie noch einmal im goldenen Licht der Nachmittagssonne. Das alte Silber schimmerte matt, und das schlichte Lederband war kaum mehr als ein einfacher Riemen. Dennoch war sie noch nie im Besitz eines Schmuckstücks gewesen, das ihr kostbarer erschienen wäre. Nicht nur wegen der Münze. Sondern wegen dessen, der sie ihr geschenkt hatte. Noch immer lächelnd wandte sie den Kopf zu Doréan. „Ich werde gut auf sie aufpassen und sie niemals ausgeben.“ Ein warmes Lächeln trat in ihre Augen. „Danke...“, sagte sie leise. Behutsam beugte sie sich zu ihm hinüber und drückte ihre Lippen sanft auf seine Wange. Als sie sich wieder lösen wollte, hielt sie unwillkürlich inne. Ihr Atem streifte seinen Hals. Erst jetzt nahm sie diesen vertrauten, warmen Duft wieder wahr und sie schloss für einen flüchtigen Augenblick die Augen. Kaum greifbar und doch unverwechselbar. Es war einfach... Doréan. Und das erschien ihr süßer als der Duft von Parfüm oder wohlriechenden Blumen. „Ich mag deinen Duft“, murmelte sie schüchtern. „Gestern... als wir uns geküsst haben... da habe ich ihn zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Seitdem muss ich immer daran denken.“ Für einen Herzschlag sagte keiner von ihnen etwas. Sie saßen noch immer dicht nebeneinander auf der alten Stadtmauer, ihre Gesichter einander zugewandt, während der Wind leise mit Aelias Haar spielte. Langsam neigten sich ihre Gesichter einander entgegen, bis sich ihre Lippen endlich wieder fanden. Kaum hatten sie sich berührt, durchfuhr Aelia jenes vertraute Kribbeln, das sie schon beim ersten Kuss wie ein Blitz getroffen hatte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie sich unwillkürlich näher an Doréan schmiegte. Seine Lippen suchten die ihren mit derselben sehnsüchtigen Ungeduld, mit der ihre ihn fanden, als hätten beide den ganzen Tag auf nichts anderes gewartet. Sie lösten sich nur für den Bruchteil eines Atemzuges voneinander, ehe ihre Lippen einander von Neuem begegneten, inniger, verlangender und voller jener aufgeregten Freude, die nur zwei Menschen empfinden konnten, die sich erst ineinander verliebt hatten. Als sie sich schließlich voneinander lösten, ging Aelias Atem hörbar schneller. Noch immer lag ein glückliches Lächeln auf ihren Lippen, während ihr Herz so heftig schlug, dass sie meinte, Doréan müsse es klar und deutlich hören können. Sie lächelte verlegen, senkte für einen Moment den Blick und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Sie war erfüllt von all dem, was keiner von ihnen auszusprechen wusste. Und doch suchte Aelia nach etwas, das ihre eigene Verlegenheit ein wenig milderte. 


Da fiel ihr das kleine Leinenbündel wieder ein. Mit einem leisen Lächeln griff sie danach und legte es auf ihren Schoß. „Ich...“, begann sie zögernd, „...ich habe auch etwas für dich. Es ist nur längst nicht so persönlich wie dein Geschenk.“ Behutsam löste sie den Knoten des Tuches und schlug das Leinen auseinander. Zum Vorschein kamen zwei kräftige Scheiben Brot, zwei gute Scheiben Schinken und zwei dicke Essiggurken. „Ich dachte...“, sagte sie leise, „...wenn wir schon den Nachmittag hier oben verbringen, dann sollten wir auch etwas Ordentliches essen.“ Sie blickte zu dem Schinken. „Den hab ich Mahdia abgeleiert. Ich weiß noch, wie gern du ihn gegessen hast.“ Sie belegte das Brot mit einer Scheibe Schinken, reichte es Doréan und dann nahm sie sich ebenso eine Brotscheibe mit Schinken, denn nun hatte sie schon gewaltigen Hunger. So saßen sie Seite an Seite auf der alten Stadtmauer, hoch über den Dächern Oshkïrs und begannen zu essen. Doch kaum hatte Aelia sich ihr Brot zusammengelegt um davon abzubeissen, dauerte es nicht lange, bis sich die ersten Möwen bemerkbar machten. Eine von ihnen zog einen weiten Kreis über der Stadtmauer, ließ sich mit einem heiseren Krächzen nicht weit von ihr auf der Stadtmauer nieder und legte den Kopf schief. Eine zweite folgte ihr, dann noch eine dritte. Aelia musste unwillkürlich lachen. „Die haben wohl überhaupt keine Scheu.“ Kaum waren die Worte ausgesprochen, stackste die erste Möwe ein paar Schritte näher. Mit unverhohlener Erwartung starrte sie auf den Schinken. Doch Aelia dachte nicht im Traum daran, den Schinken zu teilen. Um die Möwen abzulenken, brach sie ein kleines Stück Brot ab und warf es von der Mauer in die Luft. Noch ehe die Krume den höchsten Punkt erreicht hatte, schoss die Möwe mit einem kräftigen Flügelschlag empor, schnappte sie geschickt aus der Luft und drehte wieder ab. Aelias Augen begannen zu leuchten. „Hast du das gesehen?“ Sie lachte hell auf und warf gleich die nächste Krume. Diesmal war eine andere Möwe schneller. Im letzten Augenblick fing sie das Brot mit erstaunlicher Geschicklichkeit, während ihre Artgenossin empört hinter ihr herkrächzte. „Die streiten sich ja richtig darum!“ Schon kreisten vier oder fünf der weißen Vögel über ihnen. Immer wieder glitten ihre Schatten über die alten Steine der Mauer, während sie mit lautem Geschrei auf die nächste Brotkrume warteten. Aelia konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie hielt eine weitere Krume zwischen Daumen und Zeigefinger hoch. „Wer von euch ist diesmal der Schnellste?“ Mit einer kleinen Bewegung warf sie sie in den Wind.


Wie auf ein geheimes Zeichen schossen gleich mehrere Möwen gleichzeitig heran. Flügel rauschten dicht aneinander vorbei, Schnäbel schnappten ins Leere, bis schließlich eine der Vögel die Beute erwischte und mit triumphierendem Kreischen davonzog. Aelia klatschte vergnügt in die Hände. Anfangs war es ein harmloser Spaß. Doch binnen weniger Augenblicke schien sich die Nachricht über den ganzen Hafen verbreitet zu haben. Immer mehr Möwen kreisten über der Stadtmauer, stießen laute Schreie aus und segelten so dicht über ihre Köpfe hinweg, dass Aelia unwillkürlich den Kopf einzog. „Ich glaube...“, meinte sie lachend, „...sie erzählen sich das weiter.“ Kaum hatte sie den Satz beendet, landete eine besonders dreiste Möwe keine Armlänge von ihnen entfernt. Mit schief gelegtem Kopf musterte sie unverwandt den Schinken auf dem Leinentuch. „Oh nein.“ Aelia zog das Bündel hastig ein Stück näher zu sich. „Der gehört uns.“ Die Möwe schien anderer Meinung zu sein. Mit einem kräftigen Flügelschlag hüpfte sie noch näher, während über ihnen inzwischen ein halbes Dutzend weiterer Vögel kreischend ihre Runden zog. „Doréan...“, sagte Aelia und konnte sich das Lachen kaum verkneifen. „Oh nein, was hab ich getan?“ rief sie. Als im nächsten Augenblick eine zweite Möwe mit ausgebreiteten Schwingen direkt vor ihnen auf der Mauer landete und eine dritte sich bereits im Sturzflug auf eine liegengebliebene Brotkrume stürzte, war an eine ruhige Mahlzeit nicht mehr zu denken. Aelia raffte das Leinentuch zusammen, während die empörten Möwen lautstark gegen diese Entscheidung protestierten. „Komm“, sagte sie und sah zu Doréan hinüber. „Den Rest essen wir lieber unten. Sonst werfen sie uns am Ende noch von der Mauer, nur weil sie verfressene Fettsäcke sind…“ Gemeinsam stiegen sie die schmalen Stufen der alten Stadtmauer hinab, während über ihnen das enttäuschte Geschrei der Möwen noch eine ganze Weile zu hören war.
#47
Pech und Schwefel ❖
rabe-die Sonne schien unbarmherzig auf die Stadt hernieder. Es war nicht besonders heiß, denn ein lauer Wind wehte vom Meer her über die Stadt hinweg.  Dennoch war es unangenehm, wenn man einen Harnisch tragen musste. Und einen Helm, unter welchem das Haar bereits begann am Schopf zu kleben. Hartwig stand am Rand der Mauer und lehnte gegen den Wacherker, welcher ihm zwar ein wenig Schutz vor der Sonne bot, aber keinen vor der schwülen Wärme. »Scheißtag.«, brummte er, während er mit seinem Dolch den Dreck unter den Fingernägeln hervor puhlte. »Hm.«, brummte Esben, welcher neben ihm, mit verschränkten Armen, an der Mauer lehnte und seine mürrischen und gelangweilten Blicke über die Stadt unter ihnen schweifen ließ. »Wenn wenigstens mal was los wär. Aber dieses ewige rumstehen, geht mir auf die Eier.«, murmelte Esben und hob seinen Helm an, um mit dem Ärmel seiner Tunika den Schweiß abzuwischen. Hartwig brummte nur und nickte, während er sich weiter seinen Nägeln widmete.

Auf einmal versetzte ihm Esben einen dezenten Stoß in den Rücken. Hartwig hob den Kopf und wandte sich zu ihm um. »Schau mal.« Esben nickte beiläufig und lenkte so Hartwigs Aufmerksamkeit auf sich. Doch der mürrische Wächter nickte nur neben sich. »Die da.« Hartwig sah sich um und da sah er sie. Eine junge Frau, mit langem, dunklen Haar und Augen blau wie das Meer. Doch es waren nicht die Augen, welche die Aufmerksamkeit der beiden Wachleute erregt hatten. »Hübsches Ding.«, brummte Hartwig und benetzte seine trockenen Lippen. Esben nickte stoisch. »Ganz schön Holz vor der Hütte.« Hartwig grunzte ein dreckiges, verhaltenes Lachen. Doch als sie den Mann sahen, welcher mit ihr Hand in Hand über die Mauer schritt, da verzogen beide mürrisch den Mund. »Was will die, mit so einem Köter?« Hartwig zuckte mit den Achseln. »Frauen.«, brummte Hartwig und Esbens Blicke starrten der jungen Frau auf den Hintern, während sie an ihnen vorbeischritten. Doch Hertwig runzelte die Stirn. Er kratzte sich an der Wange und seine Nägel schabten geräuschvoll über seine Bartstoppeln. Sein Blick haftete sich auf die Hände der beiden, und erneut runzelte er die Stirn. Der Kerl trug Handschuhe. Bei dem Wetter? Doch das war nicht, was ihn stutzig gemacht hatte. Es war etwas anderes gewesen. Er konnte es nur nicht benennen.

Er sah ihnen noch eine Weile lang nach und als sie schließlich weit genug entfernt waren, lehnte er sich wieder gelangweilt gegen die Mauer. »'Ne richtige Augenweide. So'n verdammter Glückspilz. Wenn ich dagegen an mein Weib denke…« Esben brummte und zog einen dicken Klumpen Schleim durch die Nase hoch. Hartwig seufzte. »Immerhin hast du ein Weib.« Hartwig steckte seinen Dolch zurück in die Scheide und warf einen letzten, mürrischen Blick über die Schulter.

Doréan zog sich die Handschuhe aus und steckte sie in seinen Gürtel. Er erhob sich auf dem Mauervorsprung und trat hinter Aelia, um ihr den Anhänger, welchen er aus seiner Lochmünze gemacht hatte, um den Hals zu binden. Ihr zierlicher Nacken bot einen starken Kontrast zu dem dunklen Haar und dem grauen Kleid. Doch als seine Finger über ihren Nacken streiften, da richteten sich die kleinen, feinen Härchen auf. Ein Schauer schien Aelia zu überkommen und dieser blieb Doréan nicht unbemerkt. Als er das Lederband verknotet hatte, zog er sich die Handschuhe wieder an. Erst die linke Hand, und dann die rechte. Er zupfte noch einmal an beiden und nahm schließlich wieder neben Aelia Platz. Er schenkte ihr ein Lächeln und wagte einen Blick auf den Anhänger. Die Lochmünze lag auf Aelias Dekolleté wie ein unscheinbarer Blickfang. Die dunkle Münze hob sich, ebenso wie ihr dunkles Haar, von der hellen Haut ab. Doch lenkte die Münze die Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Auf das, was darunter lag. Doréan konnte sich nicht dagegen erwehren. Und für einen Moment lang starrte er wie gebannt, bis er mit den Augen blinzelte und den Blick abwandte. »Steht dir gut, mein Liebchen.« Er grinste breit und nestelte mit den Händen in seinem Schoß, bis es ihm zu albern wurde. Er stellte die Hände hinter sich auf dem Rand des Mauervorsprungs ab und lehnte sich etwas zurück, um sich lässig abzustützen. Währenddessen begann er mit den Beinen zu baumeln, welche vom Rand der Mauer in die Tiefe hingen. Doch sein Blick verriet ihn. Immer wieder linsten seine Augen zur Seite. Versuchten Aelia zu erhaschen und ihr bewundernde Blicke zuzuwerfen. Und auch andere Blicke. Immer wieder glitten sie hinab…zu der Münze. Und der Wölbung, welche sich unter ihrem Kleid erhob. Er seufzte. Es war kein mürrisches oder resignierendes Seufzten. Eher ein zufriedenes und zugleich sehnsüchtiges Seufzen. In seinen Gedanken tauchten Bilder auf. Und der Gedanke daran ließ ihn nur noch breiter grinsen. Und auch ein wenig erröten, so dass er schließlich wieder den Blick abwandte und Aelia in die Augen sah. Sie erwiderte den Blick und lächelte zufrieden, während sie die Münze in die Hand nahm und von beiden Seiten zu betrachten schien. Dies lenkte abermals Doréans Aufmerksamkeit auf die Münze. Es war wie die Gezeiten des Meeres. Mal kam die Flut, mal folgte die Ebbe. Mal ertappte sich Doréan beim Starren. Mal beim Schmachten. Mal sah er gelangweilt und stoisch auf die Schiffe im Hafen. Mal warf er Aelia verstohlene und sehnsüchtige Blicke zu. Eine schmale Gratwanderung zwischen ehrlichem Schwärmen und begehrlichem Starren. Schließlich erlöste Aelia den Gossenfloh aus seiner Zwickmühle. »Danke, Doréan.« Sie lächelte und Doréan erwiderte es verhalten. »Weißt du…«, murmelte er. Und hob den Blick ein weiteres Mal, um ihr in diese schönen, blauen Augen zu sehen, an welchen er sich ebenso wenig sattsehen konnte, wie an dem Geheimnis unter ihrer Münze. »Meine Freunde…« Er biss sich auf die Zunge. Welche Freunde eigentlich? Er schüttelte den Kopf. »…nennen mich Réan.« Er schmunzelte verlegen. Es war ein verhaltenes Lächeln, mit einer stummen Bitte die darin mitschwang. »Réan.«, wiederholte Aelia den Kosenamen und Doréan überkam ein wohliger Schauer. »Es klingt schön, wie du das sagst, mein Liebchen.« Er grinste dabei breit und es war das ehrlichste Grinsen, welches er in den letzten Augenblicken getan hatte. Seine Finger legten sich auf ihren Hals und sie ließ es einfach geschehen. Sanft zog er sie zu sich heran und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Als sie sich wieder voneinander gelöst hatten, glitt seine Hand ihren Hals entlang, berührte ihr Schlüsselbein und strich dann, beinahe wie ein Hauch, über die Münze. Und das, was darunter lag.

Wieder erhielt Hartwig einen Stoß in die Rippen. »Was is denn schon wieder?«, brummte der mürrische Wächter ungehalten. Espen deutete unauffällig auf eben jene Beiden, welche zuvor schon ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. »Hast du das geseh'n?« Esben nickte seitwärts mit dem Kopf, während Hartwig versuchte zu erkennen, was sein Kamerad gemeint hatte. Ein helles Funkeln erregte seine Aufmerksamkeit. Und dann sah er es. »Eine Silbermünze?« Esben nickte. »Woher hat so eine kleine Ratte Silber?« Wieder stieß er ihm in die Seite. Hartwig hingegen wurde nachdenklich. Dieses seltsame Gefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte, wollte ihm einfach keine Ruhe geben. Und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Kerl von letzter Nacht. Die Handschuhe. Dieser schlaksige Gang. Diese dämliche Frisur, die ihm halb in die Augen hing. Silber…Hatte er sich etwa eine Münze aus dem Beutel stibitzt, um sie diesem drallen Weib zu schenken? Hartwig knirschte mit den Zähnen. Vor Esben konnte er es ja nicht einfach eingestehen. Er hatte den Beutel natürlich nicht bei sich. Doch als er die Münzen gestern gezählt hatte, war ihm an der Menge nichts ungewöhnlich erschienen. Doch nun, da er den Bengel wieder erkannt hatte, wollte ihn das Gefühl, welches ihn beschlichen hatte, einfach keine Ruhe mehr geben. Er fühlte sich bestohlen. Von einem Gossenbalg. Sein Blick verfinsterte sich und sein Kiefer begann zu malen. »Ach, sicher nur Blech…oder Blei.«, murmelte er, um dessen Neugier damit zu untergraben, damit er das Interesse an der Gossenratte verlor. Espen nickte. »Hast wohl Recht.« Doch Hartwigs Blicke hatten sich auf Doréan gehaftet. Wie ein Habicht, der seine Beute im Blick behielt, starrte er unentwegt zu den Beiden, bis sie schließlich aufgestanden waren, und die Mauer verließen. »Ich muss mal pissen.«, brummte Hartwig und richtete sich den Gürtel. »Halt hier mal die Stellung.« Esben schnalzte mit der Zunge und nickte. Dann lehnte er sich wieder gegen den Erker und schob den Helm ein wenig in den Nacken, damit etwas kühle Luft in sein Gesicht wehen konnte.

Hartwig indes schritt die Stufen der Treppe hinab. Sein Blicke waren auf Doréan und Aelia gehaftet, wie zähes, klebriges Pech. Und sein Blick wurde finsterer und mürrischer, mit jedem Schritt, den die beiden taten. Er folgte ihnen aus dem Schatten der Mauer. Er folgte ihnen über die hölzernen Kais und Stege. Und schließlich, als sie sich in das Gewirr der alten, engen und hohlen Gassen begeben hatten, folgte er ihnen auch dort hin. Als die Menschen immer weniger geworden waren, begann Hartwig seine Schritte zu beschleunigen. Er musste Schritt halten, um die Beiden nicht aus den Augen zu verlieren. Aber er wollte noch nicht einschreiten. Er wollte herausfinden, wohin die beiden gingen. Ob sie ihn an einen Ort führen würden, der seinen Verdacht bestätigte. Hartwigs Gedanken kreisten um die Silbermünze. Und um die Visage dieses Bengels. Dieses Gesicht. Es war so unscheinbar gewesen, dass er sich einfach nicht mehr daran erinnern konnte. Aber an die Nase erinnerte er sich. Wie ein Axtblatt. Wieder verzog Hartwig den Mundwinkel. Wie konnte ein Kerl wie der, ein so hübsches Mädchen an den Haken bekommen? Und da dachte er wieder an das Silber. Vielleicht war sie ja eine liederliche Dirne. Er schüttelte den Kopf. Wie eine Dirne hatte sie nicht gewirkt. Doch etwas an den Beiden war seltsam.

Er war so in Gedanken versunken, dass er zunächst die Veränderungen kaum wahrnahm. Doch mehr und mehr beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Als würde man ihn beobachten. Am Hafen noch, hatten die Menschen tunlichst vermieden ihn anzusehen. Doch hier, in diesen engen Gassen. Da spürte er nach jeder Ecke Blicke auf sich ruhen. An jedem kleinen Platz, bei jedem Brunnen. Menschen hielten inne. Ihre Gespräche verstummten und sie hoben die Blicke. Kinder huschten beiseite und Männer wie alte Weiber starrten ihn mit seltsamen Blicken an. Mürrische Blicke. Staunende Blicke. Doch keiner von ihnen zeigte scheue oder ängstliche Blicke. Zögerlich sah Hartwig an sich herab. Hatte er irgendetwas an sich, dass die Leute zum Starren brachte? Ein Fensterladen wurde zugeschlagen. Ein altes Weib schaute von einem Balkon auf ihn herunter und so wie seine Blicke auf den Beiden hafteten, so hatten sich die ihren auf ihn gehaftet. Zwei Männer, die auf der Straße gingen, hielten inne. Sie blieben stehen und sahen ihn unverhohlen an. Und anstatt einfach zu verschwinden. Sich umzudrehen und wegzugehen. Blieben sie so lange stehen, bis er schließlich an ihnen vorbeigegangen war. Hartwig beschleunigte seine Schritte ein wenig und näherte sich Doréan und Aelia etwas an. Doch dann erreichten sie eine Menschenmenge. Ein halbes Dutzend Kerle lungerte in einer Sackgasse herum. Sie warfen etwas gegen die Wände. Als er sich nah genug genähert hatte, um es zu erkennen, stellte es sich als kleine Murmeln heraus. Gaunermurmeln. Auf dem Boden lagen einige Nägel. Doch die Männer hielten in ihrem Spiel inne. Manche verschränkten die Arme. Andere standen auf. Jeder einzelne von ihnen starrte ihn an. Und da fühlte Hartwig die Erkenntnis. Etwas stimmte hier nicht. Es roch gewaltig nach Ärger.

Als die Beiden schließlich um eine Ecke bogen, beschleunigte er seine Schritte erneut. Doch als er dieses Mal um die Ecke sah, war niemand mehr zu sehen. »Verdammt.«, brummte er. »Ich wusste es.« Er knirschte mit den Zähnen. »Haben sich aus dem Staub gemacht. Scheiße. Wenn ich diese dreckige, diebische Ratte erwische…« Einer der Männer löste sich aus der Gruppe der Murmelspieler. Er klemmte sich die Daumen unter den Gürtel und trottete auf den Wachmann zu. »Na?«, brummte seine tiefe Stimme, als an den Wächter herangetreten war. Er drehte sich auf dem Absatz um und sah in die kalten Augen dieses bärbeißigen, schmerbäuchigen Mistkerls. »Ham wir uns verlaufen?« Einige der Männer glucksten dreckig, was den Mann dazu veranlasste breit und herausfordernd zu grinsen. »Was geht’s dich an, Abschaum?«, blaffte Hartwig ungehalten und legte demonstrativ seine Hand an den Griff seines Schwertes. »Sehr viel.«, brummte der Fremde und löste seine Daumen aus dem Gürtel um demonstrativ die Arme vor der Brust zu verschränken. Als ob ihn die Drohgebarden der Wache in keiner Weise kümmern würden. Hartwig kniff die Augen zusammen und musterte den Kerl mit mürrischen Blicken. »Geh mir aus dem Weg.«, befahl er doch als er sich bereits in Bewegung setzte, da legte der Mann ihm die Hand auf die Brust, um ihn daran zu hindern. Und nicht nur der Mann. Alle Männer regten sich. Manche von ihnen wurden unruhig. Andere griffen sich hinter dem Rücken, als ob sie etwas hervorziehen wollten. Ein Messer? Ein Knüppel? »Du gehörst hier nicht her, Kettenhund. Das ist kein Ort für die Hunde der anderen Seite.«, brummte der Fremde und seine Oberlippe zuckte dabei. Die andere Seite. So nannten viele jene Teile der Stadt, welche sich jenseits der Mauern des grauen Viertels befanden. Und Hartwig schrie förmlich danach von der anderen Seite zu sein. Sein Harnisch. Seine Halsberge mit dem Wappen der Stadtwache. Seine auffällige, blaue Kleidung. Er wirkte wie ein bunter Hund, im Vergleich zu dem dreckigen, grauen Haufen. Und er war alles andere als ein Held in strahlender Rüstung. Auch er war dreckig. Seine Rüstung war stumpf und glanzlos. Seine Tunika schon seit drei Tagen nicht mehr gewaschen worden. Doch im Vergleich zu diesen Straßenratten, war einfach fehl am Platz. »Du hast hier nix zu suchen.« Hartwig trat einen Schritt zurück, um sich so der Hand des Mannes zu entziehen. »Was faselst du da?« Da knurrte der Kerl. »Bist du blöde, oder nur lebensmüde?« Hartwig warf dem Mann einen herausfordernden Blick zu. So einfach wollte er nicht den Schwanz einziehen. »Hast du eigentlich ne Ahnung wo du hier bist?« Da dämmerte es Hartwig. Die verdammte Ascherinne! Dieser kleine Köter hatte ihn in die Falle gelockt. Sein Blick verriet ihn. Seine Gesichtsfarbe, die er nach und nach verlor, bis sie hell wie Kreide geworden war. Er hatte eine Grenze überschritten. Eine ungeschriebene Grenze, die auf keiner Karte zu finden war, doch jeder seiner Kameraden mied sie, wie eine hustende Hafenhure. Seine Augen huschten hin und her, während er bemerkte, dass die Männer langsam, wie Raubtiere, einen Kreis um ihn zu bilden begannen. Seine Blicke blieben nicht unbemerkt. Und er erntete dafür ein gehässiges Lächeln. »Also verpiss dich, oder…« »Oder was?«, brummte Hartwig herausfordernd und der Kerl grinste dann diebisch. Doch er kam nicht mehr dazu etwas zu sagen. Ein Stein flog gegen den Helm des Wachmanns. Und dann ein weiterer. Und kurz darauf rannte er, als ob eine Horde Düsterlinge sich auf ihn stürzten wollte.

»Wir haben ihn abgehängt.«, seufzte Doréan, welcher Aelias Hand fest umklammert hielt. Er lehnte sich an eine Wand und lugte um die Ecke. Doch von dem Wachmann, der ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt war, fehlte jede Spur. »Was wollte der von uns?«, erkundigte sich Aelia und Doréan zuckte mit den Schultern. »Ich…ich hab' nich' den leisesten Schimmer, mein Liebchen. Doch der Kerl is uns von der Mauer bis hier gefolgt.« Aelia hob fragend eine Augenbraue. Doréan indes schüttelte den Kopf und runzelte dabei die Stirn. »Dämlicher Hundsfott.« Er spuckte auf den Boden und wandte sich dann wieder Aelia zu. »Den sind wir erstmal los.« Er rang sich ein müdes Lächeln ab. Doch so recht wollte ihm das nicht gelingen. Immerhin war ihm mehr als bewusst, wo sie sich hier befanden. In der Ascherinne. Einem Ort, an welchem eine Frau wie Aelia nicht sein sollte. »Wir sollten schleunigst verschwinden.«, murmelte Doréan. »Wenn wir bei Einbruch der Dämmerung noch in der Ascherinne sind, wird’s ungemütlich. Vertrau mir. Hier solltest du…wir nich' sein.« Er legte Aelia die Hand in den Rücken und schlang dann schließlich seinen Arm um ihre Hüfte, um sie etwas näher an sich heran zu ziehen. Und dann führte er sie, über Schleichwege, verwinkelte Gassen und über die eine oder andere alte Brücke. Er ging so zielstrebig, dass er es kaum verbergen konnte, wie gut er sich in diesem Teil der Stadt eigentlich auskannte. Doch allein der Gedanke daran, dass Aelia etwas zustoßen könnte, nur weil er sie in die Ascherinne gebracht hatte, ließ ihn alle Zweifel beiseite legen. Sie wusste doch woher er war. Es gab keinen Grund es zu verbergen. Und so führte er sie, Arm in Arm und ganz nah bei sich, durch die engen Gassen, bis sie endlich die Ascherinne hinter sich gelassen hatten.

Aelia seufzte erleichtert, als sie endlich wieder in einer Gegend des grauen Viertels angekommen waren, welches ihr vertraut vorkam. »Irgendwie war es unheimlich.«, gestand sie, doch das Lächeln in ihrem Gesicht verriet ihre wahren Gedanken. »Aber irgendwie auch aufregend.« Da schüttelte Doréan den Kopf. »Ja, mein Liebchen.« Doch er klang nur wenig überzeugend. »Versprich mir was.«, murmelte er daraufhin und seine Stimme wurde seltsam ernst. »Geh niemals…wirklich niemals…alleine in die Ascherinne.« Um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, nahm er ihre beiden Hände in die seinen und sah ihr dabei tief in die Augen. »Ich…möchte dir keine Angst machen.«, flüsterte er dann und legte ein betretenes Lächeln auf. »Doch, geh da nie hin.«

Nach einer Weile des ziellosen Umherstreifens hatte die Dämmerung des Abends sie schließlich irgendwann eingeholt. Der Tag neigte sich dem Ende und Doréan seufzte niedergeschlagen. »Schon wieder wird es dunkel.« Er hob den Blick in den Himmel und seufzte abermals. »Mit dir vergeht die Zeit wie im Flug.«, säuselte Doréan und es klang zugleich wie ein Vorwurf als auch wie ein Kompliment. »Und ich muss morgen wieder arbeiten.«, Da hob Doréan fragend eine Augenbraue und sah sie verwundert an. »Ich dachte, du hast noch drei Tage frei?« Aelia seufzte theatralisch und schnaubte dabei. »Madiah…sie hat mich für morgen wieder eingeteilt.« Doréan ließ den Kopf hängen und wirkte dabei nachdenklich. »Aber wir können uns morgen trotzdem wieder sehen, oder?« Da nickte Aelia und ihr Haar wallte und schwankte dabei, während ihr Lächeln ihre Gefühle mehr als offenbarte. Und Doréan lächelte breit und zufrieden. »Gut. Sonst hätt ich wohl mit dieser Hundsfut ein ernstes Wörtchen geredet.« Er lachte scherzhaft und Aelia hüstelte verlegen. Sie fanden immer wieder eine Ausrede. Oder einen noch so banalen Grund, sich doch noch nicht voneinander zu trennen. Eine gefühlte, halbe Ewigkeit standen sie vor der Schenke, hielten einander die Hände und gaben sich immer wieder einen Abschiedskuss. Den letzten. Und dann noch einen. Den allerletzten.

Die Nacht brach über der Stadt herein. Mit jedem Atemzug, bei dem es dunkler wurde, mehrten sich die flackernden, rötlichen Lichter in der Stadt. Fackeln und Laternen. Kleine Kerzen in den Fenstern. Oder die alten Seelaternen, die träge im Hafenbecken dümpelten. Die Nacht legte sich wie ein Leichentuch über die Stadt und verschluckte alles unter sich, wie der lange Schatten der Stadtmauer. Doch ein einzelner Schatten huschte durch die Gassen. Er wechselte die Straßenseite. Kletterte über eine Mauer und fand sich in einem kleinen Innenhof wieder. Am Fuß der nahen Häuser lagen dutzende, kleine Kieselsteine. Die Gestalt beugte sich herab und nahm einen auf. Ein Licht, im Obergeschoss des Hauses erregte seine Aufmerksamkeit. Für einen Moment lang hielt er inne und seufzte. Doch dann ließ er den Stein einfach fallen, anstatt ihn gegen die hölzernen Fensterläden zu werfen.

Es klopfte an Aelias Fenster. Es war kein Stein, der gegen das Holz geworfen worden war. Es klang, als ob ein Specht sachte gegen das Holz pickte. Oder ein kleiner Nagel, der behutsam in das Holz getrieben wurde. Aelia schrak zusammen. Doch als sie in die Dunkelheit lauschte, herrschte nur Stille. Sie runzelte die Stirn, als ob sie sich verhört hätte, doch da ertönte das seltsame Klopfen erneut. Und so trat sie, mit einem mulmigen Gefühl an das Fenster heran. Sie schob den kleinen Riegel beiseite und öffnete den Laden, nur einen Spalt breit. Was auch immer sie erwartet hatte zu sehen. Ihre Augen weiteten sich und ein verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie in Doréans Gesicht blickte, der vor ihrem Fenster hing und sich irgendwie am Dachsims festhielt. Seine Stiefel berührten nur noch mit den Zehenspitzen den kleinen First unter ihm. »Na, mein Liebchen?« Er grinste breit und wischte sich mit der freien Hand das Haar aus dem Gesicht.
#48
Hand aufs Herz ❖
rabe-als Aelia am späten Abend in die Schenke zurückkehrte, war der größte Andrang bereits vorüber. Nur noch einige Gäste saßen bei ihren Krügen, während Alva zwischen den Tischen umherging und die letzten Schüsseln einsammelte. Aus der Küche drang das Klappern von Geschirr, begleitet von Mahdias Stimme, die Lestar mitteilte, was er am folgenden Morgen alles zu erledigen hatte. Aelia wollte möglichst unauffällig an der offenen Küchentür vorbeischlüpfen und die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufsteigen, doch kaum hatte sie den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, erklang hinter ihr Mahdias Stimme. „Aelia.“ Sie blieb stehen und wandte sich um. Mahdia lehnte im Türrahmen, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt, und betrachtete sie mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß. Alva war in die Küche gegangen und begann das dreckige Geschirr in einem Waschzuber mit Seifenlauge einzuweichen, und tat dies, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. „Ja?“ fragte Aelia leichthin. „Wie war dein Tag? Und vor allem: wie hat die Jause geschmeckt?“ Aelia ahnte noch nichts von der Falle, die sich hinter dieser unverfänglichen Frage verbarg. Bei der Erinnerung an den Nachmittag und die Möwen, die ihnen zuletzt beinahe das Essen aus den Händen gerissen hatten, trat ein glückliches Leuchten in ihr Gesicht. „Sehr gut“, erwiderte sie. „Danke noch einmal.“ Mahdia nickte langsam. „Das Brot auch?“ „Ja?“ „Der Schinken?“ „Auch.“ „Und die Essiggurken?“ Aelia musste bei dieser besonderen Nachfrage beinahe lachen. „Die ebenfalls.“ „Na das freut mich.“ Madhias Miene ließ allerdings wenig Freude erkennen. Sie löste die Arme voneinander, strich ihre Schürze glatt und fragte in demselben beiläufigen Ton weiter: „Und Ruben? Hat es ihm auch geschmeckt?“ Das Lächeln in Aelias Gesicht erlosch. Für einen kurzen Augenblick herrschte zwischen ihnen Schweigen, während Alvas auffällig und tunlichst darauf bedacht war, beim Geschirr abwaschen so wenig Lärm wie möglich zu machen, um wohl so viel wie möglich von diesem Gespräch zu belauschen „Ja, wieso auch nicht?“ gab Aelia zurück. „Na siehst du“, brummte Mahdia. „Dann hat sich das Brot, der Schinken und die Gurken ja gelohnt. Der Bäckersbursche weiß gutes Essen schließlich zu schätzen.“ „Ja...“, erwiderte Aelia etwas zögerlicher. „Hat er wenigstens Brot von daheim mitgebracht?“ Für den Bruchteil eines Augenblicks geriet Aelia ins Stocken. „Nein... wir... wir hatten ja schon genug. Außerdem war es doch eine Überraschung, hab ich dir doch erzählt.“ „Ach so.“ Mahdia nickte langsam, als leuchte ihr das vollkommen ein. Aelia hob den Blick. Etwas kam ihr an dieser Stelle seltsam vor und sie stemmte eine Hand in die Hüfte. „Mahdia. Was soll das eigentlich? Warum quetscht du mich jetzt so aus?“ Sie täuschte ein Gähnen vor und meinte „Ich bin müde, ich geh schlafen.“ „Eins noch, Aelia…“ Aelia, die sich bereits abgewandt hatte, drehte sich am Absatz wieder um. „Was denn noch?“ rief sie ein wenig ungeduldig. „Alva hat mir erzählt, du hättest mit Ruben Schluss gemacht.“ 

Mit einem Mal wurde Aelia ganz still und starrte Mahdia schweigend an. Doch dann warf sie Alva einen finsteren Blick zu. Hätte man mit Blicken töten können, Alva wäre auf der Stelle tot umgefallen. Aelias Blicke schweiften wieder zu der Wirtin, sie öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort hervor. Mahdia wartete geduldig. Aelia seufzte leise. Der Versuch, sich aus der Sache herauszureden, war gescheitert, noch ehe er richtig begonnen hatte. Schließlich senkte sie den Blick. „Ja, ich hab mit ihm Schluss gemacht. Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen. Aber das geht ja auch keinen was an…“ Dabei warf sie Alva erneut einen finsteren Blick zu und diese zuckte unschuldig mit den Schultern. „Mit wem hast du dann meine Jause geteilt?“ verlangte Mahdia zu wissen und Aelia presste die Lippen aufeinander. Einen langen Augenblick schwieg sie. „...Mit Doréan.“ Mahdia blinzelte. „Doréan...? Wer ist Doréan?“ „Mein Freund“ erwiderte Aelia und gleichzeitig tat ihr Herz einen kleinen Sprung. Ihn als ihren Freund zu bezeichnen, das hatte für sie schon etwas Großartiges. „Aber ich dachte Ruben ist dein Freund.“ „Ruben war mein Freund. Jetzt bin ich mit Doréan zusammen.“ Aelia verschränkte ihre Arme und stellte ihrer Meinung nach damit klar, dass die Angelegenheit erledigt war.  Jetzt konnte Mahdia ihr Schauspiel nicht mehr aufrecht erhalten. „Doréan…“ knurrte sie. „Das ist der Bengel...“ Sie zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Aelia. „...der mich vorgestern Hundsfut genannt hat!“ Aelia sagte nichts. Was sollte sie auch dazu sagen? Mahdia starrte sie einen Herzschlag lang fassungslos an, ehe sie ungläubig den Kopf schüttelte. „Da läuft dir ein anständiger Bäckersbursche nach...“ Sie schnaubte. „...und du teilst mein Brot, meinen Schinken und meine Essiggurken mit ausgerechnet diesem Rotzbengel!“ Jetzt wurde Aelia allmählich wütend. Nicht so sehr wütend, dass der Zundergeist geweckt wurde. Aber wütend genug dass sie ihre Hände in die Luft warf und ihre Stimme erhöhte. „Was macht es denn für einen verdammten Unterschied, wer dein Brot, deinen Schinken und diese verflixten Essiggurken isst?“ „Es macht einen großen Unterschied!“ meckerte Mahdia. „Weil Essen etwas Persönliches ist, Mädchen. Man teilt sein Brot nicht mit jedem. Und schon gar nicht meinen Schinken.“ Da musste Aelia plötzlich breit lächeln. Sie hatte ihr Essen mit Doréan geteilt, und das erschien ihr als etwas wirklich wunderbares. Ein Leuchten ging über ihr Gesicht. „Da hast du Recht, Mahdia.“ „Verdammt noch eins, ich weiß.“ Erwiderte sie grimmig. „Aber so blöde, wie du mich gerade angrinst, is‘ bei dir eh alles verloren.“ „Was meinst du?“ „Du scheinst ja bis über beide Ohren verknallt zu sein. Mit Ruben hab ich dich nie so gesehen…“ Aelia senkte den Blick und lächelte. „Du hättest mich auch berichtigen können“, fuhr Mahdia fort. „Als ich von deinem Bäckersburschen sprach.“ „Ich wusste nicht, wie ich es erklären sollte.“ „Das wäre gar nicht so schwer gewesen.“ Mahdia stemmte eine Hand in die Hüfte. „Du hättest bloß sagen müssen: Mahdia, ich habe Ruben fortgeschickt und möchte dein Brot, deinen Schinken und deine Essiggurken lieber mit dem Rotzbengel teilen, der dich vorgestern Hundsfut genannt hat.“ Aelia presste die Lippen aufeinander, doch es gelang ihr nicht ganz, das Lächeln zurückzuhalten, das sich bei dem Gedanken an Doréan bemerkbar machte. Selbst im Zusammenhang mit diesem unflätigen Wort. Oder vielleicht gerade deswegen. Mahdia starrte sie an, als hoffte sie noch immer, Aelia werde die Sache als schlechten Scherz auflösen. „Mit Ruben“, wiederholte sie. „Dem Bäckerssohn, hast du wirklich Schluss gemacht?“ „Ja.“ „Einem anständigen, fleißigen Burschen, der einmal eine Backstube erben wird.“ Aelia erwiderte nichts. Sie wollte Ruben nicht herabsetzen, nur um ihre Entscheidung zu rechtfertigen, und sie wollte ebenso wenig erklären, was zwischen ihr und Doréan längst geschehen war. Es war alleine ihre Angelegenheit und das ging niemanden was an. Mahdia schnaubte und schüttelte fassungslos den Kopf. Sie wandte sich an Lestar, der die ganze Zeit unbeteiligt und schweigend dagestanden hatte. „Begreifst du das, Mann?“ Er zuckte die Schultern. Offenkundig war er der Einzige, dem das ganze völlig egal war. Mahdia winkte ab und wandte sich wieder an Aelia.  „Und statt mit Ruben triffst du dich mit diesem Doréan?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Ruben ist Vergangenheit. Doréan ist mein Freund. Und es ist etwas Ernstes. Und damit ist alles gesagt.“. „Da läuft dir ein anständiger Bäckersbursche nach“, murmelte Mahdia, während sie sich halb zur Küche zurückwandte, „und du suchst dir ausgerechnet den Bengel aus, der mich Hundsfut nennt.“ Jetzt musste Aelia kichern. Mahdia bemerkte es natürlich. „Du findest das auch noch komisch?“ „Nein“, versicherte Aelia rasch. „Überhaupt nicht.“ „Dann hör auf, so glücklich auszusehen.“ Mahdia sah sie noch einen langen Augenblick an, ehe sie resigniert mit der Hand zur Treppe wies. „Geh hinauf. Ich will heute kein Wort mehr davon hören.“ Aelia ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie wandte sich um und verließ die Küche Sie murmelte eine gute Nacht, eilte die Stufen hinauf und verschwand in ihrem Zimmer, während Mahdia ihr noch kopfschüttelnd nachblickte. „Ausgerechnet der“, brummte sie noch, bevor sie sich wieder der Küche zuwandte.

Oben angekommen schloss Aelia die Tür hinter sich und lehnte sich einen kurzen Augenblick dagegen. Sie atmete tief durch und musste unwillkürlich lächeln. Mahdia hatte sie ordentlich ins Verhör genommen. Alva hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken verraten. Und dennoch vermochte nichts von alledem die Leichtigkeit zu trüben, die sie seit dem Nachmittag erfüllte. Ganz im Gegenteil. Noch immer glaubte sie den salzigen Wind auf ihrer Haut zu spüren. Noch immer sah sie das funkelnde Meer vor sich, hörte das Kreischen der Möwen und Doréans Lachen… und vor allem waren ihr die Küsse in Erinnerung geblieben. Jene auf der Mauer, und jene vor der Schenke. Die vielen Abschiedsküsse, wobei jeder der vielen immer der letzte gewesen war. Sie grinste breit bei diesen Gedanken. Sie ergriff ihren Kamm, kämmte sich das Haar und danach griff sie nach den Nestelbändern ihres Kleides die das Mieder verschnürt hielten und begann, sie zu lösen. Da erklang plötzlich ein leises Klopfen.

Aelia hielt inne. Einen Moment lang lauschte sie in die Stille. Wahrscheinlich hatte sie sich verhört. Sie zog ein weiteres Nestelband aus der Öse, da war das Geräusch erneut zu hören. Tok... tok... tok... Nicht laut. Eher beharrlich. Als picke draußen ein Specht gegen das Holz der Fensterläden. Oder als klopfe jemand immer wieder vorsichtig an denselben Fleck. Aelia runzelte die Stirn. Um diese Zeit? Mit einem plötzlich etwas mulmigen Gefühl trat sie an das Fenster. Vorsichtig schob sie den kleinen Riegel zur Seite und öffnete den Laden nur einen schmalen Spalt. Was auch immer sie erwartet hatte das ganz gewiss nicht. Ihre Augen wurden groß. Und im nächsten Augenblick huschte ein ungläubiges Lächeln über ihr Gesicht. „Doréan…“ hauchte sie. Er hing am Dachsims, und grinste sie breit an „Na mein Liebchen?“ Mehr brachte Aelia im ersten Augenblick nicht hervor. Ihr Herz machte einen erschrockenen Satz, als sie sah, wie unsicher er auf den schmalen Ziegeln unter ihrem Fenster stand. Mit einer Hand hielt er sich am Fenstersims fest, während seine Stiefel kaum mehr als mit den Zehenspitzen Halt fanden. „Bist du vollkommen verrückt?“ flüsterte sie, riss den Fensterladen ganz auf und beugte sich hinaus. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie tief es bis auf den gepflasterten Hof hinunter war. Tief genug um sich wehzutun, wenn man fiel. „Komm sofort rein!“ Doréan grinste nur. Sie streckte ihm beide Hände entgegen. „Komm her.“ Ohne zu zögern legte Doréan seine Hand in ihre. Aelia schloss beide Hände fest darum und zog mit aller Kraft. Für einen Moment rührte sich... nichts. Er war schwerer, als sie gedacht hatte. Doréan bemerkte ihren vergeblichen Versuch, konnte sich ein belustigtes Schmunzeln nicht verkneifen und stemmte sich schließlich selbst mit einem Fuß vom Dach ab. Gleichzeitig zog Aelia ihn rückwärts ins Zimmer, bis eines seiner Beine über die Fensterbank schwang. Einen Augenblick später folgte das andere, und beinahe lautlos wie eine Katze landete er auf den Dielen. Der Schwung trug sie beide noch einen halben Schritt weiter. Aelia geriet ins Taumeln, doch noch ehe sie das Gleichgewicht verlor, legte Doréan ihr beide Hände an die  Oberarme und hielt sie fest. Für einen kurzen Augenblick standen sie reglos voreinander. Dann holte Aelia tief Luft, hob die Hand und versetzte ihm einen nicht besonders schmerzhaften Schlag gegen die Brust. „Du bist vollkommen wahnsinnig“, schimpfte sie leise, wobei ihre Stimme weit mehr Erleichterung als Ärger verriet. „Was wäre gewesen, wenn du abgestürzt wärst?“ Doréan rieb sich grinsend die Stelle, an der sie ihn getroffen hatte. „Bin ich aber nich'.“ Aelia schüttelte fassungslos den Kopf. Sie wusste nicht, ob sie ihn ausschimpfen oder ihm um den Hals fallen sollte. Am Ende entschied sie sich aber für das letztere. „Ich freue mich, dass du da bist…“ flüsterte sie. „Es kam etwas unerwartet… aber ich freue mich…“ grinste sie. Ihr Herzschlag hatte sich deutlich erhöht.

Aelia wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit sich. Sie lächelte nur. Er lächelte zurück. Für einen Augenblick standen sie einfach da und betrachteten einander, als genüge allein die Gewissheit, dass der andere wirklich da war. Noch immer hielt sie seine Hände fest. „Also ...“ Ein leises, fast verlegenes Lachen huschte über ihre Lippen. „Du hast dir ziemlich viel Mühe gegeben, hier heraufzukommen.“ Ihr Blick glitt unwillkürlich zum offenen Fenster. Draußen lag die Welt im silbrigen Mondlicht, und allein der Gedanke daran, wie er dort draußen balanciert hatte, ließ ihr Herz erneut schneller schlagen. „Und jetzt?“ Sie hob die Schultern. „Was machen wir jetzt?“ Doréan folgte ihrem Blick zum Fenster und schnaubte belustigt. Dann sah er wieder sie an und zog die Mundwinkel schief nach oben. „Keine Ahnung.“ Es war eine so ehrliche Antwort, dass Aelia unwillkürlich lachen musste. Natürlich hatte er keine Ahnung. Er war mitten in der Nacht über Dächer geklettert, hatte sich an ihrem Fenstersims festgeklammert und dabei vermutlich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, was geschehen würde, wenn sie ihn tatsächlich hereinließ. Oder etwa doch?  Das Lachen verklang ebenso schnell, wie es gekommen war. Die Stille kehrte zurück. Doch sie war keine unangenehme Stille. Sie war warm. Vertraut. Sie standen so nah beieinander, dass Aelia seinen Atem spüren konnte. Ihr Blick verlor sich für einen Augenblick in seinen grünen Augen, bevor er wie von selbst zu seinen Lippen glitt. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie, dass auch Doréan sie längst genauso betrachtete. Er sagte nichts. Langsam hob er eine Hand. Seine Finger streiften eine lose Strähne, die ihr ins Gesicht gefallen war, und schoben sie mit einer Zärtlichkeit hinter ihr Ohr, die ihr einen leisen Schauer über den Rücken sandte. Aelia wich nicht zurück. Im Gegenteil. Fast unmerklich neigte sie den Kopf seiner Berührung entgegen. Doréans Hand verharrte einen Herzschlag länger an ihrer Wange. Dann beugte er sich vor. Als ihre Lippen sich fanden, war der Kuss kaum mehr als eine vorsichtige Berührung. Wie eine kurze Frage nach mehr. Als sie sich voneinander lösten, blieb zwischen ihnen kaum mehr als ein Atemzug. Aelia folgte Doréans Blick, der ziemlich tief in ihrem gelockerten Mieder steckte, das sie kurz zuvor begonnen hatte zu lockern, um sich für die Nacht fertig zu machen. Sie grinste. Und ohne darüber nachzudenken, hob sie die Hand an seinen Nacken und zog ihn ein zweites Mal zu sich. Dieser Kuss war länger. Nicht mehr fragend. Nicht mehr unsicher. Er war fordernd. Und sie spürte, wie Doréans Arme sie fester umschlossen. Unwillkürlich machte sie einen kleinen Schritt rückwärts. Nicht, weil sie ihm entweichen wollte, sondern weil ihr Zimmer kaum Platz bot. Er folgte ihr, ohne den Kuss zu lösen. Noch einen halben Schritt. Noch einen. Bis ihre Knie plötzlich gegen die Bettkante stießen. Sie musste sich setzen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doréan blieb dicht vor ihr stehen und beugte sich zu ihr hinab, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts außer diesem einen Kuss. Sie lächelte gegen seine Lippen. „Du hörst wohl gar nicht mehr auf“, flüsterte sie kaum hörbar. Er antwortete nicht. Stattdessen küsste er sie nur weiter. Sie entzog sich seinem Kuss für den Bruchteil eines Augenblicks, nur um zu hauchen „Komm zu mir, mein Herz…“ , ehe sie beide Hände in seinen Nacken legte und ihn sanft mit zu sich zog bis sie beide auf dem schmalen Bett lagen, wo sie sich stürmisch weiter küssten. Aelias Hand währendessen wanderte an seine, legte ihre Finger auf seine behandschuhten Finger, und begann langsam, an den Fingerspitzen seines Handschuhs zu ziehen, um diesen von seiner Hand zu streifen. Während sie halb nebeneinander, halb aufeinander lagen, wurde der Kuss wurde intensiver, leidenschaftlicher, ungestüm, genährt und getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht. Doch mit einem kaum merklichen Lächeln löste sie schließlich ihre Lippen von den seinen, nur weit genug, um ihm in die Augen sehen zu können. Dann nahm sie seine Hand. Ihre Finger verschränkten sich mit den seinen, ehe sie sie behutsam an sich führte. Einen Herzschlag lang ruhte Doréans Blick fragend auf ihrem Gesicht. Sie erwiderte ihn schweigend, und alles, was sie ihm sagen wollte, lag in diesem einen Blick. Langsam glitt seine Hand zwischen die lockere Schnürung ihres Mieders, dorthin, wohin sie sie führte, während sie ihn nicht einen Augenblick aus den Augen ließ, bis seine Finger das Ziel ihrer Bestimmung fanden.

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