Einmal Gosse, immer Gosse
#65
Ein Fass ohne Boden ❖
rabe-schweigend lehnte Doréan mit dem Rücken an der Wand im Inneren eines alten Fasses, welches zu einem einfachen Nachtlager umfunktioniert worden war. Wenn man die Augen schloss, konnte man sogar noch den leichten Geruch dessen wahrnehmen, was einst in diesem Fass gelagert worden war. Aelia erzählte, warum sie nicht mehr im Aschemädchen geblieben war. Natürlich war es wegen Ronïa gewesen. Doréan seufzte. »Ich weiß, sie ist deine beste Freundin…« Doréan runzelte die Stirn und setzte dabei ein müdes Lächeln auf. »Eigentlich is sie mehr wie meine große Schwester. Wir sind zusammen aufgewachsen.«, murmelte Doréan, während Aelia weiter ihre Gründe erläuterte. »Aber ich... ich bin mit ihrer Art einfach nicht warm geworden.« Da lachte Doréan heiser. »Glaub mir, mein Liebchen. Das schafft niemand so wirklich.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um sie dadurch etwas zu bändigen. »Sie war nich' immer so, weißt du.« Aelia schlug die Augen nieder und lächelte verhalten. »Sie war auch nie unhöflich zu mir, oder so, da will ich gar nichts sagen…Nur... ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber ich hab‘ mich in ihrer Nähe einfach nicht wohlgefühlt, und ich wusste, ich kann nicht noch eine Nacht da bleiben.« Doréan nickte doch er sagte nicht sofort etwas darauf. Er wirkte ein wenig nachdenklich, bevor er schließlich einen tiefen Seufzer machte. »Weißt du, mein Liebchen…«, hob er schließlich an. »…so geht es vielen. Es wär ihr vermutlich nich' recht, wenn ich darüber spreche. Und wenn sie es erführe, tät sie mich gewaltig zur Schnecke machen.« Er gluckste verstohlen und mit einem leicht verhaltenen Unterton. »Aber es hat seine Gründe warum sie so is.« Er legte sich eine Hand auf das halbe Gesicht. »Das mit ihren Haaren. Das hat auch damit zu tun. Aber mach dir keine Gedanken.« Er zuckte mit den Achseln. »Sie hat ne harte Schale…ne verdammt harte Schale. Da kommt keiner durch, wenn sie das nich' will.« Er lächelte erneut. Doch beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass es vermutlich besser gewesen wäre nicht zu lächeln. »Warum hast du mich damals eigentlich zu Ronïa gebracht... und nicht zu dir?« Daraufhin erstarb das Lächeln auf Doréans Gesicht. Aelia hatte einen sehr wunden Punkt getroffen. Plötzlich wäre es ihm sogar lieber weiter über Ronïa zu sprechen. Und die Leichen die sie im Keller hatte. Er hüstelte verlegen und streckte dann die Arme aus. »Nun, das is…schwierig.«

Er ertappte sich dabei wie er es vermied ihr in die Augen zu sehen. Immer wieder hob er den Kopf, nur um dann doch woanders hinzusehen. »Es is nich' so, dass ich auf der Straße lebe. Auch wenn ich aus der Gosse komme. Aber vielleicht erinnerst du dich ja daran, was ich einst zu dir gesagt habe?« Er sah sie erwartungsvoll an, doch Aelia schien nicht ganz zu ergründen, worauf er hinauswollte. »Niemals in die Ascherinne gehen?« Da dämmerte es Aelia und Doréan seufzte. »Nun. Ich wohn in einem…« Hurenhaus. Das Wort lag ihm auf der Zunge, doch auch wenn er schon viele Jahre in diesem Milieu aufgewachsen war, so war er in Aelias Gegenwart von einer bis dahin unbekannten Scham erfüllt, wenn es darum ging darüber zu sprechen. »…Rattenloch an der Grenze der Ascherinne.« Er schlug die Augen nieder. »Der Kerl, bei dem ich wohne…«, murmelte Doréan mit einer so leisen Stimme, dass Aelia etwas näher rückte, um alles zu verstehen. »Der is ein mieser Hundsfott. Ich dachte einfach, im Aschemädchen bist du besser aufgehoben als bei mir.« Er hob die Augen und sah Aelia mit diesem reumütigen Hundeblick an. Voller Gram und Scham. »Ich dachte mir, vielleicht finde ich was Besseres, solange du bei Ronïa in guter Obhut bist.« Er seufzte. »Aber ich hatte nich' so viel Glück wie du, mit diesem Ort hier.« Er deutete auf das Fass und den Hof, auf welchem es sich befand. Erneut schlug er die Augen nieder. Doch dann setzte er ein aufmunterndes Lächeln auf. Nicht nur um Aelia zu überzeugen, sondern auch sich selbst. »Also.« Seine Stimme wurde ein wenig kräftiger. »Wenn du mir versprichst, dass du mir dann nich' Hals über Kopf davonläufst…« Er grinste breit, um seinen Worten einen gewissen Zynismus zu verleihen. Doch wenn er sich ehrlich war, waren genau dies seine Befürchtungen. »…dann kannst du natürlich gern bei mir pennen. Und wenn dieser miese Hundsfott Bertram dir zu nahe kommt, dann verpass ich ihm eine.« Er ballte die Faust und schlug damit in den Polster, als ob er sich dabei vorstellen würde, es wäre Bertrams Gesicht.

Er hatte Aelia und auch sich selbst geschworen um sie zu kämpfen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Und für sie durchs Feuer zu gehen. Sich mit Bertram anzulegen war genau diese Art von Feuer, durch die man gehen musste, wenn man ihn sich zum Feind machte. »Aber…«, hob er mit einer etwas leiseren und zaghafteren Stimme an. »Besser wärs natürlich, wenn du ihm einfach aus'm Weg gehst. Glaub mir, gegen den is Ronïa ein Sonnenschein.« Er gluckste belustigt, obwohl daran eigentlich gar nichts lustig war.

»Eigentlich weiß ich erschreckend wenig über dich.« Aelias Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und Doréan schwieg die ganze Zeit über, während sie sprach. Seine Miene wurde dabei immer verhaltener. Als ob ihm dieses Gespräch sichtlich unangenehm wurde. »Versteh mich bitte nicht falsch.« Sie sah ihm dabei direkt in die Augen und Doréan fühlte sich beinahe, als ob sie ihm tief in die Seele schauen würde. »Ich will dich nicht ausfragen. Und ich erwarte auch nicht, dass du mir alles auf einmal erzählst.« Da brach Doréan schließlich sein Schweigen. »Nein, nein, mein Liebchen. Ich will dir gern erzählen, was du wissen möchtest. Aber…« Er knabberte an seiner Unterlippe und rang sichtlich um die Worte. »Ich…ich bin halt kein großer Mann. Ich hab' keinen Laden, den ich mal erben werde. So wie dieser Ruben. Ich arbeite, wenn ich Arbeit bekomme.« Mehr wollte er in diesem Augenblick nicht über seine Arbeit sagen. Allein wenn er an die Worte dieses alten, schrulligen Kerls in jener Schenke dachte, in welcher sie sich kennengelernt hatten. Er wollte Aelia natürlich vor diesem Abgrund fernhalten. Dem Sog der Sanra'Jena. Doch ihm war auch klar, dass dies nicht in seiner Macht stand. Aber genauso wenig wollte er sie nun mit allem auf einmal überrumpeln. Irgendwann würde der richtige Moment kommen. Und vielleicht würde sie es dann auch verstehen, dass er eigentlich nie eine andere Wahl gehabt hatte. Er war kein Abschaum. Auch wenn die ehrlichen Leute so über die Sanra'Jena und die Nedran'Ja sprachen. Doch wie sollte man jemandem beweisen, dass man selbst kein Abschaum war, wenn alle anderen tief in diese Kerbe schlugen? »Ich…« Er seufzte. Diese Worte waren so einfach, und dennoch lagen sie ihm auf der Zunge wie Blei. Irgendetwas in ihm stemmte sich förmlich dagegen. Es widersprach allem, was ihn ausmachte. Ein Gossenkind. Er scherte sich nicht darum was andere Leute von ihm dachten. Er schämte sich nicht seiner Herkunft wegen. Er war selten um eine Ausrede, eine Beleidigung oder eine schlagfertige Antwort verlegen. Und wenn man ihn einen Straßenköter nannte oder einen Hurensohn, war ihm das einerlei. Er war an einem Ort aufgewachsen, an dem das Zeigen von Schwäche ein Todesurteil sein konnte. Und nun, hier in diesem Moment, war er dazu gezwungen sich wider dem Gesetz der Gosse zu verhalten. »Ich hab' einfach nur Schiss, dass du enttäuscht bist, wenn du siehst, dass ich dir nix bieten kann…außer meinem Versprechen, dass ich dir am Leuchtturm gegeben habe.« Nun schwieg Doréan und man konnte ihm ansehen, dass er sich alles andere als wohl fühlte. »Es is was anderes, nur darüber zu reden.«, murmelte er. »Ich habe manchmal das Gefühl, ich kenne nur den Doréan, den du mich sehen lässt. Aber ich möchte den Menschen kennenlernen, der du wirklich bist.« Doréan fühlte sich ein wenig ertappt.  »Aber wenn du dann selber siehst, woher ich wirklich komme…« Ein Straßenköter aus der Ascherinne. »…wer ich wirklich bin...« Er hob den Kopf und versuchte das seltsame Gefühl, dass ihn zu überwältigen drohte mit einem Lächeln zu überspielen. Doch es gelang ihm nicht. »Ich bin einfach nur ich selbst. Manchmal weiß ich selber nich' was ich vom Leben erwarte. Mehr als ich bekomme…das auf jeden Fall.« Dabei stahl sich ein schiefes Lächeln auf sein Gesicht. »Aber eins weiß ich ganz genau. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, hab' ich dich nimmer aus meinem Kopf bekommen.« Das Lächeln wurde ein wenig überzeugender. »Und auch wenn ich mir darum zuerst keine Gedanken gemacht hab...« Er blies die Wangen auf und ließ dann langsam wieder die Luft entweichen. Er hatte ihr gesagt, für sie wolle er ein besserer Mann sein. Ronïa hatte ihm gesagt, dass er nun nicht mehr alleine war und eine gewisse Verantwortung für Aelia trug. Doch das war alles leichter gesagt als getan. Wie sollte man das alle schaffen, wenn man ganz unten war und sich alles selbst erkämpfen musste. Es war etwas anderes, wenn man sich alleine durchs Leben schlug, in Waden biss und niemandem Rechenschaft schuldig war oder für jemanden anderen als sich selbst eine Verantwortung hatte. Dies war die bittere Wahrheit. Er war ein Mann der einer Frau nichts bieten konnte, außer sich selbst. Doch war dies auch genug? Er war schon früh gezwungen gewesen erwachsener zu sein, als er eigentlich war. Sein großspuriges Gehabe und seine große Klappe waren in Wahrheit nichts anderes als eine Mauer gegen die widrige Welt, die einem Stein um Stein in den Weg legte. » …aber mir is klar geworden, dass eine Frau mehr erwartet. Mehr als ich bieten kann.« Da seufzte er und lehnte sich gegen die Wand des Fasses, während er Aelia mit zwiegespaltenen Blicken ansah.

Aelia hatte ihn zuerst lange angeschaut. Vielleicht hatte sie im Inneren einen stummen Kampf ausgefochten. Zwischen der bitteren Wahrheit und dem bittersüßen Schmerz, der sich tief in ihr Herz gegraben hatte. Doch irgendwann hatte sie sich zu ihm gelegt und ihren Kopf auf seine Schultern gebettet. Und Doréan hatte zufrieden die Augen geschlossen und einfach nur ihre Nähe genossen. Das letzte Mal, als er ein derartiges Gefühl hatte erleben dürfen war schon so lange her gewesen, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte. Seine Hand glitt langsam hinab und legte sich ihr auf die Schultern. Zuerst lagen sie einfach nur stumm da und lauschten einander dem Atem und dem Herzschlag des anderen. Doch bald schon regten sich Doréans Finger. Zaghaft glitten sie über ihren Arm. Er strich ihr sanft durchs Haar und sog den Duft, den sie verströmte, in sich auf. Bald schon erwiderte Aelia die Berührungen. Ihre Hand glitt über seinen Arm. Legte sich in seinen Nacken und bald schon war mehr als nur das Schlagen ihrer Herzen und ihr schwerer Atem zu hören. Das Knistern, welches sich langsam aufgebaut hatte, es schien den engen, kleinen Raum förmlich auszufüllen. Aelia hob den Blick zu ihm und einander versanken sie in den Tiefen der Sehnsucht des anderen.

Am nächsten Morgen schlenderten Aelia und Doréan durch die Stadt. Sie hatten kein wirkliches Ziel vor Augen und ließen sich eher treiben. Auf ihrem Weg vernahmen sie irgendwann eine Melodie, die langsam immer lauter wurde, je näher sie ihr kamen. Ein alter, blinder Musikant saß auf einer Stufe und spielte ein Lied auf einer alten Fidel. Hin und wieder mischte sich ein schiefer Ton in das Stück, doch Aelia und Doréan standen dennoch eine ganze Weile einfach nur da und lauschten der Musik. Auch wenn keiner von ihnen das Lied kannte, so wirkte es durch seine tragende Melancholie wie ein Bann, der ihre Gedanken an ferne Orte zu tragen schien. Doréan hatte seine Hand um Aelias Hüfte gelegt und so hatten sie der Melodie gebannt gelauscht. Sie kauften sich etwas zu Essen und Doréan erwarb eine Handvoll Krähendreck Stangen. Seine neckischen Versuche Aelia diese bittere Süßigkeit schmackhaft zu machen scheiterten kläglich. »Die schmecken furchtbar.«, maulte Aelia und Doréan zuckte mit den Achseln. »Find' ich nich'.« Demonstrativ biss er in eine ebensolche Stange hinein und zog so lange daran, bis sie schließlich nachgab und dann kaute er genüsslich auf dem zähen, klebrigen Stück herum. Aelia konnte sich ein vergnügtes Lachen nicht verkneifen. Doréan kaufte ihr stattdessen süße Stangen die mit Honig und kandierten Früchten garniert worden waren. Und so saßen sie irgendwann im alten Hafen und ließen die Füße über dem dunklen Wasser baumeln, während sie einfach nur dasaßen und gedankenverloren in die Ferne schauten. Aelias kleine Beichte, dass sie letzte Nacht einfach in der Straße geschlafen hatte, schwang noch in Doréans Gedanken nach. Unweigerlich hatte er an die tote Dirne denken müssen. »Also, wenn du jemals wieder auf so eine blöde Idee kommen solltest, dann vergiss sie gleich wieder, mein Liebchen.« Während er sprach hatte er eine halbe Stange Krähendreck im Mund und warf Aelia einen mahnenden Blick zu. »Du bist nochmal glimpflich davongekommen. Aber ich hab dich gewarnt. Geh niemals allein in die Ascherinne. Und schon gar nich' in der Nacht.«

Alles in Allem, war es ein schöner Tag, den die beiden miteinander verbracht hatten. Doch er sollte schon bald ein jähes Ende finden. Denn das Schicksal machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Wie so oft. »Na, wen haben wir denn da?« Eine wohlbekannte Stimme ertönte hinter Doréan und dieser biss sich, einen Fluch unterdrückend, auf die Lippen. »Vergnügst dich mit irgend' so'nem Luder, während ich mir die Hacken wundlaufe, um dich zu finden?« Doréan riss sich von Aelia los und rappelte sich auf die Beine. »Raban.« Doréans Stimme sprach den Namen mit einem Hauch von Unbehagen aus, dem ein nicht unüberhörbares Maß an Groll mitschwang. Doréan kniff die Lippen zusammen und sein Kiefer spannte sich an und begann zu pochen. Es war unvermeidlich gewesen, dass Aelia irgendwann einem der Sanra'Jena über den Weg laufen würde. Ebenso war es unvermeidlich, dass sie irgendwann erfahren würde, welcher Arbeit er in Wahrheit eigentlich nachging. Doch dass es ausgerechnet Raban sein musste, war der bittere Wermutstropfen, der dem ganzen noch die Krone aufsetzte. »Willst du mich nicht vorstellen?« Raban lehnte lässig an einer nahen Backsteinmauer und nickte in Aelias Richtung, welche den Mann mit großen Augen anzusehen schien. Doch Doréan schwieg. Er hatte keine Lust darauf ihm Aelia vorzustellen. »Was willst du?« Doréan trat an Raban heran, doch nur um sich wieder keuchend einige Schritte zurückzuziehen, als Rabans Handfläche ihm eine schallende Ohrfeige verpasst hatte. »Willst du den starken Mann markieren, du kleiner Hund? Hüte deine vorlaute Zunge!« Er schenkte Aelia ein flüchtiges, und sehr schmieriges, Lächeln. »Immerhin ist eine Dame anwesend. Da möchte ich dir ungern die Scheiße aus dem Leib prügeln müssen.« Doréan hustete und knirschte dann mit den Zähnen, während er rücklings auf den Boden stolperte. Von allen Tagen, an welchen Aelia ihn kennenlernen musste, war es ausgerechnet einer jener Tage, an welchen Raban schlechte Laune hatte. Der herbe Duft von Opium und billigem Fusel haftete ihm an. Der bittere Geschmack von Süßholz und Anis begann in Doréan aufzubegehren, als er sich an dem Stück Lakritze, die er eben noch im Mund gehabt hatte, beinahe verschluckt hatte. Doréan unterdrückte den Brechreiz, doch die heißen Tränen, die ihm in die Augen stiegen, konnte er nicht unterdrücken. »Los. Komm!« Er zog Doréan auf die Beine und wandte sich dann wieder Aelia zu. »Na? Willst du nicht auch von deinem hübschen Hintern aufstehen?« Er lächelte ihr mit einem falschen, freundlichen Lächeln zu, während seine Blicke sich auf die Münze um ihren Hals hafteten. »Raban…«, hob Doréan an. »…lass sie einfach in Ruhe.« Doréan raffte sich auf und streckte das Kreuz ein wenig durch. »Ich würde mich zutiefst grämen, ein so hübsches Ding wie dich ganz alleine an den Docks zu wissen. Mein Gewissen, als Mann von Ehre, würde mich um den Schlaf bringen, täte einem so hübschen Ding etwas zustoßen.« Er lächelte süffisant, während er Doréan einen prüfenden Blick zuwarf. »Hast du die tote Schlampe von letzter Nacht schon vergessen? Ein Mörder streift durch die Stadt. Wäre doch jammerschade, wenn sie sein nächstes Opfer wird, oder?« Doréan schluckte. Auch wenn Rabans Worte ihre Wirkung nicht verfehlten, so haftete ihnen der fahle Beigeschmack einer unterschwelligen Drohung an. Indes musterte Raban den Gossenfloh mit einem seltsamen Blick, als ob er es ihm nicht zugetraut hätte, so ein hübsches Mädchen dazu gebracht zu haben Zeit mit ihm zu verbringen. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Aelias Zögern, seiner Aufforderung nachzukommen, ließ Raban, der es gewohnt war, dass man seinen Befehlen Folge leistete, schließlich den Mund zu einer unwirschen Grimasse verziehen. »Na los. Auf die Beine Mädchen.« Er schnippte unwirsch mit den Fingern und winkte dann, als ob er die Macht hätte sie allein durch bloße Willenskraft dazu zu bringen, sich zu erheben.

So verließen sie den Kai, und  kurz darauf auch den Hafen. Ihr Weg führte sie an einen Ort zwischen finstersten Gassen und zwielichtigen Spelunken, in eine Gegend, in welche Doréan sie niemals gebracht hätte. Die Nachmittagssonne drang hier zwischen den Häusern kaum mehr vor, so dass die langen Schatten unheimlicher und bedrohlicher wirkten, als es um diese Zeit üblich war. Die vorherrschenden Schatten legten sich regelrecht über die Drei, als würden sie versuchen Eins mit ihnen zu werden. Nach einer Weile erreichten sie eine jener Spelunken, welchen sowohl ein zweifelhafter Ruf anhaftete, als auch der unscheinbare Dunst, der aus dem Kamin, den Fenstern und selbst den Mauerritzen auszutreten schien. »Der Haarige Bär«

Raban öffnete die Tür, und vollführte eine spöttische, galante Geste. »Nach euch, die Dame.« Er grinste breit und legte Aelia, um seiner Geste den nötigen Nachdruck zu verleihen, die Hand in den Rücken und schob sie regelrecht über die Türschwelle. Dann schnippte er unwirsch mit den Fingern und bedeutete Doréan es ihr gleichzutun. »Dahinten.«, murmelte Raban und deutete auf einen Platz, den man im schlechten Licht kaum sehen konnte. Auf den ersten Blick wirkte dieser Ort wie eine schäbige Schenke. Doch Doréan wusste es besser. Es war eine Opiumhöhle und er ertappte sich dabei, wie er immer wieder einen verstohlenen Blick zu Aelia warf. Pfeifenrauch schwängerte die Luft und der milchige, weiße Dunst schien sie regelrecht zu umwabern. Der süße, schwere Duft von Opium lag verführerisch und dennoch verschwommen, wie ein flüchtiger Traum, in der Luft. Doréan bemerkte, dass am Ende der Kaschemme mehrere Männer saßen. Und hier und da konnte man auch die eine oder andere Dirne ausmachen, welche zwischen den Männern saßen, über ihre schlechten Scherze lachten, oder sich auf ihrem Schoß gebärdeten. Sie gingen an einigen Kerlen vorbei, die Doréan noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Und vermutlich schenkten sie ihnen kaum Beachtung. Sie starrten einfach nur ins Leere. Sie waren an einem anderen Ort und bemerkten nicht einmal die Blicke, welche auf ihnen lasteten.

Einer der Männer saß auf einer Bank und auf seinem Schoß räkelte sich eine junge Frau, welche ihnen nur den Rücken zugewandt hatte. Ihre rhythmischen Bewegungen und ihre kehligen Laute drangen dumpf und verhalten an Doréans Ohr. Während der Mann einen Blick an der Dirne vorbeiwarf und sich seine Blicke mit jenen Doréans kreuzten. Auf seinem Gesicht lag ein breites, beinahe entrücktes Lächeln und sein Blick schien nur durch Doréan hindurchzugleiten, als ob Doréan nur ein Trugbild aus dem Schleier wäre, der ihn umgab. Aelia indes war dichter an Doréan herangetreten und hatte ihren Arm um den seinen geschlungen. Sie hatte ihre Stimme zu einem Raunen gedämpft. »Wer ist das?« Da seufzte Doréan. »Raban. Und glaub mir. Ich wünschte du wärst ihm nie begegnet.«, brummte er und zog Aelia ein wenig näher an sich heran.

Während sie gingen, vermied es Doréan Aelia anzusehen. Und dies aus mehreren Gründen. Er wollte ihr nicht in die Augen sehen, da ihm diese Situation weder geheuer noch angenehm war. Zum einen wegen Raban und seiner seltsamen Art Aelia gegenüber, und zum anderen, weil Doréan nicht wusste, warum sie ausgerechnet hier waren. Nicht im Traum hätte er daran gedacht Aelia an einen solchen Ort zu bringen. Und doch befanden sie sich nun im »Haarigen Bären«. Eine Opiumhöhle, in der es von Schlägern der Sanra'Jena nur so wimmelte. Die meisten Menschen kannten diesen Ort nur als einen Hort des Verbrechens, wo Schläger, Bandenmitglieder und Prostituierte herumlungerten. Kein rechtschaffener Mensch wagte einen Fuß hinein. Und die Stadtwache schon gar nicht. Es war eine Lasterhöhle. Hier wurde Glücksspiel betrieben, die Dienste von Dirnen in Anspruch genommen und sich dem Rausch des Opium und anderen Rauschgiften hingegeben.

Raban beobachtete Aelia und Doréan und irgendwann räusperte er sich. »Was macht ihr Beiden so lange Gesichter?«, verlangte er zu erfahren. Er zwinkerte und schnalzte schließlich mit der Zunge. »Was machen wir hier?« hakte Doréan nach, während sich eine Dirne mit einem auffälligen, aber ungeschickten Hüftschwung näherte. Raban bleckte die Zähne und ließ es sich nicht nehmen der Frau auf den Hinter zu fassen, welche daraufhin verhalten lächelte. Man konnte nicht sagen, ob sie gerne an diesem Ort war, oder ob man sie dazu gezwungen hatte. Doch sie verstand es gute Miene zum bösen Spiel vorzugaukeln. Sie ließ ihre Hand über Rabans Schulter gleiten und entzog sich dann wieder seinem Griff, während sie Raban ein kurzes, verspieltes Zwinkern schenkte. »Wirst du schon sehn.«, brummte Raban, welcher der Dirne noch einen letzten, wehmütigen Blick nachwarf. Doch dann wandte er sich Aelia zu. Aelia schien zaghaft, wie ein scheues Reh inmitten einer Höhle voller ausgehungerter Wölfe. Raban schlug sich mit der offenen Hand auf den Oberschenkel und seufzte. »Wie kommts, dass ich dich noch nie gesehen habe?«, murmelte er und seine Blicke huschten zwischen Doréan und Aelia immer wieder hin und her. Der Gossenfloh räusperte sich, und lenkte so Rabans Aufmerksamkeit auf sich. »Warum sind wir hier, Raban?« Er lächelte verschlagen. »Alles zu seiner Zeit, Welpe.« Doréan stellte diese Antwort alles andere als zufrieden. Eine wachsende Unruhe begann sich in ihm auszubreiten, während Raban sich schließlich zu den Beiden umwandte. »Ich bin gleich wieder da. Warte hier, verstanden?« Er tippte Doréan auf die Brust und warf daraufhin Aelia einen scharfen Blick zu. »Nicht weglaufen, ich würde dich ungern suchen müssen, verstanden?«

Doréan entspannte sich ein wenig, als Raban schließlich gegangen war. Und da schien Aelia nicht mehr an sich halten zu können und rutschte ein wenig an ihn heran. »Was hat das hier zu bedeuten?«, hauchte sie aber Doréan hatte darauf keine ehrliche Antwort. »Ich weiß es selber nich', mein Liebchen. Aber Raban…« Er hielt einen Moment lang inne und schürzte säuerlich die Lippen. »Er also…sozusagen…ich arbeite für ihn.« Er warf Aelia einen vielsagenden Blick zu. »Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich nich' gern darüber reden wollte?« Er versuchte ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, doch es wirkte eher kläglich als überzeugend. Doréan hob die Hände, als ob er sie beschwichtigen wollte. »Man kann sich im grauen Viertel nich' aussuchen, für wen man arbeitet. Und wenn man, wie ich, aus der Ascherinne kommt, dann hat man oft auch keine andere Wahl.« Er seufzte und senkte dann den Blick, als ob er Aelias Blicken ausweichen wollte. »Und was ist das für ein Ort?«, hakte Aelia nach und Doréan lächelte wissend. »Der Haarige Bär.« Dieses Mal lächelte er ein wenig verwegener. »Am besten wir verhalten uns ganz ruhig, dann wird er schon sagen, was er will.« Mit diesen Worten legte er ihr, vertrauensvoll und in diesem Augenblick wohl auch von einem instinktiven Beschützerinstinkt geleitet, die Hand auf das Knie.

Als Raban zurückkehrte, versetzte er Doréan einen mürrischen Tritt gegen das Bein. »Mach Platz.«, befahl er und setzte sich dann genau zwischen ihn und Aelia. Doréan entging nicht, dass sie sich geschickt ein wenig zur Seite setzte, um nicht so nah an Raban sitzen zu müssen. »Ein hübsches Ding hast du da, muss ich dir lassen.«  Er zwinkerte Aelia vielsagend zu. Es war der Blick eines Mannes, der nicht davor zurückschrecken würde, sie seinem besten Freund auszuspannen. Und Doréan war alles andere als Rabans bester Freund. »Aber ich bin ein wenig beleidigt, dass du sie mir noch nie vorgestellt hattest.« Da schluckte Doréan. Er wog ab, welche Antwort Raban wohl hören wollen würde, welche ihn zufriedenstellen könnte. Doch er wurde sich gewahr, dass es unmöglich war. Und so entschied er nur mit den Schultern zu zucken. »Ich wüsste nich', was dich das anginge.«, brummte Doréan und erntete dafür sogleich einen missbilligenden Blick Rabans. Raban rutschte unruhig auf der Bank herum, als ob er auf glühenden Kohlen sitzen würde. Dann begann er verschlagen und beinahe verschwörerisch zu grinsen und drehte er sich unvermittelt zu Aelia um. »Der kleine Hund hat sich gestern seine Sporen verdient, musst du wissen.« Da lachte Raban und begann mit den Fingern zu schnippen.

Doréan wagte es nicht, in Aelias Gegenwart, diese Fragen, die ihm auf der Zunge brannten, zu stellen. Stattdessen nickte er nur, was Raban zu gefallen schien. »Ich mag Bescheidenheit. Du scheinst endlich zu begreifen.« Er klopfte Doréan beinahe brüderlich auf die Schultern, was bei Raban aber mehr einem Biss einer falschen Schlange glich, wenn man ihn kannte. »Und dein Mädchen gefällt mir auch. Ich mag ihre großen…Augen.« Bei diesen Worten konnte Raban nicht anders als Aelia ebenfalls auf den Schenkel zu klopfen. »Nimms mir nich' übel, Kleine. Ja?« Aelia sah ihn daraufhin fragend an und Raban lachte. »Na, ich hab dich zuerst für ne Dirne gehalten. So wie du aussiehst…und dich mit dem da auf der Straße blicken lässt.« Doréans Blick verfinsterte sich, während Raban amüsiert gluckste. Kurz darauf schnippte er erneut mit den Fingern und warf einen energischen Blick in die Richtung der jungen Frau, die unweit von ihnen mit einem kleinen Teller stand. »Komm endlich, du nichtsnutziges Stück!«  Als ob Rabans Schnippen ein geheimes Zeichen gewesen wäre, näherte sich die Dirne schließlich, wie einem stummen Befehl folgend, und nahm neben Aelia Platz, während sie sich anschickte den Teller vor ihnen zu drapieren. Dann setzte sie sich gerade hin und legte ihre Hände vor sich in den Schoß, als ob sie nicht genau wusste, was sie sonst damit machen sollte. »Mirijam. Das is Aelia. Sei nett zu ihr, verstanden?«, brummte Raban und die junge Frau drehte sich ein wenig zur Seite um Aelia in die Augen schauen zu können. Zuerst hüstelte sie nur verlegen, da sie augenscheinlich nicht wusste, was nun von ihr erwartet wurde. Doch dann wanderten ihre Blicke über Aelia. Entgegen der Blicke der meisten Männer, hafteten sich die ihren nur auf die Münze und nicht das, was darunter lag. Doch viel mehr als die Münze, welche sie mit einem kurzen Augenzucken bedachte, galt ihr Interesse ihrem Haar. Sie nahm unbeholfen eine Strähne zwischen die Finger und begann die Finger zu bewegen. »Du hast schöne Haare.« Ihre Stimme war ruhig und sanft. Dann aber ließ sie die Strähne unvermittelt los und legte sich die Hände wieder in den Schoß um sie zwischen den Falten ihrer Röcke zu vergraben. Raban schnippte energisch und deutete dann auf die Lampe vor ihnen. Und so beugte sie sich wieder vor und begann drei Pfeifen vorzubereiten. Mit geübten Fingern zog sie eine lange Nadel aus der Lampe und begann damit die Pfeifen zu präparieren. Raban indes warf Aelia einen neugierigen Blick zu. »Wie heißt du eigentlich, Kleine? Oder soll ich mir selber nen Namen für dich aussuchen.«

Die Dirne erhob sich und warf Aelia einen flüchtigen Blick zu. Die Pfeife in ihrer Hand gloste und eine dünne Rauchfahne stieg aus dem Kopf auf. Während sie sichtlich darum bemüht war, dass Raban gut auf ihre schweren Brüste sehen konnte, die ihr beinahe aus dem Kleid sprangen, und so sein Interesse an Aelia ablenkte. Sie reichte Raban die Pfeife dar und hielt in der anderen die lange Nadel bereit, auf dessen Spitze ein kleiner, dunkler, harzige Opium klebte. Raban nahm die Pfeife zur Hand und setzte dann das Mundstück an die Lippen, währen die Dirne die Nadel über die Glut hielt, um so das Opium der Pfeife zuzuführen bis es die richtige Temperatur erreicht hatte. Raban tat einen tiefen Zug und blies dann kurz darauf den weißen Rauch aus Mund und Nase aus. Raban ließ die Pfeife weiterwandern und sogleich begann Aelia mit dem Kopf zu schütteln, während Raban den weißen Rauch aus den Nasenlöchern quellen ließ. »Was ist mit dir los, Kleine?« Seine Stimme war weder harsch noch bedrohlich, sondern ihm schwang eine verwunderte Neugierde mit. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es Menschen gab, die dem Rausch des Opiums nichts abgewinnen konnten. Stattdessen nahm er der Dirne die Nadel aus der Hand und versetzte ihr einen Klaps auf den Hintern. »Los verschwinde.« Er nickte mit dem Kopf und hielt dann die Nadel in die Flamme der Laterne, bis das Klümpchen immer weicher wurde. Mit geschickten Fingern stopfte er das, an Pech erinnernde, Opium in die Pfeife, zog einige Male daran, um sie zu entfachen und reichte sie schließlich an Aelia. Etwaige Versuche seine Geste auszuschlagen unterstrich Raban mit ruhigen, aber bestimmenden Worten und einem anschließenden, wölfischen Grinsen. »Ich bestehe darauf. Du wirst es mögen, vertrau mir.«
#66
Im haarigen Bären ❖
rabe-aelia blickte, ähnlich wie Doréan, friedvoll auf das Meer. Sie mochte das Blau des Meeres, welches am Horizont in ein Glitzern überging, wenn die Sonne sich darin spiegelte. Die schrillen Schreie der Möwen erinnerten das eine oder andere Mal an Menschengelächter. Sie liebte das sanfte Rauschen der Wellen, die langsam, aber kraftvoll an das Ufer krochen, oder das heftige Rauschen und Platschen, wenn Wellen gegen Felsen geworfen wurden. Sie mochte die salzige Seeluft, ja sogar den Fischgeruch, wie er den Häfen zu Eigen war. Als sie das erste Mal in das graue Viertel gekommen war, war ihr erster Weg der zum Meer gewesen, eine kleine, entlegene Bucht, fern der Häfen. Doch seitdem war sie nie wieder hier gewesen, erst Doréan hatte sie immer wieder ans Meer geführt. Und nun saßen sie beide hier. Doréan hatte seine Arme lässig auf der Lehne der Bank ausgebreitet, und Aelia genoss die warmen Sonnenstrahlen. Doch der Frieden währte nicht lange. Eben noch hatten sie schweigend am Meer gesessen und den Möwen gelauscht. Dann war Raban aufgetaucht und hatte diesen friedlichen Nachmittag binnen weniger Augenblicke in sein Gegenteil verkehrt. Sie sah Doréan noch immer vor sich, wie er sich nach der Ohrfeige mühsam wieder aufrichtete und den Schmerz ebenso tapfer hinunterschluckte wie die Demütigung. Es war nicht allein der Schlag gewesen, der Aelia erschüttert hatte. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der Raban Gewalt ausübte, als hätte niemand das Recht, sich ihm zu widersetzen. Aelia hatte etwas sagen wollen. Mehr als einmal. Doch jedes Mal war ihr der Blick zu Doréan geglitten. Er hatte kaum ein Wort gesprochen, war schweigend neben Raban hergegangen und hatte die Schultern so angespannt gehalten, dass selbst sie erkennen konnte, wie sehr er sich beherrschen musste. Irgendetwas sagte ihr, dass jeder Widerspruch die Lage nur verschlimmern würde. So folgte sie den beiden schließlich ebenfalls. Nicht weil sie es wollte, sondern weil ihr das Gefühl blieb, Doréan in diesem Augenblick unmöglich allein lassen zu können. Sie verließen die Docks, tauchten wieder in die engen Gassen des grauen Viertels ein. Mit jedem Schritt wurde Aelia mulmiger zumute. Sie wusste weder, wohin Raban sie führte, noch weshalb er Doréan überhaupt gesucht hatte. Erst als sie schließlich vor einer heruntergekommenen Kaschemme stehen blieben, über deren Eingang ein verwittertes Schild im Wind knarrte, ahnte Aelia, dass der schlimmste Teil dieses Tages womöglich noch vor ihr lag. Und so sollte es auch kommen.

Aelia starrte die Pfeife an, als hätte Raban ihr eine Schlange hingehalten. Eine, deren Giftzähne sie nicht sehen konnte, von denen sie aber wusste, dass sie da waren. Jeder Instinkt schrie sie an, die Hände bei sich zu behalten. Der süßlich harzige Geruch, der dem weißen Rauch anhaftete, reizte schon ihre Nase, obwohl sie die Pfeife noch nicht einmal an sich herangeführt, geschweige denn berührt hatte. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. „Nein... ich… möchte nicht…” Sie schenkte ihm ein höfliches Lächeln, denn dass er ein unangenehmer Mann zu sein schien, das hatte er längst unter Beweis gestellt. Raban erwiderte ihr Lächeln nur. Nicht spöttisch und auch nicht zornig, es war ein ruhiges und beinahe beruhigendes Lächeln. Doch gerade dieses ruhige Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen. „Ach, Kleine...“ Seine Stimme klang beinahe nachsichtig. „Du tust ja gerade so, als wollte ich dich vergiften.“ Er hielt ihr die Pfeife noch ein Stück näher hin. „Ein Zug. Mehr nicht.“ Aelia wich mit dem Oberkörper zurück und ihr Blick glitt hilfesuchend zu Doréan. Er sagte nichts. Er saß nur da, den Kiefer so fest zusammengepresst, dass die Muskeln darunter zuckten. Sie sah ihn an und er hob den Blick. Da sah sie in seinen Augen etwas, das sie an ihm noch nie gesehen hatte. Ohnmacht. Ihr Blick schien ihn stumm zu fragen, was sie nun tun sollte. „Schon gut...“, murmelte er heiser. „Nimm einfach… einen Zug.“ Etwas begann in Aelia zu bröckeln in diesem Augenblick. Nicht ihr Vertrauen zu ihm, aber die Gewissheit, dass Doréan sie beschützen könnte. Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, wirkte er ebenso ausgeliefert wie sie. Raban beobachtete den stummen Austausch der beiden mit sichtlichem Vergnügen. „Siehst du?“ Er grinste zufrieden. „Der kleine Hund weiß, wann er vernünftig sein sollte.“ Er drehte die Pfeife leicht zwischen den Fingern. „Nun komm schon...“ Seine Stimme blieb ruhig. Beinahe freundlich. Doch hinter jedem einzelnen Wort stand unausgesprochen dieselbe Drohung die Aelia, seit ihrer Begegnung mit ihm, begleitete. Dieselbe, die er auch Doréan entgegen brachte. Widersprich mir nicht, du tust, was ich dir sage, du tust, was ich will. Aelia spürte, wie ihre Finger vor Nervosität feucht geworden waren. Langsam hob sie die Hand. Sie wollte es nicht. Jeder Gedanke in ihr schrie danach, die Pfeife wegzuschlagen und aus dieser widerwärtigen Höhle davonzulaufen. Doch ihre Finger griffen nach einigem Zögern trotzdem nach der Opiumpfeife. Raban nahm ihr die Pfeife plötzlich aus der Hand. Bevor die Glut erlosch, setzte er sie selbst noch einmal an die Lippen und zog langsam daran. Das Köpfchen glomm erneut hell auf, während dichter, weißer Rauch aus seinem Mund quoll. Währenddessen erklärte er ihr. „Schau mir zu, Kleine... So geht das.“ Erneut hob er die Pfeife an seine Lippen. „Langsam ziehen... ganz ruhig.“ Er demonstrierte es, ehe er die Pfeife wieder ein Stück sinken ließ. „Den Rauch nich' gleich wieder auspusten. Erst in die Lunge damit.“ Er klopfte sich mit zwei Fingern gegen die Brust. „Einen Augenblick halten... und dann langsam wieder raus. Is‘ keine Zauberei. Und jetzt du…“ Erst dann drückte er die Pfeife Aelia ein weiteres Mal in ihre Hände. Sie hielt den Atem an, führte die Pfeife an ihre Lippen und nahm einen vorsichtigen Zug. Das Mundstück war noch warm von Rabans Lippen. Allein dieser Gedanke ließ ihr den Magen umdrehen. Kaum hatte sie den Rauch eingesogen, begann es unangenehm in ihrer Kehle zu kratzen. Schon im nächsten Augenblick begann sie heftig zu husten. Ihre Augen begannen zu tränen, während sie sich leicht nach vorn beugte und sich mit der freien Hand gegen die Bank stemmte. Raban lachte schallend. „Na also.“ Er nahm ihr die Pfeife wieder aus der Hand, als hätte sie soeben eine kleine Prüfung bestanden. „Geht doch.“ Er nahm die Pfeife entgegen, doch anstatt selbst daran zu ziehen, reichte er sie wortlos an Doréan weiter. Aelia wandte den Blick zu ihm hinüber. Für einen flüchtigen Moment hoffte sie beinahe, er würde sie einfach beiseitelegen. Dass er diesem Mann endlich widersprechen würde. Doch dazu kam es nicht. Doréan nahm die Pfeife schweigend entgegen. Der kleine, glimmende Kopf leuchtete auf, als er einen tiefen Zug nahm. Für einen kurzen Augenblick verschwand sein Gesicht hinter einer milchigen Rauchwolke, ehe er den weißen Dunst langsam wieder ausatmete. Raban nahm sie ihm kommentarlos wieder aus der Hand. „Siehst du?“, brummte er zufrieden. „Der Junge weiß wenigstens, wie man's macht.“ Er setzte selbst das Mundstück an die Lippen, sog genüsslich daran und lehnte sich mit einem hörbaren Seufzer zurück. Seine Lider sanken ein wenig herab, während sich der Rauch in Schwaden träge aus Mund und Nase wand. Dann glitt sein Blick wieder zu Aelia. Langsam streckte er ihr die Pfeife entgegen. „Noch mal.“ Es war keine Bitte. Aelia spürte, wie sich ihr Magen erneut zusammenzog. „Ich... ich glaube wirklich nicht, dass...“ „Doch.“ Er unterbrach sie und sprach das Wort mit einer solchen Entschiedenheit aus, dass Aelia gar nicht erst wagte, ihm erneut zu widersprechen. Sie schluckte. Einen Moment lang blieb ihr Blick an dem dunklen Holz hängen. Dort, wo eben noch Rabans Lippen gelegen hatten. Ihr widerstrebte jeder Gedanke daran. Trotzdem hob sie zögernd die Hand. Sie hasste sich in diesem Augenblick dafür, dass sie ihm gehorchte. Und doch streckte sie die Hand aus. Beinahe wie von selbst legten sich ihre Finger um den hölzernen Schaft der Pfeife und führte sie an ihre Lippen. Diesmal zog sie vorsichtiger. Der Rauch brannte noch immer in ihrer Kehle, doch längst nicht mehr so heftig wie zuvor. Sie hustete nur einmal kurz und presste die Lippen aufeinander. Wärme. Ganz langsam begann sie sich in ihrer Brust auszubreiten. Sie war kaum mehr als ein leises Glimmen, das sich träge bis in ihren Kopf schob. Die Anspannung, die ihren Körper seit ihrer Begegnung mit Raban fest umklammert hielt, lockerte sich für einen flüchtigen Augenblick. Aelia runzelte die Stirn. Sie mochte dieses Gefühl nicht. Und gerade deshalb erschrak sie darüber, dass ihr Körper es offenbar anders sah. Sie gab die Pfeife hastig Raban zurück. Dieser nahm sie entgegen und drückte sie im nächsten Augenblick Doréan in die Hand ohne den Blick von Aelia abzuwenden. Raban betrachtete sie einen langen Augenblick schweigend. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, blieb an ihren Augen hängen, huschte über ihr Dekolleté und schließlich wieder zurück in ihre Augen. „Na?“ fragte er und Aelia sah ihn verständnislos an. „Wie fühlt's sich an?“ Die Frage überraschte sie und sie blinzelte. „Ich...“ Sie räusperte sich leise. „Ich weiß nicht...“ Sie hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. „Warm... irgendwie… und sehr seltsam…“ Sie wusste, dass sie diese Worte aussprach, aber es schien, als kämen sie von ganz woanders her. Raban nickte langsam. „Mhm.“ Er nickte knapp, als hätte sie ihm genau die Antwort gegeben, mit der er gerechnet hatte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen. „Gut.“ Er nahm selbst einen Zug, ließ den Rauch gemächlich aus Mund und Nase entweichen und beobachtete sie dabei unverwandt. Dann hielt er ihr die Pfeife erneut hin. „Noch einen.“ Die Pfeife wanderte zwischen den Dreien hin und her. Raban nahm einen gemächlichen Zug, ließ den Rauch mit sichtlichem Genuss aus Mund und Nase entweichen und drückte sie anschließend Doréan in die Hand, als wäre dies ein seit Jahren eingeübtes Ritual. Ohne ein Wort wechselte sie kurz darauf erneut den Besitzer. Aelia zögerte nicht mehr und es war auch nicht mehr nötig, dass Raban auch nur ein Wort sagte. Er hielt ihr die Pfeife lediglich hin und sah sie an. Es genügte. Sie nahm die Pfeife entgegen und führte sie an die Lippen. Es kam ihr nicht einmal mehr in den Sinn, ihr Handeln zu hinterfragen. Diesmal legten sich ihre Finger schon etwas sicherer um den Pfeifenschaft. Sie führte das Mundstück an die Lippen, erinnerte sich an Rabans Worte und zog vorsichtig daran. Der Rauch kratzte kaum noch in ihrer Kehle, und sie musste längst nicht mehr husten wie beim ersten Mal. Ein leises Räuspern entrang sich ihr, ehe sie den weißlichen Dunst wieder ausatmete. Raban nickte zufrieden und lächelte. „Schön!“ Mehr sagte er nicht. 

Die Pfeife machte erneut die Runde. Minuten vergingen, ohne dass Aelia hätte sagen können, wie viele. Raban sprach zwischendurch mit einem der Männer am Nebentisch. Irgendwo wurde schallend gelacht. Eine Dirne kicherte auf, ehe ihre Stimme wieder im dumpfen Gemurmel der Kaschemme unterging. Die Pfeife wechselte weiter von Hand zu Hand, und jedes Mal, wenn sie wieder vor Aelia auftauchte, hielt Raban sie ihr mit derselben selbstverständlichen Geduld entgegen. Mit jedem Zug breitete sich die angenehme Wärme ein wenig weiter in ihrem Körper aus. Die Anspannung, die sich dort seit Rabans Auftauchen festgesetzt hatte, begann sich langsam zu lösen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf regte sich der flüchtige Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch kaum versuchte sie den Gedanken zu fassen, glitt er ihr schon wieder davon. Und ihr Körper gehorchte ihr längst nicht mehr. Die Geräusche der Schenke rückten allmählich in die Ferne. Das Klirren von Krügen, Gelächter und Gesprächsfetzen waren noch immer da, wirkten jedoch, als drängten sie sich durch mehrere Lagen schweren Stoffes an ihr Ohr. Selbst der süßliche Opiumgeruch, der ihr anfangs den Magen umgedreht hatte, schien seinen Biss verloren zu haben. Das Licht der Öllampen in der Opiumhöhle flimmerte träge über den rußgeschwärzten Wänden. Die Schatten wirkten weicher als zuvor, ihre harten Kanten schienen sich beinahe unmerklich aufzulösen. Aelia versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was tue ich hier eigentlich? Der Satz war da. Einen Augenblick später glitt er ihr wieder davon. Sie wusste noch, dass sie an etwas Wichtiges gedacht hatte. Nur woran, das wollte ihr nicht mehr einfallen. Langsam hob sie den Blick. Raban saß noch immer neben ihr. Sein Gesicht war unverändert. Dasselbe schmierige Lächeln. Dieselben gierigen Augen. Nichts an ihm hatte sich verändert. Und doch... Aelia erschrak. Sie wusste, dass sie sich vor ihm gefürchtet hatte. Sie wusste, dass sie diesen Mann von der ersten Sekunde an verabscheut hatte. Warum also fühlte sich diese Furcht plötzlich an, als läge sie hinter einem dicken Nebelschleier? 

Irgendwo neben Raban saß Doréan. Aelia wusste das, auch wenn sie ihn kaum noch wahrnahm. Zwischen ihnen lag nicht mehr als die Schulter des Mannes, der sich ungefragt zwischen sie gesetzt hatte, und doch kam es ihr plötzlich vor, als wäre Doréan unerreichbar weit entfernt. Ein Teil von ihr hätte sich am liebsten einfach ein Stück zu ihm hinübergelehnt. Nur seine Hand zu spüren oder seinen Ärmel an ihrem Arm zu fühlen, erschien ihr auf einmal ungemein tröstlich. Doch jedes Mal, wenn sie den Kopf ein wenig in seine Richtung wenden wollte, blieb ihr Blick wieder an Raban hängen, der sie mit einer Aufmerksamkeit musterte, die ihr vor wenigen Minuten noch einen Schauder über den Rücken gejagt hätte. Raban betrachtete sie eine Weile schweigend. Schließlich legte er den Kopf leicht schief und musterte sie. „Du bist ganz blass um die Nase, Kleine.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft. Fast klang es, als spräche ein besorgter Bruder zu seiner jüngeren Schwester. „Leg dich lieber ein bisschen auf die Liege. Das tut dir gut.“ Für einen flüchtigen Augenblick erschien Aelia dieser Vorschlag erstaunlich vernünftig. Die gepolsterte Liege wirkte auf einmal verlockend, und sie fragte sich benommen, weshalb sie sich überhaupt noch aufrecht hielt. „Leg dich ein bisschen hin. Das Zeug fährt manchen beim ersten Mal ganz schön in die Glieder.“ Er rückte ein Stück zur Seite und klopfte mit der flachen Hand auf die schmale Liege. Aelia folgte der Aufforderung beinahe gedankenverloren. Langsam drehte sie sich ein wenig zur Seite und streckte die Beine aus. Das raue Polster unter ihr fühlte sich überraschend weich an, und für einen Augenblick schloss sie die Augen. Irgendwo neben ihr saß Doréan. Sie wusste es. Sie hätte ihm gern die Hand gereicht. Oder wenigstens gespürt, dass er noch da war. Doch zwischen ihnen war Raban wie eine Mauer, und mit jedem Augenblick schien Doréan ein wenig weiter in den dichten Schleier aus Rauch und dumpfen Stimmen zurückzuweichen. „Réan...?“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Raban beugte sich ein wenig zu ihr hinüber, damit er sie überhaupt verstehen konnte. „Was hast du gesagt?“, fragte er leise. Aelias Lider hoben sich nur einen Spalt. „Doréan...“ Ihre Stimme klang fern. „Wo ist er...? Wo ist mein Herz...?“ Ein flüchtiges Schmunzeln legte sich auf Rabans Lippen. „Hier ist dein Herz“, murmelte er mit trügerischer Ruhe und Aelia schloss beruhigt die Augen. „Er ist hier? Das ist gut…“ flüsterte sie. Langsam hob er die Hand und legte sie auf die Weichheit ihrer Brust. „Hier ist dein Herz. Und es schlägt wie verrückt…“ murmelte er. Die Wärme der Hand, die sie durch den Stoff ihrer Kleidung spürte, erschien ihr vertraut. Beruhigend. Ohne darüber nachzudenken, hob sie ihre eigene Hand und legte sie auf die seine. „Oh... Doréan...“, hauchte sie kaum hörbar. Ein leises, glückliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Für einen flüchtigen Augenblick fühlte sich alles leicht an. Schwerelos. Als gäbe es weder den süßlichen Rauch, noch diese dreckige, stickige Kaschemme oder die fremden Stimmen um sie herum. Raban sagte nichts. Er ließ seine Hand einfach liegen und beobachtete sie aufmerksam, als würde ihn jede noch so kleine Regung interessieren. Aelia spürte, wie die Hand, die ihre Brust gedrückt hatte, langsam tiefer glitt. Über ihren Bauch, über ihre Schenkel, und tiefer, bis sie einen Moment lang an Ort und Stelle verharrte. Die feinen Härchen auf Aelias Beinen stellten sich auf, als sie seine Hand auf ihrer Haut spürte, wie sie langsam unter ihrem Kleid nach oben strich, sich ihren Weg zwischen ihre Schenkeln bahnte und sich zwischen das Dreieck schob. Aelia kicherte. „Doréan…“ Doch irgendetwas daran war nicht richtig. Er war nicht behutsam. Seine Hand war schwer und rau, und nichts an dieser Berührung erinnerte sie an Doréan. Sie kniff ihre Augen schmerzhaft zusammen als sich zwei Finger in ihr Inneres schoben und sie öffnete die Augen. Aelia fuhr entsetzt in die Höhe, als sie erkannte, dass es nicht Doréan war, sondern Raban. Und für den Bruchteil eines Herzschlags war der Nebel in ihrem Kopf wie zerrissen. Sie packte seine Hand ruckartig und stieß sie von sich weg. „Fass mich nicht an du Schwein…“ zischte sie und riss ihren Rock nach unten. Raban reagierte nicht sofort. Stattdessen hob er langsam den Finger, betrachtete ihn einen flüchtigen Augenblick und führte ihn dann mit einem schiefen Grinsen an seinen Mund. Genüsslich steckte er ihn sich in den Mund und leckte er darüber, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Nicht schlecht…“, murmelte er. Und im nächsten Augenblick schnellte seine Hand vor. Der Handrücken traf Aelia mit solcher Wucht im Gesicht, dass sie nichts als weiße Blitze vor ihren Augen sah. Erst einen Herzschlag später setzte der Schmerz ein  und ein schrilles Pfeifen erfüllte ihre Ohren. Erst als etwas Warmes über ihre Lippen rann, begriff sie, dass sie aus ihrer Nase blutete. „Was fällt dir ein, du Schlampe!“, bellte Raban. Voller Schrecken fuhr sie hoch. Sie musste fort. Weg von ihm. Weg aus diesem Loch! Sie sprang von der Liege auf, doch kaum hatte sie einen Schritt gemacht, versagten ihr die Beine. Der Boden schwankte unter ihr, als stünde sie auf einem Boot im Sturm. Sie versuchte noch, das Gleichgewicht zu halten, griff ins Leere und ihre Beine versagten ihr vollends. Hart schlug sie auf den schmutzigen Dielen auf. „Verdammt...“ hörte sie jemanden rufen. Zwei der Mädchen, die den Tumult bemerkt hatten, eilten herbei. Behutsam griffen sie Aelia unter die Arme und halfen ihr wieder auf die Beine. Sie versuchte sich loszumachen, doch ihre Beine wollten sie einfach nicht mehr tragen. „Ganz ruhig“, sagte eine der beiden leise. „Du kannst im Moment nicht stehen.“ Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie zurück zur Liege zu bringen und setzten sie wieder hin, während Aelia benommen versuchte, den Blick zwischen den verschwommenen Gestalten zu fokussieren. „Raban hat ihr eine geknallt…“ hörte sie eins der Mädchen sagen. Ihre Brust hob und senkte sich hastig, und das Blut tropfte unaufhörlich auf ihre Haut und ihr Kleid. Aelia presste zitternd eine Hand gegen ihre blutende Nase und rang vergeblich um einen klaren Gedanken in diesem Nebel.
#67
Das eiserne Gesetz ❖
rabe-nebelschwaden und Dunstschleier krochen Doréan in den Kopf. Noch bevor er überhaupt einen Zug genommen hatte, umwaberte der Rauch bereits seine Gedanken. Als Raban Aelia die Pfeife darreichte, da schüttelte Doréan den Kopf. Doch seine Worte gingen unter Rabans Drängen unter. Aelia war im Netz der Spinne gefangen, wie eine Motte, die dem Licht gefolgt war und sich nun in den Fängen der schwarzen Witwe befand. Die Geräusche wurden dumpfer und seine Gedanken langsamer und träge. Die Wirkung des Rauschgiftes entfaltete sich langsam. Viel langsamer als gewöhnlich. Der Drang, sich dem Rausch hinzugeben. Er war stets anwesend und nagte an ihm. Ganz besonders jetzt, als er die Pfeife in der Hand hielt und seine Blicke in der dünnen Rauchfahne, die vom Kopf aufstieg etwas zu erkennen glaubten, dass seltsam war. Doréan hatte den Rauch nicht tief inhaliert, sondern ihn nur im Mund zirkulieren lassen. In Doréans Innerem tobte ein Kampf zwischen der Sucht und dem Argwohn, der ihn umfangen hielt. Raban hatte sie an diesen Ort geschleift und Aelia förmlich gezwungen sie zu begleiten. Natürlich waren ihm diese seltsamen Blicke Rabans nicht entgangen. Und dann hatte er sich auch noch zwischen sie gesetzt. Alles in Doréan begehrte auf, doch er konnte es nicht beim Namen nennen. Was ging hier vor sich? Warum waren sie überhaupt hier. Raban war der Ranghöhere. Er konnte versuchen gegen ihn aufbegehren. Ihm die Stirn bieten. Etwas sagen. Und wenn es nur ein Fluch war, oder ein Schimpfwort. Doch aus Erfahrung wusste er, dass dies Konsequenzen hatte. Nicht, wenn Doréan wie so oft seine vorlaute Klappe nicht im Zaum hatte halten können. Es war eine Frage des Respekts, den man von Männern wie Doréan gegenüber Älteren oder Ranghöheren Mitgliedern der Bande erwartete. Doch etwas an Raban hatte Doréans innere Alarmglocke zum Läuten gebracht. Die Sucht war verlockend und der süße, schwere Duft des Opiums wehte ihm verlockend um die Nase. Und doch hatte er dem Sog des Schlafmohns widerstanden. Um Aelias Willen. Auch wenn das Wenige, welches er eingeatmet hatte, sich bereits in seinem Geist ausbreitete. Wie ein Funke, der auf ein Herz aus Zunder gefallen war. Das Feuer war zu schwach um in Flammen aufzugehen. Doch der Rauch schwelte unaufhörlich und breitete sich langsam immer weiter aus.

Etwas sträubte sich in dem Jungen aus der Ascherinne. Kein klarer Gedanke, keine begründete Furcht. Eher jenes dumpfe Ziehen tief im Bauch. Ein Stich, der ihn an dunkle Tage, oder die Gosse der Ascherinne erinnerte. Ein Gefühl, welches ihm in den alten Gassen schon mehr als einmal vor einem Messer im Dunkeln bewahrt hatte. Es war derselbe stumme Instinkt, der ihn spüren ließ, wenn eine Gasse zu still war oder ein Lächeln nicht ehrlich gemeint war. Allerdings war dieses Gefühl stärker als das Verlangen und die Verlockungen sich dem Rausch hinzugeben. Es war nicht Rabans Gegenwart allein. Es war mehr als das. Sein Gebaren. Seine Geheimniskrämerei über den Grund ihres Hierseins. Seine Beharrlichkeit. Die Art, wie sein Blick immer wieder an Aelia hängen blieb. Allein dieser Gedanke ließ Doréans Nackenhaare sträuben und eine gärende Wut in seinem Bauch brodeln. Aelia war eine schöne Frau. Viele Männer drehten sich nach ihr um oder bedachten sie mit neugierigen Blicken. Das wusste Doréan. Doch Raban war rau, launisch und bisweilen unerträglich. Doréan hatte schon oft am eigenen Leib erfahren müssen, wenn Raban über die Stränge geschlagen hatte. Meistens wenn das Zittern in seiner Hand Überhand zu nehmen drohte. Wenn der Kalte Schweiß ihm auf der Stirn stand und seine schwitzigen Hände zitterten und er sie kaum einen Augenblick stillhalten konnte. Wie oft hatte er ihn schon grundlos geschlagen, und sich nach dem ersten Zug aus seiner Pfeife wieder entschuldigt? Doréan konnte es nicht sagen. Aber heute war es anders als sonst. Vielleicht war Raban auch nur nervös und dieses ominöse Geheimnis war der Grund dafür. Allerdings war es vielmehr dieses namenlose Gefühl, das an den Gedanken des Gossenflohs nagte, wie der Lindwurm an den Wurzeln des Weltenbaums. Doréan hatte gelernt, einem unguten Gefühl eher zu vertrauen als jeder vernünftigen Erklärung. Wer auf den Straßen Oshkïrs zu lange nach Gründen suchte, war oft schon tot, bevor er auch nur einen gefunden hatte. Und heute flüsterte es ihm nur stumme, raunende Worte ins Ohr. Hier stimmt etwas nicht. Daher hatte er dem Rauch entsagt und nur den Schein gewahrt.

Langsam sickerte das schwere Gefühl in Doréans Gedanken. Das Opium wütete in seinem Kopf und legte sich träge über seinen Geist wie ein Tuch aus Nebel und Schwaden. »Aelia.«, murmelte Doréan und warf einen Blick zur Seite. Sie lag einfach nur da und hatte die Augen geschlossen. Doréan lächelte und seufzte einen tiefen und langen Atemzug hinaus. Die innere Stimme verstummte langsam, als würde das Opium sie mehr und mehr ersticken. Doch mit einem Mal schnitt ein scharfer Ton durch die Stille. »Fass mich nicht an, du Schwein!«

Der scharfe Ruf durchschnitt den Opiumdunst wie ein Messer, das hinterrücks gezogen worden war. Im Haarigen Bären wurde es schlagartig still. Dann klatschte eine Ohrfeige. Ein harsches und hässliches Geräusch, das durch die Stille bis in den letzten Winkel der Kaschemme zu hören gewesen war. Mehrere Köpfe fuhren herum. Die Männer und Handvoll Dirnen, die im haarigen Bären zugegen waren, rührten sich. Jeder auf eine eigene Weise. Einer der alten Haudegen richtete sich langsam auf. Eine Dirne presste erschrocken die Hand vor den Mund. Die Menschen sahen auf oder kniffen angespannt die Augen zusammen. »Raban hat ihr eine geknallt.« Sie hatte die Worte mehr zu sich selbst gesprochen. Doch ein Mann, dessen Gesicht beinahe gänzlich in den Schatten lag, nickte nur. »Ja.« Und dann schüttelte er missbilligend den Kopf. Doch noch rührte sich niemand. Es schien, als ob jeder wusste, dass die Luft zum Zerreißen gespannt war, doch niemand wollte der Grund sein, dass der letzte, seidene Faden zerriss. Doréan war aus seiner Lethargie erwacht und auf die Beine gesprungen. »Lass die Finger von meinem Liebchen, du Hundsfott!«, bellte Doréan und versetzte Raban einen Stoß. Mit beiden Händen schubste er Raban von Aelia weg und stellte sich dann zwischen ihn und seine Herzensdame. Raban fuhr daraufhin herum und funkelte Doréan grimmig an. »Wie hast du mich genannt?«, zischte Raban und ballte die Faust. »Du hast mich schon verstanden, du dreckiger Hundsfott.« Er hob trotzig das Kinn und funkelte Raban wütend an. Seine Fäuste waren geballt und sein ganzer Körper zitterte vor schäumender Wut. Als Raban das Zittern bemerkte, da grinste er breit. »Ach..der Hund zeigt seine Zähne?« Doréan zitterte. Vor Wut und vor lähmender Ohnmacht. Raban war der Ranghöhere. Er durfte ihn nicht schlagen. Das wussten sowohl Doréan als auch Raban und dieser schnalzte süffisant mit der Zunge und trat einen Schritt an Doréan heran. Er hob seine Hand und schnippte Doréan verächtlich gegen die Stirn. »Große Klappe...« Er versetzte Doréan einen Stoß, der ihn zurückweichen ließ. »…aber nichts dahinter.« Er blies die Luft aus den Wangen und grinste noch herausfordernder. »Hab ichs mir doch gedacht. Du willst ihr Wolf sein?« Raban lachte leise. »Du bist nur ein Wurm…ein kleiner Köter, der winselnd den Schwanz einzieht, sobald sein Herr knurrt.« Daraufhin knurrte Raban, als ob er seinen Spott mit Doréan treiben würde. »Und jetzt entschuldige dich, für dein respektloses Verhalten, bevor ich mich vergesse.«, knurrte Raban grimmig. Doréan zitterte noch immer und er sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Halt dein Scheiß Maul, du Hundsfott!«, blaffte Doréan. »Du…« Rabans Hand fegte durch den Nebel des Opiums und zerteilte diese wie Pflug. Doréans Kopf flog zur Seite, als Rabans Hand ihn erwischt hatte.

Etwas in Doréan zerbrach. Wie ein filigranes Glas, das man zu grob angefasst hatte. Ein Sprung, der sich durch das Glas seinen Weg bahnte. Und dann zersplitterte das Glas und all die Wut, die sich in Doréan aufgestaut hatte wurde mit einem Schlag freigesetzt. Doréans Faust schnellte hervor und traf Raban direkt auf der Nase. »Fass sie noch einmal an…« brummte Doréan und Raban hielt sich die Nase. »Dann wirst du morgen bei den Fischen aufwachen.« Für einen Herzschlag stand die Zeit still. Niemand sprach oder wagte es zu atmen. Dann scharrten plötzlich Stühle über den Boden. Die alten Haudegen, die noch nicht völlig vom Opium betäubt waren, standen beinahe gleichzeitig auf den Beinen. Sie näherten sich den Beiden, um sie voneinander zu trennen. Die Dirnen wichen erschrocken zur Seite und manche von ihnen verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Spelunke. Jeder im Haarigen Bären wusste, was dieser Schlag bedeutete. Ein einfacher Laufbursche hatte soeben einem Ranghöheren Mitglied der Sanra'Jena vor versammelter Mannschaft einen Schlag verpasst.

Doch noch ehe jemand den ersten der beiden erreichen konnte, durchschnitt eine tiefe Stimme den Schankraum. »Genug.« Die Männer erstarrten und es schien beinahe, als ob die Luft zu Eis gefror und alles um Doréan herum in der Zeit gefangen zu sein schien. Lenan, Boss der Sanra'Jena trat aus der Tür des Hinterzimmers und warf einen grimmigen Blick in die Runde. »Was hat das hier zu bedeuten?«, verlangte er zu wissen. Da wandelte sich Rabans Gebaren. Fort war seine Autorität. Fort war seine Dominanz. Nun, da der wahre Leitwolf der Bande vor ihm stand, war er es, der nur ein winselnder Köter im Schatten des Werwolfs war. »Nichts, Boss.«, murmelte Raban. »Nur 'ne Meinungsverschiedenheit.« Er warf Doréan einen grimmigen Blick zu. »Is doch so, oder Réan?« Doréan nickte. Zögerlich und wenig überzeugend. Doch er sagte kein Wort. Lenan nickte nachdenklich und fuhr sich mit der Hand über die Wange. »Komm her.«, befahl Lenan und winkte Raban zu sich. Er folgte. Wenn auch mit sichtlichem Zögern. Als er schließlich vor Lenan stand, straffte er seine hängenden Schultern und hob den Blick zu Lenan auf. »Meinungsverschiedenheit?«, murmelte Lenan und Raban seufzte. »Nichts, worüber du dir Gedanken machen musst, Boss.«, murmelte Raban und rieb sich die pochende Nase. »Sieht aber nicht so aus.«, brummte Lenan und warf forsche Blicke auf Raban und auch auf Doréan. »Und der Junge?« befahl er unwirsch und die alten Haudegen, die zuvor aufgesprungen waren um Raban und Doréan zu trennen, verschränkten nun ebenfalls die Arme vor der Brust. »Er hat die Zähne gezeigt, mehr nicht Boss.« Lenans linkes Augenlid zuckte. Doch er schwieg und warf dann Doréan einen flüchtigen Blick zu, bis er schließlich auf Aelia haften blieb. Eine Weile lang starrte er die junge Frau an, bis er sich wieder Raban zuwandte.

Schließlich räusperte sich Lenan und seufzte langsam. »Der Junge. Wie hat er sich geschlagen?« Raban sah ihn verdutzt an und Lenan lächelte wissend. »Am Tor.« Da sickerte die Erkenntnis in Rabans Gesichtsausdruck. »Bestanden, hat getan was man ihm gesagt hat.« Da nickte Lenan zufrieden und lächelte dünn. »Gut.« Lenan warf einen Blick zu Doréan und musterte ihn eingehend. »Und dieser Wachmann?«, erkundigte sich Lenan mit ruhigem Ton und über Rabans Mundwinkel huschte ein diebisches Grinsen. »Bei den Fischen.« Wieder nickte Lenan und wirkte sichtlich zufrieden. Und das hier?«, erkundigte sich Lenan und ließ seinen Finger durch die Luft kreisen um den ganzen Ort damit einzuschließen. »Wir haben nur ein bisschen gefeiert, Boss.«  Lenan trat einen Schritt auf Raban zu warf dabei immer wieder einen merkwürdigen Blick zu Aelia. »Gefeiert?«, hakte Lenan nach und Raban nickte, doch dieses Mal etwas zögerlicher, als ob er spüren würde, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. »Nun, Raban.« Lenan seufzte und legte ihm beinahe väterlich eine schwere Hand auf die Schulter. »Es klang anders.«, raunte Lenan und Raban schluckte. »Alles in Ordnung Boss.« Er warf Doréan einen Blick zu und nickte dann in Richtung Lenan. »Ja, alles in Ordnung.«, murmelte Doréan, woraufhin Lenan dem Gossenfloh einen flüchtigen Blick zuwarf. »Gut.« Lenan nickte und klopfte Raban schließlich auf die Schultern. Die Haudegen entspannten sich nun ebenfalls und die angeheizte Stimmung kühlte langsam wieder ab.

Rabans Schultern entspannten sich. Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er glaubte, die Sache sei ausgestanden. Lenans Blick wanderte langsam durch den Raum. Über Doréan. Über die schweigenden Männer und die Dirnen, die sich in die Ecken gekauert hielten. Dann blieb er an Aelia hängen. »Du.« Er deutete auf die junge Frau und winkte dann mit der Hand, um sie zu sich zu rufen. Aelia zuckte zusammen. »Komm her, Herzchen.« Sie warf Doréan einen unsicheren Blick zu. Dann trat sie langsam vor. Lenan sah sie mit musternden Blicken an. Er hob seine Hand und legte ihr dann Daumen und Zeigefinger unters Kinn, um ihren Kopf ein wenig anzuheben. Dann neigte er ihren Kopf zur rechten Seite und betrachtete sie lange und schweigend. Doch dann ließ er sie wieder los und winkte freundlich. »Keine Angst, Mädchen.« Aelia sah zuerst Raban und dann Lenan an. »Boss.«, hob Raban an doch Lenan schnitt ihm das Wort ab. »Sie war frech. Ich hab' ihr nur…« Ein gellender Schrei durchging den Haarigen Bären, als Lenan ihn am Handgelenk gepackt hatte und dieses hart verdreht hatte. Raban keuchte schmerzerfüllt und sank auf die Knie um dem Schmerz entgegenzuwirken. Doch Lenan verstärkte den Griff weiter und zwang Raban so vor ihm zu knien. Und als Lenan einen Schritt zurücktat, da folgte ihm Raban kriechend auf den Knien. »Ich habe dir eine einfache Frage gestellt, Raban.«, brummte Lenan und übte noch einen Hauch mehr Druck auf das Handgelenk aus, so dass die Knorpel langsam knackten. »Und du lügst mir einfach mitten ins Gesicht?« Lenan schnalzte mit der Zunge, während Raban sichtlich darum kämpfte, sich aus Lenans Griff zu winden. »Und noch viel schlimmer…«, fuhr Lenan fort und wandte sich dann an Aelia. »Du brichst das eiserne Gesetz. Unter meinem Dach!« Wieder verstärkte Lenan ruppig den Druck und Raban kroch noch etwas tiefer vor ihm bis sein Gesicht beinahe den Boden berührte. Lenan schnippte schließlich mit den Fingern und die Haudegen begannen sich zu regen. »Niemand legt Hand an die Frauen Sanras. Du kennst das Gesetz.« Lenan funkelte ihn grimmig an. »Niemand.« Ein Knacken brach die Stille. Raban heulte auf und als Lenan ihn schließlich losließ, da sackte er mit gebrochenem Handgelenk zusammen. »Auge um Auge. Zahn um Zahn.«, murmelte Lenan. Das eiserne Gesetz der Sanra'Jena war verletzt worden. Lenan hatte klar gemacht, dass niemand über dem Gesetz stand. Nicht einmal jemand, der sein Vertrauen genoss. Nicht nur hatte Raban Aelia entehrt. Auch hatte er Doréan vor den Augen aller gedemütigt. Dies war kein Verhalten, welches die Sanra'Jena tolerierten. Jeder Mann hatte den Ranghöheren Respekt zu zollen. Doch dies gewährte nicht gleich das Recht die Rangniederen nach Gutdünken zu behandeln. Als Raban Hand an Aelia gelegt hatte, da hatte er eine rote Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten dürfen. Raban hätte es besser wissen müssen. Vielleicht war es das Opium gewesen. Oder sein Blut hatte sich an einer anderen Körperstelle angesammelt und ihm im Kopf gefehlt. Und nun hatte er den Preis dafür bezahlt.

Schließlich trat Lenan an Doréan heran. »Du, wie lautet dein Name?« Der Gossenfloh trat an Lenan heran und schluckte einen dicken Kloß herunter. »Doréan.« Da lächelte Lenan wissend. »Doréan.« Er schüttelte den Kopf. »Du hast einen Ranghöheren geschlagen. Das verdient Strafe, das weißt du?«, brummte Lenan und der dicke Kloß wurde mit einem Mal noch viel schwerer. Doréan schlug die Augen nieder und betrachtete seine Schuhe, als ob er diese zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hätte und eine Geschichte zu erzählen hatten, die noch Stunden gehen könnte. »Sieh mich an, Doréan.«, befahl Lenan und der Gossenfloh hob daraufhin gehorsam den Kopf. »Aber…« Lenan nickte zu Aelia. »Du hast eine Frau verteidigt, die unter dem Schutz des eisernen Gesetzes stand.« Da nickte Lenan anerkennend. »Auge um Auge.« Doréans angespannte Miene entspannte sich und er begann zaghaft zu lächeln. Doch da schnellte Lenans Hand hervor und er traf ihn mit dem Handrücken im Gesicht. Nicht hart, aber fest genug, dass Doréans Wange brannte. »Deine Schuld ist vergeben.« Lenan hielt Doréan seine Hand entgegen und an seinem kleinen Finger prangerte ein dicker Siegelring, in welchem ein Symbol eingraviert war, dass an eine gewundene Schlange erinnerte. Das S für Sanra'Jena. Doréan starrte einen Moment lang auf den Ring. Doch als Lenan keine Anstalten machte, die Hand sinken zu lassen, da erkannte Doréan, was von ihm verlangt wurde. Als Lenan ihn dann noch mit einem strengen ungeduldigen Blick bedachte, da näherte sich Doréan der ausgestreckten Hand. Anschließend schloss er die Augen und küsste den Ring. Da nickte Lenan zufrieden und ließ die Hand sinken. »Ihr könnt gehen.«, befahl Lenan und deutete auf Aelia und Doréan. »Los. Alle, die nicht vom Blute Sanras sind, raus!« Die Männer gerieten in Bewegung. Die Dirnen. Die Handlanger. Jeder einzelne der kein Mitglied der Sanra'Jena war wurde vor die Tür gesetzt. Dies schloss auch Aelia und Doréan ein, denn auch wenn er ein Laufbursche der Sanra'Jena war, der seine Bewährung bestanden hatte. Er war noch keiner von ihnen.

Die kalte Nachtluft empfing Doréan und Aelia, als sie den Haarigen Bären verließen. Schweigend griff Doréan nach Aelias Hand. Sie erwiderte den Druck ihrer Finger, ohne den Blick von der Tür der Schenke zu lösen. Hinter den kleinen Butzenscheiben flackerte noch immer warmes Licht. Einen Augenblick glaubte Doréan, eine dunkle Gestalt darin stehen zu sehen. Raban. Reglos. Mit gebrochener Haltung, aber einem Blick, der selbst durch das trübe Glas wie blanker Hass wirkte. Doréan erschauderte einen Moment, bevor er sich Aelia zuwandte. »Nun, mein Liebchen.« Er seufzte mit einem leicht beschämten Unterton in der Stimme. »Alles in Ordnung?«, murmelte Doréan als er Aelias angespannten Blick bemerkte. Er trat an sie heran und betastete ihre Wange. »Dieser miese Hundsfott.« Er ballte die Faust und schluckte seine Wut herunter um Aelia ein freundliches Lächeln zu schenken. Das Lächeln war matt und angespannt. Er zuckte mit den Achseln und bedachte Aelia mit entschuldigenden Blicken. »Jetzt weißt du, für was für Leute ich arbeite.« Er seufzte. »Darauf hätt' ich getrost verzichten können.« Er rollte mit den Augen. »Und Raban, der Hundsfott. Hat sich wieder mal von seiner besten Seite gezeigt, das Arschloch.«, brummte er, ohne zu wissen was er in Wahrheit noch mit Aelia getan hatte. 'Schlimmer konnte es nun auch nicht mehr kommen.' Doch da huschte ein Gedanke durch seinen Kopf und er seufzte. Bertram. Es konnte noch schlimmer kommen. Wenn man Raban und Bertram zum Kampf um die Krone des größten Arschlochs zwingen würde, dann wüsste er nicht, auf wen er wetten sollte. »Nun. Wenn wir schon dabei sind. Möchtest du jetzt noch sehen wo ich wohne? Um diesen beschissenen Abend zu einer vollkommen, grotesken Katastrophe abzurunden?« Er grinste breit, doch selbst Aelia konnte sehen, dass diesem ein unübersehbarer, gequälter Ausdruck innewohnte.

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