Einmal Gosse, immer Gosse
#81
Die Sündenböcke ❖
rabe-die Sonne schien zwischen zwei Brettern hindurch, welche nicht nah genug beieinander lagen, so dass ein kleiner Spalt entstanden war. Eben jener Spalt, durch welchen es an kalten oder windigen Tagen furchtbar hereinzog und dabei ein beinahe unheimlicher, pfeifender Ton entstand. Doch dieser Tag war ein sonniger Tag. Kaum Wolken, absolute Windstille. Und so war alles was zwischen den Brettern hereindrang ein dünner Sonnenstrahl, welcher die Dunkelheit des Zimmers wie ein goldenes Messer durchschnitt. Auf der Klinge tanzten winzige kleine Staubflocken in einem chaotischen Tanz hin und her und verliehen der güldenen Klinge einen fast magischen Glanz. Und je weiter der Morgen voranschritt, desto länger wurden die Sonnenstrahlen. Und sie wanderten, kaum merklich, langsam durch den Raum. Bis sie irgendwann auf Doréans Augenlider trafen. Die Wärme der Sonne und das helle Licht in dem zwielichtigen Raum führten dazu, dass seine Augen unter den geschlossenen Lidern zu zucken und zu kreisen begannen, und irgendwann öffneten sie sich, nur um kurz darauf wieder augenblicklich geschlossen zu werden, da das Licht des Sonnenstrahls ihn geblendet hatte. Als Doréan erwachte, fühlte sich sein Kopf an als ob ein unbarmherziger Kurpfuscher mit einem Hammer auf seinen Schädel eingeschlagen hätte. Er richtete sich im Bett auf und sofort durchging ihn ein unerbittlicher Stich, der ihn wieder auf den Rücken zwang. »Scheiße.«, fluchte Doréan und rieb sich die pochende Schläfe. Die Erinnerungen an den vergangenen Abend spukten ihm noch durch die Gedanken. Aber ein Bild hatte sich ihm förmlich in den Geist gebrannt. Raban, wie er vor ihm stand. Und die alte Planke, die er ihm gegen den Kopf gedonnert hatte. »Dieser vermaledeite Hundsfott.«, brummte Doréan mürrisch und wagte einen neuerlichen Versuch sich aus dem Bett zu erheben. Er rollte sich ein wenig auf die Seite, hob sich ächzend von seiner Lagerstatt und stützte sich auf den linken Ellenbogen, während er sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand den Schlaf aus den Augen rieb. Er sah sich verschlafen um, und da der Sonnenstrahl genug Licht spendete, um in der dunklen Kammer etwas mehr als nur Schemen sehen zu können, wurde er sich relativ bald gewahr, dass er allein war. Noch nicht völlig Herr seiner Sinne, war im ersten Augenblick auch nichts besonders Ungewöhnliches dabei. Er war es schließlich gewohnt allein in seinem Bett zu erwachen. Doch mit dem Erwachen, sickerte auch langsam die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass er letzte Nacht nicht allein gewesen war. Und so sah er sich nochmals suchend in der Kammer um, nur um sich zu vergewissern, dass, außer ihm, wirklich niemand im Zimmer war. Er räusperte sich und ohne einen bestimmten Punkt im Raum zu fixieren erhob er dann schließlich, fragend, seine Stimme. »Aelia?« Als er allerdings bemerkte, dass Aelia nicht mehr hier war, da war er augenblicklich hellwach. »Aelia?«, raunte er erneut in die leere Kammer, doch er erhielt keine Antwort. Die einzige Antwort, die er erhielt, war das Knarren eines Dachbalkens, das Krächzen und Lachen zweier Möwen, und das anschwellende Gemurmel der Leute in den unteren Etagen. Mehr als Gemurmel war allerdings nicht zu hören, was mitunter auch an der Tageszeit lag. Denn das wüste Gezeter und das lauthalse Krakeelen war in der Regel zur späteren Stunde bis in die Nacht zu hören. Aber am Morgen herrschte zumeist eine, fast trügerisch, idyllische Ruhe. Heute ganz besonders, dank des bedrückenden Brandes, vergangener Nacht. Zum anderen lag dies natürlich auch daran, dass die Huren zwar keine Sperrstunden hatten, aber ihre Freier zu dieser Zeit ihrem Tagewerk nachgingen. Selten gab es für die Dirnen einen Grund auf dem Rücken zu liegen, bevor die Mittagssonne ihren höchsten Stand überschritten hatte. Doch gab es natürlich auch genügend Nichtsnutze und Tagediebe, die keiner geregelten Arbeit nachgingen. Oder auch einfach Menschen wie Doréan, die keiner ehrbaren Tätigkeit nachgingen, und somit eher des Nächtens arbeiteten und dann, wenn alle anderen braven Bürger schufteten und schwitzen, seelenruhig schliefen. Aelia war nicht hier. Doréan kratzte sich am Hinterkopf und wischte sich dann die Haare, mit einer beiläufigen Handbewegung, aus dem Gesicht. Er seufzte und hob den Blick zu dem vergilbten Fenster, welches so dreckstarr war, dass kaum Tageslicht hineinfiel. Wie spät es wohl sein mochte?

Ein Rumpeln und Poltern ließ Doréan aufschrecken. Hastige, schwere Schritte tönten von den hölzernen Stufen vor seiner Kammer. Und das verräterische Knarren von Holz und die dumpfen Schläge von Stiefeln. Doréans Körper spannte sich unweigerlich an. Die Tür flog mit solcher Wucht auf, dass sie krachend gegen die Wand schlug. Hagen stürmte in sein kümmerliches Kabuff und hob sich wie ein drohender Schatten zwischen Tür und Angel vor ihm ab. »Wir sind sowas von am Arsch. Los! Pack deine Sachen!« Doréan verzog das Gesicht. Das Krachen fuhr ihm wie ein Meißel durch den Schädel. Er kniff ein Auge zusammen und blickte Hagen schief an. Der stand schwer atmend im Türrahmen, als wäre er nicht nur die Treppen heraufgekommen, sondern vor dem Feuer vergangener Nacht davongelaufen. Doréan richtete sich nun vollends auf und stützte sich dabei mit den ausgestreckten Armen auf dem Bett ab. Er warf Hagen einen verschlafenen und zugleich gequälten, mürrischen Blick zu. »Was willst du denn hier?« Hagen schnaubte. »Hast du den ganzen verdammten Tag verpennt?« Hagens Blick wanderte über Doréan, der noch immer nur mit seiner Bruche bekleidet auf dem Bett saß. Die Frage beantwortete sich von selbst. »Scheiße.« Hagen fuhr sich über das Gesicht. »Warum bist du denn so komisch?«, murmelte Doréan und fischte nach seiner Tunika, die auf dem Boden lag. »Es ist wegen Raban!«, hob Hagen an und in seiner Stimme schwang eine seltsame Furcht mit. Doréan grunzte. »Was is mit dem Hundsfott?« Er rieb sich die Schläfe, als ob der Schmerz in seinem Kopf nur bei der Erwähnung des Namens wieder aufgeflammt wäre. »Steht er unten und will wieder was?«, brummte Doréan und wischte durch die Luft, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollen würde. »Dann kannst ihm gleich sagen, er soll sich zum verfickten Teufel scheren.« Da schüttelte Hagen energisch den Kopf. »Wenns nur das wär.« Er deutete in eine unbestimmte Richtung, welche vermutlich der Hafen sein sollte. »Nein!« Hagen schüttelte nun heftiger den Kopf. »Nicht Raban. Der Boss.« Das ließ Doréan verstummen. »Der Boss is unten? Im Hof von Bertrams Stall?« Doréan glotzte Hagen an als ob er gerade etwas gesagt hatte, was absolut unvorstellbar war, während Hagen ihn dafür ansah, als ob er gerade etwas völlig Absurdes von sich gegeben hätte. »Nein, bist du bescheuert?« Hagen rieb sich genervt über das Gesicht. »Natürlich ist er nicht selbst unten.« Doréan sah Hagen daraufhin nur noch verwirrter an. »Und was is jetzt mit dem Hundsfott Raban?« Da schnaubte Hagen genervt. »Alter, hat dir der Arsch gestern doch zu fest gegen den Schädel gehauen?« Doréan antwortete nicht darauf, sondern rieb sich nur über die pochende Wunde. »Du redest doch so ein wirres Zeug.«, maulte Doréan beleidigt. »Raban is weg. Wie vom Erdboden verschluckt!« Da horchte Doréan neugierig auf. »Und der Boss…is scheißwütend!«, fuhr Hagen fort, was Doréan ein kurzes, schadenfrohes Grinsen abrang. Doch das alles erklärte Hagens seltsames Verhalten noch nicht.

»Und warum willst du jetzt verduften?« Da schnalzte Hagen genervt mit der Zunge. »Raffst du es nicht? Verdammt!« Hagen trat einen Schritt näher. »Lenan lässt uns alle zusammentrommeln.« »Alle?« Hagen machte eine ausladende Geste mit den Armen. »Alle, die unter Raban standen.« Nun verstand der Gossenfloh und sein hämischer Spott verschwand. »Warum?« »Was weiß denn ich?« Hagen breitete die Arme aus. »Raban ist seit gestern verschwunden. Niemand weiß, wo der Drecksack steckt. Der halbe Hafen hat gebrannt und jetzt schickt Lenan seine Leute durch die Ascherinne und lässt jeden einsammeln, der irgendwas mit Raban zu schaffen hatte.« Doréan schwieg einen Moment. »Und deswegen soll ich meine Sachen packen? Is doch nich' meine Schuld gewesen.« Hagen starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Was glaubst du denn, will er von uns? Wir sind die Sündenböcke.« Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über beide geschlossenen Augen und seufzte dann schließlich. »Raban hats verbockt, als ob es den Boss juckt, wer Schuld is.« Hagen schwieg einen Moment. »Wir sind sowas von gefickt. Ich verpiss mich. Und du solltest das auch.«

Die Worte sickerten nur langsam in Doréans Verstand, bis er sich der vollen Tragweite und ihrer Bedeutungen gewahr wurde. Doch dann musste er unweigerlich an Aelia denken. Er konnte nicht einfach abhauen. Er konnte sein Liebchen doch nicht zurücklassen. Hagen indes deutete Doréans Zögern auf seine Weise. »Ich hau ab.« Hagen deutete fahrig zur Tür. »Raus aus Oshkïr. Heute noch. Sollen die doch schauen, wo sie Raban finden. Ich ende nicht bei den verdammten Fischen, nur weil dieser Arsch beschlossen hat, sich aus dem Staub zu machen.« Doréan nickte gedankenverloren und kratzte sich am Hinterkopf. »Du weißt doch gar nicht, was Lenan will.« Da grunzte Hagen lachend. »Und du willst es herausfinden?« Doréan antwortete nicht aber wenn er sich ehrlich war, stand ihm absolut nicht der Sinn groß darüber nachzudenken. Hagen lachte trocken auf. Dann hob Doréan den Kopf. Seine Gedanken galten in dem Moment nur Aelia und alles in ihm sträubte sich dagegen, sie einfach zurückzulassen. Doch ein anderer Gedanke bemächtigte sich seiner und bahnte sich seinen Weg auf die Zunge und schließlich über die Lippen. »Raban is abgehauen. Und der Boss is sauer. Und du glaubst jetzt, dass es schlau is, sich auch zu verpissen?«

Doréan sah zum Fenster. Für einen Augenblick spielte er tatsächlich mit dem Gedanken. Einfach weg. Hagen hatte nicht unrecht. Rabans Verschwinden warf Fragen auf. Niemand wusste, was er gestern noch getan hatte, nachdem er Doréan die Planke über den Schädel gezogen hatte. Und Lenan würde jemanden für den Brand verantwortlich machen wollen. Und er verstand Hagens Sorge. Dann dachte er wieder an Aelia. »Nein.« Hagen blinzelte. »Was?« »Ich kann nich' einfach abhauen.« Hagen legte den Kopf schief und bedachte Doréan mit einem verwirrten Blick. »Bist du lebensmüde?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Ich kann Aelia nich' verlassen. Ich…hab sie sehr gern.« Da lachte Hagen. »Du bist doch bekloppt.« Doréan zog sich die Tunika über den Kopf, nachdem er sie die ganze Zeit nur in der Hand gehalten hatte. »Dann nimm sie einfach mit!« Doréan schüttelte den Kopf. »Sie werden uns finden. Egal wohin wir gehen.« Er hob den Kopf zu Hagen und bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Das weißt du genau.« Hagen starrte noch einen Moment in Doréans Richtung, ohne ihn wirklich dabei anzuschauen. Schließlich verzog er angewidert das Gesicht. »Dann verreck doch, du Narr.«

Doch bevor Doréan noch eine weitere Gelegenheit bekam, weiter auf Hagens Worte einzugehen, da polterte die Tür erneut. Ein rasselndes Schnauben erfüllte den Raum und der Schatten eines Mannes erfüllte beinahe den ganzen Türrahmen und verdunkelte so die Kammer. »Hört auf zu so'ne Scheiße zu labern, ihr zwei Affen.« Bertram stand in der Tür. Sein Hemd hing offen über dem Bauch, und sein Gesicht verriet, dass das Gezeter ihn aus einer Beschäftigung gerissen hatte, bei der er nur äußerst ungern gestört wurde. »Was ist denn hier oben für ein verdammter Aufstand?« Hagen deutete auf Doréan. »Der Liebestolle hat sie nicht mehr alle.« Bertram grinste breit. Da erzählte er ihm nichts Neues. Dann machte er sich noch etwas breiter und versperrte so den einzigen Weg aus der Kammer heraus. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und bedachte zuerst Doréan mit einem abfälligen und schließlich Hagen mit einem mürrischen Blick. »Mir is da was zu Ohren gekommen.«, murmelte Bertram. »Und jetzt is Raban weg. Und wo willst du hin?«, hakte Bertram misstrauisch nach und zog einen widerspenstigen Batzen Rotz die Nase hoch. »Weg.«, konterte Hagen kurz angebunden. Bertrams Gesicht veränderte sich. »Und du solltest dich auch verpissen, Bertram.« Da lachte Bertram süffisant. »Was redest du da, Bengel?« Er hob seine Hand und deutete auf Hagen mit einem drohenden Finger. »Niemand sagt mir in meinem Haus was ich zu machen hab, verstanden?« Hagen schwieg und Bertram grunzte zufrieden. »Und wohin sollte ich schon gehen?« Hagen seufzte energisch. »Raban ist verschwunden.«, hob er an doch Bertram wischte seine Worte nur genervt beiseite. »Das weiß ich doch längst, du Armleuchter.« Er stemmte seine Hand in die Hüfte, während er mit der anderen seine Hose am Gürtel in die Höhe zog. »Was glaubst du denn? Dass ich weniger wüsste, als zwei solche Straßenköter wie ihr?« Hagen starrte Bertram verständnislos an. »Du weißt es längst? Woher? Und wie kannst du dann noch so ruhig bleiben?« Da grinste Bertram breit, doch er blieb Hagen eine Antwort darauf schuldig.

Für einen Moment sagte Bertram nichts und ließ nur seine Blicke durch die Stube wandern. Dann sah er Doréan an. »Ich weiß, dass dein Mädchen gestern Abend hier war.«, brummte Bertram mürrisch. »Ich hab nur nix gesagt, wegen dem Scheiß Feuer.« Die Erwähnung des Brandes schien ihn daraufhin an etwas anderes erinnert zu haben, was ihm zuvor durch den Kopf gegangen zu sein schien. »Was habt ihr zwei gestern eigentlich angerichtet?« Da richtete sich Doréan auf dem Bett auf und stand auf. »Was heißt hier, wir?«, beschwerte er sich unzufrieden. »Ja, ihr!« Bertram trat einen Schritt in die Kammer. »Raban ist weg. Der Hafen is schwarz wie Kohle und jeder Rote ist heiß wie Feuer. Lenan lässt seine Leute durch mein Viertel laufen und plötzlich steht jeder, der unter diesem Hurensohn gearbeitet hat, mit einem Bein im Grab!« Dann deutete er wieder auf Doréan. »Und du bist sowieso so ein missratener Bankert.« Dann wandte er sich an Hagen. »Und du bist keinen Deut besser. Ihr zwei seid zwei so kleine Lichter. Wegen euch steht mir jetzt die Scheiße bis zum Hals.« Doréan grunzte genervt. »Dir steht die Scheiße doch schon immer bis zum Hals, du Hundsfott.« Da verzog Bertram mürrisch den Blick. »Das musst du grad sagen. Ihr beiden standet doch erst vor Kurzem in dem Haufen Scheiße meiner Huren.« Da lachte er dreckig und es mischte sich ein unmenschliches Grunzen hinzu, wie das eines kranken Schweins. »Habt ihr überhaupt eine Ahnung was ihr angerichtet habt? Raban war unser Schirmherr. Und jetzt is er weg. Die ganzen Geier werden über sein Gebiet herfallen und mein Stall wird dabei unter die Räder geraten. Alles wegen zwei so kleinen Kötern!« »Ich hab den Hafen nicht angezündet.«, brummte Hagen. »Das wird Lenan bestimmt ungemein beruhigen.«, blaffte Bertram ungemütlich. »Raban…«, begann Doréan doch da schnitt ihm Bertram unwirsch das Wort ab. »Raban ist nicht da!«, fuhr Bertram ihn an. »Das ist ja das verdammte Problem!« Hagen versuchte sich an Bertram vorbei zu schieben. »Mir reicht's. Ich bin weg.« Doch dieser versperrte ihm den Weg und hielt sich dazu noch am Türrahmen fest, als ob sein Arm ein gewaltiger Schlagbaum wäre.  Er packte ihn am Oberarm und hinderte ihn daran die Kammer zu verlassen. »Du gehst nirgendwohin.« Hagen riss sich los. »Lass mich los!« Bertram schnalzte beinahe väterlich mit der Zunge. »Junge. Zeig mal Eier und sei ein Mann.« Da lachte Hagen frenetisch. »Wenn du jetzt davonläufst, hält dich Lenan erst recht für einen Verräter.« »Und wenn ich bleibe, bringt er mich vielleicht trotzdem um.«, hob Hagen trotzig dagegen, was Bertram nur ein müdes Lächeln abrang. »Aber, du stirbst wie ein Mann. Und nicht wie ein räudiger Köter.« Hagen riss sich schließlich von Bertram los und dieser ließ den Arm sinken, als ob er kein Interesse mehr daran hätte, ihn vor seiner eigenen Dummheit zu bewahren. »Leck mich.«, blaffte Hagen. Bertram verzog mürrisch die Augenbrauen. »Ich steh mehr auf Mösen, du Feigling.«, gluckste Bertram und klatschte sich dabei auf den Bauch, als ob er seinen Scherz besonders gelungen fände.

Hagen drängte sich an ihm vorbei und stapfte die Treppe hinunter. Bertram sah ihm nach und fluchte leise. »Und du, verlauster Köter?« Doréan griff nach seiner Tasche und legte sie sich über die Schuler. »Was soll mit mir sein?«, murmelte Doréan nachdenklich, während seine Gedanken nur um Aelia kreisten. Bertram musterte ihn einen Augenblick. »Willste auch den Schwanz einziehen? Sähe dir doch ähnlich.« Da hob Doréan trotzig das Kinn. »Das du deinen nich' bei dir behalten kannst, wissen wir ja alle.«, flachste Doréan grimmig. »Immerhin weiß ich noch wo mein Schwanz is. Kannst du deinen überhaupt noch sehen, oder musst du deine Dirnen fragen wo du ihn gelassen hast?« Bertram knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. »Noch so 'nen blöden Spruch und Lenan ist die geringste deiner Sorgen.«, drohte Bertram und Doréan sah ihn nur schweigend an. »Ohne mein Liebchen geh ich nirgendwohin.«, brummte Doréan und Bertram grinste breit. »Ah, daher weht der Wind.« Bertram kratzte sich am Hinterkopf. »Kanns dir aber nicht verdenken, Bengel. Das Mädel is echt eine Augenweide.« Da grunzte Doréan und hob nun seinerseits den drohenden Finger. »Fass sie einmal an, und ich brech dir alle deine verfickten Knochen. Klar?« Da hob Bertram die Hände und grinste breit. »Würde mir doch nie in den Sinn kommen.« Er gluckste, da er just in diesem Moment erst daran gedacht hatte. »Aber sie schuldet mir noch die Miete, das kannst du ihr mal ausrichten, wenn du sie vor mir wieder siehst.« Er sprach die Worte so ruhig aus, und doch war Doréan die versteckte, doppeldeutige Drohung darin nicht entgangen.

Plötzlich ertönte eine fremde Männerstimme aus dem Innenhof. »Bertram!« Stille herrschte einen Augenblick. Bertram wandte langsam den Kopf zur Tür. »Los, du Stück Scheiße! Runterkommen!« Doréan sah zu Bertram und der abgehalfterte Zuhälter fluchte leise. »Und die zwei Köter auch! Und zwar schnell!« Als sie wenig später in den Hof traten, wartete dort bereits ein Mann auf sie. Doréan kannte sein Gesicht. Nicht gut. Aber gut genug um zu wissen, dass die Scheiße, in der sie steckten, wirklich am dampfen war. Es war nicht irgendeiner von Lenans Leuten. Es war der Mann, den Lenan schickte, wenn Bitten und Drohungen nicht mehr genügten. Seinen Namen kannte Doréan nicht. Vielleicht kannte ihn überhaupt niemand. Im Grauen Viertel hieß er nur der Bluthund.

Am späteren Abend, kurz nach Einbruch der Dämmerung, hatte Doréan vorm roten Bullen gewartet. Die Ereignisse des Tages lagen ihm noch schwer wie eiserne Ketten auf den Schultern. Und eigentlich war es auch nichts anderes als schwere Ketten, die man ihm angelegt hatte. Er stand unter Beobachtung, das hatte man ihm klar und unmissverständlich zu verstehen gegeben. Hagen hatte es nicht besser erwischt. Nur Bertram schien halbwegs glimpflich davongekommen zu sein, wobei der fette Bastard auch dreingeschaut hatte, als ob er seit Tagen keinen mehr abgeseilt hatte. Doch Doréans Gedanken hingen nur bei seinem eigenen Elend. Niemand traute ihm. Niemand glaubte ihm. Niemand, außer Hagen, bürgte für ihn. Doch Hagens Stimme war soviel wert wie Pisse im Rinnstein. Er hatte in dieser feurigen Nacht buchstäblich alles verloren, was er über so viele Jahre sich so mühsam erarbeitet hatte. Und das alles war nur Rabans Schuld. Eine Wolke so schwarz wie Kohle schien über Doréans Kopf zu hängen, wenn er nur an diesen elendigen Hundsfott dachte, der vermutlich in irgendeiner Gosse schlief und den die Ratten nicht mal mit dem Arsch eines Blickes würdigten. Er wünschte es sich zumindest. Eine Weile waren Doréan und Aelia schweigend nebeneinander gegangen, bis sie jenen Ort erreicht hatten, zu welchem Doréan Aelia zu führen gedacht hatte. Auf einem verwitterten und heruntergekommenen Holzschild stand, in eingebrannten, rußgeschwärzten Buchstaben, »Zum geborstenen Anker« Doréan konnte es zwar nicht lesen, was auf dem Schild geschrieben stand, doch den Namen der Schenke kannte er trotzdem. »Der geborstene Anker. Nirgends im grauen Viertel wirst du dein sauer…verdientes Geld besser ausgegeben wissen als hier.« Doréan folgte Aelias zweifelnden Blicken und sein schalkhaft verzogener Mundwinkel wanderte unweigerlich in die Höhe. »Lass dich vom ersten Eindruck nich‘ täuschen, mein Liebchen. Der Schein kann trügen.« Und ohne weitere Umschweife betraten sie dann das Rattenloch, welches sich hinter der verwitterten Tür befunden hatte. Der Schein trog ganz und gar nicht. Im Inneren der Schenke sah es noch heruntergekommener aus, als man von draußen nur vermutete. Irgendwann einmal war diese Spelunke vielleicht einmal schön gewesen. Doch diese Tage waren mindestens so lange her, wie jener Tag, an welchem Hiltrud noch alle Zähne gehabt hatte. Und dennoch führte Doréan Aelia schnurstracks zu einem Tisch in der hinteren Ecke. »Setz dich an den Platz am Fenster.«, murmelte Doréan bestimmend und ließ Aelia gar nicht erst die Wahl sich doch einen anderen Platz auszusuchen, während er sie genau beobachtete. Er wartete nur darauf, bis sie ihre Blicke durch das große Fenster schweifen ließ, und die wundersamen Lichter bemerken würde. Vor dem geborstenen Anker lag der alte Hafen. Die alten Seelaternen dümpelten im Wasser. Hier und da schimmerten Laternen und alte Fackeln. Durch das große Fenster bekam man beinahe den Eindruck, dass man eine Leinwand mit einem idyllischen Hafengemälde betrachtete, aus welchem das Wasser und das Licht herausbrachen. Man konnte nicht einmal die verbrannten Häuser sehen, die auf der anderen Seite des Hafens standen. Und doch lag eine bedrückende Stimmung in der Luft, die man förmlich spüren konnte. Die Schenke war ungewöhnlich gut besucht. Doréan musste feststellen, dass viele Tagelöhner und auch Hafenarbeiter und Seeleute hier eingekehrt waren. Er nahm Aelia gegenüber Platz und zog das schwach glimmende Talglicht, welches am Ende des Tisches stand, näher zu sich heran.

In jeder anderen Schenke wäre inzwischen wohl längst eine dralle Schankmaid, deren Brüste mit jedem Schritt mehr und mehr aus dem Kleid zu springen drohten, oder einem mürrischen Wirt, der sein Leben hasste, welches ihn tagtäglich dazu zwang sich mit dem Abschaum des grauen Viertels abgeben zu müssen, nur um ein paar angelaufene Kupfermünzen zu verdienen, zu ihnen an den Tisch gekommen. Doch hier nicht. Hier gab es nur einen alten, buckligen Hundsfott, der fast blind war und man musste direkt an der Budel seine Wünsche äußern. Sie saßen in der dunklen Ecke am Fenster, starrten sich gegenseitig in die Augen und niemand kam. Nur der Lärm der anderen Gäste drang zu ihnen vor. Ein tiefes, dröhnendes Lachen. Das glockenhelle Kichern eines leichten Mädchens. Ein mürrisches Fluchen, weil wohl jemand im Raum kein Glück beim Würfeln hatte. Dichter, beißender Pfeifenrauch, der aufdringliche Gestank von abgestandenem Bier und die feine Note von verbranntem Holz und Ruß, die über dem ganzen Hafen zu hängen schien. All das drang zu ihnen hervor, nur kein eifriger Schankwirt und auch keine aufreizende, oder gar heruntergekommene Schabracke von einer Schankmaid. Doréan saß einfach nur da, hielt sein Kinn auf seine Handflächen gestützt und wartete. »Hier her kommt man nich' wegen der freundlichen oder flotten Bedienung, mein Liebchen.«, murmelte Doréan schließlich, nachdem schon einige Zeit vergangen war und Aelia sich schon mehrmals auf dem Stuhl nach einem Wirt oder einer Schankmaid umgesehen hatte. »Eigentlich kommt man hier nicht einmal wegen dem Bier und dem Schnaps her, sondern deswegen!« Doréan deutete aus dem Fenster, welches wider Erwarten aus Glas war. Nicht aus einer Schweinsblase oder Tierhaut, welches üblicherweise in den grauen Vierteln auf die Fensterrahmen gespannt wurde. Doch das Glas war nicht das besondere, sondern vielmehr das, was sich dahinter befand. Vor ihnen erstreckte sich ein Meer von Schiffen, Masten und gerafften Segeln. Und auf beinahe jedem dritten Schiff tanzte eine kleine Sturmlaterne im lauen Abendwind und wirkte durch das verdreckte und auch leicht unförmige Glas beinahe wie ein tanzendes Licht über einem Spiegel aus schwarzem Glas. Es war eine mondlose Nacht und so konnte man auf der Oberfläche des Wassers unzählige, verzerrte rote Spiegelbilder der Sturmlaternen flimmern sehen.

Doréan schaute nicht aus dem Fenster. Er kannte den Anblick, der sich Aelia soeben darbot zur Genüge. Vielmehr begnügte er sich damit Aelia anzusehen, während sie die tanzenden Lichter beobachtete. »Und man kommt, wenn man über Dinge nachdenken will.«, murmelte er, während er an sein eigenes Elend dachte. »Dir liegt doch was auf'm Herzen. Ich merks.«, stellte Doréan abschließend fest, sichtlich darum bemüht seinen eigenen Kummer zu verbergen.
#82
Im geborstenen Anker ❖
rabe-aelia kehrte mit dem gefüllten Korb in den Roten Bullen zurück, stellte ihn in der Küche ab und machte sich wieder an die Arbeit. Die Wut hatte sie vom Markt bis hierher begleitet. Sie war unterwegs weder verraucht, noch kleiner geworden, sie hatte lediglich jene erste, wilde Schärfe verloren, mit der sie Mahdia von sich gestoßen hatte. Nun saß sie tiefer. Schwer und nicht zu vertreiben, ein beständiges Brodeln irgendwo in ihrer Magengrube, das jedes Mal neue Nahrung fand, sobald ihr ein Satz aus dem Streit wieder einfiel. Vor allem einer. Ich musste die Stadtwache holen… Aelia hätte Mahdia am liebsten noch einmal zu Boden gestoßen. Und sie dann wieder unbeholfen auf ihrem Arsch vor ihr saß, dann…  Aber stattdessen stand sie hier und schälte Gemüse. Es gab genug zu tun, und an diesem Tag kam ihr das gerade recht. Sie wollte ihre Hände beschäftigt wissen, wollte keine Gelegenheit haben, irgendwo herumzustehen und ihren Gedanken Raum geben. Also arbeitete sie verbissen und mit einer Gründlichkeit, die vermutlich selbst Peer nichts auszusetzen gegeben hätte. In der Küche wartete ohnehin niemand darauf, dass Aelia sich von der vergangenen Nacht erholte. Gemüse musste geputzt und geschnitten werden, Kräuter mussten verlesen, Töpfe geschrubbt und Schüsseln gespült werden. Sobald der Wassereimer leer war, nahm sie ihn und ging hinaus zum Brunnen, fehlte Holz, holte sie welches aus dem Hof, stapelten sich benutzte Schüsseln, Teller und Besteck, machte sie sich darüber her, bis sie wieder sauber auf ihrem angestammten Platz standen. Dazwischen trug sie Abfälle hinaus, schleppte Vorräte herein und half dort, wo man Hilfe brauchte. Am Morgen hatte ihr Körper ihr noch bei jeder Bewegung vorgehalten, wie wenig Schlaf er bekommen hatte. Nun überlagerte die Wut einen guten Teil davon. Sie gab Aelia einen eigentümlichen Antrieb, der sie von einer Aufgabe zur nächsten trug und ihr kaum Zeit ließ, darüber nachzudenken, wie müde und grantig sie eigentlich war. Erst wenn sie sich bückte und der Rücken zog oder sie einen schweren Topf mit beiden Händen vom Herd hob, meldete sich die Erschöpfung für einen Augenblick zurück. Dann stellte sie den Topf ab und machte weiter. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass Peer sie in die Küche gesteckt hatte. Hier musste sie niemanden anlächeln, wenn ihr nicht nach lächeln war. Sie musste keine freundlichen Worte für dumme Gäste finden, keine Krüge zwischen dummen Betrunkenen hindurchtragen und sich keine dummen Bemerkungen von dummen Leuten anhören. Im Laufe des Nachmittags machte sich außerdem ihr Magen bemerkbar. Schon seit einer Weile lag ihr eine leichte Übelkeit im Bauch, begleitet von einem unangenehmen Ziehen im Unterleib, das mal stärker wurde und dann wieder für eine Zeit verschwand. Aelia hatte zunächst den Hunger dafür verantwortlich gemacht, später die durchwachte Nacht, doch inzwischen kam ihr ein anderer Verdacht. Basilius hatte sie gewarnt, dass das Mittel, das er ihr gegeben hatte, manchen Frauen auf den Magen schlug. Offenbar gehörte sie zu diesen manchen Frauen. Besonders schlimm war es nicht, nur lästig genug, dass sie zwischendurch immer wieder innehielt und darauf wartete, dass sich ihr Bauch beruhigte. Als gegen Abend auch noch Krämpfe dazukamen, war Aelia endgültig bedient. 

Hin und wieder drangen Stimmen aus dem Schankraum herein. Gelächter, das Scharren von Bänken, Peers dröhnende Stimme hinter dem Ausschank. Der Rote Bulle füllte sich im Laufe des Nachmittags, und während draußen langsam wieder etwas wie Alltag in das vom Brand gezeichnete Viertel zurückkehrte, vergingen auch in der Küche die Stunden. Aelia bemerkte irgendwann, dass niemand ihr sagen musste, sie solle sich beeilen. Niemand musste ihr eine Arbeit zweimal auftragen. Und Peer kam kein einziges Mal herein, um sie wegen irgendetwas zurechtzuweisen. Das war ihr wichtiger, als sie sich eingestehen wollte. Am Morgen hatte sie noch vor ihm gestanden, viel zu spät und mit einer Geschichte, die nach Ärger klang, wenn jedes Wort davon wahr war. Zwei fremde Männer fragten nach ihr. Ein Stadtwächter hing ihr auf den Fersen. In der Nacht hatte das halbe Hafenviertel gebrannt, und Aelia war mittendrin gewesen. Peer hatte jedes Recht gehabt, sich zu fragen, weshalb er sich das alles wegen einer verhinderten Schankmagd die jetzt eine Küchenmagd mimte antun sollte, und die noch nicht einmal lange bei ihm arbeitete. Ja nicht einmal eine Woche. Er hatte sie trotzdem behalten. Also würde sie wenigstens versuchen, ihm keinen Grund geben, diese Entscheidung zu bereuen. Gegen Abend war von der Energie, die ihre Wut ihr verliehen hatte, allmählich wenig übrig. Ihre Schultern schmerzten, ihre Füße fühlten sich schwer an, und als die Arbeit endlich weniger wurde, kehrte die Müdigkeit zurück, die den ganzen Tag geduldig auf sie gewartet hatte. Aelia räumte ihren Platz auf, wusch sich Hände und Unterarme und löste schließlich die Schürze. Allein das Ablegen fühlte sich gut an. Sie strich ihr Kleid zurecht, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und verabschiedete sich in der Küche, ehe sie durch den Schankraum ging, wo sie sich ebenfalls von den anderen verabschiedete. Im Schankraum, neben der Eingangstür saß der Mann, von dem Peer am Morgen gesprochen hatte. Aelia hatte ihn während des Tages kaum zu Gesicht bekommen. Baldric hielt sich dort auf, wo Peer ihn brauchte: nahe dem Eingang, von wo aus er den größten Teil des Schankraums überblicken konnte. Ein Hocker stand für ihn an der Wand, doch im Augenblick saß er halb darauf, halb lehnte er dagegen, einen Fuß vorgestreckt und einen Becher in der Hand. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, er verbringe einen ausgesprochen gemütlichen Abend. Auf den zweiten fiel auf, dass seine Augen ständig durch den Raum wanderten, was vermutlich auf Dauer ziemlich anstrengend war.  Aelia war beinahe an ihm vorbeigegangen, als er den Kopf zu ihr drehte. „Aha!“ rief er. Aelia blieb stehen. Nach diesem Tag war das ungefähr das Letzte, was sie hören wollte. „Was?“ Baldric betrachtete sie einen Augenblick. Dann erschien ein Grinsen auf seinem Gesicht. „Du bist also Aelia?“ Sie musterte ihn argwöhnisch. „Wer will das wissen?“ „Baldric.“ Sein Grinsen wurde ein wenig breiter. „Der Kerl, den Peer deinetwegen neben seine Tür gesetzt hat. Hat er dir das nicht erzählt?“ Aelia schloss kurz die Augen. Natürlich hatte er. „Doch, hat er. Und was weißt du noch so?“ „Eigentlich weiß ich nur, dass irgendwelche Männer nach dir fragen und Peer keine Lust hat, dass sie ihm deswegen die Schenke zerlegen.“ „Ich hab auch keine Lust darauf.“ „Dann haben wir schon was gemeinsam.“ Aelia sah ihn an. Baldric nahm einen Schluck aus seinem Becher, und erst jetzt bemerkte sie das belustigte Funkeln in seinen Augen. „Machst du dich über mich lustig?“ „Ein bisschen.“ „Warum?“ „Peer hat so viel Aufhebens gemacht, dass ich mit einer ausgewachsenen Landplage gerechnet hab.“ Aelia zog die Brauen zusammen. Baldric ließ den Blick kurz an ihr hinab und wieder hinaufwandern. „Bist ziemlich klein für so viel Ärger. Ein richtiges Püppchen“ Sie starrte ihn noch einen Moment lang an, dann stahl sich ein leichtes Grinsen auf ihre Lippen. „Ich such mir den Ärger nicht aus.“ „Das sagen die Leuete mit dem meisten Ärger immer.“ „Kann mich nicht daran erinnern, jemals richtig Ärger gehabt zu haben. Jedenfalls keinen, den ich verursacht hätte. Aber dann wird dir wenigstens nicht fad…“  „Siehst du.“ Baldric hob seinen Becher leicht in ihre Richtung. „Peer hat dich ganz richtig beschrieben.“ Jetzt musste Aelia tatsächlich grinsen, wenn auch nur widerwillig. Eigentlich war er ja ganz nett. Baldric schien damit zufrieden. Er lehnte sich wieder gegen die Wand und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Schankraum. „Geh heim, Aelia.“ Das Grinsen verschwand aus ihrem Gesicht. Für einen kurzen Augenblick trafen diese drei vollkommen harmlosen Worte einen wunden Punkt. Baldric konnte schließlich nicht wissen, dass heim derzeit ein Ort war, den Aelia gar nicht besaß. Sie ließ sich nichts anmerken. „Bin schon weg.“ „Bis morgen.“ „Bis übermorgen, morgen hab ich frei!“ Aelia hob flüchtig die Hand und trat hinaus. 

Die Abendluft empfing sie kühl. Über den Dächern lag noch immer der Geruch des Brandes, schwächer inzwischen, vermischt mit feuchtem Holz, Rauch und den vertrauten Ausdünstungen des grauen Viertels. Hinter ihr blieb der Lärm des Roten Bullen zurück. Aelias Blick wanderte beinahe von selbst auf die andere Straßenseite. Und da war er. Doréan lehnte lässig an der Häuserwand gegenüber und wartete auf sie, wie er schon so oft auf sie gewartet hatte. Aelia blieb für einen Augenblick stehen, legte den Kopf ein wenig schief und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Nach einem Tag wie diesem hätte sie kaum etwas lieber sehen können und allein sein Anblick vermochte etwas, woran sich Aelia den ganzen Nachmittag vergeblich versucht hatte. Die Wut, die sie seit der Begegnung mit Mahdia mit sich herumgetragen und Stunde um Stunde in ihre Arbeit gesteckt hatte, verlor plötzlich jede Bedeutung. Vor wenigen Augenblicken hatte sie noch geglaubt, sie würde den Ärger bis mit in den Schlaf nehmen; nun blieb davon kaum mehr als die Erinnerung daran, dass sie einen ausgesprochen beschissenen Tag hinter sich hatte. Sie ging ihm entgegen, ließ die letzten Schritte rascher werden und sank schließlich in seine Arme, als hätte sie den ganzen Tag genau darauf gewartet. Wahrscheinlich hatte sie das sogar. Aelia schlang beide Arme um ihn und schmiegte sich eng an ihn, schloss für einige Augenblicke die Augen und genoss einfach seine Nähe. Nach der Kühle draußen war seine Wärme umso wohltuender, und mit ihr kam jene tiefe Erleichterung, die nur eine Umarmung schenken konnte, nach der man sich den ganzen Tag gesehnt hatte, ohne es zu wissen. Als sie sich schließlich voneinander lösten, blieb Aelia dicht bei ihm, hob das Gesicht zu ihm und küsste ihn innig, mit all der Zärtlichkeit, die sich nach diesem langen Tag in ihr angestaut hatte. Noch gestern hatte sie ihm diese rote Murmel in die Hand gelegt und ihm gesagt, dass sie ihn liebte, in der Nacht hatte sie geglaubt, ihn irgendwo im Feuer in Gefahr zu wissen und heute Morgen hatte sie ihn nur ungern in seiner Dachkammer zurücklassen müssen. Nun stand er vor ihr und hatte auf sie gewartet.

Danach machten sie sich gemeinsam auf den Weg, eng aneinandergeschmiegt und die Arme umeinander gelegt. Aelia genoss das gemächliche Gehen nach all den Stunden auf den Beinen beinahe ebenso sehr wie Doréans Nähe. Auch an Meister Aralians Haus kamen sie vorbei, ohne dass Aelia ihm zunächst besondere Beachtung schenkte. Erst einige Zeit später begann sie darüber nachzudenken, welchen Weg sie eigentlich nahmen. Sie kannte die Strecke zu Bertrams Stall inzwischen gut genug, um irgendwann zu bemerken, dass sie längst hätten abbiegen müssen. Aelia sah über ihre Schulter zurück, betrachtete die Straße, die hinter ihnen lag, und runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sie sich in Gedanken vertan. Nach einigen weiteren Schritten war sie sich jedoch sicher. „Wo gehen wir eigentlich hin?“ „Lass dich überraschen, mein Liebchen.“ Aelia hob die Brauen. Eine Überraschung also. Es war nicht die erste, aber Aelia musste zugeben, dass sie Doréans Überraschungen mochte. Meistens führten diese nämlich an einen besonderen Ort.

Der geborstene Anker. Aelia versuchte sich im Geiste vorzustellen, wie ein Anker aussah, der geborsten war. Und ob ein Anker überhaupt bersten konnte. Doch bevor sie auch nur näher darüber nachdenken konnte, trat Doréan an sie heran „Lass dich vom ersten Eindruck nich‘ täuschen, mein Liebchen. Der Schein kann trügen.“ Aelia nickte geistesabwesend, versuchte sich seiner Worte gewahr zu werden, denn sie verstand nicht, was er ihr damit sagen wollte, und Doréan öffnete schwungvoll die schwere Holztüre, die in den Angeln quietschte. Schwaden von Pfeifenrauch krochen durch den Schankraum und eine Duftkomposition aus Holz, Schnaps, und ungewaschenen Menschen erfüllten neben Gelächter, verstohlenem Murmeln, zwielichtigen Gesprächen zwischen zwielichtigen Gestalten die Spelunke. Niemand sah auf oder nahm eine Notiz von den beiden, als Doréan seine Hand in Aelias Rücken gelegt hatte und die junge Frau an einen Tisch führte, der sowohl am Fenster als auch in einer dunklen Ecke lag. Eine Weile saßen die beiden Gossenkinder da und blickten sich schweigend an, nur ab und zu wandte Aelia suchend den Kopf, um sich nach einer Schankmaid oder dem Wirt umzusehen. „Hier her kommt man nich' wegen der freundlichen oder flotten Bedienung, mein Liebchen. Eigentlich kommt man hier nicht einmal wegen dem Bier und dem Schnaps her, sondern deswegen!“ er deutete aus dem Fenster auf den Hafen von Oshkïr, in welchem sich Schiff an Schiff schaukelnd auf den Wellen aneinanderreihten. Die Seelaternen spiegelten sich auf der dunklen Wasseroberfläche und tanzten in der lauen nächtlichen Seebrise. Aelias Augen folgten seinem Fingerzeig und eine Weile starrte sie auf das Bild, das sich ihr hier bot. Erneut blickte sich Aelia nach dem Wirt um und nun löste sich Doréan aus seiner Haltung und grinste „Und außerdem kommt der Wirt hier nur, wenn man nach ihm ruft. Also, wonach steht Dir der Sinn?“ „Malzbier“ murmelte sie über ihre aufgestützten Hände, auf die sie ihren Kopf gelegt hatte, hinweg. Sie hatte immer noch Bauchkrämpfe. „Malzbier, sonst wird mir schlecht“  Und während Doréan es sich zur Aufgabe machte, den Wirt auf sich aufmerksam zu machen, schweifte Aelias Blick wieder auf die tanzenden Sturmlaternenlichter. Schließlich erhob sie sich von ihrem Stuhl und trat an das Fenster heran um die Lichter besser in Augenschein nehmen zu können. „Deswegen also kommt man hier her, ha? Das ist ja richtig romantisch!“ Mit Ihren Augen maß sie schließlich den Fensterrahmen und ließ ihren Blick daran hin und her schweifen. Kurz drehte sie sich zu Doréan um „Du hast es dir wohl zur Aufgabe gemacht, mir die schönsten Seiten des grauen Viertels zu zeigen?“ und widmete sich schließlich wieder dem dicken Fensterglas. „Echtes Glas…“ murmelte sie und legte ihre Handfläche auf die kühle Scheibe und berührte das Material. „Ich habe selten sowas schönes gesehen“ meinte sie und kratzte mit dem Fingernagel ihres Zeigefingers an einem vermeintlichen Schmutzfleck, der sich schließlich als kleine Luftblase entpuppte. „Griffel weg!“ schnauzte sie der schlecht gelaunte Wirt von hinten an und stellte ebenso schlecht gelaunt aber schwungvoll zwei schwere Krüge auf dem Tisch ab. Aelia erschrak und trat von dem Fenster weg, wandte sich um und setzte sich schließlich wieder zu Doréan an den Tisch „Tschuldigung. Wusste nicht, dass das verboten ist.“ erwiderte sie mit erhobenen Händen mürrisch zu dem Wirt, welcher in ebenso mürrischem Ton antwortete: „Ist es aber.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und schlurfte wieder zu seinem Ausschank. Aelia hob den Krug an und schlürfte den Schaum des Malzbiers. Dennoch wanderte ihr Blick immer wieder zu den leicht schaukelnden Seelaternen hinüber. Dann erregte Doréan ihre Aufmerksamkeit. 

„… und man kommt, wenn man über Dinge nachdenken will. Dir liegt doch was auf'm Herzen. Ich merks.“ Aelia hob verwundert den Kopf und sah ihn an. Einen Augenblick lang vergaß sie sogar, was sie ihm hatte erzählen wollen. Sie hatte sich den ganzen Weg hierher eingeredet, dass ihr der Ärger des Tages längst vergangen war, und offenbar hatte Doréan ihr diese kleine Selbsttäuschung weniger bereitwillig abgenommen als sie selbst. Dass er es ihr so rasch angesehen hatte, überraschte sie. Sie hatte weder von Mahdia gesprochen noch von Peer oder den Männern, die im Roten Bullen nach ihr gefragt hatten. Seit ihrer Begegnung vor der Schenke hatte sie den Nachmittag dort gelassen, wo er hingehörte, und sich lieber über Doréan und seine Überraschung gefreut. Zumindest hatte sie geglaubt, dass ihr das gelungen war. „Ach …“ Aelia rückte den Stuhl ein wenig zurecht auf dem sie saß und senkte den Blick. Ihre Finger umklammerten den Krug ihres Malzbieres, während sie nach den richtigen Worten suchte. „Ich wollte uns den Abend nicht damit verderben.“ Sie zögerte noch einen Moment, ehe sie wieder zu ihm aufsah. „Aber irgendwann muss ich's dir ja doch erzählen.“ Damit war es ausgesprochen, und nun erschien es ihr albern, länger darum herumzureden. Aelia begann bei Peer und den beiden Männern, die am Vortag im Roten Bullen nach ihr gefragt hatten, erzählte von ihrem Gang zum Markt und davon, wie sie dort ausgerechnet Mahdia über den Weg gelaufen war. Und mit jedem Satz kehrte ein Stück ihres Ärgers zurück. Sie erzählte vom Fischfass und von Hiltrud, die Mahdia offenbar haarklein berichtet hatte, was sie damals von ihrem Fenster aus beobachtet hatte. Dann kam sie auf Mahdias Sticheleien zu sprechen, auf die gehässigen Bemerkungen über Doréan und schließlich auf jenen Augenblick, in dem die Wirtin ganz beiläufig hatte fallen lassen, dass sie nach der Sache mit dem Fisch die Stadtwache verständigt hatte. Aelias Gesicht wurde finster. „Der Kerl, der mich sucht, ist also wirklich von der Stadtwache.“ Allein die Erkenntnis laut auszusprechen, ließ den Ärger wieder in ihr hochsteigen. „Mahdia hat die Wache wegen dieser verdammten Fischsuppe auf uns angesetzt. Und jetzt weiß ich wenigstens, woher der überhaupt meinen Namen hat.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und atmete hörbar aus. Das erklärte Hartwig. Es erklärte allerdings längst nicht alles. „Aber weißt du, was ich überhaupt nicht verstehe?“ Aelia wandte sich nun ganz zu Doréan. „Gestern war noch einer da. Ein zweiter Mann. Bei dem anderen. Und die beiden haben im Roten Bullen nach mir gefragt.“ Ihre Brauen zogen sich zusammen. Je länger sie darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihr die Sache. „In der Schenke, da wo ich arbeite, Doréan. Kannst du dir das vorstellen? Die laufen inzwischen zu meiner Arbeit und fragen nach mir.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Peer hat sogar einen Rausschmeißer angeheuert und an die Tür gesetzt. Baldric heißt er. Der sitzt jetzt da den ganzen Tag und wartet darauf, dass einer von den Vögeln wieder auftaucht.“ Für einen Moment sah Aelia ihn einfach nur an, als müsse Doréan ihr bestätigen, dass diese ganze Geschichte tatsächlich so verrückt war, wie sie ihr vorkam. „Wie dämlich ist das? Wegen mir hockt jetzt den ganzen Abend ein Kerl neben Peers Tür. Und ich weiß noch nicht mal was die dann mit mir täten, wenn sie mich fänden. Und ehrlich gesagt will ichs gar nicht rausfinden.“ Aelia senkte den Blick. „So, jetzt weißt du‘s…“ Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie den eigentlich interessantesten Teil ihrer Begegnung mit Mahdia übersprungen hatte. Aelia verzog leicht den Mund. „Ha! Ich hab Mahdia von mir weggestoßen, und dann ist sie auf ihren fetten Arsch geknallt!“ Sie sagte es mit einer boshaften Genugtuung. Diese hielt allerdings nur einen Augenblick vor. Ein Sturz auf den Hintern wog für Aelia kaum auf, was Mahdia ihr in den vergangenen Tagen an Ärger eingebrockt hatte, und je länger Aelia darüber nachdachte, desto weniger befriedigend erschien ihr der kleine Sieg auf dem Markt. „Eigentlich müsste man es ihr richtig heimzahlen“, zischte sie und zog nachdenklich die Brauen zusammen. „Und zwar so, dass es ihr auch wirklich wehtut.“ Der Gedanke gefiel ihr augenscheinlich. Aelia schwieg eine Weile, legte ihre Hand auf den Mund und ging im Kopf durch, was sie über diese Frau wusste. Sie sann einen Moment darüber nach. „Was könnte man dieser blöden Kuh antun, worüber sie  sich noch wochenlang ärgert?“ murmelte sie. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Streit auf dem Markt, zu Mahdias Gezeter über das Fischfass und zu den Gästen, die ihr deshalb ausgeblieben waren. „Wahrscheinlich müsste man ihr einfach wieder die Kundschaft vergraulen.“ Ein kleines Grinsen huschte über Aelias Gesicht. „Nur wird uns wohl kaum noch einmal ein Fass voll gammeliger Fischabfälle in die Hände fallen.“ Sie schwieg kurz. „Wobei … eigentlich war ihr der Fisch doch scheißegal. Musste eh Alva putzen. Mahdia hat sich die ganze Zeit nur darüber aufgeregt, wie viel Geld sie deswegen verloren hat.“ Aelia zog nachdenklich die Brauen zusammen. „Das ist überhaupt das Einzige, bei dem Mahdia richtig empfindlich wird. Ihr verdammtes Geld.“ Aelia spann den Gedanken noch weiter. „Aber bei ihr gibt’s halt nix zu holen. Sie hortet es nicht. Das Geld, das sie bei sich in der Stube hat, ist nur kleines Wechselgeld. Einmal pro Woche kommt ein Büttel, der das Geld abholt und zum Bankhaus bringt. Er hatte stets seine feste Route. Mehrere Schenken, wo er deren Einnahmen abgeholt und zur Verwahrung ins Bankhaus gebracht hat.“ Aelia schwieg einen Moment und runzelte nachdenklich die Stirn. Eigentlich hatte sie damit erklären wollen, weshalb ihre Idee nichts taugte. Seltsamerweise klang es, nun da sie es ausgesprochen hatte, plötzlich eher nach dem kompletten Gegenteil. Sie kräuselte ihren hübschen Mund und sah Doréan an. Ein unsicheres Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, doch sie sprach es nicht aus. „Aber … sowas kann man doch nicht machen, oder?“
#83
Der Bluthund ❖
rabe-der Bluthund hatte sie in Bertrams Hof zusammengetrieben wie Vieh. Doréan lehnte mit verschränkten Armen an der Hauswand, Hagen hatte sich auf eine der leeren Kisten gesetzt, die neben dem Hintereingang herumstanden, und Bertram lief bereits zum dritten Mal zwischen ihnen und der Tür seines Hauses auf und ab. Von allen dreien war er zweifellos derjenige, dem es am wenigsten gefiel, im eigenen Hof warten zu müssen, ohne zu wissen, weshalb. Doréans Blicke huschten immer wieder zu dem fast schwarzen Hund, der am anderen Ende des Hofes saß und sie aus seinen kalten, schwarzen Augen anstarrte. Als ob er ein verhungerter Knochen wäre, den er am liebsten abnagen wollen würde. Doréan vermied es dem Tier in die Augen zu sehen, doch konnte er einfach nicht anders als immer wieder in dessen Richtung zu schauen. Schließlich kam der Bluthund wieder aus dem kleinen, hölzernen Verschlag, in welchem Hagen und Doréan erst vor wenigen Tagen bis zum Knie gestanden hatten, weil irgendeine Dirne ihren abgenutzten, hölzernen Freier dort entsorgt hatte. Der Bluthund zog sich seine Hose zurecht und schnallte den Gürtel zu, während er den Männern jeweils einen kurzen Blick zuwarf. Er hatte sie lange genug auf die Folter gespannt, und Bertram stemmte die Hände in die Hüfte. »Wenn du uns schon wie drei Hühner zusammentreibst, könntest du wenigstens sagen, wer uns rupfen will.« murrte er. Der Bluthund antwortete nicht sofort. Er warf einen Blick auf Bertram und darin war nur missbilligende Verachtung zu lesen. »Was denkst du denn, wer euch sehen will?«, brummte er und grinste breit mit beinahe geheuchelter Freundlichkeit. Es war doch offensichtlich, dass Lenan sie sehen wollte. Sein Hund hingegen hob den Kopf und bedachte Doréan mit einem kalten Blick, dass dem Gossenfloh ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Der Bluthund packte die eiserne Kette und trat von dem hölzernen Verschlag ein paar Schritte vor, der Hund trottete ihm willenlos hinterher. Er hielt die schwere Kette seines Namensvetters locker in einer Hand. Das Tier wirkte weit weniger beeindruckt von der ganzen Angelegenheit als die Männer, doch Doréan konnte einfach nicht den Blick von dem Tier abwenden. Immer wieder kamen ihm seltsame, spontane Bilder in den Kopf, in welchen er Hals über Kopf davonrannte, während diese Töle ihm auf den Fersen war. Der Hund hatte sich neben seinem Herrn auf die Hinterläufe gesetzt und kratzte sich ausgiebig hinter einem Ohr. Beinahe hätte man darüber vergessen können, was für ein Vieh es war. Aber nur beinahe. Wer im Grauen Viertel lange genug lebte, wusste, wer der Bluthund war. Lenans Hammer, wenn Worte nicht mehr genügten. Einer jener Männer, deren Namen nicht laut gerufen werden mussten, damit sich eine Gasse leerte. »Es is wegen dem Brand, oder?«, murmelte Hagen und da rührte sich der Bluthund. Er tippte sich gegen die Schläfe und grinste breit. »Ganz ein Schlauer, was?« Hagen verzog mürrisch den Mund und erntete von Doréan ein verstohlenes, hämisches Grinsen. »Aber was hab ich damit zu schaffen?«, maulte Bertram. »Ich war gestern nicht am Hafen.« Er verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust, was seinen beleibten Wanst nur noch mehr zum Vorschein brachte. »Wo ist Raban?«, verlangte der Bluthund zu wissen, ohne auf Bertrams Einwand näher einzugehen. Doch darauf erhielt nur stumme Blicke, die sich die Männer zuwarfen. Doréan fuhr sich vorsichtig über die Platzwunde an seinem Kopf. »Weg?«, murmelte Doréan und der Bluthund schüttelte den Kopf. »Und darum kommt ihr jetzt alle mit.« Bertram blieb stehen. »Was soll das heißen?« Jetzt redeten alle gleichzeitig. Hagen wollte wissen, ob Raban gefunden worden war. Bertram wollte wissen, weshalb ausgerechnet sein Haus plötzlich zum Sammelplatz geworden war. Doréan wollte eigentlich nur wissen, ob er wegen der Scheiße am Hafen bald von diesem Köter verfolgt werden würde. Der Bluthund räusperte sich, doch als die Stimmen der Drei dabei nicht sofort verstummten, schnalzte er scharf mit der Zunge.

Der Hund stand augenblicklich auf und nahm eine drohende Haltung ein. Sein Lefzen bebten und seine Zähne fletschten. Das Tier wirkte wie ein völlig anderes Wesen. Die ruhige Gelassenheit war einer gnadenlosen Anspannung gewichen. Es war bemerkenswert, wie schnell drei Männer verstummen konnten. »Lenan will euch sehen. Mehr müsst ihr nicht wissen.«, sagte der Bluthund und zog an der eisernen Kette, worauf sich der Hund wieder entspannte. »Also los.«

Es stellte sich heraus, dass nicht nur Lenan auf sie gewartet hatte. Das war das Erste, was Doréan aufgefallen war, als sie wenig später in dessen Unterschlupf geführt wurden. Männer standen an den Wänden, andere saßen um den großen Tisch. Einige Gesichter kannte Doréan, andere nur vom Sehen. Hier und da erkannte Doréan einige aus Rabans Trupp. Sie wirkten angespannt und schienen genauso viel zu wissen, wie Doréan, Hagen und Bertram. Doch unter den Männern waren auch Kerle, die weit höher als Raban in der Hierachie der Sanra'Jena standen. Manche von ihnen sah Doréan heute zum ersten Mal. Doch von manchen hatte er zumindest schon einmal gehört. Er erkannte den miesen Albert, den abgrundtief verabscheute. Außerdem erkannte er den kahlen Jenkins. Der den alten Hafen vom Südhaken bis zur Ascherinne kontrollierte Doch die anderen hatte Doréan noch nie gesehen. Es waren Männer mit eigenen Leuten, eigenen Geschäften und genügend Gewicht innerhalb der Sanra'Jena, dass ein einfacher Straßenköter wie Doréan normalerweise keinen Grund hatte, mit ihnen gemeinsam in einem Raum zu stehen. Und genau das rief in Doréan ein äußerst mulmiges Gefühl hervor. Und an Hagens und Bertrams Blicken konnte er erahnen, dass es ihnen nicht anders erging.

Lenan ließ sie zunächst stehen. Sein Blick wanderte von Bertram zu Hagen und blieb schließlich an Doréans Stirn hängen. Er legte den Kopf schief, doch sagte nichts. Noch nicht. Er hielt seine Hände vor dem Gesicht, und seine Finger berührten sich nur an den Kuppen. Der Bluthund trat schließlich vor und der Hund flößte selbst in den hartgesottenen Kerlen soviel Respekt ein, dass ihm auf einmal mehr Platz als jedem anderem im Raum zur Verfügung stand. Lenans Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Blick verdunkelte sich. »Du sollst den Köter nicht hier reinbringen.«, brummte Lenan mürrisch doch der Bluthund zuckte nur phlegmatisch mit den Schultern. »Wärs dir lieber, wenn ich ihn draußen, vor der Tür lasse?« Lenan schwieg einen Moment. Eigentlich wäre es ihm tatsächlich lieber. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Bring ihn nach hinten.«, befahl Lenan und der Bluthund trottete gelassen in die hintere Stube, während der Hund ihm stoisch folgte. Seine Krallen kratzten über die hölzernen Dielen. Die schweren Schritte und das Kratzen waren das Einzige, was man im Raum hören konnte, denn ansonsten herrschte eine regelrechte Grabesstille. Lenan erhob sich schließlich theatralisch aus seinem Stuhl und schlug seine Handflächen hörbar zusammen. »Ein Schiff ist verloren.« Sein Blick glitt über die Männer, die man vor ihm versammelt hatte, ohne dass er auch nur einen von ihnen direkt ansprach. »Ein Teil des Hafens sieht aus, als hätte der Leibhaftige selbst einen Anfall gehabt. Ware ist vernichtet worden. Geschäfte stehen still. Leute, die uns bezahlen, wollen wissen, wer ihnen ihren Schaden ersetzt.« Er hakte sich den Daumen seiner linken Hand in den Gürtel und verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein. »Und was dem ganzen noch die Krone aufsetzt. Die verdammte Stadtwache ist jetzt überall!« Er ballte seine Faust und seine Glieder knackten unheimlich. »Und der Mann, der mir erklären könnte, wie es dazu gekommen ist, ist wie vom Erdboden verschluckt. Als ob der verdammte Leibhaftige ihn gleich mitgenommen hätte!« Niemand sagte etwas. »Ihr hattet einen einfachen, beschissenen Auftrag. Wie konnte das so aus dem Ruder laufen, verdammt?«, herrschte Lenan und warf dann besonders Hagen und Doréan einen strengen Blick zu.  Doch die beiden sahen nur betreten auf den Boden, als ob die alten, abgewetzten Dielen, über die schon tausende Stiefel geschritten waren, auf einmal viel interessanter wären, als der Rest des Raumes. Lenan schnippte unwirsch mit den Fingern, so dass die beiden ihn wieder ansahen. »Erklärt mir jetzt einer von euch, was für eine verdammte Scheiße gestern passiert ist.«

Und so begannen Doréan und Hagen, zunächst stotternd und stockend die Ereignisse am Hafen zu erzählen. Während Hagen versuchte seine Haut zu retten, wechselte er sich immer wieder mit Doréan ab, welchem ebenso nur der Sinn danach stand, möglichst heil aus dieser Spelunke zu kommen. Je länger Lenan zuhörte, desto häufiger fiel derselbe Name. Raban. Der Auftrag sei schlecht vorbereitet gewesen. Das Schiff hätte längst leer sein sollen. Jemand habe die Wachen unterschätzt. Einer behauptete, Raban habe die Sache überstürzt. Ein anderer, dass sie den Auftrag hätten abbrechen sollen, als der Kapitän aufgetaucht war aber Raban es dennoch zu Ende bringen wollte. Schließlich hob Lenan die Hand. »Genug.« Ruhe kehrte ein und die beiden wechselten untereinander und auch mit Lenan immer wieder unsichere Blicke. »Ich bin nicht blind. Raban war, schwierig. Das wissen wir alle.« Hier und da raunte einer der Männer. Doréan glaubte sogar ein verhaltenes, unterdrücktes Lachen vernommen zu haben. »Doch er war immer zuverlässig.« Lenan hielt inne und sein Blick suchte Hagen aber blieb schließlich an Doréan haften. »Bis zu jenem Tag.«, murmelte Lenan doch seine Stimme war so leise, dass sie kaum jemand vernommen hatte. Sein Mundwinkel zuckte, einen Moment, voller Grimm. Dann hob er wieder den Kopf und sah die beiden herausfordernd an. »Ihr wart dort.« Es war keine Frage und er erwartete auch keine Antwort darauf. Dennoch nickten die beiden beinahe im gleichen Takt, als ob sie es einstudiert hätten. Lenan winkte mit den Fingern seiner ausgestreckten Hand, um ihnen zu bedeuten, mehr zu erzählen. »Alle Einzelheiten.« Doréans Blick huschte verstohlen zum Bluthund und den anderen hohen Tieren der Sanra'Jena. Da schnalzte Lenan mit der Zunge und richtete seinen Zeigefinger und Mittelfinger auf seine Augen. »Hierher. Die da, sind nicht da. Beachte sie nicht.« Doréan nickte aber überließ Hagen zunächst das Wort. Der begann beim Auftrag. Eigentlich eine einfache Sache. Rein, erledigen, wieder raus. Raban sei schon vorher schlechter Laune gewesen, aber das sei bei ihm ja in letzter Zeit nichts Ungewöhnliches gewesen.

Doch dann war der Kapitän aufgetaucht. Und alles war aus dem Ruder gelaufen. »Der blöde Hundsfott war auf einmal da. Wie aus dem Nichts!«, warf Doréan ein. »Raban hat gesagt, er is nich' da. Und dass wir ihm nur einen Denkzettel verpassen sollen.«, murmelte Doréan daraufhin noch kleinlaut. Lenans Augen wanderten zu ihm und Doréan verstummte wieder. »Und der Kapitän?« Hagen hielt inne und sein Blick huschte kurz zu Doréan, welcher aber nur auf Lenan starrte, als ob er nicht wagen würde den Blick abzuwenden. Lenan seufzte. »Der verdammte Pott hat lichterloh gebrannt. Der halbe Hafen stand in Flammen. Raban ist…weiß der Teufel wo…ihr beide hier. Aber was ist mit dem Kapitän?« Erneut wechselten Doréan und Hagen einen kurzen Blick, der Lenan nicht unbemerkt blieb. »Bei den Fischen.«, murmelte Doréan daraufhin leise und Lenan starrte ihn nur mit einem kalten Blick an. »Tot?« Hagen und Doréan nickten, doch antworteten sie nicht darauf. Lenan knirschte mit den Zähnen und fuhr sich durch das Haar, welches ihm ins Gesicht gefallen war. Nun mussten sie den Rest erzählen.

Den Streit. Das Durcheinander. Wie aus einem Auftrag, der schon längst hätte abgebrochen werden müssen, endgültig ein Desaster geworden war. Jeder Satz führte wieder zu demselben Mann. Raban hatte den Kapitän getötet. Raban hatte Opium geraucht. Raban hatte das Feuer entfacht. Egal was man die beiden auch fragte, am Ende lautete die Antwort Raban. »Natürlich. Raban. Raban. Wie praktisch.«, brummte Lenan ungehalten. Lenan strich sich langsam über die Bartstoppeln. »Das Feuer, der Kapitän, der ganze verdammt Hafen. Die beschissene Stadtwache.«  Er zählte die Punkte beinahe beiläufig an den Fingern ab. »Alles Raban.« Sein Blick wanderte zwischen Hagen und Doréan hin und her. »Und, wie es der Zufall so will. Raban ist nicht hier.« Doréan spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Als ob man der Geschichte zweier Laufburschen nicht glauben mochte, nur weil sie einen Ranghöheren bezichtigten an allem Schuld zu sein. »Aber, so war es«, sagte Hagen vorsichtig, doch Lenan schnitt ihm unwirsch das Wort ab. »Habe ich danach gefragt?«, blaffte Lenan ungehalten und Hagen biss sich sogleich so fest die Lippen zusammen, dass sie bald schon fahl und blutleer wurden. Lenan sah zu Doréan. Je länger er ihn anstarrte, desto unruhiger und verlegener wurde Doréan. Doch er hielt den Blicken stand, auch wenn er sich dabei windete wie ein Aal. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Lenans Gesicht. »Stimmt das, was der da sagt?« Er deutete auf Hagen. Doréan nickte. »Jedes Wort, Boss.« Lenan schwieg einen Moment. Doch immer wieder huschten seine Blicke über Doréan, bis er schließlich mit der Stirn runzelte. Erst jetzt schien ihm die dunkle, verkrustete Stelle an Doréans Kopf wirklich aufzufallen. Er hob seine Hand und wischte die Haare beiseite, welche die Wunde halb verborgen gehalten hatten. Doréan hob unwillkürlich den Kopf. »Lass mich raten.«, murmelte Lenan. »Auch Raban?« Er grinste breit und in der Menge begannen einige Männer zu husten und belustigt zu grummeln. Doréans Blick wurde ernster und fast trotzig hielt er Lenans Blicken stand. Er nickte. Ernst und mit einem finsteren Funkeln in den Augen. »Der verdammte Hundsfott. Wollte mich zu den Fischen schicken.«, fluchte Doréan ungehalten, als ihm klar wurde, dass keiner den Worten der beiden so recht glauben wollte. Doréan verschränkte grimmig die Arme vor der Brust. »Und dann ist er abgehauen.«, fügte Hagen kleinlaut hinzu. Lenan musste die Wunde nicht lange betrachten. Die Haare ringsum waren noch verklebt, die Haut geschwollen. Kein kleiner Rempler. Kein Faustschlag, den man nach einer Schlägerei eben mit nach Hause nahm. Aber es war merklich stiller im Raum geworden. Lenan sah Hagen an. »Du bezeugst das?« Er deutete auf Doréans Stirn und dieser nickte. Lenan schnalzte mit der Zunge. »Bezeugen, nicht mit deinem hohlen Kopf wackeln!«, herrschte er und Hagen schluckte. »Ich habs mit eigenen Augen gesehen, Boss.« Daraufhin schwieg Lenan und die Männer begannen zu tuscheln. »Ihr beide bürgt füreinander?«, erkundigte sich Lenan nochmals, als ob seine Worte eine fingierte Falle wären, der sie nun nicht mehr entrinnen konnten. Doréan und Hagen warfen sich flüchtige, unsichere Blicke zu. Doch schließlich hoben sie beide den Blick zu Lenan und nickten. »Wir schwören es.« Hagen hielt seinem Blick stand, wenngleich längst nicht mehr mit jener Selbstverständlichkeit, mit der er Doréan sonst widersprach.

Lenan seufzte schließlich. »Ihr bestätigt euch gegenseitig. Und der Mann, der das Gegenteil behaupten könnte, ist verschwunden.« Lenan kratzte sich am Hinterkopf und kehrte dann den beiden den Rücken zu. »Wenn das, was ihr da sagt, wahr ist…« Er brachte den Satz nicht zu Ende. Jeder Anwesende im Raum wusste, was das bedeutete. »Aber wenn ihr lügt, habe ich allerdings zwei Männer vor mir, die eigentlich bei den Fischen schlafen sollten.« Er schwieg und sah sie mit einem finsteren Blick an. »Aber. Raban hat eine Vergangenheit. Daher glaube ich euch...« Doréans wild schlagendes Herz machte einen kurzen Sprung. »Vorerst.« Und verspürte kurz darauf einen kleinen Stich. Dann warf er seine Blicke auf die anderen, die unter Rabans Fuchtel gestanden hatten. Bertram, und eine Handvoll Schläger. Sogar ein Kerl vom Hafen, den Doréan noch nie gesehen hatte. »Bis Raban gefunden ist, steht ihr unter Bewährung. Vielleicht sagt ihr die Wahrheit.« Sein Blick blieb einen Augenblick auf Doréan und Hagen liegen. »Vielleicht habt ihr mit Rabans Verfehlung nichts zu schaffen.« Damit sah er zu Bertram und den anderen. »Ich weiß es nicht. Und solange ich es nicht weiß, ist jeder Mann, der unter Raban gearbeitet hat, gebrandmarkt.« Bertram richtete sich auf. »Eh, Ich hab mit dem Scheiß der beiden Stümper nix am Hut!« beschwerte er sich doch Lenan warf ihm einen scharfen Blick zu. »Wer hat gesagt, dass du das Maul aufreißen darfst?«, zischte Lenan ungehalten.

Damit wandte er sich an die anderen Anwesenden. »Raban hatte zwölf Leute. Wer nimmt sie?« Niemand meldete sich und die Männer hüllten sich in reserviertes Schweigen. »Wer übernimmt Bertram?« Schweigen. Der Zuhälter wurde sichtbar steifer, denn nun hing er wirklich mit dem Kopf in einer Schlinge über dem drohenden Abgrund. »Die beiden Lümmel?« Einer der Männer schnalzte mit der Zunge, doch Lenan erhielt wieder keine Antwort. »Irgendeiner von seinen Leuten?«, fluchte Lenan ungehalten. »Die nimmt keiner.«, antwortete einer der Untergebenen schließlich. Ein zweiter grinste. »Die sind verdorben. Holst dir einen davon ins Haus und morgen fällt ihm ein, den Raban zu machen.« Ein paar Männer lachten und Lenans Kiefer spannte sich. Das Lachen erstarb.

Mit einem Mal entstand Unruhe vor der Tür. Zwei Männer kamen herein. Zwischen ihnen hing ein Dritter, den Doréan kannte. Einer von Rabans Leuten. Nicht gut genug, um seinen Namen sofort parat zu haben, aber gut genug, um zu wissen, dass er ihn öfters in Rabans Nähe gesehen hatte. Ihm fehlte ein Schuh und er wurde mehr hineingeschleift, als dass er selber ging. »Am Südkai erwischt«, sagte einer seiner Begleiter. »Wollte auf ein Schiff schleichen.« Lenan betrachtete ihn eingehend und trat an den Mann heran. »Weißt du wo Raban steckt?« Der Mann schüttelte den Kopf. »Und wohin sollte die Reise gehen?«, hakte Lenan daraufhin nach. »Scheißegal wohin“« platzte es aus dem Mann heraus. »Ich wollte nur weg von hier.« Das war offenbar die falsche Antwort, denn Lenans Fäuste knackten bedrohlich, was dem Mann sofort die Zunge lockerte. »Ich hab keine Ahnung wo Raban is.«, setzte er hastig nach. Lenan wandte den Kopf zum Bluthund und er nickte. Mehr brauchte es nicht. Der Bluthund nahm die Kette seines Tieres kürzer und trat vor. Nun begann der andere zu begreifen. »Boss. Ich schwörs!« Lenan schnippte nur mit den Fingern und legte dem Mann dann den Zeigefinger auf den Mund. »Du hast eine schlechte Entscheidung getroffen. Und jetzt trägst du dafür die Konsequenzen.« Der Bluthund packte ihn und zerrte ihn mit sich, während er hilflos mit dem Beinen strampelte und verzweifelt versuchte sich zu befreien. Doch da schnalzte der Bluthund und die Kette spannte sich, als der Hund sich vor dem Mann aufbaute und tief zu Knurren begann.

Dann fiel die Tür zu. Doréan sagte nichts und vermied jeglichen Blickkontakt zu irgendwem. Hagen erging es nicht anders. Vermutlich dachte ohnehin jeder im Raum dasselbe. Irgendwo im Hafen gab es genügend tiefes Wasser. Und irgendwann würde man im Wasser den zweiten Schuh herumdümpeln finden.

Lenan wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war. »Damit wir uns verstehen. Niemand verschwindet. Niemand wechselt die Seite. Niemand dreht krumme Dinger im Namen der Sanra'Jena. Niemand macht irgendeinen Scheiß!« Er hob drohend den Zeigefinger. »Ab heute steht jeder von Rabans Leuten unter Beobachtung. »Sein Blick wanderte zu Doréan, Hagen und all den anderen. »Das heißt auch, ihr arbeitet nicht.« Doréan runzelte die Stirn aber Bertram öffnete den Mund, doch der Protest wollte ihm einfach nicht über die Lippen kommen. »Deine verdammten Huren schon!«, herrschte Lenan. »Aber der Bluthund wird deinen Laden vorerst übernehmen, und herausfinden, wie viel Raban noch in dir oder deinem Stall steckt.« Damit wandte er sich wieder an die anderen. »Wer nicht arbeitet, verdient nichts“, fuhr Lenan fort und deutete auf jeden einzelnen Mann persönlich. »Das bleibt so, bis wir Raban haben oder ihr bewiesen habt, dass eure Treue nur den Sanra'Jena gehört und einer meiner Männer bereit ist, euch zu übernehmen.« Da ertönte wieder dieses dreckige Glucksen aus der Menge. »Vielleicht nehmen die Nedran'Ja sie.« Doch diesen Scherz fand Lenan überhaupt nicht lustig. Er donnerte die Faust auf den Tisch. »Keiner von uns geht zu den verschissenen Schwarzen. Verstanden? Vorher stopf ich jedem, der darüber auch nur nachdenkt, persönlich die Steine in den Rachen!« Diesmal lachte niemand mehr und Doréan biss sich sogar auf die Zunge. Unter anderen Umständen hätte er längst etwas erwidert. Doch selbst Doréans wusste, wann man besser die Klappe hielt. Und dies war einer solcher Momente.

Und so saß Doréan am Tisch des geborstenen Ankers und sah nachdenklich auf Aelia, welche soeben das alte Glas bewunderte. »Echtes Glas.«, murmelte sie erstaunt, als ob sie noch nie in ihrem Leben Glas gesehen hätte. »Und all die Lichter.« Sie strahlte förmlich, doch Doréan konnte nur an den verdammten Bluthund, den armen Tropf den er mit sich geschliffen hatte, und an Lenans grimmigen Blick denken.

Doréans Stimmung war düster und von Unheil geschwängert. Doch Aelia war das kleine Licht, welches etwas Sonne in sein Leben brachte. Er hob den Kopf und schenkte ihr ein verhaltenes Lächeln. Aelia berichtete über ihren Tag. Doch je mehr sie sprach, desto mehr wurde Doréan klar, dass die ganze Scheiße, in der sie gerade steckten deutlich tiefer ging, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. »Ich wollte uns den Abend nicht damit verderben.« Da lächelte Doréan. »Ach, mein Liebchen.«, murmelte Doréan. »Egal wie Scheiße der Tag auch war. Mit dir is er nie verdorben.« Er grinste breit, wohl auch um über seine eigenen Probleme etwas hinwegzutäuschen. Doch als sie dann schließlich von den seltsamen Ereignissen der letzten Tage erzählte, da dämmerte es Doréan so langsam. »Diese miese Hundsfut!«, zischte Doréan ungehalten. »Wegen sowas so'n Faß aufzumachen. Is die noch ganz dicht?« Dieser Hartwig war zäher als verschissener Teer. Und nun, da er wusste, dass das alles Madiahs Schuld war, da kroch die Wut in ihm wieder hoch. Beinahe dieselbe Wut, die er in sich gespürt hatte, als sie das vermaledeite Fass umgeworfen hatten. Als Aelia ihm dann aber erzählte, dass sie dieser Frau einen Stoß versetzt hatte, da grinste der Gossenfloh breit. »Du hast sie umgehauen?« Sie nickte stolz. »Sie is umgefallen wie ein nasser Sack.« Da gluckste Doréan vergnügt und die düstere Wolke über seinem Kopf begann sich wieder zu lichten. » Eigentlich müsste man es ihr richtig heimzahlen.« Doréans Augen begannen zu leuchten. »Unbedingt, mein Liebchen.« Er grinste schelmisch und nahm den Humpen zur Hand. Doréan grunzte und nahm einen Schluck. Eigentlich hatte er gehofft, der Schnaps würde irgendwann damit anfangen, seinen Zweck zu erfüllen. Bislang schmeckte er nur beschissen. »Uns fällt sicher was ein, wie wir dieses Fischfass nochmal übertreffen.« Aelia tippte sich daraufhin nachdenklich an die Unterlippe. »Was könnte man dieser blöden Kuh antun, worüber sie sich noch wochenlang ärgert?« Doréan nippte an seinem Bier und geriet ebenso ins Grübeln. »Das ist überhaupt das Einzige, bei dem Mahdia richtig empfindlich wird. Ihr verdammtes Geld.« Doréan nickte verstehend. Das traf wohl so ziemlich auf jeden im grauen Viertel zu. Selbst jene, die gar kein Geld hatten. Doch hallten auch schon wieder Lenans Worte durch seinen Kopf. Keine krummen Dinger. Er seufzte nachdenklich. »Aber bei ihr gibt’s halt nix zu holen. Sie hortet es nicht…Einmal pro Woche kommt ein Büttel, der das Geld abholt und zum Bankhaus in Steinward bringt.« Da hob Doréan den Kopf. »Bankhaus?«, hakte er nach. Doréan dachte unweigerlich an seine beklemmende Situation. Er war aufs Abstellgleis gestellt worden. Er hatte keine Arbeit und in den nächsten Tagen saß er buchstäblich auf dem Trockenen. Wenn man Raban nicht schnell fand, würde daraus eine längere Durststrecke werden. Und er hatte jetzt schon kaum noch Geld in der Tasche. »In Steinward sagst du?« Aelia nickte, woraufhin Doréan ein diebischer Gedanke kam. Steinward. Das lag außerhalb des grauen Viertels. Keine krummen Dinger, im Namen der Sanra'Jena. Dort gab es nur ein Problem. Die Stadtwachen. Und dort gab es dutzende von denen. »Er hatte stets seine feste Route. Mehrere Schenken, wo er deren Einnahmen abgeholt und zur Verwahrung ins Bankhaus gebracht hat.« Nun hatte sie Doréan am Haken. Doch er ließ es sich nicht anmerken und nippte weiter an seinem Bier. Er wedelte nur mit der Hand, während sein Verstand bereits fieberhaft versuchte einen Plan zu schmieden. Aelia schwieg einen Moment und runzelte nachdenklich die Stirn, woraufhin Doréan sie fragend ansah. »Aber … sowas kann man doch nicht machen, oder?« Da lächelten sie beide. »Nein. Natürlich nich' mein Liebchen.« Er trank den letzten Schluck aus seinem Humpen und rutschte dann etwas näher an Aelia heran, um seine Stimme zu einem verschwörerischen Raunen zu dämpfen. Doréan deutete mit zwei Fingern auf sich selbst. »Vor dir sitzt ein vermeintlicher Verräter.« Aelia sah ihn daraufhin stirnrunzelnd an. Und da berichtete er ihr von Raban und Lenans neuem Erlass. »Mitgehangen, mitgefangen. Weil Raban den...« Doréan hielt kurz inne und grinste. »Raban gemacht hat.«, er gluckste bei diesem Wortspiel. »…sind wir jetzt alle unter Beobachtung.« Er seufzte theatralisch. »Aber wenigstens muss ich jetzt nie wieder für den verdammten Hundsfott arbeiten.« Doréan wusste, dass dies nur ein schwacher Trost war. Früher oder später würde ein neuer Mistkerl ihm wieder Befehle geben. Doch bis dahin war er zugleich ein Gefangener als auch unerwartet frei. Gefangen im grauen Viertel. Frei von Pflichten. »Ich bin seit heute arbeitslos.«, gestand er ihr kleinlaut. Aelia sah ihn daraufhin mit einem seltsamen Blick an. »Dieser Lenan. Der verbietet dir zu arbeiten?«, hakte Aelia nach und Doréan zuckte mit den Achseln. »Keine Arbeit. Keine krummen Dinger, Keinen Scheiß.« Doréan rang sich ein wenig überzeugendes Lächeln ab. »Das waren seine Worte, mein Liebchen.« Da runzelte Aelia die Stirn. Doréan dagegen nahm seinen Humpen und stellte mit einiger Enttäuschung fest, dass er leer war. »Kann ich mich ja schlecht davon ernähren, dass ich besonders hübsch bin, aber klauen is schließlich keine Arbeit, oder?.«, flachste er und zwinkerte schelmisch und stellte den leeren Humpen wieder ab. »Also ja. Sowas können wir doch nich' machen. Aber…« Er tippte verschwörerisch mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. »Scheiß der Hund drauf!« Er grinste breit. »Die beschissene Hundsfut wird sich in ein paar Tagen noch wünschen uns nie begegnet zu sein, mein Liebchen.« Immerhin hatte Doréan jetzt ja viel Zeit. Genügend Zeit einen geeigneten Ort zu finden um den Kerl zu beobachten. Genügend Zeit einen guten Plan zu schmieden. Und genügend Zeit diesem Büttel mal ein bisschen auf den Zahn zu fühlen.
#84
Ein halbes, verdammtes Loch ❖
rabe-den Kopf auf eine Hand gestützt, lehnte Aelia am Tisch und lauschte Doréans Worten. Als er ihr sagte, dass ein Tag mit ihr nie verdorben sei, huschte ein mattes Lächeln über ihr Gesicht. Ihr ging es mit ihm nicht anders. Selbst ein Tag wie dieser wurde erträglicher, sobald Doréan bei ihr war. Während seiner Erzählung hatte sich ihre Stirn jedoch zunehmend in Falten gelegt. Dass Lenan ausgerechnet Doréan für Rabans Verschwinden büßen ließ, erschien ihr reichlich ungerecht. Was seine Arbeit betraf, machte sie sich hingegen weit weniger Gedanken als er offenbar selbst. Schließlich hatte sie ihre Stelle im Roten Bullen, und Peer zahlte gutes Geld. Verhungern würden sie deswegen also gewiss nicht. „Und bis du wieder Arbeit hast, reicht mein Lohn auch für uns beide“, sagte Aelia, als wäre damit zumindest dieses Problem erledigt. Dass Doréan seine unverhoffte Freizeit nun ausgerechnet dazu nutzen wollte, Mahdia das Leben schwerzumachen, gefiel ihr schon erheblich besser. Bei seinem verschwörerischen Tippen auf die Tischplatte breitete sich langsam wieder ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. Bis eben war das Ganze kaum mehr gewesen als eine boshafte Spinnerei. Mahdia sollte sich ärgern. Ordentlich sogar. Am besten über etwas, das ihr noch eine ganze Weile sauer aufstieß. Dann war der Büttel ins Gespräch gekommen, seine feste Runde durch die Schenken und das Geld, das er einsammelte und nach Steinward brachte, und plötzlich saßen sie hier und redeten darüber, als wäre aus ihrer Spinnerei tatsächlich ein Vorhaben geworden. Aelias Grinsen hielt noch einen Augenblick. Dann glitt ihr Blick hinunter zu Doréans Händen. Sie kannte die Geschichte. Sie wusste, was man mit ihm gemacht hatte, nachdem er beim Stehlen erwischt worden war. Unter einem seiner Handschuhe fehlte noch immer der Finger, den man ihm dafür genommen hatte. Was eben noch nach einer herrlich niederträchtigen Möglichkeit geklungen hatte, Mahdia eins auszuwischen, bekam dadurch einen bitteren Beigeschmack. „Doréan …“ Sie zögerte und sah wieder zu ihm auf. „Du weißt schon, dass ich das mit Mahdia ernst gemeint hab. Ich würd der Kuh wirklich gern eins auswischen.“ Ihre Stirn legte sich erneut in Falten. Einen Fischbottich umzukippen und anschließend davonzulaufen war eine Sache gewesen. Einem Büttel aufzulauern, der mit den Einnahmen mehrerer Schenken unterwegs war, eine völlig andere. Wenn sie dabei erwischt wurden, bekamen sie vermutlich weit mehr als eine Tracht Prügel und einen gehörigen Anschiss. „Aber das hier ist schon was anderes.“ Ganz verwerfen wollte sie den Gedanken trotzdem nicht. Dafür hatte er sich bereits zu hartnäckig in ihrem Kopf festgesetzt, und dafür gefiel ihr die Vorstellung viel zu gut, Mahdia ausgerechnet dort zu treffen, wo es ihr wirklich wehtat. Nur war Aelia keine abgebrühte Gaunerin, die wusste, wie man einen Geldboten ausraubte und anschließend unbehelligt mit dessen Beutel verschwand. Bei dem Gedanken daran wurde ihr schon ein wenig mulmig. Sie rückte näher an Doréan heran und senkte die Stimme. „Wenn wir das wirklich machen …“ Allein die Worte ließen ihr Herz schneller schlagen. „Dann will ich vorher verdammt sicher sein, dass wir uns nicht erwischen lassen.“ Ihr Blick fiel noch einmal auf seine behandschuhte Hand. „Beim letzten Mal hast du einen Finger verloren.“ Sie sah wieder zu ihm auf. „Ich will nicht rausfinden, was sie beim zweiten Mal mit dir machen.“

Als sie die Schenke schließlich verließen, war es draußen längst dunkel geworden. Noch immer regnete es. Die kühle Nachtluft empfing Aelia nach der stickigen Wärme des Geborstenen Ankers beinahe unangenehm, und kaum war sie vor die Tür getreten, fröstelte sie. Sie löste das Schultertuch, das sie sich während der Arbeit aus praktischen Gründen wie eine Schürze vor die Röcke band, zog es über den Kopf und hakte sich bei Doréan unter. Gemeinsam schlugen sie den Weg vom Hafen zurück ins graue Viertel ein. Den Schlüssel zu Peers Quartieren trug Aelia in der Tasche. Eigentlich hätten sie dort schlafen können, doch der Rote Bulle lag beim Scherbentor, während sie sich gerade am entgegengesetzten Ende des Viertels befanden. Allein die Vorstellung, jetzt noch einmal quer durch das ganze graue Viertel zu laufen, war ihr zuwider. Sie war müde, ihre Füße taten ihr weh, und inzwischen war sie schlicht zu faul, auch nur einen Schritt weiter zu gehen als unbedingt nötig. Bertrams Stall lag näher. Sehr viel näher. Und damit war die Sache entschieden.

Sie gingen durch Straßen und Gassen, deren Verlauf Aelia inzwischen kannte, ohne an jeder Abzweigung überlegen zu müssen. Vor einigen Wochen hatte das graue Viertel noch wie ein einziges Gewirr aus schiefen Häusern, engen Durchgängen und krummen Straßen auf sie gewirkt, die sich irgendwo zwischen den Mauern verloren und an anderer Stelle unvermittelt wieder auftauchten. Seit sie Doréan kannte, hatte sie das Viertel jedoch auf eine ganz andere Weise kennengelernt. Auf ihren gemeinsamen Streifzügen hatte er ihr Schleichwege und Abkürzungen gezeigt, schmale Durchgänge, die sie allein vermutlich übersehen hätte, und Orte, von deren Existenz sie zuvor nicht einmal gewusst hatte. Der Regen fiel gleichmäßig und machte die ohnehin schlechten Straßen noch unangenehmer. Das Pflaster glänzte nass, Wasser rann von den Dächern, tropfte aus schiefen Rinnen und sammelte sich in den zahlreichen Vertiefungen der Gassen. Wo Pflastersteine fehlten, verwandelte sich der festgetretene Boden allmählich in Schlamm. Aelia achtete darauf, wohin sie trat. Ihre Schuhe hatten in den vergangenen Wochen schon genug mitgemacht, und auf einen nassen Fuß bis zu Bertrams Stall konnte sie gut verzichten. Über allem lag noch immer der Brandgeruch, der sich seit dem Feuer am Hafen im Viertel festgesetzt hatte. Dort unten am Wasser war er stärker gewesen, schwer und beißend zwischen den verkohlten Brettern und den durchnässten Überresten der niedergebrannten Hütten. Mit jedem Stück, das sie den Hafen hinter sich ließen, wurde er schwächer und vermischte sich wieder mit den vertrauteren Gerüchen des grauen Viertels. Nur wenn der Wind vom Wasser herüberwehte, brachte er den Geruch der nassen Asche wieder mit sich und damit die Erinnerung daran, wie der Hafen und die davorliegenden Gassen in der vergangenen Nacht ausgesehen hatten. Doch Aelia hatte für heute genug von allem. Mahdia interessierte sie in diesem Augenblick einen feuchten Dreck. Hartwig und der zweite Mann ebenso. Raban durfte ihretwegen bleiben, wo immer er sich verkrochen hatte, und Lenans Verbot hatte für diese Nacht auch keine nennenswerte Auswirkungen mehr und der Büttel und das Geld, das er einmal in der Woche nach Steinward trug, rückten mit jedem Schritt weiter in den Hintergrund. Was am Tisch in der Schenke noch gefährlich nahe daran gewesen war, ein wirklicher Plan zu werden, durfte bis morgen wieder eine bescheuerte Idee sein, auf die zwei junge Leute nach einem langen Tag und ein paar Bechern gekommen waren. Morgen würde sie sich früh genug fragen können, ob sie tatsächlich vollkommen den Verstand verloren hatten. Heute wollte sie nur noch ins Bett. Je näher sie Bertrams Stall kamen, desto schwerer wurden ihre Beine. Die Müdigkeit, die sie im Laufe des Abends mit Essen, Malzbier, schließlich doch noch Schnaps und Doréans Gesellschaft einigermaßen vertrieben hatte, kehrte mit aller Macht zurück. Der ganze Tag steckte ihr in den Knochen. Seit dem Morgen war sie auf den Beinen gewesen, hatte gearbeitet, war für Peer über den Markt gelaufen, hatte sich dort mit Mahdia angelegt und anschließend ihren Zorn im Roten Bullen weggearbeitet. Inzwischen freute sie sich nur noch darauf, mit Doréan unter die Decke zu kriechen, sich an ihn zu kuscheln und für eine Nacht lang nichts mehr von diesem beschissenen Tag wissen zu müssen. Dass das Bett ausgerechnet in Doréans winzigem Kabuff unter Bertrams Dach stand, störte sie in diesem Augenblick auch wenig. Seine Kammer war kaum mehr als ein Verschlag, in den man irgendwann ein Bett gezwängt hatte. Die Dachschräge fraß einen guten Teil des ohnehin knappen Raumes, Doréans wenige Habseligkeiten beanspruchten den Rest, und wenn zwei Menschen sich darin gleichzeitig bewegen wollten, kamen sie einander zwangsläufig in die Quere. Besonders ruhig war es dort ebenfalls selten. Bertrams Bordell lag schließlich nur eine Etage tiefer, und seine Mädchen gingen ihrer Arbeit keineswegs schweigend nach. Ob Aelia sich jemals daran gewöhnen würde? Doch nach allem, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hatte, brachten sie ein paar stöhnende Huren unter ihrem Bett jedenfalls nicht mehr um den Schlaf. Und ein trockenes Dach, eine Decke und Doréan neben sich genügten ihr. Als Bertrams Stall schließlich vor ihnen auftauchte, war Aelia froh, dass sie sich den Weg zum Scherbentor erspart hatte. Der Regen perlte vom Wolltuch, das inzwischen dunkel vor Nässe über ihrem Kopf lag. Nur einzelne Strähnen, die darunter hervorschauten, klebten ihr feucht im Gesicht, und an den Säumen ihrer Röcke klebte der Dreck der Gassen. Vor dem Stall blieb sie einen Moment stehen und blickte zum dunklen Dach hinauf. Da oben war das Bett. Endlich! Aelia freute sich inzwischen sogar darauf, aus ihren feuchten Kleidern zu kommen. Das Wolltuch hatte den Regen erstaunlich gut abgehalten, doch ihre Röcke waren am Saum nass, ihre Schuhe dreckig und ihre Strümpfe an den Knöcheln feucht geworden. Sie wollte das Zeug nur noch loswerden, unter die Decke kriechen und in Doréans Arme sinken. 

Als sie den Hof betraten, wurde sie dennoch vorsichtiger. Es war beinahe Mitternacht, und eigentlich standen ihre Chancen gut. Der Regen fiel noch immer gleichmäßig auf Dächer und Pflaster, und bei Bertram herrschte reger Betrieb. Hinter einigen der erleuchteten Fenster bewegten sich Schatten, aus dem Haus drangen gedämpfte Stimmen, Gelächter und jene anderen Geräusche, die keinen Zweifel daran ließen, womit Bertrams Mädchen gerade ihr Geld verdienten. Wenn es einen günstigen Zeitpunkt gab, ungesehen die Treppe zu Doréans Dachkammer hinaufzuschlüpfen, dann wohl jetzt. Aelia und Doréan zogen förmlich die Köpfe ein wenig ein und setzten ihre Schritte möglichst leise. Nur noch über den Hof, die Treppe hinauf und durch die Tür. Bertram hatte um diese Uhrzeit hoffentlich Besseres zu tun, als darüber Buch zu führen, wer bei wem ins Bett kroch. Die ersten Stufen hatten sie bereits hinter sich. Dann erklangen hinter ihnen schwere Schritte. Aelia hielt inne. Ein angestrengtes Schnaufen kam näher, dann das schwere Stampfen von Schritten. Jemand stapfte durch den Hof. Und gleich darauf schallte eine Stimme an ihre Ohren, die Aelia inzwischen gut genug kannte, um sie unter hundert anderen herauszuhören. „He, du verlauster Bastard!“ Verdammt! Bertram kam ihnen hinterhergelaufen! Woher wusste er immer nur, wann jemand kam und ging? Als Aelia sich umwandte, sah sie ihn über den ungepflasterten Hof auf sie zukommen. Mit seinem schweren Leib kam er auf dem aufgeweichten Boden nur unbeholfen voran aber watschelte ihnen mit erstaunlichem Eifer hinterher. Mitten im Hof geriet einer seiner Füße ins Rutschen. Bertram ruderte mit den Armen, fing sich gerade noch und bedachte den aufgeweichten Boden mit einem deftigen Fluch. Schnaufend brachte er seinen schweren Leib wieder ins Gleichgewicht und stapfte anschließend mit umso grimmigerer Miene weiter auf die Treppe zu. Doréan machte keine Anstalten, Bertram auch nur die geringste Aufmerksamkeit oder ihm gar Gehör zu schenken, was dessen ohnehin schlechte Laune nur weiter anheizte. „Bringst dein Luder also schon wieder mit!“ Aelia drehte sich mit wenig Begeisterung zu ihm um. Bertram blieb einige Stufen unter ihnen stehen. Seine Tunika spannte sich über dem mächtigen Bauch, und der Regen hatte das schüttere Haar durcheinandergebracht, das er gewöhnlich sorgfältig von hinten nach vorn über den Kopf kämmte. Offenbar störte ihn das selbst, denn er fuhr sich mit der Hand über den Schädel und wischte das Wasser heraus. Damit erreichte er allerdings das genaue Gegenteil dessen, was er vermutlich beabsichtigt hatte. Die wenigen langen Strähnen klebten ihm nun in dünnen Bahnen über der blanken Kopfhaut und ließen erst recht erkennen, wie wenig dort noch wuchs. „Die drei Tage sind rum“, stellte er fest. „Wenn die Kleine weiter bei dir pennt, zahlt sie.“ Aelia funkelte ihn an. Sie hatte beinahe vergessen, dass er diese Drohung tatsächlich ernst gemeint hatte. „Wieso soll ich denn Miete zahlen?“ Bertram sah sie an, als hätte sie gerade eine ausgesprochen dumme Frage gestellt. „Weil du hier pennst.“ „Ja, bei Doréan.“ „Eben.“ Aelia zog die Brauen zusammen. „Aber er zahlt doch schon für die Kammer.“ Bertram hielt ihr die offene Hand entgegen. Aelia starrte erst auf die Hand und dann wieder in sein Gesicht. „Die wird doch nicht größer, nur weil ich mit drin lieg.“ Bertram zog geräuschvoll die Nase hoch und spuckte einen großen Schleimbatzen in die nasse Dunkelheit. „Mir scheißegal, wie groß die is.“ „Aber genau danach vermietet man doch eine Kammer!“ Bertrams Hand blieb, wo sie war. Aelia konnte förmlich zusehen, wie sämtliche vernünftigen Einwände daran abprallten. „Außerdem sind die drei Tage noch gar nicht rum“, setzte sie nach. Jetzt verengten sich Bertrams Augen. „Ach was?“ „Nee.“ Aelia begann an den Fingern abzuzählen. „Ich hab von deinen drei Tagen gerade mal einen hier gepennt“, widersprach Aelia. „Die anderen beiden Nächte war ich überhaupt nicht da. Die kannst du mir doch nicht einfach mitrechnen.“ „Interessiert mich nich.“ Natürlich nicht. „Aber…“ „Halbes Loch.“ Jetzt war es Aelia, die ihn ansah, als hätte er den Verstand verloren. „Ein halber Darik?“ Bertram ließ die ausgestreckte Hand einmal auffordernd wippen. „Wenn du bei deinem Liebsten pennen willst.“ Aelias Mund verzog sich. Ein halber Darik. Dafür, dass sie sich mit Doréan in ein Kabuff quetschte, für das er ohnehin bereits Miete bezahlte, während sie im roten Bullen umsonst schlafen konnte. Bertram verlangte ernsthaft Geld dafür, dass im selben Bett ein zweiter Arsch lag? „Das ist verdammter Beschiss!“ „‘N halbes Loch...“ „Ich war zwei Nächte gar nicht da.“ „‘N halbes Loch...“ „Doréan bezahlt die Miete doch schon.“ „‘N halbes Loch... Und wenn du mir jetzt weiterhin auf den Senkel gehst, dann verlang ich ein ganzes Loch…“ Aelia presste die Lippen aufeinander. Bertram stand vor ihnen wie ein besonders fettes, schlecht gelauntes Schwein und hielt unbeirrt die Hand auf. Der Regen lief ihm über die Stirn. Noch einmal strich er sich über das schüttere Haar und klebte sich damit die wenigen Strähnen endgültig auf die blanke Platte. Für einen kurzen Augenblick hoffte Aelia gehässig, dass ihm der Rest seiner Haare auch noch ausfiel. Am besten sofort auf der Stelle und in dem Moment! Und sie wünschte ihm, dass er sich nachts den Zeh am Bettpfosten stieß, fluchend dabei herumhüpfte und mit dem anderen Fuß gleich noch in seinen vollgepissten und vollgeschissenen Nachttopf trat! Dann griff sie mit finsterem Blick in den Ausschnitt ihres Kleides und zog den kleinen Geldbeutel hervor, den sie zwischen ihren Brüsten verwahrte. Sie löste die Schnur und begann darin nach den passenden Münzen zu kramen. Ein halbes Loch. Ein Tageslohn im roten Bullen. Es tat ihr beinahe körperlich weh. Sie zählte Bertram die Münzen in die ausgestreckte Hand, eine nach der anderen und derart langsam, dass wenigstens er ebenfalls noch eine Weile im Regen stehen musste. „Da“, knurrte sie schließlich. Kaum waren die Münzen aus ihren Fingern verschwunden, zog sie den Geldbeutel wieder an sich und ließ ihn wieder zwischen ihren Brüsten verschwinden. Ihren schönen Lohn aus dem Roten Bullen hätte sie, wenn sie das gewusst hätte, anders ausgegeben. Und wenn sie jetzt nicht wenigstens noch etliche Nächte in dieser Drecksbude nächtigte, dann war das ganze sauer verdiente Geld auch noch umsonst ausgegeben! Bertram war ihr auf Anhieb noch unsympathischer geworden. Als er sich schließlich umwandte, ein vergnügtes Liedchen auf den Lippen pfeifend, den Rückweg antrat, wünschte Aelia ihm, dass er am Rückweg doch noch im Matsch ausrutschte und sich der Länge nach hineinlegte.
#85
Im Rattenkäfig ❖
rabe-doréan hob geistesabwesend die Hand und betrachtete den ledernen Handschuh, welcher diese verbarg. Er hob sie ein wenig über die schwache Flamme des Talglichtes und begann sie hin und her zu drehen. Aelias Bedenken hatten ihn ein wenig in seinem Tatendrang gedämpft. Der lose Finger, welcher verdächtig hin und her schwankte brachte ihn schließlich zum Seufzen. »Du hast natürlich recht, mein Liebchen.«, murmelte er und legte dann die Hand zurück auf den Tisch. »Aber willst du diese Hundsfut einfach ungeschoren davonkommen lassen?«, hakte er neugierig nach und legte dabei den Kopf leicht zur Seite und lächelte dreist und herausfordernd. »Ich will nicht rausfinden, was sie beim zweiten Mal mit dir machen.« Da zuckte Doréan mit den Schultern. »Damals war es etwas anders.«, murmelte Doréan doch Aelias Einwand war nicht von der Hand zu weisen. Das wusste selbst Doréan. Er kratzte sich am Hinterkopf. »Mir fällt schon was ein, mein Liebchen.« Da lächelte er matt und den Rest des Abends sprachen sie nicht mehr über das leidige Thema.

Später saß Doréan auf der Kante seines spärlichen Bettes und starrte missmutig zum Fenster hinüber. Viel zu sehen gab es dort allerdings nicht. Die kleinen, vergilbten Scheiben waren derart blind vor Schmutz und Alter, dass selbst am Tage kaum mehr als ein fahler Schimmer durch sie hindurchdrang. Was sich dahinter befand, konnte Doréan höchstens erahnen. Doch er starrte auch mehr einfach nur ins Nichts und das Fenster befand sich zufällig in derselben Richtung. Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Kinn in die Hände gelegt. Bertram hatte Aelia tatsächlich noch die letzten Münzen aus der Tasche gezogen. Ein Zins für ein Rattenloch wie dieses. Da war selbst eine Handvoll Nägel eine Unverschämtheit. Ganz zu schweigen von Scherben oder einem halben Loch! Doréan knabberte nachdenklich an seinen Fingernägeln und biss sich dabei immer wieder genervt auf die Unterlippe. Er suchte nach einem Ausweg doch so sehr er sich auch anstrengte, ihm wollte keiner einfallen. Er lebte schon so lange an diesem Ort, dass er fast wie ein Gefangener an diesem Ort lebte, der sich an sein Gefängnis gewöhnt hatte. Erst seit er Aelia kennengelernt hatte, war ihm wieder klar geworden, dass es andere, schönere Orte im grauen Viertel gab als diese schäbige, heruntergekommene Hurenabsteige.

Madiah konnten sie vorerst vergessen. Aelia hatte recht gehabt. Wenn sie dabei an die Stadtwache gerieten, könnte es ihn Kopf und Kragen kosten. Doréan war wenig erpicht darauf herauszufinden, was die Bastarde ihm diesmal abschnitten. Noch dazu hatte Lenan ihm unmissverständlich klargemacht, dass er die Finger stillhalten sollte. »Keine Krummen Dinger.«, spukten Lenans mahnende Worte förmlich durch den Raum, als ob der große Boss höchstselbst hinter einer alten Bretterwände stand und sie unablässig zwischen den Ritzen hindurch flüsterte. Allein bei dem Gedanken wurde Doréan ein wenig mulmig zumute. Er stand unter Beobachtung. Genauso wie Hagen, Bertram und ein halbes dutzend Schläger, die alle einst unter Raban gestanden hatten. Und doch saß er hier und dachte darüber nach, wie er Lenans Befehl ein Schnippchen schlagen konnte. Die Regeln waren schließlich nicht in Stein gemeißelt worden. Doréan verzog das Gesicht. Allein der Gedanke an Raban und dass er nun seinetwegen an die kurze Leine gelegt worden war, trübte seine ohnehin schon miese Stimmung. Dabei hatte Doréan noch gar nicht daran gedacht, dass Raban sogar versucht hatte ihn zu den verdammten Fischen zu schicken.

Er ließ sich nach hinten gegen die Bretterwand sinken, stützte sich mit beiden Händen auf dem Laken ab, so dass das Stroh unter seinem Gewicht etwas nachgab. Er seufzte und starrte weiter auf das trübe Fenster. Das Stroh raschelte verdrießlich und als Aelia sich dann noch an Doréan anlehnte, sank er noch etwas tiefer in das Bett hinein. Irgendwo musste Geld herkommen. Bertram würde bestimmt nicht plötzlich sein Herz entdecken und Aelia die Münzen zurückgeben Bevor Bertram auch nur eine schäbige Münze zurückgab, fror noch eher die verdammte Hölle zu. Lenan hatte ihm die Daumenschrauben angelegt. In nächster Zeit saß er buchstäblich auf dem Trockenen. Kein Geld. Das war jetzt nicht unbedingt etwas Neues für Doréan. Aber nun traf es nicht nur ihn allein, sondern auch Aelia. Und dabei hatte Doréan schon angefangen Geld auf die Seite zu legen, um mit ihr endlich in eine bessere Gegend übersiedeln zu können. So schnell konnte sich das Blatt wenden, wenn das grausame Schicksal witterte, dass man versuchte den Weg, den es vorgesehen hatte, zu verlassen. Doréan verzog mürrisch den Mund. So einfach wollte er sich nicht geschlagen geben. Und tagelang Kohlesäcke schleppen, für ein paar Kröten, Nägel und Scherben, kam Doréan ebenfalls nicht sonderlich verlockend vor.

Sein Blick blieb an dem vergilbten Fenster hängen und dann blinzelte er. Langsam richtete Doréan sich wieder auf. Lenan hatte ihm verboten, im Grauen Viertel irgendwelche krummen Dinger zu drehen. Völlig egal ob in Lenans Gebiet oder auf der anderen Seite, bei den Schwarzen. Stunk mit denen könnte schließlich auch auf Lenans Leute zurückfallen. Doréan legte den Kopf ein wenig schief. Aber hinter diesem Fenster war irgendwann das Graue Viertel zu Ende. Man konnte den dunklen Schatten der alten Mauer selbst durch das Fenster erahnen. Und hinter der Mauer…dort lag Steinward. Und der alte Friedhof. Wo das Graue Viertel aufhörte...Lenan hatte überall seine Augen und Ohren. Selbst die kleinste Straßenratte, der verlausteste Straßenbengel oder ein halb blinder, alter Starrer an einer Ecke. Doch drüben in Steinward? Ein breites Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.

Doréan sprang vom Bett auf und griff nach seinem Mantel. Für einen kurzen Augenblick hatte er sogar Raban und seinen Groll vergessen. »Wo willst du eigentlich hin?«, fragte Aelia neugierig, als Doréan seinen Mantel überwarf und nach der Tür griff. Er hielt kurz inne und sah über die Schulter zu ihr zurück. Ein verschmitztes Grinsen huschte über sein Gesicht. »Wirst schon sehen, mein Liebchen.« Mehr wollte er ihr vorerst nicht verraten. Er hatte schließlich einen Plan und je länger Doréan darüber nachdachte, desto besser gefiel er ihm. Lenan hatte ihm verboten im Grauen Viertel irgendwelche krummen Dinger zu drehen. Das war deutlich genug gewesen. Aber vom Rest der Stadt hatte er nichts gesagt. Doch dafür musste er zuerst einmal herausfinden, wo dieser verdammte Büttel das Geld überhaupt hinbrachte. Mit diesem Gedanken öffnete Doréan die Tür und trat hinaus. Aelia folgte ihm dicht auf den Fersen bis hinunter auf den Hof. Dort angekommen wäre Doréan aber beinahe noch im selben Augenblick wieder rückwärts in sie hineingelaufen. Keine fünf Schritte entfernt stand der Bluthund und neben ihm dieser verdammte, gewaltige Köter, dessen Anblick allein genügte, um Doréans eben noch so gute Laune gründlich zu verderben. »Verdammt, den Hundsfott hab' ich ganz vergessen.«, maulte Doréan. Der Hund lag halb auf seinen Vorderpfoten und ein dicker, klebriger Faden hing ihm von den Lefzen, doch er hob nur müde seine Augen ohne dabei den Kopf zu bewegen. Das Tier hatte einen breiten Schädel und ein ungewöhnlich glänzendes Fell, als ob sein Besitzer ihn jeden Tag striegeln würde. Doréan hatte keine Ahnung, was für eine Rasse es war und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Er machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite und versuchte Aelia ein wenig hinter sich zu schieben. Der Köter hob daraufhin den Kopf aber sah Doréan mit einem anteilnahmslosen Blick an. Als ob Doréan nicht einmal als klappriger Knochen taugen würde. Doch nicht nur der Hund hatte sie bemerkt. Der großgewachsene Mann, der nicht weit von dem Hund stand, hob den Kopf und starrte unvermittelt in die Gesichter der beiden Gossenkinder.

Sein Blick wanderte an Doréan vorbei und blieb auf Aelia liegen. Seine Blicke wanderten über Aelia. Von den Schuhen bis hinauf zum Scheitel. An einigen Stellen dazwischen verharrte er länger als an anderen. Der Bluthund sah sie nicht anders an als alles andere, was ihm über den Weg lief und doch schien es als ob er Aelia gerade auf den Prüfstein gelegt hätte. Dennoch lag etwas in diesem Blick, das Doréan nicht gefiel. Der Bluthund verzog einen Mundwinkel zu einem schiefen grinsen. »Na sieh mal einer an.«, stellte er schließlich fest und musterte Aelia noch einmal. »Bertram hat ja doch ein paar Perlen in seinem Stall. Hab mich schon gewundert, wie diese Absteige überhaupt Geld abwirft, bei all den Schabracken, die sich hier in den Ecken trollen.«

Aelia brauchte einen Augenblick, ehe seine Worte in ihr Bewusstsein eingedrungen waren. Doch dann traf sie die Erkenntnis, als ob eine Schindel von Bertrams schäbigen Dach genau vor ihren Füßen auf die alte Pflastersteine gefallen wäre. Der zerschellende Knall hallte buchstäblich durch die Luft, als sie scharf und entrüstet die Luft zwischen den Lippen einsog. »Ich bin sicher keine von Bertrams heruntergekommenen Perlen!« Der Bluthund schnaubte und warf dann Doréan einen kurzen Blick zu. »Ach. Und frech ist sie auch noch?« Er grinste breit. »Ich mag Frauen mit Feuer.« Da wurde es Doréan zu bunt. Er stellte sich demonstrativ vor Aelia, wobei er tunlichst vermied auch nur in die Richtung des vermaledeiten, unheimlichen Köters zu blicken um diesen nicht gar noch zu mehr als einer aphasischen Regung zu animieren. »Sie ist keine Hure.« Der Bluthund sah ihn an als ob er Doréan heute zum ersten Mal sah. Er runzelte sogar kurz die Stirn, als versuchte er sich daran zu erinnern, wo er Doréan schon einmal gesehen hatte. Sein Blick war durchbohrend und streng. Doch dann lichtete sich die Dunkelheit in seinen Iriden und eine tiefe Furche grub sich in die Haut um seine Augenwinkel. »Ah, der Welpe.« Er schnalzte mit der Zunge und stieß sich von der Wand ab, während der Hund sich zu regen begann. Das verdammte Schnalzen. Der Hund hatte sich aufgerichtet und seine Ruhe hatte sich zu etwas anderem gewandelt. Etwas Dunklem und Bedrohlichen. Doréan schluckte doch hielt dem bohrenden Blick des Mannes trotzig stand ohne dem Hund auch nur eines Blickes zu würdigen. »Sie ist meine Freundin«, fügte Doréan hinzu und schob sich noch ein wenig weiter vor Aelia. »Und der Letzte, der sich an ihr vergriffen hatte, dem hat Lenan die Hand gebrochen.« Da lachte der Bluthund dreckig. »Ach is das so.« Er legte den Kopf zur Seite und sah an Doréan vorbei auf Aelia, als ob er aus Glas bestünde. »Ich habe davon gehört.«, murmelte der Bluthund schließlich. »Aber.« Er dämpfte seine Stimme. »Ich bin nicht der verdammte Raban.« Er hob einen drohenden Finger und deutete dann auf Doréan, bevor er sich seinem Hund zuwandte und begann diesen hinterm Ohr zu kraulen. Damit schien die Angelegenheit für den Bluthund bereits geklärt zu sein. Er wandte sich von ihnen ab und ging auf die Tür zu. Sein Hund setzte sich ebenso wortlos in Bewegung während seine Anspannung buchstäblich von ihm anfiel, wie Staub von einer alten Decke die man gerade ausgeschüttelt hatte. Doréan hingegen spürte Aelias Blick in seinem Rücken und konnte sich lebhaft vorstellen, welches Gesicht sie gerade machte. In den letzten Tagen schien wirklich jeder in dieser verdammten Stadt zu glauben, sie wäre eine Dirne.

Der Bluthund stapfte unterdessen bereits durch den Stall, als ob der alte Schuppen ihm gehören würde. Bertram hatte sich hinter einem der Verschläge hervorgeschoben und blieb mit finsterer Miene mitten im Gang stehen. Er sah erst den Bluthund und dann den gewaltigen Köter an, der sich schnaufend neben seinem Herrn niedergelassen hatte. »Warum ist die Töle hier?«, brummte er schließlich und deutete auf das Anhängsel des Bluthunds. Die Frage klang weniger freundlich als vernünftig gewesen wäre, doch Bertram war auch in einer anderen Lage als Doréan. Er hatte einen Ruf, der nun, durch Rabans Verschwinden auf Messers Schneide stand. Schließlich hatte schon für Raban den Stall geführt, als Doréan noch damit beschäftigt gewesen war am Busen seiner Mutter zu nuckeln. Ein wenig Rückgrat hatte der alte Fettsack also durchaus, auch wenn davon nicht viel zu sehen war. Nur half ihm das im Augenblick wenig. Seit Raban sich aus dem Staub gemacht hatte, standen seine Leute unter Beobachtung und Lenan hatte den Bluthund höchstpersönlich damit beauftragt, dafür zu sorgen, dass hier alles weiterlief. Der Bluthund verschränkte die Arme vor der Brust und sah Bertram mit einem herausfordernden Blick an. »Du weißt warum ich hier bin. Nach dem Rechten sehen.« Er tätschelte den Kopf des Hundes und lächelte schief. »Und er ist mein Schatten.«, antwortete der Bluthund und sah sich gelangweilt um. »Deine Töle verschreckt meine Kunden.«, brummte Bertram, woraufhin der Bluthund dreckig grinste. »Ich glaube deine Dirnen schaffen das auch ohne meinem Hund.« Er gluckste unverhohlen und Bertram verzog mürrisch den Mund. Indes wanderten die Blicke des Bluthunds über die alten Verschläge, die schäbigen Vorhänge und blieb kurz an einer der Frauen hängen, die neugierig aus einer halb geöffneten Tür spähte. »Lenan hat befohlen, dass der Laden laufen soll.« »Der Laden läuft.« Bertram verschränkte die Arme vor seinem dicken Bauch und zog einen widerspenstigen Batzen die Nase hoch. »Dafür brauchen wir weder dich noch deine Töle.« Da nickte der Bluthund und verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. »Für die nächsten Tage bin ich dein Boss. Raban hat hier einiges schleifen lassen, wie es aussieht.« Bertram verzog eine mürrische Grimasse, woraufhin der Bluthund einen Schritt auf Bertram zuging. »Ich sehe hier nur eine fette Made im Speck.« Damit tippte er Bertram direkt in den dicken Bauch, was der Zuhälter mit einer empörten Grimasse quittierte. »Hättest du mehr von ihrer Sorte…«, dabei deutete er in Aelias Richtung und seufzte dann. »Doch lass uns nicht den Teufel an die Wand malen, nicht wahr? Wir wollen doch nicht, dass Lenan deinen Laden dicht macht, wenn ich mit dir fertig bin.« Der linke Mundwinkel des Bluthunds zuckte kurz. »Nenn meinen Hund noch einmal Töle.« Er tippte Bertram erneut auf den dicken Bauch. »Und ich schneide mir einen dicken Streifen Speck aus dir für ihn heraus.«

Der Bluthund sah ihn an und Bertram erwiderte seinen Blick. Einen Augenblick lang geschah überhaupt nichts. Doréan war schweigend stehen geblieben, stets darauf bedacht keine Aufmerksamkeit zu erregen. Eigentlich hatte er mit Aelia längst verschwinden wollen, doch zu sehen wie Bertram vom Bluthund in seine Schranken verwiesen wurde, bereitete ihm eine stille, helle Schadenfreude. Bertram mochte ein fetter, geiziger Hurensohn sein, aber feige war er nicht. Zumindest meistens nicht. Jetzt sah Doréan allerdings, wie seine kleinen Augen immer wieder zu der abgegriffenen Ledermappe auf einem Tisch hinüberwanderten, was dem Bluthund auch nicht entging. Bertram trat unvermittelt einen Schritt zurück, zog die abgegriffenene Mappe vom Tisch und förderte zwei schmale Bücher daraus hervor. »Der verdammte Laden läuft. Schau selbst, wenn du sonst nichts zu tun hast.« Wortlos schlug der Bluthund das erste Buch auf und begann darin zu blättern. Doch nach jeder Seite begann er nur den Kopf zu schütteln, mit der Zunge zu schnalzen oder schwer zu seufzen. Bertram rührte sich nicht aber es gefiel ihm sichtlich nicht. Das konnte man ihm förmlich ansehen. Und wer Bertram kannte, der wusste, was diese verräterische, pochende Ader auf seiner speckigen Stirn zu bedeuten hatte. Er verzog den Mund und für einen Augenblick sah es tatsächlich so aus, als wollte er den Bluthund am liebsten sein Messer in den Hals stoßen. Doch der verdammte Hund. Er würde ihn vermutlich zerfleischen. Und so stand Bertram nur da, malmte mit den Zähnen und ließ die Schmach über sich ergehen. Er stand daneben, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt, und beobachtete jeden Finger des Mannes, der über seine Zahlen wanderte.

Doréan kannte diese Bücher. Natürlich hatte er noch nie einen Blick hineingeworfen. Da er nicht lesen konnte, hätte das auch keinen Sinn gemacht. Aber es gab Gerüchte. Unter den abgehalfterten Dirnen. Unter Rabans Leuten. Selbst unter manchen Straßenkindern, die für Bertram um ein paar Nägel arbeiteten. Meistens um seinen Dirnen Dinge zu beschaffen. Doch Doréan wusste, dass die Straßenratten auch auf andere Weise für Bertram arbeiteten. Auch wenn Bertram nicht so aussah, er war nicht dumm. Die Abgaben stimmten. Das mussten sie auch. Wenn am Ende des Mondes zu wenig in der Kasse lag, legte Bertram den fehlenden Betrag eben selbst hinein. Bertram würde eher seine eigene Mutter auf die Straße schicken um Geld heranzuschaffen, bevor er freiwillig auch nur einen Nagel verschenkte. Was er vorstreckte, holte er sich wieder. Von seinen Frauen, wenn ihre Einnahmen seiner Meinung nach zu niedrig gewesen waren. Von den kleinen Straßenbengeln, die für ihn über die Märkte stromerten. Von Doréan, Hagen oder jedem anderen armen Schwein, dem er irgendeine Schuld anhängen konnte. Und erst kürzlich von Aelia, als er ihr ein halbes Loch für die Miete in seinem Rattenloch abgepresst hatte.

Und dann gab es da noch eine andere Kleinigkeit. Bertram war sein eigener bester Kunde. Doréan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der alte Fettsack stieg regelmäßig zu seinen eigenen Huren ins Bett und dachte natürlich nicht im Traum daran, dafür etwas in seine eigene Kasse zu legen. Warum sollte er auch für etwas bezahlen, das ihm seiner Meinung nach ohnehin gehörte? Wenn dadurch am Ende ein paar Münzen fehlten, gab es genügend Möglichkeiten das Geld heranzuschaffen. Der Bluthund hielt mitten im Umblättern inne. Bertram hob den Blick und verengte die Augen zu zwei sehr schmalen Schlitzen. »Is was?«, brummte der Bluthund doch Bertram schüttelte nur den Kopf. »Nichts.« Der Bluthund fuhr mit dem Finger über eine Zeile und blätterte weiter. Doréan biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Er wusste nicht, ob der Bluthund wirklich etwas gefunden hatte. Dafür waren Bertrams Bücher zu sauber. Vermutlich waren sie auch einfach zu sauber. Bertram war nichts anderes als eine schlaue Ratte, die in einem Käfig eingesperrt worden war und gelernt hatte darin zu überleben, anstatt zu versuchen daraus zu entkommen. Aber irgendetwas schien dem Bluthund nicht zu gefallen.

Doréan zupfte an Aelias Ärmel. »Lass uns verschwinden mein Liebchen. Sobald der Hundsfott weg ist, wird der fette Arsch einen armen Teufel suchen, an dem er seinen Frust ablassen kann. Und dann sollten wir möglichst nich' mehr in seinem Dunstkreis sein.« Doréan hatte gerade den ersten Schritt Richtung des schmalen Durchgangs in der alten Mauer gemacht, als hinter ihm ein scharfes Schnippen erklang. Er blieb stehen und wandte sich langsam um. Der Bluthund hatte Bertrams Bücher beiseitegelegt und starrte unmittelbar in Doréans Richtung. Er deutete mit zwei Fingern auf Doréan und Aelia. »Welpe.« Sein Blick huschte zu Aelia hinüber und blieb einen Moment länger auf ihr haften, als auf Doréan selbst. »Und Anhang.« Doréan verzog das Gesicht. »Ich heiß' Doréan.« »Schön für dich.« Der Bluthund griff in seine Manteltasche und zog einen zerknitterten Fetzen Papier hervor. »Wenn du schon mal da bist, hab ich auch was für dich.« Er warf ihm den Zettel zu. Doréan fing ihn gerade noch auf und faltete ihn auseinander. Darauf standen nur wenige Worte. Doch Doréan konnte nicht lesen. Er starrte einen Moment lang angestrengt auf den Zettel, als ob er vorgeben würde den Inhalt zu lesen, doch der Bluthund durchschaute ihn. »Da steht nur ein verdammtes Wort!«  Der Bluthund seufzte und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Doréan blickte vom Zettel auf und ließ diesen dann achtlos fallen. »Geh zum Scherbentor. An der großen Gabelung ist ein Laden, Du kennst ihn vermutlich?« Der Bluthund machte eine kurze Pause, doch als Doréan ihm eine Antwort schuldig blieb, da seufzte er erneut. Er schnippte erneut mit den Fingern. »Er meint das Schindluder.«, brummte Bertram und der Bluthund klatschte zufrieden in die Hände. »Und was soll ich dort?« Da zuckte der Bluthund mit den Achseln. »Beobachten.« Die Antwort stellte Doréan nicht sonderlich zufrieden, was dem Bluthund nicht entging. »Aber worauf soll ich achten?« Da grinste der Bluthund. »Das wirst du schon merken.« Doréan verzog mürrisch den Mund. Das konnte alles und gar nichts heißen.
#86
Der aufmüpfige Anhang ❖
rabe-der Bluthund gefiel Aelia nicht. Nicht die Art, wie er sie angesehen hatte, und noch weniger dieses schiefe Grinsen, das dabei um seinen Mund gelegen hatte. Und sein Hund gefiel ihr erst recht nicht. Dieses Ungetüm war so groß, dass Aelia sich nicht einmal sicher war, ob man es überhaupt noch als Hund bezeichnen konnte. Sie jedenfalls hatte noch nie im Leben so ein riesiges Vieh gesehen und als es sich nach dem Schnalzen seines Herrn erhob, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Der breite Schädel, die schweren Lefzen und diese eigentümliche Ruhe machten ihn unheimlicher als irgendeinen kläffenden Straßenköter. Ein kläffender Hund verriet wenigstens, was in ihm vorging. Dieses gewaltige Monstrum dagegen lag einfach da und beobachtete sie mit einer Gleichgültigkeit, die Aelia beinahe noch unheimlicher fand. Zu Aelias Erleichterung verlor der Bluthund jedoch ebenso schnell wieder das Interesse an ihnen, wie er es gefasst hatte. Mit seinem Ungeheuer im Schlepptau verschwand er im Stall, und für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als wäre die unangenehme Begegnung damit überstanden. Umso größer war ihre Genugtuung, als sich kurz darauf herausstellte, dass der Bluthund offenbar nicht ihretwegen gekommen war. Sondern wegen Bertram. Aelia blieb neben Doréan stehen und sah zu, wie der Fettsack sich mit ihm anlegte. Aelia warf Doréan einen kurzen Blick zu, blieb aber stehen. Nach dem halben Darik, den Bertram ihr gerade erst abgeknöpft hatte, hielt sich ihr Mitleid in engen Grenzen, und als sie hörte, wie wenig erfreut er über den nächtlichen Besuch war, musste sie schadenfroh grinsen. Anfangs verstand sie nicht recht, was der Bluthund überhaupt von ihm wollte. Doch je länger die beiden Männer miteinander redeten, desto deutlicher wurde, dass er nicht zufällig in Bertrams Stall aufgetaucht war. Lenan hatte ihn hergeschickt. Er sollte nach dem Rechten sehen, solange Raban verschwunden war, und Bertram schien diese Aufsicht mit jedem gewechselten Wort weniger zu gefallen. Aelia hingegen fand zunehmend Gefallen daran. Sie blieb neben Doréan stehen und verfolgte den Wortwechsel mit wachsendem Interesse. Bertram hatte sich vor kaum einer halben Stunde noch vor ihnen aufgebaut und wegen der Miete und eines halben Dariks, den er dafür wollte, einen Aufstand gemacht. Nun stand ihm selbst jemand gegenüber, den er ganz offensichtlich nicht einfach herumkommandieren konnte. Als der Bluthund ihm mit dem Finger gegen den Bauch tippte und ihn eine fette Made im Speck nannte, musste Aelia die Lippen fest aufeinanderpressen, um nicht aufzulachen. Das geschah ihm recht. Noch besser wurde es, als Bertrams kleine Augen immer wieder zu der Ledermappe hinüberhuschten. Irgendetwas daran machte ihn nervös. Was in den beiden Büchern stand, konnte Aelia von ihrem Platz aus nicht erkennen. Es spielte auch keine große Rolle. Schon die Art, wie Bertram dastand und jede Bewegung des Bluthunds verfolgte, verriet ihr genug. Mit jeder Seite, die umgeschlagen wurde, grub sich der Missmut deutlicher in sein Gesicht. Seine Lippen bildeten bald nur noch einen schmalen Strich, der Kiefer mahlte, und schließlich begann jene Ader auf seiner speckigen Stirn zu pochen, die Aelia inzwischen nur zu gut kannte. Was auch immer der Bluthund dort vor sich hatte, Bertram gefiel es ganz und gar nicht. Aelia hingegen fand zunehmend Gefallen daran. Mit jeder Seite, die der Bluthund umblätterte, schien seine Laune beschissener zu werden. Sie hätte deshalb durchaus noch eine Weile bleiben können, doch Doréan hatte vermutlich recht. Sobald der Bluthund mit seinen Büchern fertig war und samt seinem Vieh wieder verschwand, würde Bertram jemanden brauchen, an dem er seine Wut auslassen konnte. Aelia hatte ihm heute bereits widerwillig einen halben Darik gegeben. Sie sah keinen Grund, ihm auch noch als Sündenbock für seine schlechte Laune zur Verfügung zu stehen. Als Doréan an ihrem Ärmel zupfte, setzte sie sich daher bereitwillig mit ihm in Bewegung. Weit kamen sie jedoch nicht. Das scharfe Schnippen hinter ihnen ließ Aelia herumfahren. Der Bluthund hatte die Bücher beiseitegelegt und deutete auf sie beide. Erst auf den „Welpen“, dann auf den „Anhang“. Aelias Augen verengten sich leicht. Anhang. Sie hasste diesen selbstgefälligen Kerl bereits von Anfang an, und das war mit jeder Minute die verstrichen war, nicht besser geworden. Doréan bekam einen zerknitterten Papierfetzen zugeworfen. Aelia beugte sich neugierig ein Stück zu ihm hinüber und betrachtete die wenigen schwarzen Zeichen darauf. Sie erkannte keines davon. Wo ein anderer vielleicht ein Wort gesehen hätte, sah sie nur ein paar dunkle Striche, geschwungene Linien und Haken, die ihr nichts sagten. Dass der Bluthund gleich darauf ungehalten verkündete, es stehe nur ein verdammtes Wort darauf, machte die Sache für sie auch nicht verständlicher. Ein Wort oder zwanzig. Doréan konnte es ebenso wenig lesen wie sie und sie warf dem Bluthund einen heimlichen finsteren Blick zu. Aelia hörte schweigend zu, während der Bluthund Doréan erklärte, wohin er ihn schicken wollte. Mit dem Scherbentor konnte sie selbstverständlich etwas anfangen. Dort verbrachte sie inzwischen mehr Stunden, als ihr lieb war. Welchen Laden an der großen Gabelung er meinte, wusste sie allerdings erst, als Bertram sich einmischte. Das Schindluder.

Kaum war der Name gefallen, verzog Aelia unwillkürlich den Mund. Ausgerechnet das Schindluder. Der Laden lag ganz in der Nähe des Roten Bullen. Sie kamen gerade erst vom Scherbentor. Von dort waren sie durch das halbe graue Viertel bis hinunter zum Hafen gelaufen und anschließend wieder bis zu Bertrams Stall zurück. Inzwischen war es spät, ihre Beine waren schwer, und draußen fiel noch immer der Regen, der ihnen schon auf dem Heimweg die Röcke und Schuhe eingesaut hatte. Sie hatte sich eigentlich darauf gefreut, endlich mit Doréan ins Bett zu kriechen und bis morgen früh keinen Schritt mehr vor die Tür setzen zu müssen. Und nun sollten sie den ganzen Weg wieder zurück. „Muss das ausgerechnet noch heute sein?“, mischte sie sich schließlich ein. Kaum waren die Worte heraus, wanderte ihr Blick zu dem gewaltigen Hund hinüber. Das Tier saß noch immer neben seinem Herrn, und allein sein Anblick sorgte dafür, dass Aelia den Unmut, der ihr bereits auf der Zunge lag, ein wenig hinunterschluckte. Ganz verkneifen konnte sie ihn sich allerdings nicht. „Wir kommen gerade erst vom Scherbentor“, fügte sie hinzu und hob eine Hand mit der Fläche nach oben, um zu demonstrieren, dass es immer noch regnete. Feine Regentropfen fielen auf ihre Handfläche. „Es ist mitten in der Nacht, es regnet, ich bin müde. Kann das nicht bis morgen warten?“ Der Bluthund sah sie an. Für einen Augenblick sagte er gar nichts. Das schiefe Grinsen, das zuvor noch um seinen Mund gelegen hatte, war verschwunden. Er musterte Aelia nur, und diesmal hatte sein Blick nichts von jener schamlosen Betrachtung, mit der er sie vorhin für eine von Bertrams Dirnen gehalten hatte. „Wie alt bist du?“ Die Frage kam so unvermittelt, dass Aelia blinzelte. „Äh... Siebzehn…“ „Siebzehn“ wiederholte er und nickte langsam, als hätte sie damit irgendeinen Verdacht bestätigt. „Dann bist du alt genug, um zu verstehen, was ein Befehl ist.“ Aelia öffnete den Mund, doch ein einziges scharfes Wort des Bluthunds brachte sie zum Schweigen, noch bevor sie etwas erwidern konnte. „Nein.“ Mehr sagte er zunächst nicht. Dieses eine Wort genügte, um ihr die Erwiderung abzuschneiden. Der Bluthund trat einen Schritt näher. „Du glaubst offenbar, weil der Welpe dich mit sich rumschleppt und Lenan irgendeinem Dreckskerl für dich die Hand gebrochen hat, darfst du deinen Senf dazugeben.“ Sein Blick blieb auf ihr liegen. „Darfst du nicht.“ Aelias Finger krümmten sich vor wachsendem Unmut unwillkürlich in das feuchte Wolltuch um ihre Schultern. „Mir ist scheißegal, woher ihr gerade kommt. Mir ist scheißegal, ob du müde bist. Und wenn es Kackhaufen vom Himmel regnet, gehst du eben durch die Scheiße.“ Er deutete auf Doréan. „Ich habe ihm einen Auftrag gegeben. Nicht dir. Er geht zum Schindluder, weil ich gesagt habe, dass er hingeht. Ob du dabei hinter ihm herdackelst, hierbleibst oder dich unterwegs in eine Pfütze legst und schläfst, interessiert mich einen feuchten Dreck.“ Sein Blick wanderte kurz zu Doréan und kehrte dann zu Aelia zurück. „Aber wenn du mitgehst, lernst du vorher eine Sache.“ Er beugte sich gerade weit genug zu ihr hinunter, dass Aelia den Kopf ein wenig heben musste, um seinem Blick standzuhalten. „Wenn einer von Lenans Leuten deinem Liebsten sagt, er soll springen, fragst du nicht, ob er das morgen machen kann.“ Eine kleine Pause. „Du fragst höchstens, wie hoch.“ Dann richtete er sich wieder auf. Der Bluthund ließ seinen Blick noch einen Moment auf ihr liegen, ehe er zu Doréan zurücksah. „Wenn ich sage, du gehst zum Scherbentor, dann gehst du zum Scherbentor. Wenn ich sage, du stellst dich vors Schindluder und glotzt die verdammte Wand an, bis dir die Augen aus dem Schädel fallen, dann tust du genau das.“ Er deutete beiläufig mit zwei Fingern in Aelias Richtung. „Und wenn dein Anhang mitkommen will, kann er das. Solange er mir nich' erklärt, wann meine Befehle gelegen kommen.“ Dem Hund lief wieder ein langgezogener Speichelfaden aus den Lefzen, und Aelia sagte nichts mehr. „Jetzt verpisst euch.“ Aelia presste die Lippen aufeinander. Ihre Wangen glühten vor Wut und erlebter Demütigung, und was immer ihr noch auf der Zunge gelegen hatte, blieb fürs Erste dort. Aelia setzte sich beinahe gleichzeitig mit Doréan in Bewegung. Nach dieser Ansage verspürte sie wenig Bedürfnis, noch länger herumzustehen, und selbst der Gedanke an den langen Weg zurück zum Scherbentor erschien ihr plötzlich als das kleinere Übel. Sie hatten gerade die ersten Schritte in Richtung Hof gemacht, als die Stimme des Bluthunds ihnen noch einmal nachsetzte. „Ach, Welpe.“ Beide hielten inne. „Morgen reicht.“ Aelia blieb mit einem Fuß mitten im Schritt stehen. Langsam drehte sie sich um. Neben ihr hatte auch Doréan angehalten, und für einen kurzen Moment standen sie einfach nur da und sahen den Bluthund an. Morgen. Der leichte Nieselregen fiel noch immer in den Hof. Irgendwo tropfte Wasser gluckernd von einem Dachsims, und vor ihnen glänzte die aufgeweichte Straße dunkel vor Nässe. Eben noch hatte sie sich damit abgefunden, den ganzen verfluchten Weg zurück zum Scherbentor zu laufen und hatte sich gerade erst eine Standpauke eingehandelt, weil ihre müden Beine nach dem langen Tag wenig Lust auf einen weiteren Marsch quer durchs Viertel verspürt hatten und sie dumm genug gewesen war, das auch laut zu sagen. Und nun stellte sich heraus, dass morgen vollkommen genügte. Aelia starrte den Bluthund an. Das hätte er auch gleich sagen können. Dass sie vielleicht auch einfach hätte fragen können, wann Doréan dort sein sollte, bevor sie zu maulen begann, ließ sie in ihren Überlegungen geflissentlich außen vor. Aelia hütete sich, auch nur einen Laut von sich zu geben und wandte sich augenblicklich wieder ab. Was immer Doréan von der Sache hielt, besprechen konnten sie oben. Hauptsache, sie waren fort, bevor der Bluthund noch auf die Idee kam, aus morgen doch wieder jetzt zu machen. Wenige Augenblicke später waren sie bereits auf der Treppe. Aelia nahm die Stufen mit einer Eile, die sie nach dem langen Tag gar nicht mehr zugetraut hatte. Erst als der Hof unter ihnen zurückblieb und sie sich Doréans kleine Kaschemme wieder näherten, wagte sie endlich wieder erleichtert auszuatmen.

Kaum hatte Doréan die Tür hinter ihnen ins Schloss gedrückt, schien der Lärm des Hofes nur noch gedämpft durch die schiefen Bretter zu dringen. Ganz verstummt war Bertrams Stall natürlich nie. Von irgendwo unter ihnen erklang ein kehliges Lachen, kurz darauf das Knarren eines Bettes, dumpfe Schritte auf einer Treppe und eine Frauenstimme, die erst schalt und dann in Gelächter überging. Im Bordell wurde gearbeitet, als wäre nichts geschehen. Aelia hingegen hatte für heute genug von Menschen. Mit einem tiefen Seufzer zog sie das Wolltuch von den Schultern. Es war schwer vom Regen geworden. Sie schüttelte es einmal aus, wobei ein paar Tropfen auf den Dielen landeten, und hängte es über einen vorspringenden Balken. „Dieser verdammte Bluthund...“ Sie nestelte an der Schnürung ihres Kleides. „Alle deine Leute sind doch völlig durchgedreht.“ Die Schnürung löste sich. „Erst Raban...“ Das Kleid glitt über ihre Schultern und fiel auf den Boden. „Von Bertram fang ich gar nicht erst an…“ „Jetzt dieser Mistkerl mit seiner Riesentöle.“ Sie trat heraus, hob das Kleid auf und legte es ebenso über den Dachbalken und breitete die Röcke aus damit sie gut trocknen konnten. „Und dann stellt der mich hin wie ein kleines Gör und…“ Sie verstummte, winkte ab und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und schnaubte. Von unten drang ein gedehntes Stöhnen durch die Dielen. Erst jetzt bemerkte sie Doréans Blick. Sie stand splitterfasernackt mitten in seiner winzigen Kammer und verschränkte die Arme vor der Brust nicht, weil sie sich schämte, sondern weil sie noch mitten im Schimpfen gewesen war. „Was?“ Ihr Mundwinkel hob sich. „Schau nicht so..“ Sie machte eine kleine Pause und lenkte ein. „Na gut, dann schau halt…“ Sie grinste und löste die Verschränkung ihrer Arme vor der Brust, wonach man sie wieder vollkommen sehen konnte. Als sie sich gebückt und ihre Strümpfe ausgezogen und diese zum Trocknen aufgehängt hatte, ließ ihre Wut allmählich nach. „Na ja...“ Sie dachte kurz nach. „Nicht alle sind durchgedreht...“ Ihre Stimme wurde leiser. „Lenan war... anders.“ Herzchen. Unwillkürlich erinnerte sie sich an seine Hand. Wie er ihr Daumen und Zeigefinger unter das Kinn gelegt hatte, als wäre sie weder eine Dirne noch irgendein Gassenkind gewesen, sondern einfach ein Mensch, den man ansah, während man mit ihm sprach. Aelia kroch unter die Decke, zog sie bis zur Hüfte hoch und streckte Doréan beide Arme entgegen. „Kommst du ins Bett?“ Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Doréan ließ sich nicht lange bitten. Kaum hatte er begonnen, seine Sachen auszuziehen, landete bereits das erste Kleidungsstück achtlos auf den Dielen. Das nächste folgte kurz darauf, begleitet vom dumpfen Aufschlag nassen Stoffes auf Holz. Aelia beobachtete das Schauspiel mit einem zufriedenen Lächeln, während unter ihnen erneut Gelächter aufbrandete und irgendwo eine Tür ins Schloss fiel. Als Doréan schließlich zu ihr unter die Decke schlüpfte, schlang sie die Arme sofort um ihn und zog ihn an sich, als hätte sie den ganzen Abend auf genau diesen Augenblick gewartet. Und genau das hatte sie auch getan.  Draußen trommelte der Regen weiter auf die Dächer. Drinnen blieb der Lärm des Bordells, wo er hingehörte, und vermischte sich nach kurzer Zeit mit ähnlichen Lauten, die allerdings ehrlich und leidenschaftlich waren. 

Am nächsten Tag hatte der Regen endlich aufgehört. Die Gassen waren noch feucht, in den ausgewaschenen Fugen zwischen den Pflastersteinen, wo das Erdreich sich verdichtet hatte, stand das Wasser, und über den Dächern hing ein blasser, verhüllter Himmel. Aelia hätte keinen besseren Tag verlangen können, um auszuschlafen und anschließend überhaupt nichts zu tun. Stattdessen hatte sie sich mit Doréan wieder auf den Weg zum Scherbentor gemacht. Der Bluthund hatte schließlich deutlich genug gesagt, was er von ihm erwartete, und Aelia wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, Doréan allein ziehen zu lassen. Sie hatte heute frei. Peer erwartete sie nicht im Roten Bullen, und wenn sie den seltenen freien Tag schon nicht gemeinsam verbringen konnten, wie sie es sich vorgestellt hatte, dann wollte sie wenigstens bei Doréan sein. Dass dies bedeutete, ausgerechnet wieder dorthin zurückzukehren, wo sie sonst beinahe jeden Tag arbeitete, hatte sie bereits auf dem Weg mehr als einmal missmutig feststellen lassen. Inzwischen saßen sie unweit des Schindluders und warteten. Und warteten. Anfangs hatte Aelia sich noch aufmerksam umgesehen. Sie hatte die Menschen beobachtet, die an der großen Gabelung vorbeikamen, und jeden genauer betrachtet, der das Schindluder betrat oder verließ. Schließlich musste es irgendeinen Grund geben, weshalb der Bluthund Doréan ausgerechnet hierhergeschickt hatte. Nur hatte er ihnen nicht verraten, worauf sie achten sollten, und nach einiger Zeit wurde es schwierig, gewöhnliche Geschäftigkeit von etwas zu unterscheiden, das vielleicht von Bedeutung war. Ein Mann ging hinein und kam eine Weile später wieder heraus. Zwei andere standen einige Zeit vor dem Laden beisammen, wechselten ein paar Worte und trennten sich anschließend. Eine Frau verschwand hinter der Tür. Später kam eine andere heraus. Nichts davon schien Aelia besonders bemerkenswert, und mit jeder weiteren Stunde wurde es schwerer, die nötige Aufmerksamkeit dafür aufzubringen. Irgendwann hatte sie sich die Beine vertreten und bei dieser Gelegenheit etwas Gebäck gekauft. Nun saß sie wieder neben Doréan, hatte die Knie angezogen und kaute auf dem letzten Stück herum, während sie zum Schindluder hinübersah. „Da.“ Ihre Augen folgten einem Mann, der gerade auf den Eingang zuging. Aelia richtete sich ein wenig auf. Der Mann öffnete die Tür und verschwand darin. Sie warteten. Nichts weiter geschah. Aelia sank wieder zurück und biss mit wenig Begeisterung von ihrem Gebäck ab. Mittlerweile tat ihr der Hintern vom langen Sitzen weh. Sie wechselte erneut die Stellung, zog den Rock unter sich zurecht und stützte die Arme auf die Knie. Viel half es nicht. „Wie lange sitzen wir jetzt eigentlich schon hier?“ Die Frage war kaum ausgesprochen, da schüttelte sie bereits den Kopf. Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen. Sie hatte sich ihren freien Tag anders vorgestellt. Gestern Abend, als sie endlich mit Doréan im Bett gelegen hatte, war ihr die Sache noch nicht besonders schlimm vorgekommen. Ein wenig am Scherbentor herumstehen, beobachten, was immer es dort zu beobachten gab, und danach gehörte der Rest des Tages ihnen. So jedenfalls hatte sie es sich vorgestellt. Von ‚ein wenig‘ konnte inzwischen keine Rede mehr sein. Aelia nahm den letzten Bissen und wischte sich anschließend die Krümel aus den Mundwinkeln. Auf der anderen Seite der Gasse öffnete sich wieder die Tür. Diesmal kam ein älterer Mann heraus, blieb einen Augenblick stehen, zog seinen Mantel zurecht und ging davon. Sie sah ihm nach, bis er zwischen den Leuten verschwunden war. „Der hat seinen Mantel gerichtet“, stellte sie fest. Ihr Blick wanderte zu Doréan. „Meinst du, das war wichtig?“ ätzte sie. Aelia seufzte und stützte das Kinn in beide Hände. „Du liebe Güte ist das langweilig.“ Sie schwieg eine Weile. Das Stimmengewirr an der Gabelung zog an ihnen vorbei, irgendwo klapperten Schritte über das noch feuchte Pflaster, und aus Richtung des Scherbentors drangen die vertrauten Geräusche des Viertels herüber. Der Rote Bulle lag nicht weit entfernt. An einem gewöhnlichen Tag wäre Aelia längst dort gewesen und hätte vermutlich genug zu tun gehabt, um sich nach ein paar Minuten Ruhe zu sehnen. Heute stellte sie fest, dass sogar die Arbeit im roten Bullen nicht so schlimm war wie dieses öde Nichtstun hier. „Weißt du, was ich jetzt machen könnte?“, begann sie schließlich. Sie wartete nicht auf eine Antwort. „Wir könnten diesen grauen Tag im Bett verbringen... uns lieben… danach schlafen, aufwachen, uns wieder lieben… das wäre mir weitaus lieber…“ Aelia drehte den Kopf zu Doréan. „Und wenn schon nicht im Bett, dann irgendwo mit dir sitzen, wo wir wenigstens miteinander reden können, ohne ständig zu überlegen, ob irgendein Kerl, der sich den Sack kratzt, vielleicht genau das ist, worauf wir achten sollen.“ Sie ließ den Blick wieder über die Gabelung schweifen. „Stattdessen hocken wir hier.“ Einige Augenblicke hielt sie tatsächlich still. Dann verlagerte sie erneut ihr Gewicht. „Mein Hintern ist eingeschlafen.“ Sie streckte ein Bein aus, bewegte den Fuß und verzog das Gesicht, als das unangenehme Kribbeln einsetzte. „Und ich weiß immer noch nicht, was wir suchen.“ Daran störte sie sich mittlerweile fast ebenso sehr wie an der Langeweile. Sie hätte sich mit einem Auftrag abfinden können, bei dem man ihr wenigstens sagte, was zu tun war. Aber dieses ewige Beobachten ohne zu wissen, ob etwas wichtig war, machte sie mürbe. Jeder, der das Schindluder betrat, konnte derjenige sein, wegen dem sie hier saßen. Oder keiner von ihnen. Vielleicht warteten sie auf einen bestimmten Mann, auf eine Übergabe, auf Streit, auf irgendeinen von Lenans Leuten oder auf etwas völlig anderes. Der Bluthund hatte Doréan nichts davon gesagt. Aelia verzog den Mund und sah wieder zum Schindluder hinüber und hielt es tatsächlich einige Minuten aus, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Dann sah sie zu Doréan hinüber. Etwas hatte sich in ihrem Gesicht verändert. Der Missmut war noch da, doch in ihren Augen blitzte plötzlich jener Schalk auf, der selten etwas Vernünftiges verhieß. „Wir könnten natürlich auch einfach gehen.“ Sie sagte es zunächst ganz beiläufig, als wäre ihr der Gedanke eben erst gekommen. Dann rückte sie ein wenig näher an Doréan heran. „Nur so als Möglichkeit, du weißt, ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Sie legte nachdenklich einen Finger auf den Mund und tippte sich damit mehrmals auf die Lippen. „Wir haben jetzt ewig hier gesessen. Wir haben aufgepasst. Wir haben uns das Schindluder angesehen. Und wenn bis jetzt nichts passiert ist, können wir schließlich auch nichts dafür.“ Dass der Bluthund diese Auslegung seines Auftrags vermutlich nicht teilen würde, schob sie beiseite. Aelia neigte den Kopf und sah Doréan von der Seite an. „Und dann könnten wir den Rest von diesem Tag mit irgendwas verbringen, das nicht ganz so sinnlos ist…“
#87
Drei verschissene Tage ❖
rabe-besonders spannend war der Auftrag nicht, da hatte Aelia den Nagel im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf getroffen. Doréan erging es nicht anders als ihr. Man konnte es ihr förmlich ansehen, wie ihr diese unnütze Warterei auf das Gemüt schlug. »Ist das langweilig.«, maulte Aelia und Doréan hob den Blick und lächelte müde. »Besser langweilig, als gefährlich.«, murmelte Doréan. Aber ihn wurmte weniger die Langeweile, als das Wissen, dass er hier schon seit Stunden saß, aber nicht einmal eine kümmerliche Scherbe dafür bekommen würde. Lenan hatte es klar und deutlich gesagt. Für keinen von Rabans alten Leuten gab es Geld. Doréan knirschte mit den Zähnen, denn er empfand diese Schikane als ungerecht und wenn dies eine Probe seiner Loyalität sein sollte, dann war dies eine äußerst seltsame Art. Wer blieb schon loyal, wenn er kein Geld hatte? Doréans Blick verdüsterte sich, und jedes Mal, wenn Aelia auf etwas Ungewöhnliches deutete, da zog er die Lippen kraus. Aber jedes Mal stellte es sich heraus, dass es absolut nichts von Bedeutung gewesen war. »So ein Scheiß.« maulte Doréan ungehalten. »Dieser verdammte Hundsfott, mit seinem verschissenen Hundsfott von Köter.« Doréan verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die schäbige Mauer, vor welcher die Bank stand, auf der sie sich buchstäblich den Arsch breit saßen. »Mein Hintern ist eingeschlafen.«, stellte Aelia fest und begann auf der Bank hin und her zu rutschen, um sich etwas Linderung zu verschaffen. Doréan seufzte. »Soll ich ihn vielleicht aufwecken, mein Liebchen?« Er hob ein Bein und überschlug es mit dem anderen und warf Aelia ein verschmitztes Lächeln zu, während seine Blicke an ihr hinab glitten. Aelias Vorschlag den Tag anderweitig und sinnvoller zu verbringen fand in Doréan einen willigen Nährboden. Er begann sich auf der Bank zu regen und legte Aelia seinen Arm über die Schulter. Er drückte sie ein wenig näher an sich heran und räusperte sich. »Scheiß der Hund drauf, mein Liebchen.«, schnaubte er missbilligend. »Der beschissene Hundsfott kann mich mal.« Er begann sich aufzurappeln und zog Aelia unweigerlich mit sich auf die Beine. »Niemand, nich' mal dieser Hundsfott, kann verlangen, dass man den ganzen, verschissenen Tag hier rumhockt, oder?« Er legte einen verschwörerischen Blick auf und zog mit Aelia schließlich von dannen. Niemand beobachtete ihn. Allein die Vorstellung, dass jemand ihn dabei beobachtete, wie er wiederum etwas anderes beobachtete, war so absurd, dass Doréan diese aufkeimenden, zweifelnden Gedanken achtlos in den Wind schlug.

Zwei Tage später hatte Doréan begonnen, dieses verdammte Hurenhaus zu hassen. Er hatte geglaubt er sollte hier nur stehen und beobachten. Doch seit geraumen zwei Tagen stand er sich hier schon stundenlang die Beine in den Bauch und nichts war geschehen. Und der verdammte Bluthund hatte ihm weder gesagt worauf er zu achten hatte, noch hatte er ihm seither eine andere Aufgabe übertragen. Doréan fühlte sich wie ein Köter, den man vor der Türe angeleint und dann einfach vergessen hatte. Und dieses Gefühl schlug ihm mehr und mehr aufs Gemüt. Gestern hatte Aelia ihm wenigstens noch Gesellschaft geleistet. Heute musste sie arbeiten und Doréan saß allein auf einer niedrigen Mauer unweit des Scherbentors. Seit Stunden starrte er nun schon auf dasselbe schiefe Tor, dieselben verrußten Mauern und dieselben beiden Fenster. Nichts geschah. Nicht einmal eine verlauste Ratte hatte sich blicken lassen. Wenn der Bluthund gehofft hatte, dass Doréan hier irgendetwas Bedeutendes herausfand, dann hätte er ihm vielleicht vorher verraten sollen, wonach er überhaupt suchte.

Doréan seufzte und ließ den Kopf gegen die Wand sinken. Vielleicht sollte er dem Bluthund später einfach erzählen, dass niemand gekommen war. Das entsprach schließlich sogar der Wahrheit und würde ihn die nervige Warterei ersparen. Ganz untätig war Doréan in den vergangenen beiden Tagen trotzdem nicht gewesen. Während er hier herumlungerte hatte er seine Augen und Ohren schließlich auch für die eigenen Angelegenheiten offenhalten können. Er war noch einmal bei Madiahs Haus vorbeigeschlichen und hatte sich die umliegenden Gassen angesehen. Näher herangetraut hatte er sich nicht. Aelias Warnung saß ihm noch immer im Nacken und jedes Mal, wenn er daran dachte, begann der fehlende Finger unter seinem Handschuh beinahe zu jucken.

Viel hatte er nicht herausbekommen. Ein paar Wirte wussten etwas, wollten aber nicht mit ihm reden. Dafür waren die Straßenkinder gesprächiger. Für einen Nagel erzählten sie einem beinahe alles, sofern sie es überhaupt wussten. Und die dreisten hatte er sich mit einem Tritt oder einem wüsten Fluch vom Leib gehalten. Irgendwo nahe Steinward saß der Mann, den Doréan suchte. Alle neun Tage machte er seine Runde durch einige Schenken, sammelte deren Münzen ein und brachte sie anschließend fort. Wohin genau, darüber gingen die Geschichten bereits auseinander. Einer behauptete zur Bank. Ein anderer zum Amtshaus. Ein dritter schwor bei seiner toten Mutter, der Büttel würde das Geld in einem Keller unter dem alten Friedhof verstecken. Doch das hielt Doréan nur für bescheuertes Gerede. Ein lauter Fluch von der anderen Straßenseite hatte Doréan aus seinen Gedanken gerissen. Ein leises Scheppern hatte den Gossenfloh schließlich aufhorchen lassen. Auf der anderen Straßenseite schoss ein Junge zwischen zwei Fuhrwerken hervor. Vielleicht zehn oder elf Jahre alt, barfuß und in einem Hemd, das ihm mindestens zwei Nummern zu groß war. Hinter ihm brüllte ein Händler etwas unflätiges, doch der Bengel war bereits zwischen einem Karren und zwei gestapelten Fässern verschwunden. Einer von Bertrams Klaubern. Er hatte ihn oft genug im Stall herumhuschen sehen. Meist kam er durch den Hinterhof, drückte Bertram irgendetwas in die Hand und verschwand wieder, bevor jemand genauer hinsehen konnte. Er sah dem Jungen noch einen Augenblick nach. Straßenkinder gab es in Oshkïr wie Ratten. Sie schlüpften durch Lücken, in die kein ausgewachsener Mann passte, hörten Dinge, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren und hatten ihre Finger überall dort, wo sie nichts zu suchen hatten. Bertram wusste das zu nutzen. Ein paar Nägel hier, ein Stück Brot dort und schon fand sich irgendein Balg, der für ihn etwas klaute, eine Nachricht überbrachte oder den ganzen Tag vor einer Tür herumlungerte. Bei dem Gedanken verzog Doréan unwirsch den Mund. Dank dem verdammten Bluthund war er im Augenblick keinen Deut besser als diese vermaledeiten Straßenratten.

Doréas Blicke hatten sich auf den Bengel gehaftet. Die letzten beiden hatten keine nennenswerten Informationen für ihn gehabt. Als der Bengel an ihm vorbeihuschte, streckte der Gossenfloh die Hand aus und ergriff ihn an seinem viel zu großen Hemd. Natürlich hatte die Göre protestiert und versucht sich aus Doréans Griff zu winden. »Jetzt schrei doch nich' so bescheuert.«, hatte Doréan geherrscht, doch die kleine Ratte hatte nach ihm getreten und sogar versucht ihn zu beißen! Da hatte Doréan genug von dem Theater. Er versetzte dem Köter einen Tritt. Für einen Moment hatte er überlegt, dem Knaben einen Nagel zu geben, doch stattdessen hatte er einfach einen Namen fallen gelassen. Bertram. Und bei dieser Ratte hatte Doréan den Nagel förmlich auf den Kopf getroffen. Einen Büttel konnte man sowieso schon gegen den Wind riechen. Die Lanzenträger, die Torwachen und auch solche Leute vielen auf. Sie trugen bessere Kleidung. Bewegten sich wie bessere Leute. Für Straßenkinder sahen Büttel vermutlich ohnehin alle gleich aus. Ein Abzeichen, ein Knüppel und meistens waren sie nie allein, denn ihnen klebte immer ein mürrischer Wachmann im Nacken. Der Bengel rannte davon und Doréan ließ sich wieder gegen die Mauer sinken und starrte missmutig zum Schindluder hinüber, doch mit einem wissenden Grinsen im Gesicht.

Am dritten Tag hatte Aelia wieder frei. Doréan hatte sie mitgenommen, auch wenn sie sich immer wieder darüber beschwert hatte, dass ihr dutzende Sachen einfallen würden, die sie lieber täte, als schon wieder vor dem verdammten Hurenhaus herumzulungern. Sie standen nun schon eine ganze Weile nahe dem Scherbentor und Aelia sah inzwischen ähnlich begeistert aus wie Doréan am Tag zuvor. »Warum stehen wir eigentlich immer noch hier herum?«, fragte sie schließlich. Doréan zuckte mit den Schultern. Aelia betrachtete das Gebäude und stemmte die Hände in die Hüften. »Der Kerl da.«, murmelte Aelia. »Der war vor zwei Tagen auch schon hier. Und der da auch.«, stellte Aelia fest, was Doréan zu einem müden Zwinkern brachte. »Der Kerl gehört zur Torwache.«, murmelte Doréan. »Hab ihn gestern am Tor Wache schieben sehen.« Aelia runzelte die Stirn. »Glaubst du es geht um den?« Doréan schüttelte den Kopf. »Glaub nich'. Der is doch bloß ein kleines Licht. Macht im Grunde denselben Mist, den wir hier machen. Nur wird er dafür bezahlt.« Doréan verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust. »Steht den ganzen Tag nur rum und schaut die Leute schief an. »Nur im Gegensatz zu uns, verhurt er seinen Sold.« Da lachte Doréan mit einem Hauch von dreckigem Schalk.

Doréan öffnete den Mund, hielt jedoch plötzlich inne. Sein Blick war an einem Mann hängen geblieben, der gerade durch das Scherbentor kam. Er hob langsam den Finger und deutete in jene Richtung, um Aelias Aufmerksamkeit dorthin zu lenken. Der Mann war unauffällig. Ein Niemand. Und doch viel er auf, wie ein bunter Hund. Er wirkte irgendwie fehl am Platz und man konnte sehen, dass er kein Grauer war. Er war ein wenig kleiner als Doréan vielleicht, mit forschem Gang, einem dunklen Wams und sichtlich, gepflegten Bart. Der Mann war schmächtig, etwas eingefallen um die Schultern und mit einem Knüppel am Gürtel. Auf den ersten Blick wäre Doréan vermutlich gar nichts an ihm aufgefallen, wäre da nicht das Abzeichen gewesen, dass er um den Hals trug. Sonst trug er nichts, das Doréan besonders aufgefallen wäre. Doréan stieß sich von der Wand ab. Aelia hingegen warf dem Kerl einen misstrauischen Blick zu, welcher sich kurz darauf auf Doréan niederschlug. »Was ist mit dem?«, fragte sie unverblümt, was Doréan ein beinahe stolzes Lächeln abrang. »Das ist er.« Aelia warf nun abermals einen Blick in die Richtung des Scherbentores. Doch dieses Mal war er deutlich neugieriger geworden. »Der eitle Gockel? Wegen dem setzt dich der Bluthund hier vor das Schindluder?« Aelia schmunzelte amüsiert aber Doréan schüttelte den Kopf, doch er antwortete nicht sofort. Der Büttel ging an ihnen vorbei und würdigte die beiden keines Blickes. Doréans Blicke hingegen hatten sich auf den Mann geheftet, als ob er gerade in einen großen Haufen Hundescheiße getreten wäre. Keine Stadtwache. Kein Lanzenknecht. Niemand, der auf irgendeine Weise aussah, als ob er zu diesem Kerl gehören würde. Und da lächelte Doréan verschlagen. Seine Augen funkelten förmlich und das Grinsen auf seinem Gesicht wurde immer breiter.

Der Mann verschwand zwischen einigen Leuten und Doréan seufzte zufrieden. Aelia hingegen verschränkte nun die Arme vor der Brust und warf Doréan scheltende Blicke zu, bis Doréan sich schließlich feierlich räusperte. »Der feine Hundsfott, mein Liebchen.« Er deutete in jene Richtung, in welcher er verschwunden war. »Is unser Mann.« Aelia hob die Augenbraue und runzelte die Stirn. »Ich hab' mich umgehört. Morgen is der Tag.« Aelias Stirnrunzeln wurde noch ein wenig ausgeprägter. »Der Tag? Was für ein Tag denn?« Sie wirkte nun sichtlich ungehalten, dass Doréan in solch kryptischen und verworrenen Rätseln sprach, was Doréan nur mit einem neuerlichen, wissenden Lächeln bedachte.  »Morgen holt er bei dieser Hundsfut das Geld ab.« Doréan legte seine geballte Faust in die offene Hand und ein entschlossener Blick mischte sich zu seinem Grinsen und da dämmerte es Aelia und ließ ihre Hände sinken. »Ach, der hat nichts mit dem Bluthund am Hut?« Da lachte Doréan bitter und schüttelte den Kopf.

Da schoss plötzlich ein Straßenjunge zwischen ihnen hindurch. Doréan wich einen Schritt zurück und griff instinktiv nach seinem Beutel. Doch der Beutel war noch dort, wo er hingehörte. »Pass doch auf, du kleine Ratte!«, schimpfte Doréan ungehalten und war auch schon versucht einen Stein nach dem Bengel zu werfen. Der Junge drehte sich im Laufen um, streckte ihm frech die Zunge heraus und verschwand zwischen den Menschen, die sich am Tor versammelt aufhielten. Doréan sah noch kurz hinterher und wandte sich dann wieder in die Richtung, in der der Büttel verschwunden war. »Die Straße is voller, dreckiger Diebe.«, murmelte er mit einem wohlwissenden Lächeln auf den Lippen und seiner Hand auf seinem Geldbeutel. Für einen kurzen Augenblick kam ihm der Gedanke, ob das alles vielleicht irgendwie zusammenhing. Ob der Büttel etwas mit dem Auftrag des Bluthundes zu tun hatte und er deshalb ausgerechnet hier herumsitzen sollte. Doch der Gedanke verschwand ebenso schnell wieder, wie er gekommen war. Ein derartiger Zufall konnte nur eines bedeuten. Der verdammte Hundsfott wusste von dem Plan der beiden. Und da zerstreuten sich Doréans Gedanken. Hatte eines der verdammten Straßenkinder ihn beim Bluthund angeschwärzt? Doréan schüttelte den Kopf. Er stand sich hier schon lange genug die Beine in den Bauch.

Hartwig hatte sich das alles ein wenig einfacher vorgestellt. Diese alte, in die Jahre gekommene, Kaschemme barg immer wieder neue Überraschungen. Dabei war es nichts weiter als ein schäbiges, altes Hurenhaus, in dem selbst die Ratten vermutlich nur deshalb blieben, weil sie blind und alt geworden waren. Ganz genauso wie diese abgehalfterte Dirnen und dieser schwerfällige, schmerbäuchige Mistkerl namens Bertram. Hartwigs Plan war einfach und banal gewesen. Nun, da sich die Aufregung nach dem Feuer etwas gelegt hatte, war die Zeit gekommen. Er hatte es sauber gegeneinander abgewogen. Tagsüber, standen die meisten Dirnen auf der Straße, oder im Hof herum. Der Zuhälter war so gut wie nie zu sehen. Die miesen Straßenbengel, die er zur Hintertür hereinließ, hatte Hartwig zunächst für ein abscheuliches Geheimnis, über das man hinter vorgehaltener Hand sprach, gehalten. Doch bald schon hatte Hartwig festgestellt, dass sie diesem Bertram auf andere Art zu Diensten waren. Sie waren seine Augen und Ohren, außerhalb seines Hauses. Seitdem war Hartwig stets darauf bedacht geblieben, keiner dieser Straßenratten in die Quere zu geraten. Abends hingegen war kaum mehr eine der Dirnen auf der Straße. Sie lagen alle in ihren Betten und zelebrierten ihre miesen und geheuchelten Scharaden, um den Freiern die Scherben aus der Tasche zu ziehen. Letzten Endes war Hartwig zu dem Entschluss gekommen, dass die Zeit am Morgen der beste Augenblick war. Kaum ein Freier in der Gegend und die meisten Dirnen schliefen.

Doch nun standen Hartwig und Ludger auf der anderen Straßenseite und lehnten mit langgezogenen Gesichtern gegen eine Hauswand. »Er ist schon wieder da.«, murmelte Ludger. Hartwig verzog mürrisch den Mund. Er hatte den Mann längst gesehen. Viel schwerer war allerdings der gewaltige Köter zu übersehen, der vor dem Eingang lag und seinen breiten Schädel auf die Vorderpfoten gelegt hatte. Er machte sich gar nicht erst die Mühe Ludger eine Antwort auf das Offensichtliche zu geben. »Was macht der überhaupt hier?«, murmelte Ludger ungehalten. »Woher soll ich das wissen?«, schnaubte Hartwig ungehalten und kratzte sich mit seinem Dolch einen widerspenstigen Belag unter den Nägeln hervor. Hartwig schob sich ein wenig weiter in den Schatten der Hauswand zurück. Der Bluthund stand mit dem Rücken zu ihnen und unterhielt sich mit irgendeinem Mann. Eigentlich eine gute Gelegenheit wieder zu verschwinden. Sie hatten gesehen, was sie sehen wollten. Das Weibstück war erst gestern wieder hier gewesen. Schon vor zwei Tagen hatten Hartwig und Ludger den Sack zuschnüren wollen, als plötzlich dieser Kerl mit seinem Köter aufgekreuzt war. Sie hatten schon auf der anderen Straßenseite im Regen gewartet. Und die beiden Gossenkinder waren auch schon drauf und dran gewesen ihnen regelrecht in die Arme zu laufen. Doch dann waren sie auf einmal einfach wieder ins Haus gegangen und erst am nächsten Morgen wieder herausgekommen. Hartwig hielt einen Moment lang inne und seufzte schwer. Früher oder später mussten sie nur den richtigen Augenblick abpassen.

Doch plötzlich hob der Hund den Kopf, als ob er Hartwigs Seufzen gehört hätte. Hartwig verstummte und ertappte sich dabei, wie er sogar den Atem anhielt. Das Tier bewegte sich nicht. Es hatte nur den Kopf gehoben und seine dunklen Augen schimmerten im Zwielicht des Hofes. Hartwig schüttelte den Kopf. Doch da starrte die Töle plötzlich quer über die Straße. Direkt zu ihnen. »Scheiße.«, fluchte Hartwig. Ludger zuckte erschrocken zusammen. »Was?« Hartwig hob seinen Dolch und deutete in die Richtung des kleinen Tores, wo der Hund wachte. »Der Köter.« Und da richtete sich der Hund langsam auf und trottete aus dem Hof. Der Bluthund hatte die Veränderung seines Tieres bemerkt. Er wandte den Kopf, folgte dessen Blick und sah quer über die Straße. Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann runzelte er die Stirn und setzte sich in Bewegung. Ludger fluchte leise und wandte sich bereits von der Mauer ab, um das Weite zu suchen, doch da hielt ihn Hartwig am Ärmel fest. »Wenn du dich jetzt verpisst, machst du dich nur noch verdächtiger.«, zischte Hartwig und steckte den Dolch langsam in die Scheide am Gürtel. Der Bluthund überquerte gemächlich die Straße. Sein Hund folgte dicht neben ihm. Hartwig zwang sich stehen zu bleiben. Herumstehen war selbst im Grauen Viertel noch kein Verbrechen. Und auch wenn dieses Vieh schwerfällig aussah, wusste Hartwig instinktiv, dass es ihn allemal einholen konnte.

Der Bluthund blieb einige Schritte vor ihnen stehen. »Ihr Zwei.« Er schnippte mit den Fingern und der Hund setzte sich neben ihm auf die alte Straße. »Verpisst euch!«, befahl der Bluthund mürrisch. Hartwig hob die Augenbrauen. »Was?« Der Mann sah zuerst ihn an und dann Ludger. Seine Stirn legte sich in einige tiefe Falten. »Ihr lungert hier ziemlich oft herum.« Hartwig schnaubte. »Ist das deine Straße?«, brummte Ludger und Hartwig rollte schon innerlich mit den Augen. »Darf man neuerdings nicht mehr auf Straßen stehen?« Der Bluthund betrachtete ihn einen Augenblick. Dann wanderte sein Blick zu Hartwig und wieder zurück. Ein breites Grinsen zauberte sich auf sein Gesicht. »Ganz ein Harter, was?« Er trat einen Schritt vor und Ludger zog sich instinktiv ein wenig zurück. »Dachte ichs mir doch.«, brummte der Bluthund. Hartwig entspannte sich ein wenig. »Ich kann mir Gesichter gut merken...« Er tätschelte den Kopf des Hundes, was dieser mit einem leisen Knurren quittierte. »Und er hier auch.« Der Hund erhob sich, trat einen Schritt vor und schnupperte an Ludgers Bein. Dieser wurde augenblicklich steif wie ein Brett. Der Bluthund verzog einen Mundwinkel. »Also.« Der Bluthund deutete mit dem Kinn die Straße hinunter, wobei sein Hals verräterisch knackte. »Um deine neunmalkluge Frage zu beantworten.« Seine geballte Faust schnellte hervor und traf Ludger genau unter den Rippen. »Das ist meine verfickte Straße! Und wer mir nicht passt, entscheide ich. Is das klar?« Ludger hustete und hielt sich mit zusammengepressten Lippen den Bauch. »Verpisst euch und sucht euch 'ne andere Ecke.« Diesmal ließ Hartwig sich die Aufforderung nicht zweimal geben. Er packte Ludger am Oberarm und zog ihn mit sich. Erst als sie zwei Gassen weiter waren, verlangsamte er seinen Schritt. »Wenn ich euch Zwei hier noch einmal seh, dann gerb ich euch das verdammte Fell!«, rief der Bluthund ihnen noch hinterher und schnippte mit den Fingern, um seinem Hund zu bedeuten, ihm zurück zu Bertrams Stall zu folgen.

Nach einer Weile blieb Hartwig schließlich stehen und blickte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Sache gefiel ihm überhaupt nicht. Einfach in Bertrams Stall zu marschieren, Doréan zusammenzuschlagen und Aelia mitzunehmen, war schon vorher kein besonders feiner Plan gewesen. Aber er hätte funktioniert. Bertram hätte für genügend Münzen vermutlich sogar weggesehen. Doch dieser Bastard war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Vermutlich hatte der mehr Leichen im Keller als Narben im Gesicht. »Und jetzt? Mach was, wofür bezahle ich dich eigentlich?«, maulte Ludger ungehalten, woraufhin Hartwig grimmig den Mund verzog und die Zähne bleckte. »Halt die Fresse und lass mich nachdenken, du dämlicher Arsch.« Ludgers Blick verfinsterte sich und eine dicke Ader pochte auf seiner Stirn. »In dem Scheiß Bullen können wir auch nicht mehr rein. Da sitzt seit ein paar Tagen auch so ein vierschrötiger Totschläger herum.«, maulte Ludger, woraufhin Hartwig nur mit dem Kopf schüttelte. »Seit ich dich aufgegabelt habe, sind wir kein Stück weiter gekommen und es wird immer schlimmer.« Da hob Harwig den Kopf und sah Ludger mit einem funkelnden, grimmigen Blick an. »Soll das eine Unterstellung sein?« Ludger erwiderte nichts darauf, doch seine Blicke sprachen dafür Bände. »Geh doch rein und leg dich mit dem verdammten Köter an!«, brummte Hartwig. »Ohne mich gehst du vor die Hunde. Im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst wenn dich der Hund nicht bemerkt, dieses Klappergestell mit dem Lästermaul scheint ne Gabe zu haben immer dann aufzutauchen, wenn es unpassend ist.« Hartwig knurrte und knirschte mit den Zähnen. Vor drei Tagen schon hatte diese hässliche Schabracke sie im Hof bemerkt. Es war totenstill gewesen. Kein Licht hatte gebrannt. Nicht den geringsten Laut hatten sie gemacht. Und dennoch hatte diese alte Hure plötzlich aus dem Fenster geschaut. »An der komst du nichtmal vorbei, wenn sie am Scheißhaus säße.« Da rümpfte Ludger theatralisch die Nase. »Wär nicht die erste Frau der ich…« Da lachte Hartwig herablassend. »Ja. Frauen schlagen. Das ist keine große Kunst, du Schwätzer.« Hartwig packte Ludger am Kragen und zog ihn mit sich in die nächste Gasse.
#88
Allmählich eine Graue... ❖
rabe-es dauerte einige Tage, bis Aelia sich eingestand, dass sie mit dem Mondwurz nicht recht glücklich wurde. Beim ersten Mal hatte sie die Kopfschmerzen noch auf alles Mögliche geschoben. Sie hatte schlecht geschlafen, zu wenig getrunken und im Roten Bullen einen halben Tag lang zwischen Herdfeuer und heißen Töpfen gestanden. Da konnte einem schließlich der Schädel brummen. Als es beim nächsten Mal wieder geschah und sich zu dem dumpfen Druck hinter der Stirn auch noch ein unangenehmes Ziehen im Unterleib gesellte, war ihr der Zusammenhang bereits verdächtig vorgekommen. Beim dritten Mal hatte sie keinen Zweifel mehr daran gehabt. Der Mondwurz tat wohl, was er tun sollte. Nur schien Aelia ihn nicht so zu vertragen, wie sie sich das gewünscht hatte. Also machte sie sich an ihrem freien Tag auf den Weg zu Meister Aralian. Als sie wenig später seinen Laden betrat, empfing sie der vertraute Geruch nach getrockneten Kräutern, Wurzeln und Harzen. Sie schloss die Tür hinter sich und blieb einen Augenblick stehen, bis ihre Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten. „Meister Aralian?“ Ihre Stimme drang zwischen den Regalen hindurch in den hinteren Teil des Ladens. Aralian ließ sie nicht lange warten. Als er zwischen den vollgestellten Brettern hervorkam, wirkte er noch genauso, wie Aelia ihn in Erinnerung hatte: alt, ein wenig gebeugt und schmaler, als es unter seinen Kleidern zunächst den Anschein hatte. Seine Bewegungen besaßen jene Bedächtigkeit, die weniger von Unsicherheit als davon herrührte, dass sein Körper ihm manches nicht mehr so bereitwillig gestattete wie früher. Sein Blick fiel auf Aelia. „Ah, das junge Fräulein...“ er räusperte sich und lächelte „Mit der hübsches Lochmünze um den Hals!“ „Ja.“ Sie trat näher und blieb vor seinem Arbeitstisch stehen. „Wegen dem Mondwurz.“ Aralian sah sie einen Moment lang an. „Wegen des Mondwurzes.“ Aelia blinzelte. „Sag ich doch.“ Ein kaum merkliches Zucken ging um seinen Mund. „Natürlich.“ Sie war sich nicht sicher, ob er sie gerade verbessert hatte. Vermutlich. Bei Aralian kam so etwas vor, ohne dass Aelia immer verstand, was an ihren Worten überhaupt falsch gewesen war. Sie beschloss, sich davon nicht aufhalten zu lassen. „Ich glaub, ich vertrag ihn nicht.“ Damit hatte sie seine Aufmerksamkeit. Aralian bedeutete ihr, näher zu kommen, und fragte zunächst, wie viel sie genommen habe. Aelia zeigte ihm die Menge so gut sie konnte mit den Fingern und erklärte, dass sie sich an das gehalten hatte, was er ihr beim letzten Mal gesagt hatte. Mehr habe sie keinesfalls genommen. Eher weniger, weil seine Warnung vor einer zu hohen Dosis ihr durchaus im Gedächtnis geblieben war. „Und was geschieht danach?“ „Mein Kopf tut weh.“ „Wo?“ Aelia hob die Hand an die Stirn. „Hier meistens. Manchmal auch hier.“ Ihre Finger wanderten zu den Schläfen. „Nicht so, dass ich umfalle. Es ist einfach da und geht mir auf die Nerven.“ „Wie lange?“ „Ein paar Stunden. Manchmal länger.“ Aralian nickte, ohne sie zu unterbrechen. Aelia zögerte bei dem zweiten Teil nur kurz. Beim letzten Mal war das Gespräch mit Aralian bereits persönlich genug geworden, dass ihr ein paar Unterleibskrämpfe nun kaum noch peinlich sein mussten. „Und ich bekomme Krämpfe.“ „Im Magen?“ „Weiter unten.“ Sie legte eine Hand auf ihren Unterbauch. „Da. So ähnlich wie bei meinen Tagen, nur manchmal stärker.“ Aralian fragte weiter. Wann die Beschwerden begannen, wie lange sie anhielten, ob ihr übel wurde, ob sie sich übergeben musste, ob ihr schwindelig wurde oder sie Blutungen bemerkt hatte. Aelia beantwortete eine Frage nach der anderen und stellte dabei mit einer gewissen Verwunderung fest, wie selbstverständlich der alte Mann über Dinge sprach, bei denen andere Männer vermutlich schon beim Wort Monatsblutung das Gesicht verzogen hätten. Schließlich zog Aralian einen Schemel heran und setzte sich. „Dann nimmst du vorerst keinen Mondwurz mehr.“ Aelia hatte mit dieser Antwort gerechnet und war trotzdem nicht zufrieden damit. „Und was nehm ich stattdessen?“, hakte sie nach. „Vorerst gar nichts“, erwiderte Aralian. „Lass deinem Körper ein paar Tage Zeit. Wenn die Beschwerden vollständig verschwunden sind, wartest du noch zwei weitere, und dann sehen wir, ob etwas anderes besser für dich geeignet ist.“ Aelia hatte ihm aufmerksam zugehört, doch bei den zwei weiteren Tagen geriet sie ein wenig aus der Fassung. Sie dachte nach, wie lange das insgesamt werden konnte, und kam zu einem Ergebnis, das ihr ganz und gar nicht gefiel. „Aber wenn ich in der Zeit nichts nehme …“ Sie stockte und sah Aralian an. Der alte Mann wartete geduldig, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als den Gedanken selbst zu Ende zu bringen. „Dann kann ich doch auch nicht mit meinem Freund…“  Aralian nahm diese Feststellung mit derselben Ruhe hin, mit der er zuvor nach ihren Krämpfen und Kopfschmerzen gefragt hatte. „Wenn du sicher sein möchtest, dass du nicht in andere Umstände gerätst, würde ich dir für diese paar Tage tatsächlich dazu raten.“ Aelia lehnte sich zurück und sah ihn an, als hätte er die Dauer gerade nachträglich verdoppelt. Ein paar Tage hatten zunächst gar nicht so schlimm geklungen. Unter diesen Umständen bekamen sie jedoch ein ganz anderes Gewicht. Aelia zog missmutig den Mund schief und rechnete noch einmal nach, obwohl das Ergebnis dadurch kein bisschen besser wurde. „Und es gibt wirklich nichts, was ich stattdessen gleich nehmen kann?“ Aralian schüttelte den Kopf. „Nichts, das ich dir guten Gewissens geben würde. Ich möchte erst wissen, ob die Beschwerden tatsächlich vom Mondwurz kommen und vollständig verschwinden. Wenn ich dir jetzt die nächste Tinktur mitgebe und die Krämpfe bleiben, wissen wir am Ende nicht, worauf du reagierst.“ Das verstand Aelia durchaus. Es änderte nur nichts daran, dass sie seine vernünftige Erklärung ausgesprochen lästig fand. „Na schön“, murmelte sie und griff wieder nach ihrem Becher. „Dann eben ein paar Tage.“

Aralian kehrte mit der Dose zum Tisch zurück, stellte sie jedoch nicht vor Aelia, sondern begann zunächst, Wasser aufzusetzen. Offenbar gehörte es inzwischen zu ihren Besuchen, dass sie nicht einfach mit einem Beutel Kräuter wieder hinausgeschickt wurde. Aelia hatte nichts dagegen. Beim letzten Mal hatte sie länger bei ihm gesessen, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte, und auch heute drängte sie nichts fort. Sie hatte frei, und mit Doréan traf sie sich später. Während das Wasser heiß wurde, sah sie sich um. Auf Aralians Arbeitstisch lagen mehrere Bündel getrockneter Pflanzen, einige bereits sauber zusammengebunden, andere noch lose. Daneben standen ein Mörser und eine kleine Waage. In einer flachen Schale befanden sich dunkle, verschrumpelte Beeren, die Aelia nicht kannte. Ein Messer mit schmaler Klinge lag auf einem gefalteten Tuch, und zwischen all dem befanden sich mehrere Bögen mit Aralians Schrift. Die Zeichen darauf sagten Aelia nichts. Sie wandte den Blick wieder den Dingen zu, mit denen sie etwas anfangen konnte. „Was ist das?“ Sie deutete auf die dunklen Beeren. Aralian sah hin. „Wacholder.“ Aelia betrachtete sie genauer und nahm eine zwischen zwei Finger, nachdem Aralian ihr mit einem Nicken gestattet hatte, und roch daran. Der Duft war kräftiger, als sie erwartet hatte. „Und was macht man damit?“ „Das hängt davon ab, was man erreichen möchte.“ „Das sagt Ihr immer.“ „Weil es meistens stimmt.“ Aelia legte die Beere zurück. Aralian goss inzwischen das heiße Wasser auf. Diesmal roch der Aufguss milder als das bittere Zeug, das Aelia bei ihrem ersten Besuch erwartet hatte. Sie schnupperte neugierig daran, als er ihr den Becher hinschob. „Was ist drin?“ „Kamille. Fenchel. Ein wenig Melisse.“ „Wofür?“ Aralian setzte sich mit seinem eigenen Becher ihr gegenüber. „Es kann deinen Bauch beruhigen. Mehr verspreche ich dir nicht.“ Sie nahm einen vorsichtigen Schluck. Der Tee war heiß und schmeckte vor allem nach Kräutern, was bei einem Kräutertee vermutlich nicht zu vermeiden war, aber wenigstens war er nicht bitter. Aelia hielt den Becher zwischen beiden Händen und sah zu, wie Aralian die Dose öffnete, die er zuvor aus dem Regal geholt hatte. Darin lagen kleine, grüne glänzende Stücke, kaum größer als das oberste Glied ihres Daumens. Aelia beugte sich interessiert vor. „Was ist das?“ „Probier.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie nahm eines heraus und biss hinein. Dann schmeckte sie , gefolgt von etwas Würzigem, das sie nicht sofort zuordnen konnte. Aelia kaute bedächtig. „Das schmeckt gut, was ist das?“  „Angelika.“ Sie nahm eines heraus und biss vorsichtig hinein. Es war weich, und ließ sich ohne den geringsten Widerstand abbeissen. Zuerst schmeckte sie fast nur die Süße, dann kam etwas Kräftigeres hindurch, würzig und leicht herb, das noch eine Weile auf der Zunge blieb. Aelia kaute bedächtig und betrachtete den Rest zwischen ihren Fingern. „Sowas Ähnliches kenn ich.“ Aralian, der eben seinen Becher aufgenommen hatte, sah zu ihr herüber. „Doréan… mein Freund, hat mir mal so Stangen mitgebracht. Die waren auch so süß, aber zäh, und viel dunkler.“ Sie dachte einen Augenblick nach. „Fast schwarz. Und bitterer waren sie auch.“ „Süßholz?“ „Vielleicht.“ Aelia zuckte mit den Schultern und steckte sich den Rest der Angelika in den Mund. „Da war noch anderes Zeug drin. Doréan wusste auch nicht wirklich, was das alles war. Er hat nur die Namen gekannt. Anis war dabei“, sagte sie schließlich. „Und Malz. Süßholz habt Ihr ja schon gesagt. Bei den anderen waren irgendwelche Wurzeln drin. Fenchel auch, glaub ich. Und eine Sorte hatte Honig und kleine kandierte Früchte.“ Aralian nickte langsam. Offenbar genügte ihm das bereits. „Hafenkitt.“ Aelia sah überrascht auf. „Ihr kennt das?“ „Natürlich kenne ich das.“ „Doréan nennt die schwarzen Krähendreck.“ Er nickte. „Das tun viele.“ Aelia musste lachen. „Ausgerechnet die schwarzen mag er am liebsten. Mir schmecken sie überhaupt nicht. Ich mag die mit mit Honig am liebsten.“ „Dann mag dein Doréan wohl Süßholz.“ Sie hielt kurz inne. So hatte sie darüber noch nie nachgedacht. Für Doréan waren es einfach die schwarzen Stangen gewesen, die er gern aß. Dass der Geschmack, den er daran mochte, von einer bestimmten Wurzel kam, war ihr nicht in den Sinn gekommen. „Süßholz“, wiederholte sie und sah zu den vielen Gefäßen in Aralians Regalen. „Habt Ihr das auch hier?“ Aralian deutete auf eines davon. Natürlich hatte er es hier. Aelia erhob sich, ging zu der bezeichneten Stelle und betrachtete das, was darin lag. Mit den schwarzen, klebrigen Stangen, die Doréan ihr mitgebracht hatte, hatte es kaum Ähnlichkeit. „Und daraus macht man Krähendreck?“ „Unter anderem.“ Sie warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Das sieht überhaupt nicht danach aus.“ „Die meisten Dinge sehen anders aus, bevor jemand etwas aus ihnen macht.“ Aelia betrachtete die Wurzel noch einmal, nahm schließlich eines der Stücke heraus und hielt es zwischen zwei Fingern. „Kann man das auch so essen?“ „Kann man.“ Sie roch daran und sah fragend zu ihm hinüber. „Schmeckt es denn auch?“ „Das war nicht deine erste Frage.“ Aelia blickte ihn verständnislos an, worauf Aralian auf das Stück in ihrer Hand deutete. „Du hast gefragt, ob man es essen kann. Nicht, ob man es essen sollte.“ „Ach so.“ Sie betrachtete die Wurzel nun ein wenig aufmerksamer. „Und sollte man?“ „Süßholz in dieser Menge? Ja.“ Aralian lehnte sich etwas zurück. „Bei anderen Dingen in diesem Laden würde ich dir allerdings raten, die zweite Frage vor der ersten zu stellen.“ Aelias Blick wanderte über die Regale. Was dort in Gläsern und Schalen lag, hatte ihr bisher vor allem interessant ausgesehen. Dass manches davon einem Menschen gefährlich werden konnte, wusste sie natürlich; Aralian hatte sie beim Mondwurz selbst eindringlich vor einer zu hohen Dosis gewarnt. „Habt Ihr denn auch Gift hier?“ „Selbstverständlich.“ Aralian deutete mit einer kleinen Bewegung auf seine Vorräte. „Die Frage ist ohnehin nicht immer, ob etwas giftig ist. Oft ist die Frage, wie viel davon du nimmst. Was in der richtigen Menge heilt, kann dir in der falschen erheblich schaden.“ Aelia sah auf das Stück Süßholz zwischen ihren Fingern. „Das hier bringt mich aber nicht um?“ „Nicht, solange du nicht vorhast, den gesamten Vorrat auf einmal zu essen.“ „Nein.“ Sie lächelte ein wenig. „Eigentlich wollte ich nur wissen, warum Doréan seinen Krähendreck so gern mag.“ „Dann probier.“ Erst jetzt steckte Aelia das Ende der Wurzel in den Mund und kaute vorsichtig darauf. Aber sie verzog das Gesicht. Mit Süßholz würde sie wohl niemals warm werden. 

So saßen sie eine Weile beisammen. Was als Frage nach dem Mondwurz begonnen hatte, verlor sich bald in anderen Dingen. Aelia wollte wissen, ob Anis immer so schmeckte, weshalb manche Kräuter aufgehängt und andere auf flachen Brettern getrocknet wurden und warum Aralian die Wurzeln einer Pflanze in einem verschlossenen Gefäß aufbewahrte, während die Blätter offen in einem Korb lagen. Nicht jede Antwort verstand sie beim ersten Mal. Manchmal fragte sie noch einmal, manchmal ließ sie es bleiben und nahm sich vor, beim nächsten Besuch genauer hinzusehen. Aralian schien ihre Fragen nicht lästig zu finden. Er antwortete ruhig, gelegentlich knapp, gelegentlich so ausführlich, dass Aelia am Ende mehr wusste, als sie überhaupt hatte fragen wollen. Zwischendurch arbeitete er weiter. Seine Hände sortierten die getrockneten Pflanzen auf dem Tisch, entfernten beschädigte Teile und legten brauchbare Stängel und Blätter beiseite. Aelia sah ihm eine Zeit lang dabei zu. Es gefiel ihr hier. Vielleicht lag es an der Ruhe des Ladens, vielleicht an den vielen seltsamen Dingen, die überall herumstanden, vielleicht auch einfach an Aralian selbst. Er sprach mit ihr anders als die meisten Menschen, denen sie seit ihrer Ankunft im Grauen Viertel begegnet war. Er wollte nichts von ihr, machte sich nicht über sie lustig und schien auch keinen besonderen Wert darauf zu legen, ihr zu beweisen, wie wenig sie wusste. Wenn sie etwas fragte, bekam sie eine Antwort. Wenn sie etwas nicht verstand, erklärte er es noch einmal. Außerdem wusste er eine ganze Menge. Aelia beobachtete, wie er nach einem Bündel griff, das etwas weiter hinten auf dem Tisch lag. Seine Fingerspitzen erreichten es gerade, doch als er es zu sich ziehen wollte, stieß er dabei beinahe ein kleines Glas um. Aelia war schneller. „Wartet.“ Sie fing das Glas auf, stellte es sicher beiseite und reichte ihm anschließend das Bündel. „Danke.“ „Ihr habt hier ganz schön viel Zeug.“ „Es ist nur das nötigste.“ Sie ließ erneut den Blick durch den Laden wandern. Erst jetzt fiel ihr auf, wie vieles davon regelmäßig bewegt, sortiert, getrocknet, zerkleinert oder wieder aufgefüllt werden musste. Selbst wenn gerade keine Kundschaft im Laden war, gab es offenbar immer etwas zu tun. „Macht Ihr das alles allein?“ „Ja.“ Aelia sah wieder zu ihm. „Habt Ihr niemanden, der Euch hilft?“ Aralian schüttelte den Kopf. Sie nahm einen weiteren Schluck Tee. Der Gedanke blieb trotzdem hängen. „Braucht Ihr denn manchmal Hilfe?“ Diesmal sah Aralian von seiner Arbeit auf. „Hilfe?“ „Ja. Hier.“ Aelia deutete mit einer kleinen Bewegung auf den Laden. „Mit den Kräutern… Sachen tragen. Irgendwas holen. Was eben so anfällt.“ Aralian betrachtete sie einen Moment. „Hilfe könnte ich durchaus gebrauchen“, sagte er schließlich. „Aber wenn du Arbeit suchst, muss ich dich enttäuschen. Ich kann dich nicht bezahlen.“ „Ich such keine Arbeit.“ Die Antwort kam so rasch, dass Aralian die Brauen ein wenig hob. „Also, doch. Schon. Aber ich hab ja eine.“ Aelia stellte den Becher ab. „Ich mein, Peer bezahlt mich. Im Roten Bullen. Ich brauch von Euch kein Geld.“ „Und weshalb möchtest du dann für mich arbeiten?“ Darauf wusste sie zunächst keine besonders gute Antwort. Sie sah über den Tisch hinweg zu den Bündeln und Schalen, zum Mörser, zur kleinen Waage und zu all den Dingen in den Regalen, deren Namen sie nicht kannte. Ihr Blick blieb einen Augenblick an den getrockneten Wacholderbeeren hängen. „Ich weiß nicht… es ist…“ Aelia suchte nach Worten. Aralian wartete. Aelia zuckte mit den Schultern. „Ich komm gern her.“ Das war vermutlich die einfachste Wahrheit daran. Sie nahm ihren Becher wieder auf, trank jedoch nicht gleich, sondern ließ den Blick noch einmal durch den Laden wandern. Seit Peer sie im Roten Bullen aufgenommen hatte, blieb ihr jeden zweiten Tag frei, und bisher hatte sie diese Tage vor allem als ein unverhofftes Geschenk betrachtet. Nun kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass sie einen Teil davon ebenso gut hier verbringen könnte. „Ich habe jeden zweiten Tag frei“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Wenn Ihr wirklich manchmal Hilfe brauchen könntet, würde ich gern kommen. Für Geld natürlich nicht. Peer bezahlt mich gut genug, und ich würde Euch gern ein wenig zur Hand gehen.“ Aralian hielt in seiner Arbeit inne und sah sie an. Sein Schweigen dauerte lange genug, dass Aelia sich zu fragen begann, ob ihr Angebot vielleicht törichter geklungen hatte, als es ihr vorgekommen war.  „Ich meine es ernst“, fügte sie deshalb hinzu. „Ihr seid meistens allein hier, und es gibt doch sicher genug, wobei ich Euch helfen könnte. Ich kenne mich mit all dem noch nicht aus, aber wenn Ihr mir sagt, was zu tun ist, werde ich mir Mühe geben.“ Nun zeigte sich ein Lächeln in Aralians Gesicht, klein und zurückhaltend, aber unverkennbar.  „Daran habe ich nicht gezweifelt.“ Er nahm das Kräuterbündel wieder zur Hand, das vor ihm auf dem Tisch lag, löste die Schnur darum und strich die trockenen Stängel vorsichtig auseinander. Aelia wartete, und fragte sich ob sie ihm vielleicht auf die Nerven ging, und er deswegen nichts sagte. Sie nestelte nervös mit einer Falte ihres Rockes umher, bis er sie fragte. „Wann hast du denn wieder frei?“ „Übermorgen“ antwortete sie. Aralian nickte. „Dann komm übermorgen wieder, wenn du möchtest. Wir werden schon etwas für dich zu tun finden.“ Aelia hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr Angebot so ohne Weiteres annehmen würde. Einen Augenblick sah sie ihn überrascht an, dann breitete sich ein freudiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Das würde ich gern.“ Damit schien die Sache für Aralian bereits beschlossen zu sein. Er widmete sich wieder den Kräutern vor sich, während Aelia endlich von ihrem Tee trank und sich dabei verstohlen im Laden umsah. Noch wusste sie nicht einmal, was Aralian sie übermorgen tun lassen würde. Doch allein der Gedanke, wiederzukommen und nicht nur als Kundin vor seinem Tisch zu sitzen, gefiel ihr ausgesprochen gut. Aralian schob die flache Schale näher zu sich und begann, die trockenen Stängel auseinanderzunehmen. Aelia trank ihren Tee aus. Eigentlich hätte sie damit gehen können. Ihre Frage wegen des Mondwurzes war beantwortet, sie wusste, was sie in den nächsten Tagen zu tun hatte, und darüber hinaus hatte sie gerade angeboten, freiwillig in einem Kräuterladen mitzuhelfen, ohne dafür auch nur einen Nagel zu bekommen.

Als Aelia die Sache mit dem Büttel zum ersten Mal ausgesprochen hatte, war sie noch wütend gewesen. Damals war sie noch erhitzt von der Wut und der Demütigung gewesen die sie am Markt hatte erdulden müssen. Und während die Idee Gestalt angenommen hatte, war Mahdias Gesicht vor ihrem inneren Auge gewesen. Ihr Hochmut, ihre Bosheit und vor allem die Genugtuung, mit der sie jedes Scherflein festhielt, der in ihrer Schenke verdient wurde. Der Gedanke, ihr ausgerechnet dort wehzutun, hatte Aelia gefallen. Zuerst war es kaum mehr gewesen als eine Vorstellung, geboren aus Trotz und dem Wunsch, Mahdia wenigstens einmal etwas heimzuzahlen, das sie wirklich traf. Dann hatte Doréan begonnen, Fragen zu stellen. Wann der Büttel kam. Wohin er anschließend ging. Welche Schenken er aufsuchte und welchen Weg er nach Steinward nahm. Und mit jeder Antwort war aus dem Gedanken ein Stück Wirklichkeit geworden.

Nun standen sie unweit von Lestars Schenke in einem engen Durchlass zwischen zwei Häusern, von dem aus sie einen guten Blick auf die Straße und der Schenke hatten, und Aelia wünschte sich allmählich, sie hätte an jenem Abend den Mund gehalten. Sie lehnte mit einer Schulter an der rauen Mauer und sah zum wiederholten Mal zur Schenke hinüber. Von hier aus konnte sie den Eingang erkennen, einen Teil der Hausfront und genug von der Straße, um jeden kommen zu sehen, der sich der Schenkentür näherte. Menschen gingen vorüber, manche allein, andere zu zweit oder in kleinen Gruppen. Ein Karren rumpelte langsam zwischen den Häusern hindurch, sodass mehrere Fußgänger ausweichen mussten. Vor einem Hauseingang schüttelte eine Frau ein Tuch aus und verschwand anschließend wieder darin. Das gewöhnliche Leben des grauen Viertels ging seinen Gang, während Aelia bei jedem Mann, der aus der richtigen Richtung kam, genauer hinsah. Ihr Herz schlug schon seit einer ganzen Weile schneller und sie verschränkte die Arme, löste sie wieder und strich die feuchten Handflächen an ihrem Rock ab. Kurz darauf merkte sie, dass sie mit den Fingern an einer losen Naht ihres Rocks zupfte, und zwang sich, auch das sein zu lassen. Es half wenig. „Vielleicht kommt er heute gar nicht.“ Sie hatte leise gesprochen und den Blick auf der Straße gelassen. Selbst in ihren eigenen Ohren klangen die Worte unglaubwürdig. Der Büttel kam jede Woche. Aelia wusste das. Mahdia hatte ihre Einnahmen stets rechtzeitig bereitgehalten, und mehr als einmal hatte Aelia den Mann früher schon gesehen, ohne ihm besondere Beachtung zu schenken. Damals war er eben einer von vielen gewesen, die in die Schenke gingen. Erst jetzt bekam sein regelmäßiger Besuch eine Bedeutung, bei der ihr der Magen flau wurde. Sie sah zu Doréan. Aus der Idee war ein Plan geworden, und der Plan hatte sie bis hierher gebracht. Sie hatten darüber gesprochen, den Büttel nach seinem Rundgang abzufangen, wenn er das Geld mehrerer Wirte bei sich trug. Sie hatten überlegt, wo es geschehen konnte und wie sie anschließend verschwinden würden. Solange sie darüber gesprochen hatten, hatte Aelia immer etwas gefunden, woran sie denken konnte: Mahdia, das Geld, die Aussicht, ihr eins auszuwischen, und sogar die verwegene Vorstellung, mit einem einzigen Überfall mehr zu erbeuten, als sie sonst in langer Zeit verdienen könnte. Heute dachte sie vor allem daran, was geschah, wenn etwas schief ging. Ihr Blick sank für einen Augenblick auf Doréans behandschuhte Hand. Sie kannte doch die Geschichte dieses Handschuhs. Wusste, was darunter fehlte und weshalb. Doréan war beim Stehlen erwischt worden, und ein Finger war der Preis dafür gewesen. Damals war es um einen Diebstahl gegangen. Was ihnen bevorstand, war etwas anderes. Sie wollten einen Büttel überfallen und ihm Geld abnehmen, das mehreren Wirten gehörte und auf dem Weg in ein Bankhaus war. Aelia wusste nicht, welche Strafe darauf stand. Sie hatte auch keinerlei Bedürfnis, es herauszufinden. Und sie wusste nur zu gut, dass diese hanebüchene Idee auf ihrem eigenen Mist gewachsen war. Doréan hatte sie nicht dazu überredet. Sie selbst hatte angefangen, von Mahdias Geld zu sprechen, hatte den Büttel ins Spiel gebracht und aus einem wütenden Gedanken etwas gemacht, das sie nun tatsächlich in die Tat umsetzen wollten. Wenn ihr vor ein paar Monaten jemand erzählt hätte, dass sie eines Tages in einer Gasse stehen und auf einen Mann warten würde, den sie gemeinsam mit ihrem Liebsten auszurauben gedachte, hätte sie ihn vermutlich für verrückt erklärt. Seit sie im Grauen Viertel lebte, und ganz besonders, seit Doréan in ihr Leben getreten war, schienen manche Dinge erschreckend schnell ihren Schrecken verloren zu haben. Ob ihr das mit Ruben an ihrer Seite wohl auch passiert wäre? Der Gedanke brachte sie beinahe zum Lächeln. Mit Ruben wäre sie vermutlich in Steinward geblieben, wo man sich schon deshalb für einen anständigen Menschen hielt, weil man auf der richtigen Seite der Bezirksgrenze wohnte und auf das Graue Viertel herabsehen konnte, obwohl es gleich nebenan begann. Einen Büttel auszurauben wäre ihm wohl kaum in den Sinn gekommen.Aelia sah zu Doréan hinüber. Seit sie ihn kannte, hatte sie Mahdia einen stinkenden Fischbottich in die Schenke gekippt, sich auf dem Markt mit ihr angelegt und stand nun in einer Gasse, um einen Raub vorzubereiten. Nein. Mit Ruben wäre sie wohl kaum so verwildert. Aber wenn sie dafür Doréan hätte hergeben und nach Steinward zurückkehren müssen, blieb sie lieber genau so, wie sie inzwischen geworden war.

„Doréan.“ Ihre Stimme war diesmal noch leiser. Sie wartete, bis sie seine Aufmerksamkeit hatte, und trat ein wenig näher an ihn heran, damit niemand, der am Durchlass vorbeiging, ihre Worte hören konnte. „Wir können es immer noch lassen.“ Allein dass sie es ausgesprochen hatte, erleichterte sie für einen Augenblick. Aelia sah hinaus auf die Straße und fuhr nach kurzem Zögern fort. Wir gehen einfach. Jetzt. Bevor er auftaucht.“ Aber Doréan hatte sich entschieden. Das wusste sie längst, und seine Haltung änderte sich auch jetzt nicht. Aelia presste die Lippen aufeinander und sah wieder zur Schenke hinüber. „Ich meine es ernst“, sagte sie. „Beim Reden hat sich das alles noch sehr viel einfacher angehört. Wenn sie uns erwischen, nimmt uns keiner die Münzen ab und schickt uns anschließend nach Hause.“ Sie warf einen kurzen Blick auf seine linke Hand sprach nicht aus, woran sie dachte. Der Handschuh genügte. Was sie wohl zum zweiten Mal mit ihm machen würden? Und was mit ihr? Den Gedanken sprach sie nicht aus. Vielleicht würde man sie auspeitschen. Vielleicht in einen Kerker werfen. Vielleicht verlor auch sie, wie Doréan, einen Finger. Bei einem Raub konnte ein Mensch verletzt werden, und wenn der Büttel sich wehrte und die Sache außer Kontrolle geriet, mochte am Ende eine Strafe auf sie warten, an die sie gar nicht zu denken vermochte. Aber sie malte es sich in den schlimmsten Farben aus. Sie atmete langsam aus und sah Doréan an. „Mahdia ist es nicht wert, dass einer von uns dafür am Ende am Galgen endet.“ Damit war ausgesprochen, was sie seit einer Weile beschäftigte. Ihr Zorn auf Mahdia war längst nicht verschwunden. Wenn sie an die Frau dachte, konnte sie sich noch immer darüber freuen, dass sie sie auf dem Markt in den Dreck gestoßen hatte. Sie hätte ihr auch weiterhin jeden verlorenen Skarin von Herzen gegönnt. Nur hing Aelia inzwischen zu sehr an ihrem eigenen Hals. Und noch mehr an Doréans. Seine Entschlossenheit blieb dennoch bestehen. Was als wütende Spinnerei begonnen hatte, wollte er nun zu Ende bringen. Aelia schloss für einen Moment die Augen. „Klar, wenn du willst, mein Herz…“ Mehr brachte sie nicht hervor. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass weiteres Zureden wenig ändern würde. Und sie kannte sich selbst inzwischen ebenfalls gut genug, um zu wissen, dass sie ihn kaum allein gehen lassen würde. Der vernünftigste Teil von ihr hätte sich umdrehen und verschwinden sollen. Stattdessen blieb sie neben ihm stehen und wartete darauf, dass ihr Herz sich irgendwann wieder beruhigte. Doch das tat es nicht.

Die Zeit verging quälend langsam. Aelia begann jeden Menschen auf der Straße zu mustern. Ein älterer Mann kam ihr im ersten Moment in den Sinn, dass es jener Büttel wäre. Wenig später kam ein schmächtiger Bursche in einem dunklen Wams, doch schon nach wenigen Schritten bog er in eine nahe Seitengasse ein und sie erkannte schließlich, dass er es auch nicht war. Aelia verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Wie lange braucht dieser Kerl eigentlich?“ Sie sprach leiser als sonst. Selbst ihr Gemaule wollte heute nicht so wirklich gelingen. Wieder sah sie die Straße hinunter. Ihr Mund war trocken, obwohl sie erst vor kurzem etwas getrunken hatte, und in ihrem Bauch rumorte eine unangenehme Unruhe, die jedes Mal stärker wurde, sobald sich Schritte näherten. Dann kam wieder ein Mann um die Ecke. Aelia bemerkte ihn zunächst nur deshalb, weil er mit einem forscheren Schritt ging als die meisten Menschen ringsum. Er war schmächtig und etwas eingefallen um die Schultern, ein wenig kleiner als Doréan, und trug ein dunkles Wams. Sein Bart war sauber gestutzt und gepflegt. An seinem Gürtel hing ein Knüppel. Er hätte leicht zwischen all den anderen Männern auf der Straße verschwinden können, und doch wirkte er hier fremd. Seine Kleidung war weder kostbar noch auffällig, aber ordentlich; sein Auftreten verriet einen Mann, der aus einem anderen Teil der Stadt kam und wusste, weshalb er sich im Grauen Viertel befand. Das Abzeichen, das an einem Band um seinen Hals hing, beseitigte den letzten Zweifel. Aelias Finger schlossen sich um Doréans Unterarm. „Da ist er.“ Mit einem Mal war die lange Warterei vorbei.Der Büttel kam näher, ohne sich sonderlich um seine Umgebung zu kümmern. Sein Blick glitt über die Menschen vor ihm, während er seinen Weg fortsetzte, und als er Mahdias Schenke erreichte, stieß er unverwandt die Schenkentüre auf und trat ein. Aelia hielt unwillkürlich den Atem an. Sie starrte noch einen Augenblick auf die Stelle, an der er eben gestanden hatte. Dann wandte sie langsam den Kopf zu Doréan. Jetzt war er da.

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