Ein peinlicher Augenblick ❖
01.02.2015 '12:09 [2.032 Wörter]
 ur einen Wimpernschlag nachdem Aelia von den Schatten der gähnenden Wirtshaustür verschlungen worden war, stieß Doréan sich von der Hauswand ab und folgte ihr ins Ungewisse. Und als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, wurde es mit einem Mal beinahe stockfinster im Raum. »Also, auch wenn ich aus den grauen Viertel komme, bin ich noch lange keine Ratte, die im Dunkeln sehen kann.« Doréan maulte ein wenig ungehalten, als er in der Dunkelheit sein Schienbein an einem Schemel oder einer Kiste angeschlagen hatte. Er hatte innegehalten, um sich die schmerzende Stelle zu massieren, als er einen kaum wahrnehmbaren Schatten am Ende der Stube ausmachte. »Wie machst du das? Ich kann nich'mal die Hand vor Augen sehen.« Er wirkte sowohl erstaunt als auch argwöhnisch. Doch als endlich ein kleines Glimmen aufflammte, und Doréans Augen das verräterische Leuchten einer kleinen Flamme ausmachte, schien er versöhnlicher. Doch zugleich überkam ihn ein seltsamer Gedanke. Aelia verhielt sich sehr ungewöhnlich. Sie wirkte nervös. Und sie war erpicht darauf bedacht möglichst leise zu Werke zu gehen. Angeblich nur um die Wirtsleute nicht zu wecken. Doch was, wenn dies genau das Problem war? Was war, wenn sie hier einfach eingebrochen war? Und er war ihr einfach hinterhergelaufen. Wie ein dummer Esel. Wem würden sie den Garaus machen, wenn man sie erwischen würde? Sicher nicht der hübschen Aelia. Sondern ihm. Dem Straßenköter, dem bereits ein Finger an der Hand fehlte. Er hatte sich schwergetan, sich an die schummrigen Schatten zu gewöhnen, dass er das Licht sehr begrüßte. »Und ich dachte schon ich wäre, töricht wie ein Narr, in das schwarze Netz einer Spinne geraten.« Er gluckste vergnügt, wenn auch noch ein wenig schwerfällig, ob seines schmerzenden Beines. Doch auch wenn Aelia nicht den Eindruck erweckte, sie wolle ihn in eine Falle locken, so blieb der trügerische Zweifel in ihm hartnäckig. Aber die Verlockungen Aelias überwogen die stummen Rufe aus seinem tiefsten Inneren, die ihm dazu rieten, schleunigst aus diesem Haus zu verschwinden.
Die Flammen fraßen sich genüsslich in das Holz, während das Licht langsam mehr und mehr die Schatten verdrängte, die sich vehement zu wehren schienen. Und je heller es wurde, desto mehr wich das Unbehagen aus Doréans Gedanken. Nun schien das Licht der Kerze Aelia ins Gesicht und rahmte sie förmlich ein in ein Bild aus Licht und Schatten. Und da er außer ihr sonst nicht viel sah, war es auch Aelia, die er umso mehr ansah. Je länger er sie ansah, desto mehr fand er an ihr, dass seine Aufmerksamkeit erregte. »Ungewöhnlich sauber für diesen Teil des Hafens.« Er nickte und ließ dabei seine Blicke durch den Raum schweifen. Tatsächlich. Er konnte nicht einmal ein Spinnengewebe in den Ecken, oder irgendwelchen Unrat auf dem Boden ausmachen. »Und das Essen scheint sogar verdaulich zu sein hier. Ich kann keinen einzigen Fleck auf dem Boden sehen.« Er lachte erneut und grinste dabei wie ein Schelm, doch Aelia legte sich beschwichtigend den Zeigefinger auf die Lippen, um ihm zu bedeuten, dass er viel zu laut war. Aelia ließ sich nicht lange bitten und führte Doréan in das Obergeschoss hinauf. Die Decke war hier viel niedriger, als noch im Schankraum, was die schrägen Dachbalken noch weiter verstärkten. Dankbar, dass Aelia für etwas Licht im Raum gesorgt hatte, duckte sich Doréan unter einem der Balken hinweg, welcher ihn wohl in der Schwärze der Finsternis zum Verhängnis geworfen hätte. Und schließlich fand er sich in der Kammer wieder, welche diese Frau ihr Heim nannte. »Hübsch hast du’s hier.« Doréans Worte bargen dieses Mal keinen Spott in sich, denn wenn man bedachte wie er hauste, schwelgte Aelia nahezu in dekadentem Reichtum. Ein Bett, ein Tisch ein Stuhl. Mehr war da nicht. Und doch hatte sie mehr, als er sein Eigen nennen durfte. Und auch hier war es sauber. Viel zu sauber, für das graue Viertel allemal. Er fühlte sich beinahe wie ein Fremdkörper an diesem Ort, so dreckstarr und ungewaschen wie er war. Doch noch bevor er mehr sagen konnte, oder gar etwas Dummes sagen konnte, wie es höchstwahrscheinlich auch gekommen wäre, ließ Aelia ihn allein zurück und entschwand in die Speisekammer.
Ein wenig unwohl fühlte Doréan sich an diesem Ort, doch je länger sie fort blieb, desto mehr begann er sich zu langweilen. Und so tigerte er in dem kleinen Zimmer auf und ab, öffnete den Deckel der Kleidertruhe, die am Fuß ihres Bettes stand, und begann die Dinge darin hin und her zu schlichten. Natürlich fand sich darin nichts Wertvolles. Und auch nichts Anrüchiges. Doréan ertappte sich bei dem Gedanken, ob er, wenn er etwas von Wert gefunden hätte, es wohl gestohlen hätte? Die Frage blieb unbeantwortet, als er den Deckel wieder schloss und sich stattdessen dem Tisch widmete, auf welchem auch nichts von Wert zu sehen war. »Arm wie eine Tempeldirne.«, murmelte Doréan und summte dabei vor sich hin. »Nicht einmal einen vollständigen Satz zweiter Kleidung.« Er wollte aus dem Fenster schauen, doch es bot keine besonders ansprechende Aussicht. Nur auf den Innenhof, in welchem die Starren vermutlich noch immer stoisch und abwesend Löcher in die Luft starrten. Und auf diesen Anblick konnte er getrost verzichten. Stattdessen zog er sich einen Handschuh von den Fingern jener Hand, die noch alle Finger hatte und ließ seine Finger gelangweilt durch die Flamme des Talglichtes gleiten, da ihm sonst nichts einfiel, was er machen konnte. Und als die Finger schon regelrecht schwarz vom Ruß waren, kehrte Aelia schließlich zurück. Er wischte sich hastig die Finger an seiner Hose ab, doch blieben sie dennoch etwas geschwärzt. In ihrer Hand hielt sie einen hölzernen Teller mit etwas Fleisch darauf und auch Brot und zwei dicke Salzgurken. Als er dies sah, lief ihm förmlich das Wasser im Mund zusammen. Wie lange schon war es her, seit er etwas Fleisch gegessen hatte? Er konnte sich kaum daran erinnern. Und die ledernen Schuhsohlen, welche er sich am Fleischmarkt des Hafens leisten konnte, waren alles andere als etwas, dass man Fleisch nennen konnte. »Also, was gibt’s über dich so zu erzählen?« Doréan erwog für einen Moment auch den anderen Handschuh auszuziehen, entschied sich dann aber wegen des fehlenden Fingers dagegen und nahm sich das Brot von dem Teller.
Dann biss er genüsslich hinein, bevor er sie mit ausweichenden Blicken ansah. »Nift befonderf viel.« Die Worte kamen nur gedämpft und verwaschen aus seinem vollen Mund, während er auf dem Brot herumkaute und gleichzeitig zu sprechen versuchte. Eine unsägliche Manier, doch hatte man ihm ja auch nie beigebracht nicht mit vollem Mund zu sprechen. Genauso wenig wie man ihm Lesen, Schreiben oder einfach mal die Klappe zu halten, wenn es angebracht war, beigebracht hatte. Er schluckte und schenkte Aelia dann ein Lächeln. »Was man halt so über einen Mann aus den grauen Vierteln so zu erzählen weiß.« Er winkte gelangweilt mit der freien Hand, während er erneut vom Brot abbiss. »Aber was machst du so? Und wo lebst du?«, hakte sie nach und Doréan seufzte ob dieser Fragen, die er eigentlich gar nicht beantworten wollte. »Na in fem graum Viertel, mein Liebfen.« Doréan lachte und dabei flogen einige Brotkrumen aus seinem Mund, so dass er sich den Mund abwischte und gespielt verlegen dreinblickte. »Du sagtest doch, du wohnst gleich in der Nähe?« Da nickte Doréan eifrig, während er sich dem Fleisch widmete, welches er mit einem schweren Seufzer auf der Zunge zergehen ließ. »Ein gutes Fleisch.« Doréan nickte anerkennend und hielt das Fleisch, von welchem ein großer Biss fehlte, ein wenig in die Höhe. »Haft du daf fubereitet?« Seine Frage verging in den verschluckten Worten und so schluckte er es nach einigen Bissen hinunter und stellte seine Frage erneut.
»Ich wohn sozusagen in der Nähe.«, murmelte Doréan. »Ich hab dich allerdings hier noch nie gesehen, und ich bin jetzt auch schon wieder zwei Monde hier.« Aelia schien sehr neugierig zu sein, was Doréan mit einem leicht misstrauischen Blick bedachte. »Ach, das wundert mich nicht, meine Liebchen.« Er lächelte verstohlen und geheimnisvoll. »Ich bin nich' gerade die Art Mann die gerne auffällt..« Ein wenig prahlerisch ließ er seine Brust anschwellen, während er sich auf diese klopfte. »Mich wundert es nicht, dass du mich noch nie hier gesehen hast. Doch wie viele der Leute, die vor deinem Heim verkehren hast du schon wirklich bewusst bemerkt?«, hakte er erneut mit diesem misstrauischen Blick nach, in dessen Augenwinkeln ein gewisser Schalk aufblitzte. »Oder willst du mir etwa weißmachen, ich wäre solch ein besonderer Mann, dass ich dir sogleich aufgefallen wäre?« Sein durchtriebenes Lächeln schien auf Aelia abzufärben, als diese ebenfalls, wenn auch verhalten, zu lächeln schien. Zumindest bildete sich Doréan dieses ein. Und um der Verlegenheit, die sich im Raum ausbreitete, etwas aus dem Weg zu gehen, nahm er die zweite Salzgurke und begann daran herum zu knabbern. Doch der Geschmack der sauren und zugleich salzigen Gurke ließ seine Zunge kräuseln und seine Lippen verziehen.
Als dann etwas Stille zwischen den beiden herrschte, drangen mit einem Mal verräterisch eindeutige Laute an sein Ohr. Er lauschte für einen Moment, bevor er sich gewahr wurde, welcher Art diese Geräusche waren. Geräusche, die ihm nur allzu bekannt waren. Immerhin war er sein ganzes Leben in einem Dirnenhaus, oder zumindest in den einschlägigen Straßen aufgewachsen, in welchen Dirnen überwiegend ihr Unwesen trieben. Manche der Frauen erkannte er sogar nur an ihren Geräuschen, ohne dass sie auch nur ein einziges Wort gesprochen hatten. Allerdings drängte sich ihm natürlich eine brennende Frage auf die Zunge. Er konnte sich nicht dagegen erwehren und musste dabei verstohlen lächeln. »Sag, ist das hier ein Freudenhaus, oder was?« Er gluckste, als Aelia bei seinen Worten zu erröten schien. Die Geräusche unterschieden sich hier aber klar von jenen in den Freudenhäusern. Es war mehr das Rumpeln und Knarzen. Ein Bettkasten der auf dem Boden hin und her wog. Er schlug gegen die Wand, und der Rahmen knarrte und ächzte. »Fast wie zu Hause.«, murmelte er, und weckte dabei wohl Aelias Neugierde. Eine Erkenntnis, die ihn sofort die Lippen zusammenpressen ließ. Er spürte eine kurze Hitzewallung in sich aufsteigen. Es war dieser kurze Moment des Schreckens, wie wenn man etwas Unrechtes getan hatte und dabei erwischt worden war. Doréan war ihren Fragen über seine Herkunft oder seinen Wohnort bisher fadenscheinig aus dem Weg gegangen, und nun hatte er sich beinahe verplappert. »Ach nichts.“ Er wedelte wieder lapidar mit der Hand. »Wie gesagt. Ich bin ein Mann aus dem grauen Viertel. Hier geboren…und hier werde ich wohl auch sterben.« Er seufzte kurz, ohne näher darauf einzugehen. »Und wie du sicher weißt, wimmelt es hier vor Dirnen und Metzen. An jeder Ecke findest du ein Dirnenhaus...voll mit Dirnen.« Er lächelte ob seines miesen Wortwitzes, doch dieses Mal war es eher ein verhaltenes Lächeln. Als ob er sich an etwas aus der Vergangenheit erinnerte. »Manchmal frage ich mich, ob es mehr Dirnen als Schankmaiden im grauen Viertel gibt…Wenn auch nur einmal die Stadtwache in dieses Viertel käme, täten die meisten davonlaufen, wie Kakerlaken, wenn man das Licht entzündet.« Der Vergleich war gar nicht so abwegig. Die Dirnen dieses Viertels waren keine hübschen oder besonders holden Maiden. Viele waren abgehalftert und verbraucht. Manche von ihnen waren dreckiger Abschaum, der die Schatten der dunklen Gassen bevorzugte. Keine von ihnen hatte ein direanisches Siegel. Und jeder von ihnen drohte die Brandmarkung durch das glühende Eisen, wenn sie dabei erwischt wurden. Doch die meisten von ihnen arbeiteten unter der Fuchtel der beiden großen Banden. Den Nedran'Ja oder den Sanra'Jena. Und diese Frauen hatten wohl das schwerste Los von allen. Und doch blühte dieses älteste Gewerbe der Welt in den grauen Vierteln. Verlorene Seelen, die kaum eine andere Möglichkeit hatten Geld zu verdienen. Und so waren sie nicht nur der Willkür ihrer Freier ausgeliefert, sondern auch den Machenschaften der Zuhälter, die allesamt nur an ihr eigenes Wohl dachten.
Doréan hingegen rutschte auf seinem Stuhl ein wenig unruhig hin und her. Das Brot und das Fleisch waren längst verspeist und die Geräusche erreichten einen kurzen Moment einen Punkt, dass die Wände zu wackeln schienen. Doch dann war es plötzlich vorbei. Ein letztes Rumpeln zeugte von dem Ende dieses unsäglichen Treibens, welches wohl im Nebenzimmer veranstaltet worden war. »Wie kannst du hier nur ruhig schlafen?«, fragte er nachdenklich und fuhr sich dabei durch das fettige Haar, das ihm das Gesicht verdeckt hatte.
Ein kleiner Kieselstein ❖
01.02.2015 '18:26 [2.626 Wörter]
„  ie machst du das? Ich kann nich’mal die Hand vor Augen sehen“ meinte Doréan, doch Aelia beantwortete diese Frage nicht, während sie sich anschickte, die Laterne zu entzünden. Die Frage beantwortete sich schließlich von selbst. Sie kannte diese Stube in und auswendig. Sie ging hier täglich ein und aus, hin und her, die Tische und Stühle blieben stets am selben Fleck, nichts veränderte sich, und es war auch Aelia, die sich um die Schankstube kümmerte. Sie wusste, wo alles seinen Platz hatte, und Aelia sorgte dafür, dass alles stets am selben Ort war. Es war ihr zu eigen alles in Ordnung zu halten, und selbst, wenn dies nicht so wäre, so hätte Mahdia ihr dies beigebracht, denn Mahdia sorgte mit Strenge dafür, dass die ehemalige Schankmaid, und auch ihre Magd, Aelia, alles zu ihrer Zufriedenheit erledigten. Außerdem war es für Aelia, deren Sehen eingeschränkt war, wichtig, dass Ordnung herrschte, sodass sie sich stets darauf verlassen konnte dass besonders in der Dunkelheit alles wie gewohnt an seinem Platz stand. „Hübsch hast du es hier. Ungewöhnlich sauber für diesen Teil des Hafens“ bemerkte er und Aelia, die an ihn herangetreten war, nickte. „Ja. Ich mag es gerne sauber und ordentlich. Und die Wirtin auch. Ich habe ein gutes Auge dafür…“ meinte sie ein wenig sarkastisch „und ein gutes Händchen.“ „Und das Essen scheint sogar verdaulich zu sein hier. Ich kann keinen einzigen Fleck sehen.“ „Mahdia ist, was das angeht, sehr...streng. Das Haus ist alles was sie hat. Sie hat mir mal erzählt, dass es mal Zeiten gab, als dieser Teil des Viertels nicht so heruntergekommen war. Und sie versucht, zumindest in ihrem Haus, diese Zeiten am Leben zu halten.“
Aelia beobachtete Doréan mit neugierigen Blicken. Zuvor hatte sie ja noch Zweifel gehabt, ob es eine gute Idee gewesen war, ihn mit herein zu nehmen. Allein das schleichende, schlechte Gewissen Ruben gegenüber. Sie benahm sich töricht. Wie ein billiges Flittchen! Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie hatte einen fremden Mann in der Stube! Sie wusste wie es Talma ergangen war. Und noch viel schlimmer. Im grauen Viertel gab es allerhand Halunken. Schon allein die Erfahrung in Jewens Schenke. Es war nur Doréan zu verdanken, dass ihre Unschuld bewahrt blieb. Oder ihr Leben verschont. Doch je mehr die beiden miteinander sprachen, desto mehr ließ dieses unstete und flaue Gefühl nach. Er saß einfach nur da. Aß das essen und plauderte mit ihr. Er machte keine anzüglichen Bemerkungen. Er drängte sich ihr nicht auf. Innerlich atmete sie erleichtert auf. Und gleichzeitig wuchs auch eine umtriebige Neugier in ihr. Und auch eine Unruhe? Fand er sie nicht attraktiv? Oder warum machte er ihr keine Avancen? Oder war er einfach nur der edle Ritter, nur ohne dem weißen Ross. Die einzige Perle aus dem Sautrog der gebrochenen Perle, wie man Oshkïr auch nannte. Er schien wirklich hungrig zu sein, aber Aelia erging es nicht anders, wenngleich sie sich auch in Zurückhaltung übte. Sie betrachtete ihn eine ganze Weile, und stellte ihm, neugierig, wie sie war, dann auch einige Fragen. Was es über ihn zu erzählen gab. „Nicht besonders viel“ antwortete er mit vollen Backen, was in Aelia ein Gefühl der Unbefriedigung zurück ließ. „Über jeden gibt es etwas zu erzählen“ erwiderte sie. Oh, auch sie könnte ihm Geschichten erzählen! „Aber was machst du? Und wo lebst du?“ spezifizierte sie ihre Fragen. „Was man halt so über einen Mann aus den grauen Vierteln so zu erzählen weiß“ antwortete er schließlich ausweichend. „Und, was erzählt man sich so über einen Mann aus den grauen Vierteln?“ hakte sie nach. „Du sagtest doch, du wohnst hier in der Nähe?“ Da nickte er und erzählte ihr stattdessen, wie köstlich er das Fleisch fand. „Hast du das zubereitet?“ fragte er erneut, und Aelia musste schmunzeln, da das Essen ihn scheinbar am meisten interessierte. „Nein, das hat Mahdia gemacht, die Wirtin, sie lässt niemanden an ihren Kessel, außer sich selbst. Aber jetzt sag doch mal, ich hab dich hier noch nie gesehen, und ich bin auch schon zwei Monde hier…?“ „Ach, das wundert mich nicht, mein Liebchen. Ich bin überall und nirgendwo zugleich, musst du wissen. Mich wundert es nicht, dass du mich noch nie hier gesehen hast. “ Er lächelte sie verschmitzt und auch geheimnisvoll an, doch Aelia gefiel es nicht, dass er sich so geheimnisvoll gab. Und schon kehrte das flaue Gefühl, welches bereits am verebben war, wieder zurück. Und mit diesem auch die nagenden Zweifel, ihn überhaupt hereingelassen zu haben. „Doch wie viele der Leute, die vor deinem Heim verkehren hast du schon wirklich bewusst bemerkt? Oder willst du mir etwa weißmachen, ich wäre solch ein besonderer Mann, dass ich dir sogleich aufgefallen wäre?“ nahm er ihr den Wind aus den Segeln, und brachte sie damit sachte zum Lächeln. „Nun, es gibt durchaus Menschen hier, die ich immer wieder sehe, und sie mir deswegen aufgefallen sind. Und die meisten leben auch in der unmittelbaren Umgebung. Aber dich habe ich hier noch nie gesehen, darum wunderte ich mich.“ Über seine andere Spitze verlor sie kein Wort. Sie fand ihn durchaus ansehnlich, was ihn zumindest hier, wo sie lebte, von den anderen abheben mochte. Doch vermutlich lag es mehr an der Situation in der sie sich befanden. Sie hatten viel zu starken Alkohol getrunken, waren einer unangenehmen Situation entkommen und er hatte sie daraus befreit. Es gab Menschen, die unerklärliche und beinahe brennende Gefühle für einen Menschen entwickeln konnten, der ihnen das Leben gerettet hatte. Ganz gleich wie dieser auch aussah. Doch sie hütete sich, um dies allzu sehr unter die Nase zu reiben. Erst wollte sie ausloten was für ein Mann er war. Nicht, dass ihr am Ende ein Mann, den sie kaum kannte, ständig nachstellte und vor der Tür oder dem Fenster stand. Auch Aelia war sich ihrer Schönheit durchaus bewusst, doch es war töricht und mitunter gefährlich, dieses Bewusstsein allzu offensichtlich vor sich her zu tragen. Im harmlosen Fall galt man als leichtes Mädchen. Einen solchen Ruf zu genießen, das konnte man an Talma sehen, war verhängnisvoll. Wäre Talma nicht ein solches Flittchen gewesen, wer weiß, vielleicht wäre die Geschichte anders ausgegangen. Vielleicht hätte sie Mahdia erzählen können, dass sie vergewaltigt worden und deswegen nun in anderen Umständen war. Vielleicht wären die Wirtsleute dann gnädiger gewesen. Und im anderen Fall, war man Freiwild, und die Männer nahmen sich ungefragt ihr geglaubtes Recht. Das Gespräch dümpelte so vor sich hin. Aelia stellte Fragen, die aber meistens nur wenig zufriedenstellend beantwortet wurden. Sie begann sich schon zu fragen, ob er ein dunkles Geheimnis zu hüten versuchte. Doch er wirkte nicht wie ein Sittenstrolch oder Mörder. Er war kaum älter als sie selbst. Vermutlich hatte es andere Gründe. Und so schob sie es einfach auf die Situation selbst. Manchmal war das Schicksal seltsam. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort, hätten sie sich vielleicht gar nie gesehen und wären nie einander begegnet. Doch wenn, doch? Wäre dieses Gespräch dennoch so verlaufen? Aelia bezweifelte es. Sie kam dennoch nicht umhin diesen Mann interessant und auf eine verquere und seltsame Art und Weise anziehend zu finden. Vielleicht war es ja auch gerade deshalb, weil er so geheimniskrämerisch ihren Fragen auswich?
Ein kurzes Schweigen entstand, doch es sollte nicht lange andauern, denn die Wirtsleute begannen sich sehr lautstark zu vergnügen. Obgleich das Zimmer im Nebengebäude lag, und durch eine dicke Backsteinmauer von Aelias Kammer getrennt war, drangen die Laute sehr offensichtlich durch. Zu allem Überfluss kommentierte Doréan dieses Treiben noch belustigt. „Sag, ist das hier ein Freudenhaus, oder was?“ was Aelia eine Schamesröte ins Gesicht zauberte, die wiederum Doréan zu erheitern schien. Ein lautes, brunftiges Stöhnen erscholl, und während Aelia immer beschämter wurde, schien Doréan immer mehr erheitert zu sein. Er machte eine seltsame Andeutung, doch auf ihr Nachhaken, lenkte er wieder ein und tat es als Nichtigkeit ab. Mehr und mehr gewann Aelia den Eindruck, dass es wohl Dinge gab, die er ihr nicht erzählen wollte. Oder vielleicht auch waren sie einfach nur unangenehm? Und so zog Aelia es vor weiterhin zu schweigen und ihn einfach reden zu lassen. Das war oft sinnvoller als ständig Fragen zu stellen. Und so hatte sie auch genügend Zeit den benebelten Kopf etwas freier zu bekommen, da das Drachenfeuer ihr noch immer Hitzewallungen und Schwindel bereitete. „Wie gesagt. Ich bin ein Kind der grauen Vierteln. Und wie du sicher weißt, wimmelt es hier vor Huren und Metzen. An jeder Ecke findest du ein heruntergekommenes Hurenhaus, voll mit Dirnen. Wenn auch nur einmal die Stadtwache in dieses Viertel käme, täten die Huren davonlaufen, wie Kakerlaken, wenn man das Licht entzündet.“ Natürlich war es Aelia nicht entgangen, dass es hier sehr viele Huren gab. Doch sie fand die meisten Weiber hässlich wie die Nacht und konnte nicht wirklich nachvollziehen, wie man sich als Mann einer solchen zuwenden konnte. Nur bei dem Gedanken daran schüttelte sie sich, ebenso der Gedanke an die ekelhaften Kerle, die die Huren bedienten. Aelia fühlte sich zusehends unwohler, und Doréan schmunzelte verlegen. Sie blickte zu Boden und hoffte, dass die Wirtsleute entweder endlich fertig, oder Doréan endlich aufhören würde, darauf herumzureiten. Und sie bemerkte, dass es ihm wohl ähnlich ergehen zu schien. Er wirkte verlegen. Wippte auf dem Stuhl hin und her. Und immer wenn sie ihn ansah, da schien es, als ob er verlegen woanders hinsah. Was Aelia mit einem kurzen, wissenden Lächeln quittierte. „Wie kannst du hier nur ruhig schlafen?“ Da schüttelte Aelia schnell und heftig den Kopf, so dass ihre offene Haarpracht durchgeschüttelt wurde, und sich einige Strähnen davon sanft auf die Rundungen ihres Dekolletés legten. „Kann ich oft gar nicht...aber ich habe sonst keinen Ort wohin ich gehen könnte“ Aelia zuckte hilflos die Schultern und warf ihm einen verlegenen Blick zu. Sie mochte ihn, irgendwie. Aber er war auch seltsam. Sie müsste innerlich schmunzeln. Es lag schon irgendwie eine befremdliche Komik an dem ganzen. Man lernt jemanden kennen. Er rettet einem das Leben. Man kommt ins Gespräch. Alles ist unverfänglich und dann...ehe man sichs versieht, sitzt er mit dir im Zimmer. Und man ist diesen Geräuschen ausgesetzt. Grausamer und unangenehmer konnte es doch gar nicht mehr werden. Aelia versuchte die unangenehmen Blicke und Gedanken etwas zu überspielen, indem sie einfach von etwas anderem sprach. „Ich falle jeden Abend wie tot ins Bett, ich arbeite ja auch den ganzen Tag hart, und muss morgens bei Sonnenaufgang aufstehen. Außerdem, was interessiert es mich, was die Wirtsleute tun? Und egal was du auch denken magst. Ich weiß wie die beiden aussehen. Und das macht es nur noch schlimmer, mit diesen Bildern im Kopf, die sich einem förmlich aufzwängen.“ kicherte sie, und dann fiel ihr Blick auf seine Hand. Seine Hände, oder vielmehr die eine Hand, die nicht behandschuht war, sah nicht sehr danach aus, dass er harter Arbeit nachging. Wenn sie sich ehrlich war, dann glaubte sie sogar, dass seine Hände nicht so waren wie die ihren. Ihre waren, obgleich sie diese oft mit Schweineschmalz einrieb, um sie weich und geschmeidig zu halten, mit einigen Schwielen verunziert, was an harten Besenstielen und Bürsten, schweren Wassereimern, Seifenlauge und vielen anderen Arbeiten lag. Seine Finger waren lang, und dünn. Soweit sie es sehen konnte, hatte er kaum Schwielen, keine Verletzungen, die von handwerklichen Tätigkeiten herrührten, keine nennenswerten Narben. Er hatte eine beinahe schönere Hand, als sie. Wenn man einmal von den dunklen Rändern unter seinen Fingernägeln absah. Sie schämte sich deswegen. Ob es an den Handschuhen lag, die er trug? Wieso trug er überhaupt Handschuhe? Er wirkte nicht, als sei er aus besseren Kreisen und außerdem hatte er gesagt, er sei ein Kind des grauen Viertels. „Warum ziehst du dir den anderen Handschuh nicht auch aus?“ fragte sie neugierig.
Doch bevor er auch nur zu einer Antwort anheben konnte, da erklang ein Geräusch. Wie ein Kieselstein, der gegen die Holzfassade schlug. Wenn man vom Teufel sprach...oder auch nur an ihn dachte...dann spürte man auch schon seinen heißen Atem im Nacken. Aelia wurde es heiß und kalt zugleich, denn sie wusste, dass dies nur eines bedeuten konnte. Und es war der denkbar ungünstigste Augenblick. „Scheiße…“ fluchte sie, obgleich sie nichts getan hatte, welches das schlechte Gewissen rechtfertigte, welches sie plötzlich ereilte, lief es ihr mit einem Mal eiskalt und zugleich brennend heiß den Rücken herab. Sie fühlte sich ertappt. Obwohl sie eigentlich nichts verfängliches getan hatte. Andererseits wiederum tat man das auch nicht, sich einen unbekannten Mann aufs Zimmer zu holen, um dort mit ihm zu plaudern. Aelia schob den verbogenen Nagel am Fenster beiseite, welcher als Fensterverschluss diente und öffnete das Fenster. Sie steckte den Kopf durch den Spalt und flüsterte „Warte!“ Sie zog den Kopf wieder ins Zimmer, und meinte zu Doréan „Mein… mein…“ Ja was denn eigentlich? Ruben war weder ihr Ehemann, noch ihr Verlobter, da er ihr noch keinen Antrag gemacht hatte, er war auch nicht ihr Geliebter, denn sie hatten zwar einige Küsse, aber nicht mehr geteilt. Eigentlich war er nicht mehr als dieser Doréan. Nur mit zwei feinen Unterschieden. Sie kannten sich länger, und er war nicht schon am ersten Tag mit ihr im selben Zimmer gelandet. Aelia lief rot an. Es war ein Gefühl der Scham, die sie überkam. „Ruben ist hier…er....er....wir sind irgendwie zusammen...“ stotterte sie. Und dann wurde ihr mehr und mehr die Situation, in welche sie sich selbst hineinmanövriert hatte bewusst. Was hatte sie nur getan? Welcher Zundergeist hatte sie da nur geritten, dass sie es überhaupt so weit hatte kommen lassen? War es wirklich nur der Alkohol gewesen? Nein, so viel hatte sie doch in Wahrheit gar nicht getrunken. Doch diese Gedanken waren jetzt bedeutungslos. Wie ein gehetztes Tier sah sie sich suchend um. „Er darf dich hier nicht sehen, wie soll ich denn das erklären?“ Sie steckte den Kopf wieder durch das Fenster. „Was machst du hier? Es ist mitten in der Nacht?“ flüsterte sie in die Dunkelheit. Hätte sie keine Laterne angezündet, dann wäre er wieder unverrichteter Dinge gegangen, denn dann hätte er angenommen, sie schlief bereits. „Ich konnte nicht schlafen, und dann dachte ich, ich schau bei dir vorbei, und wie ich sehe, ist mir das Glück wohlgesonnen, denn du bist noch wach!“ hauchte er, und man konnte die säuselnde Rührseligkeit in seiner Süßholz raspelnden Stimme förmlich heraushören. „Kommst du für einen Moment herunter?“ „Ich kann nicht herunterkommen…Die beiden sind noch wach!“ flüsterte sie, und nickte sie zum Wirtschaftsgebäude hinüber. Sie hoffte sehr, dass Doréan nichts Unüberlegtes tat, wie laute Geräusche zu machen, zu sprechen, oder gar ebenso aus dem Fenster zu schauen. Denn dann wäre sie in echter Erklärungsnot. „Nur für einen Moment?“ bat Ruben sie, und legte sehnsüchtig den Kopf in den Nacken. „Ich hab dich schon seit Tagen nicht mehr gesehen...“ meinte er ein wenig niedergeschlagen. „Es geht nicht Ruben, wirklich! Ich habe morgen einen langen Tag!“ „Aber wann sehe ich dich wieder?“ fragte er. „Du siehst mich ja gerade“ scherzte sie. „Ich komme dich besuchen! Morgen, oder übermorgen, versprochen.“ „Na gut…“ drang es etwas enttäuscht an ihr Ohr. „Danke, Ruben!“ erwiderte sie, und nickte dankbar. „Und bitte. Sei leise. Die Alte hatte heute einen schlechten Tag.“ fügte sie hinzu. „Gute Nacht!“ erwiderte sie, und schlug das Fenster zu. Dann löschte sie das Licht in der Laterne, damit Ruben annahm, sie legte sich nun zur Ruhe, und der Raum wurde in Dunkelheit getaucht. Nur der Mondschein drang noch leise durch das Pergamentbespannte Fenster. Angespannt, aber auch ein wenig erleichtert, atmete Aelia hörbar aus. Und dann überkam sie eine innere Unruhe. Er saß einfach nur da. Starrte sie in der Dunkelheit förmlich an. Sie wusste es natürlich nicht, aber sie konnte seine Blicke förmlich auf sich spüren. Und seine Fragen. Unangenehme Fragen. Berechtigte Fragen. Sie schloss die Augen und wünschte sich, sie wäre heute nie in die Schlangengrube gegangen. Oder einfach nur an einem weit entfernten Ort.
Schweigen ist Gold ❖
04.02.2015 '00:25 [1.731 Wörter]
 ährend Aelia die Situation sichtlich unangenehm war und sie immer wieder den Blick auf ihre Füße senkte, als ob sie Doréan nicht in die Augen zu schauen wagte, musste Doréan nur müde lächeln. Immerhin war er in einem Hurenhaus aufgewachsen und hatte beinahe seine ganze Kindheit in den roten Meilen des grauen Viertels verbracht. Derlei Geräusche standen dort an der Tagesordnung. Er konnte sich nicht einmal im Entferntesten daran erinnern, ob es jemals einmal einen Tag gab, an welchem die Dirnen ihre Schenkel geschlossen gehalten hatten und ihre verheißungsvollen, wenn auch nur geheuchelten und vorgetäuschten, Lustgebarden nicht zu hören waren. Nicht einmal an dem ach so heiligen Sonnentag blieben die Tore der Dirnen verschlossen. Was vermutlich auch daran lag, dass die Menschen im grauen Viertel nicht unbedingt zu den frömmsten gehörten. Hier kämpfte man täglich ums nackte Überleben. Gebete waren für die Menschen, die ohne Hoffnung waren. Doch gab es, gerade in Oshkïr, eine große Auswahl an Göttern, zu denen man beten konnte, wenn man jede Hoffnung verloren hatte. Und die Dirnen hatten, mehr oder weniger, ihre eigene Art zu beten. Sie huldigten dem Silber. Manche von ihnen sandten stille Gebete zu der heiligen Maëla. Manch einer würde meinen, sie wäre die Herrin der Dirnen. Doch es war keine Göttin. Nur die Dirnen kannten sie, und viele Ränke und Mythen rankten sich um diese Heilige, von der irgendwie niemand wusste, wer sie eigentlich war. Die Dirnen glichen vielmehr einem Seelenverkäufer, der wirklich alles für Geld tat, als auch nur annähernd ehrbaren oder gar gottesfürchtigen Frauen. Natürlich glichen die Laute der Liederlichen bei weitem nicht so ehrlich wie jene, dessen stiller, heimlicher Zeuge Doréan gerade wurde. Und doch war es nicht wirklich etwas Neues für den Gossenfloh aus den niedersten Verhältnissen, die ein Mensch eigentlich nur haben konnte. Aelia hingegen schien sich alles andere als wohl zu fühlen. Er empfand ihr verhaltenes und beschämtes Gebärden beinahe unterhaltsam.
Die Würze verlor sich in fader Geschmackslosigkeit und der nötige Pfeffer, welcher einem Spaß den letzten Schliff verpasste, war schal geworden. Doréan schwieg, wenn auch nur für einen Moment, während er Aelia mit stillen Blicken bedachte. Sie hatte derweil aber alles andere als Augen für ihn. Sie schien selbst ihre Füße mit einem Mal weitaus interessanter zu finden, als ob sie diese gerade zum ersten Mal entdeckt hatte.
Um sich abzulenken, oder um Doréan einfach nur zum Schweigen zu bringen, schien sie das Interesse an ihren Füßen auf seine Hände zu verlagern. Es wirkte ein wenig befremdlich auf Doréan als sie plötzlich und wie aus heiterem Himmel seine Hand eingehend zu betrachten schien. Er lächelte, wenn auch nicht ganz so selbstgefällig, wie noch zuvor. Viel eher hatten ihre Blicke eine seltsame Fremdartigkeit an sich. Ihm war bisher noch nie jemand untergekommen, der ein solches Interesse an seinen Händen gezeigt hatte. Zumindest, wenn man einmal das Arschloch ausnahm, welcher ihm einen Finger von der Hand getrennt hatte. Während Aelia die Hand in Augenschein nahm, spürte Doréan eine wachsende Anspannung in sich aufkommen. Er fühlte sich sichtlich unwohl, da er nicht so recht wusste, warum sie tat, was sie nun tat. Er hob seine Hand und drehte sie mit der Handfläche zu ihr gerichtet. »Na? Was siehst du?« Seine Frage galt mehr dem Zweck seine Anspannung zu vertreiben, als dass ehrliches Interesse dahintersteckte. Und um dies zu untermauern, setzte er dieses Lächeln auf, welches er zuweilen aufzulegen pflegte. Dies bezeugte auch die leicht hörbare Belustigung in der Stimme. Doch in Wahrheit hatte er wohl nur versucht das Eis zu brechen um sich seiner unbehaglichen Anspannung zu entledigen. »Ich hab' keinen Ring am Finger, falls du danach Ausschau hältst.« Er lachte und sein Lachen wurde begleitet von einem tiefen Glucksen, als ob er seinen eigenen Scherz besonders gelungen empfand. »Ich hätte nicht erwartet, dass du eine Wahrsagerin bist.« Er gluckste und fächerte die Finger seiner Hand ein wenig auf, um ihr die Linien seiner Handfläche zu offenbaren, nur um sie ein wenig auf den Arm zu nehmen. Vermutlich hatte sie seine Hand einfach nur angesehen, um über die unangenehme Situation zu überspielen. Doréan hätte ihre Blicke auch einfach stillschweigend erdulden können, ihr ein paar fragende oder neugierige Blicke zuwerfen, und dann wäre die Sache vermutlich erledigt gewesen. Doch so war Doréan nun einmal. Er redete und redete und je mehr er redete, desto mehr verstrickte er sich dann auch manchmal.
Und dennoch. Es gab Gerüchte von Frauen, man nannte sie Schandhexen…oder Schindluder…ihnen wurden Dinge nachgesagt. Dinge, die zu abstrus und seltsam klangen um wahr zu sein. Doréan hatte schon allerlei Geschichten von diesen seltsamen Frauen gehört. Doch begegnet war er noch keiner dieser mysteriösen Weiber. Wahrsagerinnen hingegen hatte er schon öfter gesehen, als er zählen konnte. Und mehr, als es ihm lieb war. Sie lungerten auf der Marktstraße herum. Sie lungerten am Hafen herum. Sie lungerten am Scherbentor herum. Man konnte beinahe meinen, sie wären die Priesterinnen irgendeiner seltsamen, geheimnisvollen Gottheit, deren einziges Bestreben es war, aus anderer Menschen Hände ihr Schicksal zu lesen. Vielleicht gab es sogar einen geheimen Zirkel aus Wahrsagerinnen, mit alten Tafeln auf welchen das Schicksal aller Menschen aufgeschrieben wurde? Und so hing Doréan seinen Gedanken nach und starrte er Aelia nur tief in die Augen.
Doch dieser Moment war jäh vergangen, als sie sich nach dem Grund des Handschuhs erkundigte, welchen er noch immer an der anderen Hand trug. Instinktiv zog er seine andere Hand zurück und das Lächeln auf seinen Lippen erstarb förmlich zu einer eisernen Linie. Er zog den anderen Handschuh aus seinem Hosenbund und stülpte kurz darauf die ledernen Hüllen über jene Hand, die Aelia zuvor beäugt hatte. »Ich hab' halt kalte Hände.« Er sprach diese Worte mit einer Einfachheit aus, als ob es völlig einleuchtend wäre, warum er sie trug. Doch noch bevor sie weitere, bohrende Fragen stellen konnte zwang er sich zu einem weiteren, beschwichtigenden Lächeln. »Aber gelegentlich kann es auch von Nutzen sein über kalte Hände zu verfügen. Wenn es darum geht die zaghaften Knospen einer liebreizenden Frau zu wecken.« Seine Zähne schimmerten in dem matten Kerzenlicht, als sein Grinsen breiter wurde.
Aber noch bevor er, oder sie, näher darauf eingehen konnten, erklang ein seltsames Geräusch. Beinahe so, als ob die hölzernen Fensterläden ihrer Stube schief in den Angeln hingen und dadurch knackten. Aelia öffnete das Fenster und wirkte mit einem Mal unangenehm überrascht, was Doréan dazu veranlasste aufzustehen. Die Neugierde hatte ihn ergriffen, zu erfahren mit wem sie da eigentlich sprach. Und so trat er schließlich an sie heran und warf einen unverfänglichen, aber auch verstohlenen Blick aus dem Fenster. Unten auf der Straße stand ein Mann und aus den Worten, welche die beiden miteinander wechselte, erkannte Doréan, dass sie wohl mehr als nur flüchtige Bekannte waren. Auf eine gewisse Weise war dies eine unangenehme Situation. Aelia war eine hübsche Frau und Doréan spürte, wie sein Herz schneller schlug, wenn er sie nur ansah. Und dieser Jewen, in der Schlangengrube, hatte ja von einem Kerl gesprochen. Vermutlich war es dieser Kerl, der nun unten vorm Fenster stand. Aber nichtsdestotrotz hatte Doréan sich Hoffnungen gemacht. Hoffnungen, die nun einen gewaltigen Dämpfer bekommen hatten. Doch wer glaubte, dass Doréan nun klein beigab und den sprichwörtlichen Schwanz einzog, der kannte den Gossenfloh schlecht. »Das ist ja jetzt ein blöder Zufall, oder?«, flötete Doréan in einem flüsternden und zugleich theatralischen Unterton. Wann hatte er das letzte Mal mit kleinen Steinen nach Fensterläden geworfen um die Aufmerksamkeit einer hübschen Frau zu erringen? Er konnte sich nicht erinnern. Vermutlich, weil er kaum hübsche Frauen kannte. Er lächelte, wenn auch nur innerlich, mit einem gepressten Gefühl und gekräuselten Lippen. Doch viel mehr wurmte ihn die Tatsache, dass dort unten ein Mann stand, der an derselben Frau Interesse zeigte. Doréan nickte grimmig. Sie hatte ihn nicht unhübsch genannt. Und sie hatte ihn auf ihre Stube mitgenommen, obwohl es diesen Ruben gab. Das waren doch Anzeichen. Er musste nur irgendwie das Eis brechen und dann würde sie diesen Ruben in den Wind schießen. Und bei diesem Gedanken nickte er entschlossen. Schließlich verzog er den Mund zu einem ungehaltenen Ausdruck, während dutzende, unbedachte Worte auf seiner Zunge einen regelrechten Tanz vollführten. Ein Wort aus seinem Munde würde genügen, diesen Mann da unten zu vertreiben. Doch ganz egal welches Wort auch immer seiner Zunge entkommen würde. Jedes davon würde zweifelsohne auch Aelia vertreiben. Oder viel mehr, sie dazu veranlassen ihn zu vertreiben. Und zum ersten Mal seit langem, entschied sich Doréan die Lippen geschlossen zu halten, anstatt einfach zu sagen, was ihm auf der Zunge brannte. Diese Frau. Ohne es zu ahnen, hatte das Großmaul Doréan dazu gebracht, den Mund zu halten. Die Menschen der Ascherinne würden Lobeshymnen auf sie singen und sie wie eine Königin behandeln, wenn sie jemals davon erfahren würden.
Und so hielt Doréan einfach nur den Mund, bis sie endlich den Umwerber ihrer Gunst abgewimmelt hatte. Als die die Fenster wieder geschlossen hatte, blies sie unverwandt das schwache Kerzenlicht aus und binnen eines Augenblickes fand sich Doréan in völliger Dunkelheit wieder. Doch Doréan war nicht auf den Mund gefallen. „Oh, also so ist das also?« Doréan lächelte unverhohlen, doch als er sich bewusst wurde, dass Aelia ihn gar nicht sehen konnte, da fiel das Lächeln wieder von ihm ab und ein ernüchternder Blick nahm den Platz des geckenhaften Gesichtsausdrucks ein. »Nimmst du öfters Männer mit auf deine Stube? Oder nur wenn sie etwas Besonderes sind? Wie ich?« Erneut grinste er breit. Ein Lächeln, welches ihm oft schon gute Dienste geleistet hatte. Es war ihm schon so zu eigen geworden, dass er es schon von ganz alleine machte, ohne es zu steuern. Doch natürlich war es noch immer dunkel, und Aelia konnte sein Grinsen vermutlich nicht einmal sehen. »Ich hoffe du verzeihst mir, wenn ich in dieser Dunkelheit unbeholfen durch deine Stube stolpere und dir womöglich auf die Füße trete.« Es war nicht gänzlich dunkel. Ein wenig Mondlicht drang durch das Fenster herein. Gerade genug um zumindest die Hand vor Augen zu sehen. Auch Aelias schemenhafte Umrisse konnte er noch sehen, da sie ja direkt vor dem Fenster stand. Und diese Schemen zeichneten sich vor dem fahlen Fenster buchstäblich vor ihm ab und verlieh der Erscheinung Aelias eine geheimnisvolle Aura. Seine Blicke wanderten über die Schemen und Schatten, die sich vor ihm gegen das Mondlicht abzeichneten. Das lange Haar. Die Rundungen. Die Figur, die einer Sanduhr glich. Und er wurde sich gewahr, dass er sie sogar noch anziehender fand, als noch zuvor.
Viel zu nett dafür ❖
04.02.2015 '22:15 [2.000 Wörter]
 m sich, und allgemein von dieser unangenehmen Situation abzulenken, hatte Aelia angefangen Doréans Hand zu betrachten. Hände konnten soviel über einen Menschen erzählen. Wenn dieser junge Mann schon nicht bereit war zu erzählen, wo er wohnte und welcher Arbeit er nachging, so konnten vielleicht seine Hände ihr ein wenig Auskunft darüber geben. Und Doréans Beschaffenheit seiner Hände erzählten Aelia, dass er keinem schweren Handwerk nachzugehen schien. Sie war über allen Maßen überrascht, dass seine Hände in einem besseren Zustand waren, als die ihren. Er drehte seine Hand, hielt sie ihr vors Gesicht und fragte sie mit leichter Belustigung in der Stimme „Na, was siehst du?“ Aelia lächelte unsicher und erwiderte „Nun, eigentlich sehe ich nichts besonders, aber ich…“ „Ich hab' keinen Ring am Finger, falls du danach Ausschau hältst.“ Aelia fühlte sich seltsamerweise ertappt, obgleich sie am allerwenigsten nach einem Ring Ausschau gehalten hatte. „Ich… Nein, ich habe nicht nach einem Ring gesucht…“ erwiderte sie verlegen und die Tatsache, dass diese Begegnung zwischen ihnen so unverfänglich begonnen hatte, sich nun aber in eine eher unangenehme Situation gewandelt hatte, ließ in Aelia den Wunsch aufkommen, dass sich ein Loch im Boden auftun möge, in das sie verschwinden konnte. Aber so war das Gesetz des Schicksals. Kaum war man in eine peinliche Lage geraten, schien das grausame Schicksal Gefallen daran zu finden, immer weiter darauf herumzureiten, anstatt dabei zu helfen, sich endlich wieder aus dieser Verlegenheit zu befreien. Darum war es beinahe gut, als er ihr sagte, dass er nicht erwartet hätte, dass sie eine Wahrsagerin sei. Dies wiederum half, die Spannung ein wenig zu lockern. Nun lachte sie und erwiderte „Eine Wahrsagerin? Aber nein… Von so etwas halte ich gar nichts. Das ist doch nur Aberglaube und nur Betrug, um Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber sag einmal, wieso trägst du eigentlich Handschuhe?“ „Ich hab halt kalte Hände“ erwiderte Doréan und fügte hinzu „Aber gelegentlich kann es auch von Nutzen sein über kalte Hände zu verfügen. Wenn es darum geht die zaghaften Knospen einer liebreizenden Frau zu wecken…“ Aelia sah ihn fragend an und dachte zunächst, sie hatte sich verhört. Sie wusste zum einen nicht, was sie auf diese Bemerkung erwidern sollte, und zum anderen wusste sie auch nicht, ob sie die Bemerkung überhaupt richtig verstanden hatte. Letzten Endes fragte sie sich, ob Doréan sie absichtlich aus der Fassung bringen wollte. Aber selbst, wenn sie hätte wollen, sie würde keine Gelegenheit mehr bekommen, etwas auf diese anzügliche Bemerkung zu erwidern, denn plötzlich riss sie ein Geräusch aus ihren Gedanken, und dieses Geräusch kannte sie: Es war jenes von kleinen Steinchen, die gegen Mauerwerk und Pergamenthäute geworfen wurden. Ein Blick aus dem Fenster genügte um ihre Vorahnung zu bestätigen. Ruben stand unten und wollte sie sehen. Zum Glück aller brachte sie es zuwege ihn zu vertrösten und unter einem Vorwand wieder wegzuschicken. Als Rubens Schritte schließlich verklungen waren, entwich Aelia ein langer Atem, von dem sie nicht einmal bemerkt hatte, dass sie ihn angehalten hatte. Erleichterung darüber dass Ruben keinen Verdacht geschöpft hatte durchströmte sie. Es hielt jedoch nur einen Augenblick an. Unmittelbar danach meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Sie kannte Doréan kaum, und doch saß er auf ihrem Bett, während Ruben noch nie dort gesessen hatte, geschweige denn je die Schwelle ihres Zimmers überschritten hatte.
Und so blieb Aelia unmittelbar vor dem Fenster stehen, nachdem sie das Talglicht gelöscht hatte um Ruben der Illusion hinzugeben, dass sie sich nun wie behauptet zur Nachtruhe hingelegt hatte, während Doréan auf ihrem Bett saß. Eine Weile herrschte Schweigen, dann brach er dieses und sagte „Oh, also so ist das also? Nimmst du öfters Männer mit auf deine Stube? Oder nur, wenn sie etwas Besonderes sind? So wie ich?“ Aelia verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr war bewusst, dass Doréans Fragen durchaus nachvollziehbar waren, doch er irrte sich gewaltig, wenn er so etwas dachte! Darum antwortete sie wahrheitsgemäß „Gar nicht.“ Aber weil das so nicht stimmte, und die Situation einer gewissen Ironie und Komik nicht entbehrte, schmunzelte sie in der Dunkelheit und fügte hinzu „Du bist der Erste. Wenn ich ständig Männer auf meine Stube mitnehmen würde, hätte ich vermutlich bessere Ausreden parat gehabt, meinst du nicht auch?“ Dann löste sie die Verschränkung ihrer Arme, stützte sie auf der Fensterbank auf und lehnte sich leicht nach vorne. „Und du? Lässt du dich öfter von fremden Frauen zum Essen einladen? Oder nur, wenn sie etwas Besonderes sind? So wie ich?“ Doréan schenkte ihr ein breites Grinsen. Der Mond war inzwischen weit genug gestiegen, dass sein Licht durch die Pergamenthaut fiel und seine Züge sanft erhellte. „Also die meisten fremden Frauen im grauen Viertel möchte man nicht nachhause begleiten. Aber bei dir macht man gerne eine Ausnahme.“ Aelias Lippen kräuselten sich zu einem Schmunzeln und sie musterte ihn einen Moment schweigend. Es war nicht das erste Mal an diesem Abend, dass Doréan etwas sagte, auf das sie keine rechte Antwort wusste. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht einschätzen konnte, wie ernst er solche Dinge meinte, weil er dabei ständig dieses Grinsen an den Tag legte. „Du sagst solche Dinge ständig, oder?“ Die Frage klang neugieriger, als sie beabsichtigt hatte. Fast so, als interessiere sie die Antwort tatsächlich. Doréan schüttelte den Kopf. „Nein“ erwiderte und diesmal lag keine Belustigung oder ein Hauch von Spott darin. Nur dieses eine Wort. Nicht mehr. Aelia wusste nicht, was sie auf ihre Frage erwartet hatte. Dies jedenfalls nicht. Für einen flüchtigen Augenblick fragte sie sich, ob er da gerade mit ihr tändelte. Ob sein Interesse tatsächlich ihr galt? Der Gedanke ließ ihr Herz einen Moment schneller schlagen und sie wandte den Blick ab und betrachtete die Holzmaserung des Fensterrahmens der in Mondschein getaucht war. Doch dann zwang sich Aelia zwang sich, den Blick vom Fenster zu lösen. Das alles hier wurde langsam absurd. Sie stand hier und machte sich Gedanken über einen Jungen mit der Selbstsicherheit eines Mannes, den sie erst seit wenigen Stunden kannte. Ein junger Mann, der einen dummen Spruch nach dem anderen von sich gab und sie dennoch mit jedem einzelnen mehr aus dem Konzept brachte, als ihr lieb war. Und außerdem hatte sie einen Freund! Ruben. Was sie hier tat, war nicht in Ordnung! Allein der Gedanke genügte, um die Richtung ihrer Gedanken wieder zurechtzurücken. Es war längst an der Zeit, dieses Geplänkel hier zu beenden. Er hatte ihr das Leben gerettet, sie hatte sich bei ihm bedankt. Sie hatte ihn sogar in ihrer Stube zum Essen eingeladen, hatte ihren Freund abgewimmelt und nun war es an der Zeit ‚Lebewohl‘ zu sagen, und nichts anderes mehr!
Sie stieß sich von der Fensterbank ab und trat in den Raum. Fast im selben Augenblick erhob sich Doréan. Für einen Moment kam es ihr vor, als hätten sie beide denselben Entschluss gefasst. Schritt für Schritt verringerte sich der Abstand zwischen ihnen, bis sie schließlich voreinander standen. Viel zu nah. Aelia konnte sein Gesicht kaum erkennen. Nur die Umrisse. Das blasse Mondlicht, das durch die Pergamenthaut fiel, spiegelte sich im schwachen Glanz seiner Augen. Irgendetwas hatte sich verändert. Die Neckereien waren verstummt. Die Stille zwischen ihnen fühlte sich plötzlich anders an. Und Aelia war sich nicht sicher, ob sie davor zurückweichen oder ihr entgegentreten wollte. Ich habe einen Freund... Der Gedanke drängte sich erneut in den Vordergrund. Beharrlich. Fast so, als müsse er sie an etwas erinnern, dass sie für einen Augenblick vergessen hatte. Für einen Moment hatte Aelia sogar das unangenehme Gefühl, zwischen zwei Ufern zu stehen. Das eine war vertraut und sicher. Das andere war ihr gänzlich unbekannt. Und dennoch wanderte ihr Blick immer wieder dorthin. „Doréan …“ begann sie schließlich. Sein Name war hübsch und er ging ihr seltsam leicht über die Lippen. Sie hatte ihn erst vor wenigen Stunden kennengelernt und dennoch kam er ihr seltsam vertraut vor. Der Gedanke irritierte sie. Was geschah hier eigentlich? „Du musst jetzt gehen.“ Sein Grinsen hielt sich noch einen Herzschlag länger auf seinem Gesicht, ehe es etwas verblasste. „Muss ich wirklich?“ Seine Stimme war leise geworden. Nicht spöttisch, ja nicht einmal besonders herausfordernd. Eher so, als wolle er herausfinden, ob sie das wirklich meinte. Aelia hielt seinem Blick stand. „Ja.“ Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Dann nickte Doréan langsam. „Also gut.“ Doch obwohl er das sagte, machte er keine Anstalten, sich zu bewegen. Er stand einfach da. Nah genug, dass Aelia schwach seinen Geruch wahrnehmen konnte. Nah genug, dass sie sich plötzlich sehr bewusst wurde, wie wenig Abstand zwischen ihnen lag. Schließlich hob er den Blick wieder zu ihr und der Anflug eines Lächelns kehrte in seine Stimme zurück. „Willst du mich morgen wiedersehen?“ Von allen Dingen, die sie erwartet hätte, dass Doréan sie sagen würde, war das nicht darunter. Diese direkte Frage traf sie völlig unerwartet. Und es schien kein Scherz zu sein. Kein Grinsen in seinem Gesicht, keine Neckerei. Es war eine einfache und offensichtlich ernstgemeinte Frage. Und diese Frage erzeugte ein unangenehmes Ziehen irgendwo zwischen Herz und Magengrube. Noch ehe sie antworten konnte, machte Doréan einen weiteren Schritt auf sie zu. Nicht viel. Kaum mehr als eine halbe Schrittlänge. Und doch genügte es, um den Abstand zwischen ihnen beinahe vollständig verschwinden zu lassen. Willst du mich wiedersehen? Aelia öffnete bereits den Mund, um ihm eine Antwort zu geben, als ihr Rubens Gesicht vor dem inneren Auge erschien. 'Wann sehe ich dich wieder?' – 'Ich komme dich besuchen. Morgen oder übermorgen, versprochen.' Ruben hatte darüber gelächelt und sich mit dieser Antwort begnügt. Und zu diesem Zeitpunkt war ihr diese Formulierung völlig belanglos erschienen. Jetzt plötzlich nicht mehr. Morgen oder übermorgen. Aelia blinzelte. Völlig unerwartet hatte sie sich damit erstaunlich viel zeitlichen Spielraum eingeräumt. Doréan schien im Gegenzug bemüht, den räumlichen Spielraum zwischen ihnen möglichst klein zu halten. „Doréan…“ sagte sie leise und legte ihm ihre Hand auf die Brust und schob ihn sacht ein Stück weit von sich. „Du musst jetzt wirklich gehen!“ Doréan wich tatsächlich einen Schritt zurück. Dann neigte er leicht den Kopf. „Und wenn ich nicht gehe?“ Aelia blinzelte. Für einen Augenblick raubte ihr die Dreistigkeit dieser Frage tatsächlich den Atem. Wie konnte er es wagen, so etwas zu sagen? Erst jetzt wurde ihr klar, dass Doréan diesen Abend womöglich völlig anders deutete als sie selbst. Die Einladung. Das Essen. Die Gespräche. Seine Nähe. Vielleicht glaubte er tatsächlich ... Der Gedanke wurde von einem völlig anderen verdrängt. Aelia! Du hast einen Freund! Diesmal traf er sie mit der Wucht eines Eimers kalten Wassers. Ruben, der unten vor ihrem Fenster gestanden hatte. Ruben, dem sie versprochen hatte, ihn morgen oder meinetwegen übermorgen zu besuchen. Ruben, der nicht einen argwöhnischen Gedanken gegen sie hegte und so dankte sie es ihm? Aelias Augenbrauen zogen sich zusammen. Sie ließ die Hand von seiner Brust sinken und hob sie im selben Atemzug drohend an. „Wenn du jetzt nicht gehst, knall ich dir eine.“ Für einen Herzschlag herrschte Schweigen. Dann erschien wieder dieses verdammte Grinsen auf seinem Gesicht. „Wirklich?“ „Ja!“, erwiderte Aelia und spürte, wie ihre Geduld langsam an ihre Grenzen stieß. Doréan hob die Hände, und Aelia konnte nicht sagen, ob es eine beschwichtigende Geste sein sollte oder eine Herausforderung war. Er grinste immer noch und meinte „Du bist viel zu nett dafür.“ Vielleicht war es diese Selbstverständlichkeit, mit der er das gesagt hatte. Vielleicht aber auch dieses verdammte Grinsen. Vielleicht auch einfach die Tatsache, dass er sie ganz offensichtlich nicht ernst nahm. Und im nächsten Augenblick verpasste sie ihm eine schallende Ohrfeige. Das Klatschen hallte überraschend laut durch das kleine Zimmer. Aelias Hand kribbelte. Doréans Wange vermutlich ebenfalls. Die Stille, die sich daraufhin zwischen ihnen ausbreitete, fühlte sich vollkommen anders an als noch wenige Augenblicke zuvor. Von dem Knistern, das eben noch in der Luft gelegen hatte, war nichts mehr übrig. Der Zauber war mit einem Schlag verflogen. Wortwörtlich. Stattdessen herrschte jene eigentümliche Klarheit, die sich manchmal einstellte, nachdem man etwas ausgesprochen oder getan hatte, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ. Aelia blickte ihn herausfordernd an und erwiderte leichthin „Dann hast du mich wohl falsch eingeschätzt. Und jetzt raus!“
Wer nicht hören will, muss fühlen! ❖
06.02.2015 '20:34 [2.165 Wörter]
 hne den Blick von Aelia auch nur ein einziges Mal abzuwenden, saß Doréan einfach nur da und wartete darauf, dass sie etwas sagte. Sie stand am Fenster und wirkte unentschlossen. Ihre Blicke hafteten sich immer wieder auf ihn, nur um sich dann, wenn auch nur kurz, wieder von ihm zu lösen. Sie löschte das Licht und schloss das Fenster. Und Doréan starrte. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die vorherrschende Dunkelheit, welche nur von dem spärlichen Mondlicht erhellt wurde. Sie sagten nichts. Es war so ruhig, dass sie den Atem des anderen hören konnten. Und die Geräusche des grauen Viertels. Irgendwo knarrte ein Gebälk. Anderswo fauchte eine Katze. In weiter Ferne konnte man die monotone Glocke einer Hafenlaterne hören. Doch in Aelias Stube herrschte absolute Stille.
Doch dann durchbrach Aelia schließlich diese Stille. »Doréan…« Ihre Stimme glich einem sanften Hauchen. Es fühlte sich an, als ob ihre Stimme seine Seele streicheln würde. Aber alles was Doréan daraus hören konnte waren Worte, die sie gar nicht ausgesprochen hatte. »Du bist nicht unhübsch, weißt du? Du bist der Mann auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe! Bleib doch noch eine Weile und lass uns sehen, wohin diese Nacht uns noch führt.« Doréan nickte zuversichtlich. Die Nacht war noch jung. Der Mond schien hell und es herrschte ein spürbares Knistern zwischen den beiden. Doréan konnte sich dagegen einfach nicht erwehren. Diese Frau war irgendwie einfach in sein Leben geplatzt und hatte ihn völlig in seinen Bann gezogen. Alles an ihr weckte seine Neugier. Sein Interesse…seine Begierde. Etwas derartiges hatte er noch nie im Leben gespürt. Und es hatte viele Frauen in seinem Leben gegeben. Doch diese Frau. Sie war anders. Vielleicht war es einfach Schicksal? Doch sie hatte einen Freund…Ruben. Doréan verzog grimmig den Mund. Oh, dieser Hundsfott! Er verdiente diese Frau doch gar nicht. Er ließ sich einfach abwimmeln, wie ein Bettler, der um ein paar Münzen gebeten hatte. Doréan würde um diese Frau kämpfen. Mit Leib und Seele. Das schwor er sich, in diesem Augenblick, als sie so schweigend und mit großen Augen vor ihm Stand. Und wenn er sie für sich gewonnen hätte, dann würde er sie wie einen Augapfel hüten. Und nicht nur ihre Augen waren groß. Sein Blick huschte über die straff gespannten Schnürungen ihres Mieders. Vielleicht gab es schönere Frauen als Aelia. Doch für Doréan war Aelia die schönste Frau des ganzen grauen Viertels. Vom ersten Augenblick an, als er sie gesehen hatte, hatte sie sich in seinen Verstand gebrannt. Sein Verstand wurde leer, wenn er sie nur ansah. Und sein Herz schlug wild in seiner Brust, wenn sie ihm ein Lächeln schenkte. Aelias Duft hing förmlich in der Luft der Stube und benebelte ihm betörend die Sinne. Alles an dieser Frau war begehrenswert und verführerisch und er wusste gar nicht wie ihm eigentlich geschah, denn diese Gefühle, die ihn übermannten, waren ihm eigentlich völlig fremd. »Du musst jetzt gehen.«, hauchte Aelia und Doréan lächelte. Die Worte die seinen, von rauschendem Blut durchfluteten Geist erreicht hatten, waren gänzlich andere gewesen. »Bleib doch noch. Ich bin so einsam. Mach mit mir, was immer du willst.« Doréan ließ unweigerlich seine Blicke zu Boden gleiten. Doch dann sickerte die Erkenntnis in seinen Verstand. »Du musst jetzt gehen.« Sein Lächeln erstarrte und er wirkte, für einen Moment, wie versteinert. »Muss ich wirklich?« Doréan säuselte, während seine Stimme einen sanften und entschuldigenden Ton angenommen hatte. Und so wandte er wieder den Blick von ihren Füßen ab und sah ihr tief in die Augen, und er sich alle Mühe gab ihr das freundlichste Lächeln zu schenken.
Doch was immer er sich auch erhofft hatte, Aelia ließ sich nicht darauf ein. Sie wirkte reserviert und distanziert. Aber zugleich auch verharrte sie regungslos ohne selbst zurückzuweichen. »Ja.«, antwortete sie bestimmend und abermals nickte Doréan. Doch anstatt zu gehen, trat er noch einen Schritt näher an sie heran. »Also gut.« Allerdings machte er keinerlei Anstalten auch wirklich zu gehen. Er war ihr inzwischen so nahe gekommen, dass er die Farbe ihrer Augen im Mondlicht erkennen konnte. Sie hatte wunderschöne Augen und Doréan ertappte sich dabei, wie er sich eine Weile darin verlor. Der Abstand zwischen ihnen war so gering geworden, dass Doréan ihren Atem auf der Haut spüren und ihren Herzschlag hören konnte. Das Knistern, welches zwischen ihnen brannte, war deutlich zu spüren. Und Doréan fühlte eine tiefe, aufkeimende Sehnsucht in sich erwachen. Doch dann kam das, was eigentlich schon viel früher hätte passieren müssen. Sie legte ihm ihre Hand auf die Brust und schob den Gossenfloh, der weder zarte Andeutungen verstehen wollte, noch ihrer Aufforderung nachzugehen gedachte, von sich fort. »Du musst jetzt gehen.« Doréan verstand die Worte. Doch etwas, tief in ihm, weigerte sich, diese anzuerkennen. »Und wenn ich nicht gehe?« Er sah sie herausfordernd an und grinste dabei, wie er schon fast den ganzen Abend über gegrinst hatte. »Wenn du jetzt nicht gehst, knall ich dir eine.« »Wirklich?«, hakte Doréan ungläubig nach. »Du würdest mir eine knallen? Dafür bist du doch viel zu nett.« Er kräuselte die Lippen und setzte ein umgarnendes Lächeln auf. Doch Aelia ließ sich davon nicht einlullen. Ehe er sichs versah, schoss ihm ein heißer, brennender Schmerz durch Mark und Bein. Seine Wange brannte und würde er in einen Spiegel schauen, dann sähe man einen feuerroten Handabdruck auf seinem Gesicht. Erschrocken trat er einen Schritt zurück und rieb sich die Wange. Er starrte sie verdutzt an und all die Gedanken, die ihn bis zu diesem Augenblick beherrscht hatten, waren von dieser schallenden Schelle hinfort gedonnert worden. »Du…« murmelte er. Er konnte es selbst kaum glauben. »Du…« Aelia stemmte trotzig die Hände in die Hüfte. » Dann hast du mich wohl falsch eingeschätzt. Und jetzt raus!« Er glotzte sie, für einen Moment lang, schweigend an. Doch dann nickte er. »Ich hab's ja verstanden.«, murmelte er und trat vorsichtshalber noch einen Schritt vor ihr zurück, nicht dass sie ihm noch eine verpasste.
Ihre Worte rasselten in seinen Ohren und schließlich trat er an das Fenster heran und warf einen Blick hinaus in die mondbeschienene Nacht. »Also, wenn du unbedingt willst, dass ich gehe. Dann gehe ich.« Aelia nickte bestimmend. »Ja, Du solltest wirklich gehen. Die Sonne geht in wenigen Stunden auf, und vor mir liegt ein harter Tag.« Doréan verzog seine Mundwinkel zu einem ehrlichen Schmollen. »Und hinter mir lag ein schwerer Tag. Und nur weil die Sonne aufgeht, heißt das noch nich', dass er dann auch zu Ende is.“ Plötzlich wurde er sich seiner eigenen Worte bewusst und wie ein Blitz, der ihm beim Scheißen traf, fiel ihm auf einmal ein, dass er eigentlich schon längst am Hafen hätte sein müssen, um dieses verdammte Paket abzuliefern. Ein schauerlicher Schauer lief ihm vom Scheitel bis zur Sohle und das Gefühl zog in abwechselnd heißen und kalten Wellen über seine Haut. »Äh, ja. Aelia…« Er stammelte mit einem Mal, sich der Scheiße, in welcher er steckte, mehr als bewusst. »Bitte entschuldige. Ich…ich wollte dir sicher nich' zu nahe treten.« Und dabei warf er ihrer erhobenen Hand einen flüchtigen Blick zu. »Was ich ja im streng genommenen Sinne auch gar nich' bin, oder?« Er gluckste ein wenig verlegen. Aelia hingegen wirkte sehr zurückweisend. Doréan biss sich auf die Lippen. Er hatte es verbockt. Das wusste er. Allein die Schelle war ein klares Anzeichen. Doch er war kein Lappen, wie dieser Ruben. Er würde nicht so schnell aufgeben. Er biss grimmig die Zähne zusammen und tat einen tiefen Atemzug.
Als Doréan einen Schritt vor ihr zurückgetreten war, da hob er den Kopf und sah sie fragend an. »Ich gehe jetzt. Versproch'n.« Er sah sie verlegen an, während er sich noch immer die schmerzende Wange rieb. »Aber…«, hob er zögerlich an, während er vorsichtshalber noch einen weiteren Schritt vor ihr zurücktrat. »Darf ich dich morgen besuchen, mein Liebchen?« Er lächelte verhalten und sein Blick haftete sich mehr auf ihre erhobene Hand, als auf ihr hübsches Antlitz. »Bei Sonnenschein…irgendwo anders.« Erneut lächelte er verlegen und trat dabei einen weiteren Schritt zurück. »Du wirst es nich" bereu'n. Das versprech' ich dir.« Aelia verzog nur mürrisch den Mund. Doch sie verharrte stillschweigend. Ihr Schweigen deutete Doréan zumindest nicht als Ablehnung. Und da nickte er zufrieden. Schließlich seufzte er und nahm die lederne Tasche von der Stuhllehne und warf sie sich über die Schulter. »Also. Au révoir! Wie man in Altwasser so schön sagt.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu, denn es war ja allgemein bekannt, dass viele Teile von Altwasser von Akadiern bewohnt wurden.
Doréan verließ die dunkle Stube nicht auf dem herkömmlichen Weg. Er trat an das Fenster heran, drehte den Nagel beiseite und stieß die Läden achtlos auf. »Ich möchte ungern den beiden Liebestollen begegnen. Und du sagtest ja bereits, dass sie zum Schaudern aussehen. Und auf diesen Anblick möchte ich gern verzichten.« Außerdem dachte sich Doréan, dass ein dramatischer Abgang, vielleicht ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern würde. Und so schwang er sich, noch bevor Aelia dagegen protestieren konnte, aus dem Fenster. Mit einigen geschickten Drehungen hatte er sich bereits an den Rand des Dachfirstes gebracht und ließ sich dann einfach fallen. Das Haus war nicht sehr hoch und unter ihm befand sich ein kleiner Vorsprung, auf welchem er zu Fall kam. Dann musste er sich nur noch einmal um die eigene Achse drehen, und sprang mit einem kleinen Satz auf die lehmige Straße. Er klopfte sich den Staub von den Fingern, welcher auf der alten Mauer gelegen hatte und warf Aelia ein letztes Lächeln zu, als ihr Kopf aus dem Fenster lugte. »Man sieht sich, mein Liebchen!«, rief er und winkte ihr zum Abschied. Als ob es diese Schelle nie gegeben hätte, und er gerade den süßesten Kuss von der schönsten Frau der Stadt erhalten hatte. Er lachte und winkte ihr zum Abschied mit der rechten Hand und ging seines Weges.
Aber mit jedem Schritt den er tat wichen die aufgesetzte Fröhlichkeit mehr und mehr einem dunklen Schatten, der sich auf sein Gesicht legte. Als er schließlich weit genug von Aelias Fenster entfernt war, schmolz das Lächeln hinfort und zurück blieb nur eine düstere und von Furcht gezeichnete Maske. Sein Ziel war der Hafen. Und seine Hand lag auf der Tasche und klammerten sich an das Paket, welches er noch auszuliefern hatte. Gerade noch dachte er darüber nach, wie er wohl seinen Hals aus der Schlinge ziehen konnte, als mit einem Mal ein Schatten um die Ecke huschte. Er rempelte Doréan an, welcher kurz darauf rücklings zu Boden stürzte. »Aha!«, rief die Stimme, hörbar aufgebracht. Der Fremde trat Doréan in den Weg und baute sich vor ihm auf. »Eh, spinnst du? Hams dir ins Hirn geschissen, du dämlicher Hundsfott? Was sollte das?« Doréan maulte ungehalten und war bereits im Begriff sich aufzurappeln, als der Fremde sich vor ihm aufbaute. »Habe ich es doch gewusst!« In die Stimme des Fremden mischte sich ein Anflug von Wut, welcher aber das Zittern der tiefen Bestürzung nicht verbergen konnte. »Was faselst du da, du Hundsfott?« Doréan zischte und stieß den Mann zur Seite, als er sich aufzurichten begann. »Ach, du brauchst es doch gar nicht zu leugnen, du … du …« Der Fremde wirkte mit einem Mal viel eher um Worte ringend, als wütend. »Ich was?«, hakte Doréan nach und bedachte den Fremden mit einem mürrischen Blick. »Du dreckiger Gossenfloh! Straßenköter! Ich habe es mir doch gedacht, dass da etwas nicht stimmte. Und dann sah ich dich aus ihrem Fenster steigen! Leugne es nicht, ich habe alles gesehen!« Da dämmerte es Doréan. Und mit einem Mal wusste er auch, woher ihm diese Stimme so vertraut vorkam. Ruben. »Ach das!« Doréan klatschte mit seiner linken Hand auf seinen Oberschenkel. Ein diebisches Lächeln stahl sich auf seine Mundwinkel. Nun, da Aelia nicht mehr zugegen war, konnte er diesem Nebenbuhler ja mal zeigen, wo der Hammer hing. Er wollte sich von Ruben nicht an den Karren fahren lassen. »Einen Scheiß hast du gesehen!«, zischte er und in seinem Blick brannte ein irres Funkeln. Doch der Fremde trat ihm erneut in den Weg. »Aelia ist meine Freundin…« begann Ruben doch da verzog Doréan mürrisch den Mund. »Wag' es nich', dich mir in den Weg zu stellen. Sonst schlitz ich dich vom Arsch bis zu den Zähnen auf!«, zischte Doréan und legte die Hand an den Gürtel, nur um festzustellen, dass dort kein Messer war. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte es doch dem Bastard der Nedra'Ja in den Rücken gerammt. Doch seine Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Der Fremde trat erschrocken einen Schritt zurück.
Doréan nickte zufrieden und stieß den Kerl noch ein wenig mehr zur Seite, um sich in der engen Gasse Platz zu verschaffen. Er grinste draufgängerisch, während er es sich nicht nehmen ließ einen sehnsüchtigen Blick zu Aelias Fenster zu werfen. »Habt ihr … hat sie …?« Er schien die Worte, die ihm so quälend auf der Zunge lagen, kaum hervor zu bekommen, aus Angst vor der Antwort. Doch da grinste Doréan nur und machte eine obszöne, rhythmische Bewegung mit seiner Lende, die mehr als tausend Worte sagte.
Zwei Lochmünzen im Dreck ❖
06.02.2015 '23:05 [3.000 Wörter]
 achdem Doréan endlich seine Tasche genommen und sich auf den Weg raus aus Aelias Zimmer machte, war die junge Frau ehrlich erleichtert. Sie hatte ihn aufgefordert, zu gehen, einmal, zweimal und beim dritten Mal sogar unter Androhung einer Ohrfeige. Und trotzdem hatte er noch eine Art Einspruch erhoben und hatte sie nicht Ernst genommen. Erst, als Aelias Hand einen roten Handabdruck auf seiner Wange hinterlassen hatte, was sie selbstverständlich nicht hatte sehen können in der Dunkelheit, hatte er den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und sich endlich davon gemacht. Und er nahm nicht den direkten Weg über die Stufen, den Schankraum und die Türe. Nein, er kletterte wie ein Dieb aus dem Fenster. Aelia wusste zunächst nicht, was sie davon halten sollte. Natürlich war sein Einwand nicht von der Hand zu weisen. Hätte Lestar ihn irgendwo auf der Treppe oder an anderer Stelle in der Schenke auf dem Weg nach draußen erwischt, er hätte kurzen Prozess mit ihm gemacht. Und Aelia hätten die Wirtsleute garantiert hochkant rausgeschmissen, denn Männerbesuche in der Schenke waren durch Mahdias Regeln strengstens verboten. Darum war es auf jeden Fall klüger, durch das Fenster zu verschwinden. Als er aus dem Fenster gesprungen war, war sie erschrocken ans Fenster geeilt und hatte den Kopf durch das Fenster gesteckt hatte, um sich zu vergewissern, dass Doréan nicht in die Tiefe gestürzt war. Doch er war bereits geschickt wie eine Katze über das Dach balanciert und von der Dachrinne beinahe lautlos auf die Straße herunter gesprungen. „Man sieht sich, mein Liebchen!“ rief er und winkte ihr zu. Sie erwiderte sein Winken flüchtig und sichtlich irritiert, trat dann aber wieder vom Fenster weg und schloss es.
Ihr Herz klopfte, als sie nun alleine in ihrem Zimmer stand. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, diesen Mann, den sie nicht kannte, mit in Lesters Taverne und in ihr Zimmer mitzunehmen? Sie hatte großes Glück gehabt, dass er nicht irgend so ein Verrückter gewesen war, der sich ihr Vertrauen erschlichen hatte nur um es bei nächster Gelegenheit zu missbrauchen. Aber sie war wohl durch die Ereignisse in der Schlangengrube völlig durch den Wind, und war froh gewesen dass es so glimpflich ausgegangen war und hatte wohl den Eindruck gehabt, sie müsse sich bei ihrem Retter in irgendeiner Art und Weise erkenntlich zeigen. Aber das dies gehörig in die Hose hätte gehen können, und wenn es nur ihren Rauswurf aus Lesters Taverne bedeutet hätte was schon schlimm genug gewesen wäre, das war ihr erst jetzt so richtig bewusst geworden. Der Gedanke begleitete sie noch, als sie später in ihrem Zimmer stand und die Schnürung ihres Mieders lockerte. Mit einem erleichterten Seufzen zog sie die Bänder auf. Die kiranische Mode mochte hübsch aussehen, bequem war sie deshalb noch lange nicht. Sorgfältig legte sie das Mieder über die Lehne ihres Stuhls, streifte das Leibhemd über den Kopf und schlüpfte schließlich in ihr Nachthemd. Erst als sie unter der Bettdecke lag und die Dunkelheit des Zimmers sie umgab, merkte sie, wie müde sie eigentlich war. Der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Zu viele Gedanken wanderten durch ihren Kopf. Der Rauswurf der Schankmaid Talma. Die drei Kerle in Jewens Schenke. Die Ohrfeige. Und Doréan. Immer wieder Doréan. Sein Grinsen. Seine frechen Antworten. Die Art, wie er sie angesehen hatte. Aelia warf sich im Bett auf die andere Seite. Dann runzelte sie die Stirn. Sie hatte Ruben versprochen, ihn morgen oder übermorgen zu besuchen. Ruben. Ihr Freund. Jener Glücksgriff von dem sie sich ein besseres Leben erhoffte. Aber egal wie sehr sie sich auch anstrengte, bei ihr wollten sich einfach keine zärtlichen Gefühle für ihn einstellen. Und das schlug ihr schwer auf den Magen. Jede Berührung war eine Überwindung für sie, wie auch jeder Kuss, denn eigentlich hatte sie sich etwas anderes erhofft. Zumindest konnte sie ihn auf Abstand halten, dass es für sie erst intimen Kontakt geben würde, wenn sie Mann und Frau waren. Und weil sie beide fest in ein anstrengendes, tägliches Arbeitsleben gepresst waren, sahen sie sich nicht so häufig. Aelia schloss die Augen und sofort kehrten ihre Gedanken zu den Ereignissen des Abends zurück. Zu Jewens Schenke. Zu den Männern der Nedran‘ja. Zu dem Augenblick, in dem einer von ihnen nach ihr gegriffen und sie auf den Boden und ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Wie sehr sie Angst gehabt hatte, und wie sie gekreischt hatte. Und dann war Doréan aufgetaucht und hatte ihr die Hand gereicht, ihr aufgeholfen, nachdem er diese Männer unschädlich gemacht hatte. Aelia drehte sich auf die Seite und jedes Mal, wenn Aelia die Augen schloss, sah sie Doréans Gesicht vor sich. Sein Grinsen. Die Belustigung in seinen Augen. Die Art, wie er sie angesehen hatte. Unruhig zog sie die Decke höher. Das ergab keinen Sinn! Sie kannte ihn kaum. Eigentlich wusste sie überhaupt nichts über ihn. Woher er kam. Wovon er lebte. Warum er ständig auswich, sobald man ihm eine persönliche Frage stellte. Und dennoch hatte sie das Gefühl, als wäre zwischen ihnen etwas geschehen, das sich ihrer Vernunft entzog. Nicht viel. Kein Kuss. Keine Berührung. Und doch war da etwas geschehen, das sie nicht benennen konnte. Als sie so nahe voreinander gestanden und sich in die Augen gestarrt hatten, war es für einen kurzen Moment so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Sie fand keine Worte dafür. Unwillkürlich musste sie an die nachfolgende Ohrfeige denken. Vielleicht hatte sie tatsächlich etwas zu fest zugeschlagen. Der Gedanke gefiel ihr nicht besonders. Aber sie versuchte sich einzureden, dass er selbst schuld daran war. Schließlich hatte sie ihn vorgewarnt. Sie hatte ihm zweimal gesagt, dass er jetzt gehen müsse, und als sie es ein drittes Mal gesagt hatte, hing da schon die Warnung einer Ohrfeige im Raum. Aber sie hätte ja nicht so fest zuschlagen müssen. „Selbst schuld“, murmelte sie leise. Doch kaum waren die Gedanken zu Ende gedacht, kämpfte sich wieder das schlechte Gewissen wegen Ruben in ihren Geist und sie wälzte sie wieder auf die andere Seite und seufzte tief auf. Konnte nicht irgendjemand daherkommen, und ihr eine harte Ohrfeige verpassen?
Die Ohrfeige kam des Morgens. Und das völlig unerwartet und in voller Härte. „Du warst in der Speisekammer, stimmts? Vom Schinken fehlt ein großes Stück! Und ein Kanten Brot!“ herrschte Mahdia, und Aelia, die zunächst völlig fassungslos über diese Ohrfeige ihre schmerzende Wange hielt, und die Wirtsfrau entgeistert anstarrte, wurde von der Erkenntnis gepackt. „Hast wohl gedacht, ich merk es nicht, was? Was ist los mit dir Aelia? Bist du schwanger?“ blaffte sie und blickte ihr fest und durchdringend in die Augen. „Nein… Ich bin nicht schwanger, und ja, ich habe mir etwas von dem Schinken abgeschnitten. Die Wut, der Schmerz, der Schreck des vergangenen Abends und die Rohheit der Wirtin ließen Aelia wahre Sturzbäche von Tränen aus ihren Augen perlen. Sie heulte und heulte, und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie schniefte, und starrte Mahdia an, die sie wie ein Raubtier fixierte und auf eine Antwort wartete. „Gestern Abend, in Jewens Schenke, waren drei Kerle. Sie kamen völlig unerwartet. Schutzgelderpresser. Sie haben die Schenke auseinandergenommen, völlig willkürlich Gäste abgestochen, und Jewen niedergeschlagen. Nur durch ein Wunder haben sie mich nicht auch erwischt. Geh, und frag Jewen, es ist die Wahrheit!“ Der Blick der Wirtin wurde ein wenig unsicher. „Und was hat das nun mit meinem Schinken zu tun?“ Aelia zog den Rotz hoch, und wischte sich die letzten Tränen von den Wangen. „Ich war einfach hungrig… Ich hätte euch gefragt, aber, nun ja… ihr wart ja beschäftigt… ich wollte euch nicht stören… Ich wollte es dir heute sagen, aber du warst schneller…“ erwiderte sie und errötete leicht. Mahdias Augen wurden milder, und verschmitzt grinste sie. „Aha… na gut. Dann will ich mal ein Auge zudrücken. Du arbeitest eine Woche ohne Lohn, und ich will die Sache vergessen. Aber das mir das nicht noch einmal vorkommt!“ hob sie warnend den Finger ihrer dicken, schweren Hand, die so fest zuschlagen konnte. Aelia nickte schnell. „Bestimmt nicht. Ich gehe jetzt in den Hof, meine Arbeit verrichten…“ murmelte sie.
Als sie über den Hof eilte, konnte sie es kaum glauben. Eine Woche sollte sie umsonst arbeiten wegen zwei Scheiben Schinkens? Das war unglaublich viel Geld! Der Lohn, den Aelia bekam, war ohnehin schon ein Hungerlohn. Die paar Scherben die sie pro Woche verdiente waren schon verdammt wenig um sich damit etwas aufzubauen. Aber eine ganze Woche ohne Lohn arbeiten, für den Schinken, war unglaublich dreist! Aelia wurde beinahe schlecht, wenn sie daran dachte. Umso mehr war sie froh, dass sie jede zu entbehrende Münze vom Munde abgespart hatte. Sicherlich besaß sie schon ein kleines Sümmchen, gut versteckt unter ihrem Bett. Doch sie wagte nicht, aufzubegehren. Zum einen, weil Mahdias Hand ohnehin locker saß, und zum anderen, weil sie die Arbeit brauchte. Sie konnte es sich nicht leisten, der Wirtin frech die Stirn zu bieten. Und so schluckte sie den Ärger tapfer herunter, und ging in das Wirtschaftsgebäude hinüber. Heute war Waschtag. Das bedeutete, mindestens zehnmal zum Brunnen laufen und Wasser schleppen, mit dem Tragejoch, den großen Kessel erhitzen, und dann die Wäsche darin auskochen. So lief Aelia mehrere Male, unermüdlich zum Brunnen am großen Platz, wo die Mägde und auch die Dirnen sich trafen, und eifrig schwatzten, während sie Wasser schöpften, und sich den neuesten Klatsch und Tratsch erzählten. Wer mit wem gebumst hatte, wer wem nachstellte, wer von wem schwanger geworden war, wer dem Rabenblut oder anderen Drogen anheimgefallen war… Alle Lästermäuler. Aelia mochte die wenigstens von ihnen. Als der große Kessel endlich gefüllt war, war es später Morgen, und die junge Frau, die in der Nacht wenig geschlafen hatte, völlig entkräftet. Aelia entfachte ein Feuer unter dem Kessel, und als dieses endlich brannte, rief die Wirtin sie zu sich. „Aelia! Komm her!“ schallte ihre Stimme. „Vor dem Gasthaus hat sich einer übergeben. Das muss sofort weggemacht werden. Und wenn du das gemacht hast, gehst du auf den Markt, und holst zehn Pfund Flomen. Das Schmalz ist beinahe aus. Hier hast du drei Lochmünzen. Das langt allemal. Und lass dich nicht bescheißen, ja? Wenn du wieder da bist, kannst du die Wäsche weitermachen.“ Die Wirtin stemmte die Hände in die Hüften. „Und du bist wirklich nicht schwanger? Du siehst nicht gut aus ...!“ „Ach was, ich habe nicht gut geschlafen. Wie soll ich denn bitte schwanger werden?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Na ja, du hast doch diesen Ruben.“ „Und?“ Mahdia hob die Augenbrauen. „Und?“, wiederholte sie. Aelia verdrehte die Augen. „Mahdia.“ „Das sagen sie alle.“ Kopfschüttelnd wandte die Wirtin sich ab und schlurfte davon. Aelia seufzte tief aus, schöpfte aus dem Kessel einen Kübel Wasser, lief damit durch die Schenke vor die Türe, und goss diesen schwungvoll über das Erbrochene. Das meiste wurde in die Gassenrinne gespült, und den letzten kläglichen Rest fegte sie mit dem Reisigbesen fort. Den Besen stellte sie schließlich ins Eck, und plötzlich wurde sie von einer Schar heranlaufender Kinder angerempelt, die wild, lachend und völlig unbekümmert einem Reifen hinterherliefen. „He! Könnt ihr nicht aufpassen?“ rief sie ihnen wütend hinterher, doch die halbwüchsigen beachteten sie gar nicht, sondern liefen schreiend und vergnügt kreischend dem Reifen hinterher, der durch die Gasse rollte. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr die Münzen aus der Hand gefallen waren und ein Schreck fuhr ihr in die Glieder. Sie blickte sich suchend um, aber die Gasse war dreckig, und die bräunlichen Münzen hoben sich kaum ab, und mit ihrem rechten Auge sah sie ohnehin schlechter. Sie ging in die Hocke und sah sich nach den Münzen um, eine fand sie, die beinahe vor ihrer Nase lag, aber wo waren die beiden anderen hingerollt? Sie suchte den Boden ab, und blickte sich hastig um, als plötzlich jemand vor ihr stand. Sie erschrak, als sich die Vormittagssonne für einen Moment verdunkelte, und als sie aufblickte und ihr Gesicht mit der Hand vor der Sonne beschirmte, erkannte sie ein ihr wohlbekanntes Gesicht. Ruben.
Aelia lächelte, als sie ihn erkannte. „Guten Morgen, Ruben.“ „Guten Morgen, Aelia.“ Er blieb neben ihr stehen und betrachtete sie einen Augenblick, ehe sein Blick zum Pflaster wanderte. „Warum hockst du auf der Straße?“ „Ich suche zwei Lochmünzen.“ „Zwei Lochmünzen?“ „Mahdias Lochmünzen.“ Sie seufzte. „Sie sind mir heruntergefallen, als eine Bande Kinder mich beinahe umgerannt hat.“ Ruben blickte kurz umher, bückte sich und hob beinahe sofort die erste Münze auf. Wenige Schritte weiter fand er die zweite. „Die hier?“ „Ja!“ Aelias Gesicht hellte sich auf, und er reichte sie ihr und zog sie anschließend an der Hand auf die Füße. „Danke.“ Einen Moment schwiegen beide. Dann räusperte Ruben sich. „Aelia.“ Etwas in seinem Tonfall ließ sie aufblicken. „Ja?“ „Ich muss dich etwas fragen.“ Sie runzelte die Stirn und blickte ihn fragend an. „Gut, und was?“ Ruben zögerte zunächst, bevor er weitersprach. „Gestern Nacht, nachdem ich gegangen war.“ Sofort erinnerte sie sich an Doréan, der über das Dach verschwunden war. „Ja?“ „Ich habe jemanden aus deinem Fenster klettern sehen.“ Für einen Moment starrte Aelia ihn einfach nur an. Dann entspannte sie sich sichtbar. „Ach so.“ Zu ihrer Überraschung schien diese Antwort Ruben keineswegs zu beruhigen. „Ach so?“ „Ruben, es ist nicht das, was du denkst.“ Er legte den Kopf schief „Woher willst du wissen, was ich denke?“ Die Frage traf sie unvorbereitet. „Nun, ich kann es mir denken, ehrlich gesagt, aber...“ Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und fiel ihr ins Wort. „Aelia, du schickst mich weg. Mitten in der Nacht klettert ein fremder Mann aus deinem Fenster. Und als ich ihn zur Rede stellen wollte, macht er eine obszöne Geste und verschwindet über die Dächer.“ Seine Stimme blieb bemerkenswert ruhig. Gerade das machte deutlich, wie sehr ihn die Sache beschäftigte. „Was genau soll ich deiner Meinung nach daraus schließen?“ Aelia runzelte die Stirn. „Eine obszöne Geste?“ Ruben nickte. „Ja.“ „Was für eine obszöne Geste?“ Nun schien Ruben seinerseits verlegen zu werden. „Muss ich das wirklich erklären?“ Aelia nickte. „Offenbar, denn ich weiß wirklich nicht, was du damit meinst.“ Er räusperte sich. „Er hat angedeutet, dass ihr miteinander im Bett wart.“ Aelias Augen wurden groß. „Das hat er gesagt?“ „Nein, angedeutet.“ Er vollführte eine schwache Geste die die von Doréan imitieren sollte. „So ein Idiot!“ erwiderte Aelia ein wenig aufgebracht. Ruben blinzelte. „Also bestreitest du es nicht?“ „Doch, ich bestreite es. Es ist nämlich nichts passiert. Nichts! Gar nichts! Wir haben uns nicht einmal berührt! Nur geredet, das schwöre ich! Ich weiß auch gar nicht, wieso er das behauptet hat!" Ruben sah sie einen Augenblick lang schweigend an. „Das frage ich mich auch.“ Aelia spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Da war nichts.“ „Nichts?“ „Nichts von dem, was du denkst.“ Ruben betrachtete sie schweigend. „Dann erklär es mir.“ Sie atmete tief durch. „Gestern Abend war ich in Jewens Schenke. Und dort gab es Ärger…“ Langsam begann sie ihm von den Männern zu erzählen, die Schutzgeld hatten eintreiben wollen, von dem Streit, der eskaliert war, und von Doréan, der eingegriffen hatte. Während sie sprach, bemerkte sie, wie Rubens Gesichtsausdruck sich veränderte. Die Anspannung verschwand nicht, doch die Empörung wich allmählich etwas anderem. Sorge. „Er hat euch geholfen?“ „Ja.“ „Allein?“ „Ja.“ „Und deshalb hast du ihn mit zu dir genommen?“ „Ja… Nein… Nun ja, ich hatte nach diesem Schrecken plötzlich Hunger. Und ich fragte ihn ob er auch Hunger hat. Und da er mir geholfen hatte, fand ich es angemessen, mich bei ihm zu bedanken… ich…“ Während sie Ruben antwortete, erkannte sie, dass diese Antwort für einen Außenstehenden vermutlich seltsam klang, und das erkannte sie daran, dass Ruben sie einen Moment lang nur anstarrte. „Er hat uns geholfen. Ich konnte ihn doch nicht einfach stehen lassen.“ Setzte sie zu einer erneuten Erklärung an. „Also hast du einen völlig fremden Mann auf dein Zimmer eingeladen.“ „Er war kein völlig fremder Mann.“ „Aelia.“ Der Tonfall genügte. Sie verstummte. „Wie lange kanntest du ihn zu diesem Zeitpunkt?“ Sie versuchte verlegen zu lächeln, aber es gelang ihr nicht „Eine Stunde vielleicht?“ hob sie vorsichtig an. „Und was weißt du über ihn?“ „Nun ...“ „Woher kommt er?“ „Das weiß ich nicht.“ „Was macht er?“ Aelia presste die Lippen aufeinander. „Das weiß ich auch nicht.“ „Wo wohnt er?“ „Ruben.“ „Nein, hör mir zu.“ Zum ersten Mal klang er wirklich ernst. „Aelia. Hör zu. Ich glaube dir. Verstehst du das? Ich glaube dir wirklich.“ Ein Teil der Anspannung fiel augenblicklich von ihr ab. „Dann ist doch alles gut.“ „Nein.“ Aelia blinzelte überrascht. „Nein?“ Ruben schüttelte den Kopf. „Aelia, ich glaube nicht, dass du etwas Unrechtes getan hast. Ich glaube auch nicht, dass du mich belogen hast.“ Er seufzte. „Aber ich glaube, du warst leichtsinnig.“ Sie wollte protestieren, doch er sprach einfach weiter. „Stell dir vor, er wäre nicht der gewesen, für den du ihn gehalten hast.“ „Aber er war es.“ „Ja.“ „Also ist doch nichts passiert.“ „Diesmal. Du kanntest ihn nicht. Du wusstest nicht, wer er ist. Du wusstest nicht, was er wollte. Du hast einfach angenommen, dass er anständig ist.“ Aelia verschränkte die Arme vor der Brust. „Und er war anständig.“ „Zum Glück.“ „Aelia, was wäre gewesen, wenn er nicht gegangen wäre?“ Die Frage brachte sie zum Schweigen. Dann grinste sie und sagte „Nun, dann hätte ich ihm eine geklatscht.“ „Nein, wirklich. Was hättest du dann gemacht?“ Sein Blick ruhte fest auf ihr. Aelia öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder. Darüber hatte sie tatsächlich nie nachgedacht. Ruben bemerkte es sofort. „Siehst du?“ „Ich sage nicht, dass du ihm nicht danken durftest. Ich sage nicht einmal, dass du ihn nicht zum Essen einladen durftest. Aber du musst vorsichtiger sein.“ Seine Stimme wurde etwas weicher. „Das graue Viertel ist nicht so freundlich wie du denkst.“ Aelia senkte den Blick auf die beiden Münzen in ihrer Hand. „Vielleicht. Du klingst wie Mahdia.“ „Dann hat Mahdia offenbar recht.“ Nun lächelte auch Ruben. „Versprich mir einfach, dass du künftig etwas besser auf dich aufpasst.“ Aelia seufzte. „Gut. Ich verspreche es.“ Er nickte zufrieden und damit schien die Angelegenheit für ihn erledigt zu sein. Für Aelia allerdings nicht ganz. Denn während Ruben von Vorsicht sprach, dachte sie unwillkürlich an Doréans Grinsen und fragte sich, ob sie ihn jemals wiedersehen würde.
Der Dämmermarkt ❖
09.02.2023 '02:33 [4.750 Wörter]
 uietschend und knarrend bogen sich die Planken unter Doréans schweren Schritten. Das graue Viertel von Oshkïr hatte zwei Gesichter. Das elendige und schmutzige Gesicht des Tages. Und dann war da das Gesicht der Nacht. Die einen gingen zu Bett, wenn die Monde am Himmel standen, während dies für die anderen die Zeit war ihrem Tagewerk nachzugehen. Oder in diesem Fall viel mehr ihrem Nachtwerk. Dies war das dunkle, gefährliche und oft auch grausame Gesicht der Nacht. Und als Doréan sich von Aelia verabschiedet hatte, trat er den langen Weg zu seinem Ziel an. Unter dem Licht der Monde und im Schatten der dunklen Gassen. In einer Nacht im grauen Viertel. Am liebsten wäre er einfach davongelaufen. Fort aus dem grauen Viertel. Fort aus dieser Stadt. Einfach nur weit weg. Doch wohin sollte er schon gehen? Er hatte viel zu wenig Geld, um in einem anderen Stadtteil oder gar in einer anderen Stadt Fuß fassen zu können. Alles worauf er hoffen konnte war, den Mittelsmann zu überlisten um vielleicht ungeschoren davonzukommen. Er hatte ja, wenn man es streng genommen betrachtete, nicht gegen Rabans Warnung verstoßen. Denn eigentlich hatte ja der Hund der Nedran'Ja das Paket geöffnet, und nicht er. Doch wenn er sich ehrlich war, war diese Wahrheit keinen Pfifferling wert. Niemand, weder Raban noch dessen Boss, würde es einen feuchten Scheissdreck interessieren, dass es nicht Doréan gewesen war, der das verdammte Paket geöffnet hatte. Seine Gedanken kreisten nur um Rabans Worte. Und ihm wurde dabei flau in der Magengrube. Vermutlich würden sie ihm den Bauch aufschlitzen, seine Eingeweide herausreißen um den hohlen Bauch mit Pflastersteinen zu füllen, nur um ihn dann einfach in dem braunen Pisswasser des Hafens zu versenken. Sie würden ihn zum Schlafen bei den Fischen schicken, wie man es allgemeinhin im grauen Viertel nannte, wenn man jemanden loswerden wollte. Die einzige Gnade, auf welche Doréan dann hoffen durfte war ein schneller Tod. Denn jämmerlich zu ersaufen stellte er sich grauenhaft vor. Noch grauenhafter als mit dreißig Pfund Wackersteinen im Bauch jämmerlich zu krepieren. Er schüttelte den Kopf um sich von diesen Gedanken freizumachen. Doch das drohende Schwert des Schicksals, welches er über seinem Haupt schweben sah, wollte einfach nicht verschwinden. Und so zwang er sich ein zwangloses Liedchen zu pfeifen, während er durch die dunklen und nebelverschlungenen Gassen schlenderte. Obwohl schlendern hierbei ein völlig falscher Ausdruck war. Viel mehr schlich er wie ein geprügelter Köter durch die Gassen und huschte von einem Schatten zum nächsten, als ob diese ihn vor arglistigen Augen beschützen konnten. Und das Lied, das er angestimmt hatte, erklang auch nur in seinem Kopf. Denn alles andere wäre mehr als nur töricht gewesen, wenn er auf diese Weise etwaige Aufmerksamkeit von nahen Gassenschlägern auf sich lenkte.
 Es war einige Zeit vergangen, als er schließlich den unverkennbaren Gestank des Hafens in der Nase bemerkte. Egal wie lange man hier auch lebte, an den Gestank konnte man sich nur schwer gewöhnen. Dafür musste man sich schon gehörig die Nase brechen lassen. Oder jede Woche in dem braunen und stinkenden Brackwasser baden gehen, damit man ebenso stank wie das Wasser, in welchem allerlei Unrat schwamm. Der meiste davon stammte sicher von den Schiffen, welche beim Löschen ihrer Ladung sich auch gleich der Pisspötte und Scheißkübel entledigten, und diese einfach ins Wasser kippten. Aber auch die eine, oder andere Leiche, lag auf dem Grund des Hafenbeckens, mit schweren Steinen an den Beinen, oder dreißig Pfund Wackersteinen im Bauch. Angenagt und aufgedunsen. Wie der Unrat trugen auch die Leichen dazu bei , dass das schwarze Wasser des Hafens gefährlicher war als es auf der Oberfläche den Anschein erweckte.
Seit der alte Hafen in den Würgegriff des Verbrechens geraten war, hatte er keine besseren Zeiten mehr gesehen. Niemand konnte sagen, wie viele verlorene Seelen dort am Grund des Hafens lagen. Ruhelose, arme Seelen die auf dem schwarzen Friedhof aufgereiht standen, wie ein unheimlicher Wald aus Gebeinen und aufgedunsenen Leibern. Das schwarze Wasser war gefährlich, dessen war sich Doréan absolut sicher. Doch noch war es nicht unbedingt gefährlich in das Wasser zu springen, solange man die Geistesgegenwart besaß nichts davon in den Mund zu bekommen. Und wenn man schwimmen konnte.
Doréan hegte an diesem Abend allerdings alles andere als den Wunsch nach einem unfreiwilligen Bad, welcher Art auch immer. Stattdessen begab er sich zu einem der Händler des Dämmermarktes. Der Dämmermarkt war ein wild zusammengewürfelter Haufen von Zelten, Ständen und einzelnen, heruntergekommenen Baracken, die an den Kais des südlichen Ufers im Schatten der alten Stadtmauer lagen. Hier boten Händler, Seeleute und allerlei zwielichtige Gestalten ihre mehr, oder auch weniger redlich erworbenen, Waren feil. Dieser teils schwimmende, teils vor Dreck stehende Markt war ein regelrechter Magnet für Diebe, Beutelschneider, Gossenschläger, sowie Huren und auch den Ärmsten der Armen, welche kaum eine Handvoll Nägel in der Tasche hatten, um auf den richtigen Märkten etwas davon kaufen zu können. Sei es aufgrund ihrer notorisch leeren Geldbörsen, oder weil sie Dinge suchten, die es legal gar nicht zu erwerben gab. Doréan hingegen war aufgrund anderer, vorherrschenden Umstände dazu gezwungen den Dämmermarkt aufzusuchen. Immerhin war es Nacht und die normalen Märkte waren geschlossen. Und er bedurfte einer Handelsware und konnte nicht bis zum Morgengrauen damit warten.
Und so schlenderte er, so unauffällig wie nur möglich, auf den quietschenden, knarrenden und sich biegenden Planken der Kais entlang. Tunlichst darauf bedacht sich keinen Fehltritt zu leisten. Denn jeder Fehltritt führte dazu, dass man entweder in das Hafenbecken stürzte, oder von einem rüden Mistkerl einfach hineingestoßen wurde, wenn man nicht aufpasste. Ein kurzer Griff in den Hosenbund. Ein geschickt geführtes Messer. Und schon wechselte eine Börse den Besitzer, während dieser ein Bad nahm, nach welchem er noch mehr stank als vorher. Und während man sich hustend und prustend aus dem brackigen Wasser kämpfte, war der Dieb längst im Gedränge des Dämmermarktes auf und davon entschwunden. Auch wenn die meisten dieser Börsen mehr Motten als Moneten enthalten hatten. Die Kunden des Dämmermarktes galten alles andere als wohlhabend. Doréan hatte selbst schon den einen oder anderen Lump ins Becken gestoßen. Doch in Doréans Fall war es eher wegen seines unflätigen Schandmauls gewesen. Es war nicht verkehrt, jemanden ins Wasser zu stoßen, wenn dieser drauf und dran war einem die Zähne auszuschlagen. Also hielt er sich so nahe wie möglich an den Ständen, um nicht Gefahr zu laufen, ins Wasser zu stürzen, auf welche Weise auch immer.
Schließlich hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Er fand sich an einem der schwimmenden Stände wieder, welche auf einem ausrangierten Schiffskutter betrieben wurde. Planken und quer liegende Bretter verbanden den Kahn mit einer weiteren, noch maroderen Schaluppe. Und diese wiederum war mit alten, dicken Tauen am Kai angebunden worden, auf welchem sich abermals weitere, mit großen Wachstüchern überspannte Stände befanden. Dem Kahn selbst haftete ein beißender und unangenehmer Geruch an. Augenscheinlich war dieser schon viele Jahre nicht mehr zum Fischfang benutzt worden. Es roch nicht nur nach Fisch und Tran. Auch nach etwas anderem…Ein aufdringlicher Geruch, den Doréan nicht genau zuordnen konnte. Und eigentlich wollte es auch gar nicht so genau wissen. Doréan betrat vorsichtig die Planken, während ein vierschrötiger, schmerbäuchiger Händler ihn mit einem listigen Funkeln anblickte. Er hatte nichts von einem Fischer an sich, das auch nur erahnen ließ, dass er diesen Kahn schon besaß, bevor er zu einem schwimmenden Handelsstand umfunktioniert worden war. »‘N Abend.« Er begrüßte ihn mit einem knappen Kopfnicken, während er seine dicken Wurstgriffel ineinander verschränkte. »Suchst‘e was bestimmtes?« Die Händler des Dämmermarktes waren von einem gänzlich anderen Schlag als jene der üblichen Märkte. Sie redeten seltsamer. Rochen seltsamer und sahen einen auch seltsamer dabei an. Sie hofierten ihre potentiellen Kunden nicht. Vielmehr hatte es den Anschein, als ob sie erwarten würden, dass man vor ihnen buckelte und man sich dann wieder schleunigst verpissen sollte. Doch davon ließ sich Doréan nicht einschüchtern. Er kannte die Masche der hiesigen Händler. Es war ein schmutziges Spiel. Wie das Feilschen und das Fluchen auch. Wer nicht Manns genug war, einem Dämmerhändler die Stirn zu bieten, der hatte hier nichts verloren.
Alles was er wollte, war etwas, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. »Hast’e 'nen Bogen Papier, oder Wachstuch?« Der Händler hob seine linke Augenbraue und bedachte Doréan mit einem mürrischen Blick. »So wie du aussiehst, kannst’e dir des doch eh nich‘ leisten. Zieh Leine!«, blaffte der Händler und wedelte dabei unwirsch mit der linken Hand. Doch Doréan ließ sich nicht so einfach abwimmeln. »Es muss nich' neu sein. Und auch nicht' unbedingt sauber. Es sollte nur keine Risse oder Löcher haben, oder so’n Scheiss wie Blutfleck'n.« Da lachte der Händler mit einer tiefen, kehligen Stimme in welcher ein lauernder, eitriger Husten emporkroch. »Ah, das is' scho' was and'res.« Er beugte sich unter einen seiner Tische, wobei er es tunlichst vermied Doréan dabei aus den Augen zu lassen, und zog dann zwei Rollen Wachstuch hervor. »Wie’s der Zufall so will, hab‘ ich sogar zwei!« Er grinste breit und offenbarte dabei eine unregelmäßige Reihe gelber Zähne. »Wofür brauchstes denn?«, fragte er neugierig und legte die Ware auf den Tisch, zwischen all den anderen Unrat den er irgend einem anderen, armen Trottel einmal andrehen wollte. Doréan zögerte einen Moment, doch es führte ohnehin nichts daran vorbei. Er musste ja wissen, wie groß der Bogen sein musste, um das Paket neu zu verpacken. Und so zog er das beschädigte Paket aus der ledernen Tasche hervor und hielt es, mit beiden Händen fest umklammert, vor seiner Brust. »Das will ich einpacken. Soll’n Geschenk für meine Mama sein.« Kaum hatte er die Worte gesprochen, da stopfte er das Paket auch schon wieder in die Tasche zurück. Auf den Kais lauerten überall Diebe und Beutelschneider und das letzte, das er gebrauchen konnte, war der Verlust des Paketes. »Ah, dann sollt' der Bogen hier ausreichen.« Der Händler hielt das Wachstuch in die Höhe und begann es auch schon zu entrollen. Es war fleckig und die Ränder waren ausgefranzt. Doch es wies weder Risse noch Löcher auf, so dass Doréan zufrieden nickte. »Gut. Und was willst’e dafür?« Ihm schwante schon Übles, denn auch wenn die Waren der Dämmerhändler gestohlen war, schlugen sie regelrechte Wucherpreise auf. Selbst wenn es dreckig oder beschädigt war. Und seine Barschaft war alles andre als üppig. »Weil du’s bist, nur drei Löcher, Muttersöhnchen.« Er lächelte breit. Der Preis war absoluter Wucher. Das wussten sowohl Doréan als auch der schmerbäuchige Händler. Und dennoch verzog Doréan seinen Mundwinkel zu einem schnippischen Gesichtsausdruck. »Drei Löcher? Willst’e mich verarschen? Wie soll ich meiner Mama dann noch die verschissene Hühneraugen Tunke kaufen, die der Betrüger da drüben verhökert?« Doréan deutete mit dem Daumen in irgendeine Richtung hinter sich. Irgendwo war sicher ein Händler der Salben, Sude oder Tinkturen verkaufte. »Ha! Der alte Burkhart hat wirklich nur Schund in seinem Brackwasser, das is‘ wahr, Junge!« Der Händler bleckte für einen Moment die Zähne, bevor er sich mit der Zunge darüber strich. »Also gut, aber nur weil du’s bist, und ich net Schuld sein will, dass dir deine Mama das Fell gerbt.« Er gluckste dreckig und schien den Preis nochmals im Geiste zu überschlagen. »Sieben Scherben. Mehr hab‘ ich nicht. Ich geb‘ dir auch was übrig bleibt zurück.« Da hob der Händler die linke Augenbraue und zupfte sich dabei an der Unterlippe. »Zeig nochmal die Kiste her.«, meinte er und Doréan ließ sich, wenn auch etwas widerwillig, dazu überreden. Erneut hielt er die Kiste in die Höhe, während der Händler das ausgerollte Wachstuch betrachtete. »Also gut. Da bleibt ja noch genug übrig. Meinetwegen.« Doréan seufzte zufrieden und ließ die Kiste gleich wieder in der Tasche verschwinden. Dann kramte er die sieben Kupfermünzen aus seinem speckigen Geldbeutel, während der Händler mit einer eisernen Schere das Wachstuch in zwei ungleiche Teile zerschnitt. »So. Da haste’s!« Doréan reichte dem Mann die Münzen und im Gegenzug erhielt er die völlig überteuerte Ware. »Und jetz‘ verpiss dich gefälligst du elendiger Schnorrer! Du vergraulst mir die richtigen Kunden mit deiner schirchen Visage! Sei bloß froh, dass das keiner mitbekommen hat, sonst würd‘ ich noch bis morgen von Pissern wie dir belagert werden!«
Doréan verschwendete keine Gedanken an den Händler. Und auch keine unnötige Zeit. In einer dunklen Gasse riss er die letzten Reste des alten Wachstuchs von dem Paket und begann dann, akribisch und sorgsam, das Paket mit dem neuen Wachstuch einzuwickeln. »Na bitte! Als ob nie was gewesen wäre.« Zufrieden betrachtete er sein Werk und als er es mit der Kordel, mit welchem das Paket zuerst verschnürt gewesen war, erneut eingeschnürt hatte, ließ er es erleichtert in seine Tasche sinken. »Und jetzt zu dem beschissenen Teil …« Er verzog grimmig den Mundwinkel, während sich ein unangenehmes Ziehen zwischen seinen Lenden auszubreiten schien.
Mit einem wild hämmernden Herzen, schlotternden Knien und kaltem Schweiß im Nacken betrat Doréan den letzten Kai des alten Hafens. Der Kai war so weit am Rande der Stadt, dass selbst beim höchsten Stand der Sonne die alten Planken in den tiefen Schatten der angrenzenden Stadtmauer lagen und das Wasser hier noch schwärzer war, als unter den Planken der Pfahlbauten und schwimmenden Bretterburgen. Und nun, da es beinahe Mitternacht war, war die Dunkelheit beinahe beängstigend. Zaghaft setzte Doréan einen Fuß vor den anderen während das verräterische Knarzen der alten, morschen Bretter das sanfte Plätschern des Wassers übertönte. »Du kommst spät.« Eine Gestalt trat aus dem Schatten des Hauses, welches direkt an den Kai angrenzte. Doréan hielt, in dem Schritt den er gerade tätigen wollte, inne und schluckte. Dann erst wandte er sich um und konnte nur schemenhafte Umrisse erahnen. Doch wagte er keine dreisten Worte. »Ich weiß.« Er murmelte nur verhalten und legte seine rechte Hand auf die lederne Tasche, um das Paket heraus zu holen. »Hast du eigentlich 'ne Ahnung, wie lange ich hier schon auf dich warte, du nichtsnutziger Hund?« Der Fremde trat einen Schritt hervor und streckte dabei seine rechte Hand fordernd aus. »Los, her mit der Ware.« Doréan nickte, während ihm der Schweiß ausbrach. Unweigerlich drang nur ein Gedanke in Doréans Geist. Wenn dieser Fremde wusste, wie das Paket aussah, war es um ihn geschehen. Wenn dies alles nur ein beschissener Test Rabans war, dann war er so gut wie geliefert. Er bemerkte wie seine Hände zu zittern begannen und der kalte Schweiß ihm im Nacken klebte. Doch Doréan wusste, wann es besser war die Klappe zu halten. Wenn es den Mistkerl wirklich interessierte, würde er schon fragen, warum er so lange gebraucht hatte. Und dann würde er sich schon eine gute Ausrede einfallen lassen. Doch zuerst galt es das Paket zu übergeben. Und so glitten Doréans Hände, beinahe unbeholfen, in die Tasche.
Er zog das neu verpackte Paket hervor und trat etwas näher an den Fremden heran. Doch der hielt urplötzlich seine Hand in die Höhe. »Halt. Das ist nahe genug.« Doréan hielt inne und konnte die Verwirrung in seinem Blick kaum verbergen. »Schau nicht so dämlich. Leg das Paket auf den Planken ab und verpiss dich nach da hinten!« Die Hand, welche aus dem Schatten auf ihn deutete, richtete sich auf das Ende des Steges. Von dort gab es nur einen Weg zu entkommen, sollte dem Fremden das Paket nicht gefallen. Doréan musste in das stinkende Brackwasser springen und um sein Leben schwimmen. Jeder Schluck Meerwasser, der ihm dabei in den Mund kam, würde widerlichen Brechreiz verursachen…und in ein oder zwei Tagen eine üble Scheißerei nach sich ziehen. Doréan konnte in dem miesen Licht nicht erkennen, ob er eine Armbrust mit sich trug und hoffte inständig dass es einfach nicht dazu kommen würde, dass er diesen Weg wählen musste. Denn gerade hier, so nahe an der Stadtmauer, war das Wasser besonders ekelhaft. Dicker Schaum tanzte auf dem wogenden, schwarzen Wasser. Und unzählige, morsche Holzbalken dümpelten neben allerlei Unrat und teilte den Schaum immer wieder, bevor dieser sich wieder vereinigte. Vermutlich lagen hier mehr Leichen auf dem Grund, welche nur durch die schweren Steine dort gehalten wurden, die an ihre Füße gebunden waren, als im gesamten Hafen Schiffe vor Anker lagen. Und allein dieser Umstand brachte Doréan dazu zu würgen, wenn er nur daran dachte, in dieses Wasser zu springen.
Doréan konnte es kaum erwarten, diesen verdammten Tag endlich hinter sich zu lassen. Er würde sich in irgendeiner dreckigen Spelunke bis zur Besinnungslosigkeit besaufen und einfach nur darauf warten, bis Raban ihn ausfindig gemacht hatte. Und wenn es das Schicksal hold mit ihm meinte, dann würde er einen Abstecher zu Aelia machen, um zu sehen, ob sie bei Sonnenschein noch hübscher war, als im Dunkel der Nacht. Das nahm er sich fest vor. Doch der Tag war noch nicht vorbei. Der Fremde trat aus dem Schatten hervor und auch wenn er nun von dem fahlen Mondlicht der bleichen Sichel beschienen wurde, so konnte Doréan ihn nicht erkennen. Er trug eine Kapuze, die sein Gesicht gänzlich in Schatten hüllte und Doréan biss sich nervös auf die Unterlippe, als der Mann schließlich vor dem Paket stehen blieb, um sich danach zu beugen. Doch dann überschlugen sich mit einem Mal die Ereignisse.
Wie aus heiterem Himmel rumpelten auf einmal schwere Schritte von Stiefeln auf den knarrenden Planken. Der Fremde warf Doréan einen wütenden Blick zu, bevor er sich zu den Männern umwandte, die plötzlich erschienen waren. Doréans Herz tat einen gewaltigen Satz und rutschte ihm förmlich in die Beine. »Scheiße!« Doréan fluchte und ertappte sich dabei, wie er den Atem anhielt. »Halt! Stehen bleiben, du Arschloch!« Eine neue Stimme durchdrang die Nacht. Und im fahlen Mondlicht blitze die Spitze eines Armbrustbolzens auf. Der Fremde wandte sich zu Doréan um und funkelte in boshaft an, bevor er sich wieder dem Angreifer widmete. Doch selbst Doréan erkannte nun, dass der Fremde sich zwei Männern gegenübersah, die beide eine Armbrust auf ihn richteten. »Lenan wird davon erfahren. Und euch Schwarzen den Arsch aufreißen!« Die Stimme des Fremden klang boshaft, als ob er die beiden Armbrüste nicht fürchten würde, die sich auf ihn gerichtet hielten. Er spuckte auf die Planken und funkelte den Kerl herausfordernd an. »Ha! Ich scheiße auf Lenan! Los, geh von dem Paket weg!« Einer der Männer trat aus dem Schatten des Hauses, welcher sie bis dahin verborgen gehalten hatte und offenbarte sein Gesicht. »Du!« Der Fremde zischte, von einer jähen Erkenntnis erfüllt. Die beiden Angreifer lächelten nur dünn und erneut warf der Fremde Doréan einen flüchtigen Blick zu. »Du Stümper!« Doréan verstand die Welt nicht mehr. Was geschah hier nur? »Du hast die Nedran'Ja direkt zu uns geführt! Du beschissener, verfluchter, verlauster Köter!« Seine Stimme erschallte über den ansonsten leeren Kai doch verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Doréan lief es eiskalt den Rücken herab, während der Mann, der aus dem Schatten getreten war nun auch die Stimme erhob. »Halts Maul!« Nun trat auch der zweite von ihnen hervor und hielt die Armbrust lässig vor sich. »He, hier spielt die Musik, du Arschloch!« Er zwang den Fremden sie wieder anzusehen und ein eisiges Schweigen herrschte für einen Moment.
Es war wie die bedrückende Stille vor dem Ausbruch eines Gewitters. Die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm. Nur dass der Kontrahent keine Waffe in den Händen hielt. Sie befanden sich in der Zwickmühle und Doréans Verstand begann fieberhaft an einer Lösung zu arbeiten. Er hatte nur ein schäbiges Messer. Wie sollte er da gegen zwei Armbrüste bestehen? Und wie sollte er das dem Fremden, oder gar Raban nur erklären? Oder gar Lenan, sollte der Boss Höchstselbst ihn zur Rede stellen? »Los! Geh endlich von dem Scheiß Paket weg, du Hurensohn!« Hurensohn…ein Schimpfwort, das in vielen Menschen einen Impuls der Auflehnung und tiefstem, verletzten Stolz hervorrief. Ein Groll, der bis ins Mark zu kriechen schien. Doch von allen Schimpfwörtern, die man Doréan an den Kopf werfen konnte, war der Hurensohn eines, welches ihn in keiner Weise auch nur ein müdes Lächeln abrang. Denn es war schlicht und ergreifend die Wahrheit. In seiner Jugend hatte man es ihm so oft an den Kopf geworfen, dass es ihn regelrecht abgehärtet hatte. Er war ein Hurensohn. Daran gab es nichts zu rütteln oder zu beschönigen. Und jeder der ihn einen Hurensohn nannte, für den hatte Doréan ein riesiges Arsenal an Flüchen und wüsten Beschimpfungen, die den Hurensohn in einen fahlen und neidischen Schatten zu stellen vermochten. Noch während der Nedran'Ja gesprochen hatte, trat dieser auch sogleich einen Schritt vor, und zwang den Fremden dadurch zurückzuweichen. Doch als er über das Paket hinweggetreten war, da zog er auf einmal ein Messer aus dem Gürtel und schleuderte es in die Schatten vor sich. Doréan war, als ob er die Luft hören konnte, wie sie vom Messer zerschnitten wurde. Und kurz darauf erklang ein dumpfer Schlag, dicht gefolgt von einem lauten Poltern. Einer der Männer sackte leblos zusammen. Aber noch bevor der Fremde einen Schritt auf den verbliebenen zumachen konnte, da surrte auch schon das verräterische Schnalzen einer vibrierenden Bogensehne durch die dunkle Nacht. Der Armbrustbolzen versank tief in der Brust des Kontaktmannes, dessen Name Doréan nicht einmal erfahren hatte. Alles ging so schnell, dass Doréan keine Zeit hatte darüber nachzudenken oder es gar zu realisieren. Der Fremde sackte auf die Knie und packte das Paket. »Lauf, du dreimal verfluchter Hurensohn!« Er warf das Paket in Doréans Richtung, und im selben Moment stürzte der verbliebene Nedran'Ja auch schon in seine Richtung. Er sprang über den Fremden hinweg und verpasste ihm einen harten Schlag gegen den Schädel, während Doréan wie ein Wahnsinniger auf das Paket zu hechtete. Seine Finger legten sich um das Paket und sein Blick haftete sich auf den Mann, der mit jedem Schritt die Planken zum Knacken und Wanken brachte. Während er rannte zerrte er einen weiteren Bolzen aus dem Köcher und legte ihn in die Armbrust ein, die er seinem toten Kameraden aus den Händen genommen hatte. Doréan hatte gar keine Zeit, sich einen klugen Fluchtplan zu überlegen. Er schloss die Augen, hielt den Atem an und rollte sich auf die Seite. Ein Platschen ertönte, als er in das kalte und stinkende Wasser des Hafenbeckens eintauchte. Und mit aller Kraft stieß er sich von einem der Pfähle ab, auf welchem der Kai stand. Er tauchte tiefer und für einem Moment war ihm, als ob ein Bolzen an seinem Kopf vorbeizischte. Wasserblasen stiegen neben ihm auf doch er strampelte wie wild mit den Beinen. Er presste alle Luft aus seinen Lungen heraus und versuchte so weit wie möglich von dem Kai zu schwimmen, bis ihm die Luft gänzlich ausgegangen war. Erst da tauchte er wieder auf, um nicht das widerliche Wasser in den Mund zu bekommen. Er wusste, dass er keine zwei Tage später mit Fieber im Bett liegen würde. Denn er hatte dies schon einmal erleben müssen. Er presste die Augen zusammen und biss seine Zähne noch fester zusammen, so dass sein Kiefer sich spannte und knirschte. Aber als er es nicht mehr aushalten konnte, da tauchte er schließlich auf, schnappte unbeholfen nach Luft und tauchte wieder unter, nur um noch weiter in die Tiefe zu sinken. Dicht gefolgt von einem weiteren Bolzen, der ihn nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Bevor er untergetaucht war, hatte er einen Schatten am Ufer entlanghuschen sehen, welcher den Kai bereits verlassen hatte, um ihm zu folgen.
Doréan war am Ende seiner Kräfte, als er endlich den gegenüberliegenden Kai erreicht hatte. Er warf das Paket auf die Planken, zog sich mit letzter Kraft aus dem Wasser, und rollte sich auf die hölzernen Stege. Er keuchte und hustete. Doch zumindest hatte er kein Wasser in den Mund bekommen. Er rappelte sich auf die Beine und nahm das Paket wieder auf. Dann rannte als ob eine Horde Düsterlinge ihm auf den Fersen waren. Er rannte, ohne sich umzusehen, immer weiter und weiter und durch die verwinkelten Gassen des Hafens. Nun war es ein echtes Problem, dass es Mitternacht war. Niemand war auf den Straßen, außer Schlägern oder irgendwelchen Süchtigen, die ohnehin den ganzen Tag auf den Straßen herum lungerten. Es gab keine Menschenmenge, in welcher er hätte untertauchen können. Keine Schenke, in welcher er verschwinden konnte. Nur gähnend leere Straßen, als ob eine Seuche hier gewütet hatte und den ganzen Bezirk entvölkert hätte. Niemals zuvor hatte er so leere Straßen gesehen. Selbst zu einer späten Stunde wie dieser. Es schien so unwirklich und verdächtig, dass Doréan sich fühlte, als stürmte er von einer Falle nur in die nächste. Ein schmerzhafter Stich in der linken Seite zwang ihn langsamer zu werden, und seine Beine brannten als ob ein übernatürliches Feuer darin wütete. Er konnte nicht mehr. Mit letzter Kraft schleppte er sich in einen Hauseingang und warf sich gegen die Tür. Das Schloss riss aus den Angeln des morschen Holzes. Ein Schrei gellte, als im Zimmer dahinter eine Frau erwachte und nur einen Moment später erschien auch ihr Mann, welcher sich aus den Laken wälzte. »Was zum Henker?« Er hatte nur eine verschlissene und abgewetzte Bruche am Leib, doch sein massiger Körper stolperte aus dem Bett, ergriff eine Keule, die an der Wand lehnte, und war im Begriff sich auf Doréan zu stürzen. Doréan hob die Hand, um den Mann zu beruhigen. Doch dieser stürzte wie ein wilder Ochse auf ihn los. »Ich schlag dir den Schädel ein, du Strolch!« Er schnaufte und wuchtete seinen massigen Leib an dem Bett vorbei, welches mehr einem Bretterhaufen als einem Bett glich. Doréan sprang unbeholfen auf das Bett, wodurch er der Frau unsanft auf den Bauch sprang. Erneut schrie sie auf und in heller Panik hieb sie ihre Fäuste nach ihm. Doch Doréan beachtete sie gar nicht. Viel mehr war er darum bemüht der Keule ihres Mannes zu entgehen. Immer wieder schob sich der Wanst des wütenden Mannes von einer Seite des Bettes auf die andere. Und immer dann, wenn er dies tat, sprang Doréan auf die andere, wodurch er der Frau mehrere rüpelhafte Tritte verpasste, bis sich seine Beine in der Decke verhedderten, und er diese schwungvoll von dem Leib der Frau zerrte. Sie kreischte entsetzt auf, als sie nun gänzlich nackt in dem Bett lag und der Mann grunzte nun noch grimmiger. »Dafür wirst du bluten!« Er sprang nun auch auf das Bett, und die Frau zog ihre Beine an die Brust. Sie hielt sich die Hände über den Kopf und versuchte so den Füßen der Männer zu entgehen. Doréan hingegen war längst vom Bett heruntergesprungen. Er zerrte an der Decke, und brachte so den massigen Ochsen zu Fall, welcher rücklings auf das Bett stürzte. Ein lautes Krachen zeugte davon, dass es unter seinem Gewicht zu Bruch ging, doch Doréan beachtete die Beiden nicht weiter. Sie hatten ihn ohnehin viel zu viel Zeit gekostet. Er hastete schnurstracks auf das Fenster zu. Ohne weiter darüber nachzudenken sprang er, mit dem Kopf voran, durch die Schweinehaut, die man auf den Holzrahmen gespannt hatte. Das dünne Gespann gab nach und an den Stellen, an welchen es auf das Holz genagelt war, riss es geräuschvoll entzwei. Doréan stürzte, mit dem Gesicht voran, in den Dreck der Straße, welche sich auf der anderen Seite des Hauses befand. Dann rappelte er sich hastig wie der auf und rannte. Er rannte sich die Lunge aus dem Leib, während er keinen Gedanken daran verschwendete hinter sich zu blicken. Durch diese unbeholfene Abkürzung hatte er eine Wand aus Häusern zwischen sich und seinen Verfolger gebracht. Doch das Gezeter des Weibsbildes und das Gebrüll ihres schmerbäuchigen Mannes hatte man zweifellos in der ganzen Straße gehört. Der Nedran'Ja wusste, wo Doréan sich befand und alles worauf er hoffen konnte war, dass der bullige Mann den nächsten Mistkerl, der seine nackte Frau angaffen würde, ebenso den Schädel einzuschlagen versuchte. Und es ihm vielleicht sogar gelang.
Als seine Füße ihn nicht mehr tragen konnten sackte Doréan irgendwann auf der Straße zusammen. Das Paket fiel ihm unsanft aus den Händen und er kroch auf allen Vieren voran, um es wieder an sich zu bringen. Er kämpfte sich auf die Beine, doch er zitterte am ganzen Leib, während sein Atem rasselte wie ein Fuhrwerk auf einer steinigen Straße voller Muscheln. Er zwang sich immer weiter und kroch in eine dunkle Gasse, bis er sich schließlich erschöpft an die Wand der Sackgasse lehnte. Das rostige Messer in seiner Hand zitterte mehr, als er selbst, als er hastig das triefend nasse Paket in seine ebenso nasse Ledertasche stopfte. Das glänzende Ding, welches sich darin befand, rutschte aus der aufgebrochenen Schatulle heraus und schlug mit einem dumpfen Schlag auf dem trockenen Lehmboden auf. Doch Doréan hatte keine Zeit es erneut zu bewundern. Seine Finger packten das Ding und er stopfte es hastig in seine Tasche und legte schützend seine Hand darüber. Und so verharrte er. Ängstlich, müde und völlig entkräftet in der Gasse. Harrend auf einen Mann mit einer Armbrust, welcher ihm jeden Moment einen Bolzen in den Kopf schießen würde.
Brunnen und Waschzuber ❖
09.02.2023 '19:59 [4.484 Wörter]
 elia hatte kaum ihr Bündel in die schmale Kammer neben dem Heuschober gebracht, die Mahdia ihr zugewiesen hatte, als die Schankwirtin sie bereits wieder nach unten zitierte. Die Schenke war um diese Tageszeit noch vergleichsweise ruhig. Einige Gäste aßen, ein alter Mann schlief zusammengesunken über seinem Bierkrug, und aus der Küche drang der Geruch von Zwiebeln und angebranntem Fett. Mahdia stand hinter dem Schanktisch und musterte Aelia mit jener kritischen Miene, die sie offenbar für alle Menschen bereithielt. „Du willst hier also arbeiten?“ Aelia wusste nicht, was von ihr erwartet wurde, als knickste sie jedesmal leicht, als sie eine Antwort gab. „Ja.“ „Woher kommst?“ „Aus Weidenau…“ Die Wirtsfrau schüttelte den Kopf „Kenn ich nicht, wo ist das?“ „Es ist ein kleines Dorf östlich von Oshkïr. Da wo die Seifensieder wohnen.“ „Seifensieder also! Kannst du Seifensieden?“ „Ja, haben mir meine Eltern beigebracht.“ „Gut, aber kannst du damit auch putzen?“ „Ja.“ „Kannst du kochen?“ „Ein bisschen…“ gab Aelia wahrheitsgemäß zu. „Wie siehts aus mit Wäschewaschen, kannst du das auch?“ „Ja“ Mahdia legte einen Finger auf ihr Kinn. „Kannst du auch aufhören, ständig herum zu zappeln?“ Aelia hielt inne, blickte sie verwirrt an, vermied den nächsten Knicks. Stattdessen nickte sie und Mahdia grinste sie jetzt an. „War nur Spaß.“ Dann musterte sie das Mädchen mit einem zugekniffenen Auge. „Du bist sehr hübsch.“ Aelia wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. „Danke?“ Die Wirtsfrau schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das war kein Kompliment. Hübsche Mädchen bringen Männer mit sich. Männer bringen Ärger mit sich. Und Ärger will ich nicht in meinem Haus.“ Sie deutete mit einem Finger auf Aelia. „Also merke dir diese Regel gleich am ersten Tag: Keine Männer auf den Zimmern. Wenn du einen Mann mit auf dein Zimmer nimmst, fliegst du im hohen Bogen hier raus, verstanden? Das hier ist ein anständiges Haus!“ „Ich hatte nicht vor“… begann Aelia doch Mahdia unterbrach sie. „Das sagen sie alle. Aber gut, ich wills mit dir versuchen. „Kannst du Wasser schleppen?“ „Ja.“ „Gut. Dann fangen wir gleich damit an, ob du tatsächlich etwas taugst. Komm mit…“ Die Wirtsfrau schlurfte mit ihr in den Innenhof, wo an einer Wand unter einem Dachvorsprung ein altes Tragjoch hing. „Das da brauchst du. Und zwei Eimer. Da drüben.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf einen kleinen Turm von ineinander gestapelten Eimern und Aelia lief sogleich hin und griff sich zwei. „Gut. Dann hol Wasser.“ Aelia nahm das Tragejoch entgegen und während sie die Eimer in die Haken links und rechts am Ende einhängte, fragte sie „Von wo soll ich Wasser holen?“ „Vom Brunnenhaus.“ Und wo ist das?“ „Die Straße runter, nach dem Bogen die nächste Straße unter und am Ende ist der Brunnenplatz, kannst du eigentlich gar nicht verfehlen.“ Aelia nickte, legte sich das Tragjoch auf die Schultern und verließ die Schenke. Hinter ihr verzog sich Mahdias Mundwinkel für den Bruchteil eines Augenblicks zu einem kaum sichtbaren Schmunzeln. „Der Brunnen ist seit gestern kaputt“, murmelte einer der Gäste. „Ich weiß“, erwiderte Mahdia und begann Becher abzutrocknen. „Und du hast sie trotzdem hingeschickt?“ „Natürlich.“ „Warum?“ Mahdia schnaubte. „Weil ich Wasser brauche. Und weil ich sehen möchte, ob sie etwas taugt.“
Wenige Minuten später stand Aelia tatsächlich vor dem Brunnenhaus auf einem großen Platz. Es war ein niedriger Steinbau mit offenem Dachstuhl, der den Brunnen vor Regen und Schmutz schützen sollte. Schon von Weitem bemerkte sie die Menschen. Vielleicht zehn oder zwölf. Einige Frauen mit Eimern standen plaudernd beisammen, zwei Männer mit Fässern und Schubkarren stritten über irgendetwas vollkommen Belangloses und ein alter Hund lag im Schatten einer Häuserfassade und schlief. Niemand schien jedoch Wasser zu schöpfen. Stattdessen standen sie in kleinen Gruppen beisammen, gestikulierten, schimpften oder gaben ungefragt ihre Meinung zum Besten. Es war ein wahres Stimmenmeer. „Ich hab doch gesagt, das Holz hält keinen Monat mehr!“ „Du sagst viel, wenn der Tag lang ist.“ „Wenn man mich gefragt hätte…“ meinte ein Mann. „Dich fragt aber niemand!“ ätzte eine hohe Frauenstimme. „Weil hier keiner normal ist!“ Aelia verlangsamte ihre Schritte, denn das Ganze wirkte merkwürdig. Auf dem breiten Steinrand des Brunnens saß ein junges Mädchen mit hellblonden Locken, die in alle Richtungen abstanden. Sie baumelte mit den Beinen, aß einen Apfel und beobachtete das Schauspiel mit unverhohlener Belustigung. Aelia blieb vor der Menschentraube stehen. „Entschuldigung?“ Niemand reagierte. „Was ist denn passiert?“ Wieder keine Antwort. Der Mann mit der Schubkarre war inzwischen dabei, jemandem ausführlich zu erklären, wie man eine Winde richtig reparierte, obwohl er offensichtlich keine Ahnung davon hatte. Aelia wartete noch einen Moment. Dann seufzte sie und schob sich zwischen den Leuten hindurch. „Verzeihung!“ versuchte sie sich Gehör zu verschaffen. „Darf ich kurz?“ fragte sie als sie niemand beachtete. „Danke.“ Mittlerweile merkte sie, dass sie Selbstgespräche führte und arbeitete mühsam sich bis an den Rand des Brunnens vor. Erst dort verstand sie, warum alle herumstanden. Oder zumindest glaubte sie das. Der große hölzerne Rahmen über dem Brunnenschacht wirkte irgendwie unvollständig. Aelia runzelte die Stirn. Sie kannte Brunnen. In Weidenau hatte beinahe jeder Hof einen eigenen gehabt. Allerdings hatte nicht jeder Brunnen gleich ausgesehen. Manche besaßen einen Schwenkarm. Andere eine Winde. Wieder andere funktionierten auf Arten, über die sie nie besonders nachgedacht hatte. Vielleicht war dieser hier einfach anders. Sie stellte ihre Eimer ab und betrachtete die Konstruktion genauer. Wo eigentlich eine Kurbel hätte sein sollen, ragte nur ein abgebrochener Holzstummel aus der Halterung. Das Seil verschwand nutzlos in der Dunkelheit des Brunnenschachts. Aelia legte den Kopf schief. Vielleicht bediente man den Brunnen von der anderen Seite? Sie umrundete ihn halb, doch da war nichts. Vielleicht musste man irgendeinen Hebel lösen? Nein. Sie blickte erneut in den Schacht hinab. Dann zum Seil. Dann wieder zum Schacht. Neben ihr ertönte ein leises Kichern, doch Aelia ignorierte es. Vorsichtig griff sie nach dem Seil und zog daran. Nichts. „Wie soll ich denn Wasser schöpfen? Wie geht denn das hier?“ murmelte sie Das Kichern wurde lauter.  Als sie sich schließlich umdrehte, saß das blonde Mädchen noch immer auf dem Brunnenrand und biss gerade von ihrem Apfel ab. Der Saft tropfte von ihrem Kinn und unbekümmert wischte sie mit dem Handrücken über ihr Kinn und kauten mit vollen Backen. Ihre blauen Augen funkelten vor Belustigung. Offenbar beobachtete sie Aelia schon seit einiger Zeit. Als sich ihre Blicke trafen, prustete sie mit vollem Mund. Aelia verengte die Augen. „Was?“ „Nichts“ sagte sie und das war offensichtlich gelogen. „Dann hör auf zu lachen“ erwiderte Aelia genervt. Das Mädchen schaffte es tatsächlich, für etwa zwei Herzschläge ernst zu bleiben. Dann begann sie erneut zu grinsen. „Bist du neu hier?“ fragte sie und Aelia zuckte die Schultern „Und wenn schon?“ „Dann erklärt das einiges.“ Aelia verschränkte die Arme vor der Brust und spürte eine leichte Nervosität in sich aufsteigen. Mahdia wartete auf ihr Wasser. Sie hatte weder Zeit noch Geduld für spöttische Fremde. „Ah… na wenn du so toll bist, und ich offensichtlich nicht, dann zeig mir doch, wie das geht!“ Das Mädchen betrachtete die zerbrochene Kurbel. Dann Aelia. Dann schweifte ihr Blick wieder auf die Kurbel. „Das dürfte schwierig werden.“ „Das sehe ich selbst.“ „Na offenbar nicht, sonst würdest du ja nicht wie eine Katze um den Brunnen schleichen und nach etwas Ausschau halten was ohnehin offensichtlich ist.“ Aelia spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Das Mädchen lachte wieder, allerdings nicht bösartig. Eher so, als bereite ihr die ganze Situation ehrliche Freude. Als sie ihren Apfel komplett aufgegessen hatte, warf sie den Stengel auf den Boden und meinte „Ich könnte dir zeigen wo der nächste Brunnen ist…wenn du willst?“ „Es gibt noch einen?“ „Natürlich gibt es noch einen. Was glaubst du denn, was die Leute machen, wenn dieser hier kaputtgeht? Verdursten? Sich nicht mehr waschen?“ Sie grinste und Aelia zögerte. Schließlich sprang das Mädchen mit einem Satz vom Brunnenrand, ergriff einen von Aelias Eimern auf und marschierte bereits los. Sie drehte sich um und meinte „Na was ist? Komm schon, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“ Nach einem kurzen Augenblick griff Aelia nach dem zweiten und folgte ihr.
Das Mädchen führte sie durch ein Gewirr aus Gassen, als wäre sie dort geboren worden. Was vermutlich sogar stimmte. Während sie lief, schwang sie Aelias Eimer locker an einer Hand. Sie hatte einen zweiten Apfel aus ihrer Schürzentasche gezaubert und während sie lief, futterte sie diesen, ohne dass dies sie im Geringsten daran hinderte, ununterbrochen zu reden. Aelia hatte zunächst geglaubt, das blonde Mädchen wolle sie lediglich zum nächsten Brunnen führen. Diesen Irrtum musste sie bereits nach wenigen Schritten begraben. Denn sie begann, ihr eine ganze Menge Fragen zu stellen. „Du bist also neu hier.“ Es war keine Frage. Sie sprach es mit derselben Selbstverständlichkeit aus, mit der man feststellte, dass die Sonne schien oder ein Hund vier Beine hatte. „Ja.“ „Das habe ich sofort gesehen.“ „Woran?“ Das Mädchen drehte sich halb zu ihr um und musterte sie demonstrativ. „Du schaust überall hin.“ Aelia runzelte die Stirn. „Das machen Menschen gewöhnlich mit ihren Augen, oder etwa nicht?“ „Nicht hier.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die meisten schauen geradeaus. Oder auf den Boden. Du dagegen siehst sehr unsicher aus, als müsstest du dich orientieren. Beinahe wie ein verirrtes Huhn…“ Aelia konnte nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel zuckten. Sie bogen um eine Ecke. Ein Karren rumpelte an ihnen vorbei, irgendwo stritt ein Ehepaar aus einem offenen Fenster, und über ihren Köpfen flatterte Wäsche zwischen den Häusern im Wind. Das Mädchen schien all das überhaupt nicht wahrzunehmen. „Woher kommst du denn?“ „Aus Weidenau.“ „Nie gehört.“ „Das überrascht mich nicht.“ „Ist das weit weg?“ „Einige Tage.“ „Und wie kommt man auf die Idee, freiwillig nach Oshkïr zu ziehen?“ Aelia schwieg einen Moment. „Lange Geschichte.“ „Die besten Geschichten sind lang.“ „Nicht diese.“ Zum ersten Mal hielt das Mädchen für einen Augenblick den Mund. Sie schien die Antwort abzuwägen, als hätte Aelia ihr etwas Wichtiges verraten. Dann biss sie wieder in ihren Apfel. „Verstehe.“ Aelia hatte nicht den Eindruck, dass sie irgendetwas verstand. „Und jetzt arbeitest du für Mahdia.“ „Ja.“ Das Mädchen verzog das Gesicht. „Mein Beileid.“„Sie scheint mir ganz vernünftig. Streng, aber vernünftig.“ Das Mädchen blieb abrupt stehen und starrte sie an. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Mehrere Vorbeigehende drehten sich nach ihr um. „Oh, bei Maëlas Arsch, das wird lustig.“ „Was? Was meinst du?“ „Nichts.“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Vergiss es.“„Warum?“ „Weil ich dir die Freude nicht verderben möchte.“ Aelia hatte das ungute Gefühl, dass genau das Gegenteil der Fall war. Sie gingen weiter. Nach einigen Schritten drehte sie den Apfelstiel zwischen den Fingern und fragte beiläufig „Wie heißt du eigentlich?“ Aelia blieb stehen. „Jetzt fragst du das erst?“ „Natürlich.“ „Warum natürlich?“ Sie grinste. „Weil ich zuerst wissen wollte, ob du interessant bist.“ „Ah, und wie lautet dein Resümee?“ fragte Aelia und blieb stehen. Das Mädchen legte den Kopf schief und meinte „Nun, wenn ich ehrlich sein darf?“ Aelia nickte „Ich bitte darum…“ „Du wirkst auf mich in der Tat interessant. „Du bist hübsch. Du bist groß. Du hast eine tolle Figur. Du bist jung, selbstverständlich. Und du arbeitest für Mahdia.“ Aelia blickte sie fragend an. „Und was soll das bedeuten?“ „Dass ich sehr neugierig bin.“ „Warum?“ „Weil ich mich frage, wie lange das hält.“ Aelia hob eine Augenbraue „Wie lange was hält?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die Schenke. Die kleinen Münzen. Die langen Arbeitstage. Dafür ist Mahdia auf jeden bekannt. Sie ist eine Ausbeuterin. Sie fordert viel und gibt wenig. “ Sie warf den Apfelrest in einen Rinnstein. „Die meisten Mädchen, die so aussehen wie du, stehen nicht lange hinter einem Schanktisch.“ „Ich stehe nicht mal hinter einem Schanktisch, jedenfalls noch nicht…“ Das Mädchen wachelte mit der Hand „Wie auch immer… „Die meisten Mädchen, die so aussehen wie du, haben irgendwann jemanden, der ihnen erklärt, dass sie ihr Geld auch leichter verdienen könnten. Irgendwann wird jemand auftauchen, der dir ein Angebot macht. Der dir ein leichteres Leben verspricht…“ Aelia kniff die Augen leicht zusammen „Was meinst du?“ „Na ja. In einem der besseren Häuser arbeiten.“ „Du meinst als Dirne?“ „Natürlich meine ich als Dirne.“ Jetzt schüttelte Aelia den Kopf. „Ich würde im Leben nicht für Geld mit einem Mann schlafen.“ Das Mädchen hob eine Augenbraue. „Das glaube ich dir sogar. Aber was tust du, wenn du kein Dach über dem Kopf, oder Hunger hast?“ „Dann arbeite ich.“ „Und wenn dir niemand Arbeit gibt?“ „Dann finde ich einen anderen Weg.“ „Das hoffe ich für dich!“ Sie setzte sich in Bewegung und Aelia gab sich einen Ruck und folgte ihr. „Wie heißt du eigentlich?“ „Oh! Ich dachte schon, du fragst nie!“ Jetzt kicherte sie als sie sah dass Aelia verlegen war „Entschuldigung…“ „Ach ist schon gut!“ Sie streckte ihr im Gehen ihre Hand entgegen „Ich bin Millie!“ Aelia lächelte. „Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Millie.“ „Freut mich auch sehr, Aelia“ Sie lächelte und dabei hatte sie wieder dieses Funkeln in den Augen. „Also du, Millie, wo kommst du her?“ fragte Aelia schließlich. Millie lachte. „Von hier.“ „Oshkïr?“ „Graues Viertel.“ Sie deutete vage über ihre Schulter. „Beim Brunnen drei Straßen weiter. Meine Mutter hat dort gewohnt, meine Großmutter auch. Wenn ich Pech habe, werde ich wohl ebenfalls dort sterben.“ „Und was arbeitest du?“ „Ich arbeite im ‚Haus der Elstern‘ Aelia nickte ohne zu verstehen. „Aha. Ist das eine Taverne?“ Millie grinste „Nicht so ganz.“ „Sondern?“ „Nun, es ist ein Bordell. Ja, ich bin Dirne.“ Die Antwort kam so beiläufig, als hätte sie gesagt, sie verkaufe Brot oder nähe Hemden. „Oh“ entfuhr es Aelia. Millie warf ihr einen Seitenblick zu „Du kannst mir gerne Fragen dazu stellen, ich bin nicht beleidigt deswegen.“ „Was?“ erwiderte Aelia. „Naja, du siehst aus als hättest du mindestens zehn Fragen dazu…“ Aelia musste schmunzeln „Ich könnte jetzt nein sagen, aber ich muss leider sagen, du hast mich durchschaut…“ „Das war nicht besonders schwierig…“ grinste auch Millie. Sie hob ihre rechte Hand und streckte den Zeigefinger aus. „Wir sind da!“
So hatte Aelia Millie kennengelernt. Damals hatte Aelia nicht geahnt, dass sie Millie bereits zwei Monate später zu ihren engsten Vertrauten zählen würde. In den Wochen danach hatten sie unzählige Stunden miteinander verbracht. Sie hatten gemeinsam auf den Stufen vor Lesters Taverne gesessen und Menschen beobachtet, hatten über Gäste gelästert, über Kleider gesprochen, die sie sich ohnehin nie würden leisten können, natürlich über Männer und all die anderen wichtigen Dinge, die junge Frauen beschäftigten. Wie Träume, Zukunftsvorstellungen, egal wie hanebüchen diese auch waren. Millie hatte sich gespannt angehört, wie Aelia zum ersten Mal von Ruben erzählt hatte. Von dem jungen Bäcker aus Steinward, der so freundlich war, so zuverlässig und so schrecklich vernünftig. Und darüber gelacht, weil sie meinte, dass es so gar nicht zu Aelia passe, sich einen solchen Langweiler zu suchen. Und Aelia hatte sich im Gegenzug Geschichten über Freier angehört, die mal zum Lachen und mal zum Kopfschütteln gewesen waren. Nicht jeder dieser Tage war leicht gewesen. Es hatte Wochen gegeben, in denen Millie kaum genug Geld verdient hatte, um ihre Miete zu bezahlen. Es hatte Nächte gegeben, nach denen sie mit roten Augen und ungewöhnlich wenig Worten erschienen war. Und es hatte Abende gegeben, an denen Aelia lieber nicht gefragt hatte, weshalb. Doch vielleicht waren es gerade diese Augenblicke gewesen, die sie einander nähergebracht hatten. Nicht das Lachen. Nicht nur, denn Millie war eine wahre Frohnatur und eigentlich sah man sie immer mit einem fröhlichen Gesicht. Sondern die Tatsache, dass die eine stets für die andere da war, kostete es, was es wolle…
Heute allerdings gab es niemanden, mit der sie lieber sprechen wollte. Sie stand an dem großen Waschbottich im Innenhof und arbeitete sich durch den Wäscheberg, den Mahdia ihr aufgehalst hatte. Das Wasser reichte ihr beinahe bis zu den Ellenbogen, und ihre Hände waren bereits rot und aufgequollen vom vielen Schrubben. Hemd um Hemd tauchte sie in die Lauge, rieb die Stoffbahnen gegeneinander und wrang sie anschließend mit kräftigen Bewegungen aus. Dabei wanderte ihr Blick immer wieder zum großen Torbogen. Noch nichts. Aelia seufzte und griff nach dem nächsten Hemd. Wo blieb Millie nur? Gewöhnlich war sie nie besonders pünktlich. Manchmal erschien sie eine halbe Stunde später als angekündigt, manchmal eine ganze. Heute allerdings konnte es ihr nicht schnell genug gehen. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie ihre Gedanken zu Doréan zurückwanderten. Zu seinem Grinsen. Zu seinen Augen. Zu seiner Frage 'Darf ich dich morgen besuchen, mein Liebchen? ' Allein bei der Erinnerung spürte sie erneut dieses beinahe schmerzhafte Ziehen irgendwo tief in ihrer Magengrube. Sie tauchte ein Leintuch etwas energischer als nötig ins Wasser. Wenn Millie endlich auftauchte, würde sie ihr alles erzählen. Sie packte das Leintuch und begann es mit solcher Entschlossenheit auszuwringen, als ginge es um ihr Leben. Je schneller sie den Wäscheberg bezwang, desto schneller war Feierabend. Je schneller Feierabend war, desto schneller konnte sie mit Millie reden. Und je schneller sie mit Millie redete, desto schneller würde sie vermutlich erfahren, weshalb sie seit gestern Abend keinen klaren Gedanken mehr zustande brachte. Denn etwas stimmte ganz offensichtlich nicht mit ihr. Normalerweise dachte sie nicht ständig an irgendwelche Männer. Sie hatte seit gestern Abend öfters an Doréan gedacht, als die ganze Woche an Ruben… Aelia schüttelte den Kopf und griff nach dem nächsten Kleidungsstück. Der Wäscheberg war inzwischen merklich kleiner geworden. Das Tor blieb allerdings leer. „Millie“, murmelte sie vor sich hin und begann noch schneller zu schrubben. „Wenn du heute nicht kommst, bringe ich dich um.“ Genau in diesem Augenblick erklang neben ihrem Ohr eine fröhliche Stimme. „Das sagen meine Freier auch ständig.“ Aelia fuhr so erschrocken zusammen, dass ihr beinahe das Hemd aus den Händen glitt. „Millie! Scheiße! Du hast mich zu Tode erschreckt!“ Millie hob entschuldigend die Hände, während sie sich einen Eimer umdrehte, sich darauf hockte und die Arme auf den Rand des riesigen Waschbottichs legte. „Tut mir leid.“ Doch Aelia hörte ihr kaum zu. Endlich war sie da.
„Oh Millie, ich bin so froh dass du da bist, ich muss dir unbedingt etwas erzählen, ich platze bald! Stell dir vor, was gestern passiert ist!“ Sie griff nach dem letzten Leintuch und tauchte es ins Wasser, während die Worte nur so aus ihr herausströmten. Von der Schlangengrube. Von den Männern. Von dem Streit. Von Jewen. Von den Schutzgelderpressern. Millies Grinsen verschwand. Je weiter Aelia erzählte, desto ernster wurde ihr Gesicht. Als Aelia schließlich berichtete, wie man sie zu Boden gedrückt hatte, wie sie geglaubt hatte, die Sache würde nun ein ganz anderes Ende nehmen, strich sie sich nervös eine Haarlocke aus dem Gesicht. „Aelia.“ Zum ersten Mal klang ihre Stimme vollkommen ernst. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Aelia wrang das Leintuch aus und beobachtete, wie das Wasser zurück in den Bottich tropfte. Dann hob sie den Blick. „Nein, Millie.“ Ihre Stimme war überraschend leise. „Um ehrlich zu sein stimmt etwas ganz und gar nicht.“ Sofort richtete sich Millie auf. Der Schreck war ihr deutlich anzusehen. „Du liebe Güte. Was ist los?“ Aelia blickte einen Moment auf das nasse Tuch in ihren Händen. Dann sagte sie fast flüsternd, als ob es niemand hören durfte, „Ich habe einen Mann kennengelernt.“ Für einen Herzschlag herrschte Schweigen. Dann fragte Millie trocken: „Schon wieder?“ Das nasse Leintuch traf sie mitten im Gesicht. „Aua!“ Millie wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und begann zu lachen. „Das war ein Scherz!“ „Ein ausgesprochen schlechter.“ „Ein ausgezeichneter!“ hielt Millie dagegen. Aelia schüttelte den Kopf, konnte sich ein kleines Lächeln jedoch nicht verkneifen.
Während sie den Korb ergriff, der die gewaschenen Wäschestücke enthielt und sie zu der Wäscheleine ging um diese aufzuhängen, erzählte sie weiter. Von Doréan, der in der Schenke gesessen hatte. Davon, wie er eingegriffen hatte. Wie er Jewen und ihr das Leben gerettet hatte. Wie er sie anschließend nach Hause begleitet hatte. Bis zu diesem Punkt hörte Millie aufmerksam zu. Dann blieb Aelia mitten in einem Satz kurz hängen. „Und dann habe ich ihn mit nach oben genommen.“ Millie blinzelte. „Du hast was?“ „Ich habe ihn mit auf mein Zimmer genommen.“ Die junge Dirne starrte sie an. „Auf dein Zimmer?“ „Ja.“ „In Mahdias Haus?“ „Ja.“ „Obwohl Mahdia Männerbesuche verbietet?“ Aelia nickte. Millies Augen wurden mit jedem Wort größer. „Aber... wie... warum?“ „Er hatte mir gerade das Leben gerettet.“ „Das erklärt überhaupt nichts!“ Aelia lachte. „Für mich schon.“ „Wie lange kanntest du ihn überhaupt?“ „Ein, zwei Stunden.“ Millie starrte sie an „Ein, zwei Stunden?“ widerholte sie ungläubig. „Ja.“ „Und dann hast du ihn auf dein Zimmer eingeladen?“ „Wenn du es so sagst, klingt es seltsam.“ „Weil es seltsam ist!“ Aelia musste trotz allem grinsen. „Wir haben nur geredet.“ „Nur geredet?“ „Und gegessen.“ „Und sonst nichts?“ „Nein.“ Millie schien noch nicht vollständig überzeugt zu sein, ließ die Sache jedoch fürs Erste ruhen. Während Aelia ein Hemd nach dem anderen zum Trocknen aufhängte, erzählte sie von dem Abend. Von dem gestohlenen Essen. Von dem Gespräch. Von Ruben, der plötzlich vor dem Fenster aufgetaucht war. Und schließlich von dem Augenblick, als Doréan hatte gehen sollen. Langsamer werdend schilderte sie, wie sie sich gegenübergestanden hatten. Wie nah. Wie still. Wie unmöglich es gewesen war, wegzusehen. Wie sie selbst nicht recht so recht wusste, weshalb gerade dieser Teil ihr so deutlich in Erinnerung geblieben war. Millie sagte kein Wort. Sie hörte einfach nur zu. Aelia erzählte von der angedrohten Ohrfeige. Davon, dass Doréan nicht gegangen war. Davon, dass sie schließlich tatsächlich zugeschlagen hatte. „Du hast ihn geohrfeigt?“ Diesmal war es keine Neckerei. Millie klang ehrlich entsetzt. Aelias Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Gestern erschien ihr diese vollzogene Androhung als natürliche und logische Konsequenz. Heute war sie sich nicht mehr ganz sicher, ob es tatsächlich die beste Idee gewesen war. „Ja.“ „Aelia!“ „Er hat es darauf angelegt!“ „Und dann?“ Aelia senkte den Blick. Das Leintuch war trotz auswringen noch tropfnass, trotzdem hielt sie es fest an ihren Leib gedrückt, als wollte sie damit etwas anderes, flüchtiges festhalten. „Dann hat er gefragt, ob er mich morgen besuchen darf.“ Millie runzelte die Stirn. „Nach der Ohrfeige?“ Aelia nickte. „Mein Liebchen, hat er gesagt“, fügte sie hinzu und ihre Stimme war nur ein Hauch. Allein die Erinnerung an diesen Satz genügte, dass sich ihr Magen wieder schmerzhaft zusammenzog. Millie bemerkte es sofort. „Moment… ich glaube ich verstehe da etwas nicht richtig. Du hast ihn geohrfeigt…“ Aelia nickte. „Und danach gefragt, ob er dich wiedersehen darf?“ Wieder nickte Aelia. „Und dabei hat er dich mein Liebchen genannt?“ Diesmal antwortete Aelia gar nicht mehr. Millie starrte sie an. Lange. Sehr lange. Dann lehnte sie sich langsam zurück. „Oh, Aelia.“ Millie starrte sie noch einen Augenblick an. „Was?“ Millie wachelte mit der Hand, als würde sie eine lästige Fliege vertreiben und legte sich anschließend die Hand über den Mund. Aelia starrte sie an, als könne sie ihre Freundin alleine mit der Macht ihres Blickes dazu zu bringen, endlich etwas zu sagen. „Millie! Sag was!“ flehte sie. „Ich denke nach.“ „Aber worüber?“ „Sei still.“ Aelia verdrehte die Augen und nahm sich endlich dem Leintuch an, das ihr Schnürmieder nass gemacht hatte während sie es zusammengeknüllt an sich gedrückt hatte, um es über die Wäscheleine zu werfen. Millie verschränkte die Arme vor der Brust. „Also gut“ begann sie. „Also gut was?“ „Entweder ist dieser Kerl völlig verrückt...“ „Millie!“ „Oder absolut pervers….“ Aelia schnaubte. „... oder er mag dich wirklich.“ Aelia spürte augenblicklich, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. „Das ist Unsinn, wieso sollte er?“ „Ist es das, Aelia?“ „Ja.“ „Warum?“ „Weil er mich kaum kennt!“ „Aber du kennst ihn doch auch kaum. Und jetzt sieh dich nur an!“ Aelia blinzelte. „Wie, sieh dich nur an?“ Millie starrte sie einen Augenblick lang an, als könne sie nicht glauben, dass Aelia diese Frage ernst meinte. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es hat dich völlig erwischt.“ „Was hat mich erwischt?“ „Dieser Kerl!“ Aelia verdrehte die Augen. „Ich sagte doch, das ist Unsinn.“ „Ist es das?“ Millie verschränkte die Arme, und sah Aelia dabei zu wie diese das Leintuch auf der Wäscheleine glatt strich. „Aelia, du bist seit sechs Wochen mit Ruben zusammen.“ „Und?“ „Und in diesen sechs Wochen habe ich mir dies und über Ruben anhören dürfen.“ „Du hast mir erzählt, dass er freundlich ist. Dass er fleißig ist. Dass er höflich ist. Dass er eine Bäckerei besitzt. Aber weißt du, was du nie getan hast?“ Aelia schwieg. „Du hast nie so über ihn gesprochen.“ „Wie denn?“ Millie deutete mit dem Finger auf sie. „So!“ Aelia spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. „Aelia?“„Was?“ „Du hast gerade zehn Minuten lang von einem Mann erzählt, der dich anscheinend völlig um den Verstand gebracht hat.“ „Er hat mich nicht um den Verstand gebracht!“ Millie legte den Kopf schief. „Ach, Aelia.“ Millie musterte sie einen Augenblick lang schweigend. Dann schien ihr plötzlich etwas einzufallen. „Aber mal etwas anderes.“ Aelia war sofort misstrauisch. „Was denn?“ „Du hast doch erzählt, er wollte dich heute besuchen kommen.“ „Ja.“ „War er schon da?“ Aelia erstarrte. Nur für einen Herzschlag. Einen winzigen, verräterischen Herzschlag. Er war noch nicht gekommen. Und bis zu diesem Zeitpunkt war ihr nicht bewusst gewesen, wie schmerzlich dieser Gedanke war. Aber nun war er es. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein.“ Millie sagte nichts. Sie beobachtete sie lediglich. Aelia hielt ihrem Blick stand. Zwei Herzschläge. Drei. Dann begann Millie langsam zu grinsen. Ganz langsam. „Ha!“ Sie sprang auf sie zu und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie. „Da war es!“ „Was?“ „Genau das!“ „Wovon redest du überhaupt?“ „Dir ist ja beinahe das Gesicht heruntergefallen!“ „Ist es nicht!“ „Ist es wohl!“ Aelia verschränkte die Arme. „Unsinn.“ Millie lachte „Ich habe es doch gesehen!“ „Was denn?“ „Du hast überlegt, warum er noch nicht gekommen ist. „Habe ich nicht!“ „Natürlich hast du das!“ Sie piekste ihr mit dem Finger gegen den Oberarm. „Mach dir ruhig etwas vor, wenn es dir hilft.“ „Ich mache mir gar nichts vor.“ „Mir brauchst du jedenfalls nichts vorzumachen.“ Millie grinste breit. „Nicht nach diesem Gesichtsausdruck.“ Aelia öffnete den Mund, sagte aber nichts und schloss ihn wieder. Und zu ihrem Ärger bemerkte sie, dass Millie noch breiter grinste.
Nachdem Millie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, fragte sie „Und wie heißt er nun eigentlich?“ Aelia zögerte einen Augenblick. „Doréan.“ Millie wiederholte den Namen leise vor sich hin. „Doréan...“ Sie dachte kurz nach, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein. Sagt mir nichts.“ Für einen Moment schwiegen beide. Aelia hängte das letzte Wäschestück auf die Leine, trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Endlich war sie fertig. Millie hingegen betrachtete nicht die Wäsche. Sie betrachtete Aelia. Und dieses kleine, verdächtige Lächeln war noch immer da. „Was?“ „Nichts.“ „Millie.“ „Wirklich nichts.“ Sie erhob sich und strich ihre Röcke glatt. „Ich denke nur, dass die nächsten Tage interessant werden könnten.“ Millie zuckte mit den Schultern. Dann ging sie einige Schritte rückwärts Richtung Tor. „Falls dieser Doréan heute tatsächlich auftaucht, werde ich jedenfalls nicht da sein.“ „Millie!“ „Was denn?“ Millie lachte, drehte sich um und verschwand durch das Tor. Noch lange nachdem sie fort war, stand Aelia allein im Innenhof und schüttelte den Kopf. Dann blickte sie unwillkürlich selbst zum Tor. Nur ganz kurz. Und ärgerte sich sofort darüber.
Der Düsterwinkel ❖
10.02.2023 '00:23 [5.000 Wörter]
 älte kroch Doréan in Mark und Bein. Die Kälte des Meeres, die seiner nassen Kleidung noch immer innewohnte. Doréan sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, während er kurze Atemstöße tat und sich rücklings an die Mauer der Sackgasse drückte. Diese Minuten vergingen quälend langsam und alle Geräusche die er vernehmen konnte, waren das wilde Schlagen seines Herzens und sein stoßweiser Atem. Doch während sein Herz sich langsam beruhigte, passierte nichts. Die tödliche Begegnung mit seinem Verfolger blieb aus. Als die Warterei zur Qual wurde, spürte er, dass keine weitere Gefahr drohte. Und so rappelte er sich schließlich auf, klaubte die Reste seiner Habe auf und huschte vorsichtig an den Ausgang der Gasse. Verstohlen blickte er um die Ecke, doch sah er keine Menschenseele. Erleichtert atmete er auf, und nahm kurz darauf auch schon die Beine in die Hand. Er lief die Straße entlang, bis zur nächsten Kreuzung. Dort hielt er sich rechts und entschwand kurz darauf hinter einer leichten Biegung. »Verdammte Scheiße, das war knapp.« Er sah sich zwar immer wieder unbeholfen um, während er stoisch weiter ging, doch er konnte weder einen Verfolger hören, noch einen sehen.
Nach geraumer Zeit, hatte er schließlich einen Teil des grauen Viertels betreten, der ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Düsterwinkel. Ein heruntergekommener und dunkler Ort. Tiefe Gräben mit Stiegen, alten Torbögen und unzählige Brücken, welche die oberen Teile dieses Stadtteils miteinander verbanden. Der Düsterwinkel war ein Teil des Ascherinne Bezirks. Und die Dämmersenke war jener Teil des Düsterwinkels, in den tieferen Gräben aus alten Straßen, hohlen Gassen und alten, verfallenen Kloaken. Die Grenzen waren klar gezogen. Alles was am unteren Ende der Treppen lag, gehörte der Senke. Und alles am oberen Ende der Stiegen, dem Winkel. Während der obere Teil des Bezirks das Hoheitsgebiet der roten Hände war, herrschten in der Senke ein gänzlich anderes Gesetz. Das Gesetz der Dirnen. Die rote Hand war gefürchteter Name unter Männern und Frauen gleichermaßen. Sie waren die Hüter der Ordnung im Dämmerwinkel. Einer zweifelhaften Ordnung, denn sie waren skrupellose Bastarde. Der Düsterwinkel war ein Ort, den Doréan leider gut kannte. Und fürchtete. Doch nun, mit einem Häscher der Nedran‘Ja im Nacken würde er lieber in der Dämmersenke in die Arme einer Horde verzweifelter Huren laufen, als Bekanntschaft mit der Wucht eines Armbrustbolzens zu schließen. Der Winkel hatte an jeder Ecke, an jeder Brücke und an jedem Treppenaufgang seine Augen und zweifellos schliefen nicht jeder von ihnen, trotz der späten Stunde. Manche tranken, manche spielten Karten oder würfelten. Doch keinem von ihnen wollte er so, wie er jetzt aussah, unter die Augen treten. Und schon gar nicht Raban. Er war nass wie eine Hafenhure nach dem dritten Freier und stank erbärmlich wie ein modriger, alter Lumpensammler. Und das letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war eine Moralpredigt, dass er den Auftrag vermasselt hatte. Da halfen auch keine Ausflüchte. Die Fremden hatten den Plan durchkreuzt. Irgendwie hatten sie von dem Paket Wind bekommen und von dem geheimen Treffen erfahren. Gemessen daran, dass Doréan sich in der Schlangengrube sogar beinahe hatte aufmischen lassen und viel Zeit verloren hatte, fand er es sogar ziemlich ungewöhnlich, dass diese Kerle genau wussten, wo sie zuzuschlagen hatten. Der seidene Faden, an dem sein Leben hing, war inzwischen so dünn geworden, dass man ihn nur noch mit der Lupe sehen konnte. Das einzig Gute an der Sache war, dass er das Paket gerettet hatte. Das gab ihm Grund zur Hoffnung. Vielleicht würde Raban ihn sogar anerkennend auf die Schulter klopfen? Doréan machte sich nichts vor. Vermutlich gammelte der verfickte Mistkerl gerade zwischen den Schenkeln irgendeiner billigen Dirne, während der Rauch des Opiums seinen Schädel einhüllte. Er wird ihn nicht loben...Eher noch wird er ihm wieder eine runterhauen, soviel stand fest. Doch alles war besser, als bei den Fischen zu schlafen.
Doréan hatte die Dämmersenke erreicht. Er stand am Fuße einer alten Treppe und sah hinauf, zum oberen Teil des Bezirks, zum Rand des Düsterwinkels. Dort oben herrschten die roten Hände. Doch hier unten war Niemandsland und gehörte weder den Sanra‘Jena, noch den Nedran‘Ja. Das spärliche, fahle Mondlicht schien zwischen zwei alten Häusern hindurch und tauchte die hohle Gasse, in welcher er stand, in ein kühles und trostloses Licht. Hier unten sah man, bei Tag und auch bei Nacht, ungewöhnlich viele Dirnen, Starre, Säufer…und Kinder…auf den Straßen. Wobei man, aufgrund der tiefen Schatten der Häuser und der nahen Stadtmauer, den Eindruck hatte, dass hier die ewige Nacht herrschen würde. Ehrliche Menschen suchte man hier vergeblich. Die meisten der Dirnen waren noch viel zu jung, um an diesem Ort ihr Dasein zu fristen. Zu jung um zu arbeiten. Zu alt um noch eine wirkliche Wahl zu haben, aus diesem Sog zu entkommen hoffen zu können. Eine Frau, die ein ungewolltes, uneheliches Kind erwartete, und den roten Häusern gehörte, hatte ein schweres Los zu tragen. Wenn das Kind ein Mädchen war und kaum dem Mutterschoß entwachsen, da hatte schon einer der roten Herren seine schützenden Hände über sie gelegt. Natürlich nicht, ohne sich vorher selbst davon zu überzeugen, ob sie auch ihr Geld einbringen konnten. Es war kein großes Geheimnis, dass solche Kinder wie Dreck behandelt wurden. Viele, die hier lebten, teilten ein ähnliches Schicksal, wie Doréan einst. Und viele der Frauen, die hier lebten, waren vor den Nedran'Ja geflohen und versteckten sich, in der Dämmersenke des Düsterwinkels, mitten unter den wachsamen Augen der Sanra‘Jena. Unehelich geboren. Und der Willkür und nicht vorhandenen Gnade ihrer Unterdrücker ausgeliefert. Sie waren nur ein weiteres Maul, dass es zu stopfen galt. Und zum Dank wurden sie in ein Leben voller Scheiße geworfen. Wer alt genug war und nicht genug Geld heranschaffte, wurde der Mutter, sofern sie noch am Leben war, entrissen und an eines der roten Häuser verschachert. Die mieseren Arschlöcher dieser Sippschaft verprügelten ihre Mädchen oft bis sie kaum mehr in der Lage waren überhaupt noch Geld zu machen. Manche bevor, manche danach und einige davon sogar, während sie ihre Dirnen vergewaltigten. Es war hinreichend bekannt, dass dies alles unter dem Deckmantel des Schweigens geschah. Aber es war gegen das Gesetz. Nicht nur gegen das Gesetz der Stadt. Auch wenn die Stadtwache sich schon seit Jahren nicht mehr in diese Gegend verirrt hatte. Es war gegen das Gesetz der eisernen Faust. Gegen das eiserne Gesetz Lenans. Und so standen die Frauen und Kinder, die in der Dämmersenke Zuflucht fanden, unter dem Schutz des eisernen Gesetzes. Es war ein raues und trostloses Leben, welches diese Frauen führen mussten. Aber sie waren sicher vor den roten Händen. Und so war es auch nicht verwunderlich, welchen zweifelhaften und dunklen Ruf der Düsterwinkel genoss. Ein Ruf der Schande und der Verzweiflung. Die Dämmersenke war das schwarze Loch der Stadt. Wer hier her kam, war wirklich verzweifelt. Die Spießgesellen der roten Häuser herrschten in den angrenzenden Winkeln des Düsterwinkels. Doch die Dämmersenke selbst war der letzte Strohhalm, nach dem eine verzweifele Seele greifen konnte. Die Frauen, welche es an diesen Ort verschlug, standen unter eisernem Schutz und dies war das einzige Recht, welches ihnen zugestanden wurde. Kein Schläger und kein Halsabschneider wagte es, sich an diesen Menschen hier unten zu vergreifen. Und noch ehe der Schmerz auf der Wange einer Dirne verklungen war, wenn man sie hier geschlagen hatte, fand man sich bald mit aufgeschlitzter Kehle in irgendeiner dunklen Gasse wieder. Zumindest meistens. Doch nicht durch die Hand der Sanra‘Jena. Auch nicht durch die der roten Hände. Nein. Durch die Hand der Dirnen selbst. Denn hier unten, in der schwarzen Dämmersenke, waren sie diejenigen, die die Messer wetzten, wenn man ihnen Unrecht tat.
Als Mann befand man sich auf gefährlich dünnem Eis, wenn man die Dämmersenke betrat. Die Wände hatten Ohren und die Fenster waren stets wachsam. Doch Doréan…war ein Kind des grauen Viertels. Des wahren, grauen Viertels. Ein Bastard. Der Sohn einer Dirne…einer von ihnen. Nichtsdestotrotz verspürte Doréan stets einen kalten Schauer, wenn er durch die Senke gehen musste. In diesem Augenblick hatte ihm der unbekannte Verfolger keine andere Wahl gelassen. Doch lange hielt es ihn hier nicht. Die unsteten Augen, die er auf sich ruhen spürte. Die ewige, unheimliche Düsternis, die hier selbst bei Tage vorherrschte. Und die Ungewissheit, ob er den morgigen Tag überleben würde, führten ihn schon bald wieder hinauf in den oberen Teil des Viertels. Zurück zu dem Ort, den er sein zweifelhaftes Zuhause nannte. Zurück zu Bertrams Stall.
Am nächsten Morgen, als Doréan von lautem Geschrei geweckt wurde, das vor dem Haus erklang, raffte er sich wieder auf. Er fühlte sich wie gerädert. Das kalte Wasser des Hafens war ihm in die Glieder gekrochen. Er fürchtete schon, er hätte davon einen Schluck getrunken, so seltsam fühlte er sich. Er war immer wieder aufgewacht, nur um kurz darauf wieder einzuschlafen. Seine Träume waren beherrscht von düsteren, dunklen Gedanken. Doch immer wieder, war ein heller, warmer Lichtblitz aufgetaucht. Aelia. Doch der schwarze Traum hatte sie ihm immer wieder entrissen und zurück in das schwarze Wasser des Hafens geworfen. Er stank bestialisch. Und seine Kleidung war noch immer feucht. Zwar triefte sie nicht vor Nässe, doch angenehm war es genauso wenig. An manchen Stellen hatte er sich die Haut ein wenig Wund gescheuert, und seine Haut juckte und kribbelte an vielen Stellen. Er rappelte sich auf trat an die hölzerne Kiste heran, in welcher er seine wenige Habe verstaut hatte. »Das letzte Hemd…«, murmelte er mit niedergeschlagener Stimme. Doch da musste er unweigerlich an Aelia denken und ihre hölzerne Kiste. Und dass sie nicht einmal ein letztes Hemd darin gehabt hatte. »Immerhin mehr als die Hübsche.« Er grinste doch es war ein müdes und trostloses Grinsen, welches langsam auf seinem Gesicht erstarb. Sein Blick viel schließlich auf die lederne Tasche und er kramte darin herum bis er das Ding, welches sich in dem aufgeweichten Paket befunden hatte, zu Tage gefördert hatte. »Der ganze Scheiß, nur wegen so einem Plunder.« Er hielt es gegen das spärliche Sonnenlicht, welches durch die vernagelten Fenster hereinschien. »Was ist das überhaupt?« Er drehte es ein wenig und versuchte zu ergründen, wozu dieses seltsame Ding wohl zu gebrauchen war. Es war kunstvoll verarbeitetes Glas, und in seinem Inneren befand sich etwas, dass sich mit jeder Bewegung, die er tat, ebenfalls bewegte. Doch das spärliche Licht, welches darauf schien, wurde von dem Inhalt des Glases beinahe gänzlich verschluckt. Als ob es das wenige Licht einfach absorbieren würde. Ein schwarzer Alchemist. Oder ein belesener Hehler. Die wüssten vermutlich, was er da in den Händen hielt. Doch er hatte keine Ahnung von solchen Dingen. Nur dass er in einem gewaltigen Haufen Scheiße hockte, und er stank bereits mehr als nur danach.
Doréan schob das Brett am Fenster zur Seite und lugte auf die Straße. Der Lärm, von welchem er geweckt worden war, stammte von einer Frau in mittlerem Alter, die an einer Ecke der gegenüberliegenden Straße stand. Sie hatte einen lautstarken Streit mit einer zweiten Dirne, die deutlich jünger als sie war. »Das ist meine Ecke, du beschissene Schlampe!« Sie zeterte und schubste die Jüngere von sich fort. Doch diese war nicht auf den Mund gefallen, als sie ihr die Stirn bot. »Selber Schlampe, du ausgedörrte Vettel! Wer will dich schon ficken? So wie du aussiehst, würde dich doch nur noch ein Blinder besteigen wollen!« Die Altere fegte die Jüngere mit einer schwungvollen Ohrfeige zu Boden. »Hüte deine vorlaute Zunge, du liederliches Gör!« Die junge Frau rappelte sich wieder auf die Füße, während sich die Ältere drohend vor ihr aufbaute und die Hände in die Hüften stemmte. »Ich werd‘ dir deine Zähne ausschlagen, wenn du nochmal an meiner Ecke rumlungerst!« Die Jüngere hielt sich die linke Wange, während die Vettel ihr den drohenden Finger unter die Nase hielt. Doch der Schreck, als auch der Erfolg ihrer Drohnung, war nur von kurzer Dauer. Sie ließ ihr Bein in die Höhe schnellen und rammte es der alten Schabracke direkt zwischen die Beine. Doréan verzog, während er zischend die Luft zwischen den Zähnen einsog, das Gesicht. Beinahe so, als ob man ihm gerade schwungvoll in die Juwelen getreten hätte. Doch als die ältere Dirne dann vor Schmerz zu jaulen begann, wunderte sich Doréan doch sehr. Er hätte nicht gedacht, dass bei Frauen ein Tritt zwischen die Beine ebenso schmerzhaft sein würde, wie bei einem Mann. Doch er hatte sich geirrt. Sie lag am Boden und hielt sich mit beiden Händen zwischen den Beinen, während die jüngere sich aufrappelte und der anderen zornig gegen den Schädel trat. »Das ist jetzt meine Ecke!« Erneut trat sie ihr gegen den Schädel und ein widerliches Knacken drang bis an Doréans Ohr. »Die Zähne willst du mir ausschlagen?« Ein weiterer Tritt folgte. »Vorher breche ich dir alle Knochen in deinem verdammten Leib!“ Die ältere hustete, krümmte sich vor Schmerzen und begann jämmerlich zu heulen. Doch als die Jüngere ihr noch einen Tritt verpassen wollte, da war schon eine zweite, junge Frau herbei geeilt und zog sie von der am Boden liegenden zurück. »Jena! Hör auf!«, rief sie entsetzt, während das flehende Schreien der Älteren durch die Gasse hallte. Die anderen Dirnen hingegen, welche dort in der Gasse standen, sahen nur zu ihr herüber, warfen ihr gleichgültige Blicke zu, doch rührten sie sich nicht vom Fleck. Keine von ihnen mischte sich sonst ein. Alle glotzten nur und schienen abzuwarten was passieren würde. »Bist du übergeschnappt?« Sie zog sie noch etwas weiter von der Älteren fort, während sie sichtlich dagegen aufbegehrte, als sie von ihrer hart erkämpften Ecke weggezogen wurde. »Willst du sie umbringen? Du wirst keine Stunde länger leben, bevor Bertram dir den Schädel einschlagen wird.«
Bertram…der Bastard…Er kontrollierte den westlichen Teil der Ascherinne. Sein Haus, den alle nur seinen Stall…Bertrams Stall…nannten war zwar keines der großen, roten Häuser aber dennoch war er ein mieser Hundsfott, mit dem nicht gut Kirschen essen war, wenn man ihm in die Quere kam. Er war bekannt dafür selbst die jüngsten Mädchen in sein Gewerbe ‚einzuführen‘, wie er es oft lachend nannte. Der Zorn der Dirne verrauchte und sie nickte stumm aber mit einem wachsenden Trotz in den Augen. Sie warf der am Boden liegenden Frau einen verächtlichen Blick zu und stellte sich dann kurz darauf, mit verschränkten Armen und einem trotzigen Blick, wie ihn nur junge Mädchen auflegen konnten, genau an jene Ecke, um welche die beiden Frauen gerade gestritten hatten. Doréan hatte den Tumult, den die beiden Weiber veranstaltet hatten indes genutzt, um die Stube zu verlassen. Und nun kauerte er an der alten Mauer von Bertrams Stall und kaute gelangweilt an den Nägeln. Der Putz war feucht und überall waren schon große Stellen von der Wand gebröckelt und zierten die matschige Gasse, in welchen Doréans Schuhe soeben bis über die Sohle versanken. Er warf einen Blick in den Himmel, welcher von dunklen Wolken verhangen war. Es hatte in der Nacht wohl geregnet, stellte er mit einem tiefen seufzen fest. Sein Blick wanderte von den zänkischen Dirnen in den Innenhof und dann wieder zurück auf den Boden, als wären seine Schuhe, die in der matschigen Straße versanken, so viel interessanter, als der Streit, der vor ihm zur Schau gestellt worden war.
Es dauerte nicht lange, bis Bertram schließlich mit mürrischen Blicken und schweren Schritten an ihm vorbeistapfte. »Aus dem Weg, Hundsfott.«, blaffte er Doréan mürrisch an, weil dieser einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort herumgelümmelt hatte. Die Stimme des Mannes bellte durch die enge Gasse und eine Dirne nach der anderen senkte schließlich die Blicke, als ob auch ihre Schuhe auf einmal das Interessanteste wären, dass sie je gesehen hatten. Doréan warf Bertram einen giftigen Blick nach und verzog dabei mürrisch das Gesicht. »Selber Hundsfott.«, zischte er mit gedämpfter Stimme. »Was ist das für ein gottloser Radau hier?« Seine Stimme schallte über die Straße. »Hilde! Warum zum Henker suhlst du dich im Dreck? Sieh dich an! Du siehst aus wie ein verficktes Schwein! Aber nich‘mal Schweine würden dich bumsen, so wie du aussiehst!« Er trat an die ältere Frau heran, die noch immer am Boden lag und sich unbeholfen gebärdete. Er packte sie am Schopf und half ihr auf diese Weise unsanft auf die Beine. »Steh auf, du nutzloses Stück Scheiße!« Er zerrte die Frau auf die Beine doch als er ihr blutverschmiertes Gesicht sah, da ließ er sie erschrocken los. »Scheiße! Wer hat dich denn so zugerichtet?« Hilde bekam kein anständiges Wort über die Lippen. Das Blut, welches sich in ihrem Mund gesammelt hatte, ließ sie nur brabbeln, während das Fehlen ihrer Zähne sie nichts weiter als nuscheln ließ. »Scheiße! Nich‘mal 'n blindes Schwein würde dich wollen.« Hildes, von Tränen und Blut aufgedunsenes Gesicht, bebte. Doch er ließ sie nicht zu Wort kommen. »Ab in die Ostkehre mit dir! Lass dich erst wieder hier blicken, wenn du Schwänze hart werden lassen kannst, anstatt dass sie sich zusammenziehen!« Er verpasste der Dirne einen rüden Schubser und sie stolperte davon.
Die Ostkehre war ein dreckiges Loch ganz im Osten des Düsterwinkels. Hier lungerten nur die Toten, die Starren und die Seelenlosen in den Ecken. Und Doréan bezweifelte, dass Hilde jemals, ohne Hilfe, aus der Ostkehre wiederkehren würde. Vermutlich würde sie irgendwann ihren Weg in die Dämmersenke finden.
Nachdem Doréan sich endlich das klebrige, salzige Gefühl von brackigem Hafenwasser von der Haut gewaschen und seinen letzten Satz sauberer Kleidung angezogen hatte, war er irgendwo an der Grenze zwischen der Ascherinne und den Hundegassen in einer Schenke eingekehrt. Die Hundegassen waren ein kleiner Stadtteil zwischen den Ascherinnen und der großen Marktstraße und waren gezeichnet von einem Labyrinth aus engen, hohlen Gassen. Man sagt, zwei Männer könnten sich nicht begegnen, ohne Streit anzufangen, so eng waren diese Gassen. Sein Bedarf an Streit und Leuten, die ihm ans Leder wollten, war fürs Erste gänzlich gestillt. Diese Weiber hier waren schlimmer als jeder Schläger. Und dieser Bertram setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Ein falsches Wort und man musste dafür büßen. Und diese Hexen scheuten sicher auch nicht davor zurück einen Freier zu verdreschen, wenn dieser es in ihren Augen verdiente.
Doréan hockte lustlos auf einem schäbigen Schemel in einer Ecke des Schankraums und nippte an dem schalen Bier, welches mehr nach Pisse als nach Bier schmeckte. Vermutlich war sogar Pisse darin, mit welcher der Wirt das Bier versetzte, um es zu strecken. Immerhin teilten Pisse und Bier dieselbe Farbe. Und die Menschen, die hier verkehrten, konnten Pisse wahrscheinlich nicht einmal von dem schalen, bitteren Bier, dass hier ausgeschenkt wurde, unterscheiden. Das Bier schmeckte widerlich. Abgestanden und viel zu herb. Und der Geruch war auch sehr verdächtig. Also tat Doréan immer wieder einen halbherzigen Schluck, ohne dabei wirklich von dem Bier zu trinken, während er darüber nachdachte, was er Raban am besten erzählen sollte. Während er so nachdachte schwang irgendwann die Tür quietschend auf und ein Mann betrat die Schenke. Doch Doréan schenkte ihm keine Beachtung. Er war in Gedanken versunken und allzu viel Neugierde war ebenso ungesund, wie dem Wirt zu zeigen, dass sein Bier nach Pisse schmeckte. Und so dachte über seine Sorgen nach und starrte ausdruckslos auf einen dunklen, braunen Fleck – welcher sicher einmal rot gewesen war – an der Wand. »Na, wen haben wir denn da?«, tönte eine süffisante und allzu bekannte Stimme durch den Raum. Doréan reagierte zunächst nicht. Sein Verstand hatte die Stimme längst erkannt, doch weigerte er sich zu sehr, diese Stimme erkennen zu wollen. »Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!« Da schreckte Doréan erschrocken hoch. Und ehe er sichs versah, blickte er Raban direkt ins Gesicht. »Hier hast du dich also verkrochen, was?« Raban setzte sich zu Doréan an den Tisch und hob kurz darauf zwei Finger in die Höhe, um dem Wirt zu signalisieren, dass er Durst hatte.
Doréan kaute nervös auf seiner Unterlippe, bis Raban das Bier bezahlte, welches der Wirt nach kurzer Zeit gebracht hatte. »Na? Alles glatt gegangen«“ In Rabans Stimme schwang kein Argwohn oder Groll mit. Vermutlich wusste er noch nicht darüber Bescheid, was letzte Nacht geschehen war? Doréan schwieg. Doch sein verhärmter Blick musste ihn selbst an einen Blinden verraten. »Mann. Hast du dir das Hirn weichgesoffen, mit der widerlichen Plörre?« Er schnalzte genervt mit der Zunge und spuckte danach ein wenig von dem Bier aus, welches er im Mund gehabt hatte. »Bah! Schmeckt ja wie Pisse!« Er warf dem Wirt einen strafenden Blick zu, welcher diesen nur nicht gesehen hatte, da er ihnen gerade den Rücken zugewandt hatte. »Also? Spucks schon aus!« Doréans Hände zitterten, als er das Ding aus der Tasche zog und es Raban auf den Tisch legte. »Was zum ..?« Er starrte entgeistert auf das gläserne Objekt, dass beinahe anklagend auf dem Tisch lag und warf Doréan einen verständnislosen Blick zu. »Es gab…Schwierigkeiten.«, begann Doréan doch Raban knallte den Bierhumpen auf den Tisch, so dass der Schaum sich beinahe auf dem gesamten Tisch verteilte. »Das kannst du laut sagen, du Holzkopf!« Er packte Doréan am Kragen. »Ich sagte dir doch, dass du das Scheiß Paket nicht aufmachen sollst! Bist du lebensmüde?« Doréan schüttelte den Kopf. »Ich habe es nich‘ geöffnet.« Und das war gar nicht einmal gelogen. Beim ersten Mal hatte es ein Schläger der Nedran‘Ja geöffnet. Und beim zweiten Mal, nachdem er es neu verpackt hatte, wurde es vom Wasser derart durchweicht, dass es von ganz allein aufgegangen war. »Ah. Und die zwei Leichen am Kai, das warst auch nicht du, was?« Da stockte Doréan der Atem. Er wusste es also doch! Warum hatte er dann so getan als ob er nichts wüsste? Wollte er seine Antwort abwägen? Oder sehen ob er log? Doréan schüttelte heftig mit dem Kopf! »Nein! Alles lief nach Plan …« »Nach Plan?« Raban zog seine rechte Augenbraue hoch und starrte Doréan mit einem verächtlichen Blick an, der nur allzu gut zeigte, dass er ihn am liebsten eine harte Kopfnuss verpassen würde. »Ja. Ich hab' das Scheiß Paket an den Hundsfott übergeben.«, hob Doréan an und knirschte kurz mit den Zähnen. »Und dann kamen auf einmal zwei andere Hundsfotte.« »Zwei andere Hundsfotte?« Wiederholte Raban mit einer, sich langsam ziehenden und monoton in die Höhe schraubenden Stimme. Doréan ging nicht weiter darauf ein, sondern sprach einfach weiter. »…mit Armbrüsten. Sie ham' den Hundsfott abgeknallt!« Da hob Raban kurz die Hand und schüttelte den Kopf. »Moment. Welcher Hundsfott hat jetzt welchen Hundsfott abgeknallt? Red normal, du Hornochse!« Doréan tippte mit dem Zeigefinger auf das gläserne Objekt, welches noch immer auf dem Tisch lag. »Die zwei mit den Armbrüsten ham' deinen Kontaktmann umgenietet…« Er hob seine beiden Hände und betätigte den imaginären Abzug einer Armbrust, während er dabei mit der Zunge schnalzte, als ob er einen Bolzen ausspucken würde. »Ham' ihn erschossen.« Raban schwieg. Er ließ Doréan los und ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. »Erzähl weiter.« Er wedelte ungeduldig mit der Hand, während er den Bierhumpen wieder an die Lippen führte. Doch kaum hatte er den Humpen angesetzt, da verzog er abermals angewidert den Mundwinkel und stellte diesen wieder ab. »Pferdepisse…«, brummte Raban und kräuselte die Lippen.
Doréan ruckte seinen Stuhl ein wenig näher an den Tisch heran. »Ich hab' mir das Paket geschnappt und bin ins Wasser gesprungen.« Da hob Raban erneut die Augenbraue. »Ernsthaft?« Er klang beinahe überrascht, als ob Doréan gesagt hätte, er wäre in eine Schlangengrube gehüpft. Niemand sprang freiwillig in das Hafenbecken. Raban beugte sich ein wenig vor und zog die Luft durch die Nase, nur um sie dann angewidert zu rümpfen und dann wieder auszuschnauben. »Jedenfalls stinkst du, als ob du der Kloake entstiegen wärst.« Mit diesen Worten legte er seine Hand auf das Ding und tätschelte es nachdenklich. »Hast du die Hurensöhne erkannt?« Doréan schüttelte den Kopf. Erneut schwieg Raban und wirkte nachdenklicher. Raban erhob sich schließlich von dem Stuhl und ließ das gläserne Ding in seiner Tasche verschwinden. »Zu keinem ein Wort darüber. Klar?« Doréan nickte, heftiger als er es eigentlich gewollt hatte. Raban schnippte zwei kupferne Scherben auf den Tisch und warf Doréan noch einen ernsten Blick zu. »Hier. Das Bier geht auf mich.« Er zupfte seinen Mantel ein wenig zurecht, baute sich dann zuerst drohend vor Doréan auf und beugte sich schließlich zu ihm herunter. »Zu niemandem ein Wort. Dass wir uns verstehen.« Erneut rümpfte er die Nase und wich dann einen Schritt vor Doréan zurück.
Raban war schon seit geraumer Zeit gegangen, als Doréan endlich auch die Schenke verlassen hatte. Die zwei kupfernen Münzen hielt er zwischen Daumen und Zeigefinger, während er sie immer wieder aneinander rieb und das metallische Geräusch wie Musik in seinen Ohren klang. Sein Weg führte ihn zum Markt, denn er hatte Hunger. Außerdem hatte er doch dieser hübschen Aelia mit ihren hübschen Augen und ihrem hübschen…Kleid…versprochen, dass er sie am nächsten Tag besuchen würde. Er lächelte. Für einen Moment lang hatte es so ausgesehen, dass er sie niemals wieder sehen würde. Dabei verzog er seinen linken Mundwinkel etwas herab. Das war verdammt knapp gewesen. Doch Raban hatte nichts gesagt. Doréan wirkte nachdenklich. Eigentlich hatte Raban überhaupt nichts gesagt. Und dieser Gedanke machte Doréan noch nachdenklicher.
Irgendwann hatte er den großen Markt erreicht. Es herrschte ein reges Treiben. Dutzende Menschen liefen in alle möglichen Richtungen umher. Händler mit Wagen oder Maultieren, auf deren Rücken Säcke gebunden worden waren. Mägde, Knechte und allerlei Kinder. Die meisten von ihnen würden zweifellos in die eine oder andere Tasche greifen, nur um sich ein paar Münzen zu ergaunern. Immer wenn eines dieser Kinder in seine Nähe kam, legte er demonstrativ seine Hände auf die Taschen und warf ihnen einen mürrischen Blick zu. Hier und da stolzierten einige Stadtwachen durch die Menge. Ihre langen Lanzen hoben sich aus der Menge ab wie stählerne Banner. Und Doréan stellte zudem fest, dass sich kaum Kinder in deren Nähe aufhielten. Bei dieser Erkenntnis lächelte er dünn. Er konnte es gut verstehen, denn er selbst war auch kein großer Freund dieser Kerle. Die Stadtwache waren oft die Schlimmsten. Vom Herrn der Stadt, offiziell dazu bevollmächtigt, anderen Menschen das Leben schwer zu machen. Ganz besonders Menschen wie seinesgleichen. Er warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, als ob er sich verfolgt oder beobachtet fühlen würde. Doch dann blieb bei einem der Fischhändler stehen und erstand einen halb angebrannten Stockfisch, welchen er deshalb um die Hälfte des Preises herunterhandelte, damit er sich vom Rest des Geldes noch irgendeinen verwässerten Wein kaufen konnte. Und so, mit dem Stockfisch in der einen Hand, und dem Wein in der anderen, schlenderte er gemächlich über die Straßen des Marktplatzes. Vor allem der Wein war eine Wohltat. Und dass, obwohl er verwässert war. Denn er schmeckte nach Wein. Und nicht nach Pisse…oder Blut, wenn man die rote Farbe bedachte.
Sein Weg führte ihn bis ans Südende des Marktes. Vorbei an dem alten Badehaus und direkt in die lange Straße, die bis zum großen Fischmarkt führte. Doch sein Ziel war nicht der Fischmarkt. Sein Ziel war eine Schenke, in der die hübscheste Frau der ganzen Stadt wohnte. Und er hatte ihr versprochen, sie wieder zu besuchen. Ob sie wollte, oder nicht. Und bei diesen Gedanken musste er schelmisch lächeln. Dieses Mal würde er es nicht verbocken. Er nickte grimmig und entschlossen.
Doch als er schließlich kurz vor der Schenke angekommen war, da wurde er immer langsamer. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Und schließlich blieb er ganz stehen. Er seufzte und tat einen tiefen Atemzug. Doch weder der Herzschlag in seiner Brust, noch der nervöse Schauer, der ihn immer wieder überkam, wollte ein Ende nehmen. Doréan schüttelte den Kopf und biss dann die Zähne zusammen. »Du machst das schon!«, raunte er sich so leise zu, dass er selbst kaum verstand. Seine Blicke huschten an ihm herab. Etwas Gutes hatte der Sprung in das Hafenbecken gehabt. Er war frisch gewaschen. Hatte sogar saubere Kleidung an. Wenn das kein Wink des Schicksals gewesen war, dann wusste er auch nicht weiter. So hatte alles seinen Sinn. Und mit dieser Erkenntnis lächelte er zufrieden. Ja. Der Herzschlag hämmerte noch immer in seiner Brust. Wie dutzende Kriegstrommeln die dem Sturm trotzten. Und seine Knie zitterten dennoch ein wenig. Seine Blicke, die schließlich auf seinen Schuhen gehaftet hatten, wurden von einem kleinen Löwenzahn abgelenkt. Er wuchs einfach zwischen zwei alten, abgeschlagenen Pflastersteinen aus der Ritze heraus. Stolz und unbeugsam. Doréan ging vor der kleinen Blume in die Hocke und zupfte diese schließlich einfach aus der Erde. »So hart gekämpft. Nur für mein Liebchen.« Er lächelte zufrieden und atmete noch ein letztes Mal aus, bevor er schließlich in den Hof vor der Schenke einbog.
Natürlich hatte er nicht erwartet Aelia sofort zu finden. Sie konnte überall sein. Beim Brunnen, in ihrer Stube, in der Ausschank. In so einem Gasthaus gab es immer viel zu arbeiten. Doch er hatte nicht erwartet, dass sie einfach dort stand. Mitten auf dem Hof. Umgeben von hängender, Wäsche, die wie eine Leinwand wirkten, die sanft im Wind tanzten. Und Aelia war das Gemälde, welches darauf gemalt worden war. Er hielt inne und starrte sie einen Moment lang an. Sie schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Sie beugte sich nieder, um ein Laken oder Leintuch aus dem Weidenkorb zu holen und Doréan wurde mit einem Mal von einer kurzen Hitzewallung überkommen. Sein Blick starrte ihr förmlich auf den runden, gespannten Hintern und sein Mund öffnete sich…ohne dass er ein Wort heraus bekam. Doch als Aelia sich wieder aufgerichtet hatte, und damit begann das Laken auf die Leine zu spannen, da räusperte er sich verlegen. »Weißt du, dass du bei Tag noch hübscher aussiehst, als bei Nacht?« Er gluckste, und biss dann genüsslich von seinem Stockfisch ab. Während er kaute, hielt er ihr den Stecken entgegen und sah sie fragend an. »Magst' mal probiern'?« Und so stand er da. Mit einem Bissen Stockfisch im Mund, dem Stecken in der einen, und dem verkümmerten Löwenzahn in der anderen, den er langsam hinter dem Rücken verbarg, da er sich mit einem Mal irgendwie wie ein Narr vorkam, ihr nur so eine kümmerliche, von der Straße gepflückte Blume mitgebracht zu haben…Etwas besseres hatte er nicht zu sagen? Ob sie mal probieren mag? Er fluchte innerlich, während er bemüht war, diese innere Unruhe mit einem lässigen und selbstsicheren Lächeln zu überspielen.
Der Löwenzahn ❖
10.02.2023 '11:42 [2.500 Wörter]
 in Blick in den Weidenkorb verriet, dass sich darin noch ein zusammengeknülltes Leintuch befand. Aelia hatte es erst jetzt gesehen, als sie unschlüssig dagestanden und immer wieder einen Blick zum Tor geworfen hatte. Ihr ganzes Denken drehte sich nur darum, ob Doréan seine Absicht sie besuchen zu kommen wahrmachen würde. Und nun starrte sie auf das zerknüllte Leintuch hinab, als wäre es ein Mahnmal ihrer eigenen Zerstreutheit. „Na sowas…“ murmelte sie, dann bückte sie sich nach dem Leintuch und holte es aus dem Weidenkorb. Sie warf das Leintuch auf eine freie Wäscheleine und zog es auseinander, bis es perfekt und beinahe geometrisch gerade auf dem gespannten Seil hing, dann trat sie ein paar Schritte zurück und betrachtete ihr fertiges Werk. Der Wind strich lau über die Wäsche und trug den Duft von Seife und sauberem nassen Leinen heran, als sie eine Stimme hörte. „Weißt du, dass du bei Tag noch hübscher aussiehst, als bei Nacht?“ Aelia fuhr herum. Für einen Augenblick vergaß sie alles, was sie sich für diesen Moment zurechtgelegt hatte. Er war tatsächlich gekommen. Ein seltsames Gefühl durchfuhr sie. Erleichterung vielleicht? Freude? Oder beides zugleich? Etwas, das ihr warm durch die Brust zog und das ärgerte sie in diesem Augenblick auch nicht, da niemand da war, der in sie hineinblicken konnte. Ihre Gefühle waren ihr Geheimnis, das niemand ergründen konnte. Jedenfalls war keine Millie mehr da, die mit ihrem wachen und scharfen Blick alles sah, was sich in ihrer Miene abspielte. Vielleicht hätte sich Aelia geschmeichelt fühlen sollen. Stattdessen war sie verwirrt. Nicht weil sie an seinen Absichten zweifelte. Die waren offensichtlich genug: er machte ihr völlig offen Avancen. Und doch hatte sie nicht den Eindruck, als hätte Doréan lange nach diesen Worten gesucht. Er hatte sie ausgesprochen, als wären sie ihm einfach über die Lippen gekommen. Nicht wie eine Schmeichelei. Nicht, wie ein lange einstudierter Spruch. Eher wie eine einfache Feststellung. Die Worte selbst waren es nicht, die ihr Herz schneller schlagen ließen. Es war die mühelose Aufrichtigkeit dahinter. Und doch fiel ihr nichts ein, was sie darauf entgegnen sollte. Ihr Kopf war einfach wie leer gefegt. Und darum stand sie einfach da und starrte ihn an. Doréan lächelte. Einfach nur so, als freue er sich tatsächlich, sie zu sehen. In der einen Hand hielt er einen Stockfisch an dem er knabberte, die andere Hand hielt er im Rücken. Aelia bemerkte zu spät, dass ihre Lippen bereits zuckten. Sofort bemühte sie sich um einen ernsteren Gesichtsausdruck. Sie wollte nicht, dass er sah, wie erleichtert sie war, oder wie sehr sie gehofft hatte, dass er kommen würde. Was ihr leider nicht besonders gut gelang. Denn sie wusste selbst nicht mehr, was genau sie verbergen wollte. Gab es überhaupt einen Grund, ihm nicht zu zeigen, dass sie seine Anwesenheit freute? Musste es zwischen zwei Menschen, die sich offensichtlich anziehend fanden, immer eine Art Katz und Maus Spiel geben? Konnte man nicht einfach mit offenen Karten spielen? Selbstverständlich konnte man das! Und sie entschied in diesen wenigen Sekunden, mit denselben offenen Karten zu spielen, wie auch er. Und so schenkte sie ihm ein Lächeln und sprach die Worte aus die ihr als erstes in den Kopf gekommen waren, bevor alles wieder weggewesen war. „Du bist gekommen…“ Doréan knabberte an seinem Stockfisch und mit einem Mal hielt er ihn ihr hin und fragte „Magst mal probieren?“ Aelia starrte ihn für einen kurzen Moment an, dann verzog sich ihr Mund ganz von alleine zu einem breiten Grinsen und sie schüttelte den Kopf „Nein, danke… Nett von dir, aber, nein danke…“ Ihr Blick blieb jedoch an der Hand hängen, die Doréan noch immer hinter dem Rücken verborgen hielt. Zunächst maß sie der Sache keine besondere Bedeutung bei. Doch je länger sie hinsah, desto mehr regte sich dieses Misstrauen, das man sich im Grauen Viertel früher oder später zwangsläufig aneignete. Menschen versteckten Dinge nicht ohne Grund. Etwas, das keiner sehen durfte, weil es verboten oder gestohlen war. Manchmal ein Messer. Manchmal etwas, das einem besser nicht gezeigt werden sollte. Sie verschränkte die Arme. „Was hast du da hinter deinem Rücken?“ Mit einem Mal wirkte er verlegen und sagte „Gar nichts…“ Aelia hob eine Augenbraue. Wenn es tatsächlich gar nichts gewesen wäre, hätte er keinen Anlass gehabt, es zu verstecken. Noch ehe sie darüber nachdenken konnte, löste sie die Verschränkung ihrer Arme, setzte sich in Bewegung um die wenigen Schritte zwischen ihnen zu überqueren und griff nach seinem Arm, um ihn kurzerhand ein Stück zu sich zu drehen. „Zeig her!“ Sie wusste selbst nicht genau, was sie erwartet hatte. Irgendetwas jedenfalls. Etwas Merkwürdiges. Etwas Peinliches. Vielleicht sogar etwas Gefährliches. Sicher keinen Löwenzahn. Für einen Augenblick starrte sie die kleine gelbe Blume nur verblüfft an. Dann hob sie langsam den Blick zu ihm. Und wieder zurück zu der Blume. Der Wind strich durch die Wäscheleinen und ließ die aufgehängten Laken leise flattern, während ihr allmählich dämmerte, was sie da zwischen seinen Fingern überhaupt sah. Es war einfach nur ein Löwenzahn. Ein kümmerlicher, unscheinbarer Löwenzahn, wie er zwischen Pflastersteinen und Mauerritzen zu Hunderten wuchs. Und er hatte ihn für sie gepflückt. Die Erkenntnis traf sie mit einer Wucht, die ihr vollkommen unangemessen erschien. Und plötzlich kam sie sich verdammt dumm vor. Da hatte sie einen Augenblick lang geglaubt, er würde irgendetwas Verdächtiges vor ihr verstecken, und stattdessen stand er hier mit einer Blume in der Hand wie ein Mann, der verlegen wirkte weil er nicht recht wusste, ob seine Idee nicht vielleicht doch etwas dämlich war. Sie kam sich nicht minder dämlich vor. Erst die Ohrfeige, jetzt das. Er musste sie für eine komplette Verrückte halten. Ihre Wangen wurden von einer leichten Röte überzogen. Nicht wegen der Blume selbst. Sondern wegen dessen, was dahinterstand. Er hatte diesen Löwenzahn gesehen und an sie gedacht und ihn deshalb gepflückt. Mehr war es nicht. Aber gerade deshalb schien es sie viel tiefer zu treffen, als jede noch so große Geste es vermocht hätte. Ihr Blick glitt von seinem Gesicht wieder auf die Blume in seiner Hand. „Ist die für mich?“ fragte sie das Offensichtliche, und als er ihr die Blume schließlich hinhielt, nahm sie sie entgegen und betrachtete sie einen Moment lang, ehe sich ein Lächeln auf ihr Gesicht schlich, das sie nicht einmal zu verbergen versuchte. „Danke“, sagte sie leise. Der Löwenzahn war durch die Körperwärme schon schlapp geworden und ließ traurig seinen Kopf hängen. Doch Aelia sah ihn ihm etwas kostbares, wie einen kleinen Schatz, den es zu retten und somit zu bewahren galt. Sie wandte kurz ihren Kopf zu der Wäsche, dann blickte sie wieder auf den Löwenzahn, und dann sah sie wieder Doréan an. „Ich… ich bin mit meiner Arbeit jetzt fertig und habe Feierabend…“ begann sie, dann fiel ihr Blick wieder auf den Löwenzahn und dann wieder auf Doréans Gesicht, dann setzte sie sich in Bewegung. „Warte hier. Ich komme gleich… ich stelle den Löwenzahn nur kurz ins Wasser… warte hier…“
Dann wandte sie sich um und ging durch eine Tür im Torbogen in die Taverne. Aelia schaffte es, sich noch mit einiger Würde vom Innenhof zu entfernen. Sie ging langsam. Zumindest so lange, bis sie sicher war, dass Doréan sie nicht mehr sehen konnte. Dann raffte sie ihren Rock und begann zu rennen. Sie schoss durch die Hintertür in die Schankstube, wich einem Gast aus, der gerade mit einem Krug in der Hand seinen Platz verlassen wollte, und griff im Vorbeilaufen nach einem Becher vom Tresen. Mahdia, die hinter der Schank stand und eben Becher in das Regal räumte, blickte ihr mit sichtlicher Verwunderung nach. „Bist du schon fertig, Aelia?“ rief sie ihr hinterher. Aelia nickte hastig. „Ich mache jetzt Feierabend!“ Noch bevor Mahdia darauf antworten konnte, war sie bereits an der Treppe angekommen. Sie nahm die Stufen beinahe im Laufschritt, stolperte auf den letzten beiden fast über ihren eigenen Rocksaum und erreichte schließlich ihr Zimmer und schob sich durch den Türspalt hinein. Für einen Moment lehnte sie sich keuchend gegen die geschlossene Tür und presste die Lippen aufeinander. Dann fiel ihr Blick auf den traurigen kleinen Löwenzahn in ihrer Hand. Ein unwillkürliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Du liebe Güte…“, murmelte sie. Unter einem Tuch stand der Wassereimer, den sie für ihre Waschschüssel benutzte. Sie zog das Tuch beiseite, schöpfte mit dem Becher etwas Wasser und stellte den Löwenzahn vorsichtig hinein. Aelia betrachtete ihn kurz. Dann schöpfte sie eine weitere Portion Wasser und spritzte sie sich ins Gesicht. Das kalte Nass lief über ihre Stirn und ihre Wangen. Sie griff nach dem Tuch, trocknete sich sorgfältig ab, legte das Tuch wieder über den Eimer und nahm ihren Kamm. Mit einigen raschen Strichen zog sie den Kamm hindurch, ordnete die widerspenstigen Strähnen und legte ihn wieder beiseite. Anschließend setzte sie sich auf die Bettkante. Ihr Herz schlug noch immer viel zu schnell. Also blieb sie einfach sitzen, die Hände im Schoß, den Blick auf den Löwenzahn gerichtet. Langsam wurde ihr Atem ruhiger. Langsam ließ das harte Pochen in ihrer Brust nach. Zumindest ein wenig. Schließlich holte sie tief Luft, erhob sich und strich ihre Röcke glatt. Sie richtete ihr Mieder, zog die Schnürung ein wenig straffer und strich den Stoff glatt. Das Dekolleté wirkte dadurch etwas vorteilhafter, ohne aufdringlich zu erscheinen. Was sie sich davon erhoffte, war ihr nicht ganz klar. Diesmal ging sie ohne Hast zur Tür. Langsamen Schrittes stieg sie die Treppe hinunter und trat wieder hinaus.
Als Aelia in den Innenhof zurückkehrte, hatte sie ihre Ruhe größtenteils wiedergefunden. Zumindest hoffte sie das. Ihr Herz schlug nicht mehr gegen ihre Rippen, ihre Wangen hatten ihre normale Farbe zurückgewonnen, und ihre Haare lagen wieder dort, wo sie hingehörten. Nur das seltsame Kribbeln tief in ihrem Bauch war geblieben. Doréan stand noch immer vor den Wäscheleinen. Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, ob er tatsächlich die ganze Zeit dort gewartet hatte, was jedoch offensichtlich war. Der Gedanke ließ sie lächeln. Sie versuchte nicht einmal, es zu verbergen. Langsam trat sie auf ihn zu, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt, bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen. Aelia blieb vor ihm stehen, doch sie drehte den Kopf zur Seite und ihr Blick wanderte bereits über ihre Schulter hinweg zurück zur Taverne. Die Hintertür war geschlossen und weder von Lestar noch von Mahdia, noch von einem der anderen Gesindeleute war etwas zu sehen, doch das bedeutete nicht viel. Gerade Mahdia sah meistens mehr, als man glaubte. „Wir können hier nicht bleiben“ sagte sie ihm gerade heraus. Sie warf noch einmal einen kurzen Blick in Richtung Haus und seufzte leise. „Wenn Mahdia uns entdeckt, gibt es Fragen. Viele Fragen.“ Ihr Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Männerbesuch wird hier nicht geduldet, du verstehst? Im Haus schon gar nicht. Und im Hof besser auch nicht.“ Ohne weiter darüber nachzudenken, trat sie neben ihn, legte ihm die Hand in den Rücken und schob ihn Richtung Torbogen. „Los, lass uns verschwinden.“ Erstaunlicherweise fühlte sich die Berührung vollkommen selbstverständlich an. So selbstverständlich, dass Aelia sie überhaupt nicht wahrnahm. Gemeinsam verließen sie den Innenhof, traten durch den Torbogen auf die Straße und gingen einige Schritte weiter, bis die Taverne hinter ihnen zurückblieb. Erst an der nächsten Ecke verlangsamte Aelia ihr Tempo. Dabei wurde ihr plötzlich bewusst, dass ihre Hand noch immer an seinem Rücken lag. Sie konnte seine Körperwärme deutlich auf ihrer Handfläche spüren und stellte nun fest, dass deswegen ein angenehmer Schauer über ihre Haut kroch. Sie zog ihre Hand nun hastig zurück und legte sie verlegen in den Rücken. In diesem Augenblick glitten ihre Gedanken zu Ruben, der sich wohl längst zum Schlafen gelegt hatte, da er als Bäcker einen anderen Tages- und Nachtrhythmus hatte. Wenn Aelia sich hinlegte um sich zur Nachtruhe zu begeben, stand er auf um mit seiner Arbeit zu beginnen. Darum sahen sie sich nicht so häufig. Sie dachte an seine freundlichen und stets verständnisvollen Augen. Ein leiser Stich regte sich in ihrer Brust. Das schlechte Gewissen. Sofort schob sie den Gedanken beiseite. Sie machte doch nichts Verbotenes. Sie spazierte lediglich mit einem Mann durch das Graue Viertel. Mehr nicht. Sie hatte Doréan weder geküsst noch seine Hand gehalten noch ihm irgendwelche Versprechen gemacht. Sie unterhielten sich nur, sie verbrachten wohl heute ein wenig Zeit miteinander. Das war alles. Zumindest sagte sie sich das. Sie musste nicht einmal tief in sich gehen um zu wissen, dass das alles nicht wahr war. Doch all diese Gedanken verbannte sie weit weg von sich. Als sie zwei Häuserecken hinter sich gebracht hatten, blieb Aelia stehen. Sie blickte sich verstohlen um, ob sie auch niemanden sah, den sie kannte, oder der sie kannte, aber sie konnte niemanden entdecken. Doréan war größer als sie und überragte sie um ein Stück. Als sie nun so dicht vor ihm stehen blieb, fiel ihr auf, dass ihr Scheitel vermutlich irgendwo zwischen seinem Mund und seiner Nase enden musste. Während sie zu ihm aufsah, stellte sie fest, dass er gerade groß genug war, dass sie ihr Kinn leicht heben und er sein Gesicht leicht senken müsste, wenn sie sich küssen wollten. Aelia sah kurz zur Seite und fragte sich, warum sie plötzlich an so etwas denken musste! Die Antwort darauf war ihr natürlich mehr als bewusst. Weil sie es wollte, oder zumindest nichts dagegen hatte, herauszufinden, wie es sich anfühlen würde, ihn zu küssen. Doréan gefiel ihr, er war hübsch, er war aufmerksam. Er hatte so eine natürliche und unbekümmerte Art, die sehr anziehend auf sie wirkte. Aber da war eine unüberwindliche Barriere: Sie war eine treue Seele. Es würde nicht in Frage kommen, Ruben zu betrügen. So ein Mensch war sie nicht. Fraglich war, ob er, Doréan, es herausprovozieren wollte. Denn offenbar schien ihn die Tatsache, dass sie einen Freund hatte nicht im Geringsten davon abzuhalten, ihr nachzustellen. Er musste wissen, dass sie einen Freund hatte! Schließlich hatte er ihre Worte gehört als Ruben Steine gegen ihr Fenster geworfen hatte und ihn ja wohl auch gesehen und dann angeblich jene obszöne Geste vollführt die suggerierte, dass sie miteinander geschlafen hätten. Und irgendetwas verdammt dreistes in ihr schrie danach, ihm vor Augen zu führen, dass sie davon wusste. Sie hatte sie ihn ja ohnehin danach fragen wollen. Also lehnte sie sich mit im Rücken verschränkten Händen an die Häuserfassade hinter sich und blickte ihn herausfordernd an, bevor sie ihm tief in die Augen blickte. „Mir ist da etwas zu Ohren gekommen. Über gestern Nacht. Stimmt es, dass du Ruben glauben lassen hast, wir hätten ...“ Jetzt stockte sie und setzte noch einmal an „Du hast meinem Freund also eingeredet, wir beide hätten miteinander geschlafen?“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Dabei hast du noch nicht einmal versucht, mich zu küssen. Ist dir eigentlich klar, dass mir das gewaltigen Ärger eingebrockt hat?" Jetzt zog sie ihre Hände hinter dem Rücken hervor und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. „Falls das stimmt, schuldest du mir eine Erklärung. Und zwar eine verdammt gute.“ Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen. „Zu deiner Verteidigung muss ich sagen, dass meine Neugier inzwischen größer ist als mein Ärger. Denn ich möchte wirklich wissen, was du dir dabei gedacht hast."
Der Hund aus der Ascherinne ❖
11.02.2023 '12:02 [2.320 Wörter]
 rgendwann gab es im Leben eines Menschen immer einen gewissen Moment. Einen Moment des Scheidewegs. Jeder Mensch hatte diesen Moment. Für manche war er nur nicht ganz so klar ersichtlich wie für andere. Manche hatten diesen Moment schon früh in ihrem Leben. Für andere schien dieser nie zu kommen, bis kurz vor ihrem Ende. Doch es war ein unumstößliches Gesetz des Schicksals. Jeder Mensch auf dieser Welt stand zumindest einmal in seinem Leben an einem solchen Scheideweg. Es gab Menschen die standen nur ein einziges Mal an dem Scheideweg des Lebens. Andere hingegen glaubten, dass jeder Tag einen neuen Scheideweg mit sich brachte. Manche glaubten, dass sie eine Wahl hatten. Sie würden sich bewusst oder unterbewusst für einen der beiden Wege entscheiden. Wenn man Doréans Leben betrachtete, mochte man glauben, er habe stets eine Wahl gehabt…dass der Weg, den er eingeschlagen hatte, von schlechten Entscheidungen geprägt worden war. Dass er stehts die Wahl gehabt hatte, eine Entscheidung zu treffen, selbst wenn es die Falsche war. Dass er allen Widrigkeiten zum Trotz das Beste aus dem Wenigen, welches ihm in die Wiege gelegt worden war, gemacht hatte. Doch die Menschen des Nordens glaubten, dass dies keine Wahl war, die man wirklich hatte. Alles war vorherbestimmt. Selbst die Entscheidungen, die man traf, waren nicht die eigenen. Es war Schicksal! Unumstößlich. Unveränderbar. Ungerecht. Das Schicksal hatte den Weg jedes Einzelnen vorherbestimmt. Von der Geburt bis zum Tod. Und alles was auf dem Weg dorthin geschah.
Doréan bildete hier keine Ausnahme. Er war einer jener Menschen, deren Leben von vielen solchen Scheidewegen geprägt gewesen war. Viele Sackgassen und viele steinige, dunkle Pfade. Jede Entscheidung, die er getroffen hatte, zeichnete seinen Weg. Doch er hatte nie wirklich eine Wahl gehabt. Seine Scheidewege waren niemals die Wahl zwischen Hell und Dunkel. Zwischen steil und sicher. Zwischen dem dunklen Tunnel einer hohlen Gasse und dem hellen Pfad auf dem Rand der Mauer. Die Kreuzwege seines Lebens waren beiderseits dunkel. Er hatte nur die Wahl zwischen der dunklen, hohlen Gasse und dem düsteren, engen Pfad. Zwischen der verfallenen Kloake und dem alten, brüchigen Steg über die Klippen. Sein Weg war vorherbestimmt gewesen. Schon mit seiner Geburt war ihm sein Werdegang in die Wiege gelegt worden. Ein Weg der zu beiden Seiten mit einem tiefen Abgrund begrenzt gewesen war. Keine Entscheidungen. Nur Konsequenzen. Auf der einen Seite lauerte der endlose, tiefe Schlund. Und auf der anderen Seite der schmale Gang vom Kerker zum Galgen. Geboren, als der uneheliche Bastard einer Dirne, war er in eine Welt hineingeboren worden, in die andere Menschen nur durch schlechte Entscheidungen gerieten. Wenn sie vom Pech verfolgt waren. Wenn ihnen kein anderer Ausweg mehr geblieben war. Wenn das Schicksal grausam war, und ihren Weg in die Dunkelheit vorherbestimmt hatte. Doch in Doréans Fall war das Schicksal nicht nur grausam gewesen. Es war etwas, das keinen Namen hatte. Er wurde nicht geboren, um irgendwann durch schlechte Entscheidungen, Unglück oder Schicksalsschläge in den Sog der Sanra'Jena zu rutschen. Er hatte nie eine Wahl gehabt, denn als seine Mutter ihn zur Welt gebracht hatte, da war er bereits Teil ihrer Welt. Sie war in diese Welt geraten. Durch Unglück und geprägt von schlechten Entscheidungen. Doch Doréan hatte nie eine Wahl gehabt. Sie war ihm auferlegt worden. Von seinem Vater, dessen Name er nicht einmal kannte. Von seiner Mutter, die ihn in diese Welt hinein gebar, in welcher sie bereits gefangen war. Manche würden sagen, vom Schicksal selbst. Doréan war kein gebranntes Kind. Er war ein gebrandmarktes Kind. Der Sohn einer Dirne. In einer Stadt des Verfalls und des Lasters. In einem Reich, dass Frauen nur als eine Ware behandelten. Als ein Gut, über das jeder Mann verfügen konnte, wenn er nur genügend Geld oder genügend Macht besaß. Der Hurensohn. Gebunden an das Joch des grauen Viertels dessen seidener Lebensfaden nur durch das eiserne Gesetz bewahrt worden war.
Doréan erblickte das Licht der Welt in der Ascherinne. Dort, wo die Mauern grau waren, die Gassen eng und die Zukunft der meisten Kinder bereits feststand, bevor sie ihren ersten Schritt getan hatten. Zwischen den schiefen Fassaden alter Häuser. Dort, wo die Luft nach Rauch, billigem Wein und dem salzigen Atem des Hafens roch. Dort, wo die meisten Menschen nur dann landeten, wenn das Schicksal ihnen bereits alles andere genommen hatte.
Seine Mutter zog ihn groß, so gut sie es vermochte. Lange genug, damit er sich an ihre Stimme erinnern konnte. Nicht lange genug, um sie wirklich kennenzulernen. Als sie starb, blieb nichts zurück. Kein Erbe. Kein Name. Kein Vater, der Anspruch auf den Jungen erhoben hätte. Kein Verwandter, der ihn aufgenommen hätte. Doch das Schicksal hatte ihm etwas hinterlassen, das es den meisten Kindern seiner Herkunft verwehrte. Die Frauen der Ascherinne.
Er hatte eine Mutter verloren und im selben Moment eine Schar an Müttern und Schwestern gewonnen. Die Dirnen, die das Los seiner Mutter geteilt hatten. Frauen, deren eigene Leben oft kaum weniger tragisch gewesen waren als ihres. Manche behandelten ihn wie einen jüngeren Bruder. Andere wie einen Freund. Wieder andere wie den Sohn, den sie niemals gehabt hatten. Nicht weil sie ihn verloren hätten, sondern weil sie niemals die Entscheidung getroffen hätten, ihn zu behalten. Eine Entscheidung, die seine wahre Mutter getroffen hatte. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Und auch dies war keine Entscheidung gewesen an ihrem eigenen Scheideweg des Lebens. Es war vorherbestimmt gewesen. Wie alles im Leben einer Bestimmung folgte.
Die Erfahrungen der Kindheit. Die zweifelhaften Weisheiten der Dirnen, der Gefallenen und der Vergessenen. Die Entbehrungen. Die Schmähungen und die höhnenden, spottenden Rufe. Hurensohn! Dirnenbalg! Sie hatten Doréan nicht kleiner gemacht. Er war bereits am Boden gewesen, als er geboren worden war. Jede Widrigkeit. Jeder Spott. Jeder Schlag. Hatte ihn nicht schwächer gemacht, sondern nur stärker. Sie hatten ihn zu dem Mann gemacht, der er heute war. Zu einem Mann, der gelernt hatte zu überleben. Einem Mann der dem Schicksal die Stirn bot und dieses trotzig einen Hundsfott nannte. Und vielleicht war genau dies der Grund, weshalb das Schicksal ihn nun an einen weiteren Scheideweg geführt hatte. Der Scheideweg seines Lebens. Er stand dort, an der Gabelung. Voller Neugier, und zugleich voller Furcht und Nervosität im Angesicht dieser Frau, die sein Herz erobert hatte. Es war eine Schicksalsbegegnung gewesen. Manche Menschen nannten dies Liebe auf den ersten Blick. Doch in der Welt, in welcher Doréan aufgewachsen war, gab es keine Liebe. Keine ehrliche Liebe. Nur erkaufte Liebe. Falsche Liebe. Lug und Trug. Als er diese Frau das erste Mal gesehen hatte, war etwas in ihm erwacht, was er noch nie zuvor erfahren hatte. Er konnte es nicht in Worte fassen. Er verstand es nicht einmal richtig. Auch dies war Schicksal gewesen. Doréan kannte die Fügungen und den Willen des Schicksals nicht, welches ihm aufgebürdet worden war. Doch tief in seinem Inneren spürte er es. Diese Frau…Aelia. Sie war vorherbestimmt, in sein Leben zu treten. Wie ein Sturm, der niemals enden sollte und alles mit sich reißen, was sich ihnen in den Weg stellen würde. Und dieses Wissen war es, welches den jungen Mann, den sonst nicht viel zu erschüttern vermochte, erzittern ließ. Die Furcht davor, am Scheideweg seines Lebens zu versagen.
Doréan schluckte. Aelia hatte ihm den Löwenzahn aus der Hand genommen. Er war sich töricht vorgekommen. Und im Nachhinein betrachtet, hätte er ihr vielleicht eine schönere Blume auf dem Markt kaufen können. Frauen mochten Rosen. Oder Lilien. Manche Freier brachten den Dirnen sogar jedes Mal eine Blume mit, wenn sie sie besuchten. Und Doréan hatte nur einen schäbigen Löwenzahn auf der Straße gepflückt? Er biss sich auf die Lippen und schüttelte innerlich den Kopf. Er hatte es verbockt! Schon wieder!
Doch Aelia hatte den Löwenzahn an sich genommen und ihn, wie einen kostbaren Schatz, ins Haus gebracht. Doréan sah ihr nach, wie sie mit schwingenden Hüften und eiligen Schritten den Hof verlassen hatte. Zurück waren nur die weißen Laken aus Leinen geblieben, die lau im Wind schaukelten und einen Hauch ihres Duftes an sich haften hatten. Er verharrte. Stumm und regungslos und wartete. Er wartete darauf, das sie zurück kam. Doch mit jedem Augenblick der verstrich, wurde er unsicherer. Kam sie überhaupt wieder zurück? Er konnte es nicht mehr aushalten. Er begann im Hof auf und ab zu laufen. Immer wieder warf er Blicke zu der Tür, hinter welcher Aelia verschwunden war. Doch die Ungewissheit nagte an ihm.
Schließlich kam Aelia wieder zurück. Sein Herz machte einen Sprung doch Doréan straffte seinen Rücken und legte ein unbekümmertes Grinsen auf. Er mimte den Starken Mann. Den Aufschneider. Den Mann, dessen Maske er wie einen Schild trug. Eine Maske, die ihn davor bewahrt hatte in der Ascherinne zugrunde zu gehen. Es war wie eine zweite Haut, die er nicht ablegen konnte. Man durfte im grauen Viertel keine Schwäche zeigen, denn dann hatte man keine Gnade zu erwarten. Wie konnte man von einem Mann wie Doréan der seit seiner Geburt an diesem Ort aufgewachsen war auch erwarten, sich in der Gegenwart einer Frau, um deren Gunst er sich bemühte, sich anders zu verhalten, als der Mann der er war? Und es kam ihm auch überhaupt nicht in den Sinn, daran etwas zu ändern.
Sie führte ihn vom Hof der Schenke fort. »Wir können hier nicht bleiben.« Doréan nickte und ließ sich von ihr führen. Doch seine Blicke huschten immer wieder zu der Schenke zurück, während sie ihm die Hand in den Rücken gelegt hatte, um ihn von der Schenke fort zu bugsieren. Ihm war es gleich wohin auch immer sie ihn führte. Doch warum konnten sie nicht hier bleiben? Sie behauptete, dass die Wirtin es nicht gutheißen würde. Unweigerlich kamen in Doréan zweifelhafte Gedanken auf. Wollte sie nicht mit ihm gesehen werden? Wollte sie ihn an einen Ort führen, an dem sie ungestört waren? Oder einfach nur fort, um ihn zum Henker zu schicken? Sie hatte ihn gestern schließlich fortgeschickt. Ihm sogar eine Ohrfeige gegeben. Doch er wollte nicht nachgeben. Er würde um diese Frau kämpfen. Bis zum bitteren Ende. Das hatte er sich geschworen.
Als sie schließlich weit genug von der Schenke waren, schien Aelia sich sichtlich zu entspannen. Sie seufzte und setzte ein Lächeln auf. Und da standen sie nun. Doréan runzelte die Stirn. Sie waren nicht weit vom Brunnenhof entfernt. Der Ort, an welchem gleich drei Bezirke des grauen Viertels aufeinandertrafen. Der Südwinkel. Der Schindersteg und…die Ascherinne! Ihre Schenke lag noch im Südwinkel. Doch diese Gegend war die Grenze zwischen dem grauen Viertel, und dem wahren Grauen Viertel. Jene Grenze, welche die richtigen Leute von den ehrlichen Leuten trennte. Sie hatten bisher nicht viel miteinander gesprochen. Aelia hatte ihn geführt und Doréan seine Scherze gemacht, die das Eis brechen sollten. Oder über seine wahren Gedanken hinwegtäuschen sollten. Doch als Aelia sich schließlich räusperte, da trafen ihn ihre Worte wie eine schallende Ohrfeige. »Mir ist da was zu Ohren gekommen.«, hob sie an und Doréan lächelte. »Ach so, was denn, mein Liebchen?«, flachste er ohne zu wissen, dass er noch im Auge des Sturms stand, welcher sich im nächsten Moment gegen ihn drehen sollte. »Über gestern Nacht. Stimmt es, dass du Ruben glauben lassen hast, wir hätten…miteinander geschlafen?« Ihre Worte trafen ihn wie ein Faustschlag. Selbst ihr kurzes stocken und der neugierige und zugleich zweifelnde Klang ihrer Stimme. Doréan glotzte sie mit großen Augen an. »Wer behauptet denn sowas?« Er hob, als ob er sich verteidigen müsste, seine Hände an und trat einen Schritt zurück. »Du willst also sagen, du hast ihm nicht eine obszöne Geste gezeigt?« Doréan runzelte die Stirn. »Welche Geste? Was?« Er grübelte und so langsam dämmerte es ihm. Die Erkenntnis sickerte ihm in seinen Geist und er hatte die Begegnung in der vergangenen Nacht bildlich vor Augen. Wie er aus Aelias Fenster geklettert war. Und wie dieser Ruben ihm dort aufgelauert war um ihn zur Rede zu stellen. Aelia vollführte diese Geste, welche just in diesem Moment auch vor seinem inneren Auge zu sehen war. Er grinste breit. Es war ein zweideutiges Grinsen. Die Erinnerung daran, wie er diesem Hundsfott diese Geste gezeigt hatte, um ihn zu verspotten. »Hast du…habt ihr?« Seine brechende Stimme hallte noch in Doréans Kopf wider. Nein. Hatten sie nicht. Aber dieser Nebenbuhler. Er wollte ihn ausbooten. Er wollte, dass er aus Aelias Leben verschwand, damit er, Doréan, freies Spiel hatte. Natürlich hatte er diese Andeutung gemacht. Um Ruben eins auszuwischen. Doch er grinste ebenfalls, als er Aelia sah, wie sie diese Geste nachgemacht hatte. Doch ihre Darbietung war einfach lustig anzusehen. Er kniff die Lippen zusammen, um das Grinsen zu unterdrücken. Und dann seufzte er. »Nun.« hob er an und senkte kurz den Blick, nur um ihr dann mit unschuldigen Hundeaugen ins Gesicht zu blicken. »Was soll ich sagen?«, hob er an und Aelia stemmte herausfordernd die Hände in die Hüfte. »Wie wärs mit der Wahrheit?« Da nickte Doréan und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Ich wollte ihm damit nur eines sagen…« Er räusperte sich und obwohl der Gossenfloh sonst nie um einen schäbigen, unflätigen Fluch verlegen war. Vor dieser Frau war es doch irgendwie seltsam, sich dieser Ausdrucksweise zu bedienen. Es fühlte sich an, als ob er dabei nur verlieren konnte. »Er soll sich ins Knie ficken! Das hab ich damit gemeint.« Er legte ein verlegenes Grinsen auf und verschränkte dann die Arme vor der Brust. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Mensch etwas zu verbergen hatte. Doch er verkaufte es geschickt als ein Zeichen dass er zu dem stand, was er getan hatte.
Ruben hatte ihn angerempelt. Beleidigt. Er konnte von Glück sagen, dass Doréan ihm nicht die Fresse poliert hatte. Doch das wollte er Aelia nun auch nicht direkt ins Gesicht sagen. »Ich…«, hob er an. »Wer auch immer dir das gesagt hat. Er hats wohl falsch verstanden.« Nein. Hatte er ganz und gar nicht. Doch Doréan wäre doch ein Narr, wenn er das jetzt ehrlich zugegeben hätte. Er hatte es gestern schon verbockt. Zweimal. Da wollte er nicht noch ein drittes Mal den Fehler seines Lebens machen.
Am Kesselmarkt ❖
11.02.2023 '22:12 [2.100 Wörter]
 elia beobachtete Doréan aufmerksam, während er sprach. Ihr Blick wich keinen Augenblick von seinem Gesicht, als könnte sie allein daran erkennen, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Als Doréan schließlich erklärte, was er mit seiner Geste tatsächlich hatte ausdrücken wollen, presste sie die Lippen aufeinander. Es gelang ihr beinahe. Dann entkam ihr doch ein leises Kichern. Sie schüttelte den Kopf und verbarg ihr Lächeln hinter einer Hand. „Das hast du damit gemeint? Dass er sich ins Knie ficken soll?“ Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn, als ob sie ihn damit besser einschätzen könnte. Sie kannte Doréan kaum. Aber dass er sich mitunter der Gossensprache bediente, war ihr längst aufgefallen. Der Gedanke, dass er Ruben es nicht gesagt, dafür aber angedeutet hatte, dass er sich ins Knie ficken sollte, war so herzerfrischend grob und gleichzeitig so erstaunlich schlicht, dass sie nicht recht wusste, ob sie lachen oder empört sein sollte. Aber es klang absolut glaubwürdig. Schließlich gewann ihre Neugier die Oberhand und sie fragte ihn „Aber warum hast du ihm angedeutet, dass er sich ins Knie ficken soll?“ Und da Dorean seufzte und setzte ein unschuldiges Grinsen auf. „Was soll ich da schon sagen? Er hat mich einfach von hinten umgerempelt, der blöde Hundsfott..“ Dorean zuckte mit den Achseln. „Da hab ichs ihm halt gezeigt, was ich von ihm halte... Und beleidigt hat er mich auch…“ Mit jedem Wort das er ihr erzählte, schwand ihre Belustigung ein wenig und machte ehrlicher Verwunderung Platz. „Das hat er gar nicht erwähnt“, sagte sie und runzelte die Stirn. „Was hat er denn zu dir gesagt?“ Als Doréan die Beleidigungen wiederholte, starrte sie ihn einen Moment lang an. Gossenfloh. Straßenköter. Langsam verfinsterte sich ihr Gesicht. Nicht wegen Doréan. Ganz und gar nicht. „Das hat er gesagt?“ Empörung schwang in ihrer Stimme mit und Doréan nickte bestätigend. Aelia schnaubte verärgert und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll das denn bitte heißen? Hält er sich für was besseres?“ Der Ärger stand ihr mittlerweile deutlich ins Gesicht geschrieben. „Er lebt in Steinward. Steinward! Das sind ein paar Straßen weiter vom grauen Viertel, und nicht im Schatten des Palastes…“ Sie warf die Hände in die Luft. „Ich wohne ja selbst im grauen Viertel, meine beste Freundin lebt im grauen Viertel. Bin ich jetzt auch ein Gossenfloh und Straßenköter? Was bildet er sich eigentlich ein?“ Je länger sie darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihr die Vorstellung. „Gossenfloh“, wiederholte sie kopfschüttelnd. „Als wäre das irgendeine Krankheit.“ Ihr Blick glitt zu Doréan. „Und Straßenköter ist auch nicht viel besser.“ Aelia verzog den Mund. Sie stieß sich von der Häuserfassade ab an der sie bis zu diesem Zeitpunkt gelehnt hatte und trat einen Schritt auf Doréan zu. Aelia schwieg eine Zeit lang. Je länger sie darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde das Gefühl in ihrer Brust. Schließlich seufzte sie leise. „Hör mal ...“ Sie hob den Blick zu ihm. „Es tut mir leid wegen gestern. Ich hätte dich nicht ohrfeigen dürfen. Das tut mir wirklich leid.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. „Wir geben ein schönes Paar ab, nicht wahr?“ Sie schüttelte den Kopf. „Die eine verpasst dir eine Ohrfeige und der andere stößt dich in den Dreck und nennt dich Gossenfloh und Straßenköter.“ Ein wenig beschämt senkte sie den Blick. „Wenn ich ehrlich bin, hast du beides nicht verdient.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Und ich möchte mich auch für Ruben entschuldigen.“ Als sie seinen Namen aussprach, klang noch immer etwas Verärgerung in ihrer Stimme mit. „Er hatte kein Recht, so mit dir umzuspringen.“ Aelia strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Er war wahrscheinlich völlig außer sich, als er dich aus meinem Fenster klettern sah.“ Aelia schwieg einen Moment und blickte die Straße hinunter. „Ich wollte noch kurz zum Kesselmarkt rüber. Ihre Hand wanderte zu ihrem Bauch. „Ich habe Hunger und wollte mir noch etwas zu essen holen.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Magst du mitkommen?“ Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lippen. „Es dauert auch nicht lange.“
Der Kesselmarkt bestand aus einer Reihe niedriger, gemauerter Verkaufsstände, die gleichzeitig auch Kochstellen waren. Bereits von Weitem konnte man den Duft von Fisch, Zwiebeln, Brühe und frischem Brot riechen. Die meisten Speisen wurden nicht erst hier zubereitet. Die Köche und Köchinnen des Marktes standen lange vor Sonnenaufgang in ihren Küchen, schnitten Gemüse, zerlegten Fische und setzten ihre Eintöpfe auf. Gegen Mittag wurden die schweren Kessel auf Karren geladen und zum Kesselmarkt gebracht, wo sie über den gemauerten Feuerstellen den ganzen Tag warm gehalten wurden. Zwischen den Ständen dampften dicke Fischsuppen, Muscheleintöpfe, Bohnenbreie und kräftige Restegerichte, in denen Linsen, Kohl, Zwiebeln kleine Fleischabschnitte, Speckwürfel und alles landete, was am Vortag übrig geblieben war. Kaum jemand stellte Fragen, solange es sättigte. Zu jeder Schüssel gehörte ein Kanten Brot, oft vom Vortag aus den Bäckereien. Vor den Ständen standen einige einfache Bänke und Tische aus verwittertem Hartholz. Hafenarbeiter, Mägde, Dirnen, Handwerker und Marktfrauen saßen dort Schulter an Schulter, löffelten ihre Mahlzeiten und kehrten anschließend wieder an die Arbeit zurück. Der Kesselmarkt war weder besonders schön, noch anspruchsvoll. Doch für ein paar Scherben bekam man dort eine warme Mahlzeit und das war für die viele Bewohner des grauen Viertels Grund genug, immer wieder zurückzukehren.
Der Kesselmarkt war um diese Tageszeit gut besucht. Vor den dampfenden Feuerstellen hatte sich eine kleine Schlange gebildet, und während irgendwo ein Koch mit einer Schöpfkelle gegen den Rand eines Kessels klopfte, zog der Duft von Gemüse, Fisch und gebratenen Zwiebeln durch die Luft. Aelia stellte sich an und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich komme ziemlich oft hierher“ erzählte sie und warf Doréan einen kurzen Blick zu. „Ich habe aber auch irgendwie ständig Hunger. Aber heute musste ich zusätzlich zu meiner üblichen Arbeit vier große Körbe Wäsche waschen. Manchmal denke ich, die Leute glauben immer, Wäsche wäscht sich von allein. Tut sie aber nicht. Man schleppt sie, schrubbt sie, spült sie aus, schleppt sie wieder zurück und hängt sie auf. Und heute habe ich in Lestars Taverne nichts zu essen bekommen.“ Kopfschüttelnd rückte sie einen Schritt in der Schlange vor. „Ich bekomme nicht so viel Lohn. Dafür habe ich ein Zimmer und darf mir mittags und abends etwas aus der Küche holen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Zumindest in der Theorie. Denn wenn ich den halben Tag durch die Stadt renne und irgendwelche Besorgungen erledige, kann es durchaus passieren, dass nichts mehr übrig ist, wenn ich zurückkomme. Einmal habe ich Mahdia gefragt, ob sie mir nicht einfach etwas in einer Schüssel beiseitestellen könnte“ erinnerte sich und setzte eine verdrießliche Miene auf. „Aber Mahdia wollte davon nix hören. Sie sagte ‚Auf keinen Fall. Sonst wirst du noch verwöhnt.‘ “ Aelia imitierte die Wirtin nicht, traf ihren Tonfall aber erstaunlich gut. Wieder rückte die Schlange ein Stück vor. „Und manchmal gibt es Dinge, die ich einfach nicht essen möchte.“ Nun verzog sie das Gesicht. „Sauren Niereneintopf zum Beispiel.“ Sie schüttelte sich. „Oder Kutteln.“ Noch ein Schütteln. „Geschmorte Rinderherzen.“ Aelia blickte ihn an. „Manche Menschen behaupten, das sei köstlich. Ich kann diese Meinung überhaupt nicht teilen.“ Für einen Moment schwieg sie. Dann, als sie bemerkte, wie still es auf einmal zwischen ihnen beiden wurde, da fiel ihr auf, dass sie bereits seit geraumer Zeit redete. „Entschuldige…“ begann sie und ein leicht verlegenes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Ich rede schon wieder viel zu viel.“ In diesem Moment waren sie an der Reihe. Aelia trat an den Stand, erkundigte sich nach dem günstigsten Gericht und nickte schließlich zufrieden. Dann wandte sie sich an Doréan. „Willst du auch was? Nein? Wieso nicht? Ach komm, dein Fisch sah recht klein aus,. Außerdem war die Hälfte davon verbrannt. Ich würde nicht mal von vier solcher satt werden. “ Sie wandte sich an den Verkäufer „Ich nehme noch eine Schüssel“ sagte sie dem dicken Kerl und überging Doréans Einwände einfach. Dann drückte ihm seine Schüssel einfach in die Hand. „Hier, jetzt nimm schon. Sieh‘ es als Entschuldigung für die Ohrfeige…“ grinste sie verlegen. „Und außerdem ist das ganz schön doof, wenn einer isst und der andere nur zuschaut.“ Gemeinsam suchten sie sich einen Platz auf einer der Holzbänke. Kaum hatte sie sich gesetzt, griff Aelia zum Löffel. Sie lugte in ihren Eintopf, stippte mit dem Löffel hinein und freute sich, als unter den Getreidebrei ein großer weicher Speckwürfel auftauchte. Er verschwand mit dem ersten Bissen sogleich in ihrem Mund. Der zweite folgte unmittelbar danach. Während sie aß, wanderte ihr Blick immer wieder zu Doréan. Nicht heimlich. Nicht einmal besonders unauffällig. Sie sah ihn einfach an und musterte ihn. Tagsüber wirkte er anders als in jener Nacht auf ihrem Zimmer. Die Schatten verbargen sein Gesicht nicht mehr, und mit einem Mal fielen ihr Dinge auf, die ihr zuvor entgangen waren. Die Farbe seiner Augen, seine etwas scharf geschnittene Nase, die Form seines Mundes. Natürlich bemerkte sie, dass er auch beim Essen seine Handschuhe trug. Eine Weile sagte sie nichts dazu. Dann nahm sie noch einen Bissen, kaute ihn nachdenklich und hob schließlich den Blick. „Weißt du“, begann sie beiläufig, als wäre ihr der Gedanke gerade erst gekommen, was ganz bestimmt nicht der Fall war, „Wenn ich dich so bei Tag anschaue, muss ich sagen ...“ Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Du bist auch ein ganz Hübscher.“ Doch dann ließ sie es sich nicht nehmen, mit dem Löffel auf seine Handschuhe zu deuten und ihn zu fragen „Lässt du die Dinger eigentlich auch an, wenn du mit einem Mädchen Händchen hältst, oder wenn‘s zur Sache geht?“ Sie grinste frech, dann senkte sie den Blick und schabte mit dem Löffel die letzten Reste aus der Schüssel. Irgendwann war ihre Schüssel leer. Schließlich räusperte sie sich leise und erhob sich. „Ich sollte wohl langsam nach Hause.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, fragte Doréan „Soll ich dich nach Hause begleiten?“ Aelia grinste. „Wieso?“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Ich bin doch schon groß.“ Mit seiner Antwort hatte sie allerdings nicht gerechnet. „Hab noch Zeit. Für dich alle Zeit, mein Liebchen.“ Sofort schlug sie die Augen nieder. Ein seltsames Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, während sie versuchte, die Wärme zu ignorieren, die ihr in die Wangen stieg. „Liebchen ...“ Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Wie du das immer sagst.“ Für einen Moment betrachtete sie die Pflastersteine zu ihren Füßen. Dann fing sie sich wieder, hob den Blick. „Na gut“, erklärte sie schließlich und bemühte sich um einen Tonfall, der deutlich gelassener klang, als sie sich fühlte. „Wenn du dich nicht losreißen kannst… ich habe jedenfalls nichts dagegen, dass du mich begleitest.“ Um ihre Verlegenheit zu verbergen, streckte sie die Hand nach seiner Schüssel aus. „Gib her.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, nahm sie sie ihm ab. „Ich bring sie zurück.“ Mit beiden leeren Schüsseln in den Händen verschwand sie zwischen den Holzbänken und den dampfenden Kesseln, gab das Geschirr zurück und kehrte kurz darauf wieder zu ihm zurück. Anschließend machten sie sich auf den Heimweg. Der Abend hatte begonnen, und die allmählich untergehende Sonne begann die Straßen in jenes goldene Licht zu tauchen, das die schiefen Fassaden des grauen Viertels für jenen Teil des Tages direkt freundlich erscheinen ließ, freundlicher, als sie tatsächlich waren. Händler begannen, ihre Waren zusammen zu packen, Handwerker schlossen ihre Werkstätten und aus den Tavernen drangen bereits Stimmen und Gelächter auf die Gassen hinaus. Während sie nebeneinander hergingen, redete Aelia. Nicht ununterbrochen. Aber doch genug, dass sie irgendwann bemerkte, wie leicht es ihr fiel in seiner Anwesenheit unbeschwert und einfach sie selbst zu sein. Es gab keinen Grund, sich in Doréan sprach deutlich weniger. Doch es schien, als er hörte zu. Und vielleicht war es gerade das. Vielleicht war es die Art, wie er ihr zuhörte, ohne ständig dazwischenzureden oder ohne sie zu unterbrechen. Jedenfalls verging die Zeit auf eine Weise, die ihr beinahe unverschämt erschien. Eben noch hatten sie auf einer Bank am Kesselmarkt gesessen. Und nun standen sie bereits vor Lestars Taverne. Aelia blieb stehen und sah auf die Tavernentür. Sie wusste nicht recht, wann der Weg so kurz geworden war. „Nanu, wir sind ja schon wieder da…“ meinte sie und klang dabei ein wenig enttäuscht. „Also dann“, sagte sie schließlich und wandte sich wieder ihm zu. Ein warmes Lächeln trat auf ihr Gesicht. „Es war schön, dass du mich besucht hast.“ Als Doréan zurücklächelte, begann ihr Herz wieder schneller zu schlagen. Dann stellte er die Frage. Soll ich morgen wieder kommen? Aelia sah ihn an. Nur für einen Augenblick. Und in diesem einen Augenblick wurde ihr bewusst, wie sehr sie gehofft hatte, dass er genau das fragen würde. Und zum ersten Mal erlaubte sie sich diese kleine Vertrautheit mit ihm. „Kommt darauf an, mein Hübscher. Bringst du wieder Löwenzahn mit?“
Des einen Freud ist des anderen Leid ❖
13.02.2023 '04:31 [2.772 Wörter]
 ine kleine Notlüge. Eine Wahrheit, die nur ein wenig verbogen worden war. Doch sie löste eine unerwartete Kettenreaktion aus. Der Schmetterling, dessen Flügelschlag, einen Sturm entfachen konnte. »Warum hast du ihm das gesagt?«, hatte Aelia mit berechtigter Neugier gefragt. Natürlich hätte Doréan einfach die Wahrheit sagen können. Er hatte ein Auge auf sie geworfen und dieser Ruben stand einfach im Weg. Aber es war ebenso die Wahrheit, dass Ruben ihn zu Boden gestoßen hatte. Und natürlich hatte er ihn auch einen Gossenfloh und Straßenköter genannt. Aber Doréan hatte ihn ja eigentlich auch zuerst beleidigt, indem er ihn einen Hundsfott genannt hatte. Und so wie der Schmetterling einen Sturm entfachen konnte, so konnte dieser Sturm sich auch drehen und noch stärker zurückkehren. Doréan schwieg, während Aelia sich brüskiert über Rubens Verhalten empörte. Wenn dieser Ruben ihr davon erzählt hatte, und sie ihn dann deshalb irgendwann zur Rede stellen würde, was würde er dann wohl sagen? Er war auch nur ein Mann. Doch darüber dachte Doréan nicht nach. Für ihn zählte nicht was morgen war. Nur das Hier und Jetzt war von Bedeutung. »Was soll das denn bitte heißen? Hält er sich für was Besseres?« Doréan lächelte bei diesen Worten. Es war ein müdes, beinahe peinlich berührtes Lächeln. »Im grauen Viertel, sind solche Beleidigungen doch völlig normal.« Doch Aelia schüttelte nur den Kopf. »Er lebt in Steinward.« Doréan sah sie daraufhin mit großen Augen an. »Ach?«, murmelte er. »Steinward. Er ist gar keiner von uns?« Er kniff die Augen mürrisch zusammen. »Ich verstehe.« Aelia rümpfte empört die Nase und gestikulierte dabei mit ihren Händen. »Das sind ein paar Straßen weiter vom grauen Viertel, und nicht im Schatten des Palastes.« Doréan legte den Kopf ein wenig schräg. »Aber…«, hob er an und hob dabei einen mahnenden Finger in die Höhe. »Es ist nicht das graue Viertel.« Er schnalzte mit der Zunge und schüttelte langsam den Kopf. »Du kennst die Leute von Steinward nicht, oder?«, hakte er nach. Ihre Reaktion ließ ihn diese Vermutung äußern. »Die Leute auf der and'ren Seite des Scherbentores reden alle…gleich.« Er zuckte einfach nur mit den Achseln. » Aus dem Scherbentor kommen nur Schinder, Abschaum und Straßenratten.« Er seufzte, während er die verbreitete Meinung der Leute aus Steinward mit schnippischem, spöttischem Ton zitierte. »In kaum 'nem Viertel gibt’s mehr Stadtwachen als in Steinward. Als ob die Grauen die Pest wären, die sie mit Leib und Seele draußen halten müssen.« Menschen die das Scherbentor passieren wollten wussten, wovon Doréan da sprach. Die Willkür der Wachen. Der ungerechte und herablassende Spott. Und die völlig überteuerten Zollgebühren. Niemand in Steinward wollte, dass Menschen aus dem grauen Viertel heraus kamen. »Du bist doch auch eine von uns, du musst's doch wissen'.«, murmelte er mit einem zynischen Blick. Aber er schenkte ihr daraufhin ein ehrliches Lächeln, in welchem nichtsdestotrotz ein Hauch von Schalk aufblitzte. Allerdings senkte Aelia scheu die Augen. »Eigentlich bin ich gar nicht aus dem grauen Viertel. Ich lebe hier erst seit zwei Monden.« Doréan sah sie mit einem eindringlichen Blick an. »Aber du bist nich' aus Steinward…oder?« Sie schüttelte zaghaft den Kopf und Doréan blies zufrieden die Luft aus seinen aufgeblähten Wangen. »Dann…bist du eine von uns.« Er grinste breit und zwinkerte dann neckend. »In ein paar Monden ist das große Opferfest. Dann wirst's versteh'n.« Doréans Stimme wurde ungewöhnlich ernst. »Die alte Feindschaft zwischen Steinward und den Grauen.« Aelia sah Doréan mit fragenden Blicken an. »Was ist das Opferfest?« Doréan seufzte theatralisch. »Eine alte Tradition.« Er holte weit aus und deutete mit der linken Hand hinter sich. »Im Herbst wird ein Stier durchs Tor gehetzt. Kreuz und quer. Durch die engen Gassen. Mit Blut…nun'ja meist isses nur rote Farbe von faulem Obst und Abfall der Schlachtbänke. Und Bänder und Banner und viel Musik und Geschrei. Aber am Scherbentor. Da geht's zu wie in 'nem Hexenkessel. Da fließt manchmal echtes Blut.« Nun lächelte Doréan nicht, sondern sah sie dabei ernst an.
Aelias Worte über Ruben und ihre Entschuldigung, winkte der Gossenfloh dezent ab. »Brauchst dich net entschuldig'n, mein Liebchen.« Er lächelte verlegen. »Is ja nich' deine Schuld, oder?« Dabei grinste er breit, um sie aus der Reserve zu locken. »Aber lass uns nimmer über den…Hundsfott reden.« Innerlich grinste er breit. Er hatte wohl inzwischen genug Breitseiten auf diesen Ruben abgefeuert. Man musste wissen, wann es genug war. Und Doréan verkniff sich weitere Bemerkungen, von denen er noch wahrlich mehr als genug in seinem Wortschatz auf Lager hatte. Doch keine davon war schmeichelhaft oder beschönigend. Dieser verdammte Hundsfott. Wie ein Weibsbild hatte er ihn verpetzt. War dieser Popel aus Steinward nicht Manns genug ihm gegenüber zu treten? Doréan schüttelte den Kopf. Aber nicht Ruben stand hier mit Aelia. Sondern er. Der Gossenfloh. Der Straßenköter. Und das zauberte ein wohliges Lächeln auf sein Gesicht. Ein warmes, wohliges Lächeln.
Schließlich führte Aelia ihn zum Kesselmarkt. Ein kleiner Platz, wie es ihn überall im grauen Viertel, und vermutlich auch in anderen Bezirken, gab. Viele dieser Kesselmärkte wurden von Ordensbrüdern geführt. Im grauen Viertel gab es viele arme Menschen. Manche hatten nicht einmal ein eigenes Herdfeuer, denn sie lebten auf Plankenburgen, Pfahlbauten und in einfachen, hölzernen Verschlägen. Für viele solcher Menschen waren die Kesselmärkte oft die einzige Möglichkeit an eine warme Mahlzeit zu kommen. Doch das Essen gab es nicht geschenkt. Und Doréan, der nur noch einige, kümmerliche Nägel in seinen Taschen hatte, konnte sich nicht einmal einen einfachen Eintopf leisten. Doch wollte er sich natürlich nicht die Blöße geben, auch wenn sein Magen innerlich zu schreien schien, als er nur den Duft in der Luft wahrgenommen hatte. Dankbar und beschämt zugleich, nahm Doréan die hölzerne Schale entgegen, welche Aelia ihm gekauft hatte. Er räusperte sich und schloss, für einen Augenblick lang, die Augen, um den Geruch des Eintopfes in sich aufzunehmen. Eine schwere, reichhaltige Brühe. Einige schwartige Brocken, die kaum Fleisch an sich hatten. Und ein par ausgekochte Knochen die im Duett mit drei Klößen aus Gries umherdümpelten. Er genoss jeden Bissen und schlürfte die Suppe bis auf den letzten Tropfen leer. »Danke.«, murmelte Doréan und lächelte verlegen. »Das nächste Mal…« Er hielt inne. Das nächste Mal. Wenn es ein nächstes Mal geben sollte. Er nickte grimmig. Natürlich würde es ein nächstes Mal geben! Ganz gleich, wie dieser Tag noch verlaufen würde. Und wenn er sich durch das Scherbentor schmuggeln musste um diesen Ruben zu finden und ihm die Beine zu brechen, damit er endlich freie Bahn bei Aelia hatte. Es würde ein nächstes Mal geben. Er wischte die letzten Reste des Eintopfs mit dem Brotkanten auf und nickte zuversichtlich. »…Ich kenn da einen Ort, an dem es eine richtig gute Leckerei gibt.« Aelia sah ihn daraufhin neugierig an, als ob er ihr Interesse geweckt hätte. Erneut lächelte er, doch dieses Mal geheimnisvoll und verschwörerisch. »Nun, wenn du es erfahren willst…« Er zwinkerte neckisch. »…musst du dich bis zum nächsten Mal gedulden.« Natürlich. Er hatte ja kein Geld mehr. Aber er hatte es so geschickt verkauft, dass er ihre Neugier aufgestachelt hatte, damit sie ihn wieder sehen musste. Und diese Gewissheit ließ ihn zufrieden seufzen. »Wie war dein Eintopf?«, erkundigte sich Doréan. Seiner war eher bescheiden gewesen. Er war fettig und deftig gewesen. Doch ohne echtem Geschmack. Nicht einmal ein Stück Fleisch hatte er abbekommen. Doch einem geschenkten Gaul schaute man ja bekanntlich nicht ins Maul.
Aelia hingegen schien es so gut geschmeckt zu haben, dass sie sich sogar noch einen Nachschlag holte. Doréan blieb einfach auf der Bank sitzen und sah ihr verträumt nach. Wie ihre Hüften elegant hin und her schwangen, mit jedem Schritt den sie tat. Wie ihr Haar sich sanft im Wind bewegte. Wie ihr Kleid, bei manchen Bewegungen sich spannte und mehr offenbarte, als es eigentlich sollte. Doréan stütze seinen Kopf auf seine abgestützte Hand und sah sie, mit einem wachsenden Grinsen, einfach nur an. Man konnte fast behaupten, dass er sie gedankenverloren anstarrte. Und er hatte wohl Glück, dass es niemand bemerkte. Aber das hätte ihn wohl ohnehin nicht sonderlich gestört. Sollten die Leute doch denken was sie wollten. Es scherte ihn nicht im Geringsten. Und selbst wenn just in diesem Moment dieser Ruben aufkreuzten sollte. Die Saat der Zwietracht war bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Es war buchstäblich von ganz alleine geschehen, als Aelia Rubens Worte in Zweifel gezogen hatte. Als sie sich für seine Worte entschuldigt hatte. Es war Rubens Leid. Und gleichzeitig Doréans Freude. Nicht, dass er sich am Leid Rubens ergötzen würde. Eher genoss er die Freude, dass sie ihre wenige, kostbare Zeit mit ihm verbrachte. Und nicht mit diesem Ruben.
Als Aelia mit ihrer zweiten Schale zurückkahm, sah sie ihn mit einem fragenden Blick und einer hochgezogenen Augenbraue an. »Was ist los?«, fragte sie und erwischte Doréan damit auf dem falschen Fuß. Er sah sie verdutzt an und hob dann den Kopf. Den Arm, den er bis dahin angewinkelt auf dem Tisch aufgestellt hatte, ließ er ebenfalls sinken. »Nichts?«, murmelte Doréan verwirrt. »Warum schaust du so?«, erkundigte sie sich und da lächelte Doréan verlegen. »Ich hab dich nur angeschaut.« Aelia schien ihn zu necken. Sie lächelte und sie tat einen weiten Schritt zur Seite, wodurch ihr Kleid ein wenig hin und her schwang und nicht nur ihr Kleid, was Doréans Blicke unweigerlich auf die Schnürungen ihres Mieders lenkte. »Und was siehst du?«, erkundigte sie sich, während sie sich niedersetzte. »Dass du hübsch anzuschauen bist, mein Liebchen.« Er beugte sich ein wenig draufgängerisch zu ihr vor und sah ihr dabei direkt in die Augen. Sie hielten einander ihren Blicken stand. Einen Moment. Einen Atemzug. Die unsichtbare Spannung zwischen ihnen wurde greifbar. Beinahe wie jene am gestrigen Abend. Als sie so dicht zueinander gestanden waren, dass sie den Herzschlag des anderen hatten hören können. Sie schlug die Augen nieder und ein kurzes, beinahe errötendes und verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Aelia war eine hübsche Frau. Das musste ihr selbst bestimmt bewusst sein. Eine Frau wie sie hatte sicher schon eine Menge Verehrer in ihrem Leben gehabt. Dessen war sich Doréan mehr als bewusst. Sie ließ sich kaum in die Karten schauen. Hatte sie nur Gefallen an diesem Spiel. An den spielerischen Worten? Oder war da mehr? »Weißt du…Wenn ich dich so bei Tag anschaue, muss ich sagen…Du bist auch ein ganz Hübscher.« Doréan erstarrte und sah sie unverhohlen an. Er würde lügen, wenn er nicht darauf gehofft hatte. Doch sie so unvermittelt zu hören, war etwas anderes als sie sich nur vorzustellen und sehnlich auszumalen. Und aus ihrem Mund fühlten sich diese Worte so ehrlich und rein an. Es war ein gänzlich anderes Gefühl, als wenn eine Dirne, die Doréan mehr wie einen Bruder betrachtete, diese Worte sagte. Ein völlig anderes Gefühl. Er fühlte, wie er sicherlich errötete. Und diese Erkenntnis war ihm mehr als unangenehm. Es war ihm so unangenehm, dass er es mit einem breiten Grinsen überspielte. Er legte sich eine Hand an den Kopf und grinste noch breiter, während er sich, beinahe beiläufig, das Haar aus dem Gesicht strich. Doch er erwiderte sonst nichts darauf. Keinen neunmalklugen Spruch. Kein Danke. Kein gar nichts. Sein Lächeln war vermutlich ohnehin Antwort genug.
Aelia deutete schließilch mit dem Holzlöffel auf seine Hände. »Lässt du die Dinger eigentlich auch an, wenn du mit einem Mädchen Händchen hältst…« Doréan fühlte sich unangenehm ertappt. Sein Lächeln gefror. Nicht gänzlich. Doch es kühlte merklich ab. Er trug diese Handschuhe schließlich aus einem guten Grund. »…oder wenn‘s zur Sache geht?« Da prustete Doréan förmlich los. Diese Frage hatte ihn so sehr überrumpelt, dass er breit grinste und schließlich sogar zu lachen begann. »Nun. Das würdest du jetzt gern wissen, was?« Er gluckste und in sein Lachen mischte sich ein kehliger, beinahe grunzender Unterton. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Du stellst vielleicht Fragen.« Er klatschte mit den Händen und das dumpfe Geräusch von Leder auf Leder, dämpfte den Schall dabei ein wenig ab. »Ich trage sie natürlich nicht beim Schlafen, oder beim…zur Sache gehen.« Er grinste erneut und seine Augen begannen zu leuchten, aufgrund der Tränen, die sich darin zu sammeln begannen. »Aber, ich…« Sein Lächeln verebbte und eine melancholische Ernsthaftigkeit mischte sich in seine Stimme. »Trage sie eher aus…pragmatischen Gründen.« Er hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen. »Also…wenn du diese Hände…« Er hob die behandschuhten Finger und hielt sie leicht in die Höhe. »…einmal sehen möchtest, das wird dich was kosten.« Aelia wirkte als ob ihr die Antwort nur zum Teil gefiel. Vielleicht hatte sie sich von der Heiterkeit anstecken lassen. Aber vermutlich war seine Geheimniskrämerei ihr auch ein Dorn im Auge. Doréan räusperte sich. Und er erinnerte sich an den gestrigen Abend. Da hatte sie ihn auch schon auf die Handschuhe angesprochen. Und sein Scherz mit dem Ring am Finger hatte die Schlinge um seinen Hals auch kaum gelockert. »Es is ein bisschen… Ich…« Er dämpfte die Stimme zu einem raunenden Flüstern. »Aber wenn du es wirklich wissen möchtest.« Er sah sie dabei verschwörerisch an, während er sich mit Daumen und Zeigefinger über die geschlossenen Lippen fuhr, als ob er mit einem unsichtbaren Schlüssel diese versiegeln würde. »Welches Geheimnis von dir, ist es dir wert, es mir zu offenbaren, dass ich dir meines verrate?«
Es war schon spät geworden als Aelia andeutete, dass es an der Zeit war getrennter Wege zu gehen. Doréan seufzte. »Soll ich dich nach Hause begleiten?«, bot er ihr unverfänglich an und sie besah ihn mit einem schiefen Blick, den er nicht so recht zuordnen konnte. Machte sie sich über ihn lustig? »Wieso? Ich bin doch schon groß.« Doréan nickte. »Ja, das sehe ich…« Die Worte verließen seinen Mund. Doch waren seine Blicke nicht auf ihre Augen gerichtet gewesen. Er biss sich auf die Lippen und wandte den Kopf von ihrem Hals, und dem was darunter lag, ab. Er zuckte mit den Achseln und sah ihr dann schließlich stattdessen in die Augen. »Hab noch Zeit. Für dich alle Zeit, mein Liebchen.« Aelia schien von den Worten sichtlich in Verlegenheit zu geraten. Was Doréan auch nicht entgangen war. Er lächelte. Er hatte es bisher noch nicht verbockt! Seine innerliche, verkrampfte Anspannung löste sich, wenn auch nicht sehr viel. Doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. »Also, ich mein. Ich lunger jetzt nich' nur in der Gosse rum…bin ja kein Straßenköter.« Aelia seufzte und schlug die Augen nieder, während sie ihren Kopf sachte hin und her wog. Dabei fielen einige Strähnen ihres Haares über ihre Schulter und umrahmten ihr Gesicht, und auch alles was darunter lag. Es fiel Doréan schwer, seinen Blick auf ihrem Gesicht zu wahren. »Liebchen…Wie du das immer sagst.« Da runzelte Doréan die Stirn. »Wie sage ich es denn?«, hakte er neugierig nach. »Liebchen.« Er betonte das Wort besonders langezogen. »Liebchen.« Er begann breit zu grinsen, als ob es ihm Freude bereiten würde, das Wort immer wieder zu sagen, um zu sehen wie Aelia immer mehr errötete. »Is doch nur ein Wort. Wie jedes andere auch. Oder, mein Liebchen?«
Aelia hatte schließlich nichts dagegen gehabt, dass er sie begleitete. Und so schlenderten sie schließlich über die lange Straße. Würde man die Straße bis zum Ende verfolgen, dann landete man irgendwann im alten Hafen. Es würde nach Fisch, Tran und Salz riechen. Und jeder Menge anderer, unangenehmer Gerüche. Doch ihr gemeinsamer Weg endete als sie vor der Schenke angekommen waren, in welcher Aelia unter der Fuchtel dieser Furie ihren Frondienst leistete. Sie standen einige Zeit lang unschlüssig da. Doréan wippte mit dem Fuß. Aelia hingegen drehte ihren Ballen immer wieder auf einem Pflasterstein. Doréan räusperte sich. Aelia legte die Arme in den Rücken und drehte sich leicht. Die Spannung des Schweigens war beinahe erdrückend. Die Luft zum Zerreißen gespannt. Doréan räusperte sich abermals. »Soll ich morgen wieder kommen?« Er sah sie mit einem Blick an, den man unter gewissen Umständen als einen Hundeblick bezeichnen mochte. Aelia lächelte verlegen. Ihre linke Hand strich über den rechten Unterarm. Sie zog an ihrem Mantel und umwickelte dann, mit ihrem Zeigefinger, eine Haarsträhne, die sich einfach nicht mehr anders bändigen lassen wollte. »Kommt darauf an, mein Hübscher. Bringst du wieder Löwenzahn mit?« Da grinste Doréan und nickte mit dem Kopf, so dass ihm das Haar ins Gesicht fiel. »Wenn ich einen schönen finde?«
Doréan lehnte an einer Mauer. Nicht sehr weit von der Schenke entfernt. Er sah in den abendlichen Himmel, während er selbst und auch sein Schatten gänzlich vom Schatten der Gasse verschluckt wurden. Die Sonne stand schon ziemlich tief und warf dunkle, lange Schatten. Er seufzte und es schien, für einen Moment, dass er irgendwie zufrieden wirkte. Er hatte es nicht verbockt! Der Moment der Freude, hatte sich nicht in Leid gewandelt. Der Löwenzahn. Er würde ihr morgen den schönsten bringen, den er finden konnte.
Gegen jede Vernunft ❖
13.02.2023 '18:53 [3.816 Wörter]
 ls Aelia schließlich durch die Tür trat, war Lestars Taverne noch gut besucht. Gelächter, Stimmengewirr und das Klirren von Krügen erfüllten den Schankraum. Zwischen den Tischen bewegte sich die Schankmaid Alva mit geübter Sicherheit hindurch, balancierte einen Teller auf dem Unterarm und wich einem Gast aus, der bereits deutlich mehr Bier getrunken hatte, als gut für ihn war und durch den Schankraum zur Tür stolperte. Hinter dem Ausschank standen mehrere Talglichter, die Mahdia stets abends vorbereitete. Aelia nahm sich eines davon, nickte Alva kurz zu und lief anschließend zur Treppe hinüber. Mit jedem Schritt, den sie nach oben stieg, wurden die Stimmen leiser. Das Gelächter verklang. Das Klirren der Krüge rückte in weitere Ferne, bis schließlich nur noch gedämpftes Gelächter und Stimmen durch die Dielen drang. Oben angekommen schloss sie die Tür hinter sich und stellte das Talglicht auf den kleinen Tisch neben ihrem Bett. Erst jetzt bemerkte sie, wie müde sie eigentlich war. Ihr Rücken schmerzte, ihre Schultern ebenfalls. Und die Arme. Den ganzen Tag hatte sie gearbeitet, Körbe geschleppt, Wäsche gewaschen, Wasser getragen und war anschließend noch quer durch das Viertel zum Kesselmarkt und wieder zurückgelaufen. Selbst ihre Beine fühlten sich schwer an. Mit einem leisen Seufzen begann sie, sich auszuziehen, wusch sich Gesicht, Hände und Nacken in der Waschschüssel, kämmte sich und flocht sich das Haar zu einem Zopf und schlüpfte schließlich in ihr Nachthemd. Dann legte sie sich ins Bett. Langsam sank sie tiefer in die Matratze, zog die Decke über sich und atmete zum ersten Mal an diesem Tag wirklich tief durch. Langsam ließ die Müdigkeit die Anspannung aus ihren Muskeln sickern. Eigentlich hätte sie augenblicklich einschlafen müssen. Stattdessen lag sie wach. Eine Weile lauschte sie dem dumpfen Stimmengewirr aus dem Schankraum unter ihr. Dann dachte sie an Millie und das heutige Gespräch mit ihr. Und damit war es vorbei. Sofort tauchte vor ihrem inneren Auge wieder das selbstzufriedene Grinsen ihrer Freundin auf. Millie war sich ihrer Sache derart sicher gewesen, dass es beinahe unerträglich gewesen war. Sie könne ihr erzählen, was sie wolle. Millie war fest davon überzeugt, dass Doréan ihr den Kopf verdrehte. Aelia schob sich tiefer unter die Decke. Doch das war völliger Unsinn… Wahrscheinlich… Vielleicht? Der Gedanke fiel schnell wieder in sich zusammen. Denn kaum hatte sie sich eingeredet, dass Millie Unsinn redete, dachte sie bereits wieder an den Kesselmarkt. An den Löwenzahn, der dort drüben in dem Becher in der Dunkelheit stand. An sein Lächeln. Daran, wie selbstverständlich er gekommen war. Und noch mehr daran, wie selbstverständlich er geblieben war. Als wäre es das Natürlichste der Welt gewesen, seinen Nachmittag mit ihr zu verbringen. Als wäre es das Natürlichste der Welt gewesen, sie mein Liebchen zu nennen. Als wäre es das Natürlichste der Welt gewesen, sie nach Hause zu begleiten. Ein leises Seufzen entwich ihr. Vielleicht war genau das das Problem. Nicht, dass er es tat. Sondern dass es sich so selbstverständlich anfühlte. Sie kannte ihn kaum. Zwei Tage zuvor war er noch irgendein Fremder gewesen, der in der Schlangengrube mehrere Männer unschädlich gemacht hatte, die ihnen allen ans Leder gewollt hatten. Und nun lag sie in ihrem Bett und stellte fest, dass seine Gegenwart sich bereits auf merkwürdige Weise vertraut anfühlte. Vertraut. Das war vermutlich das richtige Wort. Denn wenn sie ganz ehrlich war, dann war genau das die Art von Mann, die sie sich immer gewünscht hatte. Jemand, der da war. Nicht hin und wieder. Nicht dann, wenn es gerade passte. Sondern einfach da. Ihre Gedanken wanderten zu Ruben. Und sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Denn Ruben war kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. Er arbeitete hart. Er war freundlich. Verlässlich. Fleißig. Doch während sie daran dachte, wurde ihr etwas bewusst, das ihr nicht gefiel. Wenn sie mehrere Tage nichts von Ruben hörte, vermisste sie ihn selten. Wenn Doréan sie fragte ob er sie besuchen kommen dürfe, dann zogen sich die Stunden bis zu ihrem Feierabend ewig dahin. Aelia zog die Decke bis über die Nase. Nein. Diesen Gedanken würde sie jetzt ganz bestimmt nicht zu Ende denken. Stattdessen beschäftigte sie sich lieber mit einer anderen Katastrophe. Mein Hübscher. Sie hatte ihn tatsächlich mein Hübscher genannt. Sofort schloss sie die Augen. „Ach du liebe Güte.“ Die Worte kamen kaum hörbar über ihre Lippen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Und noch schlimmer: Was hatte er sich dabei gedacht? Wenn Doréan ihr tatsächlich Avancen machte, und mittlerweile sprach einiges dafür, dann war es womöglich keine besonders kluge Idee, ihn derart anzureden. Nicht dass er sich am Ende noch Hoffnungen machte. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ihm morgen einfach alles zu erklären. Dass sie mit Ruben zusammen war. Dass sie hoffte, eines Tages seine Frau zu werden. Dass sie sich nichts sehnlicher wünschte als ein wenig Sicherheit in ihrem Leben. Doch schon während sie darüber nachdachte, schüttelte sie den Kopf. Das war doch lächerlich. Sie kannte Doréan kaum. Sie wusste nicht einmal, was er wollte. Vielleicht wollte er gar nichts. Vielleicht hatte er in drei Tagen längst das Interesse verloren. Vielleicht würde er irgendeinem anderen Mädchen einen Löwenzahn schenken. Vielleicht hatte er sie bis dahin sogar schon vergessen. Seltsamerweise tat dieser Gedanke ein wenig weh. Aelia runzelte die Stirn und wälzte sich unruhig auf den Bauch. Dann drehte sie ihr Kissen auf die kühle Seite und beschloss, über all das morgen nachzudenken. Eine Entscheidung, die aussichtslos war. Doch momentan konnte sie nichts anderes tun als abzuwarten, was weiterpassieren würde. Mehr konnte sie nicht tun. Unwillkürlich musste Aelia an die Handschuhe denken. Sie hatte ihn damit aufgezogen. Gefragt, ob er die Dinger auch trug, wenn er mit einem Mädchen Händchen hielt, und ob sie ebenfalls an Ort und Stelle blieben, wenn es irgendwann einmal nicht mehr beim Händchenhalten blieb. Doréan hatte gelacht. Und behauptet, „Natürlich nicht.“ Danach hatte er einen Moment geschwiegen, auf seine behandschuhten Hände hinabgesehen und schließlich erklärt, dass es sie etwas kosten würde, wenn sie diese Hände einmal sehen wollte. Aelia erinnerte sich noch genau an den Blick, den sie ihm daraufhin zugeworfen hatte. Ein wenig empört. Vielleicht ein wenig beleidigt. Und auf jeden Fall ein bisschen verwirrt. Ein Blick, der ihm vermutlich recht deutlich zu verstehen gegeben hatte, ob er noch ganz bei Trost war. Vielleicht hatte Doréan ihre Blicke verstanden. Denn wenig später hatte er bereits zurückgerudert. Und plötzlich war die Sache gar nicht mehr so scherzhaft gewesen. Welches Geheimnis von dir wäre es dir wert, mir anzuvertrauen, damit ich dir meines verrate? Aelia starrte zur Decke hinauf. Sie hatte nicht recht gewusst, was sie darauf antworten sollte und versucht, sich ein wenig Zeit zu verschaffen. Und ihm dann gesagt „Wenn der Zeitpunkt der Richtige ist, werde ich dir ein Geheimnis verraten.“ Und je länger sie darüber nachdachte, desto seltsamer erschien ihr die ganze Unterhaltung. Es war schließlich nur ein Paar Handschuhe. Was konnte er unter diesen Handschuhen schon verstecken? Narben? Verbrannte Haut? Krumme Finger? Eine alte Verletzung? Denn wenn es nur eine Narbe wäre, warum das ganze Geheimnis darum machen? Warum die Handschuhe ständig tragen? Warum daraus ein Geheimnis machen, das den Tausch gegen eines ihrer eigenen wert war? Das merkwürdige waren nicht die Handschuhe, sondern Doréans Verhalten. Vielleicht verbarg er seine Hände wegen etwas anderem? Und das machte sie wirklich neugierig. Doch wenn sie bereit war, ihm ein Geheimnis zu verraten, dann sollte er ebenso den Schleier lüften. Es erforderte nur die passende Gelegenheit.
Aelia war viel zu früh aufgewacht an diesem Morgen. Das geschah ihr öfter, wenn sie wusste, dass am nächsten Tag etwas Wichtiges anstand. Dann schien ihre innere Uhr plötzlich nicht mehr zu funktionieren wie sonst und weckte sie lange bevor sie es eigentlich müsste. Da Mahdia sie am Vorabend mit etwas Geld versorgt hatte, um frischen Fisch und Muscheln zu besorgen, wollte sie möglichst früh auf dem Fischmarkt sein. Die beste Ware wurde meist als Erstes verkauft, und Aelia hatte nicht vor, mit leeren Händen zurückzukehren, weil es dann durchaus sein konnte, dass Mahdia sie als faule Schlampe bezeichnete. Und darauf hatte Aelia keine rechte Lust, da die Wirtin recht nachtragend sein konnte. Zumal Aelia sich insgeheim, fragte, wer in Wahrheit eine faule Schlampe war. Als sie die Augen geöffnet hatte, lag das Zimmer noch im Dämmerlicht der blauen Stunde. An Schlaf war dennoch nicht mehr zu denken gewesen. Sie hatte sich eine Weile von einer Seite auf die andere gewälzt, ehe sie schließlich aufgegeben hatte. Da es ihr ohnehin nicht vergönnt war, noch eine Stunde kostenbaren Schlafes zu bekommen und sie sowieso zum Fischmarkt musste, konnte sie ebenso gut etwas früher aufbrechen. Und wenn sie schon unterwegs war ... Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Millie hatte ihre Nachtschicht um diese Zeit meist gerade beendet. Vielleicht war sie noch wach. Vielleicht aber auch nicht.
Das hatte Aelia jedoch nicht davon abgehalten, an die Tür ihrer kleinen Behausung zu klopfen. Sie benutzte dabei das vereinbarte Klopfzeichen, das sie sich vor langer Zeit ausgedacht hatten. So wusste Millie bereits, wer vor der Tür stand, noch bevor sie öffnete. Millie öffnete ihrer Freundin und lächelte sie müde an. Sie ordnete ihr etwas zerzaustes Haar und die Kleidung die sie von der Nacht noch trug, gab den Weg frei und ließ sie eintreten. Millie schloss die Tür hinter ihr. Kaum hatte sie sich wieder umgedreht, musterte sie Aelia mit einer Neugier, die sie nicht einmal ansatzweise zu verbergen versuchte. Aelia bemerkte den Blick sofort und hob fragend eine Augenbraue, erhielt darauf jedoch lediglich ein unschuldiges Schulterzucken zur Antwort. Sie ließ sich auf einen der beiden Stühle nieder, während Millie sich ihr gegenübersetzte, nach einem Wurstbrot griff, das auf einem Holzbrett auf dem Tisch lag, und herzhaft hineinbiss. Noch während sie kaute, nickte sie Aelia auffordernd zu. Diese erwiderte den Blick mit einer Miene voller Geheimniskrämerei und sagte kein Wort. Millies Augen wurden schmal. Sie hielt es ganze drei Herzschläge aus, dann fragte sie mit vollen Backen: „Na was ist denn nun? Ist er gestern noch gekommen oder nicht?“ Sie versuchte gar nicht erst, so zu tun, als wüsste sie nicht, von wem die Rede war. „Ja…“ erwiderte Aelia knapp und Millie riss die Augen auf. „Und?“ „Und was?“ „Aelia!“ Nun musste Aelia tatsächlich lachen. „Wir sind spazieren gegangen.“ „Spazieren gegangen“, wiederholte Millie mit einer enttäuschten Miene „Ja“ bestätigte Aelia und zuckte leicht die Schultern. „Und weiter?“ Also erzählte Aelia. Vom Löwenzahn, vom Kesselmarkt, von den Gesprächen und von den Dingen, die eigentlich völlig belanglos gewesen waren, für Aelia jedoch nicht. Und von den Momenten dazwischen. Diese seltsamen Augenblicke, in denen keiner von ihnen etwas sagte und sie dennoch das Gefühl gehabt hatte, als würde die Luft zwischen ihnen vor Spannung knistern. Millie unterbrach sie kaum. Je länger Aelia sprach, desto breiter wurde allerdings das Grinsen ihrer Freundin. Als die Geschichte schließlich endete, lehnte Millie sich zurück und hatte ihr Wurstbrot aufgegessen. Sie lächelte und schüttelte dabei langsam den Kopf. „Dich hats wirklich schlimm erwischt.“ Aelia schwieg und sah Millie einfach nur an. Dann öffnete Aelia den Mund. Schloss ihn wieder. Millie hob nur eine Braue. „Jetzt bist du sprachlos, was?“ sagte sie. Für einen Augenblick schwiegen beide. Dann seufzte Aelia. „Wenn das so weitergeht, endet das in einer Katastrophe.“ Überraschenderweise widersprach Millie sofort. „Nein“ Sie beugte sich vor. „Eine Katastrophe wäre, wenn du gleichzeitig mit beiden zusammen wärst, drei Monate lang beide belügst und am Ende alles auffliegt.“ Aelia verzog das Gesicht. „Danke für deinen weisen Rat“ erwiderte sie sarkastisch. Millie lächelte. „Gern geschehen.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Du ahnst doch längst, worauf das hinausläuft, oder nicht?“ Aelia antwortete nicht. „Es geht nicht darum, ob Doréan etwas von dir will, denn das steht außer Frage.“ „Millie ...“ hob Aelia, doch Millie hob in einer schnellen Bewegung die Hand und brachte sie damit zum Schweigen. „Und es geht auch nicht darum, ob du ihn interessant findest, denn auch das steht außer Frage.“ „Millie!“ brauste Aelia jetzt auf. „Was denn?“ Millie hob unschuldig die Hände. „Ich sage nur, dass du irgendwann eine Entscheidung treffen musst.“ Aelia senkte den Blick. „Meine Entscheidung steht längst fest.“ „Ach ja?“ „Ruben ist meine Chance auf ein besseres Leben.“ Millie betrachtete sie lange. Viel länger, als Aelia lieb war. Schließlich nickte sie langsam. „Gut“ sagte sie. „Gut?“ hakte Aelia beinahe ungläubig nach und Millie nickte wieder. „Ja! Gut!“ „Das war's? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“ Millie zuckte mit den Schultern. „Was willst du denn jetzt von mir hören?“ „Was ich tun soll!“ Millie fasst zwischen Daumen und Zeigefingers einige Brotkrumen von dem Brett auf und steckte sie sich in den Mund. Dann führte sie aus, „Was du mir so erzählt hast, ist Ruben freundlich. Er arbeitet. Er behandelt dich gut. Er scheint dich wirklich sehr zu mögen. Das sind alles vernünftige Gründe.“ Aelia atmete erleichtert aus und lächelte leise dabei. Doch dann lächelte Millie schief. „Das Problem ist nur, dass ich dich kenne. Und solche vernünftigen Gründe haben noch nie jemanden davon abgehalten, sich hoffnungslos zu verrennen.“
Aelia stellte jetzt ihre Beine auf die Sitzfläche des Stuhls, zog die Knie näher an sich heran und legte ihr Kinn darauf. Für einen Moment lauschten beide den Geräuschen, die von draußen hereindrangen. Auf dem Fischmarkt, der ganz in der Nähe war, begann der Tag. Irgendwo wurden Kisten kreischend über den Boden geschoben. Dunkle und hellere Männerstimmen riefen einander etwas zu. Über allem kreischten die Möwen, die schon bereit waren, auf Beutefang zu lauern, als die Fischer ihre Netze eingeholt hatten. Das Leben erwachte da draußen allmählich zum Leben. Nur in Aelias Kopf schien alles plötzlich in einer kaum zu ertragenden Lethargie zu verweilen. Sie starrte eine Weile ins Nichts, ehe sie den Blick wieder hob und der Dirne ins Gesicht sah. „Du hast recht, Millie.“ Ihre Freundin zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Was? Das höre ich nicht oft von dir.“ Doch Aelia lächelte nicht. Und etwas in ihrem Gesicht ließ auch Millies Belustigung verblassen. „Ich habe mich hoffnungslos verrannt.“ Die Worte klangen leiser, als sie beabsichtigt hatte, und fast kläglich. Millie betrachtete sie aufmerksam. „So schlimm?“ Aelia ließ ihren Kopf gegen ihr Knie sinken. „Er hat gefragt, ob er heute wiederkommen soll“ murmelte sie schwer verständlich in die Kuhle ihrer angewinkelten Beine. „Und?“ „Und ich habe ja gesagt.“ Millie nickte langsam, als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt. „Das überrascht mich jetzt nicht besonders, um ehrlich zu sein?“ „Warte“ murmelte Aelia und schloss kurz die Augen. Eigentlich hatte sie sich geschworen, Millie nichts davon zu erzählen, doch nun war es ohnehin zu spät. „Ich habe nicht einfach ja gesagt.“ Sofort erschien dieses gefährliche Funkeln in Millies Augen. „Und was hast du gesagt?“ Aelia zog die Knie noch etwas näher an sich heran, als könnte sie sich dahinter verstecken. „Ich habe gesagt: Wenn du mir wieder einen Löwenzahn mitbringst, mein Hübscher.“ Für einen Herzschlag herrschte völlige Stille. Dann lachte Millie. Aelia schlug die Hand vor das Gesicht. „Bitte sag nichts.“ „Mein Hübscher?“ „Millie.“ „Mein Hübscher!“ Jetzt nahm Millies Stimme einen leicht spöttischen Unterton an. „Hör auf.“ Millie begann so sehr zu lachen, dass ihr Tränen in die Augen traten. „Es tut mir leid, ich kann nicht anders!“ stieß sie zwischen dem Lachen hervor. Aelia spürte, wie ihr Gesicht rot wurde. „Ich weiß nicht einmal, warum ich das gesagt habe.“ „Doch. Das weißt du ganz genau.“ Millie wischte sich über die Augen und schüttelte den Kopf. Aelia antwortete nicht, weil sie wusste, das Millie recht hatte und dass es nichts brachte, etwas aus Trotz heraus zu behaupten, was einfach nicht der Wahrheit entsprach. Im Zimmer wurde es nun wieder still. Nur das ferne Stimmengewirr des Marktes drang durch das verhangene Fenster herein. „Was soll ich tun?“ Diesmal klang Aelias Stimme ernst und sie senkte den Blick. „Ich kenne Doréan gerade mal zwei Tage, aber wenn das so weitergeht wie bisher, endet das nicht gut.“ „Nein“, sagte Millie ruhig. „Wahrscheinlich nicht.“ Aelia blinzelte überrascht. Mit Widerspruch hatte sie gerechnet. Mit Trost. Vielleicht sogar mit einem Scherz. Aber nicht mit derart unverhohlenem Ernst. Millie beugte sich ein wenig vor. „Du sprichst von einer Katastrophe, als würde die Welt untergehen.“ „Vielleicht tut sie das ja.“ „Blödsinn!“ Ein sanftes Lächeln huschte über Millies Gesicht. „Das Schlimmste, was passieren wird, ist, dass du irgendwann eine Entscheidung treffen musst.“ Aelia ließ die Stirn gegen ihre Knie sinken. Genau das war es ja. Genau davor hatte sie Angst. „Ruben ist meine Chance auf ein besseres Leben.“ Diese Worte kamen beinahe schon automatisch. Wie etwas, das sie sich bereits hundertmal selbst gesagt hatte. Millie schwieg einen Moment, dann sagte sie „Kann sein, aber das ist nicht die Frage, die du dir stellen solltest.“ „Und welche Frage sollte ich mir dann stellen?“ Millie lächelte. „Du versuchst jetzt schon herauszufinden, wie diese Geschichte enden wird. Und du malst es dir in den schlimmsten Farben aus. Dabei aber hat sie gerade erst angefangen.“ Der erste goldene Schimmer von Sonnenlicht des Morgens schob sich über die Dächer und fiel durch das kleine verhangene Fenster in das Zimmer. „Lass ihn wiederkommen. Wenn er dich fragt ob er dich wieder besuchen soll, dann sag doch ja.“ Aelia sah sie schweigend an. „Rede mit ihm. Verbringe Zeit mit ihm. Finde heraus, wer er wirklich ist.“ „Und dann?“ „Dann wird irgendwann der Tag kommen, an dem du genau weißt, was du tun musst.“ Aelia wollte widersprechen. Wollte sagen, dass Menschen solche Dinge nie sicher wussten. Dass sie sich irren konnten. Dass Herzen törichte Entscheidungen trafen. Doch stattdessen schwieg sie. Denn tief in ihrem Inneren ahnte sie bereits, dass Millie recht hatte. Sehr wahrscheinlich ließ sich diese Sache tatsächlich nicht mit Vernunft oder Verstand lösen. Vielleicht musste sie ihr einfach ihren Lauf lassen, so wie Millie es ihr gesagt hatte. Aber genau dieser Gedanke machte ihr mehr Angst als alles andere. Millie gähnte herzhaft und Aelia ließ die Beine vom Stuhl gleiten und richtete sich auf. „Geh schlafen Millie, entschuldige, dass ich deine Zeit solange in Anspruch genommen habe…“ Millie winkte mit einer Hand ab, während sie sich die andere Hand vor den Mund hielt. „Schon gut!“ „Danke, du hast mir sehr geholfen…“ „Ach ja? Und was wirst du jetzt tun, Aelia?“ Jetzt grinste Aelia „Das weiß ich ehrlich gesagt selbst noch nicht so genau. Aber ich verspreche dir, du wirst die erste sein, die davon erfährt.“
Die Zeit floss zäh dahin. Nachdem sie vom Fischmarkt zurückgekehrt war, gab es mehr als genug zu tun. Die Taverne führte sich schließlich nicht von allein, und Mahdia hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, stets neue Arbeiten zu finden, sobald die alten erledigt waren. Aelia putzte den Schankraum, wischte die Tische ab und rückte die Stühle zurecht. Sie hängte die Wäsche ab, die inzwischen trocken auf den Wäscheleinen im Innenhof flatterte und fegte anschließend das Katzenkopfpflaster im Hof. Ihre Hände verrichteten all diese Arbeiten beinahe von selbst. Sie wusste längst nicht mehr, wie oft sie dieselben Handgriffe ausgeführt hatte. Nur ihre Gedanken wollten heute partout nicht bei der Sache bleiben. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie mitten in einer Bewegung innehielt. Einmal stand sie mit einem Korb voller Wäsche im Arm reglos da und starrte auf die Mauer gegenüber, weil sie plötzlich daran denken musste, wie Doréan sie angesehen hatte. Als sie den Innenhof kehrte, blieb ihr Blick an der Mauer hängen, über die Doréan vermutlich mühelos hätte klettern können. Der Gedanke führte zum nächsten und dieser wiederum zu einem weiteren. Erst als sie bemerkte, dass der Besen seit geraumer Zeit reglos in ihren Händen ruhte, kehrte sie widerwillig in die Gegenwart zurück.
Und jedes Mal verzog Aelia den Mund, nur um wenige Augenblicke später erneut abzuschweifen. Was tat er gerade? Schlief er noch? War er irgendwo in den Straßen unterwegs? Dachte er auch so häufig an sie, wie sie an ihn? Diese letzte Frage wog am schwersten. Denn die Antwort war ihr unglaublich wichtig. Als die ersten Gäste eintrafen, hoffte Aelia noch, die Arbeit würde sie ablenken. Stattdessen schien die Zeit nun erst recht beschlossen zu haben, sie zu quälen. Die Stunden krochen dahin. Jeder Blick zur Tür ließ ihr Herz für einen Moment schneller schlagen, ehe sie sich über ihre eigene Dummheit ärgerte. Wieso sollte er in die Taverne kommen? Trotzdem lauschte sie auf jedes Geräusch und starrte jedes Mal zur Tür, wenn diese sich öffnete. Als schließlich die Sonne tiefer sank, die Schankmaid Alva die Taverne betrat um ihren Dienst anzutreten und Mahdia sie endlich entließ, war Aelia so erleichtert, als hätte man sie aus einem Kerker befreit. Sie nahm sich einen kleinen Eimer mit heißem Wasser mit und verschwand nach oben in ihr Zimmer. Dort angekommen band sie als erstes die Arbeitsschürze ab und legte sie über die Lehne ihres Stuhls. Anschließend schlüpfte sie aus ihrer Kleidung und begann, sich gründlich mit Seife und dem heißen Wasser zu waschen. Gründlicher als gewöhnlich, wenn sie ehrlich war. Mit Verlegenheit stellte sie fest, dass sie gewissen Körperstellen heute deutlich mehr Aufmerksamkeit widmete als sonst. Allein diese Tatsache genügte, um ihr die Röte ins Gesicht zu treiben. „Du bist blöd, Aelia“, murmelte sie vor sich hin. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, fortzufahren. Als sie fertig war, trocknete sie sich sorgfältig ab, kämmte ihr Haar länger als nötig und betrachtete ihr Spiegelbild in einer kleinen Spiegelscherbe, die sie einmal für ein paar Scherben auf dem Dämmermarkt gekauft hatte schließlich mit jenem prüfenden Blick, die wohl jede Frau aufsetzte, wenn ein Mann angekündigt hatte, sie besuchen zu wollen. Nicht, dass sie sich für ihn zurechtmachte. Natürlich nicht. Zumindest versuchte sie sich das einzureden, aber sie glaubte es ja selbst nicht. Die Kunst bestand darin, es so aussehen zu lassen, als hätte man sich nicht zurechtgemacht.
Als sie das Zimmer schließlich verließ, berührte die untergehende Sonne bereits die Dächer der höchsten Häuser. Zunächst setzte sie sich auf die kleine Bank neben der Tür der Taverne und legte die Hände in den Schoss. Eigentlich verdiente das Ding die Bezeichnung Bank kaum. Es handelte sich lediglich um einen halbierten Baumstamm, der auf vier grob behauenen Holzklötzen ruhte. Ein paar Minuten hielt sie es dort aus, dann stand sie wieder auf. Wie sah das denn aus, wenn sie hier saß und auf ihn wartete? Also wechselte sie zum Torbogen, der in den Innenhof führte. Dort blieb sie schließlich stehen, lehnte sich mit der Schulter gegen die Mauer und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Der Schatten des Torbogens verbarg sie vor den Blicken der Vorbeigehenden, während sie gleichzeitig die Straße im Auge behalten konnte. Sie versuchte, gelassen zu wirken. Versuchte, sich einzureden, dass sie keineswegs auf ihn wartete. Dass es ihr vollkommen gleichgültig war, wann Doréan auftauchte. Doch mit jedem Menschen, der die Straße entlangkam, schlug es schneller. Mit jedem Schritt, der sich näherte, hob sie unwillkürlich den Kopf. Und als ihr schließlich bewusst wurde, dass sie tatsächlich im Schatten eines Torbogens stand, mit wild klopfendem Herz, und auf einen Mann wartete, den sie erst drei Tagen kannte, musste sie über sich selbst den Kopf schütteln. Das änderte allerdings nichts daran, dass sie blieb, wo sie war und wartete, dass Doréan endlich kam.
Sieben Scherben ❖
14.02.2023 '03:14 [4.444 Wörter]
 ie Abendglocken läuteten. Der melodische Klang war in jedem Winkel des grauen Viertels zu hören. Die große, uralte Glocke mit dem tiefen, dröhnenden Klang stach, wie jeden Abend, deutlich hervor. Der tiefe, beinahe donnernde Schall dröhnte und schien eine gefühlte Ewigkeit anzuhalten. Während der lange Atem der großen Glocke erklang, mischte sich das Geläut vieler, bedeutend kleinerer Glocken mit ein. Doréan erschrak. »Scheiße. Schon so spät?« Er begann zu laufen. Immer schneller und schneller. Als er schließlich die Ascherinne erreicht hatte, und der Klang der letzten Glocke bereits verebbte, war er völlig außer Atem. Aber er hatte sein Ziel erreicht und klopfte an die Tür. Drei Mal. Wie er immer an diese Tür klopfte. Die Zeit verstrich, doch die Tür blieb noch verschlossen. Es gewährte Doréan die nötige Zeit, seinen hektischen Atem zu beruhigen. Er hielt den Atem an und zwang sich zur Ruhe, als sich schließlich die Tür öffnete. »Du bist spät.«, erklang die murrende Stimme einer Frau. Doréan lächelte entschuldigend. »Besser spät, als nie.« Die Frau rümpfte mürrisch die Nase. »Sie wartet schon. Du weißt, dass sie schon seit einer Stunde fertig ist und auf dich wartet?« Doréan nickte und schwieg. Was sollte er dazu auch groß sagen. »Wenn man sie sieht, dann kann sie nicht mehr gehen. Du darfst nicht zu spät kommen. Dass weißt du!« Sie hob mahnend den Zeigefinger und wedelte damit unwirsch vor Doréans Gesicht herum. Der Gossenfloh seufzte genervt und entschuldigend zugleich. »Ja. Ich weiß.« Doch er blieb ihr eine Entschuldigung und auch eine Erklärung schuldig. Warum er zu spät war, brauchte sie nicht zu wissen. Ganz besonders sie nicht. Die Frau ließ ihn schließlich ins Haus eintreten. »Yara!«, bellte ihre Stimme durch den Raum. »Doréan ist hier!«
Aus dem Schatten schälte sich eine junge Frau. Sie hatte aschblondes Haar, welches ihr bis zu den Hüften reichte. Und sie trug ein graues Kleid mit dezenten Stickereien. Es war ihr zu groß, und man konnte sehen, dass sie nicht die erste war, die dieses Kleid getragen hatte. Sie musste offensichtlich noch hineinwachsen, denn sie war jung und zierlich. Jünger als Doréan. Sogar jünger als Aelia. Doréan schenkte ihr ein freundliches Lächeln, welches sie scheu erwiderte. »Sputet euch. Die Nacht bricht bald herein, und dann müsst ihr von der Straße sein. Verstanden?« Yara nickte stumm und Doréan tat es ihr gleich. Yara trat nun gänzlich aus dem Schatten und legte sich dabei ein Tuch über den Kopf, welches ihr sowohl als Mantel, als auch als Kapuze diente. Die Frau, welche ihm zuvor die Tür geöffnet hatte, drückte dem Gossenfloh etwas in die Hand. Es war kalt und metallisch. Er wusste was es war, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und dennoch öffnete er schließlich seine Hand und betrachtete die Münzen. Es waren drei. Er hob den Kopf und sah die Frau fragend an. »Drei?« Sie nickte. »Wir brauchen Kohle. Und Asche. Und etwas Zinnober.« Wortlos ließ er die Münze in seine Tasche wandern und winkte die junge Frau zu sich. »Na komm.« Er lächelte freundlich, doch in dem Zwielicht der Dämmerung war es kaum zu sehen.
»Ich dachte, du hast mich vergessen.« Da blies Doréan die Wangen auf. »Wie könnte ich dich vergessen?« Sie zuckte mit den Schultern. »Du bist nicht gekommen.« Er sagte nichts dazu. Seine Gedanken schweiften immer wieder an andere Orte. Dies blieb von der jungen Frau nicht unbemerkt. »Du bist heute seltsam.«, stellte sie trocken, und mit einer leichten Verstimmung in der Stimme, fest und Doréan lächelte matt. »Ich hatte 'nen langen Tag.« Er wollte nicht darüber sprechen. Schon gar nicht mit einer Dirne, die seine kleine Schwester hätte sein können. Sie zog die Stirn kraus und warf ihm einen vielsagenden Blick zu und legte ihm ihre Hand auf den Unterarm. Wortlos hakte sich schließlich bei ihm ein. Eine Geste, die sie des Öfteren tat. Doch heute wirkte es auf Doréan befremdlich. Unweigerlich musste er an Aelia denken. Zaghaft legte er seine Hand auf die ihre. Doch er sagte kein Wort.
Sie gingen an einigen, hohlen Gassen vorbei, bis sie schließlich die dreigeteilte Kreuzung erreicht hatten. Die blaue Stunde hatte inzwischen eingesetzt und das spärliche Licht des Tages wurde immer dunkler. Die Gassen wurden in ein dämmriges, beinahe violettes Zwielicht getaucht, während der Schatten der großen Ostmauer alles mit Dunkelheit überschattete. Hier, nahe der Mauer wurde es noch viel schneller dunkel, als am Hafen oder im Rest der Stadt. Der tiefe Schatten der Mauer war wie ein dunkler Vorhang, der die Ascherinne schon in Dunkelheit hüllte, lange bevor die blaue Stunde angebrochen war. Und nun, da die Zeit des Sonnenuntergangs gekommen war, herrschte eine bedrückende und unheimliche Schwärze. Yara drückte sich noch etwas fester an Doréan. Sie wirkte nervös. »Warum bist du heute so still?« murmelte sie nachdenklich und hob den Kopf. Doréan seufzte. »Ich musste heut' für Raban arbeiten.« Daraufhin sah sie ihn mit einem unergründlichen Blick an und nickte daraufhin. »Ich verstehe.«
Den Rest des Weges verbrachten sie schweigend. Bis sie endlich die rote Tür erreicht hatten. Oder zumindest war es einmal eine rote Tür gewesen. Die Farbe blätterte hier und da vom Holz ab und war größtenteils schon verblichen. Es erinnerte mehr an ein schmutziges Braun als an Rot.
Als Yara schließlich in der Tür verschwunden war atmete Doréan erleichtert aus. Er hatte die bedrückende Stille kaum ausgehalten. Aber wenn sie von Aelia erfahren hätte, dann würde es morgen die ganze Ascherinne wissen. Er ließ die Schultern hängen und schob die Hände in die Taschen. Seine Finger fanden unweigerlich die drei Münzen und er zog sie hervor, um sie zu betrachten. Drei Löcher. So viel Geld hatte er schon eine ganze Weile nicht mehr gehabt. Doch es war nicht sein Geld. Nicht alles davon. Er warf einen nachdenklichen Blick zum abendlichen Himmel. Vom Licht der Sonne war nichts mehr geblieben. Alles lag in einem düsteren Zwielicht. Doch was er heute konnte besorgen…Er wollte es nicht auf die lange Bank schieben. Und so machte er sich auf, den Dämmermarkt aufzusuchen.
Natürlich war ihm das Glück nicht hold. Er hatte Zinnober erstanden. Doch niemand hatte Asche oder Kohle gehabt. »Geh zu den verdammten Köhlern. Die haben genug von beidem.« Doréan verzog genervt den Mund. Die verdammten Köhler. Um die Zeit war nicht daran zu denken. Er musste es also auf den morgigen Tag verschieben. Aber wenn er nur daran dachte, in den Südhaken gehen zu müssen, nur um etwas Kohle oder Asche zu ergattern. Mit dem kleinen Beutel voller Zinnober in der einen Hand warf er einen Blick auf die verbliebenen Münzen in seiner anderen Hand. Das verdammte Zeug war unglaublich teuer. Wenn er noch die Kohle und die Asche gekauft hatte, würde kaum noch was für ihn übrig bleiben. Sein üblicher Lohn Yara nach Hause zu bringen waren nur ein paar Scherben. Doch er brauchte mehr. Er wollte mindestens ein ganzes Loch zusammenkratzen. Sein Blick verdunkelte sich. An dem Kauf der Kohle würde er nicht vorbeikommen. Doch die Asche…die konnte er fast umsonst haben.
Und so saß Doréan an einem kleinen Feuer Mitten in der Nacht als das Licht der am Himmel thronenden Monde den Hof hinter Bertrams Stall in bleiches Licht tauchte. Immer wieder stocherte er in der Glut herum, um das verbrannte Holz zu zerkleinern, während er seinen Gedanken nachhing, die ebenso verworren und lebendig waren, wie das tanzende Feuer. Wie die Flammen, erstarben auch seine Gedanken mehr und mehr. Und als nichts weiter als eine schwache Glut übrig geblieben war, häufte er die Asche zusammen und gab sie in einen abgewetzten Beutel. »Asche und Zinnober.«, murmelte Doréan zufrieden. Blieb nur noch die Kohle. Doch darum würde er sich am nächsten Tag kümmern. Seine Beine waren schwer. Seine Augenlider fühlten sich wie Blei an. Und die Stimmen in seinem Kopf flüsterten. Unaufhörlich aber so dumpf und leise, dass er sie kaum noch verstand.
Am nächsten Morgen erwachte Doréan früh. Die Sonne war noch kaum aufgegangen, da hatte er sich aus seiner Lagerstatt gekämpft. Irgendwo hatte ein Hahn gekräht, der Doréan aus dem Schlaf gerissen hatte. Kein Gezeter der Dirnen. Kein Geschrei der Menschen. Nur ein dämlicher Vogel. Doréan rieb sich den Schlaf aus den Augen und streckte seinen Rücken, der sich wie gerädert anfühlte. Er trottete zum Hafen, denn er brauchte Geld. Und je früher man am Hafen war, desto eher fand man noch eine Arbeit. Dutzende Tagelöhner standen an den Kais, oder vor den Schenken und warteten. Doréan erkannte, dass er viel zu spät dran war. Die meisten Männer waren schon hier gestanden, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war. Doch er wollte noch nicht so schnell aufgeben. Es musste noch irgendwo eine Arbeit für ihn geben. Er biss grimmig die Zähne zusammen. Allerdings wusste er, dass er nur leer ausgehen würde, wenn er sich zu den anderen herumlungernden Männern dazustellen würde. Und wollte er das Glück beim Schopf packen. Er wanderte über den halben Hafen. Er frage bei Schiffen an, ob sie einen Mann benötigten, der beim Verladen half. Er fragte am Fischmarkt an. Und er fragte sogar bei den Fischern. Niemand wollte seine Hilfe. Niemand hatte eine Arbeit für ihn. Zumindest keine, für die sie bezahlen wollten.
Als die Sonne schließlich über den Rand der Mauer gekrochen war, und selbst die hintersten Winkel des grauen Viertels in ihren hellen Schein tauchte, warf Doréan schließlich das Handtuch. Er war zu spät gekommen. Es gab keine Arbeit mehr für ihn. Müde und mürrisch zog er die paar Scherben, die er sein eigen nannte, aus der Tasche und warf einen nachdenklichen Blick darauf. Es half nichts. Er musste ohnehin zu den Köhlern gehen, um einen Sack Kohle zu erstehen. Und vielleicht hatten sie ja etwas Arbeit für ihn? Doréan seufzte niedergeschlagen. Die Köhler zahlten einen miesen Hungerlohn. Er würde den halben Tag schwere, staubige Kohlesäcke schleppen müssen. Er konnte seine Gedanken selbst kaum glauben, als er sich wünschte, dass Raban um die Ecke kommen würde, um ihm einen Botengang aufzutragen. Dieser wurde gut bezahlt. Doréan würde Rabans schlechte Laune erdulden. Nur für ein paar Scherben mehr. Er schüttelte den Kopf. Das Schicksal würde ihm nicht helfen. Er musste es selbst in die Hand nehmen. Doch zu Raban gehen, nur um eine Arbeit zu betteln. Das kam nicht in Frage. Er würde die Gelegenheit ergreifen, wenn sie sich anböte. Doch niemals das Schicksal herausfordern.
Schließlich hatte Doréan doch etwas Glück. Ein Knecht der Köhler lag im Fieber darnieder. Und dies eröffnete Doréan die Möglichkeit einige Kohlesäcke zu schleppen. Die meisten wurden aus den Stuben und Kohlekellern an den Hafen gebracht. Die Kesselmärkte, die Schankstuben. Ja selbst einige Schiffe. Jeder brauchte Kohle. Doréan kämpfte sich ab. Sack für Sack. Und als sein Rücken höllisch schmerzte, seine Finger sich taub anfühlten, und er schwarz wie ein Rabe war, hatte er endlich den letzten Sack aus dem Keller getragen. Die Sonne hatte ihren Zenit schon seit geraumer Zeit überschritten. Der Tag neigte sich langsam dem Ende. Doréan sah auf seine Hände herab. Seine Handschuhe waren schwarz. Seine Arme waren schwarz. Ja selbst sein Gesicht war schwarz vom Ruß und dem Staub der Kohle. Er sah aus wie ein Rauchfangkehrer, der in einen Kamin gefallen war. Doch er hatte sieben Scherben verdient. Er schulterte den letzten Sack und verließ damit den Hafen. Bis er endlich beim Aschemädchen angekommen war. Er ließ den Sack auf den Boden rutschen und begann den Staub und den dunklen Ruß von seiner Kleidung zu klopfen. Doch es war sinnlos.
Er ließ den Sack vor der Tür stehen und betrat die nächste, enge Gasse um zu dem Brunnen im Hinterhof zu gehen. Er zog sich die Handschuhe von den Fingern und begann sein Gesicht, seine Haare und seine Hände zu waschen. Nach einiger Zeit hatte er sich größtenteils vom Ruß befreit. Er hob den Kopf über den Rand des Eimers und betrachtete sein Spiegelbild in dem unsteten Wasser. Er war wieder ein Mensch. Kein wandelnder Rußschrat. Er nickte zufrieden und zog seine Handschuhe aus dem Gürtel. Doch da bemerkte er, dass seine Fingernägel schwarz von Ruß geworden waren. All den Dreck, den er aus dem Gesicht und den Haaren gewaschen hatte, befand sich nun scheinbar unter seinen Nägeln. Und jeder Versuch diese davon zu befreien machte es nur schlimmer. Er verzog mürrisch den Mund und zog dann schließlich wieder die Handschuhe an. »Sieht eh keiner.« murmelte er und trottete schließlich wieder zurück zum Eingang des Aschemädchens.
Sieben Scherben hatte er verdient. Zusammen mit den fünf Scherben, die von den Einkäufen übrig geblieben waren, hatte er damit ein Dutzend Scherben. Das war nicht die Welt. Aber besser als nichts. Doch er wusste. Dass es dennoch nicht genug war. Er musste irgendwie noch etwas mehr Geld beschaffen. Doch woher nehmen, und nicht stehlen? Er seufzte.
Als er dreimal an die Tür geklopft hatte, und sich nach einer schier endlosen Zeit diese endlich geöffnet hatte, sah er in ein Paar wohlbekannter Augen. »Ronïa.«, stellte Doréan erstaunt fest und ein warmes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er hatte sie nicht erwartet. Sie erwiderte das Lächeln, nur nicht gar so warm wie das seine. »Réan.«, antwortete sie mit ruhiger Stimme und ihre Blicke begannen den Gossenfloh vom Scheitel bis zur Sohle zu mustern. »Du bist…dreckig. Dreckiger als sonst.«, stellte sie nüchtern fest. Doréan biss sich auf die Unterlippe. Er hatte nicht alles entfernen können. Hier und da hafteten ihm noch Ruß und Asche an. »Die verdammte Kohle.« murrte er und schob den Sack über die Türschwelle. Ronïas Blicke hafteten sich auf den Sack und dann wieder zurück zu Doréan. »Ein Sack? Hast du dich im Kohlekeller gewälzt, bevor du ihn mitgenommen hast?« Sie schnalzte mit der Zunge und verschränkte die Arme vor der Brust. »So dreckig wird man von nur einem Sack nicht.« Doréan seufzte. Es gab viele Menschen, denen er etwas vormachen konnte. Doch nicht Ronïa. Sie war zwei Jahre älter als er, doch sie kannten sich schon seit sie Kinder waren. Wenn man so wollte, waren sie beinahe wie Geschwister. Wie Bruder und Schwester, nur ohne demselben Blut in den Adern. Im grauen Viertel fand man nur schwer echte Freunde. Die meisten waren eigennützig, falsch oder lebten nicht sehr lange.  Doréan hatte in seiner Kindheit einige Freunde gehabt. Doch die meisten hatten sich als falsche Freunde entpuppt. Oder sie waren gestorben. An der Ruhr. An einer Lungenentzündung. Oder durch ein Messer in der Brust. Übrig geblieben waren nur eine Handvoll. Einige Halunken aus Rabans Truppe. Die Dirnen der Ascherinne. Und Ronïa. Sie war, wenn man es so nennen wollte, sein einziger, wahrer Freund.
Er warf ihr einen flüchtigen, ausweichenden Blick zu. Sein Blick blieb auf ihrem Gesicht haften. Sie trug die Hälfte ihres Gesichtes unter ihrem Haar verborgen. Doréan wusste, warum. Er wusste von der langen Narbe, die ihr über das halbe Gesicht verlief. Und er wusste auch wie es dazu gekommen war. Für einen Moment roch er wieder feuchte Erde. Und das Kratzen der Schaufel, die immer wieder in die Erde stach. Er seufzte und legte ein müdes Lächeln auf. »Frag nicht so dumm. Hier ist die verdammte Kohle die Marla wollte. Und…« Er kramte in seiner Tasche und förderte den Beutel mit den anderen beiden Ingredienzien hervor. »… die Asche und das rote Zinnober.« Ronïa nahm die beiden Beutel entgegen und trat schließlich einen Schritt beiseite. »Bring die Kohle in die Küche.« Doréan sah sie daraufhin mürrisch an. »Kannst du das nich' selber machen?«, maulte er und sie schnalzte mit der Zunge. »Dass ich am Ende ausseh' wie du?« Sie schüttelte den Kopf und grinste dabei. »Auf keinen Fall!« Dann schnalzte sie mit der Zunge und zwinkerte, während sie mit ihrem Kopf in Richtung der Küche nickte. »Na los. Jetzt hast du den verdammten Sack durch den halben Hafen getragen. Auf die paar Schritte kommt es auch nicht mehr an.« Doréan murrte aber schließlich schulterte er den Sack und brachte ihn ins Haus.
Ronïa schloss die Tür hinter Doréan und folgte ihm, wie ein Schatten, der sich ihm angehaftet hatte. Als er den Sack neben dem Ofen abgestellt hatte, klopfte sich Doréan die Hände ab. Ronïa lehnte mit verschränkten Armen am Türstock und musterte ihn mit Blicken, die Doréan alles andere als angenehm waren. »Was glotzt'n so?«, maulte er und ein schiefes Lächeln umspielte ihren Mundwinkel. Ihre Augen funkelten und sie schüttelte den Kopf. »Nichts.« Dies wurmte Doréan noch mehr. Er warf ihr einen säuerlichen Blick zu, während er weiterhin versuchte, sich von dem lästigen Ruß zu befreien. »Wie viele Säcke hast du heute geschleppt? Und sag die Wahrheit. Du weißt, dass ich die Einzige bin, die es immer merkt, wenn du lügst.« Ein wissendes und zugleich stolzes Lächeln vereinnahmte ihr Gesicht. Doréan seufzte niedergeschlagen. »Zwei Dutzend.« Da schnalzte Ronïa mit der Zunge. »Der große Doréan…« Sie betonte seinen Namen besonders langezogen und mit einem unüberhörbaren Spott darin. »Zwei dutzend Säcke Kohle. Wie lange hast du dafür geschuftet. Und was hast du dafür bekommen? Acht Scherben?« Ronïa hätte, wenn sie dazu imstande gewesen wäre, gekichert oder sogar gelacht. Doch sie war keine Frau die lachte, oder kicherte. Das höchste der Gefühle war ein spitzes Schmunzeln. Wenn andere schallend lachten, war es dieses Schmunzeln, welches dem Lachen am nächsten kam. Und genau dieses trug sie in ihrem Gesicht. Doréan wusste, dass sie sich über ihn lustig machte. Niemand sonst kannte sie so gut wie er. »Sieben.« Antwortete er mit einem hörbaren Brummen in der Stimme. Da stieß sie sich von dem Türrahmen ab und trat einige Schritte näher, bis sie direkt vor ihm stand. Sie starrte ihn einen Moment lang an und ihre Blicke schienen sich förmlich in seine Seele zu bohren. Er versuchte trotzig ihren Blicken standzuhalten. Ihre Blicke wurden Doréan langsam unangenehm. Doch er sagte nichts und hielt ihnen eisern und stoisch stand. »Irgendwas stimmt nicht mit dir.« stellte sie mit gedämpfter Stimme fest. Doréan runzelte die Stirn. »Was faselst du da? Bei mir is alles in Butter.« Da lächelte Ronïa. »Das ist es ja. Deine Augen. Sie leuchten förmlich. Und dass, obwohl du dreckstarr wie ne Krähe bist und zwei Dutzend Kohlesäcke geschleppt hast.« Sie verschränkte wissend die Arme vor der Brust. »Mir machst du nichts vor, Réan.« Doréan schüttelte den Kopf. »Ich hab keinen blassen Dunst, was du meinst.« Sie schmunzelte und tippte Doréan mit dem Zeigefinger auf die Brust. »Du hast dich längst verraten.« Doréan lief ein unangenehmer Schauer über den Rücken. »Du hast dir die Haare gewaschen. Du hast den ganzen Tag geschuftet, für ein paar Scherben.« Doréan seufzte. »Und?« Sie zuckte mit den Schultern und hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen. »Nenn es weibliche Intuition.« Ronïa schlug schließlich die Augen nieder. »Es kränkt mich, dass du es mir verheimlichst.« Doréan schwieg. Das seltsame Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete, schlug ihm unangenehm auf den Magen. Doch als sie einfach nicht damit aufhören wollte, da ließ er die Blicke sinken und sie schmunzelte erneut. »Wie heißt sie?« Da fuhr Doréan erschrocken zusammen und starrte die Frau, die gerade mal zwei Jahre älter als er war an. »Woher…« Er biss sich auf die Lippen und zog eine schneidende Grimasse. »Hör doch auf. Du gehst arbeiten. Den ganzen Tag! Für ein paar Kröten!« Sie schüttelte den Kopf. »Den Réan, den ich kenne, bringen keine zehn Pferde dazu zwei Dutzend Kohlesäcke zu schleppen, wenn er nicht dringend Geld bräuchte, um ein Mädchen zu beeindrucken.« Doréan verschränkte die Arme vor der Brust. »Vielleicht brauche ich ja das Geld für ein paar neuer Klamotten?« Sie nickte. »Vielleicht.« Sie tippte sich an die Schläfe an der rechten Seite des Kopfes. Jene Seite, die nicht von den Haaren bedeckt war. »Aber dafür müsstest du nochmal zwei Dutzend Säcke schleppen. Du vergisst wohl, dass ich mehr über Männer weiß, als du.« Damit warf sie ihm einen verschwörerischen Blick zu. Immerhin war sie es, die in einem Dirnenhaus arbeitete. Nicht er. »Kein Zweck es länger zu leugnen. Ich hab' doch recht. Nicht wahr?« Doréan schwieg, was Ronïa Antwort genug war. »Also. Wie heißt sie?« Doréan seufzte. »Aelia.« Sie wiederholte den Namen mit einem leicht säuselnden Ton. »Aelia.« Ein lächeln huschte über ihre Lippen. Es glich mehr einem Zucken. Doch Doréan hatte sie noch nie lächeln gesehen. »Ein schöner Name.« Sie nickte und das Lächeln war wieder verschwunden. »Kommt sie aus der Ascherinne?« Doréan schüttelte den Kopf und Ronïa schien diese wortlose Antwort zu gefallen. Doch dann funkelte sie ihn mit einem gänzlich anderen Blick an. »Ist sie hübsch?« Ein schiefer Mund zog sich quer über Ronïas Gesicht. Ihre Art zu lächeln. Ihre Art, Doréan auf den Arm zu nehmen. Doréans inneres Auge wanderte zu der Erinnerung an Aelia. Er antwortete ihr nicht. Nur ein breites Lächeln und ein langsames Nicken. Dies war Ronïa Antwort genug und der schiefe Mund zog sich noch etwas mehr in die Höhe und offenbarte so die lange Narbe, die unter ihrem Haar hervor lugte. Dies war der Grund, warum sie niemals lächelte. Die meisten Menschen bekamen dieses schiefe Lächeln nie zu sehen.
Ronia räusperte sich. »Gernot war gestern wieder da.« Doréan seufzte. Er kannte den Hundsfott. Hatte vier Kinder und eine Frau daheim. Aber kam regelmäßig ins Aschemädchen. Und jedes Mal hatte er zu wenig Geld dabei. »Du könntest…«, murmelte Ronïa und legte eine kurze, beinahe provokante Pause ein. Als sie sich Doréans Blicke gewahr wurde, räusperte sie sich. »…bei ihm vorbeischauen? Du kannst die Hälfte behalten.« Doréan würde lügen, wenn er behaupten würde, das Geld nicht zu brauchen. Doch die Hälfte? Das war deutlich mehr, üblich. »Ich will von dir keine Almosen.«, maulte Doréan, woraufhin Ronïa schmunzelte. »Nenne es wie du willst. Du brauchst das Geld. Ich biete dir Geld.« Sie zwinkerte und Doréan seufzte. »Was wird Ela dazu sagen?«, hakte er nach, woraufhin Ronïa nur müde mit der Hand wachelte. »Das lass mal meine Sorge sein.« Doréan verstand, was sie hier versuchte. Sie würde das fehlende Geld aus eigener Tasche in die Kasse legen. »Nein.«, entschied Doréan mit ernster Stimme. »Ich werde das Geld schon beschaffen.« Ronïa zuckte mit den Schultern. »Du kannst es mir ja wieder geben, wenn du möchtest.« Da gab er sich geschlagen und Ronïa schmunzelte wissend. »Ist sie es denn wert? Diese Aelia?« Doréan hob den Kopf und nickte langsam, während er sich eines aufkeimenden Lächelns kaum noch erwehren konnte. »Gut. Die würde ich wirklich gern mal kennenlernen.« Doréan verzog mürrisch den Mund und Ronïa zwinkerte mit einem vielsagenden Blick. Einen Blick, von dem er selber nicht genauso sagen konnte, ob sie es nun ernst gemeint hatte, oder ob sie ihn nur auf den Arm nahm.
Als Doréan endlich seine Stube, unter Bertrams Dachboden, erreicht hatte. legte er die Ausbeute des heutigen Abends auf die Truhe. Fünf Scherben dafür Yara begleitet zu haben. Sieben Scherben für die zwei Dutzend Kohlesäcke. Weitere drei Scherben für die Besorgungen für das rote Haus, das alle nur das Aschemädchen nannten. Und ganze zwei Löcher, die er bei Gernot eingetrieben hatte. Eine stattliche Summe. Damit konnte er sich mit Aelia einen schönen Tag machen. Doch seine schweren Blicke lagen auf die beiden silbernen Lochmünzen gehaftet. »Zwei Löcher. Der Hundsfott gab mehr Geld für Dirnen aus, als ich an einem ganzen Tag verdient hatte.« Er brummte mürrisch. Auch wenn Ronïa gesagt hatte, er dürfte die Hälfte behalten…also ein silbernes Loch…es war eine Menge Geld. Wie lange musste Ronïa wohl dafür arbeiten? Er schüttelte den Kopf und schob die beiden silbernen Münzen beiseite. Die Scherben mussten ausreichen. Er strich das Geld mit der Handfläche zusammen und stopfte es in seinen ledernen Beutel, den er stets unter dem Mantel trug. »Das sollte ausreichen.« Er nickte und hob noch ein letztes Mal den Arm. Er roch an seinen Achseln und nickte zufrieden. Er fuhr sich noch ein letztes Mal durch das Haar. Wenn er einen Spiegel gehabt hätte, würde er feststellen, dass er herausgeputzt wie ein Pfau aussah. Und manche Leute ihn kaum wiedererkennen würden. Doch er hatte keinen Spiegel. Er zog den linken Handschuh an. Stopfte die hölzernen Perlen in den Finger des rechten, und zog auch diesen letzten Endes an.
Endlich erreichte Doréan die Schenke. Sein Herz klopfte wie wild. Doch er atmete langsam und bedächtig, um sich zur Ruhe zu zwingen. In seiner rechten Hand trug er eine kleine Blume. Es war kein Löwenzahn. Es war etwas Besonderes. Eine Blume aus der Ascherinne. Er hatte keine Ahnung wie sie hieß. Doch er wusste, dass sie nur dort wuchs. In den tiefen Gräben und den alten, verwitterten Straßen einstiger Tage. Sie hatte ein blasses, helles Blütenkleid mit feinen Nuancen von bläulichen und violetten Tönen. Sie würde ihr sicher gefallen. In der anderen Hand hielt er ein längliches Paket aus einfachem Stoff. Es waren vier ganz besondere Kostbarkeiten, die es nur an bestimmten Orten im grauen Viertel gab. Doréan hatte sich, nachdem er Ronïa verlassen hatte, den weiten Weg durch die halbe Stadt auferlegt, um sie zu ergattern. Er mochte die dunklen am liebsten. Es gab drei verschiedene Sorten und jede davon hatte einen eigenen Geschmack. Malz, Süßholz und Anis. Fenchel, Alant und Meisterwurz. Oder Honig, karamellisierter Zucker und fein gehackte, kandierte Früchte. Doréan hatte keine Ahnung von diesen Pflanzen. Er wusste nur dass diese Dinge darin enthalten waren. Aber mehr auch nicht. Allerdings verhielt sich die Meinung zu diesen zähen Stangen, die man am Hafen oft einfach nur Hafenkitt oder Zahnteer nannte, gespaltener Ansichten. Besonders die schwarzen, die Doréan am liebsten mochte. Sie trugen mancherorts den abfälligen Namen Krähendreck, was Doréan überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Nichts spaltete die Menschen so sehr wie diese dunklen, fast schwarzen Leckereien. Doréan liebte den leicht bitteren und herben Geschmack der dunklen Stangen. Doch die meisten bevorzugten die helleren, die nach Honig schmeckten. Doch zu Doréans Unmut waren diese bereits ausverkauft gewesen, als er endlich bei dem Stand angekommen war. Er hatte nur noch Bruch übrig gehabt. Aber Doréan hatte ihn dennoch gekauft. Sie waren zwar gebrochen, aber das tat dem Geschmack keinen Abbruch. Und obendrein hatte er auch noch etwas Geld gespart.
Doréans Plan war banal einfach. Bei Aelia aufkreuzen. Lächeln. Ihr die Blume überreichen. Und dann, würde er sie zum Hafen führen. Er wollte Aelia etwas Besonderes zeigen. Einen Teil des grauen Viertels, den sie vermutlich noch nie gesehen hatte. Vorbei an den Bretterburgen. Vorbei an den Pfahlbauten. Bis zum alten Leuchtturm, der schon lange kein Licht mehr gesehen hatte. Dort würde er dann die versprochenen Leckereien aus der Tasche zaubern und mit ihr auf den Leuchtturm klettern. Der Turm war kein Schmuckstück. Doch dafür bot dieser Turm eine wunderschöne Aussicht über den ganzen Hafen. Und dort oben konnte man einfach nur die Beine herunterbaumeln lassen, die Aussicht genießen und das graue Viertel in weite Ferne rücken lassen, obwohl man sich mitten im Herz der Stadt befand. Es war einer von Doréans liebsten und schönsten Orten die er in der Stadt kannte. Und er war sich sicher, dass es Aelia gefallen würde.
Der alte Leuchtturm ❖
14.02.2023 '19:38 [4.064 Wörter]
 elia hatte längst aufgehört, die Vorübergehenden zu zählen. Mit den Schultern an die steinerne Wand gelehnt, die Arme hinter dem Rücken an der kühlen, rauen Wand, stand sie gut verborgen im Schatten des Torbogens. Schwer zu sehen, und das war auch beabsichtigt. Nicht einmal Mahdia würde sie erblicken, falls sie aus der Küche in den Innenhof lief und am Torbogen vorbei. Aelia ließ den Blick über die Menschen schweifen, die geschäftig ihres Weges gingen. Händler schoben ihre Karren nach Hause, Kinder jagten lärmend durch die Gasse, und irgendwo klapperten Hufe eines Esels über das Kopfsteinpflaster. Mehr als einmal meinte sie, ihn in der Ferne zu erkennen, nur um im nächsten Augenblick festzustellen, dass es ein Fremder gewesen war, was, das musste sie zugeben, an ihrem rechten Auge lag, das einfach viel schlechter sah, als das linke. Dann glitt ihr Blick weiter, verlor sich für einen Moment in den Fassaden der gegenüberliegenden Häuser und kehrte doch immer wieder an den Anfang der Straße zurück. Als schließlich zwischen den Vorübergehenden eine einzelne Gestalt auftauchte, blieb ihr Blick an ihr hängen. Sie wusste nicht, weshalb. Doch zwischen all den Menschen unterschied sich dieser Mann kaum von den anderen. Er trug ein Allerweltsgesicht wie alle anderen Menschen im grauen Viertel. Und obwohl sie auf die Ferne betrachtet schlecht sah, erkannte sie ihn lange, bevor sie sein Gesicht hätte erkennen können, und hätte ihn vermutlich unter tausenden sofort erkannt. Sie wusste nicht, warum, aber sie wusste einfach, dass er es war. Doréan. Unwillkürlich richtete sie sich ein wenig auf. Gleichzeitig stieß sie sich von der Wand ab und löste ihre im Rücken ineinander verschränkten Hände auseinander. Ihr Herz schlug schneller als noch einen Augenblick zuvor, so deutlich, dass sie meinte, jeder Atemzug müsse es verraten. Doréan hatte sie noch nicht bemerkt, wie sie da im Torbogen verborgen wartete. Mit gemächlichen Schritten kam er näher, den Blick auf die Straße vor sich gerichtet, und schließlich auf die Schenke, bis er beinahe den Torbogen erreicht hatte. Aelia blieb noch einen Augenblick reglos im Schatten des Torbogens stehen und beobachtete ihn. Doréan hatte vor der Tür der Taverne Halt gemacht, jedoch nicht unmittelbar davor, sondern ein Stück abseits, als wolle er niemandem im Weg stehen. Sein Blick glitt suchend über den Hof und die Straße, und für den flüchtigen Bruchteil eines Augenblicks glaubte sie eine leise Unsicherheit in seinen Zügen zu erkennen. Da lächelte sie. Denn in dem Moment, als sie ihn vor der Schenke entdeckt hatte, war die Schwere dieses endlos langen Tages mit einem Mal von ihr abgefallen. Sie wusste nicht, wie er das machte. Sie wusste nur, dass sie lächelte und dass es ihr beinahe den Atem genommen hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so empfunden hatte. Schließlich fasste sie sich ein Herz und trat aus dem Schatten des Torbogens.
Im selben Augenblick hob Doréan den Kopf. Sein Blick fand den ihren. Für einen flüchtigen Augenblick blieben sie beide stehen und sahen sich an. Es war kaum mehr als ein Wimpernschlag, doch Aelia glaubte zu sehen, wie sich sein Gesicht dabei veränderte. Seine Züge wurden weicher, und dieses stille Lächeln, das sie schon am Vortag nicht mehr aus ihren Gedanken bekommen hatte, breitete sich langsam auf seinen Lippen aus. Aelia spürte, wie sich auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln ausbreitete ohne ihr geringstes Zutun. Und während sie einander ansahen, wurde Aelia mit einer Klarheit bewusst, gegen die sie sich seit Tagen vergeblich gewehrt hatte. Sie musste nicht länger nach Erklärungen suchen. Nicht länger darüber nachdenken, weshalb sie den ganzen Tag über nur auf den Abend gewartet hatte oder weshalb seine Gegenwart genügte, um alles andere in den Hintergrund treten zu lassen. Zwischen ihnen war etwas. Etwas unsichtbares, etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ. Während sich ihre Blicke trafen, wurde ihr mit einer Klarheit bewusst, dass sie sich all die Zeit nicht geirrt hatte. Das, was zwischen ihnen lag, entstand nicht allein in ihrem Herzen. Es spiegelte sich ebenso in seinem Blick, in seinem Lächeln, in der Art, wie er sie ansah. Zwischen ihnen bestand etwas, das keiner von beiden ausgesprochen hatte. Und doch war es da. So wirklich, dass sie es nicht länger leugnen konnte, und auch nicht mehr leugnen wollte. Der Zauber dieses Moments war unfassbar. Langsam schritten sie aufeinander zu. Hallo mein Hübscher… Es lag ihr bereits auf der Zunge. Aber dann siegte doch noch das letzte Quentchen Vernunft das sie noch aufbringen konnte, wo bereits jede andere Vernunft versiegt war. „Guten Abend, Doréan. Du bist gekommen“ sagte sie und ärgerte sich in dem Moment über diese unnötige Feststellung. „Aber sicher doch, mein Liebchen“ erwiderte er und Aelia vollbrachte es nicht mehr, ihr Lächeln aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Erst jetzt ließ Aelia den Blick langsam über ihn wandern. Wie schon am Vortag blieb er schließlich an seiner rechten Hand hängen. „Was hast du da?“ Doréan folgte ihrem Blick, als wäre ihm selbst entfallen, dass er noch etwas in der Hand hielt. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er die Hand nach ihr ausstreckte. Zwischen seinen behandschuhten Fingern lag eine silberblaue Blume. Ihr kugeliger Blütenstand erinnerte entfernt an eine Distel, doch ihre starren, fein gezackten Blätter verliehen ihr eine ganz eigene Schönheit. Sie wirkte beinahe, als wäre sie bereits getrocknet, obwohl sie noch frisch gepflückt war. „Ich dachte, sie könnte dir gefallen.“ Aelia nahm sie behutsam entgegen, als wäre sie etwas Kostbares. Ihre Fingerspitzen strichen flüchtig über die festen Blätter, die sich kaum biegen ließen. Sie hob den Blick wieder zu Doréan. „Danke.“ Das Wort verließ ihre Lippen kaum hörbar. Erst als sie bemerkte, wie leise ihre Stimme gewesen war, räusperte sie sich verlegen. „Danke“, wiederholte sie, diesmal etwas fester. Unwillkürlich glitt ihr Daumen noch einmal über den Stängel der Blume. Anders als den Löwenzahn musste sie diese nicht eilig in Wasser stellen. Sie würde ihre Form behalten, Tag für Tag. Also behielt Aelia sie einfach in der Hand.
Schließlich hob sie den Blick wieder zu Doréan. „Und?“ Er sah sie fragend an. „Und was?“ „Was hast du heute mit mir vor?“ Ein feines Lächeln trat auf seine Lippen. „Wenn ich dir das jetzt verrate, brauche ich dich nich‘ mehr zu überraschen.“ Aelia legte den Kopf ein wenig schief. „Also hast du dir wirklich etwas ausgedacht?“ „Vielleicht.“ Sie betrachtete ihn einen Augenblick, doch dort fand sie nur sein Lächeln, hinter dem er seine Gedanken ebenso gut zu verbergen verstand wie seine Absichten. „Also wirst du es mir nicht sagen?“ Doréan schüttelte kaum merklich den Kopf. „Lass dich überraschen, mein Liebchen.“ Das Stimmengewirr der Straße, das Rufen aus den umliegenden Gassen, selbst das ferne Klappern eines Karrens, all das rückte in weite Ferne. Mein Liebchen. Aelia senkte den Blick auf die Blume in ihrer Hand. Ihr Daumen strich langsam über den festen Stängel, während sie sich bemühte, ihre Fassung wiederzufinden. „Du machst es einem wirklich nicht leicht“, sagte sie schließlich. „Muss ich das denn?“ fragte er neckisch. Nun war sie es, die lächelte. „Nein“, erwiderte sie nach einem kurzen Schweigen. „Wahrscheinlich nicht.“ Sie hob den Blick wieder und begegnete seinen Augen. „Dann lass uns gehen.“ Doréan nickte nur, als hätte er genau diese Antwort erwartet, und setzte sich in Bewegung. Einen Herzschlag lang blieb Aelia noch stehen, die silberblaue Blume behutsam in der Hand, ehe sie ihm folgte.
Kaum hatten sie sich in Bewegung gesetzt, wechselte Aelia beinahe unmerklich die Seite und trat auf seine rechte. Es war eine Angewohnheit, über die sie nie groß nachgedacht hatte. Ihr linkes Auge war das bessere, und sie hatte es sich längst angewöhnt, Menschen zu ihrer Rechten gehen zu lassen, damit sie sie ungehindert ansehen konnte. Dabei wanderte auch die Blume unauffällig in ihre linke Hand. Sie hielt sie am Stängel, ließ die silberblaue Blüte im Takt ihrer Schritte sanft hin und her schwingen und bemerkte erst nach einigen Augenblicken, dass sie sie ein wenig fester umschloss, als eigentlich nötig gewesen wäre. Vielleicht war ihr das sogar ganz recht. Denn zwischen ihr und Doréan blieb dadurch wie von selbst ein kleiner Abstand bestehen. Eine schlichte Blume genügte, um ihre Hände beschäftigt zu halten. Ohne sie hätte sie womöglich nicht gewusst, wohin mit der eigenen. Der Gedanke, sie könnte einfach nach seiner greifen, war ihr gleichermaßen fremd wie verwegen. Er gehörte zu jenen Dingen, die ihr Herz sich vielleicht heimlich wünschte, die ihr Verstand jedoch verbot. Wenn sich ihre Hände jemals berühren sollten, oder gar wie selbstverständlich ineinander verhaken, dann musste dieser erste Schritt von ihm ausgehen. Alles andere hätte Aelia niemals gewagt.
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich längst nicht mehr unbeholfen an. Es war, als genügte es, den anderen neben sich zu wissen. Ein unwiderstehlicher Duft umwaberte plötzlich ihre Nase und schließlich meldete sich Aelias Magen mit einem Knurren. Sie ergriff Doréans Arm um ihm zum Stehenbleiben zu zwingen und blieb mitten auf der Straße stehen. „Warte… Riechst du das?“ Sie hob ihre Nase und schnupperte. „Ich habe Hunger.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln sah sie zu Doréan hinüber. „Eigentlich habe ich ständig Hunger.“ Ihr Blick folgte dem Duft und fand den kleinen fahrbaren Verkaufsstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von dem der Duft von frischem Brot und geräuchertem Speck herüberwehte. „Warte einen Augenblick.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, trat sie an den Stand heran. Zwischen mehreren Broten fiel ihr Blick sofort auf ein längliches Gebäck. „Was kostet das?“, fragte sie und deutete auf ein längliches Brötchen, in dessen goldbrauner Kruste kleine Speckwürfel eingebacken waren. Die Frau nannte den Preis, Aelia zog eine Münze hervor, nahm das noch angenehm warme Gebäck entgegen und biss beinahe sofort hinein. Erst nach dem zweiten Bissen schloss sie zufrieden die Augen. „Das ist gut“, murmelte sie kauend und Doréan beobachtete sie mit einem kaum merklichen Schmunzeln. „Probier mal…“ meinte sie und hielt ihm das Brötchen vor die Nase ohne weiter darüber nachzudenken. Erst als sie es bereits tat, wurde ihr bewusst, wie selbstverständlich diese Geste gewesen war. So wie alles zwischen ihnen selbstverständlich war, als würden sie sich schon lange kennen. Oder als wären sie ein Paar. Sie machte jedoch keine Anstalten, sie zurückzunehmen. Doréan beugte sich stattdessen ein wenig zu ihr hinüber und biss ein Stück davon ab. Aelia verharrte reglos. Für einen flüchtigen Augenblick war sie sich nicht sicher, weshalb ihr Herz plötzlich so viel schneller schlug. Es war doch nur ein Biss von einem Brötchen. Als Doréan sich wieder aufrichtete, zog sie das Brötchen langsam zu sich zurück, betrachtete die kleine Bissstelle einen Moment lang und biss schließlich selbst davon ab. Erst danach wurde ihr bewusst, wie intim diese Geste gewesen war. Und es störte sie kein bisschen.
Die beiden schlenderten gemächlich weiter, ohne dass Aelia noch darauf geachtet hätte, wohin Doréan sie führte. Erst als sich die Straßen allmählich verbreiterten und der salzige Geruch des Hafens immer deutlicher in die Luft mischte, bemerkte sie, dass sie einen Teil des grauen Viertels betraten, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihr Blick glitt nach rechts. Dort erhoben sich gewaltige Holzbauten, wie sie ihr bislang völlig unbekannt gewesen waren. Häuser konnte man diese Gebilde kaum nennen. Sie wirkten eher wie übereinandergestapelte Dörfer. Aus unzähligen Brettern, Balken und schiefen Anbauten zusammengesetzt, wuchsen sie Stockwerk um Stockwerk in den Himmel. Überall führten hölzerne Außentreppen nach oben, verbanden einzelne Gebäude miteinander. Je höher die Bretterburgen wurden, desto schmaler schienen sie zu werden, als hätten ihre Erbauer irgendwann einfach aufgehört, sich Gedanken über Statik zu machen und stattdessen beschlossen, weiterzubauen, solange das Holz noch hielt. Zwischen einzelnen Häusern flatterte Wäsche auf gespannten Leinen im lauen Abendwind. Aelia blieb einen Augenblick stehen. Sie hätte nie geglaubt, dass man auf so engem Raum leben konnte. Während sie weitergingen, wanderte ihr Blick immer wieder nach oben, bis ihr beinahe schwindelig wurde. Irgendwann bemerkte Doréan ihre Neugier und begann ihr von den Bretterburgen zu erzählen. Aelia hörte aufmerksam zu. Hin und wieder stellte sie eine Frage, dann schwieg sie wieder und ließ den Blick staunend über die schier endlosen Fassaden gleiten. „Ich wusste nicht einmal, dass es diesen Teil der Stadt gibt“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihm.
Der Weg führte sie weiter am Hafen entlang. Nach und nach veränderte sich das Bild erneut. Nun lag das Wasser zu ihrer Linken, und aus ihm erhoben sich ganze Reihen von Häusern, die auf mächtigen Pfählen ruhten. Schmale Holzstege verbanden sie miteinander, kleine Boote dümpelten darunter an ihren Leinen, und das Licht der allmählich sinkenden Sonne spiegelte sich zwischen den Pfählen auf der sanft bewegten Wasseroberfläche. Aelia verlangsamte unwillkürlich ihre Schritte. Sie hatte das Gefühl, durch eine andere Stadt zu gehen, obgleich sie sich immer noch im grauen Viertel bewegten. Die engen Gassen des Grauen Viertels schienen plötzlich unendlich weit entfernt. Und das waren sie auch.
Je näher sie dem Hafen kamen, desto mehr veränderte sich die Luft. Sie roch und schmeckte nach Salz und trug den Geruch von Seetang, morschem Holz und Fisch mit sich. Über ihnen zogen Möwen ihre Kreise, deren durchdringende schrille Rufe sich mit dem Knarren vertäuter Boote die nicht mehr ganz seetauglich wirkten und vielleicht sogar schon jahrelang herrenlos auf dem Wasser dümpelten und dem Klatschen kleiner Wellen gegen das Holz der Pfähle. Hier herrschte jene eigentümliche Ruhe, die nur alte Häfen ausstrahlten. Es war kein Ort von Händlern und schwer beladener riesiger Segelschiffe mehr. Die großen Handelsschiffe legten längst am neuen Hafens an. Zurückgeblieben war der alte Hafen, der seine besten Jahre hinter sich hatte und vielleicht gerade deshalb seinen ganz eigenen Zauber besaß. Zwischen baufälligen verlassenen Kontoren und Lagerhäusern lagen halb vergessene Anlegestege, deren Pfähle von Muscheln und Seepocken überzogen waren. Aelia sog die Luft tief ein und roch die salzige Seeluft. Je weiter Doréan sie führte, desto stiller wurde es. Das Stimmengewirr des Hafens blieb allmählich hinter ihnen zurück. Der Leuchtturm, der schon seit geraumer Zeit vor ihren Augen aufgetaucht war, wurde immer größer. Doch je näher sie ihm kamen, desto enttäuschender wurde sein Anblick, von weitem sah er besser aus. Sie liefen noch eine Weile, dann hatten sie das Ende des Hafens erreicht und Doréan blieb stehen. „Wir sind da“ erklärte er. Vor ihnen erhob sich der alte Leuchtturm. Aelia folgte seinem Blick. Sein Mauerwerk war vom Wind und dem Salz und den Gezeiten gezeichnet, zwischen abgebröckeltem Putz lugte nun rauer Stein hervor. Der Turm erfüllte seinen ursprünglichen Zweck schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und doch stand er noch immer da. Unbeugsam und gebaut für die Ewigkeit. Aelia hob langsam den Blick bis zur Spitze.
 Das Mauerwerk war grob. In den Fugen wuchsen Moose und kleine Büschel zäher Gräser, die sich irgendwo zwischen den Steinen festgesetzt hatten. Dort, wo einst eine schwere Holztür den Eingang verschlossen haben mochte, waren nur noch verrostete Eisenbeschläge eingemauert. Die Tür selbst war längst verschwunden. Aelia blieb einen Augenblick stehen und ließ den Blick langsam an dem alten Turm emporwandern. „Kann man da hinauf?“ Doréan antwortete nicht sofort. Stattdessen trat er durch die offene Türöffnung ins Innere. Aelia folgte ihm. Drinnen war es angenehm kühl und es roch nach altem Putz und Stein. Das Tageslicht fiel nur durch schmale Lichtschlitze in den dicken Steinmauern und warf rötliche Streifen auf die ausgetretenen Steinstufen einer schmalen Wendeltreppe, die sich dicht an der Außenwand nach oben schraubte. Aelia ließ ihre Hand über die rauhe Steinwand gleiten, während sie Doréan nach oben folgte. Je höher sie stiegen, desto heller wurde es. Durch die schmalen Scharten konnte sie auf der meerseitigen Seite des Leuchtturms das Blau immer wieder aufblitzen sehen. Mal war es nur ein schmaler blauer Streifen, dann wieder spiegelte sich das Abendlicht auf den Wellen. Als sie schließlich die letzten Stufen erreichten, breitete sich vor ihnen eine Plattform aus, die von einer Brüstung eingerahmt war. Doch an einer Stelle war die Brüstung etwa einen Meter breit eingestürzt und eine entsprechende Lücke klaffte im Mauerwerk auf. Der Wind trug den Geruch von Salz und Tang durch den Turm hindurch und irgendwo über ihnen lachte eine Möwe. Aelia blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr, sichtbar durch die breite Maueröffnung, lag das Meer. Weit und offen bis zum Horizont.
Die Abendsonne tauchte das Wasser in flüssiges Gold. Langsam trat sie an die Öffnung heran und warf einen vorsichtigen Blick hinunter. „Das ist ganz schön hoch!“ meinte sie. Der Wind spielte mit ihrem Haar, und während sie noch einen Augenblick zögerte, hatte sich Doréan bereits niedergelassen, seine Beine über die Kante geschoben und ließ die Beine baumeln. Doréan hielt ihr seine Hand entgegen und Aelia ergriff sie und ließ sich von ihm helfen, sich neben ihn zu setzen und ebenso die Beine baumeln zu lassen. Unter ihnen brandeten die Wellen entfernt gegen die Klippen, auf denen der Turm gebaut worden war. Vor ihr lag das Meer, am Horizont, der aussah als würde dort ein gewaltiges Inferno wüten, begann die Sonne bereits zu sinken. Bald würde die leicht flirrende Scheibe den Rand des Meeres berühren. Aelia zog unwillkürlich die salzige Luft tief ein. „Es ist wunderschön hier“, sagte sie leise, ohne den Blick vom Horizont zu lösen. Eine ganze Weile sprach sie nicht weiter. Sie saß einfach nur da, die silberblaue Blume lag auf dem steinernen Boden, den Blick auf das Meer gerichtet, während der Wind um den alten Turm strich und sie schweigend zusahen, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont versank.
Der Wind strich unablässig über die Plattform und spielte mit Aelias Haar. Irgendwann wandte sie den Kopf und auch Doréan sah bereits zu ihr hinüber. Für einen flüchtigen Augenblick hielten ihre Blicke einander fest. Dann lächelte sie ganz leicht und sah wieder hinaus auf das Meer. Wenig später geschah es erneut. Ohne dass einer von ihnen etwas sagte, fanden ihre Augen sich wieder, verweilten einen Herzschlag zu lange und lösten sich doch jedes Mal wieder voneinander. Aelia spürte, wie sich mit jedem dieser Blicke etwas in ihr anspannte. Es wurde immer schwieriger, einfach nur still neben ihm zu sitzen. Sie hätte den Abstand zwischen ihnen am liebsten ein wenig verkleinert. Nur ein Stück. Gerade so weit, dass sich ihre Schultern vielleicht zufällig berührten. Doch sie blieb sitzen, wo sie war. Und das ärgerte sie ein wenig. Ihr Blick glitt schließlich hinab, als würde sie etwas suchen und blieb an seinen Händen hängen. Und natürlich trug Doréan seine Handschuhe. Aelia betrachtete sie eine Weile schweigend, dann lächelte sie.
Irgendwann blieb er an der silberblauen Blume in ihrer Hand hängen. Gedankenverloren drehte sie den Stängel zwischen den Fingern, ehe sie leise ausatmete. „Ich komme aus Weidenau. Es ist ein kleines Dorf. Dort passierte selten etwas. Mein Vater starb, als ich noch ein Kind war. Für einige Zeit waren meine Mutter und ich allein. Irgendwann lernte sie Ludger kennen und heiratete ihn. Sie hatte keine Wahl, weil sie jemanden brauchte der uns ernährte.“ Aelia schwieg einen Augenblick. „Anfangs war er freundlich. Jedenfalls freundlich genug, dass wir beide glaubten, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.“ Sie ließ den Blick über das Meer schweifen. „Das hielt nicht lange. Er trank. Und wenn er getrunken hatte, wusste man nie, welcher Mensch nach Hause kam. Manchmal sprach er kaum ein Wort. Manchmal genügte ein schiefer Blick oder ein falsch gedeckter Tisch. Er tat unvorstellbare Dinge mit meiner Mutter. Ich glaube nicht, dass sie ihm je einen Grund gegeben hatte für das was er ihr angetan hatte. Es geschah aus dem Nichts, mit einer Brutalität für die ich noch heute keine Worte habe. Als sie eines Tages starb, geschah etwas seltsames. Die Trauer die ich empfinden hätte sollen, wurde von einer unsäglichen Angst überlagert. Angst davor, weil er jetzt zu meinem Vormund wurde. Ich war fünfzehn und hinter mir lag ein jahreslanges Martyrium. Meist hat er meine Mutter geschlagen, aber manchmal auch mich. Als meine Mutter nicht mehr da war, war nur noch ich da, an der er seine Wut auslassen konnte. Ich habe versucht mich so zu verhalten dass ich ihm keinen Grund gebe dass er auch mich schlägt. Aber das half nicht. Irgendeinen Grund fand er immer und es gab keine Regelmäßigkeit die mir half zu erkennen was richtig ist und was falsch. Und rgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Also tat ich vermutlich das Dümmste und zugleich Klügste, was ich je getan habe. Ich nahm sein ganzes Geld und lief davon. In Oshkïr lernte ich ziemlich bald einen Mann kennen. Ich war jung, allein und hatte keine Ahnung von der Welt. Er war freundlich zu mir. Jedenfalls anfangs. Er zeigte mir die Stadt, brachte mich zum Lachen und erzählte mir von all den Dingen, die wir gemeinsam tun würden.“ Sie senkte den Blick.„Ich hielt ihn für einen Glücksfall.“ Ihre Finger schlossen sich etwas fester um die Blume. „Wir lebten von dem Geld, das ich mitgebracht hatte. Immer hieß es, wir würden bald neues verdienen. Morgen. Nächste Woche. Irgendwann.“ Sie lächelte müde. „Aber irgendwann kam nie. Irgendwann war nur das ganze Geld aufgebraucht.“ Das Meer rauschte unter ihnen. „Er wollte, dass ich neues beschaffe. Ganz gleich wie. Er schlug sogar vor, dass ich in einem der besseren Häuser arbeiten könnte.“ Sie hob leicht die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Ich weigerte mich, und hielt ihm vor was er da eigentlich von mir verlangt und warum er sich eigentlich keine Arbeit suchte.“ Ein paar Momente vergingen bevor sie weitersprach. „Daraufhin schlug er mich. Beim ersten Mal entschuldigte er sich noch. Beteuerte er wollte das nicht, er sei nur unter solch großer Anspannung weil wir Geldprobleme hätten. Beim zweiten Mal nicht mehr. Da war irgendwie die Hemmschwelle weg, und er fand sowieso immer einen Grund warum es meine Schuld war.“ Sie schwieg eine Weile. „Eines Nachts bin ich auch vor ihm abgehauen. Irgendwann landete ich im Grauen Viertel. Hineinzukommen war leicht. Wieder hinaus nicht. Ich hatte ja nicht einmal genug Geld um diesen hohen Wegzoll am Scherbentor zu bezahlen. Als ich begriffen hatte, dass ich ohnehin ganz unten angekommen war, dachte ich mir, dass ich ebenso gut bleiben konnte. Ich hab einen ganzen Tag überall nach Arbeit gefragt. Mahdia gab mir Arbeit, ein kleines Zimmer. Jeden Tag etwas zu essen. Das war damals mein größtes Glück und es war mir egal, dass die Bezahlung unglaublich schlecht war. Es war besser als alles davor. Sie hob den Blick wieder. „Und einige Zeit später lernte ich wieder jemanden kennen.“ Ihre Stimme veränderte sich kaum. Nur ein wenig weicher wurde sie, als sie von Ruben erzählte. „Ruben war freundlich. Verlässlich. Fleißig. Er arbeitete als Bäcker, behandelte mich immer mit Respekt und begegnete mir nie mit einer erhobenen Hand. Ich dachte, so müsste ein Mann sein. Ich glaubte, er sei der Richtige.“ Ihre Augen ruhten wieder auf dem Meer. „Ich begann zu hoffen, dass er mich eines Tages vielleicht fragen würde, ob ich seine Frau werden möchte. Jedenfalls machte er immer wieder Andeutungen. Wenn wir spazieren gingen zeigte er mir ein Haus das er gerne kaufen wolle, für die Frau die er heiraten wolle.“ Sie lächelte. „Ich sagte mir, wenn Ruben mich heiratet, dann werde ich die glücklichste Frau die ich jemals sein könnte.“ Der Satz hing noch zwischen ihnen, als sie langsam den Kopf wandte und Doréan ansah. Diesmal hielt sie seinem Blick stand. „Dann bist du in mein Leben getreten.“ Sie sprach weiter, noch ehe sie den Mut wieder verlieren konnte. „Seit diesem Abend erkenne ich mich selbst nicht mehr wieder.“ Ihre Finger spielten unablässig mit der Blume. „Wir kennen uns kaum drei Tage. Eigentlich müsste ich über etwas völlig anderes nachdenken. Über meine Arbeit. Über meine Zukunft. Über all die vernünftigen Dinge, die bisher wichtig waren.“ Sie lächelte flüchtig. „Stattdessen denke ich an dich. Den ganzen Tag.“ Sie senkte den Blick für einen Augenblick. „Heute Morgen bin ich noch vor Sonnenaufgang wach geworden. Nicht, weil ich zum Fischmarkt musste. Sondern weil ich wusste, dass ich dich heute Abend wiedersehen würde.“ Ein leiser Atemzug verließ ihre Lippen. „Ich habe versucht, mich mit der Arbeit abzulenken. Den Schankraum zu putzen, Wäsche abzunehmen, den Hof zu kehren. Es hat nichts genützt. Immer wieder musste ich an dich denken.“ Sie lachte leise über sich selbst. „Vielleicht klingt das töricht. Vielleicht ist es das auch. Aber ich habe das Gefühl, dass unsere Begegnung kein Zufall gewesen ist.“ Wieder entstand eine jener stillen Pausen, die sich zwischen ihnen längst vertraut anfühlten. Erst nach einer Weile glitt ihr Blick hinab zu seinen behandschuhten Händen. Sie betrachtete sie lange. Dann lächelte sie kaum merklich. „Ich finde, ich war jetzt ziemlich mutig...“, sagte sie leise, „Und ich finde, es ist an der Zeit, dass ich erfahre, weshalb du deine Handschuhe trägst.“
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