Hexenfluch und Drachenfeuer
#81
Besuch beim Schmied ❖
drache-isaé war hin und hergerissen von dieser Schatzkammer, die Ser Tarvain sein Eigen nannte. Einerseits pflichtete sie ihm stumm bei, dass es falsch wäre, diese zahlreichen Artefakte für einen hohen Preis zu verkaufen. Doch auf der anderen Seite wieder fragte sich die Hexenjägerin, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn diese Artefakte in die Hände von Menschen kamen, die wussten, wie man sie richtig einsetzte, anstatt dass sie hier in dieser Kammer ein nutzloses Dasein fristeten. Sie konnte nicht abstreiten, dass sie fand, dass gewisse Artefakte sogar in ihren Händen besser aufgehoben wären, als in dieser Kammer zu versauern. Aber sie hütete sich, das auszusprechen. Nachdem er ihnen alles, was er in seinen Besitz gebracht hatte, gezeigt hatte, wandte er sich Isaé zu und fragte sie, ob sie ein Flüsterholz besaß. Da nickte sie und er fragte sie „Wie sieht das Eure aus? Schlicht, wie dieses?“ Dabei zog er einen einfachen knorrigen Stock hervor, der wie ein unscheinbares Ästchen aussah, sah man einmal von dem Stück Rinde ab, welches dem Holz noch anhaftete. Flüsterbäume besaßen eine bemerkenswert auffällige Rinde. Sie war blassgrau mit einem silbrigen Schimmer, und die Oberfläche war borkig, knorrig, mit vielen feinen Rillen, die sich um den Ast wanden wie eine leichte Spirale. Die Äste des Flüsterbaumes waren nicht annähernd so beeindruckend anzusehen wie der Stamm. „Oder ist es wie dieses, mit einem zweiten Zweck versehen?“ Dabei nahm er jenes mit dem Sonnenkristall zur Hand. Da schüttelte Isaé den Kopf. „Mein Flüsterholz ist nicht so prunkvoll wie die euren, Ser Tarvain, aber dennoch ist keines von Euren auch nur annähernd, wie das meine.“ Mit diesen Worten zog sie demonstrativ ihre Pfeife hervor. Erst sahen die beiden Männer sie fragend an. Vielleicht fragte sich Entaro auch, ob sie schon wieder eine Pfeife rauchen wollte. Doch Isaé grinste und warf Entaro einen schelmischen Blick zu. „Das ist mein Flüsterholz.“ Sie hielt die Pfeife liebevoll und vorsichtig in den Händen. „Und seit ich dieses Hexensiegel erhielt, habe ich kaum noch Ruhe, wenn ich Rauchen möchte. Kaum nehme ich die Pfeife in die Hand, spricht sie zu mir, ich wünschte wirklich, dieses Siegel würde sich in Luft auflösen, oder durch einen Gegenbann unwirksam werden…“ seufzte sie. Zumal sie ohnehin nicht das Bedürfnis empfand, über Vascir de Escroc, oder über das Haus der tausend Wünsche zu sprechen oder auch nur daran zu denken.

Als schließlich alles gezeigt und besprochen wurde, führte Ser Tarvain die beiden aus der Kammer, die anschließend wieder verschlossen wurde. Offensichtlich war Ser Tarvain tunlichst darauf bedacht, dass nichts aus dieser Kammer entwendet wurde. Oder galt das als misstrauische Geste den beiden Gästen gegenüber? Isaé und Entaro folgten dem Burgherrn in eine Art Salon, der wahrscheinlich Ser Tarvains Privatgemach war. Er setzte sich an einen Schreipult und setzte einen Vertrag auf und begann, mit Tinte und Feder auf einem Bogen Pergament zu schreiben. “Es wird Zeit, unser Abkommen zu besiegeln”, erklärte er, während er vom Bogen nicht aufsah und weiter kritzelte. Isaé war neugierig, vermied es aber, ihm über die Schulter zu blicken und ihm zuzusehen, sondern wartete geduldig, bis er fertig war. Sie las das Schreiben mit einem etwas mulmigen Gefühl. Natürlich lag es in der Natur der Sache, dass ein Dienstvertrag mit der Erfüllung desselben endete, es aber natürlich auch sein konnte, dass der Tod diesen vorzeitig beendete. Dennoch war es seltsam, diese Zeilen zu lesen. Und Ser Tarvain war sehr großzügig. Acht Gulden war ein ordentlicher Batzen Geld. Davon konnte man eine recht lange Zeit gut leben, auch, wenn man es durch Zwei teilte. Doch eins war ihr bewusst: Niemand bekam so eine hohe Summe, wenn da nicht ein gewisses Risiko mitspielte. Für einen leichten Auftrag gab es kleine Summen, und die Geldzuwendung stieg mit der Erschwernis. Darüber musste man sich im Klaren sein. Niemals hatte Isaé eine derartig hohe Summe in Aussicht gestellt bekommen, eine Hexe zur Strecke zu bringen. Ob es nun eine echte war, oder ein verschrobenes Kräuterweiblein, das seine seltsamen Rituale vollzog, die vermutlich niemals jemandem geschadet hatten. Doch die abergläubischen Menschen wollten sprichwörtlich Blut fließen sehen, und wenn es Isaé nicht getan hätte, hätte es jemand anderes getan. Von den vierzehn Hexen, die Isaé auf ihrem Kerbholz hatte, waren, wenn es hochkam, vier gewesen, die echte Hexen gewesen waren. Ardeth die schwarze Hand… Istred der eiserne Schinder waren nun auch keine vertrauenserweckenden Namen. Doch Entaro setzte seine Unterschrift auf den Pergamentbogen und so tat es Isaé ebenso. Ein Wort war schließlich ein Wort. Der Wortlaut auf dem Vertrag war auch ein wenig schwammig. Anfangs hatte Ser Tarvain davon gesprochen, dass er jemanden brauchte, der mit einem Flüsterholz umgehen konnte. Jemanden, der es wahrhaftig verstehen und nutzen konnte. Die Worte auf dem Vertrag ließen jedoch nicht erkennen, ob ihr Teil der Vereinbarung damit erfüllt war, wenn sie diese drei Genannten mit Hilfe des Flüsterholzes lediglich aufspürte, was, ihres Erachtens nach bisher das Hauptproblem Tarvains gewesen war, aber irgendwie bezweifelte sie das.

Es war kurz vor Mitternacht, als sich die drei letztendlich trennten. Es war ein langer Tag für Isaé und Entaro gewesen. Und sie fühlte sich schon allmählich unwohl in diesem, für Akadien bestimmten Fummel, den sie trug. Sie hatte schon lange, lange keine Kleider mehr getragen. Zuletzt in ihrem Heimatdorf Köllesberg, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Mittlerweile hatte sie sich an die Hosen, die Männerstiefel und die Tunika samt Mantel gewöhnt. Schwarze Männerkleidung in der sie sich wohl fühlte. Sie stiegen die Stufen zu ihren Gemächern hinauf und vor ihrem Zimmer verabschiedete sie sich. "Gute Nacht, Entaro. Bis morgen. Erhol dich gut." sagte sie, dann betrat sie ihr Gemach und schloss die Türe. Dort zog sie ihr Kleid aus, legte sich ins Bett, und fiel schnell in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Ohne sich vorher der Tatsache gewahr gewesen zu sein, wann sie eigentlich das letzte Mal in einem Bett geschlafen hatte.

Am nächsten Morgen erwachte Isaé recht früh. Sie schlug die Augen auf und war einfach wach. Ausgeruht und voller Tatendrang hielt sie es nicht mehr im Bett aus und stand auf. Das Wasser, welches sie aus einem Krug in die Waschschüssel goss, war kalt, aber sie wusch sich damit und zog sich anschließend an. Als sie ihr Zimmer verließ, blieb sie vor Entaros Gemach kurz stehen und zögerte. Sie wollte nicht anklopfen und ihn womöglich wecken, denn er brauchte den Schlaf, um seinen verletzten Körper zu heilen. Entaro spielte es gern ein wenig herunter, doch Isaé beharrte darauf, dass er sich ausruhte und die Erkundung in die Grenzlande erst dann beginnen sollte, wenn er wirklich wieder zu Kräften gekommen war. Verletzt und mit Schmerzen würde er ihnen sowieso mehr schaden als nützen, daher hoffte Isaé, dass er sich nicht zu viel zumuten würde. Sie lauschte eine Weile, doch als sie nichts hörte, zuckte sie die Schultern und ging durch die Gänge der Burg. Aber auch hier war es ruhig, und so lief sie die Treppe hinunter. Aus der Küche drang Lärm, aber als sie nach einem Stück Brot fragte, wimmelte man sie dort ab. "Ser Tarvain legt Wert auf ein gemeinsames Morgenmahl und daher werdet ihr Euch noch ein wenig gedulden müssen!" moserte die dicke Köchin. Isaé nickte. Das verstand sie natürlich. “Wird es wenigstens Eier mit Speck geben?” erkundigte sie sich hoffungsvoll und legte sich unbewusst eine Hand auf den Bauch als dieser plötzlich zu knurren begann. “Mal sehen! Jetzt geduldet euch, es dauert ohnehin noch eine Weile!” Eine Magd erwiderte “Das ist die Hexenjägerin!” “Na und? Sie muss trotzdem warten, Ser Tarvain gibt hier die Anweisungen!” gab die resolute Köchin zurück. “Hol lieber die Eier aus dem Stall!” Isaé zuckte die Schultern und trat weg vom Kücheneingang. Irgendwie fühlte sie sich nutzlos. Und selbst für Isaé war es zu früh an diesem Morgen, eine Opiumpfeife zu rauchen. Natürlich könnte sie auch eine Pfeife ohne Opium rauchen. Aber der Drang danach war nicht so stark und so unterließ sie es ganz. Isaés Beine trugen sie schließlich nach draußen in den Burghof, wo schon emsiges Treiben herrschte. Einige Hühner liefen umher und scharrten und pickten am Boden, aus den Stallungen hörte man hin und wieder ein Pferd wiehern und sie überlegte, ob sie sich die Pferde ansehen sollte. Sie hatte noch nie auf einem Pferd gesessen, geschweige denn darauf geritten. Aber, so konnte sie behaupten, sie war dafür auf einem wahrhaftigen Drachen gesessen und auf ihm geritten. Ja sogar geflogen! Da dies aber der letzte Drache auf dieser Welt war, wenn man Entaros Worten glauben konnte, würde ihr das in Zukunft vermutlich kein Mensch glauben. Die Hexenjägerin schlenderte umher und konnte neben dem Wiehern der Pferde auch den Klang von rhythmischen Hämmern hören. Es war eindeutig ein Schmied. Sie folgte dem Hämmern, bis sie vor der offenen Hütte stand. Die Vorderwand fehlte komplett, stattdessen waren mehrere Stützbalken vorhanden, die mit ihrer stützenden Funktion lediglich die fehlende Wand ersetzten und damit für mehr Luftaustausch sorgten damit es in der Schmiede nicht zu heiß wurde, herrschten in der Esse doch mehr als tausend Grad. Die Luft im Inneren und um die Schmiede herum schien regelrecht zu flirren, und Isaé spürte schon die Hitze, die ihr entgegenschlug, als sie noch einigen Abstand zu der Schmiede hatte. Als sie näherkam, sah sie einen Jungen, er mochte vielleicht fünfzehn Jahre sein, der mit seinen Füßen den Blasebalg bediente. Die Luft die aus dem Blasebalg strömte, reicherte die Glut in der Esse mit Sauerstoff an, was die Glut in regelmäßigen Abständen hell aufleuchten ließ, was einen reizvollen Kontrast zu der dunkelgrauen Asche bot, die auf den Glutbrocken lag. Der Schmied selbst war ein hünenhafter bärtiger Mann. Seine muskulösen Arme waren beinahe so dick wie Baumstämme und er trug eine lederne speckige Schürze über seinem nackten Oberkörper, der vor Schweiß glänzte. Er bearbeitete auf dem Amboss eben eine halbfertige Klinge, und mit jedem Schlag, mit dem er den Stahl bearbeitete, sprühten kleine goldene Funken auf. Im hinteren Teil der Schmiede stand ein weiterer Junge an einer Tretkurbel mit Schleifstein und bearbeitete fertig geschmiedete Messerrohlinge, die er schärfte. Isaé beobachtete das Werken mit interessiertem Blick. Sie konnte sich kaum einen interessanteren Beruf vorstellen, als den eines Schmiedes. Als der Schmied sie erblickte, hielt er inne in seinem Tun und legte den Hammer auf den Amboss, während er sie fragend musterte. Auch der Junge an der Esse hörte auf, den Blasebalg zu treten und stieß ein leises keuchen aus. "Entschuldigt, ich wollte nicht stören, bitte, macht nur weiter!" hob sie abwehrend die Hand und trat einen Schritt zurück. "Bleibt nur, der Stahl ist ohnehin erkaltet." meinte er und wandte sich um zur Esse und legte den Stahl, den er eben noch mit dem Hammer bearbeitet hatte, in die Glut, und schob mit einem Schürhaken noch ein wenig nach. Isaé fasste unter ihren Mantel und zog ihr Langmesser hervor. "Stumpf?" fragte er, noch bevor Isaé auch nur ein Wort hervorbrachte und sie nickte wortlos. Er nahm das Langmesser entgegen und neigte die Klinge im Feuerschein hin und her, während er sie betrachtete. "Gute Klinge, aber so stumpf, da könntest du gleich einen Löffel hernehmen." Er lachte heiser und reichte das Messer dem Jungen an dem Schleifstein. "Warte kurz, das dauert nicht lang." Der Junge begann sich an die Arbeit zu machen, derweil musterte der Schmied die junge Frau aufmerksam. "Wer bistn du? Dich hab ich hier ja noch nie gesehen" stellte er fest. "Ich bin Isaé. Ich bin mit meinem Begleiter erst gestern Abend hier angekommen." "Ah! Du bist mit dem Drachenreiter hergekommen. Dann bist du die Hexenjägerin, ha?" Isaé nickte. "Eine Hexenjägerin ist nicht so spannend wie ein Drache, nicht wahr?" grinste sie herausfordern, und der Schmied lachte "Das ist wohl wahr! Hexenjäger sind hier schon öfter über die Schwelle der Burg gekommen, aber ein Drache noch nie. Ich wird mir das Viech nachher auch ansehen gehen, die Gelegenheit ist vermutlich einmalig, oder?" Isaé nickte. "Das ist sie in der Tat." "Und was treibt Euch hierher, Hexenjägerin und Drachenreiter?" "Nun, wir wollten lediglich einen Freibrief für Akadien, doch nun haben wir uns unerwartet in den Dienst von Ser Tarvain gestellt. Wir helfen ihm, dieses Pack in den Grenzlanden aufzustöbern." Da murrte der Schmied verächtlich. "Das haben hier schon viele Hexenjäger versucht, aber bisher hats keiner geschafft. Wieso? Und wieso denkst du, dass du es schaffen wirst?" "Weil ich das Flüsterholz wahrhaftig verstehe" erwiderte Isaé und zwinkerte. Der Junge wandte sich vom Schleifstein ab, und ergriff einen geölten Lappen, mit dem er die Klinge abwischte. "Jetzt is sie wieder scharf!" sagte er. Als Isaé nach der Waffe verlangte, zog er sie zurück. "Das macht zwei Kupferne" erwiderte der Junge frech grinsend und hielt die Hand auf. Isaé nickte. "Natürlich. Einen Moment bitte." Sie kramte in ihrem Geldbeutel und förderte schließlich die zwei geforderten Münzen hervor. "Ich bedanke mich. Es bleibt zu hoffen, dass mir diese nun scharfe Klinge gute Dienste in den Grenzlanden leisten wird." Der Schmied deutete eine kleine Verbeugung an "Das wäre wünschenwert, Mamsell." "Guten Tag" lächelte Isaé, neigte leicht den Kopf, wandte sich ab und zog von dannen. Sie schritt zurück zum Burggebäude, da sie der Hunger nun schon quälte. Unverwandt trieben ihre Schritte sie in die große Halle, wo sie am gestrigen Abend gespeist hatten. Zwar war sie die erste, die gekommen war, aber sie hatte nun keine Lust mehr, erneut in ihr Zimmer zu gehen. Sie nahm an dem Stuhl, an dem sie gestern gesessen hatte, Platz, und lümmelte sich mit den Armen einigermaßen bequem hin, und wartete, bis sowohl Entaro, Ser Tarvain und die anderen, die mit ihnen frühstücken würden, in den Saal kamen.
#82
Des Meisters mahnende Worte ❖
drache-nachdem der Vertrag unterschrieben war, verließen sie die Kammer und zerstreuten sich. Denn es war schon sehr spät. Das schwarze Tuch der Nacht hatte sich über die Welt gelegt und am Himmel leuchteten Millionen von Sternen. Entaro stand vor dem Tor der Burg und starrte in den Nachthimmel. Hier und da funkelte einer der Sterne in rötlichen oder bläulichen Tönen und stachen somit förmlich heraus aus dem Meer aus weißen Punkten. Hin und wieder huschte eine Sternschnuppe über das Himmelszelt, doch noch ehe man sich dessen gewahr werden konnte, war es auch schon wieder verschwunden. Entaro seufzte und drehte geistesabwesend an dem Siegelring herum, der auf dem kleinen Finger seiner linken Hand steckte. Er grübelte über seine Entscheidung nach, seine Unterschrift auf diesen Vertrag gesetzt zu haben. Doch, im Gegensatz zu all den anderen Hexen, waren diese drei vermutlich wahrlich ein Greul. Es wäre rechtens die Welt von ihrer Geißel zu befreien. Doch war dies nicht die Aufgabe der Bernsteinritter. Entaro wusste, dass Tarvain einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Schwarzseher und Hexen aus Kalath führte. Hatten sie sich in eine private Fehde eingemischt? Entaro seufzte erneut. Geschehen ist geschehen. Nun konnte er auch keinen Rückzieher mehr machen.

Er verließ den Burghof und schlenderte gedankenverloren zu dem kleinen, umfriedeten Turnierplatz, an welchem er seinen Schatten, den Drachen, wähnte. Und wie zu erwarten, lag er dort, den Kopf auf dem Boden und schnaufte gemächlich. Er schien zu schlafen. Doch als Entaro sich nah genug genähert hatte, öffneten sich die Augen des Untiers und ein mattes Glühen war in der allgegenwärtigen Schwärze der Nacht zu erkennen. Etwas abseits von dem Platz saßen zwei Wachposten. Sie saßen auf einer hölzernen Bank an einem Tisch. Einer von ihnen schüttelte gerade einen ledernen Würfelbecher. Auf dem Tisch stand eine kleine Laterne, die etwas Licht spendete und der andere starrte in die Flamme der Laterne. Als sie Entaro bemerkten, zuckten sie erschrocken zusammen. Doch als sie den Drachenreiter erkannten, entspannten sie sich sogleich wieder. »Ah, ihr seid es.« Entaro räusperte sich. »Ach ihr seid es, ich hab mich vielleicht erschrocken.«, murmelte der Eine. Entaros Blicke huschte zwischen den beiden Wächtern und dem Drachen hin und her. Hatte der Drache sich danebenbenommen? Oder war das Untier den beiden einfach nicht geheuer, selbst wenn er nur still dalag? Entaro zuckte mit den Achseln. Sie würden sich an ihn gewöhnen, denn nun, da dieser Vertrag unterschrieben worden war, würden sie zweifellos einige Tage hier verbringen, bevor sie, vermutlich alle gemeinsam, auf die Jagd gehen würden. Der Wachmann, welcher zuvor noch den Würfelbecher geschüttelt hatte und diesen inzwischen abgestellt hatte, räusperte sich. »Der Drache hat, seit er das Schwein verschlungen hatte, die ganze Zeit über nur herumgelegen.« Entaro nickte zufrieden. »Ja, das macht er am häufigsten. Fast wie ein fauler Hund. Schlafen und Fressen.« Entaro rang sich ein müdes Lächeln ab und die beiden ließen sich davon anstecken.

Entaro wandte sich schließlich von den beiden ab und näherte sich dem Drachen. Natürlich hatte dieser, seit er sich Entaros Gegenwart gewahr geworden war, ihn die ganze Zeit beobachtet und mit seinen Blicken fixiert. Als Entaro schließlich so nah gekommen war, dass er den Atem hören konnte, erhob der Drache schließlich seinen Kopf und starrte Entaro mit seinen feurigen Augen an. »Wir werden noch eine Weile hierbleiben.« Er berührte den Drachen an der Stirn und das Untier schloss daraufhin seine Augen. Als würde er die Berührung genießen. Oder sich unterwerfen? Entaro wusste nie so recht wie er dieses Verhalten genau deuten sollte. Manchmal wünschte er sich, dass der Drache sprechen könnte. Aber zumindest schien es, dass er ihn sehr gut verstehen würde. Der Drache schnaubte und aus seinen Nüstern stieg heißer Dampf auf. Entaro deutete dies als stumme Zustimmung. Dem Drachen blieb ja ohnehin keine andere Wahl.

Nach einer Weile kehrte Entaro schließlich zurück in die Burg und hatte sich in seiner, ihm zugewiesenen, Kammer zur Ruhe gelegt. Und er hatte die Ruhe auch bitter nötig. Denn, auch wenn seine Wunde kaum noch Beschwerden machte, so war sie noch nicht gänzlich verheilt. Wenn der Tag gekommen sein würde, an dem sie auf die Jagd gehen würden, musste Entaro vollständig genesen sein. Sonst wäre er mehr eine Last als eine Unterstützung.

Am nächsten Morgen erwachte Entaro mit dem Krähen des Hahns. Pünktlich zum Sonnenaufgang, wie es sich für einen stolzen Hahn gehörte. Entaro kroch aus dem Bett und reckte sich schlaftrunken. Er hatte geschlafen wie ein Stein. Es war doch etwas anderes in einem Bett zu schlafen, als in weiter Flur auf der Erde. Er nahm sein Gewand zur Hand, um es anzuziehen, als ihm der muffige Geruch auffiel, der davon auszugehen schien. Er rümpfte die Nase und stieg zuerst in die Hose, bevor er sich seine Tunika überwarf. Den Rest der Kleidung legte er sich über den Arm. Und so bewaffnet, verließ er seine Kammer und begab sich auf die Suche nach den Mägden und Knechten, welche vermutlich schon lange vor dem Hahn erwacht waren. Seine Suche dauerte nicht sehr lange, als er schließlich die Küche fand. Hier herrschte reges Treiben und Entaro fühlte sich schon sehr schnell sehr fehl am Platz. »Das Frühstück wird in einer Stunde serviert, Ser.«, erklang die Stimme einer Magd, welche Entaro bemerkt hatte, was nicht schwierig gewesen war, denn unter all den einfachen Leuten fiel er auf wie ein bunter Hund, selbst wenn er nicht in voller Montur vor ihnen stand. Entaro nickte verstehend. »Ich bin aber auf der Suche nach dem Badezuber. Und meine Kleidung bedürfte auch einer Reinigung.« Entaro hob seinen linken Arm, auf welchem seine übrige Kleidung gelegt lag, wie auf einem Kleiderständer. Die Magd nickte verstehend. »Der Zuber steht in der Kammer an der Westburg. Ihr könnt es kaum verfehlen. Einfach nach Links.« Die Magd deutete in jene Richtung, von der sie sprach und Entaro folgte ihren Blicken. »Einfach nach Links und die zweite Tür.« Entaro bedankte sich und die Magd widmete sich wieder ihrer Arbeit, doch nicht ohne ihm ein verhaltenes, fast neckisches Lächeln zu schenken. Entaro bemaß diesem Lächeln keine besondere Bedeutung bei, obwohl er mehr in Unterwäsche herumlief, als anständig gekleidet.

Entaro fand die entsprechende Kammer auf Anhieb. Sie war wirklich kaum zu verfehlen. In der Kammer stand ein leerer, hölzerner Bottich und außer dem Zuber und Entaro war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Entaro runzelte die Stirn. Er hatte, in seiner naiven, ritterlichen, Art angenommen, dass das Bad eingelassen sein würde. Oder zumindest Waser über einer Feuerstelle simmern würde. Doch nichts dergleichen war vorhanden. Weder Wasser, noch ein Knecht, oder eine Magd. Entaro legte seine Kleidung auf einen nahestehenden Schemel und verließ wieder die Stube auf der Suche nach einem Bediensteten, welchen er auch kurz darauf fand. »Verzeiht…«, erhob Entaro die Stimme und der junge Mann sah ihn fragend an. »Ihr wünscht, Ser?« Entaro kratzte sich am Hinterkopf. »Ich wollte ein Bad nehmen und meine Kleidung waschen. Doch ist der Zuber leer und…« Weiter kam er nicht. Der Knabe nickte verstehend. »Ihr könnt mir eure Kleidung überlassen. Ich werde mich darum kümmern. In dem Badehaus findet ihr auch einfache Leinengewänder.« Entaro nickte doch das erklärte noch nicht die Frage mit dem Wasser. Und als ob der Knabe seine Gedanken gelesen hätte, deutete er auf den Brunnen, welcher in der Mitte des Hofes stand. »Wasser gibt es im Brunnen. Ich werde jemanden kommen lassen, der sich darum kümmert.« Entaro seufzte. »Ich denke das werde ich noch selbst bewerkstelligen.« Der Knabe sah ihn verwundert an doch erwiderte er nichts darauf. Eine Weile sah er dem Bernsteinritter sogar dabei zu, wie er aus dem Laufbrunnen Wasser in zwei große Kübel füllte, die zu mehreren um den Brunnen herumgestanden hatten. Als Entaro schließlich zwei Kübel gefüllt hatte, trug er diese, wenn auch unter sichtlicher Anstrengung, in die Kammer mit dem Zuber.

Der Knabe hatte sich die Kleidung genommen, und vor der Tür gewartet, bis Entaro ihm schließlich auch die Hose, die Bruche und die Tunika dargereicht hatte. Und Entaro, stieg schließlich in den leeren Zuber. Dann nahm er einen der Kübel zur Hand und goss sich die Hälfte des Inhaltes über den Kopf. Das eiskalte Wasser biss ihm förmlich in die Haut. Binnen kürzester Zeit sog sich auch der Verband voll mit Wasser was Entaro aber kaum bemerkte. Er nahm eine Seife zur Hand und schrubbte sich von Kopf bis Fuß und schlussendlich auch die Haare. Jetzt erst bemerkte Entaro, dass der Verband sich mit Wasser vollgesogen hatte, und die Salbe unter dem Verband herauslief. Entaro seufzte erneut und betastete den Verband, wobei er feststellte, dass die Wunde kaum noch Schmerzen verursachte. Er goss den Rest des Kübels über sein Haupt und begann die Seife abzuwaschen. Der zweite Kübel erledigte schließlich den Rest und so entstieg Entaro dem Zuber und begann sich abzureiben, den Bereich um die Wunde allerdings tupfte er behutsam ab. Und dann zog er das besagte Leinengewand an, welches mehr einem Morgenmantel glich als einer adäquaten Kleidung. Entaro zog sich seine Stiefel an und verließ schließlich die Kammer.

Kaum hatte er die Türe geöffnet, da strömte auch schon eine Magd hinein, vermutlich um die Hinterlassenschaften des Bernsteinritters zu reinigen. Entaro hingegen schlenderte über den Hof, bis er dem nächsten Untergebenen Tarvains über den Weg lief, bei welchem er sich erkundigte, wo er denn die Kammer des Heilers finden könnte. »Der Alte Odelin? Der wohnt da drüben!« Der Untergebene deutete auf einen kleinen Vorbau, an welchem sich ein runder Erker befand. Entaro fand Odelin im Erdgeschoss des Gebäudes. Von seinem Gehilfen war allerdings weit und breit keine Spur. »Ah, Ser del Adun. Wie kann ich euch an diesem schönen Morgen dienlich sein?« Entaro schlug den Mantel zur Seite und offenbarte den durchnässten Verband und Herr Odelin schnalzte mit der Zunge. »Ach, der sieht ja verwahrlost aus. Dabei habe ich ihn erst gestern angelegt!« Entaro zuckte entschuldigend mit den Schultern doch Odelin redete scheinbar lieber mit sich selbst. Während er den Verband abnahm, die Wunde reinigte, neue Salbe auftrug und einen neuen Verband anlegte, verging nicht ein Augenblick der Stille. Die ganze Zeit war er am Fluchen und Schimpfen. »So, wie neu! Aber jetzt gebt gefälligst besser darauf acht!« Entaro betastete den Verband und erntete sogleich eine schelte auf seine Finger. »Nicht dran rumfummeln!«, maßregelte der Heiler den Bernsteinritter, welcher sich die, im Raum stehende Frage, kaum verkneifen konnte. »Wie sieht die Wunde aus?« Herr Odelin schnalzte erneut mit der Zunge. »Wenn man bedenkt, wie stümperhaft sie behandelt worden war, erstaunlich gut. Ich denke in drei Tagen könnt ihr den Verband ablegen und den Rest heilt ganz von selbst.« Entaro nickte verstehend. »Und wann kann ich wieder ein Schwert schwingen, ohne dass die Wunde sich wieder öffnen wird?« Da rollte Odelin mit den Augen. »Ihr Ritter denkt auch nur ans Kämpfen oder? Weiber, Saufen und Schädel spalten. Und egal was davon, der Alte Odelin soll es am Ende wieder Richten, was? Meister Odelin! Mein Pimmel juckt! Meister Odelin, mein Schädel brummt! Meister Odelin…« Er verfiel förmlich in eine Tirade an Entrüstung und Wehklagen. Der Soldat, der sich bei der ungewaschenen Magd was eingefangen hatte. Der Wachposten, der mal wieder zu tief in den Becher geschaut hatte. Und der Bernsteinritter, der, noch ehe seine Wunde verheilt war, schon wieder ans Kämpfen dachte. »Kuriert euch aus! Sieben Tage! Keine hastigen Bewegungen. Keine Schläge auf den Leib. Und kein Schwertgeschwinge! Verstanden?« Er warf Entaro einen maßregelnden Blick und Entaro senkte, fast demütig wie man annehmen mochte, den Blick. Doch viel eher war Entaro einfach nur froh, als er endlich Odelins Stube hinter sich gelassen hatte. Der Alte war einfach ein Quälgeist. Vermutlich zogen es manche Männer vor still und heimlich zu leiden, anstatt sich dem Hohn und Spott ihres Heilers aussetzen zu müssen.

Entaro hingegen hatte schließlich den Weg zurück in die Burg gefunden. Der Knabe hatte seine Wäsche gewaschen und ordentlich durch die Mangel gedreht. Doch selbst die Mangel konnte keine Wunder vollbringen. Die Sonne musste den Rest erledigen und so würde Entaro erst zur späten Mittagsstunde wieder seine gewohnte Kleidung tragen können. Er schalt sich selbst einen Narren, dass er nicht schon gestern daran gedacht hatte. Dann wäre es ihm erspart geblieben im Morgenmantel zum gemeinsamen Frühstück zu erscheinen. Als Entaro den Raum betrat erntete er sogleich neugierige Blicke. Um nicht zu sagen, missbilligende, schmunzelnde oder abschätzende. Er spürte förmlich, wie Isaés Blicke über seinen Körper wanderten, als Entaro sich zu ihr an den Tisch setzte. »Bist du schon lange hier?«, erkundigte sich Entaro um die beklommene Situation, in der er sich seiner Meinung nach befand, abzulenken.

Die meisten Anwesenden bedachten Entaro nur mit Blicken. Blicke aus denen Entaro nicht wirklich erahnen konnte, was sie zu bedeuten hatten oder wie sie zu werten waren. Doch niemand äußerte sich darüber, was wohl der Anstand gebot. Das Frühstück war einfach aber sehr sättigend. Eier, Speck, verschiedene Kompotte und sogar eine überbackene Pastete mit einer saftigen, zarten Füllung und einer krossen, blättrigen Kruste. Wenn dies das Los der kommenden Woche sein würde, wollte Entaro es begrüßen. Dies würde die Zweifel, die in seinem Geist herumspukten, mehr und mehr besänftigen. Es diente einem höheren Zweck. Und er hatte ein bequemes Bett, einen mürrischen Heiler und gutes, akadisches Essen. Es war beinahe wie der erholsame Atemzug zwischen zwei langen Tauchgängen durch Tod, blutiges Verderben und stinkende Scheiße.

Als Entaro, etwas später am Tag, schließlich zurück in den Hof kehrte, fand er seine Kleidung frisch gewaschen und von der Sonne getrocknet vor. Es war beinahe befreiend, sich endlich wieder in der engen, Kleidung eingehüllt zu wissen. Er schloss gerade die letzte Schnalle, knotete den langen, ledernen Gürtel um seine Hüfte und richtete sich das Schwertgehänge zurecht und warf zum Abschluss einen prüfenden Blick in den Spiegel. Zufrieden musste er nicken, als er den Bernsteinritter in voller Montur darin wieder erkannte. Als die Sonne endlich ihren Zenit erreicht hatte, erschallte ein Horn über den Hof der Burg und erweckte Entaros Aufmerksamkeit. Er warf einen neugierigen Blick aus dem Fenster seiner Stube und sah einen Bannerträger, welcher allein auf dem Hof stand und ein zweites Mal in das Horn stieß, aus welchem ein langgezogener, hoher Ton langsam selbst in den hintersten Winkel der Burg kroch. Wie Motten, die vom Licht angezogen wurden, strömten nach und nach die Männer Marçiens auf den Hof. Auch Entaro und Isaé waren dem Ruf gefolgt, und in nur kurzer Zeit hatten sich so viele Männer auf dem Hof eingefunden, dass man den Eindruck hatte, dass sich gerade der gesamte Hofstaat versammelt hatte. Die Männer drängten sich zu Dutzenden auf dem Hof und das Gemurmel ihrer Stimmen hallte von den steinernen Mauern wider und wider, und bald schon klang es wie ein Meer von Männern, gleich einem Bienenstock, den ein Bär von dem Baum geschlagen hatte. Entaro trat an einen der Männer heran und räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen. Doch sein Räuspern ging in dem Wirrwar aus Stimmen und Gemurmel unter, so dass er dem Mann auf die Schulter tippen musste. »Verzeiht. Was hat diese Versammlung zu bedeuten?« Der junge Mann war vermutlich keine zwanzig Lenze alt. Sein braunes Haar schimmerte rötlich in der Sonne und aus seinen grünen Augen funkelte eine ungezügelte Erwartung. »Das Silberne Horn von Marçien. Es ruft die Männer zur Schlacht! Es ist Tradition, dass Ser Tarvain alle seine Untergebenen auf einen Feind einschwört, bevor er sie in die Grenzlande führt!« Der Mann klang beinahe euphorisch. Als würde er sich regelrecht darauf freuen. »Seid ihr schon oft in den Grenzlanden gewesen?«, erkundigte sich Entaro doch der Mann schüttelte den Kopf. »Dies wird mein erster Zug in den Norden werden. Der letzte war vor zwei Jahren, als ein Hexenjäger Marçien in den Norden geführt und Ser Tarvain dreißig seiner besten Männer verloren hatte. Seither ist das silberne Horn nicht mehr erklungen.« Entaro runzelte die Stirn. Zwei Jahre? Er musste mit Tarvain über diese neue Erkenntnis sprechen. Was hatte sie wohl zu bedeuten? Zuletzt trat Tarvain auf den Hof, doch anders als die anderen Männer, gesellte er sich nicht zu ihnen auf dem Hof, sondern stand auf einem kleinen Wehrgang, am Rand des Hofes und hob seine Hände in die Höhe. Das Stimmen Gemurmel der Männer erstarb und alle richteten ihre Blicke auf den Herren der Burg. »Männer, hört mich an!«, rief er mit lauter, schallender Stimme in die Menge und damit hatte er auch den Letzten zum Verstummen gebracht. »Der Hornstoß ist ertönt! Schärft eure Äxte, poliert eure Schilde! Schenkt euren Weibern ein paar letzte Nächte und macht euch bereit! Wir werden in die schwarzen Lande ziehen und das verdorbene Pack mit Stumpf und Stiel ausmerzen!«

Die Männer johlten und jeder von ihnen stampfte, beinahe unisono, mit dem Fuß auf dem Boden auf. »Wie inzwischen wohl jeder weiß, sind die Hexenjägerin Isaé Edera und Ser Entaro d’Adun, gesalbter Bernsteinritter und Drachenreiter!« Das letzte Wort rief er besonders laut und langezogen aus, so dass die Männer erneut johlten und stampften. »Zu gestriger, später Stunde auf der Burg Marçien eingetroffen. Und Beide haben den Vertrag unterschrieben! Dieser Feldzug wird glorreich sein! Wir haben eine Hexenjägerin, die das Flüstern des gottlosen Fluchholzes hören kann Sie wird uns zu unseren Feinden führen! Daereans Segen ist mit uns, und sein Diener hat einen leibhaftigen Drachen! Dies sind die Zeichen des Schicksals! Daerean ist gnädig und der Sieg wird unser sein. Daereans Feinde werden brennen, auf dem Scheiterhaufen, oder im Drachenfeuer!« Das Johlen und Stampfen, dass diesen Worten folgte, war um ein Vielfaches lauter und heftiger, als die letzten beiden gemeinsam. Und Tarvain konnte die Menge kaum im Zaum halten. Entaro sah viele junge Männer. Männer deren Blut heiß auf den Ruhm war. Sie wollten ihre Sporen verdienen, ihre Ehre unter Beweis stellen. Und Daereans Gunst erringen. Nur Entaro jubelte nicht. Er, der Diener Daereans. Ein Abgesandter des Ordens der Bernsteinritter. Er stand inmitten der jubelnden Männer, die Arme vor der Brust verschränkt, und ließ seine Blicke über die ganzen namenlosen Gesichter schweifen. Wie viele von diesen Männern würden niemals wieder aus den Grenzlanden zurückkehren? Wie viele von ihnen würden für einen Gott sterben, dessen Gegenwart Entaro nicht mehr gespürt hatte, seit er das erste Mal einen Fuß in die verfluchten Lande gesetzt hatte? Daerean hatte sie nicht nach Marçien geschickt. Daerean hatte Entaro nicht vor der Klinge bewahrt. Und Daerean war stumm geblieben. Doch diese Männer jubelten voller Inbrunst. Und die Worte überschlugen sich und vermischten sich in Entaros Ohren zu einem einzigen Rauschen, aus dem er kein einziges Wort mehr verstehen konnte.
#83
Reitstunden ❖
drache-isaé hing der Magen schon bei den Knien und sie seufzte, während sie den Kopf in den verschränkten Armen, die am Tisch lagen, bettete. Wenn das Essen schon aufgetragen gewesen wäre, dann hätte sie sich vermutlich schon heimlich etwas stibitzt. Aber so saß sie nur vor der Tafel, die lediglich mit Geschirr gedeckt war. Isaé hatte ihren Teller beiseitegeschoben, doch irgendwann kam ihr in den Sinn, von welche schlechten Manieren dies zeugte, mit dem Kopf und den Armen auf dem Tisch zu lümmeln. Wenn sie jemand sah! So richtete sie sich wieder auf, schon ihren Teller an Ort und Stelle und legte das Besteck wieder so ordentlich hin, wie sie es vorgefunden hatte. Nach kurzer Weile kamen Menschen in den Saal, wenige Frauen, vermehrt Männer, und jeder und jedem, die oder der sie grüßte, schenkte sie ein Kopfnicken zum Gruß. Nun würde es hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis die Speisen aufgetragen wurden! Isaé sah immer wieder zur Türe, in der Hoffnung, dass Entaro bald erscheinen würde. Sie kannte niemanden von den Anwesenden, und fand es sowohl befremdlich, als auch unangenehm, angestarrt zu werden, oder irgendwelchen höfischen Austausch oder kurzweilige Gespräche zu führen, die meistens von langweiligen Dingen handelten, wie das Befinden, das Wetter, oder woher man den Gastgeber kannte Isaé staunte nicht schlecht, als sie schließlich Entaro in den großen Saal kommen sah. So sehr sie sich freute, ihn zu sehen an diesem Morgen, der Aufzug in dem er erschien, den hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Er trug nicht seine Gewandung, die man an ihm kannte, nein, alles was er trug war eine Art leinener Morgenmantel, der zwar alles bedeckte, was es zu bedecken gab, und dennoch mehr andeutete, als gewollt. Sie musste ihn ziemlich einfältig angegafft haben, und vielleicht war ihr sogar der Mund offen gestanden. Jene Burgbewohner, oder Gäste, das wusste Isaé nicht, begannen sogar teilweise zu tuscheln, und Entaro war sichtlich unangenehm berührt. Doch Isaé kam nicht umhin, ihre Blicke dennoch über seine Erscheinung schweifen zu lassen. Sie konnte einfach nicht anders. Und nein, ihr Blick blieb nicht an der Leibesmitte hängen, obgleich sie auch dort hingesehen hatte, was sich einfach nicht vermeiden ließ. Je mehr man sich bemühte, an eine Stelle explizit nicht hinzusehen, desto mehr sah man am Ende doch hin. Und wenn jemand zu Isaé sagte "Schau nicht dort hin", so konnte man sich sicher sein, dass sie darauf nicht hörte, und erst recht hinsah. So war sie. Doch ihr Interesse galt vielmehr den Spalt, der sich vom Morgenmantel nicht bedecken ließ und auf dem sich Brusthaare zeigten. In seiner üblichen Gewandung konnte man das wirklich nicht sehen, auch nicht seine Brustmuskeln, und so starrte sie ihn einfach unverblümt an, bevor sie ihm einen Guten Morgen wünschte. Sie versuchte, nicht allzu amüsiert zu lächeln, und fragte ihn, ob er schon wieder ein Bad genommen hatte. Und ob er seine Kleidung deswegen auch gleich hatte waschen lassen. Was natürlich sehr schlau war, vielleicht aber wäre es besser gewesen, dies am Abend zu machen, wenn man ohnehin ins Bett ging. Isaé war gar nicht auf die Idee gekommen, ihre Kleidung hier waschen zu lassen. Vielleicht sollte sie das noch tun, bevor sie in die Grenzlande zogen. "Bist du schon lange hier?" fragte er sie, als er sich zu ihr setzte. Und da stieß Isaé einen tiefen Seufzer aus. "Oh ja, viel zu lange. Ich konnte nicht mehr schlafen, und war schon im Burghof spazieren. Dort habe ich mir beim Schmied mein Messer schleifen lassen. Und seitdem sitze ich schon hier. Ich war die erste, und ich bin schon so hungrig!" Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und wirkte ganz unglücklich dabei. Doch alles Warten hatte einmal ein Ende. Nachdem Ser Tarvain als Letzter den Saal betreten hatte, und nach allen Seiten grüßte, wurde das Frühstück zügig aufgetragen. Es war einfach, doch sehr köstlich. Eier, Speck, ganz wie Isaé es sich gewünscht hatte, dazu Brombeer- und Apfelkompott, eine Fleischpastete, aber auch einfaches Brot, Butter und Honig. Isaé langte ordentlich zu. Sie häufte sich von der Eierspeise auf ihren Teller, legte darauf reichlich knusprig gebratenen Speck, und all sie dies vertilgt hatte, nahm sie sich noch eine Scheibe Brot, bestrich diese dick mit Butter und dann noch mit Honig. Isaé liebte den Geschmack von Honig. Für sie gab es nichts Besseres, aber die Komposition von Butter und Honig war etwas, wofür sie beinahe bereit war zu sterben. Sie seufzte selig auf, als sie in das Honigbrot biss, und war einfach nur glücklich.

Isaé war danach beim Mittagstisch nicht erschienen, da sie vom Frühstück immer noch so satt war, sodass sie nicht einmal eine Brombeere würde essen können. Stattdessen war sie am Vormittag eher untätig gewesen und hatte sich vom süßen Nichtstun ausgeruht, und war dann einfach noch einmal eingeschlafen. Geweckt wurde sie von einem alles durchdringenden Hornstoß. Schlagartig schlug sie die Augen auf und sprang aus dem Bett und ans Fenster, um zu sehen, was da draußen vor sich ging. Und neugierig, wie sie war, wollte sie sich das mit eigenen Augen ansehen. Sie trat aus dem Zimmer und traf dort Entaro, der wohl denselben Einfall gehabt hatte. "Entaro, was hat das zu bedeuten?" fragte sie unsicher, doch auch dieser hatte keine rechte Ahnung, und so folgten sie, wie alle, dem Ruf des Horns und traten auf den Burghof. Entaro sprach dort mit einem jungen Recken, doch der Lärm übertönte alles, so und konnte Isaé nicht verstehen, was die beiden miteinander sprachen. So stand sie nur da, und beobachtete das Geschehen, als schließlich Ser Tarvain auf den Wehrgang trat und den Hornstoß verkündete. Es bedeutete, dass sich die Männer bereit machen sollten, da sie in die schwarzen Lande ziehen würden. Und er berichtete, was vermutlich ohnehin schon jeder wusste. Dass eine Hexenjägerin und ein gesalbter Bernsteinritter und Drachenreiter auf die Burg gekommen und den Vertrag unterschrieben hatten. Er frohlockte, dass der Sieg auf ihrer Seite sein würde, mit all diesen vielversprechenden Vorzeichen, und der Hexenjägerin zog sich unweigerlich der Magen zusammen. Sie hatte, wenn sie sich ehrlich war, von diesem Unterfangen eine etwas andere Vorstellung davon gehabt. Doch so viele Männer zusammengetrommelt, oder eher zusammenposaunt, und mit ihnen allen in die Grenzlande, oder die schwarzen Lande, wie Ser Tarvain sie auch hin und wieder nannte, das war mehr als sie erwartet hatte. Der Funke der Euphorie sprang nicht über auf die Hexenjägerin. Und auf den Drachenreiter, wie man unschwer erkennen konnte, auch nicht. Er stand nur mit verschränkten Armen da und blickte ernst drein. Und irgendwie war das beängstigend.

In der Nacht hatte es geregnet. Der Morgen war grau und trüb, feuchter Dunst und Nebel krochen über dem Boden. Das Frühstück war ähnlich köstlich gewesen wie am Morgen zuvor, und Ser Tarvain hatte seine Worte an Isaé gerichtet. Er hatte sich bei ihr erkundigt, wie es um ihre Reitfertigkeiten stünde, und Isaé hatte zugegeben, dass sie noch nie auf einem Pferd gesessen war. Da hatte Ser Tarvain schweigend genickt und ihr schließlich versprochen, ihr seinen Reitmeister zur Seite zu stellen, damit dieser ihr den Umgang mit einem Pferd zeigen, und sie dieses erlernen würde können. Der Weg in die Grenzlande würde beritten bewältigt werden müssen, und da Isaé wichtig für dieses Unterfangen war, musste sie eben reiten lernen, um mithalten zu können. Isaé hatte beklommen genickt. Und nun stand sie im Burghof, etwas zögerlich, mit verschränkten Armen und wartete auf Amaury, den Reitmeister, nach welchem nach dem Frühstück geschickt worden war. Schließlich sah Isaé einen Mann kommen, der an beiden Händen je ein Pferd führte. Zu seiner linken ein großes, schwarzes Pferd, und zu seiner linken ein kastanienbraunes. Er nickte ihr schon von weitem zu und Isaé löste die Verschränkung ihrer Arme und lockerte ihre etwas angespannte Haltung. "Guten Morgen!" rief der Reitmeister und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. "Du bist noch nie auf einem Pferd gesessen, nicht wahr?" sagte er, als er an sie herangetreten war und Isaé schüttelte den Kopf "Noch nie" gab sie zu. "Das habe ich sogleich an deinem Gesichtsausdruck erkannt" sagte er mit ernster Miene. Dann begann er zu lachen und sagte "Nein, Ser Tarvain hat es mir verraten!" Da grinste Isaé, weil sie seinen Worten zuerst Glauben geschenkt hatte. Amaury wandte seinen Kopf zu dem kastanienbraunen Pferd und sagte "Das ist Géraud. Den habe ich für dich mitgebracht. Er ist ein Wallach. Das bedeutet, dass er seiner Männlichkeit beraubt wurde. Dafür ist er ruhig, ausgeglichen und verlässlich. Für dich als Reitanfängerin also genau das Richtige. Alain hingegen…" er wandte sich dem Schwarzen zu, "…ist ein Vollbluthengst. Er besitzt seine männlichen Attribute noch. Das macht ihn jedoch launisch, temperamentvoll und erfordert einen erfahrenen Reiter. Ich habe mich bewusst für keine Stute für dich entschieden. Denn die sind manches Mal zickig und haben ihren eigenen Kopf. Wie auch Frauen." Er grinste sie neckisch an und zeigte dabei weiße Zähne. Wie die meisten Männer hier hatte er rotbraunes Haar, welches einen Ton dunkler war, als das übliche akadische Rot. Obwohl er wettgegerbte Haut besaß, die mit Sommersprossen übersät war, konnte man sein Alter schlecht einschätzen. Er war ganz sicherlich älter als Isaé, doch er besaß etwas jungenhaftes, welches völlig konträr zu seinem tatsächlichen Alter war. "Zuerst solltest du dein Pferd kennenlernen. Es wird an deiner Seite bleiben, bis die Aufgabe in den Grenzlanden erledigt ist. Géraud ist dein dir von Ser Tarvain zugewiesenes Reitpferd. Am besten machst du dich einmal mit ihm vertraut. Und am besten gelingt das mit Schmeicheleien." Er zauberte aus seiner Hosentasche ein Stückchen Karotte und reichte es Isaé. "Hier, leg das auf deine flache Hand. Keine Angst, er kann dich nicht beissen, wenn die Hand ganz straff ausgestreckt ist. Er nahm Isaés Hand und strich sie ganz aus, legte das Karottenstück drauf. Géraud schnupperte, und tastete mit seinem weichen Maul über Isaés Hand, woraufhin die Karotte in seinem Maul verschwand. Ein Lächeln ging über Isaés Gesicht und sie sah erst Géraud an, und schließlich Amaury. Er nickte ihr aufmunternd zu. "Noch einmal?" Und Isaé nickte. Als Géraud das zweite Stückchen genommen hatte und auf Isaés Hand einen feuchten Schleier hinterlassen hatte, den sie an ihrer Hose abwischte, da hatte sie bereits ihre Furcht verloren. "Gut, jetzt kannst du ihn streicheln. Nie hastig, immer vorsichtig. Du kannst ihn an seiner Stirn oder an der Wange berühren." Isaé tat es, und der Wallach ließ es gutmütig über sich ergehen. Amaury ließ die beiden sich beschnuppern, erst nach einer Weile ging er dazwischen. "So. Wir werden jetzt aufsitzen. Und dann werden wir vor das Burgtor auf die große Wiese reiten." "Ist dort nicht nicht Entaros Drache? Wird das die Pferde nicht nervös machen?" Amaury runzelte die Stirn. "Du hast Recht. Dann bleiben wir eben hier. Später, in den Grenzlanden werden die Pferde die Anwesenheit des Drachen ohnedies spüren. Aber für den Anfang, bis du sicher im Sattel sitzt, ist das vielleicht keine gute Idee. Also dann: du hältst den Zügel mit links, steigst mit dem linken Fuß in den Steigbügel, drückst dich hoch, hältst dich mit der rechten Hand am Sattelknauf fest, und nutzt den Aufschwung, indem du das rechte Bein über das Pferd wirfst. Und wenn du alles richtig gemacht hast, sitzt du schon am Pferd. Soll ich es dir einmal vorzeigen?" Isaé nickte, und sah zu, wie Amaury, durchaus elegant, sich in den Sattel schwang. Isaé ergriff den Zügel, doch als sie mit dem linken Fuß in den Steigbügel steigen wollte, erkannte sie, dass es etwas höher war, als es aussah. Sie brauchte einen zweiten und dritten Anlauf, bis sie mit dem linken Fuß den Steigbügel erklomm, stieß sich darin ab, und wie Amaury sagte, nutzte sie den Schwung, den sie dabei bekam, hielt sich am Sattelknauf fest und warf das rechte Bein über den Pferderücken. Und schon saß sie auf dem Wallach. Amaury nickte ihr anerkennend zu. "Fürs erste Mal, nicht schlecht, Hexenjägerin!" Er trieb seinen Hengst an sie heran und legte seine Hand in den Rücken um ihre Haltung zu korrigieren. "Schultern zurück, Kopf gerade, als würde dich jemand an den Haaren nach oben ziehen. Ja, genauso. Die Knie und Oberschenkel musst du an den Leib des Pferdes drücken. Das wirst du übrigens morgen in deinen Beinen spüren. In Akadien übrigens undenkbar, dass eine Frau so im Sattel sitzt. Aber wir sind ja nicht Akadien. Der Damensattel wird hier nicht verwendet. Es ist eine denkbar schlechte Haltung, für Wirbelsäule, Becken und Beine. Also verschwende gar keinen Gedanken an sowas. Wenn wir losreiten, musst du dich den Bewegungen des Pferdes anpassen, sonst wirst du durchgeschüttelt wie ein nasser Mehlsack. Du musst dein Becken bewegen und dich bei jedem Schritt aus dem Sattel leicht aufrichten, und dich dann wieder setzen. Im ständigen Wechsel." Sie blickte ihn fragend an. "Sieh mir zu, Isaé!" Er schnalzte mit der Zunge, gab dem Pferd einen leichten Tritt in die Flanke und der Hengst setzte sich in Bewegung. Amaury saß mit aufrechtem Oberkörper im Sattel und schob sein Becken mit jeder Bewegung, die das Pferd tat, vor und zurück. Er und das Pferd waren eine fließende Einheit. Er rief nach hinten. "Folge mir! Du wirst es spüren, wenn du was falsch machst!" Isaé gab dem Pferd mit einem schnalzenden Geräusch ebenso einen leichten Tritt in die Flanke und Géraud setzte sich ebenso in Bewegung. Die ersten paar Schritte waren holprig und Isaé wurde durchgeschüttelt, und fühlte sich in der Tat wie ein Mehlsack. Doch dann tat sie, wie Amaury ihr geheißen, und sie spürte, was sie tun musste, um nicht mit dem Gesäß auf den Sattel zu fallen. Nach wenigen Schritten hatte sie den Dreh raus und ritt gemächlich auf Amaury zu, der seinen Hengst gewendet hatte, und ihr dabei zusah, wie sie auf ihn zuritt. "Es ist nicht so schwer, wie erwartet!" rief Isaé Amaury zu und lächelte. "Gut!" rief er, und wendete sein Pferd. "Jetzt werden wir mal eine halbe Stunde im Hof Runden drehen, einfach zur Übung, und dann sagst du mir noch einmal, ob du es dann immer noch nicht schwer findest!" Er grinste spitzbübisch. "Na los, folge mir, Hexenjägerin!" Als Isaé hinter Amaury auf Géraud trabte, sah sie am Rand Entaro stehen. Sie ließ eine Hand am Zügel los, winkte ihm lächelnd zu und rief "Entaro, sieh nur! Ich lerne reiten!"
#84
Ein Mann ein Wort ❖
drache-entaro nutzte den Tag überwiegend um sich zu schonen, Zerstreuung zu suchen und sich mental auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Und so stromerte er über den Burghof, sah den Recken dabei zu wie sie sich duellierten um ihre Kampffertigkeiten zu verbessern, oder er beobachtete wie die Pfeilmacher dutzende Pfeile herstellten, und die Schmiede die Waffen schärften oder er beobachtete die Sarwürker dabei wie sie dutzende kleine Metallringe zu Kettenhemden knüpften. Entaro konnte sich nicht erinnern wann er das letzte Mal so sorglos sein konnte. Einfach in den Tag hineinleben, die Menschen beobachten und einfach dem süßen Nichtstun frönen. Zu anfangs war ihm dies noch sehr unangenehm, doch nach einer Weile hatte er sich schon daran gewöhnt und genoss die kurze Ruhe vor dem aufziehenden Sturm. Es würde auch wieder hektische und schwerere Zeiten geben und so war es ihm sehr Recht die Zeit nun in Sorglosigkeit und Unbeschwertheit verbringen zu können. Nein sogar zu müssen. Odelin hatte den Drachenreiter von jeder beschwerlichen Arbeit freigestellt, um seine Genesung nicht zu verzögern. Was Ser Tarvain natürlich auf der einen Seite unterstützte, immerhin brauchte er den Bernsteinritter bei voller Konstitution, aber andererseits musste er den Mann jetzt auch tagein tagaus durchfüttern ohne dass er seinen Soll bei den Vorbereitungen leisten konnte. So wurde Entaro überwiegend mit einfachen Arbeiten betraut, die man einem geadelten Ritter Akadiens gerade noch zumuten konnte ohne ihn damit zu beleidigen. Entaro war natürlich auch niedere Arbeiten gewohnt. Ihn hätte es nicht gestört, wenn man ihn zu eben solchen Arbeiten eingeteilt hätte. Doch er beklagte sich nicht, denn es war ihm, wenn er sich ehrlich war, nur rechtens, nicht allzu viel helfen zu müssen. Er war nun ein gedungener Söldner, der sein Schwert in den Dienst eines Lehnsherren gestellt hatte. Insofern würde die Arbeit, für die er bezahlt werden würde, erst folgen. Und bis dahin war es nicht seine Sorge, die Vorbereitungen zu treffen.

Irgendwann stand er am Rand der Koppel und beobachtete Isaé und den Reitmeister, wie er ihr das Reiten lehrte. Sie schien schnell zu lernen, was Entaro mit einem wohlwollenden Lächeln bedachte. Irgendwann hatte sie ihn bemerkt und winkte ihm, während sie ihre Kreise zog. »Entaro, sieh nur! Ich lerne reiten!« Entaro hob seine rechte Hand zum Gruße und nickte. »Und bald lernst du noch vom Pferd aus zu schießen?«, rief er ihr zurück und lächelte dabei ein wenig spitzbübisch. Ja bis dahin würde sicher noch einige Zeit vergehen und es bedurfte immenser Übung. Doch Isaé war geschickt. Sie würde es schon meistern. Vielleicht nicht wie jemand der seit er laufen konnte im Sattel saß, aber für ein paar Wegelagerer und Halsabschneider würde es allemal reichen.

Irgendwann gesellte sich Ser Tarvain zu ihm und stellte sich schweigend neben Entaro, verschränkte die Arme und beobachtete Isaé und seinen Getreuen, der sie mit Geduld und kameradschaftlicher Strenge seine Geheimnisse lehrte. Eine Weile standen die beiden nur nebeneinander und beobachteten das Treiben vor ihnen, doch irgendwann brach Tarvain die Stille. »Meister Odelin sagte, noch fünf weitere Tage.« Entaro nickte bedächtig. »Ich schätze seine Meinung. Er ist zwar ein launischer und verschrobener Kerl, aber er hat schon mehr als einem meiner Männer das Leben gerettet. Wir haben so lange gewartet. Da machen fünf Tage mehr auch nichts aus.« Entaro erwiderte erneut nichts. Manchmal war es besser die Männer einfach reden zu lassen, wenn ihnen nach Reden war. Doch irgendwann war Tarvain wieder in seine stoische Schweigsamkeit zurück verfallen. »Sie macht sich gut.«, meinte er nur und Entaro nickte. »Ja, sie ist äußerst talentiert in so manchen Dingen.«, antwortete Entaro und erntete einen neugierigen Blick von Tarvain. »Habt ihr?« Seine Blicke huschten zwischen Entaro und Isaé hin und her, und recht schnell begriff der Bernsteinritter, worauf die Frage hinauslaufen sollte. »Nein.«, antwortete Entaro nur kühl. »Sie ist an mich gebunden. Die ritterliche Ehre verbietet es und…« Tarvain lächelte. »Die ritterliche Ehre. Gewiss.« Seine Mundwinkel wurden von einem verschmitzten Lächeln umspielt. Ser Tarvain, und natürlich auch Entaro, wussten wie es um die ritterliche Ehre bestellt war, sobald es um schöne Frauen ging. Es war letzten Endes nur Auslegungssache. »Also gefällt sie euch nicht?«, hakte Tarvain nach und er erntete dafür einen missbilligenden Blick von Entaro. »Das ist nicht die Frage, Ser Tarvain.« Der Burgherr zuckte mit den Achseln. »Sie ist hübsch und keck. Doch…« Tarvain seufzte. »Manchmal ist es besser über gewisse Prinzipien hinwegzusehen, Ser Entaro.« Entaro schwieg und starrte eine Weile auf die Koppel. Seine Blicke hafteten sich auf Isaé, welche sich elegant im Sattel wog. Ihr Haar wehte wallend im Wind. Ihr Körper bewegte sich rhythmisch im Einklang mit dem Wallach. Und ihre Hüfte hob sich auf und ab. Seine Blicke schweiften über ihren Körper und hafteten sich, wenn auch nur für einen Augenblick, auf ihren Hintern, der prall und fest im Sattel saß. Doch dann wendete er den Blick ab und starrte Tarvain dafür eindringlich an. »Habt ihr denn Gefallen an ihr gefunden, Ser Tarvain?« Da winkte Tarvain mit einem Lächeln ab. »Wie ihr sagtet. Sie ist hübsch. Aber sie ist keine Akadierin. Und es würde sich nicht ziemen mich auf eine solche Frau einzulassen. Zumal sich mein Interesse an ihr rein auf ihre Begabungen und ihr Können beschränkt. Also seid unbesorgt, Ser Entaro. Eurem Mündel droht keine Gefahr, außer jene in die sie sich selbst begibt.« Da lachte Tarvain und rang Entaro ein mürrisches Schmunzeln ab. »Doch wenn ich euch schon bei der Hand habe. Ich würde zu gerne die Fähigkeiten des Drachen sehen. Wenn dies möglich wäre?« Entaro verschränkte die Arme und sah Tarvain nachdenklich an. »Wonach steht euch denn der Sinn? Feuerkaskaden? Zerfetzte Leiber? Blut und Tod?« Tarvain lachte. »Etwas weniger dramatisch. Fühlt ihr euch denn kräftig genug um einen Ritt zu wagen?« Da lächelte Entaro dünn. »Ich bin die letzten Tage auch geflogen und da hatte mir noch kein Herr Odelin gesagt, ich solle mich schonen.« Da nickte Tarvain zufrieden. »Das ist ein Wort.«

Tarvain führte Entaro schließlich zu dem umfriedeten Bereich, in welchem der Drache wartete. Sobald er die Gegenwart der beiden Männer spürte, hob er den Kopf und richtete seinen Blick auf die Beiden. Entaro wandte sich dem Drachen zu und näherte sich, während Tarvain sichtlich zaghafter zurückblieb. »Kommt?«, forderte Entaro den gestandenen Ritter auf welcher daraufhin, mit zögernden Schritten, näher trat. »Er kann eure Angst spüren. Also vergesst sie einfach. Auch kann er eure Absichten wahrnehmen. Wenn ihr reinen Herzens seid…oder zumindest keine bösen Absichten hegt, dann wird er eure Gegenwart dulden. Andernfalls…« Entaro legte eine dramaturgische Pause ein, welche ihre Wirkung nicht verfehlte. Ser Tarvain sah zwischen Entaro und dem Drachen nervös hin und her. »Was geschieht dann?«, erkundigte sich der Ritter und Entaro lächelte dünn. »Dann wird er euch zeigen, dass ihr unerwünscht seid.«, antwortete der Bernsteinritter nur ohne näher ins Detail zu gehen. Entaro legte seine Hand auf die Stirn des Drachen und deutete mit der anderen Hand auf seinen Begleiter. »Das ist Ser Tarvain. Der Herr dieser Lande. Wir werden ihm helfen einige böse Menschen zu jagen.« Der Drache summte eine monotone Melodie. Es war kein wirkliches Lied. Es war einfach der gleichmäßige Atem, das Schnauben seiner Nüstern und das Grummeln seiner Kehle. Doch für Entaro war es beinahe wie ein stiller Gesang. Der Drache haftete seine Blicke auf Tarvain, welcher in gebührlichem Abstand zu Entaro stehen geblieben war. »Er würde gerne sehen was wir sehen können.«, meinte Entaro daraufhin und der Drache schüttelte sich. Ser Tarvain sprang erschrocken zwei Schritte zurück doch Entaro verharrte ohne sich zu regen an Ort und Stelle. Der Drache öffnete seine Schwingen und ließ die Membranen erzittern. Als ob sich das Ungetüm recken würde, ächzte der Drache und gähnte mit einem durchdringenden Knurren. »Was bedeutet das, Ser Entaro?« fragte Tarvain sichtlich nervös und dieser lächelte nur. »Der Drache zeigt euch lediglich was er von eurem Gerede über Isaé Edera hält.« Tarvain glotzte, für einen Moment als wäre er versteinert worden, ungläubig auf Entaro, der dabei so ernst keine einzige Wimper zucken ließ, dass man nicht sicher sein konnte, ob er nun einen Scherz machte oder ob es tödlicher Ernst war. Und darum hakte Tarvain nochmals nach. »Und was hält er von mir?«, erkundigte sich Tarvain und Entaro schwieg. Stattdessen ergriff er den Riemen der vom Sattel herunter hing, welcher nur dazu diente, damit Entaro leichter auf den Drachen aufsteigen konnte. Er stellte ein Bein auf und zog sich dann mit einem Ruck auf den Rücken des Drachen. »Ich denke das solltet ihr mit eigenen Augen sehen, Ser Tarvain.« Er bot dem akadischen Fürsten seine Hand dar, und als dieser sie ergriff, packten sich beide Männer an den Unterarmen und er zog den Mann, der deutlich schwerer als Isaé war und Entaro doch mehr an Kraft kostete, als er gedacht hatte, auf den Rücken des Drachen. »Haltet euch gut fest!«, empfahl Entaro während er dem Drachen die Fersen in die Seiten hieb und dieser sich daraufhin mit einem kurzen aber kräftigen Sprung und einigen heftigen Flügelschlägen, welche sogar einige umstehende Körbe umwarfen, in die Lüfte hob.

Kaum hatten sie den Boden verlassen, umklammerte Tarvain Entaros Oberkörper, als ob er fürchten würde, zu Boden zu stürzen. Entaro lächelte dünn und tippte dem Drachen mit einer Ferse in die linke Flanke, woraufhin dieser sogleich einen Haken nach Links ausführte und eine Drehung vollzog, welche dem akadischen Fürsten alle Farbe aus dem Gesicht trieb. »Isaé ist eine ehrbare Frau, werter Ser Tarvain. Sie ist an mich und diesen Drachen mit ihrem Leben gebunden. Und ich dulde nicht, dass ihr so über sie sprecht. Ich hege großen Respekt für euch und auch vor eurem Namen. Daher schwieg ich, als wir noch auf der Erde waren. Denn ich bin Gast in eurem Land. Und es gebietet die ritterliche Ehre, dass wir von Ritter zu Ritter sprechen. Von Mann zu Mann. Wenn Isaé die Nähe zu einem Mann suchen wird, werde ich sie nicht davon abhalten. Doch ich werde jeden davon abhalten, der es wagen sollte sich ihr gegen ihren Willen aufdrängen möchte.« Da nickte Tarvain. »Ihr habt euren Standpunkt mehr als deutlich gemacht, Ser Entaro. Ich entschuldige mich in aller Höflichkeit für meine respektlosen Worte.«, Er blies die Worte mit einem leichten Zittern in der Stimme hervor, da sein Blick auf dem Boden haftete, und seine große stolze Burg immer kleiner und kleiner wurde, dass sie beinahe wie ein Spielzeug aussah. Und Isaé auf ihrem Pferd wirkte wie eine winzige Ameise.

Entaro nickte zufrieden. »Nun denn. Dann zeige ich euch, was ihr mit eurem Gold bezahlen werdet.« Entaro gab dem Drachen erneut einen sanften Tritt und der Drache setzte zu einem mörderischen Sturzflug an. Die Burg, welche soeben noch winzig klein wie ein Spielzeug geworden war, wurde in Bruchstücken von Atemzügen riesengroß und der Drache fegte über die Zinnen hinweg, fauchte und brüllte und verschwand dann hinter der Mauer. Hier und da hatte sich ein Stallbursche, ein Recke oder eine Magd erschrocken geduckt, doch das eigentliche Spektakel folgte erst, als sie die Burg hinter sich gelassen hatten. In der roten Einöde, unweit von der Burg entfernt, erhoben sich einzelne, knorrige Bäume zwischen kargen Felsen aus dem roten Lehm, der das Bild dieser Region Akadiens dominierte. Sie flogen auf einen alten, knorrigen Baum zu, der vermutlich schon viele Jahre abgestorben war und keine Blätter mehr tragen konnte. Entaro lenkte den Drachen direkt auf diesen Baum zu und drückte dann die Knie in den Hals des Untieres. »Asche!« Er sprach die Worte so ruhig aus, dass man sie fast hätte überhören können. Zumindest, wenn man ein Mensch war, doch der Drache hatte sie verstanden. Er öffnete sein Maul und offenbarte seinen glühenden Rachen, aus dem kurz darauf ein sengend heißer Strahl flüssigen Odems herausbrach und sich über den knorrigen Baum ergoss. Der Baum stand augenblicklich lichterloh in Flammen und die rote Erde um ihn herum verfärbte sich schwarz. Der Drache fegte über den brennenden Baum hinweg, und als Entaro, sowie Tarvain, ihre Blicke über die Schulter warfen, um den brennenden Baum zu beobachten, war von diesem nicht einmal mehr die Hälfte übriggeblieben. Tarvain nickte anerkennend. »Nun. Eine Hexe ist zwar kein Baum. Aber ich denke, das macht keinen großen Unterschied, nicht wahr?« Entaro nickte und lächelte dabei dünn, während er sich anschickte den Drachen zurück zu Tarvains Burg zu lenken.
#85
Die Kluft ❖
drache-isaé legte ihre Hand an ihr Ohr, um Entaro besser verstehen zu können, als er ihr etwas zurief. Sie wandte sich an Amaury. "Habe ich das richtig verstanden? Hat er gesagt, dass ich bald lerne, vom Pferd aus zu schießen?" Amaury zuckte die Schultern. "So etwas in der Art habe ich auch verstanden, dann wird Ser Entaro dies wohl gesagt haben" Isaés Miene hellte sich dabei auf. "Ginge das denn? Kannst du mir das beibringen?" Amaury lachte und hob abwehrend die Hände. "Du sitzt noch keine halbe Stunde am Pferd, und willst schon lernen, wie man dabei schießt? Da muss ich entschieden ablehnen! Erst einmal solltest du anständig reiten lernen! Und dafür brauchst du Zeit und viel Übung! Außerdem besteht meine Aufgabe darin, dir beizubringen, dich im Sattel zu halten. Bogenschießen oder Armbrust ist nun wirklich nicht mein Metier." "Oh, da kommt Ser Tarvain. Ich könnte ihn bitten, mir eine Armbrust zu leihen. In den Grenzlanden nutzt mir mein Messer vermutlich wenig." Isaé seufzte. "Aber wahrscheinlich werde ich das Reiten ohnehin nie perfekt lernen. Wir brechen in wenigen Tagen auf. Ich glaube, Entaro hat gesagt, Meister Odelin gab ihm fünf Tage Schonzeit. Und wenn wir erst zurück sind, von unserem Feldzug, dann werden wir auch schon weiterreisen." "Na, dann werden wir in den nächsten fünf Tagen viel Zeit miteinander verbringen, damit ich dir anständig Reiten beibringen kann." zwinkerte er vielsagend. Isaé nickte und lächelte kühn. "Das erwarte ich auch. Was soll man denn sonst hier schon machen? Ich bin ehrlich gesagt froh, dass mir diese Aufgabe hier zuteil wird. Eine Burg ist zwar aufregend, wenn man sie zum ersten Mal betritt, aber wirkliche Abwechslung und Unterhaltung gibt es hier nicht. Man hat nichts zu tun, und langweilt sich den ganzen Tag." Da lachte Amaury erneut. "Das sagst du nur, weil du nicht zum Gesinde gehörst oder zur Familie! Ich glaube die Köchin würde entrüstet die Hände in die Hüfte stemmen, wenn sie hörte, dass man hier den ganzen Tag nichts zu tun hat! Und gerade adelige Frauen haben viel zu tun." "Ach ja? Was tun sie denn den ganzen Tag?" hob Isaé fragend eine Augenbraue. "Nun, in erster Linie viel beten. Morgens, mittags, abends und nachts vor dem Zubett gehen. Der Glaube zu Daerean will gepflegt werden. Und sie benötigen viel Zeit, sich hübsch zu machen. Morgens, und dann abends zum Diner ein neues Kleid. Ist dir das noch nicht aufgefallen, dass die Damen hier abends anders gekleidet sind, als am Morgen?" Isaé schüttelte den Kopf. "Um ehrlich zu sein, nein." "Ist aber so. Und dann gibt es in jeder Burg mindestens ein großes Tuch, das gestickt werden will. Es gehört auch zu den Tugenden einer adeligen Frau, dass sie Leibhemden näht. Und eine Frau, die etwas auf sich hält, soll eine gute Gesellschafterin sein. Wenn sie nicht liest und dabei Gedichte lernt, übt sie ein Musikinstrument! Oder eben Reiten!" "Isaé blähte die Backen, und entließ die Luft daraus in einem Stoß. "Das klingt ganz schön anstrengend. Da bevorzuge ich es direkt, eine einfache, bürgerliche Frau zu sein. Ohne große Verpflichtungen." Amaury nickte "Alles hat sein Für und Wider. Als Ser Tarvains Frau und sein Sohn noch gelebt haben, war hier alles noch anders. Feierlicher, unterhaltsamer, ungezwungener. Doch lass uns nicht darüber sprechen. Ser Tarvain hört und sieht es nicht gern, wenn wir das tun. Wir sollten uns lieber wieder der Reitstunde widmen."

Isaé nickte. Doch bevor sie noch den Mund aufmachen konnte, um etwas zu erwidern, da sah sie, wie sich Schatten in die Lüfte erhob und seine Schwingen einen gewaltigen Luftstoß erzeugte, der alles in der nahen Umgebung durchwirbelte. Selbst ihr gewelltes Haar wurde durchgewirbelt, und alle Anwesenden blickten in die Höhe, als konnten sie es immer noch nicht glauben. Und man konnte sehen, dass zwei Personen auf dem Drachen saßen, Ser Entaro, und Ser Tarvain. Er war wohl auf den Geschmack gekommen, mit Entaro eine kleine Runde auf dem Drachen zu drehen. Auch Amaury blieb der Mund offen stehen, als er, den Kopf in den Nacken gelegt, dem Drachen zusah, wie er sich mit einem eleganten Schwung stark nach links neigte, und sich in immer höhere Höhen hob. Nur Isaé saß unbeeindruckt auf ihrem Pferd, welches die allgemeine Nervosität der Umgebung aufgeschnappt hatte, und auf der Stelle tänzelte. Für die Hexenjägerin war der Drache längst zur Normalität geworden. Sie fürchtete sich nicht mehr vor ihm, da sie wusste, wie man ihm begegnen musste. Mit Demut und Respekt. Und mit einem guten Herzen. Der Drache hatte ein feines Gespür für Unlauterkeit. Mit Schatten an ihrer Seite konnte eigentlich nichts schief gehen. Wenn das Flüsterholz ihr den Weg zeigte zu den Schwarzsehern, dann konnte das Tier den Rest erledigen mit seinem Feuerodem. Der Drache gab sich einen Ruck und schoss mit einem gewaltigen Flügelschlag noch höher in den Himmel und tat ein gewaltiges Gebrüll, welches sich wie ein Donnerschlag über den Himmel rollte. Dann waren sie beinahe aus den Augen entschwunden. Eine gute Gelegenheit, sich wieder dem Reiten zu widmen. Dachte Isaé. Aber dann folgte ihr Blick dem kleinen schwarzen Punkt, der den Drachen darstellte. Da versank Isaé ins Grübeln. Ein Ritter und ein Fürst auf dem Drachen. Isaé hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutete, dass Entaro ein Bernsteinritter war. Jeder hier sprach über ihn als Ser Entaro. Nur sie nannte ihn einfach nur Entaro. Noch nie hatte sie eine förmliche, und vielleicht sogar angemessene Anrede wie "Ser" verwendet. Plötzlich kam sie sich ziemlich respektlos vor. Sie war eine einfache Frau aus den einfachsten Verhältnissen. Und doch war dies keine Rechtfertigung. Und plötzlich bemerkte sie, dass da doch eine gewisse Kluft zwischen ihnen klaffte. Auch, wenn das, bevor sie Marçien betreten hatten, nie aufgefallen war. Doch jetzt tat es das. Eine Kluft hatte sich aufgetan, bedingt durch ihre niedere Geburt, und seine weitaus höhere Geburt. Und irgendwie machte sie das traurig. "Isaé? Können wir?" riss Amaury sie aus ihren Gedanken. Sie riss den Kopf hoch "Oh! Ja natürlich!" sagte sie hastig. "Na also, ich habe dir doch die Aufgabe gegeben, eine halbe Stunde Runden durch den Hof zu drehen! Ich selbst werde jetzt absteigen, und dir von der Mitte aus zusehen, und ich werde doch gnadenlos verbessern, was zu verbessern gibt!" Isaé nickte. "Nur so kann man ein besserer Mensch werden."

Amaury hatte nicht übertrieben. Als sie nach einer halben Stunde vom Pferd stieg, war ihr im ersten Moment, als würde der Boden nachgeben wie ein sumpfiger Morast, und ihre Beine zitterten so sehr, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte, und erst strauchelte und dann taumelte. Und vielleicht wäre sie an Ort und Stelle umgefallen, hätte Amaury nicht eingegriffen, und sie gehalten. "Vorsicht!" rief er und lachte dabei, dass sich Grübchen auf seinen Wangen bildeten, und half ihr, gerade zu stehen. "Alles in Ordnung?" fragte er und Isaé nickte. "Leider kann ich dich nicht schonen, denn es gehört zu den Aufgaben eines Reiters, sein Pferd nach dem Reiten zu versorgen. Das Pferd ist genauso müde wie du. Wir werden die Pferde jetzt in die Stallungen zurückbringen, abschwitzen und dann versorgen. Schließlich haben sie uns auf ihrem Rücken getragen und das verdient allerhöchsten Dank und Respekt. Wir waren nicht so lange mit ihnen draußen. Es reicht, sie langsam zurück zu den Stallungen zu führen, damit sie langsam abkühlen können. Danach werden wir die Zügel und den Sattel abnehmen, danach werden wir ihnen den Schweiß abnehmen und ihnen eine Decke überwerfen. Füttern und mit frischem Wasser versorgen kann es dann der Stallknecht, der soll ja schließlich auch etwas arbeiten" grinste er. Langsam führten sie schließlich die Pferde zurück in die Stallungen. Dort nahmen sie die Zügel und die Sattel ab und Amaury drückte Isaé ein Tuch in die Hand, mit dem sie das Pferd trockenreiben sollte. Sie tat es mit Hingabe, denn das Pferd ließ es bereitwillig über sich ergehen. Als Isaé damit fertig war und eine Decke über seinen Rücken breitete, begann Géraud, mit seinen Nüstern zu schnuppern, sodass sie sich aufblähten. Als Isaé sich für einen Moment abwandte, da spürte sie schon, wie etwas Warmes und Feuchtes ihre Seite entlang glitt. Es kitzelte ein wenig und Isaé begann zu lachen und schob den massiven Pferdekopf von sich. Ihre Seite war mit feuchtem Pferdesabber bedeckt. "Er sucht wohl eine Karotte" lachte Amaury, griff in seine Hosentasche und förderte von dort noch eine kleine schrumpelige Karotte hervor, die da wohl schon etwas länger drin gewesen war. "Einmal gibt man ihnen etwas, und danach hat man nie wieder Ruhe." Er brach sie in der Mitte durch, wobei sie sich erst bog, bevor sie brach, und dann reichte er die eine Hälfte an Isaé und die andere behielt er, um sie seinem Hengst Alain zu geben. "Genug für heute, sonst werdet ihr zu fett!" protestierte Amaury, während er Alain das Karottenstück förmlich ins Maul schob, während Isaé eher zögerlich die Karotte auf der flachen Hand darbot. Man sah förmlich, dass Amaury sehr erfahren mit Pferden war. Und irgendwie musste sie kichern, als sie daran dachte, ob man den Drachen ebenso füttern konnte, wie ein Pferd. Sie bezweifelte es. Und mehr noch bezweifelte sie, dass er sich mit einer Karotte zufriedengeben würde. "Also dann, morgen, nach dem Frühstück wieder auf dem Hof?" "Gerne" erwiderte Isaé. "Ich würde dir empfehlen, heute noch ein heißes Bad zu nehmen, dann sind die Schmerzen morgen nicht so tragisch. Oder, wenn du besonders mutig bist, dann schaust du bei Meister Odelin vorbei und fragst ihn nach einer Salbe gegen Muskelschmerzen. Also dann, es war mir eine Freude!" Er verneigte sich leicht, und Isaé knickste unbeholfen, einerseits, weil sie mit dieser höfischen Sitte alles andere als vertraut war, und zum anderen, weil ihre Beine ihr wehtaten. "Adieu, Amaury." Dann wandte sie sich ab und verließ die Stallungen.

Sie war nur wenige Schritte gegangen, kaum, dass sie an das Tor der Burg gekommen war, als ihr eine Katze entgegenkam. Sie war schwarz und besaß vier putzige weiße Pfötchen, beinahe so, als ob sie durch den Schnee gelaufen wäre, und sich das schwarze Fell dort für immer weiß gefärbt hätte. Isaé kniete nieder und die Katze lief mit hochgestelltem Schwanz und maunzend auf sie zu. Die Hexenjägerin mochte Katzen. Die Katze umschnurrte und umschmeichelte sie und warf sich vor ihr auf den Rücken und ließ sich von Isaé den Bauch kraulen. Das Fell war warm und weich, und der Bauch schien förmlich zu vibrieren von dem Geschnurre. Isaé lehnte sich neben dem Burgtor an die Wand und streckte ihre schmerzenden Beine aus, und dann kletterte die Katze einfach auf ihre Beine und machte es sich dort gemütlich. Während Isaé ihren Rücken kraulte, schloss das Tier die Augen und schien keine Sorgen auf der Welt zu haben.

Isaé war eine ganze Weile da gelehnt, beinahe kam sie sich wie eine Landstreicherin oder Bettlerin vor, da sich das Katzentier einfach nicht wegbegeben wollte. Da sah sie Entaro, der anmarschiert kam, in Begleitung von Ser Tarvain. Jetzt kam sie sich wirklich blöd vor, wie sie hier am Boden lümmelte, mit der Katze auf ihren Knien. So schob sie schlussendlich die Katze von ihren Beinen, und rappelte sich auf. Sie schenkte beiden Sers ein Lächeln und ein Kopfnicken. "Ser Tarvain, Ser Entaro…" "Fräulein Isaé…" erwiderte Ser Tarvain. Isaé klopfte sich den Staub von den Gewändern, was in Anbetracht von Gérauds Speichel eigentlich auch schon egal war. "Ihr macht euch gut im Reiten, mein Kompliment…" sagte Ser Tarvain. Isaé nickte. "Um ehrlich zu sein bin ich überrascht, es ging besser, als gedacht. Aber Herr Amaury meinte, es wäre nicht das Schlechteste, Herrn Odelin aufzusuchen, und ein Mittel zur Einreibung aufzusuchen." Ser Tarvain hob die Augenbrauen "So schlimm?" Isaé zuckte die Schultern. "Im Moment nicht, aber ich behaupte, Herr Amaury wird schon wissen, wovon er spricht. Also, Entaro, falls du heute Abend noch Herrn Odelin aufsuchst, würde ich dich begleiten." Ser Tarvain verabschiedete sich nach kurzem Plaudern von den Beiden und entschuldigte sich, dass er noch einige Dinge zu erledigen hatte, die ein Burgherr eben zu erledigen hatte. Als er weg war, fiel ein wenig von Isaés Anspannung ab. Es lag nicht an Ser Tarvain persönlich, doch sie fühlte sich dann stets nicht so ungezwungen, wie wenn sie es sein konnte, wenn sie mit Entaro alleine war. Auch, wenn Entaro ja ein Ritter war, wie sie heute festgestellt hatte, obwohl sie dies ja längst gewusst hätte, Unbekümmert hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn mit sich, um ein wenig durch den Hof zu schlendern und zu plaudern. "Wie geht es dir? Ich hoffe doch, schon viel besser! Was macht deine Wunde? Du hast Ser Tarvain auf Schatten mitgenommen? Wie fand er es?" bestürmte sie ihn mit Fragen und entschuldigte sich gleich im selben Atemzug. "Entschuldige, dass ich dich jetzt so überfalle, aber es ist mir beinahe so ungewohnt, dich so wenig zu Gesicht zu bekommen, die letzten Monde waren wir ja beinahe wie unzertrennlich, und hier, in Marçien haben wir sogar getrennte Zimmer, das ist irgendwie seltsam…" lächelte sie ein wenig befangen.
#86
Ein Burgspaziergang ❖
drache-als Entaro den Drachen wieder in dem kleinen, umfriedeten Hof hatte landen lassen, half er zuerst Ser Tarvain zurück auf den Boden, und stieg dann selbst von dem Drachen ab. Tarvain schien ein wenig zu schwanken und Entaro lächelte, wenn auch nur sehr dezent, was unter seinem Bart aber kaum zu sehen war. Für die meisten war der erste Flug eine spannende und herausfordernde Angelegenheit. Ser Tarvain, so hartgesotten und erfahren er auch war, bildete hierbei keine Ausnahme. »Danke, Ser. Das war eine wahrlich interessante Erfahrung. Und die Demonstration eures Drachen war wahrlich beeindruckend.« Entaro nickte doch schwieg er zunächst. Nachdem Tarvain allerdings keine weiteren Worte an Entaro richtete räusperte sich der Drachenritter und erhob dann doch die Stimme. »Schatten ist nicht eure Speerspitze. Er ist auch nicht das Allheilmittel. Unser Vertrag bindet Isaé und mich an euch. Der Drache ist nicht Teil unseres Vertrages. Ihr könnt also nicht frei über ihn verfügen und euch auch nicht blind darauf verlassen, dass er stets nach eurem Willen handelt.« Tarvain sah Entaro eindringlich an und etwas in seinem Blick verriet Entaro, dass diese Worte in ihm gemischte Gefühle auslösten und so fühlte sich Entaro bemüßigt noch etwas mehr ins Detail zu gehen. »Versteht mich nicht falsch, Ser Tarvain. Auch wenn der Drache an mich gebunden ist, so ist er noch immer ein wildes, instinktgetriebenes Tier. Man kann sich nicht blind darauf verlassen, dass er so agiert, wie ihr es erhofft oder erwartet. Aber ich werde mein Bestes geben, damit unser Vertrag erfüllt werden wird.« Da nickte Tarvain zufrieden. »Mehr kann und werde ich auch nicht erwarten, Ser Entaro.« Mit diesen Worten nickte er dem Drachenritter zu und lächelte dünn aber freundlich. Ser Tarvain entfernte sich etwas von dem Drachen, was sicherlich auch an dem Respekt, den er vor der Bestie hegte, lag. Entaro hingegen verharrte noch einen Augenblick. Der Bernsteinritter trat an den Drachen heran und legte seine Hand auf den Kopf des Untieres. »War das klug?«, murmelte Entaro und der Drache sah ihn mit seinen unergründlichen und lodernden Augen an. Doch natürlich konnte Entaro keine Antwort auf seine Frage erwarten. Nur einen Blick. Ein Schnauben. Ein Grunzen. Auf diese Weise zeigte der Drache sein Wohlwollen oder sein Missfallen. Doch nun sah er ihn einfach nur an. Und der Bernsteinritter hielt dem Blick lange stand. Bis Entaro schließlich seufzte. »Wir werden es sehen. Ich hoffe dieses Unterfangen ist keine närrische Torheit.« Er löste die Hand von dem Drachen und dieser legte sich schließlich nieder und schloss die Augen.

Nicht weit von dem Platz saßen, wie auch zuvor – und vermutlich auch bis sie diese Burg verlassen würden – die drei Krieger Tarvains und beäugten den Drachenreiter und sein seltsames, schwarzes Untier. Doch sie wagten es nicht sich zu nähern. Doch Entaro konnte ihre Blicke spüren und so entschloss er sich ihnen zu nähern. »Ihr habt Ser Tarvain in einem Stück zurückgebracht, wie ich sehe?« Der Krieger versuchte sich an einem flachen Scherz doch Entaro erwiderte sein schiefes Lächeln, während Ser Tarvain selbst ein unbeschwertes Lächeln aufgesetzt hatte. »Vielleicht hat er etwas von seiner Angespanntheit verloren.« Entaro zuckte mit den Achseln und der Krieger erwiderte sein dünnes Lächeln. Er schien nicht wirklich zu wissen was er darauf antworten sollte und so machte er das Beste, was man in einer solchen Situation machen konnte. Er hüllte sich in Schweigen. »Wann hat mein Drache das letzte Mal etwas zu fressen bekommen?«, erkundigte sich Entaro und die Männer sahen sich zunächst einander an, bis der angesprochene sich wieder an Entaro wandte. »Gestern, Ser. Ein ganzes Schaf hat er vertilgt. Wir haben heute ein paar Gänsekeulen für ihn gehabt.« Entaro nickte und verschränkte nachdenklich die Arme. »Ich möchte natürlich nicht die ganzen Bestände der Burg in Anspruch nehmen. Doch er wird bald wieder etwas benötigen. Er ist groß…« Mit diesen Worten warf er einen Blick über die Schulter in eben jene Richtung in welcher der Drache auf dem Boden herumlungerte. »Das ist kein Problem, Ser Entaro.«, mischte sich Tarvain schließlich ein, und Entaro war dies nur recht. Immerhin war er der Herr dieser Burg. Wenn er also entschied, der Drache sollte bekommen, was er brauchte, dann würde sich niemand sonst dagegen stellen. »…Aber die Gänsekeulen könnt ihr in der Küche belassen. Er frisst nichts, dass schon tot ist. Vielleicht ist es seine Natur. Ich muss gestehen, dass ich, obwohl ich ein Drachenreiter bin, nicht sehr damit bewandert bin, warum Drachen totes Fleisch verweigern. Aber er macht es.« Mit diesen Worten schluckte der Krieger und nickte verstehend. Entaro konnte sich vorstellen, was die Männer wohl dachten. Er, so wortkarg. Ein Drache der nur Lebende Beute verschlang. Und jeder auf dieser Burg war dem Gutdünken der Beiden ausgeliefert. Sicherlich traute niemand dem Drachen, oder gar dem Drachenreiter, über den Weg. Mütter hielten ihre Kinder von dem Ort fern, an welchem der Drache war. Selbst die Tiere mieden diesen Ort. Vor ihrer Ankunft war dieser Platz vermutlich ein Ort voller Leben gewesen. Spielende Kinder, gackernde Hühner und schnatternde Gänse. Doch nun war hier nur der stille, schwarze Tod. Eine bedrückende Ruhe herrschte hier und sicherlich wünschten sich die meisten, dass Entaro, Isaé und der Drache so bald wie möglich verschwanden, damit der gewohnte Alltag wieder einkehren konnte. Doch nichtsdestotrotz würden jeder von ihnen noch Jahre davon berichten können, dass sie einen leibhaftigen und echten Drachen gesehen hatten.

Entaro schlenderte, nun da die Verpflegung des Drachen geregelt war, mit Ser Tarvain über den Burghof bis Isaé ihnen über den Weg lief. Sie hatte an einer Steinwand gelehnt auf dem Boden gesessen und mit einer Katze gespielt. Vermutlich machten sich bei ihr auch schon die ersten Anzeichen von Langeweile bemerkbar. Natürlich hatte sie ihre Ablenkung durch die Reitstunden, welche einiges ihrer Zeit beanspruchte. Aber im Großen und Ganzen war auf der Burg doch relativ wenig für Isaé zu tun. Und so war es natürlich nachvollziehbar, dass sie nicht so recht wusste, was sie mit all der Zeit anzufangen hatte, die ihr nun gegeben worden war. Als Isaé die beiden Ritter bemerkt hatte, erhob sie sich und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Isaé und Tarvain tauschten einige höfliche Floskeln miteinander aus, bis Tarvain sich schließlich anschickte sich zu entfernen. »Ser Entaro. Ich danke euch für den kurzen Ausflug. Es war mir eine Freude dies erleben zu dürfen. Fräulein Isaé, Ich wünsche noch einen guten Tag. Aber nun entschuldigt mich bitte, ich habe noch einiges zu erledigen bevor wir bereit sind aufzubrechen.« »Gewiss. Ich habe genug eurer Zeit in Anspruch genommen.«, antwortete Entaro und so trennten sich die beiden Männer und Tarvain ließ Entaro und Isaé alleine zurück. Isaé schien sich sichtlich zu entspannen, als der Burgherr sich schließlich entfernt hatte. »Du musst in seiner Gegenwart nicht so angespannt sein.«, meinte Entaro stoisch. »Er ist kein gewöhnlicher Adeliger, wie die meisten, denen du vielleicht schon einmal begegnet bist. Aber etwas Vorsicht walten zu lassen kann nie schaden, nicht wahr?« Isaé nickte und dann kam sie auf Meister Odelin zu sprechen und dass sie ihn begleiten würde, sollte er ihn aufsuchen wollen. »Ich bin mir nicht sicher. Er hat mich nicht zu sich bestellt. Wenn der Verband sich nicht löst oder sonstige Beschwerden auftreten, denke ich nicht, dass es nötig sein wird ihn aufzusuchen. Aber wenn du gehen möchtest, lass uns doch gleich gehen? Ich glaube je eher du ihn besuchst, desto besser. Ich kann mir vorstellen, dass der launische Kerl zu späterer Stunde noch launischer wird.« Entaro lächelte und da war ein gewisses Funkeln in seinen Augen. Als ob er einen seichten Scherz gemacht hätte, den niemand außer ihm verstand. Isaé erkundigte sich natürlich auch nach Entaros Befinden und wie es ihm mit seiner Wunde erging, doch da er kaum noch Beschwerden hatte, winkte Entaro nur ab. »Es ist alles in Ordnung. Danke der Nachfrage. Wie geht es dir mit den Reitstunden?«, erkundigte er sich dafür im Gegenzug. »Ich kann mich kaum noch daran erinnern, als ich reiten gelernt habe. Aber ich weiß, dass es sehr schmerzhaft sein kann. Besonders wenn man falsch sitzt.« Und so begleitete Entaro sie schließlich zu Meister Odelins Stube. Vielleicht hatte er wirklich eine Salbe die irgendwie helfen konnte. Aber letzten Endes war es nur ein Muskelkater und ihr Körper würde sich daran gewöhnen. Je öfter sie auf dem Pferd sitzen würde, desto leichter würde es ihr fallen und desto weniger würde sie irgendwann spüren, bis es ihr in Fleisch und Blut übergegangen wäre.

Auf ihre andere Frage seufzte Entaro nur. »Keine Sorge, ich fühle mich nicht überfallen. Natürlich ist es ungewöhnlich wenn man sich an neue Gegebenheiten gewöhnen muss. Aber ich rate dir, die kurze Atempause gut zu nutzen. Du wirst dich noch an diese unbeschwerten Tage zurückerinnern und sie herbeisehnen, wenn wir erst tief in den Grenzlanden sind und umgeben von Feinden, verrückten Dingen und gefährlichen Orten. Aber mir geht es nicht anders. Diese Ruhe. All die Jahre herrschte ruhelose Rastlosigkeit. Es ist befremdlich einfach einmal nichts zu machen. Doch glaube ich, dass der Hofstaat uns mit gemischten Gefühlen betrachtet. Jeder muss anpacken nur wir nicht. Etwas unwohl fühle ich mich schon dabei, doch unsere Arbeit beginnt sobald wir diese Burg verlassen. Und die Arbeit der Leute hier geht dann einfach weiter. Sie verstehen vielleicht nicht, dass unsere Arbeit viel gefährlicher sein kann.«

Sie hatten den Weg bis zu Meister Odelins Stube fast ohne eine schweigsame Minute verbracht, was Entaro kaum aufgefallen war, bis sie die Stube erreicht hatten. Er war schon so lange alleine auf Reisen gewesen und nun, nach so kurzer Zeit, hatte er sich so an Isaés Gegenwart gewohnt, dass es ihm befremdlich vorkam, wenn sie nicht bei ihm war. Er schüttelte nachdenklich den Kopf und lehnte sich an die steinerne Hauswand, während Isaé die Stube betrat um sich der schlechten Laune des Burgheilers auszusetzen. Entaro konnte getrost auf eine weitere Begegnung mit Odelin verzichten, solange es nicht zwingend notwendig war.

Später, als es bereits zu dämmern begann, als das Abendmahl bereits gegessen war und Entaro auf dem Platz vor der Burg stand und seine Blicke in den Himmel schweifen ließ, gesellte sich Isaé wieder zu ihm. »Die ganze Burg voll mit Menschen, und doch sitzen wir zwei hier, alleine, und starren die Sterne an.«, murmelte Entaro und warf Isaé einen vielsagenden Blick zu. »Findest du keinen Anschluss, oder meidest du bewusst die Nähe der anderen?« Isaé sah ihn mit einem schiefen Blick an, doch anstatt auf seine Frage zu antworten, hielt sie ihm nur einen Spiegel vor. Denn immerhin saß er ja alleine im dunklen Hof und starrte in die Sterne. »Nun. Ich gebe zu, dass ich mich an diesem Ort zwar wohl aber nicht zu Hause fühle. Es ist ein unbestimmtes Gefühl. Ich kann es dir nicht genauer erklären. Ser Tarvain ist ein alter Freund. Aber ich bin keiner seiner Ritter. Ich gehöre nicht an diesen Ort. Und vielleicht ist da etwas in mir, dass mich in die Ferne ruft. Vielleicht sehne ich mich nach dem Abenteuer, dass vor uns liegt?« Er warf Isaé ein schiefes Lächeln zu. Nein, das war es gewiss nicht. Denn eigentlich war er sich noch nicht einmal sicher ob es eine kluge Entscheidung gewesen war, diesen Vertrag zu unterschreiben. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Isaé Edera. Seit ich den Bund mit meinem Schatten eingegangen bin, zieht es mich in die Einsamkeit. In die abgeschiedene Ruhe. Fort von den Menschen, die weder mich noch meinen Drachen verstehen. Und ich bin hier nicht zu Hause. Sicherlich sind wir willkommen. Wenn auch nur als Mittel zum Zweck. Aber meine Heimat ist weiter im Süden. Und vielleicht wirst du sie auch eines Tages einmal sehen? Wenn wir dieses Unterfangen hinter uns gebracht haben, dass uns tief in die schwarzen Grenzlande führen wird. In die Heimat von Schwarzsehern, Hexen und Trollen.« Das letzte Wort betonte er dabei besonders markant und sah Isaé dabei neugierig an. »Hast du schon einmal einen Troll gesehen?« Vermutlich hatte sie das nicht. Entaro hatte erst einmal das zweifelhafte Vergnügen gehabt. Und er konnte von Glück sagen, dass er diese Begegnung lebend hinter sich gebracht hatte. »Das sind unbarmherzige Kreaturen. Von Urinstinkten getrieben. Und manche von ihnen älter als der Wald in dem sie leben.«

Entaro lehnte sich an die Wand und starrte wieder in die Sterne. Der Tag war lang gewesen und auch wenn seine Wunde ihm bisher keine Beschwerden bereitet hatte, so war er doch etwas müde. Isaé lehnte ebenfalls an der Wand, doch in gebührlichem Abstand. Und Entaro kam nicht umhin immer wieder einen verstohlenen Blick zu seiner jungen Begleiterin zu werfen. Doch er schwieg. Er sagte kein Wort. Und immer dann wenn er sich ertappt fühlte, als sie bemerkte dass er in ihre Richtung sah, warf er den Blick wieder zurück zu den Sternen. Als ob diese irgendeine geheime Antwort auf die Fragen hätten, die in ihm herum geisterten, von denen er selbst noch nicht einmal den Wortlaut wusste. Doch eines wusste er. Seit jener Nacht, in der er die Klinge des Schwarzsehers zu spüren bekommen hatte, war etwas anders als all die Jahre zuvor. Und Entaro konnte nicht mit Bestimmtheit sagen was. Er wusste nur dass er Gedanken und Gefühle in sich wahrnahm, von denen er sehr lange nichts mehr geahnt hatte. Zweifel. Angespanntheit. Eine innere Zerrissenheit die sich langsam in ihm ausbreitete, ohne dass er sich dessen bewusst war. Und irgendwann würde vielleicht der Tag kommen, an dem dies mehr als nur unbestimmte Gedanken und Gefühle sein würden. Doch nun saß er einfach nur da, starrte in den Himmel und beobachtete die Sterne.

Irgendwann räusperte sich Entaro. »Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was du machen wirst, wenn der Vertrag erfüllt wurde, du einen Lohn erhalten hast und wir Kap Nord Morne verlassen werden?« Entaro wusste selbst nicht so genau was er darauf antworten würde. Sicherlich würde er nach wie vor an den Drachen gebunden sein. Und Isaé? Entaro konnte nicht sagen ob sie auch noch an den Drachen gebunden sein wird, wenn dieses Unterfangen abgeschlossen sein würde. Vielleicht würde sie frei sein? Es langen viele ungewisse Gefahren vor ihnen. Niemand konnte sagen, was dort in den Schatten auf sie lauerte. Und diese drei Namen, die Tarvain auf den Vertrag geschrieben hatte. Wenn auch nur einer von ihnen mehr war als nur ein Scharlatan, würde es eine schwere Aufgabe werden. Er wollte sich nicht ausmalen, dass Isaé etwas zustoßen würde. Doch er schwor sich mit aller Kraft und Macht, über die er gebieten konnte, dies zu verhindern. Isaé war ihm inzwischen ans Herz gewachsen und es war längst mehr als nur gebotene Ritterlichkeit Isaé vor Leid und Schaden zu bewahren. Doch diese Gedanken blieben tief in Entaro verborgen.
#87
Ein Moment der Ruhe ❖
drache-während Entaros Anwesenheit ohne das Beisein von Ser Tarvain, fiel Isaés Anspannung sogleich ab. Sie hatte sich an ihn gewöhnt, wie an ein Familienmitglied, das man mochte, ohne es groß hinterfragen zu müssen. Er war einfach immer da, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie an den Drachen und somit auch an ihn gebunden war, sich nicht als allzu schwierig darstellte. Doch in seiner Anwesenheit hatte sie nicht das Gefühl, sich verstellen zu müssen, oder sich besonders schicklich oder adrett benehmen zu müssen. An seiner Seite konnte sie einfach sie selbst sein. Was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich in Anwesenheit anderer Menschen nicht so benahm, wie sie nun einmal war. Allerdings mischte sich bei Entaro eine gewisse Ungezwungenheit und Vertrautheit mit ein, und das war einfach ein gutes Gefühl. Und dieses verspürte sie auch jetzt, da sie bei ihm untergehakt, durch die Burganlage schlenderte. Sie hatte sich noch nie bei ihm untergehakt, dazu hatte es auch nie einen Grund gegeben. Doch hier, in dieser adeligen Burganlage, die Isaé wie eine eigene kleine Welt erschien war so vieles anders als in der Außenwelt. Entaro erkundigte sich nach ihren Reitstunden, und da hatte er bei Isaé einen Punkt getroffen. "Es ist großartig!" sagte sie. Sie hatte große Freude daran gefunden und das erkannte man, wie sie darüber sprach. "Und ich glaube, ich stelle mich auch gar nicht so schlecht an. Amaury meinte das jedenfalls. Aber er scheint auch ein guter Reitlehrer zu sein. Er sagte, wenn wir noch vier Tage weiter üben, bin ich gut genug, um sicher im Sattel zu sitzen, wenn wir in die Grenzlande ziehen. Aber es ist anstrengend, das muss ich zugeben. Amaury sagt, morgen werde ich mich kaum im Sattel halten können, so viel wie wir heute geritten sind, und mir die Beine furchtbar schmerzen werden. Daher war meine Idee, zu Meister Odelin zu gehen, vielleicht kann er helfen, bevor es schlimm wird…" "Ich kann mich kaum noch daran erinnern, als ich reiten gelernt habe. Aber ich weiß, dass es sehr schmerzhaft sein kann."
Entaro erinnerte sie daran, die Zeit hier zu genießen. Die Zeit, die sie bisher hier verbracht hatten und noch verbringen würden, war wie Urlaub. Freizeit, die Ritter bei ihrem Lehnsherrn erbaten, um sich anderen Dingen zu widmen, abseits der Lehnstreue, war Urlaub. Der Lehnherr erlaubte es, und darum wurde es so genannt. Er schärfte ihr ein, dass sie sich an die unbeschwerte Zeit hier erinnern würde und sich diese Langeweile zurücksehnen würde, wenn sie sich erst einmal tief in den Grenzlanden befanden. Er bereitete sie darauf vor, dass dies kein vergnüglicher Spaziergang, oder eben Spazierritt sein würde. Dass sie auf Feinde, verrückte Dinge und gefährliche Orte treffen würden. Und je mehr Isaé über diesen Vertrag nachdachte, desto schwerer wogen ihre Zweifel, was diese Entscheidung betraf. Es war ihre Zustimmung gewesen, die letztendlich das Zünglein auf der Waage gewesen war. Doch ohne ihre Zustimmung wäre die Aussicht auf einen Freibrief der ihnen freies Geleit zusicherte, gleich Null gewesen. Aber auch, wenn sie diese Reise, die für Isaé nach wie vor ein wenig ungewiss war, gemeinsam mit Entaro beging und dies bedeutete, dass sie jede Erfahrung gemeinsam teilten, ob sie nun gut war oder schlecht, so wurde ihr doch mulmig zumute da sie fürchtete, Entaro mit diesem Ausflug in die Grenzlande in etwas hineingezogen zu haben. Auch, wenn es ganz sicherlich nicht so war. Sie hatten so angeregt miteinander geplaudert, dass sie plötzlich bereits vor Meister Odelins Stube standen. Entaro hatte schon angedeutet, dass er Meister Odelin nicht aufsuchen würde, wenn es nicht unbedingt notwendig wäre, oder er von ihm dazu aufgefordert würde, doch Isaé ließ es sich nicht nehmen, ihn vor der Türe zu necken, ob er nicht doch mit hineinkommen wollte. Aber der Drachenreiter schüttelte den Kopf und so kicherte Isaé bevor sie klopfte, und alleine in die Heilstube eintrat.

Herr Odelin war alleine zugegen. Er warf der Eintretenden einen Blick zu, als wäre dies ein Verbrechen, unaufgefordert die Stube zu betreten, doch als er die junge Frau erblickte, wurde sein Blick deutlich milder. "Wie kann ich euch helfen?" erkundigte er sich freundlich. "Herr Amaury schickt mich." "Ach ja? Braucht er was für einen seiner Gäule? Wieso kommt er dann nicht selbst?" Er schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. "Außerdem bin ich mit Pferden nicht vertraut!" Isaé schüttelte den Kopf "Nein, er schickte mich, dass ihr mir etwas geben sollt. Ich habe heute meine ersten Reitstunden erhalten und ich muss noch die nächsten drei, vier Tage jeden Tag weiter üben, da wir dann in die Grenzlande ziehen werden, wenn Ser Entaro wieder genesen ist." "Ah! Ser Entaro! Wie geht es ihm? Hat er endlich seinen Verband in Ruhe gelassen? Oder ist er damit wieder baden gegangen und hat meine Arbeit zunichte gemacht?" Er seufzte beinahe theatralisch. Isaé zuckte die Schultern. "Es geht ihm gut, doch wie sein Verband aussieht, das weiß ich nicht, wie sollte ich auch? Doch ich nehme an, dass damit alles in Ordnung ist, sonst hätte er euch ganz bestimmt aufgesucht." Meister Odelin nickte "Das wird wohl so sein. Was euch betrifft, so empfehle ich euch ein heißes Bad, um eure Muskulatur zu entspannen. Mehr könnt ihr im Moment nicht tun, und dennoch werdet ihr die Anstrengung der nächsten Tage spüren. Ich kann Euch nur eine Wundsalbe geben für die kommenden Tage. Ihr werdet sie brauchen." Isaé blickte Herrn Odelin verwundert an. "Eine Wundsalbe? Wozu sollte ich eine Wundsalbe brauchen?" Meister Odelin lächelte sie wissend an. "Oh, das werdet ihr morgen Abend schon selbst feststellen können. Ich werde nichts weiter dazu sagen!" Isaé verstand nicht, was er damit meinte, doch sie ließ es dabei bewenden, während Meister Odelin in seinem Schrank suchte und schließlich ein Gläschen hervorzog, welches mit einem Holzdeckel und Siegelwachs verschlossen war. "Hier! Ringelblumensalbe! Das beste was ihr für Eure Schenkel tun könnt!" Er grinste geheimnisvoll und öffnete ihr schließlich die Türe. "Meine besten Empfehlungen!" sagte er noch, als er sie nach draußen entließ und ihr dann die Tür vor der Nase schloss. "Komischer Kauz…" sagte sie und blickte Entaro unverständig an, der an die Wand gelehnt auf sie gewartet hatte.

Nach dem Abendmahl saßen Entaro und Isaé wieder gemeinsam im Burghof. Sie hatte ihn vom Fenster ihres Gemaches in dem Innenhof stehen gesehen und da sie eine seltsame Unruhe antrieb, hatte sie ihr Gemacht kurzerhand wieder verlassen und sich zu Entaro gesellt. Er war nun einmal die einzige Konstante in ihrem derzeitigen Leben. Nun saßen sie auf einem abgespannten Anzwagen, der herrenlos im Burghof stand, und blickten in den Himmel. "Die ganze Burg voll mit Menschen, und doch sitzen wir zwei hier allein, und starren die Sterne an" meinte Entaro schließlich. "Ich sehe mir gerne die Sterne an" meinte Isaé leichthin. "Findest du keinen Anschluss, oder meidest du bewusst die Nähe der anderen?" Isaé hatte so eine Frage nicht erwartet. Sie dachte an die kurze Begegnung mit dem Schmied, und an die Zeit mit Amaury, mit dem sie noch weiter Zeit verbringen würde, weil er ihr das Reiten beibringen sollte. Dann sah sie ihn mit einem Blick an, der ihn daran erinnern sollte, dass er mehr noch die Nähe der anderen zu scheuen schien, als sie. Entaro erklärte sich, und fügte schließlich hinzu, dass er sich vielleicht nach dem Abenteuer sehnte, das vor ihnen lag. Doch jetzt war es an Entaro, schief zu lächeln und er richtete seine Worte an sie. Und wie er sie bei ihrem vollen Namen ansprach. Isaé Edera. Er erzählte ihr, wie er den Bund mit dem Drachen eingegangen war und seitdem die Gesellschaft von Menschen scheute und die Einsamkeit vorzog. Er sinnierte darüber, ob sie eines Tages seine Heimat zu Gesicht bekommen würde. Isaé zuckte die Schultern, denn sie wusste es nicht. Sie konnte ja noch nicht einmal sagen, ob sie diese Zeit in den Grenzlanden überstehen würde. Denn je mehr sie darüber hörte und auch nachdachte, desto mehr wurde sie von Furcht und Zweifeln überwältigt. "Wenn wir dieses Unterfangen hinter uns gebracht haben, dass uns tief in die schwarzen Grenzlande führen wird. In die Heimat von Schwarzsehern, Hexen und Trollen. Hast du schon einmal einen Troll gesehen?" Isaé schüttelte heftig den Kopf. Noch nie war sie einem Troll begegnet. "Das sind unbarmherzige Kreaturen. Von Urinstinkten getrieben. Und manche von ihnen älter als der Wald in dem sie leben." Isaé nickte, so als würde sie seine Worte verstehen. Obwohl sie sie nicht verstand. "Versprich mir nur eins, Entaro Adun… Wir passen aufeinander auf, in den Grenzlanden. Egal, was passiert, wir stehen zusammen. Einer lässt den anderen nicht im Stich, egal, was da auch kommen mag…" Und er nickte. Dann schwiegen sie, und starrten in den Himmel. Und es wirkte so, als wäre es krampfhaft. Als würde man sich gegenseitig nicht ansehen können. Isaé ertappte Entaro dabei, dass er immer heimliche Seitenblicke zu ihr warf. Doch wenn sie seine Blicke erwiderte, wandte er den Kopf ab und starrte wieder in den Himmel. Und wenn sie ihn ihrerseits intensiv musterte, und er sie danach ansah, so tat auch sie, als würde sie nur im Himmel nach Sternbildern suchen. Es war eine wahrlich seltsame Situation. Nach einer Weile hörte sie sein Räuspern und er fragte sie "Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was du machen wirst, wenn der Vertrag erfüllt wurde, du einen Lohn erhalten hast und wir Kap Nord Morne verlassen werden?" Isaé wandte den Kopf zu ihm und blickte ihn erstaunt an. Und sie überlegte kurz. Dann lächelte sie. "Um ehrlich zu sein, habe ich mir schon ein wenig Gedanken darüber gemacht. Zumindest, was den Lohn betrifft. Ich meine, vier Dukaten, das ist schon eine schöne Summe. Ich habe mir ehrlich gesagt überlegt, ob ich mit Ser Tarvain verhandeln kann. Ich habe seine Waffenkammer gesehen und ich frage mich, ob er eine seiner zahlreichen Armbrüste vermissen würde. Ich meine sie sind schon da, und er würde sich, unabhängig vom Kaufwert einer Armbrust, vier Gulden ersparen. Und ich würde mir eine weitaus teurere Investition ersparen. Eigentlich ein Gewinn für beide Seiten. Wenn diese Sache hier vorbei ist, dann bin ich trotzdem immer noch eine Hexenjägerin, und verdinge mich damit. Oder meinst du etwas anderes? Ich meine, ich werde wahrscheinlich immer noch in der Schuld von Schatten stehen. Ich frage mich schon länger wie ich, einfache Frau, Lebensschuld an einen Drachen begleichen sollte. Vielleicht stehe ich auch bis an das Ende meines Lebens in seiner Schuld, weil ich nicht in der Lage bin, diese Schuld zurückzuzahlen. Wer weiß? Dann hast du mich für immer und ewig am Hals!" Sie grinste, und stieß mit ihrer Schulter an die seine. Sie lehnte sich zurück auf dem Anzwagen, und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. "Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Wer weiß, ob ich diesen Streifzug in die schwarzen Lande überhaupt überlebe? Man muss sich dessen immer bewusst sein. Ich mache mir erst Gedanken darüber, wenn wir das überstanden haben…" Eine Weile schwieg sie und starrte wieder den Nachthimmel an. Sie fixierte einen großen Stern am Firmament, der hell leuchtete. Dann meinte sie "Um auf deine Frage von vorhin zurück zu kommen. Ich meide die anderen Menschen. Ich weiß nicht, wieso. Denn eigentlich war ich früher ein recht geselliger Mensch. Aber seit ich ich meine Heimat verlassen habe, und Hexen gejagt habe, habe ich nach und nach begonnen, Menschen zu meiden. Im Gegensatz zu Ariad ist es in Kalath durchaus ratsam, Menschen zu meiden, denn nicht jeder, der einem begegnet, ist einem wohlgesonnen. Ich habe mich im Laufe der Zeit selbst zu einer Geächteten gemacht. Dabei habe ich immer noch dieselben Hoffnungen und Träume. Ich wollte immer nur einen netten Mann kennenlernen. Einen, der mich lieb genug hat, dass er sein Leben mit mir verbringen möchte, der mit mir den Bund eingehen möchte. Ich glaube, ich habe sehr viel Liebe zu geben. Vielleicht sollte ich aufhören, mein Herz vor der Welt zu verschließen. Vielleicht bin ich schon einmal dem richtigen Mann begegnet und habe es nur nicht bemerkt, weil ich so verbohrt bin…" Sie zuckte die Schultern und wandte ihren Kopf zu Entaro. "Aber was ist eigentlich mit dir? Du machst immer so ein großes Geheimnis um deine Person und erzählst nie etwas. Und ich muss zugeben, ich bin sehr neugierig. Du hattest doch bestimmt ein gewöhnliches Leben, bevor du ein gesalbter Bernsteinritter wurdest, und dich in die Dienste Daereans stelltest? Hattest du eine Geliebte? Oder hast du einer Frau gar den Bund versprochen? Oder hattest du den Bund bereits eingegangen? Wie kam es überhaupt dazu, dass du ein Bernsteinritter wurdest, und einen Drachen bekommen hast? Und wieso ist Schatten der letzte Drache auf dieser Welt? Wo sind die anderen Drachen?"
#88
Der letzte Drache ❖
drache-entaro nickte stumm und wandte dann schließlich seinen Kopf um Isaé direkt in die Augen zu sehen. »Ich verspreche dir das nicht nur als ein gesalbter Ritter gebunden an ritterliche Tugenden und selbstlose Ehre. Sondern auch als dein… Freund.«, schloss er den Satz und sah sie mit einem eindringlichen Blick an. Doch er konnte ihren Blicken nicht lange standhalten und wandte schließlich den Blick wieder ab. Entaro sah sich in Isaés Nähe schon seit geraumer Zeit nicht mehr als nur Zwei Menschen die gezwungenermaßen durch alte Blutsbande gezwungen waren miteinander auszukommen. Dies war wohl auch einfach der natürliche Lauf der Dinge. Fremde wurden irgendwann Freunde, wenn sie nur genug Zeit miteinander verbracht hatten ohne sich gegenseitig zu bekämpfen. Isaé und Entaro hatten genug miteinander erlebt, dass sie mehr aneinanderbanden als voneinander trennten. Und so sah er Isaé nicht mehr einfach nur als ein Mündel oder einen aufgezwungenen Ballast. Sondern eine Weggefährtin. Und natürlich war es für den Drachenreiter selbstredend, dass er in den Grenzlanden alles in seiner Macht Stehende daran setzen würde dafür zu sorgen, dass Isaé diese Reise unbeschadet überstehen würde. Auf seine Frage, was sie wohl mit dem versprochenen Lohn anstellen würde, hatte sie sogar eine Antwort. Auch wenn Entaro eine weniger pragmatische erwartet hatte. »Ich meine, vier Dukaten, das ist schon eine schöne Summe. Ich habe mir ehrlich gesagt überlegt, ob ich mit Ser Tarvain verhandeln kann. Ich habe seine Waffenkammer gesehen und ich frage mich, ob er eine seiner zahlreichen Armbrüste vermissen würde.« Entaro seufzte und legte den Kopf ein wenig schräg. »Wäre das nicht in Wahrheit nur ein weiteres Geschäft? Ob du nun die vier Dukaten bekommst und damit eine Armbrust kaufst, oder gleich die Armbrust bekommst.« Er lächelte dünn und milde, fast väterlich? »Ich meine sie sind schon da, und er würde sich, unabhängig vom Kaufwert einer Armbrust, vier Gulden ersparen. Und ich würde mir eine weitaus teurere Investition ersparen. Eigentlich ein Gewinn für beide Seiten. Wenn diese Sache hier vorbei ist, dann bin ich trotzdem immer noch eine Hexenjägerin, und verdinge mich damit. Oder meinst du etwas anderes?« »Gute Frage. Eine wirklich gut gefertigte Armbrust kann schon sehr kostspielig sein, aber willst du wirklich dein hart erarbeitetes Geld gegen eine Waffe austauschen die vielleicht ihrem ersten Besitzer Unglück gebracht hat? Oder mangelhaft verarbeitet ist? Oder vielleicht einen Schaden hat? Ich sage dir nicht was du mit deinem Geld machen sollst, aber ich denke für Ser Tarvain wäre das ein sehr gutes Geschäft. Er hat für die Waffen nichts bezahlt und spart sich auch noch die vier Gulden. Wenn du es schlau machst, bekommst du deine Belohnung und eine Waffe deiner Wahl. Mir ist eine Armbrust in Tarvains Kammer aufgefallen, die sehr Besonders zu sein scheint. Das Holz wirkt als wäre es gänzlich anders als das der anderen. Vielleicht ist sie aus Flüsterholz gefertigt? Es sieht deiner Pfeife jedenfalls sehr ähnlich. Eine solche Armbrust wäre für Tarvain wahrscheinlich genauso viel wert wie jede andere Armbrust. Doch für dich wäre sie umso wertvoller, nicht wahr? Verkaufe dich nicht unter Wert, Isaé.« »Ich meine, ich werde wahrscheinlich immer noch in der Schuld von Schatten stehen. Ich frage mich schon länger wie ich, einfache Frau, Lebensschuld an einen Drachen begleichen sollte. Vielleicht stehe ich auch bis an das Ende meines Lebens in seiner Schuld, weil ich nicht in der Lage bin, diese Schuld zurückzuzahlen. Wer weiß?« Entaro nickte nachdenklich. »Nun, das kann gut möglich sein. Doch wer weiß schon was in den Grenzlanden alles passieren mag? Und wenn ich mich richtig entsinne, gilt diese Blutschuld sowohl dem Drachen als auch mir gegenüber.« Dabei sah er Isaé eindringlich an und sah ihr dabei direkt in die Augen. »Du musst also nicht unbedingt dem Drachen die Blutschuld zurückzahlen. Es reicht völlig, wenn es dir bei mir gelingt.« Dabei lächelte Entaro dünn und fast matt. »Dann hast du mich für immer und ewig am Hals!« Entaro ließ sich von Isaés Grinsen etwas anstecken. »Nun das wäre nicht unbedingt das Schlimmste, was mir je widerfahren wäre. Doch wenn es schaffst dich von der Blutschuld zu lösen, was wirst du dann machen? Wirst du dann fortgehen? Oder würdest du weiterhin mit mir auf Reisen gehen?« Entaro sah Isaé in dem Moment fragend und erwartungsvoll an. Und auch wenn es vielleicht nicht unbedingt in seinem Gesicht geschrieben stand und er es auch nicht zugeben würde, so hoffte er insgeheim doch, dass sie sich für Entaro und den Drachen entscheiden würde. Und würde es nach ihm gehen, hätte er sie schon längst von ihrer Schuld entbunden. Doch dieses Band konnte er nicht einfach trennen, dessen war er sich gewiss.

»Wer weiß, ob ich diesen Streifzug in die schwarzen Lande überhaupt überlebe? Man muss sich dessen immer bewusst sein. Ich mache mir erst Gedanken darüber, wenn wir das überstanden haben…« Entaro nickte. Eine weise Antwort. Warum sollte man sich unnötig den Kopf zerbrechen und das Leben schwer machen, wenn man am Ende tot im Wald lag? Und so wechselte Isaé schließlich das Thema und Entaro entging nicht die Melancholie die hierbei mitschwang. »Ich wollte immer nur einen netten Mann kennenlernen. Einen, der mich lieb genug hat, dass er sein Leben mit mir verbringen möchte, der mit mir den Bund eingehen möchte.« Entaro zuckte mit den Schultern. Bei diesem Thema hielt er sich für den falschen Gesprächspartner. Er war kein Beichtpriester. Er war gesalbter Bernsteinritter. Und er hatte sich über derlei Dinge natürlich immer wieder Gedanken gemacht. Aber nun darüber zu sprechen empfand er in einer gewissen Weise als befremdlich. »Nun, im verfluchten Kalath die Liebe deines Lebens zu finden ist wohl sehr unwahrscheinlich. Und in den Grenzlanden wird dir so ein Mann vermutlich auch nicht über den Weg laufen. Außer du hast eine Schwäche für Hexer mit schwarzem Herzen oder gebrochene Männer ohne Perspektiven.« Entaro lächelte, fast ein wenig schelmisch. Doch Isaé war in dem Moment wohl nicht sehr zu Scherzen aufgelegt, das stellte Entaro schnell fest. »Ich glaube, ich habe sehr viel Liebe zu geben. Vielleicht sollte ich aufhören, mein Herz vor der Welt zu verschließen. Vielleicht bin ich schon einmal dem richtigen Mann begegnet und habe es nur nicht bemerkt, weil ich so verbohrt bin…« »Dinge die waren und Dinge die geschehen sind, kann man nicht ungeschehen machen. Vielleicht hattest du schon einmal eine solche Begegnung. Aber du hast noch viele Jahre vor dir. Auch du wirst deinen Sinn im Leben finden. Und in Akadien oder Ariad wird dir das sicher besser gelingen als in Kalath.« Sie zuckte die Schultern und wandte ihren Kopf zu Entaro. »Aber was ist eigentlich mit dir? Du machst immer so ein großes Geheimnis um deine Person und erzählst nie etwas. Und ich muss zugeben, ich bin sehr neugierig. Du hattest doch bestimmt ein gewöhnliches Leben, bevor du ein gesalbter Bernsteinritter wurdest, und dich in die Dienste Daereans stelltest? Hattest du eine Geliebte? Oder hast du einer Frau gar den Bund versprochen? Oder hattest du den Bund bereits eingegangen? Wie kam es überhaupt dazu, dass du ein Bernsteinritter wurdest, und einen Drachen bekommen hast? Und wieso ist Schatten der letzte Drache auf dieser Welt? Wo sind die anderen Drachen?« Entaro seufzte. »So viele Fragen.« Doch Isaé seufzte ebenso, in der Erwartung keine einzige davon beantwortet zu kommen. Doch Entaro wandte seinen Blick wieder zu den Sternen. »Wir haben Zeit. Also will ich dir ein paar davon beantworten. Man stellt sich nicht in die Dienste Daereans weil man das so möchte. Man wird dazu berufen. Du bist keine Akadierin, daher sind manche deiner Fragen natürlich nachvollziehbar. Aber es gibt auch Akadier die nicht alles darüber wissen. Der Orden der Bernsteinritter ist ein uralter Orden aus alten Zeiten als das große Reich Kalath noch kein gebrochenes Splitterreich im Würgegriff von Hexen, Schwarzsehern, Raubrittern und gefallenen Adelshäusern war. Und in jener Zeit galten die Bernsteinritter als Heilige Krieger. Diese Zeiten sind schon lange vorbei. Der Orden der Bernsteinritter ist ein Relikt alter Zeiten. Ihre Aufgabe ist nicht mehr dieselbe wie einst. Und seit dem Fall des großen Reiches sind die Heiligen Krieger zu Suchern geworden. Unsere Aufgabe ist es die Bernsteinrelikte zu finden.« Dabei zog Entaro das Kleinod aus der Tasche und hielt es vor Isaés Gesicht, so dass das schwache Glimmen, welches von dem Artefakt ausging, ihr Gesicht beleuchtete. »Und wie du siehst, habe ich meine Aufgabe erfüllt.« In seiner Stimme schwang allerdings eine wehmütige Traurigkeit mit, die kaum zu überhören war. »Der Preis dafür war unglaublich hoch. Du musst wissen, dass ich es schon lange vor dem Turm der tausend Wünsche gefunden hatte. Als ich es in die Heimat gebracht hatte, wurde ich mit Lob und Ruhm überschüttet. Nicht viele Bernsteinritter finden Artefakte Daereans in der alten Welt. Viele sind vermutlich auf dem Grund des Meeres oder zerstört worden. Doch als ich das Artefakt mit mir nahm, und es an...« Fast hätte er Vaskir gesagt und wäre dann wohl mit einer verkrampften Zunge bestraft worden. Doch er besann sich rechtzeitig und nannte ihn einfach nicht beim Namen, wohlwissend, dass Isaé wusste, von wem er sprach. »...an den, dessen Namen wir nicht nennen verlor, wandelten sich Ruhm und Anerkennung in Spott und Verachtung. Ich wurde aus dem Orden verstoßen und mir wurde ein Bann auferlegt, erst wieder das Reich Akadien betreten zu dürfen, wenn ich das Artefakt zurückgewonnen habe.« Entaro seufzte und hielt das Kleinod noch einen Augenblick länger vor Isaés Gesicht um ihr zu verdeutlichen, dass dieser Bann nun nicht mehr aufrecht war. Er durfte in die Heimat zurückkehren. Doch wollte er das? Er konnte vermutlich noch Stunden über diese Dinge sprechen und am Ende würde Isaé genauso schlau wie zuvor sein. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Isaé. Ich bin schon in sehr jungen Jahren dem Ruf Daereans gefolgt. Meinem älteren Bruder stand das Erbrecht über das Land unseres Vaters zu. Mir als Zweitgeborenem stand nichts zu. In Ariad ist das Los der Zweitgeborenen oft der Klerus. In Akadien verhält es sich ähnlich. Doch nicht jeder kann Bernsteinritter werden. Ich hatte wohl einfach Glück? Oder Pech? Je nachdem wie man es betrachtet.« Entaro seufzte erneut. Es hätte sicherlich eine Zeit gegeben da hätte er voller Stolz und Inbrunst von seiner gesalbten Ritterwürde gesprochen. Doch nun war die Sachlage nicht mehr dieselbe. Entaro war von einer inneren Zerrissenheit befangen, die alles woran er sein ganzes Leben lang geglaubt hatte drohte ins Wanken geraten zu lassen. »Vielleicht gab es einmal eine Frau. Doch ich kann mich nicht mehr erinnern. Und demzufolge gab es niemals eine Frau. Wenn man so will bist du die erste Frau, seit meinem Gelöbnis, die Platz in meinem Leben gefunden hat.« Das Thema war für Entaro mindestens genauso unangenehm wie Isaés Melancholie und so zog Entaro es, wenn auch nur für einen Moment, vor zu schweigen.

»Wie ich ein Drachenreiter wurde, ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie dir, wenn wir die Grenzlande hinter uns gelassen haben? Oder an einem Lagerfeuer wenn wir ganz unter uns sind. Doch ich weiß nicht ob Schatten der letzte Drache dieser Welt ist. Bevor ich ihn fand, oder er mich fand, galten die Drachen, selbst unter den Weisen Akadiens, als ausgestorben. Niemand hatte seit dem Fall Kalaths je wieder einen lebenden Drachen gesehen. Und nun, reite ich auf einem. Doch ich selbst habe seither keinen zweiten gesehen. Doch vielleicht gibt es noch irgendwo auf der Welt mehr als diesen einen? Es wäre doch irgendwie auch traurig wenn er der letzte seiner Art wäre, nicht wahr? Und dabei wissen wir auf der einen Weise so viel über sie und doch so wenig. Die alten Aufzeichnungen über die Drachen gingen entweder verloren oder liegen unter Verschluss in den Archiven des Ordens der Drachenritter. Früher oder später wird meine Reise mich zu jenem Ort führen um mehr über meinen Platz in dieser Welt herauszufinden, nun da ich an meinen ewigen Schatten gebunden bin. Und wenn es dir misslingt bis dahin von deiner Blutschuld entbunden zu werden, dann wird dies auch dein Los sein uns zu begleiten. Nun, da wir Akadischen Boden betreten haben, wird es sich wie ein Lauffeuer ausbreiten. Und es wird nicht mehr lange dauern, da wird die Zeit gekommen sein, auf die Insel der Drachen zurück zu kehren.« Entaro lächelte dünn. »Die Insel heißt nur so. Dort leben keine Drachen mehr.« Entaro richtete sich ein wenig auf und starrte erneut auf die Sterne. Doch eine dicke, schwarze Wolke war inzwischen aufgezogen und hatte den schwarzen Nachthimmel verhangen, und so blieb ihm der Blick auf die Sterne verwehrt. Und so nahm er dies zum Anlass sich zu erheben. »Es ist schon spät, Isaé Edera. Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen, ja?« Isaé nickte stumm und Entaro erkannte die Resignation in ihrem Blick. »Es ist nicht, dass ich dir nicht darüber erzählen möchte. Viel mehr ist es einfach nicht einfach darüber zu sprechen. Viele Dinge in meiner Vergangenheit sind mit Schmerz, Trauer oder Einsamkeit verbunden. Und ich möchte einfach nicht gerne daran erinnert werden. Das verstehst du doch oder?« Und da Isaé erneut nickte, erwiderte er dieses schließlich und begann sich zur Burg, auf seine Kammer, zu begeben.

Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie in die Grenzlande aufbrechen würden. Entaro vermutete, dass Tarvain vermutlich am liebsten am nächsten Morgen aufbrechen wollen würde. Doch so schnell konnte er die Männer nun auch nicht mobilisieren und kampfbereit bekommen. Also würde ihnen mindestens noch eine weitere Nacht auf der Burg bevorstehen, bevor sie schlussendlich aufbrechen würden. Dies war noch genug Zeit um mit Isaé über die Fragen zu sprechen, die ihr auf der Seele brannten. Fragen, die Entaro vielleicht auch an Isaé haben mochte. Aber Entaro war ein geduldiger Mann. Er hatte so viele Jahre schweigend verbracht. Was machten noch zwei weitere Tage mehr?
#89
Ein wohlverdientes Bad ❖
drache-isaé saß schweigend in ihrem Gemach und dachte über den Abend nach. Entaro war es zu Eigen, dass er auf eine Frage, selbst wenn er diese beantwortete, danach noch mehr Fragen zurückließ. Immer. Sie vermochte nicht zu sagen, ob dies Absicht war oder ob er dies unbewusst tat. Sie wollte nicht glauben, dass er das absichtlich tat, aber es deutete manchmal einfach darauf hin. Wieso sollte er sich nicht an eine Frau erinnern, wenn es eine gegeben hatte? Das war natürlich eine besonders bequeme Art und Weise, sich mit so einer Antwort der Wahrheit zu entziehen. Amnesie vorzutäuschen. Und sie sollte die erste Frau an seiner Seite seit seinem Gelöbnis sein? Selbst er musste wissen, dass Isaé nicht zu den Frauen gehörte, von denen sie gesprochen hatte, als sie ihn fragte, ob es je eine besondere Frau in seinem Leben gegeben hatte. Sie war keine solche besondere Frau, sie war nur eine Frau, die ihn begleitete, weil sie musste. Sie hatte sich ihm gegenüber schon mehrmals verletzlich gezeigt, in dem sie ihm von ihrer Vergangenheit erzählt hatte. Jeder Mensch trug Schmerz, Trauer oder Einsamkeit in sich, wenn man sich ehrlich war. Und er? Er wollte nicht an seine Vergangenheit erinnert werden, weil es ihn an Schmerz, Trauer und Einsamkeit erinnerte. Mit der Vergangenheit war es so eine Sache. Sie war vergangen, und man konnte sie nicht mehr ändern oder rückgängig machen. Aber die Vergangenheit war manchmal trotzdem wie ein Feind, den man besiegt zu haben glaubte, bis man sich abwandte, und dann ein Messer im Rücken stecken hatte. Was war, blieb. Das bedeutete aber nicht, dass man der Vergangenheit gehörte. Man entschied immer noch selbst, was man daraus machte. Ob man stehenblieb und sich vielleicht von ihr einholen ließ, oder ob man weiterging. Um in der Gegenwart zu leben, und vielleicht unerschrocken die Zukunft auf sich zukommen zu lassen. Irgendwie wirkte es, als ob Entaro sich dazu entschieden hatte, sein Leben von der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Das war zwar schade, aber nicht zu ändern.

Am nächsten Morgen erwachte Isaé mit einem gewaltigen Muskelkater in ihren Beinen. Sie konnte nicht laufen, ohne jeden einzelnen Muskel schmerzhaft zu spüren. Und sie hatte nichts bekommen von Herrn Odelin außer einer Wundsalbe. Von der sie nicht wusste, wofür sie sie brauchen sollte. Und das Allerschlimmste war, dass sie sich heute wieder aufs Pferd quälen musste. Morgen würden sie aller Voraussicht nach in die Grenzlande ziehen. Dafür musste sie stark und gut vorbereitet sein. Sie wollte nicht die Hexenjägerin sein, die man zwar brauchte wegen ihren Fähigkeiten, die jedoch auch alle aufhielt, weil sie nicht gut vorbereitet war. Und dafür galt es, die Zähne zusammen zu beißen. Darum fand sie sich nach dem Frühstück ohne zu Murren auf dem Reitplatz wieder, wo Amaury sie bereits mit einem Grinsen empfing. "Ich kenne diesen Gang. Kannst dich kaum bewegen, was?" Isaé verzog das Gesicht und streckte ihm die Zunge entgegen, aber dann grinste sie ebenso. Isaé trat an das Pferd heran und versuchte, mit dem Bein in den Steigbügel zu steigen. Doch es gelang ihr tatsächlich nicht. Sie konnte ihr Bein nicht hoch genug heben, um den Steigbügel zu erreichen. Sie wusste nicht, ob sie lachen, oder weinen sollte, und entschied sich dann für ein verzweifeltes Lachen. Amaury stand daneben und beobachtete sie schweigend. "Brauchst du Hilfe?" erkundigte er sich, doch Isaé war zu stolz. Sie wollte es alleine aufs Pferd schaffen, auch, wenn es sich so anfühlte als hätte sie im Moment keine Beine. Sie umrundete das Pferd und versuchte es von der anderen Seite, mit dem anderen Bein, aber das gelang noch schlechter. "Ich habs gleich…" meinte sie und lächelte schief, ging erneut um das Pferd, welches schon ein wenig unruhig auf der Stelle trippelte. "Soll ich dir nicht doch helfen? Du machst Geraud schon unruhig…" meinte er. Isaé wandte sich um und blickte Amaury an "Na gut" meinte Isaé und er verneigte sich. "Sehr wohl, Fräulein Isaé, wenn ihr mich schon so freundlich darum bittet..." feixte er. Er trat ganz nah an sie heran, beugte sich leicht hinab und hob ihr linkes Bein an, und stellte es in den Steigbügel. Isaé packte den Sattelknauf und versuchte sich hochzuziehen. Amaury legte seine Hände links und rechts an ihre Hüfte, und sie spürte seine Wärme auf dem Stoff ihrer Hose. Seine Hände packten zu und schob sie hoch, dann glitten seine Hände unter ihren Po und er hob sie mit Leichtigkeit in die Höhe. Sie spürte die Kraft, die er in seinen Händen und Armen besaß und vergaß darüber beinahe, das rechte Bein über den Pferderücken zu hieven. Die Hexenjägerin hielt kurz inne, dann glitt sie in den Sattel. Sie hielt den Atem an. Nicht, weil es schmerzte, viel mehr war es das Bewusstsein über seine Hände, und wo sie gelegen hatten. Und dieses Gefühl, das sie dabei verspürt hatte. Amaury sagte kein Wort, sondern er wandte sich ab, trat an sein Pferd und stieg mit Leichtigkeit in den Sattel. Als er oben saß grinste er sie verschmitzt an. "Danke…" murmelte Isaé und spürte das Brennen auf ihren Wangen. Sie wusste, dass sie knallrot geworden war, und das ärgerte sie. "Es war mir ein Vergnügen!" lächelte er sie spitzbübisch an und deutete mit dem Daumen hinter sich. "Nur dass es nachher nicht heißt, ich hätte nichts gesagt: Da hinten haben wir eine Aufsteighilfe. So ein Treppending. Benutzt aber keiner. Nutzt dir auch wenig, wenn du dein Bein nicht hochbekommst. Glaub mir, so wars am besten!" Er grinste immer noch, gab seinem Pferd einen sanften Tritt in die Flanke und es setzte sich in Bewegung. "Na komm, heute reiten wir ins Umland. Ich zeig dir heute, wie man einfach durch die Gegend reitet und mit Hindernissen umgeht. Das ist die Art, die du wohl am meisten brauchen wirst." Auch ihr Pferd setzte sich in Bewegung und trabte gemächlich hinter Amaury her, der sein Pferd über den Burghof lenkte, und dann aus dem Burgtor ritt, gefolgt von Isaé. Sie ritten nebeneinander über die staubige Straße, die sie und Entaro genommen hatten, als sie zur Burg gegangen waren. "Geraud ist eigentlich gut geschult darin, sich im freien Gelände zu bewegen Daran scheitert es nicht. Viel eher musst du es lernen. Die Grenzlande sind ein unwegsames Gebiet und kein ebener Burghof, in dem man sich nur im Kreis bewegt" erklärte Amaury. Sie verließen die staubige Straße und erreichten eine Heide, überquerten sie und fanden sich bald in einem kleinen Wäldchen, das auf eine Lichtung führte. Sie durchritten die Lichtung, trabten einen kleinen Flusslauf entlang, ritten bergauf, und bergab, streiften durch Brombeerhecken, und die Zeit verging wie im Flug. Erst als die Sonne unterging, traten sie den Heimweg an, den sie im Galopp zurücklegten und Isaé hatte überhaupt nicht bemerkt, dass das sture Überwinden der Muskelschmerzen diese erheblich verbessert hatten. Sie bemerkte es erst, als sie wieder im Burghof standen, und Amaury sich anbot, ihr vom Pferd zu helfen. "Ich glaub, das schaff ich jetzt alleine" zwinkerte sie ihm zu, und kämpfte sich schließlich tapfer von Geraud hinab.

Als sie die Pferde in die Stallungen brachten und mit Tüchern abrieben, fühlte es sich schon beinahe so an als hätte sie ein Loch im Bauch, weil sie so hungrig war. Aber so war das, wenn man reitete. Man konnte das Pferd nicht einfach sich selbst überlassen, sondern musste es erst versorgen, ganz egal wie sehr der Hunger drückte, oder ob man Lust dazu hatte. Außerdem hatte sie beim Betreten des Burghofes aus der Küche Geschirrgeklapper gehört. Und sie wusste, wann in etwa die Speisen aufgetragen wurden: Jetzt in diesem Augenblick, während sie im Stall stand, und ihr Pferd trockenrieb. Nachdem sie Geraud eine Decke übergebreitet hatte, eilte sie von dem Pferdestand um den Stall zu verlassen. Immerhin musste sie sich noch waschen und auch umziehen, da sie so, nach Pferd riechend, und verschwitzt, unmöglich bei Tisch erscheinen konnte. Und das verhagelte ihr ein wenig die Laune, denn bis sie fertig war, waren die Speisen vermutlich schon abgetragen und sie konnte die Köchin anbetteln, um noch etwas zu bekommen. "Adieu, Amaury…" murmelte sie, doch bevor sie den Pferdestand verließ, packte er sie am Handgelenk und hielt sie fest. "Warte mal…" Isaé blickte ihn fragend an. "Ihr reitet morgen in die Grenzlande." Isaé nickte. "Ja, und?" "Darf ich dich heute am späten Abend, oder nachts in deinem Gemach besuchen kommen?" Erst blickte sie ihn erneut fragend an, doch dann sickerte die Erkenntnis in ihren Geist und ihre Augen wurden groß. "Oh!" entfuhr es ihr und mit einem Mal wurde sie verlegen. "Amaury… Ich… Nein, das geht nicht!" schüttelte sie den Kopf. "Warum? Ser Tarvain meinte zu seinen Männern, sie sollten ihren Frauen noch ein paar Nächte schenken, wieso sollte das nicht auch für Dich gelten?" Isaé wurde Rot. "Nun, ich… Ich weiß nicht, aber…" stotterte sie. Sie hatte schon so einen leisen Verdacht gehabt, dass er ein wenig auf Tuchfühlung gegangen war, doch sie hatte es zunächst für unverfängliche Plänkelei und Späße gehalten, und die Angelegenheit heute, dass sie Hilfe beim Aufsitzen brauchte, und er ihr so nahe bekommen war, war so auch nicht berechnet gewesen, und daher hatte sie dem keine allzu große Bedeutung beigemessen. Und nun standen sie da, Isaé peinlich berührt, weil er sie indirekt oder vielmehr direkt gefragt hatte, ob er zu ihr zum Beischlaf ins Bett kommen durfte. Und sie stand da, stotterte herum und wusste nicht, was sie noch weiters sagen sollte. "Oder erwartest du bereits jemand anderen?" "Nein. Ich erwarte niemanden. Aber dich eben auch nicht." Dann entzog sie sich seinem Griff und lief aus den Stallungen.

Ihr Herz pochte wild, als sie aus den Stallungen und über den Burghof lief und auf dem direkten Weg in den Speisesaal. Ihr war es jetzt völlig gleichgültig, ob sie nach Pferd roch. Sie wollte etwas essen, und sich dann einfach nur in ihrem Zimmer verkriechen. Sie hastete zu ihrem angestammten Platz, und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. "Guten Abend, Entaro" grüßte sie, während sie sich auf ihren Stuhl fallen ließ und sich eilig aus einigen herumstehenden Schüsseln dieses und jenes auf den Teller lud. Um nicht sprechen zu müssen, mit niemandem, stopfte sie sich die Speisen in den Mund, und kaute ewig darauf herum. Sie war ohnehin viel zu spät bei Tisch erschienen, und die Mahlzeit war schon beinahe beendete. Sie war nur froh, dass sie noch etwas abbekommen hatte, und nachdem sie fertig war, hatte sie es auch schon wieder eilig, den Speisesaal zu verlassen. Sie entschuldigte sich bei Entaro, murmelte etwas von Bad nehmen, und dann war sie auch schon wieder verschwunden.

Die Badezuber standen in der Badestube in der Westburg, soviel hatte sie schon von Entaro erfahren. Sie ging den Gang entlang, stieg Stufen hinauf, und fand am Ende jenes Ganges die Badestube. Irgendjemand wollte immer baden, und so herrschte reges Treiben von Mägden, die in der Badestube herumwuselten, Badezuber scheuerten, oder Badezuber mit frischem, heißen Wasser füllten. Die einzelnen Zuber waren durch Raumtrenner unterteilt, sodass mehrere Personen gleichzeitig ungestört baden oder sich waschen konnten. Isaé wurde zu einem Badezuber geführt, und als sie sich entkleidete und in den Badezuber stieg, sammelte eine der Mägde ihre Kleidungsstücke zusammen. "Oh, die werde ich waschen lassen!" meinte sie. "Ich brauche sie aber morgen Früh. Wir brechen dann zu den Grenzlanden auf" protestierte Isaé. "Es herrschen milde Bedingungen, wenn wir die Kleidung ordentlich mangeln, werden sie morgen trocken sein!" versicherte die Magd und Isaé nickte verstehend. Sie tauchte in dem Badezuber ab um ihr Haar nass zu machen und wusch es sich danach mit einem Stück Seife, mit der sie danach auch ihren Körper einseifte. Dann lehnte sie sich im Badezuber zurück, und dachte nach. Sie konnte nicht einmal sagen, warum sie so aufgebracht war. Vielleicht, weil sie als alte Jungfer sterben würde, wenn sie so weitermachte. Vielleicht sogar schon in den nächsten Tagen in den Grenzlanden. Erst gestern hatte sie Entaro erzählt, dass sie nicht so verbohrt und abweisend sein sollte, und ihr Herz öffnen. Doch er hatte auch gesagt, dass sie die große Liebe bestimmt nicht in Kalath finden würde. Aber musste sie unbedingt die große Liebe finden? Doch sich auf die Art zu vergnügen, war einfach nicht ihre Art. Amaury war ein gutaussehender Mann, so wie er sie einfach gefragt hatte, so war er bestimmt zu allen hübschen Frauen. Bestimmt hatte er sich schon durch die Burg gevögelt. Und die eine mehr in seiner Reihe wollte sie nicht sein. Insofern konnte sie zufrieden mit sich sein, und damit, dass sie ihn abgewiesen hatte.

Isaé verließ die Badestube in einem ähnlichen Bademantel, wie Entaro ihn getragen hatte. So huschte sie über die Gänge, und niemand sah sie, bis sie in ihr Gemach zurückgekehrt war. Bevor sie schlafen ging, packte sie noch ihre Tasche, um für die morgige Abreise bereit zu sein. Dabei fiel ihr ihre Pfeife in die Hände und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die ganze Zeit keine Pfeife geraucht hatte. Nur bei ihrer Ankunft hatte sie eine Pfeife geraucht, und seitdem nicht mehr. Aber warum? Es lag bestimmt nicht an Entaros mahnenden Worten, dass Ser Tarvain es nicht gutheißen würde. Sie hatte keinerlei Bedürfnis danach verspürt. Sie war hier relativ ruhig und entspannt gewesen, und auch, wenn es ein ihr unbekannter Ort war, an den sie nicht gehörte, so hatte sie sich dennoch hier wohlgefühlt. Doch nun lag die Pfeife in ihren Händen, und es war fast so, als flüsterte sie Isaé sanft zu, um sie dazu zu überreden, ein wenig Feuermohnopium zu rauchen. Und Isaé gab dem Verlangen nach. Es war dunkel, sie konnte wohl unbehelligt in den Burghof gehen und sich dort in irgendein dunkles Eck drücken, um dort ungestört eine Pfeife rauchen zu können. Schließlich ging sie in den Hof, entzündete an einem Feuerkorb einen Kienspan und steckte sich dann die vorbereitete Pfeife an. Sie hockte sich auf den Anzwagen, auf dem sie gestern mit Entaro gesessen hatte, und seufzte, als sie den Opiumrauch in ihre Lungen zog. Es kam ihr beinahe vor, als hätte sie schon seit Ewigkeiten keine Pfeife mehr geraucht. Und die Flüsterholzpfeife in ihrer Hand mit dem verfluchten Mal wisperte leise vor sich hin.
#90
Ein unerwarteter Waffengang ❖
drache-ohne Schmerzen erwachte Entaro, als die Sonne den Beginn des nächsten Tages einleuchtete. Der Morgen graute und der Hahn krähte und riss Entaro so aus dem Schlaf. Sie waren nun schon einige Tage an diesem Ort und Entaro hatte sich irgendwie schon an den Alltag gewöhnt. Auch wenn es in Wahrheit kein richtiger Alltag war. Einfach nur ausharren bis die Krieger zum Aufbruch gerüstet und marschbereit waren. Es war mehr wie Zeit totschlagen, in den Tag hinein leben. Es fühlte sich an wie in einem Traum, aus dem man nie wirklich erwachte, da man, kaum schlug man die Augen auf sich schon im nächsten Stadium des Traumes befand. Entaro stieg aus dem Bett und kleidete sich an, und trotz all der Ruhe vor dem aufkommenden Sturm, und des Friedens, der an diesem Ort herrschte, hatte er an keinem einzigen Tag sein Schwert in der Kammer zurück gelassen. Es war ein Teil von ihm. Und all die Jahre hatte Entaro niemals sein Schwert abgelegt, wenn es nicht ausdrücklich befohlen worden war. Vielleicht war es auch eine gewisse Art von innerer Wachsamkeit, die unterbewusst Entaro dazu zwang sein Schwert bei sich zu führen. Basierend auf vielen leidlichen Erfahrungen die er über die Jahre hatte erleben müssen.

Und so verließ Entaro schließlich seine Kammer und begab sich in den großen Speisesaal. Es mutete schon fast wie ein Ritual an. Schlafen gehen in der Kammer, vom Hahn geweckt werden, ankleiden, zum Speisesaal schreiten, das Morgenmahl einnehmen. Und so folgte Entaro stoisch diesem Ritual und nahm am Tisch Platz. Entaro war weitaus kargere Mahlzeiten gewohnt. Fürwahr er hatte oft schon Tage erlebt an denen er nicht einmal eine Mahlzeit hatte. Nichts außer ein paar Beere, Wurzeln, etwas Wild, wenn er etwas erlegen hatte können. Und nun saß er seit vier Tagen jeden Morgen an einer reich gedeckten Tafel, die für ritterliche Verhältnisse dennoch einfach und karg war, doch nichtsdestotrotz sehr reich an Hülle und Fülle. Er hatte sich, wenn er sich ehrlich war, förmlich satt gegessen. An den ersten beiden Tagen hatte er noch ordentlich zugelangt. Sogar Nachschlag genommen. Doch inzwischen hatte sich eine gewisse Übersättigung eingestellt. Und er wollte sich außerdem auf die kommenden Tage vorbereiten. Wenn sie erst aufgebrochen waren, würden karge Lagermahlzeiten, Eintöpfe, Suppen und Brot den Speiseplan beherrschen. Und so saß er da, löffelte einen Haferbrei und zwei Eier. Er hatte noch einen Apfel genommen, doch diesen bewahrte er für später auf. Außerdem genehmigte er sich noch einen würzigen und sehr kräftigen Käse. Und als er sein morgendliches Mahl verzehrt hatte, zog es ihn hinaus, in den Burghof.

Hier standen die jungen Krieger und fochten miteinander. Schwerter knallten auf Schilde, Äxte auf Speerstangen. Es war ein Meer von Geräuschen und Klängen des Krieges. Entaro stand, mit verschränkten Armen, am Rand des Platzes und lehnte sich an die Steinmauer und beobachtete das muntere Treiben. Und je mehr er die Männer dabei beobachtete, desto mehr keimte in ihm die bedrückende Gewissheit auf, dass viele von ihnen noch nicht bereit waren in den Krieg zu ziehen. Würde es in eine Schlacht gehen, gegen einen erprobten Feind, wie die kriegsgeplagten Kalather oder die kampferprobten Ariader, würden diese Männer fallen wie die Fliegen. Doch eigentlich ging es doch nur in die Grenzlande, um ein paar heidnische Hexer und Schläger zu fangen. Eine gute Bewährungsprobe für diese jungen Männer. Sie würden gestärkt aus diesem Unterfangen zurückkehren und eine echte Bereicherung für Akadiens Grenzen werden. Wenn sie denn zurückkehren würden.

Ein Mann stand etwas abseits von den Kriegern und schritt immer wieder auf und ab. Schlug mit einem Stock auf ein Bein oder einen Arm, wenn es nicht korrekt gehalten wurde und bellte Befehle oder Gebärden. »Halte deine Axt mit beiden Händen, oder du wirst deine Axt und deinen Kopf verlieren! Breiter Stand! Rücken anspannen!« Immer wieder schlug er auf einen Rekruten der den Schlag nicht einmal kommen sah. Doch nicht einer der Männer murrte oder beklagte sich. Es waren ehrbare junge Krieger mit einem guten Sinn für Gehorsam. Gute Männer die ihrem Herrn blind in den Tod folgen würden. Ob alle Männer unter Tarvain so waren, oder ob er diese speziell ausgewählt hatte? Entaro traute ihm beides zu. »Ser!« Entaro wurde aus seinen Gedanken gerissen als er bemerkte, dass der Ruf ihm gegolten hatte. »Ser Adun!« Entaro löste die Verschränkung seiner Arme und folgte dem Ruf. Es war der Ausbilder welcher mit seiner Hand wedelte um den Drachenritter zu sich zu rufen. »Würdet ihr uns die Ehre erweisen unseren Übungen beizuwohnen, anstatt nur vom Rand aus zuzusehen?« In der Stimme des Mannes lag kein Befehlston. Kein Mürrisches Bellen. Nur die Ehrerbietung eines Krieges eines gleichgestellten oder vielleicht sogar höhergestellten gegenüber. Entaro nickte zustimmend. »Gewiss.« Ohne sich darüber im Klaren gewesen zu sein, was dies zu bedeuten hatte. Und als es ihm schließlich ins Bewusstsein sickerte, war es zu spät. »Stillgestanden! Dies ist Ser Entaro Adun. Gesalbter Bernsteinritter Daereans!« Die Worte hallten über den Platz, der von einer plötzlichen Stille eingenommen worden war, in der nicht wenige Wimpernschläge zuvor noch lärmendes Getöse vorgeherrscht hatte. Beinahe im Einklang bebte ein kurzer Donnerschlag über den Platz, als alle Männer sich die Faust auf die Brust geschlagen hatten. »Er wird unseren Übungen heute beiwohnen! Also beweist euer Geschick sonst bleibt ihr morgen bei Weib und Herd!«, bellte der Lehrmeister und die Männer riefen wie aus einer Kehle einen lauten, kehligen Ruf. »Uh!« Und dann zerstreuten sich die Männer und begannen einen Halbkreis zu bilden. Aus dem Halbkreis wurde schließlich ein voller Kreis in dessen Zentrum Entaro und der Lehrmeister standen. Entaro sah sich verwirrt um, als ihm schließlich klar wurde, dass dieses Beiwohnen wortwörtlich gemeint worden war.

Instinktiv griff sich Entaro an den Schwertgriff und noch in dem Moment als er das Schwert aus der Scheide gezogen hatte, knallte es auch schon gegen ein Axtblatt, welches nach ihm geschlagen worden war. Entaro wandte sich zur Seite und wehrte den Angriff ab, versetzte dem Angreifer einen Tritt, so dass dieser in den Staub fiel. Noch aus der Drehung heraus legte er dem Recken die Klinge auf den Nacken und der Krieger ergab sich. Entaro, welcher völlig überrascht und rein instinktiv gehandelt hatte, verharrte noch einen Moment bevor sein innerlicher Kampfgeist, der für einen Moment lang aufgeflammt war, zur Besinnung kam. Er zog das Schwert zurück und der Mann entfernte sich aus dem Kreis, begleitet von schallendem Gelächter seiner Kameraden und einem einzelnen, fast herausfordernden Klatschen des Lehrmeisters. »Der Nächste!« Wieder preschte ein Krieger hervor, dieses Mal trug er Schild und Schwert. Entaro umgriff sein Schwert sogleich mit beiden Händen und verlagerte sein Gewicht auf das hintere Bein. Der Mann begann vor ihm zu tänzeln. Er wollte nicht den Fehler seines Kameraden wiederholen und blindlings in sein Verderben laufen. Und so begannen sich die beiden Krieger zunächst etwas zu Umkreisen. Und immer dann, wenn Entaro einen Schritt tat, folgte ihm der Krieger. Doch Entaro verharrte, mit dem Schwert in Bereitschaft und beide Hände eisern um den Griff geschraubt. Der Krieger schlug herausfordernd auf seinen Schild und Entaro tat einen kleinen Schritt. Der Herausforderer tat einen Schritt zurück, um die Entfernung zwischen sich und Entaro wieder zu vergrößern. Und just in dem Moment, preschte Entaro hervor, hob das Schwert zum Schlag. Der Krieger hob den Schild, um den Schlag abzuwehren und Entaro wandelte den Schlag in eine Finte, hakte sein Bein in das des Kriegers und zog es zur Seite, so dass er in den Staub fiel. Wieder legte sich Entaros Schwert in den Nacken eines Recken und wieder ergab sich dieser. Und abermals zog er zurück in die Reihen seiner Kameraden begleitet von Gelächter und Beifall.

Entaro trat einen Schritt zurück und wandte sich an den Lehrmeister. Er nickte eine Verbeugung und schob das Schwert in die Scheide zurück. Ohne ein Wort zu verlieren hob der Lehrmeister seine Hand und die beiden Männer ergriffen einander am Unterarm. Der Lehrmeister wusste, dass seine Krieger noch nicht bereit waren für den Krieg. Und er hatte noch viel zu tun bis zum morgigen Tag. Als Entaro sich schließlich entferne erhob er mahnend seine Stimme. »Das ist, was ich euch immer sage, ihr Holzköpfe! Achtet auf euren Stand. Haltet euren Gegner im Blick! Zwei Schläge und er hatte das Schwert am Nacken! Wollt ihr für Akadien Ruhm und Ehre erlangen, oder in den verdammten Grenzlanden sterben?« Die Männer protestierten natürlich lautstark. Wer wollte schon sterben, besonders wenn er noch so jung war und sich für unverwundbar hielt? Doch der Lehrmeister schien nur wenig überzeugt. »Dann strengt euch mehr an!« Er klatschte in die Hände und die Männer begannen wieder Zweiergruppen zu bilden um mit ihren Übungen fortzufahren.

Entaro warf ihnen noch einen letzten, seufzenden Blick zu, bevor er sich schließlich vom Platz entfernte. Er hoffte, dass diese drei Schwarzseher nichts weiter als Scharlatane waren, sonst würden sie eine Menge Gräber ausheben müssen. Und er wollte nicht ihr Blut an seinen Händen kleben haben. Und so zog es ihn zurück zur Burg, hinauf in die oberen Gemächer, bis er schließlich vor Tarvains Tür stand und gegen das schwere, dunkle Holz klopfte. »Herrein?«, erschallte eine gedämpfte Stimme und Entaro öffnete schließlich die Tür und leistete der Bitte Folge. »Ah, Ser Adun.«, begrüßte Tarvain ihn regelrecht förmlich. »Was führt euch zu mir?« Entaro räusperte sich und sah sich in der Kammer um, ob noch jemand anderes zugegen war. Doch Tarvain schien allein zu sein. Und so schloss Entaro die Tür und wandte sich an den Herren dieser Burg. »Ich durfte eure jungen Recken im Hof bewundern.« begann Entaro und Tarvain lächelte. »Alles gute Krieger mit dem Herz am rechten Fleck.« Entaro nickte doch die Sorgenfalte auf seiner Stirn ließ Tarvain aufhorchen. »Nun, das mag wohl sein. Doch lasst mich eine Frage stellen, Ser Tarvain.« Der Akadische Ritter nickte und bot Entaro die offene Hand dar, zum Zeichen, dass er sprechen möge. «Diese drei Schwarzseher, deren Namen ihr in den Vertrag geschrieben habt. Seid ihr ihnen schon einmal begegnet?« Tarvain nickte grimmig. »Istred, dem Schinder bin ich bereits gegenübergestanden.« Entaro sah Tarvain verwundert an. »Und er ist noch immer am Leben und sogar auf freiem Fuße?« Tarvain schnaubte grimmig. »Eine schicksalshafte Nacht. Donner, Regen und dunkle Mächte haben sich auf seine Seite gestellt. Er entkam. Mit einer Wunde über dem Auge!« Tarvain tippte sich auf sein Gesicht, wo auch über dem Auge eine alte, verblasste Narbe prangerte. »So wie er auch mich gezeichnet hatte.« Entaro nickte verstehend. »Nun gut. Istred. Und die beiden anderen?« Tarvain seufzte. »Ich gebe zu, den anderen beiden bin ich bisher weder habhaft geworden, noch je begegnet. Doch seid euch gewiss. Diese drei sind die gesuchten Namen.« Entaro verschränkte die Arme vor der Brust. »Das will ich euch gerne glauben. Doch mit Verlaub. Eure Krieger haben das Herz am rechten Fleck. Doch für einen Krieg sind sie noch nicht bereit. Und ich will sie nicht in einen unnötigen Tod führen.« Tarvain schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Sehr ritterlich! Das möchte ich gewiss auch nicht! Seid euch dessen gewiss, dass mir jeder Mann, der uns morgen in die Grenzlande folgen wird mehr bedeutet als nur ein Name.« Entaro gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Was sollte er auch sonst noch groß erwarten? »Ich kann mich einfach nicht des Gedanken erwehren, dass wir geradewegs in eine Falle laufen. Oder kalathischen Grenzkriegern in die Arme.« Tarvain lächelte dünn. »Meine Späher haben von Lagern unweit der Sümpfe berichtet und keine zehn Feuer gezählt.« Zehn Lagerfeuer waren wirklich nicht viele. Aber wer wusste schon wie verstreut sie alle waren. Und ob es noch geheime Höhlen oder Männer ohne Lagerfeuer gab? Entaro seufzte. »Eure Sorge ehrt euch, Ser Adun. Doch seit ohne Sorge. Dieses Unterfangen steht unter guten Sternen. Und wir haben ja schließlich auch euren Drachen.« Entaro wusste, dass es am Ende darauf hinauslaufen wird. Er hätte es riechen müssen. Doch er behielt diese Gedanken für sich. »Ich habe euch bereits ermahnt, euch nicht auf ihn zu verlassen. Es ist zweifellos von Vorteil ihn auf eurer Seite zu wissen. Doch ist er eine launische Kreatur. Er könnte im entscheidenden Moment einfach nicht zur Stelle sein. Entaro Verlasst euch auf euch selbst und eure Männer.« »Und auf die Hexenjägerin.«, schloss Tarvain und Entaro nickte. »Ja und auf Isaé…«

Entaro verließ die Burg mit gemischten Gefühlen. Vermutlich machte er sich mehr Gedanken und Sorgen als nötig war. Aber nichtsdestotrotz schwang eine gewisse, dunkle Vorahnung in ihm mit. Aber vielleicht war das einfach nur das Misstrauen in ihn, dass ihn über viele Jahre geprägt und am Leben gehalten hatte. Tarvain war ein rechtschaffener und besonnener Mann. Vielleicht ein wenig rachsüchtig aber kein Fanatiker. Er würde seine Leute nicht blindlings in den Tod schicken nur der Rache wegen. Und so schüttelte Entaro schließlich den Kopf um diese lästigen Gedanken zu vertreiben und musste feststellen, dass bereits der Abend hereingebrochen war. Die große Glocke hatte längst zum Nachtgebet geschlagen. Ein akadissches Ritual, welches stets vor dem Aufbruch in den Kampf gepflegt wurde. Entaro wandte seinen Blick zu dem großen Turm, in welchem er die Glocke wähnte und für einen Moment war da dieser Drang, dem Ruf der Glocke zu folgen. Sein Gebet zu sprechen. Daerean um Beistand zu bitten. Doch seine Blicke schweiften über den Platz und hafteten sich auf einen kleinen, glühenden Punkt. Kaum merkbar und so unscheinbar, dass man ihn hätte übersehen können. Doch just in dem Moment, als Entaro in seine Richtung blickte, flammte der Punkt glosend rot auf, und verglühte daraufhin wieder. »Isaé.«, seufzte Entaro und strich sich mit der Hand durch das Haar.
#91
Glockengeläut und Hornstöße ❖
drache-isaé saß im Schutz der Dunkelheit auf dem Anzwagen im Burginnenhof, und trug nach dem Bad nur einen Bademantel den sie um ihren Leib gehüllt hatte, und sie hatte die nackten Beine an ihren Körper angezogen und lehnte mit den Armen auf ihren Knien. Natürlich hätte sie auch ihr Kleid, das sie sich extra für Akadien gekauft hatte, anziehen können, aber der Anlass, in den Burghof zu gehen um dort Feuermohn zu rauchen, erschien ihr dafür viel zu gering, schließlich wollte sie das gute und vor allem teure Kleid, das sie ihre ganze Barschaft gekostet hatte, schonen. Und obwohl die Burg in Ruhe da lag und Stille vorherrschte, war die Luft doch erfüllt mit Geräuschen. Grillen zirpten, aus der Burgküche drang das ferne Klappern von Töpfen und Geschirr mit dem hantiert wurde, leises Lachen und Geschwätz. Und noch ein Geräusch vernahm Isaé, sah man einmal vom Knistern der Glut im Pfeifenkopf ab das jedes Mal ertönte, wenn die junge Frau an der Pfeife zog. Das Wispern des Flüsterholzes. Isaé beachtete es kaum mehr, denn das magische unsichtbare Brandzeichen prangte schon seit vielen Tagen auf ihrem Handrücken, und wann immer sie die Pfeife zur Hand nahm, begann das Holz zu flüstern. Die Glut leuchtete auf im Pfeifenkopf und tauchte ihr Antlitz kurz in einen roten Schein, der sogleich wieder verschwand. Kaum hörbar ließ sie den Rauch aus ihrem Mund wabern. Schwermut lastete auf der Hexenjägerin. Sie fühlte sich hier auf der Burg Dingen ausgesetzt, die für sie nie eine Rolle gespielt hatten. Herkunft, Stand. Hier wurde sie daran erinnert, woher sie kaum und was sie war. Ein Niemand. Bislang hatte sie das nie gestört, im Gegenteil, es war in ihrem Bewusstsein nicht einmal existent gewesen. Doch seit sie hier war, umgeben von Adel, hatte sich dieser Zustand geändert. Vielleicht war sie kein Niemand, sondern die Hexenjägerin, in die Ser Tarvain eine gewisse Hoffnung legte, aber wenn man es nüchtern betrachtete, war dies im Grunde dann doch wieder dasselbe. Und noch eine Last lag auf ihren Schultern. Angst. Sie hatte diesem Kriegszug zugestimmt, ohne zu Bedenken, was dies alles bedeuten konnte. Ser Tarvain benötigte sicher keine Hilfe von Ihnen, um drei Flegel zur Rechenschaft zu ziehen. Nein, mittlerweile hatte sich Isaé so einige Gedanken zu diesem Thema gemacht, und sie befürchtete, dass sich die Sache als nicht so einfach gestalten würde. Zumal der Lohn für diese Arbeit mehr als großzügig war. Das mulmige Gefühl, das die junge Frau begleitete, seit sie diesen Vertrag unterzeichnet hatte, verschwand einfach nicht, und vielleicht wäre es besser gewesen, dieser Bitte nicht nachzukommen. Doch jetzt war es zu spät. Sie und Entaro hatten ihre Unterschrift auf das Pergament gesetzt und sie hatten damit diesen Handel besiegelt.

Isae zuckte zusammen, als plötzlich Glocken ertönten. Das Getöse war wie aus dem Nichts erschollen und sie hatte sich erst erschrocken, aber dann erinnerte sie sich, dass sie alle auf der Burg an das Glockengeläut erinnert worden waren, und dazu angewiesen, sich in ihre Gemächer zu begeben und dort zu beten. Gebete für den Kriegszug, Gebete für die Soldaten, Gebete für ein erfolgreiches Ende dieses Zuges. Isaé war nicht mehr sehr gläubig. Sie war im Glauben an die Drei erzogen worden, doch nach der Pest und den Erlebnissen in ihrer Vergangenheit war davon nicht viel übrig geblieben. Und so klopfte sie ihre Pfeife an der Seite des Anzwagens aus, und war im Begriff sich zu erheben und zurück in die Burg zu gehen. Doch dann sah sie eine Gestalt, die sich aus der Dunkelheit schälte, und allmählich auf sie zu schritt. Erst war sie skeptisch, aber dann erkannte sie in der Gestalt Entaro, und ihre Haltung entspannte sich. “Oh du bist es nur, Guten Abend, Entaro.” begrüßte sie ihn lächelnd, und rutschte auf dem Wagen ein Stück weit zur Seite, um ihm Platz zu machen. Sie blickte an sich herunter, und zog den Bademantel, der sich ein wenig aufgelockert hatte, und mehr Einblicke bot als ihr lieb war dann enger um ihren Leib und lehnte sich dann wieder mit verschränkten Armen auf ihre Knie. “Kannst du auch nicht schlafen?” fragte sie ihn. “Ich hab' schon mein ganzes Zeug zusammengepackt, steht alles schon ordentlich und aufbruchsbereit in meinem Zimmer. Dann war ich baden, und am Ende hab ich noch daran gedacht, meine Gewänder zum Waschen zu geben. Ich hoffe, dass morgen Früh alles trocken sein wird, so wie die Wäscherinnen es versprochen haben, sonst kann ich morgen in feuchten Klamotten losziehen.” grinste sie. Sie strich sich ihre immer noch leicht feuchten Haare zurück und stützte sich dann mit dem Kinn auf ihre Knie. “Hab die Tratschweiber plappern hören, als ich gebadet habe. Ich hab' gehört, du hast den jungen Burschen heute eine Lektion im Kampf erteilt, hast sie wie Käfer in den Dreck getreten…” Sie kicherte bei diesen Worten, und begann mit den Händen in der Luft zu gestikulieren. “Schade! Und ich war den ganzen Tag nicht da! Das hätte ich zu gerne gesehen! Ich sags ja immer, wieder, ich verpasse immer das Beste!” Dann wurde sie wieder ernst. “Aber ich hab' auch ihre Zweifel gehört. Eine Alte sagte, dass das ein ganzer Sauhaufen ist, der alles andere als bereit ist, in einen Kampf zu ziehen. Dass eigentlich niemand genau weiß, was uns erwartet. Ich gebe zu, dass ich mir schon seit dem Unterzeichnen des Vertrages so einige Gedanken gemacht habe. Ich bin nicht mehr sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Vielleicht hätten wir Ser Tarvain einfach eine Abfuhr erteilen, und diesem Vorhaben nicht zustimmen sollen. Ich gebe zu, ich habe Angst. Und diese Angst ist in den letzten Tagen, seit ihrem ersten Aufkeimen, leider nicht kleiner geworden, eher größer. Hab ich Anlass zur Sorge? Ich weiß es nicht. Das weiß vermutlich niemand. Ich hab die letzten drei Tage nicht einmal die Pfeife zur Hand genommen, und es ist mir nicht einmal aufgefallen. Bis jetzt…” Dieses Mal war es an ihr, einen langen tiefen Seufzer auszustoßen, bevor sie sich Entaro zuwandte. Eine Weile blickte sie ihn schweigend von der Seite an, während er geradeaus in den dunklen Himmel mit seinen unzähligen Sternen starrte. Betrachtete sein Profil, dachte an seine Worte vom vergangenen Abend. Dass sie Freunde waren. Dieser Gedanke an diesen Satz ließ sie für einen kurzen Moment still lächeln in der Dunkelheit. Dann räusperte sie das Lächeln weg und setzte den nötigen Ernst auf “Als deine Freundin ist es meine Pflicht dich fragen: Geht es dir gut?” fragte sie ihn, und sah ihn besorgt an, während sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. “Ist die Heilung deiner Wunde gut vorangeschritten? Können wir morgen, ohne dich in Gefahr zu bringen, in die Grenzlande reiten?"

Isaé streckte sich, da sie so zusammengekauert nicht mehr sitzen konnte, und legte sich schließlich auf dem Anzwagen auf den Rücken, und betrachtete den Sternenhimmel. Sie starrte konzentriert auf das Firmament, aber was sie dort suchte, wusste sie selbst nicht so genau. Vielleicht hielt sie Ausschau nach einer Sternschnuppe, vielleicht hoffte sie, eine solche zu sehen um sich etwas wünschen zu können. Doch da war keine. Das entlockte ihr einen leisen Seufzer. Nach einer Weile des Schweigens meinte sie "Ich habe gute Fortschritte beim Reiten gemacht. Im Gelände, im wegsamen und im unwegsamen. Ich denke, wenn mein Pferd nicht versehentlich in eine Schlangengrube tritt und völlig ausflippt, dann werde ich euch nicht aufhalten. Amaury war ein guter Lehrmeister." Sie schwieg, und überlegte, ob sie Entaro davon erzählen sollte, dass ihr Amaury Avancen gemacht und sich in ihr Bett einladen wollte. Aber wozu sollte sie ihm das erzählen? Man erzählte seinem Vater oder seinem Bruder ja auch nicht alles. Gerade diesen nicht. Eher erzählte man es einer Freundin. Doch Entaro bezeichnete sich ja als ihr Freund. Sie biss sich auf die Lippen und sagte stattdessen "Es wird schon alles gut gehen. Ganz sicher. Wir haben einen Bernsteinritter, seinen Drachen, eine Hexenjägerin und als Krönung des Ganzen noch den wertvollen Segen eures Gottes Daerean. Was soll denn da noch schiefgehen?" grinste sie, doch der Schalk erreichte ihre Augen nicht. Ser Tarvain hatte dies selbst gesagt, und das bewies, dass er sich völlig auf die drei verließ, auf Entaro, Isaé und den Drachen. Und auf Daerean, von dem nicht einmal gewiss war, dass er existierte. So wie jede Göttlichkeit. Zumindest für die Hexenjägerin. Schließlich richtete sich mit Schwung auf und ließ die nackten Füße noch ein kurzes Weilchen über dem Boden baumeln. "Wir sollten zusehen, dass wir noch etwas Schlaf bekommen. Morgen geht’s in aller Frühe los. Ich weiß jetzt schon, dass ich kaum Schlaf finden werde, aber ich wills auf jeden Fall versuchen!" Sie rutschte vom Rand der Ladefläche des Anzwagens und stellte sich wieder auf die Beine. Gemeinsam gingen sie in der Dunkelheit den Weg zurück, der je näher sie an die Burg kamen, mit Feuer in Feuerkörben erhellt wurde, und wünschten sich am Ende gegenseitig eine gute Nacht. Isaé rollte sich in ihrem Bett zusammen, und der Feuermohn machte sie dann doch etwas schläfrig, dass sie schneller einschlief als sie erwartet hatte.

Am Morgen wurde sie vom durchdringenden Ton eines Horns geweckt. Sie hatte erstaunlich gut geschlafen. Ein Umstand, mit welchem sie nicht gerechnet hatte, und stieg entsprechend gut gelaunt und leichtfüßig aus dem Bett. Sie nahm ihre Stiefel, huschte damit durch die Burg zur Wäscherei und nahm mit großer Erleichterung ihre über Nacht trocken gewordene Gewänder entgegen, die sie sogleich an Ort und Stelle anzog. Danach ging sie in den Speisesaal, wo sich über früher oder später alle einfinden würden. Irgendwie war sie ein bisschen wehmütig, nach fünf Tagen nun endgültig aufbrechen zu müssen, da sie sich hier ganz wohl gefühlt, und vor allen Dingen sich an das vorzügliche Essen gewöhnt hatte. Sie konnte sich wirklich nicht erinnern, wann sie zuletzt so viele Tage hintereinander so gut und vor allem so reichlich gegessen hatte. Wie Entaro schon im Turm der tausend Wünsche gesagt hatte: "Greif zu Isaé, es werden wieder andere Tage kommen!" Und wie Recht er damit hatte! Hatte Isaé sich am Anfang zurückgehalten, sowohl in der Hinsicht, zu warten, bis alle sich an der Tafel eingefunden hatten, als auch in jener, vornehm zurückhaltend zu sein bei der Größe und Menge der Portionen die sie auf ihren Teller lud, so konnte man nun mit Fug und Recht sagen, dass sie diese Vorsätze schon am nächsten Tag über den Haufen geworfen hatte, und reichlich zulangte, sobald sie ihr Hinterteil auf den Stuhl beförderte. Das gute Brot, die gelbe reichhaltige und aromatische Butter und den süßen Honig würde sie auf alle Fälle sehr vermissen, daher nahm sie sich zwei der größten Scheiben, die sie im Brotkorb finden konnte, bestrich diese dick mit Butter und war auch unbekümmert, dass der Honig von beiden Seiten der Brotscheibe über ihre Finger lief. Als sie sich den Honig von den Fingern leckte, erschien Entaro eben zu Tisch, und da sie weder Hand noch Mund frei hatte, zwinkerte sie ihm zum Gruße zu.
#92
Aufbruch in die Grenzlande ❖
drache-die Dinge waren manchmal sehr kompliziert, auch wenn sie eigentlich einfach erschienen. Es war eine einfache, vertraute Situation. Entaro und Isaé. Sie saßen, wie schon so oft beisammen und redeten. Wobei, so wie es meistens war, eher Isaé sprach und Entaro schwieg. Und doch war es kompliziert, denn Entaro war Isaés Flackern in den Augen nicht entangen. Es war auch schwer zu übersehen, immerhin hatte sie gerade ihre Pfeife ausgeklopft. Es hatte zweifellos Zeiten gegeben, in welchen Entaro sich ritterlich zurückgezogen hätte. Den Blick abgewendet, wenn er Isaé in ihrem Morgenmantel gesehen hätte. Eine Moralpredigt gehalten, dass sie dieses Laster doch aufgeben sollte. Doch er setzte sich einfach neben sie, lauschte ihren Worten und beobachtete dabei die Sterne. Ihre Stimme war ihm inzwischen wohlvertraut und er mochte den Klang ihrer Stimme, die feinen Nuancen ihrer Tonlagen. Er hatte Isaé gerne in seiner Nähe. Und er konnte nicht wirklich sagen warum dies so war. War es die vertraute Gewohnheit geworden? Oder war es mehr. Gab es vielleicht ein unsichtbares Band, dass sie miteinander verband? War es der Drache? Oder war es einfach das Schicksal, dass ihrer beiden Lebensfäden miteinander verwoben hatte?

Entaro seufzte ob Isaés Frage. »Nein, es ist nicht die Ruhelosigkeit oder dergleichen, die mich noch wachhält. Diese berühmte Ruhe vor dem Sturm, in der Nacht vor dem Aufbruch.« Entaro warf einen Blick in Richtung der Burg und nickte dabei. »Die Glocken haben gerufen. Doch anstatt ihrem Ruf zu folgen habe ich mich entschlossen, mich zu dir zu gesellen. Es ist tröstlicher die letzte Nacht vor dem Sturm mit einem Freund zu verbringen, als in stillem Gebet.« Entaro verschwieg, dass er eigentlich gar keine Lust hatte sich dem Gebet zu widmen. Er kratzte sich am Bart und seufzte erneut. Isaé berichtete ihm davon, dass sie bereits alle Vorkehrungen für den Aufbruch getroffen hatte und er nickte zustimmend. »Ja, allzu viel haben wir ja nicht zu packen, nicht wahr?« Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, ob dieses kleinen, freundschaftlichen Seitenhiebes. »Ich habe mit Ser Tarvain gesprochen. Darum war ich noch unterwegs. Viele seiner Männer sind noch jung und voller Tatendrang. Manche kaum zwanzig Lenze. Doch er vertraut ihnen und ihrer Stärke.« »Ich hab' gehört, du hast den jungen Burschen heute eine Lektion im Kampf erteilt, hast sie wie Käfer in den Dreck getreten…« Entaro zuckte mit den Schultern. »Die Leute reden gern. Diese Burschen sind einfach noch nicht erfahren genug. Aber sie werden in den nächsten Tagen wichtige Erfahrungen lernen. Und dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, Isaé.« »Eine Alte sagte, dass das ein ganzer Sauhaufen ist, der alles andere als bereit ist, in einen Kampf zu ziehen. Dass eigentlich niemand genau weiß, was uns erwartet.« Da nickte Entaro nachdenklich. »Ja, das ist das wahre Problem. Wir wissen nicht was uns in den Grenzlanden erwartet. Aber du kannst dich auf mein Versprechen verlassen. Ich werde immer auf dich aufpassen. Und wenn ich vor der Wahl stehe einen Heißsporn aus Ser Tarvains Reihen, oder dich zu retten, werde ich mich immer für dich entscheiden.« Bei diesen Worten drückte er sich, beinahe feierlich, als ob er einen Schwur ablegen würde, die Hand auf die Brust. Isaé schwieg und starrte Entaro für einen Moment lang an, bevor sie die wohl wichtigste Frage stellte. »Hab ich Anlass zur Sorge?« Entaro schüttelte den Kopf. »Das kann ich dir leider nicht versprechen. Ich kann dir nur versprechen, dass ich auf dich Acht geben werde. Doch was uns erwartet, das steht nur in den Sternen.« Und bei diesen Worten wandte er seinen Blick in den dunklen Nachthimmel. Als Isaé ihre Pfeife zur Sprache brachte, kam Entaro nicht umhin einen prüfenden Blick auf dieses Ding zu werfen. Eine gewisse Neugier schwang in seinem Blick mit. Doch war es das Interesse an der Pfeife, oder an ihrem Inhalt. »Spricht sie noch zu dir?«, erkundigte er sich daraufhin und sah sie dabei fragend an.

Und so wie er sich um sie zu sorgen schien, so machte sich auch Isaé ihre Gedanken, als sie sich um seine Genesung erkundigte. »Keine Sorge Isaé. Ich bin weder eine Last noch zu stolz es zuzugeben. Ich bin sozusagen zu allen Schandtaten bereit.«, Und da huschte ein kurzes, fast unmerkliches Lächeln über sein Gesicht. »Es wird schon alles gut gehen. Ganz sicher. Wir haben einen Bernsteinritter, seinen Drachen, eine Hexenjägerin und als Krönung des Ganzen noch den wertvollen Segen eures Gottes Daerean. Was soll denn da noch schiefgehen?« Entaro sah sie eindringlich an und zwang sich daraufhin ihr lächeln zu erwidern, nur damit er wenigstens irgendetwas tat. Aber während er dies tat, zuckte sein linkes Augenlid für einen Moment. »Ja, du hast Recht. Und wenn Daerean uns nicht beisteht, haben wir immer noch Schatten.« Damit ließ er es dabei bewenden und genoss die Stille, die nun zwischen den Beiden eingekehrt war. Isaé ließ ihre Beine baumeln und Entaro verlor seine Gedanken in den Sternen.

Es war schon spät und die Beiden verließen schließlich ihren Platz unter den Sternen um sich in ihre Kammern in der Burg zu begeben. Als Isaé sich schließlich von ihm verabschiedet und entfernt hatte, blieb er noch einen Moment lang stehen und sah ihr nachdenklich nach. »Gute Nacht, Isaé.«, murmelte er und kehrte dann schließlich auch in sein Gemach um sich für den morgigen Aufbruch auszuruhen. Und auch wenn Entaro eigentlich gut geschlafen hatte, so wie auch die vergangenen vier Nächte, so fühlte er sich am nächsten Morgen nicht wirklich ausgeruht. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte. Die ungewisse Ruhe vor dem Sturm hatte auch von ihm Besitz ergriffen. Doch er schüttelte diese Gedanken beiseite, als würde er einfach nur lästige Fliegen verscheuchen, zog sich an und raffte seine wenige Habe zusammen, um diese Kammer, die in den letzten Tagen seine Heimat gewesen war, schlussendlich zu räumen.

Als Entaro die große Halle betrat, herrschte schon ein reges Treiben und als Isaé ihn bemerkte, zwinkerte sie ihm freundlich zu. Entaro erwiderte dieses mit einem stummen nicken. Und nicht nur Entaro war an diesem Morgen sehr schweigsam. Es herrschte generell eine eher wortkarge Stimmung bei Tische. Entaro und Isaé waren nicht allein mit ihren Gedanken. Letzten Endes war niemand davor gefeit in das dunkle Unbekannte zu ziehen. Doch nun war der Tag gekommen. Es gab kein Zurück mehr. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Männer einberufen, die Pferde gesattelt und auch Entaro hatte sowohl seine als auch Isaés Habe in den großen, ledernen Taschen an seinem Drachen verstaut. So hatte Isaé es leichter das Pferd zu bändigen, wenn sie frei von Gepäck war. Und für Entaro machte es keinen großen Unterschied auch ihr Gepäck zu tragen. Oder besser gesagt, es dem Drachen aufzubürden. Die Aufbruchstimmung brach schließlich das Große Schweigen. Männer sprachen in einem wilden Stimmenmeer miteinander. Jeder bewältigte diese letzte Phase vor dem Aufbruch auf seine eigene Weise. Und Entaro kam nicht umhin selbst in dem Drachen eine gewisse Veränderung festzustellen. Er hatte die letzten Tage beinahe in Lethargie verbracht. Aber da der Drache oft sogar mehrere Tage einfach nur auf der Haut lag und schlief, glaubte Entaro dass es ohnehin keinen großen Unterschied machte. Aber selbst der Drache wirkte befreit, als er die Tatsache zu wittern schien, dass sie diesen Ort endlich verlassen würden.

Der Tross setzte sich schließlich, nachdem Ser Tarvain den Marschbefehl erteilt hatte, schleppend in Bewegung. Wie ein schlafender Riese, der erwacht war, kroch die Karawane aus Reitern, Versorgungswagen und einem großen, schwarzen Drachen, auf dessen Rücken ein einsamer Bernsteinritter saß, aus dem Schlund der Klippenfestung und kroch langsam aber Sicher in den Norden des Landes. Fort von der Burg. Fort von der roten Tonerde Akadiens. Immer weiter direkt in die Grenzlande hinein, welche die Splittereiche des gefallenen Reichs Kalath von den nördlichen Regionen Akadiens trennte.

Der Marsch dauerte fast den ganzen Tag, und der ewige Wald, der sich fast über den ganzen Horizont erstreckte, schien einfach nicht näher kommen zu wollen. Doch Ser Tarvain wollte Pferde und Soldaten schonen und ließ den Tross nur in gemächlichem Trab voranschreiten. Die Zeit für Hast und Eile würde noch kommen. Dessen war sich jeder in diesem Tross mehr als gewiss.

Am Abend brachte der berühmte, akadische Anführer, den man in Kalath nur den roten Tod nannte, schließlich den Tross zum Stillstand und befahl ein Nachtlager aufzuschlagen. Die Versorgungswagen bildeten einen Kreis und die Zelte wurden aufgeschlagen. Dies geschah in einer so stoischen Routine, dass schon nach kaum zwei Stunden das gesamte Lager bereit war. Ein schwerer Duft von Fleisch und gekochtem Gemüse lag in der Luft und lockte Entaro schließlich in das Zentrum des Wagenkreises. Der Trosskoch hatte einen deftigen Eintopf gekocht, und reichte jedem in der Reihe nach und nach eine Portion mit einer dicken Scheibe Brot. Allerdings musste Entaro feststellen, dass er über kein eigenes Geschirr verfügte. Jeder Soldat hatte seine eigene, hölzerne Schüssel, seinen eigenen hölzernen Löffel und Entaro seufzte. Er hatte in all den letzten Jahren nie ein Feldgeschirr benötigt und gar nicht daran gedacht, sich ein solches aus der Burg mit in die Tasche zu packen. Doch zu seinem Glück hatte der Koch eine einfache Schale, welche er nun, da das gesamte Gemüse in dem Eintopf schwamm, nicht mehr benötigte. Und so kam auch Entaro schließlich zu seiner Abendmahlzeit. Er stromerte durch das provisorische Feldlager, bis er endlich gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Er verharrte für einen Augenblick und räusperte sich. »Verzeihung, ist hier noch ein Platz frei?«, erkundigte er sich mit einem wohlwissenden, unscheinbaren Blick, dass Isaé ihn vermutlich ohnehin nicht wegschicken würde, weil kein Platz mehr neben ihr frei war. Ganz im Gegenteil. Es war gab noch mehr als Genug Platz, zwischen all den Soldaten. Zumal Isaé nicht am Boden saß, sondern auf dem schmalen Bock des Wagens. Der Eintopf war einfach. Und absolut kein Vergleich zu dem abwechslungsreichen, letzten Frühstück, welches sie noch heute Morgen auf der Burg zu sich genommen hatte. Aber er war warm, wohlschmeckend und vor allem sehr sättigend. Entaro wischte gerade die letzten Reste des Eintopfes aus der Schale, als Ser Tarvain sich ihnen näherte. Die Soldaten, welche in der Nähe saßen, sprangen förmlich auf die Füße, schlugen sich die Faust auf die Brust oder riefen ihm einen Gruß zu. Doch immer wieder gebot er den Männern sich wieder zu setzen und einfach weiter zu essen. Zielstrebig steuerte er auf Isaé und Entaro hinzu und erhob dann, sobald er sie erreicht hatte, schließlich seine Stimme. »Wir werden morgen bei Sonnenaufgang weiterreisen. Wenn das Wetter gnädig ist und es nicht zu regnen beginnt…«, er warf dabei einen prüfenden Blick gen Himmel, denn am Horizont – über den Grenzlanden – hingen einige schwere graue Wolken. »…werden wir morgen um diese Zeit den Rand der Grenzlande erreicht haben. Sobald wir den Waldrand erreicht haben, beginnt eure Arbeit, Drachenreiter…Hexenjägerin.«, Er jedem von ihnen einen kurzen Blick zu. »Unsere Späher haben von einigen Lagerfeuern im Osten berichtet. Dort werden wir mit der Suche beginnen. Und ich vertraue darauf, dass euer Flüsterholz in klaren Worten zu euch spricht.« Ser Tarvain schien mit seiner Ansprache fertig zu sein und wandte sich dann wieder seinen Männern zu.

Als er schließlich außer Hörweite war, sprach Entaro seine Gedanken, die ihm bis dahin auf der Zunge gelegen hatten, laut aus. »Er wirkt wie ein anderer Mann, seit wir die Burg verlassen haben.« Ein Soldat, welcher nicht weit von ihnen saß, schien Entaros Worte gehört zu haben und befand es für nötig sich in das einseitige Gespräch des Drachenreiters einzumischen. »Das ist nicht mehr Ser Tarvain de Marçien.« Er deutete mit seinem hölzernen Löffel auf seinen Anführer, welcher nahe eines Lagerfeuers mit seinen Untergebenen sprach. »Das ist der rote Tod! Fluch von Kalath!« In der Stimme des Soldaten schwang ein klar hörbarer Stolz und eine nicht ebenso große Portion von Anerkennung oder Ehrfurcht mit. »Der rote Tod…« wiederholte Entaro die Worte nachdenklich und zupfte sich am Bart. »…marschiert in die Grenzlande. Gefolgt von einem schwarzen Schatten.« Der Soldat sah ihn mit einem fragenden Blick an, als ob er nicht verstand, wovon der Bernsteinritter da redete. Und als Entaro seinen fragenden Blick bemerkte, deutete er auf den Drachen. »Das ist sein Name.«
#93
'Fürcht nicht die Nacht' ❖
drache-hart war der Ritt in die Grenzlande. Deutlich härter, als die Reitstunden Isaé gelehrt hatten. Der Tross, dem auch Isaé und Entaro angehörten, bewegte sich schon einige Stunden durch die Grenzlande. Das Wetter war seit Tagen beständig und trocken gewesen, was einerseits durchwegs positiv war, da man sich nicht durch Schlamm mühen musste, denn unbefestigte Straßen weichten nur allzu rasch auf, andererseits jedoch wieder nicht. Die Straße, die von der Burg wegführte und mitten durch die Grenzlande verlief, war sehr staubig. Zuerst war die Hexenjägerin eine der Letzten gewesen, die in gemächlichen Tempo der Karawane gefolgt war, doch als die Reiter an der Spitze den Staub aufzuwirbeln begannen, und diese Staubwolke sich durch den gesamten Tross wälzte und immer mehr an Volumen zunahm, entschloss sie sich, ihr Pferd an die Spitze und ein wenig an den Wegrand zu treiben, um nicht im Staub zu ertrinken. Ein paar junge Männer hatten Entaro in Gespräche verwickelt, was bestimmt mit den gestrigen Kampfvorführungen zusammenhing, so dass Isaé mit sich alleine beschäftigt war, und sich ihren eigenen Gedanken widmete.

Ihre Blicke, wie auch ihre Gedanken glitten immer wieder zu dem Drachenreiter, denn sie fand, dass er sich in der letzten Zeit verändert hatte. Aber sie konnte nicht sagen, was es war, und woran es lag. Hatte sie ihn, seitdem sie ihn kannte, eher als strenge Vaterfigur wahrgenommen, der stets einen Tadel und eine Belehrung parat hatte, fand sie, hatte sich sein Benehmen gewandelt. Schon die Tatsache, dass er ihr gesagt hatte, dass er lieber hier bei ihr blieb, als die Nacht im Gebet zu verbringen, hatte sie ein wenig aus der Fassung gebracht und sie hatte nichts darauf erwidert. Als er ihr sagte "Aber du kannst dich auf mein Versprechen verlassen. Ich werde immer auf dich aufpassen. Und wenn ich vor der Wahl stehe einen Heißsporn aus Ser Tarvains Reihen, oder dich zu retten, werde ich mich immer für dich entscheiden.", da wurde ihr ganz anders zumute. Sie war sich sicher gewesen, dass Unbehaglichkeit dahintersteckte, weil ihr der Gedanke, dass sie in eine Situation gelangen konnte, aus der man sie erretten müsse, missfiel. Doch je öfter sie sich dieses Gespräch wieder in Gedanken rief, desto mehr musste sie erkennen, dass es nicht daran lag, sondern an etwas anderem. Aber sie konnte nicht sagen, was es war. Sie wusste nur, ein mulmiges Bauchgefühl hatte sich manifestiert. Entaro hatte sie gefragt, ob die Pfeife, oder vielmehr das Flüsterholz noch zu ihr spreche, und da musste Isaé lachen. "Oh und wie das Flüsterholz spricht! Es spricht weitaus mehr, als ich!" Da musste auch Entaro still lächeln. Es war einfach wahr, Isaé redete zuweilen wie ein Wasserfall, und das wusste sie auch. Besonders, weil Entaro ein schweigsamerer Zeitgenosse war, fiel das noch mehr ins Gewicht. Aber das Flüsterholz tat es ebenso. Dies war das Resultat dieses vermaledeiten Fluchs des Schwarzsehers. Vaskir de Escroc dachte wohl, dass er so essentiell sei, dass er um jeden Preis verhindern musste, dass man über ihn sprach. Und darum hatte er ihnen diese verfluchten Halunken samt Schwarzseher hinterhergeschickt. Nicht nur, dass dieser jenen Fluch auf ihren Körper gebrannt hatte, hatten sie Entaro auch beinahe umgebracht. Niemand wollte einen Fluch und dessen Brandzeichen auf seinem Körper haben. Isaé ganz gewiss nicht, und mit aller Sicherheit Entaro auch nicht. Wie konnte man diesen Fluch also brechen? Isaé dachte angestrengt darüber nach, während sie sich im Sattel des Pferdes auf und ab schaukeln ließ. Und dann überlegte sie, ob sie das Flüsterholz fragen sollte. Es flüsterte ja beinahe ohne Unterbrechung, wenn sie eine Pfeife rauchte. Und Isaé hörte selten hin. Vielleicht sollte sie ja doch einmal hinhören, und vielleicht verbarg sich im Flüstern der Pfeife eine Lösung? Isaé schüttelte den Kopf, da ihr diese Idee allzu absurd vorkam, je länger sie darüber nachdachte. Aber dann zog sie die Pfeife doch aus ihrer Tasche und nahm sie in die rechte Hand. Isaé legte den Pfeifenkopf an ihr Ohr und hörte angestrengt hin. Ein kaum hörbares Wispern, ein Murmeln, gleich wie das stete Plätschern eines Baches, war zu vernehmen. Dann nahm sie die Pfeife wieder vom Ohr und starrte die Pfeife in ihren Händen an. "Kannst du mir einen Ratschlag geben?" richtete sie ihr Murmeln an die Pfeife. Und aus dem steten murmelnden Wörterfluss schälte sich ein Wort heraus. "Ja…?" erwiderte das Holz. Isaé blickte nach rechts und links, ob sie auch niemand beobachtete, denn sie kam sich ein bisschen dämlich vor. Zumal die Worte eher wie aus ihrem Kopf zu kommen, aber nicht nach außen zu dringen schienen, beinahe so, als sei sie verrückt. "Wie kann man diesen Fluch lösen? Dieses magische Mal, das mich dich stets flüstern hören lässt, weil es auf meinem Handrücken manifestiert ist…?" wisperte Isaé der Pfeife zu. "Durch Feuermohn" gab das Holz zurück. "Durch Feuermohn? Wie…?" "Gleich wie bei mir kann der Fluch gelöst werden…" "Gleich wie bei dir? Was meinst du?" wisperte Isaé atemlos. "Feuermohn führt dich im Geiste in den Schleier zwischen den Welten. Dort kannst du den Namen aussprechen und den Fluch aufheben." "Was? So einfach ist das? Aber wie…?" erwiderte die Hexenjägerin. "Ja, so einfach ist das…" Isaé packte die Pfeife zurück in die Tasche und fühlte sich verwirrt. Sie hatte schon das eine oder andere Mal mit der Pfeife gesprochen. Aber nicht so. Und sie hatte nicht erwartet, eine Antwort zu erhalten, keine so klare Antwort. Sie brauchte also nur Feuermohn zu rauchen, so, wie sie das immer tat, und in diesem Rauschzustand würde sie den Namen Vaskir de Escroc aussprechen können? Aber das bedeutete auch, dass auch Entaro dieses Ritual, wenn man es so nennen wollte, vollziehen müsste. Wenn es nur um sie ginge, würde sie das ohne weiteres versuchen. Sie hatte ja nichts gegen den Feuermohn. Aber Entaro stand diesen Dingen nicht so wohlwollend gegenüber wie sie. Und entweder sie lösten sich beide von dem Fluch, oder keiner von ihnen. Oder nicht?

Am Abend gab Ser Tarvain den Befehl zum Halt. Der Tross stoppte, und emsig wie die Ameisen bereiteten die Männer Zelte und Nachtlager vor, und während dies alles im Gange war, durchzogen bald wohlriechende Aromen das Lager, der Koch schwang den Löffel in einem gewaltigen Kessel, in dem ein Eintopf blubberte. Und nach zwei Stunden, als die Sonne untergangen war, und erste Fackeln den Platz erhellten, wurde zum Essenfassen gerufen. Isaé und Entaro reihten sich in die Warteschlange ein und mussten, als sie an der Reihe waren, feststellen, dass sie wohl als einzige keine Feldschüssel mit sich führten. Entaro hatte das Glück, dass noch ein leeres Schüsselchen vor Ort verfügbar war, wo irgendwelche Gewürze oder Kräuter aufbewahrt worden waren. Doch für die Hexenjägerin war keine Schüssel mehr übrig. Man bot ihr einen Becher an, doch das lehnte sie ab. "Da passt ja viel weniger rein..." moserte sie, die schon Magenknurren hatte. Der Koch und sein Lehrling, die den Eintopf ausgaben, zuckten die Schultern. "Können wir jetzt auch nix machen…" brummte er ebenso leicht verstimmt, wie die murmelnden Stimmen hinter der Hexenjägerin, die wohl ebenso ungeduldig und hungrig warteten. Schließlich deutete sie auf das dicke Randstück eines Brotkanten. "Ich könnte die Krume auslösen und ihr könnt mir da Eintopf reingeben" schlug sie vor. Der Koch maß den Brotkanten mit Blicken, vielleicht, um zu erforschen, ob in diesen Brotkanten, wenn er ausgehöhlt war, mehr reinpasste, als in einen Tonbecher. Doch schließlich reichte er der Hexenjägerin den Brotkanten, diese riss die Krume heraus, stopfte sie sich in den Mund und ließ sich den Kanten mit Eintopf füllen. Damit trollte sie sich, und suchte sich einen Platz auf dem Bock einer der Wägen. Zufrieden trank sie aus dem Brotkanten den Eintopf, was ganz bestimmt nicht besonders damenhaft, dafür in gewisser Weise praktisch war. Entaro gesellte sich zu ihr, und schweigend aßen sie den Eintopf, der weitaus einfacher war, als die Mahlzeiten in der Burg, sodass Isaé sich fragte, ob sie denselben Koch im Tross hatten, der auch in der Burg gekocht hatte.

Nach dem Mahl, und nachdem sie Anweisungen von Ser Tarvain erhalten hatten, herrschte in dem Lager eine entspannte Stimmung. Viele der Soldaten lümmelten unter ihren Unterständen herum. Die meisten von Ihnen hatten sich zu Fuß in dem Tross bewegt, und waren entsprechend müde. Einige von ihnen zogen sich die Stiefel aus, und stellten diese neben die Zelte, um ihre müden oder schmerzgeplagten Füße ausruhen zu lassen. Lediglich einige wenige saßen noch um ein Lagerfeuer und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen, Scherzen und zotigen Witzen. Einer der Männer zog nach einer Weile, in der Isaé nur in die Flammen des Lagerfeuers gestarrt und dem Knacken und Zischen des hartigen Holzes gelauscht hatte, eine Knochenflöte hervor, und begann eine Melodie zu spielen. Die Töne der Flöte klangen rauh und ungezähmt, doch irgendwie hatte die Melodie etwas an sich, das Isaés vollste Aufmerksamkeit auf diese lenkte. Sie stützte den Kopf in die Handfläche und lauschte der Melodie, begann bald mitzusummen, da die Melodie sehr einprägsam war. Als der Mann fertig war, richtete sie ihre Worte an ihn. "Ein hübsches Lied war das! Wie heißt es?" Der Mann schien sich über die geschenkte Aufmerksamkeit zu freuen und meinte "Oh das! Das ist ein altes Schlachtlied! Wir singen es häufig in solchen Tagen! Es heisst 'Fürcht nicht die Nacht'!" Die Männer scheinen heute Abend müde, denn niemand hat mitgesungen, aber wenn wollt, könnt ihr mich doch mit eurem Gesang begleiten!" Da lachte Isaé verlegen und schüttelte den Kopf. "Ach nein! Ich kenne das Lied nicht!" "Aber ihr habt mitgesummt! Das bedeutet, ihr könnt auch mitsingen!" Die Hexenjägerin zuckte unbekümmert die Schultern. "Doch dazu würde man einen Text benötigen." Und bevor sie die Worte ausgesprochen hatte, zog der Haudegen einen verknitterten Zettel hervor. "Hier sind alle Strophen niedergeschrieben!" meinte er und drückte ihr das Pergament in die Hand. "Aber… aber…" Isaé errötete und begann zu stammeln. "Als ich sagte, ich kenne das Lied nicht, meinte ich damit, ich kann nicht singen. Ich… nein, wirklich nicht" "Ach was! Jeder Mensch kann singen! Der eine schief, der andere grad. Aber Töne bringen sie alle hervor! Und ihr, Hexenjägerin, seid jetzt Teil unserer Truppe. Wenigstens für dieses Unterfangen. Und heute sind wir alle noch vollzählig. Wer weiß, was morgen ist!" "Da mögt ihr Recht haben, aber…" "Also ja!" sagte er und schlug ihr lchend auf die Schulter, und wandte sich an die Umsitzenden. "Wer ist dafür, dass die Hexenjägerin unser Schlachtlied singt?" Und da ertönte ein einstimmiges Johlen. Isaé wusste, dass jedes weitere Zieren nur noch blamabel sein würde. Und so seufzte sie, wie sie es von Entaro gelernt hatte, und ergab sich. "Also gut, ich werds versuchen, aber lasst mich die Strophen ein, zweimal durchlesen…" bat sie. Sie entfaltete das Pergament, ihre Augen flogen über den Text, den sie leise summend vor sich her murmelte. Dann nickte sie. Der Mann begann zu spielen, und suchte Augenkontakt mit Isaé, und zur Einleitung, dass sie zu singen hatte, nickte er ihr zu und hob die Augenbrauen. Und Isaé sang.
Fürchte nicht die finst're Nacht,
auch wenn der Himmel kein Leuchten entfacht.
Die Schatten kriechen, der Traum zerreißt,
doch selbst im Dunkeln das Firmament weist.

Wenn Albträume kommen, so halte nur stand,
hör meine Stimme, nimm meine Hand.
Die Finsternis singt ihr vergessenes Lied,
doch Hoffnung lebt, wo der Mut nicht flieht.

Die Schwärze mag flüstern von Schmerz und Verlust,
doch wir marschieren mit lodernder Brust.
Kein Schritt ist verloren, kein Feuer versiegt,
solange das Lied in den Herzen noch wiegt.


Erheb dich mein Bruder, steh auf mit mir,
der Morgen ist nah, wir sind alle bei dir.
Nur einen Herzschlag, so nah, so bereit,
die Hoffnung ist nur einen Sonnenaufgang weit.
Als Isaé geendet hatte, war es eine Zeitlang still, doch dann klatschten die Männer, oder trampelten mit den Stiefeln. Isaé war es unangenehm, sie konnte Aufmerksamkeit um sich nicht ausstehen. Sowieso hatte sie nicht singen wollen, hatte es aber getan damit sie ihre Ruhe hatte. Sie lachte verlegen, erhob sich und sagte "Danke, danke, aber jetzt muss ich austreten…" Sie trat aus dem Feuerschein tiefer in den Wald, wo es dunkel und geschützt war und sie niemand sehen konnte, und erledigte im Schutz der Nacht ihre Notdurft. Während sie ihre Notdurft verrichte, fiel ihr wieder die Angelegenhit um das Flüsterholz ein. Auf der Reise hatte es sich nicht ergeben, Entaro davon zu erzählen, und seit sie hier Lager bezogen hatten, war es viel zu hektisch gewesen. Da ihr aber oft am stillen Örtchen – im übertragenen Sinne- die besten Ideen kamen, beschloss sie, Entaro sofort davon zu erzählen, ehe sie es wieder vergass. Sie ging im Eilschritt zurück zum Lager, trat unvermittelt vor den Drachenreiter und meinte leise zu ihm "Entaro, geh ein Stück mit mir, ich muss dir etwas berichten..." Der Angesprochene erhob sich und so schlenderten sie vom Lager weg. Weit genug, dass ihnen niemand zuhören konnte, aber nah genug im Schein des Feuers. "Ich habe heute über etwas nachgedacht. Es hat mit dem Flüsterholz zu schaffen. Seit wir mit diesem Fluch belegt wurden, und das Mal auf dem Handrücken prangert, habe ich keine Ruhe mehr. Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber ich kann die verdammte Pfeife nicht mehr in die Hand nehmen, ohne dass sie auf dieses Mal reagiert. Es macht mich wahnsinnig! Und weil ich nicht mehr wusste, was ich tun soll, habe ich das Flüsterholz gefragt. Es ist 'meistens' sehr zuverlässig in seinen Antworten. Und es gab mir eine Lösung. Es sagte, man muss im Feuermohnrausch seinen Namen sagen. Du weißt, welchen Namen ich meine. Wenn man sich im Feuermohnrausch befindet, so heisst es, weiss der Körper nicht, dass er den Namen nicht aussprechen kann oder darf. Wenn man den Namen aber ausspricht, bricht man damit den Fluch. Es heißt, dass Feuermohn einen in eine tiefere Bewusstseinsebene führt. Zwischen die Welten, da wo auch das Flüsterholz kommuniziert, wenn man es so nennen möchte. Ich weiß, es ist schwer zu erklären, und noch schwerer zu verstehen. Flüsterholz und Feuermohn scheinen auf derselben Ebene zu liegen, weswegen ich das Flüsterholz noch klarer höre, wenn ich Feuermohnopium geraucht habe. Stell dir vor, wir könnten diesen Fluch selbst brechen, wenn wir nur das täten, was das Flüsterholz geraten hat? Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken in einen Wald zu marschieren, schnurstraks auf einen Schwarzseher zu, sprichwörtlich mit einem Fluch eines anderen Schwarzsehers im Leib. Und erreichen morgen Abend schon den Wald! Wollen wir es gemeinsam versuchen?
#94
Stimmen aus der Anderswelt ❖
drache-das beinahe melancholische Lied ließ Entaros Gedanken abschweifen. Die Musik, begleitet von Isaés Gesang, weckte alte Erinnerungen und ein wenig abwesend sah Entaro hinauf zum Himmel. Die kleinen Funken der Lagerfeuer, welche sich in den Himmel erhoben um dort zu verglühen, gesellten sich zu den unzähligen Sternen, die da matt am Himmel schimmerten. Als das Lied geendet hatte, wurde Entaro wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Sein verklärter Blick wurde wieder fokussierter und es kehrte eine gewisse Ruhe ins Lager ein. Auch wenn die Männer allesamt eher beschäftigt waren, so herrschte deutlich mehr Schweigen. Vielleicht hatte das Lied mehr als nur Entaro bewegt? Hier und da hörte man flüsternde Stimmen. Männer wuschen ihr Geschirr, versorgten die Pferde, reinigten ihre Waffen. Die stoische Ruhe vor dem Sturm. Es wurden Nachtwachen eingeteilt, und die meisten Männer legten sich allmählich auf ihr Lager. Entaro hingegen lehnte noch an dem Wagen und ließ seine Gedanken frei bleiben. Doch Isaé riss ihn schon bald wieder aus seiner Ruhe. »Entaro, geh ein Stück mit mir, ich muss dir etwas berichten.« Der Drachenreiter war natürlich neugierig, was Isaé zu berichten hatte und leistete ihrer Bitte folge. Und so schlenderten sie allmählich von dem Lager fort, bis sie nur noch das leise Murmeln der Männer, das Knistern der Feuer und das Schnauben der Pferde vernahmen. Als sie weit genug vom Lager entfernt waren, eröffnete Isaé was ihr auf dem Herzen lag. »Ich habe heute über etwas nachgedacht. Es hat mit dem Flüsterholz zu schaffen.« Natürlich wurde Entaros Interesse dadurch geweckt und er sah sie neugierig an. »Seit wir mit diesem Fluch belegt wurden, und das Mal auf dem Handrücken prangert, habe ich keine Ruhe mehr.« Entaro nickte verstehend doch unterbrach er sie nicht und ließ sie weiter sprechen. »Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber ich kann die verdammte Pfeife nicht mehr in die Hand nehmen, ohne dass sie auf dieses Mal reagiert. Es macht mich wahnsinnig!« Unweigerlich erhob Entaro seine Hand und sah nachdenklich auf seinen Handrücken. »Nun, ich habe den Fluch natürlich nicht vergessen. Doch scheint es dass er mir deutlich weniger zu Schaffen macht als dir. Was natürlich auch an dieser Pfeife liegt, nicht wahr? Vielleicht wäre es das Beste, wenn du sie einfach nicht mehr benutzt? Das Kraut das du da rauchst ist ja auch nicht gerade gut für dich.«, meinte Entaro in seiner typischen, stoischen Natur, die manchmal wie eine väterliche Belehrung klang. » Weil ich nicht mehr wusste, was ich tun soll, habe ich das Flüsterholz gefragt. Es ist 'meistens' sehr zuverlässig in seinen Antworten. Und es gab mir eine Lösung.« Entaro sah sie fragend an. »Es spricht richtig zu dir? In Worten? Ich hatte angenommen dass du nicht verstehst was es zu sagen hat und es mehr ein Meer aus flüsternden Stimmen ist, dass dich wahnsinnig macht?« Entaro zupfte nachdenklich an seinem Bart, während er über Isaés Worte nachdachte. Dieses Flüsterholz war wirklich ein seltsames Holz. Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, wie es überhaupt über eine solche Gabe verfügen konnte. Es erschloss sich ihm einfach nicht. Doch vielleicht war er einfach zu pragmatisch und zu weltlich in seinem Geist. Vielleicht fehlte es ihm an einer gewissen spirituellen Weitsicht, die Isaé zu haben schien. Bei diesen Gedanken musste er beinahe wehmütig schmunzeln. Er war ein gesalbter Bernsteinritter. Ein Diener Daereans. War dies nicht etwas, wofür man eine gewisse, sakrale Spiritualität innehaben sollte? Ja er war stets gläubig gewesen. Hatte die Gebete gesprochen, den Glauben im Herzen getragen. Ihn wahrlich verinnerlicht. Doch war er nie soweit gewesen, dass er die Stimme Daereans vernommen hätte. Oder etwas ähnliches, dass nur ansatzweise mit diesem Flüsterholz zu vergleichen war. Es schien fast, als ob dieses Holz aus einer alten, längst vergessenen Zeit zu stammen schien. Ein Ding der alten Wege. Tief verwurzelt in dieser Welt und weit näher an allem was die Menschen heute glaubten. War dies vielleicht der Weg wie Daerean sich ihm offenbarte? Über Isaé? Entaro schüttelte den Kopf. Dies waren absurde Gedanken! Wenn überhaupt, war dieses Holz ein heidnisches Zauberwerk. Und doch sprach es zu Isaé. Aber nicht zu ihm! Dieser alte Glaube, den die Heiden praktizierten schien Entaro in diesem Gedankenspiel gar nicht mehr gar so heidnisch und ketzerisch, wie die Heiligen des Ordens es predigten. Es wirkte viel realer. Viel nahbarer und greifbarer. Entaro seufzte schwermütig. »Welche Lösung hat dir das Flüsterholz denn offenbart?«, erkundigte er sich, von Neugier aber auch von dem Drang nach Weisheit getrieben.

Isaé zog die Pfeife aus ihrer Tasche und hielt sie, fast als ob es die Antwort selbst geben wollen würde. »Es sagte, man muss im Feuermohnrausch seinen Namen sagen. Du weißt, welchen Namen ich meine. Wenn man sich im Feuermohnrausch befindet, so heißt es, weiß der Körper nicht, dass er den Namen nicht aussprechen kann oder darf.« Entaro runzelte die Stirn. »So einfach? Dieser Fluch wirkt auf unserem Verstand und unserem bewussten Denken? Aber wenn man im Rausch schwelgt, kann man sich dann überhaupt auf den Namen dieses jenen Mannes fokussieren, um ihn bewusst, oder unterbewusst auszusprechen? Und würde in diesem Fall nicht der Bann eingreifen?« Isaé ließ sich von Entaros Einwänden nicht sehr beirren und wirkte beinahe euphorisch. Dieser Fluch schien sie so sehr zu belasten, dass sie sich an jeden Strohhalm zu klammern schien, der ihr einen Ausweg verhieß. Entaro konnte es nachvollziehen. Niemand wollte das Mal eines Fluches an sich haften haben. Er selbst gewiss genauso wenig, auch wenn ihm der Fluch kein derartiges Unbehagen bereitete, wie ihr. »Also man spricht den Namen aus, ohne ihn bewusst zu denken. Und dann?« »Wenn man den Namen ausspricht, bricht man damit den Fluch. Flüsterholz und Feuermohn scheinen auf derselben Ebene der Anderswelt zu liegen, weswegen ich das Flüsterholz noch klarer höre, wenn ich Feuermohnopium geraucht habe.« Bei dem Wort Anderswelt wurde Entaro hellhörig und ein wenig skeptisch. »Anderswelt? Also heidnische Traumwelten. Welten von Geistern und Dingen jenseits des irdischen Schleiers?« Er fasste sich, fast unweigerlich und unterbewusst an die linke Hand, wo der Siegelring des Bernsteinordens prangerte. Er, ein gesalbter Bernsteinritter, soll eine Frau bewusst durch ein heidnisches Ritual führen. Ihr dabei helfen eine Droge zu konsumieren, die nachweislich ihren Geist zerrütten kann. Nur damit sie einen ebenso heidnischen Fluch von sich lösen kann? Und er soll das ganze dann auch noch selbst vollziehen? Seine Gedanken kreisten wild. Und vor einigen Wochen noch hätte er strikt abgelehnt. Doch nun wogen die Gedanken hin und her. Wie zwei Waagschalen. Die eine waren Recht und Ritterlichkeit. Und die andere waren etwas ganz anderes…etwas altes…etwas archaisches…etwas heidnisches…und die Waagschalen lagen fast auf gleicher Höhe. Dies war mehr als nur ein Wunsch den Fluch zu brechen. Es glich beinahe einer Bewährungsprobe Entaros Glauben auf den Prüfstein stellte. Und je nachdem wie er sich entscheiden würde, sie in seinen Grundfesten erschüttern oder zu nie geahnter Stärke bekräftigen. Und dieser Gedanke bereitete Entaro Unbehagen. Wenn da nur nicht diese unstillbare Neugier wäre, die sich seiner bemächtigt hatte. Isaé schien Entaros innere Zerrissenheit zu spüren und lockte ihn förmlich mit den verheißungsvollen Worten. »Stell dir vor, wir könnten diesen Fluch selbst brechen, wenn wir nur das täten, was das Flüsterholz geraten hat?« Entaro seufzte abermals. »Du möchtest dich also willenlos und blind vertrauend auf die Worte dieses Flüsterholzes verlassen? Ohne zu wissen, ob es der Wahrheit entspricht oder wirklich funktionieren wird? Was ist, wenn du dem Rausch erliegst und dann in der Anderswelt gefangen bleibst? Oder wenn dein Unterbewusstsein den Namen sagen will, deine Zunge aber vom Fluch gebunden bleibt? Was ist, wenn der Fluch stärker ist? Der Krampf könnte so stark werden, dass du dir die Zunge abbeißt. Oder wenn dich dieses Ritual am Ende zerstört? Was ist, wenn das Flüsterholz gelogen hat?« Isaé seufzte nun ebenfalls. »Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken in einen Wald zu marschieren, schnurstracks auf einen Schwarzseher zu, sprichwörtlich mit einem Fluch eines anderen Schwarzsehers im Leib. Und ich vertraue dem Flüsterholz. Die Worte die es spricht wirken frei von Arglist, Lug oder Trug.« Entaro nickte und seufzte ein drittes Mal »Wir erreichen morgen Abend schon den Wald! Dann könnte es zu spät sein.« Entaro nickte. »Das könnte wahr sein. Aber vielleicht verlierst du dann dein Band zu dem Flüsterholz und wärst keine Hilfe mehr bei der Suche nach den Hexen und Schwarzsehern? Was dann? Dann irren wir ziellos durch den Wald und Ser Tarvain wird uns dafür verantwortlich machen, dass wir ihn und seine Männer in den Wald geführt haben. Dass du mit dem Flüsterholz gelogen hast und nur wieder eine dieser Hexenjäger warst wie jene, deren Waffen und Relikte er in seiner Kammer hatte? Hat dich das Flüsterholz oder der Feuermohn seine Probe bestehen lassen? Antworte ehrlich Isaé, denn dies ist vielleicht wichtig. Isaé schien ein wenig verunsichert zu sein. Doch sie war überzeugt, dass das Brechen des Fluches mehr Nutzen als Schaden brachte. Vermutlich würde sie die Gabe nicht verlieren. Und solange sie den Feuermohn hatte, konnte sie vermutlich immer mit der Macht des Flüsterholzes in Kontakt treten. Sie wollte einfach nur diesen Fluch loswerden, der bei ihr noch deutlich mehr in Erscheinung trat, da diese Pfeife mit dem Mal aktiviert wurde. Ja vielleicht war es wirklich besser, den Fluch zu brechen zu versuchen. »Vielleicht würde das Mal uns aber auch bei der Suche mehr stören? Wenn ich die Pfeife nutze um die fremde Magie zu orten, könnte das Mal mich in die Irre führen. Es könnte mit Worten flüstern und mit Schwingungen reagieren, obwohl gar keine Schwarzseher in der Nähe sind, sondern nur dieses vermaledeite Mal eines schwarzen Fluchs aus weiter Ferne. Also sollen wir es gemeinsam versuchen?«

Entaro runzelte die Stirn. Ihre Worte ergaben durchaus Sinn. Und auch wenn er im Inneren noch immer nicht klar erkennen konnte, welche Waagschale nun die Oberhand gewonnen hatte, seufzte er und gab sich geschlagen. »Also gut. Wenn es dir so wichtig ist, werde ich dir helfen.« Die Waagschale in seinem Inneren schien auf einmal, als ob sich in jene, die sich klar von seinem Glauben, seinen ritterlichen Grundsätzen und all dem was ihn ausmachte abgrenzte, deutlich schwerer. Als ob ein schwerer Stein in die Schale gelegt worden wäre und damit die Entscheidung gefällt wurde, etwas zu tun, was gegen Entaros Prinzipien und Überzeugungen verstieß. »Hat dein seltsames Flüsterholz auch eine Antwort wie man es machen soll? Einfach den Geist benebeln, dem Rausch erliegen und die Worte über die Lippen pressen?« Zu Entaros Zweifeln und gespaltener Überzeugung mischte sich nun noch ein weiterer Aspekt. Unsicherheit. Er sah, wie Isaé zitterte, wenn sie dieses Kraut nicht rauchte. Er sah, dass es ihr schadete. Würde er ebenso in diese Abhängigkeit rutschen, wenn er ihr bei dem Ritual zur Seite stand? Oder sollte er sie einfach nur durch dieses Ritual führen. Dafür sorgen, dass sie wieder zurückfand, während er den Fluch weiterhin bei sich tragen würde? Was war wichtiger? Den Fluch zu brechen oder den Geist zu bewahren?
#95
Das Feuermohnritual ❖
drache-entaro reagierte, wie Isaé erwartet hatte. Durchaus neugierig, aber auch mit einem gehörigen Maß an Skepsis, um nicht zu sagen mit Ablehnung. Es war nicht so, dass sie ihn unbedingt dazu bewegen wollte, ein solches Ritual an sich zu vollziehen. Sie kannte schließlich seine Meinung zum Feuermohnopium. Er fragte sie herausfordernd, ob sie wirklich blind auf das Flüsterholz vertrauen wollte, und natürlich verstand sie seinen Einwand. Er wusste von diesen Dingen nichts. Er war ein Mann des Glaubens. So, wie Isaé nichts von seinem Glauben und seinem Gott verstand, und niemals einen Gott wie Daerean, oder die Drei hatte zu ihr sprechen hören, genauso verhielt es sich wohl umgekehrt. Ein gesalbter Bernsteinritter war ganz sicherlich nicht einer, zu dem sein Gott noch nie gesprochen hatte, denn worauf sonst fußte dieser starke Glaube und diese starke Überzeugung? Im Gegenzug vertraute Isaé auf das Flüsterholz, da sie es hörte, da es zu ihr sprach, und ihr auch antwortete. Es antwortete nicht immer, das stimmte. Aber manchmal war keine Antwort auch eine Antwort. Isaé wusste nicht, was das Flüsterholz eigentlich war. Niemand wusste das. Alles was darüber bekannt war, war das Wissen, dass es ganze Bäume davon gab, dass sie eine seltsame Aura besaßen, eine uralte, spürbare Kraft. Dass sie sehr selten waren, hierorts verehrt, andernorts verflucht und zerstört wurden. Aber Isaé hatte noch nie einen solchen Flüsterbaum gesehen, auch, wenn sie gerne eines Tages einmal einen würde sehen wollen. Das änderte aber nichts an den Flüsterhölzern. Was sie vermochten. Auch wusste Isaé, dass nicht jeder das Flüstern des Flüsterholzes hören konnte. Feuermohn hin oder her. Nicht jeder konnte es hören, Isaé hatte erst ein, zwei Menschen getroffen, die dies konnten. Aber nur die wenigsten der vielen die behaupteten, es hören zu können, gestanden sich dies ein, es nicht zu vermögen. Darum war Ser Tarvain auch skeptisch jedem gegenüber, der von sich behauptete, das Flüsterholz hören zu können. Zuviel war dadurch verloren worden. Und Isaé wusste auch nicht, warum gerade sie das Flüsterholz hören konnte. Sie war nur als gewöhnliches Mädchen geboren, das zu einer gewöhnlichen Frau erwachsen war. Die Tochter eines Totengräbers und einer einfachen Frau. Zu denken, dass es mit dem Beruf des Vaters zu haben könnte, war für Isaé abergläubisches Gewäsch. Natürlich hatte Isaé auch das Flüsterholz schon einmal gefragt, woher Flüsterbäume kamen, warum sie diese Macht hatten, und warum scheinbar ausgewählte Menschen die Begabung hatten, es zu hören und zu verstehen, aber nicht jedermann. Das Flüsterholz hatte hierzu geschwiegen. Als wäre es ein Geheimnis das nicht gelüftet werden durfte. Keine Antwort war auch eine Antwort.

Entaro gab zu bedenken, dass das Ritual vielleicht nicht funktionieren würde, sie den Bezug zum Flüsterholz verlieren könnte, und sie dann ihr Gesicht verlieren würde vor Ser Tarvain, dem sie zugesichert hatte, ihm helfen zu können. Entaros Worte waren hart, aber ehrlich und durchaus vernünftig. Aber Isaé verunsicherte es. Warum sollte sie eine Gabe verlieren, die sie vor einem Fluch bereits besessen hatte, indem sie den Fluch versuchte auszulösen? Sie war bereit, es zu versuchen. Schließlich litt sie unter dem Fluch mehr als Entaro. Und es war auch sie, deren Begabung gebraucht wurde, um diese Schwarzseher aufzustöbern. Sie konnte sich keine Fehler erlauben! Und dieser magische Fluch konnte ein Störfaktor sein. Was wussten sie denn schon über Schwarzseher? Gar nichts! Alles konnte möglich sein! Diesen Fluch an sich zu tragen war ein erhebliches Risiko! Vielleicht spannen Schwarzseher ein Netz, vielleicht waren Fluchmale ähnlich wie Flüsterhölzer. Vielleicht konnten die Schwarzseher Entaro und Isaé spüren, wenn sie in deren Gebiet kamen, weil sie dieses Mal und seine Macht spürten? Nein, Isaé war bereit! Und auch, wenn man mit einem Freund so vielleicht nicht sprechen sollte, so fand Isaé doch klare Worte. "Ich werde es machen. Ich habe keine Angst. Vielmehr habe ich Angst, alles so zu lassen. Auf meinen Schultern lastet die Verantwortung, diese Schwarzseher mithilfe des Flüsterholzes zu finden. Wenn etwas schief geht, weil der Fluch uns Steine in den Weg legt, dann muss ich meinen Kopf dafür hinhalten. Du weißt doch, was Ser Tarvain gesagt hat! Er sagte, er gestatte es nicht, Verfluchten Zutritt zu Akadien zu gewähren. Und doch haben wir einen Vertrag in der Tasche, der uns freies Geleit verspricht. Aber was wird nach diesem Unterfangen sein, wenn es geglückt ist und Ser Tarvain bekommen hat, was er wollte? Weißt du es, Entaro?" Sie schüttelte den Kopf und zog ihre Pfeife aus ihrer Tasche und zeigte mit dem geschwungenen Mundstück wie mit einem Finger auf ihn. "Du weißt es nicht, ich weiß es nicht. Und wir wissen nicht, was in den Grenzlanden sitzt. Der Fluch könnte jede Chance auf ein glückliches Gelingen zerstören! Und darum müssen wir den Fluch zerstören!"

Schließlich stimmte Entaro zu. "Also gut. Wenn es dir so wichtig ist, werde ich dir helfen. Hat dein seltsames Flüsterholz auch eine Antwort wie man es machen soll? Einfach den Geist benebeln, dem Rausch erliegen und die Worte über die Lippen pressen?" Isaé lächelte und zuckte die Schultern. "Das gilt es wohl herauszufinden, mein Lieber." Sie ging in die Hocke, und setzte sich schließlich bequem im Schneidersitz auf den Waldboden. Die weiter entfernten Lagerfeuer spendeten noch schwaches Licht, das genügte, um sehen zu können. Die Hexenjägerin blickte dem Drachenreiter fest in die Augen. "Ich will, dass das funktioniert. Sei kein Zauderer, was immer passieren mag, du musst stark sein und mich durch dieses Ritual führen. Ich weiß nicht, was passieren wird, ich weiß nicht, wie man es richtig macht, ich habe so etwas natürlich noch nie getan! Aber es kann durchaus sein, dass es kein Vergnügen wird. So wie der Fluch und das Mal gekommen sind, werden sie vermutlich auch wieder verschwinden. Mit Schmerz, mit Angst, oder anderem, ich weiß es nicht… Aber es muss gelingen und es wird gelingen!" Ihre forschen Gesichtszüge wurden wieder weicher und sie lächelte ihn warm an. "Hab Vertrauen, Entaro." Sie holte den Beutel mit dem Pfeifenkraut und das Döschen mit den Feuermohnkügelchen hervor. "Ich werde etwas mehr Feuermohnopium verwenden als gewöhnlich, denn ich bin es ja gewohnt. Und wir wollen ja ein schönes Ritual vollziehen, nicht wahr?" Sie nahm ein Opiumkügelchen, brach es in zwei Teile und streute zunächst etwas Pfeifenkraut in den Pfeifenkopf bevor sie eine Hälfte des Kügelchens in die Pfeife legte und noch etwas Pfeifenkraut in den Kopf stopfte. Darauf legte sie das zweite Opiumstück und stopfte die Pfeife schlussendlich fertig. Die Pfeife in der linken Hand haltend, kramte sie mit der rechten in ihrer Tasche und holte einen Lederbeutel hervor, aus welchem sie eine kleine runde Büchse nestelte, die wie eine gestauchte Flasche aussah, nur eben nicht aus Glas, sondern aus billig anmutendem Metall. Sie wirkte recht unscheinbar, obgleich sie eine Ummantelung aus Leder besaß, in der ihre Initialen "I.E." eingeprägt waren. Isaé steckte sich den Biss des Pfeifenhalses zwischen die Lippen und presste diese zusammen. Dann zwinkerte sie Entaro zu, der ohne Unterlass zurückhaltend, wenn nicht sogar skeptisch wirkte und zog den Stopfen der Blechdose heraus. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das Phosphorstückchen langsam weiß zu rauchen begann. "Wenn wir dieses Unterfangen erfolgreich meistern…" murmelte Isaé mit der Pfeife zwischen den Zähnen, während sie das Phosphorstückchen beobachtete, dessen Rauch sich immer mehr verdichtete, "… dann verspreche ich dir, dass ich mit dem Feuermohn aufhöre. Ich weiß, dass du es nicht gutheißt. Das hast du noch nie getan, und du wirst es auch nie gutheissen. Und ich weiß, dass es mir schadet. Vielleicht jetzt noch nicht so sehr. Aber irgendwann ist es zu spät. Ich weiß es, ich habe Geschichten gehört. Aber es ist so unglaublich schwer, damit aufzuhören und diese anschließende Leere zu füllen…" Das Phosphorstückchen begann mit einem Mal, gleißend hell wie ein Blitz, zu brennen und Isaé steckte es geschwind in den Pfeifenkopf und zog daran, während sie auf der anderen Seite den Stopfen wieder auf den Büchsenhals drückte und fest verschloss, um die lederummantelte Büchse wieder in ihrer Tasche verschwinden zu lassen. Nun konnte sie sich voll und ganz der Pfeife widmen und wachelte mit der linken Hand den Phosphorrauch von sich, während sie mit der rechten Hand den Pfeifenkopf hielt. "Ich wünschte, du könntest das Flüsterholz ebenso hören. Dann wären deine Zweifel vielleicht nicht gar so arg…" murmelte Isaé, während sie den Rauch der Pfeife inhalierte. "Feuermohnopium ist ein sprödes Vergnügen… Ein, zweimal rauchen macht gar nichts. Aber anfangs ist da diese Euphorie. Es löst alle deine Sorgen und Ängste ins Nichts auf, du fühlst dich frei, glücklich, sorglos. Und wer ist nicht gerne glücklich und frei von schlechten Gefühlen? Darum die Gefahr, es zu häufig zu rauchen. Aber irgendwann wird es so selbstverständlich, und man braucht es immer mehr. Und eine größere Menge um dieselbe Wirkung zu erzielen. Und wenn man dann nichts mehr hat, dann versucht man sich einzureden, man braucht es ja doch nicht. Aber so ist es leider nicht, das ist eine Lüge, mit der man sich selbst alles beschönigt. Man braucht es wahrhaftig. Und man würde beinahe alles tun, um es wieder zu bekommen. Es geht schließlich sogar so weit, dass man einen Menschen tötet, um es zu bekommen." Isaé dachte an den Apotheker aus Nardijan, den sie, halb aus Notwehr, halb so Willkür erstochen hatte, um ungestraft und ungeschoren das teure Feuermohnopium an sich nehmen zu können, und ihre Augen wurden feucht in der Dunkelheit. Mit einem schweren Seufzer stieß sie den Rauch aus ihren Lungen und spürte, wie sie der Rausch des Feuermohns allmählich umschloss, wie eine süße und innige Umarmung. "Entaro... Ich bin kein schlechter Mensch, ich bin nur vom rechten Weg abgekommen."

Nach einigen Zügen waren Pfeifenkraut und Pfeife verglommen, und die Hexenjägerin legte die Pfeife beiseite. Der Rausch war stark und daher auch für Isaé ungewohnt. Sie musste sich aus dem Schneidersitz lösen und auf den Waldboden legen. Ihr Kopf fühlte sich schwer und schwummrig an und sie schloss die Augen. Aber die Euphorie umarmte sie, machte sie frei und unbeschwert, und ohne Entaros Beisein hätte sie vermutlich gar nicht mehr gewusst, warum sie hier lag und was Sinn und Zweck des Ganzen war. Noch während der süßlich-herbe Rauch des Feuermohns in der Luft lag, legte sich ein leichter Schweißfilm über ihre Haut, ließ diese schimmern. Der Rausch pochte in ihren Schläfen, ließ ihr Herz hämmern und trieb zugleich eine andere Hitze durch sie hindurch. Ein Verlangen, das sie fast übermannte. Entaro kniete dicht neben ihr, legte seine Hand auf ihre Schulter und beugte sich zu ihr. "Sag den Namen…" Es klang beinahe beschwörend, doch alles was Isaé in diesem Augenblick wahrnahm, war seine Nähe, die Wärme seiner Hand die sie durch ihre Kleidung spürte, sein warmer Atem auf ihrem Gesicht und der Geruch den er verströmte. All das überrollte Isaé und das Blut in ihrem Inneren brannte wie Feuer. "Isaé…" hörte sie Entaro sagen, mahnend, doch seine Stimme jagte ihr Schauer durch den Körper. Die Hitze zwischen ihren Beinen schien regelrecht zu pochen und Isaé legte ihre Hand auf die seine und umschloss diese mit ihren zarten Fingern. Doch während die Hitze in ihrem Inneren tobte und sie schier verzehrte, war ihre Hand kühl, beinahe kalt, als wäre es wahr, dass der Feuermohn einen zur Schwelle der Anderswelt brachte. "Entaro…" seufzte Isaé sehnsüchtig und öffnete ihre Augen. Ihre Blicke suchten den Drachenreiter, hafteten sich auf ihn, mit geweiteten Pupillen und dunklen Augen. "Entaro…" wiederholte sie und starrte ihn an, während ihre Hand die seine umklammerte. "Isaé, du musst seinen Namen sagen…" erinnerte er sie und obgleich sie erneut erschauerte, holte sie seine Bestimmtheit ins Hier und Jetzt zurück und sie nickte monoton. "Seinen Namen… Ja…" Vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild eines hohen Turmes im Wasser auf. Prunkvolle Räume, Bedienstete, der Wunsch nach Wünschen, und die Gestalt des Herren des Hauses der tausend Wünsche. Vaskir de Escroc. Sie musste nur seinen Namen sagen, und dann war der Fluch gebrochen, nicht wahr? Sie öffnete ihren Mund, bewegte ihre Lippen, doch es kam kein Ton heraus. Vaskir de Escroc… Er hatte ihnen seine Häscher nachgeschickt, und sie hatten Entaro beinahe umgebracht. Das lag erst etwa einen halben Mond zurück… Isaé war fest entschlossen, diesen Fluch zu brechen, den Namen auszusprechen. Und so formten ihre Lippen die Worte. Doch um ihren Hals legte sich eine unsichtbare Kraft, wie eine eiserne Hand die zudrückte, und ein Sprechen unmöglich machte, als es galt die drei Worte zu sagen. Erneut versuchte sie es. "Vaskirrrr…" begann sie, doch der Rest der Worte gingen in einem Würgen unter, als legten sich unsichtbare Hände um ihren Hals, sie erging sich in einem erstickten Hustenanfall, und plötzlich umfing sie eine Eiseskälte, und die Hand, die immer noch Entaros Hand umschloss, verstärkte ihren Druck. "Entaro… mir ist so kalt…" hauchte sie, und ein schauerndes Zittern bemächtigte sich ihrer. "Ich muss stark sein… den Namen sagen…" Sie fröstelte und schloss die Augen. Bilder rasten durch ihren Kopf. Schemen, Fratzen, Stimmen die hässlich und schaurig lachten. Stimmen die ihr entgegen schrien, dass sie es niemals schaffen würde. Erneut versuchte sie es. "Vaskir… Vaskir…" stöhnte Isaé, und ihr Oberkörper bäumte sich auf, krampfte, sie schmeckte Blut in ihrem Mund, wahrscheinlich hatte sie sich auf ihre Zunge gebissen. Ein feines Rinnsal Blut lief ihr aus der Nase. Eine Gewissheit erfüllte ihre Gedanken. Sie konnte es nicht. Sie würde es nicht schaffen, diesen Fluch zu brechen. Oder waren dies fremde Worte, die ihr eine Macht einflüsterte, und nicht ihre eigenen Worte? Erneut wurde ihr Körper von einer Schauerwelle erfasst, ein unbändiger Schmerz, den sie hinausschrie. Gleichzeitig war da eine Besorgnis, dass es jemand im Lager hören würde. Wie sollte man so etwas erklären? Ablenkende Gedanken nahmen Gestalt an in Isaés Geist. Fort von ihrem Vorhaben. "Entaro, hilf mir…" wimmerte sie, doch wusste sie nicht, wie er ihr helfen sollte. Sie spürte den Druck um ihren Hals stärker, das Atmen fiel ihr immer schwerer und sie wusste, dass dies ein Kampf war. Ein Kampf gegen eine unsichtbare Macht, eine unsichtbare Bedrohung, die nicht wollte, dass dieser Fluch gebrochen wurde. Und dieses Bewusstsein gab ihre eine ungeheuerliche Kraft. Erneut bäumte sie sich auf, und mit einem Ruck spie sie die Worte regelrecht hervor. "Vaskir… de Escroc!" Ein Schmerz bahnte sich seinen Weg durch ihren Körper, als ob etwas in ihrem Inneren zerrissen worden war. Isaés Oberkörper richtete sich auf, sie stützte sich auf ihre Hände und sie hustete, wollte etwas sagen, doch es kam nur ein Krächzen über ihre Lippen. Sie fühlte sich fiebrig heiss, würgte, spuckte ein wenig Blut auf den Waldboden, dann überkam sie ein ekelerregendes Gefühl, als ob sich ihr gesamter Magen umdrehte. So, wie es war, als sie das erste Mal auf Schatten flog, und dieser einen schwindelerregenden Sturzflug vollführte, dass ihr so übel geworden war, dass sie ihre Eingeweide hätte herauskotzen wollen. Diese Erinnerung ließ eine gewisse Wärme durch ihren Körper strömen, und sie versuchte in der Dunkelheit zu lächeln. Doch es half nichts. Das Abendessen, das sie erst kurz zuvor genossen hatte, bahnte sich seinen Weg nach draußen. Sie erbrach es, vermischt mit etwas Blut, bis ihr die Tränen in die Augen schossen, und all das bestürzte sie zutiefst. Auch, wenn sie nichts dafürkonnte, schämte sie sich unglaublich vor Entaro. Sie versuchte, sich aufzurappeln, doch es gelang ihr nicht, und sie fiel erneut auf die Knie. "Ach du liebe Scheiße… Verzeih mir…" murmelte sie matt. "Aber ist es geglückt, oder…?" Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare und strich diese zurück. "Wenn es geglückt ist, dann müsste ich doch eigentlich seinen Namen aussprechen können!" Isaé räusperte sich. "Vaskir… de… Escroc… du bist ein Bastard!" Sie musste erst kichern, dann fiel sie in ein helles Lachen. Ein erlösendes Lachen. Ein Lachen, das durch den Wald schallte, als ob sie den Verstand verloren hatte. Aber dann wurde ihr Lachen stockend und sie fiel um, wie ein Stück Holz. Umfangen von gnädiger Ohnmacht und dem immer noch in ihr tobenden Feuermohn. Es war zuviel der Anstrengung gewesen.
#96
Zwischen Wahn und Wirklichkeit ❖
drache-isaé schien es so wichtig zu sein, dieses Ritual durchzuführen, das sie, sobald Entaro seine Bereitschaft erklärt hatte, ihr dabei zu helfen, auch schon damit begann ihre Pfeife zu stopfen. Entaro sah sich indes etwas vorsichtig um. Als ob er fürchtete, sie würden beobachtet. Aber das Lager lag kaum noch in Hörweite und die Männer schienen besseres zu tun zu haben, als sich um die Beiden zu scheren. Daher schenkte Entaro ihr bald seine vollste Aufmerksamkeit. Sie stopfte ihre Pfeife, schichtete das berauschende Kraut hinein und als sie damit fertig war zog sie eine seltsame Dose aus ihrer Tasche. Als sie den Stopfen entfernte und der kleine Klumpen, welcher sich am Ende einer eisernen Nadel befand zu rauchen und zu brennen begann, staunte Entaro zunächst nicht schlecht. Er hatte von diesen Zunderdosen schon gehört, aber noch keine gesehen. Aber Isaé war eine Frau voller Überraschungen. Wenn man glaubte sie besser zu kennen, zauberte sie immer wieder eine neue Überraschung aus ihrer Tasche. Entaro indes setzte sich bequem in den Schneidersitz und begann im Geiste zu zählen. Er wollte natürlich wissen wie lange es wohl dauern würde bis die Wirkung des Krautes einsetzen würde. Und seine Gedanken grübelten und kreisten was er wohl machen könnte, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gab. Den Rausch konnte er ihr ja kaum aus dem Körper treiben. Und wenn der Fluch sich gegen sie stellen sollte? Er zog vorsichtshalber seinen Wasserschlauch vom Gürtel um den Inhalt, falls nötig, in ihr Gesicht zu schütten. Dies half bei Menschen im Rausch des Alkohols immer sehr gut und Entaro dachte sich, dass es in diesem Fall sicher auch seine Wirkung zeigen würde. »ch wünschte, du könntest das Flüsterholz ebenso hören. Dann wären deine Zweifel vielleicht nicht gar so arg…« Entaro seufzte. »Ich vertraue auf dein Urteil, Isaé. Aber ob ich wirklich das Flüsterholz sprechen hören will? Manche Dinge sind nicht ohne Grund nur besonderen Menschen vorbehalten. Du willst vermutlich auch nicht die Dinge spüren oder fühlen, die ich in mir trage, seit ich mit dem Drachen verbunden bin. So hat jeder seine Aufgabe und jeder seine Bürde. Ich glaube dir, dass das Flüsterholz echte und wahrhaftige Kraft besitzt. Auch wenn ich mir nicht erklären kann wie es funktioniert. Aber es gibt in dieser Welt viele Dinge die niemand verstehen kann. Man nimmt sie entweder als gegebene Dinge an, oder man versucht sie zu zerstören. Die meisten Menschen sind sehr abergläubisch und daher wurden in der Vergangenheit mehr Dinge zerstört als versucht sie zu ergründen.« Isaés Erklärungen zum Feuermohn waren natürlich schlüssig und Entaro konnte sie auch verstehen. Das Leben in Kalath war nicht einfach. Schon gar nicht für eine Frau, die dann auch noch eine Hexenjägerin wurde. Er war schon manchem ihrer Art begegnet. Und jeder von ihnen hatte eine Art von Laster. Wohl um mit den Dingen, die sie erlebt haben, irgendwie umgehen zu können. Die meisten waren dem Alkohol zugeneigt. Aber es gab so viele verschiedene Dinge seinen Geist von dieser Welt entfliehen zu lassen. Nichtsdestotrotz war es etwas, dass auf Dauer kein Seelenheil brachte. Nur noch mehr Probleme. »Entaro... Ich bin kein schlechter Mensch, ich bin nur vom rechten Weg abgekommen.« Er nahm ihre Hand und sah ihr dabei tief in die Augen. »Ich weiß, dass du kein schlechter Mensch bist. Du hast das Herz am rechten Fleck. Bist ehrlich und du hast auch die Prüfung des Drachen gemeistert. Wer die Dunkelheit im Herzen trägt wird vom Feuer des Drachen geläutert. Du musst mir nichts beweisen.« Er seufzte nachdenklich und beobachtete Isaé dabei, wie sie den warmen Rauch tief in ihre Lungen inhalierte. Und da begann Entaro wieder zu zählen.

Es dauerte nicht sehr lang, da begannen sich ihre Augen zu verändern. Sie wirkte abwesend und glasig. Als würde sie einfach durch ihn hindurchsehen. Entaro wusste nun, dass der Rausch bereits von ihr Besitz ergriffen hatte. Nun gab es kein Zurück mehr. Entaro wusste nicht ob ihr Verhalten so normal war. Doch er hatte sie schon öfters eine Pfeife rauchen sehen und bisher hatte sie zwar entspannt aber nie so komplett weggetreten gewirkt. Hatte sie vielleicht eine zu starke Dosis inhaliert? Entaro begann sich Sorgen zu machen und nahm wieder Isaés Hand in die Seine. Und je mehr sie den Anschein machte, dass sie hinfort glitt, desto mehr begann Entaro an dem Ritual zu zweifeln. »Isaé! Sag den Namen!« Immer wieder redete er auf sie ein. Doch immer, wenn sie es versuchte, schien sie sich zu verkrampfen. Ihre Augen zuckten unter ihren Liedern und manchmal riss sie sie auch auf und die Iriden waren so weit nach oben gerollt, dass man fast nur das Weiße in den Augen sehen konnte. »Isaé!«, herrschte Entaro und versetzte ihr einen leichten Klaps um sie auf diese Weise wieder ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Doch es zeigte keinerlei Wirkung. Und so nahm Entaro seinen Wasserschlauch und öffnete diesen um den Inhalt in Isaés Gesicht zu schütten.

»Vaskir… de… Escroc!«, ächzte die junge Frau, deren Haut schweißnass geworden war und sich deutlich kühler anfühlte. Entaro seufzte schwer. Sie hatte es geschafft. Er nahm einen kräftigen Schluck von dem Wasserschlauch und atmete erleichtert aus. Sie hatte es wieder zurückgeschafft, ohne dass Entaro den kostbaren Inhalt auf Isaé hatte schütten müssen. Als Isaé den Namen ausgesprochen hatte entspannte sie sich förmlich. Ihr Herzschlag schien sich zu normalisieren und das Zittern und Beben ihrer Glieder ließ allmählich nach. Und da riss sie mit einem Mal die Augen auf und übergab sich, als ob die letzten Reste des schwarzen Fluchs so aus ihrem Körper geschleudert wurden. Kreidebleich und völlig entkräftet hockte sie schließlich vor Entaro auf dem Boden. Aber sie war frei. Und das Martyrium überstanden. »Vaskir… de… Escroc… du bist ein Bastard!« Entaro lächelte dünn. »Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt, das weißt du?«, murmelte Entaro und legte ihr vorsorglich seine Hand auf den Rücken. Dann reichte er ihr die Wasserflasche und hielt sie ihr an den Mund. »Du solltest etwas trinken. Du bist kreidebleich.«

Isaé begann schallend, ja fast frenetisch, zu lachen und ließ sich dann rücklings auf den Boden fallen. Und dann schloss sie die Augen. »Isaé?« Entaro ergriff sofort ihre Hand aber sie rührte sich nicht. Sofort keimte neuerliche Sorge in ihm auf. Doch als er ihren ruhigen Atem bemerkte, und wie sich ihre Brust langsam hob und wieder senkte, entspannte sich der Drachenreiter. Sie war in Ohnmacht gefallen. Wen wunderte es, bei einer solchen Tortur. Entaros Blicke schweiften indes zu der Flüsterholzpfeife, in der die schwache Glut noch leicht glimmte. Ein zaghafter Gedanke bemächtigte sich seiner doch seine Hand verharrte regungslos über der Pfeife. Er konnte Isaé jetzt doch nicht ihrem Schicksal überlassen und selbst das Ritual ausführen. Außerdem, wer würde ihm zur Hilfe kommen, wenn es ihm ähnlich ergehen wird, wenn nicht die Hexenjägerin? Und diese wanderte gerade durch das Land der Träume. Befreit vom Fluch des schwarzen Mals und umgarnt von den berauschenden Gefühlen dieses Teufelskrautes. Entaro seufzte. Isaé hatte den Fluch gebrochen. Aber er würde damit wohl noch eine Weile warten müssen, bis Isaé wieder auf den Beinen war und so setzte er sich neben sie auf den Boden und beobachtete die leblose Frau, die neben ihm im Gras lag. Ihre Brust hob und senkte sich langsam aber gleichmäßig, als ob sie tief in sich ihren Frieden gefunden hätte. Entaros Blicke ruhten beinahe gebannt auf Isaés Körper. Die Haut schimmerte durch den feinen Schweißfilm leicht im Mondlicht. Einige Strähnen ihres Haares klebten an ihrer Wange und Entaro strich sie sanft aus dem Gesicht. Isaés Augen zuckten doch sie blieben geschlossen. Aber ein schwerer Seufzer entkam ihren leicht geöffneten Lippen. Entaro seufzte ebenso und sein Blick wanderte von Isaé fort wieder zurück zu der Pfeife, die noch immer auf dem kleinen Felsen lag. Eine dünne, fast unsichtbare, Fahne aus Rauch stieg davon auf und die Glut war beinahe völlig erloschen. Wie gebannt starrte Entaro auf die feine Rauchsäule und sein Blick wirkte beinahe als ob er einfach ins Leere blicken würde, was nur von seinen müden, grauen Augen noch weiter unterstrichen wurde. Ein tiefer Schmerz schien darin zu schlummern. Augen die so unergründlich tief waren wie die Seele die dahinter lauerte.

Schließlich zwang sich Entaro seine Augen zu schließen und seufzte schwer. Und als ob dieser Seufzer in Isaés Unterbewusstsein vorgedrungen wäre, vernahm er auch einen weiteren Seufzer, fast wie ein Echo des seinen, aus Isaés Mund. Sofort wandte sich Entaro zu ihr um und sie schien sich im Rausch des Feuermohn und dem Fieberwahn eines Traumes auf dem Boden zu räkeln. Sie wirkte, als wäre sie unter Wasser gefangen und umschlungen von Ranken und Wasserlianen. Entaro legte seine Hand auf ihre Brust, um sie zu beruhigen. Und da stellte er erschrocken fest, dass sie ganz warm war. Fast schon hitzig. Er hielt ihr seine Hand auf die Stirn, doch diese war kühl. Er nahm ihre Hand in die seine und auch die Hände waren kühl. Entaro wirkte fast hilflos. Was sollte er nur machen? Feine Schweißperlen bildeten sich auf Isaés Haut und diese wirkten im fahlen Mondlicht beinahe wie winzige, gläserne Perlen. Der Bernsteinritter strich die Perlen beiseite und betastete Isaés Hals. Doch auch hier war die Haut kühl. Hatte er es sich eingebildet? Er berührte Isaé erneut an der Brust und stellte fest, dass diese deutlich wärmer war, als ihr Kopf oder Arme. Und so legte er ihr seine Hand auf den Oberschenkel und erschrak fast, als er feststellte, dass Isaé zur Leibesmittehin regelrecht hitzig war. Als würde sie von innen verglühen. Auch an ihrem Bauch war die Haut hitzig. »Isaé?«, murmelte Entaro unsicher und nahm seinen Wasserschlauch um ihre Lippen damit zu benetzen. Die ohnmächtige Frau öffnete fast bebend ihre Lippen und Entaro ließ das kühle Wasser in ihren Mund laufen. »Entaro…«, murmelte Isaé benommen und schluckte das Wasser geräuschvoll herunter. »Bist du wieder zurück?«, erkundigte sich Entaro doch er erhielt keine Antwort. Er ließ seine Blicke über ihren Körper wandern, der sich nach wie vor leicht räkelte. Als ob sie einen bewegenden Traum hätte, oder auf einer Wurzel liegen würde und versuchte durch ihre Bewegungen Linderung zu finden. Entaro legte ihr behutsam die Hand auf die Schulter und die zweite Hand auf ihren Oberschenkel. Und dies schien etwas zu bewirken. Sie beruhigte sich und ihr Blick wurde beinahe zufrieden. Sie summte zufrieden und seufzte daraufhin. »Entaro…«, hauchte sie erneut und die Stimme die aus Ihrer Kehle entfleuchte jagte Entaro beinahe eine Gänsehaut ein. »Was geschieht hier?«, murmelte Entaro der sich auf Isaés seltsame Gebärden keinen Reim machen konnte.

Entaro fürchtete, dass Isaé vielleicht einfach eine zu hohe Dosis Feuermohn in ihren Adern wütete und das Blut zum kochen brachte. Und so schüttete er ihr den kompletten Inhalt der Wasserflasche ins Gesicht. Ihre schweißnasse Haut wurde nun noch feuchter. Ihr Haar völlig durchnässt und der Rest des Wassers lief ihr über die Brust und so klebte auch der Stoff recht bald an ihrer Haut. Aber wach hatte er sie damit trotzdem nicht bekommen. Er musste in den sauren Apfel beißen und Isaé ins Lager bringen. Er erhob sich vom Boden und wandte sich zunächst an Isaé um sie aufzuheben. Doch dann fiel sein Blick auf ihre ganze Habe, die noch am Boden lagen. Ihre Tasche. Die kleine Dose mit dem Feuermohnopium, diese seltsame Zunderbüchse und … die Pfeife. Entaros Blicke hafteten sich wieder auf die Pfeife und für einen Moment überkam ihn der Wunsch dieses verfluchte Ding einfach zu zertreten. Doch er besann sich. Es würde nur dazu führen, dass Isaé ihre Aufgabe als Hexenjägerin nicht mehr ausüben konnte und dann würde ihr Unterfangen auf Messers Schneide stehen. Entaro seufzte resignierend und begann Isaés Habe einzusammeln. Und dann ergriff er die Pfeife. Mit einem Schlag erstarrte er. Es war als ob eine kalte, schneidende Stimme durch seinen Geist schnitt. Es war ein einzelnes Wort, aus dem Mund von tausenden, geflüstert wie das Rauschen des Windes und schneidend wie eine Klinge aus gebrochenem Glas. Entaro wurde davon völlig überrumpelt und stolperte einen Schritt zurück und ließ die Pfeife auf den Boden fallen. Aber als er sie genauer in Augenschein nahm sah er nichts Besonderes. Allerdings fühlte sich seine Hand mit einem Mal seltsam an, als ob die Haut von dutzenden Ameisen gebissen wurde. Aber als die Hand in Augenschein nahm, sah sie ganz normal aus. Nur das seltsame Mal, welches er schon fast vergessen hatte, da es so stark verblasst war, schien sich im Mondlicht auf einmal klar und deutlich von seiner Haut abzuheben. »Was war das denn?«, murmelte Entaro entgeistert und zugleich verwirrt. Er nahm die Pfeife erneut in die Hand, und schon bevor er sie überhaupt berührt hatte, begann seine Haut zu kribbeln und es fühlte sich beinahe an als ob von der Pfeife eine seltsame Aura auszugehen schien. Dies alles war Entaro ganz und gar nicht mehr geheuer und er war sich sicher, dass dahinter eine dunkle, alte Macht lag, die er besser nicht wecken wollte. Er warf einen besorgten Blick zu Isaé, welche sich aber inzwischen völlig beruhigt zu haben schien. Entaro runzelte die Stirn und drückte sich mit Daumen und Zeigefinger auf die Nasenwurzel. »Ich muss wohl etwas von dem Rauch eingeatmet haben. Das muss es sein.« murmelte er und rappelte sich wieder auf die Beine. Seine Gedanken galten nur Isaé, die noch immer regungslos am Boden lag. Und als ob er diese seltsame Erfahrung von soeben nur als eine Einbildung abtat, die nichts zu bedeuten hatte, griff er erneut nach der Pfeife. Und als seine Finger sich auf das matte, dunkle Holz mit der silbernen Maserung legte, da begann das Blut in seinen Ohren zu rauschen. »Vertraue…« Entaro starrte entgeistert auf die Pfeife. Hatte die Pfeife mit ihm gesprochen? Entaro schüttelte den Kopf. Nein, Isaé hatte doch gesagt, dass nur sie das hören kann. Er hielt die Pfeife mit Daumen und Zeigefinger, in eben jener Hand, auf welcher sich auch das Mal befand, und er fühlte dieses seltsame kribbeln in der Haut, fast wie unscheinbare Schwingungen. Und da war noch etwas anderes. Eine dumpfes Flüstern. Eine seltsames Wispern, fern als ob es durch tausende Jahre Zeiten zu ihm durchsickern würde. Er konnte nicht verstehen was das zu bedeuten hatte. Aber als er die Pfeife in die andere Hand nahm verstummte die Pfeife. Und so starrte er ungläubig auf die Pfeife und dann auf seine verfluchte Hand. »Isaé hatte recht.« murmelte Entaro. »Womit hatte ich recht?«, murmelte eine müde Stimme hinter Entaro und er erschrak so sehr, dass er die Pfeife auf den Boden fallen ließ. »He meine Pfeife!« beschwerte sich Isaé und trat nun aus Entaros Augenwinkeln und hob die Pfeife vom Boden auf, um sie auf Schäden zu untersuchen. Entaro starrte die junge Frau zunächst entgeistert an, dann verwirrt und schließlich atmete er erleichtert aus. »Du bist wach!«

Isaé sah ihn an als ob es das Normalste wäre wach zu sein und hielt die Pfeife vor der Brust. »Also? Womit hatte ich Recht?«, sie grinste förmlich, als ob sie es genießen würde Recht zu haben. Und wenn man sich ehrlich war, dann war sie da wohl wie jede andere Frau, die es liebte, wenn ein Mann ihnen Recht in etwas gab. »Dieses Flüsterholz. Es hat zu mir gesprochen.« murmelte Entaro und Isaé sah ihn sogleich neugierig an. »Was hat es gesagt?«, erkundigte sie sich doch Entaro schüttelte nur den Kopf. »Ich habe nichts verstanden. Nur seltsame Eindrücke, Stimmen, Rauschen… Aber du hattest Recht.« Wieder sah Isaé ihn auffordernd an und mit diesem wissenden und zugleich fragenden Blick. Ja womit hatte sie denn jetzt Recht? »Deine Ohnmacht. Und deine Hitzewallungen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich wollte deine Pfeife zerstören.« Entaro entging Isaés kritischer, fast mürrischer Blick bei diesen Worten nicht. »Ich habe alles Mögliche versucht dich wieder zu wecken. Ich habe dunkle Mächte hinter dem Flüsterholz vermutet. Aber ich glaube die Pfeife wollte mich nur warnen.« Entaro seufzte resignierend und lehnte sich an einen der größeren Felsen neben ihm. »Das Fluchmal ist gefährlich. Wenn wir die Grenzlande betreten müssen wir beide davon befreit sein. Und wenn dein Weg der einzige ist, dann bin ich bereit. Also lass es uns hinter uns bringen, bevor die Nachtwache uns noch zu suchen beginnt, weil wir so lange fort sind.«

Entaro ließ sich von Isaé erklären wie er den Rauch zu inhalieren hatte, und auch wenn er sich mehrmals erkundigte, ob es nötig war so viel zu inhalieren, dass es ihm am Ende wie ihr erging, so folgte er ihren Anweisungen ohne sie weiter zu hinterfragen. Natürlich war dies eine enorm ungewohnte Situation für den Drachenreiter, der sonst gewohnt war die Kontrolle zu wahren. »Ich bin hier und passe auf dich auf.«, versicherte die Hexenjägerin und legte ihm die Hand auf die Schulter. Und so ließ sich Entaro von Isaés Worten und dem Flüstern der Pfeife einlullen. Er nahm sie in die gezeichnete Hand und ließ das Kribbeln, das Flüstern und das Rauschen einen Teil des Rituals werden und zog dann langsam und kräftig an der Pfeife. Der Rauch füllte seinen Mund und er atmete tief ein um ihn in seine Lungen zu lenken. Der warme Rauch kratzte an seiner Kehle und er musste husten. Doch dadurch wurde der ganze Rauch aus der Lunge geschleudert und er musste einen weiteten Zug nehmen, während er versuchte eine möglichst bequeme Situation einzunehmen.

Die Wirkung ließ länger auf sich warten als er gedacht hatte. Aber als sie schließlich einsetzte da verstand er mit einem Mal wie es Isaé ergangen war. Sein ganzer Körper wurde von einer aufwallenden Wärme erfasst. Fast wie eine Welle der Euphorie und der Zufriedenheit. Er legte die Pfeife beiseite und sah Isaé tief in die Augen. Und als ihre Blicke sich trafen da verharrten sie für einen Augenblick der fast viel zu lange dauerte und starrten sich beide tief in die Augen. »Isaé…« murmelte Entaro und die junge Frau sah ihn fragend an. »Entaro?«, hakte sie nach doch Entaro war schon nicht mehr er selbst. Die Hitzewallungen wurden stärker und konzentrierten sich, wie er es auch bei Isaé bemerkt hatte, in seiner Leibesmitte. Sein Magen fühlte sich an als ob ein Feuer darin brennen würde. Und dann, fast schleichend, gesellte sich ein neues Gefühl zu der Euphorie. Ein Gefühl, dass Entaro seit Jahren hinter einer verschlossenen Tür verborgen gehalten hatte. Eine innere Begierde flammte in ihm auf und übermannte ihn förmlich. Das Blut in seinem Körper begann zu rauschen und es schien als ob sich die Welle in seinen Lenden zu konzentrieren schien. Seine Manneskraft regte sich und das Blut in seinen Ohren rauschte. Alles um ihn herum wurde auf einmal zu einem Sog von Gefühlen, Eindrücken und Hitze. Und während die Vernunft in Entaro erbittert dagegen ankämpfte, ließ sein Körper sich nicht mehr beherrschen. Sein Gemächt zuckte und pulsierte förmlich und Entaro wurde heiß und er begann mit einer tiefen Stimme zu brummen. Ob dies der Feuermohn war, oder einfach nur die innere Barriere, die durch diesen Rausch aufgebrochen worden war konnte er beim besten Willen nicht mehr sagen. Er war längst in den Strudel gezogen worden in dem er nicht mehr Herr seiner Sinne oder seines Körpers war. »Isaé…«, murmelte Entaro mit belegter Zunge und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Doch die Kraft versagte ihm. Er fühlte sich wie eine Marionette, der die Fäden durchgeschnitten worden waren. Und so rutschte seine Hand über ihren Körper herunter bis er auf ihrem Oberschenkel zum Erliegen kam. Und dann schloss er seine Augen, welche unter den geschlossenen Liedern zu zucken und zu kreisen begannen. Der Rausch war an seinem Höhepunkt angekommen. Und die Bilder, welche zuerst chaotisch und verschwommen in der Dunkelheit umhergeirrt waren, wurden nun klarer. Isaé stand vor ihm, nur in dem dünnen Bademantel, wie er sie in der letzten Nacht vor dem Aufbruch gesehen hatte. Ihr Haar umspielte ihr Gesicht und sie sah ihn schweigend und mit großen Augen an. Und Entaro stand vor ihr und starrte sie ebenso an. Isaé öffnete den Mantel und Entaro wollte den Blick abwenden, doch etwas in ihm verweigerte dies. Als er die Augen schließen wollte, versagte dies ebenso. Wie sollte er auch die Augen schließen, wenn dies alles nur ein Traum war und er seine Augen doch bereits geschlossen hatte? Aber als der Mantel zu Boden fiel da war dort keine Isaé mehr zu sehen. Stattdessen stand vor ihm ein befremdlicher Mann mit langem Haar und einem stechenden aber zugleich gewinnenden Blick. Entaro hatte ihn schon einmal gesehen. Doch wer war er? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Der Mann trat einen Schritt auf ihn hinzu und sein Mantel schien sich aus den Schatten zu schälen. »Du hast mir etwas gestohlen, Drachenreiter.«, zischte der Mann und Entaros Lippen bebten. »Vaskkrrr«, Seine Lippen bebten aber seine Zunge verkrampfte sich. Entaro war, als er da gefangen in Schatten und Nebeln stand, dass sich eine warme Hand auf seine Brust legte. »Du schaffst es!«, dröhnte eine ferne Stimme an sein Ohr, als ob sie durch einen See aus Tränen zu ihm gedrungen war. Ein fernes Echo aus einer anderen Welt. »Sag den Namen!«, hörte er die dumpfe Stimme, welche sich wie Nadeln in seinen Geist bohrten. »Vaskir…de…Escroc!«, ächzte Entaro und aus seinem Mund flogen mit jeder Silbe winzige Blutstropfen, die den ganzen Traum in blutrotes Gewand tauchten. Der Mann vor ihm war völlig mit Blut besudelt. Und Entaro hob seine Hände vor das Gesicht und musste erkennen, dass das Mal lichterloh brannte und zugleich ein Strom von Blut daraus sprudelte, wie aus einer ewigen Quelle.

Entaro stieß einen heiseren Schrei aus. Blut tropfte aus seiner Nase und dicke Schweißperlen tropften von seiner Stirn. Und als er die Augen aufriss da erkannte er Isaé vor sich, die ihm besorgt in die Augen blickte. »Sag den Namen!«, befahl sie mit bebender Stimme und Entaro hatte das Gefühl, dass sein Mund voll von Blut war. Und so spuckte er auf den Boden neben sich. Doch nichts geschah. Kein Schwall von Blut. Kein Speichel. Sein Mund war trocken als ob er seit Tagen nichts getrunken hätte. Und jäh fiel ihm ein, dass er das letzte Wasser auf Isaés Gesicht geschüttet hatte. »Wasser…«, ächzte Entaro mit brechender Stimme doch woher sollte Isaé das Wasser nur nehmen? »Sag den Namen!«, antwortete Isaé mit fast zitternder Stimme. Und Entaro schloss die Augen. «Vaskir de Escroc!« Entaros Stimme brach und es glich mehr einem Ächzen und Pfeifen. Und dann kippte Entaro auf die Seite, Isaé direkt in die Arme, und es wurde ihm Schwarz vor Augen.


Der Fluch war gebrochen! Entaro und Isaé waren nun frei. Dies Bedeutete, dass sie beide von dem Fluch erlöst und es keinen dunklen Makel mehr an ihnen gab, der bei ihrer Mission oder gar beim Betreten von Akadien ein Problem sein könnten.Und Entaro war gefangen zwischen Traum und Wirklichkeit. In seinem Mund sammelte sich Wasser und gierig versuchte er es zu schlucken. Doch es brachte kaum Erlösung. Er riss die Augen auf und Iasé war ihm so nah gekommen, dass er ihren Atem auf dem Gesicht spüren konnte. Entaro sah sie eindringlich an. Doch er konnte sich nicht erinnern was geschehen war. Wie hatte sie das gemacht? Seine Blicke wanderten zu der leeren Wasserflasche, welche unberührt auf dem Boden lag. Doch die Trockenheit war aus seinem Mund gewichen. Er fühlte sich matt und erschlagen. Und nicht nur das. In seinem Inneren tobte noch immer der Feuermohn. Sein Herz hämmerte wild. Sein Blut rauschte. Und seine Männlichkeit schmerzte, auch wenn sie sich nicht mehr in die Höhe reckte. Isaé rückte von Entaro ab und ihr Blick war seltsam. Entaro konnte es nicht benennen. Doch vermutlich lag es nur an dem Rausch, dem sie beide gerade erlegen waren. Oder war es das fahle Mondlicht? Entaro räusperte sich und hob seine Hand. Das Mal war fort und er lächelte matt. »Es ist geglückt.«, flüsterte er denn zu mehr war seine Stimme nicht mehr imstande.

Nach einer Weile erhoben sich die Beiden und Isaé hob die Pfeife schließlich auf und klopfte sie auf einem Stein aus. Dann verstaute sie die Pfeife, zusammen mit den anderen Utensilien, die noch verstreut am Boden lagen, in ihre Tasche, schulterte sich diese über, während Entaro sich seinen Mantel über die Schultern legte und sein Schwert an den Gürtel hängte. »Wir sollten uns einfach zu unseren Zelten schleichen.«, schlug Entaro vor, während sie sich beide gegenseitig stützten, da sie beide noch recht wackelig auf den Beinen waren. Vielleicht hatte er das vorgeschlagen um ihnen die Schmach zu ersparen, dass andere von ihrem berauschten Zustand erfuhren? Oder einfach weil es er keine unnötigen Fragen aufwerfen wollte. Aber das Schicksal machte ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Denn einer der Männer, die zur ersten Wache eingeteilt worden waren, bemerkte den Bernsteinritter und die Hexenjägerin, die sich gegenseitig stützend dem Lager näherten und eilte sofort herbei. »Was ist geschehen? Wurdet ihr überfallen?« Entaro schüttelte beschwichtigend den Kopf. »Nein, macht euch keine Sorgen guter Mann.« Seine Worte waren wie hohle Phrasen. Ohne jeden Mehrwert. Dinge die man sagte obwohl jeder wusste, dass niemand sie glauben würde. Er überlegte kurz ob er die Wahrheit sagen sollte, oder sie zumindest etwas leicht verdreht auszuspreche. Entaro schüttelte den Kopf. Egal was er sich auch spontan ausdachte, es würde alles nur noch schlimmer machen. »Ich glaube der Eintopf von eurem Koch, hat uns zu sehr auf den Magen geschlagen.« Entaro setzte ein wissendes Lächeln auf, wobei es eher gequält als natürlich wirkte. Ob es daran lag, dass er ein schlechter Lügner war, oder ob er sich schuldig fühlte oder einfach daran lag, dass er noch etwas geschwächt war, konnte nicht einmal er selbst beantworten. Der Soldat grinste breit. »Ja, ich musste auch schon dringend scheißen…« Er verstummte und hüstelte verlegen. Entaro war insgeheim dankbar, von näheren Erläuterungen verschont zu bleiben. Aber er nickte verständnisvoll. »Nun, Feldküche bekommt nicht jedem, nicht wahr?« Damit entfernten sich Entaro und Isaé und ließen sich an einem der entlegeneren Lagerfeuer am Rand des Lagers nieder, damit die Kälte, die sich ihrer bemächtigt hatte, von der warmen Glut vertrieben werden konnte. »Nun ist es auch schon egal.«, murmelte Entaro. »Dann können wir uns wenigstens auch noch etwas aufwärmen.«
Am Feuer saßen noch zwei weitere Männer welche von Isaé und Entaro aber nicht viel Notiz nahmen und nur nickten, als die Beiden sich zu ihnen ans Feuer setzten. Das Lager selbst wirkte fast wie ausgestorben, denn die meisten Soldaten hatten sich bereits zur Nachtruhe niedergelegt. Und Entaro war froh, dass Ser Tarvain auch wohl keine Nachtwache zu halten pflegte. Als Kommandant hatte er auch andere Aufgaben als das einfache Schieben von Nachtwache. Vom Feuer drangen knackende Geräusche an Entaros Ohr. Und auch noch etwas anderes. Ein Geräusch von Fett das in die Glut tropfte und dabei zischte. Und der Geruch von gebratenem Fleisch und knusprig gebratener Haut drängte sich ihm in die Nase. Und kaum hatte sein Körper davon Notiz genommen, da breitete sich ein tiefes, fast unaufhörlich scheinendes Grummeln aus seinem Bauch empor hinaus. Es war so laut, dass sogar die beiden Männer es vernahmen und Entaro wissend ansahen. Oh er hatte Durst. Und Hunger! Mehr Hunger als so ein schnöder Eintopf stillen konnte. Es fühlte sich an als ob der Feuermohn alle Flüssigkeit mitsamt dem ganzen Eintopf aus seinem Magen gebrannt hätte. Entaro leckte sich über die spröden Lippen und der hungrige Blick, der in seinen Augen blitzte blieb nicht unbemerkt. »Wollt ihr ein Stück haben, Ser Adun?«, der Soldat reichte den gebratenen Karnickel in Entaros Richtung und der andere Soldat lächelte dabei wissend und fröhlich. »Und dazu vielleicht einen Schluck Glutbier?« Er hielt demonstrativ einen Becher in die Höhe in welchem das rötliche Gebräu schwappte, welchem man nachsagte es wäre aus Gerste und Asche gebraucht und brannte angenehm beim Trinken, aber furchtbar wenn es dann wieder den Körper verließ.

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