Hexenfluch und Drachenfeuer
#33
Blut und Schuld ❖
drache-isaé stieg langsam aus dem kalten Wasser. Ihre Lippen waren nicht mehr ganz so rot, wie sie noch gewesen waren, bevor sie in den Weiher gestiegen war, und ihr gesamter Körper war von Gänsehaut gezeichnet. Auch, wenn sie Entaro nicht zutraute, dass er sich just jetzt, wo sie aus dem Wasser stieg, sich umdrehen, und sie begaffen würde, so eilte sie sich damit, sich anzukleiden. Das Kleid ließ sich nur schwer über ihren nassen Körper ziehen, und so zerrte und zog sie es eilig wieder an. Erst, als das Kleid über die Hüften, und schließlich die Knie fiel, und dann wieder ihren ganzen Körper bedeckte, ließ die Anspannung, unter welcher sie in diesem Moment litt, wieder von ihr ab. Und so trat sie wieder zurück zu ihrem Lager.

Als sie das Lager erreichte, erhob sich Entaro beinahe hastig, und so standen sich die beiden gegenüber, und blickten sich wortlos an. Als Isaé Entaro geradewegs ansah, errötete sie. Irgendwie war das verhext. Sie hatten sich erst gestern Abend kennengelernt, nur wenig später waren sie bereits zusammen in einem Bett gelegen, wenn auch anders, als Mann und Frau dies gewöhnlich taten, sie hatten sich geküsst, und nun hatte er sie auch nackt gesehen. Isaé schämte sich sehr. Würde ihre Mutter noch leben, und hätte Kenntnis von diesen Zwischenfällen, sie hätte nicht wenige, wenn auch liebevolle, Ermahnungen für ihre Tochter gehabt. Und trotz der kurzen Zeit, die sie ihn kannte, so hatte sie dennoch das Gefühl, dass sie ihm vertrauen konnte, dass er ehrlich und anständig war, und, dass sie ihn auch mochte. Als ihr gewahr wurde, dass sie ihn schon viel zu lange angestarrt hatte, da strich sie sich verlegen eine nasse, ins Gesicht gefallene Haarsträhne nach hinten, und sank schließlich langsam zu Boden, und setzte sich vor dem erkalteten Lagerfeuer hin. Erst jetzt nahm auch Entaro Platz und Isaé erkannte, dass er gewartet hatte, bis sie sich wieder hingesetzt hatte, und diese Erkenntnis zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen. Und so saßen sie sich nun, wenn auch mit gebührendem Abstand, gegenüber, und starrten sich wieder an, so dass Isaé beinahe begann, sich unwohl zu fühlen.

Und so kramte sie aus ihrer Tasche ihren Holzpflock, und tat, als wäre sie damit beschäftigt, ihn zu überprüfen. Mit einem Stein begann sie, die blutigen Verunreinigungen der letzten Hexe abzuschaben. Als sich schließlich wieder sauberes Holz zeigte, zog sie noch ihres Vaters Langmesser aus der Scheide am Gürtel hervor, um ihn wieder ein wenig anzuspitzen. "Ich habe, während ihr ... du baden warst, ein wenig nachgedacht. Gestern, als es schon spät war, hattest du mir einige Fragen gestellt, auf welche ich dir die Antwort schuldig geblieben war." Als sie sich Entaros Stimme gewahr wurde, ließ sie von dem Pflock ab und ließ das Messer in ihren Schoß sinken. Sie hob den Kopf und blickte ihn neugierig an. "Um der Wahrheit die Ehre zu geben, fiel es mir nicht leicht, darüber zu sprechen. Auch jetzt nicht. Doch deine Wut ist unbegründet, Isaé. Und ich möchte nicht, dass du schlecht von mir denkst." Isaé runzelte die Augenbrauen. War das seine einzige Sorge? Dass sie schlecht von ihm denken könnte, und vielleicht nicht zu ihm aufblickte? Er versuchte ihr zu erklären, dass er nicht den Befehl gegeben hatte, Mirek zu töten, sondern dass er nur Worte der Macht ausgesprochen hatte, und der Drache so scheinbar eigenmächtig gehandelt hatte. Isaé versuchte, sich die Situation erneut in Gedanken zu rufen, doch je länger, sie darüber nachdachte, desto weniger erinnerte sie sich.

Entaro versuchte Isaé zu überzeugen, doch es gelang ihm nicht so recht. Er beteuerte „Du musst mir glauben. Doch du musst auch verstehen, dass du nun, ob gewollt oder nicht, dem Drachen verpflichtet bist." Da lachte Isaé rau auf. „Du willst mir wirklich erzählen, du hast den Drachen nicht befehligt, aber er habe eigenmächtig gehandelt, und nun ist es, wie es ist, und ich stehe in der Blutschuld deiner Kreatur? Noch einmal, Drachenreiter; ich habe weder dich noch den Drachen gebeten, diesen Dreckskerl zu töten, wie kannst du dann behaupten, ich stehe in deiner, oder seiner Blutschuld?" Entaro schüttelte den Kopf. „Du steht nur in der Blutschuld des Drachen, und nicht in meiner.“ Da schnaubte Isaé, hob ihr Langmesser, und richtete es auf den Drachenreiter. „Das hast du gestern aber anders gesagt“ Die Hexenjägerin wurde sich der Tatsache bewusst, dass er diese Geste als Drohung ansehen könnte, und so steckte sie das lange Messer schwungvoll wieder zurück in seine Lederscheide. "Du sagtest, mein Schicksal wäre nun mit dem des Drachen verwoben. Doch nicht so wie das deine. Und wenn ich dir, oder dem Drachen die Blutschuld zurückzahle, bin ich frei. Das waren deine Worte!“ Es klang beinahe anklagend, doch alles was Entaro tat, war lächeln. Und erneut, versuchte er, sich zu erklären und Isaé zu überzeugen. „Ich hatte weder geplant dich an den Drachen zu binden, noch war ich von niederen Antrieben geleitet dich an mich zu binden. Du brauchst dich also nicht weiter so aufzuregen. Meine Rolle bei diesem Spiel ist ebenso unbedeutend wie nebensächlich. Der Drache rettete dein Leben, diese Blutschuld verlangt nach Blut. Ein Leben für ein Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Isaé wurde wirklich wütend. „Hörst du dir selbst zu, Drachenreiter? Du sagst, ein Leben für ein Leben, nicht mehr und nicht weniger. Mein Leben für Mireks Leben. So ist es doch, oder etwa nicht? Nicht mehr und nicht weniger, ist denn mein Leben so wenig wert? Wenn ich nicht mein Leben zu opfern habe, wie sollte ich deinem Drachen wohl sonst Blutschuld…“ Isaé betonte das Wort besonders, um die Gewichtigkeit hervorzuheben, „…zurückzahlen? Was verlangt denn ein Drache, wenn nicht Blut?“ Sie kniff ihre Augen zusammen „Oder muss ich mich dir hingeben, zur Schuldbegleichung? Ist es das, was du willst? Vielleicht war deine ehrbare Zurückhaltung ebenso nur Schauspiel, und nun, da ich hier mit dir in der Wildnis hocke, mit deiner verbündeten Bestie, deren Herr und Meister du bist…“ Er schüttelte den Kopf. „Wir sitzen hier nicht, alleine in der Wildnis um deine Blutschuld einzufordern. Nein, gewiss nicht. Und das erste ... Blut einer Jungfrau begleicht keine Blutschuld, Hexenjägerin. Wir sitzen hier in der Wildnis, weil es hier nichts anderes gibt, als Ödland und verfluchte, verwunschene Geisterstädte. Wärest du lieber bei dem Mob im Dorf geblieben?"

Nun war es an Isaé, den Kopf zu schütteln. „Nein…“ hauchte sie leise. Und mit einem Mal fühlte sie sich schlecht. „Vergib mir, Entaro…“ sagte sie ebenso leise. „Du hast mir das Leben gerettet. Auch, wenn der Drache meinen Peiniger getötet hat, so hast doch du mich gerettet. Wärst du nicht dagewesen, hätten die beiden mich geschändet und ersäuft. Ich bin dir über alle Maßen dankbar. Und ich schulde dir etwas, auch, wenn ich jetzt noch nicht weiß, was. Und wenn es eines Tages so weit ist, diese Schuld zu begleichen, dann werde ich es tun.“ Sie lächelte ihn versöhnlich an. Doch innerlich zitterte sie. Es mochte die Aufregung sein. Isaé ergriff einen Stock und stocherte in der nackten Glut umher, bis sie ein noch glosendes Glutnest fand. Das war alles, was sie brauchte. Sie nestelte aus ihrer Tasche ihre Pfeife, das Pfeifenkraut, und das Päckchen Feuermohnopium, und bereitete sich eine Feuermohnpfeife. Einen kleinen Kienspan drückte sie in die Glut, bis er schließlich brannte, und damit entzündete sie die Pfeife. Als sie mehrere tiefe Züge genommen hatte, beruhige sich ihr Gemüt wieder, und beinahe war ihr in diesem Moment alles egal, was vorgefallen war... Sie saß einfach nur da, und beobachtete den Mann der da neben ihr saß, während der Feuermohn sie wieder mit sich und der Welt ins reine brachte. Als sie seine Handfläche betrachtete, legte sie die glühende Pfeife zur Seite, und rutschte an ihn heran. Isaé nahm Entaros Hand, und drehte sie, so dass seine Handfläche nach oben zeigte. Es offenbarte sich ein tiefer Schnitt, welcher auseinander klaffte und so aussah, als wäre er nur wenige Stunden alt. Sie fuhr mit ihren Finger über den Schnitt, ohne diesen zu berühren. „Du bist verletzt, Entaro...“ stellte Isaé fest...
#34
Fluch und Segen ❖
drache-in gewisser Weise konnte Entaro die aufgebrachte, junge Frau verstehen. Vielleicht waren all diese Erkenntnisse nun ein wenig zu viel für sie. Und natürlich wirkte sie zunächst erst aufgebracht, als der Drachenreiter ihr offenbarte, dass sie nun in einer Blutschuld stand. Vermutlich hatte sie es ein wenig falsch aufgefasst, aber jeder Versuch Entaros, sich zu erklären, endete darin, dass Isaé noch aufgebrachter wurde, bis sie schließlich ihr blankes Messer auf ihn richtete. »Du sagtest, mein Schicksal wäre nun mit dem des Drachen verwoben. Doch nicht so wie das deine. Und wenn ich dir, oder dem Drachen die Blutschuld zurückzahle, bin ich frei. Das waren deine Worte!« Damit traf sie den Nagel natürlich ziemlich genau auf den Kopf. Entaro biss sich auf die Unterlippe. In diesem Moment wünschte er sich, er hätte einfach gar nichts gesagt. Doch irgendwie hatte Entaro den Eindruck sie würde es dennoch missverstehen. Und so schüttelte er nur den Kopf, während er seine Hände ein wenig empor hielt, um ihr Einhalt in ihren Worten zu gebieten.

Es half, wenn auch nur wenig. »Erinnerst du dich? Ich habe dir doch erzählt, dass der Drache und sein Reiter eins sind. Wir sind durch einen alten Schwur und einen noch älteren Pakt miteinander verbunden. Ich kann es dir nicht genau erklären. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, verstehe ich es selbst noch nicht zur Gänze.« Erneut unterbrach Isaé ihn mit einem bösen Blick, der ihn wohl, wenn Blicke töten könnten, augenblicklich umgebracht hätte. »Ich erinnere mich auch, dass du der Herr und Meister dieser Bestie bist.« Sie fauchte förmlich, was Entaro zunächst unmerklich zusammenzucken ließ. Doch er wartete ihre Worte ab und sprach dann ruhig weiter. »Möglicherweise. Doch diese Einheit, die wir bilden, besteht aus mehr als nur Befehlen und Gehorsam. Es ist ein unsichtbares Band. Erleidet einer von uns eine Wunde, fühlt der andere den Schmerz.« Isaé sah Entaro mit fragenden Blicken an, als ob sie nicht verstand, wovon er da sprach. Doch schien sie ebenso am ganzen Leib zu zittern, was Entaro ihrer Aufregung und ihrem Unmut zusprach. Doch was Isaé wohl nicht wusste, so wie es wohl nur sehr wenige Menschen dieser Tage wussten, sollte der Drache sterben, so stirbt auch sein Reiter. Dies war das große Geheimnis, warum die Drachenreiter immer seltener geworden sind. Doch so sehr er Isaé auch mochte, dieses Geheimnis war sie noch nicht würdig zu erfahren, so entschied er aufgrund ihrer Art wie sie sich nun verhielt.

Die Auseinandersetzung schaukelte sich noch eine Weile hinauf, während Isaé immer direkter mit ihren Anschuldigen wurde, bis Entaro ihr schließlich einen Riegel vorschob. Wie auch immer sie auf die aberwitzige Idee gekommen war, dass er dies alles lediglich zu dem Zweck, sie in diese Einöde zu entführen, inszeniert hatte. »Wenn ich dies beabsichtigt hätte, wäre es nicht nötig gewesen dich an mich zu binden. Es gab bereits eine Gelegenheit und sie wurde nicht genutzt, wenn du dich erinnerst.« Mehr sagte er dazu nicht, denn er war sich sicher, dass sie verstand, worauf er anspielte. Und es war ihm äußerst unangenehm darüber zu sprechen. In mancherlei Hinsicht verhielt sich in Entaro in diesen Dingen wie ein Jüngling, wo er doch in anderen so erfahren und beinahe stoisch und belehrend wirkte. An ihr ungebührliches Verhalten, welches durch den Feuermohn hervorgerufen wurde, als sie gemeinsam in dem Zimmer des Gasthauses gewesen waren. Die Frage, ob sie lieber beim Mob geblieben wäre hatte ihre Wirkung zumindest nicht verfehlt, und sie hatte endlich die Sprache verloren. Ein wenig verlegen schien sie zu sein, während das Zittern, welches Entaro bereits zuvor bemerkt hatte, stärker geworden zu sein schien.

Als sie dann schließlich ihre Pfeife aus dem Beutel genommen hatte, und diese unter zitternder Anstrengung mit einem brennen Span in Brand gesteckt hatte, da stützte Entaro seinen Kopf auf seine Hand, während er sie neugierig aber mit wachsender Erkenntnis beobachtete. Langsam kehrte Ruhe in ihren Körper ein, und sowohl ihre angespannte Haltung als auch ihr wütendes Gesicht schienen sich mehr und mehr zu entspannen. Hatten ihr Gemütszustand und diese Stimmungsschwankungen etwa auch etwas mit diesem Rauschmittel zu schaffen? Es schien, als ob das eine mit dem anderen, Hand in Hand, nahtlos ineinander übergehen würde. »Wird das nun etwas, woran ich mich erst gewöhnen muss?«, fragte der Drachenreiter und legte dabei seine Stirn in ernste Falten. »Welche von euch ist die wahre Isaé?«, hakte er weiter nach und zwang Isaé so ihn anzusehen. »Liegt es an dem Feuermohn oder an dir selbst, wenn du so aufgebracht bist? Mit wem spreche ich, wenn du leicht zu erzürnen bist? Ist es der Feuermohn, der dein Temperament zügelt, oder facht er es gar an, wenn seine Wirkung am Verglühen ist?« Isaé schien seinen, beinahe vorwurfsvollen, wenn auch von ehrlicher Neugierde bewegten, Fragen lediglich auszuweichen, als sich ihre Blicke auf seine Hand richteten. »Du bist verletzt ...« merkte sie an und deutete mit dem Mundstück der Pfeife auf jene, blutende Wunde. Doch der seltsame, glasige und abwesende Blick, der sich ihrer Augen bemächtigt hatte, war ihm nicht entgangen. Er entschied, es nicht zu erwähnen und sah auf seine Hand herab. Entaro spreizte die Finger etwas und senkte den Blick, um die Wunde in Augenschein zu nehmen. Sofort begann die Wunde zu pochen und zu brennen, so dass er den Kopf wieder erhob und ihr ein müdes und gequältes Lächeln schenkte. »Das, meine Liebe, ist der Preis dafür, der Herr und Meister zu sein.« Sein lächeln erstarb nach diesen Worten, welche auf die ihren anspielten, und er presste die Hand wieder zusammen bis der Schmerz langsam wieder nachließ. »Nichts, in dieser Welt, wird einem geschenkt. Und mancher Segen, so wie es scheint, entpuppt sich als ein wahrer Fluch.« Er seufzte und rieb sich die schmerzende Hand. Nach diesen Worten wandte er sich schließlich von Isaé ab. Sein Blick wanderte unweigerlich in jene Richtung, in welcher der schwarze Drache lauerte. Sein Schädel schwebte, kaum eine Handbreit, über dem Boden. Und seine schwach glühenden Augen starrten ihn dabei an. Als sich ihre Blicke trafen, herrschte für einen Moment lang Stille. Als ob Entaros Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Isaé hingegen, welche sich nun gänzlich dem, wohl für sie erholsamen, Rausch des Feuermohns hingab, schenkte ihm kaum noch Beachtung. Er hatte, besonders nach ihren vorwurfsvollen Worten bezüglich ihrer Unschuld, keine Lust auf weitere Worte. Vielleicht verhielt es sich wirklich so, wie sie zuvor versichert hatte. Doch Isaé machte auf Entaro nicht den Eindruck im Besitz eines gefestigten Geistes zu sein. Vielleicht lag es nur am Feuermohn. Doch vielleicht war es auch gerade dieser, der sie zu dem machte, was sie war. Und so hatte sich Entaro auf die Seite gelegt und starrte in die tanzenden Flammen, während er Isaé einen letzten Blick schenkte.
#35
Wie Feuer und Wasser ❖
drache-ohne den Blick zu heben, lauschte Isaé Entaros Worten. "Das, meine Liebe, ist der Preis dafür, der Herr und Meister zu sein. Nichts wird einem geschenkt. Und mancher Segen, so wie es scheint, entpuppt sich als ein wahrer Fluch." Die junge Frau versuchte, seine Gedanken zu ergründen. Es war wahr. So, wie sein Drachenreiter Dasein für ihn Fluch und Segen gleichzeitig zu sein schien, augenscheinlich mehr Fluch als Segen, so war ihr Fluch und Segen der Feuermohn. Doch warum begab sich ein Mann freiwillig in die Abhängigkeit eines solches Fluches? Warum wollte er Herr und Meister sein? Nachdem sie ihn eine Weile ausdruckslos angestarrt hatte, wandte er sich von ihr ab.

Isaé presste die Lippen aufeinander, zuckte die Schultern, und lehnte an dem großen Felsen, der sich dicht an ihrem Lager befand. Sie widmete sich wieder ungestört ihrer Pfeife und sie kam nicht umhin, festzustellen, dass der Fels bequemer war, als er auf den ersten Blick wirkte. Trotz der Wirkung des Feuermohns, die sich wohlig in ihrem Körper ausbreitete, verspürte sie eine große, nie gekannte Unruhe. Warum? Lag es an Entaro, welcher seiner Missbilligung freien Lauf gelassen hatte, als sie sich eine Pfeife entzündet hatte? Konnte es ihr nicht egal sein, was er dachte? Sie blies den Rauch resigniert aus ihren Backen und wandte dann den Kopf gen Drachenreiter, welcher sich auf dem Waldboden der Lichtung hingelegt, und ihr scheinbar demonstrativ den Rücken zugewandt hatte. Als sie zu ihm hinüber blickte, wandte er ebenso seinen Kopf, und ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Isaé blickte auf ihre Pfeife, und als sie wieder Entaros Blick suchte, hatte er seinen Kopf wieder abgewandt, und würdigte ihr keines Blickes mehr. Isaé zuckte die Schultern und rief sich seine Worte in Erinnerung. Fragen, die sie nicht beantwortet hatte. "Wird das nun etwas, woran ich mich erst gewöhnen muss? Welche von euch ist die wahre Isaé? Liegt es an dem Feuermohn oder an dir selbst, wenn du so aufgebracht bist? Mit wem spreche ich, wenn du leicht zu erzürnen bist? Ist es der Feuermohn, der dein Temperament zügelt, oder facht er es gar an, wenn seine Wirkung am verglühen ist?" Sie fand diese Fragen seltsam. Feuermohn hatte eine starke Wirkung auf Schmerzen. Und es war nicht von der Hand zu weisen, dass er ein starkes Aphrodisiakum war. Manch einer konsumierte Feuermohn nur deswegen, was sehr töricht war. Doch sie konnte sich nicht entsinnen, dass Feuermohn das Wesen veränderte. Außer, wenn man vom Feuerwahn befallen wurde. Aber das war eine psychische Erkrankung, ausgelöst durch langjährigen Missbrauch von dieser Droge. Nein, sie war, wie sie war. Doch ob er ihr dies glauben würde? Warum gab sie überhaupt einen Deut darauf, was er dachte? Und warum wollte sie sich ihm erklären? Es ging ihn überhaupt nichts an! Dennoch, als die Pfeife verglüht war, klopfte sie die Asche heraus, reinigte sie mit einem kleinen Lappen, und verstaute sie in ihrer Tasche. Dann erhob sie sich, umkreiste das Lager, und hockte sich vor Entaro. Sie wollte mit ihm von Angesicht zu Angesicht reden. Sie wollte sich ihm erklären. Sie wollte ehrlich zu ihm sein. Sie wusste nicht, wieso dies alles. Sie wusste nur, sie mochte ihn. „Entaro…“ begann sie leise. „Wenn du willst, dass sich unsere Wege nicht trennen, dann musst du dich daran gewöhnen. Ich sage dir das nicht, weil ich dich vor den Kopf stoßen, oder dich brüskieren will. Nein, ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Denkst du, ich rauche den Feuermohn aus einfach weil es mir Spaß macht, oder aus Langeweile? Ich habe dir schon erzählt, wieso ich es mache. Und glaube mir, es wäre mir lieber, ich könnte ihm widerstehen. Er ist sehr teuer, und schwer zu beschaffen. Ja, Feuermohn erweckt Leidenschaft. Aber zwischen uns ist es doch nicht so oder? Feuermohn erweckt sie, aber er kann sie nicht erschaffen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.“ Sie betrachtete ihn eingehend. Er hatte gesagt, dass es wohl Daereans Wille gewesen sei, dass sie sich begegnet waren. Doch zu welchem Zweck? Sein Gesicht war ernst, aber edel. Beinahe anmutig. Als er vor ihr gestanden hatte, und ihr gesagt hatte, dass sie wunderschön sei, da hatte es etwas in ihr ausgelöst.

Und nun, da sie ihn betrachtete, stellte sie sich vor, wie es wäre, ihn eingehender zu küssen, als nur diesen flüchtigen, beinahe unbeabsichtigten Kuss, welchen sie am vergangenen Abend miteinander geteilt hatten. Und dann stellte sie mit Schrecken fest, dass sie ihn nur wenige Sekunden zuvor belogen hatte, und ihn doch begehrte. Diese Erkenntnis ließ sie für eine Sekunde erbleichen, und dann wich sie ein wenig vor ihm zurück, und setzte sich in gebührlichem Abstand vor ihm in den Schneidersitz. Er war ein Diener Daereans! Er hatte ein Gelübde abgelegt. Isaé wusste nicht genau, welches, aber eins stand doch fest, Frauen gehörten nicht dazu! Es wäre respektlos und völlig daneben, dies zu missachten. Dies konnte nicht Daereans Wille sein. Sie richtete ihren Oberkörper gerade, während ihre Hände auf ihren Knien ruhten. Nur eines noch. „Ich bin, wie ich bin. Mit und ohne Feuermohn, ich bin stets dieselbe. Wenn dir das nicht gefällt, so kann ich nichts dagegen tun.“ Unter diesem Gesichtspunkt hatte es für Isaé überhaupt keinen Sinn mehr, weiter zu sprechen. Sie hatte für einen Moment tatsächlich geglaubt, ihre Begegnung wäre Schicksalshaft gewesen, und beinahe hätte sie ihm dies auch erzählt. Dass sie geglaubt hatte, dass er der strahlende Ritter war, welcher ihr helfen konnte, und sie sich mit seiner Hilfe vom Feuermohn lösen könnte, und Rettung fand, bevor sie dasselbe Schicksal teilte wie all die anderen armen Geschöpfe und dem Feuerwahn anheim fiele. Doch nun waren ihre Lippen fest verschlossen. Dass sie diesen Mann nicht begehren durfte, versperrte ihr Herz und ihre Zunge. „Du hast dich geirrt, es war nicht Daereans Wille, dass wir uns begegnet sind. Wenn doch, so ist dein Gott schonungslos… Du bist ein netter Mann, Entaro. Aber wir sind so gänzlich verschieden, und ich glaube, wir würden uns ständig streiten. Blutschuld hin oder her, es ist doch das Beste, wenn sich unsere Wege trennen…“ Sie hielt ernst und voller Überzeugung für ihre eigenen Worte seinen Blicken stand.
#36
Keine andere Wahl ❖
drache-natürlich hatte Entaro erwartet, dass Isaé wohl, oder auch übel, auf seine Bemerkung reagieren würde. Doch je mehr er ihren Worten andächtig lauschte, desto mehr erweckte sie den Eindruck, ihn ein wenig missverstanden zu haben. » Denkst du, ich rauche den Feuermohn einfach weil es mir Spaß macht, oder aus Langeweile? Ich habe dir schon erzählt, wieso ich es mache. Und glaube mir, es wäre mir lieber, ich könnte ihm widerstehen. Er ist sehr teuer, und schwer zu beschaffen.« Entaro lächelte um Isaé ein wenig zu besänftigen, doch scheinbar hatte dies nur zur Folge, dass sie sich belächelt fühlte. »Isaé, ich meinte nicht deinen Konsum dieses Feuermohns.« Er legte den Kopf ein wenig schiefer und betrachtete sie umso genauer, um vielleicht ihre Gefühle oder Ängste in ihrem Blick zu sehen. Doch dies erwies sich als schwieriger als gedacht. »Ich meinte lediglich, dass ich nicht weiß, wer die wahre Isaé ist. Ich habe keinerlei Kenntnisse über diesen Feuermohn und was er in einem Menschen bewirkt.« Isaé schien skeptisch zu sein, doch ließ sich Entaro davon nicht entmutigen und sprach weiter. »Ich hatte lediglich den Eindruck, dass du immer nervöser geworden bist. Immerhin haben deine Hände gezittert und deine Augen geflackert. Außerdem wurdest du immer gereizter, bis du dann zur Pfeife gegriffen hast, und dich sichtlich entspanntest. Daher stellte sich mir die Frage, wer die wahre Isaé ist. Treibt dich die Abhängigkeit nach diesem gottlosen Kraut zu solch einem Verhalten, oder kehrt lediglich das Verblassen seiner Wirkung deine wahre Natur hervor?« Isaé schien sich rechtfertigen zu wollen, als sie wieder das Wort ergriff. »Ja, Feuermohn erweckt Leidenschaft. Aber zwischen uns ist es doch nicht so oder? Feuermohn erweckt sie, aber er kann sie nicht erschaffen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.« Doch da schüttelte Entaro nur den Kopf. Unweigerlich musste er aber daran denken, wie er sich gefühlt und benommen hatte, als er unwissentlich von Isaés Pfeife probiert hatte und die Wirkung dann irgendwann seinen Verstand übermannt hatte. »Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fühle mich auch nicht vor den Kopf gestoßen oder brüskiert. Ich wollte lediglich wissen woran ich bin und worauf ich mich einstellen muss.« Entaro grübelte ein wenig bis er entschied, dass es besser wäre, wenn er gar nicht erst etwas gesagt hätte. »Verzeih, dass ich gefragt habe. Es war unhöflich und der Moment alles andere als passend.« Damit ließ er es dabei bewenden und hoffte, sie würde sich wieder beruhigen. Also legte sich Entaro nieder, um dem brisanten Gespräch nicht noch weiteren Zunder zu bieten.

Doch Isaé wollte sich nicht einfach so abwimmeln lassen. Daher trat sie an ihn heran und kniete sich neben ihm nieder. »Ich bin, wie ich bin. Mit und ohne Feuermohn, ich bin stets dieselbe. Wenn dir das nicht gefällt, so kann ich nichts dagegen tun.« Entaro wandte noch einmal den Kopf zu ihr um und bedachte sie, wenn er es auch versuchte zu vermeiden, mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Weißt du, Isaé. Ich kenne dich natürlich nicht, denn ich würde lügen, wenn ich behaupten würde dich nach diesen wenigen Tagen schon kennen zu wollen. Doch habe ich dich bisher als besonnen und ehrlich erfahren. Diese aufbrausende Art ist mir bisher nicht sonderlich aufgefallen, erst heute. Daher hatte sich mir diese Frage aufgedrängt. Ich habe nicht behauptet, dass ich dich nun weniger mögen würde, oder es mir missfallen würde.« Entaro seufzte. Wenn er sich ehrlich war, missfiel es ihm. Doch sein besonnener Geist hütete sich dieses nun auszusprechen. Er entschied, dass es besser sein würde, dieses Thema ein anderes Mal zur Sprache zu bringen. Natürlich war er auch nicht besonders auf aufbrausende Gesellschaft aus, doch das behielt er ebenfalls für sich. Isaé ging aber noch weiter. Ob sie nun beleidigt war, oder einfach nur schonungslos das aussprach, was sie dachte, konnte Entaro nicht wirklich unterscheiden. Doch wirkte sie auf jeden Fall alles andere als besänftigt. Beinahe hatte es den Anschein, als ob sie den Streit suchen würde. »Du hast dich geirrt, es war nicht Daereans Wille, dass wir uns begegnet sind. Wenn doch, so ist dein Gott schonungslos…« »Viele Ungläubige empfinden die Götter scheinen grausam oder ungerecht. Es liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Für das eigene Seelenheil muss man auch Opfer zu geben bereit sein.« »Du bist ein netter Mann, Entaro. Aber wir sind so gänzlich verschieden, und ich glaube, wir würden uns ständig streiten. Blutschuld hin oder her, es ist doch das Beste, wenn sich unsere Wege trennen.« Da richtete sich Entaro dann doch auf und blickte Isaé ernst an. »Du missverstehst, Isaé.« Hob er an und wägte seine Worte wohl ab. »Du kannst deine Sorgen und Probleme nicht aus der Welt schaffen, indem du vor ihnen davonläufst. Jeder Disput kann gelöst werden. Jeder Streit beigelegt. Ich wollte dich nicht beleidigen oder gar ein Urteil über dich fällen. Ich war unbesonnen und habe laut gedacht. Dafür bitte ich um Vergebung.« Entaro fuhr sich mit der Hand, dessen Finger er ein wenig, wie einen Kamm, auseinander gefächert hatte, durch die Haare, bevor er die unangenehme, schmerzliche aber nichtsdestotrotz unausweichliche Wahrheit aussprach. »Aber, so sehr ich es auch bedauere, dass du nun an mich und den Drachen gebunden bist, du kannst nicht gehen. Unabhängig davon, was du oder ich wollen. Und ich will bestimmt nicht, dass du gehst …« Entaro hüstelte ein wenig verlegen, bevor er kurz den Blick von ihr abwandte bevor er weitersprach. »Dass du alleine in diese verlassene und gefährliche Einöde ziehst.« Natürlich war er sich bewusst, dass sie auch diese Worte falsch auffassen würde und so biss er schließlich in den sauren Apfel und sagte, was gesagt werden musste. »Du hast keine Wahl. Du musst bleiben, denn du bist an den Drachen gebunden…Ich fürchte du unterschätzt das Band dieser Blutschuld. Du kannst nicht einfach gehen, ohne Konsequenzen.« Entaro sah sie ernst an, wobei er es nur gut mit ihr meinte, immerhin hatte er es selbst schmerzlich am eigenen Leib zu spüren bekommen, als er versuchte diesem Leben zu entfliehen. »Es gibt nur einen Ausweg, und den kennst du.« Mit diesen Worten deutete er in jene Richtung, in welcher der Drache lag.
#37
Tief in der Nacht ❖
drache-entaro verstand sie nicht. Er verstand sie einfach nicht! Und obwohl Isaé im Grunde eine ruhige, besonnene Frau war, so kehrte dieser Drachenreiter eine aufbrausende und aufbegehrende Seite in ihr hervor, die sie kaum von sich kannte. Die Hexenjägerin wusste in diesen Augenblicken selbst nicht, wer sie war, und das ärgerte sie. Er ritt auf dem Feuermohn umher, obwohl Isaé es ihm ohnehin schon erklärt hatte. Entweder hatte er ihr nicht zugehört, oder er hatte sie missverstanden. Isaé atmete leise, aber tief durch, und straffte schließlich ihren Oberkörper. „Dieses Kraut ist nicht gottlos, Entaro. Es ist ein unglaublich wertvolles Geschenk der Natur an die Menschen. Es liegt alleine an uns wie wir damit umgehen und es gebrauchen. Auch ich mache damit nur zu meinem Nutzen Gebrauch, und nicht zu meinem Vergnügen oder aus Torheit...“ Isaé war diesem Gespräch schon überdrüssig und so zog sie es vor, zu schweigen, und war froh, dass Entaro scheinbar dieselbe Idee hatte, als er sich hinlegte. Isaé begann zu grübeln und kam zu dem Entschluss, dass sie doch noch etwas zu sagen hatte. So erhob sie sich, und trat an Entaro heran und hockte sich neben ihm nieder.

"Ich bin, wie ich bin. Mit und ohne Feuermohn, ich bin stets dieselbe. Wenn dir das nicht gefällt, so kann ich nichts dagegen tun." Entaro bedachte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue, was Isaé mit Missbilligung feststellte. Doch sie ließ sich nichts anmerken oder gar eine Regung in ihrem Gesicht zu und lauschte stattdessen seinen Worten "Weißt du, Isaé. Ich kenne dich natürlich nicht, denn ich würde lügen, wenn ich behaupten würde dich nach diesen wenigen Tagen schon kennen zu wollen. Doch habe ich dich bisher als besonnen und ehrlich erfahren. Diese aufbrausende Art ist mir bisher nicht sonderlich aufgefallen, erst heute. Daher hatte sich mir diese Frage aufgedrängt. Ich habe nicht behauptet dass ich dich nun weniger mögen würde, oder es mir missfallen würde." Dies rang der jungen Frau ein spöttisches Lachen ab. „Ich bin nicht aufbrausend. Es ist deine Art, wie du mit mir umgehst, die eine solche Seite in mir hervorkehrt. Du bist belehrend, du benimmst dich, als hältst du dich für etwas Besseres, als hättest du schon alles gesehen und erlebt. Das ist es, das mich stört und aufbegehren lässt.“ Sie schüttelte den Kopf um ihre nachfolgenden Worte besser zu untermalen. „Ich bin nicht aufbrausend… und noch weniger liegt es am Feuermohn. Und ich sage dir noch etwas: Du hast dich geirrt, es war nicht Daereans Wille, dass wir uns begegnet sind. Wenn doch, so ist dein Gott schonungslos…“ Da erwiderte er „Viele Ungläubige empfinden die Götter scheinen grausam oder ungerecht. Es liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Für das eigene Seelenheil muss man auch Opfer zu geben bereit sein." „Oh, ich kannte auch Gläubige, die an ihren Göttern verzweifelt sind, weil sie tatenlos dabei zugesehen haben, wie durch Kriege Unschuldige getötet wurden, wie Unwetter ganze Ernten vernichtet haben und viele Kinder und Menschen verhungert sind… Menschen, die erlebt haben, wie…. Ach…“ Isaé schüttelte heftig den Kopf und beschrieb mit ihrer Hand eine abwertende Geste. „…es ist sinnlos. Du bist so fest in deinem Glauben, Diener Daereans, du hast sicher noch nie gezweifelt oder bist verzweifelt, weil du nicht verstanden hast wie ein gerechter und barmherziger Gott so etwas zulassen kann, und man sich nur auf den freien Willen ausreden kann und es nur an den anderen oder den gottlosen Menschen liegt. Ich kannte auch Menschen, die bereit waren, große Opfer für ihr Seelenheil zu geben. Eine Mutter zum Beispiel, die selbst im härenen Büßergewand ihr fünftes Kind zu Grabe tragen musste.“ Isaé blickte Entaro ernst in die Augen und sagte „Du bist ein netter Mann, Entaro. Aber wir sind so gänzlich verschieden, und ich glaube, wir würden uns ständig streiten. Blutschuld hin oder her, es ist doch das Beste, wenn sich unsere Wege trennen.“ Entaro richtete sich auf, und blickte sie an. "Du missverstehst, Isaé. Du kannst deine Sorgen und Probleme nicht aus der Welt schaffen, indem du vor ihnen davonläufst.“ Da war sie schon wieder, diese belehrende Art, bei welcher sich Isaés Haare aufstellten, und schon wollte sie den Mund aufmachen und etwas zu erwidern, doch er sprach fest weiter. „Jeder Disput kann gelöst werden. Jeder Streit beigelegt. Ich wollte dich nicht beleidigen oder gar ein Urteil über dich fällen. Ich war unbesonnen und habe laut gedacht. Dafür bitte ich um Vergebung." Und hier war die bescheidene, einsichtige Art, die es Isaé so mochte, und die es ihr schwer machte, ihm böse sein zu können. Sie lächelte und erwiderte „Ich bin dir nicht böse, Entaro…“ "Aber, so sehr ich es auch bedauere, dass du nun an mich und den Drachen gebunden bist, du kannst nicht gehen. Unabhängig davon, was du oder ich wollen. Und ich will bestimmt nicht dass du gehst …" Isaé hob den Kopf und blickte ihn beinahe sehnsüchtig an. Schien er es zu bemerken? Denn plötzlich wirkte er verlegen, hüstelte und wandte den Blick ab. „…dass du alleine in diese verlassene und gefährliche Einöde ziehst" verbesserte er sich. Und dann blickte er sie sehr ernst an und sprach schonungslos „Du hast keine Wahl. Du musst bleiben, denn du bist an den Drachen gebunden… Ich fürchte, du unterschätzt das Band dieser Blutschuld. Du kannst nicht einfach gehen, ohne Konsequenzen. Es gibt nur einen Ausweg, und den kennst du."

Isaé war es, es schlüge man ihr ins Gesicht. Sie presste die Lippen aufeinander und erwiderte Entaros ernsten Blick, doch sie sagte nichts. Seine Worte musste sie erst einmal verdauen. Sie erhob sich, und ging wortlos zu dem Felsen, an welchem sie vorher gesessen hatte, und ließ sich daran nieder. Tausende Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf, und nur eines drang in ihr Bewusstsein. Es waren Entaros Worte, die er vor kurzem an sie gerichtet hatte. Es ist ein unsichtbares Band. Erleidet einer von uns eine Wunde, fühlt der andere den Schmerz… Sie schluckte schwer, als die Erkenntnis in ihr Bewusstsein sickerte. Nur der Tod konnte sie von dieser Blutschuld entbinden. Wenn Entaro verletzt wurde, fühlte der Drache Schmerz. Und so musste es auch umgekehrt sein. Würde man den Drachen verletzen, oder gar töten, so würde man damit auch Entaro schaden. Aber würde Entaro sterben, wenn der Drache sterben würde? Und starb der Drache mit dem Drachenreiter? Dessen war sie sich nicht sicher. Entaros Worten nach war sie mit dem Drachen verbunden, nicht mit Entaro. Er war verletzt, und es hatte ihr nicht geschadet. Immerhin. Doch, trotzdem Entaro ihr das Leben gerettet hatte, wollte sie mit dieser Konsequenz leben, dass sie nun an ihn, oder vielmehr an den Drachen gebunden war? Blutschuld… Blutschuld… Was sollte das eigentlich? Für Isaé bedeutete Blutschuld entweder, dass jemand sich durch das Blutvergießen eines Unschuldigen schuldig gemacht hatte, und das hatte auf Isaés Peiniger sicherlich nicht zugetroffen… oder aber eine Tat konnte nur durch weiteres Blutvergießen gesühnt werden… Dabei war sie doch unschuldig! Sie hatte niemanden etwas getan! Weder klebte an ihr das Blut ihres Peinigers, noch dies eines anderen, auch nicht Entaros, oder das des Drachen! Die Unlogik über Entaros Entscheidung brachte sie beinahe um den Verstand, und kaum mehr hielt sie es in seiner Nähe aus.

Isaé kam schließlich zu dem Entschluss, dass der Drachenreiter verrückt sein musste. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr war sie sich sicher, dass sie das Weite suchen musste. Im Grunde kannte sie ihn kaum. Sie hatten kurz zusammen an einem Tisch gesessen, etwas getrunken, und dann, aus reiner Freundlichkeit hatte sie ihm angeboten, ihr Zimmer mit ihm zu teilen. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle hatte dazu geführt, dass sie nun hier zusammen saßen. Oder war etwa alles ein abgekartetes Spiel gewesen? Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass Entaro wirklich nur zufällig vorbei gekommen war, als Mirek über sie hergefallen war? Isaé presste die Lippen aufeinander und schloss die Augen. Sie wollte nichts mehr hören und sehen, von Entaro und dem Drachen. Viel Zeit verging, in welcher sie so tat, als würde sie schlafen. Doch anstatt zu schlafen schmiedete sie Fluchtpläne. Würde es ihr gelingen, einfach zu gehen, und zu fliehen? Wohin sollte sie? Sie kannte sich in dieser Gegend nicht aus, sie war mitten im verfluchen Reich Kalath… Doch wenn sie sich stets streng nach Osten hielt, würde sie früher oder später nach Ariad kommen, auch, wenn dies ein ziemlich weiter Weg war. Konnte sie überhaupt dagegen halten, mit dem geflügelten Drachen und seinem Drachenreiter? Sie musste es riskieren. Denn wie Entaro selbst gesagt hatte, sie hatte keine Wahl. Es gab nur einen Ausweg. Und dies war der Tod. Und dennoch würde sie eine zweite Wahl treffen. Ihre eigene Wahl. Sie würde gehen. Auch wenn Entaro dies nicht wollte, aus welchen Gründen auch immer…

Es war tief in der Nacht, als sie die Augen aufschlug. Es war stockfinster, das Lagerfeuer war erloschen und unter der Ascheschicht glomm die Glut noch leicht. Als sich nach einer Weile Isaés Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erschien ihr die nächtliche Welt nicht mehr so stockfinster. Der Mond und die Sterne spendeten kühles Licht. Die Augen der Hexenjägerin huschten mit wachem Blick über das Lager. Entaro rührte sich nicht, und schien zu schlafen, und ebenso der Drache. Isaé erhob sich langsam und vorsichtig, ergriff ihre Tasche, und warf sie sich über die Schulter. Ohne sich noch einmal umzusehen, stahl sie sich schleichend davon, tunlichst dabei bedacht, auf keinen Zweig zu treten, zu stolpern, oder sonstiges zu tun, das Lärm verursachte. Je weiter sie sich von dem Lager entfernte, desto froher und freier fühlte sie sich in ihrem Herzen, doch ihre Freude wich plötzlich, als sie plötzlich das dumpfe, ohrenbetäubende Gebrüll von Entaros Drachen vernahm. Wie erstarrt blieb sie stehen und warf einen Blick zurück. Der Drache hastete auf allen vieren auf sie zu, wälzte sich über die Lichtung, und fixierte sie mit seinen Raubtieraugen wie eine Beute. Isaés Herz begann heftig zu schlagen, und Angst bemächtigte sich ihrer, denn sie hatte gesehen, wozu der Drache imstande war. Ohne nachzudenken glitt ihre Hand nach ihrem Langmesser, welches sie am Gürtel trug. Als ob sie eine Hexe vor sich hätte, wandte sie sich zu dem Drachen um und zog ihr Messer, bereit, sich zu verteidigen. Dem Tier entging nicht der blanke Stahl, welcher für eine Sekunde im Mondlicht aufblitzte, und es begann zu schnauben, und dann erneut bedrohlich zu brüllen, gefolgt von Isaé panischem Kreischen. Es hatte keinen Sinn. Er konnte Feuerspeien, er hatte die Hexe geröstet, wie ein Stück schimmeliges Brot! Isaé musste einsehen, dass sie keine Chance gegen den Drachen hatte. Zitternd ließ sie das Messer fallen, welches mit einem leisen, dumpfen Aufschlag in das feuchte Gras fiel, und dann ließ sich die Hexenjägerin selbst bäuchlings in das Gras fallen und barg schützend ihren Kopf unter ihren Händen…
#38
Das Geheimnis des Bernsteins ❖
drache-resignierend gestand sich Entaro ein, dass es keinen Sinn mehr hatte mit Isaé weiter darüber zu sprechen. Sie war ein sturer Geist. Unbelehrbar und unbeirrbar. Sie war einer dieser Menschen, die erst glaubten, wenn sie es mit eigenen Augen sahen. Erst wenn man ihr das Augenlicht verlöre, würde sie erkennen, dass sie sehen konnte. Und dann erst würde sie begreifen. Doch er sah es ihr nach. Sie wusste nicht, was er wusste. Hatte nicht erlebt, was er erlebt hatte. Und ihr wurde nicht gelehrt, was er gelernt hatte. Und so sah er sie nur schweigend an, während sie sich in Erklärungen, Ausreden und Anfeindungen verstrickte, nur zu dem Zweck sich vor ihm zu verteidigen. Natürlich war dies ihr gutes Recht, doch hatte Entaro nicht die Absicht gehegt sie anzugreifen oder in die Enge zu drängen. Alles was sie tat, war sich selbst in die Enge zu drängen, was Entaro nur bedauerte.

Er ließ ihre Anschuldigungen über sich ergehen und erwiderte nichts darauf. Jedes Wort, egal ob Wahrheit oder Lüge, würde nur weiteres Öl in den Flammen ihres Unmutes bedeuten. Denn in diesem Moment war sie irrational und ihr Geist war sowohl für Vernunft als auch für Weisheit verschlossen. Ja, sie kreidete ihm sogar an sie zu belehren und sie herablassend zu behandeln. Dabei war alles, was sie von ihm erhalten hatte, ein gut gemeinter Rat. Natürlich verstand sie den Bund mit dem Drachen nicht. Und natürlich sträubte sich alles in ihr, in irgendjemandes Schuld zu stehen. Er konnte kaum erahnen, wie lange sie schon auf sich selbst gestellt war. Und eine solche Frau, wie Isaé es geworden war, konnte nur schwer akzeptieren ihr Leben fortan nicht mehr selbst bestimmen zu dürfen. Nein, sie war abhängig geworden. Von einem Drachen und auch von einem Mann. Ganz zu schweigen von dem Rauschgift, welchen sie anheimgefallen war. Abhängig und in eine Schuld gezwungen, die sie nicht erbeten hatte. Doch Entaro, hatte nicht die Macht dies zu ändern. Hier war ein uralter Pakt am Werk. Und dieser folgte anderen Gesetzen und gebot andere Regeln. Dem Drachen war es egal, was Isaé dachte oder wollte. Dem Pakt war es gleich welche Opfer Entaro, seit dem Besiegeln des Bundes, erbracht hatte und folgte seinen eigenen Gesetzen und diese waren unumstößlich. Niemand konnte sich dem entziehen. Weder Isaé, noch Entaro. Auch er hatte es mehr als einmal versucht. Vergeblich. Er wollte sie nur vor denselben Fehlern bewahren, die er einst begangen hatte. Doch Isaé wollte nicht hören.

Sie suchte die Schuld bei allem und jedem, nur nicht bei sich. Selbst für die Götter hatte sie nur wenig übrig. »Oh, ich kannte auch Gläubige, die an ihren Göttern verzweifelt sind, weil sie tatenlos dabei zugesehen haben, wie durch Kriege Unschuldige getötet wurden, wie Unwetter ganze Ernten vernichtet haben und viele Kinder und Menschen verhungert sind… Menschen, die erlebt haben, wie…« Entaro hob den Blick und sah Isaé direkt in die Augen. »Und ich kenne wiederum Menschen, deren Glauben an solcherlei Dingen geprüft und gewachsen ist. Du machst die Götter für diese Dinge verantwortlich und sprichst dabei von Dingen die du nicht verstehst, Isaé. Woher willst du wissen, dass deine Götter solche Taten vollbringen vermögen, welche du von ihnen verlangst?« Er runzelte seine Augenbrauen und sah Isaé dabei ernster an, um nicht gar wieder belehrend auf sie zu wirken. »Haben die Götter deines Volkes dir je gelobt die Unschuldigen zu schützen und die Welt vor dem Unheil zu bewahren? Ist dir je in den Sinn gekommen, dass sie dazu vielleicht gar nicht imstande sein könnten?« Isaé schüttelte heftig den Kopf und beschrieb mit ihrer Hand eine abwertende Geste. »…es ist sinnlos. Du bist so fest in deinem Glauben, Diener Daereans, du hast sicher noch nie gezweifelt oder bist verzweifelt, weil du nicht verstanden hast wie ein gerechter und barmherziger Gott so etwas zulassen kann, und man sich nur auf den freien Willen ausreden kann und es nur an den anderen oder den gottlosen Menschen liegt.« Entaro schwieg. Isaé ließ lediglich dem Schmerz, welcher in ihrem Herzen wohnte, freien Lauf. Die schlechten Erfahrungen und Erlebnisse, welche sie sowohl am eigenen Leib, als auch als stumme Zeugin gemacht hatten, hatten ihre Spuren und Narben hinterlassen. Und Entaro fühlte sich in diesem Augenblick auch nicht besonders bemüßigt ihr zu widersprechen. Und dabei hatte sie überhaupt keine Ahnung. Sie sprach von Dingen und warf ihm diese vor, ohne die Wahrheit zu wissen. »Sage mir eines, Isaé. Kannst du nur an einen Gott glauben, der gütig, barmherzig und großmütig ist? Die Götter sind nicht gütig oder gerecht. Manche sind grausam oder fordern unaussprechliches. Manche Völker verehren eben solche mit blutigen Riten und bringen diesen dunklen Göttern sogar Menschenopfer dar. Sie würden alles andere von ihren Göttern erwarten als Milde und Barmherzigkeit, vielmehr Strafe und ewige Verdammnis, und doch verehren sie sie und unterwerfen sich ihnen, da sie höher und mächtiger als sie selbst sind. Die Paltoren verehren die Sonne und predigen den Sonnenkult. Ja, die Sonne spendet Leben und Wärme. Doch ohne den Regen kann sie furchtbares Leid über die Welt bringen und ganze Felder verbrennen. Ist die Sonne nun gütig und barmherzig, oder grausam und selbstsüchtig?«


All diese Worte, welche sie im Zorn gesprochen hatte hallten nun, erneut durch seinen Kopf, als der Drache laut zu Brüllen begonnen hatte. Isaés Platz am Feuer war leer und ihr Hab und Gut war fort. Schnell erkannte der fahrende Bernsteinritter, dass sie seinen Rat in den Wind geschlagen und sich davongestohlen hatte. Entaro kämpfte sich auf die Beine und eilte dem Untier in die Dunkelheit nach. »Halt!«, gebot er der aufgebrachten Kreatur, doch sie gehorchte ihm nicht. Erneut erinnerte er sich an seine Worte und wurde sich bewusst, dass hier andere Mächte am Werke waren. Der uralte Pakt, von welcher er gesprochen hatte, war entfesselt worden und der Drache folgte nun diesem Befehl, nicht denen Entaros. Doch Isaé war nicht schnell genug gewesen. Der Drache hatte sie mit Leichtigkeit eingeholt und als Entaro, hörbar außer Atem, ebenso die am Boden kauernde Gestalt erreicht hatten, da baute er sich zwischen ihr und dem Drachen auf. Die Kreatur hatte seine Schwingen ausgebreitet und den Bernsteinritter buchstäblich von den Beinen gefegt. Wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren, wurde Entaro durch die Luft gewirbelt, während die ledernen Schwingen kurz darauf die kauernde Frau zu Boden drückten. Der Drache war wie von Sinnen. Rot glühten seine Augen und die Gier nach Blut glitzerte darin wie eine sprudelnde Quelle. Doch so gerne der Drache auch das Blut der Hexenjägerin gefordert hätte, so wenig konnte er gegen das unsichtbare Band, welches ihn mit dem Drachenreiter verband, ausrichten. Als Entaro hart auf dem Boden aufschlug, da schrie der Drache den Schmerz seines Reiters in die Luft. Er bäumte sich auf und dadurch kam Isaé wieder frei. Entaro hingegen rappelte sich, mit schmerzenden Gliedern, wieder auf und stellte sich erneut schützend vor die junge Frau. Der Drache nahm sogleich eine drohende Haltung ein und starrte dem Drachenreiter tief in die Augen. Dies war nun ein Kampf auf geistiger Ebene. Der Drache ließ sich nur von Instinkten, Trieben und einem inneren Gefühl, welche ihn an den Menschen band, leiten. Entaro hingegen hatte Wissen, Weisheit und Mut. Es war stets ein harter, schweißtreibender Kampf. Doch am Ende war es der Drache, welcher den Blick abwendete. Und so auch dieses Mal. Sein Herz hämmerte wild in der Brust und das Blut schoss ihm in Sturzbächen durch den Körper, als er sich endlich von dem Drachen abwandte und der Hexenjägerin zuwandte.

Ernst sah er auf sie herab doch streckte er ihr auffordernd seine Hand entgegen. »Glaubst du mir nun, Hexenjägerin? Du kannst nicht davonlaufen. Der Drache fordert seine Blutschuld. Und ob er nun dein Blut nimmt, oder du sie erbringst, ist ihm einerlei.« Als sie seine Hand nicht ergriff, da ließ er die Hand sinken, während er erneut seufzte. »Du kannst dich in dein Ende stürzen, oder dich in dein Schicksal ergeben. Der Drache hat dein Leben gerettet. Vielleicht missbilligst du die Art, wie er es tat. Doch er ist nur ein Tier. Er handelt nach Instinkt. Der alte Pakt, von dem ich sprach, bindet ihn. Löse ihn, und du bist frei.«.  Isaé sah ihn dabei eindringlich an. »…doch ohne dieses Band wären wir beide nun auch gestorben, denn nichts hätte ihn zurückhalten können.« Als Isaé kurz darauf schmerzerfüllt seufzte, ging Entaro vor ihr in die Hocke. »Bist du verletzt?« Die Strenge seines Blickes wich der Besorgnis um sie. Er legte ihr seine Hand auf den Rücken und als sie kurz darauf scharf die Luft zwischen den Zähnen einsog, da nahm er diese erschrocken wieder zurück. »Ich muss prüfen, ob deine Rippen gebrochen sind.« Entschuldigte Entaro sich, für den Schmerz der gleich folgen würde, aber auch für die Berührungen, welche hierfür nötig waren. Und so begann er sie sorgsam abzutasten. Er legte ihr seine Hände auf die Taille und tastete sich langsam ihren Brustkorb empor, bis er knapp den Ansatz ihrer Brust an den Spitzen seiner Finger fühlte. Er errötete und war in diesem Moment nur froh, dass es zu dunkel war, als dass sie es sehen könnte. »Du hattest Glück.« Entaro murmelte nur und warf einen Blick über seine Schulter. Das Lagerfeuer warf einen matten Schein über die Lichtung, doch schien es auf einmal so weit fort zu sein. Nichtsdestotrotz schob Entaro der jungen Frau seine Hände unter Arme und Beine und hob sie dann vorsichtig auf, um sie zum Feuer zu tragen.

Dort angekommen legte er sie auf ihrem Platz ab und kramte kurz darauf in seinen Taschen. Währenddessen warf er ihr immer wieder einen prüfenden Blick zu. »Lasse mich dir eines sagen, Isaé Edera aus Köllesberg. Kein Mann und keine Frau können jemals so fest im Glauben sein, dass sie über Zweifel oder Furcht erhaben sind.« Als er gefunden hatte, wonach er suchte, hielt er für einen Moment inne, hielt den Bernstein in das Licht der Flammen und nickte kurz darauf zufrieden. »Wir sind alle nur Schachfiguren auf dieser Welt. Jeder Zug bestimmt was mit uns geschieht und es liegt nicht an uns, die Schicksalsfäden zu weben oder zu lenken. Es liegt auch nicht an uns die Wege, oder Irrwege der Götter, oder eines Gottes, begreifen zu wollen. Doch was der Glaube ermöglicht ist, in solchen finsteren Zeiten, aus diesem die nötige Kraft zu schöpfen um an den Zweifeln, der Trauer und der Furcht nicht zu zerbrechen, sondern zu wachsen. Vielleicht glaubst du dein Schicksal, und das deiner Familie war grausam oder sinnlos. Doch sei dir bewusst, dass es in dieser unendlich weiten Welt Menschen gibt, welche ein noch viel schwereres Schicksal ereilte, als dich.« Entaros Worte waren vielleicht härter als Isaé es vertrug. Doch manchmal bedurfte es harter Worte um den wahren Weg zu sehen. »Sieh mich an.« Er deutete mit seinen Händen an sich herab. »Glaubst du wirklich, ich wäre über Zweifel, Reue und Furcht erhaben? Vielleicht hatten deine Entbehrungen und deine Verluste einen Sinn, welcher sich dir noch nicht offenbart?« Während Entaro sprach, hockte er sich vor Isaé nieder, nahm ein glühendes Stück Holz, welches nur zur Hälfte gloste, aus dem Feuer und legte dieses vor dem Gesicht der jungen Frau nieder. Noch bevor sie aufbegehren oder gar fragen konnte, was er da tat, legte er den Bernstein auf die Glut, welcher schon kurz darauf zu qualmen und zu rauchen begann. »So sind die Menschen nun einmal. Für alles brauchen sie einen Schuldigen. Die wahre Stärke des Glaubens liegt nicht darin, die guten Dinge zu sehen, sondern selbst aus den schlechten Dingen Hoffnung zu schöpfen.«

Isaé starrte zunächst fragend auf den glühenden Bernstein, bevor sie Entaro ebenso verwirrte Blicke zuwarf. »Sagtest du nicht, Daereans Essenz lebt in den Bernsteinen?« Entaro nickte nur, doch hüllte er sich in geheimnisvolles Schweigen. »Warum verbrennst du ihn dann?« Entaro öffnete seine linke Hand und deutete mit dieser auf den Bernstein und forderte sie auf ihn anzusehen. »Sieh zu.« Das versteinerte Harz begann zu knacken und zu knistern, als bald schon kleine Funken und ein seltsamer, milchiger Rauch dem Stein zu entweichen begann. Dieser Rauch kroch Isaé in den Mund und hüllte sie bald darauf gänzlich ein. »Dies ist eine der großen Gaben Daereans, Isaé. Spürst du wie deine Schmerzen von dir genommen werden? Die Last auf deinen Schultern und die erdrückende Gewalt des Drachen, aus deinen Knochen?« Entaro beugte sich ein wenig näher an das glühende Holzscheit heran und entfachte die Glut mit einigen kurzen Atemstößen. »Und vielleicht verstehst du nun, warum ich damals so forsch war, als wir darüber gesprochen hatten. Was glaubst du würde geschehen, wenn alle Welt um dieses Geheimnis wüssten? Sie würden Daereans Seele verbrennen, bis nichts mehr davon übrig ist. Daerean würde aus dieser Welt entschwinden und zurück bliebe nichts als Asche.«
#39
Ein stiller Schwur ❖
drache-isaé hatte kaum Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob sie nicht leise genug gewesen war, oder ob der Drache einfach nur ein feineres Gespür hatte. Oder ob es das unsichtbare Band war, von welchem Entaro gesprochen hatte, welches den Drachen aufgeschreckt und angeleitet hatte, sie, so wie ein Raubtier das Beutetier witterte, aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Während die Hexenjägerin am Boden lag, und um ihr Leben bangte, durchdrang eine laute, gebieterische Stimme die Nacht und die Kreatur hielt inne. Es war Entaro, der plötzlich erschienen war, und dem Drachen Einhalt gebot. Doch das Untier hatte Blut geleckt, es beachtete seinen Herrn und Meister war nicht, alle seine Sinne waren auf die junge Frau gerichtet, die am Boden lag, und sich schützend unter ihren Armen verbarg. Isaé wagte es, die Hände von ihrem Kopf wegzunehmen, und den Kopf zu heben, da sah sie, wie Entaro, welcher sich schützend zwischen sie und den Drachen gestellt hatte, durch die Wucht der ausgebreiteten Schwingen des Drachen förmlich vom Erdboden gefegt wurde und hart am Boden aufschlug. Der Drache legte eine seiner mächtigen Pranken auf Isaés Rücken und drückte sie hart gegen den Boden, so dass ihr Rücken regelrecht knackte. Die Luft wurde ihr regelrecht aus den Lungen gepresst, doch im nächsten Moment brüllte das Tier auf und bäumte sich auf, so dass es die Hexenjägerin freigab. Diese rappelte sich hastig aus ihrer Bauchlage auf, war aber unfähig, sich auch nur einen Zoll von der Stelle zu bewegen, so tief saß ihr der Schreck noch in den Gliedern. Entaro stellte sich erneut zwischen den Drachen und sie, und nachdem sich Drache und Herr eine Weile finster anstarrten, schien der Drache aufzugeben, wandte den Blick ab, und machte kehrt, beinahe so, als würde man ein Kind zur Strafe ins die Ecke stellen.

Der Drachenreiter drehte sich zu Isaé um, und blickte sie ernst an. Das kühle Mondlicht tauchte ihr verschrecktes Gesicht in Leichenblässe. „Glaubst du mir nun, Hexenjägerin? Du kannst nicht davonlaufen. Der Drache fordert seine Blutschuld. Und ob er nun dein Blut nimmt, oder du sie erbringst, ist ihm einerlei." Er reichte ihr seine Hand dar, um ihr aufzuhelfen, doch sie sah ihn nur stumm an, ohne die dargebotene Hand anzunehmen. Sie tat dies nicht aus Trotz, oder aus Stolz, sondern weil sie tiefe Scham empfand. Sie schämte sich entsetzlich, und kam sich vor wie ein dummes kleines Kind, das davongelaufen war. Und wie er sie Hexenjägerin nannte… „Ich habe dir geglaubt Entaro…“ beschwor sie. „Ich wollte es nur nicht glauben, verstehst du…?“ setzte sie kläglich hinzu, während ihr Herz immer noch heftig klopfte. "Du kannst dich in dein Ende stürzen, oder dich in dein Schicksal ergeben. Der Drache hat dein Leben gerettet. Vielleicht missbilligst du die Art, wie er es tat. Doch er ist nur ein Tier. Er handelt nach Instinkt. Der alte Pakt, von dem ich sprach, bindet ihn. Löse ihn, und du bist frei. Doch ohne dieses Band wären wir beide nun auch gestorben, denn nichts hätte ihn zurückhalten können." Isaé schluckte schwer. Es erschien ihr, als stünde sie nun nicht nur in der Blutschuld des Drachen, sondern auch in jener des Drachenreiters. Doch dies belastete sie nicht, sondern die Erkenntnis, dass Entaro sich dennoch in Lebensgefahr gebracht hatte, um sie zu schützen. Schwermütig atmete sie tief ein, doch ein heftiger Schmerz ließ sie zusammen zucken und aufstöhnen. Da ging Entaro vor ihr in die Hocke und fragte „Bist du verletzt?“ Isaé wusste es nicht. Ihr Brustkorb schmerzte, hatte der Drache doch ein beträchtliches Gewicht, mit welchem er sich auf die gestützt hatte. „Ich weiß es nicht“ flüsterte sie, und als er ihr die Hand in den Rücken legte, sog sie die Luft durch die Zähne ein, und Entaro zog die Hand zurück, als hätte er sich an der jungen Frau verbrannt. "Ich muss prüfen, ob deine Rippen gebrochen sind“ meinte er und begann behutsam ihren Brustkorb abzutasten. Ein Schauer durchströmte sie, als sie die Wärme seiner Hände durch den Stoff ihres Kleides spürte, und die Hände an ihrer Taille entlang huschten, bis hinauf zu ihrem Brustansatz, wo sie schließlich einhielten und er sie zurückzog. „Du hattest Glück“ meinte er. Ja. Das hatte sie in der Tat gehabt. Eine gebrochene Rippe wäre vermutlich noch das geringste Übel gewesen. Ein zerdrückter Brustkorb hingegen wäre schon etwas anderes gewesen. Hätte der Drache ihr, ähnlich wie Mirek, den Kopf abgebissen, oder sie gar in Feuer eingehüllt, wie die Hexe, dann wäre das ihr Ende gewesen. Entaro hob die Hexenjägerin auf, und trug sie zum Lagerfeuer zurück. Entaros Nähe wirkte wohltuend auf ihren angespannten Geist und Körper, obgleich es sie auch ein wenig unruhig machte. Sie beobachtete ihn dabei, wie er in seiner Tasche kramte, und dabei immer wieder einhielt und ihr einen Blick zuwarf. Isaé schwieg nur. Er begann mit ihr zu sprechen, während die Hexenjägerin ihm aufmerksam zuhörte. Er hatte etwas aus seiner Tasche gefingert und hielt den kleinen Gegenstand für einen kurzen Moment gegen den Schein des Lagerfeuers, doch Isaé konnte nicht erkennen, was er da zwischen seinen Fingern hielt. Entaro sprach von Glauben und Göttern, und Isaé erhob keine Einwände, sondern hörte sich stumm an, was er zu sagen hatte. Seine Worte waren hart und schonungslos, und doch prallten diese nach diesem angstvollen Erlebnis nicht mehr gleichgültig an ihr ab. Etwas war geschehen. Doch was?

„Sieh mich an“ riss er sie aus ihren Gedanken. „Glaubst du wirklich, ich wäre über Zweifel, Reue und Furcht erhaben?“ Bis vor kurzem noch hätte sie diese Frage mit ‚Ja‘ beantwortet. Aber nun schüttelte sie zu dieser rhetorischen Frage den Kopf und erkannte, dass Entaro ein ebenso von Zweifeln, Furcht und Reue geplagter Mann war. Sein Glauben konnte selbst ihn nicht davor bewahren, obgleich er ihr mit einem Mal wirkte wie ein Fels in der Brandung. „Vielleicht hatten deine Entbehrungen und deine Verluste einen Sinn, welcher sich dir noch nicht offenbart?" Isaé zuckte unwissend die Schultern. Sie wusste es nicht. Wie konnte sie schon einen tieferen Sinn in der Ermordung ihrer Eltern und ihres Zukünftigen entdecken? Ja, was würde die Welt auch ohne Isaé Edera, der Hexenjägerin machen, die es ohne der Ermordung dreier Menschen so nicht geben würde, dachte sie sarkastisch. Entaro indes zog aus dem Feuer ein brennendes Holzscheit und legte es neben Isaé, welches diese Tat skeptisch beobachtete. Als er den kleinen Gegenstand, welchen er in der Hand gehalten hatte, auf das Holzscheit legte, und dieser zu rauchen und glosen begann, da erkannte Isaé endlich, was er da aus seiner Tasche gefördert hatte. Einen Bernstein. Einen Bernstein, der laut Entaro Daereans‘ Essenzen enthielt. Was immer man unter göttlicher Essenz verstand, es musste etwas Vergleichbares sein, wie Odem, oder der Geist…? Und nun saß Entaro da und verbrannte ein Stück von Daereans Göttlichkeit? Isaé verstand nichts mehr. „Sagtest du nicht, Daereans Essenz lebt in den Bernsteinen?“ Da nickte der Bernsteinritter, aber er erwiderte nichts und Isaé war noch verwirrter „Warum verbrennst du ihn dann?“ hakte sie nach. Sieh zu." Isaé heftete ihre Augen wieder auf den Bernstein, welcher auf dem glühenden Scheit lag, und sah dabei zu, wie der Bernstein zu knistern und zu knacken begann. Oder war es nur das Holz? Nein, das Stück Bernstein begann zu rauchen, und der Rauch, welcher eine eigenartige Gestalt annahm, so, als könnte man ihn greifen und anfassen. Der Rauch begann Isaé einzuhüllen, und als sie erstaunt den Mund leicht öffnete als ihr ein „Oh…“ entkam, da kroch der Rauch selbst in ihren Mund. Doch empfand sie den Rauch weder als unangenehm, noch als aufdringlich, oder gar störend…

"Dies ist eine der großen Gaben Daereans, Isaé. Spürst du wie deine Schmerzen von dir genommen werden? Die Last auf deinen Schultern und die erdrückende Gewalt des Drachen, aus deinen Knochen?" Isaé hielt für einen Moment den Atem an, und ging in sich. Ja, dieses kleine Ritual, welches Entaro vollführt hatte, war in der Tat nicht wirkungslos geblieben. Sie fühlte sich mit einem Mal wesentlich freier, und erleichtert. So, wie Entaro gesagt hatte… Als würde jemand alle Last von ihr nehmen. Nicht nur jene dieser Stunde, auch jene der letzten Jahre. „Ja…“ hauchte Isaé bestürzt. "Und vielleicht verstehst du nun, warum ich damals so forsch war, als wir darüber gesprochen hatten. Was glaubst du würde geschehen, wenn alle Welt um dieses Geheimnis wüssten? Sie würden Daereans Seele verbrennen, bis nichts mehr davon übrig ist. Daerean würde aus dieser Welt entschwinden und zurück bliebe nichts als Asche."

Isaé sagte nichts mehr in dieser Nacht. Sie rollte sich an dem Lagerfeuer zusammen, und suchte Schlaf. Doch sie fand ihn nicht. Nach dem schrecklichen Erlebnis mit der Hexe, das Isaé Familie und Liebe gekostet hatte, war sie vom Glauben abgefallen, denn an solche Götter wollte sie nicht glauben. Schon jeher hatte sie nur etwas für Gutherzigkeit übrig gehabt, nicht jedoch für Gleichgültigkeit und Grausamkeit, und ihr Geist lehnte sich gegen die Lehren auf, die über den Zorn der Götter predigten, den man nicht heraufbeschwören durfte. Diese Nacht hatte alles geändert. Isaé begann darüber nachzudenken, ob sie nicht einen falschen Weg beschritten hatte, all die Jahre. Vielleicht war der Glauben an Daerean der wahre Glauben? Und dann war Isaé noch überwältigt, über dieses große Geheimnis, welches Entaro ihr anvertraut hatte. Das Wissen um die Bernsteine war in falschen Händen ganz sicherlich gefährlich. Bevor Isaé einschlief, schwor sie sich, dass sie dieses Vertrauen, das Entaro in sie gesetzt hatte, nicht missbrauchen würde. Sie würde bei ihm bleiben, bis sie ihre Blutschuld abgeleistet hatte…
#40
Wachteleier und Pfifferlinge ❖
drache-zwischenzeitlich hatte Entaro neben der jungen Frau Platz genommen und lehnte sich mit dem Rücken an eine alte Wurzel, dessen Baum wohl vor vielen Jahren schon von einem starken Sturm aus dem Erdreich gerissen worden war. Der Baumstumpf war von Moos und Flechten bewachsen und bot so einen angenehmen Platz um ausruhen. Und auch wenn Entaro dies vor Isaé kaum zugeben würde, so hatte er diese Ruhe auch bitter nötig. Die Auseinandersetzung mit dem Drachen hatte ihn sowohl geistige als auch körperliche Kraft gekostet. Ganz zu schweigen von dem harten Schlag, welchen er abbekommen hatte. Und so lehnte Entaro einfach nur da und beobachtete wie der brennende Bernstein langsam seine Wirkung in der angeschlagenen Hexenjägerin entfaltete. Immer wieder musste Entaro sich aber ein wenig verlagern, da der harte Stumpf, wie auch die harte Erde nach einiger Zeit recht ungemütlich wurden. Das leichte Ziehen im Rücken wurde immer stärker, bis er sich erneut ein wenig anders hinsetzte. Doch galt in diesem Augenblick seine Sorge Isaé. Immerhin war sie nur knapp dem Tode entronnen, da empfand er ein Wehklagen über seine Schmerzen mehr als unangemessen. Er raffte seinen Umhang zusammen und polsterte damit seinen Rücken aus, was die Lage etwas erträglicher machte, bevor er sich wieder Isaé zuwandte.

Während man regelrecht zusehen konnte, wie es der jungen Frau langsam immer besser ging, rutschte Entaro immer tiefer an dem Baumstumpf entlang, bis sein Kopf mit einem Mal zur Seite rutschte und auf den Boden glitt. Es ging langsam, beinahe als ob die Zeit verlangsamt worden wäre. Doch es war unausweichlich. Letzten Endes hatte ihn der Schlaf übermannt. Der Körper zollte nun den Tribut für seine erbrachte Leistung und egal wie sehr sich Entaro auch dagegen gewehrt hatte, er hatte den Kampf gegen den Schlaf verloren. Und nun lag er da, wie ein Toter, während Isaé nicht weit von ihm ebenso auf dem Boden lag. Hilflose Beute waren sie nun, sowohl für diebisches oder gar mörderisches Gesindel, als auch für wilde Tiere. Doch der Drache, wenngleich er den beiden Menschen zweifellos grollte, war nicht fern. Und er würde stets seinem Herren beistehen. Denn wie sehr er sich auch gegen das Band zu wehren mochte. Er wusste, wenn der Mensch sterben sollte, dann würde ihm ein grausames Schicksal ereilen.

Als Entaro wieder erwachte, war es noch dämmrig. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch zweifellos war es nur eine Frage des Augenblickes, bis sie sich langsam über den Horizont erheben würde. Und so blinzelte der Drachenreiter verschlafen, während er sich von seiner harten Schlafstatt erhob. Die Wurzel hatte ihm einen unangenehmen Schmerz im Rücken beschert, welcher ihn nun dazu zwang sich zu strecken und zu verrenken, bis er diesen niedergerungen hatte. Als dies vollbracht war, richtete sich Entaro gänzlich auf und rückte sein Gewand zurecht, bevor er sich wieder sein Kettenhemd überwarf und sein Schwert Gehänge anlegte. Als dies vollbracht war, wandte er sich zu der Hexenjägerin um, welche neben ihm am Boden lag. Ob sie wach war oder nicht, konnte er in dem düsteren Zwielicht nicht erkennen. Doch sollte sie noch schlafen, wollte er sie nicht wecken. Sie benötigte den Schlaf zur Genesung mehr als er selbst. Entaro entfernte sich vom Lager um im nahen Gehölz nach trockenem Feuerholz zu suchen.

Entaro musste nicht allzu weit vom Lager fortgehen, als er schon die ersten, trockenen Äste fand und diese kurzerhand auch aufhob. Nach und nach hatte sich ein ansehnliches, kleines Bündel an Feuerholz und Reisig angesammelt. Doch als der fahrende Ritter einen Ast anhob, rollten mit einem Mal zwei kleine, braune Eier aus dem Dickicht hervor. Neugierig ging er in die Hocke und legte das gesammelte Feuerholz auf die Seite, um den Ast gänzlich anzuheben. Und da offenbarte sich ein kleines Nest, in welchem noch weitere drei Eier lagen. Fünf an der Zahl. Entaro sah sich suchend um, doch konnte er weit und breit keinen Vogel ausmachen. Und so hob er eines der Eier auf, welche aus den Nest gerollt waren und erkannte diese als Wachteleier. »Na, was haben wir denn da?« Da er keine Wachtel sehen konnte, nahm er an, dass sie womöglich einem Fuchs zum Opfer gefallen war, und klaubte die fünf Eier zusammen. Behutsam schob er sich die zerbrechlichen Funde in das Bündel aus Reisig und brachte dieses dann, zusammen mit den Eiern, zum Lager zurück.

Nun, da Entaro einige Wachteleier gefunden hatte, machte er sich nochmals auf den Weg, um noch einige Kräuter, Pilze oder Wurzeln zu finden, welche er zusammen mit den Eiern zubereiten könnte. Auch wenn er dieses Mal ein wenig länger fortgeblieben war, so kehrte er schließlich mit einigen Wurzeln, wilden Erdbeeren, Pfifferlingen und sogar einige Zwetschgen wieder zurück. Er legte alle Gaben des Waldes auf die Seite und schlichtete das gesammelte Holz zu einem kleinen Scheiterhaufen auf. Den Reisig formte er zu einem kleinen Knäuel zusammen und schob dieses Reisigherz dann unter den Scheiterhaufen. Dann, als dies vollbracht war, nahm er Zunderstein und Feuerstein aus seiner Tasche und schlug einige Male gezielt die Steine aneinander, bis die kleinen Glutfunken das Reisigherz in lodernden Flammen aufgehen ließen. Das Holz knackte und knisterte, während sich die Flammen immer höher und immer tiefer in das Holz fraßen. Entaro hingegen hatte sich unlängst vom Feuer abgewandt und die kleine, gusseiserne Pfanne aus der Satteltasche des Drachen geholt, in welchem er ein Ei nach dem anderen hinein schlug. Auch die Wurzeln und Pilze warf er, nachdem er sie mit dem Messer ein wenig gesäubert und zerkleinert hatte, hinzu. Kräuter und Gewürze hatte er kaum welche. Hier und da wuchs etwas Bärlauch und auch einige Büschel Klee. Doch Salz hatte er keines bei sich. Und auch wenn Sauerampfer hier beinahe überall wuchs, so hatte er keinen Appetit auf dieses Gemüse, welches ihm stets Unwohlsein bereitete.

Die Eier brutzelten in der Pfanne, während Entaro die Beeren reinigte und dann die Pilze säuberte. Ein dürftiges Mahl, doch besser als nichts. Denn Zeit eine Falle aufzustellen hatte er nicht und es würde ohnehin viel zu lange dauern, bis sich ein halb verhungertes Kaninchen hinein verirrte…
#41
Wohin soll die Reise gehen? ❖
drache-die Hexenjägerin wurde vom Prasseln des Lagerfeuers geweckt. Die klare Morgenluft dieses herbstlichen Morgens war frisch und kühl. Über dem Wald lag eine beruhigende Stille, die nur von vereinzelten Rufen der Waldvögel unterbrochen wurde. Isaé dachte sofort an die Begebenheiten in der Nacht, doch es verursachte ihr nicht mehr solch ein unangenehmes Gefühl wie noch gestern. Der Geruch von verbrennendem Holz kroch Isaé in die Nase, und schließlich öffnete sie die Augen. Am Lagerfeuer hockte Entaro und rührte in einem kleinen schmiedeeisernen Topf, und der Duft von Essen waberte ihr entgegen. Ihr heftiges Magenknurren erinnerte sie daran, dass sie zum letzten Mal am frühen Vorabend gegessen hatte, und dies war in der Schenke gewesen, wo sie Entaro kennengelernt hatte. Sie setzte sich, lautlos wie eine Katze, auf, und erhob sich schließlich. Isaé schlang die Arme um ihren Oberkörper und trat an das Lagerfeuer heran, wo sie die Wärme des prasselnden Feuers suchte. Sie setzte sich neben Entaro und meinte „Guten Morgen, Entaro.“ Die Hexenjägerin streckte ein wenig ihren Hals und blickte in den kleinen Topf. Viel war es nicht, doch die gebratenen Eier mit Wildkräutern sahen köstlich aus, und dufteten auch so. Entaro indes entkernte mit den Händen einige Zwetschgen, und Isaé fragte sich, wo er diese gefunden hatte. „Das sieht sehr köstlich aus…“ meinte sie, und lächelte ihn an. Eigentlich wäre sie ihm gerne zur Hand gegangen doch die Eier waren bereits fertig, und selbst bei den Früchten hatte er bereits die Arbeit erledigt, so dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihm schweigend zu zu sehen. Isaé entsann sich, dass sie in ihrer Tasche noch ein wenig Steinbrot hatte. Sie erhob sich, holte ihre Tasche, und kramte das in ein Leintuch gewickelte Steinbrot heraus. Sie tauchte es in das Wasser, welches Entaro aus einer nahen Quelle geholt hatte, und legte es auf einen der heißen Steine, die ganz nahe am Lagerfeuer lagen. So würde das Brot warm und auch wieder weich und knusprig werden, und die Eiermahlzeit gut ergänzen.

Nur wenig später saßen sie gemeinsam schweigend da, und aßen. Immer wieder warf Isaé einen Blick auf den Drachen, welcher abseits von ihnen ruhig dasaß, sie aber dennoch immer fixierte, wie ein Raubtier seiner Beute auflauert. Isaé war dieses Schweigen unangenehm, doch wusste sie nicht so Recht, was sie sagen sollte. So ließ sie ihren Holzlöffel in die Schüssel sinken und begann schließlich „Es schmeckt sehr gut, Entaro. Vielen Dank dafür.“ Der Drachenreiter erwiderte „Zeit, um ein Kaninchen zu fangen, gab es leider nicht…“ Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Das macht doch nichts. Wenn ich auf Reise bin und keine Wirtstätte aufsuchen kann, was ziemlich häufig der Fall ist, dann esse ich nur Steinbrot, oder Bitterwurz. Beides nur für sich ist keine anständige Mahlzeit, ja nicht einmal beide zusammen. Wahrscheinlich bin ich deshalb so ausgemergelt und dünn. Mir ist es noch nie gelungen, ein Kaninchen zu fangen, oder ein Rebhuhn… Obgleich ich eine Armbrust besaß. Doch ich habe nicht gelernt, damit in weiterer Ferne befindliche Ziele zu treffen. Ich habe meine Armbrust immer nur von der Nähe aus benutzt, um…“ ...um einer Hexe aus nächster Nähe einen Bolzen direkt in ihr Herz zu schießen… Aber das wagte sie ihm nicht zu sagen. Stattdessen unterbrach sie sich und aß weiter. Isaé blickte schließlich gen Himmel und dachte nach. Wann war es passiert, dass sie, sie ruhige und stets so besonnene Isaé eine solch rohe Seite entwickelt hatte? War nur der Tod von Aduan Schuld daran gewesen? Vielleicht… „Die Natur legt sich allmählich zur Ruhe…“ meinte sie schließlich. „Habe ich dir schon erzählt, dass ich, wenn es Spätherbst ist, aufhöre, auf Hexenjagd zu gehen? Wenn der Winter naht, ist es höchste Zeit, sich irgendwo als Magd zu verdingen.“ Sie musste dabei lachen. „Ich weiß nicht, was besser ist. Sich in Gefahr zu begeben und durch die wilde Flur zu wandern, immer das Ziel vor Augen, oder die Sicherheit in einer Anstellung zu suchen. Gesicherte Mahlzeiten… ja sicher, harte Arbeit… Aber welche Wahl hat man schon, wenn der Winter hereinbricht? Man erfriert im Winter auf Wanderschaft, wenn man nicht aufpasst. Man nimmt dann lieber auch die Unannehmlichkeiten in Kauf, die sich durch die Arbeit ergeben.“

Männer, die sich ständig an einen heranpirschten. Triebgesteuerte Männer, die eine Magd, die ihre Dienste für die Wintermonate anbot, nur als Freiwild sahen. Nur das Schicksal wusste, wie es Isaé gelungen war, ihre Unberührtheit zu bewahren… Isaé dachte an den einen Drecksack, der sie halb bewusstlos geschlagen hatte, weil sie sich ihm verweigert hatte. Nur durch großes Glück war sie dem Schicksal entgangen, dass er sie dennoch genommen hatte. Weil sein Eheweib gerade nach Hause gekommen war… „Ich habe mir oft gewünscht, ich sei ein Mann. Als Mann hat man mehr Rechte. Als Frau ist man nichts… Kein Stand kann eine Frau vor Unheil bewahren. Eine Königin wird ebenso verraten und verstoßen, wenn sie keine männlichen Erben gebären kann. Sie ist nur sicher vor Übergriffen, weil kein Mann außer ihrem Ehemann es wagt, sie zu berühren. Bürgerliche Frauen hingegen… Aber ich werde nie ein Mann sein, nicht wahr? Darum habe ich mir gewünscht, einen Mann zu bekommen. Der gut zu mir, der mich beschützt und versorgt, mehr will ich nicht. Er muss nicht gut aussehen, er muss nicht reich sein. Er muss nur ein anständiger Kerl sein. Aber…“ Isaé musterte Entaro unauffällig. Ob er ein solcher Mann sein könnte? Er war ein anständiger Mann. Er war gutherzig. Er könnte sie beschützen, ja, das hatte er schon zweimal unter Beweis gestellt, und das alles nur in zwei Tagen. Er war sicher alles andere als vermögend, aber er sah gut aus! Wäre er kein Diener Daereans, und hätte er kein Gelübde abgelegt, er könnte sicherlich ein guter Ehemann sein. Für eine gute Frau, die ihn verdiente. Doch bestimmt nicht für Isaé. Sie war zu unbesonnen, zu unruhig, zu ungewöhnlich, sie zog mutterseelenallein durch die Lande, und sie rauchte Feuermohn. Sie war sicher alles andere, was er als eine ehrbare und anständige Frau sah. Außerdem war er als Diener Daereans so etwas Ähnliches wie ein Priester. Isaé musste bei ihren Gedanken schmunzeln. Und plötzlich kam sie sich lächerlich vor, so unbesonnen ihr Herz vor Entaro ausgeschüttet zu haben. „… aber ich bin frei wie ein Vogel. Freiheit ist mir genauso lieb und teuer.“ schloss sie ihre Erzählung. Sie beobachtete ihn eine Weile. Die Art und Weise, wie er sich mit Schonhaltung bewegte, verriet ihr, dass er Schmerzen haben musste. „Sag mir, Entaro, wie geht es dir? Der Drache hat dir sicherlich ziemlich zugesetzt… Hast du Schmerzen? Ich könnte dir ja etwas anbieten“ schmunzelte sie. „Aber den Feuermohn möchtest du ganz bestimmt nicht…“ Sprunghaft wechselte sie erneut das Thema. „Wohin wirst du uns nun als nächstes bringen? Um ehrlich zu sein, würde ich mir gerne eine neue Armbrust kaufen. Und dann würden mich auch deine weiteren Pläne interessieren. Wie ich meine Winter verbringe, das habe ich dir ja schon erzählt. Aber wie ist es mir dir?“
#42
Erinnerungen an die Vergangenheit ❖
drache-stillschweigend lauschte der Drachenreiter Isaés Worten. Es war noch früher Morgen und der vergangene Abend, sowie die wenig erholsame Nacht lagen ihm noch zu schwer in den Knochen. Er führte gerade seinen Becher, welcher mit frischem Quellwasser aus dem nahen Bach gefüllt war, an den Mund, und nickte dabei nur um Isaé zu zeigen, dass er ihr aufmerksam zuhörte. Sie erzählte ihm gerade von ihren Jagdkünsten, welche bei ihr nicht sonderlich ausgeprägt zu sein schienen. »Doch ich habe nicht gelernt, damit in weiterer Ferne befindliche Ziele zu treffen. Ich habe meine Armbrust immer nur von der Nähe aus benutzt, um …« Sie unterbrach sich selbst und Entaro sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nicht mehr weitersprach, sondern stattdessen in den Himmel starrte, da nickte Entaro wissend. Natürlich war ihm klar, wofür sie ihre Armbrust stets benutzt hatte. Und vermutlich war es ihr unangenehm oder einfach noch zu früh am Morgen um über das Erschießen von Hexen zu sprechen. Er stellte den Becher, in welchem sich nun kein Wasser mehr befand, auf dem Boden ab und auch der hölzerne Teller, auf welchem noch vor wenigen Augenblicken das klägliche Frühstück gelegen hatte, fand seinen Weg auf das, vom Morgentau noch leicht feuchte, Gras. Entaro richtete sich ein wenig auf und suchte dann Isaés Blicke. »Ich stelle es mir schwierig vor, mit einer Armbrust auf Hexenjagd zu gehen.« Natürlich erntete er einen Blick von der Hexenjägerin, doch er überging diesen geflissentlich und sprach einfach weiter. »Man hat nur diesen einen Schuss und wenn man die Hexe nicht trifft, dann…« Entaro kratzte sich an dem Bart, welcher in dieser Einöde, fern von einem Barbier oder einem Bader, stetig weiter wuchs. »Dass du noch am Leben bist, spricht zumindest dafür, dass du selten vorbeigeschossen hast.« Er rang sich ein verhaltenes Lächeln ab und wandte kurz darauf den Blick von ihr ab. Er wollte sie nicht belehren. Schon gar nicht so früh am Morgen. Also entschied er, dass es besser war, nicht allzu viel zu reden.

Und das war auch nicht nötig. Isaé redete ohnehin genug für sie Beide. Und so nahm Entaro wieder an dem Baumstumpf, an welchem er sich schon am vergangenen Abend angelehnt hatte, wieder Platz. Er erfuhr, dass Isaé im Winter die Hexenjagd an den Nagel hängte, um sich mit einfachen Diensten über Wasser zu halten. Ein beschwerliches Leben. »Mir scheint, die Hexenjagd ist ein brotloses Geschäft? Von deinen Erzählungen, als wir uns kennenlernten, habe ich angenommen, dass …« Entaro fuhr sich mit der Hand durch das ungewaschene Haar, um dieses ein wenig nach hinten zu bändigen. »Aber anscheinend verdient man nicht genug um mit dem Erlös den Winter zu überdauern. Ich habe mir ja zuerst nichts dabei gedacht. Eine Frau alleine auf Wanderschaft, stets auf der Jagd nach Hexen, die nicht jagen kann. Da dachte ich, dass das Kopfgeld auf solche gottlosen Weiber derart hoch sein mag, dass man davon leben kann ohne auf die Jagd zu gehen. Doch je mehr du mir erzählst, desto mehr …« Er unterbrach sich selbst, und erneut flammten einige Fragen in seinem Geist auf, welche er dann doch für sich behielt. »... vergiss, was ich gesagt habe. Erzähle doch weiter.« Manchmal war es besser, jemanden seine Geschichte zu Ende erzählen zu lassen, ohne sie dabei ständig zu unterbrechen. Denn manche Fragen klärten sich so, wenn man einfach nur schweigend zuhörte, von ganz alleine. Und die anderen Fragen, konnte man ja später stellen. Doch als Isaé dann begann von ihren Sehnsüchten, Wünschen und Träumen zu sprechen, verwünschte sich Entaro, sie nicht vorher schon unterbrochen zu haben. So blieb er nur, ein wenig unangenehm berührt, sitzen und hörte ihr weiterhin zu. Sie nun zu unterbrechen empfand der Drachenreiter als noch ungebührlicher. Immerhin ließ sie gerade ihr Herz für sie sprechen. Und auch wenn ihn die unterschwellige Botschaft, welche sich in ihren Worten verbarg, nicht entging, so tat er dennoch so, als ob er sie nicht gehört hatte. Isaé schien eine einsame und sich verloren oder verlassen geglaubte Frau zu sein. Vielleicht hatte sie schon lange Zeit niemanden gehabt, welchem sie diese Dinge anvertrauen konnte. »Ich bin frei wie ein Vogel. Freiheit ist mir genauso lieb wie teuer.« Da nickte Entaro zustimmend und verstehend. »Freiheit ist unser höchstes Gut.« Erneut reckte er sich, und musste die Zähne zusammen beißen, als der Schmerz in seinem Rücken ihm unbarmherzig in die Glieder fuhr. Isaé war dies natürlich, wohl wegen seines verzerrten Gesichtsausdruckes, nicht entgangen. »Sag mir, Entaro, wie geht es dir? Der Drache hat dir sicherlich ziemlich zugesetzt … Hast du Schmerzen?« Er schüttelte nur den Kopf und hob, abwinkend, seine linke Hand. »Es ist nichts. Nur eine Prellung.« Natürlich war es mehr als nur eine Prellung. Entaro war knapp einem Hüftbruch entgangen. Die Nacht auf dem harten Boden hatte dem Abklingen der Schmerzen nicht sonderlich geholfen. Und ein längerer Ritt im Sattel würde sein Übriges bringen. Doch Entaro wollte sich keine Blöße geben. Zumal er letzte Nacht seinen letzten Bernstein verbrannt hatte. Immerhin hatte auch er ein wenig von dem Rauch inhalieren können, doch war es einfach nicht genug gewesen, um die Schmerzen gänzlich zu lindern.

»Ich könnte dir ja etwas anbieten, aber den Feuermohn möchtest du ganz bestimmt nicht …« Entaro verzog mürrisch seine Mundwinkel und schüttelte dann unwirsch den Kopf. »Nein, ganz gewiss nicht. Schon allein der Gedanke daran…Vielen Dank.« Er lehnte ihr Angebot, welches natürlich scherzhaft gemeint war, energisch ab. Lieber würde er den Schmerz erdulden. Und da Entaro das wahre Ausmaß seiner Schmerzen für sich behalten hatte und Isaé ihr Scherz wohl unangenehm geworden war, wandte sie sich stattdessen einem anderen Thema zu. »Wohin wirst du uns als nächstes bringen? Um ehrlich zu sein, würde ich mir gerne eine neue Armbrust kaufen.« Entaro zog eine Augenbraue kraus und legte dabei den Kopf schief. »Und dann würden mich auch deine weiteren Pläne interessieren. Wie ich meine Winter verbringe, das habe ich dir ja schon erzählt. Aber wie ist es mir dir?« Der Bernsteinritter seufzte nur schwer. »Mein Weg führt mich nicht in das nächste Dorf, um dort den Winter als Knecht zu dienen.« Er lächelte freundlich, um Isaé zu zeigen, dass er sie damit nicht herabwürdigen wollte. Doch bevor sie noch auf diesen Gedanken kam, sprach er kurzerhand einfach weiter. »Ich bin auf dem Weg in die Heimat...mit einem kleinen Umweg über die Küste im Süden...um mich dann, schlussendlich meinem Urteil zu stellen.« Da senkte er den Kopf und war sich sicher, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit errungen zu haben. Natürlich stellte sie neugierige Fragen und warf ihm ebenso neugierige Blicke zu, und am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Doch dann seufzte er erneut und sah sie wieder an. »Ich habe meinen Orden im Stich gelassen, denn ich bin gegen den Willen der Ordensmeister in die Einöde gezogen, um …« Er deutete auf den Drachen, welcher ruhig hinter ihnen hockte und sie mit seinen glühenden Augen anstarrte. Die ganze Wahrheit wollte er nun noch nicht offenbaren. Er dachte an das verlorene Kleinod. An die Schmach. An die Verbannung und an seinen Schwur dies alles wieder ins Reine zu bringen. Seine Suche hatte ihn weit fort geführt. Und er hatte dort etwas gefunden, was er nie zu finden gehofft hatte. »… um am Ende diese Kreatur zu finden.«

Isaé stellte natürlich einige Fragen, welche Entaro versuchte zu erklären, ohne Gelübde oder Schwüre zu brechen. » Die Drachenreiter sind nur mehr Schall und Rauch. Dies ist alles, was ich sagen kann. Und wenn du mehr erfahren willst, dann wirst du wohl in Akadien deine Dienste als Magd anbieten müssen.« Er hüllte sich in bedrückendes Schweigen. Nicht, weil das ein allzu großes Geheimnis gewesen wäre. Jeder in Akadien wusste, dass die Drachenreiter schon seit einigen Jahrhunderten verschwunden waren. Es lag vielmehr daran, dass es ihn an dunkle Zeiten seiner eigenen Vergangenheit erinnerte, und er wollte nicht daran erinnert werden. Jedenfalls jetzt noch nicht.
#43
Ankunft in Nardijan ❖
drache-predigend. So wirkte Entaro manchmal. Hinter allem was er sagte, witterte Isaé eine Moralpredigt, einen Vorwurf oder einen Tadel. Doch immerhin hatten sie ihren Streit von letzter Nacht hinter sich gelassen. "Ich stelle es mir schwierig vor, mit einer Armbrust auf Hexenjagd zu gehen“ erwiderte Entaro und Isaé blickte ihn befremdlich an. Wenn er sich das schon als schwierig vorstellte, was glaubte er dann, wie es auf naher Distanz wäre? Er wusste, dass sie keine Armbrust mehr besaß, sondern nur mehr mit dem archaisches Holzhammer und Holzpflock, wie er es auszudrücken pflegte, auf Hexenjagd ging. Man musste schon sehr besonnen und ruhig zu Werke gehen. Man durfte sich keinen Fehler erlauben. Doch sie zog es vor zu schweigen, zumal Entaro ohnehin schon weiter sprach. "Man hat nur diesen einen Schuss und wenn man die Hexe nicht trifft, dann …" Isaé nickte und ergänzte „… dann wars das, ja. Außer, man wäre eine Katze, und hätte sieben Leben…“ grinste sie. "Dass du noch am Leben bist, spricht zumindest dafür, dass du selten vorbeigeschossen hast" lächelte er sie an. „Ja, so scheint es…“ erwiderte sie sein Lächeln, kurz bevor er sich abwandte. Oder sie hatte bislang immer besonderes Glück gehabt. Isaé hatte in der Tat noch nie vorbeigeschossen. Nur diese eine Hexe, die sie fast das Leben gekostet hatte… Aber da war sie noch keine Hexenjägerin, und deutlich jünger und unerfahrener gewesen.

Isaé begann ihm zu erzählen, wie sie ihr Leben so bestritt. Es schien den Drachenreiter zu überraschen, denn er begann "Mir scheint, die Hexenjagd ist ein brotloses Geschäft? Von deinen Erzählungen, als wir uns kennenlernten, habe ich angenommen, dass …" Isaé blickte ihn neugierig an. „Dass…?“ hakte sie nach. "Aber anscheinend verdient man nicht genug um mit dem Erlös den Winter zu überdauern. Ich habe mir ja zuerst nichts dabei gedacht. Eine Frau alleine auf Wanderschaft, stets auf der Jagd nach Hexen, die nicht jagen kann. Da dachte ich, dass das Kopfgeld auf solche gottlosen Weiber derart hoch sein mag, dass man davon leben kann ohne auf die Jagd zu gehen. Doch je mehr du mir erzählst, desto mehr …" Hatte er ihr nicht zugehört? Es war, als hätte er ihren Blick gedeutet, denn er murmelte "... vergiss, was ich gesagt habe. Erzähle doch weiter." Doch da schüttelte Isaé den Kopf. „Mir scheint, du hast mir nicht zugehört, Entaro. Ich sagte, im Winter lasse ich es sein, denn es ist zu gefährlich. In kniehohen Schnee kommt man kaum voran, man ist der ständigen Gefahr ausgesetzt, im Freien übernachten zu müssen, weil man es kaum von Ort zu Ort schafft. Ich habe keine Lust zu erfrieren, oder meine Finger oder Zehen zu verlieren. Ich habe keine Lust, im Schnee nach Bitterwurz zu suchen, und ich aus der gefrorenen Erde zu graben, um nicht zu verhungern. Du fragst dich, ob die Hexenjagd einträglich ist? Das kommt ganz darauf an. Darauf, wieviel die Dorfgemeinschaft bereit ist, herzugeben. Das kann manchmal ein schöner Haufen sein, und dann wieder nicht. Es kam auch schon vor, dass der vereinbarte Lohn ausblieb und ich fortgejagt wurde. Und weil die Menschen so unberechenbar sind, wäre es ausgesprochen töricht, auf großem Fuß zu leben.“ Und ja, sie konnte nicht jagen. Dennoch hatte sie ihr Ziel, die Hexe, nie verfehlt. Aber wie sollte sie ihm das erklären, ohne dass es seltsam klang? Vielleicht war sie vom Glück besonders beseelt. Aber so sagte sie nichts.

Und dann erzählte sie ihm die tiefgründigen Dinge, die ihr Herz bewegten. Wie lange hatte sie schon niemanden gehabt, dem sie hatte vertrauen können, und mit dem sie gute Gespräche führen hatte können? Ihre Eltern und Aduan waren die letzten gewesen, und das war schon verdammt lange her. Vertraute sie Entaro? Nun, zumindest hatte er ihr ein Geheimnis anvertraut. Das Geheimnis um die Bernsteine. Aber das machte ihn noch lange nicht zu einem Vertrauten. Als sie gemerkt hatte, dass sie ein wenig zu redselig gewesen war, lenkte sie das Gespräch in eine andere Richtung. „Ich bin frei wie ein Vogel. Freiheit ist mir genauso lieb und teuer“ meinte sie. Entaro nickte. „Freiheit ist unser höchstes Gut.“ „Aber nichts selbstverständliches. Ich habe mir die Freiheit genommen, mich selbst zu befreien. Mich von den, Frauen auferlegten, Zwängen zu lösen. Das ist der Grund, warum es mich in die verfluchten Reiche verschlagen hat. Hier interessiert es niemanden, was ich tue.“ Als er sich reckte und streckte, fiel er reflexartig in eine Schonhaltung zurück und seine Miene verzerrte sich für den Bruchteil von Sekunden schmerzerfüllt. Isaé fragte ihn, mit leichter Sorge in ihrer Stimme, ob es ihm gut ging. Natürlich spielte er es herunter, und beschwor, es sei nichts. Doch Isaé glaubte ihm kein Wort. Sie hatte ihn doch durch die Luft fliegen sehen, als der Drachen ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Scherzhaft bot sie ihm Feuermohn an, doch wie zu erwarten, schlug er auch dieses Angebot aus. Isaé zuckte die Schultern. Der Feuermohn wirkte auf jeden Fall besser, als seine Bernsteine. Das stand fest. Doch wenn er lieber die Schmerzen ertrug, anstatt den Feuermohn anzunehmen, dann sollte das ihr Unglück nicht sein. Die Hexenjägerin wechselte das Thema und fragte ihn nach seinen Plänen. Den heurigen Winter würden sich ihre Pläne ganz zwangsläufig ändern, denn auch, wenn sie ihm vor wenigen Momenten noch erzählt hatte, dass sie frei wie ein Vogel war, so stimmte das nun nicht mehr ganz. Sie stand nun in der Blutschuld des Drachens, und damit konnte sie nicht mehr hingehen, wohin sie wollte. Sie musste ihr Leben nun ein wenig anders ausrichten, und nach Drachenreiter und Drache richten. Dieser Umstand schmeckte ihr nicht so wirklich. Natürlich, wenn Entaro nicht so steif wäre, und ein wenig umgänglicher. Doch er ließ nur wenige Gelegenheiten aus, um sie daran zu erinnern, dass er sich für etwas Besseres hielt.

Wie jetzt, als er sagte "Mein Weg führt mich nicht in das nächste Dorf, um dort den Winter als Knecht zu dienen." Isaé presste die Lippen aufeinander, und blickte zu Boden. Gerade, als sie sich eine bissige Antwort zurecht legte, sprach Entaro weiter "Ich bin auf dem Weg in die Heimat...um mich meinem Urteil zu stellen." Da hob die Hexenjägerin jäh und interessiert den Kopf, und sah Entaro erwartungsvoll an. „Dein Urteil? Was ist passiert? Was hast du getan? Ist es sehr schlimm?“ Da seufzte Entaro, wie er es stets tat und antwortete "Ich habe meinen Orden im Stich gelassen, denn ich bin gegen den Willen der Ordensmeister in die Einöde gezogen, um… um diese Kreatur zu finden." Isaé nickte, obwohl sie nicht verstand. „Aber… ich dachte, jeder ordentliche Drachenreiter bekommt einen Drachen zur Seite gestellt? Ist es nicht so?“ "Die Drachenreiter sind nur mehr Schall und Rauch. Dies ist alles, was ich sagen kann. Und wenn du mehr erfahren willst, dann wirst du wohl in Akadien deine Dienste als Magd anbieten müssen.“ Da horchte Isaé auf „Akadien?“ Sie hatte noch nie von diesem Land gehört, geschweige denn, wusste sie, wo es sich befand. Doch sie wollte sich nicht die Blöße geben vor Entaro, und so erwiderte sie. „Akadien also. Nun gut, so sei es, mir ist es einerlei, wo ich arbeite.“ Sie wandte sich ab, und begann, ihre wenigen Habseligkeiten zusammen zu sammeln und wieder in der Tasche zu verstauen. Nachdem sie das Lagerfeuer ausgetreten hatten, und alles an dem Drachen befestigt hatten, traten sie schließlich ihre Reise an. Die Reise nach Akadien…

Nach einigen Tagen entbehrungsreicher und anstrengender Reise erreichten sie schließlich die Ausläufer einer winzig kleinen Stadt. Nardijan, so hatte Entaro gesagt, hieß dieses Städtchen. Isaé hatte keine Begriffe, wo sie sich gerade befanden, doch sie unterließ es auch, ihn danach zu fragen. Entaro zwang seinen Drachen zur Landung, und Isaé frohlockte förmlich. Immer noch machte ihr die Reise auf dem riesigen Ungetüm zu schaffen, und ihre Beine, mit welchen sie sich fest gegen die Seite des Tieres presste, schmerzten immer noch unaufhörlich. Seine Schwingen, wenn sie Flügelschläge taten, rauschten ihr förmlich in den Ohren, und irgendwann hatte sie begonnen, die Abstände zwischen den Flügelschlägen zu zählen. Vielleicht, um sich in Sicherheit zu wiegen, aus Angst er könnte plötzlich innehalten, und sie würden wie ein Stein zur Erde stürzen, und ihren Tod finden. Sie konnte es kaum erwarten, wieder Boden unter ihren Füßen zu bekommen. Wann immer sie, wenn sie durch die Lüfte flogen, nach unten blickte, drehte sich ihr Magen förmlich um, und Panik erfasste sie. Entaro mochte er sicherlich bemerkt haben, an der Art wie sie ihn stets umklammerte, sobald sie auf dem Drachen saßen und dieser sich in die Lüfte erhob.

Der Drache flog immer tiefer, und irgendwann beschrieb er ausgedehnte Kreise, immer tiefer, gen Boden, bis er schließlich unsanft landete, und seine Reiter beinahe abwarf. Instinktiv umklammerte Isaé Entaro noch fester, als sie es schon tat, und erst, als der Drache auf der Erde stand, und tief schnaufte, ließ sie den Drachenreiter los. Wie immer konnte sie es kaum erwarten, von dem Tier herunter zu springen. Diesmal aber verschwand sie in dem nahen Wäldchen, um ihre Notdurft zu verrichten. Als sie zurück kam, lächelte sie, und ihre Wangen färbten sich allmählich wieder rosig. „Ich freue mich, dass wir wieder in eine Stadt kommen. Wenn es auch eine kleine Stadt ist“ meinte sie. Innerlich war sie angespannt, doch sie versuchte dies, so gut es nur ging, zu verbergen. Schon seit einiger Zeit vermied sie es des Tages, Feuermohn zu rauchen. Sie unterließ es, weil sie wusste, dass Entaro dies nicht gut hieß. Und auch, wenn sie es sich nicht selbst eingestehen wollte, schien sie wohl zu versuchen, ihm zu gefallen. Auch, wenn sie es normalerweise grundsätzlich ablehnte, sich anders zu geben, als sie es war, und ihre Bedürfnisse zurück zu stellen. Es war ihr kein leichtes Unterfangen, denn die Schmerzen ließen ihr nur wenig Ruhe. Natürlich unterließ sie es nicht gänzlich, doch meistens wartete sie, bis Entaro eingeschlafen war, bis sie ihre Pfeife und den Feuermohn hervor kramte, und sich eine Pfeife ansteckte. In diesen Momenten starrte sie immer in den nächtlichen Himmel, blies Rauchkringel in die Luft, und fühlte sich erbärmlich und geradezu lächerlich.

Aber in diesem Moment fühlte sie sich gut. Seit Tagen schon hatte sie erträgliche Schmerzen, und auch ohne Feuermohn war es auszuhalten, und sie konnte es kaum erwarten, das kleine Städtchen zu betreten. Sie war gespannt, ob es einen Waffenschmied gab, ob sie hier eine Armbrust bekommen würde, und freute sich auf eine Schenke, einen Becher Wein, eine warme Mahlzeit, und gar auf ein Bett, auf welchem sie ihre müden und geschundenen Glieder ausstrecken würde können. Isaé war schon neugierig, wie die Menschen hier auf sie, den Drachenreiter, seinen Drachen und auch auf die junge Frau reagieren würden. Als sie auf Nardijan zu trotteten, begann es zu regnen. Isaé hielt kurz inne, starrte in den Himmel, hob schließlich die Kapuze ihres Wollmantels über ihren Kopf, und stapfte an der Seite des Drachenreiters, welcher den Drachen an seinen Zügeln, beinahe wie ein Pferd, führte, auf die Grenzsteine zu, welche die Grenzen des Städtchens beschrieben…
#44
Die versunkene Stadt ❖
drache-manchmal waren es die kleinsten und unscheinbarsten Steine, welche die weitesten Kreise zogen. Entaro nickte nachdenklich, nach Isaés Worten über ihre Freiheit. »Ja, da magst du wohl Recht haben.« Doch zugleich zupfte er an einigen Barthaaren, da sie seine Lippen stachen. Und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er ihre Worte skeptisch abwog. »Zumindest hier, in den verlorenen Reichen Kalaths.« Die Stellung der Frau war in beinahe allen Reichen der Menschen, in welche er Zeit seines Lebens gereist war, gleich. Schlecht. Und das war alles andere als das, was Isaé hier wohl gewohnt war. Doch vermutlich war sie bei einigen Dörfern aus diesem Grunde auch fortgejagt worden. Natürlich scherte sich hier niemand um archaische Regeln. Hier galt es in erster Linie zu überleben. Doch ein eingeschworenes Dorf voller Menschen die nur in Furcht und Angst lebten, neigten besonders zu Aberglaube und Archaik. Und so fand Entaro es nicht sonderlich verwunderlich, dass sie trotz geleisteter Dienste fortgejagt worden war. »Wie lange lebst du schon in dieser trostlosen Gegend?«, wollte Entaro neugierig wissen, da sie sicher früher, oder später, auch wieder in zivilisiertere Lande gehen musste. Schon allein aus dem Grund, dass die Dörfer hier so weit auseinander lagen, und sicher nicht jedes davon über eine Hexe, oder einen Besessenen verfügte, vor welchem sie die armen Menschen retten konnte. Zumal hier auch noch wilde Wolfsrudel sowie skrupellose Menschen die Gegend unsicher machten und im Spätherbst die Bären auf Wanderschaft gingen und unberechenbar wurden.

Auf Entaros Worte hin, wie er den Winter wohl verbringen würde, wurde Isaé sichtlich hellhörig. Natürlich fand sie es verwunderlich, dass er vor ein Gericht gestellt werden würde, sobald er in die Heimat zurück kehrte. Und auch wenn sie es nicht aussprach fand sie es sicherlich auch verwunderlich, warum er dann überhaupt zurück ging, und nicht stattdessen hier blieb, in der Einöde, fern ab jedes Gerichtes. Er seufzte. »Es ist nicht immer alles so einfach, wie es scheint. Isaé.« Die Drachenreiter waren Schall und Rauch. Er war der letzte einer langen Ahnenreihe. Oder besser gesagt war er eigentlich der Erste seit ewigen Zeiten. Seine Ankunft würde zweifellos für Furore, Misstrauen und allerlei politische Ränke sorgen. Dessen war er sich gewiss. Er war der Erste der eben dieses Umstandes wegen eine Strafe zu erwarten hatte. Fast schon hatte er erwartet, dass sie ablehnen würde, nach Akadien zu gehen, um dort den Winter zu verbringen. Und umso erstaunter sah er sie dann an, auch wenn er sich dieses nicht anmerken lassen wollte. »Du weißt aber schon, dass Akadien anders ist, als dieses Land?« Er breitete seine Hände aus, um ihr das Land, von welchem er sprach, zu zeigen. Die Einöde. Die verlassenen und vergessenen Reiche. Das verfluchte Reich von Kalath. Einst das mächtigste Reich der Menschen und heute nur mehr Ruinen und verlorene Erinnerungen. »Dort interessiert sich niemand für deine Freiheit oder deine Unabhängigkeit. Alle werden dich als das betrachten, sehen und auch behandeln was du bist.« Ihren fragenden Blick wich er ein wenig unbehaglich aus. Als ob sie fragen würde, was dies denn genau sei. »Eine Frau.« Es war nicht von der Hand zu weisen, dass diese Aussage lächerlich klingen musste. Immerhin war kaum abzustreiten, dass sie eine Frau war. Doch galten in Akadien andere Gesetze als hier. Und in Akadien galten auch andere Gesetze als in Ariad, wo sie einst gelebt hatte. »Du wirst dich anders kleiden müssen.«, bemerkte Entaro und ließ dabei seine Blicke über ihre verwilderte Erscheinung wandern. »Doch sicherlich wirst du dich gut schlagen. Stelle dir einfach vor, die Adeligen und Aristokraten sind allesamt Hexer und Hexen.« Entaro lachte, wobei ein bitterer Unterton mitschwang. Denn im Grunde genommen war dies gar nicht so fern der Wahrheit. Schon allein die intriganten Ränkespiele im degenerierten Orden der Bernsteinritter. Oder die Machtkämpfe bei Hofe. Entaro sah Isaé an und runzelte nachdenklich die Stirn. Diese Frau war ein solches Leben nicht gewohnt. Und wenn seine Familie sie sehen würden? Wie würden sie wohl reagieren?

Am nächsten Morgen sattelte Entaro den Drachen und half Isaé auf den Rücken des grobschlächtigen Tieres. Im Grunde hätte dies der letzte Ritt sein können, bevor sie die Grenze des akadischen Reiches erreichen würden. Jener nördlichen Ausläufer auf dem Festland, welche nur wenig von dem Prunk der südlicheren Inseln innehatte. Vermutlich würde Isaé etwas anderes erwarten, als die bäuerlichen Burgen auf dem Festland. Doch sein Weg führte zuerst zu einem ganz bestimmten Ort an der Küste Kalaths. Nardijan war die letzte Stadt, welche noch zwischen ihnen und der Heimat lag. Zwar lag diese Stadt noch in den gefallenen Landen, aber dieser Tage hatten sich bereits akadische Adelige in den südlicheren Ausläufern dieser Region niedergelassen und so konnte man von Nardijan kaum mehr behaupten eine alte, kalathische Stadt zu sein, da sie bereits unter vielen akadischen Einflüssen zu leiden hatte, wenn man es so nennen wollte. »Ich freue mich, dass wir wieder in eine Stadt kommen. Wenn es auch eine kleine Stadt ist.« Entaro lächelte, als er den Drachen beruhigt hatten. »Wenn du wüsstest, wie groß diese Stadt einst war, bevor das Reich von Kalath gefallen ist.« Er hielt einen Moment inne und deutete dann auf die große Bucht in welcher einige schwere Handelsschiffe vor Anker lagen. »Der Zorn Daereans ließ noch vor dem Fall des Großreiches mehr als die Hälfte der Stadt im Meer versinken.« Er ließ seine Hand über den Horizont wandern. »Früher war dies eine blühende Handelsstadt der alten Herren und ihrer gottlosen Magie.« Man konnte erahnen, dass Entaro Adun nicht gut auf die alten Überlieferungen zu sprechen war und viel mehr froh darüber war, dass das Reich von Kalath gefallen war. Auch wenn viele Wunder dadurch verloren gingen. »In Nardijan gibt es eine Gilde der Glockentaucher. Sie tragen einen kupfernen Kessel auf dem Kopf und lassen sich an starken Ketten tief in das Hafenbecken hinab.« Er zuckte mit den Schultern. »Als ob sie von den alten Relikten, die sie aus den versunkenen Häusern bergen könnten, irgendetwas von den Alten lernen könnten. Nur Daerean kann Erinnerungen und Erlösung schenken, und keine alten Artefakte aus vergessenen Zeiten.«
#45
Kleider machen Leute ❖
drache-wie lange lebst du schon in dieser trostlosen Gegend?“ wollte Entaro wissen, und Isaé musste nach dieser Frage nachdenken, und sie erschrak förmlich, als sie die Antwort erkannte. Als sie von zu Hause fortging, als sie alles verloren hatte, was ihr lieb und teuer war, da musste sie ungefähr zwanzig gewesen sein. Und nun, da war sie… sie war sich nicht mehr sicher… vier Winter waren vergangen, also musste sie vierundzwanzig Jahre alt sein, aber ganz sicher war sie nicht. Also schlug sie sich seit mindestens vier Jahre durch. Zuerst an den Grenzen von Ariad, und dem Köhlerwald, schließlich durch die gefallenen Reiche. „Ich glaube…“ begann sie zögerlich, „…vier Jahre…“ Sie konnte es kaum glauben. Und so begann er ein wenig von sich zu erzählen, und dass sein Weg ihn nach Akadien führte. Isaé hatte aufgrund der Blutschuld ohnehin keine andere Wahl, als zu sagen, dass sie mitkäme. Akadien war ihr ein absolut fremdes Land, und sie hatte keine Begriffe von diesem Land, bis Entaro begann, davon zu erzählen. „Dort interessiert sich niemand für deine Freiheit oder deine Unabhängigkeit. Alle werden dich als das betrachten, sehen und auch behandeln was du bist.“ Da blickte sie ihn fragend an, und bevor sie dies in Worte fassen konnte, fügte er hinzu „Eine Frau…“ Oh, und eine alleinstehende Frau. Freiwild. Sie fragte sich, ob es nun ein Gutes war, Entaro an ihrer Seite zu wissen. „Du könntest auch so tun, als würden wir zusammen gehören, dann muss ich mir keine Gedanken darum machen, eine Frau zu sein, die unter jedermanns Knute steht…“ lächelte sie ihn wissend an.

Er musterte beinahe akribisch von oben bis unten und meinte schließlich „Du wirst dich anders kleiden müssen.“ Isaé fühlte sich unter seinen Blicken zunehmend unwohl. „Was stimmt denn an meiner Kleidung nicht?“ Zugegeben, das Kleid war alt, und abgetragen, aber sie war ja auch keine besonders wohlhabende Frau, und sie hatte nie etwas Schlechtes darin gesehen, in diesen Kleider herumzulaufen, solange diese noch in Ordnung waren. Aber vielleicht hatte er Recht. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, sich neue Kleider zu kaufen. Geld dafür hatte sie ja. Sie hatte immer recht sparsam gelebt, und hatte das große Glück gehabt, niemals Wegelagerern oder anderen Schurken über den Weg zu laufen. Solange Entaro nicht davon gesprochen hatte, so lange hatte sie sich niemals Gedanken darüber gemacht. Aber nun tat sie es. „Doch sicherlich wirst du dich gut schlagen. Stelle dir einfach vor, die Adeligen und Aristokraten sind allesamt Hexer und Hexen.“ Da verfinstere sich ihre Miene für einen kurzen Moment grimmig „Dann werde ich sie alle töten…“ Sie lachte schließlich, denn es sollte nur ein Scherz sein. Doch zurück blieb das Gefühl, dass sie scheinbar eine zerlumpte, vogelfreie Frau war, an der es jede Menge zu kritisieren gab.

Eine Stadt wie Nardijan hatte sich Isaé nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausmalen können. Den Drachen band Entaro außerhalb der Stadt, geschützt für Menschen, aber auch für den Drachen an, und sprach eine Weile mit ihm. Ob er ihm befahl, oder ihm nur gut zusprach, das konnte Isaé nur erahnen. Sie mied die Nähe des Drachen, wenn sie nicht gerade auf diesem Ungetüm saß. Entaro schien seine gefestigte Meinung über diese Stadt zu haben. Er sprach von Glockentauchern die, in seinen Augen wohl heidnische alte Relikte suchten, Daereans Zorn, der die halbe Stadt überflutet haben sollte, und anderes. Isaé verstand nur die Hälfte von dem, das er erzählte. Der Stadtteil, den sie betraten, war ein Ausläufer der Altstadt, der nicht überflutet war, doch blickte man gen Westen, so konnte man Wasser sehen. Seen, oder das Meer? Isaé wusste es nicht, doch es schien, als hätte man eine Stadt törichterweise direkt am Ufer eines solchen gebaut. Vereinzelt konnte man sogar Turmspitzen, oder verwitterte alte Steingemäuer aus dem Wasser ragen sehen, und Isaé versuchte sich vorzustellen, wie es hier wohl früher einmal ausgesehen hatte, oder wie es unter dem dunklen Wasser aussah. Das Stadtbild war unterschiedlich geprägt. Durchaus wohlhabende Menschen liefen durch die Straßen, aber auch Armut war zu sehen. An der einen, oder anderen Ecke gab es kleine Menschenansammlungen, als ob jemand predigte, und seine Anhänger ihm zuhörten. Die Hexenjägerin hatte weder Sinn noch Interesse für sowas, und so ging sie dahin, ohne das meiste zu beachten. Immer noch hingen ihr Entaros Worte bezüglich ihrer äußeren Erscheinung im Kopf, und so beschloss sie, eine Gewandschneiderei, zu suchen. Ein Angesprochener, den sie nach einer solchen Schneiderei fragte, hieß sie, die Hauptstraße entlang zu gehen. Dort seien einige Gewandnäher, Schneidereien und Webereien zu finden, sagte er, und so folgten die beiden der Hauptstraße. Als Isaé einen Laden fand, auf dessen Schild eine Schere und eine Nadel gemalt waren, zog sie Entaro kurzerhand mit sich, und so betraten sie den Laden. Ein älterer Mann, in drolligen Hosen und Wams, das scheinbar die neueste Mode zu schein schien, trat auf die beiden zu. „Ja? Wie kann ich dienen?“ fragte er und musterte die beiden Neuankömmlinge neugierig. „Ich möchte ein neues Kleid kaufen“ erklärte Isaé. Der Schneider musterte sie eingehend, und nickte dann verstehend. Er war viel zu höflich, als ihr offensichtlich beizupflichten. „Ich habe sicher etwas, das eure Schönheit unterstreicht…“ lächelte er, und beschrieb eine einladende Geste. „Der Herr suchen auch etwas? Wenn nicht, bitte, nehmt da drüben Platz, ich habe frischen Tee aufgebrüht. Vielleicht möchtet ihr euch ein wenig ausruhen, und erfrischen? Ihr wirkt mir ein wenig müde“ meinte er, und Isaé musste direkt lächeln, als sie erkannte, dass die beiden Männer sich in Gespreiztheit und Höflichkeit durchaus glichen wie ein Ei dem anderen. Der Schneider wandte sich wieder Isaé zu. „Vielleicht möchtet ihr ablegen, um euch bei der Anprobe leichter zu tun?“ bot er ihr helfend an. Isaé nickte und legte ihren Umhang ab. Sie legte den Gürtel ab, an welchem sich das große Langmesser befand, sowie ihr Geldbeutel, die Pfeife, der Beutel mit dem Pfeifenkraut, und all die liebsamen Dinge, die sie stets bei sich und niemals in einer Tasche, die so leicht gestohlen werden konnte, befanden. All dies lud sie bei Entaro ab, und folgte dem Mann, der sie in den hinteren Teil der Schneiderei führte. „Also…“ begann er „Die heutige Mode entspricht nicht mehr dem Kleid, das ihr tragt. Dieses weite, bequeme ist völlig aus der Mode und überhaupt nicht mehr gefragt. Oberteile sind nun enger anliegend, und… nun ja… nicht mehr ganz so hochgeschlossen. Aber bevor ich rede, zeige ich euch lieber einige Kleider. Darf es eine bestimmte Farbe sein?“ Da schüttelte Isaé den Kopf. Sie gab nichts auf Kleider. Wäre ihr jetziges Kleid grellbunt wie eine Narrengewandung, wäre es ihr genauso egal. „Gut, gut. Also, wenn ich jetzt nach der Farbe eures Teints, der Farbe eurer Augen und der Farbe eures Haars nach, gehen darf, dann schlage ich euch diese Farbe vor.“ Er griff in einen Kleiderständer, und holte mit einem Schwung ein tief weinrotes Kleid hervor. „Probiert dieses einmal, ich glaube, das steht euch ganz ausgezeichnet. Es dürfte sogar eure Größe sein, aber bitte, probiert es! Wenn ich euch dazu gleich ein passendes Unterkleid anbieten dürfte? Es ist aus einem ganz feinen Stoff, sehr angenehm auf der Haut zu tragen, im Winter wärmend, und im Sommer kühlend. Höchste Weberkunst! Und auch Schneiderkunst, wenn ich das sagen darf“ lachte er. Isaé nahm beides an sich, nickte dankend, und verschwand hinter einer Trennwand, die der Schneider ihr bedeutet hatte. Als sie sich ihr Kleid auszog, musste sie feststellen, dass Entaro Recht gehabt hatte. Hier und da hatte sie es heimlich geflickt, der Saum war völlig verschlissen, und abgetreten, und die Farbe an manchen Stellen ein wenig verblichen. Sie legte es leidlich beiseite, und Zog sich auch das Unterkleid aus. Isaé blickte an sich herunter. Ihr Blick fiel dabei nur auf ihre hässliche Narbe. Dann roch sie an sich. Ein Badehaus aufzusuchen, wäre nicht verkehrt. Zur Not würde es aber auch eine Waschschüssel, ein Stück Seife und ein Lappen in einer Wirtschaft tun. Sie schlüpfte zuerst in das Unterkleid, und dann zog sie sich das Weinrote an. Es passte, oh Wunder, wie angegossen… nein, wie maßgeschneidert. Es sah gut aus! Doch Isaé fühlte sich ein wenig unwohl darin. Der Ausschnitt war nicht unzüchtig, aber tiefer, als ihr altes Kleid, was nicht sonderlich schwer war, da der Halsschnitt etwas am Schlüsselbein angesetzt war. Der Ausschnitt dieses Kleides offenbarte deutlich mehr ihrer hellen Haut des Dekolletés, und der Schnitt des Oberteils vermochte nun nicht mehr ihre weiblichen Reize zu verbergen, so, wie es das alte Kleid getan hatte. Ob sie sich an ein solches Kleid gewöhnen könnte? Sie hatte noch nie auf Kleider oder Putz gegeben. Als sie hinter der Trennwand hervor trat, rang der Schneider entzückt die Hände. „Oh! Wie wundervoll! Ihr seht einfach hinreißend aus! Wollt ihr euch gleich eurem Gemahl präsentieren?“ Isaé schüttelte ablehnend den Kopf. „Er ist nicht mein Gemahl! Er ist nur mein Reisebegleiter…!“ stellte sie klar, und der alte Mann schnalzte mit der Zunge. „Na, was nicht ist, kann ja noch werden! Glaubt mir, Kleider machen Leute! Um den alten Fetzen kümmere ich mich, ja?“ Mit diesen Worten nahm er sie an der Hand, und geleitete sie galant in den vorderen Teil, da, wo Entaro sich aufhielt. Isaé war es ein wenig unangenehm, wie der Schneider sie förmlich in den Mittelpunkt drängte, und so schlug sie die Augen nieder und sagte kein Wort mehr. „Wie ich immer sage, mein werter Herr, Kleider machen Leute!“ schwatzte er fröhlich, und schaffte es noch, Isaé einen neuen Mantel, der farblich zum Kleid passte, aufzuschwatzen. Nun war sie zwar neu ausstaffiert, doch der wohl aufgesparte Inhalt ihres Geldbeutels beinahe aufgebracht. Als sie wieder auf der Straße waren, da meinte Isaé grinsend "Und? Ist es jetzt so genehm, für Akadien? Sogar das Unterkleid ist neu. Willst du es sehen?" lachte sie frech, in Andeutung auf ihre Begegnung in ihrem Zimmer, als Isaé sich dem Drachenreiter gedankenlos in ihrem Unterkleid gezeigt hatte. „Lass uns doch bitte noch eine Schenke aufsuchen. Ich bin hungrig, und durstig, und mein Hintern schmerzt mich vom Ritt auf dem Drachen immer noch... Ich hoffe, du lädst 'die Dame' auf ein Bier ein? Ich besitze nun fast kein Geld mehr...!“ fügte sie verlegen hinzu...
#46
Im Schatten der alten Türme ❖
drache-entaro hatte sich zurückgehalten, solange sie in der Schneiderei gewesen waren. Er hatte Isaé, wenn auch nur subtil, dazu angespornt, sich neu einzukleiden. Und auch wenn diese Frau zuweilen sehr dickköpfig war, so erfreute es Entaro, dass sie nun doch vernünftig geblieben war. Die Vermutung des Schneiders, dass sie ein Paar sein könnten, hatte ihn ein wenig reservierter werden lassen. Und als Isaé seine falsche Vermutung berichtigt hatte, da hatte Entaro nur dünn gelächelt. Und nun standen sie auf der Straße und er runzelte die Stirn. »Und? Ist es jetzt so genehm, für Akadien?« Entaro musterte sie mit einem übertrieben kritischen Blick, doch schenkte er ihr ein mildes Lächeln. »Durchaus. Doch dies hier ist noch nicht Akadien, musst du wissen. Auch wenn hier sehr viele Akadier leben und Handel treiben.« Er deutete mit einer vagen Handbewegung an den Horizont, welcher sich hinter der versunkenen Stadt erstreckte. Die einzelnen Zinnen und Turmspitzen, die hier und da aus dem Wasser ragten, schienen beinahe wie Wegweiser zu fungieren, als er auf die offene See dahinter deutete. »Akadien liegt in dieser Richtung.« Er deutete zwischen zwei alten, verfallenen Türmen hindurch, welche wie uralte, abgebrochene Zähne aus dem Meer ragten. Gefallene Mahnmale an die Sünden der Vergangenheit und eine verblasste Erinnerung an bessere, güldene Zeiten.

Auf eine mögliche Frage, warum sie dann hier gelandet waren, kam er gleich zuvor. »Und falls du dich fragst, warum wir nicht direkt dorthin geflogen sind.« Er räusperte sich und warf einen beinahe verstohlenen oder möglicherweise auch unsicheren Blick über die Schulter. Erneut räusperte er sich und es schien beinahe, als ob er die Worte nur schwer über die Lippen brachte. Seine Gedanken schweiften zu einem jener Türme. Ein besonderer, fast schwarzer Turm. Ein dunkles Kapitel in seiner Vergangenheit, von welchem er stets gehofft hatte, diese Seiten des Buches seines Lebens niemals wieder aufschlagen zu müssen.  »Nun. Ich hatte nicht erwartet, dass du dich so schnell für ein neues Kleid begeistern lassen würdest. Aber wenn wir erst in Akadien sind, wirst du es schon verstehen.« Isaé schien zu lächeln. »Du hast dir ein hübsches Kleid ausgesucht.« Entaro versuchte das Gespräch in angenehmere Bahnen zu lenken und sah ihr dabei in die Augen, um jeden anderen Gedanken im Keim zu ersticken. Doch die schleichenden Gewissensbisse, die sich seiner bemächtigten, wollten einfach nicht verebben. Er grämte sich, dafür, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit offenbarte. Es nagte unaufhörlich an seiner ritterlichen Ehre. Doch egal wie oft er es auch schon in Gedanken durchgespielt hatte. Es war besser, wenn sie nicht den wahren Grund ihres Hierseins wusste. Zumindest jetzt noch nicht. »Sogar das Unterkleid ist neu. Willst du es sehen?« Sie lachte und es schien Entaro, dass sie sich beinahe, auf eine kecke Art und Weise, sich über ihn lustig machte. »Hier und jetzt?« Er wirkte zugleich verwirrt und versuchte sich auf ihr Spiel einzulassen. Doch es gelang ihm nicht. Er war einfach kein Mann für derartige Wortgeplänkel. Man konnte ihm deutlich die Berührtheit ansehen, die ihn ergriffen hatte. Derlei Dinge brachten ihn nun einmal sehr leicht aus dem Konzept. Er konnte sich rabiaten Recken und degenerierten Söldnern stellen, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch in Gegenwart dieser Frau fühlte er sich wie ein närrischer Tor.

Aber bevor Isaé noch wirklich darauf eingehen konnte und ihn gar noch beim Wort nahm, trat er einen Schritt näher an sie heran. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Isaé.« Er machte eine kurze, andächtige Pause, um seine Stimme etwas zu dämpfen. »Dies ist der letzte Ort, an welchem noch du eine Armbrust bekommen wirst, bevor wir Akadien erreichen.« Er biss sich auf die Unterlippe. Um der Wahrheit die Ehre zu geben. Eine halbe Wahrheit und damit eine befleckte Ehre. Es schien Entaro ein wenig, als ob sie ihn verständnislos ansah. »Du hattest doch gesagt, deine letzte wurde dir gestohlen. Und ich meine mich zu erinnern, dass du dir eine neue kaufen wolltest.« Er seufzte resignierend, als er in ihren Augen las, was dies nun damit zu tun hatte. "In Akadien gilt die Armbrust als eine geächtete Waffe. Nur in den Grenzlanden wird sie geduldet. Du wirst vermutlich keinen einzigen Schmied und keinen einzigen Bogenbauer, geschweige denn einen Werkzeugmeister in Akadien finden, der dir eine solche Waffe zu einem leistbaren Preis verkaufen wird. Also musst du sie hier, in Nardijan, kaufen. In Akadien wird dir das Gewicht einer Armbrust in Silber gegengewogen. Du kannst mir glauben, hier bekommst du sie sicher zu einem deutlich erschwinglicheren Preis.« Erneut lächelte er und das verschlagene Glitzern in seinen Augen mochte möglicherweise sogar ein wenig ansteckend auf sie wirken.

Isaé brachte die folgenden Worte auf den Punkt. Und als sie sie ausgesprochen hatte, musste Entaro beipflichten, dass es ihm nicht anders erging. »Lass uns doch bitte noch eine Schenke aufsuchen. Ich bin hungrig, und durstig, und mein Hintern schmerzt mich vom Ritt auf dem Drachen immer noch.« Da lachte Entaro, wenn auch nur verhalten. »Ja, der Sattel ist einfach nicht für zwei Reiter konzipiert." Er hielt ihr die offene Hand hin, zum Zeichen seiner Bitte um Vergebung. »Und dabei lasse ich dich auf dem bequemeren Teil des Leders sitzen. Vielleicht sollten wir lieber einen besseren Sattel erwerben?« Damit wollte er zu verstehen geben, dass es ihm nicht besser erging. »Ich hoffe, du lädst 'die Dame' auf ein Bier ein? Ich besitze nun fast kein Geld mehr!« Da runzelte Entaro die Stirn. »Und wie willst du dann die Armbrust bezahlen? Das ist alles andere als eine günstige Waffe.« Er wirkte mit einem Mal verlegen. »Aber natürlich, Isaé. Wo habe ich nur meine Manieren.« Er schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Eigentlich hätte ich dein neues Gewand bezahlen müssen. Immerhin habe ich dich auch dazu gedrängt, eines zu erstehen. Der Schneider hatte mich völlig abgelenkt, mit seinen seltsamen Worten und Gebärden.« Er kramte in seinem Wams nach seiner Geldkatze und als er sie zu Tage gefördert hatte, ließ er sie geräuschvoll klimpern. »Wie es scheint, befindet sich genug darin, für ein Bier und einen kleinen Braten.«, zwinkerte er.
#47
Es ist nicht alles Gold das glänzt ❖
drache-isaés Herz begann schneller zu schlagen, unter den akribischen Blicken Entaros. Sie konnte nicht verstehen, wie dieser kühle, reservierte, wenn auch freundliche Mann sie derart verwirren konnte. Unter seinen Augen fühlte sie sich direkt klein und unbedeutend. Die junge Ariaderin hatte sich sowieso nur seinetwegen dieses neue Kleid gekauft. Für sie zählte das Äußere nicht, ihr altes Kleid war für ihre Ansprüche immer noch gut genug gewesen. „Durchaus. Doch dies hier ist noch nicht Akadien, musst du wissen. Auch wenn hier sehr viele Akadier leben und Handel treiben“ Er beschrieb eine deutende Geste mit seiner Hand und Isaé folgte seiner Bewegung mit den Augen, und ließ sie über den Horizont schweifen. „Akadien liegt in dieser Richtung. Und falls du dich fragst, warum wir nicht direkt dorthin geflogen sind… Nun, ich hatte nicht erwartet, dass du dich so schnell für ein neues Kleid begeistern lassen würdest. Wenn wir erst in Akadien sind, wirst du es schon verstehen.“ Sie blickte ihn fragend, und auch leicht verlegen an. Was musste er nur für eine Meinung von ihr haben? Vermutlich hielt er sie für ein ungeschliffenes Bauernweib. Nun ja, zum Teil stimmte das auch. Sie konnte weder lesen, noch schreiben, sie hatte in mancherlei Dinge keine Erfahrung, und so fehlte ihr vieles Wissen. Wissen, das Entaro sehr wohl besaß, und damit auch gerne um sich warf. Erst, als sie in die Welt gezogen war, nachdem ihre Eltern und auch Aduan tot waren, hatte sie mehr davon gesehen als nur Köllesberg und Arkan. Wohl hatte Almaté, die Kräuterfrau, die ihr in der schwersten Not beigestanden hatte, einiges an Wissen gelehrt, doch reichte dies bei Weitem nicht aus, für die große, weite Welt, und für Entaro vermutlich erst recht nicht. „Du hast dir ein hübsches Kleid ausgesucht“ meinte er schließlich, und Isaé, die darüber errötete, fand keine andere Reaktion darauf, als ihn lachend zu necken. „Sogar das Unterkleid ist neu, willst du es sehen?“ Überraschender erwiderte er daraufhin „Hier und jetzt?“ was die junge Frau wiederum in Verlegenheit brachte. Sie überlegte fieberhaft, was sie darauf erwähnen sollte, aber der Moment war schnell verstrichen. Entaro trat einen Schritt näher an sie heran und meinte „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Isaé…“ Sie streckte neugierig ihren Kopf etwas nach vorne, gespannt, was nun folgte. „Dies ist der letzte Ort, an welchem du eine Armbrust bekommen wirst, bevor wir Akadien erreichen.“ Das hatte sie nicht erwartet. Und dementsprechend blickte sie ihn auch an. „Du hattest doch gesagt, deine letzte wurde dir gestohlen. Und ich meine mich zu erinnern, dass du dir eine neue kaufen wolltest.“ Sie nickte, und blickte ihn immer noch verständnislos an. „Ja, und?“ fragte sie ihn, und da seufzte er. „In Akadien gilt die Armbrust als eine geächtete Waffe.“ Isaé zuckte die Schultern. „Na und?“ Sie hatte ihr gesamtes Leben als eine Geächtete gefristet. Gewissermaßen war das völlig normal für sie. Die Tochter eines Totengräbers. Die Schande des unehrenhaften Berufes haftete ihr ebenso an, und niemals würde sie diese loswerden. Zumal sie als Hexenjägerin auch nicht gerade ein hohes Ansehen genoss, wenngleich sie deswegen zumindest vielerorts geduldet wurde, da sie die Menschen von unsäglichem Übel befreite. „Das habe ich dir noch nicht erzählt, aber mein Vater war Totengräber. Das machte mich ebenso zu einer Geächteten. Und naja, sehr fest im Glauben bin ich auch nicht mehr, also passt eine Armbrust als Geächtete, und Heidin, durchaus zu mir.“ „Du wirst vermutlich keinen einzigen Schmied und keinen einzigen Bogenbauer, geschweige denn einen Werkzeugmeister in Akadien finden, der dir eine solche Waffe zu einem leistbaren Preis verkaufen wird. Also musst du sie hier, in Nardijan, kaufen.“ Isaé nickte verstehend. „In Akadien wird dir das Gewicht einer Armbrust in Silber gegengewogen.“ führte er fort, und Isaé ließ ihre Schultern hängen. Gleich würde er eine Moralpredigt darüber halten, dass es sich für eine Frau, die so gekleidet war, wie sie es nun war, ohnehin nicht gehörte, eine Armbrust zu besitzen. Und dass es das viele Geld nicht wert war, eine Waffe zu kaufen, die sie weder tragen sollte noch wirklich benötigte. Aber da täuschte sie sich. „Du kannst mir glauben, hier bekommst du sie sicher zu einem deutlich erschwinglicheren Preis.“ Er grinste verschmitzt, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, als sie seinen verschwörerischen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Lass uns doch bitte noch vorher eine Schenke aufsuchen. Ich bin hungrig, und durstig, und mein Hintern schmerzt mich vom Ritt auf dem Drachen immer noch.“ Sie vermied es, sich an ihren Hintern zu greifen. Er lachte verhalten. So, wie er es immer tat. Er besaß keinen großartigen Humor, was Isaé oft missbilligend feststellen musste. Humor war die Würze des Lebens. Sein Leben musste fad und eintönig sein. „Ja, der Sattel ist einfach nicht für zwei Reiter konzipiert. Und dabei lasse ich dich auf dem bequemeren Teil des Leders sitzen.“ Sie legte den Kopf schief. „Ich denke, das ist einerlei. Aber ich danke dir dennoch für deine Großzügigkeit…“ grinste sie. „Ich hoffe, du lädst 'die Dame' auf ein Bier ein? Ich besitze nun fast kein Geld mehr!“ gab sie zu und er runzelte die Stirn. „Und wie willst du dann die Armbrust bezahlen? Das ist alles andere als eine billige Waffe.“ Da erschrak Isaé und sie schluckte schwer. Es stimmte! Daran hatte sie gar nicht gedacht! Sie wollte sich eine Armbrust kaufen, schon seit einigen Monden! Und nun hatte sie ihr gesamtes Vermögen in diesen dummen Fetzen gesteckt, ein Kleid, das sie noch nicht einmal hatte haben wollen! Es war Entaros blöde Idee gewesen, wahrscheinlich, weil er sich für ihren Aufzug geschämt hatte. Sie vermied aber tunlichst, ihm dies an den Kopf zu werfen, obgleich sie große Lust darauf hatte. Nun war sie zwar schön anzusehen, war aber mittellos wie eine Bettlerin. Sie wusste nicht, wie sie nun für ihren weiteren Lebensunterhalt aufkommen sollte. Aber es war nicht an Entaro, sich darum zu kümmern. Er schlug sich gegen die Stirn. „Aber natürlich, Isaé. Wo habe ich nur meine Manieren. Eigentlich hätte ich dein neues Gewand bezahlen müssen. Immerhin habe ich dich auch dazu gedrängt, eines zu erstehen. Der Schneider hatte mich völlig abgelenkt, mit seinen seltsamen Worten und Gebärden“ Da musste sie kichern. Der Schneider war wirklich ulkig gewesen. Doch sie hob ablehnend die Hände und schüttelte den Kopf. „Nein, das hättest du nicht müssen. Ich hätte auch nein sagen können, und kein neues Kleid kaufen müssen. Ein Bier reicht mir schon.“ Dass sie das Kleid nur seinetwegen gekauft hatte, verschwieg sie natürlich. In diesem hier fühlte sie sich unwohl, auch wenn es ein sehr schönes Kleid war, wie auch Entaro bemerkt hatte. Wenigstens etwas. Aber davon hatte sie auch nicht unbedingt etwas. Entaro holte seinen Geldbeutel hervor, und ließ die Münzen, die sich darin befanden, aneinander klingen. „Wie es scheint, befindet sich genug darin, für ein Bier und einen kleinen Braten.“ Isaé dachte nach, und kramte in ihrem Geldbeutel. „Wenn wir zusammenlegen, reicht es vielleicht auch noch für eine billige Unterkunft?“ meinte sie. „Diese Stadt sieht mir nicht danach aus, dass es ratsam wäre, im Freien zu nächtigen…“

Schließlich fanden sie eine kleine, aber saubere Schenke. Sie war nicht voll, aber dennoch gut besucht. Anders, als in vielen Schenken, die Isaé kannte, gab es hier nicht viele Einzeltische mit Stühlen, sondern zwei große, lange Tische mit Sitzbänken. Isaé und Entaro setzen sich an das eine Ende einer Sitzbank, deren Tisch beinahe leer war. Nur am anderen Ende saß ein Mann, starrte in sein Bier, und als er sich der beiden gewahr wurde, hob er seinen Kopf, blickte auf und nickte den beiden zum Gruß zu. Isaé erwiderte seinen Gruß und wartete schließlich, bis der Wirt herangetreten war. „Einen schönen guten Abend!“ begrüßte der Wirt die beiden. „Was darf ich euch bringen?“ Da es Entaros Geld war, überließ Isaé es ihm. Als der Wirt wieder zurück zu der Ausschank ging, bemerkte Isaé „Sehr freundliche Menschen hier. Der Schneider, dieser Mann, der Wirt… Ich bin es gar nicht gewohnt, so nett empfangen zu werden.“ Sie fragte sich, ob es allgemeine Gastfreundschaft war, oder ob es nur an ihrer neuen Aufmachung lag. Doch hütete sie sich, darüber ein Wort zu verlieren. Schließlich war es ihr auf eine gewisse Art und Weise unangenehm, als ob sie davor ein völlig verwahrlostes Lumpenweib gewesen wäre. Während sie ihr Bier tranken, dachte Isaé darüber nach, wie sie nun eine neue Armbrust bezahlen sollte. Doch sie fand keine Möglichkeit. Dass Entaro diese bezahlte, war für sie völlig ausgeschlossen, außerdem bezweifelte sie, dass er so viel Geld besaß. Und etwas anderes fiel ihr nicht ein. Sich eine Armbrust mit unlauteren Methoden anzueignen war ebenso keine Option, wie sich eine zu kaufen, und das Geld mit unlauteren Methoden zu verdienen oder zu beschaffen. Es war verzwickt! Hätte sie sich doch diese Kleider, und den Mantel nicht gekauft! Nun blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als den archaischen Hammer und Holzpflock, wie Entaro diese Instrumente so schön bezeichnet hatte, weiterhin zu verwenden. Immerhin sah sie dann gut aus, wenn sie eine Hexe pfählte. Immerhin! Sie schweifte weiterhin in Gedanken ab, da sie nicht wirklich wusste, was sie mit Entaro sprechen sollte.

Da kam es ihr beinahe als eine sehr günstige Gelegenheit, dass plötzlich der Mann vor ihr stand, und sich leicht verneigte. „Verzeiht mir die Störung.“ Doch Isaé winkte ab „Ihr stört keineswegs...“ und blickte ihn erwartungsvoll an. Da schenkte er ihr ein Lächeln. „Würdet ihr mir wohl die Ehre erweisen, und einen Becher Wein mit mir trinken? Es sei denn, euer Begleiter hat etwas dagegen…“ Erneut winkte Isaé ab. „Nein, es macht ihm bestimmt nichts aus, nicht wahr Entaro?“ Galant bot er ihr einen Arm an, und wieder war die junge Ariaderin erstaunt, was ein neues Kleid so ausmachte. Sie warf Entaro allerdings einen etwas unsicheren Blick zu, als sie den Arm des Mannes ergriff, und sich von ihm auf die andere Tischseite führen ließ. Ach was, er hatte nichts dagegen. Sie hatten schon eine beträchtliche Zeit geschwiegen, und wahrscheinlich war es ihm auch Recht, dass dieser Mann ihn von den Qualen des peinlichen Schweigens erlöste.
„Wie lautet euer Name?“ erkundigte sich der Mann, als sie einander schließlich zuprosteten. „Ich heiße Isaé Edera, und der eurige Name ist…?“ „Adrién A‘lenne“ stellte er sich vor. Sie nickte verstehend. „Ich komme aus Akadien, und bin nun hier, um Handel zu betreiben. „Und wie komme ich zu der Ehre, auf einen Becher Wein eingeladen zu werden?“ fragte sie „Meinetwegen auch zwei, oder drei…“ scherzte Adrién. „Oder wenigstens einen nach dem anderen… Aber euer Akzent ist auch nicht akadisch gefärbt. Wo seid ihr her?“ „Ich komme aus Ariad. Am Fuße des Köhlerwaldes.“ „Ah, Ariad. Ein wunderbares Land! Besonders die freien Städte, im Süden. Es ist immer interessant, dort Handel zu betreiben. Wart ihr denn schon dort?“ Da schüttelte Isaé den Kopf. „Nein, es hat mich noch nie in den richtigen Süden meines Heimatlandes verschlagen. Stattdessen reiste ich in die andere Richtung. Kalath, und nun eben hierher.“ „Ihr seid durch das verfluchte Kalath gereist?“ Da nickte sie. „Sogar ganz alleine…“ Adrién warf einen flüchtigen Blick auf Entaro hinüber. „Und euer Begleiter?“ „Ich habe ihn erst später getroffen…“ Er nickte, verschränkte die Arme und lehnte sich auf dem Tisch ein wenig zu Isaé hinüber. „Jetzt bin ich aber neugierig. Was treibt eine Frau, ganz alleine, durch die verfluchten Lande?“ Isaé lächelte scheu. „Meine Arbeit…“ „Und was arbeitet ihr?“ „Ich jage Hexen.“ Adrién blickte sie an, als hätte sie einen Scherz gemacht. Isaé war diese Reaktion durchaus vertraut. So etwas hörte man nicht alle Tage. Sie grinste verschmitzt, und trank ihren Wein aus. „Habe ich euch richtig verstanden? Ihr jagt Hexen?“ fragte er nach, und blickte dann in Isaés leeren Becher. „Möchtet ihr noch einen Wein?“ „Ja, bitte. Und ja, ich bin eine Hexenjägerin.“ Adrién hob die Hand und deutete dem Wirten mit zwei Fingern. Dann trank er selbst ebenso seinen Wein aus. „Also… Wie häufig trifft man denn auf Hexen?“ Isaé legte den Kopf schief, und lächelte ihn tadelnd an. „Ich meine das völlig ernst!“ hob er entschuldigend die Hände an. „Ja, ich habe es auch nicht böse verstanden“ beschwichtigte ihn Isaé. Und dann erzählte sie ihm über das Hexengeschäft.

Einige Becher Wein später, und längst das Du-Wort angeboten, meinte Adrién „Du bist eine wunderschöne Frau, Isae…“ Sie lächelte verschämt. Sie hätte nach dem zweiten Becher dankend ablehnen sollen. Nun war sie ganz schön betrunken. Wenigstens wurde sie dann immer schweigsam, und nicht redselig, so wie viele Betrunkene das zu tun pflegten. Sie musste zugeben, dass sie Adrién auch sehr nett fand. Er sah gut aus, war gebildet und kultiviert, und war formvollendet Höflich. Im Grunde alles Eigenschaften, die auch Entaro besaß, oder die auf diesen zutrafen. Aber Adrién war nicht so furchtbar steif, humorlos und trocken… Er legte ihr seine Hand auf die ihre, und Isaé zuckte erschrocken zurück. „Verzeih mir… hab ich etwas Falsches getan?“ fragte er sie besorgt, und Isaé schüttelte den Kopf. Sie warf einen schuldbewussten Blick auf Entaro. Sie hatte ihn schon viel zu lange alleine gelassen. „Nein, es ist nur…“ Adrién folgte ihrem Blick. „Ist er denn nicht euer Begleiter? Etwa euer Gefährte?“ Da musste Isaé plötzlich laut auflachen. Sie warf ihre Arme auf den Tisch, und der Kopf folgte gleich danach. So lachte sie eine Weile in den Tisch, und als sie sich wieder auflehnte, liefen ihr die Tränen übers Gesicht. „Entaro? Mein Gefährte?“ kicherte sie, und fand es in diesem Augenblick plötzlich gar nicht mehr so komisch. „Der Bernsteinritter?“ Sie lachte weiter, doch verstand gar nicht mehr, wieso. Viel eher war ihr zum Heulen zumute. Da saß sie bei einem wirklich reizenden, jungen Mann, der beinahe alle Vorzüge hatte, die man sich nur wünschen konnte, und dann überkam sie das schiere Elend, weil sie in diesem Moment der Tatsache gewahr wurde, dass sie ihr Herz längst verloren hatte. „Ich glaube, das ist der letzte Mann, der mein Gefährte sein wollte!“ gab sie trocken und ernst wieder und ihre Lippen bebten leicht. Jetzt nur nicht weinen! Außerdem spürte sie eine unsagbare Unruhe. Sie hatte es schon den ganzen Tag über gespürt… Der Entzug des Feuermohns. Entaro zuliebe hatte sie die letzten beiden Tage keinen Feuermohn mehr geraucht, und nun war der Punkt gekommen, an dem ihr Körper nicht mehr nur danach verlangte, sondern bereits danach schrie. Sie konnte sich kaum mehr auf etwas anderes konzentrieren. Isaé erhob sich rasch. Ein wenig zu rasch. „Ich danke für den netten Abend, und die Einladung. Verzeih mir, ich bin es nicht mehr gewohnt, Wein zu trinken. Ich muss gehen. Vielleicht sieht man sich noch…“ stammelte sie, und lief raschen Schrittes aus der Schenke. Nicht einmal Entaro hatte sie dabei beachtet. Die kühle Abendluft verstärkte den Alkoholeinfluss sogar noch. Mit zitternden Fingern nestelte sie an ihrem Gürtel herum, bis sie endlich Pfeife, Pfeifenkraut und den Beutel mit dem Feuermohnopium zutage gefördert hatte. Ihre Finger zitterten noch mehr, als sie die Pfeife endlich gestopft hatte, und einen Kienspan an der Fackel an der Mauer des Gasthofes entzündet hatte, und damit die Pfeife entfachte. Erst, als der schwere, süßliche Rauch in ihre Lungen strömte, und sich die entspannende Wirkung des Feuermohns endlich entfachte, hörte das Zittern auf. Isaé beruhigte sich wieder und lehnte sich erleichtert an die Hauswand...
#48
Das wahre Gesicht unter der Maske ❖
drache-beinahe dankbar musste Entaro beipflichten, als Isaé vorschlug eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Auch ihr Argument, dass diese Stadt des Nächtens nicht sicher war, traf den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Und so schlenderten sie die verfallene Promenade am Ufer der versunkenen Stadt entlang, auf der Suche nach einem geeigneten Ort. Die Straße war eigentlich alles andere als gut erhalten. Viele der Pflastersteine, die von der einstigen Größe dieser Stadt zeugten, fehlten, da sie für andere Häuser gebraucht worden waren. Und bisher hatte sich niemand dazu herabgelassen die Straße wieder instand zu setzen, obwohl die Stadt langsam wieder erblühte. Hier und da hing ein Fuhrwerk oder eine Kutsche in einer Furche fest, die zwischen den ausgelösten Pflastersteinen entstanden war und emsige Arbeiter versuchten mit Stangen und Haken die Räder aus der Falle zu befreien.

Das Gasthaust, welches sie schließlich aufsuchten ließ Entaro schnell die Menschen vergessen, die sich draußen, auf der Straße, plagten. Denn der Duft von einem würzigen Braten stieg ihm sogleich, kaum dass er den Raum betreten hatte, in die Nase. Und wenn er sich ehrlich war, war er noch immer peinlich berührt von seinem eigenen Verhalten Isaé gegenüber, als er es verabsäumt hatte das neue Gewand der Ariaderin zu bezahlen. Sie musste nun, und das wusste nur Daerean allein, alles Mögliche von ihm halten, was Entaro nur noch mehr in Verlegenheit stürzte. Der Geruch des Bratens ließ Entaro erst wahrhaftig bewusstwerden, wie hungrig er eigentlich war. Und da störten ihn auf einmal auch all die anderen, deutlich unangenehmen und widerlichen Gerüche, die an diesem Ort vorherrschten, nicht mehr. Isaé und der Drachenreiter fanden recht schnell einen Tisch und auch das Bier wurde ziemlich zügig serviert. Und gerade als Entaro die rechtschaffene Zwickmühle, in welcher er sich befand, zur Sprache bringen wollte, trat ein Fremder an den Tisch. Entaro nickte höflich, aber zurückhaltend genug, um dem Mann zu Verstehen zu geben, dass seine Anwesenheit weder erwünscht noch nötig war. Doch entweder stießen Entaros Blicke auf blinde Augen, oder der Mann war ein unhöflicher Rüpel, der sie schlicht und ergreifend ignorierte. Wie dem auch sei, nur wenige Worte später war Isaé auch schon aufgestanden und hatte, gemeinsam mit dem Fremden, den Tisch verlassen. Zunächst schwieg Entaro und sah Isaé mit gemischten Gefühlen nach. Er hatte natürlich keineswegs erwartet, oder gar verlangt, dass sie bei ihm bleiben sollte. Allerdings hatte er die Worte nicht ausgesprochen. Als sie gegangen war, hatte er sich gewünscht er hätte es getan. Doch dass sie so schnell das Weite suchte, machte den Drachenreiter nun doch etwas stutzig. Er fühlte sich beinahe betrogen, oder versetzt. Wie ein Mann der im Regen stehen gelassen wurde. Entaro seufzte schwer, trank sein Bier aus und stützte sich dabei auf seine rechte Hand, den Ellbogen auf dem Tisch abgestellt. Für einige Zeit beobachtete er Isaé und den Fremden doch wurde dies schnell zur quälenden Langeweile. Nicht nur weil Entaro nicht verstand worüber sie redeten, sondern auch weil Isaé die erstbeste Gelegenheit ergriffen hatte, sich eines anderes Mannes Gesellschaft zu suchen.

Einzig und allein seine Ritterehre hinderte ihn daran, den Ort ohne Isaé zu verlassen. Denn auch wenn Isaé es vielleicht vergessen hatte, war die Blutschuld, die sie an den Drachen zu zahlen hatte, noch immer nicht beglichen. Würde er also fortgehen, brächte er sie damit womöglich in Gefahr. Und das konnte er weder mit seiner Ehre noch mit seiner Ritterlichkeit vereinbaren. Aber Isaé als stummer Zeuge beizuwohnen, schmeckte ihm genauso wenig. Und so verzehrte er den wohlschmeckenden Braten, stürzte den letzten Schluck seines Bieres herunter und bezahlte er schließlich die Zeche, wobei er jenes, welches Isaé bestellt hatte, nicht anrührte, und verließ daraufhin die Schenke. Ein wenig unschlüssig verharrte er auf der Türschwelle des Gasthauses und starrte in abendlichen Himmel, welcher von der untergehenden Sonne in ein bedrohliches Rot getaucht wurde. Kurz erwog er, bei dem Drachen nach dem Rechten zu sehen, doch entschied er sich dann dagegen. Was, wenn Isaé die Gaststube verließ und er sie verpassen würde? Auch wenn diese Stadt zu weiten Teilen im Meer versunken war, so war sie dennoch groß genug, um eine einzelne Frau zu verlieren. Und sei sie noch so schön gekleidet.

Also entfernte sich Entaro mit gemütlichen Schritten von dem Gasthaus, wobei er immer wieder einen prüfenden Blick über die Schulter warf, ob Isaé nicht doch nachfolgte. Doch jedes Mal, wenn er sich umsah, war von der jungen Frau keine Spur zu sehen, so dass nach und nach immer mehr Schritte vergangen, bevor er sich umsah. Irgendwann hatte er eine kleine Gasse erreicht, wo er sich schließlich entschloss, an die Mauer gelehnt darauf zu warten, dass Isaé aus dem Gasthaus kam. Und lange musste er dann auch nicht mehr warten. Sie kam schließlich. Und sogar allein. Entaros Miene hellte sich auf und er stieß sich von der Wand ab um zu ihr zu gehen, doch als er sah, dass sie sich eine Pfeife ansteckte, verharrte er, während sein Gesicht sich buchstäblich finster verdunkelte. Wortlos schüttelte er den Kopf und seufzte abermals schwer. Noch schwerer als zuvor in der Gaststube, als Isaé mit dem Fremden gegangen war. Entaros Hand glitt zu dem Knauf seines Schwertes, durch dessen Gefühl in der Hand er stets den nötigen Halt fand, den er gelegentlich brauchte. Als das alte Leder, welches um den Griff gewickelt war seine Handfläche berührte seufzte Entaro erneut und atmete schwer aus. Es half nichts. Er konnte ihr nicht den Rücken kehren. Sie musste in der Nähe des Drachen bleiben bis die Blutschuld getilgt war. Danach konnte sie ihrer Wege gehen und ihr Leben weiter leben. Er hatte schon lange aufgegeben die ganze Welt retten zu wollen und doch fühlte er sich jedes Mal als habe er versagt, wenn er nicht einmal eine junge Frau wie Isaé vor sich selbst beschützen konnte.

Die Tür zur Gaststube ging erneut auf und in die aufkeimende Nacht trat jener Fremde, welcher Isaé von Entaros Tisch gelockt hatte. Wieder verfinsterte sich, ganz ohne sein bewusstes Zutun, Entaros Miene und verwandelte sich in eine eiserne Maske. Sein Griff um den Griff des Schwertes wurde fester, als ob der nötige Halt, den es ihm bis eben noch verliehen hatte, mit einem Mal nicht mehr genug war. »So bedankt man sich in Ariad also, wenn man höflich auf einen Wein eingeladen wird?"« Er trat einige Schritte näher an Isaé heran und lehnte sich dann lässig gegen die Wand und starrte sie unverhohlen an. »Austrinken und verschwinden?« Er schüttelte, mit einer bemerkenswert überzeugenden, entrüsteten und enttäuschten Miene den Kopf. »Aber wie ich sehe scheint Wein dir nicht zu reichen.« Er nahm Isaé, noch ehe sie zurückweichen konnte, buchstäblich die Pfeife aus der Hand und drehte den Hals so, dass er in seine Richtung deutete. »Feuermohn.« Er roch an der Pfeife, ohne sie selbst in den Mund zu nehmen. »Ich muss sagen, ich bin maßlos enttäuscht.« Er ließ die Pfeife los, und es war ihm wohl auch egal ob Isaé sie noch hielt oder ob sie zu Boden fallen würde. Ohne Umschweife schnippte er, wie beiläufig, mit den Fingern seiner rechten Hand und zwei zwielichtige Halunken, welche Entaro bis vor wenigen Augenblicken noch nicht einmal aufgefallen waren, traten aus den Schatten in den schummrigen Schein der schwach brennenden Laterne, die an der Ecke der Schenke im Zwielicht der untergehenden Sonne baumelte und die hohle Gasse in ein monotones, gelbes Licht tauchte. Der Drachenreiter handelte instinktiv und ohne weiter abzuwarten. Er setzte sich in Bewegung und hielt, mit eiserner Miene und forschem Schritt, direkt auf Isaé zu. Einer der Halunken hielt eine gespannte Armbrust in der Hand, während der andere mit zwei Messern bewaffnet war. »Du kommst jetzt schön brav mit uns mit. Und keine Mätzchen, kapiert?« Der Fremde grinste, was in dem schlechten Licht der Laterne wie eine groteske Fratze des Hohns aussah. »Du willst doch nicht, dass deinem hübschen Gesicht etwas Hässliches passiert, oder?« Er legte Isaé die Hand in den Nacken und war schon im Begriff sie von der Wand fort zu drücken, als Entaro sein Schwert geräuschvoll aus der Scheide zog und mit einer eleganten Drehung dem Halunken mit der Armbrust die flache Seite der Klinge über die gestreckten Arme schlug. Der Mann heulte auf, die Armbrust glitt ihm aus den Fingern und noch im Fall löste sich der Bolzen und er sauste mit einem kurzen Pfiff von Dannen. Der Bolzen schlug unmittelbar über Isaé und Adrién in der Laterne ein. Sie flammte auf und etwas Öl schwappte heraus, während die Laterne wild hin und her schaukelte. »Scheiße!« Der Halunke mit den Messern fluchte, während der andere von Entaro einen kräftigen Tritt in die Rippen erhielt und schwer keuchend zu Boden ging. Doch dann lag die Gasse in finsteren Schatten, denn das Licht der Laterne erstarb schließlich und Entaro hielt sein Schwert in einer abwehrenden Haltung um nicht Opfer eines feigen Angriffs zu werden. »Isaé? Geht es dir gut?« Der Drachenritter kniff die Augen zusammen und versuchte in den Schatten und Schemen der Dunkelheit die Gestalt der jungen Frau auszumachen.

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