Hexenfluch und Drachenfeuer
#65
Zäh wie Honig ❖
drache-ohne ein Wort zu sagen, seufzte Isaé innerlich. Vielleicht hatten die beiden unterschiedliche Ansichten von Kommunikation. Doch sie hatte bei Entaro stets das Gefühl, dass ihr nach jeder Antwort, die sie von Entaro erhielt, noch mehr Fragen auf der Seele brannten. Doch vielleicht stellte sie ihre Fragen zu unpräzise. Vielleicht musste sie gezielt fragen, um jene Antworten zu erhalten, die sie wollte. Allerdings schien es, als ob das Thema für Entaro bereits abgeschlossen war. Denn er schloss das Gespräch mit den Worten “Doch genug davon. Wir sollten zu Bett gehen, denn es wäre ratsam, morgen so früh wie möglich zu verschwinden.” Isaé nickte, doch innerlich seufzte sie erneut. Entaro schien stets so rast- und ruhelos zu sein. Die junge Frau wollte eigentlich nur einen gemütlichen Abend verbringen, Mosiér trinken, vielleicht eine Pfeife rauchen und nette Gespräche führen. Er sagte, darüber könnte man die ganze Nacht sprechen? Ja, warum taten sie es dann nicht? Die besten Gespräche waren mitunter die, die man führte zu einem Zeitpunkt, wo man es für gewöhnlich nicht tat. Aber das brauchte sie dem Drachenreiter gar nicht erst vorschlagen.

Entaro erhob sich und erkundigte sich nach dem stillen Örtchen. Isaé kicherte bei diesen Worten. Sie hatte noch nie gehört, dass jemand den Abort, die Latrine “stilles Örtchen” nannte. Und auch der Wirt schien diesen Begriff nicht zu mögen, denn mit Schalk in Augen und Stimme meinte er: “Du meinst, das Scheisshaus?” Als Entaro dieses Wort wiederholte, wurde aus dem leisen Kichern ein heiteres Lachen. Entaro wählte seine Worte stets überlegt, und da passte dieses Wort einfach nicht zu seinem Sprachschatz. Als er sich schließlich an sie richtete und etwas von dringenden Geschäften sprach, versuchte Isaé die nötige ernste Miene aufzusetzen und nickte. “Geh nur, Entaro.” Und das tat er auch.

Isaé blieb sitzen und widmete sich ihrem Jungwein. Und sie stellte fest, dass sie in diesem Moment eigentlich ganz zufrieden mit sich und der Welt war. Nur eines fehlte ihr. Feuermohnopium. Sie erhob sich ebenfalls und trat an den Ausschank heran und lehnte sich dagegen. “Entschuldige bitte. Aber wo gibt es in dieser Stadt eine Kräuterdrogerie?” Der Wirt kratzte sich das Kinn und überlegte kurz. “In der Altstadt, am Hauptplatz wenn ich mich recht entsinne. Kann man eigentlich gar nicht verfehlen. Aber die hat heute natürlich nicht mehr geöffnet.” “Oh, das macht nichts. Das hat Zeit bis morgen…” Die Schenkentür öffnete sich. Nur der Wirt wandte sein Gesicht der Türe, wie es ein Wirt gewohnheitsmäßig tut, wenn er neuen Gästen gewahr wird. Isaé wandte ihr Gesicht den Neuankömmlingen erst wenige Momente später zu, denn sie betraten das Gasthaus nicht, und schlossen auch nicht die Türe, sie standen einfach nur in der Tür und ließen ihre Blicke durch den Raum schweifen. Ihre Augen richteten sich schließlich auf die Hexenjägerin. “Das muss sie sein.” sagte einer von ihnen und dann krachte die Türe ins Schloss und sie schossen zielstrebig auf Isaé zu. Es ging so schnell, dass Isaé kaum Spielraum hatte, zu reagieren. Und selbst wenn, was hätte es ihr genützt? Einer der Kerle packte sie und verdrehte ihr unsanft die Arme auf den Rücken. Die unnatürliche Haltung in der sich ihre Gelenke und befanden war schmerzhaft und so zischte sie auf. “Wer seid ihr?” stieß sie hervor, doch sie erhielt keine Antwort. Er zwang sie stattdessen an einen der Tische und stieß sie unsanft nach vorn, sodass sie mit ihrem Gesicht und Oberkörper auf die Tischplatte knallte. Isaé stieß erneut einen Schmerzenslaut aus. Ein hölzerner Weinbecher fiel dabei um, rollte über den Tisch und sprang mehrmals polternd auf den Boden. Während sich die junge Frau in der eisernen Umklammerung befand, und sich fragte, wer sie seien und was sie wollten, richtete ein zweiter seine Worte an den Wirten. Er wollte wissen, wo Entaro war, und der Wirt verriet es ihm selbstverständlich, ohne mit der Wimpern zu zucken. Nach einigen zotigen Wortwechseln und dreckigem Gelächter der Kerle stand Entaro plötzlich in der Türe. Sie zerrten Isaé grob an den Haaren herbei und dann ging alles sehr schnell. Einer der KErle rief “Gesegnete Grüße vom Herrn des Turmes!” und mit einem Mal stieg dichter, roter Rauch auf, der sich im gesamten Raum ausbreitete und in den Augen und in den Atemwegen brannte und kratzte. Isaé vermochte es nicht, dem Hustenreiz zu unterdrücken, und ihre Augen tränten. Doch noch immer waren ihre Arme eisern auf dem Rücken verdreht, und jeder Versuch, sich aus der Umklammerung zu befreien, zog nur noch mehr Schmerzen mit sich. Entaro schrie auf. Erst einmal, dann ein zweites Mal. Als Isaé nach Entaro rufen wollte, verspürte sie einen unmenschlichen Schmerz auf ihrem Handrücken. Es brannte fürchterlich auf der Haut und die Hitze frass sich durch Mark und Bein und schien sich bis in den Arm auszubreiten, wo er einen lähmenden Schmerz verursachte. Isaé heulte schmerzerfüllt auf und verlor die Beherrschung über ihren Körper. Ihre Beine wollten nicht mehr ihren Dienst erfüllen und die junge Frau sackte in sich zusammen, sodass der Kerl sie losließ und sie auf dem Boden aufschlug. Dass hier übernatürliche Mächte am Werk waren, vermutete Isaé, als sie den unheilvoll gemurmelten Fluch hörte. "Verflucht sollt ihr sein, und niemals über den Turm und alles, was ihr darüber wisst, sprechen können! Verflucht sollt ihr sein, und niemals wieder den Turm betreten!" Die Hexenjägerin umfasste ihren schmerzenden Handrücken, doch anders als der brennende Schmerz erahnen ließ, fühlte sich diese eiskalt an, doch der Schmerz, der in ein Pochen übergegangen war, ließ sich durch massieren der Stelle nicht lindern oder gar vertreiben. Doch ein Hoffnungsschimmer keimte in der Ariaderin auf. Sie würden dies überleben! Denn warum hätten diese Kerle sie wie eine Kuh brandmarken sollen, wenn sie sie dann doch umbrachten? Der rote Rauch lichtete sich allmählich und als die am Boden liegende Isaé ihren Kopf anhob um nach Entaro zu sehen, da erkannte sie seine schemenhaften Umrisse. Er lag am Boden und wurde von Tritten drangsaliert.

Mit einem Mal ertönte ein markerschütterndes Gebrüll durch die Nacht. Isaés Augen weiteten sich, als sie erkannte, dass Entaros Drache zurückgekehrt war. Sie erkannte die Chance, die sich dadurch auftat, aber sie erkannte auch, dass Entaro sich nicht rührte. Nun setzte sie sich auf. War er bewusstlos? Oder hatten sie ihn… Isaé wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Die vier Kerle blickten nach oben, als sie das Gebrüll vernommen hatten. “Was zum Henker ist das? Und du da, Schlampe, rühr dich ja nicht!” Isaés Mund verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln, obwohl ihr nicht nach Lachen zumute war. Dieses Untier bedeutete eine reele Gefahr für alle, und sie wusste nicht, wie sie diese Gefahr abwenden sollte. “Ihr wollt wissen, was da war? Nun, ich will es euch sagen. Es ist sein Drache!” deutete sie mit einem Finger auf Entaro. Die Männer verzogen ihre Lippen ebenfalls zu einem Grinsen, aber man konnte die Unsicherheit in ihren Gesichtern erkennen. “Ach, red doch keinen Scheiß! Es gibt keine Drachen!” “Aber… was war das?” warf ein anderer ein. “Wenn es dich sooo sehr interessiert, dann geh doch nachsehen!” “Ich? Wieso ich? Geh du doch nachsehen!” wehrte er ab. “Mich interessierts aber nicht, du Hurensohn!” Währenddessen blickte der dritte von ihnen aus dem Fenster. “Ich seh da gar nichts. Nur Schwärze.” Erneut ertönte ein tiefes Grollen und der zweite von Ihnen schien die Nerven wegzuwerfen. “Was ist da draußen? Ihr habt es doch alle gehört! Was, wenn sie die Wahrheit sagt?” “Du blöder Arsch, fang doch gleich an zu heulen, wie ein Waschweib! Hahaha! Ich lache über dich! Und weil ich nicht so eine Memme bin, wie du, geh ich jetzt da raus und schau was los ist, verdammt noch eins.!” Er riss die Tür auf, und verschwand in die Dunkelheit, während die anderen unschlüssig dastanden. Isaé machte Anstalten, aufzustehen. Durch die allgemeine Aufregung, die aufgekommen war, war der Schmerz in ihrer Hand in den Hintergrund getreten. Doch der Jammerlappen war mit zwei Sätzen bei ihr und hielt ihr ein Langmesser unter die Nase “Ah ah ah! Du bleibst genau da, wo du bist! Und versuch gar nicht erst irgendwelche Mätzen, kapiert? Wir warten bis Merand wieder da ist ” Isaé hob abwehrend ihre Hände und raunte: "Ich mache nichts!”

Die Zeit schien zähfließend wie Honig zu sein, obwohl es nur wenige Momente waren. Mit einem Mal ertönte ein markerschütterndes Gebrüll, weitaus schlimmer als die Male zuvor, und ein gleißend heller Lichtschein und Hitze drangen durch die offene Schenkentür in den Raum. “Was bei allen Göttern geschieht hier nur?” kreischte der zweite, und von einem Anflug von Mut beseelt, oder war es überbordende Neugierde, trat er einige Schritte aus der Schenke, um danach erneut hysterisch schreiend in die Schenke zu laufen und die Tür zuzuschlagen. “Scheisse” Da draußen ist ein Riesenviech! Und es speit Feuer! Ich glaube, Merand kommt nicht mehr zurück! Ach du Scheisse!” Er lief zur Ausschank, krallte sich einen Becher und eine Flasche, goss sich den Inhalt daraus hinein und stürzte es die Kehle hinunter. Nun wandte sich der Kerl, der die Hexensiegel gewirkt hatte, an Isaé. “Du da! Sag an, was geht da draußen vor sich?” Isaé senkte gleichmütig den Blick. “Ich kann es nur vermuten, da ich es nicht gesehen habe, aber ich denke, euer Freund wurde von dem Drachen geröstet. Oder er hat ihm den Kopf abgebissen, ich weiß es nicht.” “Geh nachsehen, und vor allem: Pfeif diese Bestie zurück!” Isaé schüttelte den Kopf. “Das kann ich nicht.” Der Messermann, der die Hand hatte sinken lassen, hielt ihr das Messer an die Kehle. “Du wirst!” herrschte er sie an. “Oder ich schlitz dir von einem bis zum anderen Ohr deinen dürren Hals auf!” Jetzt wurde Isaé zornig. Sie schlug den Messerarm beiseite und sprang auf. “Ich kann es nicht! Er gehorcht mir nicht, weil er mir nicht gehört! Es ist sein Drache! Lasst mich nach meinem Begleiter sehen! Bitte! Er befehligt den Drachen, und wenn er es nicht tut, dann vermag es niemand! Wir werden alle sterben, wenn wir da raus gehen, solange er da draußen ist! Man kann diesem Untier nicht gegenüber treten und irgendwelche Forderungen stellen! Es ist beherrscht von uralten Instinkten, und ich kann nicht einmal sagen, ob wir hier drinnen sicher sind! Vielleicht steckt er die ganze Schenke in Brand, vielleicht will er hier eindringen. Ich weiß es nicht!” Isaé ging vor Entaro in die Hocke. Als sie die Blutlache sah, die seine Hüfte umgab, wandte sie sich um. “Ihr Idioten! Was habt ihr getan? Man muss ihm helfen!” rief sie angstvoll. Sie war sich selbst nicht sicher, was hier zu tun war, aber man musste es auf alle Fälle versuchen. “Bringt ihn auf eine Lagerstatt, ein Bett, oder was auch immer es hier gibt. "Heißes Wasser, starken Schnaps, saubere Tücher, sowas eben! Ich bin doch auch kein verdammter Wundarzt!” scheuchte sie den Wirten und die Männer umher. “Wenn er stirbt, gibt es niemanden mehr, der den Drachen da draußen kontrollieren kann!”

Wenig später lag Entaro auf einem Bett in einem der Gästezimmer. Isaé hatte ihn von seiner Oberbekleidung befreit, die Wunde gewaschen und mit starkem Weingeist gereinigt und mehr schlecht als recht die Wunde zusammengeflickt. Mit den Mitteln und Werkzeugen, die es in diesem Gasthaus eben gab. Sie bedeckte die Wunde mit einem sauberen Leinenflicken und deckte den Drachenreiter warm zu, damit der Körper nicht zu stark auskühlte. Zuletzt hatte sie ihm ein kleines Stückchen vom Feuermohnopium in den Mund geschoben, wo es sich langsam auflöste und vom Körper aufgenommen wurde. Es sollte seine Schmerzen lindern, wenn er hoffentlich bald aus seiner Ohnmacht erwachte.
#66
Der Fluch des Hexensiegels ❖
drache-als Entaro langsam schwarz vor Augen wurde, konnte er noch den Tumult hören, der um ihn herum passierte. »Scheiße! Der verreckt gleich!«, zischte einer der Stimmen. Entaro konnte sie nicht wirklich zuordnen. »Du solltest ihn doch nicht umbringen!«, blaffte eine andere Stimme. Doch mehr konnte Entaro nicht mehr verstehen. Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei an, und das Blut in seinen Ohren rauschte so laut, dass er nichts anderes mehr hören konnte. Er wartete auf das helle Licht Daereans, welches ihn empfangen würde um ihn auf die andere Seite zu geleiten. Er wartete auf die Bernsteinseele, die ihn aus dem Dunkel führen sollte. Doch er war gefangen in tiefste, schwarzer Finsternis. Da war absolut nichts um ihn herum. Nur Dunkelheit und ewige Stille. Selbst das Rauschen in seinen Ohren konnte er nicht mehr hören. Was geschah hier?

Dann wurde er jäh aus der Finsternis gerissen. Als ob er am Grund eines Sees getrieben hätte, und jemand ihn an die Oberfläche zurück zog. Er spürte kaltes Wasser auf der Haut und eine schallende Ohrfeige, die ihm verpasst wurde. »Ihr sollt ihn doch nicht schlagen!« DIe Stimme einer Frau. Entaro kannte diese Stimme. »Das hilft oft mehr als alles andere...«, brummte eine tiefe Stimme. »Wann wacht er endlich auf?«, zischte eine dritte Stimme. »Verpass ihm noch eine!«, befahl die zischende Stimme und kurz darauf verspürte Entaro erneut einen heftigen Schlag. »Genug ihr Idioten! Wollt ihr ihn ganz umbringen?" Entaro spürte zierliche, kalte Hände auf der Haut. Ein weiches Tuch, welches über sein Gesicht gerieben wurde. »Wach doch auf Entaro.«, flüsterte die weibliche Stimme. »Isaé...«, murmelte Entaro leise, doch seine Lippen bebten dabei und die Worte verließen gedämpft seine Lippen. »Er ist wach!«, rief der Kerl mit der zischenden Stimme, und schon wurde Entaro aufgerichtet und mit einem weiteren Schwall kalten Wassers übergossen. »Komm endlich zu dir, du Mistkerl!«, brüllte die tiefe brummende Stimme. »Dein Mistvieh fackelt mir noch die Bude ab!«

Entaro öffnete seine Augen und fand sich in einem Bett wieder. Vor ihm standen Isaé, der Wirt und noch zwei weitere Kerle, die Entaro nicht kannte. Doch so langsam sickerte die Erinnerung in sein Bewusstsein zurück. Es war der Kerl der ihm das Hexensiegel auf die Haut gepresst hatte. Und einer der Kerle die Isaé geschlagen hatten. »Was geschieht hier?«, erkundigte sich Entaro und warf den Menschen um ihn misstrauische Blicke zu. »Dein Drache steht brüllend vor dem Haus! Er tötet jeden der zu fliehen versucht!«, antwortete Isaé und erntete dafür ein verächtliches Schnauben von dem Schwarzseher. »Warum hat der Mistkerl uns nicht vor dem Vieh gewarnt? So ein vermaledeiter Hundsfott!« Er spuckte auf den Boden. Entaro indes besah seinen Handrücken, auf dem das Hexensiegel noch vor kurzem so stark gebrannt hatte. Doch die Hand sah aus als wäre absolut nichts geschehen. War dies nur ein Traum gewesen? Entaro runzelte die Stirn. »Warum sollte es mich kümmern, ob mein Drache euch alle tötet?«, murmelte Entaro trocken. »Ihr hattet ja offensichtlich auch keine Skrupel uns zu töten. Daerean vergilt Gleiches mit Gleichem. Ihr erhaltet nur eure gerechte Strafe.« Da japste der Halunke und zischte wütend. »Du reißt dein Maul ganz schön weit auf für jemand der mit einem Fuß im Grab steht. Ruf dein Vieh zurück und wir lassen euch am Leben.« Um seinen Worten die nötige Wirkung zu verleihen hielt er Entaro sein Messer unter das Kinn. Sein Komplize zögerte nicht lange, und hielt kurz darauf seine Klinge an Isaés Hals. Doch Entaro starrte nur mit leeren Blicken auf die Klingen. Zuerst auf die an Isaés Hals, dann auf jene die auf ihn gerichtet wurde. »Und dann?«, murmelte Entaro nachdenklich. »Was und dann?«, hakte der Halunke nach. »Wenn du uns abgestochen hast, was wirst du dann tun?« Der Schwarzseher antwortete nicht darauf. Er drückte nur die Klinge etwas fester an Entaros Hals. »Mach es einfach!«, zischte er. »Nimm deine Flüche zurück, dann willige ich ein.«, antwortete Entaro bestimmend, doch der Schwarzseher lachte daraufhin nur. »Das geht aber nicht.«, entgegnete er. Nur der Bewahrer des Fluchs kann diesen zurücknehmen. Und ich bin nur der Bote.« Entaro nickte verstehend. Vaskir war der Bewahrer. Und er konnte weder über den Turm sprechen, noch den Turm betreten? Wieviel war wohl an diesem Fluch dran? »Wer ist dieser Bewahrer?«, erkundigte sich Entaro und der Schwarzseher zuckte mit den Augen. Es war ein nervöses Zucken, dass sowohl Unmut als auch zerreißende Ungeduld bedeuten vermochte. »Mir reißt langsam der Geduldsfaden mit dir. Ich bin doch nicht deine Amme und schon gar keine Rechenschaft schuldig! Das war ein Auftrag. Ich habe ihn ausgeführt! Bedank dich beim...« Er hielt inne und Entaro kam nicht umhin ihn fragend anzusehen.« »Bei wem?« Da grinste der Schwarzseher diebisch. »Das weißt du ganz genau. Sprich doch seinen Namen aus.«, forderte er ihn heraus und als Entaro zu sprechen begann., überkam ihn eine Woge des Schmerzes und Unwohlseins. »Vaskrrrgh«, verkrampfte sich seine Zunge und er war nicht imstande das Wort auszusprechen. Der Schwarzseher lachte. »Ich hab genug von den Beiden!« er nickte seinem Gefolgsmann zu und dann packte er Entaro am Nacken und begann den Bernsteinritter hinter sich her zu zerren. Und ebenso erging es Isaé, welche von dem zweiten Halunken an den Haaren und ihrem Gewand gezerrt wurde. "Schmeiß sie einfach vor die Tür! Dann wird das Vieh sich schon beruhigen, und wir verduften!«

Gesagt getan, und kurz darauf fanden sich Entaro und Isaé vor dem Schankhaus auf dem dreckigen Boden wieder. Der Lärm ebbte ab und die glühenden Augen des Drachen funkelten bedrohlich im Mondlicht. Doch nichts passierte. Er tat einen Schritt und verharrte. »Bring mich zu ihm.«, bat Entaro, während er versuchte sich aufzurichten. »Wir sollten schleunigst von hier verschwinden, bevor sie es sich anders überlegen.«

Nach einiger Zeit hatten sie die schwarze Stadt Nardijan am schwarzen Meer mit ihren Menschen und deren schwarzen Seelen weit hinter sich gelassen. Die Umrisse der Häuser und die des Turms im Wasser verschwammen mehr und mehr mit den Nebeln der Nacht und Entaro warf einen Blick zu Isaé. »Geht es dir gut?«, erkundigte er sich, wenn auch die Erschöpfung aus seiner Stimme deutlich zu hören war. Isaé nickte nur. »Hab schon Schlimmeres überstanden.«, entgegnete sie fast trotzig, aber ob dies ihr Stolz war oder ob dies die Wut über diese Kerle war konnte Entaro nicht unterscheiden. »Da hinten. Siehst du diese Lichter?« Er deutete auf ein schwaches Leuchten am Horizont. »Das ist schon der nächste Hafen.« Entaro drückte seine Knie etwas fester an den Drachen. »Ich weiß nicht genau welche Stadt es ist, aber ich denke wir sollten uns dort ein Zimmer suchen um etwas Schlaf zu bekommen.« Entaro biss die Zähne zusammen, denn der kalte eisige Wind stach ihm in der Lunge und er musste sich eingestehen, dass er nicht nur Schlaf bitter nötig hatte. Er brauchte die Hilfe eines Heilers. Oder zumindest eines Baders oder Kurpfuschers. Was auch immer dieser Ort zu bieten hatte.

Es dauerte nicht mehr lange, da schälten sich aus den Schatten der Nacht und den Nebeln des Ufers langsam die ersten Häuser und Entaro zwang den Drachen sanft zur Landung. Es war auf der einen Seite schon sehr praktisch über solch ein Geschöpf zu verfügen, und doch konnte man damit nicht einfach mitten am Stadtplatz landen. Da waren Pferde deutlich weniger auffällig. Entaro erkannte ein kleines Gehöft, welches am Rande der kleinen Stadt lag. Und auch wenn es nicht sonderlich redlich war, doch der Drache musste auch einmal etwas fressen. Und vielleicht hatten sie ja ein paar Schafe, von denen sie eines nicht vermissen würden, wenn es auf einmal spurlos verschwand? Entaro haderte mit diesem Gedanken. Doch dann wurde sein Blick grimmiger und ernster. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Er lenkte den Drachen direkt auf das Gehöft zu und ließ den Drachen nicht weit von einem kleinen Waldstück landen. Er half Isaé von dem Ungetüm herabzusteigen, und ließ sich dann selbst auf die Erde gleiten. »Warte hier.«, befahl er und legte dem Drachen seine Hand auf den Hals. »Wir sind nicht lange fort.« Und falls der Drache eines der Schafe reißen sollte, würde Entaro entscheiden was zu tun ist, wenn es soweit war. »Lass uns in die Stadt gehen.«, meinte er zu Isaé und zog seinen Schwertgurt entschlossen fester. Er versuchte eine aufrechte Haltung einzunehmen, so aufrecht wie es ihm seine Wunde eben zuließ, und dann ging er gemäßigten Schrittes langsam auf die nahen Häuser der Küstenstadt zu. Sie war der Stadt Nardijan nicht unähnlich. Nur dass hier kein Turm aus dem Wasser ragte. Doch den Namen dieser Stadt kannte er nicht. Doch etwas anderes hatte er bemerkt. Ein Gefühl. Einen Gedanken. Etwas, das vorher noch nicht dagewesen war. Er warf einen Blick über die Schulter und starrte dem Drachen direkt in die Augen, welcher den Blick stoisch erwiderte.
#67
Stippvisite in Valorijan ❖
drache-panisch kauerte Isaé auf dem harten kalten Boden vor der Schenke und wagte es kaum, sich zu bewegen. Zu groß war die Angst, dass es sich die Kerle noch einmal anders überlegten, und ihnen die Kehlen von einem Ohr bis zum anderen aufschnitten. Doch nichts passierte. Das Grollen des Drachen verebbte, so, als ob er es wusste, dass sein Herr sich in kurzer Distanz zu ihm befand. Und wahrscheinlich wusste er es in der Tat. Als die Kopfgeldjägerin sich vorsichtig umblickte, war von den Halunken nichts mehr zu sehen, sie hatten es ausgenutzt, dass für den Drachen nun in erster Instanz nur die Witterung von seinem Herrn aufgenommen hatte, und für alles andere in diesem Moment blind und taub war. Sie hatten sich aus dem Staub gemacht, aber es war der jungen Frau egal. Sie waren noch am Leben! Und nur das zählte. Sie erhob sich und versuchte sich erst einmal zu orientieren. Entaro stand gebeugt da, doch noch bevor sie ihn fragen konnte, wie es ihm geht, bat er sie, ihn zu dem Drachen zu helfen. „Wir sollten schleunigst von hier verschwinden, bevor sie es sich anders überlegen.“ Da nickte Isaé und legte seinen Arm um ihre Schulter, um ihn zu stützen. Er humpelte ein wenig, doch es ging besser voran, als erwartet. Sie half ihm noch auf das Tier, zog sich selbst daran hoch, und dann dauerte es nur wenige Momente, bis sich die Lüfte schwang. Die Landschaft schrumpfte, je höher der Drache stieg. Isaés Kopfhaut schmerzte, und der Wind blies einige verirrte Tränen aus ihren Augen, noch bevor sie über ihre Wangen liefen. „Geht es dir gut?“ erkundigte sich Entaro. „Hab schon schlimmeres überstanden“ erwiderte Isaé, mit deutlichem Groll in ihrer Stimme. Groll auf Vaskir de Escroc, Groll auf diese Halunken, Groll auf den Drachenreiter, und Groll auf den Drachen auf dem sie saß. Bald offenbarte sich vor ihnen ein neues Städtchen am Horizont. Entaro wollte unbedingt dort nachts unterkommen. Natürlich, er war verletzt und müde. Müde waren sie beide. Müde und erschöpft. Doch man konnte nicht einfach so in eine fremde Stadt kommen mit einem Drachen. Daher zwang Entaro seinen Drachen außerhalb der Stadt zu landen, befahl ihm, da zu bleiben, wo er war und versprach, nicht allzu lange wegzubleiben. Langsamen Schrittes steuerten sie schließlich auf die Stadt zu, und als sie die Stadtmauer passiert hatten, bemerkte Isaé, dass Entaro seine Kräfte verließen. Sonst waren sie immer relativ anspruchsvoll, was die Auswahl ihrer Gaststätten betraf, doch heute war es nicht angebracht, anspruchsvoll zu sein, und so betraten sie die erstbeste Gaststätte, die sie ausmachen konnten. Es war nicht die beste Unterkunft, es war aber auch nicht die schlechteste. Im kurzen Gespräch mit dem Gastwirt erfuhren sie, dass die Stadt „Valorijan“ hieß und bekamen einen Schlüssel, aber auch eine Laterne für ihr Zimmer ausgehändigt. Isaé stützte Entaro beim Stufen steigen, sperrte das Zimmer auf, und ließ ihr weniges Gepäck auf den Boden fallen. Das einzige Bett, das darin stand, war nicht groß, doch Isaé machte sich derweil keine Gedanken darum. Entaro würde es bekommen. Ihr Blick fiel auf den Tisch und den Stuhl der auch darin stand. Sie hatte nicht nur einmal im Sitzen geschlafen, wenn es kein Bett gab, oder widrige Umstände das Übernachten in einem Bett oder auf einer Lagerstatt erschwert oder unmöglich gemacht hatten. „Komm, ich helfe dir, dich auszukleiden“ bot Isaé ihm an, und half ihm, Mantel, Schwert, Schwertgurt und die Oberbekleidung auszuziehen. Dann bugsierte sie ihn auf das Bett und besah sich den Verband. Es hatte stark durchgeblutet, die Leinentücher waren dunkelrot und nass. Sorgenvoll runzelte sie die Augenbrauen. „Ruh dich aus, Entaro. Ich werde dir einen Heiler suchen.“ Sagte sie leise und zog ihm die Decke bis ans Kinn. Sie nestelte an seinem Gürtel seinen Geldbeutel ab. Sie würden Geld brauchen, und sie selbst besaß kaum mehr welches. Dann wandte sie sich um, verließ das Zimmer und lief die Treppe hinab.

Im Schankraum stand der Wirt, rieb Becher mit einem Lappen aus. Im Schankraum saßen nur zwei Männer an einem Tisch und unterhielten sich leise. Wahrscheinlich waren es nur zwei harmlose Tagelöhner, die sich nach einem harten Arbeitstag noch ein Bier gönnten. Doch Isaé beobachtete sie mit Misstrauen, so, als seien auf einmal überall Vaskirs Häscher, um sie doch noch zu erledigen. Erst jetzt bemerkte Isaé wie sehr sie zitterte. Sie hatte Todesangst empfunden, als diese Arschlöcher ihr die Klinge an die Kehle gehalten hatten. Und die Gedanken daran ließen ihren Körper immer noch angstvoll erbeben. Sie ballte ihre Hand zur Faust um das Zittern zu verbergen, doch es half nicht. Die junge Frau trat an den Ausschank und verlangte einen starken Schnaps. „Harter Tag?“ brummte der Wirt, als er ihr einen Becher hinstellte und klare Flüssigkeit aus einer dunkelgrünen Flasche hineingoss und ihr zuschob. Isaé ergriff den Becher und nickte wortlos. Sie stürzte den Inhalt hinunter und zog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. Der Schnaps war stark und brannte heiß in ihrem Inneren. Der Wirt lachte heiter. „Noch einen?“ fragte er und Isaé schüttelte heftig den Kopf. Lieber eine Feuermohnpfeife. Sie holte ihre Pfeife und den Pfeifenkrautbeutel hervor und stellte mit Sorge fest, dass das Feuermohnopium beinahe verbraucht war. Das Klümpchen würde noch für die eine Pfeife reichen. Zitternd stopfte sie das Pfeifenkraut in den Pfeifenkopf und nestelte das Feuermohnopium dazwischen. Als sie den Pfeifenrauch inhalierte, erst da ließ das Zittern nach. „Ich brauche einen Heiler“ erklärte sie dem Wirten. „Am besten einen Wundarzt.“ Der Wirt überlegte. Dann zuckte er die Schultern. „Ich glaub sowas gibt’s hier nich.“ „Einen Feldscher, einen Bader, einen Pfuscher, meinetwegen…“ erklärte Isaé und gestikulierte dabei mit der Pfeife. „Hmmm… Meine Zipperlein behandle ich ja selbst. ´N Heiler ist mir zu teuer. Aber lass mal überlegen… wir ham‘ ne Apotheke. Vielleicht wissen die dort besser Bescheid. Isaé ließ sich von ihm die Wegbeschreibung geben und machte sich dann auf den Weg.

Der Schnaps brannte in ihren Eingeweiden, der Feuermohn zirkulierte durch ihre Adern. Es war dunkel auf den Straßen. Nur hier und da spendete eine kleine Straßenlaterne Licht in der Dunkelheit. Es dauerte eine ganze Weile, bis Isaé die Apotheke gefunden hatte, und wie sie erwartet hatte, lag der Laden in absoluter Dunkelheit da. „Meister Alraun – Kräuterei und Drogerei“ stand in schwungvollen Lettern über der Türe. Vermutlich schlief der Besitzer längst. Aber was halfs? Entaro brauchte Hilfe, und er brauchte sie jetzt! Beherzt klopfte sie laut an die Türe. Solange, bis sich ein Schlüssel im Schloss klackend drehte, und ein Kopf im Türspalt erschien. „Ja?“ erscholl eine verschlafene Stimme. „Ich brauche einen Heiler.“ „Ihr seid nicht von hier, oder? Wofür braucht ihr einen Heiler?“ „Für meinen Begleiter. Er hat eine Stichwunde beigebracht bekommen, und es hört einfach nicht auf, zu bluten! Noch weiß ich, ob er ernsthaft verletzt ist.“ „Dafür bin ich nicht ausgebildet. Aber sucht Meister Erill auf. Unser Bader in der Stadt. Von der Krätze bis zum Knochenbruch macht er alles wieder gut. Er wohnt am Hauptplatz. Die Straße runter, scharf rechts und dann kommt ihr schon zum Hauptplatz. Könnt ihr gar nicht verfehlen. Wenn ihr Medizin braucht, kommt noch einmal.“ Der Kerl schlug ihr die Tür vor der Nase zu und versperrte wieder die Türe. Isaé seufzte. Sie war schon so müde, und der Feuermohn lullte sie auch schon ein, dass sie sich eigentlich nur noch zusammenrollen und schlafen wollte. Doch es half nichts. Sie setzte ihren Weg fort, die Straße hinunter, bog dann scharf rechts ab, erreichte nach einigen Gehminuten den Hauptplatz. Nachdem sie in der Dunkelheit sämtliche Läden abgegangen war, fand sie schließlich das Häuschen von besagtem Meister Erill. Sie hämmerte an die Türe, bis sie schwere Schritte vernahm. Die Türe würde geöffnet und ein riesiger Kerl stand in der Türe. Wenn das ein Bader war, so dachte Isaé bei sich, so war es wohl ein Knochenbrecher. „Wer stört zu so später Stunde? Ich wollte gerade schlafen gehen.“ „Ich brauche Hilfe. Mein Gefährte wurde von einem Messer verletzt. Ich habe ihn notdürftig verbunden, aber davon verstehe ich nichts.“ Meister Erill nickte. „Wartet hier“ befahl er, ging zurück ins Haus und kam kurze Zeit später mit einem großen Beutel wieder raus. „Führt mich zu ihm“ befahl er im selben rauhen Ton, und dann liefen die beiden durch das nächtliche Valorijan, zurück zur Gaststätte.

Meister Erill verstand sein Handwerk. Erst riss er den stümperhaften Verband herunter, dann schnalzte er missbilligend mit der Zunge. „Habt ihr das zusammengeflickt?“ drehte er sich zu Isaé um, die ihm zuvor erzählt, dass sie ihn notdürftig versorgt. Isaé nickte schuldbewusst. „Wir waren in einer misslichen Lage und ich wusste nicht, wie lange es dauert dass oder ob wir einen Heilkundigen aufsuchen können.“ „Naja seis drum. Ich kümmere mich darum. Ihr kommt her und haltet mir die Laterne, damit ich besser sehen kann.“ Er betastete und drückte Entaros Leib, fragte ob er Schmerzen hätte, ob es hier oder da besonders oder anders weh tue, forderte ihn dazu auf, tief ein und auszuatmen, die Luft anzuhalten, und schließlich holte er aus seinem Beutel eine große durchsichtige Flasche. „Ich brauche eine Urinprobe. Bitte einmal da rein pullern!“ sagte er völlig ungerührt. Isaé errötete und wandte sich ab. Als Entaro tat, was getan werden musste, schwenkte der Bader die gelbe Flüssigkeit in der Flasche hin und her und besah sie sich genauestens. Eine Weile schwieg er, sodass Isaé beinahe die Luft anhielt. „Und? Was seht ihr, Meister Erill?“ „Nichts! Abschließend kann ich sagen, dass Euer Gefährte viel Glück hatte. Die Niere scheinen nicht verletzt. Sonst würdet ihr Blut pissen und viel größere Schmerzen haben. Ich vermute, dass der Stich glatt ins Gewebe ging. Glück im Unglück würde ich sagen! Ich lege einen Druckverband an, damit die Blutung gestillt wird. Das muss mehrere Tage lang jeden Tag gemacht werden, bis sich Schorf gebildet hat. Ich empfehle Euch aber noch Blutdorn und Schwarzknöterich als Essenzen einzunehmen, damit. Wirkt Blutreinigend und desinfizierend, damit die Wunde ohne Probleme heilen kann.“ Mit flinken und geübten Händen legte er einen sauberen Verband an, ließ ein wenig Verbandszeug da und packte dann seine Siebensachen wieder ein und erhob sich. Isaé trat an ihr heran. „Ich danke Euch. Was schulden wir euch?“ „Drei Silbermünzen. Ganz gleich, welche Währung“ war die pragmatische Antwort. Isaé nickte. Das war ein ganz schöner Batzen Geld. Sie kramte die Münzen hervor und händigte sie ihm aus. Es war kaum noch Geld übrig. Wie sollten sie den Wirt und die Medizin bezahlen? Aber sie würde schon eine Lösung finden, ohne Entaro damit zu belasten zu müssen. „Schlaf jetzt, Entaro. Ich begleite Meister Erill hinaus und besorge die Essenzen.“

Nach einer Weile stand sie wieder vor der Apotheke und klopfte. Erneut schlurfende Schritte, ein klirrender Schlüssel, ein klackendes Schloss, ein Knarzen, als sich die Türe öffnete. „Da seid ihr ja wieder. Habt ihr Meister Erill getroffen?“ „Ja danke, er konnte uns wirklich gut helfen, glaube ich. Nun brauche ich zwei Essenzen, die er empfohlen hat.“ Der Apotheker öffnete die Tür. „Kommt rein.“ Er schlurfte in den dunklen Raum, zog an einer Kordel, die an einer seltsamen anmutenden Lampe hing, und wie durch Zauberhand entzündeten sich sieben Lämpchen. Isaé starrte die Lampe fassungslos an. Der Apotheker schien es zu merken und gluckste „Eine alchemistische Öllampe. Wunderbar, nicht wahr? Aber auch sehr teuer. Aber es war eine lohnende Investition. Nun. Was genau benötigt ihr?“ „Äh… Blutdorn Essenz und Schwarzknöterich Essenz.“ „Für wie viele Tage?“ Isaé zuckte die Schultern. „Diesbezüglich hat er nichts gesagt. Er sagte nur, wenn die Wunde Schorf gebildet hat.“ Der Apotheker nickte. „Ich denke sieben Tage werden reichen.“ Er füllte kleine Flaschen auf und erklärte Isaé alles Wissenswerte darüber. Isaé erkundigte sich nach dem Preis und bezahlte. Es blieben noch fünf Kupfermünzen übrig. Isaé zögerte kurz, dann fasste sie sich ein Herz. „Verzeiht. Eine Frage hätte ich noch. Verkauft ihr auch Opium? Feuermohnopium?“ Der Apotheker nickte. „Wieviel kostet es?“ Er räusperte sich. „Ein Quentchen kostet 25 Darik.“ „Gute Götter, das ist aber teuer.“ Der Apotheker nickte. „Mir ist bewusst, dass meine Preise ein wenig nach oben abweichend sind. Aber der Feuermohn stammt aus den besten Anbaugebieten in Ariad. Viele Sonnenstunden haben großen Einfluss auf die Qualität des Feuermohns. Das hat seinen Preis. Und ich verkaufe nur Waren allerbester Güte.“ Isaé nickte. „Das verstehe ich.“ „Wollt ihr es einmal sehen?“ Isaé lächelte. „Ich bin nicht vom Fach. Die Optik ist nicht wichtig. Ihr könntet mir auch zu Kugeln gerollte Scheisse optisch als beste Ware anpreisen, ich muss es ja glauben“ Der Apotheker zog eine beleidigte Miene. „Haltet ihr mich für einen Scharlatan? Ich verkaufe nur beste Ware, das weiss jeder, der mich kennt.“ „Nichts für ungut. Ich kenne euch allerdings nicht.“ Der Apotheker seufzte. „Wollt ihr denn eine Kostprobe?“ „Geht das denn?“ „Natürlich geht da. Ich bin der Herr und Meister dieses Ladens.“ Er kratzte mit einem Messerchen eine kleine Menge von der Opiumkugel und reichte dies auf der Klinge Isaé. Diese stopfte sich eine Pfeife und ließ die Opiumspäne in die Pfeife rieseln. „Ich danke euch, ihr seid zu gütig. War heute wirklich ein harter Tag.“ Sie entzündete die Pfeife mit einem Kienspan und atmete den Rauch tief in ihre Lungen. Es dauerte nicht lang, bis der Rausch sie einnahm. Und es war wirklich vorzügliches Opium. Es erzeugte einen sanften, lieblichen Rausch, der beinahe sie beinahe glückselig machte. Dieses Opium war in der Tat um Welten besser, als alles, was sie bisher geraucht hatte. Sie lächelte selig, als sie den Rauch in die Luft blies. Der Apotheker, der sie erwartungsvoll angeblickt hatte, stimmte wissend in das Lächeln ein. „Hab ichs nicht gesagt?“ „Ja das habt ihr…“ gluckste Isaé. Vergessen war die schlechte Stimmung. „Und? Wieviel darf ich einpacken?“ fragte er verkaufstüchtig. „Am liebsten alles…“ kicherte Isaé, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Leider gar nicht. Ich kann es mir nicht leisten.“ Da setzte der Apotheker eine verstimmte Miene auf. „Was soll das heißen?“ „Es heißt, Meister Alraun, dass ich kein Geld habe, um auch nur ein Quentchen Feuermohnopium zu bezahlen. Es ist wirklich hervorragend, aber ich kann es mir nicht leisten.“ Er nickte verstehend. „Wollt ihr mich anders bezahlen?“ fragte er unverblümt und glotzte sie an, als wollte er herausfinden, was Isaé unter ihren Gewändern verbarg. Da setzte Isaé ein verschämtes Lächeln auf und schüttelte dreimal, viermal langsam den Kopf. „Oh nein… so eine bin ich nicht. Ich muss jetzt gehen.“ Er nickte. „Schade! Falls ihr es euch anders überlegt, kommt mich noch einmal besuchen, vielleicht steht dann mein Angebot noch.“ Isaé wurde zornig. Ungnädig packte sie die beiden Fläschchen und steckte sie in ihre Tasche, klopfte die Asche der Pfeife am Tischrand ab, sodass sie auf den Boden rieselte und wollte noch die Pfeife einstecken. Da murrte der Apotheker „Und wer macht das jetzt sauber?“ Isaé blickte ihn verwundert an, starrte zu Boden, stieg mit dem Stiefel auf das Aschehäufchen und wischte ein paarmal mit dem Fuß hin und her. „So, jetzt ist es weg. Besser?“ erwiderte sie schnippisch. „Auf keinen Fall. Ich hole einen Besen. Er wandte sich um und ging zu der Ecke in der ein Besen lehnte. Isaé sah eine kleine Chance. Sie griff die Dose mit dem Feuermohnopium und rannte zur Türe. Doch Meister Alraun hatte sich geistesgegenwärtig umgedreht und hatte sie in drei Sätzen erreicht, noch bevor sie durch die Türe verschwinden konnte. „Du kleine Schlampe! Mich bestiehlt keiner!“ fluchte er. Er packte sie und riss sie zur Seite, sodass gegen ein Regal prallte. Kurz blieb ihr die Luft weg und er nutzte diese kurze Ohnmacht und packte ihren Arm in welchem sie die Dose mit dem Opium und schlug ihn mehrmals gegen die Wand, bis sie die Dose fallen ließ. Der Deckel der Dose fiel ab und die Opiumkügelchen sprangen im ganzen Laden umher. „Sieh nur, was du angerichtet hast!“ schrie er und wandte seine Aufmerksamkeit kurz den kostbaren Opiumkügelchen zu, die über den Boden rollten. Und diese kurze Unaufmerksamkeit nutzte Isaé. Wissend, dass sie da nicht mehr ohne Konsequenzen rauskam, zog sie ihr Langmesser aus der Scheide, und stieß es ihm in den Brustkorb. Sie riss das Messer herum, sodass die beiden Kontrahenten die Seite wechselten, dann zog sie das Messer aus seinem Leib und stach erneut zu, ein Stückchen weiter unten. Mitten ins Herz. Wenn sie als Hexenjägerin eines wusste, dann zielgenau, wo sich das Herz befand. Seine Augen waren bereits nach dem ersten Stich weit aufgerissen, aber nun blickte er sie vollkommen ungläubig an. In einer hilflosen Geste packte er sie an ihrem Gewand, und zog sie an sich heran, unfähig jedoch, ihr noch irgendwas anzutun. Blut schwappte aus der ersten Wunde und besudelte ihre schwarze Tunika. Isaé blickte den Apotheker erschrocken an. „Es tut mir leid!“ wimmerte die junge Frau, dann riss sie das Messer heraus und trat schnell zurück. Wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte, sackte der Apotheker zusammen, und blieb sterbend zurück. Unter seinem Leib bildete sich schnell eine dunkelrote Blutlacke. „Scheiße!“ fluchte sie. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Sie konnte es nicht glauben, und fuhr sich nervös durch ihr Haar. Nun galt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Sie sammelte die Opiumkügelchen alle ein, auch die, die das Blut eingeholt hatte, stopfte sie in die Dose, verschloss sie und packte sie in die Tasche. Geistesgegenwärtig lief sie hinter die Verkaufsbudel und zog die Geldkassette hervor, öffnete sie und stopfte alle Münzen, die sich darin befanden, in ihren Geldbeutel. Dabei murmelte sie immer wieder „Was hab ich nur getan?“ Dann rannte sie aus der Apotheke, die Straße entlang, zurück in das Gasthaus und in ihr Zimmer.

Entaro schlief. Es wirkte wie erholsamer, seliger Schlaf. Umso mehr tat es Isaé leid, ihn nun wecken zu müssen. „Entaro, wach auf! Entaro!“ raunte sie sanft und schüttelte ihn an der Schulter. Er erwachte verwirrt. „Isaé… was ist los?“ „Vergib mir, Entaro. Aber wir müssen sofort diese Stadt verlassen!“ Augenblicklich schien er hellwach, und als ihm gewahr wurde, dass sie die Nacht nicht hier verbringen würden, sondern aufbrechen sollten, wurde er misstrauisch. „Wieso? Was ist passiert, Isaé? Du musst es mir sagen!“ Sie schüttelte den Kopf und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und zwang ihn, sie anzusehen. „Nicht jetzt, Entaro. Ich bitte dich! Ich kann es dir nicht sagen… Nicht jetzt! Wie könnte ich… Bitte, Entaro, vertrau mir, wir müssen sofort raus aus dieser Stadt! Vergib mir! Es duldet keinen Aufschub! Komm, ich helfe dir!“ Hastig half sie ihm auf, hastig half sie ihm sich anzukleiden, hastig packte sie alles zusammen, schulterte das Gepäck und lief mit einer ebensolchen Hast die Stufen hinunter. Den Wirt bezahlte sie, welcher zwar verwundert über ihren plötzlichen Aufbruch schien, aber nichts weiter dazu sagte, und dann verließen sie auf demselben Weg, den sie gekommen waren, die Stadt Valorijan, zurück zu Entaros Drache.
#68
Flucht vor der Verantwortung ❖
drache-langsam hob und senkte sich Entaros Brust, während er mit flackernden Augenlidern, zuckenden Fingerspitzen und rasselndem Atem auf seiner Lagerstatt lag. Die Wunde war vielleicht nicht tief, doch sein Körper begehrte gegen die Auswirkungen massiv auf. Ein dünner Film kalten Schweißes stand ihm auf der Stirn und obwohl er schweißgebadet war, so fror er gleichermaßen. Und das nicht nur weil das Gasthaus, in welchem sie eingekehrt waren, keine Glasfenster hatte. Entaro konnte nicht annähernd sagen, wie lange er alleine auf dem Bett gelegen hatte, bis Isaé schließlich mit dem Heiler zurückgekommen war. Der Heiler verstand sein Handwerk. Zweifellos hatte er schon mehr als eine Stichwunde in seinem Leben behandelt. Er reinigte und bestrich die Wunde mit einer heilsamen Salbe und legte einen wirksamen Druckverband an, der die Wunde effektiv zusammenpresste. Dann flößte er ihm eine widerliche, bittere Tinktur ein und auch wenn man davon keine Wunderheilung erwarten konnte, so dauerte es nicht lange, bis Entaros Zustand sich langsam stabilisierte. Sein Puls verlangsamte sich, seine Atmung beruhigte sich, der Schweiß nahm langsam ab. Es würde aber noch einige Zeit brauchen, bis er wieder auf dem Damm sein würde, doch der erste Grundstein war gelegt worden. Vermutlich wäre er ohne die Hilfe dieses Mannes in diesem verlassenen Ort gestorben. Und er konnte ihm nicht einmal dafür danken, da der Drachenritter tief im Reich der Fieberträume und Alpträume gefangen war.

Der Heiler verschrieb noch zwei Tinkturen, die Entaro zur Unterstützung seiner Genesung einnehmen sollte, und Isaé fühlte sich beinahe dazu verpflichtet, diese für Entaro zu besorgen. Denn natürlich hatte der Heiler nur geringe Bestände bei sich um akute Hilfe leisten zu können, doch nicht genug um solche Mengen mit sich zu führen. Seine Tasche war schließlich keine wandelnde Apotheke! »Schlaf jetzt, Entaro. Ich begleite Meister Erill hinaus und besorge die Essenzen.« Entaro konnte nicht einmal darauf eine Antwort geben. Alles, wozu er imstande war, war ein schwaches Nicken.

Aber nach einiger Zeit begann die Tinktur ihre Wirkung zu entfalten. Der Schmerz wurde dumpf und es fühlte sich beinahe an als ob er in eine tiefe Ecke seines Geistes verbannt worden war. Diese Medizin musste starke, narkotisierende und beruhigende Eigenschaften haben. Zweifellos eine gefährliche Mischung aus Heilmittel, Gift und Droge. Doch ihre Wirkung kam Entaro nur zugute. Er schlug seine Augen auf und fühlte sich wie neugeboren. Doch dieser Schein war trügerisch. Dessen wurde er sich schlagartig bewusst, als er sich zu ruckartig aus dem Bett erhob und sogleich durch einen stechenden Schmerz bestraft wurde. Er verharrte, sitzend, auf der Bettkante und atmete langsam und tief durch. »Dieser verfluchte Schwarzseher.«, brummte er ungehalten. Doch eigentlich war dies ja gar nicht direkt die Schuld dieses Schwarzsehers. Der wahre Schuldige war doch Vaskir gewesen. Dieser unheimliche und gefährliche Herr des Hauses der tausend Wünsche. Entaro hatte einen sehr hohen Preis dafür bezahlen müssen sein einstiges Eigentum wiederzuerlangen. Doch solange er am Leben war, war es den Preis, den er dafür zahlen musste, wert gewesen. Er nickte grimmig. Ein Mann wuchs an seinen Wunden und Narben. Und dies war nicht die erste Wunde, die Entaro hatte erleiden müssen. Und es würde auch nicht die letzte sein. Dessen war er sich gewiss.

Entaro kramte in seiner Tasche und zog das Kleinod aus der versteckten Innentasche hervor. Der Bernstein schimmerte schwach in seinen Händen und verlieh dem Raum einen fast unheimlichen und zugleich anmutigen Glanz. Bernstein konnte nicht leuchten. Das wusste jedes Kind. Und doch tat es dieser. Und nicht nur dieser. Es gab noch weitere. Wenn sie auch sehr selten waren. Allerlei Mythen und Legenden rankten sich um diese Steine. Doch Entaro und die Weisen seines Ordens hatten ihre eigene theologische Erklärung warum diese Steine leuchteten. Darum nannten sie es auch Daereans Siegel. Es musste etwas in diesem Stein eingeschlossen sein. Eine alte Kraft, eine alte Essenz. Versiegelt und erhalten über die Jahrhunderte. In dem Kleinod waren feine Gravuren, welche Entaro fühlen konnte, wenn er mit den Fingerkuppen sanft darüber geleitete. Es war fast, als ob die feinen Linien eine Geschichte erzählen wollten. Doch Entaro verstand ihre Sprache nicht. Für ihn waren es nur Linien, die ein uraltes Geheimnis in sich bargen. Aber eines war er sich gewiss. Dieses Siegel verströmte eine Aura, die sich sanft an seine Seele zu binden schien. Er fühlte sich gestärkt. Und dies war nicht nur wegen der Tinktur, die in seinem Blut zirkulierte. Er hatte dieses Gefühl schon lange nicht mehr erleben können, denn viel zu lange war dieses Kleinod im Haus der tausend Wünsche verwahrt gewesen. Doch nun drückte er es an sich und schloss die Augen, um die tief verborgene Kraft, die in dem Bernstein verborgen war, zu spüren. Doch der Schmerz, der in seinem Körper schlummerte, und der Kampf, der in seinem Blut tobte, machte seinen Geist förmlich blind für die Essenz dessen, was sich in diesem Kleinod befand. Entaro seufzte und schob den sanft glühenden Bernstein wieder zurück in die kleine Tasche, die in seinem Mantel verborgen eingenäht war.

Die Zeit verging und Entaro starrte immer wieder aus dem Fenster auf die zwei Monde die anklagend am Himmel prangerten. Der eine hell wie Silber, der andere dunkel wie geschwärzter Stahl von dem ein unheilvolles, blaues Leuchten auszugehen schien. Schon immer hatte Entaro sich gefragt, warum diese beiden Monde zwei verschiedene Farben hatten, doch er hatte noch nie die Gelegenheit gehabt einen Astrologen oder anderen Gelehrten dazu zu fragen. Und er war schon so lange in diesen verlassenen und verfluchten Landen. Fern ab jedwelcher Form von Zivilisation. Ob es hier überhaupt Männer der Weisheit gab, die ihm diese Fragen zu beantworten vermochten?

Entaro erhob sich von dem Bett, doch dieses Mal vorsichtiger, um nicht erneut den stechenden Schmerz heraufzubeschwören. Und so trat er an das Fenster und lehnte sich mit seinen Ellenbogen auf die hölzerne Fensterbank. Das Licht der Monde übte, auf ihre eigene Art und Weise, eine gewisse beruhigende Faszination auf den Drachenritter aus. Aber gleichermaßen waren sie auch die Boten des Unheils. Denn wenn es Nacht war, war es gefährlich in den alten, verfluchten Landen. Man erzählte sich Geschichten von alten Wesen, seltsamen Gestalten im Nebel und mörderischen Halunken, die hinter jeder Ecke lauern konnten. Geschichten, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ und einen kalten Schauer über den Rücken jagten. Doch Entaro wusste, dass der Kern vieler dieser Geschichten oft nur Schall und Rauch war. Es waren oft nur Hirngespinste, Aberglaube und Einbildungen. Doch wer das Schicksal unbedacht herausforderte, würde eines Tages dafür bestraft werden. Dessen war sich Entaro gewiss, und so lebte er sein Leben. Der Preis des Lebens war stete Wachsamkeit. Und die Menschen dieser Lande wurden für gewöhnlich nicht so alt um von sich behaupten zu können die Weisheit erlangt zu haben. Dafür war dieses Land zu fest im Würgegriff von Gewalt, Verrohung und Verzweiflung. Ob dieses Land je geheilt werden würde? Es lag seit so vielen Jahren unter den Schatten des Krieges und des Verfalls, dass es den Anschein hatte, es würde für immer darin gefangen bleiben. Als gäbe es einfach keinen anderen Weg als stets weiter zu kämpfen, weiter zu verzweifeln und weiter zu verzagen.

Irgendwann begann Entaro sich zu fragen, wo Isaé wohl so lange blieb. Die Stadt war immerhin nicht sonderlich groß. Doch die Sorge um Isaé wurde mehr und mehr von einer übermächtigen Müdigkeit überschattet. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und der Schmerz begann sich immer mehr und mehr in seinem Inneren auszubreiten. Als ob man einen Stein in einen spiegelglatten See werfen würde, und die Wellen sich langsam immer weiter ausbreiteten. Die Wirkung der Tinktur hatte wohl ihren Zenit erreicht und nun befanden sich Schmerz und Linderung in einem Zwist, in welchem der Schmerz mehr und mehr die Oberhand gewann. Entaro schleppte sich zurück in das Bett und kaum hatte er sich niedergelegt, da war er auch schon wieder dem dunklen Schlaf und den Fieberträumen anheimgefallen.

Erbarmungslos wurde Entaro aus seinem Schlaf gerissen, als Isaé an ihn an der Schulter schüttelte. »Entaro, wach auf! Entaro!« Sie rüttelte kräftiger und zwang den Drachenritter schließlich die Augen zu öffnen. »Isaé«, raunte er und ein gequältes Lächeln huschte über seine Lippen. »Was ist geschehen? Wo bist du so lange geblieben?«, erkundigte er sich mit schwerer Zunge, die sich wie Blei in seinem Mund anfühlte. »Vergib mir, Entaro. Aber wir müssen sofort diese Stadt verlassen!« Unweigerlich richtete sich Entaro auf und wurde sogleich von einem unbarmherzigen Schmerz dafür belohnt, der ihn zwang scharf die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen einzusaugen. »Wieso? Was ist passiert, Isaé?« Doch Isaé haderte mit der Antwort. Sie packte nur ihre Sachen zusammen, legte Entaros Waffenrock und sein Schwert neben ihm auf das Bett, ohne auf seine Frage einzugehen. »Du musst es mir sagen! Ist etwas vorgefallen?« Isaé schüttelte nur den Kopf. Was auch immer es war, dass sie so in Angst versetzte, es konnte kein Hirngespinst oder eine seltsame Gestalt in den nebelverhangenen Straßen gewesen sein. Isaé nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und sah ihm tief in die Augen. »Nicht jetzt, Entaro. Ich bitte dich! Ich kann es dir nicht sagen… Nicht jetzt!« Entaro sah sie nur verwirrt an. Was konnte so schlimm gewesen sein, dass sie nicht einmal darüber sprechen wollte? »Bitte, Entaro, vertrau mir, wir müssen sofort raus aus dieser Stadt! Es duldet keinen Aufschub!« Entaro nickte. Nicht weil er ihr zustimmte, sondern weil er ihr vertraute. »Ich verstehe. Doch ich kann nicht. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Der Schmerz ist unerträglich.« Es widerstrebte dem gestandenen Ritter sichtlich sich diese derartige Schwäche einzugestehen. Doch was hatte es für einen Sinn sie zu verbergen? Sie würde es ohnehin bemerken. »Komm, ich helfe dir!« Sie half ihm auf die Beine und in seine Kleider. Dann legte sie ihm den Schwertgurt um und schickte sich an, mit ihm die Stube zu verlassen. »Isaé.«, ertönte die dröhnende Stimme des Drachenritters. »Hast du die Tinkturen bekommen?« Isaé hielt für einen Moment inne und nickte daraufhin. »Gut. Sie wirken wirklich gut und zügig. Gib sie mir.« Er hob fordernd seine Hand auf und wartete geduldig, während Isaé in ihrer Tasche danach kramte. Sie drückte ihm die Flasche in die Hand und Entaro zog den Korken aus der Flasche und tat einen kleinen Schluck daraus. Er wusste nicht wie hoch die Dosis sein musste, doch wollte er lieber nicht zu viel davon auf einmal trinken. Dann korkte er die Flasche wieder zu und ließ sie in seiner Tasche verschwinden. »Jetzt lass uns endlich verschwinden Entaro.«, drängte Isaé und der Drachenritter nickte. Doch als er seine Hand besah, bemerkte er, dass sie rötlich im schwachen Licht der Monde schimmerte. Er wirkte verdutzt und während Isaé ihn aus der Stube geleitete, besah er verwundert die Hand. Er führte sie zu seiner Nase und nahm den verräterischen Geruch von Eisen in der Nase wahr. Blut?

Isaé hatte Entaro die Treppen herabgeführt, und auch wenn sie die Nacht nicht vollends in der Stube verbracht hatten, gab sie dem Wirt den geforderten Zins. Die fragenden Blicke des Wirtes, und auch der beiden Männer, die an einem der Tische über einen Humpen gebeugt saßen, kreuzten sich mit Entaros Blicken. Doch auch wenn er ihre fragenden Blicke nachvollziehen konnte, so war er genauso ratlos und verwirrt wie sie. Als die Beiden schließlich auf der Straße angekommen waren, ergriff Entaro Isaé am Arm und zwang sie auf diese Weise stehen zu bleiben. »Isaé. Ich verlange, dass du mir genau erzählst, was in deiner Abwesenheit vorgefallen ist!« Isaé versuchte weiterhin ihn mit beruhigenden Worten zu beschwichtigen und mit drängenden Worten zum Weitergehen zu bewegen, doch Entaro schaltete auf stur. »An der Flasche mit der Tinktur, die du mir gegeben hast, war Blut. Ich habe es hier an meiner Hand.« Um seine Worte zu untermauern hielt er ihr seine Hand vor das Gesicht. Und auch wenn sich nicht viel Blut an seinen Fingern befand, so erkannte er an Isaés Blicken, dass irgendetwas hier nicht mit rechten Dingen zuging. »Ich verlange, dass du mir erzählst, was geschehen ist!« Isaé wirkte fast wie ein gehetztes Tier. »Können wir das nicht auf dem Weg klären? Oder noch besser, wenn wir auf deinem Drachen sitzen?« Entaro schüttelte den Kopf. »Nein. Du benimmst dich sehr seltsam. Ich verlange Antworten. Und zwar jetzt!«
#69
Hand aufs Herz ❖
drache-er ließ es einfach nicht dabei bewenden! Anstatt ihr zu vertrauen dass sie den übereilten Aufbruch nicht aus einer dummen Laune heraus forcierte, und einfach zu tun, worum sie ihn bat, drang er immer weiter in sie ein und wollte wissen, was vorgefallen war. All die Götter auf dieser Welt wussten, dass es einen berechtigten Grund dafür gab. Isaé wusste es. Nur Entaro wusste es nicht. Wenigstens waren sie nun endlich auf der Straße. Sie ertrug all die Blicke nicht. Die des Wirten, und die der Schenkengäste und auch Entaros forschenden Blick ertrug sie nicht. Es war, als wussten alle, was geschehen war und das machte Isaé immer gereizter. Plötzlich spürte sie, wie Entaro sie am Arm packte und festhielt. Er zwang sie, stehen zu bleiben „Isaé. Ich verlange, dass du mir genau erzählst, was in deiner Abwesenheit vorgefallen ist!“ Sie atmete tief ein. Der Feuermohn, wenn gleich er auch weder die Denkfähigkeit oder die Reaktionsfähigkeit veränderte, so veränderte er doch etwas im Geist eines Menschen, der ihm gewährte, Einzug in seinen Körper zu halten. Isaé atmete wieder aus. „Entaro. Ich bitte dich zum allerletzten Mal. Du musst mir jetzt vertrauen, dass dieser Aufbruch zu unser beiden Besten ist. Ich bitte nie um etwas. Aber dieses eine Mal bitte ich dich, dich einfach in Geduld zu üben. Ich erzähle dir alles. Aber nicht jetzt. Nicht hier!“ Doch es schien, als hörte er ihr überhaupt nicht zu, oder interessierte sich nicht für ihre Worte. Doch dann konfrontierte er sie mit dem Fakt, dass an der Tinkturflasche Blut gewesen sei. Und um seine Worte mit Beweisen zu untermauern, hielt er ihr seine Hand vor die Nase. Isaé hob fragend eine Augenbraue und ihr Blick glitt an seinem Körper herunter. Er wollte also Spielchen spielen. In Ordnung. „Sicher, dass es nicht dein Blut ist? Immerhin hast du eine Stichverletzung. “ Doch darauf ließ er sich gar nicht ein. „Das ist Unsinn und das weißt du. Ich verlange, dass du mir erzählst, was geschehen ist!“ Isaé schüttelte den Kopf und ihre Nervosität und Gereiztheit steigerte sich mehr und mehr. Immer noch hielt er sie fest und selbst in der relativen Dunkelheit konnte sie seine gestrenge Miene erkennen. Unerbittlich. Er würde erst Ruhe geben, wenn er bekommen hatte, was er forderte: Antworten. Er hatte Vaskir de Escroc die Stirn geboten, da würde er selbstverständlich auch vor ihr nicht Halt machen, nur weil sie das wollte. Erneut schlug sie vor, und ihre Stimme zitterte: „Können wir das nicht auf dem Weg klären, oder noch besser, wenn wir auf deinem Drachen sitzen?“ Da schüttelte er den Kopf und sagte „Nein. Du verhältst dich sehr seltsam. Ich verlange Antworten, und zwar jetzt.“

Seine gestrenge Art, dass er sie manchmal behandelte und maßregelte, als wäre er ihr Vater, hatte sie immer schon gestört. Und in diesem Augenblick, nach all den schlimmen Erlebnissen, war es ihr, als fiele sie dem Wahnsinn zum Opfer. Sie riss sich aus seinem Griff. „Entaro! Es reicht! Du hast meine Worte gehört! Nicht hier, nicht jetzt! Ich mache immer was du sagst! Immer! Dieses eine Mal sind die Rollen vertauscht und du machst, was ich will! Und ich sage, wir gehen ohne Umschweife. Und danach, ich verspreche es dir, sollst du alles erfahren, was dich verlangt zu wissen!“ zischte sie. Sie schritt auf ihn zu und packte nun ihrerseits ihn am Arm und ihr Mund kam ganz nahe an sein Ohr und sie raunte. „Wenn du uns beide ins Unglück stürzen willst, dann mach hier nur so weiter. Aber das werde ich nicht zulassen!“ Dann ließ sie ihn los und meinte schlicht „Wir gehen.“ Dann wandte sie sich um und lief beinahe im Stechschritt die Straße entlang, raus aus der Stadt. Es war ihr in diesem Moment egal, ob Entaro würde Schritt halten können. Und je näher sie dem Stadtrand kamen, und der Weide, in dessen Nähe der Drache zurückgelassen wurde, desto schneller und härter begann ihr Herz gegen ihren Brustkorb zu schlagen. Jeder einzelne Herzschlag vertrieb mehr und mehr Isaés Ärger über Entaros Verbissenheit und Strenge, und ließ nur ein Gefühl von Furcht und Sorge zurück. Die Schritte der jungen Frau verlangsamten sich und sie sehnte sich nach einer Feuermohnpfeife, die sie alles würde etwas leichter sehen lassen. Doch dies war nicht der Zeitpunkt, um sich noch mehr den Schädel zuzudröhnen mit Opium. Entaro wollte Antworten. Und bevor er jetzt erneut begann, auf sie einzureden, wollte sie ihm zuvorkommen und ihm erzählen, was er wissen wollte. Sie lehnte sich gegen den Weidezaun und wartete bis der verletzte Drachenreiter zu ihr aufgeschlossen hatte. Kurz dachte sie nach. Es war wohl besser, wenn sie das Opium nicht zu detailliert erwähnte. Letztendlich machte es keinen Unterschied. Es war die Wahrheit ein wenig zurecht zu biegen, dass sie einfacher zu erklären und zu verstehen war. Und war Entaro nicht auch ein solcher Geheimniskrämer? Sie räusperte sich und begann. „Nun also, da du ohnehin keine Ruhe geben wirst, bis du deine verdammte Erklärung hast, so will ich sie dir geben. Zuerst musste ich Meister Erill bezahlen. Er nahm drei Darik für seine Dienste. Du liebe Güte. Ich will nichts sagen, er hat gute Arbeit geleistet. Naja, eigentlich hat er nicht so viel gemacht. Er hat kritisiert, was ich zuvor gemacht habe, hat es jedoch so gelassen. Der einzige Unterschied war, dass er einen Druckverband gemacht hat. Sonst hat er dich nur in die Flasche pissen lassen und hat herumgetastet. Seien wir froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, dass eine weitere Behandlung nicht nötig war. Aber nichtsdestotrotz hat er für diese kleine Nachschau drei Darik verlangt, Entaro. In der Apotheke fragte ich nach den Tinkturen, die Meister Erill empfohlen hatte. Du solltest sie bekommen, damit deine Verletzung schnell und ohne Störungen verheilen kann. Ich fragte den Apotheker, ob er auch Feuermohn verkaufe. Er bejahte dies und zeigte mir das Feuermohn, dessen Preis ein sehr, sehr stolzer war. Er bot mir eine Kostprobe an und ich nahm an. Es war wirklich vorzügliches Opium. Dann wollte er mir davon verkaufen, und nannte mir den Preis. Ich lehnte ab und sagte, ich könne es mir nicht leisten. Dann war er offenkundig beleidigt und wurde frech. Er meinte, ich könne ihn auch anders bezahlen dafür. Ich lehnte ab und sagte, ich sei nicht so eine Frau. Ich bezahlte von meinem letzten Geld die Tinkturen, wollte gehen, und klopfte die Pfeife aus um sie wieder in die Tasche zu stecken. Daraufhin wurde er unglaublich wütend und meinte so geht das nicht. Ich beseitigte die Asche, aber er bestand darauf, dass ich einen Besen nehme. Das wollte ich nicht, ich wollte einfach nur weg von diesem unangenehmen Kerl.“ Isaé schwieg für einen kleinen Moment. Ihr kam die Lüge einfach nicht über die Lippen. ENtaro war so ein ehrenhafter, freundlicher Mann. Wie konnte sie ihm nur die halbe Wahrheit auftischen und ihm danach noch in die Augen sehen? „Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist. Ich ergriff die Dose mit dem Feuermohnopium, und wollte aus dem Laden rennen. Wie dumm ich doch war, es war doch im Vornhinein klar, dass ich damit nicht durchkommen würde. Er hielt mich auf, packte mich und warf mich gegen ein Regal. Mir blieb die Luft weg, war unfähig, zu atmen und mich zu bewegen, und in diesem Moment wurde mir klar, dass aus dieser Sache nicht heil rauskommen würde. Er packte meine Hand und schlug sie mehrmals gegen das Regel, sodass ich die Dose fallen ließ. Als dann die ganzen Opiumkügelchen über den Boden rollten, schrie er mich an, was ich angerichtet habe und ich bekam wahnsinnige Angst. Ich dachte mir, entweder er ruft die Stadtwache oder er wird mich töten. Er war kurz abgelenkt weil er die rollenden Opiumkügelchen beobachtete. Da zog ich mein Langmesser und stieß es ihm ins Herz.“ Isaé schwieg kurz und wischte sich mit der Hand über Mund und Nase. „Während er sterbend am Boden lag, sammelte ich das Opium ein, nahm seine Geldkassette und verließ den Laden. Das war mein Grund, warum ich diese Stadt kurzerhand wieder verlassen wollte. Aber bevor du mich verurteilst, Entaro, will ich dir noch etwas sagen. Ich mag dich Entaro, ich mag dich wirklich. Aber seit ich dich kenne, und solange ist das noch nicht, ist mein Leben nicht gerade einfacher geworden. Erst das Haus der tausend Wünsche und dann diese Kerle die Vas-ghrrrr..." Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. "Du liebe Güte, verzeih! Also diese Kerle die Vas-rgggrg... Verdammt, ist an diesem Fluch wirklich etwas dran? Ich kann seinen Namen denken, aber nicht aussprechen!" riss die junge Frau die Augen auf. Kurz dachte sie nach. "Diese Kerle die uns aufgerieben haben... ich hatte Todesangst. Ich kann so nicht weitermachen. Ich kann das nicht mehr ertragen, von einer gefährlichen Situation in die nächste zu stolpern. Erst verlor ich im Haus der tausend Wünsche beinahe meine Seele und dann mein Leben!"
#70
Die Grenzlande von Vailté ❖
drache-isaé wand sich förmlich wie eine Schlange. Und je mehr sie sich wand und gebärdete, desto misstrauischer wurde Entaro und umso mehr wollte er wissen, was hier vor sich ging. Und als er entschlossen hatte, keinen weiteren Schritt mehr zu gehen, bevor Isaé ihm nicht reinen Wein eingeschenkt hatte, gipfelte Isaés Abwehr zu ihrem Höhepunkt. Und nicht nur das, sie wurde zudem auch immer gereizter, als ob Entaro Salz in eine offene Wunde streuen würde, oder seine Worte einem Stock gleichen würden, der gegen ein Wespennest geschlagen wurde. »Entaro. Ich bitte dich zum allerletzten Mal. Du musst mir jetzt vertrauen, dass dieser Aufbruch zu unser beider besten ist.« Diese Worte ließen das Misstrauen in dem Drachenreiter nur noch weiter anschwellen, anstatt ihn zu beschwichtigen. »Ich bitte nie um etwas.« Da verzog er eine Augenbraue und sah Isaé skeptisch an. »Ich kann mich da schon an die eine oder andere Bitte deinerseits erinnern. Eine stumme und gehorsame Dienerin bist du nun nicht gerade, Isaé.«, Entaro verschränkte die Arme vor der Brust und vermittelte dadurch den Eindruck von Unbeirrbarkeit. Mit solchen Floskeln wollte er sich weder abspeisen, noch beschwichtigen lassen. Und schon gar nicht mit solchen fadenscheinigen Ausflüchten, gespickt mit Halbwahrheiten. »Aber dieses eine Mal bitte ich dich, dich einfach in Geduld zu üben. Ich erzähle dir alles. Aber nicht jetzt. Nicht hier!« Entaro seufzte. Es war kein resignierendes Seufzen, eher eines, dass davon zeugte, dass ihm die Kraft und auch die Motivation schwand, sich weiterhin diesem Spiel hinzugeben. Und so wechselte er das Thema auf das Blut, welches er an der Flasche der Tinktur bemerkt hatte. Doch auch hier wand sich Isaé wie ein Aal, den man gerade aus seinem schönen, sumpfigen Tümpel gezogen hatte. Und je mehr er nachbohrte, desto mehr wand sie sich. Beinahe als würde ein Fluch auf ihr liegen, der es ihr verbat mit ihm darüber zu sprechen. Da wurde Entaro für einen Moment stutzig. Konnte es möglicherweise mit dem Fluch dieses Schwarzsehers zu tun haben? Hatte es mit dem Herrn des Hauses der tausend Wünsche zu tun? Entaro wurde etwas nachdenklicher. Doch da war doch da steckte doch mehr dahinter! Der Fluch besagte doch nur dass man nicht über ihn sprechen durfte. War er etwa in der Stadt? Nein, das konnte sich Entaro beim besten Willen nicht vorstellen. Er würde seine Häscher schicken und dabei im Schutze seines verwunschenen Turmes ausharren. Denn er war ein Feigling.

Entaro konfrontierte Isaé ein letztes Mal endlich mit der Sprache herauszurücken, doch diese drehte den Spieß einfach um, konfrontierte ihn und ließ ihn dann einfach stehen und ging. So hatte Entaro sich das jetzt auch nicht vorgestellt. Er sah ihr zu, wie sie mit jedem Schritt immer kleiner wurde. Schließlich seufzte er und setzte sich auch in Bewegung. Letzten Endes hatte sie dann doch bekommen was sie wollte und Entaro musste ein wenig schmunzeln. Sie hatte ein wildes Feuer im Herzen. Und er wusste gar nicht wie nah an der Wahrheit er mit dieser Metapher war, denn dass gerade die verzehrenden Flammen des Feuermohns in Isaés Adern wüteten, war ihm ja nicht bewusst.

Als er sie schließlich eingeholt hatte, schien es als ob sich ihre widerborstige Zunge, wie durch ein Wunder, gelockert hätte. Ohne dass Entaro überhaupt etwas sagen musste, sprudelten die Worte förmlich aus ihr heraus. »Nun also, da du ohnehin keine Ruhe geben wirst, bis du deine verdammte Erklärung hast, so will ich sie dir geben.« Entaro blieb vor der jungen Frau stehen und tat einen tiefen Atemzug. Der Weg hier herauf hatte ihn doch mehr Kraft gekostet als er gedacht hätte. »Ich höre?« Und dann begann Isaé ihre Geschichte zu erzählen. Von dem Heiler, und dem Apotheker und dem unrühmlichen Ende. »Ich wollte einfach nur weg von diesem unangenehmen Kerl.« Entaro nickte. »Verständlich. Es war ja auch eine ereignisreiche Nacht.«, pflichtete er ihr bei. Doch irgendwie fühlte sich die Geschichte noch nicht, zu Ende erzählt, an. Das konnte ja kaum ein Grund sein so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen. Und noch während Entaro die alles entscheidende Frage stellte, schwante ihm bereits Übles. »Und was geschah dann? Und woher kommt das Blut?« Isaé sah nämlich nicht aus, als ob sie verletzt worden wäre. »Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist. Ich ergriff die Dose mit dem Feuermohnopium, und wollte aus dem Laden rennen.« Entaro schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Diese Droge wird eines Tages noch dein Ende sein, Isaé« »Wie dumm ich doch war, es war doch im Vornhinein klar, dass ich damit nicht durchkommen würde.« Natürlich brannte es im förmlich auf der Zunge sie zu fragen, warum sie es dann überhaupt getan hatte, doch sie ließ ihm gar keine Gelegenheit zu Wort zu kommen, sondern erzählte ihre Geschichte ununterbrochen weiter. »Ich dachte mir, entweder er ruft die Stadtwache oder er wird mich töten… Da zog ich mein Langmesser und stieß es ihm ins Herz.« Entaro starrte Isaé, beinahe entgeistert an. Seine stoische Beherrschung fiel förmlich von ihm ab. »Du hast was getan?«, hakte er ungläubig nach, als ob er hoffte, er hätte sich verhört. Doch Isaé wischte sich mit der Hand über Mund und Nase. »Ich habe ihm mein Messer ins Herz gerammt.« Entaro schwieg. »Während er sterbend am Boden lag, sammelte ich das Opium ein, nahm seine Geldkassette und verließ den Laden.« Entaro schwieg weiterhin, doch hatte er inzwischen seine stoische Ruhe wiedererlangt. »Das alles wegen…Opium?« Er sah Isaé mit einem Ausdruck an der sowohl Missbilligung, Ablehnung und gleichzeitig Unverständnis ausdrückte. Ihm fehlten die Worte auf diese Tat. Auf dieses förmliche Geständnis. »Wären wir in Akadien, würde ich dich jetzt persönlich zur Stadtwache führen.« Er sah ihr tief in die Augen und als ihre Blicke sich trafen durchbohrte er die ihren beinahe mit der Kälte die in dem seinen lag. Sie konnte seinem Blick nicht lange standhalten. »Doch…«, erhob er schließlich seine Stimme. »…sind wir nicht in Akadien.« Es folgte ein kurzer Moment der Stille, in welcher die beiden sich einfach nur ansahen. »Das war mein Grund, warum ich diese Stadt kurzerhand wieder verlassen wollte. Aber bevor du mich verurteilst, Entaro, will ich dir noch etwas sagen.« Entaro sah sie erwartungsvoll aber zugleich auch mit einem Blick an, der zeigte, dass er sie bereits verurteilt hatte. »Ich mag dich Entaro, ich mag dich wirklich. Aber seit ich dich kenne, und solange ist das noch nicht, ist mein Leben nicht gerade einfacher geworden.« Entaros Haltung entspannte sich ein wenig. Wenn auch nur ein wenig. Nicht wegen der Worte allein, die sie aussprach. Auch wegen der Reue die in ihrer Stimme mitschwang. »Das rechtfertigt noch lange keinen Mord, Isaé.«, maßregelte er sie. Doch vermutlich hatte sie schon mehr als ein unschuldiges Leben auf dem Gewissen. Entaro wusste wie es war, wenn man in diesem verfluchten Land leben musste. Besonders wenn man sich seinen Lebensunterhalt damit verdingen musste, Hexen zu jagen. Es war weithin bekannt, dass dabei auch viele unschuldige Frauen ihr Leben verloren hatten, nur des Geldes wegen. »Erst das Haus der tausend Wünsche und dann diese Kerle die Vas-ghrrrr...« Entaro zuckte zusammen, als Isaés Stimme auf einmal abbrach und sie sich sichtlich verkrampfte. Der Fluch!

»Ih hatte Todesangst. Ich kann so nicht weitermachen. Ich kann das nicht mehr ertragen, von einer gefährlichen Situation in die nächste zu stolpern. Erst verlor ich im Haus der tausend Wünsche beinahe meine Seele und dann mein Leben!« Vielleicht wären tröstende Worte in dieser Situation angebracht gewesen. Worte des Trostes. Eine verständnisvolle Geste. Eine geborgene Umarmung. Doch Entaro schwieg nur und bedachte Isaé mit Missbilligung…und mit Mitleid. Und tief in ihm schwang auch ein Gefühl von Reue und Schuldgefühl in ihm auf. Er hatte sie in das Haus der tausend Wünsche geführt, ohne alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Was ihr widerfahren war, war also auch seine Schuld gewesen. »Folge mir.«, befahl er ihr und führte sie schließlich zu dem Drachen. Als sie vor dem großen Tier aus längst vergessenen Zeiten angekommen waren, ergriff er ihre Hand und legte diese in die seine. »Schließe deine Augen.« Und wenn auch widerwillig, und mit einem sichtlichen Maß an Argwohn und Unsicherheit, gehorchte sie schließlich. Dann führte er Isaés Hand immer näher an den Drachen heran, bis ihre Hand schließlich den Drachen berührte. Der Drache starrte Isaé an, doch er rührte sich nicht. »Es ist gut, dass du die Wahrheit gesagt hast, Isaé. Denn dadurch bist du erneut dem Tode entronnen. Wenn du gelogen hättest…« Er hielt für einen Moment lang inne und sein Blick huschte zu dem Drachen, welcher anteilnahmslos das Gespräch der beiden beobachtete. »Es hätte Konsequenzen gehabt, nun da du an den Drachen gebunden bist.« Er ließ Isaés Hand los und ergriff schließlich die Zügel um auf den Drachen zu klettern. »Du kannst die Augen wieder öffnen, Isaé. Wir müssen los, schon vergessen?« Er reichte ihr seine Hand um ihr beim Aufsteigen zu helfen, und dann erhoben sie sich wieder in die Lüfte. Und zurück blieben nur ein toter Mann in einer Apotheke Valorijans und ein halbes Dutzend toter Schafe, welche teilweise verkohlt und zu Asche verbrannt auf dem Feld lagen.

Während das dunkle Land unter ihnen dahinzog, war Entaro in ein tiefes, schweigsames Grübeln vertieft. Diese Geschichte machte ihm sehr zu schaffen. Und noch vor wenigen Tagen hätte Entaro sie unverzüglich der Gerichtsbarkeit überstellt. Oder selbst das Richtschwert geführt. Doch seitdem war etwas geschehen. Etwas das tief in Entaro etwas verändert hatte. Und zugleich tief in ihm etwas geweckt hatte, dass schon sehr lange in der Dunkelheit seiner Seele geschlafen hatte. Nicht nur Isaé war viel widerfahren. Auch Entaro hatte Schicksalsschläge erlitten. Höhen und Tiefen. Und das schon lange bevor er sie kennengelernt hatte. Auch ihn hatte das Haus der tausend Wünsche Demut gelehrt. Und besonders die Nachwehen. Der kalte Stich der Klinge des Schwarzsehers brannte noch immer wie Feuer in seiner Haut. Und der schwarze Fluch lastete schwer auf ihm. Doch viel schwerer als diese Last war ein ganz anderer Umstand. Er war dem Tode so nahe gewesen, wie noch nie zuvor. Er war doch eigentlich schon auf dem Weg auf die andere Seite gewesen. Doch irgendwie war er im Diesseits bewahrt geblieben, anstatt ins Jenseits hinüberzugleiten. Er war nicht mehr derselbe Mann wie zuvor. Und er würde es wohl auch niemals mehr wieder sein. Und auch der Drache schien nicht mehr derselbe zu sein, wie noch zuvor. All diese Ereignisse hatten etwas verändert. Es war etwas geweckt worden und nur die Zeit würde zeigen, ob es besser weiter geschlummert hätte. »Du bist nicht allein mit deinem Schmerz und deiner Furcht, Isaé.« Er räusperte sich, um sich zu vergewissern, dass sie ihm auch wirklich ihre volle Aufmerksamkeit schenkte. »Ich heiße deine Tat nicht gut. Aber ich verurteile dich nicht.« Er wandte seinen Kopf über die Schulter und sah Isaé in die Augen. »Dieser Mann war ein Verbrecher. Daerean richtet die Sünder, und verbrennt die Ketzer. Und er bekam was ihm zustand. Wenn auch nicht auf die rechte Weise. Doch Daereans Wille wurde durch deine Hand vollzogen. Und mit dieser Vorstellung kann ich leben. Und das solltest du auch.«

Entaro wandte sich wieder seinen Gedanken zu. Noch vor einer Weile hätte er solche Worte nie gesagt. Niemals hätte er Daereans Worte, Daereans Namen oder Daereans heilige Schriften derart ausgelegt, dass sie einen Mord rechtfertigen würden. Dies war nicht der Weg der Bernsteinseele. Doch Entaro hatte die Worte gesprochen. Und er war sich dessen mehr als bewusst, dass dies nicht Daereans Wille war, der Isaés Klinge geführt hatte. Doch Entaro starrte nur grimmig auf das schwarze Land unter ihnen und schwieg den Rest ihrer Reise. Einer Reise ins Ungewisse. Eine Reise in ein Land roter Berge und alter Ränke. Doch ihr Weg würde ein beschwerlicher werden. Und je näher sie dem Grenzland kamen, desto näher rückte der Tag an dem er Tarvain wieder sehen würde. Und er wusste nicht ob er sich darüber freuen sollte, oder in Sorge sein. »Wir erreichen bald die Grenzlande Vailté.«, murmelte Entaro, mehr zu sich selbst, als zu Isaé. »Natürlich könnten wir auch einfach darüber hinwegfliegen, und direkt nach Akadien vorstoßen. Doch es ist sehr lange her, seit ich das letzte Mal in der Heimat gewesen bin. Und immerhin kehre ich auf einem Drachen zurück. Es ist vermutlich klüger den längeren Weg zu wählen. Und daher werden wir in Marçien landen und den Herrn dieser Lande um seine Erlaubnis bitten, durch die Grenzlande reisen zu dürfen mit dem Ziel Akadien zu betreten.« Isaé nickte verstehend, auch wenn Entaro sich sicher war, dass sie nicht wirklich verstand warum dies Vonnöten war, wenn man doch einfach auf einem Drachen über sein Land hinwegfliegen könnte. Und als ob er ihre Gedanken gelesen hätte antwortete er sogleich darauf: »Sein Name ist Ser Tarvain dé Marçien und er bekämpft seit über zehn Jahren die Schwarzseher und verfluchten Bastarde von Ratth aus Kalath. Er könnte Wissen über ihre Flüche haben.« Und vielleicht auch eine Heilung gegen den Fluch?
#71
Regenschauer ❖
drache-ja, Entaro war entsetzt. Nichts anderes hatte Isaé erwartet. Doch wenn sie sich ehrlich war, hatte sie am Ende doch ein wenig mehr Verständnis erwartet. Nicht dafür, dass sie einen Mann, der sie unflätig behandelt hatte, erstochen, sein Opium und sein Geld geraubt hatte, aber für die Beichte, dass ihr all das Elend, das sie erlitten hatte schon zu viel wurde. Isaé wollte Entaro schon entgegnen, dass das Töten von Menschen im Grunde ihr tägliches Brot bescherte. Dass das Geschäft mit der Hexenjagd ein schmutziges, aber halbwegs einträgliches war. Dass sie Menschen schon für weniger als einen Kanten Brot getötet hatte. Aber auch, dass das Töten ihr weder Freude noch Erleichterung brachte. Im Gegenteil. Stattdessen führte er sie zum Drachen, und hieß sie, die Augen zu schließen, was sie dann auch, wenn zuerst noch zögerlich, tat. Erst nahm er ihre Hand in die seine, um sie schließlich an die Haut des Drachen zu führen. So bewusst hatte sie den Drachen noch nie gefühlt. Die Haut war schuppig, doch die einzelnen Schuppen waren wiederum glatt und kühl, und doch fühlte sie die Wärme des Drachenkörpers, die sich darunter befand. Eine uralte Kraft und Macht, wie sie niemand mehr fühlen konnte, außer Entaro Adun, war allgegenwärtig. Insgeheim fürchtete sie sich davor, was der Drache tun würde. Sie hatte gesehen, wozu der Drache in der Lage war. Doch nichts geschah. „Es ist gut, dass du die Wahrheit gesagt hast… Wenn du gelogen hättest… es hätte Konsequenzen gehabt, da du nun an den Drachen gebunden bist.“ Isaé öffnete die Augen wieder, als Entaro sie dazu aufforderte. Doch sie schlug den Blick nieder und vermochte es nicht, den Drachenreiter anzusehen. Umso erleichterter war Isaé, als sie beide endlich auf dem Drachen saßen, und ihre Reise fortsetzten. Wenn auch das schlechte Gewissen sie plagte. Immerhin sollte Entaro sich ausruhen und sich in heilsamen Schlaf befinden, anstatt seinen Körper weiter zu malträtieren, weil sie den Apotheker getötet, und damit eine übereilte Flucht provoziert hatte. Er überspielte es gut, doch Isaé wusste, dass selbst die beste Medizin nicht so schnell helfen konnte. Es war vor allem die Zeit die alle Wunden heilte. Körperliche, wie auch seelische.

Endlich setzten sie ihre Reise fort. In sicheren Höhen auf dem Rücken des Drachen glitten sie durch die Nacht. Der Wind wehte da oben ein wenig stärker als am Boden, und doch genoss Isaé die Ruhe. Nur hin und wieder war der Flügelschlag des Drachen zu vernehmen. Es war Entaro, der die Stille schließlich durchbrach. Er schien ihre Tat zu rechtfertigen, ja beinahe zu verteidigen, was der Hexenjägerin ein wenig Bauchschmerzen bereitete. Das waren zwar Worte aus Entaros Mund, aber so kannte sie Entaro eigentlich nicht. Er war auch nicht dabei gewesen, wie konnte er von den wenigen Worten die Isaé ihm erzählt hatte, darauf schließen, dass der Mann ein Verbrecher war? Wohl war er schmierig gewesen, unflätig, und vielleicht auch ein wenig unzüchtig. Aber ein Verbrecher? Nein. Sie seufzte schwer, dann traf sie etwas auf die Stirn. Und auf die Wange. Klein, aber hart, wie Peitschenschläge. Sie fasste sich ins Gesicht, und noch bevor Isaé realisieren konnte, was es war, begann auch schon Regen hernieder zu prasseln. Isaé zog sich ihre Kapuze tiefer ins Gesicht, was sich durch den Gegenwind als schwierig erachtete. Immer wieder riss dieser die Kapuze vom Kopf, sodass die junge Frau schnell aufgab und sich lieber darauf konzentrierte, ihre Umarmung um Entaro zu verstärken. Sicherlich war es nur ein kurzer Schauer, dachte sie bei sich, und weder Entaro noch der Drache schienen sich an dem Regenguss zu stören. Sehr wahrscheinlich war dies nicht das erste Unwetter, welches sie am Himmel durchquerten. Doch der Regen ließ nicht nach, im Gegenteil, immer stärker schien es regnen, und der Wind peitschte die schweren dicken Wassertropfen in ihre Gesichter, wobei Isaé hinter Entaro sitzend, frontal weniger abbekam als der Drachenreiter. Trotz ihres Wollumhangs bemerkte die Hexenjägerin, dass sie schon komplett durchnässt war und allmählich zu frieren begann. Sie beugte sich nah zu Entaros Ohr „Lass uns landen, Entaro“ bat sie ihn. Der Drachenreiter schien einen kurzen Moment zu überlegen, die Sicht war äußert schlecht, man konnte von hier oben absolut nichts erkennen, was eine Suche nach einem Dorf oder einer Stadt nickte dann aber und gab dem Drachen einen Tritt in die Flanke und lenkte ihn schließlich nach unten.

Der Drache landete in der Dunkelheit im Nirgendwo. Es schüttete immer noch wie aus Kübeln. Isaé versuchte gar nicht erst, sich in irgendeiner Weise vor dem Regen zu schützen, da sie ohnehin bereits nass bis auf die Haut war. Es war eine dunkle, mondlose Nacht. Nur schemenhaft zeichnete sich die Umgebung ab. Es war eine felsige, unwirtliche Gegen, kaum Wälder, kaum Bäume, außer einige wenige niedrige Kiefern die sich in der felsigen kargen Landschaft in einer Felsspalte einen Ort zum Wurzeln schlagen und wachsen erobert hatten. Entaro führte den Drachen an den Zügeln hinter sich her und Isaé folgte den beiden. Schließlich befahl er dem Drachen, stehen zu bleiben, und gebot Isaé ihm zu folgen. Er hatte einen Felsvorsprung ausgemacht, der ein wenig Schutz vor dem Regen bot. Isaé suchte Schutz unter der gewaltigen Felsformation. Sie fror, und nahm den Wollumhang von ihren Schultern, der sich letztendlich dem Regen gebeugt hatte, und nass und klamm geworden war. Sie faltete ihn mehrmals drehte ihn schließlich in sich zusammen wie eine Kordel, wrang ihn aus und breitete ihn über einem großen Stein aus, damit er trocknen konnte, was in Anbetracht der feuchtgeschwängerten Luft ein eher sinnloses Unterfangen war. Ihre Hände zitterten und waren feucht und kalt, wie auch ihr ganzer Körper. Wie gerne hätte sie jetzt eine Pfeife, meinetwegen auch ohne Opium, einfach ein schönes Pfeifchen zum Genuss, dazu ein heißes Getränk wie warmen Gewürzwein, heißes Stachelbier. Sie versank in Gedanken um sich von der Kälte abzulenken und träumte von einer Schenke, in der ein schönes Feuer brannte, Isaé stellte sich vor wie sie an einem Tisch saß, zusammengesunken in einem Stuhl, die Beine lässig auf einem zweiten Stuhl gelümmelt, Pfeife rauchend, die zweite Hand um einen warmen Tonbecher aus dem Dampf stieg vom heißen Getränk. Entaros Drache holte sie aus der Tagträumerei, als er laut schnaubte. Er hatte sich ein wenig zusammengerollt, seine schuppige Haut dampfte unter dem Regen, jedoch schien dem Untier das Wetter nichts auszumachen. Er hatte die Augen leicht geschlossen, ein schmaler Schlitz blieb sichtbar, aus dem die Iris leuchtete und die schmale Pupille die Gegend zu beobachten und abzusuchen schien. Isaé beobachtete den Drachen ebenso, wie er auch sie beobachtete. Manchmal war der Drache so unauffällig in ihrer dreier Gesellschaft, dass er ihr kaum auffiel, doch manchmal, wie jetzt zum Beispiel, hatte er eine derartig starke Präsenz, dass sie kaum den Blick von ihm abwenden konnte. Wenn Entaros Worte wahr waren, und daran hatte die Hexenjägerin keinen Grund zum Zweifel, war dies der letzte und einzige Drache auf dieser Welt. Und sie hatte das unwahrscheinliche Glück, mit diesem Drachen und seinem Drachenreiter reisen zu dürfen. Oder das zweifelhafte Vergnügen. Immerhin war sie an den Drachen durch ein unsichtbares Band gebunden, jedenfalls Entaros Worten nach, und das machte sie zu einer Gefangenen, auch, wenn nicht durch ein Seil oder eine Kette oder einen Käfig. Entaro war zwar nett, und sie mochte ihn, aber alles in allem war er ihrer Meinung nach kein besonders unterhaltsamer Reisegefährte. Seit sie mit ihm durch Kalath zog, hatte sie nur wenig Grund zum Lachen. Der Regen fiel prasselnd, hier und da ertönte das melodische Geräusch von Regentropfen, die sich lösten und dann klatschend auf Stein oder Boden fielen. Isaé riss ihre Blicke von dem Drachen los und wandte sich Entaro zu, der neben ihr Platz genommen hatte. Sie berührte ihn am Oberarm „Wie geht es Dir, Entaro?“ fragte sie ihn und in ihrer Stimme schwang ein wenig Besorgnis. Es war erst wenig Zeit vergangen, seit Entaro durch die Klinge des Schwarzsehers verletzt worden war. Seitdem hatte er wenig Zeit gehabt, sich auszuruhen, oder gar zu schlafen. Es war mitten in der Nacht, es regnete und es war kalt. Isaé kramte in ihrer Tasche und förderte die Medizin von dem Wundarzt zutage und reichte es dem Drachenreiter. Sie hatte auch ihren Weinschlauch in der Tasche gefunden, der zwar keinen heißen Gewürzwein beherbergte, aber immerhin. Sie entkorkte den Schlauch und trank einen Schluck daraus, ehe sie ihn Entaro hinhielt und ihn eindringlich musterte. „Du bist verletzt, du solltest dringend versuchen, zu schlafen“ riet sie ihm. „Wenn du willst, kannst du deinen Kopf in meinen Schoss betten, dann hättest du es bequemer“ bot sie ihm an. Auch, wenn sie jetzt schon wusste, dass er es ritterlich ausschlagen würde.
#72
Ein Moment der Stille ❖
drache-gleichmäßig und rhythmisch peitschte der schwarze Schatten seine Schwingen und glitt durch die Luft, als ihre Reise von dunklen Wolken am ebenso dunklen Sternenhimmel überschattet wurde. Die Wolken sammelten sich relativ rasch, wie es am Meer Gang und Gebe war, zu einem richtigen Sturm. Regen peitschte ihnen ins Gesicht und kalter, nasser Wind kroch in jede noch so kleine Ritze im Stoff der Kleidung. Entaro hatte Mühe den Drachen auf Kurs zu halten. Denn auch wenn die Kreatur sich an dem Regen nicht zu stören schien, so war sie eine Kreatur des Feuers. Wasser war einfach nicht das Element des Drachen. Und irgendwann wurde nicht nur der Regen zu viel, sondern auch die Sicht einfach unmöglich. Man konnte, vor lauter Wasser, kaum mehr die eigene Hand vor Augen sehen. Der Mond war von schweren, schwarzen Wolken verhangen, und der Regen peitschte um die Ohren und in die Augen. Dies zwang sie schließlich zur Landung. Inmitten der Einöde der Grenzlande. Dies war eine ungünstige Situation, dessen war sich Entaro mehr als bewusst. Doch er selbst war über diese Zwangspause nicht unbedingt unzufrieden. Immerhin plagten ihn die Schmerzen seiner Verletzung. Er hatte sich kaum eine richtige Erholung gönnen können, da sie von einem hastigen Aufbruch zum nächsten gestolpert waren.

Und so hockten sie, zusammengekauert, unter einem Felsvorsprung. Völlig durchnässt. Kalt und müde. Jeder Versuch den Drachen dazu zu bewegen ein Feuer zu entzünden blieb wirkungslos. Das Holz war einfach zu feucht, oder zu frisch und wollte einfach nicht brennen. Doch von dem Drachen ging eine gewisse Wärme aus. Er dampfte förmlich, als das kalte Regenwasser auf seinem Leib verfloss. Er lag einfach nur da, mit wachsamen Augen und einem ruhigen, fast hypnotischen Atem. Entaro kauerte sich zusammen und hatte seinen Wollmantel um sich geschlungen, um wenigstens etwas Schutz vor der Kälte und dem Wetter zu haben. Doch so wirklich wollte es nicht helfen. Isaé war sichtlich bemüht dem Drachenreiter zu helfen. Sie gab ihm einen Schluck von der Medizin und sah sich den Verband an. Entaro ließ es stoisch über sich ergehen. Und auch wenn er es nicht zugeben würde, so war er froh, dass er in dieser Stunde nicht allein war. Er nickte dem Drachen stumm zu, und das Untier schob sich etwas näher an die Beiden heran. Die Wärme, die von dem Untier ausging war alles was sie derzeit hatten, und gleichzeitig schirmte er den Regen gut ab.

Isaé saß, mit dem Rücken an den Felsen gelehnt, da und starrte dem Tier in die Augen. Als die Wolken die Monde verdunkelt hatten, war das schwache Glühen seiner Augen das einzige Licht und warf einen matten Schimmer auf die ihren und auch die seinen. Und Entaro starrte Isaé an. Diese Frau hatte etwas an sich, was mehr war als man beim ersten Augenblick erahnen konnte. In ihr loderte ein gewisses Feuer. Es war mehr als nur das Band zwischen ihr und dem Drachen, von dem Entaro selbst nicht einmal genau wusste, was es überhaupt zu bedeuten hatte. Und es schien, als ob der Drache dies ebenso zu spüren schien. Er wirkte ruhig und beinahe gezähmt, wenn Entaro an die ersten Tage ihrer Begegnung zurückdachte. Aufbrausend und wild war er gewesen. Entaro fragte sich, ob dies an Isaé lag oder ob es einen anderen Grund dafür gab, welcher sich ihm noch nicht erschlossen hatte. Entaro nickte erneut und der Drache brummte. Leise, und aus tiefer Kehle. Isaé schob sich von dem Felsen ab und lehnte sich dann an die warme Haut des Drachen. Es war sicher deutlich angenehmer als der kalte Felsen. Und Entaro tat es ihr gleich. »Du bist verletzt, du solltest dringend versuchen, zu schlafen.« Entaro lächelte matt, ob dieser Worte. »Ja, wenn die Tinktur zu wirken beginnt, lasse ich mich gerne vom Schlaf einlullen. Doch bis dahin muss ich mich noch etwas gedulden.« »Wenn du willst, kannst du deinen Kopf in meinen Schoss betten, dann hättest du es bequemer.« Entaro starrte sie für einen Moment lang an. Vielleicht erwog er es wirklich, denn es war eine gut gemeinte Geste. Doch er schüttelte den Kopf. »Nein, Danke für das Angebot. Doch du musst auch schlafen. Wir sind schon zu lange unterwegs. Der Drache wird dich wärmen.« Entaro seufzte. Die Wirkung der Tinktur ließ auf sich warten. Und indes tobte der stechende Schmerz in seinen Eingeweiden und der nasse Stoff seiner Kleidung klebte an seiner Haut. Er hob seinen Arm und kraulte den Drachen am Hals. Der Drache hob seinen Kopf und grunze. Aus seinem Maul kroch ein warmer Dampf, der sich langsam, wie eine Decke, über Entaro und Isaé zu legen schien. Der Geruch nach Schwefel stieg ihnen unweigerlich in die Nase, doch es wärmte. Und das war die Hauptsache. Entaro tätschelte den Drachen am Hals und dieser legte sich daraufhin wieder auf den Boden. Als ob nichts gewesen wäre.

Entaros Gedanken kreisten unablässig in seinem Geist umher. Die letzten Tage hatten ihm viel abverlangt. Zu viel. Er dachte an den Turm der tausend Wünsche und all die darauffolgenden Ereignisse. Und er kam immer wieder an einen Punkt. Isaé. Immer wieder sah er Isaé vor seinem geistigen Auge, wie sie still dasaß und eine Pfeife rauchte. Dieses Bild wich einfach nicht aus seinem Gedächtnis. Und als er die Augen öffnete, erkannte er, warum diese Bilder ihn zu verfolgen schienen. Isaé hatte wohl angenommen, dass Entaro eingeschlafen war und sich ihre Pfeife aus der Tasche gezogen. Die Dose mit den kleinen, wertvollen Kügelchen lag vor ihr auf dem Boden und sie stopfte eines davon in den Kopf der Pfeife. Ihre Stirn lag im Halbschatten und ihr Blick war zugleich fokussiert und konzentriert, wie auch völlig in sich gesunken, als ob sie alles andere dieser Welt auszublenden schien. Entaro beobachtete sie eine Weile, stillschweigend und mit neugierigem Blick. Er erkannte das leichte Zittern in ihren Fingern. War es wegen der Kälte? Oder war es mehr als nur das? Aber da die Wirkung der Tinktur einfach nicht einkehren wollte, räusperte sich Entaro schließlich. »Wie sehr bist du diesem Kraut schon verfallen?« Isaé erschrak sichtlich, als Entaro so plötzlich seine Stimme erhoben hatte. Vermutlich war sie ganz mit sich selbst beschäftigt gewesen und nur das stetige Trommeln und Platschen des Regens, sowie der monotone und schwerfällige Atem des Drachen hatten sie völlig eingelullt. Wie ein gehetztes Tier blickte sie ihn beinahe an, doch schien sie relativ bald ihre Fassung zurückgewonnen zu haben. Sie zuckte nur mit den Achseln. Vermutlich hatte sie selbst keine Antwort auf diese Frage. Entaro richtete sich, so gut es ihm möglich war, etwas auf und lehnte sich dann wieder gegen den Drachen um von seiner Wärme und auch den beruhigenden Atemzügen umgarnt zu werden. »Ich urteile nicht über dich. Ich brauche nur etwas Zerstreuung. Meine Gedanken kreisen wild umher, wie in einem Fiebertraum. Du verstehst?« Isaé nickte. Wer kannte dieses Gefühl nicht, wenn alles um einen herum sich immer schneller bewegte, als ob man in einer Spirale stecken würde, die unaufhörlich schneller wurde, bis man das Gefühl hatte die Zeit rase nur so dahin, während in Wahrheit nur wenige Herzschläge geschlagen wurden. Isaé räusperte sich und Entaro konnte nicht sagen ob es aus Verlegenheit war. Und er dachte nicht weiter darüber nach und schloss wieder die Augen, in der Hoffnung endlich vom seligen Schlaf übermannt zu werden.

»Es lindert Schmerzen.«, murmelte Isaé irgendwann und holte Entaro damit wieder zurück ins Hier und Jetzt. »Hast du denn gerade Schmerzen?«, erkundigte er sich und Isaé schüttelte, langsam und kaum merklich den Kopf. Entaro nickte verstehend. Er rutschte etwas näher an Isaé heran und legte langsam seine Hand auf die ihre, welche den Kopf der Pfeife umklammert hielt. Für einen Moment herrschte eine ungewisse, fast bedrückende Stille zwischen den beiden. Ein Moment, der nur einen Herzschlang lang anhielt, sich aber anfühlte wie eine halbe Ewigkeit. Doch dann ließ Entaro seine Finger über ihre Hand gleiten und umfing stattdessen den Hals der Pfeife. Ohne großen Widerstand ließ sie sich die Pfeife aus ihrer Hand ziehen. Entaro nahm die Pfeife schließlich in seine Hand und hielt sie an seine Nase. Es roch streng, aber irgendwie auch angenehm. Der Kopf der Pfeife war von Ruß geschwärzt und wies schon einige verkohlte Stellen auf, die davon zeugten, dass diese Pfeife schon einige Male ihren Dienst geleistet hatte. Entaro legte die Pfeife beiseite und sah Isaé tief in die Augen. In ihren Augen flackerte es, ganz schwach und kaum sichtbar. Es waren ihre Iriden, die stumm und zitternd hin und her zuckten. Wie ein filigraner Tanz. Es war mehr ein Zittern als ein Zucken. Doch Entaro erkannte es. In ihr war ein unbändiges Verlangen, dass sie kaum mehr zu zügeln vermochte. Und Entaro seufzte. Er zog seinen Dolch aus der Scheide und legte diesen, neben der Pfeife, auf den Boden. Dann kramte er in seiner Tasche und förderte schließlich den kostbaren Stein Daereans und einen zweiten, eher unscheinbaren Stein zu Tage und legte diese neben das Messer und die Pfeife. Das schwache Licht, welches von dem Kleinod ausging, tauchte die nähere Umgebung in ein stimmungsvolles, aber bedrückendes Licht. Anschließend nahm er das Messer und zog damit die kleine Dose, welche zu Isaés Füßen lag, zu sich und nahm schließlich die Pfeife vom Boden auf. Er hebelte, mit einigen geschickten Handgriffen, die kleine Opiumkugel aus dem Pfeifenkopf heraus und ließ sie in die Dose fallen. Zum Abschluss klopfte er noch mit dem Griff seines Messers gegen den Kopf der Pfeife um die letzten Reste aus dem Pfeifenkopf zu befördern. Isaé schien dagegen zu protestieren, doch Entaro hob nur seine Hand und sah ihr kurz in die Augen. »Gedulde dich.« Schließlich nahm er Isaés Messer, welches sie neben sich auf dem Boden gelegt hatte, zur Hand. Die Klinge war in einem guten Zustand, doch der Griff war furchtbar abgenutzt und hatte schon lange Zeit seine besten Tage hinter sich. Er warf Isaé einen fast entschuldigenden Blick zu, und Entaro lächelte wissend. »Ein scharfes Messer muss nicht schön sein.« Er nahm Isaés Messer zur Hand und prüfte die Schärfe, indem er mit dem Daumen auf die Klinge drückte. Es war noch scharf genug. Dann legte er die Klinge neben der seinen nieder und widmete sich wieder der Pfeife.

Mit Zeigefinger und Daumen nahm er eine Spur des Krautes aus Isaés Vorrat. Eben jenes Kraut, welches sie als Füllmaterial in die Pfeife stopfte, bevor sie es mit ihrem Feuermohn Opium veredelte. Doch Entaro zögerte. Er sah das Zittern in ihren Fingern und auch in ihren Augen. Er seufzte. Sie schien alle Selbstbeherrschung aufzubringen, die ihr möglich war und Entaro nickte stumm. Er stopfte das Kraut in den Pfeifenkopf und klopfte es vorsichtig und gleichmäßig hinein. Dann nahm er das Messer und spießte die Opiumkugel damit auf. Doch anstatt die ganze hinein zu geben, kratzte er mit der Klinge nur eine Spur davon ab und häufte dieses vorsichtig auf der Spitze des Messers auf. Isaé sah ihm dabei mit wachsamen Augen zu und er konnte ihre neugierigen Blicke förmlich auf sich spüren. Doch dann nahm er den zweiten Stein zur Hand, welchen er zuvor aus seiner Tasche gezogen hatte. Es war ein alter Bernstein. Er war rötlich und kaum durchscheinend. Er setzte die Klinge auf dem Stein an und übte sachte Druck darauf aus, bis ein Teil des Bernsteins schließlich abbrach. Die Bruchstücke sammelte Entaro ein und verstaute sie wieder in seiner Tasche. Die kleinen Krümel und Splitter, welche noch auf dem Stein lagen, sammelte er vorsichtig auf, indem er seinen Finger darauf presste und es sachte anhob. Stück für Stück beförderte er die Bernsteinsplitter in den Pfeifenkopf und verteilte diese schließlich in der Pfeife. »Was ist das für ein Stein?«, fragte Isaé neugierig und Entaro hob seinen Blick. »Die Essenz.«, antwortete er. »Es ist mein letzter, darum muss ich sparsam damit umgehen. Doch er hat…beruhigende Eigenschaften. Gänzlich anders, als dein Feuermohn.« Isaé nickte und legte dann den Kopf schief, während sie ihre Arme um ihre angezogenen Beine schlang, um so das Zittern etwas besser kontrollieren zu können. Und vielleicht auch, weil sie etwas fröstelte, ob des kühlen Windes und ihrer feuchten Kleidung.

Entaro besah sich sein Werk und nickte zufrieden. »Nun muss es nur noch angefacht werden.« Isaé beugte sich zu ihrer Tasche und wollte ihre geheimnisvolle Zunderbüchse zu Tage fördern, als Entaro ihr Einhalt gebot. Er nahm einen trockenen Ast zur Hand und zog feine Späne davon ab, indem er mit dem Messer immer wieder über die Rinde zog, bis er einen Kienspan von ungefährer doppelte Handlänge hatte. Diesen hielt er schließlich dem Drachen entgegen und sah dem Tier eindringlich in die Augen. »Atme.«, flüsterte Entaro in einem tiefen, monotonen Ton und der Drache erhob den Kopf. Seine goldenen Augen flimmerten. Das flüssige Gold seiner Iriden verfärbte sich rötlich und tauchte die Dunkelheit um ihn herum in einen roten Schein. Und als er das Maul öffnete, drang eine seltsame Hitze daraus hervor. Weder eine Flamme noch ein Funke entkam seinen Rachen und doch stand der Kienspan plötzlich in glosender Glut. Entaro nahm den glimmenden Kienspan und hielt ihn in das Nest aus Pfeifenkraut und setzte dann das Mundstück der Pfeife an seine Lippen. Das Kraut begann zu schwelen und er zog vorsichtig an dem Mundstück um auf diese Weise die Glut anzufachen. Doch er zog zu zaghaft und die Glut wollte nicht gedeihen. Er schloss die Augen und tat einen tiefen Atemzug. Gleichmäßig und anhaltend und dieses Mal wurden seine Bemühungen von Erfolg gekrönt, und während er die Glut der des schwelenden Krautes entfachte, krochen die Schaden durch den langen Hals, kühlten dabei aus und das Aroma des Pfeifenkrautes vermischte sich mit dem süßlichen und zugleich harzigen, wilden Geschmack der verglühenden Bernsteinsplitter. Schlussendlich gab er den vorbereiteten Feuermohn von der Messerspitze in den Pfeifenkopf. Nach und nach stopfte er die Pfeife, während er sorgsam dafür sorgte, dass die Glut stetig befeuert wurde. Und schließlich hatte er die Pfeife zum Glühen gebracht. Der Feuermohn hatte Feuer gefangen. Eine sanfte Glut lohte in dem Kopf der Pfeife und Entaro blies den Rauch aus seinem Mund hervor.

Wortlos überreichte er Isaé die Pfeife und als sie diese entgegen genommen hatte begann Entaro sein Messer zu säubern und schob es wieder zurück in die Scheide. Den Bernstein und Daereans Kleinod wanderten schließlich ebenso in seine Tasche zurück, und er lehnte sich wieder an den Drachen.

Es dauerte nicht lange, da zeigte der Feuermohn, den er durch das Entzünden der Pfeife inhaliert hatte, seine Wirkung. Zunächst glaubte Entaro, dass die Tinktur des Apothekers endlich seine Wirkung entfaltet hatte, doch die Wirkung wandelte sich relativ bald. Der pochende Schmerz ebbte ab. Die Wechselwirkungen der Tinktur, dem Feuermohn und dem Bernstein entzündeten in Entaros Geist eine Welle der Euphorie und zugleich eine ungeahnte Losgelöstheit und innere Ruhe, welche er widerstandslos empfing. Es breitete sich eine wohlige, fast beruhigende Welle in Entaros Körper aus, die ihn vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen zu erfüllen begann. Zunächst nur ein kaum merkliches Gefühl. Wie eine Welle des Glücks, oder ein Gefühl der Zufriedenheit. Doch bald wurde das Gefühl stärker. Und sein Herzschlag begann sich zu verändern. Entaro war nun völlig losgelöst. Losgelöst von Schmerz. Losgelöst von Pflichtgefühl. Losgelöst von den ewig quälenden Gedanken, die seinen Geist beherrschten. Er glitt hinab in die Umarmung des Vergessens…Sein Körper sank immer tiefer in den sanften Schoß der Wiege der Wonne. Und alle Anspannung entwich seinem geplagten und gepeinigten Körper. Seine Augen schlossen sich und er empfing die Ruhe mit Freuden. Doch nicht nur seine Augen schlossen sich…Sein Kopf sank immer tiefer, bis er schließlich auf Isaés Schoß zum Erliegen kam. Seine Hand ruhte auf ihren Schenkeln und sein Atem war sanft und entspannt, im Einklang mit dem des Drachen. Und während Entaro vom seligen Rausch des Feuermohns umhüllt wurde, begann sich etwas zu regen…das Blut in seinen Lenden bebte und pochte…und der Drache öffnete seine Augen. Entaro spürte den Drang, der in ihm erwachte…
#73
Roter Bernstein und Feuermohn ❖
drache-natürlich schlug Entaro das Angebot aus. Nichts anderes hatte Isaé erwartet. Es war ja auch irgendwie dumm gewesen. Das Verlangen nach einer Dosis Opium keimte auf, und so kramte die Hexenjägerin in ihrer Tasche, und förderte schließlich die Opiumdose, in welcher sich auch das Pfeifenkraut befand, und das Päckchen mit dem Zunderzeug hervor. Das Döschen hatte seinen Inhalt vor dem Regen gut geschützt und als Isaé die Dose geöffnet hatte stiegen ihr schon die wohlbekannten Aromen fein und markant in die Nase. Sie klemmte die Pfeife zwischen ihren Knien ein und begann den Kopf mit dem Kraut zu stopfen. Doch ihre Hände zitterten. War es die Kälte oder der Entzug? Sie nahm eine der Opiumkügelchen aus der Dose und versuchte diese zwischen den Fingern zu zerkleinern, was ihr aber nicht gelang. Isaé fluchte in Gedanken, als ihr dieser Umstand gewahr wurde und ließ dann einfach die ganze Kugel in dem Pfeifenkopf. Dann kramte sie nach ihrer besonderen Zunderbüchse. Sie zitterte und fröstelte zugleich. Sie wusste, dass es gefährlich war, die Dose zu lange geöffnet zu halten. Und so hielt sie mit schlottrigen Knien die Pfeife und versuchte sich mit tiefen Atemzügen zu beruhigen, um genug Ruhe zu finden, die gefährliche Dose zu öffnen, um endlich die Pfeife entzünden zu können. Sie versuchte emsig, die vorbereitete Pfeife zu entzünden, was nicht und nicht gelingen wollte. Denn sie wagte es nicht, die Zunderbüchse zu öffnen, da sie fürchtete, sie den Inhalt zu verschütten, oder noch schlimmer, den glühenden Alchemistenstein darin zu vergeuden. Jeder erfolglose Versuch, die Pfeife zum glosen zu bringen, steigerte nur ihre Nervosität. Ihre Hände begannen zu zittern, und fast hätte sie das Zeug aufgebracht in die nächste Ecke gepfeffert. Doch es war der Drachenreiter, der schließlich unerwartet ihre Aufmerksamkeit erregte. “Wie sehr bist du diesem Kraut verfallen?” fragte er sie unverwandt und Isaé erschrak. Sie warf ihm einen beinahe ängstlichen Blick zu, wie ein Kind, das bei einer schlimmen Tat ertappt worden war. Aber dann verwarf sie diese Angst und zuckte mit den Schultern. Sie wollte nicht darüber reden. Wie erklärte man auch einem, der nichts davon verstand, dass man es selbst nicht verstand, dass man dieses Zeug einfach brauchte und seine Finger nicht mehr davon lassen konnte, egal, wie sehr man es auch versuchte? Und auf väterliche Vorträge und Ratschläge hatte sie auch keine Lust. “Ich urteile nicht über dich. Ich suche nur nach Zerstreuung.” Er erklärte ihr, dass seine Gedanken wie Fieberträume kreisten und Isaé nickte verstehend. Auch ihre Gedanken drehten sich in ihrem Kopf im Kreis. Sie drehten sich permanent um diese vermaledeite Pfeife, die sie einfach nicht entzünden konnte, da sie nicht einmal ihre Zunderbüchse geöffnet bekam. Sie hielt die Pfeife umklammert, wie ein Ertrinkender sich an einen Strohhalm klammerte, und dieses beklemmende Gefühl, kein Opium zu bekommen, schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Dann erkannte sie, das Entaro gesagt hatte, dass er Zerstreuung suchte. Wahrscheinlich hatte er Schmerzen, und alles, was sie darauf erwidert hatte, war stoisches Schweigen. “Es lindert Schmerzen…” murmelte sie schließlich. Und Entaro erwiderte: “Hast du denn gerade Schmerzen?” Da schüttelte sie langsam den Kopf. Er rutschte ein wenig näher an sie heran und plötzlich spürte sie seine Hand auf der ihren. Unweigerlich begann ihr Herz schneller zu schlagen. Was hatte er nur vor? Bevor sie ihn danach fragen konnte, zog ihr die Pfeife aus ihrer Hand. Noch bevor Isaés Herzschlag sich aufgrund der Erkenntnis beruhigen konnte, erhöhte er sich wieder, als Entaro ihr tief in die Augen blickte. Isaé verstand diesen Mann manches Mal nicht. Er war stets zurückhaltend, ritterlich, wie er selbst von sich sagte, aber selten, so kam es ihr vor, schlug dieses Verhalten völlig in die gegengesetzte Richtung aus. Was wollte er nun von ihr? Wenn sie es nicht selbst besser wüsste, dann würde sie annehmen, als ob er einen Annäherungsversuch startete. Aber dann seufzte er, kramte in seiner Tasche und holte den Bernstein, den er erst kürzlich im Haus der tausend Wünsche zurückerobert hatte, und noch anderes hervor. Und als er dann herumhantieren begann, da begriff Isaé allmählich, was er vorhatte. Er wollte diese Pfeife anzünden. Neugierig sah sie ihm zu, aber als er den Pfeifenkopf auf einem Stein ausklopfen wollte, da wollte Isaé ihm Einhalt gebieten. Diese Pfeife war unglaublich teuer gewesen und sowieso war sie mitunter das kostbarste, das sie besaß. Die Pfeife war aus dem Wurzelholz eines seltenen Baumes gearbeitet, dessen Name Isaé in dem Moment nicht einfallen wollte. Wenn man genau hinsah, konnte man feine, fast silbrige Adern im Holz erkennen. Es war eine kostbare Pfeife aus einem sehr seltenen Holz und Isaés ganzer Stolz. Wenn Entaro diese Pfeife zerbrach, dann nutzte ihr das trockenste Zunderzeug auch nichts mehr.

Aber Entaro ging äußerst behutsam vor, was Isaé mit wachsender Zufriedenheit, aber auch mit einem aufkeimenden Gefühl von Nähe und Vertrautheit langsam immer ruhiger werden ließ. Er behandelte die Pfeife so behutsam, als wäre sie ein rohes Ei, während er die Pfeife gleich einem Ritual vorbereitete, dass es Isaé in den Sinn kam, dass er dies wohl nicht zum ersten Mal tat. Es glückte schließlich. Das Pfeifenkraut im Pfeifenkopf glühte, und er überreichte ihr schweigend die Pfeife, welche Isaé glückselig entgegen nahm. Noch bevor sie einen Zug genommen hatte, lehnte sie sich entspannt zurück an den warmen Drachenkörper. Nun wollte sie keinen Augenblick mehr vergeuden, zog an der Pfeife und inhalierte den Opiumrauch, der ihr bald das so sehnsüchtig erwartende Gefühl der Erleichterung, Leichtigkeit, Heiterkeit und Entspannung bescherte. Sie schloss die Augen und blies den Rauch aus ihrem Mund, genoss einfach den Augenblick. So egoistisch war sie, dass sie den Drachenreiter überhaupt nicht mehr beachtete. Nur sie und diese Pfeife zählten in diesem Moment. Doch das Opium war schnell verbrannt, ebenso wie das Pfeifenkraut. So kurz der Moment der Pfeife dauerte, länger dauerte jedoch der gewünschte Zustand, in den Feuermohn einen versetzte. Plötzlich schob sich Entaros Kopf auf ihren Schoss. Er war einfach auf die Seite gekippt. Oder hatte er sich bewusst auf sie gelegt, und entschieden, ihr Angebot doch anzunehmen? Isaé grinste, und hob ihren Arm, um ihm Platz zu machen, und legte dann ihren Arm über seine Schulter. Sie fühlte sich einfach großartig, und daran konnte der Drachenreiter ruhig Anteil nehmen. Sie lehnte da, und genoss dieses wohlige berauschte Gefühl. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, wie eingelullt. Doch da war auch wieder dieses Verlangen. Jenes Verlangen, für das Feuermohn so berühmt war. In ihrem Schoss breitete sich Wärme aus, angenehme, prickelnde Wärme. Als sie noch alleine durch die Lande gereist war, war dieses Gefühl zwar auch da gewesen, und doch stets irrelevant. Aber seit Entaro an ihrer Seite war, war das anders geworden. Zu dem prickelnden Gefühl der Wärme, ja sogar Hitze, gesellte sich das Gefühl des Verlangens. Ja, sie begehrte ihn, wenn sie Feuermohn rauchte. Und das tat sie ja ziemlich oft. Und konnte doch nicht sagen, ob es nur am Feuermohn lag, oder an seiner Person. Sie wusste es nicht. Und nun lag er halb auf ihr. War ihm das eigentlich bewusst? War er wach? War er eingeschlafen? Sie verstand die Welt nicht mehr. Seine Hand ruhte auf ihrem Schenkel, über ihrem Schoß. Von dem sie spürte, dass er feucht wurde. Sie klopfte vorsichtig die Asche und Glut aus dem Pfeifenkopf und legte dann die Pfeife neben sich auf den Boden. Stumm betrachtete sie den Drachenreiter und unweigerlich glitt ihre Hand durch seinen Bart, über seine Wangen. Zog mit ihrem Zeigefinger seine Lippen nach. Streichelte seine Wange. Und dachte an den Kuss den sie in der ersten Nacht ihres Begegnens miteinander geteilt hatten, nachdem sie ihm einen Zug aus ihrer Pfeife angeboten hatte. Und nun verstand sie. Er hatte mehrmals an der Pfeife gezogen, um die Glut anzufachen. Er hatte Rauch ausgeblasen. Er stand ebenso unter der Geißel des Feuermohns wie auch sie. Bei ihm wirkte der Rausch vermutlich stärker, da er es ja nicht gewohnt war. Isaé lächelte. Nun hatte er seinen Erholungszustand, den er so dringend brauchte. Und dann zog sie ihre Hand zurück. Es wäre falsch, ihn weiter zu befummeln, wenn er so berauscht, beinahe willenlos, dalag. Sie dachte daran, zu schlafen, da es ja mitten in der Nacht war, und sie wahrscheinlich in der Früh weiterreisen würden. Isaé streckte vorsichtig ihre Beine aus, um es ein wenig bequemer zu haben. Entaros Hand ruhte jetzt auf ihrem Schoss, der pochte, und Isaé legte ihre Hand auf die seine. Und schob sie ein wenig tiefer in das Dreieck, das ihr Schoss und ihre Schenkel bildeten. Sie hielt den Atem an, und da hob der Drache den Kopf, reckte ein wenig den Hals und starrte sie an, während er geräuschvoll die Atemluft durch die Nüstern stieß. Isaé fühlte sich ertappt, kniff die Augen leicht zu, und hob abwehrend die Hände. „Ich mach doch nichts. Beruhig dich wieder, und schlaf weiter!“ Dann lehnte sie ihren Kopf zur Seite, und schloss die Augen, um zu schlafen.
#74
Eine Handvoll Brombeeren ❖
drache-der Morgen graute, als Entaro erwachte. Er fühlte sich, beinahe, wie neugeboren. Er hatte geschlafen wie ein Stein und fühlte sich erholt. Auch wenn seine Glieder etwas steif waren, von dem harten Boden und der, noch immer, feuchten Kleidung. Er rappelte sich auf und gurtete sein Schwert um, als sein Blick auf Isaé fiel, die noch immer tief und fest zu schlafen schien. Eine Weile lang sah er ihr dabei zu, wie sich ihre Brust langsam hob und senkte. Es hatte fast etwas Beruhigendes an sich, ihr beim Schlafen zuzusehen. Ihr Haar hing ihr teilweise ins Gesicht und sie lehnte noch immer an dem Drachen, der ebenfalls zu schlafen schien. Doch Entaro wusste, dass dieses Ungetüm nicht wirklich schlief. Es hatte fast den Anschein als ob dieses uralte Wesen niemals schlafen würde. Er trat einen Schritt näher an Isaé heran und legte schließlich seine Hand auf ihre Schulter. Doch sie rührte sich nicht. Entaro seufzte. Er trat unter dem Felsvorsprung hervor und besah das Land, in welchem sie notdürftig übernachtet hatten. Es war ein recht karger Landstrich. Wenige Bäume oder Sträucher und man konnte schon die rötlichen Felsen, welche für die Grenzlande typisch waren, erkennen. Entaro beschattete seine Augen um die tiefstehende, morgendliche Sonne etwas abzublenden. Doch es hatte keinen Sinn. Weit und breit war nicht ein Haus, oder auch nur irgendein Anzeichen von Zivilisation zu erkennen. Dieses Land war alt und verlassen. Nicht einmal Tiere sah Entaro. Wenn man einmal von den wenigen Vögeln absah, die gerade am Horizont entschwanden. Entaro seufzte erneut, da ihm klar wurde, dass er Hunger hatte. Er kramte in seiner Tasche, in der Hoffnung noch etwas Trockenfleisch, oder zumindest einen Kanten Brot oder ein Stück Käse zu finden. Doch seine Vorräte waren komplett aufgebraucht. Entaro seufzte. Er entschied sich auf den Felsvorsprung zu klettern, um eine bessere Aussicht zu haben. Der Fels war karg und nass. Doch Entaro hatte keine große Mühe den Felsen zu besteigen. Auf halbem Weg griff er mit einem Mal in etwas Dorniges und zog erschrocken die Hand zurück. Der Schmerz biss ihm in die Finger und er versuchte einen Blick zu erhaschen. Doch es war nur ein ausladendes Gestrüpp, welches in den Spalten der Felsen wucherte. Entaro schob die dornigen Äste etwas beiseite und zog sich an dem Felsen hinauf. Als er oben angelangt war ließ er seine Blicke über das Land schweifen. Ganz weit, am Horizont, konnte er eine spiegelnde Reflexion erkennen. Das Meer.

Entaro nickte zufrieden und wandte sich ab, um wieder zu Isaé und dem Drachen zurückzukehren. Aber als seine Blicke an dem dornigen Gestrüpp hängen blieben, erkannte er, dass sich daran dunkle Beeren befanden. Er zupfte eine davon von dem Stauch und kostete. Sie war süß, leicht herb. »Brombeeren.« Entaro lächelte zufrieden. Natürlich wäre ihm eine richtige Mahlzeit lieber gewesen, aber Beeren waren immer noch besser als gar nichts. Und so zupfte er so viele ab, bis er zwei ganze Hände voll geerntet hatte. Er kramte in seiner Tasche nach einem Tuch, doch hatte er nichts Passendes dabei, worin er die Beeren transportieren hätte können. Er seufzte. Der kleine Beutel, in welchem er das Trockenfleisch oder den Käse transportierte, waren zu klein. Und so legte er die Beeren einfach so direkt in die Tasche und begann kurz darauf wieder von dem Felsen herabzusteigen.

Unten angekommen, klaubte er die Beeren wieder aus der Tasche, damit sie das Leder nicht mit ihrem dunklen Saft fleckig machen konnten und trat wieder unter den Felsvorsprung. »Ah, du bist wach.«, stellte Entaro zufrieden fest, als er Isaé bemerkte, wie sie gerade dabei war ihre Pfeife zu reinigen. »Ich habe etwas für dich.« Er lächelte zuvorkommend und reichte Isaé die Brombeeren und schob sich kurz darauf auch gleich zwei davon selbst in den Mund. »Es wird Zeit.«, murmelte Entaro schließlich und klopfte dem Drachen auf den Hals. Das Untier erhob sich daraufhin, wenn auch etwas schwerfällig und schüttelte sich kurz darauf die Müdigkeit aus dem Leib und die Schwere von den Knochen. Entaro kletterte auf den Rücken und bot Isaé dann seine Hand dar, damit er ihr auf den Drachen helfen konnte. Und wenig später erhob sich das Wesen, wenn auch etwas schwerfällig, in die Lüfte. Entaro sah dabei zu, wie das Land unter ihnen immer kleiner wurde. Die Details verschwammen zusehends, und aus moosbewachsenen Felsen und kleinen Sträuchern wurden einfach nur grüne Flecken auf dem rötlichen und braunen Teppich unter ihnen. Entaro schob sich eine weitere Brombeere in den Mund ließ sie förmlich auf der Zunge zergehen.

Der Drache hatte inzwischen das Ufer des Meeres erreicht und Entaro war insgeheim froh darüber, dass die Wolken des vergangenen Tages beinahe gänzlich verzogen waren. Man konnte das Land, und das Meer, fast bis zum Horizont überblicken. Und weit in der Ferne erkannte man, wenn auch nur sehr schemenhaft, seltsame Linien und Erhebungen, die sich vom umliegenden Land klar abhoben, auch wenn man nicht genau sagen konnte, worum es sich dabei handelte. Doch Entaro wusste, was dort lag. Die Hafenstadt Kap Nord Morne, der nördlichste, akadische Hafen im Fürstentum Marçien. Es würde nun nicht mehr lange dauern, bis sie das verfluchte Kalath hinter sich gelassen haben würden. Und mit jedem Flügelschlag des Drachen, schälten sich immer mehr Dinge, die zunächst in verschwommenen Schleiern und Dunst verborgen geblieben waren. Rote Segel, großer Schiffe. Ein großer Leuchtturm. Die Umrisse der Stadt. »Wir sind bald am Rand der Grenzlande.«, erklärte Entaro während er Isaé einen wissenden Blick zuwarf. »Vielleicht noch zwei oder drei Stunden.« Entaro ließ seine Blicke über das Land unter ihnen wandern und es zog gemächlich unter ihnen hinweg. Es wirkte so zeitlos und fließend gleitend, doch er wusste, dass dies nur den Anschein weckte. Sie waren viel schneller als man glauben mochte. Viel schneller als ein Pferd in vollem Galopp, oder ein Schiff mit voller Fahrt. Aber als sein Blick über einen großen Schatten unter der Oberfläche des Wassers huschte, da verlangsamte er den Flug des Drachen. Er zog an den Zügeln und zwang den Drachen zum Landen. Isaé schien neugierig zu sein, warum Entaro die Reise an diesem Ort, so nah an der Klippenküste beendete, doch Entaro war so konzentriert auf die Landung, dass er ihre Blicke kaum bemerkte. Erst als er vom Drachen abgestiegen war, und Isaé heruntergeholfen hatte, deutete er auf den dunklen Fleck, der sich wabernd unter der Oberfläche des Wassers tummelte. Es wirkte beinahe wie ein großer Schatten. Doch da sich keine einzige Wolke am Himmel befand, musste es etwas sein, dass sich unter der Wasseroberfläche befand. »Hilf mir bitte.«, wandte er sich an Isaé, und begann dem Drachen den Sattel vom Rücken zu schnallen. Er befreite ihn von den zwei Riemen die über seine Brust gespannt waren, während Isaé den dritten Gürtel um seinen Hals entfernte. »Warum nimmst du ihm den Sattel ab?«, erkundigte sich Isaé während sie die große Schnalle langsam öffnete. »Damit das Leder nicht fleckig wird, vom Salz des Meeres.«, antwortete Entaro, und versetzte dem Drachen einen Klaps auf die Flanke, als er komplett von Leder und Eisen befreit worden war.

Und, als hätte das Ungetüm nur darauf gewartet, sprang dieser vom Rand der Klippe, mit angelegten Flügeln, direkt in die Tiefe. Erst kurz bevor er auf dem Wasser aufschlug, öffnete er die Flügel und glitt über der Meeresoberfläche, direkt auf den wabernden Schatten, unter der Wasseroberfläche hinzu. Als der Drache schließlich den Ort erreicht hatte, stieß er in das Wasser und kurz darauf konnte man erkennen, wie der große, wabernde Schatten in eine chaotische Bewegung verfiel. Das Wasser wurde wild, Wasserfontänen schossen in den Himmel, Schaum und Wellen breiteten sich aus, und der Schatten wurde immer größer und verteilte sich, bis er sich gänzlich aufgelöst hatte. Die See wurde daraufhin ruhiger. Die Wellen ebbten ab, die Luftblasen versiegten. Für einen kurzen Moment wirkte es fast malerisch ruhig. Man konnte förmlich die Anspannung spüren, die Isaé und Entaro umfingen. War der Drache ertrunken? Doch dann stieß das Ungetüm, wie ein großer Wal, aus dem Wasser heraus. Es drückte mit aller Kraft gegen den Sog des Wassers und nahm den ganzen Schwung, den es unter Wasser angestaut hatte, in die Bewegung mit auf. Genau am Scheitelpunkt seines Aufstieges, kurz bevor er wieder ins Wasser absinken würde, schlug er so kräftig mit seinen Schwingen, dass er die Wasseroberfläche beiseite peitschte und löste sich aus der Umklammerung des Wassers in einem gewaltigen Satz. Während der Drache sich über das Meer erhob, drehte und streckte er sich, um das restliche Wasser abzuschütteln und schlug wild mit den Flügeln um die Distanz zwischen sich, dem Wasser und der Klippe binnen kürzester Zeit zu überbrücken. Und als er mit einem lauten, aber dumpfen, Aufschlag neben Isaé und dem Drachenreiter landete, zitterte für einen Moment der felsige Boden. Der Drache öffnete sein Maul und dann fielen fünf oder sechs große Fische auf den Boden. Sie sahen aus wie Tunfische oder Bernsteinfische. Entaro konnte es nicht genau sagen. Der Drache begann die Fische, einem nach dem anderen, genüsslich zu verschlingen. Doch er schlang sie nicht einfach herunter. Er genoss jeden einzelnen davon, als würde er den Geschmack förmlich auf der Zunge zergehen lassen. Entaro näherte sich, vorsichtig und mit einem eindringlichen Blick, dem Drachen und nahm einen der großen Fische, teilte ihn in zwei Hälften. Die eine überließ er dem Drachen, welcher ihn für einen Moment scheinbar etwas mürrisch angeschaut hatte. Doch wenn es einen Menschen gab, der einem Drachen einen Teil seiner Beute abspenstig machen konnte, ohne dafür mit dem Leben zu bezahlen, dann war dies Entaro.

Als er sich, zusammen mit Isaé, etwas von dem Drachen entfernt hatte, begann er den Fisch auszuweiden und mit dem Dolch die Schuppen abzuschaben. »Besorg etwas Holz.«, befahl er Isaé, während er stoisch den Fisch bearbeitete. Als Isaé mit dem Holz zurückgekommen war, spießte er den Fisch auf einen der längeren Stecken auf, und schichtete den Rest zu einem kleinen Stapel. Die Rinden und feineren Äste legte er als Zundernest unter dem Stapel ab, und begann in seiner Tasche nach dem Feuerstein zu kramen. Doch da kam ihm Isaé zuvor. Ihre Zunderbüchse, die sie zum Entzünden der Pfeife benutzte, war wohl wieder getrocknet, und mit geschickten Handgriffen hatte sie das Feuer entzündet und geschürt. Entaro hatte sie dabei neugierig beobachtet. Dieser alchemistische Stein war wirklich sehr fremdartig und interessant. Doch er sagte nichts dazu und lehnte sich gemütlich an einen der nahen Felsen und lauschte dem Knistern des Feuers, dem Rauschen des Meeres und dem Zischen des Fisches, der über dem Feuer langsam geröstet wurde.

Entaro nickte zufrieden. Die Sonne stand inzwischen fast in ihrem Zenit und sein Blick wurde merklich nachdenklicher. »Wir sollten bald weiterreisen. Ich möchte noch vor Sonnenuntergang in Kap Nord Morne sein, damit wir nicht wie Eindringlinge behandelt werden. Wir müssen Tarvain finden und das am besten ohne dabei Angst und Panik zu verursachen.« Bei diesen Worten warf er einen nachdenklichen Blick auf den Drachen, der zufrieden und zusammengekauert da lag und seine Blicke über das Meer schweifen ließ.
#75
Vor den Toren Marçiens ❖
drache-isaé erwachte gut ausgeruht und entsprechend gut gelaunt. Sie schlief immer gut, wenn sie zuvor Feuermohn geraucht hatte. Die dicke Wolkendecke hatte sich verzogen und ein strahlend blauer Himmel erstreckte sich über ihr. Sie gähnte, reckte ihre Ellbogen zur Seite, und fragte sich, wie früh oder spät es wohl sein mochte. Die Sonne verbarg sich noch hinter dem Felsmassiv und ließ daher keine Rückschlüsse über die tatsächliche Tageszeit zu. Auch von Entaro fehlte jede Spur, aber vermutlich war er nur kurz austreten, oder erkundete die nähere Umgebung. Der Drache war ebenfalls munter und lag teilnahmslos da und blickte ruhig in die Gegend. Nur manchmal blinzelte er und dabei schob sich vom unteren Lidrand die Nickhaut über das Auge, was Isaé ein wenig an die Streunerkatzen in ihrem Dorf Köllesberg erinnerte. Damals, in Köllesberg, bevor die Pest ausgebrochen, und als alles noch in Ordnung gewesen war… Ihr Blick fiel auf ihre Pfeife, die achtlos neben ihr auf dem steinigen Boden lag. Isaé nahm sie an sich und legte sie in ihren Schoß, während sie gleichzeitig in ihrer Tasche nach dem Pfeifenbeutel kramte. Aus diesem holte sie einen rußigen kleinen Lappen und begann das Innere des Pfeifenkopfs zu reinigen, nachdem sie aus diesem die Asche ausgeklopft hatte. Noch bevor sie damit fertig war, tauchte Entaro auf. “Ah, du bist wach!” stellte er fest. “Ich habe etwas für dich.” Er lächelte sie an und Isaé kam nicht umhin zu bemerken, dass er sehr frisch und erholt wirkte. Er bückte sich leicht zu ihr hinunter und reichte der jungen Frau Brombeeren, die er in seinen zwei Händen trug. Ein wenig unbeholfen nahm Isaé die dunklen glänzenden Früchte entgegen und ließ sie von beiden in eine Hand kullern um diese essen zu können. „Danke… und auch dir einen guten Morgen!“ Sie steckte sich eine Brombeere in den Mund. Sie war süß und herb, und während sie die Brombeeren naschte, musterte sie Entaro. „Du siehst viel besser aus als noch gestern. Als hättest du drei Tage geschlafen und dich entsprechend erholt,“ meinte sie und lächelte neckisch, wie auch wissend. Er hatte, in der Absicht ihr zu helfen, an der Feuermohnpfeife gezogen und wenn auch eher ungewollt, von der heilsamen Wirkung eines tiefen Schlafes profitiert. Und letztendlich auch in ihrem Schoß, auch, wenn er das zunächst abgelehnt hatte. Er war müde gewesen und sehr wahrscheinlich unbeabsichtigt zur Seite gerutscht. Feuermohn konnte aus den anständigsten Menschen höchst unanständige Menschen machen, da er ihre tiefst verborgenen Sehnsüchte und Begierden zutage förderte. Letztendlich war der Mensch doch nur ein von diesen Gefühlen beherrschtes Geschöpf. Es war nur eine Frage eines starken Willens, ob ein Mensch strauchelte, oder nicht. Isaé beobachtete Entaro, wie er Brombeeren aß und sich die Innenseiten seiner Lippen lila verfärbten und zupfte sich dabei mit Daumen und Zeigefinger die Unterlippe. War er solch ein Mensch mit starkem Willen? Ganz sicherlich. Er war stark im Glauben und in seinen Überzeugungen. Vermutlich konnte man ihm ein Weib nackt an den Leib binden und er würde doch nicht in Versuchung kommen. „Es wird Zeit“ sagte er ihr schließlich und sie schüttelte sich schließlich diese Gedanken aus dem Kopf, so wie der Drache sich schwerfällig erhob und sich ebenso schüttelte. So früh am Morgen schon solche Gedanken… Sie grinste verwegen, aber Gedanken waren schließlich frei...

Als sie schließlich mehrere Stunden später an einem Lagerfeuer lümmelten und dem Fisch dabei zusahen, wie er über dem Feuer gar wurde, dachte Isaé bei sich, was dies nicht für eine wunderschöne Landschaft war. Sie war noch nie am Meer, sondern immer nur im Inneren des Landes gewesen. Sie konnte sich kaum sattsehen am tiefen Blau dieses unfassbar großen Gewässers, und atmete die salzige Luft tief in ihre Lungen ein. Die Luft war so sauber und anders in diesem Teil des Landes, dass sie sogar auf eine Pfeife verzichtete, um nicht dieses Erlebnis zu verderben. Nur manchmal waberte der Geruch des Lagerfeuers und des Fisches um ihre Nase, wenn eine sanfte salzige Brise vom Meer ihr diesen Duft zutrug. Die Sonne wärmte ihren Leib und der Wind spielte mit ihren Haaren. Und von der Ferne drang das Rauschen des Meeres, dieses unruhigen, sich stets in Bewegung befindlichen Gewässers an ihre Ohren. Sie lag, ihren Umhang zu einem Kissen gefaltet, einfach nur da, hatte die Augen geschlossen und genoss ihr Dasein. Nichts störte diese süße Ruhe. Erst Entaro unterbrach diese Ruhe. Er meinte, dass sie bald weiterreisen sollten, denn er wollte heute noch ein gewisses Kap Nord Morne erreichen, und das vor Anbruch der Dunkelheit. Isaé erhob sich aus ihrer Lage und hörte ihm weiter ruhig zu. „Wir müssen Tarvain finden und das am besten ohne dabei Angst und Panik zu verursachen.“ Erst verstand sie nicht, was er damit meinte, doch dann folgte sie seinem Blick hin zum Drachen, und dann wusste sie, was er damit sagen wollte. „Wird kein leichtes Unterfangen werden, denke ich“ meinte sie und lächelte schief. „Aber erst essen wir, ich habe gewaltigen Hunger!“

Die Sonne stand schon tief als sie Kap Nord Morne erreichten, und warf ein warmes, goldenes Licht über die Lavendelfelder welche den Weg säumten, und über die schroffen Felsformationen der umliegenden Landschaft. Der Drache war von Entaro in gebührlichen Abstand zu dem Dorf zur Landung gehalten worden und nun setzten sie den restlichen Weg zu Fuß fort. Entaro und Isaé erreichten nach einer Weile das Dorf, in welches ein staubiger Weg hinab führte. Man konnte kaum glauben, dass es erst in der Nacht Starkregen gegeben hatte, so staubig war der Weg, und obgleich die Sonne schon am Untergehen war, schien sie immer noch warm herab. Das Dörfchen schmiegte sich an eine alte Stadtmauer die es umgab, dahinter erhob sich auf einem Felsvorsprung eine kleine Burg aus hellem Stein und der Burgfried ragte erhaben gen Himmel, bewachsen von wildem Wein. Entaro führte den Drachen an einer Lederleine hinter sich her. Seine Flügel lagen gefaltet an seinem Rücken, und jeder erhabene Schritt dieses Tieres wirbelte Staub auf, sodass Isaé sich nach einer Weile eilte, vor Entaro und vor allem vor dieser geflügelten Riesenechse voran zu laufen, um nicht von dieser gewaltigen Staubwolke eingehüllt zu werden. Die ersten Dorfbewohner bemerkten sie, als sie von der kleinen Anhöhe hinunterkamen. Sie arbeiteten in den Feldern und Isaé bemerkte die wachsende Unruhe, die mit einem Schlag herrschte. Doch man hörte keinen einzigen Laut, noch taten sie etwas, sodass die beiden weiter unbehelligt weiter auf das Dorf zusteuerten. Doch je näher sie an das Stadttor kamen, desto mehr breitete sich Unruhe wie ein Lauffeuer aus. Menschen, die vor ihnen gegangen waren und sie nicht bemerkt hatten, liefen plötzlich in Panik in das Städtchen hinein. Ein Kind, das mit anderen Kindern vor der Mauer spielte, stieß einen gellenden Schrei aus und fing zu weinen an, eine Frau kam angelaufen, und trieb die Kinder ebenso hinter die Stadtmauer. Isaé wandte sich zu Entaro um, und während sie rückwärts weiter gen Städtchen lief, lachte sie und feixte „Du scheinst hier sehr willkommen zu sein, Entaro Adun!“ Sie erreichten schließlich die Stadtmauer, es waren nur noch wenige Meter bis zum Stadttor, doch bevor sie auch nur daran denken konnten, Nord Morne zu betreten, wurden die Tore vor ihrer Nase geschlossen und oben am Wehrgang erschienen bewehrte Männer, und in ihren Augen konnte man die Angst vor dem Untier sehen, und dass sie keine Worte fanden für das, was sie sahen. Isaé wandte sich erneut an Entaro. „Sehr willkommen, Entaro!“ „Keinen Schritt weiter! Wer seid ihr und was wollt ihr hier? Und was, bei allen Göttern, ist das da?“ blaffte schließlich einer von Ihnen hinunter und Isaé wurde sich der Tatsache gewahr, dass eine Armbrust auf sie, Entaro und den Drachen gerichtet war. Entaro schritt stoisch nach vorne, immer noch den Drachen hinter sich führend, und so schritt dieser mit seinem Herrn mit, doch als er drei Schritte getan hatte, riss der Kerl auf dem Wehrgang die gespannte Armbrust nach vorne und rief: „Ich sage halt! Keinen Schritt weiter! Ich habe einen sehr nervösen Zeigefinger!“ Isaé hob abwehrend die Hände, doch sie sagte kein Wort, und wandte nur ihren Kopf nach links, um zu sehen, was Entaro tat. Dieser blieb ruhig, blickte nach oben und rief mit seiner tiefen melodischen Stimme „Ich bin Entaro Adun! Bernsteinritter durch die Gnade Daereans und der letzte Drachenreiter seiner Art! Ich verlange Einlass und den Herrn dieser Burg zu sprechen, Ser Tarvain dé Marçien!“
#76
Ser Tarvain dé Marçien ❖
drache-kap Nord Morne erhob sich vor Entaro und Isaé. Entaro zwang den Drachen zur Landung und stieg aus dem Sattel. »Von hier aus werden wir zu Fuß in die Stadt gehen.«, entschied der Bernsteinritter. Er löste sein Schwert vom Sattel und schnallte es sich an den Gürtel. Anschließend nahm dann den Zügel in die Hand, um den Drachen symbolisch zu führen. Diese Zügel waren eigentlich nicht wirklich Vonnöten, denn der Drache hatte meist seinen eigenen Willen und blieb nie weit von Entaro weg. Aber wenn der Drachenreiter entschied sich in die Nähe von Siedlungen zu begeben, war es ein gutes Zeichen um zu demonstrieren, dass dieses Wesen ihm unterstand. Doch Entaro war sich mehr als bewusst, dass die Menschen in diesem Land vermutlich noch nie, in ihrem ganzen Leben, einen lebendigen Drachen gesehen hatten. Und er erwartete, dass die Menschen entsprechend reagieren würden. Immerhin hatte er in Kalath derartige Erfahrungen bereits zur Genüge sammeln dürfen. Und auch wenn er sich nicht sicher war ob Tarvain ihn wirklich willkommen heißen würde, so war es dennoch der einzig richtige Weg.

Als das seltsame Dreiergespann schließlich den Rand der Stadt erreichten und von den ersten Menschen bemerkt wurden, löste dies unweigerlich eine Welle des Misstrauens und der Furcht aus. Die Bauern rannten förmlich davon. Mütter zogen ihre Kinder in die Häuser. Entaro lächelte bitter. Als ob so eine erbärmliche Hütte sie vor einem Drachen schützen könnte, wenn er in böser Absicht zu diesem Ort gekommen wäre. Und Isaé bedachte Entaro nur mit Spott, den Entaro einfach überhörte. »Du scheinst hier sehr willkommen zu sein, Entaro Adun.«, feixte sie doch Entaro zuckte nur mit den Schultern. »Ich war auch lange nicht mehr hier, Isáe Edera.« Er wandte den Kopf zur Seite und bedachte Isaé mit einem prüfenden Blick. »Die Frau, die überall, wohin sie auch geht, stets willkommen ist.« Er lächelte dünn, doch sein Bart verbarg dieses Lächeln beinahe völlig.

Die Stadttore schlossen sich und die Wachleute postierten sich auf dem Wehrgang darüber und Isaé wirkte nur resigniert und verbittert, als ob sie es vorhergesehen hätte, dass dies geschehen würde. Doch Entaro hatte nichts anderes erwartet. Dass man ihn mit offenen Armen willkommen heißen würde, hätte Entaro niemals erwartet. Dafür war er zu lange nicht mehr in der Heimat gewesen. Und als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte er noch keinen Drachen mit sich geführt. »Keinen Schritt weiter!«, bellte eine Stimme vom Tor zu ihnen. »Wer seid ihr, und was wollt ihr hier?« Es entstand eine fast theatralische Pause, die lang genug war um zu erkennen, dass der Mann kurz nachdachte, aber nicht lang genug um Raum für eine Antwort auf seine Fragen geben zu können. »Und was beim allmächtigen Daerean ist das da?« Armbrüste wurden auf Entaro und Isaé gerichtet, aber die meisten Wachleute zielten damit auf den Drachen, der sichtlich angespannt wirkte, ob all der offensichtlichen Bedrohung, die sich um ihn herum aufgebaut hatten. Entaro legte dem Untier seine Hand auf den Hals um das Tier zu beruhigen, was nur minder half. Nun würde sich zeigen ob es eine kluge Entscheidung war diesen Weg gewählt zu haben. Entaro tätschelte nochmals den Hals des Drachen bevor er einige Schritte auf das Tor zuging. »Ich sage halt! Keinen Schritt weiter! Ich habe einen sehr nervösen Zeigefinger!« Isaé hob abwehrend die Hände und schob sich unauffällig hinter Entaro, welcher sich von den Drohgebärden der Stadtwache nicht sonderlich beeindruckt zeigte. Natürlich war dieser, bereits erwähnte, nervöse Zeigefinger ein gewisses Risiko. Doch Entaro entschied, dass er dieses Risiko eingehen wollte. Er wollte eigentlich noch etwas näher gehen, doch der Respekt vor Herrn nervöser Zeigefinger mit gespannter Armbrust im Anschlag, ließ Entaro an Ort und Stelle verharren. Stattdessen hob er seine Stimme an und verkündete so laut es nötig war, um sicher zu stellen, dass auch jeder Mann und jede Frau, die Zeuge dieser Darbietung würden, es hören würden. »Ich bin Entaro Adun! Bernsteinritter durch die Gnade Daereans und dies…« Er wandte sich etwas zur Seite und deutete mit der offenen Hand in die Richtung des Drachen. »…ist der Letzte Drache seiner Art. Er ist an mich gebunden, nach dem alten Recht und unter dem Schutze Daereans!« Entaro ließ diese Worte erst einmal auf die Männer in der Stadt wirken, bevor er schließlich lautstark den Grund für sein Hiersein verkündete. »Ich verlange Einlass und den Herrn dieser Burg zu sprechen, Ser Tarvain dé Marçien!« Die Männer wurden unruhig auf der Mauer. Sie wirkten unschlüssig und wie es zu erwarten war, legten sie auch nicht ihre Waffen nieder. Doch die Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Menschen Akadiens waren gottesfürchtige Menschen, und Entaro war zwar kein Priester, doch als Bernsteinritter ein Abgesandter Daereans. Er war kein dahergelaufener Marodeur, sondern hatte Rang und Namen. Die Männer wussten nur nicht so recht was sie davon halten sollten. Denn es waren nur einfache Leute, die zwar abends brav ihre Gebete sprachen, aber keinen direkten Bezug zu den alten Relikten des akadischen Drachenordens hatten. Für sie waren das alles nur alte Legenden. Doch nun stand eine solche leibhaftig in Fleisch Blut direkt vor dem Tor. Ein Mann trat an den Wehrgang heran. »Verzeiht einen Augenblick, Ser Entaro Adun. Wir haben nach dem Herrn schicken lassen.« Der Mann war kein Soldat. Er wirkte eher wie ein Herold und Entaro nickte zustimmend und trat wieder zurück zu Isaé und dem Drachen. Isaé wirkte wenig überzeugt, sondern viel eher sprach alles in ihrer Mimik und Körpersprache, dass sie lieber fortgehen wollen würde. »Du wirst schon sehen, Isaé Edera. Hab nur etwas Geduld.« Entaro öffnete die kleine Satteltasche, die am Drachen befestigt war und nahm den alten Siegelring heraus, den er gefühlt schon Jahre nicht mehr am Finger getragen hatte. Der Ring war in Kalath eher ein Hindernis gewesen, als dass er ihm geholfen hätte. Doch nun, beinahe zurück auf akadischem Boden, würde er wieder gute Dienste leisten. Der Ring verlieh seinen Worten den nötigen Wert, denn er trug das Siegel des Ordens und wies Entaro als ein vereidetes Mitglied dieses Ordens aus. Auch wenn niemand, außer den Angehörigen dieses Ordens, wirklich wusste, dass Entaro eigentlich verbannt worden war und diesen Ring gar nicht mehr besitzen durfte. Entaro seufzte etwas wehmütig, als er sich den Ring auf den Ringfinger der rechten Hand steckte und rückte sich dann seine Kleidung etwas zurecht. Doch es war vergebliche Liebesmüh. Seine Kleidung war zweckmäßig und abgenutzt. Unweigerlich schwangen seine eigenen Worte durch seinen Geist, in denen er Isaé ermahnt hatte ein schönes Kleid zu kaufen, damit sie in Akadien mehr Akzeptanz finden würde. Dabei hatte er ganz vergessen, sich selbst neue Kleidung zu besorgen.

Doch dies war nicht das wahre Akadien. Marçien war die nördlichste Provinz und der letzte Schildwall zwischen Akadien und Kalath. Hier ging es rauer zu und Tarvain war bekannt dafür die Kalather, und vor allem die Schwarzseher, bis tief ins Land, sogar bis über die Grenzlande hinaus, zu verfolgen. Hier gab es weniger Hofetikette und es wurde auch weniger Wert auf adäquate Kleidung gelegt. Entaro nahm sich vor, sobald Tarvain sie willkommen geheißen hätte, selbst einen Schneider aufzusuchen. Die Zeit verging und Isaé wurde sichtlich immer nervöser. »Hab noch Geduld, Isaé. Kein Burgherr lässt sich zur Eile zwingen, wenn er zum Tor gerufen wird. Jetzt weißt du vielleicht, warum ich vor Einbruch der Nacht hier sein wollte.« Er warf Isaé einen wissenden Blick zu, doch ließ er sie dieses Mal nicht völlig im Dunkeln zurück. »Bei Nacht hätten sie uns bis zum Morgengrauen vor den Toren der Stadt versauern lassen.« Entaro besah Isaé mit einem prüfenden Blick. Er war nun schon eine ganze Weile mit dieser Frau auf Reisen und lernte so langsam ihre Eigenarten und verborgenen Wesenszüge mehr und mehr kennen. Er erkannte ihren gereizten Blick und das gehetzte Zucken ihrer Augen. Und als er seine Blicke über Isaés Hände schweifen ließ, da bemerkte er, dass diese unmerklich zitterten. Er wusste, dass dies keine Anzeichen von Furcht waren, dafür wirkte Isaé viel zu unerschrocken. Ihre Kleidung, ihr Gang ja selbst ihr Reden zeugte davon, dass sie schon mehr als einmal in einer bedrohlichen Situation gestanden hatte. Doch ihr Körper sprach eine andere Sprache und Entaro wusste was es damit auf sich hatte. »Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Isaé Edera.« Er trat etwas näher an sie heran, auch wenn dies eigentlich gar nicht vonnöten war, da sich außer ihnen ohnehin kein anderer Mensch in der Nähe aufhielt. »Du solltest dein Laster geheim und verborgen halten. Schwarzseher, Huren und Hexen. Sie alle sind Leibeigene dieser Sucht. Und sie alle werden von Tarvain und seinen Getreuen verfolgt und geächtet.« Natürlich traf dies nicht auf alle Menschen zu und keineswegs auf ganz Akadien. Doch Tarvain war der Herr dieser Lande. Und er hatte die Hurerei und Hexerei unter Strafe gleichgestellt. Und jeder Anschein von Andersartigkeit wurde mit Argwohn bedacht. Nichtsdestotrotz hatte Entaro Tarvain als einen höflichen und ehrbaren Mann in Erinnerung. Er hatte nur einige harte Schicksalsschläge erleiden müssen.

Das Stadttor öffnete sich und lenkte so Entaros Aufmerksamkeit von Isaé ab. Aus dem Tor ritten vier Soldaten. Einer von ihnen trug das Banner Marçiens. Und vor diesen Soldaten ritt der Herold, welcher vor wenigen Stunden noch von der Mauer zu ihnen gesprochen hatte. Der Tross näherte sich ihnen und blieb dann in gebührendem Abstand von ihnen stehen und der Herold erhob seine Stimme. »Im Namen Ser Tarvain dé Marçien heißen wir euch in unserer Stadt willkommen, Entaro Adun. Doch zuerst gestattet uns die Frage, was der Grund für euer Hiersein ist?« Der Herold hatte sichtlich Mühe sein Pferd unter Kontrolle zu halten, denn es scheute und wirkte sehr unruhig, was Entaro auf die Gegenwart des Drachen schloss. Doch der Mann war einfach kein geübter Reiter und wollte nur den Schein wahren. »Wir sind hier um den Herrn von Marçien um seine Erlaubnis zu bitten das Reich Akadien betreten zu dürfen, wie es das Gesetz verlangt.«, antwortete Entaro stoisch und der Herold nickte daraufhin zufrieden. »Euer Gnaden? Dürfen wir erfahren wer eure Begleiterin ist? Wir können keine Fremden in unser Reich einlassen, selbst wenn sie in der Begleitung eines Bernsteinritters reisen.« Entaro wandte sich zu Isaé um sie vorzustellen. »Dies ist Isaé Edera aus…«, begann Entaro, doch Isaé mischte sich daraufhin ein. »…aus Ariad!« Entaro warf Isaé daraufhin einen missbilligenden und dem Herold einen fast entschuldigenden Blick zu. Isaé hatte das Wort ergriffen, ohne dass sie angesprochen worden war. Dies konnte von dem Herold durchaus als Affront gewertet werden, doch dieser ließ sich scheinbar nichts anmerken. »Isaé Edera aus Ariad.«, wiederholte der Mann nur und nickte dabei. »Also keine Frau aus Kalath. Wie kommt eine Frau aus Ariad in das verfluchte Reich Kalath, und an der Seite eines gesalbten Ritters Daereans?«, verlangte der Herold zu wissen, doch da kam etwas Bewegung in den Tross. Ein Mann schob sein Pferd durch die Reiter, die sich hinter dem Herold aufgereiht hatten. »Sie ist eine Hexenjägerin.«, urteilte der Mann und lächelte dabei matt. »Seht ihr es nicht? Ihre Kleidung. Ihr Kerbholz.« Der Mann warf einen prüfenden Blick auf Isaé und trieb sein Pferd an, etwas näher zu kommen. »Euer Ruf eilt euch voraus, Isaé Edera aus Ariad. Wie viele Hexen habt ihr auf eurem Kerbholz?«, verlangte der Mann zu wissen und rutschte aus dem Sattel.

»Tarvain.«, murmelte Entaro nur und der Mann, der soeben von seinem Pferd gestiegen war lächelte. Es war ein Lächeln das eher Verbitterung als Freude ausstrahlte. Der Lehnsherr von Marçien wirkte verblichen im Vergleich zu jenem Bild in Entaros Erinnerungen. Über zehn Jahre waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Und die Zeit war an beiden Männern nicht spurlos vorbei gegangen. Das dunkle, kastanienrotbraune Haar Tarvains hing ihm bis zur Schulter, welches er in diesem Moment mit der Hand aus dem Gesicht strich. Seine Kleidung war hochwertig, doch man sah ihr an, dass er sie auch im Kampf trug. Er war ein praktischer Mann, der sich nicht für dieses formelle Treffen etwas Eleganteres angezogen hatte. Er hatte sich den Bart geschoren, doch vermutlich war dies auch schon zwei oder drei Tage her, da sich bereits einige Stoppeln auf der Haut zeigten. Und die lange Narbe, die der Mann über dem Auge trug, war verblasster. Das Letzte mal, als sie sich gesehen hatten, war sie noch frisch und prangerte wie ein rotes Mal auf dem Gesicht des Mannes. Doch nun war sie alt und vernarbt und zierte diesen Mann mehr, als dass sie ihn entstellte. »Entaro. Lange nicht gesehen.« »Ihr seht anders aus.“, meinte der Drachenritter und Tarvain lachte. »Du meinst älter?« Er reichte Entaro die Hand, und die beiden Männer ergriffen sich gegenseitig am Unterarm. »Willkommen in Marçien. Du bringst wahrlich Interessantes von Wert in die Heimat.« Damit meinte er natürlich in erster Linie den Drachen, aber auch Isaé warf er einen wissenden Blick zu. »Wie stehen die Dinge in den Grenzlanden?«, erkundigte sich Entaro und Tarvain verzog eine grimmige Grimasse. »Lasst uns das auf meiner Burg besprechen.« Er wandte Entaro den Rücken zu und hob seine Hand um seine Männer ein Zeichen zu geben sich zu entspannen. Die Armbrüste, welche bis zu diesem Zeitpunkt auf den Drachen und die beiden Fremden gerichtet worden waren, senkten sich und die Anspannung der Männer wurde langsam aufgelöst. Doch konnte selbst Tarvain, der Herr dieser Burg, ihre Anspannung nicht gänzlich zum Erliegen bringen. Was einzig und allein dem Drachen geschuldet war. Das Komitee führte Entaro, Isaé und den Drachen durch das Stadttor und sie schlugen sogleich den Weg zur Burg ein. »Du wirst verstehen, dass wir den Drachen nicht in die Burg einlassen können.« Entaro nickte, doch Tarvain lachte daraufhin. »Es ist einfach kein Platz für ihn! Doch wir finden schon einen Platz. Und so ein Drache frisst doch sicher eine beträchtliche Menge?« Nun war es Entaro, der dünn lächelte. »Gewiss.« Er hielt sich bewusst mit knappen Antworten, da er noch immer jedes Wort auf die Waagschale legte. Er hatte Tarvain schon sehr lange nicht mehr gesehen und wusste nicht ob er ihm wirklich völlig wohlgesonnen war. Er hatte diesen gierigen Blick bemerkt, mit dem der Ritter den Drachen bedacht hatte und Entaros Wachsamkeit war geweckt worden. Tarvain indes trat an einige Männer heran, die den Tross begleiteten. »Sorgt dafür, dass dem Drachen des Ritters drei Schweine zugeführt werden.« Die Männer nickten und legten sich die geballte Faust auf die Brust, zum Zeichen, dass sie den Befehl ausführen würden. »Ein Schwein reicht…«, mischte sich Entaro ein, da er wusste, dass Schafe teuer waren und der Drache ohnehin schon einiges an Fisch vertilgt hatte.

Kurz bevor sie die Burg erreicht hatten, führte Tarvain sie am Tor vorbei zu einer Art Friedplatz. Es war vermutlich eine Art Turnierort für Veranstaltungen und Feste. Doch der Platz war leer, und nur die kleine Wehrmauer, welche um den Platz angelegt worden war, zeugte von dem Trubel und Spektakel, welches hier vermutlich den ganzen Platz füllen vermochte. »Dein Drache kann hierbleiben.« Entaro führte den Drachen auf den Platz und legte seinen Kopf an seinen Hals. »Warte hier, Schatten.« Er tätschelte noch den Hals des Untiers. »Willst du ihn nicht anbinden?«, erkundigte sich einer der Wachleute, als dieser bemerkte, dass Entaro den Drachen verließ ohne den Drachen an irgendetwas festgebunden zu haben. »Zu welchem Zweck?«, erkundigte sich Entaro pragmatisch. »Wenn er wollte, könnte er die ganze Burg in Schutt und Asche legen, wie sollte ihn so ein Riemen aus Leder daran hindern?« Der Wachmann schluckte doch erwiderte nichts darauf. Vermutlich würde er, solange der Drache hier war, nun ein ganz besonderes Auge auf diesen werfen. Wenn auch aus sicherer Entfernung. Und Entaro fand diesen Gedanken amüsant.

Tarvain hatte die Zeit genutzt, die Entaro damit verbrachte den Drachen zu versorgen um Isaé näher in Augenschein zu nehmen. »Ihr wirkt, mit Verlaub, nicht sonderlich gut ausgestattet.«  Er bedachte Isaé mit einem prüfenden Blick. »Verzeiht meine forschen Worte. Doch ich bin schon so manchem Hexenjäger aus Kalath begegnet. Wo ist eure Armbrust oder Bogen? Euer Flüsterholz? Ich sehe nicht einmal eine Nachtlaterne. Seid ihr überhaupt eine Hexenjägerin, oder habe ich das Kerbholz an eurem Gürtel nur falsch interpretiert?« Tarvain schenkte Isaé ein Lächeln welches sowohl freundlich als auch forsch war. Er wollte der Frau auf den Zahn fühlen und er war ein Mann der eine sehr gute Menschenkenntnis hatte. Die wenigen Worte die sie von sich geben würde, würden ihm schon reichen um sich ein Bild von ihr und ihren Absichten machen zu können.
#77
Auf den Zahn gefühlt ❖
drache-so standen sie nun also Ser Tarvain dé Marçien gegenüber. Und Isaé wusste nicht, wie sie sich benehmen sollte. Zwar hatte Entaro Isaé gegenüber schon vor einiger Zeit angedeutet, welche Rolle sie in Akadien bekleiden würde, und zwar die einer Frau. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber dennoch wusste sie nicht, was von ihr als Frau verlangt wurde, denn mit den Sitten des Landes war sie nicht wirklich vertraut. Sie war eine durch und durch eigensinnige Frau, die sich nur ungern unterordnete, denn so war sie nicht erzogen worden. Und Ser Tarvien erkannte ihre Erscheinung sogleich als eine Hexenjägerin. Er rutschte aus dem Sattel und fragte sie sogleich, wie viele Hexen sie auf ihrem Kerbholz hatte. Isaé blickte an ihr Kerbholz und ließ es durch ihre Hand gleiten. "Vierzehn, Ser Tarvain" sagte sie stolz und mit erhobenem Haupt und lächelte ihn an. Ihr war auch egal, ob das eine gute Zahl oder eine schlechte Zahl war. Es waren vierzehn Hexen weniger und das war eine verdammt gute Zahl. Er nickte. Ob das jetzt wiederum gut oder schlecht war, vermochte sie nicht zu sagen. Doch sie hielt sich im Hintergrund. Denn wie es den Anschein erwirkte, hatten sich die beiden Männer schon sehr lange nicht mehr gesehen. Nach einigem Wortgeplänkel und dem Eingreifen des Burgherrn, senkten die Männer endlich ihre Armbrüste, was ungemein die Anspannung der Situation nahm. Wie schnell verirrte sich ein Bolzen, aufgrund eines nervösen Zeigefingers! Isaé und Entaro wurden schließlich mitsamt dem Tross durch das Stadttor geführt und kurz bevor sie die Burg erreichten, wurde darüber beratschlagt, was mit dem Drachen zu tun wäre. Er war definitiv zu groß, um ins Innere der Burg geführt zu werden, wie Ser Tarvain versicherte, und daher wurde beschlossen, dass er auf dem Turnierplatz, gleich neben der Burg, sein Lager aufschlagen würde.

Während Entaro sich beinahe rührend um Schatten kümmerte, riss Ser Tarvain Isaé aus ihren Gedanken, die den Drachenreiter dabei beobachtet hatte. „Ihr wirkt, mit Verlaub, nicht sonderlich gut ausgestattet.“ Isaé hob fragend eine Augenbraue, ob dieser frechen, direkten Frage. "Wie bitte?" war alles, was sie darauf erwiderte. „Verzeiht meine forschen Worte. Doch ich bin schon so manchem Hexenjäger aus Kalath begegnet. Wo ist eure Armbrust? Euer Flüsterholz? Ich sehe nicht einmal eine Nachtlaterne. Seid ihr überhaupt eine Hexenjägerin, oder habe ich das Kerbholz an eurem Gürtel nur falsch interpretiert?“ Er war in der Tat forsch, und das brachte die junge Frau zum Schmunzeln. Sie deutete eine leichte Verbeugung an, was in der Tat eher ein Kopfnicken war. "Derzeit bin ich nicht im Dienst, Ser Tarvain, wenn man es so nennen will. Meine Lebensumstände wurden seit der Begegnung mit Entaro ein wenig… durcheinandergewirbelt... Daher sind meine Sachen…" sie deutete auf den Drachen "… bei ihm in den Taschen verstaut. Reiner Pragmatismus, wieso sollte ich sie mit mir herumschleppen, wenn ich sie nicht benutze? Was die Armbrust betrifft, da habt ihr leider Recht. Ich besitze momentan keine, weil sie mir leider gestohlen wurde. Meine letzte Hexe hab' ich dann archaisch mit Holzpflock und Holzhammer getötet. Aber ihr habt Recht: Ohne Armbrust keine Hexenjagd, ohne Hexenjagd kein Einkommen. Eine echte Fluchsituation, wie ich finde. Derzeit bin ich in der Tat eine armselige Hexenjägerin. Aber ich bin ohnehin nur eine einfache Frau. Deswegen bitte ich um Vergebung, wenn mein Benehmen ein wenig ungeschliffen oder unpassend ist. Mit Adel bin ich bislang noch nicht in Berührung gekommen." Sie wandte sich für einen Moment zu Entaro um, dann widmete sie sich wieder Ser Tarvain, wobei sie etwas näher an ihr heranrückte und ihre Stimme senkte. "Verzeiht mir meine forschen Worte, aber ich bitte um Entaros Willen, uns eure Gastfreundschaft zu gewähren. Er mag es sich nicht anmerken lassen, doch er wurde erst vorgestern von einer Klinge eines Schwarzsehers empfindlich verletzt. Wohl haben wir Hilfe bei einem Kräuterkundigen gesucht, jedoch bin ich der Meinung, dass er ein paar Tage dringend Ruhe und Erholung braucht. Er sollte einige Tage nicht reisen." Ser Tarvain ließ diese Worte für einen Moment auf sich wirken, dann meinte er "Natürlich! Wo sind nur meine Manieren geblieben! Ich empfange nicht oft Besuch, müsst ihr wissen, doch seid Euch meiner Gastfreundschaft gewiss! Verzeiht mir meine Direktheit, aber ihr und Entaro… seid ihr miteinander…liiert?" Isaé hob abwehrend die Hände "Oh nein! Das sind wir nicht! Ich begleite ihn lediglich auf seiner Reise. Oder er mich, ganz, wie man es sehen will!" Ser Tarvain hob eine Augenbraue. "Ich bin schon sehr gespannt, was ihr beide zu erzählen habt. Entaro, der eine Hexenjägerin aufgabelt und die ihn begleitet… Ihr müsst mir alles erzählen! Und Euch, Isaé Edera, die ihr noch nie mit Adel in Berührung gekommen seid, werde ich höchstpersönlich durch meine Burg führen, ihr sollt euch alles ansehen. Jedoch nicht mehr heute, es ist schon spät. Wir werden noch gemeinsam speisen, schließlich seid ihr sicherlich müde von Eurer Reise, und morgen ist auch noch ein Tag." Isaé neigte den Kopf. "Es wäre mir eine Freude…!" Er hob die Hand und winkte mit seinen vier Fingern, und ein jüngerer Bursche kam angelaufen. "Armand! Lauf voraus, die Mägde sollen zwei Gästezimmer und Badezuber herrichten. Sagt in der Küche Bescheid, sie sollen ein angemessenes Mahl bereiten, und seht zu, dass ihr nach einem Heiler schickt, der in die Burg kommt. Los, beeile dich!" bellte er und der Bursche nickte eifrig und lief in die Burg um seinen Auftrag zu erfüllen. Dann trat der Tross zusammen den Weg durch das Burgtor in die Burg an. Sie passierten das Burgtor und traten in den Zwinger, über dem ein hölzerne Wehrgang thronte. Hinter dem inneren Tor lag schließlich der Burghof, den sie betraten. Gesinde hatte sich im Hof formiert, um den zurückgekehrten Burgherren zu begrüßen. Man konnte die unverhohlene Neugierde der meisten nicht bestreiten, offenkundig empfing man hier nicht häufig Besuch. Zwei Mädge knicksten vor Isaé und Entaro. "Wenn ihr uns bitte folgen würdet, meine Herrschaften" sagte die ältere der Beiden "wir geleiten euch zu euren euch zugedachten Gemächern. Ein Badezuber steht ebenfalls in Kürze bereit." Isaé fühlte sich ein wenig überfordert von dieser Behandlung. Sie mochte es gar nicht, wenn man sie hofierte, oder gar vor ihr knickste, wenn es über die gemeine Höflichkeit hinaus ging . Sicherlich meinten es diese beiden Frauen nur freundlich, zumal sie auch bestimmt nicht sagen konnten, wer da vor Ihnen stand. Und sicherlich gebührte Entaro als Ritter eine solche Behandlung, aber sie selbst war doch nur eine Bürgerliche, die eine solche Begrüßung weder kannte noch erwartete.

Die Mägde führten die beiden durch die Burg, über eine Treppe in die oberen Räumlichkeiten, doch Ser Tarvain ließ es sich nicht nehmen, sie zu begleiten. Entaros Zimmer war das erste nach der Treppe, Isaés Gemach lag daneben. Als sie zu dem ihr zugedachten Zimmer geführt würde, staunte sie nicht schlecht, wie schön dieses Zimmer eingerichtet war , und Isaé hielt mit dieser Meinung auch nicht hinterm Berg. "Es gehörte einst meiner Gemahlin Gisélle, ich habe alles so gelassen wie es war" hob Ser Tarvain an. "Doch sie wurde mir genommen, wie auch mein einziger Sohn…" murmelte er eher gedankenverloren. Isaé senkte den Kopf und hob leise an "Das tut mir aufrichtig leid, Ser Tarvain. Auch mir wurde mein Verlobter gewaltsam genommen. Das ist der Grund, warum ich eine Hexenjägerin wurde. Ich kann Euren Schmerz gut nachempfinden." Er nickte, und schien, als würde er sich seine Schwäche in dem Moment abschütteln, in dem er sie an sich bemerkt hatte. "Nun, ich will euch nicht weiter stören, ihr seid sicherlich müde von der Reise und wollt euch erfrischen. Margot …" dabei deutete er auf die Magd, "… wird Euch, wenn ihr es wünscht, zu Hilfe stehen. Ich lasse jemanden schicken, wenn das Abendmahl fertig ist." Er nickte mit dem Kopf, dann verließ er eilig das Zimmer. "Wünscht ihr, dass ich euch helfe?" säuselte die Magd, doch Isaé schüttelte den Kopf. "Nein danke, ich sehr gut alleine zurecht, ihr könnt gehen." Margot knickste und verließ dann das Gemach. Isaé schulterte ihre Tasche ab und warf diese aufs Bett. Sie sah sich in dem Zimmer kurz um und fühlte sich ein wenig unwohl, dass sie dieses Zimmer erhalten hatte. Nicht, weil es das Zimmer einer Verstorbenen war, viel eher deswegen, weil das Zimmer in seiner Ausstattung für ihre Begriffe nicht angemessen war, doch vielleicht gab es nur dieses eine Zimmer, das für eine Frau ausgestattet war, und so zuckte Isaé die Schultern, und erkundete es weiter. Hinter dem Paravent stand ein befüllter Badezuber, auf der Wasseroberfläche war ein leichter Schaumberg, der Duft verriet, dass es Schaumkraut war, daneben ein großer Krug mit Wasser, wahrscheinlich um nachzugießen, wenn er einem zu heiß war. Isaé wusste es nicht. Sie richtete sich ihr rotes Kleid her, welches sie vor dem Turm der tausend Wünsche eben für Akadien auf Entaros Anraten hin gekauft hatte, dann entkleidete sie sich und stieg in den Badezuber. Sie seufzte erleichtert auf. Es gab nur weniges, was Isaé lieber tat, als Baden. Ja, vielleicht eine Pfeife rauchen. Oder eine gute Mahlzeit zu sich nehmen. Sie wusch sich erst das Haar und badete eine ganze Weile, und wäre im Zuber beinahe eingedöst, da klopfte es an der Türe und die Magd Margot steckte den Kopf durch die Türe. "Verzeihung, aber das Mahl wird bald serviert. Eure Anwesenheit wird erwartet!" Isaé erschrak. Sie hatte viel zu lange in dem Zuber gesessen, und nun würde sie sich womöglich verspäten. Eilig entstieg sie dem Zuber, trocknete sich ab, schlüpfte in das Kleid, bürstete sich das Haar, welches sie einfach offen trug, und nachdem sie ihre Stiefel angezogen hatte, eilte sie auch schon hinab. Sie entschuldigte sich für die Verspätung, und setzte sich, wie angewiesen, zur Linken Ser Tarvains, während Entaro den rechten Platz, den Ehrenplatz, erhalten hatte. Bewundernd ließ Isaé ihre Blicke über die Tafel wandern, an deren Kopfende der Herr dieses Hauses Platz genommen hatte. Es gab einen Wildschweinbraten, dazu in reichlich Butter gebratenes und köstlich gewürztes Rotkraut, Brotknödel, und Fleischpasteten, angereicht mit pikanter Brombeersauce. Auch stand ein köstlich aussehender Kuchen am Tisch und Schüsseln voll Brot und Gebäck. Rotwein wurde in Kelche eingeschenkt. Ser Tarvain eröffnete das Mahl in dem er seinen Kelch anhob und Entaro und Isaé zuprostete. "Ich freue mich, so unerwartet Besuch zu erhalten und trinke auf meine Gäste! Seid willkommen!"
#78
Odelin der Bader ❖
drache-tarvain empfing den Drachenreiter und die Hexenjägerin mit der typisch, akadischen Gastfreundschaft. Doch Entaro war nicht nach Marçien gekommen um sich dort heimisch einzurichten. Für Entaro war dies nur ein Ort den man nicht umgehen konnte. Wenn man nach Akadien reisen wollte, und Wert darauflegte, dass man legitim das Land betrat, musste man an einem der Grenztümer um die Erlaubnis bitten, das Reich Akadien betreten zu dürfen. Der Herr des entsprechenden Landes stellte einen Freibrief aus. Und wer ohne einen solchen Freibrief in den inneren Landen angetroffen wurde, riskierte Unannehmlichkeiten, Kerker oder gar Schlimmeres. Und Entaro hatte genug Sorgen am Hals, so dass er sich wenigstens diese eine ersparen wollte.

Doch wie bereitwillig Tarvain diesen Freibrief ausstellen würde, hing wohl von seinem Wohlwollen ab. Als normaler Reisender, der offensichtlich ein Bürger des Reiches war, stellte dies normalerweise keine sonderlich große Herausforderung dar. Doch Entaro reiste nicht allein. Und dabei war Isaé noch das kleinere Problem. Natürlich hätte Entaro den Drachen einfach weit außerhalb der Burg zurücklassen können. Doch das wäre unredlich gewesen. Entaro war ein Ritter des Bernsteinordens. Kein gewöhnlicher Tagedieb der sich mit Lug und Trug Zutritt ins eigene Land ergaunerte. Wer den leichten Pfad einschlug hatte einfach keinen Sinn für Anstand. Und Isaé? Isaé war keine Akadierin. Sie hatte zwar eine Haarfarbe, die in Akadien durchaus vorkam, aber sie konnte weder die akadische Sprache noch wusste sie die hiesigen Gepflogenheiten. Sie war Ariaderin. Das war immer noch besser als aus Kalath zu stammen. Doch war sie eine einfache Frau. Sie besaß weder Rang noch Namen. Einzig und allein ihr Wort zählte. Und Tarvain war ein Mann der Worte stets auf die Waagschale legte.

Entaro konnte sich, nach einer gefühlten Ewigkeit, endlich einmal völlig entspannen. Auch wenn dies ein raues Fürstentum war, in dem ein eisernes Gesetz herrschte, so konnte man sich sicher sein, dass es keine Halunken, Beutelschneider, Hexen oder gedungene Meuchler gab. Zumindest nicht in Tarvains Burg. Entaro entstieg gerade dem Badezuber und begann sich anzukleiden, als es an der Tür klopfte. »Tretet ein.«, rief Entaro und wandte seine Blicke zur Tür, um zu sehen wer wohl geklopft hatte. Die Tür öffnete sich und ein Mann mittleren Alters betrat die Stube. Er wurde von einem jungen Mann von keinen zwanzig Lenzen begleitet. Er trug eine schwere, lederne Tasche und blieb stets im Schatten des Mannes, welcher wohl sein Meister sein musste. »Guten Tag, Ser …« Der Alte hielt inne und räusperte sich, als ob er darauf warten würde, dass Entaro sich vorstellen würde. Ob dies daran geschuldet lag, dass er seinen Namen nicht wusste, oder ob es die Höflichkeit verlangte, konnte Entaro nicht mit Bestimmtheit sagen. »Entaro, aus dem Hause Adun, Ritter des Bernsteinordens.« Entaro knirschte bei diesen Worten unmerklich mit den Zähnen, was der Mann aber nicht zu bemerken schien. Etwas Lug und Trug war wohl fürs Erste doch vonnöten, hatte Entaro spontan entschieden, als er verschwiegen hatte, dass er aus dem Orden verstoßen worden war, als er das Artefakt, den Bernstein Daereans, verloren hatte. Doch da sich dieses Kleinod wieder in seinem Besitz befand, war zumindest ein Teil dieses Bruches versiegelt worden. Der schwere Spießrutenlauf, oder Bußgang, der ihm noch bevorstand, war der andere Teil. Doch diesen Teil versuchte Entaro, wann es nur ging, zu verdrängen. Und auch wenn Entaro den Anspruch auf das Erbe seines Hauses verloren hatte, als er ein Diener Daereans geworden war, hatte er den Namen seines Hauses nicht abgelegt.

Der Mann, welcher soeben die Stube betreten hatte, deutete eine formelle Verbeugung an und legte sich dabei die offene Hand auf die Brust. Sein Gehilfe tat es ihm sogleich nach. »Mein Name ist Odelin del Tarvel, Sanvérin du Marçien. [Heiler im Dienste Marçien] Und dies ist mein Gehilfe Faron au‘ Fravé, Barbier dul Tarvel [Bader unter Meister Tarvel], zu euren Diensten Ser Entaro d’Adun.« Die beiden beendeten damit ihre Verbeugung und erhoben sich und Entaro fühlte sich sogleich noch unwohler, als die beiden ihn irrtümlich mit dem Adelstitel angesprochen hatten. Für einen Moment überlegte er ob er dies berichtigen sollte, zumal der Name Odelins darauf hindeutete, dass er selbst auch aus adeligem Hause stammte, aber kein Erbrecht mehr besaß. Das Ehrgefühl in Entaro gewann schließlich die Oberhand und er räusperte sich. »Entaro del Adun.« Odelin nickte verstehend und ein kurzes, zuckendes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er verstand nur zu gut. »Ser Tarvain schickt uns, sich eurer Wunde anzunehmen.« Entaro seufzte. Isaé…Er lächelte innerlich auch wenn er sich gleichzeitig irgendwie bemuttert fühlte. »Bitte zeigt mir die Wunde.«, verlangte Odelin und wedelte dabei auffordernd mit der linken Hand, was sowohl an Entaro und Faron gleichermaßen gerichtet galt. Und während Entaro seine Tunika öffnete, begann Faron die Tasche zu öffnen um die Werkzeuge und Instrumente bereit zu legen. Er förderte eine lederne Rolle hervor, die mit einem schönen, silbernen Knopf und einem dünnen Lederriemen verknotet worden war. Als er den Riemen von dem Knopf gelöst hatte, entrollte er das Leder und offenbarte so einige metallische Werkzeuge und seltsame Zangen, Pinzetten und Nadeln. Er widerholte diese Prozedur mit einer zweiten Rolle, in welcher sich allerlei gläserne Fläschchen und Phiolen befanden in denen sich verschiedene Flüssigkeiten befanden.

Indes begutachtete Odelin die Wunde des Drachenreiters und schnalzte immer wieder missbilligend mit der Zunge oder seufzte kopfschüttelnd. »Wer das verbrochen hat gehört ausgepeitscht…«, murmelte Odelin und wedelte dabei mit seiner linken Hand und ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, reichte ihm Faron ein passendes Werkzeug. Es war eine Art Spiegelglas, oder Linse, die der Magister vor Entaros Wunde hielt um sie auf diese Weise besser sehen zu können. »Stümperhaft vernäht. Unsauber verbunden. Wer hat dies verbrochen, wenn mir die Frage gestattet ist?« Er wandte seinen Blick auf zu Entaro welcher ihn stoisch anblickte. »Ein Wundheiler aus Valorijan in Kalath.« Der Heiler schnaubte verächtlich aus. »Sieht eher aus als ob er euch eher verflucht hätte als versorgt. Die Nähte sind stümperhaft gesetzt und sehen eher aus wie eine heidnische Rune die euch in die Haut gestickt wurden.« Odelin nahm ein kleines Ding aus Metall und begann damit in der Wunde herumzustochern, was Entaro mit einem Zischen quittierte, als er geräuschvoll die Luft zwischen den Zähnen einsog. »Gut, ihr fühlt den Schmerz. Das bedeutet das Fleisch ist noch nicht abgestorben.« Der Heiler nickte und Entaro warf ihm einen mürrischen Blick zu. Konnte er dies nicht herausfinden ohne ihm dabei mit einer Nadel in die Wunde zu bohren? Aber das war erst der Anfang. Immer wieder schimpfte der Magister, tupfte an der Wunde herum, zupfte an den Nähten. Doch letzten Endes schüttelte er nur den Kopf. »Am liebsten würde ich den Faden ziehen und die Wunde neu vernähen. Aber die Wunde hat bereits begonnen zu verheilen. Den Faden zu entfernen würde sie nur neu aufreißen. Auch wenn die Narbe am Ende deutlich schöner wäre, wenn wir die Wunde neu vernähen.« Entaro seufzte. »Narben müssen nicht ansehnlich sein.« Odelin seufzte. »Ja fürwahr.« Er wandte sich an Faron und erbat zwei der Phiolen. »Rühre mir eine Salbe mit Ringelblume, Spitzwegerich und Sonnblut.« Faron begann das Tierfett mit dem roten Öl zu vermischen und zerrieb dann die Kräuter und Blüten in einem kleinen Mörser und vermischte dies dann ebenfalls. Indes begann Odelin die Wunde zu reinigen. Er nahm ein Stück Leintuch und schüttete eine klare Flüssigkeit darauf, die einen strengen, fast beißenden Geruch verströmte und ohne Entaro groß vorzuwarnen, drückte er den getränkten Lappen auf die Wunde. Die Flüssigkeit, die hochprozentiger Weingeist war, fraß sich tief in die Wunde und brannte sie förmlich rein. »Brennt heißer als ein glühendes Eisen was?« Odelin schmunzelte und erneut sog Entaro die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch und seufzte als Odelin schließlich die Salbe auf die Wunde schmierte, die Entaro sogleich etwas Linderung verschaffte. Abschließend wurde die Wunde mit einem sauberen Streifen aus Leinen verbunden und verknotet. »So, es ist vollbracht. Schont euch noch einige Tage, dann sollte die Wunde gut verheilt sein.« Ohne weitere Umschweife verschwanden die beiden Männer wieder und ließen Entaro zurück in der Stube und dieser kleidete sich schließlich vollends an.

Als Entaro den Speisesaal – der mehr einem Wohnraum als einem großen Saal glich – betrat, wurden die Speisen bereits serviert und Tarvain saß auch schon an der Tafel, zusammen mit einigen Männern, die vermutlich seine engsten Vertrauten waren. Familie hatte Tarvain ja keine mehr, denn Entaro wusste, dass seine Gemahlin, sowie sein Sohn, vor über zehn Jahren von Schwarzsehern getötet worden waren. Doch zehn Jahre waren eine lange Zeit. Die meisten Burgherren hätten die angemessene Trauerzeit irgendwann einmal beendet und ein neues Weib gesucht. Immerhin war es die Pflicht eines Burgherrn einen Erben zu zeugen, der den Namen und das Recht des Vaters erben sollte, damit das Fürstentum nach seinem Tode weiterbestand. Doch da weder eine Frau, noch Kinder zugegen waren, nahm Entaro an, dass Tarvain ihren Tod noch immer nicht verwunden hatte, oder sich selbst einen Schwur auferlegt hatte, erst wieder ein Weib zu ehelichen, wenn er Rache genommen und Frieden gefunden hatte. Entaro sah sich suchend um, doch von Isaé fehlte jede Spur. »Die Dame lässt auf sich warten.«, lachte Tarvain, der wohl schon den einen oder anderen Bechter vorgetrunken hatte, während er auf Entaro und Isaé gewartet hatte. Aber die Dame ließ nicht lange auf sich warten und Entaro staunte nicht schlecht, als er sie in dem roten Kleid sah, dass sie eigens für die akadischen Höfe gekauft hatte. Entaro entgingen auch nicht Tarvains prüfende Blicke, der Isaé mit einem wohlwollenden Lächeln begrüßte. Und so saßen sie schließlich an Tarvains Tafel und genossen seine Gastfreundschaft. Entaro genoss das Mahl und auch den kleinen Kreis, in welchem sie sich zusammengefunden hatten, dass die Zeit fast wie im Fluge vergangen war. Die Teller wurden abgeräumt und die Kelche immer wieder gefüllt, als Tarvain schließlich auf den Tisch klopfte. »Nun, da wir alle satt sind, lasst uns den ernsten Dingen widmen.« Er wandte sich an Entaro und sah ihn herausfordernd an. »Ich schätze es, besonders um der alten Zeiten willen, dass du zu mir gekommen bist, um den Zutritt ins Reich zu erbitten.« Er offerierte Entaro seinen Kelch und Entaro stieß mit seinem daraufhin an und nickte dabei. »Gerne möchte ich euch den Freibrief ausstellen, doch – wie so vieles im Leben – gibt es den nicht umsonst.«, dabei lächelte Tarvain diebisch und seine wölfischen Blicke huschten zwischen Entaro und Isaé hin und her. Entaro runzelte die Stirn und stellte dabei seinen Kelch auf dem Tisch ab. »Mit Verlaub, Ser Tarvain. Es ist mir neu, dass der Freibrief an Bedingungen geknüpft ist.« Da lachte Tarvain. »Ja, fürwahr. Für einen akadischen Bernsteinritter ist dies nur eine reine Formalität. Doch solltet ihr nicht ohnehin euren Siegelring haben, der euch freies Geleit in jede akadische Stadt gewährt?« Mit diesen Worten warf er einen bedeutungsvollen Blick auf eben jenen Ring und Entaro ertappte sich dabei, wie er den Ring unweigerlich mit seiner anderen Hand bedeckte, was Tarvain nur ein weiteres Lächeln abrang. »Also ist dieser Freibrief nicht für euch, sondern für die ariadische Hexenjägerin.« Tarvain wandte sich mit diesen Worten an Isaé und lächelte dünn, während er nun ihr seinen Kelch zum gemeinsamen Anstoß darbot. Entaro hingegen seufzte resignierend. Ja, er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Tarvain war ein scharfsinniger Mann und Entaro lehnte sich schließlich erwartungsvoll zurück. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben …«, begann Entaro und Tarvain sah ihn dabei erwartungsvoll an. »Ich bitte darum!«, verlangte Tarvain neugierig und mit einem gewissen, neugierigen Blick in den Augen. »Ich habe mich nicht nur wegen des Freibriefes für Marçien entschieden.« Entaro machte eine bedeutungsvolle Pause, welche von Tarvain nur mit noch weiterwachsender Neugier belohnt wurde. »Wir wurden in Nardijan von einem Mann angegriffen …«, begann Entaro und Tarvain erhob sogleich die Stimme. »Ah, die Wunde, die ihr davongetragen habt, nicht wahr?« Entaro nickte. »Doch diese Wunde ist nicht wirklich von Belang. Meister Odelin hat mir versichert, dass sie gut verheilen würde.« Tarvain nickte zufrieden und schmunzelte. »Ihr wart sicher froh, als er wieder gegangen ist, oder?« Tarvain lachte schallend, und ein paar seiner Getreuen stimmten in das Lachen mit ein. Vermutlich hatte jeder von ihnen schon mehr als einmal Odelins ruppige Art über sich ergehen lassen müssen. Doch ihr Lachen verstummte, als Entaro seine Handfläche öffnete und auf den Tisch legte. Das Hexensiegel, welches ihm von dem Schwarzseher in die Haut gebrannt worden war, war kaum noch zu sehen. »Ein Hexensiegel?« Tarvain nahm Entaros Hand näher in Augenschein und knirschte dabei mit den Zähnen. »Isaé wurde ebenso gezeichnet.« Nach diesen Worten Entaros richtete sich Tarvains Aufmerksamkeit vollends auf die junge Frau in dem schönen roten Kleid. »Eine Hexenjägerin, die sich von einem Schwarzseher verfluchen lässt?«, Tarvain sah Isaé dabei eindringlich und unangenehm tief in die Augen. »Der Fluch, was bewirkt er?«, verlangte Tarvain zu erfahren. Vermutlich gab es Flüche die Entaro sich in seinen wildesten Fantasien nicht ausmalen konnte. Flüche und Verwünschungen die Entaro und Isaé zu einer Gefahr für Marçien werden lassen konnte? Doch Entaro versuchte Tarvains Sorgen zu zerstreuen. »Es waren gedungene Halunken die in den Diensten ihres Herren unsere Zungen verfluchten. Wir sind nicht mehr imstande den Namen oder den Ort zu nennen. Ein furchtbarer Krampf bemächtigt sich der Zunge und löst sich erst, wenn man den Gedanken verloren hat.« Tarvain nickte nachdenklich. »Ein Bannfluch. Ihr müsst jemand wirklich ans Bein gepisst haben.« Entaro nickte nachdenklich. »Ich dachte, dank Dekaden von Erfahrungen mit diesen Schwarzsehern, dass ihr möglicherweise einen Bann oder Segen kennt, diesen Fluch zu brechen?« Tarvain strich sich mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn und wirkte mit einem Mal sehr nachdenklich. »Manche Flüche sind schwer umzukehren. Diese Hexenzauber sind heimtückisch und einschneidend. Doch alles zu seiner Zeit. Ich danke für eure Ehrlichkeit, Ser Entaro. Dies gereicht eurem Ruf zugute. Aber ihr müsst verstehen, dass wir keine Verfluchten in das Land Akadien einlassen können. Ob gesalbter Bernsteinritter oder gemeine Hexenjägerin.« Entaro seufzte und spürte beinahe die bohrenden Blicke Isaés im Nacken, die ihn wohl insgeheim verfluchte, dass er damit nicht hatte warten können, bis sie den Freibrief in den Händen gehalten hätten. »Welche Art von Bezahlung wäre für Isaé denn angemessen, wenn mir die Frage gestattet ist?«, hakte Entaro nach und Tarvain stellte daraufhin seinen Becher ab und erhob sich.

Er bedeutete Isaé und Entaro ihm zu folgen und verließ anschließend den Raum. Seine Getreuen, Entaro und Isaé folgten ihm schließlich in die Nebenstube, in welcher ein schwaches Licht brannte, das von einem Immerlicht auszugehen schien. Auf dem Tisch, von welchem das Licht aus den Raum in ein dunkles Zwielicht tauchte, lag eine alte Karte auf der die Burg Marçien am südlichen Rand eingezeichnet worden war. »Dies ist eine Karte der Grenzlande.«, begann Tarvain und ließ seine Hand über die Karte streifen, als würde er die Haut einer Frau berühren. »Und irgendwo hier…«, er deutete auf einen Punkt am östlichen Rand der Karte. »…gibt es eine alte Ruine, in welcher die Schwarzseher ihre Hexensiegel in Pechsteine binden. Sie sind eine furchtbare Plage!« Tarvain donnerte mit der Faust auf den Tisch und das Immerlicht machte einen kurzen Sprung und begann über den Tisch zu rollen. »Warum habt ihr diesen Ort dann nicht längst geschliffen?«, erkundigte sich Entaro unweigerlich und Tarvain seufzte. »Wir wissen nicht genau, wo er sich befindet. Wir haben nicht die Mittel ihn in den Nebeln der alten, verfluchten Lande aufzuspüren. Man benötigt Flüsterholz um die Stätten der Schwarzseher aufzuspüren. Wie ihr sicherlich wisst, ist Flüsterholz sehr selten und nicht jeder vermag es die Stimmen der Vergangenheit zu deuten.«, mit diesen Worten wandte er sich bedeutungsvoll an Isaé. »Doch das Schicksal hat uns hier zusammengeführt, Ser Entaro und Isaé aus Ariad. Ihr habt einen Drachen und eine Hexenjägerin in die Grenzlande Akadiens gebracht. Fürwahr, in den letzten zehn Jahren war so mancher Hexenjäger in diesen Landen. Und nicht jeder von ihnen besaß ein Flüsterholz. Und jene, die eines besaßen, führten uns nur in die Irre oder in den Tod. Dies ist der Grund warum ich wissen wollte, ob Isaé ein solches Flüsterholz in ihrem Besitz trägt? Denn daraus schloss ich, dass sie es auch einzusetzen vermag? Daereans Wille hat euch an diesen Ort geleitet. Ich verlange…« Tarvain hielt für einen Moment lang inne und schien seine Worte zu überdenken. »Nein ich erbitte diesen Dienst von euch. Der Preis für den Freibrief soll sein, dass Isaé uns begleiten wird, wenn wir versuchen diesen Kreis zu zerstören.«
#79
Die Flüsterholz Prüfung ❖
drache-das Tischgespräch nahm seit Abtragen der Speisen eine für Isaé allmählich unangenehme Wendung. Sie kannte Ser Tarvain nicht und konnte ihn nur schwer einschätzen. Aber dass er eine Gegenleistung wollte, dafür, dass er ihr freies Geleit durch Akadien gewährte, dass schien sogar Entaro zu überraschen. 'Gemeine Hexenjägerin'. Diese Worte prallten an Isaé ab, wie eine tränenreiche Bitte an ein Herz aus Stein. Doch sie nahm es nicht persönlich. Er war von Adel und auch wenn Isaé mit Adeligen noch nie etwas zu tun hatte, so wusste sie, dass er aufgrund seines Geburtsrechts ein entsprechendes Selbstbewusstsein haben musste. Doch mussten Bessergestellte es einem immer unter die Nase reiben? Zwar war Entaro auch ein Adeliger, aber für Isaé wirkte er nicht so. Er war bodenständig, und er war für Isaé, und da konnte er sich dreimal Bernsteinritter nennen, ein normaler Mann. Aber Ser Tarvain, der war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Als Entaro ihm offenbarte, dass er nicht nur wegen dem Freibrief, sondern auch wegen dem Fluch Marçien aufgesucht hatte, da schien es ganz vorbei zu sein. Ohne Umschweife sagte er "Eine Hexenjägerin, die sich von einem Schwarzseher verfluchen lässt?" Er blickte ihr dabei so tief in die Augen, dass Isaé ein unangenehmer Schauer über den Rücken kroch, und eigentlich war sie sonst nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Sie zuckte gleichmütig mit den Schultern. Er war nicht dabei gewesen, wie konnte er sich nur ein Urteil darüber bilden? Als Tarvain unter den Umständen, dass ein Fluch auf den beiden lastete, völlig ausschloss, ihnen Zutritt zu Akadien zu gewähren, da hätte Isaé Entaro am liebsten gleich mit noch einem Fluch belegt. Sie hoffte, dass er ihre eindringlichen Blicke regelrecht spüren konnte! Und dann wurde es interessant, denn Entaro fragte Tarvain, welche Bezahlung angemessen wäre, um Isaé einen Freibrief ausstellen zu lassen. Es fühlte sich beinahe wie ein Kuhhandel an und Isaés Laune sank ins Bodenlose. Da erhob sich Ser Tarvain, und bedeutete den beiden ihm zu folgen.

Er führte sie in einen Nebenraum, welcher wohl so eine Art Besprechungsraum darstellte. Auf einem großen Tisch war eine große Karte aus Pergament ausgebreitet und der Raum war in schummriges Licht getaucht, welches von einem Immerlicht ausging. Er stellte sich an den Tisch und deutete auf die Karte und erklärte ihnen sein Anliegen. Er hatte Probleme mit Schwarzsehern, die in den nebeligen verfluchten Landen ihr Unwesen trieben. Bei diesen Worten donnerte Ser Tarvain scheinbar völlig selbstvergessen die Faust auf den Tisch und das Immerlicht tat einen Sprung und rollte über den Tisch. Isaé, die sich bei diesem Gespräch zwischen den Männern eher teilnahmslos mit den Händen auf die Karte stützte, ergriff reflexartig das Immerlicht und zwang es damit, innezuhalten. Entaro stellte Ser Tarvain exakt die Frage, die sich die Hexenjägerin insgeheim längst gestellt hatte. "Warum habt ihr diesen Ort nicht längst geschliffen?" Tarvain seufzte und beantwortete die Frage sogleich. "Wir wissen nicht genau, wo er sich befindet. Wir haben nicht die Mittel ihn in den Nebeln der alten, verfluchten Lande aufzuspüren. Man benötigt Flüsterholz um die Stätten der Schwarzseher aufzuspüren. Wie ihr sicherlich wisst, ist Flüsterholz sehr selten und nicht jeder vermag es die Stimmen der Vergangenheit zu deuten." Mit diesen Worten wandte er sich an Isaé, aber auch an Entaro. Er sprach von einer für ihn schicksalshaften Fügung, dass Entaro mit seinem Vorhaben, einen Freibrief für Akadien zu erbitten, Ser Tarvain unverwandt einen Drachen und eine Hexenjägerin mitgebracht hatte. Isaé ahnte bei diesen Worten bereits, was Ser Tarvain im Sinn hatte. Und sie sollte es im nächsten Moment bereits erfahren und somit bestätigt bekommen. "In den letzten zehn Jahren war so mancher Hexenjäger in diesen Landen. Und nicht jeder von ihnen besaß ein Flüsterholz. Und jene, die eines besaßen, führten uns nur in die Irre oder in den Tod. Daereans Wille hat euch an diesen Ort geleitet. Ich verlange… Nein, ich erbitte diesen Dienst von euch. Der Preis für den Freibrief soll sein, dass Isaé uns begleiten wird, wenn wir versuchen diesen Kreis zu zerstören." Isaé blickte erst Ser Tarvain, und dann Entaro bedeutungsvoll und ernst an. Sie hatte auf dieser Reise mit Entaro eines gelernt: keine überhastete Entscheidung zu treffen, und schon gar nicht, ohne diese Entscheidung gemeinsam zu treffen. Sie, Entaro und der Drachen waren durch das Schicksal ineinander verflochten. Isaé konnte keine Entscheidung ohne Entaros Wohlwollen treffen, so, wie sie irgendwie auch keine Entscheidung treffen konnte, die nicht das Wohlwollen des Drachen miteinschloss. Und im besten Fall traf auch Entaro keine Entscheidungen, die gegen Isaés Interessen liefen. Isaés dunkle Augen, und Entaros graue Augen trafen sich und sie blickte ihn fragend an. Doch dieses Mal schien es, dass es nicht Entaro war, der die endgültige Entscheidung zu treffen hatte. Sie war die Hexenjägerin. Von ihr erbat Tarvain eine Gefälligkeit, falls Isaé über die notwendige Begabung verfügte, die er suchte. Isaés Mundwinkel umspielten ein kaum merkbares Lächeln. Ja, sie verfügte über die Begabung, die Ser Tarvain suchte. Doch es war ihr unbegreiflich, wieso bisher kein Hexenjäger, der in diesem verfluchten Gebiet war, die Schwarzseher aufspüren konnte, ja sogar Männer in den Tod geführt hatte. Wie konnte das sein? War dies am Ende doch eine Falle? Nervosität bemächtigte sich ihrer, und entsprechend begann sie, mit Daumen und Zeigefinger an ihrer Unterlippe zu zupfen. Sie spürte, wie die Nervosität um sich griff und sie packte. Ihr Körper ward von Unruhe ergriffen und sie wusste, was sie in diesem Moment brauchte. Wohl spürte sie auch, dass Ser Tarvain sie erwartungsvoll anblickte. Er war der Herr dieses Landes und er war es gewohnt, unvermittelt Antwort auf seine Fragen und Gesuche zu erhalten. Doch Isaé konnte ihm diese Antwort nicht geben. Nicht sofort. Sie räusperte sich. "Ser Tarvain. Ich bitte euch um einen Moment Geduld. Ich muss kurz austreten." Sie schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln und neigte den Kopf. "Oh! Natürlich!" erwiderte dieser hastig und trat zur Seite.

Isaé verließ den Raum, und lief den Gang dieser Gemäuer entlang, die Treppen hinauf, wo sich am Ende des Raumes das ihr zugewiesene Gemach befand. In ihren Taschen wühlte sie nach der Dose mit dem Feuermohnopium und dem Pfeifenkraut, zog ihre Pfeife hervor und stopfte den Pfeifenkopf mit Pfeifenkraut. Zuletzt schob sie ein Krümelchen des wunderbaren Feuermohnopiums in das Nest aus Pfeifenkraut. Sie blickte sich um. Entaro hatte sie gewarnt, dass Ser Tarvain es nicht guthieß, wenn Menschen sich solchen Dingen widmeten. Ja, er hatte ihr sogar geraten, es zu unterlassen, weil sich nur Huren und Hexen solcher Mittel bedienten. Doch wie konnte sie, als Hexenjägerin eine Hexe sein? Isaé grinste bei diesem Gedanken. Und eine Hure war sie ebenso wenig. Sie war immer noch unberührt. Und aus eben diesen Gründen war sie keine Hexe, und keine Hure. Und obendrein kein kleines Kind. Sie war eine erwachsene, freie Frau. Sie tat immer, was sie wollte. Und jetzt wollte sie eine Pfeife mit Feuermohn rauchen. Und das würde sie auch tun. Und kein Herr, welchen Landes auch immer, würde sie davon abhalten. Allein, dass sie ihr Tun in diesem Moment selbst in Frage stellte, war geradezu lächerlich! So lief sie die Treppe wieder nach unten, und suchte schließlich den Innenhof der Burg. Die Höflichkeit und der Respekt, dem sie dem Herrn dieser Burg zumindest schuldete, verlangten, dass sie die Pfeife nicht in den Gemäuern, sondern im Freien rauchen sollte. Und das tat sie auch. Die Sonne war bereits untergangen und der Himmel erstreckte sich in Dunkelheit wie ein dunkles, mit Diamanten besticktes Tuch über sie. Die Hexenjägerin zog ihren mitgebrachten Kienspan und entzündete diesen an der nächstbesten lichtspendenden Fackel, die an der Wand in einer Halterung loderte. Sie entzündete die Pfeife, und das süße, wohlvertraute Knacken und Knistern drang an ihr Ohr, wenn sich die Glut durch das Kräuternest im Pfeifenkopf fraß. Und noch etwas drang an ihr Ohr. Ihr inneres Ohr. Es war kein irdisches Geräusch, das für Jedermann zu hören war. Es war leises Raunen und Wispern. Seit sie mit diesem Fluch belegt worden war, flüsterte diese Pfeife, die aus Flüsterholz war, jedes Mal zu ihr. Es waren Stimmen aus vergangenen Zeiten. Ob es Stimmen von Verstorbenen waren, die aus irgendwelchen Gründen an den Flüsterbaum gebunden waren, ob es Stimmen Verstorbener waren, die in diesen Gemäuern hier ihr heimliches stilles Unwesen trieben, das war stets ungewiss. Doch es waren Stimmen von Wissenden aus der Anderswelt. Das war gewiss. Und stets hatten sie zu erzählen. Manchmal sprachen sie untereinander. Manchmal sprachen sie zu Isaé, manche sprachen sie mit Isaé. Manchmal antworteten sie, manchmal schwiegen sie auf eine Frage. Manchmal war es glockenhelles Gelächter, manchmal wehklagten sie. Es war völlig unterschiedlich. Das machte es durchaus spannend, herauszufinden, wer da mit ihr sprach, aber manchmal war es auch lästig. Manchmal wollte Isaé einfach nur ihre Ruhe, um in Ruhe nachzudenken. So wie jetzt. Aber dann müsste sie schon eine andere Pfeife haben. In der rechten Hand, der verfluchten, war diese magische Präsenz zu spüren, sobald sie diese Pfeife in der Hand hielt. In der linken war es weniger stark zu spüren. Doch Isaé war Rechtshänderin und es war wahrlich ungewohnt, die Pfeife mit der linken Hand zu halten und an ihre Lippen zu führen. Erleichtert seufzend bließ Isaé den Rauch aus ihrem Mund. Und die Pfeife flüsterte. "Ruhe…" brummte Isaé leise. "Ich muss nachdenken." Es war ihr kleines Geheimnis, die Sache mit dem Flüsterholz. Nicht einmal Entaro wusste davon. Wieso auch? Sie hatte, seit sie mit ihm umherzog, keine Hexen zu jagen. Sie war arbeitslos, wenn man so wollte. Und irgendwie war das langweilig geworden. Als Ser Tarvain sie indirekt gebeten hatte, ihm zu helfen, da hatte ihr Herz einen kleinen Sprung getan, als es die Spur eines kleinen Abenteuers witterte. Aber konnte sie Ser Tarvain vertrauen? Sie kannte ihn nicht. Sie konnte ja noch nicht einmal sagen, dass sie Entaro sonderlich gut kannte, obwohl sie nun schon geraume Zeit buchstäblich Tag und Nacht mit ihm verbrachte. Aber er erschien ihr gutherzig und ehrbar zu sein. Sie mochte ihn, und aus diesem Grund vertraute sie ihm. Das bedeutete aber nicht, dass auch Ser Tarvain ihr Vertrauen verdient hatte. Andererseits war es töricht anzunehmen, dass dies eine Falle sein sollte. Warum bisher kein Hexenjäger in der Lage war, den Ort mit Hilfe des Flüsterholzes auszumachen, das wusste sie nicht. Sie selbst hatte wenig zu schaffen mit anderen Hexenjägern. Das Opium strömte durch ihre Adern und breitete sich wohltuend in ihrem ganzen Körper aus. Und auch das Stimmenwirrwarr schwoll an. Es war ein interessanter Umstand, dass unter Einwirkung des Feuermons das Flüstern lauter und deutlicher wurde. Isaé kicherte bei dem Gedanken. Es war beinahe so, als wären Flüsterholz und Feuermohn Geliebte, die sich untereinander perfekt ergänzten. Die Pfeife war verglost, und Isaé ging in die Hocke, um den Pfeifenkopf auszuklopfen. Behutsam klopfte sie den Pfeifenkopf kopfüber gegen ihre Hand, um das wertvolle Ding nicht zu beschädigen. "Isaé?" drang eine wohlvertraute Stimme an ihr Ohr. "Was tust du hier?" Es war Entaro, und obwohl Isaé nicht erschrocken war, so erhob sie sich, und wandte sich Entaro zu. Sie schenkte ihm einen unschuldigen Blick und lächelte ihn warm an. "Nichts, was ich auch sonst nicht tun würde, Entaro. Und ich habe nachgedacht über Ser Tarvains Bitte. Und ich bin zu einem Entschluss gekommen. Ich werde ihm selbstverständlich helfen. Nicht des Freibriefes wegen. Um des Helfens Willen." "Bist du denn dazu in der Lage?" Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn aus zugekniffenen Augen. "Wieso denkst du, dass ich dazu nicht in der Lage bin?" Natürlich wusste er, was sie hier draußen getan hat, und er seufzte. "Habe ich dir nicht geraten, dies bleiben zu lassen, solange wir hier auf Ser Tarvains Burg sind?" "Das hast du, mein Lieber. Aber ich habe nichts versprochen. Ich habe mir deinen Rat zu Gemüte geführt und beschlossen, ihn nicht anzunehmen." Sie grinste schelmisch und schlang sich die Arme um den Leib. "Es ist ein wenig kühl. Lass uns wieder reingehen. Du bist ja sicherlich nicht gekommen, um mit mir zu plaudern, sondern um zu sehen, wo ich so lange bleibe, nicht wahr?" Sie legte den Kopf schief. Wann immer sie Feuermohn rauchte, war sie ungezügelt, vorlaut und neigte zu übertriebenen Scherzen. Und das machte Entaro vermutlich Sorgen.

Als sie wieder zu Ser Tarvain gestoßen waren, schien dieser schon ein wenig ungeduldig zu sein. Vermutlich war er es wirklich nicht gewohnt zu warten. Doch er schien sich zu zügeln. "Nun, wie lautet eure Antwort, Frau Isaé? fragte er sie. "Ich stimme eurer Bitte zu, Ser Tarvain. Das Flüsterholz ist etwas, mit dem ich vertraut bin." Ser Tarvain nickte. "Ich danke Euch. Doch ihr dürft es mir nicht übelnehmen, dass ich Euch auf die Probe stellen muss." "Eine Hexenjägerprobe?" kicherte sie, doch niemand fand ihren Scherz lustig genug, um in das Lachen einzufallen. "Nun…" führte Ser Tarvain unbeirrt fort. "…ihr müsst verstehen, dass ich schon viele Versprechen erhielt, doch waren diese Versprechen immer nur leere Worte. Und sie kosteten vielen meiner Männer das Leben. Es waren gute Männer. Tapfere Männer. Treue Männer, die ihr Leben gaben. Und aus diesem Grunde werdet ihr hoffentlich verstehen, dass ich, auch wenn ich meine Hoffnung in Euch setze, so wie ich sie in jeden Hexenjäger gesetzt habe, euch nicht vollends mein Vertrauen schenken kann, bis ihr mir einen Beweis Eurer Fähigkeiten geliefert habt." Isaé nickte ernst. "Das kann ich absolut verstehen, Ser Tarvain." Ser Tarvain nickte ebenso, hob seine Hand zur Seite und meinte "Bitte, begleitet mich. " Isaé und Entaro folgten Ser Tarvain. Er führte sie über eine Treppe, eine Etage tiefer in einen großen Raum. Dieser wirkte wie eine Jagdkammer. An der Wand waren viele Vorrichtungen angebracht, an denen Armbrüste hingen, ebenso wie Jagdbögen, und in Köchern, die hier und da herumstanden, steckten zahlreiche Köcher. Es gab zahlreiche Kommoden mit Schubladen, Schränke, die was auch immer verbargen, und alles in allem wirkte der Raum auf Isaße seltsam. Er war wahrhaftig wie eine Jagdkammer. Sie konnte das Wispern und Raunen und Flüstern in diesem Raum hören, bevor Ser Tarvain auch nur zur Erklärung anhob. "In dieser Kammer bewahre ich die Waffen und Schätze von Hexenjägern auf, die mir ihr Wort gaben, dies aber nicht halten konnten." Isaé und Entaro ließen ihre Blicke durch diesen Großen Raum wandern. Dann hob Ser Tarvain an "Isaé. Ich fordere euch auf: Findet das Flüsterholz in dieser Kammer. Ich gestatte allerdings keine Zweifel, und keine Fehler. Ihr habt nur einen einzigen Versuch!" Er stellte sich bequem mit den Beinen hin und verschränkte die Arme, während er abwartete, was die Hexenjägerin tun würde. Isaé neigte den Kopf. Sie konnte das Flüstern der Flüsterhölzer so klar hören, wie das laute Tosen eines Wasserfalls. Wie eine Tänzerin bewegte sie sich durch den Raum und schritt dennoch zielgerichtet auf eine der Kommoden zu. Vor dieser einen blieb sie stehen, ging in die Hocke, lauschte noch einmal, und zog dann die dritte der Laden auf. Der Inhalt der Lade offenbarte eine beträchtliche Anzahl an Flüsterhölzern, die fein säuberlich in der mit einem Polster ausgestatteten Lade aufbewahrt wurden. Isaé ließ ihre Blicke über die Flüsterhölzer gleiten. Dann erhob sie sich, und wandte ihren Kopf zur Tür des Raumes, wo Tarvain und Entaro stehen geblieben waren. Ser Tarvain lächelte wölfisch und erklärte "Nun, vielleicht sollten wir es wirklich auf einen Versuch ankommen lassen!"
#80
Der Hexenkontrakt ❖
drache-isaé hatte Ser Tarvains Prüfung mit Bravour bestanden. Und nicht nur dies. Sie hatte das Flüsterholz in so rascher Zeit gefunden, dass selbst Entaro seine Anerkennung zum Ausdruck brachte, indem er beeindruckt nickte. Ser Tarvain lächelte zufrieden und verlieh dem Ganzen schließlich eine offizielle Note. Es auf einen Versuch ankommen lassen. Entaro war, wenn er sich ehrlich war, hin und her gerissen. Auf der einen Seite war er durchaus neugierig auf diese Expedition. Und er würde mit seinem Drachen zweifellos eine beachtliche Hilfe sein. Doch auf der anderen Seite war ihm gar nicht wohl bei dem Gedanken sich in die Dienste eines Vasallen des Königs zu stellen. Die Bernsteinritter unterstanden keiner weltlichen Obrigkeit. Sie waren ein unabhängiger Orden. Doch streng genommen war Entaro kein Ordensritter mehr. Er war verbannt worden. Doch Ser Tarvain hatte darüber keine Kenntnis und Entaro hütete sich derartige Informationen zu offenbaren. Immerhin verlieh ihm sein Status als Bernsteinritter gewisse Freiheiten und Vorzüge. Insofern war Entaro offiziell nicht an den Eid der Bernsteinritter gebunden. Und wenn er sich ehrlich war, dann überwog die Neugier doch der Stimme der Vernunft in ihm. Zumal er, seit den Ereignissen im Turm der tausend Wünsche, von einer innerlichen Zerrissenheit erfüllt worden war, dessen Auswirkungen er selbst noch nicht erahnen konnte. Geschweige denn dass er sich dessen gewahr war.

Ser Tarvain nahm eines der Flüsterhölzer aus der Lade, welche Isaé soeben geöffnet hatte und hielt es in das schummrige Licht des Immerlichts. »Diese Hölzer sind wahrlich faszinierend.« Er schwenkte das hölzerne Ding hin und her und schien es genauer in Augenschein zu nehmen, doch als er schlussendlich seufzte, schien er an dem Holz nichts Besonderes bemerkt zu haben. »Man nennt es Flüsterholz. Ich weiß auch warum. Doch ich habe es noch niemals flüstern gehört. Wohl aber wurde ich schon Zeuge dieses Wunderholzes und seinen Eigenschaften.« Entaro hatte von dem Flüsterholz natürlich auch schon gehört. Er war im Laufe der Jahre, in welchen er in Kalath auf Reisen gewesen war, schon den einen oder anderen Hexenjäger getroffen. Nicht jeder von ihnen hatte ein solches Holz in seinem Besitz gehabt, denn es war nicht nur selten, sondern auch sehr kostbar. Und wenn er sich ehrlich war, hatte er auch bei Isaé kein solches Holz gesehen. »Der Name Flüsterholz rührt daher, dass dem Holz fremde Zungen innezuwohnen scheinen.«, murmelte Entaro und teilte damit das Wissen, über welches er diesbezüglich verfügte. Wohl konnten viele Menschen hören, oder spüren, dass von dem Holz des Flüsterholzbaumes seltsame Stimmen auszugehen scheinen. Doch nur sehr wenige konnten auch verstehen, was diese Stimmen zu sagen hatten. Ser Tarvain nickte zustimmend. »Ganz recht. Doch nicht nur das. An Orten alter Macht oder wenn Magie in der Nähe gewirkt wurde, beginnt das Holz seltsam zu vibrieren. Es fühlt sich wahrlich seltsam an, ich habe es schon selbst erlebt!« Abermals war ein dumpfes Seufzen aus Tarvains Kehle zu vernehmen. »Sieben Flüsterhölzer befinden sich in meinem Besitz. Der Wert dieser Hölzer ist beachtlich., doch bewahre ich diese seltenen Artefakte hier auf anstatt sie zu verkaufen. Die Macht der alten Zeiten kann von höherem Nutzen sein, als das Silber, dass sie wert sind.« Entaro ließ seine Blicke über die hölzernen Stäbe gleiten, welche in der Lade auf einem samtenen Stoff aufgebahrt lagen. Fünf Hölzer lagen in der Lade, und das sechste hatte Tarvain in der Hand. Entaro runzelte die Stirn, denn Tarvain hatte doch sieben Hölzer erwähnt. Manche der Hölzer waren mit kunstvollen Schnitzereien verziert. In einem dieser Hölzer war sogar ein Sonnenstein eingearbeitet worden. Entaro hatte diesen Kristall schon einmal gesehen, als ein Goldseher der Paltoren ihn nutzte um das Licht der Sonne damit zu lenken. Zwei der Flüsterhölzer sahen eher unscheinbar aus. Man könnte sie für einfache Klöppel oder Stäbe halten, wie einem Amtsstab oder einfach eine Rute, mit der die Lehrherren ihre Gesellen züchtigten. Das Holz, welches Tarvain in den Händen hielt, hatte eine verschnörkelte Verzierung an seinem Ende und war um das andere Ende mit einem Lederriemen umwickelt worden, welcher mit silbernen Lochmünzen verknotet worden war. Silber war für die meisten Menschen einfach nur eine Währung. Ein Wertgegenstand. Doch in den Händen eines Hexenjägers konnte Silber ein mächtiges Werkzeug sein, denn man sagte dem Silber nach, dass es böse Geister fernhalten und Werwölfe Schaden zufügen konnte. Doch Entaro hatte noch nie in seinem Leben einen solchen Werwolf gesehen und hielt es für reinen Aberglauben einfacher Bauern, die vermutlich in einer vernebelten Nacht irgendeinen großen Schattenwolf gesehen hatten und keine andere Erklärung dafür hatten als das Übernatürliche. Doch das siebte Flüsterholz wollte sich Entaro einfach nicht offenbaren.

Tarvain indes legte das sechste Flüsterholz wieder in die Lade zurück– Entaro bemerkte fasst den unterschwelligen Stolz in seiner Stimme, dass er all diese Dinge sein Eigen nennen konnte. Er führte sie durch den Raum und zeigte ihnen allerlei Dinge. »Dies ist eine Nachtlaterne. Leider besitze ich nur diese Eine, denn derlei Instrumente sind nicht nur teuer, sondern auch sehr speziell. Der Hexenjäger, dem sie gehört hatte, erzählte mir, dass sie unsichtbare Dinge offenbaren kann. Das Glas dieser Laterne ist alchemisch veredelt worden. Seht…« Er hielt die Nachtlaterne in die Höhe und man konnte erkennen, dass das geschwärzte Glas leicht violett schien. »Das Öl in dieser Laterne brennt in einem bläulichen Licht, und durch das Nachtglas gibt die Laterne einen schwachen, violetten Schein von sich.« Entaro runzelte die Stirn. »Damit sieht man doch kaum etwas als die eigene Hand vor Augen.« Tarvain nickte. »Ganz recht. Doch diese Laterne dient nicht dem Zweck Dinge in der Dunkelheit zu offenbaren, sondern verborgene und unsichtbare Dinge zu enttarnen. Ich verstehe nicht wie sie funktioniert. Doch angeblich kann man mit dem Licht der Laterne Orte des Verbrechens offenbaren. Der Hexenjäger hatte auch diese seltsamen Phiolen in seinem Besitz. Er nannte sie Schimmeröl. Vermutlich wirkt das Öl im Einklang mit dem Licht der Laterne.« Tarvain stellte die Nachtlaterne wieder auf den Tisch zurück und nahm das nächste Artefakt in die Hand. Es war eine einfache Schale aus Metall. Entaro konnte nicht erahnen aus welchem Material sie bestand, aber es war ein dunkles Metall mit einigen, kunstvoll verzierten Intarsien an der Außenseite, sowie einfachen, symmetrisch angeordneten Rillen auf der Innenseite. »Eine Klangschale. Es wirkt ähnlich wie das Flüsterholz, nur ohne dem Flüstern.« Tarvain lächelte dünn. »Man gibt die Klangperlen in die Schale …« Tarvain öffnete einen ledernen Beutel und förderte winzige, hölzerne Perlen daraus hervor. »Diese Klangperlen bestehen aus Flüsterholz.« Er schüttete die Perlen in die Schale und dabei kullerten sie über die feinen Rillen in der Schale, welche daraufhin einen hellen, schwingenden Klang von sich gab. Doch als die Perlen zum Erliegen kamen, verstummte die Schale wieder. Nun war sich Entaro gewiss, dass Tarvain vermutlich mit diesen Perlen das siebente Flüsterholz gemeint haben musste. »Seltsames Werkzeug.«, murmelte Entaro nur und Tarvain lächelte. »Ich habe die Klangschale zunächst auch für Humbug gehalten. Doch diese Perlen beginnen, wie von Zauberhand, in der Schale zu tanzen, wenn sie aktiviert werden.« Entaro warf einen neugierigen Blick in die Schale doch die Perlen lagen still darin, als wären sie aus trägem Eisen. »Und wie aktiviert man sie?«, erkundigte er sich und Tarvain zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich leider nicht. Sonst hätten wir sie vermutlich schon längst benutzen können um diesen Ritualort der Schwarzseher aufzuspüren. »Wenn die Perlen aus Flüsterholz sind, wirken sie vielleicht im Zusammenspiel mit magischen Auren?«, meinte Isaé daraufhin und Tarvain lächelte. »Doch dann müssten die Perlen doch jetzt tanzen, oder nicht?« Er nahm Isaés Hand, an welcher sich das Mal des Hexensiegels befand, und hielt diese über die Schale. Doch die Perlen rührten blieben regungslos in der Schale liegen. »Vielleicht ist das Hexensiegel einfach nur zu schwach?«, mutmaßte Entaro und hielt nun auch seine verfluchte Hand über die Perlen. Für einen Moment schien es, als ob die Perlen kurz zucken würden. Entaro kniff die Augen zusammen, doch als er sie wieder öffnete, lagen die Perlen wieder still in der Schale. »Wie dem auch sei. Sie wirken sehr unberechenbar. Sie dienen wohl einem speziellen Zweck.« Tarvain stellte die Schale wieder zurück auf den Tisch und beförderte die Perlen zurück in den ledernen Beutel.

Zu guter Letzt führte Tarvain sie an ein Gestell, in welchem sich einige Schwerter befanden. »Schwerter der Hexenjäger. Es sind keine wirklich besonderen Waffen. Einfaches Eisen. Eines davon hat ein paar Kerben an der Schneide. Nichts Besonderes.« Doch dann deutete Tarvain auf ein Objekt, welches sich neben den Schwertern auf einem kleinen Schemel befand. »Doch das hier ist etwas Eigenartiges.« Er zeigte auf einen Gegenstand, der von einem schwarzen Tuch bedeckt worden war. Als er das Tuch entfernte offenbarte er einen schwarzen Kristall der das das Glimmen des Immerlichtes förmlich aufzusaugen schien. »Der Hexenjäger, der es bei sich hatte, nannte es Splitterstein. Mein Alchemist hat in einem alten Buch das Wort Nullstein gefunden. Doch der Hexenjäger hat uns weder erklärt wozu er dient, noch wie es funktioniert. Aber es ähnelt doch verdächtig dem Sonnenstein der Goldseher. Nicht wahr?« Tarvain nahm den Stein von der eisernen Halterung und hielt ihn vor das Immerlicht und kurz darauf schien sich der Raum merklich abzudunkeln. Man konnte feine Gravuren auf der Oberfläche erkennen, doch nicht genau was diese darstellten. Als Tarvain den Kristall von dem Immerlicht entfernte, hellte sich dieses wieder merklich auf. »Es scheint das Licht zu verschlingen.« Entaro trat neugierig an den Stein heran und versuchte die Gravuren auf dem Stein zu erkennen, doch das Material war so dunkel, dass man nichts erkennen konnte. Und dies, obwohl im Inneren des Kristalls ein seltsames Glühen innewohnen zu schien. Und so berührte er den Stein, um die Gravuren zu erspüren. Doch in dem Moment, als er den Stein berührte, durchfuhr ihn ein brennender und zugleich eiskalter Schmerz. Seine Finger verkrampften sich und jeder Versuch sich von dem Stein zurück zu ziehen scheiterte. Entaro verkrampfte sich und seine Zähne pressten sich so fest aufeinander, dass es ihm unmöglich war einen Laut von sich zu geben. Nur ein tiefes Grummeln entsprang seiner Kehle und seine Augen begannen sich zu verdrehen. Tarvain zog erschrocken den Stein zurück und kurz darauf entspannte sich Entaro wieder. »Was ist geschehen?«, fragte der Bernsteinritter mit keuchendem Atem und Tarvain sah ihn verwundert an. »Ich habe keine Erklärung.«, gestand Tarvain »Es war ein unglaublicher Schmerz, der zuerst meine Hand und kurz darauf meinen ganzen Körper gelähmt hatte!« Tarvain sah ihn verwundert an. Schließlich hielt er den Stein schon die ganze Zeit in der Hand und ihm war nichts dergleichen widerfahren. »Seltsam.«, murmelte Tarvain und begutachtete den Stein eindringlich. »Berühr ihn nochmal.«, meinte Isaé darauf und Entaro sah sie mit einem zynischen Blick an. »Auf diese Erfahrung kann ich getrost verzichten, Isaé.« Tarvain schien aber von Isaés Neugier erfasst worden zu sein. »Lasst mich mal etwas ausprobieren.« Er führte den Stein an Entaro heran doch nichts geschah. Tarvain drückte schließlich den Stein an Entaros Arm, doch auch hier geschah nichts. »Seltsames Ding.«, murmelte Entaro und schob den Stein schließlich etwas von sich. Seine Hand berührte den Stein und kurz darauf verkrampften sich wieder seine Finger. Isaé schien dies sofort bemerkt zu haben und griff nach Entaros Hand, um diese von dem Stein wegzuziehen. Doch kaum hatte sie Entaros Hand ergriffen, erging es ihr genauso wie Entaro. Und so standen die beiden nun da, verkrampft, unfähig zu schreien oder sich zu wehren. Und Tarvain starrte die beiden an, die wie zu Stein erstarrte Statuen vor ihm standen, bis er verstand, dass beide unter dem Fluch des Steines lagen. Hastig zog er den Stein zurück, stellte ihn wieder auf das Gestell und legte das schwarze Tuch darüber. Indes hatten Entaro und Isaé sich wieder entspannt. »Was zum Henker…«, ächzte Isaé und Entaro rieb sich die schmerzende Hand. »Es scheint auf die Hexensiegel in euren Händen zu reagieren.«, stellte Tarvain fest und rieb sich dabei nachdenklich über das Kinn.

Nun, nachdem Ser Tarvain ihnen alle seine angesammelten Schätze gezeigt hatte, trat er wieder an die Lade mit den Flüsterhölzern heran. »Ihr meintet, dass ihr damit vertraut seid, aber habt ihr derzeit ein Flüsterholz in eurem Besitz, Isaé?« Er nahm das Flüsterholz mit dem Sonnenkristall aus der Lade und hielt es vor sich hin. »Dieses hier ist das wertvollste von allen. Es hat eine aufwändige Schnitzerei, wie man sieht. Doch was es zu etwas Besonderem macht, ist dieser Sonnenkristall, der in das Holz eingearbeitet wurde.« Dann legte er das Stück zurück und nahm jenes hervor, an welchem die silbernen Lochmünzen mit dem Lederriemen befestigt worden waren. »Silber. Zur Abwehr von Geistern und Seelenlosen.« Tarvain zuckte mit den Schultern. »Allerlei Aberglaube und Hirngespinste, mit dem sich die Hexenjäger umgeben. Doch glauben sie fest an ihre Wirkung. Doch man sieht, was es ihnen gebracht hat.« Tarvain seufzte. »Wie sieht das eure aus? Schlicht, wie dieses?«, Tarvain zog den einfachen Stock hervor, der weder besonders aussah, noch über irgendwelche Verzierungen verfügte. Er war leicht knorrig und es befand sich sogar noch etwas Rinde an dem Holz. Und als er das Flüsterholz zurücklegte, nahm er stattdessen jenes mit dem Sonnenkristall zur Hand. »Oder ist es wie dieses, mit einem zweiten Zweck versehen?« Entaro war sich nicht sicher ob Isaé über ein solches Flüsterholz verfügte. Immerhin hätte sie ihm doch davon erzählt? Er hatte jedenfalls keines in ihrem Besitz gesehen. Vielleicht hatte sie einst eines besessen. Doch es war ihr, zusammen mit der Armbrust gestohlen worden. Aber Tarvain stellte ihr, für diesen Fall, wohl eines aus seiner Sammlung zur Verfügung. Doch wie er Tarvain kannte, würde er es nicht überlassen. Es wäre eine Leihgabe für die Dauer ihres Unterfangens.

Nun, da Tarvain offenbart hatte, was er alles wusste, sich vergewissert hatte, dass Isaé etwas von diesen Dingen verstand und zur Schau gestellt hatte, welche Dinge die Hexenjäger, die in seinen Diensten gestanden und versagt hatten, zurückgelassen hatten, führte er die Beiden aus der Kammer heraus. Er nahm an einem kleinen Schreibtisch Platz, zog ein Pergament aus einem Fach und legte sich Tinte und Feder bereit. »Es wird Zeit, unser Abkommen zu besiegeln.« Er tauchte die Feder in die Tinte und begann einen Vertrag aufzusetzen. Es war ein einfacher Dienstvertrag. Nachdem er den Vertrag aufgesetzt und unterschrieben hatte, bat er Isaé und Entaro ebenso ihre Initialen auf das Pergament zu setzen. Zum Abschluss hielt Tarvain etwas rotes Siegelwachs über eine Kerze und ließ einige Tropfen davon auf das Pergament tropfen. Anschließend presste er seinen Siegelring in das Wachs und damit hatte der Vertrag seine Gültigkeit.

Mit diesem Vertrag bekunde ich, Ser Tarvain dé Marçien, Wächter der Grenzlande, dass Isaé Edera, aus Ariad und Entaro d’Adun aus Akadien, in den Diensten Marçiens stehen. Die Gültigkeit dieses Vertrages endet mit der Erfüllung ihres Dienstes oder mit dem Tode. Im Falle ihres Todes, soll ihre persönliche Habe in den Besitz Marçiens übergehen. Überdies gilt dieser Vertrag als erfüllt, wenn nachweislich folgende Schwarzseher und/oder Hexen aus den Grenzlanden aufgespürt und ihrer gerechten, vom König verfügten Strafe zugeführt wurden. Ardeth, genannt die schwarze Hand, Istred, genannt der eiserne Schinder und Hera, bekannt als die heilige Hure. Der Lohn für den Erfolg ihres Dienstes sollen ein unbeschränkter Geleitbrief für das Reich Akadien, sowie acht Dukaten sein. Auszuzahlen in Gold und Silber, oder etwas im Vergleichswert.



Ser Tarvain dé Marçien

Ser Entaro d'Adun
Isaé Edera

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