Hexenfluch und Drachenfeuer
#49
Wie zerronnen so gewonnen ❖
drache-während Isaé an der Häuserwand lehnte, und sich die wohltuende und beruhigende Wirkung des Feuermohns einstellte, genoss sie ebenso die kühle Abendluft, die um ihren Leib strich. Im Gasthaus war es zu warm und zu stickig gewesen, und ein klein wenig plagte sie auch das schlechte Gewissen, dass sie Entaro den ganzen Abend links liegen gelassen hatte. Zwar war sie ihm zu nichts verpflichtet, doch er empfand es sicherlich als unhöflich, was Isaé, wenn sie sich ehrlich war, ebenso sah. Sie wollte zurück in die Schenke gehen, zurück zu Entaro, doch sie zögerte, Immerhin saß Adrién auch noch in der Schenke, doch ihr plötzlicher Aufbruch war ihr nun unangenehm, und eigentlich wollte sie nun beiden Männern nicht unter die Augen treten. Doch sie war mit Entaro hierhergekommen, und mit ihm würde sie auch wieder gehen. Am angenehmsten erschien ihr schließlich die Möglichkeit, einfach hier zu warten, irgendwann würde Entaro ja die Schenke verlassen. Und so wartete sie, rauchte die Pfeife, und starrte in den Himmel. Da vernahm sie ein leises Flüstern. Sie blickte sich um, doch niemand war da. Im Grunde hörte es sich auch nicht an wie das Flüstern einer Gestalt auf der Straße, es war vielmehr so, als vernahm sie das Flüstern in ihrem Kopf. Ein unangenehmes Wispern, beinahe bedrohlich… Sie lauschte angestrengt, aber nun hörte sie es nicht mehr. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, die junge Frau verdrängte es aber, als sich die Türe der Schenke öffnete, und der Feuerschein als Lichtkegel auf das Katzenkopfpflaster der Gasse fiel. Isaé wandte erwartungsvoll den Kopf, doch es war nicht Entaro, der das Gasthaus verließ, sondern Adrién. Ihre aufgehellte Miene verdunkelte sich ein wenig, und sie drückte sich ein wenig in den Schatten, um zu warten, bis er vorüber gegangen war. Doch es nutzte nichts, er hatte sie bereits entdeckt, und steuerte sogleich auf sie zu. „Ah, Isaé…“ Er betonte ihren Namen auf eine Art und Weise, die ihr nicht gefiel, und führte sogleich fort „So bedankt man sich in Ariad also, wenn man höflich auf einen Wein eingeladen wird?“ Ein peinlich berührtes Lächeln glitt über ihre Lippen. Sie wollte etwas sagen, eine Erklärung abgeben, doch sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte. So stammelte sie nur „Nein… so ist es nicht gewesen… ich meine…“ Er trat weiter an sie heran, lehnte sich mit einer Hand lässig neben ihrem Kopf an der Wand an, und meinte „Austrinken und Verschwinden?“ Isaé, die Schwierigkeiten witterte, begann zu lachen, doch es war ein nervöses Lachen, und klang nicht überzeugend „Ich habe zu reichlich getrunken, dank deiner Großzügigkeit. Aber Adrién, ich wollte dich nicht beleidigen, ich…“ Es schien, als würde er ihren Erklärungen gar nicht zuhören. „Wie ich sehe scheint Wein dir nicht zu reichen…“ fuhr er unbeirrt fort, nahm die Pfeife, an welcher Isaé eben gezogen hatte, kurzerhand aus ihrer Hand. Er schnupperte am Pfeifenkopf. „Feuermohn…“ murmelte er. „Ich muss sagen, ich bin maßlos enttäuscht.“ Isaé blickte ihn irritiert an. Der Feuermohn hatte seine Wirkung nun völlig entfacht, und sie konnte ihm nicht mehr ganz folgen, worauf er hinaus wollte. „Was? Was meinst du?“ fragte sie ihn. Er ließ die Pfeife fallen, die kostbare Wurzelholzpfeife, und Isaé erschrak darüber. Mit ihrer Stiefelspitze konnte sie gerade noch verhindern, dass sie Pfeife direkt auf das Katzensteinpflaster aufschlug, und zerbrach. Eilig bückte sie sich nach der Pfeife, und als sie sich wieder aufgerichtet hatte, funkelte sie ihn wütend an. „Was soll das? Bist du verrückt? Diese Pfeife ist sehr kostbar!“ begann sie zu schimpfen, doch er grinste nur und schnippte mit den Fingern, und im nächsten Moment traten zwei Gestalten aus den Schatten der Gasse hervor. Einer von ihnen trug eine gespannte Armbrust, und der andere fuchtelte mit einem Messer umher, ein zweites befand sich in einer ledernen Scheide an seinem Gürtel. „Du kommst jetzt schön brav mit uns mit. Und keine Mätzchen, kapiert? Du willst doch nicht, dass deinem hübschen Gesicht etwas Hässliches passiert, oder?“ drohte er ihr, und Isaé sträubte sich instinktiv gegen die Hand in ihrem Nacken, welche sie von der Wand wegtauchen, und dazu bewegen wollte, mitzugehen. Plötzlich heulte der Mann mit der Armbrust schmerzerfüllt auf, und das Surren eines Armbrustbolzens war für den Bruchteil einer Sekunde zu vernehmen. Dann zerbrach die kleine Straßenlaterne, vermutlich von dem Bolzen, und die Gasse fiel in Dunkelheit. „Scheiße, pass doch auf!“ schimpfte Adrién in die Dunkelheit, da, wo er den Armbrustschützen vermutete. Auch der andere fluchte. „Hier ist jemand!“ warnte der mit Messern Bewehrte seine beiden Kumpanen, doch da ging schon der Armbrustschütze keuchend zu Boden und die Armbrust schlug geräuschvoll auf dem Pflasterboden auf.

„Isaé? Geht es dir gut?“ erklang Entaros Stimme aus der Dunkelheit. Isaé lauschte. „Entaro!“ rief sie leise. „Ja… ja, es geht mir gut!“ Seine unerwartete Anwesenheit verlieh ihr neuen Mut, und sie zog ihr Langmesser, welches bis dato unter dem Mantel verborgen geblieben war, aus seiner Scheide, und hielt es Adrién an die Kehle. „Eine Bewegung, und ich vergesse mich!“ herrschte sie ihn an. „Was geht’s dich an, ob ich Feuermohn rauche, ha?“ Er hob abwehrend die Hände, und das Wissen, dass er sich mit seinen Kumpanen plötzlich zwei Kontrahenten gegenüber sah, schien ihm das breite Grinsen förmlich aus dem Gesicht zu schmelzen. Stattdessen wich seine überhebliche Maske einer grotesken Grimasse zwischen Reue und Trotz. „Warum soll ich mit euch kommen? Sags mir!“ fragte sie ihn aufgebracht. „Sieh dich an… so hübsch anzuschauen in deinem roten Kleid… du hättest eine prachtvolle Hure abgeben…“ spuckte er aus. Isaé wurde wütend, und drückte ihm die Klinge ein wenig tiefer gegen seinen Adamsapfel. Natürlich lag es an diesem unseligen Kleid, welches sie niemals wirklich hatte haben wollen. Natürlich sah sie damit aus wie eine Dirne. Aber auch die Tatsache, dass auch Adrién sich scheinbar an dem Feuermohnkonsum gestört hatte, wie auch Entaro. Was war nur los, mit diesen Männern? Wäre Aduan noch am Leben… ob er sich ebenso darüber mokiert hätte? Adrién begann beinahe herzerweichend und in Panik zu wimmern. Allmählich hatte sich die junge Frau an die vorherrschende Dunkelheit gewöhnt und sie konnte die Angst in seinen Augen erkennen. Isaé schüttelte leise den Kopf. Nein, sie wollte hier und heute nicht zur Mörderin werden. „Nimm deine Bastarde da drüben, und verschwinde“ erwiderte sie trocken. „Aber wenn ihr versucht, etwas gegen uns auszurichten, anstatt einfach eurer Wege zu gehen, dann werden wir nicht mehr so nachsichtig sein.“ Sie nahm ihr Langmesser von Adriéns Kehle, doch richtete sie es immer noch auf ihn. Dieser gesellte sich zu dem Kerl mit den Messern, welcher Inbegriff war, dem Kerl mit der Armbrust aufzuhelfen. Als dieser seine Armbrust ergreifen wollte, trat Isaé an ihn heran, und trat die Armbrust mit dem Stiefel von ihm fort, und richtete ihr Langmesser auf ihn, und fuchtelte damit bedrohlich vor seinem Gesicht herum. „Die nehme ich an mich!“ erwiderte sie grimmig. „Und jetzt haut ab…“ Er rappelte sich auf, und fluchte wütend, doch dann machten die drei kehrt, und verschwanden in der Dunkelheit. Isaé blickte ihnen nach und fragte sich, ob die drei zurückkehren würden. Aus Wut vor der Demütigung, oder um die Armbrust wieder zurückzuholen. Doch fürs erste schienen sie verschwunden zu sein. Isaés Aufregung dämmte sich allmählich wieder ein, und sie wandte sich zu Entaro um. Die Wirkung des Feuermohns brandete nun in aller Gewalt in der Ariaderin. Auch, wenn die Gasse im Dunkel lag, und sie Entaro nur schemenhaft erkannte, so wusste sie dennoch nur allzu gut, wie er aussah in diesem Moment. Und er sah gut aus. Nicht nur in diesem Augenblick. Doch auch, wenn er sich ritterlich verhielt, so wusste sie, dass er sie verachtete, für das, was sie tat. Warum konnte er nicht verstehen, dass sie den Feuermohn brauchte, dass sie ohne diesen verloren war? Warum war er ein ach so ehrbarer Mann? Auch, wenn sie eine ehrbare Frau war, doch er schien weitaus tugendsamer zu sein, als sie. „Danke, Entaro…“ murmelte sie, und fühlte sich so verloren, in dieser dunklen Gasse. Auch spürte sie die Wirkung des Weins. Sie hatte viel zu viel getrunken, und die kühle Luft schlug zusätzlich sehr zu Buche. Sie schämte sich in diesem Augenblick vor ihm. Dass sie ihn so unhöflich behandelt, und ihn alleine bei Tische zurückgelassen hatte, für einen Kerl, welcher sich nun als Lump entpuppt hatte. Wie gerne hätte sie ihn umarmt, aus Dankbarkeit, zur Wiedergutmachung, aus Zuneigung…? Der Feuermohn trieb ihren Willen ohnehin zu solchen Wünschen, und entfesselte Verlangen nach diesem Mann. Aber seine Kühlheit bändigte dieses Verlangen, was sie reichlich seltsam fand. „Wie es scheint, stehe ich nicht nur in der Schuld deines Drachen, sondern auch in deiner Schuld…“ rang sie sich ein Lächeln ab. „Wann nur werde ich dein Leben retten, um die Schuld zu tilgen?“ Isaé trat in die Dunkelheit, und suchte die Armbrust, die da irgendwo liegen musste. Als sie diese fand, nahm sie sie an sich. Zum einen mit Genugtuung, zum anderen aus Scham vor Entaro. War diese doch nichts anderes als Diebesgut, auch, wenn dieser Kerl sie bestimmt nicht ehrlich erworben hatte. Doch erst am Tage würde sie die Armbrust inspizieren und prüfen können, ob es ein taugliches Stück war. „Die Götter nehmens, die Götter gebens…“ grinste sie ihn frech an, während sie die Armbrust an ihrem Gürtel befestigte. Auch, wenn sie nicht mehr an die Götter glaubte. „Ich hätte dich nicht alleine am Tisch zurücklassen sollen. Das war sehr unhöflich, und es tut mir leid“ sagte sie schließlich. „Wir sollten schauen, dass wir verschwinden. Ich möchte den Kerlen ehrlich gesagt nicht mehr begegnen, denn dann fließt sicherlich Blut…“
#50
Das Haus der tausend Wünsche ❖
drache-das Nasenbein des  ersten Halunken knackte, als Entaro ihm den Knauf seines Schwertes ins Gesicht rammte. Das Leben solcher Strauchdiebe war für gewöhnlich keinen Pfifferling wert, und doch schonte Entaro sein Leben. Vielleicht war dies, wenn man bedachte an welchem Ort sie sich hier befanden, keine weise Entscheidung gewesen. Doch welchen Sinn hätte sein Tod auch gehabt? Eine gebrochene Nase war eine viel wichtigere Lektion fürs Leben als der Tod. Er würde sicher niemals wieder seinen Rücken ungedeckt lassen. Ein Umstand, den sich Entaro zunutze gemacht hatte, als er ihn hinterrücks überrascht hatte. Als der verirrte Bolzen die Laterne zum Erlöschen gebracht hatte, nutzte Entaro die Gunst des Augenblicks und schritt zwei weite Schritte auf den Gauner mit den Messern hinzu. Ein geschickter Tritt in die linke Kniekehle und er sank widerstandslos zu Boden. Sofort hielt Entaro ihm die Spitze seines Schwertes in den Nacken. »Keine Bewegung, Schurke!« Entaros Stimme war ernst und ruhig und verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Halunke ließ seine Messer auf den Boden fallen und hob anschließend die Hände hinter den Kopf. Gerade als Entaro ihm einen herben Schlag auf den Hinterkopf verpassen wollte, strauchelte die letzte Schattengestalt auf ihn hinzu. Augenblicklich nahm Entaro eine abwehrende Körperhaltung ein, doch als er erkannte, dass dieser keine Waffe trug, lockerte sich sein Griff um das Schwert. Isaé stand unweit von ihnen und hatte das Messer auf den Mann mit der gebrochenen Nase gerichtet, während sie ihren Fuß auf die Armbrust gestellt hatte. »Die nehme ich an mich!« Ein kurzes Lächeln huschte über Entaros Lippen. »Die Menschen nehmen es und Daerean gibt es zurück.« Auch wenn dieses Geschenk, welches ihnen scheinbar aus heiterem Himmel direkt vor die Füße geworfen worden war, beinahe zu schön aussah um wahrhaftig zu sein. Doch Entaro stellte die Gaben des Schicksals nicht in Frage. Es kam wie es das Schicksal vorgesehen hatte. »Danke, Entaro. Wie es scheint, stehe ich nicht nur in der Schuld deines Drachen, sondern auch in deiner Schuld. Wann nur werde ich dein Leben retten, um die Schuld zu tilgen?« Der Drachenritter hob die linke Hand und winkte ihre Worte dankend ab. »Nicht der Rede wert, Isaé. Niemand steht in meiner Schuld, wenn ich dem Gelübde meines Ritterordens diene. Und es ist auch nicht nötig dich in Gefahr zu begeben, um mein Leben zu retten. Sieh es als das was es ist.« »Und das wäre?« Die Hexenjägerin sah ihn mit erwartungsvollen Blicken an. »Eine glückliche Fügung Daereans.« Mehr gab es dazu eigentlich nicht zu sagen. Doch Entaro ließ es sich nicht nehmen etwas Rechthaberisches hinzuzufügen. »Und das Wissen, dass ich Recht behalten habe, dass dieser Ort gefährlich ist.« Er lächelte dünn und schob währenddessen das Schwert zurück in die Scheide. »Die Wege Daereans sind unergründlich. Danke Daerean, dass er mich dazu leitete hier zu verweilen, als mein Verstand mir dazu riet nach dem Drachen zu schauen.« Entaro straffte seine Tunika und nickte daraufhin ernster.

Mit diesen Worten band er den Lederriemen um den Knauf des Schwertes und indes hob Isaé die Armbrust vom Boden auf. »Die Götter nehmens, die Götter gebens…« Entaro musste für einen Moment lächeln, als ihm bewusst wurde, dass er ähnliche Worte nur kurz zuvor vor sich hingemurmelte hatte. Doch er erwiderte nichts darauf, dass es eigentlich nur einen Gott gab. Und das Schicksal selbst, welches in Ariad in Form von einer Dreifaltigkeit drei verschiedener Frauen verehrt wurde. Stattdessen bot er Isaé seinen Arm dar. »Ich hätte dich nicht alleine am Tisch zurücklassen sollen. Das war sehr unhöflich, und ich bitte um Vergebung.« Der Drachenritter schwieg für einige Zeit. Er strich sich mit der freien Hand über das Kinn und sah Isaé mit prüfenden Blicken an. Auch wenn er es ihr nicht eingestehen würde, so hatte ihr Verhalten ihn natürlich gekränkt. Dennoch hegte er weder Gefühle oder Gedanken darum, dass Isaé in ihr eigenes Verderben gelaufen war, ohne darüber nachzudenken und sein Eingreifen das einzige gewesen war, welches sie vor einem Schicksal in Knechtschaft bewahrt hatte. Er war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Und dies war kein Zufall gewesen. Nichts geschah ohne Grund. Alles hatte einen Sinn.

Aber auch wenn ihm ihre Entschuldigung viel bedeutete, so kam er nicht umhin an die Pfeife zu denken, welche sie versprochen hatte nicht mehr anzurühren. »Unhöflich war es zweifellos. Und im Nachhinein betrachtet auch noch gefährlich. Diese Stadt ist ein Ort des Lasters und des Verfalls. So wie Nardijan dem Untergang geweiht war, als es im Meer versank, so sind auch die Menschen hier verloren und in den Lastern und der Niedertracht untergegangen. Vielleicht war es auch das hübsche Kleid, welches du nun trägst, dass diese Halunken zu ihren Taten veranlasst hatte. Und vermutlich wäre es weiser gewesen, es erst dann anzulegen, wenn wir Akadien erreicht hätten. Also liegt es auch an mir, mich bei dir zu entschuldigen. Ich hatte nicht erwartet…« Er wollte sagen, dass sie sich von ihm trennen würde um sich in der Gesellschaft eines anderen Mannes zu sonnen. Doch er presste die Lippen aufeinander und ließ die Worte unausgesprochen verklingen. »Diese Stadt, halb versunken halb verloren, ist anders, als jene, zu welcher uns unsere Reise führt. Hier bist du nur eine Frau in einem schönen Kleid. Doch dort, bist du weit mehr als das. Du wirst es verstehen, wenn wir dort sind. Nicht alle Menschen sind schlecht. Es gilt nur die Guten von den Schlechten zu unterscheiden.« Er seufzte und legte ihr dann die Hand auf die Schulter.

»Wir sollten schauen, dass wir verschwinden. Ich möchte den Kerlen ehrlich gesagt nicht mehr begegnen, denn dann fließt sicherlich Blut.« Entaro nickte und führte Isaé vom Ort des Geschehens fort. »Nun, da wir uns gestärkt haben, und auch ein wenig getrunken, wäre es ratsam einen Ort für die Nacht zu finden. Die Reise ist noch weit und in der Nacht ist es kalt, so hoch oben in der Luft. Ich schlage vor, wir suchen uns ein Quartier für die Nacht und vergessen diesen Tag ganz einfach.« Ohne eine wirkliche Antwort abzuwarten, bog Entaro von dem geraden Weg, welcher sie geradewegs zum Lager des Drachen geführt hätte, in eine Seitengasse ein. Er führte Isaé durch die Gassen, ohne wirklich zu wissen wohin diese eigentlich führten. Es war nicht so, dass er sich in dieser Stadt sonderlich gut auskannte. Doch gab es hier auch kaum Menschen, die man nach dem Weg hätte fragen können. Jede Richtung erschien zu dieser späten, dunklen Stunde als die richtige und zugleich auch als die falsche. Die Gasse, welche sie gerade betreten hatten wirkte düster und schlängelte sich schmal durch eine Reihe Häuser, die offensichtlich erst nach dem Untergang der Stadt errichtet worden waren. Es roch nach alten Küchenabfällen und abgestandenem Urin, von welchem man nicht beurteilen vermochte, ob er von Ratten, Pferden oder Menschen stammte. Oder etwas noch Schlimmeren und Älterem. Älter als die Stadt selbst war. Entaro führte Isaé durch die Gasse, bis diese plötzlich einfach in dem Wasser verschwand. Das Einzige, was man von der Gasse und den ehemals wohl gepflegten Pflastersteinen noch sehen konnte, waren einige, von Moos und Algen bewachsene Stufen, die in dem trüben, fast schwarzen Wasser verschwanden. Einst, als die Stadt noch nicht vom Meer geholt worden war, führte sie zweifellos in eine bessere Gegend, als sie es heute war. Doch für den Moment war dies der beste Ort, den diese versunkene Stadt zu bieten hatte.

Entaro verharrte für einen Augenblick und es wirkte beinahe, als ob er erschrocken erstarrt wäre. Sein Blick viel auf den dunklen Turm, der sich unweit von ihnen aus dem Wasser ragend vor ihnen erhob und in dessen Schatten sie standen. Er starrte den Turm an und spürte, wie der Herzschlag in seiner Brust stärker wurde und diese zum Beben brachte. Hatte er diesen Weg eingeschlagen, und sie ausgerechnet an diesen Ort geführt? Er schüttelte, kaum merklich und nur für einen Augenblick, den Kopf. Als könne er selbst nicht glauben, dass sie nun an diesem Ort angelangt waren. Oder war es das Schicksal, welches sie an diesen Ort geführt hatte? Er schloss, für einen Moment lang, die Augen und seufzte. »Daereans Pfad der Erleuchtung ist gesäumt von Finsternis, Lug und Trug.«, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Isaé, welche seine Worte wohl kaum bemerkt hatte. Sie hatte nur Augen für den versunkenen Weg vor ihnen. »Der Weg ist versunken. Wir müssen wohl umkehren. Du hast dich verlaufen, Drachenreiter, oder?« Sie lächelte verschmitzt und hieb ihm ihren Ellenbogen neckisch in die Seite. Entaro hingegen schluckte und warf der Hexenjägerin einen flüchtigen Blick zu. Er wurde sich gewahr, dass nun eine gute Gelegenheit gewesen wäre, ihr reinen Wein einzuschenken. Sie über die Natur dieses Turmes aufzuklären. Die Schleier der Dunkelheit zu lüften und ihr zu gestehen, dass dieser Ort der Grund war, warum sie überhaupt hier waren. Doch er schwieg. Sein Blick verdunkelte sich und er warf dem Turm einen neuerlichen Blick zu. »Nein, Isaé. Wir haben uns nicht verirrt.« Er ließ seine Blicke über das dunkle Wasser schweifen, bis sie den Fuß des Turms erreicht hatten. Im Schatten des Turms konnte er einige Barken erkennen. Und schemenhafte Gestalten, die sich selbst kaum vom Schatten des Turms abhoben.

Anstatt Isaé über diesen Turm etwas zu erzählen entzog er sich galant aus Isaés Umarmung und führte dann Daumen und Zeigefinger zum Mund, um einen kurzen, hohen Pfeifton in die Nacht zu entsenden. Und noch ehe Isaé irgendwelche Fragen stellen konnte, vernahm man auch schon das Plätschern von Wasser, welches von einem kleinen Boot zur Seite gedrängt wurde. Das Schnaufen eines Mannes, der mit einem langen Stecken das Boot zu jener Gasse stakte, in welcher Entaro und Isaé standen, drang immer näher an ihr Ohr. Als das Boot sie schließlich erreicht hatte schlug es kratzend auf den Pflastersteinen auf und kam zum Stehen. Der Fährmann rammte den Stecken in den Boden und verhalf dem Boot damit zu einem sicheren Stand. Doch er würdigte weder Isaé noch Entaro eines Blickes. Er starrte einfach durch sie hindurch, als ob sie gar nicht anwesend wären und verharrte regungslos und stumm, bis sie endlich seine Barke betreten würden. Entaro wandte er sich wieder an Isaé, welche ihn mit einem Blick der Erkenntnis ansah. »Du warst hier schon einmal, oder?« Er nickte und in seinem Blick lag ein Hauch von Reue. »Und wann gedachtest du mich einzuweihen, du Geheimniskrämer?«, stellte Isaé entrüstet fest, was Entaro ein resignierendes Lächeln abrang. »Ich kenne einen geeigneten Ort, an welchem wir nicht von deinem Freund aus der Schenke, oder anderen seiner Freunde, behelligt werden würden.« Entaro deutete auf den herrschaftlichen Turm, welches unweit der überfluteten Gasse aus dem Wasser ragte und dessen oberen drei Stockwerke in hellem Licht erstrahlten, während das Unterste, welches sich knapp über dem Wasserspiegel befand, nur gähnende, schwarze Fenster offenbarte. Eben jener dunkler Turm, welcher ihn schon seit geraumer Zeit in seinen Träumen verfolgt hatte. Der letzte Ort der gefallenen Reiche, die er betreten wollte und zugleich musste, bevor er in die Heimat zurückkehren konnte. Wenn man genauer hinsah, konnte man erkennen, dass sich unter jenem, finsteren Stockwerk noch ein weiteres befand, welches gänzlich unter Wasser lag. Doch heute lebte dort niemand mehr. Nur Fische, Algen und Entaro würde es nicht wundern, wenn dort auch die eine oder andere Leiche ihr Dasein fristete.  »Einst war dies das Haus des hiesigen Adelsgeschlechtes.« Er grübelte doch der Name des Hauses wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. »Den Namen habe ich vergessen. Doch als die Stadt im Meer versank, da gaben sie dieses Haus auf und errichteten am anderen Ende der Stadt eine herrschaftliche Residenz. Heute leben hier keine Adeligen mehr, und doch könnte dein Kleid im Augenblick nicht passender sein.« Isaé warf Entaro zunächst einen verwirrten Blick zu, bevor sie dem Turm daraufhin einen skeptischen Blick zuwarf. »Anders gekleidet würden sie uns niemals hineinlassen.« Entaro lächelte und reichte Isaé die Hand um sie , ohne weitere Umschweife und bevor sie noch irgendwelche Fragen stellen konnte, die Entaro ohnehin nicht beantworten würde können, auf das Boot zu führen. »Nach euch, meine Dame.« Er wartete, bis Isaé festen Stand gefunden hatte, bevor er ihr auf die Barke folgte.

Das Boot glitt beinahe lautlos über das Wasser. Wie über einen Spiegel, während die versunkenen Häuser zu beider Seiten emporragten. Und nur das Schnaufen des Fährmanns und das Eintauchen des Stecken ins Wasser waren die einzigen Geräusche die zu so später Stunde noch zu vernehmen waren. Es herrschte ein beinahe bedrückendes und beklemmendes Gefühl, welches sowohl die Hexenjägerin, als auch den Drachenreiter einzuvernehmen schien. Als das Boot endlich das versunkene, und einzige erleuchtete Haus in der näheren Umgebung erreicht hatte, öffnete sich eine große, hölzerne Tür, welche offensichtlich erst nach der großen Flut in die Häuserwand geschlagen worden war. Hinter dem Tor stand ein fein und adrett gekleideter Mann und breitete, beinahe überschwänglich die Arme aus, bevor er daraufhin eine knappe Verbeugung andeutete. »Willkommen im Haus der tausend Wünsche!«
#51
Vaskir de Escroc ❖
drache-die Barke glitt auf dem dunklen Wasser dahin, und Isaé fragte sich, welchen Ort Entaro wohl meinen könnte. Schließlich gab es hier nur versunkene Häuser, und es sah alles andere als danach aus, etwas anderes finden zu können. Doch sie wurde eines Besseren belehrt, als sie eine Weile auf dem Wasser dahinglitten, tauchte ein Haus auf, dessen Fenster hell erleuchtet waren, und dies war es auch, welches der Bootsmann ansteuerte. Der Anlegesteig war ebenfalls durch einige Fackeln erleuchtet, und Isaé blickte Entaro fragend an. „Einst war dies das Haus des hiesigen Adelsgeschlechtes. Doch sie gaben dieses Haus auf und errichteten am anderen Ende der Stadt eine herrschaftliche Residenz. Heute leben hier keine Adeligen mehr, und doch könnte dein Kleid im Augenblick nicht passender sein. Denn anders gekleidet würden sie uns niemals hinein lassen.“ Galant und lächelnd reichte er ihr die Hand und Isaé erwiderte das Lächeln und legte ihre Hand in die Seine. Als sie mit einem Bein auf den Bootsteig stieg, und sich mit dem anderen abstieß, um das Boot zu verlassen, verhedderte sie sich in dem ungewohnten Kleid und kam ins Straucheln. Entaro verfestigte den Druck um ihre Hand, um sie festzuhalten, dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sie sich ihm unbeabsichtigt entgegenwarf. „Verzeih… das Kleid…“ kicherte sie, denn immer noch wirkte das Feuermohnopium in ihr, was sie nur wenig vorher geraucht hatte. Ein wenig verlegen strich sie sich das Haar zurück, und dann traten sie an die Türe, wo schon ein eifriger Diener stand und sie begrüßte. „Willkommen, im Haus der tausend Wünsche!“ „Haus der tausend Wünsche?“ murmelte Isaé, und blickte den Diener fragend an. Dieser nickte eifrig. „Was immer euer Herz begehrt, was immer euer Wunsch ist, in diesem Haus wird er wahr.“ Bei diesen Worten streifte Isaés Blick für einen kurzen Moment den Drachenreiter. Dieser Wunsch bestimmt nicht. Dann wandte sie sich wieder dem Diener zu „Jeder Wunsch? Und ihr seid euch wirklich sicher?“ hakte sie zweifelnd nach. „Aber natürlich, so wahr ich hier stehe…“ erwiderte er fast beleidigt. „Nun gut, dann lass uns eintreten…“ meinte sie lächelnd zu Entaro und der Diener tat beiseite um ihnen Einlass zu gewähren.

Ein verheißungsvoller Anblick offenbarte sich ihnen. Über ihnen, an der Decke, hingen schwere Kerzenleuchter, an welchen in einem solch verschwenderischen Ausmaß Kerzen angebracht waren, und zwar teure Kerzen, aus Bienenwachs oder Walrat, dass Isaé kaum ihren Augen traute. Es gab drei Etagen in diesem Haus, und alle waren sie strahlend hell erleuchtet. „So wie mir das hier aussieht, ist es nicht bloß eine Gastwirtschaft, sondern ein Etablissement, um sich zu vergnügen?“ fragte Isaé Entaro. „Das Haus der tausend Wünsche… Welche Wünsche mag der Drachenreiter wohl haben, die er sich hier zu erfüllen erhofft?“ feixte Isaé. Sie hakte sich bei ihm unter und so schritten sie dahin. Es gab viele große Zimmer, deren Türen jedoch alle einladend weit geöffnet standen. In der zweiten Etage, das konnte man jedoch von hier aus nicht sehen, gab es ebenso Zimmer, doch die Räume waren bedeutend kleiner, und sie waren sehr wohl von Türen verschlossen.

Plötzlich kam ein anderer Herr anspaziert. Seine Kleidung war bedeutend nobler und aufwändiger als die des Dieners, weswegen, und auch seines selbstbewussten Auftretens wegen, es sich hier wohl kaum um einen weiteren Diener handeln konnte. „Willkommen im Haus der tausend Wünsche. Mein Name ist Vaskir de Escroc, und ich bin der Besitzer dieses Hauses. Erlaubt mir, euch mit den Sitten und Gebräuchen dieses Etablissements vertraut zu machen. Zu allererst ist der Eintritt zu entrichten, fünfzig Kronen pro Nase… Betrachtet diesen Betrag als Eintrittskarte zu allen erquicklichen Vergnügen, die dieses Haus zu bieten hat. Ihr bezahlt einmal und sonst nichts mehr, Speis und Trank ist ebenso inkludiert. Danach lustwandelt, wo ihr nur wollt. Wir haben auserlesene Schönheiten aus allen Teilen der Welt hier, doch nicht nur weibliche, nein, wir sind stolz darauf, auch unseren weiblichen Gästen mit einer Auswahl an jungen, aber auch älteren Männern, die mit großartigen…“ dabei hüstelte er gekünstelt… „ Attributen ausgestattet sind, dienen zu können. Ich verspreche euch, für jeden Geschmack und für jede Vorliebe, mag sie auch noch so außergewöhnlich sein, ist etwas dabei.“ Er deutete mit der Hand in eine bestimmte Richtung. „Dort findet ihr unsere Rauchstube... Zahlreiche Tabake und Pfeifenkraut, exotisch und heimisch, mit oder ohne besonderen oder berauschenden Ingredienzien warten von euch probiert zu werden. Ooooder…“ Dann wandte er sich in die andere Richtung „Nehmt Platz an unserer lukulischen Tafel, frönt der Gaumenfreuden, trinkt Wein bis zur Besinnungslosigkeit… Geht in unseren Spielsalon, wo ihr eure Spielgelüste im Würfelspiel, beim Wetten, Rätselraten oder anderem befriedigen könnt. Auch ein Musikkabinett gibt es, wo äußerst talentierte Spielleute wohlklingende Musik spielen. Setzt euch hin, und lauscht, oder tanzt… Ihr seht, das Haus der tausend Wünsche lässt keine Wünsche offen. Im zweiten Stock befinden sich die Gästezimmer. Eures ist schon hergerichtet.“ Mit diesen Worten zückte er einen Schlüssel, an welchem ein großes, bunt bemaltes Holztäfelchen mit einer Nummer darauf baumelte. „Auch dort findet ihr alles, was ihr braucht. Ihr könnt Euch sofort ins treiben stürzen, oder euch vorher frisch machen, ganz wie ihr wollt.“ Erwartend blieb er stehen, um das Eintrittsgeld einzustreichen. Isaé wandte sich dabei dezent ab, denn sie besaß ja kein Geld mehr, wegen dem Kleid, welches sie nun am Leib trug. Entaro hatte sie hierher geführt, darum sollte auch er bezahlen. Insgeheim traute Isaé weder ihren Augen, noch ihren Ohren. Hatte Entaro sie wirklich in ein Haus geführt, wo nur Laster und Verderben herrschte?“ Was wollte er hier? Nur, um hier zu nächtigen, dafür war die Ausgabe von hundert Kronen für sie beide empfindlich zu teuer. Sie überlegte sich, was sie wohl zuerst tun wollte. Sie staunte, dass es hier auch so etwas wie männliche Dirnen zu geben schien, davon hatte sie noch nie gehört. Und wenn sie ehrlich war, reizte sie dies. Natürlich würde sie Entaro in jedem Fall den Vorzug geben, dieser ehrbare Mann mit seinen Prinzipien und seinem Glauben besaß etwas unglaublich fesselndes. Und soweit sie die Rauchstube richtig verstanden hatte, handelte es sich hier um nichts anderes als um eine Opiumhöhle, unter einem besser klingenden Deckmäntelchen. „Also, Entaro…“ lächelte sie schadenfroh, und schnalzte dabei mit der Zunge. „Du hast mich in ein Freudenhaus geführt? Denn nichts anderes als das scheint das ‚Haus der tausend Wünsche‘ zu sein. Was also willst du zuerst tun? Vielleicht zuerst etwas Essen? Oder willst du Wein bis zur Besinnungslosigkeit trinken…“ kichert sie, „…und dir dann eine der erlesenen Schönheiten auf dein Zimmer mitnehmen? Wir könnten auch in die Wettstube gehen, denn ich wette mit dir, dass mir das Haus der tausend Wünsche den meinigen nicht erfüllen wird“ zwinkerte sie geheimnisvoll.
#52
Fünfzig Kronen ❖
drache-das Haus der tausend Wünsche ließ fast keine Wünsche offen. Zumindest auf das ungeübte Auge. Für einen Außenstehenden mochte dies wie eine Lasterhöhle voller wohlerzogener und adrett gekleideter Halunken sein. Doch wenn man tiefer unter die Fassade spähte, erkannte man, dass nichts war, wie es schien. Und nichts schien, wie es war. »Was immer euer Herz begehrt, was immer euer Wunsch ist, in diesem Haus wird er wahr.« Entaro schmunzelte bei diesen Worten. Isaés Neugierde hingegen schien geweckt worden zu sein. »Jeder Wunsch? Und ihr seid euch wirklich sicher?« Der Diener nickte und Entaro schüttelte unisono den Kopf. Er wusste, dass nicht jeder Wunsch gleich war, und dass das Haus der tausend Wünsche seinen Namen nicht deswegen trug, weil es Wünsche erfüllte. Tausend Wünsche waren furchtbar schnell verbraucht, wenn man nur die falschen Wünsche hegte, dies hatte er selbst am eigenen Leib erfahren.

Nach einigem Wortgeplänkel wurden sie schließlich eingelassen und ihnen bot sich ein wahrhaft imposanter Anblick dar. Und noch während Isaé lustwandelte und Entaro ihr seinen Arm dargeboten hatte, um sich bei ihm einzuhaken, kam sie natürlich nicht umhin ihrer entfachten Neugierde weiteren Ausdruck zu verleihen. »Das Haus der tausend Wünsche. Welche Wünsche mag der Drachenreiter wohl haben, die er sich hier zu erfüllen erhofft?« Entaro blieb unvermittelt stehen und seufzte. Er wandte Isaé den Kopf zu und schüttelte müde den Kopf. »Keine, die das Haus der tausend Wünsche zu erfüllen vermag.« Er seufzte abermals und schickte sich wieder an weiterzugehen. »Eine ruhige Nacht. Ich habe meine tausend Wünsche bereits verbraucht, Isaé. Und du wärest gut daran beraten dir deine Wünsche zu bewahren, brennen sie dir noch so sehr auf der Seele.« Vermutlich würde sie nicht auf ihn hören. Oder seine Worte als einen väterlichen Rat abtun, der vielleicht weise war, den es aber nicht weiter zu beachten galt. Und Entaro kam nicht umhin ein drittes Mal zu seufzen. »Wir sind nicht hier, weil ich unbedingt hier sein möchte, Isaé.« Erneut erntete er ihre neugierigen Blicke. Blicke jener Sorte die verrieten, dass er weitersprechen sollte. »Wir sind hier, weil diese versunkene und verlorene Stadt uns keine andere Alternative lässt. Es gibt Dinge an diesem Ort, die wir nicht herausfordern sollten. Und darum sind wir hier, und nicht draußen.« Dass der Herr der tausend Wünsche etwas in seinem Besitz hatte, das Entaro gehörte, verschwieg Entaro dabei. Es sollte sich noch weisen, dass dies eine törichte Entscheidung gewesen war. Entaro zog Isaé ein wenig näher an sich heran. »Doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir hier drinnen in Sicherheit sind. Wir sind nur so lange in Sicherheit, so lange das Haus der tausend Wünsche weiterhin das Haus der tausend Wünsche bleibt.« Damit, so fand er, hatte er seinem Ratschlag keine Wünsche zu hegen, genügend Nachdruck verliehen. Doch Entaro war in dieser Hinsicht einfach zu leichtgläubig gestrickt. Menschen zog es immer zum Verbotenen und zum Geheimnisvollen hin. Je mehr man einem Mensch etwas verbot, desto neugieriger wurde er. Hätte Entaro Isaé reinen Wein eingeschenkt und ihr erzählt, dass er vor langer Zeit hier beinahe alles verloren hatte was ein Mann verlieren konnte. Hätte dies etwas geändert? Vermutlich nicht, denn die Neugier des Menschen war auch dann stärker als seine Vernunft, wenn man wusste, dass andere Menschen gescheitert waren. Denn Menschen glaubten auch, dass sie stets besser und mehr vom Glück gesegnet waren, als jene, denen das Unglück widerfahren war. Sie glaubten, ihnen würde nicht dasselbe geschehen. Sie glaubten, sie würden es besser machen. Schlauer. Sie würden nicht dasselbe Schicksal erleiden müssen als die anderen, denn die anderen hatten nur Pech gehabt. Entaro hatte Isaé gewarnt. Sie sollte keine Wünsche äußern, und das zu keinem besseren Zeitpunkt, denn just in diesem Augenblick stolzierte ein altbekanntes Gesicht auf die beiden hinzu. Entaro hatte ihn sofort erkannt, doch wenn dies auf Gegenseitigkeit beruhte, so ließ er sich nichts anmerken. »Willkommen im Haus der tausend Wünsche. Mein Name ist Vaskir de Escroc, und ich bin der Besitzer dieses Hauses.« Entaro deutete eine dezente, wenn auch nicht allzu überschwängliche, Verbeugung an und gebot Isaé es ihm gleichzutun. Es war Sitte in diesen Landen, und es war sowohl unhöflich als auch äußert unbesonnen einen Herren des Hauses zu beleidigen, indem man ihm den Respekt, der ihm zustand, verweigerte. Vaskir ließ sich nicht lumpen. Er kassierte die übliche Gebühr für die Nacht in seinem Haus. Eine stattliche Gebühr, doch Entaro zögerte nicht, sie zu entrichten. Schließlich wusste er, wenn man das Haus der tausend Wünsche verlassen würde, ohne dass ein Wunsch geäußert, oder erfüllt worden war, man einen Wunsch vergütet bekam. Und da Entaro keine erfüllbaren Wünsche hegte, und bereits tausend Wünsche erfüllt worden waren, war er sich sicher, zumindest einen Wunsch zu erhalten. Einen Wunsch, der nicht sehnlicher in seinem Herzen brennen konnte.

Bei Isaé war sich Entaro, trotz seiner mahnenden Worte, nicht gar so sicher. Und darum zählte er die Münzen aus seinem Beutel ab, wohlwissend dass Isaé sich bereits abgewandt hatte. Doch anstatt Vaskir nur das Geld zu überreichen, legte er zusätzlich zu den fünfzig Kronen, welche der Eintrittspreis waren, einen kleinen Bernstein obenauf. Das Erkennungszeichen, dass ihn als Angehörigen Daereans Bunds auswies. Und ein Fingerzeig, dass der Herr des Hauses spätestens jetzt wissen musste, wer er war. »Wir hegen keine Wünsche.« Und auch nachdem Vaskir das Geld in Empfang genommen und das unscheinbare Glimmen im Inneren des Bernsteins bemerkt haben musste, hatte er sich nichts anmerken lassen, sehr zur Verunsicherung Entaros, welcher nicht gar so geschickt darin war seine Gefühle hinter einer eisernen Maske zu verbergen. Vaskir hatte nur genickt und ihn mit einem durchdringenden Blick angesehen. Entaro hatte erwartet, dass Vaskir die fehlenden fünfzig Münzen einfordern würde, doch er schien sich mit dem Bernstein zufriedenzugeben. »Seid ihr euch da sicher, Drachenreiter?« Er lächelte dünn und ließ den Bernstein in seine Tasche gleiten und wandte sich schließlich von ihm ab. Entaro kam nicht umhin Vaskir mit einem verunsicherten Blick anzustarren. Auf einmal fühlte Entaro sich als würde er heimlich beobachtet werden, und dies bereitete ihm noch weit mehr Unbehagen. Woher wusste Vaskir von dem Drachen?

Isaé riss ihn schließlich aus seinen Gedanken, als sie sich wieder bei ihm eingehakt hatte. »Also, Entaro…« Ihre Stimme war wie Balsam auf seiner Seele, an derer der Selbstzweifel zu nagen begonnen hatte. »Du hast mich in ein Freudenhaus geführt? Denn nichts anderes als das scheint das ‚Haus der tausend Wünsche‘ zu sein.« Entaro schüttelte den Kopf. »Verwechsle Schein nicht mit Sein, Isaé. Die Freuden dieses Hauses sind nur von kurzer Dauer.« Isaé schien von Entaros Worten nicht sonderlich überzeugt zu sein. »Was also willst du zuerst tun?« Den ersten Gedanken der Entaro in den Sinn kam, behielt dieser für sich. Vaskir das Kleinod entreißen und von hier verschwinden! Auch den zweiten Gedanken behielt er für sich. Daerean um Beistand bitten. Stattdessen äußerte er schließlich seinen dritten Gedanken. »Ein Bad nehmen.« Es war ein langer Ritt auf dem Drachen gewesen. Die Annehmlichkeiten des Hauses konnten warten. Sie mussten warten. »Und dann?« hakte Isaé unvermittelt nach. »Vielleicht zuerst etwas essen? Oder willst du Wein bis zur Besinnungslosigkeit trinken?« Sie kicherte und Entaro ertappte sich dabei, wie er ebenfalls lächelte. »Der Wein hier ist goldener Wein aus den Wilderlanden.« Golden wie der Bernstein, den er Vaskir gegeben hatte. Golden wie Daereans Seele. Dieser Wein brachte keine Besinnungslosigkeit, nur Abhängigkeit. Entaro schüttelte den Kopf. »Wir brauchen unsere klaren Gedanken noch. Sowohl diese Nacht, als auch am morgigen Tag, wenn wir unsere Reise fortsetzen.« Erneut schüttelte er den Kopf. »Keinen Wein.« Seine Stimme war beinahe bestimmend.

Doch dann gelang es Isaé doch Entaros Ablehnung zu durchdringen und seine Neugierde zu erwecken. »Wir könnten auch in die Wettstube gehen, denn ich wette mit dir, dass mir das Haus der tausend Wünsche den meinigen nicht erfüllen wir.« Seine Augen wurden ein wenig größer und er neigte den Kopf fragend zur Seite. »Wenn dir das gelänge…Einen unerfüllbaren Wunsch zu äußern…« Sein Lächeln wurde beinahe überschwänglich. »Wie lautet dein Wunsch, wenn mir diese Frage gestattet ist?«

Auf dem Weg zu ihrem Zimmer begegneten sie einigen wunderschönen, jungen Damen. Ihre Erscheinung ließ erahnen, dass sie von adeligem Geblüt sein mussten, doch dem war nicht so. Sie waren gewöhnliche Frauen. Dies verriet auch ihre einfache Garderobe. Sie trugen weder Protz noch Prunk. Lediglich einen einzelnen, wohlgeschliffenen Edelstein trug jede von ihnen um den Hals. Und als sie Isaé erblickten lächelten sie unisono, wie aus einem Mund. »Willkommen im Haus der tausend Wünsche.«, hauchte eine von ihnen mit einer verführerisch, dünnen Stimme die einem sanften Nebel glich, der durchs Haar glitt. Es waren drei Frauen an der Zahl, und während eine von ihnen, jene die gesprochen hatte, sich Entaro zuwandte, widmeten sich die anderen beiden Isaé, die in ihrem Kleid so viel adeliger aussah, als diese drei Frauen, wenngleich jede einzelne von ihnen viel schöner als Isaé war. Es war keine wirkliche Schönheit, die sie ausstrahlten. Vielmehr eine unwirkliche Schönheit. Als ob eine betörende Illusion hier am Wirken war. »Mögen all eure Wünsche in Erfüllung gehen.«, säuselte eine von ihnen, und strich dabei Isaé so sanft über den Handrücken, dass man glauben mochte, sie hätte sie gar nicht berührt. Doch plötzlich hielt sie inne und sah Isaé tief in die Augen. »In dir brennt ein Wunsch. Stark und … verboten.« Sie leckte sich vorsichtig über die Lippen, als wägte sie ihre folgenden Worte sorgfältig ab. »Und in dir brennt noch etwas…anderes. Hexenjägerin.« Mit diesen Worten legte sie ihre Hand auf Isaés Brust, in welcher der Feuermohn brannte. Sofort war das Interesse der anderen Frauen geweckt, selbst jener, die sich Entaro genähert hatte. Jede von ihnen berührte den Edelstein, der um ihren Hals hing und in dem schummrigen Licht schien es beinahe, als ob sich die Iriden ihrer Augen silbern verfärben würden. Als Entaro erkannte, dass die drei Frauen im Begriff waren Isaé in ihren Bann zu ziehen und er verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. Und von einem Augenblick auf den anderen hielten sie inne und lächelten. Eine von ihnen kicherte und die andere nickte Isaé zu. »Gehabt euch wohl. Drachenreiter.« Ein letztes, verhallendes Kichern erklang, und dann waren sie um die nächste Ecke verschwunden.

Das versunkene Haus war nicht sehr groß. Aus den einst fünf Stockwerken waren nur mehr drei geblieben. Und das unterste war nur für die Angestellten und Bediensteten vorgesehen, während in den oberen zwei Etagen die Wünsche offenbart wurden. Entaro und Isaé befanden sich im zweiten der drei Stockwerke und das Zimmer, welches man ihnen zugewiesen hatte, wies auf die versunkene Stadt vor ihnen. Die Dämmerung war hereingebrochen und auf den Straßen konnte man kaum noch Menschen entdecken. Nebel war aufgezogen und die Fenster und Türen jedes Hauses war verschlossen worden. Nur auf dem Wasser gab es kaum Nebel und als Entaro seine Blicke über das tiefschwarze Wasser unter dem Fenster wandern ließ, huschte wenige Augenblicke später ein dunkler Schemen durch das Wasser. Lautlos und gestaltlos. Entaro trat einen Schritt vom Fenster zurück und als ob bemerkt worden wäre, dass er etwas gesehen hätte, heulte mit einem Mal ein markerschütternder Gesang vom Ufer zu ihnen. Es klang wie das Wehklagen eines Wolfes, doch haftete dem Gesang eine dunkle Melancholie an. Entaro nickte grimmig. Die versunkene Stadt. Dem Untergang geweiht.

Mitten im Zimmer stand ein großer Badezuber, in welchem kochend heißes Wasser dampfte. Ein Diener hatte es gerade eben erst eingelassen und neben dem Zuber zwei frische und strahlend weiße Handtücher, sowie zwei schmucke Seifen in Form einer wohlgestalten jungen Frau und eines wohlgestalten jungen Mannes auf den Handtüchern aufgebahrt. »Möchtest du zuerst? Dann gehe ich solange vor die Tür, wenn du es wünscht.«, murmelte Entaro und nickte auf die Seifen. »Du musst die Seife in Form des Jünglings gebrauchen. Mir ist die Seife der jungen Maid angedacht. So ist es Brauch in diesem Haus.« Er hüstelte verlegen und wandte dann den Blick von den Seifenstücken ab. Dass es eigentlich Brauch war, dass beide Seifen zugleich gebraucht werden sollten, verschwieg Entaro allerdings. Entaro legte seinen Schwertgurt ab, und hängte diesen an einen Haken, nahe des Fensters. Auch seinen Ringpanzer und den schweren Mantel legte er ab und dann nahm er auf dem Schemel Platz, um sich schließlich auch seiner Stiefel zu entledigen. Schließlich trug er nur mehr seine Bruche, die Beinlinge und die Tunika am Leib und es war ein befreiendes Gefühl von der schweren Last befreit zu sein. Wenn auch nur für diese eine Nacht.
#53
Die Hausmischung ❖
drache-isaés Keckheit verschwand, als Entaro sie nach ihrem Wunsch fragte. Sie zuckte die Schultern und gab eine eher ausweichende Antwort. “Ich habe keine wirklichen Wünsche im Leben, um ehrlich zu sein. Wenn ich allerdings einen hätte, hätte ich diesen tief am Grunde meines Herzens vergraben, und dort bliebe er, fest verschlossen. Denn die Erfüllung unserer Wünsche obliegt uns selbst.“ Am Weg zu ihrem Zimmer begegneten Ihnen drei Frauen, die sich für Isaés Geschmack viel zu wenig in Zurückhaltung übten. Im Gegenteil, sie waren aufdringlich und das gefiel der jungen Frau überhaupt nicht. Der spröde Charme dieses Hauses bröckelte ebenso rasch, wie ihre anfängliche Begeisterung. Und wich einem unangenehmen Gefühl und einer unguten Vorahnung. Umso erleichterter war sie, als sie schließlich in das Zimmer geführt wurden. Isaé blickte sich um. Einen solchen Raum hatte sie noch nie gesehen. Nichts davon. Sie wusste nicht einmal, wie sie all das beschreiben oder benennen sollte. Solche Böden, solche Wände hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Sie trat an eine der Wände heran und fuhr prüfend mit ihren Fingern darüber, und dann traute sie ihren Augen immer noch nicht. Die Wände waren mit Stoff bespannt! Und was für ein Gewebe war das! Beinahe sah man mit freiem Auge weder Schuss noch Kette, so fein waren die Zwirne, die dafür verwendet worden waren. Isaé, die aus einfachsten bäuerlichen Verhältnissen stammte, und die aufwendige Prozedur kannte, welche für die Herstellung eines einfachen groben Gewebes für ein Kleid von Nöten war, konnte es kaum glauben. Fassungslos sah sie sich um und bot dabei wahrscheinlich sogar einen amüsanten Anblick. Darüber vergaß sie sogar die edlen, glatt polierten, glänzenden Steinböden.

Erst jetzt sah sie den Badezuber, nämlich als Entaro sie darauf aufmerksam machte. „Möchtest du zuerst? Dann gehe ich solange vor die Tür, wenn du es wünscht. Du musst die Seife in Form des Jünglings gebrauchen, mir ist die Seife der jungen Maid angemacht. So ist es Brauch in diesem Haus.“ Er setzte sich auf einen Schemel und zog sich die schweren Stiefel von den Beinen, so wie er sich auch von seiner Rüstung, Schwertgurt und dem Mantel entledigt hatte. Was war das hier für ein Ort? Entaro sprach in Rätseln und war offenkundig auch nicht bereit, Klartext zu reden. Er wusste scheinbar alles über diesen Ort doch war nicht geneigt, Isaé darüber aufzuklären. Dieses Haus hier war unheilvoll. Irgendwas ging hier vor sich, und es konnte nichts Gutes sein. Dieser schöne Schein, dieser offenkundig zur Schau gestellte Reichtum und Überfluss stank zum Himmel hin! Warum hatte er sie hierher gebracht? Und plötzlich wurde es Isaé zu viel. Die Hexenjägerin baute sich vor Entaro auf und schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte nicht baden. Weder will ich mich mit einer Seife in Männergestalt einseifen, noch mit einer die Brüste hat! Ich möchte nicht, dass du dich bemüßigt fühlst, hinauszugehen, falls ich mich zu einem Bad entscheide, noch möchte ich wie ein Hund vor der Türe warten. Warum hast du nicht zwei Zimmer genommen, wenn dir das so unangenehm ist? Immerhin sind wir zwei erwachsene Menschen mit Vernunft und Verstand. Ich kann von dir doch wohl erwarten, dass du mich weder angaffst, noch angreifst, wenn ich bade oder in einem Bett neben dir läge, und das kannst Du auch von mir erwarten. Selbstverständlich kannst das! Meine Absichten sind ehrbar. Ich bin überhaupt nicht neugierig darauf, was Du da…", deutete sie mit einem Kopfnicken auf ihn und seine Gewänder, wobei ihr Blick unbeabsichtigt an der Bruche, die im Schritt zwischen den Beinlingen hervorlugte, hängenblieb. Als sie das bemerkte, errötete sie und ihr Blick flog pfeilschnell wieder in sein Gesicht „…unter deinen Gewändern hast!“ Das war vielleicht nicht unbedingt die reinste Wahrheit, aber das musste er ja nicht unbedingt wissen. „Du ergötzt dich geradezu an deinen Andeutungen! Du sagst du willst hier nicht sein, du sagst, wir sind draußen nicht sicher, aber auch hier drinnen nicht sicher! Und du sagst, kein Wein! Warum sind wir dann hier? Im Haus der Tausend Wünsche, an dem mir nicht einmal ein Becher Wein gestattet sei? Ich sag dir was, Entaro. Bade nur! Nimm die Weiberseife und obendrein noch die Männerseife! Du kannst dich völlig ungestört und ungesehen deiner Körperpflege hingeben. Es ist mir egal!“ Bevor er in ihrem Redeschwall auch nur eine Silbe entgegnen konnte, war sie mit zwei großen Sätzen bei der Türe angekommen, hatte diese aufgerissen und trat hinaus. Ein letztes Mal wandte sie sich zum Drachenreiter um. „Ich gehe jetzt etwas essen, denn ich bin hungrig! Ja, ich habe doch einen Wunsch: eine anständige Mahlzeit im Bauch! Und dazu einen Wein! Den lasse ich mir von dir nämlich nicht verbieten!“ Dann krachte die Tür ins Schloss und Isaé stapfte davon.

Als sie über den Flur lief, kam es ihr vor, als hörte sie ein schadenfrohes Kichern, doch wie sehr sie sich auch um blickte, sie sah niemanden. Was war das hier nur für ein Ort! Sie flog förmlich über die Treppen und ärgerte sich über alle Maßen über dieses Kleid das sie trug. Weinrot. Nein, Dirnenrot! Sie hatte ihr kornblumenblaues Kleid, jene Farbe die für Sanftmut, Ruhe, Treue stand, ausgetauscht für ein Kleid, dessen Farbe für alles stand, was sie nicht war! Isaé war so aufgebracht in diesem Moment, dass sie beinahe einen Bediensteten umgerannt hätte. Gerade noch hielt sie sich am Handlauf der Treppe an und blieb ruckartig stehen. Der Kerl erschrak, setzte aber sogleich ein maskenhaftes Lächeln auf. „Kann ich helfen, gnädiges Fräulein? Habt ihr einen Wunsch?“ Isaé nickte. „Ich bin hungrig, und hätte gerne etwas zu essen.“ Er nickte „Wenn ihr mir bitte folgen würdet? Ich geleite Euch in den Speisesaal…“ Die junge Frau folgte ihm in einen Raum in welchem mehrere kleine Tische standen. Obgleich er sie einem Tisch zuwies der mitten im Raum stand, schüttelte Isaé den Kopf und deutete auf einen Tisch der am Rand, und leicht im Verborgenen stand. Er hob fragend eine Augenbraue, als fragte er sich, was an dem zugewiesenen Tisch nicht stimmen würde. „Ist es nicht nach Euren Wünschen, gnädiges Fräulein?“ Isaé schüttelte den Kopf. „Ich möchte da drüben sitzen. Allein.“ „Ist das Euer Wunsch?“ Sie seufzte. „Ja. Ist es.“ „Wünscht ihr es?“ „Ja, ja und nochmals ja! Uns vor allem: Ich wünsche nicht gestört zu werden.“ Da verschwand die säuerliche Miene und wich einem beinahe aufrichtigen Lächeln und er verneigte sich leicht. „Euer Wunsch ist mir Befehl. Einen angenehmen Abend, gnädiges Fräulein!“ „Wünsche ich euch auch.“ Isaé ließ sich auf dem Stuhl nieder, und erst jetzt holte sie tief Luft und bliess die angestaute Luft aus den Backen. Jetzt schämte sie sich. Sie hatte sich völlig vergessen und Entaro angeschnauzt, als wäre sie irgendein flegelhaftes Gossenkind. Sie stützte den Kopf in die Hände und vergrub ihre Hände in ihrem Haar. Was musste er jetzt nur von ihr denken? Seine Absichten waren sicherlich nicht böse. Wenn er böse Absichten hätte, oder ihr etwas antun hätte wollen, dann hätte er sie nicht hierher bringen müssen. Dazu hätte es wahrscheinlich bereits mehr als genug Gelegenheiten gegeben, oder? Dennoch, sie so am ausgestreckten Arm zu verhungern lassen und sie nicht über den Stand der Dinge aufzuklären, war auch nicht gerade die feine Art. „Wein?“ riss ein einziges Wort sie aus ihren Gedanken und sie hob den Kopf. „Gerne! Danke!“ Ein fein geschliffenes bauchiges Glas wurde sacht auf den Tisch gestellt und aus einer dunkelgrünen Flasche eingeschenkt. „Sehr zum Wohl“ sagte der Bedienstete höflich und stellte die Flasche auf den Tisch. Isaé nahm das Glas in die Hand und schwenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin. Fruchtige und liebliche Aromen umwaberten ihre Nase, als sie diese in das Glas steckte und an dem Wein roch, bevor sie einen Schluck davon trank. Ein Gefühl von Wohlbefinden durchströmte sie, als sie den Wein auf ihrer Zunge schmeckte. Er war lieblich und wohlschmeckend, keine kantige, scharfe Säure, eher rund und mollig war das Gefühl. Süß und schwer. Wohlschmeckend, direkt süchtig machend! Eine Schüssel Essen wurde serviert. Perlhuhnbrust mit Blatt- und Wurzelgemüse. Sie aß schnell, und gar nicht damenhaft, wozu auch, sie war ja schließlich keine Dame, und trank noch zwei Gläser Wein. Weil der Wein gar so gut war, nahm sie die Flasche mit dem verbliebenen Rest darin kurzerhand mit. Am Weg zurück zum Zimmer drang ihr Rauch um die Nase. Da musste die Rauchstube sein! Da sie einer Pfeife nie abgeneigt war, beschloss sie, sich in der Rauchstube noch eine solche zu genehmigen. Immerhin war viel Geld hier liegen geblieben, da konnte man dieses Angebot durchaus in Anspruch nehmen! Und das tat sie auch. Außerdem hatte sie ziemlich schnell gegessen, vielleicht war Entaro eben aus dem Zuber gestiegen und stand splitterfasernackt da. Unmöglich, dass sie jetzt schon zurück aufs Zimmer ging!

Eingelullt in einem bequemen, gepolsterten Ohrensessel, die Beine lässig auf einem Fußschemel, rauchte sie im Kerzenlicht eine Pfeife, auf Empfehlung von Vaskir de Escroc höchstpersönlich befand sich im Pfeifenkopf die ‚Hausmischung‘. Sie war satt, sie war zufrieden, der Wein verlieh ihr ein wohliges Gefühl und die Pfeife einen gewissen Seelenfrieden. Aber etwas fehlte. Auch, wenn er noch so stocksteif war, und sie nur tadeln würde wegen der Pfeife, die sie rauchte, von der sie nicht einmal wusste, was da eigentlich drin war, und wegen dem Wein, vor allem wegen dem Wein! Den Wein, den er nicht erlaubt hatte und von dem sie reichlich getrunken hatte. Was war so schlimm daran? Auch wenn er kauzig war, sie mochte ihn, und jetzt fehlte hier nur Entaro!
#54
Die Regeln des Hauses ❖
drache-entaro seufzte schwer, als die Tür ins Schloss gefallen war, nachdem Isaé stürmisch den Raum verlassen hatte. Er schüttelte den Kopf und zog sich einen der Stiefel, die er soeben ausgezogen hatte, sogleich wieder an. »So ein Hitzkopf.« Er schüttelte nur den Kopf. Hätte sie doch nur etwas mehr Geduld bewiesen, dann hätte er ihr alle Geheimnisse, von denen er über diesen Ort wusste, verraten. Er konnte es ihr nicht sagen, solange sie nicht ungestört in ihrem Gemach waren. Das Haus hatte überall Ohren. Und nicht jedes Ohr hier war menschlicher oder gar wohlgesonnener Natur. Man musste sehr genau auf seine Worte achten, solange man sich in diesem Haus befand.

Als Entaro sich wieder die Stiefel angezogen hatte, zupfte er sein Wams zurecht und griff schließlich nach dem Schwertgurt. Doch bevor er ihn anlegte, hielt er einen Moment lang inne. Er schüttelte schließlich den Kopf und legte das Schwert, behutsam als wäre es eine zierliche Geliebte, die er zu Bette tragen würde, auf den kleinen Tisch, anstatt es, wie zuvor, an den Haken zu hängen. Viel Zeit war nicht vergangen, seit Isaé den Raum verlassen hatte. Doch Zeit genug um etwas Törichtes getan zu haben. Entaro sputete sich und verließ schließlich den Raum um sie zu finden.

Er eilte durch den Rundgang, welcher alle Zimmer miteinander verband. Jedes dieser Zimmer mutete wie die Form eines, in gleich große Stücke geteilten, Kuchens an. Auf dieser Etage gab es ungefähr zwanzig Gemächer, welche allesamt dieselbe Keilform hatten und jedes dieser Zimmer bot einen Ausblick auf das Meer, oder das nahe Festland. Je nachdem wo man sich nun im Turm befand. Da die Amüsierräume und der Bankettsaal sich nicht auf dieser Ebene befanden, verschwendete er keine Zeit damit Isaé hier zu suchen. Stattdessen hielt er schnurstracks auf die Treppe zu, welche in das oberste Geschoss des Turmes führten. Hätte Entaro vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit walten lassen, oder wären seine Gedanken nicht völlig von Isaé und den möglichen Dummheiten, die sie begehen konnte, vereinnahmt gewesen, wären ihm möglicherweise das leise Kichern aufgefallen, welches eher belustigt, als boshaft wirkte. Und dass die Augen der Gemälde, die in verschiedensten Größen und Formen die Wände zierten, ihm zu folgen schienen. Fast schien es, als ob jenes Kichern aus dem alten Gemäuer des Turmes zu kriechen schien. Doch es war so leise, dass man es nur vernehmen konnte, wenn man angestrengt lauschte und sich völlig darauf konzentrierte. Doch Entaro hatte in diesem Augenblick weder den nötigen Spürsinn, noch die entsprechende Aufmerksamkeit.

Entaro erreichte schließlich das oberste Stockwerk des Turms der Wünsche und noch ehe er nach Isaé suchen konnte, stellte sich ihm förmlich ein Mann entgegen. »Guten Abend. Willkommen.« Entaro hielt inne und beäugte den Mann, doch er erwiderte nichts, sondern zog es vor schweigend zu nicken, zum Zeichen, dass er den Mann zwar verstanden hatte und ihm ebenfalls einen guten Abend wünschte, aber sich auf keine Spielchen einlassen würde. »Habt ihr irgendeinen Wunsch, werter Herr?« Entaro schüttelte nur den Kopf. »Verlangt es euch nach etwas amüsanter Abwechslung? Oder vielleicht nach einem opulenten Mahl?« Wieder schüttelte Entaro den Kopf. Doch er wusste, dass er den Bittsteller auf diese Weise niemals loswerden würde. »Vielen Dank. Ich bin wunschlos glücklich. Ich suche nur etwas Zerstreuung, und lustwandle durch dieses alten und wunderbar prächtigen Gemäuer.« Der Bedienstete nickte und deutete eine leichte Verbeugung an. »Wie ihr wünscht.« »Nein, ich wünsche dies nicht.«, widersprach er mit Nachdruck. »Ich hege keine Wünsche und ich begehre nichts.« Der Bedienstete lächelte dünn, doch lag in diesem Lächeln absolut keine Gefühlsregung. Man konnte nicht erkennen ob er wissend, schadenfroh, enttäuscht oder einfach nur freundlich war. Entaro war bewusst, dass die Menschen, die sich hier in den Diensten des Hauses befanden, eine seltsame, fast unmenschliche Art an sich hatten. Sie wirkten beinahe wie Marionetten, die zu keinen eigenen Gefühlen, Gedanken oder Wünschen befähigt waren. Und wie Recht er damit hatte, war selbst Entaro nicht bewusst, der selbst von sich glaubte alles über dieses verwunschene Haus zu wissen. Denn diese armen Seelen waren nichts anderes als Männer und Frauen, welche im Haus der Wünsche zu viele Wünsche geäußerte hatten und am Ende nichts mehr hatten, um diese bezahlen zu können, so dass sie ihre Seele an den Herrn des Hauses verloren hatten. Sie waren willenlos und hingen an seidenen, unsichtbaren Fäden, welche sie auf ewig an dieses Haus und seinen Herren banden.

»Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet?«, erhob Entaro die Stimme erneut. »Ich möchte einfach nur meine Ruhe.« Erneut lächelte der Diener so undurchdringlich und unheimlich und nickte. »Aber gewiss. Wenn dies euer Wunsch ist?« Entaro seufzte genervt. »Nein ich wü…« Abrupt hielt er inne, als er sich gewahr wurde, dass er beinahe dazu verleitet worden wäre, einen verborgenen Wunsch geäußert zu haben. »Ich hege keinen Wunsch. Wenn es soweit ist, lasse ich es euch wissen, seid euch dessen gewiss.« Wieder nickte der Diener und deutete eine Verbeugung an.« Wie ihr es wünscht.« Entaro seufzte. Dies führte zu nichts. Dieses Spiel konnte diese Marionette ewig lang so treiben bis Entaro schließlich in die Falle tappte. Er erwiderte nichts mehr darauf und schnaubte nur. »Gute Nacht.«, antwortete er nur kurz angebunden und entfernte sich von dem unheimlichen Mann. »Auch ich wünsche euch eine gute Nacht, werter Herr.« Entaro hielt inne und wandte sich nochmals zu dem Bediensteten um. »Ich habe euch aber keine gute Nacht gewünscht.« Und dann wandte er ihm gänzlich den Rücken zu. Während er sich von dem Mann entfernte war es ihm, als hätte er, wenn auch nur für einen winzigen Augenblick lang, ein sehnsüchtiges, fast enttäuschtes Raunen vernommen. Als ob zwei oder drei zierliche, fast seidene Stimmen unisono geseufzt hätten. Doch als Entaro nochmals innehielt, um in den stillen Gang zu lauschen, war es beinahe totenstill. Und so schüttelte er nur den Kopf und setzte seine Suche nach Isaé fort.

Nach einer Weile des Suchens fand er schließlich Isaé. Sie saß in der Rauchstube, welche sich nicht weit vom Bankettsaal befand. Sie saß in einem sehr bequemen Sessel und blies, genüsslich, den Rauch aus. Entaro trat an sie heran und starrte sie, für eine Weile lang, schweigend an und beobachtete sie dabei, wie sie einen Zug nach dem anderen tat. Sie schien es regelrecht zu zelebrieren. Schließlich, als sie ihn noch immer nicht von alleine bemerkt hatte, räusperte er sich, um sich ihrer Aufmerksamkeit gewiss zu sein. Dann zog er einen der Stühle zu sich und nahm darauf Platz. »Ich verstehe deine Wut nur zu gut.« Er sah ihr dabei tief in die Augen und erkannte, dass ihr Blick nicht klar auf ihn fokussiert schien. Vielleicht lag dies auch an den Kräutern und anderen Ingredienzien, welche sie in diesem Augenblick inhalierte. Und auch wenn es töricht war an diesem Ort über gewisse Dinge zu sprechen, so entschied Entaro, dass es nötig war Isaé, zumindest in einigen Dingen, reinen Wein einzuschenken. »Aber du musst es mir nachsehen. Ich hatte nicht die Absicht gehegt, etwas vor dir zu verheimlichen, oder dich unwissend im Dunkeln tappen zu lassen.« Er seufzte und zog den Stuhl dann noch etwas näher an sie heran. So nah, dass er seine Stimme zu einem Raunen senken konnte, damit keine Ohren hören würden, was er ihr zu sagen hatte. »An diesem Ort ist nichts wie es scheint. Und hättest du nur etwas mehr Geduld bewiesen, hätte ich dir in unserem Zimmer alles erklären können. Doch du...« Er schüttelte den Kopf und tat einen tiefen Atemzug. »...du konntest ja nicht warten.« Seine Stimme wandelte sich immer mehr zu einem Flüstern. »Und, so schwer es für dich auch zu begreifen scheint, ist dieser Ort der einzige Ort, an dem wir in dieser Nacht sicher schlafen können ohne fürchten zu müssen von Halunken…oder Schlimmeren…im Schlaf erdrosselt zu werden.« Er bedachte seine Worte mit weitsichtiger Behutsamkeit. »Diesem Land haftet seine Vergangenheit an. Und des Nachts geschehen seltsame Dinge in den verlassenen und verfallenen Straßen dieser Stadt. Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber jedes Haus in diesem gottlosen Ort hat Gitterstäbe vor den Fenstern.« Diese Gitterstäbe dienten nicht dem Zweck jemanden einzusperren, sondern etwas daran zu hindern, das Haus zu betreten. »Nachdem wir in der Schenke zu viel Aufmerksamkeit erregt hatten, und wir hier fremd sind, wäre es den Halunken ein Leichtes gewesen uns in der Nacht aufzuspüren.« Vielleicht wäre Entaro mit ihnen klar gekommen. Er hatte sie ja bereits besiegt. Doch wusste er, dass es an diesem Ort Schlimmeres gab als niederträchtige Halunken und skrupellose Halsabschneider. Und er wollte das Schicksal nicht unnötig mehr herausfordern, als sie es ohnehin schon getan hatten. »Und so sehr ich diesen Ort auch verabscheue, so kann man nicht leugnen, dass er sicher ist, solange man über Geld verfügt.«

Entaro schwieg für einen Moment und sah Isaé bedeutungsvoll in die Augen. »Und dies ist der Grund warum ich dir versuchte einzuschärfen hier keine leichtfertigen Wünsche zu äußern. Kein Wunsch, in diesem Haus, ist umsonst und unerfüllbare Wünsche bergen eine ungeheure Gefahr in sich. Und jene Wünsche die so banal sind, dass sie des Wünschens eigentlich nicht wert sind, können einen viel zu hohen Preis haben. Und wenn kein Geld mehr übrig ist, sind wir in diesem Haus gefangen, bis jeder geäußerte Wunsch bezahlt wurde. Du musst mit äußerstem Bedacht darauf achten, was du hier sagst.« Isaé sah Entaro mit einem schiefen Blick an. »Was soll das bedeuten, Entaro?“ Sie entließ einen Rauchkringel in die Luft, und kurz darauf noch einen zweiten. »Dass wir hier nur schlafen und sonst nichts? Kein Essen, kein Trinken, kein Vergnügen? Zeine Zerstreuung? Nichts dergleichen?« Entaro schüttelte den Kopf. »Nun. Natürlich kannst du hier essen und trinken und auch Spaß haben. Wobei ich wohl eine andere Auffassung von Spaß haben dürfte, als du.« Er kratzte sich am Kinn während er sich dabei verstohlen umsah, ob auch wirklich niemand lauschte. Doch sie waren ganz alleine und so wog sich Entaro in einer fadenscheinigen Sicherheit, dass die Worte, die sie miteinander sprachen, auch wirklich unter ihnen bleiben würden. »Aber du darfst dir all diese Dinge niemals wünschen! Hast du das verstanden?« Isaé sah Entaro verwundert an. »Wie soll ich mir denn etwas zu Essen, Trinken oder Rauchen bestellen, ohne es zu wünschen?« Entaro zog seine Linke Augenbraue empor und bedachte Isaé mit einem fast väterlichen und zugleich unverständlichen Blick. »Na so wie sonst auch? Du willst mir doch nicht weismachen, dass du in jeder Schenke deine Mahlzeiten bestellst, indem du den Wunsch danach äußerst?« Entaro hob seine Hände und gestikulierte damit, als ob er damit zwei Menschen nachahmte, die miteinander sprachen. Die linke Hand war in diesem Fall Isaé und die rechte Hand ein Schankwirt. »Guten Abend, werter Herr. Ich hätte gern ein Bier.«, feixte Entaro, während er die Finger der linken Hand bewegte. »Sehr wohl, die Dame. Kommt sofort.«, plapperte Entaro daraufhin und bewegte dann die Finger der rechten Hand. Als er sein laienhaftes Schauspiel beendet hatte, ließ er die Hände wieder sinken. »Doch hier, versuchen sie dir zu jedem Augenblick einen Wunsch abzuleiern. Und sei es nur der Wunsch etwas zu Essen, oder den Abort zu benutzen. Also hüte dich davor dich von ihnen in die Irre führen zu lassen.«

Isaé wirkte mit einem Mal etwas verlegen. »Entaro?«, eröffnete sie, fast ein wenig kleinlaut. »Was passiert denn, wenn ich einen Wunsch geäußert habe?« Er sah sie daraufhin ein wenig misstrauisch an. »Hast du etwa?« Isaé sah ihn daraufhin entrüstet an. »Woher hätte ich das denn ahnen sollen? Du hast ja nichts gesagt!« Entaro rollte mit den Augen und schloss sie für einen Augenblick, um sie mit Daumen und Zeigefinger zu massieren. »Du bist doch so ungestüm davongelaufen, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, es dir zu erklären.«, maßregelte er sie beinahe. »Also, hast du dir jetzt schon etwas gewünscht oder nicht?« Isaé sah, ein wenig verlegen, als ob sie sich ertappt fühlte, auf den Boden. »Vielleicht?« »Wie viele Wünsche waren es?« »Ach was weiß denn ich? Zwei oder drei vielleicht?« Entaro seufzte. »Na wunderbar…«

Als Entaro erkannte, dass Isaé bereits einen Wunsch geäußert haben musste, seufzte er erneut. Entaro hätte es ahnen müssen, dass Isaé so unbesonnen sein würde. »Du musst wissen, dass nicht jeder Wunsch gleich viel wert ist. Manch ein Wunsch wird nur auf Kosten weiterer Wünsche erfüllt. Und es kann alsbald passieren, dass du für einen einzelnen, gehegten Wunsch mit dem Preis von mehreren Wünschen bezahlen musst.« Entaro ruckte noch etwas näher an Isaé heran und hielt seine Hand zwischen ihrem Ohr und seinen Lippen. »An diesem Ort gibt es Dinge, die sich weit jenseits deines Verstandes befinden. Versuche sie nicht zu begreifen, denn du wirst sie niemals verstehen.« Er sah sich verstohlen im Raum um, doch außer Isaé und Entaro schien sich niemand mehr hier zu befinden. Es war bereits recht spät gewesen und die Nacht war inzwischen längst angebrochen. Dies war die Zeit der Wünsche. Und wenn die Besucher nun nicht in ihren Betten lagen, dann würfelten sie, spielten Karten oder wetteten. Und jeder von ihnen hatte unzählige Wünsche und Begierden, welche allesamt erfüllt und gestillt wurden und sie somit dazu verleiteten, immer mehr Wünsche zu äußern bis sie der Gier immer mehr verfielen. Entaro nahm Isaé an der Hand und zog sie schließlich aus dem bequemen Sessel heraus. »Lass mich dir etwas zeigen.« Er deutete auf einen kleinen Torbogen am Ende des Raumes, auf dessen anderer Seite es ungewöhnlich düster zu sein schien. Wie es sich herausstellte, war hinter diesem Torbogen kein weiterer Raum. Es war ein kleiner Balkon. Die Dunkelheit, welche man aus dem spärlich beleuchteten Rauchzimmer wahrgenommen hatte, war nichts anderes als die vollkommene Schwärze der Nacht gewesen. Als sie schließlich den Balkon betreten hatten und von einem lauen Wind umweht wurden, deutete Entaro auf die Monde, welche hell und klar am Himmel hingen und dann deutete er auf ihre Spiegelbilder, welche von der schwarzen Oberfläche des Meeres reflektiert wurden. Das Rauschen der Wellen und auch das Aufbäumen der Felsen, gegen die sie schlugen, verlieh Entaro eine gewisse Sicherheit über Dinge zu sprechen die er nicht wagte im Turm zu äußern. »Dies sind die Wünsche, die das Haus der tausend Wünsche verspricht.« Mit diesen Worten deutete er auf die beiden Monde, welche klar und voll am Himmel zu erkennen waren. »Wunderschön und beinahe verlockend.« Man konnte einfach nicht den Blick von ihnen abwenden. Das Mondeslicht übt seit jeher eine unglaubliche Faszination auf den Menschen aus. »Und dies…« Er deutete nun auf das Spiegelbild der beiden Monde, welche verschwommen, verzerrt und unscharf auf der Meeresoberfläche zu tanzen schienen, denn dies war den stetigen Wellen zu verdanken. An einem Tag der Windstille würden diese Spiegelbilder so aussehen, als ob es die echten Monde wären. Doch nicht in dieser Nacht, in welcher die See sehr unruhig schien. »…sind die Wünsche die man dafür erhält.«, Seine ernste Miene versteinerte als er Isaé tief in die Augen sah. »Und um deine Frage zu beantworten, warum wir wirklich hier sind…Ich gebe zu, dass ich nicht gänzlich ohne eigennützigen Gedanken diesen Ort gewählt habe. Ich war bereits an diesem Ort, vor langer Zeit. Und seit ich ihn verlassen habe, bin ich nicht mehr derselbe Mann der ich einst war.« Isaé schien neugierig geworden zu sein und Entaro hatte den Eindruck, als ob die Neugier sie völlig vereinnahmte. Entaro seufzte, doch sie würde sich ohnehin nicht mit einer halbherzigen Geschichte zufriedengeben, ohne das wahre Ende zu erfahren. »Ich habe einst einen Wunsch geäußert, der als ein Wunsch mit tausend Facetten gewertet worden war. Ich habe mit diesem Wunsch alle tausend Wünsche verloren, die mir zugestanden hatten. Und jede Facette dieses Wunsches hatte einen unbezahlbar hohen Preis gehabt. Wie ich bereits sagte, man kann dieses Haus nicht verlassen, solange nicht jeder Wunsch bezahlt worden war. Doch der Preis den ich zu bezahlen hatte war unglaublich hoch gewesen. Und nun, nach so langer Zeit, bin ich entschlossen, diesen Preis zurückzufordern.« Entaro blickte grimmig und in seinen Augen funkelte eine Entschlossenheit, die in dem fahlen Licht der Monde zu einem Brand heranwuchs.

»Doch hüte dich vor dem Herrn des Hauses. Vor ihm, und seinen drei Töchtern.« Er hob mahnend den Finger. »Du bist ihnen bereits begegnet. Ich kann es dir leider nicht sagen warum, aber sie scheinen über Gaben zu verfügen, die nicht erklärbar scheinen. Sie "wissen" Dinge, die niemand wissen kann. Und sie hören Dinge, die niemand hören kann. Achte darauf, dass du nicht ihren Zorn auf dich ziehst.« Er sah sich erneut um, nur um sicherzugehen, dass niemand in der Nähe war. Doch er konnte, beim besten Willen, niemanden wahrnehmen. Und da die Wellen laut gegen die Mauern des Turms schlugen, und das Rauschen des Meeres seine Stimme fast gänzlich verschluckte, wähnte er, dass seine Worte unbemerkt blieben. »Es gibt eine Regel in diesem Haus. Wer das Haus der Wünsche betritt muss einen Obolus bezahlen. Dieser Betrag ist eigentlich keine Bezahlung, sondern eher symbolisch zu betrachten. Wenn man das Haus wieder verlässt, ohne einen einzelnen Wunsch geäußert zu haben, bekommt man dieses Pfand wieder zurück. Ich habe einen meiner Bernsteine als Pfand hinterlegt. Und dazu ein paar Münzen. Gerade genug, um für die Übernachtung zu zahlen. Mehr nicht. Doch den Bernstein will ich wieder zurück. Also versuch bitte, keine weiteren Wünsche mehr zu äußern, denn allzu viel Geld habe ich leider nicht bei mir. Du verstehst?«
#55
Verwünschte Wünsche! ❖
drache-es waren aber nur kleine oder gar keine Wünsche, Entaro. Nichts Großartiges.“ Sie legte die Hand an die Wange und dachte kurz nach. „Ich habe mir etwas zu Essen gewünscht. Eigentlich habe ich es mir nicht gewünscht. Ich habe nicht gesagt ‚Ich wünsche mir etwas zu essen.‘ Vielmehr habe ich auf seine Frage, ob ich einen Wunsch habe, genickt, und dann habe ich gesagt, dass ich gerne etwas zu essen hätte. Als er mich dann an einen Tisch führte, und ich da nicht sitzen wollte, fragte er mich, ob der Tisch nicht nach meinen Wünschen sei. Ich verneinte es und sagte, ich möchte woanders sitzen. Als er mich dann fragte, ob das mein Wunsch sei, bejahte ich. Und dann sagte ich, dass ich wünsche, nicht gestört zu werden. Aber ich habe mir das ja nicht wirklich gewünscht. Verstehst du? Es sollte nur ein höflicher Ausdruck sein, der mit Bestimmtheit ausdrückt, dass ich verdammt nochmal einfach nur meine Ruhe haben will.“ Isaé seufzte „Und dann habe ich ihm noch einen schönen Abend gewünscht. Aber... auch das war doch kein Wunsch… Du weißt, wie ich das gemeint habe… Ach Entaro. Der hat mich nach Strich und Faden reingelegt! Also habe ich vier Wünsche geäußert? In einem kurzen Gespräch?“ Sie schlug ihre Faust auf die Handfläche. „Aber den Wein und die Pfeife habe ich mir nicht gewünscht! Die habe ich einfach so bekommen!“ grinste sie schief.

Später gingen sie wieder auf ihr Zimmer. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass es wohl am besten wäre, einfach schlafen zu gehen. Doch der Badezuber stand noch da. Das Wasser war nicht mehr sehr heiß, jedoch fand Isaé, dass es eine Verschwendung wäre, nicht zu baden. Und da er ihr so ritterlich den Vortritt gelassen hatte, nahm Isaé dieses ritterliche Angebot auch an. Praktischerweise lehnte ein zusammengefalteter Paravent an der Wand, welchen Isaé schließlich nahm und vor dem Badezuber platzierte. Hinter dem Paravent zog sie sich schließlich das Kleid aus und warf es über die provisorische Trennwand. Ihre Stiefel warf sie achtlos in den Raum. Sie seufzte auf, als sie im warmen Wasser versank. Und dann musste sie plötzlich laut auflachen. „Entaro!“ rief sie ihm über die Wand hinweg zu „Die Seifen stellen aber unbekleidete Menschen dar… Ich fürchte, ich muss das Brauchtum brechen. Unmöglich, dass ich meine Brüste mit einer Seife in Männerform einseife… immerhin hat dieser Seifenmann im Schritt einen detailliert geschnitzten… du weißt schon… Also das verstehst du doch, dass ich die Seifendame nehme, oder? Das ist weniger anrüchig, findest du nicht?“ kicherte sie. Man mochte es dem Wein zuschreiben, von dem sie reichlich getrunken hatte. Vielleicht lag es aber auch an der Kräutermischung. Isaé begann zu trällern, während sie sich von Kopf bis Fuß einseifte. Eine Melodie die sie einst in einer Schenke von Spielleuten gehört hatte. Sie kannte nicht viele Lieder. Aber diese eingängige Melodie war ihr im Kopf geblieben.

Doch auch das schönste Bad war einmal zu Ende. Sie schlang sich ein Badetuch um den Körper, nachdem sie aus dem Zuber gestiegen war. Doch was nun? Frisch gebadet wollte sie nicht wieder ihr Kleid anziehen. Doch so Entaro vor die Augen zu treten, mit nackten Armen und nackten Beinen, nachdem er schon solch ein Theater gemacht hatte, als er sie im Unterkleid gesehen hatte, erschien ihr auch unmöglich. Doch es wäre nicht das opulente Haus der tausend Wünsche gewesen, wenn es hierfür nicht auch eine Lösung gab. Ein Mantel aus speziell gewebtem Stoff mit vielen kleinen Schlingen die aufgeschnitten. Man schlüpfte hinein, schlang nach vorne die beiden Seitenteile und fixierte dies mit einem breiten Bindegürtel. Das musste genügen, zumal das Bett so breit war, dass hier wohl vier Menschen Platz gefunden hätten. Isaé kroch unter die Decke. Sie war müde von dem langen Tag. Sie war müde von dem Wein. Sie gähnte herzhaft, drehte sich auf die Seite. „Gute Nacht, Entaro!“ murmelte sie. Doch obgleich sie müde war, der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Sie schloss ihre Augen und versuchte krampfhaft einzuschlafen, aber es gelang ihr nicht. Viele Gedanken drehten sich in ihrem Kopf im Kreis. Entaro hatte ihr etwas von einem Wunsch erzählt, den er geäußert hatte. Er war so facettenreich gewesen, dass er mit einem Wunsch tausend Wünsche verloren hatte. Natürlich hatte sie ihn gefragt, welcher Wunsch derart gewaltig war, dass er tausend Wünschen entsprach. Doch Entaro war ausgewichen, und sie hatte ihn nicht länger bedrängt. Und noch ein Gedanke schwirrte ihr im Kopf. „Hüte dich vor dem Herrn des Hauses. Vor ihm und seinen drei Töchtern. Sie wissen Dinge, die niemand wissen kann und sie hören Dinge, die niemand hören kann.“ Entaro löschte das Licht und wenige Augenblicke später legte er sich ebenfalls in das Bett. Ein wenig verwunderte es Isaé. Doch vielleicht hatte ihre kleine Moralpredigt geholfen. „Immerhin sind wir zwei erwachsene Menschen… mit ehrbaren Absichten.“ Isaé lauschte der Stille, nur von der Ferne hörte sie die tosende Brandung, wenn das Meer die Wellen gegen die Turmmauern und das Ufer warf. „Entaro?“ raunte Isaé „Welchem Urteil musst du dich eigentlich bei deinem Orden stellen? Und warum?“

Irgendwann in der Nacht erwachte Isaé. Sie hörte Musik. Fröhliche Musik, und fröhliches Gelächter. Es schien aus dem Stockwerk über ihnen zu kommen. Eine Weile lauschte Isaé. „Entaro? Hörst du das?“ flüsterte sie, doch er antwortete ihr nicht. Stattdessen vernahm sie seinen regelmäßigen leisen Atem. Er schlief tief und fest. Isaé schälte sich unter der Decke hervor und stieg aus dem Bett. Sie war neugierig geworden und wollte wissen, was da los war. Sie machte sich nichts daraus, ohne Stiefel und in dem Bademantel das Zimmer zu verlassen, und stieg die Stufen hinauf. Als sie einen Blick in den Raum warf, woher der Lärm und die Musik drangen, sah sie eine fröhliche Runde von drei Männern. Sie rauchten, tranken und spielten Würfel, während drei Spielleute auf Flöte, Fidel und Pauke Musik zum Besten gaben. Eine Weile stand sie in der Türe und beobachtete das Treiben. Irgendwann neigte einer den Kopf und entdeckte sie. „Verzeiht! Haben wir euch geweckt?“ rief er ihr rüber. Isaé schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht unhöflich sein, daher verneinte sie die Frage. „Setzt euch doch zu uns! Trinkt einen Schlummertrunk, würfelt ein bisschen mit uns!“ lud er sie ein. Sie blieb zögerlich, und plötzlich spürte sie eine Hand im Rücken. „Herzlich willkommen!“, drang die ölige Stimme Vaskir de Escrocs an ihr Ohr. Ohne dagegen aufbegehren zu können, schob er sie in den Raum, an den Tisch und wies ihr einen Platz an dem Tisch zu. Er griff nach einem Weinkelch und schenkte ihr Wein aus einer Karaffe ein. „Mögt ihr das Glücksspiel, werte Dame?“ fragte einer der Männer Isaé „Ich kann nicht behaupten, es zu mögen, oder es nicht zu mögen. Ich habe noch nie Glücksspiele gespielt, um ehrlich zu sein.“ „Ein guter Zeitpunkt, es einmal zu versuchen!“ meinte einer der Männer. Isaé lächelte verlegen „Ich bin nicht sicher, ob das Glück auf meiner Seite ist!“ „So lasst es uns versuchen!“ Er streckte ihr die Hand hin „Mein Name ist Maret de Mortier! Sehr erfreut!“ Isaé ergriff die Hand. „Isaé Edera. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Die anderen Männer stellten sich ebenso vor als ‚Gare du Nord‘ und‘ Gerard de Buyer‘, sie gaben an, drei akadische Händler auf der Durchreise zu sein. Auch Vaskir nahm Platz am Tisch, als Zuschauer, wie er selbst angab. Das Spiel war schnell erklärt. Man durfte die Augenzahl von dreizehn nicht überschreiten, was bei vier Würfeln nicht so einfach war. Schnell herrschte ausgelassene Stimmung. Isaé würfelte meist haushoch über dreizehn, was sie ein wenig ärgerte. „Normalerweise habe ich immer Pech, das würde ja bedeuten, dass ich auch jetzt niedrig würfeln sollte. Ich wünschte, ich…“ Sie unterbrach sich und schlug sich die Hand vor den Mund. Vaskir beugte sich ganz nah zu ihr. „Ja? Ihr habt einen Wunsch, Madame?“ Isaé schüttelte den Kopf.“Nein. Das wollte ich damit nicht sagen. Ich habe keine Wünsche.“ Sie rief sich Entaros Worte in Erinnerung, dass sie sehr bedacht mit ihren Worten umgehen sollte. „Was?“ rief Gare „Ihr seid eine junge hübsche Frau, eigentlich solltet ihr ganz viele Wünsche im Leben haben. Wünsche beflügeln uns! Sie geben uns Ziele im Leben!“ „Möchtet ihr rauchen?“ hielt ihr Vaskir eine Pfeife unter die Nase. „Gerne, aber ich wünsche es nicht.“ „Hört hört, wie sehr sie sich gegen einen Wunsch sträubt…“ lachte Maret. Vaskir entzündete ihr die Pfeife und sie blies Rauch in die Luft. „Auch wenn sie keine Wünsche hat, einer Pfeife ist sie doch nicht abgeneigt!“ rief Gerard. „Darauf die Kelche!“ Sie prosteten einander zu. Nachdem sie getrunken hatten, meinte Vaskir. „Oh doch, sie hat ganz viele Wünsche, die Madame. Sie hat sie tief in ihrem Herzen begraben. Nicht wahr?“ „Ich habe keine Wünsche. Jedenfalls keine, die sich erfüllen ließen“ meinte Isaé. „Sagt sie mir, Madame Isaé!" forderte Vaskir sie heraus. Noch lachte Isaé und winkte ab „Ich werde hier keine Wünsche äußern.“ „Warum eigentlich nicht? Dafür ist das Haus der tausend Wünsche doch da.“ „Weil sie nicht erfüllbar sind“ beharrte Isaé darauf. „Ich kenne Euren sehnlichsten Wunsch, Isaé…“ raunte Vaskir de Escroc ihr ins Ohr, was sie unangenehm erschauern ließ. „Und ich kenne Wünsche, die Euch nicht einmal bewusst sind.“ Da lachte Isaé. „Ach ja? Jetzt bin ich neugierig! Wie lauten diese denn?“ „Nun, ihr wünscht euch zum Beispiel diese hässliche Narbe weg, auch wenn das ein Wunsch ist der euch wohl bewusst ist. Ihr leidet darunter. Physisch wie auch psychisch. “ sagte er und ließ seine Hand ziemlich frech an ihrer Seite entlang gleiten.“ Isaé erschauerte bei diesen Worten und der frechen Geste. Wie konnte er es wagen? Aber woher wusste er von ihrer Narbe? Hatte er sie heimlich beim Baden beobachtet? Anders war es gar nicht möglich. Doch bevor sie ihn zur Rede stellen konnte, sprach er weiter. „Ihr wünscht Euch Liebe, Isaé.“ Sie hob die Augenbrauen „Nun, das ist nun wirklich nichts Außergewöhnliches. Wer würde sich nicht wünschen, geliebt zu werden?“ Vaskir blickte ihr tief in die Augen. „Ihr wünscht euch, wieder mit Aduan vereint zu sein.“ Isaé erbleichte. Wie konnte er etwas über Aduan wissen? Mit niemandem hatte sie je über derlei Dinge gesprochen. Niemand, wirklich niemand wusste es. Außerdem war Aduan tot. Kein Wunsch, kein Zauber der Welt konnte ihn zurückbringen. Sie hatte gesehen, wie er in der schwarzen Erde sechs Fuß tief beerdigt worden war. „Das mag sein. Und doch wird ihn keine Macht der Welt zurückbringen.“ „Ein Wunsch ist ein Begehren nach einer Sache, oder nach einer Fähigkeit. Es ist ein Streben, oder zumindest die Hoffnung auf eine Veränderung der Realität oder der Wahrnehmung“ meinte Vaskir. „Meint ihr nicht, es wäre ein Gewinn, wenn sich zumindest die Wahrnehmung ändert, wenn sich schon nicht die Realität mit Wünschen ändert?“ „Was sollte das sein?“ hakte Isaé nach. Das Gespräch fing an, in eine seltsame Richtung zu gehen. „Nun, stellt Euch vor, ihr könntet Aduan jede Nacht in Euren Träumen begegnen. Wäre das nicht wunderbar?“ Die Hexenjägerin schüttelte den Kopf. „Das wäre grausam. Es wäre lediglich Wunschdenken.“ „Dann, wie wäre es, wenn ihr Euren unerfüllbaren Wunsch auf eine andere Person übertragen würdet und ihn so zu einem erfüllbaren Wunsch wandeln würdet?“ „Was meint ihr?“ „Nun, Euer Begleiter, der Drachenreiter, das ist doch ein staatlicher Mann, nicht wahr? Nichts wäre leichter, als sein Begehren auf Euch zu lenken, im Haus der Tausend Wünsche! Ihr müsst es Euch nur wünschen!“ Isaé erhob sich empört. „Jetzt ist es aber genug! Ihr könnt mich nicht dazu zu bringen, Wünsche zu äußern, die ich nicht erfüllt haben möchte! Meine Herren, Gute Nacht! „War das ein Wunsch?“ lachte er. „Nein!“ grollte sie und wandte sie sich ab. Und verließ den Raum.

Sie betrat das Zimmer wieder mit leisen Schritten und schloss die Türe. Das Mondlicht fiel silbern in den Raum und ein Lichtkegel streifte das Bett. Entaro lag immer noch so da, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Bevor sie zurück ins Bett kroch, blieb sie davor stehen, betrachtete ihn, das bleiche Mondlicht auf seinem Antlitz, und flüsterte „Es gibt zwei große Enttäuschungen im Leben: Wünsche die sich nicht erfüllen, und Wünsche, die sich erfüllt haben…“
#56
Schwarze Schatten ❖
»drache-ach Entaro. Der hat mich nach Strich und Faden reingelegt!«, klagte Isaé entrüstet und Entaro nickte beipflichtend. »In der Tat. Diese Kunst beherrschen sie hier meisterlich. Man muss immer genau zuhören was sie sagen und sich dann genau überlegen was man darauf antwortet.« »Also habe ich vier Wünsche geäußert? In einem kurzen Gespräch?« Entaro seufzte. »Das ist wohl richtig. Aber daran kannst du nun auch nichts mehr ändern. Wenn wir Glück haben, werden diese Wünsche nicht allzu teuer ausfallen. Doch hängt dies, so habe ich den Eindruck, oft auch einfach vom Wohlwollen des Hausherren ab.« Das Haus der tausend Wünsche war im Grunde genommen nichts anderes als ein elegant verkleidetes Spinnennetz und der Hausherr war die gefährliche Spinne, welche ihre Weben spinnt und ihre Opfer mit verheißungsvollen Verlockungen in das verführerische Netz lockt.

Schließlich zog sie es wieder in das Zimmer zurück, welches ihnen zugedacht worden war. Und Entaro war dies nur recht. So konnte Isaé nicht weiter dazu verleitet werden, weitere Wünsche zu äußern. Sie hatte sich, in so kurzer Zeit, schon vier Wünsche entlocken lassen, dass Entaro schon dachte, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war das Haus der tausend Wünsche betreten zu haben. Doch Entaro konnte noch immer nicht sagen, ob es nicht besser gewesen wäre sich der Gefahr der Düsterlinge auszusetzen, welche des Nächtens durch die alten, verlorenen Straßen streiften.

Nachdem Isaé sich gewaschen hatte, und zu Bett gegangen war, tat es Entaro ihr gleich und wusch sich den Dreck der Reise vom Leib. Während er sich wusch, vernahm er ein leises Gemurmel von Isaé. »Gute Nacht, Entaro!« »Dir ebenso eine gute Nacht, Isaé.« Er entstieg dem Badezuber, trocknete sich ab und zog sich Bruche und Tunika über. Als er vor dem Bett stand, welches im Dunklen sogar noch größer wirkte, als bei Sonnenschein, dachte er für einen Moment daran, dass die Größe des Bettes keine Rolle spielte. Es war einfach unschicklich sich zu einer Dame, die nicht das eigene Eheweib war, ins Bett zu legen. Doch wenn Entaro sich ehrlich war, strahlte der steinerne Boden der Schlafkammer keine sonderlich große, und schon gar keine besonders bequeme, Anziehungskraft auf ihn aus. Und schließlich war das Bett doch so groß, dass darin vier Personen Platz finden würden, ohne dass sie einander berühren würden. Und so wandte sich Entaro jener Seite des Bettes zu, welcher am weitesten von Isaé entfernt war. Doch bevor er sich zu Bett legte, löschte er noch die Kerze. »Entaro? Welchem Urteil musst du dich eigentlich bei deinem Orden stellen? Und warum?« Entaro seufzte. »Das ist wirklich sehr kompliziert, Isaé.« Er nestelte ein wenig an der letzten, brennenden Kerze, welche in der absoluten Dunkelheit, die nun, nachdem Entaro die übrigen Kerzen gelöscht hatte, in der Kammer vorherrschte, schwach schimmerte. Und ihr schwaches, orangenes Glimmen, schimmerte, fast unheilvoll, in der Schwärze der Nacht. Der Glanz des Flamme spiegelte sich in seinen Augen und Entaro starrte, für eine Weile, in das Licht, welches ihm stets einen inneren Frieden zu schenken vermochte. »Aber da du nun, durch den Willen Daereans, an den Drachen gebunden bist, und dadurch auch an den Schwur der dich an mich bindet, und ich nicht warten kann, bis du deinen Schwur erfüllt hast, wirst du wohl oder übel mit mir in meine Heimat reisen.« Er schloss die Augen, blies dann die Kerze aus und zog sich die Decke über die Brust. »Daher solltest du auch eine Antwort auf deine Frage erhalten. Doch gestaltet sich die Antwort auf diese Frage als viel komplizierter, als es den Anschein hat. Ich fürchte, dass dies eine lange Geschichte werden wird und dieser Turm nicht der richtige Ort dafür ist.« Er wandte sich an Isaé, doch konnte er in der Dunkelheit ihr Gesicht nicht erkennen. »Ich habe mich für meine jüngsten Vergehen einem uralten Urteil meines Ordens zu stellen und ich kann nicht voraussagen, wie dieses Urteil ausfallen wird. Es könnte durchaus sein, dass du nach diesem Urteil schon von deinem Schwur entlassen bist, ohne ihn erfüllt zu haben.« Und mehr hatte Entaro dazu nicht zu sagen, da Entaro die geheimen Ohren dieses Ortes fürchtete. Geheimnisse waren für Vaskir de Escroc, dem Herrn dieses Hauses, eine wertvolle Ware. Und Entaro war nicht bereit ihm Wissen kostenlos zu überlassen. Wenn sie für Wünsche zu zahlen hatten, so musste Vaskir für Wissen bezahlen.

Alsbald war Entaro in das verlockende Garn der Träume verfangen. Meist schlief er einen traumlosen Schlaf, doch in dieser Nacht waren seine Träume dunkel und schwermütig. Ob dies an der Macht dieses alten Turmes lag oder an seinem Hausherren, hätte Entaro nicht beantworten können. Seine Augenlider zuckten immer wieder, doch sein Leib lag starr da, gleich einem Leichnam. Diese Dunkelheit, die sich in seinen Träumen seiner bemächtigte war von einer bedrückenden Art obgleich es keine Bilder oder Worte gab. Und wenn Entaro aus seinem Schlaf erwachen würde, würden die Erinnerungen an diese Träume unwiederbringlich in Vergessenheit geraten. Und da er in seinem Traum gefangen war, bemerkte er auch nicht, dass Isaé erwacht war und das Gemach verließ. Fast schon mochte man meinen, dass die Musik, welche Isaé aus dem Gemach lockte ein melodischer Irrklang sein mochte. Wie verzaubert zog die Musik Isaé in ihren Bann und unweigerlich rief es die junge Frau zu sich. Und blieb Entaro alleine zurück. Gefangen in einem traumlosen, dunklen Schlaf.

Nicht lange, nachdem Isaé die Kammer verlassen hatte, schien die Dunkelheit im Gemach sich zu verändern. An der alten Mauer des uralten Turmes verdichtete sich die Finsternis und es wurde noch schwärzer als es ohnehin schon war. Eine Finsternis, welche jedes Licht um sich herum zu absorbieren schien. Ein Schatten kroch aus den Ritzen der alten Mauer und nach und nach nahm dieser die Silhouette einer zierlichen, jungen Frau an. Auch wenn dies eigentlich nicht möglich schien, so konnte man ein leises Summen vernehmen. Ein betörender, stimmenloser Gesang, welcher Entaros Geist noch weiter einzulullen schien, als dies ohnehin schon der Fall war. Der Schatten näherte sich mit wiegenden Schritten dem Bett und verharrte dort und beobachtete den schlafenden Ritter. »Was träumst du, Drachenritter?«, säuselte die Stimme und ihr langes Haar schien in einer lauen Brise zu wogen. Der Schatten wurde länger, obwohl nicht einmal das Licht des Mondes den Raum erhellte und es schien, als ob eine dünne, zierliche Hand sich Entaro zu nähern schien. Sie näherte sich Entaros Brust bis auf Haaresbreite, doch als der Schatten versuchte den Drachenreiter zu berühren, flammte ein rötliches Leuchten auf, welches, für den Moment eines Augenblicks, den Raum in blutrotes Licht tauchte und den Schatten verschwinden ließ. Der Bernstein in Entaros Schwertknauf glühte und ein schwaches Licht erhellte sein Gesicht. »Dein Bund ist stark…Doch wir werden uns wiedersehen…«, säuselte die Stimme, doch der Schatten war nicht mehr zu erkennen.

Plötzlich kehrte Isaé wieder zurück in die Kammer und der Schatten verflüchtigte sich noch bevor Isaé sich dessen gewahr werden konnte. Nur ein eisiger Hauch, der Isaés Gesicht streifte, war das letzte Zeugnis der Gegenwart dieses Schattens. Und als der Schatten verschwunden war, öffnete sich der schwarze Wolkenvorhang und ließ das Licht des Mondes in die Kammer leuchten und tauchte Entaro in ein kaltes Licht.

Am nächsten Morgen erwachte Entaro, als die ersten Sonnenstrahlen den Raum fluteten. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und fühlte sich wie gerädert. Obwohl das Bett so bequem war und er wie ein Stein geschlafen hatte, fühlte er die bedrückende Schwere der vergangenen Nacht auf sich lasten, ohne zu wissen, woher diese stammen mochte. »Guten Morgen, Isaé.«, brummte Entaro verstimmt und richtete sich schließlich in seinem Bett auf. »Hast du Hunger?« Er stieg aus dem Bett und begann sich anzukleiden. Da am heutigen Tag die Reise weitergehen sollte und er nicht geplant hatte eine weitere Nacht hier zu verbringen, nahm er dieses Mal auch den Schwertgurt und schnallte sich es sich an den Gürtel. Doch bevor er noch ein weiteres Wort verlieren konnte, klopfte es an der Tür. Entaro räusperte sich, und nachdem er den Schwertgurt befestigt hatte und den Daumen seiner rechten Hand in dem Gurt eingehakt hatte, gestattete er dem Besucher einzutreten. »Ihr könnt eintreten.«, rief er und sogleich öffnete sich die Tür und ein adrett gekleideter Mann stand in der Türschwelle. Er trug ein edles Gewand, fast wie es für einen Aristokraten aus Akadien üblich war. »Ich wünsche einen guten Morgen, die Herrschaften.« Der Mann lächelte bieder aber dennoch sehr freundlich. Es lag schon fast eine gewisse Abwesenheit in dieser Freundlichkeit, als ob er durch die beiden einfach hindurchsehen würde, und nur hohle Worte sprach, die ihm jemand anderes eingeflüstert hatte. »Mein Name ist Gare du Nord, wünschen die Herrschaften beim Frühstück im Bankettsaal teilzunehmen?« Entaro nickte, doch war ihm sehr wohl aufgefallen, dass die Frage, so wie es in diesem Hause üblich war, auf eine Weise gestellt wurde, dass sie dem Zweck diente, ihm einen Wunsch zu entlocken. »Auch euch einen guten Morgen, Gare du Nord.« Entaro nickte freundlich und legte dabei unterbewusst seine Linke Hand auf den Schwertgurt. »Meine Begleiterin und auch meine Wenigkeit würden ein Frühstück sehr begrüßen. Habt Dank.« »Wünschen die Herrschaften, dass ich sie zum Bankettsaal begleite?« Entaro schüttelte den Kopf. »Dies wird nicht nötig sein. Wir wissen wo er sich befindet.« Der Diener nickte und deutete eine leichte Verbeugung an. »Wie ihr es wünscht.« Und mit diesen Worten schloss er wieder die Tür und überließ Isaé und Entaro sich selbst. »Nun? Wollen wir?«, fragte Entaro, dem ein gediegenes Frühstück sicherlich guttäte, nachdem die Nacht ihm kaum Erholung verschafft hatte.
#57
Das Bankett ❖
drache-als Isaé erwachte, fühlte sie sich frisch und ausgeruht und ließ sie lächeln, noch bevor sie die Augen öffnete. In einem so sauberen, fein bezogenen und opulenten Bett geschlafen haben zu dürfen, fühlte sich einzigartig und großartig an für eine einfache Frau, die Isaé nun einmal war.
Entsprechend gut war auch ihre Laune. “Guten Morgen, Isaé”, sagte Entaro und die junge Frau erwiderte den Gruß. “Guten Morgen, Entaro”, sagte sie. “Hast du Hunger?” erkundigte er sich bei ihr und da öffnete sie die Augen und drehte sich auf die Seite. “Oh ja, und wie!” Sie blieb noch im Bett liegen als Entaro längst aufgestanden war und sich anzog, als es schließlich an der Tür klopfte. Nach einer kurzen Weile erlaubte Entaro den Zutritt zu dem Zimmer. Ein Bediensteter, der ihnen einen guten Morgen wünschte. Isaé kam nicht umhin, zu denken, dass sie die Worte ‘Wunsch’ und ‘wünschen’ schon nicht mehr hören konnte. Doch als sie hörte, wie dieser Bedienstete sich vorstellte, da erstarrte sie, und setzte sich aufrecht im Bett auf. ‘Gare du Nord’... Eindringlich starrte sie ihn an und beobachtete ihn, während Entaro ihn abwimmelte. Was sollte das? Was wollte er hier? War er ein Auskundschafter? Welchen Zweck verfolgte er? Doch sein Blick war seltsam leer und Isaé hatte den Eindruck, als ginge hier so gar nichts mit rechten Dingen zu. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, sprang Isaé aus dem Bett. “Nun, wollen wir?” fragte Entaro sie, doch Isaé schüttelte den Kopf. “Ich kenne diesen Mann. Er hat sich gestern als fahrender Händler aus Akadien, zusammen mit zwei anderen Herren, vorgestellt. Der hier war ein völlig anderer Mensch!” Entaro schien nicht zu verstehen, und so klärte Isaé ihn auf. “Ich erwachte in der Nacht, weil ich Musik hörte. Ich ging hinauf und fand dort diese Gruppe Männer, sie spielten Würfelspiele und luden mich ein, mitzuspielen. Ich konnte sowieso nicht mehr schlafen und so nahm ich die Einladung an. Sie stellten sich vor als fahrende Händler aus Akadien. Gare du Nord, Maret de Mortier und Gerard de Buyer. Sie waren nett, und ungezwungen, nicht aufdringlich oder unangemessen. Aber Vaskir de Escroc gesellte sich zu uns und dann wurde es wirklich unangenehm.” Isaé trat an Entaro heran und raunte ihm ins Ohr, als ob es helfen würde, dass niemand sie hören würde, was sie Entaro zu sagen hatte. “Entaro… Vaskir legte meine Wünsche offen. Er wusste meine geheimsten Wünsche! Wie konnte er es nur so präzise wissen? Wieso?? Ich habe niemandem davon erzählt. Niemandem! Dir ja auch nicht. Er wusste es einfach und er hat meine geheimsten Wünsche und Träume gnadenlos offengelegt, als sei mein Innerstes keine Privatsache! Er hat mich regelrecht gedrängt, dass ich mir etwas wünsche, was gänzlich unmöglich ist. Kein Zauber dieser Welt vermag dies, und als ich ihm das sagte, hat er versucht, diesen Wunsch in einen anderen Wunsch umzukehren. Dann wurde ich wütend und bin gegangen.” Isaé nahm schließlich wieder den nötigen respektablen Abstand ein und ihre Hände nahmen eine beschwichtigende Haltung an. “Ich schwöre, Entaro, ich habe mir nichts gewünscht! Ich war stets abweisend, kein Wunsch, kein ‘Ja’ kam über meine Lippen, ja nicht einmal ein Kopfnicken oder dergleichen! Aber was das mit Gare du Nord eben war, das entzieht sich meinem Verständnis. Ich kann dir nur sagen, das war nicht derselbe vergnügte Mensch von gestern Nacht! Er kam mir eher vor wie eine willenlose Marionette!” Isaé verschwand schließlich hinter dem Paravent, um sich anzukleiden. Sie ließ den Bademantel, welchen sie den Abend zuvor getragen hatte, von ihren Schultern fallen und ergriff erst das Unterkleid und dann das Überkleid, die welche sie nacheinander überzog. Nachdem sie von einem Bein aufs andere hüpfend, ihre Stiefel angezogen hatte, trat sie hinter dem Paravent hervor. “Nun Entar, wir können…” sagte die junge Frau und dann verließen sie gemeinsam das Zimmer, um zum Frühstück zu gehen.

Schon auf der Treppe wurden sie von einem Diener belagert. “Wünschen die Herrschaften, in den Speisesaal geleitet zu werden?” Entaro schüttelte entschieden den Kopf. “Wir finden den Weg selbst, vielen Dank", meinte er, und schritt selbstbewussten Schrittes weiter die Stufen hinunter, gefolgt von Isaé. Im Speisesaal nahmen sie an einem Tisch Platz. Die junge Frau sah sich verstohlen um, es waren einige andere Gäste anwesend, und Isaé ertappte sich dabei, dass sie die Herrenrunde von letzter Nacht suchte. Gerard de Buyer, Maret de Mortier… von beiden war nicht die geringste Spur zu entdecken. Doch das musste nicht unbedingt alarmierend sein. Es war durchaus möglich, dass die beiden noch oben in ihren Gemächern schliefen, oder vielleicht als fahrende Händler, die sie waren, längst abgereist waren. Dennoch blieb das ungute Gefühl, das Isaé verspürte, und es verschwand auch nicht mit den Köstlichkeiten, die Ihnen ein Bediensteter ungefragt auf den Tisch lud. Ein Teller mit Früchten, deren satte Farben und Wassertropfen auf der Schale einladend und appetitlich leuchteten, zwei Schüsseln Haferbrei mit Honig und Nüssen, eine kleine Pfanne Rühreier und Speck, das noch sanft vor sich hin schmurgelte und einen köstlichen Duft verbreitete, eine Kanne mit aromatischem Pfefferminztee. Unter normalen Umständen hätte Isaé sich begeistert darüber gestürzt, denn solch ein opulentes Frühstück hatte sie noch nie kredenzt bekommen. Isaé wusste das, und während sie ihre Augen über den reich gedeckten Tisch mit seinem wunderschönen weißen Porzellan Geschirr schleifen ließ, bedauerte sie den Umstand und haderte auch mit sich selbst, dass sie dieses Besondere hier nicht so genießen konnte, wie sie eigentlich hätte wollen und sollen. Weil irgendetwas an diesem Haus nicht stimmte. Und mit Vaskir de Escroc. Aber was war es? Während sie schweigend aßen, überlegte Isaé, wohin ihre Reise nun weiter ging und über die Schüssel Haferbrei gebeugt, beobachtete sie Entaro. Erst war sie furchtbar bestürzt darüber gewesen, dass sie in der Schuld des Drachen stand. Es hatte sich angefühlt, als wäre sie eine Gefangene. Unfrei. Aber war es in Wahrheit nicht anders? Ohne Entaro und seinem fliegenden Drachen wäre sie nicht an diesem Ort angelangt, und hätte nicht die Dinge gesehen, die sie bisher gesehen hatte, und hätte nicht erlebt, was sie bisher erlebt hatte. Diese Blutschuld an dem Drachen war eine Chance auf ein ungeahntes Abenteuer. Dennoch war sie froh, wenn sie das Haus der tausend Wünsche endlich verließen und weiterreisen. Der Umstand, dass sie bald aufbrechen würden, heiterte Isaés Gemüt wieder ein wenig auf. Sie aß den Haferbrei und reichlich von den süßen und saftigen Früchten, von deren Existenz sie teilweise noch nichts wusste und die einfach nur göttlich schmeckten.

Ein Raunen ging durch den Speisesaal, als Vaskir de Escroc hereingeschwebt kam. Er schien glänzender Laune zu sein, begrüßte hier einige Gäste, schwatzte dort an einem Tisch und kam nach einer Weile auch zu ihrem Tisch. Er schenkte ihnen ein breites, heiteres Lächeln und streckte die Arme von sich. „Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich den Herrschaften! Ist alles zu Eurer Zufriedenheit und nach Euren Wünschen?“ fragte er, bevor er sich Entaro zuwandte. „Eure Begleiterin sieht wunderschön aus, heute Morgen! Ist sie nicht hinreißend? Jung, frisch und ein großes Herz voller Wünsche! Eine regelrechte Freude!“ Dann wandte er sich Isaé zu, ergriff ungefragt ihre Hand und hauchte ebenso ungefragt einen Kuss auf ihren Handrücken. „Ich hoffe, ihr seid nicht allzu böse mit mir, meine Liebe, ihr seid des Nachts gar so echauffiert abgerauscht! Ich habe es nicht schlecht mit Euch gemeint! Ich wäre untröstlich, wenn ihr verstimmt wäret, wir wollen ja doch länger gut miteinander auskommen, nicht wahr?“ Da räusperte sich Entaro. „Wir reisen heute ab“ sagte er mit absoluter Bestimmtheit und Isaé, die unangenehm berührt Vaskir ihre Hand entzogen hatte, nickte dazu. Vaskir schien über die Maßen überrascht zu sein. „Abreise? Aber nicht doch! An eine Abreise ist nicht im Entferntesten zu denken! Nicht mit den Schulden, die Isaé Edera im Haus der tausend Wünsche hat!“ Da erstarrte Isaé und sie hob den Blick „Wie bitte? Mein Begleiter hat aber doch bereits im Vorfeld bezahlt. Ich habe mir nichts außergewöhnliches gewünscht, was Schulden generiert hätte!“ Da schüttelte Vaskir des Escroc den Kopf. „Da irrt ihr euch aber gewaltig, meine Liebe.“ Auch Isaé schüttelte jetzt den Kopf. „Ich weiß, was ich gesagt habe. In der Nacht habe ich nicht einen Wunsch geäußert. Die drei Händler sind meine Zeugen!“ Vaskir nickte „Das stimmt wohl, in der Nacht habt ihr Euch nicht zu einem Wunsch hinreißen lassen. Aber des Abends. Darf ich Euch daran erinnern?“ Jetzt verschränkte Isaé die Hände vor der Brust und lehnte sich zurück. „Dürft ihr, Herr Vaskir. Ich bitte darum!“ Vaskir hob den Zeigefinger „Ruhe und Abgeschiedenheit sind teure Wünsche. Ebenso der Wunsch, nicht gestört zu werden. Ruhe und Ungestörtheit ist manches Mal nicht mit Geld zu bezahlen, meint ihr nicht? Ihr habt meinem Diener einen schönen Abend gewünscht. Auch dies ist ein unsagbar teurer Wunsch. Schöne Abende sind mit Geld nicht zu bezahlen! Es tut mir leid, Euch enttäuschen zu müssen, aber diese drei Wünsche sprengen jede Vorauszahlung, die ihr geleistet habt. Ihr steht in meiner Schuld, und solange diese Schuld nicht beglichen ist, ist es euch weder gestattet noch möglich, die Schwelle der Tür des Hauses der tausend Wünsche zu übertreten!“
#58
Gefangene in der Kreide ❖
drache-entaro wurde hellhörig, als er von Isaé erfuhr, dass dieser Diener noch in der Nacht zuvor kein Diener gewesen war. Er hielt Isaé am linken Arm und raunte leise. »Ich habe zwar davon gehört, dass es derartiges in diesem Haus geben kann, aber es nie für möglich gehalten. Wir sollten unsere Worte mit Bedacht wählen und diesen Ort rasch hinter uns lassen.« Der Plan war relativ einfach. Das Frühstück konsumieren, das Haus der tausend Wünsche verlassen, niemals wiederkehren. Auch wenn Entaro eigentlich aus einem ganz bestimmten Zweck in dieses Haus gekommen war. Doch die Gefahren, welche sich mehr und mehr herauskristallisierten, wogen die Risiken in keiner Weise auf. Doch Entaro wusste, dass diese einfachen Pläne sich selten so einfach ausführen ließen. Und dann war da noch die Sache mit Vaskir de Escroc. Er hatte etwas, dass Entaro gehörte. Und Entaro wollte es wiederhaben. Doch nun, da er erfahren hatte, dass man ein willenloser Diener wurde, wenn man seine Schulden nicht zahlen konnte, fühlte sich Entaros Hals an, als ob eine unsichtbare Schlinge darumgebunden wurde. In seinen Gedanken wog er ab, ob es das Risiko wirklich wert war, länger als irgend nötig in diesem Haus zu verweilen. Es wäre weiser, das Haus hinter sich zu lassen, um sich einen neuen – einen besseren – Plan zu schmieden, ohne dabei Gefahr zu laufen, selbst eine Trophäe des Herrn der tausend Wünsche zu werden. Dieser Ort, und auch dieses Haus. Das ganze Land um sie herum. Es barg eine uralte und längst vergessene Kraft in sich. Und vielleicht hatte Vaskir de Escroc sich davon etwas bewahren können? Eine Kraft, die jenseits ihrer Vorstellungskraft lag? Entaro war nur ein einfacher Mann. Stark im Glauben…so redete er es sich zumindest immer wieder ein. Er verstand zwar, dass es Kräfte in dieser Welt gab, die er weder verstehen, noch beherrschen konnte. Doch wusste er auch, dass er nicht die Kraft hatte, sich solchen Kräften zu stellen oder sich mit ihnen zu messen. Ja er war sicherlich mehr als nur ein normaler Mann. Immerhin hatte er einen Bund mit einem mächtigen Wesen geschlossen. Doch ob dieses Band ihn vor jeder Gefahr schützen konnte? Er wollte es lieber nicht auf die Probe stellen. Innerlich seufzte er. Zwar hatte er es noch nicht völlig aufgegeben den Bernstein, welchen er Vaskir de Escroc vor zwei Jahren gegeben hatte, wieder zurück zu erlangen. Doch war die Aussicht auf Erfolg nun in sehr weite Ferne gerückt.

Als sie im Speisesaal angekommen waren wurden sie von der opulenten Auswahl an Speisen förmlich erschlagen. Es gab so viele verschiedene Dinge, dass Entaro sich nicht vorstellen konnte, dass dies alles verzehrt werden konnte. Auch wenn mehrere Dutzend Gäste sich im Speisesaal befunden hätten. Isaé nahm sich lediglich einen Haferbrei und einige Früchte, was Entaro mit einem verwunderten Blick bedachte. »Hast du keinen Hunger?«, erkundigte er sich, während seinen Teller ansah, auf welchem feine Fasanenbrust, mit Safran gewürzte Eierspeise und in Honig getränkte Blätterteigwürfel lagen. Aber vielleicht hatte sie einfach keinen großen Hunger. Entaro hingegen genoss die vielfältige Auswahl, denn er wusste bereits, dass die nächsten Tage nur spärliche Kost auf sie warten würde.

Nach einiger Zeit erschien schließlich der Herr des Hauses höchstpersönlich. Vaskir de Escroc. Entaro schluckte gerade einen köstlichen, saftigen Bissen herunter, als er das Raunen der Menge bemerkte und innehielt, als Vaskir den Raum betrat. Von seinen drei Töchtern hingegen war keine Spur zu sehen, was Entaro auf eine ungewisse Art und Weise seltsam erschien. »Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich den Herrschaften! Ist alles zu Eurer Zufriedenheit und nach Euren Wünschen?« Er hob dabei seine beiden Arme, als ob er jeden einzelnen, der sich in diesem Raum befand, umarmen wollen würde. Und nachdem er den meisten Menschen ein freundliches Lächeln oder ein wohlwollendes Nicken geschenkt hatte, wandte er sich schließlich dem Drachenreiter und seiner Begleiterin zu. Oder vielmehr wandte er sich direkt seiner Begleiterin zu. Er umschmeichelte sie mit salbungsvollen und hinreißenden Worten, als ob er versuchte sie auf irgendeine Weise zu beschwichtigen oder zu betören. Die Höflichkeit die Vaskir dabei walten ließ ging weit über die nötige Höflichkeit eines zuvorkommenden Gastgebers hinaus, was Entaro in diesem Augenblick äußerst unbehaglich erschien. »Ich wäre untröstlich, wenn ihr verstimmt wäret, wir wollen ja doch länger gut miteinander auskommen, nicht wahr?« Da ergriff Entaro schließlich das Wort. Er wollte gleich klarstellen, dass es zu keinen weiteren Wünschen kommen würde. »Wir reisen heute ab.« Seine Stimme war bestimmend und ruhig. Er ließ sich nicht aus der Reserve locken oder mit verlockenden Worten verführen.

Doch Vaskir lächelte nur dünn. Es war ein wissendes Lächeln, welches davon zeugte, dass Entaro sich gewaltig irren sollte. Und dies verdeutlichte Vaskir auch sogleich, als er Isaés geäußerte Wünsche zur Sprache brachte. »Abreise? Aber nicht doch! An eine Abreise ist nicht im Entferntesten zu denken! Nicht mit den Schulden, die Isaé Edera im Haus der tausend Wünsche hat!« Entaro bemerkte, wie Isaé förmlich erstarrte und begehrte sogleich gegen diese Behauptung auf. Der Drachenritter verengte seine Augen zu zwei argwöhnischen Schlitzen. »Was können die Wünsche nach Speis und Trank schon kosten?«, erkundigte er sich doch da lachte Vaskir nur matt. Es war ein künstliches, aufgesetztes Lachen. Keines dass davon zeugte, dass er sich über Entaros Worte oder Isaés Aufbegehren lustig machte, sondern es war einfach nur ein, beinahe überhebliches, kichern. Als ob er nur der Höflichkeit wegen die Freundlichkeit wahrte. »Aber mitnichten, da gebe ich euch völlig Recht.« Und Isaé versuchte ihn daran zu erinnern, dass sie keine Wünsche geäußert hatte, als sie letzte Nacht dazu verleitet worden war. Doch da schüttelte Vaskir nur den Kopf, da er sich dessen bewusst war. Er erinnerte Isaé stattdessen an jene Wünsche, die sie selbst schon längst vergessen hatte. Wünsche die so banal erschienen, dass man sie eigentlich gar nicht als solche verbuchen würde. Doch Vaskir tat dies. Und man konnte fast eine gewisse Genugtuung in seinen Augen funkeln sehen. »Ruhe und Abgeschiedenheit sind teure Wünsche. Ebenso der Wunsch, nicht gestört zu werden. Ruhe und Ungestörtheit ist manches Mal nicht mit Geld zu bezahlen, meint ihr nicht? Ihr habt meinem Diener einen schönen Abend gewünscht. Auch dies ist ein unsagbar teurer Wunsch. Schöne Abende sind mit Geld nicht zu bezahlen!« Er zählte Isaés Wünsche mit erhobenem Zeigefinger auf und als Entaro diese Wünsche vernahm, rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. »Das darf doch nicht wahr sein.«, seufzte der Drachenritter. »Es tut mir leid, Euch enttäuschen zu müssen, aber diese drei Wünsche sprengen jede Vorauszahlung, die ihr geleistet habt. Ihr steht in meiner Schuld, und solange diese Schuld nicht beglichen ist, ist es euch weder gestattet noch möglich, die Schwelle der Tür des Hauses der tausend Wünsche zu übertreten!« Entaro seufzte erneut. Dieses Mal war es ein schwermütiges Seufzen aus tiefster Kehle, dass von seiner Resignation zeugte. »Was verlangt ihr im Gegenzug für diese Wünsche, Herr des Hauses der tausend Wünsche?«, erkundigte sich Entaro mit hörbar belegter Stimme, die davon zeugte, dass eine gewisse Unruhe und Furcht vor der Antwort in ihnen mitschwangen. »Das ist eine sehr gute Frage, Drachenreiter.« Vaskir verbeugte sich, als ob er sich für seine Antwort entschuldigen würde. »Aber die Antwort auf diese Frage ist nicht so einfach zu geben, wie es vielleicht den Anschein haben mag. Natürlich gibt es für alles auf dieser Welt, und für jeden Wunsch in diesem Haus, einen Preis. Doch ihr wisst doch sicherlich ganz genau, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die nicht mit Gold aufzuwiegen sind.« Entaro nickte wissend und seufzte abermals. »Ich bin wirklich untröstlich und es ist mir wirklich sehr unangenehm, doch derart facettenreiche Wünsche werden auf eine andere Weise bezahlt.« Vaskir verbeugte sich abermals doch dieses Mal lag ein unverhohlenes Lächeln auf seinen Lippen.

»Der Wunsch nach Ruhe und Abgeschiedenheit kostet euch den Gegenwert von einhundertundzweiundzwanzig Wünschen. Der Wunsch nach Ruhe und Ungestörtheit fällt mit fünfundsiebzig Wünschen zu Buche. Der Wunsch nach einem schönen Abend wird, da Isaé heute so bezaubernd aussieht, nur mit fünfundzwanzig Wünschen gegengerechnet.« Isaé schluckte und Entaro erbleichte förmlich bei diesen Worten. »Zweihundert und Zweiundzwanzig Wünsche?«, hauchte Entaro mit einer brechenden Stimme. »Nun, fürwahr Herr Adun. Vergleichsweise günstig, wenn wir uns an jenen Wunsch von euch erinnern, der sage und schreibe eintausend Wünsche wert war, nicht wahr?« Vaskirs dünnes Lächeln wurde immer breiter. »Ich bin mir sicher, da ihr diese tausend Wünsche bezahlen konntet, dass Isaé Edaras Schulden für euch doch kein Problem darstellen sollten, nicht wahr?» Entaro seufzte. Er hatte damals einen Seelenstein in Zahlung gegeben um seine Schulden begleichen zu können. Er hatte keinen zweiten, und eigentlich wollte er auch den ersten wieder zurückerlangen. Wie sollte ihm das nun gelingen? Und auch wenn es nicht seine Schulden waren, sondern Isaés Schulden, so gebot es ihm seine ritterliche Ehre, dass er sie damit nicht allein hängen ließ. Sonst würde sie womöglich so Enden, wie dieser Händler, der zum willenlosen Diener wurde. »Ihr habt sicher Verständnis, dass ich nur eine geringe Barschaft bei mir habe.« Vaskir nickte verstehend. »Aber gewiss. Doch solange eure Schulden nicht getilgt wurden, kann ich es leider nicht gestatten, dass ihr dieses Haus verlasst. Eure Seelen sind an diesen Ort gebunden, bis die Schuld erbracht wurde.« Ein dumpfes Kichern ertönte am anderen Ende des Speisesaals, und Entaro wandte seinen Blick in jene Richtung, um den Lump mit finsteren Blicken zu strafen, welcher sich an ihrem drohenden Leib zu ergötzen und amüsieren schien. Doch als Entaro erkannte, dass dort niemand war und sein Blick nur ins Leere wanderte, ergriff ihn ein beklemmendes Gefühl. Als ob sich eine unsichtbare Hand um seinen Hals legen würde. »Nun denn. Ich wünsche den Herrschaften noch einen schönen Tag, und einen ebenso schönen, weiteren Aufenthalt in diesem Haus der tausend Wünsche. Meine Töchter werden euch im Laufe des Tages in eurem Gemach aufsuchen, um die genauen Einzelheiten zu besprechen. Bis dahin steht es euch frei alle Annehmlichkeiten dieses Hauses zu nutzen.« Vaskir deutete eine leichte Verbeugung an, doch dieses Mal fiel sie schon weitaus weniger ehrerbietig aus, als die letzte. Und dann wandte er ihnen den Rücken zu und verschwand.

Entaro nahm seine Gabel zur Hand und stach sie achtlos, ja beinahe brutal, in ein Stück Fasanenbrust. Und als er auf dem zarten Fleisch herumkaute, ließ er murmelnd seinen Frust freien Lauf. »Das nächste Mal, wenn ich dir sage, du sollst dir nichts wünschen, solltest du wirklich auf mich hören.« Er stach erneut in ein Stück Fasan und ließ auch dieses wieder in seinem Mund verschwinden. »Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir uns aus diesem Dilemma lösen. Und falls du daran denkst, einfach das Haus zu verlassen…« Wieder rammte er die Gabel in ein Stück Fasan und stopfte es zu dem letzten Stück, welches sich noch immer in seinem Mund befand. »…lass dir gesagt sein, dass dies nicht möglich ist.« Er schluckte das Fleisch herunter und nahm einen der gläsernen Becher, welche mit silbernen Verzierungen eingefasst worden waren, zur Hand und tat einen kräftigen Schluck von dem roten Wein darin. »Als ich einst versucht habe das Haus zu verlassen, ohne meine Schulden zu bezahlen, stand dort eine Wache bereit. Egal ob ich aus der Tür trat, oder aus dem Fenster stieg, ich wurde aufgehalten. Und wenn du glaubst, ich habe nicht versucht mich zu wehren, dann irrst du dich.« Er tätschelte auf dem Heft seines Schwertes, welches an seinem Gürtel hing. »Die Herren dieses Hauses sind sich ihrer Wachen so gewiss, dass sie uns sogar mit unseren Waffen in ihr Haus lassen.« Er tippte sich wissend an die Schläfe. »Das bedeutet, wir müssen mit List vorgehen, wenn wir die Schulden nicht begleichen können. Doch jetzt lass uns zu Ende speisen. Wenn die drei Töchter kommen, werden wir mehr wissen.«
#59
Eine unmoralische Forderung ❖
drache-iIsaé zuckte erschrocken, aber beinahe unmerklich zusammen, als Entaro mit sichtlicher Wut mit der Gabel in die Fasanenbrust stach und sich einen Bissen damit ebenso energisch in den Mund stopfte. Während dem Kauen vergaß er sogar seine guten Manieren und murmelte mit vollen Backen „Das nächste Mal, wenn ich Dir sage, du sollst Dir nichts wünschen, dann solltest du auf mich hören!“ Isaés öffnete den Mund vor Empörung und wollte etwas sagen, doch es kam kein Wort aus ihrer Kehle, die wie zugeschnürt erschien. Darum schnappte sie nach Luft und atmete tief ein und wieder aus, ehe sie anhob. „Entaro. Ich habe mir nichts gewünscht. Nicht wirklich! Das waren doch nur so dahergelaufene Floskeln, vornehm gewählte Worte, wenn du so willst. Ich bin nur eine einfache Frau und ich wollte mich lediglich anpassen. Ich…“ Sie brach ihre Worte ab und winkte resigniert mit der Hand. Es hatte keinen Sinn, er verstand sie ja doch nicht. Oder er wollte sie nicht verstehen. Was letzten Endes aufs selbe hinaus kam. Sie stützte die Ellbogen um den Tisch und legte ihren Kopf auf die verschränkten Hände und zog es vor, zu Schweigen und Entaro beim Essen zuzusehen. Ihr war der Appetit gründlich vergangen. Entaro hingegen nicht. „Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir uns aus diesem Dilemma lösen. Und falls du daran denkst, einfach das Haus zu verlassen, lass dir gesagt sein, dass dies nicht möglich ist. Erneut erzitterte der Tisch, als Entaro völlig überzogen seine Gabel in das Fleischstück rammte und ihre Gedanken drifteten ab, als sie an Gare du Nord dachte, der nachts noch ein freundlicher, fröhlicher Kartenspieler gewesen war und nun allen Anscheins nach zu einer willenlosen Marionette geformt wurde. Und das binnen weniger Stunden. Wie war das nur möglich? Entaro erzählte ihr über seinen früheren Aufenthalt im Haus der Wünsche. Wie er versucht hatte, das Haus zu verlassen, und wie es nicht möglich gewesen war. Dass selbst Waffengewalt nichts auszurichten vermochte, ja, dass die Herren des Hauses Waffen ihren Gästen nicht abgenommen hatten, da sie sich sehr sicher wähnten. „… dass wir mit List vorgehen müssen, wenn wir die Schulden nicht begleichen können. Doch jetzt lass uns zu Ende speisen. Wenn die drei Töchter kommen, werden wir mehr wissen.“ Isaé nickte leise. „Iss du nur, Entaro.“ Keinen Bissen würde sie zu sich nehmen. Wer wusste schon, vielleicht kostete jeder lächerliche Bissen einen weiteren Wunsch, und die Schulden standen ihr schon jetzt bis zum Halse. Nur eins beschäftigte sie. Wenn Entaro bereits hier war und den einen Wunsch mit dem Wert von tausend Wünschen begleichen musste, warum war er wieder hierher zurückgekehrt? War er von Sinnen? Oder steckte da eine Berechnung dahinter? Warum war ihm so an ihr gelegen? Zuerst stand sie in der Schuld des Drachen, und keine Macht der Welt konnte sie davon lösen, außer der Drache selbst, nun hatte Entaro sie hierher gebracht und erneut stand sie in jemanden Schuld. Sie steckte bis über beide Ohren in Schulden, die mit normalem Menschenverstand weder zu erklären noch zu begleichen schienen. Plötzlich sah sie Entaro mit völlig anderen Augen. Vielleicht war dies hier nur ein lächerliches abgekartetes Spiel, ein Schauspiel, das nur den einen Zweck erfüllte: sie an dieses Haus zu binden. Wenn sie nicht an den Drachen gebunden gewesen wäre, wer weiß, vielleicht hätten sich ihre Wege längst getrennt. So aber war sie gezwungen worden, hierher zu kommen. Und so schloss sich vermutlich der Kreis. Aber warum gerade sie? Wer war sie schon? Isaé Edera. Eine einfache, verarmte Frau ohne nennenswerte Künste und Kenntnisse. Aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen, ohne besondere Abstammung oder Begabung.

Nach dem sie eine Weile am Tisch gewartet hatten, sich jedoch keine der drei Töchter erschienen waren, zogen sie es vor, sich zurück auf ihr Zimmer zu begeben. Die Flasche Wein, die noch halb voll am Tisch gestanden hatte, hatte Isaé kurzerhand einfach mitgenommen. Eigentlich war es schon egal. Wenn sie bis zum Hals in Schulden steckte, dann kam es auf die Flasche Wein auch nicht mehr drauf an. Was konnte das schon verändern? Isaé goss sich einen Becher davon ein und trank den Wein, während sie unruhig auf und ab ging. Die Zeit schien zäh wie alter Honig zu sein und es schien ihr, als lägen ihre Nerven blank. Sie kippte den Wein in einem Zug in ihre Kehle und ging an ihre Tasche um nach ihrem Pfeifenkrautbeutel zu kramen. Sie hatte nicht mehr viel Feuermohnopium. Deswegen hatte sie die Abstände zwischen den Pfeifen mit viel Willenskraft verlängert. Nun aber war ihre Willenskraft erloschen. Sie brauchte jetzt dringend eine Pfeife. Verzagt betrachtete sie das winzige Opiumkügelchen das noch übrig war und brach ein kleines Stückchen davon ab und zerbröselte es in die mit Pfeifenkraut gestopften Pfeifenkopf. Ihre Unruhe ließ schlagartig nach, als sie den Pfeifenrauch inhalierte und sie lümmelte sich noch tiefer in den Lehnsessel und starrte aus dem Fenster, als es plötzlich an der Türe klopfte.

Entaro öffnete nach einer kurzen Weile und Isaé, die über die Sesselohren hinweg zur Tür starrte, sah zwei der drei Töchter Vaskir de Escrocs eintreten. Ja beinahe schwebten sie in den Raum. Isaé blieb sitzen und rauchte ihre Pfeife weiter. In diesem Moment interessierte sie es nicht, dass die beiden just jetzt kamen. Doch als sie Entaro sich erst dezent hüsteln und dann weniger dezent räuspern hörte, erhob sie sich dann doch aus dem Lehnsessel und trat an die drei heran, die in der Mitte des Raumes standen. Erwartungsvoll blickte Entaro die beiden an, während Isaé eher teilnahmslos dastand und wie ein ungezogenes Gör den Pfeifenrauch in die Mitte der Runde blies. „Nun…“ begann eine der beiden Töchter. „Dann lasst uns nun verhandeln, nicht wahr?“ Sie säuselte diese Worte dahin, als ob man auf dem Markt um irgendeine Ware verhandelte, die man zwar nicht brauchte, aber unbedingt wollte. „Der Drachenritter sollte sich hier zurückhalten. Denn er selbst hat gesagt, er besitzt nur eine geringe Barschaft. Das wissen wir längst. Wir wissen auch, dass er längst einen wertvollen Besitz in Zahlung gegeben hat. Bis auf den Drachen besitzt er ja nichts wertvolles mehr, darum ist der Drachenreiter nicht befugt, hier mitzuverhandeln.“ Sie wandte sich nun an Isaé. „Nun, meine Liebe. Auch ihr besitzt nichts von Wert. Jedenfalls nichts materielles. Ihr habt weder Geld, noch Schmuck, noch sonstigen Besitz. Alles was ihr mit Euch tragt, seid ihr selbst.“ „Und was soll das nun bedeuten?“ fragte Isaé kühn und legte die Pfeife, die nun ausgeraucht war, auf das kleine Beistelltischchen das unweit von ihnen entfernt im Raum stand. Sie entließ wabernd den letzten Rauch aus ihrem Mund. „Wollt ihr etwa mein Leben, im Austausch für diese lächerlichen Floskeln, die alles, nur keine wirklichen Wünsche waren?“ Die jüngere der beiden kicherte. „Das klingt so dramatisch, meine Liebe. Natürlich wollen wir nicht Euer Leben. Lebendig nützt ihr uns natürlich mehr als tot.“ „Und was soll das dann? Was zum Henker wollt ihr dann von mir? Wie sollte ich meine Schuld begleichen, wenn ich, wie ihr doch selbst erkannt habt, nichts von Wert besitze?“ „Eine Sache besitzt ihr, die nicht jede Frau besitzt. Und unser Vater wäre bereit, dies als Bezahlung zu akzeptieren.“ Isaé hob eine Augenbraue. „Und was wäre das?“ In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie würde sich jetzt lieber hinsetzen, als Verhandlungen zu führen, jetzt, da sie ohnehin nicht mehr alle ihre Sinne beisammen hatte, was am Feuermohnopium lag. Nun sprach die Ältere. „Eure Jungfräulichkeit, Isaé Edara.“ Es war, als hätte man sie geschlagen. Isaé erschrak und taumelte einen Schritt zurück. „Was? Wie bitte? Hab ich mich verhört? Ihr wollt was?“ „Eure Jungfräulichkeit, Isaé Edera. Das ist alles, was in diesem Haus von euch als Bezahlung akzeptiert wird, da ihr nichts anderes von Wert besitzt. Isaé schüttelte den Kopf. „Das kommt nicht in Frage. Was ist denn das für eine dämliche Forderung? Ich soll mich wie eine Dirne hingeben, und dann darf ich den Turm wieder verlassen? Ist das wirklich Euer Ernst?“ Die beiden jungen Frauen lächelten milde. „Uns ist bewusst, dass sich bisher niemand so ernsthaft für Eure Jungfräulichkeit interessiert hat wie hier. Daher räumen wir Euch eine Bedenkzeit bis zum Abend ein. Nach dem Abendessen erwartet Vaskir de Escroc Eure Antwort.“ „Und wenn ich mich weigere?“ Einde der beiden zuckte beiläufig die Schultern. „Dann ist Eure Seele an das Haus der tausend Wünsche gebunden bis in alle Ewigkeit.“ Isaé presste ihre Lippen aufeinander, bis diese nur noch ein dünner Strich waren. „Dann habe ich ja ohnehin keine andere Wahl, oder wie?“ Die Töchter hatten sich zum Gehen abgewandt. „Natürlich habt ihr eine Wahl. DIe Wahl über Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit.“ Ein silberhelles Lachen ertönte, dann schwebten die beiden aus dem Zimmer.

Isaé schluckte. Sie schämte sich, und wagte es nicht, aufzublicken und Entaro anzusehen. Was war das für eine unsinnige Forderung? Ihr fehlten in diesem Augenblick wahrlich die Worte. Sie wandte sich ab und ging wieder auf den Lehnsessel zu, in den sie sich fallen ließ. Sie musste nachdenken. Nach einer Weile blickte sie auf. „Das hat doch alles keinen Sinn, Entaro. Du weißt, wie blödsinnig diese Forderung ist. Das tue ich nicht. Ich bin eine ehrbare Frau und werde mich nicht wie eine billige Dorfhure hingeben. Und wer weiß, ob sie uns dann gehen lassen. Lieber stürbe ich anstatt mich so zu entehren.“ Dann hielt sie inne. „Den Freitod zu wählen, erscheint mir in diesem Moment das einzig Vernünftige. Wozu sonst haben sie uns die Waffen gelassen? Entweder ich bleibe hier auf ewig seelenlos gefangen wie Gare du Nord und andere, oder ich wähle den Freitod. Welche Wahl hätte ich den sonst?"
#60
Das Würfelspiel ❖
drache-entaro starrte die drei Töchter, die fast wie Geister durch den Raum zu schweben schienen, ungläubig nach. Einen solchen Preis hatte er nicht erwartet. Zwar war dieser Preis, in Entaros Augen, nicht der höchste den man sich ausmalen konnte, aber Entaros Ritterlichkeit und Tugendhaftigkeit machten es im unmöglich diesen Preis in irgendeiner Form als Akzeptabel oder Angemessen zu empfinden. Und so teilte er Isaés Empörung. Doch die drei Schwestern waren schon aus dem Zimmer verschwunden und hatten Isaé sozusagen vor vollendete Tatsachen gestellt. »Das waren aber sehr einseitige Verhandlungen.«, murmelte Entaro und zupfte sich an seinem Bart. »Die Verhandlungen haben ja noch nicht einmal begonnen und da sind sie schon verschwunden.« Nachdenklich verschränkte er die Arme vor der Brust und grübelte, wie sich diese Situation am besten bereinigen ließe. »Das hat doch alles keinen Sinn, Entaro!«, begehrte Isaé, in Entaro Augen berechtigterweise, auf. »Ja da stimme ich dir zu. Diese Forderung ist unredlich...um nicht zu sagen absurd...« Doch er hielt inne. »...wenngleich es ein verhältnismäßig geringer Preis dafür ist, was dir blühen wird, wenn du nicht bezahlst. Und es ist nichts anderes als das Begleichen einer Schuld.« »Das tue ich nicht!«, rief Isaé aufgebracht. »Ich bin eine ehrbare Frau und werde mich nicht wie eine billige Dorfhure hingeben!« Entaro nickte zustimmend. »Ich würde dir auch nicht raten dieser Forderung nachzukommen. Wer weiß ob damit die Schuld auch wirklich getilgt wurde? Vielleicht fallen ihnen noch weitere Dinge ein...sie werden uns niemals gehen lassen, solange sie nicht das haben was sie wollen.« Isaé starrt Entaro resignierend an. »Den Freitod zu wählen erscheint mir, in diesem Moment, das einzig Vernünftige.« Entaro lachte bitter und wischte ihre Worte beiseite wie lästige Fliegen. »Freiwillig in den Tod zu gehen ist niemals vernünftig, Isaé.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wozu haben sie uns die Waffen gelassen? Doch nur dazu! Entweder bleibe ich eine ewige Gefangene bis nicht mehr ich selbst bin wie Garde du Nord, und andere, oder ich setze meinem Leben Hier und Jetzt ein Ende! Welche Wahl habe ich denn sonst?« Entaro schwieg...doch seine eiserne Miene wurde dabei immer grimmiger. »Wir müssen sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Es gibt immer eine Wahl Isaé.« Seine Blicke schweiften durch das offene Fenster in die sternenklare Nacht. Nun, fast immer...Die Blutschuld die sie an den Drachen band, da blieb ihr tatsächlich keine andere Wahl. Doch hier verhielt es sich anders. Es musste einen anderen Ausweg geben. Doch welchen nur?

Entaros Blicke verharrten für einen Augenblick, der ihm wie eine halbe Ewigkeit vorkam, auf einem imaginären Punkt irgendwo weit draußen auf dem schwarzen Wasser auf dem nur das fahle Licht des Mondes tanzte. Als ob er die Zeit vergessen hätte. Isaé saß in dem kleinen Erker beim Fenster und hatte sich eine Pfeife angezündet und der beißende aber wohlriechende Duft des Pfeifenkrauts drang heimlich in seine Nase. Da wurde er schließlich von seinen Gedanken fortgerissen. »Komm. Es nützt uns nichts hier Trübsal zu blasen. Lass uns etwas Zerstreuung suchen, um dich von deinen dunklen Gedanken zu befreien.« Er nahm Isaé an der Hand und zog diese, wenn auch widerwillig, hinter sich her. »Wo gehen wir hin?« »In den obersten Stock.« Im obersten Stock war das Kasino. Die Spielhölle...der Ort in diesem Turm wo viele Männer und Frauen alles verloren was sie besaßen. Ja selbst ihre Freiheit oder gar ihr Leben. Doch Entaro dachte nicht daran etwas davon zu verlieren. Er hing sehr an seiner Freiheit. Und noch mehr an seinem Leben.

Als die Beiden den obersten Stock erreicht hatten, wandelte sich die Einöde und die unbehagliche Einsamkeit in ein buntes und reges Treiben. Es waren dutzende Männer zugegen, die laut lachten, Karten spielten, Würfel warfen oder kleine Steine auf polierten Holzbrettern hin und her schoben. Es schien fast so, als ob die Gefahr, die von diesem Turm ausging, von Niemandem wahrgenommen wurde. Oder dass niemals auch nur ein Wort davon diese Mauern verlassen hatte. Als ob dies eine andere Welt wäre, in der es weder Lug noch Trug gab, wenn man einmal von den Falschspielern absah, und man einfach nur sein Geld verspielen würde. Doch dieser Schein trog. Das war Entaro mehr als bewusst. Er war nie ein großer Spieler gewesen. Daher waren die Karten und die Brettspiele für ihn nicht wirklich von Belang. Aber Würfeln? Würfeln konnte jeder. Solange die Spielregeln nicht allzu komplex waren. Und so setzte er sich an einen der freien Tische, gebot Isaé ebenfalls Platz zu nehmen und nahm einen der Becher, in welchem fünf Würfel lagen. »Wie geht dieses Spiel?«, fragte er den Spielmacher, der am Kopf des Tisches saß und die Gewinne verteilte oder die Verluste einstrich. »Es ist ganz einfach. Ihr schüttelt den Becher, dann wettet ihr darauf wie viele Würfel dieselbe Anzahl an Augen zeigen, und dann hebt ihr den Becher an. Zeigen die Würfel mehr als die vorhergesagte Anzahl an Augen schreibt ihr die Differenz zwischen dem was ihr gewettet habt, und dem was ihr gewürfelt habt als schwarze Zahlen auf einen Schuldschein. Ist die Anzahl an Augen hingegen weniger als ihr gewettet habt, müsst ihr den nächsten Wurf mit einem Würfel mehr werfen. Dies geht so weiter bis ihr entweder einen vollen Schuldschein erreicht habt, oder zehn Würfel in eurem Becher sind.

In beiden Fällen habt ihr dann das Spiel verloren und müsst den vollen Schuldschein an das Haus zahlen.« Entaro nickte, aber er hatte die Regeln nicht wirklich verstanden. »Das heißt, bei diesem Spiel kann man eigentlich gar nicht gewinnen.«, murmelte er und war schon im Begriff den Becher wieder abzustellen, doch da lachte der Mann. »Aber mitnichten, werter Herr. Ihr gewinnt, wenn die Anzahl an Augen exakt dem entsprechen, was ihr vorhergesagt habt. In diesem Fall dürft ihr bei eurem nächsten Wurf einen Würfel weniger werfen. Dies geht so weiter bis ihr nur noch einen Würfel übrig habt.« Entaro nickte. Es war natürlich ein Glücksspiel. Der Spielmacher räusperte sich, fast ein wenig aufdringlich, und deutete auf den Würfelbecher. »Wollt ihr eine Runde wagen?« »Muss man das Spiel zu Ende spielen? oder kann man jederzeit aufhören?« Der Mann schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Es ziemt sich nicht ein Spiel nicht zu beenden. Aber wenn ihr es wünscht, kann man das Spiel auch vorzeitig beenden.« Da dämmerte es Entaro. Dies war also der Haken. Wenn man kurz davor war das Spiel zu verlieren konnte man sich einfach freiwünschen. Was für die meisten nur eine Lappalie ist, bedeutete in Wahrheit nur ein noch viel höherer Preis. Entaro zögerte, doch als seine Blicke sich mit Isaés Blicken trafen, nickte er grimmig. Was hatten sie schon noch groß zu verlieren? Sie standen eh so tief in der Schuld des Hauses, was machten da ein paar Schulden mehr schon für einen Unterschied? Er nahm den Becher in die rechte Hand, bedeckte den Becher mit der Linken und begann ihn kräftig zu schütteln. »Spielen wir!«
#61
Die Würfel sind gefallen ❖
drache-nervös stopfte sich Isaé noch eine Pfeife. Sie sah nur wenig, bis gar keine Möglichkeiten mehr, aus diesem verwünschten Turm herauszukommen. Also waren ihre Tage, oder vielleicht sogar Stunden gezählt und diese wollte sie entsprechend nutzen. Doch bevor die Wirkung des Feuermohnopiums sie vollends einnahm, begehrte die junge Frau noch einmal auf, wie sie es bei Vaskirs Töchtern zuvor getan hatte. “Das hat doch alles keinen Sinn, Entaro!” rief sie leidenschaftlich und gestikulierte dabei mit der Pfeife in der Hand. "Ja, da stimme ich dir zu. Diese Forderung ist unredlich...um nicht zu sagen lächerlich..." Doch er hielt inne. "... wenn gleich es ein verhältnismäßig geringer Preis dafür ist, was dir blühen wird, wenn du nicht bezahlst. Und es ist nichts anderes als das Begleichen einer Schuld." “Das heißt, ich soll es machen? Das tue ich nicht, Entaro! Ich bin eine ehrbare Frau und werde mich nicht wie eine billige Dorfhure hingeben! Er schüttelte den Kopf und stimmte ihr zu, ja, er riet ihr sogar davon ab, dieser Forderung zuzustimmen, die möglicherweise mit einer weiteren Forderung einherging. Die Hexenjägerin entzündete das Pfeifenkraut im Pfeifenkopf und atmete den Rauch dabei tief ein. Es dauerte nur wenige Momente, bis der Rauschzustand sich einstellte. Der Pfeifenrauch, der ein lieblich bittersüßes und schweres Aroma verströmte, hüllte den Raum ein. Isaé spürte nach kurzer Zeit die wohltuende, berauschende Wirkung des Feuermohn Opiums, und wie die Anspannung von ihren Schultern fiel. Für gewöhnlich war sie zu diesem Zeitpunkt des Rausches euphorisch. Nicht aber in ihrem derzeitigen Gemütszustand. Sie blickte düster ins Nichts. Doch nur wenige Momente später ergriff Entaro ihre Hand und zog sie aus dem bequemen Lehnstuhl. “Komm, es nützt uns nichts, hier Trübsal zu blasen. Lass uns etwas Zerstreuung suchen, um dich von deinen dunklen Gedanken zu befreien. Ihr Weg führte sie ins oberste Geschoss, wo sich der Spielsalon befand.

Oben angelangt setzte sich Entaro, und eher widerwillig begleitet von Isaé, an einen der Tische und ließ sich das Spiel von dem Croupier erklären. Isaés Geist war gleichzeitig wach und benebelt, wie es so eigen war nach dem Konsum von Feuermohn Opium, doch sie verstand in dem Augenblick nicht recht, wieso Entaro sich nun einem wahnwitzigen Spiel hingeben wollte, von dem er selbst sagte, dass es nicht zu gewinnen sei. Sie hob die Hand und rief einem der Bediensteten zu “Eine Flasche Wein, und zwei Gläser, bitte!” Und in diesem Moment war es ihr egal, ob man dafür einen Wunsch verbraten musste. Flink brachte der Diener eine grüne, leicht geschwungene Flasche und goß in zwei Gläser dunkelroten Wein. Entaro ergriff den Becher mit den Würfeln, und Isaé legte ihre Hand darüber, drückte sie sanft und zwang ihn damit, kurz innezuhalten. “Bist du dir sicher, Entaro?” fragte sie ihn mit Nachdruck, und blickte ihm fest, aber zweifelnd in die Augen, und er nickte. Da ließ sie seine Hand wieder los und zuckte die Schultern. “Ich spiele nicht mit, ich sehe nur zu.” entschied sie und stützte ihren Kopf in ihre Hände. Und während sie dem Spiel zusah, und fest in der Geisel des Feuermohn Opiums war, begann sie nachzudenken. Welche Möglichkeiten hatte sie? Wenn es nach Entaros Wissensstand ging, war eine Flucht ausgeschlossen. Und wenn sie sich ehrlich war, dann wollte sie auch nicht den Freitod wählen. So sehr war ihr nun auch nicht am unabdingbaren Status einer ehrbaren Frau gelegen. Sie wollte leben und sie wollte aber auch diesen Turm mit seinem spröden Charme verlassen. In jeder Bauernstube war es gemütlicher als hier in diesem Prunk und Pomp. Das Spiel langweilte Isaé, da sie es schlichtweg nicht verstanden hatte. So begann sie die Umgebung zu beobachten. Die anderen Menschen, die da spielten und vermutlich ihre Seelen für eine Nacht voll Spiel und Spaß eintauschten. Den Croupier, der den Spielverlauf ganz genau beobachtete, jede Würfelanzahl genau erfasste, und niederschrieb und ihr auch einmal zuzwinkerte. Entaro, der konzentriert dem Spielverlauf verfolgte, und dem sie durchaus zutraute, dass er dieses Spiel nicht spielte, um sie von ihren dunklen Gedanken zu befreien, sondern weil er einen genauen Zweck verfolgte, der sich ihr nicht offenbaren wollte, oder von dem er, der Drachenreiter, nicht wollte, dass er sich irgendjemandem offenbarte. Sie rückte ein wenig ab und betrachtete ihn im Schutz ihrer Hände, hinter denen das Gesicht halb vergraben war. Seine vor Konzentration leicht gerunzelte Stirn, unter der sich seine dichten Augenbrauen zusammen zogen. Die elegant geschnittene, markante Nase, die zwischen den Augenbrauen hervorstand. Der gepflegte und gestutzte Bart, der nicht so weich war, wie er aussah. Hinter dem sich sinnliche Lippen verbargen. Das wusste sie. Schließlich hatten sie sich in der Nacht ihrer ersten Begegnung einem Kuss hingegeben. Auch, wenn er Daerean einen Schwur geleistet hatte. Wieso fiel ihr immer nur dann auf, was für ein stattlicher Mann war, und wieso eigentlich sah sie ihn nur mit anderen Augen, wenn sie unter dem Rausch des Feuermohns stand? Wohl wusste sie, dass der Feuermohn nicht nur ein angenehmes Rauschmittel war, sondern auch verborgene Gelüste weckte, dennoch war es rational nicht erklärbar. Hastig griff sie zu dem Weinglas und trank einen Schluck daraus. Als ob Wein derartige Gedanken zu vertreiben vermochte! Wenn sie zum Beispiel Vaskir de Escroc hernahm… Ihn sah sie im Rauschzustand ganz bestimmt nicht lüstern an. Alleine die Vorstellung, dass er ihr ihre Jungfräulichkeit nehmen sollte oder wollte, widerte sie an! Wenn sie sich vorstellte, wie sie nackt vor ihm lag, und er über sie kam, wie ein Tier auf einer Schlachtbank seinem Schlächter gewahr wurde… Erneut trank Isaé einen Schluck Wein. Um den Ekel herunterspülen. “Entaro…” sagte sie leise. “Wir könnten Vaskir de Escroc aber ein Schnippchen schlagen.” Der Croupier blickte neugierig auf, was Isaé dazu brachte, näher an Entaro zu rücken, um ihm ins Ohr flüstern. Dabei legte sie ihm sanft eine Hand in den Rücken, die andere legte sie auf seinen Oberschenkel und raunte ihm die Worte zu, die nur für seine Ohren bestimmt waren. Warmer, wein geschwängerter Atem kitzelte an sein Ohr, streifte seinen Hals. “Wenn du mir meine Unschuld nähmtest, dann hätte Vaskir zumindest das Nachsehen.” Sie rückte leicht von ihm ab und sah ihn erwartungsvoll an. Ihre Lippen umspielte ein neckisches Lächeln, wie es nur der Feuermohn vollbrachte. Gepaart mit Wein. “Isaé!” stieß er hervor. “Ich habe Daerean einen Schwur geleistet…!” “Ich denke, wenn du den Schwur einmal gebrochen hast, dann vergisst du deinen Daerean ganz schnell wieder…” kicherte sie. “Hörensagen, weißt du?” Sie trank ihr Glas aus. “Mir fiele noch dein Drache ein. Sein Drachenfeuer kann bestimmt den ganzen Turm in sich zusammenfallen lassen, dann hat sich das mit den Wünschen auch ganz schnell erledigt.” Sie erhob sich und klopfte Entaro bei diesen Worten auf die Schulter. Einerseits musste sie mal, andererseits musste sie Abstand gewinnen. “Ich bin gleich wieder zurück.”

Noch bevor sie den Abort auch nur finden konnte, lief sie auf der Treppe beinahe Vaskir in die Arme. Fast so, als hätte er nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um sie abzupassen. Er lächelte breit, als er sie erblickte, und deutete eine leichte Verbeugung an. Sie hatte nur Verachtung für ihn übrig und behielt recht mit ihrer Vermutung, dass sie seinem Charme unter dem Feuermohn nicht erliegen würde. “Isaé, meine Liebe! Habt ihr schon über mein Angebot nachgedacht?” “Euer Angebot? Es ist kein Angebot, sondern Eure Töchter haben mich vor vollendete Tatsachen gestellt!” Sein Lächeln wurde breiter und er schnalzte mit der Zunge. “Man kann es so sehen und so. Warum seht ihr es so nachteilig?” “Weil es mich beschämt. Ihr seid so alt, ihr könntet mein Vater sein, und erpresst mich, dass ich mit Euch das Lager teile. Und wenn ich ablehne, soll ich dieses Haus nicht mehr verlassen dürfen.” Jetzt begann er zu lachen. Er lachte, dass er sich förmlich bog und sich am Treppengeländer festhielt. Isaé blickte ihn finster an “Was ist so lustig?” “Niemand hat gesagt, dass ihr mit mir das Lager teilen müsst.” Jetzt blickte sie ihn verblüfft an. “Was? Aber Eure Töchter haben…” “... nicht gesagt dass ich Euch ficken will…” vollendete er brüsk den Satz. “Es geht mir nur um die Jungfräulichkeit. Um nichts mehr…” Isaé war verwirrt. “Was? Wie meint ihr das? Wie kann man das eine ohne das andere haben… Ich verstehe nicht…” “Es ist mehr eine rituelle Handlung, ohne den eigentlichen Akt. Es geht mir um einen gewissen Aspekt. Um das jungfräuliche Blut… Mehr braucht ihr derzeit nicht wissen. Wie lautet nun Eure Antwort?” Isaé schüttelte den Kopf. “Wenn ich eins in diesem Haus gelernt habe, dann, dass ich keine Entscheidung kopflos treffe. Und schon gar nicht, ohne mit meinem Begleiter darüber zu sprechen. Ich habe ja noch Zeit, soweit ich das sehe?” Ihr Blick fiel dabei auf eine große, alte Standuhr, die zwischen den beiden Treppenabsätzen an der Wand stand. Damit wandte sie sich ab und lief zurück ins oberste Stockwerk, zurück in den Spielsalon, und zurück zu Entaro. “Ich werde es tun, Entaro.” sagte sie leise, als sie wieder Platz nahm, und dann erzählte sie dem Drachenreiter von der Begegnung mit Vaskir de Escroc und worüber er sie aufgeklärt hatte.
#62
Alles auf eine Karte ❖
drache-während Entaro die Würfel rollen ließ, und Isaé nur dabei zusah, bemerkte der Drachenreiter nicht, dass die Zeit förmlich verflog. Es dauerte eine ganze Weile bis er in den Rhythmus des Spiels gefunden hatte, und er hatte schon acht Würfel in seinem Becher und die Markierungen auf seinem Schuldschein waren auch schon eine ganze Menge geworden. Isaés Worte schwangen auch immer wieder in seinem Kopf herum. Und auch wenn er ihr Angebot ausgeschlagen hatte, so ertappte er sich doch immer wieder dabei, wie in seinem Geist die Vorstellung zu keimen begann mehr in dieser Frau zu sehen als nur eine Begleiterin. Und war dies nicht ein Akt der Ritterlichkeit, um Isaé davor zu bewahren von Vaskir entweiht zu werden? Entaro schüttelte den Gedanken von sich. Wer sagte überhaupt ob dies funktionieren würde? Und welchen Preis würde Vaskir dann stattdessen einfordern, wenn sie nicht mehr rein war? Das Spiel dümpelte so dahin, während Entaro seinen Gedanken nachhing. Aus sieben Würfeln sind schon acht geworden und Entaro überlegte kaum mehr, sondern warf einfach irgendwelche Zahlen in den Raum, was der Sache nicht sonderlich dienlich war. Ganz im Gegenteil. Er war kurz davor sich im Haus der tausend Wünsche zu verschulden, und er hatte nichts mehr an Wert, dass für Vaskir noch von Interesse wäre...außer seinem Drachen. Doch Vaskir wusste genauso wie Entaro, dass dieser niemals als Pfand taugte. Die Natur des Drachen ließ sich nicht verändern oder unterwerfen. Er war an Entaro gebunden und nur durch seinen Tod würde er von diesem Band entbunden...und selbst dann würde Vaskir ihn nicht für sich beanspruchen können. Doch dann war Entaro das Glück hold geworden und er konnte seine Würfelanzahl auf drei Würfel reduzieren. Isaé hatte von Entaros Glück gar nichts mitbekommen, denn sie war für einen Moment verschwunden. Doch Entaro war von seinem Spiel so abgelenkt, dass er sich keine große Sorgen gemacht hatte. Doch die Gedanken schwangen immer mehr um ihre Abwesenheit, je mehr Zeit verstrich. Und als die Ablenkung zwischen der Sorge um Isaé so groß geworden war, dass er sich kaum mehr auf das Spiel konzentrierte, da kehrte Isaé endlich wieder zurück. Als ob Isaés Anwesenheit im Glück bringen würde, machte er erneut eine exakte Vorhersage und der Herr der Würfel nickte anerkennend. »Meinen Glückwunsch werter Herr! Ihr habt eure Siegeschancen wieder deutlich erhöht. Euren nächsten Wurf könnt ihr mit zwei Würfeln werfen, was die Anzahl an Augen auf zwischen Zwei und Zwölf beschränkt.« Entaro nickte zufrieden. »Ja es scheint so, dass mir das Glück hold ist.«

Isaé nahm wieder neben Entaro Platz und rückte näher an ihn heran, was Entaro auf der einen Seite Wohlwollen aber auf der anderen Seite auch Unbehagen bereitete, denn er wurde jäh an ihre Worte erinnert. Doch noch ehe Entaro darüber nachdenken konnte, raunte sie ihm schon zerstreuende Worte ins Ohr. »Ich werde es tun, Entaro.« Er blickte sie ungläubig an. »Wovon sprichst du? Von der Bedingung für deine Schuld?« Isaé nickte und Entaro sah sie verwundert an. »Wie kommst du denn zu diesem Sinneswandel?«, erkundigte er sich sowohl neugierig als auch misstrauisch, und da offenbarte ihm Isaé was Vaskir wirklich von ihr wollte. Entaro sah die junge Frau entgeistert an. »Nein!« Seine Stimme war lauter als er es beabsichtigt hatte und er schüttelte dabei den Kopf, bevor er seine Stimme wieder zu einem Raunen senkte. »Das kannst du nicht machen Isaé!« Sie sah ihn verwirrt an. Für sie war dies ja nur etwas Blut und zweifellos besser als sich dem Mann hingeben zu müssen, doch Entaro schüttelte erneut den Kopf. »Wer weiß was er mit deinem Blut vorhat? Dunkle Blutmagie? Oder…« Er hielt einen Augenblick inne. Er war kein Alchemist oder skurriler Hexenmeister. Was konnte man mit Blut schon großartig anstellen? Doch dieses Haus war voller seltsamer Dinge. Zweifellos wollte er mehr damit tun als es nur zu trinken....Trinken? War er womöglich ein uraltes Wesen alter, längst vergangener Zeiten, dass aus dem Blut der Jungfrau Kraft zog? Entaro wusste es nicht. »Ich kann es dir nicht sagen...Ich weiß es nicht was er mit deinem Blut vorhat. Aber vielleicht ist dies noch viel schlimmer als sich ihm hinzugeben!«, flüsterte er und versuchte Isaé davon zu überzeugen, dass dies die Konsequenzen daraus eine furchtbare Tragweite haben könnten.

Der Croupier räusperte sich um Entaros Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. »Werter Herr. Wünscht ihr das Spiel zu beenden, oder wollen wir nun fortfahren?« Entaro sah Isaé tief in die Augen und schüttelte dabei dezent den Kopf, bevor er sich an den Mann wandte. »Aber mitnichten. Lasst uns weiterspielen.« Er nahm den Becher zur Hand, begann ihn zu schütteln und knallte ihn dann auf den Tisch...Die Zahl Acht lag ihm auf der Zunge...doch die Wahrscheinlichkeit eine Sechs zu erwürfeln war doch eigentlich viel höher. Und so hielt er einen Augenblick lang inne, bevor er eine Zahl ausgesprochen hatte...

Entaros Aufmerksamkeit wurde noch weiter gestört, als ein Mann zu ihnen an den Tisch herantrat. Er trug ein dünnes Lächeln auf den Lippen und hielt die Hände hinter seinem Rücken. Es war Vaskir de Escroc und hinter ihm standen seine drei Töchter die anteilnahmslos dreinblickten, als ob die Dinge die nun folgen würden bedeutsam sein würden. Was Entaro nur darin bestätigte, dass mit Vaskirs Wunsch nach Isaés Blut etwas nicht stimmte. Entaro erstarrte und seine Hand verharrte auf dem Becher, die angesagte Zahl blieb unausgesprochen. Vaskir beugte sich leicht zu ihnen vor und flüsterte mit gedämpfter Stimme. »Es ist schon einige Zeit vergangen, seit unserem letzten Gespräch, werte Isaé. Habt ihr schon über meine Bedingungen nachgedacht?« Entaro hob die Hand und gebot damit Isáe zu schweigen, bevor sie etwas sagte, und räusperte sich demonstrativ. »In der Tat, das hat sie.« Vaskir blickte Entaro sowohl neugierig als auch missbilligend an. »Warum lasst ihr die Frau nicht für sich selbst sprechen, Drachenreiter?« Entaro kam nicht umhin eine gewisse Strenge in der Stimme wahrzunehmen. »Nun, bevor sie ihre Entscheidung bekannt gibt, wollten wir noch eine oder zwei ungeklärte Fragen klären.« Vaskirs Haltung entspannte sich etwas, doch man merkte ihm auch an, dass er etwas ungeduldig wirkte und er eigentlich nicht daran interessiert schien, irgendwelche lächerlichen Fragen zu beantworten. Doch er hob in einer Art mildtätigen Geste seine Hand, als ob er damit zum Ausdruck bringen wollte, dass Entaros Bitte nachgekommen werden sollte. »Wie lauten diese ein oder zwei Fragen?«, erkundigte er sich und Entaro zog schließlich die Hand vom Würfelbecher. Wenn alles nach Plan verlief, würde er ohnehin keine Zahl mehr nennen müssen. Und wenn dieses Gespräch in einem Desaster enden würde, dann würde der eine Wunsch mehr oder weniger auch nicht mehr ins Gewicht fallen.. »Wie genau funktionieren die Wünsche in diesem Haus?«, begann Entaro und Vaskir unterbrach ihn harsch. »Ich werde meine Geheimnisse nicht offenbaren. Vor Niemandem. Und schon gar nicht vor euch.« Seine Stimme war ruhig und bestimmend. Er war der Herr dieses Hauses. Er hielt alle Fäden in der Hand. Er war unantastbar und Entaro und Isaé waren Gefangene in seinem kleinen Reich. »Nein, das möchte ich auch gar nicht. Aber ich frage mich, ob ich mir alles wünschen, was ich will?« Vaskir lächelte dünn und sah Entaro überheblich an. »Fast alles In der Tat sind dem Haus der tausend Wünsche gewisse Grenzen gesetzt. Man kann sich nichts wünschen, das nicht existiert. Oder Dinge, die nicht mit den Naturgesetzen in Einklang sind.« Entaro nickte. »...außerdem«, fügte Vaskir hinzu, »...kann man sich auch nicht wünschen, dass ich mir selbst das Leben nehme«. Dabei lächelte er dünn und wissend, und sein Grinsen wurde ein wenig breiter. »Dieser Wunsch wurde schon zu oft versucht. Und wenn diese Fragen darauf abzielen sollten, um so aus eurer Schuld befreit zu werden, muss ich euch enttäuschen. Ich kann und werde mich nicht selbst richten, damit ihr von euren Schulden befreit seid.« Entaro nickte, denn damit hatte er schließlich ohnehin gerechnet. »Und wie ich das mit Wünschen zurücknehmen? Also kann ich mir wünschen, einen bereits geäußerten Wunsch zurückzuziehen oder rückgängig zu machen?« Entaro sah Vaskir direkt in die Augen und es war fiel Entaro schwer seinem kalten und harten Blicken standzuhalten. Vaskir erwiderte nur mit einem kalten Blick. Doch er antwortete nicht sofort. Er überlegte einen Augenblick doch ließ er sich nicht anmerken ob er über Entaros Frage, oder über seine mögliche Antwort nachdachte. Er stand einfach nur da und erwiderte Entaros Blicke und neigte dabei den Kopf ein wenig zur Seite. »Nein, das ist nicht möglich. Es wäre auch nicht sinnvoll, denke ich. Weil der Wunsch, den man bereits geäußert hast, wurde bereits erfüllt. Diesen Wunsch kann man in der Regel nicht rückgängig machen. Und den Wunsch, diesen Wunsch rückgängig zu machen, würde nur bedeuten, dass ein zweiter Wunsch geäußert wurde, der einen wiederum einen weiteren Wunsch kosten wird.« Entaro nickte verstehend und zupfte sich nachdenklich an seinem Bart. »Wurden nun alle Fragen zu eurer Zufriedenheit beantwortet?«, erkundigte sich Vaskir herablassend doch Entaro schüttelte den Kopf. »Nun, ich hätte ich noch eine letzte Frage. Wenn ich mir wünschen würde, dass eine eurer Wachen, die da hinten stehen, einer Personen, die mir hier im Raum missfällt, den Kopf abschlägt, würdest dieser Wunsch erfüllt werden?« Vaskir lächelte dünn. »Gewiss. Solange es nicht mein Kopf ist, den ihr abzuschlagen wünscht, ist dies kein Problem. Seid aber gewiss, das ist ein sehr, sehr kostspieliger Wunsch. Und ihr besitzt schon jetzt absolut nichts von Wert um einen solchen Wunsch bezahlen zu können. Ihr würdet an mein Haus gebunden werden bis die Schuld getilgt ist.« Daraufhin war es Entaro, der dünn lächelte. »Das ist kein Problem. Denn ich wünsche mir, dass diese drei Wachen da hinten deinen drei Töchtern die Schädel abschlagen!«

Vaskirs Grinsen erstarrte zu einem eisigen Blick. Und die drei Töchter sahen Entaro und abwechselnd Vaskir entgeistert an. »Vater!«, erhob eine der Töchter mit einer dünnen Stimme, die kurz davor war zu zerbrechen. Vaskirs eiserne, kalte Miene verzog dabei keine Mundwinkel, keine Grimasse, Nichts. Doch er antwortete auch nicht. Und je länger man sein Gesicht ansah, desto mehr erkannte man wie der Zorn und die Wut darin sich widerspiegelte. »Wie kannst du es wagen, einen solchen Wunsch in meinem Haus zu äußern?«, zischte er und seine Augen waren von Hass erfüllt. »Wie kannst du es wagen, meine Gastfreundschaft mit Füßen zu treten? Du hast in meinem Haus geschlafen, du hast von meinem Essen gegessen, du hast meine Unterhaltung genossen und nun forderst du einen derartigen Wunsch. Diesen Wunsch musst du zurücknehmen!« Vaskir hatte seine erhabene Contenance verloren. Sogar seine Art zu Reden hatte sich gewandelt. Entaro lächelte dünn. »Nein, ihr habt doch gerade gesagt, einen ausgesprochenen Wunsch kann man nur zurücknehmen auf Kosten eines zweiten Wunsches. Und ich möchte keinen weiteren meiner Wünsche dafür verbrauchen.« Vaskir erhob die Stimme. »Du närrischer Emporkömmling! Du wirst diesen Wunsch zurücknehmen!« Der Zorn stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Doch war dies weniger wegen dem Leben seiner Töchter, an denen er sehr hang, sondern an Entaros Verwegenheit ihn in seinem Reich derartig herauszufordern. »Das werde ich nicht. Ich wünsche mir keinen weiteren Wunsch.« Entaro biss sich auf die Zunge, denn die Formulierung seiner Worte war bereits das Äußern eines Wunsches gewesen, doch Vaskir war so aus der Fassung geraten, dass es ihm nicht aufzufallen schien.

Stattdessen brach seine Stimme und der zischende Flüsterton, den er sonst wie eine Maske trug, fiel von ihm ab und er verlor für einem ganz kleinen Augenblick die Fassung. »Du wirst diesen Wunsch zurücknehmen, denn ich werde in meinem eigenen Haus keinen Wunsch äußern!« Die Stimme war so laut, dass andere Menschen im Raum sie hören konnten und erschrocken aufsahen. So hatten sie Vaskir wahrscheinlich noch nie in seinem Leben erlebt. Er war immer die Ruhe in Person gewesen. Doch er hatte sich sehr schnell wieder gefangen. Er strich sich das Haar aus dem Gesicht, nahm eine starre, gerade Haltung an und ließ sich nicht anmerken, dass er für einen Moment die Fassung verloren hatte. »Nun denn, wenn ihr keinen weiteren Wunsch äußern wollt und ich auch keinen Wunsch dazu äußern werde, was verlangt ihr im Gegenzug dafür, dass dieser Wunsch annulliert wird? Soll ich Isaés Schuld als beglichen ansehen? Ist dies der Grund warum ihr hier mit dem Feuer spielst?« Seine Stimme klang ein wenig höhnisch, als ob diese Unterbreitung dieses Angebotes für ihn nur ein Witz wäre. Entaro grübelte für einen Moment und räusperte sich. »Lass mich eine andere Frage stellen.« Vaskir rollte mit den Augen und brummelte genervt. »Wie viel ist mein Wunsch denn wert? Wie viele Wünsche ist das Leben eurer Töchter wert?« Vaskir antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken. »Mehr Wünsche als dich dieses Würfelspiel oder Isaés Schuld kosten würden. Was ist dein Begehr, Drachenreiter?« Das letzte Wort sprach er beinahe verächtlich aus. »Nun, wenn das so ist.«, meinte Entaro und konnte sich kaum erwehren, sich ein dünnes Lächeln zu verkneifen. »Ich fordere zwei Dinge.« »Die da wären?«, unterbrach ihn Vaskir unwirsch, da er dieses Gespräches langsam überdrüssig zu werden schien. »Zuerst möchte ich dafür, dass ich diesen Wunsch zurücknehme, dass Isaé und mir freies Geleit aus diesem Haus zugesichert wird, ohne dass weitere Bedingungen daran geknüpft werden.« Vaskir hob die Hand mit der Handfläche nach oben und wedelte so, als ob er eine lästige Fliege beiseite wischen würde. »Es sei euch gewährt«, antwortete er brummend. »Und das zweite Begehr?« Entaro, überlegte für einen Moment, wie er es am besten formulieren sollte, doch er wusste ganz genau, was er wollte. Schließlich war er doch genau aus diesem Grund in diese verfluchte Gegend zurückgekehrt. Und dass er so hoch pokern musste, und die Alles-oder-Nichts Karte ausspielen musste, hätte er nicht für möglich gehalten. Sein Kopf hing so tief in der Schlinge, dass er sie schon förmlich spüren konnte. Doch solange er nicht sicher aus diesem Haus entkommen war, war es alles Null und Nichtig.

»Sicherlich erinnerst ihr euch daran, was ich, als ich das letzte Mal zu Gast in diesem Haus war, als Pfand hinterlegen musste, um frei zu kommen.« Vaskir nickte doch sein Blick offenbarte, dass er wusste wohin dieser Wunsch gehen würde und er ganz und gar nicht begeistert davon. »Ich hebe meinen Wunsch im Tausch dafür auf, dass dieses Objekt wieder in meinen Besitz zurückkehrt!" Vaskir starrte Entaro mit eisigen Blicken an, die drohten förmlich sein Herz zu durchbohren. Doch er verzog keine Miene und seine Mundwinkel blieben starr. Er offenbarte nicht die kleinste Gefühlsregung und nach einer Weile stillen, eisigen Schweigens und mit zusammengepressten Lippen und zusammengebissenen Zähnen, legte den Kopf schief und zischte mit knirschenden Zähnen. »Gut gespielt, Drachenreiter. Es sei euch gewährt. Isaés Schuld ist getilgt und ihr sollt euren kostbaren Besitz zurückerhalten.« Er deutete Entaro und Isaé aufzustehen um ihm zu folgen. »Begleitet mich in meine privaten Gemächer damit wir diesen Handel besiegeln können und dann verlasst umgehend mein Haus und kehrt niemals wieder zurück. Euresgleichen ist in diesem Haus nicht mehr erwünscht!« Die letzten Worte zischte er besonders von Hass und Zorn geschwängert heraus.
#63
Glückliche Wendung ❖
drache-isaé bewahrte immer noch Stillschweigen, als sie Entaros Aufatmen hörte, nachdem Vaskir de Escroc ihnen mit einer unmissverständlichen Handgeste bedeutete, aufzustehen und ihm zu folgen. Sie schwieg eisern, als würde ein einziges Wort aus ihrem Mund genügen, um dieses so zerbrechlich anmutende Versprechen, alle Schulden zu tilgen, zu zerstören. Isaé bemühte sich mit aller Gewalt, ihr Zittern zu verbergen, als sie Vaskir folgten, der die Treppen förmlich hinunterflog. Sein Gemach unterschied sich kaum von jenen anderen, die sie in diesem Haus betreten oder zu Gesicht bekommen hatten. Aber es gab einen Torbogen in einer Wand, durch welchen man in einen Nebenraum kam, in dem sich unzählig viele Objekte befanden. Schmuckstücke in einer Glasvitrine, Waffen an den Wänden befestigt, wertvoll anmutende Gewänder und Rüstungen auf Kleiderpuppen oder Gestängen, und dem Auge verborgene Kleinode, so vermutete Isaé, da zahlreiche kleinere und größere Truhen und Kästchen herum standen. Alles in allem sah dieser Raum aus wie ein skurriles Museum, ein Sammelsurium. Man konnte sich denken, woher all diese Objekte stammten. Sie waren Zeugnis davon, wie viele unglückliche Menschen hier gewesen waren und wertvolles eingetauscht hatten, um die Schuld von irgendwelchen Wünschen, von denen die meisten vermutlich trivial gewesen waren, zu begleichen. Vaskir trat wie zielgerichtet an eine der Truhen, und öffnete sie beinahe feierlich. Er entnahm ihr einen kleinen Gegenstand, der kleiner war als ein Hühnerei und zwischen seinem Daumen und Zeigefinger im Kerzenschein schwach honiggolden leuchtete. Isaé erkannte den Gegenstand als ein Stück Bernstein und kam nicht umhin, neugierig und gebannt auf dieses kleine, versteinerte Stück Harz zu starren. Dieses Stück Bernstein musste sehr kostbar sein, sonst hätte es ja wohl kaum einen solchen verbalen Kampf darum gegeben, und Isaé entsann sich wieder, was Entaro ihr erzählt hatte über Bernstein. Dass Daereans Essenz darin lebte. Entaro hatte diesen Bernstein als Zahlung für einen besonders teuren Wunsch gegeben, der wohl tausend Wünsche wert gewesen war. Welcher Wunsch mochte das nur gewesen sein? Vaskirs Blick wurde säuerlich, ja schier giftig, als er Entaro den Bernstein energisch und beinahe rüde in die Hand drückte. Der Drachenreiter hingegen nahm den Bernstein entgegen, als würde er zerbrechen und zerbröseln, wenn er ihn nur sacht berührte. Der Moment hatte etwas Heiliges an sich und wurde in der nächsten Sekunde von Vaskirs barschen Worten entweiht. “Packt Eure Sachen und verschwindet. Noch in dieser Stunde!” Dann wandte er sich ab, und wies den beiden die Türe aus seinem Gemach.

Der Blick auf die große Standuhr an der Wand des Treppenhauses verriet, dass diese Stunde schon zu dreiviertel voll war. Es blieb ihnen also nicht mehr allzu viel Zeit, und weder der Drachenreiter noch die Hexenjägerin wollten herausfinden, was passierte, wenn sie Vaskirs Geduld mit dem Überziehen der vollen Stunde überstrapazierten. So packten sie hastig ihre wenigen Habseligkeiten, die sie in ihrem Zimmer untergebracht hatten, zusammen. Isaé zog sich noch eilig ihre eigenen schwarzen Gewänder an, und das Kleid, welches sie eigens für dieses Etablissement gekauft hatte, und das sie um ihre ganzen Ersparnisse gebracht hatte, legte sie sorgfältig zusammen, bis es sich zu einer Rolle formen ließ und ließ es, mit einem Seil zusammengebunden, wie eine Tasche an ihrer Schulter herab baumeln. Die beiden warfen sich noch einen festen Blick zu, dann verließen sie wortlos das Zimmer, eilten die Treppe hinunter, hasteten zum Ausgang, und verließen das Haus der tausend Wünsche, wohlwissend, dass sie hier weder mehr willkommen waren, noch es freiwillig je in Zukunft wieder betreten würden. Auf demselben Weg, den sie gekommen waren, verließen sie das Anwesen. Ein kleines Boot, das von einem schweigsamen Fährmann gesteuert wurde, glitt beinahe lautlos durch das ruhige, dunkle Gewässer, nur eine kleine Laterne an einem geschwungenen Gestänge, in der ein kleines Feuer brannte, erhellte die Nacht und brachte sie zurück an den Hafen der Stadt Nardijan. Nachdem Entaro dem Fährmann eine kleine Münze zugesteckt hatte, verließen sie die schaukelnde Nussschale und als Isaé wieder festen Boden unter den Füßen spürte, atmete auch sie erleichtert auf.

Der Hafen, oder vielmehr das, was vom Hafen noch übrig geblieben war, war klein, und so dauerte es nur eine kurze Weile, bis sie ihn hinter sich gelassen hatten, und den schmalen, mit Stein befestigten und mit einer niedrigen Steinmauer gesäumten Landweg beschritten, der zur eigentlichen Stadt führte. Isaé blieb plötzlich stehen, und wandte sich um, um einen letzten Blick auf das eigentümliche, Turmähnliche Gebäude zu werfen, welches das Haus der tausend Wünsche darstellte. Sie hatten es geschafft! Sie waren dem Haus der tausend Wünsche entkommen, ohne ein nennenswertes Opfer bringen zu müssen. Nein, eigentlich hatte Entaro es geschafft. Er hatte ein ziemlich riskantes Spiel gespielt, während Isaé sich blenden hatte lassen und nur allzu bereitwillig ihr Blut gegeben hätte, um der unmöglichen Forderung, ihre Unschuld einzubüßen, zu entgehen. Blutmagie. Eine dunkle Kunst, von der Isaé nicht viel wusste. Aber woher hätte sie es denn auch wissen können? Blutmagie zählte zu den düsteren Machenschaften und war im gemeinen Volk kaum bekannt. Vielleicht in wenigen abergläubischen Schauermärchen rund um den Köhlerwald, wonach es dort Wesen geben sollte, die sich vom Blut der Menschen ernährten und daraus ihre Kraft und Macht zogen. Doch das waren nur dumme Geschichten. Das wusste jeder, der die Rotnisselbauern kannte. Aber möglicherweise war das im Haus der tausend Wünsche, unter Vaskir de Escroc, etwas gewesen, was sich dem Horizont der jungen Frau gänzlich entzog. Sie wusste es nicht. Entaro wusste es nicht. Und sie würden es auch niemals erfahren. Aber nun, da der jungen Frau allmählich ins Bewusstsein sickerte, was alles hätte geschehen können, da wurde ihr Angst und Bange, aber auch gleichzeitig unsagbar leicht ums Herz. Sie wandte sich vom Turm ab und dem Drachenreiter zu. Der salzige Wind, der vom Meer zum Land getragen wurde, ließ ihr Haar flattern. “Entaro…” Ihre Stimme war zittrig. “Du hast alles riskiert…Meinetwegen…” Ihre Stimme brach, sie trat an den Drachenreiter heran und umarmte ihn fest. “Danke…” sagte sie leise, mehr Worte fand sie nicht. Mehr Worte waren auch nicht nötig. Erst jetzt spürte sie so richtig, wie die Wirkung des Feuermohns immer noch in ihr tobte. Er roch gut und sie spürte die Wärme seines Leibes. Nach einigen Augenblicken rückte sie ab und trat einen Schritt zurück, strich sich das Haar, welches der Wind weiterhin zauste, verlegen aus dem Gesicht und meinte “Jetzt hab ich aber gewaltigen Hunger. Ich hätte vielleicht doch beim Frühstück mehr zulangen sollen… Lass uns sehen, ob wir in der Stadt noch etwas zu essen bekommen.”

Während sie auf die Häuser von Nardijan zusteuerten, wurde Isaé zunehmend gesprächiger. "Wenn ich geahnt hätte, dass am Ende meine Schulden erlassen werden, dann hätte ich mir zumindest noch einen dicken Beutel Geld und einen Beutel Feuermohn Opium gewünscht " scherzte sie. An den Kauf einer neuen Armbrust war vorläufig nicht zu denken. Der Erwerb des Kleides, von dem Entaro gesagte hatte, dass es unabdingbar sei für Akadien, hatte Isaés Barschaft beträchtlich schrumpfen lassen. Die paar Münzen reichten noch für zwei, drei Übernachtungen und ebenso viele Mahlzeiten. Sie fanden eine ansprechende Gaststätte, die von innen einen ebenso bodenständigen Eindruck machte wie von außen. Während Entaro sich um ein Zimmer gekümmert hatte, hatte Isaé einen Tisch in Beschlag genommen und etwas zu essen bestellt. Es war ein Eintopf der aus Fisch, kleinem Meeresgetier und Muscheln und Zwiebeln bestand, das Gericht war so lange geschmort worden, bis die Zwiebeln sich zersetzt, und den Sud in eine dicke, cremige Sauce verwandelt hatten. Einige ortstypische Gewürze und Kräuter rundeten den Geschmack vorzüglich ab. Dazu gab es jungen Wein, und war ebenso typisch für diese Region im Herbst war. Es war noch kein fertiger Wein, der hier Mosiér genannt, es war aber auch längst kein Traubensaft mehr. Es besaß eine Vielzahl an Aromen, war fruchtig und lieblich, aber darum gefährlich. Er erweckte den Eindruck, dass man nur Traubensaft trank, das böse Erwachen folgte nach drei, vier Bechern. Davon war Isaé allerdings noch weit entfernt. Sie hatte eben erst die letzten Saucenreste mit einer Brotscheibe aus dem glasierten Tongeschirr gewischt und widmete sich nun dem Getränk. Im Moment verspürte sie nur einen vollen Bauch, und damit einhergehend Zufriedenheit und Entspannung. Isaé betrachtete Entaro eingehend. Es lagen ihr so viele Fragen auf der Zunge, die noch nicht ausgesprochen, oder aber nicht beantwortet waren. Es war am einfachsten, mit der Naheliegendsten zu beginnen. Immerhin würden sie bald in ein für Isaé völlig fremdes Land kommen, da war es nicht das Schlechteste, über das Land Bescheid zu wissen. “Erzähl mir von Akadien.”
#64
Dunkel ist die Nacht und voller Schrecken ❖
drache-endlich hatte er Daereans Bernstein wieder. Er hatte so lange warten müssen und die Hoffnung fast aufgegeben die heilige Reliquie je zurück zu erlangen. Doch dank Isaés Unbesonnenheit hatte sich letzten Endes doch eine Gelegenheit ergeben. Es war ein riskantes Spiel gewesen, und wenn Isaé wüsste, dass er ihrer beider Leben dafür aufs Spiel gesetzt hatte, würde sie ihm das wohl nicht gutheißen. Doch es war gut ausgegangen, und wie sagt man so schön? Der Zweck heiligt alle Mittel.

Entaros Anspannung glitt mehr und mehr von ihm ab, je weiter sie sich vom Turm der tausend Wünsche entfernten. Niemals wieder, das schwor er sich, würde er diesen verruchten und verfluchten Ort je wieder betreten. Und Isaé schien es dabei nicht anders zu ergehen. Sie erreichten schließlich den alten Hafen dieses dunklen Ortes und da die Nacht bereits angebrochen war, war es äußerst unklug sich noch auf der Straße zu befinden. Er erinnerte sich an seine mahnenden Worte, die sie vor nicht wenigen Tagen in den Turm geführt hatten. Die Straßen dieser Stadt waren mitunter noch viel gefährlicher als es im Haus der tauschend Wünsche war. Hätte Isaé sich nichts gewünscht hätten sie unbehelligt wieder von Dannen ziehen können. Doch dann hätte Entaro auch sein Kleinod nicht zurückbekommen. Das Schicksal ist vorherbestimmt, dessen war sich Entaro bewusst. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass man die Gefahr dieses Ortes nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Entaros Gedanken wurden jäh von Isaés zittriger Stimme unterbrochen: »Entaro…Du hast alles riskiert…Meinetwegen?« Er schüttelte den Kopf. Natürlich könnte er sich damit brüsten, dass er all dies nur für sie getan hatte. Doch dies wäre eine Lüge. Aber ob sie die ganze Wahrheit vertrug? Er entschied sich für einen behutsamen Mittelweg. »Mitnichten Isaé. Ich habe dies natürlich auch für mich selbst getan. Dieses Kleinod zurück zu gewinnen war genauso mein Bestreben wie dafür zu sorgen, dass dir nichts geschieht. Und irgendwie trage ich doch auch eine gewisse Schuld daran, dass du in diese Lage geraten bist.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich hätte dich eingehender auf die Gefahren des Hauses hinweisen sollen.« Er zupfte sich an seinem Bart. "Doch es hatte ja etwas Gutes nicht wahr? Wir sind heil davongekommen und ich habe bekommen was ich wollte.« Er tätschelte behutsam auf die kleine Tasche, in welcher er das Kleinod verwahrte. "Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe uns nicht nur deswegen in das Haus der tausend Wünsche geführt. Ich habe dich im Dunklen gelassen, über den Grund meines Hierseins. Ich hätte dir von Anfang an reinen Wein einschenken sollen. Und dafür bitte ich um Vergebung.« Dies war nur die halbe Wahrheit gewesen, doch Entaro wollte nicht wirklich darüber sprechen. Also ließ er es dabei bewenden. Sie würde ohnehin ihre Fragen stellen, wie sie es immer tat, wenn sie mehr wissen wollte. Und Entaro würde ihr dann, wie er es ebenso für gewöhnlich tat, nicht zufriedenstellende Antworten geben.

Und so kehrten sie in eines der Gasthäuser ein und während Isaé etwas zu Essen bestellte, kümmerte Entaro sich darum, dass sie ein Bett für die Nacht hatten. Es würde eine lange Reise werden, nun da sie nicht mehr an dieses Land gebunden waren. Doch ihr Ziel war nicht weniger unangenehm. Denn Entaro musste sich irgendwann dem Urteil seines Ordens stellen. Würden sie ihm vergeben? Würden sie die Verbannung wieder aufheben? Er konnte es nur hoffen, denn ein Leben als Verbannter war nichts an was Entaro sich je hatte gewöhnen können. Es widersprach all seinen Prinzipien, denen er seit jeher stets treu geblieben war.

Als er sich zu Isaé an den Tisch setzte, stieg ihm der angenehme Duft der guten Hausmannskost in die Nase. »Riecht verführerisch. Und man kann es ohne Sorge dafür einen Wunsch zu äußern genießen.« Er rang sich ein kümmerliches Lächeln ab. Er war nie sonderlich gut darin, gute Miene zum Bösen Spiel zu betreiben. Das Essen war nicht zu vergleichen mit den Köstlichkeiten des Turms, doch es war sättigend und allem Anschein nach frisch zubereitet. »Obwohl man sich hier ja nie sicher sein kann, ob da nicht verdorbene Lebensmittel verarbeitet wurden.« Er sah sich die Brühe, welche in seinem hölzernen Löffel schwamm, genauer an. Doch er konnte beim besten Willen nichts Ungewöhnliches feststellen, und so zuckte er mit den Achseln und dachte nicht weiter daran. Als die Mahlzeit schließlich verzehrt war, lehnte Entaro sich entspannt zurück und starrte schweigend auf einen imaginären Punkt. Seine Gedanken waren irgendwo anders. Er konnte selbst nicht sagen wo, nur waren sie nicht hier. Doch dieser Zustand war nicht von langer Dauer, denn die Fragen, die Isaé auf der Zunge brannten, gewannen schließlich die Überhand. »Erzähl mir von Akadien...« Entaro richtete sich auf seinem Stuhl auf und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. »Was möchtest du denn hören?« Isaé zuckte mit den Achseln. Sie wusste wohl nur sehr wenig über Entaros Heimat und er seufzte. »Nun, da gibt es so viel zu erzählen, das könnte die ganze Nacht dauern.« Er seufzte. "Die Geschichte Akadiens ist eher betrüblich und langatmig. Aber du musst wissen, dass unser Land nur noch ein Schatten jener großen Tage vor hunderten von Jahren war. Noch bevor das Land zerbrach und das große Reich Kalath dem Untergang anheim fiel, lebten die Akadier an einem weit entfernten Ort. Viele Länder versanken damals im Meer. Und es wütete ein furchtbarer Krieg. Das Land auf dem wir heute leben war nicht immer unsere Heimat. Wir haben viele unserer Traditionen und unserer Geschichte verloren. Doch das Akadien zu dem wir bald reisen werden ist dennoch ein stolzes und wohlhabendes Land. Aber manche sehnen sich nach den alten Tagen. Als Männer wie ich, der ganze Stolz des Landes waren.« Entaro seufzte schwermütig. »Doch diese Tage sind lange vorbei...Und nur weil...« Entaro ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen. Der Drache war dort aber nicht zu sehen. Entaro fragte sich ob er überhaupt noch in der Nähe war. Immerhin waren sie schon einige Tage im Turm der tausend Wünsche gewesen. Er war der letzte Drachenreiter. Oder der erste? Seinesgleichen ist ein Relikt alter Tage. Und nur weil er es geschafft hatte einen Drachen an sich zu binden, würde das auch nicht neue Zeiten einläuten. Dessen war er sich bewusst. Wenn überhaupt würden es dunkle Zeiten sein. Und das war vielleicht der Gedanke, der ihm das meisten Unbehagen bereitete. Die Menschen in Akadien würden ihn fürchten und nicht bejubeln. Und die Ältesten seines Ordens würden ihn mit Neid anblicken anstatt ihn mit offenen Armen willkommen zu heißen. Schwarz und Düster war seine Zukunft, dessen war sich Entaro gewiss. »Nur weil ich wieder in die Heimat zurückkehre, wird das nichts daran ändern. Warst du schon einmal in Ariad oder in der großen Handelsstadt im Süden? Mann nennt sie die Perle des Südens. Auch wenn das ein sehr schmeichelnder Name für eine so verkommene Stadt wie Oshkïr ist.« Entaro sah sie erwartungsvoll an, doch wie zu erwarten, hatte Isaé die größte Stadt der Welt noch nie gesehen. »Akadien ist recht ähnlich. Es ist gänzlich anders als dieses verlorene Land hier...«Damit meinte er das verfluchte Land in dem sie sich gerade befanden. »Doch genug davon. Wir sollten zu Bett gehen, denn es wäre ratsam morgen so früh wie möglich zu verschwinden.«

Er wandte sich an den Wirt, während er von seinem Stuhl aufstand. »Guter Mann. Wo ist denn bitte das stille Örtchen?« Der Wirt gluckste. »Stilles Örtchen? Du meinst das Scheißhaus?« Er spuckte in den Becher den er gerade mit einem alten Lappen polierte und begann dann die Spucke in dem Becher zu verteilen...Er hätte es wohl reinigen genannt, aber Entaro überkam eine leichte Gänsehaut, wenn er daran dachte, dass der Becher aus dem er soeben getrunken hatte, auf dieselbe Weise "gereinigt" wurde. »Nun, guter Mann, ja, wo ist denn dieses besagte Scheißhaus?« Der Wirt deutete mit dem Daumen in die Richtung der Tür. »Draußen, um die Ecke ist nich' zu verfehlen.« Entaro seufzte. »Nun, wenn du mich für einen Augenblick entschuldigen würdest, Isaé. Aber dringende Geschäfte rufen.« Isaé schien es ebenso zu amüsieren wie den Wirt, doch Entaro ignorierte das geflissentlich und verließ kurzerhand die Schankstube.

Der Abort war einfach nur ein hölzerner Balken der über ein Loch gehängt wurde. Und die Tür ließ sich nicht einmal richtig von innen verriegeln. Entaro seufzte erneut. »Wie im finstersten Mittelalter....« Und so ließ er sich auf dem Balken nieder, der unter der Last seines Gewichts wippte und ächzte, so dass Entaro hoffte, er würde nicht gar zusammenbrechen. Doch der Balken hielt stand. Und als das Geschäft erledigt war, wirkte Entaro sichtlich erleichtert.

Aber als er sich dem Wirtshaus näherte drangen polternde Geräusche aus dem Schankraum heraus. Hatte der Wirt seinen Becher fallen gelassen? Es polterte erneut, und da wusste Entaro, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er legte seine Hand um den Schwertgriff und näherte sich langsam der Tür. »Wo ist der Kerl der mit dieser Schlampe hier reingekommen ist? Der mit dem roten Umhang?«, plärrte eine krächzende Stimme und erneut polterte es. »Bitte, verschont mich!«, ertönte die jammernde Stimme des Wirtes... »Halts Maul und beantworte einfach die Frage, du Hundsfott!«, bellte die krächzende Stimme und der Wirt tat, was jeder in einer solchen Situation gemacht hätte. Er verriet dem Mann was er hören wollte. »Der Mann ist auf dem Abort!« Da lachte die krächzende Stimme, und eine zweite Stimme gesellte sich dazu und stimmte in das Gelächter ein. Wieder polterte es, und schwere Schritte waren auf den hölzernen Dielen zu vernehmen. »Na los! krallt ihn euch, bevor er fertig abgeseilt hat.« Die Stimmen lachten und die polternden Schritte wurden lauter. Es waren bestimmt drei oder vier Männer, doch es schien, dass sie Isaé in ihrer Gewalt hatten. Entaro zog grimmig sein Schwert und betrat die Schankstube. »Ah da ist er ja!«, zischte einer der Männer. Sie trugen alle eine Kapuze und drückten sich in den Schatten herum, so dass Entaro weder erkennen konnte wer die Männer waren, noch wie viele. Und so hielt er sich erstmal nahe bei der Tür. »Steck das Schwert weg!«, befahl die krächzende Stimme. »Oder wir schneiden der Schlampe die Kehle durch.« Der Mann trag aus dem Schatten einer Ecke hervor und zerrte Isaé an den Haaren hinter sich her. Diese protestierte lauthals, ob dies vor Schmerz oder vor Auflehnung war, konnte Entaro nicht wirklich erkennen. »Was wollt ihr? Wollt ihr Geld? Wir haben nichts von Wert.«, versuchte Entaro sie zu beschwichtigen, doch der Mann mit der krächzenden Stimme lachte nur. »Nein? Dein Schwert sieht jedenfalls ziemlich wertvoll aus.« Entaro verstärkte den Druck um den Griff des Schwertes. Wenn sie es wollten, mussten sie darum kämpfen. Doch der Mann gluckste nur. »Bleib mal ganz ruhig! Wir wollen dein Schwert gar nicht.« Er lachte und die anderen stimmten mit ein. »Was wollt ihr dann?«, hakte Entaro misstrauisch nach. "Wir sollen nur eine Botschaft überbringen.« Entaro legte den Kopf ein wenig schief und beäugte den Mann misstrauisch. »Eine Botschaft? Welche Bot...« Mehr konnte er nicht mehr sagen, denn der Mann hatte einen kleinen Beutel auf den Boden geworfen und binnen kürzester Zeit füllte sich der Raum mit einem rötlichen, beißenden Rauch der Entaro in die Lungen kroch und ihm die Sicht raubte. Entaro hustete und versuchte die Haltung zu bewahren, damit er nicht überrumpelt werden konnte. Doch es waren einfach zu viele Männer. Einer schlug ihm mit einem Knüppel auf die Hände und so fiel das Schwert auf den Boden. Ein anderer packte ihn von hinten und drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab. Dann trat der Mann mit der krächzenden Stimme an Entaro heran und grinste breit. Zumindest konnte man erahnen, dass er grinste, denn er hatte sich ein Tuch über Mund und Nase gebunden um den Rauch nicht einzuatmen. »Gesegnete Grüße vom Herrn des Turms.« Damit stieß er Entaro eine Klinge in die Seite und die anderen Männer hielten Entaro noch etwas fester, damit er sich nicht dagegen wehren konnte. Vaskir! Entaro hätte es ahnen müssen! Sie hätten diesen Ort sofort verlassen sollen. Es war töricht gewesen zu bleiben...Er schalt sich einen törichten Narren. Doch was nützte ihm das in dieser Situation? Sie würden ihn kaltblütig ermorden. Sie würden Isaé ermorden. Und dann das Kleinod stehlen und auch sein Schwert. Verdammter Mistkerl! Doch mit einem Mal verspürte Entaro einen beißenden und brennenden Schmerz an seiner Hand. Er starrte ungläubig als er erkannte, dass der Mann ihm ein Hexensiegel an den Handrücken gepresst hatte. Und als er den schmerzerfüllten Schrei von Isaé vernahm, wurde ihm klar, dass auch ihr ein solches Hexensiegel auf die Haut gepresst worden war. »Verflucht sollt ihr sein, und niemals über den Turm und alles was ihr darüber wisst sprechen können! Verflucht sollt ihr sein, und niemals wieder den Turm betreten!«, zischte der Mann mit der krächzenden Stimme und Entaro konnte trotz des vielen roten Rauchs erkennen, dass die Augen des Mannes sich bedrohlich, ja beinahe schwarz, verfärbten. Ein Schwarzseher! »Verflucht sollt ihr sein und niemals den Namen des Herren der tausend Wünsche aussprechen oder schreiben können.« Entaro wand sich unter dem Griff der Männer und dem Schmerz des Hexensiegels. Doch sie waren ihm einfach überlegen.

Der Mann mit der krächzenden Stimme kramte in Entaros Taschen herum, doch konnte er das Kleinod nicht finden. Er grunzte und versetzte Entaro einen kräftigen Tritt. »Rücks raus du Ratte!«, zischte er und versetzte Entaro einen weiteren Tritt...Doch bevor Entaro, oder ein anderer der Anwesenden etwas sagen konnte, gellte ein tiefer, bedrohlicher, unmenschlicher Schrei durch die Nacht. Es war ein grollendes tiefes Brüllen und Entaro verlor das Bewusstsein.

Optionen
Gehe zu: