Heimkehr nach Marçien ❖
11.05.2026 '22:14 [4.056 Wörter]
 ls sich die schweren Burgtore von Marçien knarrend öffneten, lag bereits Unruhe über dem gesamten Hof. Menschen drängten sich am Platz des Burghofs, entlang der Mauern und den Wehrgängen. Knechte, Mägde, Waffenknechte, Stallburschen, selbst einige Handwerker hatten ihre Arbeit niedergelegt, um den zurückkehrenden Tross zu sehen. Doch je näher die Kolonne kam, desto stiller wurde es. Der Tross war kleiner geworden. Zwischen den Heimkehrern klafften Lücken dort, wo noch vor wenigen Tagen Männer marschiert waren, gelacht oder gestritten hatten. Die Menschen die im Burghof zusammengeströmt waren, suchten nach den vertrauten Gesichtern ihrer Männer, Söhne oder Brüder. Viele fanden sie nicht. Manche Männer kehrten blutverschmiert und bandagiert zurück, andere stützten Verwundete oder führten Pferde, deren Reiter nicht mehr zurückgekommen war. Über dem Zug hing der dumpfe Geruch von Rauch, Schweiß und Tod. Ser Tarvain selbst wurde auf einem der schweren Karren in den Burghof gebracht. Sein notdürftig geschientes Bein lag ausgestreckt vor ihm, sein Gesicht bleich vor Schmerzen und Erschöpfung. Dennoch wirkte seine bloße Anwesenheit wie ein Anker für die Männer um ihn herum. Die Menschen im Hof begriffen rasch, was sie dort sahen. Ein leises Weinen erhob sich irgendwo zwischen den Versammelten. Eine Frau schlug beide Hände vor den Mund, als sie bemerkte, dass ihr Sohn zurückgekehrt war. Niemand jubelte. Es herrschte einfach nur entsetztes Schweigen. Ser Tarvain ließ sich auf die Beine helfen, stützte sich mit einem notdürftig zurechtgeschnitzten Stock aus den Wändern. Er wartete bis sich alle Augenpaare auf ihn hefteten, dann hob Ser Tarvain langsam die Hand. Und augenblicklich wurde es still im gesamten Burghof. Selbst die Pferde schienen plötzlich ruhiger zu werden. Tarvains Blick glitt über die Menschen vor sich. Über die Gesichter voller Angst, dem Wechsel von bestehender und zerschlagender Hoffnung und banger Erwartung. Als er sprach, klang seine Stimme rau, aber fest. „Viele gute Männer sind in den Grenzlanden gefallen.“ Die Worte hingen schwer über dem Hof. „Vergesst ihre Namen nicht.“ Mehrere Soldaten senkten schweigend die Köpfe. Dann richtete Tarvain sich trotz der Schmerzen ein wenig zur vollen Größe auf. „Aber hört mich gut an.“ Nun lag etwas anderes in seiner Stimme. Etwas, das die Menschen augenblicklich aufblicken ließ. „Der Kriegszug war erfolgreich.“ Ein Raunen ging durch den Burghof. „Ardeth, die schwarze Hand, ist tot.“ Stille. Dann hörte man irgendwo scharf den Atem eines Mannes entweichen. „Hera, die heilige Hure, ist tot.“ Das Murmeln wurde lauter, ungläubiger. „Und Istred…“ Tarvain machte eine kurze Pause. Selbst die Verwundeten schienen nun aufzusehen. „Istred, der eiserne Schinder ist tot.“ Für einen Herzschlag sagte niemand etwas, als könnten die Menschen nicht begreifen, was sie gerade gehört hatten. Dann brach der Hof plötzlich in Lärm aus. Jubelschreie. Weinen. Ungläubiges Lachen. Eine alte Frau sank auf die Knie und begann zu beten. Andere umarmten einander. Mehrere Soldaten schlugen mit den Schwertern oder Äxten gegen ihre Schilde, erst vereinzelt, dann immer mehr, bis der dumpfe Klang durch die gesamte Burg hallte. Als der Lärm verklungen war, hob eine Frau die Hand. „Doch was ist mit den Toten geschehen? Wo können wir ihnen gedenken?“ „Wir haben unsere Gefallenen zunächst nach akadischem Brauch bestattet“, sagte Tarvain mit rauer Stimme. „Doch die Toten fanden keine Ruhe.“ Der Burghof wurde erneut still. „Die Hexerei in diesem verfluchten Land und in den Ruinen des Turms ließ sie wieder aufstehen.“ Mehrere Menschen schlugen erschrocken ein Schutzzeichen und ein Raunen erklang, das nicht mehr abebben wollte, selbst als Tarvain wieder seine Stimme erhob. Doch Tarvain sprach unbeirrt weiter. „Nachdem Heras Turm einstürzte, blieb uns keine Wahl mehr. Wir konnten unsere Männer nicht mehr nach den akadischen Sitten und Gebräuchen bestatten.“ Sein Blick wurde hart. „Nicht so.“ Kurzes Schweigen. „Wir trennten den Toten die Köpfe ab und verbrannten sie. Die Männer, die wir verloren haben, verdienten Ehre. Aber die Lebenden verdienten Schutz.“
Kaum hatten sich die Burgtore hinter dem Tross geschlossen, wurde der Hof von geschäftigem Treiben erfüllt. Die Mädge eilten in die Burgküche, um ein angemessenes Abendessen vorzubereiten, die Stallburschen nahmen sich der Pferde an, Handwerker, Schmiede und anderes Gesinde halfen, die Wagen leerzuräumen. Und nun galt es, sich um die Männer zu kümmern. Verwundete wurden von Wagen gehoben, erschöpfte Männer stützten einander auf dem Weg ins Innere der Burg, während Diener Eimer mit heißem Wasser, Tücher und Tragen heranschleppten. Im Burghof war binnen kürzester Zeit ein notdürftiges Lazarett entstanden, der Platz im Raum des Heilers wäre gesprengt worden. Über allem lag der schwere Geruch von Blut, Rauch und Schweiß. Und mitten durch dieses Chaos bewegte sich Meister Odelin. Der alte Heiler wirkte, als hätte man ihn unsanft aus dem Schlaf gerissen und unmittelbar in ein Schlachtfeld gesetzt. Seine grauen Haare standen wirr vom Kopf ab, während er mit finsterer Miene von einem Verwundeten zum nächsten eilte. „Den dort zuerst“, knurrte er und deutete auf einen Soldaten, dessen Verband bereits durchgeblutet war. „Lasst ihn sich endlich hinlegen! Wenn ihr ihn noch länger stehen lasst, verblutet er euch im Hof.“ Zwei Knechte beeilten sich sofort. Odelin warf einen kurzen Blick auf Tarvains geschientes Bein und verzog augenblicklich das Gesicht. „Wer hat das gemacht?“ „Mirou“, antwortete einer der Männer vorsichtig. Der Heiler schloss für einen Moment die Augen, als bete er um Geduld. „Natürlich Mirou.“ Er trat näher, musterte die Schiene und begann bereits damit, die Bandagen zu lösen. „Dieser Esel hat das Bein beinahe fester verschnürt als einen Braten.“ Tarvain schnaubte trocken. „Es hält.“ „Ja“, gab Odelin zurück. „So wie eine Tür hält, wenn man sie zunagelt.“ Mehrere Soldaten grinsten erschöpft. Der Heiler arbeitete dennoch erstaunlich vorsichtig weiter. Trotz seines Schimpfens lagen seine Hände ruhig und sicher auf Tarvains Bein, prüften Knochen, Schwellung und Stellung mit geübter Selbstverständlichkeit. „Hm.“ Odelin nickte schließlich leicht vor sich hin. „Gebrochen.“ „Das weiß ich seit drei Tagen“ murrte Ser Tarvain. „Nun, für den ersten Moment kann ich hier nichts tun. Ich veranlasse umgehend, dass man euch in meine Gemächer bringt, dort kann ich euch untersuchen und versorgen, Ser.“ Nicht weit davon entfernt stand Isaé zwischen den Heimkehrern und beobachtete das Treiben für einen Augenblick. Plötzlich erschien ihr die Burg seltsam friedlich. Fast unwirklich friedlich.
Der Burghof lag noch immer voller Stimmen, Schritte und Befehle, als Isaé sich schließlich abwandte. Je länger sie zwischen den Menschen stand, desto schwerer wurde ihr plötzlich das Atmen. Zu viele Geräusche. Zu viele Gesichter. Zu viele Hände, die Verwundete stützten oder Namen riefen, auf die niemand mehr antwortete. Die Erschöpfung legte sich wie Blei auf ihre Schultern. Ohne ein Wort zog sie sich aus dem Trubel zurück und verschwand im Inneren der Burg. Die vertrauten Gänge wirkten nach allem, was geschehen war, beinahe fremd still. Nur gedämpfte Stimmen drangen durch die Mauern. Isaé erreichte schließlich das kleine Gemach, das Tarvain ihr seit ihrer Ankunft zur Verfügung gestellt hatte. Als sich die Tür hinter ihr schloss, sank die Welt endlich in Ruhe. Isaé blieb einen Moment einfach stehen. Dann begann sie langsam, ihre Kleidung abzulegen. Stück für Stück. Der schwere Gürtel. Die verschmutzten Lederteile. Die Tunika. Stofflagen, die noch immer nach Rauch und Drachenfeuer rochen. Schließlich blieb nur noch das lange Unterhemd zurück, das locker an ihrem erschöpften Körper hing. Gerade wollte sie die letzten Sachen beiseitelegen, als ihre Finger plötzlich gegen etwas Kleines, Hartes stießen. Isaé hielt inne. Langsam zog sie das kleine Döschen hervor. Der Feuermohn. Für einen Herzschlag starrte sie es einfach nur an. Dann erinnerte sie sich. Dagan. Alenja. Sie hatte das Döschen die ganze Zeit bei sich getragen, ohne noch daran zu denken. Und plötzlich war die Versuchung wieder da. Sie traf Isaé mit voller Wucht. Sie konnte sich nicht entsinnen, je so ein starkes Bedürfnis nach dem Feuermohn gehabt zu haben. Ihr Körper fühlte sich schwer an vor Erschöpfung. Ihr Rücken schmerzte, ihre Gedanken waren noch immer wirr von den Kämpfen, von der Angst vor dem Schinder, von all den Erlebnissen. Sie war allein. Niemand hätte es bemerkt. Niemand würde sie jetzt aufhalten. Nur eine Pfeife. Nur ein paar Atemzüge Rauch. Ruhe. Wärme. Vergessen. Isaé spürte beinahe körperlich, wie ihr Verstand bereits begann, Ausreden zu suchen. Nach allem, was geschehen war, hätte sie es verdient, nicht wahr? Ihre Finger schlossen sich fester um das Döschen. Lange. Sehr lange. Dann trat sie langsam an den kleinen Tisch neben ihrem Bett heran und legte es vorsichtig darauf ab. Als hätte sie Angst, es wieder an sich zu nehmen, wenn sie die Bewegung zu schnell machte. Danach setzte Isaé sich schweigend auf die Bettkante. Ihre Hände ruhten auf ihren Knien, während sie einfach nur dasaß und auf das kleine Döschen hinüberblickte. So nah. Sie konnte nicht begreifen, wie der Feuermohn immer noch so eine gewaltige Macht über sie besitzen konnte. Immer, wenn sie dachte, sie hätte das Verlangen danach endlich und endgültig besiegt, zeigte sich, dass manchmal ein kleiner Gedanke daran reichte, oder eben, das Döschen mit dem verhängnisvollen Inhalt in ihren Händen zu halten. Genau aus diesem Grund hatte sie es ja Entaro zur Aufbewahrung gegeben. Aber konnte das wirklich die Lösung sein?
Isaé schloss kurz die Augen. Und plötzlich war nicht mehr der Schinder vor ihr. Nicht das Drachenfeuer. Nicht Hera. Sondern Entaro. Sie erinnerte sich daran, wie sie, als er vor ihr gestanden hatte, nachdem alles vorbei gewesen war. Rauch hing noch über der Lichtung, ihr Körper hatte gezittert, ihre Haut war heiß von der Hitze des Drachenfeuers. Sie dachte daran zurück, wie das Drachenfeuer endlich verebbt war. Das Donnern der Flammen war verklungen, zurück blieb nur noch das Knistern brennender Trümmer und dichter schwarzer Rauch, der über die Lichtung zog. Isaé hatte keuchend im Staub gelegen, den Umhang fest über ihren Leib gezogen, während ihr Herz noch immer wie wild raste. Erst als die Hitze langsam nachließ, wagte sie es, den Stoff von sich zu reißen und sich ächzend auf den Rücken zu wälzen. Der Himmel über ihr war dunkel von Rauch. Und dann stand plötzlich Entaro über ihr. Isaé erinnerte sich noch genau daran, wie er sie angesehen hatte. Diesen Ausdruck würde sie niemals vergessen. Er hatte ihr die Hand gereicht und lächelte. Nur ganz leicht. Und Isaé wusste noch, wie sie dieses Lächeln erschöpft und beinahe benommen erwidert hatte, ehe sie nach seiner Hand griff. Seine Finger hatten sich sofort fest um ihre geschlossen. Als er sie hochgezogen hatte und sie schließlich vor ihm stand, hatte Entaro sie ohne ein einziges Wort in seine Arme gezogen. Innig, fest, als wollte er sie nie wieder loslassen. Und Isaé hatte nicht gewusst, dass eine bloße Umarmung sich so anfühlen konnte. Die Nähe seines Körpers hatte sie beinahe überwältigt. Seine Arme um sie herum. Die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Der vertraute Duft, der ihm anhaftete, und den niemand sonst besaß außer ihm. Und gleichzeitig war da dieses seltsame Gefühl gewesen, als würde etwas tief in ihr plötzlich weich werden. Etwas, das jahrelang erstarrt und verschlossen gewesen war. Und Isaé hatte sich ebenso an ihn geschmiegt, als wäre seine Nähe plötzlich das Natürlichste auf der Welt gewesen. Wie sehr sie sich in diesem Augenblick danach gesehnt hatte, einfach in seinen Armen zu bleiben und die Welt um sich herum zu vergessen… Acht Jahre lang hatte sie sich an Einsamkeit gewöhnt. An unzählige stumpfe Tage und Nächte voller Feuermohn. Und nun war da plötzlich dieser Mann. Seine Blicke. Seine Stimme. Die Wärme seiner Haut. Die unglaubliche Ruhe, die sie jedes Mal durchströmte, sobald er in ihrer Nähe war. Es erschreckte Isaé beinahe, wie sehr sie sich danach sehnte. Nach ihm. Nach seiner Berührung. Danach, wieder in seinen Armen zu sein. Isaé öffnete langsam die Augen und blickte erneut zum Feuermohn hinüber. Seltsam. Früher hatte der Rauch jede Leere in ihr gefüllt. Nun genügte allein der Gedanke an Entaro, und plötzlich wirkte der Feuermohn seltsam bedeutungslos. Das kleine Döschen lag nur wenige Schritte entfernt auf dem Tisch. Und doch hatte Isaé plötzlich das Gefühl, als gehöre es zu einem anderen Leben.
Als Isaé die Wäscherei betrat, schlug ihr sofort feuchte Wärme entgegen. Mehrere Frauen arbeiteten zwischen dampfenden Bottichen und langen gespannten Leinen, auf denen bereits frische Wäsche trocknete. Der Raum roch nach heißem Wasser, Seife und nassem Stoff. Isaé blieb einen kurzen Moment unschlüssig stehen. Erst jetzt, mitten zwischen sauberer Wäsche und ordentlichen Stapeln frisch gefalteter Kleidung, wurde ihr bewusst, in welchem Zustand ihre eigenen Sachen waren. Dreck, Schweiß, Blut, Erbrochenes… wenn auch beides nicht ihr eigenes, eingetrockneter Schlamm der Grenzlande… der Rauchgeruch war noch das beste daran, und im Allgemeinen wirkte ihre gesamte Gewandung so, als hätte man sie direkt aus der Gosse gefischt. Unangenehm berührt drückte sie das Bündel etwas fester an sich. Eine ältere Waschfrau bemerkte sie schließlich und trat näher. Ihr Blick blieb kurz an Isaés Gesicht hängen. Dann weiteten sich ihre Augen leicht. „Ihr seid die Hexenjägerin“, stellte sie fest. Keine Frage. „Diejenige, die Hera erschlagen hat.“ Die Frau musterte sie noch einen Moment, beinahe ehrfürchtig, ehe sie ihr freundlich die Kleidung abnahm. Isaé verzog leicht das Gesicht. „So erzählt man es wohl. Aber nicht erschlagen…“ Isaé machte eine kurze Bewegung, als würde sie eine Armbrust anlegen. „Erschossen. Ein Bolzen direkt in ihr Herz…“ Die ältere Frau blinzelte kurz. Dann nickte Isaé langsam, als würde das die Geschichte in ihren Augen nur noch beeindruckender machen. Doch kaum begann die Frau, die ineinander verknüllten Gewänder auseinanderzufalten, hielt sie plötzlich inne. Sehr langsam. Isaé wusste augenblicklich warum. Oh nein. Die Waschfrau zog die Tunika ein kleines Stück von sich weg und verzog kurz die Nase. Isaé hätte am liebsten sofort kehrtgemacht. „…Das ist kompliziert“, murmelte sie trocken. Die ältere Frau presste für einen Moment die Lippen zusammen. „Mhm.“ Isaé spürte, wie ihr trotz aller Erschöpfung die Hitze ins Gesicht stieg. „Jemand hat sich über mir übergeben, nicht ich“, erklärte sie schließlich mit der Würde einer Frau, die wusste, dass ohnehin längst alles verloren war. Die Wäschefrau nickte. „Das ist nicht das erste Mal, dass ich Wäsche übernehme von Männern, die aus der Schlacht kommen. Die stinken alle so. Da braucht ihr euch nichts denken…“ Isaé schloss kurz die Augen. Sie hatte gegen Düsterlinge und Wiedergänger gekämpft, Ardeths Manipulationen widerstanden, den Schinder überlebt und beinahe Drachenfeuer abbekommen und dennoch war dieses Gespräch über ihre dreckigen Gewänder irgendwie der unangenehmste Moment seit langem.
Die Hexenjägerin ließ die Wäscherei möglichst rasch hinter sich und trat schließlich in die angrenzende Badestube. Warmer Dampf hing schwer in der Luft. Das Feuer unter den großen Kupferkesseln knisterte leise vor sich hin, während irgendwo Wasser tropfte. Nach den kalten Nächten in den Grenzlanden fühlte sich allein diese wohltuende Wärme beinahe unwirklich an. In der Mitte des Raumes wartete bereits ein großer hölzerner Badezuber. Dampf waberte über der Wasseroberfläche. Isaé trat näher und hielt für einen Augenblick einfach nur die Hände über das heiße Wasser. Selbst das tat schon gut. Langsam zog sie das lange Unterhemd über den Kopf und legte es beiseite. Dann stieg sie vorsichtig in den Zuber. Sobald das heiße Wasser ihre Haut erreichte, entwich ihr unwillkürlich ein leiser Laut. Langsam ließ Isaé sich tiefer sinken. Das Wasser roch schwach nach Kräutern. Rosmarin vielleicht. Und nach etwas anderem, das sie jedoch nicht kannte. Zum ersten Mal seit Tagen begann sich die Anspannung in ihrem Körper ein wenig zu lösen. Sie lehnte den Kopf gegen den Rand des Zubers und schloss die Augen. Kein Gekreisch von Düsterlingen. Kein Schlachtenlärm. Keine Schreie. Kein Wispern des Flüsterholzes, weil irgendeine magische Präsenz in der Nähe war, was selten etwas Gutes verhieß. Nur heißes Wasser, Dampf und Stille.
Isaé strich langsam mit den Fingern durch das heiße Wasser. Tarvains Worte gingen ihr noch immer nicht aus dem Kopf. Ein Wunsch. Allein der Gedanke fühlte sich seltsam an. Isaé seufzte leise vor sich hin. Als Tarvain ihnen einen Wunsch in Aussicht gestellt hatte, war Isaé der Meinung gewesen, keinen Wunsch zu haben, eigentlich nichts zu brauchen. Je länger sie jedoch darüber nachdachte, desto mehr fiel ihr ein. Aber waren Wünsche, die man sich erst groß und breit ausdenken musste, überhaupt notwendige Wünsche? Die Armbrust vielleicht. Ihr Blick wanderte gedankenverloren zu einer der Kerzen, die ein wenig unruhig im Raum flackerte, und sie betrachtete die zuckende Flamme. Eine gute Waffe war niemals verkehrt, erst recht nicht für eine Hexenjägerin. Und die Armbrust, die sie sich aus Tarvains Waffenkammer geliehen hatte, war besser gearbeitet als vieles, das sie bisher benutzt hatte. Andererseits… Würde sie die Armbrust überhaupt brauchen, wenn sie erst in Akadien waren? Und hatte Entaro nicht gesagt, dass eine Armbrust in Akadien als geächtete Waffe galt? Trotzdem war es nicht verkehrt, eine gute Waffe zu besitzen. Die Vergangenheit hatte dies eindrucksvoll bewiesen. Isaé blickte an sich hinab, auch wenn sie gerade nichts am Leib trug, was ihr als Vergleich dienlich war. Sie besaß keine wirklich passende Kleidung für Akadien. Sie hatte zwar das rote Kleid, welches sie sich eigens für die Reise nach Akadien gekauft hatte, aber sie war sich nicht sicher, ob das Kleid den dortigen Ansprüchen genügen würde. Es war ein wenig tief ausgeschnitten und Isaé hatte sich dabei ertappt, dass sie stets daran herumzupfte, wenn sie es trug. Ein paar gute akadische Gewänder hingegen wären aber vermutlich vernünftiger. Der Gedanke fühlte sich dennoch seltsam eitel an, vielleicht reichte das rote Kleid auch. Notfalls konnte sie immer noch Entaro fragen, wie er das sah. Dann erinnerte sie sich an Tarvains Kammer. An die Besitztümer verstorbener Hexenjäger, die dort aufbewahrt wurden. Waffen. Ausrüstung. Dinge, die für Tarvain keinen wirklichen Wert besaßen, wenn er sie nicht nutzen konnte, da er bekanntlich kein Hexenjäger war. Dieser Gedanke gefiel ihr sogar mehr, als sie erwartet hätte. Etwas mitnehmen zu dürfen, das einst einem anderen Hexenjäger gehört hatte… Irgendetwas daran fühlte sich daran interessanter an, als eine Waffe oder ein hübsches Kleid. Aber die Armbrust… Isaé lehnte den Kopf zurück und schloss erneut kurz die Augen. Es war wirklich nicht leicht, sich zu entscheiden. Ihr wurde ja schließlich nur ein Wunsch gewährt, und dies bedeutete bestimmt nicht, dass sie all das, zwischen dem sie sich nicht entscheiden konnte, haben durfte. Also musste eine endgültige Entscheidung her.
Irgendwann wurde das Wasser im Zuber langsam kühler und Isaé begriff widerwillig, dass sie sich wohl oder übel wieder erheben musste. Das Abendessen rückte näher. Und wenn sie ehrlich war, knurrte ihr Magen mittlerweile wie ein gereizter Hund. Nach den letzten Tagen der eher eintönigen Lagerküche hätte sie vermutlich einen ganzen Ochsen verzehren können.
Also stieg sie schließlich aus dem Zuber, trocknete sich gründlich ab und ließ sich von einer Magd die frische Kleidung bringen, die man für sie vorbereitet hatte. Das Kleid war tiefblau. Dunkler, schwerer Stoff, schlicht gearbeitet, aber von deutlich besserer Qualität als alles, was Isaé normalerweise trug. Dazu erhielt sie einen Umhang aus dunkelgrauer Wolle. Es fühlte sich fremd an. Sehr fremd. Isaé war an ihre robusten Gewänder gewöhnt. Kleider waren etwas für andere Frauen. Isaé zog den schwarzen Umhang über und machte sich schließlich auf den Weg zur großen Halle. Schon auf dem Gang drang ihr der Duft von gebratenem Fleisch, frischem Brot und Gewürzen entgegen. Die große Halle war erfüllt von Stimmen, Gelächter und dem Klappern von Geschirr. Nach all den Tagen in den Grenzlanden wirkte selbst dieser gewöhnliche Lärm beinahe überwältigend lebendig. Als sie den Saal betrat, waren die meisten bereits versammelt. An der langen Tafel saßen Männer des Feldzugs, manche frisch verbunden, andere bereits mit Weinbechern in der Hand. Entaro war dort. Ser Tarvain ebenfalls, sein verletztes, aber von Meister Odelin gut versorgtes Bein ausgestreckt auf einem gepolsterten Schemel. Isaé erkannte viele Gesichter wieder. Männer, die mit ihr gekämpft hatten. Männer, die noch lebten. Und natürlich war auch Kalwen dort. Der hübsche Hexenjäger zog den Blick aller Frauen in der Burg an, wie Motten vom Licht angezogen wurden. Zwei junge Mägde liefen bereits auffallend häufig an seinem Platz vorbei, obwohl dort längst genug Wein stand, um zehn Männer betrunken zu machen. Eine dritte verschüttete beinahe einen ganzen Krug, weil Kalwen sie ausgerechnet in diesem Moment angrinste. Der Hexenjäger wirkte dabei vollkommen unschuldig, schien die Aufmerksamkeit um seine Person jedoch sichtlich zu genießen. Isaé sah noch, wie er einer der Mägde irgendetwas zuflüsterte, woraufhin diese sofort rot anlief und sich hastig abwandte, während Mirou der Bader im Hintergrund bereits genervt mit den Augen rollte. Kalwen bemerkte Isaé noch im selben Augenblick. Für einen kurzen Moment wusste sie nicht recht, wohin mit sich, nahm aber beinahe automatisch neben Entaro Platz. Es fühlte sich mittlerweile so selbstverständlich an, dass sie es erst bemerkte, als sie bereits saß und eine der Mägde ihr Wein einschenkte. Sie bedankte sich und griff nach dem Kelch, und während sie von dem Wein trank, beobachtete sie schweigend, wie Kalwen bereits die nächste Magd mit einem einzigen Lächeln völlig aus dem Konzept brachte. Isaé fragte sich, ob Kalwen dafür irgendwann noch Schwierigkeiten bekommen würde. Isaé nahm einen Schluck Wein und ließ den Blick schließlich weiter durch die Halle wandern, bis er an Ser Tarvain hängen blieb. Der Heerführer sah erschöpft aus. Blasser als sonst. Die Schmerzen seines verletzten Beins standen ihm trotz aller Beherrschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Dennoch wirkte etwas an ihm ungewöhnlich ruhig. Zufrieden beinahe. Nicht unbedingt glücklich. Dafür war während des Zugs in den Grenzlanden zu viel geschehen. Aber wie ein Mann, der ein Ziel erreicht hatte, an das selbst er irgendwann kaum noch geglaubt hatte. Isaé nahm einen weiteren Schluck Wein. Dann beugte sie sich nahe zu Entaro und murmelte leise „So habe ich Ser Tarvain noch nie so gesehen.“ Ihr Blick blieb auf dem Heerführer liegen. „Zehn Jahre lang hat er Jagd auf diesen Mann gemacht“, murmelte sie leise fort. „Und jetzt ist es endlich vorbei. Glaubst du, er ist jetzt zufrieden? Mit dem Wissen an all die Männer, die in den Grenzlanden ihr Leben gelassen haben…“ Ihre Stimme wurde leiser. „War es das wert?“
Ser Tarvain beteiligte sich wenig an den Gesprächen. Die Schmerzen seines verletzten Beins schien sich mittlerweile deutlich bemerkbar zu machen. Man sah es an der Spannung in seinem Gesicht, an den gelegentlichen kurzen Atemzügen, wenn er seine Haltung veränderte. Dennoch saß er aufrecht zwischen seinen Männern, den Weinbecher ruhig in der Hand, als würde er sich mit bloßem Willen weigern, Schwäche zu zeigen. Irgendwann hob er den Blick. Für einen kurzen Moment trafen sich seine Augen mit Isaés. Dann nickte Tarvain ihr einmal knapp zu. Nicht feierlich. Und gerade deshalb bedeutete es Isaé vermutlich mehr, als es sollte. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie er sie zu Beginn betrachtet hatte. Als ein Risiko. Eine Feuermohnsüchtige Hexenjägerin, die seiner Meinung nach jederzeit die Kontrolle verlieren konnte. Jemand, den man im Auge behalten musste. Vielleicht hatte er damals sogar geglaubt, sie würde ihnen früher oder später zum Verhängnis werden. Doch Isaé hatte durchgehalten. Und während sie Tarvains knappes Nicken mit einem leichten Lächeln erwiderte, fragte sie sich still, ob sie ihm vielleicht doch bewiesen hatte, dass mehr in ihr steckte, als er anfangs angenommen hatte.
Schließlich öffneten sich die Türen zur Küche und mehrere Mägde sowie Knechte strömten mit dampfenden Schüsseln und schweren Platten in die Halle. Sofort veränderte sich die Stimmung. Der Duft von gebratenem Fleisch, frischem Brot und kräftiger Brühe breitete sich zwischen den langen Tafeln aus und ließ selbst erschöpfte Männer wieder aufblicken. Becher wurden beiseitegeschoben, Gespräche unterbrochen und hungrige Blicke folgten den aufgetragenen Speisen. Große Platten mit gebratenem Wild wurden auf den Tischen abgestellt, dazu dicke Scheiben dunklen Brotes, geschmorte Wurzeln, Pilze in Kräutersud und schwere Tonschalen voller dampfender Eintöpfe. Isaé spürte augenblicklich, wie ihr Magen sich meldete. Nach Tagen voller karger Wegzehrung und immer derselbe Eintopf aus dem Lagerkessel wirkte allein der Anblick all dieser guten Speisen wie ein schöner Traum. Isaé wartete nicht einmal besonders lange auf höfliche Förmlichkeiten. Kaum standen die ersten Platten auf dem Tisch, griff sie bereits nach einem Stück Brot und zog sich die nächstbeste Schüssel heran. Mit erstaunlicher Zielstrebigkeit begann sie, sich den Teller zu füllen. Ein gutes Stück Fleisch. Dann noch etwas von den geschmorten Wurzeln, und gebratene Pilze. Und noch eine Scheibe Fleisch. Kurz überlegte sie, nickte innerlich zufrieden. Nach allem, was hinter ihnen lag, hatte Isaé keinerlei Absicht, heute Abend bescheiden zu essen. Und in Ser Tarvains Küche arbeiten durchaus gute Köche. Einen Moment betrachtete sie ihr Werk beinahe zufrieden. Kalwens Blick fiel auf Isaés Teller. Dann pfiff er leise durch die Zähne. „Meine Güte, Isaé.“ Kalwen deutete mit seinem Becher auf ihren Teller. „Sag Bescheid, falls wir noch ein zweites Wildschwein erlegen müssen.“ Isaé hob kurz den Blick zu ihm. Dann zog sie sich demonstrativ noch ein Stück Fleisch auf den Teller. „Mach ich…“ erwiderte sie. Und damit begann sie endlich zu essen.
Nur einen Wunsch ❖
31.05.2026 '23:30 [4.103 Wörter]
 alt war die Luft. Es roch nach Ruß, Schwefel und Asche. Entaro stand ganz alleine auf den Trümmern eines Ortes, der vor hundert Jahren einmal der ganze Stolz der Grenzlande gewesen war. Der Turm von Kalnar Alath. Ein Turm des Wissens und der Weisheit. Vor dem Untergang des großen Reiches Kalath lebten hier Gelehrte. Wissende und Weise. Doch als das Reich zerfallen war und in unzählige Bruchstücke zerbrochen, war der Turm in Vergessenheit geraten. Und nun, nachdem Hera ihn verflucht hatte und das geheime Wissen gestohlen, lag er nur noch in Trümmern darnieder. Entaro stand auf der kleinen Anhöhe. An jenem Ort, an welchem er Istred den Schinder gerichtet hatte. Sein Leichnam lag zu seinen Füßen und war leblos und leer. Eine leere, verbrannte Hülle. Und doch konnte Entaro sich nicht von ihm abwenden. Die letzten Worte des Jeldaë spukten ihm unaufhörlich durch den Kopf. »Herzeisen.« Entaro wusste nicht was dies zu bedeuten hatte. Das Schwert des gefallenen Kriegers war schwarz und stumpf. Das Drachenfeuer hatte es zerstört. Ein Hieb damit und es würde in dutzende Splitter zerbersten. Entaro legte den Kopf zur Seite. »Was wenn es nicht bildhaft gemeint war?«, murmelte er und ging dann vor dem Toten in die Hocke. Er beobachtete den Leichnam. Suchte nach einer Spur. Ein Anzeichen von Leben, oder Wiedernatürlichkeit. Alle Menschen, die an diesem Ort gestorben waren, sind wieder aufgestanden. Was, wenn dieser hier auch wieder aufstehen würde? Doch Istred regte sich nicht. Nur der Wind. Er strich Entaro über das Gesicht und einige Strähnen seines Haares begannen zu tanzen. Doch nichts an Istred bewegte sich. Er lag da, wie versteinert. Entaro legte dem Leichnam schließlich seine Hand auf die Brust. Er war warm. Die Hitze des Feuers hatte sich tief in seinen Leib gebrannt. Dieser Leichnam war nichts weiter als eine leere Hülle. Entaro zog die Hand zurück und da begann die Haut des Toten zu zerfallen. Wie Asche, die langsam vom Wind verweht wurde. Das Drachenfeuer hatte ihn von innen verbrannt. Ein Loch breitete sich auf seiner Brust aus und offenbarte nichts als schwarze Asche und Ruß. Entaro erschrak und tat einen Schritt zurück, während er mitansehen musste, wie der Mann, den man einst den eisernen Schinder genannt hatte, sich langsam in Nichts auflöste.
Doch dann, bemerkte Entaro etwas. An jener Stelle, wo einst das Herz des Mannes geschlagen hatte, schimmerte ein dunkler Klumpen. Unscheinbar und fremdartig. Entaro trat wieder an den Leichnam heran und blies die Asche hinfort. Er offenbarte das Metall, welches Teil des Mannes gewesen war, den er getötet hatte. Das Metall, welches in seine Haut eingearbeitet worden war. Das Metall, dass Teil seiner Knochen gewesen war. Es war vom Drachenfeuer zu einem einzigen, dunklen Klumpen geschmolzen worden. Vorsichtig, als ob er fürchtete, sich daran zu verbrennen, oder eine uralte Macht zu stören, streckte er seine Hand danach aus. Doch das Metall war kühl. Und nichts geschah. Kein Heulen des Windes. Kein fernes Wehklagen aus einer anderen Welt. Das Metall fühlte sich seltsam an. Und als Entaro es schließlich an sich nahm, sah er es mit wachsender Faszination an. »Ich werde deinen letzten Wunsch erfüllen. Schinder.«
Als der Tross sich endlich in Bewegung setzte, saß Entaro auf einem der Pferde der Gefallenen. Sein Ross trottete gemächlich und mit hängendem Kopf dem Tross hinterher. Es schien beinahe, als ob es traurig wäre, dass sein eigentlicher Herr nicht auf ihm ritt. Doch Entaros Gedanken waren an einem gänzlich anderen Ort. Mirou, der Bader ritt neben Entaro. Und Isaé ritt auf der anderen Seite. »Wo ist Schatten?«, erkundigte sich Isaé und Entaro deutete zum Himmel empor. »Dort oben.«, antwortete der Drachenreiter und schenkte Isaé ein müdes Lächeln. »Er kann hier sowieso nicht fliegen.« Entaro zuckte mit den Schultern. »Also soll er fliegen.« Entaro seufzte und Mirou der Bader seufzte ebenfalls. »Was wird meine Mutter nur sagen.«, murmelte Mirou und erregte so Entaros, wie auch Isaés Aufmerksamkeit. »Was meint ihr?« hakte der Bernsteinritter nach und Mirou räusperte sich. Er näherte sich dem Wagen, neben welchem sein Pferd her trottete und hob das große Leintuch an. Als Entaro erkannte, was sich darunter verborgen hatte, weitete er erschrocken die Augen und Isaé stieß einen kurzen, erschrockenen Seufzer aus. »Mehr konnten wir nicht von ihnen mitnehmen. Nur die Köpfe.« Dort lagen mehr als ein Dutzend Schädel. Gefallene Akadier. Jeder von ihnen war enthauptet worden. Und von jedem von ihnen hatte Mirou, nach dem Ende des Kampfes, die Köpfe eingesammelt und sie auf den Wagen gebettet. Auf ihren Augen lagen weiße Kieselsteine. Doch von manchen waren die Steine herunter gerollt, ob der Erschütterungen, die der Wagen auf dem unebenen Weg erlitt. Mirou schlug das Tuch wieder zurück und seufzte. »Es ist besser als gar nichts.«, murmelte Entaro und der Bader rang sich ein bitteres Lächeln ab. »Erklärt ihr es den Frauen, Müttern und Vätern?« Entaro schwieg. Und Mirou tat es ihm gleich.
Als sie schließlich Ser Tarvains Burg erreicht hatten, blieb Entaro noch eine Weile auf dem Pferd sitzen. Jeder hatte sich seinen Angehörigen genähert und nach Tarvains Ansprache, war sogleich ein hektisches Leben in die Burg eingekehrt. Doch an diesem Ort gab es niemanden, der auf ihn wartete. Es gab nur eine Person, zu der er gehen konnte. Und diese war mit ihm im Tross geritten. Doch während der ganzen Zeit der Heimreise hatten sie kaum ein Dutzend Worte miteinander gewechselt. Ihre letzten Worte schwangen noch in seinem Verstand umher. Schwere und bedeutungsvolle Worte. Worte, die er nicht erwidert hatte. Sie waren einfach im Tumult des Kampfes untergegangen. Wie ein Schwert, welches man in einen See geworfen hatte. Entaro saß auf seinem Pferd und starrte in den Himmel, und trotz des ganzen Lebens, welches auf der Burg vorherrschte, hatte er sich noch nie so alleine gefühlt wie in diesem Augenblick.
Er dachte an Ser Tarvains Worte. Einen Wunsch. Entaro hatte viele Gedanken dazu durchgesponnen. Natürlich gab es viele Wünsche, die der Bernsteinritter insgeheim in sich hegte. Doch keinen davon würde ein Mann seines Standes erfüllen können. Und manche davon waren Dinge, die ein Mann selbst in die Hand nehmen musste. Was konnte man sich schon wünschen, wenn es nichts gab, dass man wirklich brauchte? Sie würden Geld bekommen. Mehr als genug um bis nach Akadien gut auszukommen. Sie würden einen Geleitbrief bekommen, der sie unbehelligt in jedes der acht Reiche reisen ließe. Entaro sah an sich herab. Seine Kleidung war völlig ruiniert. Er lächelte matt. Es war nicht so, dass sie vor dem Unterfangen in den Grenzlanden besser ausgesehen hätten. Er war schon sehr lange auf Reisen. Der Zahn der Zeit und die Spuren der Reisen waren deutlich zu sehen. Vielleicht eine neue Garderobe? Und ein gutes, neues Paar Stiefel? Doch waren derartige Wünsche nicht zu profan, für das, was sie geleistet hatten? Entaro seufzte. Er rutschte von dem Pferd herunter und übergab die Zügel an einen Knecht, welcher gerade seinen Weg gekreuzt hatte. »Dies ist das Pferd von Porlein. Sorgt dafür, dass seine Familie es bekommt.« Der Knecht hatte nur genickt und das Pferd hinfort geführt. Entaro schritt durch den Burghof. Seine Blicke wanderten über die Türme und Mauern. Stimmen der Menschen drangen an sein Ohr und nach der ganzen Zeit in den trostlosen Grenzlanden, waren all diese Stimmen auf einmal wie ein rauschender Fluss. In den Mooren hatte Stille geherrscht. Man hatte die Welt atmen hören. Doch hier war nichts von alledem zu hören, oder zu spüren. Entaro seufzte erneut und ließ seine Blicke den Himmel absuchen. Er hielt Ausschau nach einem schwarzen Schatten, der am Himmel kreiste. Doch der Drache war nirgends zu sehen. Entaro wusste, dass er in der Nähe war. So wie er immer in der Nähe gewesen war, all die Zeit in den Grenzlanden.
Entaro nahm seine rechte Hand in die Linke und warf einen langen, nachdenklichen Blick auf den Siegelring an seiner Hand. Er hatte ihn all die Zeit getragen. Einen Ring, der ihm nicht zustand ihn zu tragen. Sie hatten ihn Ser d'Adun genannt. Ein Titel, den er nicht würdig war zu tragen, da er ihm verboten worden war. Er hatte niemandem davon erzählt. Niemanden, außer…Meister Odelin. Und Isaé. Nicht einmal Ser Tarvain wusste davon. Entaro zog den Ring vom Finger und ließ ihn in seiner Tasche verschwinden. Eigentlich müsste er sich erfüllter fühlen. Befreiter. Doch die Last, die auf seinen Schultern ruhte, fühlte sich noch schwerer an. Er hatte den Vertrag erfüllt. Er hatte die Grenzlande von einer Geißel befreit. Er hatte doch Gutes vollbracht. Und doch war da diese Müdigkeit und diese Melancholie, die sich seiner bemächtigt hatte. Lag es nur an der Müdigkeit? Oder war da mehr, als er sich eingestand?
Entaro hatte sein altes Gemach bekommen, welches er schon bei seinem letzten Aufenthalt in dieser Burg bekommen hatte. Es hatte sich nicht das kleinste Detail verändert. Alles war noch genau so, wie er es bei seiner Abreise hinterlassen hatte. Er hatte sich seiner Kleidung entledigt und seiner Rüstung und auch seines Schwertes. Er stand vor einem Spiegel, dessen Glas in bernsteinfarbenem gelb ein verzerrtes Bild seiner selbst offenbarte. Und er starrte sich lange und schweigend an. Sein Blick wanderte über die Narben, die er davongetragen hatte. Alte Narben und neue, die erst in den Grenzlanden hinzugekommen waren. Sein Blick blieb auf seinem Unterarm haften. Die Haut war nie ganz verheilt. Er strich mit seinen Fingern über die Kerben, die sich tief in seine Haut gebohrt hatten. Heute sah man davon nur noch ein paar helle Stellen. Man konnte die Stellen ertasten, wo sich einst die Zähne des Drachen hineingeschlagen hatten. Auch wenn sie unter den Haaren seiner Arme verborgen waren. Seine Hand wanderte weiter, zu jener Stelle, an welcher ihm der Schwarzseher den Dolch in den Leib getrieben hatte. Sie war gut verheilt. Doch auch hier konnte man die leichte Erhebung fühlen. Sie würde niemals gänzlich verschwinden. Doch die größte Narbe, welche er davongetragen hatte, war keine sichtbare Narbe. Es war eine tief verborgene, direkt in seinem Herzen. Er legte sich die Hand auf die Brust, doch es machte keinen Unterschied. Und so ließ er sich schließlich in den Badezuber sinken und begann den Schmutz und den Schweiß und den Ruß von seinem Körper zu waschen.
Er hatte sich viel Zeit damit gelassen, und am Ende fühlte er sich beinahe wie ein neuer Mensch. Seine Blicke huschten zu seiner alten Kleidung, und der Zustand in welchem sie sich befand ließ ihn den Kopf schütteln. Es klopfte an der Tür und Entaro gewährte dem Besucher Einlass. Es war eine Magd, welche einen tiefen Knicks vollzog, bevor sie, ohne ein Wort zu sagen, die Kammer betrat, frische Kleidung auf einen Schemel legte, und sich wieder der Tür näherte. »Für das Bankett, Herr. Ser Tarvain erbittet eure Anwesenheit.« Wieder verbeugte sie sich und Entaro richtete sich in dem Zuber auf und warf ihr ein freundliches Lächeln zu. »Richtet ihm meinen Dank aus. Ich werde zugegen sein.« Die Magd nickte und verbeugte sich ein drittes Mal. »Sehr wohl.« Doch bevor sie die Türe geschlossen hatte, hob Entaro noch seine Hand. »Mit Verlaub.« Sie hielt inne und er bemerkte wie sie versuchte nicht in seine Richtung zu blicken. »Ich benötige eine Rasur. Und einen Haarschnitt…«
Frisch gestriegelt und in frischen Kleidern, traf Entaro schließlich in der großen Halle ein. Viele waren schon gekommen. Der Heerführer, der Herr des Hauses von Marçien, saß bereits bei Tisch. Und neben ihm saß Vicar, mit einem Verband, der sein halbes Gesicht bedeckte. Und er trug auch einen noch viel größeren Verband über der Brust. Entaro nickte dem alten Kämpen zu, welcher daraufhin nickte und sich die Faust auf die Brust legte. Der alte Haudegen hatte ein Auge verloren und einen Schwerthieb in den Leib. Und doch saß er hier. Entaro bewunderte den Überlebenswillen dieses Mannes. Er nahm schließlich Platz und seine Blicke schweiften durch die Halle. Doch das, wonach er suchte, war nicht zu finden. Isaé war nicht hier. Er fühlte sich irgendwie, als ob ein Teil von ihm fehlen würde und nahm dann schließlich einen Kelch zur Hand, welcher auch kurz darauf von einer Magd mit Wein gefüllt wurde.
Und dann erschien auch Isaé. Sie trug ein blaues Kleid, welches ihrer Hautfarbe und ihrem Haar ganz vorzüglich stand. Er richtete sich auf und drückte sein Kreuz gerade, als sie neben ihm Platz nahm. Er warf ihr einen kurzen Blick zu und versuchte ein freundliches Lächeln aufzusetzen. Isaé sah ihn ebenso an. Und irgendwie kam er sich auf einmal lächerlich vor. Wie ein Jüngling, der in der Nähe der Frau, die sein Herz erobert hatte, keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. »Du siehst gut aus.«, stellte er nüchtern fest und lächelte erneut. Sein frisch rasierter Bart, der nun deutlich adretter und kürzer geworden war, verbarg sein Lächeln nicht mehr. Und sein Haar, welches die letzten Tage förmlich an ihm zu kleben schien, war sauber nach hinten gekämmt worden und nichts mehr an Entaro erinnerte an jenen Mann aus den Grenzlanden. Der Mann mit der zerschlissenen Tunika und dem beschädigten Ringpanzer. Der Mann mit den ungewaschenen Haaren und dem verfilzten Bart. Neben Isaé saß ein völlig Fremder. In sauberen, feinen Gewändern. Doch seine hellen, grauen Augen, waren dieselben wie auch gestern noch. Und als sich ihre Blicke trafen, da schien es, als ob für einen Moment lang die Zeit eingefroren worden wäre.
Isaé beugte sich zu Entaro herüber und raunte ihm etwas ins Ohr. »Zehn Jahre lang hat er Jagd auf diesen Mann gemacht« Entaro nickte. »Nicht nur auf ihn. Auf alle Drei.«, berichtigte Entaro sie, nur um sich dann bewusst zu werden, wie unnötig diese Bemerkung gewesen war. Er biss sich unscheinbar auf die Lippen und erwiderte ihre folgenden Worte nur mit einem Nicken. »Und jetzt ist es endlich vorbei.« Sie tat einen Schluck aus ihrem Becher und Entaro tat es ihr gleich. »Glaubst du, er ist jetzt zufrieden?« Entaro warf einen Blick auf Ser Tarvain, welcher mit verkrampfter Miene an Tisch saß, und seine Blicke anteilnahmslos über die Männer schweifen ließ. Er zuckte mit den Achseln. »Tief in seinem Innersten gewiss. Er hat seinen Frieden gefunden. Seine Familie gerächt. Er hat die Mörder seiner Frau und seines Kindes ihrer gerechten Strafe zugeführt. Auch wenn er nicht zufrieden aussieht. Er ist es gewiss.« »Auch mit dem Wissen an all die Männer, die in den Grenzlanden ihr Leben gelassen haben?« Sie dämpfte ihre Stimme zu einem kaum hörbaren Raunen. »War es das wert?« Entaro wandte ihr den Blick zu. In seinem Blick lag ein ebenso anteilnahmsloser Blick wie der Ser Tarvains. »Die Gerechtigkeit…«, hob er an. »…hat gesiegt. Diese Männer sind für ihren Herren und für ihr Land in den Tod gegangen. Sie wären ihm vermutlich auch in den Tod gefolgt, wenn er in den Grenzlanden gefallen wäre. Ob es das wert war? Nun. Um das zu beantworten muss man die Männer verstehen, die in dem verfluchten Reich gefallen sind. Manche von ihnen waren noch jung. Zu jung. Doch für die gerechte Sache zu kämpfen. Und notfalls auch zu sterben. Ist es das nicht immer wert?« Er kräuselte die Lippen. »Es ist sicher nur ein schwacher Trost für die Hinterbliebenen. Für die Mütter, Töchter und Ehefrauen. Doch der Tod ist allgegenwärtig. Und nun wurde das Reich von drei gefährlichen Feinden befreit. Zehn Jahre sind sie immer wieder gescheitert. Zehn lange Jahre sind Männer gestorben. Sinnlos. Nur für die Sache. Für Ruhm und Ehre und die Gerechtigkeit. Und dieses Mal war es von Erfolg gekrönt. Und das wiegt all die Verluste der Vergangenheit ebenfalls auf.« Entaro sah sie eindringlich an. Sicher würde sie das anders sehen. Doch sie war auch kein akadischer Krieger der Nordgrenze. Sie lebte nicht nach akadischen Gesetzen. Nach akadischen Traditionen und auch nicht nach dem akadischen Glauben. Bei diesem Gedanken musste Entaro schlucken. Der akadische Glaube. Der Glaube an Daerean. Als sie sich kennengelernt hatten, war er so unerschütterlich fest in seinem Glauben gewesen. Doch heute? Was war davon noch übriggeblieben? Er hatte Dinge gesehen und erlebt, die kein Mensch erleben oder sehen durfte. Er hatte Dinge gespürt, die andere Menschen niemals erfahren würden. Wie konnte er an die Lehren seines Ordens festhalten, mit dem Wissen, dass es weitaus mehr gab als das, was Daerean sie lehrte? Und war dies überhaupt das, was Daerean sie gelehrt hatte? In den alten Tagen. Als die Akadier noch die Herren der Drachen gewesen waren. Fern dieser Lande, die nicht ihre Heimat waren. Fern dieser Lande, die sie von ihren einstigen Brüdern gestohlen hatten und noch heute, Jahrhunderte später miteinander im Krieg lagen? War es das alles überhaupt wert? Entaro schwieg. Je mehr man darüber nachdachte, desto weniger machte dies alles wirklich Sinn. »Ich denke, wenn er in den Grenzlanden gefallen wäre, dann mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, dass er ihren Tod gerächt hat.« Isaé nickte. Die Rache eines Mannes war sein stärkster Antrieb. »Doch er hat überlebt. Und nun kann er in die Zukunft schauen.« Ein Mann wie Tarvain brauchte einen Erben. Er hatte sich einen Schwur auferlegt, keine Frau zu ehelichen, bevor er seine Rache vollzogen hat. Er war von diesem Schwur nun entbunden…Entaro hatte auch einst einen Schwur abgelegt. Doch er hatte sich davon losgelöst, da er ihn gebrochen hatte. Macht dies Ser Tarvain zu einem besseren Mann als ihn selbst? Er hatte seinen Frieden gefunden, indem er einen Schwur gebrochen hatte, anstatt ihn zu erfüllen. Der Gedanke daran machte Entaro noch schweigsamer.
Ein Knecht trat an Entaro und Isaé heran. Er beugte sich zu den Beiden hervor und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Herr Tarvain wünscht euch zu sprechen.« Er warf sowohl Isaé als auch Entaro einen wissenden Blick zu, so dass sie beide sich angesprochen fühlten. Entaro nickte und stellte seinen Becher ab. »Wir kommen…« Er warf Isaé einen fragenden Blick zu. »…nicht wahr?« Isaé nickte und so erhoben sie sich gemeinsam und folgten dem Knecht, welcher sie schließlich zu Ser Tarvain führte. »Herr. Ser Adun und Frau Isaé.« Der rote Tod wedelte gelassen mit der Hand, zum Zeichen, dass der Knecht nun entlassen sei und dieser verbeugte sich ehrerbietend und zog von dannen. »Ihr habt nach uns gerufen, Ser Tarvain?«, erkundigte sich Entaro und Tarvain blies die Backen auf. »Ser Adun. Entaro. Kein Grund zur Förmlichkeit. Wir sind gemeinsam durch den Tod gegangen. Haben zusammen geblutet und in dasselbe Loch geschissen.« Tarvain grinste und rang sich ein gequältes Lächeln ab, bei dem man bemerkte, dass es ihn in jeder Faser seines Körpers einen Stich versetzte. »Tarvain. Einfach nur Tarvain, verstanden?« Entaro nickte und als Tarvain den Beiden die freien Plätze rechts und links von ihm darbot, nahmen sie kurzerhand darauf Platz. »Ihr seht gut aus, Frau Isaé. Das Blau steht euch hervorragend.« Isaé nickte mit einem koketten Lächeln und Tarvain räusperte sich. »Nun, was für Entaro gilt, gilt natürlich auch für euch…dich.« Isaé schien beinahe erleichtert auszuatmen, was Tarvain mit einem wohlwollenden Lächeln bemerkte. »Wohlan. Sehr gut.« Er klatschte zufrieden in die Hände und setzte ein neugieriges Lächeln auf. »Nun. Habt ihr euch schon entschieden?« Entaro sah Tarvain mit einem fragenden Blick an, woraufhin dieser mit den Augen rollte. »Na der Wunsch? Gibt es denn nichts, was ihr gerne hättet?« Da räusperte sich Entaro. »Nun. Da gibt es tatsächlich etwas.« Der Herr von Marçien sah Entaro erwartungsvoll an und gebot ihm, mit einer auffordernden Handgeste, endlich mit der Sprache herauszurücken. »Sprich und es wird gewährt.« Da lächelte Entaro dünn. Die Reinwaschung seines Namens. Die Aufhebung seiner Verbannung? Nichts davon könnte er erfüllen. Entaro seufzte. »Ich bin ein pragmatischer und praktischer Mann.«, begann Entaro und Tarvain nickte verstehend. »Fürwahr.« »Neue Kleidung. Neue Stiefel.« Tarvain schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Willst du mich beleidigen? Das sind doch keine Wünsche!« Ser Tarvain verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine schmollende Miene auf, welche sichtliches und übertriebenes Theater war. Das erkannte selbst Entaro.
Entaro hoffte, dass Isaé vielleicht einen Wunsch hegte, damit er nicht mehr im Kreuzverhör des roten Todes sitzen musste und warf ihr einen flüchtigen Blick zu. Doch wie es schien, hatte sie genauso wenig große Wünsche wie er selbst, was Entaro wiederum mit einem milden Lächeln quittierte. »Nun. Auf unserer Reise habe ich meine letzten Vorräte an rotem Bernstein verbraucht…« Entaro konnte den Satz noch nicht einmal zu ende sprechen, da schnippte Tarvain schon mit den Fingern. »Du bekommst so viel du willst!« Entaro seufzte. Er hatte eigentlich alles, was er benötigte. Es war ja auch nicht so, dass er ein armer Ritter war. Doch er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt. Einen Eid geschworen und einen Schwur gebrochen. Das musste doch etwas mehr wert sein, als ein paar roter Bernsteine? Entaro wusste, nun da der Vertrag erfüllt war, und es nichts mehr gab, dass sie daran hindern konnte, Akadien zu betreten, war der unausweichliche Tag seiner Rückkehr in die Heimat immer näher gekommen. Er wusste, dass dies eine Gratwanderung auf Messers Schneide war. Er würde nicht nur Freunde finden, sondern auch Feinde. Und er wusste nicht einmal, ob seine eigene Familie ihm den Rücken stärken würde. Natürlich hoffte er es. Doch er war nur der Zweitgeborene. Ohne Anrecht auf Erbe. Ohne Anrecht auf Land. Ohne Anrecht auf Schutz. Der einzige Schirmherr, den er hatte, war der Orden der Bernsteinritter. Und wenn sie ihn fallen lassen würden? Dann hätte er nichts und niemanden mehr. Er wäre ein Gesetzloser und vogelfrei. »Herr.«, erhob Entaro schließlich seine Stimme mit einem sichtbaren Zögern. »Ich erbitte mir nichts, außer einem Versprechen. Wenn die Zeit kommen sollte, und ich Schutz oder einen Verbündeten benötige…« Tarvain ließ Entaro die Worte gar nicht erst zu Ende sprechen. Er richtete sich so feierlich und aufrecht wie es ihm nur möglich war auf, und erhob seine Stimme. »Bei meiner Ehre. Ser Entaro d'Adun! Wenn Ihr jemals in Not geratet, und solange Eure Sache gerecht ist und Ihr nicht gegen Krone, Reich oder meine Ehre handelt, werde ich Euch beistehen. Die Tore Marçiens werden euch immer offenstehen. Darauf habt ihr mein Wort, bei meiner Ehre.« Daraufhin ging ein Raunen durch den Saal. Die Männer, welche die Worte vernommen hatten, erhoben sich von ihren Plätzen und schlugen sich die Faust auf die Brust, bevor sie ihre Kelche erhoben. »Wenn unser Herr es befiehlt, werden wir euch beistehen. Ser Adun!« Entaro saß da, wie vom Donner gerührt. Eine Gänsehaut überkam ihn und er musste den Atem anhalten, um die Tränen zu unterdrücken, welche ihm in die Augen traten. »Habt Dank.«, murmelte Entaro so leise, dass er es selbst kaum verstanden hatte. Tarvain hingegen begann laut zu lachen. »Das hättest du dir nicht wünschen müssen. Aber…« Er hob feierlich seine Hand und zog demonstrativ einen seiner Ringe vom Finger. »Hiermit überreiche ich euch den Ehering meiner verstorbenen Frau. Einen Ring von Marçien. Er soll allen die ihn sehen zeigen, dass ihr unter dem Schutz meines Hauses steht. Mit diesem Ring seid ihr nun mit mir verbunden, wie ein Bruder.« Dieses Geschenk war mehr wert als Entaro sich je zu wünschen gewagt hätte. Und er hatte es bekommen, ohne es zu erbitten, was die Geste umso bedeutender machte. Demütig und mit gesenktem Haupt nahm er den Ring an sich und schob ihn sich sogleich auf den kleinen Finger der linken Hand. »Ich werde ihn stehts in Ehren tragen, Ser Tarvain.«
Als die Förmlichkeiten vollbracht waren, wurden Isaé und Entaro in Tarvains private Gemächer geführt. Tarvain wurde dabei von zwei Dienern getragen, was ihm sichtlich gegen den Strich ging. Doch so sehr es auch an seinem Ego kratze, Odelins Rüge schien selbst der Herr von Marçien zu fürchten. Als sie schließlich in der Kammer angelangt waren, in der alles begonnen hatte, und die Diener von dannen gezogen waren, zog Tarvain den Vertrag aus der Schatulle und setzte die Feder an. Er setzte seine Initialen auf den Vertrag, womit dieser als erfüllt zu betrachten war. Und dann händigte er Entaro und Isaé den versprochenen Lohn aus. Acht goldene Dukaten und zwei beglaubigte und mit Siegel versehene Geleitbriefe, die ihnen für die Einreise nach Akadien freies Geleit gewährten. Als dies schließlich erledigt war, wandte sich Tarvain schließlich an Isaé. Mit einem erwartungsvollen Blick sah er sie an und lächelte wissend. »Nun. Was ist denn dein Wunsch? Was ist dein Begehr. Es muss doch etwas geben, womit Ser Adun nicht aufwarten kann und das nur ich habe?« Dabei lächelte er und Entaro hatte, wenn auch nur für einen kurzen Moment, den Eindruck, dass der Herr von Marçien ganz genau wusste, wie es in den Herzen der beiden wirklich aussah. Und diese Erkenntnis ließ Entaro sichtlich erröten, was ihm noch unangenehmer war, als mit Isaé alleine zu sein und nicht zu wissen was er sagen sollte. »Ich…«, hob Entaro an und Tarvain hob gebietend die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Sag am besten nichts, Entaro. Du bist und bleibst ein Holzkopf!«
Gold in der Hand ❖
02.06.2026 '21:25 [3.124 Wörter]
 arvain, Entaro und Isaé saßen zusammen in den Gemächern des Burgherren und das Feuer im Kamin tauchte den Raum in goldenes warmes Licht. Nachdem Ser Tarvain den Vertrag als erfüllt unterzeichnet und ihnen den versprochenen Lohn ausgezahlt hatte, saßen sie beisammen und plauderten unverfänglich miteinander. Zum wiederholten Mal an diesem Abend glitt Isaés Blick zu der einzelnen Goldmünze in ihrer Hand. Die übrigen drei Dukaten hatte sie sich in kleinere Münzen auszahlen lassen. Vernünftigere Münzen. Solche, mit denen man tatsächlich etwas anfangen konnte. Ein Goldstück mochte beeindruckend sein, doch kein Wirt konnte es wechseln und auch kaum ein Händler besaß genug Wechselgeld, um darauf herauszugeben Dennoch hatte sie darauf bestanden, einen Dukaten als Goldmünze zu behalten. Einfach weil sie noch nie eine besessen hatte. Vielleicht war das töricht. Vielleicht kindisch. Aber es war ihr gleich gewesen. Nun ruhte die Münze in ihrer Handfläche und wurde von ihren Fingern umschlossen, als fürchte sie, jemand könnte sie ihr wieder wegnehmen. Das Gold hatte längst ihre Körperwärme angenommen. Wann immer das Gespräch kurz innehielt, öffnete Isaé die Hand und betrachtete das kostbare Metall erneut, nur um die Finger kurz darauf wieder darum zu schließen. Noch immer konnte sie kaum glauben, dass die Münze ihr gehörte. Langsam ließ sie den Dukaten zwischen Daumen und Zeigefinger kreisen. Das Gold fing den Schein des Kamins ein und schimmerte warm auf. Licht glitt über die geprägten Konturen, sammelte sich in den Vertiefungen und ließ die Münze beinahe lebendig wirken. Für einen Moment blieb Isaé einfach nur sitzen und sah dabei zu, wie sich das Feuer auf ihrer Oberfläche spiegelte. Gold. Echtes Gold. In ihrer Hand. Die Hexenjägerin schluckte. Es war eine seltsame Erkenntnis. Sie waren durch die Grenzlande gezogen, hatten dort gegen Düsterlinge und Wiedergänger gekämpft, sich gegen Ardeth behauptet, schwere Verluste erlitten. Sie hatte Hera getötet. Und dennoch erschien ihr dieser Augenblick beinahe unwirklicher als all das. Sie selbst hatte Hera getötet. Und dennoch erschien ihr dieser Augenblick beinahe unwirklicher als all das. Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wahrscheinlich hätte sie längst aufhören sollen, die Münze anzustarren. Doch jedes Mal, wenn sie glaubte, sich endlich daran gewöhnt zu haben, wanderte ihr Blick erneut hinab. Als müsse sie sich vergewissern, dass sie noch da war. Als könnte das Gold sich plötzlich in Luft auflösen, sobald sie nicht hinsah. Unwillkürlich drehte sie den Dukaten erneut zwischen den Fingern, während sie den Gesprächen lauschte. Er war schwerer, als man es einer einzelnen Münze zutrauen würde. Schwer genug, um seinen Wert spürbar zu machen. Isaé dachte an die Jahre ihrer Wanderschaft. An kalte Nächte in Scheunen und Schuppen und billige Herbergen. An Tage, an denen sie jede einzelne Münze mehrfach gewendet hatte, ehe sie entschied, ob sie sich eine warme Mahlzeit leisten konnte oder lieber noch einen Tag wartete. Die höchste Münze, die sie jemals besessen hatte, war ein Lys gewesen. Und nun hielt sie einen ganzen Dukaten in der Hand. Mit dem Gegenwert dieser einen einzigen Münze hätte sie früher Monde lang leben können. Vielleicht länger. Der Gedanke war so absurd, dass sie leise durch die Nase ausatmete. Der Dukat wirkte in ihrer Hand beinahe fehl am Platz. Zu kostbar. Zu sauber. Zu golden. Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie ihn nicht wegstecken wollte. Vielleicht würde sie später vernünftig sein und die Münze dann sorgfältig verstauen und behandeln wie das Vermögen, das sie tatsächlich darstellte. Doch jetzt ließ sie sie noch einmal zwischen ihren Fingern kreisen und beobachtete fasziniert, wie das Gold im Licht des Kamins aufleuchtete.
Die Hexenjägerin hob den Blick kurz vom Gold und ließ ihn durch den Raum wandern, während Tarvain sprach. Dann wanderte Isaés Blick beinahe unbewusst zu Entaro, und dort blieb er auch hängen. Eigentlich hatte sie ihm bereits den ganzen Abend über immer wieder verstohlene Blicke zugeworfen. Nicht absichtlich. Zumindest redete sie sich das ein. Doch nun, da das Gespräch für einen Moment an ihr vorbeizog und ihre Aufmerksamkeit nicht länger gefordert war, erlaubte sie sich, ihn etwas genauer zu betrachten. Sie war sich nicht sicher, wann sie ihn zuletzt so gesehen hatte. In den Grenzlanden waren Schmutz, Staub, Schweiß und Blut allgegenwärtige Begleiter gewesen. Tage auf schlechten Wegen, Nächte unter freiem Himmel und Kämpfe, die selten Rücksicht darauf nahmen, wie jemand anschließend aussah, hinterließen ihre Spuren. Die Tunika die er trug, war sauber und ordentlich. Nicht prunkvoll, nicht auffällig, aber von jener schlichten Qualität, die gerade deshalb edel wirkte. Der Stoff saß gut an seinen Schultern, und zum ersten Mal seit Wochen musste sie nicht durch eine Schicht Staub, Schlamm oder getrocknetes Blut hindurchblicken, um den Mann darunter zu erkennen. Auch sein Haar war frisch gewaschen. Es war sauber und adrett im Nacken zusammengefasst und fing hier und da das warme Licht des Kamins ein. Die dunklen, graudurchwirkten Strähnen wirkten weicher als sonst, weniger widerspenstig, und für einen flüchtigen Augenblick fragte sich Isaé, ob sie jemals bemerkt hatte, wie sehr ihr diese Farbe eigentlich gefiel. Dann blieb ihr Blick an seinem Bart hängen. Und dort blieb er etwas länger, als vermutlich angebracht gewesen wäre. Der Bart war gestutzt worden. Sorgfältig. Die Konturen waren sauber nachgezogen, die Länge gleichmäßig gekürzt. Nichts daran wirkte geschniegelt oder eitel. Und sie bemerkte, wie sehr ihr dieses Bild gefiel. Sie hatte Entaro viele Monde lang beinahe ausschließlich als Reisegefährten erlebt. Als Drachenreiter. Als jemanden, der an ihrer Seite gekämpft, gewacht, diskutiert und geschwiegen hatte. Jemanden, dessen Gegenwart so selbstverständlich geworden war, dass sie oft gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte. Nun saß er hier. Frisch gebadet, ausgeruht und gepflegt. Und erschreckend gut aussehend. Isaé senkte hastig den Blick auf ihren Becher. Nicht weil sie sich schämte. Sondern weil sie plötzlich sehr genau wusste, dass sie ihn angestarrt hatte. Vorsichtig hob sie den Blick erneut. Entaro hatte inzwischen den Kopf etwas gedreht, während er Tarvain zuhörte. Das Licht des Kamins zeichnete eine warme Linie entlang seines Profils und ließ die vertrauten Züge für einen Augenblick beinahe fremd erscheinen. Vielleicht nicht fremd. Nur neu. Als würde sie etwas betrachten, das die ganze Zeit vor ihr gewesen war und das sie dennoch erst jetzt wirklich wahrnahm. Isaé konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen stahl. Vielleicht lag es daran, dass sie ihn seit Wochen einmal Zeit und Ruhe hatte, ihn genau zu betrachten. Aber vielleicht lag es schlicht daran, dass Entaro tatsächlich ein bemerkenswert gutaussehender Mann war und sie es sich endlich zugestand, das auch zuzugeben. Es musste ja niemand wissen. Mit dieser beruhigenden Erkenntnis nahm sie einen Schluck Wein. Das Feuer knackte leise. Und für einen flüchtigen Moment wurde ihr bewusst, wie seltsam das Leben manchmal war. Vor wenigen Wochen hatte sie noch nicht gewusst, ob sie den nächsten Mond erleben würde. Nun saß sie auf einer Burg, hielt mehr Geld in den Händen, als sie jemals besessen hatte. Dann senkte sie den Blick erneut auf den Dukaten. Und obwohl sie mittlerweile wusste, dass er echt war, umschloss sie sie noch einmal fest ihre Faust darum. Nur um ganz sicherzugehen. Tarvain saß ihr gegenüber, den Becher in einer Hand, das Gesicht vom warmen Schein der Flammen nur halb erhellt, und wirkte endlich wie ein Mann, der etwas abgeschlossen hatte und seinen Frieden gefunden hatte. Entaro hatte sich schweigend zurückgelehnt. Er sagte an diesem Abend ohnehin weniger als sonst, doch Isaé spürte seine Gegenwart, und es fühlte sich vertraut an. Draußen lagen die Gänge der Burg still, und hinter den dicken Mauern heulte der Wind leise umher.
Tarvain stellte seinen Becher ab und wandte sich jetzt an Isaé. „Nun“, sagte er. „Nenne mir deinen Wunsch.“ Isaé sah ihn an, als hätte er in einer Sprache gesprochen, die sie nur halb verstand. Schließlich hatte er sie ausbezahlt. „Meinen Wunsch?“ hakte sie nach „Deinen Wunsch“ bestätigte er und nickte. „Wir hatten einen Vertrag“, erinnerte sie ihn. „Das weiß ich.“ „Entaro und ich begleiten dich in die Grenzlande. Jeder von uns erhält vier Dukaten und einen Geleitbrief. Wir haben dich begleitet, du hast bezahlt und uns die Briefe ausgehändigt. Damit ist der Vertrag erfüllt.“ Tarvains Blick blieb ruhig auf ihr liegen. „Der Vertrag ist erfüllt.“ „Ja“ lächelte Isaé. „Und nun nenne deinen Wunsch. Entaro hat seinen längst geäußert“ Isaé öffnete den Mund, schloss ihn wieder und lehnte sich langsam zurück. „Wenn du mir noch einen Wunsch erfüllen wolltest“, sagte sie schließlich, „Hättest du das vorher in den Vertrag schreiben müssen.“ Tarvain schnaubte leise. Es war kein richtiges Lachen, eher das Geräusch jenes Mannes, der sich weigerte, einem vernünftigen Einwand zuzulassen. „Dann betrachte es als Versäumnis meinerseits.“ „Das ist aber nicht mein Problem. Ich brauche nichts“, sagte sie. Tarvain antwortete nicht sofort. Gerade das machte seine Beharrlichkeit unangenehm. Er saß nur da und betrachtete sie, als würde er lediglich warten, bis sie selbst einsah, dass er recht hatte. „Jeder braucht etwas“, sagte er schließlich. „Mag sein. Aber nicht jeder braucht etwas von dir.“ Sie sagte es ruhig und freundlich. Es war ja wahr. Es gab vielleicht Dinge, die sie brauchte oder wollte, aber nichts davon lag in Tarvains Händen. Er konnte ihr keine unbeschwerte Vergangenheit geben. Er konnte nicht ungeschehen machen, was der Feuermohn mit ihr angerichtet hatte. Tarvain konnte diesen Kampf gegen das ständige und beharrliche Verlangen nicht für sie ausfechten. Und er konnte ihr nicht die Sehnsucht nehmen, die sich in ihr regte, wenn Entaro nicht bei ihr war. Tarvain schien mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein. Natürlich nicht. Isaé stieß einen leisen Seufzer aus. Ihre Kleidung, die gegenwärtig gewaschen wurde, hatte bessere Tage gesehen, ihre Hosen ebenso, und die Stiefel, die sie trug, hatten die Grenzlande zwar überstanden, aber nun galt es, in andere Gefilde vorzudringen. Akadien. Dort konnte sie, so hatte Entaro es ihr gesagt, ihre Hexenjägerkleidung auf keinen Fall tragen. „Gut“, sagte sie schließlich. „Dann wünsche ich mir neue Kleidung. Für eine Frau, die Akadien betritt, angemessen.“ Tarvain musterte sie, als habe sie ihm gerade eine Beleidigung angeboten. „Das habe ich Entaro vorhin auch schon gesagt: das ist kein Wunsch.“ „Für jemanden, der meine Kleidung gesehen hat, urteilst du erstaunlich streng.“ „Kleidung kann man kaufen.“ „Dann neue Stiefel.“ „Das ist ebenfalls kein Wunsch.“ „Dann ist dein Begriff von Wünschen seltsam.“ „Und deiner bedauerlich klein.“ Isaé hätte beinahe gelacht. Nicht, weil sie es so lustig fand, sondern weil es etwas Absurdes hatte, mit Tarvain darüber zu streiten, ob ein Paar brauchbare Stiefel groß genug war, um den Stolz dieses Ritters zu befriedigen. „Dann behalte ich die Armbrust“, sagte sie nach kurzem Nachdenken. Diesmal veränderte sich etwas in Tarvains Blick. Nur wenig, aber genug, dass Isaé es bemerkte. „Welche Armbrust?“ „Die, die ich mir geliehen habe. Die, mit der ich Hera erschossen habe.“ Für sie war das ein guter Wunsch. Angemessen. Nicht gierig. Nicht nichtssagend. Eine Waffe, die bereits eine Geschichte erzählte, und zwar eine, die ihnen allen etwas bedeutete. Isaé konnte sich sogar vorstellen, sie eines Tages in den Händen zu halten und dabei an den Augenblick zu denken, in dem ihre Hand ruhig geblieben war, und sie nur diesen einen einzigen Schuss gehabt und ihn nicht vergeigt hatte. Tarvain jedoch nickte nur. „Die nehme ich ohnehin nicht zurück.“ Isaé starrte ihn an. „Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ „Doch.“ „Warum?“ „Weil sie dir gehört.“ „Seit wann?“ „Seit du Hera damit erschossen hast.“ Für einen Moment wusste sie nicht, ob sie gerührt oder verärgert sein sollte. „Du machst es einem wirklich schwer“, murmelte sie. Isaé presste die Lippen aufeinander, doch das Lächeln darunter ließ sich nicht ganz verbergen. Sie sah zu Entaro, als könne sie von ihm irgendeine stumme Unterstützung erwarten, doch er blickte nur zwischen ihnen hin und her, ohne etwas zu sagen. Also gut, dachte Isaé. Wenn Tarvain groß wollte, sollte er groß bekommen. Sie hob das Kinn ein wenig. „Nun. Wenn es ein großer Wunsch sein soll, dann wünsche ich mir eben ein Stück Land und darauf ein kleines Haus.“ Sie hatte erwartet, dass er die Stirn runzelte. Dass er selbst merkte, wie überzogen dieser Wunsch war. Dass er vielleicht endlich verstand, wie unsinnig diese ganze Unterhaltung wurde. Stattdessen nickte er. „Gut.“ Isaé erstarrte. Das Feuer knackte leise. „Gut?“ fragte sie ungläubig. „Du bekommst ein Stück Land und ein Haus.“ Einen Augenblick lang war sie sicher gewesen, dass er ihren Scherz verstanden hatte. Dann sah sie sein Gesicht und begriff, dass er sie ganz und gar nicht richtig verstanden hatte. Schlimmer noch, er nahm sie ernst. Er nahm sie so ernst, dass er vermutlich bereits darüber nachdachte, welches Stück Land infrage kam. Sie hob abwehrend die Hände. „Nein“, sagte sie rasch. „Nein, das brauche ich nicht.“ Tarvain legte den Kopf kaum merklich zur Seite. „Du hast es dir gewünscht.“ „Weil du unbedingt einen Wunsch hören wolltest obwohl ich keinen hege.“ „Und nun hast du einen genannt.“ „Ja, aber ich brauche doch kein Stück Land und kein Haus.“ „Warum nicht?“ Weil es zu viel war. Weil sie es nicht ernst gemeint hatte. Weil der Gedanke an etwas Eigenes, Festes, Unbewegliches sie auf eine Weise erschreckte, die sie selbst nicht ganz verstand. „Weil ich keine Verwendung dafür habe.“ „Für ein Haus?“ „Für ein Haus, in dem ich nicht wohne.“ Tarvains Blick wurde wacher. „Wo wohnst du denn?“ Die Frage ließ sie innehalten. Für einen Augenblick wollte Isaé antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Früher wäre ihr die Erwiderung leichter gefallen. Sie hätte den Namen ihres Zuhauses genannt, ohne auch nur darüber nachdenken zu müssen. Heute fand sie dort vermutlich nichts mehr vor als Erinnerungen. Das kleine Haus in Köllesberg gab es vielleicht nicht einmal mehr. Die Tatsache, wie schwer dieses Wissen plötzlich auf ihr lastete, überraschte sie. „Ich habe keine Heimat. Schon lange nicht mehr“, sagte sie. Tarvain betrachtete sie eingehend und schwieg. Dieses Schweigen, und diese Musterung die er ihr unterzog, war anders als zuvor. Es von einer Art, von der Isaé sich für einen Moment beinahe mehr entblößte fühlte als jede Frage. „Dann brauchst du ja doch ein Stück Land und darauf ein Haus“, sagte er schließlich. Isaé schüttelte langsam den Kopf. Ein kleines Lächeln fand den Weg auf ihre Lippen, obwohl ihr die Brust noch eng war. „Nein“, sagte sie leise. Sie warf einen kurzen Seitenblick auf Entaro. Dann sagte sie „Ich bleibe bei Entaro und Schatten.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, wurde ihr bewusst, wie selbstverständlich es geklungen hatte. Nicht wie ein Entschluss, den sie eben erst gefasst hatte. Sondern ein Entschluss, der schon länger in ihr gewohnt hatte, ohne dass er ihr bewusst war und nur darauf gewartet hatte, dass er endlich ausgesprochen wurde. Entaro hatte ihr ja nach dem Einsturz des Turmes gesagt, dass ihre Lebensschuld nun beglichen sei und dass sie gehen könne, wohin sie wolle. Aber so sehr sie sich das früher vielleicht gewünscht hatte, so war es nun kein Thema mehr. Die Stille, die darauf folgte war unangenehm, als sie Tarvains Blick sah, der zu Entaro und dann zurück zu ihr glitt. Tarvain betrachtete sie noch einen Moment, dann sagte er ruhig: „Was ist dein Begehr? Es muss doch etwas geben, womit Ser Adun nicht aufwarten kann und das nur ich habe.“ Isaé spürte, wie ihr die Wärme in die Wangen stieg. Es war ärgerlich, wie schnell ihr Körper sie verriet. Noch ärgerlicher war, dass Tarvain es bemerkte. Natürlich bemerkte er es. Dieser Mann konnte eine Spur in einem Waldstück lesen, als hätte jemand ihm einen Brief geschrieben. Warum also sollte ausgerechnet er übersehen, dass sie rot wurde, sobald Entaro ins Spiel kam? „Was?“, fragte sie, eine Spur zu rasch. Tarvain hob nur eine Augenbraue. „Nichts.“ Isaé hätte sich gern in ihren Becher geflüchtet, doch das wäre zu offensichtlich gewesen. Also hielt sie trotzig seinem Blick stand, obwohl sie spürte, dass ihr die Röte noch immer im Gesicht lag. Ihr Herz machte einen kleinen, törichten Sprung, und sie hasste es dafür. Ein einziger Seitenblick zu Entaro genügte, um zu erkennen, dass auch er verstanden hatte, wenngleich ihm die Erkenntnis offenbar nicht angenehmer war als ihr. Er saß sehr aufrecht, die Hand noch am Becher, und für einen Mann, der einen Drachen lenkte und in den Grenzlanden dem Tod ins Gesicht gesehen hatte, wirkte er plötzlich erstaunlich hilflos. „Ich...“, begann er. Tarvain hob die Hand. Es war keine grobe Geste. Nicht einmal eine unfreundliche. Nur bestimmt genug, um Entaro mitten im Ansatz zum Schweigen zu bringen. „Sag am besten nichts, Entaro.“ Der Drachenreiter schloss den Mund. „Du bist und bleibst ein Holzkopf.“ Isaé hielt seinem Ernst noch einen Augenblick stand. Dann sah sie Entaros Gesicht und es war vorbei. Das Kichern kam leise, fast erschrocken, und es war befreiend, in dieser Szenerie die ihr nur noch wie eine Farce vorkam. Tarvain wollte einen Wunsch, sie hatte keinen Wunsch. Doch er würde erst Ruhe geben, wenn sie auch tatsächlich einen Wunsch geäußert hatte. Also räusperte sie sich und versuchte, wieder den nötigen Ernst aufzubringen. „Also gut. Einen Wunsch kann ich äußern. Im Turm haben mir die Hexenjäger mein Langmesser abgenommen. Ich habe diese Waffe nicht mehr zurückbekommen, noch wiedergefunden. Entweder ist sie unter den Trümmern begraben, oder sie haben sie mit sich genommen. Das Messer stammte von meinem Vater. Es war nicht besonders kunstvoll und nicht besonders wertvoll. Aber es war meine letzte Verbindung zu meinen Eltern und dieser Verlust schmerzt mich sehr. Gib mir eine ähnliche Waffe, die ebenso eine Geschichte zu erzählen vermag wie das Langmesser meines Vaters und betrachte meinen Wunsch als erfüllt.“ Tarvain sah sie einen Augenblick an, dann nickte er. „Das ist ein guter Wunsch. Und ich will ihn dir gerne erfüllen.“ Isaé atmete erleichtert auf.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Das Feuer knackte leise im Kamin, während Isaé die Goldmünze noch einmal zwischen den Fingern drehte und beobachtete, wie das warme Licht über ihre Oberfläche wanderte. Erst als Tarvain sein Gewicht leicht verlagerte und sich tiefer in seinen Sessel zurücksinken ließ, hob sie den Blick. Es war keine große Bewegung. Und doch genügte sie um zu erkennen: Tarvain war müde. Der lange Tag forderte langsam seinen Tribut. Und ebenso höflich wie unmissverständlich teilte er ihnen gerade mit, dass er sich für heute zurückziehen würde. Isaé steckte die Münze schließlich ein und erhob sich. Neben ihr tat Entaro es ihr gleich. „Dann lassen wir dich nun allein“, sie mit einem leichten Schmunzeln. „Ein weiser Entschluss.“ Ein Hauch von Belustigung lag in Tarvains Stimme. Isaé schüttelte den Kopf, während sie zur Tür trat. „Gute Nacht, Tarvain.“ „Gute Nacht, Isaé.“ Sein Blick wanderte weiter zu Entaro. „Entaro.“ „Tarvain.“ Mehr brauchte es nicht. Als sie wenig später gemeinsam die Gemächer verließen und die Tür hinter sich schlossen, lagen vor ihnen die stillen Gänge von Marçien, in denen bereits die nächtliche Ruhe Einzug gehalten hatte. Vor der Tür wusste sie nicht, wohin sie blicken sollte. Für einen kurzen Moment glitt ihre Hand zu der Goldmünze in ihrer Tasche, ehe sie sie tiefer hineinschob und ihm durch das Halbdunkel der Burg folgte.
Zwei Monde bei Mitternacht ❖
07.06.2026 '00:47 [2.943 Wörter]
 emächlich verließen Isaé und Entaro die privaten Gemächer des roten Todes. Entaro hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und ging ruhigen, gemäßigten Schrittes neben ihr, ohne große Eile an den Tag zu legen. Eine Zeitlang gingen sie einfach nebeneinander her und einzig ihre Schritte waren in dem Burggang zu hören. Vermutlich hing jeder seinen Gedanken nach. Gedanken, die den anderen betrafen. Und Gedanken an Ser Tarvains Worte. Dass sie beide das offensichtliche weder verbergen konnten, noch in der Lage waren es auszusprechen. Entaro warf ihr immer wieder einen flüchtigen Blick zu, doch noch bevor sich ihre Blicke kreuzten konnten, hatte er den Blick auch schon wieder abgewendet. Er sah aus dem Fenster. Sah auf den Boden. Sah an sich herab. Oder er sah einfach an das Ende des Ganges, auf die schmale, hölzerne Tür. Doch irgendwann durchbrach Entaro die bedrückende Stille. »Du hättest das Land nehmen sollen…« Er sagte die Worte, ohne den Blick auf Isaé zu richten. »Ich verstehe deine Entscheidung. Doch, du hättest das Land nehmen sollen.« Er zuckte mit den Achseln und dann erst wandte er ihr den Blick zu. »Selbst wenn du nicht darauf wohnst… Das ist in manchen Kreisen viel wert. Fast wie ein Titel…« Wieder seufzte er doch dieses Mal hatte es einen melancholischen Unterton. »Sieh mich an.« Er deutete mit den Händen auf sich selbst und sein Blick zeugte von einer stoischen Ruhe. »Ich bin von Adel, und besitze kein Land. Stell dir einfach nur vor. Isaé von Rothain.« Entaro ließ den Namen einen Moment im Raum stehen. »Anders als Isaé, die Hexenjägerin mit dem Schwert.« Er runzelte die Stirn und tippte sich dann kurz an die Schläfe. »Oder, Frau Isaé vom Nordend.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber das hast du ausgeschlagen, und dich für ein Schwert entschieden.« Er lächelte und sah sie mit einem gewissen Funkeln in den Augen an, bevor er sich das breitere Grinsen kaum mehr verkneifen konnte. »Du ziehst mich doch auf?«, hakte Isaé mit einer hörbar gespielten Entrüstung auf doch da verfinsterte sich Entaros Miene zurück zu dem ernsten, stoischen Blick, den er sonst zur Schau stellte. »Nein. Das würde ich niemals wagen, Frau Isaé von Habenichts.« Er wandte den Blick von ihr ab und ein neckisches, schelmisches Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel.
Er dachte auch an ihre Entscheidung, mit ihm gehen zu wollen. Und das, obwohl sie den Schwur erfüllt und das Band gelöst hatte. Sie hatte keine Verpflichtungen mehr mit ihm zu gehen. Sie war nun keinem Zwang mehr unterlegt, in seiner Nähe bleiben zu müssen. Sie hatte sich aus freien Stücken dazu entschlossen ihn zu begleiten. Natürlich hatte er es gehofft, dass sie so entscheiden würde. Insgeheim hatte er es sich auch gewünscht. Und doch war es keine Selbstverständlichkeit gewesen. Er hätte es nie von ihr verlangt, oder erwartet. Und wenn sie sich für das Land entschieden hätte, und ihn alleine nach Akadien hätte reisen lassen, dann…Nun Entaro konnte das selbst nicht sagen. Nun, da es nicht zur Debatte stand, konnte man nicht sagen, wie er sich wohl entschieden hätte. Wäre er dennoch nach Akadien gereist? Oder wäre er trotz all seiner Pflichten und dem auferlegten Schwur bei ihr geblieben? An den Nordmarschen Akadiens? Er konnte es nicht sagen. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto schwermütiger wurden seine Gedanken. Er wäre nicht gegangen…Oder doch?
Immer wieder hatte sie auf die goldene Münze gestarrt und nun, da sie aus Tarvains Gemächern gegangen waren, musste er die Frage, die ihm seither auf der Zunge gebrannt hatte, aussprechen. »Ist an dieser Münze irgendetwas besonderes? Mir scheint, sie sieht aus, wie jede andere auch.« Er neigte neugierig den Kopf zur Seite und bedachte sie mit ebenso neugierigen Blicken. »Also, meine sieht fast genauso aus wie deine.« Er zog die beiden goldenen Dukaten aus seiner Tasche und hielt diese gemeinsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Im Gegensatz zu Isaé hatte er sich zwei geben lassen und den Rest in Silber. Zwei Goldmünzen in Silber waren mehr als genug und so schon viel zu viel Gewicht. Und in dieser Hinsicht war Entaro eher ein praktisch denkender Pragmatiker.
Als sie schließlich vor einem Fenster stehen blieben, welches einen großen Torbogen bildete, der auf einen kleinen, umfriedeten Balkon führte, hielten sie einen Moment lang inne. Das Licht der Monde erhellte die Burg in mattem Schein. Doch die Monde waren nicht zu sehen. Die Wolken hatten sich davor geschoben und der Bergfried selbst verdeckte die Sicht vollends. Entaro trat an den Rand der Balustrade, die Hände noch immer auf dem Rücken verschränkt und starrte gedankenverloren in den abendlichen Himmel. Sterne waren kaum welche zu sehen. »Weißt du eigentlich, wie lange ich schon fern der Heimat war?«, eröffnete er das Gespräch und seufzte. »Viele Jahre. Ich war im Süden, Ich war im Westen. Und ich war im Osten. Jenseits des großen Meeres und zurück. Doch in die Heimat habe ich in den letzten acht Jahren nicht ein einziges Mal den Fuß gesetzt. Und da stehen wir nun. Auf der Burg von Marçien….mit einem Brief…einem Versprechen…und einem…schönen Schwert.« Er wandte Isaé den Kopf zu und lächelte breit, und als Isaé ihn daraufhin ansah, wusste er, dass sein stichelnder Scherz voll ins Schwarze getroffen hatte. »Du wirst darauf jetzt ewig herum reiten oder?«, maulte sie ein wenig schnippisch, doch mit einem ebenso verschmitzten Lächeln auf den Lippen wie er. Und Entaro nickte nur. »Gewiss.«
Es hatte mehrere Momente gegeben. Momente die sowohl Entaro als auch Isaé hatten verstreichen lassen. Ihre Gefühle und ihre Gedanken hatten nicht im Einklang miteinander gestanden. Sie hatten auf dem Balkon gestanden und in den Himmel geschaut. Und über allerlei Dinge gesprochen. Und auch miteinander geschwiegen. Beide Momente hatten ihre Annehmlichkeiten. Doch weder Entaro noch Isaé hatten den Mut aufgebracht, etwas zu sagen. Etwas zu sagen, dass so drängend zwischen ihnen gestanden hatte, dass man es förmlich spüren, oder sogar sehen, konnte. Die Momente kamen und gingen. Und sie kamen immer wieder. Es war beinahe, als ob das Schicksal selbst sie immer näher aneinander gedrängt hatte. Und doch hatten sie geschwiegen. Die nötigen Worte nicht gesprochen. Das Gespräch auf die bereits gesprochenen Worte waren nicht gelenkt worden. Entaro hatte immer wieder einen Versuch gestartet und war dann davon abgelenkt worden. Und auch Isaé hatte immer wieder einen Schritt nach vorne gewagt, nur um dann doch wieder zurück zum Ursprung zu kehren. Und irgendwann war der letzte Moment verstrichen. Sie hatten sich voneinander getrennt und waren in ihre Kammern gegangen. Und dort hatte jeder auf seinem Bett gelegen und an die Decke gestarrt und sich für seine Feigheit geschimpft.
Doch hatten beide keinen Schlaf finden können. Entaro war wieder aufgestanden. Er war in die Kammer der Burg gegangen und hatte sich an den Tisch gesetzt. Mit Federkiel und Pergament. Und Isaé. Vielleicht hatte sie erwogen ebenfalls den Raum zu verlassen. Vielleicht hatte die Dose mit dem Feuermohn auf einmal eine faszinierende Anziehungskraft auf sie ausgeübt. Vielleicht hatte sie auch einfach nur am Fenster gestanden und die verpassten Momente an sich vorbeiziehen sehen. Doch was auch immer Isaé getan hatte, als sie aus dem Bett aufgestanden war, ein Klopfen an ihrer Tür hatte es verhindert. Das Klopfen war dringlicher geworden, mit einem hörbaren Nachdruck. Doch egal wie oft Isaé auch gefragt hatte, wer vor der Türe stand, sie hatte nie eine Antwort erhalten. Vielleicht hatte sie geglaubt, dass Entaro vor der Tür gestanden war. Vielleicht hatte sie sogar mit einem erleichternden Lächeln die Türe geöffnet. Doch diesen Mann hatte sie gewiss nicht erwartet.
Ser Tarvain von Marçien. Er hatte gelächelt und die Hände auf dem Rücken überschlagen. Wie auch Entaro, als sie gemeinsam auf dem Balkon gestanden hatten. »Ich entschuldige die späte Störung.« Tarvain hatte gelächelt und mit einem unmissverständlichen Blick darum gebeten eingelassen zu werden. Und Isaé hatte den Blick schließlich verstanden und ihm den Eintritt, nach dem er begehrte, gewährt. »Ich habe für einen Moment überlegt, ob ich es dir feierlich und vor den Augen aller überreiche. Doch ich habe mich schlussendlich dagegen entschieden.« Er hatte geheimnisvoll gelächelt und war dann an das Fenster herangetreten, durch welches Isaé vermutlich zuvor hinausgesehen hatte. Er hatte einen Moment lang geschwiegen und dann hatte er das Objekt, welches er hinter dem Rücken verborgen hatte, auf den Tisch gelegt. »Dein Wunsch.« Hatte er gesagt und das Objekt sachte abgelegt. »Möge er dir Glück bringen, wohin du auch gehst. Isaé Edera aus Ariad.« Ohne sich weiter zu erklären hatte er dann den Raum verlassen und Isaé mit fragenden Blicken und vielen, ungestellten Fragen zurückgelassen.
Auf dem Tisch lag ein längliches Objekt. Eingewickelt in ein Tuch aus einfachem Leinen. Und auf dem Objekt hatte ein Brief gelegen. Das Siegel Marçiens hatte ihn versiegelt. »Dieses Schwert war lange im Besitz des Hauses Marçien. Ich habe lange überlegt, welches Schwert eines Wunsches würdig wäre, und mich letzten Endes für dieses Entschieden. Es ist reich an Geschichte und hat einen eigenen Namen. Doch diesen Namen werde ich dir nicht verraten, denn es ist nun dein Schwert. Du kannst den alten Namen herausfinden und ihn weiter verwenden, oder dem Schwert einen eigenen Namen geben.« Auf dem Brief gab es keine Unterschrift. Keine Worte des Grußes. Und keine Worte des Abschieds.
Als Isaé das Leinentuch zurückgeschlagen hatte, offenbarte sich ihr eine Klinge. Es war ein fein geschliffenes, kurzes Schwert. Kein Langmesser aber auch keine schwere, klobige Waffe. Eine Klinge, die elegant, edel und zugleich für eine Frau zu Führen war. Isaés Finger hatten das Metall berührt. Und zweifellos auch die Inschrift in der Klinge bemerkt. In geschwungenen, und tief in das Metall getriebenen Buchstaben, standen auf beiden Seiten der Schneide die Worte, die zugleich ein Versprechen, ein Zeugnis und Tarvains letzte Stichelei waren.
Auf der einen Seite standen die Worte des Zeugnis geschrieben. Die Linien waren fein und doch tief genug, dass sie auch in vielen Jahren noch gut zu lesen sein würden.
Diese Klinge, aus dem Hause Marçien, ward Isaé Edera zum Geschenk gemacht. Sie hat dem Hause Marçien gedient und dies ihr Lohn, den sie sich dafür gewünscht.
Doch auf der Rückseite der Klinge stand schließlich Tarvains letzter, ritterlicher Akt, mit welchem er sich schließlich über Isaés einfachen Wunsch hinweggesetzt hatte, ohne ihren Wunsch dabei zu untergraben. Wie gerne hätte er ihr Gesicht gesehen, als sie die Worte gelesen hatte. Und wie gerne hätte er sie dabei beobachtet, wie sie die Worte wieder und wieder gelesen hatte, bis ihr die Bedeutung klar geworden war.
Und sollte ihre Herrin eines Tages erkennen, dass Land länger währt als Stahl, so mag sie diese Klinge in die Obhut Marçiens zurückgeben und erhalten, was sie einst verschmähte.
Entaro spürte eine Hand auf seiner Schulter. »Noch wach?« Er zuckte erschrocken zusammen und ließ den Federkiel fallen, wodurch auf dem Pergament ein kleiner Fleck entstand. Als er sich umgewandt hatte, stand Tarvain vor ihm. Entaro seufzte, doch er antwortete nicht. Es war schließlich offensichtlich, dass er noch wach war. »Hast du mit ihr gesprochen?« Entaro schüttelte den Kopf und Tarvain seufzte. »Wie ich schon sagte. Du bist ein Holzkopf.« Entaro erwiderte nichts darauf. Doch als Tarvain die Zeilen las, welche Entaro geschrieben hatte da begann er zu lachen. »Du schreibst ihr einen Brief, anstatt es ihr direkt zu sagen?« Entaro legte seine Hand über die geschriebenen Worte und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe es mir genau überlegt. Ich fand jeden Gedanken unpassend. Unwürdig.« Er seufzte. »Ich…« Er brach den Satz ab und wandte den Blick von Tarvain ab. Und dieser schwieg und wartete darauf, dass Entaro von alleine weitersprach. Nach einer Weile hob Entaro wieder die Stimme an. »Ich mag sie sehr.« Tarvain nickte. »Das wäre mir gar nicht aufgefallen, du Holzkopf.« Entaro seufzte und räusperte sich. »Ich möchte es richtig machen. Und sie soll sich daran erinnern, als etwas Besonderes.« Da seufzte Tarvain. »Du machst es unnötig kompliziert. Sie will doch nur die Worte hören. Und du machst daraus einen Staatsakt.« Entaro seufzte. »Liegt es an deinem Eid?«, hakte Tarvain nach und Entaro schüttelte den Kopf. »Der Eid hat damit nichts gemein.« Tarvain nickte doch beließ es dabei bewenden. »Deine verstorbene Frau? Deine Mutter? Dein Vater?« Entaro schüttelte erneut den Kopf. Doch dieses Mal war es weniger überzeugend. »Nun. Vater und Mutter vielleicht.« Tarvain nickte verstehend. Wer, außer er, sollte es besser verstehen? »Du erinnerst dich an Gawaïn?« Tarvain seufzte bei diesen Worten und Entaro nickte. »Dein Bruder.« Tarvain schnaubte verächtlich. »Ein Verräter. Nicht besser als Ser Rodan von Rothenburg. Er hat den Orden der Bernsteinritter verraten. Und sich den Gesetzlosen der Grenzlande angeschlossen.« Entaro wusste das natürlich. Daran brauchte er nicht erinnert zu werden. »Aber warum erwähnst du ihn jetzt?« Tervain lächelte. »Isaé war nicht von hoher Geburt.« Entaro verstand immer noch nicht, wohin das eigentlich führen sollte. Ja, sie war nicht von hoher Geburt. Entaro hingegen schon. Tarvain verstand Entaros Zweifel. »Er ist von hoher Geburt, und hat sich für das Leben eines Gesetzlosen entschieden. Isaé ist nicht von hoher Geburt, und sich für das Leben einer Rechtschaffenen Entschieden. In jeder Familie gibt es den einen Sohn, oder die eine Tochter, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Und in jeder Familie gibt es Grund zum Tratschen. Letzten Endes musst du deinem Herzen folgen.«, war der einzige Rat dem er seinem alten Freund mit auf die Reise geben konnte. Er legte ihm noch einmal die Hand auf die Schulter und dann wandte er sich zum Gehen. Da verstand Entaro und hob seine Hand. Er hielt Tarvain zurück und gab ihm das Pergament, mit den frisch geschriebenen Zeilen. »Würdest du ihr diesen Brief von mir überbringen?« Tarvain hatte eingewilligt. Und er hatte ihn unter dem Schwert platziert, so dass sie den Brief erst hatte finden können, nachdem sie die Inschrift auf dem Schwert gelesen hatte.
Dir, Isaé.
Seit langer Zeit ringe ich mit Worten, die ausgesprochen werden wollen.
Heute Nacht werde ich ihnen nicht länger ausweichen.
Wenn die Monde über den Zinnen stehen, komm zum Bergfried. Ein Diener wird kommen und dich geleiten.
Ich bitte dich, zu erscheinen.
Entaro
Und so stand Entaro nahe der Zinnen und sah auf den Burghof hinab. Immer wieder wanderten seine Blicke hinauf zu den beiden Monden. Und immer wieder vernahm er Geräusche, die sich letzten Endes nicht als das entpuppten, worauf er gewartet hatte. Er wurde immer unruhiger. Beinahe so unruhig, wie die Flammen der wenigen Kerzen, welche zitternd im lauen Abendwind tanzten. Eine der Kerzen war vom Wind ausgeblasen worden, und er nahm einen kleinen Kienspan um sie wieder zum Leuchten zu bringen. Die Zeit verging quälend langsam. Für Entaro fühlte es sich beinahe an, als ob er schon die ganze Nacht auf diesem zugigen Bergfried ausharren musste. Doch endlich öffnete sich die kleine Tür und hinaus trat Isaé. Sein Herz stockte, für einen Moment und er schluckte, um seine trockene Zunge zu befeuchten. »Isaé.«, hob er nur an und setzte ein ungeschicktes Lächeln auf. Er hob seinen linken Arm und bot ihr seine Hand dar, so dass sie die ihre hineinlegen konnte. Als sie seiner stummen Aufforderung gefolgt war, führte er sie zum Rand des Bergfrieds und half ihr auf den Rücken des schwarzen Drachen, der dort stumm und schweigsam ausgeharrt hatte. Nur seine golden, glühenden Augen hatten von seiner Gegenwart gezeugt. Und der schemenhafte Umriss, der sich vor dem dunkelblauen Nachthimmel abgezeichnet hatte.
Der Drache stürzte sich vom Bergfried in die Tiefe und schwang sich dann hoch in die Lüfte. Bis sie schließlich über den Wolken flogen, und das Licht der Monde in voller Pracht auf sie herab schien. Entaro indes sprach kein einziges Wort. Stumm und stoisch lenkte er den Drachen, bis sie einen Ort erreicht hatten, von welchem man die Umrisse der Burg Marçien nur noch als eine Silhouette am Horizont erkennen konnte. Er hatte Isaé vom Drachen herabgeholfen und sie an den Rand einer Anhöhe geführt. Und dann hatte er dem Drachen ein Zeichen gegeben und dieser hatte sich in die Lüfte geschwungen, damit sie ungestört sein konnten. So standen sie nun allein, unter dem Licht der Monde und sein Herz pochte so wild, dass ihm das Blut in den Ohren rauschte. »Isaé.«, begann Entaro erneut und wandte sich ihr schließlich zu. »Ich habe lange nachgedacht. Ich konnte die passenden Worte nicht finden, obwohl ich genau wusste, welche es waren. Doch nie waren wir allein. Immer war jemand zugegen.« Er runzelte die Stirn und hielt für einen Augenblick lang inne. Er hatte sich die Worte immer wieder überlegt. Doch nun, da er sie aussprechen wollte, kamen ihm Zweifel. «Also. Ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass es mir unangenehm wäre, wenn andere es hören würden.« Er spürte, wie seine Stimme an Halt verlor und räusperte sich. »Ich wollte diese Worte nur zu dir sagen. Und nur für deine Ohren bestimmt.« Er nahm ihre Hände in die seinen und lächelte dabei freundlich. »Isaé. Ich liebe…« Die Worte erstarben…
Er brach zusammen und verkrampfte sich. Seine rechte Hand krallte sich an jene Stelle, an welcher sein Herz in der Brust schlug. Und es schlug noch schneller als zuvor, als er allen Mut zusammengenommen hatte, um ihr die magischen drei Worte zu sagen. Entaro sank auf die Knie und ein gellender, unmenschlicher Schrei erfüllte den Himmel der Nacht, als der Drache brennend und schreiend vom Himmel stürzte. »Getroffen!«, rief eine Stimme und aus dem Dickicht unter der Anhöhe schälten sich ein halbes Dutzend Männer. »Ein Meisterschuss, Gawaïn!« Ein Mann stach aus allen deutlich hervor. Er stellte seinen Fuß auf einen kleinen Felsen und grinste breit von einem Ohr zum anderen. »Los! Sucht das Vieh! Mein Name wird in aller Munde sein, wenn sie hören. Gawaïn von Marçien! Der Drachentöter!« Und die Männer johlten. Und Entaro schrie einen stummen Schrei und klammerte sich an Isaé, als drohe er zu ertrinken.
Zwei Narren ❖
07.06.2026 '17:12 [6.776 Wörter]
 ie schweren Holztüren von Tarvains Gemächern fielen hinter ihnen ins Schloss, und für eine Weile hörte Isaé nichts außer dem gleichmäßigen Klang ihrer Schritte auf dem Steinboden. Das Schweigen zwischen ihnen war nicht unangenehm. Zumindest redete sie sich das ein. Tatsächlich war sie sogar froh darüber, denn je länger sie darüber nachdachte, desto weniger wusste sie, was sie eigentlich sagen sollte. Tarvain hatte ganze Arbeit geleistet. Dieser Mann hatte das Einfühlungsvermögen eines Rammbocks und zugleich die unheimliche Fähigkeit, genau jene Dinge zu erkennen, die andere lieber unter einem Berg aus Schweigen vergraben hätten. Seit jenem Tag, an dem sie Entaro ihre Gefühle gestanden hatte, hatte sie sich immer wieder eingeredet, dass alles in Ordnung sei. Nicht gut. Nicht schlecht. Einfach... offen. Ungeklärt vielleicht, aber nicht hoffnungslos. Sie hatte ihm gesagt, was sie empfand. Er hatte Zeit gebraucht. Und sie wollte ihm diese Zeit auch geben. Entaro war schließlich niemand, der große Entscheidungen zwischen zwei Atemzügen traf. Wenn überhaupt, dachte er vermutlich so lange über etwas nach, bis andere Menschen längst vergessen hatten, worüber ursprünglich gesprochen worden war. Doch nun, da Tarvain die Sache mit einer einzigen Bemerkung aus ihrem sicheren Versteck gezerrt hatte, erschien ihr plötzlich alles in einem anderen Licht. Was, wenn Entaro gar nicht nach den richtigen Worten suchte? Was, wenn es schlicht keine Worte gab? Isaé spürte, wie sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. Je länger sie darüber nachdachte, desto vernünftiger erschien ihr diese Erklärung. Vielleicht hatte sie die ganze Zeit nur das sehen wollen, was sie sehen wollte. Vielleicht hatte sie jede freundliche Geste, jeden Blick, jede gemeinsame Nachtwache am Feuer mit einer Bedeutung gesehen, die nie dort gewesen war. Die Vorstellung ließ ihr die Hitze in die Wangen steigen. Zum Henker, wie peinlich! Entaro war ein guter Mann. Ein Ritter durch und durch. Freundlich. Geduldig. Rücksichtsvoll. Natürlich würde er sie nicht vor den Kopf stoßen. Natürlich würde er nicht einfach sagen, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte. Stattdessen suchte er vermutlich nach einer Möglichkeit, ihr die Wahrheit beizubringen, ohne sie zu verletzen. Und genau deshalb sagte er nichts. Der Gedanke traf sie härter, als sie erwartet hätte. Denn plötzlich ergab das Schweigen einen Sinn. Einen schrecklichen Sinn. Isaé senkte den Blick auf die Steinplatten unter ihren Füßen. Für einen kurzen Augenblick spielte sie sogar mit dem Gedanken, ihn einfach zu fragen. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt. Sie musste lediglich den Kopf heben. Musste ihn ansehen und die Frage aussprechen, die seit Tagen zwischen ihnen stand. Doch allein die Vorstellung genügte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Nein! Das konnte sie nicht! Sie hatte bereits alles gesagt, was zu sagen gewesen war. Sie hatte ihm ihre Gefühle offenbart. Offen und ehrlich. Mehr konnte niemand von ihr verlangen. Wenn nun noch etwas gesagt werden musste, dann lag es an ihm. Und dennoch... Isaé biss sich leicht auf ihre Lippen. Und dennoch hätte sie alles dafür gegeben, endlich Gewissheit zu haben. Denn die Hoffnung war schlimm. Aber das Warten war schlimmer.
Doch dann unterbrach Entaro die Stille. „Du hättest das Land nehmen sollen…“ sagte er. Isaé hob den Kopf und sah ihn an, doch er hielt den Blick nach vorne gerichtet. „Was? Meinst du wirklich? Aber das war doch nur ein Scherz.“ „Ich verstehe deine Entscheidung. Doch, du hättest das Land nehmen sollen. Selbst wenn du nicht darauf wohnst… Das ist in manchen Kreisen viel wert. Fast wie ein Titel…“ Isaé zuckte die Schultern. „Aber es wäre nicht richtig. Es wäre anmaßend. Ich bin eine einfache Frau, von niederer Geburt. Warum sollte ich Land besitzen?“ „Sieh mich an. Ich bin von Adel, und besitze kein Land.“ Isaé schüttelte den Kopf „Das ist etwas anderes und das weißt du.“ „Stell dir einfach nur vor. Isaé von Rothain. Anders als Isaé, die Hexenjägerin mit dem Schwert. Oder, Frau Isaé vom Nordend. Aber das hast du ausgeschlagen, und dich für ein Schwert entschieden.“ Isaé wandte ihm den Kopf zu während sie weitergingen und sie fragte sich im Inneren, ob sie nicht einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht zu bescheiden an falscher Stelle gewesen war. Wenn der Wunsch zu hochgestochen gewesen wäre, hätte Ser Tarvain ihr das in aller Deutlichkeit gesagt!? Im schwachen Mondlicht, das durch die Fenster im Gang fiel, sah sie Entaro lächeln. Sie setzte eine gespielt entrüstete Miene auf und meinte „Du ziehst mich doch auf!“ „Nein. Das würde ich niemals wagen, Frau Isaé von Habenichts.“ Er wandte den Blick wieder nach vorne aber sie sah den Schalk, der sich in seinen Mundwinkeln abgesetzt hatte und sie musste ebenfalls lächeln. „Dann bin ich ja beruhigt“ sagte sie. „Für einen Moment hatte ich befürchtet, Ihr würdet Euch über eine mittellose Hexenjägerin lustig machen, Ser Adun…“ Isaé betrachtete ihn einen Augenblick von der Seite. Es war seltsam. In all der Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, hatte sie Entaro manchmal kämpfen sehen. Sie hatte ihn nur ein einziges Mal richtig wütend erlebt, oftmals erschöpft, besorgt, nachdenklich und still. Sie hatte erlebt, mit welcher Geduld er sich ihren Sorgen annahm und mit welcher Beharrlichkeit er selbst dann ruhig blieb, wenn andere längst die Beherrschung verloren hätten. Doch diese Seite an Entaro war ihr noch immer neu. Der Mann, der sie aufzog. Der Mann, der neckische Bemerkungen machte und anschließend versuchte, dabei ernst auszusehen. Der sie mit einem einzigen trockenen Satz zum Lachen bringen konnte. Und sie stellte fest, dass ihr genau diese Seite an ihm ganz besonders gefiel. Sie zog schließlich die Goldmünze, die sie den ganzen Abend in ihrer Hand hin und hergedreht hatte, aus ihrer Tasche und hielt sie in einen Kegel von hellem Mondlicht, sodass sie glänzte und meinte „Nun, ganz so mittellos bin ich allerdings auch nicht mehr.“ Entaro verfolgte ihre Bewegungen mit wachsender Neugierde. „Ist an dieser Münze irgendetwas besonderes? Mir scheint, sie sieht aus, wie jede andere auch. Also, meine sieht fast genauso aus wie deine.“ Isaé betrachtete die Münze noch einen Augenblick, ehe sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen stahl. „Das liegt wohl daran, dass du wahrscheinlich mit so einem Ding im Mund geboren wurdest. Kann das sein?“ Sie konnte sich, wie eine kleine Elster, nicht sattsehen an dem warmen satten Goldton und ließ den Dukaten langsam zwischen ihren Fingern kreisen. Das Gold fing das Licht des Mondes ein und leuchtete hell auf. „Für dich ist das nur eine Münze. Für mich ist es die erste Goldmünze, die ich jemals in Händen gehalten habe.“ Der Dukaten lag nun auf ihrer flachen Hand, während sie stehen geblieben war in dem Lichtkegel und ihr Blick ruhte einen Moment auf dem geprägten Metall. „Als Kind habe ich sie nur aus Geschichten gekannt. Geschichten mit Königen die Säcke voll Gold hatten. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich je eine echte gesehen habe. Und nun gehört mir eine!“ Sie schloss die Hand darüber und steckte sie wieder in ihre Tasche. Isaé hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Wenn man sein halbes Leben damit verbringt, Kupfermünzen umzudrehen und auszurechnen, ob sie für ein Abendessen reichen, dann fühlt sich ein Dukaten wie ein Schatz an.“ „Wahrscheinlich kommt dir das töricht vor… Aber ich werde diese Münze behalten. Ich werde sie nicht ausgeben, ich werde sie mir als Talisman behalten.“
Sie gingen langsam weiter und gelangten an einen Torbogen der zu einem kleinen Balkon führte. Entaro trat an die Balustrade und erzählte Isaé, wie lange er nicht mehr in seiner Heimat war. Acht Jahre lang. Exakt dieselbe Zeit, die Isaé nicht mehr in ihrer Heimat gewesen war. „…und da stehen wir nun. Auf der Burg von Marçien…. Mit einem Brief…einem Versprechen…und einem…schönen Schwert.“ Er lächelte Isaé breit an und die Hexenjägerin rollte die Augen. „Du wirst darauf jetzt ewig herum reiten oder?“ fragte sie ihn gespielt genervt und Entaro nickte nur. „Gewiss.“ Das Gespräch verebbte für einen Moment, während sie nebeneinander an der Balustrade standen und über die nächtliche Landschaft von Marçien hinwegblickten. Entaro schien die Stille nicht zu stören. Sie hatte ohnehin nie den Eindruck gehabt, dass er zu jenen Menschen gehörte, die jedes Schweigen mit Worten füllen mussten. Vielleicht war genau das einer der Gründe, weshalb sie seine Gesellschaft so schätzte. Isaés Blick glitt zu ihm hinüber. Zunächst ohne jede Absicht. Einfach nur, weil er neben ihr stand. Doch dann blieb ihr Blick an ihm hängen. Das Licht der Monde tauchte sein Gesicht in kühles sanftes Licht, gerade genug, um die Konturen seines Gesichts sichtbar werden zu lassen. Sein Haar fiel ihm ordentlich in den Nacken. Sein Bart war frisch gestutzt und verlieh seinen Zügen etwas Gepflegtes, beinahe Vornehmes. Dazu die saubere Kleidung, die er nach Wochen in den Grenzlanden endlich wieder trug. Sie hatte dies bereits bei Tisch bemerkt. Doch es war ein ungewohnter Anblick. Nicht weil Entaro ihr fremd geworden wäre. Sondern weil sie ihn so selten in Momenten wie diesem sah. Ohne Staub und Dreck, ohne Blut. Ohne Müdigkeit langer Märsche, Nachtwachen und Kämpfen. Einfach nur Entaro. Ihr Blick verweilte einen Herzschlag länger, als vermutlich angemessen gewesen wäre. Dann noch einen. Und noch einen. Ein Gedanke schob sich beinahe unbemerkt in ihr Bewusstsein. Du solltest ihm sagen, wie gut er aussieht. Isaé blinzelte. Die Feststellung war so schlicht, dass sie sie zunächst gar nicht hinterfragte. Warum auch nicht? Es war die Wahrheit. Er sah gut aus. Verdammt gut sogar. Sie öffnete den Mund, um ihm das zu sagen. Ein Satz, der Wahrheit trug und vielleicht das Eis zwischen ihnen brach. Doch der Gedanke daran, es nicht nur zu denken, sondern laut auszusprechen, ließ sie augenblicklich die Lippen zusammenpressen und ihr Herz rutschte ihr in die Hose. Nein. Das konnte sie unmöglich sagen. Nicht einfach so. Nicht hier. Nicht nachdem sie ihm ihre Gefühle gestanden hatte. Was sollte er denn davon halten? Sie stellte sich für einen entsetzlichen Moment vor, wie sie ihm tatsächlich sagte Du siehst gut aus heute Abend.Und sofort begann ihr Herz schneller zu schlagen. Nein, das konnte sie ihm nicht sagen! Entaro bemerkte ihren Blick schließlich doch und wandte ihr den Kopf zu. „Was ist?“ Isaé erstarrte. Da war sie. Die Gelegenheit. Genau jetzt. Sie musste lediglich den Mund aufmachen. Wenige Worte… Nichts, Entaro. Du siehst heute gut aus… Stattdessen hörte sie sich sagen: „Nichts.“ Vollkommen überzeugend. Sie wandte den Blick hastig zurück über den Burghof. Entaro schien die Antwort zu akzeptieren. Isaé hingegen hätte sich am liebsten dafür geohrfeigt. Sie war mutig genug gewesen, sich dem Schinder gegenüber zu stellen, aber sie war zu feige, Entaro ein Kompliment zu machen…
Ein Gähnen entrang sich Isaé, ehe sie es rechtzeitig unterdrücken konnte. Sofort schlug sie die Hand vor den Mund, doch es war bereits zu spät. Entaro bemerkte es natürlich. Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Ich nehme an, das ist ein Zeichen, dass es langsam Zeit wird, schlafen zu gehen.“ Isaé hob eine Augenbraue. Für den Bruchteil eines Augenblicks schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Ja. Mit dir. Die Vorstellung daran traf sie so unvermittelt, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert wäre. Verdammt! Seit wann dachte sie denn solche Dinge? „Es war ein langer Tag“, erwiderte sie stattdessen und war ausgesprochen zufrieden damit, dass ihre Stimme vollkommen normal klang. Gemeinsam verließen sie den kleinen Balkon und kehrten in die stillen Gänge der Burg zurück. Die meisten Diener hatten sich längst zurückgezogen. Die wenigen Fackeln warfen flackernde Lichtinseln auf die Steinmauern, während draußen irgendwo der Wind über die Zinnen strich. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Nicht dicht. Aber auch nicht weit voneinander entfernt. Ein friedliches Schweigen. Jenes Schweigen, das nur zwischen Menschen entstehen konnte, die sich nicht gezwungen fühlten, jeden Augenblick mit Worten zu füllen. Isaé genoss diese Ruhe. Denn ihre Gedanken in ihrem Kopf, die sie nicht abstellen konnten, waren ihr schon laut genug. Je länger sie nebeneinander hergingen, desto bewusster wurde ihr plötzlich seine Nähe. Mehrmals schwangen ihre Arme beim Gehen beinahe gegeneinander. Einmal sogar berührten sich ihre Hände. Nur flüchtig. Kaum mehr als ein Streifen der Finger. Doch augenblicklich schien Isaé jede einzelne Nervenbahn in ihrer Hand wahrzunehmen. Keiner von ihnen zog erschrocken zurück. Keiner entschuldigte sich. Keiner tat überhaupt etwas. Und dennoch war danach etwas anders. Jeder weitere Schritt wirkte plötzlich seltsam bewusst. Als müssten sie darauf achten, wie nahe sie einander kamen. Oder wie nahe sie nicht einander kamen. Die restliche Strecke verging schneller, als ihr lieb war. Viel zu schnell. Schließlich erreichten sie den Gang, in dem ihre Gemächer lagen. Isaé blieb vor ihrer Tür stehen. Entaro ebenfalls. Und anstatt die Tür zu öffnen lehnte sie sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. Sie hatte schließlich keine Eile. Und auch Entaro schien keinerlei Eile zu haben. Also standen sie dort und sprachen über alles und nichts. Über Tarvain. Über das unsägliche Schwert das sie statt des Landes genommen hatte. Über die Burg. Über dies und das. Jedes Mal, wenn das Gespräch zu versiegen drohte, fand einer von ihnen doch noch einen weiteren Satz. Noch eine Frage. Noch eine Bemerkung. Noch einen Vorwand, nicht gehen zu müssen. Ein kleines, törichtes Lächeln stahl sich auf Isaés Lippen. Die Vorstellung drängte sich so plötzlich auf, dass sie beinahe erschrak. Du könntest ihn fragen… Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Frag ihn einfach, ob er noch bleiben möchte.Isaé spürte augenblicklich, wie ihr heiß wurde. Bei allen guten Geistern…Was sollte er denn davon halten? Sie stellte sich vor, wie die Worte ihren Mund verließen. Entaro, möchtest du noch auf einen Becher Wein mit hineinkommen? Und sofort begann ihr Herz zu rasen. Wein. Natürlich. Als würde irgendein Mensch glauben, dass sie ihn wegen eines Bechers Wein in ihre Gemächer bitten wollte. Nein. Er würde nicht mit reinkommen wollen. Ganz sicher nicht. Und die Vorstellung allein genügte bereits, um ihre Wangen heiß werden zu lassen. Also sagte sie nichts. Wie immer. Isaé du Feigling!
Das Gespräch versiegte schließlich doch. Nicht abrupt. Eher langsam. Wie eine Kerze, deren Flamme kleiner und kleiner wurde. Und dann war da plötzlich nur noch Stille. Entaro stand ihr gegenüber. Isaé blickte zu ihm auf. Einen Herzschlag lang. Dann noch einen. Keiner von beiden sprach. Keiner bewegte sich. Sie hätte schwören können, dass die Welt für einen Augenblick den Atem anhielt. Nun sag etwas! beschwor sie ihn in Gedanken. Irgendetwas! Isaé wusste nicht einmal, ob sie den Gedanken an sich selbst oder an Entaro richtete. Vielleicht an beide. Doch keiner von ihnen sagte etwas. Und mit jedem weiteren Herzschlag schwand ihr Mut ein wenig mehr. Es war einfacher, in eine reglose Starre zu verfallen als irgendetwas zu sagen, das sie vorantreiben könnte. Bis schließlich nur noch Verlegenheit übrig blieb. Isaé senkte den Blick, griff nach dem Türgriff und öffnete die Tür einen Spalt. „Gute Nacht, Entaro.“ Es war nicht das, was sie hatte sagen wollen. Nicht einmal annähernd. Entaro lächelte schwach. „Gute Nacht, Isaé.“ Und das war es. Kein Geständnis. Kein Kuss. Kein Wunder. Nur zwei Narren, die den einfachsten Schritt der Welt nicht zustande brachten. Isaé schlüpfte durch den Türspalt in ihre Gemächer und schloss die Tür hinter sich. Erst als das leise Klicken des Schlosses erklang, lehnte sie die Stirn gegen das Holz. Und schloss die Augen. Totales Versagen. Auf ganzer Linie…
Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, ließ Isaé sich auf die Bettkante sinken. Mit einem dumpfen Seufzen stützte sie die Hände links und rechts neben sich in die Matratze, zog den Kopf zwischen die Schultern und starrte auf den Boden. Verdammt und verflucht. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie reglos dort saß. Lange genug jedenfalls, dass ihr die ganze Absurdität des Abends noch einmal vor Augen geführt wurde. Da war sie gewesen. Allein mit Entaro. Ein ruhiger Abend. Eine Burg. Ein Mann, der ganz offensichtlich nicht vorgehabt hatte, sofort die Flucht zu ergreifen. Und was hatte sie daraus gemacht? Nichts. Absolut nichts. Isaé schloss die Augen. Es hatte Gelegenheiten gegeben. Viel zu viele Gelegenheiten. Momente, in denen sie etwas hätte sagen können. Etwas Ehrliches, etwas Mutiges, etwas, das nicht vollkommen belanglos gewesen wäre. Stattdessen hatte sie über Schwerter gesprochen. Über Land. Über Dukaten. Über alles, außer über die Dinge, die tatsächlich wichtig waren. Ein gequältes Stöhnen entrang sich ihr. Sie begann mit dem Fuß zu wippen. Erst langsam. Dann immer schneller. Vielleicht hätte sie ihn fragen sollen, ob er noch bleiben wollte. Vielleicht hätte sie ihm sagen sollen, dass er gut aussah. Vielleicht hätte sie einfach aufhören sollen nachzudenken. Vielleicht... Isaé ließ den Kopf hängen. Vielleicht war sie einfach feige. Diese Erkenntnis gefiel ihr nicht. Vor allem deshalb nicht, weil sie wahr war. Sie konnte einer Hexe wie Hera gegenübertreten und sogar dem Schinder. Doch sobald es um ihre eigenen Gefühle ging, verwandelte sie sich offenbar in einen vollständigen Narren. Das nervöse Wippen ihres Fußes verlangsamte sich erst, als ihr Blick zufällig durch das Zimmer wanderte. Und an der kleinen Dose hängen blieb. Sofort spürte sie das vertraute Ziehen. Das heimtückische Flüstern. Leise, still, beharrlich… Feuermohn. Die unscheinbare Dose stand beinahe harmlos dort, wo sie sie zurückgelassen hatte. Und doch schien sie plötzlich den gesamten Raum einzunehmen. Isaé starrte sie an. Versuchte wegzusehen, versuchte an etwas anderes zu denken. An Entaro. Doch das Verlangen hatte den Geruch bereits in ihrer Erinnerung geweckt. Den bittersüßen, harzigen Duft. An die Stille im Kopf die der Feuermohn stets hervorrief. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Nur eine Pfeife. Nur eine, niemand würde es erfahren, niemand würde es merken. Isaé saß lange regungslos da. Vielleicht eine Minute. Vielleicht waren es auch zehn Minuten. Sie wusste es nicht. Irgendwann erhob sie sich langsam, fast widerwillig und trat an den Tisch. Ihre Finger schlossen sich um die Dose und für einen Moment hielt sie sie einfach nur fest. Dann öffnete sie den Deckel. Sofort stieg ihr der bittersüße, harzige Geruch des Opiums entgegen. Verlockend. Isaé schloss die Augen und atmete ein und sie wusste genau, dass sie die Dose wieder schließen sollte. Jetzt sofort. Doch ihr Wille schwankte. Sie könnte sich eine Pfeife stopfen. Nur eine einzige, nur heute. Aber sie wusste ganz genau, dass es dabei nicht bleiben würde, und sie morgen eine neue Situation erfinden würde die eine weitere Pfeife rechtfertigen sollte. Genau in diesem Moment durchbrach ein Klopfen an der Tür die Stille des Zimmers. Isaé fuhr zusammen, als hätte man sie bei einem Verbrechen ertappt. Hastig schloss sie die Dose, stellte sie zurück auf den Tisch und strich sich mit beiden Händen durchs Gesicht, ehe sie zur Tür trat. „Wer ist da?“ rief sie, doch keine Antwort kam zurück. Stirnrunzelnd blieb sie stehen und lauschte. Nichts. Noch einmal fragte sie nach, diesmal etwas lauter, doch wieder antwortete niemand. Langsam begann ihr Herz schneller zu schlagen. Es konnte eigentlich nur eine Person sein. Die Vorstellung ließ augenblicklich neue Nervosität in ihr aufsteigen. Vielleicht hatte Entaro doch noch den Mut gefunden. Vielleicht stand er draußen und rang nach Worten. Vielleicht war er ebenso unfähig zu schlafen wie sie selbst. Mit einem Mal erschien ihr die Idee gar nicht mehr so abwegig, ihn einfach ins Zimmer zu ziehen und ihm damit die Entscheidung abzunehmen. Allein die Vorstellung genügte, um ihre Wangen gerötet werden zu lassen. Entschlossen griff sie nach der Klinke und riss die Tür auf. Das erwartungsvolle Lächeln auf ihren Lippen erstarb augenblicklich. Vor ihr stand nicht Entaro. Vor ihr stand Ser Tarvain. Für einen Moment blickten sie einander schweigend an, ehe Isaé die Enttäuschung nicht ganz aus ihrer Stimme verbannen konnte. „Ach. Du bist es.“ Einer von Tarvains Mundwinkeln hob sich verdächtig. „Hast du jemand anderen erwartet?“ Isaé schüttelte sofort den Kopf. „Nein.“ Der Ritter schien ihr kein Wort davon zu glauben, war jedoch höflich genug, es nicht zu kommentieren. Stattdessen trat er an ihr vorbei in das Zimmer. „Entschuldige die späte Störung“, sagte er und zog etwas hinter seinem Rücken hervor. „Ich habe einen Moment darüber nachgedacht, ob ich es dir morgen feierlich und vor den Augen aller überreiche. Doch ich habe mich schlussendlich dagegen entschieden.“ Mit diesen Worten legte er den Gegenstand auf den Tisch. Isaés Blick fiel darauf. Für einen Moment verstand sie nicht, was sie dort sah. Dann begriff sie. „Dein Wunsch“, erklärte Tarvain knapp. Seine Stimme war ruhig, beinahe sachlich, und gerade deshalb trafen seine nächsten Worte sie unerwartet tief. „Möge er dir Glück bringen, wohin du auch gehst. Isaé Edera aus Ariad.“ Mehr sagte er nicht. Keine feierliche Rede. Keine große Geste. Nur diese wenigen Worte. Dann wandte er sich bereits wieder der Tür zu und ließ sie mit seinem Geschenk und ihren Gedanken allein zurück.
Isaé betrachtete das längliche Ding, das in ein Tuch gewickelt war und schloss daraus, wenn es ihr Wunsch war, dann konnte es eigentlich nur ein neues Messer sein. Auf dem Tuch lag ein versiegelter Brief. Sie nahm ihn, brach das Siegel und entfaltete den Brief. Darauf stand: „Dieses Schwert war lange im Besitz des Hauses Marçien. Ich habe lange überlegt, welches Schwert eines Wunsches würdig wäre, und mich letzten Endes für dieses Entschieden. Es ist reich an Geschichte und hat einen eigenen Namen. Doch diesen Namen werde ich dir nicht verraten, denn es ist nun dein Schwert. Du kannst den alten Namen herausfinden und ihn weiterverwenden, oder dem Schwert einen eigenen Namen geben.“
Nun legte sie den Brief beiseite und nahm das Schwert, wickelte es vorsichtig aus dem Tuch. Ein Lächeln drang auf ihr Gesicht, während sie das Schwert betrachtete. Es war ein edles, hübsches Ding, gerade groß genug für eine Frau. Und als sie das Schwert so betrachtete und neigte, entdeckte sie darauf eine Gravur. Isaé hielt das Schwert schräg gegen das Licht einer Kerze und nun konnte sie die Inschrift darauf lesen „Diese Klinge, aus dem Hause Marçien, ward Isaé Edera zum Geschenk gemacht. Sie hat dem Hause Marçien gedient und dies ihr Lohn, den sie sich dafür gewünscht“. Als sie das Schwert umdrehte, entdeckte sie darauf weitere eingravierte Zeilen. Sie musste sie mehrmals lesen, bis sie begriff, was damit gemeint war. „Und sollte ihre Herrin eines Tages erkennen, dass Land länger währt als Stahl, so mag sie diese Klinge in die Obhut Marçiens zurückgeben und erhalten, was sie einst verschmähte.“
Schließlich lächelte Isaé. Dieser akadische Fuchs! Er hatte ihr ihren Wunsch erfüllt, nicht ohne ein Hintertürchen. Vermutlich wussten Entaro und Tarvain besser, welcher Wunsch ein guter war und welcher nicht. Isaé legte das Schwert wieder auf das Tuch und wickelte es darin ein. Erst jetzt sah sie, dass unter dem Tuch ein weiterer Brief gelegen hatte. Auch diesen entfaltete sie und las. Bereits nach den ersten Zeilen begann ihr Herz jedoch schneller zu schlagen. Für einen Moment starrte sie reglos auf die Zeilen hinab. Dann las sie sie erneut. Und noch einmal. Nicht weil sie ihren Inhalt nicht verstanden hätte, sondern weil ihr Verstand sich schlicht weigerte zu glauben, dass dort tatsächlich stand, was sie zu lesen glaubte. Hitze schoss ihr in die Wangen, während gleichzeitig ein kalter Schauer ihren Rücken hinablief, und je länger sie den Brief betrachtete, desto lauter begann ihr Herz in ihrer Brust zu schlagen. All die Gespräche der vergangenen Tage, all die Gelegenheiten, die sie beide hatten verstreichen lassen, all die unausgesprochenen Worte drängten sich plötzlich wieder in ihr Bewusstsein. Schließlich ließ sie das Schreiben achtlos auf den Tisch fallen und war bereits auf halbem Weg zur Tür, ehe ihr überhaupt bewusst wurde, dass sie sich in Bewegung gesetzt hatte. Der Diener, von dem Entaro geschrieben hatte, wartete tatsächlich vor ihrem Gemach. Er richtete sich auf, als er sie kommen sah, und öffnete bereits den Mund, um etwas zu sagen, doch Isaé nahm ihn kaum wahr. Noch ehe er seinen Satz beenden konnte, lief sie an ihm vorbei und ließ ihn verdutzt zurück. „Frau Isaé, ich soll Euch geleiten...“ „Ich finde den Weg!“ fiel sie ihm ins Wort, und mehr bekam er nicht zu hören. Sie eilte durch die stillen Gänge der Burg, stieg die vertrauten Treppen hinauf und durchquerte Torbögen und Wehrgänge, ohne auch nur einmal langsamer zu werden. Je näher sie dem Bergfried kam, desto schneller schlug ihr Herz. Vielleicht hätte sie über die Situation nachdenken sollen. Vielleicht hätte sie sich fragen sollen, was Entaro ihr eigentlich sagen wollte. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie die Antwort längst, und genau deshalb wagte sie es nicht, weiter darüber nachzudenken.
Als sie schließlich die kleine Tür zum Dach des Bergfrieds aufstieß, schlug ihr kühle Nachtluft entgegen. Für einen Augenblick blieb sie auf der Schwelle stehen und rang nach Atem. Einige Kerzen brannten entlang der Mauer und tauchten das alte Gemäuer in warmes, flackerndes Licht, doch all das nahm sie nur am Rande wahr. Ihr Blick hatte Entaro bereits gefunden. Er stand einige Schritte entfernt und schien nicht weniger angespannt zu sein als sie selbst. Als sich ihre Blicke trafen, erschien auf seinem Gesicht ein etwas unbeholfenes Lächeln. „Isaé“ sagte er, als sie auf ihn zuschritt. Langsam trat sie näher, während ihr Herz einen wilden Takt vorgab, der inzwischen jede vernünftige Regung in ihrem Körper übertönte. Entaro hob den linken Arm und bot ihr wortlos die Hand an. Für einen kurzen Moment blickte sie auf seine ausgestreckten Finger hinab, ehe sie ihre Hand in die seine legte. Seine Berührung war warm und vertraut, und obwohl sie sich bereits unzählige Male berührt hatten, erschien ihr dieser Augenblick plötzlich derart bedeutend, das sie es kaum zu ertragen vermochte. Ohne weitere Erklärungen führte er sie quer über den Bergfried. Erst jetzt bemerkte sie Schatten. Der schwarze Drache hatte geduldig und regungslos am Rand des Turmes ausgeharrt und beobachtete sie mit jener uralten Ruhe, die ihm eigen war. Als Isaé ihn entdeckte, musste sie unwillkürlich lächeln. Wenig später half Entaro ihr auf den Rücken des Drachen und schwang sich anschließend selbst auf das gewaltige Tier. Zum ersten Mal seit ihrem Geständnis saßen sie wieder so dicht beieinander, dass sie seine Wärme durch die Kleidung spüren konnte. Als Schatten sich vom Rand des Bergfrieds abstieß und in die Tiefe stürzte, schlang Isaé ihre Arme um Entaros Leib und hielt sich fest. Natürlich war es wegen des Fluges. Ausschließlich wegen des Fluges. Jedenfalls redete sie sich genau das ein, während ihr Herz so heftig schlug, dass sie überzeugt war, Entaro müsse es ebenfalls hören. Unter ihnen blieb Marçien zurück. Die Mauern wurden kleiner. Die Türme verschwanden in der Dunkelheit. Schließlich durchstießen sie die Wolkendecke, und das Licht der Monde ergoss sich über die Welt wie flüssiges Silber. Noch nie hatte Isaé die Nacht so schön erlebt. Vielleicht lag es an den Monden. Vielleicht an den Wolken. Vielleicht an der Tatsache, dass Entaro direkt vor ihr saß. Der Flug dauerte nicht lange und gleichzeitig viel zu lange. Als Schatten schließlich auf einer abgelegenen Anhöhe landete, war die Burg nur noch als dunkle Silhouette am Horizont zu erkennen. Entaro half ihr vom Rücken des Drachen und führte sie einige Schritte weiter, bis sie den Rand der Anhöhe erreichten. Dort gab er Schatten ein Zeichen, woraufhin sich der Drache erneut in die Lüfte erhob und sie allein zurückließ. Nun gab es keine Ausreden mehr. Nur die Monde über ihnen, das sanfte Streichen des Windes und das Wissen, dass dieser Augenblick längst überfällig war und dass nichts und niemand diesen Augenblick verderben durfte. Auch nicht ihre Feigheit. Was immer vonnöten war zu sagen, Isaé nahm sich vor, es auszusprechen. Egal was! Entaro wandte sich schließlich zu ihr um. „Isaé.“ Ihre Hände begannen plötzlich zu zittern. „Ich habe lange nachgedacht.“ Sein Blick ruhte auf ihr, während er nach den richtigen Worten suchte. „Also. Ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass es mir unangenehm wäre, wenn andere es hören würden. Ich wollte diese Worte nur zu dir sagen. Und nur für deine Ohren bestimmt.“ Ein schwaches, beinahe verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht und er ergriff ihre Hände. Konnte er spüren, wie sie zitterte? Vor Aufregung, vor Sehnsucht, vor Verlangen…?“ Isaé fiel in sein Lächeln ein. Und plötzlich schien die Welt lautlos zu werden. Alles rückte in weite Ferne. Es gab nur noch ihn. Und sie. „Isaé.“ Sein Blick hielt den ihren fest. Ihr Herz schlug inzwischen hart gegen ihre Rippen. Ein warmes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Ich liebe...“
Die Worte erstarben. Etwas trat in Entaros Augen. Doch was war es? Verwirrung? Furcht? Schmerz? Entaros Gesicht wurde mit einem Male fahl, grau, er sackte on sich zusammen, seine Hand griff sich an die Brust, wo sein Herz schlug, und ihn schien jegliche Kraft zu verlassen. Isaé wusste nicht, wie ihr geschah. Auch ihr Gesicht wurde starr und ihre Augen weiteten sich, als sie bemerkte, wie der Drachenreiter sich verkrampfte, auf seine Knie fiel und sie mit sich zog. „Entaro! Was ist mit dir?“ rief sie, doch er reagierte nicht auf ihre Worte. „Entaro! Entaro! ENTARO!“ Sie half ihm, sich auf den Boden zu legen und schlang einen Arm um seine Schultern und seinen Kopf, um ihn zu stützen. Ihre andere Hand streichelte seine Wange, und sie rief immer wieder seinen Namen. Sie begriff nicht, was hier geschah. Tausend wirre Gedanken rasten durch ihren Kopf. War es vielleicht Heras Fluch? Späte Auswirkungen der Vergiftung? „Entaro…“ rief sie angstvoll. „Bleib bei mir! Bitte, Entaro, bleib bei mir!“ Da hörte sie mit einem Mal einen markerschütternden Schrei. Sie wusste, dass es Schatten war, noch bevor sie sich zur Seite wandte und in den Himmel blickte. Und was sie zu Gesicht bekam, erschütterte sie nicht minder als der Anblick Entaros, als er zusammengebrochen war. Hoch über ihnen zeichnete sich die dunkle Silhouette des Drachen gegen die Monde ab. Für einen Augenblick glaubte Isaé, Schatten würde einfach nur wenden. Sein Flug wirkte seltsam. Chaotisch, unruhig. Ein weiterer Schrei zerriss die Nacht. Schatten schlug mit den Schwingen. Noch einmal. Und noch einmal. Plötzlich riss der Drache den Kopf in den Nacken und stieß eine gewaltige Fontäne aus Feuer in die Dunkelheit. Goldene Flammen ergossen sich über den Nachthimmel und tauchten die Wolken für einen flüchtigen Augenblick in glühendes Licht. Noch einmal warf der Drache die mächtigen Schwingen nach unten um Höhe zu gewinnen. Für einen Herzschlag schien es, als hätte er den Fall abgefangen, als würde er sich wieder fangen. Doch er tat es nicht. Er verlor immer mehr an Höhe, schien jedoch gegen den ungebremsten Fall anzukämpfen, wie es ein solch uraltes, stolzes Wesen zu tun pflegte, doch so sehr er auch kämpfte, die letzten Meter verlor er den Kampf und stürzte auf die Erde, wo er liegen blieb. Isaé hatte diese Szene mit schreckensweit geöffneten Augen verfolgt, und im Inneren war sie zerrissen. Was sollte sie nun tun? Zu Schatten eilen und Entaro alleine zurücklassen? Bei Entaro bleiben und Schatten im Stich lassen? Sie wandte sich wieder Entaro zu und griff nach seinen Schultern. Sein Körper war schwer geworden. Schwer und seltsam leblos. Mit zitternden Händen strich sie ihm das Haar aus der Stirn und tätschelte seine Wange. „Entaro! Hörst du mich?“ Keine Antwort. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und dicke Tränen traten in ihre Augen, die sie beinahe blind machten. „Entaro!“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und dieses Mal reagierte er. Nicht so, wie sie gehofft hatte. Doch seine Lider zuckten. Ein angestrengter Atemzug entrang sich seiner Kehle und seine Lippen bewegten sich. Isaé beugte sich sofort näher. „Entaro?“ Seine Augen öffneten sich einen Spalt. Trüb, unfokussiert, als blickte er durch sie hindurch. Dann formten seine Lippen ein einziges Wort. „...Schatten...“ Isaé erstarrte. Für einen Augenblick verstand sie nicht. Ihr Blick wanderte zu Entaros Gesicht. Dann hinüber in die Nacht. Dort, wo sich die dunkle Gestalt des Drachen unbewegt gegen das Licht abhob. Und wieder zurück zu Entaro. Schatten. Entaro. Schatten. Entaro. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Nein. Langsam begann sich etwas in ihr zu regen. Eine Erinnerung an ein Gespräch, das sie vor vielen Monden miteinander geführt hatten.Worte, die ihr nun mit grausamer Deutlichkeit wieder einfielen. Diese Einheit, die wir bilden, besteht aus mehr als nur Befehlen und Gehorsam. Es ist ein unsichtbares Band. Erleidet einer von uns eine Wunde, fühlt der andere den Schmerz. Isaé spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Schattens Schrei. Entaros Zusammenbruch. „Nein...“ Das Wort verließ ihre Lippen kaum hörbar. Sie blickte wieder hinüber zu dem Untier. Und mit jedem Herzschlag wurde Isaé klarer, was das bedeutete. Nicht nur für ihn. Sondern auch für den Mann, den sie gerade in ihren Armen hielt. „Nein.“ Dieses Mal war ihre Stimme lauter. Verzweifelter. Denn plötzlich verstand sie. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie wirklich Angst. Etwas war mit Schatten. Und wenn er starb, dann… Sie wagte nicht den Gedanken zu Ende zu führen… noch immer wollte ein Teil von ihr bei ihm bleiben, ihn aufrichten, seinen Namen rufen und so lange nicht aufhören, bis er die Augen wieder öffnete. Doch selbst während sie es dachte, wusste sie bereits, dass sie damit nichts erreichen würde. Entaro hatte ihr die Wahrheit selbst erklärt. Damals hatte sie die Worte angehört, sie verstanden und wieder vergessen. Weil es zu diesem Zeitpunkt nicht wichtig war. Nun kehrten sie mit unerbittlicher Klarheit zurück. Erleidet einer von uns eine Wunde, fühlt der andere den Schmerz. Schatten. Nicht Entaro. Schatten war der Ursprung. Entaro die Folge. „Verdammt.“ Ihre Stimme versagte beinahe. Sie blickte wieder zu Entaro hinab. Seine Augen waren geschlossen. Sein Atem ging flach. Für einen Moment überkam sie nackte Panik. Sie konnte ihn nicht allein lassen. Unmöglich. Was, wenn mit ihm etwas geschah, während sie fort war? Was, wenn er die Augen öffnete und niemand da war? Was, wenn... Isaé presste die Lippen zusammen. Nein! Sie durfte jetzt keine Angst haben! Ihre Angst half niemandem. Vor allem nicht Entaro. Langsam legte sie ihm eine Hand an die Wange. „Entaro! Hör mir zu.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“ Der Wind zerrte an ihrem Haar. „Aber ich komme zurück.“ Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. „Du bleibst bei mir, hörst du? Und du kommst zu mir zurück! Und ich komme zu dir zurück!“ Isaé schluckte schwer. Dann zwang sie sich aufzustehen. Es fühlte sich falsch an. Jede einzelne Faser ihres Körpers sträubte sich dagegen, ihm den Rücken zuzuwenden. Doch sie wusste inzwischen, dass sie keine Wahl hatte. Wenn Schatten starb, würde Entaro folgen. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht doch. Sie wusste es ja nicht. Und genau das machte alles noch schlimmer. „Halte durch!“ Diesmal wusste sie nicht einmal mehr, ob sie mit Entaro sprach oder mit dem Drachen. Vielleicht mit beiden. Ein letztes Mal sah sie zu dem reglosen Mann im Gras hinab. Dann wandte sie sich um und begann zu laufen. Zunächst nur ein paar Schritte. Dann schneller. Und schließlich rannte sie, so schnell sie in diesem vermaledeiten Kleid nur rennen konnte, dem Ort entgegen, an dem Schatten gefallen war. Dem Ort entgegen, an dem sich vielleicht die Antwort auf all ihre Fragen befand. Und dem Ort entgegen, an dem sich entschied, ob Entaro die aufgehobenen Worte jemals würde zu Ende sprechen können.
Isaé lief, bis ihr die Luft in den Lungen brannte und ihr Körper beinahe schlapp machte. Erst als sie die gewaltige Gestalt des Drachen zwischen den Bäumen und Felsen erkannte, verlangsamte sie ihre Schritte. Von hier an zwang sie sich zur Ruhe. Schatten war verletzt. Verängstigt vielleicht. In Schmerzen. Das Letzte, was er jetzt brauchte, war jemand, der schreiend auf ihn zustürmte. „Schatten...“ Ihre Stimme war leise und behutsam geworden. So, wie man mit einem verwundeten Tier sprach. „Schatten, ich bin es.“ Der Drache regte sich nicht. Sein mächtiger Leib lag zwischen zerborstenen Baumstämmen und aufgewühlter Erde. Der Absturz hatte eine Schneise durch den Wald geschlagen, und selbst jetzt noch legte sich der Staub zwischen den umgerissenen Stämmen. Das Mondlicht spiegelte sich auf den schwarzen Schuppen und ließ sie wie polierten Obsidian wirken. „Ganz ruhig“ sagte sie, während sie sich ihm langsam immer weiter näherte. „Du kennst mich.“ Ihr Herz schlug noch immer viel zu schnell, doch sie zwang sich, ihre Stimme ruhig zu halten. „Ich bin Isaé.“ Noch immer erhielt sie keine Antwort, wenn sie denn eine Antwort erwartet hätte, die das Tier ihr zu geben vermochte. Nur das schwere Heben und Senken seines gewaltigen Brustkorbes verriet ihr, dass er lebte. „Das ist gut“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihm. „Das ist gut. Du musst einfach weiter atmen, Schatten, hörst du? Einfach weiter atmen.“ Je näher sie kam, desto kleiner fühlte sie sich. Es war jedes Mal dasselbe. Sie hatte Schatten inzwischen oft genug gesehen, um sich an seine Anwesenheit gewöhnt zu haben, und dennoch wurde ihr jedes Mal aufs Neue bewusst, welch gewaltiges Wesen vor ihr lag. Selbst verletzt und am Boden liegend wirkte er noch mächtiger als alles andere in dieser Welt. Schließlich erreichte sie ihn. Langsam streckte sie die Hand aus und legte sie auf seinen warmen Körper. Unter ihren Fingern spürte sie Leben. Wärme. Kraft. Und Zittern, wie Schmerz? Im selben Augenblick hob Schatten den Kopf. Sein Auge riss auf. Groß und golden, und durchdringend sah er sie an. Isaé hielt unwillkürlich den Atem an. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde dieser uralte Blick jede ihrer Gedanken lesen. Als sähe er durch ihre Augen hindurch bis tief in ihre Seele. „Ganz ruhig.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Was ist mit dir passiert?“ Der Drache antwortete natürlich nicht. Und dennoch glaubte Isaé, dass er verstand. „Schatten, du musst jetzt stark sein.“ Sie strich mit der Hand über seine Schuppen. „Entaro braucht dich.“ Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in ihrer Kehle. „Eure Körper und eure Seelen sind miteinander verbunden. Dein Herr leidet vermutlich genauso wie du.“ Ihr Blick wanderte über den gewaltigen Leib des Drachen. Verzweifelt suchte sie nach einer Erklärung. Nach einer Wunde. Nach irgendetwas. „Aber ich weiß nicht, wie ich dir helfen soll.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht einmal, was mit dir geschehen ist.“ Ihre Finger verharrten auf den schwarzen Schuppen. „Mein Großer...“ Die Worte kamen ganz von selbst. „Sei stark. Hilf deinem Herrn mit deiner Stärke.“ Wieder traf ihr Blick den seinen. Und wieder hatte sie das Gefühl, dass der Drache sie verstand. Dann geschah etwas. Langsam, fast zögerlich, hob Schatten einen seiner Vorderläufe an. Nicht viel, nur gerade genug. Isaé runzelte die Stirn und zunächst verstand sie nicht. Dann sah sie es: Etwas ragte zwischen den Schuppen hervor. Dort, wo bei einem Menschen die Achsel gewesen wäre. Hatten Drachen überhaupt so etwas wie eine Achsel? Sie trat noch einen Schritt näher. Und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Ein Bolzen? Ja! Ein schwerer Armbrustbolzen. Tief in das Fleisch getrieben. Für einen Moment wurde ihr kalt. Eiskalt. Schatten war nicht abgestürzt. Schatten war abgeschossen worden. Sämtliche Alarmglocken begannen gleichzeitig in ihrem Kopf zu schrillen. Jemand hatte auf einen Drachen geschossen. Jemand hatte bewusst auf Schatten geschossen. Und wenn jemand auf Schatten geschossen hatte, dann war Entaro niemals das Ziel gewesen. Isaé schluckte schwer. „Also das war es.“ Langsam kniete sie sich neben den Drachen. „Du wurdest getroffen.“ Der Drache beobachtete jede ihrer Bewegungen. „Ich werde den Bolzen herausziehen.“ Sie war sich nicht sicher, ob sie das Richtige tat. Sie war keine Ärztin. Sie war keine Heilerin. Ja, sie war nicht einmal ein verdammter Bader! Und ganz gewiss nicht für einen Drachen, noch für sonst ein Tier. Doch sie wusste, dass der Bolzen dort nicht bleiben konnte. „Es wird wehtun, Schatten.“ Ihre Stimme wurde wieder leiser. „Sehr weh, wahrscheinlich. Aber es wird dir vermutlich helfen!“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ja, mein Großer? Darf ihr dir den Bolzen herausziehen?“ Als hätte er verstanden, senkte Schatten langsam den Kopf. Dann schloss er die Augen. Isaé holte tief Luft. Ihre Finger legten sich um den Schaft des Geschosses und drückten zu, mit aller Kraft die sie in ihren Fingern besaß. Und dann zog sie mit aller Gewalt an dem Bolzen. Der Widerstand war gewaltig. Für einen schrecklichen Augenblick glaubte sie bereits, der Bolzen würde sich überhaupt nicht bewegen. Dann gab er plötzlich ruckartig nach. Der Drache stieß ein Brüllen aus, das die Nacht und ihr Herz erzittern ließen. Bereits schlafende Vögel stoben erschrocken aus den Kronen auf und Isaé wurde beinahe von den Füßen gerissen. Doch der Bolzen war draußen. Keuchend stolperte sie einen Schritt zurück und hielt das blutige Geschoss in der Hand. Geschafft! Zum Henker, es war geschafft! Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie so heftig, dass ihre Knie beinahe nachgaben. Schatten lebte. Der Bolzen war draußen. Vielleicht... Vielleicht würde nun auch Entaro… Sie musste umgehend zu ihm zurückkehren! Dann ließ ein Geräusch sie innehalten. Schritte hinter ihr! Langsame, bedächtige und selbstsichere Schritte. Zu selbstsicher. Isaé fuhr herum. Oder versuchte es zumindest. Denn noch bevor sie sich vollständig umdrehen konnte, spürte sie kalten Stahl an ihrer Kehle. Sofort erstarrte sie. Der Atem blieb ihr in der Brust stecken. „Na sieh mal einer an...“ Die Stimme hinter ihr klang überrascht, wie auch belustigt gleichzeitig. Aber auch hämisch, und gefährlich. Der Stahl drückte sich ein wenig fester gegen ihre Haut. „Wen haben wir denn da?“
Das Band ❖
09.06.2026 '00:37 [2.556 Wörter]
 in Stich fuhr Entaro durch Mark und Bein. Ein quälend schmerzhafter Stich. Heiß und brennend. Entaro sank auf die Knie. Der Atem gefror ihm in den Lungen und der Schmerz warf ihn zu Boden. Er hatte alles so gut geplant. Der Brief. Die Kerzen. Der Flug unter den Monden. Es hätte einfach perfekt laufen können. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für ihn bereitet. Der Schmerz raubte ihm die Sinne und er war der Ohnmacht nahe. Isaé versuchte ihm auf die Beine zu helfen, doch es gelang ihr nicht. Und als sie schließlich fortgegangen war, um nach dem Drachen zu sehen, lag Entaro alleine auf der Anhöhe…Er hatte doch nur die drei magischen Worte sprechen wollen. Die Worte, die ihm so auf dem Herzen gebrannt hatten. Doch wieder einmal war es ihm nicht möglich gewesen. Er öffnete die Augen und starrte in den Himmel. Sein Atem war langsam und schwer. Seine Brust hob und senkte sich und Entaro seufzte schwer. »Wenn das ein Zeichen sein sollte…«, murmelte er und schloss dann die Augen. Die Hand noch immer an der Brust um gegen den Schmerz zu pressen. »…dann weigere ich mich.« Er biss die Zähne zusammen. Er versuchte sich aufzurappeln. Doch der Schmerz zwang ihn wieder auf die Knie. Dieses Ereignis hatte ihm buchstäblich vor Augen geführt was es bedeutete einen ewigen Bund mit einem Geschöpf wie dem schwarzen Drachen eingegangen zu sein. Es hatte weitaus weniger Vorteile als Nachteile. Er war frei. Und doch war er gefangen. Er erntete Respekt. Aber auch Furcht. Er war niemals allein. Und doch war er völlig allein. Ohne Isaé blieb ihm nur die völlige Einsamkeit. Er schüttelte den Kopf. Nein, das konnte er nicht akzeptieren. Es musste einen Ausweg geben.
 »Na, wen haben wir denn da?« Gawaïn drückte die Klinge an den Hals der jungen Frau. »Ganz allein im Wald?« Er drückte sein Gesicht näher an das ihre, während er weiterhin hinter ihr stand. »Was führt eine junge Frau in diese entlegene Gegend?« Er verlieh seinen Worten den nötigen Nachdruck, indem er ihr noch etwas näher rückte. Ungebührlich nahe. »Und dann noch in einem Kleid?« Er lachte und seine Gefolgsleute stimmten in das dreckige Lachen mit ein. »Sprich. Und je nachdem wie deine Geschichte ausfällt, entscheide ich.« Isaé verkrampfte sich gegen den Griff des Mannes, doch er hatte sie fest in der Hand. »Denk nicht einmal daran, du Metze.«, blaffte Gawaïn und legte noch etwas mehr Druck in die Klinge. »Ein falscher Schritt, und du schneidest dir selbst den Hals auf. Das wäre wirklich schade, denn dann wäre dein hübsches Kleid ganz schmutzig.« Er gluckste und seine Blicke huschten zu dem dunklen Schatten, welcher sich hinter Isaé erhob. »Was hast du hier zu suchen? Woher kommst du. Und was erdreistest du dich, dich meiner Beute anzunehmen?« Seine Fragen wurden forscher und er wirkte ungehalten, da Isaé ihm nicht die Worte sagte, die er hören wollte. »Er ist nicht deine Beute.«, antwortete Isaé trotzig, woraufhin Gawaïn nur müde lächelte. »Oh. Ich habe ihn vom Himmel geholt. Also ist er meine Beute.« Nach diesen Worten strömten seine Kumpanen aus, und begannen den Drachen zu umkreisen. Einer von ihnen trat dem Untier gegen den Kopf. »Der is tot.«, stellte er fest, als der Drache nicht eine Regung zeigte. Gawaïn nickte zufrieden. »Fesselt sie. Wir bringen sie ins Lager. Und dann hören wir uns ihre Geschichte an. Und wenn mir die Geschichte gefällt…« mit den folgenden Worten wandte er sich direkt an Isaé. »Dann lassen wir dich vielleicht am Leben und du darfst unsere Metze werden.« Er grinste breit und legte sich dann einen Finger auf die Schläfe. »Eine falsche Bewegung.« Er fuhr sich mit dem Finger über den Hals und als Isaé langsam nickte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, da ließ er die Klinge von ihrem Hals. Einer seiner Häscher band ihr sogleich die Arme zusammen und sie führten sie sie ab.
Entaro kämpfte sich mühevoll die Anhöhe herab. Der Schmerz hatte inzwischen nachgelassen, doch jeder Schritt und jeder Atemzug machte ihm schwer zu schaffen. Er wusste nicht so recht, wohin er eigentlich ging. Doch er spürte, wohin er gehen musste. Das Band war noch intakt und es zog ihn unweigerlich an jenen Ort, an welchem der Drache war. Was war nur geschehen? Entaro hatte keine Erklärung.
Doch seine Fragen würden womöglich beantwortet werden, wenn er den Drachen endlich gefunden hatte. Entaro kam nur langsam voran. Immer wieder musste er sich zu einer kurzen Rast zwingen und diese nutzte er um einen Blick zum Himmel zu wagen. Die Monde leuchteten hell und das umliegende Land wurde in einen kühlen, matten Schein getaucht. Beinahe, als ob das Licht der Monde ein Fluss wäre, der das ganze Land mit Licht geflutet hatte. Als das Dickicht immer dichter wurde, zog er sein Schwert und bahnte sich einen Weg durch die Sträucher, welche überwiegend aus Brombeeren bestanden. Dornen und Ranken. Überall. Seine Wollkleidung blieb immer wieder an einem Stachel oder einem hervorstehenden Dorn hängen. Doch er bahnte sich stoisch seinen Weg. Allerdings sah er keine Spuren, dass vor ihm jemand diesen Weg eingeschlagen hatte. Isaé musste einen anderen Weg gegangen sein. »Isaé?« Immer wieder rief er ihren Namen, in der Hoffnung sie war irgendwo in der Nähe und sie würde ihn hören. Doch er erhielt keine Antwort. Jedenfalls nicht von Isaé. Er vernahm allerlei andere Geräusche. Knackende Äste, brechende Zweige. Der Gesang von Vögeln, welche dem Licht des Mondes ein Lied sangen. Das Geheul von weit entfernten Wölfen. Und seinen eigenen Atem. Doch Isaé antwortete ihm nicht. Auf keinen einzigen seiner Rufe.
Nach einiger Zeit hatte er einen Ort erreicht, an welchem das Dickicht langsam felsigem Untergrund wich. Die Sträucher wurden zu Moosen und Flechten. Hier und da standen Bäume. Überwiegend Kiefern. Und die Erde zu seinen Füßen hatte sich rot gefärbt. Man konnte es in dem kühlen Mondlicht zunächst nicht gut erkennen. Doch nach und nach war es nicht mehr zu übersehen. Die rote Erde Akadiens. Wenn er diesen Ausläufer des waldigen Dickichts hinter sich lassen würde, dann erreichte er irgendwann die rote Ebene. Ein weitläufiges Gebiet. Keine Bäume. Kein Fluss. Und keine Berge. Nur rote Erde. Einst vor tausenden Jahren, war dies ein Meer gewesen. Oder die Bucht eines Meeres. Doch heute war nur noch die rote Erde geblieben. Und der rote Bernstein, den man nur an diesem Ort finden konnte. Entaro wäre gerne, unter anderen Umständen, und bei Tage, zu diesem Ort gekommen. Vielleicht auch gemeinsam mit Isaé? Es war ein ruhiger und beinahe trostloser Ort. Für viele Akadier war es ein heiliger Ort, da er den seltenen, roten Bernstein im Schoß der Erde trug. Doch jetzt hatte Entaro keine Zeit sich um derlei Dinge Gedanken zu machen. Sein Ziel war ein anderes. Ein Schwarzes. Mit Flügeln. Und eine Frau, die sein Herz erobert hatte.
Bald schon erreichte Entaro den Ort. Er konnte nicht sagen, wie lange er gebraucht hatte um hierher zu gelangen. Doch die verräterischen Anzeichen waren klar und deutlich zu erkennen. Gebrochene oder umgestürzte Bäume. Und eine widernatürliche Ruhe. Selbst die Vögel, welche er bisweilen noch gehört hatte, waren verstummt. »Isaé!«, rief Entaro erneut, doch es herrschte Totenstille. Nicht einmal ein Echo hatte es gegeben. Doch etwas anderes antwortete ihm auf seinen Ruf. Keine Stimme und auch kein Echo. Keine Worte, die vom Wind getragen wurden. Ein mattes, goldenes Schimmern. Es gloste in der Dunkelheit. Obwohl das Licht der Monde alles beschienen. Dieser eine Ort war dunkel, als ob er das ganze Licht verschlingen würde. »Schatten.« Entaro beschleunigte seine Schritte.
Das Lager Gawaïns entpuppte sich als eine alte Ruine. Einst, vor vielen hundert Jahren, war dies einmal eine kalathische Burg gewesen. Das Haus eines Adeligen? Die Wehrburg eines Herrschers? Das Lusthaus eines dekadenten Fürsten? Die Mauern waren zu großen Teilen zerstört. Es standen nur noch einige wenige, und es schien, dass diese Mauern das einzige waren, welches die Ruine davor bewahrte gänzlich in sich zusammenzustürzen. Gawaïn lotste Isaé durch die alten, überwucherten Hallen. Wo einst edle Tische standen und prunkvolle Feste gefeiert wurden, war heute noch ein kläglicher Rest geblieben. Eine Mauer, von Moos und Efeu überwuchert. Ein Boden aus edlen Steinplatten, der heute von Unkraut und Flechten überzogen war. Viele der Platten fehlten. Vermutlich hatte man den Turm Stein um Stein abgetragen, bis er drohte einzubrechen. Es gab eine alte, steinerne Treppe, welche in den Keller führte. Doch heute war der Keller eher ein Loch im Boden. Oder alte, lang vergessene Katakomben. Einst war diese Burg die Heimat eines kalathischen Hauses. Und heute, nachdem Gawaïn diese Ruine für sich beansprucht hatte, beherbergte sie wieder einen Adeligen. Doch dieser war von gänzlich anderer Natur als jene Adelige, welche vor über hundert Jahren an diesem Ort gelebt hatten. Ein Gesetzloser, gefallener Adeliger.
Der Abendwind heulte, als er durch die Spalten der alten Mauern pfiff. Die Stimmen von Männern tönten aus dem Keller empor. Und Gawaïn brachte Isaé schweigend in eine Halle, von welcher man nicht sagen konnte, welchen Zweck sie vor hunderten Jahren wohl erfüllt haben mochte. Gawaïn hatte Isaé auf eine Lagerstatt nahe eines Lagerfeuers gebracht. Sie lag, mit verbundenen Augen und verbundenen Armen auf dem Boden und er ging vor ihr in die Hocke. Als er sie berührte zuckte sie zusammen. Es lag weniger Furcht darin, als Auflehnung. Gawaïn lächelte und seine Neugier war geweckt worden. Wer war diese Frau? Er nahm ihr schließlich den Sack vom Kopf und warf diesen achtlos beiseite. »Ich bitte diese Unannehmlichkeit zu entschuldigen.« Er deutete auf den alten Sack und zuckte dann mit den Schultern. »Aber wir wollten nicht, dass du weißt wo unser Lager liegt.« Er zog sein Schwert aus dem Gürtel und stellte es neben dem Feuer an die Wand. Er tat dies mit einer unbekümmerten Selbstverständlichkeit, obwohl Isaé nicht weit davon am Boden lag. Als würde er sie nicht fürchten. Oder sie herausfordern wollen, danach zu greifen? Seine Armbrust stellte er neben dem Schwert ab, doch die Bolzen behielt er bei sich. Gawaïn war vielleicht arrogant. Aber kein Narr.
Er setzte sich gegenüber von Isaé auf den Boden, so dass er sie stets im Auge behalten konnte, und starrte einen Moment lang in die tanzenden Flammen. Nach einer Weile räusperte er sich und hob den Kopf. Er suchte ihre Blicke und als sie seine erwiderte da hob er die Stimme an. »Mir sind Geschichten zu Ohren gekommen. Unglaubliche Geschichten.« Er nahm einen Stock und begann in der Glut zu stochern, bis kleine Funken aufstiegen und den Raum mit einem kurzen, aufbäumenden Knistern erfüllten. »Geschichten von einem Drachen…tollkühne Geschichten.« Er warf den Stock in die Flammen und zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihnen wenig Bedeutung beigemessen…bis heute.« Da hob er wieder den Blick und starrte Isaé mit einem Blick an, der bis unter die Haut ging. Sein Blick wurde düster und es schien, dass seine Augen tief in Schatten versanken. Er räusperte sich und setzte ein schiefes Lächeln auf. »Ich habe auch Geschichten gehört von einer Hexenjägerin…« Da deutete er auf Isaé und tippte sich dann gegen die Schläfe. »Ihr Name lautete Isaé.« Er seufzte theatralisch. »Isaé.« Wiederholte er den Namen, als ob er den Klang auf der Zunge genießen würde. »Ein bedeutungsvoller Name.« Isaé erwiderte nichts darauf. Sie strafte ihn mit kalten Blicken. »Wusstest du, dass der Name Isaé ein alter, kalathischer Name ist?« Er schüttelte den Kopf. »Vermutlich nicht. Deine Eltern gaben ihn dir wohl, weil er einen schönen Klang hat.« Er lächelte bitter und in seiner Stimme war ein Hauch von Melancholie zu vernehmen. »Wie recht sie damit hatten. Möchtest du wissen, was er bedeutet? Dein schöner, alter Name?« Er lächelte wissend und faltete dann locker die Hände vor der Brust zusammen, was dem Ganzen beinahe wie eine Art rituellen Akt anmuten ließ.
Gawain seufzte. »Wie dem auch sei. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.« Er nahm eine etwas herausfordernde Haltung ein und legte seinen rechten Unterarm lässig auf das aufgestellte Bein, so dass seine Hand frei hinab hing. Und dann sah er Isaé wieder tief in die Augen und er konnte sehen, dass ihr das sehr missfiel, was ihm wiederum ein Lächeln abrang. »Du bist diese Hexenjägerin.« Es war keine Frage, die er ausgesprochen hatte. Eine trockene, rhetorische Feststellung. »Die Hexenjägerin, die gemeinsam mit dem Herren von Marçien aus den Grenzlanden kam…dem roten Tod.« Mit diesen Worten sah er sie mit scharfen und akribisch musternden Blicken an. Jede Regung, jedes Zucken ihrer Augen. Ja selbst jeder Atemzug, der tiefer war als nötig. Nichts davon würde ihm entgehen. »In diesen Geschichten gab es auch einen Mann. Der, der auf diesem Drachen geritten war….Wer ist dieser Mann? Und wo ist er?« Gawaïn zog seinen Dolch aus der Scheide und richtete ihn herausfordernd auf Isaé. »Es gibt seit hunderten von Jahren keine Drachen mehr. Und doch…habe ich heute einen mit meinen eigenen Augen gesehen.« Gawaïn hielt einen Moment lang inne. Als ob er die folgenden Worte abwägen würde. »Da frage ich mich, ob es nicht noch mehr von ihnen gibt? Sprich, Frau!«, befahl Gawaïn und hielt Isaé den Dolch so nahe unter das Kinn, das die Spitze der Klinge nicht mehr sehen konnte.
Die goldenen Iriden des Drachen pulsierten. Es war beinahe hypnotisch. Entaro legte seine Hand auf den schwarzen Drachen und atmete langsam und tief ein, bevor er schließlich auch seinen Kopf auf den des Untieres legte. »Was ist geschehen?«, flüsterte Entaro, obwohl er wusste, dass er niemals eine Antwort erhalten würde. Entaro seufzte und sein Atem ging beinahe so schwermütig und langatmig, wie der des Drachen. Der Drache schnaubte. Entaro hob den Kopf und begann die Stelle zu suchen, an welcher er an seinem eigenen Leib diesen brennenden Schmerz gespürt hatte. Als er sie schließlich gefunden hatte, stutzte er. Der Drache war verwundet. Und dann bemerkte er den abgebrochenen Armbrustbolzen, welcher unweit von ihnen am Boden lag. Er hob ihn auf und nahm ihn näher in Augenschein. »Ein Armbrustbolzen?« Er stutzte und runzelte die Stirn. »Was hatte das zu bedeuten?« Er hob den Armbrustbolzen knapp unter seine Nase und nahm den Geruch in sich auf. Allerdings konnte er keinen ungewöhnlichen Geruch feststellen. Wenn er vergiftet gewesen war, dann mit einem solchen Gift, welches man nicht wahrnehmen oder riechen konnte. Die Spitze war scharf, doch durch den Aufprall auf der Haut des Drachen verbogen und stark deformiert. Und dennoch hatte sie seine Haut verletzen können. Entaro hatte schon viele Pfeile und Bolzen auf den Drachen fliegen sehen. Doch keine davon hatte ihn je verletzen können. Der Schütze, der diesen Bolzen abgefeuert hatte, musste entweder einen schicksalshaften Treffer gelandet haben, oder dieses Metall barg ein Geheimnis in sich, welches Entaro weder kannte noch verstand. Doch wenn es ein Geheimnis gab, so musste er es ergründen. Schon um seines eigenes Lebens willens. Der Drache veränderte sich. Das matte, goldene Schimmern verschwand. Und an seine Stelle trat ein tiefes, bedrohliches Rot. Entaro ließ den Bolzen fallen und zog sein Schwert. »Wer ist da?«
Gawaïn schwieg und lauschte Isaés Worten. Jedes Mal, wenn sie etwas gesagt hatte, das ihm missfallen hatte, oder er nicht hören wollte, hatte er scharf die Luft zwischen den Zähnen eingesogen. Doch sonst hatte er kein einziges Wort gesprochen. Als Isaé schließlich geendet hatte, da sah er sie grimmig an »Stehst du mit ihm im Bunde? Dem roten Tod…überlege gut, was du darauf jetzt antwortest. Denn dein Leben liegt in meinen Händen und es hängt an einem sehr dünnen, seidenen Faden.«
Unter vier Augen ❖
11.06.2026 '12:44 [3.333 Wörter]
 er Weg schien kein Ende nehmen zu wollen. Immer wieder stolperte Isaé über Wurzeln, loses Geröll oder Unebenheiten im Boden, die sie unter dem Sack, den man ihr über den Kopf gestülpt hatte, unmöglich erkennen konnte. Ihre gefesselten Hände machten es nicht leichter. Mehr als einmal verlor sie beinahe das Gleichgewicht und wäre gestürzt, hätten die Männer sie nicht grob weitergezerrt. Doch all das nahm sie nur am Rande wahr. Viel zu laut waren ihre eigenen Gedanken. Wie grausam das Schicksal doch sein konnte. Es hätte ein schöner Abend werden sollen. Ein Abend, an den sie sich ihr Leben lang erinnert hätte. Entaro hatte sie auf den Bergfried gebeten. Er hatte Kerzen aufgestellt. Er hatte sie auf Schatten durch die Nacht getragen, fort von der Burg, fort von allen Menschen, die ihnen immer wieder dazwischengetreten waren. Und dort, unter dem Licht der Monde, hatte er endlich begonnen, jene Worte auszusprechen, denen sie beide so lange ausgewichen waren. Sie hörte seine Stimme noch immer. Isaé. Ich liebe... So nah. So unendlich nah. Ein einziger Augenblick hatte noch gefehlt. Ein einziges Wort. Dann wäre alles anders gewesen. Stattdessen war die Welt auseinandergebrochen. So fühlte es sich jedenfalls an. Auch, wenn es im Grunde erfreulich war, denn nun war die Ungewissheit verschwunden, konnte sie sich nicht darüber freuen, was im Begriff war zu sagen. Isaé presste die Lippen zusammen. War das ihr Schicksal? War es ihnen tatsächlich nicht vergönnt, zueinander zu finden? Immer wieder hatte sich etwas zwischen sie gedrängt. Menschen. Ereignisse. Missverständnisse. Und nun dies. Doch hatte sie nicht immer dieses untrügliche Gefühl gehabt, dass auch Entaros und ihr Schicksal durch ein unsichtbares Band miteinander verwoben war? Sie dachte an all die Gelegenheiten, die sie beide hatten verstreichen lassen. An die Blicke. An die Gespräche. An die unausgesprochenen Worte. An ihre eigene Feigheit. Und nun, da Entaro endlich den Mut gefunden hatte, hatte da das Schicksal selbst beschlossen, sich ihnen in den Weg zu stellen? Der Gedanke erfüllte sie mit einer Wut, die heißer brannte als alles andere. Nein. Das würde sie nicht akzeptieren. Niemals! Sie liebte Entaro. Sie liebte ihn wie sonst nichts auf der Welt. Und nichts auf dieser Welt würde daran etwas ändern. Weder dieser fremde Mann. Noch seine Spießgesellen. Noch irgendeine Laune des Schicksals. Vielleicht war es nur eine Prüfung. Doch wer sollte sie auf die Prüfung stellen, und warum? Sie war langsamer geworden auf dem Weg. Ein grober Stoß in den Rücken erinnerte sie daran und ließ sie erneut stolpern. Isaé fing sich mühsam. Dabei drängte sich sofort ein weiterer Gedanke in ihr Bewusstsein. Schatten. Ihre Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. Die Männer hatten gesprochen. Sie hatten gelacht. Und einer von ihnen hatte behauptet, der Drache sei tot. Isaé wusste nicht, ob es stimmte. Sie wusste nicht, ob sie ihr nur Angst hatten machen wollen. Doch allein die Vorstellung genügte bereits, um ihr Herz zusammenzuschnüren. Wenn Schatten tot war... Sie brachte den Gedanken nicht zu Ende. Sie konnte nicht. Weil die Antwort auf diesen Gedanken untrennbar mit Entaro verbunden war. Also verdrängte sie diesen unliebsamen Gedanken, immer wieder. Doch er kehrte zurück wie ein treuer Hund, den man fortschickte, der sich jedoch dennoch nicht von seinem Herrn trennen wollte. Während sie weiter über die unwegsamen Pfade geführt wurde, begann sie schließlich, sich an etwas festzuklammern, das sie seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. An Hoffnung. An eine Bitte. An ein stummes Gebet. Es hatte schon einmal funktioniert! Daerean. Zögerlich. Fast ungewohnt. Du hast meine Bitte schon einmal erhört. Isaé wusste nicht, ob er sie hören konnte. Sie wusste nicht einmal, ob er existierte. Doch in diesem Augenblick spielte das keine Rolle. Du hast ihn schon einmal beschützt. Vor ihrem inneren Auge erschien Entaros Gesicht. Sein Lächeln. Seine sanften Augen. Seine Hand in der ihren. Bitte. Zum ersten Mal seit langer Zeit lag keinerlei Stolz mehr in ihren Gedanken. Keine Zweifel. Keine Vorbehalte. Nur eine schlichte, verzweifelte Bitte. Beschütze ihn noch einmal. Sie schluckte schwer. Beschütze Schatten. Ihre Schritte wurden langsamer, als der Weg allmählich anzusteigen schien. Und wenn du nur einen von beiden retten kannst... Isaé schloss für einen Augenblick die Augen hinter dem Sack. Der Gedanke schmerzte bereits, bevor sie ihn zu Ende dachte. Dann rette Entaro… Nein, rette sie beide, ihre Schicksale sind miteinander verwoben. Es hat einen Grund… Bitte, rette sie beide! Mehr verlangte sie nicht. Und während einer der Männer sie weiter durch die Dunkelheit führte, hielt sie sich an dieser einen Hoffnung fest, als wäre sie das Einzige, das sie davor bewahrte, vollends zu verzweifeln.
Gawaïn hatte sich ihr gegenüber am Lagerfeuer niedergelassen. Erst starrte er eine Weile schweigend ins Feuer, dann blickte er sie an. Als er sich ihrer Aufmerksamkeit sicher geworden war begann er: „Mir sind Geschichten zu Ohren gekommen. Unglaubliche Geschichten. Geschichten von einem Drachen… Tollkühne Geschichten. Ich habe ihnen wenig Bedeutung beigemessen… Bis heute. Ich habe auch Geschichten gehört von einer Hexenjägerin… Ihr Name lautete Isaé. Ein bedeutungsvoller Name. Wusstest du, dass der Name Isaé ein alter, kalathischer Name ist? Vermutlich nicht. Deine Eltern gaben ihn dir wohl, weil er einen schönen Klang hat. Wie recht sie damit hatten. Möchtest du wissen, was er bedeutet, dein schöner, alter Name?“ Isaé konnte nicht leugnen, dass sie nicht doch ein wenig neugierig war. Ihr war die Bedeutung ihres Namens nicht bekannt. Denn wie Gawaïn ins Schwarze getippt hatte, hatten ihre Eltern diesen Namen ausgewählt weil er wohlklingend war, selten und eher ungewöhnlich in Ariad. So nickte sie und Gawaïn hob an: „In der alten Sprache Kalaths bedeutet 'Isaé' nicht etwa Schönheit oder Anmut oder irgendein anderer Unsinn, mit dem Eltern gerne ihre Kinder schmücken. Isaé bedeutet 'die Zurückgelassene‘. ‚Jene, die bleibt, wenn andere gehen‘. Er grinste dreckig und fügte hinzu „Ein trauriger Name für ein Kind, findest du nicht? Was glaubst du, haben deine Eltern gewusst, welchen Namen sie dir geben? Ich frage mich tatsächlich, wieviel Wahrheitsgehalt heute darin verborgen ist. Glaubst du, Isaé, dass die Namen, welche wir bei unserer Geburt erhalten unser Leben und unser Schicksal bestimmen? Sag mir, bist du denn eine Zurückgelassene? Bist du geblieben, wo alle anderen gegangen sind?“
Während Gawaïn sprach, wanderte ihr Blick immer wieder durch alte die Ruine. Das flackernde Licht des Lagerfeuers ließ flackernde Schatten über die alten Mauern tanzen und tauchte das Gemäuer in ein unstetes Licht. Überall rankte sich Efeu über den verwitterten Stein, so dicht, dass manche Wände beinahe vollständig unter dem dunklen Grün verschwanden. An einigen Stellen hing er wie ein schwerer Wandteppich von den Mauern herab. Zwischen den Ritzen der alten Steine hatten sich Moose und Flechten ausgebreitet, und dort, wo einst vermutlich Fenster gewesen waren, gähnten nun schwarze Öffnungen in die Nacht hinaus. Erst als Gawaïn verstummte, richtete sie den Blick wieder auf ihn. Die Zurückgelassene. Keine große, heroische oder bemerkenswerte Bedeutung. Kein Name voll Anmut, Schönheit oder Macht. Es war einfach nur ein trauriger Name. Einer, den man vielleicht erst verstand, wenn man lange genug gelebt oder erlebt hatte. Der Name hallte unangenehm in ihrem Kopf nach. Weil er einen wunden Punkt getroffen hatte. Weil es auf erschreckende Weise Isaés ganzes Leben beschrieb. Sie hatte ihre Eltern verloren, und Aduan. In ihrem Dorf Köllesberg war sie die einzige gewesen, die nicht an der Pest erkrankt und gestorben war. Sie war also die, die zurückgeblieben, als alle gegangen waren. Am Ende hatte sie ihre Heimat verloren, als sie gegangen, und nie wieder zurückgekehrt war. Und jetzt hatte sie Angst, erneut jemanden zu verlieren. Entaro. Besonders Entaro. Aber auch Schatten. Mochten die beiden dreimal aneinander gebunden sein durch unsichtbare Bande, Schicksale und eiserne Ketten, sie hatte auch dieses große alte Wesen in ihr Herz geschlossen. Ein bitteres Gefühl stieg in ihr auf, als sie feststellen musste, dass die Bedeutung ihres Namens ins Schwarze traf und zurück blieb das unangenehme Gefühl, dass ein Name, verliehen bei der Geburt, das Leben eines Menschen vielleicht doch beeinflussen oder lenken konnte. Doch sie verdrängte den Gedanken gewaltsam. Gawaïn sollte diese Schwäche nicht sehen. Gawaïn wusste nichts. Er wusste nichts von ihrer Heimat. Nichts von ihrer Familie. Nichts von ihren Verlusten. Nichts von Entaro. Und trotzdem landete er einen Volltreffer?
Langsam hob sie den Kopf. „Nein.“ Ihre Stimme war ruhig. Ruhiger, als sie sich fühlte. „Das glaube ich nicht.“ Gawaïn zog leicht eine Augenbraue hoch. Isaé ließ sich davon nicht beirren. „Meine Eltern haben diesen Namen gewählt, weil er ihnen gefiel. Weil er ungewöhnlich klang. Weil sie ihn schön fanden.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen. „Und vermutlich hätten sie herzlich darüber gelacht, wenn ihnen jemand erzählt hätte, dass sie damit mein Schicksal bestimmen.“ Gawaïn beobachtete sie aufmerksam. Wie ein Jäger, der darauf wartete, dass sich seine Beute verriet. Doch Isaé hielt seinem Blick stand. „Namen sind einfach Namen.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Manche schön. Manche weniger schön. Manche alt. Manche neu.“ Ihr Blick glitt kurz zu den Flammen. „Aber Menschen treffen ihre eigenen Entscheidungen. Und dies formt ihre Leben und Schicksale.“ Nun war es Gawaïn, der schwieg. Isaé bemerkte ein Funkeln in seinen Augen. Er widersprach nicht. Zumindest noch nicht. „Wenn Namen über unser Schicksal entscheiden würden, dann gäbe es keine Feiglinge mit großen Namen und keine Helden mit einfachen. Und die Welt wäre deutlich leichter vorhersehbar.“ Für einen Augenblick blieb es still. Das Feuer knackte leise. Irgendwo in den Tiefen der Ruine lachte einer der Männer und andere fielen gleich danach in das Gelächter ein. Isaé hielt Gawaïns Blick weiterhin stand. „Nein...“ Diesmal klang das Wort entschlossener. „Ich glaube nicht, dass mein Name bestimmt, wer ich bin.“
Gawaïn nahm eine etwas lässigere Sitzposition ein und legte den Unterarm locker auf das aufgestellte Knie. Dann sah er Isaé wieder direkt an. Während er sprach, ließ er den Blick kaum von ihr. Anfangs hatte Isaé versucht, ihn einfach zu ignorieren. Sie hatte in die Flammen geschaut. Auf den Boden. Zu den überwucherten Mauern der Ruine. Überall hin, nur nicht zu ihm. Doch immer wieder ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick zu ihm zurückwanderte. Nur kurz. Nur um festzustellen, ob er sie noch immer beobachtete. Und jedes Mal traf sie auf dieselben Augen. Ruhig, aufmerksam und wartend. Als hätte er genau gewusst, dass sie wieder hinschauen würde. Je länger das Spiel andauerte, desto unangenehmer wurde es ihr. Nicht weil sie Angst vor seinem Blick hatte. Sondern weil sie das Gefühl nicht loswurde, dass er jede ihrer Regungen bemerkte. Jedes Zögern, jedes Stirnrunzeln, jeden Blick. Und das Schlimmste war, dass Gawaïn dies offenbar bemerkte. Ein kaum wahrnehmbares spöttisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel, wann immer sich ihre Blicke erneut trafen. Es war die stille Zufriedenheit eines Mannes, der wusste, dass er die Oberhand besaß und der Gefallen daran fand, sein Gegenüber daran zu erinnern. Als Isaé schließlich ein weiteres Mal zu ihm hinüberblickte und ihn erneut dabei ertappte, wie er sie unverwandt ansah, wandte sie den Blick beinahe sofort wieder ab. Von ihm erklang ein leises Schnauben. Fast ein Lachen. Und sie war sich sicher, dass Gawaïn dieses kleine Spiel schon eine ganze Weile genoss. „Du bist also diese Hexenjägerin“, sagte er schließlich. „Diejenige, die gemeinsam mit dem Herrn von Marçien aus den Grenzlanden zurückkehrte.“ „Wenn du ohnehin alles bereits weißt, warum fragst du dann?“ „In diesen Geschichten gab es auch einen Mann.“ Gawaïn ließ die Worte einen Moment in der Luft hängen. „Der auf diesem Drachen geritten war.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wer ist dieser Mann? Und wo ist er jetzt?“ Isaé presste die Lippen zusammen. „Der Drachenreiter… Wir reisen gemeinsam. Wo er ist? Ich weiß es nicht. Wir wurden getrennt…“ Dies entsprach zumindest der halben Wahrheit. Sonst hätte sie sagen müssen, dass sie getrennt wurden, weil ein Drecksack der nichts über diesen Drachen und seinen Drachenreiter wusste, mit einem einzigen Armbrustbolzen alles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Dass der Drachenreiter in relativer Nähe war. Dies würde Entaro in dieselbe Gefahr bringen wie die in der sie nun steckte. Das Schmunzeln verschwand aus seinem Gesicht. Langsam zog er den Dolch aus der Scheide und richtete die Spitze auf sie. Das Feuer spiegelte sich kalt im Stahl. „Es gibt seit hunderten von Jahren keine Drachen mehr“, sagte er ruhig. „Und doch habe ich heute einen mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Isaé spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Da frage ich mich“, fuhr Gawaïn fort, „Ob es nicht noch mehr von ihnen gibt.“ Er hielt einen Moment inne, als wäge er seine nächsten Worte sorgfältig ab. Er drehte den Dolch zwischen den Fingern, kam näher und bohrte ihr schließlich die Spitze unter ihr Kinn.“ Sprich, Frau.“ Isaés Stimme bebte. „Ich weiß nichts von anderen Drachen. Ich weiß nur von diesem einen. Und diesen einen hast du vom Himmel geholt…“ stieß Isaé hervor. „Was mich direkt zu meiner nächsten Frage bringt. Was macht eine Hexenjägerin des Nachts in dieser Einöde, wo es weit und breit nichts gibt, allein…?“ Er betonte das letzte Wort besonders. Isaé schluckte innerlich. Die Antwort, die sie ihm jetzt gab, war entscheidend. Auf keinen Fall durfte sie sagen dass sie zusammen mit Entaro da war. Doch viele andere Ausflüchte würde dieser Mann als Lüge abtun. Und eine Lüge, gemeinsam mit einem Messer sprichwörtlich an der Kehle war eine schlechte Sache. Also sagte sie „Ser Tarvain von Marçien hat mich beauftragt, etwas zu überprüfen.“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, veränderte sich Gawaïns Gesicht. Das lässige Interesse verschwand. Das amüsierte Spiel, das bisher in seinen Augen gelegen hatte, erlosch. Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Die Finger seiner rechten Hand schlossen sich fester um den Griff des Dolches und er drückte die Dolchspitze schmerzhaft tiefer unter ihr Kinn. Gerade beherrscht genug, dass sie sich nicht ins Fleisch bohrte. Vor allem aber waren es seine Augen die sich verändert hatten. Bislang hatten sie sie mit jener neugierigen Aufmerksamkeit betrachtet, die ein Jäger seiner Beute entgegenbrachte. Nun lag etwas anderes darin. Etwas Dunkleres. Für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte Isaé sogar, Hass darin aufblitzen zu sehen. Gawaïn senkte den Blick kurz in die Flammen. Als müsste er seine Gedanken ordnen. Oder seinen Zorn. Als er wieder aufsah, war sein Gesicht beinahe ausdruckslos. Beinahe. Doch Isaé hatte die Regung gesehen. Und nun wusste sie mit beinahe absoluter Gewissheit, dass der Name Ser Tarvain von Marçien, der rote Tod, für diesen Mann ein rotes Tuch war. Sein Name war ein Messer. Und vielleicht hatte sie es soeben tief in eine alte Narbe gestoßen? „Stehst du mit ihm im Bunde? Dem roten Tod… überlege gut, was du darauf jetzt antwortest. Denn dein Leben liegt in meinen Händen und es hängt an einem sehr dünnen, seidenen Faden.“ Isaé verzog unwillig ihre Augenbrauen. „Es fällt mir ehrlich gesagt etwas schwer, zu denken und zu sprechen, wenn du mir diese Dolchspitze in meine Kinnlade rammst…“ stieß sie hervor. Für einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann verengte Gawaïn seine Augen leicht, während er sie musterte. So, als hätte er sich verhört. Isaé erwiderte seinen Blick unverändert. Der Dolch befand sich noch immer unangenehm schmerzhaft tief in ihrem Kinn. Schließlich senkte er seinen Dolch und ihm entwich ein kurzes Schnauben.Und plötzlich begann er zu lachen. Es war ein ehrliches, überraschtes Lachen. Er senkte den Kopf und strich sich mit einer Hand durch den Bart „Bei allen Schatten...“ Er schüttelte den Kopf. „Die meisten Menschen flehen an dieser Stelle um ihr Leben.“ Das Lächeln wollte noch immer nicht ganz aus seinem Gesicht verschwinden. „Und du beschwerst dich über meine Art der Gesprächsführung?“ Isaé zuckte leicht mit den Schultern, soweit die Fesseln es zuließen. Gawaïn betrachtete sie einen Augenblick lang. Nachdenklich. Fast neugierig. „Entweder bist du außergewöhnlich mutig...“ Sein Blick glitt kurz zu den Fesseln. „...oder außergewöhnlich töricht.“ Er lehnte sich wieder etwas zurück. „Ich habe noch nicht entschieden, welche Möglichkeit mir besser gefällt.“ „Da mein Leben, wie du sagst, ohnehin am seidenen Faden hängt, denke ich, gibt es nichts, was ich sagen könnte, das irgendetwas daran ändert" erwiderte Isaé leise. Gawaïn schwieg. Der Dolch ruhte noch immer in seiner Hand, doch die Spitze zeigte inzwischen auf den Boden. Eine Zeit lang betrachtete er Isaé einfach nur. Als würde er versuchen herauszufinden, ob sie das tatsächlich glaubte oder ob es lediglich eine weitere Finte war. Schließlich schnaubte er leise. „Das ist Unsinn.“ Er blickte auf den Boden, sah einen kleinen Ast der unbeachtet am Boden lag und seinen Weg nicht in die Feuerstelle gefunden hatte. Er nahm ihn und warf ihn ins Feuer. „Jeder Mensch besitzt etwas, das über sein Schicksal enrtscheiden kann.“ Die Flammen leckten über das trockene Holz. „Wissen.“ Er hob einen Finger. „Oder Nutzen.“ Ein zweiter Finger. „Oder den guten Willen seines Gegenübers.“ Nun sah er sie wieder an. „Im Augenblick verfügst du immerhin über die ersten beiden.“ „Über welches Wissen sollte ich verfügen, das meinen Hals retten könnte?“ fragte Isaé geradeheraus. Gawaïn schüttelte langsam den Kopf. „Eigentlich hängt dein Leben nicht an einem seidenen Faden.“ Isaé hob den Blick und starrte ihn eindringlich an. Für einen Moment lang hegte sie Hoffnung. Seine Augen verengten sich leicht und er sprach weiter „Es hängt an Antworten.“ Für einen Moment musterte er sie schweigend. „Und daran, ob diese Antworten mir gefallen.“ Für einen Augenblick musterte er sie schweigend, als wäre die Antwort auf ihre Frage so offensichtlich, dass er sich wunderte, weshalb sie sie überhaupt stellte. Dann hob er die Hand und deutete mit dem Dolch auf sie. „Du bist mit dem Herrn von Marçien aus den Grenzlanden zurückgekehrt.“ Nun hob er die Hand hinter sich und zeigte er mit dem Dolch in die Dunkelheit hinaus. „Du wurdest bei einem Drachen aufgegriffen. Einem Drachen, von dem die Welt seit Jahrhunderten behauptet, er existiere nicht.“ Sein Blick kehrte zu ihr zurück. „Und dennoch sitzt du hier und fragst mich, über welches Wissen du verfügen könntest?“ Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Also, erzähl mir vom Herrn von Marçien. Und ob… nein… wie du mit ihm im Bunde stehst!“ Isaé spannte sich innerlich an, die Fesseln an ihren Handgelenken drückten sich schmerzhaft tief in ihre Haut. Dann atmete sie tief durch und sagte mit ruhiger Stimme. „Mein Begleiter, der Drachenreiter und ich, wir wollten die Grenzlande durchqueren. Mein Begleiter fand es unabdingbar, davor den Herrn von Marçien um seine Erlaubnis zu bitten. Wir erhielten seine Erlaubnis und einen Freibrief für die Weiterreise unter einer Bedingung: dass wir uns ihm anschließen, und mit ihm in die Grenzlande ziehen, um diese von der dortigen Geißel, Ardeth, die schwarze Hand, Hera, die heilige Hure und Istred dem eisernen Schinder, zu befreien.“ Gawaïn verzog mürrisch seine Lippen. „Das sieht dem Drecksack ähnlich. Alles an Bedingungen knüpfen. Aber gut, rede weiter!“ vollführte er eine ausladende Handbewegung mit der Dolchhand. „Nun, wir waren einverstanden, setzten einen Vertrag auf, und unterschrieben diesen.“ Gawaïn nickte nachdenklich und zupfte sich schließlich an der Lippe. „Warum wollte er, dass ihr Euch seinem Unterfangen anschließt? Man könnte denken, dass Reisende nicht unbedingt Zeit für solch ein Unterfangen haben, warum also ausgerechnet ihr?“ Isaé zuckte die Schultern und gab trotzig zurück. „Die Antwort ist so simpel, das du sie nicht stellen brauchtest. Der Drachenreiter mit seinem Drachen. Und ich, eine Hexenjägerin. Ser Tarvain sah in uns beiden eine Gelegenheit die er zuvor nicht hatte.“ „Was man so hört, hat er es schon oft versucht, diese Drei unschädlich zu machen, mit anderen Hexenjägern, doch stets scheiterte er. Was war dieses Mal anders, als er entschied, es mit dir zu versuchen, Hexenjägerin Isaé?“ fragte er sie. Isaé senkte den Blick „Ich kann das Flüstern des Flüsterholzes hören und verstehen. Dies ist eine seltene Gabe.“ Isaé hätte ihm weiß der Henker was erzählen können. Ihr war bewusst, dass es nicht klug war, ihm dies zu erzählen. Aber sie wusste auch, dass es nicht klug war, ihn zu belügen in Angelegenheiten, die er bereits wissen konnte. Vielleicht war dies alles nur eine Probe, ob sie ehrlich war. Und vielleicht entschied er, dass eine Hexenjägerin mit solch einer Gabe lebendig mehr nützte, als tot… "Ich bin ein verdammter Glückspilz, meinst du nicht auch? Ich habe in einem Augenblick einen Drachen und eine Hexenjägerin gefangen. Die Zeit wird vielleicht zeigen, ob mir das nicht noch dienlich sein kann...!"
Die Heiligtümer der Alten ❖
14.06.2026 '02:56 [3.088 Wörter]
 ies sind die letzten Worte Déons. Bewahrer der Erinnerung. Wahrsager des hohen Hauses Solthrël aus dem verlorenen Reiche Svart'ra. Dunkle Wehmut tränkt die Tinte auf diesem Pergament. Mögen die Alten sich unser erbarmen und möge die Welt sich unser erinnern. Das Wissen ist verloren. Die Menschen haben die Wahrheit vergessen und jene, die sie bewahrten verfolgt und vernichtet. Dies sind die letzten Fragmente der Erinnerung. Mögen sie niemals in Vergessenheit geraten. Als die Welt der Menschen in der Blüte ihrer Zeit war, gab es einst drei große Heiligtümer der Alten. Das Heiligtum der Abenddämmerung im Westen, das Heiligtum der Morgenröte im Osten und das große, goldene Heiligtum im Zentrum des Reiches. Der Name dieses alten Tempels ist, ebenso wie jener der alten kalathischen Herrscherlinie, nicht überliefert. Er ging verloren und geriet in Vergessenheit. Als das große Reich Kalath zerfiel, da versank der goldene Tempel in den Fluten der Schwertschneise. Das Heiligtum des Ostens, auf dem verfluchten Kontinent Jazedia, ging im Krieg der Magie verloren. Heute erinnert sich niemand mehr an diesen verlorenen Ort. Doch das Heiligtum des Westens blieb erhalten und mit seinen Büchern auch die Erinnerung an die anderen Heiligtümer. Es waren Orte des Wissens, der Weisheit und auch des Gebetes.
Das große Kaiserreich Kalath vereinte alle Menschen, aller Völker, unter einem Banner. Es vereinte die alten Wege, den Weg der Sonne und die Pfade der Dunkelheit und des Lichts. Es bewahrte die Namen der Götter, aller Herren Länder. Die Heiligtümer waren Orte der Erhabenheit. Orte der Ruhe. Orte der Macht und des Glaubens. Mit dem Untergang des Reiches ging auch die Erinnerung an die wahre Bedeutung der göttlichen Lehren verloren. Was einst eins gewesen, war nun zerfallen. Ein Glaube, zersplittert in unzählige Mosaiksplitter. Die Menschen begannen sich zu bekriegen. Für Land. Für Könige. Und im Namen ihres Glaubens. Ein Glaube, der nur ein Teil des großen, wahren Ganzen gewesen war. Ein Fragment. Die Schwarzseher sahen es als ihre heilige Aufgabe an, die Erinnerung zu bewahren. Doch ihre Feinde haben sie verfolgt. Ihre Lehren verboten und zur Blasphemie erklärt und ihr Andenken in einen Fluch verwandelt.
Das Heiligtum des Westens. Es geriet in Vergessenheit. Und dreihundert Jahre nach dem Fall Kalaths gab es niemanden mehr, der sich an das Wissen der Alten und die Schriften der Gelehrten erinnern konnte. Die erste, große Pest hatte die Landstriche entvölkert. Die Gelehrten waren gestorben und das Wissen starb mit ihnen. Ihre Bücher fielen dem Zahn der Zeit anheim und sie verrotteten in den Hallen der großen Bibliothek. Die Schwarzseher von Svart'ra haben das Wissen bewahrt. Gehütet vor ihren Feinden, verborgen vor der blinden Ignoranz, bis zu jener Zeit, da die Menschen die Wahrheit wieder erkennen würden. Eine Zeit, die niemals kam. Und so waren sie die einzigen geblieben, welche die Wahrheit wussten. Dies sind die Worte des letzten Bewahrers. Mit Trauer im Herzen schreibe ich sie nieder, wissend, dass mit meinem Tode auch dieses Wissen dem Vergessen anheimfallen wird.
Im Jahre 303 – Die Dekade der Läuterung im blauen Mond
Die Dekade ging als Zeit der Läuterung in die Geschichte ein. Priester, Fürsten und selbst das einfache Volk glaubten, die große Pest sei eine Strafe der Götter. Überall suchte man nach Schuldigen. Die alten Bräuche wurden verboten, Bücher verbrannt und jene verfolgt, die von Dingen sprachen, welche andere nicht sehen konnten. Unter den ersten Opfern waren die Schwarzseher von Svart'ra. Seit alten Tagen war es ihre Aufgabe gewesen, die Zeichen des Unheils zu deuten. Sie sahen, was anderen verborgen blieb, und warnten vor Orten, Menschen und Dingen, die vom Bösen berührt worden waren. Doch die Furcht der Menschen war größer als ihre Weisheit. Bald glaubte man, die Schwarzseher würden das Unheil nicht sehen, sondern herbeirufen. Ihre Warnungen galten als Flüche, ihre Visionen als Hexerei und ihre Lehren als Blasphemie.
So begann die Läuterung. Nicht gegen das Böse selbst, sondern gegen jene, die davor gewarnt hatten. Nach der großen Pest folgte die erste, große Hexenverfolgung. In Ariad fand sie ihren Ursprung. Häretiker und Ketzer aus Kalath wurden vertrieben. Die Angst vor der Pest schürte die Furcht vor dem Unbekannten. Die altehrwürdigen Schwarzseher aus Svart'ra flohen aus ihrer angestammten Heimat in die Grenzlande und fanden dort das verborgene und lange Zeit vergessene Heiligtum der Abenddämmerung. Gewiss war ihnen der wahre Name nicht bekannt. Nur die Toten kannten ihn und hatten ihn ins Grab mitgenommen. Er ging unwiederbringlich verloren. Als die Schwarzseher die verfallenen Hallen entdeckten, fanden sie über dem Haupttor ein einzelnes Auge in schwarzen Stein gemeißelt. So gaben sie dem Ort einen neuen Namen: Svart'rauga - Das Schwarze Auge. Und fortan wurden die Bewahrer von Svart'ra unter einem neuen Namen bekannt: Die Svart'rauga. Die Schwarzseher.
Bald schon fanden sie in den verfallenen Katakomben eine verborgene und versiegelte Kammer. Darin ruhte ein Relikt, von dem sie glaubten, Schicksal und göttliche Fügung hätten sie zusammengeführt. Ein schwarzer Stein, umhüllt von einer Finsternis, die kein Licht zu durchdringen vermochte. Doch es war kein Relikt der alten Welt. Es war etwas viel Älteres. Ein Fragment des Splitters, tief verborgen in einem Gefängnis aus Stein und alten Bannkreisen. Das Auge war ein Mahnmal. Eine Warnung. Doch die Schwarzseher sahen darin ein Omen. Einen Wink des Schicksals. Die Zeit hatte diese Kammer überdauern lassen. Doch als die Bannkreise gebrochen wurden, kroch die Finsternis aus ihrem uralten Verließ. Und verdarb die weisen Meister. Sie verloren ihren Edelmut und fielen Arroganz, Wahnsinn und der Gier anheim. Über die Jahre wurde das Heiligtum von Svart'rauga selbst zum Sinnbild des Bösen. Die Schwarzseher wurden zu dem, was sie einst zu bekämpfen schworen. Sie wurden zu dem, wovor sie die Menschen seit jeher warnten. Das Schicksal hatte sie betrogen und zu dem gemacht, was die Menschen ihn ihnen gesehen hatten. Aus Hütern der Erinnerung wurden Boten des Unheils und Diener des schwarzen Pfades. Ihr Aufstieg läutete die zweite große Hexenverfolgung ein. Ihr Untergang aber besiegelte das Schicksal des letzten großen Heiligtums der Alten. Heute erinnern nur noch zerfallene Mauern und verwitterte Steine an das, was einst war und niemals wieder sein wird. Möge das Schicksal diese Worte bewahren, so dass sie niemals in Vergessenheit geraten.
Im Jahre 947 – Die Dekade des blauen Mondes

Die Jahre der Suche waren von Entbehrungen und Rückschlägen gekennzeichnet gewesen. Der Bernsteinritter Ser Gawaïn d'Marçien war dem Flüstern eines Gerüchtes in diese entlegene Gegend gefolgt. Ein Flüstern, welches so zerbrechlich gewesen war, dass es drohte jederzeit zu zerbrechen, wie dünnes Eis unter schweren Stiefeln. Die Suche nach Daereans Siegeln hatte ihn in die Grenzlande geführt. Die Ironie des Schicksals. Er war im Dienste des Ordens so weit gereist und nun, am Ende, befand er sich nur einen Steinwurf von seiner Heimat entfernt. Er war lange durch die Moore und Sümpfe geirrt. Fast hatte er die Hoffnung schon aufgegeben. Er war in den letzten neun Jahren schon vielen Gerüchten nachgegangen, welche sich allesamt als Holzwege und Sackgassen herausgestellt hatten. Er hatte viele Irrwege beschritten auf der Suche nach dieser ominösen Ruine. Doch war ihm das Schicksal schließlich hold geblieben. Er hatte die alte Ruine gefunden. Man munkelte, ein altes Siegel läge verborgen in den verschütteten Katakomben. Gawaïn hatte seine Zweifel gehabt. Doch sein heiliger Auftrag hatte ihn schließlich an diesen Ort geführt. Und noch mehr als das. Er hatte den alten, versiegelten Raum gefunden. Der Raum war tief unter den verfallenen Hallen verborgen gelegen. Jahrhunderte hatten an ihm genagt. Die Luft war feucht und roch nach Moder, Staub und altem Stein. Gawaïn hatte die Trümmer eines eingestürzten Regals beiseitegeschoben und das Holz zerfiel unter seinen Fingern beinahe zu Staub. Alte Flaschen fielen zersplitternd zu Boden, doch dahinter war eine verborgene, steinerne Nische zum Vorschein gekommen.
Ein tönernes Gefäß war zerbrochen und darin hatten sich alte, vergilbte Pergamente befunden. Die äußeren Blätter waren längst vergangen. Einige hatten sich zu einer braunen, brüchigen Masse zersetzt. Andere zerfielen bereits beim bloßen Berühren. Die Tinte war verblasst, von Feuchtigkeit verlaufen oder völlig verschwunden. Vorsichtig hatte Gawaïn einzelne Seiten voneinander gelöst um die Worte darauf lesen zu können. Doch die meisten waren unlesbar. Auf manchen standen nur noch wenige Worte. Und jene Worte, welche er hatte entziffern können, warfen nur noch weitere Fragen auf. Worte wie Svart'rauga, Pest und Relikt. Gawaïn hatte die Seiten achtlos auf den Boden geworfen. Es hatte keinen Sinn gemacht sie weiter zu studieren. Er war kein Gelehrter und suchte keine Weisheiten. Er war nur zu einem Zweck an diesen Ort gekommen. Und in der Dunkelheit des Raumes, hatte er es gefunden. Einen schwarzen Stein, der das wenige vorhandene Licht förmlich zu verschlucken schien. Kein Bernstein. Kein heiliges Siegel. Doch dieser Stein sollte alles verändern.
Heute – Im Jahre 966 – Die Dekade der Sonne
Entaro hielt sein Schwert in beiden Händen und trat einen Schritt hervor. »Wer ist da?«, verlangte er zu erfahren, doch er erhielt keine Antwort. »Isaé? Bist du es?« Doch er erhielt wieder keine Antwort. Entaro kniff angestrengt die Augen zusammen und legte dem schwarzen Drachen seine Hand auf den Kopf. Der Drache rührte sich und ein tiefes Grollen entkam seiner Kehle. Es klang wie fernes Donnergrollen hinter den Bergen. Es erinnerte an das dumpfe Rumoren eines erwachenden Vulkans. Es war, als würde Stein auf Stein mahlen tief im Bauch der Welt.
Ein Ast brach. Nicht weit entfernt. Ein Schatten huschte durch die Dunkelheit der Nacht. Ein silbernes Schimmern blitzte im Licht der Monde auf. Und da weitete der Drache sein Maul und eine Kaskade an hellem, fast weißem Feuer, quoll aus seinem Rachen. Der Schatten flog durch die Luft und landete vor Entaro auf dem Boden. Der Bernsteinritter richtete seine Klinge auf den Mann, der vor ihm auf dem Boden lag. »Gebt euch zu erkennen.« Doch als die Gestalt den Kopf hob und Entaro in ihre Augen sah, erkannte er, dass dies kein Mann war. Eine Frau. Mit rotem Haar und grauen Augen. »Ich bin kein Feind!«, hauchte sie mit erschrockenen Augen. »Warum schleicht ihr so durch die Dunkelheit?«, verlangte Entaro mit mürrischer Stimme zu erfahren. »Ich war mir nicht sicher, ob ich euch trauen kann.«, antwortete die Frau und Entaro seufzte. Er trat einen Schritt zurück und bedeutete der Frau aufzustehen. Die ritterliche Tugend in Entaro verlangte ihr dabei eine helfende Hand darzureichen, doch sein Misstrauen behielt die Oberhand.
Die Frau erhob sich schließlich und starrte mit neugierigen, fast ungläubigen Augen, auf den schwarzen Drachen, welcher hinter Entaro lauerte. »Ich habe solch eine Kreatur noch nie gesehen.« Entaro nickte und seufzte. »Was führt euch an diesen Ort?« Sie deutete auf den Himmel. »Ich habe einen Feuerschein am Himmel gesehen.«, antwortete sie und setzte dabei ein verlegenes Lächeln auf. »Und bin ihm gefolgt.« Entaro legte den Kopf zur Seite und betrachtete die Frau mit stummen Blicken. Einen Moment lang sahen die beiden sich schweigend an, bis sie sich schließlich räusperte »Ich heiße Imoël.« Wieder lächelte sie und Entaro erwiderte dieses, wenn auch verhalten. »Mein Name lautet Entaro.« Er ersparte sich den ganzen Namen zu nennen. Solange er nicht wusste, wer diese Frau eigentlich war. »Ihr habt meine Frage beantwortet, ohne sie zu beantworten.« stellte er nüchtern fest, woraufhin sie ihn mit einem fragenden Blick bedachte. »Ihr habt einen Feuerschein am Himmel gesehen. Doch was führt euch in diese entlegene Gegend?« Sie deutete auf die große Ebene, welche hinter dem nahen Hügel lag. »Ich suche roten Bernstein. Dort in der Ebene von Arekdir.« Entaro ließ seinen Blick zum Himmel schweifen und bedachte die Frau daraufhin abermals mit fragenden Blicken. »Mitten in der Nacht?« Da entkam ihr ein kurzes, glockenhelles Lachen. »Ja. In der Nacht. Die Monde scheinen hell. Es ist eine besondere Nacht, wisst ihr?« Entaro nickte, doch er antwortete nichts darauf. Doch etwas an der Frau kam ihm seltsam vor. »Nun. Habt ihr vielleicht jemanden gesehen?« Imoël warf ihm einen vielsagenden und zugleich nichtssagenden Blick zu. »Gesehen?« Sie schien kurz zu überlegen und schüttelte dann den Kopf. »Nein. Niemanden. Wen hätte ich denn sehen sollen?« Entaro seufzte. Wenn sie niemanden gesehen hatte, machte es auch keinen Sinn mit ihr über Isaé zu sprechen. »Niemanden.«, murmelte er und seufzte abermals.
 Imoël blieb eine Weile unschlüssig stehen. Als ob sie nicht so recht wusste, ob sie nun stehen bleiben sollte, oder einfach gehen. Und schließlich räusperte sie sich, was Entaros Aufmerksamkeit weckte. »Wo ist euer Heim?«, erkundigte sich Entaro. »Wo lebt ihr?« Imoël deutete auf den Waldrand. In jener Richtung, in welcher das Licht der Monde langsam von den Schatten der Bäume umschlungen wurde. »In dieser Richtung.« Entaro nickte. »Nun. Wenn ihr möchtet, begleite ich euch ein Stück. Vier Augen sehen mehr als zwei?«, schlug sie vor und Entaro nickte. »Gewiss.« »Wen oder was suchen wir denn?« »Eine Frau. Ihr Name lautet Isaé«
Nach einer Weile des Schweigens, während die einzigen Geräusche die man vernehmen konnte, das Zirpen von Grillen, das Singen einer Nachtigall und das Knirschen von trockener Erde gewesen waren, räusperte sich Imoël. »Isaé.«, säuselte sie. »Ist das eure Gemahlin?« Entaro warf der jungen Frau einen fragenden Blick zu. »Wieso fragt ihr?«, antwortete Entaro ohne die Frage wirklich zu beantworten. Da streckte sie den Zeigefinger ihrer linken Hand aus und deutete auf Entaros linke Hand. »Der goldene Ring.« Entaro sah auf seine Hand und der Ehering von Ser Tarvain, den er als Geschenk und Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Haus Marçien erhalten hatte, schimmerte matt im Mondschein. Entaro hob seine Hand und betrachtete den Ring einen Moment lang. »Nun…« Er warf einen flüchtigen Blick auf Imoël, welche ihn mit erwartungsvollen Blicken ansah, was Entaro nur mit einem kurzen Nicken abtat. »Es ist…nichts, worüber ich sprechen möchte.« Imoël nickte doch man konnte ihr ansehen, dass die Antwort sie nicht sehr zufrieden gestellt hatte. Entaro wandte den Blick von ihr ab und die schweigende, stoische Ruhe kehrte wieder zurück. Was Entaro sehr gelegen kam. Imoël hingegen schien dieses unangenehme Schweigen eher zu bedrücken. Sie suchte immer wieder einen Weg Entaro in ein Gespräch zu verwickeln. Doch jeder Ansatz verlief sich im Sande, da der Bernsteinritter offenbar nicht in der Stimmung war mehr als einsilbige Antworten zu geben. »Ihr seid sehr schweigsam, Entaro.« Entaro antwortete darauf mit einem Nicken. »In der Ruhe liegt die Kraft.« Imoël seufzte und deutete auf den nahen Wald. »Wir sind gleich da.« Entaro hielt inne. Der Wald war düster und die langen, dürren Äste der Bäume warfen noch längere, düstere Schatten auf dem Boden. Beinahe wie seltsame, knorrige Klauen die sich in seine Richtung ausstreckten. »Ich danke euch, für eure Begleitung. Ab hier finde ich alleine zurecht.« Entaro sah die junge Frau einen Moment lang schweigend an. »Ich hoffe ihr findet eure Isaé.« Entaro ließ seine Blicke über den Waldrand schweifen. Doch er konnte weder Häuser noch andere Gestalten, die sich in den Schatten verborgen halten mochten, ausmachen. Ein wenig stutzig, wandte er sich zu Imoël um, doch die junge Frau war nicht mehr zu sehen. »Imoël?«, flüsterte er, doch er erhielt keine Antwort. Nur das laue säuseln des Windes.
Als Entaro schließlich den Wald betreten hatte, legte er dem schwarzen Drachen die Hand auf den Kopf. »Halte dich in der Dunkelheit.«, raunte er und hielt dann das Schwert in beiden Händen. Tief im Wald waren rote Lichter zu sehen. Der Lichtschein entfernter Feuer. Entaro runzelte die Stirn. War dies der Ort, an welchem Imoël lebte? Oder war dies etwas anderes? Er warf einen nachdenklichen Blick über die Schulter. Isaé war losgeeilt um dem Drachen zu suchen. Sie würde doch nicht in den Wald gehen, wenn er auf der Ebene gefallen war. Er schüttelte den Kopf. Was auch immer hier vor sich ging, es war Entaro nicht geheuer. Doch er hatte so oft nach Isaé gerufen. Wäre sie in der Nähe gewesen, dann hätte sie doch geantwortet? Vielleicht würden diese Lichter in der Ferne das sprichwörtliche Licht ins Dunkel bringen. Sein Instinkt sagte ihm, dass es nicht ratsam wäre, Isaés oder Imoëls Namen zu rufen. Doch noch mehr als das dachte er jäh an den Armbrustbolzen, welche er nahe des Drachen gefunden hatte. Ein Mensch musste diesen abgeschossen haben. Menschen entzündeten des Nächtens Lagerfeuer. Womöglich hatten diese Menschen, die dort in der Ferne waren, etwas damit zu schaffen? Hatten sie vielleicht auch, wie Isaé und auch Imoël, den Drachen gesucht? Und stattdessen Isaé gefunden? Ein mulmiges Gefühl beschlich den Bernsteinritter und er nahm das Schwert in beide Hände, während er den Drachen in die Schatten der nahen Bäume drängte. Es wäre ratsam auf den Einbruch des Tages zu warten. Dessen war er sich gewiss. Doch wenn Isaé in Gefahr schwebte, duldete dies keinen Aufschub. Er musste Gewissheit haben. Doch der Drache war zugleich sein Trumpf im Ärmel als auch eine Sorge. Immerhin hatten sie es geschafft ihn zu verwunden und er konnte nicht riskieren, dass ihnen dies ein zweites Mal gelänge.
Etwas an diesem Ort wirkte seltsam. Befremdlich. Beinahe, als ob ihn dutzende Augen beobachten würden. Plötzlich bohrte sich ein Pfeil zwischen Entaros Füßen in den Boden. Entaro wich instinktiv einen Schritt zurück. Sein Blick huschte über die Schulter, doch der Drache war nicht zu sehen. Dann huschte sein Blick in jene Richtung aus welcher der Pfeil gekommen war. Doch auch der Schütze war nicht zu sehen. Ein zweiter Pfeil landete zwischen Entaros Beinen. »Legt euer Schwert nieder!« befahl eine tiefe Stimme. »Oder der nächste Pfeil geht nicht daneben!« Entaro knirschte mit den Zähnen. Doch er ging langsam in die Hocke und legte dann seine Klinge auf dem Boden ab. Kurz darauf traten drei Männer aus den Schatten der Bäume. »Wen haben wir denn hier? Einen verirrten Wanderer?« Eine spöttische Stimme erklang. Sie klang seltsam vertraut. Eine Erinnerung an lange vergessene Zeiten. Doch als der Herr der Stimme nahe genug gekommen war, da schälte sich sein Gesicht aus den Schatten und Entaro erkannte ihn. Gawaïn. »Was führt euch an diesen entlegenen Ort in den Grenzlanden?« Entaro lächelte dünn. »Ich suche roten Bernstein.« Er dachte sich Imoëls geheimnisvolle Antwort wäre genauso gut wie jede andere auch. Gawaïn lächelte dünn. »Roten Bernstein. Hier, in den Wäldern? Ihr habt euch wahrlich verlaufen, was?« Er schnippte mit den Fingern und die anderen beiden Recken traten an Entaro heran. Einer von ihnen nahm das Schwert vom Boden auf, während der andere seine Hand auf Entaros Unterarm legte. Doch als das Mondlicht den Ring an seinem Finger verräterisch offenbarte, da starrte Gawaïn einen Moment lang, bis er sich, mit hörbar veränderter Stimme, räusperte. »Dieser Ring? Woher habt ihr den?« Entaro warf, zum zweiten Mal in dieser Nacht, einen Blick auf den Ring und seufzte. »Er war ein Geschenk.«, antwortete er woraufhin sein Gegenüber einen Schritt auf ihn zutrat. »Ein Geschenk? Von wem?« Da lächelte Entaro wissend. »Von eurem Bruder.« Und dann herrschte einen Moment lang eisiges Schweigen.
Auf ein Wort ❖
24.06.2026 '11:20 [3.319 Wörter]
 saé verlagerte ihr Gewicht ein weiteres Mal und bereute die Bewegung augenblicklich. Die Fesseln hatten ihre Handgelenke längst wundgescheuert und jedes Ziehen der rauen Stricke hinterließ ein brennendes Gefühl auf der gereizten Haut. Dennoch war regungsloses Verharren kaum angenehmer. Ihre Schultern schmerzten von der ungewohnten Haltung, ihre Beine waren längst eingeschlafen und der kalte Steinboden unter ihr wurde mit jeder verstreichenden Minute unbequemer. Gawaïn hingegen schien von alledem unberührt. Er saß ihr gegenüber, als hätte er alle Zeit der Welt, und beobachtete sie mit jener aufmerksamen Beharrlichkeit, die Isaé bereits seit Beginn ihres Gesprächs missfiel. Immer wieder wich sie seinem Blick aus, nur um kurz darauf doch wieder zu ihm hinüberzusehen. Jedes Mal traf sie auf dieselben Augen. Ruhig. Wachsam. Und jedes Mal glaubte sie ein kaum merkliches Lächeln um seine Mundwinkel spielen zu sehen, als bereite ihm genau das diebische Freude. Isaé hingegen bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Sie wusste, dass Männer wie Gawaïn Gefallen daran fanden, Angst, Zorn oder Verzweiflung in den Gesichtern anderer Menschen zu lesen, besonders in den Gesichtern jener, über die sie Macht besaßen, weil sie, so wie die Hexenjägerin, ihre Gefangenen waren. Dennoch gelang es ihr nicht immer, ihre Gedanken vollständig zu verbergen. Manchmal verengte sie leicht ihre Augen, manchmal wurden ihre Lippen ein wenig schmaler, wenn sie sie aufeinanderpresste. Und wann immer sich ihre Blicke trafen, lag für einen Herzschlag lang etwas in ihren Augen, dass sie nicht recht unterdrücken konnte. Keine Furcht. Kein Hass. Sondern die stille Verachtung einer Frau, die sich gezwungen sah, die Nähe dieses Gesetzlosen zu ertragen.
Schließlich stieß sie ein leises Seufzen aus. „Könntest du mir wenigstens die Fesseln abnehmen?“ fragte sie ihn unverwandt. Gawaïn hob fragend eine Augenbraue. „Die Fesseln?“ Isaé nickte. „Ich bin unbewaffnet. Und selbst wenn ich es nicht wäre, sitze ich mitten in deinem Lager, umgeben von Männern, die mit Sicherheit alle Waffen besitzen. Ich wüsste nicht, welche Gefahr ich unter diesen Umständen darstellen sollte.“ Gawaïn betrachtete sie einen Moment schweigend, ehe er langsam den Kopf schüttelte. „Nein.“ Dieses eine Wort kam so nüchtern und selbstverständlich, dass Isaé einen Augenblick brauchte, um überhaupt zu begreifen, dass dies bereits seine vollständige Antwort gewesen war. „Nein?“ „Nein.“ Sie atmete hörbar durch die Nase aus. „Du hältst mich offenbar für deutlich gefährlicher, als ich bin.“ Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Und du hältst dich offenbar für deutlich harmloser, als du bist.“ Isaé verdrehte die Augen. „Ich bin eine gefesselte Frau.“ „Du bist eine Hexenjägerin, die gemeinsam mit dem Herrn von Maçien aus den Grenzlanden zurückkehrte, bei einem Drachen aufgegriffen wurde und über Dinge Bescheid weiß, die ich gerne erfahren würde.“ Er lehnte sich etwas zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Verzeih mir, wenn ich daraus nicht den Schluss ziehe, dass du harmlos bist.“ Isaé ließ den Kopf kurz hängen. Mit jeder Minute wurde es schwieriger, die Schmerzen in ihren Gelenken zu ignorieren. Das unangenehme Brennen an ihren Handgelenken hatte sich inzwischen zu einem stetigen Pochen entwickelt. „Dann lockere sie wenigstens ein wenig.“ Gawaïn lächelte. „Sind sie so unbequem?“ Isaé starrte ihn an. „Möchtest du sie einmal ausprobieren?“ Zu ihrer Überraschung schnaubte er belustigt. „Nein. Ich vertraue deinem Urteil.“ Für einen kurzen Moment glaubte sie tatsächlich, er würde nachgeben. Doch stattdessen schüttelte er erneut den Kopf. „Die Fesseln bleiben.“ Isaé schloss für einen Augenblick die Augen und lehnte den Kopf gegen die kalte Mauer hinter sich. Das Feuer knackte leise zwischen ihnen und warf tanzende Schatten über die überwucherten Mauern der alten Ruine. Eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Dann hob Isaé den Blick wieder. „Der Drache…“ Gawaïn reagierte nicht sofort, doch sie bemerkte, wie seine Aufmerksamkeit sich augenblicklich auf sie richtete. „Was ist mit ihm?“ Unwillkürlich spürte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Lebt er?“ Gawaïn schwieg einen Augenblick, als müsse er sich die Antwort nicht erst überlegen, sondern lediglich entscheiden, wie viel davon er preisgeben wollte.
„Er ist tot.“ Die Worte trafen Isaé mit einer Wucht, die ihr für einen Augenblick den Atem nahm. Er ist tot. Nein! Ihr Verstand weigerte sich mit aller Macht, diese Worte anzunehmen. Nein! Sie prallten an ihr ab, als gehörten sie einem Albtraum an, aus dem sie jeden Augenblick erwachen musste. Nein! Das konnte nicht stimmen. Nein! Das durfte nicht stimmen. Nein! Schatten hatte gelebt. Sie hatte sein pulsierendes Leben unter ihren Händen gespürt. Sie hatte gesehen, wie er den Kopf hob und ihr in die Augen blickte. Er war am Leben gewesen. Der Gedanke hämmerte immer wieder durch ihren Kopf, drängte alles andere beiseite und ließ keinen Platz für Vernunft. Nein. Nein. Nein. Gawaïn musste sich irren! Er musste! Es gab keine andere Möglichkeit! Doch gerade weil sie sich mit solcher Verzweiflung an diesem einen Gedanken festklammerte, begann tief in ihrem Inneren bereits etwas zu bröckeln. Ein kalter, unerbittlicher Zweifel schob sich gegen ihren Willen in ihr Bewusstsein. Was, wenn er die Wahrheit sagte? Isaé spürte, wie ihr Magen sich schmerzhaft zusammenzog und Tränen in ihre Augen stiegen. Nein. Nicht Schatten. Bitte nicht Schatten. Denn wenn Schatten tatsächlich tot war, dann wagte sie nicht einmal sich auszumalen, was dies für Entaro bedeuten musste. Isaé zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu führen. Sie senkte den Blick, doch der jähe Schmerz, der sich in ihrem Gesicht widerspiegelte, war nicht unbemerkt geblieben. Gawaïns Augen verengten sich kaum merklich.
Isaé starrte schweigend in die tanzenden Flammen. Gawaïns Worte hallten noch immer in ihr nach und wollten doch keinen Sinn ergeben. Er ist tot. Immer wieder versuchte ihr Verstand, sich dagegen aufzulehnen, als ließe sich die Wahrheit allein durch den Willen zurückdrängen. Unwillkürlich kehrten ihre Gedanken zu jener Anhöhe unter dem Licht der Monde zurück. Sie erinnerte sich an den Flug durch die Nacht, an den kühlen Wind in ihrem Gesicht und daran, wie sie ihre Arme um Entaro geschlungen hatte, während Schatten sie lautlos über die Wolken getragen hatte. Sie erinnerte sich an seine Unsicherheit, an die Wärme seines Blickes und an jene Worte, die ihm so schwergefallen waren, obwohl sie beide längst gewusst hatten, worauf alles hinauslief. Isaé. Ich liebe... Weiter war er nicht gekommen. Noch immer sah sie den Augenblick vor sich, als stünde sie wieder dort. Das jähe Zucken seines Körpers. Das Verstummen seiner Stimme. Die Verwirrung, weil sie zunächst nicht begriffen hatte, was überhaupt geschehen war. Erst Schattens markerschütternder Schrei hatte ihr die Wahrheit offenbart. Der Feuerstoß, der den Nachthimmel erhellte. Der Sturz des Drachen. Entaro, der reglos im Gras gelegen hatte und kaum mehr Kraft gefunden hatte, den Namen seines Gefährten zu flüstern. Schatten. Isaé schloss die Augen. Sie wusste, was Entaro ihr über die Verbindung zwischen ihnen erzählt hatte. Sie wusste, dass sie weit über Treue und Gehorsam hinausging. Wenn einer von ihnen litt, litt auch der andere. Wenn einer verwundet wurde, teilte der andere seinen Schmerz. Wenn einer starb, bedeutete dies auch den Tod des anderen… Und nun hatte Gawaïn ihr gesagt, dass Schatten tot war und dies musste dann bedeuten, dass… Ihr Herz weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Doch ihr Verstand tat es längst. Wenn der Drache seinen Verletzungen erlegen war, dann musste das bedeuten, dass auch Entaro nicht mehr lebte. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn im Gras zurückgelassen hatte. Sie hatte geglaubt, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie hatte geglaubt, dass sie zuerst Schatten helfen musste, weil sie damit vielleicht auch Entaro rettete. Nun erschien ihr dieser Entschluss wie ein grausamer Irrtum. Was, wenn sie in dem Glauben fortgelaufen war, noch helfen zu können, während Entaro bereits dem Tod entgegensank? Was, wenn seine letzten Augenblicke jener Moment gewesen waren, in dem sie sich von ihm entfernte? Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Nein… Sie wollte sich nicht vorstellen, wie Entaro dort draußen gelegen hatte. Wie die Kälte der Nacht über ihn hinweggekrochen war. Wie sie nicht bei ihm gewesen und seine Hand gehalten hatte. Wie sie seine letzten Worte nicht mehr gehört hatte. Sie presste die Lider fester zusammen. Vielleicht war genau das das Grausamste.
Das Gespräch war irgendwann versandet. Isaé hätte nicht sagen können, wann genau. Vielleicht war es der Augenblick gewesen, in dem Gawaïn beschlossen hatte, dass er für diese Nacht alles erfahren hatte, was es zu erfahren gab. Oder vielleicht war ihm einfach die Lust auf Reden vergangen. Trotzdem saß er noch immer am Feuer in ihrer Nähe, als würde er sie keine Sekunde lang aus den Augen lassen wollen, während die Stunden langsam verstrichen und die Nacht sich über die Ruine legte. Das Lager war inzwischen lebendiger geworden. Männer kamen und gingen. Stimmen hallten durch die alten Mauern. Irgendwo wurde gelacht. Irgendwo debattierte man, wie es Männer gern zu tun pflegten. Der Geruch von Rauch und Fusel hing schwer in der Luft. Isaé hatte zunächst versucht, die Männer um sich herum zu ignorieren. Sie hielt den Blick gesenkt und konzentrierte sich auf das Feuer, dessen Wärme ihre Vorderseite erreichte, während ihr Rücken von der nächtlichen Kälte heimgesucht wurde. Doch mit der Zeit bemerkte sie die Blicke. Immer wieder hob jemand den Kopf und sah zu ihr herüber. Nicht lange, nicht immer auffällig. Aber oft und auffällig genug, dass es ihr nicht entging. Die Gespräche wurden leiser, oder verstummten, sobald sie länger hinsah. Es wurde gelacht und derbe oder zotige Sprüche fielen. Gawaïn schien davon keinerlei Notiz zu nehmen. Oder er nahm sie sehr wohl zur Kenntnis und entschied sich bewusst dagegen, etwas dazu zu sagen. Beides gefiel Isaé gleichermaßen wenig. Schließlich erhob sich einer der Männer von seinem Platz am Feuer und schlenderte zu ihr hinüber. Er war breitschultrig, bärtig und ihm voraus ging ein widerlicher Gestank nach Schnaps. Vor ihr blieb er stehen und betrachtete sie mit unverhohlener Neugier. „Das also ist die Hexenjägerin.“ Isaé antwortete nicht. Der Mann hockte sich vor sie und legte den Kopf schief. „Ich hab noch nie eine Hexenjägerin gesehen. Irgendwie hab sie mir größer vorgestellt. Oder anders…“ Er ließ seine Blicke über sie wandern und fragte „Tragt ihr Hexenjäger immer solche feinen Fummel? Stell mir das bei der Hexenjagd irgendwie schwierig vor…“ Einige seiner Kameraden lachten. Isaé verzog keine Miene. „Hab dich mir anders vorgestellt. Und auch hübscher.“ Das Gelächter wurde lauter. Einer von ihnen rief „Also mir gefällt sie!“ Der Mann streckte die Hand aus und hob ihr Kinn an, als wolle er ein Pferd auf einem Markt begutachten. Isaé schlug seine Hand sofort beiseite. Der Mann starrte sie einen Augenblick an. Dann begann er zu lachen. „Die hat wohl noch nicht begriffen, in wessen Lager sie sitzt.“ Wieder wurde gelacht. Isaé warf einen kurzen Blick zu Gawaïn hinüber. Er saß noch immer dort und erwiderte ihren Blick mit Gleichmütigkeit, und beobachtete sie. Diese Erkenntnis traf sie. Er würde nichts unternehmen. Der Mann vor ihr schien denselben Schluss gezogen zu haben. Er hockte immer noch vor ihr und griff nach ihrem Arm, um sie auf die Beine zu ziehen. „Komm schon. Zeig uns doch mal, ob die Geschichten stimmen.“ Isaé stemmte die Füße gegen den Boden und wehrte sich mit derselben verzweifelten Entschlossenheit einer Katze, die begriffen hatte, dass man sie gleich ins Wasser werfen würde, um sie darin zu ersäufen. „Lass mich los“ schimpfte sie. „Oder was?“ Die Männer ringsum lachten erneut. Ein zweiter war inzwischen nähergekommen. Ein dritter ebenfalls. Isaé spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie musste sich nichts vormachen. Selbst wenn ihre Hände frei gewesen wären, hätte sie gegen mehrere groß gewachsenen Männer kaum bestehen können. Nun jedoch saß sie gefesselt vor ihnen und wusste nur zu gut, wie hoffnungslos ihre Lage tatsächlich war. Der Griff um ihren Arm wurde fester. „Gawaïn hat heute Nacht jedenfalls einen hübschen Fang gemacht!“ „Auf die Beine mit ihr!“ Noch ehe Isaé begriff, wer gesprochen hatte, packte man sie unter den Armen und zog sie hoch. Ihre Beine waren vom langen Sitzen beinahe taub geworden, und da ihre Hände auf dem Rücken gefesselt waren, konnte sie das Gleichgewicht kaum halten. Sie stolperte einen Schritt nach vorn und prallte gegen die Brust eines der Männer, was diesem ein lautes Lachen abrang während er theatralisch eine Hand auf sein Herz legt. „Na sieh einer an. Sie hat sich für mich entschieden. Sie hat Geschmack!“ Das Gelächter ringsum wurde lauter. „Lass den anderen auch noch eine Chance.“ „Zu spät. Sie hat sich mir in die Arme geworfen.“ Die Umstehenden lachten mit. Isaé biss die Zähne zusammen und bemühte sich, wieder sicheren Halt unter den Füßen zu finden. Die rauen Stricke schnitten dabei schmerzhaft in ihre Handgelenke und jede Bewegung ließ die bereits wundgescheuerte Haut erneut aufbrennen. Kaum hatte sie sich gefangen, spürte sie einen Stoß gegen ihre Schulter. Es war kein harter Schlag. Eher die Art von Schubs, die ausreichte, um jemanden aus dem Gleichgewicht zu bringen, der ohnehin kaum sicher stand. Isaé taumelte zur Seite und fing sich mühsam ab. Das schien die Männer zu belustigen. Ein weiterer Stoß folgte, und noch einer. Sie wurde nicht geschlagen. Nicht ernsthaft verletzt. Und dennoch breitete sich mit jeder verstreichenden Sekunde ein immer unangenehmeres Gefühl in ihr aus. Es war die Erkenntnis, dass sie sich nicht wehren konnte. Dass sie nicht fortgehen konnte. Dass sie sich inmitten eines Lagers voller Männer befand, deren Unterhaltung sie geworden war. Einige lachten. Andere beobachteten das Schauspiel schweigend. Doch allen voran übertrumpften sich die Männer mit großen Reden. „Ich hätte sie mir größer vorgestellt.“ „Ich hätte sie mir hässlicher vorgestellt.“ Das Gelächter schwoll erneut an. Isaé antwortete nicht. Sie wusste, dass jede Erwiderung die Aufmerksamkeit nur noch weiter auf sie lenken würde. Doch auch das Schweigen half ihr wenig. Ihr Blick traf erneut Gawaïn. Vielleicht weil sie immer noch hoffte, dass der Anführer dieses Haufens irgendwann eingreifen würde. Doch Gawaïn saß unverändert am Feuer und beobachtete dieses Schauspiel. Seine Arme ruhten auf seinen Knien, während die Flammen tanzende Schatten über sein Gesicht warfen. Er wirkte weder überrascht noch verärgert. Wenn überhaupt, dann schien er das Ganze mit derselben ruhigen Aufmerksamkeit zu verfolgen, mit der er zuvor ihr Gespräch geführt hatte. In diesem Augenblick begriff Isaé, dass sie von ihm nichts zu erwarten hatte. Gar nichts.
Der Kerl, gegen welchen sie gestolpert war, trat erneut vor sie und griff nach ihrem Kinn, um ihr Gesicht anzuheben. Isaé wandte den Kopf zur Seite, doch er zog ihr Gesicht grob in seine Richtung. „Sieh mich an.“ Sein Atem roch nach Bier. Das Gelächter ringsum wurde leiser. „Gawaïn hat uns eine Metze versprochen.“ Isaé starrte den Mann an. Für einen Augenblick schien die Welt um sie herum stillzustehen. Es war nicht so, als hätte sie diese Worte noch nie gehört. Gawaïn selbst hatte sie ausgesprochen, kurz nachdem man sie gefangen genommen hatte. Damals hatte sie sie als Drohung verstanden. Als eine weitere Grausamkeit aus dem Mund eines Mannes, der Gefallen daran fand, andere einzuschüchtern. Doch nun klangen dieselben Worte plötzlich anders. Weil das Verhalten der Männer zeigte, dass sie Ernst machten. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Langsam wandte sie den Kopf und blickte zum Feuer hinüber und suchte Gawaïns Blick. Er saß noch immer reglos dort. Und für einen flüchtigen Augenblick glaubte sie sogar, ein kaum wahrnehmbares Lächeln um seine Mundwinkel spielen zu sehen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Der Mann vor ihr schien ihre Reaktion zu genießen. Er packte sie am Oberarm und zog sie näher zu sich. „Du hast mich auserwählt“, verkündete er grinsend. „Ich darf der Erste sein.“ Anschließend blickte er über die Schulter zu seinen Kameraden. „Keine Sorge. Ich lasse euch noch genug von ihr übrig.“ Das darauffolgende Gelächter hallte durch die alte Ruine. Isaé hörte es. Und zugleich hörte sie es nicht. Ihre Gedanken waren längst nicht mehr klar genug, um irgendeiner vernünftigen Ordnung zu folgen. Angst, Entsetzen und Verzweiflung hatten alles andere verdrängt. Noch immer wollte ein Teil von ihr nicht begreifen, dass dies tatsächlich geschah. Immer wieder hoffte sie, jeden Augenblick aus diesem Albtraum zu erwachen. Dass sie die Augen aufschlagen würde und sich wieder auf dem Bergfried befand. Unter dem Licht der Monde. Gegenüber Entaro. Entaro. Ausgerechnet jetzt erschien sein Gesicht vor ihrem inneren Auge. Seine ruhige Stimme. Sein vorsichtiges Lächeln. Seine unerschütterliche Anständigkeit. Dieser wunderbare Mann, der ihr Herz längst vollkommen für sich eingenommen hatte. Und mit ihm kam etwas zurück. Verzweiflung. Ihr war bewusst, dass sie nichts tun konnte. Aber niemals würde sie dem entgegentreten ohne sich zumindest gewehrt zu haben. Mit einem letzten Aufbäumen riss die Hexenjägerin das Knie hoch und traf den Mann mit aller Kraft zwischen die Beine. Ein erstickter Laut entrang sich seiner Kehle. Seine Augen weiteten sich und er krümmte sich augenblicklich zusammen, während er beide Hände zwischen die Schenkel presste. Für einen Herzschlag herrschte Stille. Dann brach ringsum schallendes Gelächter aus. Einer der Männer pfiff durch die Zähne. Ein anderer bog sich vor Lachen, ein dritter johlte. „Ich glaube, daraus wird heute nichts mehr!“ „Such dir lieber eine Heilerin!“ Das Gelächter wurde lauter. Und genau das machte alles nur noch schlimmer. Der Mann richtete sich langsam wieder auf. Sein Gesicht war rot vor Schmerz. Und vor Wut. Isaé sah den Schlag kommen. Aber sie konnte ihm nicht ausweichen. Die Ohrfeige traf sie mit solcher Wucht, dass ihr Kopf zur Seite gerissen wurde. Der Schmerz ließ ihr Tränen in die Augen treiben und für einen Augenblick verschwamm die Welt vor ihren Augen.
Das Gelächter verstummte. Nicht wegen des Schlages. Sondern wegen der Stimme, die unmittelbar darauf durch die Ruine hallte. „Hört sofort auf! Lasst sie los.“ Die Worte waren so ruhig gesprochen worden, dass sie beinahe einem zarten Windhauch glich, der durch die Ruine streifte. Und dennoch genügte sie, um das Gelächter augenblicklich verstummen zu lassen. Alle Köpfe wandten sich derselben Gestalt zu. Eine junge Frau trat durch einen Torbogen in die Halle. Unter ihrer Kapuze lugte rotes Haar hervor, nur die Farbe ihrer Augen waren im Feuerschein nicht zu erkennen. Ihre grauen Augen glitten kurz über Isaé hinweg, ehe sie bei den Männern hängen blieben. „Habt ihr nichts Besseres zu tun? Ihr benehmt euch wie Tiere!“ Niemand antwortete. Einer murmelte etwas Unverständliches. Ein anderer trat bereits wieder einen Schritt zurück. Erst jetzt fiel Isaé auf, dass selbst Gawaïn den Blick gehoben hatte. „Imoël“, sagte er. Mehr nicht. Doch die Art, wie er den Namen aussprach, genügte. Die Männer verloren schlagartig das Interesse an ihrer Gefangenen. Wie Kinder, die bei einem Streich ertappt worden waren. Murrend zogen sie sich zurück und suchten wieder ihre Plätze am Feuer auf. Die Stille, die darauffolgte, fühlte sich beinahe unwirklich an. Imoël trat näher und betrachtete Isaé einen Augenblick lang. Dann wandte sie sich Gawaïn zu. „Wer ist das?“ „Ich habe sie draußen gefunden, bei dem Drachen. Sie ist eine Hexenjägerin. Isaé, die Hexenjägerin…“ vollkündete er beinahe feierlich. Für einen Moment veränderte sich etwas in Imoëls Gesicht. Es war nur ein flüchtiger Augenblick. Ein kaum merkliches Zucken ihrer Augen, ein kurzes Innehalten. Doch Isaé bemerkte es. „Gawaïn, auf ein Wort. Wir müssen reden.“ Gawaïn zog eine Augenbraue hoch. „Müssen wir das?“ „Ja. Aber nicht hier“ Gawaïn musterte sie aufmerksam. Sie wandte den Blick von Isaé ab und sah direkt zu Gawaïn. „Gawaïn.“ Der Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. „Auf ein Wort.“ Er betrachtete sie einen Moment lang. Dann fiel sein Blick kurz auf Isaé zurück. Anschließend erhob er sich. Imoël wartete bereits nicht mehr auf ihn. Sie hatte sich umgedreht und schritt auf einen halb eingestürzten Torbogen am anderen Ende der Ruine zu. Gawaïn folgte ihr. Erst als sie außer Hörweite aller waren, blieb Imoël stehen. Der Wind strich durch die Ritzen der alten Mauern und ließ die Flammen der Fackeln unruhig flackern. „Nun?“, fragte Gawaïn. Imoël verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin jemandem begegnet.“ Gawaïn runzelte die Stirn. „Wem?“ „Jemandem, der sie sucht.“ Zum ersten Mal verschwand die Gelassenheit aus seinem Gesicht. „Erklär dich.“ Imoël sah ihm direkt in die Augen. „Auf meinem Rückweg bin ich einem Mann begegnet.“ „Und?“ „Er suchte eine Frau.“ Gawaïn sagte nichts. „Eine Frau namens Isaé.“ Er nickte verstehend. Und dann grinste er „Das wird ja immer besser.“ Dann wandte er sich um und stapfte von dannen.
Auf dem Prüfstein ❖
28.06.2026 '14:03 [3.766 Wörter]
 awaïn sah Entaro einen Moment lang nur schweigend an. Sein Blick war auf den Ring gerichtet, den Entaro am Finger trug. Ein kaum merkliches Zucken umspielte seinen Mundwinkel. Ein Anflug von Ärger und Missfallen. Ein Hauch von Melancholie mischte sich hinein. Er hob den Blick und die Gedanken, welchen ihn soeben noch beherrscht hatten, wirkten wie hinfort gewischt. Er lächelte. Kaum merklich. Man konnte meinen, er zwang sich dazu. Schließlich seufzte er. »Nun. Ihr scheint meinen Bruder zu kennen.« Entaro antwortete nicht. Noch nicht. Er musterte GawaIn mit aufmerksamen Blicken. Doch nichts in Gawaïn ließ erahnen, dass er Entaro erkennen würde. Vielleich war es wegen dem Ring, welchem er mehr Aufmerksamkeit schenkte, als seinem Träger. Entaro seufzte innerlich. Doch nach außen hin gab er sich keine Blöße. Seine grauen Augen starrten den Mann vor sich an. Er hatte sich verändert. Und doch hatte er ihn erkannt. Sein Haar war länger. Seine Miene vergrämter…härter…kälter. Doch die Augen eines Menschen veränderten sich kaum. Entaro sah in diese Augen und doch glaubte er, etwas zu sehen, dass seltsam war. Gawaïn hob schließlich den Blick und starrte Entaro nun an. Auch er schien Entaro zu mustern. Als ob er zu ergründen versuchte, wer dieser Mann wohl war. Ob er ihn schon einmal gesehen hatte. Gawaïn runzelte die Stirn und räusperte sich. Entaro hatte ihm keine Antwort auf seine Frage gegeben. Ein Umstand, den er nur mit einem müden, leicht mürrischen Lächeln abtat. Er trat einen Schritt näher an Entaro heran und starrte ihm direkt in die Augen. »Kenne ich euch?«, hob der zweite Sohn von Marçien an. Entaro regte sich nicht. Weder ein Nicken noch ein Kopfschütteln. Er stand starr und stoisch da und hielt den Blicken seines Gegenübers stand. »Ihr kennt meinen Bruder. So viele Männer kennt mein Bruder nicht.«, murmelte Gawaïn und runzelte erneut die Stirn. »Und…« Da wechselte Gawaïn die Blicke. Einer seiner Untergebenen hatte Entaros Schwert aufgehoben. Ein Funkeln bemächtigte sich seiner Iriden. Er hatte das Schwert auf Anhieb erkannt. Nicht den Besitzer selbst. Doch das Schwert. Es war unverkennbar. »Ein Bernsteinschwert.«, stellte er mit nüchterner Stimme fest und nahm die Klinge an sich. Er hob sie etwas in die Höhe. Betrachtete die Klinge. Hielt sie gegen das Licht. Die feinen Gravuren auf dem Blatt. Der kleine, schwach glimmende Bernstein, der das wenige Licht der Fackeln reflektierte. Er hob den Kopf und sah Entaro erneut an. »Ihr seid ein Ritter des Ordens.« Es war keine Frage. Nur eine Feststellung. Doch nun kniff Gawaïn die Augen zusammen und trat Entaro so nahe, dass sie nur eine Handbreit voneinander getrennt waren. »Ich kenne euch.« stellte Gawaïn schließlich fest. Doch die Erkenntnis blieb ihm verborgen. Schließlich seufzte Entaro. »Ich kenne euch ebenso. Ser Gawaïn.« Da zuckten Gawaïns Augenlider. Doch der helle Schein darin, er wollte nicht aufblühen. Entaro lächelte matt. »Es ist wohl der Bart.«, mumelte der Drachenreiter und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. »Er macht ein wenig älter…und weiser.« Da grunzte Gawaïn. Seine Augen starrten Entaro in die seinen. Und da war es. Das schwache Licht am Ende seines Geistes. »Entaro…«
Stille herrschte. Entaro konnte Gawaïns Blicke nicht lesen. Was dachte dieser Mann. Nun, da er ihn erkannt hatte. Was ging ihm nur durch den Kopf? Gawaïn runzelte die Stirn. »Es ist lange her.« Er seufzte. »Was führt euch in diese Gegend, Ser…Adun.« Gawaïns Stimme troff vor Hohn, Spott und einer unverkennbaren Verachtung. Entaro schwieg. Für einen Moment. Er hatte Gawaïn schon eine lange Zeit nicht mehr gesehen. Tarvain hatte ihm von ihm erzählt. Erst jüngst. Doch wer war dieser Mann, der da vor ihm stand. Ein gefallener Bernsteinritter. Vom Glauben abgefallen. Vom Orden verstoßen. Wie er selbst auch. Und dennoch gänzlich verschieden. Er hatte sich offen gegen den Orden gestellt. Er suchte keine Vergebung. Keine Absolution. Keine Sühne. Dieser Mann war Entaro in keiner Weise ähnlich. »Wie ich bereits sagte…«, hob Entaro mit gemäßigter Stimme an. »…Ich suche roten Bernstein.« Er sah Gawaïn mit ernsten Blicken an doch dieser schmunzelte nur und schüttelte dann den Kopf. »Wie ihr wollt, Ser Adun.« Er schnippte mit den Fingern und zwei seiner Untergebenen traten an Entaro heran. »Bindet ihm die Hände.«, befahl er mit mürrischem Ton und wandte sich dann von ihnen ab. Entaro schnaubte. Daraufhin wandte sich Gawaïn zur Seite und warf ihm einem Blick über die Schulter zu. Doch er sagte kein Wort. Er schwieg und beobachtete Entaro. »Wir könnten auf die Fesseln verzichten…«, hob Gawaïn an. »…wenn ihr mir den wahren Grund für euer Hiersein nennt. Schickt mein Bruder euch?« Ein finsterer Schatten huschte über Gawaïns Gesicht, als er die Worte gesprochen hatte. Entaro schüttelte den Kopf. »Nein. Euer Bruder schickt mich nicht.« Gawaïn schnaubte. Er schenkte Entaros Worten offenbar keinen allzu großen Glauben. »Und ich suche auch keinen roten Bernstein.« Da stahl sich ein wissendes Lächeln auf Gawaïns Gesicht. »Lügen. Nichts als Lügen. Und ihr wollt ein Bernsteinritter sein?« Da lachte der Gefallene. Ob der Ironie. Immerhin war er selbst ebenfalls einer gewesen. »Mehr, als ihr es seid.«, antwortete Entaro trotzig und herausfordernd. Gawaïns Lächeln erstarb. Er bedachte Entaro nur mit einem düsteren Blick. Entaro seufzte. »Ich suche nach…einer Frau.« Gawaïn nickte. »Isaé.«, antwortete er und Entaro hob den Blick. Seine Augen weiteten sich…nur ein wenig…doch genug, dass sein Gegenüber es erkannte. »Wir haben sie…gefunden.«, murmelte Gawaïn und bedachte Entaro dabei mit einem seltsamen, beinahe misstrauischen Blick. Als ob er etwas in Entaro suchen würde, dass er noch nicht sehen konnte. Entaro trat einen Schritt vor. »Bringt mich zu ihr.« Da lachte der Gefallene Bernsteinritter und sein schallendes Lachen hallte durch den dunklen Wald. »Nichts anderes hatte ich im Sinn. Ser Adun!«
Sie führten Entaro durch den Wald einen Hang hinauf. Hier und da konnte man einige alte, verwitterte Stufen erkennen. Dieser Pfad war einst eine Treppe gewesen. Nach und nach schälten sich mehr solcher Anzeichen aus der Dunkelheit. Eine verfallene Säule. Ein alter Grenzstein. Sie näherten sich einer alten Ruine, welche vom rötlichen Schein der Lagerfeuer erhellt wurde. Als sie die Ruine erreicht hatten, blieb Entaro einen Moment lang stehen. Er warf einen Blick über die Schulter. Als würde er nach etwas Ausschau halten, das verborgen im Wald lauerte. »Na los. Beweg dich.«, maulte der Rabauke, der ihn geleitet hatte und schubste Entaro in Richtung der Ruine. Entaro seufzte. Er hatte Schatten nicht gesehen. Doch, für den Moment eines Wimpernschlags, hatte er das Gefühl, ein güldenes Glimmen im Wald gesehen zu haben. Entaro fügte sich und setzte seinen Weg fort.
In der Ruine angekommen überkam Entaro ein Gefühl von Vertrautheit. Als ob er an diesem Ort schon einmal gewesen wäre. Etwas, oder jemand, an diesem Ort. Er konnte niemanden sehen, den er kannte. Mit Ausnahme von Gawaïn. Und er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, je an diesem Ort gewesen zu sein. Das Gefühl überkam ihn, wie ein Schauer. Als ob eine unsichtbare Stimme hinter ihm flüstern würde und der warme Hauch ihrer Stimme ihm in die Ohren kroch. Über die Haut und bis hinunter zu den Füßen. Er fühlte sich seltsam beklommen. Aber als sie ihn ins Innere der Ruine geführt hatten, da legte sich das Gefühl. Es wich einem kühlen Schauer der Erkenntnis. Welcher von einem warmen Schauer des Zorns überschattet wurde. Isaé. Sie lag gefesselt auf dem Boden. Instinktiv trat er einen Schritt auf sie hinzu, doch wurde er jäh zurückgehalten. »Isaé.« Entaros Stimme hallte durch die alte, verfallene Ruine. Doch seine Stimme weckte ihre Lebensgeister. Sie öffnete die Augen und richtete ihren Kopf in die Höhe. »Entaro.« Gawaïns Blicke huschten zwischen den beiden hin und her. Er beobachtete jede noch so kleine Regung. In ihren Blicken. In ihrer Gestik. Ihre gesamte Körpersprache verriet ihm eine Menge über die Beiden. Und er lächelte wissend. Als Entaro sich gegen die Häscher, die ihn zurückhielten zur Wehr setzte, zogen sie ihre Waffen, um Entaro in Schach zu halten. Gawaïn schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Lasst ihn zu ihr.« Die festen Hände lockerten sich. Langsam. Entaro riss sich schließlich los und trat an Isaé heran. Er ging vor ihr in die Hocke. »Isaé«, murmelte er und bedachte sie mit eingehenden Blicken. »Haben sie dich…verletzt?« Isaé schüttelte trotzig den Kopf. »Nur meinen Stolz.« Entaro seufzte und Gawaïn lachte bei diesen Worten. Es war ein kurzes, kehliges Lachen. Als ob ihn ihre Worte ehrlich amüsierten. Doch als Entaro die Fesseln entdeckte, verfinsterte sich sein Blick. »Warum ist sie gefesselt?« verlangte er zu erfahren und Gawaïn zuckte mit den Achseln. »Sie ist unsere Gefangene.« Entaro schnaubte und wandte sich wieder Isaé zu, um ihr die Fesseln zu lösen.
»Entaro!«, rief sie erschrocken. Doch es war zu spät. Kaum hatte Entaro Gawaïn und seinen Männern den Rücken zugewandt, da wurde ihm schwarz vor Augen. Ein harter Schlag gegen den Hinterkopf brachte ihn zu Fall. Er fiel bäuchlings vor Isaés Füße und nur sein flacher Atem zeugte davon, dass er noch am Leben war.
Es dauerte eine Weile, bis Entaro wieder zu sich kam. Ein rüder Schlag mit der offenen Hand riss ihn aus dem Dämmerzustand. Ein weiterer Schlag. »Aufwachen.«, befahl eine wohlbekannte Stimme. »Augen auf.« Entaro blinzelte. Sein Kopf dröhnte und der Schmerz pochte in seinem Schädel. Als er die Augen halbwegs geöffnet hatte, sah er Gawaïn vor sich. Er befand sich in der Hocke und ließ beide Hände lässig herunter hängen. »Ah, Ser Adun. Ihr seid wieder unter den Lebenden.« Er lächelte dünn. »Ihr wart ganz schön lange weg.« Er wischte sich das Haar aus dem Gesicht und richtete sich dann wieder auf. »Warum habt ihr das getan?«, verlangte Entaro zu erfahren, während er darum bemüht war sich aufzurichten. Doch ihm waren Hände und Beine zusammengebunden worden. Und so fiel es ihm schwer, sich in eine halbwegs aufrechte oder angenehme Haltung zu bringen. »Und warum haltet ihr es für nötig, uns zu fesseln?« Gawaïn schnalzte mit der Zunge. »Ich stelle hier die Fragen. Bernsteinritter.« Er deutete zuerst auf Entaro und dann auf Isaé. »Ihr beide.« Sein ausgestreckter Zeigefinger wanderte immer wieder zwischen ihnen hin und her. »Ihr verschweigt etwas. Die eine schweigt und der andere lügt.« Er verzog seinen linken Mundwinkel. »Und bis endlich die Wahrheit ans Licht gekommen ist, werdet ihr gebunden bleiben.« Entaro brummte, während er sich gegen die Fesseln gebärdete. »Ihr seid ohne Ehre. Gawaïn.« Da lachte der Angesprochene. »Was hat euch eure Ehre gebracht?« Entaro schwieg und Gawaïn deutete dieses Schweigen auf seine Weise. »Hier gibt es eine ganze Menge seltsamer Rätsel. Und mich dünkt, dass dies kein Zufall sein kann.« Er runzelte die Stirn und trat an die gebrochene Mauer heran, an welcher nun zwei Schwerter lehnten. Das seine. Und das Entaros. Er nahm Entaros Klinge in die linke Hand und seine eigene in die Rechte. Daraufhin wog er die beiden Klingen gegeneinander auf. Zwei Klingen. Einst mochten sie einander ebenbürtig gewesen sein. Beinahe als würde man das Spiegelbild einer Klinge in den Händen halten. Doch der Zahn der Zeit und das Leben als Gesetzloser hatten an Gawaïns Klinge Spuren hinterlassen. Die Klinge war gepflegt, wie auch Entaros Schwert. Es war nicht schmutzig oder schartig. Und doch konnte man Unterschiede erkennen. Der Bernstein, er war herausgebrochen. Ob Gawaïn diesen entfernt hatte, oder ob er von alleine aus der Halterung gefallen war, konnte Entaro nicht mit Bestimmtheit sagen. Wo einst der bernsteinfarbene Stein das Licht eingefangen hatte, blieb nur eine leere, dunkle Fassung zurück. Gawaïns Klinge hatte einige Kerben, welche dieser zweifellos nachträglich dem Schwert hinzugefügt hatte. Er konnte sie nicht erkennen. Doch Gawaïn hatte den heiligen Schwur der Bernsteinritter um eine Zeile erweitert. Aus einem Schwur war ein Fluch geworden. »Zwei Bernsteinritter. So fern der Heimat.«, begann Gawaïn schließlich. »Was führt euch an diesen Ort?«, verlangte er zu erfahren. Und dann trat er an Entaro heran und hielt ihm das eigene Schwert unter das Kinn. »Und dieses Mal verlange ich die Wahrheit…ansonsten…« Er lächelte mit einem beinahe gequälten Lächeln. Als ob er sich selbst nicht sicher war ob es ihm zu Gefallen oder zuwider war. Er richtete die zweite Klinge auf Isaés Brust. Setzte die Spitze genau auf ihr Brustbein an und beobachtete Entaro mit einem strafenden Blick. »Oder…« Er hielt für einen Moment lang inne und seufzte dann ernst. »…oder ich töte sie. Hier. Vor euren Augen.«
Entaro nickte. »Ich werde eure Fragen beantworten.« Entaro versuchte sich aufzurichten. Obwohl sein eigenes Schwert ihm vor der Brust hing. Gawaïn legte den Kopf zur Seite. »Dann sprecht. Seid ihr wegen mir an diesen Ort gekommen? Schickt euch mein Bruder? Der verfluchte, rote Tod!« Entaro schüttelte den Kopf und kniff dabei die Lippen zusammen. »Nein. Er…« Entaro überlegte. Ser Tarvain wusste überhaupt nichts von Gawaïns Anwesenheit in den Grenzlanden. Zumindest hatte er Entaro nichts davon erzählt. Wenn er es also wusste, dann hatte er es für sich behalten. Doch Entaro wusste, dass es äußerst unklug war, seinen Kerkermeister wissen zu lassen, dass von seinem Bruder keine Gefahr drohte. Wenn die Möglichkeit im Raum stand, dass Tarvain jederzeit anrücken konnte, würde das Entaro und Isaé in eine deutlich bessere Position bringen. Doch wie sollte er es nur am besten sagen, ohne sich dabei unnötig in Gefahr zu begeben? »Er hat uns nicht geschickt.« Da schnaubte Gawaïn. »Eine schwammige Antwort.« Entaro nickte. »Gewiss. Euer Bruder hat uns nicht an diesen Ort befohlen. Wir stehen nicht länger in seinen Diensten.« Gawaïn sah Entaro mit einem langen, schweigenden Blick an. »Aber ihr standet in seinen Diensten?« Entaro nickte. »In den Grenzlanden. Doch nun…« Gawaïn nickte. Diese Geschichte hatte er schon gehört. Doch hatte er nur von Isaé gehört. Dass Entaro dieser geheimnisvolle Dritte gewesen war, war ihm neu. Er war gewillt, seiner Geschichte Glauben zu schenken. Zumindest ein wenig. »Dann seid ihr jener Mann, von dem ich hörte?« Entaro hob die Augenbraue. Er wusste schließlich nicht von welchem Mann er gehört hatte. Er antwortete nicht darauf, denn jede Antwort würde nur ein scharfes Schwert mit zweischneidiger Klinge sein. »Jener Mann, welcher unter dem Banner Marçiens mit der Hexenjägerin Isaé gereist war.« Da nickte Entaro. Wenn er dies gehört hatte, dann sah Entaro auch keinen Sinn darin es zu leugnen. »Nun…« Gawaïn runzelte die Stirn. Doch er zog das Schwert von Isaés Brust ein wenig zurück. Gerade genug, dass es nicht mehr auf ihrer Brust lag. »Dann beantwortet mir eine Frage. Bernsteinritter…« Entaro hielt den Atem an und sah seinem gefallenen Ordensbruder dabei in die Augen. Doch dieser ließ sich damit viel Zeit. So viel Zeit, dass Entaro langsam das Gefühl gewann, er sollte eine Frage beantworten, die er noch nicht einmal gehört hatte.
Schließlich seufzte Gawaïn. »Oder sollte ich besser sagen. Drachenreiter?« Da huschte ein dunkler Schatten über Entaros Gesicht. Seine Reaktion war Gawaïn mehr als Antwort genug. »Dieser Drache.« Er deutete mit dem Schwert, welches er auf Isaé gerichtet gehalten hatte, in eine unbestimmte Richtung. In jene Richtung, in welcher er den Drachen wähnte. »War er der eure?« Entaro schwieg. Einen Moment. »Er war es…«, antwortete er. Er hatte seine Worte bewusst gewählt, damit sein Häscher glauben mochte, dass der Drache inzwischen gefallen war. Er war sein Drache gewesen. Die Vergangenheit. Nun war es nicht mehr sein Drache. Gawaïn ging nicht weiter darauf ein. Schließlich trat er einen Schritt zurück und seufzte. »Nun…langsam verstehe ich, weshalb mein Bruder sich mit euch abgegeben hat.« Ein grimmiger Ausdruck stahl sich auf sein Gesicht, als ob es ihm über die Maßen zuwider war, seinen eigenen Bruder zu erwähnen. Er schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Entaro zu. »Mir scheint ihr wirkt aufrichtig. Zumindest aufrichtig genug, mit einem Schwert an der Kehle.« Er lächelte und Entaro nickte, während er Isaé einen flüchtigen Blick zuwarf. »Unsere Anwesenheit hier, ist eine Fügung des Schicksals.«, hob Entaro an. »Eure Anwesenheit, und dieser Ort. Sie waren uns nicht bekannt.« Der Zweitgeborene von Marçien schwieg. Er legte sich sein eigenes Schwert auf die Schulter, während er Entaros Klinge einfach auf dem Boden abstellte. Seine Blicke huschten immer wieder zwischen Isaé und Entaro hin und her. »Nun. Ihr wollt, dass ich euch mein Vertrauen schenke?« Entaro hielt dem Blick des Mannes stand. Alles, was dabei half, das Vertrauen dieses fehlgeleiteten Manne zu erringen, würde Entaro nutzen. Er würde die Gelegenheit ergreifen, und dieses Spiel mitspielen. Solange, bis sich ihm ein Ausweg offenbarte. »Gewiss.«, antwortete Entaro mit ruhiger Stimme. Seine Blicke huschten durch den Raum. Ein seltsamer Schatten hatte sich über den Raum gelegt. Er konnte nicht sagen, woher dieser Schatten gekommen war. Doch für einen Moment nahm er wieder dieses seltsame Gefühl wahr, welches ihn bereits überkommen hatte, als er diese Ruine betreten hatte. Zuerst hatte er geglaubt, dass dies Isaés Anwesenheit gewesen war. Dass er sie gespürt hatte. Doch nun, da er Isaé so nahe war, dass er ihren Herzschlag hören konnte, wusste er es. Dieses Gefühl kam von etwas anderem. Etwas Verborgenen. Etwas, dass in den Schatten lauerte und sie beobachtete. Sein Blick huschte zum Rand der Ruine. Dort, wo der Schein der Flammen sich in den Schatten der Nacht verlor. Dort, wo kein Licht zu scheinen schien. Eine seltsame Gestalt. Doch kaum hatte Entaro sie entdeckt, da war sie auch wieder verschwunden. Er kniff die Augen zusammen. War dies nur ein Traum? Spielten seine Augen ihm einen Streich?
Gawaïn trat wieder hervor und räusperte sich. Ein süffisantes Lächeln umspielte seine Lippen, während er sich zu Entaro hervor beugte. »Dann verratet mir ein Geheimnis, Drachenreiter. Ein Geheimnis, dass ihr meinem Bruder nicht verraten habt und ich werde euch mein Vertrauen gewähren« Es gab so viele Geheimnisse, die Entaro hütete. Welches davon wäre es wert offenbart zu werden, ohne dabei zu viel zu offenbaren? Welches Geheimnis würde dieser verblendete Mann nur akzeptieren? Entaro seufzte. Instinktiv wusste er, welches Geheimnis ein Mann wie Gawaïn anerkennen würde. Ja sogar bewundern? »Ich…«, hob er an und räusperte sich mit einer hörbaren Verlegenheit in der Stimme. »Wir teilen das gleiche Schicksal, Ser Gawaïn.« Er runzelte die Stirn. »Wovon sprecht ihr? Erklärt euch und sprecht nicht in Rätseln.« Ein aufkeimender Groll zog sich über das Gesicht des Mannes. Entaro nickte und schlug die Augen nieder. »Mein Name ist Ser Entaro d'Adun.« Er hielt für einen Moment lang inne und hob den Blick hinauf. Zu dem Mann der ein Geheimnis von ihm erfahren wollte, dass seines Vertrauens würdig sein sollte. »Bernsteinritter.« Wieder machte er eine Pause. »Verstoßen, geächtet und verbannt. Bis zur Widerherstellung meiner Ehre, ist es mir verboten, Akadien zu betreten.« Da starrte Gawaïn Entaro an. Ein beklemmendes Schweigen breitete sich in der Ruine aus, welche nur vom Atem der Männer und dem Knistern des Feuers unterbrochen wurde. Doch dann hellte sich seine Miene auf und sein Lächeln wurde so breit, dass die Zähne im Feuerschein schimmerten. »Ach. Ist das so?« Entaro senkte den Blick. In voller Demut. Und einem Hauch von Schande. Eine Schande, welche diese beiden Männer miteinander verband. Obwohl sie so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht.
Der Bernsteinritter ließ das Schwert, welches bis dahin auf seiner Schulter geruht hatte, sinken. Ein dumpfer Klang ertönte, als es sanft auf dem steinernen Boden abgesetzt wurde. »Habt ihr gefunden, wonach ihr gesucht habt?« Entaro runzelte die Stirn. »Nun. Ihr seid hier…in Akadien.« Er machte eine ausladende Geste. »Ihr habt das heilige Land betreten. Trotz der Verbannung. Da drängt sich mir der Gedanke auf, dass ihr gefunden habt, was man euch befahl. Das Pfand eurer Gnade. Der Schlüssel zur Reinwaschung.« Gawaïn lächelte doch darin lag nur Hohn und Spott. Und eine sichtliche Verachtung. Entaro schüttelte den Kopf. »Ihr habt es mit einem Bolzen vom Himmel geschossen.« Entaro drängte sich unweigerlich eine Frage auf. Die Frage nach dem Wie. Wie hatte er es vollbracht dem Drachen diese Wunde beizubringen? Nur mit einem einfachen Bolzen? Welches Geheimnis verbarg sich dahinter? Doch er schwieg. Er wusste, dass dies nicht der rechte Zeitpunkt war, danach zu fragen. Als Entaro nichts mehr sagte, schwieg Gawaïn und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Nun. Ich würde mich ja entschuldigen. Doch…« Er zwinkerte verschlagen. »Ich bereue es nicht.« Da begann er zu lachen und im Hintergrund stimmten einige seiner Männer mit ein. »Wenn der Orden erst erfährt, dass Ser Gawaïn d'Marçien einen Drachen erschlagen hat, wird es ihn in heilloses Chaos stürzen!« Er lächelte matt und warf Entaro einen eindringlichen Blick zu. »Beinahe wäre ich geneigt euch dafür zu danken. Ser Adun.«
Entaros Blicke verdunkelten sich. »Nun. Haben wir also euer Vertrauen?« Der Mann sah die beiden Geiseln mit einem kurzen, nachdenklichen Blick an. Doch dann nickte er. »Bindet sie los.«, befahl er und wandte sich schließlich von ihnen ab. »Wir sprechen uns. Morgen. Wenn die Sonne aufgeht. Ser Adun.« Dann wandte sich sein Blick an Isaé. Diese bedachte er nur mit einem stummen Blick, bevor er sich schließlich abwandte und in den Schatten verschwand. Und zurück blieb nur dieses seltsame Gefühl. Etwas an diesem Ort beobachtete Entaro. Er konnte die Blicke auf sich spüren. Er suchte an den Wänden. Zwischen den Torbögen. Nach diesem Schatten. Doch er war nicht zu sehen. Und so wandte er sich schließlich, nachdem man ihnen die Fesseln abgenommen hatte, an Isaé. Er sah sie mit einem erleichternden Blick an. »Dir geht es gut.«, flüsterte er. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage gewesen. Doch ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er sie in die Arme und sie erwiderte es mit einem hörbaren Seufzen.
Gawaïn legte die beiden Bernsteinschwerter auf seinem Tisch ab. Er trat an einen Krug heran und schenkte sich etwas Wein in einen Becher ein. »Er verschweigt etwas.«, murmelte er. »Und dennoch schenkst du ihm dein Vertrauen?«, erklang die ruhige Stimme einer Frau hinter ihm. »Ich gewähre ihm eine Gelegenheit.« »Eine Gelegenheit?« Gawaïn nickte. »Eine Gelegenheit sich zu beweisen. Du hast es gespürt, nicht wahr?« Imoël schwieg. Doch ihr Schweigen war Gawaïn Antwort genug. »Du musst es doch wissen. Du bist an diesen Ort gebunden. Du musst es fühlen. Sein Glaube. Ist er stark? Oder ist er…« Imoël wusste, welche Antwort Gawaïn hören wollte. Dass Entaro schwach war. Im Glauben. Gefallen, wie er. Doch Sie wusste die Antwort nicht. Sie hatte in Entaros Herzen etwas anderes gesehen. Sorge. Hoffnung. Liebe? Doch auch Zweifel. Waren dies Zweifel an Daerean? Oder zweifelte er nur an sich selbst? »Ich kann es dir nicht sagen.«, anwortete Imoël und verstummte. Als Gawaïn sich harsch zu ihr umwandte, um ihr in die Augen zu schauen, da war sie wieder eins mit den Schatten geworden und einfach verschwunden. »Ich hasse es, wenn sie das macht.«, brummte er und spuckte grimmig auf den Boden. »Wir werden ja sehen, wie es um euren Glauben steht. Ser Entaro Adun. Wir werden es sehen.« Und dann trank er den Wein in einem Zug aus und knallte den Kelch auf den Tisch.
Gefangene ohne Ketten ❖
12.07.2026 '07:49 [2.630 Wörter]
 iner der Männer trat an Isaé heran. Isaé musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, wer es war. Es war derselbe schmierige Kerl, der sie wenige Augenblicke zuvor an sich gerissen und vor seinen Kameraden verkündet hatte, sie habe ihn auserwählt. Während er sich hinter sie stellte und mit seinem Messer die Stricke durchschnitt, ließ er sich Zeit. Seine Finger streiften ihre Handgelenke länger, als es nötig gewesen wäre, und als sie sich unwillkürlich versteifte, verzog sich sein Mund zu einem selbstgefälligen Grinsen. Isaé würdigte ihn keines Blickes. Sie starrte stumm geradeaus, bis er schließlich lachend von ihr abließ und den anderen folgte. Erst als der letzte der Männer die Halle verlassen hatte und auch Gawaïns Schritte in den Schatten verklungen waren, wagte sie es, sich zu rühren. Langsam zog sie die Hände nach vorn. Kaum waren sie frei, schossen stechende Schmerzen durch ihre Handgelenke. Vorsichtig strich sie mit den Fingerspitzen über die aufgescheuerte Haut. Die tiefen Abdrücke der Stricke brannten noch immer, und dennoch war es nicht allein der Schmerz, der ihre zögernden Bewegungen bestimmte. Eine seltsame Unsicherheit hatte von ihr Besitz ergriffen, als könne sie kaum glauben, dass die Fesseln tatsächlich verschwunden waren und niemand sie im nächsten Augenblick wieder grob herum reißen würde. Da wandte Entaro sich ihr zu. Seine grauen Augen ruhten auf ihr, erfüllt von einer Erleichterung, die er kaum zu verbergen vermochte. „Dir geht es gut“, sagte er leise. Noch ehe Isaé etwas erwidern konnte, trat er auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Isaé schlang beide Arme um ihn und hielt ihn fest. So fest, als könne sie allein durch ihre Umarmung verhindern, dass das Schicksal ihn ihr ein zweites Mal entriss. Er lebte! Und das allein war in diesem Moment mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. Die lähmende Angst, die sie seit ihrer Gefangennahme fest gepackt hatte, begann endlich ihren Griff zu lockern. Und auch, weil sie zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme wieder das Gefühl hatte, nicht mehr allein zu sein. Nur langsam ließ sie ihn wieder los. Kaum war ein wenig Abstand zwischen ihnen, wurde ihr bewusst, wie selbstverständlich sie sich in seine Arme geflüchtet hatte. Für einen flüchtigen Augenblick stieg ihr Wärme in die Wangen. Noch nie zuvor hatte sie einen Mann auf diese Weise an sich herangelassen. Und dennoch hätte sie sich keinen Ort auf der Welt vorstellen können, an dem sie sich in diesem Augenblick lieber befunden hätte. Doch der Gedanke verflog beinahe ebenso rasch, wie er gekommen war. Ihre Augen suchten Entaros Gesicht und sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. „Mein... Großer...“, begann sie vorsichtig. „Bitte sag mir, dass Gawaïn gelogen hat.“ Einen Herzschlag rang sie mit den Worten. „Als ich bei ihm war, lebte er noch. Und er wirkte nicht schwach! Ich habe den Bolzen aus seiner Wunde gezogen... ich wollte sie versorgen, aber dann kamen sie. Wenn er doch gestorben ist, weil er danach zuviel Blut verloren hat, dann.. ." Ihre Stimme brach beinahe. „Bitte... sag mir, dass er nicht tot ist.“ Entaro nickte. “Er lebt.” “Wirklich? “ Erneut nickte er. “Ich war bei ihm, er lebt.“ Isaé schloss für einen Augenblick die Augen und ließ die Worte auf sich wirken. Als sie den Blick wieder hob, begegnete sie Entaro mit einem glücklichen Lächeln, das sie nicht länger zurückhalten konnte.
Isaés Lächeln verblasste allmählich. Ihr Blick glitt an Entaro vorbei dorthin, wo Gawaïn eben noch gestanden hatte. Eine Weile schwieg sie, als müsse sie ihre Gedanken erst ordnen. „Er...“, begann sie schließlich leise. „Er ist wirklich Ser Gawaïn d'Marçien? Tarvains Bruder?“ Entaro nickte. „Ja.“ Isaé schwieg erneut. Noch immer wollte ihr der Mann, den sie kennengelernt hatte, nicht mit diesem Namen zusammenpassen. Der Gedanke ließ ihr keine Ruhe. „Er benimmt sich nicht wie ein Ritter.“ Entaro folgte ihrem Blick. „Nein.“ „Und doch trägt er den Titel Ser.“ „Mit Recht.“ Isaé runzelte die Stirn und sah ihn fragend an. Erst nach einem kurzen Augenblick antwortete Entaro. „Er ist ein Bernsteinritter.“ Für einen Moment glaubte Isaé, sich verhört zu haben. Ein Bernsteinritter. Unwillkürlich sah sie wieder zu der dunklen Öffnung, in welcher Gawaïn verschwunden war. Vor ihrem inneren Auge standen zwei Männer nebeneinander. Entaro. Und Gawaïn. Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Der eine stellte sein eigenes Leben hinter das anderer. Der andere schien Gefallen daran zu finden, Menschen leiden zu sehen. „Das...“, flüsterte sie ungläubig. „Das kann ich mir nicht im Geringsten vorstellen…“ Isaé begriff plötzlich, dass sie bislang geglaubt hatte, Entaro sei das Maß dessen, was einen Bernsteinritter ausmachte. Nun wurde ihr bewusst, dass derselbe Schwur offenbar zwei Männer hervorgebracht hatte, die gegensätzlicher kaum hätten sein können. Sie hob langsam den Blick. „Wie konnte aus einem Bernsteinritter ein Mann wie Gawaïn werden?“ fragte sie leise. “ „Er ist Abschaum...“ brummte sie anschließend.
Die Worte waren kaum verklungen, als hinter ihnen langsame Schritte erlangen. Isaé und Entaro wandten sich gleichzeitig um. Aus dem Halbdunkel trat einer der Gesetzlosen hervor. Es war nicht derselbe schmierige Kerl wie zuvor, sondern ein älterer Mann mit schütterem Bart und einer auffallend schiefen Nase. Offenbar hatte er ihre letzten Worte mitangehört, denn um seine Mundwinkel spielte ein belustigtes Grinsen. Er blieb wenige Schritte vor ihnen stehen und neigte den Kopf in einer übertrieben höflichen Geste. „Ser Gawaïn d’ Marçien lässt ausrichten, dass er sich für seine mangelnde Gastfreundschaft entschuldigen lässt.“ Isaé hob ungläubig eine Augenbrauen. Der Mann ließ sich von ihrem Blick nicht beirren. „Für seine Gäste wurde bereits eine Unterkunft hergerichtet.“ Er streckte den Arm aus und vollführte mit gespielter Höflichkeit eine einladende Bewegung. „Wenn ich bitten dürfte.“ Isaé warf Entaro einen kurzen Blick zu. Unterkunft? Mitten in einer halb verfallenen Ruine? Misstrauen regte sich in ihr, doch eine Wahl schien ihnen ohnehin nicht zu bleiben. Schweigend folgten sie dem Mann. Er führte sie über den verwilderten Burghof, auf dem zwischen geborstenen Steinplatten hohes Gras wuchs. Das Lagerfeuer blieb hinter ihnen zurück, bis nur noch sein rötlicher Schein über den Mauern flackert. Schließlich erreichten sie einen Torbogen unterhalb des alten Wehrgangs. Dahinter begann ein schmaler Gang, dessen feuchte Steinwände lediglich von einer einzelnen Fackel erhellt wurden. Ihr flackerndes Licht warf lange Schatten über den Boden und ließ den Korridor noch kleiner und enger erscheinen, als er ohnehin war. Am Ende des Ganges reihten sich mehrere schwere Holztüren aneinander. Der Alte blieb vor einer von ihnen stehen. Mit einem knappen Griff stieß er die Tür auf und trat einen Schritt zur Seite. Erneut machte er jene übertrieben höfliche, beinahe spöttische Handbewegung. „Bitte, nach Euch!”

Isaé blieb einen Augenblick reglos auf der Schwelle stehen. Sie hatte mit vielem gerechnet. Mit einem feuchten Verlies. Mit Modergeruch und rostigen Eisenringen in den Wänden. Doch gewiss nicht mit diesem Raum. Offenbar hatte es sich einst um das Wachzimmer der alten Festung gehandelt. Dicke Steinmauern, eine niedrige Balkendecke, deren dunkles Holz vom Rauch der Feuerstelle, die allerdings stillgelegt aar und von zahllosen Jahren geschwärzt worden war. Eine einzelne Fackel steckte in einer eisernen Wandhalterung und tauchte den kleinen Raum in warmes, flackerndes Licht. An der Wand stand ein schmaler Tisch, ein einzelner Schemel und ein tönernes Wassergefäß mit einem Becher daneben. In einer Ecke hatte man Stroh aufgeschüttet und mit einem groben Leinentuch bedeckt. Zwei dicke Wolldecken lagen sorgfältig zusammengefaltet darauf. Mehr schien man für diese Nacht nicht vorgesehen zu haben. Es war weder gemütlich noch einladend. Und doch unterschied sich dieser Raum grundlegend von dem Kerker, den Isaé erwartet hätte. Der Alte wartete, bis auch Entaro eingetreten war. Dann trat er hinaus und zog er die schwere Holztür hinter ihnen zu. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie ins Schloss, dann scharrte ein Riegel. Seine Schritte verklangen langsam auf dem Gang bis sie nicht mehr zu vernehmen waren. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann trat Entaro an die Tür, legte die Hand auf das schwere Holz und drückte langsam dagegen. Nichts. Nicht einmal einen Fingerbreit bewegte sie sich. Er ließ die Hand wieder sinken. Isaé sah ihn fragend an. Doch Entaro musste nichts sagen. Es war offensichtlich.
Isaé schwieg lange. Sie ließ den Blick durch das ehemalige Wachzimmer schweifen, ohne den Raum wirklich wahrzunehmen. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu den vergangenen Stunden zurück. Zu Gawaïn. Zu seinen Worten. Zu seinem Blick. Zu jenem kaum merklichen Lächeln, das niemals ganz aus seinem Gesicht zu weichen schien. Schließlich hob sie langsam den Kopf. „Ich verstehe diesen Mann nicht. Zuerst drohte er mir mit dem Tod.“ Ihre Stimme war ruhig geworden, doch ein grollender Unterton schwang mit. „Dann erklärte er mir mit derselben Gelassenheit, ich könnte aber auch die Metze von ihm und seiner Männer werden.“ Der bloße Gedanke daran ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Er spielte mit meinem Namen, stellte Fragen, deren Sinn ich bis jetzt nicht begreife, und schien jede meiner Regungen zu beobachten, als suche er darin nach etwas, das nur er erkennen konnte.“ Sie verstummte einen Moment. Vor ihrem inneren Auge sah sie wieder die Männer vor sich. Das höhnische Gelächter. Die gierigen Blicke. Die groben Hände, die sie gepackt und zwischen sich hin- und hergerissen hatten. Der Kerl, der zudringlich geworden war und dem sie ihr Knie zwischen die Beine gerammt hatte. Unwillkürlich strich sie mit den Fingerspitzen über ihre Wange. „Er saß einfach da“, sagte sie leise. „Er hätte nur ein einziges Wort sagen müssen, und seine Männer hätten augenblicklich von mir abgelassen. Stattdessen sah er zu.“ Für einen flüchtigen Augenblick senkte sie den Blick. „Ich verdanke es einzig dieser Frau...“ Sie hielt inne. „...der Rothaarigen. Wäre sie nicht zufällig in diesem Augenblick zurückgekehrt und dazwischengegangen...“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Sie musste es auch nicht. Die Stille sprach deutlicher als jedes Wort. Erst nach einer Weile hob sie den Blick wieder zu Entaro. „Und nun das.“ Langsam ließ sie den Blick durch den Raum wandern. „Er lässt uns die Fesseln abnehmen. Bringt uns nicht in einen Kerker, sondern in dieses Zimmer. Stellt Wasser bereit. Decken. Fast scheint es, als wolle er sich um unser Wohlergehen bemühen. Und dennoch dieser Raum ein Gefängnis.” Ein bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen und verschwand ebenso rasch wieder.
Isaé blieb noch einen Augenblick reglos stehen. Erst jetzt bemerkte sie das unangenehme Brennen an ihren Handgelenken. Als sie die Arme leicht bewegte, rieben die Ärmel ihres Kleides über die aufgescheuerte Haut. Mit einer leisen Grimasse krempelte sie den Stoff ein wenig zurück und betrachtete schweigend die blutigen Striemen, welche die Stricke hinterlassen hatten. Unwillkürlich glitt ihr Blick an sich hinab. Wie fremd ihr dieses einfache Kleid plötzlich vorkam. Zum ersten Mal, seit sie es angezogen hatte, wünschte sie sich ihre alte Kleidung zurück. Die schwarze Kleidung der Hexenjäger. Für eine Frau eigentlich unangemessen, weil es hauptsächlich Männerkleidung war. All jene Dinge, die sie jahrelang wie selbstverständlich getragen hatte. Nie zuvor war ihr bewusst geworden, wie viel Sicherheit sie ihr gegeben hatten. Für einen flüchtigen Augenblick kehrten ihre Gedanken zu jenem Abend zurück, der ihr nun wie das Echo eines anderen Lebens erschien. Noch vor wenigen Stunden hatte sie mit Entaro auf Schattens Rücken den Himmel durchquert. Sie hatte den Wind gespürt, die Monde über sich gesehen und geglaubt, das Schicksal meine es endlich einmal gut mit ihnen. Entaros leise Stimme. Daran, wie schwer ihm jedes Wort gefallen war und wie nahe er doch dem Geständnis gewesen war, das sie beide längst in ihren Herzen kannten. Wie grausam schnell sich alles gewandelt hatte. Langsam trat sie zu Entaro. „Ich hatte furchtbare Angst um dich“, sagte sie leise. Ihre Augen begegneten den seinen. „Die Männer sprachen davon, Schatten sei tot. Und weil du mir erzählt hattest, dass euer Leben miteinander verbunden ist...“ Sie verstummte einen Augenblick. „...dachte ich...“ Die letzten Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen. „Mein Verstand sagte mir, dass es unter diesen Umständen gar nicht anders sein konnte.“ Sie senkte den Blick. „Ich wollte es nicht glauben. Mein Herz hat sich mit aller Kraft dagegen gewehrt.“ Eine Weile schwiegen sie beide. Schließlich griff Isaé behutsam nach seiner Hand. Ihre Finger schlossen sich wie selbstverständlich um die seinen, ehe sie ihn sanft mit sich zog. „Komm.“
Gemeinsam gingen sie zu dem einfachen Strohlager hinüber und setzten sich nebeneinander auf die groben Leinentücher, während das flackernde Licht der Fackel schweigend über die alten Mauern der verfallenen Festung tanzte. „Als wir dort oben standen...“ begann sie „...und du mir etwas sagen wolltest… aber Schatten getroffen wurde.. .“ Sie sah zu Entaro hinüber und begegnete seinem Blick. Und ärgerte sich in diesem Augenblick über ihre eigene Unbeholfenheit. “Ich wollte dich nicht alleine lassen. Ich wollte bei dir bleiben. Aber ich wollte auch zu Schatten… Ach, wie man es auch dreht und wendet, es war wohl nicht richtig… “ Das flackernde Licht der Fackel tanzte über die alten Steinmauern, während ihre Gedanken noch einmal zu jenem Abend unter dem Licht der Monde zurückkehren. „Weißt du...“, begann sie schließlich leise. „Manchmal habe ich das Gefühl, das Schicksal zieht uns jedes Mal wieder auseinander, sobald wir gerade dabei sind, aufeinander zuzugehen.“ Sie lächelte traurig. „Jedes Mal, wenn wir einander ein Stück näherkommen... geschieht etwas.“ Sie senkte den Blick. „Fast könnte man glauben, es sollte einfach nicht sein.“ Einen Augenblick schwieg sie. Dann hob sie den Kopf wieder. „Vielleicht kann uns beide das Schicksal auch einfach nicht leiden…“ Sie räusperte sich und eine Beklommenheit erfasst ihr Inneres. „...sonst würde es nicht ständig einen Stein in den Weg legen… Aber angenommen, man würde denken, das Schicksal ließe dich heute ausreden Sie zuckte leicht die Schultern und ließ den Blick zur Tür wandern „Dann würde im nächsten Augenblick doch ganz bestimmt diese Tür aufgerissen werden.“ Sie deutete mit einem kaum merklichen Nicken auf die alten Balken über ihnen. „Oder die Deckenbalken kämen auf uns herab.“ Nun musste sie leise lachen. „Oder vielleicht würde gleich die ganze Ruine über uns zusammenstürzen.“ Sie sah Entaro wieder an „Vielleicht würdest du aber auch sagen...“ Sie räusperte sich, herstellte ihre Stimme und bemühte sich, seine ruhige, nüchterne Art nachzuahmen. „‚Isaé... dies ist nicht der richtige Zeitpunkt.‘“ Nun lächelte sie ihn offen an. „Und ich würde dich fragen...“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Welcher wäre denn der richtige Zeitpunkt... Wenn selbst der sorgfältigst gewählte Augenblick am Ende offenkundig auch nicht der richtige gewesen ist?“
Isaé schwieg einen langen Augenblick. Dann drehte sie sich langsam auf dem einfachen Strohlager zu ihm um. Während die Fackel ihr warmes Licht über das alte Gemäuer warf und ihre dunkelblauen Augen warm aufleuchten ließ, sah sie ihn schweigend an. In ihrem Blick lag nichts Herausforderndes, nichts Berechnendes. Sie sah ihn mit jenem sanften Blick an, der ihr ganz eigen war. Ein Blick, der weder locken noch verführen wollte, sondern einfach ausdrückte, was ihr Herz längst empfand. Ganz langsam rückte sie ein wenig näher. Nicht weit. Nur gerade so weit, dass sie glaubte, er könne die Unsicherheit ebenso erkennen wie den Mut, den sie gerade mühsam zusammennahm. „Ich glaube nicht, dass es den richtigen Zeitpunkt überhaupt gibt“, sagte sie leise. Ihr Blick löste sich keinen Augenblick von dem seinen. „Man wartet immer darauf, dass alles passt. Dass man endlich ungestört ist. Dass keine Gefahr mehr droht. Dass niemand einen unterbricht.“ Ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Und jedes Mal geschieht etwas.“ Sie dachte erneut an jene wenigen Worte, die Entaro unter dem Licht der Monde nicht mehr hatte vollenden können. Behutsam hob sie eine Hand und legte sie auf seine. „Vielleicht gibt es gar keinen richtigen Zeitpunkt“, murmelte sie. „Vielleicht gibt es immer nur den einen Augenblick, den wir gerade haben. Und vielleicht müssen wir aus jedem Augenblick das Beste machen… “ Sie hielt kurz inne. Sie hätte niemals gedacht, dass sie, als Entaro sie zu diesem Flug auf dem Drachen mitgenommen hatte, da landen würde, wo sie nun waren. „Denn niemand von uns weiß, was im nächsten Moment geschieht.“ Noch immer sah sie ihn an. Mit einer Sanftheit, die all das aussprach, wozu ihr selbst noch die Worte fehlten.
Das Licht Daereans ❖
15.07.2026 '03:12 [3.456 Wörter]
»Der Glaube...
er Glaube an das Licht Daereans ist kein Versprechen den Tod zu besiegen. Er ist ein Glaube der Erinnerung und der Bewahrung. Daerean der Bewahrer erschuf den heiligen Bernstein um den Menschen die Erinnerung an ihre Ahnen zu bewahren. Der Bernstein ist kein Gefängnis um die Toten zu binden. Kein Gefäß um die Seele zu fesseln. Es ist ein Geschenk an die Lebenden, um sich derer zu erinnern, die nicht mehr sind. Nicht jeder Seele ist es bestimmt im ewigen, goldenen Schein bewahrt zu werden. Jenen, die rechtschaffen, tugendhaft, ehrbar und voller Demut ihren Lebensweg beschritten haben, mag Daerean die Gnade der Bewahrung schenken. Der Bernstein ist ihr Zeichen unter den Lebenden. All Jenen, welchen die Bewahrung verwehrt blieb, wird die Möglichkeit gegeben, in ihrem nächsten Leben ein würdigeres Leben zu führen. Ein Leben im Glauben. Ein Leben, unter dem Licht Daereans. Eine Erinnerung, welche die Zeit überdauert. Eine Erfüllung. Der Sinn des Lebens. Wer bewahrt wird, wird zum stillen Licht der Suchenden, der Wandelnden und der Verlorenen. Daerean wacht über jene, die seinen Namen voller Ehrfurcht sprechen. Er schützt all jene, die in seinem Namen dem Licht des Bernsteins folgen. Die Bewahrten leiten all jene, welche den ewigen Kreis aufs Neue beschreiten, um sie zu erleuchten, um sie zu erinnern und zurück zu Daereans Wahrheit zu führen.
Die Verfehlungen der Vorväter sind nicht nur eine Schuld des Blutes. Sie sind ein Makel. Ein dunkler Schatten, welcher der Seele anhaftet und Daereans Licht zu trüben vermag. Die Bewahrer leiten und die Wandernden folgen. Daerean nimmt sie in den großen Strom der Welt auf. Was rein wurde, kehrt heim. Was mit Makeln behaftet, was unvollendet blieb, wird einst wieder ein Teil des ewigen Kreises werden, bis Herz und Geist ihren Frieden gefunden haben. Darum fürchtet den Tod nicht. Solange die Erinnerung am Leben gehalten wird, solange es jemanden gibt, der sich erinnert, solange werdet ihr nicht verloren sein. Fürchtet nicht den Tod. Nur das Vergessen.
Wenn die Priesterinnen den Tanz beginnen, so tanzen sie nicht gegen den Tod. Sie begleiten den Wandel. Die Seele dürstet nach dem Lichte Daereans und den Erinnerungen der Menschen. Der heilige Tanz im Rauch des glosenden Bernsteins. Jeder Schritt erinnert Daerean daran, dass eine Seele nach seiner Obhut ruft. Und er führt uns. Ob in die Bewahrung oder in das nächste Leben. Lobet und preiset Daerean. Seiner Gnade und seines Schwures wegen, wird keine Seele, die seinem Wege folgte, vergehen oder in Vergessenheit geraten. Leben. Es vergeht nicht, sondern wandelt nur seine Gestalt. Und solange das Licht durch Bernstein fällt und Daereans Name in Ehrfurcht gesprochen wird, bleibt die Erinnerung bewahrt.
Dies ist sein Versprechen. Und im Bernstein finden wir die Antwort. Auf unsere Fragen nach dem Sinn des Lebens. Der Sinn des Lebens ist nicht der Tod, es ist die Erinnerung. Darum fürchtet den Tod nicht, denn er ist nicht euer Feind. Fürchtet nur das Vergessen, denn es will alles was ihr wart, zerstören und jedwelche Erinnerung an euch zu Staub zerfallen lassen. Erinnerung nährt das Licht, und das Licht weist den Wanderern den rechten Pfad. Viele Wege öffnen sich vor den Sterblichen. Manche sind gerade, manche verschlungen und voller Verlockungen, manche scheinen dunkel zu sein, und doch führen sie am Ende ins Licht. Der Weise wählt seinen Weg nicht nach seiner Leichtigkeit, sondern nach dem Licht, das ihn begleitet. Es werden Tage kommen, an denen selbst die Gläubigen das Licht nicht mehr erkennen. Nebel werden ihre Augen verhüllen, und Stimmen werden ihnen zuflüstern, es gäbe ältere Wahrheiten, leichtere Wege oder größere Mächte. Hüte dich vor jenen Stimmen, denn sie nähren sich vom Hunger des zweifelnden Herzens.
Nicht jeder Zweifel ist Verfehlung. Wer fragt, sucht. Wer sucht, kann finden. Doch wer den Zweifel zu seinem Herrn macht, verliert den Blick für das Licht und hält schließlich jede Lüge für die Wahrheit. Denn die tiefste Finsternis ist nicht jene, in der kein Licht mehr brennt. Sie ist jene, in der ein Mensch glaubt, das Licht selbst sei eine Lüge. So halte den Bernstein nicht als Versprechen in deinen Händen, sondern als Erinnerung. Nicht der Stein bewahrt die Seele. Nur Daerean allein vermag dies zu vollbringen. Der Stein erinnert den Lebenden daran, dass Hoffnung größer ist als Gewissheit und dass selbst der längste, finsterste oder verlorenste Weg einst wieder ins Licht zurückführen kann.
Fürchte nicht die Dunkelheit. Fürchte nicht den Abgrund. Gräme dich nicht deiner Zweifel wegen. Nicht deine Zweifel sind dein Untergang, sondern dein mangelnder Wille diese zu überwinden. Wer durch Zweifel nach Wahrheit sucht, steht dem Licht Daereans näher als jener, der ihm blind durch die Dunkelheit zu folgen glaubt. Das Licht ist immer und allgegenwärtig. Denn es brennt in deinem Herzen. Verschließe dein Herz vor der Wahrheit Daereans und deine dunkelste Stunde wird geschlagen sein. Daerean ist das Licht. Daerean ist die Wahrheit. Daerean ist der Hüter. Der Hüter der Seelen. Der Hüter der Wahrheit und der Erinnerung und der Bewahrer allen Lebens. Im Diesseits, wie im Jenseits.«
»Wie konnte aus einem Bernsteinritter ein Mann wie Gawaïn werden?« Isaés Worte hingen unheilschwanger und fragend in der Luft. Entaro seufzte. »Er ist verblendet und fehlgeleitet. So ergeht es vielen Brüdern, wenn sie das Licht Daereans in der Wildnis verlieren.« Isaé rümpfte die Nase und verzog verächtlich den Mundwinkel. »Er ist Abschaum.« Da lächelte Entaro dünn. »Das kann man wohl so sagen. Und dennoch…« Er hielt einen Moment lang inne. »…bin ich schon weitaus schlimmeren Männern begegnet.« Isaé sah ihn daraufhin beinahe verdutzt an weshalb Entaro sanft den Kopf schüttelte. »Aber keiner von ihnen war einst ein Bernsteinritter gewesen. Seine Verderbnis ist gänzlich anders…schwerwiegender.« Entaro seufzte.
Schweigend folgten Isaé und Entaro dem Knecht Gawaïns. Das spärliche Licht der Fackel erleuchte die Ruinen um sie herum. Doch der Weg vor ihnen, wie auch jener, der bereits hinter ihnen lag, war von Schatten umschlungen und lag in tiefer Dunkelheit. Sie gingen schweigend. Nur das Hallen ihrer Schritte, das Knirschen von Geröll und Kieseln unter ihren Stiefeln, und das flackernde Knistern der Fackel durchzogen die Stille der Nacht. Kein Vogel war zu hören, und kein Wind heulte durch die alten Gemäuer. Es schien, als ob dieser Ort von allen guten Geistern verlassen zu sein schien. Sie durchschritten einen alten Torbogen und tauchten hinab in die gähnende Finsternis der Ruine, welche einst, in stolzeren und lange vergessenen Tagen ein Zeichen von Wohlstand oder Wehrhaftigkeit gewesen war. Doch davon war nichts mehr übriggeblieben. Nur Schutt, Verfall und die unausweichlichen Spuren des Zahns der Zeit.
Ihre Schatten, die vom Licht der Fackel gegen die alten Wände des Ganges geworfen wurden, krochen langsam hinter ihnen her. Wie Ratten, die sich in den Ecken tummelten und Pech, welches langsam die Wände empor lief, als ob die Welt auf dem Kopf stünde. Schließlich erreichten sie eine alte, hölzerne Tür. Sie war mit Eisenbändern beschlagen und trotz des Alters der Ruine haftete ihnen etwas an, als ob sie nicht an diesen Ort gehören würde. Die alte Tür war nicht so alt wie sie schein. Aber nichtsdestotrotz quietschten die Scharniere, als die Türe, über den Boden kratzend, geöffnet wurde. »Bitte, nach euch.« Der Alte deutete sogar eine spöttisch Verbeugung an während er Isaé und Entaro mit einem schiefen Grinsen nachsah, und schließlich hinter ihnen die Tür ins Schloss warf. Ein hölzerner Riegel wurde vor die Tür geschoben und langsame, verhallende Schritte verklungen, bis irgendwann nichts mehr zu hören war, außer der Atem der Beiden.
Entaro drückte gegen die Tür, doch wie zu erwarten war, gab sie keinen Deut nach. »Verschlossen.«, stellte er unnötigerweise fest und wandte sich dann um. Seine Blicke schweiften durch den spärlich ausgeleuchteten Raum. Es war nichts anderes als eine Kerkerzelle. Und es gab nicht einmal ein richtiges Bett. Und zu allem Überfluss gab es auch nur eine Lagerstätte. Entaro seufzte. Nun waren sie hier, wider Willen, gefangen. Ein langes Schweigen füllte die Leere des Raumes, wodurch dieser noch bedrückender wurde. Doch irgendwann brach Isaé schließlich das lange Schweigen. »„Ich verstehe diesen Mann nicht.« Sie erzählte von ihren Erlebnissen, der letzten Stunden. Was ihr, während seiner Abwesenheit, widerfahren war. Und mit jedem Wort, dass sie sprach, keimte in Entaro ein unzufriedener Groll auf. »Du brauchst nicht versuchen, ihn zu verstehen. Sein eigener Bruder versteht ihn nicht einmal.« Entaro zuckte mit den Schultern. »Und ich ebenso wenig.« Er kratzte sich am Hinterkopf und zog sich dann schließlich die Kapuze vom Haupt. Er wischte sich das Haar aus dem Gesicht und legte den Kopf in den Nacken. »Er wird uns hier nicht ewig gefangen halten. Er will etwas…« Isaé sah ihn fragend an, aber Entaro konnte die Frage bereits in ihren Augen sehen. »Ich weiß nicht, was er will. Doch wir werden es sicherlich bald erfahren. Spätestens wenn sich diese Türe wieder öffnen wird.«
Isaé wirkte etwas zerstreut. Es schien, als versuche sie Gawaïn zu ergründen. Ihn zu verstehen. Zu verstehen, was in ihm vor sich ging. »Er saß einfach da« Ihre Stimme war leise, wie ein Flüstern. »Er hätte nur ein einziges Wort sagen müssen, und seine Männer hätten augenblicklich von mir abgelassen. Stattdessen sah er zu.« Entaro trat einen Schritt an Isaé heran und hielt dann wieder inne. »Versuche gar nicht erst ihn zu verstehen.« Isaé seufzte und senkte den Blick zu ihren Füßen. »Ich verdanke es einzig dieser Frau…der Rothaarigen.« Entaro sah sie daraufhin fragend an. Ihm war, unter Gawaïns Schar keine Frau aufgefallen. Die einzige Frau, welcher er an diesem Tag begegnet war, war Imoël gewesen. Ob sie es war, von welcher Isaé gesprochen hatte? Entaros Blick verfinsterte sich. Unweigerlich musste er an die Begegnung mit dieser seltsamen Frau denken. Besonders an ihr seltsames Verschwinden. Sie hatte sich scheinbar einfach ins Nichts aufgelöst. Und nun war sie hier…und hatte Isaé geholfen. Welches Spiel trieben diese Leute hier nur? Entaro schüttelte den Kopf. Es war ein Rätsel, welches sich ihm nicht erschließen wollte.
Als Isaé Entaro zu dem Lager zog, sträubte er sich instinktiv. Doch schließlich ließ er sich von ihr führen. Sie nahmen nebeneinander Platz und er beobachtete Isaé mit neugierigen Blicken. Als sie von dem Turm und der Anhöhe zu sprechen begann, wurde Entaro immer ruhiger. »Manchmal habe ich das Gefühl, das Schicksal zieht uns jedes Mal wieder auseinander, sobald wir gerade dabei sind, aufeinander zuzugehen.« Ihr trauriger Blick ließ Entaro, für einen Moment, die Luft anhalten. Er wollte etwas sagen, doch die passenden Worte kamen ihm nicht in den Sinn. Und so schwieg er nur und lauschte weiterhin ihren Worten. »Jedes Mal, wenn wir einander ein Stück näherkommen... geschieht etwas.« Als Isaé den Blick abwandte, huschte ein bitteres Lächeln über Entaros Gesicht. »Es scheint so.«, murmelte er und seufzte dann müde. »Fast könnte man glauben, es sollte einfach nicht sein.« Da hob sie wieder den Blick und traf auf die seinen. Einen Moment lang sahen sie sich einfach nur an, ohne ein Wort zu sagen. Entaro räusperte sich. »Das möchte ich nicht glauben.« Seine Worte waren leise und doch hatte er das Gefühl sie wurden lauthals von den Wänden des Kerkers immer wieder und wieder zurückgeworfen. »Das Schicksal hat uns zusammengebracht. Wenn deine Worte die Wahrheit wären, dann würde dies bedeuten, dass das Schicksal ein grausames Spiel mit uns spielen würde. Und das kann ich nicht glauben.« Er zuckte mit den Achseln und Isaé seufzte, als ob sie seine Worte zwar gehört, aber nicht glauben wollte. »Das Schicksal…«, hob Entaro schließlich an und schüttelte dann den Kopf. »…wie ich dir einst sagte. Für alles gibt es den rechten Ort und die rechte Zeit. Vielleicht war der richtige Moment einfach noch nicht gekommen und daher sind die Dinge geschehen, wie sie nun einmal geschehen sind.« Er hob den Blick und suchte den ihren. Und als sie sich trafen, da hielt er ihren Blicken stand, so gut er es vermochte. Und schließlich fasste sich Isaé ein Herz und brachte die Worte, welche bis dahin stillschweigend zwischen ihnen gestanden waren, zur Sprache. Worte, welche Entaro ebenfalls auf der Zunge lagen, aber es nicht gewagt hatte, sie auszusprechen.
»Also... wenn das wirklich so sein sollte… du würdest mir jetzt endlich sagen, dass du mich liebst... und ich dir antwortete, dass auch ich dich liebe...« Entaro fühlte, wie eine unangenehme Beklommenheit ihn überkam. Er schluckte und Isaé schien es ähnlich zu ergehen, wenn auch nicht in gleicher Weise. In einer gewissen, ihm unerklärlichen Weise, war es ihm unangenehm. Und zugleich war er auch froh, dass sie diese Worte gesagt hatte. Denn es schien wirklich, als ob eine unsichtbare Wand zwischen ihnen stehen würde, die sie stets daran hinderte, die Dinge zu sagen, die sie beide längst wussten. »Angenommen, wir wären so kühn und würden es tatsächlich wagen, uns endlich einmal zu küssen…« Sie legte eine kurze Pause ein und sah an Entaro vorbei, welcher seinen Blick aber weiterhin auf Isaé ruhen ließ. »Dann würde im nächsten Augenblick doch ganz bestimmt diese Tür aufgerissen werden.« Da gluckste Entaro erheitert und die innere Anspannung, welche ihn ergriffen hatte, fiel ein wenig von ihm ab. »Das wäre zweifelsohne Zuviel des Zufalls. Gewiss.« Isaé erwiderte das leicht beklommene Lächeln und deutete dann spielerisch auf die Decke. »Oder vielleicht würde gleich die ganze Ruine über uns zusammenstürzen.« Wieder lachte Isaé, in einer beklommenen Art und Weise. Als ob sie einen Scherz gemacht hätte, nur um über ihre wahren Gefühle hinweg zu täuschen. Und Entaro ließ sich von diesem Lachen anstecken und erwiderte dieses, mit einer ähnlichen Beklommenheit, da auch er über diese hinwegzutäuschen versuchte. Er räusperte sich und hob die Stimme an. Doch dann verstellte Isaé die ihre und es klang beinahe, als ob sie seine Stimme zu imitieren versuchte. »Isaé... dies ist nicht der richtige Zeitpunkt.« Entaro lächelte verlegen und fühlte sich sichtlich ertappt. Genau diese Worte waren ihm soeben auf der Zunge gelegen und er kniff die Lippen zusammen, als er sie aus Isaés Munde gehört hatte. »Aber dann würde ich dich fragen, welcher wäre denn der richtige Zeitpunkt... Wenn selbst der sorgfältigst gewählte Augenblick am Ende offenkundig auch nicht der richtige gewesen ist?« Daraufhin schwieg Entaro einen Augenblick und sein Atem stockte. Für den Bruchteil einiger Herzschläge, konnte man nichts anderes hören, als das Schlagen ihrer Herzen und der stoßweise Atem. Und schließlich schloss er die Augen und tat einen tiefen, langgezogenen Seufzer. Als ob er all die Last, die ihm auf der Seele lag, abzustreifen versuchte.
Als er die Augen wieder öffnete, hob er seine Hand. Langsam. Als fürchtete er, den Moment zu zerstören, wenn er dabei nicht behutsam genug vorgehen würde. Er reichte Isaé seine Hand und als sie sich bewegte, da legte er seine Finger behutsam auf ihren Handrücken. »Isaé…«, hob er mit tiefer und ruhiger Stimme an. »Ich…ich verstehe deine Zweifel.« Er räusperte sich und versuchte die chaotischen Gedanken, die in seinem Kopf umhergeisterten, zu etwas zu ordnen, was in irgendeiner Weise einen Sinn ergab. »Ich gebe dir Recht. Wenn man die Gunst der Stunde niemals nutzt, dann…« Er hielt inne und legte dabei den Kopf ein wenig zur Seite. »…dann kann der rechte Moment stumm und unscheinbar an einem vorüberziehen. Ohne dass man dies überhaupt bemerkt.« Isaé schwieg und bedachte ihn mit ruhigen und sanften Blicken. Sie hob leicht den Kopf und ihre Augen sahen ihn erwartungsvoll an. Als ob sie voller Anspannung darauf warten würde, dass er endlich die Worte sagen würde, die er schon längst hatte sagen wollen.
»Ich glaube nicht, dass es den richtigen Zeitpunkt überhaupt gibt.« murmelte sie so leise, dass die Worte noch verhallten, bevor sie auf die widerhallenden Gemäuer trafen. Entaro schüttelte den Kopf. »Nein, der richtige Moment war da. Dort, auf dieser Anhöhe. Ich…ich habe alles genau…« Er stockte, da ihm bewusst wurde, wie töricht es eigentlich klang. Er hatte einen genauen Plan geschmiedet. Alles sollte perfekt sein. Ein Moment, der in Erinnerung bleiben würde. Und dennoch war er ruiniert worden. Von einem einzigen Bolzenschuss. «Man wartet immer darauf, dass alles passt. Dass man endlich ungestört ist. Dass keine Gefahr mehr droht. Dass niemand einen unterbricht.« Entaro nickte. »Nun. Jetzt sind wir…alleine.«, hob er die Stimme an und rang sich ein mildes, wenn auch unbeholfenes Lächeln ab. Sie erwiderte es. Kaum merklich. Es war mehr ein Zucken, welches ihre Mundwinkel ergriffen hatte, als ein echtes Lächeln. »Und jedes Mal geschieht etwas.« Entaro legte nun auch seine zweite Hand auf jene Hand, auf welcher bereits seine erste Hand lag. »Doch nicht alles was geschieht, muss etwas Schlechtes sein.«, murmelte Entaro daraufhin. »Vielleicht gibt es gar keinen richtigen Zeitpunkt. Vielleicht gibt es immer nur den einen Augenblick, den wir gerade haben. Und vielleicht müssen wir aus jedem Augenblick das Beste machen.« Da nickte Entaro. In ihren Worten lag eine unbestreitbare Weisheit, derer er sich nicht erwehren konnte. »Lebe für den Augenblick. Denn man weiß niemals, ob er nicht unwiederbringlich verloren sein könnte.« Seine Hand bewegte sich. Kaum merklich. Es war nur ein sanfter Hauch, der über Isaés Hand strich. Ein Hauch von etwas, dass so zerbrechlich war, wie eine Seifenblase, die auf einem unruhigen Wasser lag und drohte, jeden Moment zu zerplatzen.
Isaés Stimme bebte leicht. Entaro konnte es hören, denn außer ihrer Stimme gab es sonst nichts in diesem Raum. Jede Oktave in ihrer Stimme. Jede Nuance ihres Atems. All das war so klar zu hören, als würde sie es lauthals in die Welt schreien. Und dabei waren diese Geräusche so leise und unscheinbar, dass man ganz genau lauschen musste, um sie überhaupt wahrzunehmen. »Niemand von uns weiß, was im nächsten Moment geschieht.« Da schüttelte Entaro den Kopf. »Da hast du Recht, Isaé. Niemand weiß das. Wir sind nur Menschen. Und können nicht wissen, was vor uns liegt. Doch wir können aus dem, was hinter uns liegt, lernen. Und versuchen, es beim nächsten Mal anders zu machen…besser zu machen.« Entaro räusperte sich und als er sich gewahr wurde, dass seine beiden Hände inzwischen die ihre fest umschlungen hielten, da zuckte er. Für einen Moment überkam ihn der Wunsch, seine Hände zurück zu ziehen. Doch er widerstand. Er hob den Blick und sah Isaé tief in die Augen. »Isaé…«, murmelte er in einem gedämpften Ton, da er nicht wagte den zerbrechlichen Moment zu stören. »Ich fühle es, seit geraumer Zeit. Dieses Band, das uns verbindet.« Er seufzte. »Und es nicht das Band des Drachen. Es ist etwas anderes…etwas…« Er rang sichtlich nach den passenden Worten. »menschliches.« Entaro lächelte verlegen und räusperte sich dann. »Ich hatte es mir anders vorgestellt. Dieser Ort hier…« Er ließ seine Blicke durch den Raum schweifen und schenkte den Wänden des Kerkers seine missbilligenden Blicke. »Ist absolut nicht, was ich im Sinn hatte.« Als sich ihre Blicke wieder trafen kehrte, erneut, für einen Moment lang diese bedrückende Stille ein. Als ob die Welt den Atem anhalten würde, und nur darauf wartete, dass Entaro endlich über seinen Schatten sprang. »Ich liebe dich, Isaé.«
Ein Windhauch huschte durch den Kerker. Das Licht der Fackel zuckte und flackerte. Und dann schien es beinahe, als ob die Luft dünner wurde, und die Fackel zu einem winzigen Glosen erstarb. Ein dunkler Schatten bewegte sich. Und ein zweiter Windhauch streifte durch die Kammer. Ein Windhauch, der nicht hätte sein dürfen. Ein Windhauch, der nicht sein konnte. Und dann herrschte Ruhe und Stille. Die Flamme erstarkte, und dort, wo zuvor nur eine steinerne, alte Wand gewesen war, stand Imoél. Ihr Blick war gesenkt und sie hielt ihre Hände vor ihrem Schoß gefaltet. »Das waren schöne Worte. Sie haben mein Herz berührt…Entaro.« Der Bernsteinritter zuckte erschrocken zusammen. Diese Frau war einfach aus den Nichts erschienen. Als ob sie schon die ganze Zeit hier gestanden wäre und er sie jetzt erst bemerkt hatte. »Wer bist du?«, hauchte Entaro und warf der rothaarigen, jungen Frau einen fragenden und zugleich ungläubigen Blick zu. »Niemand.«, antwortete sie und hob dann schließlich den Blick. »Doch lasst mich euch einen guten Rat geben. Isaé und Entaro.« Sie trat einen Schritt vor und hob eine ihrer Hände und legte sich den ausgestreckten Zeigefinger auf den Mund. »Eure Worte, die in diesem Raum gesprochen wurden.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Sie dürfen diesen Raum niemals verlassen. Denn dieser Ort…ist verflucht. Und alles Schöne wird zu Gift. Und alles Edle wird zu Asche.« Ihre Stimme klang seltsam melancholisch und zugleich klang es beinahe so, als ob ihre Stimme aus zwei Stimmen bestand. Eine helle…weibliche…und eine dunklere…tiefere Stimme. Die nicht zu ihr gehören schien. »Dieser Ort, wird es euch entreißen…und es euch für immer stehlen. Ihr müsst fliehen.« Da erlosch das Licht der Fackel und die Silhouette Imoëls verschmolz mit den Schatten. »Er darf es nicht wissen, sonst wird er es gegen euch verwenden.« Entaro sprang auf und griff, bei dem Versuch die Frau zu berühren, einfach ins Nichts. »Sie ist verschwunden.« Imoëls Worte hingen noch in der Luft. Wie ein leichtes Flüstern. Doch die Frau selbst war nicht mehr hier.
Ein dunkles Verlies ❖
16.07.2026 '19:40 [2.546 Wörter]
 ittersüße Stimmung lag über dem kleinen Raum. Isaé saß dicht neben Entaro auf dem notdürftig hergerichteten Strohlager, während ihr Herz so heftig gegen ihre Brust schlug, dass sie fürchtete, er müsse es hören. Dennoch gelang es ihr, ruhig zu bleiben und auch ihre Stimme verriet nichts von dem Sturm, der in ihrem Inneren tobte. Sie wussten beide, was der andere empfand. Es war längst alles gesagt. Zumindest von Isaés Seite her. Entaro hatte damit begonnen, es aber nicht vollenden können. Und der Moment, der richtige Moment, von dem er immer sprach, war verstrichen. Aber jeder Blick, jede Begegnung, jede Sorge umeinander hatte es längst ausgesprochen, was die zwei verband. Liebe. Und dennoch schien es, als bewegten sie sich seit geraumer Zeit umeinander wie zwei Gestirne, deren Bahnen sich unaufhörlich annäherten, ohne sich je zu berühren. Isaé spürte diese unsichtbare Macht ganz deutlich. Immer war sie da. Mal stärker, mal schwächer. Sie schob sich zwischen sie, sobald sie glaubte, Entaro endlich erreicht zu haben. Pflicht. Gefahr. Schicksal. Sie wusste nicht, welchen Namen sie ihr geben sollte. Sie wusste nur, dass sie existierte. Und seit sie den Feuermohn nicht mehr anrührte, war da etwas in ihr, das sie kaum zu benennen vermochte. Eine Leere. Nicht jene stille Melancholie, die sie seit ihrer Kindheit oder Jugend begleitet hatte, sondern etwas Tieferes. Etwas, das sich langsam auszubreiten schien und mit jedem Tag ein wenig mehr Raum in ihr einnahm. Manchmal glaubte sie, sie müsse nur lange genug durchhalten, dann würde dieses Gefühl wieder vergehen. Doch stattdessen schien es größer zu werden. Insgeheim hatte sie gehofft, Entaro würde diese Leere mit seiner Nähe füllen. Nicht weil sie es von ihm verlangte. Sondern weil sie geglaubt hatte, dass Liebe all jene Risse schließen könne, die sie selbst nie hatte heilen können. Doch je deutlicher ihr wurde, wie sehr sie sich nach ihm sehnte, desto größer wurde zugleich ihr Unbehagen. Das war nicht seine Aufgabe. Entaro war nicht dafür verantwortlich, ihre Seele zusammenzuhalten oder die Dunkelheit in ihrem Inneren zum Schweigen zu bringen. Er schuldete ihr nichts von alledem. Und dennoch ertappte sie sich immer wieder bei dem heimlichen Wunsch, seine bloße Gegenwart möge endlich jene stille Bedeutungslosigkeit vertreiben, das sich in ihr eingenistet hatte seit sie dem Feuermohn entsagte. Es war ein Wunsch, für den sie sich schämte. Denn jemanden zu lieben bedeutete nicht, ihn zur Antwort auf alle eigenen Wunden zu machen. Doch so sehr sie sich auch dagegen wehrte, sie wusste im Augenblick nicht, womit sie diese Leere sonst hätte füllen sollen. Vielleicht lag gerade darin ihr Schmerz. Entaro schien sie stets auf den letzten wenigen Fingerbreit Abstand zu halten. Er hatte ihr gesagt, dass er Zeit brauchte, und sie wollte ihm diese Zeit von Herzen geben. Wirklich. Und doch fragte sie sich manchmal heimlich, ob genau diese letzte Nähe jenes fehlende Stück war, nach dem sich ihr ganzes Wesen sehnte. Sie wusste nichts von der Liebe zwischen Mann und Frau. Sie wusste nur, dass sie sich danach sehnte, ihm endlich ganz nah sein zu dürfen, und sie ertappte sich bei dem törichten Gedanken, dass dann vielleicht auch die Leere in ihrem Inneren endlich verstummen würde.
Entaros Hand ruhte auf ihrer. So behutsam. So warm. Seine zweite Hand umschloss die ihre, als wolle sie sie beschützen. Obwohl sie auf kaltem Stroh in einem feuchten Kerker saßen, durchströmte Isaé eine tiefe Zufriedenheit. Sie waren gefangen. Und doch war sie glücklich weil Entaro bei ihr war. Seine Finger hielten ihre Hand zwischen den seinen, und als sein Daumen kaum merklich über ihren Handrücken strich, schloss Isaé für einen Moment die Augen. Wie sollte sie dieses Gefühl beschreiben? Es war kein bloßes Kribbeln. Keine bloße Gänsehaut. Es war, als würde jede dieser sanften Berührungen etwas in ihr zum Klingen bringen, von dem sie bislang nicht einmal gewusst hatte, dass es existierte. Eine stille Wärme breitete sich in ihr aus, begleitet von einem zarten Schauer, der ihren ganzen Körper durchlief. Nichts daran war aufdringlich. Nichts verlangte nach mehr. Und doch genügte diese kleine Berührung, um ihr Herz unruhiger schlagen zu lassen. Sie lauschte seinen Worten. Er sprach von jenem Band, das er zwischen ihnen spürte. Nicht von dem Band des Drachen. Von etwas anderem. Von etwas Persönlichem. Von etwas Menschlichem. Als Entaro schließlich den Blick durch den Kerker schweifen ließ und mit einem verlegenen Lächeln meinte, dieser Ort hier sei ganz und gar nicht das gewesen, was er sich vorgestellt hatte, musste Isaé unwillkürlich schmunzeln. Wer wollte schon freiwillig in einem feuchten Kellerloch hocken? Beinahe hätte sie es laut ausgesprochen. Doch sie sprach diese Worte nicht aus, als sich ihre Blicke begegneten. Und mit einem Mal wurde es still. Nicht jene angenehme Stille, die zwischen zwei Menschen entstehen konnte, die einander vertrauten. Es war eine eigentümliche, schwere Stille. Wie die Luft unmittelbar vor einem Gewitter. Isaé wagte kaum noch zu atmen. Dann hob Entaro den Blick. „Ich liebe dich, Isaé.“ Für einen Herzschlag schien alles um sie herum zu verschwinden. Sie hörte weder das Flackern des Feuers, das an der Fackel leckte, noch das leise Tropfen des Wassers irgendwo in den Mauern.
Für einen flüchtigen Augenblick glitt Isaés Geist zurück in eine Zeit, die ihr heute so unsagbar fremd erschien. Sie war sechzehn Jahre alt gewesen. Es war der Sommer, bevor all die Schicksalsschläge über ihre Familie und damit auch über sie hereingebrochen waren. Bevor dieses Hexenweib in ihrer alle Leben getreten war, der Sommer, bevor die Pest Köllesberg heimgesucht hatte. Hinter dem kleinen Haus ihrer Eltern, dort wo der schmale Weg an der niederen Friedhofsmauer entlangführte, hatten sie beieinander gestanden. Ein alter Apfelbaum spendete Schatten und irgendwo trällerte leise eine Amsel und störte die Stille des Nachmittags. Die warme Sommerluft trug den Duft von Heu und sonnengewärmter Erde herüber und irgendwo summten Bienen zwischen den Wildblumen am Wegrand. Ein leichter Wind strich über die Wiese hinter dem Haus und ließ die Blätter des alten Apfelbaums leise rascheln. Aduan war an jenem Tag ungewöhnlich schweigsam gewesen. Immer wieder hatte er angesetzt, nur um seine Worte wieder hinunterzuschlucken, während Isaé ihm immer wieder forschende Blicke zugeworfen hatte und gedankenverloren mit einem Gänseblümchen spielte, das sie am Wegrand gepflückt hatte. Schließlich war er vor ihr stehen geblieben. Sein Blick hatte gezögert. Fast so, als fürchte er, die Stille könne zerbrechen, sobald er sprach. „Isaé...“, hatte er schließlich leise gesagt. „Ich liebe dich.“ Sie erinnerte sich daran, dass sie ihn erst ungläubig angesehen, und ihn dann angelächelt hatte. Freudig, warm, fast ein wenig verlegen. Sie hatte ihm ihre Hand gereicht und geantwortet, dass auch sie ihn liebe. Aduan hatte verlegen den Blick gesenkt, ehe er hastig hinzugefügt hatte „...und ich möchte, dass wir heiraten.“ Isaé hatte ihn einen Augenblick lang betrachtet, als müsse sie ihre Antwort gut abwägen. „Ja“, hatte sie ohne das geringste Zögern geantwortet. „Natürlich.“ Und er hatte breit gelächelt.
Aduan war nach seinem unbeholfenen Heiratsantrag einen Augenblick lang verlegen stehen geblieben. „Warte kurz“, hatte er plötzlich gesagt. Noch ehe Isaé fragen konnte, was er vorhatte, war er ein paar Schritte über die Wiese gelaufen und hatte sich zwischen die hohen Halme gekniet. Mit ernster Miene suchte er einige lange Gräser heraus, prüfte sie zwischen den Fingern und kam schließlich wieder zu ihr zurück. „Mein Vater sagt immer, ein ordentlicher Mann sollte seiner Braut einen Ring schenken.“ Isaé hatte ihn neugierig angesehen. „Aber einen richtigen habe ich noch nicht.“ Fast entschuldigend lächelnd ließ er sich vor ihr auf einen Baumstumpf nieder. Seine Finger arbeiteten unbeholfen, während er die langen Gräser ineinanderflocht. Mehr als einmal löste sich das Geflecht wieder, und leise vor sich hin fluchend begann er von Neuem. Isaé beobachtete ihn schweigend. Schließlich hob Aduan zufrieden den Kopf. Der kleine Ring war alles andere als vollkommen. Hier und da stand ein Halm ab, und an einer Stelle war das Geflecht deutlich lockerer geraten. „Er hält bestimmt nicht lange“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Aber bis ich dir einen richtigen schenken kann...“ Vorsichtig nahm er ihre linke Hand. „…musst du dich mit diesem begnügen.“ Behutsam schob er den geflochtenen Ring über ihren Finger. Isaé betrachtete das kleine Kunstwerk einen Augenblick lang, dann musste sie lachen. „Er ist wunderschön. „Nein“, erwiderte Aduan ehrlich. „Eigentlich ist das blöd. Aber warte einfach. Eines Tages schenke ich dir einen Ring der zu dir passt.“ Und Isaé hatte das Grasgeflecht noch einmal betrachtet, die Hand an ihre Nase geführt und daran gerochen. „Du hast Süßgras verwendet. Er duftet ganz lieblich. Dann passt er ja zu mir…“ Und sie musste lachen. Und Aduan hatte dann auch gelacht.
Damals hatte Isaé geglaubt, genau zu wissen, was diese Worte bedeuteten. Sie hatte geglaubt, Liebe bedeute vor allem dies: miteinander alt zu werden. Alles andere schien sich von selbst zu ergeben. Sie hatte ihm vertraut. Sie hatte ihn sehr gemocht. Und sie war überzeugt gewesen, ihn zu lieben. Erst viele Jahre später begriff sie, wie jung sie damals gewesen war. Denn Liebe war weit doch viel mehr als der Wunsch, das Leben miteinander zu verbringen. Für sie war Liebe die Unruhe ihres Herzens, sobald Entaro da war. Oder eben nicht da war. Liebe war wohliges Schweigen zwischen Worten, das mehr sagte als ganze Gespräche. Liebe war das GEfühl in ihrem Herzen das sie empfand, wenn er ihr ein Lächeln schenkte. Liebe war, zu wissen, dass ihr Leben ohne ihn farb- und sinnlos war. Liebe war seine Hand, die ihre hielt, als wäre sie das Kostbarste, was ihm je anvertraut worden war. Liebe war auch der Schmerz den sie empfand, wenn sie ihn leiden sah. Aber auch die Furcht, ihn zu verlieren. Und das tiefe, beinahe erschreckende Glück, das sie allein deshalb empfand, weil er neben ihr saß. Damals, mit sechzehn, hatte sie geglaubt, Liebe sei ein Gefühl und Versprechen. Heute wusste sie, dass Liebe etwas vielfältiges war, das sich mit allen aber auch mit keinen Worten erklären ließ. Sie hob den Blick und sah ihn an. Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht und sie erwiderte leise. „...Und ich liebe dich, Entaro…“
Isaé zuckte unwillkürlich zusammen, als die fremde Frau dort stand, wo eben noch nichts gewesen war. Für einen flüchtigen Herzschlag stockte ihr der Atem, und ihr Blick weitete sich vor Überraschung. Doch ebenso rasch gewann sie ihre Fassung wieder. Das Unheimliche war ihr schließlich nicht fremd. Sie hatte Hexen und auch Wiedergänger gesehen, deren bloße Existenz den meisten Menschen als Märchen gegolten hätte. Sie hatte Orte betreten, an die vielleicht selbst gestandene Männer nicht freiwillig einen Fuß gesetzt hätten. Das Erscheinen der rothaarigen Frau ließ ihr Herz schneller schlagen, nicht weil sie an ihrer Wirklichkeit zweifelte, sondern weil sie nicht verstand, was sie möglicherweise war.
Noch immer lag ihre Hand in Entaros Händen, als die Dunkelheit die fremde Frau verschlangen und nur die erloschene Fackel zurückblieb. Isaé rührte sich nicht. Ihr Blick ruhte auf jener Stelle, an der Imoël eben noch gestanden hatte, als könne sie nicht begreifen, dass dort wieder nichts war als nackter Stein. Die Worte der Fremden hallten in ihrem Inneren nach. Niemals. Diese Worte dürfen diesen Raum niemals verlassen. Ihr müsst fliehen. Er darf es nicht wissen, sonst wird er es gegen euch verwenden. Langsam senkte Isaé den Blick auf ihre und Entaros Hände. Erst vor wenigen Augenblicken hatte sie geglaubt, das Schicksal habe endlich aufgehört, sich zwischen sie zu drängen. Endlich hatte sie seinen Worten antworten dürfen. Endlich hatte sie ihm sagen können, dass auch sie ihn liebte. Und nun... War da schon wieder etwas. Nicht ein Zufall. Nicht irgendeine Unterbrechung. Sondern eine Warnung. Sie hob langsam den Kopf und sah Entaro an. In ihren Augen lag keine wirkliche Angst. Jedenfalls redete sie sich das ein. Eher jene nachdenkliche Unruhe, die sie immer ergriff, wenn ihr Herz ihr zuflüsterte, dass mehr hinter den Dingen lag, als der Verstand erklären konnte. „Sie wollte uns keine Angst machen.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein leises Flüstern. „Es hatte den Anschein, als sorgte sie sich um uns… Aber warum?“ Isaé schwieg einen Moment. Und sie erkannte, dass sie nun, hervorgerufen von Imoels Worten, sehr wohl Angst bekommen hatte. Angst, Entaro zu verlieren. Angst, dass das, was hier über sie hereingebrochen war, nicht gut ausgehen würde. Denn Entaro hatte ihr seine Liebe gestanden. Und das Schicksal schien letzten Endes nicht wohlwollend, sondern grausam zu sein. So war es schon ihr ganzes Leben lang gewesen. Das Glück in ihrem Herzen war kaum erwacht, da regte sich bereits die alte Furcht, das Schicksal, ironischerweise in Gestalt von Ser Tarvains Bruder Gawaïn, könnte gekommen sein, um es ihr wieder zu nehmen.
Dann ließ sie den Blick durch den kleinen Kerker schweifen. Feuchtes Mauerwerk. Altes Stroh. Verrostete Gitter. Nichts an diesem Ort wirkte besonders, oder anders. Und doch hatte Imoëls Stimme keinen Zweifel gelassen. Dieser Ort verbarg irgendetwas. Etwas, das selbst sie fürchtete. Sie wünschte sich, sie wäre hier nun nicht in einem unnützen Kleid. Sondern in ihrer Hexenjäger Kleidung. Zusammen mit ihrer Hexenjäger Ausrüstung. Und könnte versuchen, diesen Ort zu untersuchen. Noch eine ganze Weile blieb Isaé schweigend sitzen. Imoëls Worte wollten ihr nicht mehr aus dem Sinn gehen. Sie hatten sich in ihrem Herzen eingenistet wie ein leises Flüstern, das sich jeder Anstrengung entzog, wieder daraus vertrieben zu werden. Sie wusste nicht, ob die fremde Frau die Wahrheit gesprochen hatte. Sie wusste nicht einmal, was sie eigentlich gewesen war. Doch eines wusste sie ganz gewiss. Im Augenblick konnte sie nichts daran ändern. Sie sollten fliehen? Pah…Die Tür war verschlossen. Die Mauern standen unverrückbar um sie herum. Mochte dieser Ort nun verflucht sein oder nicht, sie konnten ihm in dieser Nacht ohnehin nicht entkommen. Sie atmete langsam aus. „Weißt du...“, begann sie schließlich mit einem müden Lächeln, das kaum mehr als ein flüchtiges Zucken ihrer Mundwinkel war. „Jetzt hätte ich furchtbar gern einen Becher Wein.“ Sie schwieg einen Herzschlag lang. „...und eine Pfeife Feuermohn.“ Als Entaro sie ansah, begegnete sie seinem Blick mit ruhiger Offenheit. „Schau mich nicht so, als ob du es nicht wüsstest, ich habe nur deinetwegen damit aufgehört.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern und grinste. „Du hast nie einen Hehl daraus gemacht, was du davon hältst.“ Ihre Stimme klang weder vorwurfsvoll noch erwartungsvoll. Es war lediglich eine schlichte Feststellung. Sie bereute ihre Entscheidung nicht. Im Gegenteil. Sie hätte sie jederzeit wieder getroffen. Und dennoch... Der Entzug etwas zum Vorschein gebracht hatte, das sie zuvor nie hatte wahrnehmen müssen. Sie senkte den Blick. „Es ist verdammt schwer damit zu leben, dem Feuermohn zu entsagen. Und ich hätte jetzt ehrlich gerne eine Pfeife. Nur... damit meine Gedanken endlich einmal still sind.“ Sie wusste selbst, wie töricht das klang. Aber wer nicht wie sie viele Jahre davon besessen gewesen war, konnte nicht verstehen, wie schwer es war, diese Sucht hinter sich zu lassen, und dass sie einen vielleicht das ganze Leben lang begleitete. Behutsam entzog sie ihre Hand den seinen. Nicht, weil sie seine Nähe nicht länger wollte. Ganz im Gegenteil. Sie fürchtete viel mehr, dass sie sie niemals würde loslassen wollen. Langsam streckte sie sich auf dem Strohlager aus und bettete den Kopf auf ihren verschränkten Armen. Das trockene Stroh raschelte leise unter ihrem Gewicht. „Wir können im Augenblick ohnehin nichts tun“, murmelte sie mit geschlossenen Augen. „Und wenn das Schicksal beschlossen hat, uns morgen wieder Steine in den Weg zu legen... dann wird es das auch tun, ganz gleich, ob wir heute Nacht wach bleiben oder nicht.“
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