Die Erkenntnis ❖
29.11.2011 '22:42 [1.374 Wörter]
 ntaro beschämte Isaé, als er sie forsch auf ihre Frage ansprach "Habt ihr schon einmal Bernstein verbrannt?" Da runzelte die junge Frau die Stirn "Viele Kräuterfrauen oder Schamanen tun dies zu rituellen oder reinigenden Zwecken, was ist da schon dabei? Oder findest du es ketzerisch? Doch nicht alle glauben an deinen Daerean..." antwortete sie ihm ausweichend, verschwieg ihm dabei aber, dass sie selbst fachkundiges Wissen über die Kräuterkunde und die naturverbundenen Rituale besaß. Am Ende würde er sie noch für eine Ketzerin oder gar eine Hexe halten, und darauf hatte sie keine rechte Lust. Immerhin war die Hexenverfolgung vielerorts an einem kritischen Punkt angelangt, denn viele unschuldige, erfahrene und weise Kräuterfrauen und Heilerinnen wurden zum Tod auf dem Scheiterhaufen verdammt, weil ihr Leben im Einklang mit der Natur als Hexenwerk und wider die Götter angesehen wurde. Erbost blies sie die Luft aus ihren Backen und erwiderte seinen störrischen Blick. "Es sollte keine provokante Frage sein, es hat mich lediglich interessiert" rechtfertigte sie sich vor ihm. "Ich kann die Frage beim besten Willen nicht beantworten. Die Wege der Götter sind unergründlich. Doch sind dies nur Essenzen. Funken ihrer göttlichen Seele. Wer kann schon all den Bernstein dieser Welt zugleich verbrennen?" Da musste Isaé schmunzeln, denn er schien ein wirklich sehr gottesfürchtiger Mann zu sein, und es schien ihr, als habe sie ihm mit ihrer Frage, die lediglich ein Scherz sein sollte, wahrlich verärgert. So lenkte sie ein und gab ihm Recht "Niemand kann das, Entaro Adun…"
Umso überraschter war sie, als er sich dann dennoch seiner Rüstung, seinen Waffen und seiner Stiefel entledigte. Sie war sich zuvor noch sicher gewesen, dass er erbost das Zimmer verlassen würde. Und so gab sie ihm einen Vertrauensbeweis, und erzählte ihm einen kleinen Teil ihrer Lebensgeschichte. Als sie in ihrer Erzählung geendet hatte, meinte der Drachenreiter "Ja, die Pest ist eine schreckliche Geißel. Ich selbst habe zwar nur von ihr gehört, und sie niemals selbst erlebt, doch hörte ich, dass sie eine grausame Krankheit ist. Welche Sünde jene begangen haben mussten, um mit einer derartigen Strafe bedacht zu werden, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen." Isaé war derart fassungslos, dass sie kein Wort hervor brachte. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, was sie über eine derartige abergläubische Meinung hielt, doch ganz offensichtlich war sie keine gute Schaustellerin, und so schien Entaro dies zu bemerken und hob abwehrend die Hände. "Ich ... vergebt mir... Ich meine vergib mir... Ich wollte damit nicht andeuten, dass die Menschen deines Dorfes ein sündiges Leben geführt hätten, oder gar den Tod verdient hätten..." Natürlich glaubte Isaé nicht, dass eine schreckliche Krankheit eine Götterstrafe war. Zwar wusste man nicht, was die Krankheit auslöste, und Heilung gab es auch nicht dagegen, aber selbst unschuldige Neugeborene waren Opfer der Pest geworden, und selbst gottesfürchtige, und zwar wirklich gottesfürchtige Menschen, nicht nur Priester, die oft selbst hinter der Maskerade der Gottesdienerschaft ein blasphemisches Leben führten, und darum glaubte Isaé nicht, dass die Götter ganze Städte oder Dörfer bestraften, um die Menschen an ihre Existenz und an deren Sünden zu erinnern. "Es muss der Wein sein..." murmelte der Drachenreiter, und Isaé blickte ihn mitleidig an, da er sichtlich fassungslos war, über seine verlorene Beherrschung. Sie hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Pfeife, und scheute sich nun noch mehr, ihn darüber aufzuklären, da sie seinen Zorn fürchtete. Morgen würde der Spuk des Feuermohnopiums schließlich vorbei sein, und alles würde wieder so sein, wie immer. Darum schwieg sie. Schließlich erhob sie sich wieder von dem Bett, trat an ihn heran und beschwichtigte ihn. "Ich verstehe, was du sagen wolltest, Entaro…" sagte sie sanft, und lächelte ihn subtil, aber aufmunternd an.
Da legte er ihr, wie zum Trost ob ihrer Geschichte, die Hand auf die Schulter, und unter seiner Berührung, und der Wirkung des Feuermohns begann Isaés Herz schneller zu schlagen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ein kühnes Gefühl kam in ihr auf was sie dazu veranlasste, zu sagen "Entaro... Ich fühle mich dir so... verbunden... Ich kann es mir nicht erklären, denn wir kennen uns ja kaum. Doch beinahe erscheint es mir, als hätte uns das Schicksal zueinander geführt..." Dies rang dem Drachenreiter ebenso ein Lächeln ab und er sagte "Wohl wahr. Wer weiß was wäre, wenn wir nicht einander begegnet wären. Nenne es Schicksal wenn du willst. Aber vielleicht war es auch einfach nur Daereans Wille?" "Wer weiß das schon…?" erwiderte sie geheimnisvoll, dann schmunzelte sie "Aber ich weiß bestimmt, dass dieses Dorf vielleicht unter dem Fluch der Hexe untergangen wäre, wären du und ich nicht gewesen…" sagte sie selbstsicher. "Und dein Drache..." fügte sie noch schmunzelnd hinzu. Entaro ließ seine Hand über ihre Schulter, den Arm hinter gleiten, und dort, wo seine Hand ihren Arm nicht mehr berührte, lief Isaé eine Gänsehaut auf, bis sich ihre Finger gegenseitig berührten, was in der jungen Frau ein leichtes Kribbeln hervorrief. Von neuem Mut beseelt entzog sich Isaé diesem Fingergewirr, hob ihre Hand, und führte sie an sein Gesicht heran. In ihr war der unwiderstehliche Drang aufgekeimt, ihn zu berühren, wenn auch nur ganz sacht. Vorsichtig, wie auch neugierig, beobachtete sie ihn, wie er darauf reagierte. Er schloss seine Augen für einen Moment, aber dann öffnete er sie wieder, und nahm sanft ihr Handgelenk in die Hand, als würde er ihre Hand von sich weg schieben wollen. Aber er tat es nicht. Stattdessen nannte er ihren Namen. Ein wenig verwirrt blickte die junge Frau ihn an, aber dann sprach er weiter, wenn auch stockend "Ich... Bitte versteh mich nicht falsch..."
Da entzog Isaé ihm ihre Hand und nickte. Aber sie verstand. Sie war vermutlich zu weit gegangen, wenn gleich auch nur der Feuermohn daran beteiligt gewesen war. Sie trat einen Schritt von ihm zurück, wandte sich ab und ging zu dem Fenster heran, durch welches immer noch das kühle Mondlicht schien. Sie entriegelte das Fenster und öffnete dieses. Sogleich strömte frische, kühle, vom Regen gereinigte Luft in die Stube, und andächtig blieb sie stehen und lauschte dem leisen Prasseln des Regens, während das Mondlicht ihre helle Haut noch eine Spur blasser wirken ließ. Sie wagte es nicht, sich zu Entaro umzudrehen. Sie kam sich mit einem Male so… so… lächerlich vor. Er war ein Bernsteinritter, ein gläubiger Diener Daereans. Nur noch absurder wäre es gewesen, sich einem Seraja-Priester zu nähern. Sie schalt sich eine entsetzlich dumme Gans und Närrin und verharrte eine Weile am Fenster, bis es ihr schließlich zu kühl wurde. Sie schloss das Fenster wieder, wandte sich davon ab, und ohne dem Drachenreiter einen Blick zu würdigen, trat sie an das Bett heran und schlüpfte unter die Decke. Erst als sie unter der Decke verborgen war, hob sie ihren Kopf und blickte ihn stumm an. Sie fragte sich, was er wohl gerade dachte. Schließlich, um das Schweigen zu brechen sagte sie "Du fürchtest dich, habe ich Recht? Du bist ein sehr gläubiger und ehrbarer Mann, und du fürchtest dich, vom rechten Weg abzukommen. Ich kann es in deinen Augen erkennen... Aber warum zweifelst du an dir, und auch an mir? Du würdigst mich damit ebenso herab, wie dich. Ich bin eine ehrbare Frau, und versichere dir, ich würde dir nicht zu nahe kommen. Ich bin keine Witwe Greta. Fändest du es falsch, dich für eine Nachtruhe neben deine Schwester zu legen? Vermutlich nicht, weil es ganz natürlich ist, dass man sich mit seiner Schwester in ein Bett legen kann, ohne auch nur einen Hauch von verdorbenen Gedanken zu haben. Warum also legst du dich nicht einfach hin, und erzählst mir von deinem Glauben, wie du es bei deiner Schwester, oder deiner Mutter vermutlich ebenso tun würdest?" Sie versuchte, ihn von dieser seltsamen Stimmung, die in diesem Raum vorherrschte, abzubringen, und ein Gespräch anzuregen, mit welchem er sich von derart unsinnigen Gedanken, wie er sie scheinbar hatte, befreien konnte. Wann immer er von Daerean gesprochen hatte, schienen seinen Augen regelrecht zu leuchten. Und so sagte sie "Natürlich bin ich auf der Suche nach dem richtigen Glauben. Denkst du, nur weil ich mich von meinen Göttern abgewandt habe, dass meine Seele nicht danach, dürstet, Frieden zu finden?" Sie rückte ein wenig an den Bettrand, um ihm den nötigen Platz zu verschaffen, und dann bedeutete sie auf den leeren Platz neben sich. "Ruh dich aus, Entaro…"
Unzüchtige Gedanken ❖
02.12.2011 '23:46 [1.006 Wörter]
 saé war gerade unter die Decke gekrochen, als Entaros verkrampfte Haltung sich endlich etwas gelockert hatte. Nun, da sie gänzlich unter der Decke verborgen war und er sie nicht mehr in ihrem unzüchtigen Unterkleid sah, fühlte er sich schon deutlich weniger unwohl. Doch lag dieses Unwohlsein nicht an ihrer Gegenwart. Vielleicht lag es einfach nur an ihm und seiner so tugendhaften Erziehung, die er Zeit seines Lebens genossen hatte. Oder einfach an seiner verkrampften Verklemmtheit. Er hatte noch niemals eine Frau derart unbekleidet gesehen, wie Isaé. Mit Ausnahme seiner verstorbenen Frau. Und schon gar nie hatte er eine andere Frau gänzlich entblößt gesehen und er fühlte sich wie ein einfältiger und närrischer Jüngling. Wenn er schon so unbeholfen war, wenn sie noch ihre Unterwäsche trug, wie würde er da erst aus der Fassung geraten, wenn er sie wahrlich und gänzlich bloß sehen würde? Zudem fühlte er sich, als ob er sich zugleich auf einem absoluten Höhenflug befand. Es ähnelte nur entfernt dem Ritt auf dem Rücken des Drachen und doch hatte es gewisse Gemeinsamkeiten. Er fühlte sich gut, aber zugleich auch irgendwie müde und abgestumpft. Als ob seine Sinne, mit Ausnahme einiger weniger, von einem dichten Nebel verhüllt waren und so nur dumpfe Schatten ihrer Selbst waren. Und ausgerechnet jene Gefühle, welche nicht gedämpft waren, sondern vielmehr sogar verstärkt, waren Entaro mehr als Unangenehm. Lust, Begierde, und ein unglaublicher Rausch hatten ihn erfüllt, dass es ihm schwer fiel sich seiner selbst zu beherrschen.
Ein Teil von ihm wollte sich zu der Hexenjägerin ins Bett legen. Und das nicht, um züchtig neben ihr zu liegen und sanft in den Schlaf hinab zu gleiten. Nein, er wollte wissen, was sie unter diesem Unterkleid trug. Und spüren wie sich ihre Haut anfühlte, und wie ihre Lippen schmeckten. Doch er widerstand dem unbändigen Drang und verharrte einfach nur, während er Isaé beinahe eindringlich ansah. Und dies ging so eine Weile, bis sie schließlich das Wort an ihn richtete. »Du fürchtest dich, habe ich Recht?« Diese Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß. Er ließ seine verschränkten Arme sinken und blickte die junge Frau verwirrt an. »Angst? Wie kommst du darauf? Was meinst du damit?« Er wirkte sichtlich verunsichert, ob der Ungewissheit, was genau sie meinte. Worauf wollte sie hinaus? Warf sie ihm gar Angst vor ihrer anziehenden Weiblichkeit vor? Und der Gedanke daran bereitete ihm Unwohlsein, während er beinahe fühlen konnte, wie er sichtlich errötete. »Du bist ein sehr gläubiger und ehrbarer Mann, und du fürchtest dich, vom rechten Weg abzukommen. Ich kann es in deinen Augen erkennen...« Da seufzte Entaro und schlug dabei die Augen nieder. »Ist dies so offensichtlich?« fragte er und ließ für einen Moment die Schultern hängen. In diesem Moment verfluchte er seine falsche Zurückhaltung. Vielleicht wäre es doch weiser gewesen, sich einfach den Gelüsten, welche sowohl in seinem Verstand, wie auch in seinem Herzen und ganz besonders in seinen Lenden tobten, hingegeben hätte? Hatte sie dies gar von ihm erwartet und machte nun ihrer Enttäuschung darüber kund? Doch schon im selben Moment erhielt er seine Antwort und da fühlte er sich noch närrischer, gleich einem einfältigen Tor, so dass der stolze Mann, der er war, sichtlich zusammenbrach und kurz davor gewesen war, alle Tugenden fahren zu lassen. »Aber warum zweifelst du an dir, und auch an mir? Du würdigst mich damit ebenso herab, wie dich. Ich bin eine ehrbare Frau, und versichere dir, ich würde dir nicht zu Nahe kommen. Ich bin keine Witwe Greta. Fändest du es falsch, dich für eine Nachtruhe neben deine Schwester zu legen?« Er trat einen Schritt auf Isaé zu und hob dabei seine Hände ein wenig empor, zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit. »Bitte vergib mir. Ich ...« Er überlegte für einen Moment, während Isaé diese Pause zu nutzen schien, um weiter zu sprechen. »Vermutlich nicht, weil es ganz natürlich ist, dass man sich mit seiner Schwester in ein Bett legen kann, ohne auch nur einen Hauch von verdorbenen Gedanken zu haben. Warum also legst du dich nicht einfach hin, und erzählst mir von deinem Glauben, wie du es bei deiner Schwester, oder deiner Mutter vermutlich ebenso tun würdest?« Da lächelte Entaro und ihm fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, als er diese Worte vernahm. »Es lag nicht in meiner Absicht deine Ehre in Frage zu stellen, oder sie gar herabzuwürdigen, Isaé. Ich ... Ich fühle mich ... ich weiß, dass dies sicherlich wie eine schlechte Ausrede klingt, doch mein Geist tobt in mir und ich weiß nicht mehr wer ich eigentlich bin. Mein Verstand sagt mir Dinge, die mein Herz verweigert. Und ...« Und was seine Lenden verlangten, das wagte er gar nicht erst zu gestehen. Und so folgte er einfach stumm ihrer Geste und nahm, beinahe diskret und vorsichtig, am Rand des Bettes neben Isaé Platz.
Und als er so da saß, da ließ er die Anspannung, welche in ihm vorherrschte aus seinem Leib entweichen. »Ich habe ... unzüchtige Gedanken. Und als ich dich in deinem Unterkleid sah, dachte ich, dass ... dass du ...« Er stockte erneut, denn irgendwie war es ihm sichtlich peinlich darüber zu sprechen, zumal Isaé offensichtlich kein Interesse an ihm hatte und er sich nur wie ein närrischer Flegel verhalten hatte. »Ach, lass uns einfach nicht mehr darüber sprechen.«, meinte er nur und rang sich mit diesen Worten ein ernstes Lächeln ab, um dieser prekären Situation ein wenig die unangenehme Stimmung zu rauben. »Und ich bin so unendlich müde.« murmelte er, mehr zu sich selbst, als an die Hexenjägerin gerichtet. Doch natürlich hatte sie seine Worte gehört, und wie zum Zeichen legte sie ihm ihre Hand auf die Schulter. »Ruh dich aus, Entaro...« Und da nickte er nur. Eigentlich hatte sie ja Recht, wenn man es so betrachtete. Sie waren einfach zwei Freunde, die nebeneinander schliefen. Fremde Freunde, die sich kaum kannten und sie war eine hübsche, junge und auf eine seltsame vertraute Art auch begehrenswerte Frau. Doch er ließ sich einfach auf den Rücken sinken und starrte dann nur an die Decke, während er versuchte an etwas anderes als die unzüchtigen Gedanken zu denken, welche ihm im Kopf herum spukten.
Im Sog des Feuermohns ❖
04.12.2011 '14:30 [1.311 Wörter]
 eugierig beobachtete Isaé Entaro, und je länger sie ihm dabei zusah, wie er verkrampft und gehemmt da stand, desto mehr tat er ihr leid. Sie hatte keine Ahnung oder Begriffe davon, was ihn ihm vorging. Hatte sie ihn derart aus der Fassung gebracht? Hatte sie sich ungebührlich verhalten? Und doch, er stand in diesem Zimmer. Er hätte ihr Angebot nicht annehmen müssen, wenn es derart falsch oder unziemlich gewesen wäre. Isaé hatte sich nichts dabei gedacht, aber je länger sie ihn betrachtete, desto mehr kam sie sich wie eine Närrin vor. Auch er starrte sie regelrecht an, die junge Frau, welche längst unter den Laken des Bettes lag und so ihren Körper, der nur von diesem dünnen Unterkleid bedeckt war, vor ihm verbarg. Und ein unangenehmes Schweigen herrschte. Isaé räusperte sich, um dieses Schweigen zu brechen, und so sagte sie, was ihr als erstes einfiel. "Du fürchtest dich, habe ich Recht?" Da blickte er sie verwirrt an, und erwiderte "Angst? Wie kommst du darauf? Was meinst du damit?" Es schien Isaé, als würde er sich absichtlich unwissend stellen, um sie vielleicht zu verwirren, oder sie davon abzubringen, deutlicher zu werden. Doch das Feuermohnopium wühlte ihren Geist auf, und so sprach sie, frei von der Leber weg, weiter. "Du bist ein sehr gläubiger und ehrbarer Mann, und du fürchtest dich, vom rechten Weg abzukommen. Ich kann es in deinen Augen erkennen..." Und mehr noch sagte ihm. Ihr deuchte kurz darauf, wie närrisch und unerzogen diese direkten Worte waren, aber gesagt war gesagt. Entaro seufzte und fragte "Ist dies so offensichtlich?" Da lächelte Isaé "In gewisser Weise schon. Ich habe schon Bekanntschaft mit einigen Männern gemacht. Ich meine, nicht so… verstehst du? Aber es waren meistens Männer vom selben Schlag, fast müsste ich glauben, dass alle Männer in solchen Belangen gleich sind… Sie würden sich sofort auf eine Frau stürzen, wenn sie sie ließe… Und dann gibt es auch welche, die dies tun würden, wenn sie sie nicht ließe… Doch du bist ganz anders, als die Anderen, so glaube ich." Sie sah ihm tief in die Augen und fuhr fort "Ich glaube, du hast ein gutes Herz, Entaro. Ich glaube, man kann dir vertrauen, und ich glaube, du würdest nichts unrechtes tun. Darum habe ich dir auch angeboten, dass ich das Zimmer mit dir teile. Denkst du, das hätte ich einem jeden angeboten?" Sie lachte "Etwa dem respektlosen Bauern, welcher dir sagte, er würde mich nicht von der Bettkante stoßen, und dir Ratschläge erteilte, wie man das Eis brechen könne? Nein… Du bist anders, Entaro, das habe ich sofort gewusst. Aber warum zweifelst du an dir, und auch an mir? Du würdigst mich damit ebenso herab, wie dich. Ich bin eine ehrbare Frau, und versichere dir, ich würde dir nicht zu nahe kommen. Ich bin keine Witwe Greta…" Entaro hob die Hände, und trat näher an das Bett heran. " Vergib mir… Es lag nicht in meiner Absicht deine Ehre in Frage zu stellen, oder sie gar herabzuwürdigen, Isaé. Ich ... Ich fühle mich ... ich weiß dass dies sicherlich wie eine schlechte Ausrede klingt, doch mein Geist tobt in mir und ich weiß nicht mehr wer ich eigentlich bin. Mein Verstand sagt mir Dinge, die mein Herz verweigert."
Da erwiderte Isaé sein Lächeln und sagte nur "Es gibt nichts zu vergeben, Entaro…" Und sie fühlte sich schuldig. Sie wusste, warum er so verwirrt war, und warum er meinte, dass sein Geist vernebelt und aufgewühlt sei. Und wenn er dieselben Empfindungen verspürte, wie auch sie, dann könnte es gefährlich werden, wenn er sich zu ihr in das Bett legte… Sie betrachtete ihn. Als sie vorhin ihre Hand auf seine Wange gelegt hatte, und seinen Bart berührt hatte, da hatte sie sich vorgestellt, wie es wohl wäre, ihn zu küssen, von ihm umarmt zu werden, wie er unbekleidet aussah… Und diese Gedanken trieben Isaé die Schamesröte ins Gesicht. Davon abgesehen hatte sie noch nie einen Mann unbekleidet gesehen, sie hatte keine Begriffe davon, was einen Mann von einer Frau unterschied. Und dies machte ihr auf eine seltsame Art und Weise Angst. Zugleich schämte sie sich für ihren Körper. Die Priester predigten immer von der Sündhaftigkeit der körperlichen Liebe, und von Tugend und Keuschheit. Und auch wenn Isaé dem Geschwätz der Gläubigen nicht viel abgewinnen konnte, so musste sie feststellen, dass ihr ihre Tugendhaftigkeit und ihre Keuschheit auf gewisse Art und Weise auch Sicherheit gaben. Entaro setzte sich nun doch vorsichtig auf die Kante des Bettes sprach schließlich weiter "…und ich habe ... unzüchtige Gedanken. Und als ich dich in deinem Unterkleid sah, dachte ich, dass ... dass du ..." bei diesen Worten horchte Isaé auf. Sie schätzte seine Ehrlichkeit, aber das hatte sie dann doch nicht erwartet. Ob es nur am Feuermohnopium lag? Fast schien es ihr, als würde der Feuermohn ihr zuflüstern, es zuzulassen, sich darauf einzulassen, und es geschehen zu lassen. Aber sie schüttelte diese Gedanken von sich ab. "Was dachtest du? Dass ich es absichtlich getan habe, um dich zu umgarnen, oder ins Bett zu locken? Das lag nicht in meiner Absicht, ich schwöre es..." Sie biss sich auf die Lippen und rang sich ein Lächeln ab. "Ich glaube, ich habe es schon erwähnt, aber, ich bin nicht die Witwe Greta… Aber wenn es dich beruhigt, dann kann ich dir sagen, dass ich… ich…" Und für einen Moment überlegte sie, ob sie ihm ebenso das Zugeständnis machen sollte, dass ihre Gedanken nicht gänzlich unschuldig waren. Aber sie brachte die Worte nicht hervor, denn sie schämte sich dafür. "Ach, lass uns einfach nicht mehr darüber sprechen" schlug er vor, und Isaé lachte erleichtert. "Ja, lass uns nicht mehr darüber sprechen…" wiederholte wie seine Worte. "Und ich bin so unendlich müde" murmelte er, und da legte Isaé ihrer Hand auf seine Schulter, und rutschte ein Stück weit zur Seite. "Ja, es war ein Ereignisreicher Abend. Ruh dich aus, Entaro…" sagte sie mit sanfter, leiser Stimme.
Der Drachenreiter nickte, und legte sich auf den Rücken, und starrte krampfhaft auf die Holzdecke. Isaé legte sich auf die Seite, und schmiegte sich in das Kopfkissen. Es war eine Wohltat, wieder zu liegen, und die müden Glieder auszuruhen. Eine Weile lag Isaé da, und betrachtete stumm sein Profil. Die Wirkung des Feuermohnopiums war allgegenwärtig, und sie fragte sich, wie der morgige Tag sein würde. Würde sie eine erneute Dosis benötigen, oder würde morgen ein guter Tag sein? Sie wusste es nicht. Jeder Tag, und jeder Abend war anders. Solange sie im Besitz von dieser Droge war, konnte sie jeden Tag nehmen, wie er kam. Problematisch wurde es nur, wenn sie es aufgebraucht hatte, und sie keinen Nachschub besorgen konnte. Und nun lag sie neben Entaro, und beobachtete ihn, wie er an die Decke starrte, als würde er dort etwas beoachten. Wagte er nicht, sie anzusehen? Schwieg er, weil er müde war, oder hatte er keine Lust, zu sprechen? Auf jeden Fall hatte sich ihr Herzschlag spürbar erhöht, seit er neben ihr lag. Sie musste zugeben, dass er ein reizender Mann war. Er sah gut aus, er war nett, und er war anständig. Vielleicht war er ein wenig zu ernst, und fanatisch, was seinen Glauben betraf, aber wie gut kannte sie ihn schon wirklich, um das beurteilen zu können? Was sie in diesem Moment allerdings wusste, war, dass sie sich beinahe unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte. So, wie sie es schon seit vielen Jahren nicht mehr empfunden hatte. Und sie glaubte beinahe, als sei ihre Begegnung schicksalshaft gewesen... Mit einem Mal schien er plötzlich beschämt, dass er ihr dieses ehrliche Zugeständnis gemacht hatte, nämlich dass er unzüchtige Gedanken hegte, während sie feige gewesen war und sich damit keine Blöße gegeben hatte... Da tat er ihr leid. "Entaro..." begann sie zögerlich, und brach das unangenehme Schweigen mit einem Zugeständnis, welcher vermutlich noch viel unangenehmer sein würde, als die Stille. "Um der Wahrheit die Ehre zu geben... Meine Gedanken sind in diesem Moment auch nicht keusch..."
Wie Bruder und Schwester? ❖
07.12.2011 '16:36 [1.483 Wörter]
 uälende Gedanken krochen durch Entaros Geist und er kam sich ein wenig lächerlich vor, wie er so stocksteif neben Isaé lag und stur an die Decke starrte. Und dass, obwohl er kaum die Hand vor Augen erkannte. Zwar schien das schwache Licht des Mondes durch das Fenster herein, doch war es ansonsten sehr dunkel in der Kammer. Und das wenige Licht, welches der Mond spendete, war nicht ausreichend genug, um genug zu erkennen. Wohl aber erkannte er Isaés Gesicht, welches förmlich zu schimmern schien, wenn das Mondlicht auf sie fiel und ihre helle Haut in einen matten Schein tauchte. Doch immer dann, wenn er es dann doch wagte, für einen Moment den Kopf zur Seite zu drehen, da erkannte er, dass Isaé mit offenen Augen neben ihm lag und in seine Richtung sah. Und so hatte er immer wieder rasch den Kopf von ihr fort gedreht. Dieses unwohle Gefühl, welches sich in seiner Magengrube ausbreitete nagte an seiner Selbst. Er war ein stolzer Ritter und hatte bereits unzähligen Gefahren getrotzt und doch war er augenscheinlich nicht Manns genug mit dieser Frau das Bett zu teilen.
Er kam nicht umhin an seiner Mannhaftigkeit zu zweifeln. Waren doch die großen Legenden der alten Ritter stets auch von werbendem Minnegesang für die holden Maiden durchtränkt. Und doch verhielt es sich bei ihm anders, als bei jenen glorreichen Rittern aus alten Tagen. Nicht, dass er sich nicht zu Isaé, oder gar anderen Frauen hingezogen fühlte. Nein, er fand die Frau, welche dort neben ihm lag, durchaus reizend. Für seine Tugend sogar zu reizend. Doch hatte er ein Gelübde abgelegt. Er war ein Bernsteinritter, nicht irgendein dahergelaufener Raubritter, der das Herz einer fremden Maid raubte, nur um am nächsten Tag wieder seines Weges zu ziehen. Für ihn galten Tugenden und Ehre und wenn er sich eine Frau nahm, dann nur, wenn sie auch sein Eheweib wurde. Doch davon war er bei Isaé noch weit entfernt. Er kannte sie doch kaum. Immerhin hatten sie nur einen einzigen Abend gemeinsam an dem Tisch einer Schenke verbracht und über Hexen und Drachen gesprochen. Und bei dem Gedanken an Drachen, da musste er unweigerlich an die schwarze Kreatur denken, welche draußen in der Scheune schlief. Und an den Fluch, welchen der Bund mit diesem Drachen mit sich brachte. Vielleicht war Entaro auch nur aus diesem Grund so verhalten, ob der Frau, die da neben ihm lag. Ein Bund mir ihr, würde auch einen Bund mit dem Drachen bedeuten. Dessen war sich Entaro sicher.
Entaro schloss die Augen und seufzte, während seine Gedanken wie wild zu kreisen begannen. Doch egal, wohin er sie auch zu lenken versuchte. Sie kehrten stets zu einem Bild zurück, welches sich ihm förmlich aufdrängte. Isaé in ihrem Unterkleid, wie sie unzüchtig vor ihm stand und ihm hübsche Augen machte. Doch das Bild war verzerrt, denn Isaé war eine tugendhafte und ehrbare Frau, kein lasterhaftes Luder, wie jene, welche sein Geist ihm vorzugaukeln schien. Und doch brannte in ihm die Leidenschaft, wie er sie noch niemals verspürt hatte. Sein Herz hämmerte so wild in seiner Brust, dass es beinahe drohte, diese zu sprengen, während sein Atem unregelmäßig und stoßweise ging, als ob er gerade den berauschendsten Ritt auf dem schwarzen Drachen, welchem er den Namen Schatten gegeben hatte, erlebte. Dieses seltsame und aufwühlende Gefühl trieb ihm das Blut durch die Venen und seine Fingerspitzen kribbelten, als ob diese danach begehrten etwas zu berühren. Etwas, wie der junge Busen dieser schönen Frau, welche dort neben ihm lag. Doch weder wagte Entaro seine Hände auf die Objekte seiner geistigen Begierde zu legen, noch erlaubte ihm dies sein Ehrgefühl. Und doch gab er seinen Händen etwas, denn er schob sich die Hände sachte und so unauffällig wie möglich in die Bruche. Das Feuer, welches in seinen Lenden brannte und die Bilder, welche buchstäblich in seinem Kopf spukten, trieben den fahrenden Ritter und Drachenreiter an den Rand des Wahnsinns. Und so begann er sein schmerzendes Gemächt zu kneten, um, in dem Kampf gegen diese aufdringlichen Gefühle, die Oberhand zu behalten.
Doch kaum hatte er damit begonnen, da schien sich Isaé zu bewegen und wandte den Kopf zu ihm um. »Entaro ...« Der Drachenreiter zuckte, für einen Moment, erschrocken zusammen. Hatte sie gar bemerkt, was er da getan hatte? In diesem Augenblick war er dankbar, dass es in der Kammer so dunkel war, sonst hätte sie wohl gesehen, wie hochrot er gerade geworden war. Seine Zunge fühlte sich mit einem Mal sehr schwer an und er schluckte hart, während er hastig die Hände aus der Bruche zog. »Ja?« fragte er, doch blieben ihm die Worte krächzend im Halse stecken, welcher beinahe so trocken war, wie das Fegefeuer der Sünde. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben... Meine Gedanken sind in diesem Moment auch nicht keusch...« Da stockte Entaro für einen Moment der Atem. Hatte er sich verhört? »Wie?« hauchte er, um seiner gereizten Stimme keinen Anlass zu geben ihn zum Husten zu zwingen. »Du hast doch gesagt ... dass du ...« Entaro war sichtlich verwirrt, während ihre verführerische Stimme ihm buchstäblich ins Ohr kroch und die Bilder, welche ohnehin schon in seinem Geist herum spukten, zu neuerlichen, noch abenteuerlichen Bildern verwandelte. Nun stand Isaé nicht einmal mehr in ihrem Unterkleid vor ihm, und ihr Anblick trieb Entaro die Schamesröte ins Gesicht. Ja, wohl hatte er schon einmal eine unbekleidete Frau gesehen, doch war diese seine Schwester gewesen. Und sie war damals noch sehr jung gewesen, wie er auch. Doch das Bild, welches sich Entaros innerem Auge darbot, entsprach so gar nicht seiner Schwester. »Isaé.« murmelte Entaro, während er versuchte auf die innere Stimme in seinem Kopf zu hören. Doch wurde die Stimme überlagert von Eindrücken, Bildern und einem Meer von Stimmen, welche alle nur eines von Entaro forderten.
Und so wandte sich Entaro ein wenig auf die Seite, um Isaé besser ansehen zu können. Wo er zuvor noch, regelrecht furchtsam, ausgewichen war, zeigte er nun den Mut eines wahren Ritters und sah der Hexenjägerin tief in die, vom Mond förmlich leuchtenden, Augen. Und wie er sie so sah, da tat sich ihm ein gänzlich neues Bild von dieser Frau vor ihm auf. »Kann dies Zufall sein, dass wir beide dieselben Gedanken hegen? ich dachte es lag nur am Wein.« Entaro sprach leise und gedämpft, aber dennoch mit fester Stimme, ohne dass sie einem Hauchen oder Flüstern glich. »Doch vielleicht ist hier auch eine höhere Macht am Werk. Anders kann ich es mir kaum mehr erklären.« Entaro widerstand dem unbändigen, inneren Drang Isaé zu berühren und hielt seine Hände bei sich, während er versuchte sein verräterisches, hartes Gemächt so gut es ging zu verdecken, aus der Furcht, sie könnte es bemerken.
Und so herrschte für eine Weile Schweigen, in welchem sich die beiden einfach nur anstarrten. Und je mehr dieser quälenden, ruhigen Zeit verging, desto drängender wurde der Wunsch seinen Gelüsten nachzugeben. Doch Entaros eiserner Wille schien beinahe ungebrochen, während die geistigen Barrieren langsam zu schmelzen schienen. Sein Herzschlag wurde immer rasender, bis dieser ihm förmlich in den Ohren dröhnte und er drohte bereits einem Fieber zu erliegen, so warm war sein Blut, welches in seinen Adern zu kochen schien. »Was geschieht nur hier?« fragte er sich, während er erkannte, dass es Isaé ähnlich wie ihm zu ergehen schien. Und als ob ihre Leiber Magneten wären, die einander anzogen, so rutschten sie, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, immer näher, bis sich, mit einem Mal, ihre Lippen berührten.
In jenem Moment erfüllte eine ungeheure Welle der Glückseligkeit Entaros Verstand, als er die weichen Lippen der Hexenjägerin auf den seinen verspürte. Doch dauerte der Moment nicht lange, als ihn kurz darauf ein fürchterlich kalter Schauer überkam und er erschrocken von Isaé zurückwich. Hastig richtete er sich in dem Bett auf und setzte sich auf den Rand des Bettes. »Das ist falsch. Ich habe Daerean ein Gelübde geschworen!«, murmelte er sowohl mahnend zu sich, als auch entschuldigend zu Isaé. Doch ob Daerean alleine der Grund für Entaros Verhalten war, würde der Drachenreiter wohl nicht zugeben. Vielmehr fürchtete er den Drachenfluch, wenn er sich der Lust seiner unbändigen Gefühle hingab. Der Drache und er, verbunden durch Blut und uralte Magie, die der Drachenreiter selbst kaum verstand, sie waren mehr als nur als ein Drache und sein Reiter. Sie teilten die Gedanken und auch die Begierden. Dieser Drache war eine alles verschlingende Bestie welche nur durch Entaros eisernen Willen daran gehindert wurde entfesselt zu werden. Entaro wagte nicht daran zu denken, was wohl geschehen würde, wenn er sich dem Feuer der Leidenschaft hingab, welches förmlich in seinen Lenden brannte. Und die Begierde, welche für diese Frau entbrannt war, konnte sie am Ende gar verbrennen, wenn der Geist des Drachen von ihm Besitz ergriffen hätte. Zwiegespalten und hin und hergerissen zwischen seinen Gefühlen, der Wirkung des Feuermohns, welcher in seinen Adern wütete, und der Furcht vor sich selbst, saß Entaro am Rande des Bettes und versuchte Herr über seiner Selbst zu werden.
Die Beichte ❖
09.12.2011 '20:32 [858 Wörter]
 saé blickte den Drachenreiter aufmerksam an, während er beinahe krampfhaft an die Decke starrte. Er schien ihre Blicke zu spüren, denn immer wieder wandte er ihr vorsichtig seinen Kopf zu, nur, um sogleich wieder weg zu blicken. Und als er dies mehrmals getan hatte, da begann es für Isaé spaßig zu werden, und es glich ihr beinahe wie einem Spiel unter Kleinkindern. Sie beobachtete Entaro im Mondlicht aufmerksam, und die Ruhe und dieses Schweigen empfand sie bald nicht mehr als unangenehm, sondern als entspannend und wohltuend. Sie war eine stille Beobachterin, und so, wie sie gerne Menschen in den Schenken, oder Städten und Dörfern beobachtete, so tat sie dies nun auch bei Entaro. Er wirkte sichtlich verunsichert, verkrampft, schien mit sich zu ringen, und er begann ihr Leid zu tun. Und so tat Isaé, was sie normalerweise niemals tat; sie offenbarte ihm ihre wahren Gefühle. Sie gestand ihm, ebenso wie er dies kurz zuvor getan hatte, dass sie ebenso unkeusche Gedanken hegte. "Wie? Du hast doch gesagt ... dass du ..." Er schien deutlich aus der Fassung gebracht worden zu sein, durch seine Worte, und Isaé erschrak innerlich und schalt sich eine Närrin, bereits zum wiederholten Male an diesem Abend, für ihr Tun und für ihre unbedachten Worte. "... dass ich eine ehrbare und anständige Frau bin?" hauchte sie ebenso, da sie spürte, wie ihre Stimme vor Scham zu brechen drohte. "Ja, das bin ich auch, verzeih, Entaro. Aber ... aber ... dies waren doch kurz zuvor auch deine Worte, und ich dachte mir, dass es dir helfen würde, wenn ich dir sage, dass es mir auch so ergeht ... Ich wollte dich wirklich nicht vor den Kopf stoßen ..." stieß sie beschämt hervor, und fragte sich gleichzeitig erneut, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, ihm derartiges zu gestehen! Da erschien er plötzlich nachdenklich und sagte "Kann dies Zufall sein, dass wir beide dieselben Gedanken hegen? ich dachte es lag nur am Wein. Doch vielleicht ist hier auch eine höhere Macht am Werk. Anders kann ich es mir kaum mehr erklären." Da glitten Isaés Gedanken erneut zu der Pfeife, die mit dem Feuermohnopium versetzt gewesen war, welche sie ihm unbedacht angeboten hatte, und sie schämte sich. Sie hatte schon mehrmals die Gelegenheit gehabt, ihm die Wahrheit zu gestehen, und hatte es nicht getan. Sie kam sich vor wie eine gemeine Lügnerin, und Wahrheitsverdreherin, und dass sie ein grausames Spiel mit ihm spielte. Er schien ernsthaft mit sich zu ringen und zu zweifeln, und da tat er ihr noch mehr Leid, als vorher.
Aber sie brachte keine Worte mehr hervor, und so verharrte sie still und regungslos, und blickte ihn einfach nur mit großen Augen an. Sie konnte sein Gesicht, welches im Schatten lag, kaum erkennen, und so starrte sie ihn mehr an, als er sie, um seine schemenhaften Gesichtszüge zu erkennen. Und je länger sie sich anstarrten, desto heftiger begann Isaés Herz zu schlagen. Und sie war verwirrt, denn eine solche Wirkung des Feuermohns war ihr gänzlich unbekannt. Beide schienen wie versunken, und so bemerkte Isaé nicht, wie die Beiden sich langsam immer näher kamen, und schließlich wurde sie nur mehr seinem warmen Atem gewahr, der ihr Gesicht streifte, und schließlich seinen Lippen, die sich auf die Ihren gelegt hatten. Der Moment war magisch, und ein heftiges Kribbeln schoss in ihre Eingeweide, als sein Geruch verführerisch in ihre Nase kroch, und Isaé schloss unweigerlich die Augen, während sie diese subtile Berührung genoss. Doch so unerwartet, wie der Moment gekommen war, so jäh war er auch wieder vorbei, als Entaro sich hastig von ihr zurückzog, sich im Bett aufsetzte, und an den Rand des Bettes rutschte, wo er sich an die Bettkante setzte. "Das ist falsch. Ich habe Daerean ein Gelübde geschworen!"
Seine jähe Reaktion brachte Isaé völlig aus der Fassung. Sie setzte sich ebenso im Bett auf, doch sie wagte nicht, sich zu bewegen, oder sich gar zu ihm zu setzen. Ihr Herzschlag ging in unermessliche Höhen, was aber eher daran lag, dass sie sich ertappt und beschämt fühlte, und als sie sich einigermaßen wieder gefasst hatte, hauchte sie "Verzeih mir ... Ich ... ich wollte das nicht, Entaro. Aber ... es war nicht nur meine ..." Schuld, wollte sie sagen, aber dieses Wort empfand sie dann doch als falsch. "... ich meine... du hast doch auch, nicht nur ich ..." stammelte sie, und dann seufzte die junge Frau und schnitt sich selbst das Wort ab. Sie umschlang mit den Armen ihre angezogenen Beine, und legte den Kopf auf ihre Knie. "Entaro ..." begann sie leise. "Schäme dich nicht, es ist nicht deine Schuld. Zweifle nicht an deiner Ehre, oder an deinem Schwur zu Daerean. Es ist meine Schuld. Es ist der Feuermohn ..." Isaé schluckte schwer, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, aber zum einen war es nun ohnehin zu spät und zum anderen hatte er ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.
"In meiner Pfeife war Feuermohnopium. Es ruft solche Reaktionen hervor. Deswegen fragst du dich schon den ganzen Abend, ob der Wein an deinem Zustand Schuld trägt. Ich habe sie dir unbedacht angeboten. Aber glaube mir, dass es keinem niederen oder unlauterem Zwecke diente. Ich habe nicht daran gedacht ... Ich wollte das alles nicht, es tut mir Leid, Entaro ..."
Ein drohender Schatten ❖
10.12.2011 '10:13 [1.146 Wörter]
 saés Reaktion fiel anders aus, als Entaro es erwartet hatte. Aber wenn er sich ehrlich war, wusste er selbst nicht so recht, welche Reaktion er eigentlich erwartet hatte. Doch auf jeden Fall keine Ausflüchte oder zaghafte Entschuldigung, wie es nun der Fall war. Und während er, mit seinem aufgewühlten Geist und seinem wild schlagendem Herzen, auf der Bettkante saß, richtete sich Isaé ebenso im Bett auf, wie er zuvor. »Verzeih mir ... Ich ... ich wollte das nicht, Entaro. Aber ... es war nicht nur meine ...« Da hob er den Kopf, welchen er zuvor noch auf seiner Hand gestützt gehalten hatte, und richtete seinen Blick auf Isaé. »Du brauchst dich nicht dafür entschuldigen, dass mein Blut dich begehrt...« meinte er nur, doch Isaé sah ihn nur mit einem Blick an, welcher es schwer für Entaro machte diesen zu deuten. Doch dann seufzte sie und schlang ihre Arme um ihre Beine, um diese fester an sich zu ziehen, was Entaro beinahe dazu verleitete sie einfach nur in den Arm zu nehmen, um ihr Trost zu spenden. »Schäme dich nicht, es ist nicht deine Schuld. Zweifle nicht an deiner Ehre, oder an deinem Schwur zu Daerean. Es ist meine Schuld.« Da lächelte Entaro besonnen und legte den Kopf ein wenig schiefer, während er seine Blicke auf ihr haften ließ. »Auch wenn die Priester zuweilen behaupten, dass die Frau eine Verführerin ist und man ihren lustvollen Reizen nicht erliegen darf, so glaube ich nicht, dass es deine Schuld ist. Es ist einfach ...« Doch Isaé ließ Entaro den Satz nicht zu Ende sprechen, sondern sah ihn nur ernst an. »Es ist der Feuermohn ...« Da hielt Entaro inne und Verwirrung machte sich auf seinem Gesicht breit. »Feuermohn?« hakte er fragend nach, denn so recht wusste er nicht, wovon sie da sprach. Natürlich kannte er den Feuermohn, doch was genau sie damit meinte, dass erschloss sich ihm nicht. »Was meinst du damit?« fragte er und sah sie dabei fragend an.
»In meiner Pfeife war Feuermohnopium. Es ruft solche Reaktionen hervor. Deswegen fragst du dich schon den ganzen Abend, ob der Wein an deinem Zustand Schuld trägt. Ich habe sie dir unbedacht angeboten. Aber glaube mir, dass es keinem niederen oder unlauterem Zwecke diente. Ich habe nicht daran gedacht ...« Entaros Herzschlag schien still zu stehen, während sich sein gesamter Körper verkrampfte. Und während die Worte in seinem Kopf nur so hervorsprudelten, wie aus einer Quelle, presste er nur die Lippen zusammen und sah Isaé mit einem eisigen Blick an und alles was er hervorbrachte war ein Wort. »Feuermohnopium?« »Ich wollte das alles nicht, es tut mir Leid, Entaro ...« Die Worte sickerten Entaro nur langsam in den Geist und während all die kleinen Zahnrädchen in seinem Kopf zu rattern und zu rotieren begannen, bildete sich in seinem Kopf auch nur langsam ein Bild. Und während er so stumm dasaß und Isaé nur anstarrte konnte man die Anspannung, unter welcher die junge Frau sichtlich stand, förmlich fühlen. Vielleicht lag es an dem Opiat, dass Entaros Geist so langsam schaltete, denn während sein Verstand gegen Isaé aufbegehrte und danach schrie, ihr seinen Unmut kundzutun, da wisperte sein Herz noch immer und verhieß ihm sinnliche Freuden, nach welchen es seinen Lenden so sehr verzehrte. Wie viel Zeit verstrichen war, konnte Entaro beim besten Willen nicht sagen, als er endlich die starre Verkrampfung seiner Lippen löste um zu sprechen. »Isaé...« erhob er die Stimme und sie klang ruhig und gefasst, obwohl sein Geist zerrüttet und innerlich aufgewühlt war. »... warum hast du nur so lange damit gewartet?« Er sah sie beinahe vorwurfsvoll an, während er sich langsam vom Bett erhob. Der Wunsch sie zu bestrafen keimte ebenso in ihm auf, wie der drängende Wunsch sich einfach auf sie zu werfen, um von dem Geschmack ihrer Lippen ein weiteres Mal zu kosten. Vielleicht verstärkte die Wut und das wallende Blut, welches ihre Beichte in ihm hervorgerufen hatte, sogar die Wirkung des Feuermohns, doch konnte Entaro dies weder wissen noch verstehen.
Doch noch etwas geschah in Entaro. Weder der Feuermohn, noch die Lust oder gar die Wut bahnte sich ihren Weg in seinen Geist. Es war die dunkle Gegenwart des einer uralten Präsenz, an dessen Seele sich der Drachenreiter gebunden hatte. Entaros Gefühle und seine dunklen Gedanken hatten die Kreatur aus ihrem Schlaf gerissen. Und nun, da sie erwacht war, drängte sich ihr Bewusstsein wieder in das Seine. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass die Kreatur nun erwacht war, doch empfand Entaro dies gänzlich ungelegen. Nun war Isaés Beichte weit mehr als nur Reue, denn in diesem Augenblick war sie, ohne dass sie es wissen konnte, zur Torheit geworden. Jeder Gedanke, den der Drachenreiter nun hegte, würde unweigerliche Konsequenzen nach sich ziehen. Sowohl der Gedanke an ihre warmen, weichen Lippen, als auch die Gedanken daran sie zu beschimpfen oder gar zu bestrafen. Entaro schloss die Augen und versuchte die Gegenwart des Drachen zu verdrängen, doch war die Kreatur unruhig und suchte nach seinem Reiter. »Isaé. Ich hege keinen Groll gegen dich.« Eigentlich war dies eine Lüge. Tief in seinem innersten verwünschte er die junge Hexenjägerin, denn dieser Feuermohn hatte nicht nur Entaros rechtschaffene Tugend ins Wanken gebracht, sondern auch den Drachen erweckt, welcher des Nachts so viel gefährlicher war, als wenn die Sonne schien. Nicht umsonst hatte Entaro der Kreatur den Namen Schatten gegeben, denn wie ein Schatten kroch der Geist der Bestie in seinen Verstand. Aber waren diese Gedanken nun wirklich die seinen, oder die des Drachen, oder gar hervorgerufen durch den Feuermohn? »Wie lange hält die Wirkung dieses ... dieses Feuermohns eigentlich an?« erkundigte er sich während er ein wenig unruhig mit dem rechten Fuß wippte.
»Wenn wir schon beim Beichten sind...«, hob er an und wandte dabei den Kopf zum Fenster, als ob er erwarten würde, dass jeden Moment der Drache dieses aus den Angeln reißen würde. »Auch ich habe dir etwas verheimlicht. Nicht um dich zu hintergehen, Nein.« Sogleich hob er abwehrend die Hände, um etwaiges Missfallen in Isaé zu verhindern. »Nur aus Furcht, du könntest es nicht verstehen.« Er schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippen. Wie er es auch sagte, es klang herabwürdigend oder abwertend. Doch noch ehe Entaro sich weiter erklären konnte, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Ein unmenschliches und dunkles Grollen durchschnitt die finstere Nacht. Es war der Schrei eines Drachen, welcher die Wut über seine Einsamkeit in die Finsternis entsandte. Entaro warf Isaé einen flüchtigen und entschuldigenden Blick zu, bevor er ihr den Rücken zuwandte. Hastig sammelte er sein Kettenhemd, wie auch sein Schwert Gehänge ein und warf sich die schwere Rüstung über den Leib, während er sich eilig den Gürtel um die Hüfte legte. Die fragenden Blicke der Hexenjägerin beantwortete er nur mit einem entschuldigenden Blick. »Ich muss gehen, bevor ein Unglück geschieht!« Und kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da stürmte er auch schon aus dem Zimmer, um zu der Scheune zu eilen, in welcher der Drache eingesperrt war.
Ein Tanz im Mondschein ❖
12.12.2011 '17:05 [1.927 Wörter]
 ntaro schien verwirrt zu sein, als Isaé ihre Beichte abgelegt hatte. Zurecht. Doch trotz allem, was er nun sagen oder tun würde, es erschien Isaé als das einzig Richtige, das sie hatte tun können. Und alles was er hervorbrachte war nur "Feuermohnopium?" Da nickte die Hexenjägerin stumm. Doch sie brachte kein Wort mehr hervor, denn es war ohnehin schon alles gesagt. Eine Weile herrschte unangenehmes Schweigen, welches nur von dem leisen Lärm gestört wurde, welches von der Schankstube herauf drang. Schließlich wandte er den Kopf und blickte die junge Frau an. Sein Blick verriet nur Vorwurf, ja beinahe Verachtung. Doch seine Stimme war fest und gefasst. "Isaé... Warum hast du nur so lange damit gewartet?" Da seufzte Isaé, ob seiner durchaus berechtigten Frage. "Ich... ich habe nicht sofort daran gedacht. Und als ich mir dann darüber bewusst wurde, wusste ich nicht, wie ich es sagen sollte. Und bevor wir uns... geküsst hatten..." Isaé presste die Lippen aufeinander und kämpfte erfolglos gegen ihren sich erhöhenden Herzschlag an. "...war es ja auch nicht nötig... Ich wusste nicht, dass solches passieren würde. Und es lag nicht in meiner Absicht!" Entaro hatte sich erhoben und stand vor Isaé, die immer noch auf dem Bett kauerte und blickte sie unverwandt an. Nach einer Weile sagte er "Isaé. Ich hege keinen Groll gegen dich." Bei diesen Worten fiel Isaé ein ganzes Weltengebirge vom Herzen. Sie lächelte ihn scheu an und flüsterte "Das ist gut, Entaro..." Isaé löste ihre Arme, welche sie um ihre angezogenen Beine geschlungen hatte, und streckte die Beine auf dem Bett aus. "Wie lange hält die Wirkung dieses ... dieses Feuermohns eigentlich an?" erkundigte er sich bei ihr, während Isaé nicht entging, dass er mit dem Fuß wippte, welches ein leises Knarzen der Holzdielen hervorrief. "Morgen Früh ist es vorbei. Du wirst erholsamen Schlaf finden, und morgen ist alles vorbei. Und du wirst dich an alles erinnern..." versuchte sie ihn zu beschwichtigen. Bei letzterem Satz wusste sie allerdings nicht, ob dies nun etwas Gutes war, oder etwas Schlechtes. Vielleicht wäre es bei seinem aufgebrachtem Gemüte vielleicht sogar besser, wenn der Schleier des Vergessens darüber gebreitet war.
"Wenn wir schon beim Beichten sind... Auch ich habe dir etwas verheimlicht. Nicht um dich zu hintergehen, Nein. Nur aus Furcht, du könntest es nicht verstehen." Da blickte Isaé ihn fragend an. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was dies sein könnte. Sie konnte ihre Neugierde nur schwer verbergen, als sie ihn anblickte, dennoch sagte sie "Entaro... Wir sind nur flüchtige Bekannte... Wir sind einander nicht zu einer Lebensbeichte verpflichtet..." Aber die Neugierde rückte trotz allem in den Vordergrund, und so fügte sie noch hinzu "Was wäre das, was dich zu der Furcht treibt, ich könnte es nicht verstehen?" Sie legte ihren Kopf zur Seite und lächelte ihn an. Da zerriss ein dumpfes Grollen den fortgeschrittenen Abend, und Isaé wandte je den Blick von ihm ab und richtete ihn dorthin, wo sie glaubte, das Geräusch gehört zu haben. Entaro indes sammelte hastig seine Habseligkeiten zusammen, warf sein Kettenhemd über seinen Leib, was sich ein wenig schwierig gestaltete, ohne Hilfe, ergriff sein Schwert, und speiste Isaés verwirrten Blick ab mit den Worten "Ich muss gehen, bevor ein Unglück geschieht!" Und damit verließ er im Laufschritt das Zimmer.
Zurück blieb die verwirrte Isaé. Schließlich löste sie sich aus ihrer Haltung und sprang auf, und lief Entaro nach. Sie stolperte beinahe die Treppe hinunter und rief "Entaro, warte!" Und als sich die Blicke der Schenkengäste auf sie richteten, da wurde sie sich erst gewahr, dass sie nichts am Leib trug, als ihr Unterkleid. SIe fluchte leise vor sich her, und wandte sich ab und lief die Treppe wieder hinauf. In ihrem Zimmer angekommen, ergriff sie das Kleid, streifte es sich über ihren Leib, band die Schnur am Schlüssellochausschnitt zusammen, strich das Kleid glatt, ergriff ihre Stiefel und schlüpfte hinein, und dann legte sie sich noch ihren Mantel um. Isaé nahm ihre Tasche an sich, und verließ das Zimmer wieder. ...bevor ein Unglück geschieht... hallten Entaros Worte in ihrem Kopf wieder. Was meinte er nur damit? Beinahe fluchtartig verließ sie das Zimmer, flog förmlich die Treppe hinunter und bahnte sich beinahe rüde den Weg durch die Menschen, die sie teilweise fragend, wie auch verwundert anblickten. Doch Isaé widmete ihnen keine Aufmerksamkeit. Sie musste wissen, was Entaro dazu gebracht hatte, so übereilt und mit all seiner Habe das Zimmer zu verlassen. Als sie vor der Schenke stand, war von dem Drachenreiter nichts zu sehen. Einzig der Mond und die Sterne spendeten Licht. Isaé trat einige Schritte vor, und rief leise in die Nacht "Entaro?" Aber keine Spur war von ihm zu sehen. Plötzlich zerrissen Stimmen die Stille. "Heda, Hexe!" Isaé wandte sich verwundert um, und sah zwei Männer, welche vor ihr standen. "Na siehst du, Mirek, sie reagiert drauf. Sollte uns das nicht schon Beweis genug sein?" meinte er und blickte sie gleichsam furchtsam, wie auch entschlossen an. "Was wollt ihr von mir? Ich bin keine Hexe!" blaffte Isaé den Redelsführer an. "Hüte deine Zunge, Hexenweib!" Isaé sah den Mann unverwandt an. Was hatte dies zu bedeuten? Sollte dies ein schlechter Scherz sein? Der Mann trat einen Schritt auf sie zu, und packte sie am Arm. "Du hast den Drachenreiter verhext! Und verführt! Ganz, wie deine unselige Hexenschwester, die so großes Unglück über unser Dorf gebracht hat!" Da glitt ein verlegenes und unsicheres Lächeln über das Antlitz der jungen Frau und sie sagte "Was redest du da, du Narr? Nichts dergleichen habe ich!" Da schaltete sich der zweite ein "Und wie kommt es dann, dass der Drachenreiter sich in dem Zimmer aufgehalten hat, aus welchem du, unzüchtig bekleidet, ebenso bekommen bis? Mir brauchst du nichts vorzumachen, du gottloses Weib! Ich habe Augen im Kopf, und was ich gesehen habe, reicht mir. Und darüber hinaus haben mir die Drei auch Verstand gegeben. Du brauchst gar nichts erst bestreiten!" Da wandte Isaé den Blick auf die Hand des ersten, welcher ihren Arm immer noch festhielt, und sie zischte "Lass mich los!" und sie versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien. Doch der Mann hielt sie eisern fest. "Sei vorsichtig, wer weiß, welch dunkle Flüche sie bereits in Gedanken webt!" Da lachte Isaé auf, doch es klang eher verzweifelt, denn erheitert, denn nun ward ihr klar, dass diese Männer alles andere im Schilde führten. Und sie bereute, dass sie Entaro so kopflos hinterher gelaufen war. "Benutz doch deinen, dir von den Dreien gegebenen, Verstand, Mann!" erwiderte sie. "Ich war es doch, welcher der Hexe heute Abend einen Pflock ins Herz getrieben hat, und sie damit letztendlich getötet hat. Ich bin auf eurer Seite, und keine Hexe!" schüttelte sie den Kopf und schnaubte leise. "Das stimmt, ich habe gesehen, wie sie auf den Scheiterhaufen gesprungen ist..." gab Mirek zu bedenken. "Auf den brennenden Scheiterhaufen, wohlgemerkt...Welche Hexe wäre so verrückt, dies zu tun?" fügte er hinzu. Da lächelte Isaé erneut. Scheinbar hatten die drei doch noch einen letzten Funken Verstand. "Ach was! Ich wette, sie hat sich nur die letzten Kräfte der sterbende Hexe versucht, einzuverleiben. Welcher unbescholtene Mensch wäre so verrückt, auf den brennenden Scheiterhaufen zu springen? Es war der Drachenodem, welcher die Hexe getötet hat, nicht diese falsche Weibsstück hier, welches uns dies gerade weiszumachen versucht. Benutzt euren Verstand!" rief der erste und riss Isaé grob herum. Er zerrte ihr die Tasche vom Leib und händigte sie Mirek aus. "Da, nimm sie an dich, wer weiß, welche heidnische Habe sich darin verbirgt! Und du, Hexenweib, komm mit..." Damit schob er sie grob vor sich her. "Was soll das, wo bringt ihr mich hin?" begehrte sie auf, wehrte sich und versuchte ihren Angreifer abzuschütteln. "Gute Frage. Der Priester ist tot" dachte er laut. "Wasserprobe! Bringen wir sie zu dem Weiher. Einzig die Wasserprobe wird ihre Unschuld beweisen oder auch nicht!" Wasserprobe? Isaés Augen weiteten sich entsetzt. Mit einem Mal war der Feuermohnrausch wie weggeblasen. Sie konnte nicht schwimmen! Und selbst wenn, wer konnte sich mit verbundenen Händen lange genug über Wasser halten? Niemand konnte das! "Lasst mich gehen! Ich bin keine Hexe! Lass mich los, ich flehe dich an! Versündige dich nicht!" flehte die junge Frau, aber ihre Bitten stießen auf taube Ohren. Die Männer zogen und trieben sie zu dem Weiher, der ein wenig abseits vom Dorf lag.
"Wasn widerspenstiges Weib..." schnaufte der Rädelsführer. "Mirek, gib mir ein Seil, damit ich ihre Hände zusammenbinden kann..." forderte der erste Mann, und der angesprochene blickte ihn fragend an. "Seil? Ich habe kein Seil, Truan ." und offenbarte seine leeren Handflächen. "Dann hol eins, du Idiot!" "Wieso ich? Wieso nicht du?" ereiferte er sich. Truan seufzte. "Dann geh ich eben. Du passt auf sie auf. Halte sie gut fest, aber schau ihr auf keinen Fall in die Augen sonst verhext sie dich!" Mirek nickte eifrig, und Truan zog von dannen. Mirek hielt Isaé entschlossen, und eisern fest, während Isaés Gedanken fieberhaft arbeiteten. Diese Männer waren also fest davon überzeugt, sie in einem wahnwitzigen Anfall in den Weiher zu werfen. Sie presste die Lippen aufeinander. So etwas war ihr in all den Jahren noch nicht passiert. Sie war einfach unvorsichtig gewesen. Sie versuchte, den Mann anzublicken, aber er hatte den Blick von ihr abgewandt. "Lass mich gehen...bitte..." hauchte sie flehend. "Schweig!" blaffte der Mann. "Ich will nichts davon hören!" Doch Isaé ließ sich davon nicht beirren. "Ich bin keine Hexe... Ich bin eine Hexenjägerin... Ich trachte ihnen ebenso nach dem Leben, wie ihr. Aber ich bin keine Hexe... Im Weiher werde ich untergehen. Jedoch nicht, weil ich eine Hexe bin, sondern weil ich nicht schwimmen kann. Kannst du denn schwimmen?" Der Mann schien zu zögern, und hob vorsichtig den Blick. "Nein. Ich kann nicht schwimmen..." "Also würdest du ebenso untergehen. Und bist du ein götterfürchtiger Mann, oder gar ein Hexer?" Der Mann schüttelte vehement den Kopf. "Ich bin stark im Glauben an die Drei!" "Na also. Und doch würdest du versinken. Dann lass mich gehen. Ich werde sofort das Dorf verlassen. Noch in dieser Stunde. Das schwöre ich..." versicherte Isaé ihm. Mirek blickte der jungen Frau in die Augen, die vom schwachen Mondlicht erhellt wurden. Und seine Blicke wandelten sich zu gierigen und wanderten über ihren Körper. "Dann werde ich mich nicht an der versündigen, wenn du ohnehin keine Hexe bist?" Diese Worte trafen Isaé wie ein Schlag ins Gesicht. "Doch!" erwiderte sie hastig. "Das wirst du. Denn du darfst mir nicht meine Unschuld nehmen!" Dies zauberte dem Manne ein wissendes Lächeln ins Gesicht. "Nicht, wenn ich dich danach zu meinem Weib nehme." Mit diesen Worten drückte er sie zu Boden, schob ihr die Röcke hoch und hielt ihre Arme fest. Isaé wehrte sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften, doch der Mann war einfach weitaus stärker als sie. "Hör auf! Hör auf du Narr!" schrie sie ihn an und strampelte mit den Beinen um ihn von sich wegzutreten. "Was wird dein Freund sagen, wenn er dich hier, mit der 'Hexe" so vorfindet?" rief sie in Panik. "So lange brauch ich nicht... Und wenn du nicht stillschweigst, ersäuf ich dich gleich sofort im Weiher!" Und wie durch einen glücklichen Zufall trat sie ihm genau zwischen die Beine, so dass Mirek sich aufstöhnend und keuchend zusammen krümmte, und ungewollt von ihr abließ. Doch er war noch immer über ihr, so dass sie nicht in der Lage war, sich aufzurichten, oder gar zu fliehen, zu schwer lastete sein Gewicht auf ihr. "Du blöde Schlampe!" schrie er schmerzerfüllt auf, und hielt sich sein Gemächt. Isaé blickte sich hastig um, und suchte nach einem Fluchtweg, doch solange dieser schwere Kerl auf ihr lag, gab es kein Entkommen...
Zweischneidiges Schwert ❖
16.12.2011 '09:52 [3.639 Wörter]
 ie von der Tarantel gestochen rannte Entaro Adun aus der Kammer und ließ Isaé allein zurück. Während er sich noch die Schnalle seines Schwertgurtes fest zurrte, nahm er gleich drei Stufen auf einmal, während er die Treppe in den Schankraum hinunter stürzte. Das laute Poltern seiner Schritte erweckte unweigerlich das Interesse der anwesenden Gäste und jeder von ihnen warf ihm sowohl fragende, als auch verwunderte Blicke zu, welche Entaro Adun geflissentlich ignorierte. Er durfte sich nicht in irgendwelche Gespräche verwickeln lassen, während er zielstrebig auf die Tür zuschritt. »Drachenreiter!« rief der Mann, welcher ihm den Wein spendiert hatte, welchen Entaro Isaé geschenkt hatte. »Was ist los?« Der Mann klang zwar besorgt, doch der Rausch, welchem er bereits erlegen war, verwischte die Stimme und gab dem Bernsteinritter somit keinen Anlass stehen zu bleiben, um sich zu erklären. Zumal Entaro Adun ohnehin nicht die Notwendigkeit sah dies zu tun. Es würde sie nur unnötig verängstigen, wenn er ihnen erzählte, dass der Drache in seinem, behelfsmäßigen, Gefängnis erwacht war und jederzeit zu Entkommen drohte. Doch Entaro musste dem Man regelrecht ausweichen, als sich dieser ihm in den Weg stellte. Der Drachenreiter wandte sich geschickt um die eigene Achse um den Mann nicht in seiner Hast umzuwerfen, doch konnte er es nicht verhindern ihn anzurempeln. "He! Mein Bier!" maulte der Trunkenbold und sah an seinem nassen Gewand herab, welches von dem Bier nass geworden war, welches bei dem Zusammenprall verschüttet worden war. »Verzeiht.« Entaro war kurz angebunden und hatte keine Zeit für Erklärungen oder gar dem Mann das Geld für sein Bier zu ersetzen. Er hatte ihn nicht darum gebeten, sich ihm in den Weg zu stellen. Und noch ehe lauthalse Proteste aufkommen konnten, hatte Entaro schon die Tür der Schenke aufgestoßen und war in die Nacht entschwunden, welche nur das vorherrschende Licht der Schenke davon abgehalten wurde die Männer und Frauen, welche hier zugegen waren, gänzlich für sich einzuvernehmen.
Entaros schwere Schritte ließen den Kies laut knirschen, während er den groben Weg von der Schenke zu der Scheune einschlug. Sein Kettenhemd klirrte und sein Atem ging schwer, welcher stoßweise aus seinen Lungen gepresst wurde. Doch je näher er der Scheune kam, desto mehr wurden seine Schritte von dem Getöse, welches aus dem Inneren heraus drang, übertönt. Der Drache schlug gegen die Türe, welche von einem gewaltigen Riegel gehalten wurde und bei jedem Schlag zitterte der mächtige Balken in seiner Verankerung, dass der Drachenreiter schon befürchtete, dass dieser jeden Moment zu brechen drohte. Als Entaro schließlich vor der Scheune zum Stehen kam, musste er ernüchternd feststellen, dass der Lärm, den der Drache in der Scheune veranstaltete, bereits viele andere Dorfbewohner aus ihren Betten gelockt hatte. »Was geht da drinnen vor?«, erkundigte sich eine alte Frau mit ängstlicher Stimme und sah den Drachenreiter fragend an. »Es klingt fast, als ob eine wütende Kreatur an den Türen kratzen und dagegen schlagen würde.«, murmelte sie verunsichert und trat sogleich einige Schritte zurück. Entaro wandte sich der Menge zu und hob gebietend seine Hände. »Seid unbesorgt. Euch wird nichts geschehen.« Zumindest nicht, wenn sie den Drachen nicht provozierten. »Geht wieder nach Hause und schlaft.« Entaros Stimme hallte über den Platz, doch schien es beinahe als ob er in einer fremden, ihnen unverständlichen Sprache sprach. Denn sie blieben allesamt stehen und starrten ihn nur fragend und aus verschlafenen aber auch besorgten Augen an. »Dein Ungetüm zerstört meine Scheune!«, rief einer der Männer aus den ersten Reihen und deutete damit auf das große, hölzerne Tor, welches bei jedem Schlag erzitterte und selbst die Erde beben ließ. Entaro schwieg und starrte die Männer und Frauen nur für einen Moment an, bevor er ihnen wieder den Rücken zuwandte.
Allerdings stand Entaro ein wenig unschlüssig und zögernd vor dem Tor. Die Wut des Drachen, welche sich mit jedem seiner Schläge auf die Tür entlud, war gewaltig. Wenn er in dem Augenblick, in welchem er den Riegel entfernte, gegen die Tür schlug, würde dies den Drachenreiter zu Boden fegen wie ein Blatt im Wind. Also legte der Bernsteinritter lediglich die Hand auf das schwere, grobe Holz und schloss die Augen. Er versuchte mit dem Teil des Drachen, welcher in seiner Selbst lauerte, zu sprechen, doch wollte es ihm nicht gelingen. Das Tier war zu aufgebracht. Entaro seufzte schwer. Dieser Abend in diesem Dorf war eine einzige Verkettung von ungünstigen Ereignissen und Unannehmlichkeiten, dass er sich gerade nichts anderes wünschte, als einfach über sie hinweg geflogen zu sein, anstatt ihnen in der Hexenangelegenheit zu helfen. Doch nun konnte er es auch nicht mehr ändern und jetzt gab es kaum mehr Optionen für den Drachenreiter als zu Handeln. Das Murmeln der Menge, welche unablässig miteinander tuschelten, brandete an seine Ohren, während er seinen Dolch aus der Scheide zog. »Ich hasse das.«, murmelte Entaro und führte die Klinge an seine Finger. Doch bevor es soweit war, verharrte er noch für einen Moment und atmete tief ein. Doch es musste sein! Er kannte keinen anderen Weg das dunkle Wesen zu beruhigen. Und bisher hatte es immer seine Wirkung gezeigt. Für Entaro erschien das Band, welches zwischen ihm und dem Drachen herrschte, mehr ein Blutsband zu sein. Und damit war er der Wahrheit ferner, als er es für möglich hielt. Und so zog er mit einem raschen Schnitt eine Wunde in drei seiner Finger, so dass das rote Blut nur so hervorquoll wie aus einer sprudelnden Quelle. Den Dolch ließ er kurzerhand wieder in der Scheide versinken und trat entschlossen an den Riegel heran. Er packte den mächtigen Balken und hob ihn ein Stück weit an, als die Menge erkannte, was er da vorhatte. »Seid ihr von Sinnen, Drachenreiter?«, rief eine Stimme aus der Menge und sofort geriet der Pöbel in Bewegung. Manche der Frauen begannen zu kreischen und davon zu laufen, während die Männer entschlossen auf den Drachenreiter zustürmten. Noch hatten sie möglicherweise genug Respekt vor ihm, doch waren einfache Menschen oft unberechenbar und wankelmütig. Und wer war er schon, ohne seinen Drachen? Nur ein gewöhnlicher Mann, wie sie. Zumindest in ihren Augen.
Doch Entaro ließ sich nicht beirren. Er hob den Balken weiter an, so dass dieser bereits begann in seiner Halterung zu rutschen. »Lasst von dem Riegel ab! Die Kreatur wird uns alle töten!« Dies war die Stimme des Mannes, welchen diese Scheune gehörte und so hob Entaro seinen Kopf ein wenig an, ohne den Balken loszulassen. »Ihr irrt euch, guter Mann.« Und mit letzter Kraft stemmte er den Riegel in die Höhe, so dass dieser aus der Verankerung rutschte und mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel. Als der Balken auf der Erde lag da erstarrten die Männer, welche zuvor noch entschlossen auf ihn zugestürmt waren. Entaro warf ihnen einen letzten Blick zu, und kaum einer von ihnen war noch zugegen. Lediglich der Stallknecht stand mit ernstem Blick vor ihm und starrte ausdruckslos in die Augen des Akadiers, während die restlichen Männer es den Frauen gleichgetan hatten und davongelaufen waren oder sich hinter den breiten Schultern des Mannes, welcher Entaro gegenüberstand, zu verstecken schienen.
Kaum war der Riegel entfernt, da warf sich der Drache erneut gegen die Tür und so sie zuvor eisern widerstanden hatte, da flog sie nun mit einer gewaltigen Wucht förmlich aus den Angeln. Die Scheunentore sprangen auf und eine davon traf Entaro hart in den Rücken und schickte ihn brutal auf die Erde, während das Brüllen des Drachen aus der Scheune heraus donnerte. »Flieht! Lauft!«, schrie einer der verbliebenen Männer und nahm die Beine in die Hand, als ob der Leibhaftige hinter ihm her wäre. Rauch quoll aus der Scheune, als ob das gesamte Stroh darin brennen würde und dunkle Schatten krochen aus dem offenen Tor in die Nacht hinaus. Doch war es finster. Kein Feuer brannte, keine Glut gloste. Allerdings war das trügerische, verrauchte Bild nur von kurzer Dauer. Denn nur einen Augenblick später, als der quellende Rauch, welcher sich schlagartig über die Wiese verbreitet hatte, sich weitestgehend verzogen hatte, da trat die schwarze Kreatur aus ihrem Gefängnis heraus. Die Nüstern des Drachen rauchten und seine Augen blitzten vor Wut, während der mächtige Schädel sich suchend nach allen Seiten umsah. Doch, mit Ausnahme des Stallknechts, konnte der Drache niemanden sehen. Und selbst dieser hatte endlich die Flucht ergriffen. Der Drache nahm eine drohende Haltung ein und spannte die Flügel. Er würde springen und dem Mensch nachstellen, welcher dort hinten rannte, denn der Drache hatte ihn an seinem Geruch erkannt. Der Geruch seines Peinigers, welcher ihn in diesem Gebäude eingesperrt hatte.
Während der Drache sich von seiner eindrucksvollen und imposanten Seite zeigte, legte Entaro eine gänzlich andere an den Tag. Wie ein gebeutelter Strauchdieb lag er bäuchlings auf dem Boden und hing einem schwerem Atem nach. Der mächtige Schlag in seinen Rücken hatte ihn für einen Augenblick seines Bewusstseins beraubt und nun lag er da, wälzte sich auf den Rücken und starrte in den schwarzen Abendhimmel, während unzählige, winzige Sterne vor seinen Augen tanzten. Entaro kämpfte sich mühevoll auf die Beine, während er versuchte den Kopf klar zu bekommen und zugleich das Gleichgewicht zu halten. Doch immer wieder sackte er zusammen oder stürzte auf die Knie, bis er es endlich vollbracht hatte auf den Beinen stehen bleiben zu können. Und keinen Augenblick zu spät! Für den winzigen Bruchteil eines Augenblickes erkannte er, was der Drache tat und als er den rennenden Stallknecht aus den Augenwinkeln sah, da sprang der Drachenreiter der schwarzen Kreatur in den Weg und erhob nur gebieterisch seine Arme in den schwarzen, nächtlichen Himmel. »Nein! Komm zur Ruhe!« Entaro baute sich, so gut er es in seinem schmerzenden Zustand vermochte, vor der Kreatur auf, doch schien der Drache regelrecht durch ihn hindurch zu sehen und sich nur auf seine Beute zu konzentrieren. Er würde Entaro Adun zu Boden schmettern, nur um sein Opfer nicht aus den Augen zu verlieren.
Man konnte förmlich die Anspannung sehen, unter welcher die Kreatur gerade stand so dass Entaro Adun seine blutende Wunde auf die Stirn des Drachen drückte und ihm dabei ständig und bedrohlich in die Augen sah. »Komm zur Ruhe, Schatten.« Entaro redete immer wieder auf den Drachen ein, während der Bund des Blutes Entaros Hände zum Kribbeln brachte. Er hatte in irgendeinem alten Buch davon gelesen. Die alten Drachenmeister haben so diese Kreaturen gebändigt. Und was in diesen alten Büchern geschrieben stand, musste doch wahr sein. Wie sehr sich Entaro doch irrte, war ihm nicht bewusst. Das Band, welches ihn mit dem Drachen verbunden hatte, war eine uralte, mystische Macht. Kein schnöder Blutzauber und auch kein Blutpakt. Die Kraft des Bandes war unzertrennlich. Es war nicht vonnöten es zu erneuern. Weder mit Blut, noch mit Worten. Doch wie sollte Entaro es auch wissen? Er war der erste Drachenreiter seit hunderten Jahren. Es gab niemanden, der es ihn lehren konnte. Er verließ sich gänzlich auf fragmentierte Worte aus einem alten Folianten. Und da es bisher immer funktioniert zu haben schien, glaubte er daran. Doch es war nicht das Blut, welches die Bestie beruhigte. Die Wut des Drachen kam von einer anderen Ursache. Es war Entaros eigene, wankelmütige Willenskraft, die sich auf den Drachen übertrug. Und nun, da er ihm so nahe war und weder Furcht noch Zorn im Herzen trug, trug das Band, welches zwischen den beiden herrschte, seinen Anteil dazu bei. Der Widerstand, welchen das Tier aufzubringen vermochte, schmolz zusehends dahin und auch die brutale Anspannung seiner Muskeln löste sich, nach und nach. Doch je mehr sich das Tier entspannte, desto wütender, aufgebrachter und wilder wurden Entaros Gedanken. Und nicht nur seine Gedanken, auch sein Empfinden für Schmerz, Gefühle, Recht und Unrecht, verschwamm zusehends. Der Bund mit dem Drachen war mehr als nur ein Zweischneidiges Schwert. Man musste stets auf der Hut sein, denn wenn Entaro sich nicht vorsah, würde einer von ihnen, ob der Reiter oder der Drache, an dem Bund zerbrechen und sterben. Und ohne den einen konnte der andere, nun da ihre Leben aneinandergebunden waren, nicht sein.
Doch wieder einmal bewahrte sich Entaro seine Seele und wieder einmal war es ihm gelungen den Drachen zu bändigen. Wenngleich er ihn noch nicht gänzlich gezähmt hatte, so machte er doch schon einige Fortschritte, wenn er bedachte wie seine ersten Versuche vonstatten gegangen waren. Ohne weitere Umschweife erklomm der Bernsteinritter den Rücken des Schwarzdrachen. Es gab nun nichts mehr in diesem Dorf, was Entaro dazu veranlassen könnte, hier die Nacht zu verbringen. Die Menschen waren verängstigt, und verärgert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie in Entaro einen Unheilsbringer und Fluchkünder sehen würden. Einen Schwarzweber der Unheil über ihr Dorf gebracht hatte. Und am Ende würde er auf demselben Scheiterhaufen enden, wie diese Hexe. Der Drache war erwacht. Diese Nacht würde er nicht mehr schlafen. Also konnte Entaro es auch nicht riskieren, dass er einem dieser braven Männer und Frauen Leid zufügte. Entaro trat dem Ungetüm in die Seite und zwang es so, sich in Bewegung zu setzen, während seine Gedanken unweigerlich und ohne, dass er es heraufbeschworen hatte, wieder zu Isaé glitten. Ja, wenn es etwas gab, dass ihn noch hier hielt, dann war es diese geheimnisvolle Hexenjägerin. Doch ein wenig mulmig war dem fahrenden Bernsteinritter schon zumute, sich auf dem Rücken des Drachen zu der Schenke zu begeben, nur um Isaés Willen. Der Drache würde vermutlich mehr zerstören, als es von Nutzen wäre. Zumal Entaro, wenn er sich ehrlich war, noch immer einen Groll gegen Isaé und ihr Feuermohnopium hegte. Und so haderte der Drachenreiter, wenn auch nicht für lange, und riss dann die Zügel des Drachen harsch herum. »Uns hält hier nichts mehr.«, sagte er und bedeutete dem Drachen sich in die Lüfte zu erheben. Das Tier grunzte und schnaubte, als ob es dem Menschen auf seinem Rücken schweigend zustimmen würde und spannte die Flügel an.
Es war jedes Mal ein beeindruckendes Gefühl, wenn der Drache all seine Kräfte sammelte um sich mit einem gewaltigen Satz in die Höhe zu werfen. Und kaum hatte er die Flügel ausgebreitet, kam jedes Mal das Loch, welches ihn wieder aus der Euphorie herausriss und seinen Magen zwang, sich umzudrehen. Entaro biss die Zähne zusammen, um sich nicht gar zu übergeben und lenkte den Drachen gen Westen. In eben jene Richtung, in welche er zuvor schon unterwegs gewesen war. Zur Küste.
Doch weit kam Entaro nicht, als er, vom Rücken des Drachen aus, bemerkte wie Männer mit Fackeln vom Dorf fortrannten. Die natürliche Neugierde des Menschen. Davor war auch Entaro nicht gefeit, als er sich neugierig über den Drachen hinweg beugte, um besser erkennen zu können, was dort geschah. »Wollen sie uns gar mit Fackeln und Forken nachstellen?«, murmelte Entaro verdutzt und zuckte kurz darauf mit den Schultern. »Arme Narren.« Er hegte kein Interesse daran sie in ihre Schranken zu verweisen und trat dem Drachen erneut in die Seiten, um ihn anzutreiben höher empor zu steigen. Doch da drangen die Worte der Männer an sein Ohr, welche den Drachenreiter dazu veranlassen die Zügel des Drachen hart herum zu reißen und erneut herab zu sinken. »Tötet die Hexe!« »Die Hexe?« wiederholte Entaro ungläubig und mit hochgezogener Augenbraue. Die Erkenntnis, dass sie nicht ihm auf den Fersen waren, sondern einer Hexe, traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hatten die Hexe doch getötet! Dem Drachenreiter schwante Übles, als er sich immer tiefer sinken ließ, bis er knapp über den Köpfen der Männer hinweg flog. Der Sog der Luft, welche der Drache hinter sich herzog, riss die Männer von ihren Beinen und die Fackeln, Forken und Dreschflegel, welche sie bei sich führten, fielen zu Boden. Doch hatte es auch ein Gutes, dass sie zu Fall gekommen waren, denn der Schwanz des Drachen flog ihnen buchstäblich um Haaresbreite über die Köpfe hinweg und hätte ihre Leiber wohl zerschmettert, wenn sie standhaft geblieben wären.
Der Drache kam mit einem gewaltigen Schlag auf der Erde auf und hätte Entaro beinahe aus dem Sattel geworfen, wenn dieser sich nicht gegen den Leib der Kreatur gepresst hätte. Der kleine See, welcher abseits des Dorfes lag, war durch den Wind, welchen die Schwingen seines Drachen heraufbeschworen hatte, aufgewühlt worden und das schwarze Wasser wogte bedrohlich. Doch war es nicht das Wasser welches Entaros Aufmerksamkeit erregt hatte. Sondern der Mann, welcher durch die Ankunft des Drachen aufgeschreckt worden war. Wie ein gehetztes Tier war er aufgesprungen und sah sich dem Drachen gegenüber, während er hastig versuchte seine Hose herauf zu zerren. »Was hat das zu bedeuten?«, herrschte Entaro, welcher den Mann mit düsteren Blicken bedachte. Auf dem Boden lag eine junge Frau, welche verzweifelt auf dem Boden kroch und mit hochgeschobenen Röcken das Weite zu suchen versuchte. Doch der Mann brachte, außer Stammeln, nichts hervor. Sein Gemächt ragte verräterisch unter seiner Tunika hervor und verriet mehr als deutlich, was hier vor sich ging. Und so sehr er auch versuchte die Schande seiner Tat zu verbergen, so wollte es ihm in seiner Hast nicht gelingen die Hose herauf zu ziehen. »Abschaum!«, rief Entaro erbost und der Drache fauchte zornig auf, so dass der Mann rücklings stolperte und zu Fall kam. Da wandte Entaro die Blicke von dem verhinderten Frauengreifer ab, um sich der jungen Frau anzunehmen, welche dort auf dem Boden lag. Doch als er die Frau erkannte, welche dort am Ufer des Sees kroch, da traute Entaro seinen Augen kaum. »Isaé?« Die Stimme des Bernsteinritters wurde ungläubig, während seine Blicke immer wieder zu dem Mann huschten, der sich nun, ebenso wie Isaé, darum bemühte wieder auf die Beine zu kommen.
»Sie ist eine Hexe!«, brüllte eine tiefe Männerstimme. »Macht die Wasserprobe!«, gellte eine andere, während die Stimmen immer lauter wurden und stetig an Zahl zunahmen. »Seht! Sie hat Mirek verhext!«, kreischte eine hysterische Stimme aus der Menge, welche Entaro sofort als die der Witwe Greta erkannte, doch er schenkte ihnen allen keine Beachtung. Sein Blick galt nur Isaé, welche mit zerzaustem Haar und zerschlissenem Kleid auf der Erde lag. »Schweigt!«, brüllte Entaro, sichtlich aufgebracht und der Drache fiel in seinen Schrei mit ein und entließ ein drohendes Grollen aus seiner Kehle erklingen, was die Menschen zum einen dazu zwang zu verstummen und zum anderen, vor dem Drachen zurück zu weichen. »Diese Frau ist keine Hexe! Was lässt euch nur glauben, sie könnte eine sein? Ihr seid nichts weiter als ein mordlüsternes und abergläubisches Gesindel!« Der Respekt, welchen die Dorfbewohner einst für Entaro verspürt hatten, war mit diesen Worten wie weggefegt worden und Ärger mischte sich in ihre verängstigten Blicke. »Ich habe doch gesehen, wie ihr aus ihrer Kammer geflohen seid! Sie hat euch in ihren Bann gezogen, genauso wie sie es mit Mirek getan hat!« Mit diesen Worten deutete die Witwe Greta auf den Mann, welcher sich nun endlich die Hose hochgezogen hatte. »Dieser Mann ist nichts weiter als ein ehrloser Mann, welcher sich an einer wehrlosen Frau vergreifen wollte! Hüte deine Zunge Weib, sonst muss ich noch glauben, dass du deinen Mann mit deinen giftigen Worten getötet hast und nicht diese Hexe.« Greta weitete erschrocken die Augen, als sie die Worte des Drachenreiters vernahm und trat unweigerlich einige Schritte zurück um sich in den Schutz des Mobs zurückzuziehen. »Sie ist eine Hexe! Ich habe in ihrer Tasche heidnisches Schandwerk gefunden!« rief einer der Männer, welcher ein dickes Seil um die Schultern gelegt hatte. Sowohl Entaros, als auch die Blicke aller Anwesenden haftete sich auf den Rädelsführer, welcher Isaés Tasche in den nächtlichen Himmel emporhielt.
Der Unmut der Menge schwoll immer weiter an, während Entaro stoisch versuchte Herr der Lage zu bleiben. Und das Einzige, was die Meute noch daran hinderte sowohl ihn als auch Isaé anzugreifen, war die große, schwarze und von Schuppen bewehrte Kreatur, auf welcher Entaro gekommen war. »Komm.«, rief Entaro und reichte Isaé seine Hand dar, während er sich in seinem Sattel ein wenig tiefer herabbeugte. Doch da legte sich mit einem Mal die Hand des Mannes auf Isaés Arm, welcher sie zuvor schon auf den Boden gezwungen hatte, um ihr die Unschuld zu rauben, nur um sie dann, zusammen mit seinen Freunden, im See zu ersäufen. Er hatte ein abgewetztes Messer in der Hand, welches er Isaé an die Kehle zwang. »Steig von deinem Drachen ab, du Mistkerl!« Das letzte Wort spie er beinahe verächtlich aus, während er Entaros Blicken eisern standhielt. »Steig herab, oder ich schlitze der Hexenhure die Kehle auf.« Entaro ließ seine Blicke über die Menge schweifen. Sie hatten den Drachen förmlich eingekreist und sah die Entschlossenheit in ihren Augen, was Entaro nur ein Kopfschütteln abrang. Sie würden alle sterben. Wie sollten sie, nur mit ihren Forken und Messern bewaffnet, gegen die schwarze Kreatur bestehen? »Ihr würdet alle sterben, würde ich von dem Rücken meines Drachen steigen.« Da lachte der Rädelsführer nur und warf Isaés Tasche auf den Boden. »Töte die Hexe! Töte sie, bevor sie ihre Magie noch einmal auf dich, oder gar den Drachen weben kann!«
Da kam mit einem Mal Leben in den Drachenreiter. Entaro gab dem Drachen einen sanften Tritt und murmelte ein einzelnes, unverständliches Wort in einer alten, längst vergessenen Sprache, während er mit ansah, wie Mirek das Messer an Isaés Kehle führte riss der Drache sein tödliches Maul auf. Der Schwanz der Kreatur fegte die nahe stehenden Männer und Frauen von ihren Beinen, während der Drache hervorschnellte. Mirek lächelte übermütig, als er Isaé das Messer an die Kehle setzte. »Das hast du nun davon, du Schlampe!«, zischte er Isaé ins Ohr und ließ es sich nicht nehmen ihr dabei grob an den Busen zu fassen. Blut strömte und besudelte Isaés Kleid, wie auch ihr Gesicht und ihr Haar. Die Menge kreischte entsetzt auf, während das Blut alles in rotes Gewand tauchte. Doch war es nicht Isaés Blut. Sondern das Blut Mireks, welches in einer Fontäne aus dessen Hals herausquoll. Die Wucht des Aufpralls ließ den Enthaupteten zu Boden gehen, während Entaro Isaé am Arm ergriff und den Drachen dazu antrieb sich in die Lüfte zu erheben. »Flieg Schatten!«, befahl Entaro der schwarzen Kreatur, welche gerade seine Kiefer zusammenpresste und das knackende und krachende Geräusch von Knochen verriet, wohin der Kopf Mireks verschwunden war.
Übereilte Flucht ❖
18.12.2011 '17:43 [1.539 Wörter]
 saé lag unter ihrem Peiniger und atmete schwer. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass der Tritt gereicht hatte, um ihn unschädlich zu machen. Aber es hatte nur wenig ausgerichtet, und nur seine Wut angestachelt. Eine unliebsame Fügung. Mirek ergriff ihre Hände wieder, und drückte sie eisern mit einer Hand über ihrem Kopf zusammen, auf den Waldboden, während er seine andere Hand über ihre Brüste, oder gar ihr entblößtes Allerheiligstes wandern ließ, und sich zwischen ihre nackten Beine drückte, womit er verhinderte, dass sie erneut einen Schlag oder Tritt gegen sein Gemächt führen konnte. Mittlerweile war sie auch am Ende ihrer Kräfte angelangt und stieß nur mehr einen tiefen Seufzer aus, während dicke Tränen aus ihren Augen liefen. Ein widerwärtiges Übelkeitsgefühl überkam sie, angetrieben von den ungewollten Berührungen des Mannes. Nun war alles aus, er würde ihr ihre Unschuld nehmen, und sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Weiher ersäufen. Hätte sie doch nie den Pfad der Tugend verlassen! Sie hatte Entaro angeboten, das Zimmer zu teilen, hätte sie nicht wissen müssen, wie unschicklich dies war? Hätte sie doch niemals das Zimmer, oder gar die Schenke verlassen! Und wofür das alles? Nur wegen dem Drachenreiter, der wahrscheinlich schon längst auf und davon gezogen war, der ehrbare Mann, nachdem Isaé ihn mit ihrer Feuermohnopium-Beichte konfrontiert hatte… Sie glaubte nicht einen Moment daran, dass Mirek sie verschonen würde.
Doch durch eine, wie Isaé glaubte, glückliche Fügung erschienen auf der Lichtung andere Dorfbewohner. Die Hexenjägerin schöpfte neuen Mut, als sie die hellen Fackeln sah. Nun würde Mirek, oder wie er auch immer hieß, sich ertappt fühlen, und von ihr ablassen… Und die beiden Männer würden von ihrem grässlichen Plan absehen. Zwei Narren waren keine Seltenheit, aber ein ganzes närrisches Dorf, war, so Isaés Erfahrungen, eher unwahrscheinlich. Als die Menschen näher kamen, hielt Mirek in seinem Tun inne. „Was geht hier vor sich?“ fragte ein Mann, dessen Stimme Isaé erkannte. Es war der zweite der Beiden, die Isaé als Hexe bezichtigt hatten. Und da blickte Mirek Isaé hinterlistig an, und begann theatralisch zu jammern. „Ich weiß es nicht, sie hat mich verhext! Ich vermag nicht, von ihr abzusteigen…Beinahe bin ich willenlos! Ich habe ihr nicht in die Augen gesehen, und doch hat sie es geschafft, mich mit einem Bann zu belegen! Zu Hilfe!“ Die junge Frau blickte den Mann fassungslos an. Die versammelten Menschen begannen zu murmeln und zu schwatzen, die eine oder andere leise Beleidigung oder gar eine Verwünschung drang an Isaés Ohr und ein gedämpftes Stimmenmeer erhob sich. Diese dreiste Lüge Mireks erboste Isaé über alle Maßen und so schrie sie, das alle es hören konnten „Das ist nicht wahr! Er lügt! Er war es, der sich auf mich geworfen hat, und mich dazu gezwungen hat!“ Da warf Mirek Einwände ein „Natürlich behauptet sie das! Sie weiß, wie närrisch es wäre, die Wahrheit zu gestehen! Geh weg, du Hexe, lass ab von mir! Nimm deinen Bann zurück!“ In einem unbemerkten Moment schlug er ihr mit der Hand ins Gesicht und ohrfeigte sie. Da wandte sich Truan, mit dem Seil in der Hand an den Mob, der sich mittlerweile gebildet hatte um Isaé und den Lüstling, und hielt triumphierend das Seil in die Höhe. „Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen armen Mann vom Bann der Hexe zu befreien! Tötet die Hexe!“ Und der Mob der Schaulustigen, der sich nach und nach vergrößerte, rief im Chor „Ja! Tötet die Hexe!“ Isaé begann erneut zu heulen und zu weinen, während sie verzweifelt um Hilfe rief. Doch wer sollte sie erhören? Die Bewohner des Dorfes sahen, dank der Anschuldigung dieser beiden Narren, nichts anderes in ihr, als eine Hexe. Und niemand wollte eine Hexe verschonen!
Da wirbelte ein Wind auf, nach kurzer Zeit bebte die Erde, von einer Erschütterung. Die umstehenden Leute schrien und kreischten, und da ließ Mirek von Isaé ab und sprang auf die Beine. Isaé, von der Ohrfeige leicht betäubt, realisierte nicht, was in diesem Moment geschah, sie wusste nur, dass Mirek von ihr abgelassen hatte, und alles in der jungen Frau schrie lauthals nach Flucht. Wo war nur ihre Tasche? Suchend blickte sie sich um, aber schon im nächsten Moment verwarf sie diesen törichten Gedanken, kostbare Zeit mit der Suche ihrer Tasche zu vergeuden, sondern besser zu flüchten, dann jedoch drang eine ihr vertraute Stimme an ihr Ohr. „Was hat das zu bedeuten?“ Ungläubig hielt sie inne, wandte ihren Kopf, und tatsächlich, es war Entaro! Entaro und ein schwarzer Drache! Mirek zog sich hastig die Hose hoch, während Isaé beschämt ihre Röcke herunter riss, um ihre Blöße zu bedecken. Es wurde immer schlimmer! Nicht genug damit, dass der ungehobelte Kerl versucht hatte, ihr Gewalt anzutun, so hatte sie das halbe Dorf halbnackt gesehen, und nun auch der Drachenreiter. Sie wusste nicht, ob sie sich wünschen sollte, dass der Erdboden sich unter ihr auftat und sie verschlang, oder ob sie froh sein sollte, Entaro hier zu sehen. In Anbetracht der Tatsachen drängte sich der erste Wunsch wesentlich stärker auf, obgleich sie doch dankbar war, dass er das kleinere der beiden Übel die Isaé bevorgestanden waren, oder noch bevorstanden, verhindert hatte.
Doch der Mob hatte sich trotz der Anwesenheit des Drachenreiters mit seinem Drachen wieder gefangen, und erneut wurden Stimmen laut, die den Tod der vermeintlichen Hexe forderten. "Tötet sie!" "Macht die Wasserprobe!" "Seht! Sie hat Mirek verhext!" Da donnerte die Stimme Entaros über den Mob, untermalt vom Gebrüll des Drachen, so dass selbst Isaé erschrak. "Schweigt! Diese Frau ist keine Hexe! Ihr seid nichts weiter als ein mordlüsternes und abergläubisches Gesindel!" Diese Worte rangen Isaé trotz allem Schrecken doch ein sachtes Schmunzeln ab, doch da mischte sich die Witwe Greta ein, welche weitere Anschuldigungen fallen ließ. Beinahe Worte einer verschmähten Frau, so erschien es Isaé. Aber der Drachenreiter rief die Frau zur Besinnung und da trat sie erschrocken zurück in den Kreis ihrer Mitbewohner, aus welchem sie getreten war. Doch Leben kam in die Menschen. Es schien, als würden sie den Drachenreiter plötzlich mit anderen Augen sehen, und erneut wurden Stimmen laut, die Anschuldigungen durch die Nacht trugen. „Komm!“ rief der Drachenreiter Isaé zu und hielt ihr seine Hand entgegen. Ohne zu Zögern rappelte sich Isaé hastig auf, und griff nach Entaros Hand, doch da wurde sie der Hand des Mannes, den sie als ihren Peiniger erkannte gewahr, die sich eisern auf ihren Arm legte. Unwirsch packte er sie, wirbelte sie herum, und während Isaé entsetzt aufkreischte, als der Mann ein Messer zückte, spürte sie die kühle Klinge schon an ihrem Hals. "Steig von deinem Drachen ab, du Mistkerl!“ forderte er lautstark. "Steig herab, oder ich schlitze der Hexenhure die Kehle auf!“ Isaé wagte nicht, sich zu rühren. Eine unbedachte Bewegung vermochte ihren Tod zu besiegeln. Entaro erhob Einwände und warnte vor dem Drachen, aber Truan lachte nur verächtlich, während er Isaés Tasche vor ihre Füße warf. „Verbrennt ihre heidnische Habe!“ Und an Mirek gerichtet "Töte die Hexe! Töte sie, bevor sie ihre Magie noch einmal auf dich, oder gar den Drachen weben kann!" Und dann ging alles sehr schnell. "Das hast du nun davon, du Schlampe!" Während Mirek mit einer Hand grob an ihren Busen fasste, und entschlossen mit seiner Hand ausholte, um den tödlichen Streich zu führen, da rief der Drachenreiter einige fremde Worte, deren Bedeutung Isaé nicht kannte. Und schon schnellte der Drache hervor und dann tröpfelte es warm über Isaés Gesicht. Schnell schwoll das Tröpfeln zu einem regelrechten Schwall an, welcher Isaé beinahe die Sicht nahm. Als sie sich der Tatsache gewahr wurde, dass es Blut war, kreischte sie entsetzt auf, begleitet von ängstlichen Schreien der Bauern. Aber es war nicht ihr Blut. Es war das Blut Mireks, welcher kopflos und tot zu Boden sackte. Entsetzt und verängstigt sackte Isaé ebenso zusammen. Ihre Beine gaben nach, und sie kauerte auf dem Boden, bis sie sich ihrer Tasche gewahr wurde, die sie wie einen rettenden Anker umklammerte, und sich nicht zu rühren wagte. Da packte Entaro Isaé am Arm und hielt sie fest, während der Drache die Schwingen ausbreitete, einen gewaltigen Satz machte, und sich unter Entaros Befehl in die Lüfte erhob. Isaé kreischte zum dritten Mal entsetzt auf, als sie den Boden unter den Füßen verlor, und klammerte sich mit aller Kraft an Entaros Bein, während sie mühsam in die Höhe zog, und mehr durch einen glücklichen Zufall ihr Bein über den Körper des Drachen schwang, und somit Halt auf dem Ungetier fand. Immer höher stieg der Drache, und während Isaé Entaros Rumpf umklammerte, versuchte sie das Gefühl ihres sich umdrehenden Magens zu bekämpfen. Sie warf noch einen letzten Blick zurück auf den zurückgebliebenen Mob, der immer kleiner wurde und in der weiten Ferne verschwand, aber dann wandte sie sich schnell wieder um und schloss die Augen, da der Anblick der immer kleiner werdenden Welt, sie schier verrückt vor Angst werden ließ. Unbewusst umklammerte sie Entaros Leib noch fester. Sie wusste nicht, was sie tun, oder sagen sollte, darum schwieg sie, während der Wind an ihrem Umhang und ihren Haaren riss, und sie versuchte, das Erlebte, das hinter ihr lag, und das Erlebte, welchem sie gerade gewahr wurde, zu verarbeiten. Nur eines wusste sie, Entaro hatte ihr das Leben gerettet. „Danke“ hauchte sie an sein Ohr, und dann schwieg sie weiterhin, während der Drache durch die mondbeschienene Nacht flog.
Ein roter Morgen ❖
19.12.2011 '01:25 [1.549 Wörter]
 er Drachenreiter schüttelte nur den Kopf, ob der Ignoranz und des Hasses dieser einfachen Menschen. Welche dunklen Geschichten vermochten die Alten dieses Dorfes nur zu erzählen, dass sie einen solchen Hass in ihren Herzen trugen? Der Bernsteinritter vermochte es nicht zu sagen, doch alles was er wusste war, dass Isaé keine Hexe war. Und auch wenn er ihr den Feuermohn noch immer nachtrug, so gebot es ihm zumindest seine ritterliche Ehre, ihr in ihrer Not beizustehen. Doch die Dorfbewohner waren engstirnig und von ihrem Tun nicht abzuhalten. Jedes mahnende Wort versandete in dem Gespött der Menge. Es schien beinahe, als ob die große, schwarze Kreatur nicht existent für sie wäre, denn sie wagten es Isaés Leben zu bedrohen, obwohl Entaro es ihnen untersagt hatte. Und so kam es wie es kommen musste. Der Mann, welcher sich zuerst auf Isaé geworfen hatte, um ihr das wertvollste zu stehlen, was sie besaß, lag nun auf der Erde. Das Blut floss, einer sterbenden Quelle gleich, aus seinem Hals, und färbte das schwarze, vom Mond beschienene Wasser des Sees, buchstäblich Rot. »Eine Blutgabe für Daerean.«, murmelte Entaro nur und senkte dabei den Kopf zum stillen Gebet. »Armer Narr.« Entaro schüttelte nur den Kopf, doch gab es nun wichtigeres, als für die Seele dieses Mannes zu büßen. Er beugte sich von dem Drachen herab und ergriff Isaé am Arm. »Komm. Wir müssen fort!«, raunte er Isaé ins Ohr. »Ich kann sie nicht ewig in Schach halten und heute sind bereits genug Menschen gestorben.« Mit diesen Worten zog er sie zu sich herauf und gebot ihr hinter ihm auf dem Rücken des Drachen Platz zu nehmen. Der Sattel war zwar nicht sehr groß, doch da Isaé auch nicht sehr groß war, bot das bequeme Leder gerade noch genug Platz, so dass sie nicht auf den harten Schuppen des Drachen sitzen musste. Und ein Ritt auf dem Drachen war ohne einen solchen Sattel ein törichtes Unterfangen. Selbst auf dem Rücken eines Pferdes konnte man sich den Allerwertesten, wie auch die Beine wund scheuern. Da verhielt es sich auf dem Rücken eines Drachen um ein Vielfaches schmerzhafter.
Als Isaé endlich hinter Entaro auf dem Drachen saß, da nahm er ihre Hand und legte sich diese um den Körper. »Halte dich gut fest!« Er zerrte an den Zügeln um den Drachen dazu zu bewegen sich von dem See zu entfernen. »Haltet ein!«, rief die Stimme des Rädelsführers, welcher sich dem Drachen in den Weg gestellt hatte. Manche würden eine solche Tat Mut nennen. Doch Entaro Adun nannte es nur eine törichte Narretei. »Geh mir aus dem Weg, Bauer!«, rief Entaro Adun erbost und mit gebieterischer Stimme. »Gedenke deines Freundes! Heute ist genug Blut geflossen!« Doch da schwoll ein Raunen durch die Menge. »Dein Drache hat Merik getötet!«, kreischte eine Frau aus der Menge und spuckte kurz darauf auf den Boden. »Was seid ihr nur für ein Ritter? Keiner mit Ehre im Leib!«, rief der Rädelsführer und forderte Entaro damit buchstäblich heraus. »Wagt es nicht, meine Ehre in Frage zu stellen, Ehrloser! Dein Freund hat seinen Tod selbst zu heraufbeschworen! Dankt eurer Sonne, dass eure Leben verschont wurden, denn ihr alle habt seinen Tod zu verantworten. Besonders ihr, als ihr den Befehl gabt die Hexenjägerin zu töten!« Da schwieg der Rädelsführer und ließ seinen erhobenen Arm sinken.
Doch gerade, als Entaro dem Drachen seine Fersen in die Seiten treten wollte, um ihn dazu zu zwingen sich in die Lüfte zu erheben, da erschallte eine weitere Stimme eines anderen Mannes aus der Menge und zwang Entaro sich in dessen Richtung umzusehen. »Drachenreiter! Steige von deinem Drachen ab und stelle dich deiner Verantwortung! Du hast den Tod dieses Mannes zu verschulden! Und du bist im Bund mit dieser Hexe! Darauf steht der Tod!« Der Mann schälte sich aus der Menge und da die Menschen ihm bereitwillig Platz machten, musste er zumindest ein Mann von Bedeutung sein. »Wer seid ihr?«, fragte Entaro Adun und der Mann deutete eine leichte Verbeugung an. »Selan Gorlen, zu euren Diensten Drachenreiter. Ich bin der Büttel dieses Dorfes.« Entaro sah den Mann musternd an, doch schüttelte er nur den Kopf. »Wir sind hier in den gefallenen Reichen. Hier gibt es kein Recht und keine Ordnung. Ihr seid alle Ausgestoßene und Gesetzlose. Und Feinde meines Volkes.« Da fiel die freundliche Maske von dem Büttel ab und er blickte Entaro Adun nur aus hasserfüllten Augen an, während ein beleidigtes Raunen durch die Menge ging. »Wir sind freie Männer und Frauen!« Doch Entaro wedelte nur mit der Hand und schnitt dem Mann unwirsch das Wort ab. »Mir ist es gleich! Aus dem Weg, oder ich werde euch zu Boden werfen!« Die Geduld des Drachenreiters war am Ende. Er musste sich weder vor diesen Bauern rechtfertigen, noch sah er sich in irgendeiner Schuld oder zu irgendeiner Buße verpflichtet. Um seine Worte zu bekräftigen riss er an den ledernen Zügeln und der Drache trat einen Schritt hervor und weitete sein Maul. Das Blut Mireks tropfte von seinen Zähnen und von seiner Zunge, und wenn schon der Anblick des Drachen selbst sie nicht zur Furcht anhielt, so war es der Anblick des Blutes, welcher die Männer schlussendlich zurückweichen ließ.
Ohne weitere Umschweife trat Entaro dem Drachen in die Seite und mit einem gewaltigen Satz erhob er sich in die Lüfte. Noch im Steigflug warf er Isaé einen warnenden Blick zu. »Sieh nicht nach unten! Und halte dich so lange an mir fest, bis wir wieder sichere Erde unter den Füßen haben.« Isaé schien tapfer und grimmig zugleich zu nicken, was dem Drachenreiter ausreichte und so wandte er den Blick wieder von ihr ab und konzentrierte sich auf den Drachen. »Danke.«, hauchte Isaé nur und Entaro nickte als Antwort. »Es gibt nichts zu danken, Hexenjägerin. Ihr Verhalten war Unrecht.« Der Drache hatte indes seine Flughöhe erreicht und breitete nun seine Schwingen aus um sich von den Strömungen der Lüfte tragen zu lassen. Der peitschende Wind, welcher einem unbarmherzig ins Gesicht gefahren war, und sowohl den Atem als auch die Sicht raubte, ebbte zusehends ab, als der Drache immer fließender dahinglitt. Immer wieder schlug der Drache mit seinen Schwingen aus, um sich neuerlichen Schwung zu geben. Und mit jedem Schwung übertrug sich die Kraft, welche die Kreatur dafür aufbrachte, in seinen Körper. Wie ein gewaltiges Walzwerk bewegten sich die Muskeln der schwarzen Kreatur unter Entaro und Isaé. Obwohl beide fest in dem Sattel saßen, war es jedes Mal ein Kraftakt sich im Sattel zu halten. Der mächtige Herzschlag der Kreatur ließ dessen ganzen Leib erbeben, so dass sich das Donnern und Grollen bis in die Beine Entaros und Isaés übertrug. Doch hatte das bebende Gefühl des Drachenherzens eine beruhigende Art an sich, welche Entaro immer wieder die nötige Ruhe spendete. Und gerade jetzt, wo er innerlich so aufgewühlt war, war dies ein wahrer Balsam für die Seele.
Der Ritt war schon einige Zeit vonstattengegangen, ohne dass die beiden Menschen auch nur ein Wort miteinander gewechselt hatten. Doch als es langsam immer heller wurde und sich die Sonne langsam über den Rand der Welt schob, da wandte Entaro neuerlich den Blick zu Isaé. »Sieh nicht direkt in die Sonne, wenn du nicht geblendet werden willst.« Entaros Blicke wechselten immer wieder von Isaé zum Drachen, nur um dann doch auf den Boden zu starren, welcher in so rasender Geschwindigkeit unter ihnen hinweg glitt. Er hatte keine Angst, denn er war diese Aussicht gewohnt. Er genoss die Freiheit, welche der Drache ihm zu geben vermochte und doch nagten die Worte der Dorfbewohner an seiner Selbst. Irgendwann konnte Entaro nicht mehr schweigen und sprach leise und gedämpft. Er erwartete von Isaé keine Antwort oder gar salbende Worte und doch sprach er laut, anstatt nur in Gedanken. »Was hatte sie nur dazu getrieben? Es schien, als wären sie besessen und von dem Wunsch beseelt, dein Leben zu beenden.« Er schüttelte nur den Kopf und gedachte erneut an den Mann, dessen Kopf der Drache verspeist hatte. »Mireks Tod war nicht nötig gewesen, törichtes Volk.« Entaro wandte den Blick neuerlich zu Isaé um und versuchte sie sanftmütig anzulächeln, doch gelang es ihm nicht sonderlich gut. »Und nun hat der Drache den Geschmack von Menschenfleisch gekostet. Das ist sehr gefährlich, sage ich dir. Sowohl für uns, als auch für alle anderen.« Entaro seufzte nur und richtete wieder stumm den Blick nach vorne, direkt in die Sonne und doch an ihr vorbei.
Er genoss den Schmerz, welcher sich auf seinen Augen ausbreitete, als die Sonne sich mehr und mehr in den Himmel erhob. Doch er hatte dies schon so oft getan, dass der blendende Effekt weitestgehend ausblieb. Die Sonne war rot an diesem Morgen. Manch einer deutete dies als ein böses Omen, wenn die Sonne blutrot erschien. »Manche sagen, dass eine rote Sonne von einem Mord in der vergangenen Nacht zeugte.« Der Drachenreiter zuckte nur mit den Schultern. Mireks Tod war kein Mord gewesen, denn dieser hätte Isaé kaltblütig ermordet, wenn der Drache nicht gewesen wäre. »Doch ich halte dies für abergläubisches Gerede. Wenn dem so wäre, müsste sie wohl jeden Morgen rot aufgehen. Die rote Sonne muss ein Zeichen der Götter sein, nichts anderes kann es bedeuten.« Doch während er so auf die Sonne starrte, konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, die rote Blüte eines Feuermohns darin zu erkennen und unweigerlich kreisten seine Gedanken um Isaé, welche er kaum zu verdrängen vermochte.
Bis zum Morgengrauen ❖
22.12.2011 '18:07 [1.306 Wörter]
 saé war überwältigt, als sich der Drache in die Lüfte hob. Fliegen, davon konnte der Mensch normalerweise nur träumen, doch mit einem solchen Drachen wurde dieser Traum Realität. Sie hielt Entaro fest umschlungen, und als er sie eindringlich ermahnte, niemals nach unten zu sehen, und sich gut festzuhalten, da nickte sie. Aber ebenso bemächtigte sich ihres Herzens ein beklommenes Angstgefühl. Was, wenn sie sich nicht fest genug halten würde? Dann würde sie in den Tod stürzen, so schnell konnte Entaro seinen Drachen mit Sicherheit nicht wenden, um sie aufzufangen. Und so klammerte sie sich fest an ihn. Und schließlich bedankte sie sich bei dem Drachenreiter, dass er ihr Leben gerettet hatte. Doch er erwiderte nur "Es gibt nichts zu danken, Hexenjägerin. Ihr Verhalten war Unrecht." Sie mochte es nicht, wie er Hexenjägerin sagte. Sie fand, es klang abwertend. Doch sie erwiderte nicht darauf. „Das war es wohl… Aber es war trotzdem nicht selbstverständlich…“ murmelte sie stattdessen, mehr zu sich selbst, als zu Entaro. Trotz seiner Warnung ließ sie es sich nicht nehmen, von dem Drachen hinunter zu sehen, und als sie das Feuer der Fackeln des Mobs nur mehr als kleine Lichtpunkte, die beinahe wie Glühwürmchen anmuteten, wahrnahm, da drehte ihr sich förmlich der Magen um und sie wurde von einer Panik erfasst. Sie umschlang den Drachenreiter umso fester, legte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. In dieser allgegenwärtigen Dunkelheit fühlte sie sich sicher, und so verharrte sie so eine ganze Weile schweigend. Sprechen hatte ohnehin nicht viel Sinn, denn der entgegenkommende Wind rauschte in ihren Ohren, und um sich zu verständigen, hätte sie ihre Stimme sehr laut erheben müssen, was sie genauso wenig tun wollte.
Nach einiger Zeit, von der sie nicht zu sagen vermochte, ob Stunden oder nur wenige Augenblicke verstrichen waren, da löste sie sich wieder aus ihrer Lethargie, und ihr wurde erst gewahr, wie nah sie Entaro war. Ihre Brust war unwillkürlich gegen seinen Rücken gepresst, und ihr Schoß an seinem Gesäß. Auch, wenn sie dies als ein wenig unsittlich empfand, so kam sie nicht umhin, zu bemerken, dass ihr dies nicht unangenehm war, und sie ertappte sich schmunzelnd bei dem Gedanken, wie wohl der ehrbare Entaro Adun darüber dachte, und was vor allen Dingen sein Gott Daerean davon hielt.
Schließlich ging die Sonne auf. Isaé war überrascht, wie viel Zeit vergangen sein musste. Sie, die sich an kleinen Dingen des Lebens erfreuen konnte, bewunderte den Sonnenaufgang. Von dieser Perspektive hatte sie die Sonne noch nie aufgehen sehen. Ein Sonnenaufgang war, so fand sie, immer wieder etwas Wunderschönes und Besonderes, gleichwohl wie sie sich niemals am silbern anmutenden Mond sattsehen konnte, und an den Sternen. Aber dieser eine Sonnenaufgang war etwas Besonderes. Dieser neue Tag war gleichermaßen wie ein Neuanfang, ein Neuanfang, bei welchem sie ihr Leben geschenkt bekommen hatte. "Sieh nicht direkt in die Sonne, wenn du nicht geblendet werden willst." Da lachte Isaé, und rief laut „Ich möchte von der Sonne geblendet werden! Es hätte auch sein können, dass ich die Sonne an diesem Morgen nicht mehr aufgehen hätte sehen können!“ Als hätte sie ihm damit ein Stichwort gegeben, begann er "Was hatte sie nur dazu getrieben? Es schien, als wären sie besessen und von dem Wunsch beseelt, dein Leben zu beenden." „Ich kann darüber nur mutmaßen, warum es so gekommen ist. Als du so fluchtartig das Zimmer verlassen hast, da lief ich dir hinterher. Ich war so verwirrt von deinem plötzlichen Aufbruch, dass ich dir hinterhergelaufen bin, so, wie ich war… Im Unterkleid… Als ich es bemerkte lief ich wieder hinauf, kleidete mich an, packte meine Sachen und verließ die Schenke. Nur wenige Augenblicke später standen plötzlich diese beiden Kerle hinter mir. Sie warfen mir vor ich sei eine Hexe, denn ich hätte den Drachenreiter verhext und verführt… So ein Unsinn… Aber sie waren einfach stärker als ich… Und dann ging der der eine weg, um ein Seil zu holen. Dieser Mirek hat nicht lange gefackelt…“ Sie biss sich auf Oberlippe und schwieg. Der Drachenreiter erwiderte "Mireks Tod war nicht nötig gewesen, törichte Narren." Da schwieg Isaé weiterhin. Sie hatte durch ihr schreckliches Erlebnis eine andere Meinung. "Und nun hat der Drache den Geschmack von Menschenfleisch gekostet. Das ist sehr gefährlich, sage ich dir. Sowohl für uns, als auch für alle anderen." „Hm…“ meinte Isaé. Ihr war bei diesen Worten mulmig zumute, doch etwas anderes wusste sie nicht zu erwidern. Vielleicht würde sie ihn später fragen, warum er ein solch gefährliches Tier unterhielt, wenn er ihm nicht voll und ganz vertrauen konnte. "Manche sagen, dass eine rote Sonne von einem Mord in der vergangenen Nacht zeugte. Doch ich halte dies für abergläubisches Gerede. Wenn dem so wäre, müsste sie wohl jeden Morgen rot aufgehen. Die rote Sonne muss ein Zeichen der Götter sein, nichts anderes kann es bedeuten." Da nickte Isaé beipflichtend, auch wenn er es nicht sehen konnte. „Vielleicht aber hat es auch gar nichts zu bedeuten, Drachenreiter, und es ist lediglich eine Laune der Natur. Was sollten uns die Götter durch eine rote Sonne schon aufzeigen, oder gar mitteilen wollen? Dein Wort in Ehren, Entaro…“ Sie rutschte auf dem Sattel ein wenig hin und her und dann wechselte Isaé sprunghaft das Thema. „Wann landen wir? Ich glaube, ich kann mich nicht mehr lange festhalten.“ Salopp gähnte sie in seinen Rücken und betrachtete den bunt gefärbten Morgenhimmel, über den sich blau, orange und rosa gefärbte Bahnen zogen, mit der langsam aber sicher höher steigenden Sonne, mit ihren sie begleitenden, rosa gefärbten Schäfchenwolken, die so verlockend aussahen, dass Isaé am liebsten zu ihnen hingeflogen wäre, um sie zu berühren. „Warst du schon einmal bei den Wolken, Entaro? Ob man auf ihnen sitzen kann?“
Schließlich und letztendlich hatte ihr Drachenflug doch ein Ende gefunden. Auf einer kleinen, einsamen Waldlichtung ließ Entaro seinen Drachen landen, und Isaé war, auch wenn sie das nicht zugeben wollte, heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ihre ersten Schritte auf der Wiese waren ein wenig wacklig, aber ob dies mit dem Flug, oder mit der Müdigkeit zu tun hatte. Die Lichtung war gesäumt von uralten, knorrigen Bäumen, mit weit ausladenden, dicken Wurzeln und Ästen. Isaé hatte noch nie derartige Bäume gesehen, und so setzte sie sich in den Schatten, in eine mächtige Wurzelkuhle, wo sie ganz bequem darin Platz fand. Die Wirkung des Feuermohns hatte schon seit geraumer Zeit nachgelassen, und Isaé fragte sich für einen kurzen Moment, ob der Tag ein guter werden würde, oder ein schlechter. Nach einer Weile begann sie „Entaro… Auch wenn du es nicht der Rede wert findest… Du hast mir das Leben gerettet, und ich stehe tief in deiner Schuld. Aber, wenn ich dir nichts Angemessenes dafür geben kann, was ich gerne würde, wenn ich etwas hätte, so will ich dir wenigstens etwas erzählen. Etwas, das ich noch nie jemandem erzählt habe. Betrachte es als Vertrauensbeweis.“
Als ich von Zuhause auszog, mit dem Vorsatz, Hexen zu jagen, da wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich stand irgendwann meiner ersten Hexe gegenüber. Ich dachte, ich könne sie bekämpfen. Da wusste ich ja noch nicht, wie mächtig und böse sie sein könnten. Und so unterlag ich ihr. Sie hat mich schwer verletzt. Noch heute würde mich, selbst wenn ich dieses grauenhafte Erlebnis je vergessen könnte, diese hässliche, riesige Narbe daran erinnern.“ Mit diesen Worten fuhr sie mit dem Zeigefinger andeutungsweise über ihr Kleid, von der linken Brust, bis hin zum Hüftknochen. „Ich nehme das Feuermohnopium nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil es das Einzige ist, das mir hilft, mein Leben mit meinen Schmerzen erträglicher zu machen… Ich will kein Mitleid. Ich will nur, dass du weißt, dass ich meine berechtigten Gründe dafür habe…“ Sie gähnte erneut. Und wechselte sprunghaft das Thema „Meine Güte, bin ich müde… Ich muss ein wenig schlafen…“ Mit diesen Worten rollte sie sich in ihrer Wurzelkuhle zusammen, und schloss die Augen.
Zwischen Traum und Wirklichkeit ❖
23.12.2011 '00:13 [1.406 Wörter]
 nbarmherzig fegte der Wind Entaro regelrecht um die Ohren und die Kälte der Nacht kroch ihm langsam unter die Haut. Allerdings genoss er jeden Atemzug, welcher ihm jedes Mal gnadenlos in den Lungen brannte. Die Luft, hier oben so nahe den Wolken, war viel dünner als unten auf der Erde. Man musste stets darauf Acht geben sich nicht zu überschätzen, denn zu anfangs, als das Reiten des Drachen dem Bernsteinritter noch völlig fremd war, da war er einige Male der Bewusstlosigkeit nahe gewesen, was in einer solchen Höhe nur tödlich enden konnte. Entaro glaubte überdies, wenn der Drache wittern würde, dass Entaro nicht mehr bei Bewusstsein war, würde er womöglich den unliebsamen Ritter von sich abwerfen wollen. Doch dieser Tage war Entaro schon ziemlich geübt darin die dünne Luft einzuatmen und zugleich den Drachen nicht mehr als seinen Feind, sondern als seinen Begleiter anzusehen. Und vielleicht würde eines Tages der Tag kommen, an dem er das Band, welches er mit diesem Wesen eingegangen war, endlich zu verstehen und tiefer zu ergründen.
Isaé saß hinter Entaro und klammerte sich an seinem Oberkörper fest, doch konnte er nicht sehen, ob sie seinen Rat beherzigte, nicht nach unten zu sehen. Zwar konnte man nun, da die Sonne untergegangen war, ohnehin nicht mehr viel sehen, doch vielleicht war das ungewisse, schwarze Nichts unter den eigenen Füßen noch beklemmender für sie, als den so weit entfernten Boden zu sehen, welcher die Welt in eine verspielte Kulisse verwandelte, wenn man so hoch im Himmel schwebte. Alles wirkte so weit entfernt, so entrückt, so unnahbar unwirklich, dass man das Gefühl hatte in die Sphären der Unsterblichen aufzusteigen. Doch egal wie hoch Entaro auch schon aufgestiegen war, einen Unsterblichen, sei er Geist, Gott oder von anderer Natur, war ihm bisher noch nie begegnet. Ob es nun daran lag, dass sie einfach nicht im Himmel thronten, oder ob sie sich vor dem Drachen fürchteten, das vermochte Entaro nicht zu sagen.
Der Drachenflug war schon eine Weile vonstatten gegangen, als Entaro den Drachen schließlich zur Landung zwang. Er war entsetzlich müde, und auch wenn er dies vor Isaé zu verbergen versuchte, so musste er zumindest die letzten verbliebenen Nachtstunden dazu nutzen zu neuerlichen Kräften zu kommen. Denn wie auch Entaro, so schlief der Drache nicht, und der Bernsteinritter musste bei Kräften bleiben. Als sie den Drachen schließlich auf den Boden gebracht hatten und Entaro aus dem Sattel gerutscht war, da half er Isaé ebenso von dem Ungetüm herunter und führte sie zu der nahen Lichtung, welche er vom Himmel aus gesehen hatte. Ein kleiner Teich lag am Rand des Wäldchens, welches die Lichtung umgab und so führte Entaro den schwarzen Drachen an das Ufer, damit er seinen Durst stillen konnte, welchen der Drache zweifellos, wie auch er selbst, verspürte. Allerdings gelüstete es Entaro nicht nach dem Wasser aus einem alten, abgestandenen Tümpel. Und auch wenn der Drache diesbezüglich sehr genügsam war, so wollte Entaro nicht riskieren fauliges oder gar vergiftetes Wasser zu trinken. Denn man konnte ja nie wissen, ob am Grund des Teichs nicht gar der Kadaver eines verendeten Tieres lag und das Wasser verdorben hatte.
Als der Drache sich schließlich zu dem Wasser herabgebeugt hatte, begann Entaro damit Feuerholz zu sammeln und schürte, nahe des Teichs, ein kleines Lagerfeuer, an welchem er dann neben Isaé Platz nahm. »Wirklich Schade, dass man dir deine Armbrust gestohlen hatte. Die könnten wir jetzt sicher gut gebrauchen, denn nur mit meinem Schwert wird es schwierig ein Tier zu erlegen.« Entaro hielt lediglich eine klägliche Wurzel in der Hand, an welcher er mehr lustlos denn genussvoll herumkaute. Der bittere Saft, welchen er so zu Tage förderte kitzelte ihm seine Zunge, doch zwang er sich dazu, die Wurzel zu verspeisen, denn er wusste, dass sie sehr nahrhaft war und ihm zumindest ein wenig schwerer im Magen lag, als überhaupt nichts zu essen. Lustlos stocherte Entaro in der Glut des Feuers, um dieses ein wenig anzufachen, als Isaé das Wort an ihn richtete. »Entaro… Auch wenn du es nicht der Rede wert findest… Du hast mir das Leben gerettet, und ich stehe tief in deiner Schuld.« Entaro hielt in seinem Tun inne und blickte Isaé direkt in die Augen. »Ich habe es sowohl aus ritterlichem Ehrgefühl, als auch gerne getan.« Seine Worte waren ehrlich, aber zurückhaltend, denn noch immer spukte die Erkenntnis, dass Isaé ihm einer Droge ausgesetzt hatte schwer in seinem Kopf. Es würde sicher eine Weile dauern, bis er dies verdrängt hatte, auch wenn er ihr längst nicht mehr so sehr grollte, wie noch zuvor. Aber Isaé schien es nicht auf sich bewenden zu lassen und sprach direkt weiter. »Aber, wenn ich dir nichts Angemessenes dafür geben kann, was ich gerne würde, wenn ich etwas hätte, so will ich dir wenigstens etwas erzählen. Etwas, das ich noch nie jemandem erzählt habe. Betrachte es als Vertrauensbeweis.« Da horchte Entaro dann doch neugierig auf, und während er ihrer Geschichte lauschte, kam er nicht umhin ihrem Finger zu folgen, welchen sie sich über den Leib zog, und so blieben seine Blicke an den beiden Wölbungen haften, welche sich unter ihrem Kleid abhoben. Als er sich allerdings bewusst wurde, dass er Isaé derart anzüglich anstarrte, wandte er den Blick ab und zog es vor ins Feuer zu starren. »Und dennoch jagst du noch immer böse Frauen wie diese. Sie konnte dich nicht von deinem Weg abbringen, obwohl es dich beinahe das Leben gekostet hatte.«, murmelte Entaro und dachte dabei, wie ähnlich sie beide sich eigentlich waren. Und so krempelte er seinen Ärmel ein wenig herauf und entblößte einige tiefe, vernarbte und schlecht verheilte Narben, welche wie von scharfen Zähnen anmuteten. »Diese hier habe ich ihm ...« mit diesen Worten nickte er in die Richtung des Drachen. »... zu verdanken. Es ist schon lange her, und ich konnte den Arm Wochen nicht gebrauchen ohne starke Schmerzen.«
Als sie in ihrer Erzählung geendet hatte, musste sie plötzlich gähnen und wurde sich wohl bewusst, wie müde sie eigentlich war. »Meine Güte, bin ich müde… Es ist zwar helllichter Tag, aber ich muss ein wenig schlafen…« Kaum hatte sie die Worte gesprochen, da hatte sie sich auch schon zusammengerollt und war eingeschlafen. Jetzt erst gestattete sich Entaro auch, seine Augen auszuruhen. Er erhob sich noch ein letztes Mal schwerfällig vom Boden, um zu dem Drachen zu gehen. Er löste die beiden Ketten vom Sattel und band diese vorsorglich an zwei der nahen Bäume. Als dies vollbracht war trat er vor das Ungetüm und legte diesem seine Hand auf die Stirn. Aus schmalen Augen starrte der Drache Entaro an und sein glasiger Blick verriet dem Bernsteinritter, dass die Kreatur ebenso müde war, wie auch er. Und so nickte der Drachenreiter schließlich und begab sich zurück zu Isaé, um sich, in gebührlichem Abstand, neben ihr auf den Boden zu legen.
Doch so müde Entaro auch war, der Schlaf wollte sich erst nach ungezählten, geschlagenen Stunden einstellen, und in der Zeit war er nur am Rücken gelegen und hatte tonlos und mit kaum hörbarem Atem die Sterne angestarrt. Als Entaro dann schließlich doch eingeschlafen war, da entsank er in einen seltsam anmutenden Traum von Hexen und anderen Frauen, welche mal freundlich waren, oder mal gehässig zu kichern begannen. Junge und alte Frauen waren ebenso dabei, wie schöne und hässliche. Und welche nicht nach seinem Leben trachteten, denen schien es nach seiner Manneskraft zu verlangen, was Entaro beinahe noch mehr verstörte als der Wunsch dieser Hexen, sein Leben zu beenden. Und so wälzte sich Entaro immer wieder unruhig im Schlaf hin und her, bis er mit einem Mal eine unglaubliche Hitze verspürte, welche ihm buchstäblich zu Kopfe stieg. Es glich beinahe einem unangenehmen Fieber, welchem er in seiner Kindheit schon einmal beinahe erlegen wäre. Doch die Hitze wurde immer heißer und unerträglicher, bis er mit einem Mal, und mit einem lauten Schrei, aus dem Schlaf erwachte. Als er die Augen aufgerissen hatte, musste er feststellen, dass er durch seinen unruhigen Schlaf dem Feuer gefährlich nahegekommen war und sich die Hand versengt hatte. Entaro erhob sich von seiner Schlafstatt und trat an den Tümpel heran, um seine Hand darin ein wenig abzukühlen, bevor er seine Hände zu einer großen Kuhle formte, um etwas Wasser aus dem Teich heraus zu schöpfen und die Glut des Lagerfeuers damit zu löschen. »Die Kreaturen der Nacht werden uns diese Nacht sicher nicht mehr behelligen...«, murmelte Entaro und richtete dabei seinen Blick gen Horizont, welcher schon in einem dumpfen Blau schimmerte und somit von dem Aufgehen der Sonne zeugte.
Eine Rast am Weiher ❖
01.01.2012 '14:01 [1.510 Wörter]
 ls die beiden mit dem Drachen auf der Waldlichtung gelandet waren, half Entaro Isaé von dem Untier herab, und gemeinsam suchten sie schließlich Feuerholz, um ein kleines Lagerfeuer nahe dem Teich zu entrichten. Isaé setzte sich in das feuchte Gras, und beobachtete, wie sich das Feuer in das feuchte Holz fraß, und wie der rußige Rauch in den Himmel empor stieg. Schließlich nahm der Drachenreiter neben der Hexenjägerin Platz und begann schließlich "Wirklich Schade, dass man dir deine Armbrust gestohlen hatte. Die könnten wir jetzt sicher gut gebrauchen, denn nur mit meinem Schwert wird es schwierig ein Tier zu erlegen." Isaé nickte grimmig, und dieses Bewusstsein, dass man sie um diese wundervolle Waffe gebracht hatte, zusammen mit jenem, dass sie kaum mehr etwas Essbares in ihrer Tasche hatte, ließ ihre Laune in diesem Moment nicht die beste sein. Schließlich hob die junge Frau an „Wer hätte auch damit rechnen können, dass ich eines Tages mit einem Drachenreiter und seinem Drachen in dieser völligen Abgeschiedenheit sitzen würde?“ Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln und beobachtete Entaro, wie dieser an einer Wurzel kaute. Bitterwurz. Eine gute wie auch scheußliche Gabe der Natur. Er war beinahe gallebitter, dennoch war er sehr nahrhaft, wuchs beinahe überall, war aufgrund seiner auffälligen überirdischen Blattwedel leicht zu finden. Selbst im Winter konnte man diese Pflanze ernten, aber in schneereichen Wintern musste man sich erst durch die Schneedecke graben und hoffen, dass man die markanten, erfrorenen Blattwedel fand, unter welchen in dem gefrorenen Erdreich die bitteren Wurzeln wuchsen. Es gab Zeiten, da hatte sich Isaé ausschließlich von Bitterwurz ernährt, da es sonst nichts gegeben hatte.
Momentan hatte sie eine Wahl, und sie entschied sich, den Bitterwurz nicht zu essen, sondern in ihrer Tasche nach etwas Essbarem zu wühlen. Steinbrot. Davon gab es immer etwas. War dies doch das reinste Armeleuteessen. Im Grunde war es mit richtigem Brot nicht zu vergleichen. Es war nichts anderes, als gemahlenes Getreide, welches man mit etwas Wasser vermischte und knetete, bis es eine dickteigige Konsistenz hatte, und dann sehr flachgedrückt auf heißen Steinen, wie etwa an einem Lagerfeuer, buk. Getreidemehl konnte man für wenig Geld beinahe überall erwerben, und wenn man das Glück hatte, Salz zu besitzen, dann konnte man das Steinbrot damit noch ein wenig schmackhafter machen. Isaé besaß kein Salz. Dort, wo die Wege die junge Frau hingeleitet hatten, war die Bevölkerung arm. So etwas Dekadentes wie Salz gab es hier nicht. Doch mit einigen Kräutern, welche sie in den Teig geknetet hatte, hatte sie es bewerkstelligen können, dass dieses harte, fade Gebäck doch ein wenig an Würze erhalten hatte. Sie holte zwei der Fladen heraus, und reichte eines davon Entaro, während sie ihm dafür dankte, dass er ihr das Leben gerettet hatte. Doch er winkte ritterlich ab, und erwiderte "Ich habe es sowohl aus ritterlichem Ehrgefühl, als auch gerne getan." Da lächelte die Hexenjägerin scheu, und knabberte an ihrem Steinbrot. Doch sie ließ sich von seinen Worte nicht beirren und sprach weiter. Sie hätte sich gerne erkenntlich gezeigt, doch da sie nicht besaß, oder hatte, was ihm hätte dienlich sein können, so dankte sie es ihm mit einer Geschichte aus ihrem Leben, und erzählte ihm, warum sie überhaupt Feuermohn konsumierte.
"Und dennoch jagst du noch immer böse Frauen wie diese. Sie konnte dich nicht von deinem Weg abbringen, obwohl es dich beinahe das Leben gekostet hatte“, erwiderte Entaro, als sie ihre Erzählung beendet hatte. „Ja…“ antwortete sie ihm, während sie ein wenig geistesabwesend in die Flammen starrte. Dann hob sie den Kopf und lächelte ihn verschmitzt an „Um der Wahrheit die Ehre zu geben…“ neckte sie ihn, und verfiel dann wieder in einen ernsteren Zustand „…ich hatte keine andere Wahl.“ Sie hob ihre Hände, und betrachtete ihre leeren Handflächen. „Ich stand da, mit Nichts, und dennoch ging das Leben weiter. Als Almaté, so hieß die alte Kräuterfrau, die mich gefunden, aufgenommen, und wieder zusammengeflickt hatte, erzählte sie mir alles, was sie selbst über Hexen wusste. Und so beschloss ich zum einen, Jagd auf diese bösen Frauen zu machen, und mir damit meinen Lebensunterhalt zu verdingen, und zum anderen, dass ich eines Tages meiner Widersacherin gegenüber stehen, und mich dafür rächen möchte, was sie mir angetan hat. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Es ist das Einzige, was mir Kraft und Ausdauer gibt.“ Isaé rutschte ein klein wenig näher an Entaro heran, senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Raunen, und begann „Es gibt Erzählungen… ich weiß nicht, ob sie stimmen… dass Hexen ihre Macht aus einer Wurzel ziehen. Alraune… Sie nähren diese Pflanze mit ihrem Blut, und eines Tages, wenn sie ausgewachsen ist, wird die Alraunenwurzel bei Vollmond aus der Erde gezogen. Ich habe noch nie eine zu Gesicht bekommen, aber sie sollen menschenähnlich aussehen. Die Hexe, die diese Wurzel also mit ihrem Blut genährt hat, bewahrt diese Wurzel an einem sicheren Ort auf, und dieses Ding soll manchen von diesen Weibern ihre unvorstellbare Macht geben. Eigentlich unvorstellbar oder?“
Schließlich krempelte Entaro seinen Ärmel hoch, und offenbarte der Hexenjägerin eine Narbe. "Diese hier habe ich ihm zu verdanken. Es ist schon lange her, und ich konnte den Arm Wochen nicht gebrauchen ohne starke Schmerzen." Isaé folgte dem Kopfnicken des Drachenreiters zu dem Drachen, und wandte ihren Blick dann wieder Entaro zu. „Er ist ein wildes Tier, unbezweifelbar, aber irgendwie will es mir nicht eingehen, dass er so gefährlich sein soll. Er ist ja immerhin dein Weggefährte, nicht wahr? Drachenreiter und Drache…“ dachte sie laut nach. „Aber ich kann mir vorstellen, wie du dich gefühlt hast…“ setzte sie nach, und blickte dem Drachenreiter tief in die Augen. Erst jetzt bemerkte sie, wie müde sie eigentlich war, und dass sie nicht geschlafen hatte. Und so gähnte sie, erhob sich, trat an einen dicken, alten und knorrigen Baum heran, und rollte sich in einer Wurzelkuhle zusammen. „Gute Nacht, Entaro…“
Als Isaé wieder erwachte, war es Taghell. Die Sonne stand hoch am Himmel, und obgleich sie warm schien, konnte sie nicht verleugnen, dass sie bereits ihren Weg, sich von der Welt entfernend, beschritt. Der Herbst hatte Einzug gehalten, und das Blätterwerk an den Bäumen begann sich bereits golden und rot zu verfärben. Zusammen mit dem Sonnenlicht tauchten diese bunten Farben das verfluchte Reich Kalath in ein zauberhaftes Dasein. Die Hexenjägerin kroch aus der großen Kuhle zwischen den Wurzeln hervor, und begann vorsichtig sich zu recken und zu strecken, um ihre schmerzenden Glieder zu besänftigen. Doch so recht wollte ihr das nicht gelingen, und so unterließ sie es. Schließlich sah sie sich um, auf der Suche nach Entaro, doch sie konnte ihn nirgends entdecken.
Und so erhob sich Isaé schließlich, und begann, die Gegend zu erkunden. Sie streifte auf der Lichtung umher, betrachtete die Bäume und Pflanzen, welche hier wuchsen, und prägte sich deren Standort ein. Zwar war sie sich sicher, dass sie hier nicht lange verweilen würden, aber Isaé hatte es sich schon seit jeher angewöhnt, ihre unmittelbare Umgebung, in welcher sie sich befand, genau zu inspizieren. Die meisten Heilpflanzen, die essbaren Pflanzen, oder solche, deren Wurzeln essbar waren, kannte Isaé, und so war es ihr nie schwer, solche auszumachen. Nach einer kurzen Weile entdeckte sie einen kleinen Weiher. Das Licht brach sich auf den winzig kleinen Wellen, Kleine Fliegen und Mücken surrten über dem Weiher, Wasserläufer huschten beinahe unbemerkt über die Wasseroberfläche, und ab und an strich der laue Wind durch das Schilfgras, welches im seichten Ufer wuchs. Und über all dem lag ein betörend schönes beinahe zwielichtiges Sonnenlicht, welches den Weiher beinahe in einen Zauberort verwandelte. Isaé setzte sich auf einen großen Stein, und stützte sich mit den Händen neben ihrem Körper ab. Sie fühlte die warme, raue Oberfläche des Steines, und begann, über den gestrigen Abend nachzudenken. Noch immer saß ihr der Schrecken über ihre Peiniger tief in ihren Gliedern. Sie war dem Schicksal, und auch dem Drachenreiter, unendlich dankbar, dass Entaro zur richtigen Zeit, am richtigen Ort gewesen war, sein Drache hatte Mirek den Kopf abgebissen. Isaé hatte sich beinahe zu Tode erschrocken, als ihr das warme Blut ins Gesicht gespritzt war, und ihren Körper und ihr Kleid besudelt hatte. Bei diesen Gedanken wurde der jungen Frau gewahr, dass sie noch über und über mit Blut verschmiert sein musste, und sie betrachtete die rotbraunen Flecken auf ihrem Kleid.
Der Weiher kam ihr gerade recht, als sie den Entschluss fasste, sich zu waschen. Isaé blickte sich um, doch von dem Drachenreiter war immer noch nichts zu sehen, und so erhob sie sich, entledigte sich ihres Kleides, streifte sich auch das Unterkleid von ihrem Körper, und als sie sich auch von ihren Stiefeln befreit hatte, stieg sie langsam in den Weiher. Ihr nackter Fuß versank ein wenig in weichem Schlamm, welcher sich zwischen ihren Zehen beinahe lieblich und angenehm anfühlte, als würde jemand diese liebkosen. Isaé watete vorsichtig Schritt um Schritt in das Wasser, denn schwimmen konnte sie nicht, bis ihre Schultern von dem Weiherwasser umschwemmt wurden. Die Hexenjägerin tauchte kurz den Kopf unter Wasser, und als sie wieder auftauchte, strich sie sich das Haar aus dem Gesicht, und begann dieses von dem eingetrockneten Blut zu befreien…
Eine Kröte! ❖
03.01.2012 '16:23 [1.155 Wörter]
 ntaro seufzte, nach Isaés Worten. »Er ist ein wildes Tier, unbezweifelbar, aber irgendwie will es mir nicht eingehen, dass er so gefährlich sein soll. Er ist ja immerhin dein Weggefährte, nicht wahr? Drachenreiter und Drache.« Entaro seufzte abermals und ließ seine Tunika wieder über die alten, vernarbten Bisspuren gleiten. »Es ist mehr als nur ein Tier. Es ist eine Bestie. Eine ungezähmte und launenhafte Kreatur. Und mein Gefährte ist er nicht, ich bin sein Herr und Meister. Er gehorcht mir, solange ich die Stärke habe, über ihn zu gebieten. Er würde nicht zögern, uns beide zu töten und unsere Schädel zu verschlingen, wenn er es könnte.« Entaro schloss für einen Moment die Augen. Entaro war sich sicher, dass dies die Wahrheit war. Nichts anderes konnte er sich vorstellen. Doch waren die Worte der Wahrheit so fern, wie sie nur sein konnten. Der Drache war weit mehr als nur ein Reittier und eine niedere, instinktgetriebene Kreatur. Doch Entaro war unwissend und in gewisser Weise auch zu misstrauisch. Wie könnte er annehmen, dass dieses Wesen sein Seelengefährte war. Das Band, welches die beiden miteinander verband war so viel älter und so viel mächtiger, als Entaro es sich überhaupt vorstellen konnte. Der Drache war, ebenso wie Entaro, ohne Lehrmeister. Alles was er tat, oder auch nicht tat, hing damit zusammen, wie Entaro sich verhielt und welche Entscheidungen er traf. Diese Worte mussten zweifellos befremdlich und auch fürchterlich für Isaé klingen, doch hatte sie, nun da sie mit ihm reiste, ein Anrecht darauf, es zu erfahren. »Du darfst niemals annehmen, er sei ungefährlich. Hüte dich, mit jedem Schlag deines Herzens.«, gebot er ihr mit erhobenem Finger und im selben Augenblick schon konnte er förmlich ihre fragenden und unverständlichen Blicke sehen. »Zweifellos fragst du dich, warum ich mich überhaupt dieser Gefahr aussetze? Nicht wahr?« Entaro sah Isaé fragend an und ihr stummes nicken, gepaart mit der nötigen Ehrfurcht, welche sie nun vor dem Drachen hatte, ließ den Drachenreiter in den Schneidersitz sinken. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben …«, setzte er an und sah Isaé dabei tief in die Augen. »... Ich habe keine andere Wahl.« Beinahe gequält wirkte der Blick des Drachenreiters, als er ihr dieses Geheimnis offenbarte. »Es ist vielmehr ein Fluch, den wir teilen, besiegelt durch uralte Magie und Blut. Und nur der Tod kann uns davon erlösen. Mich, den Drachen … und nun, da auch dich.« Isaé schien aus allen Wolken zu fallen, als er diese geheimnisvollen Worte gesprochen hatte, was natürlich eine Erklärung verlangte, die sie auch sogleich einforderte. Und da er die Worte nun ausgesprochen hatte, seufzte er nur abermals. "Du bist nun gebunden. Durch das Blut deines Peinigers schuldest du dem Drachen einen Blutzoll, bis diese Blutschuld abgegolten ist.« Entaro lächelte sogleich und legte Isaé beschwichtigend die Hand auf die Schulter. »Dein Schicksal ist nun mit dem des Drachen verwoben. Doch nicht so wie das meine. Wenn du mir, oder dem Drachen die Blutschuld zurückzahlst, bist du frei.«
Zweifellos waren diese Worte ein wenig zu viel für Isaé, denn den Rest des Abends verbrachten sie schweigend vor dem Lagerfeuer, was dem Drachenreiter aus Akadien nur Recht war. Und so starrte er nur in die Flammen, bis Isaé schließlich eingeschlafen war. Und als dies geschehen war, erhob sich der Drachenreiter und trat, mit gezogenem Schwert, an den Drachen heran. In Entaros Blicken lag ein seltsamer, ernster Blick, doch der Tod des Drachen würde unweigerlich seinen eigenen bedeuten. Instinktiv wusste der Drache dies ebenso und darum schenkte er dem Schwert in seiner Hand nur wenig wirkliche Beachtung. Entaro legte sich die scharfe Klinge seines Schwertes in die Hand und schloss die Finger um die Schneide. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich den eingezogenen Atem wieder entließ. Dann öffnete er die Augen und sah dem Drachen in die Augen. Die Finger hielten die Klinge noch immer fest umschlossen. Beinahe zu fest. Der scharfe Stahl drückte ihm in die Haut und Entaro fühlte den drohenden Schmerz. Wenn er noch fester zudrücken würde, dann würde der Stahl Blut schmecken. Die Kreatur erwiderte den Blick. Stumm. Beobachtend. Beinahe lauernd. Doch keiner von beiden bewegte sich. »Du hast sie gerettet.«, murmelte Entaro und der Drache schnaubte. Seine güldenen Augen färbten sich rötlich und es wirkte beinahe, als ob man rote Farbe in geschmolzenes Gold geschüttet hätte. Entaro seufzte. Es war ihm Antwort genug. »Ich verlange nicht viel.«, murmelte Entaro und ließ dann das Schwert sinken. »Aber ich glaube, sie kann uns noch nützlich sein…gegen ihn.« Er hob das Schwert und stellte es dann vor sich auf dem Boden ab. Entaro legte den Kopf leicht schief und starrte den Drachen lange an. Der schwere Atem der Kreatur war tief und langsam. Jeder Atemzug, den die Kreatur tat, schien unendlich zeitlos zu sein. Doch es hatte etwas Beruhigendes an sich, was Entaros Anspannung etwas löste. »Du wirst sie beschützen?« Der Drache antwortete ihm nicht. Weder in Bewegungen noch in Geräuschen.
Am nächsten Morgen, als der Drachenreiter erwachte, war Isaé nicht mehr da. Zunächst richtete sich der Drachenreiter auf und sah sich verschlafen um, doch als er Isaé auch in der unmittelbaren Umgebung nicht ausmachen konnte, da wurde er mit einem Schlag hellwach. Unweigerlich musste sich Entaro Sorgen machen. Zweifellos waren die Worte des gestrigen Abends zu viel für ihr Gemüt gewesen und womöglich hatte sie die Flucht ergriffen! Doch war sie sich nicht der unmittelbaren Gefahr bewusst, welche eine solche Flucht nach sich zog. Dieses Land war verwunschen und voller Gefahren. Entaro wusste zwar, dass sie sich bisher auch ohne ihm gut durchgeschlagen hatte. Doch Entaro war ein Ritter und sie war nun seine Schutzbefohlene. Er musste sie finden. Und so rappelte sich der Drachenreiter auf, um ihre Spur zu suchen. Das Schwert Gehänge band er sich im Gehen um, als er schließlich die Kleidung der Hexenjägerin fand.
Anfängliche Gedanken, ob sie geraubt oder gemordet worden war, verwarf er sogleich, als er Isaé im Wasser des Sees baden sah. Und als sie sich, im Versuch sich zu waschen, umwandte, musste Entaro beinahe beschämt den Blick abwenden, als er einen kurzen Blick auf ihren Oberkörper erhaschen konnte. »Verzeih'.« Entaro hielt sich sogleich die Hand vor Augen und wandte den Blick zur Seite. »Ich wollte dir nicht nachstellen. Ich habe mir nur …. Sorgen gemacht.x« Die letzten Beiden Worte verschluckte Entaro beinahe, als ob sie ihm peinlich wären. Isaé, welche nicht weniger überrascht schien, als Entaro, ließ sich sogleich ins Wasser sinken, bis nur mehr ihr Kopf aus dem Wasser ragte. Und erst da wagte Entaro sie wieder anzusehen. Doch die ehrliche Reue, welche er noch im ersten Moment empfunden hatte, wandelte sich mit einem Augenblick, als er sich Isaé gewahr wurde. Und so grinste er, während er versuchte dies vehement zu vermeiden. Isaé, welche Entaros Belustigung sichtlich verwirrte, sah an sich herab, als ob sie den Grund für Entaros einfältiges Grinsen suchen würde, als der Drachenreiter auf sie deutete. »Auf deinem Kopf sitzt eine Kröte!«
Alles nur Schauspiel? ❖
06.01.2012 '19:08 [1.281 Wörter]
 saé hörte dem Drachenreiter aufmerksam zu, als er begann, von dem Drachen zu erzählen. "Es ist mehr als nur ein Tier. Es ist eine Bestie. Eine ungezähmte und launenhafte Kreatur. Und mein Gefährte ist er nicht, ich bin sein Herr und Meister. Er gehorcht mir, solange ich die Stärke habe, über ihn zu gebieten. Er würde nicht zögern, uns beide zu töten und unsere Schädel zu verschlingen, wenn er es könnte." Sie blickte ihn mit großen Augen, und einem nicht unbeträchtlichen Maße an Unglauben, an, und Entaro schloss die Augen, in welche sie ihm die ganze Zeit fest geblickt hatte. „Er gehorcht dir, solange du die Stärke hast, über ihn zu gebieten? Was bedeutet das? Er hat dich am Arm verletzt, ja, doch hat nicht schon manch treuer Hund seinen Herrn gebissen? Du reitest auf dem Rücken des Drachen, und fliegst unvorstellbar hoch über der Erde, wie kann er dir da gefährlich werden?“ Sie konnte es nicht verstehen, oder begreifen. Entaro öffnete sein Augen wieder, blickte die Hexenjägerin mahnend an und meinte „Du darfst niemals annehmen, er sei ungefährlich. Hüte dich, mit jedem Schlag deines Herzens." Isaé blickte den Drachenreiter eindringlich an, doch bevor sie noch die Frage stellen konnte, hatte er sie schon ausgesprochen. "Zweifellos fragst du dich, warum ich mich überhaupt dieser Gefahr aussetze? Nicht wahr?" Da nickte Isaé ernst, aber zugleich auch neugierig, und Entaro sprach weiter, und erklärte ihr, warum er keine andere Wahl hatte. "Es ist vielmehr ein Fluch, den wir teilen, besiegelt durch uralte Magie und Blut. Und nur der Tod kann uns davon erlösen. Mich, den Drachen … und nun, auch dich."
Isaé war es, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen, so schonungslos brach diese Ernüchterung über die junge Frau herein. Sie musste sich heftig räuspern, um ihre Stimmt wieder zu finden und dennoch krächzte sie nur heiser hervor „Wie? Was meinst du damit?“ Ihr Blick war fordernd, und verlangte Antworten. Ehrliche Antworten, und mochten sie auch noch so niederschmetternd sein. "Du bist nun gebunden. Durch das Blut deines Peinigers schuldest du dem Drachen einen Blutzoll, bis diese Blutschuld abgegolten ist." Isaé runzelte irritiert ihre Augenbrauen und die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. „Ich… ich… habe dich nie darum gebeten, mir zu helfen. Und noch weniger habe ich deinem Drachen abverlangt, diesem Kerl den Kopf abzubeißen…!“ Sie erschauderte immer noch bei der Erinnerung daran. „Wie kannst du da behaupten, ich stehe in deiner, oder seiner Blutschuld?“ Isaé fühlte sich bestürzt. Ja beinahe betrogen und hintergangen. Sie hatte den Drachenreiter für einen wahrlich ehrbaren und höchst anständigen Mann gehalten. Doch in diesem Moment begann diese Fassade zu bröckeln, und Isaé wagte nicht, hinter diese Fassade zu blicken. Entaro lächelte, und legte ihr, als wolle er sie besänftigen, die Hand auf ihre Schulter. "Dein Schicksal ist nun mit dem des Drachen verwoben. Doch nicht so wie das meine. Wenn du mir, oder dem Drachen die Blutschuld zurückzahlst, bist du frei." Isaé blickte auf seine Hand, die auf ihrer Schulter ruhte, beinahe, als gälte es, die Hand mit einem vernichtenden Blick abzuschütteln. Doch was ihr Blick nicht tat, tat ihr Körper. Sie schüttelte mit einer unwirschen Bewegung seine Hand von ihrer Schulter und fand nun endlich wieder ihre feste Sprache wieder. „Was soll das heißen, Drachenreiter? War das geplant? Hast du mich nur mitgenommen, dass dir keine Schuldbegleichung entgeht? Waren deine Worte nicht, dass du es sowohl aus ritterlichem Ehrgefühl, als auch gern getan hast? Deinen Worten nun zu entnehmen, erscheint es mir wie vorsätzlich geplant… Und wie, denkst du, sollte ich diese ‚Blutschuld‘ zurückzahlen? Ich habe dir bereits gedankt, und dir gesagt, ich besitze nichts, was ich dir geben könnte. Alles, was ich habe, trage ich bei mir. Mein Hammer und mein Pflock, doch das sind für dich doch nur archaische Waffen… völlig wertlos…und dann habe ich noch… mich… Ist es das, was du willst? Vielleicht war deine ehrbare Zurückhaltung ebenso nur Schauspiel, und nun, da ich hier mit dir in der Wildnis hocke, mit deiner verbündeten Bestie, deren Herr und Meister du bist…“ Isaé wusste nicht, was sie von all dem halten sollte, und so zog sie sich an dem Lagerfeuer in sich zurück, und sagte gar nicht mehr, an diesem Abend, außer ‚Gute Nacht‘…
Am nächsten Morgen nahm Isaé also die Gelegenheit wahr, dass der Drachenreiter noch tief und fest schlief, und so entkleidete sie sich, und stieg in den nahen Weiter, um sich zu waschen und von dem eingetrockneten Blut zu befreien. Das Wasser fühlte sich weich an, und umspülte ihren Körper, beinahe so, als würde es sie liebkosen. Die letzten Tage und Nächte dieses Spätsommers waren heiß und schwül gewesen, und so war das Wasser auch warm und angenehm. Isaé wagte nicht, zu tief in das Wasser zu waten, sie konnte nicht schwimmen, und sie kannte diesen Weiher nicht. Wie leicht konnte der Untergrund plötzlich nachgeben? Und wenn sie den Boden unter den Füßen verlor, liefe sie Gefahr, zu ertrinken. So blieb sie sicher im Wasser stehen. Das Wasser umschwappte ihren Venushügel, und bedeckte diesen gerade so, dass er unter der Wasseroberfläche verborgen blieb, doch auf auf ihrer Kehrseite konnte man die Rundungen und den Ansatz ihres Pos sehen. Immer wieder schöpfte sie Wasser mit ihren Händen aus dem Weiher, und wusch sich damit ihre Arme, ihren Bauch, ohre Brüste, und das Gesicht. Isaé seufzte erleichtert auf über dieses erquickende Bad. Sie wandte sich unversehens um, und blickte plötzlich in Entaros Antlitz, welcher vor dem Weiher stand, und sie anstarrte. Völlig entgeistert und erstarrt stand sie da, ungeschützt, und den Blicken Entaros ausgeliefert und blickte den Drachenreiter fassungslos und mit offenem Mund an, und es war er, welcher sie mit seiner Reaktion wieder in das hier und jetzt zurückholte. "Verzeih! Ich wollte dir nicht nachstellen. Ich habe mir nur …. Sorgen gemacht." Er beschirmte seine Augen mit seiner Hand und wandte den Kopf zur Seite, und Isaé sank eilig in die Knie, um ihre Blöße zu bedecken. „Das darf nicht wahr sein…“ murmelte sie beschämt, und tauchte kurz unter Wasser, als könne sie damit die verräterische, heiße Röte abwaschen, die sich auf ihrem Gesicht abzeichnete. Der Drachenreiter stand immer noch vor dem Weiher, und Isaé war daran, ihn zu schelten, was ihm eigentlich einfiele, oder die Worte blieben ihr im Hals stecken, als er sie angrinste, was sie über alle Maßen irritierte. Was hatte er nur? Sie blickte an sich herab, und blickte dann wieder ihn an, um ihn wortlos zu fragen, was denn nicht stimmte. Da deutete Entaro mit dem Zeigefinger auf sie und meinte „Auf deinem Kopf sitzt eine Kröte.“ Isaé blickte ihn verdattert an, dann hob sie eine Hand, und taste auf ihren Kopf. Tatsächlich. Sie war vermutlich noch ein Jungtier, aber sie fühlte die glitschige, kalte Haut, die vielen Warzen, welche das kleine Untier bedeckten, und dann begann sie ebenso wie Entaro zu grinsen. Sie packte das Tier, und hob es von ihrem Kopf herunter. „Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich immer im nahen Wald nach solchen Kröten gesucht. Du kennst doch sicher das Märchen von dem Frosch, der zu einem Prinzen wird, nachdem er der Prinzessin einen Kuss abgeleiert hatte. Ich habe viele Kröten geküsst, aber ein edler Herr wurde nie daraus…“ Sie lachte, und warf das kleine Tier vorsichtig ans Ufer, wo es über die Steine des flach abfallenden Wassers krabbelte, und sich schließlich daran schickte, eilig im Wald zu verschwinden. Als sie das Tier aus den Augen verloren hatte, wandte sie sich wieder dem Drachenreiter zu, und blickte ihm schweigend und tief in die Augen. Sie wollte ihm sagen, er solle sich abwenden, damit sie aus dem Wasser steigen konnte, denn allmählich begann sie zu frieren, und doch... sie tat es nicht...
Der Blutzoll ❖
08.01.2012 '16:28 [1.527 Wörter]
 ls sich Entaro Adun bewusst wurde, dass sein Verhalten sowohl distanzlos als auch unredlich war, da ließ er zunächst seine Blicke sinken. Die Kröte, welche gerade im Morast verschwand, kam ihm da gerade Recht, um seine Verlegenheit ein wenig zu verschleiern. Isaé hingegen, welche bis zum Hals im Wasser versunken verharrte, starrte Entaro an, als ob sie etwas von ihm erwarten würde. Doch ihr Schweigen, wie auch ihr leicht verlegener Blick, zauberten schon bald die nötige Erkenntnis in den Geist des Drachenreiters. Als ob er buchstäblich vom Blitz der Erleuchtung getroffen worden wäre, trat er sogleich einen Schritt zurück und ließ seine Blicke immer wieder in jene Richtung huschen, in welcher die Kröte verschwunden war. »Verzeih' Isaé. Ich wollte ... Ich meine Ich hegte ja keine Absicht ...« Er schien ein wenig verunsichert zu sein, als ob er nicht so recht wusste, wie er sich nun zu verhalten hatte, also zog er es einfach nur vor zu schweigen und sich abzuwenden. Und so trottete er, mit sich selbst hadernd und hart ins Gericht ziehend, von dannen und ließ sich am Lager nieder, welches sie aufgeschlagen hatten.
Als Isaé dann schließlich, und zu Entaros Erleichterung bekleidet, ebenfalls zum Lager zurückkehrte, fühlte sich der Bernsteinritter sogleich bemüßigt, sich von seinem Platz zu erheben. Zum einen gebot es die Höflichkeit eines Ritters, vor einer Dame aufzustehen und sich erst dann wieder zu setzen, wenn sie saß. Und zum anderen fühlte sich Entaro ein wenig beschämt, Isaé ständig auf solche Weise nachzustellen, dass es schon beinahe anmutete, als ob er ihr auflauerte. Und so stand Entaro vor der Hexenjägerin und während sich ihre stummen Blicke kreuzten, wurde Entaro ein wenig ungeduldig, da sie sich so lange damit Zeit ließ, sich zu setzen. Da kam es ihm beinahe schon wie eine quälende Erlösung vor, als sie sich dann doch endlich dazu entschloss. Kaum hatte Isaé Platz genommen, da ergriff Entaro auch gleich die Gelegenheit und setzte sich, in gebührlichem Abstand wohlbemerkt, ebenfalls wieder nieder. Und so starrten sie sich zunächst eine Weile an, bis sich der Drachenreiter räusperte. »Ich habe, während ihr ... du baden warst, ein wenig nachgedacht.« Seine Stimme klang ruhig und gedämpft, während er weiterhin sprach. »Gestern, als es schon spät war, hattest du mir einige Fragen gestellt, auf welche ich dir die Antwort schuldig geblieben war.« Isaés Aufmerksamkeit schien geweckt, was Entaro nur mit einem wissenden Blick bedachte. So hatte er zumindest ziemlich geschickt ein mögliches, sich förmlich androhendes, Gespräch über die unangenehme Begegnung am See vermieden. Und so räusperte er sich neuerlich und fuhr dann fort. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, fiel es mir nicht leicht, darüber zu sprechen. Auch jetzt nicht.« gestand er, ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Doch deine Wut ist unbegründet, Isaé. Und ich möchte nicht, dass du schlecht von mir denkst.« Noch ehe er sich gewahr wurde, dass diese Worte sehr selbstsüchtig und egoistisch klangen, als ob er nur darum bemüht war, dass man ihn als einen Mann von Ehre sah, hatte er auch schon weitergesprochen. Vermutlich wäre es ihm selbst gar nicht so recht aufgefallen, hätte Isaé ihn dabei nicht so seltsam angesehen, doch da er keine Gedanken lesen konnte, wusste er natürlich nicht, was sie wirklich dachte und was sie zu diesem unwirschen Blick bewogen hatte. »Der Drache handelte nach Instinkten und einem uralten Schwur. Einen Schwur den ich selbst nicht ganz verstehe. Ich gab nur ein Zeichen und er hat instinktiv den Bauern getötet." Isaé schien nicht davon überzeugt zu sein und brachte dieses Misstrauen auch sogleich auf den Punkt. »Du hast doch etwas gerufen, in einer seltsamen Sprache. Es klang beinahe wie ein Befehl ...« Da hob der Drachenreiter seine Hand und unterbrach Isaé damit. »Das war kein Befehl, deinen Peiniger zu töten ...« Entaro zupfte sich am linken Ohrläppchen, während er grübelte, wie er ihr dies nur begreiflich machen konnte während dies so unglaubwürdig klang, was er da sagte. »... es ... es war mehr ein Wort der alten Zeiten.« Eigentlich wollte er die Hexenjägerin nicht so tief in die Geheimnisse einweihen, welche ihn umgaben, doch schien Isaé sichtlich verärgert. Und für gewöhnlich nahm Entaro bereitwillig den Ärger auf sich, wenn es dem höheren Ziel diente. Er war kein Heuchler und auch kein Heischer. Wenn er wusste, dass er einer Seele das Leben gerettet hatte, war ihm das Lohn genug, ja selbst wenn diese Seele undankbar war und ihm grollte oder gar fürchtete. Doch aus einem Grund, den Entaro selbst noch nicht ergründen konnte, war dies bei Isaé nicht, wie sonst, der Fall. Und so seufzte er erneut. »Ich wollte den Menschen nur Angst einjagen, damit sie von dir ablassen. Doch der Drache war zu wild. Die Wut der Menge und die bereitwillige Mordlust, welche unheilschwanger in der Luft hing war deutlich zu spüren.« Entaro lehnte sich ein wenig zurück und lehnte sich gegen den Stamm der mächtigen Eiche, unter welcher sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.
»Du musst mir glauben. Doch du musst auch verstehen, dass du nun, ob gewollt oder nicht, dem Drachen verpflichtet bist.« Isaé begehrte, wie es nicht anders zu erwarten war, erneut dagegen auf. Wie schon am gestrigen Abend. »Wie kannst du da behaupten, ich stehe in deiner, oder seiner Blutschuld?« Entaro schüttelte nur den Kopf, während er versuchte gelassen zu bleiben, auch wenn ihr Unwille ihm zu vergeben oder Glauben zu schenken langsam sauer aufstieß. »Du stehst nur in der Blutschuld des Drachen, nicht in meiner.«, antwortete er ihr ruhig, obwohl es ihm nur schwer gelang die maßregelnde Stimme zu verbergen. Doch nun war es an Isaé, welche den Kopf schüttelte und mit dem Finger auf den Drachen, wie auch auf Entaro zu deuten. »Das hast du gestern aber anders gesagt!« Entaro runzelte die Stirn und diese kleine, kaum wahrnehmbare Mimik, schien Isaé nur weiter aufzuregen. »Dein Schicksal ist nun mit dem des Drachen verwoben. Doch nicht so wie das meine. Wenn du mir, oder dem Drachen die Blutschuld zurückzahlst, bist du frei. Das waren deine Worte!« Da rollte Entaro mit den Augen, während er sanftmütig lächelte. So sanftmütig wie es einem gesalbten Bernsteinritter Daereans nur möglich war. »Dies bedeutet nicht, dass du mir verpflichtet bist, Isaé.« Entaro versuchte sich zu erklären, was sichtlich durch Isaés Unmut erschwert wurde. »Der Drache ist mit mir verbunden. Sterbe ich, stirbt auch der Drache. So ist der Bann und das weiß die Kreatur auch. Ich kann es in seinen Augen sehen und in seinem Atem spüren. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Feind die Klingen kreuze fühle ich diesen kalten Schauer.« Entaro begann abzuschweifen, was Isaé wohl nur als einen kläglichen Versuch sich herauszureden zu deuten schien. Also schüttelte Entaro, nach ihren Worten, nur erneut den Kopf. »Nein, du verstehst meine Worte falsch, Hexenjägerin.« Er nannte sie bewusst nicht bei ihrem Namen, da sie ihn auch erst zuvor, mehr als überhörbar abfällig, Drachenreiter genannt hatte. »Ich hatte weder geplant dich an den Drachen zu binden, noch war ich von niederen Antrieben geleitet dich an mich zu binden. Du brauchst dich also nicht weiter so aufzuregen. Meine Rolle bei diesem Spiel ist ebenso unbedeutend wie nebensächlich. Der Drache rettete dein Leben, diese Blutschuld verlangt nach Blut. Ein Leben für ein Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.« Fast schon war Entaro versucht ihr närrisches, weibisches Verhalten als bäuerliche oder abergläubische Furcht vor dem Unbekannten zu bezeichnen, doch behielt er seine Zunge im Zaum. Dass diese Worte auch bedeuten konnten, dass es ihr Leben war, welches der Drache einforderte, ersann der Drachenreiter nicht. Er kannte nur einen Weg die Blutschuld zurückzuzahlen und daher verschlossen sich ihm die anderen Wege, welche Unwissende wohl einschlagen würden. Er kannte keine der alten Schauergeschichten, die man in den gefallenen Reichen über Drachen und Jungfrauen, welche man ihnen opferte, kleinen Kindern erzählte, um sie abends ins Bett zu treiben. Und auch Isaés Worte über selbsternannte ehrbare Ritter, die Frauen schlugen und ihr die Unschuld raubten, welche sie in der Schenke gesagt hatte, waren längst vergessen.
Denn vielmehr erinnerte er sich daran, wie es war, als er erfahren hatte, was es mit dem Band wahrhaftig auf sich hatte. Nichts daran war heroisch, wie jene Geschichten aus den alten Tagen. Jene Geschichten von ehrenhaften Drachenreitern und ihren ruhmvollen Heldentaten. Und nun, da Isaé ein ähnliches, wenn auch nicht gar so dramatisches, Schicksal blühte, war ihre Wut, oder vielmehr ihre Furcht, durchaus begründet. Doch ihre Anschuldigungen dem ehrbaren Bernsteinritter gegenüber, kränkten diesen ungemein. Nein, er war kein Mann der nur für den Ruhm lebte, oder dessen Ehrbarkeit und Ritterlichkeit nur ein Deckmantel waren, den es aufrechtzuerhalten galt. In gewisser Weise fühlte er sich vielmehr schuldig, als das Gegenteil und Isaés Wut schlug sich nun auf ihn nieder. Nun bereute er es, sie darauf angesprochen zu haben und so rieb er sich nur die Augenlider, während er immer wieder leise seufzte. »Wir sitzen hier nicht, alleine in der Wildnis um deine Blutschuld einzufordern. Nein, gewiss nicht. Und das erste ... Blut einer Jungfrau begleicht keine Blutschuld, Hexenjägerin. Wir sitzen hier in der Wildnis, weil es hier nichts anderes gibt, als Ödland und verfluchte, verwunschene Geisterstädte. Wärest du lieber bei dem Mob im Dorf geblieben?« fragte er, wohlwissend, dass dem niemals so war, während er langsam wieder seine Finger von den Augen nahm.
|