Der Bannkreis ❖
16.03.2026 '14:50 [2.671 Wörter]
 ie Hexenjägerin ging voran. Die Flüsterholzpfeife lag schon so lange in ihrer Hand, dass das Holz sich beinahe anfühlte, als strahle es Wärme aus, und dass es nicht die Wärme seiner Trägerin war, die das Holz aufgenommen hatte. Ihre Finger schlossen sich fest darum, doch während sie durch den immer dichter und auch dunkler werdenden Wald voran stapfte, nahm sie plötzlich etwas wahr. Ein Geruch. Süß, würzig, harzig, schwer. Feuermohn. Isaé schnupperte leicht irritiert. Der Duft war nicht stark, nur ein feiner Hauch, der aus dem Flüsterholz selbst aufzusteigen schien. Das alte Holz hatte über die Jahre hinweg den schweren Geruch aufgenommen, der einst durch diese Pfeife gezogen war. Immer wieder war dort zwischen dem Pfeifenkraut das dunkle, klebrige Feuermohnopium verbrannt worden und das Holz hatte diesen Duft tief in sich aufgenommen. Jetzt, wo sie die Pfeife die ganze Zeit fest in der Hand hielt und das Holz ihre Körperwärme aufgenommen hatte, schien der Geruch immer stärker zu werden. Ihr Atem stockte einen Moment lang. Unwillkürlich hob sich ihr Kopf ein wenig, ihre Nase leicht in die Luft gerichtet, wie ein Reh, das eine Witterung aufnimmt. Der süße, vertraute Duft lag so nah, dass ihr Körper ihn erkannte noch bevor ihr Verstand ihn einordnete. Einen Herzschlag lang drifteten ihre Gedanken fort. Die Erinnerung an den Rauch, der langsam durch die Lungen zog. An das warme, weiche Gefühl das ihren Körper stets eingelullt hatte. Isaé schloss kurz die Augen. Dann zog sie den Atem scharf durch die Nase ein und schüttelte den Kopf, als wollte sie den Gedanken vertreiben. „Verdammt“, murmelte sie kaum hörbar. Ihre Finger schlossen sich noch fester um das Flüsterholz. Sie wusste, dass sie nicht frei war. Seit mehr als einer Woche hatte sie kein Opium mehr geraucht und sie war so stolz auf sich gewesen. Doch den Geruch jetzt wahrzunehmen und auf diese Art darauf zu reagieren wie sie es tat, bewies ihr, dass der Kampf gegen diesen Dämon erst begonnen hatte. Sie nahm die Pfeife am Mundstück in die Hand um das Holz am Pfeifenkopf auskühlen zu lassen. Vielleicht würde das helfen, den Geruch zu vertreiben. Sie konnte es sich jetzt nicht erlauben, dass etwas ihre Konzentration störte.
Ihr folgten die anderen. Ser Tarvain ging als Zweiter, seinen Mantel fest um die Schultern gezogen. Sein Gesicht war bleich und der Verband unter seiner Rüstung hatte sich erneut dunkel verfärbt, was zwar niemand sehen konnte, doch Tarvain konnte es spüren. Ein feuchtwarmes Gefühl. Das Blut war wieder durchgesickert, doch er sagte kein Wort darüber. Der Heerführer der Akadier bewegte sich mit der störrischen Entschlossenheit eines Mannes, der sich niemals eingestehen würde dass sein Körper Ruhe verlangte. Entaro ging dicht hinter Isaé. Der Drachenreiter sagte ebenfalls kein Wort. Sein Blick ruhte immer wieder auf ihr, als wolle er sicher sein, dass sie wusste, wohin sie sie führte. Vicar bildete das ruhige Schlusslicht der kleinen Gruppe. Der Kämpe sprach nicht viel und stellte keine Fragen. Seine Augen glitten aufmerksam über den Wald, über Äste, Schatten und den feuchten Boden unter ihren Füßen. Wenn Gefahr lauerte, würde er sie vermutlich zuerst sehen. Der Wald wurde allmählich immer dichter. Die Bäume standen enger zusammen, ihre Stämme dunkel von feuchten Moos und von dem Nebel, der am Boden kroch wie ein dünner Schleier. Mit jedem Schritt wurde die Luft schwerer, kühler und der Boden unter Isaés Stiefeln fühlte sich beinahe mit jedem Schritt anders an. Das Moos war feucht und weich, doch darunter lag eine Kälte, die nicht ganz natürlich wirkte. Der Nebel wurde immer dichter. Zuerst war er nur ein Hauch, ein feiner Schleier zwischen den Bäumen gewesen, kaum mehr als ein kalter Atemzug. Doch je weiter sie gingen, desto mehr schloss er sich um sie, kroch zwischen die Stämme und legte sich wie ein dichtes Tuch über den Waldboden. Isaé verlangsamte ihre Schritte und blieb dann einen Augenblick stehen. Der Wald war still. Zu still. Nicht einmal ein Vogel ließ sich hören. Isaé ging immer zögerlicher bis sie schließlich stehen blieb und hob das Flüsterholz ein wenig, als lausche sie. Das Flüsterholz schien sacht zu vibrieren. Nur leicht, aber genug, dass sie es deutlich spürte. Als hätte das alte Holz etwas erkannt, lange bevor ihre Augen es sehen konnten. Sie blieb stehen und hob leicht den Kopf, als lausche sie auf etwas, das die anderen nicht hören konnten. „Hier weiter“, murmelte sie. Der Nebel hing nun dicht zwischen den Bäumen. Er schluckte förmlich alle wenigen Geräusche die der Trupp nicht vermeiden konnte und machte den Wald kleiner und enger. Selbst die Nadelbewehrten Kleider der Tannen verschwammen bereits zu dunklen Schemen. Tarvain blieb neben ihr stehen. Sein Atem ging schwerer als zuvor. „Seid Ihr sicher, Frau Isaé?“ Isaé antwortete nicht sofort. Sie betrachtete das Flüsterholz in ihrer Hand, als warte sie darauf, dass es mehr sagte als dieses leise, unruhige Ziehen zwischen ihren Fingern. „Wir müssen ganz nahe sein…“, sagte sie schließlich und ließ ihre Blicke wandern. Entaro trat einen Schritt an ihr vorbei. Er kniff die Augen zusammen und blickte durch den Nebel. Lange sagte er nichts. Aber dann hörte sie ihn sagen „Der Turm.“ Die anderen folgten seinem Blick. Zuerst war nur Nebel zu sehen. Weiße Schwaden zwischen dunklen Baumstämmen. Doch dann zeichnete sich etwas ab. Langsam schälte sich die Silhouette aus dem Nebel. Ein Turm aus dunklem Stein, überwuchert von Efeu und langen dicken Wurzeln, die sich an seinen Mauern festklammerten, als wolle der Wald ihn langsam verschlingen. Wie ein abgebrochener Zahn ragte er in die Höhe. Er stand allein auf einer kleinen Lichtung. Im Grunde war es keine Lichtung, es wirkte eher so, als wären die Bäume selbst vor dem Turm zurückgewichen. Und obwohl der Nebel dicht um ihn lag, wirkte der Turm selbst dunkler als alles um ihn herum. Isaé spürte, wie das Flüsterholz in ihrer Hand vibrierte. Sie hatten ihn gefunden.
Isaé setzte sich als Erste in Bewegung und trat vorsichtig aus dem Schatten der Bäume auf die kleine Lichtung hinaus, während der Nebel wie ein schwerer Schleier über den Boden waberte und die Konturen des Turms nur undeutlich erkennen ließ. Das Flüsterholz lag warm in ihrer Hand, und je näher sie dem Bauwerk kam, desto deutlicher spürte sie diese unruhige Regung im alten Holz, ein feines Zittern, sie nun mehr fühlte und kaum mehr etwas hörte. Sie ging langsam, prüfend, jeden Schritt bewusst gesetzt, den Blick fest auf den Turm gerichtet. Hinter ihr warteten die anderen am Rand der Lichtung, doch Isaé nahm sie kaum wahr. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf dem Turm und auf dem seltsamen Gefühl, das sich mit jedem Schritt stärker in ihrem Inneren ausbreitete. Ihr Instinkt meldete sich zuerst. Es war dieses dumpfe, schwer erklärbare Bauchgefühl, das sie in all den Jahren gelernt hatte ernst zu nehmen. Eine leise Warnung, die sich nicht in Worte fassen ließ. Isaé hätte stehen bleiben können. Doch sie tat es nicht. Stattdessen ging sie noch ein paar Schritte weiter auf den Turm zu bis sie plötzlich innehielt, weil ihr Körper selbst begriff, was ihr Verstand noch nicht vollständig erfasst hatte. Es war kein sichtbares Hindernis. Kein Schlag, keine Kraft, die sie zurückwarf. Vielmehr fühlte es sich an, als würde die Luft selbst dichter werden, als hätte jemand eine unsichtbare Grenze durch den Wald gezogen. Als Isaé den nächsten Schritt machen wollte, gehorchte ihr Körper diesem Impuls nicht mehr. Es war, als würde sie gegen etwas treten, das sie weder sehen noch greifen konnte. Langsam hob sie die Hand und streckte sie vor sich aus. Ihre Finger tasteten ins Leere, und doch wusste sie in diesem Augenblick ganz genau, was sie dort berührt hatte. Ein Bannkreis. Isaé ließ die Hand wieder sinken und betrachtete den Boden vor sich, das feuchte Moos, die dunkle Erde und die Wurzeln der Bäume, unter denen irgendwo diese unsichtbare Linie verlief. Jedoch immer den Turm im Blick, als erwartete sie förmlich, dass der Schinder heraus preschen, oder eine Hexe aus einem der oberen Fenster blicken würde. Doch es herrschte eine Totenstille und nichts war zu sehen. Auch das Flüsterholz, obwohl es stetig murmelte gab keine Zeichen, die Isaé als ernstzunehmende Warnung betrachten würde. Dann drehte sie sich um. Die drei Männer standen noch immer am Rand der Lichtung und beobachteten sie aufmerksam. Isaé ging langsam zu ihnen zurück, während der Nebel sich hinter ihr wieder schloss. „Der Turm ist geschützt“, sagte sie schließlich leise und hielt das Flüsterholz leicht an, als würde sie dessen Urteil bestätigen. „Ein Bannkreis. Er liegt wohl um die Lichtung. Solange er besteht, kommt niemand näher heran.“ Ser Tarvain sah an ihr vorbei zum Turm, dessen dunkle Silhouette sich noch immer durch den Nebel schälte. In seinem Gesicht lag der Ausdruck jenen Mannes, der oft genug Krieg geführt hatte, um Hindernisse nicht zu fürchten, sondern nur als weiteres Problem zu betrachten, das gelöst werden musste. „Kann man ihn brechen?“, fragte er schließlich. Isaé antwortete nicht sofort. Ihre Augen folgten seinem Blick noch einmal über die Lichtung, als würde sie versuchen, die unsichtbare Linie irgendwie zu erkennen. Dann nickte sie mehrmals. „Ja“, sagte sie. „Aber zuerst müssen wir ihn sichtbar machen, um seine schwächste Stelle zu finden."
Ser Tarvain sah Isaé erwartungsvoll an. „Dann erklärt mir, wie.“ Isaé schwieg zunächst. Für einen Moment wirkte es, als würde sie sich ihre Worte zurechtlegen, dann huschte ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen. „Ihr zahlt gutes Geld für eine Hexenjägerin, Ser Tarvain. Es wäre unhöflich, Euch nicht auch zu zeigen, wie sie arbeitet.“ Sie hob ihre Ledertasche vom Boden auf und ging damit wieder einige Schritte in Richtung des Turms, bis sie jene Stelle erreichte, an der sie zuvor auf den unsichtbaren Widerstand gestoßen war. Dort blieb sie stehen, setzte die Tasche vorsichtig ins feuchte Moos und kniete sich daneben. Der Nebel hing schwer über der Lichtung und legte sich wie ein grauer Schleier über den Boden. Von hier aus wirkte der Turm noch dunkler, seine Mauern kaum mehr als ein Schatten im Dunst. Entaro, Tarvain und Vicar blieben einige Schritte hinter ihr stehen und beobachteten schweigend, was sie tat. Zuerst holte sie den kleinen Lederbeutel hervor, der ein feines Pulver enthielt. Dann griff sie noch einmal in die Tasche und holte einen länglichen Lederbeutel hervor, der sorgfältig verschnürt war. Als sie ihn öffnete und einen Gegenstand hervorzog, kam die Nachtlaterne zum Vorschein. Die Laterne wirkte schlicht. Dunkles Metall, mattes Glas und nichts daran deutete darauf hin dass sie mehr war als eine gewöhnliche Lampe. Beides stellte sie neben sich ins Gras. Isaé wühlte ein letztes Mal in ihrer Tasche, bis sie ein kleines Glasfläschchen hervorzog. Als sie den Stopfen aus der Flasche zog, zeigte sich an der Innenseite befestigt ein winziges weißes Stück Stein, sicher in der Flüssigkeit eingeschlossen. Kaum kam es mit der Luft in Berührung, begann es zu rauchen und schließlich gleißend hell zu brennen. Isaé führte es ruhig an den Docht der Kerze im Inneren der Laterne. Der Docht entflammte und ein blasses Licht erwachte im Inneren der Nachtlaterne. Es war kein gewöhnliches Licht. Es leuchtete blass und ruhig, als würde es mehr enthüllen als erhellen. Isaé verschloss sorgfältig das Fläschen, ließ es wieder in ihrer Tasche verschwinden und stellte die Laterne neben sich. Dann öffnete sie den Beutel mit dem Schimmerpulver. Das Pulver war so fein, dass es beinahe wie Staub wirkte. Isaé nahm eine kleine Menge davon, stand auf und trat einen halben Schritt näher an jene unsichtbare Grenze heran, die sie zuvor gespürt hatte. Mit einem ruhigen Atemzug pustete sie das Pulver vor sich in die Luft. Eine feine Puderwolke breitete sich aus, legte sich über Nebel, Moos und dunkle Erde. Isaé hob die Nachtlaterne an und ließ ihr Licht über den Staub gleiten. Dort, wo das Pulver auf die unsichtbare Bannlinie gefallen war und das Licht der Laterne darauf traf, begann sie zu leuchten. Fein und klar zog sie sich durch das Moos, leuchtend wie eine Spur aus kaltem Licht. Das Licht der Laterne ließ sie leuchten, als würde ein verborgenes Muster im Wald zum Vorschein kommen. Der Bannkreis wurde sichtbar. Die Hexenjägerin nahm eine weitere Handvoll des Pulvers und verstreute es erneut. Schritt für Schritt folgte sie der Linie die nun deutlich durch das Moos lief, und ließ das Licht der Laterne darüber gleiten. Langsam, beinahe anmutig folgte sie der leuchtenden Spur, immer mehr von dem Schimmerpulver legte sich auf den Boden und zeichnete so den Kreis nach, der in größeren Abstand vom Turm diesen einmal umrundete. Im Nebel erschien nun nach und nach ein vollständiger Ring aus blassem Licht rund um den Turm, wohin auch der Schein der Laterne diesen berührte. Ser Tarvain sog leise die Luft ein. Der Bannkreis lag nun offen vor ihnen.
Ser Tarvain trat einen Schritt näher. Der fahle Schein der Nachtlaterne spiegelte sich schwach in seinen Augen während er die Linie betrachtete die Isaé gerade sichtbar gemacht hatte. „Also gut“, murmelte er schließlich. Seine Stimme klang ruhig, doch darunter lag die Ungeduld eines Hundes der nur darauf wartete, dass sein Herr ihm erlaubte loszupirschen und das Wild aufzustöbern. „Da ist er also.“ Der alte Vicar stellte sich vor die leuchtende Linie und betrachtete sie skeptisch und mit zusammengezogenen Augenbrauen. Seine Finger blieben vorsichtig über dem Boden stehen, ohne die Linie zu berühren. „Und wenn man sie berührt?“ Isaé zuckte leicht mit den Schultern. „Dann merkt die Hexe im Turm vermutlich sofort, dass wir hier sind.“ Tarvain verzog kaum merklich den Mund. „Ich nehme an, sie weiß es ohnehin längst.“ „Kann sein, aber solange der Bannkreis besteht, wird sie uns weniger beachten, da sie sich in Sicherheit wähnt.“ Ihr Blick wanderte wieder zum Turm. Ser Tarvain nickte, dann sah er Isaé an. „Also gut.“ Eine kurze Pause. Dann fragte er sie „Könnt Ihr ihn brechen?“ Statt sofort eine Antwort zu geben kniete sich die Hexenjägerin wieder neben die leuchtende Linie und hielt die Nachtlaterne etwas tiefer, sodass ihr blasses Licht den Boden direkt vor ihr erfasste. Das Schimmerpulver reagierte sofort und ließ die Bannlinie klar hervortreten. Langsam ließ sie ihren Blick daran entlangwandern. „Ein Bannkreis ist wie eine Kette“, sagte sie schließlich ruhig. „Solange jedes Glied hält, hält er stand.“ Mit dem Zeigefinger deutete sie auf die Linie im Moos. „Aber keine Kette ist überall gleich stark. Man muss nur die Schwachstelle finden“ Sie stand auf, nahm eine weitere kleine Handvoll des Pulvers und streute es einige Schritte weiter entlang der Linie aus. Wieder hob sie die Nachtlaterne und ließ ihr Licht darüber gleiten. Die Linie leuchtete auf. Isaé folgte ihr langsam, Schritt für Schritt, während sie den Turm umrundete und den Kreis untersuchte, gefolgt von den drei Männern. Manchmal blieb sie stehen, kniete sich hin, betrachtete eine Stelle genauer. Dann ging sie weiter. Die anderen folgten ihr mit ein paar Schritten Abstand. Vicar beobachtete sie schweigend. Sein Blick verriet, dass er nicht allzu fiel von dem hielt was die Hexenjägerin hier tat. Manchmal wirkte es sogar so, als würde er nicht aussprechen wollen, was er insgeheim dachte. Dass die Hexenjägerin nicht minder wie eine Hexe wirkte. Auch wenn es für den wissenden Blick keine Magie war, sondern reine Alchemie. Sah man einmal vom Flüsterholz ab. Ser Tarvain hingegen wirkte langsam ungeduldig. „Und?“ Isaé blieb schließlich stehen. Vor ihr zog sich die Linie über eine alte Wurzel hinweg, die aus dem Boden ragte. Dort war das Leuchten schwächer, kaum mehr als ein matter Schimmer im Licht der Laterne. Isaé kniete sich hin und betrachtete die Stelle einen Moment lang. Dann lächelte sie leicht und nickte mit dem Gesicht an jene Stelle. „Hier.“ Sie sah über ihre Schulter zu Tarvain. „Der Kreis ist hier am schwächsten.“ Ihre Hand schwebte vorsichtig über das feuchte Moos, genau über die leuchtende Linie. „Wenn man die Linie hier bricht, in dem man zum Beispiel die Wurzel auseinander schlägt…“ Sie hielt kurz inne. „… wird der Bannkreis auseinander brechen.“ Ser Tarvain sah auf die Stelle im Boden hinab. Dann streifte sein Blick Entaro und Vicar, als wolle er stumm fragen, wer es wagte, den Streich auszuführen. Isaé hob ihre Hand. „Aber wenn der Bannkreis durchbrochen ist und der Weg zum Turm offen, vermag ich nicht zu sagen, was danach passiert. Wir müssen uns vorsehen.“
Der Vorhang fällt ❖
21.03.2026 '20:03 [2.775 Wörter]
 ntaro beobachtete Isaé neugierig bei ihrer Arbeit. Er war schon eine ganze Weile mit ihr unterwegs und immer wieder überraschte sie ihn mit neuen Dingen. Er empfand es als ungemein faszinierend ihr bei der Arbeit zuzusehen. Und sie wirkte so vertieft in diese Tätigkeit, dass sie alles um sich herum auszublenden schien. Gemeinsam umrundeten sie einmal den gesamten Turm und seine äußere Wehranlagen. Der Turm selber wirkte die ganze Zeit über alt, verfallen und verlassen. Entaro warf immer wieder kritische Blicke zu dem Turm und es entging ihm auch nicht, dass es Tarvain und Vicar ebenso ergingen. Sie waren geschulte Krieger. In den Augen eines Kriegers war ein Turm wie dieser eine ungemein vorteilhafte Position den Feind zu erspähen, bevor dieser auch nur in die Nähe kam. Doch dieser Turm war verfallen und der Platz davor von Bäumen, Sträuchern und Moos überwuchert worden. Nichtsdestotrotz wusste niemand wie es im Inneren des Turmes beschaffen war. Wie viele Männer sich darin befanden. Oder wie viele Augen sie just in diesem Moment beobachteten. Und nicht nur aus dem Turm. Entaro hatte das Gefühl, dass der Wald selbst sie beobachten würde und er warf immer wieder einen prüfenden Blick über die Schultern. Doch nichts regte sich. Kein Geräusch, kein auch noch so kleines Anzeichen von etwaiger Gegenwart von Feinden. »Dieser Ort ist verflucht. Verlassen und verflucht.«, tönte die blecherne Stimme Vicars aus seinem Visierhelm. Entaro nickte zustimmend und auch Ser Tarvain brummte nachdenklich. »Dieser Ort ist mir nicht geheuer.«, stimmte Tarvain zu. »Doch nun gibt es keinen Weg zurück. Wir werden diesen verfluchten Ort bis auf die Grundmauern schleifen. Jede Magie von diesem Ort bannen und die Hexe verbrennen. Und jeden ihrer Häscher, dem wir auf dem Weg zur ihr begegnen.« Ser Tarvain verzog eine grimmige Miene. Die Gewissheit, seinen alten Feind endlich stellen zu können, schien in ihm ungeahnte Kräfte freigesetzt zu haben. Allein die Willenskraft und der brennende Wunsch nach Vergeltung ließ ihn überhaupt auf den Beinen stehen. Entaro warf immer wieder einen besorgten Blick zu dem roten Tod, wobei er sich dabei ertappte, dass er eben auf jene Stelle sah, wo er die Wunde wähnte, von welcher Mirou gemahnt hatte, dass sie aufbrechen könnte. Ein dunkler Fleck zeichnete sich auf dem Gewand des Heerführers ab. Doch es wirkte weder frisch noch feucht. Entaro runzelte nachdenklich die Stirn. So sehr Tarvains Tatentrang und Führerschaft auch eine Inspiration sein mochte. Ein verwundeter Krieger war stets das schwächste Glied einer Kette. Eben wie jener Kette, die diesen Bannkreis bildete. Wenn man sich gewahr wurde, wie angreifbar Tarvain war, würden sich die Feinde auf ihn stürzen, um ihn zu Fall zu bringen. Selbst ein einfältiger Narr, der seit Jahren alleine in den Grenzlanden lebte, hatte von Ser Tarvain, dem roten Tod der Grenzlande gehört. Und man musste kein geschulter Stratege sein, dass der Tod des roten Todes eine Kettenreaktion auslösen würde. Der Zusammenbruch von Moral, Kampfgeist und Orientierung. Entaro wusste, dass es gefährlich war, Ser Tarvain an der Front zu wissen. Doch man konnte es dem Heerführer ohnedies nicht ausreden. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war dies in Stein gemeißelt. Und nur die Zeit und der Wille Daereans, oder der uralten Mächte der Grenzlande, würde offenbaren, ob dies eine weise Entscheidung gewesen war.
Isaé hatte ihre Untersuchung abgeschlossen. Sie hatte den Punkt gefunden, an welchem der Bannkreis seine Schwachstelle hatte. Ser Tarvain beharrte sogleich darauf zu erfahren wie er zu brechen sei und Isaé offenbarte, dass sie das selbst nicht so genau wusste. Aber alles lief darauf hinaus, dass der Bannkreis durch einen einfachen Streich zerschlagen werden könnte. Und so sah sie sich suchend um, welcher der Männer wohl waghalsig genug wäre, diesen Streich auszuführen. »Aber wenn der Bannkreis durchbrochen ist und der Weg zum Turm offengelegt, vermag ich nicht zu sagen, was danach passiert. Wir müssen uns vorsehen.« Ser Tarvain nickte grimmig. »Natürlich.« Er warf einen prüfenden Blick zum alten, schwarzen Turm. »Noch liegt er in Stille und trügerischer Ruhe. Wer weiß was geschieht, wenn wir den Bann brechen.«
Schritte näherten sich. Unterholz brach und Morast schmatzte. Tarvain fuhr herum und zog sein Schwert. Entaro und Vicar taten es ihm gleich. Doch ihre Abwehrhaltung wurde nur von einem spöttischen Lachen begleitet. »Ruhig Blut.« Rodan. Er trat mit leicht erhobenen Armen aus dem Dickicht und offenbarte sich und die Männer die ihm folgten. »Rodan…«, stellte Tarvain ungehalten fest. »Was treibt euch hier um?« Rodan lachte und ein paar seiner Männer stimmten ein. Es war ein dunkles, verhaltenes Lachen. Eines dieser Sorte die keinen Hohn oder Freude bedeuteten. Sondern dieses wissende Lachen eines Mannes, der sich überlegen und schlauer fühlte, als die anderen. »Glaubt ihr wir hätten nicht bemerkt, wie ihr euch davongestohlen habt?« Rodan deutete mit dem mahnenden Finger auf jeden einzelnen von ihnen. »Wir hatten eine Abmachung, roter Tod. Und ihr…Ihr wollt uns hintergehen?« Ser Tarvain schwieg. Doch Entaro konnte sehen wie seine Kiefer mahlten. Er rang so sehr mit seiner Selbstbeherrschung, dass Entaro entschied, für den Heerführer in die Bresche zu springen. »Rodan, ihr erkennt den Ernst der Lage nicht.« Da lachte Rodan. »Oh, ich erkenne ihn sehr wohl, Ser Adun!« Er spuckte den Namen förmlich aus und legte dann, so offensichtlich, dass jeder es sehen konnte, seine Hand an den Griff seines Schwertes. » Den vereinbarten Preis. Der Kopf der verdammten Hure. Ihr glaubt, ihr könnt sie alleine stellen? Zu viert? Mit einem verwundeten Heerführer, einem Breschenbrecher, einem Bernsteinritter und dieser…dieser…« Rodan wedelte abfällig in Isaés Richtung. »Hexenjägerin? Die nur ein paar Zaubertricks auf dem Kasten hat?« Rodan warf Isaé einen flüchtigen, geringschätzenden Blick zu, doch sein Groll und sein Hauptaugenmerk galt Tarvain. Er war es, dem er misstraute. Er war sein Feindbild. Der akadische Heerführer, der gekommen war, in seinem Revier zu wildern. Der akadische Heerführer, der wusste, wer er war. Tarvain lacht bitter. »Ihr seid ein Narr. Ihr seid mir nicht auf die Schliche gekommen: Ich habe euch an diesen Ort geführt!« Ser Tarvain lächelte dünn und er erkannte in Rodans Blick, dass dieser über diese Worte nachdachte. Doch Tarvain ließ ihm keine Gelegenheit zur Gegenwehr. »Ein närrischer Tor, Ser Rodan!« Ser Tarvain wählte seine Worte bewusst und sprach den Verräter bei seinem Titel an, um zu unterstreichen, dass er sehr wohl wusste, wer er war. »Ser?«, hakte Aljena ein und lachte dabei belustigt. »Rodan ist kein Ritter, du akadischer Bastard.« Bei diesen Worten lachte Tarvain noch bitterer und warf Aljena einen wissenden Blick zu. »Selbst eure eigenen Leute wissen es nicht?« »Was sollen wir nicht wissen? Hört auf Lügen zu verbreiten. Du hast vielleicht einen Ruf und einen guten Namen. Doch ich traue dir nicht einen Steinwurf über den Weg!«, bellte Aljena lauthals zurück. »Ihr vergreift euch im Ton…Hexenjägerin.«, knurrte Tarvain ungehalten doch Alenja lachte daraufhin nur. Rodan legte ihr schließlich die Hand auf die Schulter und sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Schweig!«, zischte er und schob sie hinter sich zu den anderen Hexenjägern. Rodan trat entschlossen auf Tarvain zu, und hielt dabei noch immer die Hand am Griff seines Schwertes. Jederzeit bereit die Klinge zu ziehen und sie gegen den Heerführer zu richten.
»Lassen wir dieses Geplänkel. Ihr seid in der Unterzahl.« Rodan wandte sich leicht zur Seite und deutete auf seine Recken, welche etwas abseits standen. »Zwölf gegen Vier. Deutlicher geht es gar nicht, Ser Tarvain. Und ihr seid verletzt.« Der Heerführer verschränkte die Arme vor der Brust und zeugte mit keiner Faser seines Leibes davon, dass er sich von Ser Rodan, dem Verräter von Rotenburg, gedachte einschüchtern zu lassen. Vicar trat entschlossen zwischen Rodan und Ser Tarvain. »Wenn ihr meinen Herrn bedroht, werdet ihr meine Axt zu spüren bekommen.«, tönte die blecherne Stimme aus dem Vendelhelm des Breschenbrechers. Er hielt seine schwere Axt mit beiden Händen und allein seine Erscheinung vermochte es viele Männer in Furcht zu versetzen. Doch Rodan blieb ungerührt stehen. Tarvain trat hervor und legte seinem Kämpen die Hand auf die Schulter. Ohne ein Wort zu sagen verstand dieser, was sein Herr von ihm verlangte und er ließ die Waffe sinken und trat wieder zurück auf seinen Platz. Zwischen Entaro und Tarvain. Tarvain indes wandte seinen Blick zu Rodan. »Nun. Wenn euch der Sinn nach dem Kopf der Hexe steht, will ich euch nicht im Weg stehen. Ihr müsst nur den Bannkreis überwinden und sie ist euer.«, Tarvain trat einen demonstrativen Schritt zurück und deutete auf eben jene Stelle, welche Isaé herausgefunden hatte, dass der Schlüssel zum Bruch des Bannkreises war. Doch Rodan blieb regungslos stehen. Er warf zuerst Tarvain und danach Isaé einen flüchtigen Blick zu. »Ihr versteht sicher, dass ich nicht viel auf das Wort dieser Hexenjägerin gebe. Ich kenne sie nicht.« Tarvain verschränkte wieder die Arme vor der Brust. »Frau Isaé hat ihren Wert mehr als einmal unter Beweis gestellt. Etwas, dass ihr und die Euren bisher haben vermissen lassen. Eure größte Tat, die ihr vollbracht habt, seit wir euch begegnet sind, war das Töten einiger Düsterlinge.« Ser Tarvain trat noch einen Schritt hervor und senkte dann seine Stimme. »Eine Handvoll Düsterlinge…nachdem Ser Adun eine ganze Horde davon alleine vernichtet hatte!« Der Satz traf Rodan und sein Mundwinkel zuckte angespannt. Man konnte förmlich fühlen, wie der Groll in ihm anschwoll. Und als ob seine Recken es spüren konnten, traten sie nun auch etwas näher, da die Situation immer angespannter wurde.
Ser Rodan hob die Hand und gebot ihnen Einhalt. »Ser Tarvain.« erhob der Anführer der Zwölf schließlich. »Ich suche keinen Streit. Doch ihr habt wohl vergessen, dass es nur durch unser Zutun gelang den Schinder zu schlagen.« Tarvain schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht. Und euer Lohn ist die Heilige Hure, die dort in diesem Turm haust.« Rodan rümpfte die Nase und warf einen verächtlichen Räusperer aus. »Pha! Ihr habt nur große Worte. Doch es mangelt euch an Ehre! Ihr verspracht den Lohn, und schleicht euch von Dannen wie gewöhnliche Diebe.« Rodan warf mit Seitenhieben nur so um sich. Entaro seufzte und trat einen Schritt hervor. »Besinnt euch, Ser Rodan. Ser Tarvain selbst hat ein Kopfgeld auf die Drei ausgerufen. Wem sollte er die Hexe ausliefern. Er müsste es sich selbst auszahlen. Das ist doch lächerlich, Ser Rodan.« Da lachte Rodan bitter. »Ja, wir alle wissen um diese alte Geschichte. Der Tod seiner Frau…Von Rachedurst und Zorn getrieben. Man nennt ihn den roten Tod. Doch alles verschwimmt unter seinem roten Blick und dem Durst nach Blut!«
Da war es mit Ser Tarvains Geduld am Ende. »Ihr wagt es so über meine Ehre und mein Weib zu sprechen? Ihr? Ser Rodan von Rotenburg. Der Verräter ohne Ehre seid ihr! Ihr wollt einen Lohn für eure Taten? Ich schwöre, wenn dieser Kampf zu Ende ist, werde ich euch in Ketten legen und nach Akadien überführen um euch für eure Verbrechen vor Gericht zu stellen!« Entaro seufzte. Ser Tarvains Geduldsfaden war gerissen. Er hatte einen langen Atem bewiesen, doch Rodan hatte bewusst in alten Wunden gestochert um ihn zu provozieren. Und es war ihm gelungen. Binnen weniger Augenblicke eskalierte die Situation. Die Männer zogen ihre Waffen. Alenja richtete ihre seltsame Waffe auf den Heerführer, und sogleich trat Vicar schützend vor seinen Herrn. Rodan selbst war der Einzige, der seine Waffe noch nicht gezogen hatte. Er lächelte bitter und in seinen Augen funkelte der Funke dessen, dass er diesen Streit gewonnen hatte. »Das war nicht weise.« raunte Entaro dem Heerführer ins Ohr. Tarvain nickte grimmig und wandte sich dem Bernsteinritter zu. »Ich weiß.« Die Hexenjäger der Zwölf begannen Tarvain, Entaro, Vicar und Isaé zu umkreisen. »Ergebt euch, Ser Tarvain. Ihr seid in der Unterzahl.« Doch Tarvain dachte nicht im Traum daran. Er klopfte Vicar auf die Schultern. Drei Mal. Auf diesen stummen Befehl hin nahm Vicar sein Horn vom Gürtel und bließ einen kurzen, Stoß hinein. Der Ton war verhalten und scharf. Entaro wusste, dass dieser Hornstoß mehr bedeutete als es den Anschein hatte. Wenn die Hexe ihre Anwesenheit bisher noch nicht bemerkt hatte, so würde dieser Hornstoß gewiss ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Hornstoß hallte scheinbar ewig durch die Nebel des Waldes. Als würde er von einer Macht am Leben gehalten, die unbedingt wollte, dass er bis in den letzten Winkel drang. Rodan legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. Doch dem Ruf des Horns wurde schon bald Folge geleistet. Nach und nach schälen sich aus den Nebeln dutzende Akadier mit gespannten Armrbüsten und begannen nun ihrerseits die Hexenjäger der Zwölf zu umstellen. Tarvain lächelte siegesgewiss und das Lächeln auf Rodans Gesicht wurde von der bitteren Erkenntnis überschattet, mit zu hohem Einsatz gepokert und nun verloren zu haben. Er hob seine linke Hand und gebot seinen Recken die Waffen zu strecken. »Gut gespielt, Ser Tarvain.« Ser Tarvain erwiderte daraufhin nicht viel. Er tat es nur Ser Rodan gleich. Wie der Anführer der Zwölf sich zuvor siegessicher gab, so legte nun Ser Tarvain die Hand auf den Griff seines Schwertes. »Legt ihn in Ketten.«, befahl er und daraufhin kam Bewegung in die Männer. »Nein!« brüllte Alenja und trat aus ihrer Reihe hervor. Sie hob ihre seltsame Waffe und richtete sie auf Ser Tarvain. Vicar stellte sich ihr, todesmutig in den Weg. Wohlwissend, welchen verheerenden Schaden diese Waffe anrichten konnte. Denn immerhin hatte er selbst gesehen, was für ein Unheil sie bei Istred dem Schinder angerichtet hatte. Rodan griff nach Alenjas Waffe, doch sein Griff ging ins Leere. Vicar spannte jeden Muskel in seinem Körper an, bereit den Treffer einzustecken, der seinem Herren galt. Isaé griff in ihre Tasche und förderte dieses seltsame Pulver zu Tage, welches sie schon zuvor benutzt hatte, um den Bannkreis aufzudecken. Und Alenja betätigte den Abzug.
Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Rauch erfüllte den Wald. Männer husteten und der Rauch biss in den Augen. Doch als der Rauch sich lichtete, stand Vicar noch immer auf den Beinen. Er riss seinen Kopf zur Seite, um nach seinem Herrn zu sehen, doch auch Ser Tarvain stand noch wo er soeben noch gestanden hatte. Entaro hingegen stand nicht mehr, wo er zuvor gestanden hatte. Der Schuss hatte ein verheerendes Loch gerissen. Tief und schwarz. Der Rauch verzog sich langsam, und der Bernsteinritter stand zitternd da, mit einem kreidebleichen Gesichtsausdruck. »Entaro!«, rief Isaé, voller Entsetzen und trat sogleich einen Schritt auf ihn hinzu, in der Annahme die Waffe hatte ihn getroffen. Doch Entaro war nicht getroffen worden. Er hielt die Waffe in der Hand, welcher er Alenja im Moment des Schusses aus den Händen hatte reißen können. Der Schuss war ins Leere gegangen. Und dort, wo einst der Bannkreis geschlossen gewesen war, klaffte nun ein gewaltiges Loch.
Als der Rauch sich verzogen hatte, schwoll ein unheimliches, wehklagendes Heulen an. Es schien aus dem Turm heraus zu kommen und klang als würde eine gequälte Seele ein unsagbar trauriges Klagelied anstimmen, welches mit jeder Oktave zu einem wütenden Sturm anschwoll. Der Turm erwachte zum Leben, und mit ihm alles, was sich darin befand. Und die Menschen sollten schon bald erfahren, welch Unheil sie an diesem Tag heraufbeschworen hatten. Das Heulen überkam die Männer und auch die Frauen. Die meisten mussten ihre Ohren bedecken, da der Ton so aufreibend war, dass sie ihn nicht ertragen konnten. Die Hexenjäger, welche zuvor noch von den Akadiern umstellt worden waren, nutzten die Gelegenheit und ergriffen die Flucht nach vorne. Sie stürmten auf das Gelände des Turmes, hinweg über den gebrochenen Bannkreis. »Ihnen nach!«, brüllte Tarvain und die Männer setzten sich daraufhin in Bewegung. Doch als Isaé sich in Bewegung setzten wollte, ergriff Entaro sie am Arm. »Hör mir zu.« Er verstärkte sachte seinen Griff und führte sie von den Männern und dem Turm fort. »Ich traue dem allem nicht. Ich möchte dich um einen Gefallen bitten, und ich weiß, dass er dir nicht schmecken wird. Aber bitte verstehe dies nicht, dass ich dir diese Aufgabe nicht zutrauen würde. Im Gegenteil. Ich glaube, dass du der Sache sehr wohl gewachsen bist. Aber solange ich mir Sorgen um dich machen muss, kann ich mich nicht voll dem Feind widmen. Ich habe dir geschworen dich vor jedem Schaden zu bewahren. Doch dieser Ort. Er birgt eine alte Macht. Ich kann es fühlen. Wenn du ihn betrittst, dann kann ich nicht…ich fürchte ich kann meinen Schwur nicht bewahren, wenn wir uns beide in die Kammern der Hexe begeben. Kannst du mir versprechen, den Turm nicht zu betreten, egal was dein Holz dir auch einflüstert?« Entaro sah Isaé eindringlich an und sein Blick war müde und nachdenklich. »Du bist die Einzige hier, der ich noch vertraue. Der Ruf der alten Macht hat sie alle um den Verstand gebracht. Und ich weiß nicht wie lange ich noch widerstehen kann. Das Schicksal der anderen mag dir einerlei sein. Doch dein Schicksal ist mir nicht einerlei. Also bitte, versprich es mir.«
Die Stimme der Vernunft ❖
22.03.2026 '21:46 [3.551 Wörter]
 ls Entaro geendet hatte, blieb Isaé einen Moment still. Ihr Blick lag eindringlich auf ihm, als würde sie nicht nur seine Worte, sondern den Beweggrund dahinter abwägen wollen. „Du weißt, du verlangst viel von mir“, sagte sie schließlich. Es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Entaro wich ihrem Blick nicht aus. Isaé atmete einmal langsam durch, dann nickte sie leicht, fast widerwillig. „Gut Entaro“, sagte sie leise. „Dieses eine Mal werde ich ohne zu fragen tun, worum du mich bittest.” Ein kurzer Moment verging, in dem sie sichtlich mit sich rang, dann sagte sie „Ich gehe nicht hinein.“ Man sah ihr deutlich an, dass ihr das nicht leichtfiel. Dass es ihr gegen den Strich ging, und gegen ihr Bauchgefühl, das sie sonst selten überging. Doch sie zog diese Entscheidung durch. „Nicht, weil ich glaube, dass es richtig ist“, erklärte sie. "Sondern weil ich dir vertraue, wie ich sonst keinem Menschen auf der Welt vertraue. Und weil du offenbar Gründe hast, die ich derzeit noch nicht erkennen kann.” Ihr Blick wurde fester. „Doch ich werde es noch verstehen, nicht wahr?” Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu. „Aber wenn ich merke, dass du dich geirrt hast, dann hält mich nichts mehr hier draußen.“ Das war keine Drohung, es war ein Versprechen. Isaé musterte ihn noch einen Herzschlag lang, dann fügte sie ruhiger hinzu „Du bist nicht der Einzige mit einem Schwur, Entaro. Meiner gilt dir ebenso.“ Ein kaum merkliches Zucken ging durch ihren Mundwinkel. „Also bring mich nicht in die Lage, ihn brechen zu müssen.“ So wie er sie zuvor am Arm gepackt und sich damit ihre Aufmerksamkeit gesichert hatte, nahm jetzt sie ihn am Arm und begann ”Hör auch du mir gut zu, Entaro.“ Sie wartete, bis sie sicher war, dass er jedes Wort aufnehmen würde. „Du gehst da hinein. Du bleibst wachsam. Du lässt dich zu nichts hinreißen, was du nicht vollständig verstehst.“ Sie atmete tief ein und wieder aus. „Kein falscher Stolz, kein falsches Ehrgefühl." Ihr Blick hielt den seinen fest. „Und egal was dort drinnen ist und was da drinnen passiert, du kommst zurück.“ Für einen Herzschlag war es, als bliebe die Zeit stehen. Isaé ließ ihn keinen Moment aus dem Blick. Sie sah ihm tief in die Augen, und es war, als würden ihre Seelen dahinter einander begegnen. Einen Herzschlag lang war da wieder dieses Innehalten, wie in der Nacht zuvor am Feuer, als sie ihm so nah gewesen war, dass es gereicht hätte, sich nur noch ein wenig vorzubeugen. Erst wenige Stunden zuvor hatte sie es nicht gewagt. Jetzt schon. Ihre Hand, die seinen Arm hielt, glitt hinauf zu seinem Kragen. Sie zog ihn mit Bestimmtheit zu sich herunter und drückte ihm einen festen Kuss auf die Lippen. Dann ließ sie ihn los. Während sich seine Haltung wieder straffte, sagte sie leise „Vergiss es nicht, Entaro Adun.“ Er nickte, wandte sich ab und ging geradewegs auf den Turm zu. Die Hexenjägerin blieb stehen und sah ihm nach, bis er durch die Tür im Turm verschwunden war.
Wie angewurzelt blieb sie auf der Lichtung, den Blick auf den Turm gerichtet, durch dessen Tür Entaro verschwunden war. Sie nahm in diesem Augenblick kaum wahr, was um sie herum passierte. Die Stille die jetzt vorherrschte, da dieses ohrenbetäubende Heulen nachgelassen hatte, legte sich wie ein dünner Schleier über die Lichtung, und je länger sie anhielt, desto mehr schien sie sich wie ein Druck auf die Brust der jungen Frau zu legen. Das alles gefiel ihr nicht. Sie verstand es nicht. Entaro hatte Gründe, das wusste sie. Er handelte selten ohne sie, und schon gar nicht unüberlegt. Und doch blieb da dieses leise, hartnäckige Gefühl, dass da etwas war, etwas, das sie hätte sehen müssen. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und ihr Blick glitt über die Männer, die draußen geblieben waren. Einige standen beisammen, andere hielten Abstand, jeder auf seine Weise wachsam, doch keiner wirkte wirklich ruhig. Isaé wandte sich wieder ab. Ein flacher massiver Stein mit Moosen und Flechten bewachsen, ragte schräg aus dem Boden, als hätte ihn ein Riese in den Boden gerammt. Er war gerade hoch genug, um darauf Platz zu nehmen. Sie ging in die Hocke und ließ sich darauf nieder, verschränkte die Arme auf den Knien und ließ den Blick ins Leere gehen. Sie ließ den Turm dabei nicht aus den Augen und ging die Dinge noch einmal im Geiste durch. Der gebrochene Bannkreis. Den ohrenbetäubenden Lärm der aus dem Turm gedrungen war. Entaros Worte. Vor allem Entaros Worte. Nichts daran ergab ein klares Bild. Warum hatte er das gesagt und getan? Genau das blieb in ihrem Geist hängen und verursachte in ihr weit mehr innere Unruhe als jede offene Gefahr. Ein Rascheln im Laub hinter ihr ließ sie aufhorchen. Schritte. Langsam, gleichmäßig, jemand, der sich ihr näherte, ohne Eile und ohne den Versuch, es zu verbergen.
Isaé drehte sich um, als sie die Schritte hinter sich hörte, und blieb sitzen, als sie Kalwen erkannte. „Du kommst auch immer erst dann, wenn der Radau vorbei ist, Kalwen von Niefurt…“ Ein schiefes Lächeln zog über sein Gesicht. „Das war schon immer meine Stärke.“ Sein Blick ging kurz zum Turm, dann wieder zu ihr zurück. „Solltest du nicht auch da drinnen sein, statt hier draußen?“ Isaé sah ihn einen Moment lang an, dann wandte sie den Blick wieder ab. „Ja“, sagte sie ruhig. „Sollte ich.“ Dann atmete sie geräuschvoll aus. „Bin ich aber nicht.“ Kalwen ließ sich neben ihr auf dem Stein nieder, ohne zu fragen. Einen Moment sagte er nichts, sah ebenfalls zum Turm hinüber, als würde er abwarten, ob noch etwas geschah. Dann lehnte er sich leicht zurück, stützte die Hände neben sich ab und sah sie von der Seite an. „Was ist los?“ Isaé antwortete nicht sofort. Noch während sie sich eine Antwort zurecht legte, lag ihr Blick weiter auf dem Turm, und es kam ihr beinahe vor, als würde ihr dort gerade etwas entgleiten. Kalwen, der nicht mehr mit einer Antwort rechnete, sprach weiter. „Ich hab euch gesehen.“ Isaé bewegte sich kaum. Nur ihr Blick löste sich langsam vom Turm und glitt zu ihm. „Dich und deinen Ritter“, fuhr er fort, ohne Eile. Ein kleines Lächeln lag auf seinem Gesicht, welches mehr seine Augen erreichte als seine Lippen. „Ein Kuss… und dann marschiert er da hinein.“ „Günstiger Zeitpunkt“, murmelte er. Isaé sah ihn an, jetzt direkt. „Du beobachtest zu viel. Und du redest noch viel mehr.“ Kalwen nahm das hin, ohne sich daran zu stören. „Das gehört zu meinem Beruf.“ Er warf einen kurzen Blick zurück zum Turm. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das war ein Abschied.“ Isaés Augen verengten sich einen Hauch. „Dann weißt du es wohl nicht besser.“ Für einen Moment blieb es still zwischen ihnen. Kalwen musterte sie von der Seite, ruhiger jetzt, ohne dieses leichte Spiel von vorher. „Und trotzdem sitzt du hier“, sagte er schließlich leise. Isaé wandte den Blick wieder zum Turm. „Und trotzdem gehe ich nicht“ wiederholte sie und in ihren Augen lag eine Spur von Resignation. „Dein Bernsteinritter wirkt heute ein wenig lebensmüde“, meinte er dann ruhig. „Erst reißt er Alenja die Waffe aus der Hand, genau in dem Moment, in dem sie abdrückt… Ich dachte, das war’s jetzt mit ihm.“ Er nickte mit dem Kopf zu Heras Turm. „Und dann geht er da hinein, ohne Unterstützung.“ Sein Blick glitt zu Isaé. „Alleine das hätte ich schon für eine schlechte Idee gehalten.“ Er ließ den Satz stehen und musterte sie schweigend einen Moment. „Warum bist du nicht mitgegangen?“ Die Worte, die sie aussprechen wollte, fanden nicht ihren Weg nach draußen. Mehrmals öffnete sie ihren Mund, ohne das Worte daraus hervordrangen. Etwas an ihr sackte ein wenig in sich zusammen. Es kam ihr vor, als hätte sie keine Kraft mehr, stolz und stark zu erscheinen. Sie sah nicht zu Kalwen, sondern blickte auf den Waldboden. „Er hat mich gebeten, draußen zu bleiben“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme blieb ruhig, doch sie klang tiefer als zuvor. „Inständig. Er meinte er könne seinen Schwur, mich zu beschützen, nicht halten, wenn wir da zusammen reingehen.“ Kalwen schwieg einen Moment, sah sie an, als würde er abwägen, ob er sie richtig verstanden hatte. „Und das hast du so hingenommen?“ Isaé nickte sacht. „Ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Er schüttelte leicht den Kopf, als würde er das alles nicht verstehen und nachvollziehen können. „Das ist nicht die Isaé, die ich kenne.“ Ein schiefes Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. „Die, die ich kenne, ist mutig und macht, was sie will.“ Ein kurzer Seitenblick, dann stieß er sie mit seinem Körper an. „Die bürgt sogar für mit ihrem Leben für einen Versager.“ Isaés Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Kalwen ließ nicht locker. „Nochmal, damit ich es auch wirklich verstehe: Und darum sitzt du jetzt hier, weil der Bernsteinritter dich inständig darum gebeten hat?“ Er sah sie direkt an. „Das passt ja überhaupt nicht zu dir.“ Isaé verzog leicht den Mund, mehr ein müdes Zucken als ein echtes Lächeln. „Ja“, sagte sie leise. „Das passt nicht zu mir.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich verstehe es selbst nicht ganz“, fuhr sie nach einem Moment fort. „Er hat es mir nicht einfach gesagt. Er hat mich darum gebeten, als hinge etwas daran.“ Ihr Blick lag wieder auf dem Turm. „Und ich…“ Sie brach kurz ab, suchte nach den richtigen Worten. „ich vertraue ihm ja, also habe ich seiner Bitte zugestimmt.“ Dann wandte sie den Kopf ein Stück zu Kalwen, ihr Blick klarer als zuvor, auch wenn noch etwas von der vorherigen Unsicherheit darin lag. Isaé schnaubte leise und schüttelte den Kopf über sich selbst. „Ich bin ein Idiot.“ Kalwen grinste und feixte. „Ich wollte es dir nicht so direkt sagen.“ Für einen Moment saßen sie nebeneinander und sahen zum Turm hinüber. Isaé rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich habe ihm gesagt, ich bleibe draußen.“ Kalwen neigte den Kopf ein wenig. „Und jetzt sitzt du hier und hältst dich dran.“ „Ja.“ „Fühlt sich das nun richtig an, oder fühlt es sich falsch an?“ Isaé verzog den Mund. „Es fühlt sich völlig falsch an.“ Kalwen grinste breiter, dieses schiefe, unverschämte Grinsen, das man nie ganz ernst nehmen konnte. „Aber du bist wenigstens konsequent und ehrenhaft.“ Isaé warf ihm einen kurzen Blick zu. „Halt den Mund.“ Er ließ sich davon nicht abbringen. „Ich meine das ernst. Du sitzt hier draußen, während drinnen im Turm weiß der Henker was für Dinge vor sich gehen.“ Isaé schwieg. Kalwen lehnte sich ein wenig vor, stützte die Ellbogen auf die Knie. „Was genau hast du ihm gesagt?“ „Dass ich draußen bleibe.“ „Nur das?“ Isaé sah ihn an. „Und dass mich nichts mehr hier hält, wenn ich merke, dass er sich geirrt hat.“ Ein langsames Nicken. „Ah!“ Ein Hauch von Vergnügen lag in seiner Stimme. „Das ist ja schon was anderes.“ Isaé zog die Brauen zusammen. „Ich habe es ihm versprochen. Ich halte mich daran und warte.“ Kalwen schnaubte leise. „Worauf? Dass Hera dir eine Einladung schickt?“ Isaé sagte nichts. Er sah wieder zum Turm. „Er geht da rein, nachdem wir alle gehört haben, was dieses Ding von sich gibt… und du sitzt hier und wartest darauf, dass es schlimmer wird?“ Ein kurzer Blick zu ihr. Isaé presste die Lippen aufeinander. „Kalwen. Ich halte mich an mein Wort.“ Kalwen grinste schief. „Du hältst dich an den bequemen Teil davon.“ Isaé drehte den Kopf zu ihm. „Wie bitte?“ „Du wartest, bis es offensichtlich ist“, sagte er ruhig. „Bis du sagen kannst, jetzt musst du rein.“ Ein kurzes Schulterzucken. „Dann ist es keine Entscheidung mehr, sondern eine Notwendigkeit.“ Kalwen beugte sich ein Stück weit zu ihr rüber. „Sag mir doch mal eins, Fräulein Hexenjägerin. Woher weißt du eigentlich, dass er sich geirrt hat, dass du doch reingehen musst? Wie wirst du das merken? Wird’s dir dein Flüsterholz verraten?“ Isaé sah wieder zum Turm. „Verdammt. Du hast Recht.“ Kalwen nickte eifrig. „Die Isaé, die ich kenne, wartet nicht, bis es zu spät ist“, fuhr er leiser fort. „Die geht rein, bevor die Kacke am Dampfen ist.“ Ein kurzer Moment verging. Isaés Finger krallten sich leicht in den Stoff ihrer Kleidung. „Ich habe es ihm versprochen“, sagte sie noch einmal, leiser diesmal. Kalwen nickte. „Ja. Wenn ich so daran zurückdenke, was ich schon alles versprochen hatte…“ Dann wurde sein Blick ernst und er nahm ihre Hand. „Isaé. Du stehst dir gerade selbst im Weg. Das war kein haltbares Versprechen. Sieh es eher als eine Unverbindlichkeit. Er hat dich, soweit ich das richtig gesehen hatte, ja regelrecht niedergeschwafelt bis du gar nicht anders konntest, nicht wahr? Sonst ist er auch nicht so redselig, der Bernsteinritter, aber auf einmal…“ Isaé atmete scharf durch. Stille. Dann richtete sie sich langsam auf. Ihr Blick lag fest auf dem Turm. „Wenn ich da reingehe“, sagte sie ruhig, „Dann, weil ich es für richtig halte.“ Kalwen stand ebenfalls auf. „Natürlich.“ Ein kurzer Blick zu ihr. „Alles andere wäre ja nicht dein Stil.“ Isaé sah ihn noch einen Moment an und sie wirkte sehr unschlüssig. Kalwen erwiderte ihren entschlossenen Blick, und dann fragte er sie ruhig „Und? Wie ist es? Hältst du es für richtig? Willst du hinein gehen?“ Isaé antwortete sofort. „Ja.“ Ein kurzer Atemzug. „Warum?“ Ihr Blick lag fest auf dem Turm. „Weil ich ihn nicht verlieren will.“ Kalwen schwieg einen Herzschlag lang, musterte sie, als hätte er genau darauf gewartet. Dann nickte er leicht. „Dann musst du wohl gehen.“ Isaé atmete langsam aus. „Ja.“ Und ein Stein fiel ihr in diesem Moment vom Herzen. Weil sie wusste, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ein kurzer Moment verging. Kalwen sah sie von der Seite an. „Soll ich mit dir kommen?“ Isaé wandte ihm das Gesicht zu und auf ihrem Antlitz lag ein Ausdruck von Erleichterung und Dankbarkeit. „Ja… Danke.“ Er zwinkerte ihr zu. „Du hast für mich gebürgt, es musste der Tag kommen, an dem ich mich dafür revanchiere. Eines jener Versprechen übrigens, das ich stets zu halten gedachte!“ Isaé nickte. „Dann komm.“ Kalwen brauchte keine weitere Aufforderung und folgte ihr ohne Abstand, ohne ein weiteres Wort. Der Weg zum Turm war kurz, und doch fühlte er sich länger an, als er war. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde die Stille. Das Tor stand sperrangelweit offen und war wie ein gähnendes schwarzes Maul eines Ungeheuers. Isaé verlangsamte ihren Schritt, als sie die Schwelle erreichte. Ihr Blick glitt über das Mauerwerk, über die dunkle Öffnung, als würde sie nach etwas suchen, das hinter der schweren Eichentüre lauerte. Dann trat sie hinein.
Die Luft im Inneren schien anders. Schwerer. Kühler. Sie blieb einen Moment stehen, ließ den Raum auf sich wirken, ohne sich gleich weiter zu bewegen. Ihr Blick gewöhnte sich langsam an das gedämpfte Licht, das durch schmale Öffnungen fiel und den Staub in der Luft sichtbar machte. Kalwen trat neben sie und sie blickten sich für einen Moment schweigend an. Hinter ihnen verschwand das Tageslicht, das zuvor noch als Lichtkegel hinein gefallen war, als hätte der Turm es einfach geschluckt. Isaé ging weiter. Jeder vorsichtig gesetzte Schritt hallte leise wider, gedämpft, als würde der Raum den Klang verschlucken, bevor er sich ausbreiten konnte. „Zu ruhig“, murmelte Kalwen. Isaé antwortete nicht. Ihr Blick lag auf dem Inneren des Turms, wachsam, suchend. Isaé blieb einen Moment stehen, als würde sie dem Raum zuhören. Die Stille hier drinnen war keine wirkliche Stille. Irgendwo tropfte es. Ein leises, unregelmäßiges Geräusch, das in den Stein sickerte. Dann ein anderes Geräusch. Kaum mehr als ein Kratzen. Zu kurz, um es sofort zuzuordnen, und doch deutlich genug, dass es sich im Hinterkopf festsetzte. Isaé spannte sich unwillkürlich an. Ihr Blick wanderte durch den schmalen Gang, der sich vor ihnen auftat, blieb an den Schatten hängen, die sich zwischen den Mauern sammelten, und es wurde dunkler, je tiefer sie vordrangen. Noch einmal dieses Kratzen. Näher diesmal. Dann huschte etwas durch den Gang. Schnell, niedrig, ein grauer Schatten, der sich über den Boden zog und im nächsten Augenblick im Dunkel verschwand. Isaé zuckte zusammen, ihr Herzschlag schoss in die Höhe und unwillkürlich griff sie nach Kalwen und packte zu, was sie von ihm gerade erwischte. Seinen Unterarm. Eine Ratte. Sie presste die Lippen aufeinander, fing sich sofort wieder, doch ihr Herz schlug weiterhin schneller, als es sollte. Kalwen sah sie von der Seite an. „Alles gut?“ flüsterte er. Isaé hob das Kinn ein wenig, ihr Blick wieder nach vorn gerichtet. „Ja.“ Sie rang nach Atem. „Nur eine Ratte.“ Doch die Geräusche blieben. Leise. Unregelmäßig. Dabei war es nicht einmal das Flüsterholz, das beständig vor sich hinmurmelte, seit die in die Nähe dieses Turms gekommen waren. Die Ratte war verschwunden. Doch das Gefühl blieb. Isaé setzte sich wieder in Bewegung, langsamer jetzt, den Blick wachsam auf den Gang gerichtet. Jeder Schritt schien lauter als zuvor, obwohl sie sich Mühe gab, leise zu gehen. Das Tropfen war noch da. Unregelmäßig. Mal näher, mal weiter entfernt, als würde es seinen Ort wechseln, ohne sich zu bewegen. Dann wieder dieses Kratzen. Isaé blieb stehen. Diesmal kam es nicht vom Boden. Es kam von der Wand. Ganz nah. Ein trockenes, scharrendes Geräusch, als würde etwas über Stein streichen, ohne wirklich darauf zu liegen. Kalwen hob leicht den Kopf. „Hörst du das?“ Isaé nickte kaum merklich. Das Geräusch verstummte. Stille herrschte. Und diese plötzliche Stille war noch beunruhigender als das Kratzen. Isaé trat einen halben Schritt näher an die Wand, den Blick darauf gerichtet, als könnte sie etwas erkennen, wenn sie nur lange genug hinsah. Nichts. Nur kalter Stein. Sie wollte sich gerade wieder abwenden. Da huschte etwas. Nicht über den Boden. Sondern entlang der Wand. Schnell. Zu schnell. Isaé fuhr herum, der Atem stockte für einen Moment. „Das war keine Ratte“, murmelte Kalwen leise. Isaé antwortete nicht. Ihr Blick lag noch immer auf der Stelle, an der sich der Schatten bewegt hatte. Isaé rührte sich nicht. Ihr Blick blieb weiterhin an der Wand hängen, genau dort, wo sich der Schatten bewegt hatte. Aber da war nichts. Nur kalter, rauer Stein. Ein paar Herzschläge vergingen. Dann trat sie einen Schritt zurück. „Gehen wir weiter“, sagte sie leise. Kalwen nickte, doch auch er sah noch einmal dorthin, als würde er prüfen, ob sich etwas wiederholte. Nichts tat es. Dann gingen sie weiter. Der Gang zog sich enger, das Licht wurde schwächer, bis es kaum mehr war als ein fahler Schimmer, der sich an den Kanten der Steine brach. Und die Geräusche waren noch da. Aber sie hatten sich verändert. Das Tropfen hatte seinen Rhythmus verloren. Es kam jetzt in Abständen, die sich nicht wiederholten. Mal zwei Mal hintereinander, dann lange nichts, dann wieder ein einzelner, dumpfer Ton. Einmal ein hohes Glicksen, dann wieder ein dumpfes Glucksen. Isaé blieb wieder stehen. Dieses Mal sagte sie nichts. Kalwen ebenfalls nicht. Ein leises Schaben zog durch den Gang. Nicht nah. Nicht fern. Ein Geräusch, von dem man weder sagen konnte, was es war, noch woher es kam. Isaé drehte langsam den Kopf. Der Gang hinter ihnen war leer. Zu leer. Der Eingang war noch da, ein blasser Ausschnitt von Licht, der jetzt weiter entfernt wirkte, als er es sein sollte. „Sind wir schon so weit gegangen?“ Kalwen bemerkte es ebenfalls und schüttelte den Kopf. „Nein, wir sind nicht so weit gegangen“, murmelte er. Isaé antwortete nicht. Sie wagte immer weniger, zu reden, aus Furcht jemand oder etwas würde sie hören. Sie schluckte. Ihr Blick wanderte zurück nach vorn. Dann blieb er hängen. Am Boden. Dort, wo eben noch nichts gewesen war, lag etwas. Dunkel, unregelmäßig, feucht. Ein Fleck. Isaé ging langsam in die Hocke, ohne den Blick davon zu lösen. Er glänzte schwach im fahlen Licht. Frisch. Ein Tropfen fiel auf Isaés Gesicht. Kühl und doch seltsam weich. Es fühlte sich nicht wie Wasser an, sondern dicker. Isaé erstarrte. Ein zweiter Tropfen folgte. Dann ein dritter. Sie blinzelte, hob die Hand, wischte sich über die Wange. „Es tropft auf mein Gesicht“, wisperte sie. Isaé wandte sich ihm zu. Kalwen blickte auf sie hinab. Erst aufmerksam, dann erschrocken. Für einen Moment sagte er nichts. Dann hob er die Hand, strich mit dem Daumen über ihre Haut, dort, wo der Tropfen verlaufen war. Er hielt inne. Rieb die Flüssigkeit zwischen Daumen und Finger. Dann führte er die Hand langsam näher an sich, roch daran. Sein Ausdruck veränderte sich kaum. „Blut.“ Kalwen atmete leise aus. „Das gefällt mir gar nicht.“ Isaé richtete sich langsam wieder auf. „Zum Henker, mir auch nicht. Ist ja auch nicht normal, dass Blut von der Decke tropft…“ raunte sie. Isaés Blick hob sich langsam hinauf zur Decke. Der Stein dort oben lag im Halbdunkel, unruhig vom Licht, das von draußen noch schwach hereinfiel. Für einen Moment sah sie nichts. Dann ein weiterer Tropfen. Er löste sich direkt über ihr, trat aus dem Stein, als würde er sich erst dort sammeln, bevor er sich nach unten fallen ließ. Isaé wich einen halben Schritt zurück. Ihr Blick blieb nach oben gerichtet. Kalwen bewegte sich neben ihr, trat etwas zur Seite und deutete wortlos in den Gang hinein. „Da.“ Isaés Augen folgten der Bewegung. Ein Treppenaufgang. Schmal, in die Mauer gewunden, die Stufen dunkel und vom selben feuchten Glanz überzogen wie der Boden vor ihnen. Und von irgendwo dort oben kam das Tropfen. Isaé wischte sich noch einmal über die Wange. Dann setzten sie sich in Bewegung und stiegen langsam die Treppe hinauf.
In Heras Hallen ❖
25.03.2026 '02:49 [4.313 Wörter]
 ntaro warf noch einen letzten Blick über die Schulter, zurück zu Isaé, bevor er schlussendlich den Platz des alten Turms betrat. Die Akadier hatten sich weit zerstreut und Entaro knirschte mit den Zähnen. Von den zwölf Hexenjägern war keine Spur zu sehen. Waren sie in den Turm geflohen, oder hatten sie ihr Glück in den Wäldern gesucht? Er musste sich eingestehen, dass er es nicht bemerkt hatte. Von Ser Tarvain war auch weit und breit nichts zu sehen. Entaro näherte sich einer Gruppe Akadier, welche unschlüssig vor dem Turm herumstanden. »Wo ist der Heerführer?«, verlangte Entaro zu erfahren und einer der Krieger deutete auf den Eingang zum Turm. »Er ist dem Verräter in den Turm gefolgt.« Entaro warf einen Blick auf den gähnenden Eingang, welcher so schwarz war wie eine endlose Höhle. »Und warum seid ihr noch hier draußen, und nicht bei eurem Herrn?«, erkundigte sich Entaro daraufhin. »Er hat befohlen, dass ein Dutzend Männer draußen die Stellung halten sollen. Alle anderen sind auch in den Turm.« Entaro nickte. Er wusste nicht ob er die Männer bedauern oder beglückwünschen sollte. Und er konnte in den Augen der Männer sehen, dass sie es selbst nicht wussten. Zum einen winkten Ruhm und Ehre, wenn sie im Turm den Kampf fanden. Und zum anderen war dieser Turm kein Ort, an den es Menschen mit Verstand hineinzog. Er musste bei diesen Gedanken bitter lächeln, da er ebenso im Begriff war den Turm zu betreten. »Nun denn.« Er wusste nicht was er den Männern großartig auf den Weg mitgeben sollte. Doch ihm war aufgefallen, dass die meisten von ihnen noch sehr jung waren. Vermutlich hatte Ser Tarvain sie deshalb vor dem Turm abgestellt. Er wusste, dass dieser Turm eine Falle sein musste. Und jeder Mann, der den Turm betrat, rannte buchstäblich in sein Verderben. Entaro seufzte. Er hatte schon so viele Orte betreten, die er besser nicht betreten hatte. Bisher war es immer gut für ihn ausgegangen. Und insgeheim hoffte er inständig, dass es dieses Mal ebenso sein würde.
Entaro näherte sich dem dunklen Schlund, welchem das Tor des Turms ähnelte. Als er über die Schwelle trat war ihm, als ob mit einem Mal alle Geräusche der Außenwelt dumpfer wurden. Als hätte man eine große Glocke über den Turm gestellt und alles was sich draußen befand, blieb auch draußen. Der Bernsteinritter verharrte einen Moment und lauschte in die Finsternis. Doch er konnte nur seine eigenen, noch leicht nachhallenden Schritte vernehmen. Einige Steinchen, welche die Stufen herab kullerten. Und seinen angestrengten Atem, der von den Wänden widerhallte. Doch sonst konnte er nichts vernehmen. Kein Geschrei. Keine eiligen Schritte. Und keinen Kampfeslärm. Er runzelte die Stirn und noch bevor er sich wieder in Bewegung setzte, hallten Isáes Worte durch seinen Kopf. »…egal was dort drinnen ist und was da drinnen passiert, du kommst zurück…« Er nickte grimmig. »Das werde ich.«, murmelte er und zog schließlich sein Schwert und nahm es in beide Hände. Erst jetzt setzte er seinen Weg fort, hinein in die Höhle der Hexe.
Der Turm war ein breites, rundes Gebäude. Entaro konnte nicht genau sagen, wie breit er wirklich war, doch hier wirkte er sehr beklemmend und eng. Es gab keine Räume und keine Türen. Nur einen schmalen Gang, welcher eine schier endlose Biegung beschrieb. Im Geiste zählte er seine Schritte, und als er ungefähr fünfzig hinter sich gebracht hatte, wandte er sich um und sah zurück zum Tor, durch welches er den Turm betreten hatte. Das Tor wirkte winzig und es fiel nur wenig Licht herein. Erneut runzelte Entaro die Stirn. Die Entfernung zum Tor wirkte weit mehr als nur fünfzig Schritte und bei dieser Erkenntnis kroch ihm ein eigentümlicher Schauer über den Rücken. »Magie…«, stellte Entaro nur ernüchternd fest. Schon jetzt wünschte er sich, dass er Isaé nicht vor dem Turm zurückgelassen hätte. Ihr Flüsterholz würde ihm vermutlich den Weg weisen können. Doch da dieser Turm keine Türen und keine Weggabelungen aufwies, war es ohnehin nicht von Belang. Der Drachenreiter wandte sich wieder der Finsternis zu, welche sich vor ihm auftat, und setzte seinen Weg fort.
Seine Schritte hallten von den Wänden wider, und gelegentlich vernahm er das Knirschen der Stiefel, als er auf kleine Kiesel trat, die sich daraufhin von den Stufen lösten und in die Tiefe sprangen. Ein Kratzen erweckte Entaros Aufmerksamkeit. Es klang, als ob Getier oder Ratten über den Boden huschten. Und irgendwo vernahm er dumpfe Geräusche, die er nicht zuordnen konnte. »Warum ist hier niemand?«, murmelte Entaro und seine Stimme wurde von den Wänden weitergetragen, bis er sich selbst sprechen hörte. »Warum ist hier niemand…warum ist hier niemand…« Ein helles Kichern ertönte und Entaro zuckte erschrocken zusammen. Instinktiv fuhr er herum, in der Erwartung, dass sich hinter ihm jemand aufhielt. Doch dort war niemand. Nur gähnende Schwärze. Wieder kroch das Kichern an seine Ohren und ihm war, als ob ihn etwas berührt hätte. Entaro zuckte seine Hand zurück doch er konnte nichts erkennen außer altem Gemäuer. Er kniff die Augen zusammen, doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte niemanden sehen, außer seinen eigenen Schatten. »Stockfinster.«, murmelte er. »Stockfinster…stockfinster…stockfinster…« Entaro verlangsamte seine Schritte. Dieses Echo und diese Finsternis waren ihm nicht geheuer. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und war stets darauf bedacht, so wenig Lärm wie möglich zu machen.
Entaro kramte in seiner Tasche nach dem Siegel Daereans, denn das spärliche Licht, welches beim Tor hereinfiel war schon so schwach geworden, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Er trat einen weiteren Schritt hervor und zuckte dann erschrocken zurück. Dutzende Spinnenweben hatten sich auf sein Gesicht gelegt und in seiner Kleidung und seinem Haar verfangen. Er wedelte mit dem Schwertarm um die klebrigen Fäden loszuwerden. Wieder erklang dieses unheimliche, gehässige Kichern. »Zeigt euch!!«, befahl Entaro und zog endlich das Siegel aus der Tasche. »Drrrachenreiterrr.«, säuselte die Stimme und es fühlte sich beinahe an, als ob die Stimme an ihm vorbeiglitt, wie ein Schleier aus Seide. Entaro wischte mit dem Arm durch die Luft, doch dort war nichts als Spinnenweben. Schließlich hob er das Siegel in die Höhe und das spärliche Licht, welches von dem Artefakt ausging, erhellte den Gang vor ihm. »Hu!« Ein Gesicht schälte sich vor ihm aus der Dunkelheit. Entaro zuckte erschrocken zusammen und trat einen Schritt zurück. Doch das Gesicht war schon wieder verschwunden und nur ein verhallendes Lachen zeugte noch von seiner Anwesenheit. Sein Herz schlug wild und er nahm eine breitere Haltung ein. Doch nichts geschah. Kein Angriff. Keine Fratze. Keine Geräusche. Nur der Drachenreiter, die Stille und das schwache Glimmen des daereanischen Siegels. Und da dämmerte es Entaro. Als er den kurzen Schreck überwunden hatte und das Licht auf das Spinnengewebe fiel, hielt das Siegel etwas näher an die dünnen, silbrigen Fäden heran. »Wie kann das sein?«, murmelte er nachdenklich. Er erwartete schon das unheimliche Echo, oder das Kichern. Doch dieses Mal war da nichts. Er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder den Spinnenweben. Wie konnten hier Spinnenweben sein, wenn vor ihm mindestens ein Dutzend Männer vorbeigekommen waren? Er wandte sich auf dem Absatz um und die Sohle seiner Stiefel knirschte über den Boden. Hatte er eine Abzweigung übersehen? Wie konnte er der Erste sein, der hier entlanggegangen war? Ein mulmiges Gefühl erfüllte ihn. Seine Zunge wirkte beklommen und sein Hals trocken. »Komm.«, befahl die Stimme, jenseits der Spinnenweben. »Komm zu mir, Entaro.« Die Stimme klang seltsam vertraut. Entaro konnte die Stimme nicht genau zuordnen, doch sie klang nicht fremd, sondern sehr vertraut. Zu vertraut. Er warf einen weiteren Blick zurück in jene Richtung aus welcher er gekommen war. Wie war das möglich? Es hatte keine einzige Tür und auch keine Abzweigungen gegeben. Er hielt den Atem an und horchte in die Stille der Finsternis. Doch er war ganz allein. Keine Stimmen. Keine Schritte. Dieser Ort wirkte wie ausgestorben, und er war der einzige, der sich in diesem Grab aufhielt.
Entaro fasste schließlich einen Entschluss. Den Weg zurückzugehen wäre ein sinnloses Unterfangen. Er würde dem Rätsel auf den Grund gehen. Er hob sein Schwert und wischte die restlichen Spinnenweben beiseite und setzte sich wieder in Bewegung. Nicht weit danach, tat sich der Turm zu einer Kammer auf. Tageslicht viel durch einen gebrochenen Teil der Mauer herein und spendete einen seltsam ruhigen, beinahe friedlichen, Anblick. Entaro verstaute das Siegel wieder in seiner Tasche und betrat daraufhin die Kammer. Hier gab es eine Treppe. Ein Teil davon war eingebrochen, doch sie war noch breit genug, dass man sie erklimmen konnte. Ein Teil der Treppe führte in die Tiefe. Ein anderer nach oben. Entaro musste sich entscheiden. Wohin sollte er gehen? Er trat an den Fuß der Treppe und warf einen Blick in die Tiefe. Es war dunkel und das Licht, welches durch das Loch in der Mauer hereinschien, reichte kaum drei Stufen tief. Er schüttelte den Kopf und wandte seinen Blick in die Höhe. Dieser Teil des Turms war gut ausgeleuchtet. Entaro seufzte. Der offensichtlichere Weg war meist der Falsche. Sein Instinkt sagte ihm, dass er in die Tiefe gehen sollte. Doch er entschied sich dagegen und begann die Stufen in die Höhe zu erklimmen. Doch weit kam er nicht. Die Treppe war zerstört. Es fehlten einige Stufen und manche waren nur so breit, dass er gerade mal einen Fuß darauf setzen konnte. Entaro presste sich mit dem Rücken gegen die Wand und versuchte so auf dem schmalen Grat weiter voran zu kommen.
Stimmen! Entaro vernahm dumpfe Worte, doch er konnte sie nicht verstehen. Und das Klirren von Waffen. Die Männer mussten nahe sein! Und so eilte er sich, die Stufen zu erklimmen. Die Stufen wankten unter seinem Gewicht und als er schließlich einen weiteren Schritt tat, brach die Stufe unter ihm weg und stürzte lauthals in die Tiefe. Entaro klammerte sich an den Mauervorsprung und ein metallisches Klappern und Klirren erfüllte den Turm, dessen Echo das Geräusch seines fallenden Schwertes schier endlos zu wiederholen schien. Als wolle der Turm ihn verspotten. »Verdammt.«, ächzte der Bernsteinritter. Seine Fuße hangelten verzweifelt an der Wand entlang, auf der Suche nach einer Ritze oder einem vorstehenden Stein, auf welchem er sich abstützen konnte. Doch die Wand bot ihm keinen Halt. Seine Finger rutschten langsam auf den staubigen Steinen und so sehr er auch dagegen ankämpfte konnte er es letzten Endes nicht verhindern. Seine Finger gaben schließlich nach und er stürzte ab. Mit einem stummen Schrei auf den Lippen stürzte Entaro in die Tiefe.
Als Entaro auf dem Boden aufschlug wurde Staub aufgewirbelt und der Aufprall hallte an den Wänden wider, als ob irgendwo jemand mehrere Male auf eine Trommel schlug. Entaro rappelte sich auf und klopfte sich dann den Staub von den Kleidern. Der Sturz war glimpflich ausgegangen. Er war weder auf Geröll noch auf losen Steinen gelandet. Blindlings tastete er sich voran, auf der Suche nach seinem Schwert, welches er hier irgendwo wähnte. »Du wirst es nicht finden…«, raunte eine Stimme. Es war wieder diese seltsame Stimme, die Entaro so vertraut vorkam. Doch dieses Mal klang es beinahe, als in die Person genau neben ihm stehen würde. Er fuhr herum und fegte mit den Armen durch die Luft. Doch was auch immer hier, mit ihm, in der Tiefe war. Er bekam es nicht zu fassen. »Wer ist da?«, zischte Entaro angespannt und tastete in seiner Tasche nach dem Kleinod. Als er das Siegel hervorgezogen hatte, und seine Augen sich an das spärliche Licht gewöhnt hatten, stand dort eine Frau. Sie stand ihm so nahe, dass er ihren Atem hören konnte. Doch sie bewegte sich nicht. Regungslos wie eine Statue stand sie einfach nur da. Entaro näherte sich ihr und als er ihr so nahegekommen war, dass er seine Hände nach ihr hätte ausstrecken können, da wandte sie sich zu ihm um. »Isaé« Entaro sah die Frau mit staunenden Blicken an. »Entaro.«, antwortete die Frau und die Stimme, welche Entaro so bekannt vorgekommen war, hatte endlich ein Gesicht. »Bist du es wirklich?«, hakte Entaro misstrauisch nach und Isaé schlug die Augen nieder. »Ich bin es, Entaro.« Sie trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Arm. Der Drachenreiter zuckte und zog seinen Arm unter ihrer Berührung fort, woraufhin Isaés Blick sich zu verletzter Trauer wandelte. »Warum weichst du vor mir zurück, Entaro? Ich bin es wirklich!« Entaro schüttelte den Kopf. »Du…ich habe dich vor dem Turm zurückgelassen.«, antwortete der Bernsteinritter mit misstrauischer Stimme. »Ich bin dir gefolgt.« Sie lächelte mit einem Blick, den man bestenfalls als entschuldigend benennen mochte. »Du hast versprochen den Turm nicht zu betreten.«, hakte Entaro weiterhin nach und trat nun doch etwas näher an die Frau heran, um sie näher in Augenschein zu nehmen. »Das Flüsterholz…«, flüsterte Isaé leise, als ob sie fürchtete belauscht zu werden. »Es hat…ich…ich musste dir einfach folgen.« Entaro schwieg. Diese Frau redete wie Isaé. Sie sah aus wie Isaé. Doch der Bernsteinritter war noch nicht gänzlich überzeugt. »Wie bist du hier unten gelandet?«, erkundigte er sich und Isaé seufzte. »Ich bin von der Treppe gefallen. So wie du.« Entaro nickte. »Wie bist du an mir vorbeigekommen? Es gab nur diesen einen Weg in diese Kammer.« Isaé sah ihn verständnislos an. »Du warst bewusstlos. Ich habe dich gefunden, am Boden. Regungslos.« Ihre Stimme bebte und zitterte. »Oh Entaro. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.« Entaro kratzte sich Kinn. »Ich war nicht bewusstlos.«, stellte er nüchtern fest. »Daran würde ich mich doch erinnern?« Isaé schüttele den Kopf. »Ich habe alles versucht dich zu wecken. Doch ich fürchtete schon du wärst gestorben!« Bei diesen Worten trat sie an Entaro heran und noch ehe er ihr ausweichen oder vor ihr zurückweichen konnte, da legte sie ihm die Arme um den Körper und drückte sich an ihn heran. Entaro verharrte und hielt den Atem an. Er erwartete einen Dolchstoß. Oder eine andere Niedertracht. Doch die Frau blieb einfach regungslos und drückte sich an ihn. Er konnte ihren Herzschlag spüren und ihren Atem hören. Selbst der Duft, der von ihr ausging, erinnerte ihn an Isaé. War dies möglich? Entaro hob seine Hand, doch er verharrte über ihrem Haupt, ohne sie zu berühren. »Du bist so unnahbar.«, seufzte Isaé schließlich. Entaro schwieg und Isaé hob schließlich den Kopf und sah dem Drachenreiter direkt in die Augen. »Ich bin es. Wahrhaftig!« Entaro sah in diese Augen und verlor sich in ihnen.
Er konnte nicht sagen, wie lange sie so dagestanden waren. Doch nach einer Zeit blinzelte er und schüttelte den Kopf. »Wenn du wirklich Isaé bist, dann sag mir doch etwas, dass nur sie weiß.« Isaé verzog unwirsch den Mund. »Du glaubst mir noch immer nicht?« Ihre Stimme klang beinahe beleidigt und Entaro seufzte. »Ich muss sichergehen. Versteh das doch.« Isaé seufzte niedergeschlagen. »Du hattest eine Frau, vor langer Zeit. Und darum stößt du mich immer wieder von dir weg.« Entaros Augenlider zuckten und sein Kiefer spannte sich an, doch er erwiderte nichts. »Und du hast gesagt, dass ich die einzige bin der du noch vertraust.« Isaé sah Entaro dabei tief in die Augen. Der Bernsteinritter haderte noch immer mit sich selbst. Tief in seinem Inneren wollte er ihr Glauben schenken. Doch sein Verstand…sein Instinkt…alles in ihm schrie stumm auf. Dies war nicht Isaé! Doch je mehr er darüber nachdachte, desto unsicherer wurde er. Sie war leibhaftig hier. Sie berührte ihn. Er konnte sie riechen und ihre Stimme hören. Gab es überhaupt eine Macht wie diese, die solche Trugbilder schaffen konnte? Entaro wusste es nicht. Entaro hob das Siegel Daereans und hielt es näher an Isaés Gesicht. »Lass mich deine Augen sehen.«, bat er und Isaé hob den Kopf und erwiderte Entaros Blick. Der Lichtschein spiegelte sich auf den Fenstern ihrer Seele und Entaro konnte darin nichts erkennen. Weder Schlechtes noch Gutes. Doch seine Zweifel zerstreuten sich langsam und so ließ er schließlich das Artefakt sinken. »Wo sind all die anderen?«, murmelte Entaro mehr zu sich selbst als zu der Frau. Sie zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich habe niemanden gesehen und auch niemanden gehört.« Entaro nickte. »Und wie kommen wir hier wieder heraus? Die Treppe ist zerbrochen.« Isaé seufzte. »Dort.« Sie deutete auf einen Spalt in der Mauer. Entaro richtete das Artefakt in jene Richtung und erkannte einen Durchgang. Einst, als dieser Turm noch bessere Tage gesehen hatte, musste hier eine Tür gewesen sein. Doch die Tür war schon lange fort. Nur der schmale Gang war noch geblieben. Entaro warf einen Blick in die Höhe. Doch die Kammer, aus welcher er in dieses Loch gestürzt war, schien unerreichbar fern. Und dort oben ragte die Spitze seines Schwertes über die Kante und prangerte wie ein drohender Finger über ihnen. Entaro seufzte niedergeschlagen. » Auch das noch. Uns bleibt wohl keine andere Wahl. Du gehst vor.«, entschied er bestimmend. Isaé verzog ihren Mund zu einer schmollenden Grimasse. »Vertraust du mir noch immer nicht?« Entaro antwortete nicht darauf und deutete nur auf den Gang vor ihnen. »Ich folge dir.«
Isaé nickte daraufhin und so betraten sie den Gang. Ihre Schritte hallten an den Wänden wider und hier und da waren die Wände feucht. Irgendwo am Ende des Ganges konnte man das Tropfen von Wasser hören. Und mit jedem Schritt, den sie taten, wurde der Gang ein Stück breiter. Ein kühler Luftzug blies Entaro entgegen und die Luft roch angenehm und frisch. »Wir nähern uns dem Ende.« stellte er schließlich fest und legte Isaé die Hand auf die Schulter um sie zu führen.
Als sie das Ende des Ganges erreichten, traute Entaro seinen Augen kaum. Sie hatten eine große Halle betreten. Inmitten der Halle stand ein großer Thron, welcher wohl einst von Bedeutung gewesen sein musste. An den Wänden hingen schwere Banner, welche heraldische Wappen zeigten, die Entaro gänzlich unbekannt waren. Er trat an eines der Banner heran und ließ seine Hand darüber gleiten. »Seltsam.«, stellte er nur fest. Isaé trat an ihn heran und ließ ebenfalls ihre Hand über den alten Stoff gleiten. »Er hat kaum Mängel.«, stellte Entaro fest und Isaé nickte. Ihre Hand streifte über Entaros Hand und sie hielt erschrocken inne. Doch ihre Hand zog sie nicht zurück. Stattdessen wandte sie ihm den Kopf zu und sah ihn an. Dieser Blick. Es war dieser Blick, der Entaro an jene Nacht am Feuer erinnerte. Und an jene Nacht, als sie den Fluch gebrochen hatten. Entaro erstarrte und Isaés Hand verharrte auf der seinen. Und dann…nur einen Hauch…bewegte sie sich. Ihre Hand legte sich auf die seine und er fühlte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. »Isaé…«, hob Entaro schließlich an und musste schlucken, als seine trockene Kehle bei jedem weiteren Wort schmerzte. »Wir…wir sollten einen Ausweg finden.« Isaé nickte, doch ihre Hand verharrte weiterhin auf Entaros Handrücken. »Wir sind ganz allein. Niemand ist hier der uns sehen kann. Und dennoch weißt du mich erneut zurück.«, stellte sie fest und in ihre brüchige Stimme zitterte förmlich. »Nein. Ich…das ist nicht der rechte Ort.« Isaé seufzte. »Es ist nie der rechte Ort. Oder die rechte Zeit.«, maßregelte sie ihn und Entaro schlug die Augen nieder. Sie hatte nicht ganz Unrecht. Was war es, dass ihn zurückhielt? Die Furcht vor dem Unbekannten? Oder einfach die trügerische Ungewissheit, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Isaé sah Entaro erwartungsvoll an, doch der Drachenreiter schenkte ihr kaum noch richtige Beachtung. Er starrte einfach nur ins Leere und haderte. Er haderte mit sich selbst und mit den Gedanken die ihn plagten.
Isaé seufzte und zog langsam ihre Hand zurück. »Du hast deine Entscheidung getroffen, Entaro…« Ihre Stimme bebte und Entaro konnte die ehrliche Trauer, die darin mitschwang förmlich spüren. Als Isaé sich schließlich von ihm abwandte, um sich gänzlich von ihm zu lösen, da fuhr seine Hand hervor und ergriff sie am Arm. Er wollte etwas sagen. Er wollte ihr seine Zuneigung gestehen. Er wollte…mehr…Isaé starrte ihn an. Und der Moment verstrich. Das seltsame Gefühl, welches in der Luft hing, war fremdartig. Ein Knistern. Ein unausgesprochenes Wort. Ein unstillbarer Durst. Isaé schloss die Augen und trat hervor. Entaro zog sie zu sich. Langsam und bestimmend. Sie sprachen keine Worte. Ihrer beider Atem ging schwer und als die Luft so gespannt war, dass sie kurz davor war zu zerreißen, da beugte Entaro sich hervor. Ihre Lippen waren weich und warm. Entaro kostete, zögerlich. Tausende, zersplitterte Gedanken tobten durch seinen Kopf. Und sein Geist schrie innerlich. »Hüte dich!« schrie die Stimme in ihm. Doch Entaros Lippen hingen an den ihren und als Isaé langsam den Mund öffnete, da begegneten sich ihre Zungen und begannen einander zu umspielen. Isaés Atem war schwer und ihr Herzschlag so laut, dass man ihn in der ganzen Halle hören konnte. Sie zog sich ein Stück von ihm zurück und schlug die Augen auf. »Entaro…«, hauchte sie und legte ihm die Hände an die Wange. »Ich begehre dich, so lange schon…« Sie drückte sich noch näher an ihn heran und das Blut in seinem Körper geriet vollends in Wallung.
Entaro stand in einem Meer von Blut. Um ihn herum lagen tote Männer und zerfetzte Banner hingen von den Wänden. Ser Tarvain war dort. Und Vicar. Und auch Ser Rodan. All die Männer lagen auf dem Boden und räkelten sich. Blut lief aus ihren Mündern und tropfte aus ihren Nasen. Und jeder von ihnen hatte sich seiner Kleidung entledigt. Manche der Männer starrten nur noch leblos an die Decke. Doch die meisten von ihnen lächelten als ob dies der schönste Tag in ihrem Leben wäre, während langsam und unausweichlich das Leben aus ihnen sickerte. Jeder der Männer sah etwas anderes. Jeder der Männer glaubte eine alte Geliebte, eine verstorbene Frau oder einer heißen Versuchung zu erliegen. Doch niemand von ihnen war in der Lage aus dem Netz der Spinne zu entkommen. Und Entaro stand mitten unter ihnen, innig Umschlungen mit einer Frau mit schwarzem Haar und heller Haut. Sie trug nichts als ein hauchdünnes Gewand und ihr Busen presste sich an seinen Leib. Ihre linke Hand tastete unter seine Tunika und öffneten die Riemen, die Gürtel und die Schnallen. Und in der anderen Hand hielt sie einen Kelch, der voll war von dunklem Blut. »Hier, Entaro. Koste den süßen Wein.«, flüsterte Hera und hielt dem Bernsteinritter den Kelch an die Lippen. Und der innerlich zerrissene Mann öffnete, wie willenlos, den Mund und tat Schluck um Schluck aus dem Kelch, und da begann Hera schillernd zu kichern. Eben jenes Kichern, welches zuvor durch die Wände gehallt war und einst, als sie einander am Totenhain begegnet waren.
Kalwen hielt eine Fackel und sein langer Schatten wanderte zitternd und schwankend die Wände empor. »Bist du sicher, dass wir hier richtig sind? Ich höre nicht eine Stimme, außer den unseren.« Isaé schüttelte den Kopf. »Wir haben uns verlaufen.«, stellte der Hexenjäger fest und blieb stehen. »Dieser Ort ist verhext!« Da grinste Isaé und warf ihm einen schiefen Blick zu. »Ach wirklich? In dem Turm einer Hexe verwundert dich das?« Eine Ratte huschte über den Boden und Isaé schrak zurück. »Verdammte Viecher!« zischte er und trat nach dem Nager. »Aber besser Ratten als Düsterlinge.« Er wischte sich eine Haarsträhne aus dem Haar und lächelte dabei verwegen. »Wollen wir weitergehen?«, schlug Kalwen vor und Isaé nickte. »Vor oder zurück. Es scheint, als wäre es einerlei…« Sie hatten die obersten Stufen der Treppe endlich erreicht. Doch als sie hinaus auf den Balkon traten, sahen sie nichts als den Wald. Und die dutzend Akadier, welche Ser Tarvain dazu abgestellt hatte Wache zu halten. Kalwen winkte ihnen zu, doch sie konnten ihn weder hören noch sehen. »Sackgasse.«, murmelte Kalwen und wandte sich suchend um, ob es noch einen anderen Weg gab, außer jenem, welchen sie emporgekommen waren. »Wir müssen wohl wieder umkehren.«
Kalwen seufzte und betrat den Turm und seine gewundene Treppe. »Ich denke wir sollten dieses Mal in die andere Richtung gehen. Nicht nach oben, nach unten.« Isaé wirkte nachdenklich und hatte ihr Flüsterholz herausgezogen. »Es gibt nicht den kleinsten Laut von sich. Kein Flüstern, kein Raunen. Absolute Totenstille.« Da hellte sich Kalwens Miene auf. »Vielleicht ist diese Hexe gar nicht hier?« »Und wo sind dann alle?« Kalwen zuckte mit den Schultern, denn darauf hatte er auch keine Antwort. »Bei Istred hat das Flüsterholz auch geschwiegen.«, meinte er daraufhin und Isaé sah ihn mit großen Augen an. Doch da hielt Isaé inne und hastete kurz davor einige Schritte vor. »Entaros Schwert!«, rief sie und hob die Waffe auf. »Warum liegt es da?«, murmelte Kalwen nachdenklich und sah sich suchend um. Nichts deutete auf einen Kampf hin Und nichts deutete daraufhin, dass der Bernsteinritter in der Nähe war. Doch ein seltsames Gefühl erfüllte den verfluchten Hexenjäger. Ein Gefühl, dass er schon sehr lange nicht mehr gefühlt hatte. Seine Zunge schmeckte Eisen. Als ob er sich auf die Zunge gebissen hätte. Und die Flamme seiner Fackel begann unruhig zu tanzen. Jäh musste er an jenen Tag denken, als er zum Mörder geworden war. Die Hexenjägerin der Zwölf, mit welcher er auf der Jagd gewesen war, hatte erkannt was er war. Und auch die Hexe und ihr seltsamer, verworrener, ja fast ängstlicher, Blick. Als ihre Magie versagte, als er sich ihr genähert hatte. Seine Finger hatten förmlich gebrannt. Und all die Flüche und all die Zauber, die sie ihm entgegengeschleudert hatte, waren einfach in der Luft verbrannt und hatten sich wirkungslos aufgelöst. Asche und Staub. Wie uraltes, trockenes Pergament im heißen Wind der Wüste. Er hatte es sich damals nicht erklären können und es auf seinen Charme geschoben. Er würde es auch heute noch, da es Niemanden mehr gab, der wusste, was ein Brenner ist. Und wenn er sich ehrlich war, konnte er es selbst heute nicht verstehen. Doch dieses seltsame Gefühl, es juckte und brannte in seinen Fingern und etwas in ihm zog ihn an diesen Ort, ohne dass er wusste was es war und ohne dass er wusste wohin er gehen musste. Und nun stand Kalwen in diesem alten Turm und dieses seltsame Gefühl keimte in ihm auf. »Dort unten…« murmelte Kalwen und das Kribbeln in seinen Fingern wurde immer stärker. »Ich denke er ist dort unten…«
Hera, die heilige Hure ❖
25.03.2026 '19:32 [4.001 Wörter]
 saé nahm Entaros Schwert an sich. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sein Schwert hier herrenlos lag. Er würde es nie freiwillig aus den Augen lassen. Irgendetwas musste passiert sein! Für einen Augenblick sagte sie nichts. Ihr Blick lag auf der Waffe, als würde sie darin eine Antwort finden. Dann sah sie auf. Zu diesem Loch vor dem es gelegen hatte und starrte in das Geschoss darunter. Kalwen trat neben sie, ließ den Blick ebenfalls nach unten gleiten, in die Dunkelheit, die sich unter ihnen auftat. „Ich glaube, er ist da unten.“ Isaé wandte den Kopf zu ihm. „Bist du dir sicher?“ Kalwen zuckte mit den Schultern. „Nein“, sagte er ruhig. „Es ist so ein Gefühl.“ Isaé musterte ihn einen Moment, dann nickte sie. „Nun, das muss reichen.“ Sie trat an den Rand des Lochs, sah hinab. Der Sturz war nicht tief genug, um tödlich zu sein, aber tief genug, um sich weh zu tun. Der Boden darunter lag im Halbdunkel, schwer zu erkennen. Sie setzte sich an den Rand der eingestürzten Treppe, hielt sich mit den Händen am Rand an, ließ sich langsam hinuntergleiten, hing dann an der Kante. Isaé atmete einmal durch. Dann ließ sie sich hinab. Der Aufprall auf die Füße war hart, doch sie fing sich, ging sofort in die Knie, um das Gewicht abzufangen, und war im nächsten Moment wieder auf den Beinen. Kalwen folgte ihr kurz darauf, landete neben ihr und richtete sich ebenso schnell wieder auf. Sie wechselten kurze Blicke und nickten sich gegenseitig zu. Dann wandten sie sich dem Gang zu, der von hier aus weiterführte. Die Hexenjägerin schob sich das Schwert des Bernsteinritters hinten in den Gürtel um die Hände frei zu halten. Es war schwerer, als es den Anschein hatte und Isaé begriff erst jetzt, wie viel Kraft es eigentlich erforderte, ein solches Schwert im Kampf zu schwingen.
Isaé trat hinter Kalwen in den dämmrigen Raum am Ende des Ganges und brauchte einen Augenblick, bis ihre Augen das Halbdunkel richtig fassten. Das Licht war schwach und sonderbar, als würde es sich nur widerwillig in den Kammern des Turms ausbreiten. Es war Licht und Dunkelheit gleichzeitig. Alles wirkte gedämpft. Alles in diesem Turm wirkte widerwillig. Die Mauern, die Luft, sogar das Atmen fiel schwer. Ihre Blicke glitten durch den Raum, dann sah sie die Gestalten vor sich. Und blieb wie angewurzelt stehen. Sie erkannte Entaro. In der innigen Umarmung einer Frau. Das Erste, was Isaé empfand, war kaltes Entsetzen. Kein lauter Schreck, kein Aufschrei, sondern etwas Kaltes, das ihr schlagartig durch den Körper fuhr und sie in diesem einen Augenblick wie gelähmt machte. Entaro stand dort nicht in Kampfhaltung, nicht wachsam, nicht so, wie ein Mann stehen sollte, der einer Hexe gegenüberstand. Er wirkte gefangen, auch wenn keine Kette oder dergleichen ihn gefangen hielt. Wenn man die Umarmung einer Hexe nicht als Kette sehen mochte. Sie löste sich aus der Umarmung und sein Blick war auf die Frau gerichtet, und in ihrer Haltung lag eine Ruhe, die Isaé augenblicklich misstrauisch machte. Hera. Es konnte nur Hera sein. Schwarzes Haar fiel ihr über den Rücken und die Schultern, und über ihrem Körper lag etwas Helles, Durchscheinendes, das mehr an einen Schleier erinnerte als an ein wirkliches Gewand. In Wahrheit war sie beinahe nackt und Isaé ereilte der Hauch einer Ahnung, warum man sie Hera die Hure nannte. Im dämmrigen Licht des Turms wirkte sie zugleich weich und gespenstisch, beinahe unwirklich, als hätte sie sich nicht einfach in diesen Raum gestellt, sondern wäre aus den Mauern herausgeglitten, so gespensterhaft und schemenhaft kam dieses Wesen ihr vor. Isaés Blick glitt an Hera vorbei zu Entaro. Sie war so fixiert gewesen auf die beiden Gestalten mitten in diesem Raum, dass sie sie erst jetzt sah: die grausame, rohe und unerbittliche Wirklichkeit. Es war, als hätte man einen dunklen Schleier aus diesem Raum gezogen und erst jetzt konnte sie es sehen. Überall im Raum lagen Männer. Viele Männer. Isaé erkannte sie. Ser Tarvain. Vicar. Sogar dieser Ser Rodan. Ihre Körper waren verdreht, wie achtlos hingeworfen, als hätte man sie fallen lassen, wo sie gerade gestanden hatten. Blut lief aus ihren Mündern, sickerte aus ihren Nasen, zog sich in dunklen Linien über Haut und Stein. Einige von ihnen starrten nur noch an die Decke, die Augen offen, leer, als hätten sie längst aufgehört zu sehen. Und das hatten sie auch. Nie wieder mehr würden sie aufstehen und nach Hause gehen. Doch die meisten lächelten. Ein seltsames, entrücktes Lächeln, als würden sie etwas betrachten, das niemand außer ihnen sehen konnte. Etwas Schönes. Etwas, das sie hielt. Ihre Lippen bewegten sich, als würden sie sprechen, flüstern, bitten. Manche streckten die Hände aus, als wollten sie jemanden berühren, der nicht da war. Isaé wusste nicht genau, was hier geschah. Das Blut unter ihnen breitete sich weiter aus, ruhig, gleichmäßig, und keiner von ihnen war in der Lage, sich daraus zu lösen. Gefangen und festgehalten in einem Netz, das sie nicht einmal sahen. Isaés Magen zog sich zusammen. Ihr Atem stockte für einen Moment, bevor sie ihn wieder unter Kontrolle brachte. Das hier war keine Vision. Isaés Finger schlossen sich fester um das Flüsterholz. Und genau da traf sie der zweite Schreck. Nichts. Kein Wispern. Kein Ziehen. Kein unruhiges Vibrieren im alten Holz. Keine Regung, die ihr sagte, was vor ihr stand, keine vertraute Warnung, kein Flüstern aus der Tiefe des Holzes. Nichts. Für einen Moment war sie fast noch verstörter darüber als über den Anblick selbst. Das Flüsterholz hatte den ganzen Tross bis hierher geführt, hatte stets auf Magie reagiert, auf ihre Spuren, auf die Dunkelheit dieses Ortes, auf all das, was sie hergebracht hatte. Und jetzt, da die Hexe vor ihr stand, schwieg es? Isaé spürte, wie ihr Kopf in einem einzigen, scharfen Gedankenstoß zu arbeiten begann. War das Ding gestört? War der Turm selbst so durchsetzt von alter Macht, dass das Holz darin verstummte? Oder stand vor ihnen etwas, das sich ihrer Gabe entzog? Etwas, das sich nicht greifen ließ, nicht lesen, nicht deuten. Der Gedanke daran war beunruhigend. Nicht nur, weil er das Flüsterholz infrage stellte, sondern weil er ihre sicherste Verlässlichkeit unter den Füßen wegzog. Ihr Blick glitt wieder zu Entaro. Hera hielt jetzt einen Kelch in der Hand. Sie stand nahe bei ihm, zu nahe, und führte den Becher mit einer Selbstverständlichkeit an ihn heran, die Isaé sofort missfiel. Sie forderte den Drachenreiter auf, zu trinken. Und Entaro trank. Der Anblick war so falsch, dass es Isaé für einen Herzschlag vorkam, als hätte der Raum selbst sich verschoben. Wein mochte in diesem Kelch sein, vielleicht. Aber gewiss nicht nur Wein. Dafür lag in Heras Bewegung zu viel Absicht. Zu viel Ruhe. Zu viel Kontrolle die sie ausübte. Isaé atmete flach ein, ohne es zu wollen. Es war kein Moment für Überlegung, kein Moment, in dem sie sich lange fragen durfte, was hier gerade genau geschah. Sie musste handeln, und zwar schnell. Neben ihr stand Kalwen. Isaé stieß ihn mit dem Ellenbogen an, gerade fest genug, dass er verstand, und gab ihm mit einem knappen Nicken zu erkennen, was sie von ihm wollte. Geh zu ihr. Stör sie. Bring sie aus dem Gleichgewicht. Lenke ihren Blick auf dich. Mach irgendwas! Kalwen brauchte keine weiteren Erklärungen. Etwas an ihm veränderte sich augenblicklich, kaum sichtbar und doch deutlich genug für Isaé, die ihn inzwischen gut genug kannte, um es zu bemerken. Nicht Ernst, jedenfalls nicht ganz. Eher dieses gefährliche Spiel, in das er trat, wenn er beschloss, jemanden herauszufordern und dabei so zu tun, als hätte er sich bloß zufällig hierher verirrt. Er trat vor, schlängelte sich zwischen den Körpern am Boden durch, fast so, als gehörte ihm der Raum, und seine Stimme klang leicht, fast heiter, als er sprach. „Welch unerwartete Überraschung“, sagte er, und in seinem Ton lag genau die richtige Mischung aus Frechheit und Bewunderung, um wie eine lästige Fliege zu sein. „Ich hatte vieles erwartet, als ich diesen Turm betrat. Aber ganz gewiss keine solche Schönheit!“ sprach er Hera an und schien dabei den Bernsteinritter völlig zu übergehen. Isaé war in den Schatten zurückgetreten. Sie sagte nichts. Sie rührte sich kaum. Ihr Blick sprang zwischen Hera, Entaro und Kalwen hin und her, und unter all dem arbeitete ihr Verstand weiter. Seltsamerweise drang eine Erinnerung in ihren Geist. Jene Nacht, als sie das Lager der Kalather aufgestöbert und umzingelt hatten. Als drei Männer Tarvains starben, weil Kalwen unvorsichtig und geradezu lächerlich versucht hatte, auf sich aufmerksam zu machen. Als Ser Tarvain ihn letztendlich zur Verantwortung gezogen und ihn richten wollte. Und als Isaé um Kalwens Leben flehte und für ihn bürgte. Die Hexenjägerin hatte immer wieder daran zurückgedacht. Auch, weil Kalwen sich daraus regelrecht einen Jux machte, sie immer wieder daran zu erinnern, dass sie für ihn gebürgt hatte. War dies nun die Stunde in der sich zeigte, dass sie das einzig richtige getan hatte, weil sie um Verschonung des Leben eines Mannes gebeten hatte, der vielleicht dem Schicksal heute die richtige Richtung wies? Das Flüsterholz schwieg weiterhin. Entaro trank aus dem Kelch dieser Hexe. Kalwen ging geradewegs auf die Frau zu, als sei dies ein Spiel, das er nur gewinnen konnte. Und Isaé wusste nur eines mit Gewissheit. Wenn dies hier schiefging, dann war alles verloren.

Heras Blick blieb auf Kalwen haften. Sie schien ihn zu mustern, von oben bis unten, und es schien, als wolle sie ihn ihn lesen. Dann stutzte sie etwas an ihr veränderte sich. Die Ruhe war noch da, doch sie schien sich förmlich aufzulösen. Und darunter arbeitete etwas, das sie versuchte in Kalwens Geist vorzudringen. Sie suchte, tastete, griff und fand keinen Halt. Sie musterte ihn, als würde sie versuchen, etwas zu erfassen, das sich ihr jedoch entzog. „Was bist du?“ fragte sie schließlich. Ihre Stimme war noch ruhig, doch darin lag etwas Neues. Kein Zorn. Keine Drohung. Echte Verwunderung. Kalwen grinste. Unverschämt, gelassen, als hätte sie ihm gerade ein Kompliment gemacht, das er nur noch bestätigen musste. „Nun“, sagte er und breitete die Hände ein wenig aus, „ich bin wohl unwiderstehlich.“ Ein kurzer Blick über sie, als würde er sie abschätzen. „Und ein verdammt gutaussehender Kerl! Sieht man doch!“ Heras Miene verhärtete sich kaum merklich. „Nein“, sagte sie leise. Ein Atemzug. Dann richtete sich ihr Blick erneut auf ihn, schärfer jetzt, tiefer, als würde sie nicht mehr sehen, sondern greifen wollen. Hera drang erneut in seinen Geist vor. Zumindest versuchte sie es. Für einen Herzschlag lag absolute Stille im Raum. Dann…nichts. Kein geistiger Widerstand. Kein geistiger Kampf. Einfach nichts. Heras Stirn zog sich leicht zusammen. Etwas flackerte in ihrem Blick, kaum sichtbar. Hera wich einen Schritt zurück. Zum ersten Mal. Ihre Finger zuckten leicht, und sie rieb ihre Finger gegeneinander als hätte sie etwas berührt, das sie nicht greifen konnte und daher loswerden wollte. „Das…“ begann sie leise. Ein kurzer, unruhiger Atemzug, beinahe genervt. „Das ist nicht möglich.“ Ihr Blick lag fest auf Kalwen, doch die Sicherheit darin war verschwunden. „Ich erreiche dich nicht.“ Die Worte fielen lauter, als sie es wohl beabsichtigt hatte. „Da ist… nichts.“ Isaé spürte, wie sich etwas in ihr anspannte. Das war es. Genau das. Sie blieb zunächst vollkommen still, als wäre sie selbst ein Schatten, der sich an die Mauern schmiegte. Ihr Blick lag fest auf Hera, doch in Wahrheit sah sie mehr als nur die Hexe vor sich. Sie sah Entaro, den Kelch in seiner Hand, und den Abstand zwischen ihnen. Die Nervosität die aufkam, weil sie wusste, dass Entaro aus dem Kelch getrunken hatte, und sie nur ahnen konnte dass dies nichts Gutes bedeutete. Und im Moment nichts dagegen tun konnte. Sie sah Kalwen, der mit einer Leichtigkeit und Lautstärke sprach, die in diesem Turm beinahe fehl am Platz wirkte, und sie begann, all das in ihrem Kopf zusammenzusetzen. Langsam hob sie die Armbrust. Die Bewegung war so ruhig, dass sie kaum wahrnehmbar gewesen wäre, hätte jemand direkt neben ihr gestanden. Sie spannte die Armbrustsehne mit geübter Sicherheit, ließ sie einrasten, ohne den Blick von ihrem Ziel zu lösen. Das leise Geräusch, das dabei entstand, verlor sich im Raum, als hätte der Turm selbst es geschluckt. Trotzdem zuckte die Hexenjägerin zusammen. Trotzdem erschien es Isaé quälend laut, und sie befürchtete, dass man es im ganzen Turm gehört haben musste. Aber Kalwen quasselte zuverlässig so laut, dass das Klicken so in den Hintergrund getreten war, dass es wirklich niemand außer der Hexenjägerin gehört hatte. Doch Isaé schoss nicht. Noch nicht. Hera stand zu nah bei Entaro, ihr Körper beiden leicht zugewandt, und jede imaginäre Linie, die Isaé zog, endete an der falschen Stelle. Der Bolzen würde nicht dort treffen, wo er musste. Also senkte sie die Waffe kaum merklich wieder, atmete einmal tief durch und setzte sich in Bewegung. Sie ging nicht direkt auf sie zu, sondern begann, die Szene zu umkreisen, Schritt für Schritt, vorsichtig, bedächtig, den Blick nie von Hera lösend. Neben ihren Füßen lagen die Männer, die nicht mehr kämpften, die in ihren eigenen Bildern gefangen waren. Isaé setzte ihre Schritte vorsichtig und bedacht zwischen Körper und über ausgestreckte Arme hinweg, achtete darauf, nichts zu berühren, nichts ins Wanken zu bringen, und kam dabei langsam näher. Kalwens Stimme hielt Hera gebunden, zog ihren Blick, forderte sie heraus, und Isaé nutzte genau das. Mit jedem Schritt veränderte sich der Winkel, nur ein wenig, kaum sichtbar, doch für sie machte es den Unterschied zwischen einem riskanten Versuch und einem sicheren Treffer. Hera bewegte sich leicht, ein kaum wahrnehmbares Drehen, und Isaé hielt wieder inne. Noch nicht. Noch immer nicht. Sie setzte weiter, geduldig, als hätte sie alle Zeit der Welt, obwohl sie wusste, dass genau das nicht der Fall war. Ihr Blick streifte Entaro. Ihr Atem blieb ruhig, ihr Griff fest, ihre Gedanken klar. Dann berührte ihr Fuß etwas. Ein Rüstungsteil. Ein leises Geräusch, kaum mehr als ein Hauch. Und doch reichte es. Heras Kopf drehte sich schnell in Isaés Richtung. Ihr Blick fuhr durch den Raum, suchte, und fand Isaé. Für einen Augenblick standen sie einander gegenüber, ohne Deckung, ohne Distanz. Isaé hob die Armbrust ein kleines Stück, zielte, und ihr Finger löste den Schuss. Der Bolzen schnellte blitzschnell vor und traf Hera in die Brust. Er durchschlug das Brustbein und traf die Hexe beinahe genau da, wo Isaé sie treffen wollte. Die Wucht ließ Hera zurückfallen, ihr Körper spannte sich unter dem Einschlag. Doch Isaé blieb nicht stehen. Sie sah den Treffer, nahm ihn wahr, und entschied im selben Atemzug, dass er womöglich nicht genügen würde. In solchen Dingen ging sie nie ein Risiko ein. Mit ernstem, festem Blick und zusammengepressten Lippen setzte sie sich in Bewegung. Ihre Schritte waren schnell, zielgerichtet und ohne Zögern. Während sie ging, glitt ihre Hand wie von selbst zum Langmesser, zog es aus der Scheide noch ehe sie den Abstand halb überbrückt hatte. Hera taumelte, während sie ein unmenschliches Heulen von sich gab. Ein, zwei unsichere Schritte rückwärts, ihre Hände suchten nach Halt, den es nicht gab. Ihre Fassung war verloren, die Kontrolle, die den Raum erfüllt hatte, bevor Kalwen von Niefurt ihn betreten hatte, fiel nun vollends in sich zusammen. Dann geriet sie ins Stolpern. Ihr Fuß blieb an einem der Körper hängen, die auf dem Boden lagen, und sie verlor das Gleichgewicht. Isaé sah es und irgendwo in ihr regte sich ein kalter Hauch von Genugtuung als sie rückwärts auf den Boden fiel und sich im letzten Moment mit den Armen abfing. Sie lag da, halb aufgerichtet, der Oberkörper angehoben, die Arme in einer Haltung, die ihr weder Schutz noch Abwehr gewähren konnten. Einen Augenblick. Mehr brauchte Isaé nicht. Sie war bereits über ihr, noch bevor Hera sich sammeln konnte. Sie setzte das Messer an, fand den Zwischenraum der Rippen und trieb die Klinge nach unten. Für einen Augenblick traf sie auf Widerstand, das Messer schabte rau an Knochen entlang, dann gab es nach und sie drang tiefer ein, getragen vom Gewicht ihres Körpers, bis sie wusste, dass der Stoß sein Ziel gefunden hatte. Hera sog scharf Luft ein. Kein Schrei. Kein Aufbäumen. Nur ein leiser, gepresster Atemzug. Ihr Blick lag auf Isaé, starrte ihr direkt und ungläubig in die Augen, und Isaé blickte der Hexe in die Augen. Mit einem gleichgültigen Blick, man im Antlitz der Hexenjägerin selten sah. Dann geschah etwas Seltsames. Es war als zog sich die Luft im Raum zusammen. Etwas begann sich plötzlich zurückziehen. Ein leises Geräusch ging durch den Raum. Kein Laut, den man hören konnte. Hera atmete flach, tat noch einige Atemzüge, dann bewegte sie sich nicht mehr. Ihr leerer Blick starrte auf Isaé. Ging durch sie hindurch. Und für einen flüchtigen Moment war da nichts mehr. Nur Leere. Der Raum veränderte sich schlagartig. Die Schwere, die eben noch zwischen den Mauern gelegen hatte, riss auf, als hätte jemand ein gespanntes Tuch zerschnitten. Die Luft wurde klarer, kälter, und irgendwie verlor sich das dumpfe. Hinter Isaé regte sich etwas. Ein Stöhnen. Ein Atemzug, der nicht mehr erzwungen war. Die Männer am Boden bewegten sich. Nicht jeder. Einige blieben liegen, still, reglos, tot. Doch andere hoben die Köpfe, rangen nach Luft, als würden sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst atmen. Der Bann war gebrochen. Isaé zog das Messer zurück. Blut schwappte aus der Stichwunde, tränkte das zarte Schleiergewand bis es rot und nass war. Dann herrschte Stille.
Doch diese wurde zerrissen als Entaros Kelch mit einem harten, hellen Klang auf den Steinboden fiel und scheppernd zur Ruhe kam. Gefolgt von dem Drachenreiter, der in sich zu Boden sackte. Noch bevor Isaé ihr Messer abwischen konnte, ließ sie es fallen, und war bei ihm. Sie schob einen Arm unter seine Schultern, zog ihn an sich, und spürte sofort, wie schwer er war, wie wenig Körperspannung noch in ihm war. „Entaro!“ rief sie leise. Keine Antwort. Sein Kopf hing nach hinten, sein Atem ging flach, und unter den Lidern, die leicht flatterten, lag nichts mehr von der Klarheit, die sie von ihm gewohnt war. Um sie herum regte sich das Leben wieder. Männer keuchten, husteten, rangen nach Luft, fanden langsam zurück. Doch Entaro tat nichts dergleichen. Isaés Blick fiel auf den Kelch. Auf die dunklen Reste der Flüssigkeit, die sich über den Stein ergoss. Es war zu dick für Wein. Ihr Magen zog sich zusammen. „Verdammt…“ Ihr Verstand arbeitete fieberhaft. Das war kein Bann, der einfach nachließ. Kein Traum, aus dem man erwachte. Was auch immer er getrunken hatte, es war noch in ihm. „Entaro, hörst du mich?“ Sie packte sein Gesicht, zog es zu sich, strich ihm über die Wange, erst vorsichtig, dann fester. „Entaro.“ Keine Reaktion. Sie tätschelte seine Wange, erst leicht, dann fester. Sein Kopf fiel zur Seite. Isaés Herz schlug schneller. „Zum Henker, Entaro wach auf…!“ Jetzt gab ihm eine unsanfte Ohrfeige. Sein Körper reagierte kaum. Isaé wurde von Verzweiflung gepackt. Sie hatte keine Zeit, kein Gegengift, wenn das eine Vergiftung war, und davon ging sie aus. Mirou war nicht da. Nur sie. Ihre Entscheidung fiel im selben Augenblick. „Verzeih mir…“ raunte sie. Sie zog ihn ein Stück aufrechter, stütze ihn und zog ihn enger an sich, griff mit der freien Hand an seinen Kiefer, zwang seinen Mund auf. Dann schob sie ihre Finger tief in seinen Hals. Entaros Körper reagierte sofort auf dieses gewaltsame Eindringen. Ein heftiges Würgen, unkontrolliert, sein ganzer Leib spannte sich an, als würde er sich gegen das wehren, was in ihm war. Isaé hielt ihn fest, ließ nicht los, zwang die Bewegung, zwang den Reflex. „Komm schon, Entaro…“ Ungerührt schob sie ihm die Finger tiefer in seinen Rachen, einmal, zweimal, Ein weiterer Krampf, dann brach es schwallartig aus ihm heraus. Dunkle, zähe Flüssigkeit brach aus ihm hervor, schwer und metallisch und säuerlich riechend. Entaro rang nach Luft, keuchte, würgte erneut, Isaé hielt ihn, eine Hand an seinem Nacken mit der sie ihn stützte, die andere zwar wieder herausgezogen, aber noch immer bereit, ihn weiter zu zwingen, wenn es nötig war. „Ja! Raus damit… alles raus…“ Ein weiterer Krampf ging durch Entaros Körper. Sie hatte ihn eng an sich gezogen, hielt ihn fest, konzentriert auf seinen Atem, auf jede Regung, die ihr sagte, dass er noch da war. Sein Oberkörper bäumte sich erneut auf, und noch bevor sie reagieren konnte, brach es erneut aus ihm heraus, ergoss sich über ihre Kleidung, und zu ihren Füßen. „Ja, weiter so, alles raus damit, hörst du mich?“ Erneut schob sie ihm ihre Finger in den Rachen, und sie ging wahrlich nicht zimperlich mit ihm um. Erneut versteifte sich sein Oberkörper, krampfte, zuckte, erneut erbrach er diese seltsame dicke rote Flüssigkeit, vermischt mit den unverdauten Resten seiner letzten Mahlzeit. Dann ließ die Anspannung in seinem Körper ein wenig nach. Isaé zog ihre Hand zurück, atmete selbst schwerer, als sie es wollte, und sah ihn an, suchte in seinem Gesicht nach irgendeinem Zeichen, dass alles in Ordnung war. „Bleib bei mir… hörst du?“ Ihre Stimme war leiser jetzt. Drängend. Fast flehend. „Bleib bei mir, Entaro, wie du es mir versprochen hast.“ Entaros Atem ging noch immer unruhig, was in Angetracht der Tatsache, wie heftig er sich erbrochen hatte, kein Wunder war. Er rang nach Luft, hustete, keuchte, und sein Körper schien sich Schritt für Schritt wieder sammeln. Isaé hielt ihn noch immer fest, eine Hand an seinem Nacken, die andere an seiner Schulter, als traue sie dem Frieden nicht. „Entaro…?“ Seine Lider zuckten. Diesmal stärker. Langsam öffneten sich seine Augen. Er sah sie an. Und erkannte sie. Isaé ließ den Atem aus, von dem sie nicht einmal gemerkt hatte, dass sie ihn angehalten hatte. „Meine Güte…“, murmelte sie leise. Mehr fiel ihr im Augenblick nicht ein Und jetzt bemerkte sie erst, wie sie zitterte. Kalwen, der daneben gestanden hatte, erwiderte mit trockenem und leicht spöttischem Ton „Romantischer wird’s heute nicht mehr, Isaé. Der Mann hat alles für dich gegeben, wirklich alles“ sein Blick fiel dabei auf das Erbrochene, mit dem Isaé besudelt wat. „Dich hats schwer erwischt, was?“ sagte er und dann begann er heiser zu lachen. Isaé runzelte die Stirn und warf ihm einen giftigen Blick zu. „Ach halt bloß die Klappe, Kalwen!“ Kalwen hielt inne im Lachen und meinte „Was denn? Hab ich meine Arbeit nicht gut gemacht?“ Isaé brummte. „Du warst nicht schlecht. Ich hätte nicht gedacht, dass dein Geschwafel uns mal den Rücken freihält. Hast du nichts sonst mehr zu tun? Mach dich lieber nützlich, und schau wem du helfen kannst!“ Ihr Kopf ruckte zu den Männern. „Kümmere dich um…. um Ser Tarvain zum Beispiel! Er ist auch dein Anführer, wer bezahlt uns sonst?“ Dann wandte sie sich wieder Entaro zu. „Entaro, ist alles in Ordnung?“ Ihr Blick war besorgt. Seine Lippen bewegten sich, trocken, mühsam. „Isaé…“ Mehr war es nicht. Das Wort klang rau, kaum mehr als ein Hauch, doch es reichte. Isaé strich ihm ins Gesicht gefallene Strähnen zurück, ihre Hand zitterte. Entaro blinzelte, versuchte sich aufzurichten, doch kaum versuchte er sich wieder aufzurichten, gab er wieder nach. Isaé hielt ihn zurück. „Nein.“ „Du bewegst dich keinen Zoll. Meine Güte!“ Ein schwaches, fast trotziges Zucken ging durch seinen Mund, als wollte er widersprechen, doch selbst das kostete ihn sichtbar Kraft und er sagte stattdessen nichts. Sein Atem ging schneller, feiner Schweiß lag auf seiner Haut, kühl und glänzend im schwachen Licht. „Die… anderen…“ brachte er schließlich mühsam hervor. Isaé schüttelte den Kopf. „Wir kümmern uns darum, du kümmere dich um dich selbst und schau, dass du wieder auf die Beine kommst“ erwiderte sie streng. Ein kurzer Blick durch den Raum bestätigte es. Einige Männer saßen bereits, andere halfen sich gegenseitig auf. Das Leben kehrte zurück, langsam, unsicher. „Du bleibst sitzen“, sagte sie leise, aber bestimmt. Isaé sah wieder zu ihm. Langsam wurde dieser Mann sehr schwer und sein Gewicht, das sie die ganze Zeit stützte, zog ihr allmählich in den Nacken und den Rücken. „Am besten du legst dich mal hin“ entschied sie und ließ seinen Oberkörper langsam zu Boden gleiten. Entaro schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, war der Blick noch immer schwer, doch klarer als zuvor. Er nickte kaum merklich. Isaé blieb bei ihm, hielt ihn, bis sie sicher war, dass er nicht wieder wegsackte.
Der zerbrochene Spiegel ❖
31.03.2026 '00:52 [2.664 Wörter]
 ie Wirklichkeit verschwamm. Lug und Trug wurde zur Wahrheit. Die Wahrheit war nur eine Illusion. Entaro war gefangen zwischen der Wirklichkeit und der Wahrheit. Er sah nur die Fragmente dessen, welche Hera ihm gewährte zu sehen. Und der Hunger und der Durst, der in ihm erwacht war, wurde von Hera geschürt und genährt. Es waren nicht nur seine eigenen Gefühle. Es war eine verzerrte und entartete Form, einzig zu dem Zweck gewoben, um Entaro von der Wirklichkeit fern zu halten.
Ein Schlag brachte die Welt, die Entaro umgab, zum Erzittern. Die Fassade bröckelte und die Luft um Entaro wirkte, als ob sie aus dünnem Glas wäre, welches in feinen Adern zerbrach. Doch die wahre Wirklichkeit blieb ihm verborgen. Er hielt inne und sah durch den Raum. Eben noch waren hier, für den Buchteil eines Wimpernschlages, Männer gelegen. Überall war Blut und Isaé war nur ein Schatten gewesen. Doch der Riss in der Luft war verschwunden. Da war niemand sonst. Nur Isaé und er. Er runzelte die Stirn und hob seine Hand um die Frau, die vor ihm stand, zu berühren. »Isaé…«, flüsterte Entaro und die Frau lächelte dünn und verhalten.
Ein zweiter Schlag ließ Entaros Welt zerbrechen. Die Luft, welche zuvor noch dünn und wie ein alter Spiegel gebrochen wirkte, fiel nun in Scherben in sich zusammen. Die Luft wurde kalt und schwer. Die Frau, welche soeben noch vor ihm gestanden hatte, war verschwunden. Entaro war gefangen zwischen dem Hier und dem Jetzt. Nur die Scherben und das Klirren von Glas, wo kein Glas war. Entaro hielt den Atem an, denn jeder Atemzug den er tat, fühlte sich an, als würde er unter Wasser atmen. »Was geschieht hier?«, presste er zwischen den Lippen hervor. Doch er erhielt keine Antwort.
Nur einen weiteren Schlag. Einen Knall, wie ein Peitschenhieb. Ein Blitz zuckte durch die Luft und danach war alles um Entaro schwarz und dunkel. »Entaro!« Die Stimme drang in seinen Geist, wie der Nebel in den Mooren. Doch die Stimme war fern und fremd. »Entaro!, hörst du mich?« »Isaé…« Entaros Lippen bebten und seine Worte versiegten. »Wo bist du?«, flüsterte er und seine Zunge fühlte sich seltsam an. Als sein Mund voller Honig wäre, der ihm den Atem raubte. Und dann kroch plötzlich eine Schlange in Entaros Mund. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Unerbittlich und tief, drang sie in seinen Hals vor. Das schwere, klebrige Gefühl verschwand. Doch die Schlange wollte nicht verschwinden.
Entaro lag matt auf Isaés Schoß. Sein Atem ging schwer und er tat tiefe Atemzüge, als ob es die ersten nach sehr langer Zeit gewesen wären. Wie ein Mann, der zu lange unter Wasser gewesen war und nun alle Luft der Welt in seine Lungen aufnehmen wollte. »Isaé!«, keuchte Entaro und riss die Augen auf. »Was ist geschehen?« Er versuchte den Kopf zu heben um sich umzusehen. Doch es gelang ihm nicht. Seine Glieder fühlten sich an, als ob sie in schwere Eisen gelegt worden wären. »Ich kann mich nicht bewegen.«, murmelte Entaro und versuchte dagegen anzukämpfen. Doch der Trunk, welchen Hera ihm eingeflößt hatte, lähmte seinen Geist. Die Tinktur hatte seinen Körper zwar verlassen. Doch die Essenz war noch geblieben. Schwach und kaum mehr als ein flüchtiger Gedanke. Es würde einige Zeit brauchen, bis sie sich vollends aufgelöst hatte. Doch dies waren Dinge, von denen der Bernsteinritter keine Erkenntnis hatte. Er wusste nur, dass er vor wenigen Augenblicken noch Isaé gegenübergestanden hatte. Und ihre Hand auf seiner Haut gespürt hatte. Doch es war nicht Isaé gewesen. Sondern Hera. Die wahre Isaé saß neben ihm auf dem Boden und versuchte ihn davor zu bewahren in die Anderswelt überzutreten. Doch für Entaro waren die falsche Isaé und die wahre Isaé ein und dieselbe Person. »Was hast du getan?«, flüsterte Entaro und seine Hände zitterten, bei dem Versuch sie zu bewegen. »Warum hast du das getan?«, verlangte er zu erfahren. Doch er erhielt keine Antwort. Weder von der wahren Isaé, noch von der falschen, deren Lebenslicht inzwischen längst erloschen war.
Das Zittern wurde stärker. Es wurde unerbittlich kalt. Als ob er im tiefsten Winter im Schnee liegen würde. Der kalte Schweiß, der ihm über das Gesicht lief stach wie Nadeln und Entaro riss erneut die Augen auf. »Isaé!«, brüllte er. Doch die Hexenjägerin war fort. Ein Mann trat in Entaros Blickfeld. Er war ein Akadier. Sein schweres Kettenhemd klirrte mit jedem Schritt und aus dem Helm stachen zwei helle, grüne Augen hervor, die Entaro anstarrten. »Ser Adun.«, erklang die blecherne Stimme, welche Entaro seltsam vertraut vorkam. »Ser Adun! Erhebt euch.«, befahl der Mann doch Entaro konnte kaum die Arme heben, geschweige denn sich vom Boden erheben. Der Mann ging vor dem Bernsteinritter in die Knie und legte seine Hände unter den Rücken des Drachenreiters. »Ich helfe euch.« Die blecherne Stimme dröhnte aus dem Helm hervor wie drohendes, nahendes Gewitter. Entaro schüttelte den Kopf. »Nein.« Doch der Akadier schüttelte nur den Kopf. »Auf die Beine, Ser Adun.« Er ächzte und schob. Doch irgendwann hatte er Entaro auf die Beine gebracht. Er ergriff seinen Arm und legte ihn sich über die Schulter. »Wir gehen.«, murmelte der Ritter und Entaro nickte stumm und ließ sich führen. »Wohin bringt ihr mich?«, erkundigte sich Entaro, der dies alles nur für einen seltsamen Traum hielt, aus dem er einfach nicht aufwachen konnte. »Nach draußen. Raus aus diesem Turm.« Turm? Entaros Gedanken wurden mit jedem Schritt, den er tat, klarer. Der Turm…Er hatte den Turm betreten. Und sein Schwert verloren und war Isaé begegnet, obwohl er ihr doch gesagt hatte, sie solle draußen warten. »Mein Schwert.« Entaro hustete und krampfte sich an der Schulter des Mannes fest. »Die Hexenjägerin, Frau Isaé, hat es.«, antwortete der Ritter und drängte Entaro immer weiter und weiter, bis sie schließlich das Tor erreichten. Als Entaro über die Schwelle trat, überkam ihn ein seltsamer Schauer. Als ob eine uralte, schwere Bürde von ihm genommen worden wäre. Die uralte Macht, die an diesen Ort gebunden war, hatte ihren Anker verloren. Sie sickerte einfach in die Schatten und zurück auf die andere Seite. An jenen Ort, zu dem sie gehörte. An jenen Ort, von dem sie gewaltsam herausgerissen worden war.
Entaro hob den Blick und sah sich suchend um. »Isaé.«, murmelte Entaro, als er feststellte, dass sie neben dem Akadier herging. »Ich bin hier, Entaro.«, antwortete sie und schenkte ihm ein Lächeln. »Du siehst anders aus…«, stellte Entaro nüchtern fest. Die Bilder, welche Hera in ihm hervorgerufen hatte, waren noch in seinem Geist vorhanden. Schwach und verschwommen. Doch er konnte sich noch gut an die Frau erinnern, welche ihn dazu gebracht hatte, all seine Hemmungen fallen zu lassen und sich seinen Begierden hinzugeben. Isaé sah Entaro fragend an, da sie kaum wissen konnte, was Entaro gesehen hatte. »Mein Schwert.«, wiederholte Entaro und die Stimme kratzte an seinem Gaumen. »Und etwas zu Trinken.«
Die Zeit verging quälend langsam. Es fühlte sich an als ob sie stehengeblieben wäre. Doch das war sie nicht. Für Entaro war diese Stille, die hier draußen vor dem Turm herrschte, bedrückend. Er konnte keinen einzigen Vogel hören. Keine Grille zirpen und auch keinen anderen Laut vernehmen, den man sonst in den Wäldern der Grenzlande hören konnte. Nur das Klirren von Kettenhemden und Waffen und die murmelnden Stimmen der Männer. »Wie viele Männer haben wir verloren?« Ser Tarvain war wieder bei Sinnen. Er saß auf einem moosbedeckten Felsen und stützte sich mit seinem Schwert, welches er wie einen Gehstock vor sich auf dem Boden abgestellt hatte. »Ein Dutzend.«, antwortete Vicar. Die blecherne Stimme klang monoton. Emotionslos. Nüchtern. Es war dieselbe Stimme, wie jenes Mannes, welcher Entaro aus dem Turm geleitet hatte. Doch Entaro konnte die feinen Unterschiede wahrnehmen. Für ein geübtes Ohr mochte sich die blecherne Stimme aus den Helmen der Breschenbrecher gleich anhören. Doch das waren sie nicht. »Ein Dutzend?«, wiederholte Tarvain die Worte mit Erstaunen, Trauer und Resignation in der Stimme. Er erhielt keine Antwort. Nur ein betretenes Nicken. »Diese verdammte Hure…« Tarvains Stimme war nur ein Raunen. »Und die Zwölf?« Er richtete sich auf dem Stein etwas auf, was ihm nur schwer gelang. »Wir haben nur den Anführer gefunden. Ser Rodan. Und dieses Weibstück, welches den Schinder erschossen hat. Die anderen sind wie vom Erdboden verschluckt.« Ser Tarvain nickte nachdenklich. Was dies genau zu bedeuten hatte, vermochte er in dem Moment nicht zu sagen. »Wo ist Ser Rodan jetzt?«, verlangte Tarvain zu erfahren. Vicar deutete auf einen Baum, an welchem der akadische Verräter lehnte. »Dort, mein Herr. Er ist wach.« Ser Tarvains Blick wurde grimmig. »Legt ihn in Ketten.« befahl er doch Vicar seufzte schwer. »Wir haben keine Ketten dabei, mein Herr.« Da seufzte der rote Tod schwer. »Dann bindet ihn mit Seilen.« Vicar wirkte noch verlegener als zuvor. »Wir haben auch keine Seile, mein Herr.« Ein kurzes, gequältes Lachen entkam Ser Tarvain. Es war so ein Lachen dass keine Freude sondern nur Ratlosigkeit bedeutete. Er erteilte keinen weiteren Befehl mehr, sondern schwieg. Er schwieg so lange bis Vicar sich räusperte. »Mein Herr?« Ser Tarvain zuckte mit den Schultern. »Ist wohl sein Glückstag.« Der rote Tod stemmte sich auf das Heft seines Schwertes, um von dem Felsen aufzustehen. Vicar trat sogleich einen Schritt hervor, um seinem Heerführer dabei unter die Arme zu greifen, doch der rote Tod wischte ihn beiseite und wedelte dann unwirsch mit der Hand. »Ich brauche keine Hilfe, Vicar.« Der Recke nickte stumm und trat wieder einen respektvollen Schritt von seinem Herrn zurück.
Entaro wurde ein Wasserschlauch gereicht. »Hier. Trink.« Entaro hob den Kopf und sah Kalwen. Er lächelte. Dieses Lächeln, welches er seit einigen Tagen verloren geglaubt hatte. Doch nun stand er da, lächelte verlegen und hielt Entaro den Wasserschlauch entgegen. Entaro sah den Mann einen Moment lang an und nahm dann schweigend den Schlauch entgegen. »Habt Dank.« Er nickte und zog dann den Korken aus dem Hals. Der Erste Schluck löste endlich das Kratzen und die Trockenheit. Gierig trank Entaro den Inhalt der Flasche und mit jedem Schluck stellte er fest, wie durstig er eigentlich war. Bis er schließlich den ganzen Schlauch geleert hatte. Kalwen stand einfach nur da und starrte den Bernsteinritter an. Als Entaro schließlich den Schlauch absetzte räusperte er sich. »Was ist geschehen?« Kalwen seufzte. »So wirklich kann ich das auch nicht erklären. Aber die Hexe…Hera. Die ist tot.« Entaro runzelte die Stirn und nickte. »Und Isaé?«, erkundigte sich der Bernsteinritter und Kalwen lächelte müde. »Sie hat Hera erschossen.« Kalwen streckte seinen Zeigefinger aus und bedeutete Entaro, als ob der Finger durch die Luft fliegen würde, bis er endlich auf sein Ziel traf. Er drückte den Finger genau auf jene Stelle, an welcher Isaé die Hexe erwischt hatte. »Ein sauberer Schuss.« Entaro nickte erneut. »Helft mir auf die Beine, Kalwen von Niefurt.«, bat Entaro doch in seiner Stimme schwang dennoch ein Hauch von Autorität mit. Wenn Kalwen daran einen Anstoß fand, so ließ er es sich nicht anmerken. Er half dem Bernsteinritter auf die Beine und als dieser endlich auf eigenen Füßen stand, lehnte er sich an den nächsten Baum. »Gewährt mir einen Gefallen. Kalwen von Niefurt.«, erhob Entaro seine Stimme und reichte dem Hexenjäger seinen Wasserschlauch zurück. »Und was wollt ihr?«, erkundigte dieser sich, als er den Schlauch wieder an sich nahm. »Bringt mich zu Isaé. Ich möchte mein Schwert wieder haben.« Da lachte Kalwen. »Wegen dem Schwert? Ich dachte für einen Moment…« Doch Kalwen hielt inne und biss sich auf die Lippen. Entaro sah ihn mit einem fragenden Blick an, doch Kalwen nickte nur und geleitete diesen schließlich an jenen Ort, an welchem Isaé sich aufhielt.
Die Hexenjägerin saß auf einem alten, umgestürzten Baumstamm und hielt ihre Flüsterholzpfeife in der Hand. Entaro beobachtete sie, doch als sie sich seiner Gegenwart gewahr wurde, schob sie die Pfeife hastig in ihre Tasche und erhob sich. »Du bist wieder auf den Beinen!«, rief sie und lächelte dabei. »Mehr schlecht als recht.« murmelte der Bernsteinritter und trat noch einen Schritt auf die Hexenjägerin zu. »Isaé…« Er sah sie eindringlich an und legte seine Stirn in Falten. »Was hat das zu bedeuten?« Erneut sah sie ihn fragend an und Entaro seufzte. »Du warst vor mir in dem Turm. Wir sind in diese Kammer gegangen. Und dort…haben wir…« Entaro verschluckte die Worte und wandte seinen Kopf zur Seite. Kalwen, welcher bis dahin lässig an einem Baum gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt hatte, lächelte verlegen. »Würdet ihr uns vielleicht für einen Moment unter vier Augen sprechen lassen, Kalwen von Niefurt?« Der Hexenjäger stieß sich von dem Baum ab und ließ dabei seine Arme sinken, nur um die Hände daraufhin in seine Taschen zu versenken. »Klar. Ich merke wenn ich unerwünscht bin.« Entaro schüttelte den Kopf. »So habe ich das nicht gemeint…es ist mir nur…lieber wenn nur Isaé hört, was ich zu sagen habe.« Kalwen warf einen verschwörerischen Blick zu Isaé und seufzte schließlich. »Wie ihr wünscht, Ser Adun.« Die Worte klangen weniger ernst als es die Gepflogenheit gebot. Fast zynisch.
Als Kalwen sich weit genug entfernt hatte, legte Isaé ihm die Hand auf den Arm. »Du solltest ihn nicht ständig Kalwen von Niefurt nennen.« ermahnte sie ihn und Entaro runzelte verwirrt die Stirn. »Warum nicht? Das ist doch sein Name.« »Es ist ein Spottname, der ihn ständig an ein Unglück erinnert.«, klärte Isaé ihn auf und Entaro seufzte. »Nun. Kalwen von Niefurt…« Er überging beinahe mit Absicht Isaés Worte. »…Ist ein Mann mit dunklen Geheimnissen. Es ist besser, wenn er sie nicht vergisst.« Isaé schüttelte den Kopf. »Ihm habt ihr es alle zu verdanken, dass ihr noch am Leben seid.« Da runzelte Entaro erneut die Stirn. »Am Leben?« Er sah an sich herab und räusperte sich. »Was ist in dem Turm geschehen? Meine Erinnerungen sind verwirrend. Sie sprechen zwei verschiedene Sprachen und ich kann nicht sagen welche die Wahrheit ist. Es gibt widersprüchliche Erinnerungen und Bilder. Du warst dort. Mit mir. Und wir haben…uns…« Entaros Stimme wurde wieder fahriger. Es war ihm sichtlich unangenehm darüber zu sprechen. Doch die Worte mussten ausgesprochen werden. Er zwang sich förmlich dazu. Und dann erzählte er Isaé, was ihm, seitdem er den Turm betreten hatte, alles widerfahren war.
Ein dunkler Schatten huschte durch den Wald. Schwere Schritte wurden von raschelnden Blättern, knackendem Gehölz und dem Brechen von morscher Rinde begleitet. Die Schweren Schritte gehörten einem halben Dutzend Füssen, die durch den Wald hasteten. »Los, verdammt!«, brüllte eine Stimme. »Lauft weiter!« Die Schritte wurden von keuchendem Atem begleitet. »Wir sollten umkehren.«, rief eine andere Stimme, doch dieser Vorschlag stieß auf heftige Ablehnung. »Zurück? In die Arme der Akadier?« »Rodan. Er ist in den Turm gegangen! Wir sollten ihm beistehen.« Da schnaubte ein anderer. »Wir haben klare Befehle. Und wir werden uns an den Plan halten. Verstanden?« Die Schritte wurden wieder lauter. Die Stimmen leiser. Doch bald schon blieben die Männer, die da durch den Wald rannten, abrupt stehen. »Na, wen haben wir denn hier?« Eine unverkennbare Stimme schnitt den Männern den Weg ab. »Scheiße.«, zischte einer der Hexenjäger und zog sein Schwert aus der Scheide. »Ja, zieh deine Waffe, toter Mann. Es gibt viele Zeugen, die deinen Tod bekunden können.« Istreds Schwert hieb durch die Luft und noch ehe der Hexenjäger die Waffe gänzlich aus der Scheide gezogen hatte, traf sie die Klinge am Heft. Der Schinder lächelte dünn und seine Klinge verharrte auf dem Schwert des Hexenjägers, ohne dass dieser seine Waffe auch nur einen Zoll weiter herauszog. Seine Blicke hafteten auf jenen des Hexenjägers, welcher starr und stoisch versuchte den Blick zu erwidern. Doch er wusste, dass er diesen Wald nicht mehr lebend verlassen würde. Der Schinder lächelte dünn. Und die anderen Hexenjäger zogen ihre Waffen und stimmten ein todesmutiges Gebrüll an, welches der Schinder daraufhin erwiderte. Schreie hallten durch den Wald. Erst Schreie der Wut. Und dann Schreie des Todes...Doch dann ging ein Ruck durch die Luft. Ein Wehklagen schnitt durch die Wälder und eine trügerische, fast bedrückende Stille kehrte ein. Ein Mann rannte durch den Wald. Sein Atem schwer und seine Haut kreidebleich. Er rannte, als ob der Tod ihm auf den Fersen wäre. Doch der Tod folgte ihm nicht...
Der Scherbenhaufen ❖
04.04.2026 '22:06 [2.375 Wörter]
 it Heras Tod veränderte sich etwas im Turm. Es geschah nicht so, dass man es hätte benennen können, und doch war es unverkennbar. Etwas, das zuvor überall in den Gemäuern gehangen hatte, schwer und allgegenwärtig, wich zurück, als hätte jemand einen dunklen Schleier fortgezogen, der alles gedämpft und verzerrt hatte. Es war die Magie, die sich zurückzog, nun, da die Hexe nicht mehr lebte. Die Luft wurde klarer. Und die Männer, die am Boden gelegen hatten, regten sich nun deutlicher. Stöhnen und keuchende Atemzüge lösten die Stille ab, Hände scharrten über den Stein, während sie sich langsam aufrichteten, unsicher noch, als kämen sie nur zögernd aus einem bösen Traum zurück. Isaé ließ Entaro nur so weit aus den Augen wie es nötig war, um sich umzusehen und die allgemeine Lage zu erfassen. Ihr Blick ging über die Überlebenden. Es sah ganz danach aus, als wären nur Kalwen und sie noch Herr ihrer Sinne, also traf die Hexenjägerin die Entscheidungen. Sie trat zu einem der Männer, half ihm auf, brachte ihn wieder auf die Beine, bevor sie sich dem nächsten zuwandte. Kalwen tat es ihr gleich, griff nach einem anderen, zog ihn hoch, klopfte ihm kurz gegen die Schulter, als helfe er ihm, wieder zu sich zu kommen. Die Hexenjägerin streckte einem jungen Akadier, ihre Hand entgegen und zog ihn auf die Beine. „Aufstehen“, sagte sie zu ruhig, aber bestimmt. „Wir verlassen diesen Ort.“ Sie trat wieder an Entaro heran, dessen Blick immer noch entrückt wirkte und sie hockte sich zu ihm hinunter. „Entaro…“ sagte sie leise und nahm seine Hand, die ganz kalt war, in die ihre. „Komm, steh auf, wir gehen.“ Doch Entaro blickte sie nur an und fragte „Was hast du getan?“ Sie sah ihn mit demselben ausdruckslosen Blick an, wie ihm auch Entaro ins Gesicht geschrieben stand, denn sie wusste nicht, was er damit meinte. „Komm…“ forderte sie ihn auf, doch er richtete erneut seine Worte an sie „Warum hast du das getan?“ Isaé blickte ihn ratlos, aber auch besorgt an. Sie legte leicht die Stirn in Falten. So hatte er sie noch nie angesehen. Als würde er in ihr etwas sehen, das sie nicht war. Oder nicht erkennen wer sie war. Und so erhob sie sich und suchte jemanden, der ihr zu Hilfe kommen könnte. „Isaé!“ hörte sie Entaro schließlich schreien und ihr Blick fiel auf Vicar. „Du…“, sagte sie knapp und deutete zu Entaro. „Hilf Ser Adun, hilf ihm auf die Beine und bring ihn bitte raus hier.“ Vicar nickte und trat an Entaro heran. „Ser Adun ich helfe euch…“ Er legte sich Entaros Arm über die Schulter und stützte ihn vorsichtig, während Isaé sich kurz vergewisserte, ob Entaro bei sich blieb, bevor sie sich wieder abwandte. Kalwen war inzwischen bei Ser Tarvain angekommen. Er streckte die Hand aus, ein schiefes Grinsen auf den Lippen, das irgendwo zwischen Angebot und Herausforderung lag. „Na, braucht Ihr…“ „Nein.“ Tarvains Antwort kam hart und ohne jegliches Zögern. Als wäre es eine Beleidigung, die Kalwen ihm da zumutete. Der Heerführer richtete sich selbst auf, langsam, kontrolliert, und obwohl man ihm ansah, dass sein Körper ihm noch nicht wieder ganz gehorchte, ließ er keinen Zweifel daran, dass er keine Hilfe duldete. Kalwen zog die Hand zurück, als wäre nichts gewesen. „Wie Ihr meint.“ Einer nach dem anderen setzten sie sich in Bewegung. Der Weg aus dem Turm war mühsam und voller wackeliger Schritte und gestützten Männern, doch sie gingen. Weg von den Mauern, weg von dem Ort, der sie eben noch festgehalten hatte. Dann traten sie hinaus, einer nach dem anderen.
Die Lichtung vor dem Turm lag still vor ihnen. Die kühle Luft roch nach Moos, feuchtem Laub und Gras und war im Vergleich zu dem muffigen unheimlichen Turm die reinste Wonne. Isaé blieb für einen Moment einfach stehen, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich vorbei war. Hinter ihnen ragte der Turm auf. Doch das Bedrohliche, das von ihm ausgegangen war, war verschwunden, und er wirkte nur noch wie das, was er nun einmal war: ein halb verfallenes Gebäude aus Stein. Männer saßen da, sprachen miteinander, Ser Tarvain ließ sich einen Lagebericht geben der ihm, wie man seiner Miene entnehmen konnte, alles andere als froh stimmte, doch Isaé ließ das alles hinter sich. Sie ging ein paar Schritte, dann setzte sie sich auf einen umgestürzten moosüberwucherten Baumstamm am Rand der Lichtung. Für einen Moment tat es gut, einfach nur zu sitzen. Sie legte Entaros Schwert behutsam neben sich ins Gras und zog die Flüsterholzpfeife aus der Tasche. Und hielt sie in der Hand, drehte sie zwischen den Fingern, bis das Holz sich warm anfühlte. Dann hob sie an ihr Ohr, schloss die Augen und lauschte. Ein leiser Atemzug. Aber Stille. Kein Flüstern, kein Zittern im Holz, kein Anzeichen, dass sich noch irgendwo Magiepräsenz zeigte. Isaé senkte die Pfeife wieder, ließ sie noch einen Augenblick in der Hand liegen. Ein zufriedenes, stilles Gefühl breitete sich in ihr aus, warm und ruhig. Sie hatte es endlich wieder einmal getan. Genauso, wie es sein sollte. Eine Hexe weniger in dieser Welt, und keine von den kleinen, die sich im Schatten versteckten. Hera war stark gewesen. Und dennoch war sie tot. Isaés Daumen strich über das glatte Holz der Pfeife. Es war schon eine Weile her. Beinahe zu lange. Ihre Gedanken glitten zurück zu jenem Tag, an dem sich ihr ganzes Leben verändert hatte. Eine andere Hexe, ein anderer Ort und er. Entaro. Jener Tag als der Drachenreiter in ihr Leben getreten war. Sie erinnerte sich nicht mehr an jedes Wort, das zwischen ihnen gefallen war, aber sie erinnerte sich, wie es dazu gekommen war, dass sie fortan in seiner Schuld stand. Oder in jener des Drachen. Sie erinnerte sich noch an das Gefühl. An den Moment, in dem alles hätte enden können, aber doch nicht geendet hatte, und das Schicksal ein Band zwischen einem Drachenreiter und einer Hexenjägerin geknüpft hatte. Und in ihr schwang ein widersprüchliches Wissen, dass sie heute genau dort war, wo sie sein wollte und doch nicht ganz frei war. Isaé atmete langsam aus, sah hinunter auf die Pfeife in ihrer Hand. Für einen Moment war da nur Ruhe, aber als sie Schritte vernahm, wandte sie den Kopf und blickte auf. Sie sah Entaro, begleitet von Kalwen und sie steckte die Pfeife eilig zurück in ihre Tasche. „Du bist wieder auf den Beinen!“ rief sie und schenkte ihm ein freudiges Lächeln. Er erwiderte es kaum, trat noch einen Schritt näher, als koste ihn selbst das mehr Kraft, als er zeigen wollte. „Mehr schlecht als recht“, murmelte er, seine Stimme noch rau von dem, was hinter ihm lag. Er blieb vor ihr stehen. „Isaé…“ Etwas in seinem Blick verunsicherte sie. Da war Unruhe in ihm, aber da schien noch mehr zu sein. Stirn legte sich in Falten, als versuche er, etwas zusammenzuhalten, das ihm längst zwischen den Händen zerronnen war. „Was hat das zu bedeuten?“ Sie sah ihn an, zunächst ohne zu verstehen, was er meinte. Ihr Lächeln wich, und Entaro atmete aus, wandte den Kopf kurz zur Seite, als überlegte er, als suche er Worte. „Du warst vor mir in dem Turm“, begann er langsam. „Wir sind in diese Kammer gegangen. Und dort haben wir…“ Er brach ab, die Worte blieben ihm im Hals stecken. Ein Schatten huschte über sein Gesicht, etwas, das er nicht begreifen konnte oder nicht begreifen wollte. Am Rand lehnte Kalwen noch immer an einem Baum, die Arme vor der Brust verschränkt, als gehörte er nicht ganz dazu. Sein Blick glitt zwischen ihnen hin und her, und ein schiefes, kaum merkliches Lächeln lag darin. Entaro bemerkte es schließlich. „Würdet ihr uns einen Moment unter vier Augen sprechen lassen“, sagte er, ruhiger jetzt, gefasster, „Kalwen von Niefurt.?“
Entaro sah ihm nach, bis er sich entfernt hatte, wie es auch Isaé tat und sie setzte sich wieder auf den umgestürzten Baumstamm hin, und der Drachenreiter tat es ihr gleich. „Was ist in dem Turm geschehen?“ fragte er sie schließlich. „Meine Erinnerungen sind verwirrend. Sie sprechen zwei verschiedene Sprachen und ich kann nicht sagen welche die Wahrheit ist. Es gibt widersprüchliche Erinnerungen und Bilder. Du warst dort. Mit mir. Und wir haben…uns…“ Dann gab er sich einen Ruck und er erzählte alles, was er in diesem Turm erlebt hatte. Isaé sah ihn an und hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Jetzt verstand sie. Und etwas in ihr wurde still. Je weiter er sprach, desto ruhiger wurde sie. Nicht, weil es sie kalt ließ. Sondern weil sie sehr genau verstand, was da in ihm durcheinandergeraten war. Hera. Als Hexenjägerin waren ihr solche Dinge nicht unbekannt, sie wusste von der Art, wie sich eine Hexe in Gedanken drängte, wie sie Nähe schuf, die keine war, wie sie einem das Gefühl gab, alles käme aus einem selbst. Auch, wenn Isaé zugeben musste, dass Hera sich anscheinend sehr gut darauf verstanden hatte, Trugbilder zu erschaffen die sich von der Realität nicht unterscheiden ließen. Wahrscheinlich hätte sie sie auch täuschen können. Daran zweifelte sie keinen Moment. Und doch blieb etwas hängen. Nicht wegen dem, was geschehen war. Sondern darin, dass er es für möglich gehalten hatte. Isaé hob den Blick und musterte ihn einen Augenblick. Er wirkte angespannt, fast so, als traue er seinen eigenen Erinnerungen nicht, und suche nach der Wahrheit.
Schließlich begann sie „Ich würde dich niemals so behandeln. Wenn du denkst, das war ich, dann kennst du mich wohl schlechter, als ich dachte.“ Isaé sah ihn fest an, ohne die Möglichkeit, an ihr vorbeizusehen. Für einen Moment blieb es still zwischen ihnen, nur das gedämpfte Stimmengewirr von der Lichtung her drang zu ihnen. Dann hob sie leicht das Kinn. „Du glaubst also, ich schleiche dir in den Turm nach, lauere dir dort auf, rede dir ein, wir seien ganz allein und niemand würde uns sehen, nur um dich zu verführen?“ In ihrer Stimme lag ein wenig Belustigung, aber auch ein wenig Verletztheit. „Das traust du mir zu?“ Isaé sah ihm an, wie es in ihm arbeitete, wie seine eigenen Gedanken noch immer nicht sauber zueinanderfanden. Vielleicht war sein Verstand aber auch noch von dem Gift benebelt. Dann atmete sie aus, strich sich eine lose Strähne aus dem Gesicht und wandte den Blick kurz zur Seite. „Ich sag dir, was passiert ist. Ich saß draußen“, sagte sie schließlich. „Vor dem Turm.“ Ihre Stimme war jetzt ruhiger und etwas weniger scharf. „Und ich habe gewartet. Mir hat es nicht gefallen, dich da allein hineinzugehen zu lassen. Auch, weil ich nicht wirklich eingesehen habe, wieso jeder da hineingehen konnte, der wollte, außer ich.“ Sie sah ihn von der Seite an und murmelte „Ist ja nicht so, dass ich keine Hexenjägerin wäre…“ Dann hob sie den Blick in den Himmel, zwischen den Baumkronen „Aber ich hatte es dir versprochen. Also bin ich geblieben. Nun, aber dann kam Kalwen irgendwann dazu. Hat mich gefragt, warum ich hier draußen sitze, während du da drin verschwunden bist. Ich hab ihm gesagt, dass ich dir mein Wort gegeben habe. Dann hat er mich ausgelacht.“ Sie grinste „Und dann…“ Ein entschuldigendes Schulterzucken erfolgte. „.. dann wurde irgendwie daraus etwas Eigenes. Sozusagen ein Selbstläufer. Wir haben ergründet, was ich gesagt habe, und was ich nicht gesagt habe, und wie ich es gemeint haben könnte.“ Ihre Stimme blieb ruhig, fast nüchtern. „Ja, ich habe mein Versprechen gebrochen.“ Kein Versuch, es zu beschönigen. Kein Ausweichen. Isaé hielt seinem Blick stand. „Ich hab beschlossen dir nachzugehen. Und Kalwen hat mir angeboten, mitzukommen, damit ich nicht alleine da reingehe.“ Sie atmete tief ein. „Aber wenn du ehrlich bist, war das eigentlich auch gut so.“ Sie stieß ihn mit der Schulter an. „Denn sonst würdest du jetzt wahrscheinlich nicht hier sitzen.“ „Du warst nicht mehr bei dir, Entaro. Als ich dein Schwert fand, wusste ich, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte. Als wir dich gefunden haben, warst du längst in ihrem Netz gefangen. Du hast nicht mehr wahrgenommen, was wirklich passiert. Als Kalwen und ich dazugestoßen sind, hat sie dir aus dem Kelch zu trinken gegeben. „Und ja, ich wusste mir nicht anders zu helfen als dir meine Finger in den Hals zu schieben, bis du mir das Zeug wieder vor die Füße gekotzt hast. Und auf meine Gewänder. Aber mach dir keine Sorgen, das werf ich den Waschweibern in den Zuber, wenn wir wieder zu Ser Tarvains Burg kommen“ grinste sie. „Für dich wars nicht besonders würdevoll, ich weiß, aber wirksam.“ Dann sprach sie wieder leiser. „Das ist es, was wirklich passiert ist.“ Sie sah ihn an, lange genug, dass er sich dem nicht entziehen konnte. „Kein Spiel von mir. Keine Worte von mir, die dich verbiegen sollen. Nur ich, wie ich nun mal bin.“
Isaé verschränkte die Arme auf ihren Knien und stützte ihren Kopf darauf. „Da ist noch etwas“, sagte sie schließlich. Sie nickte in die Richtung, in der Kalwen verschwunden war. „Hera hat seltsam auf Kalwen reagiert.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Entaro. „Ich habe sie gehört. Sie ha ihntte gefragt, was er ist… und warum sie nicht an ihn herankommt.“ Isaé zog leicht die Stirn in Falten, als würde sie das noch einmal durchgehen. „Sie wirkte wirklich verwirrt.“ Ihre Finger zwirbelten eine Haarsträhne die ihr über die Schulter gerutscht war. Sie sah wieder zu ihm. „Sie hat die anderen sofort in ihren Bann gezogen. Sie hatte dich sofort gehabt“, sagte sie ruhig. „Mich hätte sie vielleicht auch gekriegt, wenn ich ihr zu nahe gekommen wäre.“ Sie zögerte kurz. „Aber bei ihm… war nichts.“ Jetzt lag etwas Nachdenkliches in ihrem Blick, etwas, das sie selbst noch nicht ganz greifen konnte. geschehen lassen, als könne sie nicht anders und wäre machtlos gegen ihn. Dabei hat er soweit ich das beurteilen kann, nichts gemacht außer er selbst zu sein. Wie er halt so ist.“ Ein Weberknecht kletterte mit zitternden Bewegungen über den Baumstamm und Isaé verfolgte ihn mit Blicken, bis er in einem breiten Spalt verschwunden war. „Ohne ihn wäre ich nicht so nah an sie herangekommen.“ Die Hexenjägerin lauschte der Stille in diesem unheimlichen Waldstück und fragte sich, ob das Vogelgezwitscher und Leben eines Tages wieder zurückkehren würde. „Wahrscheinlich gar nicht“ fügte sie noch hinzu. Sie sah Entaro wieder an. „Und du wärst da nicht mehr lebend rausgekommen. Wir alle nicht. Jetzt bin ich richtig froh, dass ich für ihn gebürgt habe.“
Die geheimnisvolle Waffe ❖
11.04.2026 '23:47 [3.027 Wörter]
 saés Worte trafen Entaro hart. Er sah sie an, als ob sie ihm ins Gesicht geschlagen hätte. »Verzeih.«, murmelte er. »Ich hatte nicht…« Er stockte und beendete den Satz dann doch nicht. Stattdessen schüttelte er nur den Kopf. »Natürlich denke so nicht von dir. Das wollte ich damit auch nicht zum Ausdruck bringen.« Entaro kratzte sich am Hinterkopf und wirkte in diesem Moment als ob er sich nicht sehnlicher gewünscht hätte, einfach geschwiegen zu haben. »Ich bin verwirrt. Es war so wirklich. Als ob du leibhaftig vor mir gestanden hättest. Ich konnte deine Stimme hören. Und deinen Geruch wahrnehmen.« Er kniff die Lippen zusammen. »Wie dem auch sei. Es ist bedeutungslos.« Er straffte seine Schultern und zog an seiner Tunika um diese zurecht zu zupfen. Seine ganze Körpersprache verriet seine innerliche Anspannung und egal wie sehr er auch versuchte dies zu verbergen, es wurde nur noch offensichtlicher. »Danke für das Schwert. Es wäre ein herber Verlust für mich es für immer verloren zu haben.« Er legte die Hand an den Schwertgriff und irgendwie verströmte das Gefühl, den kalten Stahl in der Hand zu halten, wenn auch nur am Griff, ihm ein seltsames Gefühl von Sicherheit. Er atmete tief ein und dann wieder aus und schloss dann kurz die Augen. »Wir sollten einfach nicht mehr darüber sprechen.« Er deutete eine unnahbare, beinahe abweisende, Verbeugung an. Doch mehr als einem leichten Senken seines Kopfes konnte er nicht zustande bringen.
In Isaés Stimme schwang ein leichter Unterton von Belustigung oder gar Spott mit, welche Entaro noch viel schärfer traf als die Worte zuvor. »Traust du mir das zu?« Er schüttelte nur den Kopf. »Nein.« Sein Kopf verlagerte sich ein wenig. Kaum merklich. Seine Blicke richteten sich auf Isaé und blieben dann auf ihren Augen haften. Aber tief in sich verspürte er, dass diese Verwirrung mehr als nur das gewesen war. Es war eine tiefe, verborgene Sehnsucht. Doch nun, da er wieder der Herr seiner Sinne und auch seiner Zunge war, gebot es ihm sowohl sein Stolz als auch seine Zurückhaltung, diese Gedanken nicht auszusprechen. Wie konnte er auch? Nun, nachdem sie ihn so vor den Kopf gestoßen hatte. Ihr gestehen, dass die Erinnerungen und Erfahrungen, welche ihm im Turm vorgegaukelt worden waren keine unangenehmen gewesen waren? Dass er sich sogar insgeheim gewünscht hatte, sie würden der Wahrheit entsprechen? Er schüttelte den Kopf um sich die Frage selbst zu beantworten. Nein. Isaés Interesse an ihm war zweifellos gänzlich anderer Natur als er zunächst vermutet hatte. Er schalt sich einen Narren. All die Anzeichen und Hinweise. Hatte er sie falsch gedeutet? Er zuckte resignierend mit den Schultern. »Nein. Ich schätze dich als eine ehrbare Frau. Und du bist mir lieb und teuer. Ich…« Er räusperte sich. »ich danke dir, dass du deinem Instinkt gefolgt bist, anstatt auf meine Bitte zu hören. Wer weiß wo wir jetzt stünden, ohne deine Intuition?« Mehr wollte er dazu nicht mehr sagen. Man konnte förmlich sehen, wie ihm diese Situation merklich immer unangenehmer wurde. Und lieber würde er sich nun mit dem Drachen unterhalten, als weiter die strafenden und schelmischen Blicke Isaés erdulden zu müssen.
Isaé lenkte schließlich das Gesprächsthema auf Entaros unrühmlichen Kampf gegen Heras Gift. Und auch wenn es ihm mindestens ebenso unangenehm gewesen war, dass er sich ausgerechnet auf sie erbrochen hatte, so war ihm dieses Thema weitaus lieber, als jenes unangenehme auf der Schwebe zwischen Offenbarung und Bloßstellung. Er nickte nur und errötete leicht. »Nun. Ich weiß nicht ob ich dir jetzt danken oder um Vergebung bitten soll.« Isaé lächelte matt »Für dich wars nicht besonders würdevoll, ich weiß, aber wirksam.« Entaro seufzte und bei dem Gedanken daran wurde ihm auch wieder etwas flau im Magen. »Ich hatte das Gefühl eine Schlange würde mir in den Mund kriechen.« Isaé lachte kurz und runzelte dann die Stirn. »Da ist noch etwas. Kalwen…« Sie verstummte kurz und errang so Entaros Neugier. »Er ist irgendwie anders.« Entaro runzelte die Stirn. »Ja. Er ist seltsam. Aber auf eine ungreifbare Art. Ich kann nicht sagen ob er etwas im Schilde führt, oder einfach nur diese Ausstrahlung hat. Hera hatte es wohl noch mehr gespürt als wir.« Isaé sah Entaro wieder an und da war etwas in diesen runden Augen die in Entaro etwas erschaudern ließen. »Und du wärst da nicht mehr lebend rausgekommen. Wir alle nicht. Jetzt bin ich richtig froh, dass ich für ihn gebürgt habe.« Entaro nickte und sein Kopf wandte sich in eben jene Richtung in welche der Hexenjäger entschwunden war. »Nun. Wenn Ser Tarvain davon erfährt, wird er seine Meinung über ihn vermutlich nicht ändern. Aber er wird anerkennen, dass er seinen Fehler wieder geradegebogen hat. Viel mehr als das.« Entaro verstärkte den Griff um sein Schwert etwas und drückte den Rücken strammer. »Ich denke, ich sollte mich bei diesem Mann bedanken.« Er nickte entschlossen und ließ Isaé förmlich alleine zurück.
Irgendwie war er innerlich zerrissen. Auf der einen Seite zog es ihn unweigerlich in ihre Nähe. Doch nun, nach diesem Gespräch, war er mehr als froh, ihr nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. Als ob die Dinge, die er im Turm erlebt hatte, wie ein dunkler Schatten über ihnen lag. Ein schwarzer Vorhang, welcher sich zwischen sie geschoben hatte. Isaé hatte nur gelächelt. Und zynischen Spott geäußert. Entaro biss die Zähne zusammen und seine angespannten Kiefer begannen zu malmen. Warum nur war er solch ein närrischer Tor in ihrer Gegenwart? Er schüttelte den Kopf und schob es auf die seltsamen Umstände, in welchen sie sich in jüngster Zeit befunden hatten. Sicherlich würde es sich alles noch klären.
Entaro schritt langsam und gemächlich auf Ser Tarvain und die anderen Männer hinzu. Die frische Luft des Waldes füllte seine Lungen und mit jedem Augenblick, den er außerhalb des Turms verbrachte, fühlte er sich frischer und kräftiger. Bald schon hatten die Auswirkungen von Heras dunklen Künsten kaum noch Anzeichen an Entaro zurückgelassen. »Ser Adun!«, rief der Heerführer und winkte den Bernsteinritter zu sich. »Es ist gut, euch auf den Beinen zu sehen.« Entaro nickte stoisch und bedachte den Heerführer mit musternden Blicken. »Ganz meinerseits, Ser Tarvain. Es ist auch gut euch wohlauf zu sehen.« Der Heerführer schmunzelte doch in seinem Gesichtsausdruck lag ein tiefer unverkennbarer Schmerz. Vielleicht war es auch verletzter Stolz. »Was habt ihr in dem Turm gesehen?«, erkundigte sich Entaro doch da verfinsterte sich Tarvains Miene. »Darüber möchte ich nicht sprechen.« Der Drachenreiter nickte und erneut fühlte er sich als ob er wieder einmal die falschen Worte gewählt hatte. »Ich verstehe.« Entaro konnte sich schon denken, was der rote Tod gesehen hatte. Wenn Hera den Männern ein Bild von Vertrautheit und Verlangen oder Vergangenheit vorgetäuscht hatte, dann konnte es bei Ser Tarvain nur seine Frau gewesen sein. Ein diabolischer Gedanke. Ser Tarvain hatte all die Jahre Rache nehmen wollen. Er hatte sie gejagt und verfolgt. Und in dem Moment, als er seiner Rache so nahe gekommen war wie noch nie zuvor, da hatte sie ihm Bilder seiner Frau in den Kopf gesetzt. Als ob sie ihn Verhöhnen wollte. Entaro konnte den Schmerz, der den Herrn von Marçien in diesem Moment bewegte kaum nachempfinden. Auch er hatte einst eine Frau verloren. Doch Hera hatte ihr stattdessen Isaé gezeigt. Und so recht konnte er nicht sagen, was dies zu bedeuten hatte.
Entaro bemerkte Kalwen, der nicht weit von ihnen an einem Baum lehnte. Er wirkte gelangweilt. Doch ein forscher Blick ließ erkennen, dass der Hexenjäger sich keineswegs langweilte. Er versuchte es zu überspielen. In Wahrheit schien er wie ein gebrochener Mann der seinen Platz nicht kannte. Wie ein Kompass der sich unstet im Kreis drehte. Entaro trat an den Mann heran und Kalwen hob den Blick als er ihn bemerkte. »Ser Adun.« Er nickte doch sagte sonst weiter nichts. »Kalwen…« Die Worte von Niefurt lagen dem Drachenreiter schon auf der Zunge. Doch da wurde er sich Isaés mahnender Worte gewahr und zwang sich sie nicht auszusprechen. »Ich bin euch zu Dank verpflichtet.« Da lächelte Kalwen dünn. »Also steht ihr nun in meiner Schuld, Drachenreiter?« Entaros Mundwinkel verzogen sich zu einer unwirschen Miene. »Nun. So würde ich es nicht nennen. Doch ohne euer selbstloses Eingreifen würden all die Männer hier…« Entaro beschritt eine ausladende Geste mit welcher er all die Akadier und auch die verbliebenen, anwesenden Hexenjäger der Zwölf einschloss. »…noch immer unter Heras Fuchtel weilen. Nennt es wie ihr wollt. Doch ihr habt euren Wert bewiesen. Und was auch immer kommen mag. Ich werde das nicht vergessen.« Kalwen sah den Bernsteinritter eine Weile schweigend an. Er zeigte es nicht. Doch er wusste nicht was er sagen sollte. Er rang mit sich. Versuchte es zu überspielen und stieß sich dann von dem Baum ab. »Ich danke euch, Ser Adun. Diese Worte bedeuten mir viel.« Da nickte Entaro und legte dem Hexenjäger die Hand auf die Schulter.
»Ser Tarvain wird von eurer Tat erfahren. Und eure Schuld gilt dann sicher als beglichen. Ihr könnt dann gehen wohin ihr wollt.« Entaro zuckte mit den Schultern. Natürlich konnte er nicht für den Heerführer sprechen. Doch eine solche Entscheidung wäre nur Rechtens, dessen war sich Entaro gewiss. »Wohin würdet ihr dann gehen?« Kalwen schmunzelte. »Zuerst?« Er legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und tat so als ob er angestrengt nachdenken würde. »…weg von diesem verdammten Turm!« Er grinste breit und stemmte dann die Hände in die Hüften. Seine Beiden Kerbhölzer baumelten zwischen seinen Beinen und Entaro konnte den Blick nicht davon abwenden. Nicht wegen der Kerbhölzer, sondern wegen der Bedeutung, was eines dieser Hölzer für ein dunkles Geheimnis in sich barg. Doch er schwieg. Wenn Kalwen sich entscheiden sollte um Sühne und Vergebung zu suchen, dann würde er das auch ohne seine mahnenden Worte machen. »Nun, da bin ich eurer Meinung. Dieser Ort ist von allem Leben verlassen worden. Und es wird sicher noch Jahre dauern, bis wieder Leben an diesen Ort zurückkehren wird.« Kalwen seufzte. »Mit Verlaub. Ser Adun.« Entaro hob den Kopf und seine Gedanken zerstreuten sich. Kalwen kratzte sich am Kopf und wischte dann eine störrische Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wenn Ser Tarvain es erlaubt. Und wenn alle Angelegenheiten in den Grenzlanden erledigt wurden…« Entaro sah ihn fragend an und wartete auf den Grund, den Kalwen zu diesen Worten antrieb. Doch er schien mehr mit sich zu ringen als er zugestehen wollte. »Nun sprecht es schon aus. Ihr stammelt wie ein Narr.«, herrschte Entaro und sein Mundwinkel zuckte. Kalwen grinste daraufhin. »Nun, vielleicht ist es närrisch. Doch, wenn ihr erlaubt, würde euch und die Hexenjägerin gerne begleiten.« Da stutzte Entaro. Das hatte er natürlich nicht erwartet. Er starrte Kalwen eine Zeitlang an ohne ein Wort zu sagen. Und mit jedem Augenblick der verstrich, wurde Kalwen sichtlich unruhiger. Entaros Blicke schweiften durch das Lager. Und irgendwo am Rand stand Isaé. Seine Blicke verharrten auf der Hexenjägerin und schlagartig wandte er sich wieder an Kalwen. »Ist es wegen Frau Isaé?«, erkundigte sich Entaro und Kalwen schüttelte den Kopf. »Oh Nein.« Doch Entaro konnte förmlich riechen, dass er log. In Entaro zog sich ein schwarzes Gefühl in der Magengrube zusammen. Doch er seufzte nur. »In dem Turm ist etwas Seltsames geschehen. Und ich würde gerne mehr darüber lernen. Und ich denke…« Entaro räusperte sich und zwang Kalwen so inne zu halten. »Es ist nicht so einfach…doch wir werden, wenn wir die Grenzlande hinter uns gelassen haben, nach Akadien reisen. Ich weiß nicht, ob dies der Ort ist, der euch vorschwebt.« Kalwen grinste breit. »Alles ist besser, als dieser verfluchte Ort!« Entaro schnaubte und zuckte mit den Schultern. »Gewiss.« Seine Blicke wurden fahrig. »Aber ich denke, dass die Antworten, nach denen ihr sucht, nicht in Akadien zu finden sein werden.« Kalwen seufzte und Entaro bemerkte, wie er an ihm vorbei blickte. Er konnte sich fast denken, wen er in diesem Moment seine Blicke zuwarf. Doch er wandte sich nicht zur Seite, um seinen Verdacht zu bestätigen. »Nun. Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis es soweit ist, nicht wahr?« Entaro nickte. »Das liegt in der Hand des Schicksals. Wir müssen noch immer Istred finden.« Bei der Erwähnung dieses Namens verschwand Kalwens Lächeln aus seinem Gesicht. »Ach verdammt. Den hatte ich ganz vergessen.« Entaro nickte wissend. »Ich denke, da seid ihr nicht der einzige.« Mit diesen Worten wandte er sich an Ser Tarvain. Er hatte den Schinder sicher nicht vergessen…
Ein Schrei ertönte und ein Mann stolperte auf die Lichtung des Turms. Er wirkte gehetzt und warf immer wieder einen Blick über die Schulter, als ob er erwarten würde, dass ihm jemand auf den Fersen war. Doch niemand folgte. »Habt acht!«, rief der Mann und stolperte so lange voran, bis er auf der Lichtung zusammenbrach. Die Männer strömten herbei und umringten den Fremden, welcher sich bald schon als einer der Hexenjäger aus dem Gespann der Zwölf entpuppte. »Einer der Hexenjäger.« »Ist er tot?«, erkundigte sich einer der Krieger. Doch der Hexenjäger rappelte sich auf und fuchtelte mit seinem Schwert in der Luft herum, so dass die Männer sogleich einige Schritte zurückwichen. »Ich bin nicht tot, ihr Arschlöcher!« Er warf erneut einen Blick über die Schulter. »Aber wir sind bald alle tot!« Er deutete auf den Wald und manche der Männer folgten seiner Geste. Doch außer einigen dunklen, knorrigen Bäumen war dort nichts zu sehen. »Der Schinder! Wir sind ihm im Wald begegnet. Er hat uns aufgerieben, wie blutige Anfänger!«
Die Stimmung der Männer wandelte sich augenblicklich. Wo eben noch Sorglosigkeit, Besorgnis oder Belustigung versammelt hatten, war nun nur noch Anspannung und kriegerischer Ernst vorhanden. »Wo?«, verlangte Vicar zu erfahren, und setzte sich bereits seinen Helm auf. Die anderen Akadier taten es ihm gleich. Manche von ihnen wirkten noch eher wankelmütig oder gezeichnet. Gezeichnet von den Ereignissen im Turm. Doch dieses eine Wort. Schinder. Hatte ihre müden Lebensgeister geweckt. »Ich weiß es nicht genau. Da im Wald!« Da grunzte Vicar und seine Stimme wurde durch den blechernen Widerhall seltsam verzerrt. »Große Hexenjäger seid ihr. Wahrlich.« Der angesprochene rümpfte die Nase. Doch er sagte nichts weiter dazu. Entaro erkannte den Mann. Es war jener gewesen, welcher ihm vor einigen Tagen so seltsame Dinge gesagt hatte. Er versuchte angestrengt sich zu erinnern. Doch die Worte waren nur noch Schall und Rauch. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Ser Tarvain war inzwischen zu den Männern aufgeschlossen. »Wir werden ihn stellen.«, befahl er und zog sein Schwert. »Doch wir werden nicht in seine Falle laufen. Wir warten hier. Auf der Lichtung. Wenn er sich zeigt, wird das sein Untergang sein.« Ser Tarvain sah sich suchend um. »Bringt mir diese Hexenjägerin her. Sie soll ihre Waffe bereit machen. Und wenn sie sich ziert, dann…« Sein grimmiger Blick verharrte, wenn auch nur für einen kurzen Moment, auf Entaro, welcher auch schon sein Schwert gezogen hatte. »Sie wird kooperieren.«, antwortete der Bernsteinritter bestimmend und Ser Tarvain nickte zufrieden.
Er scharte die Männer um sich, während Entaro nach dieser Hexenjägerin suchte. Zweifellos musste sie sich unter den anderen befinden, derer die Akadier habhaft geworden waren. Entaro schritt zu jenem Baum, an welchem Ser Rodan lag. Der Anführer der Zwölf hob seinen Kopf, als der Drachenreiter sich schließlich näherte. »Ah. Der Drachenreiter beehrt mich mit seiner Gegenwart.« Entaro sah auf Ser Rodan herab, welcher keine Anstalten machte aufzustehen. Ser Rodan war zwar nicht gefesselt worden, doch es standen einige Akadier in seiner Nähe, welche stets bereit waren die Waffen gegen ihn zu richten, sollte er eine falsche Bewegung machen. Doch Entaro wusste, dass der Tumult, der bald folgen würde, dem Verräter eine Gelegenheit bieten würde, die Flucht zu ergreifen. »Wo ist eure Hexenjägerin?«, verlangte Entaro zu erfahren doch Ser Rodan zuckte nur mit den Schultern. »Irgendwo hier?«, antwortete er mürrisch und deutete, ohne eine konkrete Richtung zu meinen, hinter sich. Entaro seufzte. »Der Schinder kommt. Und dann werden wir ja sehen, wie es um euren Schneid bestellt ist, Ser Rodan.« Entaro wandte sich von dem Verräter ab, der Entaro nur mit mürrischen Blicken bedachte.
Als er schließlich Alenja fand, blieb er vor ihr stehen und legte seine Hand, in gewohnter Manier, an den Griff seines Schwertes. »Ser Tarvain schickt nach euch.« Die Hexenjägerin hob den Kopf, wie ihr Anführer es zuvor auch getan hatte und auf ihrem Mundwinkel war ein abweisendes Lächeln. »Der rote Tod soll sich doch ins Knie ficken!« Der Akadier, welcher dazu abkommandiert worden war, die Hexenjägerin im Auge zu behalten, trat an die Frau heran und versetzte ihr einen Tritt. Doch Entaro hob seine Hand und schalt sich weisend ein. »Lasst das, Soldat.« Der Akadier hob seinen Kopf, doch in seinem Blick war nur Ablehnung, auch wenn er Entaros indirekten Befehl schließlich befolgte. »Es wäre besser, er würde diese Worte nicht aus eurem Mund hören. Hexenjägerin.« Alenja spuckte verächtlich aus und stieß dann einen kurzen, scharfen Laut aus, der wie ein gewolltes Lachen klang. »Und was will dein Herr von mir, du Schoßhund?« Entaro knirschte mit den Zähnen und legte den Kopf schief. »Von euch nichts. Er braucht die Waffe, die ihr euer Eigen nennt. Und da nur ihr wisst wie sie funktioniert…« Da grinste Alenja breit. »So ist das also.« Entaro hielt ihrem trotzigen Blick stand. »Nun. Es obliegt euch, euren Dienst an Ser Tarvain zu verkaufen.« »Oh, das werde ich. Da kannst du Gift drauf nehmen.« Entaro ging schließlich vor der Frau in die Hocke. In einer fließenden Bewegung zog er seinen Dolch aus der Scheide und drückte ihn der Frau auf die Brust. »Ich würde euch dringend raten, eure vorlaute Zunge zu hüten. Hexenjägerin. Man ist immer nur so stark, wie die Freunde die man hat. Und aktuell sind alle eure Freunde geflohen oder in Gewahrsam.« Alenjas trotziger Blick wurde beinahe scharf wie stechende Flammen. Doch sie schwieg. Ihr Blick haftete sich auf die Klinge und dann hob sie wieder den Kopf und sah Entaro in die Augen. »Soll der Tod euch alle holen. Ihr Scheiß Akadier!« Sie spuckte erneut aus und Entaro seufzte. »Soldat?«, rief der Bernsteinritter und der Akadier rührte sich. »Schickt nach Frau Isaé. Diese Hexenjägerin soll ihr zeigen, wie die Waffe funktioniert. Sie wird die Waffe gegen den Schinder tragen« Der Akadier schlug sich auf die Brust und eilte davon und Alenja begann zu lachen. »Sie wird es nicht schaffen! Nur ich kann die Waffe…« Entaro verzog seinen Mundwinkel zu einer Grimasse. »Das werden wir noch sehen…«
Ränke des Schicksals ❖
12.04.2026 '18:53 [6.581 Wörter]
 anchmal nahmen die Dinge ihren Lauf, zunächst ganz leise und beinahe unmerklich wie ein Wetterumschwung, der sich lange ankündigte, bevor der erste Donner grollte. Isaé spürte es irgendwie, noch ehe es für sie greifbar wurde. In den Worten, die nicht ganz passten und in den unsicheren Blicken, die einen Herzschlag zu lange anhielten. Die Hexenjägerin konnte es regelrecht fühlen, wie es unter der Oberfläche zu gären begann. Und je klarer sie es erkannte wohin es führte, desto weniger konnte sie es aufhalten. Als Entaro sich erhoben hatte und eine ratlose und verunsicherte Isaé zurückgelassen hatte, blickte sie ihm lange nach bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Währenddessen begann sich in ihrem Kopf langsam ein Gedanke zu formen. Wie ein Schlag der sie aus heiterem Himmel traf und dieser Gedanke wurde zur Gewissheit: Entaro wich ihr aus. Er hatte die ganze Angelegenheit als bedeutungslos bezeichnet. Und dann hatte er sich zurückgezogen, war gegangen. So wie immer. Es war nicht immer offensichtlich, aber deutlich genug, dass man es nicht übersehen konnte, wenn man genau hinsah und es letzten Endes nicht übersehen wollte. Isaé presste die Lippen aufeinander. Das also war es. All das Gerede davon, dass er sie nicht zurückwies, sondern nur Zeit brauchte. Sie hatte es geglaubt. Natürlich, weil sie es hatte glauben wollen. Jetzt fühlte es sich anders an. Leer. Leere Worte, die gut klangen, aber nichts in sich trugen. Ihre Gedanken verwoben sich ineinander, suchten nach etwas, das Sinn ergab, und sie fand schließlich die schmerzliche Wahrheit. Seine Worte bedeuteten eigentlich nichts. Sie waren nur Höflichkeiten ohne Bedeutung. Seine Taten waren da schon anders. Und seine Taten sagten immer dasselbe. Zögern, Abstand, Rückzug, wo keiner hätte sein müssen. Vielleicht hatte sie sich geirrt. Nicht in ihm. Sie hielt ihn immer noch für den ehrbaren, aufrichten Menschen, der ihr auf dieser Reise ein so wertvoller Mensch geworden war, für den sie ihr Leben gäbe, wenn es anders nicht ging. Aber in dem, was sie in sein Verhalten hineininterpretiert hatte. Doch jetzt erkannte sie es in aller Klarheit: Er wagte nicht, es auszusprechen, dass er sie eigentlich gar nicht wollte. Also schob er es vor sich her, kleidete es in Vorsicht und Rücksicht, ließ es wie Bedacht wirken, obwohl es in Wahrheit nichts anderes war als ein Aufschub. Ein Weg, die Wahrheit nicht sagen zu müssen. Sogar erst vorhin noch hatte sie ihm diesen kurzen Kuss aufgezwungen, bevor er in den Turm gegangen war. Wie dumm war sie gewesen! Sie hätte es doch längst bemerken müssen. Allein die Unterschiede die auf ihrer gemeinsamen Reise so gut wie nicht existent gewesen waren, die sich aber plötzlich aufgetan hatten, seit sie bei Ser Tarvain Gäste gewesen waren. Entaro Adun war nicht einfach nur Entaro Adun, so wie sie einfach nur Isaé Edera war. Er war Ser Entaro d’Adun. Ein Ritter. Ein Bernsteinritter. Ein Mann von Adel. Sie hingegen war nur eine einfache Frau aus ärmsten Verhältnissen. Die Tochter eines Totengräbers. Das war schon ein ziemlich niedriger Stand. Nur noch schlimmer wäre es, die Tochter eines Geächteten zu sein, eines Bettlers, oder die Tochter einer Hure. Sie hatte ihren niedrigen Stand mit einer ebenso niedrigen Profession aufgewertet und war dennoch nur eine Hexenjägerin die ein gewisses Ansehen nur dann genoss, wenn sie sich als nützlich erwies. Wie konnte sie also annehmen, dass sich ein Mann von Adel mit einer wie sie einlassen wollte? Isaé runzelte unwillkürlich die Stirn und ließ den Blick sinken, sah für einen Moment auf die Flüsterholzpfeife in ihrer Hand, ohne es wirklich wahrzunehmen. Die Hexenjägerin hatte gar nicht bemerkt, wann sie die Flüsterholzpfeife wieder in die Hand genommen hatte. Erst als ihr Daumen über das glatte Holz strich, eine Art Geste, um sich selbst zu erden, wurde es ihr bewusst. Die Bewegung war vertraut, fast automatisch, als hätte ihr Körper längst gewusst was er wollte, während ihr Kopf noch damit beschäftigt gewesen war, die Worte auseinanderzunehmen, die Entaro gesprochen hatte. Sie starrte für einen Moment auf die Pfeife in ihrer Hand, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. Ein seltsames, hohles Gefühl breitete sich in ihr aus. Zu viel auf einmal. Zu viele Gedanken, die sich ineinander verhakten, sich drehten, keinen Halt fanden. Und darunter etwas anderes. Etwas, das sie nur zu gut kannte. Das Gefühl kam leise, wie eine Giftschlange die sich durch das Unterholz schlängelte. Dann wurde es stärker. Jenes verhängnisvolle Verlangen. Es war einfach da, schob sich zwischen alles andere und drängte sich in den Vordergrund, bis es nicht mehr zu übergehen war. Das Verlangen nach Feuermohn. Isaé schloss kurz die Augen, als könne sie damit jegliches Verlangen unterdrücken. Verdammt. Sie hatte doch damit aufgehört, schon eine ganze Woche, und sie war so verdammt stolz auf sich. Doch sie hatte nicht einfach so damit aufgehört. Nicht aus der Laune heraus, dass sie Ser Tarvain etwas hatte beweisen wollen. Nicht nur. Doch die bittere Wahrheit war eine ganz andere. Sie hatte es für Entaro getan. Weil sie wusste, wie er darüber dachte. Weil er nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass er dieses Zeug verabscheute. Und weil sie geglaubt hatte… nein, gehofft hatte, dass es einen Unterschied machte. Dass er sie anders sah, wenn sie es nicht mehr brauchte. Ein bitterer Zug legte sich in ihren Mundwinkel. Ihre Finger schlossen sich fester um die Pfeife. Jetzt, in diesem Moment war es ihr egal. Alles daran fühlte sich plötzlich egal an. Das Verlangen wurde stärker und stärker, kroch unter ihre Haut, machte sie unruhig und fahrig. Nervös begann sie in schnellen kurzen Bewegungen mit ihrem Bein auf und ab zu wippen. Ein einziger Gedanke drängte sich klar in ihr Bewusstsein. Sie wusste, wo es war. Es befand sich nicht in ihrem Besitz, nein, es war bei ihm. Isaé hob langsam den Kopf. Sie suchte mit schweifenden Blicken nach Entaro im Lager, konnte ihn aber nicht sehen. Sie atmete langsam ein, zwang sich, die Gedanken differenziert auseinanderzuhalten, sie nicht ineinander laufen zu lassen wie zuvor. Denn das hier war etwas anderes. Sie kannte dieses Verlangen, dieses Ziehen. Dieses leise Drängen, das sich erst anschlich und dann immer deutlicher wurde, bis es alles andere überlagerte. Es war nichts Neues. Nichts, das sie nicht schon unzählige Male gespürt hatte. Und doch fühlte es sich diesmal anders an. Stärker. Vielleicht, weil sie es so lange nicht mehr zugelassen hatte, und weil sie sich nun in einem emotional brüchigen Zustand befand. Wegen ihm. Isaé schloss erneut kurz die Augen und atmete tief ein. Sie musste stark bleiben. Nicht für ihn. Der Gedanke war trotzig, und sie hielt ihn fest. Nicht für ihn durfte sie stark bleiben. Sondern nur für sich selbst. Sie hatte in einer Woche mehr erreicht als in den letzten Jahren, wo sie jedem Verlangen nach Feuermohn einfach stumpf nachgegeben hatte, ohne darüber nachzudenken. Sie war nun nicht mehr nur in einem Dauerzustand der Betäubung. Sie hatte wieder Klarheit, sie spürte sich wieder selbst. Erfreuliches, wie auch Unerfreuliches. Aber das Leben bestand nun mal nicht nur aus schönen Dingen. Genauso wenig wie es nur aus Schmerz bestand. Das Leben war ein auf und ab und endlich hatte sie es geschafft, sich von der Geißel des Feuermohns loszusagen, wenn auch nicht zu befreien, denn das Verlangen war stets da. Es galt nur noch, die geistige Stärke zu bewahren, diesem Verlangen nicht mehr nachzugeben. Auch, wenn sie wegen Entaro aufgehört hatte mit dem Feuermohn, er durfte nicht der Grund sein, damit wieder zu beginnen! Sie konnte sich wieder spüren. Das war es, was zählte. Kein dumpfes Rauschen mehr in ihrem Kopf, kein Nebel, der alles gleich machte, alles glättete, bis nichts mehr wirklich schwer wog. Die Gedanken waren klar, manchmal zu klar, scharf genug, um zu schneiden, aber sie gehörten ihr. Alles daran gehörte ihr. Auch das hier. Isaé öffnete die Augen wieder, sah auf ihre Hand, die sich noch immer um die Flüsterholzpfeife geschlossen hatte, als wäre sie ein Anker. Sie musste dem nicht nachgeben. Nicht jetzt. Sie hatte es bis hierher geschafft. Das war mehr wert als ein einziger Moment der Schwäche. Langsam ließ sie den Atem wieder entweichen.
Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass ein Tumult im Lager losgebrochen war. Sie blickte, hinüber, aber konnte nicht wirklich ausmachen, was da los war. Und es dauerte nicht lange, da kam ein akadischer Soldat auf sie zugeeilt. „Hexenjägerin… Frau Isaé…“ verbesserte er sich. „Ser Adun schickt mich, euch zu holen!“ Isaé erhob sich langsam. „Was will er denn?“ erkundigte sie sich und der Soldat zuckte die Schultern „Er sagte, die Hexenjägerin solle euch zeigen, wie ihre Waffe funktioniert. Ihr sollt die Waffe gegen den Schinder führen.“ Isaé blickte den Mann verwirrt an. „Ich? Ich soll diese schwere Waffe gegen den Schinder führen?“ Der Soldat nickte „Das waren die Worte des Bernsteinritters.“ Isaé verstand überhaupt nichts mehr. Aber sie folgte dem Soldat, der sie schließlich an den Rand des Lagers brachte, wo die meisten des Hexenjägerdutzend herumlungerten oder vielmehr von akadischen Soldaten bewacht wurden. Isaé wurde von dem Soldaten zu Entaro gebracht, der bei Alenja stand. Alenja lümmelte lässig an einem der Bäume am Waldrand und sah alle an mit dem Blick der stets Verachtung ausdrückte. Sie trat näher, als der Soldat zur Seite wich und ihr den Weg freigab. Ihr Blick glitt zuerst zu Entaro, dann zu Alenja, und dann wieder zu Entaro. Isaé blickte ihn eindringlich aus ihren dunkelblauen Augen an und als sie ihn so ansah, drängte sich die bereits erlangte bittere Erkenntnis wieder auf: Er wollte sie nicht. Und sie wusste, dass sie das akzeptieren musste. Dass es keinen Sinn hatte, sich daran festzuhalten. Aber es fiel ihr schwer. So verflucht schwer, solange sie ihn vor der Nase hatte. Sie wollte sich beinahe selbst dafür ohrfeigen, dass das anscheinend gerade das einzige Problem war, das sie beschäftigte, und sie zwang sich, diese Gedanken beiseite zu schieben. Denn darum ging es in diesem Moment ja nicht. „Du hast nach mir geschickt“, sagte sie schließlich und sah Entaro direkt an. „Was ist los?“ Sie klang ruhig, aber in ihrem Blick lag ein Hauch von Irritation, der sich nicht ganz verbergen ließ. Die Worte des Soldaten hatten sich bereits festgesetzt, noch ehe sie überhaupt hier angekommen war. „Ich soll diese Waffe gegen den Schinder führen?“ Sie wandte sich um und vollführte einen Rundumblick, so als erwarte sie, dass der Schinder bereits hier im Lager war. Doch Entaro hatte kaum den Mund zur Erklärung geöffnet, da kam ihm Alenja zuvor. Ein scharfes, raues Auflachen erklang, und sie spuckte zur Seite aus. „So ist es!“ fuhr sie auf und richtete sich ein Stück auf. Ihr wilder Blick brannte sich förmlich in Isaé. „Er will, dass du meine Waffe führst. Gegen den Schinder.“ Ihre Stimme war voller Spott, aber darunter lag noch etwas anderes, was Isaé nicht benennen konnte. Sie wandte sich wieder Entaro zu. „Warum…“ begann sie, doch die Wildkatze die da immer noch unter dem Baum lümmelte, kam ihm wieder zuvor. „Weil ich mich geweigert habe, für den roten Bastard zu kämpfen.“ Der Soldat, der die Beleidigung seines Heerführers vernommen hatte und nicht dulden wollte, war schon im Begriff sich auf die Hexenjägerin zu stürzen, doch Entaro hielt ihn mit einer einzigen Bewegung in Schach. Isaé zog die Stirn leicht zusammen, ihr Blick wanderte kurz zu Entaro, als wollte sie eine Bestätigung, eine Einordnung, irgendetwas, das das Ganze in einen Zusammenhang setzte. Doch Alenja ließ ihr keine Zeit. Sie sprang jetzt auf die Beine und wetterte weiter. „Und jetzt denkt er sich wohl, er nimmt einfach dich“, fuhr sie fort, ihre Stimme wurde schärfer. „Als wäre das ein Messer, das man einfach weiterreicht, wenn man selbst keine Lust hat, es zu führen.“ Isaé hob leicht die Hand, eine kleine, beruhigende Geste, die jedoch nicht die gewünschte Wirkung erzielte. „Beruhige dich. Ich verstehe nur nicht…“ „Nein“, unterbrach Alenja sie sofort, mit einem harten Kopfschütteln. „Tust du natürlich nicht.“ Sie trat einen Schritt auf sie zu. „Weißt du überhaupt, was du da in der Hand halten sollst? Weißt du, was dieses Ding macht, wenn du es falsch führst?“ Isaé blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Erklär es mir“, erwiderte sie ruhig. Alenja stieß ein scharfes Lachen aus und warf dem Bernsteinritter einen vernichtenden Blick zu. „Natürlich erklär ich es dir“, sagte sie. „Das ist nichts, das man einfach jemand anderem in die Hand drückt. Du hast genau einen Moment und einen Versuch. Wenn du den verpasst, oder verkackst, bist du tot.“ Isaé schwieg einen Moment, ließ die Worte wirken und dann glitt ihr Blick noch einmal zu Entaro und dann atmete sie leise, aber geräuschvoll aus. „Lasst uns allein“, sagte sie schließlich, ohne die Stimme zu heben. Sie wandte den Kopf ein wenig in Entaros Richtung, dann zu dem Soldaten, der noch immer unweit stand. Es war kein Befehl, doch eine unmissverständliche Bitte. Ein kurzer Moment verging, in dem sich nichts rührte. Dann vollführte der Soldat eine Geste indem er seine Faust auf seine Brust schlug, dann trat er zurück und verschwand. Isaés Blick blieb noch einen Herzschlag länger auf Entaro liegen, bevor auch er sich zurückzog. Dann wandte sie sich wieder Alenja zu.
Diese hatte ihren Blick in den Rücken des Drachenreiters gebohrt, als könne sie ihn damit aufspießen. Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, setzte sich Alenja wieder auf den Waldboden und sah zu Isaé. Alenja hatte sich ein Stück aufgerichtet, genug, um Isaé direkt ansehen zu können. Trotz der Lage lag in ihrem Blick noch immer etwas Ungebrochenes, ein waches, beinahe spöttisches Funkeln, das nicht recht zu jemandem passen wollte, der sich eben noch einer Klinge gegenüber gesehen hatte. „Wie ein kleines Hündchen.“, sagte sie schließlich mit einem Hauch Spott, während ihr Blick Isaé ruhig musterte. Isaé verzog leicht das Gesicht, als hätte sie den Tonfall eher als die Worte wahrgenommen, und schüttelte den Kopf, ohne sich weiter darauf einzulassen. „Wie bitte?“ hakte sie nach, als hätte sie nicht ganz verstanden, was oder wen Alenja gemeint hatte. „Was meinst du?“ „Ich meine du bist wie ein abgerichteter Hund, der sofort angelaufen kommt, wenn sein Herr nach ihm ruft.“ Isaé blickte die Hexenjägerin irritiert an. „Wie kommst du auf eine solch unsinnige Idee? Ich bin niemandes Hund.“ Alenja ließ ein leises Schnauben hören, das mehr sagte als jede Antwort, und lehnte sich ein wenig zurück, als würde sie sich Zeit nehmen wollen. „Sieht anders aus“, meinte sie nach einem Moment und ließ den Blick nicht von Isaé ab. „Kaum ruft er, stehst du schon da.“ Isaé zuckte die Schultern und ging in die Hocke, um sich danach zu Alenja auf den Waldboden zu setzen. „Wenn einer deiner Freunde nach dir rufte oder schickte, würdest du da nicht auch kommen, ohne dich wie ein Hund zu fühlen?“ Alenja spuckte erneut zur Seite aus. „Sie sind meine Kameraden, aber ich würde nicht soweit gehen zu behaupten, dass es meine Freunde sind, du verstehst? Selbstverständlich würde ich nicht angelaufen kommen, wenn einer nach mir ruft oder schickt. Wenn einer was von mir möchte, dann soll er gefälligst zu mir kommen. Du verstehst den Unterschied?“ Isaé wollte noch etwas erwidern, spürte aber, wie wenig es bringen würde, sich darauf einzulassen, und ließ es stattdessen stehen. Ihr Blick blieb ruhig, auch wenn sie sich innerlich bereits fragte, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Alenja schien das zu merken. Ihr Blick glitt über Isaé, blieb einen Moment länger an ihrem Gesicht hängen, bevor sie wieder sprach. „Dein toller Bernsteinritter hat mir eben noch den Dolch an die Brust gesetzt, ganz ruhig, ganz überlegen, als müsste er mir zeigen, wo mein Platz ist.“ Sie beobachtete Isaé dabei ganz genau, während diese ihre Stirn leicht zusammenzog, nicht aus Empörung, sondern aus echter Irritation heraus „Was?“ „Was, was? So wie ich es sage, hat es sich zugetragen“, fuhr Alenja fort. Isaé schwieg einen Augenblick, während sie das Gehörte einordnete. Es passte nicht zu ihm. Nicht zu dem, was sie von ihm kannte, nicht zu dem, was sie selbst mit ihm erlebt hatte. Sie wollte Alenja nicht unterstellen, eine Lügnerin zu sein, doch sie konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen dass diese Behauptung wahr war. „Er wurde im Turm von Hera vergiftet“, sagte sie schließlich zögerlich. „Und er ist noch nicht wieder ganz bei sich. Dazu kommt die Situation…“ Sie ließ den Satz einen Moment offen, als suche sie selbst nach den richtigen Worten. „Er ist angespannt. Er hat überreagiert. Aber so ist er nicht.“ Alenja antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie Isaé an. Länger, und abschätzender. Es war kein offener Spott mehr in ihrem Blick, etwas anderes, das Isaé nicht einordnen konnte. Isaé hielt dem stand, zunächst ohne darüber nachzudenken, spürte dann aber, wie sich in ihr langsam eine innere Unruhe aufbaute. Schließlich neigte Alenja den Kopf ein wenig. „Du verteidigst ihn schon wieder“, stellte sie fest, ohne jede Schärfe. Isaé zuckte leicht mit der Schulter, als wäre es nichts weiter. „Ich stelle nur klar, wie…“ „Und schon wieder“, fiel Alenja ihr ins Wort, immer noch ruhig, beinahe beiläufig. Einen Moment lang blieb es still zwischen ihnen. Dann zog sich Alenjas Mundwinkel langsam nach oben, und sie begann breit zu grinsen. Als wäre es der selbstverständlichste Gedanke der Welt. „Du schläfst mit ihm, nicht wahr?“ Diese Frage traf Isaé vollkommen unvorbereitet. Sie blinzelte. „Was??“ Es war mehr ein Reflex als eine Antwort und Alenja ließ sich davon nicht beirren. Im Gegenteil. „Du hast mich schon verstanden“, fuhr sie fort, und jetzt lag wieder dieses raue, unverblümte in ihrer Stimme. „Ihr vögelt miteinander. Er pflügt deinen Acker um, du polierst ihm sein Schwert, er leckt dir nach akadischer Sitte deine Möse…“ Isaé wurde heiß. „Da-da-das… das...“ begann sie zu stottern „Das ist doch völliger Unsinn!“ Alenja schnaubte leise, ein Geräusch, das irgendwo zwischen Belustigung und Verachtung lag. „Unsinn“, wiederholte sie und musterte Isaé dabei unverhohlen. „So siehst du also aus, wenn es Unsinn ist?“ Isaé spürte, wie die Hitze ihr weiter ins Gesicht stieg, bis sie sich kaum noch sicher war, ob sie es überhaupt verbergen konnte. Sie wandte den Blick einen Moment ab, fing sich wieder, zwang sich zur Ruhe. „Du redest da von Dingen, die einfach nicht wahr sind“, sagte sie schließlich, fester jetzt, auch wenn ein Rest Unruhe in ihrer Stimme blieb. Alenja beugte sich näher, gerade genug, um ihr wieder direkt ins Gesicht sehen zu können. „Tue ich das?“ Ein kurzes Schweigen. Dann, mit einem schiefen, wissenden Lächeln sagte sie „Du verteidigst ihn bei jeder Gelegenheit und jetzt wirst du rot, als hätte ich dich bei etwas erwischt.“ Isaé presste die Lippen aufeinander. Alenja ließ ihr keine Zeit, sich zu sammeln. „Schon gut“, murmelte sie schließlich, fast schon zufrieden. „Du musst es ja nicht erzählen. Es ist nichts, was mich etwas angeht, und nichts, was ich wissen will.“ Isaé sah sie wieder an, diesmal mit einem Blick, der mehr sagte als jede Erwiderung. Doch die Röte wich nicht, und das machte alles nur schlimmer. Sie machte eine kleine, unwillkürliche Bewegung, als müsste sie Abstand zwischen sich und diese Frage bringen, und schüttelte den Kopf, nun fester. „Da gibt es auch nichts zu erzählen.“ Sie hörte selbst, dass ihre Stimme nicht ganz so ruhig klang, wie sie es beabsichtigt hatte, und das machte es nur schlimmer. Alenja sagte nichts dazu. Sie sah sie einfach an, ruhig, aufmerksam, und dieses stille, beinahe zufriedene Mustern verriet mehr als jede Antwort. Ein kaum merkliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Schon gut“, murmelte sie schließlich. „Is ja beinahe niedlich, wie du rot wirst“ grinste sie schließlich breit. „Genug davon“, sagte Isaé schließlich leiser, aber fest genug, dass kein Zweifel daran blieb, dass sie das Thema beenden wollte. Alenja sah sie noch einen Augenblick an, als würde sie abwägen, ob sie weiter nachsetzen sollte. Dann lehnte sie sich ein Stück zurück, und etwas in ihrem Blick veränderte sich. „Na gut“, murmelte sie. „Dann reden wir über etwas, das mich interessiert.“ Isaé hob leicht die Braue. „Das Flüsterholz. Ist das wirklich so, wie man sich erzählt?“, fuhr Alenja fort und musterte sie nun auf eine andere Art, wacher, neugieriger. „Du hörst, was es flüstert? Oder tust du nur so?“ Isaé hielt ihrem Blick stand. „Ich höre es.“ Ein kurzer Moment verging, dann zuckte sie leicht mit der Schulter. „Und ich verstehe, was es mir sagt.“ Alenjas Augen verengten sich ein wenig. „Und was sagt es dir gerade?“ „Dass du sehr neugierig bist“, erwiderte Isaé trocken, dann begann sie zu grinsen und ein kaum merkliches Lächeln huschte über Alenjas Gesicht. „Dazu braucht es kein Flüsterholz, um das zu behaupten.“ Sie neigte den Kopf ein wenig. Isaé schüttelte den Kopf „Es spricht nur, wenn in der unmittelbaren Nähe Magie wirkt. Sonst nicht. Aber offenbar verstehen es nicht viele. Ich kann dir auch nicht sagen, warum ich es höre, ich kann dir nur sagen, dass ich es tue.“ Alenja nickte „Flüsterer…“ raunte sie nachdenklich… „wenn du wirklich eine von denen bist…“ Ihr Mundwinkel hob sich. „…dann erklär ich dir mein Spielzeug.“ „Du willst wissen, ob ich eine Flüsterin bin?“, erwiderte sie ruhig. „Wie soll ich es dir zeigen, oder beweisen, wenn nur Flüsterer es hören und verstehen können?“ Alenja musterte sie einen Moment lang, dann zog sich ihr Mundwinkel langsam nach oben. „Du musst mir nichts beweisen. Entweder du bist es, oder ich merk, dass du lügst. So wie du bei deinem Akadier“ neckte Alenja sie erneut. Isaé zuckte leicht mit der Schulter „Dann besitzt du wohl keine gute Menschenkenntnis.“ Alenja hob ihre Augenbrauen „Sagt wer?“ „Sage ich. Ich… ich bin noch unberührt. Darum sind deine Behauptungen um den Bernsteinritter völliger Unsinn.“ Isaé spürte, wie sie errötete und schlug die Augen nieder während Alenjas Augen sich weiteten. „Scheisse… Du verarschst mich doch?“ Isaé schüttelte den Kopf. „Nein…“ „Oh, das isn Ding…“ entfuhr es Alenja. „Tschuldigung… ich wollte dich nicht…“ Isaé schüttelte den Kopf „Macht ja nichts…“ Isaé zog ihre Pfeife aus ihrer Tasche, zögerte nur einen Herzschlag, dann löste sie die Finger von der Flüsterholzpfeife und reichte sie Alenja. Alenja nahm sie. Langsamer, als man es von ihr erwartet hätte, fast vorsichtig, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass Isaé sie ihr tatsächlich überließ. Sie wog das Stück Holz in der Hand, ließ den Daumen über die Oberfläche gleiten, als wollte sie jede Kerbe, jede Unebenheit ertasten. „Das ist dein Flüsterholz?“ fragte sie ungläubig und Isaé nickte. Dann hob Alenja es an, drehte es zwischen den Fingern und führte es schließlich an die Nase. Ein kurzer Atemzug. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen. „Opium?“, fragte sie. Isaé nickte „Feuermohn.“ Alenja hob den Blick „Aha…“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu Isaé, und ließ die Pfeife einen Moment länger in ihrer Hand ruhen. Ihre Finger strichen noch einmal über das Holz. „Und das Holz flüstert wirklich?“ Isaé nickte leicht. „Ich muss es wohl glauben, oder nicht?“ Ein schiefes Lächeln zuckte über ihr Gesicht. Dann reichte sie Isaé das Flüsterholz zurück.
Alenja löste sich aus der Hocke und erhob sich. Isaé tat es ihr gleich. „Na gut“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf die Waffe. „Dann pass jetzt auf.“ Alenja griff nach ihrer Waffe die sie aus einem ähnlichen Ding wie eine Schwertscheide zog. Aus der Nähe wirkte diese Waffe noch eigenwilliger, als Isaé zunächst gedacht hatte. Zwei Armlange, nebeneinanderliegende Rohre, grob gearbeitetes Metall, ohne jede Verzierung. „Pass gut auf“, widerholte Alenja und drehte das Stück leicht in ihren Händen, sodass Isaé alles sehen konnte. Sie deutete mit dem Finger entlang der beiden Läufe. „Zwei Rohre. Zwei Schüsse, die gleichzeitig abgegeben werden. Hier vorne stopfst du rein, was du hast, eine kleine Eisenkugel wäre denkbar, Nägel, irgendein Schrott vom Schmied. Hauptsache irgendwas aus Eisen.“ Dann zeigte sie auf die Mechanik darüber, auf den kleinen, beweglichen Metallkopf. „Das Ding hier nenne ich Klöppel. Wenn du hier abdrückst, schlägt er auf das Rohr.“ Isaés Blick folgte der Bewegung. Alenja ließ den Daumen kurz über die Stelle gleiten, an der Metall auf Metall traf. „Dabei entsteht ein Funke“, fuhr sie fort. „Genug, um das Pulver zu entzünden.“ Sie tippte mit dem Finger gegen die Öffnung. „Was ist das für ein Pulver?“ fragte Isaé neugierig und Alenja zog einen Beutel hervor, ohne ihn zu öffnen. „Alchemisches Zeug. Ein Funke reicht.“ „Und wenn es zündet…“ Sie machte eine kleine, knappe Bewegung mit der Hand, als würde sie etwas nach vorn schleudern. „…dann fliegt raus, was du vorher reingestopft hast. So schnell, dass du es mit dem Auge kaum erfassen kannst. Das ist der Trick dabei. Kräfte, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen.“ Sie hob die Waffe ein Stück an, hielt sie so, dass Isaé die Linie erkennen konnte. „Du zielst wie mit einer Armbrust. Du triffst, weil du nah genug dran bist. Und je näher, desto größer die Zerstörungskraft.“ Isaé sagte nichts, nahm jedes Wort auf. Dann legte sie ihr schließlich die Waffe in die Hände. „Oh, das Ding ist ganz schön schwer, wie eine Armbrust. Das hätte ich nun nicht erwartet…“ hauchte Isaé ehrfürchtig. Alenja korrigierte Isaés Griff mit einer knappen, festen Bewegung. „So hältst du das. Und wirklich festhalten“, murmelte sie. „Sonst reißt dir die Wucht das Ding aus der Hand. Und du triffst nicht, oder nicht dein eigentliches Ziel.“ Ihre Finger lösten sich von dem Ding und sie überließ es Isaé völlig, aber ihr Blick blieb auf sie gerichtet. „Und überleg dir vorher, wann du worauf schießt. Denn wenn der Klöppel einmal fällt, hält es nichts mehr auf. Es ist in der Handhabung einer Armbrust gar nicht so unähnlich. Nur ein wenig pflegeaufwändiger. Die Rohre muss man nach jedem Benutzen innen reinigen. Dafür habe ich eine besondere Bürste.“
Alenja ließ die Waffe einen Moment in Isaés Händen, sah ihr dabei zu, wie sie sie hielt, wie sie sie betrachtete, wie sie damit umging, ohne sie dabei zu unterbrechen. Dann schnaubte sie leise und trat einen halben Schritt zurück, als hätte sie sich zu etwas entschieden. „Du stellst dich gar nicht so blöd an“ meinte Alenja und Isaé kam nicht umhin zu denken, dass das beinahe so etwas wie ein Kompliment sein könnte. „Ich verrat dir was“, fügte sie schließlich hinzu und verschränkte die Arme vor der Brust, der Blick fest auf Isaé gerichtet. „Der Schinder muss weg. So oder so. Aber deinem Bernsteinritter hab ich schon gesagt, er und der rote Tod, die können sich ins Knie ficken.“ Ein schiefes, trotziges Lächeln zog über ihr Gesicht. „Und das nehm ich nicht zurück. Ich hab schließlich auch meinen Stolz.“ Ihr Blick wurde wieder ernster, ruhiger. „Also bleibt’s an dir hängen.“ Isaé hob den Blick, sagte aber nichts. Alenja trat wieder ein Stück näher, langsam diesmal, und musterte sie auf eine Weise, die weniger spöttisch war als zuvor, mehr abwägend. „Ich will, dass du’s machst“, fuhr sie fort. „Nicht die anderen. Den Männern trau ich nicht. Die sind alle gleich, sobald’s drauf ankommt. Zu viel Macht, zu wenig Verstand.“ Ihr Blick glitt kurz zur Seite, dorthin, wo die anderen standen, und kehrte dann zu Isaé zurück. „Das heißt jetzt nicht, dass ich dir vertraue“, fügte sie hinzu, ruhiger, fast nüchtern. „Aber mehr als denen.“ Ein schmaler Zug legte sich um ihren Mund. „Und das muss reichen. Also sollten wir weg von der Theorie in die Praxis gehen. Ich zeig dir, wie man das Ding benutzt. Und danach liegt es an dir, den Schinder auszuschalten. Aber wenn die Sache erledigt ist, gibst du mir meine Waffe ohne Wenn und Aber zurück. Keine faulen Tricks. Haben wir uns verstanden?“ Sie blickte Isaé scharf an und verengte leicht die Augen. Isaé nickte. „Versprich es. Schwöre es. Auf alles was dir heilig ist.“ „Ich verspreche dir, bei meiner Ehre, dass ich dir deine Waffe zurückgebe, wenn der Schinder getötet wurde“ versprach Isaé. Alenja grunzte und nickte. „Gut. Das Puler ist sehr teuer. Glaub nicht, dass wir zehn Schüsse üben. Du kriegst einen Schuss um zu sehen wie das Ding zu handhaben und zu betätigen ist, klar? Der nächste Schuss muss schon den Schinder treffen. Und ich geb dir einen Tipp. Kopf, Hals, Brust. Am tödlichsten. Wenn man die Halsschlagader trifft, hast du im Prinzip schon gewonnen. Großes Gefäß, schier unmöglich, diese Blutung zu stillen. Aber als Hexenjägerin musst du ja wissen, wie man tötet, nicht wahr? Also sieh jetzt zu.“ Alenja griff nach dem Beutel an ihrem Gürtel, öffnete ihn und hielt ihn Isaé kurz hin, damit sie sehen konnte, was darin war. „Das Pulver“, erklärte sie. „Alchemisches. Kein billiger Dreck.“ Dann drehte sie die Waffe in Isaés Hand leicht und ließ eine kleine Menge davon in eines der Rohre rieseln. Die Bewegung war sicher, als hätte sie sie unzählige Male wiederholt und Isaé fragte sich, wie oft Alenja das Ding wohl schon benutzt hatte. „Aber nicht zu viel“, fügte sie hinzu. „Sonst reißt es dir das Ding auseinander oder es feuert völlig unkontrolliert aus den Rohren. Das ist sehr gefährlich!“ Isaé beobachtete jede ihrer Handbewegungen, versuchte, sie sich einzuprägen. Alenja griff nach ein paar kleinen Eisenstücken, die sie in einem anderen Beutel aufbewahrte. Sie waren grob, ungleichmäßig, scharfkantig, und ließ sie hinterher in den Lauf fallen. Ein reibendes Klirren, gedämpft vom Metall. „Irgendwas, was man hat“, sagte sie. „Nägel, Splitter, Kugeln. Ist egal.“ Dann nahm sie einen schmalen Stab, führte ihn in das Rohr und drückte alles mit einem kurzen, festen Stoß nach unten. „Fest sitzen muss es. Sonst bringt dir das alles nichts.“ Sie klopfte einmal gegen das Rohr, prüfend, dann zeigte sie auf die Zündung. „Und hier wird der Funke sein, wenn du das Ding erst einmal anschlägst “ Sie sah Isaé an. „Ab hier gibt’s kein Zurück mehr.“ Ein kurzer Moment verging, dann hielt sie ihr die Waffe wieder hin. „Jetzt du.“ Alenja ließ Isaé noch einen Moment mit der Waffe stehen, musterte sie ein letztes Mal, als würde sie abwägen, ob sie es ihr wirklich zutraute. „Komm mit!“ Sie machte ein paar Schritte, bis sie bei einem der Bäume am Rand der Lichtung stehen blieb, legte eine Hand an die raue Rinde und klopfte einmal mit der flachen Hand dagegen, als würde sie prüfen, ob er ihren Ansprüchen genügte. „Der hier tut’s.“ Ein schiefes Grinsen zog über ihr Gesicht, während sie sich halb zu Isaé umdrehte. „Außer natürlich, einer von den Scheiß Akadiern stellt sich freiwillig hin.“ Ihr Blick glitt kurz über die Männer in der Ferne, abschätzend, spöttisch. „Glaub ich aber nicht.“ Sie kicherte dreckig und trat einen Schritt zurück. „Also. Jetzt du.“, sagte sie und deutete mit dem Kinn darauf. „Zeig mir, was du kannst.“ Ihr Blick lag wieder fest auf Isaé, sie stellte sich mit breiten Beinen hin, verschränkte die Arme vor der Brust, aufmerksam, wach, bereit, jeden Fehler zu sehen.
Isaé folgte Alenjas Blick nur flüchtig, doch das Wort Akadier blieb hängen, erregte ihre Aufmerksamkeit mehr, als sie es gewollt hätte. Ihr Blick glitt über die Lichtung, suchte nicht bewusst und fand ihn doch sofort. Entaro stand ein Stück entfernt, das Schwert in der Hand, und zeigte einem jungen Soldaten eine Bewegung, einen Schwertstreich, langsam, ruhig und kontrolliert ausgeführt, mit dieser Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er ein hervorragender Schwertkämpfer war. Für einen Moment sah sie nur das. Dann schob sich ein anderes Bild in ihrem geistigen Auge dazwischen. Der Kampf gegen den Schinder, die Wucht, mit der er ihm standgehalten hatte, das kalte, klare Handeln, das sie damals noch aus der Distanz betrachtet hatte.Denn obwohl Entaro ein hervorragender Schwertkämpfer war, so hatte es dennoch nicht gereicht, um etwas gegen Istred auszurichten. Und genau das war der Grund warum sie nun hier stand. Und gleich darauf schob sich eine andere Szene vor ihr geistiges Auge. Im Turm. Sein Blick durch halb geschlossene Augen, kaum noch bei sich, der fremde Glanz darin, als würde er aus einer anderen Welt hinausblicken, und ihre Hände, die ihn festgehalten hatten, ihn zurückgeholt hatten, als er selbst nicht mehr dazu in der Lage gewesen war. Sie hatte ihn gerettet. Der Gedanke kam nicht laut, nicht triumphierend, sondern still, fast nüchtern und gerade deshalb traf er sie. Sie hatte ihn gerettet, den Drachenreiter. Und mit ihm den Drachen. War es nicht so? Warum hatte er sich bedankt, aber nichts weiter diesbezüglich gesagt? Ihre Schuld war beglichen. Ein Atemzug blieb ihr im Hals stecken. „Frei.“ Das Wort war kaum mehr als ein Hauch über ihre Lippen. Sie war frei.Konnte gehen, wohin sie wollte. Musste niemandem mehr folgen, niemandem mehr verpflichtet sein. Isaés Blick lag noch immer auf Entaro. Und plötzlich war da nichts mehr, was sie hielt. Nach dem heutigen nüchternen Gespräch und der Erkenntnis die sie erlangt hatte. Lieb und teuer, und trotzdem auf Distanz gehalten. Lieb und teuer, wie eine Schwester. Und das war, was wehtat. Sie wollte nicht wie eine Schwester für ihn sein. Sie hatte es gewollt, ohne es auszusprechen, hatte Schritte auf ihn zugemacht, vorsichtig, tastend, in dem Glauben, dass er es vielleicht erwidern würde. Aber er hatte es nie getan. Nur Worte gefunden, die sie auf Distanz halten sollten. Und sie wollte ja auch bei ihm bleiben. Nur… nicht so…nicht um jeden Preis… Ein leises, bitteres Aufatmen löste sich von ihren Lippen. „Verdammt…“ seufzte sie. „Was faselst du da?“ Alenjas Stimme riss sie zurück, scharf, ungeduldig. Isaé reagierte nicht sofort. Ihr Griff um die Waffe war lockerer geworden, kaum merklich, ihre Haltung nicht mehr so klar wie zuvor. Alenja schnaubte. „So wird das nichts.“ Sie trat näher, umrundete Isaé halb und stellte sich schräg hinter sie, ihr Blick glitt über ihre Haltung, über den Winkel der Waffe, über ihre Hände. „Du stehst da wie ein nasser Sack“, fuhr sie fort, rau, ohne Rücksicht. „Keine Haltung, keine Spannung.“ Ihre Hand schoss vor, packte Isaés Arm, zog ihn ruppig ein Stück höher. „Gerade halten“, murmelte sie und griff mit der anderen nach der Waffe, drückte sie in die richtige Linie. „Sonst triffst du nichts außer Luft. Und du sollst den Baum treffen. So wie du den Schinder treffen sollst!“ Isaé ließ es geschehen. Sie war mit ihren Gedanken wieder hier. Und doch nicht ganz. Isaé stand noch immer da, die Waffe in den Händen, den Blick längst wieder vor sich gerichtet, aber nicht wirklich auf das, was sie sah. Sie war hier. Und gleichzeitig nicht. „Verdammt, hör auf damit.“ Alenjas Stimme kam scharf von der Seite, ungeduldig, und riss an ihr, ohne sie ganz zurückzuholen. Isaé blinzelte. „Ich… Warum bist du nur so, Alenja? Es ist nicht nötig, so mit mir…“ „Du bist nicht bei der Sache“, schnitt Alenja ihr das Wort ab und trat näher, der Ton jetzt rauer, schärfer. „Und mit dem Ding in der Hand ist das ein verdammt schlechter Zeitpunkt dafür. Sei nicht so empfindlich, ich bin eben so. Und ich bin nicht hier, um dir Honig ums Maul zu schmieren, sondern dir zu zeigen wie du dem Schinder gegenübertreten sollst.“ Isaé zwang sich, den Griff fester zu nehmen, richtete die Waffe neu aus, so wie Alenja es ihr gezeigt hatte. Doch Alenja war schon hinter ihr, schräg, nah genug, dass Isaé ihre Präsenz spüren konnte, ohne sie zu sehen. „So nicht“, murmelte Alenja und griff nach ihrem Arm, zog ihn höher, fester, als nötig gewesen wäre. „Du hältst das Ding, als würdest du es gleich fallen lassen“ moserte sie. Isaé seufzte, spannte sich an, versuchte gegenzuhalten, die Haltung zu korrigieren, sich wieder in den Moment zu zwingen. Ihre Finger lagen noch immer am Klöppel. „Gerade“, fuhr Alenja fort und griff jetzt nach der Waffe selbst, drückte sie ein Stück zur Seite, richtete den Lauf neu aus. „Und hör auf zu denken, dass dir jemand dabei zusieht.“ Sie atmete geräuschvoll ein, eindrucksvoll ihre Genervtheit zur Schau zu stellen, wie Aelanja dies gerne tat. Dann, leiser, aber schärfer „Der da drüben interessiert sich gerade nicht für dich, kleine Jungfrau. Konzentrier dich auf das hier!“
Isaés Griff veränderte sich, kaum sichtbar, mehr ein Reflex als eine bewusste Bewegung. Ein kurzer Ruck ging durch ihre Arme, als sie versuchte, die Waffe so zu halten wie Alenja es ihr beinahe hundertmal gesagt hatte, aber die Waffe in ihren Armen wurde immer schwerer. Und Alenjas Hand war nun auch noch an der Waffe, und Isaé spürte, wie sie immer nervöser wurde, da sie offensichtlich nicht in der Lage war, Alenjas Erwartungen zu erfüllen. Alenjas Hand lag immer noch an der Waffe, fest genug, um sie zu führen, nicht fest genug, um sie ganz an sich zu reißen. Sie zog den Lauf ein Stück zur Seite, korrigierte den Winkel, brachte ihn tiefer, näher an sich, als sie es beabsichtigt hatte, einfach weil Isaé nicht gegenhielt, wie sie das sollte. Isaé spürte die Bewegung, dieses Ziehen, das nicht zu ihrer eigenen Haltung passte, und reagierte instinktiv darauf. Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff, ihr Arm spannte sich, nicht um zu widersprechen, sondern um die Kontrolle zurückzugewinnen, die ihr gerade entglitt. Für einen flüchtigen Moment arbeiteten sie gegeneinander. Nicht bewusst, nicht mit Absicht. Der Lauf drehte sich dabei ein Stück, kippte aus der Linie, kam näher an Alenja heran, als er sollte, während ihre Hand noch immer daran lag, ihn zurückzudrücken, ihn richtig auszurichten, ihn Isaé aufzuzwingen. „Nicht so! Du hast wirklich schon eine Armbrust in Händen gehalten?“ Isaés Finger lag noch immer am Klöppel. Nur ganz leicht. Doch als Alenja an ihrem Arm und somit auch an der Waffe zog, als sich die Waffe in ihren Händen verschob, als die Spannung in ihrem Arm nachgab, reichte dieser kleine Rest. Der Klöppel unter ihrem Finger gab nach. Metall schlug auf Metall. Ein Funke sprang. Und noch im selben Augenblick, in dem Alenja die Waffe fester an sich zog, um sie zu stabilisieren, zündete das Pulver. Der Knall brach los, roh und viel zu nah, riss die Luft zwischen ihnen auf, und die Ladung schlug aus dem Lauf, dorthin, wo sie in diesem einen falschen Moment stand. Alenjas Körper ruckte. Die Bewegung war klein, fast unscheinbar, als hätte sie jemand ruppig angerempelt. Dann wich die Spannung aus ihr und sie sackte zwischen der Rauchwolke, die alles einhüllte, zusammen. Ihre Hand löste sich von der Waffe. Isaé spürte sofort was das bedeutete. Und doch dauerte es einige Schocksekunden, bis sie wirklich begriff was passiert war. Der beißende Rauch verzog sich langsam, dünn und scharf, während der Knall noch in Isaés Ohren nachklang und alle anderen Geräusche verschluckte. Zu ihren Füßen reglos lag Alenja. Sie blutete aus mehreren Wunden in Gesicht, Hals, Brust. Alle Stellen, die sie ihr vorher genannt hatte, auf die sie beim Schinder zielen sollte. Isaés Herz dröhnte, etwas nahm ihr die Luft zum Atmen. Plötzlich Schritte. Stimmen. Bewegung. Sie kamen angerannt, einer nach dem anderen und Isaé wusste nicht einmal, wer zuerst da war. Alles verschwamm ineinander, Hände, Gesichter, Stimmen. „Was ist passiert?“ „Was habt ihr getan?“ „Bei allen Teufeln…“ Die Worte überschlugen sich, prallten an ihr ab, ohne wirklich anzukommen. Isaé stand noch immer dort, die Waffe in der Hand, den Blick auf etwas gerichtet, das sie nicht mehr sah, und in ihrem Kopf war nur dieses dumpfe Nachhallen, als hätte der Schuss alles andere daraus vertrieben. Alles klang weit entfernt und wie in Nebel gepackt. Sie blickte auf die Männer die gekommen waren, aber sie erkannte niemanden, da sich ihre Augen dick mit Tränen füllten und sie blind für alles machten. Jemand packte sie am Arm, riss leicht daran, vielleicht um sie zur Seite zu ziehen, vielleicht um sie überhaupt erst aus dieser Starre zu lösen. „Isaé!“ Sie erkannte die Stimme nicht, da es in ihren Ohren immer noch summte von dem Knall und der Schock über diese unerwartete Wendung sie handlungsunfähig machte. Die Hexenjägerin reagierte wie in Zeitlupe. „Ich habe nichts getan!“ rief sie. „Sie hat an der Waffe gerissen und dann ging das Ding einfach los! Ich wollte nicht, dass das passiert!“
Des Schinders Schwur ❖
17.04.2026 '22:40 [5.005 Wörter]
 enn du die Waffe nicht einsetzen wirst, glaubst du, der Schinder wird dich schonen?« Entaro sah die junge Frau an, welche ihn mit eiskalten Blicken anstarrte. Er hatte die Stimme gedämpft, so dass nur sie verstehen konnte. Und auch wenn es ihm sichtlich widerstrebte in der einfachen Sprache mit ihr zu sprechen, so hatte er bereits begriffen, dass Alenja eine immense Aversion gegen Adelige zu haben schien. »Um mich selbst, oder meine Gefährten zu schützen, würde ich sie einsetzen. Doch nicht für den roten Bastard!«, zischte Alenja und ihr Blick huschte dabei zu dem Akadier, welcher seinem Herrn so treu war, dass jedes noch so abfällige Wort über diesen ihn auf den Plan rief. Doch Entaro schüttelte nur den Kopf. »Der rote Tod…«, Er seufzte. »Du bist voller Hass und Zorn. Doch bist du blind für die Dinge, die um dich geschehen.« Da lachte Alenja herablassend. »Ich weiß genug, Bernsteinritter.« Entaro kräuselte die Lippen. »Wer ist Ser Rodan?« Alenja sah ihn daraufhin verwirrt an, wohl wegen des unerwarteten Themenwechsels. »Was hat…wieso nennt ihr alle ihn überhaupt Ser?« Ihr Blick verdunkelte sich merklich und man konnte merken, wie sie versuchte verstohlen in die Richtung ihres Anführers zu schielen. »Weil er eben dies ist. Ein Fahnenflüchtiger. Ein Verräter.« Da rümpfte Alenja die Nase. »In euren akadischen Augen ist doch jeder ein Verräter. Dabei seid es doch ihr, welche uns das Land gestohlen haben!« Da nickte Entaro. »Männer befolgen Befehle ihrer Herren. Du glaubst, du bist frei? Du bist genauso gebunden an die uralten Gesetze dieses Landes, wie jeder andere auch. Wenn du mir in die Augen schauen würdest und schwören, dass du noch nie einen Unschuldigen getötet hast, würde ich dich eine Lügnerin nennen.« Entaros Blick wurde dunkel und er starrte Alenja direkt in die Augen. Und sie hielt seinem Blick trotzig stand. Doch irgendwann schloss die die Augenlider. Sie würde behaupten, sie hätte nur geblinzelt. Doch Entaro lächelte dünn. »Und dein Ser Rodan. Anführer der berüchtigten Zwölf. Ist genau das, was du so sehr hasst.« Alenja schüttelte den Kopf. Doch die Worte ließen sich nicht mehr aufhalten. »Er ist Akadier!«
Alenja ballte ihre Faust und schlug damit auf den Waldboden. »Halts Maul! Ich will deine Lügen nicht hören!« Entaro zuckte mit den Achseln. »Man kann die Zeichen des Schicksals ignorieren und ihnen trotzen. Doch das macht sie nicht unsichtbar. Und wenn Isaé eintrifft, wirst du eine Entscheidung fällen. Du führst die Waffe selbst, oder lehrst sie wie sie zu gebrauchen ist.« Alenja schnaubte verächtlich. »Warum sie?« Entaro runzelte die Stirn doch er antwortete nicht sofort darauf. Alenja sah ihn herausfordernd an, als ob sie eine Antwort von ihm erwarten würde. »Warum sie?« Entaro seufzte. »Sie ist keine Akadierin. Sie ist kein Mann. Und sie ist von deiner Zunft.« Entaro erhob sich und zog den Dolch von Alenjas Brust. »Entscheide dich, Heißsporn.« Und damit hatte Entaro alles gesagt, was es zu sagen galt. Alenja hatte ihre Entscheidung gefällt. Und Entaro entfernte sich, um mit einigen Recken einige Übungen zu machen. Es diente mehr seiner eigenen Ablenkung, als den Kriegern noch etwas beibringen zu wollen. Was sollte es in dieser kurzen Zeit auch noch für einen Unterschied machen? Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er einen verstohlenen Blick zu den beiden Frauen warf. Alenja warf er misstrauische Blicke zu. Doch Isaé bedachte er mit gänzlich anderen. Man könnte sie neugierig nennen. Allenfalls sehnsüchtig. Doch die Worte, welche sie bereits miteinander gewechselt haben, hatten eine tiefere Kluft zwischen ihnen geschaffen. Entaro biss sich auf die Lippen. Warum war es nur so unnötig kompliziert? Er seufzte und in seinem Inneren wurde ein unterbewusster Kampf ausgetragen. Ein Kampf zwischen Vernunft und diesem Verlangen, welches in ihm immer stärker wurde. Seine Vernunft riet ihm, diese Stimmen zu ignorieren. Doch sein Herz sprach eine gänzlich andere Sprache. »Ser Adun!« Ein Recke riss Entaro aus den Gedanken. Der Krieger, mit welchem er geübt hatte, lag rücklings am Boden. Er hatte ihn zu Fall gebracht und die Klinge auf die Brust gesetzt. Gedankenverloren starrte er auf die Klinge und den erschrockenen Blick des Mannes, welcher unter ihm lag. Entaro zog sein Schwert zurück und trat einen Schritt zurück. »Verzeiht. Ich…ich habe mich ablenken lassen.« Er schloss die Augen und deutete eine knappe Verbeugung an. Dann reckte er dem Mann seine Hand entgegen um ihm auf die Beine zu helfen. Die Männer schwiegen und Entaro sah ihre strafenden Blicke. »Es ist die Anspannung. Istred…dieser Turm. Dieses ganze, verfluchte Land. Es kriecht in die Seele und nagt daran. Wie ein alter Lindwurm.« Die Männer nickten doch sie antworteten nicht darauf. Jeder hatte mit seinen inneren Ängsten und Dämonen zu kämpfen, seit sie in die Grenzlande gezogen waren. Vielleicht verstanden sie es. Vielleicht aber auch nicht. Als Bernsteinritter war er doch ein Mann des Ordens und des Glaubens. Ein Vorbild. Ein Leuchtfeuer.
Ein Knall zerriss die Luft. Rauchschwaden und der Geruch von verbrannter Luft und Erde erfüllte die Lichtung. »Alenja!«, brüllte eine frenetische Stimme. Aufregung und Emotionen ballten sich zusammen und es kam zu energischer Unruhe unter den Männern. Entaro warf den Kopf zur Seite und als die Rauchschwaden sich langsam auflösten lag Alenja am Boden und Isaé stand neben ihr mit der rauchenden Waffe in der Hand. Ihr Blick war entsetzt und abwesend. Als ob sie selbst nicht wahrhaben wollte, was hier geschehen war. »Alenja!!« Ser Rodan war von seinem Platz am Baum aufgesprungen und hatte die beiden Akadier, welche ihn bewacht hatten, rüde beiseite geworfen. Mit schnellen Schritten war er bei der jungen Frau angekommen und hatte sie in den Arm genommen. »Nein! Nein!«, rief er mit bebender Stimme und Entaro starrte so regungslos auf die Beiden, wie es auch Isaé tat. Die Tatsache, wie Ser Rodan auf Alenjas Schicksal reagierte, sickerte langsam in Entaros Bewusstsein, doch die Erkenntnis darüber blieb ihm verborgen. Achtlos ließ Isaé die rauchende Waffe auf den Boden fallen. Der Anführer der Zwölf, so stolz und unnahbar er sich all die Zeit gegeben hatte. Seine Maske war buchstäblich abgefallen und in seiner Stimme schwang nur Entsetzen, Trauer und ein anschwellender Zorn mit. Isaé näherte sich den Beiden doch Ser Rodan schlug ihre Hand zornig beiseite. »Verschwinde! Geh mir aus den Augen, oder ich schwöre, ich reiße dir das Herz aus der verdammten Brust, du…« Männer strömten herbei. Akadier, die übrigen der Zwölf und auch Ser Tarvain. Die Akadier stellten sich zwischen Isaé und den Anführer der Zwölf und versuchten die Eskalation der Situation zu entschärfen. »Was ist geschehen?«, verlangte der Heerführer zu erfahren und einer der Hexenjäger deutete mit klagendem Finger auf Isaé. »Eure Hexenjägerin hat Alenja abgeknallt! Wie einen dreckigen Hund!« Isaé hob verteidigend ihre Hände. »Nein, die Waffe ist einfach losgegangen!« beteuerte sie doch niemand wollte ihr glauben. »Ich glaube dir kein Wort du verlogenes Miststück!«, bellte Ser Rodan, während er begann die Kleidung aufzuschneiden, um die Wunde in Augenschein nehmen zu können. »Ihr wiegelt eine Hexenjägerin gegen uns auf, Ser Tarvain? Seid ihr nicht Manns genug, es selbst zu erledigen, Ser Adun? Das war ein stummer Befehl, den eure treue Hexe ausgeführt hat!« Er zerrte an Alenjas Riemen und Gurten, um sie zu lösen, während seine Worte wie Gift durch die Luft flossen.
Alenja atmete schwer und ihre Hände krampften sich in den Arm und die Kleidung des Anführers der Zwölf. »Ich…ich…« Sie hustete und mit jedem Wort, dass sie sprach, flogen feine Blutstropfen durch die Luft. »Sei still! Sprich nicht!«, befahl Ser Rodan und riss die zerfetzten Stoffe auseinander. Die Wunde war schwarz und roch nach verbranntem Fleisch. Doch der Ruß, welcher sich auf ihrer Haut und ihrer ganzen Kleidung abgelegt hatte, machte es schwer zu erkennen wo die Wunde anfing, und wo der Dreck aufhörte. Entaro war inzwischen auch herangeeilt und sein wachsamer Blick huschte über die Szene. Er sah die Männer, wie sie die aufgebrachten Hexenjäger unter Kontrolle bringen wollten. Die Männer hatten allesamt die Waffen gezogen. Säbel wurden gerasselt und auch nur ein falscher Stein, der ins Wanken geraten könnte, würde ein Blutbad zur Folge haben. »Ihr hetzt uns gegeneinander auf? Eine Hexenjägerin erledigt die Drecksarbeit für euch!«, brüllte einer der Zwölf. Ein anderer richtete seinen Finger auf Isaé und spie ihr seine Verachtung entgegen. »Verräterin! Akadische Hure!« Die Akadier hingegen ließen diese Worte nicht ungestraft im Raum stehen. Sie rotteten sich zusammen und bildeten einen Kreis um die Hexenjäger. Einer der Akadier stieß seinen Schild gegen den nächsten, stehenden Hexenjäger und drängte ihn dadurch zurück. Ein anderer trat mit seinem Stiefel, aber ins Leere. Die Hexenjäger handelten instinktiv. Sie stachen in die Luft. Schnitten durch die unsichtbare Barriere zwischen ihnen und den Akadiern. Es brodelte wie in einem Hexenkessel. Und nur ein falsches Wort würde ihn zum überkochen bringen. Noch waren sie zahlenmäßig überlegen. Auch wenn die Hexenjäger eigentlich ihre Gefangenen waren, so hatte die Situation sich völlig außer ihrer Kontrolle entzogen. Die Kalather hatten ihre Waffen. Und sie bauten förmlich eine Front gegen die Akadier auf. »Dreckspack!«, zischte einer der akadischen Krieger. »Ihr seid nur Abschaum, wie jeder aus Kalath!«, rief ein anderer und schlug mit seiner Axt gegen den Schild. Entaro sah zu Ser Rodan, welcher sichtlich bemüht war Alenja am Leben zu halten. Er sah Ser Tarvain, welcher mit einem kalten und stoischen Blick einfach nur beobachtende Blicke umherschweifen ließ, während er sich den verhärteten Fronten näherte. Und er sah Isaé. Welche völlig entgeistert dastand und die Männer, welche sie zur Seite zogen. Binnen weniger Augenblicke zuckten dutzende Gedanken durch Entaros Kopf. Doch er entschied sich. Er trat an Isaé heran und legte seine Hand auf den Arm eines Akadiers, welcher sie festgehalten hatte. »Lasst sie los.« Der Akadier zögerte und warf Ser Tarvain einen fragenden Blick zu. Der Heerführer nickte stumm und wandte sich wieder Ser Rodan und der verwundeten Alenja zu. »Mirou soll sie anschauen.« entschied der Heerführer und wandte sich ab, um den Ort zu verlassen. »Akadische Ehre! Wir stehen unter dem Schutz des akadischen Rechtes. Als eure Gefangenen. Wenn sie stirbt! Dann schwöre ich Rache!«, rief Ser Rodan und richtete zuerst seinen drohenden Finger auf Isaé, doch dann schwenkte er seinen Arm und deutete letzten Endes auf Ser Tarvain. Dieser hielt inne und starrte auf Ser Rodan und seinen drohenden Finger. »Ihr droht mir, Ser Rodan?« Der Anführer der Zwölf zitterte und seine Augen glühten vor Zorn, während er Ser Tarvains Blicken standhielt. Doch der rote Tod ließ sich davon nicht beirren. Er trat einen Schritt hervor und legte seine Hand auf den Griff seines Schwertes. »Ihr droht mir? Verräter von Rotenburg? Als Verräter stehen euch überhaupt keine Rechte zu!« Ser Rodans zornige Blicke wurden düsterer. Er wandte sich wieder der Frau zu, die schweren Atems danieder lag. »Wenn sie stirbt…« Ser Tarvain legte den Kopf schräg und warf der Frau einen flüchtigen Blick zu. »Sie lebt noch.«, stellte er fest. »Wollt ihr den seidenen Faden, an dem ihr Leben hängt mit leeren Drohungen vergeuden, Ser Rodan von Rotenburg?« Er ließ den Finger sinken. »Helft ihr!«, befahl Ser Rodan und seine Stimme wurde bebend. Fast flehend. Ser Tarvain trat entschlossen einen weiteren Schritt vor. »Ihr habt mir soeben noch gedroht, und nun erbittet ihr Hilfe, für diese Frau?« Ser Rodans Blick verdunkelte sich und er bleckte die Zähne. »Sie ist meine Tochter! Ein Vater sollte keines seiner Kinder überleben!«
Stille herrschte und die Männer starrten auf die Frau und auf den Verräter und nicht wenige Blicke lasteten auf Isaé, welche bereits von Entaro in Obhut genommen worden war. »Befehlt euren Männern die Waffen zu strecken. Dann lasse ich unseren Bader einen Blick auf die Wunde werfen, bevor ihr mit euren heidnischen Flüchen um euch werft!« Da lachte Ser Rodan bitter doch er nickte und hob seine Hand zum Zeichen, dass sein Gefolge sich unterwerfen sollte. Die Hexenjäger sahen zu ihrem Anführer und in ihren Blicken konnte man erkennen, dass sie diesen Befehl mehr als nur in Frage stellten. »Sie werden uns abschlachten!«, zischte einer der Männer und Ser Rodan schüttelte den Kopf. »Ser Tarvain ist ein sturer und stolzer Bock. Aber er hat sein Wort gegeben.« Da lachte der Hexenjäger abfällig. »Sein Wort. Das ist so viel Wert wie Hundescheiße am Schuh. Er…« »Schweig! Ich befehle, die Waffen zu strecken! Und du wirst gehorchen, Hadran!« Der Hexenjäger kniff die Augen zusammen aber schlussendlich leistete er dem Befehl Folge. Die Hexenjäger ließen ihre Waffen sinken und sogleich traten die Akadier hervor um die Hexenjäger voneinander zu isolieren. »Gut.« Tarvain nickte zufrieden. »Lasst Mirou jetzt seine Arbeit machen. Wir haben dringlichere Probleme. Der Schinder naht!« Ser Rodan nickte niedergeschlagen und ließ Mirou schließlich gewähren. Ser Tarvain warf Isaé einen kurzen Blick zu. Ein Bilck der alles Mögliche zu bedeuten haben mochte. Doch egal was man darin auch sehen mochte. Entaro konnte kein einziges Anzeichen von Groll darin sehen. Er sah Isaé direkt in die Augen und alles was er tat war ein kaum merkliches Nicken. Fast, als ob er ihr Mut zusprechen wollte. Oder gar eine stillschweigende Anerkennung? Und da wandte er sich schließlich ab.
Das Schicksal war grausam. Alenja hatte von Ser Tarvain den roten Bastard genannt. Sie hatte geflucht und sie hatte auf das Schicksal gespuckt. Und nun lag sie in ihrem Blut. Niedergestreckt von ihrer eigenen Waffe. Durch die Hand der Hexenjägerin, welche in seinen Diensten stand. Ser Tarvain kam nicht umhin die Tragik und zugleich die Komik an dieser Wendung des Schicksals zu bemerken. »Lasst den trauernden Vater bei seiner Tochter.«, befahl Tarvain und wandte sich dann wieder an seine Männer. »Stellung halten. Der Schinder kann jeden Moment kommen. Lasst euch nicht ablenken!«
Entaro legte beide Hände auf Isaés Schulter und sah ihr dann tief in die Augen, in welchen sich schon einige Tränen gesammelt hatten. »Was ist geschehen?« Isaés Stimme bebte und sie deutete auf die Waffe, aus welcher noch immer eine dünne, schwarze Rauchfahne aufstieg. »Sie hat in die Waffe gegriffen. Der Schuss hat sich einfach gelöst!« Entaro nickte und seine Blicke folgten ihrer ausgestreckten Hand. Ein weiterer Akadier gestellte sich zu Isaé und legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Die Hexenjäger werden Rache üben wollen.« Entaro nickte. »Wenn du mich fragst, ists um die nicht schade.« »Es hat euch aber niemand gefragt.«, herrschte Entaro den Krieger an, welcher daraufhin einen mürrischen Blick auf den Bernsteinritter warf. »Das sind alles verlogene und ehrenlose Bastarde. Die Fotze hat bekommen, was sie verdient. Hätte schon lange über die Klinge springen müssen.« Der Akadier fuhr sich dabei, in einer unverhohlenen Geste, mit ausgestrecktem Zeigefinger über den Hals. »Die sind nur Abschaum. Wie jeder Kalather! Diese kleine Ratte hat nur bekommen was sie verdient.« Entaro legte dem Mann die Hand auf die Schulter und sah ihn mit einem eisernen Blick an. »Ihr solltet besser schweigen, Krieger.« Der Akadier verzog eine Grimasse und wandte sich dann schließlich ab, um sich zu seinen Kameraden zu gesellen
Die Hexenjäger waren vorerst in Schach gehalten. Doch das war keine dauerhafte Lösung. Das wusste Entaro. Es war nur ein Deckel auf einem Topf mit kochendem Wasser. Früher oder später würde der Konflikt erneut ausbrechen. Und sie würden Isaé zum Sündenbock abstempeln, oder als Streitgrund missbrauchen, um ihre Ansprüche zu untermauern. »Isaé.« Entaro räusperte sich. »Ich kann nicht sagen, was nun geschehen wird. Aber Ser Tarvain muss handeln. Er wird dich bestrafen müssen. Nicht aus Rache. Sondern weil es das Gesetz verlangt. Die Zwölf sind unsere Gefangenen gewesen. Und du hast deinen Wert bewiesen…« Er lächelte dünn. »Du hast uns allen das Leben gerettet. Sogar den Hexenjägern. Und mir…« Er seufzte schwer und sein Blick wanderte in die Schatten des Waldes. »Das Band…der Schwur. Du hast deine Lebensschuld bezahlt. Du…du bist nicht länger an den Drachen gebunden. Ich…« Entaro zog sie etwas näher an sich heran und raunte ihr die folgenden Worte so leise ins Ohr, dass nur sie diese hören konnte. »Wenn du gehen willst, dann jetzt. Ich werde dir folgen und dir zur Seite stehen. Das habe ich geschworen.« Er hielt einen Moment lang inne. Genug dass man den Atem der beiden hören konnte. »Aber nicht nur, weil ich es dir geschworen habe. Sondern auch, weil ich…« Er stockte. Die Worte lagen ihm auf der Zunge. Doch er wagte es sie nicht auszusprechen. Es war weder der Rechte Ort noch die rechte Zeit. »Weil du?«, hakte Isaé nach und sah Entaro mit wechselhaften Blicken an.
Doch er kam nicht mehr dazu, die Worte, die schon so lange unausgesprochen waren und inzwischen förmlich wie ein Fluch zwischen ihnen hingen auszusprechen. Es kam Unruhe in die Männer. »Alenja lebt. So irgendwie.« Mirou wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Er hatte es, wie durch ein Wunder, geschafft die Blutungen zum Versiegen zu bringen. »Die Waffe hat sie zum Glück nicht voll erwischt.« Ser Rodan warf dem Bader einen kritischen Blick zu. Das er dem Wort eines akadischen Heilers nicht gänzlich vertraute, lag klar auf der Hand. Man musste kein Meister der Gesichtslesung sein, um dies in seinem Blick zu erkennen. »Aber wird sie die Nacht überleben?«, hakte Ser Rodan nach und Mirou zuckte nur mit den Schultern. »Das liegt in Daereans Händen.« Da spuckte der Anführer der Zwölf verächtlich auf den Boden. »Daerean! Pha! Hier, in Kalath gibt es keinen Daerean! Er hat hier keine Macht und das Leben meiner Tochter liegt bestimmt nicht in den Händen eines abwesenden Gottes, der sich nicht um die Menschen schert!« Mirou seufzte doch er sagte nichts dazu. »Wenn ihr mich entschuldigen würdet?«, Mirou erhob sich und warf Alenja einen letzten, müden Blick zu. »Wir sollten uns verpissen.«, zischte Hadran. »Jetzt, bevor der rote Teufel seine Meinung ändert. Oder bevor der verdammte Schinder aufkreuzt.« Ser Rodan schüttelte grimmig den Kopf. »Nein. Ich will, dass dieses Miststück dafür büßt! Ich fordere Sühne!« Er erhob sich und seine Stimme schallte über die Lichtung. »Ich verlange das Recht des Bernsteins!« Ser Tarvain hob den Blick und sah den wütenden Mann gleichgültig an. »Ihr verlangt einen Brauch, der nur Akadiern zusteht.« Da lachte Ser Rodan und es mischte sich ein frenetischer Ton der Verzweiflung hinein. Sein Blick kreuzte den seiner Offiziere. Jene Männer, welche über seine wahre Abstammung wussten. Als ob er ihre Meinung erbeten würde und sie es erkannten. Sie nickten. Stumm. Zustimmend. Die Axt war gefallen. Es gab keinen Grund mehr es unnötig zu verheimlichen oder zu leugnen. Sie alle hatten nur geschwiegen um die Identität ihres Anführers zu schützen. Doch nun wusste ohnehin schon jeder wer er war. »Ich bin Akadier!«, brüllte Ser Rodan wütend und die Hexenjäger hinter ihm wirkten nun merklich unruhiger. »Ich fordere…« »Ihr seid ein Verräter! Ihr habt kein Anrecht darauf!« herrschte Ser Tarvain und legte demonstrativ seine Hand auf den Schwertgriff.
»Mit Verlaub…«, erhob Kalwen seine Stimme und trat zwischen die Meute. Er hob seine linke Hand, als ob er über die Macht verfügen könnte, sie alle zum Schweigen zu bringen. »Ich kenne das Recht des Bernsteins nicht. Doch wer nach einem Unfall gleich nach dem Strick ruft, taugt weder zum Richter noch zum Henker.« Da rümpfte Ser Rodan die Nase und einer seiner Recken trat aus seinem Schatten hervor. »Kalwen von Niefurt. Deine Worte sind unbedeutend! Verpiss dich wieder zurück in das Loch aus dem du gekrochen kamst!« Kalwen indes wandte sich an Ser Tarvain, und ließ dabei seine Hand sinken. »Ihr wolltet mir den Kopf abschlagen lassen. Und Isaé hat für mich gebürgt. Isaé ist die ehrbarste Frau, welcher ich je begegnet bin. Sie hat dies niemals mit Absicht getan!« Er ließ seine Blicke durch die Menge schweifen und wandte sich dann wieder an Isaé. »Wenn sie sagt, es war keine Absicht, dann glaube ich ihr.« Da zischte einer der Zwölf. »Pff. Was dein Wort ist, wissen wir alle. Kalwen von Niefurt! Du schlägst dich auf die Seite von Akadiern? Du bist ein Verräter.« Da lächelte Kalwen dünn. »Und ihr folgt einem akadischen Verräter blind wie Narren in der Nacht.«
Ein Lachen drang über die Lichtung. Ein tiefes, höhnendes Lachen. »Da stehen sie und schlottern wie Espenlaub im klirrenden Winter. Scheißen sich förmlich in die Hose.« Wieder dieses höhnende, tiefe Lachen, welches scheinbar aus allen Richtungen gleichzeitig zu dröhnen schien. »Und dann erledigen sie sich einfach gegenseitig. Wollen sich alle gegenseitig die Schädel einschlagen« Ein Schatten huschte durch den Wald und die Blätter raschelten, als ob ein Wind sie berührt hätte. »Dort! Der Schinder!«, rief einer der Akadier und die Männer rotteten sich zum Schildwall zusammen. Selbst die Hexenjäger, welche am liebsten jeden Akadier massakrieren würden, rückten zusammen, um sich gegen den Schinder zu wappnen. Doch niemand trat auf die Lichtung. Die Worte verhallten und dann wurde es wieder still. Ein einsamer Windhauch fegte über die Lichtung und trug ein dumpfes Grollen hinter sich her. »Narren.« Wieder dieses Lachen. Und da trat ein Mann auf die Lichtung. Das Schwert lässig auf die Schulter gelehnt. Istred der Schinder.

Armbrustbolzen flogen durch die Luft. Doch der Schinder trat wieder zurück in den Wald und die Bolzen trafen nur ins Leere. Er war wie ein Schatten. Er schien hier und dort, wie ein Geist. Niemand konnte ihn wirklich sehen und doch war er scheinbar überall. »Was geschieht hier?«, herrschte Ser Tarvain und rief die Männer zur Ordnung. »Lasst euch nicht in die Irre führen! Niemand folgt ihm in den Wald. Wir warten, bis er sich zeigt!« Die Männer hielten die Stellung und Ser Tarvain sah sich in einer sehr unangenehmen Zwickmühle. Zum einen musste er seine Truppen auf den bevorstehenden Kampf formieren. Und dann waren da noch die Hexenjäger, die sich mehr und mehr seiner Kontrolle entzogen. Doch er konnte nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen. Aber den Verräter, dessen er bereits habhaft gewesen war, einfach ziehen zu lassen, das widersprach seinem Gefühl von Pflicht, Recht und Ehre. Und so standen die Männer da und hielten förmlich den Atem an. Bereit auf den Hammer, der jeden Moment auf ihren Schildwall donnern würde. Doch Istred blieb im Verborgenen. Kein Laut war zu vernehmen. Kein Lachen. Kein Knacken und kein Flüstern im Wind. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm wurde schier unerträglich und die Männer wurden von einer schwelenden Unruhe ergriffen. »Jeder für sich, sterben wir alle.«, murmelte Golren. Einer der Hexenjäger. Ser Rodan nickte zustimmend. »Ich habe nicht vor mit den Akadiern zu sterben.« blaffte Hadran und verstärkte den Griff um seine Waffe, so dass die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. »Jeder für sich. Wir werden alle irgendwann sterben.«, antwortete Rodan und nickte in die Richtung, in welcher der Schatten des Turmes auf die Lichtung fiel. »Die Hexe liegt noch im Turm. Wir gehen nicht mit leeren Händen. Und wir gehen nicht ohne Vergeltung.« Hadran spuckte auf den Boden. »Scheiß auf deine Rache. Wir werden alle draufgehen, wenn der verdammte Bastard aus dem Wald kommt.« Ser Rodan fuhr herum. »Halts Maul Hadran. Halte dich an meine Worte, und keiner von uns wird heute mehr sterben.« Hadran verzog mürrisch das Gesicht doch er schlug die Augen nieder und nickte stumm. Als Zeichen , dass er den Befehl akzeptierte.
Ser Tarvain schob sich durch die Reihen seiner Krieger. Ein Dutzend Breschenbrecher folgte ihm und schirmten ihren Herrn zugleich vor jeder drohenden Gefahr ab. »Wenn der Schinder kommt…«, erhob der Heerführer und deutete auf eine unbestimmte Stelle am Waldesrand. »Dann wird er nicht unterscheiden zwischen Hexenjägern und Akadiern.« Da nickte Ser Rodan. »Da mögt ihr wohl Recht behalten, Ser Tarvain. Doch nun wurden die Karten neu gemischt. Wir sind nicht mehr eure Gefangenen.« Er lächelte dünn und schnippte mit den Fingern. Zwei seiner Untergebenen halfen Aljena auf die Beine und stützten sie, so dass sie mehr schlecht als recht getragen werden konnte. »Ihr werdet sterben.« stellte Ser Tarvain trocken fest. »Durch die Hand des Schinders. Oder durch die meine.« Da lächelte Ser Rodan trocken. »Ihr wollt die Klinge eines Verräters ausschlagen, nur eures Stolzes wegen?« Ser Tarvain zuckte nicht einmal mit der Wimper, als die Breschenbrecher, wie auf einen stummen Befehl hin, ihre Waffen zogen. Oh, er hatte sehr wohl die versteckte Andeutung verstanden, welche der Verräter ihm soeben unterbreitet hatte. Auch wenn er wusste, dass jede Klinge ihr Gewicht in Gold wert war, so lag in diesem Angebot nichts anderes als das Wort eines Verräters. »Ihr spielt ein gefährliches Spiel, Verräter von Rotenburg.« Da lachte Ser Rodan müde. »Ich reiche euch meine Hand, Ser Tarvain. Wir kämpfen. Seite an Seite.« Ser Tarvain sah auf die ausgestreckte Hand herunter und bedachte Ser Rodan dann mit einem misstrauischen Blick. »Ihr glaubt, wir vertrauen einem Verräter wie euch?« Da zuckte Rodan mit den Achseln. »Bleibt euch denn eine andere Wahl? Ohne unsere Klingen seid ihr zu wenig Männer.« Ser Tarvain knirschte mit den Zähnen. Welches Spiel, trieb dieser Hund hier? Er hatte gerade nach dem Recht des Richters gerufen. Und nun bot er ihm einen stillen Waffenstillstand an? Und das, obwohl er eigentlich sein Gefangener war. Die Situation war völlig aus dem Ruder gelaufen und Ser Tarvain verfluchte diesen Schinder innerlich. Er allein trug die Schuld an diesem Chaos. Ohne sein Auftreten würden Rodan und seine Männer in Ketten liegen. Aber gleichwohl sehnte sich Ser Tarvain nach dem Kampf mit dem Schinder. Er war der letzte der Drei. Der letzte der Mörder seiner Frau, die er schon seit über zehn Jahren erbittert verfolgte. Das Ziel war zum Greifen nahe. Hier galt es nur noch zwischen Gift und Galle zu wählen. Welches Übel war das Geringere? Und welcher Verrat wog schwerer? Der Verrat, eines Verräters? Oder der Verrat an seinen eigenen Prinzipien? Es war ihm sichtlich anzusehen, dass dieser Pakt mit dem Teufel ihm gehörig gegen den Strich ging. »Glaubt nicht, dass ihr euch auf diese Weise freikaufen könnt. Ihr seid ein Verräter und werdet als solcher vor Gericht gestellt.« Da lächelte Ser Rodan dünn. »Nun, das werden wir ja noch sehen, nicht wahr?« Ser Tarvain nickte. »Das werden wir« Er ergriff Ser Rodans Hand, und jede noch so kleine Bewegung wurde von den Breschenbrechern mit vernichtenden, kalten Blicken beobachtet. Würde auch nur einer der Hexenjäger schief dreinschauen, würden sie jeden einzelnen von ihnen niedermachen. Doch die Männer hielten an sich. Die Anführer reichten einander die Hände und der dünne, brüchige Vertrag war besiegelt. Für die Dauer des Kampfes, standen sie nun auf derselben Seite.
Doch niemand vertraute dem Mann neben sich. Akadier hatten den Schinder vor sich im Wald, und die Hexenjäger im eigenen Rücken. Jeder wusste, dass dies ein Gang auf Messers Schneide war. Allen voran Ser Tarvain. Der stille Frieden beruhte auf brüchigem Vertrauen, Argwohn und einem Jahrhunderte alten Hass zwischen Kalath und Akadien. Niemand auf dieser Welt hatte die Macht dieses Misstrauen und diesen Argwohn an nur einem Tag zu durchbrechen. Und schon gar nicht unter solchen Umständen.
Die Hexenjäger verstreuten sich. Mischten sich hier und da unter die Akadier um ihre Linien zu verstärken. »Zeig dich, Schinder! Wir haben keine Angst vor dir!«, bellte Hadran lauthals und spuckte auf den Boden. Doch der Schinder schwieg. »Er hat sich verpisst, sag ich euch. Der is längst weg und springt uns irgendwann in den Rücken.« Als ob die Worte ein unheilschwangeres Omen in sich trugen, regten sich eine Handvoll Männer und warf misstrauische Blicke über die Schultern. Doch dort war niemand. Nur Ser Entaro Adun. Die Hexenjägerin Isaé Edera. Und zwei weitere Akadier, welche die Hexenjägerin flankierten. Ein Knacken ertönte, wie altes, morsches Holz, dass unter schweren Stiefeln nachgab. Ein Lachen. Und das Schaben von Stahl auf Stein. Der Schinder trat aus dem Schutz des Waldes und hob seine Hand. Er deutete auf die Akadier. Und jeder von ihnen glaubte, dass er genau ihn meinte. Er winkte in einer herausfordernden Geste und forderte sie auf, zu ihm zu kommen. Doch Ser Tarvain hielt die Reihen zusammen. »Stellung halten!«, befahl der rote Tod und die Männer hielten stand. »Armbrüste spannen!« Ein Schuss löste sich. Einer der Akadier hatte seine Armbrust bereits abgefeuert, noch bevor Tarvain den Befehl dazu gegeben hatte. Der Heerführer herrschte die Männer an. »Halten!« Der Bolzen flog surrend durch die Luft, direkt auf den Schinder hinzu. Doch dieser schlug den Bolzen mit seinem Schwert beiseite. Zitternd bohrte sich die stählerne Spitze des Bolzens in den nächsten Baum und der Schinder sprang hervor. »Feuer!«, befahl Ser Tarvain. »Jetzt!«, brüllte Ser Rodan. Und auf den Ruf hin, zerstoben die Hexenjäger. Zwei von ihnen rempelten die Akadier an und Hadran drängte Entaro ab. Binnen weniger Augenblicke hatten sie Isaé von den übrigen Akadiern isoliert und Ser Rodan trat energisch hervor und packte die junge Frau rüde am Arm. »Ihr kommt jetzt mit uns, Weib.« Er zerrte Isaé mit sich. Das heillose Chaos entbrannte vollends. Die Akadier hoben ihren Schildwall gegen den Schinder. Die Armbrustbolzen flogen unkontrolliert durch die Luft. Die Hexenjäger stürmten zurück in den dunklen Turm. Und Ser Tarvain sah all diese Dinge zugleich, als ob sie simultan vor seinem geistigen Auge ablaufen würden. Die Zwölf brachten Alenja und Isaé hinein und verschanzten sich hinter der einzigen Tür, welche den Zugang zum Turm bildeten. Und auf der anderen Seite schlug das Schwert des Schinders in den Schildwall der Akadier. »Rodaaaan! Du verräterischer Bastard!«, brüllte Ser Tarvain mit der Wut von tausend Jahren Feindschaft in der Stimme.
Entaro trat Hadran sein Knie in den Bauch. Der Hexenjäger keuchte und trat einen Schritt zurück. Entaro wollte Ser Rodan nachstellen, doch Hadran gab sich nicht geschlagen. Er stellte sich Entaro in den Weg, welcher nur hilflos zusehen konnte, wie Isaé verschleppt wurde. »Isaé!«, rief der Bernsteinritter und ein dunkler Schatten legte sich auf sein Gesicht. Hadran spuckte erneut aus. »Ich sagte es euch. Wisst ihr noch? Die Worte, die ich sprach, Bernsteinritter?« Hadran lächelte schief und man konnte sehen, dass ihm einer der Schneidezähne fehlte. »Ein weiteres Wort, Ehrloser. Und ich…« »Oder was?«, hakte Hadran herausfordernd nach. Entaro hob sein Schwert und Hadran hielt dagegen. Doch Entaro richtete die Klinge nicht gegen den Hexenjäger. Stattdessen wandte er den Griff im Schwung und hebelte dem Hexenjäger in einer geschickten Drehung die Waffe aus der Hand. Der Schwertgriff donnerte krachend in Hadrans Gesicht. Ein Geräusch von brechenden Knochen erklang und der Hexenjäger heulte schmerzerfüllt auf. »Oder ich schlage euch jeden einzelnen eurer Zähne aus.« Hadran grinste verzweifelt. Seine Mundhöhle offenbarte eine Reihe abgebrochener Zähne. Er erkannte, dass er nichts anderes als ein Bauernopfer war.
Der Rachedurst eines Vaters ❖
22.04.2026 '13:48 [5.000 Wörter]
 er Lärm rollte wie eine Welle und der Schildwall der Akadier ächzte unter dem Ansturm des Schinders, als sein Schwert auf den Schildwall traf. Rufe, der Lärm von Metall, das gegen Metall schlug, und dazwischen ein tiefes, unheilvolles Grollen, das aus diesem riesigen seltsamen Mannes, der wie ein Ungeheuer war, drang. All das verwoben zu einem Klang, der keinem Mann Raum ließ für einen klaren Gedanken. Isaé wandte gerade den Kopf, um sich ein Bild zu verschaffen, da traf es sie. Sie hatte es nicht kommen sehen, dass sie die Hexenjägerin aus der Nähe Entaros gedrängt hatten, da schloss sich Ser Rodans Hand um ihren Arm, hart, unerwartet und riss sie aus dem Gleichgewicht, ehe sie begriff, was geschah. Dann fuhr sie herum, riss sich im selben Zug los, so gut es ging, und schlug ihm gegen die Brust, nicht um ihn aufzuhalten, sondern aus reinem, instinktivem Widerstand. „Was tust du…“ rief sie, der Rest ihrer Worte ging im Lärm unter. Doch Rodan ließ sich davon nicht beirren. Sein Griff fand sie erneut, fester jetzt, unerbittlich, und sie spürte die Kraft dahinter, spürte, dass sie ihm in dieser Bewegung nichts entgegensetzen konnte. Dennoch stemmte sie sich dagegen, drückte die Füße hart in den Boden und wand sich, als wollte sie ihm zumindest den Schritt erschweren. „Lass mich los!“ schimpfte sie und es lag mehr als nur Empörung in diesen drei Worten. Erst Wut, und dann Verzweiflung aus der plötzlichen Erkenntnis heraus, dass das hier gegen ihren Willen geschah. Doch Rodan drängte weiter und zog auch die Hexenjägerin weiter. Sie stolperte einen Schritt, fing sich, wurde vorwärts gezogen, und ehe sie wieder festen Stand gewann, hatte er sie bereits vom Kreis der anderen gelöst. Ein zweiter Griff von ihm und Isaé kämpfte noch einmal dagegen, fuhr mit ihrer freien Hand nach ihm, doch alles in allem waren ihre Versuche vergeblich. Es war als würde man eine Katze, die sich wehrte, im Nacken gepackt doch ersäufen wollen. Der Turm ragte vor ihnen auf, immer noch dunkel und bedrohlich gegen das Licht der Nachmittagssonne, und Isaé spürte einen Moment lang, wie sich etwas in ihr zusammenzog, noch bevor sie die Schwelle erreichten. Hinter ihnen brach der Lärm erneut an, als würde der Kampf selbst sie verfolgen. „Ser Rodan…“ Mehr brachte sie nicht heraus. Er stieß die Tür auf, schob sie vor sich her in die Dunkelheit des Inneren, die anderen Hexenjäger folgten, und Isaé versuchte noch einmal, sich seitlich zu entziehen, die Bewegung klein, schnell, fast katzenhaft, doch sein Griff hielt sie fest, und sie hatte einfach keine Chance. Sie wurde über die Schwelle gedrängt, fing sich erst drinnen wieder und fuhr sofort herum, der Blick scharf, die Anspannung noch im ganzen Körper. Die anderen der Zwölf folgten dicht hinter ihnen, und kaum war der letzte im Inneren, fiel die Tür zurück, schwer und endgültig, und mehrere Hände waren zur Stelle, verbarrikadierten die Türe, verkeilten Holz, so gut es eben ging. Der Lärm von dem Kampf der draußen herrschte, klang gedämpft. Isaé stand mitten in dem ersten Raum des Turms, ihr Atem ging hastig, ihr Körper war angespannt, als hätte man sie geschlagen. Ihre Finger ballten sich unwillkürlich zu einer Faust, um ihre unermessliche Wut zu unterdrücken. Ihr Blick schweifte über die Hexenjäger die um sie herumstanden und ein Funken blanker Empörung lag darin, der noch nicht verglüht war. „Was soll das?“ fragte sie, den Blick auf Rodan gerichtet, und wusste, dass sie den Preis für das, was passiert war, noch nicht kannte, doch sie würde ihn bezahlen müssen.
Ser Rodan musterte sie schweigend. Doch kaum hatte sie die Worte ausgestoßen, trat er einen Schritt näher. Sein Blick war hart, begleitet von etwas, das tiefer war als bloße Wut, und als er sprach, konnte man seine Verachtung regelrecht heraushören. „Du hast sie in diesen Zustand gebracht.“ Isaé hielt seinem Blick stand, doch dann senkte sie den Kopf, weil sie wusste, dass er recht hatte. „Das war nicht…“ „Schweig.“ Sein Wort schnitt die ihren ab, Rodans Kiefer spannte sich, und für einen Moment schien es, als müsse er sich selbst im Zaum halten, um nicht mehr zu sagen, als er bereits gesagt hatte. „Du hinterhältige Fotze.“ Isaé runzelte die Stirn. Diese maßlose Ungerechtigkeit die ihr entgegenschlug, war schier nicht auszuhalten. „Sie hat nach der Waffe gegriffen“, sagte sie jetzt, schneller, bevor er sie erneut unterbrechen konnte. „Wenn sie das nicht getan hätte, wäre…“ Rodans Blick zuckte nicht einmal, als er die Hand erhob und ihr eine Ohrfeige verpasste. Isaé verstummte. Er hörte nicht überhaupt nicht zu. Oder wollte es nicht. Hinter ihnen bewegten sich die anderen der Zwölf bereits um Alenja, die sie mehr stützten als dass sie aus eigener Kraft ging. Einer hielt sie unter den Armen, ein anderer half ihr, damit sie sitzen konnte, während ein dritter kniete und versuchte, den Verband zu prüfen, der bereits dunkel nachgesogen war. Alenja ließ sich mit Hilfe der anderen auf den Boden sinken, lehnte sich gegen eine Wand. Ihr Kopf sank zur Seite, ihr Atem ging flach. Isaé sah es. Und Rodan auch. Für einen Moment glitt sein Blick von Isaé weg, blieb an seiner Tochter hängen, und etwas in seinem Gesicht veränderte sich, kaum sichtbar, doch nicht zu übersehen, wenn man genau hinsah. Dann war es wieder da, dieses Harte, Unnachgiebige, als er sich erneut Isaé zuwandte. „Wenn sie stirbt…“ Er machte einen erneuten entschlossenen Schritt auf sie zu „…dann kann dir niemand mehr helfen.“ Die Worte blieben zwischen ihnen stehen, schwer und endgültig, während hinter ihm die Stimmen leiser wurden, und alle sich um die schwerverletzte Hexenjägerin kümmerten.
Isaé hielt seinem Blick stand, auch wenn ihr Puls noch immer schneller ging, als ihr lieb war, und etwas in ihr sich weigerte, einfach zu schweigen und den Schlag hinzunehmen. „Es war töricht, hierher zu fliehen“, sagte sie, ruhig aber mit einer Schärfe, die nicht zu überhören war. „Draußen ist Mirou. Und Ser Adun hat Feuermohn bei sich.“ Ihr Blick glitt kurz zu Alenja, dann zurück zu Rodan. „Wenn sie eine Chance hat, dann dort. Was gedenkt ihr hier zu finden? Rodans Miene verhärtete sich, als hätte sie eine Grenze überschritten, die sie besser unangetastet gelassen hätte. „Schutz“, erwiderte er knapp. „Vor dem Schinder.“ Sein Blick glitt für einen Augenblick zu seiner Tochter, und in diesem einen Moment lag alles offen, was ihn trieb. „Ich werde sie hier drin halten. Weg von ihm.“ Er schwieg kurz, als würde er abwägen, ob er mehr sagen sollte, und fuhr dann fort, etwas leiser, aber nicht weniger bestimmt „Und wenn der Schinder erledigt wurde, dann gehen wir. Und Hera nehmen wir mit. Auf sie ist ein hohes Kopfgeld ausgesetzt.“ Ein kurzes, hartes Auflachen, ohne jede Freude. „Ser Tarvain hat mir zugesichert, dass sie uns gehört.“ Isaés Blick wurde kälter. „Euch?“ Sie richtete sich ein wenig auf, als hätte sie ein wenig von ihrer Stärke zurückgewonnen. „Ser Tarvain kennt die Gepflogenheiten der Hexenjäger nicht und aus diesem Grund kann er euch Hera nicht versprechen. Ich war es, die sie getötet hat. Wenn jemandem hier ein Kopfgeld gebührt, dann mir. Noch gibt es diesen Codex unter Hexenjägern, und dieser gilt auch für einen Haufen wie euch.“ Für einen Herzschlag war es still. Dann fuhr Rodan herum, als hätte sie ihn geschlagen. „Halt den Mund.“ Die Worte kamen härter diesmal, offener, und der Zorn, den er bisher nur mühsam im Zaum gehalten hatte, zeigte sich unverhüllt. „Du glaubst wirklich, du hast ein Anrecht auf irgendetwas?“ Er trat wieder einen Schritt näher, und seine Stimme senkte sich, doch die Schärfe darin nahm zu. „Nicht nach dem, was du getan hast.“ Sein Blick flackerte beinahe und lag auf Alenja, die an der Wand zusammengesackt war, und kaum noch bei sich war. „Wenn man bedenkt, was mit ihr passiert ist, dann hast du hier gar kein Recht mehr auf irgendetwas.“ Er wandte sich kurz zu einem der anderen Hexenjäger um und sagte „Bereth…“ Der angesprochene trat vor und Ser Rodan nickte mit dem Kinn zu Isaé. „Durchsuch sie. Nimm ihr alle Waffen ab die sie bei sich trägt.“ Bereth nickte grimmig, trat an sie heran, und begann, sie zu durchsuchen. Wobei er es sich nicht nehmen ließ, seine Hände an stellen zu legen, an welchen die Hexenjägerin wohl keine Waffen tragen würde. Ungeniert ließ er seine Hände über ihren Busen gleiten und grinste dreckig dabei, schob seine Zungenspitze zwischen seine Zähne, und ließ seine Hände dann weiterwandern. An der Hüfte angelangt, ertasteten seine Hände ihr Langmesser. Er nahm ihr ohne ein Wort das Messer ab, zog die Klinge aus der Scheide, drehte sie, dass sie fahl im schwachen Licht aufblitzte und steckte es ein, als gehöre es längst ihm. Ein anderer der Hexenjäger musterte sie von oben bis unten, langsam, abschätzig, und wandte sich dann ab, ohne eine Wort zu sagen. Jemand spuckte neben ihr auf den Boden, ohne sie direkt anzusehen, doch die Geste traf ihr Ziel. Isaé sagte nichts in diesem Moment. Doch der Zorn schwelte in ihr. Und sie schwor sich, wenn sie die Gelegenheit bekam, sich zu rächen, in irgendeiner Art und Weise, an diesem unehrenhaften Sauhaufen, dann würde sie es tun.
Am Rand des Raumes sackte Alenja unter den Händen der anderen etwas weiter in sich zusammen. Zwei hielten sie, ein dritter kniete vor ihr, löste den Verband von Mirou mit vorsichtigen, ungeübten Fingern, während dunkles Blut nachsickerte und den Stoff durchnässte. Leise, angespannte Stimmen, die sich gegenseitig mit Protesten unterbrachen, dann wieder verstummten, als würde keiner von ihnen den nächsten Fehler begehen wollen. Es gelang dem Kerl nicht, den Verband wieder fachgerecht anzulegen. „Das hält nicht“, murmelte einer. „Wie hat er das gemacht…?“ „Was kannst du eigentlich?“ schnalzte der zweite mit der Zunge. „Dann mach es doch besser“, kam es scharf zurück. Rodan stand einen Schritt entfernt. Blick ging immer wieder zwischen seiner Tochter und Isaé hin und her, als einer der Hexenjäger Rodan fragte „Was machen wir nun mit ihr? „Nach dem hier“, sagte er, ohne den Blick von Alenja zu nehmen, „reden wir darüber, was mit ihr passiert. Jedoch, wenn sie stirbt…“ Er ließ den Rest offen, doch die Bedeutung war klar genug. Ein anderer hob den Kopf, sah zu Isaé herüber, und er nickte entschlossen. „Schade drum, irgendwie. Ist doch ein hübsches Ding…“ Isaé hielt stand, auch wenn sich etwas in ihr dagegen sträubte, einfach dazusitzen und diese Worte aufzunehmen, als ginge es nicht um sie. Sie musste die Drohung ignorieren, ob sie wollte, oder nicht. Rodans Stimme drang schließlich durch das Gemurmel, so scharf, dass sie sofort Wirkung zeigte. „Keiner rührt sie an.“ Einen kurzen Moment lag ließ er die Worte wirken, dann, fügte er hinzu „Noch nicht.“ Isaé spürte, wie sich in diesem Raum nichts zu ihren Gunsten entwickelte. Sein Blick glitt wieder zu Alenja, die kaum noch bei Bewusstsein wirkte, dann zurück zu Isaé, deren Blicke ebenso immer wieder zu Alenja glitten. „Lasst mich ihr helfen, Ich kann ihren Verband neu anlegen“ schlug Isaé schließlich vor. „Schick einen deiner Männer aus dem Turm, zu Ser Adun. Er bewahrt meinen Feuermohn auf. Es hat schon mehreren Schwerverletzten das Leben gerettet. Sagt Ser Adun, dass ich ihn darum bitte, ihm den Feuermohn auszuhändigen.“ Rodan antwortete nicht sofort. Er schien zu überlegen, ob er der Hexenjägerin, die er beschuldigte, seine Tochter absichtlich lebensgefährlich verletzt zu haben, dieses Vertrauen schenken sollte. „Ist das irgendein Trick?“ hakte er skeptisch nach, doch Isaé schüttelte den Kopf. „Ihr habt mich entwaffnet, was kann ich schon ausrichten? Aber wie es aussieht, besitzen deine Männer nicht viel Kenntnis in Heilkunde. Lasst mich Alenja helfen. Es war keine Absicht, ich schwöre es…“ Ein dumpfer Schlag ging durch den Turm, und irgendwo über ihnen arbeitete ein dicker schwerer Holzbalken, der einmal quer unter der Raumdecke hing, fest ins Mauerwerk eingearbeitet. Ein leises, warnendes Knacken, das für einen Herzschlag lang alle innehalten ließ. Ser Rodan, Isaé, als auch die anderen hoben ihre Blicke an die Decke. Dann sagte Ser Rodan zu Isaé, ohne den Blick von der Decke zu lösen „Ich schicke einen meiner Männer hinaus. Aber wehe dir das ist ein fauler Trick. Wenn er den Feuermohn bringt, dann lass ich dich zu Alenja vor. Danach sehen wir weiter.“ Isaé nickte schwach Rodan bewegte sich schließlich aus dem Kreis der anderen heraus und kam auf Isaé zu, blieb vor ihr stehen, betrachtete sie einen Augenblick lang, dann ging er in die Hocke, so nah, dass sie seinen Atem an ihrem Hals spüren konnte. Ein Dolch lag plötzlich in seiner Hand. Isaé spürte, wie ein plötzlicher Ruck durch ihren Körper ging, als hätte sie jemand geschlagen. Angst. Ihr Körper verspannte sich, ohne dass sie es wollte, alle Sinne bereit, obwohl sie wusste, dass sie ihm in dieser Nähe nichts entgegensetzen konnte, und ihm und den anderen sowieso unterlegen war. Ihr Blick blieb auf der Klinge hängen, die im fahlen Licht stumpf glänzte, und für einen Moment schien alles andere im Raum zurückzutreten. Rodan sagte nichts. Er griff fest nach ihrem Haar. So plötzlich, dass ihr der Atem stockte, als er den Kopf ein Stück nach vorne zu sich zwang. Schmerz durchfuhr sie, als er so grob an ihren Haaren riss und Isaés Hand zuckte instinktiv hoch. Die Klinge bewegte sich. Ein raues, trockenes Geräusch, als sie durch das Haar schnitt. Dann ließ er ihr Haar los. Die Strähne blieb in seiner Hand zurück, dunkel im Licht, Isaé blieb einen Moment reglos, noch immer gefangen von dem, was sie erwartet hatte und was nicht geschehen war. Was hatte sie erwartet? Sie wusste es nicht sicher. Vielleicht, dass er ihr die Kehle durchgeschnitten hätte? Dass er ihr etwas anderes abgeschnitten hätte? Ihr Atem ging flach, ungleichmäßig, während ihr Herz noch immer schneller schlug. Erleichterung, die sich langsam in ihr ausbreitete. Ser Rodan erhob sich wieder und wies einen seiner Männer an „Dagar, du hast sie gehört. Raus mit dir, hol den Feuermohn von diesem aufgeblasenen Bernsteinritter, so wie es diese Hexe hier gesagt hat. Gib ihm die Haarsträhne und sag ihm, wenn er uns verarscht, oder wenn du nicht mit dem Feuermohn zurück zu uns kommst, dann nehmen wir das Schätzchen hier Stück für Stück auseinander. Aber beim nächsten Mal wird’s keine Haarlocke mehr sein. Verstanden?“ Der Angesprochene grinste fies und nickte, nahm die Haarsträhne entgegen. Alenja stöhnte leise, und Ser Rodan sah besorgt zu ihr hinüber. „Beeil dich, verlier keine Zeit, ich denke viel haben wir nicht mehr.“ Er nickte, durchquerte mit wenigen langen Schritten den Raum und verschwand durch die Türe nach draußen.
Als die Tür schließlich wieder aufgestoßen wurde, kehrte Dagan zurück. In seiner Hand hielt er ein kleines, fest verschlossenes Bündel, in dem die Dose mit dem Feuermohn war. Die Tür wurde zugeschlagen, erneut verriegelt. Als die Türe dumpf zuschlug, erschien ein Riss im Mauerwerk, der sich vom Boden bis an die Zimmerdecke schlängelte. Nur zwei der Hexenjäger bemerkten es und starrten den Riss an. Dagan trat zu Isaé, ohne sich lange umzusehen, und hielt ihr das Bündel hin. „Von deinem Bernsteinritter“, sagte er knapp, als wäre das alles, was es dazu zu sagen gab. Isaé nahm es ihm ab. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung, als sie die Dose sah. Zum einen, weil es der Feuermohn war, zum anderen, weil Entaro es bei sich getragen hatte. Auch, wenn es ihr töricht erschien, so war dieses kleine Bündel wie ein kleiner Hoffnungsschimmer. Der vertraute Geruch, setzte sich sofort frei und drang ihr in die Nase, kaum dass sie die Dose geöffnet hatte. Süßlich, schwer, mit dieser gewissen Eigenschaft, die sich in acht Jahren Konsum so fest in ihren Körper gekrallt hatte und den Kopf einen Herzschlag lang klarer machte, bevor er ihn träge werden ließ. Ohne auch nur davon probiert zu haben. Für einen Moment hielt sie inne, die kleine Dose in der Hand, und spürte, wie sich alle Blicke abwartend auf sie legten. Rodans Stimme kam fordernd “Jetzt gib ihr davon, worauf wartest du noch?“ Isaé kniete sich neben Alenja, deren Atem flach ging, kaum noch gleichmäßig, und hob vorsichtig ihren Kopf an. Die Haut fühlte sich heiß an, unruhig, und unter ihren Fingern lag ein Zittern, das nichts mit Kältegefühlt zu tun hatte. Isaé zögerte einen Augenblick, nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie wusste, was sie tat. Sie überprüfte noch einmal den Atem, das Zittern, das sich nun mehr nach Erschöpfung anfühlte als nach Kampf, und hob den Blick zu den anderen. „Hat jemand Schnaps?“ Ein paar Köpfe hoben sich, einer schüttelte den Kopf, ein anderer sah sie nur an, als hätte sie nach etwas Unmöglichem gefragt. Niemand hatte etwas. Isaé nickte knapp, und holte schließlich ihre Pfeife hervor. Die Bewegungen waren so automatisch, ruhig, präzise, schließlich hatte sie sie oft genug ausgeführt, um nicht einmal darüber nachdenken zu müssen. Sie füllte die Pfeife sparsam mit Pfeifenkraut, drückte es fest in de Pfeifenkopf und legte ein Opiumkügelchen dazu, entzündete es, wartete einen Herzschlag, bis es griff. Dann setzte sie selbst an. Gerade genug, um den Zug zu ziehen, die Glut anzufachen, doch ein Hauch davon blieb, schlich sich in ihren Mund, in ihre Lunge, ehe sie es verhindern konnte. Wahrscheinlich wollte sie es gar nicht verhindern. Isaé verzog kaum merklich die Lippen, als sie die Pfeife absetzte und ließ die Luft langsam wieder entweichen. Der Duft legte sich in den Raum, schlich sich in jede Ecke, und selbst die, die weiter entfernt standen, spürten, wie er sich ausbreitete, schwer und betäubend. Sie beugte sich zu Alenja, hob ihren Kopf ein wenig an und führte das Mundstück an ihre Lippen. „Langsam“, murmelte sie leise, näher bei ihr als bei den anderen. „Zieh nur wenig. Es nimmt dir den Schmerz, und du wirst in deinem Zustand schläfrig davon, mehr nicht.“ Alenja reagierte kaum, doch ihr Atem folgte der Pfeife, erst flach, dann etwas tiefer, und Isaé hielt sie ruhig, ließ ihr Zeit, ließ sie Zug für Zug nehmen, ohne sie zu drängen. Ihre eigene Wahrnehmung begann ein wenig zu verschwimmen. Die Welt in dem Turm wurde ein wenig weicher. Und während sie Alenja stützte, während der Rauch sich in feinen Schleiern zwischen ihnen verlor, glitten ihre Gedanken fort, fort von dem beklemmenden Raum, fort von Rodans Blick, fort von allem, was eben noch so scharf gewesen war. Zu diesem Pfeifenkopf. Aber der Feuermohn war auf ewig mit dem Drachenreiter verbunden. Es wäre leicht gewesen, diese verdammte Pfeife fertig zu rauchen, nicht zu verschwenden. Doch gerade das ließ sie innehalten. Entaros Stimme lag ihr noch im Ohr, nicht nur als Vorwurf, dass dieses Zeug sie eines Tages umbringen würde, sondern als etwas Ruhiges, das keinen Raum für Ausreden ließ. Sie hatte ihm zwar nichts geschworen, nichts laut ausgesprochen, und doch war da dieses stille Versprechen, das sie ihm in ihren Gedanken gegeben hatte, die Finger vom Feuermohn zu lassen das sie nicht ignorieren durfte, nur weil die Gelegenheit sich bot. Isaé atmete aus, länger diesmal, und zwang die Hand, still zu bleiben. Dann klopfte sie die Pfeife aus, trat mit der Stiefelspitze die Glut des Pfeifenkrauts und den Rest des Harzes in den Staub und strich Alenja das wirre Haar aus dem Gesicht.
Isaé selbst setzte sich neben die junge Frau, die sie mit ihrem ungebändigten Temperament in grobe Schwierigkeiten gebracht hatte. Isaé warf einen Seitenblick auf die ausgetretene Asche und das verschwendete klägliche Restchen des Feuermohns und erneut dachte sie an Entaro. Ihre Gedanken glitten zu dem, was zwischen ihnen gestanden hatte, als sie nach dem Turm miteinander gesprochen hatten. Gedanken, warum sie eigentlich dem Feuermohn entsagte, wenn der Verzicht darauf ohnehin keine anderen Hoffnungen erfüllte. Sie dachte an das beinahe unangenehme Gespräch zwischen ihnen. Als Entaro ihr berichtet hatte was Hera im Turm mit ihrer Magie vollbracht hatte. Sie hatte ein Trugbild erschaffen, das Entaro vorgegaukelt hatte, dass sie, die Hexenjägerin vor ihm stand. Seine Worte drangen erneut in ihre Gedanken vor „Es war so wirklich. Als ob du leibhaftig vor mir gestanden hättest. Ich konnte deine Stimme hören. Und deinen Geruch wahrnehmen.“ Warum sollte er das sagen, wenn es nichts zu bedeuten hatte? Warum hatte er ihr erzählt, dass Hera ihm vorgegaukelt hatte, dass er und Isaé sich geküsst hatten? Hätte er das nicht eher verschwiegen, wenn es doch so bedeutungslos gewesen wäre? Was, wenn sie ihn nicht aufgezogen hätte? Hätte das Gespräch eine andere Wendung genommen? Es war eine magische Illusion gewesen. Nichts weiter. Und doch blieb sie an diesem einen Detail hängen. Der Geruch. So etwas sagte man nicht einfach so, oder? Nicht, wenn es einem gleichgültig war. Isaé presste die Lippen aufeinander, als könnte sie den Gedanken damit zum Schweigen bringen. Vielleicht sah sie nur, was sie sehen wollte. Vielleicht aber auch nicht. Isaé atmete tief ein und seufzte innerlich. Es würde ewig so in der Schwebe sein, wenn nicht einer Eier in der Hose hatte. Sie hatte keine, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sie hatte sich doch geschworen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Es akzeptieren, dass er einen Schwur getan hatte aus Liebe zu seiner verstorbenen Frau. Der Schwur band ihn. Doch was meinte er nur, wenn er sagte, sie sei ihm lieb und teuer? Sagte man so etwas, einfach so? Er hatte ihr das nun schon zum zweiten Mal gesagt. Er war nach diesem Gespräch schnell verschwunden, als ob es ihm sichtlich unangenehm war. Und sie hatte ihn noch aufgezogen, dass er sie angekotzt hatte, als sie ihn notgedrungen zum Erbrechen gebracht hatte. Was war sie doch für eine Idiotin! Entaro hatte ihr gesagt, dass sie ihren Wert bewiesen hatte. Dass die Lebensschuld beglichen war. Das war nun also dieser Tag den sie seit ihrem Aufeinandertreffen, nachdem Schatten ihr das Leben gerettet hatte, so herbeigesehnt hatte. Und was war davon übriggeblieben? Nichts. Sie wollte jetzt überhaupt nicht mehr gehen. Sie wollte bei Entaro bleiben. All die Witze die sie gemacht hatte darüber, dass sie wohl nie in der Lage sein würde, diese Schuld zu begleichen und aus diesem Grund wohl bis ans Ende ihrer Tage an ihnen kleben würde, waren auf irgendeine Art und Weise Ernst geworden. Und auch Schatten hatte sie mittlerweile liebgewonnen. Und sie war sich sogar fast sicher, dass auch er sie mochte, wenn Drachen so etwas wie Sympathie empfinden konnten. Nein, sie wollte nicht gehen. Es sei denn… Ein flüchtiger Gedanke, der sich zunächst wie ein Ausweichen anfühlte, gewann an Gestalt, je länger sie ihn dachte und ausführte: Wenn sie hier lebend herauskam, dann würde sie dieses Schweigen nicht länger fortführen. Sie würde zu Entaro gehen, ohne Umwege, ohne vorsichtiges Herantasten, ohne feine Andeutungen und Worten die man missverstehen konnte, so wie sie es bisher gemacht hatte, und ihm sagen, was sie für ihn fühlte. Weil es zwischen ihnen stand wie eine Mauer. Weil es ausgesprochen werden musste. Und wenn er es erwiderte, würde sie bleiben. Wenn nicht, stand es ihr ja frei, zu gehen. Dieser Gedanke war klarer als alles, was sie sich zuvor zurechtgelegt hatte, und gerade darin lag eine Befreiung, die sie nicht erwartet hatte. Keine Erleichterung im eigentlichen Sinn, eher das Gefühl, dass es nun ein Stück weit weniger kompliziert war. Zumindest solange man nicht vor der eigentlichen Situation stand. Isaé hob den Blick und sah auf Alenja. Die junge Frau schien weggedämmert zu sein. Isaé legte ihr vorsichtig die Hand auf die Brust. Alenjas Atem hob und senkte sich ruhig, beinahe friedlich, als hätte der Schmerz für einen Moment losgelassen. Die Stimmen der Männer waren leiser geworden, sie unterhielten sich in einem gedämpften Gemurmel, sogar Ser Rodan hatte sich irgendwo hingesetzt und schwieg.
Doch nach einer Weile veränderte sich der Raum. Zuerst kaum merklich, eher wie ein Gefühl als dieses Geräusch, doch es ließ Isaé den Blick heben, noch ehe sie benennen konnte, was sie beunruhigte. Der große Querbalken über ihnen arbeitete, ein langgezogenes, tiefes Knarren, das sich durch das Holz fraß. Weitere Risse zogen sich durch das Mauerwerk, tastend zunächst, dann deutlicher, und aus der Decke rieselte Staub herab, so fein, dass er wie ein matter Schleier durch den Raum zog. Das Gemurmel verstummte, doch niemand sprach es aus, dass etwas in der Luft lag. Isaé richtete sich ein wenig auf, ließ den Blick durch den Raum gleiten, und in dem Moment begann die Flüsterholzpfeife, die immer noch neben ihr am Boden lag, leise zu wispern. Ein Laut, der ihr in diesem Moment unwillkürlich Gänsehaut bescherte. Ihr erster Gedanke war so unvorstellbar, dass er sie selbst überraschte. Hera? War sie doch nicht tot? Doch der Gedanke fiel in sich zusammen, kaum dass sie ihn in ihren Gedanken geformt hatte. Sie hatte das Langmesser bis zum Anschlag in ihr Herz getrieben, hatte gespürt, wie der Widerstand nachgab, hatte gesehen, wie das Leben aus ihr wich. Sie konnte nicht mehr leben. Das war völlig unmöglich! So einen Stich ins Herz überlebte nicht einmal so eine mächtige Hexe wie Hera! Isaé griff nach der Pfeife und hielt sie einen Moment fest in der Hand, dann führte sie sie an ihr Gesicht, atmete ruhig ein und fragte das Flüsterholz. „Was ist hier?“ Der flüsternde Hauch, der von dem Holz zurückkam, war kein Wort, eher ein Gefühl, das sich in ihr ausbreitete. Eine Warnung. Nicht vor etwas, das sich ihnen näherte. Sondern vor etwas, das hier zurückwich. Isaé spürte, wie sich ihr Blick wieder hob, langsamer diesmal, als würde sie das Gehörte erst einordnen müssen, während über ihnen ein weiterer Riss hörbar durch das Gestein zog. Die Magie im Mauerwerk löste sich. Sie hatte den Turm zusammengehalten, hatte das morsche Holz getragen, das längst hätte brechen müssen, und die Risse im Stein gebunden, die nun frei wurden. Jetzt zog sie sich zurück. Mit Heras Tod verlor sie ihre Daseinsberechtigung, und was zurückblieb, war das, was der Turm immer gewesen war. Ein alter ausgehöhlter brüchtiger Zahn, der auf eine harte Nuss biss und nun zerbröckelte. Der Turm war bereit zu fallen. Ein dumpfer knarrender Laut ging durch das Gebälk, tiefer als zuvor, und Isaé spürte, wie sich der Boden unter ihr kaum merklich verlagerte, als hätte der Turm begonnen, sein eigenes Gewicht neu auszurichten. „Wir müssen hier raus“, sagte sie, noch ehe jemand anders die Worte aussprach. Das nächste Geräusch kam nicht mehr aus dem Holz über ihnen, sondern von irgendwo über ihnen. Ein dumpfes Brechen, als hätte etwas in den oberen Etagen nachgegeben, gefolgt von einem kurzen, schweren Poltern, das sich durch die Mauern fortsetzte und den Raum für einen Moment erzittern ließ. Diesmal tat niemand mehr so, als ließe sich das überhören. Ängstliche Blicke gingen nach oben, suchten die Decke, als könnte man durch Stein hindurch erkennen, was dort vor sich ging. Staub rieselte nun dichter, nicht mehr wie ein feiner Schleier, sondern in kleinen, stetigen Schwaden, vermischt mit kleinen Steinchen und Kieselchen, die auf Schultern und Haar herunterfielen. Das Knarren zog sich durch das Gebälk, und über ihnen bildetete sich ein breiter Riss, der sich nicht mehr schließen würde. Einer der Männer fluchte leise. Ein anderer trat einen Schritt zurück, und in diesem Moment wurde ihnen allen klar, was Isaé bereits gespürt hatte. Sie waren hier nicht mehr in Sicherheit, im Gegenteil, sie waren in ernster Gefahr. „Was jetzt? Raskar, Edvin und Pelle… Die drei sind noch oben“, sagte einer hastig, der Blick zur Treppe gerichtet, die in die höheren Ebenen führte. „Sie holen Heras Leichnam.“ Ein weiterer Schlag ging durch den Turm, kürzer diesmal, aber näher, und ein Riss zog sich sichtbar über die Wand, verzweigte sich wie eine lebendige Ranke, wie eine Wurzel, die sich durch das Erdreich windet auf der Suche nach Wasser. Rodan riss den Blick von der Treppe los, als hätte er die Entscheidung im selben Augenblick getroffen, in dem man ihn damit konfrontiert hatte. „Lasst sie“, knurrte er. „Wir können da keine Rücksicht drauf nehmen. Sie müssen es von alleine schaffen!“ Er wandte sich zu den Männern bei Alenja, die sie aufgesetzt hatten, und die, vom Feuermohn in tiefen Träumen verwoben, nun deutlich schwerer in ihren Armen hing, ihr Körper schlaff, ihr Atem ruhig, aber fern von allem, was um sie geschah. „Hoch mit ihr. Tragt sie aus dem Turm, los!“ Seine Stimme schallte durch das Knarren und das dumpfe Arbeiten des Turms, immer noch klar und bestimmt genug, dass sie sofort gehorchten. Zwei griffen fester zu, hoben sie vorsichtig an, während ein dritter voranging. Das Vorhaben, sich hier zu verschanzen, war in sich zusammengefallen, noch bevor der Turm es tat. Was eben noch Schutz gewesen war, drängte sie nun hinaus, als hätte dieser dunkle und magiedurchtränkte Ort selbst genug von ihnen, als würde er sie nicht mehr dulden wollen. Ein weiterer Ruck ging durch das Gebälk, stärker jetzt, und irgendwo über ihnen brach etwas endgültig nach. Staub stob auf, dichter als zuvor, nahm ihnen für einen Moment die Sicht, während das Knarren sich in ein tiefes, durchgehendes Stöhnen verwandelte, das keinen Zweifel mehr ließ. Der Turm gab nach. „Raus!“, herrschte Rodan, und diesmal war es kein Befehl mehr, sondern wachsende Panik. Der Turm, der sie eben noch aufgenommen hatte, begann, sie wieder auszuspucken, bevor er sie alle begrub.
Isaé zögerte nicht. Sie überholte den Mann der vorausgegangen war. Jemand rief ihr etwas empörtes hinterher doch sie hörte nicht darauf, es war ihr in diesem Augeblick schlicht egal. Es war ihr nur daran gelegen, ihre eigene Haut zu retten und so lief sie, erreichte die Tür, packte die Türklinke und drückte sie hastig hinunter. Die Hexenjägerin warf sich mit ihrem Gewicht gegen die Tür, stolperte über die Schwelle als diese nachgab und fing sich im nächsten Schritt. Dann lief sie, fort vom Turm, fort von dem, was hinter ihr nachgab. Ein Stück weit vor ihr die Akadier. Es war schwer zu sagen, was dort geschah. Stimmen riefen Befehle oder Flüche, und über all dem lag das knirschen, knarzen und grollen des Turmes hinter ihnen, der allmählich in sich zusammensackte. Isaé wandte sich einen Moment um, sah wie der Turm in eine Schieflage geriet, entsann sich, wie interessant so ein schiefer Turm sein könnte, wenn er denn so stehen bliebe, riss dann den Blick davon los, und rannte von dem Platz weg, als sei ein Teufel hinter ihr her. „Weg da!“ schrie sie, so laut sie konnte, ihre Stimme rauh von Staub und Anspannung. „Der ganze verdammte Turm stürzt ein!“
Schatten, Stahl und Feuer ❖
25.04.2026 '14:24 [5.555 Wörter]
 adran stolperte rücklings. Er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und wagte einen kurzen, flüchtigen Blick. Blut. Er verengte die Augen zu zwei dünnen Schlitzen und spuckte dann einen abgebrochenen Zahn aus. »Du…«, hob er an. Entaro trat einen Schritt hervor und hob die Klinge. Hadran hielt dagegen und Entaro zog sein Bein zur Seite und brachte Hadran so aus dem Gleichgewicht. Entaros Schwert sauste durch die Luft und Hadran konnte mir mit Mühe und Not dem tödlichen Streich abwehren. »Verdammt.«, zischte Hadran und seine Stimme klang seltsam nasal. Entaro legte Hadran schließlich die Schwertspitze auf die Brust und sah den Hexenjäger mit forschem Blick an. »Ihr seid geschlagen. Ergebt euch, oder sterbt.« Hadran zwang sich zu einem schiefen Lächeln. »Ich bettle nicht um mein Leben.« Entaro zuckte mit den Schultern. »Ihr müsst nicht betteln. Nur unterwerfen.« Hadran spuckte verächtlich aus und Entaro seufzte. »Stolz ist das schnellste Pferd auf dem Weg auf die andere Seite.« Er übte etwas mehr Druck auf die Brust des Hexenjägers aus und als die Spitze sich langsam in die Haut des Mannes bohrte und der Schmerz ihn erfüllte, fluchte er. »Verdammt seist du Rodan, du Bastard!« Entaro lächelte und legte den Kopf schräg. »Wenn dieser Kampf sein Ende findet, und alle Gefallenen geehrt und enthauptet wurden, dann werden wir euren Körper an den Baum hängen. Wir werden euch nicht enthaupten und auch nicht verbrennen. Und dann werdet ihr für ewig dieses verfluchte Land heimsuchen, an einem Baum hängend. Unfähig euch zu erlösen und unfähig durch die Lande zu streifen.« Hadran starrte Entaro mit einem leeren, beinahe entsetzten Blick an. »Das würdet ihr nicht machen.« Entaro zuckte mit den Schultern. »Ihr werdet es nie erfahren, Ehrloser.« Hadran starrte und biss sich dann, mit den wenigen Zähnen die ihm noch verblieben waren, auf die Lippen. »Ihr seid ein Mann von Ehre. Ein Mann des Glaubens.« Entaro lachte bitter. »Ihr seid Verräter und verdient keine letzte Ehre. Dies ist meine letzte, ritterliche Gnade. Ergebt euch, oder ich nagle euch mit diesem Schwert auf diese verfluchte Erde.« Hadran zuckte. In Entaros Augen funkelte eine tiefe, verborgene Wut. Ein eiskalter Blick der ihm tief in die Seele einfuhr. Der Hexenjäger öffnete seine Faust und seine Klinge fiel ihm aus den Fingern. Und Entaro hielt sein Wort. Er zog sein Schwert zurück und trat die Waffe des Hexenjägers achtlos beiseite.
Der Moment, welcher zwischen Leben und Tod entschieden hatte, war vergangen. Und auch wenn es Hadran wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war, so war es nur ein flüchtiger Moment gewesen. Eine Atempause, zwischen zwei Schlägen. Hadran atmete schwer und blieb auf dem Rücken liegen. Ein Schwerthieb donnerte auf einen Schild. Hadran hielt den Atem an, als ob er auf den zweiten Schlag warten würde. Und der zweite Schlag folgte einfach nicht. Er schloss die Augen und entließ den Atem. Und da donnerte das Schwert erneut auf einen Schild. Ein Mann ächzte. Ein anderer brüllte Befehle. Blut spritzte durch die Luft und benetzte Hadrans Gesicht. Eine Axt fiel neben ihm auf den Boden und das Axtblatt verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Der tobende Kampf, war zuvor in so weite Ferne gerückt. Doch nun hatte der Lärm ihn jäh eingeholt, während der Bernsteinritter sein Schwert mit beiden Händen ergriff und sich dem eigentlichen Gegner zuwandte, den es hier zu bekämpfen gab. Istred, der Schinder. Ein Schrei ertönte. Ein Akadier stürzte zu Boden und der Schildwall geriet ins Wanken. »Zeige dich, oder ich metzle sie alle nieder. Mann für Mann, bis nur noch du übrig bist!«, rief der Schinder und Entaro folge schließlich dem Ruf des Schinders.
Der Helm hüllte das Gesicht in Schatten und nur zwei funkelnde helle Augen schimmerten daraus hervor. Grau und Eisern. Kalt und scharf. Istreds Schwert schwang durch die Luft und traf auf den Schildwall. »Wo versteckst du dich?«, rief Istred und seine Stimme drang hohl aus dem Helm hervor. »Wo bist du, Drachenreiter?« Entaro hielt inne und starrte in jene Richtung, in welcher Istred die Akadier in Bedrängnis brachte. Doch etwas war anders, als bei ihrem letzten Aufeinandertreffen. Die Akadier hatten ihn umstellt, in einem Kreis aus Schilden, Speeren und Äxten. Und egal wohin er auch schlug, er traf nur Schilde und Panzer. Zwei oder drei verwundete Akadier lagen am Boden. Doch der verheerende Schlag eines Vorschlaghammers, der eine Bresche in ihre Linie und eine Schneise der Verwüstung hinter sich gezogen hatte, war abgewehrt worden. Entaro runzelte die Stirn. Lag es an seiner Wunde? Oder hielt er sich nur zurück, um sein perfides Spiel mit ihnen zu spielen. »Zeig dich!«, rief Istred und Entaros Blicke huschten immer wieder zu dem Turm, in welchen Isaé verschleppt worden war. Er hatte einen Schwur geleistet. Aber er hatte auch einen Vertrag unterschrieben. Und nun stand er genau an der Schwelle, einen der beiden den Rücken zu kehren. Der Schinder suchte ihn und er konnte sich nicht erklären warum ausgerechnet sein Name gerufen wurde. Doch Entaro kehrte dem Getümmel den Rücken zu. Sein Ziel war der dunkle, alte Turm. Und wenn er es alleine mit dem Verräter von Rotenburg und seiner Rotte aufnehmen musste. Entschlossen verstärkte er den Griff um sein Schwert und wandte sich dem Turm zu.
Doch so sehr ihn der Drang auch zu dem Turm zog, plagte ihn sogleich das schlechte Gewissen. Das waren gute Männer. Sie würden alle sterben. Entaro hatte bereits gegen den Schinder gekämpft und nur mit Glück überlebt. Es würde keinen Unterschied machen, wenn er ihnen zur Seite stand. Doch der Schinder war auf der Suche nach ihm. Und vielleicht würde er das Blutvergießen verhindern können, wenn er sich ihm stellte, um herauszufinden wonach er verlangte? Entaros Kiefer spannte sich an und sein Bart bebte. Sein Blick wandte sich erneut zu dem Turm. Ser Rodan war in der Falle. Es gab keinen Weg hinaus, außer durch jene Tür, hinter welcher sie sich verschanzt hielten. Doch der Verräter hatte Isaé für das verantwortlich gemacht, was seiner Tochter widerfahren war. Was, wenn er nun Rache an ihr üben wollte? Der Drachenreiter war hin und hergerissen. Er seufzte. Es gab keine andere Wahl. Er konnte nicht an beiden Orten zugleich sein. Und so trat er in den Kreis der Akadier und stellte sich Istred dem Schinder. Er hielt gebührlichen Abstand doch als er den Kreis betrat hielt der Jeldaë inne und lächelte matt. »Drachenreiter.« Entaro nickte doch er antwortete nicht sofort. Er musterte den Mann, der aussah wie ein Mensch und doch irgendwie anders war. Istred zog seinen Helm vom Kopf und warf ihn achtlos auf den Boden. Seine eisernen Iriden waren umrandet von einem dünnen, roten Ring und er starrte Entaro eindringlich an. »Ihr lebt…«, antwortete Entaro und legte seine zweite Hand an den Griff des Schwertes, bereit es jederzeit zu ziehen. Denn er wusste um Istreds Schnelligkeit, mehr als jeder andere hier. Istred starrte Entaro lange an bevor er an sich herunter blickte. Seine Hände glitten über die Narben, welche Alenjas Waffe geschlagen hatten. »Ich hatte einen dunklen Traum.«, begann Istred und seine Blicke huschten über die Akadier, welche sichtlich unruhig waren. Die Schilder rempelten aneinander. Speere schwankten und Armbrüste waren gespannt und schussbereit auf den Schinder gerichtet. Doch niemand wagte ein Wort, oder einen Vorstoß. Was hatte dieser Schlächter ausgeheckt? Und wie konnten sie ihn niederringen? »Ich fühle eine Veränderung. Sie ist tot, oder?« Entaros Blick huschte, wenn auch nur für einen Moment, zu dem Turm und dann wandte er sich wieder Istred zu und nickte stoisch. »So ist es.« Istred lächelte dünn. Und dann wandte er sich an die Akadier. Seine Blicke wanderten über die Männer, bis er endlich jenen ausgemacht hatte, dessen Gesicht er einst verwundet hatte. »Der rote Tod.«, rief Istred und hob sein Schwert. Ser Tarvain trat nun ebenfalls aus der Reihe der Akadier. Doch, im Gegensatz zu Entaro, betrat er nicht den Kreis, sondern blieb im Schutz des Schildwalls stehen. Im Gegensatz zu Istred, waren seine Wunden noch nicht verheilt. »Ergebt euch, Schinder. Wir haben euch in der Mangel. Es gibt kein Entkommen. Heute wird es entschieden, was vor zehn Jahren begonnen wurde.« Istred antwortete nicht. Er lächelte nur und seufzte dann. »Zehn Jahre. Zerfressen von Rachegedanken und angetrieben von einem Schwur. Ich bewundere das, roter Tod.« Er nickte dem Heerführer zu, welcher daraufhin nur abfällig die Nase rümpfte. »Dieses Spiel. Was bezweckt ihr damit, Schinder?« Der Jeldaë antwortete darauf nicht sondern wandte sich wieder an Entaro. »Wer hat die Hexe erschlagen? Du? Er?« Er deutete auf Ser Tarvain. Doch Entaro schüttelte den Kopf. »Ich war das!«, rief Kalwen und trat nun einen Schritt aus der Menge hervor. Mirou versuchte ihn noch zurück zu halten. »Schweig, du Narr.« Doch Kalwen ignorierte die Warnungen und trat in den Kreis der Akadier hervor. »Du?« Istred starrte Kalwen einige Zeit lang an, als ob er tief in seine Seele schauen konnte. Doch dann veränderte sich etwas in Istreds Blick. »Als ob die Gabe des Brenners in ihm spüren konnte. Doch er sagte nichts und verriet auch nicht seine Gedanken oder Erkenntnisse. »Ich verstehe.« Er nickte und wandte sich erneut an Entaro. »Ist das wahr, Drachenreiter?« Entaro hielt dem Blick stand und Kalwen verschränkte die Arme vor der Brust. »Natürlich ist das wahr!«, rief Kalwen erbost.
Es war klar, was Kalwen hier bezweckte. Er versuchte Isaé zu schützen. Zweifellos sann der Schinder auf Rache und wollte den Mörder seiner Gefährtin zur Strecke bringen. Doch was auch immer Kalwen antrieb, man würde es ihn selbst fragen müssen. »Schweig, Wurm.«, zischte Istred und trat einen forschen Schritt hervor, woraufhin Kalwen instinktiv einen Schritt zurückwich. Istred wandte sich wieder an Entaro. »Ist das die Wahrheit, Drachenreiter?« Entaro wollte Isaé genauso wenig dem Schinder ausliefern. Allein der Gedanke daran ließ ihn die Nackenhaare aufstellen. Doch Entaros Schweigen war Istred genug. »Nun. Und wer war es dann?« Istreds Blick richtete sich auf den Turm. »Einer der Ratten, die sich im Turm verschanzen?« Istred lächelte wissend. »Ja, ich habe sie nicht vergessen. Die kleinen Ratten, die euch in den Rücken gefallen sind.« Hadran, welcher sich bis dahin noch zurückgehalten hatte, und einfach am Boden liegen geblieben war, kroch unter Istreds Blicken förmlich hinfort. Wie eine Ratte. Oder noch eher wie ein Wurm. Istred schenkte ihm keinerlei Beachtung, denn seine Aufmerksamkeit galt nur Entaro und er sah ihn erwartungsvoll an, endlich eine Antwort auf seine Fragen zu erhalten. »Sprecht, Drachenreiter.«, befahl Istred und Entaros Lippen bebten. Ser Tarvain schlug mit seinem Schwert gegen den Schild eines nahestehenden Akadiers. Ein stummer Befehl. Sehnen surrten. Bolzen pfiffen und heulten. Der Schinder stand so nah. Einer der Bolzen musste ihn treffen. Das war die einzige Gelegenheit die sie bekommen würden, solange dieser Bastard es vorzog seine Spielchen zu spielen, anstatt das Schwert gegen sie zu führen. Ein dutzend Bolzen flog durch die Luft. Istred erkannte es erst, als es bereits zu spät gewesen war. Die Bolzen zischten durch die Luft und zerschnitten sie als wäre sie ein dünner Vorhang. Istred knurrte und spannte sich an. Entaro zog sein Schwert, in der Erwartung eines Angriffs und die Bolzen schlugen ein. Einer. Zwei. Dann herrschte Ruhe. Istred hatte einen der Bolzen in der Luft gefangen. Die anderen hatten sich tief in ihr Ziel geschlagen. Zu Istreds Fußen steckten neun Bolzen im Boden. Entaro starrte ungläubig auf die hölzernen Schäfte, die wie kleine Nadeln aus der Erde ragten. Nicht einer davon hätte sein Ziel verfehlen dürfen! Und doch war es so geschehen. Istred ächzte angestrengt. Zwei Bolzen hatten sich in seinen Arm geschlagen. Eben jenen Arm, mit welchem er den Bolzen in der Luft gefangen hatte. »Fällt ihn!«, befahl Tarvain und die Akadier gerieten in Bewegung und Istred warf den Bolzen achtlos auf den Boden und nahm sein Schwert zur Hand.
Mit der Geschmeidigkeit einer zustoßenden Schlange schnellte Istred hervor. Entaro schob sein rechtes Bein in die Erde, um einen besseren Stand zu finden. Doch der Schinder nahm von Entaro keinerlei Notiz. Er preschte an Entaro vorbei und noch ehe der Bernsteinritter begriff, worauf der Schinder es abgesehen hatte, war es schon zu spät. Er donnerte wie ein Komet in den Schildwall hinein. Drängte die Akadier zur Seite und brach ihre Verteidigung auf wie eine Nussschale. Er Versetzte einem der Krieger einen Tritt, der andere bekam seine Klinge zu spüren. Und dann hatte er die Bresche geschlagen. Es ging so schnell, dass man es verpasst hätte, wenn man nur einen Moment lang die Augen geschlossen gehalten hätte. Ser Tarvain schrie. Doch die Hände des Schinders legten sich um seinen Hals. Kalter Stahl legte sich auf seinen Hals und dann war der aufziehende Sturm vorbeigezogen. Es herrschte Stille. Die bedrückende Stille von dutzenden Männern die ihren Heerführer in der Gewalt des Schinders sahen. Istrad starrte Tarvain mit einem prüfenden Blick an. Er erkannte den unbändigen Hass in seinen Augen aber auch die Wunde, die er ihm erst vor kurzem zugefügt hatte. »Du bist noch nicht genesen, roter Tod.«, flüsterte Istred und ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du bist kein würdiger Gegner.« Tarvain schnaubte. Doch Istreds Hand an seinem Hals machte es schwer Worte zu sprechen. »Fällt ihn!«, krächzte Tarvain mit aller Mühe hervor und der Schinder schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ein Schritt, und euer strahlender Held wird fallen.« Er übte etwas mehr Druck mit seiner Klinge aus und rotes Blut benetzte das scharfe Eisen. Die Akadier hielten inne. Ihre kalten Blicke stachen aus ihren Helmen hervor. Ihr schwerer Atem mischte sich zu einer Sinfonie aus blechernem Rauschen. Vicar trat hervor. Der gediegene Breschenbrecher hielt seine schwere Axt mit beiden Händen. »Lasst meinen Herrn frei, oder bezahlt mit eurem Leben!«, befahl Vicar und erhob drohend die Axt. Der Schinder lächelte nur müde. »Gib dein Bestes, alter Mann.« Vicar ließ die Axt herniedergehen. Doch Istred wehrte sich nicht gegen den Schlag. Er riss Tarvain herum, so dass dieser schließlich zwischen ihm und Vicar stand. Der Breschenbrecher nahm die Wucht aus dem Schlag heraus. Versuchte das Unheil abzuwenden, seinen eigenen Herrn zu erschlagen. Die Axt beschrieb einen scharfen Bogen und kam schließlich zum Erliegen. Istred lächelte und sein Schwert stieß hervor. Genau in den kleinen Spalt des Helms des Kämpen. Die Axt fiel plump zu Boden, als sie dem Krieger aus den Händen fiel. Ein stummer Schrei lag auf seinen Lippen und kurz darauf sackte der Kämpe auf die Knie.
Istred zog das Schwert in einer fließenden Bewegung zurück und legte es dem roten Tod an den Hals. Vicar zog den Helm vom Kopf. Jede Bewegung war schwerfällig. Als würde er sich in einem Moment der Erstarrung befinden. Als der Helm vom Kopf gehoben wurde, offenbarte sich das Gesicht des Kriegers. Sein kupferrotes Haar hing ihm matt ins Gesicht. Und Blut quoll aus der Höhle, in welcher sich einst sein linkes Auge befunden hatte. Der Schwertstich war tief genug gegangen um ihm das Auge und die Knochen der Augenhöhle zu spalten. Doch nicht tief genug um bis in den Kopf selbst vorzudringen. Vicar atmete schwer. Der Schmerz betäubte seine Sinne und seine Sicht verschwamm zu einem roten, unscharfen Film. Und dann sackte er vollends zu Boden. Sein Atem war flach und bebend. Wenn der Tag sein Ende nehmen würde und VIcar nicht an seiner Wunde erlegen, würde er auf diesem Auge niemals wieder etwas sehen. Die Akadier waren gebändigt. Sie wollten ihren Heerführer nicht weiter in Gefahr bringen. Doch diese Pattsituation war nur eine kurze Atempause. Jeder der Männer war erfahren genug, dass solch ein Moment nur von kurzer Dauer war. Eine kurze Ruhe im Auge des Sturms. Wenn der Wind sich drehte, würde der Kampf sein Ende finden. Auf welche auch immer geartete Art und Weise. Sie verharrten und dutzende, grimmige Blicke hafteten sich auf den Schinder. Ser Tarvain wand sich unter seinem eisernen Griff, doch jede seiner Bewegungen drückte das Schwert nur fester an seinen Hals. »Roter Tod. Wenn alle anderen schweigen. Du weißt sicher, wer die Hexe getötet hat, nicht wahr?« Er verstärkte den Druck seiner Klinge an dem Hals des Heerführers. Doch Tarvain hüllte sich in Schweigen. Istred seufzte.
Doch dann kam Unruhe in die Szenerie. Ein Mann näherte sich dem Pulk. Er war kein Akadier, das konnte Istred sogleich erkennen. Es war einer der Hexenjäger. Einer der Zwölf. Er hielt respektablen Abstand, als ihm bewusst wurde, dass die Situation auf Messers Schneide stand. Istred hob den Kopf und lächelte dünn. »Du. Komm her!« Der Hexenjäger stockte, für einen Moment. Sein Blick war forsch und abwartend. Als ob er hinter jeder Ecke eine Falle wittern würde. Istred nickte. »Komm her, Hexenjäger.« Der Mann sah sich verstohlen um.
Akadier, zum Angriff bereit. Gespannte Armbrüste. Gezogene Schwerter, Äxte und Speere. Und kampfbereite, grimmige Blicke.
Der Bernsteinritter. Mit dem blanken, polierten Schwert in beiden Händen. Bereit sofort zuzuschlagen, wenn sich eine Gelegenheit bot.
Und Hadran. Der auf dem Boden lag und seinen Blick zu ihm erhoben hatte. »Du lebst?«, hauchte der Hexenjäger und Hadran verzog mürrisch den Mundwinkel. Sein Gesicht war rot vom Blut und sein Mund offenbarte eine Reihe abgebrochener Zähne. Istred pfiff einen schrillen Ton zwischen den Zähnen hervor. »Hexenjäger!«, rief er ungeduldig. »Was hat dich aus dem Turm hervor gelockt?« Der Mann reckte seinen Rücken und trat stolz und selbstsicher einige Schritte hervor. Einige Akadier traten beiseite, doch in ihren Augen war er ebenso ein Feind wie Istred. Ein Verräter und ein Angehöriger eines Volkes, welches sie seit Jahrhunderten bekämpften. »Ich komme auf Rodans Befehl.«, hob der Mann schließlich an und Istred hob eine fragende Augenbraue. »Und wer ist Rodan?« Da röchelte Tarvain und seine Hand legte sich auf die Klinge des Schinders. »Verräter! Euresgleichen wird nach eurem Verrat nicht mehr geholfen! Ihr habt jede Gnade und jedes Recht auf Sühne verwirkt«, zischte Tarvain und versuchte das Schwert des Schinders von sich und seinem Hals fort zu drücken. Doch Istred hielt beherzt dagegen. Der scharfe Stahl schnitt sich in die ledernen Handschuhe, bis sich die Hand des akadischen Heerführers daran aufschnitt. »Wie lautet dein Name, Hexenjäger?«, verlangte Istred zu erfahren und warf diesem einen forschen Blick zu. Es schien beinahe, als ob es ihn gar nicht kümmern würde, dass er hier gerade den roten Tod in seiner Gewalt hatte, während er mit irgendeinem dahergelaufenen Hexenjäger sprach. Als ob die ganze Situation, in welcher sich jeder Anwesende befand, nur ein Traum wäre, aus dem man jeden Moment aufwachen würde. Der Mann schluckte und hob dann die Stimme. »Dagan.« Istred nickte. »Und warum schickt dich dein Herr?« »Alenja liegt im Sterben. Ich soll die Medizin, die sich im Besitz des Bernsteinritters befindet, holen.« Er sagte diese Worte als wäre es etwas Beiläufiges. Nicht, als würde ein Verräter und Mann, der gerade die Akadier betrogen hatte, einfach zu ihnen kommen, während ihr Heerführer sich im Würgegriff des eisernen Schinders befand, und nach Medizin zu verlangen. Istred legte den Kopf schief und ein kurzes, spöttisches Lachen entkam seiner Kehle. »Du hast den Moment deines Auftritts schlecht gewählt.« Er schüttelte den Kopf . »Wer ist Alenja?«, verlangte der Schinder zu erfahren doch da schwieg der Hexenjäger. »Das ist die Frau, die euch die Narbe in der Brust beigebracht hat.«, ächzte Tarvain trotzig und in seiner Stimme lag ein Klang von Genugtuung. Da verdunkelte sich der Blick des Schinders. »Ach ist das so. Warum sollte mich kümmern ob sie stirbt?« Da räusperte sich der Hexenjäger. »Weil Rodan befohlen hat, wenn Alenja stirbt, wird auch Isaé sterben!«
Da regte sich Entaro. Sein Blick heftete sich auf den Hexenjäger. Wie die Blicke eines Habichts hafteten sich seine Augen auf den Mann. Und dann sah er, mit noch finsteren Blicken, zu dem Turm, in welchem Isaé und auch Ser Rodan waren. »Ehrloser Bastard.«, raunte Entaro und lockerte dann schließlich den Griff um sein Schwert, um in seine Tasche zu greifen. Er wusste, wonach es dem Mann verlangte, denn es befand sich in seinem Besitz. Doch Istred zuckte abermals mit den Schultern. »Und warum sollte mich Isaés Schicksal kümmern?« hakte Istred nach. »Namen sind nur Schall und Rauch. Wer ist diese Isaé überhaupt?«, verlangte Istred zu erfahren, doch an seiner Tonlage erkannte man, dass es ihn eigentlich nicht recht kümmerte. Da verzog Dagan abfällig den Mundwinkel. »Das ist die Schlampe, die zu den Akadiern gehört.« Istred sah ihn nur mit leeren Augen an. »Sie ist die Frau, die Hera erschossen hat.« Die Worte waren kalt und brutal ehrlich. Doch sie verfehlten ihre Wirkung nicht. In Istreds Blick sickerte die Erkenntnis. Er hatte seine Antwort erhalten. Und zugleich kam Bewegung und Unruhe in die Männer. Tarvain begehrte wütend auf. »Schweigt, Verräter!«, rief er und unternahm einen neuerlichen Versuch sich aus Istreds Griff zu befreien. Kalwen zog sein Schwert und seine Blicke galten sowohl dem Schinder als auch Dagan. In seinem Blick war eine dunkle Mordlust erwacht. Die Akadier spannten sich an, bereit jeden Moment zuzuschlagen, in Erwartung der Schinder würde nun handeln. Und Entaro. Sein Blick wurde finster. Er warf dem Hexenjäger einen giftigen Blick zu, doch sein Hauptaugenmerk lag auf Istred. Wie würde er nun, da er wusste, wer Hera erschlagen hatte. Reagieren? Sann er auf Rache? Würde er die Akadier einfach niedermachen? Oder sich sofort dem Turm zuwenden, um Rache zu üben?
Istred versetzte Ser Tarvain einen Tritt in die Kniekehle, so dass dessen aufbäumender Widerstand einbrach. »Lasst ihn sprechen. Ich denke die Antworten auf meine Fragen liegen nicht mehr bei euch und Euresgleichen.«, brummte Istred. Doch da hatte Istred die Rechnung ohne Entaro gemacht. Sein Geist war hellwach und nur noch darauf konzentriert Isaé zu schützen. Nicht nur wegen des Schwurs den er ihr versprochen hatte. Nein, auch wegen der Gefühle, die er für diese Frau hegte. Er konnte vieles ertragen. Und auch viele Männer dafür opfern. Doch Isaé zu verlieren, würde er nicht erdulden und auch nicht ertragen. Entaro zog die Dose aus der Tasche und warf sie dem Hexenjäger zu. »Fangt!«, rief er und der Mann riss die Hände in die Höhe, um die Dose greifen zu können. »Geht! Helft Alenja!«, befahl Entaro und deutete auf den Turm. »Und richtet Ser Rodan aus, dass…« Istreds Stimme donnerte über die Lichtung. »Wer hat gesagt, dass er gehen darf?« Entaro wandte unbeirrt fort. »Ich werde ihn persönlich richten.« Da schnaubte Istred verächtlich. »Wen kümmert das, Drachenreiter?« Er warf Dagan einen flüchtigen Blick zu und wandte sich dann wieder Entaro zu. »Du hast die ganze Zeit geschwiegen. Dich in Schweigen gehüllt, als ich meine Fragen gestellt hatte. Und nun da es um diese Frau geht, bist du erwacht?« Er lächelte diebisch. »Sie ist dir wichtig. Wichtiger als der rote Tod? Wichtiger als all die Männer hier?« Er machte eine ausladende Geste um jeden der Anwesenden einzubeziehen. Doch Entaro stellte sich forsch dem Schinder entgegen. »Ich habe einen Schwur geleistet.« Da lachte Istred bitter. »Ein Schwur. Nenn es wie du willst.« Er wandte sich wieder an Dagan. »Nein, du darfst nicht gehen Dagan.« Da verdunkelte sich Entaros Blick. »Ihr wagt es?« Er zog sein Schwert in die Höhe. »Ihr lasst ihn gehen, oder diese Scharade ist hier und jetzt beendet.« Istreds Blick haftete sich auf Entaros kampfbereite Klinge und ein gönnerhaftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. »Oh, da ist ja das Feuer des Drachenreiters, das ich so gesucht habe.« Er drückte Tarvain die Klinge noch etwas fester an den Hals. »Doch wie willst du Isaé und den roten Tod retten? Du kannst nicht beide vor ihrem Schicksal bewahren. Du musst dich entscheiden, Drachenreiter.« Entaro schwieg. Man sah ihm das zwiespältige Dilemma an, in welchem er sich befand und Istred erkannte es sogleich. »Wenn ich euch fälle, rette ich Ser Tarvain und Frau Isaé.«, antwortete er knapp und mit dem nötigen Trotz in der Stimme. »Du…« Istred räusperte sich und warf dann einen Blick auf all die Akadier die ihn mit ihren dunklen Blicken straften. Wenn Ser Tarvain auch nur einen Bruchteil eines Wimpernschlages freikommen würde, dann würden sie sich auf ihn stürzen, wie hungrige Wölfe. »Ich werde mit ihm gehen!«, befahl Entaro mit direkter und unnachgiebiger Stimme. Doch da lächelt der Schinder. »Nein. Du bleibst hier Drachenreiter. Der Hexenjäger geht alleine in den verbotenen Turm zurück. und rettet die eine Hexenjägerin, damit die deine Überleben kann.« Dagan, welcher das Geplänkel zwischen den Kriegern mit wachsamen Auge aber schweigsamen Lippen mitverfolgt hatte, verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Doch er bewegte sich nicht. »Nun geht schon!«, befahl Entaro und da eilte er schließlich davon. »Nun. Drachenreiter. Zeigt mir, wie ihr den roten Tod retten wollt.« Entaro hielt sein Schwert mit beiden Händen und trat dem Schinder entgegen. »Lasst Ser Tarvain frei, und ich werde mich euch stellen, Schinder.« Istreds Mundwinkel zuckten. Es war kein Lächeln aber dennoch lag eine gewisses, unverkennbares Entzücken in seiner Mimik. »Ich stelle eine Forderung, Drachenreiter. Ich will wissen, ob du wirklich das bist, was dich alle nennen. Ich habe deinen Drachen noch nie gesehen. Wo ist er? Ich will ihn sehen und dann lasse ich deinen Heerführer gehen und dich zu deiner Hexenjägerin.« Entaro hielt inne. War dies eine Finte? Konnte er dem Schinder trauen? Istred sah ihn stoisch und emotionslos an. Man konnte beim besten Willen nicht sagen ob er die Wahrheit sprach oder nur Zeit schinden wollte.
Entaro schloss die Augen und ließ eine Hand von dem Schwert ab um in seine Tasche zu greifen. Er zog das Siegel Daereans hervor und betrachtete es für einen Moment. »Ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein…«, murmelte er und hielt das Kleinod dann in die Höhe. »Folge meinem Ruf.«, befahl Entaro und das schwache Licht in seiner Hand begann zu pulsieren. Istred sah neugierig auf das Kleinod in der Hand des Drachenreiters. Es leuchtete in warmen Bernsteinfarben. Doch sonst war daran nichts Aufsehenerregendes. Kein Effekt, Keine Magie. Kein Drachengeschrei. Entaro ließ seine Hand weiter in der Höhe. »Wo ist dein Drache, Drachenreiter?«, verlangte Istred zu erfahren. »Es ist ein Drache, kein Hund. Er kommt wann er es für richtig befindet. Er folgt nicht auf Befehle und auch keinem Herren, außer meiner Stimme.« Da kräuselte Istred die Lippen. »Dann rufe ihn, wenn er deiner Stimme folgt.« Entaro seufzte. Wenn es doch nur so einfach wäre. »Er kommt, wenn er kommen will.« Da schnaubte Istred verächtlich. »Nur eine billige Fassade. Du trägst einen Namen, ohne den Wert oder die Bedeutung dahinter zu verstehen. Drachenreiter. In den alten Tagen hat dieses Wort Ehrfurcht und Staunen in den Menschen hervorgerufen. Doch heute. Alles nur noch Schatten und vergessene Erinnerungen. Du bist kein Drachenreiter. Du Blender!« Istreds Blick wurde dunkel und er bleckte die Zähne, zu einer grimmigen Grimasse verzerrt. »Noch bevor die Sonne untergegangen sein wird, werden er, du und deine Isaé in eurem Blut daniederliegen.« Er lachte und drückte Tarvain dann die Klinge an den Hals. Doch nicht um Ser Tarvain zu drohen, oder um ihn in Schach zu halten. Er legte Druck in die Bewegung. Ser Tarvain sollte den Stahl schmecken. »Nein!«, rief Vicar. Sein blutverschmiertes Gesicht war eine groteske Grimasse und das Loch in seiner Augenhöhle war dunkel und leer. Doch sein verbliebenes Auge versprühte genug Zorn und Wut für beide Augen.
Er warf sich auf den Schinder und presste sich zwischen die Klinge und seinen Herrn. Das Eisen schnitt in die eisernen Kettenringe seiner Halsberge. Das Eisen knirschte und verbiss sich an dem Stahl. Doch dann war es vollbracht. Die Akadier heulten zornig und hungrig auf. Die Schilde donnerten und die Schwerter sangen. Und dann brach das Chaos aus. Der Sturm aus Blut und Stahl war entbrannt und nichts würde diese Feuer löschen können, außer dem Blut des Schinders. Entaro warf sich dem Eisernen entgegen. Und Äxte gingen auf ihn hernieder. Istred trieb seine Klinge in Vicar und der alte Kämpe ächzte. »Du alter Bastard!«, rief Istred wütend und trat ihn in den Staub. Doch Ser Tarvain war frei gekommen. Seine Krieger drängten ihn geschickt ab bauten binnen weniger Augenblicke den Schildwall zwischen ihnen auf. Istreds Blicke huschten über das Chaos. Er suchte einen Weg. Eine Schwachstelle. Einen Nadelstich, den er setzen konnte. Er schwang sein Schwert und es schlug auf akadische Schilde. Speere wurden ihm entgegen gestoßen. Schwert nach ihm geschwungen und Äxte nach ihm geschlagen. Istred wich den Hieben geschickt aus und zog seine Klinge zurück. Er packte einen der Breschenbrecher am Hals und warf ihn zurück auf seine Kameraden. Und Äxte verfehlten ihn, immer wieder, als glitten sie an ihm ab wie ein flacher Stein, den man über einen flachen See geworfen hatte. Schwerter schlugen gegen seine Klinge, Schilde brachen unter seinen Hieben. Istred wütete durch die Menge und es war nur dem Schicksal zu verdanken, dass er bisher noch keine einzige tödliche Wunde geschlagen hatte. Und dann schlugen Istreds Klinge und Entaros Schwert aufeinander. Funken stieben und das Metall kratzte und schabte, bis sich die Klingen am Heft schließlich miteinander verkeilten. »Ich habe dich schon einmal in den Staub getreten, Drachenreiter. Und dieses Mal gibt es keine kleine Hexenjägerin, die dir aus der Not helfen wird. Du wirst hier und heute sterben.«
Entaro hob den Ellenbogen, um sein Schwert besser schwingen zu können und Istred hielt dagegen. Entaro hieb seinen Kopf hervor, um Istred eine Kopfnuss zu verpassen, doch der Jeldaé blieb davon unbeeindruckt. »Du kämpfst hier gegen einen Eisengeborenen, du Narr!«, rief Istred und verpasste Entaro einen Hieb mit der Klinge, der ihm alle Luft aus den Lungen trieb. Entaro stolperte zurück und hielt die Klinge vor sich, um den folgenden Schlag abzuwehren. Er hielt sich wacker. Und während Entaro sich gegen den Schinder behauptete, traten ihm immer wieder Akadier zur Seite oder dem Schinder in den Rücken. Die Situation war gänzlich anders, als noch bei ihrem letzten Kampf. Es war kein Duell Mann gegen Mann. Es war nur noch der Schinder gegen Alle. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis er fallen würde. Selbst ein Jeldaé war nur ein einzelner Mann. Er würde fallen. Eine Axt traf den Schinder am Oberarm. Ein Speer bohrte sich in seine Seite. Doch der Schinder wischte sie achtlos beiseite. Die Schläge der Akadier wurden beherzter. Und die des Schinders wurden fahriger und Entaro erkannte eine Lücke. Er hielt das Schwert entgegen. Suchte und wartete. Er wartete auf den richtigen Moment um zuzustoßen. Der Schinder schrie wütend und seine Augen flammten, wenn auch nur kurz, in einem hellen Schein auf. Eisen flog durch die Luft und Rüstungen gaben nach. Der Schinder sprang in die Luft. Höher als ein normaler Mensch hätte springen dürfen. Und das Gewicht ihrer Klingen, Rüstungen und Kettenpanzer war auf einmal so unglaublich schwer geworden, als ob sich ein ganzer Ozean auf sie gelegt hätte. Istred hob das Schwert über den Kopf und stieß auf Entaro hernieder.
Ein unmenschlicher Schrei ertönte. Ein Donnern erfüllte die Luft, welche merklich heißer wurde. Ein Zischen breitete sich aus und Rauch flutete die Lichtung. Ein zweiter Schrei ertönte. Und dann war alles still. Ein schwarzer Schatten stürzte aus dem Himmel und ein Donner, wie das Brechen eines Berges brachte die Lichtung zum Beben. Der Drache!
Er war auf den Zinnen des alten Turmes gelandet. Seine Klauen krallten sich in das alte Gemäuer und sein Schwanz peitschte durch die Luft. Seine Schwingen wirbelten uralten, lange vergessenen Staub auf und seine Augen glühten in einem tiefen Rot. Istred sah den Drachen und hielt inne. Ein Schwerthieb, der ihm gegolten hatte, glitt an ihm ab und dann herrschte unerwartete Stille. Das Chaos war verstummt. Istred war verstummt. Nur der Drache nicht. Er brüllte einen tiefen Schrei aus der Kehle. Und dann spie er einen heißen Schwall Feuer in die Luft. Der Turm ächzte unter der Last des Drachen. Gemäuer bröckelte und Steine brachen. Der Jahrhunderte uralte Mörterl gab unter dem Gewicht langsam nach und die Steine verloren ihren Halt. Ein gewaltiger Riss brach durch das Gemäuer. Wie ein Blitz, der den Himmel in zwei Hälften spaltete. Oder wie ein Bruch in einer dicken Eisdecke, wenn das Eis unter dem Druck nachgab. Es knackte und der Klang des zerspringenden Steins kündete vom Ende des Turmes, der unter dem Gewicht des Drachen nachgab und umstürzte. »Der Turm! Er stürzt ein!«, rief Kalwen erschrocken. Steine flogen durch die Luft und der Drache, welcher schwerfällig um Halt suchte, schwang sich unbeholfen in die Luft. »Er fällt genau in unsere Richtung!«, rief ein anderer Akadier. Und die Ordnung brach auseinander. »Rettet euch!« Der Turm wankte und neigte sich immer mehr und mehr. Doch schließlich obsiegte die Schwerkraft. Der Turm brach an einer Stelle in und dann sackte das uralte Gebäude in sich zusammen. Die Männer rannten auseinander und versuchten aus dem Einsturzgebiet zu entkommen. Ein akadischer Krieger riss den Schild in die Höhe, um das herniedergehende Geröll abzuwehren. Doch die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass es ihn zu Boden warf. Entaros Blick wurde kalt und seine Haut kreidebleich. »Isaé…« Er starrte nur auf den einstürzenden Turm und von all den Männern, die auf der Lichtung um ihr Leben rannten, war er der einzige der auf den Turm zu stürmte.
Als der Staub sich langsam legte, der sich über die Lichtung gelegt hatte. erhoben sich vereinzelte Männer. Sie husteten und klopften sich den Staub von den Kleidern und halfen Kameraden auf die Beine. Akadier und die Hexenjäger der Zwölf, welche aus dem Turm entkommen waren. Die uralte Feindschaft und der jüngste Verrate war fürs erste in den Hintergrund gerückt. Der Staub hatte sich langsam verzogen und gab einen Blick auf den Turm frei, von welchem nur noch eine Ruine und ein Haufen Geröll übrig war. Der Drache war fort. Und auch vom Schinder fehlte jede Spur…Es schien, als ob sich die Erde unter ihm aufgetan hätte. Doch Entaros Gedanken galten nicht dem Schinder. Sondern Isaé.
Blinde Wut ❖
04.05.2026 '20:31 [2.327 Wörter]
 saé hatte kaum zehn Schritte zwischen sich und den Turm gebracht, als hinter ihr ein ohrenbetäubendes Geräusch ertönte, das sie noch nie vernommen hatte. Trotzdem wusste sie, was es beschrieb. Ein Krachen, das ihr durch Mark und Bein fuhr, als hätte man Holz und Stein zugleich auseinandergerissen. Sie blieb für den Hauch einer Sekunde stehen und drehte sich halb um, um zu sehen, was sich hinter ihr abspielte. Der obere Teil des Turms war schon in Bewegung und sackte in sich zusammen. Steine fielen, erst vereinzelt, dann mehr, dann so viele, dass sie sie nicht mehr zählen konnte. Etwas Großes brach mit einem dumpfen aber lauten Krach durch mehrere Ebenen des Turmes zugleich, und der Rest folgte. Ein einziger, gewaltiger Zusammenbruch. Ein gewaltiges Mauerstück schlug nicht weit von ihr in den Boden ein und brach das Erdreich auf. Isaé riss den Arm hoch, als dieser Schlag so nahe bei ihr den Boden erzittern ließ. Ein zweiter riesiger Brocken kam sofort danach, näher, schwerer, und dann war da nur noch Lärm, Staub, Druck, der sie einen Schritt zurücktrieb. Sie rannte intuitiv einfach weg, nicht mehr nach vorne, sondern seitlich weg von dem einstürzenden Turm, während hinter ihr alles in sich zusammenfiel, was vor wenigen Momenten noch gestanden hatte. Staub hüllte sie ein, schlug ihr in den Rücken, nahm ihr für einen Moment die Sicht, legte sich in ihren Hals, ließ sie husten und schwer atmen. Doch egal, welche Widrigkeiten sich ihr boten, sie rannte um ihr Leben, weg von dem Turm, oder von dem was davon noch übrigblieb, ohne stehen zu bleiben. Erst als sie sich in Sicherheit wähnte, wurde sie langsamer, und blieb schließlich stehen.
Stille, die sich nach so einem Ereignis falsch anfühlte und überall nichts als ein dichter grauer Schleier aus Staub, legte sich über die Lichtung. Der Turm war weg. Er war in sich zusammengestürzt wie übereinandergestapelte Steine, die kein Gleichgewicht mehr besessen hatten. Staub zog in feinen Schwaden zwischen den Bäumen hindurch, legte sich auf Isaés Haut, in ihr Haar und jeder Atemzug schmeckte nach Stein. Die Hexenjägerin wandte sich um. Dort, wo der Turm gewesen war, stand nichts mehr, das man so hätte nennen können. Nur ein kläglicher niedriger Rest, aus dem hin und wieder ein Stein nachrutschte, doch mehr passierte nicht mehr. Sie blieb einen Moment stehen, den Blick darauf gerichtet, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich vorbei war. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Doch diesmal langsamer, und nicht mehr fort, sondern zurück. Jeder Schritt brachte den Geruch stärker zurück, dichter, und mit ihm das Bewusstsein für das, was dort geschehen war. Gedämpfte Stimmen waren in der Ferne zu hören, Husten irgendwo, und das leise Rutschen von letzten Trümmern, die sich noch setzten. Isaé achtete kaum darauf, wohin sie trat, solange sie festen Grund unter den Füßen behielt. Ihre Gedanken waren bereits woanders. Bei ihm. Ein flüchtiger Blick, ging über das Gelände, suchte zwischen Staub und Bewegung nach einer Gestalt, die sich abheben würde, ohne dass sie sagen konnte, woran sie sie hier nun erkennen wollte. Er musste hier sein! Er würde hier sein. Einen anderen Gedanken ließ sie nicht zu. Als sie den Rand der Trümmer erreichte, wurde das Gelände chaotischer, durchzogen von Trümmern und geborstenen Balken, die wild und unwillkürlich wie übereinander geworfen aussahen. Isaé ging vorsichtiger, suchte Halt, tastete sich zwischen den Resten hindurch, unwissend, was sie eigentlich suchte. Dann erst nahm sie die anderen wahr. Gestalten im Staub, die sich bewegten, aufrichteten, einander halfen, Stimmen, und die Namen riefen. Isaé trat näher. Ihr Blick ging suchend umher. „Entaro…“ hauchte sie. Der Staub hatte sich noch nicht ganz gelegt, hing in der Luft wie ein grauer Schleier, der alles dämpfte, als hätten selbst die Geräusche Mühe, sich durch ihn zu kämpfen. Männer richteten sich auf, husteten, tasteten nach einander, riefen Namen, die zunächst im Durcheinander untergingen. „Rodan!“ „Hier!“ „Alron?“ Einige fanden sich. Andere nicht. Ser Rodan stand einen Moment lang still, den Blick auf das, was vom Turm übrig war, als hätte er noch nicht ganz begriffen, was geschehen war. Dann setzte er sich in Bewegung, Schritt für Schritt nach vorne, den Blick auf das Trümmerfeld gerichtet. „Alenja!“ Seine Stimme schnitt durch das Stimmengewirr, und für einen Herzschlag lang verstummte es um ihn herum. „Alenja!“ rief er diesmal lauter. Niemand antwortete. Ein Mann trat neben ihn, noch halb blind vor Staub, schüttelte den Kopf, ohne dass Rodan ihn ansah. „Sie waren hinter uns… sie haben sie getragen…“, setzte er zu einer Erklärung an, und lief neben Rodan her, der weiter ging und seine Blicke über die Trümmer schweifen ließ. Er lief nicht schnell, aber mit einer Entschlossenheit, die nichts zuließ außer dem einen Ziel, nämlich seine Tochter zu finden. Er kletterte über einen Geröllhaufen, griff nach einem Stein, warf ihn zur Seite, dann nach einem zweiten, ließ ihn aber schnell wieder fallen, als erkenne er die Sinnlosigkeit dessen, was er hier tat. Doch Rodan hörte nicht auf. „Alenja!“ Seine Stimmt wurde leiser als spräche er nur noch für sich selbst. Dann, zwischen den Trümmern, die näher am Turm waren, am Eingang oder zumindest da, wo dieser gewesen war, fanden zwei des Hexenjägertrupps etwas. „Rodan! Hier! Wir haben sie!“ rief einer der beiden und ging vor einem Geröllhaufen in die Hocke. Rodan hob den Kopf und lief in dem Moment los. Die zwei Männer begannen, die Verschütteten freizulegen, räumten Steine beiseite, zogen an Balken, die sich kaum bewegten. Staub stieg bei jeder Bewegung erneut auf, legte sich in ihre Kehlne, in die Augen, nahm ihnen die Sicht. Es kam kein Laut aus den Trümmern. Kein Ruf. Kein Klopfen. Nichts. Rodan, der ebenfalls begonnen hatte, Steine und Geröll wegzuräumen, hielt schließlich ein. Seine Hände verharrten einen Moment auf dem kalten Stein, den er eben noch hatte wegzerren wollen. Der Druck in seinen Fingern ließ nach, ganz langsam, als würde die Kraft daraus weichen, ohne dass er es bewusst zuließ. Er richtete sich auf. Nicht vollständig. Nur so weit, dass er stehen konnte. Sein Blick ging noch einmal über das Geröll. Als er sprach, war seine Stimme ruhig. „Hört auf.“ Die Männer sahen ihn an, zögerten. „Was redest du? Hilf uns, wir holen sie raus“, sagte einer, unsicher, und Rodan antwortete nicht sofort. Stattdessen schüttelte er den Kopf. „Es hat keinen Sinn. Sie lebt nicht mehr.“ Sein Blick glitt über die Trümmer, blieb an einer Stelle hängen. Einer der beiden sah ihn an, als hätte Rodan nicht mehr seine Sinne beisammen. „Was sagst du da? Hilf uns, sie aus den Trümmern zu holen, vielleicht können wir sie retten!“ Er wuchtete weiter Stein um Stein von den Unfallort, doch Rodan legte ihm bestimmt die Hand auf den Arm. Dann sagte er leise: „Nein, lasst alles, wie es ist. Schau sie dir doch an.“ Die Worte lagen schwer zwischen ihnen, und jeder wusste, was sie bedeuteten, auch wenn keiner sie aussprach. Rodan wandte sich ab. Und in dem Moment, in dem er den Blick von dem Turm nahm, veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Der Zorn war da, sichtbar, ungebändigt, hielt sich nur noch mühsam im Zaum. Sein Blick ging über das Geröll, und fand schließlich, was er suchte.
Isaé blieb am Rand der Trümmer stehen. Vor ihr lag nichts mehr, das an einen Turm erinnerte. Nur gebrochener Stein, geborstenes Holz, Staub, der sich noch immer langsam setzte, als würde alles erst jetzt zur Ruhe kommen. Zwischen den Trümmern bewegten sich Gestalten, richteten sich auf, riefen Namen, halfen einander, Akadier wie auch Hexenjäger. Ihr Blick glitt über das Durcheinander, suchte nicht bewusst, und fand ihn doch. Entaro. Nur eine Bewegung zwischen vielen, und doch hob er sich heraus, als hätte alles andere keinen Wert oder Bestand. Für einen Herzschlag blieb alles andere zurück, der Lärm, der Staub, das, was dort geschehen war. Er lebte, er schien unversehrt. Etwas in ihr ließ nach, so plötzlich, dass sie es kaum fassen konnte. Isaé blieb stehen, den Blick noch auf ihm, als hätte sie sich vergewissern müssen, dass er wirklich da war und ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Entaro…“ formten ihre Lippen den Namen, der ihr so lieb und teuer war. Dann hörte sie Schritte und wandte den Kopf. Und in diesem Moment fiel Rodans Blick auf sie. Rodan bewegte sich schneller, als man es ihm zugetraut hätte. Zwischen den Trümmern fand er den Weg ohne zu zögern, stieß einen seiner Männer zur Seite, der ihm im Weg stand, und war im nächsten Augenblick bei ihr. Seine Hand schloss sich um ihren Arm, hart genug, dass es weh tat, und riss sie herum, bevor sie reagieren konnte. Isaé verlor kurz den Halt, fing sich im nächsten Schritt, doch da hatte er sie bereits gepackt. „Du!“ Ein einzelnes Wort, das mehr wog als jedes Geschrei. Sein Griff zog sie näher, zwang sie, ihn anzusehen, und zum ersten Mal seit dem Einsturz war da nichts mehr von der Kontrolle, die er eben noch aufgebracht hatte. Er zeigte keinen offenen unkontrollierten Zorn. Was er zur Schau stellte, war ruhig, aber gefährlich. Rodan war bei ihr, ehe sie reagieren konnte. „Du!“ wiederholte er. „Du hast geschossen.“ Es klang nicht wie ein Vorwurf, sondern eher wie eine Feststellung, und genau darin lag die Wucht, die Isaé den Atem für einen Moment nahm. „Nein, Alenja hat in die Waffe gegriffen…“, setzte sie an, doch er ließ sie nicht ausreden. „Ich will davon nichts hören! Du hast geschossen!“ Seine Stimme fuhr dazwischen, scharf genug, dass sie jedes weitere Wort abwürgte und während seiner Worte zog er seinen Griff noch fester an. „Und sie ist gefallen. Und sie ist nicht mehr aufgestanden.“ Isaé presste die Lippen aufeinander, hielt seinem Blick stand, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, diesen Moment einfach so stehen zu lassen. „Das ist nicht so…“ „Und jetzt stehst du hier“ schnitt er ihr erneut das Wort ab. Seine Stimme wurde leiser, fast ruhig, und gerade das machte es schwerer zu ertragen, weil es so gefährlich wirkte. Rodans Blick glitt für einen Augenblick über die Trümmer hinter ihr, über das, was vom Turm übrig war, als müsste er sich selbst vergewissern, dass es wirklich geschehen war. „Und jetzt liegt sie da drin, begraben unter diesem verdammten Trümmerhaufen. Sieh gefälligst hin!“ Seine Hand krampfte sich um ihren Arm, nicht mehr nur fest, sondern beinahe schmerzhaft, als würde er sich an ihr festhalten, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Meine Tochter ist tot.“ Isaé sagte nichts, weil es nichts gab, was diesen Satz hätte aufwiegen können, und weil jedes Wort in diesem Moment nur falsch gewesen wäre. Rodans Atem ging hörbar, unruhig, während der Zorn nicht mehr unkontrolliert aufflammte, sondern beständig blieb. „Aber du lebst.“ Mehr brauchte er nicht. Rodans Griff ließ nicht nach, seine Finger lagen wie Eisen um Isaés Arm, während der Zorn in seinem Gesicht nichts mehr verbarg. „Also sag es mir“, forderte er, die Stimme rau, ungeduldig, als würde er sie zu einer Wahrheit zwingen wollen, die längst feststand. „Sag mir, wie es wirklich war.“ Isaé hielt seinem Blick stand, obwohl ihr Puls hämmerte. „Sie sollte mir zeigen, wie die Waffe funktioniert“, sagte sie ruhig. „Ich habe sie gehalten, wie sie es mir zuvor gezeigt hat, oder wie ich es für richtig hielt, aber sie war nicht zufrieden damit. Sie war ungeduldig und hat mich korrigiert, hat die Waffe neu ausgerichtet, mich herumgerissen, ich hatte den Finger bereits am Abzug, weil ich auf den Baum schießen sollte, und dabei hat sich der Schuss gelöst.“ Rodan starrte sie an. Für einen Moment sagte er nichts, als würde er prüfen, ob sie es ernst meinte. Dann verzog sich sein Mund. „So also. Du willst mir erzählen, meine Tochter bringt dir bei, wie man diese verdammte Waffe führt, und in genau diesem Moment löst sich einfach… ein Schuss.“ Isaé wich keinen Schritt zurück. „Genau so war es. Es ist passiert.“ „Natürlich ist es das“, fuhr er sie an, und diesmal brach der Zorn offen hervor. „Du wolltest diese Waffe.“ Der Satz traf sie härter als alles davor. Isaé schüttelte heftig den Kopf. „Nein!“ Rodan trat näher, zog sie mit sich, zwang sie, ihn anzusehen. „Doch“, presste er hervor, jede Silbe schärfer als die letzte. „Du wolltest diese Waffe. Und Alenja stand zwischen dir und dem, was du brauchst.“ „Ich wollte diese Waffe nie führen!“, entgegnete Isaé sofort. „Schon gar nicht gegen den Schinder.“ Ein hartes, kurzes Lachen entwich Rodan. „Du erwartest wirklich, dass ich dir das glaube?“ Sein Blick glitt kurz zu den Akadiern, und sein Blick flackerte vor Überzeugung. „Ihr wusstet, dass dieses Ding eure einzige Chance gegen den Schinder ist. Also bringt ihr sie dazu, sie dir zu zeigen, lasst sie glauben, sie hätte die Kontrolle…“ „So war es nicht!“ protestierte Isaé. „...und im richtigen Moment löst sich der Schuss.“ Seine Stimme schnitt ihr erneut das Wort ab, diesmal endgültiger. „Du nimmst ihr die Waffe ab, koste es, was es wolle.“ Isaé spürte, wie sich etwas in ihr aufrichtete, kalt und klar. Die Tatsache dass Rodan ihr eine derartige Kaltschnäuzigkeit attestierte, machte sie wütend. „Ich habe sie nicht getötet, um an diese Waffe zu kommen. Es war unabsichtlich…“ Rodans Augen verengten sich. „Doch“, sagte er leise. „Genau das hast du.“ Er hielt sie fest, als wolle er sie an dieser Wahrheit festnageln. „Ein sauberer Plan. Die Akadier bekommen, was sie wollen. Und meine Tochter…“ Er brach ab, als hätte er das Wort selbst nicht aussprechen wollen. „Meine Alenja war der Preis.“ Die Worte blieben zwischen ihnen stehen, schwer und unumstößlich in seinem Blick, auch wenn sie jeder Wahrheit entbehrten. Isaé hielt das aus. „Wenn du das glauben musst, dann tu es“, sagte sie ruhig. „Aber es macht es nicht wahr.“ Rodans Griff wurde fester. Sein Gesicht verhärtete sich weiter, bis nichts mehr darin lag außer diesem einen, offenen Zorn, der sich jetzt nicht mehr zurückziehen würde. Isaé wurde den Gedanken nicht los, dass es ihm nicht mehr darum ging, was wirklich geschehen war. Sondern darum, wem er es zuschreiben konnte. Und wie es aussah, musste auch sie einen Preis bezahlen.
Der Amboss des Schicksals ❖
06.05.2026 '23:59 [2.454 Wörter]
 hrenbetäubender Lärm flutete Entaros Geist. Das Gebrüll des Drachen. Das Bersten des Turmes. Das Knirschen und Knacken von uraltem Gemäuer. Der Drache schlug mit den Flügeln und krallte sich in die alten Steine. Er versuchte Halt zu finden. Doch der Drache verlor den Halt. Seine Klauen kratzten über das alte Gemäuer. Er schlug mit den Flügeln und brüllte ein zweites Mal, bevor er sich von dem Turm abstieß. Er landete unbeholfen auf dem Boden und breitete die Flügel aus und sprang dann erneut in die Höhe, während der Turm aus den Fugen geriet und Stück für Stück in sich zusammensackte. Er neigte sich, wie ein drohender Finger der langsam auf einen Angeklagten gerichtet wurde. Bis schließlich das Fundament nachgab. Der Turm brach entzwei und stürzte. Ein Teil des Turms fiel einfach in sich zusammen, während die andere Hälfte, wie ein gefällter Baum, bedrohlich zur Seite neigte.
Entaro rannte. Er rannte, entgegen aller anderen Männer, auf den Turm hinzu. Es war ein törichter Versuch. Doch sein Verstand drehte sich nur um Isaé und dass sie in diesem Turm gefangen gehalten wurde. Sein Herz raste. Vor Wut, vor Furcht. Vermutlich beides zugleich. Wie konnte er sie nur retten? Sein Blick war auf den Turm gerichtet, welcher sich langsam unter der Last des Drachen geneigt hatte. Doch als die Steine sich begannen zu lösen und die ersten Brocken zu Boden fielen, da wurde dem Drachenreiter bewusst, wie töricht seine Entscheidung gewesen war. »Verdammt.«, fluchte Entaro und blieb, wenn auch nur für einen Moment lang, stehen. »Verdammt!«, rief er, als die Erkenntnis ihn wie ein Donnerschlag getroffen hatte. Der Turm ächzte und die Steine verloren ihren Halt, der sie seit vermutlich hundert Jahren zusammengehalten hatte. Der lange, drohende Schatten des steinernen Ungetüms neigte sich und legte sich auf Entaro. Er sah den Schatten über sich kommen. All seine Gedanken. All seine Gefühle. Sie waren mit einem Mal wie weggewischt. Und zugleich drangen sie alle zugleich auf ihn ein. War dies das Ende? Das Ende eines gefallenen, entehrten Bernsteinritters, der irgendwo in den Grenzlanden von einem alten, einstürzenden Turm erschlagen wurde. Unbesungen. Ungerühmt. Vergessen und verdammt für alle Zeigen als wiederkehrender Widergänger durch die Moore zu streifen?
Ein Schrei gellte durch die Luft. Ein Donnerschlag ertönte. Und der Wind wurde durchgepeitscht. Ein eiserner Griff legte sich auf Entaros Brust. Schwer und hart. Wie dutzende Steine, die auf ihn hernieder regneten und ihn alle zugleich trafen. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst und dann…hing er in den Klauen des Drachen. Das schwarze Geschöpf hatte ihn gepackt und in die Luft gehoben. Der Turm krachte in sich zusammen und es wurden Staub und Dreck aufgewirbelt. Das Getöse war laut aber nicht von langer Dauer. Der Drache flog hoch in den Himmel und hielt den Bernsteinritter in seinen beiden Klauen, welcher das heillose Chaos aus luftiger Höhe betrachtete. »Bring mich wieder runter!«, befahl Entaro. »Isaé! Sie ist in dem Turm!« Doch der Drache gehorchte ihm nicht. Er flog stoisch vom Ort des Geschehens hinfort. »Bring mich zu ihr!«, befahl Entaro und brüllte seine Worte, in welcher sich der lähmende Zorn gemischt hatte, gegen den Wind. Der Drache schnaubte und seine Augen glühten. Doch schließlich gehorchte er und brachte Entaro sicher zurück auf die Lichtung. Entaro raffte seine Kleidung und begann dann die Ruine nach Lebenszeichen abzusuchen. Doch je mehr er suchte, desto mehr überkam ihn die ernüchternde Erkenntnis. Niemand, der von diesem Turm erfasst worden war konnte dies überlebt haben. Niemand, der unter diesen Steinen begraben lag, würde wieder aufstehen. Nicht einmal ein Widergänger.
Entaro stand inmitten der Trümmer. Um ihn herum regten sich die Männer. Einer nach dem anderen richtete sich auf und klopfte sich den Staub von den Schultern. Namen wurden gerufen. Doch nicht ein einziges Mal wurde sein Name gerufen. Er stand einfach nur da und sah auf die Ruine, die vermutlich vor langer Zeit die Burg eines stolzen, kalathischen Fürsten gewesen sein mochte. Und nun, nach dem Zahn der Zeit und dem Verfall der Grenzlande, ist nichts mehr davon übrig als die Grundmauern und zerbrochene Steine. Der letzte Rest. Die letzte Erinnerung an alte, vergangene Zeiten. In den Staub getreten und geschliffen. Niemand erinnerte sich mehr wer hier eins geherrscht hatte. War es ein guter Mann gewesen? Oder hatte er Unheil über das Land gebracht? Hatte Hera ein Erbe angetreten, oder einen alten Ort entweiht? Fragen über Fragen bemächtigten sich seiner Gedanken. Doch die eine, und alles überschattende Frage war stets dieselbe. Wo war Isaé?
Ein Tumult war ausgebrochen. Die Hexenjäger waren dem Turm entkommen und einige von ihnen bereits wieder auf den Beinen. Und Ser Rodan hatte Isaé ergriffen. Seine Stimme schallte über die Lichtung. Worte der Wut. Anklagende Worte der Verzweiflung. »Sie ist tot!«, rief er und Entaro erwachte aus seiner Starre. »Isaé…«, hauchte er als er sie endlich sah. Ihre Blicke kreuzten sich. Trafen sich, für einen Moment. Doch der Moment war nur von kurzer Dauer. Rodans Wut überschattete alles, selbst Entaros Blicke. Sie verdunkelten sich und er setzte sich schließlich in Bewegung. Entschlossen legte er seine Hand an den Griff seines Schwertes. Er würde diesem Spiel ein Ende bereiten. Hier und jetzt.
Er näherte sich dem Gedränge. Ser Tarvain war noch nicht in Erscheinung getreten. War er vom Turm getroffen worden? War er wohlauf? Die Frage, flammte kurz in Entaro auf. Doch sie verlor sich gegen den roten Schleier, der sich Entaro bemächtigt hatte. Er näherte sich Ser Rodan, welcher Isaé fest am Arm hielt. Entaro zog sein Schwert. Stumm und stoisch. Er legte es in beide Hände und trat an den Verräter von Rotenburg heran. Ohne ein Wort der Warnung auszusprechen. Ohne ritterliche, mahnende Worte zu verkünden. Entaro hob das Schwert in die Höhe und ließ es niedergehen. Direkt auf Ser Rodan. Metall schlug auf Metall. Ein dumpfer Schlag erklang. Und dann ein scharfes Knirschen, als das Schwert des Bernsteinritters an der Klinge eines Mannes entlang rutschte. »Ser Adun!«, rief der Hexenjäger, welcher mit seinem Schwert Ser Rodan davor bewahrt hatte, einfach von hinten erschlagen zu werden. Ser Rodan zuckte erschrocken zusammen, als ihm bewusst geworden war, dass der Schlag, der nach seinem Leben getrachtet hatte, abgewehrt worden war. »Lasst sie gehen.«, befahl Entaro, und drehte sein Schwert in der Bewegung. Der Hexenjäger hielt dagegen. Doch Entaro versetzte ihm einen Hieb. Der Hexenjäger wich zur Seite und Entaro kniff die Augen zusammen und warf, mit aller Wucht die er aufbringen konnte, seinen Kopf gegen den des Hexenjägers. Knochen schlug auf Knochen. Ein dumpfer Schlag ertönte und dann fiel eine Klinge klirrend zu Boden. Der Hexenjäger taumelte und trat einige Schritte zurück, während Entaro seine Klinge auf Ser Rodans Schulter legte. »Ich sagte…« ,begann er und auf seiner Stirn bildete sich ein roter Bluterguss. Aus der Haut trat ein einzelner, dicker Blutstropfen, der sich langsam über seine Stirn zog. »…lasst sie gehen.«
Ser Rodan zog Isaé näher an sich heran. »Sie hat meine Tochter getötet!«, rief der Ritter erbost und entschlossen genug Isaé mit in den Tod zu reißen, sollte Entaro das Schwert gegen ihn richten. Doch der Bernsteinritter grunzte nur unzufrieden. »Eure Tochter ist von dem eingestürztem Turm erschlagen worden. Ergebt euch und ich werde Gnade walten lassen. Weigert euch, und seht eure Tochter auf der anderen Seite wieder.« Entaro drückte die Klinge noch etwas fester auf Ser Rodans Schulter. In dem Blick des Mannes konnte man den Widertand aufflammen sehen. Die Wut, die sich seiner bemächtigt hatte. Und zugleich die Erkenntnis, dass er unfähig war Rache zu üben. Nicht, ohne selbst dafür zu fallen. Sein Griff um Isaés Arm lockerte sich ein wenig, doch sein Kopf spann bereits alle möglichen Auswege aus dieser Situation. Wenn es ihm gelänge, dem Bernsteinritter das Schwert aus der Hand zu schlagen? Oder zumindest es von seinem Hals zu entfernen. Er grübelt, doch jeder Versuch endete in seiner Vorstellung mit einem scharfen Stahl, der ihm in den Leib getrieben wurde. Und so seufzte Rodan schließlich resignierend und lockerte schließlich seinen Griff um Isaés Arm soweit, dass sie sich von ihm lösen konnte. »Ihr seid ein Mann ohne Ehre. Verräter von Rotenburg.« stellte Entaro nüchtern und emotionslos fest. »Wie auch Ser Tarvain, kann ich sehr wohl den Schmerz nachempfinden, der euch nun plagt. Doch euer Verhalten ist weder ritterlich noch redlich. Ihr seid nichts als ein Verbrecher geworden.« Da lächelte Rodan dünn. »Und ihr? Ser d'Adun.« Entaro legte den Kopf schief und sah den Mann abschätzend an. »Sprecht nicht in Rätseln, Ser Rodan.« Der Anführer der Zwölf lachte. »Ihr könnt den Schmerz nicht einmal verstehen. Bernsteinritter!« Rodans Stimme schnaubte wütend. »Kein Vater sollte sein Kind überleben! Keiner!« Da nickte Entaro. »Ihr habt alles Recht der Welt. Wut. Trauer. Frust. Dennoch. Ihr habt Ser Tarvain einen Bund gegen den Schinder vorgegaukelt. Und seid uns dann, als sich die Gelegenheit geboten hatte, in den Rücken gefallen. Wenn ihr nicht schon ohnehin ein Verräter wärt, habt ihr in diesem Augenblick euer Anrecht auf Anhörung oder Sühne verwirkt.«, Entaros Blick war ernst und er musterte Ser Rodan eindringlich in der Erwartung von irgendeiner Reaktion. »Und euer Leben!«, rief Ser Tarvains Stimme, welche sich genähert hatte. Er wurde von einem Akadier gestützt, da er einen der Brocken des Turmes auf das linke Bein bekommen hatte. Vermutlich war es sogar dabei gebrochen. »Auf Verrat steht der Tod. Ser Rodan. Und ihr seid des doppelten Verrates schuldig.«
Eine Veränderung hatte sich über die Trümmer gelegt. Wie ein schleichender Verfall. Der sich langsam und kriechend durch den Geist windete. Doch niemand hatte es bemerkt. Es war wie ein Schatten. Der sich im Schutz der Bäume auf die Ruinen gelegt hatte. Als wäre der Schatten der Bäume von diesen losgelöst worden und nun dem eigenen Antrieb folgend.
Ein Stein bebte und bewegte sich. Er richtete sich langsam auf und rollte dann von einem kleinen Steinhaufen herunter, welcher sich über der Lichtung aufgehäuft verteilt hatte. Ein kalathisches Grab nach dem alten Brauch. Doch was zunächst von niemandem bemerkt worden war, wiederholte sich. Ein zweiter Stein bebte. Und auch dieser rollte von dem Grab herab. Entaros Blick wurde von dem rollenden Stein, abgelenkt. Doch als ein dritter Stein das Grab herab rollte, da wurde der Schatten, welcher sich des Leichnams bemächtigt hatte, stärker und dichter. Man konnte ihn förmlich sehen, wie dichter, schwarzer Dunst der unklar vor den Augen zu wabern begann.
Ein unmenschlicher Schrei ertönte. Es war nicht der Schrei eines Drachen. Auch nicht der Schrei eines uralten Düsterlings. Und schon gar nicht der Schrei eines Menschen. Auch wenn der Schrei aus einer menschlichen Kehle entkommen war, so war es kein Schrei eines Lebenden. Sondern der eines Toten. Die Steine stürzten von dem Grab herunter. Das Grab, welches der eingestürzte Turm und die unzähligen Steine, die sich auf dem Boden verteilt hattten, geworden war. Der einstige Turm eines kalathischen Fürsten. War nichts weiter als ein Grab geworden. Schließlich reckte sich eine Hand daraus empor. Als die Hand sich erhob, sackte das Grab schließlich in sich zusammen. Zurück blieben nur Schutt, Geröll und ein Loch im Boden. Und inmitten dieses Lochs stand eine Frau. Ihre Augen weiß und leer in tiefen Schatten liegend. Als ob sie an der Schwelle des Todes gestanden hätte und sich geweigert hatte dem Tod zu ergeben. Als ob alles Leben aus ihren Augen gezogen worden wäre. Ihre Haut war fahl und ihr Haar hing ihr matt ins Gesicht. Sie erhob sich aus dem Grab, wie eine Puppe, die an unsichtbaren Fäden empor gezogen wurde. Ihre Haut war von Blut besudelt und mit Staub bedeckt. Und dann tat sie einen Schritt hervor. Ihr Schrei riss alle Männer aus ihrer Stille. Die Stille, vor dem Sturm. Als Ser Tarvain seine letzten Worte gesprochen hatte. Worte des Todes und der Rache.
»Alenja?« Ser Rodan starrte auf die Frau, die sich aus ihrem eigenen Grab erhoben hatte. Doch sie antwortete nicht. »Alenja? Du lebst?« Rodan löste sich nun vollends von Isaé und seiner Tochter zu, die sich stumm und stillschweigend aus den Trümmern des Turmes gekämpft hatte. Rodan trat an die Frau heran und als er sie in die Arme schließen wollte, da schnellte ihre Hand hervor und legte sich ihm an den Hals. Ein gellender Schrei erklang der jedem Mann durch Mark und Bein ging. Rodan röchelte und japste, als die zierliche Gestalt ihm mühelos den letzten Atem abpresste. »Widergängerin!« Riefen die Hexenjäger, welche sich nun klar geworden waren, dass dies nicht mehr Alenja war. Sondern eine zerrissene und gebrochene Seele, welche den Weg auf die andere Seite nicht gefunden hatte. Oder sie hatte sich geweigert zu gehen und ihr Zorn hatte sie am Leben gehalten. An den Körper gebunden und mit der Wut und dem Hass, der aus der anderen Seite mit ihr zurück gekehrt war, in den Körper eingefahren. »Helft ihm!«, rief ein Hexenjäger mit einer schweren Sichel und hieb damit nach dem Wesen, welches eins Alenja gewesen war. Alenja, die Tochter des Verräters von Rotenburg.
Entaro kam in Bewegung. Aus dem Feind, den er bedroht hatte, war nun das Opfer geworden. Rodans Leben hing am seidenen Faden. Und auch, wenn er diesem Mann, für seinen Verrat und seine Frevel, den Tod wünschte. So war dies kein Ende, dass ein Mann verdiente. Aber er hielt sich zurück. Er trat an Isaé heran und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. »Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich und Isaé nickte. »Ich bin froh, dass es dir gut geht.« Entaro versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. »Widergänger!«, rief ein Akadier. Doch der Ruf galt nicht Alenja. Aus dem Trümmer erhob sich ein zweiter Wiedergänger. Einer der Hexenjäger, welcher von den Trümmern getötet worden war. Und noch ein weiterer. Ein akadischer Ritter, der versucht hatte die Trümmer mit dem Schild abzuwehren. Der gebrochene Schild hing ihm noch an dem herunterhängenden Arm. Seine Augen waren leer und tot. Weiß und ohne Seele darin. Doch irgendwo ganz tief in ihnen, da schimmerte ein fernes Licht. Wie ein Irrlicht in einem vom Mond beschienenen Sumpf.
Entaro drückte Isaé hinter sich. »Kannst du kämpfen?«, erkundigte er sich bei ihr. »Das sind zuviele!« rief Ser Tarvain. »Wir müssen uns zurückziehen!«, schlug mit dem Schwert nach einem der Widergänger, die sich aus den Steinen erhoben, als ein Schwert sich ihm in den Weg stellte. »Haltet ein!«, rief der Hexenjäger. Er hatte sich aus den Trümmern gekämpft. Sein Kamerad, welcher einige Schürfwunden und blaue Flecken davongetragen hatte, schob sich aus einem kleinen Seitengang ans Tageslicht zurück. »Wir waren in den Katakomben, um Heras Leichnam zu bergen. Doch dort war kein Leichnam mehr! Und dann ist der ganze, verdammte Turm über uns zusammengebrochen. Wir konnten uns gerade noch in einen Seitengang retten.« Entaro legte den Kopf schräg. »Was sprecht ihr da?« Und dann warf er einen verwirrten, unsicheren Blick zu Isaé. »Du hast sie getötet…wo ist ihr Leichnam?«
Die Wiedergänger ❖
07.05.2026 '15:33 [4.138 Wörter]
 ährend Ser Rodan von Rotenburg sich mit aller Gewalt gegen die Wiedergängerin wehrte, die ironischerweise seine eigene Tochter war, standen Entaro und Isaé trotz aller Überraschung über diese Entwicklung nur ein Stück weit daneben und sahen kurz zu, bevor sie sich einander zuwandten. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er sie, während er ihr seine Hand auf die Schulter legte und sie nickte. „Ich bin froh, dass es dir gut geht“ meinte Entaro und Isaé hob den Blick und sah ihm direkt ins Gesicht. Sie war erschöpft, so wie sie alle, die noch am Leben waren. Ein schwaches Lächeln erreichte ihre Augen, ohne dabei den Mund zu verziehen. „Und ich bin so froh, dass es dir gut geht.“ Jetzt hob sie ihre Hand und wischte sachte das Blut von seiner Stirn. „Noch nie habe ich dich so wütend gesehen, wie in diesem Moment.“ Doch noch bevor Entaro darauf etwas entgegnen konnte, nahm das Chaos rings um sie erneut Gestalt an. Zwischen den Trümmern bewegten sich immer mehr Schatten. Erst langsam, tastend beinahe, dann deutlicher, als sich bleiche Hände über geborstene Steine schoben und Körper aus dem Staub erhoben, die dort eigentlich hätten liegen bleiben sollen. Isaés Blick glitt über die Gestalten. Zerdrückte Glieder, blutverschmierte Kleidung die mit Staub überzogen war. Gesichter, die sie kaum erkannte, aber vor wenigen Stunden noch lebend gesehen hatte. Wiedergänger. Schon wieder. Nur dieses Mal war es etwas anderes. Wie hätten sie die Toten enthaupten können, wenn sie unter schweren Mauertrümmern begraben worden waren? Etwas Kaltes zog sich in ihrem Magen zusammen, doch Entaros Frage ließ sie aufsehen. Für einen Herzschlag lang sagte sie nichts. Entaros Blick lag auf ihr, fragend jetzt, unsicherer als zuvor, und Isaé spürte, wie sich ihr Puls wieder beschleunigte. Sie hatte Hera getötet. Daran gab es keinen Zweifel. Sie erinnerte sich zu genau daran, mit welcher Anstrengung sie das Langmesser in Heras Brustkorb gestoßen hatte, an das warme Blut an ihrer Hand, an den Moment, in dem der Blick der Hexe gebrochen war. Sie hatte Hera in die Augen gesehen als sie gestorben war. Hera war tot gewesen. Aber allen Anscheins nach war das nicht genug gewesen. Nicht im verfluchten Reich Kalath. Isaé schluckte trocken, während sich hinter den Trümmern weitere Wiedergänger erhoben. „Ja, ich habe sie getötet“, sagte sie schließlich, leise, aber fest genug, dass es keine Unsicherheit darin gab. „Ich habe gesehen, wie sie starb. Ich… ich hätte ihr den Kopf abtrennen sollen, ja, aber daran habe ich nicht gedacht. Meine Gedanken galten nur dir, um dich davor zu bewahren, nicht mehr zu erwachen.“ Sie sah Entaro entschuldigend an und verkniff sich, dass auch sonst niemand von den Männern daran gedacht hatte, Hera den Kopf abzuschlagen. Sie konnte es jedoch niemandem verübeln. Sie alle waren gefangen gewesen in ihrer Magie, in Träumen, Alpträumen oder verborgenen Sehnsüchten. Niemand hatte daran gedacht, Hera in diesem Turm den Kopf abzuschlagen! Und nun war sie weg?
Ein dumpfer Schlag ertönte irgendwo zwischen den eingestürzten Mauern, gefolgt vom Knacken brechenden Holzes. Isaés Blick wanderte unwillkürlich zurück zu den Trümmern. Ganz in der Nähe richtete sich einer der Wiedergänger ruckartig auf, den Kopf in einem unmöglichen Winkel verdreht, Staub rieselte von seinem zerdrückten Brustkorb, während seine trüben Augen ziellos über die Lichtung wanderten. Isaé griff nach ihrem Langmesser. Doch da war keins. „Scheiße“, murmelte sie kaum hörbar. Einer der Hexenjäger hatte ihr das Langmesser abgenommen im Turm und an sich genommen, sie konnte sich nicht entsinnen, wer es gewesen war, und ob er noch auf seinen zwei Beinen stand, oder ob einer der Hexenjäger es an sich hatte, der zu einem Wiedergänger geworden war. Diese schoben sich zwischen den Trümmern hervor. Lose Steine polterten unter ihren Schritten, während fahle Finger nach entgegengereckten Schwertern und lebenden Menschen griffen. Vielleicht zehn waren es insgesamt. Zu viele, um sie zu ignorieren. Bei weitem nicht genug, um gestandene Akadier in die Flucht zu treiben. Ser Tarvain lehnte mit zusammengebissenen Zähnen gegen ein gewaltiges Mauerstück, das sich nach dem Fall in den Boden gerammt und beinahe wie eine Mauer neu positioniert hatte. Sein linkes Bein stützte er in einem Winkel ab, der nichts Gutes verhieß. Blut lief ihm über die Schläfe, doch seine Stimme blieb hart wie geschliffener Stahl. Nichts, aber auch gar nichts konnte seinen Kampfesgeist und seine Entschlossenheit bremsen. „Hört auf, wie aufgescheuchte Hühner herumzubrüllen!“, fuhr jetzt einer der beiden Hexenjäger der sich in den Seitengang hatte retten können und so dem sicheren Tod entgangen war, die Männer an. „Das sind keine Dämonen. Das sind wandelnde Leichen.“ Ein Wiedergänger stolperte kreischend über einen Schutthaufen. Einer der Akadier wich instinktiv zurück. „Er hat Recht! Zu Boden bringen und den Kopf ab!“ Tarvain deutete mit dem Schwert auf die Kreatur. „Nur der Kopf zählt. Verstanden?“ „Jawohl!“ Der Heerführer stieß sich keuchend höher gegen den Stein, obwohl jeder Atemzug sichtbar schmerzte. „Schildreihe bilden und halten! Keine Alleingänge!“ Ein weiterer Wiedergänger brach zwischen eingestürzten Balken hervor. Seine trüben Augen suchten die Lebenden. Einer der Soldaten trat vor, fing den ersten wilden Hieb mit dem Schild ab und rammte ihm die Klinge durch den Bauch. Der Leichnam taumelte rückwärts. „Kopf ab!“, bellte Tarvain. Der zweite Schlag biss sich tief in den Hals des Wiedergängers, ein dritter Schlag der sauber in die bereits geschlagene klaffende Wunde schlug, trennte Wirbel und Fleisch. Der Körper sackte augenblicklich in sich zusammen. Nun kippte die Stimmung. Die ersten Männer begriffen, dass diese Gegner fielen wie alles andere auch. Stahl blitzte auf. Ein Akadier nach dem anderen drosch einem Wiedergänger das Knie weg, ein anderer hieb ihm mit einem Fluch das Schwert auf den Schädel, bevor er ihm mit wenigen harten Schlägen den Kopf von den Schultern trennte. Zwischen den Trümmern entbrannte kein verzweifelter Überlebenskampf mehr, sondern brutale, disziplinierte Arbeit. Tarvain beobachtete das Geschehen mit finsterem Blick. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Waren die Akadier zunächst von Entsetzen erfüllt gewesen, so hatte die Tatsache, dass diese Gegner nur auf den ersten Blick furchteinflößend, auf den zweiten Blick jedoch leicht zu schlagen waren, ihre wahre Stärke wieder hervortreten lassen. Es dauerte nur wenige Momente, bis alle Wiedergänger endgültig wieder zu den Toten geschickt worden waren.
Die Akadier hatten die Wiedergänger Stück für Stück niedergestreckt und schließlich auf der Lichtung zusammengetragen. Köpfe und Leiber lagen nun auf einem einzigen widerwärtigen Haufen, mit Blut und Staub verklebt, während einige Männer trockene Balken und zerbrochene Bretter aus den Geröllhaufen darüber warfen. Das Adrenalin der Schlacht wich langsam aus den Gliedern und machte jener dumpfen Erschöpfung Platz, die erst kam, wenn man begriff, dass es vorbei war. Isaé stand etwas abseits zwischen eingestürzten Mauern zusammen mit Entaro und sie sprachen mit einem verletzten Akadier, während Ser Tarvain mit bleichem Gesicht gegen einen Steinblock gelehnt saß. Zwei Männer hatten sein Bein geschient. Der Heerführer bellte jeden an, der ihm weitere Hilfe anbot, oder ihn länger als nötig ansah. Man sah ihm deutlich an, dass er, auch wenn er diesen Kriegszug gewollt hatte, längst genug davon hatte, doch sein eiserner Wille, zu beenden was er begonnen hatte, hielt ihn bei Laune. Dann durchschnitt plötzlich Gelächter die Lichtung. Laut, tief, grausam belustigt. Sofort fuhren Köpfe herum. Mehrere Schwerter wurden gezogen. Dort, am Rand der zerborstenen Ruinen, zwischen schiefen Säulen und schwelendem Rauch, stand der Schinder. Sein massiger Leib hob sich dunkel gegen das fahle Abendlicht ab. Seine Rüstung wirkte, als wäre sie aus Schlachtfeldern selbst geschmiedet worden. Vernarbt, geschwärzt, stellenweise noch mit eingetrocknetem Blut überzogen. Und neben ihm stand eine Gestalt, die den Männern auf der Lichtung augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie war schmal und bleich wie der Tod. Ihr Kleid aus durchscheinenden Stoffen hingen wie Nebelschleier an ihrem Körper herab und bewegten sich in keinem Wind. Das lange dunkle Haar floss ihr wirr über die Schultern und hing ihr ins Gesicht, während ihre leeren Augen über die Lichtung glitten. Hera. Oder das, was von ihr übrig war. Ein leises Murmeln ging durch die Akadier. Der Schinder breitete grinsend die Arme aus. „Was ist das hier denn für ein jämmerlicher Anblick?“ Seine Stimme rollte über die Lichtung wie ferner Donner. „Seid ihr so schwach geworden, dass ihr euren Mut an den Toten beweisen müsst?“ Er deutete mit einer Hand auf den Haufen aus verstümmelten Körpern. „Zehn wandelnde Tote und der große Rote Tod humpelt schon wie ein alter Hund durch den Dreck.“ Erneut stieß er ein hämisches Lachen aus. Tarvains Blick wurde mörderisch kalt. Istred lachte nur noch breiter. „Ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht! Ich hatte mehr erwartet.“ Dann wanderte sein Blick langsam über die Versammelten. Über die Akadier. Über Entaro. Über Kalwen. Und schließlich blieb er an Isaé hängen. Der einzigen Frau in diesem Zug. Das Grinsen verschwand nicht. Aber etwas darin veränderte sich. Es wurde schärfer, wissender. Er streckte seine Hand aus und deutete auf die Hexenjägerin. „Du bist also diese Isaé!“ Isaé spürte augenblicklich, wie ihr ein eisiger Schauder über den Rücken lief. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie hatte diesem Mann nie zuvor gegenübergestanden, und doch sprach er ihren Namen aus, als hätte er längst auf sie gewartet. Ohne den Blick von Istred zu lösen, raunte sie Entaro leise zu. „Was soll das…? Woher kennt er meinen Namen? Woher weiß er, wer ich bin?“ Neben ihr bewegte Entaro kaum merklich den Kopf. Seine Stimme blieb ebenso ruhig wie angespannt. „Einer der Hexenjäger hat dich verraten.“ Für einen Herzschlag verstand Isaé gar nicht, was er gesagt hatte. Doch dann sickerte die Erkenntnis langsam in ihren Geist. „Ich verstehe…“ murmelte sie. „Sag mir, Weib, warst du es? Stille breitete sich über die Lichtung aus. „Warst du es?“ bellte er nun ungeduldiger als zuvor. Isaé spürte plötzlich jeden Blick auf sich ruhen. Der Schinder trat einen Schritt vor. „Nicht der Bernsteinritter.“ Seine Stimme troff vor Verachtung. „Nicht der verkrüppelte Heerführer.“ Er tat einen weiteren Schritt. „Und auch keiner dieser heulenden Hunde dort hinter dir.“ Nun zeigte er direkt auf Isaé. „Du warst es, oder? Sage mir, ist es wahr?“ Isaé tat einen Schritt auf der Stelle. Ja, sie hatte Hera getötet. Sie, die aus dem Nichts gekommen war. Kein edles Blut. Kein berühmtes Haus. Keine Ahnenreihe voller Ritter oder Feldherren. Nur eine junge Frau aus Köllesberg, geboren in einfachsten Verhältnissen, die gelernt hatte, mit bloßen Händen nach dem Leben zu greifen, und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, als sie nichts und niemanden mehr gehabt hatte. Und nun stand Istred, der eiserne Schinder dort draußen und verlangte nach ihr. Isaé hob langsam das Kinn. Die Angst war da. Kalt und schwer wie ein Stein in ihrem Inneren. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie mühelos Istred Männer niedergeschlagen hatte, die größer, stärker und erfahrener gewesen waren als sie selbst. Nicht einmal Ser Tarvain hatte ihm standhalten können. Und Entaro… selbst Entaro hatte ihn nicht bezwungen. Seine ganze geballte Kraft und all sein Können hatten nichts ausrichten können. Aber dennoch wich sie keinen Schritt zurück. „Ich bin die Hexenjägerin Isaé Edera aus Köllesberg“, sagte sie laut genug, dass der Wind ihre Stimme über die gesamte Lichtung trug. Der Wind fuhr durch ihr ungezähmtes Haar. Dann sah sie direkt zu Hera hinüber und schließlich wieder zu Istred. „Ja“, sagte sie fest. „Ich habe Hera getötet.“ Die Wiedergängerin neben ihm bewegte langsam den Kopf. Ihre leeren Augen richteten sich ebenfalls auf Isaé. Ein dünnes Lächeln erschien auf Heras bleichem Gesicht. „Komm hervor, Hexenjägerin.“ Istreds Stimme wurde tiefer. Gefährlicher. „Ich will die Frau genau sehen, die glaubte, mich bestehlen zu können.“ Der Wind strich über die Lichtung und wirbelte den Staub zwischen den Ruinen auf, ließ ihn in wabernden Schlieren tanzen. „Komm her und steh vor mir.“ Entaro zog sein Schwert und tat bereits einen Schritt nach vorne. Doch der Schinder hob sofort die Stimme. „Nein!“ Das Wort polterte über die Lichtung. „Bleib wo du bist, Bernsteinritter.“ Sein Blick blieb unbeweglich auf Isaé liegen. „Ich rede mit der Hexenjägerin. Nicht mit ihrem Schoßhund.“ Hera blieb weiterhin regungslos. Es war nicht zu erkennen, ob sie sich nur raushielt, oder tatsächlich nur mehr eine leblose Hülle war, die sich nur der verfluchten Erde Kalaths wiedererhoben hatte. „Sie hat meine Hexe getötet.“ Istreds Stimme klang nun beinahe ruhig. „Jetzt will ich ihr ins Gesicht sehen, bevor ich entscheide, ob ich sie dafür zerschmettere… oder ob sie mir gefällt.“
Isaé wandte sich langsam zu Entaro um. Obgleich es auf der Lichtung still war, rückte diese in den Hintergrund. Selbst Istreds Stimme verlor sich irgendwo hinter ihr, dumpf wie Donner hinter Bergen. Für einen Augenblick existierte nur noch der Bernsteinritter vor ihr. Sie griff nach seinen Händen. Seine Finger waren rau, warm trotz der kalten Luft, die über die zerstörte Lichtung strich. Isaé hielt sich daran fest, als könnte allein diese Berührung verhindern, dass alles um sie herum auseinanderbrach. „Ich muss gehen“, sagte sie leise. Sie hob den Blick zu ihm. „Wir haben nur diese eine Gelegenheit. Bisher hat nichts diesem Mann etwas anhaben können.“ Ihre Finger schlossen sich fester um seine Hände. „Ich vertraue auf dich… und auf Schatten. Und ich lege mein Leben in eure Hände. Wenn Drachenfeuer ihn nicht tötet… dann tötet ihn wohl nichts.“ Für einen kurzen Moment bewegte sie sich nicht mehr. Sie spürte die Wärme seiner Hände, diese vertraute Schwere seiner Nähe und plötzlich erschien ihr der Gedanke unerträglich, ihn loszulassen. Als würde sie, sobald sich ihre Finger voneinander lösten, unwiderruflich in etwas treten, aus dem es kein Zurück mehr gab, das sie nie wieer zu ihm zurückkommen ließ. Ihre Lippen öffneten sich leicht. Vielleicht wollte sie etwas sagen. Etwas, das sie schon längst hätte sagen sollen. Die Worte lagen ihr bereits auf der Zunge, schwer und brennend zugleich. Doch schließlich zog Isaé langsam die Hände zurück, als würde selbst diese kleine Bewegung zu viel Kraft kosten. Sie wollte sich schon abwenden, aber dann blieb sie noch einen Moment lang stehen. Denn sie hatte sich selbst im Turm einen Schwur gegeben. Und wenn der Schinder sie jetzt tötete, dann war sie eine Wortbrüchige. Für einen Herzschlag rang Isaé mit sich selbst. Sie hatte Angst vor den Worten, noch ehe sie ausgesprochen waren. Dann sagte sie leise, gleich einem Hauch „Ich liebe dich.“ Isaé wandte sich langsam ab. Für einen Moment blieb die Wärme seiner Hände noch an ihren Fingern zurück, wie ein letzter Halt, den sie mit sich nahm, während sie über die Lichtung schritt.
Steine knirschten unter ihren Stiefeln. Die Akadier machten ihr schweigend Platz. Manche sahen sie an, als würde sie geradewegs ihrem Todesurteil entgegengehen. Isaé ging weiter, bis sie den Rand der Lichtung erreicht hatte. Weit genug entfernt. Nicht aus Feigheit, sondern aus Berechnung. Sollte Schatten wirklich mit Feuer vom Himmel stoßen, durfte sie nicht zu nah am Schinder stehen. Der Wind spielte mit den braunen Strähnen ihres Haars, als sie schließlich stehen blieb. Ihr gegenüber wartete Istred. Massig. Unbeweglich. Wie ein Felsblock mitten auf dem Ruinenfeld. Neben ihm stand Hera reglos im Zwielicht. Ihre bleiche Gestalt wirkte beinahe durchscheinend zwischen Rauch und Abendnebel. Der Schinder ließ den Blick langsam über Isaé wandern. Wie ein Fleischer, der ein Messer prüfte, bevor er entschied, ob es etwas taugte. Dann schnaubte er leise. „Das also ist die große Hexenjägerin.“ Seine tiefe Stimme rollte über den Platz. „Ich habe etwas anderes erwartet.“ Ein schiefes Grinsen zog über sein narbiges Gesicht. „Du siehst aus, als könnte ein kräftiger Windstoß dich von den Füßen reißen.“ Heras bleiches Haupt neigte sich leicht zur Seite, während ihre leeren Augen auf Isaé ruhten. Istred verschränkte langsam die Arme vor der Brust. „Und doch“, sagte er beinahe belustigt, „hast du etwas vollbracht, woran stärkere Männer gescheitert sind.“ Sein Blick wurde dunkler. „Du hattest also den Mut, meiner Hexe das Herz zu durchstoßen.“ Dann hob er leicht das Kinn. „Oder war es Torheit?“ Isaé hielt seinem Blick stand, obwohl ihr Herz so heftig schlug, dass sie es bis in den Hals spürte. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Nicht zu früh. Nicht zu spät. Jeder Atemzug musste Zeit schinden. Hinter ihr wartete Entaro und hoffentlich auch Schatten. Irgendwo über den Wolken vielleicht bereits kreisend. Oder hinter dem Wäldchen. Vielleicht auch noch viel zu weit entfernt. Oder gar nicht. Wie Entaro gesagt hatte. Es war ein Drache und kein Hund. Der Drache gehorchte Entaro zwar, aber nur dann, wenn er wollte. Isaé wusste nicht, was passieren würde. Und genau das machte diesen Augenblick so gefährlich.
Der Wind strich über die Lichtung und trug eine frische kalte Brise mit sich her. Der Sommer war schon lange vergangen. Das Laub der Bäume begann sich schon rötlich und gelb zu färben und die Abende und Nächte wurden schon spürbar kälter. Und jetzt fröstelte sie. Isaé hob langsam das Kinn. „Weder noch“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Es war notwendig.“ Das Grinsen des Schinders wurde schmaler. Isaé sprach weiter, ehe er antworten konnte. „Wer so viel Leid über andere bringt, darf sich nicht wundern, wenn eines Tages jemand zurückschlägt. Ihr Blick glitt kurz zu der bleichen Gestalt neben ihm. „Irgendwann fordert so etwas seinen Preis.“ Heras leere Augen ruhten reglos auf ihr. „Das ist der Lauf der Welt“, sagte Isaé leise. „Alles endet irgendwann.“ Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann begann der Schinder plötzlich zu lachen. Beinahe ehrlich belustigt. „Der Lauf der Welt?“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Mädchen… Männer wie ich stehen außerhalb davon.“ Er machte einen einzelnen Schritt vorwärts. Die Erde knirschte unter seinem Gewicht. „Könige sterben. Reiche fallen. Helden verrotten im Dreck.“ Seine Stimme wurde dunkler. „Und trotzdem fürchten die Menschen noch immer meinen Namen.“ Isaé wich ebenfalls einen einzelnen Schritt zurück. Dann richtete der Schinder den Blick erneut auf Isaé. „Aber du…“ Seine Stimme wurde leiser. Gefährlicher. Istreds Blick lastete schwer auf ihr. Nicht mehr spöttisch. Nicht mehr belustigt. Dann sprach er langsam „Du hast mir etwas genommen, Hexenjägerin.“ Die Worte hallten dumpf über die Lichtung. Neben ihm stand Hera reglos im Zwielicht. Ihr bleiches Gesicht blieb ausdruckslos, beinahe friedlich, und gerade das machte ihren Anblick nur noch unheimlicher. Isaé zwang sich, den Blick nicht von ihr abzuwenden. Der Schinder machte einen weiteren Schritt vor. „Viele Männer haben versucht, mich zu töten.“ Seine Stimme war tief und ruhig geworden. „Könige. Ritter. Feldherren.“ Ein kaltes Lächeln zog über sein Gesicht. „Doch niemanden ist es bisher gelungen.“ Hinter Isaé spannte sich die gesamte Lichtung an. Keiner wagte es, sich zu bewegen. Denn plötzlich hatte niemand mehr das Gefühl, einem gewöhnlichen Gespräch beizuwohnen. Es war, als würde etwas Unsichtbares zwischen dem Schinder und der Hexenjägerin am Rand der Ruinen wachsen, etwas Gefährliches, das jeden Augenblick zerreißen konnte. Isaé spürte, wie ihre Hände feucht wurden. Zeit. Sie brauchte nur noch etwas mehr Zeit. „Dann hättest du sie besser beschützen sollen“, sagte sie schließlich. Mehrere Akadier sogen scharf die Luft ein. Selbst Kalwen blinzelte überrascht. Der Schinder schwieg. Isaé spürte sofort, dass sie ihn getroffen hatte. Nicht wie eine Klinge. Tiefer. Heras bleiches Haupt drehte sich langsam zu Istred hinauf, als lausche selbst die Tote auf seine Antwort. Für einen langen Moment sagte der Schinder nichts. Dann begann er leise zu lachen. Aber diesmal lag keinerlei Belustigung mehr darin. „Gefährliche Worte“, sagte er leise. Und plötzlich setzte er sich in Bewegung. Langsam zuerst. Dann schneller, direkt auf Isaé zu. Der Schinder kam näher. Mit schweren Schritten, die den Boden unter seinem Gewicht knirschen ließen. Seine Augen ruhten unbeweglich auf Isaé, und mit jedem Schritt, den er näherkam, wurde das Atmen schwerer. Die Angst zog sich wie eiserne Finger um ihre Kehle und schnürte ihr die Luft ab. Sie wich zurück. Einen Schritt. Noch einen. Sie durfte ihn nicht zu nah herankommen lassen. Mit jedem Schritt, den Istred näherkam, wuchs in Isaé das drängende Gefühl, zurückweichen zu müssen. Weiter. Immer weiter. Als würde etwas in ihr bereits ahnen, dass die nächsten Augenblicke über Leben und Tod entscheiden würden. Doch Istred ließ ihr keinen Raum. Er kam weiter. Ruhig und unerbittlich. Isaé spürte plötzlich nackte Panik in sich aufsteigen. Sie sah die Entfernung zwischen ihnen schwinden. Noch wenige Schritte. Zu wenige. Sie wich weiter zurück. Ihr Stiefel rutschte über losen Schutt. Für einen Herzschlag verlor sie das Gleichgewicht, dann stolperte sie. Isaé schlug hart auf dem Boden auf und noch ehe sie Luft holen konnte, verdunkelte sich plötzlich der Himmel.
Etwas Gewaltiges zog über die Lichtung hinweg und nahm das letzte Abendlicht. Ein einziger Schrei hallte über die Ruinen. Uralt und voller solcher Macht, dass selbst gestandene Krieger instinktiv den Kopf einzogen. Und dann war er da. Schatten brach wie ein Sturm und wie aus dem Nichts über dem Wald hervor. Seine schwarzen Schuppen glänzten matt in den letzten Sonnenstrahlen des Abends und seine Schwingen fegten Staub und kleine Kieselsteine über die Lichtung. Der Schinder riss den Kopf hoch. Doch es war zu spät. Schatten öffnete das Maul. Eine glühende Kaskade brach aus den Tiefen des Drachen hervor, heißer als jede Esse, heller als flüssiges Gold. Das Drachenfeuer raste mit solcher Gewalt über den Schinder, dass selbst die Luft zu brennen schien. Isaé blieb keine Zeit zum Denken. Sie legte sich flach in den Staub, und riss sich ihren Umhang über den Kopf. Im nächsten Augenblick traf die Hitze die Lichtung. Die Luft erzitterte unter dem Aufprall des Feuers. Selbst durch den schweren Stoff ihres Umhangs spürte sie die sengende Hitze auf Rücken und Armen. Ihr Atem stockte. Es roch nach verbrannter Erde, geschmolzenem Metall und etwas anderem. Etwas Grauenhaftem. Hinter Istred stand Hera noch immer reglos zwischen den Trümmern, bleich und geisterhaft im flackernden Zwielicht. Dann traf auch sie das Feuer. Die glühende Feuersbrunst walzte über die Ruinen hinweg und verschlang die Wiedergängerin in einem einzigen tobenden Augenblick aus Gold und Weiß. Ihre schmale Gestalt verschwand vollständig hinter den auflodernden Flammen, während die durchscheinenden Gewänder augenblicklich zu brennenden Fetzen wurden. Über dem Donnern der Flammen erklang ein unmenschlicher Schrei. Ob von Hera oder vom Schinder selbst, konnte Isaé nicht sagen. Vielleicht von beiden. Für einen Herzschlag zeichnete sich ihr Körper noch mitten im Feuer ab, unnatürlich still, die leeren Augen aufgerissen, dann brach die nächste Woge Drachenfeuer über sie herein. Wo eben noch Istred gestanden hatte, tobte nun ein glühender Sturm aus Gold, Weiß und tiefroten Flammen. Hera verschwand augenblicklich darin. Ihre schmale Gestalt wurde von der Hitze förmlich verschlungen, brach zusammen und ging brennend zwischen den Trümmern nieder. Der Schinder hielt sich länger. Für einen Augenblick zeichnete sich sein massiger Leib noch mitten im Feuer ab, schwarz gegen das gleißende Inferno. Dann begann selbst seine schwere Rüstung unter der Gewalt des Drachenfeuers zu glühen. Isaé hörte das dumpfe Krachen berstender Platten und einen Laut, der zugleich menschlich und unmenschlich klang. Der Schinder taumelte einen Schritt zurück, ehe die nächste Woge Feuer über ihn hereinbrach und ihn zu Boden riss. Dichter schwarzer Rauch quoll augenblicklich zwischen den Flammen hervor. Der Gestank traf die Lichtung nur Sekunden später. Verbranntes Fleisch. Geschmolzenes Eisen. Etwas Bitteres, Schweres, das sich in die Kehle fraß und selbst gestandenen Kriegern den Magen umdrehte. Dann senkte Schatten sich aus dem Rauch herab. Mit wenigen gewaltigen Flügelschlägen fing der Drache seinen Flug ab und landete zwischen den brennenden Ruinen auf der Lichtung. Der Aufprall ließ den Boden erbeben. Asche und Funken stoben in alle Richtungen auseinander. Rauchschwaden quollen zwischen seinen Zähnen hervor, während seine roten Augen unbeweglich auf die Feuerwand gerichtet blieben, in der der Schinder und Hera verschwunden waren. Kein Laut war mehr auf der Lichtung zu hören. Nicht einmal die Akadier wagten zu sprechen. Nur das Prasseln des Feuers wahr zu vernehmen. Denn plötzlich wirkte selbst der gewaltige Schinder klein gegen das uralte Wesen, das nun zwischen den Ruinen stand wie eine lebendig gewordene Naturgewalt.
Als das Drachenfeuer endlich über sie hinweggerollt war, blieb Isaé keuchend im Staub liegen. Erst als die schlimmste Hitze nachließ, spürte Isaé den beissenden Schmerz der über ihre Haut fuhr. Der Schmerz kam nicht auf einmal, sondern kroch langsam durch ihren Körper, heiß und pochend wie glühendes Eisen unter der Haut. Unter dem schweren Umhang hatte sich die Hitze gestaut wie in einem Ofen. Jeder Atemzug brannte in ihrer Kehle. Mit zitternden Fingern riss sie den Umhang ein Stück von sich herunter. Langsam hob sie den Kopf. Mehrere Stofflagen auf ihrem Rücken waren versengt. Das dunkle Gewebe war stellenweise hart geworden, an manchen Nähten noch schwach qualmend. Darunter pochte ihre Haut heiß und wund. Besonders der Rücken und die Unterseite ihrer Beine fühlten sich an, als hätte man glühendes Eisen darauf gepresst. Doch der Umhang hatte Schlimmeres verhindert. Ihre Hände hatte Isaé instinktiv unter den Körper gezogen, das Gesicht tief in den Staub gedrückt. Nur einzelne Haarspitzen an ihrem Hinterkopf waren verbrannt und rochen scharf nach Rauch. Trotzdem zitterte ihr gesamter Körper unkontrolliert nach. Nicht nur vor Schmerz.
Sondern weil sie begriff, wie knapp sie dem Tod entgangen war. Jeder Atemzug schmerzte. Der Rauch hatte sich tief in ihre Kehle gelegt, rau und heiß, und jedes Einatmen schmeckte nach Asche, Blut und verbranntem Eisen. Aber sie war am Leben. Und der Schinder doch hoffentlich nicht mehr.
Echos aus vergangenen Tagen ❖
09.05.2026 '16:11 [4.240 Wörter]
»  eister Odelius!« Ein junger Bursche rannte durch die großen Hallen von Are Kalien. Seine Schritte hallten durch die alten, ehrwürdigen Gemäuer und mit jedem Schritt den er tat, rasselte die kleine Bernsteinkette, die er um den Hals trug. »Meister Odelius!« Der Bursche öffnete eine Tür und trat in eine kleine Kammer, welche im Vergleich zur prächtigen Halle beinahe unscheinbar und bodenständig wirkte. »Meister, Verzeiht, dass ich eure Ruhe störe.« Der Bursche betrat die Kammer ohne auf eine Einladung zu warten und ein älterer Mann, welcher gerade in einem alten Buch geblättert hatte, hob den Kopf und sah zu dem Ankömmling auf. »Warum bist du so aufgebracht?«, verlangte der alte Mann in einem gemächlichen Ton zu erfahren. »Ser d'Alrone…«, begann der Bursche und deutete daraufhin eine knappe Verbeugung an. Der Alte hob seine Hand und gebot den Jungen erst einmal zur Ruhe zu kommen. »Sein Drache hat zwei Eier gelegt.« Die Augen des Alten begannen zu schimmern und er hob seine Augenbrauen in sichtlichem Erstaunen. »Zwei?« Da nickte der Bursche eifrig und der Alte wandte sich wieder seinem Buch zu. Er überflog einige Zeilen und nickte dann, während sich in seinen Blick eine seltsame Melancholie mischte. »Drachenfeuer…vollkommenes Feuer. Es brennt heißer als jede Esse und bringt den Tod. Aber auch das Leben.«, murmelte er und der Bursche trat etwas näher heran. »Meister, was ist das für ein Buch?« Der Alte lächelte milde und schlug dann andächtig das Buch zu. »Nichts für deine Augen, mein Sohn.« Die alte, knöcherne Hand des Meisters ruhte auf dem ebenso alten Einband und verwehrte dem Jungen einen Blick darauf. »Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du es verstehen. Doch heute ist noch çnicht die Zeit dafür.« Der Junge wirkte enttäuscht und seufzte niedergeschlagen, woraufhin der Alte ihm die Hand auf die Schulter legte. »Begleite mich zu Ser d'Alrones Drachen.« Da hellte sich die Miene des Burschen auf und er schicke sich an den alten Meister emsig zu den Drachenhallen zu geleiten.
Der Meister stand, mit beiden Händen in den Ärmeln verborgen, vor dem großen Drachenreiter. Ser d'Alrone. Sein Umhang wehte, kaum sichtbar, im lauen Wind. Doch es war kein Wind, sondern der gemäßigte Atem des Drachen, welcher hinter ihm lag. Die Augen leicht geöffnet und erfüllt von einem goldenen Schein rötlichen Glühens. »Sie ruht, Meister Odelius.« Der Meister nickte und antwortete nicht darauf. Nicht sogleich. »Zwei, sagte mein Lehrling. Ist es wahr?«, eröffnete er dann nach einer Weile und der Ritter nickte. Nicht vor Stolz. Sein Blick war von Sorge gezeichnet. »Was hat dies zu bedeuten, Meister?« Der Alte seufzte melancholisch. »Eine Prophezeiung.« Der Ritter wandte den Kopf zur Seite und warf einen nachdenklichen Blick zu dem Drachen, welcher die Menschen mit einem wachsamen und zugleich gleichgültigen Blick zu beobachten schien. »Was bedeutet das? Ihr sprecht in Rätseln.« Da lächelte der Alte wissend. »Wenn der Schatten und das Licht Daereans verschmelzen, wird die Macht des Feuers erwachen.« Diese Antwort war noch mehr ein Rätsel, doch der Ritter nickte nur. Er hatte kein Wort verstanden, doch wie es in der Natur des Menschen lag, wollte er sich nicht eingestehen, dass er nicht verstand, worauf der alte Meister eigentlich hinauswollte. »Darf ich die Eier sehen?«, verlangte der Meister zu erfahren und der Ritter nickte. »Ich werde es veranlassen. Wenn sie gewillt ist, wird sie sich erheben.« Der Drachenreiter trat an das gewaltige Untier heran und zog den ledernen Handschuh von der rechten Hand. »Larine…Meister Odelius ist gekommen. Gewährst du einen Blick auf deine Kinder?« Der Drache schnaubte. Das flüssige Gold in den Augen wandelte sich in ein tiefes, dunkles Rot und ein langgezogenes, rollendes Grollen sammelte sich in der Kehle des Drachen. Der Reiter legte dem Drachen die Hand auf die achatroten Schuppen. Sie waren ungewöhnlich warm und die Luft war erfüllt von Wärme. Der Herzschlag des Drachen war in der ganzen Halle zu vernehmen, wenn man nur andächtig genug lauschte. »Sie ist einverstanden.«, antwortete der Ritter und Meister Odelius trat daraufhin etwas näher.
Der Drache erhob sich. Gerade genug, um einen Blick auf die Eier zu gewähren, welche unter dem Leib des Untieres verborgen gelegen hatten. Zwei Eier. Doch eines davon war dunkel und sah anders aus, als das andere. Der Meister senkte den Blick und wagte es nicht, noch näher zu treten. Wie gerne hätte er die Eier berührt. Doch er wusste, dass der Drache dies nicht gestatten würde. Der Meister senkte schließlich den Blick und nickte dankend. »Ich danke euch.« Der Drache knurrte mit einem tiefen, langanhaltenden Grollen. Und dann öffnete er das Maul und eine heiße Kaskade an Flammen entsprang seinem Rachen. Das Feuer hüllte die Eier in einen Ring aus Flammen und für einen Moment konnte man einen seltsamen Klang in der Luft vernehmen. Als der Drache sich wieder auf seine Brut setzte, wandte sich Odelius ab und legte dem Ritter die Hand auf die Schulter.
»Eines der Eier ist schwarz.«, eröffnete der Ritter und der Meister nickte wissend. »Ich habe es gesehen. »Was bedeutet das, Meister? Ist das Ei verdorben?« Da schüttelte er den Kopf. »Nicht verdorben. Nur nicht von Daereans Licht berührt.« Da schlug der Ritter die Augen nieder. »Was auch immer aus diesem Ei schlüpfen wird. Es muss in Daereans Licht gebadet werden.« Da nickte der Ritter ernst und schlug sich die Hand auf die Brust. »Daerean zu Ehren. Daereans Wille geschehe.« Der Alte nickte zufrieden und seufzte. Als der Meister und sein Schüler schließlich durch die alten Hallen der Zitadelle schritten, begann der alte Mann langsamer zu werden. Und dann, wie aus heiterem Himmel, blieb er abrupt stehen und hielt sich an einer der steinernen Säulen fest. Die Zeilen, welche er erst vor einigen Stunden in das Buch der Prophezeiung geschrieben hatte…sie strömten unweigerlich in seinen Geist. Seine Augen wurden weiß, als er die Pupillen nach oben rollte. »Meister?« Der Bursche legte dem Alten die Hand auf den Unterarm. Doch der Meister war nicht mehr hier. Er war an einem anderen Ort. Fern der Welt der Menschen. Und seine Stimme klang seltsam fremd. Als ob eine zweite Stimme, die nicht die seine war, unisono mit der seinen sprach.
»Es kommt eine Zeit,
in der das Feuer ohne Erbe ist.
Kein Eid wird es binden.
Ein altes Band, vergessen.
Ein alter Schwur im Schatten.
Ein Mann in verlorenen Landen.
Eine Zeit ohne Flammen und ohne Hoffnung.
Ein Mann der sich selbst verleugnet.
Der Schatten trägt das Licht, verborgen.
Und das Feuer wird ihn erkennen.
Wenn Schatten die Welt umweben,
wird das Licht seinen Namen nennen.
Wenn selbst Eisen und Gold zu Asche werden.
Feinde werden vor dem Schatten knien.
Und jene, die seinen Namen nennen, werden...
…dem Feuer übergeben!«
500 Jahre später
Heiße Flammen und gleißendes, rotes Feuer hüllten die Lichtung ein. Die Flammen zehrten an den Gewändern der Frau, welche einst Hera gewesen war. Die Augen der Widergängerin leuchteten, kühl und dunkel zugleich. Das Feuer erfasste sie und ein stummer Schrei entkam ihrer Kehle. »Nein!«, rief Istred und warf sich auf Hera, um sie vor dem Feuer zu bewahren. Doch Hera war nicht mehr die Frau von einst. Er glitt einfach durch sie hindurch und stürzte hart auf den Boden. Die Frau, welche sich geweigert hatte auf die andere Seite zu gehen, stand nun im Inferno des Drachenfeuers. Ihr Leib, an welchem ihre Seele gebunden worden war, wurde vom Drachenfeuer verzehrt. Nichts mehr davon würde einen Weg auf die andere Seite finden. Die Seele wurde vom Leib getrennt, als ob der Odem des Drachen ein scharfes Richtschwert wäre, welches das unheilige Band zwischen Körper und Geist zerschnitt. Ein dünner, unsichtbarer Faden, der das zerbrechliche Seelenband von dem geschundenen Gefäß ihres Körpers trennte. Wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren, sackte Hera zu Boden. »Verflucht seist du, Entaro! Verfluchst seist du Isaé! Verflucht seist du…« Wem auch immer der letzte Fluch gegolten hatte. Er blieb unausgesprochen, denn Hera, die heilige Hure. Geißel der Grenzlande. Bringerin des Unheils…sie war vom Feuer des Drachen vernichtet worden. Endgültig und unwiederbringlich. Ihre Seele würde nicht mehr durch die Geisterwelt irren. Sie hatte keinen Anker mehr, zu dem sie zurückkehren konnte. Und die Tore der Anderswelt waren ihr für immer verschlossen. Sie hatte einfach aufgehört zu existieren, als hätte es sie nie gegeben. Von Hera blieb nichts, das Aelis hätte empfangen können. Kein Schatten. Kein Echo. Kein letzter Faden.
In dem Moment, als Hera vernichtet worden war, kroch eine tiefe, dunkle und lange verborgene Erkenntnis in Istreds Geist. Seit Jahrzehnten hatte Hera Macht über ihn ausgeübt. Bilder rasten durch seinen Verstand. Bilder, die er selbst nicht verstehen konnte. Bilder von seiner Heimat. Bilder von einem Drachen, ein anderer als dieser hier, der vor ihm stand und sein Feuer auf ihn schleuderte. Istred lag auf dem Boden und eine gleißende, heiße Walze fegte über ihn hinweg. Seine Haut wurde warm und das Eisen in seinem Blut, in seinen Knochen und auch in seiner Haut, wurde glühend rot. Es begann zu vibrieren und die uralten Wunden begannen zu bluten. Das Eisen in seinem Blut, seinen Knochen und den alten Narben wurde heiß. Glühend heiß. Es zog die Flamme in sich hinein, als wäre sein Leib selbst ein geborstener Amboss. Doch die Erkenntnis traf ihn wie ein Donnerschlag. Die Hitze des Feuers. Der Schmerz. Das alles war nicht mehr von Bedeutung. Er war frei!
Als das Feuer endete und die Lichtung gänzlich in Rauch und Schwaden gehüllt war, kehrte eine unheimliche und unnatürliche Ruhe über die Lichtung ein. Die Männer standen still da. Sie harrten der Dinge. Akadier und Hexenjäger. Vor wenigen Stunden noch Verräter und Feinde. Sie standen schweigend da und starrten auf jene Stelle, an welcher Hera verbrannt worden war. Sie hatten ihre Waffen kampfbereit. Ser Rodan, dessen Hals blau gezeichnet war, rieb sich die schmerzende Stelle und tat tiefe Atemzüge. Er rang sichtlich nach Luft. Und der Handabdruck der Widergängerin, hatte eine sichtliche Spur hinterlassen. Eine Spur, welche niemals wieder verblassen würde. Doch jeder Atemzug den er tag, brachte ihm keine Wohltat. Es war, als würde er durch einen Strohhalm atmen. Sein Kehlkopf war eingedrückt. Schon jetzt schwoll die Kehle an und seine Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen. Ser Tarvain, de'Marçien. Er lehnte an einem Felsen und rieb sich das Bein. Es war notdürftig geschient worden. Doch jeder Schritt den er machte, brannte wie tausend Nadeln. Der Knochen war gebrochen. Er spürte den Schmerz und biss die Zähne zusammen, ohne zu wissen, dass er niemals wieder reiten können würde. Hadran, der Hexenjäger. Er grinste breit, als er die Hexe brennen sah. Und sein Grinsen glich einem Schrecken. Wie ein Kürbis, dem man einen grotesken Mund geschnitzt hatte. Rot und Fleischig war das Grinsen, denn jeder einzelne seiner Zähne war gebrochen, als ihn das Heft des Bernsteinschwertes getroffen hatte. Nach diesem Tag, wird er niemals wieder lächeln. Kalwen, von Niefurt. Der Brenner, von dem niemand – nicht einmal er selbst – wusste, was er eigentlich war. Er hielt sich die Brust. Als die Hexe brannte, hatte sich ein unerträglicher Schmerz auf seine Brust gelegt. Die Totenblumen, an deren Leben er durch sein Blut gebunden worden war, hatten ihren Tribut gefordert. Das Leben des Hexenjägers würde für immer an diesen Ort gebunden sein, bis zum Ende seiner Tage. Er würde niemals die Grenzlande verlassen können und war für immer dazu verdammt, das verfluchte Land zu durchstreifen. Rastlos. Ruhelos und angetrieben von der Suche nach Erlösung. Volaire, der akadische Krieger. Seine Hände zitterten. Dies war seine erste Reise in die Grenzlande gewesen. Schon am ersten Tag, als die Düsterlinge ihn beinahe getötet hatten, war sein Schicksal besiegelt worden. Doch er hatte überlebt. Hatte bis zu diesem Tag durchgehalten. Doch sein Leben hatte einen Tribut gefordert. Der Feuermohn, welcher sein Leben gerettet hatte, würde nun, sein Leben bestimmen. Getrieben von der Sehnsucht nach diesem Gefühl, welches ihm der Feuermohn gebracht hatte, würde er niemals wieder derselbe sein. Das Zittern seiner Hände war nicht die Erkenntnis, endlich gesiegt zu haben. Es war das schleichende, kalte Gefühl des Entzugs, dass sich seines Körpers bemächtigt hatte.
Und Entaro. Er stand stoisch und regungslos da. Sein Schwert in der Hand. Er war an den Drachen, welchem er den Namen Schatten gegeben hatte, herangetreten und hatte diesem die Hand aufgelegt. »Es ist vollbracht.«, murmelte Entaro. Das Drachenfeuer war erloschen und die rote Glut in den Augen des Untiers zu einem matten Gold erloschen. Der Drachenreiter und Bernsteinritter. Der Mann, der alles verloren hatte, und so viel Neues gewonnen hatte. Sein Herz war in diesen Landen entzweigebrochen. Er hatte den Glauben an Daerean verloren. Er hatte einen Schwur gebrochen. Und in den Bruch seines Herzens hatte sich etwas eingenistet. Eine dunkle Essenz. Die Wut des Drachen. Das Band, welches er mit dem Drachen eingegangen war, hatte seinen Tribut gefordert. Wie kein anderer der Männer hier, hatte Entaro das schwerste Joch zu tragen. Und dennoch. Da war noch etwas anderes. Eine tief verborgene Sehnsucht. Nicht nur die Essenz des Drachens. Es war ein Gefühl. Warm. Verboten. Eine unstillbare Sehnsucht. Sein Blick glitt über die verbrannte Erde, bis er Isaé sah. Welche sich auf den Boden geworfen hatte, um den Flammen des Drachen zu entgehen. Ihr Mantel schwelte noch und ihre Haut war gerötet. Entaro starrte sie einen Moment lang an. Und sein Herzschlag wurde lauter und schneller. Da lag sie. Die Frau, für die sein Herz nun schlug. Nicht mehr für Daerean. Nicht mehr an die Erinnerung an seine tote Frau, die schon vor so langer Zeit von ihm genommen worden war, dass er sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wie sie eigentlich aussah. Oder wie ihre Stimme klang. Dort lag sie. Die Hexenjägerin, welcher er auch sein Leben zu verdanken hatte. Und die Wärme in seinem Herz erfüllte ihn, wie flüssiges Drachenfeuer, welches sich langsam in ihm auszubreiten schien.
Er dachte an ihre Worte, die sie gesprochen hatte, bevor der Drache entfesselt worden war. »Ich liebe dich.« Und auch wenn sein Herz diese Worte verstanden hatte. Sein Verstand hatte sich dagegen verwehrt. Doch nun lag sie vor ihm auf dem Boden. Vom Drachen gezeichnet. Er trat an sie heran und streckte seine Hand nach ihr aus, um ihr auf die Beine zu helfen. »Es ist vollbracht.«, murmelte er nur. Als sie seine Hand ergriff und er die Kühle ihrer Hände in der seinen spürte, da überkam ihn ein kribbelnder Schauer. Er lächelte. Sie hatten überlebt. Wie er es ihr geschworen hatte. Eines hatten sie alle gemeinsam. Akadier, Hexenjäger, Drachenreiter und auch sie, die Frau, die sein Herz gestohlen hatte. Sie waren am Leben und hatten überlebt. Und sie alle starrten nun auf den Rauch, der sich langsam legte. Als Isaé sich schließlich erhoben hatte, nahm er sie in die Arme. Nicht wie eine Schwester, oder eine Freundin. Inniger und näher.
Doch als der Rauch sich schließlich gelegt hatte, war dort ein Mann. Auf den Knien gebeugt. Auf sein geschwärztes Schwert abgestützt. Die Kleidung war verbrannt. Das Haar versengt. Die Haut schwarz vom Ruß. Seine Brust hob und senkte sich. Langsam und unter sichtlicher Anstrengung. Von seinem Leib ging eine unglaubliche Wärme aus, dass man sie förmlich sehen konnte. Wie heißer Sand im Sommer. Wenn die Luft zu flirren begann und man nicht mehr sagen konnte, war dies die Wirklichkeit oder nur ein Trugbild? Und die Männer starrten auf den Mann, der dort auf den Knien saß. War dies ein Trugbild? Oder war das wahrhaftig? Niemand wagte einen Schritt. Niemand wagte ein Wort. Isaé starrte auf den verbrannten Mann und sog die Luft ein. »Unmöglich.«, hauchte sie und legte sich die Hand auf den Mund, was ihre Ungläubigkeit noch weiter unterstrich. »Das ist kein Mensch.«, flüsterte Entaro und nahm sein Schwert in beide Hände. Er trat einen Schritt hervor, um sich Istred entgegen zu stellen. Der eiserne Schinder. Ein Name, der seit über zehn Jahren für Angst und Schrecken in den Grenzlanden gesorgt hatte. Ein Mann, dem kein Schwert etwas anhaben konnte. Ein Mann, der selbst vom Drachenfeuer nur auf die Knie gezwungen worden war. Hera war völlig vernichtet worden. Nicht einmal ein Kleidungsfetzen war übriggeblieben. Ardeth war inzwischen schon längst von den Würmern gefressen und würde bald nur noch Asche und Staub sein. Und Istred. Er sollte ihnen nun endlich folgen.
»Drachenreiter.« ächzte Istred, als sich der Schatten des Bernsteinritters über ihn legte. »So viele Jahre ist es her, dass ich einen Drachen sah.« Entaro legte den Kopf schief, als ob er sich verhört hatte. »Ich dachte, ich sehe niemals wieder einen.« Istred hob den Kopf und sah Entaro in die Augen. Seine Haut war schwarz und sein Haar gänzlich versengt worden. Die eisernen Iriden, welche von dem kupferroten Ring umrandet waren, stachen aus dem schwarzen Gesicht heraus, wie stählerne Diamanten. Er lächelte. Entaro sann über seine Worte nach. Er musste im Wahn sprechen. Seit hunderten Jahren hatte niemand mehr einen Drachen gesehen. »Was seid ihr?«, flüsterte Entaro und starrte den Mann an. »Ein Eisengeborener.«, antwortete Istred müde und ließ den Kopf wieder sinken. Seine Hände ruhten noch immer auf dem Heft seines Schwertes, mit welchem er sich abzustützen schien. Doch Entaros Wachsamkeit war erweckt. Er hatte gesehen, wie schnell Istred sein Schwert zu führen wusste. Er traute diesem stillen Frieden nicht. »Lasst euer Schwert fallen, Schinder.«, befahl Entaro und der Jeldaë lachte matt. »Ein Krieger stirbt mit der Waffe in der Hand, Drachenreiter.« Er hustete und tat einen angestrengten, tiefen Atemzug. »Du kannst von mir nicht verlangen, mein Schwert fallen zu lassen. Genauso kannst du von der Sonne verlangen, nicht aufzugehen.« Istred hob erneut den Kopf und seine kalten, stechenden Augen trafen Entaro direkt ins Herz. »Das ist unmöglich.«, flüsterte Entaro. Istred lächelte. »Es gibt viele Dinge in der Welt, von denen du und deinesgleichen keine Ahnung haben. Ihr seid so…klein.« Der Jeldaë hustete und zwang sich und seinen Körper ihm zu gehorchen, was ihm nur mäßig gelang. Entaro, welcher noch immer über Istreds erste Worte nachdachte legte dem Schinder das Schwert auf die Schulter. »Ihr wolltet meinen Drachen sehen. Habt mich einen Blender genannt…« Istred rührte sich nicht. Er ließ Entaros Schwert auf der Schulter und hob nicht einmal mehr den Kopf. »Ein schwarzer Drache.« Istred seufzte. »Keiner der alten Drachen.« Entaro runzelte die Stirn. »Wovon sprecht ihr da?« Istred lächelte, ohne dabei den Kopf zu heben. »Ihr fantasiert. Die Schmerzen, haben euch in den Wahnsinn getrieben, Schinder.« Da lachte Istred. »Seit über zehn Jahren war ich noch nie so klar bei Sinnen wie an diesem, heutigen Tage. Drachenreiter.« Entaro schwieg.
»Tötet ihn!«, befahl eine harsche Stimme aus den Reihen der Akadier. Es war die des roten Todes. Ser Tarvains Stimme. Der Mann, der seine Frau und sein Kind an die Hand des Schinders verloren hatte. Doch Entaro schenkte Ser Tarvain keine Aufmerksamkeit. Sein Blick war nur auf Istred gerichtet. »Erklärt euch. Ich möchte es verstehen. Die Worte die ihr sprecht, sie ergeben keinen Sinn.« Da hob Istred wieder den Kopf. »Du stellst die falschen Fragen, Drachenreiter. Und du folgst den falschen Herren. Deine Antworten liegen nicht hier, sondern jenseits des großen Meeres.« Entaro hob seinen Blick und er ließ seine Blicke über die verharrenden Akadier schweifen. Gezeichnete Männer. Entschlossene Männer. Er konnte in jedem einzelnen Blick erkennen, wie sehr sie dem Schinder den Tod wünschten. Für jeden einzelnen Kameraden, der durch seine Hand gefallen war. Als Entaro schließlich Isaés Blicke fand, da sah er ihr lange in die Augen. Und auch sie nickte. Als ob Entaro die Entscheidung, die nun auf seinen Schultern lastete, irgendwie erklären zu versuchte. »Ich habe einen Eid geschworen, Schinder. Und ihr seid ein Mörder und der schwarzen Kunst zugetan.« Da lachte Istred. »Warum lacht ihr? Ist dies die Todesverachtung?« Istred schüttelte den Kopf. Er antwortete nicht darauf. Sein Stolz verbot ihm, die Wahrheit zu sagen. Er war nur ein Diener gewesen. Ein Gefangener, von Heras Macht gebunden. Er hatte nie einen freien Willen gehabt. Und das Wissen, dass er schreckliche Taten in ihrem Namen begangen hatte, sickerte tief in sein Bewusstsein. Verdiente er den Tod? Oder die Gnade? Doch sein Stolz verhinderte, dass er um Gnade winselte, wie ein Hund. Er straffte die Brust und richtete sich auf. »Erfüllt euren Schwur. Drachenreiter. Ich werde nicht kampflos aufgeben.« Entaro nickte grimmig und setzte das Schwert auf die Brust des Schinders. »Habt ihr einen letzten Wunsch, Schinder?« Istred lächelte. »Mein Name ist Istred Άlren Jeldrin. Ich bin ein Jeldaë aus den Eisenbergen und habe keine Erben oder Nachkommen. Bei meinem Volk gibt es einen alten Brauch. Wenn der letzte einer Linie stirbt, dann wird sein Herzeisen zum Weltenbaum gebracht.« Entaro sagte daraufhin nichts. Er wusste nicht einmal, was diese Worte zu bedeuten hatten. »Mein Wunsch ist, dass meine Gebeine zu den Stätten meiner Ahnen gebracht werden.« Entaro warf dem knienden Mann daraufhin einen verwunderten Blick zu. Sein Blick schweifte auch zu Ser Tarvain ab, welcher nur den Kopf schüttelte. Entaro wusste, dass dieser Wunsch niemals erfüllt werden würde. »Euer Wunsch soll erfüllt werden.« Istred lächelte zufrieden. »Ich bin frei!«, rief er und mit diesen Worten stieß Entaro dem Jeldaë das Schwert in die Brust. Der Mann biss die Zähne zusammen. Doch er gewährte den Akadiern nicht die Genugtuung eines einzelnen Schmerzensschreis.
Als Entaro seine Klinge wieder aus dem Leib des Toten gezogen hatte überkam ihn eine Woge der Schwermut. Er sackte schließlich auf die Knie und ließ sein Bernsteinschwert fallen. »Was habe ich getan?«, murmelte er und vergrub sein Gesicht in der Hand.
Nach einer Weile trat Isaé an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. Sie sagte nichts, sondern leistete ihm nur Beistand, wobei sie vermutlich nicht verstand, wofür er Beistand benötigte. Immerhin hatte er endlich den eisernen Schinder zur Strecke gebracht. »Es ist vollbracht!«, rief Ser Tarvain und hielt sein Schwert in die Höhe. Die Akadier stießen Freudenschreie in die Luft und schlugen mit ihren Waffen gegen die Schilde. Ser Rodan indes sah sich mit misstrauischen Blicken um. Hadran trat an seinen Anführer heran. »Wir sollten uns verpissen. Solange wir noch können.«, zischte er und Ser Rodan nickte, ohne ein Wort zu sagen. Er warf einen letzten Blick auf Isaé, welche bei dem knienden Entaro stand und warf ihr einen letzten, düsteren Blick zu. Die berühmten Zwölf aus Kalath. Die gefürchteten Hexenjäger. Sie hatten die Hälfte ihrer Männer verloren. Es würde lange dauern, bis sie wieder Zwölf sein würden. Und sie würden vermutlich niemals wieder dieselben sein, wie zuvor. Ser Rodan warf einen Blick auf die Überreste des eingestürzten Turmes. Und dann auf den Scheiterhaufen, auf welchem seine Tochter und seine Kameraden lagen, welche für nichts und wieder nichts an diesem Ort gestorben waren, nur um zu Widergängern zu werden. Tief in Ser Rodan war an diesem Tag etwas zerbrochen.
Ser Tarvain trat an Entaro heran und befahl seinen Männern ihn auf die Beine zu helfen. »Ser Adun!«, rief er und wechselte dann seinen Blick zu Isaé. »Frau Isaé.« Er seufzte und entließ einen langen Atemzug aus seiner Brust. »Ich bin euch zu Dank verpflichtet. Ihr habt die Grenzlande von der Geißel befreit, die so lange schon ein Dorn in Marçiens Herzen waren. Äußert einen Wunsch. Egal welchen. Ich werde ihn erfüllen.« Er legte Isaé die Hand auf die Schulter und die andere auf Entaros Schulter. »Natürlich zusätzlich zu dem versprochenen Lohn unseres Vertrages.«
vor 300 Jahren
Ein Mann wanderte durch die Berge. In seinen Händen trug er ein schwarzes Ei. Ein Drachenei, welches schon seit Generationen im Besitz seiner Familie gewesen war. Es war versteinert, sagte man. Es war tot geboren und ein dunkles Omen. Und es hatte seiner Familie nur Unglück gebracht. Das Haus Alrone. Es war gefallen. Akadien war gefallen. Das Ei war kalt und schwer. Und doch war jeder Schritt, den er tat, wie als ob eine schwere Last auf seinen Schultern liegen würde. Er hatte seine Heimat schon lange hinter sich gelassen und irrte durch fremde Lande, die er noch nie zuvor betreten hatte. Er stand auf dem Kamm eines Berges und wagte den Blick über die Schulter und bereute ihn sogleich wieder. Tief unten im Tal bot sich ihm ein Bild des Schreckens. Seine Heimat stand in Flammen. Feuer, so weit das Auge reichte. Schiffe, die die Heimat verließen. Manche von ihnen versanken noch in der Bucht. All die Seelen, für immer verloren. Am Rand sah er die schwarze Woge. Tausende von ihnen. Hungrig und Gierig. »Nor.« Der Mann ächzte und wandte sich wieder seinem Weg zu. Fort von diesem gefallenen Ort. In eine Welt, die niemals wieder dieselbe sein würde, nun da der letzte der Drachen gestorben war. Und alles was ihnen geblieben war, war dieses verfluchte, tote, schwarze Ei. Er fragte sich, warum er es überhaupt mitgenommen hatte. Es hatte nur Pech und Schmerz verursacht! Es war eine Bürde! Eine Last! Und dennoch hatte er es vor den Horden in Sicherheit gebracht. Weil ein alter Mann es ihm gesagt hatte. Warum nur? Er seufzte schwer. Es dauerte nicht lange, da hatte er endlich sein Ziel erreicht. Ein schwarzer Schlund, am Rande der Bernsteinküste. Das Feuer der Welt, war dort stetig am Brennen. Das ewige Feuer. Er stand am Rand und hielt das Ei so weit von sich, als ob er fürchtete, dass der Fluch, welches seine Familie, sein Volk und seine Heimat den Untergang gebracht hatte, auf ihn übergehen könnte. Und dann…als er die Finger schon lockerte, um es fallen zu lassen, brach die Schale. Ein winziger Sprung, der sich, wie brechendes Eis über das ganze Ei ausbreitete. Ein Schatten legte sich über ihn, als die Wolken die Sonne verdunkelten. Und aus der geborstenen Schale brach ein Schatten hervor. Mit roten, glühenden Augen und einem Erbe, schwer wie Blei.
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