Hexenfluch und Drachenfeuer
#1
Hexenfluch und Drachenfeuer ❖
drache-dies ist die Geschichte von Entaro d'Adun und Isaé Edera. 

drache-entaro, verbannt aus dem Orden der Bernsteinritter und auf der Suche nach seiner Bestimmung. Um seine Ehre wiederherzustellen und den Tod seiner Frau zu vergessen. Sein Name droht der Vergessenheit anheim zu fallen und seine Seele ist an eine uralte Macht gebunden, die er weder verstehen noch beherrschen kann. Und nur die Zeit wird zeigen, ob es ihn verschlingen wird, oder ob er seinen Namen reinwaschen kann. Das Schicksal hat ein besonderes Augenmerk auf diesen Mann geworfen und er steht ständig unter dem drohenden Schatten des Versagens und dem wachsamen Blick der Jarisen.

drache-isaé, welche alles verloren zu haben scheint, irrt ziellos und ohne Heimat durch die gefallenen Reiche. Stets auf der Suche nach etwas, dass sie verloren hatte, von dem sie selbst nicht genau weiß, was es ist. Und stets auf dem schmalen Grat zwischen kalter Einsamkeit und feurigem Wahnsinn versucht sie, die Dinge die ihren Verstand plagen, im Rausch des Feuermohns zu vergessen. Angetrieben von dem Rachedurst folgt sie der Spur der Magie durch die alten Lande der verborgenen Hexerei. Doch ihr rastloses Dasein wird schon bald auf den Kopf gestellt werden und nur das Schicksal weiß, wie sie sich dadurch verändern wird.
#2
Ein Schatten am Himmel ❖
drache-ein dunkler Schatten zerschnitt die einsame, und sternenklare Nacht. Ein dunkler Schatten, welcher kaum zu erkennen war. Läge hier, inmitten dieser Einöde, irgendwo ein Mensch im Gras und würde die Sterne beobachten, würde dieser wohl nur bemerken, dass hin und wieder einer dieser Sterne für einen Wimpernschlag verschwand und kurz darauf wieder auftauchte, wenn der Schatten darunter hinweg fegte. Der Wind heulte Entaro Adun um die Ohren und die eiskalte Nacht raubte ihm den Atem. Und alles was dieser Mensch, der dort unten im Gras lag, sehen würde, wäre ein seltsames, rötliches Schimmern, welches über den Himmel dahin flog. Der Bernstein, welchen Entaro um den Hals trug, leuchtete in einem matten Rot und pulsierte immer wieder unheilvoll auf. Würde es sich dieser Mensch erklären können, was er dort sah? Oder besser gesagt, was er nicht sah? Vermutlich nicht. Doch als der schneidende Schatten unter der matten, hellen Scheibe des Mondes hinweg zog, da würde dem Menschen wohl gewahr werden, was er dort sah und er würde die Augen weiten und den Atem anhalten.

Es war ein Drache! Schwarz wie die Nacht und schön wie der Morgen. Wobei Schönheit in diesem Fall wohl im Auge des Betrachters lag. Doch für Entaro Adun, den Bernsteinritter, gab es nichts schöneres, als auf dem Rücken dieses majestätischen Tieres durch die Lüfte zu reiten. Die Beine eng an den Leib gepresst, und jeden Herzschlag, dieser brutalen und gefährlichen Kreatur, in seinem eigenen Blut zu spüren. Jeder Hieb seiner Schwingen trieb dem Drachenreiter beinahe die Luft aus den Lungen und drohte ihn vom Rücken des fliegenden Drachens zu fegen. Doch Entaro hielt sich an den Hörnern des Ungetümes fest und alles was er brauchte, waren klare Gedanken. Gedanken, welche dem Geist des Drachen geboten. Er war frei, wie der Wind und stark wie ein Sturm. Nichts und niemand würde ihn aufhalten können, denn er war der Drachenreiter! Der letzte Drachenreiter aus einer ruhmvollen und glorreichen Linie.

Der Himmel über ihm war schwarz als ob Heerscharen von Raben über ihren Köpfen fliegen würden, doch drang kein Krähen und kein Krächzen an sein Ohr. Nur der Wind, welcher an seinen Ohren vorbei zog, und das Blut, welches in seinen Ohren rauschte. Es war ein unglaubliches und unbeschreibliches Gefühl durch die Nacht zu fliegen, und zugleich fühlte sich Entaro Adun so blind, wie in reinster Finsternis. Denn das Licht der Sterne spendete kaum Licht und die Schuppen des Drachen waren so schwarz, als ob sie das wenige Licht, welches auf ihn herab schien, unbarmherzig verschlangen. Nur das rote Licht seines beseelten Bernsteins ließ die schwarzen Schuppen anmuten, als ob sie von glühendem Blut benetzt worden waren. Und der Wind, welcher Entaro Adun die Tränen in die Augen trieb, zwang ihn buchstäblich, seine Augen zu Schlitzen zusammen zu pressen.

Doch plötzlich wurde die finstere Nacht von einem hellen, roten Licht durchbrochen, welches knapp an der rechten Flanke des Drachen vorbei stob. »Verflucht!«, entkam es Entaro Adun, welcher den Drachen sogleich zur Seite ablenkte. »Was war denn das?«. Entaros Blicke folgten dem brennenden Ding, bis ihm gewahr wurde, dass es sich um einen brennenden Pfeil handelte, welcher ihn nur knapp verfehlt hatte. Sofort richtete er seine Blicke auf den Boden, unter ihm, und er erkannte ein kleines Dorf, dessen Häuser sich in einem Kreis angeordnet hatten. Inmitten des Dorfes stand eine versammelte Menschenmenge, welche allesamt mit Fackeln, Forken und Mistgabeln bewaffnet schien. Lautes Stimmengewirr drang an sein Ohr und die Menschen begannen unruhig hin und her zu gehen. "Drache!", gellte ein heller Schrei durch die Nacht und sofort vernahm man das panische Gekreisch von hysterischen Weibern und plärrenden Kindern und Entaro Adun biss sich auf die Lippen.

»Flieg, Schatten.«, flüsterte Entaro Adun nur und drückte seine Knie noch ein wenig fester an den Leib des Drachen. Und schon kurz darauf breitete der Drache seine Schwingen aus und ließ sich einfach vom Himmel stürzen, gleich einem schwarzen Stern, der vom Himmel fiel. Die Schreie des Mobs wurden lauter, je näher der Drache kam, und als er endlich am Boden aufschlug, waren die meisten Frauen bereits davongelaufen. Nur wenige, hartgesottene Männer standen noch auf dem Platz, auf welchem noch zuvor eine große Menschenversammlung gestanden hatte. Der Bernsteinritter maß die Männer mit musternden Blicken, doch machte er noch keine Anstalten, von dem Drachen herab zu steigen. »Fürchtet euch nicht!«, rief er nur und weckte so die Aufmerksamkeit der Menge, welche bis dato wohl angenommen hatte, dass der Drache reiterlos gekommen war. »Ein Ungeheuer!«, rief einer der jüngeren Männer und kurz darauf schoben sich einige neugierige Köpfe aus den Fenstern oder hinter Häuserecken hervor. »Was geht hier vor sich?«, fragte Entaro Adun mit autoritärer, aber gedämpfter Stimme, als sein Blick auf eine Frau mittleren Alters fiel, welche auf einem aufgeschichteten Scheiterhaufen stand und mit den Armen an einen Marterpfahl gefesselt worden war. Entaro hatte zunächst angenommen, dass der Mob seinetwegen entstanden war, doch anscheinend hatte nur ein wacher Dorfbewohner seine Gegenwart am Himmel bemerkt, während der Rest seine Aufmerksamkeit auf jene Frau gerichtet gehabt hatte. »Sie ist eine Hexe!«, schrie eine der Frauen aus der dritten Reihe hervor. »Eine Hexe?«, fragte Entaro Adun ungläubig nach und kurz darauf brach ein zustimmendes Gemurmel aus. »Jawohl! Eine Hexe! Sie hat den armen Jester verflucht!« Wieder ertönte zustimmendes Gemurmel. »Verflucht?«, hakte Entaro Adun nach, doch die Menschen schienen die Furcht vor dem Drachen überwunden zu haben und begannen sich wieder zu ihrer Wut und ihrem Eifer aufzuhetzen. »Verbrennt sie!« »Lasst sie schmoren!« »In den Abgrund mit ihr!« Die Schreie und Forderungen wurden immer lauter, bis Entaro Adun erneut die Stimme erhob und sie, beinahe wie ein silbernes Schwert, schneidend durch die Menge schnitt. »Ruhe!«, herrschte er ungehalten. »Welcher Art, soll dieser Fluch gewesen sein?«, fragte er und da trat eine Frau hervor und neigte, demütig, ihr Haupt vor dem Drachen. »Sie hat meinen Mann verhext und ist bei ihm gelegen!« Da begann Entaro schallend zu lachen.

»Der Zauber einer Frau ist doch keine Hexerei.«, tadelte er die Frau, welche sogleich aufbegehrte. »Er ist eine treue Seele! Sie hat ihn verhext und verflucht! Ihr entehrt ihn, mit eurer blasphemischen Zunge!« Entaro Adun schenkte dem abergläubischen Gerede der Leute keinen Glauben. Also ließ er sich endlich dazu herab, sich aus dem Sattel des Drachen gleiten zu lassen. »Schatten.«, murmelte er nur und bedachte den Drachen mit einem stummen Befehl. »Lasst mich zu ihr.«, befahl Entaro Adun, doch schien seine, wenn auch befehlende, Bitte eher auf taube Ohren zu stoßen. »Wer weiß welch' Böses in dem Herzen einer Frau lauert?«, murmelte die Frau, deren Mann angeblich Opfer jener Hexe geworden war. »Das Licht weiß es!«, rief plötzlich die Stimme eines Mannes, welcher ganz in Weiß gekleidet war. Ein Sonnenpriester! Entaro Adun rollte mit den Augen. Einer dieser blinden Fanatiker hatte ihm gerade noch gefehlt. »Gepriesen sei Seraja! Möge diese Hexe im reinigenden Feuer vernichtet, und von Serajas Urteilsspruch gerichtet werden!« Eine lächerliche Farce. Kein Mensch würde die Flammen überleben. Und somit würde jeder von ihnen ein Ketzer, eine Hexe oder ein Diener der Schatten sein. »Ihr seid fern der Heimat, Sonnenpriester.«, stellte Entaro nüchtern fest, doch der Mann schenkte ihm nur ein wissendes und mildes Lächeln. »Mein Weg führt mich dorthin, wohin mich die Sonnenstrahlen leiten.« Entaro brummte und nickte mürrisch, während er seine Blicke zum Scheiterhaufen wandern ließ. Selbst der Sonnenpriester würde elendig verbrennen und sicherlich nicht durch die Gunst der Sonne beschützt. »Genug!«, herrschte der Bernsteinritter und wollte sein Schwert ziehen, als der Mob in Bewegung geriet. Irgendwo rief eine Frau, welche eine sonderbar junge Stimme hatte, aus der Menge hervor und verlangte, sie brennen zu sehen. Und kurz darauf flogen die Fackeln auf das, mit Öl präparierte, Holz. Die Flammen schossen unglaublich heiß in den Himmel hinauf und fraßen sich binnen Augenblicken in das Holz des Scheiterhaufens.

Entaro Adun war schon viel zu oft Zeuge solcher Barbarei geworden. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die arme Frau zu schreien und zu kreischen beginnen würde, und die Menge würde jubeln und johlen. Doch die Flammen brannten immer heißer, so heiß, dass die Menschen einige Schritte zurück traten. Aber die Schreie blieben aus. Stattdessen ertönte mit einem Mal ein gehässiges Gelächter. Es war kriecherisch und auf eine gewisse Art und Weise auch unheimlich. Und plötzlich erstarben die Flammen. Zurück blieb nur Asche und Rauch und inmitten dieser Schwaden stand die Frau und lachte. »Ihr Narren!«, kreischte sie und erhob ihre Hände. »Sterbt!«, befahl sie, mit einer vom Zorn verzerrten Maske und kurz darauf erhob sich der Sonnenpriester in die Luft. Er hielt sich röchelnd den Hals und strampelte hilflos mit den Beinen, doch all das nützte nichts. Die Hexe lachte wie besessen und der Mann hauchte sein Leben aus, während sie sich an seinem Ende ergötzte. »Seht wie er elendig krepiert, der verfluchte Hurensohn!«, fluchte die Frau und spuckte verächtlich auf den Boden. »Und wo ist eure verdammte Sonne jetzt?« Sie lachte herausfordernd und provozierte die Menge dazu, sie anzugreifen, während Entaro einen nachdenklichen Blick zum Himmel hob. Die Wolken waren zusammengezogen und hatten die Monde gänzlich eingehüllt. Und diese Erkenntnis ließ ihn die Frau mit neuen Augen sehen. Der Mob hingegen hatte nur Augen für die Hexe. Sie umklammerten ihre Mistgabeln, Sensen und Messer und stürmten auf die Frau hinzu. Doch diese erhob sich einfach in die Luft und ihr Lachen wurde frenetisch und schrill. »Sterbt! Ihr Narren!«

Entaro Adun starrte ungläubig auf die Frau, welche gute drei Meter über ihren Köpfen schwebte und damit begann einen unheiligen Fluch mit ihrer schwarzen Magie zu weben. Wenn er nicht handelte, würde er genauso sterben, wie dieses erbärmliche Bauernvolk! Hastig wandte er sich um und sah dem Drachen in seine goldenen, dunklen Augen. »Schatten!«, rief er und zog sein Schwert. Sofort riss die Kreatur ihre Augen auf und folgte der Klinge des Bernsteinritters, welche dieser auf die Hexe, die da am Himmel thronte, richtete. Und da öffnete der Drache sein Maul und ein gleißend heller, weißer Feuerodem entkam seinem glühenden Rachen. Die Hexe schrie und kreischte und dann stürzte sie taumelnd, gleich einer schlingernden Fackel, vom Himmel und direkt auf den, zu Asche gewordenen, Scheiterhaufen.
#3
Der Scheiterhaufen ❖
drache-isaé stand auf einer großen Anhöhe und blickte in das Tal, welches vor ihr lag. Dies war nun der letzte Hinweis, der sich ihr noch bot, danach würde sich die Spur im Sand verlaufen. Sie reiste schon lange durch dieses verfluchte Land Kalath, und ihr Bestreben galt nur einer Sache: Hexenverfolgung. Isaé verfolgte nicht die Frauen mit rotem Haar, welchen man ihrer betörenden Schönheit wegen nachsagte, dass sie Männer verhexten, und sich sogar mit dem Bösen vereint hätten. Sie hegte keinerlei Interesse daran, kräuterkundigen Weibern, die mit ihrem wertvollen Wissen vielen Menschen helfen konnten, nachzustellen, und sie gab auch keinen Deut auf das abergläubische Gewäsch des Bauerngesindels, die Frauen verfluchten, weil sie anders waren, anders aussahen, zurückgezogen lebten, die Neider hatten, aufgrund ihrer Schönheit oder ihres Wissens… Nein, Isaé hatte sich der Jagd nach den echten Hexen verschrieben. Finstere Weiber, mit wahrlicher dunkler Macht, äußerlich unscheinbar, bis sie sich durch ihre Taten offenbarten. Unscheinbarkeit… genau dieser Umstand erschwerte die Sache. Denn in beinahe jedem Dorf gab es mindestens eine Frau, die der Hexerei bezichtigt wurde. Isaé war es nicht müde, alle Hinweisen und Gerüchten nachzugehen. Sie sprach viel mit den Menschen, bat um Erzählungen und so sponn sie sich stets ihr Bild zusammen. Meistens waren die Hinweise falsch, und Isaé hatte es lediglich mit einer gewöhnlichen Frau zu tun. Aber wenn es sich offenbarte, dass sie eine wahrliche Hexe vor sich hatte, dann galt es, besonders vorsichtig zu sein. Und auch Isaé konnte sich irren. Es mochte bestimmt schon einmal vorgekommen sein, dass sie die Richtige verschont hatte und die Falsche getötet. Doch daran verschwendete sie keinen Gedanken. Ein einziges Mal hatte Isaé den rechten Pfad verlassen, und hatte eine wissentlich unechte Hexe ihrem ungerechten Urteil zugeführt. Damals war sie am Ende, sie hatte keine Münze mehr in der Tasche gehabt, und die Versuchung des versprochenen Lohns von einem Beutelchen Gold war mehr als verlockend gewesen. In diesem Dorf hatte es keine Hexe gegeben. Nur eine kräuterkundige, alte, ein wenig schrullige Frau. Doch die Menschen des Dorfes hatten es fest in ihre Gedanken manifestiert, dass die Alte eine Hexe sei, und sie wollten die Hexe tot sehen. Dafür hatte jeder Bewohner einen Obolus gegeben, und so war ein stattliches Sümmchen zusammengekommen Isaé hätte wieder unverrichteter Dinge von dannen ziehen können. Aber dann hätte die Frau vielleicht trotzdem sterben müssen… So hatte Isaé getan, was für alle das Beste gewesen war. Sie hatte die Menschen zufrieden gestellt, sie hatte der Alten einen raschen Tod herbeigeführt, ein sauberer Schlag auf den Pflock, der das Herz durchpfählt hatte, und sie hatte sich selbst den Gefallen getan und das Geld für sich errungen. Zumindest redete sich Isaé es ein, dass es das Beste für alle gewesen war. Sie zehrte noch heute von dieser stattlichen Summe, die ihr dieses Verbrechen eingebracht hatte.

Und nun stand sie auf dieser Anhöhe und blickte auf das Tal herunter. Ihre matten dunkelblauen Augen blickten ein wenig herablassend, dies taten sie meistens, auch, wenn es nicht immer so gemeint war. Genauso, wie ihre Nase, die eigentlich ganz hübsch war, einen kleinen Schwung nach oben beschrieb. Hochnäsig… Ihre Haut war hell und rein wie Schnee und beinahe makellos. Nur eine kleine Narbe zierte ihre rechte Wange, doch es störte kaum, es war schon beinahe beim Ohr, und wenn man Isaé direkt ins Gesicht blickte, dann konnte man sie eigentlich gar nicht sehen. Langes glattes, dunkelbraunes Haar rahmte ihr Gesicht ein, ebenso wie die dunklen geschwungenen Augenbrauen dies bei ihren Augen taten. Die junge Frau trug ein blaues Kleid, welches ebenso dunkel war, wie ihre Augen, und es war recht schlicht gehalten. Der einladende, aber durchaus züchtige Ausschnitt ließ keinen Blick darauf zu, was sich unter dem Kleid verbarg, doch der Stoff konnte nicht verbergen, dass sich darunter hübsch geformte, nicht zu kleine Brüste befanden. Es war gefährlich, zu aufreizend herumzulaufen, schnell genoss man einen zweifelhaften, oder gar gefährlichen Ruf! Das Kleid war weit schwingend, ein Umstand, der beim Laufen recht praktisch war, und es war nicht erst einmal vorgekommen, dass Isaé ihre Beine in die Hand nehmen, und schnell davonlaufen musste, etwa um einem aufgebrachten Mob zu entkommen, dem sie versichert hatte, dass sich in ihrem Dorf keine Hexe befand, was den Bewohnern nicht geschmeckt hatte. Isaé zog sich ihren groben, braunen und etwas verschlissenen Wollmantel etwas enger um den Leib. Sie fröstelte, denn ein kühler Wind war aufgezogen, und es war bereits später Nachmittag. Wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit noch das Dorf erreichen wollte, musste sie sich sputen. Sie schulterte wieder ihre lederne Tasche, in welcher sich ihre Habe befand, und machte sich an den Abstieg. Immer wieder flogen kleine Krähenschwärme über das Gebirge, das sich vor ihr erhob und schickten ihre schnarrenden Laute in die Welt. Isaé wünschte sich nichts anderes mehr, als eine Schenke, um dort eine warme Mahlzeit einzunehmen, einen Becher Wein, und ein Bett. Sie hatte das letzte Mal vor zwei Tagen etwas gegessen, da hatte sie ihre Vorräte aufgebraucht, und seitdem war sie nur in der Einöde gewesen, hatte kaum Beeren oder Pilze gefunden, und jagen war ihr schon gar nicht ihr Metier. Vielleicht würde sie in der Schenke mehr über die Gerüchte herausfinden, die sich um das Dorf sponnen. Eine Hexe sollte dort ihr Unwesen treiben. Isaé verzog verächtlich den Mund. Wahrscheinlich war dies doch wieder nur ein Gerücht, welches sich nicht bewahrheiten würde, und alle Mühe war vergebens gewesen. Aber nun zog es sie dennoch in das Dorf, und hoffte, dort eine kleine Bauernschenke auszumachen, und diese Hoffnung gab ihr erneuten Antrieb und Kraft, ihren Weg fortzusetzen.

Als sie das kleine Dorf betreten hatte, war die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Doch etwas war an diesem Dorf anders, denn anders, als in den anderen Dörfern, wo die Menschen bei Anbruch der Dunkelheit bereits in ihren Häusern waren, herrschte hier eine Stimmung, wie in einem Bienenstock. Menschen liefen durch die kleine Gasse, und alle liefen sie in eine Richtung. „Was ist hier los?“ fragte sie neugierig eine vorbeikommende Frau. Diese Blicke sie argwöhnisch musternd an. „Du bist nicht von hier…“ stellte sie fest. Da schüttelte Isaé zustimmend den Kopf. „Naja seis drum, Fremde verirren sich auch ab und an zu uns…“ meinte sie ein wenig herablassend. „Du hast Glück, heute bekommst du was geboten.“ Isaé blickte die ältere Frau fragend an, und diese erklärte „Heute Nacht verbrennen wir eine Hexe! Seraja und ihrem gottesfürchtigen Diener sei es gedankt…“ Da setzte Isaés Herzschlag für einen Moment aus. „Hexe? Seraja?“ widerholte sie ungläubig, und da lachte die Alte. „Sieh es dir doch mit eigenen Augen an, da vorne, auf dem Hauptplatz...“ Und damit wandte sie sich von der jungen Frau ab und ließ sie einfach stehen. Isaé blickte ihr noch eine Weile fragend nach, und dann gab sie sich einen Ruck, und folgte ihr. Es dauerte in diesem kleinen Nest nicht lange, da war sie auf dem Hauptplatz angelangt, und nun bot sich ihr ein allzu vertrauter Blick. Die Bewohner des Dorfes hatten einen Scheiterhaufen errichtet, und eine Frau mittleren Alters an diesen gebunden. Keine roten Haare… dunkles Haar… Und zwischen dem Mob, der sich mit Forken, Fackeln, Mistgabeln und anderen primitiven, aber durchwegs todesbringenden Gegenständen bewaffnet hatten, stand ein weißgekleideter Mann. Auf seiner blendend weißen Tunika, die im Schein der Fackeln orange leuchtete, zeichnete sich ein großes, mit Goldfäden gesticktes Emblem ab, welches eine Sonne darstellte. Ein Sonnenpriester… Isaé spuckte verächtlich aus und fluchte innerlich. Sie war zu spät gekommen! Dieser Narr hatte sich der Sache scheinbar längst angenommen, und nun waren all ihre Mühen vergebens gewesen! Eine ohnmächtige Wut überkam sie, und sie presste die Lippen aufeinander, während sie sich durch die Menschen drängte, um ganz vorne zu stehen, doch dann besann sie sich wieder. War es wirklich wichtig, durch wessen Hand diese Frau starb, wenn es denn wirklich eine Hexe war? Nein, das spielte keine Rolle… Eine Hexe weniger auf der Welt, und Isaé würde mit Genugtuung zusehen, wie sie verbrannte, und in dem Rauch und en Flammen ihren Tod fand. Sie hatte noch genug Geld, um davon einige Monde gut zu leben. Doch war es wirklich eine Hexe? Während sich immer wieder Stimmen erhoben, die den Tod der Hexe und Sünderin forderten, gellte plötzlich ein Schrei durch die Menge. „Drache!“ Und alle Blicke richteten sich gen Himmel und ein Sturm an kreischenden und schreienden und gar weinenden Stimmen erhob sich. Isaé tat es ihnen gleich, doch sie konnte nur die nachtschwarzen Himmel ausmachen, auf welchem unzählige Sterne, und die weiße Scheibe des Mondes prangten. Doch da huschte ein schwarzer Schatten und verdunkelte an einer Stelle das sternenübersäte Firmament. Die junge Frau konnte nichts erkennen, aber das da etwas gewesen war, darüber gab es keinen Zweifel! Einige Menschen hatte bereits das Weite gesucht, und waren in ihre Häuser geflüchtet. Und plötzlich, am Rande des weiten Platzes, schälte sich am Himmel eine große, dunkle Gestalt aus dem vom Feuerschein erhellten Himmel, und mit einem dumpfen, Erde, Dreck und Luft aufwirbelnden Aufschlags, ließ sich tatsächlich ein großes, schwarzes Ungetüm auf dem Platz nieder. Erneut kreischten die Menschen, schnappten ihre Kinder an der Hand und flüchteten, und zurück blieben nur wenige Männer, Frauen und der Sonnenpriester. Isaé war starr vor Schreck, aber auch Faszination, und so blieb sie einfach stehen und tat nichts.

„Fürchtet Euch nicht!“ erschall eine Stimme, und da offenbarte sich, dass der Drache nicht alleine war. Isaés Augen huschten über den Rücken des Tieres und da konnte sie einen Mann erkennen, welcher auf dem Drachen saß. Sie hatte noch nie einen Drachenreiter zu Gesicht bekommen, und im Laufe der Jahre hielt sie diese Gerüchte bald nur noch für Legenden, aber heute wurde sie eines besseren belehrt. „Ein Drachenreiter!“ rief einer der Menschen und bestätigte Isaés Gedanken. Der Drachenreiter wollte wissen, was es mit diesem Aufruhr auf sich hatte, und da begannen die Verbliebenen Menschen sich zu ereifern, berichteten von der Hexe, und dass sie brennen sollte. Dem Mann schien der Aufruhr zu viel zu sein, und er gebot lautstark um Ruhe. Sogleich verstummte der Mob, was Isaé ein verschmitztes Lächeln in ihr Antlitz zauberte. Doch sie hielt sich zurück und verhielt sich ruhig und unauffällig. Er erkundigte sich nach den Vergehen der Frau, welche da am Pfahl angebunden ihrem Urteil entgegen harrte, und man berichtete, dass sie einen Mann verhext und bei ihm gelegen war. Diese Schuldzuweisung war so alt wie die Welt. Es war immer dasselbe. Eine Frau hatte einer anderen den Ehemann abspenstig gemacht, und der Neid der Gehörnten ließ diese üble Verleumdungen aussprechen. Diese Frau da oben war ganz sicherlich keine Hexe… Der Drachenreiter begann, begleitet von dem beleidigten und empörten Blick der betrogenen Ehefrau, schallend zu lachen, während der vom Rücken des Drachen herunter glitt und nun vor der Frau stand, während er sie tadelte, dass der Zauber einer Frau sie noch lange nicht zu einer Hexe machte. Doch weder die Frau, noch die Menge ließ sich von ihm auch nur annähernd überzeugen. Sie hatten sich ihr Urteil bereits gebildet, der Sonnenpriester hatte sie mit seinen salbungsvollen Worten umgarnt, und nichts und niemand konnte entweder die Leute von ihrem Aberglauben abbringen, noch die Frau oder vermeintliche Hexe retten. Und dann ging alles sehr schnell. Noch während der Drachenreiter forderte, zu der Frau gelassen zu werden, erhob sich ein Stimmengewirr, welche nach dem Tod der Frau, welchen sie in den Flammen finden sollte, forderten, und dann flogen auch schon, ohne ein Zeichen oder einen Befehl, ölgetränkte Fackeln auf den aufgeschichteten Scheiterhaufen zu. Dieser war ebenso offensichtlich mit Öl übergossen worden, denn sogleich begann sich das Feuer rasend schnell auszubreiten.

Isaés Blicke hefteten sich sogleich auf den Scheiterhaufen, und nun würde es sich offenbaren, ob diese Frau eine Unschuldige war, oder nicht. Aber dann geschah etwas, was Isaé noch nie erlebt hatte. Die Frau, die durch ihr Schweigen den Anschein erweckte, als könnte ihr das Feuer nichts anhaben, begann regelrecht zu schweben, und sich in die Lüfte zu erheben. Isaé schluckte und starrte die Frau ungläubig an. Die Hexe, und daran konnte es nun keinen Zweifel mehr geben, begann hasserfüllt und dennoch erheiternd zu lachen und begann, wilde Flüche und Verwünschungen auszustoßen. „Sterbt! Sterbt alle!“ schrie sie und dann hob sie ihren Arm nach vorne, und begann ihre krallenartigen Hände zu einer Faust zusammen zu schließen. In diesem Moment begann der Sonnenpriester sich ebenso, wie die Hexe kurz zuvor, zu erheben, doch seine Beine baumelten nur wenige Zoll über dem Erdboden Er begann zu röcheln und zu gurgeln und seine Gesichtsfarbe wechselte von rot, zu blau, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er tot und leblos zu Boden fiel, wie ein nasser Sack. "Seht wie er verreckt, der Hurensohn! Und wo ist Seraja?" rief sie und begann gellend und erheiternd zu lachen. Dies traf Isaé tief in ihrem Inneren, denn sie musste dieser Ausgeburt des Bösen beipflichten. Wo waren die Götter stets, wenn sie gebraucht wurden? Man konnte gerade in solchen Situationen nichts von einer Göttlichkeit ausmachen, es war, als gäbe es keine Götter… Die wenigen Mutigen, die es wagten die Hexe anzugreifen, wurden wie durch einen unsichtbaren Sturm regelrecht umgeworfen, und es schien, als könnte niemand etwas gegen diese Frau unternehmen. Isaé war ebenso ratlos, denn so erfahren war sie auf dem Gebiet der Hexenverfolgung nun auch wieder nicht, und dieses Weibsstück schien beinahe übermächtig zu sein. Da zerriss die Stimme des Drachenreiters die kochende Stimmung. „Schatten!“ schrie er, und zog sein Schwert und deutete damit auf die Hexe. Und als hätte er mit diesem Ruf den Drachen befehligt, kam Leben in dieses Tier, es öffnete sein Maul und aus seinem Rachen ergoss sich gleißend helles, unsagbar heißes Feuer, und hüllte die Hexe in seine Flammen ein. Isaé warf sich zu Boden, und schlug schützend die Hände über ihren Kopf, ob dieser unsagbaren Hitze, welche den Platz erfüllte, doch sie war zu neugierig und hob ihren Kopf unter ihre Armen an und lugte hervor, um zu sehen, was passierte. Da begann die Hexe gellend zu schreien und zu kreischen und stürzte auf den verkokelten, schwellenden Scheiterhaufen, dessen Flammen die Hexe mit ihrer Macht gelöscht hatte. Und dann kam Leben in Isaé. Sie wusste, dass dies eine unsagbar günstige Gelegenheit war. Dass das Feuer dieser Hexe geschadet hatte, war offensichtlich, aber ob es sie getötet hatte, das wusste niemand wirklich… Und so erhob sie sich, und während sie auf den Scheiterhaufen, mit rasendem Herzen, zu lief, nestelte sie aus ihrer ledernen Tasche zwei Gegenstände. Holzhammer, und Holzpflock. Zwei primitive Dinge, im Vergleich zu einem guten Schwert aus Stahl… primitiv, aber dennoch tödlich und somit wirkungsvoll! Isaé sprang auf den Scheiterhaufen, und ohne viel Zeit zu verlieren, oder sich den Zustand der Hexe, deren Gewänder schwelten, näher zu besehen, setzte sie den hölzernen Pfahl an die Brust der Hexe, und trieb mit einem beherzten Schlag des Holzhammers, diesen ihr tief in den Brustkorb, und pfählte ihr Herz. So etwas überlebte niemand! Keiner! Nicht einmal eine Hexe! Isaé blickte der Hexe in ihr schmerzverzerrtes, verbranntes und entstelltes Gesicht, welches sich in ihrer Todesstunde noch einmal zu einer dämonischen Fratze verzerrte, begleitet von grausigem Geheul, während sie noch einmal mit einem kräftigen Schlag, um absolute Sicherheit zu erlangen, den Pflock umso tiefer ins Herz der Hexe trieb, und schließlich erschlaffte der Körper der Hexe, und sie hing leblos über dem aufgeschichteten Holz des Scheiterhaufens. Isaé schnaufte und wischte sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Als sie sich sicher war, dass die Hexe tot war, riss sie den Pfahl wieder aus ihrem Leib. Das dunkle Blut schwappte in Strömen aus dem Leib, doch dies beachtete die junge Frau kaum mehr, sondern sprang hustend vom Scheiterhaufen. Zumindest war sie nicht ganz umsonst hier her gekommen. Doch nun verlangte es sie nach nichts anderem mehr als nach einer Mahlzeit, einem Wein und… einer Pfeife! Ihre Hände zitterten bereits, und sie wurde nun sehr unruhig. Sie packte den Holzhammer und den blutigen Pflock unbekümmert in ihre Tasche, und schickte sich daran, zu gehen. Doch sie wandte sich noch einmal um, und blickte den Drachenreiter an. „Ich trinke heute Abend auf deinen Drachen…“ lachte sie ihn an, dann wandte sie sich wieder ab, und ging davon, tiefer, ins Herz des Dorfes auf der Suche nach einer Schenke.

Schließlich fand sie dann eine. Zwar nur eine kleine, bäuerliche, doch es gab noch eine warmen Eintopf und sogar Wein, etwas säuerlich, aber Wein. Isaé begann, nach dem sie bestellt hatte, mit zitternden Händen in ihrer Tasche zu kramen. Sie holte ihre Pfeife, und den Beutel mit dem Pfeifenkraut hervor, und aus ihrem Geldbeutel fingerte sie ein kleines, Päckchen aus gefaltetem Pergament. Zuerst wickelte sie das Päckchen aus, welches in zwei kleine Pergamente eingewickelt war. Das eine Pergament legte sie rechts von sich, das andere zog sie links von sich über den Tisch. Darauf war ein dunkelgrünes festes, daumennagelgroßes Kügelchen, von welchem sie mit ihrem Nagel ein wenig abbrach, und es auf dem leeren Pergament zerkrümelte. Feuermohnopium… Dann zerrte sie aus dem Pfeifenkrautbeutel ein wenig Pfeifenkraut, vermischte es mit den Feuermohnopiumkrümelchen, und stopfte dies in den Pfeifenkopf. Die durch das Pfeifenkraut gefallenen, zurückgebliebenen Opiumkrümelchen leerte sie mit dem in der Mitte gefalteten Pergament sorgsam in den Pfeifenkopf, damit auch nicht das kleinste Krümelchen verschwendet war. Dann zog sie einen kleinen Holzspan hervor und hielt ihn in die Flamme des kleinen Talglichts, welches auf dem Tisch stand, und entzündete mit dem brennenden Hölzchen paffend die Pfeife. Sie seufzte wohlig auf, als die ersten Züge dieses mit Drogen versetzten Pfeifenkrautrauches ihre Lunge und bald auch ihren Körper erfüllten. Sie hatte in ihrem Leben schon zu viel Grausiges und Grausames gesehen, und wollte vergessen, und sie wollte auch ihre Schmerzen vergessen, gegen die es keine Heilung gab, und die sie stets begleiteten. Meist erträglich, aber manchmal auch unerträglich. Langsam beruhigte sich ihr Körper wieder und ihr Zittern ließ schließlich nach. Sie packte das Pfeifenkraut und Feuermohnopium wieder sorgfältig ein und verstaute diese Dinge wieder an ihrem vorgesehenen Platz. Der Wirt brachte einen zweiten, bestellten Becher Wein, und zufrieden nahm Isaé einen Schluck des säuerlichen Weins, und murmelte „Ich trinke auf dich, Drache, und auch auf dich, Drachenreiter…“
#4
Zwei Becher Wein ❖
drache-entaro Adun stand am Rand des Scheiterhaufens und die Flammen, der brennenden Hexe, ließen seine Augen regelrecht glühen, da sie sich in seinen Augen widerspiegelten. Doch als plötzlich eine junge Frau auf den Scheiterhaufen sprang, da trat er sogleich einen Schritt voran und hob seine freie Hand empor. »Halt! Bleibt von der Hexe fern!«, rief er mahnend. Das weiße Feuer, welches die Hexe verschlungen hatte, loderte noch hell und heiß und er fürchtete, dass es der Frau womöglich Schaden zufügen konnte, wenn ihre Kleidung Feuer fangen würde. Doch sie schien ihn nicht gehört zu haben, oder ihm einfach nur nicht zuhören zu wollen. Ehe Entaro es sich versah, da hatte sie einen hölzernen Pflock, sowie einen alten, abgewetzten Hammer aus ihrer ledernen Tasche hervor geholt und den Pflock auf der Brust der Hexe angesetzt. »Was tut ihr da?«, fragte er verwirrt. Diese Frau war kein Wiedergänger gewesen. Das Feuer des Drachen war eine vernichtende Waffe. Weit vernichtender, als das Alchemistenfeuer es sein konnte. Es war höchst unwahrscheinlich, dass diese Ausgeburt des Bösen den Odem des Drachen überlebt haben konnte.

Doch als die Hexe ihre Augen aufschlug, deren Augenlider von dem sengenden Feuer des Drachen buchstäblich geschmolzen waren, da wurde der Drachenreiter sogleich eines Besseren belehrt. Aber der Hammer trieb den spitzen Holzpflock unerbittlich in ihr verfluchtes Herz und ihr ruchloses und verwunschenes Leben war beendet. Entaro Adun hatte schon oft von angeblichen Hexen gehört, doch nie hatte er zu träumen gewagt, je einer solchen auch zu begegnen. Viele dieser Gerüchte und abergläubischen Märchen entsprangen nur den Aufhetzungen der paltorischen Inquisition, sowie den Priestern des Sonnenordens, welche alles, was dem wahren Glauben zuwider handelte, verteufelten. Als die Frau ihr blutiges Werk vollendet hatte, da stieg sie von dem verbrannten Scheiterhaufen wieder herunter und schenkte dem Bernsteinritter ein herablassendes Lächeln. »Ich trinke heute Abend auf deinen Drachen!«, lachte sie und wandte ihm sogleich den Rücken zu. Doch Entaro Adun packte sie sogleich am Arm und zog sie wieder zu sich heran und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen. Und was er dort sah, war weder Furcht noch diesen matten Schein, welcher abergläubischen Menschen zuweilen anhaftete. Er runzelte argwöhnisch die Stirn und bedachte die Frau, welche augenscheinlich nicht von diesem Ort zu stammen schien, mit kritischen Blicken. »Dies ist nicht die erste Hexe, der ihr begegnet seid, oder?«, fragte er, doch erhielt er keine Antwort von ihr. Sie wandte sich von ihm ab und schloss sich dem Strom der Menge an, welche sich in die nahe Dorfschenke zurück zogen. Eben jenem Ort, welchen der Drachenreiter auch aufzusuchen gedachte.

Doch während die junge Frau, welche ein seltsames Funkeln in den Augen gehabt hatte, unbehelligt verschwinden konnte, so wurde Entaro kurz darauf von einigen Männern umringt. »Habt Dank, Drachenreiter.«, säuselte eine Frau, welche noch jünger zu sein schien, als eben jene, welche der Hexe den Pflock ins Herz getrieben hatte. »Ihr habt uns gerettet!«, meinte sie nur ergeben und der fahrende Ritter schenkte ihr ein mildes Lächeln und legte ihr, zum Zeichen einer bescheidenen Geste, seine Hand auf ihre Schulter. »Es gibt nichts zu danken, werte Frau.«, meinte er nur und hoffte damit, dass sie ihn nun in Ruhe lassen würde. Er war kein Mann, welcher den Ruhm oder die Anerkennung suchte. Er war einfach nur müde und wollte viel lieber diese Nacht, welche zu einem so jähen und unschönen Ende gekommen war, hinter sich bringen. Doch die Männer und Frauen, welche ihn zu umringen begannen, verhinderten dies. »Wie können wir euch nur danken?«, fragte einer der Männer, welcher den goldenen Anhänger des Sonnenpriesters in der Hand hielt. »Unser heiliger Mann ist tot. Wenn morgen die Sonne aufgeht, wird Seraja sich von uns abwenden.«, meinte dieser nur und drückte sich die kleine, vergoldete Sonne, an die Stirn. Der Anhänger hatte schon deutlich bessere Zeiten, als diese, gesehen. Das sah man ihm, selbst bei diesem schlechten Licht, deutlich an. Entaro Adun lächelte stumm, doch erwiderte er nichts, denn das Schicksal dieses Mannes war ihm, bei seiner Ehre als Ritter, ziemlich gleichgütig. Natürlich hätte er nach einer Ziege, oder einem Schaf für seinen Drachen bitten können, sowie einer Mahlzeit, etwas Wein oder einem Schlafplatz. Und auch wenn diese einfachen Leute ihm diese Bitten wohl sogar erfüllen würden, so zog er es doch vor zu schweigen. »Wie ist euer Name, Drachenreiter?«, erkundigte sich schließlich jene Frau, welche ihm zuvor schon eröffnet hatte, dass die Hexe ihren Mann verflucht haben sollte. Als er sie erkannte, da senkte er den Blick und trat einen Schritt auf sie zu. »Mein Name ist Entaro Adun aus Akadien. Und ich bitte euch vielmals um Vergebung, dass ich euren Worten keinen Glauben schenken wollte.« Bei diesen Worten lächelte sie milde und nickte demütig. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist dies die erste Hexe, welcher ich jemals begegnet bin.«, lenkte Entaro Adun sogleich ein, um von diesem unliebsamen Thema, welches er soeben angeschnitten hatte, wieder abzulenken. »Wie konntet ihr sie nur überwältigen, um sie an den Scheiterhaufen zu fesseln?«, erkundigte er sich neugierig und erntete sogleich einige stolze Blicke. »Wir haben sie im Schlaf überrascht.«

Diese Erklärung schien einleuchtend, doch wollte es dem Drachenreiter einfach nicht in den Kopf, warum die Hexe, wo ihr doch eine solch' gewaltige Macht zur Verfügung gestanden hatte, derartig einfach überrumpelt werden konnte. Doch erneut zog Entaro Adun es vor, zu schweigen. »Gelobt sei die Wärme der Sonne, dass ihr uns zur Hilfe geeilt wart.« meinte die Frau nur und Entaro nickte nur. Er war kein Anhänger des Sonnenglaubens und die Wahrheit für sein Hiersein war einem einfachen Umstand zuzuschreiben. Ein brennender Pfeil hatte ihn beinahe getroffen und hätte ihn dann wohl aus dem Sattel des Drachen geworfen. Ohne jenen Pfeil wäre Entaro Adun vermutlich über das Dorf, mitsamt dieser Hexe, hinweg geflogen und niemand von ihnen hätte diese Nacht überlebt. »Dankt dem mutigen Recken, welcher es wagte, einen brennenden Pfeil auf meinen Drachen zu schießen.«, meinte er nur und erntete sowohl beschämte, als auch grinsende Gesichter. »Ihr meint sicher Emerald? Ihr müsst ihm verzeihen, Drachenreiter.«, meinte der Mann nun deutlich verhaltener und Entaro erkannte, wie er sich, sichtlich unangenehm, umsah. Entaro winkte nur mit seiner rechten Hand ab und schüttelte den Kopf. »Legen wir den Mantel des Schweigens und des Vergessens darüber.« Mit diesen Worten schob Entaro Adun sein Schwert wieder in die Scheide seines Schwertgehänges und befestigte den kleinen, ledernen Riemen, welchen er über das Heft legte, wieder um den Griff seiner Waffe. »Wie es scheint, sind wir sowohl euch, als auch ihm zu Dank verpflichtet.«

Entaro Adun wurden diese Dankesbezeugungen langsam unangenehm, und so wandte er sich ein wenig zur Seite, um den Drachen anzusehen. Doch dieser hatte sich längst wieder in dem Gras zur Ruhe gelegt, was Entaro Adun ein zufriedenes Seufzen über die Lippen kommen ließ. »So wie ihr noch niemals einer leibhaftige Hexe begegnet seid, so habe ich noch niemals in meinem Leben einen Drachen zu Gesicht bekommen.«, versuchte der Mann wohl den abgeschossenen Pfeil zu entschuldigen, doch hatte Entaro nur Augen für den Drachen. »Richtet dem Recken meine Grüße aus. Sagt ihm, dass ich froh bin, dass er solch' ein schlechter Schütze ist und er dadurch mein Leben verschonte.« Da erschallte mit einem Mal ein erheitertes, aber dennoch seltsam bedrückendes Gelächter, welches beinahe so klang, als würden gewaltige Wellen gegen dunkle Klippen schlagen, welche einen Hauch von betäubender Scham in sich verbarg. »Kommt, Entaro Adun. Wir laden euch auf einen Siegestrunk ein, um den Tod dieser Hure zu feiern.«, lachte einer der Männer, welcher deutlich älter war, als der Drachenreiter. Dankend nahm Entaro Adun das Angebot aus, denn auch wenn er es nicht zugeben wollte, der Magen hing ihm bereits bis in die Kniekehlen.

Endlich in der Schenke angekommen, war das Erste, das Entaro sogleich ins Auge fiel, die junge Frau, welche abseits und alleine an einem der Tische saß, welche sich zusehends mit bestellten, verwässerten Bieren und säuerlichen Weinen füllten, welche die Männer und Frauen des Dorfes einer nach dem anderen bestellte, um den Schreck, der ihnen allen noch zweifellos in den Gliedern steckte, zu ertränken. "Verzeiht, doch wer ist sie?", erkundigte sich der Drachenreiter bei den Männern des Dorfes, mit welchen er die Schenke betreten hatte. »Die da? Keine Ahnung. Hab' ich noch nie zuvor gesehen.«, meinte einer von ihnen und warf dabei den anderen einen fragenden Blick. zu. »Kennt einer von euch diese Frau?« »Warum fragt ihr, Herr?«, wollte eine der Frauen wissen und Entaro zuckte nur mit den Schultern. »Sie hat der Hexe einen Pflock ins Herz getrieben und es erschien mir, dass sie wusste, was sie da tat.« Entaro Adun begann zu grübeln, als einer der Bauern ihm seine schwielige Hand auf die Schulter legte. »Wollt ihr ein Bier, oder lieber einen Wein? Unser Wirt Olf keltert ihn selbst.« Entaro Adun nickte nur dankend und geistesabwesend, was den Mann schließlich dazu veranlasste an die Ausschank heran zu treten. »Olf! Wein!«, bellte er in die Menge und kurz darauf erschien ein korpulenter Wirt aus der Küche.

Der Wein war schnell in Becher gefüllt und kurz darauf wurden Entaro Adun zwei Becher mit Wein unter die Nase gehalten. »Gefällt sie euch, Drachenreiter? Ihr starrt sie, seit wir die Schenke betreten haben, unentwegt an.«, fragte der Mann mit einem zweideutigen und schelmischen Lächeln im Gesicht. »Wo denkt ihr hin? Ich bin nur Neugierig, nichts weiter.« Doch da hob der Mann nur seine Augenbrauen. »Ja, klar. Mir könnt ihr nichts vormachen! Also ich würde sie nicht von der Bettkante stoßen, wenn ihr versteht, was ich meine.« Entaro Adun nickte nur. »Ja, ich verstehe euch, doch ihr solltet nicht so respektlos reden..",brummte Entaro nur ungehalten, über das rüpelhafte Benehmen des Mannes. Wieder lachte der Mann, wohl um sein Unbehagen zu überspielen, und drückte dem Drachenreiter die beiden Becher in die Hand. »Gebt ihr einen aus. Sowas bricht das Eis.« Und mit diesen Worten schlug er dem Drachenreiter noch kräftig auf die Schulter. So kräftig, dass dieser beinahe den Wein verschüttet hatte. Doch er dachte nicht weiter über seine Worte nach und näherte sich stattdessen der jungen Frau. Sie schien abgelenkt zu sein und sog gerade, tief Luft holend, an einer Pfeife, deren Geruch sich unverzüglich mit der schlechten Luft, welche hier vorherrschte, verschmolz. »Ich trinke auf dich, Drache, und auch auf dich, Drachenreiter.«, murmelte die Frau, was Entaro Adun dazu veranlasste, sich zu räuspern. Leise erhob er die Stimme, dass es beinahe einem Flüstern glich. Als er sich ihrer Aufmerksamkeit gewiss war, da lächelte er nur zurückhaltend. »Ein Becher Wein reicht aber bei weitem nicht, um auf einen ebensolchen zu trinken. Doch, wie es der Zufall so will, habe ich hier noch einen zweiten.« Und so sah er sie nur lächelnd an, während er sowohl seinen, als auch den zweiten Becher Wein auf dem Tisch abstellte.
#5
Hexenjägerin und Feuermohn ❖
drache-isaé saß nachdenklich in der Schenke. Sie dachte über die Ereignisse nach. Heute hatte sie es tatsächlich mit einer echten Hexe zu tun gehabt, keine Ammenmärchen, keine Verleumdungen, obwohl den Beweggründen der betrogenen Ehefrau, nämlich dass sie die Frau der Hexerei bezichtigt hatte, ganz sicherlich niedere Gründe vorangegangen waren. Die Geschichte war immer dieselbe. Wahrscheinlich war diese Frau in das Dorf gekommen, oder vielleicht lebte sie schon länger hier, aber unerkannt und unentdeckt, sie verdrehte den Männern mit ihrem Aussehen den Kopf, lockte diese ins Bett, die Sache flog früher oder später auf, und im Nachhinein sahen die Männer sich keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Unschuld zu beteuern und behaupteten, mit einem Zauber belegt worden zu sein. Doch es war so, wie der Drachenreiter die Ehefrau beschwichtigen wollte, die Reize einer Frau mochten zwar ein Zauber sein, oder einen solchen vermochte sogar eine Priesterin ungewollt auf Männer auszuüben. Meistens waren die Frauen auch blind, und wollten es nicht wahrhaben, dass der Mann vom rechten Weg abgekommen war. Aus diesem Grund wollte Isaé sich nicht an einen Mann binden, zum einen hatte sei keine Lust, eine ebenso gehörnte Frau zu sein, und sich Demütigungen hingeben, zum zweiten sah sie sich nicht als Ehefrau und Mutter, obgleich dies die einer rechtschaffenen Frau zugeteilte Rolle war, und zum dritten, und das war der wichtigste Aspekt, sah sie sich zu höherem ausersehen, als häuslich zu werden, sich in einem Dorf niederzulassen, einen Mann zu finden, ihn zu ehelichen, und ihm einen Haufen Kinder zu gebären. Zwar war das Leben auf der Straße für eine Frau ganz sicherlich nicht einfach, und auch Isaé hatte diese harte Erfahrung, dass Männer mitunter sich wie die Tiere gebärden konnten, machen müssen, aber mit ein wenig Zurückhaltung, Vorsicht und Verstand lebte es sich auch nicht schlecht, und sie zog dieses unstete Leben einem vorbestimmten häuslichen in jedem Fall vor. Nur die Winter waren mitunter sehr hart. Manchmal ließ es sich nicht vermeiden, dass Isaé ihr freies Leben zugunsten von Annehmlichkeiten oder Notwendigkeiten wie Wärme, ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten aufgab, des Überlebens wegen, und für die harten, unerbittlich kalten Monde ihre Dienste als Magd, Kinderfrau anbot, oder sonstige niedere Arbeiten verrichtete, wenn sie gerade gebraucht wurden. Es war Herbst, und Isaé wusste, dass es bald wieder so weit sein würde. Doch nicht in diesem Dorf. Sie hatte noch Zeit und würde sich nicht in einem solch winzigen Nest niederlassen. Diese Hexe hatte ganz sicherlich ihre Spuren in diesem Dorf hinterlassen, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Wut, Resignation, dass diese einen götterfürchtigen Diener in den Tod gerissen hatte, und darauf hatte Isaé keine Lust. Sie würde hier ein, zwei Nächte bleiben, Erkundungen anstellen, ob es in der Umgebung ein anderes Dorf gab, wo und wie weit entfernt es lag, vielleicht auch, ob es dort zu ähnlichen seltsamen Vorkommnissen gekommen war, und dann würde sie weitersehen.

Während sie diesen Gedanken nachhing, und genüsslich an ihrer Pfeife zog, die eine süßliche und harzige Note verströmte, süßlich von dem Feuermohnopium, und harzig von dem herben, starken Pfeifenkraut, fasste sie sich an ihre Seite, zwischen Brust und Hüfte. Unter dem Kleid verborgen, befand sich dort eine hässliche, große und tiefe Narbe. Eine alte Erinnerung an eine dieser unseligen Ausgeburten und Dienerinnen des Bösen… Sie hatte mit ihren scharfen Klauen, die alles andere als menschlich gewesen waren, Isáe gepackt, und ihr das Kleid aufgerissen, und das darunter befindliche Fleisch regelrecht zerfetzt und tief aufgerissen. Sie hatte keinen Heiler aufsuchen können, damals, lebte einige Tage in großer Angst, dem Wundbrand zu erliegen, aber sie hatte wohl großes Glück gehabt, und es hatten sich keine Anzeichen dieser todbringenden Krankheit gezeigt, und danach lebte sie mehrere Monde mit großen, schier unerträglichen Schmerzen, bis diese Fleischwunde endlich verheilt war. Noch heute schmerzte diese Narbe mitunter unerträglich, und Isaé wusste nun um die unvorstellbare Macht, über welche manche Hexe verfügte, denn es war offensichtlich, dass ein Fluch, ein Bann, ein Zauber oder eine Verletzung dieses Ausmaßes nicht unbedingt mit dem Tod dieser vorüber war. Wer wusste schon, welch bösartigen Fluch diese Hexe Isaé in diese Verletzung miteingewoben hatte, dass Isaé, obgleich diese Verletzung schon Jahre zurücklag, immer noch darunter zu leiden hatte, und zwar mitunter so stark, dass sie ihr Leiden nur mit regelmäßigen Feuermohnopiumkonsum lindern konnte? Isaé wusste, dass sie es nicht übertreiben durfte, doch an manchen Tagen, wenn die Schmerzen übermächtig waren, schob sie diese Bedenken beiseite, so, als ob sie ein Schicksal im Feuerwahnsinn nicht ereilen könnte, oder als ob ein kurzes, schmerzfreies Leben besser war, als ein längeres in Pein…

Nun entfaltete das Feuermohnopium seine wohltuende, entspannende und schmerzlindernde Wirkung, und die junge Frau seufzte wohlig auf, und leerte ihren Becher. Sie hatte die Männer reden gehört. Allen Anschein nach waren diese Bauerntölpel noch stolz auf diesen im Dorf gekelterten Wein. Nur Essig war noch saurer, als dieser Wein. Aber die Gegend war auch unwirtlich, die Böden schlecht, es würde an ein Wunder grenzen, dass diese Vegetation und dieses Wetter einen guten, oder gar süßen Wein hervorbringen würden. Und sie hatte die Weinberge gesehen, sie lagen nordseitig. An der sonst für Weinreben benötigten Südseite lag nur schroffes, unwegsames Gebirge, und so mussten die Menschen hier mit dem Vorlieb nehmen, was ihnen zur Verfügung stand. „Ich trinke auf dich, Drache, und auch auf dich, Drachenreiter…“ murmelte sie frohlockend, und war ehrlich dankbar, dass dieser Mann zugegen war, denn alleine hätte Isaé dieser mächtigen Hexe nichts entgegenzusetzen gehabt, vielleicht hätte die junge Frau sogar heute ihren Tod gefunden, mit all den anderen Menschen, und so trank sie auf die Retter und auf das ihr geschenkte Leben. Ein Räuspern, nicht unweit von der Reichweite ihrer Ohren riss sie aus ihren Gedanken. Sie wandte ihren Kopf und sah nach oben, und ihre Blicke kreuzten sich mit denen des Drachenreiters. Sie war sich nicht sicher, ob sie damit gerechnet hatte, dass er sie aufsuchen würde, nachdem sie hm eine Antwort schuldig geblieben war, nachdem er sie, als sie vom Scheiterhaufen gesprungen war, am Arm festgehalten hatte, und ihr Fragen gestellt hatte. Doch war sie nicht bereit, ihm Antworten zu geben. Nicht aus reiner Unhöflichkeit, oder aus Unwillen, aber ihr hatte zu diesem Zeitpunkt nur mehr der Sinn nach einer Pfeife gestanden, und nach einer Mahlzeit. Nun hatte sie zumindest zwei der ersehnten Dinge bekommen, und nun war sie zufrieden. Sie musterte den Drachenreiter abschätzend, während er die Worte an sie richtete. "Ein Becher Wein reicht aber bei weitem nicht, um auf einen ebensolchen zu trinken. Doch, wie es der Zufall so will, habe ich hier noch einen zweiten." Er lächelte scheu, und stellte die beiden Becher auf Isaés Tisch. Isaé schmunzelte. „Ich verstehe…“ hob sie an. „Ein unglaublicher Zufall, der dir zwei Becher Wein, auf Geheiß eines unflätigen Bauerntölpels, das Eis zwischen uns zu brechen, in die Hände gespielt hat…“ Sie blickte ihn einerseits amüsiert lächelnd, wie auch forschend an, und meinte schließlich „Ich habe gute Ohren, weißt du? Ich habe alles gehört… Aber bitte, nimm doch Platz, und leiste mir ein wenig Gesellschaft, denn es scheint, dass du hier genauso fremd bist, wie auch ich…“ Sie bedeutete mit der Hand eine einladende Geste auf den Stuhl gegenüber von ihr, und nahm sogleich den ihr zugedachten Becher, und schob ihn zu sich. „Aber bei wem muss ich mich hierfür bedanken, beim Drachenreiter, oder bei dem Bauern, der mich nicht von der Bettkante stoßen würde?“ fragte sie ihn gleichsam lächelnd, wie auch herausfordernd, und deutete mit einem Kopfnicken hinter sich, ohne sich dabei umzudrehen. Isaé zog an ihrer Pfeife, und blies langsam und bedächtig den Rauch in die bier- und weingeschwängerte Luft, und blickte den Mann ruhig an. Er sah ganz gut aus. Er besaß sehr einprägsame Gesichtszüge, dunkles Haar, so dunkel wie das Ihre, dunkle Augen, und einen Bart, und wirkte auf den ersten Eindruck rechtschaffen und vertrauenswürdig. Doch Isaé hatte schon längst gelernt, dass nicht nur der erste Eindruck zählte, und so hielt sie sich stets zurück. Kühl, aber nicht zu kühl, denn wenn sie eines nicht leiden konnte, dann war es übertriebene Zurückhaltung. Sie mochte offenherzige, warmherzige Menschen, und nicht zurückhaltende, kühle und geheimnisvolle… Isaé war recht geradlinig. Und dies erhoffte sie auch von ihren Mitmenschen, auch, wenn Hoffnung oft das einzige war, was davon übrig blieb. „Mein Name ist Isaé, und heißt du, Drachenreiter?“ fragte sie ihn neugierig. „Ich habe noch nie einen Drachenreiter gesehen, oder gar kennengelernt. Deinesgleichen ist offensichtlich so selten, dass ich an eure Existenz schon lange nicht mehr geglaubt habe. Ganz zu schweigen von der Existenz der Drachen… Doch wurde ich heute eines besseren belehrt…“ gab sie ehrlich zu. „Unglaublich, wie dein Drache diese Hexe geröstet hat…“ kicherte sie und hielt sich die Hand vor. „Drachenfeuer scheint bedeutend heißer zu sein, als das irdische, welches uns bekannt ist, oder irre ich mich da? Und doch reichte es bei weitem nicht aus, dieser Frau den Tod zu bringen...“ sinnierte sie und zog erneut an ihrer Pfeife. „Möchtest du auch einmal?“ bot sie ihm gedankenlos die Pfeife an.

Der Wirt trat an den Tisch und brachte Isaé die bestellte warme Mahlzeit. Ein einfacher Eintopf aus gekochtem Getreide wie Dinkel, Einkorn und Rüben, Karotten und Kräutern. „So, junges Fräulein, biddesehr…“ nuschelte der Wirt in einem verwaschenen Akzent daher. „Ah, hab vielen Dank…“ hauchte Isaé erfreut über die warme, wenn auch einfache Mahlzeit. Der Wirt meinte "Das macht eine Silbermünze, zwei Wein, ein EIntopf..." und hielt auffordernd die Hand auf, während Isaé in ihrem Geldbeutel kramte, und sie geforderten Münzen hervorholte. Dann wandte er sich an den Drachenreiter. „Wollt ihr auch etwas essen? Wenn ich gewusst hätte, dass wir heute einen so ruhmreichen Hexentöter in unserem Dorf willkommen heißen würden, dann hätte ich zu euren Ehren eine Sau geschlachtet…“ meinte er entschuldigend. Bei diesen Worten kniff Isaé unwillig die Augen für einen kurzen Moment zusammen. Als ob es alleine sein Verdienst gewesen war… Sie hatte der Hexe den Pfahl durchs Herz getrieben und ihr damit endgültig den Garaus gemacht… Aber dann entspannten sich ihre Züge wieder. Sie hatte ohnehin keine Lust, derart hofiert zu werden, wie der Drachenreiter, dem dies sichtlich unangenehm zu sein schien. Sie tauchte den Holzlöffel in den Getreidebrei, und begann, diesen zu löffeln. Dabei dachte sie daran, dass sie zusammen wirklich gute Zusammenarbeit geleistet hatten. Das Drachenfeuer alleine wäre genauso nutzlos gewesen, wie Holzpflock und Holzhammer… Ein wenig wehmütig dachte sie an ihre Armbrust, welche sie verloren hatte. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sie verloren hatte, oder ob sie ihr jemand gestohlen hatte. Doch sie war unwiederbringlich verloren und es hatte keinen Sinn mehr, ihr noch eine Träne nachzuweinen. Das Pfeifenkraut war nun verglost, und das Feuermohnopium hatte keine volle Wirkung entfaltet. Isaé fühlte sich jetzt wirklich gut! Nichts, aber auch gar nichts konnte diesen Abend noch besser machen! Nur ein bequemes Bett. "Hast du noch ein freies Zimmer?" erkundigte sie sich bei dem Wirt und dieser nickte. "Für eine weitere SIlbermünze, ja." Isaé runzelte die Stirn, angesichts dieser Preise, aber dann willigte sie ein und kramte eine weitere Münze aus ihrem Beutel. "Dann hoffe ich sehr, dass es ein annehmbares Zimmer ist..." meinte sie, während sie die blanke Münze auf den Tisch legte, und sah den Wirten scharf an. "Sicher, sicher... Ich werde es sogleich herrichten..." nuschelte der Wirt, strich die Münze ein, und schlurfte davon.
#6
Nur ein Zimmer ❖
drache-ein wenig unschlüssig stand Entaro Adun vor der fremden Frau und hielt seine beiden Becher in der Hand. Beinahe kam er sich ein wenig lächerlich vor, doch schließlich stellte er sie dann doch auf dem Tisch ab und nahm an dem Tisch Platz. Die Worte der Frau hatten ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht, doch fühlte er sich bemüßigt das Bild von sich, welches ihr wohl soeben vermittelt wurde, zu berichtigen. »Ich habe gute Ohren, weißt du? Ich habe alles gehört… Aber bitte, nimm doch Platz, und leiste mir ein wenig Gesellschaft, denn es scheint, dass du hier genauso fremd bist, wie auch ich.« Ein wenig beschämt räusperte sich Entaro Adun, doch gelang es ihm seine ritterliche Fassung zu wahren. »Dann habt ihr zweifellos auch vernommen, dass es nicht in meiner Absicht lag euch plump zu umgarnen. Ich ...« Entaro Adun fuhr sich durch die Haare, um einige Strähnen, welche ihm ins Gesicht hingen, hinter seine Ohren zu zwingen. »... mir scheint, dies war nicht die erste Hexe, derer ihr begegnet seid. Ich gestehe, dass ich neugierig bin, und wollte deshalb mit euch das Gespräch suchen.« Nun, da Entaro Adun wohl seiner Ehre Genüge getan hatte, dass er nicht einfach nur dem Einfall eines Bauerntölpels, wie sie es so rüde formuliert hatte, gefolgt war, sondern aus eigenem Antrieb zu ihr gegangen war, nahm er sich seinen Becher und schob den anderen ein wenig näher zu ihr heran. Entaro Adun lächelte dünn, als sie den Becher dankbar an sich nahm und führte sogleich den seinen an seine Lippen. »Aber bei wem muss ich mich hierfür bedanken, beim Drachenreiter, oder bei dem Bauern, der mich nicht von der Bettkante stoßen würde?« Entaro Adun entkam ein kurzes Lachen, welches allerdings sogleich wieder erstarb. »Ihr müsst ihm vergeben. Er ist sicherlich von einfachem Gemüt. Und diese Erfahrungen des heutigen Tages vermögen so manchen Mann sich zu vergessen.« Erneut tat er einen Schluck und genoss das wohlige Gefühl, welches sich in seinem Inneren auszubreiten begann. »Doch es gibt nichts zu danken. Es war eine einfache Geste ... bedeutungslos.«, meinte Entaro Adun nur und runzelte dabei ein wenig die Stirn. Er mochte es nicht, wenn die Leute sich ihm zu Dank verpflichtet fühlten.

Sie hatte eine Pfeife in der Hand, welche Entaro Adun ein wenig skeptisch musterte. Doch sie hatte sich gemütlich zurückgelehnt und schien den Geschmack des Krautes, welches sie da inhalierte, sichtlich zu genießen. »Mein Name ist Isaé, und heißt du, Drachenreiter?«, eröffnete sie ihm schließlich und der Bernsteinritter räusperte sich, während er sich dabei ertappte, wie er sein Kreuz ein wenig durchstreckte, um eine etwas erhabenere Haltung einzunehmen. »Mein Name lautet Entaro d'Adun, aus Akadien.« Dass er eigentlich ein Bernsteinritter war, verschwieg er. Denn eigentlich war er das gar nicht mehr, solange er als verbannt galt. Und dies wollte er dieser, noch fremden, Frau nicht sogleich auf die Nase binden. »Freut mich eure Bekanntschaft zu machen, Isaé.« Erneut tat er einen Schluck aus seinem Becher, bis er ihn schließlich auf dem Tisch abstellte. »Woher stammt ihr, wenn mir diese Frage gestattet ist?«, hakte er sogleich nach, denn Entaro Adun fand es immer interessant zu erfahren, woher die Menschen, mit welchen er zu schaffen hatte, denn so kamen. »Ich habe noch nie einen Drachenreiter gesehen, oder gar kennengelernt. Deinesgleichen ist offensichtlich so selten, dass ich an eure Existenz schon lange nicht mehr geglaubt habe. Ganz zu schweigen von der Existenz der Drachen. Doch wurde ich heute eines Besseren belehrt…« Bei diesen Worten lächelte der verbannte Bernsteinritter wissend und kam nicht umhin einen gewissen Stolz dabei zu verspüren. »Das ist wahr, Isaé. Doch die Legenden sind wahr. Die alten Drachen sind schon lange verschwunden. Dieser ist nur ein schwarzer Drache. Getrieben von Instinkten und Trieben, welcher, wenn er denn könnte, alles und jeden in diesem Dorf verschlingen würde. Die alten Drachen waren größer, so sagt man.« Erneut lächelte er wissend und nahm sich ihre Haltung zum Beispiel und lehnte sich auch ein wenig in seinem Stuhl zurück. Als sie auf das Drachenfeuer zu sprechen kam, musste der fahrende Ritter nur den Kopf schütteln. »Oh ja. Drachenfeuer ist unglaublich heiß. Der Odem meines Drachen brennt gleißend weiß und nicht gar rot oder orange, wie ein normales Feuer. Dass die Hexe nicht sofort gestorben war, lag wohl daran, dass das Feuer sie nicht gänzlich vereinnahmt hatte. Immerhin hatte sie sich in der Luft befunden.« Er kratzte sich über die Stoppeln seines Dreitagebartes und setzte dann den leeren Becher vor sich auf dem Tisch ab. »Doch wenn wir schon von dieser Hexe sprechen. Ihr scheint schon mehr als dieser einen Hexe begegnet zu sein.« Er legte eine kurze Pause ein, bevor er weitersprach. »Erzählt mir doch davon. Ich habe schon viel erlebt und auch viel gesehen. Doch solch' eine Macht habe ich noch niemals erlebt und ihr scheint mir eine Menge darüber zu wissen.« Ein wenig neugierig lehnte er sich auf dem Tisch zu ihr hervor und bedachte sie mit eindringenden Blicken.

Doch bevor er noch eine Antwort auf seine Frage erhielt, trat der Wirt an den Tisch heran und brachte einen Eintopf, welchen die Frau zuvor bestellt hatte. Auf seine Frage hin, ob Entaro auch Hunger hätte, nickte der Drachenreiter nur stoisch. "Ich nehme das Gleiche wie die Dame. Habt Dank.« Er wollte nur, dass er wieder dorthin verschwand, wo er hergekommen war. Denn Entaro Adun stand nicht der Sinn nach hofierenden Wirten oder gaffendem Bauerngesindel. Besonders verlockend roch der Eintopf zwar nicht gerade, aber der Hunger war nicht wählerisch. Isaé schien eher weniger ein Problem mit dem Eintopf zu haben und nahm sich sogleich den hölzernen Löffel zur Hand. »Möchtest du auch mal?«, fragte sie und Entaro Adun sah sie nur verwirrt an. Doch als er feststellte, dass sie wohl ihre Pfeife zur Seite gelegt hatte, um zu essen und ihm diese nun darbot, da entspannte sich sein Gesichtsausdruck. Nein. Er schüttelte langsam den Kopf. Auch wenn gegen einen Zug aus ihrer Pfeife eigentlich nichts sprach, hegte er kein sonderliches Verlangen danach. Vielmehr verlangte es ihm nach einem Schlafplatz für diese Nacht. Der Ritt auf dem Drachen war alles andere als entspannend, denn der Rücken des Tieres war hart und selbst der lederne Sattel vermochte dies nicht sonderlich zu dämpfen. Und so, während er sich seinen Gedanken hingab, nahm er gedankenverloren die Pfeife zur Hand und sog den süßlichen Rauch in seine Lungen. Hätte er geahnt, welches Kraut sie da in ihrer Pfeife verborgen hatte, hätte er vermutlich die Finger davongelassen.

Während er das unangenehme Kratzen im Hals verspürte, und er hustend den Rauch hinaus blies, sprach Isaé den Wirt auf ein Zimmer an, was Entaro Adun sogleich hellhörig aufnahm, immerhin wollte er auch eines nehmen. Er legte die Pfeife wieder auf den Tisch und  verfolgte stattdessen das ereignislose und recht einseitige Verhandlungsgespräch über die Schlafkammer mit andächtigem Schweigen, während er mit seiner Zunge am Gaumen rieb, um den unangenehmen Geschmack loszuwerden.
»Dann hoffe ich sehr, dass es ein annehmbares Zimmer ist...« »Sicher, sicher... Ich werde es sogleich herrichten.« Da räusperte sich Entaro Adun. »Verzeiht. Wenn ihr schon dabei seid...«, hob Entaro Adun an und schob Isaés Pfeife etwas von sich. »Richtet doch für mich auch gleich ein Zimmer her, guter Mann.« Doch da hielt der Wirt inne und bedachte den Bernsteinritter, den jeder nur mehr Drachenreiter nannte, mit einem entschuldigenden Blick. »Bitte vergebt mir, Drachenreiter. Doch das war das einzige Zimmer, welches ich habe. Das hier ist ein Wirtshaus, kein Gasthaus.« Entaro Adun seufzte, sichtlich frustriert. »Gibt es in diesem Dorf noch irgendwo ein Zimmer?«, fragte er hoffnungsvoll, auch wenn er, in Anbetracht der Größe des Dorfes, nur geringe Hoffnungen hegte. Und der Wirt zerstreute diese auch sogleich. »Nein, Drachenreiter. Hier wohnen nur einfache Leute und es kommen selten Reisende. Jeder hat sein eigenes Haus. Doch ich bin mir sicher, dass Haldek euch einen Schlafplatz in seinem Heuschober anbieten wird, oder Greta wird sicher mit Freuden euch ihr Bett anbieten. Immerhin habt ihr die Hexe, welche ihren Mann getötet hat, ihrer gerechten Strafe zugeführt.« Entaro Adun winkte den Wirt nur genervt ab und nickte, während er sichtlich darum bemüht war einen freundlichen Gesichtsausdruck aufzulegen. Sich in das Bett einer Witwe zu legen kam schon gar nicht in Frage! »Danke.« Der Wirt schlurfte schließlich von dannen und Entaro wog in Gedanken seine Optionen ab. Er hatte weder Interesse im Heu zu schlafen, noch sich in das Bett dieser Frau zu legen, welche offensichtlich einen Narren an ihrem Rächer gefressen hatte. Und so nahm er den Becher zur Hand, um erneut daraus zu trinken, nur um festzustellen, dass er ihn bereits leer getrunken hatte. Und so stellte er ihn wieder ab und knirschte dabei mit den Zähnen. »Nun ja. Es soll schlimmeres passieren, nicht wahr Isaé? Dann werde ich wohl einfach meine Reise fortsetzen.« Er zwang sich zu einem Lächeln, doch alles was er schaffte war ein müdes Abbild von einem Lächeln. Und als der Wirt erneut kam, um seinen Eintopf zu bringen, war dies fast wie eine Erlösung aus dieser unangenehmen Situation.
#7
Ein schaler Eintopf ❖
drache-dann habt ihr zweifellos auch vernommen, dass es nicht in meiner Absicht lag euch plump zu umgarnen.“ Isaé lächelte, als der Drachenreiter, der mittlerweile an ihrem Tisch Platz genommen hatte, sich rechtfertigte. „Schade, eigentlich“ kicherte die junge Frau, aber ihr Gesichtsausdruck nahm sogleich wieder Ernsthaftigkeit an. „Du scheinst mir ein Mann von Ehre zu sein, Drachenreiter, ganz im Vergleich zu diesem ehrenlosen Bauerntölpel, der sich von diesem Hexenweib ins Bett hatte zerren lassen… Denn wir beide wissen doch, dass kein Zauber oder ein Fluch von Nöten ist, um einen Mann ins Bett zu locken, oder zu anderen Schandtaten zu verführen, oder irre ich mich? “ Damit schien sie ihm das richtige Stichwort gegeben zu haben, denn er räusperte sich und erwiderte „Mir scheint, dies war nicht die erste Hexe, derer ihr begegnet seid. Ich gestehe, dass ich neugierig bin, und wollte deshalb mit euch das Gespräch suchen." „Ich verstehe, du warst von Neugierde angetrieben. Begierde… Neugierde… Es sind immer dieselben Beweggründe… Aber da du so ein ehrbarer Mann bist, vielleicht warst du auch nicht neugierig, denn das ist so… nieder… Nein, vielleicht warst du lediglich wissbegierig…“ neckte sie ihn lächelnd, und nahm den ihr zugeschobenen Becher an sich und führte ihn an ihre Lippen, während sie hinter dem Becher versteckt, seine Reaktion beobachtete, ohne ihm auch nur im Geringsten seine Frage, oder viel mehr Feststellung, zu beantworten. Viel mehr fragte sie ihn, wem sie nun Dank für den Becher Wein schuldete, dem Bauerntölpel, oder dem Drachenreiter, und da lachte der Mann kurz auf. "…und diese Erfahrungen des heutigen Tages vermögen so manchen Mann sich zu vergessen." Isaé nickte. „Und doch werden die heutigen Erfahrungen in den Köpfen der Menschen hier bleiben. Bald werden sie feststellen, geleitet von Neid, Habsucht, Begierde, oder einfacher Bosheit, wie einfach es ist, eine unschuldige Frau der Hexerei zu bezichtigen. Abergläubisches Gewäsch wird reichen, um eine Frau, die einfach nur gutaussehend ist, über bemerkenswertes Wissen oder Fähigkeiten in der Kräuterkunde besitzt, oder so etwa dreist war, sich eine Tändelei mit einem verheirateten Mann zu beginnen, zu verurteilen. Glaube meinen Worten, Drachenreiter, ich habe es schon so oft miterlebt“ meinte sie und blickte dem Mann ernst ins Gesicht. Sie lehnte sich zurück und zog an ihrer Pfeife. Ihr war bewusst, dass eine Pfeifenrauchende Frau nichts Alltägliches war. Doch sie tat dies nur aus dem einen bestimmten Zweck, und solange sie keinen Anstoß erweckte, war es ihr herzlich egal, was man über sie dachte oder sprach. Schließlich stellte sie sich bei dem Mann vor und erkundigte sich nach seinem Namen. Sie lächelte und meinte „Ein schöner Name, es freut mich ebenso, Entaro Adun… Aus Akadien, also…“ Da fragte er sie nach ihrer Herkunft. „Ich stamme aus Arkan. Eine kleine, aber blühende Handelsstadt am Fuße des Köhlerwalds. Vielleicht hast du ja schon einmal davon gehört?“ lächelte sie schief. Sie gestand ihm schließlich, dass sie noch nie einem Drachenreiter begegnet war, geschweige denn einen Drachen zu Gesicht bekommen hatte. Da war es nun an Entaro, zu lächeln. "Das ist wahr, Isaé. Doch die Legenden sind wahr. Die alten Drachen sind schon lange verschwunden. Dieser ist nur ein niederer Schwarzdrache. Getrieben von Instinkten und Trieben, welcher, wenn er denn könnte, alles und jeden in diesem Dorf verschlingen würde." „Wenn er könnte… Vermag er es nicht, oder bist du es, welcher ihn befehligt, was er zu tun und zu lassen hat?“ fragte sie neugierig nach.

Da fragte Isáe ihn über das Feuer des Drachen aus und er erwiderte „Dass die Hexe nicht sofort gestorben war, lag wohl daran, dass das Feuer sie nicht gänzlich vereinnahmt hatte. Immerhin hatte sie sich sehr schnell bewegt." Isaés Blick wurde erneut ernst. Da es sich tatsächlich so verheilt, dass Drachenfeuer bedeutend heißer war, als irdenes, bestätigte nur ihre Vermutung und sogleich schüttelte sie den Kopf. „Nein, Entaro. Ich hätte es beinahe auch nicht zu glauben vermocht, aber dies war eine sehr mächtige Hexe. Wenn es sich mit dem Drachenfeuer wirklich so verhält, wie du sagst, und sie weniger mächtig gewesen wäre, dann hätte das Drachenfeuer sie zu Asche verbrennen müssen. Doch es hat sie nicht einmal getötet. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Normalerweise reichen Hammer und Pflock, oder aber das reinigende Feuer, aber noch nie war es notwendig gewesen, sich beidem bedienen zu müssen. Diese Tatsache lässt mich erschauern. Aber ich bin auch froh, dass du mit deinem Drachen zugeben warst. Sonst wäre das heute unser aller Ende gewesen.“ Sie schwieg nun und widmete sich wieder dem Weinbecher. Da lehnte er sich ein wenig zu ihr nach vorne und sagte „ Ihr scheint schon mehr als dieser einen Hexe begegnet zu sein." Er legte eine Redepause ein und Isaé musterte ihn in dieser Zeit abschätzend. Dann sprach er weiter "Erzählt mir doch davon. Solch' eine Macht habe ich noch niemals erlebt und ihr scheint mir eine Menge darüber zu wissen." Isaé kniff die Augen ein wenig zusammen, aber dann hielt sie inne und ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. „Dieses ‚ihr‘ ist so… hochtrabend. Ich bin weder von Adel, noch eine edle Maid, sondern nur eine einfache Frau, es ist nicht von Nöten, mich so anzusprechen. Sag doch ‚du‘…“ forderte sie ihn auf. Und bevor sie auch nur daran denken konnte, seiner Bitte nachzukommen, und ihm etwas über ihre Hexenerfahrungen zu erzählen, da brachte der Wirt das Essen, welches sie bestellt hatte.

Isaé war erfreut darüber, etwas Warmes zu bekommen, doch nachdem Entaro die Speise beäugt hatte, zuerst gezögert hatte, hatte er schließlich dasselbe bestellt. Die junge Frau bot ihm stattdessen die Pfeife an, welche er annahm. Während sie begann, ihren Eintopf zu essen, bat der Drachenreiter den Wirten, auch für ihn ein Zimmer zu richten, doch dieser sagte dem Mann mit Bedauern, dass es nur ein Zimmer in dieser Wirtstätte gab, doch er bot ihm an, zu vermitteln, dass ihm ein Heuschober zurecht gemacht würde, aber er war sich auch sicher, dass gar die Witwe Greta ihm mit Freuden ihr Bett zur Verfügung stellen würde. Selbstverständlich würde sie das. Diese Frau hatte den Drachenreiter mit ihren Augen förmlich verschlungen, und selbstverständlich würde sie ihn mit Freuden in ihrem Bett schlafen lassen, und sich darüber hinaus liebend gerne dazulegen… Doch beide Angebote lehnte Entaro höflich, aber bestimmt ab, was die Hexenjägerin ein wenig überraschte, und der Wirt trollte sich schließlich wieder. Ein wenig Schuldbewusst blickte Isaé den Drachenreiter an. „Ich wusste nicht, dass es hier in diesem Dörfchen nur ein Gastzimmer gibt“ meinte sie, und haftete dann den Blick auf ihre Schüssel und schob ein wabbeliges Fettstück des Fleisches an den Rand der Schüssel. Dann blickte sie ihn wieder an. Er erwiderte „Nun ja. Es soll schlimmeres passieren, nicht wahr Isaé? Dann werde ich wohl einfach meine Reise fortsetzen." Er lächelte verhalten. „Ganz bestimmt gibt es Schlimmeres…“ erwiderte Isaé murmelnd. Sie bemerkte, dass der Becher Entaros leer war, und sie hob die Hand, um den Wirt erneut an sich heran zu winken. Eifrig trat der Wirt an den Tisch. "Ja? Was wünscht ihr?" Isaé deutete auf den leeren Weinbecher Entaros. "Der Becher des Drachenreiters ist leer..." meinte sie und ein gewisser vorwurfsvoller Ton schwang in ihrer Stimme mit, wobei nicht herauszuhören war, ob es ehrlich, oder spöttelnd gemeint war. Mit diesen Worten hielt sie ihm ein glänzendes Geldstück vor und der Wirt ergriff es und eilte eifrig nickend davon. Isaé wandte sich wieder an Entaro und ein diebisches Lächeln umspielte ihre Lippen. "Verzeih, ich will dir nicht spotten, ich finde es nur faszinierend und erheiternd zugleich, wie die Leute hier vor dem Drachenreiter buckeln, ist das etwa immer so...?" Sie schob sich einen gehäuften Löffel Eintopf in den Mund und während sie kaute, dachte sie nach. Sie würde nur eine Nacht hier bleiben, denn hier gab es nichts mehr für sie zu schaffen. Sie sollte sich recht bald nach einer Stellung umsehen, für den Winter. Denn der heurige Winter, so sagten es schon im Sommer die Bauern auf dem Feld, würde ein besonders harter werden. Aber nicht hier in diesem Nest, die Zeit reichte gewiss für das nächste, größere Dorf, da, wo es mit Sicherheit Arbeit gab. Doch irgendwie spukte die Idee in ihrem Kopf, dass sie beide voneinander profitieren könnten. Drachenfeuer und Hexenhammer… Zumindest war ihr der feurige Odem seines Drachen nützlich gewesen, und würde es auch künftig sein, und vielleicht auch Entaros Schwert. Inwiefern sie ihm nützlich sein konnte, das vermochte sie nicht zu sagen, und es war doch immer so, dass beide Seiten voneinander profitieren mussten, damit eine zufriedenstellende Einigung erzielt werden konnte. Wenn er jetzt ging und seine Reise fortsetzte, dann war für immer weg.

Der Wirt kam mit einem Krug Wein zurück, schenkte Entaro und auch Isaé ein, und ließ den Krug gleich auf dem Tisch stehen, bevor er sich wieder dezent zurück zog. Isaé musterte Entaro erneut. Er war ein ansehnlicher Mann, und er wirkte ehrbar. Er wirkte auch nicht verrückt, oder gefährlich. Sprach etwas dagegen, ihm anzubieten, das Zimmer zu teilen? Ohne Feuermohnopium hätte Isaé ihm dies nie angeboten, kannte sie den Mann doch kaum, aber der leichte, lösende und angenehme Feuermohnrausch ließ sie sämtliche angebrachten Sitten und den Anstand, den sie für gewöhnlich an den Tag legte, vergessen. „Wohin führt dich denn deine Reise, wenn ich fragen darf? Ich wollte… Hmm… Möchtest du dieses Zimmer vielleicht, da es nun einmal das einzige ist, mit mir teilen?“ fragte sie ihn, aber dann kam sie sich doch dumm vor. Sie winkte mit der Hand ab und sagte „Nein ganz sicher nicht, dann hättest du das Haus und Bett der Witwe Greta nicht ausgeschlagen, verzeih, das war eine unhöfliche Frage…" Sie errötete, und versteckte sich hinter dem Weinbecher, und trank einen großen Schluck daraus.
#8
Der Becher des Drachenreiters ❖
drache-entaro sah die Hexenjägerin mit, in Falten gezogener Stirn, an. »Denn wir beide wissen doch, dass kein Zauber oder ein Fluch von Nöten ist, um einen Mann ins Bett zu locken, oder zu anderen Schandtaten zu verführen, oder irre ich mich?« Er legte sich nachdenklich einen Finger auf die Lippen, während er diese zugleich nachdenklich kräuselte. »Also so sicher bin ich mir da ehrlich gesagt nicht. Doch ich bin auch kein Meister der Hexenjagd, müsst ihr wissen.« Entaro Adun hatte überhaupt keine Vorstellung, über welche Macht eine Hexe gebieten konnte und wagte daher auch kein vorschnelles Urteil. »Doch anhand dessen, was ich gesehen habe, klingt es nicht abwegig, dass sie ihn verhext hatte. Doch war sie keine sonderlich hässliche Frau, und somit erschließt sich mir eigentlich auch nicht die Notwendigkeit, einen Mann mit Hilfe von Magie in das Bett zu locken.« Entaro Adun verkrampfte sich ein wenig und griff daher nach seinem Becher, um einen Schluck daraus zu nehmen. Als der Alkohol seinen Rachen benetzte, löste dieser ein wenig seine Gedanken und auch seine schwere Zunge. Und so lenkte er ein wenig von dem Thema ab und kam auf den Grund zu sprechen, warum er sie überhaupt angesprochen hatte, was sie wohl ein wenig zu erheitern schien. Doch immerhin gestand sie ihm keine niederen Beweggründe, sondern Wissbegierde zu, was Entaro Adun mit einem verhaltenen Lächeln bedachte. »Ja, ganz genau. Wissensdurst ist eine meiner großen Schwächen.« Er lachte dabei dezent und hüstelte kurz darauf. »Meiner Neugierde ist es auch zu verdanken, dass meine Seele nun an diesen Drachen gebunden ist.«  Der Drachenreiter unterbrach sich selbst und schwieg einen Moment lang. Wenn er sich ehrlich war, wollte er dieses Geheimnis gar nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Doch nun war es heraus und er konnte es kaum Ungeschehen machen. Aber weiter darüber sprechen wollte er auch nicht mehr, weshalb er einfach noch einen Schluck aus dem Becher tat. »Dieser ist zwar nur ein niederer Schwarzdrache, doch wenn er könnte, würde er alles und jeden in diesem Dorf verschlingen« »Wenn er könnte. Vermag er es nicht, oder bist du es, welcher ihn befehligt, was er zu tun und zu lassen hat?« Da lächelte Entaro, welches beinahe gequält wirkte. »Dies ist das große Geheimnis der alten Drachenreiter, Hexenjägerin.« Entaro schwieg sich aus und bedachte sie mit einem ernsten Blick. »Doch sei gewiss, dass ich nicht zulassen und alles in meiner Macht stehende unternehmen werde, dass er niemals außer Kontrolle gerät.« Entaro kratzte sich durch den Stoppelbart und tat dann einen Schluck aus seinem Becher. Er wollte es vor ihr natürlich nicht zugeben, doch war dieses Band, welches ihn mit dem Drachen verband, ein äußerst zweischneidiges Schwert. Und wenn der Geist des Drachen ihn übermannen würde, dann wäre er verloren, wie auch all die Menschen in diesem Dorf.

Und so kam sie auf ihre Erfahrungen mit Hexen und als solche bezichtigte Frauen zu sprechen und wurde dabei sehr ernst. »Glaube meinen Worten, Drachenreiter, ich habe es schon so oft miterlebt.« Sie sprach die Worte beinahe mahnend aus, als sie ihm ernst in die Augen sah und Entaro erwiderte den Blick beinahe ebenso ernst. »Ja, der einfache Geist einfacher Menschen kann oftmals grausam sein. Das ist leider wahr.« Entaro murmelte mehr in seinen Becher, als dass er die Worte deutlich aussprach. Immerhin waren hier viele Menschen zugegen und er hegte kein Interesse daran, irgendjemandes einfaches Gemüt zu erzürnen.

Schließlich stellte die Hexenjägerin sich als Isaé vor und Entaro war insgeheim erfreut ihren Namen erfahren zu haben, denn nichts war befremdlicher, als mit jemandem zu sprechen, ohne dessen Namen zu wissen. Nie wusste man so recht, wie man sein Gegenüber ansprechen sollte. »Isaé. Ein seltener Name, dieser Tage.«, murmelte er nur und rang ihr damit wohl ein Lächeln ab. »Mein Name lautet Entaro d'Adun. Und ich stamme aus Akadien. Freut mich eure Bekanntschaft zu machen, Isaé.« Und mit diesen Worten tat er sogleich einen Schluck aus seinem Becher, als ob die Worte ihm seine Kehle ausgetrocknet hätten. »Ich stamme aus dem Süden Ariads. Eine kleine, aber blühende Handelsstadt namens Arkan am Fuße des Köhlerwalds. Vielleicht hast du ja schon einmal davon gehört?« Entaro nickte nur. »Ja, ich habe von Arkan gehört, auch wenn ich aufgrund eures Namens nie angenommen hätte, ihr könntet Ariaderin sein. Was treibt euch in diese Einöde, so fern der Heimat?«, erkundigte er sich sogleich, von neuerlicher Neugierde gepackt.

Doch da wurde die Hexenjägerin auf einmal ernster. »Dieses ‚ihr‘ ist so… hochtrabend. Ich bin weder von Adel, noch eine edle Maid, sondern nur eine einfache Frau, es ist nicht von Nöten, mich so anzusprechen. Sag doch ‚du‘…« Da lächelte der Bernsteinritter. »Es geziemt sich für einen Ritter nicht, auf solch vertrauliche Weise mit einer Maid, sei sie auch von noch so einfachem Stand, zu sprechen. Ich bitte um Vergebung, wenn ich euch ... äh dich, damit verärgert haben sollte.« Er sah sie ein wenig unschlüssig an und wollte am liebsten auf seine Frage zurück kommen, um diese unangenehme Situation aus dem Weg zu schaffen, als der Wirt gerade zum Tisch kam. Entaro hatte ihr Fragen über ihre Erfahrungen bezüglich der Hexen befragt, doch war sie ihm eine Antwort schuldig geblieben und nun, da der Wirt gekommen war, würde sie dies auch weiterhin bleiben. Isaé richtete sogleich das Wort an den Wirt, als sie bemerkt hatte, dass Entaro den letzten Tropfen aus seinem Becher geleert hatte. »Der Becher des Drachenreiters ist leer.« Und sie klang dabei so überzeugend ernst, dass selbst Entaro einen gewissen Vorwurf aus ihrer Stimme herauszuhören glaubte. Und so schnell konnte Entaro gar nicht schauen, da war der Wirt schon auf und davon gezogen, um neuen Wein zu bringen. »Verzeih, ich will dir nicht spotten, ich finde es nur faszinierend und erheiternd zugleich, wie die Leute hier vor dem Drachenreiter buckeln, ist das etwa immer so...?« Entaro seufzte nur schwer. »hr habt ja ... ähm ich meine, Du hast ja keine Ahnung. Mach das bitte nie wieder.«, sagte er nur ernst und schüttelte dann nur den Kopf, während er sich einfach Isaés Becher nahm um ihren Wein zu trinken. Auf ihren empörten Blick hin lächelte er nur verwegen und seine Zähne blitzen für einen Moment zwischen seinen Lippen auf. »Der Becher des Drachenreiters ist leer.« Und um seinen Worten den nötigen Ausdruck zu verleihen, zuckte er noch gleichgültig mit den Schultern.

Als der Wirt schließlich wieder gegangen war, und Entaro nun noch niedergeschlagener wirkte, als er erfahren hatte, dass es nur ein einziges Bett hier gab, und ausgerechnet Isaé hatte es ihm vor der Nase weggeschnappt, da war ihm das Interesse, weiterhin hier zu verweilen gehörig vergangen. Er hegte weder Interesse daran in einem Floh verseuchten Heuschober zu nächtigen, noch wollte er sich in das Bett der Witwe legen, deren Mann von der Hexe verführt sein sollte. Am Ende würde es ihm noch genauso ergehen, wie einst ihrem Mann, und dann würde man sie auch noch der Hexerei bezichtigen. Doch da erbot sich Isaé an, das Zimmer zu teilen, nur um dann gleich wieder einen Rückzieher zu machen. »Nein ganz sicher nicht, dann hättest du das Haus und Bett der Witwe Greta nicht ausgeschlagen, verzeih, das war eine unhöfliche Frage…« Entaro lächelte nur, während er sanft den Kopf schüttelte. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben ...« Er versuchte die passenden Worte zu finden, doch führte kein Weg an der Wahrheit vorbei. »Mir wäre nicht Wohl bei dem Gedanken, in dem Bett zu schlafen, in welcher bereits ein verhexter Mann geschlafen hatte. Und diese Witwe Greta war sehr ... zudringlich.« Das letzte Wort sprach er sehr langezogen aus. »Ich danke dir für dein Angebot, Isaé. Doch fürchte ich, dass das Bett nicht groß genug ist, für uns beide. Und ich bin der Letzte, der einer holden Maid, auch wenn sie von sich behauptet keine zu sein, das Bett abspenstig machen würde.«
#9
Schenkengeplänkel ❖
drache-es ist immer dasselbe, Drachenreiter…“ begann Isaé leise, und blickte sich kurz verschwörerisch um, ob sie denn auch niemand belauschte, denn wenn es eines gab, welches einem zum Verhängnis werden konnte, dann, wenn ein Dummer, ein Unwissender, oder gar ein Abergläubischer Gespräche oder nur Gesprächsfetzen aufschnappte, welche nicht für seine Ohren bestimmt waren. Als sie sich davon überzeugt hatte, dass augenscheinlich niemand neugierig oder angespannt lauschend, wirkte, wandte sie sich wieder dem Drachenreiter zu. „Wie ich bereits sagte, hübsche Frauen stehen, dank den verhetzenden Predigten der Inquisition, immer wieder im Verdacht, mit dem Bösen im Bunde zu stehen, dagegen kann man kaum etwas machen. Nicht einmal, wenn sich die Frauen züchtig verhalten, denn selbst dann kann sie da Angriffsziel eines verschmähten Verehrers werden.“ Die junge Frau schüttelte den Kopf bei diesen Worten und richtete ihren Blick dann wieder auf Entaro. Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern und setzte fort „Aber es ist gewiss, dass es immer wieder echte Hexen gibt, so wie jene hier, die sich wahrhaftig mit einfachen Männern vereinigen. Warum, weiß ich selbst nicht.“ Sie legte ihren Finger nachdenklich an ihr Kinn und sinnierte „Ob es lediglich Begierde ist, oder ob diese Frauen von reiner Boshaftigkeit getrieben sind, und den gehörnten Ehefrauen eins auswischen wollen, oder ob gar ein größerer Plan dahinter steckt, das habe ich bislang noch nicht herausgefunden. Die meisten Hexen umarmen den Tod lieber, anstatt in ihrer Todesstunde noch zu gestehen. Was ich natürlich verstehen kann, aber es bringt mich nicht weiter…“ meinte sie und verzog unwillig ihren hübsch geschwungenen Mund.

Schließlich plänkelten die Beiden ein wenig umher, ob des Grundes, warum er sie angesprochen hatte, und es schien Isaé, als wäre ihm dieses Thema ein wenig unangenehm, denn er lenkte beinahe sprunghaft das Gespräch in eine andere Richtung und meinte "Meiner Neugierde ist es auch zu verdanken, dass meine Seele nun an diesen Drachen gebunden ist ..." Bei diesen Worten hielt Isaé für einen Wimpernschlag den Atem an und lehnte sich ein wenig nach vorne. Doch ihre Neugierde wurde enttäuscht, denn so schnell wie er zu diesem Thema gewechselt hatte, so schnell sprach er wieder von etwas ganz anderem, sichtlich unangenehm berührt, als hätte er etwas erzählt, was er nicht hätte erzählen dürfen, oder wollen. Doch Isaé wollte nicht unhöflich sein, und ihn danach fragen, und obgleich ihr die Frage danach förmlich auf der Zunge brannte, so schwieg sie, und stieg zurückhaltend in das Gespräch ein, welches er vorgab, und dennoch hüllte er sich in Schweigen. Isaé nahm dieses mit Akzeptanz an, doch nahm sie sich vor, ihm ebenso nichts zu erzählen, was von Belang war. Stattdessen stellte sie sich ihm namentlich vor, ihr Name war schließlich kein Geheimnis. „Ein seltener Name dieser Tage“ meinte er und dies rang Isaé ein kleines Lächeln ab. „Das ist wohl war. Ich habe ihn von meinen Zieheltern, sie befanden diesen seltenen Namen wohl für besser. Ursprünglich hatte ich eigentlich einen anderen Namen, doch erinnere ich mich nicht an diesen, ich war noch ein sehr kleines Kind, als meine leiblichen Eltern starben“ erklärte sich die junge Frau. Und der Drachenreiter stellte sich ebenso vor. Entaro Adun aus Akadien. Als sie offenbarte, aus Arkan zu stammen, da zeigte der Drachenreiter sichtliches Interesse. „Was treibt Euch in diese Einöde, so fern der Heimat?“ fragte er sie und da legte Isaé den Kopf schief, und lächelte ihn sanft an „Was treibt dich in diese Einöde hier?“ Dann blickte sie ihn ernster an und bat ihn, sie nicht zu siezen, denn sie war nur eine einfache Frau, sie wollte nicht unhöflich sein und ihm sagen, dass sie es nicht mochte, so angesprochen zu werden. Da erwiderte er "Es geziemt sich für einen Ritter nicht, auf solch vertrauliche Weise mit einer Maid, sei sie auch von noch so einfachem Stand, zu sprechen. Ich bitte um Vergebung, wenn ich euch ... äh dich, damit verärgert haben sollte." Da hob Isaé abwehrend die Hände. „Du hast mich nicht verärgert… Du bist also ein Ritter, ja? Ritter Entaro Adun, aus Akadien?“ grinste sie neckisch und fügte hinzu „Jene, die sich Ritter nennen, benehmen sich meistens am allerwenigsten ritterlich, oder so, wie man es von Rittern erwartet… Aber das trifft auf dich ganz bestimmt nicht zu, nicht wahr?“ Sie bemerkte, dass sein Becher leer war, und winkte sogleich den Wirten heran, und bestellte mehr Wein für den Drachenreiter. Als der Wirt peinlich berührt von dannen gezogen war, um Isaés Aufforderung nachzukommen, da wandte sie sich belustigt an den Drachenreiter und fragte ihn, ob dies die normale Behandlung seiner Person war. „Ihr habt ja ... ähm ich meine, du hast ja keine Ahnung. Mach das nie wieder" meinte er ernst. „Also ist es tatsächlich so…“ schlussfolgerte Isaé belustigt „Das muss unglaublich ermüdend sein… Ich kann es nicht leiden, wenn man um mich viel Aufhebens macht…“ schloss sie. Er nahm daraufhin ihren Weinbecher, und trank aus diesem, was Isaé eine empörte Miene in ihr Antlitz zauberte. Doch er lächelte sie nur leise an, und erklärte „Der Becher des Drachenreiters ist leer…“ Dies rang Isaé dann doch ein Lächeln ab.

Als der Wirt den Wein brachte, und Isáe sich ein Zimmer nahm, erkundigte sich Entaro ebenso nach einem, doch er wurde enttäuscht, denn es gab nur dieses eine. Da bot Isaé ein wenig verhalten an, ihres mit ihm zu teilen, doch dies lehnte er ab. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben… Mir wäre nicht Wohl bei dem Gedanken, in dem Bett zu schlafen, in welcher bereits ein verhexter Mann geschlafen hatte. Und diese Witwe Greta war sehr ... zudringlich." Da nickte Isaé langsam. „Eigentlich seltsam. Sollte eine Ehefrau um ihren toten Mann nicht trauern, als sich dem nächsten zuzuwenden, kaum, da sein Körper erkaltet ist? Aber du bist ja ein stattlicher Mann, vielleicht sucht sie auch nur Trost, und wer böte sich da besser an, als ein Fremder, den niemand kennt, und welcher einen guten Ruf zu genießen scheint?“ dachte sie laut "Ich danke dir für dein Angebot, Isaé. Doch fürchte ich, dass das Bett nicht groß genug ist, für uns beide. Und ich bin der letzte, der einer holden Maid, auch wenn sie von sich behauptet keine zu sein, das Bett abspenstig machen würde." Sie nickte verstehend, doch errötete sie auch leicht. „Es war ein törichtes Angebot, verzeih. Wenn gleich ich dir auch versichern kann, dass du von mir nichts zu befürchten hättest. Ich war noch nie verheiratet, und ich bin eine ehrbare Frau…“ meinte sie. Mit diesem Zugeständnis brachte sie sich selbst ein wenig in Verlegenheit, und so begann sie in ihrer Tasche herumzukramen und holte schließlich den blutigen Holzpflock und einen Lappen hervor. Akribisch begann sie, den Holzpflock abzureiben und von dem Blut der Hexe zu säubern. Als sie dies bewerkstelligt hatte, verstaute sie das Instrument wieder in ihrer Tasche, erhob sie sich, schritt durch den kleinen Schankraum, und warf den blutigen Fetzen in den kleinen Kamin, wo dieser leise zischend in Flammen aufging. Sie sah dem Stück Stoff zu, wie es sich in dem Feuer langsam zusammenkrümmte, und sich lodernd in Asche zu verwandeln begann, und als es gänzlich verbrannt war, wandte sie sich wieder ab und ging zurück an den Tisch zurück, wo Entaro saß.

Sie nahm wieder Platz auf ihrem Stuhl und schenkte sich schweigend einen Becher Wein ein. Das Feuermohnopium focht in ihrem Blut einen sanften Kampf aus, und sie saß ruhig da, und beobachtete den Mann, der sich als Drachenreiter und Ritter offenbart hatte. Als Isaé ihren Becher ausgetrunken hatte, stellte sie fest, dass dies der dritte Becher gewesen war. Sie hatte deutlich mehr getrunken, als sie dies normalerweise tat, aber wie selten hatte sie schon Gesellschaft? Schließlich lehnte sie sich ein wenig über den Tisch, hob ihre Hand, und führte diese an das Gesicht Entaros heran. Mit ihrem Daumen wischte sie dem Drachenreiter über die Wange, neben seiner Nase, und murmelte „Ein Ascheflöckchen…“ Dann zog sie ihre Hand wieder zurück, und erhob sich schließlich. Sie bückte sich noch nach ihrer Tasche und schulterte diese. „Gute Nacht, Entaro, und lebe wohl…“ begann sie. „Es hat mich sehr gefreut, einem Drachenreiter begegnet zu sein…“ Sie nickte dem Mann schließlich noch zu, und wandte sich dann ab.
#10
Feuer im Blut ❖
drache-der Drachenreiter lächelte matt. Ein wenig verschwörerisch blickte Entaro Isaé an, als diese ihn gefragt hatte, was ihn denn in diese Einöde verschlagen hätte. »Also, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist mein Hiersein mehr ein Wink des Schicksals. Oder vielleicht göttliche Fügung? Wer weiß das schon?« Der Bernsteinritter sinnierte ein wenig, sehr zum sichtlichen Verdruss der Hexenjägerin. »Nun ja, Ich hatte eigentlich gar nicht vor in diesem Ort Halt zu machen. Allerdings hat ein besonders übereifriger Mann, dessen Namen mir jetzt spontan entfallen ist, einen brennenden Pfeil nach mir geschossen, wohl da er den dunklen Schatten meines Drachen am Himmel erspäht hatte. Ohne sein Zutun wäre ich wohl über den Auflauf des Hexenmobs hinweg geflogen, und dann wäre vermutlich alles anders gekommen.«  Entaro Adun konnte kaum einschätzen, ob Isaé mit seiner Antwort zufrieden war, oder nicht.

Wie dem auch sei, irgendwann kam es natürlich zur Sprache, dass er zum Ritter geschlagen worden war und Isaé ließ es sich nicht nehmen eine zynische Bemerkung zu äußern. »Jene, die sich Ritter nennen, benehmen sich meistens am aller wenigsten ritterlich, oder so, wie man es von Rittern erwartet.« Der verbannte Bernsteinritter schüttelte nur den Kopf, ob dieser Worte und sah die junge Frau maßregelnd an. »Mir scheint ihr seid bisher noch nicht sonderlich vielen ehrbaren Rittern begegnet. Vielleicht Raubrittern oder Glücksrittern, oder vielleicht auch einfach nur falschen Rittern. Aber ein Ritter mit Ehre im Herzen hat einen Schwur abgelegt, einen Eid geschworen ...« Entaro Adun hätte so sicherlich noch ewig weitersprechen können, doch da kam ihm bereits Isaé zuvor. »Aber das trifft auf dich ganz bestimmt nicht zu, nicht wahr?« Entaro sah die junge Frau mit einem etwas schiefen und leicht gekränkten Blick an. »Die Ehre eines Ritters in Frage zu stellen ist ziemlich respektlos und bei so manchem kann dies auch gefährlich sein.« Entaro zuckte nur mit den Schultern und war dem Wirt regelrecht dankbar, als dieser gerade an den Tisch getreten kam, um den nachbestellten Wein zu servieren. »Habt Dank, guter Mann.« Er kramte in seinem Wams, bis er endlich eine kupferne Münze gefunden hatte und legte diese beiläufig auf den Tisch, welche der Wirt sogleich in seiner Schürze verschwinden ließ und ebenso schnell verschwunden war, wie er gekommen war. Doch leider stellte sich heraus, dass keine Zimmer mehr frei waren, und auf Isaés Angebot hin winkte Entaro sogleich ab. Nicht, dass er nichts für Frauen übrighatte, und sie war wirklich nicht zu verachten, so dünkte es Entaro dieser Nacht nicht nach einem warmen Weiberschoß und wenn man bedachte, unter welchen Umständen sie sich kennengelernt hatten, und dass hier erst vor Kurzem eine Frau der Hexerei bezichtigt worden war, weil sie einem Mann beigelegen hatte, da wurden Entaros Gedanken düsterer. Der Drache war unruhig und somit auch sein Blut, welches in seinen Adern tobte. In einer Nacht wie diesen konnte alles passieren und er wollte sie nicht in seiner Nähe wissen, wenn es geschah.

Auf Isaés Frage hin, warum er nicht das Abgebet der Witwe Greta angenommen hatte, verzog Entaro nur die Mundwinkel. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben … Mir wäre nicht Wohl bei dem Gedanken, in dem Bett zu schlafen, in welcher bereits ein verhexter Mann geschlafen hatte. Und diese Witwe Greta war sehr ... zudringlich.« Und, auch wenn sie nicht gerade die Jüngste war, auch noch in der Blüte ihrer Zeit. Er war der Letzte der für Gerede bei diesen einfachem Volk sorgen wollte, wenn er ausgerechnet bei jener Frau schlief, deren Gatte durch jene Hexe gestorben war, welche sein Drache am Tag zuvor verbrannt hatte. »Eigentlich seltsam. Sollte eine Ehefrau um ihren toten Mann nicht trauern, als sich dem nächsten zuzuwenden, kaum, da sein Körper erkaltet ist?« Erneut schenkte Entaro ihr einen fragenden Blick. »So wie du das sagst, klingt das ja beinahe verschwörerisch. Als ob du ihr irgendeinen Makel andichten wollen würdest. Sei sie nun ein Luder, oder gar selbst eine Hexe.« Er grinste dabei um Isaé zu offenbaren, dass er seine Worte nicht gar so ernst meinte, doch in ihren Augen erkannte er, dass sie die ihren sehr wohl ernst gemeint hatte. »Jeder Mensch geht anders mit Trauer um. Und wer weiß schon wie lange er schon tot ist?« »Aber du bist ja ein stattlicher Mann, vielleicht sucht sie auch nur Trost, und wer böte sich da besser an, als ein Fremder, den niemand kennt, und welcher einen guten Ruf zu genießen scheint?« Und damit traf sie den Nagel buchstäblich auf den Kopf. »Das ist auch der Grund, warum ich nicht bei ihr schlafen will. Auf einen solchen Nachruf kann ich getrost verzichten.« Entaro machte die Richtung, welche dieses Gespräch einschlug, ein wenig nervös und so flüchtete er sich hinter den Becher, aus welchem er sogleich einen tiefen Schluck tat. Während er Isaé über den Becherrand hinweg beobachtete versuchte er seine Gedanken ein wenig zu ordnen.

Doch als er ihr Angebot, bei ihr im Zimmer zu nächtigen auch ausgeschlagen hatte, da schien sie sich erklären zu wollen und hob sogleich ihre Stimme an. »Es war ein törichtes Angebot, verzeih. Wenn gleich ich dir auch versichern kann, dass du von mir nichts zu befürchten hättest. Ich war noch nie verheiratet, und ich bin eine ehrbare Frau…« Da lächelte Entaro und grinste dabei. »Ich fürchte mich keineswegs. Weder vor einem Drachen, noch vor einer Frau.« Er grinste noch breiter. »Wobei manche Frauen durchaus wahre Drachen sein können.« Der Alkohol grub sich langsam in seinen Geist und zeigte so langsam seine Wirkung, denn er spürte wie sich seine, sonst so ernste, Zunge ein wenig lockerte. Doch hatte er doch nur einen Becher bisher getrunken, und der zweite war noch beinahe voll. »Dieser Wein muss stark sein.«, murmelte er nur und massierte sich ein wenig die Schläfen. Betrunken zu werden, das fehlte ihm gerade noch. Denn dies entsprach ganz und gar nicht dem Ritter, der er zu wahren versuchte. »Wo war ich?«, grübelte er und kurz darauf hellte sich seine Miene auf, als es ihm wieder einfiel. »Ah, Es käme mir nie in den Sinn an deiner Ehre zu zweifeln, noch sie in Frage oder gar auf die Probe zu stellen, Isaé.« Mit diesen Worten sah er ihr tief in die Augen, und für einen Moment verlor er sich in diesen tiefen, unergründlichen Augen, so dass er, als ihm bewusst wurde, dass er sie so eindringlich angestarrt hatte, den Blick senkte und die Augen schloss. Er fühlte sich seltsam und leicht träge, als ob die Zeit langsamer zu werden schien und auf eine unerklärliche Weise übte Isaé, je mehr er sich mit ihr unterhielt, eine ungewöhnliche Anziehungskraft auf ihn aus. Erneut schüttelte er den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen, doch so recht wollte es nicht helfen.

Indes hatte Isaé ihr Mordinstrument heraus gekramt und begonnen es zu reinigen. »Auf ein Wort, Hexenjägerin.« Entaros Zunge rollte und seine Stimme bebte ein wenig. Er räusperte sich sogleich, um nicht gar den Eindruck zu erwecken, sich über sie lustig zu machen. Er nahm die geballte Faust wieder vom Mund und führte die Frage weiter aus. »Ist es nicht ein wenig archaisch, nur mit einem Holzpflock auf Hexenjagd zu gehen? Ich dachte immer, dass derartige Ausrüstung nur für die Jagd nach Wiedergängern genutzt wird, wobei ich diese auch nur für eine Mär halte…« Er räusperte sich erneut. »Aber nach dem was ich heute erlebt habe, glaube ich so langsam sogar, dass es diese auch irgendwo gibt. Und es erschaudert mich, bei dem Gedanken daran.« Er richtete seine Blicke auf den Pflock und den Hammer und zog dann kurz darauf sein blankes Schwert aus der Scheide. »Wäre eine Waffe wie die meine nicht viel effizienter? Oder vielleicht eine Armbrust? Hätte diese Hexe nicht bereits in Flammen gestanden, wie hättest du ihr den Pflock ins Herz getrieben?« Fragen über Fragen flogen ihm nur durch den Kopf, und dazu gesellte sich ein fremdes Gefühl von einer aufkeimenden Euphorie, wie auch einer zunehmenden Apathie. Sein Geist schien langsamer zu werden, während er deutlich spürte, wie sein Herzschlag sich zu erhöhen begann. Und nicht nur das. Er spürte, wie sich sein Gemächt langsam zu regen begann.

Und da beugte sich die Hexenjägerin zu ihm hervor, um ihm, mit ihrem Daumen, über das Gesicht zu streichen. »Ein Ascheflöckchen.« Entaro fühlte sich unstimmig und die Tatsache, dass das Blut in seinem Körper ungewöhnlich stark pulsierte, schob er nicht nur auf den Drachenbund, oder gar den Alkohol. Noch bevor sie sich von ihm gänzlich abgewandt hatte, um ihm Lebewohl zu sagen, da ergriff er sie, blindlings seinem Instinkt folgend, am Unterarm und zwang sie so, ihn erneut anzusehen. »Weißt du ... wenn ich es nicht besser wüsste, dann ..« Er wusste es nicht. Er konnte es nicht wissen. Doch irgendetwas an dem Ganzen stimmte hier nicht. Dies war nicht sein erster Wein gewesen und noch niemals hatte er derart darauf reagiert. Die Frage, welche ihm auf der Zunge lag, war nur, ob sie ihm etwas in den Wein gegeben hatte. Doch hinderte ihn seine Ritterlichkeit daran, sie auszusprechen. Doch wenn hier etwas faul war, dann musste er sie in seiner Nähe wissen. Und so hob er erneut die Stimme an. «Dieser Wein ... vielleicht auch die lange Reise ... ich würde dein Angebot gerne annehmen ... Denn ich fürchte, ich bin wohl nicht mehr imstande, mich aufrecht im Sattel zu halten.« Und mit diesen Worten sah er sie mit einem breiten Lächeln und zugleich einem verlegenen Blick an.
#11
Hammer und Pflock ❖
drache-isaé blickte den Drachenreiter skeptisch an, als dieser sinnierte, ob es eine göttliche Fügung oder ein Wink des Schicksals war, die ihn an jenen Ort gebracht hatte. „Vermutlich war es lediglich Zufall. Ich glaube an keine göttliche Fügung, denn in meiner Welt gibt es keine Götter…“ erwiderte die junge Frau gerade heraus und sah Entaro fest und bestimmt in die Augen. Ihre Augen blickten ihn für den Bruchteil einer Sekunde ein wenig kühl an, aber dann wich diese Kühle wieder einem warmen Lächeln und Isaé erwiderte „Aber ich muss zugeben, vielleicht war es doch ein Wink des Schicksals, denn nicht nur die Bewohner dieses Dorf verdanken dir ihrer aller Leben, auch an mir ist es, einen Dank auszusprechen.“ Ohne das Drachenfeuer wäre das gesamte Dorf von dieser Hexe sicherlich dem Erdboden gleich gemacht worden, und dies hatte Isaé nicht vergessen. Das Gespräch nahm eine Wendung, als sie von Rittern sprachen, so wie Entaro selbst einer war, wie er von sich behauptete. Da sprach Isaé ein wenig abfällig über Ritter und deren Ritterlichkeit, was dem Drachenreiter nur ein missbilligendes Kopfschütteln abrang. "Mir scheint ihr seid bisher noch nicht sonderlich vielen ehrbaren Rittern begegnet. Vielleicht Raubrittern oder Glücksrittern, oder vielleicht auch einfach nur falschen Rittern. Aber ein Ritter mit Ehre im Herzen hat einen Schwur abgelegt, einen Eid geschworen ..." Da lächelte Isaé wissend. „Welchen Schwur legen Ritter mit Ehre im Herzen ab? Die Schwachen und Witwen und Waisen zu beschützen? Enthaltsam zu leben? Zumindest, was das letzte betrifft, so kann ich dir versichern, dass dieser Aspekt von den wenigsten Rittern Beachtung findet. Aber Männer sind einfach Männer, ob nun König, Ritter, Bauer oder Bettler…! Aber auf dich trifft das ganz sicherlich nicht zu, nicht wahr?“ meinte sie mit einem schiefen Lächeln. "Die Ehre eines Ritters in Frage zu stellen ist ziemlich respektlos und bei so manchem kann dies auch gefährlich sein." Da grinste Isaé breit, was mit Sicherheit auch dem Einfluss des Feuermohnopiums zuzuschreiben war. Sie verzog ihren Mund zu einer Schnute und ihre Stimme nahm einen heischenden Tonfall an. „Gefährlich? Wieso? Würdest du mich deinem Drachen zum Fraß vorwerfen?“ Sie lachte, doch der Drachenreiter schien dies nicht sonderlich lustig zu finden und er zuckte die Schultern. In diesem Moment kam der Wirt und brachte den Wein, welchen Isaé bestellt hatte. Als der Wirt gegangen war, beugte sich Isaé ein wenig über den Tisch. „Verzeih mir, ich wollte deine Ehre nicht in Frage stellen, und auch nicht die anderer ehrbarer Ritter. Doch so, wie es ehrbare Ritter gibt, so gibt es auch unehrenhafte Ritter, und ich meine nicht Raubritter oder Glücksritter. Und genauso wie es tugendsame Frauen gibt, so gibt es auch weniger tugendsame. Das beste Beispiel ist doch die Witwe Greta, oder irre ich mich?“ Isaé hielt den Kopf schief und lächelte ihn verlegen an. „Warum hast du das Angebot der Witwe Greta eigentlich nicht angenommen?“ Da erklärte Entaro "Um der Wahrheit die Ehre zu geben … Mir wäre nicht Wohl bei dem Gedanken, in dem Bett zu schlafen, in welcher bereits ein verhexter Mann geschlafen hatte. Und diese Witwe Greta war sehr ... zudringlich." Da verzog sich Isaés Mund erneut zu einem breiten Grinsen. Auch wenn Isaé gänzlich unerfahren war, so hatte sie im Laufe ihres Lebens schon einiges gesehen und erlebt, und Frauen waren mitunter nicht weniger lüstern und zudringlich, wie manche Männer. Und zu jenen Frauen gehörte die Witwe Greta ebenso. Isaé verstand nur nicht, wie man so sein konnte, und sie begann zu sinnieren „Eigentlich seltsam. Sollte eine Ehefrau um ihren toten Mann nicht trauern, als sich dem nächsten zuzuwenden, kaum, da sein Körper erkaltet ist?" Da blickte Entaro sie fragend an. "So wie du das sagst, klingt das ja beinahe verschwörerisch. Als ob du ihr irgendeinen Makel andichten wollen würdest. Sei sie nun ein Luder, oder gar selbst eine Hexe." Da starrte Isaé ihn beinahe empört an. „Was immer diese Frau tut, es geht mich nichts an, aber ein solches Verhalten ist doch bezeichnend für ein Luder…“ Isaé stützte sich mit den verschränkten Armen auf „… durchtrieben, unehrbar, egoistisch, falsch, verlogen, suche dir eine Eigenschaft aus, Drachenreiter… Als ihr Mann noch am Leben war, schien sie sich sehr daran zu stören, dass er mit einer anderen Frau das Bett teilte. So sehr, dass sie die Frau als Hexe bezichtigte. Vermutlich purer Zufall, dass es in diesem Fall sogar gestimmt hat. Und kaum, da er tot ist, wendet sie sich einem anderen Mann zu… Entbindet der Tod einen vom Eheversprechen? Ich finde nicht, und doch wäre zumindest eine respektable Trauerzeit angebracht…“ Isaé lehnte sich zurück und seufzte. „Wahrscheinlich bin ich einfach nur hoffnungslos einfältig, was diese Dinge betrifft…“ Sie schweifte in Gedanken ab und erinnerte sich an den Mann, der ihr vor Ewigkeiten, so erschien es ihr, zugedacht und versprochen gewesen war. Doch er war tot, ebenso lange schon, die Ehe war weder geschlossen, noch vollzogen worden, und dennoch fand Isaé, dass es falsch wäre, einem anderen Mann ein erneutes Versprechen zu geben. Man konnte dies doch nur einem versprechen, so war Isaés Auffassung davon… Sie blies die Luft durch die Backen, und nahm schließlich einen Schluck Wein. "Jeder Mensch geht anders mit Trauer um. Und wer weiß schon wie lange er schon tot ist?" meinte Entaro. Da nickte Isaé zustimmend, wenn gleich sie auch gleichzeitig die Schultern zuckte.

Isaé war ein wenig beschämt, als er ihr Angebot ausgeschlagen hatte, mit ihr das Zimmer zu teilen, was hatte sie sich nur dabei gedacht? Und so verlor sie sich in Ausflüchte und versicherte ihm, dass er vor ihr, anders als bei der Witwe Greta, nichts zu befürchten hätte. Da verzog sich der Mund des Drachenreiters zu einem breiten Grinsen. "Ich fürchte mich keineswegs. Weder vor einem Drachen, noch vor einer Frau. Wobei manche Frauen durchaus wahre Drachen sein können." Da lachte Isaé bei diesen Worten und biss sich auf die Unterlippe, bevor sie anhob „Sind das nun die Worte eines ehrbaren Ritters?“ neckte sie ihn. „Dieser Wein muss stark sein…“ murmelte Entaro und er wirkte verlegen. Isaé musterte den Mann interessiert. Sie versuchte, zu ergründen, ob er wirklich ein solch ritterlicher Mann war, der sich für ein respektlos gesprochenes Wort schämte, oder ob er nur vorgab, ein solcher zu sein, und unachtsam seine wahre Meinung kundgetan hatte. Vermutlich war es schwer, bis gar unmöglich, stets eine gute Meinung von allen Menschen und ihren Gepflogenheiten zu haben, ritterlich hin, oder her. „Wo war ich?“ sprach er mehr zu sich, als zu ihr, und dann schien es ihm wieder einzufallen. "Ah, es käme mir nie in den Sinn an deiner Ehre zu zweifeln, noch sie in Frage oder gar auf die Probe zu stellen, Isaé." Erneut blickte sie ihn skeptisch an. Er kannte sie doch kaum, wie konnte er da annehmen, dass er an ihrer Ehre nicht zu zweifeln hatte? Und doch belustigte sie es, und sie tat einen erneuten Schuck Wein. Als sie den Becher wieder auf dem Tisch abgestellt hatte, bemerkte sie, wie er ihr in die Augen starrte. Isaé empfand dies, auch wenn sie Entaro durchaus sympathisch fand, als ein wenig unangenehm. Und als sie merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss, da senkte sie verlegen den Blick, und begann, ihren Pflock aus der Tasche zu kramen, und diesen zu säubern. Schließlich drangen die Worte des Drachenreiters an ihr Ohr „Auf ein Wort, Hexenjägerin…“ Sie hob den Kopf und blickte ihn beinahe entrüstet an. Entaro räusperte sich verlegen, mit der geballten Faust vor dem Mund, und als er sie wieder senkte, führte er weiter aus "Ist es nicht ein wenig archaisch, nur mit einem Holzpflock auf Hexenjagd zu gehen? Ich dachte immer, dass derartige Ausrüstung nur für die Jagd nach Vampiren genutzt wird. Und nach dem was ich heute erlebt habe, glaube ich so langsam sogar, dass es diese auch irgendwo gibt. Und es erschaudert mich, bei dem Gedanken daran." Isaé kniff ein wenig die Augen zusammen und musterte ihn. Ihr lagen bereits die Worte auf der Zunge, dass ihm der Wein nicht gut zu tun schien, doch sie sprach sie nicht aus, stattdessen schwieg sie nur. Sie fühlte sich außerdem ein wenig verspottet, ihrer ‚archaischen Werkzeuge‘ wegen. Bevor sie noch zu einer Antwort anheben konnte, die sicherlich alles andere als höflich ausgefallen wäre, sprach Entaro weiter. "Wäre eine Waffe wie die meine nicht viel effizienter? Oder vielleicht eine Armbrust? Hätte diese Hexe nicht bereits in Flammen gestanden, wie hättest du ihr den Pflock ins Herz getrieben?" Er untermalte seine Worte mit der Geste, dass er sein Schwert aus dessen Scheide zog. Der blanke Stahl blitzte im schummrigen Licht der Schenke nur schwach auf, jedoch spiegelte sich das Flämmchen des Talglichtes, welches auf dem Tisch stand, auf der Schneide, und Isaé starrte für einen Moment auf das hellorange Glühen, ehe sie ihren Blick wieder auf das Gesicht des Drachenreiters haftete. Dieser Moment hatte genügt, um Isaés kurz aufgebrachtes Gemüt wieder zu besänftigen. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Drachenreiter...“ hob sie betont an, und begann dann glucksend zu lachen „…wie du so gerne sagst…“ kicherte sie, und nach einer kurzen Weile wurde sie wieder Ernst. „Ich war im Besitz einer Armbrust. Eine kleine, aber äußerst effiziente Jagdarmbrust“ begann sie. „Ein wundervolles Stück…“ seufzte sie. „Aber…“ sie hob den Becher an, um einen Schluck Wein daraus zu trinken. Doch der Becher war beinahe schon leer und so stürzte sie den verbliebenen Rest im Becher geradewegs herunter. Sie stellte den Becher schwungvoll auf dem Tisch ab und ihr Gesicht hatte sich zu einem Grinsen verzogen „… um der Wahrheit die Ehre zu geben… Meine Armbrust wurde mir gestohlen…“ Das Grinsen verschwand aus ihrem Gesicht und wütend zog sie ihre Augenbrauen zusammen. „Du kannst mir glauben, mein lieber Entaro, dass es nicht so leicht ist, in dieser Gegend, in welcher sich lediglich winzige Dörfer, in weitem Abstand verstreuen, eine neue Armbrust zu erstehen. Und wenn ich eine Erfahrung gemacht habe, dann, dass man sich niemals auf nur eine Waffe verlassen darf, ist es nicht so? Ich bin mir sicher, du verlässt dich weder nur auf deinen Drachen, noch nur auf dein Schwert. Dein Drache und dein Schwert zusammen geben dir bestimmt alle nötige Sicherheit, nicht wahr? Und darum…“ schloss sie ihre Erklärung, „...bin ich derzeit mit diesen archaischen Waffen unterwegs. So lange, bis ich wieder in eine große Stadt komme, wo es gute Waffenschmiede gibt.“ Während sie diese Worte sprach, fixierte sie einen kleinen grauen Fleck auf seiner Wange. Sie hob ihre Hand, und wischte mit dem Daumen darüber. Als sie ihre Hand zurückgezogen hatte, erschrak sie innerlich ein wenig. Sie war definitiv zu weit gegangen. Verfluchter Feuermohn! Dass dieser eine erheiternde, beruhigende, aber gleichzeitig auch ein wenig hemmungslos machende Wirkung hatte, wusste sie, doch meistens war sie alleine in der Flur gewesen, wenn sie diesen geraucht hatte, oder alleine an einem Schenkentisch, oder alleine in einem Zimmer. Isaé war die meiste Zeit stets alleine gewesen, und so fand sie es nun geradezu erschreckend, wie sich die Wirkung des Feuermohns entfaltete, wenn sie ein Gegenüber vor sich hatte, ein männliches Gegenüber, welches, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, eine gewisse Anziehung auf sie ausübte. Doch der Feuermohn hatte ihren Geist ein wenig vernebelt, der Alkohol hatte diesen gelockert, und sie vermochte nicht zu sagen, wie sie auf ihn reagieren und wie sie agieren würde, wenn sie nicht unter dem Einfluss dieser beiden Substanzen war. Und so erhob sie sich rasch, packte ihre Siebensachen zusammen, und verabschiedete sich von Entaro.

Doch sie kam nicht weit. Jemand packte sie am Unterarm, und hielt sie sanft, aber bestimmt fest, als sie den Fuß auf die erste Stufe der Treppe gesetzt hatte. Sie wandte sich um, und blickte in Entaros Gesicht. Er murmelte "Weißt du ... wenn ich es nicht besser wüsste, dann ..." Isaé blickte ihn gleichermaßen neugierig wie auch erwartungsvoll an. „ …dann…?" hakte sie nach, doch erhielt sie keine Antwort. Stattdessen sagte er "Dieser Wein ... vielleicht auch die lange Reise ... ich würde dein Angebot gerne annehmen ... Denn ich fürchte, ich bin wohl nicht mehr imstande, mich aufrecht im Sattel zu halten." Isaé blickte ihn ruhig, aber aufmerksam an. Sie kniff leicht die Augen zusammen und fragte ihn „Fürchtest du dich nicht vor einem gewissen Nachruf, wenn du nun mit mir die Treppe hinaufgehst?“ Sie umklammerte den Henkel ihrer ledernen Tasche, und der Schenkenlärm drang nur wie im Nebel an ihre Ohren. Da meinte er nur verschmitzt „Wer sagt denn, dass wir gemeinsam auf das Zimmer gehen müssen? Ich könnte ja etwas später nachkommen…“ Es klang wie eine kleine geheime Verschwörung, und diese Tatsache fand Isaé erheiternd. Sie nickte stumm, aber sie lächelte. „Dann tu das, Drachenreiter. Aber lass dir nicht zu lange Zeit, denn ich versperre die Türe, und wenn ich schlafe, dann schlafe ich wie ein Stein, dann wird dein Klopfen vergebens sein…“ Mit diesen Worten entwand sie sich seinem Griff, und stieg die Stufen hinauf, in der linken Hand den Schlüssel des Zimmers fest umklammert, in der rechten das kleine Talglicht, welches zuvor noch am Tisch gestanden hatte. Oben angekommen, steckte sie den Schlüssel ins Schloss, das Schloss klackte, und knarzend schob sie langsam die Türe auf.

Isaé schloss die Türe hinter sich, und leuchtete kurz das Zimmer aus. Es war ein einfach gehaltenes Zimmer. Ein Tisch, ein Stuhl, ein einfaches Bett, daneben ein kleiner Schemel. Vor dem Bett lag, beinahe zu Isaés Entzücken, ein kleiner gefleckter Schafspelz. Auf dem Tisch standen ein kleiner tönerner Wasserkrug und ein tönerner Becher. Unter dem Tisch stand ein kleiner hölzener Eimer, und als Isaé hineinleuchtete, spiegelte sich das Feuer in dunklem Wasser. Ein zusammen gefalteter Leinenlappen lag über dem Rand des Eimers. Das Zimmer war ganz eindeutig für eine Person ausgelegt, stellte sie fest. Einfach, sehr einfach, aber gepflegt und sauber. Das war wichtig. Aber ein wenig abgestanden war die Luft hier drinnen in der Stube. Sie stellte das Talglicht auf dem Tisch ab, nahm die Tasche von der Schulter, und stellte diese auf dem Stuhl ab. Sie nahm ihren Umhang von den Schultern, faltete ihn sorgfältig zusammen, und legte ihn ebenso ordentlich über die Stuhllehne. Die junge Frau zog an ihrem Band, welches den Ausschnitt ihres Kleides züchtig zusammenhielt, lockerte die Schnürung, und zog sich schließlich das Kleid über den Kopf, das Unterkleid behielt sie an. Isaé trat an das Fenster heran, und öffnete es, um ein wenig frische Luft in den Raum zu lassen. Und frisch war die Luft in der Tat, denn es hatte leicht zu regnen begonnen, und die Luft roch sauber, frisch und nach Regen. Es war ein wenig kühl, aber immerhin war es bereits Herbst. Isaé breitete ihr Kleid auf der Fensterbank aus, damit es ein wenig lüften konnte. Dann schlug sie die Bettdecke zurück und setzte sich auf das Bett. Es raschelte ganz leicht unter dem Gewicht der jungen Frau. Eine strohgefüllte Matratze, aber darüber lagen ebenso Lammfelle. Isaé streifte die Stiefel von ihren Füßen und mit einem schwungvollen Beine Schütteln flogen diese unbekümmert gegen die Türe des Zimmers. Sie stellte ihre Füße auf das Fell vor dem Bett. Sie mochte das Gefühl von Fell auf nackter Haut. Am liebsten hätte sie sich, in diesem, mit Fell ausgelegten Bett auch noch ihres Unterkleides entledigt, aber da der Drachenreiter wohl kommen würde, ging das natürlich nicht. Nach einer Weile löschte Isaé das Talglicht und nur der Mondschein, welcher durch das offene Fenster drang, spendete kühles aber so wohlvertrautes Licht. Und zusammen mit dem leisen Rauschen des Regens ergab es eine heimelige Atmosphäre. Isaé begann ein wenig zu frösteln und so zog sie sich die Decke über den Leib. Doch nach einer Weile schlug sie die Decke wieder zurück, sprang aus dem Bett, und nestelte aus ihrer Tasche Hammer und Pflock. Sie legte beides unter das dicke Kissen, und bettete sich wieder bequem hin. Man konnte schließlich nie wissen… Es war eine liebgewonnene Angelegenheit geworden, im Laufe der Jahre, auch, wenn sie noch nie davon Gebrauch hatte machen müssen. Ihren Körper wühlte immer noch das Feuermohnopium auf, doch sie hatte keine Schmerzen, und so war sie zufrieden, und starrte an die Zimmerdecke.
#12
Die Erneuerung ❖
drache-ein verschmitztes Lächeln umspielte Entaros Lippen, und dass, obwohl Isaé gerade sowohl ihn, als auch andere Ritter der Ehrlosigkeit bezichtigt hatte. »Ritter mit Ehre legen einen Eid ab. Kniend vor den geweihten Priestern Daereans. Allein deshalb ist ein Eidbruch sträflich und zeugt von mangelndem Glauben, denn nach seinem Tod wird er von Daerean gerichtet.« Die Hexenjägerin quittierte seine Worte nur mit einem abfälligen Blick, als er von Göttern zu Sprechen begann. »Ich glaube an keine göttliche Fügung, denn in meiner Welt gibt es keine Götter.« Diese Worte, wiederum, bedachte der fahrende Ritter mit einem tadelnden Blick. »Dann ist deine Welt unbedeutend und klein und deine Seele verloren. Denn es gibt höhere Mächte auf dieser Welt. Ich weiß es, denn ich habe es selbst am eigenen Leib erfahren und wenn du sie bis dahin noch nicht erfahren hast, dann wandelst du auf einem dunklen, trostlosen Weg.« Er sah sich ein wenig verstohlen um, ob sie auch keine unliebsamen Zuhörer hatten, als er fortfuhr. »Und außerdem. In manchen Gegenden, wie auch in dieser, kann es unklug und auch gefährlich sein, diese Gedanken laut auszusprechen. Diese einfachen Menschen haben nichts mehr, als ihren Glauben. Und jeder Ketzer wird als ein böses Omen gewertet, welche Angst und Aberglauben in ihnen schürt. Schon so mancher ... Suchende ...« Er wollte Isaé nicht unbedingt Ketzer nennen, nur weil sie vom Glauben abgefallen war, denn vielleicht war ihr einfach nur Schreckliches widerfahren. Letzten Endes war sie auf der Suche, wie jeder Mensch. »... kam unter die Räder des gemeinen gottesfürchtigen Pöbels. Du hast es heute selbst gesehen. Diese Hexe. Und der Zorn der Meute.« Erneut schwieg er für einen Moment und dämpfte seine Stimme nochmals, um keinen Unmut herauf zu beschwören. »Ich rate dir, deine Zunge im Zaum zu halten, sonst macht man dich am Ende noch dafür verantwortlich, durch deine Gottlosigkeit die Hexe erst herauf beschworen zu haben.« Entaro hatte dies schon oft erlebt. Verbitterte und von den Göttern verlassene Menschen, die ihren Glauben verloren hatten, waren schon oft Opfer der strengen Gläubigen geworden, denn sie galten als Frevler oder Ketzer, welche den Zorn der Götter auf sie heraufbeschworen. »Warum glaubst du nicht an die Götter? Oder, wenn es für dich einfacher ist, an Seraja, wie dieser paltorische Sonnenpriester?« Er hob fragend eine Augenbraue, als er sie eindringlich ansah. »Denn die Existenz der Sonne kannst du wohl kaum bestreiten. Ihr Licht leuchtet jeden Tag. Und sicher weißt auch du, dass sie mehr als nur die Sonne ist.«

Doch Isaé schien nicht sonderlich überzeugt zu sein, und beharrte auf ihre Überzeugungen. »Aber Männer sind einfach Männer, ob nun König, Ritter, Bauer oder Bettler…! Aber auf dich trifft das ganz sicherlich nicht zu, nicht wahr?« Ein wenig erstaunt, und vielleicht auch ein wenig beleidigt, sah er die Hexenjägerin mit einem misstrauischen Blick an. »Dass ich ein Mann bin, sieht man mir wohl an. Also trifft es auf mich zu, dass ein Mann ein Mann ist.« Er schüttelte ob ihrer Worte nur den Kopf. »Doch der Charakter eines Mannes mag unterschiedlich sein. Ich habe einen Eid auf das heilige Bernsteinauge Daereans abgelegt. Ich wurde zum Bernsteinritter geweiht. Meine Ideale und meine Überzeugungen sind gänzlich verschieden als die eines Bauern oder Bettlers. Und es beleidigt mich, mit einem solchen niederen Gemeinen verglichen zu werden.« Entaro verschränkte die Arme vor der Brust und legte eine beleidigte Miene zur Schau, während er den Worten der Hexenjägerin lauschte. Seine Hand glitt zu dem Weinbecher und er tat einen kräftigen Schluck, um sein aufgebrachtes Gemüt ein wenig zu kaschieren, als Isaé ihre hölzernen Waffen zu Tage förderte. Und so ließ Entaro es sich nicht nehmen, die Gedanken, welche ihm gerade durch den Kopf gingen, offen auszusprechen. Vielleicht schien es nun an Isaé, ein wenig gekränkt zu sein, doch war dies nur Rechtens, denn immerhin hatte sie ihn auf sehr direkte Art vor die Füße getreten. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Drachenreiter...wie du so gerne sagst...Ich war im Besitz einer Armbrust. Eine kleine, aber äußerst effiziente Jagdarmbrust.« Da horchte Entaro neugierig auf und hakte sogleich nach. »Und was ist damit geschehen?«, hob er sogleich an, denn er konnte diese Waffe beim besten Willen nicht an Isaé vorfinden. »Meine Armbrust wurde mir gestohlen.« meinte sie nur kurz angebunden, als ob sie dieser Verlust hart getroffen hätte. Entaro legte eine bedauernde Miene auf und nickte nur geistesabwesend. »Bedauerlich. Die Ehrlichkeit der Menschen lässt dieser Tage sehr zu wünschen übrig. Aber wenn deine Waffe so gut war, wie du es sagst, dann war es sicher schwer der Verlockung zu widerstehen. Denn immerhin bringt eine solche Waffe sicherlich viel Geld um eine hungernde Familie für eine Weile zu ernähren.« Isaé schnaubte nur und Entaro vermutete schon, dass wohl einer jener, welche sie vor einer Hexe gerettet hatte, ihr die Armbrust entwendet hatte. Und da meinte er nur »Undank ist der Welten Lohn.« Dabei legte er ein, nicht sehr überzeugendes, Lächeln auf. »Doch gibt es dafür die heiligen und heimlichen Mächte dieser Welt, welche schützend ihre Hand über uns halten. Und auch wenn du nicht glaubst, so haben sie dich sicherlich nicht verlassen, denn sonst wäre es dir vielleicht schon schlecht ergangen.«

Bei der Erwähnung von einer großen Stadt da runzelte Entaro die Stirn. »In welche Richtung bist du denn unterwegs, Hexenjägerin? Hier in den verfluchten Landen des gefallenen Kalath wirst du wohl kaum eine solche Stadt finden. Denn hier gibt es nur Dörfer und wanderndes Volk. Die großen Städte sind alle im Krieg gegen die Ariader oder Akadier zerstört und Stein um Stein geschliffen worden. Zieht es dich nach Osten, in die Königreiche Ariads. Zurück nach Arkan in die Heimat? Oder in den Westen?« Bei dieser Frage drängte sich ihm sogleich die nächste auf, und er konnte seine Zunge kaum im Zaum halten. »Was hat dich überhaupt in diese entlegene Gegend verschlagen, wenn mir die Frage gestattet ist? Nicht gerade ein Ort für eine Frau, die nur mit einem Holzpflock bewaffnet ist. Hier gibt es Gesetzlose, Geächtete und Wegelagerer. Nicht umsonst haben die ariadischen Könige dieses Land für verloren erklärt.«

Doch scheinbar hatte Isaé für heute genug von Göttern, Ketzern und Verfluchten, denn sie packte ihre Sachen zusammen. Und je länger der Abend vorangeschritten war, desto seltsamer fühlte sich Entaro. Er war müde. Doch das war es nicht, was diese seltsamen Gefühle und Emotionen in ihm hervorrief. Er schob es auf den Wein. Vielleicht war er leicht gärig gewesen und war ihm so schneller in den Kopf gestiegen. Eine andere Erklärung hatte er nicht. Und doch ließ ihn diese Sache einfach nicht los. »Hexenjägerin. Auf ein letztes Wort.«, hob er ein wenig verhalten an, unsicher, wie er die Frage stellen sollte. »Du hast ja bereits des Öfteren mit Hexen zu schaffen gehabt.«, murmelte er und wog die Worte in seinem Kopf ab, doch die junge Frau schien ungeduldig zu werden und so seufzte Entaro und streckte sein Kreuz ein wenig durch um seiner Haltung etwas mehr Würde zu verleihen. »Dieser Wein ... vielleicht auch die lange Reise ...« Er kratzte sich am Kinn und zerzauste dabei den wilden Bart, welcher dort gewachsen war. »... Ich fühle mich so seltsam. Gut und zugleich auch matt und ...« Lüstern. Ja, doch das behielt er dann doch für sich. »... worauf ich hinaus will. Hältst du es für möglich, dass die Hexe, im Moment ihres Todes, einen Fluch über mich verhängt hat, dass ich mich nun so seltsam fühle? Weil der Wein allein kann es ja kaum sein. Ich habe doch nur zwei Becher getrunken. Außer ...« Erneut kratzte er sich ein wenig unschlüssig am Kiefer bevor er den Satz zu Ende sprach. »... außer er war bereits gärig oder die Reben hier sind besonders kräftig und herb.« Doch da schüttelte er nur den Kopf. Nein, diese einfachen Leute hatten sicher keine Winzer die solch starke Weine keltern konnten. »... ich würde dein Angebot gerne annehmen ... Denn ich fürchte, ich bin wohl nicht mehr imstande, mich aufrecht im Sattel zu halten.« Da grinste Isaé verschlagen und nickte nur. Zwar äußerte sie zuerst jene Bedenken, welche Entaro zuvor angebracht hatte, als er ihr Angebot ausgeschlagen hatte. Doch war ihm dies nun einerlei. Er war müde und es dürstete ihn nicht danach bei den Bauern dieses Dorfes hausieren zu gehen. Und als er vorschlug einfach später hinauf zu gehen, da war Isaé, mit einem kecken Lächeln, verschwunden.

Und so stand Entaro nun an der Schwelle der Treppe und überlegte, wie er die nötige Zeit noch vertreiben könnte. Also entschied er, seinem Drachen einen Besuch abzustatten. Bei den Stallungen angekommen, musste Entaro schmunzeln. Schwarzdrachen waren zwar nicht die größten Vertreter dieser Spezies, und doch füllte er die Scheune beinahe gänzlich aus. Pferde gab es hier keine, denn diese Bauern waren arm und so lagerten sie lediglich ihr Heu und ihr Stroh in diesem einfachen Haus. Es wäre ohnehin nicht weise gewesen hier Pferde einzustellen, wenn der Drache hier schlief. Er würde sie einfach fressen, dessen war sich Entaro gewiss. Außerdem war er ohnehin schon viel zu lange fort gewesen. Das Band musste erneuert werden. Und so trat er in die Scheune und wurde von einem tiefen Grollen begrüßt. »Schweig, Kreatur.«, herrschte Entaro den Drachen an und erhob sogleich, gebietend, seine Hand. »Dein Herr und Verbundener spricht zu dir.« Und so näherte er sich der Kreatur, welcher widerwillig und bösartig den Bernsteinritter anfunkelte. Doch das Band, welches den Drachen an den Menschen band, war stark. Und auch wenn Entaros Geist benebelt war, so war sein Wille ungebrochen. Und so zog Entaro Adun seinen Dolch aus dem Halfter und schnitt sich damit über den Daumen. »Gehorche und schlafe.«, befahl der Drachenreiter und strich dem Drachen das Blut auf die Stirn. Und kaum war das Blut auf den dunklen Schuppen des Drachen verlaufen, da beruhigte sich die Bestie. Doch im selben Atemzug entlud sich der Zorn und die unfähige Wut des Drachen auf den Drachenreiter. Dies war der Preis für dieses Band. Ein Preis, den Entaro bereitwillig eingegangen war. Sein Herz raste und seine Augen glühten, als er sein Schwert zog und damit wütend auf einen der Stützbalken der Scheune einschlug, bis seine Wut verraucht war.

Und als sich sowohl der Drache, als auch sein Reiter, beruhigt hatten, da trat er erneut an das schwarze Ungetüm heran und überprüfte den Sattel und das Zaumzeug, ob noch alles festsaß. Zufrieden nickte Entaro, als auch dies geschafft war, und für einen Moment erwog er sogar, einfach hier, beim Drachen zu schlafen. Doch war dies keinesfalls in seinem Sinne. Natürlich stellte der Drache für ihn keine wirkliche Gefahr dar. Doch in dieser Scheune war kaum Platz für den Drachen allein. Entaro schüttelte den Kopf. Hier war kein Platz für ihn und er besann sich Isaés Worte, dass sie die Tür verriegeln würde und so sputete er sich, noch in das Gasthaus zu kommen, bevor sie eingeschlafen war.

Eiligen Schrittes war Entaro wieder aus der Scheune gerannt und als er das Tor hinter sich verriegelt hatte, damit der Drache nicht gar in der Nacht auf Raubzug gehen würde, war er wieder in das Gasthaus gerannt. Es waren nun schon deutlich weniger Menschen zugegen als zuvor und dies war Entaro gerade Recht. So würde das Gerede wohl ausbleiben, welches ihm so unangenehm war. Und so stand er schließlich vor der Tür zu Isaés Zimmer und klopfte verhalten an die Tür. Es dauerte einen Moment und Entaro war sich nicht sicher, ob die Hexenjägerin ihn überhaupt gehört hatte, doch gerade, als er erneut gegen die Tür klopfen wollte, da öffnete sich die Tür und ihr Kopf schob sich in den Spalt. Ihre Miene hellte sich merklich auf, als sie ihn erkannte, doch als sie die Tür gänzlich geöffnet hatte, da senkte Entaro beinahe beschämt den Blick. »Isaé. Ihr seid ja unbekleidet.« Sie im Nachthemd zu sehen war beinahe so, als ob er sie nackt gesehen hätte, so dass er wieder in seine förmliche Anrede zurück verfiel. Für einen Mann von Ehre und aus gutem Hause galt es als höchst unschicklich eine Frau in ihrem Unterkleid zu sehen. Zumal sie mehr Haut offenbarte, als es noch in ihrem Gewand der Fall gewesen war. »Es ... ich ...« Entaro wandte den Kopf zur Seite und schloss leicht die Augen um sie nicht gar so offenkundig anzustarren. Doch Entaros Verhalten schien Isaé nur zu amüsieren und so ergriff sie ihn am Arm und zog ihn zu sich in die Kammer. »Willst du Wurzeln schlagen? Komm herein.« Doch nun, da fand er die Idee bei ihr zu nächtigen gar nicht mehr so gebührlich, wie es noch zuvor der Fall gewesen war. Und als er das kleine Bett sah, in welchem sie wohl nur Platz fanden, wenn sie sich ganz nah zueinander legen würden, da verfiel Entaro gänzlich.
#13
Ritterschwüre und Hexenflüche ❖
drache-für mich sind Ritterschwüre vor irgendeiner Gottheit nur Schall und Rauch. Ich glaube an keine göttliche Fügung, denn in meiner Welt gibt es keine Götter" meinte Isaé geradeheraus. Sie lauschte seinen nachfolgenden Worten. Sie waren richtend, ermahnend, aber zumindest nicht unfreundlich, oder gar belehrend. Isaé mochte es nicht, wenn man jemandem seinen Glauben aufzwingen wollte, so, wie die Inquisition und die Priester es taten. Doch nach seinen Worten brauste Isaé auf „Meine Welt ist nicht klein und unbedeutend, nur weil ich darin keinen Platz für Götter finde. Sie ist es, weil…“ Sie unterbrach sich und schluckte die Worte ungesagt herunter. „Wie kann meine Seele verloren sein, wenn ich nicht an das Göttliche glaube? Sagt ihr Gläubigen denn nicht immer, dass auch die Seele göttlich sei? Vielleicht besitze ich als gottloses Geschöpf auch gar keine Seele…“ meinte sie provokant und blickte dem Drachenreiter geradewegs ins Gesicht. "Warum glaubst du nicht an die Götter? Oder, wenn es für dich einfacher ist, an Seraja, wie die Paltoren. Denn die Existenz der Sonne kannst du wohl kaum bestreiten. Ihr Licht leuchtet jeden Tag. Und sicher weißt auch du, dass sie mehr als nur die Sonne ist." Da lachte Isaé auf „Was wird das hier? Willst du mich bekehren? ‚Wenn es für mich einfacher ist‘? Was soll das bedeuten, Drachenreiter? Denkst du, es wäre einfacher für mich, an etwas zu glauben, das ich sehe? Und denkst du, ich glaube nicht an die Götter, weil ich sie nicht sehe? Nein, da liegst du falsch. Es mag sein, dass es Götter gibt, das bestreite ich nicht, denn irgendwo muss unsere Schöpfung einen Ursprung haben. Aber ich weigere mich, sie anzubeten, und an sie zu glauben, denn sie haben es nicht verdient. Was tun sie für ihre Kinder? Nichts! Sie sehen zu, wie ein Unglück das nächste heraufbeschwört. Sie lassen uns im Stich. Sie lassen es zu, dass die Hilflosen hilflos bleiben und die Starken und Mächtigen noch stärker und mächtiger werden. Und deswegen glaube ich nicht an die Götter. Ein Narr ist, wer ohne zu hinterfragen seine Götter lobpreist und anbetet, Entaro Adun… Die Sonne also? Was unterscheidet die Sonne von den Monden, oder von dem Berg, der weit hinter diesem Gasthaus steht, oder dem Meer, am anderen Ende der Welt? Für mich unterscheiden sich diese Dinge nicht voneinander“ schüttelte sie den Kopf. Da erwiderte er "Und außerdem. In manchen Gegenden, wie auch in dieser, kann es unklug und auch gefährlich sein, diese Gedanken laut auszusprechen. Diese einfachen Menschen haben nichts mehr, als ihren Glauben. Und jeder Ketzer wird als ein böses Omen gewertet, welche Angst und Aberglauben in ihnen schürt. Schon so mancher ... Suchende ... kam unter die Räder des gemeinen gottesfürchtigen Pöbels." Isaé schwieg. Sie wusste, dass er Recht hatte und sie wusste auch nicht, was sie geritten hatte, als sie diesem beinahe gänzlich Unbekannten ihre Meinung bezüglich ihres Glaubens erzählt hatte. Vielleicht, weil sie ihn für vertrauenswürdig hielt. Vielleicht auch, weil sie nicht nachgedacht hatte, und ihre grollenden Gedanken den Göttern gegenüber Luft machen hatte wollen. Doch ihm zustimmen würde bedeuten, klein beizugeben. Sie lächelte den Drachenreiter an und sagte "Das mag sein, Drachenreiter. Aber ich erzähle es sonst niemanden. Und ich hoffe, du tust es auch nicht. Könnte so ein ehrbarer Mann wie du überhaupt den Tod einer Unschuldigen verkraften?" neckte sie ihn.

"Dass ich ein Mann bin, sieht man mir wohl an. Also trifft es auf mich zu, dass ein Mann ein Mann ist. Doch der Charakter eines Mannes mag unterschiedlich sein. Ich habe einen Eid auf das heilige Bernsteinauge Daereans abgelegt. Ich wurde zum Bernsteinritter geweiht. Meine Ideale und meine Überzeugungen sind gänzlich verschieden als die eines Bauern oder Bettlers. Und es beleidigt mich, mit einem solchen niederen Gemeinen verglichen zu werden.“ Da verschwand das Lächeln aus Isaés Gesicht. „Du hältst dich für etwas Besseres, Drachenreiter…“ stellte sie fest, und zog unwillig eine Augenbraue hoch. "Ja, in der Tat tust du das... Du sprichst die ganze Zeit von den 'einfachen Männern' und den 'einfachen Leuten', und erhebst dich damit selbst in die Höhe." Doch der anschließendeThemenwechsel besserte Isaés Laune auch nicht gerade auf. Die gestohlene Armbrust… Entaro versuchte scheinbar, Gründe zu finden, welche den Diebstahl einer solchen rechtfertigten, doch in diesem Fall war es Isaé egal, ob es eine verarmte Mutter oder ein ebensolcher Vater gestohlen hatte, um mit dem Verkaufserlös seine Kinder zu ernähren, oder ob es ein Gelegenheitsdiebstahl gewesen war. Die Armbrust war weg, so viel stand fest, und dass es nicht leicht sein würde, eine neue zu bekommen, und dass diese bedeutend mehr kosten würde, als Isaé bei sich trug, auch dies war sicher. Entaro hatte dennoch aufmunternde Worte für die junge Frau. "Doch gibt es dafür die heiligen und heimlichen Mächte dieser Welt, welche schützend ihre Hand über uns halten. Und auch wenn du nicht glaubst, so haben sie dich sicherlich nicht verlassen, denn sonst wäre es dir vielleicht schon schlecht ergangen." Da schüttelte die Hexenjägerin den Kopf „Woher willst du schon wissen, Drachenreiter, wie gut oder gar schlecht es mir im Leben bereits ergangen ist?“ sagte sie mit einem leicht bitteren Unterton. Dieses Gespräch nahm eine Richtung an, die Isaé ganz und gar nicht gefiel. Auf seine Frage, wohin sie unterwegs sei, antwortete sie mit einem Schulterzucken „Ich habe kein festes Zuhause. Ich gehe da hin, wohin meine Beine mich tragen. Auch folge ich oft Spuren und Erzählungen der Menschen, welchen ich begegne, wenn sie außergewöhnliches zu berichten haben. Außergewöhnliches kann immer eine Hexe bedeuten.“ Und Hexen bedeuteten Lohn für Isaé. „Und ich weiß auch nicht, wohin mein Weg mich morgen Früh schon führen wird…“ zuckte sie unwissend die Schultern. "Vielleicht gehe ich tatsächlich zurück nach Arkan, vielleicht aber auch nicht. Man wird sehen.“ Tatsächlich hatten ihre Wege sie immer wieder zurück nach Arkan in ihr Elternhaus geführt. Doch dieses stand seit vielen Jahren einsam und verlassen da, weit außerhalb der Grenzsteine, welche die Grenzen von Arkan markierten, niemand wartete dort auf sie. Nur ab und an hatte sich irgendein mittelloses Gesindel oder Wegelagerer dort eingenistet, welche Isaé wieder verjagt hatte, um das Andenken an ihre Eltern zu bewahren. "Was hat dich überhaupt in diese entlegene Gegend verschlagen, wenn mir die Frage gestattet ist? Nicht gerade ein Ort für eine Frau, die nur mit einem Holzpflock bewaffnet ist. Hier gibt es Gesetzlose, Geächtete und Wegelagerer. Nicht umsonst haben die ariadischen Könige dieses Land für verloren erklärt." Isaé lächelte verhalten und auch schief. „Weißt du, als ich mein Zuhause verließ, trug ich nichts bei mir, außer meiner Kleidung und meinem archaischen Werkzeug. Ich hätte mir den Wegzoll gar nicht leisten können, ohne einer einzigen Münze im Beutel. Ich hatte keine andere Wahl. Und darum entschied ich mich, den gefährlichen Weg durch den Köhlerwald einzuschlagen.“ Dass ihr Leben damals am seidenen Faden gehangen, sie auch kein Geld für einen Heiler gehabt hatte, und es ihr damals egal gewesen war, ob sie überlebte, oder starb, verschwieg sie. „Aber ich hatte Glück, wie du siehst, denn ich sitze heute gesund und munter vor dir“ strahlte sie mit sichtlicher Zufriedenheit.

Und so packte sie ihre Siebensachen zusammen, und noch bevor sie sich erheben konnte, trug der Drachenreiter eine weitere Frage an sie heran. „Hexenjägerin. Auf ein letztes Wort…“ begann er und Isaé wandte ihm den Kopf zu und blickte ihn fragend an. „"Du hast ja bereits des Öfteren mit Hexen zu schaffen gehabt." Da verzog Isaé ihre Miene. Sie mochte es gar nicht, auf dieses Thema angesprochen zu werden. Er war ein Fremder, und sie nicht gewillt, ihn einzuweihen. "Dieser Wein ... vielleicht auch die lange Reise ... Ich fühle mich so seltsam. Gut und zugleich auch matt und… worauf ich hinaus will, hältst du es für möglich, dass die Hexe, im Moment ihres Todes, einen Fluch über mich verhängt hat, dass ich mich nun so seltsam fühle? Weil der Wein allein kann es ja kaum sein. Ich habe doch nur zwei Becher getrunken. Außer... außer er war bereits gärig oder die Reben hier sind besonders kräftig und herb." Isaé stützte sich mit einer Hand am Tisch auf. Sie fühlte sich ein klein wenig Schuld daran. Sie hatte ihm völlig gedankenverloren die Pfeife angeboten. Es sollte eine freundliche Geste sein, doch sie hatte in dem Moment nicht daran gedacht, dass die Pfeife mit Feuermohnopium versetzt war. Natürlich spürte er die Wirkung davon! Doch konnte sie ihm dies einfach so beichten? Unmöglich… Er würde vielleicht wütend werden, so ritterlich und tugendsam, wie er ihr vorkam… oder ihr unterstellen, sie hätte dies mit Absicht getan, was einfach nicht stimmte… Außerdem trennten sich morgen früh bereits wieder ihre Wege und sie würden sich nie wieder im Leben sehen. Es spielte keine Rolle, dass er ein wenig Feuermohn geraucht hatte. Morgen Früh würde er nichts mehr davon spüren, er würde weder einen Brummschädel haben, noch Gedächtnislücken, noch sonstige Nachwirkungen. Und so schüttelte sie den Kopf und antwortete sie, zumindest halb wahrheitsgemäß „Nein, ich halte es für gänzlich ausgeschlossen, dass die Hexe einen Fluch über dich verhängt hat. Ich glaube es wirklich nicht. Wenn sie einmal brennen, dann haben sie nicht mehr den Willen dazu. Ist es gar so schlimm? Wahrscheinlich ist es doch der Wein, ich muss zugeben, ich fühle mich ebenso ein wenig matt… Ruhe dich aus, erhole dich, schlafe bald, dann wirst du dich morgen bestimmt wieder besser fühlen.“ Sie nickte ihm aufmunternd zu, und war im Begriff zu gehen. Doch er hielt sie am Treppenabsatz auf und offenbarte ihr, dass er ihr Angebot annehmen wollte. So stimmte Isaé zu, und dachte sich überhaupt nichts dabei.

Doch als Isaé oben in der Stube im Bett lag, schossen ihr tausende Gedanken durch den Kopf. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Was musste er sich von ihr denken, dass sie ihm angeboten hatte, das Zimmer mit ihm zu teilen? Nein, nur nicht das Zimmer, das Bett, diese winzig kleine Bett! Sie hatte noch nie mit einem Mann zusammen in einem Bett gelegen… weder so, noch so… Sie war in diesem Moment nicht besser als die Witwe Greta, außer, dass sie um einiges jünger, aber auch ein bedeutendes Stück hübscher war, als sie. Und dann hatte sie noch gesagt ‚Lass dir nicht zu lange Zeit‘… Als ob sie es nicht erwarten konnte, dass er sie aufsuchte… Isaé presste die Lippen aufeinander und schalt sich eine unglaubliche Närrin und dumme Gans, auch, wenn sie unter dem Einfluss des Feuermohnopiums stand, das war keine Entschuldigung, so fand sie. Nun ja. Vielleicht würde er auch gar nicht kommen. Vielleicht, wenn er wirklich so matt war, wie er vorgegeben hatte, würde er auch am Tisch einschlafen. Und so schloss Isaé unbekümmert die Augen, und lauschte dem herabfallenden Regen. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, sie mochte den Klang des Regens.

Doch dann klopfte es an der Türe. Isaé erschrak leise, und öffnete ihre Augen. Sie schlüpfte unter der Decke hervor, und schlich zur Türe. Vielleicht war es auch nicht der Drachenreiter, vielleicht war es ja der Wirt, vielleicht hatte sie etwas im Schankraum vergessen… oder… Wer auch immer, sie drehte sacht den Schlüssel im Schloss um und öffnete die Türe einen Spalt weit und lugte durch. Entaro. Isaé lächelte verhalten, als sie ihn erkannte, und ihr Herzschlag beruhigte sich wieder. Sie öffnete die Türe nun ganz um ihm den Weg in das Zimmer freizugeben. Doch der Mann schlug nur die Augen nieder und murmelte "Isaé. Ihr seid ja unbekleidet." Die Hexenjägerin blickte ihn zuerst amüsiert, dann aber doch bestürzt an, dann schluckte sie. „Verzeih… ich… ich wollte nicht…“ stammelte sie ein wenig unbeholfen, und dem Drachenreiter schien es nicht besser zu gehen. „Es…ich...“ Da hörte sie ein Geräusch, welches vom Fuße der Treppe zu kommen schien. Isaé hatte keine Lust darauf, dass jemand sie beide so sehen würde, darum packte sie ihn kurzerhand am Arm, und zog ihn in das Zimmer „Willst du hier Wurzeln schlagen? Oder dass uns jemand sieht? Komm herein…“ flüsterte sie, und schloss die Türe. Sie drehte den Schlüssel im Schloss um und wandte sich wieder dem Drachenreiter zu. Sie räusperte sich, und sie schämte sich plötzlich sehr, und wieder schoss ihr das Bild der verruchten Witwe Greta in den Kopf, aber dann begehrte in ihr etwas auf. „Soll ich denn in meiner Gewandung schlafen? Es ist ganz normal, dass man sich seinem Oberkleid und seiner Stiefel entledigt, wenn man zu Bette geht..." Das Talglicht hatte Isaé zwar schon gelöscht, doch das Zimmer wurde trotzdem noch mehr als ausreichend vom kühlen Mondschein erhellt. Beinahe so hell, dass manches empfindliches Gemüt hier vielleicht keine Nachtruhe finden konnte. Zwar war das Unterkleid naturfarben und undurchsichtig, und verbarg alles vor neugierigen Blicken, doch der Schlüssellochausschnitt war, dank ihrer schlechten und liederlichen Nähbegabung ein wenig zu tief geraten. Der Bart des Schlüssellochausschnittes säumte wie ein einladender Weg links und rechts die vom Stoff verborgenen Rundungen ihrer Brüste, und überhaupt konnte man viel von ihrer hellen Haut von Dekolleté und beinahe auch die Schulteransätze sehen. Das Kleid reichte ihr bis knapp über die Knöchel, so dass man die Waden erahnen konnte, was geradezu unverschämt freizügig war. Isaé blickte an sich herab und verschränkte beschämt die Arme vor der Brust. „Bitte verzeih, ich wollte nicht… ich wusste nicht… es lag nicht in meiner Absicht…“ hob sie erneut an, doch wie sie es auch drehte und wendete, die Worte und Sätze, welche immer sie auch zu sagen gedachte, sie blieben unausgesprochen und unvollständig, was sie zweifelsohne dem Feuermohn und dem Alkohol zuschrieb, die Gedanken schienen regelrecht in ihrem Kopf festzustecken. Da standen sie nun unschlüssig, Isaés Antlitz beschienen vom Mondlicht, und Entaros lag im Schatten verborgen.
#14
Verbotenes Verlangen ❖
drache-isaé hatte soeben den Schlüssel im Schloss herumgedreht und schien zumindest ähnlich betreten zu sein, wie es auch der Drachenreiter war. Und so standen sie in der Kammer und starrten sich nur an. Wobei man das eher aneinander vorbeistarren nennen musste. »Soll ich denn in meiner Gewandung schlafen? Es ist ganz normal, dass man sich seinem Oberkleid und seiner Stiefel entledigt, wenn man zu Bette geht...« Da hob Entaro abwehrend seine Hände. »Nein, ganz gewiss nicht. Ich bin …« Er grübelte für einen Moment doch schüttelte er nur den Kopf. »Ich war töricht euer Angebot anzunehmen. Verzeiht mir meine unritterliche Besonnenheit. Nur euer Gemahl sollte euch so sehen, in eurem … Unterkleid.« Es war höchst unschicklich eine Frau in ihrer Unterwäsche anzustarren, und doch kam Entaro nicht umhin immer wieder die Gestalt Isaés anzusehen. Wenn auch nur verstohlen und verhalten. Und so wandte sich Entaro von der Hexenjägerin ab und wandte sich stattdessen dem Fenster zu. Natürlich hatte es kein Glas, sondern war lediglich mit einer dünnen Tierhaut bespannt, so dass man eigentlich gar nicht hinaussehen konnte. Man konnte nur Schatten und Schemen erkennen. Vermutlich war es bei Tage besser, doch nun herrschte die Nacht vor aber Entaro stand dennoch vor dem Fenster und zog es vor auf die Schatten hinter dem Fenster zu starren, nur um nicht in die Verlegenheit zu geraten, Isaé anzustarren.

Alles was hereindrang, war das Mondlicht und es tauchte die Kammer in einen matten Schein, welchem das Talglicht auf dem Nachttisch kaum zu trotzen vermochte. »Ihr spracht von Ritterlichkeit und den Göttern. Unten, in der Stube.« Er versuchte ein wenig vom Thema abzulenken, und als sie noch unten gewesen waren, da hatte er es vorgezogen zu schweigen, denn ihre Worte waren nicht sehr damenhaft gewesen. Es hatte ihm nicht der Sinn danach gestanden sie zu maßregeln. Doch nun, angesichts dieser unangenehmen Situation, war es ihm recht von Isaés Unbekleidetheit abzulenken. »Nur weil ihr nicht glaubt, bedeutet das nicht, dass ihr keine Seele besitzt. Ganz sicher ist die Eure strahlend wie ein Edelstein.« Er wandte für einen Moment über die Schulter und linste zu der jungen Frau, welche hinter ihm stand, doch wandte er gleich darauf wieder den Blick von ihr ab. »Und bei Daerean ich wollte euch nicht bekehren. Verzeiht, wenn ihr das angenommen habt. Doch wie ihr nun wisst, bin ich ein gläubiger Ritter und die heilige Schrift in Daereans Kanon verbietet...gewisse Dinge...« Je mehr er sprach, desto mehr verfiel er in die höfische Anrede, von welcher sie schon gesagt hatte, dass sie ihr missfiel.

Und schließlich erhob Isaé das Wort. »Bitte verzeih, ich wollte nicht… ich wusste nicht… es lag nicht in meiner Absicht…« Ihre Worte klangen ehrlich und ein Hauch von Reue schwang in ihnen mit, so dass Entaro sich wieder umwandte, um ihr in die Augen zu sehen. Doch fand Entaro einfach keine Worte. Das Mondlicht tauchte Isaé in einen beinahe bezaubernden Schein, während er nur in Schatten gehüllt war. Also trat er einen Schritt hervor und zog sich dabei die Kapuze vom Kopf, welche er, seit er sie angesprochen hatte, nicht abgenommen hatte. »Es ist nicht eure Schuld, Isaé.«, murmelte Entaro ein wenig verlegen und setzte ein verhaltenes Lächeln auf. »Wenn, dann ist es die meine. Ich wandle auf einem steinigen Pfad und Daerean erlegt mir stets neue Prüfungen auf.« Bei der Erwähnung Daereans schien Isaé die Stirn zu runzeln, was Entaro mit einem neugierigen Blick bedachte. »Daerean, der Immerwährende.« Zum Zeichen der Erklärung zog er sein Schwert aus der Scheide und reichte es Isaé, mit dem Griff voran, dar. Der Knauf bestand aus einem makellosen Bernstein, welcher in das Metall des Schwertes eingearbeitet worden war. »Ich bin ein Bernsteinritter. Gezeichnet und gesalbt von Daerean dem Immerwährenden, dessen Essenz diesem Kleinod innewohnt.« Er ließ Isaé Zeit das Schwert zu betrachten, bevor er weitersprach. Und als sie den Blick erhob da deutete er auf das verblasste Zeichen auf seinem Handrücken. »Das Zeichen Daereans, welches ich beim der Weihe des Ordens von den Ordensmeistern erhalten habe.« Erneut gewährte er Isaé die nötige Zeit auch diese Erkenntnis zu verstehen, während er das Schwert wieder in seine Schwertscheide schob. »Wusstet ihr, dass die Akadier glauben, dass Seelen der Götter in besonders reinen Bernsteinen bewahrt wurden, um so ihre Unsterblichkeit vor den Mächten der Finsternis zu bewahren?« Während er sprach löste er die Schnalle seines Schwert Gehänges und legte dieses auf den kleinen Tisch, nahe des Bettes. Auch seines Umhangs und seines Kettenhemdes entledigte er sich, denn es lastete inzwischen schwer auf seinen Schultern. »Man nennt meinesgleichen Bernsteinritter, denn es ist unsere heilige Aufgabe, jene Bernsteine zu finden. An allen Orten dieser Welt.«  Entaro sah Isaé ernst an, denn er wollte ihr gewiss nicht seinen Glauben aufzwingen oder sie gar bekehren.

Entaro fühlte sich hin und hergerissen. Zum einen gebot ihm der Kanon Daereans sich nicht an Isaé zu versündigen, doch zum anderen fühlte er sich so unglaublich zu dieser Frau hingezogen, dass er gar nicht anders konnte, als sie anzusehen. Und so stand er nun vor ihr, ohne Rüstung, ohne Schwert und lächelte verhalten. »Und nun?« Er fühlte sich wie ein Jüngling, welcher vor einer holden Maid stand und welchem die Zunge schwer ward, während das Herz wild hämmerte. Natürlich wusste er nicht, dass dies nur eine natürliche Reaktion des Feuermohns war, welchen er unwissentlich geraucht hatte, als Isaé ihm ihre Pfeife angeboten hatte. Und so versuchte er seine Gefühle zu verstehen, während er diese mit seinem Verstand in Einklang zu bringen versuchte. Doch schien Isaé ebenso unschlüssig wie er zu sein, und doch konnte er in diesem Moment gar nicht mehr aus seiner Haut heraus. »Ihr habt sicher eure Gründe an den Göttern zu zweifeln. So ergeht es jedem einmal. Selbst mir. Doch nun stehe ich vor euch und ihr seid …« Er biss sich auf die Lippen, doch das folgende Wort ließ sich einfach nicht unterdrücken. »… wunderschön.« Dieses seltsame Gefühl, welches er schon den ganzen Abend, seit er den Wein getrunken hatte, machte seine Zunge locker und seine Gedanken frei. Ja beinahe begehrlich. Er sah Isaé in ihrem einfachen Unterkleid dastehen und sein Verstand riet ihm zu gehen. Ja seine ritterlichen Tugenden und sein Anstand geboten ihm, ihre Ehre nicht weiter mit seiner Anwesenheit zu besudeln. Sein Blut rauschte und alles in ihm schrie, sich abzuwenden und einfach zu gehen. Doch sein Verstand war wie gelähmt. Und alles was blieb war der Wunsch zu bleiben. Es war kein Verlangen, und irgendwie doch wollte er sie ansehen. Und auch berühren. Diese anrüchigen Gedanken, die sich seiner bemächtigten machten den ehrenhaften Ritter beinahe verrückt und er stand einfach nur da und wusste selbst nicht mehr wer er eigentlich war.
#15
Bernstein im Mondschein ❖
drache-entaro hatte sich von Isaé abgewandt, und die junge Frau fühlte sich zunehmend unwohler in ihrer Haut. Eigentlich hatte sie nichts Schlimmes dabei gefunden, vor dem Drachenreiter im Unterhemd da zu stehen, doch seine Reaktion zeigte ihr, dass dem ganz offensichtlich nicht so war. Und so fragte sie ihn, was daran so abwegig war und er entgegnete "Nein, ganz gewiss nicht. Ich bin … Ich war töricht euer Angebot anzunehmen. Verzeiht mir meine unritterliche Besonnenheit. Nur euer Gemahl sollte euch so sehen, in eurem … Unterkleid." Da verzog Isaé ihre Lippen zu einem bitteren und beinahe sehnsüchtigen Lächeln. Sie musste an Aduan denken und erwiderte leise "So weit ist es leider nie gekommen… Ich habe keinen Gemahl… Und so weit wird es wohl auch nie mehr kommen…" Sie besann sich einen Moment und stammelte schließlich abwehrend "Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich dich plump umgarnen wollte…" Sie lächelte hilflos bei diesen Worten, und erinnerte sich an dieselben Worte des Drachenreiters, die er an sie gerichtet hatte, als er an ihren Tisch getreten war, und verstummte schließlich. Sie hatte schon genug Unsinn gesprochen, fand sie. Der Drachenreiter starrte aus dem Fenster, und Isaé fragte sich einen kurzen Augenblick, was er durch das dünne, beinahe undurchsichtige Pergament zu sehen gedachte, aber sie sprach diese Gedanken nicht aus. Ohne sie dabei anzusehen, begann er nach einer Weile "Ihr spracht von Ritterlichkeit und den Göttern. Unten, in der Stube." Und Isaé bemerkte, dass er wieder in die distanzierte förmliche Anrede zurück gefallen war. "Ja… Darüber haben wir beide gesprochen, Entaro. Aber warum…" begann sie und Entaro sprach weiter. "Nur weil ihr nicht glaubt, bedeutet das nicht, dass ihr keine Seele besitzt. Ganz sicher ist die eure strahlend wie ein Diamant." Da musste Isaé schmunzeln. Diese Worte, und mochte sie auch noch aus ehrlichem Herzen gesprochen worden sein, kamen der jungen Frau dann doch reichlich übertrieben vor. "Und bei Daerean, ich wollte euch nicht bekehren. Verzeiht, wenn ihr das angenommen habt. Doch wie ihr nun wisst, bin ich ein gläubiger Ritter und Daereans Kanon verbietet... gewisse Dinge..." Da nickte die Hexenjägerin und begann "Ich glaube dir. Ich habe es vorhin auch nicht böse gemeint, verzeih, wenn ich zu unwirsch war. Und bitte verzeih, ich wollte nicht… ich wusste nicht… es lag nicht in meiner Absicht…" Sie wusste nicht, was, und wie sie es sagen wollte. Da wandte sich Entaro wieder vom Fenster ab und sah Isaé an. Er sagte kein Wort, während er sie so betrachtete, und diese stumm seinen Blick erwiderte, doch dann trat er einen Schritt an sie heran und nahm seine Kapuze vom Kopf. Erst jetzt fiel Isaé auf, dass er das den ganzen Abend, und überhaupt, seit sie ihn gesehen hatte, nicht getan hatte. Sein dunkles, langes Haar fiel ihm auf die Schultern, und erst jetzt offenbarte sich, dass er ein wirklich ansehnlicher Mann war. "Es ist nicht eure Schuld, Isaé. Wenn, dann ist es die meine. Ich wandle auf einem steinigen Pfad und Daerean erlegt mir stets neue Prüfungen auf." Bei diesen Worten setzte Isaé einen fragenden Blick auf, und er schien diesen richtig zu deuten. So setzte er nach "Daerean, der Immerwährende." Mit diesen Worten zog er sein Schwert, und hielt es Isaé, mit dem Griff ihr zugewandt, hin. Ein wenig zögerlich griff sie nach dem Schwert, und obgleich er es nicht gänzlich los lies, wog es schwer in ihrer Hand, so dass sie unwillkürlich die zweite Hand zur Hilfe nahm. "Ich bin ein Bernsteinritter. Gezeichnet und gesalbt von Daerean dem Immerwährenden, dessen Essenz diesem Kleinod innewohnt." Dabei deutete er auf den kunstvoll gearbeiteten Bernstein, der den Knauf des Schwertes darstellte, und Isaé hob den Griff ein wenig in den Mondschein, um ihn besser betrachten zu können. "Ein wundervolles Stück…" hauchte sie beinahe ehrfürchtig, und ließ dann vorsichtig wieder das Schwert los, als ob sie dieses kostbare Schwert mit ihren bloßen Händen zerstören könnte. Sie blickte Entaro wieder an, und da deutete er auf seinen Handrücken und meinte "Das Zeichen Daereans, welches ich beim der Weihe des Ordens von den Ordensmeistern erhalten habe." Isaé trat einige kleine Schritt näher an den Drachenreiter heran und kniff leicht die Augen zusammen, um das verblasste Etwas auf seiner Haut überhaupt ausmachen zu können. "Wusstet ihr, dass die Akadier glauben, dass Seelen der Götter in besonders reinen Bernsteinen bewahrt wurden, um so ihre Unsterblichkeit vor den Mächten der Finsternis zu bewahren?" fragte er sie, und Isaé, der die letzten Augenblicke, die verstrichen waren, beinahe magisch vorgekommen waren, konnte nun nicht mehr den notwendigen Ernst aufbringen, legte den Kopf schief und lächelte Entaro verschmitzt an. "Aber Bernstein kann brennen. Warum suchen die Götter Schutz in etwas so leicht Zerstörbarem? Warum suchten sie nicht Schutz in etwas Beständigerem?" fragte sie ihn, während sie ihm dabei zusah, wie er Schwertgurt, Mantel und schließlich auch das Kettenhemd ablegte, und sorgsam auf dem kleinen Tisch neben dem Bett platzierte. "Man nennt meinesgleichen Bernsteinritter, denn es ist unsere heilige Aufgabe, jene Bernsteine zu finden. An allen Orten dieser Welt." Isaé nickte verstehend, doch sie sagte nichts dazu. Stattdessen trat sie an das Bett, und setzte sich an den Bettrand. Ohne seiner Waffe und seinem schweren Kettenhemd wirkte Entaro beinahe gewöhnlich, klein, aber dennoch erhaben. Er stand vor ihr im Raum und lächelte verhalten."Und nun?" fragte er sie, und Isaé erwiderte das Lächeln scheu. Sie wusste nicht, was nun. Um aber kein peinliches Schweigen aufkommen zu lassen, begann sie "Ich könnte dir etwas erzählen. Zum Beispiel, warum ich nicht an die Götter glaube." "Ihr habt sicher eure Gründe an den Göttern zu zweifeln. So ergeht es jedem einmal. Selbst mir. Doch nun stehe ich vor euch und ihr seid… wunderschön." Isaé ertappte sich dabei, wie sie errötete. So etwas hatte schon sehr lange niemand mehr zu ihr gesagt. Sie wusste überhaupt nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Sie hob den Kopf, lächelte sanft, und flüsterte leise "Danke…" Fieberhaft überlegte sie, wie sie diesen Augenblick, der so zauberhaft, war, wie er sie auch verlegen machte, überbrücken sollte. Schließlich erhob sich wieder, und stand vor dem Drachenreiter. Und dann begann sie zu erzählen

"Weißt du, ich war einst auch sehr gläubig. Wir Ariader beten zu den Dreien, wie dir sicherlich bekannt ist. Ich habe dir erzählt, ich stamme aus Arkan. Eigentlich ist das nicht ganz richtig, denn richtigerweise stamme ich aus dem kleinen Schwesterndorf Arkans, Köllesberg. Es ist… war… ein winziges Dorf, etwa eine Stunde Fußmarsch von Arkan entfernt. Köllesberg ist, zumindest im Süden, weitläufig bekannt als der Inbegriff der Gläubigkeit an die Drei. Mein Vater, meine Mutter und ich lebten dort recht weit am Rande des Dorfes. Mein Vater war Totengräber. Ein unehrenhafter Beruf, und so waren wir gezwungen, am Rand des Dorfes zu leben. Ich habe es nie verstanden, wieso ein Mann, der den Verstorbenen zur letzten Ruhe verhilft, unehrenhaft sein sollte. Im Gegenteil... aber ich schweife ab... Eines Tages passiert das Unglück, die Pest hielt Einzug in Köllesberg. Um die Gefahr einzudämmen, und nicht andere umliegende Dörfer in das Unheil zu ziehen, schlug der Priester unseres Dorfes vor, dass niemand mehr das Dorf verlassen sollte, zum Schutz der anderen Dörfer. Niemand mehr versorgte uns von außerhalb mit Handelsgütern, aber das war eigentlich auch gar nicht notwendig. Denn die Pest raffte die Leute der Reihe nach dahin. Alte und Junge, Männer, Frauen, wie auch Kinder. Ich glaube, binnen von nicht einmal einem Mond, waren alle tot. Mein Vater schuftete während der ganzen Zeit unermüdlich, hob tagtäglich von den frühen Morgenstunden bis weit nach der Dämmerung Gräber aus, damit die Toten bestattet werden konnten. Er hielt es für seine Pflicht. Für mich hatte er sich schon deswegen ein unsterbliches Leben nach dem Tod gesichert. Aber niemand wagte es, die Toten zu bestatten. Sie machte weder vor besonders gläubigen, wie auch vor liederlichen Menschen Halt. Nur vor uns. Meine Familie und ich blieben verschont. Vielleicht, weil wir am Rande des Dorfes gelebt haben, ich weiß es nicht. Und ich dankte den Dreien aufrichtigst, während ich mich gleichzeitig fragte, warum sie es zulassen, dass ein ganzes Dorf ausgerottet wurde. Und so zogen wir schließlich nach Arkan, wo wir wieder an den Rand des Städtchens verbannt worden. Köhler sind ein sehr abergläubisches Volk, weißt du… Und als ich dachte, nun würde alles wieder gut werden, wurde es schlimmer. Meine Mutter wurde krank, und wir alle hatten schon Angst, dass sie nun auch die Pest bekommen hatte. Aber es war glücklicherweise nur eine schwere Lungenentzündung, die mit sehr hohem Fieber vor sich herging. Es sollte viele Monde, dauern bis sie sich von dieser schweren Krankheit wieder erholt hatte. Und so holte sich mein Vater eine Magd ins Haus, die die Arbeit meiner Mutter verrichten sollte, bis sie wieder vollständig genesen war. In dieser Zeit lernte ich in Arkan einen jungen Mann kennen, Aduan. Er stammte aus einer sehr gläubigen und auch anständigen Familie. Sie störten sich nicht daran, wie die anderen, dass mein Vater Totengräber war. Aduan und ich verliebten uns ineinander, und sowohl meine Eltern, als auch seine Eltern gaben uns ihren Segen, und stimmten zu, dass wir miteinander vermählt werden sollten. Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr glücklich, und Aduan half meinem Vater oft bei der Arbeit. Ich meine bei uns am Hofe, nicht am Friedhof. Aber dann brach das Unglück über uns herein. Die Magd, die mein Vater zu uns geholt hatte, machte meinem Vater schöne Augen. Ich war damals unsagbar verzweifelt, dass er sich plötzlich von meiner Mutter abgewandt hatte, die immer noch sehr geschwächt und bettlägerig war. Er veränderte sich immer mehr, ich erkannte ihn kaum mehr wieder, diesen gutherzigen, und ehrbaren Mann und machte irgendwann gar keinen Hehl mehr daraus, dass er sich zu ihr bekannte, sich öffentlich mit ihr zeigte, und von meiner Mutter nichts mehr wissen wollte. Selaja sonnte sich regelrecht in ihrem Sieg. Und als ob es nicht schon schlimm genug war, so begnügte sie sich nicht mit meinem Vater, sondern wandte sich auch Aduan zu, und auch er verfiel den Reizen dieser Frau. Eines Tages, als ich gerade ins Haus kam, erwischte ich sie dabei, wie sie nackt auf dem Boden unserer Hütte kniete, und seltsamen Singsang und seltsame Dinge zelebrierte. Ich war vollkommen schockiert und lief wieder aus dem Haus, und habe sie in Arkan angeklagt. Nach kurzer Zeit erhärteten sich in Arkan die Vermutungen und Schuldzuweisungen und sie wurde als Hexe bezichtigt." Isaé machte eine kurze Redepause, und dann führte sie fort "Ich glaube fest daran, dass sie eine wirkliche Hexe war, denn solch gottlose Dinge, wie Selaja sie in unserem Haus vollführt hatte, kann keine Götterfürchtige Frau tun. Bevor Selaja vom Gericht zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, hat sie meine Familie auf bestialische Weise umgebracht. Und auch Aduan. Alle, nur mich nicht. Ich habe es nicht verstanden, warum sie mich verschonte, vielleicht war ich zu unbedeutend, oder ich weiß nicht, ob sie mich damit auch nur quälen wollte, als Rache für meinen Verrat. Vielleicht wäre ich auch ihr Opfer geworden, aber als meine Eltern und Aduan tot waren, bin ich geflohen. Ich habe Arkan verlassen, mit nichts, außer dem, was ich noch heute mit mir trage… Einen archaischen Holzhammer und einen Pflock, und der kleinen Jagdarmbrust meines Vaters. Als ich Arkan den Rücken zukehrte, und beschloss, Hexenjägerin zu werden, habe ich mich auch von den Dreien abgewandt. Denn ich habe nie verstanden, oder einen höheren Sinn darin gesehen, warum wir von der Pest verschont wurden, nur um dem Unglück in Arkan anheim zu werden. Die Götter sind grausam, und ich bete nicht zu grausamen Göttern."

Isaé räusperte sich und schloss in ihrer Erzählung. Sie fühlte sich ein wenig aufgewühlt, denn noch nie zuvor hatte sie jemandem von ihrer Vergangenheit erzählt. Und da war noch immer die Wirkung des Feuermohnopiums, die sich in seiner Anwesenheit so gänzlich anders verhielt, als wenn sie alleine war, oder unter Gesindel in einer Schenke. Sie fühlte sich zu diesem Mann hingezogen, so wie sie es nur bei Aduan empfunden hatte, und dies war schon so viele Jahre her... Als sie Entaro so anblickte, so erschien es ihr, unabhängig davon, ob er nun ein Drachenreiter war, ein Bernsteinritter, oder was auch immer, dass hier vor ihr ein besonderer Mensch stand. Herzensgut, anständig und ehrlich. Einem Menschen, dem sie vertrauen konnte. Sie blickte Entaro in dem schwachen Mondschein abwartend, wie auch erwartungsvoll an, während sie ihre Finger beinahe krampfhaft ineinander verschlungen hatte. Sie gedachte seiner Worte von vorhin: Doch nun stehe ich vor euch und ihr seid… wunderschön... Sie musste schlucken, denn sie verspürte einen dicken Kloß im Hals. Schließlich tat sie einen zögerlichen Schritt auf ihn zu, und nun standen sie so nahe voreinander. Isaés Herz schlug ein wenig schneller und sie sagte "Entaro... Ich fühle mich dir so... verbunden... Ich kann es mir nicht erklären, denn wir kennen uns ja kaum. Doch beinahe erscheint es mir, als hätte uns das Schicksal zueinander geführt..." Und während sie ihm tief in die Augen blickte, hob sie ihre Hand, so, wie sie es zuvor in der Schankstube getan hatte, als sie ihm einen Aschefleck weggewischt hatte. Doch nun gab es nichts mehr wegzuwischen. Stattdessen fuhr sie sachte mit der Außenseite ihres Zeigefingers über seine Wange, und strich durch seinen Bart...
#16
Die Macht der Versuchung ❖
drache-beinahe instinktiv zog Entaro, für einen Augenblick, das Schwert zurück. »Aber Bernstein kann brennen. Warum suchen die Götter Schutz in etwas so leicht Zerstörbarem? Warum suchten sie nicht Schutz in etwas Beständigerem?« Sein Blick verriet kaum seine wahren Gedanken, doch starrte er sie einfach nur, nachdenklich und prüfend, an. »Habt ihr schon einmal Bernstein verbrannt?«, fragte er, beinahe forsch, während er sein Schwert wieder in die Scheide schob. Natürlich wusste er davon. Es gab Rituale in den Tempeln der Akadier, in welchen Bernstein verbrannt wurde. Doch die Bernsteine Daereans waren eine andere Geschichte. Und kein Akadier würde es wagen diese zu verbrennen. »Wisst ihr, die Wege der Götter sind unergründlich, doch weiß ich Dinge, die ihr nicht wisst. Aber dies sind nur Essenzen. Funken ihrer göttlichen Seele. Und wer kann schon all den Bernstein dieser Welt zugleich verbrennen?«, hob er fragend an und runzelte dabei seine linke Augenbraue.

Während sie so sprachen, da hatte Entaro sich langsam von seinem schweren Kettenhemd, sowie dem Schwert und auch den Stiefeln befreit. Zwar war die Frage, wo er diese Nacht noch schlafen würde nicht wirklich geklärt, doch da Isaé die Tür von innen versperrt hatte, und er ohnehin schon sehr müde war, erhob er keine Einwände. Es war nicht sehr kalt in der Kammer und vielleicht konnte man dem Wirt zur Not noch eine zweite Decke ableiern. Allenfalls würde Entaro auch auf dem Boden schlafen und seinen Mantel als Kopfstütze verwenden. Alles war besser, als in der beengenden Scheune neben dem Drachen zu liegen und von ihm, im Schlaf, erstickt oder gar zerquetscht zu werden. Auch wenn Entaro hierfür mit dem harten Dielenboden dieser bäuerlichen Schenke vorliebnehmen musste. Für einen kurzen Moment glitten seine Gedanken zu der Witwe Greta, welche ihm das Bett ihres Gemahls angeboten hatte. Fast schon bereute er seine Entscheidung, dieses Angebot ausgeschlagen zu haben, wenn man in Betracht zog, dass dieses Bett sicher mit weichen Daunen gefüllt war, oder zumindest mit Stroh. Doch der Preis für dieses Bett erschien Entaro dann doch zu hoch, so dass der Holzboden, zumindest diese Nacht, ausreichen musste.

Und so stand Entaro nun vor Isaé. Bar jeder Waffe und jedes Schutzes, welchen ihm die Rüstung sonst gewährte. Fast schon kam er sich ein wenig schutzlos vor, doch schüttelte er innerlich den Kopf. Isaé war keine Bedrohung, auch wenn sie hier in Unterwäsche vor ihm stand und noch immer keine Anstalten gemacht hatte, sich wenigstens mit der Decke zu bedecken. Die anfängliche Scheu und auch das zurückhaltende peinliche Etwas, welches im Raum gestanden hatte, verflüchtigte sich langsam. Fast so, als ob er sich langsam daran gewöhnen würde, sie so zu sehen. Auch wenn es nach wie vor befremdlich war, da er noch nie eine Frau in ihrem Unterkleid gesehen hatte und es auch noch immer unschicklich war sie so zu sehen oder sie gar anzustarren. So kam es Entaro dann etwas gelegen, dass sich Isaé auf die Bettkante setzte und so die Blicke von ihrer unverhüllten Gestalt ablenkte. Entaro zog es vor zu stehen, denn dies wäre wohl wahrlich die Krönung der Unschicklichkeit gewesen, sich auch noch neben sie auf das Bett zu setzen. Und da es ohnehin keinen Stuhl in der Kammer gab, blieb ihm ohnehin nichts anderes übrig, wenn er nicht im Schneidersitz auf dem Boden die Zeit verbringen wollte. Isaé indes begann damit ihm einen kleinen Einblick in ihre Vergangenheit zu gewähren und je weiter ihre Geschichte vorankam, desto schwermütiger wurde Entaro ums Herz. »Ja, die Pest ist eine schreckliche Geißel. Ich selbst habe zwar nur von ihr gehört, und sie niemals selbst erlebt, doch hörte ich, dass sie eine grausame Krankheit ist. Welche Sünde jene begangen haben mussten, um mit einer derartigen Strafe bedacht zu werden, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen.« Doch mit diesen Worten schien er wohl einen Nerv getroffen zu haben, als Isaé ihn für einem Moment ein wenig befremdlich ansah. Und so hob er sogleich abwehrend die Hände in die Höhe. »Ich ... vergebt mir... Ich meine vergib mir...« Er schüttelte ein wenig genervt den Kopf und schalt sich selbst einen Narren. »Ich wollte damit nicht andeuten, dass die Menschen deines Dorfes ein sündiges Leben geführt hätten, oder gar den Tod verdient hätten...« Entaro kam ins Stottern und biss sich auf die Lippen. Jedes weitere Wort würde alles ohnehin nur noch schlimmer machen! Also rieb er sich seine Augenlider und versuchte seine Gedanken zu ordnen, was ihm nur schwerlich gelang. Sein Geist war aufgewühlt und er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, ohne davon noch verwirrter zu werden. »Es muss der Wein sein...«, murmelte er mehr zu sich selbst und strich sich dann die Haare aus dem Gesicht, während er tief Luft holte, in der Hoffnung so ein wenig mehr zu klarem Verstand zu kommen.

Als Isaé schlussendlich mit ihrer Geschichte am Ende angelangt war und sich wieder erhoben hatte, da kam Entaro nicht umhin ihr tröstend die Hand auf den Oberarm zu legen. Er wollte ihr tröstende Worte sagen, doch fand er keine die nicht er passend befand. Ihre Eltern waren schon lange tot. Ihr nun zu dem Verlust ihrer Eltern sei Beileid auszusprechen kam ihm irgendwie lächerlich vor. Also schwieg er nur und vielleicht war diese einfache und unscheinbare Geste ja Trost genug für die junge Frau. »Entaro... Ich fühle mich dir so... verbunden... Ich kann es mir nicht erklären, denn wir kennen uns ja kaum. Doch beinahe erscheint es mir, als hätte uns das Schicksal zueinander geführt...« Da lächele Entaro ehrlich und sanftmütig. »Wohl wahr. Wer weiß was wäre, wenn wir nicht einander begegnet wären. Nenne es Schicksal, wenn du willst. Aber vielleicht war es auch einfach nur Daereans Wille?« Ob es nun sein Wille gewesen war sie zueinander zu führen, damit sie ihren Glauben wieder fand, oder ob es einen anderen Grund gab, dass sprach Entaro nicht aus, sondern behielt es für sich. Erneut lächelte er sie sanft an, während er unterbewusst seine Hand, die er ihr tröstend auf die Schulter gelegt hatte, an ihrem Arm hinab gleiten ließ, bis sich ihre Finger einander berührten. Aber kurz darauf entzog sich Isaé seiner Hand und erhob diese zu seinem Gesicht an, um ihm eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Beinahe schien es, als ob ihre Finger auf eine Entdeckungsreise gingen, um sein Gesicht zu erkunden, bis diese sich in seinem Bart verloren. Doch Isaés Tat war nicht ohne Folgen geblieben. Ein unbändiges warmes Gefühl hatte sich dort ausgebreitet, wo sie ihn berührt hatte und Entaro schloss nur die Augen, während er innerlich bebte und mit sich rang.

Entaro fühlte sich in diesem Moment so fehl am Platz, wie nie zuvor. Und zugleich fühlte sich dies so richtig an. Doch hing sein Gelübde über ihm, wie ein drohendes Damoklesschwert und so legte er seine Hand um ihr Handgelenk, um ihre Finger sanft von sich zu schieben. »Isaé ...«, hob er an, doch erneut verlor er die Worte. Fast so, als ob man sie ihm aus dem Geist gewischt hätte. Sein Herz hämmerte förmlich in seiner Brust, während sein Verstand sich regelrecht dagegen auflehnte. »Ich... Bitte versteh mich nicht falsch...« Man sah Entaro förmlich an, wie er mit den Worten rang, während er noch immer Isaés Hand hielt, obwohl er sie schon längst hätte loslassen können. Alles schien sich in jenem Moment gegen ihn zu verschwören. Beinahe so, als ob finstere Stimmen ihm begehrliche Worte ins Ohr flüstern würden. Der Raum war so klein und auch das Bett. Isaé sah ihn mit großen Augen an und stand im Nachthemd vor ihm, was man beinahe schon als unbekleidet bezeichnen konnte, und er stand vor ihr mit einem wild schlagenden Herz und begehrlichen Gedanken. Ihr Duft stieg ihm in die Nase und schienen seine Sinne zu benebeln, wobei der Rausch des Feuermohns, welchen er dem Wein zuschrieb, sein Übriges tat. War dies eine Prüfung Daereans, oder vielleicht doch nur das Schicksal, welches ihm in Versuchung führte?

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