Auf Messers Schneide ❖
22.11.2025 '20:22 [4.695 Wörter]
 esignierend lauschte Isaé Entaros Worten „Ich denke, die Zeit für einen erholsamen Schlaf wird kommen“, sagte Entaro. „Doch vermutlich nicht allzu bald. Aber wenn alle Stricke reißen... Mirou hat sicher ein geeignetes Mittel. Du bist nicht die erste und nicht die einzige mit derartigen Problemen.“ Dieser Satz traf sie dort, wo es wehtat. ‚Ein geeignetes Mittel‘. Ihr Körper wusste sofort, welches Mittel er wollte. Feuermohn. Eine Pfeife, nur eine einzige! Tief einziehen und dann nichts mehr spüren. Keine Bilder, keine Stimmen, kein Zittern, keine Kopfschmerzen, keine Unruhe. Nur Schlaf. Gnädiger, tiefer Schlaf. Sie sah kurz an Entaro vorbei, nicht weg und nicht zu ihm hin, einfach irgendwohin, um den Drang zu unterdrücken, sich vor ihm auf die Knie zu werfen und ihn um ein Kügelchen Feuermohnopium zu bitten. Der fünfte Tag war angebrochen. Erst fünf Tage. Und ihr ganzer Körper schrie, dass es mit einer Pfeife erledigt wäre. Nur eine. So hatte es damals auch begonnen, nach Köllesberg. Nach dem Rauch und dem Gestank verbrannter Häuser, verbrannter Leichen. Nach den Gesichtern ihrer Eltern, oder vielmehr das, was von ihnen übrig geblieben war. Nach Aduan. Nach den Nächten, in denen sie nicht mehr wusste, ob sie wach war oder schlief, weil die Bilder immer wiederkamen, egal ob ihre Augen geöffnet waren, oder zu. Ein Händler am Weg. Ein kleines rotes Päckchen. ‚Davon schläfst du wie ein Kind.‘ Und zum ersten Mal seit Wochen war Stille in ihrem Kopf gewesen. Sie hatte nicht geahnt, wie hoch der Preis dafür sein würde, den sie dafür bezahlt hatte. Und jetzt stand sie wieder hier, müde bis in die Knochen, die Hände noch nicht ganz ruhig, und alles in ihr wollte zurück zu dieser Ruhe von damals. Aber sie wusste auch, dass fünf Tage keine Kleinigkeit waren, und dass sie dann wieder von vorn beginnen würde müssen. Und das konnte sie gerade am allerwenigsten brauchen. Diese eine Berührung war alles, was sie davon abhielt, in diesem Moment den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie spürte seine Wärme an ihrer Schulter und trotzdem war es ein schwacher Trost, kaum mehr als ein brüchiges Seil, an dem sie sich festhielt. Sie wollte mehr. Nicht aus einer Laune heraus, nicht aus irgendeinem törichten Wunsch nach Ablenkung, sondern weil seine Nähe ihr seit jener Nacht anders begegnete. Seit der Nacht, in der sie halb aufeinander, halb nebeneinander gelegen hatten, berauscht vom Feuermohn, um den Fluch des Schwarzsehers zu lösen. Seitdem hatte sie ihn angesehen und etwas erkannt, das vermutlich schon länger da gewesen war. Der Feuermohn hatte nichts erschaffen was davor nicht dagewesen war. Er hatte ihr nur aufgezeigt, was sie davor übersehen hatte. Und das war die eigentliche Qual. Entaro berührte sie oft genug, aber immer nur beiläufig, so wie man jemanden berührt, den man schützen will, aber nicht jemanden, den man begehrt. Seine Hand auf ihrer Schulter fühlte sich gut an, besser als es sollte, aber er ließ sie nie lange dort. Und jedes Mal, wenn er sich wieder zurückzog, hinterließ er in ihr diese Leere, die sie in den letzten Tagen kaum ertrug. So wie jetzt. Er nahm seine Hand von ihrer Schulter und deutete in jene Richtung, in welcher er Kalwen wähnte. „Zeig mir den Hexenjäger.“
Mirou der Bader entschloss sich schließlich, die Wunde auszubrennen, in der Hoffnung, dass die Blutung damit endlich gestillt werden konnte. Das Eisen wurde ins Feuer geschoben, und während die Glut es langsam zum Glühen brachte, positionierten sich zwei Männer links und rechts von Kalwen, hielten ihn an den Schultern und den Oberarmen fest, mehr aus Vorsicht, denn er war ohnehin kaum bei Bewusstsein und lag blass und schlapp auf seiner Lagerstatt. Isaé stand daneben, die Hände ineinander verschränkt, bemüht, Ruhe zu bewahren, obwohl ihr Magen sich längst angespannt hatte. Sie hatte schon viele Verletzungen gesehen, aber das hier fühlte sich anders an und sie wusste schon jetzt, dass sie diesen Anblick nicht so leicht wieder abschütteln würde. Es sei denn natürlich, sie sah einfach weg. Als das Eisen aus dem Feuer geholt wurde, flimmerte die Luft über dem glühenden Haken, und ein dumpfer, metallischer Geruch legte sich über den Ort. Nach anfänglichen Protesten stimmte Kalwen dann schließlich doch zu, vermutlich war auch in ihm ein Keim der Hoffnung auf Besserung seines Zustandes. Dann näherte sich seine Hand dem glühenden Eisen und Isaé wandte den Blick ab. Seine Finger schlossen sich um den Haken, und im selben Augenblick brannte sich das Eisen in sein Fleisch, als würde es dort festwachsen. Ein ersticktes, entsetztes Lauten brach aus ihm hervor, das sich in wenigen Herzschlägen zu einem verzweifelten Schmerzensschrei steigerte, der jedem durch Mark und Bein ging. Isaé zuckte zusammen, von diesem Laut der aus tiefstem Schmerz geboren war, und wusste noch gar nicht, was passiert war. Kalwen schrie um Hilfe, und dass er seine Hand nicht mehr von dem Eisen losbekam. Die Männer versuchten, seinen Arm von dem Haken zu lösen, doch seine Hand klebte förmlich an dem Eisen, und die Bewegung riss nur weiteres verbranntes Gewebe mit sich. Kalwen wand sich und er flehte um Hilfe, ohne jetzt noch klar sprechen zu können. Isaé fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, und obwohl sie stehen blieb, merkte sie, dass ihre Knie nachgaben, denn dieses Grauen überforderte sie. Dann handelte einer der Akadier. Ohne zu zögern packte er den vorbereiteten Eimer Wasser und kippte ihn mit einem Ruck über Kalwens Hand und das Eisen. Wasser, Dampf und dann ein ersticktes Zischen. Kalwen sog die Luft ein, ein letztes Aufbäumen, bevor sein Körper erschlaffte. „Er verliert das Bewusstsein!“ rief Mirou. Isaé atmete ein, ohne wirklich einzuatmen. Denn der beißende Geruch von verbranntem Fleisch und des nassen, abgekühlten Metalls lag in der Luft, und sie musste den Blick kurz senken, weil es ihr einen Stich versetzte. Kalwen lag nun bewusstlos da, der Atem flach, die Hand grotesk verbrannt, und es war schwer zu vergessen, wie sehr er eben noch um Hilfe gerufen hatte. Mirou verlor keine Zeit. Er untersuchte die verbrannte Hand und die ursprüngliche Wunde, die nun tatsächlich aufgehört hatte zu bluten. Mit ruhigen, geübten Bewegungen reinigte er die verbrannten Stellen, schnitt verkohltes Gewebe weg, bedeckte das Fleisch mit einer Heilsalbe und legte frische, saubere Binden an. Seine Hände zitterten nicht, doch Isaé bemerkte, dass er tiefer atmete als sonst, als müsste er selbst das Grauen abschütteln. Sie blieb an Ort und Stelle, zwang sich, durchzuhalten, auch wenn ihr Körper deutlich machte, dass er sich nun am liebsten übergeben wollte. Als Mirou schließlich fertig war und die Verbände fest saßen, richtete er sich auf, strich sich mit dem Unterarm über die Stirn und sah Isaé an. Sein Blick war ruhig, fast nüchtern, nicht kalt, aber konzentriert auf das, was jetzt getan werden musste. „Sorgt dafür, dass er nicht friert. Er muss flach liegen. Und wenn er wieder aufwacht, soll er viel trinken. Gebt ihm aufgebrühte Melisse und Weißdorn. Für die Schmerzen etwas Weidenrinde und im schlimmsten Fall etwas von dem Opium.“ Er sagte es eher beiläufig und ganz sicherlich war es nicht böse gemeint. Aber bei Isaé traf es einen Punkt. Weil er es sagte, als wäre es selbstverständlich, dass sie nun die Pflege übernahm. Vielleicht, weil sie für ihn gebürgt hatte? Sie hob den Kopf. „Wieso gebt ihr es ihm nicht?“, fragte sie ohne Umschweife. Der Bader wirkte überrascht „Ich habe selbst mehrere Verwundete drüben. Ich kann nicht bei ihm bleiben.“ „Dann organisiert jemanden, der euch hilft“, fauchte sie. Mirou lächelte sie milde an. „Das habe ich doch eben getan.“ Isaé schüttelte den Kopf. „Es ist eure Aufgabe, euch um die Verletzten zu kümmern. Nicht meine.“ Ser Tarvain, den das Geschrei wie viele andere Männer ebenfalls angelockt hatte, verengte leicht die Augen, blieb aber still. Der Bader antwortete ihr ruhig. „Ihr habt offenkundig mehr Erfahrung mit Kräutern als jeder andere hier. Das habe ich doch gesehen, als ihr Volaire das Opium verabreicht habt, als er nicht mehr bei Bewusstsein war.“ Er kicherte bei diesen Worten, was Isaé noch mehr aus der Fassung brachte. Doch jegliche Worte blieben ihr im Halse stecken. „Es wäre vernünftig, wenn ihr euch kümmert, bis er wieder zu sich kommt, denn…“ „Vernünftig wäre, wenn ihr euren Dienst tut“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Ihr seid der Bader. Und ich keine Badergehilfin. Ihr seid verantwortlich. Wenn er Hilfe braucht, seid ihr gefordert. Ich bin nicht hier, um eure Arbeit zu erledigen.“ Ein kurzer Moment angespannter Stille.
Der Bader atmete durch. „Ich lasse jemanden holen, sobald einer frei wird. Bis dahin muss er warmgehalten werden und flach liegen. Dafür brauche ich euch.“ Doch so leicht ließ sie sich nicht abspeisen. „Ihr braucht mich nicht. Ihr wollt es euch leicht machen“, sagte sie. Der Bader wich ihrem Blick nicht aus. „Ich mache es mir nicht leicht. Aber ich kann mich nicht zerteilen.“„Dann teilt eure Arbeit besser ein.“ Jetzt trat Ser Tarvain einen Schritt vor. „Frau Isaé“, sagte er ruhig. „Kein Wort mehr.“ Isaé atmete schnaubend aus. „In Ordnung. Ich bleibe bei ihm“, sagte sie schließlich. Mirou ging. Tarvain blieb einen Moment, blickte sie abwartend an, sagte aber nichts und wandte sich dann ebenfalls ab und ging davon. Isaé stand da, die Nerven blank und ihr Blick fiel auf zwei der Soldaten, die noch dastand. „Ihr habt gehört, was der Bader gesagt hat. Er darf nicht auskühlen. Schürt ein Feuer an, und holt noch ein paar Decken.“ Dann fügte sie noch ein leises „Bitte“ hinzu. Sie hatte ihre Selbstbeherrschung wieder erlangt. Doch die Verantwortung, die sie nicht wollte, lag nun trotzdem in ihren Händen. Sie hatte für Kalwen gebürgt. Anscheinend degradierte sie dieser Umstand nun noch zu seiner Amme.
Isaé saß am Lager, so still wie sie es vermochte. Das Feuer warf einen leuchtenden Schein über Kalwens Gesicht, der Rest seines Körpers war in einige Wolldecken gewickelt. Das Wasser das man über seine Hand geschüttet hatte, hatte auch seinen Oberkörper durchnässt. Aber dass sie ihn nun noch von seiner Kleidung befreite, das konnte niemand von ihr verlangen. So nahe am Feuer war es warm genug, dass er unter den vielen Decken auf keinen frieren würde. Seine Brust hob und senkte sich flach. Die Verbände an der Hand waren grob gewickelt, an einer Stelle ein wenig durchgeblutet. Es roch nach harzigem Holz und es kam Isaé so vor, als hinge der Gestank des verbrannten Fleisches immer noch über der Stelle. Aber vielleicht bildetet sie sich das nur ein. Sie hatte die Knie angezogen und ihre Arme darauf abgestützt. Der Kopf lag darauf, doch jedes Geräusch brachte sie wieder hoch. Die Müdigkeit lag schwer auf ihr, aber sie wich nicht vom Platz. Sie wartete darauf, dass er wieder in diese Welt zurückfand, und fürchtete sich gleichzeitig genau vor diesem Moment. Es dauerte lange, bis Kalwen sich rührte. Erst ein kaum sichtbares Zittern im Arm, dann ein angespannter Atemzug, als würde er gegen etwas Unsichtbares ankämpfen. Isaé richtete sich sofort auf. Ihr Atem hielt kurz inne. Kalwen öffnete die Augen. Nur einen schmalen Schlitz. Seine Stirn zog sich zusammen. Seine Verwirrung war ihm deutlich anzusehen. Er versuchte, den Kopf ein Stück zu heben, doch seine Kraft reichte nicht. „Kalwen“, sagte Isaé leise „Wie geht es dir? Fühlst du dich besser?“ Er blinzelte, suchte eine Richtung. Sein Blick glitt über sie hinweg, als wäre sie gar nicht da, dann wieder zurück, als würde er sie doch erkennen. „Kalt…“, murmelte er heiser. Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Isaé beugte sich vor, zog die Decken höher und legte sie ihm über die Schultern, bis an sein Kinn. Ihre Hand schwebte einen Moment lang über seiner Stirn, bevor sie sich entschied, sie doch aufzulegen. Seine Haut war heiß, fiebrig und verschwitzt. „Du bist ohnmächtig geworden“, sagte sie ruhig. „Bleib liegen, beweg dich nicht.“ Kalwen schloss für einen Moment die Augen, dann öffnete er sie wieder, und sein Kopf drehte sich zur Seite. „Die Hand…“ Seine Finger zuckten, als wollte er nach dem Verband greifen. Isaé hielt seine unverletzte Hand sanft aber bestimmt fest. „Fass sie nicht an. Der Bader hat sie versorgt. Wir machen später den Verband neu.“ Ein kläglicher Laut entwich ihm, halb Schmerz, halb Erschöpfung. Dann sanken seine Schultern zurück. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich dort saß. „Bleibst du…?“, fragte er stockend, mehr instinktiv als bewusst. Isaé nickte. „Ja. Ich bin hier. Ich bleibe.“ Ein mattes Lächeln glitt über seine Züge.
Isaé erhob sich, als Kalwen endlich tiefer zu schlafen schien. Sein Atem war gleichmäßig genug, dass er für ein paar Stunden Ruhe finden konnte. Sie trat leise von dem Lager weg und atmete die kühle Luft ein. Es war schon Nachmittag, und das Vorhaben, die Männer zu Ardeth zu führen, hatte sich nach diesem Ereignis zumindest für heute in Luft aufgelöst. Stimmen klangen gedämpft über den Platz, Metall klirrte irgendwo, und irgendwo im Hintergrund roch es nach Suppe oder Eintopf, die über dem Feuer simmerte. Isaé brauchte Abstand. Nicht nur von Kalwens fiebernder Verwirrung, sondern auch von der Enge dieses Platzes. Die Müdigkeit nagte an ihr. Ein Teil von ihr wollte Entaro suchen, weil er der einzige war, bei dem sie sich wohlfühlte. Der andere Teil wollte sich einfach zu irgendjemandem setzen, der nicht wirkte als würde er halb im Sterben liegen. Sie wusste nicht, was sie zuerst wollte, und das machte es nicht leichter. So ging sie ziellos durch das Lager, machte ein paar Schritte, als sie hinter sich jemanden hörte. Ser Tarvain kam auf sie zu. Isaé blieb stehen, obwohl sie eigentlich weitergehen wollte. Er blieb wenige Schritte entfernt stehen, dann sagte er „Ihr habt den Bader angefahren“, sagte er ruhig. Isaé presste die Lippen zusammen. „Er hat seine Arbeit auf mich abgewälzt.“ „Er hat seine Arbeit verteilt“, erwiderte Tarvain. „Das ist in einem Feldlager nicht unüblich. Dennoch klang es, als würdet ihr ihm Pflichtvergessenheit vorwerfen.“ „Vielleicht war das so.“ Isaé spürte sofort, wie sich wieder Wut in ihr regte, doch sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. „Er ist der Bader. Es ist seine Verantwortung, sich um die Verwundeten zu kümmern. Ich bin nicht dazu da, seine Aufgaben zu übernehmen.“ Tarvain sah sie einen Moment schweigend an. „Ihr seid angespannt. Ich verstehe das. Aber ein Streit im Lager ist im Moment das Letzte, was wir brauchen können. Die Männer beobachten alles. Ein Streit kann alles aus dem Gleichgewicht bringen. etwas kippt.“ Isaé zuckte die Schultern „Dann sollen sie wegsehen. Ich habe lediglich Grenzen gesetzt. Ich war nicht unfreundlich.“ „Ihr habt reagiert wie jemand, der Angst hat“, sagte Tarvain. „Ihr habt auf das Wort Opium so reagiert, dass es schwer zu übersehen war.“ Isaé erstarrte. Für einen Atemzug war sie einfach nur still, weil sie wusste, wie er das meinte. „Ihr glaubt, ich werde rückfällig“, sagte sie leise. „Ich glaube, dass fünf Tage keine Sicherheit bieten“, antwortete er. „Und ich glaube, dass ihr euch selbst überschätzt, wenn ihr meint, ihr wärt über den Berg. Ihr seid stark. Aber ihr seid nicht unverwundbar. Und ich glaube, wenn man euch damit betraut, dem Hexenjäger Feuermohnopium zu verabreichen, dann glaube ich, dass ihr fallen werdet.“ Ein Funken Wut flammte in ihr auf. Sie wusste nicht, warum er es stets schaffte sie aus der Reserve zu locken. Seit sie in den Grenzlanden war, erkannte sie sich kaum wieder. „Ich kämpfe dagegen an, weil ich es will. Nicht, weil jemand mir Vorschriften macht. Und wenn ich eines Tages wieder falle, dann ist das meine Sache, nicht die Eure.“ Er verzog keine Miene. Tarvain sah sie einen Moment lang an, als würde er abwägen, was er als nächstes sagen sollte. Dann antwortete er ruhig. „Es ist euer Bier, ja. Aber euer Absturz trifft nicht nur euch. Wenn ihr im falschen Moment versagt, sterben Menschen. Also ja, ich mische mich ein. Nicht in euer Leben. Ich sorge lediglich dafür dass unser Vorhaben nicht scheitert.“ Er verschränkte die Arme. „Ihr tragt Verantwortung. Dann tragt sie auch, wenn es unbequem wird. Fünf Tage sind ein Anfang, mehr nicht. Und ich erwarte, dass ihr diesen Anfang nicht wegwerft, wenn es brenzlig wird.“ Ich kann euch nicht zwingen. Aber ich verlasse mich auf euch. Und das solltet ihr ernst nehmen.“ Isaé wandte sich ab, nur ein Stück, als müsste sie den Blick auf etwas anderes richten, um sich nicht weiter in Rage zu reden. „Ihr habt keine Ahnung, was das alles mit mir macht. Ihr redet nur von Absturz. Ich sage, mein Gemüt war solider und ruhiger, als ich noch Feuermohn geraucht habe.“ „Ich rede nicht von eurem Gemüt, Frau Isaé. Ich rede von der Stimmung des Lagers“, erwiderte Tarvain ruhig. „Und von dem, was als Nächstes zu tun ist.“ Sie drehte sich wieder zu ihm. „Was meint ihr damit?“ Ser Tarvain sah drein, als würde es ihm nicht leichtfallen, aber er wich dem Thema nicht aus. „Kalwen wird für lange Zeit nicht einsatzfähig sein. Vielleicht für Wochen. Vielleicht länger. Eine ausgebrannte Hand heilt nicht schnell. Und ein Mann mit einer solchen Verletzung ist im Gefecht keine Hilfe. Zumal er bislang ohnehin nicht wirklich hilfreich war. Sieht man einmal davon ab, dass er geholfen hat, Männer zu exhumieren, die ohnehin er unter die Erde gebracht hat.“ Isaé blickte ihn fragend an „Was wollt ihr damit sagen?“ „Er ist ein Mann, der seine Hand nicht mehr richtig gebrauchen kann“, sagte Tarvain ruhig. „Ich sage nicht, dass wir ihn aufgeben. Aber wir müssen überlegen, wie es weitergeht. Ob wir ihn mitschleppen können. Ob er Gefahr läuft, uns eher zu behindern als zu helfen.“ Isaé machte einen Schritt auf ihn zu. „Ihr habt ihn dazu geholt. Ihr wolltet offenbar einen zweiten Hexenjäger. Und jetzt hat er keinen Wert mehr für euch, weil er verletzt wurde? “ „Um ehrlich zu sein, Frau Isaé, ich erkenne an ihm schon längst keinen Wert. Und jetzt erkenne ich seinen Zustand“, entgegnete Tarvain. „Und ich erkenne, dass wir Entscheidungen treffen müssen, die nicht nach Wohlwollen gehen.“ „Wohlwollen“, wiederholte Isaé, und der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde unergründlich. „Ihr wollt ihn fallen lassen. Er ist euch nur wertvoll, wenn er nützlich ist.“ „Das ist Krieg“, sagte Tarvain. „Und ich erwarte auch von euch, dass ihr mit klarem Kopf handelt. Er ist keiner von uns. Er ist kein Akadier und er gehört nicht meinem Tross oder meinen Kriegern an. Er genießt mein Vertrauen nicht und er war bisher alles andere als nützlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit zur Entscheidung gekommen.“ „Ich habe erst mit meinem Leben für ihn gebürgt. Ich werde ihn jetzt nicht aufgeben.“ Tarvain nickte. „Niemand hat euch dazu gezwungen, euch für ihn zu verbürgen. Ohnehin war das eine törichte Entscheidung, wenn ihr mich fragt. Ohne euren Edelmut stünden wir jetzt nicht vor dieser Entscheidung. Und ich habe nicht gesagt, dass ihr ihn aufgeben müsst.“ Isaé verschränkte die Arme. „Nun, wenn das so ist, dann werdet ihr wohl oder übel künftig auf mich verzichten müssen. Ihr wollt ihn loswerden, erwartet aber nicht, dass ich ihn aufgebe?“ Tarvain mahlte mit seinem Kiefer und die Hexenjägerin sah einen Riss in seiner sonst so vollständigen Beherrschung. Als er sprach, klang die Ruhe in seiner Stimme angespannt, als drohe er die Beherrschung zu verlieren. „Ihr verdreht meine Worte, Isaé.“ Ein gereizter Unterton schwang darin mit. „Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn loswerden will. Ich habe gesagt, dass er uns aufhält und dass wir eine Entscheidung treffen müssen. Das ist ein Unterschied. Und zwar ein entscheidender.“ Isaé hob das Kinn leicht. „Was genau meint ihr denn damit, Ser Tarvain? Wenn ihr sagt, wir müssen eine Entscheidung treffen. Und dass er den ganzen Tross gefährden kann. Was ist das für eine Entscheidung?“ Ser Tarvain atmete einmal durch. „Ich meine, dass wir entscheiden müssen, ob wir ihn weiter mitnehmen können oder nicht.“ Er ließ den Satz einen Moment stehen, dann sprach er weiter „Ein Mann, der nicht laufen kann, ist in unserem Fall nicht nur schwach. Er ist ein Risiko. Wir sind in feindlichem Gebiet, Isaé. Ich wäre ein schlechter Anführer, wenn ich nicht aussprechen würde, was jeder andere ebenfalls sieht und keiner sagt. Ihr stellt mich hin, als würde ich von euch verlangen, ihn zu verraten. Das tue ich nicht. Ich erwarte nur, dass ihr versteht, was auf dem Spiel steht. Jeder weitere Kilometer mit einem Mann, dessen Leben am seidenen Faden hängt, kann uns alle das Leben kosten. Habt ihr Ardeth vergessen?“ „Wir haben mehrere Verletzte im Tross, wieso lassen wir die nicht auch zurück?“ erwiderte sie provokant. Er machte einen Schritt auf sie zu, nicht bedrohlich, aber so, dass es verriet, dass er genug hatte. „Weil sie nicht halb tot sind! Weil sie trotzdem noch kämpfen können und es auch tun! Weil es meine Männer sind, für die ich einen Schwur geleistet habe. Nichts davon trifft auf Kalwen von Niefurth zu!“ Seine Stimme war jetzt sehr laut geworden. „Ich verstehe eure Beweggründe. Ihr empfindet Mitleid für ihn. Darum habt ihr für ihn gebürgt. Aber ich will euch daran erinnern: Wir haben einen Vertrag, Frau Isaé. Und ich verlange, dass ihr euch an diesen Vertrag haltet. Mit eurer Unterschrift habt ihr euch zur Treue verpflichtet. Und nicht einem dahergelaufenen Hexenjäger. Ihr seid, im Gegensatz zu ihm, unentbehrlich! Das wisst ihr! Ich verlasse mich auf euch.“ Isaé schluckte. Sie war müde, sie war wund, und sie wusste, dass er Recht hatte. Und trotzdem nagte ein bitterer Geschmack an ihr, weil sie spürte, wie dünn das Eis unter ihren Füßen geworden war. Sie hatte für Kalwen gebürgt, weil sie geglaubt, ihn damit zu retten. Und hatte sich dabei unbewusst an ihn gebunden. Diese Bürgschaft hatte sich in eine Fessel verwandelt, und sie wusste nicht mehr, wer nun eigentlich die Hand am Ende der Kette hielt. „Ich weiß, wem meine Treue gilt, seit ich diesen Vertrag unterschrieben habe, Ser Tarvain. Ich habe es nicht eine Sekunde lang vergessen“, sagte sie schließlich. „Aber es fühlt sich nicht richtig an, ihn zurückzulassen. Das bin ich nicht. Das war ich nie. Könnt ihr das nicht verstehen?“ Tarvain hob seine Schultern, und ließ sie wieder fallen. „Ich verstehe euch. Aber ich muss handeln. Wir haben schon einige Männer verloren und noch nicht einen unserer drei Feinde zur Strecke gebracht. Ich bin kein Unmensch. Lasst euch etwas einfallen. Wir werden morgen Früh sehen, was wir mit ihm machen. Doch wenn sich sein Zustand bis morgen nicht gebessert hat, dann werde ich keine Milde mehr zeigen.“ Dann ließ er sie stehen. Isaé stand eine Weile allein dort. Die Kälte an diesem Nachmittag kroch ihr in die Wangen, der Lärm des Lagers wirkte weit entfernt. Sie atmete einmal tief durch. Dann entschied sie, wohin sie ging. Sie würde nicht Tarvain hinterherlaufen. Und auch nicht zurück zu Kalwen. Sie ging dorthin, wo sie wusste, dass ihr jemand zuhören würde, ohne sie zu verurteilen. Sie suchte Entaro.
Isaé fand Entaro inmitten des Lagers. Als sie auf ihn zuging, sah er sofort an ihrem Gesichtsausdruck, dass etwas nicht stimmte. Sie blieb nur einen Schritt vor ihm stehen und atmete einmal hart aus. Sie erklärte ihm, was vorgefallen war und was in der Unterredung zwischen Tarvain und ihr an Worten ausgetauscht worden war. „Ich brauche das Opium“, sagte sie ohne Umschweife. “Kalwen hält die Nacht sonst nicht durch. Ser Tarvain hat deutlich gemacht, was passiert, wenn er morgen nicht halbwegs am Damm ist.’ Entaro schwieg zunächst. Sein Blick war ruhig, aber Isaé spürte, was dieses Schweigen möglicherweise bedeuten mochte. Dann sagte er leise „Und du?“ Sie blinzelte, ein wenig gereizt. „Ich werde es nicht nehmen.“ „Bist du dir sicher?“ Sie presste die Lippen zusammen. Ein Windstoß erfasste sie beide, bevor sie eine Antwort gab. “Ja” stieß sie hervor. Er nickte. Dann holte er die Dose mit dem Opium hervor und hielt sie ihr hin. Isaé fühlte sich in diesem Moment, als würde man sie nackt durch eine Großstadt peitschen. Ihre Hände umschlossen vorsichtig die Dose, dabei hielt sie Entaros Blick fest. “Danke. Ich weiß, dass du mir vertraust. Und ich werde dein Vertrauen niemals enttäuschen, das verspreche ich dir” flüsterte sie. Bevor sie sich abwandte, zögerte sie. „Komm mit mir, bitte“, fügte sie hinzu. „Ich will das nicht alleine machen.“ Da hob Entaro den Kopf und nickte. Gemeinsam gingen sie zurück zu Kalwen. Der lag mittlerweile unruhig, die verbrannte Hand dick eingeschlagen, die Stirn feucht glänzend. Seine Atmung war flach und zu schnell. Isaé kniete sich neben ihn, während Entaro sich an das Lagerfeuer setzte. Isaé bereitete die Pfeife mit gewohnter Routine vor. Sie entzündete die Pfeife, zog ein, zweimal daran, und erst, als das Pfeifenkraut durchgeglüht war, legte sie ein halbes Opiumkügelchen, das sie zuvor mit zitternden Fingern zerbrochen hatte, auf die Glut. Der süßlich schwere Geruch stieg sofort in ihre Nase. Ein Stich der Begierde fuhr ihr durch den Bauch, vertraut und unter diesen Umständen verhasst. Entaro schien es zu bemerken. Er sagte jedoch nichts, doch er setzte sich so, dass sein Arm Isaé beinahe berührte, knapp genug, dass sie seine Nähe spürte, die ihr Sicherheit vermitteln würde. “Betrachten wir es als Prüfung meiner Willensstärke, hm? murmelte sie, und verzog ihre Lippen zu einem zaghaften Lächeln. “Halte ihn bitte aufrecht, damit er es besser inhalieren kann.“ Sie hielt die Pfeife vor Kalwens Lippen, dann schon die sie dazwischen. “Kalwen. Diese Pfeife wird die helfen. Sie wird dir deine Schmerzen nehmen. Sie wird dir zur Entspannung helfen und zu heilsamen Schlaf. Du musst wieder auf die Beine kommen, hörst du? Wozu habe ich sonst für dich gebürgt?” Er murmelte irgendetwas, ein schmerzerfüllter Laut, dann sog er instinktiv ein, als hätte sein Körper nur darauf gewartet. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Wirkung einsetzte. Kalwens Atem verlangsamte sich. Seine Augenlider flatterten. Sein ganzer Körper entspannte sich, doch der Feuermohn, das wusste inzwischen jeder, trug seine eigene Handschrift. Die Hitze kroch unter seine Haut, ließ seinen Puls steigen und jede Hemmung verschwinden. „Isaé…?“ flüsterte er, halb im Delirium, halb wach. „Du riechst warm.“ Isaé starrte ins Feuer „Was redest du? Das ist das Feuer.“ Kalwen versuchte sich aufzurichten doch Entaro legte ihm eine Hand auf die Brust, um ihn ruhig zu halten. „Bleib liegen.“ Aber Kalwen begann leise zu lachen, fiebrig, fast berauscht. „Ich liege doch… ich fliege… glaube ich. Was habt ihr mir gegeben?” “Feuermohn” antwortete Isaé knapp. Und als hätte Kalwens Körper nur darauf gewartet, dieses kleine Wort zu hören, wanderte die Hitze in seinen Körper dahin, wo der Feuermohn immer am stärksten wirkte. Doch wenigstens konnte man das unter den vielen Decken nicht sehen. Kalwen grinste benommen. „Meine Hose baut ein Zelt.” Isaé errötete. „Das ist eine normale Reaktion. Mach dir deswegen keine Gedanken.” Sie wollte sich erheben, um ein wenig Abstand zu gewinnen, doch Kalwen, inzwischen fest im Griff des Feuermohns, murmelte: „Isaé, wohin gehst du? Bleib da… Du bist schön und begehrenswert. Und ich will sagen…” „Kalwen“, sagte sie scharf, „Ich schwöre dir, wenn du noch ein Wort sagst, das in diese Richtung geht, erwürge ich dich mit deiner Decke.“ Er lachte schwach. „Klingt schön.“ Sie war sich nicht sicher, ob es eine weitere schlaflose Nacht werden würde. Aber sie war nicht allein. Und das machte den Unterschied.
Kalwen lag schließlich irgendwann auch still. Der Feuermohn hatte ihn von der Last der Schmerzen und Unruhe befreit, sodass er einfach eingeschlafen war. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig. Der Feuermohn tat, was er tun sollte: Er nahm ihm den Schmerz, ließ ihn tief sinken. Aber etwas war dennoch seltsam. Isaé spürte, dass er gleichzeitig etwas in ihm berührte, das man besser unberührt gelassen hätte. Etwas, das sich in ihm festgesetzt hatte, seit er diese verfluchte Blume angefasst und sie sein Blut genommen hatte. Nichts Greifbares, nichts, das man benennen konnte. Es war nur ein Gefühl, eine vage Vermutung. Eine Unruhe, die sich ihrer bemächtigte. Vielleicht täuschte sie sich. Vielleicht war es nur das Fieber. Vielleicht auch nicht. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass er anders wirkte als er sollte. Der süßliche Feuermohngeruch hing ihr immer noch schwer in der Nase und machte alles noch verworrener. Doch als sie sich von Kalwen entfernte und sich neben Entaro setzte, da wurde alles ein wenig leichter. Schließlich lächelte sie ihn an und schenkte ihm einen erwartungsvollen Blick. „Ich habe es übrigens nicht vergessen, Entaro“, sagte sie leise. „Du hast mir versprochen zu erzählen, wie du zum Drachenreiter wurdest. Und ich möchte auch gern wissen, was du dir beim ersten Besuch im Haus der tausend Wünsche gewünscht hast.“
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27.11.2025 '20:10 [3.199 Wörter]
 ntaro dachte über Isaés Worte nach. Worte Ser Tarvains, die sie ihm berichtet hatte. Seine Gedanken kreisten um die Geschehnisse der letzten Tage, aber alles, woran Entaro in diesem Moment denken konnte, war Isaé. Sie hatte die Dose mit dem Opium an sich genommen, um Kalwen zu helfen. Entaro vertraute ihr natürlich, doch etwas in ihrem Blick war seltsam befremdlich gewesen. Entaro beobachtete den Hexenjäger, nachdem er das Opium verabreicht bekommen hatte. Sein Blick wurde verklärter, seine Körperhaltung entspannter und seine Zunge begann sich zu lockern. Doch Entaro sah ihn nur schweigend an, bis er schließlich eingeschlafen war. Entaro wandte sich daraufhin von dem Hexenjäger ab und richtete seinen Blick der aufgehenden Sonne entgegen. Dieses Land barg viele Gefahren und seltsame, geheimnisvolle Rätsel. Mit jedem Tag, den sie hier verbrachten, fühlte sich Entaro mehr und mehr in eine Welt gezogen, die ihm völlig fremd und zugleich seltsam vertraut vorkam. Sie hatten in den wenigen Tagen, seit sie die Grenzlande betreten hatten, viele Dinge erlebt aber noch kaum etwas erreicht. Entaro konnte Ser Tarvain gut nachempfinden. Wenn er an seiner Stelle wäre, würde es ihm vermutlich ähnlich ergehen. Sie waren ausgezogen um den Feind zu Fall zu bringen. Doch jeder Schritt nach vorne, zwang sie später dazu drei Schritte zurück zu gehen. Als ob man einen unachtsamen Schritt getan hätte, und nun bis zu den Knien im Moor stecken würde. Man glaubte, es würde voran gehen. Doch in Wahrheit sank man einfach nur immer tiefer. Entaro wusste, dass sie bald einen Erfolg brauchten, da sonst die Moral der Männer darunter leiden würde.
Als Isaé an Entaro herantrat und ihm ein Lächeln schenkte, verklärten sich seine Gedanken und er erwiderte das Lächeln, wenngleich es auch nur kurz unter seinem Bart zu erahnen war. »Glaubst du, dass das Opium ihm helfen wird?« Isaé zuckte mit den Schultern. »Er schläft. Schlaf ist heilsam.«, murmelte Entaro und öffnete seine rechte Hand, welche er Isaé stumm und auffordernd entgegenhielt. Sie sah zunächst die Hand und daraufhin Entaro mit einem verwunderten, fragenden Blick an. »Ich nehme an, du brauchst die Dose nicht mehr? Soll ich sie wieder für dich verwahren?« In seiner Stimme lag keine Belehrung oder gar Vorwürfe. Letzten Endes bot er ihr nur die Gelegenheit sich der Versuchung zu entledigen, indem sie ihm die Dose wiedergab. Doch er forderte sie nicht ein. Er konnte und wollte sie nicht dazu zwingen. Und so sahen sich die beiden, eine Zeitlang schweigend an. »Ich habe es übrigens nicht vergessen, Entaro.« Der Drachenreiter sah die Hexenjägerin fragend an, da er nicht genau wusste, worauf sie hinauswollte. Und als ob sie seinen verwirrten Blick gedeutet hätte, lüftete sie das Geheimnis ihrer Worte. »Du hast mir versprochen zu erzählen, wie du zum Drachenreiter wurdest. Und ich möchte auch gern wissen, was du dir beim ersten Besuch im Haus der tausend Wünsche gewünscht hast.« Ein wissendes Lächeln, dass davon zeugte, dass er sich überrumpelt und ertappt fühlte, stahl sich auf sein Gesicht. Er warf einen prüfenden Blick über die Schulter, bevor er sich wieder Isaé zuwandte. »Dies ist nicht der richtige Ort, um darüber zu sprechen.« Die Enttäuschung war Isaé deutlich anzumerken. Doch Entaro räusperte sich. »Komm. Wir gehen ein wenig spazieren.« Er deutete in die Richtung des Lagers, welches am Hang der steilen Klippe lag, und gemeinsam machten sie sich schließlich auf den Weg dorthin. Als sie schließlich den Rand des Lagers erreicht hatten, an welchem sich niemand sonst, außer den Beiden befand, ließ Entaro sich auf den kargen Boden sinken und verschränkte seine Beine zu einem Schneidersitz und räusperte sich. »Diese beiden Dinge sind mehr miteinander verwoben, als es den Anschein hat.« Er sah Isaé eindringlich an. »Ich spreche nicht gerne darüber. Und wenn ich dir davon erzählt habe, wirst du es vielleicht auch verstehen, warum.«
Entaro zog sein Schwert aus der Scheide, da es ihn beim Sitzen behinderte, und legte es neben sich auf den Boden. »Du hast mich auch einst gefragt, ob ich jemals ein Weib hatte.«, begann Entaro schließlich. »Und ich erinnere mich, dass ich dir sagte, dass ich mich nicht mehr erinnere.« Isaé sah ihn daraufhin beinahe neugierig an, als ob sie sich schon lange eine Antwort auf diese Frage ausgemalt hätte. »In Akadien wird man nicht zum Bernsteinritter geboren. Auch nicht zum Drachenreiter. Zumindest nicht dieser Tage. Sicher gab es eine Zeit, vor hunderten Jahren, als dies noch anders war. Doch heute…« Entaro seufzte. »Der Orden der Bernsteinritter, wurde vor über hundert Jahren ins Leben gerufen. Die Aufgabe der Bernsteinritter war es, die alten Relikte, welche in alle Winkel der Welt verstreut wurden, zu finden und in die Heimat zu bringen. Doch nur wenige Bernsteinritter kehren je von ihren Reisen zurück. Viele verlieren sich, kehren der Heimat den Rücken zu und verfallen dem Bösen. Doch die meisten sterben einfach. Heute sind die Bernsteinritter mehr als nur ein Orden von Gralsrittern. Sie sind ein degenerierter und dekadenter Orden. Viele Bernsteinritter stolzieren mit dem heiligen Schwert…«, mit diesen Worten tippte Entaro auf die breite Seite seiner Klinge, auf welcher sich feine Gravuren befanden, welche einst einmal deutlich ausgeprägter wirkten. Wenn man genau hinsah, konnte man auch den Bernstein sehen, welcher in den Knauf des Schwertes eingearbeitet war. »…durch die Straßen. Suchen Bewunderung und Anhänger. Viele von ihnen waren noch nie auf Reisen. Viele von ihnen leben ein Leben in Einsamkeit.« Entaro schwieg einen Moment. »Es ist nicht die Einsamkeit der Stille und des Alleinseins. Als Bernsteinrittern ist es uns untersagt eine Frau zu nehmen. Doch niemand wird in den Orden der Bernsteinritter hineingeboren. Die meisten begeben sich in den Dienst des Ordens, weil sie sonst nichts mehr haben. Viele suchen Ruhm und Ehre. Aber viele kommen aus einer wohlhabenden Familie, geboren als zweiter oder dritter Sohn. Keinen Anspruch auf ein Erbe. Wenige haben sich in Kriegen einen Namen gemacht und wurden vom Orden rekrutiert. So kam auch ich in den Orden.« Entaro schwieg eine Weile und starrte Isaé einfach nur an. »Es gibt Dinge in der Vergangenheit jedes Menschen, die man verborgen halten will. Dinge, die man vergessen will. Manche dieser Dinge sind nicht ehrenvoll oder ruhmreich. Und manche davon sind einfach nur ein tiefer Schnitt, der niemals heilen wird.« Entaro seufzte abermals. Er hatte so lange über diese Dinge geschwiegen, dass es nun, da sie ans Licht gezerrt wurden, umso schwerer anfühlten. Beinahe, als ob seine Zunge aus Blei wäre, an welcher noch ein schwerer Mühlstein hing. Und so tippte er erneut auf der Klinge seines Schwertes, auf der Suche nach den richtigen Worten. »Die Geschichte ist sehr lang. Aber ich werde dir das Nötigste erzählen, damit du es verstehst. Ich bin der zweite Sohn von Alend Adun. Das Geburtsrecht begünstigte meinen älteren Bruder. Er bekam das Land, die Titel und die Gunst meines Vaters. Da man in meiner Lage kaum andere Möglichkeiten hat, zog ich als freier Ritter in den Norden und diente, gemeinsam mit Ser Tarvain, unter Herzog Halbrand. Ser Tarvain erlangte in diesem Krieg großen Ruhm und große Ehre und machte ihn zu dem Mann, der er heute ist. Mir war ein anderes Schicksal vergönnt. Ja, auch ich machte mir einen Namen. Und meine Klinge war gefürchtet. Doch ohne Anrecht auf Titel oder Ländereien, blieben mir nur Ruhm und Ehre.« Entaros Hand hielt inne und das unaufhörliche Tippen auf die Klinge kam zum Erliegen. »Ich fand die Liebe in einer Frau aus jenem Land, welches heute Ser Tarvains Lehen ist. Doch so ruhmreich meine Taten auch waren. Ich war nicht in der Lage ihr Leben zu bewahren. Sie starb…« Entaros Stimme wurde leiser und gedämpfter. Man konnte fast meinen, dass sie brüchig geworden war. »Gebrochen, verloren und ziellos entschied ich mich, mein Leben dem Orden zu verschreiben. Ich hatte alles verloren, was ein Mann nur verlieren kann, außer meinem Leben. Und so verschrieb ich dieses Leben dem Dienste Daereans. Als Bernsteinritter ist es einem Mann untersagt eine Frau zu nehmen. Und ich nahm dieses Los auf mich. Und nach meiner Weihe zog ich in die Welt hinaus, auf der Suche nach den Daereanischen Siegeln.« Bei diesen Worten zog er das Relikt aus seiner Tasche und hielt es so, dass Isaé es sehen konnte. «Ich fand es jenseits der Grenzlande. In den gefallenen Reichen der Salrena, welche man heute nur noch die Schwarzseher nennt. Das Land ist verflucht und gottlos, und mein Glaube wurde jeden Tag auf eine harte Probe gestellt. Doch das Siegel bedeutete Ruhm und Ehre. Aber auf meinem Weg zurück in die Heimat, führte mich mein Weg in das Haus der tausend Wünsche. Und die salbungsvollen und verheißungsvollen Worte zogen mich in seinen Bann. Tief in meinem Innersten wusste, ich dass es Wünsche gab, die er niemals erfüllen konnte. Doch ich wollte ihn Lügen strafen. Und so war mein Wunsch, der dem Wert von tausend Wünschen entsprach, das Leben meiner Frau. Ich wollte sie wieder in meine Arme schließen können. Ihre warme Haut spüren. Ihr Lächeln sehen.« Entaro lächelte doch es war bitter und schal. »Der Wunsch wurde gewährt…doch der Preis war unsagbar hoch. Nichts konnte ihn aufwiegen. Und das Siegel war das einzige Pfand, welches er akzeptierte. Nur so würden wir frei sein und ich willigte schließlich ein….«
Entaro hielt in seiner Erzählung inne und starrte eine Weile einfach nur in die Leere. Seine Blicke wanderten von Isaé hinfort und suchten etwas, dass sich irgendwo am Horizont verbarg, obwohl dort nichts zu sehen war. Aber schließlich seufzte er und zuckte mit den Schultern. »Wie du sicher ahnst, war nichts an dem, was ich mir erhofft hatte Wirklichkeit. Meine Frau war nicht wirklich am Leben. Sie war nur ein Echo. Eine leere Hülle. Ohne Seele. Ohne Liebe. Ein Fluch. Noch viel schlimmer. Es war Blasphemie nach den Lehren Daereans. Ich habe sie aus Daereans Schoß reißen lassen, mit Hilfe von schwarzen Künsten aus den gefallenen Reichen. Die Reinheit ihrer Seele war befleckt worden und sie war nur ein Schatten ihrer selbst. Es brach mir das Herz, doch ich hatte letzten Endes keine andere Wahl als sie zu erlösen.« Entaro schlug die Augen nieder und sein Blick haftete sich auf die Klinge, welche auf seinem Schoß lag. »Mit dieser Klinge…«, murmelte er leise.
»Nun, es ist nicht verwunderlich, was der Orden, nachdem er davon erfahren hatte, dass ich ein heiliges Relikt im Austausch für das Leben einer Frau vergeudet habe, getan hatte. Ich wurde verbannt, aller Ehren entzogen und dazu verdammt, das Relikt zurück zu erlangen. Und so wurde ich von der Suche angetrieben etwas zu finden, was der Herr der tausend Wünsche als Austausch akzeptieren würde. Ein Objekt von großem Wert, dass tausend Wünschen entspricht. Doch ich fand kein solches Kleinod. Doch ich fand ihn…« Entaro deutete in jene Richtung, in welcher der Drache lag und als ob er seine Worte gespürt hätte, öffnete er seine Augen und starrte die beiden wortlos an, mit einem Blick der tief in die Seele eindrang. »Wie ich ein Drachenreiter wurde? Das Schicksal hat so entschieden. Der Drache befand mich für würdig und band mein Leben an das seine. Mit allen Konsequenzen. Nun verstehst du vermutlich besser, warum ich bin, wie ich bin.« Mit diesen Worten schwieg Entaro, doch dieses Mal endgültig. Aber je länger sich Entaro und Isaé stumm ansahen, desto seltsamer und bedrückender wurde die Stille. Entaros Hand glitt von der Klinge ab und näherte sich Isaé. Langsam, als ob eine zu schnelle Bewegung den Moment zerstören könnte. Doch irgendwann war die Kluft zwischen seiner Hand und Isaé so dünn, dass selbst die Luft dazwischen kaum noch Platz geboten bekam. Und so legte sich seine Hand sanft auf die ihre und seine Finger umschlossen langsam ihre Hand. »Du bist mir sehr teuer. Und ich habe viele dunkle Schatten in meiner Vergangenheit. Wenn mich mein Leben eines gelehrt hat, dann dass jeder Moment kostbar ist. Und ich werde nicht zulassen, dass meine Unachtsamkeit dein Leben in Gefahr bringt.« Er sah sie mit einer ritterlichen Ernsthaftigkeit an, die beinahe schon erdrückend war.
Nach einer Weile erhob sich Entaro schließlich, schob sein Schwert in die Scheide und half Isaé auf die Beine. »Ich werde Ser Tarvain aufsuchen. Die Worte, die er gesprochen hatte, wollen mir einfach keine Ruhe lassen. Du musst mich nicht begleiten.« Mit diesen Worten wandte er sich schließlich ab und schritt schweren, aber aufrechten Ganges in das Lager, bis er Ser Tarvains Zelt erreicht hatte. Der Heerführer war sichtlich erfreut, als er den Bernsteinritter erblickte. »Ser Adun.« »Ser Tarvain.« Die Worte, welche die beiden Männer miteinander wechselten waren wenige. Doch ihre Blicke waren viele. »Was führt euch zu mir?«, verlangte Ser Tarvain zu erfahren und Entaro räusperte sich. »Ich komme wegen Frau Isaé. Sie hat mir von euren Worten berichtet.« Der Heerführer nickte stumm, doch er sagte nichts dazu. »Ich verstehe eure Beweggründe. Doch ich muss es sagen. Niemand sonst in diesem Lager würde es wagen. Und der alten Zeiten wegen. Und der Ehre wegen. Ihr verhaltet euch unehrenhaft.« Ser Tarvain sah Entaro eine Weile lang an und in seinem Blick war ein dunkler Schatten. Doch es war kein Groll, der aus seinen Augen blitzte. »Erklärt euch, Ser Adun.« Der Drachenreiter seufzte. »Ich bin nur ein Diener. Der Vertrag bindet mich an euch. Doch auch Kalwen von Niefurt ist euer Diener. Auch mit ihm habt ihr einen Vertrag geschlossen. Er ist kein Akadier. Und ich müsste lügen, wenn ich ihn einen Freund nennen würde. Doch eure Worte gaben mir zu Denken. Wer ist entbehrlich? Wer ist wirklich von Wert? Kalwen von Niefurt? Er hat seinen Wert noch nicht bewiesen. Ob er je einen Wert hatte, kann ich nicht sagen. Doch ihr habt die Verantwortung für jeden in diesem Tross auf euch genommen. Ihre Leben sind an eure Taten gebunden. Die Leben der Soldaten. Die Leben der Ritter. Jedes einzelnen Akadiers. Aber auch das Leben von Isaé, mir und Kalwen von Niefurt.« Ser Tarvain sah Entaro lange schweigend an, doch er sagte nichts. Er legte seine Hand auf den Knauf seines Schwertes und verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein. »Ser Adun. Ich danke euch, für die offenen Worte.« Entaro nickte nur stumm, denn die Worte waren nichts weiter als eine hohle Floskel, ohne jeden Wert. »Doch wie ihr sagtet. Das Leben jedes Mannes liegt in meinen Händen. Wie kann ich zulassen, dass ein Mann, diese Leben in Gefahr bringt?« Entaro seufzte. »Nicht Kalwen von Niefurt bringt eure Männer in Gefahr. Nur ihr allein. Dieses Unterfangen ist euer persönlicher Rachefeldzug gegen die Mörder eurer Frau. Das wisst ihr, und das weiß ich. Wer sonst, außer mir weiß das besser?« Entaros Blicke hafteten sich starr auf Ser Tarvain und dieser hielt dem Blick lange stand. Doch schließlich wandte er den Blick ab. »Ich kann es nicht verleugnen. Ihr müsst es doch von allen am besten verstehen, Ser Adun?« Entaro nickte. »Ihr seid ein großer Mann, Ser Tarvain. Verliert euch nicht. Führt diese Männer nicht in ihr Verderben. Ich habe einen Vertrag unterschrieben. Und ich werde, bis zu meinem letzten Atemzug, daran festhalten. Doch dieses Land…es lebt! Es ist voller, uralter Macht. Kalwen hat diese Macht berührt. Isaé kann diese Macht spüren.« Entaro deutete auf das Lager, und ließ seine Hand ausschweifen. »Wir kämpfen nicht nur gegen Ardeth und seine dunklen Diener. Wir kämpfen auch gegen das Land selbst. Wir müssen dem Land zeigen, dass wir es befreien wollen. Dann wird das Land uns zur Seite stehen.« Ser Tarvain legte den Kopf auf die Seite und bedachte Entaro mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. »Wisst ihr, was ihr da eigentlich redet? Ihr seid ein Diener Daereans. Ein gesalbter Bernsteinritter. Eure Worte können, in den falschen Ohren, als Ketzerei geahndet werden.« Entaro seufzte und hielt seine Hand, an welcher der Siegelring des Bernsteinordens prangerte. »Ich weiß, was ich da rede. Mein Glaube wurde auf harte Proben gestellt. Und hier, in diesem Land, fühle ich eine Macht, die ich all meine Jahre in Akadien nie gefühlt habe. Etwas in diesem Land ist so alt und mächtig, dass es mich bis ins Herz berührt.« Ser Tarvain verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was ist euer Ratschlag, Ser Adun? Das Land um Hilfe bitten?« Er konnte sich ein zynisches Lachen nicht verkneifen. »Nein. Aber wir sollten auf die Stimmen des Landes hören. Es wird uns verraten, an welchem Ort Ardeth verborgen ist. Wenn wir Ardeth suchen, wird er uns erwarten. Wir müssen Ardeth zu uns locken, dann wird er fallen.«
Ser Tarvain schwieg. Es war ein Schweigen des Nachdenkens. Doch nach einer Weile nickte er und sah Entaro dabei in die Augen. »Ich werde eure Worte überdenken, Ser Adun.« Der Bernsteinritter nickte und entfernte sich daraufhin und ließ den roten Tod alleine zurück.
Entaro streifte durch das Lager und seine Gedanken kreisten um alle möglichen Dinge. Doch nichts davon haftete sich lange genug an seinen Geist, dass er länger darüber nachdenken konnte. Nach einer Weile entschied er zu Mirou und Kalwen zu gehen, um zu sehen, ob sich an der Lage des Hexenjägers etwas verbessert hatte. »Wie geht es ihm?«, erkundigte er sich und Mirou warf dem Bernsteinritter einen müden Blick zu. »Den Umständen entsprechend. Die Wunde hat endlich aufgehört zu bluten. Und sein Fieber ist abgeklungen. Doch er redet wirres Zeug im Schlaf.« Entaro verschränkte die Arme vor der Brust. »Was redet er denn?« Er redet von Dornen, und Schwertern. Von Blut und alter Schuld. Nichts von dem was er sagt, ergibt einen Sinn.« Entaro runzelte die Stirn. »Vielleicht doch?«, murmelte er und beugte sich zu Kalwen herab. »Hexenjäger.« brummte Entaro und legte ihm seine Hand auf den Kopf. »Was verlangen die Dornen? Was verlangen die Schwerter? Welche alte Schuld lastet auf dir?« Kalwen reagierte nicht. Seine Augen blieben geschlossen und sein Mund bewegte sich nicht. »Er ist nicht wirklich hier.«, antwortete Mirou. »Er träumt.« Entaro schüttelte den Kopf. »Nein. Er träumt nicht. Er sieht etwas. Etwas, das nur er sehen kann.« Mirou runzelte die Stirn. »Was meint ihr damit?« Entaro deutete auf Kalwens Hand. »Er ist mit der verbrannten Erde am Totenhain verbunden. Die Stimmen, die aus seinem Mund kommen. Das sind nicht die seinen. Es sind die der Toten, deren Seelen an diesen Ort gebunden sind.« Mirou sah Entaro verwundert an. »Was redet ihr da? Die Seelen der Toten sind bei Daerean!« Entaro erwiderte den Blick des Baders mit strenger Miene. »Die Toten waren Kalather. Sie beten nicht zu Daerean. Ihr Glaube ist mit diesem Land verwoben. Ihre Seelen an dieses Land gebunden.« Mirou ließ die Worte auf sich wirken doch er erwiderte nichts darauf. »Was kümmern uns die Toten? Wenn wir nicht bald Erfolge erzielen, werden ihnen alle bald folgen.« Entaro erwiderte nichts darauf. »Der Tod. Das Ende. Der Pfad der Knochen. Die Dornen…« Kalwen wälzte sich auf die rechte Seite und Entaro zuckte erschrocken zurück. »Da faselt er wieder.«, murmelte Mirou und versuchte Kalwen wieder auf den Rücken zu legen. Doch der Hexenjäger wehrte sich mit aller Kraft dagegen, so dass sich sein Rücken förmlich aufbäumte. »Das ist kein normaler Fiebertraum.«, murmelte Entaro. »Aber Magie ist hier auch keine am Werk. Sonst hätte Isaés Flüsterholz gesprochen. Was hat das nur zu bedeuten?« »Fragt doch die Toten.«, antwortete Mirou spöttisch und grinste dabei, so dass Entaro sich mürrisch erhob und sein Schwert zurecht rückte. »Ich werde zum Totenhain gehen, und diesen seltsamen Stimmen auf den Grund gehen.«, entschied Entaro und wandte sich zum Gehen.
Sechs Tage ❖
28.11.2025 '14:17 [3.001 Wörter]
 saé saß einige Zeit reglos an einer Feuerstelle, nachdem sich Entaros und ihre Wege im Lager getrennt hatten. Das Feuer war längst heruntergebrannt, die Glut nur noch schwach. Niemand hatte Feuerholz nachgelegt, vielleicht aus Berechnung da sie die Stelle verlassen und endlich gegen Ardeth losziehen würden? Sie wusste es nicht. Ihre Hände lagen ruhig auf den Oberschenkeln, doch in ihrem Kopf schoben sich die Gedanken umher. Natürlich hatte sie zu ihm nichts gesagt. Was hätte sie auch sagen sollen? Man begegnete solchem Schmerz nicht mit Worten. Schon gar nicht mit den falschen. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und spürte erst jetzt, wie still alles in ihr geworden war. Klarer. Die Unruhe, die sie tagelang gequält hatte, war nicht verschwunden, aber sie hatte sich gesetzt wie ein ruhiger stiller See nachdem ein Sturm darüber hinweggefegt war. Seine Geschichte, seine Vergangenheit ordnete sich in ihren Gedanken wie etwas, das nie wirklich verborgen gewesen war. Wie etwas, das schon die ganze Zeit dagewesen und nur darauf gewartet hatte, an die Oberfläche zu kommen. Vielleicht, weil es im Grunde immer dieselbe Geschichte war? Eine Frau, die er geliebt hatte. Ein Wunsch, der alles nur schlimmer gemacht hatte. Und dann der Eintritt in einen Orden, der aus einem gebrochenen Mann einen kontrollierten, funktionierenden Bernsteinritter gemacht hatte. „Natürlich“, dachte sie. „Natürlich ist er so, wie er nun einmal ist.“ Sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Aber wie hätte sie ahnen sollen, was er hinter diesen ruhigen Augen vergraben hatte? Doch als sie daran dachte, wie sie ihn geküsst hatte, wie sie ihm ihre Gefühle gestanden hatte, wie er gesagt hatte, er brauche Zeit… Da zog sich etwas in ihr zusammen. Nicht Schmerz. Auch nicht Wut, oder Verlegenheit. Wie hätte sie es auch wissen können? Nein, es war etwas wie Ernüchterung. Aber auch vielleicht ein wenig Reife, die sie dazugewonnen hatte. Zeit, natürlich brauchte er Zeit. Aber was bedeutete das in Wahrheit? Wollte er Zeit, um seine Gefühle zu sortieren oder Zeit, um den Mut aufbringen zu müssen, ihr die Wahrheit zu sagen? Sie wusste es nicht. Und sie würde ihn nicht fragen. Diese Würde behielt sie sich. Doch wenn ein Bernsteinritter sich keine Frau nehmen durfte, dann war das ein Schwur, eine Lebensentscheidung, eine Mauer, die er sich selbst gebaut hatte, weil er es damals gebraucht hatte. Und damit mussten er und die Welt leben, und so auch sie, denn sie war ein Teil seiner Welt. Er war unantastbar, weil er in einer ganz anderen Welt lebte, die ihn an Fesseln hielt, die keiner von ihnen beiden lösen konnte. Und sie dachte zum ersten Mal nicht mit Bedauern daran, sondern mit einer ruhigen Nüchternheit. Ich kann ihn nicht haben. Und vielleicht soll ich das auch gar nicht. Sie empfand viel für ihn. Daran hatte sich auch nichts geändert. Aber sie merkte, wie die Sehnsucht nach einer Antwort verschwunden war, wie die Vorstellung, ihn nicht zu bekommen, nicht mehr wie ein drohender Abgrund wirkte. Wie die Selbstzweifel von ihr abfielen, da sie zunächst gedacht hatte, es läge an ihr, weil sie nicht gut genug war. Sie war gut genug. Aber vielleicht nicht für einen Mann wie ihn, der sich von diesem Aspekt des Lebens abgewandt hatte. Sie würde vorerst bei ihm bleiben. Natürlich wegen dieser verdammten Lebensschuld die ohnehin eine Fessel war. Aber auch aus Gewohnheit. Und auch aus Zuneigung heraus. Aber sie würde in ihm kein mehr Versprechen suchen. Nicht mehr darüber nachdenken, wie er sein könnte, wenn die Dinge zwischen ihnen anders wären. Sie war ihm sehr teuer, das hatte er gesagt. Und sie hatte erwidert, dass auch er ihr lieb und teuer war. War das nicht genug? Sie atmete langsam aus. Ein ruhiger, tiefer Atemstoß. Und das erste Mal seit langer Zeit fühlte sie so etwas wie inneren Frieden.
Die Sonne war längst aufgegangen und ein wenig ärgerte sie sich, dass sie in der Nacht schon wieder nicht den so dringenden Schlaf bekommen hatte. Aber diese Nacht war es berechtigt gewesen. Sie war wach gewesen, weil Kalwen ihre Hilfe gebracht hatte. Sie stand auf, klopfte ihre Hose ab und ging in Kalwens Richtung. Schon von weitem sah sie Mirou den Bader bei ihm sitzen. „Wie geht es ihm?“, fragte Isaé ihn leise, als sie sich genähert hatte. Mirou sah kurz auf, musterte sie, und nickte. „Besser. Deutlich besser sogar. Das Opium hat getan, was es soll. Hat die Schmerzen gedämpft und den Körper zur Ruhe gezwungen. Die Blutung ist gestillt. Der Schock hat nachgelassen, die Heilung wird dauern aber sie ist in Gange.“ Isaé nickte nur. Sie trat einen Schritt näher, und ging dann vor ihm in die Hocke. „Er hat viel geredet“, fuhr Mirou fort, während er die Schale beiseiteschob, in der er Kräuter gemischt und angemörsert hatte. „Im Schlaf. Oder im Rausch. Beides? Schwer zu sagen.“ Isaé sah kurz zu Kalwen. Seine Lippen waren trocken, die Haut etwas blass, aber er sah nicht mehr aus wie jemand, der zwischen Leben und Tod hing. „Was hat er gesagt?“, fragte sie. Mirou zuckte die Schultern, nicht gleichgültig, aber ahnungslos. „Viel Unsinn. Vieles, das keinen Sinn ergibt. Dornen. Immer wieder Dornen. Und Schwerter. Und irgendetwas von alter Schuld.“ Dann ein kurzer Blick auf Isaé. „Hat er je etwas davon erwähnt?“ „Nein, aber wir alle kennen ihn doch auch nicht so gut um das wissen zu können.“ Mirou fuhr fort. „Ser Adun war vorhin bei ihm.“ „Ah? Und was wollte er?“ „Oh, er erkundigte sich lediglich, wie es ihm geht. Als ich ihm sagte, was er daher faselt, meinte er, dass der Hexenjäger vielleicht Dinge sieht die wir nicht sehen. Dass er vielleicht eben nicht träumt, oder phantasiert. Und dann sagte er, er geht zum Totenhain. Um ‘den Stimmen auf den Grund zu gehen’. Mehr hat er nicht erklärt.“ Isaé ließ diese Worte auf sich wirken. Ein Teil von ihr war überrascht. Ein anderer Teil überhaupt nicht. Sie kniete sich schließlich neben Kalwen nieder und er öffnete die Augen. Er blinzelte, erkannte sie vielleicht, vielleicht auch nicht. Sein Blick glitt an ihr vorbei, dann wieder zu ihr hin. „Er kommt durch“, sagte Mirou ruhig. „Langsam, aber er kommt durch.“ Isaé strich die Wolldecke glatt und nickte. „Gut.“ Mirou schob die Schüssel, in der er Kräuter gemischt hatte, in ihre Richtung. „Ich habe hier ein paar Kräuter zu einem Tee gemischt. Du kannst ihn aufbrühen, Isaé, oder aber auch rauchen, wie es dir beliebt.“ Isaé hob fragend eine Augenbraue. „Aha?“ mehr brachte sie nicht heraus. „Es könnte helfen, dir ein wenig Ruhe zu bringen. Innere Ruhe. Bei Gereiztheit. Bei geistiger Erschöpfung… bei Erschöpfung die vielleicht von dem Entzug gewisser Substanzen herrührt.“ Er blickte sie forschend an und Isaé errötete. „Woher weisst du…“ begann sie und Mirou lächelte milde. „Ser Tarvain bat mich, in meinen Vorräten etwas Entsprechendes zu finden, was dir vielleicht helfen könnte.“ „Achso?“ fragte sie verwundert. Und dann fügte sie hinzu „Mirou, es tut mir leid, ich habe gestern übertrieben. Ich wollte dich nicht ankeifen. Es ist nur so… ich habe momentan mit einigen inneren Dämonen zu kämpfen. Aber ich bin am guten Weg… Natürlich helfe ich dir jederzeit, wenn du Unterstützung bei der Versorgung von Verletzten brauchst.“ Er lächelte. „Schon gut… Und danke. Ich fürchte, Verletzte werden wir in nächster Zeit einige dazubekommen…“ „Ich hoffe es nicht, Mirou…“
Isaé rückte näher an Kalwen heran, so, dass er sie im Blick hatte, ohne den Kopf drehen zu müssen. Sie sprach leise und gedämpft. „Kalwen, hörst du mich? Ich brauche einen Moment deine volle Aufmerksamkeit.“ Er blinzelte, der Blick suchte Halt und fand ihn schließlich in ihren Augen. Er sah müde aus und erschöpft. „Es gibt etwas, das du wissen musst. Du wirst die nächsten Tage Feuermohn brauchen.“ Kalwen runzelte schwach die Stirn. Nicht aus Ablehnung, sondern weil sein Kopf langsam arbeitete. „Warum…?“, fragte er heiser. Isaé sprach ruhig weiter „Weil dein Geist sonst nicht zur Ruhe kommt. Du hast zu viel Schmerz in deinem Körper und zu viel Unruhe in deinem Kopf. Das Opium hält dich stabil. Es nimmt dir nicht nur die Schmerzen, sondern dämpft auch das, was dich innerlich zerreißt. Was immer es ist, und wo immer es herkommt.“ Kalwen sah sie eine Weile an. Man sah, wie der Gedanke langsam in ihm ankam. „Ich habe Geschichten von Feuermohn gehört…“ „Wahrscheinlich stimmen die meisten Geschichten. Und ja, er macht abhängig. „Aber…“, setzte er an, „Sucht… ist das nicht…“ Isaé nickte. „Ja. Das ist der Nachteil. Ich will das gar nicht schönreden oder beschwichtigen. Keine Ausrede. Feuermohn kann gefährlich sein. Du weißt das. Ich weiß das. Wissen wir beide. Aber du würdest ohne Schmerzmittel den Verstand verlieren. Deine Wunde ist ausgebrannt worden. Das geht nicht ohne Folgen. Und was anderes zum Schmerzstillen haben wir nun mal nicht.“ Sie sah, wie er den Nutzen und das mögliche Risiko abwog. „Ich will dir das nicht schönreden, und dich auf keinen Fall zu einer Entscheidung drängen.“, sagte Isaé leise. „Dass es dann im Nachhinein nicht heißt ‚Isaé ist Schuld‘. Aber gerade jetzt überwiegen die Vorteile. Du musst erst einmal schmerzfrei sein, damit dein Körper heilen kann. Eine Sucht wäre ein Problem für später. Der Schmerz ist ein Problem für jetzt.“ Sie wandte ihren Kopf und fragte Mirou. „Was sagst du dazu, Mirou?“ Mirou machte eine zustimmende Kopfbewegung. „Sie hat recht.“ Kalwens Blick wanderte vom Heiler zurück zu Isaé. „Also… du meinst, ich soll’s nehmen“, murmelte er. „Ich frage dich“, korrigierte Isaé ruhig. „Ich zwinge dich zu nichts. Du musst entscheiden, ob du diesen Weg mitgehst. Ob du bereit bist, das Risiko einzugehen, um die nächsten Tage zu überstehen.“ Kalwen schloss kurz die Augen und tat einen tiefen Atemzug. Dann öffnete er sie wieder und sah sie an, klarer als zuvor. „Ja“, sagte er. „Ich… vertraue dir.“ Isaé nickte knapp. „Gut. Dann kümmern wir uns darum. Und hoffen wir, dass es kein Fehler war, mir zu Vertrauen.“ Jetzt grinste sie. Sie stand auf, und Mirou tat es ihr gleich, beide ohne Hektik. Kalwen lag noch immer da, aber sein Atem schien ruhiger, der Blick weniger flackernd. „Ich hole meine Tasche, ich komme gleich wieder, und dann bekommst du deine Pfeife.“ Sie würde es Ser Tarvain zeigen. Er würde durchkommen. Und er würde zu Kräften kommen und wieder nützlich sein für diesen Tross. Oder vielmehr endlich einmal nützlich. Sie schmunzelte bei dem Gedanken. Sie würde ihn mit der Geisel des Feuermohns durchpeitschen durch dieses Hindernis, das ihn gerade niederdrückte. Mit Opium, einem gewissen Risiko und Wachsamkeit. Denn tief in ihrem Inneren glaubte sie, dass auch dieser Hexenjäger, der wie ein Nichtsnutz erschien, den entscheidenden Impuls geben oder das entscheidende Zünglein auf der Waage sein konnte.
Als sie zurückging zu ihrem Platz, an dem sie ihre Habseligkeiten aufbewahrte, zog sie im Gehen das Döschen mit dem Feuermohnopium aus ihrer Manteltasche und starrte darauf. Entaro hatte es zwar nicht wörtlich zurückgefordert, aber es war ihm nicht entgangen, dass sie es nicht zurückgegeben hatte. Und ihr dann angeboten, es wieder für sie aufzubewahren. Doch sie hatte es wie ein Kind, das man seiner Mutter entreissen wollte, verteidigt. „Ich werde es noch ein paar Mal brauchen, Entaro, soll ich es mir jedes Mal von dir erbitten? Vertrau mir doch einfach.“ Und dabei hatte sie den Kopf geschüttelt, als wäre es nicht klar im Kopf. Doch sie wusste, dass dies der Stachel des Feuermohns war. Heimlich, wie ein blutsaugendes Insekt, das einem im Schlaf stach. Man konnte es bemerken, aber auch nicht. Isaé bemerkte es, wie der Stachel noch saß. Doch für sie war dies ein Teil eines wichtigen Prozesses, den Entaro vielleicht nicht unbedingt verstehen konnte, aber auch nicht musste. Wirklich frei würde sie erst sein, wenn sie das Zeug bei sich trug, damit hantierte, wenn sein Aroma und der lockende Rauch ihre Nase umwaberte und sie trotzdem nicht fiel.
Zurück bei Kalwen begann sie, die Pfeife vorzubereiten. Ihre Finger zitterten, etwas in ihrem Inneren zog an ihr, Ihre Augen starrten auf das sanfte dunkle, fast schwarze Grün, auf den leichten Glanz des Opiumkügelchens. Sie brach ein Stück davon ab und legte den Rest wieder zurück in die Dose und verschloss sie. Isaé führte die Finger an ihre Nase und roch daran. Und wünschte, dass jemand hier wäre, den sie um eine verdiente Ohrfeige bitten konnte. Ob Entaro es tun würde, wenn sie ihn darum bat? Ganz sicherlich war es nicht ritterlich, eine Frau zu ohrfeigen. Auch nicht, wenn sie es verdiente. Sie schmunzelte bei dieser Vorstellung bevor sie sich Kalwen widmete. „Bevor wir anfangen, muss ich dir noch etwas sagen“, begann sie. Kalwen hob eine Augenbraue. „Noch etwas?“ „Ja.“ Ihre Stimme blieb ruhig, aber eine Spur schwarzer Humor lag darin. „Das Feuermohnopium hat Nebenwirkungen. Du kennst sie.“ Ein verwirrtes Stirnrunzeln folgte ihrer Ansage. „Welche genau meinst du?“„Die unanständigen“, antwortete Isaé. Dann beugte sie sich leicht zu ihm, damit er jedes Wort verstand. „Also hör gut zu. Du nimmst das Opium. Aber du kommst mir nicht wieder damit an, dass deine Hose ein Zelt baut.“ Mirou verschluckte sich beinahe an seiner eigenen Luft. Kalwen starrte sie an, als hätte sie ihm gerade gesagt, dass Schweine fliegen könnten und ein paar Sekunden herrschte völlige Stille. „Ich hab das gesagt?“ „Hast du“, antwortete Isaé knapp. „Hab ich nicht.“ „Doch. Frag Entaro, wenn du mir nicht glaubst.“ Kalwen stöhnte leise. „Götter…“ „Genau. Hier…“ Sie reichte ihm die Pfeife und sah ihm ruhig zu, wie er das Opium inhalierte. Und insgeheim beneidete sie ihn darum. Er durfte. Sie nicht. Immerhin hatte er genug Kraft, dass er aus eigener Kraft sitzen konnte und man ihn nicht stützen musste. Isaé stand auf und wischte sich den Hosenboden ab. Dann sah sie ihn einen Moment lang ernst an. „Ich geh jetzt. Erstens, weil ich müde bin und mich hinlegen will. Und zweitens, weil ich nicht schon wieder hören will, ich hätte einem Mann mit Feuermohn die Selbstbeherrschung geraubt.“ Mirou schnaubte lachend durch die Nase und grunzte, tat dann so, als hätte er einen Hustenanfall. Sie zog sich den Mantel enger und ließ ihn zurück, bevor er überhaupt richtig reagieren konnte.
Isaé ging leise durch das Lager, und weit weh genug, dass die Stimmen der Männer nur noch ein Hintergrundgeräusch waren. Und als sie das Lager durchquerte, spürte Isaé mit einem Mal etwas, das sie zuerst nicht einordnen konnte. Es war keine Freude, kein Schmerz, kein Triumph. Es war etwas anderes. Etwas, das sich vorsichtig in ihr ausbreitete wie ein Feuer, das wieder auflodert. Sie bemerkte, dass ihr Leben allmählich klarer wurde, je länger sie den Feuermohn sein ließ. Und auch wenn das Begehren danach noch stark war, so hatte sie genug Kraft gewonnen, sich diesem Drang zu widersetzen. Weil sie spürte, was sie dadurch gewonnen hatte. Die letzten Tage hatten sie durchgepeitscht wie ein Sturm. Der Entzug war grausam gewesen. Und hatte geglaubt, sie würde ohne den Feuermohn nicht überleben. Aber jetzt, mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis begriff sie: Der Feuermohn hatte ihr keine Ruhe gegeben. Er hatte ihr die Ruhe genommen. Er hatte ihr Denken verzerrt. Er hatte ihre Gefühle verzerrt. Er hatte ihr Selbstzweifel gegeben. Jetzt stellte sich allmählich ein Gefühl ein, als zöge man einen Schleier von ihrem Gesicht. Ich habe mein Leben wieder. Ich war absolut nicht ich selbst und habe es nicht einmal bemerkt… Nicht vor fünf, nein schon seit sechs Tagen! Nicht in den Wochen davor. Nicht in den Jahren, in denen sie sich Stück für Stück selbst betäubt hatte. Acht lange Jahre lang. Sie war nicht schwach gewesen. Nie. Sie war nur am Boden gewesen, weil ihre Eltern und ihr Aduan gestorben waren. Sie hätte sich diese Schwäche zugestehen und sich trauern lassen sollen. Aber sie war jung gewesen und hatte niemanden gehabt, der ihr gesagt hatte, dass es völlig in Ordnung war, schwach zu sein, wenn schlimme Dinge passierten. Dass die Trauer mit jedem Tag leichter werden würde und der Schlaf der ihr zu dieser Zeit gefehlt hatte, wiederkommen würde. Aber dann war dieser Händler dagewesen hatte ihr den Feuermohn angeboten und dann war sie berauscht und irgendwann förmlich vergiftet gewesen. Vergiftet vom Feuermohn. Von dem brennenden Bedürfnis, die Leere in sich zu füllen, egal womit. Diese Leere war zwar jetzt noch da, aber sie fühlte sich jetzt anders an. Sie war bereit, mit Dingen gefüllt zu werden, die schön waren.
Zwischen den dunklen Tannen und dem Felsmassiv das sich dort erhob, hob sich auch des Drachen gewaltiger Leib vom Boden ab. Er lag eingerollt, der Kopf seitlich, sein Schwanz wie eine Schlange neben seinem Körper liegend. Isaé blieb stehen und legte den Kopf seitlich, um ihn zu betrachten. Manchmal wirkte er auf sie wie eine gigantisch große Katze, was er natürlich weder war noch in jeder seiner Gesten zeigte. Trotzdem kam sie nicht umhin das zu denken. Als sie näherkam, hob er aufmerksam den Kopf ein Stück. Sie blieb einen Schritt vor ihm stehen, atmete einmal tief durch und streckte dann eine Hand aus. Sie hatte keine Angst vor ihm, und dennoch war er ein respekteinflößendes Tier, das diesen Respekt auch einforderte. Ihre Finger berührten seine schuppige Flanke, die warm war wie ein Ofenrohr, und der Atem des Drachen vibrierte leise unter ihrer Handfläche. „Darf ich?“ fragte sie leise. Schatten antwortete natürlich nicht. Aber er senkte den Kopf wieder und ließ ihn dort ruhen. Es war keine Regung erkennbar, die das Gegenteil von Zustimmung bezeugte. Das war Antwort genug. Isaé schlüpfte an seiner Seite entlang, bis sie die breite Kuhle fand, die sein Körper zwischen Flanke und Hinterbein formte. Sie ließ sich dort nieder, erst sitzend, dann langsam liegend, der Mantel um sie gelegt, die Stirn an eine seiner Schuppen gelehnt. Schattens Atem ging ruhig, gleichmäßig, ein tiefer, Rhythmus, der sich unwillkürlich auf sie übertrug. Isaé schloss die Augen und genoss diese Gelassenheit, die ihr sonst nichts geben konnte. Nicht einmal Feuermohn… Und bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte, ob das angemessen war, klug oder gefährlich, glitt sie in einen Schlaf, der tiefer war als jeder, den sie seit Wochen gehabt hatte. Einfach, weil dieser Drache sie ließ. Und weil das der einzige Ort war, an dem ihr niemand folgen würde. Und diesen Umstand nutzte sie schamlos aus.
Der Totenhain ❖
29.11.2025 '01:53 [4.200 Wörter]
 achdem die tief vergrabene Vergangenheit wieder ans Licht gezerrt worden war, fühlte Entaro eine aufkeimende Leere in sich. Er hatte Isaé von seiner Vergangenheit erzählt, auch wenn er sich die ganze Zeit über dagegen gesträubt hatte. Doch ewig konnte er es auch nicht vor ihr verbergen. In gewisser Weise war es auch nötig gewesen. Doch Entaro wusste nicht so recht, ob Isaé alles verstanden hatte. Ob der Eindruck, den sie nun von ihm hatte sich gewandelt hatte? Er wusste es nicht, aber insgeheim hoffte er, dass dem nicht so war. Doch nun, da die Worte unwiderrufbar ausgesprochen worden waren, zog er die stille Einsamkeit vor. Er wollte seine Gedanken sammeln und dies konnte er nun einmal am besten, wenn er einfach allein war. Aber in der Wagenburg war man nie wirklich allein. Und so entschied Entaro, dass er sich zu dem Totenhain begeben wollte. Die Sonne stand hoch am Himmel, und weder Nebel noch Wolken trübten die Sicht. Eine bessere Gelegenheit würde es wohl so bald nicht mehr geben diesen verfluchten Ort gefahrlos aufzusuchen. Er passierte die hölzernen Palisaden und als er im Begriff war, die Burg zu verlassen, regten sich zwei akadische Krieger, welche gerade Wache schoben. »Ser Adun? Ihr geht?« Entaro nickte. »Ich möchte einen Moment alleine sein.« Der Wachposten runzelte die Stirn. »Wollt ihr, zu eurer Sicherheit, keine Wachen mitnehmen?« Entaro schüttelte den Kopf. »Dann wäre ich ja nicht mehr alleine, guter Mann.« Er zwang sich zu einem müden Lächeln, was der Wachmann verunsichert erwiderte. »Nun. Ich muss Ser Tarvain natürlich davon berichten. Er wird wissen wollen, wer das Lager verlassen hat.« Entaro seufzte aber hatte dagegen keine Einwände. »Wenn es eure Pflicht ist, dann solltet ihr dieser nachkommen. Ich werde bald zurück sein.« Der Wachposten schien damit noch nicht gänzlich zufrieden zu sein und hakte eine weitere Frage nach. »Wohin wollt ihr denn gehen, Ser?« Der Bernsteinritter überlegte, wenn auch nur für einen Moment, ob er nicht einfach eine Lüge auftischen sollte. Doch er sah darin keinen wirklichen Sinn. »Ich werde zum Totenhain gehen. Nach dem Rechten sehen. Und ich muss über einige Dinge nachdenken. In mich gehen und das Gebet suchen.« Den letzten Satz hatte er eher halbherzig hinzugefügt. Eigentlich stand ihm nicht der Sinn nach beten, aber er wusste, dass diese Worte ihre Wirkung nie verfehlten. »Ich verstehe. Wir werden Ser Tarvain von eurer Abwesenheit berichten und eure baldige Rückkehr erwarten.« Der Mann legte sich die geballte Faust auf die Brust und deutete eine leichte Verbeugung an. Entaro erwiderte den Gruß mit einem einfachen, ernsten Nicken und wandte den Männern dann den Rücken zu.
Gemächlichen Schrittes stieg er die Anhöhe hinab, bis er den Waldrand erreicht hatte. Bei Tage wirkte der Wald gar nicht mehr so bedrückend und unheimlich, wie noch in der Nacht. Die Bäume waren kahl und standen in lichten Abständen. Der Boden war trocken und hier und da konnte man einige Vögel hören. Es war beinahe idyllisch, wenn man außer Acht ließ, wo man sich hier eigentlich befand. Doch Entaro hatte natürlich nicht vergessen, dass dies die Grenzlande zum gefallenen Reich Kalath waren. Und er hatte auch nicht diese seltsame Präsenz vergessen, die von diesem Land auszugehen schien. Insgeheim fühlte er sogar den Drang, dieser Präsenz auf den Grund zu gehen. Es war beinahe so, als ob tief in Entaro eine lange vergessene Neugier geweckt worden war. War dies der Ort seiner Bestimmung? War es sein Schicksal an diesem Ort zu sein? Nie hätte er darüber nachgedacht in die Grenzlande zu reisen. Sein Weg war vorherbestimmt gewesen. Zurück in die Heimat. Zurück zum Orden der Bernsteinritter. Das Daereanische Siegel musste überführt werden. Sein Name reingewaschen und seine Verbannung aufgehoben. Und doch war er hier, inmitten der Grenzlande. Zwischen dem Reich Kalath und seiner Heimat. Gemeinsam mit Ser Tarvain, all seinen Männern, Kalwen und Isaé. Bei dem Gedanken an Isaé schweiften seine Gefühle und Erinnerungen ab. Die Kraft dieses Ortes und der Wunsch nach Ruhe verblasste und Isaé beherrschte nun seine Gedanken. Er hatte ihr von seiner toten Frau erzählt. Sie war zwei Mal gestorben und einmal davon durch seine Hand. Wie mochte sie wohl damit umgehen? Würde sie es verstehen? Oder würde sie ihn nun fürchten? In Entaro keimten Selbstzweifel auf. Doch Isaés Blicke waren warm, verständnisvoll und freundlich gewesen. Er hatte weder Abscheu noch Urteil in ihren Augen gesehen. Doch wie konnte er sich dabei sicher sein, wenn er sie nicht danach fragte? Er wischte diese Gedanken beiseite, wie lästige Fliegen. Und seine Geste verscheuchte auch einige der Moorfliegen, welche allgegenwärtig zu sein schienen und nichts anderes im Sinn hatten als arme Wanderer zu belästigen und gehörig auf die Nerven zu gehen.
Entaros Weg durch die Wälder wurde langsam beschwerlicher. Der Boden wurde weicher und die Bäume dichter. Er wusste, dass er den Rand des Moores erreicht hatte. Die Luft hatte sich auch verändert. Es roch modrig und zugleich süßlich, als ob es gerade eben erst geregnet hätte. Doch der Geruch ging nicht von den Bäumen aus, sondern vom Boden. Die dunkle, weiche Erde verströmte einen lieblichen und zugleich fauligen Geruch und jeder Atemzug fühlte sich an, als ob man nicht tief genug einatmen würde. Doch der Boden selbst war von vielen Wurzeln durchzogen. Entaro verlangsamte seine Schritte, denn jeder falsche würde ins Verderben führen. Er zog sein Schwert und begann den umliegenden Boden in unregelmäßigen Abständen anzustechen. Doch egal wohin er auch stach, der Boden war fest. Kein verborgener Schlamm, kein heimtückisches Wasser. Entaro arbeitete sich immer weiter, bis er irgendwann sein Ziel erreicht hatte.
Die Lichtung, welche er nur mehr als Totenhain bezeichnete, tat sich vor ihm auf. Der Ort wirkte ruhig und verlassen. Als ob die Seelen und Geister, die an diesem Ort gestorben waren, endlich zur Ruhe gekommen wären. Doch Entaro wusste, dass eine solche Ruhe oft trügerisch sein konnte. Und so blieb er stets auf der Hut und achtete bei jedem Schritt, den er tat, auf etwaige Veränderungen. Veränderungen in der Luft, oder in den Geräuschen. Oder einfach nur in den Eindrücken und Gefühlen, welche ihn überkamen. Doch egal wie tief er auch in sich hinein horchte, er konnte absolut nichts wahrnehmen. Nichts, außer seinem eigenen Atem. »Keine Vögel.«, murmelte Entaro und ließ die Blicke über die Bäume wandern. Der Ort selbst wirkte trostlos und zugleich irgendwie friedlich. Beinahe erinnerte es an das Gefühl, welches einen überkam, wenn man sich auf einem Friedhof befand. Und dieser Gedanke ließ Entaro einen kurzen Schauer über die Haut herniedergehen. Dieser Ort war verlassen, trostlos und vom Tod beseelt. Es war nichts anderes als ein Friedhof, auch wenn es hier keine Mauern, keine Grabsteine und keine heiligen Statuen gab. Nur Bäume, frische Gräber mit aufgehäufter Erde und einen verbrannten Baumstumpf, welcher inmitten von verbrannter Erde und einem Dutzend Schwertern wie ein Mahnmal prangerte. Wenn man so wollte, waren die Schwerter die Grabsteine. Entaro hielt auf er Lichtung inne und ließ die Eindrücke und den Hauch des Waldes auf sich einwirken. Die Ruhe war beinahe bedrückend und unnatürlich. Doch Entaro empfand diese als angenehm. Er schloss die Augen und lauschte. Er lauschte auf den Wind, der durch die Blätter raschelte. Er lauschte auf das Ächzen der Bäume und das Säuseln. Hier und da vernahm man ein Flirren und irgendwo, in weiter Ferne, konnte man Kröten hören. Doch die Vögel blieben stumm. Nicht einmal Raben oder Krähen konnte man hören, obwohl diese stets an Orten wie diesen zu finden waren. Orten des Todes.
Als Entaro wieder die Augen öffnete, musste er blinzeln. Es hatte den Anschein, als ob die Lichtung sich irgendwie verändert hätte. Doch egal wie oft er auch die Augen schloss und wieder öffnete, die Lichtung veränderte sich nicht. Er sah sich etwas unsicher um, doch er konnte nicht mehr sagen, ob dies nur Einbildung gewesen war und seine Sinne ihm einen Streich spielten, oder ob er bei klarem Verstand war und das Land versuchte sich seiner Wahrnehmung zu entziehen. Entaro näherte sich dem verbrannten Baum und den dutzend Schwertern, die er selbst in die Erde getrieben hatte. An manchen von ihnen baumelten lose Stofffetzen, die sich leicht im lauen Wind bewegten. Zuerst dachte er sich nichts dabei, doch als er diese genauer in Augenschein nahm, musste er unweigerlich die Stirn runzeln. »Die waren letztes Mal doch noch nicht da.«, stellte er fest und sein Blick haftete sich auf eines der Stoffbänder. Unweigerlich zuckte er zusammen und seine Blicke huschten in alle Richtungen. Doch er war ganz allein an diesem Ort. Wer auch immer diese Stoffbänder an den Schwertern angebracht hatte, war entweder fort, oder blieb im Verborgenen. Entaro trat noch einen weiteren Schritt näher, bis er die Blume entdeckte, an welcher Kalwen sich verletzt hatte. Inzwischen waren es sogar drei Blüten, die sich, in voller Pracht, um eines der Schwerter gewunden hatten. »Seltsames Gewächs.« Entaro zog sein Schwert und führte die Klinge langsam an eine der Blüten heran. Er dachte nicht im Traum daran die Blüte mit den bloßen Händen zu berühren, da er bei Kalwen gesehen hatte, was es verursachen konnte. Entaro hatte erwartet, dass die Blüten hart wie Stahl waren, doch sie waren weich und gaben unter dem Druck des Schwertes sichtlich nach. Umso verwunderter sah Entaro die weißen Blüten daraufhin an. Als Entaro das Schwert zurückzog, fiel dabei eine der Blütenblätter von der Knospe und dann zu Boden. Für einen Moment war es, als ob ein, vom Wind getragenes, Wehklagen erklang. Als ob irgendwo, in weiter Ferne, eine gequälte Stimme in Leid und Melancholie ein Wort gerufen hätte, dass man nicht verstehen konnte. Doch es war so nah gewesen, dass es Entaro einen Schauer über den Rücken hatte laufen lassen. Der Bernsteinritter trat einen Schritt zurück, da etwas in ihm aufschrie, diesen Ort zu verlassen. Seine Neugier lag in einem stillen Kampf mit dem Urinstinkt zu Fliehen. Doch die Neugier behielt die Oberhand. Entaro wandte sich nicht zur Flucht. Doch etwas in ihm hielt ihn auch davon ab sich erneut der Blüten zu nähern. »Sie nähren sich von den Toten.« Eine dünne Stimme drang an Entaros Ohr und er zuckte erschrocken zusammen. Diese Stimme war kein fernes Wehklagen aus einer anderen Welt. Sie war wirklich und wahrhaftig. Es war die Stimme einer Frau, und sie hatte etwas Beruhigendes und Anmutiges. Aber zugleich schwang auch ein Hauch von Gefahr in dieser Stimme mit. Entaro wandte den Blick zur Seite und vor ihm stand eine Frau, welche hinter dem verkohlten Baum hervorgetreten war. Sie trug einfache Gewänder und ihr dunkles Haar hing aus der Kapuze hervor. »Wer seid ihr?«, verlangte der Bernsteinritter zu erfahren und versteifte instinktiv den Griff um das Schwert. Er erhielt keine richtige Antwort. Nur ein wissendes Lächeln umspielte die Mundwinkel der Frau. Entaro sah sie eindringlich an, doch er konnte beim besten Willen nicht sagen, wer sie war, oder wie alt sie wohl war. Sie war nicht jung. Aber auch nicht alt. Vermutlich war sie ungefähr in seinem Alter, oder etwas älter. »Der Tod ist mehr als nur das Ende des Lebens.«, sinnierte die Frau. »Die Blumen sind die letzten Zeugen dessen, was hier geschehen ist.« Entaros Blicke huschten kurz zu den weißen Blüten, bevor er sich wieder auf die unbekannte Frau konzentrierte. »Die Akadier dort…« Sie deutete auf das frische Grab, welches Entaro und seine Gefährten erst am gestrigen Tag bereitet hatten. »ihnen wurden die Köpfe abgeschlagen und das Herz durchbohrt. Sie werden in der Erde ruhen, bis ihre Körper zu Staub geworden sind. Aber die dutzend Männer, die hier liegen, sind auf immer dazu verdammt, an diesem Ort zu verweilen.« Entaro runzelte die Stirn. »Woher wisst ihr diese Dinge? Wer seid ihr, gebt euch zu erkennen?«, wiederholte er seine zuvor gestellte Frage. Doch erneut erhielt er keine Antwort. »Ich bin nur ein einfaches Weib, welches den Toten ihre letzte Ehre erweist.« Sie lächelte milde und Entaro nickte auch wenn er nicht wirklich verstand, wovon sie da sprach. »Habt ihr diese Bänder an die Schwerter gebunden?« Wenn sie schon ihren Namen nicht offenbaren wollte, so versuchte er zumindest so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, was sie bereit war preiszugeben. »Gewiss.«, antwortete sie in einem ruhigen und melodischen Ton. »Zu welchem Zweck?« Die Frau seufzte müde. »In den alten Zeiten, als das Land, aus dem ihr kommt, noch nicht im Meer versunken war. In alten Zeiten, als diese Lande nicht verflucht waren, war dies der Glaube der Menschen. Bevor die Menschen begonnen Bernsteine auf die Brust oder Steine auf die Augen zu legen. Bevor die Menschen begannen die Köpfe der Toten abzuschlagen. Dein Glaube, Akadier, ist nur ein Bruchteil dessen, was die Wahrheit ist.« Entaro schwieg. Diese Frau sprach in Rätseln und er versuchte die Worte, die sie sprach, irgendwie zu verstehen. »Diese Bänder tragen Zeichen. Zeichen des Schutzes. Und Zeichen der Warnung.« »Warnung?«, hakte Entaro nach. »Wovor warnen sie?« Die Frau lächelte, doch die Antwort blieb sie schuldig. »Du bist anders, als die anderen, die bisher in dieses Land gekommen sind.« Ihre Stimme war bestimmend und ernst. »Anders?«, wiederholte Entaro doch auch jetzt verstand er kein Wort von dem was sie sprach. »Warum bist du hier, Diener Daereans? Was führt dich in unser Land?« Entaro überlegte kurz, ob er ihr darauf eine Antwort geben sollte. Doch er entschied sich, ebenso wie sie, in Schweigen zu hüllen. »Ich lasse mich vom Schicksal leiten. Mein Weg führt mich dorthin, wo ich gebraucht werde.« Die Frau schnaubte verdrießlich. »Ihr gehört nicht hier her. Ihr seid hier nicht willkommen. Ihr bringt nur Tod und Verderben. Dieses Land ist unser Land.« Entaro erkannte einen aufsteigenden Groll, der sich langsam ihrer weichen und anmutigen Stimme untergemischt hatte. »Wer ist, ihr? Wessen Land ist euer?« Entaros Griff um das Schwert wurde noch ein wenig fester und sein Körper straffte sich, jederzeit auf einen Angriff vorbereitet. »Du weißt, wer wir sind. Und ich weiß, warum ihr hier seid. Der Rote Tod führt euch. Der rote Tod ist blind vor Rache. Er wird euch alle ins Verderben führen.« Da war es an Entaro milde zu lächeln. »Der rote Tod ist das, was eure Leute geschaffen haben. Er ist zu dem geworden was er heute ist, als man ihm Frau und Kind nahm.« Da schwieg die Frau. Ihre Miene schien sich ein wenig zu entspannen und sie ließ ihre Hände sinken. »Der Mann, der bei euch ist. Der, der kein Akadier ist.« Die Frau hob eine ihrer Hände und richtete die offene Hand auf die Blumen, welche sich um das Schwert wanden. »Sein Leben ist an den Tod gebunden.« Entaros Blicke folgten der Hand, wenn auch nur für kurz, denn er spürte, dass er dieser Frau nicht den Rücken zukehren durfte. »Was hat das zu bedeuten?«, verlangte Entaro zu erfahren und die Frau lächelte wissend. »Er wird niemals mehr frei sein. Auf ewig an diesen Ort gebunden. Dies ist der Fluch des Todes.« Sie lächelte. »Ihr kennt ihn nicht. Doch wir kennen ihn sehr gut. Das Schicksal leitet euch, Bernsteinritter? Nun. Das Schicksal hat Kalwen von Niefurt seine gerechte Strafe zugeführt. Er ist ein Mann von Kalath, der seine eigenen Leute getötet hat, nur für Geld. Der Tod, der ihm blüht…« Bei diesen Worten lächelte die Frau süffisant, was Entaro in Anbetracht auf das Wortspiel einer Blume, an welche das Leben des Hexenjägers gebunden war, als beinahe ironisch empfand. »…ist sein verdientes Schicksal.«
Entaro schwieg und bedachte die Frau mit eindringlichen Blicken. »Jeder Mensch hat seine dunklen Seiten. Jeder Mensch kann sich zum Guten wenden. Kalwen von NIefurt, Der rote Tod, oder ihr und die Euren.« Da nickte die Frau. »Gewiss. Doch warum sollte ich Kalwen von Niefurt helfen wollen?« Entaro hatte darauf natürlich keine Antwort. »Diese Frage kann ich nicht beantworten, da ich euren Namen nicht kenne.« »Du bist ein weiser Mann. Du wirst meinen Namen erfahren, wenn es das Schicksal vorgesehen hat.« Wieder lächelte die Frau und so langsam empfand Entaro dieses Lächeln als anstrengend. »Ich könnte sagen, wenn man die Blume zerstört, wird auch das Band gelöst….«, begann die Frau, ohne den Satz zu beenden. Entaros Blicke hafteten sich auf die Blume, und dann wanderten sie auf die Klinge seines Schwertes. »...Aber in diesem Land ist nichts wie es scheint. Kalwen zu erlösen, würde nur einen anderen Fluch heraufbeschwören.«, beendete Entaro den Satz und die Frau klatschte langsam und anerkennend in die Hände. »Wird der Bernsteinritter es wagen?« Entaro schüttelte den Kopf. »Ihr wisst viele Dinge. Ihr habt eine seltsam vertraute Stimme. Und…« Entaro beendete den Satz nicht doch er starrte die Frau eine Zeit lang an. Sie tat einen Schritt auf Entaro hinzu und ihre Hand hob sich langsam zu ihrer Kapuze, um diese ebenso langsam und andächtig von ihrem Kopf zu ziehen. Das Gesicht, welches sich Entaro dann offenbarte, zeigte eine Frau mittleren Alters. Man konnte sie durchaus als schön bezeichnen. »Jeder Mann hat seine Gaben, jede Frau ihre Talente. Du bist geschickt mit dem Schwert und du kannst Dinge spüren, die anderen verborgen bleiben. Der Hexenjäger weiß Dinge, die er vor euch verborgen gehalten hat. Er hat auch seine Gaben. Und die Frau…« Sie verzog ihren Mundwinkel zu einer abfälligen Grimmasse. »…ihr Talent offenbart sich, wenn das Flüsterholz spricht. Und dein Herz dachte unentwegt an sie, seit du diesen Ort betreten hast.« Entaro weitete die Augen und starrte die Frau mit der Erkenntnis, die ihn zu übermannen drohte an. Sein Arm schnellte in die Höhe und die Klinge seines Schwertes richtete sich auf die Frau. »Ich weiß wer ihr seid.« Da kicherte die Frau und hob abwehrend ihre Hände. Doch Entaro erkannte, dass es für sie nur ein Spiel war und sie sich nicht wirklich ergab. »Ach. Das hat ja gar nicht so lange gedauert, wie ich erwartet hatte.« Entaro blickte die Frau grimmig an und die Klinge richtete sich direkt auf ihre Brust. »Willst du mich jetzt erschlagen?«, fragte sie und sah ihn mit großen Augen an. Ihre feinen, zierlichen Hände glitten zu ihrem Gewand und legten sich sanft an den Saum. Sie sah ihm tief in die Augen und während Entaros Wille ins Wanken geriet, öffnete sie langsam in einer geschmeidigen, fließenden Bewegung das Kleid. »Du begehrst sie, nicht wahr?«, flüsterte sie und trat einen Schritt auf Entaro hinzu. »Deine Gedanken verraten dich. Nur dein Schwur hält dich davon ab. Warum nur?« Sie trat noch einen Schritt hervor, so dass die Spitze von Entaros Schwert ihre Brust berührte. Sie ließ die Hände von ihrem Gewand und der Stoff rutschte zur Seite. »Ich kann dir diese Last abnehmen, Bernsteinritter. Dich von dem Schwur befreien.« Ihre Hand hob sich und legte sich auf die Klinge, welche noch immer auf ihrer Brust lag. Sanft streiften ihre Finger über den kalten Stahl und dann schob sie die Klinge langsam beiseite. Entaro starrte sie nur schweigend an. Ihre Worte waren in seinen Gedanken. Jedes ihrer Worte, welches über ihre Lippen kam, hallte auch in seinem Kopf wider. Schließlich war sie ihm so nahe, dass sie ihre Hand auf seine Brust hätte legen können und ihr Blick bohrte sich förmlich in den seinen.
Doch sie hielt inne und lächelte nur. »Sag meinen Namen, Bernsteinritter.«, befahl sie mit einer honigschweren Stimme. Entaro blinzelte und seine Hand umklammerte den Griff seines Schwertes. »Hera.«, antwortete Entaro mit dünner Stimme und der Frau entkam ein verzücktes Kichern. Entaros Blick verklärte sich. Er tat einen Schritt zurück, als er erkannte, dass er immer tiefer in ihren Bann gezogen worden war. »Ich werde euch in Ketten legen.« Entaro hob den Arm und wollte sie ergreifen. Doch sie tänzelte geschickt zurück und entging so seinem Griff. Ihr Kleid wehte bei jeder Bewegung und während sie aus Entaros Reichweite entfloh, griff sie unter ihr Kleid. Entaro handelte entschlossen. Er ergriff das Schwert mit beiden Händen und vollführte einen geschwungenen Schnitt. Das Schwert erfasste das Kleid und schnitt einen tiefen Spalt in den Stoff. Doch dann war die Frau auf einmal verschwunden. Ein verhallendes, helles Lachen hing noch in der Luft, doch Hera, die heilige Hure, hatte sich einfach in Luft aufgelöst.
Entaro hielt inne und starrte verwirrt auf jene Stelle, an welcher soeben noch die Frau gestanden hatte. Doch nun war dort nichts mehr. Ungläubig hob er sein Schwert und bewegte es langsam vor sich hin und her. Als würde er erwarten, dass sie einfach nur unsichtbar geworden wäre, oder seinen Augen ein Streich gespielt wurde. Doch das Schwert glitt einfach durch die Luft und traf auf kein Hindernis. »Was hat das zu bedeuten?«, murmelte er, doch das Schwert hielt er weiterhin kampfbereit in der Hand. Er ging einige Schritte umher und sah sich suchend um. Doch weder die Stimme der Frau, noch ihre Gestalt waren irgendwo auszumachen. »Diese Schwarzseher treiben ihre Spiele mit uns. Zuerst dieser Ardeth und seine seltsamen Illusionen. Und jetzt Hera.« Entaro seufzte. Ein lauer Wind glitt über die Lichtung und ein leises Heulen wurde von ihm begleitet. Doch es klang nicht fremdartig, oder wie eine Stimme. Es war einfach nur das Geräusch des Windes. Aber jedes Geräusch. Jede Bewegung. Alles, was irgendwie verdächtig oder ungewöhnlich wirkte, ließ Entaros Sinne geschärft und konzentriert bleiben.
Die Zeit verging und Entaro verharrte auf der Lichtung. Doch nichts geschah. Keine Stimmen. Keine Gestalten. Keine Kreaturen. Und schließlich ließ er seinen Schwertarm sinken und hielt die Klinge nur noch locker in der Hand. Er stand wieder am Totenhain, dem schwarz verkohlten Baum und der verbrannten Erde. Die Bänder bewegten sich geisterhaft im lauen Wind und die feinen Blütenblätter dieser weißen Blumen zitterten unmerklich. Entaro gedachte der Worte, die Hera gesprochen hatte. Das Zerstören der Blüten würde das Band zwischen ihnen und Kalwen unterbrechen. Doch es würde nur einen neuen Fluch bewirken. Welcher Art, hatte sie nicht erwähnt. Es schien fast, als wollte sie seine Neugier damit erwecken, es herauszufinden. Und in Entaro begann sich ein Kampf auszufechten. Der Kampf zwischen Neugier und Vernunft. Zwischen Wissensdurst und Ignoranz. Er wollte natürlich wissen, was passiert. Aber auf die Probe stellen wollte er es auch nicht. Er trat noch einen Schritt näher und führte die Klinge an eine der Blüten. Die scharfe Schneide legte sich direkt unter den Kopf der Blüte und nur ein kurzer Ruck, und die Blüte würde zu Boden fallen. Doch Entaro zögerte. Würde der Fluch auf ihn übergehen, oder auf Kalwen? Und welcher Art, würde dieser Fluch sein? Oder hatte dieses Weibsbild am Ende einfach nur gelogen und es gab keinen Fluch? Spielte sie nur ein Spiel und wollte ihn verwirren? Denn sie war letzten Endes nichts anderes als eine Hexe. Konnte man ihr blind vertrauen? Entaro schüttelte den Kopf. Keinen einzigen ihrer Worte durfte man Glauben schenken. Das Zerstören der Blume könnte das Band lösen, oder auch nicht. Es könnte einen Fluch beschwören oder auch nicht.
Doch die Neugier in Entaro war stärker. Seine Hand zuckte. Die Klinge bebte. Der Blütenkopf zitterte. Und dann fiel er zu Boden. Doch als die Blüte den schwarzen Boden berührte, zersplitterte sie in unzählige, kleine Scherben. Ein heulendes Wehklagen ertönte und aus den Bruchstücken entkamen winzige, glimmende, weiße Funken. Sie stieben auseinander, flirrten umher und Entaro trat einen Schritt zurück. Einige Funken schlugen in seine Klinge und ein heller Ton erklang, als ob man eine Stimmgabel geschlagen hätte. Einige Funken lösten sich auf, als ob sie einfach verglühten, und andere fuhren in die beiden verbliebenen Blüten. Doch einer dieser Funken flog direkt auf Entaro hinzu. Fasziniert beobachtete er das winzige, glimmende Ding. Doch je näher es ihm kam, desto unbehaglicher wurde es ihm. Es schien beinahe, als ob von der flirrenden Scherbe eine seltsame Kraft auszugehen schien. Und er fühlte Zorn in der Luft. Ein stiller Schrei, der sich ihm langsam näherte und immer lauter wurde. Entaro schlug mit der Klinge nach dem Funken und wieder erklang das Schwert glockenhell. »Scheiße.«, fluchte Entaro und rannte davon. Das Wehklagen wurde immer lauter, obwohl er sich immer weiter entfernte. Er hastete in die Büsche und erst als er die Lichtung hinter sich gelassen hatte, da verstummte es urplötzlich. »Was war das nur?«
Entaro schlug tiefhängende Äste beiseite, und kämpfte sich durch den Wald, zurück zur Wagenburg. Der Weg schien endlos lang zu sein. Entaro hatte langsam das Gefühl, dass er im Kreis zu gehen schien. Der Weg zu dieser Lichtung hatte deutlich weniger Zeit in Anspruch genommen. Aber er wanderte inzwischen so lange durch die Wälder, und er schien das Ziel dennoch nicht zu erreichen. »Scheiße…«, brummte Entaro und schlug erneut einige Äste beiseite. Vor ihm tat sich eine Lichtung auf und Entaro trat aus dem Wald. Doch da war keine Wagenburg. Er fand sich auf der anderen Seite des Totenhains wieder. »Wie kann das sein?« Entaro starrte ungläubig auf den schwarzen Baum und dann sah er hinter sich auf den Wald, aus welchem er soeben gekommen war. »Unmöglich.« Seine Stimme war so leise wie ein Flüstern. Ein lauer Wind kam auf, und von ihm getragen drang ein leises, schadenfrohes Kichern an sein Ohr. Es war dasselbe Kichern, wie jenes, als Hera sich in Nichts aufgelöst hatte. »Was wird hier gespielt?«, rief Entaro und verstärkte unweigerlich den Griff um sein Schwert. Aber er erhielt keine Antwort.
Entaro griff in seine lederne Tasche und zog das Daereanische Siegel hervor. »Schatten!«, rief er laut und hielt es dann in die Luft. Der Bernstein, welcher in dem silbernen Käfig eingeschlossen worden war, schimmerte schwach. Aber um das Kleinod herum, begann sich die Luft zu verändern. Ein Schrei erklang. Ein Wind kam auf. »Schatten!«
Schlechte Vorzeichen ❖
13.12.2025 '23:33 [3.340 Wörter]
 er Boden unter Isaé war kalt und rissig, als hätte man ihm alles Leben ausgesogen. Kein Gras, kein Stein, nur eine schwarze, poröse Fläche, die bei jedem Schritt leise nachgab. Doch es war kein schwarzer Moorboden. Es war einfach… tote Erde… Isaé wusste das, ohne es prüfen zu müssen. Diese Erde trug nichts mehr. Sie hielt nur noch, wie ein zugefrorener See, der nicht mehr so sicher war, weil das Wetter wärmer geworden war. Sie wagte nicht stehen zu bleiben, denn alles an diesem Ort sagte ihr, dass Stillstand hier gefährlich war. Also ging sie weiter. Der Himmel hing tief und grau über ihr, wie eine schwere Decke, die jeden Gedanken niederdrückte. Kein Sonnenstrahl brach hindurch. Keine Richtung ließ sich erkennen. Das Land war weit und leer, und doch fühlte es sich an, als würde es sie beobachten. Irgendwann tauchten die ersten weißen Totenblumen auf. Sie wuchsen direkt aus der schwarzen Erde, einzeln zunächst, dann dichter, ihre dornigen rankenden Stängel starr und unbeweglich, ihre Blüten geschlossen, wie verheilte Narben. An den Dornen klebte Blut. Dick, dunkel, schwer. Es haftete an ihnen, als gehöre es dorthin. Isaé zog ihr Langmesser. Sie wusste nicht warum, sie wusste nur dass sie die Blumen nicht berühren durfte. Es war wie eine leise Ahnung, wie eine vergessene Erinnerung. Obwohl der Drang danach beinahe unwiderstehlich war. So unwiderstehlich wie der Drang nach einer Pfeife mit Feuermohnopium. Sie trat näher und berührte mit der Klinge eine der Blumen. Die Berührung der Klinge mit der Blume erzeugte ein hohles, trockenes Klappern, wie Knochen, die gegeneinanderschlugen. Sie berührte eine zweite. Dann eine dritte. Immer derselbe Klang. Die Luft schien schwerer zu werden, je weiter sie ging. Die Blumen standen nun dichter, und zwischen ihnen lag eine bedrückende Stille, die sich nicht wie Ruhe anfühlte, sondern wie Zurückhaltung, so als würde etwas warten. Gänsehaut kroch ihr über die Haut und als sie nähertrat, kroch Kälte an ihr hoch, scharf und unangenehm. Plötzlich sah sie ein Bild, klar und scharf, direkt vor ihrem inneren Auge. Eine Hand, die sich an Dornen aufriss, Blut, das in den Blütenkelchen versickerte, so als würden die Blüten es förmlich in sich aufsaugen. Dann hörte sie, wie jemand ihren Namen flüsterte. Es schien aus keiner bestimmten Richtung. Es war überall. In der Luft. Im Boden. Zwischen den Blumen. „Isaé.“ Sie wandte sich um. Und dann sah sie Kalwen.
Oder vielmehr das, was von ihm übrig war. Er stand aufrecht, aber nicht fest, beinahe so, würde er sich nur mühsam zusammenhalten. Dort, wo sich Brustkorb befand, war ein feiner Riss, kaum sichtbar, aber tief. Und diesem Riss entströmte etwas. Es war kaum sichtbar, es war nicht Luft, es war nicht Rauch, es war.. wie Nebel… Isaé spürte, sie sich ihre Augen weiteten. „Kalwen…“ hauchte sie. „Was ist mit dir?“ Er sah an sich herab. „Was denn? Ich bin nicht mehr ich selbst, das stimmt, aber ich seh doch immer noch unverschämt gut aus, nicht wahr?“ Er schenkte ihr ein Lächeln, doch es war nicht verschmitzt, wie sonst auch. Es war schwach und traurig. Er schüttelte schwerfällig und langsam den Kopf. „Ich habe keine Kraft für Scherze. Verzeih mir, Isaé, du solltest das nicht sehen“, sagte er ruhig, fast entschuldigend. Isaé wollte zu ihm, doch ihre Füße rührten sich nicht. Die Totenblumen hatten sich näher geschoben. Ihre Dornen verhakten sich im Boden wie Finger. Wie eine drohende Barriere. Und Isaé fürchtete sich vor diesen Gewächsen. Also blieb sie stehen. „Was ist mit dir passiert, Kalwen? Ich erkenne dich nicht wieder…“, brachte sie hervor, und ihre eigene Stimme klang ihr plötzlich so fremd. Kalwen sah an sich herab, hob die Hand. An seiner Hand klebte getrocknetes Blut. Sein eigenes „Als ich die Blume berührt habe“, sagte er, „Ist ein Teil von mir hier geblieben.“ Er deutete auf den Boden, auf die schwarze, tote Erde zwischen den Totenblumen. Isaé blickte ihn fragend an „Was meint du damit?“ „Ein Stück meiner Seele. Gebunden an dieses Land, an diesen Ort.“ Isaé wollte etwas sagen, doch er kam ihr zuvor. „Ich werde nie wieder ganz sein“, fuhr er fort. Sein Blick hob sich zu ihr. Jetzt lag etwas Hartes darin. Etwas Endgültiges. „Der Rest von mir verschwindet durch dieses Loch. Langsam. Stück für Stück. Nicht, weil ich schwach bin. Sondern weil etwas an mir zehrt.“ Die Blumen standen reglos. Als würden sie lauschen. Er sah sie an, und diesmal wich sein Blick nicht aus. „Es ist ein Fluch.“ Dieses Wort ließ Widerstand in sich aufkeimen. „Einen Fluch kann man brechen, Kalwen“, sagte sie scharf. „Man muss nur wissen wie.“ Er schüttelte den Kopf. Langsam. Müde. „Dieses verfluchte Land ist mächtig“, erwiderte er. „Man kann einen solchen Fluch nicht brechen, ohne einen weiteren heraufzubeschwören.“ Sein Blick glitt über die schwarze Erde, über die Totenblumen, über die Dornen, die alles festhielten, was sie berührte. „Und wer kann sagen, was dann passiert.“ Isaés Stimme wurde leiser, aber nicht schwächer. „Aber was können wir dann tun?“ Kalwen sah sie an. Und sein Lächeln, das er ihr schenkte, war kaum mehr als eine Erinnerung. „Nichts.“ Dieses Wort drang tief in ihr Bewusstsein, aber Isaé schüttelte den Kopf, als wolle sie es nicht wahrhaben „Aber was wird dann passieren?“ fragte sie kläglich. Kalwen atmete einmal tief ein, so tief, dass es wirkte, als koste es ihn wirklich Mühe. „Dann werde ich sterben“, sagte er ruhig. Ein kurzer Moment verging, in dem sie hoffte, er würde diese Worte zurücknehmen. Doch er tat es nicht. Als Kalwen die Worte ausgesprochen hatte, senkte sich für einen Herzschlag lang Stille über den Ort. Die Totenblumen rührten sich nicht. Der Himmel blieb grau und schwer. Dann begann sich der Riss in ihm zu verändern. Was zuvor nur eine feine, dunkle Linie gewesen war, öffnete sich langsam, lautlos. Aus dem Spalt trat Nebel, nur dichter. Wie Rauch, der nicht aufstieg, sondern nach unten zog, in die tote Erde hinein. Wabernde Streifen lösten sich aus seiner Brust, dünn zuerst, dann mehr, und jeder von ihnen nahm etwas mit sich. Gedanken, Erinnerungen, unausgesprochene Worte. Kalwen veränderte sich dabei kaum. Er schrie nicht. Er wehrte sich nicht. Er stand einfach da und ließ es geschehen, während das, was ihn ausgemacht hatte, Stück für Stück aus ihm herausströmte und vom Land aufgenommen wurde. Die Blumen neigten sich in seine Richtung. Mit jedem Atemzug wurde er durchsichtiger. Seine Konturen verloren an Schärfe, als hätte jemand begonnen, ihn aus der Welt zu wischen. „Fräulein Isaé… Hexenjägerin…“ Seine Stimme verklang, noch bevor er den Mund wieder öffnete. Sein Blick hielt Isaés nur einen Moment zu lang, dann löste auch er sich auf. Schließlich blieb nur noch die Hülle eines Mannes stehen, leer und instabil, und selbst diese hielt nicht. Sie zerfiel ins Nichts. Das letzte Stück Kalwens verschwand lautlos im Boden. Genau dort, wo die Dornen standen und das Blut an ihnen haftete. Die Erde nahm es auf, als hätte sie darauf gewartet. Isaé stand allein zwischen den Totenblumen.
Als Isaé erwachte, riss sie die Augen auf und schnappte nach Luft. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Brust. Die Traumbilder zerfielen sofort, wie Rauch im Wind, aber das Gefühl blieb. Schwer. Kalt. Unangenehm. Isaé fuhr aus dem Schlaf, als hätte man sie aus der Tiefe gerissen. Ihr Atem ging schneller, während die Bilder des Traums noch in ihr nachhallten. Schwarze Erde. Blut an Dornen. Kalwens Blick, als er sich auflöste. Dieses Nichts, das blieb. Für einen Moment war sie sicher, dass etwas fehlte. Dass der Traum mehr gewesen war als nur ein Traum. Dass Kalath ihr etwas gezeigt hatte, das nicht geschehen durfte, aber vielleicht geschehen würde. Dann spürte sie die Wärme. Der Drache lag noch immer da, schwer und ruhig, seine Flanke unter ihrer Wange, sein Atem gleichmäßig wie ein langsamer Takt, der ihren unruhigen Herzschlag wieder in Einklang mit dem seinen brachte. Und mit jedem Heben und Senken löste sich ein Stück der Enge in ihrer Brust. Die Bilder verblassten nicht ganz. Sie rückten nur weiter weg, verloren ihre Schärfe. Was blieb, war dieses zerrissene Gefühl, halb wach, halb noch im Traum, aufgewühlt und doch wieder ruhiger durch die Präsenz des Drachen. Isaé blieb liegen, rührte sich nicht. Sie legte eine Hand auf die warmen Schuppen unter sich, als müsse sie sich vergewissern, dass es die Wirklichkeit war. Schatten bewegte sich kaum, nur ein leises, tiefes Schnauben, das mehr Wirkung hatte als jedes Wort. Der Traum hatte sie aufgewühlt. Der Drache beruhigte sie. Und irgendwo dazwischen fand sie langsam wieder zu sich zurück. „Was für ein verrückter Traum…“ murmelte sie. Isaé löste sich langsam vom Drachen, als würde sie einen warmen Ort verlassen, den man eigentlich nicht verlassen will. Sie blieb noch einen Moment bei ihm, legte die Hand an seine Flanke und ließ sie dort ruhen, eine stille Geste, die keinem Dankeswort bedurfte. Sie wusste, was er ihr gegeben hatte. Der Schlaf war kurz gewesen. Und doch fühlte er sich tief an, als hätte er genau dort angesetzt, wo sie am erschöpftesten gewesen war. Ihr Körper war leicht, der Kopf klar, die innere Unruhe gedämpft. Sie stand da und wunderte sich fast darüber, wie gut es ihr ging. Der Traum hingegen ließ sich nicht einfach abschütteln. Er war nicht mehr greifbar, keine Bilder, keine Stimmen, nur dieses Nachwirken, das unter der Haut saß. Wie ein Stachel, der nicht schmerzte, solange man sich nicht bewegte, und doch stets daran erinnerte, dass er da war. Isaé richtete sich auf, trat einen Schritt zurück und löste den Blick vom Drachen. Sie war wach. Und irgendwo zwischen Erholung und Unruhe wusste sie, dass dieser Schlaf mehr gewesen war als bloße Ruhe. Etwas war in ihr zurückgeblieben, etwas Schönes.
Isaé beschloss, zu Kalwen zu gehen, noch immer mit dem Nachklang des Traums im Kopf, aber ohne Eile. Mehr aus Fürsorge als aus Angst. Jedenfalls redete sie sich das ein. Es war schließlich und letztendlich nur ein Traum gewesen! Sie wollte nachsehen, ob der Feuermohn getan hatte, was er tun sollte. Sie erreichte seinen Platz und trat näher an Kalwen heran und blieb bei ihm stehen. Sein Schlaf wirkte anders als in der Nacht zuvor. Tiefer, gleichmäßiger. Die Anspannung in seinem Gesicht war verschwunden, und selbst die verbrannte Hand lag ruhiger, als hätte der Feuermohn die Schmerzen zurückgedrängt. Mirou der Bader wandte den Kopf und nickte ihr zu. Er erklärte ihr, er hatte Kalwen eine kräftigende Suppe gegeben, der er einen scheußlich bitteren Kräutersud hinzugefügt hatte. Sie ging erst in die Hocke, dann kniete sie sich zu ihm, legte ihm die Hand an die Stirn und ließ sie einen Moment dort. Warm, aber nicht fiebrig. Nicht feucht, und auch sein Gesicht hatte eine deutlich bessere Färbung angenommen. Das war gut. Dann zögerte sie, schlug dann aber schließlich die Decke zurück und schnürte sein Hemd auf. Auch, wenn es närrisch war, aber sie wollte sich vergewissern, ob da ein Riss in seinem Brustkorb war. Doch da war nichts. Mirou blickte sie fragend an, doch Isaé winkte nur ab, schnürte das Hemd wieder zu und breitete die Decke wieder über ihn. Sie atmete leise aus und richtete sich langsam auf. „Er kann morgen aufstehen“, sagte Mirou schließlich. Seine Stimme war ruhig, sicher. „Nicht zu weit, nicht zu schnell. Aber er wird gehen können, wenn man ihm Zeit lässt. Und jeder Schritt wird ihm helfen, zu Kräften zu kommen.“ Isaé nickte zufrieden. Genau das hatte sie erreichen wollen. Nicht mehr. Nicht weniger. Sie blieb noch stehen, sah Kalwen an, wie er dalag, und die Bilder des dahinschwindenden Kalwens traten vor ihr inneres Auge. Bilder, die sie eigentlich nicht zulassen wollte. Erst dann fiel ihr auf, wie still es im Lager war. Zu still. Kein geschäftiges Ordnen, kein leises Fluchen, kein hastiges Zusammenpacken. Sie sah sich um, runzelte leicht die Stirn. „Ich dachte, Ser Tarvain wollte heute aufbrechen“, sagte sie schließlich. Mirou verzog den Mund ein wenig. „Wollte er. Aber daraus wird nichts.“ Isaé wandte sich ihm zu. „Warum nicht?“ „Ser Adun ist nicht da“, antwortete er schlicht. „Und solange er fehlt, bewegt sich hier niemand.“ Sie sah auf. „Nicht da? Wohin ist er denn gegangen?“ Mirou zuckte mit den Schultern. „Ich war die ganze Zeit bei Kalwen. Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist.“ Isaé nickte, sagte jedoch nichts darauf. Sie setzte sich noch einmal zu Kalwen, blieb bei ihm, bis sie sicher war, dass sein Schlaf ruhig blieb, dass nichts an ihm zog oder sich veränderte. Dann stand sie auf, ohne Eile, aber mit einem klaren Entschluss, und verließ das Lager, um Entaro zu suchen. Erst ein Stück weiter, bei den Wachen, fand sie jemanden, der ihr mehr sagen konnte. Der Mann zögerte kurz, bevor er sprach. „Er ist allein los“, sagte er schließlich. „In Richtung Totenhain. Er wollte niemanden zur Begleitung bei sich haben, er sagte, er wolle alleine sein.“ Isaé nickte nur. Sie bedankte sich knapp und ging weiter. Der Totenhain…. Jener Ort an dem die Kalather ihre zweifelhafte letzte Ruhe gefunden hatten. Jener Ort an dem die Totenblumen wuchsen. Der Name dieses Ortes legte sich wie ein leiser Schatten über ihre Gedanken. Sie erinnerte sich an den Traum, an die Bilder, die sie noch nicht ganz losgelassen hatten. Und eine Unruhe keimte in ihr auf. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt.
Isaé hatte das Lager kaum hinter sich gelassen, da veränderte sich die Luft, und ein dumpfes Grollen zog über sie alle hinweg. Erst sah man seinen gewaltigen Schatten, der das Lager verdunkelte. Im selben Moment brach der Wind los, den seine gewaltigen Schwingen verursachten. Zeltplanen schlugen, lose Seile peitschten gegen Holz, Staub, Asche und Glut der Lagerfeuer wurden aufgewirbelt. Ein paar Männer fluchten laut, einer hielt sich den Helm fest, ein anderer ging in die Knie, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Drache rauschte über das Lager hinweg und für einen Herzschlag lang war alles Bewegung. Isaé stemmte sich gegen den Windstoß, grub die Füße in den Boden, die Augen zusammengekniffen und doch zum Himmel gerichtet. Als der Wind nachließ und die Geräusche sich wieder legten, blieb eine spürbare Unruhe zurück. Kein Geschrei mehr, das Chaos, löste sich allmählich wieder auf. Isaés erster Gedanke galt Entaro. Irgendetwas musste passiert sein. Wieso war Schatten einfach so und urplötzlich weggeflogen? Sie wandte sich bereits um, den Entschluss klar, kaum geformt und doch fest, als ihr jemand den Weg abschnitt. Ser Tarvain. Er hatte den Blick noch immer zum Himmel gerichtet, doch als er sprach, tat er es ohne Zögern. „Frau Isaé, ihr geht nicht.“ Isaé sah ihn an, scharf, überrascht. „Entaro ist draußen.“ „Ich weiß“, entgegnete er ruhig. „Dann lasst mich gehen“, sagte sie. „Wenn Schatten so fliegt, ist etwas passiert.“ Tarvain schüttelte den Kopf. „Nein.“ Diese Antwort traf sie härter, als sie erwartet hatte. Isaé machte einen Schritt auf ihn zu. „Er ist alleine da draußen. Im Totenhain!“ „Ser Adun weiß, was er tut“, erwiderte Tarvain. „Und er weiß, wie er auf sich achtzugeben hat.“ „Das wisst ihr nicht“, fuhr Isaé ihn an. „Nicht in diesem verfluchten Land. Nicht im Totenhain.“ Tarvain hielt ihrem Blick stand. Seine Stimme blieb fest, doch jetzt lag etwas Strengeres darin. „Und ich weiß, was passiert, wenn ich euch gehen lasse und euch dort draußen etwas zustößt.“ Isaé presste die Lippen zusammen. „Ich kann auf mich aufpassen.“ „Und Ser Adun kann auf sich aufpassen. Doch darum geht es nicht“, sagte er scharf. „Wenn euch etwas passiert, ist dieses Unterfangen gescheitert. Ohne Hexenjägerin kommen wir hier nicht weiter. Und das wisst ihr genauso gut wie ich.“ Sie schwieg einen Moment, rang sichtbar mit sich. Dann brach es aus ihr heraus, ungefiltert. „Ihr haltet mich hier fest, während er allein da draußen ist?“ „Ich halte euch hier, weil ich mir keinen zweiten Ausfall leisten könnte“, entgegnete Tarvain. Isaé ballte die Hände. „Ihr habt doch den Drachen gesehen. Das bedeutet doch etwas!“ Tarvain sah sie einen langen Moment an. Dann sagte er ruhiger, fast schwer: „Ja. Das tut es. Aber vielleicht bedeutet es auch etwas Gutes. Und genau deshalb rennt ihr ihm jetzt nicht hinterher.“ Isaé wandte sich ab, ohne noch etwas zu sagen. Schließlich hatte sie genug gesagt, und setzte sich in Bewegung. Nicht hastig, aber entschlossen. Einfach los, in Richtung des schmalen Pfads, der aus dem Lager führte. „Frau Isaé.“ Tarvains Stimme drang ruhig an ihr Ohr. Ruhig aber bestimmt. Sie lauschte, blieb jedoch nicht stehen. Er sagte ihren Namen kein zweites Mal. Am Ausgang des Lagers standen die Wachen. Zwei Männer, die Speere locker in der Hand, aufmerksam, aber nicht angespannt. Isaé kannte die beiden. Sie waren in irgendeiner Nacht gemeinsam am Lagerfeuer gesessen, hatten Glutbier getrunken. Jetzt taten sie ihren Dienst, im Befehl ihres Anführers einen Schritt vor, fast gleichzeitig, und senkten die Spitzen ihrer Speere so, dass sie sich kreuzten. Isaé blieb stehen, die Augenbrauen zusammengezogen, der Blick finster. Einen Herzschlag lang sah sie die Männer an, dann hob sie den Blick über ihre Schultern hinweg. Ser Tarvain war ihr gefolgt. Er stand ein paar Schritte hinter ihr, ruhig wie immer, den Blick fest auf sie gerichtet. Er sagte nichts. Er musste es auch nicht. Die Wachen warfen einen k kurzen Blick zu ihm. Ein einziges, knappes Abgleichen. Dann sahen sie wieder Isaé an. Ihre Haltung änderte sich nicht. „Ihr kommt hier nicht vorbei“, sagte einer von ihnen schließlich, nicht unfreundlich, aber unbeirrbar. Isaé atmete langsam aus. Sie sah die Männer an, dann über ihre Schultern hinweg zu Tarvain. „Pfeift eure Hunde zurück“, sagte sie kühl. „Ich gehe.“ Tarvain trat näher. „Nein“, sagte er. „Das tut ihr nicht.“ „Ihr könnt mich nicht festhalten.“ „Doch“, entgegnete er ruhig. „Und ihr wisst das. Lasst es jedoch nicht so weit kommen.“ Isaé wusste, dass er Recht hatte und hasste dieses Gefühl. Tarvain sah sie lange an. Dann sagte er „Seid vernünftig. Ich verhindere, dass ihr euch und uns in eine Lage bringt, aus der wir nicht mehr herauskommen.“ „Entaro ist da draußen.“ „Ja.“ „Allein.“ „Nein, sein Drachen ist bei ihm“ „Das wissen wir nicht sicher! Aber ihr steht hier.“ „Ja.“ Seine monotonen Antworten kam ohne zu zögern, und genau das machte sie so schwer zu ertragen. Isaé machte einen Schritt auf ihn zu. „Wenn ihm etwas zustößt…“ „Dann trage ich diese Entscheidung“, unterbrach Tarvain sie. Seine Stimme war jetzt härter, nicht laut, aber unmissverständlich. „Nicht ihr. Ich.“ Isaé fuhr herum. Jetzt sah sie ihn direkt an. „Nein“, sagte sie. „So einfach ist das nicht.“ Tarvain hob leicht die Brauen, sagte aber nichts. „Ihr könnt Verantwortung für Befehle übernehmen“, fuhr sie fort, die Stimme fest, gespannt vor Zurückhaltung. „Für den Trupp. Für Entscheidungen in Krieg und Kampf.“ Sie machte eine kurze, ungeduldige Bewegung mit der Hand. „Aber nicht für ihn.“ Tarvain erwiderte ihren Blick. „Er ist Teil dieses Unterfangens.“ „Er ist mein Freund“, sagte Isaé. „Und wir haben einander versprochen, aufeinander achtzugeben. Wenn er dort draußen ist und ich hier stehen bleibe, dann breche ich dieses Versprechen. Das könnt ihr mir nicht abnehmen.“ Tarvain antwortete nicht sofort. Sein Blick veränderte sich kaum, dann erwiderte er „Ich habe nicht gesagt, dass ich euch das abnehme“, sagte er schließlich. „Ich habe gesagt, dass ich entscheide.“ Isaé presste die Lippen zusammen. „Dann entscheidet ihr über etwas, das nur Entaro und mich etwas angeht.“ Er sah sie fest an. „Das nehme ich euch nicht. Aber was daraus folgt, das liegt in meiner Verantwortung. Und diese Verantwortung endet nicht dort, wo ein gegenseitiges Versprechen steht.“ Einen Moment ließ er die Worte wirken, dann fügte er sachlicher hinzu. „Ich verhindere nicht, dass ihr füreinander einsteht. Ich verhindere, dass ihr euch gegenseitig mit in den Abgrund zieht.“ Isaé wollte darauf etwas bissiges erwidern. Doch dann sagte sie nichts. Sie hielt seinem Blick noch einen Moment stand. Es gab nichts mehr, was sie noch sagen konnte. Ihr Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Die Worte, die ihr kamen, hätten nichts geändert. Sie wandte den Blick ab. „Was auch immer dort draußen geschieht. Wenn Entaro etwas geschieht, was wir hätten verhindern können, dann ziehe ich euch dafür zur Rechenschaft. Aber auf meine Art und Weise.“ Ser Tarvain antwortete nicht. Isaé blieb noch einen Augenblick stehen. Dann drehte sie sich langsam um und ging zurück ins Lager. Sie war nicht überzeugt. Sie war auch nicht einverstanden. Aber sie konnte momentan nichts tun.
Auftritt der Zwölf ❖
24.12.2025 '07:45 [4.201 Wörter]
 s dämmerte bereits und der wolkenverhangene Himmel wurde merklich dunkler. Zu dieser Jahreszeit dämmerte es früh in den Nebelwäldern der Grenzlande. Und auch wenn der restliche Tag, aufgrund des Nebels und der Wolken, kaum heller gewesen war, spürte man merklich, wie es kühler wurde. Jeder im Lager dachte es, aber keiner sprach es aus. Der Drachenreiter war noch immer nicht zurückgekehrt. Es waren schon Stunden vergangen, seit Ser Tarvain die Hexenjägerin daran gehindert hatte, alleine nach ihm zu suchen. Einige Männer saßen um ein Lagerfeuer und tuschelten. Andere tranken Glutbier. Es herrschte generell eine eher bedrückte Stimmung. Kalwen lehnte an einem Felsen mit einer Decke über den Beinen. Mirou saß neben ihm, sowie drei weitere Akadier. In unmittelbarer Nähe befanden sich noch mehr Männer, und vermutlich war die Hexenjägerin auch nicht weit. »Diese Warterei ist unerträglich.«, brummte einer der Männer. »Ser Adun ist schon viel zu lange fort. Ich fürchte, dass nimmt kein gutes Ende.«, murmelte ein anderer. Kalwen wirkte, im Gegensatz zu den Männern, eher ruhig. Es wirkte beinahe als ob er einfach nur in die Gegend starren würde. Seitdem er sich die Hand an dieser Blume verletzt hatte, schien er nicht mehr derselbe Mann zu sein. Und dies bemerkten inzwischen auch die anderen Männer. »Warum bist du so schweigsam, Hexenjäger? Stehst du schon mit einem Fuß im Grab?« Der Akadier, welcher das Wort an Kalwen gerichtet hatte gluckste. Doch da niemand sonst in sein Lachen einstimmte, verstummte er schon bald darauf. »Nein. Mir geht es schon ein wenig besser.«, murmelte Kalwen und rutschte an dem Felsen etwas herum, um sich besser aufzurichten. »Und was hat dir dann die Sprache verschlagen?«, erkundigte sich ein zweiter Krieger, welcher seine Axt auf dem Schoß liegen hatte und die Schneide mit dem Schleifstein bearbeitete. »Dieser Baum!«, brummte Kalwen und deutete auf einen alten Baum, welcher schon so alt und knorrig war, dass er keine Blätter mehr trug. Die Blicke der Männer folgten Kalwens Geste und kurz darauf begannen sie zu lachen. »Der Baum?« hakte Mirou nach. »Wie hat der Baum dir die Sprache verschlagen?« Kalwen schüttelte den Kopf. »Nein. Dieser Baum hat Augen! Er starrt mich an. Schon seit ich hier liege. Unentwegt! Jeden Augenblick spürte ich seinen gierigen Blick.« Die Männer lachten abermals. »Ich glaube du bist noch nicht ganz auf der Höhe. Fieberträume von Dornen und Ranken und jetzt faselst du von alten Bäumen, die dich anstarren?« Kalwen seufzte und es klang fast schon ein wenig genervt. »Ich bilde mir das nicht ein! Dieser Baum beobachtet uns!« Doch die Männer klopften Kalwen nur auf die Schulter und widmeten sich wieder ihrer Langeweile. Sie polierten und ölten ihre Klingen, tranken Bier oder stocherten in der Glut des Lagerfeuers herum.
Doch Kalwen starrte weiterhin auf den Baum, während er es vorzog zu schweigen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und seine Haltung hatte einen Hauch von Trotz an sich haften. Die Männer ignorierten ihn so gut es ging. Doch jedes Mal wenn einer von ihnen in Kalwens Richtung bilckte, und diesen grimmigen, trotzigen Blick bemerkte, da seufzten sie. »Willst du jetzt den ganzen Abend, bis zum Einbruch der Nacht auf den Baum starren?« Kalwen antwortete nicht sondern starrte einfach nur weiter. »Wenn es dunkel wird, kannst du ihn nicht mehr sehen. Willst du dann einfach nur in seine ungefähre Richtung starren?«, gluckste die Stimme eines Akadiers und Kalwen seufzte aber er antwortete weiterhin nicht. »Hörst du auf zu schmollen, wenn ich den verdammten Baum umhacke? Dann kann er dich nicht mehr anstarren und du kannst aufhören ihn anzustarren.« Da hob Kalwen den Kopf und sah den Mann in die Augen. »Ich würde es ja selbst machen, wenn Ich nicht so verdammt schwach wäre.« In seiner Stimme schwang ein unüberhörbarer Groll auf sich selbst mit. Er fühlte sich so nutzlos und so ausgeliefert. Nicht nur dem Hohn und Spott der Männer. Auch diesem Baum, und jedem erdenklichen Problem, welches sich ihnen noch in den Weg stellen mochte. Kalwen wünschte sich, er könnte einfach die Zeit zurückdrehen, und diese verdammte Blüte niemals berühren.
Der Akadier schnaubte und erhob sich. Seine Axt glitt geschickt durch seine Hand bis nur noch eine Handbreit unter dem Axtkopf lag. Dann ergriff er die Waffe mit beiden Händen. »Na dann.« Der Akadier trat aus dem Schein des Feuers heraus und näherte sich schließlich dem alten, toten Baum. Doch mit jedem Schritt den er tat, fühlte er sich, als ob ihn unsichtbare Augen beobachten würden. »Verdammt.«, murmelte der Mann, als er dem Baum schon so nahe war, dass er die Vertiefungen in der Rinde sehen konnte. »Der Spinner hat sich das nicht eingebildet. Was ist das?«, murmelte er und legte den Kopf schief. Doch der Baum war einfach nur ein Baum. Ein hohler Baumstamm, der vermutlich schon viele Jahre keine Äste mehr hatte. Das Innere des Baums war morsch und von Wind und Wetter gezeichnet. Doch der Akadier war nicht den ganzen Weg gegangen, nur um jetzt einfach wieder umzukehren. Er hob die Axt, und hieb mit ganzer Kraft gegen den Baumstamm. Das morsche Holz knackte und ächzte. Ein zweiter Schlag donnerte auf das Holz und dann brach der Baum entzwei. Morsche Späne und feine Splitter quollen aus dem Holzstamm und der Akadier wandet sich zu den Männern am Lagerfeuer um. »Zufrieden? Jetzt kann er dich nicht mehr anstarren.«
Doch als der Akadier sich umgewandt hatte, und den Blick von dem Baum abgewandt, da begann sich etwas in der aufgebrochenen Rinde zu bewegen. Ein dunkler Schemen. Zuerst wirkte er klein, wie eine Katze. Doch langsam schälte sich etwas daraus hervor und es wurde immer größer und immer länger. Der Schatten fauchte und zischte und dann erklang ein heller Schrei. »Hinter dir!«, rief einer der Männer und binnen weniger Augenblicke sprangen sie alle auf. Sie ergriffen ihre Waffen und stürmten zu dem Baum. Der Schatten hatte sich inzwischen zu der Größe eines Mannes aufgerichtet und mit glimmenden Augen, die wie an uralte, verglühte Kohlen erinnerten, sprang er aus den Überresten des Baums direkt auf den Akadier, welcher ihn gefällt hatte. Der Schrei des Wesens hallte über die Lichtung. Das Wehklagen des Mannes und das Kampfgebrüll der Krieger. Das wilde Geschrei und das Klirren der Waffen, ließ das Wesen die Flucht ergreifen und der Schatten huschte zwischen Bäumen und den Sträuchern umher, bis es schließlich im dichten Unterholz verschwunden war. »Was war das?«, rief einer der Männer. Sie erreichten den Krieger, welcher von dem Wesen rücklings attackiert worden war. Seine Waffe lag unweit von ihm auf dem Boden. Doch der Krieger lag leblos da. »Ist er tot?«, brummte einer der Kameraden, während zwei Männer sich ihm näherten. »Er atmet noch. Aber sehr schwach.« »Bringt ihn zu Mirou! Schnell!« Die Männer trugen den Mann, so schnell es ihnen bei dem Gewicht eines leblosen Mannes in Rüstung möglich war, zurück zum Lagerfeuer. Kalwen starrte nur in die Nacht. »Ich habe es doch gesagt! Dieser Baum hat uns beobachtet…« Er hatte seine Arme um die angezogenen Beine geschlungen und wippte dabei. MIrou eilte sogleich zur Hilfe. »Wo ist er verletzt?« verlangte der Bader zu erfahren doch niemand konnte ihm eine Antwort geben. »Das ist auch wieder nur meine Schuld.«, murmelte Kalwen und vergrub sich förmlich in seiner Selbst.
Der Nebel war merklich dichter geworden. Nach und nach war er so dicht geworden, dass man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Und zu allem Überfluss hatte sich noch ein seltsamer Geruch und immer wiederkehrende, kichernde Geräusche dem Nebel beigemischt. Entaro stand mit gezogenem Schwert im Zentrum der Lichtung. Doch er konnte kaum etwas sehen. Alles was er machen konnte war lauschen. Auf den Wind. Auf die Schritte eines nahenden Feindes. Auf das Kichern in der Luft. »Drachenreiter…«, flüsterte eine helle Stimme doch Entaro konnte nicht herausfinden aus welcher Richtung sie kam. Doch die Stimme war Heras Stimme sehr ähnlich. »Wo bist du, Weib?«, rief Entaro in den Nebel. Doch er erhielt nur ein Kichern als Antwort. »Zeig dich! Hexe!«, rief er noch lauter und die Stimme lachte frenetisch. »Suche mich doch, Drachenreiter.« »Ich werde dieses Spiel nicht mitspielen.«, antwortete Entaro doch Hera schien davon nicht sonderlich beeindruckt zu sein. »Du bist schon längst ein Teil davon. Du kannst nicht entkommen. Du wirst hier und heute sterben, Drachenreiter.« Entaro ergriff den Griff seiner Bernsteinklinge nun mit beiden Händen und nahm einen verstärkten Stand ein. »Ich werde nicht kampflos aufgeben, Hera…du Hure!« Da lachte Hera beinahe bitter, als er den Beinamen ausgesprochen hatte. Es war nicht der Name, den sie wählte, wenn sie sich zu Erkennen gab. Es war der Spottname des roten Todes. Und er hallte über die nebelige Lichtung ohne zu verklingen. Immer wieder hallte das letzte Wort und mit jedem Mal verlor es an Kraft und Lautstärke. »Hure…Hure….hure…«
Entaro stand da und kniff die Augen zusammen. Er tat einen Schritt hervor und zog an seinem Mantel. Er versuchte mit dem großen Stoff den Nebel etwas zu vertreiben, doch es war vergebene Liebesmüh. »Drachenreiter.« Die Stimme flüsterte und es klang beinahe, als ob sie genau neben ihm gestanden hätte um ihm das Wort ins Ohr zu raunen. Entaro riss herum und ließ das Schwert durch die Luft sausen. Doch er zerteilte nur den Nebel, denn auf etwas anderes traf er nicht. Sein erfolgloser Versuch wurde von einem neuerlichen Kichern begleitet. »Wie lange willst du dich noch wehren?« Entaro brummte. »So lange, bis mein Schwert dein Herz durchbohrt.« Da kicherte Hera. »Du kannst es ja versuchen, Drachenreiter.« Ein Hauch glitt über Entaros Gesicht. Instinktiv griff er danach, doch seine Finger gingen nur ins Leere. Doch was auch immer ihn da berührt hatte, es war nicht nur Luft und Nebel gewesen. Er berührte sein Gesicht doch der Schleier war fort. Entaro hob sein Schwert, um einen neuerlichen Versuch dieser Art besser abwehren zu können, als sich eine kalte, scharfe Schneide auf seinen Hals legte. »Nun habe ich dich.«, zischte eine dunkle Stimme. Doch es war nicht die Stimme Heras gewesen. Eine kalte, eiserne Stimme, eines Mannes. »Lass das Schwert fallen!«, befahl die Stimme und irgendwo im Hintergrund erklang wieder dieses Kichern, welches Entaro Geduld gehörig auf die Probe stellte.
»Was hat das zu bedueten!«, hallte Ser Tarvains laute Stimme über den Platz. Der Heerführer war herbeigeeilt, als der Tumult ausgebrochen war. »Ser Tarvain. Ein Wesen aus einem Baum. Es hat Gernad von hinten angegriffen!«, berichtete einer der Soldaten und Ser Tarvain sah sich suchend um. »Verdammt.« zischte Ser Tarvain und näherte sich dem Bader, welcher gerade das Kettenhemd vom Leib des Mannes zerrte. »Ist er schwer verletzt?«, verlangte Ser Tarvain zu erfahren, doch in seiner Stimme schwang kein Befehlston mit. Es war die Ungewissheit. Noch ein verletzter Mann. Mirou hob den Kopf. »Ich kann es nicht sagen. Doch Blut ist mir bisher keines aufgefallen.« »Ist Ser Adun inzwischen zurückgekehrt?« Mirou schüttelte nur den Kopf und Ser Tarvain ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen. »Verdammt.« Er ließ seine Blicke über die Männer wandern, doch er konnte Isaé nicht ausfindig machen. »Die Hexenjägerin wird noch schlechtere Laune haben, als bisher.« Ser Tarvain wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es kein Zurück mehr gab. Und dieser Punkt schien nun erreicht zu sein. Der Einbruch der Nacht näherte sich. Erneut ist ein Mann seines Trosses verletzt worden. Und der Bernsteinritter, mitsamt seinem Drachen, war wie vom Erdboden verschluckt. Er musste handeln. Und zwar rasch. Doch wohin sollte er die Männer führen? Er fühlte sich wie ein blutiger Anfänger, der zum ersten Mal in den Grenzlanden kämpfte. Dutzende Male hatte er hier Feinde bekämpft. Natürlich hatte es immer wieder auch Verluste zu beklagen gegeben. Doch noch niemals war ein Unterfangen unter einem solch schlechten Stern wie dieses. Sie hatten noch absolut nichts erreicht. Und nur Verluste und Schmach erlitten. »Sammelt die Männer!« rief Ser Tarvain schließlich. »Wie viele Männer?« erkundigte sich ein Offizier, wohlwissen, dass nicht jeder Mann des Trosses einsatzbereit war. Und es auch immer ein paar Männer geben musste, die auf die Wagenburg aufpassen mussten. »Alle!«, rief Ser Tarvain und erntete dafür einen verwirrten Blick. »Alle? Auch die Verletzten?« »Jeder Mann, der aufrecht gehen kann! Wir lassen niemanden zurück!« Der Offizier nickte grimmig und schlug sich auf die Brust. »Und wohin marschieren wir?« Ser Tarvain seufzte. Wenn er das nur wüsste, doch diese Blöße konnte er sich nicht geben. »Wir marschieren zum Totenhain. Ser Adun muss dem Feind in die Hände gefallen sein, sonst wäre er längst zurück. Wir werden mit voller Mannstärke zuschlagen. Sie aus ihren Löchern ausräuchern wie Ratten! Genug mit dem Versteckspiel! Wir werden diese elendige, schwarze Brut vernichten!«, rief Ser Tarvain und flammte so die Kampfgeister der Männer an. Er wusste, dass dies kein guter Plan war. Doch die Männer verloren mit jedem Tag mehr an Mut und die Moral stand auf Messers Schneide. Ser Tarvain schickte ein Stoßgebet in die Nacht. »Möge Daerean uns beistehen…«
Die kalte Klinge an Entaros Hals war scharf und die dürre Hand, die sie führte, war kräftiger als sie aussah. »Ein Bernsteinritter.«, murmelte die Stimme und verstärkte den Druck der Klinge auf Entaros Hals. »Und wer seid ihr?«, erkundigte sich Entaro, welcher scharf den Atem einsog. »Mein Name ist nicht von Belang,«, brummte der Mann und drückte die Klinge noch etwas fester an Entaros Hals. »Hör auf Spiele mit ihm zu spielen.«, herrschte die Frauenstimme, welche Entaro als Heras Stimme entlarvte. »Schneid ihm die Kehle durch.« Ihre Stimme bebte beinahe vor Erregung. »Opfere sein Blut dem Totenhain!«, Ihre Stimme wurde immer schriller und Entaro versteifte seine Haltung. Er brauchte nur einen Moment. Einen kurzen Moment der Unachtsamkeit. Ein kurzer, nachlässiger Griff. Ein schneller Tritt. Dann wäre er frei und würde den Spieß umdrehen können. »Weißt du eigentlich wie viele Düsterlinge er gegrillt hat? Dafür soll er leiden. Ich scheiß auf deinen verdammten Totenhain!«, zischte der Mann und seine Stimme bebte dabei förmlich. Doch Entaro hatte genug gehört. Er wusste nun, wer dieser Mann war. Ardeth. »Die schwarze Hand.«, raunte Entaro und ein Zucken durchging dessen Hände. »Schwarze Hand!«, rief er und drückte die Klinge so fest an Entaros Hals, dass sie Blut schmeckte. Die Haut gab nach und Blut lief über die Klinge. »Drachenreiter! Pha!« Entaro sog die Luft zwischen den Zähnen ein und schloss die Augen. Ardeth versetzte Entaro einen Schlag gegen die Schläfe und Entaros Gedanken kreisten. Es gab so viele Möglichkeiten. Doch jede einzelne von ihnen würde zum qualvollen Tod führen. Wenn Ardeth einen tiefen Schnitt in seinen Hals ziehen würde, konnte nichts und niemand ihm vor dem Ende bewahren. Und so schrumpften die vielen Möglichkeiten letzten Endes auf zwei zusammen. »Im Moor seid ihr mir entkommen. Wie habt ihr das geschafft?«, flüsterte Ardeth und sein fauliger Atem drang Entaro unerbittlich in die Nase. »Wie ist es euch gelungen?«, murmelte Ardeth. Entaro konnte die Haut seines Gesichtes auf seiner Wange spüren. Sie fühlte sich an wie altes Pergament, welches von borstigen Haaren durchzogen war. Doch die Frage, ließ Entaro unbeantwortet. Er hatte einen Entschluss gefasst. Und ganz gleich wie schmerzhaft es auch sein würde, er würde bis zum bitteren Ende um sein Leben kämpfen. Entaro hob die Hand und schob die Finger zwischen Hals und Klinge. Ein Ruck durchging Ardeths Hand. Doch Entaro hatte die Klinge inzwischen umfasst. Ardeth zerrte an dem Dolch und versuchte Entaro die Klinge aus der Hand zu zerren. Doch sein eiserner Griff hielt stand. Er spürte wie das Leder seines Handschuhs nachgab und das scharfe Metall auf die Haut seiner Finger glitt. Entaro hob seinen zweiten Arm und hieb den Ellenbogen so fest er konnte in den Leib, welcher dicht hinter ihm gedrängt stand. Ardeth keuchte und sein Griff um Entaros Hals lockerte sich. Wenn auch nur kurz. Doch Entaro hatte nicht mehr gebraucht. Er ging in die Hocke und drehte sich dabei, so gut es Ardeths Griff zuließ. Dabei entglitt er dem Griff Mannes mit der schwarzen Hand. Er ließ seine Stirn hervorschnellen und donnerte ihm diese direkt auf die Nase. Ardeth schrie schmerzerfüllt auf und Entaro kam schließlich frei. Er hechtete förmlich zu dem Schwert, welches bis soeben noch zu seinen Füßen gelegen hatte. »Du Narr!« zischte Hera. »Du hast ihn entkommen lassen!« Entaros Hand fand den Griff seiner Klinge und er riss sie sogleich in die Höhe. Das schwere Eisen schlug auf einen Widerstand und kurz darauf ächzte Ardeth erneut auf. »Scheiße!« rief Er und fuchtelte wie wild mit den Händen. »Zerfleischt ihn! Reißt ihn in Stücke! So eilt euch doch, ihr Missgeburten!«, keifte Ardeth aufgebracht, während Entaro sich wieder auf die Beine kämpfte.
Entaros Schwert sauste durch die Luft. Aber als es auf einen Körper traf, blieb der erwartete Schrei Ardeths völlig aus. Stattdessen ertönte ein sterbendes, gurgelndes Kreischen. Ein Kreischen, welches Entaro mehr als bekannt vorkam und ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. »Düsterlinge.« Er ächzte und schleuderte sein Schwert erneut durch die Luft, in der Hoffnung einen Zufallstreffer zu landen. Doch weder Hera noch Ardeth standen in Reichweite. Nur dutzende, schwarze Kreaturen, die wie ausgehungerte Wölfe auf ihn zuströmten. Getrieben von Hunger, Hass und dem unerbittlichen Willen ihres Herren. Entaro wehrte sich tapfer. Doch die Übermacht, welcher er sich gegenübersah, war einfach zu erdrückend. Entaro schlug um sich. Hieb so gut er konnte. Doch der Nebel war so dicht, dass er nur Schemen und Umrisse sah. Hier ein Leib, dort ein Schatten. Er schlug nach Nichts und fühlte sich als würde er unter Wasser kämpfen.
Ser Tarvain hatte zwar befohlen, dass niemand zurückgelassen werden sollte. Doch Mirou hatte zu Bedenken gegeben, dass Kalwen und der jüngst verletzte Gernad besser in der Wagenburg bleiben sollten. Das seltsame Baumwesen hatte Gernad mit seinen Krallen verletzt und er war seither noch nicht wieder aufgewacht und Kalwen war auch noch nicht wieder auf dem Damm. »Niemand bleibt zurück. Stützt sie! Tragt sie! Wenn es zum Kampf kommt, beschützt sie! Kein Mann wird zurückgelassen!« Ser Tarvain war entschlossen und führte den Tross an vorderster Spitze an. Die Armbrustschützen sicherten die Flanken. Sie schlichen durch das Gehölz und hielten sich abseits der restlichen Krieger. Wenn sie den Totenhain erreicht haben würden, und Ser Adun noch dort war, dann würden sie ihn umstellen, und jeden Feind, der sich darin befand, mit dutzenden Pfeilen spicken.
Kalwen ging ganz am Ende des Trosses. Seine Haut war fahl, aber nicht völlig bleich. Das Gehen schien ihm sogar, in gewisser Weise, etwas Leben einzuhauchen. »Na. Der Marsch bekommt dir gut, was?«, lachte einer der Akadier, welcher mit einer großen Zweihandaxt die Nachhut schützte. »Ich fühle mich als wäre ich gerade ausgekotzt worden.«, brummte Kalwen und versuchte sein typisches Lächeln aufzusetzen. Doch so wirklich gelang es ihm nicht. »Bleib einfach in meiner Nähe. Dann passiert dir schon nichts.« Kalwen zog die Augenbraue in die Höhe. »Ich glaube, ich bliebe lieber in der Nähe der Hexenjägerin. Sie ist nicht einmal halb so auffällig wie du, mit deiner großen Axt.« Da lachte der Akadier und tätschelte dabei den hölzernen Schaft seiner Waffe.
Ein unmenschlicher Schrei gellte durch die Nacht. Es war der Schrei einer Kreatur, welche diese Lande schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatten. Eine feurige Kaskade brauch durch den Nebel und schlug eine brennende Bresche durch die Kreaturen, die den umzingelten Ritter bedrängten. Das Feuer ergriff die kleinen, schwarzen Biester und versengte das Fleisch von den Knochen. Ein Düsterling nach dem anderen, fiel brennend zu Boden und ihre brennenden Leiber wirkten wie leuchtende Wegweise inmitten des dichten Nebelschleiers. »Nein! Nein!« kreischte Hera mit fauchender Stimme und dann verstummte sie und selbst das gehässige Kichern, welches sonst in der Luft gehangen hatte, war verklungen. Der dichte Nebel verlor mehr und mehr an Substanz. Entaro erkannte Schemen und Bewegungen. Er erkannte Feuer und Flammen. Und den großen, schwarzen Schatten, welcher mitten auf dem Totenhain gelandet war. »Nein!«, brüllte Ardeth lauthaus. »Nein! Du Bastard! Dein Drache soll verflucht sein! In alle Ewigkeiten das Schwarze Mal tragen!«, rief Ardeth und schleuderte all seine Wut in die Flüche und Verwünschungen. Und mit seinen Flüchen strömten weitere, dutzende Kreaturen aus dem Dickicht der Wälder. »Vernichtet ihn! Und diese Kreatur!«, befahl Ardeth mit ausgestreckter, schwarzer Hand. Die Düsterlinge brauchen aus dem Wald in die Lichtung und währenddessen zog sich Ardeth mehr und mehr in den Wald zurück. »Opfere deine Lakaien. Doch du wirst mir kein zweites Mal entkommen.« brummte Entaro und verstärkte den Griff um das Leder seines Schwertes. Entschlossen stürmte Entaro den Düsterlingen entgegen. Doch nicht, um gegen die Kreaturen zu kämpfen, sondern um ihren Herren und Meister zu Fall zu bringen.
Lautes Getöse und Geschrei ließ die Männer innehalten. »Was, in Daereans Namen geht dort vor sich?«, rief Ser Tarvain und hob die Hand, um den Tross zum Halt zu bringen. »Das klingt wie Ser Aduns Drache, Ser Tarvain.« Wie zum Beweis dieser Worte, züngelte eine feurige Fontäne in die Höhe, so dass jeder Mann des Trosses sie sehen konnte. »Ser Tarvain!«, rief einer der Bogenschützen. Auf der Lichtung sind dutzende tote Düsterlinge!« »Könnt ihr Ser Adun auch sehen?« Der Bogenschütze schüttelte den Kopf und Ser Tarvain nickte verstehend. »Los Männer! Vorrücken! Lichtung sichern!« Die Männer schlichen durchs Gehölz und näherten sich Schritt für Schritt der Lichtung. Doch der Totenhain war wie ausgestorben. Kein Drache, kein Drachenreiter, und auch sonst kein lebendes Wesen, dass sich hier befand. Nur Flammen, Asche und unzählige tote Kreaturen. »Hier ist niemand mehr!«, rief ein Armbrustschütze vom Rand der Lichtung. »Seht überall nach!«, befahl Ser Tarvain. »Frau Isaé! Könnt ihr etwas ausmachen, dass unsere Augen nicht sehen können?«, erkundigte sich Ser Tarvain, während die Männer vorsichtig, als würden sie eine Bärenhöhle im Winter betreten, auf die Lichtung vorrückten.
Aber auf der Lichtung war kein Drache und auch kein Drachenreiter. Nur ein gutes Dutzend Gestalten. Sie standen im Schatten der Bäume und als die Akadier sie bemerkten, gaben sie sich sogleich zu erkennen. Einer von ihnen hob seine Hände und offenbarte, dass er keine Waffe in der Hand hielt. »Na wen haben wir denn da?«, donnerte mit einem Mal eine Stimme durch die Luft. »Wer seid ihr?«, verlangte Ser Tarvain zu erfahren. Doch der Mann sah den roten Tod nur herausfordernd an. »Dasselbe könnte ich eigentlich euch fragen. Doch euer Name ist mir bestens bekannt. Ser Tarvain, der Rote Tod der Grenzlande.« Ser Tarvain verschränkte die Arme vor der Brust. »Nun, wärt ihr dann dennoch so freundlich, mir euren Namen zu verraten?« Der Mann lächelte schief und verschränkte nun auch ebenfalls seine Arme vor der Brust. Er schüttelte den Kopf. »Ihr reist in zweifelhafter Gesellschaft, Ser Tarvain.« Der Heerführer wusste nicht so recht, wen oder was der Fremde damit wohl meinte. Doch er wollte sich nicht das Ruder aus der Hand nehmen lassen. »Ich stelle hier die Fragen. Und ihr weicht aus und stellt nur Gegenfragen.« »In der Tat.«, stellte der Fremde fest und trat einen Schritt hervor, löste die Verschränkung seiner Arme und deutete auf Kalwen, welcher etwas abgeschlagen vom Rest der Leute, an einem Baum lehnte. »Wenn das nicht Kalwen von NIefurt ist?« Kalwen schien förmlich zu erstarren, als er diese Stimme erkannte und seine fahle Haut wirkte nun noch ein Stück bleicher als zuvor. »Oh Scheiße.«, murmelte Kalwen und man sah ihm förmlich an, dass er am liebsten einfach im Boden versinken würde. »Wenn ihr wissen wollt, wer wir sind, dann könnt ihr ihn fragen. Er kann die Frage beantworten.« Der Mann grinste breit und nickte, doch sein Blick war kalt wie Eis, oder zwei scharfe Dolche, an denen noch etwas Blut klebte. Daraufhin lösten sich die anderen Gestalten aus dem Dickicht und offenbarten ihre freien Hände, zum Beweis, dass sie keine Waffen in den Händen hielten. Allerdings hatte eine Frau etwas in der Hand, was Ser Tarvain noch nie gesehen hatte. Ob dies eine Waffe war, oder nicht, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Es waren zwei metallische Rohre, die hohl zu sein schienen. Die Frau hielt diese Apparatur wie seine Gefolgsleute eine geladene Armbrust hielten. Doch Ser Tarvain sah weder den Bogen, noch ein Spannseil, geschweige denn einen Bolzen. Allerdings wurde sein Interesse auch unweigerlich an Kalwen geweckt und es verlangte ihn sehr davon zu erfahren was für ein neues Possenspiel dies nun sein würde. »Nun, Kalwen von Niefurt. Wer sind diese Leute?« Kalwen trat, ein wenig gebeugt, von seinem Baum hervor. Man konnte nicht sagen, ob er wegen dieser befremdlichen Leute, oder wegen seiner Verletzung so gebeugt ging. Doch Tarvain begann langsam einige Mosaiksteinchen zusammenzusetzen. »Das sind Mitglieder der Zwölf.«
Entaro rannte, mit erhobenem Schwert, durch das Dickicht und Gehölz. Mit jedem Schritt knackte ein Ast unter seinen Füßen, brach ein Ast, an dem er vorbeirannte, oder sein Atem rasselte, begleitet von schweren Schritten. »Es gibt kein Entrinnen! Dieser Tag wird das Ende sein!« Ardeth rannte ohne sich umzusehen. Seine gesunde Hand hielt den blutenden Stumpf, an welchem sich einst die schwarze Hand befunden hatte. Eben jene Hand, welche ihn seinen unsäglichen Rufnamen, die schwarze Hand, eingebracht hatte. Und nun lag diese Hand irgendwo auf dieser verfluchten Lichtung des Totenhains. Abgeschlagen von einem Eiferer aus Akadien. Einem Bernsteinritter. Einem Drachenreiter. Einem Mann, der ihn bis in den tiefsten Winkel dieses Waldes jagen würde. Und während Ardeth rannte und um sein Leben bangte, da breitete sich ein Lächeln auf dem Gesicht aus. »Ich muss es nur bis zu Istred schaffen. Dann werden wir sehen, wer zuletzt lacht, du dreimal verfluchter Hurensohn!«, keuchte Ardeth so leise, dass nur er die Worte vernehmen konnte.
Verworrene Pfade abseits der Wege ❖
04.01.2026 '20:24 [3.500 Wörter]
 saé ging langsam ins Lager zurück. Der Weg führte sie zwischen Zelten hindurch, an Männern vorbei, die kaum aufsahen, beschäftigt mit Klingen schärfen, Würfeln, oder was auch immer man tat, wenn man nicht denken wollte. Der Geruch vom Rauch der Lagerfeuer lag schwer in der Luft, es roch außerdem nach ungewaschenen Männern, Glutbier, aber auch nach Ungeduld und Tatendrang. Sie ließ sich nahe eines Feuers nieder, das schon eine Weile brannte und mehr Glut und angekohltem Holz, als ein wirkliches Feuer war. Jemand hatte frisches Holz daraufgelegt, die Scheite lagen schief übereinander, qualmten erst, bevor sie zögerlich Feuer fingen. Isaé hielt die Hände darüber, spürte die Wärme, zog sie wieder zurück, rieb ihre Hände aneinander, hielt sie erneut hin. Es war spürbar kälter geworden an diesem Tag und sie hob den Kopf und sah in die Luft. Die graue Wolkendecke hing über ihr, ließ keinen wärmenden Sonnenstrahl durch und die Blätter der Laubbäume färbte sich allmählich gelblich und rötlich. Der Mantel rutschte ihr von der Schulter, sie zog ihn wieder an seinen Platz und noch enger um sich, und rieb erneut die Finger aneinander. Der Feuermohn war fort, aber nicht spurlos. Er hatte eine Unruhe in der Hexenjägerin hinterlassen, die sich in vielerlei Dingen zeigte. Innere Unruhe, Gereiztheit und diese innere Leere die sich mit nichts was ihr zur Verfügung stand, füllen ließ. Als Ser Tarvains Stimme durch das Lager drang, hob sie den Blick nur kurz. Sie sah ihn nicht, hörte nur seinen Befehlston, fest und unverändert. Der Vertrag, den sie unterschrieben hatte, band sie an dieses Lager. Sie wusste, dass es ein bindender Vertrag war und das war auch nicht das Problem. Vielmehr noch lag in ihr ein Widerstand, der sich nicht auflösen wollte, egal wie sehr sie es auch versuchte. Sie war nicht Gefangen, aber sie war auch nicht frei. Und sie wollte nicht spitzzüngig werden gegenüber Ser Tarvain. Nicht ungerecht. Nicht aufbegehrend. Das war eigentlich nicht ihre Art. Aber sie spürte, wie viel Mühe es sie kostete, ruhig zu bleiben, wie schmal der Grat geworden war zwischen ihrer Beherrschung und etwas, das sie an sich nicht mochte. Das Feuer knackte leise, als das Holz endlich griff. Flammen zogen sich an den Kanten entlang, fraßen sich langsam in das Holz. Isaé sah ihnen zu, ließ den Blick ruhen, ließ die Gedanken gehen. Für den Moment reichte es, einfach dazusitzen und nichts zu sagen. Nach einer Weile fielen ihr die Augen zu und sie döste im Sitzen ein.
Isaé ging. Sie wusste im Traum, dass sie es nicht durfte. Dass Tarvain es ihr verboten hatte. Der Gedanke war da, fest und nüchtern, und begleitete sie wie eine ferne Warnung. Trotzdem ging sie weiter, hinaus aus dem Lager, durch Wald und Lichtung, und schließlich hinein in den Totenhain, dorthin, wo Entaro wohl gegangen war. Der Boden unter ihren Füßen gab nach, kaum sichtbar, kaum fühlbar, und doch kostete jeder Schritt Kraft. Es war, als ginge sie durch ein Moor, durch feuchte träge nasse Erde die sich schloss, sobald sie den Fuß hob. Sie sank nicht ein, blieb immer an der Oberfläche, aber sie kam kaum voran. Ihre Beine wurden schwer, die Bewegung zäh, als arbeite der Totenhain gegen sie, ohne sich offen zu widersetzen. Zwischen den Bäumen sah sie ihn plötzlich. Entaro stand einige Schritte voraus, den Rücken zu ihr, reglos. Der Abstand zwischen ihnen war gering. Lächerlich gering, und doch unüberwindbar. Isaé versuchte schneller zu gehen, wollte laufen, aber ihre Füße gehorchten nicht. Der Boden hielt sie, ließ sie nicht fallen und nicht weiter. „Entaro“, rief sie. Der Wind trug das Wort fort, noch bevor es ihn erreichen konnte. Es zerfiel förmlich in der Luft, und wurde leiser, bis nichts davon mehr übrigblieb. Entaro hatte sich zu einer Totenblume gebeugt. Ihre weißen Blütenblätter waren geöffnet, weit, und in ihrer Mitte lag etwas, das wie eine gähnende Schwärze war. Entaro streckte die Hand nach der Blume aus, langsam, ohne Zögern, als wüsste er nicht, welche Gefahr diese Blumen in sich bargen. Die Hexenjägerin wollte schreien. Wollte ihn warnen. Wollte ihn anflehen, seine Hand nicht nach der Blume auszustrecken. Doch ihre Stimme hatte kein Gewicht. Der Wind trug sie mit sich, spielte mit ihr, zerstreute sie, als hätte sie nie gesprochen. Der Boden unter Entaro begann sich zu bewegen. Langsam, kaum sichtbar. Dann brach die Erde auf. Hände kamen zum Vorschein, bleich und mit Erde verkrustet, Finger, die sich öffneten und schlossen, als wüssten sie genau, wonach sie griffen. Erst glaubte Isaé, sich zu täuschen und ihr blieb der Atem stehen. „Nein!“, brachte sie hervor, doch das Wort war schwach, rissig, und der Wind trug es fort, wie alles andere. Sie stemmte sich gegen den Boden, zwang ihre Beine vorwärts, spürte, wie der Widerstand endlich nachließ, doch es schien zu spät. Die Hände packten Entaro. An den Beinen zuerst, dann höher. Am Mantel, an den Armen. Er schwankte, endlich, ein kleines Zeichen von Bewegung, und für einen Herzschlag glaubte Isaé, er würde sich jetzt umdrehen, sie sehen, sie erkennen. „Entaro!“ Ihre Stimme brach. Sie rannte. Oder versuchte es zumindest. Der Boden ließ sie endlich los, endlich trugen ihre Beine sie vorwärts, während die Erde unter ihm nachgab. Die Hände zogen ihn hinab, langsam, unerbittlich. Isaé sah seine Finger, wie sie kurz Halt suchten, ins Leere griffen. Sie erreichte ihn nicht. Die Erde schloss sich über seiner Hüfte, seiner Brust, seinem Hals. Isaé stolperte, fiel beinahe, fing sich, schrie seinen Namen noch einmal, verzweifelt, und diesmal war es ihr egal, ob der Wind ihn trug oder nicht. Doch Entaro verschwand. Er wurde hinabgezogen, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Die Erde glättete sich, als wäre nichts geschehen. Die Hände waren fort. Der Totenhain stand still. Isaé blieb keuchend stehen, die Hände ausgestreckt, leer. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden, dort, wo er zuletzt gewesen war. Zwischen ihren Fingern lag etwas Hartes. Ein Bernstein. Glatt. Unversehrt. Isaé starrte darauf, unfähig, ihn anzurühren. Er wirkte fehl am Platz auf dem dunklen Boden, warm in seiner Farbe, ruhig. Um ihn herum ein Kreis aus weißen Kieseln, sorgfältig gelegt. Kein Zufall. Isaé starrte immer noch darauf. Ihr Herz schlug schmerzhaft hart und schnell. Sie wusste, dass dies alles war, was geblieben war. Dass sie zu spät gekommen war. Dass der Hain ihr nichts weiter geben würde. Zögernd streckte sie die Hand aus. Ihre Finger schlossen sich um den Bernstein. Sie fuhr hoch. Ihre Hand schlug ins Feuer, riss ein Scheit mit sich. Glut stob auf, Funken sprühten, jemand rief erschrocken auf. Isaé kam halb auf die Knie, halb auf die Füße, suchte tastend vor sich, als müsse da noch etwas sein. „Nein“, keuchte sie, leise, ungeordnet. Ihr Atem ging stoßweise. Die Hand, die eben noch etwas gehalten hatte, zitterte offen vor ihr. Erst als sie den beißenden Rauch roch und die Hitze spürte, begriff sie, dass sie wach war. Dass dies nur ein Traum war. Aber das Gefühl, ihn losgelassen zu haben, ihn verloren zu haben, blieb. Sie hockte am Boden, dicht vor dem Lagerfeuer. Das Feuer war fast aus, die Glut zerfallen, als hätte sie selbst etwas verloren. Isaé blieb so sitzen, den Blick auf die Glut gerichtet.
Isaé saß noch immer am Feuer, als ihr Blick hinüber zu Kalwen glitt. Er lehnte bei einem der Wagen, den Arm locker nach hinten gestützt, und auch aus der Entfernung sah sie, dass er sich besser hielt als noch am Tag zuvor. Seine Schultern waren nicht mehr ganz so verkrampft, seine Haltung aufrechter, das Gesicht nicht mehr so fahl, blass und angespannt. Er war beinahe wieder ganz der Alte. Es beruhigte sie mehr, als sie sich eingestehen wollte. Trotzdem lag etwas Schweres in ihrem Blick. Sie wusste, dass sie hier nicht frei war. Nicht wirklich. Da war zuerst Entaro, dessen Lebensschuld wie ein stilles Band sie beide aneinanderknüpfte. Dann Tarvains Vertrag, klar formuliert und unerbittlich. Und schließlich Kalwen selbst, für den sie gebürgt hatte, mit allem, was das bedeutete. Drei Linien, die sie hielten, jede für sich berechtigt, zusammen jedoch eng wie ein Netz. Sie ließ den Blick bei Kalwen, ohne dass er es bemerkte. Er sprach mit einem der Akadier, ein breitschultriger Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Die beiden wechselten nur wenige Worte. Kalwen deutete irgendwann mit dem Kinn in Richtung des Waldrandes. Der Akadier folgte dem Blick, verzog kurz das Gesicht und griff dann nach einigem Geplänkel zu seiner Axt. Isaé richtete sich unmerklich auf. Der Baum, den der Mann ins Auge gefasst hatte, war kaum mehr als ein Rest. Morsch, grau, schief, eher ein abgebrochener Zahn im Boden als ein richtiger Stamm. Wenige wuchtige Schläge genügten. Das Holz splitterte, brach auseinander und im selben Moment verdunkelte sich etwas zwischen den Splittern. Isaé spürte es, noch bevor sie es ganz sah. Ein Schatten löste sich aus dem zerfallenden Holz, formte sich für einen Augenblick, schnell, unnatürlich. Er schnellte vor, stürzte sich auf den Mann mit der Axt, streifte ihn, ließ ihn taumeln. Ein Aufschrei, kurz und roh, doch das Lager wurde von Hektik und Panik erfasst. Der Akadier stürzte zu Boden, dann war der Schatten schon wieder fort. Er zog sich zurück, glitt zwischen die Baumstämme und verschwand im Unterholz als wäre er nie da gewesen. Einen Herzschlag lang herrschte Stille, dann brach die Aufregung los. Isaé, noch von dem Traum gefangen, war unfähig, sich zu rühren. Dann kam Ser Tarvain angelaufen, angelockt von dem Tumult. Der Verletzte wurde zu Mirou gebracht, und unterdessen ließ Ser Tarvain verlautbaren, dass sie nun alle zum Totenhain aufbrechen würden. Und damit meinte er auch alle. Auch die Verletzten, auch die Kampfunfähigen, auch Kalwen, Volaire, Gernad und all die anderen, die verletzt worden waren. Er wollte niemanden zurücklassen. Seine Ansprache fiel auf fruchtbaren Boden. Die Ritter und Soldaten stießen Kampfesgebrüll aus und es dauerte nicht lange, bis der Tross bereit war, in den Kampf zu ziehen.
Ein leises Murmeln ging durch die Reihen der Akadier, als Gestalten hinter den Bäumen hervortraten. Kein Laut der Angst, eher einer vorsichtigen Bewertung der Tatsachen. Diese Leute hoben ihre Hände als Zeichen unbewaffnet zu sein, doch bedeutete dies nicht, dass von ihnen keine Gefahr drohte. Ser Tarvain ließ sich nichts anmerken. Er blieb stehen, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt, den Blick fest auf Kalwen gerichtet. „Die Zwölf“, wiederholte er ruhig, bevor er sich wieder dem halben Dutzend zuwandte. „Ihr kommt zu spät, hier wird nicht mehr gekämpft.“ Ein trockenes Lachen antwortete ihm. Es kam nicht von dem Mann, der bisher gesprochen hatte, sondern von einer Frau weiter hinten. Sie trat einen Schritt vor. Sie war groß, schmal, das Gesicht von alten Narben gezeichnet. Sie hatte dunkelblondes langes Haar, mit einem Band nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden, die Seiten über dem Ohr waren abrasiert, was ihr ein wildes, beinahe heidnisches Aussehen verlieh. Die zwei metallischen Rohre hielt sie noch immer ruhig vor der Brust, als seien sie Teil ihres Körpers. „Wir kommen spät…?“, fragte sie, dabei betonte sie das ‚wir‘ besonders. „Ist das so? Es erscheint mir eher, als seid ihr zu spät dran. Viel zu spät!“ Sie verzog ihren Mund zu einem Grinsen und offenbarte dabei eine breite Zahnlücke zwischen ihren vorderen Schneidezähnen. Der Mann mit dem schiefen Grinsen und den stechend kalten Augen hob beschwichtigend eine Hand, ohne den Blick von Tarvain zu nehmen. „Missversteht mich nicht, Roter Tod. Wir haben nichts gegen Akadier. Im Gegenteil.“ Er deutete mit dem Kopf auf die gefällten Überreste der Düsterlinge. „Wir sind nur zufällig hier vorbeigekommen und haben gesehen, dass noch Arbeit übrig war.“ „Zufällig“, wiederholte Tarvain tonlos. „Ja.“ Der Mann grinste breiter. „So wie man zufällig überlebt. Nicht wahr, Kalwen von Niefurt?“ Er wandte seinen Blick zu dem Baum an welchem Kalwen lehnte und lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht, was es dadurch etwas bedrohlich machte. Ein paar des halben Dutzends lachten leise, und alles andere als freundlich. Tarvain trat einen halben Schritt vor. Nicht drohend, aber deutlich. „Der Kampf war bereits entschieden, als ihr eintraft.“ „Mag sein“, sagte der Mann und zuckte mit den Schultern. „Aber wir haben hier anständig aufgeräumt. Die Kadaver da hinten sprechen eine recht deutliche Sprache.“ Sein Blick glitt kurz über die Akadier, blieb dann wieder an Tarvain hängen. „Ohne uns hättet ihr euch den Rest auch noch holen müssen. Und jedermann weiß, nur ein toter Düsterling ist ein guter Düsterling. Diese Biester können ei’m echt zum Verhängnis werden.“ Ein winziger Moment der Stille folgte. Ein Moment, den Isaé nutzte, sich von den beiden Truppen zu entfernen. Denn mit beunruhigender Gewissheit hatte sie festgestellt, dass ihre Flüsterholzpfeife leise murmelte. Man konnte beinahe hören, wie sich Tarvains Männer anspannten. Der rote Tod jedoch reagierte nicht sofort. Sein Blick wanderte wieder zu Kalwen. Dieser stand inzwischen frei, beide Füße fest auf dem Boden, auch wenn man sah, wie sehr ihn das Kraft kostete. Er hatte den Kopf leicht gesenkt, nicht aus Unterwürfigkeit, sondern wie jemand, der weiß, dass gleich etwas Unangenehmes ausgesprochen werden könnte. „Ihr kennt euch also?“, stellte Tarvain fest. Der Mann nickte. „In der Tat. Er hätte dazugehören können…“, „Sollen…“ korrigierte Kalwen heiser. Das Grinsen des Mannes wurde schmaler. „Sollten viele. Nicht alle sind geblieben. So wie auch du. Außerdem sind die Zwölf nur Zwölf wenn sie auch Zwölf sind und Zwölf bleiben.“ Die Frau mit den metallischen Rohren sah Kalwen nun offen an. Ihr Blick war nicht feindselig, aber auch nicht wohlwollend. Sie sagte nichts. Und gerade das machte es unangenehm. „Die Sache mit Ishra haben wir nicht vergessen“, murmelte jemand aus der Reihe der Zwölf. Leise genug, dass es fast hätte untergehen können. Kalwens Kiefer spannte sich. „Es lag nicht in meiner Absicht…“ „Davon hat Ishra nun auch nichts mehr!“ zischte einer aus der hinteren Reihe und spuckte auf den Boden. Tarvain hob die Hand. Eine kleine Bewegung. „Ihr habt euch eingemischt, ohne Teil dieses Trosses zu sein“, sagte er ruhig. „Und ihr beansprucht nun… was genau?“ Der Mann musterte ihn lange. Dann zuckte er mit den Schultern. „Von Einmischung kann nicht die Rede sein. Wir verlangen auch nichts. Nichts weiter als Anerkennung. Und vielleicht ein Wort der Dankbarkeit.“ Tarvains Blick war hart. „Dankbarkeit gibt es für Pflichterfüllung. Nicht für Zufälle.“ Das Lächeln des Mannes gefror. Für einen Moment stand etwas Ungutes zwischen ihnen, unausgesprochen, gespannt wie eine Bogensehne, bereit, den Schuss abzugeben. „Ihr seid wirklich genau so, wie man sich erzählt“ sagte er schließlich. Tarvain lächelte müde „Was man sich erzählt, interessiert mich nicht.“ Isaé hielt sich abseits der Stimmen. Während Tarvain und die Fremden einander maßen, ging sie langsam über die Lichtung, den Blick gesenkt, die Flüsterholzpfeife locker in der Hand. Das Wispern war nicht laut, und schien ihr eher wie ein unruhiges Drängen. Die Düsterlinge lagen verstreut, dort, wo sie gefallen waren. Isaé blieb bei einem der Körper stehen und drehte ihn mit der Stiefelspitze ein wenig zur Seite. Keine Schnittwunden. Die Haut war aufgeplatzt, geschwärzt, stellenweise hatte sie Blasen geworfen. Sie brauchte nicht lange hinzusehen. Das hier war kein Werk von Klingen. Nur wenige der hier toten Düsterlinge wiesen saubere Treffer auf. Sie ging weiter. Zwei weitere. Dasselbe Bild. Versengt, verbrannt, förmlich gegrillt. Außerdem war hier nur schwarze, verbrannte Erde. Sie wusste ganz genau, wessen Werk dies gewesen war. Der Drache hatte hier gewütet. Sie ließ ihre Blicke in den Wald wandern, in der Hoffnung irgendwelche Hinweise auf den Verbleib des Drachen oder Entaros zu finden, doch da war nichts. Das Wispern der Pfeife zog sie weiter, weg vom Zentrum der Lichtung, hin zu einem halb verkohlten Wurzelstock. Dort blieb sie stehen. Zwischen Asche und aufgewühlter Erde lag eine Hand. Schwarz. Doch anders schwarz. Nicht vom Feuer verkohlt, sondern von etwas Tieferem. Magie? Es musste Magie sein, denn darauf schien die Pfeife zu reagieren. Das Flüsterholz wisperte immer lauter, als sie die Pfeife ganz nahe an die Hand hielt. Die Finger leicht gekrümmt, als hätten sie zuletzt noch nach etwas gegriffen. Isaé verzog das Gesicht, atmete einmal tief durch und zwang sich, nicht zurückzuweichen. Der Ekel war unermesslich und sie konnte sich nicht dazu überwinden, dieses Ding, das in einer blutigen Pfütze lag, anzufassen. Doch irgendwie frohlockte sie. Diese abgeschlagene Hand bezeugte doch wohl, dass Entaro dies vollbracht hatte, denn mit solch einer Tat hatte sich keiner der Zwölf gerühmt. Und sie hätten es bestimmt, wenn sie davon gewusst hätten. Sie zog ein Tuch hervor, kniete nieder, wickelte die Hand in ein Tuch und hob sie auf, vorsichtig, als könne sie noch reagieren. In gewisser Weise konnte sie das ja auch. Isaé ging zurück, um Ser Tarvain ihren Fund zu zeigen. Als sie an ihn herangetreten war, verstummten einige Stimmen. Jetzt erst schienen die Fremden sie wirklich zu bemerken. Eine Hexenjägerin. Ein paar der Zwölf tauschten kurze Blicke. Isaé ging direkt zu Tarvain und legte ihm das eingewickelte Bündel in die Hände. Er schlug die Tuchzipfel zurück und obgleich ihn wenig aus der Ruhe brachte, konnte man deutlich erkennen, dass er mit so etwas nicht gerechnet hatte und er zurückprallte. „Das Flüsterholz hat reagiert“, sagte sie ruhig. „Und das hier scheint der Grund zu sein.“ Tarvain starrte auf die abgeschlagene schwarze Hand. Seine Miene veränderte sich kaum. Aber er verstand. „Ardeth“, stellte er fest. Ein leises Raunen ging durch die Zwölf. Einer pfiff leise durch die Zähne. Ein anderer grinste schief. Der Mann mustert Isaé erst jetzt richtig, von der Pfeife bis zu den Händen. Ein schiefes Grinsen. „Na schau an. Ihr habt ja doch eine Hexenjägerin dabei.“ Er nickte in ihre Richtung, dann zu Kalwen. „Hoffentlich fähiger als der da.“ Isaé erwiderte nichts darauf. Dann sagte sie leise zu Tarvain. „Die meisten Düsterlinge hier sind nicht durch Klingen gestorben. Sondern verbrannt. Versengt. Nur drei wurden von Klingen getroffen.“ Jetzt hob sie den Kopf und sah den Sprecher an. „Für so viele Kerle ist das kein beeindruckender Ertrag.“ Ein kurzes Schweigen erfolgte. Dann ein spöttisches Schnauben. „Und?“ Isaé zuckte leicht die Schultern. „Ich sage, ihr habt gelogen. Oder ihr habt euch diesen Moment ausgesucht, um euch wichtig zu machen.“ Sie ließ den Blick wandern, musterte einen nach dem anderen. „Drei“, fügte sie hinzu. „Drei mit Klingen. Der Rest war schon tot oder fast.“ Ein schiefes Lächeln huschte über ihr Gesicht, kühl, ohne Freude. „Für so viele Kerle muss das eine schweißtreibende Arbeit gewesen sein.“ Jetzt wurde es stiller. Nicht feindselig. Aber gespannt. Tarvain sagte nichts. Und genau das ließ Isaés Worte in der Luft hängen. Der Mann brach in schallendes Lachen aus. Kein einzelnes, spitzes Auflachen, sondern eines, das aus der Brust kam und Raum nahm. Er beugte sich leicht vor, stützte die Hände auf die Knie, als hätte Isaé ihm gerade einen besonders guten Scherz erzählt. Ein paar der Zwölf stimmten ein. Einige grinsten nur, andere blieben still und sahen genauer hin. „Hörst du das?“, sagte der Mann schließlich, noch lachend, den Blick wieder auf Tarvain gerichtet. „Die Kleine zählt nach.“ Er richtete sich auf, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, das Lachen verklang langsam, ließ aber ein breites Grinsen zurück. „Nicht schlecht.“ Isaé sagte nichts. Sie stand ruhig da und schwieg. Der Mann nickte einmal, fast unmerklich. „Na gut“, meinte er dann, deutlich nüchterner. „Dann haben wir wohl zur rechten Zeit den Rest erledigt. Soll ja auch jemand aufräumen.“ Ein anderer aus der Gruppe schnaubte leise. „Aber wenn es Feuer war, wer hat uns die Arbeit so leicht gemacht?“ Niemand der Zwölf kannte die Antwort. Ser Tarvain bewegte sich schließlich. Er deckte die Hand wieder zu. Sein Blick ging über die Zwölf, blieb an dem Mann hängen. „Dann sind wir uns einig“, sagte er ruhig. „Ihr seid spät gekommen. Und ihr habt getan, was noch zu tun war. Nichts, was Dankbarkeit oder Anerkennung verdient.“ Der Mann hob leicht die Schultern. „So kann man’s sagen.“
Tarvain trat einen Schritt zu Isaé, nicht ganz aus dem Blickfeld der Zwölf, aber nah genug, dass seine Stimme nicht von jedem gehört werden konnte. „Hat das Flüsterholz noch mehr gezeigt außer der Hand?“ Isaé senkte kurz den Blick auf die Pfeife in ihrer Hand. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Noch nichts Klares“, sagte sie. „Aber ich werde noch einmal genauer hinterfragen.“ Tarvain nickte kaum merklich. Tarvains Blick ging kurz über die Lichtung, über die verbrannte Erde, die verbrannten Körper der Düsterlinge. „Und Ser Adun?“ Isaé hob den Kopf. Für einen Moment lag etwas Schmerzliches in ihrem Blick. Aber vor allem Ungewissheit. „Nichts von ihm“, sagte sie. „Natürlich hinterlässt er keine Spuren, die das Flüsterholz offenbaren könnte. Ich wünschte, das Flüsterholz könnte es.“ Tarvain nahm das zur Kenntnis, so wie er alles zur Kenntnis nahm, was sich nicht ändern ließ. „Dann ist er weiter in den Wald“, sagte er ruhig. Isaé nickte einmal. „Wir müssen nach ihm suchen.“ Tarvain sah noch einmal zu den Zwölf hinüber. Dann zurück zur Lichtung. „Wir bleiben nicht mehr stehen“, entschied er. „Aber wir preschen auch nicht blind in den Wald.“ Er sah Isaé an. „Haltet euer Holz bereit. Wenn sich etwas rührt, will ich es wissen.“ „Ja“, sagte sie. „Wenn Ardeth sich in der Nähe aufhält, werden wir ihn finden. Und mit ihm auch Entaro.“ Und irgendwie war klar: Was sie suchten, würde sich nicht freiwillig zeigen.
Ohne Gnade ❖
12.01.2026 '18:51 [3.006 Wörter]
 weige peitschten Entaro ins Gesicht. Dünne Äste, manche mit Dornen, manche noch mit Blättern bewachsen. Doch der Bernsteinritter ließ sich davon nicht beirren. Er rannte weiter durch das immer dichter werdende Dickicht des Waldes. Für einen Mann seiner Statur, und dafür dass er soeben eine Hand verloren hatte, bewies Ardeth eine unglaubliche Ausdauer und Geschwindigkeit, welche Entaro ebenso befremdlich vorkam, wie alles was diesen Mann zu umgeben schien. Entaro war so auf den Mann fixiert, den er mit jedem Schritt seiner Verfolgung stets im Auge behalten hatte, dass er das Bein, welches sich ihm in den Weg gestellt hatte, erst bemerkte, als es zu spät war. Wie eine vorstehende Wurzel ragte dieses Bein hinter einem Baumstamm hervor und kreuzte direkt Entaros Weg. Und noch ehe er reagieren oder ausweichen konnte, geriet er bereits aus dem Gleichgewicht und krachte dann der vollen Wucht seiner Geschwindigkeit in das Unterholz. Entaro versuchte den Aufprall abzudämpfen, indem er sich abrollte. Seine Ledertasche zerrte an einer Wurzel und sein Schwert klirrte und schabte an Rinde und Blattwerk. Während Entaro zu Boden ging, vernahm er das glockenhelle, schadenfrohe Kichern, welches sich durch die Luft wandte und kurz darauf wieder verschwand und verstummte. Entaro rappte sich auf die Beine, doch weder von Hera, noch von Ardeth sah er auch nur die geringste Spur. »Verdammt.«, fluchte er und schlug mit seinem Schwert eine Schneise in das Dickicht, um diesem wieder zu entkommen. »Komm, Drachenreiter.«, flüsterte die Stimme durch die Luft. Entaro zuckte und hieb in jene Richtung aus welcher er glaube, dass die Stimme gesprochen hatte. Doch die Klinge hieb nur abermals ins Leere. »Zeig dich, Hexe!«, bellte Entaro mit schwerem Atem, doch er erntete nur höhnendes Gelächter.
Als er sich endlich aus dem Dickicht gekämpft hatte, orientierte er sich für einen Moment. Doch er war sich ganz sicher, in welche Richtung Ardeth geflohen war und so setzte er seine Verfolgung fort. Doch die Aufmerksamkeit, welche zuvor nur auf Ardeth fixiert gewesen war, teilte sich nun auch auf die Umgebung auf. Wo war diese verdammte Hexe…diese Hure…nur? Und wie machte sie das nur? Kommen und gehen wie es ihr beliebte. Entaro hatte noch nie von einer derartigen Macht gehört und zweifellos gab es dafür eine ganz plausible Erklärung. Doch er bezweifelte, dass Here es ihm erklären würde. Bei diesem Gedanken lächelte er bitter schlug mit dem Schwert nach einigen losen Ästen, welche ihm den Weg versperrten. Doch noch im Schlag hielt er inne. Wenn Ardeth hier entlanggekommen wäre, dann gäbe es spuren. Diese Äste waren ohne Schaden und hingen regungslos und ohne jedes Anzeichen darauf, dass hier jüngst ein Mann vorbeigekommen war.
Entaro verharrte einen Moment und hielt inne. Seine Augen suchten die Umgebung nach verdächtigen Hinweisen ab. Ein gebrochener Ast, Blätter die sich noch bewegten, oder Geräusche. Seine Augen hafteten sich auf einen kleinen Baum. Er wies keine Schäden auf und wirkte wie alle anderen auch, doch auf der Rinde erkannte der Drachenreiter etwas, dass seine Aufmerksamkeit erregte. Ein dunkler Fleck, der im fahlen Waldlicht schimmerte. Als er sich dem Baum genähert hatte, erkannte Entaro, dass es sich um frisches Blut handelte. Sein Blick verfinsterte sich und sein Mund formte ein wissendes Lächeln. »Da bist du also lang.«, murmelte er und setzte seinen Weg fort. Der Wald schein den Atem angehalten zu haben. Es war dunkel und ruhig, doch in weiter Ferne konnte Entaro Geräusche hören. Wie Tiere, die durch den Wald huschten. Schwerfälliger Atem und dann schwere Schritte. Entaro hatte Ardeths Fährte wieder aufgenommen und so beschleunigte er unweigerlich seine Schritte, um zu ihm aufschließen zu können.
Entaro näherte sich der Quelle der Geräusche und sein Atem brannte in der Brust. Er war schon so lange gerannt, dass jeder Atemzug unangenehm wurde. Und doch zwang er sich immer weiter zu laufen. »Verschwinde!«, zischte die dunkle, beinahe frenetische, Stimme Ardeths durch den Wald. »Du elendiger Eiferer! Verschwinde und nimm deinen verdammten Drachen mit!« Entaro schüttelte den Kopf. Er dachte ja nicht im Traum daran, jetzt wo er ihn beinahe hatte. »Es gibt kein Zurück mehr!«, rief Entaro in den Wald ohne genau zu wissen, wo Ardeth eigentlich war. »Du wirst für deine Frevel büßen, Schwarze Hand!« Entaro spuckte den Namen förmlich aus, und zugleich erinnerte er sich daran, dass Ardeth seine schwarze Hand ja verloren hatte und musste daraufhin unweigerlich erneut lächeln. »Die Pest soll dich holen du verdammter Bastard!«, brüllte Ardeth und die Stimme brach förmlich, während man die Wut die darin mitschwang förmlich fühlen konnte. »Die Pest und der Splitter! Verrecke einfach, du verdammter Hurensohn!« Entaro verzog eine grimmige Grimasse. »Meine Mutter war eine ehrbare Frau, du schwarze Ratte!«, fauchte Entaro und schlug einige Äste beiseite. Ardeth antwortete nicht darauf und durch den Wald schallte nur ein hallendes, höhnendes Lachen. »So einfach bist du aus der Fassung zu bringen, Bernsteinritter?« Die Stimme war nicht mehr die Ardeths, sondern eine andere.
Entaro hielt inne und sah sich um. Doch da war sonst niemand außer ihm. »Zeig dich, du Feigling!« Wieder ertönte dieses höhnende Gelächter. »Warum sollte ich? Ich hänge an meinem Leben!«, antwortete Ardeth und dann flog ein Stein durch die Luft und prallte an Entaros Brust ab. Der Stein hatte keinen Schmerz verursacht, doch Entaro zuckte erschrocken zusammen. Er kämpfte sich weiter durch das Dickicht aus Ästen, Sträuchern und Gehölz. »Ich werde erst ruhen, wenn ich dich erschlagen habe!«, rief Entaro entschlossen und setzte Schritt um Schritt seinen Weg fort. Ardeth lachte nur und Entaro lächelte dünn. »Lach du nur. Dann werde ich dich leichter finden.«, murmelte Entaro und folgte dem Klang der Stimme. Immer tiefer hinein in den Wald.
Und dann stolperte Entaro beinahe über Ardeth. Er lag auf dem Boden, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Entaro blieb vor ihm stehen und seufzte. »Deine Flucht hat ein Ende.«, stellte Entaro unnötigerweise fest. Ardeth hob den Kopf und warf Entaro einen mürrischen und zugleich resignierenden Blick zu. Ardeth hob seine gesunde Hand und streckte ihm den ausgestreckten Mittelfinger entgegen. »Mit meinem letzten Atemzug verfluche ich dich. Entaro Adun! Deine Zähne sollen dir aus dem Mund faulen und deine Eier zu kleinen Rosinen verschrumpeln!«, zischte Ardeth und spuckte einen Schwall Blut auf den Boden. Entaro legte Ardeth das Schwert auf die Brust und sah den Schwarzen stoisch an. »Gift und Galle kannst du spucken wie du willst. Doch das wird dich nicht retten.« Da grinste Ardeth breit und seine, vom dunklen Blut besudelten Zähne, bleckten gehässig. »Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, Drachenreiter.« Entaro runzelte die Stirn. Selbst mit der Klinge auf der Brust, dem Tode so nahe wie vermutlich noch nie, wirkte Ardeth wie ausgewechselt. Zuvor war ihm die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben gestanden. Doch nun saß er einfach nur da und grinste Entaro breit und herausfordernd an. Doch dann bemerkte Entaro etwas aus den Augenwinkeln. Ein schwaches Glimmen. Entaros Blick huschte zur Seite und er erkannte den dunklen Rauch, der aus dem kleinen Stein, welcher neben Ardeth auf dem Boden lag. Instinktiv trat Entaro auf den Stein und er zerbrach unter dem Gewicht seines Stiefels. »Du Narr!«, rief Ardeth und der Hohn wich ihm förmlich aus dem Gesicht. Sein herausfordernder Blick wurde fahl und seine Haut kreidebleich. Doch Entaro schrieb dies eher dem Blutverlust zu. »Was hast du getan?«, schrie Ardeth aufgebracht und beugte sich über die Trümmer. Er versuchte sie mit seiner gesunden Hand förmlich zusammen zu kratzen. »Deinen Fluch gebrochen, Schwarze Hand.«, brummte Entaro mürrisch und Ardeth warf ihm einen flüchtigen Blick zu. »Einen Scheiß hast du getan, einfältiger Tor!«, rief Ardeth und warf sich wütend auf Entaro. Der Bernsteinritter trat einen Schritt zur Seite und hielt die Klinge in die Höhe. »Es ist Zeit.« antwortete Entaro und ließ, ohne weitere Umschweife, die Klinge auf Ardeth hernieder gehen.
Doch, noch bevor der Stahl den Körper traf, schlug sie auf eine gekreuzte Klinge, welche sich dem Schwert in den Weg gestellt hatte. Das Eisen kreischte und kratzte an dem Dolch entlang, welchen Ardeth mit letzter Kraft gegen Entaros Schlag gehalten hatte. Man konnte förmlich das Zittern in der Klinge spüren, welche Ardeth mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, gegen Entaros Schwert hielt. Ardeth schrie auf, doch der Schrei blieb ihm im Halse stecken, als er erkannte, dass er doch noch nicht gestorben war. »Tztz.«, schnalzte eine ruhige Stimme durch die Luft. »So ein ehrbarer Ritter, schlägt auf einen am Boden liegenden Wurm ein.« Die ruhige Stimme näherte sich und Entaro verharrte in seiner Haltung. »Du bist der Wurm Istred! Wo warst du so lange?«, bellte Ardeth und schlug Entaros Schwert beiseite. Entaro trat instinktiv einen Schritt zurück und nahm den Griff des Schwertes nun in beide Hände. Der Mann, den Ardeth als Istred bezeichnet hatte, trat zwischen den Bäumen hervor. In seiner Hand hielt er ein Schwert, locker als ob es nur ein Gehstock wäre. »Istred…«, widerholte Entaro die Worte und mit einem Mal wurde ihm klar, wer dieser Mann war. Ardeth, die schwarze Hand. Hera, die heilige Hure. Istred, der Schinder. Entaros Blicke fixierten den Mann und er erkannte, dass dieser Mann eine gänzlich andere Ausstrahlung hatte, als Ardeth oder Hera. »Du bist ganz allein, Drachenreiter.«, stellte Istred mit einem schwerfälligen Seufzer fest. »Das ist bedauerlich. Niemand wird Zeuge deines Todes sein. Niemand wird Zeuge unseres glorreichen Kampfes werden?« Ardeth rappelte sich auf und spuckte erneut etwas Blut. »Was faselst du da? Schlag den Bastard tot!« Istred zuckte mit den Achseln und trat einen Schritt vor. Entaro trat instinktiv einen Schritt zurück und hielt sein Schwert in einer abwehrenden Haltung, bereit jeden Schlag abzuwehren.
Das ganze wiederholte sich so lange, bis Istred schließlich bei Ardeth angekommen war. »Hilf mir hoch!«, bellte Ardeth und hob seine Hand in die Höhe, damit Istred ihn auf die Beine helfen konnte. »Ich bin keine deiner kleinen, schwarzen Ratten, du dreckiger Wurm.«, fauchte Istred und trat die Hand mit dem Fuß beiseite. »Du hast versagt. Wieder und wieder. Du nutzloser Köter.« Ardeth wollte aufbegehren, doch Istred stieß ihm sein Schwert tief in die Brust, ohne dabei den Blick, den er auf Entaro geheftet hatte, abzuwenden. Ardeth gurgelte und spuckte Blut. Doch kein weiteres Wort kam mehr über seine Lippen. Die schwarze Hand sackte leblos zusammen und wurde nur noch von dem Schwert aufrecht gehalten, welches tief in seiner Brust steckte. Entaro sah den Mann, der gerade eiskalt seinen Kameraden getötet hatte, mit forschem und wachsamen Blick an. »Warum hast du ihn getötet?«, erkundigte er sich und Istred lachte bitter. »Du wolltest ihn doch auch gerade töten?« Istred zog das Schwert aus dem Leichnam und ließ es einmal durch die Luft sausen, um das Blut von der Klinge zu schleudern. »Der Wurm hat sich im Ton vergriffen.«, erklang Istreds nüchterne Stimme. Entaro nickte verstehend. Dieser Mann war ganz anders als Ardeth. Und auch anders als er es erwartet hatte. Dieser Mann war eiskalt und Entaro wurde klar, warum er den Beinamen der Schinder trug. Doch Entaro hatte keinen Mann erwartet, der mit dem Schwert umzugehen wusste. Vermutlich wusste Ser Tarvain mehr, doch er hatte nie nach Einzelheiten gefragt, und nun bereute Entaro diesen Fehler. »Und nun?«, erkundigte sich Istred woraufhin Entaro ihn fragend ansah. »Was mache ich nun mit dir?« Istred schnalzte mit der Zunge und kratzte sich am Kinn. Entaros Blicke folgten seiner Geste und als seine Augen über die Arme des Mannes wanderten, stellte er fest, dass die Haut des Mannes seltsam anmutete. Sie wirkte fahl. Und feine, metallische Linien erregten Entaros Aufmerksamkeit. »Wo ist dein Drache?«, erkundigte sich Istred und sah sich suchend in der Umgebung um. »Ich habe noch nie einen Drachen gesehen. Das muss ein eindrucksvoller Anblick sein.« Entaro zuckte mit den Schultern. Wenn er sich ehrlich war, wusste er selbst nicht wo Schatten war. Da er in diesem dichten Wald nicht fliegen konnte, musste er entweder am Himmel fliegen, oder er hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Horde Düsterlinge vernichtet hatte.
Da Istred keine Antwort erhalten hatte seufzte er verächtlich. »Woher wusstest du, dass du den Stein zerstören musst?«, verlangte Istred zu erfahren und Entaro brummte nachdenklich. »Instinkt.«, antwortete Entaro nur. Er wollte sich weder in die Karten schauen lassen, noch sich zu sehr von Istred in ein Gespräch verwickeln lassen. Und schon gar nicht wollte er mit ihm über den Herrn der Tausend Wünsche sprechen. »Du redest nicht viel.«, stellte Istred fest und stellte sein Schwert vor sich auf dem Boden ab, als wäre es nur ein Spazierstock. »Ihr redest genug für uns beide.«, konterte Entaro und rang Istred so ein kurzes Lächeln ab. »Der Schein trügt, Drachenreiter ohne Drache.« Istred seufzte. »Du bist nicht der erste Bernsteinritter, dem ich begegne. Doch ich habe viel von dir gehört. Es wäre eine Schande, wenn dein Tod ungesehen, in einem dunklen Wald in den Grenzlanden eintritt. Du verdienst Zeugen. Menschen die mit fiebern und hoffen. Auch wenn diese Hoffnung vergebens ist.« Entaro kniff die Augenbrauen zusammen. »Ihr haltet große Stücke auf euch, Schinder.« Da lachte Istred. Es war ein ehrliches Lachen aus dem Bauch. »Schinder. Ja. Ein Name von Menschen die mich nicht verstehen.« Istreds Griff um den Griff seines Schwertes verstärkte sich und Entaro nahm sofort eine angespannte Haltung ein. »Du hast es bemerkt…«, stellte Istred mit einem anerkennenden Ton in der Stimme fest. »Viele deiner Brüder sind schwach gewesen. Nur hohles Gefasel. Keine echte Kunst.« Istred trat einen Schritt hervor und Entaro wich instinktiv zur Seite. »Doch du bist nur ein Mensch. Du hast keine Aufsicht auf Sieg.« Istred schnellte hervor, und hob sein Schwert. Entaro blinzelte nur für einen Moment, doch dieser Moment hatte gereicht. Istred stand jetzt genau vor ihm, und sein Schwert schnellte hervor. Entaro hob die Klinge und drückte sein hinteres Bein tiefer in die Erde, um den Stoß abzufangen.
Der Schlag war gewaltig. Das Eisen krachte, Funken schlugen aus den Klingen und Entaros Hände zitterten, als ob er mit einem Hammer auf einen Amboss geschlagen hätte. Istreds Kraft war gewaltig. Doch nun, da er ihm so nahe war, konnte er Istred genau in die Augen schauen. Sie waren grau, und ein rostroter Rahmen fasste die Iris ein. Seine Haut war kühl und sein Blick wie kaltes Eisen. Istred lächelte und hob die Klinge erneut. Ein zweiter Schlag folge und ein Dritter. Entaro hatte sichtlich Mühe den Schlägen überhaupt stand zu halten. Während er versuchte stand zu halten, arbeitete sein Verstand an einem Gegenschlag. Er musste seinen Feind erst verstehen, bevor er ihn bekämpfen konnte. Doch nach den drei Schlägen trat Istred zurück und seufzte. Er stellte die Klinge wieder vor sich ab und stützte beide Hände auf den Knauf. »Du zeigst nicht was du kannst. Du beleidigst mich, Bernsteinritter.« Entaro stieß den Atem, der ihm schwer in der Brust haftete, hinaus um sich von der Last zu befreien. Er hatte die Schläge kaum abwehren können. Istred hob eine Hand und winkte damit als ob er Entaro auffordern wollte, zu ihm zu kommen. »Los. Zeig was du kannst. Sonst schneide ich dich in kleine Happen und lasse dich für die Krähen liegen.« Entaro verstärkte den Griff um sein Schwert und trat hervor. Istred hingegen blieb ganz lässig stehen und bewegte nicht einen Muskel. Erst als Entaro einen Ausfallschritt machte, und das Schwert schwang, reagierte Istred. Er zog das Schwert in die Höhe und warf es Entaros Schlag entgegen. Entaro ließ nicht locker und hieb weiter, doch Istred schlug jeden Schlag beiseite. Seine Muskeln spannten sich, der Stahl sang und die Männer ächzten. Doch Entaro konnte Istred nicht überwinden. Und so drehte sich Entaro zur Seite, hieb die Klinge in die Höhe um Istred zur Abwehr zu zwingen. Doch noch während er die Klinge hervorschnellen ließ, drehte er den Stahl in der Hand. Sein Schwert rutschte an Istres Klinge entlang bis sie auf das Heft aufschlug. Istred verzog eine erstaunte Miene und lächelte daraufhin dünn. Die Beiden Männer standen sich so dicht gegenüber, dass sie den Atem des anderen auf der Haut spüren konnten, während ihre Klingen miteinander verkeilt blieben. Entaro legte den Kopf in den Nacken und ließ ihn hervorschnellen. Seine Stirn schlug auf Istreds Nase und er stolperte einen Schritt zurück. In einem normalen Kampf hätte Entaro seinem Gegner vermutlich die Zeit gewährt sich zu sammeln, doch Entaro wusste, dass dieser Gegner kein gewöhnlicher Kämpfer war. Und so nutzte er den Moment der Verwirrung und hieb mit der Klinge auf den Hals seines Gegners.
Istred hob die Hand, während er sein Schwert auf die Seite drehte. Und als Entaro sich sicher war, dass er die Hand mit samt dem Hals durchschlagen würde, da glitt die Klinge einfach über Istreds Hand und seinen Kopf hinweg. Die Klinge beschrieb, völlig gegen Entaros Willen, einen leichten Bogen durch die Luft. Entaros Schlag ging ins Leere und daraufhin schnellte Istreds Schwert hervor, welchem der Bernsteinritter nur mit Mühe und Not ausweichen konnte. »Beeindruckend.«, murmelte Istred und trat zwei Schritte zurück, nur um erneut seine Klinge auf den Boden zu stellen, als ob er in Entaro keinen würdigen Gegner sah. »Wie habt ihr das gemacht?«, verlangte Entaro zu erfahren. »Was?«, hakte Istred nach und lächelte dabei dünn, da er genau wusste, wovon Entaro gesprochen hatte. Entaro kniff die Augen zusammen und schwieg, woraufhin Istred zu lächeln begann. »Nochmal!«, befahl Istred und fächerte erneut mit seiner Hand, um Entaro den Befehl zum Angriff zu erteilen. Doch Entaro verharrte und schüttelte den Kopf. »Nein. Das Spiel ist vorbei.«, antwortete der Bernsteinritter und stellte nun seinerseits die Klinge vor sich auf dem Boden ab. Istred ließ seine Hand sinken und musterte Entaro beinahe neugierig.
Es herrschte eine Weile des Schweigens, in welcher sich die beiden Kontrahenten nur gegenseitig ansahen und stumme Blicke austauschten. Doch schließlich zuckte Istred nur mit den Achseln. Er packte seine Klinge und ließ sie hervorschnellen. Man konnte förmlich hören, wie das scharfe Eisen die Luft durchschnitt und sich in Windeseile dem Bernsteinritter näherte. Entaro wich dem Schlag aus, hob seine Klinge, doch noch bevor er zum Gegenschlag ausholen konnte, lag Istreds Schwert schon an Entaros Hals. »Du bist tot.«, stellte Istred mit einer trocken Erkenntnis fest und die Klinge verharrte um Haaresbreite vor Entaros Hals. Schließlich legte Istred, der Schinder, sein Schwert auf Entaros Schulter ab und lächelte.
Auf Entaros Spuren ❖
27.01.2026 '22:57 [3.073 Wörter]
 och während auf der Lichtung gesprochen wurde, waren zwei ältere Akadier, ihres Zeichens erfahrene Spurenleser, bereits im Gehölz, um weitere Spuren des Bernsteinritters und Ardeths zu finden. Sie gingen langsam und aufmerksam, den Blick auf die unmittelbare Umgebung vor sich gerichtet. Sie fanden abgebrochene junge Zweige, frische Brüche und Knicke, noch hell im Holz. Farne, niedergetreten, zur Seite gedrückt und nicht wieder aufgerichtet, als sei jemand hastig hindurchgegangen. An einem Stamm eines jungen Baumes, dessen Rinde noch nicht borkig war, war Rinde abgeschürft, in Hüfthöhe, nicht tief, aber frisch genug, dass sie noch hell und frisch war. Es war eine eindeutige Richtung. Eine klare Linie durch das Dickicht, durch den Wald, auch wenn die meisten sie nicht sehen konnten. Doch die Spurenleser konnten sie klar und deutlich sehen. Die Spur führte nicht über einen bereits gesicherten und oft bewanderten Weg, sie führte quer durch den Wald. Und als die beiden Akadier zurückkamen, traten sie vor Tarvain. Der eine zeigte wortlos in den Wald, der andere erklärte „Die Spuren führen quer durch den Wald.” Ser Tarvains Blick haftete sich auf die Hand des Spurenlesers, schweifte dann über die Lichtung, dann erst in den Wald. „Die Spur ist frisch?“ vergewisserte er sich. „Ja“, bestätigte der Zweite. Tarvain nickte einmal. „Dann gehen wir. Ihr beide voran. Und nehmt die Hexenjägerin mit euch.“ Er drehte sich um, noch während er mit den beiden Alten sprach und wandte sich dann an Isaé. „Frau Isaé, ich möchte mich neben den Fähigkeiten meiner Spurenleser auch auf die euren verlassen können. Achtet auf euer Flüsterholz!“ Isaé nickte, und trat auf die beiden älteren Akadier zu. Ser Tarvain wandte sich schließlich an den Rest des Trosses. „Wir ziehen weiter! Ordnung und Schritt halten!“ rief er mit lauter Stimme. An die Zwölf richtete er weder seinen Blick noch ein Wort mehr. Die beiden Akadier indes setzten sich in Bewegung und Isaé ging mit ihnen, die Flüsterholzpfeife in der Hand.
Der Tross marschierte gleichmütig dahin. Die Spurenleser mit der Hexenjägerin ein Stück voraus, gefolgt von Tarvain, als sich ihm Schritte von der Seite näherten. Der Anführer der Zwölf trat einfach neben Tarvain, und ging neben ihm her, als wäre das selbstverständlich. „Was seid ihr eigentlich für ein Haufen?“, fragte er Ser Tarvain schließlich nach einer Weile, und in seiner Stimme lag ein Hauch von ernsthafter Verwunderung. Sein Blick glitt über die Männer hinter Tarvain, über die Verletzten. „Ihr nehmt alle mit. Auch die Angeschlagenen. Wieso?“ Tarvain runzelte die Stirn, sah ihn aber nicht an. „Ich lasse niemanden zurück“ sagte er stoisch. Der Mann schnaubte und lachte leise. „Seid ihr so ehrenhaft? Oder einfach nur dumm?“ waren die despektierlichen Fragen auf seine Antwort. Ser Tarvain erwiderte nichts darauf, doch das schien dem Kerl nichts auszumachen, er hielt Schritt mit dem roten Tod. Sie gingen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her. Der Wald wurde dichter, der Boden wurde unebener. Tarvain hielt seinen Blick fest auf den unebenen Boden, als er ihn schließlich, ohne den Blick abzuwenden fragte „Was wollt ihr?“ Der Mann blieb stehen und zuckte die Schultern. „Mitgehen.“ „Wozu?“ hielt Tarvain dagegen. Der Mann zuckte erneut mit den Schultern und schloss wieder zu Tarvain auf. „Weil ihr sowieso geradeaus lauft. Weil wir gerade nichts besseres zu tun haben. Weil ich sehe, dass ihr jeden Mann nötig habt, wenn ihr sogar die Verwundeten verpflichtet.” Tarvain musterte ihn jetzt zum ersten Mal richtig. „Ihr folgt meinen Spurenlesern“, sagte Tarvain schließlich. „Ihr haltet Abstand. Ihr mischt euch nicht ein, solange ich es nicht sage.“ Der Mann lächelte schief. „Klingt annehmbar.“ Tarvain nickte einmal. Mehr nicht. Er wandte den Blick wieder nach vorn und setzte seine Schritte fort. Hinter ihm schlossen sich die anderen Mitglieder der Zwölf an. Sie fanden ihren Platz im Tross dort, wo Platz war. Wie Wasser, das sich seinen Weg sucht. Und niemand hatte offiziell entschieden, dass die Zwölf dazugehören sollten. Aber sie waren jetzt da. Die zwei Spurenleser gingen voraus, mit genügend Abstand nach vorn und doch nicht außer Reichweite. Dahinter folgten die akadischen Soldaten, Schritt für Schritt, das Tempo angepasst an die Langsamsten im Tross. Der Wald wurde immer dichter. Die Spur die die Spurenleser verfolgten, war kaum zu sehen, außer für jene, die wussten, wo sie hinsehen mussten. Und die beiden wussten, wohin sie blicken mussten.
Isaé ging einige Schritte hinter ihnen. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Entaro zurück, egal, wie sehr sie sich zwang, gedanklich auf dem Weg, den sie beschritten zu bleiben und bei dem, was vor ihnen lag. Er war gegangen, um den Kopf frei zu bekommen, und nicht unbedacht, und doch war er nicht zurückgekommen. Und genau das holte ihn immer wieder zurück in ihre Gedanken. Denn sie wusste nicht, was geschehen war. Niemand wusste, was geschehen war. Nur, dass er nicht zurückgekommen war und Schatten seinem Ruf gefolgt war. Isaé merkte, wie sehr sie sich an ihm orientiert hatte, ohne es bewusst zu wollen. An seiner Ruhe, die nichts aus der Fassung brachte. An der Selbstverständlichkeit, mit der er da gewesen war. Er war ihr Halt. Und selbst jetzt, wo sie am besten Weg war, sich von der zerstörerischen Feuermohnsucht zu befreien, zu heilen und wieder gefestigt zu werden, wusste sie, dass sie ihn trotzdem brauchte, um so zu bleiben. Nicht zu wissen, ob er sich in Gefahr befand, war kaum auszuhalten.
Die Flüsterholzpfeife lag ruhig in ihrer Hand. Beinahe zu ruhig. Lange Zeit regte sich nichts. Kein Flüstern, kein Wispern, kein Raunen. Um sie herum klangen nur die leisen Geräusche des Waldes, die gedämpften Schritte der schweren Stiefel auf dem Waldboden und das Atmen der Männer. Doch dann, nach einer Weile, änderte sich etwas. Es war noch kein Flüstern, es war kein klares Zeichen. Eher ein Unbehagen, das sich erst um ihren Geist, und dann um ihre Hand, die die Pfeife trug, zu legen schien. Es war eher ein Gefühl, das sich ihrer bemächtigte. Isaé verlangsamte unmerklich den Schritt, blieb aber in Bewegung. Sie hob die Hand, die die Pfeife umfasste, hielt sie hoch und schloss kurz die Augen. Isaé ließ ihren Atem ruhiger werden, und erst dann hörte sie es. Das Flüsterholz begann zu wispern. Magie lag in der Umgebung. Und nach einer kurzen Weile schien sich das Verhalten des Flüsterholzes zu verändern. Die Pfeife wog in der Hand der Hexenjägerin schwerer, ohne tatsächlich an Gewicht zuzulegen. Sie lag schwer in Isaés Hand, wie durchdrungen von Magie, so, als hätte sie etwas in sich aufgenommen. Das Wispern breitete sich aus, wurde weich und gleichmäßig, so wie Nebel sich über dem Boden ausbreitet. Die Magie hing im Wald, floss durch Boden und Wurzeln, verteilte sich in feinen Bahnen, als kehre sie dorthin zurück, wo sie herkam. Isaé hielt den Schritt, ließ die Pfeife ruhig. Sie kannte diese Art von Reaktion, aber sie kannte sie nicht von Ardeth. Als sie ihn zum ersten Mal aufgespürt hatte, war da Kraft gewesen. Spannung. Ein klarer Punkt, an dem sich alles gesammelt hatte. Ardeth war förmlich ein Gefäß gewesen, das mit Magie gefüllt war. Jetzt aber fühlte es sich anders an. Gestreuter. Offener. Die Magie war in Bewegung, als habe sie ihren Halt verloren und fließe zurück in den Kreislauf, aus dem sie einst genommen worden war. Jetzt blieb Isaé stehen und hob den Blick, ließ ihn über den Wald gehen. Der Tross reagierte umgehend darauf, in dem sie alle stehen blieben. Isaé sah sich um. Ardeth war hier gewesen. Aber das, was von ihm ausging, verhielt sich nicht mehr so wie zuvor. Sie sagte nichts. Noch nicht. Doch sie wusste, dass sie etwas anderes verfolgten als beim ersten Mal. Ser Tarvain trat an die Hexenjägerin heran. „Was ist?“, fragte er leise. Isaé sah kurz zu ihm, dann wieder in den Wald. „Wir kommen näher“, sagte sie leise nach vorn, nicht laut genug für alle, nur für jene, die hören mussten. „Ihr scheint zu zögern, Frau Isaé? Oder täusche ich mich?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich zögere nicht. Doch das Holz reagiert anders.“ Tarvain berührte sie am Arm. „Wie anders? Was meint ihr damit?“ Isaé sah ihn direkt an „Ich kann es nicht erklären, Ser Tarvain. Es ist, als wäre die Magie anders verteilt als noch vor wenigen Tagen. Wir standen Ardeth gegenüber. Da war es wie gebündelt. Jetzt aber wirkt es so, als zerfließe alles. Ich kann euch das nicht genau erklären. Ich weiß selbst noch nicht, was es bedeutet. Die Magie ist da, sie ist spürbar und das Flüsterholz reagiert darauf, es reagiert nur nicht stärker, je weiter wir vordringen. Wir können uns an diesem Punkt nicht auf das Flüsterholz stützen, wir sollten uns stattdessen auf die Spurenleser konzentrieren.“ Ser Tarvain nickte. „Dann lasst uns weitergehen!“
Der Weg führte sie weiter durch den Wald, und Isaé sah aus dem Augenwinkel, wie sich ihr jemand näherte. Sie wandte kurz den Kopf und erkannte Kalwen. Unweigerlich verlangsamte sie ihre Schritte und schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Na, Kalwen? Wie geht es dir? Du siehst bedeutend besser aus. Es stimmt also, was die Männer sagen: ein tüchtiger Marsch wird dir guttun.” Kalwen versuchte, das Lächeln zu erwidern, doch so wirklich schien es ihm nichts zu gelingen. Isaé bemerkte es und runzelte die Augenbrauen. „Was ist los? Du bist so seltsam, irgendwie… Geht es dir doch nicht gut?“ Kalwen winkte ab „Es geht schon, es geht schon, es ist nur…“ Sein Blick glitt zu einem der Zwölf, zu jenem, der ihm einen giftigen Blick zuwarf, wann immer er in seine Richtung sah. Jener, der ihm vor die Füße gespuckt hatte, als die Sprache auf die Frau namens Ishra gekommen war. Isaé blickte von dem Kerl mit dem giftigen Blick zurück zu Kalwen. „Er scheint nicht gut auf dich zu sprechen zu sein?“ sagte sie, während sie ihn mit abschätzenden Blicken maß. „Das kann ich ihm auch nicht verdenken“ sagte er, und in seiner Stimme schwang ein kläglicher Unterton mit. Isaé hob eine Augenbraue. „Willst du darüber sprechen?“ Kalwen sah auf den Waldboden, während sie weiterliefen und irgendwann begann er dann zu erzählen „Ich habe sie nicht als Zwölf kennengelernt. Damals waren sie elf, und ich war allein unterwegs, wie so oft zu jener Zeit, und wie das die meisten Hexenjäger so tun. Ein Hexenjäger ohne festen Trupp, ohne Namen, der irgendwo Bestand gehabt hätte, einer von denen, die kommen und wieder gehen, ohne dass man sich merkt, wann genau. Aber ich wollte mir einen Namen machen, als Hexenjäger. Natürlich, so wie das die meisten wollen. Und irgendwo auf einem dieser Wege bin ich ihnen begegnet. Kein besonderes Zusammentreffen, man ging ein Stück gemeinsam, dann noch eines, und irgendwann war ich einfach dabei. Sie wollten es mit mir versuchen. Nicht aus Freundlichkeit oder aus Mitleid. Die Elf nahmen niemanden einfach so auf, und das wusste ich. Man wartete ab, ließ jemanden mitgehen, sah zu, wie man sich verhielt, und irgendwann kam der Moment, in dem sich zeigte, ob er blieb oder weiterzog. Bei ihnen war auch Ishra. Sie war jünger als die meisten, aber nicht unerfahren. Wach im Blick, aufmerksam, mit dieser stillen Art, die mehr sieht, als man glaubt. Sie war mir zugetan, das habe ich gemerkt, ohne dass es je ausgesprochen werden musste. Sie ging oft neben mir, sprach mit mir, wenn andere schwiegen, stellte Fragen, die nie argwöhnisch klangen, sondern ehrlich interessiert. Und ich, der sonst nie lange blieb, blieb. Und die Elf warteten auf eine Gelegenheit. Einen Moment, in dem ich zeigen würde, was ich konnte. Solche Momente kommen immer. Es regnete seit Tagen in diesen Tagen. Ohne Unterlass. Die Wege wurden schlammig, das Land sog sich voll, und auf der Jagd nach einer Hexe führte uns der Weg in ein Schwemmgebiet. Der Fluss hatte sich ausgebreitet und auf der anderen Seite lag ein Dorf. Wir mussten auf die andere Seite, denn die Lage wurde allmählich kritisch und es war das einige Dorf in der Umgebung und wir benötigten den Schutz einer Unterkunft. Ich kannte die Gegend. Oder ich glaubte es zumindest. Ich war dort gewesen, früher, in anderen Jahren, bei anderem Wasserstand. Ich sah die Stelle, an der der Fluss flacher wirkte, wo Steine knapp unter der Oberfläche lagen, wo man früher hinübergegangen war. Eine Furt. So hatte man sie genannt, und so hatte ich sie in Erinnerung. Ich sagte, dort kämen wir rüber, und ich sagte es mit der Sicherheit von jemandem, der weiß, wovon er spricht. Niemand widersprach. Warum auch? Ich war der Ortskundige, und ich wusste, dass sie mich beobachteten, dass dies einer dieser Augenblicke war, die zählen, wenn man dazugehören will. Wir gingen hinein, einer nach dem anderen. Das Wasser reichte zunächst nur bis zu den Knien, dann höher, kalt, drückend, aber noch berechenbar. Zumindest für einen Moment. Dann kippte es. Ohne Vorwarnung. Der Fluss wurde unberechenbar reißend, er schwoll so plötzlich an, dass man es nicht hatte kommen sehen. Wir kämpften uns voran, riefen einander zu, griffen nach Händen, nach Armen, und einer nach dem anderen erreichten wir das andere Ufer, keuchend, durchnässt, aber stehend. Alle, bis auf Ishra. Sie war hinter uns gewesen, gar nicht weit, nah genug, dass man sie noch gesehen hatte. Sie wurde fortgerissen. Es ging so schnell, dass niemand ihr helfen konnte. Es ging so schnell dass man sie nicht einmal um Hilfe rufen hatte hören. Wir fanden sie erst am nächsten Morgen, weiter unten, verfangen zwischen Steinen und Wurzeln.
Nach Ishras Tod sprach zunächst niemand von Schuld. Nicht offen. Dafür war der Verlust zu frisch, der Schock zu tief. Man hatte sie begraben, still, ohne viele Worte, und war weitergezogen, weil es nichts anderes gab, was man tun konnte. Doch in jedem Blick, der zu mir ging, in jedem Schweigen, das länger dauerte, als es sollte, lagen diese Fragen. Erst unausgesprochen. Dann vorsichtig ausgesprochen, dann direkter. Warum ich gerade diese Stelle gewählt hatte. Woher ich wusste, dass man dort hinüberkam. Ob ich mir sicher gewesen sei. Ich sagte, dass es früher eine Furt gewesen war. Dass man dort gegangen war. Dass ich es so gekannt hatte. Jemand lachte trocken. „Nie“, sagte er. „Das war nie eine Furt.“ Ein anderer griff es auf, halb im Vorbeigehen. „Nicht bei dem Wasser. Niemals.“ Das Wort blieb hängen. Anfangs war es noch ein Satz, der wiederholt wurde, jedes Mal ein wenig schärfer. „Nie eine Furt. Das war niemals eine Furt. Wer so etwas eine Furt nennt…“ Es war dieses harte Nachtreten, das entsteht, wenn man einen Verlust irgendwo erörtern muss. Irgendwann verkürzte es sich. Aus dem Satz wurde ein Wort. Aus dem Wort ein Name. Nicht als offener Spott. Niemand stellte sich vor mich hin und erklärte ihn. Er wurde einfach benutzt. Erst hinter meinem Rücken, dann vor mir, so beiläufig, dass man kaum widersprechen konnte. Kalwen von Niefurt. Nicht, weil ich von einer Furt stamme. Sondern weil ich diese benannt hatte. Und weil es, wie sie sagten, nie eine gewesen war. Ich habe nichts dazu gesagt. Nicht, weil ich es nicht hätte zurückweisen können, sondern weil ich wusste, dass sie recht hatten. Nicht in allem. Aber in dem einen Punkt, der zählte. Es war keine Furt. Und ich hätte das wissen müssen. Aber ich hatte sie so genannt. Und es hat Ishra das Leben gekostet.“
Isaé sagte zunächst nichts. Sie ging schweigend neben Kalwen her. Nach einer Weile schien er das Schweigen nicht mehr auszuhalten. „Was denkst du jetzt?“ fragte er sie unverwandt. Die Hexenjägerin wandte ihm ihr Gesicht zu und schenkte ihm einen freundlichen Blick. „Ich denke, dass du diesen Namen nicht tragen müsstest. Niemand außerhalb der Zwölf weiß, woher er kommt. Für alle anderen bist du einfach Kalwen. Du hättest ihn ablegen können, wie man anderes hinter sich lässt. Dass du es nicht getan hast, spricht für dich, nicht gegen dich.“ Kalwen blieb nachdenklich. Sie gingen noch ein Stück nebeneinander her, der Pfad schmal, der Wald noch dicht genug, dass man nur wenige Schritte weit sah. Kalwen hatte gerade angesetzt, irgendetwas Leichtes zu sagen, vielleicht um das eben Gesagte nicht weiter zu vertiefen, als Isaé den Kopf hob als sie ein Geräusch hörte. Erst ein Zischen eines der beiden Spurenleser, die ein Stück weiter vorne gegangen waren, dann hörte man das klirrende Geräusch von Metall auf Metall. Isaé hatte zu den beiden Spähern aufgeschlossen und blieb stehen. Kalwen folgte ihrem Blick, dann hörte auch er es. Ein zweites Mal. Schwerer und dumpfer, dieses Mal. Das dumpfe Nachklingen von Stahl. „Schwerter?“, murmelte er. Isaés Herz begann unweigerlich schneller zu schlagen, denn sie ahnte, was das bedeutete. Sie hatte den Blick schon wieder nach vorn gerichtet, dorthin, wo der Wald sich allmählich lichtete. Das Unterholz lichtete sich, und zwischen den Baumstämmen öffnete sich eine kleine Lichtung. Sie traten aus dem Schatten, gefolgt von Ser Tarvain und dem Trupp der Akadier nebst den Zwölf. In der Mitte der Lichtung standen zwei Gestalten einander gegenüber. Entaro war der eine. Die Haltung ruhig, aber gespannt, das Schwert erhoben, nicht zum Schlag, sondern zum Halten. Seine Bewegungen waren kontrolliert, gezwungen zur Präzision, als dürfe er sich nicht den geringsten Fehler erlauben. Der andere war größer. Viel größer. Breiter. Isaé konnte sich nicht entsinnen, wann sie das letzte Mal so einen hünenhaften Mann gesehen hatte. Er hielt die Klinge tief, mit einer Ruhe, die gefährlich wirkte. Istred. Als Isaé ihre Blicke schweifen ließ, sah sie einen schwarzgekleideten Mann, der leblos im Gras lag. Ardeth. Jetzt erkannte Isaé, was das Flüsterholz aufgezeigt hatte. Die Magie, die in Ardeth kanalisiert gewesen war, und so durch das Flüsterholz greifbar geworden war, entwich ihm nun, da er nicht mehr lebte, suchte sich ihren Weg über den Boden, zwischen Wurzeln, Stämmen, Gras, und verrann in den Boden, um in den ewigen Kreislauf der Magie zurückzukehren. Jetzt verstand Isaé. Sie war nicht mehr greifbar, sondern allgegenwärtig, und diese Magie war noch nicht ganz zur Ruhe gekommen.
Plötzlich wandte Istred den Blick auf den Tross, wie sie da alle standen und die beiden Kontrahenten anstarrten. Der Hüne begann zu lächeln, doch er verzog den Mund kaum merklich, als hätte der Wald ihm genau das geliefert, was er eben noch ausgesprochen hatte. Sein Blick glitt an Entaro vorbei, blieb an den Gestalten am Rand der Lichtung hängen, an den Waffen, den Gesichtern, der angespannten Stille. Dann sah er Entaro wieder an. „Siehst du“, sagte er ruhig, fast zufrieden. „Der Wald ist großzügig heute.“ Er hob die Klinge ein wenig, nicht zum Schlag, eher wie zu einer Geste. „Zeugen. Mehr, als ich erwartet habe.“ Ein flüchtiges Lächeln, schmal und kalt. „Menschen, die mit fiebern dürfen. Die hoffen dürfen.“ Sein Blick blieb fest auf Entaro gerichtet. „Auch wenn sich an dem Ende nichts ändert.“
Istred, der eiserne Schinder ❖
12.02.2026 '22:52 [4.514 Wörter]
 chwer und kalt ruhte das Schwert von Istred, den man in den Grenzlanden nur den Schinder nannte, auf Entaros Schulter. Sein Blick hingegen war nicht weniger kalt. Doch sein tiefgründiger Blick erweckte in Entaro weder Unbehagen noch Kälte. Da war einfach nur ein tiefer und ernster Blick eines Mannes, der sich darüber im Klaren war, dass er dem Bernsteinritter überlegen war. Und Entaro wusste, dass ein Kampf hier nur in sein Verderben führen würde. Zumindest zum Gegenwärtigen Zeitpunkt. Entaro wusste, dass das Schlachtenglück wankelmütig war und sich stets wandeln konnte. Er hatte schon viele Schlachten geschlagen und viele Kämpfe gefochten. Doch hier, in diesem verlassenen Grenzwald, umgeben von Bäumen, sah Entaro nur wenige Vorteile, die er für sich nutzen konnte. Istred war groß gewachsen und stark, doch für seine Größe war er unglaublich agil und geschickt. Die meisten großen Gegner konnte man mit Schnelligkeit bezwingen. Doch Istred war groß und schnell. Er war ein geübter Kämpfer, das hatte Entaro schon nach dem kurzen Schlagabtausch bemerkt. Und er war, anders als Entaro, mit diesem Wald scheinbar bestens vertraut. Blindlings in den Wald rennen, würde ihm keine Rettung bringen. Im Gegenteil. Es würde ihn nur noch weiter ins Verderben stürzen. Doch eine direkte Konfrontation war ebenso unausweichlich wie auch aussichtslos. Entaro hielt Istreds eindringenden Blicken stand, während er innerlich versuchte eine Lösung zu finden. Er musste seinen wunden Punkt finden. Seine Schwachstelle ausloten. Oder ihn einfach nur so lange beschäftigen, bis er müde wurde. Doch wahrscheinlicher war, dass Entaro zuerst müde werden würde, oder wegen einem unachtsamen Hieb oder Schritt, sein Leben verlöre.
Auch wenn Entaro ein Mann von Ehre und ritterlichen Tugenden war, so scheute er es nicht, wenn es der Sache diente, seine Umgebung in den Kampf einzubeziehen. Ein loser Stein, ein Loch im Boden, ein ungünstig liegender Ast. All die Dinge, die seinen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen konnten und ihm eine Gelegenheit zum Zuschlagen ermöglichten. Ritterlichkeit war in den Augen vieler Ritter eine Sache von Ehre, Ehrlichkeit und einem sauberen Stil ohne Finten, Hintergedanken oder Tricks. Doch Entaro wusste, dass ein ehrlicher Kampf auf Leben und Tod niemals sauber und ehrenvoll war. Ein Kampf auf Leben und Tod mit einem Gegner, welcher keine Gnade kannte, war etwas anderes, als ein Schaukampf auf einem Turnier oder vor einer Zeremonie. Es ging um nichts anderes als das nackte Überleben. Entaro hatte schon viele Ritter gesehen, die auf dem Schlachtfeld ihre Ehre und ihre Prinzipien haben fallen lassen, nur des Überlebens willens. Und es war keine Schande, wenn man sich mit Händen, Füßen und Zähnen gegen sein Ende wehrte. »Nun, Drachenreiter?«, riss Istred ihn aus seinen Gedanken. »Gefällt dir mein Schwert auf deiner Schulter? Oder warum stehst du da, wie zu Stein erstarrt?« Entaro lächelte müde. »Ihr hattet die Gelegenheit mich zu Fall zu bringen, und es nicht getan. Vielleicht habt ihr nicht dieselbe Ehre, wie ein akadischer Ritter. Doch ein solches Verhalten zeugt von einem gewissen Kodex. Und dieser wird sich nicht ändern, wenn ich mich bewege.« Da lächelte Istred dünn und zwinkerte daraufhin verwegen. »Dein Verstand ist schärfer als dein Schwert, Drachenreiter.« Istred zog das Schwert von Entaros Schultern und trat einen demonstrativen Schritt vor ihm zurück. »Doch die Umstände sind nun einmal wie sie sind. Du und deinesgleichen seid ihr in unserem Land. Erwarte keine Gnade.« Entaro seufzte und ergriff sein Schwert wieder mit beiden Händen. »Das habe ich auch nicht erwartet.« Entaros Blicke huschten über den waldigen Untergrund, auf der Suche nach einem Stein oder einer Senke, oder auch nur einer ausladenden Wurzel. Doch wenn der Wald auf seiner Seite war, konnte er es nicht erkennen, denn überall war Laub, Reisig und Moos verteilt. Den richtigen Waldboden konnte man kaum erkennen. Doch als sein Blick über den toten Ardeth wanderte, dessen Blut noch immer aus seiner Wunde über den Waldboden sickerte, lächelte Entaro dünn. Nun. Auch ein toter Mann konnte noch zu etwas Nutze sein.
Istred lächelte schweigend und wog sein Schwert in der Hand. Die Klinge hob sich immer wieder leicht und senkte sich, während er die Finger leicht öffnete und sie wieder um den Griff schloss. Als würde er ein Spiel spielen, oder seinen Kontrahenten abwägen. Vielleicht spekulierte er auch darauf, dass Entaro den Moment, wenn er den Griff um die Klinge lockerte nutzen würde um zuzuschlagen? Wenn er das Schwert nicht fest im Griff hatte, konnte er nicht so schnell reagieren. Doch Entaro wusste, dass dies nur eine Finte war. Er hatte gesehen, wie schnell er reagieren konnte. Und wie schnell er zuschlagen konnte. Auf eine derart glatte Fährte ließ Entaro sich nicht locken. Und so verharrte er einfach, mit beiden Händen am Schwertgriff, und beobachtete Istred. Jede Muskelbewegung, das Malmen seiner Kiefer, das Knacken seiner Knöchel. Jeder Wimpernschlag, jeder Atemzug und selbst das Pochen seiner Adern. Nichts blieb dem Bernsteinritter mehr verborgen und um ihn herum schien es als ob der Rest der Welt aus seiner Wahrnehmung gedrängt wurde. Doch dann wurde Entaros Konzentration gestört. Ein einzelnes Knacken von morschem Holz. Ein Vogel, der von dem Geräusch aufgescheucht davon flatterte und ein breiter werdendes Grinsen in Istreds Gesicht.
»Der Wald ist großzügig heute.« Er hob sein Schwert, als ob er es auf etwas richten wollte. »Zeugen. Mehr, als ich erwartet habe. Menschen, die mit fiebern dürfen. Die hoffen dürfen…« Er sah Entaro an und seine Miene verfinsterte sich zu einer ausdruckslosen Maske. »Auch wenn sich an dem Ende nichts ändert.«
Das Letzte Wort hing noch in der Luft und hatte Entaros Ohren noch nicht einmal gänzlich erreicht, als Istreds Körperhaltung sich veränderte. Aus der lockeren Haltung heraus spannten sich seine Muskeln an und sein Blick wurde eisern und schien sich beinahe auf Entaro festzunageln. Als das letzte Wort schließlich verklungen war, schnitt sein Schwert durch die Luft und es schien beinahe, als ob es den Schleier zwischen dem Diesseits und dem Jenseits durchtrennen würde, und ein Loch in die Anderswelt schneiden. Die Klinge flog beinahe unsichtbar durch die Luft und schlug dann, mit einem lauten, krachenden Geräusch, auf Entaros Schwert, welcher sein eigenes Schwert zum Schutz erhoben hatte. Istred zog die Klinge zurück und hieb einen zweiten Bogen, welchen Entaro ebenfalls parierte. Die Schläge prasselten auf Entaro hernieder wie ein plötzlicher Hagelsturm mitten im Sommer. Der Bernsteinritter hatte Mühe, die Schläge zu kontern, daher beschränkte er sich vorerst darauf, sie nur zu parieren, während er Schritt um Schritt um Istred herum kreiste. Seine Ziele waren klar gesteckt. Überleben! Und irgendwie unbeschadet zu Ardeths Leichnam gelangen, um Istred dann dazu zu zwingen, darüber hinweg zu steigen, oder ihn zu umgehen, sodass Entaro eine Gelegenheit zum Gegenschlag erhalten konnte.
Istreds Schwerthiebe waren wie Hammerschläge und mit jedem Schlag vibrierte Entaros Schwert bis in die Finger. Doch der Bernsteinritter hatte seine Hände um den Griff seines Schwertes verkrampft und hielt die Klinge mit eisernem Willen umklammert. Seine Finger hätten schon längst aufgegeben, doch sein Verstand zwang ihn nicht nachzulassen, denn auch nur ein Hauch von Schwäche würde sein Ende bedeuten, das war Entaro schlagartig bewusst geworden. Denn als Ser Tarvain, Isaé und all die Akadier die Lichtung gefunden hatten, schien dies in Istred ein Feuer entfacht zu haben. Er kämpfte verbissen und jeder seiner Schläge war voller Präzision. Nun, da er vor den Augen aller einen Bernsteinritter zu Fall bringen konnte, erfuhr Entaro erst, was es bedeutete gegen einen kampferprobten Jeldaë zu kämpfen, von dem Entaro noch nicht einmal wusste, dass er einer war. Für ihn war dies einfach nur ein hochgewachsener Mann, mit ungesunder Hautfarbe, einer seltsamen Augenfärbung und noch seltsameren, metallischen Verzierungen auf der Haut. Entaro hatte gar keine Zeit darüber nachzudenken. Er war zu sehr damit beschäftigt nicht zu sterben.
Als Entaro endlich den leblosen Körper der ehemaligen schwarzen Hand erreicht hatte, sprang er darüber hinweg und sammelte seine letzte Kraft. Er beobachtete Istred und er wusste, dass er instinktiv handeln musste, je nachdem wie Istred sich entscheiden würde. Der Eiserne Schinder entschied sich einfach auf den leblosen Körper der kümmerlichen Gestalt drauf zu treten, um über ihn hinweg zu schreiten. Und da lächelte Entaro dünn. Sein Fuß beschritt einen Bogen und seine Hand wickelte sich um den Mantel des Toten. Mit einem Ausfallschritt, zog er den Mantel zu sich und brachte Istred so aus dem Gleichgewicht. Der Hüne kam auf dem dürren Körper zum Stehen und Entaro handelte ohne darüber nachzudenken. Mit voller Wucht warf er sich gegen den hünenhaften Mann und trieb ihm seine Schulter in die Brust. Istred geriet ins Wanken und versuchte den Schlag abzufangen, indem er einen Schritt zurück tat. Doch Entaro hatte natürlich damit gerechnet, dass sein Gegner versuchen würde das Gleichgewicht zu behalten. Doch anstatt weiter nachzusetzen, um ihn endgültig zu Fall zu bringen, hieb er stattdessen mit seinem Schwert nach dem eisernen Schinder. Er hatte kein klares Ziel vor Augen, was er eigentlich treffen wollte, denn er wollte ohnedies nur eine Gegenreaktion provozieren. Istred schlug die Klinge beiseite und grinste dabei, während Entaro seinen Fuß hinter Istreds Bein einhakte und sein Schwert in der Hand drehte, so dass der Knauf und die Parierstange genau zwischen seinem Daumen und Zeigefinger lag. Er donnerte dem Jeldaë das lederumwickelte Eisen ins Gesicht und drückte mit dem Knie gegen das des Schinders. Und dann kam er Hüne zu Fall.
Entaro atmete schwer und lächelte. Es hatte ihn alle Kraft gekostet den Hünen zu Fall zu bringen, doch es hatte ihm etwas Zeit verschafft. Er umklammerte sein Schwert wieder mit beiden Händen, bereit nach Istred zu schlagen. Doch der Krieger packte noch im Fall nach Entaros Schwert und riss es ihm förmlich aus der Hand. Entaro geriet schließlich ebenfalls aus dem Gleichgewicht und Istred begann schallend zu lachen. »Was für ein zäher Bursche! Das gefällt mir!« Der Krieger rappelte sich auf und versetzte Entaro einen Hieb mit dem Knie, was diesem alle Luft aus den Lungen trieb. »Aber es ist vergebens. Du wirst fallen, Bernsteinritter.« Er hob die Faust und schlug sie Entaro gegen den Kopf. «Du wirst fallen, und all deine Kameraden werden dabei zusehen, wie ich dir das Lebenslicht aus dem Leib treibe!«
Ein weiterer Schlag donnerte gegen Entaros Schläfe. Doch der Bernsteinritter war zäher als Istred erwartet hatte. Entaro packte sein Schwert und hieb es dem Krieger entgegen, so dass dieser einen Schritt zurück trat. Doch Istred stand auf seinen Beinen. Entaro hingegen kniete auf dem Boden. Istred lächelte dünn und warf dann einen prüfenden Blick zu den Akadiern, den Hexenjägern und dem roten Tod. Als ihre Blicke sich kreuzten da schien es beinahe als ob unsichtbare Funken zwischen den Männern aufflammten. Entaro keuchte und kämpfte sich auf die Beine, während Istred sein Schwert lässig vor sich auf dem Boden abgestellt hatte und seine Hände darauf stützte, als wäre dies nur ein einfacher Waldspaziergang. Als Entaro wieder auf den Beinen war, lächelte Istred erneut. »Du bist zäh. Das muss ich dir lassen.« Istred hieb nach Entaro in der Erwartung der Ritter würde ausweichen, oder parieren. Doch Entaros Blick funkelte nur und er stürzte stattdessen genau auf Istred hinzu. Ein törichter Versuch, der meistens darin endete, dass man die Klinge des Gegners in den Leib getrieben bekam. Doch in diesem Fall hatte Entaro seinen Gegner treffend eingeschätzt. Er hatte die Klinge unterlaufen und stand nun so dicht vor dem Hünen, dass ihm sein Schwert und dessen Schwung nichts mehr nutzte. Entaro hingegen hatte seine Klinge nah am Körper und hielt den Griff mit der einen Hand, und die blanke Klinge mit der anderen Hand. Wie ein Rammbock drängte sich Entaro gegen den Leib des Mannes. Er hieb seinen Schädel gegen den Kiefer des eisernen Schinders, während er versuchte die Klinge in seinen Leib zu drängen. Doch Istred erwies sich als ebenso zäh, wenn nicht sogar noch zäher. Jeder andere Gegner, den Entaro auf diese Weise angegriffen hätte, wäre nun zu Fall gebracht worden. Ein harter Schlag gegen den Kiefer und ein scharfes Schwert, dass wie ein Meißel in den Leib getrieben wurde. Doch Istred war kein normaler Mann. Entaro konnte es schon fühlen, noch bevor ihn die Erkenntnis dessen traf, dass hier etwas nicht stimmte. Die Klinge glitt von Istreds Leib ab, als ob das Schwert von einer gewaltigen, magnetischen Kraft abgeleitet worden wäre. Entaro presste seine Hand fester um die Klinge und die scharfe Schneide schnitt ihm durch die ledernen Handschuhe ins Fleisch. Doch all die Kraft die er aufbrachte, war nicht genug um den Schwung nutzen zu können, Istred das Schwert in den Leib zu treiben. Es blieb bei einem Schnitt über die kalte Haut. Dunkelrotes Blut sickerte aus der Wunde und Istred atmete scharf die Luft aus. Es hatte ihn sehr viel Willenskraft gekostet Entaros Stoß abzuwehren. Sein Atem ging schwerer und er sah an sich herab um die Wunde zu begutachten, welche Entaro verursacht hatte. Beinahe ungläubig sah er an sich heran, als ob er sein eigenes Blut schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen hätte. »Verdammt.« zischte Istred und hob sein Knie an, um es Entaro direkt in den Unterleib zu treten.
»Was sollen wir machen?«, zischte einer der Männer und ein Raunen ging durch die Menge. »Wer ist der Kerl?«, zischte ein anderer doch niemand erhielt eine Antwort. »Der kämpft wie ein Berserker. Da schnalzte einer der Hexenjäger, die sich die Zwölf nannten, mit der Zunge. »Der ist viel schlimmer als ein Berserker. Das ist Istred, der eiserne Schinder.« Ser Tarvains Blick verfinsterte sich und er starrte mit stechenden Blicken auf den Mann, während er sein Schwert aus der Scheide zog. »Ich kenne diesen Mann.«, antwortete Ser Tarvain stoisch. »Ich habe mit ihm schon einmal die Klingen gekreuzt.« Da wandte sich der augenscheinliche Anführer der Zwölf an Ser Tarvain und schnalzte abermals mit der Zunge. »Ihr habt schon gegen den eisernen Schinder gekämpft?« Er sah ihn an und sein Blick verriet, dass er die Worte selbst dann nicht glauben wollte, nachdem er sie laut ausgesprochen hatte. »Ich kenne niemanden, der ihm begegnet ist und überlebt hat.« Ser Tarvain lächelte gequält und tippte sich dann an die Schläfe, wo eine alte, verblasste Narbe zu sehen war. »Er dachte das damals auch…« Ser Tarvain zog nun seine Axt aus dem Gürtel und dehnte seinen Hals, bis die Gelenke leise knackten. »Wir müssen Ser Adun helfen.«, murmelte der rote Tod, woraufhin der Anführer der Zwölf nur müde lachte. »Keine zehn Pferde bringen mich in die Nähe dieses Schlächters!« Da verfinsterte sich Ser Tarvains Blick und er legte den Blick leicht schief. »Habt ihr etwa Schiss?« Da lachte der Mann, doch in dem Lachen lag ein gequälter Schmerz. »Nein. Ich bin nur nicht verrückt.« Da war es Ser Tarvain der mit der Zunge schnalzte. »Armbrustschützen!« bellte Ser Tarvains Stimme durch den Wald.
Istreds Knie trieb sich in Entaros Magengrube und der Bernsteinritter keuchte. Der Schmerz, der ihm durch Mark und Bein fuhr, war wie gleißendes Feuer, dass sich bis in die tiefsten Spitzen auszubreiten schien. Der Schlag war so heftig, dass ihm förmlich schwarz vor Augen wurde und nur seiner ritterlichen Willenskraft war es zu verdanken, dass er dabei nicht zusammensackte. Er biss die Zähne zusammen und schluckte den Schmerz herunter. »Zeit zu sterben, Drachenreiter.« zischte Istred, dessen Stimme nun deutlich angespannter wirkte, als noch zuvor. Istred hob die Klinge, um Entaro den vernichtenden Hieb zu versetzen, als ein Schrei durch den Wald hallte. »Armbrustschützen!« Istreds horchte auf. Doch er war keiner dieser einfältigen Narren, die mitten im Schlag innehielten, weil irgendwo ein Horn ertönte, oder ein Befehl erschallte, oder weil ein Kerl mit einem brennenden Schwert auf einmal auf der Burgmauer stand. Istred war ein kampferprobter Krieger, der für den Kampf geboren worden war. Und egal wie viele Armbrustbolzen nun durch die Luft pfeifen würden. Diesen Schlag würde er vollenden, und wenn es das Letzte war, dass er machen würde.
Das Schwert fiel nieder wie ein Henkersbeil und Entaro wusste, dass er diesen Schlag niemals abwehren können würde. Selbst wenn er es versuchen würde, der Schlag würde jegliche Gegenwehr beiseite wischen und ihn dennoch erwischen. Am Hals. Am Kopf. In der Schulter. Entaro entschied sich für das Einzige, was ihm als Ausweg übriggeblieben war. Er hechtete mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, so weit von Istred weg, wie es ihm möglich war. Istres Klinge trieb in den Baum, neben welchem Entaro gestanden hatte und der Bernsteinritter war nur knapp von Messers Schneide gesprungen, als das unverkennbare Heulen dutzender Armbrustbolzen durch die Luft zischte. Istred wirbelte herum, und sein Schwert wirbelte dabei durch die Luft. Dutzende, schwere Armbrustbolzen flogen auf den Hünen zu, doch nicht ein einziger vermochte es den Mann zu treffen. Die meisten schlugen in denselben Baum ein, der zuvor noch Entaros Rettung gewesen war. Jene Bolzen, welche jeden anderen Mann getroffen und getötet hätten, waren am wirbelnden Schwert des Jeldaë abgeprallt, oder auf andere, seltsame Weise abgelenkt worden. Man konnte es förmlich spüren. Doch es war keine Magie in der Luft. Entaro spürte es in den Knochen und in seinem Blut. Ein seltsames ziehen, beinahe wie ein Dröhnen. Als würde ein gewaltiger Magnet ihm versuchen das Schwert aus der Hand zu ziehen.
Istred schrie lauthals auf, als der letzte Bolzen sich in den Baumstamm neben ihm gebohrt hatte. »Echte Männer kämpfen mit Eisen!«, rief er und reckte seine Klinge in die Höhe. »Das Eisen dürstet nach Blut!«, brüllte er. Die Armbrustbolzen hatten den eisernen Schinder entfesselt. Er stürmte auf die Akadier zu, welche die Armbrüste auf ihn abgefeuert hatten. Und egal wie schnell ein Mann auch eine Armbrust nachladen konnte. Kein Mann war schnell genug um einen zweiten Bolzen abschießen zu können, wenn der erste sein Ziel verfehlt hatte. Istred stürmte auf die Männer hinzu und während einige von ihnen hektisch versuchten ihre Armbrust nachzuladen, zogen andere ihre Schwerter, Dolche und Äxte. »Schildwall!«, rief einer der Akadier. »Er ist nur ein Mann! Wir sind Fünfzig Breschenbrecher!«, bellte eine Stimme aus der zweiten Reihe. Und dem Ruf folgte ein Langes, tiefes »Huh!« Äxte schlugen auf Schilde. Schwerter auf Schwerter. Die Akadier waren bereit, sich diesem eisernen Schinder zu stellen.
Doch unter dem Tross gab es auch andere Männer. Männer, die sich unwohl fühlten. Männer die wussten, dass dieser Mann kein normaler Mann war. Männer, mit Kerbhölzern am Gürtel, die bezeugten, dass sie schon mehrere Hexen erschlagen hatten. Doch genau diese Männer waren es, die sich langsam und bereitwillig nach hinten abdrängen ließen, als die Akadier begannen den Schildwall zu formieren.
Istred schlug auf den Schilden auf, wie Amboss auf einem Hammer. Die gewaltige Wucht seines Aufpralls drängte die Männer förmlich auseinander und der Schildwall war schon aufgebrochen worden, bevor auch nur ein einziger Streich geschlagen worden war. Istreds Schwert fegte durch die Luft und er traf einen Akadier am Hals. Die Klinge bohrte sich so tief in das Fleisch, dass der Kopf kurz darauf förmlich durch die Luft flog. Und noch während der Kopf flog, wandelte sich der Gesichtsausdruck auf dem Kopf von Überrascht, zu panisch und schließlich zu schmerzgeplagtem Leid, bevor er kurz darauf dumpf und beinahe lautlos auf dem weichen Waldboden aufschlug. Istreds zweiter Schlag traf einen der Armbrustschützen, welcher es nicht mehr geschafft hatte, die Armbrust herauf zu ziehen, obwohl er sie bereits nachgeladen hatte. Die Waffe fiel zu Boden und der Bolzen verharrte auf dem gespannten Bogen, als das Schwert des Jeldaë sich tief in die Brust des Mannes bohrte. »Sterbt ihr Ungeziefer!«, bellte Istred laut und packte einen der Schilde, welcher ihm entgegen gedrückt worden war. Er riss den Schild hernieder und der Akadier, welcher diesen gehalten hatte, verspürte einen unangenehmen, stechenden Schmerz in seinem Arm, als der lederne Riemen ihm förmlich den Arm aus dem Gelenk hebelte. Istreds Faust schnellte hervor und schlug dem Mann mitten ins Gesicht.
Dies alles geschah in so kurzer Zeit, dass man es verpasst hätte, wenn man nur einen Augenblick die Lider geschlossen hätte. Äxte hieben nach Istred. Speere wurden nach ihm gestoßen. Schwert nach ihm geschwungen. Doch er wich ihnen geschickt aus. Trat einem Mann in den Bauch, hieb einem anderen das Schwert gegen den Schild. Wenn Die Männer konnten ihre Überzahl kaum ausnutzen. Der Waldboden war weich und gab unter beinahe jedem Schritt nach. Es fühlte sich beinahe an, als würde man auf Wolken gehen. Und zu allem Überfluss standen sie hier am Rand der Lichtung, umgeben von Bäumen, Sträuchern und Ranken. Der eiserne Schinder nutze diesen Umstand gnadenlos aus und hieb eine richtige Bresche in die Verteidigung der Akadier, um den Durst seines eisernen Schwertes zu stillen.
Ser Tarvain erreichte schließlich den Kampf. Als Istred in die Bresche geschlagen war, war er aus der Reihe gebrochen, um sich dem Gegner zu stellen. Wie auch Ser Adun, wollte er Mann gegen Mann gegen diese Legende kämpfen. Doch während Entaro diesen ehrenvollen Kampf nicht gesucht hatte, sondern dieser ihm aufgezwungen worden war, so blieb er Ser Tarvain, dem roten Tod, verwehrt, da Istred sich ihm nicht entgegengestellt hatte, sondern blindlings auf die Akadier eindrosch. Ser Tarvains Schwert schnitt durch die Luft und traf auf Istreds Klinge und für einen Moment schien es als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Die Blicke der Männer trafen sich und als sie einander erkannten, da lächelte Istred, während Ser Tarvains Blick noch grimmiger wurde. »Ha! Der rote Tod!« Istred warf einen flüchtigen Blick in jene Richtung in welcher er Entaro zurückgelassen hatte. »Ein Drachenreiter und der rote Tod! Der Wald hat heute wohl besonders gute Laune!« Er lachte laut und Ser Tarvain verzog grimmig eine Grimasse. Istred trat einem angreifenden Akadier gegen den Schild drückte dann Tarvains Klinge beiseite. »Ihr werdet heute sterben!« rief Ser Tarvain doch Istred lächelte nur müde. »Ein Mann, gegen Dutzende Akadier? Ist das die berühmte, akadische Ehre?« Da lachte Istred und schlug gegen Ser Tarvains Schwert. »Dein Bernsteinritter hat Mann gegen Mann gekämpft, roter Tod!« Istred spuckte den Kosenamen, der in Kalath und den Grenzlanden mehr ein Fluch als ein Ehrentitel war, förmlich aus. »Doch ob Einer, ein Dutzend oder Hundert! Keiner von euch wird die morgige Sonne mehr aufgehen sehen!« Istred lachte gehässig und als eine akadische Axt nur knapp an seinem Kopf vorbei schlug, ergriff er diese mitten im Schwung und riss sie dem Krieger aus der Hand, nur um ihm damit seinen eigenen Schädel zu spalten. Istred sprang über den sterbenden Mann hinweg und löste sich so aus der Umklammerung, welche die Akadier versucht hatten um ihn aufzubauen. Der Schildwall war zwar durchbrochen worden, doch davon hatten sich die Akadier nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie versuchten Istred einzukesseln um ihn so unter der drängenden Last von dutzenden Schilden und ebenso vielen hervorstoßenden Speeren zu erdrücken. Aber Istred war aus ihrer Zangenbewegung entkommen und stand nun mitten auf der Lichtung. Er legte sich das Schwert auf die Schulter und lächelte, während er Ser Tarvain mit einer winkenden Geste gebot, zu ihm zu kommen.
Und der rote Tod folgte dem stummen Ruf. Ser Tarvain stellte sich dem Hünen entgegen und kreuzte mit ihm die Klingen. Doch ebenso wie es Entaro zuvor ergangen war, so musste auch Ser Tarvain schnell erkennen, dass dieser Mann kein Ritter war, wie man ihm ehrenvoll auf dem Feld begegnete. Er war ein Kämpfer ohne Moral, ohne Gnade und ohne Skrupel. Er lebte für den Kampf. Und was ihm heute geboten wurde überstieg alles was er sich für diesen Tag erhofft hatte. Als Ser Tarvain und Istred, und schließlich auch wieder Entaro, nachdem er wieder auf die Beine gekommen war, gegen Istred stemmten, versuchten die Akadier erneut den Kampf zu entscheiden, indem sie Istred mit einem geschlossenen Schildwall einzäunten. Doch die verheerenden Schläge, welche Istred noch zuvor verteilt hatten, waren nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Nun, da ihr Heerführer und der Drachenreiter gegen diesen Mann kämpften, beschränkten sich die Akadier darauf den Schildwall zu halten.
Istred trat Entaro beiseite und Ser Tarvains hieb seine Axt mit einem wuchtigen Hieb auf Istreds Schädel. Zumindest war das sein Ziel, dass er vor Augen gehabt hatte. Denn als die Axt sich dem Krieger schließlich genähert hatte, da fühlte der rote Tod dasselbe, seltsame Gefühl, welches sich auch Entaros bemächtigt hatte. Ein seltsames ziehen. Ein Gefühl, als ob die Luft immer schwerer wurde und die Axt in seinen Händen auf einmal schwer wie Blei geworden war. Istreds Hand legte sich um Ser Tarvains Arm und er wehrte den Hieb mit der Axt ab. Die Zeit verlangsamte sich vor den Augen der Akadier, als das eiserne Schwert des ebenso eisernen Schinders durch das Kettenhemd ihres Heerführers bohrte. Ser Tarvain schrie. Die Axt in seiner Hand war so schwer geworden, dass er sie nicht mehr halten konnte, und das Schwert des Eisernen bohrte sich ihm in Haut und Fleisch.
Das Getümmel war unglaublich drängend. Entaro hatte Mühe die Übersicht zu behalten, da die Männer wie in einem Bienenstock umherschwirrten. Er hieb sein Schwert nach Istred, Er parierte einen Schlag von Istred. Er schlug mit dem Rücken gegen den Schild eines Akadiers. Seine Blicke trafen sich mit jenen Isaés, welche nicht weit von ihm stand. Und dann…der Moment verharrte. Aus einem winzigen Augenblick wurde eine halbe Ewigkeit. Sein Blick war in dem ihren gefangen…und er fühlte, dass es ihr ebenso ergangen war. Ihre Blicke hafteten aneinander, wie Honig und alles rückte in Weite ferne. Doch so jäh wie der Moment gekommen war, so jäh wurde er auch wieder unterbrochen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. »Runter!«, bellte eine Stimme, die Entaro nicht kannte während er von dieser Hand zu Boden gezogen wurde und vor seinen Augen sich die Klinge des Schinders in den Leib des roten Tods bohrte! »Nein!« ächzte Entaro während er von einer zweiten Hand ergriffen wurde, die ihn nun ebenfalls zu Boden zerrte.
Istred lachte und hielt inne. »Was ist das für ein Ding?« Er deutete mit dem blutigen Schwert auf die Frau, welche hinter Ser Tarvain und dem, zu Boden gegangenen Entaro, aufgebaut hatte. »Willst du spielen?«, lachte Istred und hob das blutige Schwert, von dem das Blut des roten Todes tropfte. »Willst du den roten Tod rächen?« Istred lachte belustigt doch die Frau schüttelte nur den Kopf. »Nein.«, sagte sie kalt und stoisch und betätigte den Abzug ihrer Waffe.
Ein lauter Knall hallte durch den Wald und über die Lichtung. Die Männer erstarrten und der Kampfeslärm kam zum Erliegen. Rauch breitete sich über der Lichtung aus und ein beißender Geruch von Schwefel und verbranntem Schwarzpulver. Und als der Rauch sich schließlich gelegt hatte, stand die Frau noch immer da und Istred ihr gegenüber. Doch das Lächeln auf seinem Gesicht war gefroren. Sein Blick war verwirrt und ungläubig. Und als er an sich heruntersah, da entdeckte er die gewaltige, klaffende Wunde, die sich auf seiner Brust und seinem Bauch verteilt hatte. Schwarz wie Kohle und er beobachtete wie langsam das Blut aus den Wunden zu sickern begann…
»Neeeeeeinn!!!!« ertönte ein gellender Schrei…Ein Echo…das Nein wiederholte sich gespenstisch und unnatürlich hallend immer wieder und wieder, während sich die Luft seltsam verzog und verzerrte. Die Schatten verdichteten sich und zarte, weibliche Hände legen sich auf Istreds Arm und Brust…»Nein!«, hauchte die Stimme erneut, welche Entaro sofort als jene Heras erkannte. Doch als sich der Rauch und der Nebel geklärt hatte, stand da nur noch die Frau mit ihrer seltsamen Waffe. Istreds Schwert lag auf der Erde, doch von dem Mann fehlte jede Spur…
Der Fall des roten Todes ❖
13.02.2026 '13:43 [5.151 Wörter]
 ntaro hielt sich gut, wenn man den Gegner bedachte. Er ging präzise vor, nicht schnell, sondern genau und überlegt. Stahl traf Stahl, Funken stoben kurz auf, dann trennten sich die Klingen wieder. Doch Istred wich nicht zurück. Seine Schläge hatten eine andere Qualität. Es war rohe Kraft und Gewalt, wie man sie von einem Krieger selten zu Gesicht bekam. Jeder Hieb drückte Entaro ein Stück weiter, zwang ihn, den Stand neu zu finden. Isaé sah, wie er den Schmerz hinnahm, ohne ihn zu zeigen. Ser Tarvain hatte genug gesehen und befahl den Bogenschützen anzugreifen. Dann sirrten Bolzen durch die Luft. Die Armbrustschützen hatten Stellung bezogen, suchten freie Sicht zwischen den beiden Kämpfenden. Mehrere Bolzen schlugen neben Istred ins Gras, ein anderer streifte seinen Körper, doch Istred beachtete dies kaum, drehte sich nur leicht zur Seite, als habe ihn ein Ast berührt. Und er reagierte sofort. Mit einem Schritt, der mehr war als ein Schritt, brach er in die Linie der Akadier. Der Schildwall schloss sich, doch er hielt nicht. Istreds Klinge fuhr tief in den Hals eines Soldaten, und wurde durch die brutale Kraft des Schlags enthauptet, noch bevor er begriff, was geschehen war. Ein zweiter wurde in der Brust getroffen, brach leblos zusammen. Ein dritter taumelte zurück, als der Hüne ihm seine Faust in sein Gesicht gedonnert hatte. Blut rann ihm aus seiner gebrochenen Nase und er sackte in sich zusammen. Der Schildwall wankte, die akadische Ordnung fiel auseinander. Ser Tarvain war der Erste, der sich ihm entgegenstellte. Er zögerte keine Sekunde. Seine Axt lag entschlossen und fest in der Hand, sein Blick war klar, als er sich zwischen Istred und die Zurückweichenden schob. Ein weiterer Mann sprang an seine Seite, hob die Waffe, wollte gleichzeitig zuschlagen. Doch Istred bewegte sich schneller, als dieser riesige Mann vermuten ließ. Er griff nach der Axt des Angreifers, riss sie ihm aus der Hand, drehte sie in einer fließenden Bewegung und führte sie zurück. Der Schlag traf den Mann mit voller Wucht. Metall drang durch Helm und Knochen, der Körper sackte augenblicklich tot zusammen. Entaro nutzte den Moment, wollte sich wieder heranschieben um etwas gegen den Hünen auszurichten, doch Istred stieß ihn mit der Schulter zur Seite. Kein kunstvoller Schlag. Nur rohe Kraft. Entaro verlor den Stand, fing sich knapp, wurde aber aus der unmittelbaren Linie gedrängt. Und nun standen sich Ser Tarvain und Istred direkt gegenüber. Tarvain setzte an, doch die Bewegung war nicht mehr so sauber wie zuvor. War er müde geworden? Oder unachtsam? Isaé konnte es nicht sagen. Wie hätte sie auch wissen können, dass es die seltsamen Kräfte dieses Mannes waren, die dafür sorgten, dass metallische Gegenstände auf ihn gerichtet, ihr Ziel nicht so fanden, wie es bei einem gewöhnlichen Mann der Fall gewesen wäre? Für einen Atemzug war Tarvains Deckung offen. Istred nutzte ihn. Sein Schwert fuhr vor, hart und gerade. Die Spitze fand ihren Weg unter Tarvains Rüstung, drang in die Seite. Tarvain blieb stehen. Für einen Herzschlag wirkte es, als habe der Stoß ihn nicht erreicht. Seine Hand lag noch an der Axt, seine Schultern waren gespannt, als könne er jeden Moment zurückschlagen. Dann sah Isaé das Blut. Dunkel und warm, sickerte es unter der Rüstung hervor und zeichnete einen dünnen Streifen über Stoff und Leder. Tarvains Gesicht verlor nichts von seiner Härte, aber etwas in seinem Stand veränderte sich. Das Gewicht verlagerte sich. Doch er bewegte sich weiter, als wäre das nichts weiter gewesen. Vermutlich hatte das Schwer ihn nur gestreift. Entaro hatte es ebenfalls gesehen und in seinem Blick lag nichts was Besorgnis ausdrückte. Er hatte sich gerade wieder in die Linie geschoben aus der Istred ihn gerissen hatte, und wirkte in dem Chaos für einen Moment ein wenig ratlos und ziellos. Seine Haltung wurde entspannt, fast still inmitten des Lärms. Er sah sich um und ihre Augen trafen sich. Sein Blick blieb an ihr hängen und sie wusste, dass sie ihn nicht anders ansah. Blicke die bis in die Seele sahen.
Isaé hatte ihm schon einmal gesagt, was sie für ihn empfand. Sie hatte ihn geküsst, ohne Hintergedanken, ohne Berechnung. Und er hatte sie nicht zurückgewiesen. Nur um Zeit gebeten. Zeit, die sie ihm geben wollte. Einige Zeit später hatte sie von seiner Frau erfahren. Von dieser Liebe, die so groß gewesen war, dass ihr Verlust ihn zu einem Gelübde geführt hatte. Kein neues Band. Keine neue Frau. Kein zweites Leben an dieser Stelle. Damals hatte Isaé danach Klarheit gespürt. Sie hatte sich von der Last des Feuermohns befreit und hatte nun einen weitaus wacheren Geist als die letzten Jahre davor. Und so hatte sie sich gesagt, dass sie ihn nicht zu einer Entscheidung zwingen würde, die er längst gefällt hatte. Dass Freundschaft genügte. Dass sie stark genug sei, ihre Gefühle in etwas Ruhigeres zu verwandeln. Und sie war stolz auf sich gewesen. Jetzt, in diesem Kampf gegen dieses Monstrum an Mensch, dessen Ausgang für jeden von hier ungewiss war, sahen sie sich mit diesen tiefen Blicken an. Und alle diese edlen Gedanken zerfielen. In Isaé regte sich etwas, das sie weggesperrt hatte wie ein Tier, das man aus Vernunft oder Furcht in einen Käfig gesteckt hatte, obwohl es in Freiheit leben sollte. Und sie wusste, dass sie sich nur etwas eingeredet hatte. Und sie wusste mit einer Deutlichkeit, die ihr fast den Atem nahm: Sie liebte ihn. Nicht wie einen Freund. Einen Freund zu verlieren war hart, aber einen Menschen zu verlieren den man liebte, war unerträglich. Wenn Entaro in diesem Kampf fiel, würde ihre Welt leer sein. Sie konnte sich zwar einreden, dass sie alleine zurecht kam. Sie konnte sich einreden, dass ihr seine Freundschaft genügte. Aber in diesem Augenblick war nichts davon wahr. Sie brauchte ihn. Nicht, weil sie schwach war. Sondern weil ihr Leben mit ihm heller, besser und vor allem freundlicher geworden war. Wenn er jetzt starb, würde sie dann weiter leben wollen? Könnte sie mit diesem Verlust leben? Morgens erwachen und mit Zuversicht diesen Tag begehen? Nein. Sie würde etwas verlieren, das nichts und niemand ersetzen konnte.
Daerean. Der Name war plötzlich in ihren Gedanken. Er kam so unerwartet und doch erschien er ihr in diesem Moment als die einzige Hoffnung, die sie noch hatte. Er war nicht der Gott ihres Volkes, denn in Ariad, wo sie herkam, betete man zu den Dreien. Doch in ihrer Welt gab es überhaupt keinen Gott, zu dem sie betete. Aber in diesem Augenblick wollte sie nichts unversucht lassen. Daerean. Sie wusste längst nicht mehr, wie man mit Göttern sprach. Sie wusste nur, dass Entaro sein Leben diesem verschrieben hatte. Und wenn irgendjemand ein Recht hatte, ihn zu fordern, dann dieser Gott. Sie sah Istreds Klinge. Sah den geringen Abstand zwischen ihm und Entaro. Sah, wie wenig es brauchte. Du hast ihn schon einmal geprüft, dachte sie. Du hast ihm seine Frau genommen. Reicht das nicht? Ihre Hände zitterten. Sie merkte es kaum. Wenn du einen willst, nimm einen. Nimm irgendeinen. Aber nicht ihn Es war kein gerechter Wunsch. Kein edler Gedanke. Sie wusste das. Aber sie hatte keine Zeit für Gerechtigkeit. Nimm irgendeinen. Nimm den Nächsten, dessen Fall dir recht ist. Nur nicht ihn. Ihr Atem ging scharf. Sie spürte Hitze auf ihren Augen, eine gewisse Wut auf sich selbst, dass sie so dachte, so kleingeistig, so eigennützig. Aber sie nahm es nicht zurück. Wenn er stirbt, dachte sie, dann weiß ich nicht, wie ich weiterleben soll. Bitte verschone ihn. Es war nur ein nacktes Flehen, das nichts versprach außer dem Eingeständnis, dass sie ihn brauchte. Obgleich sie nichts hatte, was sie im Handel dafür geben könnte. Was konnte sie einem Gott schon bieten? Außer vielleicht ihr eigenes Leben. Doch das konnte in diesem Handel keine Option sein.
Jemand packte Entaro am Kragen, riss ihn mit roher Kraft nach unten. „Runter!“ brüllte eine Stimme, dicht neben ihm. Einer der Zwölf, Isaé erkannte das Gesicht nicht. Entaro verlor den Stand und ging zu Boden, gerade in dem Moment, als Istreds Schwert erneut nach vorn stieß. Diesmal fand es Tarvains Brust. Die Klinge fuhr in seinen Leib und trat seitlich wieder hervor. Isaés Augen weiteten sich. Sie hörte nichts. Kein Metall, keinen Schrei, keinen Ruf. Nur das eigene Blut in den Ohren rauschen. Tarvains Körper wurde zurückgedrückt, als habe jemand ihm die Luft genommen. Seine Finger öffneten sich. Die Axt fiel auf den Boden. Entaro lag am Boden, halb aufgerichtet, und starrte. Sein Gesicht war offen. Ungläubig. Für einen Moment nicht Ritter, nicht Diener, nur ein Mann, der sah, wie sein Freund schwer verwundet fiel. Isaé spürte, wie ihr die Kehle eng wurde. War das der Preis für ihren Wunsch? Der Gedanke kam, bevor sie ihn aufhalten konnte. Hatte sie das gewollt? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass Tarvain fiel und Entaro noch atmete. Und dass sie sich in diesem Augenblick nicht sicher war, ob sie froh darüber sein durfte. Ein schockierter Laut ging durch die Reihen der Akadier. Der Schildwall zerfiel nun vollends. Männer wichen zurück, andere wollten vor stürzen um ihrem Heerführer zur Seite zu stehen. Entaro kam halb auf die Knie, sein Blick auf Tarvain gerichtet, als könne er das Geschehene noch zurückholen. Isaé spürte, wie sich der Boden unter bewegte, obgleich er es nicht tat. Oder war es sie, die wankte? Tarvain war der Fels gewesen, an dem sich hier alles ausgerichtet hatte. Und nun war dieser Fels gebrochen. Istred zog die Klinge aus dem Körper des roten Todes. Blut lief aus der Wunde und breitete sich dunkel über Tarvains Rüstung aus. Der akadische Heerführer fiel zu Boden. Ein Herzschlag lang herrschte dieses Zittern vor dem völligen Bruch. Am Rand der Lichtung stand die Frau, die zu den Zwölf gehörte und die sie noch nicht einordnen konnte und trat jetzt vor den Hünen. Keine erhobene Klinge, kein gespannter Bogen. Stattdessen hielt sie etwas in den Händen, das Isaé noch nie gesehen hatte. Zwei metallische Rohre, dunkel, kurz, grob gearbeitet, aber fest in ihrem Griff, als wüsste sie genau, was sie tat. Die Frau hob das Ding an und richtete es auf Istred. Er, in dessen seltsamen Augen noch Triumph flackerte, dem roten Tod höchstselbst einen schweren Schlag beigebracht zu haben, lachte hämisch, spottete über sie. Sein Blick glitt über sie hinweg als wäre sie nur ein weiteres kleines Hindernis, das er spielend leicht überwinden würde. Isaé verstand es nicht. Was machte diese dürre Frau, die Istred vermutlich wie einen Halm brechen würde, so selbstsicher, sich ihm in den Weg zu stellen? Einen Atemzug lang herrschte nur Irritation auf Seiten der Hexenjägerin. Dann zerriss ein Knall die Luft. Kein Geräusch, das man einordnen konnte. Es war, als würde der Himmel selbst auf die Lichtung schlagen. Isaé zuckte zusammen, das Geräusch traf sie körperlich, ließ ihr Herz stolpern, ließ den Boden unter ihren Füßen erzittern. Der Knall hallte zwischen den Bäumen wider, brach sich an den Stämmen und kehrte als dumpfes Echo zurück. Isaé legte sich die Hände über die Ohren, obgleich es längst zu spät war. Gleichzeitig mit dem Höllenlärm schoss eine Wolke aus dichtem, beißendem Rauch aus dem metallenen Rohr. Grau, scharf, nach verbranntem Schwefel stinkend. Der Gestank legte sich auf ihre Zunge, in den Hals. Sie schmeckte bitteren Geschmack und Isaé musste husten und kniff ihre Augen zusammen. Ihre Augen tränten, und für einen Moment war die Lichtung nichts als Lärm und Nebel. Istred zuckte. Nicht wie unter einem Schwerttreffer. Sein Körper wurde nach hinten gerissen, als habe ihn etwas Unsichtbares mit voller Wucht getroffen. Nach einer Weile legte sich der Rauch zwischen ihnen. Für einen Moment sah Isaé nichts außer Nebel und Staub und hörte nur das Nachhallen des Knalls in ihrem Schädel. Dann lichtete es sich. Istred stand noch. Aber seine Brust war aufgerissen. Dunkle Löcher zeichneten sich ab. Blut quoll daraus, schneller jetzt, in dicken Strömen. Seine Haltung war nicht mehr so sicher. Seine Schultern sanken ein Stück, seine selbstsichere Haltung sackte in sich zusammen. Niemand sprach. Niemand verstand, was hier geschehen war. Isaé starrte auf das Ding in der Hand der Frau, aus dem noch immer Rauch quoll. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Rippen. Ihr Verstand suchte nach einem Zauber, einem Trick, einer Erklärung. Es gab keine. Nur den Geruch von verbranntem Pulver in der Luft. Und Isaé wusste, dass sie gerade etwas erlebt hatte, das ihre Welt völlig veränderte.
Die Frau hob die Rohre senkrecht und blies lässig die letzten Rauchschwaden weg, ließ das Ding jetzt sinken. Istred schwankte. Nicht viel. Nur ein winziges Nachgeben in den Knien. Aber es war genug, um Hoffnung wie ein Funken durch die Reihen der Akadier laufen zu lassen. Er blutete. Deutlich. Dann stark. Seine Finger öffneten sich ein Stück um den Griff seines Schwertes. Sein Atem ging hörbar. Angestrengt. Isaé starrte. Das konnte nicht sein. Ein einziger Schlag, ohne einen Schlag ausgeführt zu haben. Ein Knall, und was für einer! Aber keine Magie! Sonst hätte das Flüsterholz doch reagiert? Und dieser Mann, der eben noch wie eine Naturgewalt gewirkt hatte, stand nun da, durchlöchert, blutend wie jeder andere. Seine Kontrahentin stand immer noch da. Ihr Gesicht zeigte nichts. Keine Triumphgeste. Keinen Spott. Gar nichts. Istred hob langsam den Kopf. Und für einen Moment war da etwas in seinen Augen, das Isaé nicht erwartet hatte. Kein Zorn, aber Verwunderung. Er machte einen Schritt auf sie zu. Dann noch einen. Jetzt trat die Frau ebenso einige Schritte nach hinten. Sein Blut tropfte zu Boden. Jeder Schritt hinterließ dunkle Spuren. Er hielt sich aufrecht, als weigere sich sein Körper, die Wahrheit anzuerkennen. Ein Murmeln ging durch die Männer. Unsicher. Zögernd. Niemand wagte es, vorzustürmen. Niemand wusste, ob er gleich fiel oder noch einmal zuschlug. Isaés Herz schlug bis in den Hals. Fall, dachte sie. Fall endlich! Doch er fiel nicht. Stattdessen veränderte sich die Luft. Nicht spürbar zuerst. Eher ein Flimmern am Rand der Wahrnehmung. Der Rauch, der sich eben noch verzogen hatte, begann sich erneut zu sammeln und ein entsetzter Schrei einer weiblichen Stimme drang gellend über die Lichtung, schien von überall und nirgendwo herzukommen. Dünne Schleier krochen über den Boden, zwischen den Stiefeln aller die noch unversehrt standen, und um die Körper der Gefallenen. Isaé spürte den Nebel förmlich in den Fingerspitzen. Plötzlich hörte sie das Flüsterholz klar und deutlich wispern. Sie fasste geistesgegenwärtig an jene Stelle unter der die Flüsterholzpfeife verborgen war, aber zog sie nicht heraus, wagte nicht, den Blick abzuwenden. Der Nebel verdichtete sich um Istred, und dann war sie da. Nicht als Körper. Nicht als Gesicht. Sondern als Schatten im Rauch. Eine Bewegung, die keine Richtung hatte und doch eindeutig war. Hera, doch niemand wusste, dass sie es war, außer Entaro. Die Luft wurde kälter. Istreds Umriss verschwamm. Der Nebel schloss sich. Und als er auseinanderfiel, stand dort niemand mehr. Nur sein Blut und sein Schwert im Gras. Und der Geruch den diese Rohre hervorgerufen hatten, der noch immer in der Luft hing.
Tarvain lag im Gras, und noch bevor jemand ein Wort fand, waren mehrere Männer zu ihm geeilt. Zwei knieten sich neben ihn, einer von ihnen presste beide Hände gegen die Wunde, die Istred ihm beigebracht hatte, als ließe sich damit zurückhalten, was bereits geschehen war, während der andere nach Mirou rief, mit einer Stimme, die zwischen Befehl und Hilflosigkeit schwankte. Der Bader kam sofort. Er ließ sich neben Tarvain nieder, riss Stoff und Leder beiseite, tastete mit geübten Fingern, und binnen Augenblicken waren seine Hände bis zu den Handgelenken rot vom Blut. Er sprach rasch, gab Anweisungen, ohne aufzusehen. Wasser. Saubere Tücher, irgendwelche Tücher. Mehr Licht. Die Verwundeten sollten hergebracht werden, zumindest alle, die noch atmeten. Die Akadier gehorchten wie von selbst. Niemand stand untätig, solange er noch stehen konnte. Verletzte wurden hochgehoben und an den Rand der Lichtung getragen, einer stöhnte leise vor sich hin, ein anderer lag reglos da, die Augen halb geöffnet, als verstünde er selbst nicht, was mit ihm geschehen war. Das Schlachtfeld hatte sich verwandelt. Wo eben noch gekämpft worden war, herrschte nun eine andere Dringlichkeit: retten, was zu retten war, ordnen, was nicht mehr zu ändern war. Man konnte denken, dass hier zahlreiche Mann gegen Mann gekämpft hatten, und doch war die Wahrheit anders gewesen. Es war alleine Istred der eiserne Schinder, der die Akadier aufgerieben hatte.
Abseits davon bildete sich ein zweiter Kreis. Die Frau mit der seltsamen Waffe stand noch immer dort, wo sie geschossen hatte und einer der Zwölf trat zu ihr, schlug ihr hart gegen die Schulter und lachte ungläubig. „Bei allen Flüchen, Alenja, das war ein Treffer! Sauber!“ Alenja. Der Name blieb für jedermann in der Luft hängen. Zwei weitere traten näher, sahen sich die Stelle im Gras an, wo Istred gestanden hatte, und ihr Staunen war nicht zu überhören. Es war kein ausgelassener Jubel, eher dieses atemlose Frohlocken, das entsteht, wenn man begreift, dass man etwas Unmögliches erlebt hat. Isaé stand zwischen diesen beiden Wirklichkeiten. Ihr Blick ging zu Tarvain, zu Mirous blutigen Händen, zu den Männern, die sich dicht um ihren Heerführer drängten. Dann suchte sie Entaro. Er war wieder auf die Beine gekommen. Er stand einige Schritte entfernt, das Gesicht noch bleich, die Schultern angespannt, sein Blick fest auf Tarvain gerichtet, als könne er durch bloßes Hinsehen begreifen, was geschehen war. Doch er lebte und war unversehrt. Der Gedanke traf Isaé mit einer Wärme, die fast schmerzte. Er lebte. Und im selben Atemzug drängte sich ein zweiter Gedanke auf, kühl und unerbittlich. Es war ihre Schuld gewesen. Sie hatte diesen fremden Gott regelrecht darum gebeten. Sie hätte doch auch bitten können, dass er niemanden nähme. Doch stattdessen hatte sie ihm vorgeschlagen, irgendeinen anderen zu nehmen. Ihr Blick kehrte zu Tarvain zurück, zu dem Blut, das sich trotz Mirous Druck auf seine Wunde seinen Weg suchte. War das der Preis? War das die Antwort auf ihre Schuldfrage? Die Schuld setzte sich leise in ihr fest, wie ein scharfer Splitter, der sich tief ins Fleisch gebohrt hatte und den man nicht mehr aus dem Körper ziehen konnte. Sie wollte zu Entaro. Wollte die wenigen Schritte zwischen ihnen überbrücken, ihn berühren, sich vergewissern, dass er wirklich da war, dass dieser Atem, den sie aus der Entfernung sah, nicht nur eine Einbildung war. Sie wollte ihn halten. Doch diese Lichtung war kein Ort für solche Bewegungen. Zwischen Verwundeten, zwischen Toten, zwischen Männern, die ihre Gefallenen aufbahrten, hatte dieses Bedürfnis keine Berechtigung. Also blieb sie stehen, während ihre Hände reglos an ihren Seiten hingen und in ihr alles danach verlangte, sich an ihn zu klammern. Am Rand der Lichtung begannen Männer, die Toten zusammenzutragen. Einer legte einem Gefallenen die Arme über die Brust, ein anderer zog einem Freund den Mantel über das Gesicht. Die Stimmen waren leiser geworden, gedämpft von Erschöpfung und dem Bewusstsein dessen, was sie verloren hatten. Die Zwölf standen enger um Alenja, einer nahm ihr die Waffe ab, als müsse er sich vergewissern, dass sie tatsächlich existierte. Ein kurzes, hartes Lachen ging durch ihre Reihen. Isaé hörte es nur entfernt. Sie sah Entaro an. Und zwang sich, zu Tarvain zu gehen.
Mirous Hände arbeiteten weiter, doch sein Blick wurde zunehmend dringlicher. Mit aller Gewalt presste er die Wunden zu um die Blutung zu stillen, was ihm nach einiger Zeit auch gelang. Als dies geschehen war, säuberte er die Wunden, kippte Schnaps darüber und legte ihm einen sauberen Verband an. Tarvain war bei Bewusstsein, doch sein Atem ging flach, und sein Körper krümmte sich leicht vor Schmerz, der durch jede Bewegung neu aufflammte. „Er hält das nicht lange durch“, murmelte der Bader. „Ich brauche etwas, das ihn ruhigstellt. Ich brauche den Feuermohn.“ Ein breitschultriger Recke, mit einer alten Narbe quer über dem Gesicht, schüttelte sofort den Kopf. „Nicht das Zeug.“ Mirou hob nicht einmal den Blick. „Doch. Genau das.“ Der Recke stieß scharf die Luft aus. „Wir erinnern uns alle, was das hier angerichtet hat. Ser Tarvain würde das nicht wollen, wenn wir ihn so dem Spott ausliefern.“ Ein paar der Männer wechselten Blicke. Und obwohl die Luft noch nach Blut roch, lag plötzlich diese andere, ulkige Erinnerung dazwischen. Die Düsterlinge. Das Kreischen. Die zwei jungen Soldaten, dem sie beinahe die Kehle aufgerissen hätten. Einer war sofort gestorben. Der andere hatte kaum noch geatmet. Und Isaé, die in der Eile gehandelt hatte, als niemand wusste, wie man das Mittel anwendete. Die nicht lange gefragt hatte, sondern tat, was nötig war. Der Gerettete hatte überlebt. Aber hatte er sich unter der aphrodisierenden Wirkung des Feuermohns gebärdet wie ein Narr, mit glasigem Blick und einer sichtbaren Reaktion, die den halben Tross zum Lachen brachte. Spott und derbe Sprüche. Aber der junge Mann lebte. Der Recke schnaubte und legte weiterhin Veto ein. „Das hier ist nicht irgendein Junge, der von diesen vermaledeiten Viechern zerfetzt wurde.“ „Nein“, sagte Mirou ruhig. „Es ist dein Herr.“ Er sah nun doch auf, sein Blick hart. „Und ich werde ihn nicht wegen falschem Stolz verlieren. Wir werden ihm Feuermohn geben. Und danke Daerean, dass die Hexenjägerin so einen großen Vorrat mit sich trug.“ Tarvains Gesicht verzog sich erneut, ein gedämpfter Laut entwich ihm zwischen den zusammengepressten Lippen. Er war bei Bewusstsein, das war deutlich. Der Schmerz, aber vor allem sein unerschütterlicher Wille und Stolz hielten ihn bei Bewusstsein. Isaé spürte, wie sich alle Blicke für einen Moment auf sie richteten. Nicht vorwurfsvoll. Nur wissend und abwartend. Feuermohn war ihr Metier. Mirou beugte sich näher zu Tarvain. „Ihr habt es gehört“, sagte er ruhig. „Es wird den Schmerz nehmen. Aber ich brauche Eure Zustimmung.“ Tarvains Augen öffneten sich ein Stück weiter. Er wusste, wovon die Rede war. Sein Blick streifte Isaé, nur einen Atemzug lang. Ironie blitzte darin auf. Oder vielleicht war es nur Trotz. „Wenn es sein muss“, brachte er heiser hervor. „Aber nicht wie bei dem Jungen.“ Mirou konnte ein heiseres Auflachen nicht zurückhalten, aber dann nickte er knapp mit dem nötigen Ernst. „In Schnaps gelöst. Ihr seid ja bei euch, es ist nicht nötig, ihn euch anders zu verabreichen.“ Der Recke mit der Narbe murmelte noch etwas von „verfluchtes Zeug“, doch niemand widersprach mehr. Tarvain würde Feuermohn bekommen. Weil es keine andere Wahl gab. Niemand von ihnen hätte je gedacht, das einmal zu erleben. Und ausgerechnet sie würde es ihm anmischen und verabreichen. Und in all dem Elend entging Isaé die Ironie des Moments nicht. Isaé trat vor, ihre Hände ruhig, obwohl ihr Inneres alles andere war. Das macht der Feuermohn immer noch mit ihr. Sie wusste, wie man es dosierte. Wusste, wie viel genug war, ohne ihn ins Delirium zu befördern.
Die Entscheidung war also gefallen. Und die Hilfskette setzte sich in Gang ohne dass jemand etwas sagen musste. Als Isaé bei Tarvain niederkniete, trat Entaro aus dem Kreis der Männer und kniete sich ebenso neben ihr nieder. Ohne ein Wort zu verlieren, griff er unter seinen Mantel und zog den kleinen Beutel mit dem Feuermohnopium hervor, den er seit geraumer Zeit für sie verwahrte. Als sie ihm ihre Hand entgegenhielt, legte er ihn einfach in ihre Hand, und für die Hexenjägerin fühlte es sich so an, als gehöre dieser Beutel genau hier hin. In ihre Hände, in sonst keine. Ihre Finger berührten sich bei dieser Übergabe, nur flüchtig, und doch blieb die Berührung für die junge Frau lange spürbar. Der Recke mit der Narbe meldete sich zu Wort. „Hier, mitten zwischen den Verwundeten und den Toten, ist kein Ort für so etwas“ brummte er, und deutete mit einer knappen Geste auf eines der Feuer, das etwas abseits brannte. „Man soll Ser Tarvain dort einen Platz schaffen, wo er liegen und sich ausruhen kann, wo er nicht das Stöhnen der anderen hört und nicht jeder Blick auf ihn fällt.“ Mirou nickte nach kurzem Überlegen, weil er wusste, dass der Mann recht hatte. Tarvain wurde vorsichtig angehoben und unter seinem schwachen Protest zu dem abseitigen Feuer getragen, dessen Licht den Rand der Lichtung in warmes Flackern tauchte. Das Holz war hastig zusammengetragen worden, doch es brannte kräftig, und die Wärme schien in diesem Augenblick mehr Trost zu spenden als jedes Wort. „Du bleibst bei ihm“, verdonnerte Mirou den Recken zum Wachdienst an seinem Herrn, ohne aufzusehen. „Wenn er sich anders verhält als zu erwarten ist, oder die Wunden wieder zu bluten beginnen, holst du mich unverzüglich.“ Der Mann brummte etwas, das halb Zustimmung, halb Widerwille war, und ließ sich neben Tarvain nieder. Isaé kniete sich ans Feuer und löste den Beutel. Das Opium roch harzig, warm und würzig zugleich. Eine Erinnerung, die ihr noch immer zu nah ging. Sie brach ein Kügelchen entzwei, zerkrümelte es und rührte es in den Schnaps, bis sich die dunklen Klümpchen und Schlieren auflösten. Sie wusste, wie stark es war. Sie wusste auch, wie schnell es wirkte, besonders in starkem Schnaps. Ser Tarvain beobachtete sie mit klarem Blick, obwohl der Schmerz ihm die Gesichtszüge verzog. In dem warmen Feuerschein wirkte sein Gesicht dennoch blass und Maskenhaft, was wohl an der Anstrengung lag, die er aufbringen musste, gegen den Schmerz aufzubegehren. „Keine Geschichten darüber.“ murmelte er heiser und Isaé war hin und hergerissen zwischen den Schuldgefühlen die sie trieben und der leisen Genugtuung, gerade diesem Mann Feuermohnopium angemischt zu haben. „Kein Wort darüber“ erwiderte sie ruhig und reichte ihm den Becher mit der bitteren dunklen Flüssigkeit darin, die er schließlich an seine Lippen führte. Er kippte das Zeug ohne Zögern hinab, hustete einmal, dann ließ er den Kopf zurücksinken. Isaé blieb bei ihm, bis die Wirkung des Feuermohns eintrat und als Tarvains Atem allmählich gleichmäßiger wurde, erhob sich die Hexenjägerin langsam, um sich zurückzuziehen. Mirou kam noch einmal, prüfte erneut den Verband, nickte zufrieden und überließ seinen Heerführer der Ruhe die er benötigte und der Bader wandte sich wieder den anderen Verwundeten zu. Überall auf der Lichtung arbeiteten Männer leise, hoben Gefallene an, legten sie ordentlich nebeneinander, deckten Gesichter zu. Das Knistern der Feuer mischte sich mit gedämpften Stimmen und vereinzelten Lauten der Erschöpfung.
Isaé suchte sich ein einsames Lagerfeuer an dem niemand saß und ließ sich daran nieder. Eine Weile tat sie nichts, aber irgendwann zog sie ihr Langmesser hervor und drehte es zwischen ihren Händen. Sie hatte es eigens für diesen Zug in die Grenzlande bei den Schmieden in Ser Tarvains Burg schärfen lassen. Und hatte zu den Schmieden noch gesagt, dass es zu hoffen bliebe, dass ihr diese scharfe Klinge gute Dienste in den Grenzlanden leisten würde. Ab er das hatte sie bisher nicht getan. Abgesehen davon, dem Flüsterholz zu lauschen, und Verletzte mit Feuermohn zu versorgen, hatte sie bisher überhaupt nichts Nützliches getan. Aber vermutlich erwartete man das auch nicht. Der Vertrag sah nicht vor, dass die Hexenjägerin etwas anderes tat als ihre Gabe einzusetzen, nämlich das Flüsterholz zu verstehen und dieses Wissen nützlich weiterzugeben. Dennoch kam sie sich reichlich nutzlos vor. Isaé schob das Messer wieder in seine Lederscheide zurück und zog stattdessen Pfeife und Pfeifenkrautbeutel hervor. Sie drehte sie einmal in der Hand, rieb mit dem kleinen Finger alte Aschespuren aus dem inneren des Pfeifenkopfes und stopfte sie mit einfachem Pfeifenkraut. Kein Feuermohn. Nur das grobe, herbe Zeug, das mehr nach Heu roch als nach irgendetwas Verlockendem. Sie zündete es an, zog daran und spürte sofort den Unterschied. Der Rauch war trocken, kratzte leicht im Hals. Er machte nichts mit ihr. Keine weiche Entspannung in den Gliedern, keine Erfüllung von Sehnsüchten. Nur Rauch, der je nach Stimmung gut oder weniger gut schmeckte. Heute schmeckte er nicht besonders. Früher hatte sie geraucht, um zu vergessen, und nichts fühlen zu müssen. Jetzt rauchte sie, weil ihre Hände etwas zu tun brauchten. Stopfen. Anzünden. Ziehen. Ausatmen. Es war ein Ritual, weiter nichts. Der Rauch stieg in dünnen Schwaden auf und vermischte sich mit dem Qualm des Feuers. Es schmeckte langweilig, aber es beruhigte sie trotzdem ein wenig.
Entaro folgte ihr nach einer Weile und setzte sich dann neben die Hexenjägerin, die schweigend und gedankenversunken in die Flammen blickte, die Pfeife lag unbeachtet neben ihr am Boden. Isaé hatte seine Ankunft bemerkt und warf ihm einen kurzen Blick zu, doch lange sagte sie nichts, und Entaro tat ebenso nichts dergleichen, was diese Ruhe störte. So ging das eine ganze Weile, schließlich hob sie den Blick und sah ihn unverwandt an. Wahrscheinlich hätte es an diesem Tag, an diesem Feuer, andere Gespräche geben können. Etwa über Istred, dieser seltsame, unmenschliche Hüne. Wohin er wie von Zauberhand verschwunden war. Oder diese unsagbar eigenartige mächtige Waffe dieser Alenja. Aber all diese großen Themen kümmerten die Hexenjägerin in diesem Augenblick nicht. Es waren gänzlich andere Dinge, die sie bewegten. Entaros Unversehrtheit, und Tarvains Versehrtheit, an der sie sich die Schuld gab. „Ich bin so unsagbar froh und dankbar, dass es dir gut geht“, sagte sie leise. „Seit du das Lager verlassen hattest und nicht mehr zurückgekommen bist, hatte ich mir große Sorgen um dich gemacht. Ich wollte dir nachgehen, dich suchen, aber man ließ mich nicht. Man erlaubte mir nicht, das Lager zu verlassen.“ Etwas unausgesprochenes brannte auf ihrer Seele und er schien dies zu bemerken, denn er sah sie ruhig an und unterbrach sie nicht. „Ich… ich muss dir etwas sagen, Entaro. Das, was heute passiert ist, ich meine, mit Tarvain, das… das ist… ich denke, das ist meine Schuld...“ Er sah sie fragend an, erwiderte aber immer noch nichts und wartete, dass sie weitersprach. „Ich habe heute gebetet. Zu Daerean…“, fuhr sie fort, und ihre Stimme hatte dabei einen Klang, als wäre das etwas Besonderes. Und das war ja ja auch irgendwie. „Als ihr gegen Istred gekämpft habt, habe ich zu Daerean gesprochen. Weil ich mich so hilflos gefühlt habe und sonst nicht wusste, was ich tun könnte. Es erschien mir als letzte Möglichkeit, als letzte Hoffnung. Ich habe ihn in Gedanken angerufen und ihn inständig gebeten, dich zu verschonen. Ich habe so lange nicht mehr gebetet, dass ich gar nicht mehr wusste, wie das geht. Ich habe auch nicht wirklich überlegt, was ich sagen sollte. Ich habe meine Gedanken und Bitten nicht sorgfältig gewählt, oder abgewogen. Ich habe nur gewusst und gesagt, dass ich nicht will, dass dir etwas passiert.“ Sie schluckte, sah für einen Moment kurz in die Flammen, von dort blickte sie in die Richtung, in der Ser Tarvain lag und wandte ihr Gesicht dann wieder dem Drachenreiter zu. „Ich wollte nicht, dass es Ser Tarvain trifft, und ich wollte ganz sicher nicht, dass er dann schwer verwundet dort liegt, wo er jetzt liegt und wahrscheinlich um sein Leben kämpft.“, sagte sie, „Ich habe nicht nachgedacht. Einzig und alleine dir galten meine Gedanken und ich sagte zu Daerean, er solle dich verschonen, und irgendeinen anderen nehmen. Egal wen.“ Das Feuer knackte zwischen ihnen und es war das Einzige was zwischen dieses Schweigen eindrang. „Ich weiß nicht, ob Götter auf Menschen hören oder ob sie überhaupt handeln“, fügte sie noch leiser hinzu. „Aber ich habe es gedacht. Und jetzt fühlt es sich an, als hätte ich selbst ein Urteil gesprochen. So als hätte ich entschieden, wer leben darf und wer nicht. Doch das wollte ich nicht. Nicht direkt. Alles was ich wollte war, dich nicht verlieren“, sagte sie schlicht. „Ich würde es nicht ertragen, dich zu verlieren. Ich will kein Leben, in dem du fehlst.“
Die Fäden des Schicksals ❖
01.03.2026 '15:05 [5.566 Wörter]
 erade eben noch war dieser unglaublich starke Mann hier gestanden und nun hatte er sich einfach in Luft aufgelöst. Alles was von seiner einstigen Gegenwart noch zeugte waren sein Schwert, dass auf dem Boden lag, so wie einige dunkle, rote Blutstropfen, welche er nach diesem Schuss verloren hatte. Doch auch wenn er verschwunden war, konnte man die Auswirkungen seiner Taten überall sehen. Verletzte und verwundete Männer. Gebrochene Schilde. Und dieser seltsame, alles verzerrende Nebel, der sich vor Entaros Augen immer mehr verflüchtigte, bis er sich schließlich gänzlich aufgelöst hatte. Entaro starrte noch eine Weile auf jenen Punkt, an welchem dieser unüberwindbare Feind gestanden hatte, und beobachtete die seltsame Luft, die ihn umgab. Doch als sein Blick schließlich auf Ser Tarvain fiel, wurde er jäh ins Hier und Jetzt zurück gezogen.
Männer scharten sich um ihren Heerführer und eine helle Aufregung überlagerte schließlich die bedrückende Stille, welche soeben noch geherrscht hatte. »Mein Herr!«, rief einer der jüngeren Krieger. Er zog sich seinen Helm vom Kopf und ging neben Ser Tarvain auf die Knie. Er warf den Helm achtlos beiseite und prüfte, ob der Heerführer noch am Leben war. Entaro rappelte sich auf die Beine und hob dann sein Schwert auf, welches achtlos auf dem Boden gelegen hatte. Er warf einen prüfenden Blick auf die Klinge, doch gemessen daran, wie sehr Istred ihm zugesetzt hatte, war das Schwert noch in einem tadellosen Zustand. Was man von Ser Tarvain hingegen nicht behaupten konnte. Der rote Tod lag auf dem Boden und sein Atem ging sichtbar schwer. Doch er war am Leben, was Entaro mit einem erleichternden Seufzer bemerkte. Die Krieger waren sichtlich bemüht Ser Tarvains Blutung zu stoppen. Als ob sie mit der bloßen Kraft ihrer Hände die Wunde versiegeln könnten, drückten sie diese zusammen. Mirou, der Bader, war inzwischen herbei geeilt und hatte sich dem Heerführer angenommen. Sein geschulter Blick erkannte rasch, was vonnöten war, um den roten Tod vor seinem schwarzen Gevatter zu bewahren. Er bellte kurz angebundene Befehle welche sogleich ausgeführt wurden, als ob Ser Tarvain sie höchstselbst ausgesprochen hatte. Es wurde herbeigeschafft, was man finden konnte und Mirou begann Ser Tarvains Wunde freizulegen. »Er lebt!«, stellte Mirou, zur Erleichterung aller, fest. Doch dass er noch am Leben war, konnte sowieso fast jeder sehen. Die Frage war nur, wie lange noch. »Haltet die Augen offen, mein Herr!«, rief Mirou und zog das Kettenhemd, so gut es ging, hinauf, um die Wunde besser in Augenschein nehmen zu können. Als er die Wunde in vollem Ausmaß sah, sog er erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein. »Ist es schlimm?«, ächzte Ser Tarvain mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen. Ein Lächeln gezeichnet von Verzweiflung und dem Drang Herr der Lage zu bleiben, was Ser Tarvain gänzlich versagt blieb. Mirou schüttelte den Kopf. »Wir müssen nähen.«, stellte er nachdenklich fest. »Und ihr benötigt Medizin, um Wundbrand zu verhindern.« Mirou schnalzte mit der Zunge und schnippte mit den Fingern. »Bringt mir das Schwert dieses Schinders!«, befahl er und einer der Akadier eilte sogleich hinfort um es zu suchen.
Als er mit dem Schwert zurück kehrte, nahm Mirou dieses ebenfalls in Augenschein. Er betupfte die Klinge, roch an der Schneide und zog schließlich mit dem Finger über den kalten Stahl um eine Kostprobe zu nehmen. Entaro stand die ganze Zeit über schweigend daneben und beobachtete Mirou in seinem Treiben. Doch als er den Geschmack der Klinge gekostet hatte, verzog Entaro verwundert eine Augenbraue. »Kein Gift.«, stellte Mirou erleichtert fest. »Und der Stahl ist in gutem Zustand. Kein Rost, keine Scharten.« Mirou nickte zuversichtlich. »Wenn wir die Blutung stoppen können, liegt alles in Daereans Händen.« Bei diesen Worten wurde Entaro nachdenklich. Als Bernsteinritter war er, wenn man es so betrachten wollte, der einzige, anwesende Priester des Trosses. Doch Entaro verstand sich in keiner Weise als ein Priester. Und doch hatte er mehr Qualifikation dafür, als irgendein anderer der Anwesenden. Seine Blicke wanderten zu seinem alten Freund und Kameraden, der hilflos auf dem Boden lag. In Entaro entbrannte der Wunsch, etwas für seinen Freund zu unternehmen. Doch zugleich flammte auch der Gedanke daran auf, dass jedes Wort an Daerean nur Schall und Rauch sein würden. Und so seufzte er und schloss, wenn auch nur für einen Moment, die Augen.
Die Geräusche der Männer drangen in seinen Geist. Eilige Schritte. Das Klappern von Waffen, Geschirr und Rüstungen. Rufe, aufgeregte oder besorgte Stimmen, und ein selbstgefälliges Lachen, in weiter Ferne. Entaro runzelte die Stirn. Es war nicht dieses unheimliche, kichernde Lachen Heras. Es war das Lachen eines Mannes. Entaro öffnete die Augen und suchte die Lichtung nach der Quelle dieses Lachens ab, bis sich seine Blicke auf eine kleine Gruppe Menschen haftete, von welcher dieses Lachen wohl ausgegangen war. Einige Akadier standen um die Hexenjäger, welche sich selbst nur die Zwölf nannten. Sie umringten diese Frau, mit dieser seltsamen Waffe, welche Istred zu Fall gebracht hatte, wo Schwerter, Schilde, Ser Tarvain und auch Entaro selbst, gescheitert waren. Man konnte die Erleichterung und Neugier der Männer förmlich spüren. Und der selbstgefällige Stolz der Hexenjäger, welcher ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben stand. Entaro warf Ser Tarvain einen letzten Blick zu. Doch der Blick wurde länger und verharrte beinahe eine halbe Ewigkeit. Entaro trat an den Heerführer heran und ging neben ihm auf ein Knie. »Haltet durch, alter Freund.«, murmelte Entaro nur und legte dem Heerführer die Hand auf die Schulter. Ser Tarvains Blick wanderte zu Entaro und er nickte nur anerkennend und dankbar. Doch für Worte schien es ihm an Kraft zu mangeln. Entaro nickte ebenfalls und erhob sich schließlich, um sich dem Pulk um die Hexenjäger zu nähern. Doch irgendwie konnte er den Blick nicht von ihm abwenden. Und so stand er einfach nur da und starrte auf den gefallenen, akadischen Held der Grenzlande.
Leise Schritte näherten sich, welche Entaro nur beiläufig wahrnahm. Doch Entaro bemerkte, wie sie einfach stehengeblieben war und sich nicht weiter näherte. Er hob den Blick und sah in ihre Richtung. Als ihre Blicke sich kurz streiften, erkannte Entaro etwas in ihren Augen. Eine gewisse Unruhe, hatte sich ihrer bemächtigt, doch diese wurde von einer sichtlichen Erleichterung überlagert. Entaros Mundwinkel zuckten und formten ein kurzes, beinahe unbeholfenes, Lächeln. Aber noch ehe sich daraus mehr entwickeln konnte, zerriss Mirous Stimme die Stille zwischen den Beiden und der Moment zerbrach wie filigranes Glas. Der Feuermohn. Diese Geißel des Geistes. Mirou hatte sein Bestes gegeben, doch an diesem Ort, fern aller Möglichkeiten eines geschulten Baders, hatte Mirou keine andere Wahl. Das Überleben des Heerführers war sein einziges Bestreben. Doch als der Feuermohn zur Sprache kam flammte in einem der Recken vehementer Widerstand auf. Entaro musste sich eingestehen, dass es ihm in dieser Hinsicht nicht anders erging. Doch er schwieg und beobachtete die Männer bei ihrem Wortgefecht, bis der Recke sich schließlich geschlagen gab. Isaé hatte sich Ser Tarvain inzwischen so weit genähert, dass sie unmittelbar neben Entaro stand. Und er starrte sie erneut an, doch ihm fehlten die Worte. Er war ohnehin kein Mann großer Worte. Zumindest in dieser Hinsicht. Wenn es darum ging Männer anzuspornen, oder gegen Feinde zu stehen, fand Entaro immer die richtigen Worte. Doch in Situationen wie dieser, welche sich völlig seiner Kontrolle entzogen, erkannte Entaro immer wieder wie ihm die Worte versagten. Stattdessen zog er nur die Dose mit dem Feuermohn aus seinem Mantel und reichte sie stumm und schweigend an Isaé weiter. Sie blickte nicht einmal auf und nahm die Dose, wie selbstverständlich, an sich. Entaro beobachtete Isaé und Tarvain noch einen Moment, doch da er sich in diesem Moment sowohl unwohl als auch zu hilflos vorkam, erhob er sich schließlich und entfernte sich von Isaé, Tarvain, MIrou und dem akadischen Fürsprecher, der so vehement gegen die Verabreichung des Feuermohns protestiert hatte.
Entaros Gang über die Lichtung wirkte zunächst eher ziellos. Als ob er seine Gedanken sammeln würde, und selbst nicht genau wusste, wohin er eigentlich zu Gehen gedachte. Doch letzten Endes führte ihn sein Weg zu eben jenem Pulk aus Hexenjägern und vereinzelten, akadischen Recken. »Ah, der Bernsteinritter.« flötete der Mann, welcher wohl augenscheinlich der Anführer dieser Zwölf war. Entaro legte den Kopf ein wenig schief und bedachte den Mann mit einem musternden Blick. »Und ihr seid?«, verlangte Entaro stoisch und kühl zu erfahren. Der Mann lächelte dünn und überheblich zugleich. Sofern so etwas überhaupt möglich war, doch dem Mann war es gelungen. »Man nennt mich Rodan.« Er sah Entaro in die Augen doch in seiner ganzen Haltung war eine kühle Reserviertheit. Manch ein Mann hätte Entaro vermutlich die Hand entgegen gestreckt, um die Vorstellung zu besiegeln. Doch der Mann hatte einen Daumen in seinem Gürtel eingehakt und der andere lag lässig auf dem Knauf seines Schwertes. Entaro runzelte die Stirn. »Rodan…«, wiederholte er die Worte und musterte den Mann eingehender. Er war hochgewachsen und hatte harte Gesichtszüge. Doch in seinen Augen lag ein gewisses Leuchten, was man auf vielerlei Weise zu deuten vermochte. Scharfer Blick. Arroganz. Selbsterkenntnis. Oder Freundlichkeit? Das Herz am Rechten Fleck. Doch Entaros Blicke wanderten über das Haar das Mannes, welches von einigen, grauen Strähnen durchzogen war. Die eigentliche Haarfarbe dieses Mannes war kaum noch zu erahnen. Und während Entaro ihn so anstarrte, wirkte der Anführer der Zwölf mehr und mehr weniger lässig. Eine gewisse Anspannung schien sich in ihm breit zu machen, als ob er erwartet hatte, dass Entaro sich nun ebenfalls beim Namen vorstellen würde. Doch der Bernsteinritter starrte weiterhin ohne ein Wort zu sprechen, bis Rodan sich schließlich räusperte. »Rodan…« wiederholt Entaro und Rodan rollte genervt mit den Augen. »Ja, das ist mein Name. Warum wiederholst du ihn bereits zum zweiten Mal?« Entaro lächelte matt und schlug die Augen nieder. »Verzeiht. Mir kamen Erinnerungen an vergangene Zeiten.« Rodan hob fragend eine Augenbraue, zum Zeichen, dass sein Interesse geweckt worden war. »Rodan. Dieser Name ist kein unbekannter Name.« Da lächelte der Anführer der Zwölf. Es war dieses selbstgefällige Lächeln eines Mannes der sich seines Rufes bewusst war. Und die Erwähnung seines Namens in Verbindung mit einer gewissen Bekanntheit, erweckte in jedem Mann einen gewissen Stolz. Doch Entaro schüttelte den Kopf. »Nein, nicht von Rodan, dem Anführer der Zwölf. Ser Rodan von Rotenburg.« Bei diesen Worten erstarb das Lächeln auf Rodans Gesicht und Entaro wusste, dass seine Intuition ihn nicht im Stich gelassen hatte. »Ihr seid fern der Heimat, Ser Rodan.« Der Anführer der Zwölf verzog unwirsch seinen Mundwinkel, als ob es ihm ein Dorn im Auge wäre, auf diese Weise angesprochen zu werden. Entaro seufzte schließlich. Jeder Mann hatte seine Geheimnisse. Ser Rodan war nicht bereit über die seinen zu sprechen. Und Ser Entaro Adun war auch nicht bereit über seine zu sprechen. Und so hob Entaro nur seine offene Hand und hielt sie dem Anführer der Zwölf entgegen. »Ser Entaro Adun.«
Die Worte kamen ihm mit einer unerwarteten Leichtigkeit über die Lippen. Er war vermutlich der Einzige an diesem Ort, der wusste, dass es ihm eigentlich nicht gestattet war den Titel zu tragen. Dennoch kamen ihm diese Worte mit einer Selbstverständlichkeit über die Lippen, als ob er selbst glauben würde, sie würden der Wahrheit entsprechen. Hier, in den Grenzlanden, war er Ser Entaro Adun. Bernsteinritter: Drachenreiter. Hexenjäger im Solde Marçiens. Es war keine wirkliche Lüge. Es war nur eine verdrehte Wahrheit. Ser Rodan ergriff Entaros Hand doch er schwieg und sah dem Bernsteinritter nur tief in die Augen. »Ser Entaro.«, murmelte der Anführer der Zwölf, welcher eindeutig ein Mann war, dem es selten an Worten mangelte. Der Moment, zwischen den beiden Männern, wurde jäh durchschnitten, als ein zweiter Hexenjäger sich ihnen näherte. Es war diese Frau, welche von allen nur Alenja genannt wurde. Entaro ergriff die Gelegenheit und deutete auf diese wundersame Waffe, welche sie sich mit einem Riemen über die Schulter gehängt hatte. »Eine eindrucksvolle Waffe.« stellte Entaro fest und Aljena lächelte breit. »Ja, oder? Hat dem Bastard ordentlich zugesetzt.« Entaro nickte und warf einen neugierigen Blick auf das seltsame Ding. Es wirkte so unscheinbar und ungefährlich. Es waren einfach nur zwei eiserne Rohe an deren Ende sich ein hölzerner Schaft befanden, ähnlich wie bei einer Armbrust. Doch es hatte weder Bügel noch Sehnen. »Wie funktioniert es?«, verlangte Entaro zu wissen doch Aljena lächelte verschwiegen. »Geheimnis…«, säuselte sie und tätschelte dabei die Waffe beinahe mütterlich. Entaro nickte und seufzte. Nun auch Frauen hatten ihre Geheimnisse, die sie mit niemandem teilen wollten. Entaro nickte anerkennend. »Nun. Ich danke euch.« Die Frau sah auf Entaros Hand als ob sie nichts mit dieser leeren Hand welche ihr entgegengehalten wurde, anzufangen wusste. Alenja hob wieder den Blick, doch ohne Entaros Handschlag zu erwidern und sah dem Drachenreiter in die Augen. »Nichts zu danken.« Da grinste Rodan breit und legte seine Hand auf Alenjas Schulter. »Sie hats nicht so mit Männern.«, grinste er und die Frau versetzte ihrem Anführer einen Hieb mit dem Ellenbogen, woraufhin Rodan gespielt ächzte. »Außerdem könnt ihr unseren Anteil an dem Ganzen als einen Dienst betrachten. Wir werden, zu gegebener Zeit, unseren entsprechenden Sold dafür verlangen.« Rodans Blicke huschten zu Ser Tarvain und den Männern und Isaé, welche ihn gerade umsorgten. »Wenn er wieder auf den Beinen ist.«, fügte Rodan noch hinzu und lächelte breit. »Ohne uns wärt ihr jetzt alle im Arsch.« Entaro seufzte und sein Blick ließ nicht erahnen was seine Gedanken gerade beschäftigte. »Ihr könnt es ja versuchen.«, murmelte Entaro und ließ es dabei bewenden. Als Entaro sich schließlich abwenden wollte, ergriff Rodan ihn am Unterarm. »Auf ein Wort, Bernsteinritter.« Entaro hielt inne und seine Blicke wanderten von der Hand, den Arm entlang, bis sie auf Rodans Blicke trafen. Er räusperte sich, woraufhin Ser Rodan schließlich die Hand von Entaros Arm zurückzog. Rodan warf einen wissenden Blick in eine bestimmte Richtung der Lichtung und als Entaro diesem Blick folgte, entdeckte er Kalwen, welcher sich von den übrigen Männern abgesondert hatte und am Rand der Lichtung an einem Baum gelehnt saß. Rodan, welcher erkannte, dass Entaro Kalwen gesehen hatte, räusperte sich. »Euer Haufen ist in zweifelhafter Gesellschaft. Ich würde ein Auge auf den werfen. Ich weiß nicht, wie er zu euch gekommen ist. Aber der bringt euch nur Ärger.« Rodan schnaubte bei diesen Worten und selbst Alenja rümpfte die Nase und verschränkte schließlich die Arme vor der Brust.
Bei diesen Worten wurde Entaro hellhörig. »Was wollt ihr mir damit sagen?«, verlangte Entaro natürlich zu erfahren doch Rodan war eine klassische Söldnerseele. Keine Information gab es umsonst. Mit Ausnahme dieser Warnung wohl. Er hüllte sich in verschwörerisches Schweigen. »Er ist ein Wolf im Schafspelz. Der Schönling.«, Alenja spuckte auf den Boden und Rodan nickte schweigend. »Große Worte und nichts dahinter. Ein Egoist und eine Gefahr, für jeden der sich auf ihn verlässt. Frag ihn warum er sich Kalwen von Niefurt nennt. Und das ist längst nicht alles…« Mit diesen Worten wandte sich Rodan schließlich von Entaro ab. Mit einem letzten Blick, den er Entaro zuwarf, kniff er die Augen zusammen und deutete ein weiteres Mal auf Kalwen. »Ich habe dich gewarnt.« Und so ließen die Hexenjäger schließlich den Bernsteinritter alleine zurück.
Entaro wirkte einen Moment lang unschlüssig, ob er Kalwen auf diese seltsamen Andeutungen ansprechen sollte. Aber da ihm sonst nichts Besseres einfallen wollte, seufzte er nur und näherte sich dem einsamen Wolf im Schafspelz. Als Kalwen bemerkte, dass sich ihm jemand näherte, hob er den Kopf. Vielleicht hatte er jemand anderen erwartet, denn als sein Blick auf Entaro fiel wirkte er verwirrt wie verunsichert zugleich. »Ser Adun.«, murmelte Kalwen und schickte sich an, sich zu erheben. Entaro bedeutete mit einer Handbewegung, dass dies nicht nötig sein würde. »Bleibt ruhig sitzen, Kalwen von Niefurt.« Der Angesprochene entspannte sich, doch nicht gänzlich. Ein gewisses Maß an Anspannung blieb bestehen. »Was führt euch zu mir?«, verlangte Kalwen zu erfahren und Entaro entging nicht, dass Kalwen in die höfliche Rede gewechselt hatte. Für gewöhnlich war er ebenso rüpelhaft wie die anderen Hexenjäger gewesen. »Mir sind seltsame Gerüchte zu Ohren gekommen.«, begann Entaro und Kalwen seufzte. »Rodan…« Entaro nickte und wiederholte das Wort. »Rodan. Was hat es damit auf sich?«, Kalwen hob den Kopf und sah Entaro mit einem fragenden Blick an. Entaro deutete in jene Richtung, in welcher Rodan und seine Gesellen standen. »Dieser offensichtliche Disput zwischen euch.« Kalwen seufzte. »Ist ne lange Geschichte.« Da lächelte Entaro dünn. »Wir haben Zeit.« Nun war es an Kalwen zu seufzen. »Aber vielleicht will ich sie nicht erzählen?« Entaro sah Kalwen schweigend an. Es war dieses erwartungsvolle Schweigen, dem man sich auf Kurz oder Lang nicht entziehen konnte, selbst wenn man es versuchte. »Nun. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse.«, eröffnete Entaro schließlich. »Und manche Geheimnisse sollten auch gewahrt bleiben. Doch hier geht es nicht um euch allein. Die Zwölf sprechen nur mit Groll und Verachtung über euch. Und nun, da Ser Tarvain unpässlich ist, sehe ich es als meine Pflicht, diesen Gerüchten auf den Grund zu gehen.« Kalwen seufzte. »Warum nennt man euch Kalwen von Niefurt? Bei unserer ersten Begegnung habe ich es nicht weiter hinterfragt. Ich hatte angenommen, es ist ein Ort. Oder ein Titel.« »Warum?« Kalwen sah Entaro mit misstrauischen Blicken an. »Wer hat das zur Sprache gebracht?« Entaro deutete auf die Zwölf und zuckte mit den Schultern. »Alenja.«, antwortete er nur und da schien sich Kalwen etwas zu entspannen. Hatte er etwa einen anderen Namen erwartet? »Es ist ein Spottname.«, seufzte Kalwen schließlich. »Wenn es ein Spottname ist, warum tragt ihr ihn dann und stellt euch damit vor?«, hakte Entaro nach, der noch nicht lockerlassen wollte. Kalwen lächelte matt. »Touché…guter Einwand, Ser Adun.« Kalwen rutschte an dem Baum, an welchem er nach wie vor lehnte, etwas empor um sich gerade aufzusetzen. »Auch das ist eine lange Geschichte.«, seufzte Kalwen und Entaro seufzte ungehalten. »An der Zeit, die uns zur Verfügung steht, hat sich seit meiner letzten Erwähnung nichts geändert, Kalwen von Niefurt.« Entaro betonte den Namen besonders scharf, um Kalwen vielleicht auf diese Weise zum Sprechen zu animieren. Doch Kalwen zeigte sich weiterhin verschlossen. »Ich trage den Namen, um mich daran zu erinnern.« Entaro nickte auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte was es zu bedeuten hatte. In dem Moment wünschte er sich, dass er einfach die Gabe der Goldseher hätte, um in Kalwens Gedanken nach der Wahrheit zu forschen. Sein Blick glitt über den Mann, der da am Boden saß und so viele Geheimnisse in sich trug, aber keines davon preisgeben wollte. Bis sein Blick sich auf die zwei Hexenhölzer, die man allgemeinhin nur Kerbholz nannte, haften blieb. Er trat einen Schritt näher und tippte mit der Stiefelspitze gegen eines der beiden Hölzer, welche zwischen Kalwens Beinen achtlos vom Gürtel baumelten. »Ihr habt es zwar bereits erwähnt, doch ich glaube ihr habt nicht die Wahrheit gesprochen.« Entaro legte eine kurze Pause ein um Kalwens Reaktion abzuwägen, doch dieser wirkte allerhöchstens verwirrt. »ihr seid der erste Hexenjäger den ich traf, mit Zweien.« Entaro entging nicht, dass Kalwen instinktiv seine Hand auf die Kerbhölzer legte um sie vor Entaros Blicken abzuschirmen. »ihr behauptet, dass das eine schon so voll war, dass ihr ein zweites benötigt. Doch mir ist nicht entgangen, dass die beiden Hölzer sich nicht sehr ähnlich sind und selbst unter den Zwölf keiner zwei bei sich trug.« Entaro schwieg erneut um Kalwen die Gelegenheit zu geben sich dazu zu äußern. Doch dieser sah ihn nur lange schweigend und eindringlich an.
Entaro seufzte erneut. Dieses Gespräch verlief bisher sehr einseitig, und er wurde diesem langsam überdrüssig. Doch bevor er die Flinte ins Korn werfen wollte, entschied er sich, die letzte, wenn auch hinterlistige, Karte auszuspielen. »Nun, ich könnte auch einfach Rodan, von den Zwölfen, nach diesem zweiten Kerbholz fragen…« Daraufhin wirkte Kalwen etwas unentspannter und Entaro wusste, dass er endlich den empfindlichen Nerv getroffen hatte. »Du bist doch ein Bernsteinritter. Ein Mann des Ordens…des Glaubens?« Entaro nickte mit einem nachdenklichen Blick. Worauf wollte er mit dieser Frage hinaus? »Wie sieht es mit Gebeten aus? Und Zeugnissen? Und Beichten? Haben die Bernsteinritter irgendwelche Gelübde oder Schwüre, die euch dazu verpflichten ein Geheimnis zu wahren?« Nun verstand Entaro, worauf Kalwen hinauswollte. Wenn er sich ehrlich war, konnte er darauf keine ehrliche Antwort geben. Er war kein Priester. Er war ja nicht einmal mehr ein Mitglied des Ordens, denn ihm haftete der Makel der Verbannung an, bis er seine Ehre wiederhergestellt hatte. Er hatte niemals einen solchen Schwur geleistet. Und vor Daerean einen solchen Schwur abzulegen würde dasselbe sein, wie einen Groschen in einen Brunnen zu werfen und sich daraufhin etwas zu wünschen. Daerean war diesem Ort so fern wie die Sonne der Nacht…oder eine ehrbare Frau in der Stadt der Huren.
Entaro ertappte sich dabei, dass er diese moralische Entscheidung innerlich abwog. Noch vor all diesen Geschehnissen in den Grenzlanden hätte er sich vermutlich für den redlichen Weg entschieden. Doch er wollte wissen was Kalwens zu sagen hatte. Und so nickte er nur. »Gewiss» Zu seinem eigenen Erstaunen fühlte er dabei nicht den geringsten Anflug von schlechtem Gewissen oder Reue. Nein, vielmehr hatte er sich selbst schon soweit betrogen, dass ihm diese kleine Lüge nicht einmal mehr wie eine solche vorkam. Kalwen seufzte. »Dieses Kerbholz ist mein Talisman…nicht meins…«, korrigierte Kalwen sich und band den hölzernen Stab von seinem Gürtel. Er reichte es Entaro, so dass dieser es in Augenschein nehmen konnte. Es unterschied sich von dem anderen wie sich Tag und Nacht unterscheiden. Während das eine Kerbholz eher schlicht war, und voller grober Kerben, wirkte dieses aufwändig verziert. Auch wenn es sicher schon bessere Tage gesehen hatte. Entaro reichte Kalwen das Kerbholz zurück und sagte nichts dazu. Jedes falsche Wort würde nur dazu führen, dass Kalwen sich wieder verschließen würde. »Einige Monde, bevor ich zu Kalwen von Niefurt wurde, wurden die Zwölf auf mich aufmerksam. Sie unterstellten mich einer Bewährungsprobe, um zu erfahren ob ich würdig war, eines Tages ebenfalls einer der Zwölf zu sein.« Kalwen seufzte und begann das Kerbholz zwischen den Fingern umher zu drehen. »Doch das Schicksal ist grausam.«, flüsterte Kalwen und legte das Kerbholz an seine Stirn um es einige Male dagegen zu klopfen. »Was ist geschehen?«, erkundigte sich Entaro und Kalwen war anzusehen, dass er mit den Worten rang. »Ich habe noch nicht sehr oft darüber gesprochen.«, gestand er und wirkte aufrichtig und zugleich nachdenklich. Entaro nickte nur und bedeutete mit einer einfachen, dezenten Handgeste, dass Kalwen doch einfach mit seiner Geschichte fortfahren solle. »Es war eine regnerische Nacht. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen…«, begann Kalwen schließlich, und je mehr er sprach, desto mehr wirkte er irgendwie abwesend. »Es war ein einfacher Auftrag. Nahe der Grenze soll eine Hexe gesichtet worden sein. Wir gingen auf die Suche.« Kalwen band das Kerbholz wieder an seinen Gürtel und räusperte sich. »Alenja hatte eine Schwester, musst du wissen. Sie war ganz anders als sie. Hübscher. Erfahren…« Kalwen lächelte bei diesen Worten. »…Und Freundlicher. Sie hat in mir eine Gabe gesehen, die sonst keiner benennen konnte.« Entaro schwieg dazu. Er bildete sich ja sehr viel auf seine angebliche Gabe der Schönheit ein, und dass die Frauen und Hexen davon geblendet alles vergaßen. Aber er sagte nichts dazu und ließ Kalwen einfach weitersprechen. »Ihr Name…den werde ich nie vergessen.« Doch er ließ ihn unausgesprochen. Vielleicht weil er es nicht wagte den Namen auszusprechen. »Sie war eine der Zwölf und ich der Geselle, wenn man das so nennen will.« Kalwen zuckte mit den Schultern und wirkte etwas nachdenklicher, so dass Entaro sich räuspern musste, um Kalwen wieder zurück aus seinen Gedanken zu holen. »Wir fanden die Hexe irgendwann. Es war nicht die erste Hexe, der ich begegnete. Doch diese war die erste, die wirklich über Kräfte verfügte.« Entaro nickte. So erging es vielen Hexenjägern. Der Sold lockt sie an. Sie verkaufen ihre Seele und liefern Unschuldige aus. Doch eines Tages geraten sie an die falsche Frau und das ist dann meistens ihr Ende. Warum Kalwen noch unter den Lebenden weilte, würde sich wohl in seiner Geschichte offenbaren. Und so schwieg Entaro weiter und bedeutete ihm nur mit derselben Geste wie zuvor, einfach fortzufahren. »Ich habe meinen Charme spielen lassen. Habe versucht sie einzulullen. Doch sie hatte nur gelacht. Hat mich verspottet. Sie war die erste Frau, die mich abgewiesen hatte.« Entaro lächelte dünn, wenn auch nur innerlich. Vermutlich war sie auch nicht die letzte gewesen. Doch Entaro hütete sich dies laut auszusprechen. »Ich habe die Beherrschung verloren. Und als wir sie überwältigt hatten, da habe ich…ich habe ihr Dinge angetan, die sie nicht verdient hatte.« Entaro verstand nun langsam warum Kalwen so verhalten wirkte. Dieses Geheimnis war ein dunkles Geheimnis, welches besser niemals wieder das Licht des Tages erblicken durfte. In einem anderen Moment, zu einer anderen Zeit, hätte Entaro vielleicht einen Einwand vorgebracht. Oder Kalwen dazu angehalten, sein Geheimnis zu wahren. Doch nun hatte er bereits begonnen es auszugraben. Und Entaros Neugier war geweckt worden. Und auch nun, bei diesen Gedanken, überkam ihn kein schlechtes Gewissen, was Entaro vermutlich noch mehr verwunderte. »Sie…« Kalwen sprach von der Frau, deren Name er nicht nennen wollte. »…mischte sich ein. Rief mich zur Raison. Doch ich…ich hatte meine Beherrschung verloren.« Kalwen geriet ins Stocken und die Worte wurden immer rätselhafter und kryptischer. Und so erhob er schließlich die Stimme und richtete sie an Kalwen. »Was ist geschehen?«, hakte er mit einer milden Stimme nach. »Sie hat mir gedroht. Sie würde es den Zwölf verraten. Ich würde verstoßen werden. Ich war nicht würdig einer von Ihnen zu werden.« Kalwen kniff die Augen zusammen und Entaro konnte nicht sagen ob er Tränen unterdrücken oder eine aufkeimende Wut ersticken wollte.
Nach einer Weile hob Kalwen den Kopf und sah Entaro in die Augen. »Dieses Kerbholz war ihres.« Und da verstand Entaro plötzlich. »Ich nahm ihr Kerbholz als Andenken und ewige Mahnung an mich selbst.« Entaro verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich verstehe nun. Ich verstehe sowohl warum ihr seid wie ihr seid, als auch warum die Zwölf euch so mit Argwohn betrachten. Wissen sie was geschehen ist?« Kalwen schüttelte den Kopf. »Und sie dürfen es niemals erfahren.«, flüsterte Kalwen und Entaro seufzte. Diese Entwicklung hatte er nicht erwartet. Und so wusste er auch nicht wie er darauf reagieren sollte. Er war schließlich kein Priester. Er hatte keine salbungsvollen oder tröstenden Worte. Keine Worte der Erlösung. Keine Worte der Sühne. »Du bist ein Mörder, nichts weiter.« Die Worte waren ehrlich und hart. Und Entaro wusste, dass er sie besser nicht ausgesprochen hätte. Und ihm war nicht einmal aufgefallen, dass er sie nicht in der höflichen Rede gesprochen hatte. Doch auch in diesem Moment empfand er keine Reue oder Schuldgefühle. Doch seine ritterliche Ehre gebot ihm, die Worte zumindest zu entschärfen. »Euer Schicksal ist mit diesem Land verwoben. Leid. Der Bund mit der weißen Blüte. All diese Dinge. Und nun holt euch eure Vergangenheit ein, durch das Auftreten der Zwölf. Dies sind keine Zufälle. Dies sind Omen des Schicksals. Ihr müsst euch eurer Vergangenheit stellen, sonst wird sie ewig ein Schatten sein, der euch anhaftet. Ihr müsst Sühne leisten.« Entaro seufzte und wandte sich schließlich von Kalwen ab, welcher nun weder zerbrochener noch erleichterter als zuvor wirkte. Er blieb einfach sitzen, starrte Entaro hinterher und ließ seine Fingerkuppen über die Rillen in dem Kerbholz gleiten, welches nicht das Seine war.
Einige Zeit später fand sich Entaro neben Isaé an einem Lagerfeuer wieder. Er war tief in Gedanken versunken gewesen. Es waren so viele Dinge, die ihn beschäftigt hielten. Istred, Tarvain, Kalwen…und Isaé. Und so saß er nur da und starrte in die Flammen, bis Isaé schließlich das Wort an ihn richtete. »Ich bin so unsagbar froh und dankbar, dass es dir gut geht.« Entaro lächelte. »Ich hatte Glück.« Er dachte an Alenja und ihre seltsame Apparatur. Ohne diese würde er heute wohl neben all den anderen Toten aufgebahrt liegen. Dessen war er sich gewiss. Zusammen mit Ser Tarvain. Und vermutlich auch allen anderen. »Seit du das Lager verlassen hattest und nicht mehr zurückgekommen bist, hatte ich mir große Sorgen um dich gemacht.« Entaro seufzte. »Seitdem sind viele seltsame Dinge geschehen. Wenn ich geahnt hätte, dass dies alles so laufen würde, wäre ich nicht alleine gegangen.« »Ich wollte dir nachgehen, dich suchen, aber man ließ mich nicht. Man erlaubte mir nicht, das Lager zu verlassen.« Entaro nickte. »Ich verstehe. Ich gebe dir keine Schuld daran, Isaé.« Er wandte ihr seinen Blick zu und legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Ich habe Dinge erfahren, von denen ich wünschte, ich hätte sie nie erfahren. Und manche dieser Dinge muss ich auch hinterfragen, ob sie denn überhaupt die Wahrheit sind, oder nur ein weiteres Fragment von Lug und Trug des Irrgartens in den wir hier geraten sind.«
Als Isaé davon begann, dass sie sich die Schuld an Tarvains Schicksal gab schüttelte Entaro den Kopf. »Nein. Das ist nicht deine Schuld. Unser Gegner war einfach deutlich stärker, als wir erwartet hatten. Du hättest nichts daran verhindern können.« Isaé schüttelte den Kopf. »Ich habe heute gebetet. Zu Daerean…« Da schwieg Entaro und sah sie mit einem Blick an der so tief in ihre Seele eindrang, dass es ihr sichtlich unangenehm zu werden schien. »Was hast du gesprochen?«, hakte er nach und legte dabei den Kopf ein wenig schief, da er nicht glauben konnte, dass Isaé gebetet hatte. Und dann auch noch ausgerechnet zu Daerean. Vielleicht weil dieser Ort voller Kraft und Macht war, die deutlich spürbar ist. »Als ihr gegen Istred gekämpft habt, habe ich zu Daerean gesprochen…Ich habe ihn in Gedanken angerufen und ihn inständig gebeten, dich zu verschonen.« Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und Entaro lauschte ihr ohne sie dabei zu unterbrechen. Obwohl er so viele Fragen hatte. Als Isaé schließlich fertig war räusperte sich Entaro und legte ihr erneut die Hand auf den Unterarm. »Ich wollte nicht, dass es Ser Tarvain trifft, und ich wollte ganz sicher nicht, dass er dann schwer verwundet dort liegt, wo er jetzt liegt und wahrscheinlich um sein Leben kämpft.« Da lächelte Entaro. »Daerean ist nicht der Herr der tausend Wünsche. Dein Gebet war…« Er wusste nicht wie er es am Besten nennen sollte. Allerdings brachten ihn ihre Worte zum Nachdenken. Was, wenn Daerean sie wirklich erhört hatte? Doch diesen Gedanken hielt er für so abwegig, dass er nur den Kopf schütteln konnte. »Ich muss dir gestehen, dass ich, seit wir die Grenzlande betreten haben, nicht ein einziges Mal die Gegenwart von Daerean wahrgenommen habe. Dafür aber allerlei andere Dinge. Uralte Dinge, die ich weder verstehe noch erklären kann. Doch eins weiß ich gewiss. Diese Dinge sind nicht Daerean. Wer oder was auch immer deine Gebete erhört hat, es war nicht Daerean…« Daerean…der Gott der Seelen und der Magie…Entaro dachte über seine eigenen Worte nach. Ihr Gebet war eine Bitte gewesen eine Seele zu verschonen. Zum Preis einer anderen. War dies nicht Daereans Weg? Und dieser Ort, so voll von alter Magie. Lange vergessen und fern den großen Tempeln Akadiens. Hier war alles noch in seiner wilden, Urform. War dies am Ende doch Daerean gewesen? Entaro kamen ernste Zweifel auf. Wenn dies wahrlich Daereans Wille gewesen war, und er Isaés Gebet erhört hatte. Warum hatte er dann Ser Tarvain gewählt, nur um ihn zu verschonen? Und warum hatte er ausgerechnet auf Isaé gehört? Doch was Entaro am meisten Verwunderte war, dass Daerean in den Tempeln des Ordens niemals als Gott der dunklen Wünsche gepredigt wurde. Was wenn dies seine wahre Natur war? Entaro fühlte sich, als ob ihm langsam der Boden unter den Füßen weggezogen würde. »Ich weiß nicht, ob Götter auf Menschen hören oder ob sie überhaupt handeln…« Da lächelte Entaro matt. »Ich bin ein Mann des Glaubens, vom Orden der Bernsteinritter. Und ich selbst weiß es nicht einmal.« Sein Lächeln wurde milde und beinahe ironisch, wenn man das bei Entaro so nennen mochte. »Es fühlt sich so an, als hätte ich selbst ein Urteil gesprochen. So als hätte ich entschieden, wer leben darf und wer nicht. Doch das wollte ich nicht. Nicht direkt. Alles was ich wollte war, dich nicht verlieren. Ich würde es nicht ertragen, dich zu verlieren. Ich will kein Leben, in dem du fehlst.« Diese Worte trafen Entaro wie ein Schlag vom Schwert des Schinders. Er starrte Isaé an und als er sich bewusstwurde, dass seine Hand noch immer auf ihrem Unterarm lag, da fühlte er, wie sein Herzschlag stärker wurde und das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann. »Warum?«, erkundigte er sich und seine Zunge fühlte sich belegt und schwer an. Die Frage war ihm unüberlegt entglitten. Und nun biss er sich auf die Zunge, um sich dafür zu bestrafen, so eine törichte Frage gestellt zu haben. »Es ist mehr als nur das Band.«, führte Entaro schließlich fort. »Das Band des Schwures, dass uns an den Drachen bindet. Es ist mehr als nur Daereans Wille oder die uralte Macht dieses Ortes. Es ist etwas, dass kein Mensch wirklich erklären kann.«, flüsterte Entaro schließlich. »Im Osten würde man es Schicksal nennen. Es hat uns zusammengeführt. Und solange unsere Fäden miteinander verwoben sind, wird auch nichts uns trennen. Das Schicksal hat unseren Weg bereits vorgesehen. Was geschehen ist, musste so geschehen, da es Vorsehung war.« Entaros Finger begannen zu beben. Ohne sein Zutun glitten sie von Isaés Unterarm hinab zu ihrer Hand. Seine rauen Hände glitten über ihre zarte Haut und umfingen schließlich ihre zierlichen Finger. Und als seine Hand die ihre berührte, schien es ihm, als ob er ihren Herzschlag in ihrer Hand fühlen konnte. Das Knistern, welches zwischen ihnen herrschte, wurde im Einklang begleitet vom Knacken des Feuers und alles um Entaro herum wirkte mit einem Mal als ob es in weite Ferne rücken würde, mit nichts als dem Licht des Feuers.
Das gerissene Band ❖
02.03.2026 '15:49 [3.846 Wörter]
 saé hielt Entaros Blick stand und alles in ihr wurde still. Still wie die Ruhe vor dem Sturm. In seinen Augen lag noch der Nachhall seiner Worte. Das Band der Lebensschuld. Vorsehung. Fäden, die miteinander verwoben waren. Etwas Größeres, das sie zusammengeführt haben sollte. Oder einfach nur Schicksal. Isaé verstand in diesem Moment nicht, was er ihr damit sagen wollte. Doch was immer es war, Lebensschuld, Vorsehung oder Schicksal, es hatte in diesem Augenblick wenig Bedeutung. Etwas anderes stand jetzt zwischen ihnen. Warm, atmend, lebendig. Es waren nun nicht mehr diese Begriffe, die zählten. Jetzt war es sein Blick. Seine Hand, die kurz zuvor noch locker und wie beiläufig auf ihrem Unterarm gelegen hatte, umschloss die ihre. Seine Hand war rau, der Griff, aber nicht zu fest, und sie spürte das kaum merkliche Beben seiner Finger. Warm und rau, eine Haptik, die Isaé erschauern ließ. Sie spürte seinen Herzschlag in Form seines Pulses an ihrer Hand und es war ihr, als schlügen ihrer beiden Herzen wie eins. Das Lagerfeuer vor ihnen knackte, doch es klang fern in ihren Ohren. Als läge die Welt jenseits dieses Kreises aus warmem Licht des Feuerscheins und Schatten. Feuerfunken stoben in die Nacht und alles andere verlor an Bedeutung. Es gab nur noch die einhüllende Wärme zwischen ihnen und das leise, ungleichmäßige Atmen. Ihr Blick streifte unwillkürlich seinen Mund. Langsam, beinahe wie von fremder Macht geführt, hob sie ihre freie Hand und legte sie auf seine Schulter, von dort aus glitten sie in seinen Nacken. Ihre Finger glitten durch sein Haar, spürten die Anspannung die seinen Körper beherrschte. Er hielt für einen kurzen Moment den Atem an. Sie erkannte es. Spürte, wie sein Griff sich weiter um ihre Hand schloss und sie wusste, dass dies dieses Mal kein Traum war. Es war die Wirklichkeit und sie saßen so nahe beieinander, dass ihre Knie sich beinahe berührten. Der Abstand zwischen ihren Gesichtern schmolz dahin, bis kaum mehr als ein Hauch Abstand blieb. Sie konnte nun die Wärme seines ausströmenden Atems fühlen und konnte das Zittern nicht mehr unterscheiden. War es seines oder ihres? Isaés Blick glitt erneut zu seinen Lippen. Ein Atemzug. Noch einer. Sie spürte Hitze zwischen ihnen, spürte, wie die Luft schwerer wurde. Ihre Hand, die bis eben noch in seinem Nacken ruhte, fand ihren Weg über seinen Arm und legte sich auf die seine Hand, die auf ihrer anderen lag und sie fühlte, wie sich sein Griff um ihre Hand unmerklich verstärkte. Er bewegte sich nicht. Sie auch nicht. Aber dann, langsam, fast unmerklich, beugte sie sich vor. Zoll um Zoll schwand der Abstand. Sie konnte die Wärme seines Atems auf ihrem Mund spüren, das kaum merkliche Zittern, das auch sie erfasst hatte. Ihre Lippen trennte nur noch ein Hauch. Ein letzter Herzschlag. Dann legte sie ihre Stirn gegen seine. Die Berührung war sanft und doch unendlich intensiv, und traf sie in ihrem Inneren nicht weniger als ein Kuss es wohl getan hätte. Isaé schloss die Augen, ihr Atem mischte sich mit seinem. Sie wollte ihn, ohne Wenn und Aber. Mit einer Klarheit, die wehtat. Mit dem Wissen um alles, was er war. Um seine Vergangenheit, um seinen Schwur, und um die Schatten, die ihn begleiteten. Isaé schloss die Augen. Wenn dies Schicksal war, dann mochte es sie auch bis hierhergeführt haben. Unausweichlich. Einen Moment lang verharrten sie so, keiner von beiden rührte sich. Sie war ihm so nah, dass sie jede kleinste Regung wahrnahm. Das leichte Spannen seines Kiefers. Die Art, wie seine Finger sich um ihre schlossen. Er war da. Ganz nah. Und doch tat er nichts. Aber sie auch nicht. Sie öffnete schließlich ihre Augen und hob den Blick ein wenig. Nur so weit, dass sie seine Augen sehen konnte. Sie suchte darin nach einem Zeichen. Nach irgendetwas, das ihr sagte. Jetzt. Er wich nicht zurück. Aber er kam auch nicht näher. Ein winziger Abstand blieb zwischen ihren Mündern, kaum mehr als Luft. Sie spürte, wie ihr Herz pochte, wie sich ihre Lippen beinahe unwillkürlich öffneten. Und dann durchriss ein lautes Poltern die Nacht. Jemand fluchte. Ein Pferd wieherte und stieg auf und riss am Halfter, mit dem es an einem Baumstamm befestigt war, Metall klirrte, mehrere Stimmen riefen durcheinander. Isaé fuhr erschrocken und instinktiv zurück. Entaro ebenso. Seine Hand glitt von ihrer, weil der Lärm sie beide aus dem Moment gerissen hatte. Als es sich als nichts weiter als ein umgestoßener Kessel herausstellte, war der Zauber verflogen. Sie saßen noch immer nah beieinander. Aber nicht mehr so wie noch vor wenigen Sekunden. Isaé schenkte Entaro ein flüchtiges, beinahe scheues Lächeln, aber der Zauber wollte nicht mehr zurückkehren.
Als Isaé später längst auf ihrem Lager lag, die Arme unter dem Kopf verschränkt, den Blick in den dunklen klaren Sternenhimmel gerichtet, dachte sie nach. Der Lärm des Abends war längst verklungen. Einige Männer hatten sich zurückgezogen, hatten sich zur Nachtruhe begeben, einige saßen noch an den Feuern, unterhielten sich in leisem Ton, respektvoll leise, in Rücksicht vor den Verwundeten und auch den Toten, die in einigem Abstand vom Lager aufgebahrt lagen. Nur vereinzeltes Rascheln, das leise Schnauben der Pferde draußen, das letzte Knacken eines Scheites in den sterbenden Feuerstellen. Alles war gewöhnlich. Alles war ruhig. Doch Isaé war es nicht. Sie sah es noch einmal vor sich. Nicht als Bild, sondern als Gefühl. Die Nähe. Die Wärme. Der winzige Abstand zwischen ihren Lippen. Ein Atemzug, eine einzige Bewegung die diesen Moment hätte verändern können. Schicksal. Verwobene Fäden. Vorsehung. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr ärgerten diese Worte sie. Was nützten Fäden, wenn niemand daran zog? Was nützte das stärkste Band, wenn es einen gefühlt weit weg von dem anderen fesselte? Wenn es wirklich Vorsehung war, dass sie zusammengeführt worden waren, warum hatte es sich dann angefühlt, als hinge alles von einem einzigen, kleinen Schritt ab, den keiner von ihnen gemacht hatte? Oder hatte Entaro damit etwas ganz anderes gemeint und sie missverstand ihn? Sie drehte sich auf die Seite, zog die Decke enger um sich und stieß einen tiefen Misslaut aus. Er war nicht zurückgewichen. Das wusste sie. Aber er war auch nicht vorgetreten. Wäre es nicht an ihm gewesen? Er war der Mann. Der Ritter. Derjenige, der von Schicksal sprach, als sei es etwas Unumstößliches. Hätte er dann nicht den Mut haben müssen, es zu besiegeln? Oder wartete er noch immer? Brauchte er noch mehr Zeit? Und wenn ja, wie viel? Zeit für was? Für die Erinnerung an seine Frau? Für seinen Schwur? Für einen Augenblick, der frei war von fremden Männern und Blicken? Isaé presste die Lippen aufeinander. Vielleicht hatte er gewartet, dass sie es tat? Der Gedanke ließ sie die Stirn runzeln. Und wahrscheinlich hatte sie gewartet, dass er es tat. Zwei Menschen, die von verwobenen Fäden sprechen und keiner wagt den letzten Schritt. Ein leises, bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. Vielleicht war es gar kein Schicksal. Vielleicht war es ganz was anderes. Vielleicht waren sie einfach nur feige. Vielleicht wollte er es gar nicht und sie verrannte sich da in etwas? Sie hob die Hand und berührte flüchtig ihre eigenen Lippen, als könne sie dort noch spüren, was nie geschehen war. Beim nächsten Mal, dachte sie, wenn es eines geben würde, dann würde sie nicht warten, bis das Schicksal für sie handelte. Dann würde sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Aber ein Teil von ihr hoffte, dass er es wäre, der die letzte Distanz überwand.
Kalwen saß abseits vom Feuer, dort, wo das Licht nur noch schwach über den Boden kroch. Die anderen Männer waren ein paar Schritte entfernt, ihre Stimmen klangen gedämpft, hin und wieder ein Lachen, es war nach diesem Tag mit dem eisernen Schinder wie eine Ruhe vor dem Sturm. Kalwen hatte einen Wetzstein zwischen den Knien eingespannt und zog das Messer in langsamen, gleichmäßigen Bewegungen darüber. Schaben. Schaben. Schaben. Ein ruhiger, konzentrierter Rhythmus. Doch in seinem Blick lag keine Ruhe. Isaé, die es längst aufgegeben hatte, Schlaf zu finden, und durch das Lager geschlichen war wie ein Tagedieb, hatte ihn schon eine Weile beobachtet, bevor sie zu ihm hinüberging. Seit Entaro ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert hatte, seit dieses Wort gefallen war, Mörder, hing etwas über ihm, das selbst das Feuer nicht vertreiben konnte. Doch davon wusste Isaé nichts. Sie setzte sich neben ihn, ohne zu fragen. Er sah nicht auf. „Du schleifst das Messer schon eine ganze Weile“, stellte sie schließlich fest. „Es war stumpf.“ „Und ist es das immer noch?“ Ein kaum merkliches Zucken in seinem Mundwinkel. „Manche Dinge werden nicht scharf genug.“ Sie schwieg einen Moment. Das Schaben des Steins war das Einzige zwischen ihnen. Aber es klang wie ein unheilvoller Misston. „Wie geht es dir?“ fragte sie nach einer Weile. Er antwortete nicht sofort. Er zog das Messer noch einmal über den Stein, prüfte die Schneide mit dem Daumen. „Wie sollte es mir gehen?“ Sie sah sein Profil im Halbdunkel. Die Anspannung im Kiefer. Die Müdigkeit in den Augen, die er nicht zeigte, die er aber auch nicht verbergen konnte. „Du musst nicht so tun, ich weiß, dass du noch nicht vollends wieder auf den Beinen bist.“ Er legte den Schleifstein beiseite, aber das Messer blieb in seiner Hand. „Und du musst nicht meine Hüterin spielen. Du hast schon einmal für mich gebürgt. Das reicht.“ Das traf sie irgendwie, doch sie ließ es nicht zeigen. Sie verstand nicht, warum er sich so seltsam benahm „Ist alles in Ordnung? Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht“ meinte sie schließlich und in ihrer Stimme schwang ein Ton der Verunsicherung mit. „Ich bin noch hier.“ Sie atmete hörbar aus. „Das war nicht meine Frage.“ Ein paar Herzschläge lang sagte er nichts. Dann legte er das Messer schließlich zur Seite. Das Metall klirrte leise auf dem Boden. „Es geht mir ganz gut. Und wie geht es dir?“ fragte er. Sie blickte ins Feuerlicht, das von der Seite auf sie fiel. Sie schwieg. „Ach ich… Ich war blöd“, sagte sie nach einer Weile. Das brachte ihn dazu, sie anzusehen. „Inwiefern?“ Sie zögerte. Dann kam es nüchtern, beinahe ärgerlich aus ihr heraus. Isaé hatte nicht vorgehabt, Kalwen davon zu erzählen. Es war im Grunde nicht etwas, das man teilte wie eine Anekdote am Feuer. Und doch saß sie nun ihm gegenüber, etwas abseits vom restlichen Lager, wo das Licht schwächer war und die Stimmen nur noch als gedämpftes Murmeln herüberwehten und schüttete ihm ihr Herz aus. „Entaro und ich. Wir waren uns so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. Stirn an Stirn. Keiner von uns hat sich bewegt.“ Kalwens Blick wurde schärfer. Nicht spöttisch, nur aufmerksamer. Ein schiefes Lächeln erschien schließlich in seinem Gesicht. „So nah und nichts?“ „Und nichts“ bestätigte sie. Ihre Lippen verzogen sich. „Es fehlte nicht viel. Nur ein Schritt. Und keiner von uns ist ihn gegangen.“.“ Ein leises Schnauben entwich ihm. „Ihr habt euch nicht geküsst? Es war keine Frage, es war eher eine Feststellung. „Nein.“ „Warum nicht?“ „Ich weiß es nicht. Ich wollte ja, aber ich…“ Ihre Stimme war leiser jetzt, ehrlicher. „Vielleicht, weil ich nicht wusste, ob er es wollte. Vielleicht, weil ich nicht die sein wollte, die…“ Sie brach ab. „Die vorprescht?“ ergänzte Kalwen ruhig. Sie sah ihn an. „Vielleicht.“ Kalwen musterte sie mit diesem offenen, beinahe dreisten Blick, den sie an ihm kannte. „Wenn ein Mann so nah ist und nichts tut“, sagte er ruhig, „…dann hat er Angst. Oder kein Interesse. Was ist es, was den Bernsteinritter zögern lässt?“ Er schenkte Isaé ein flüchtiges Lächeln, dann sagte er. „Bernstein ist übrigens kein Stein. Nur altes Harz. Und ziemlich spröde. Bricht leicht. Brennt wie ein Strohfeuer. Mit heller Flamme. Und stinkt ziemlich dabei.“ Isaé runzelte die Stirn und er hob die Hände und zeigte ihr seine offenen Handflächen. „Was denn? Ich sagte nichts über Bernstein, was nicht stimmt!“ Isaé schwieg. Was sollte sie zu so einem Unsinn auch sagen? Kalwen musterte sie einen Moment. Dann rückte er näher. „So nah wart ihr einander?“ Sie nickte. „Zeig es mir“ forderte er. „Was?“ Doch da war er schon vor ihr. Sein Knie streifte ihres. Seine Stirn senkte sich und berührte die ihre. Isaé hielt unwillkürlich den Atem an. Es war nicht dieselbe Nähe wie mit Entaro. „So?“ fragte er leise. Sein Atem streifte ihre Wange, dann ihren Mund. Sie hob die Hände an seine Brust, wollte ihn von sich drücken, und auf Abstand bringen. Doch er wartete nicht. Er neigte den Kopf und küsste sie. Ein klarer, absichtlicher Kuss, der beweisen wollte, wie wenig es brauchte, um diese Schwelle zu überschreiten. Für einen Herzschlag war sie zu überrascht. Doch ihre Ohrfeige kam sofort und ohne Zögern. Hart, klar und laut. Das Geräusch schnitt durch das Murmeln des Lagers. Einige Köpfe hoben sich. Kalwens Kopf fuhr zur Seite. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Isaé war aufgesprungen und stand vor ihm, die Hand noch erhoben, die Augen dunkel vor Zorn. „Wage es nicht noch einmal, so etwas zu tun, Kalwen“ sagte sie leise. Kalwens Kopf fuhr zur Seite. Ein roter Abdruck zeichnete sich auf seiner Wange ab. Isaés Brust hob und senkte sich vor Aufregung. Ihre Augen funkelten. Kalwen sah sie an. Sein Blick war nicht spöttisch. Nicht einmal wütend. Nur dunkel. Und für einen Moment lag etwas in ihm, das tiefer ging als jegliche Provokation. „Jetzt weißt du, wie einfach es gewesen wäre“, sagte er schließlich schlicht. Mehr nicht. Isaé drehte sich um und ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Hinter ihr nahm das Murmeln im Lager wieder zu. Kalwen blieb sitzen, die Hand an der Wange, der Schleifstein zu seinen Füßen. Und über ihm hing noch immer eine dunkle Wolke. Isaé ging nicht direkt zu ihrem Lager zurück. Sie lief erst ein Stück am Rand des Lagers entlang, als müsse sie den Ärger aus ihrem Körper treiben. Das Murmeln der Männer hatte sich wieder gelegt. Niemand sprach sie an. Erst als sie zurück zu ihrem Lager trat, ließ sie die Schultern sinken. Die Wucht mit der sie Kalwen geohrfeigt hatte brannte noch in ihrer Hand. Sie setzte sich auf ihre Lagerstatt und starrte eine Weile ins Dunkel. Der Zorn war schnell verraucht. Was blieb, war etwas Unangenehmeres. Sie hatte Kalwen vertraut. Nicht blind. Nicht naiv. Aber sie hatte geglaubt, dass er die Grenze sehen würde, ohne dass sie sie ziehen musste. Dass er verstand, was sie ihm erzählte, ohne es gegen sie zu wenden. Und vielleicht war genau das ihr Fehler gewesen. Sie rieb mit der Hand über ihre Lippen, als könnte sie den fremden Abdruck fortwischen. Es war kein Ekel, der sie traf. Es war Enttäuschung. Nicht über den Kuss. Über das Motiv dahinter. Er hatte nicht gezögert. Er hatte nicht abgewartet. Er hatte sie nicht gefragt. Nicht, dass sie es ihm erlaubt hätte. Auch nicht um etwas zu demonstrieren. Vielleicht hatte sie Kalwen mehr zugetraut, als er war. Aber von nun an würde sie genauer hinsehen. Und plötzlich ahnte sie, warum Entaro gezögert hatte. Und warum sie nicht vorgeprescht war sondern gewartet hatte. Nicht nur aus Schüchternheit. Und auch nicht nur aus Unsicherheit. Sondern weil sie auf einmal wusste, dass er nichts tun würde, was sie nicht ebenso wollte. Er war ein ehrbarer Ritter. Aber sie brauchte keinen Ritter. Sie brauchte einen Mann. Isaé legte sich auf die Seite und schloss die Augen. Und irgendwann war auch sie eingeschlafen.
Der Morgen legte sich hell und klar über die Lichtung, und Isaé war schon wach, bevor die meisten Männer sich rührten. Die Stiefel hatte sie in der Nacht neben ihre Lagerstatt gestellt, die Socken achtlos darübergelegt. Jetzt schlüpfte sie nicht hinein, sondern trat barfuß hinaus ins Gras. Moos und kurzes Gras gaben unter ihren Schritten nach. Es war kühl an den Fußsohlen, feucht, lebendig. Kleine Steinchen und vereinzelte Zweige spürte sie deutlich, aber das störte sie nicht. Es erdete sie. Sie ging zum Lagerkoch, der vor dem Kessel stand in dem der Brei noch dampfte, nahm sich eine Schüssel und ließ sich ihre Ration geben. Sie zögerte, dann nahm sie eine zweite Schüssel. „Für Ser Adun“ erklärte sie dem Koch der ichts weiter dazu sagte. Es war ja auch nichts Ungewöhnliches daran, jemandem etwas mitzubringen. Und doch wusste sie genau, dass es kein bloßer Dienst war. Sie wollte sehen, wie er sie ansah. Ob er anders war als gestern. Ob in seinem Blick etwas nachklang. Mit beiden Schüsseln in den Händen ging sie durch das Lager. Das Gras schluckte ihre Schritte, und ihre nackten Füße zeichneten dunklere Spuren im Tau. Ein paar Männer blickten auf, nickten ihr zu, kümmerten sich dann wieder um ihre eigenen Rationen. Entaro saß etwas abseits, wie so oft, und zog einen letzten Riemen an seiner Rüstung fest. Sie trat zu ihm und hielt ihm eine der Schüsseln hin. „Guten Morgen, Entaro. Du hast dir also noch nichts geholt?“, sagte sie, und ihre Stimme war ruhig genug, um jede Absicht zu verbergen. Er erwiderte den Gruß, nahm die Schüssel, Er nahm sie. Seine Finger streiften kurz ihre. Nicht länger als nötig. „Danke“, sagte er. Sie setzte sich neben ihn, nicht dicht an ihn gedrängt, aber auch nicht mit einem Abstand, der wie Vorsicht gewirkt hätte. Das Gras unter ihr war noch kühl, und sie schob die Füße leicht zur Seite, ließ die Zehen im Moos verschwinden, als brauche sie diese Erdung. Eine Weile aßen sie schweigend. Das Geräusch der Holzlöffel in den Holzsschüsseln war leise, fast gleichmäßig, und um sie herum begann das Lager langsam lebendig zu werden. Stimmen wurden lauter, jemand lachte, als jemand einen zotigen Spruch durch das Lager schickte, ein Pferd schnaubte. Isaé hielt den Blick auf ihre Schüssel gerichtet, doch ihre Aufmerksamkeit war nicht beim Brei. Sie spürte seine Nähe neben sich, nicht als Berührung, sondern als Bewusstsein. Als wäre da etwas zwischen ihnen, der sich verändert hatte. Aber vielleicht irrte sie sich einfach und sie war einfach nur angespannt. Schließlich hob sie den Kopf nahm den Blick aus ihrem Brei und sah ihn an. Nicht lange, nur so lange, dass es nicht zufällig wirkte. Sie suchte keine große Geste, keine großen Worte. Nur ein kleines Zeichen, eine Spur dessen, was zwischen ihnen gestanden hatte, Stirn an Stirn, im Halbdunkel des Feuers. Sie wusste selbst nicht genau, was sie hoffte zu sehen. Der Morgen war ein gewöhnlicher. Und doch war nichts daran ganz so wie zuvor.
Isaé hatte den Löffel gerade wieder in die Schüssel getaucht, als der Boden unter ihr vibrierte. Nicht stark. Nicht wie ein Beben. Eher wie ein tiefes Zittern, das durch das Moos kroch und direkt in ihre nackten Fußsohlen stieg. Sie hielt inne. Spürte es klarer als die Männer im Lager, weil nichts zwischen ihren Füßen und der Erde war. Sie hob den Kopf und blickte Entaro verwundert an. „Spürst du das auch?“ fragte sie ihn unverwandt. Das Zittern kam nicht von hier. Es kam von irgendwoher. Die Luft veränderte sich im selben Augenblick. Sie wurde schwer, dicht, als läge ein unsichtbarer Druck auf Brust und Kehle. Das Atmen ging plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Ein paar Männer sahen irritiert auf, einer fuhr sich an den Hals, als hätte er sich verschluckt. Es war beinahe so wie der dicke Nebel der sich mehrmals über die Lichtung ausgebreitet hatte, doch hier war kein Nebel, es war immer noch ein klarer Morgen. Ein Pferd riss unruhig an seiner Trense, ein anderes stieß ein scharfes Schnauben aus. Dann brachen zwei Rehe aus dem Wald am Rand der Lichtung und schossen quer über das Gras. Sie rannten, als würde etwas hinter ihnen her sein. Über ihnen erhob sich ein Schwarm Krähen. Schwarze Körper stoben aus den Baumkronen, flatterten ungeordnet in den Himmel, kreisten, aufgeregt rufend über der Lichtung und verschwanden im Himmel. Das Zittern wurde stärker. Isaé spürte, wie sich der Boden veränderte, als würde das Land aufbegehren. An den Stämmen der nahen Bäume trat Harz hervor. Nicht in dünnen, langsamen Tropfen, sondern in dickeren Schlieren, die über die Rinde liefen wie frische Wunden. Die Lagerfeuer flackerten plötzlich unruhig. Ohne Wind. Die Flammen bogen sich zur Seite, als würden sie von einer unsichtbaren Welle gedrückt. „Was bei Daerean…“ murmelte jemand. Isaé hörte es kaum noch. Denn unter all dem war etwas anderes. Ein Flüstern. Nicht in der Luft. Nicht in den Ohren. In ihr und doch nicht in ihr. Das Flüsterholz, das sie bei sich trug, flüsterte und raunte. Ein Wispern, das sich aus dem Hintergrund ihres Bewusstseins schob und klar wurde. Nicht Worte. Keine Namen. Aber Unruhe. Der Löffel glitt ihr aus den Fingern und sie ließ die Schüssel fallen. Der Brei ergoss sich ins Gras, doch sie bemerkte es erst, als das Holz hart auf dem Boden aufschlug. Dann kam der Laut. Ein Wehklagen, das über die Lichtung rollte wie eine Druckwelle. Abwechselnd tief und hoch. Langgezogen. Es schien aus dem Wald zu kommen, und zugleich aus dem Boden, aus der Luft, ja aus dem ganzen verfluchten Kalath. Mehrere Männer fuhren herum, einer griff nach seinem Schwert, ein anderer machte ein Zeichen gegen das Böse und gegen Unheil. Das Klagen schwoll an, ließ die Luft erzittern, ließ die Herzen schneller schlagen, ohne dass man wusste warum. Isaé hatte das Flüsterholz das sie immer nah bei sich trug, hervorgezogen und und konnte sie es klar und deutlich hören. Isaé kniete bereits im Gras, der verschüttete Brei kühlte zwischen den Halmen aus. Um sie herum herrschte Unruhe, Stimmen, Waffen, Pferde. Doch das alles rückte in den Hintergrund. Die Hexenjägerin umschloss das Flüsterholz mit beiden Händen. „Was ist das? Was geschieht hier?“ murmelte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als Atem. „Was geschieht?“ Das Holz war warm, jedoch nicht von außen. Von innen. Das Flüstern war zunächst wirr, wie viele Stimmen übereinander. Dann löste es sich. Nicht in Worte, sondern in Bilder. Dunkler Stein und hohe Mauern. Ein halb überwucherter Turm im Wald, mit dunklen Fenstern, ohne Tierhaut, ohne Scheiben, wie schwarze leere Augenhöhlen. Der Körper eines hünenhaften Mannes, noch grauer und bleicher als noch zuvor. Geronnenes Blut, das auf kaltem Boden versickert und vertrocknet war. Ein Band, das eingerissen war. Isaé zog scharf die Luft ein. Das Flüstern wurde klarer. Ein Raum, in dem eben noch etwas gewesen war. Ein Herz das schwach pochte. Eine Flamme, die nicht mehr hell loderte sondern schwächer glomm, und mit ihr versiegte auch die Wärme, die sie genährt hatte. Dann ein anderes Bild. Hände, die sich ins Nichts krallten. Magie, die sich entlud wie ein Sturm ohne Ziel. Das Flüsterholz flüsterte stärker, und ein einziges Wort formte sich nicht als Klang, sondern als Bedeutung. Und dahinter, wie ein Schatten unter allem ein Gefühl. Allein. Isaés Finger schlossen sich fester um das Holz. „Istred? Ist er…?“ begann sie. Das Flüstern antwortete nicht mit Ja. Aber es zeigte ihr Stille. Etwas das gewesen war und nun nicht mehr so war wie vorher. Wieder ein Turm im Wald. Und der Schmerz, der von dort ausging, war der einer die Angst hatte, eine Zurückgebliebene zu werden. Das Wehklagen schwoll erneut an, fern, aber noch immer gewaltig. Jetzt wusste sie es. Sie wusste wohl nicht alles. Aber sie wusste genug. Isaé hob den Kopf und blickte Entaro an „Istred lebt. Er ist schwach aber er lebt. Und Hera hat uns mit einem Sturm geantwortet…“
Ser Rodan von Rothenburg ❖
04.03.2026 '19:18 [3.117 Wörter]
 leich und fahl, hingen die Monde am Himmel. Nebelschwaden und Wolkenfäden bildeten, im Zusammenspiel mit den kargen Ästen der nahen Bäume und den Schatten der Nacht, ein seltsames, skurriles Bild, welches stetig wandelnd und sich neu formend am nachtschwarzen Himmel gemalt wirkte. Entaro starrte auf die Wolkenbänder, welche stets versuchten sich zu sammeln, nur um dann wieder in alle Richtungen aufgelöst zu werden. Er konnte weder einen klaren Gedanken fassen noch seine Konzentration auf einen bestimmten Punkt am Himmel lenken. Seine Gedanken hingen an einem gänzlich anderen Ort als jener, an welchem er sich gerade befand. Immer wieder huschten Bilder über den Nachthimmel, welche ganz und gar nicht Teil des Himmels waren, sondern lediglich seinen Gedanken und seinen Vorstellungen entsprungen waren. Feuerfunken. Isaés Gesicht, welches er schon mehr als einmal in den Wolken erkannt haben wollte. Und dieses vertraute Gefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte, als sie einander so nahe waren, dass sie den Herzschlag des anderen förmlich hören konnten. Doch nun lag Entaro alleine auf seinem Lager und starrte in den dunklen, unsteten Nachthimmel. Irgendwo heulte ein Wolf, oder rief eine Eule. Ein Ast knackte und Blätter raschelten, wenn der Wind zwischen ihnen hindurch glitt. Ein Pferd schnaubte und ein Mann schnarchte. Doch all diese Geräusche nahm Entaro gar nicht wahr. In seinen Ohren dröhnte nur der Herzschlag und immer dann, wenn der blau schimmernde Mond hinter den Wolken auftauchte, erkannte er darin nichts anders als Isés tiefblaue Augen. Seine Gedanken waren so von dieser Frau vereinnahmt, dass er irgendwann die Augen schloss. Doch dies brachte keine Besserung, ganz im Gegentei. Die Geräusche der Nacht verschmolzen mit Entaros Gedanken und bald schon konnte er nicht mehr unterscheiden was seine Gedanken waren und was Wirklichkeit.
Als Entaro am nächsten Morgen erwachte, waren die Gedanken von letzter Nacht gänzlich verflogen. Er richtete sich auf seinem Lager auf und begann seine Rüstung anzulegen, die Gurte fest zu ziehen und sein Schwert umzuhängen. Er tat dies in demselben, monotonen Ritual, wie er es immer tag. Währenddessen waren seine Gedanken beinahe leer. Er musste sich nicht darauf konzentrieren, welchen Gurt er zuerst anziehen musste. Oder welche Schnalle er zuerst schließen musste. Es war ein Ritual, welches er schon so oft getan hatte, dass er es wohl selbst im Schlaf vermochte durchzuführen. In diesem Augenblick waren seine Gedanken leer und sein Geist war einfach nicht an diesem Ort. Jeder Mensch brauchte seine Rituale und seine Routinen. Und dies die Entaros. Gerade, als er den letzten Riemen festgezogen hatte, trat Isaé an ihn heran. In ihren beiden Händen hielt sie je eine dampfende Schüssel. Entaro wusste schon, was sich darin befand, ohne es gesehen zu haben. Derselbe Brei, den es schon seit Tagen gab. Die Feldküche gab nicht sehr viel her. Die Wagenburg lag fern an einem Steilhang. Als Ser Tarvain und seine Mannen aufgebrochen waren, hatten sie nur das Nötigste mitgenommen. Aber Entaro dachte insgeheim, dass es nicht geschadet hätte, etwas ausgewogeneren Proviant mitzunehmen. Mit einem stummen Nicken nahm er die Schüssel entgegen, welche Isaé ihm überreicht hatte, und begann den nicht sehr wohlschmeckenden Brei zu essen. Es war immerhin noch besser als gar nichts. »Danke.«, murmelte er und warf Isaé einen stummen Blick zu. Unweigerlich keimten in ihm die Bilder vom letzten Abend wieder auf. Ein unbestimmtes Gefühl begann sich in ihm breit zu machen. Das Gefühl drängte ihn dazu, etwas zu sagen. Etwas, zu den Ereignissen des gestrigen Abends. Doch seine Stimme verweigerte ihm den Dienst. Er fühlte sich wie in einem Käfig aus Glas, welcher sich langsam aber stetig mit Wasser füllte. Und jedes gesprochene Wort, würde den Käfig nur noch weiter füllen. Insgeheim biss sich Entaro auf die Zunge und schalt sich einen närrischen Tor. Um diese unsäglichen Gedanken loszuwerden, schüttelte er seinen Kopf. Doch vermutlich erging es Isaé nicht anders als ihm? Sie stand schweigend neben ihm und stocherte eher lustlos in ihrem Brei herum. Entaro spürte irgendwie, dass es nicht daran lag, wie fade der Geschmack war. Es waren die unausgesprochenen Worte, welche zwischen ihnen standen. Und als sie ihn schließlich ansah, da legte sich ein rauer Schauer über Entaros Geist. Er erwiderte den Blick und seine Mundwinkel begannen ein schmales, beinahe verkrampftes, Lächeln zu formen. Genug dass man es sehen konnte, ohne dass er dabei wie ein Honigkuchenpferd grinste. »Wie hast du geschlafen?«, erkundigte er sich und ärgerte sich in demselben Moment über diese törichte, nichtssagende Frage. Isaé zuckte mit den Schultern und Entaro seufzte. Seine Blicke glitten zu ihren Füßen und er musste unweigerlich bemerken, dass sie keine Stiefel trug. »Warum hast du keine Stiefel an?«, stellte er verwundert fest und schalt sich erneut einen Narren für diese nächste, törichte Frage. Er schüttelte erneut den Kopf und schob sich einen großen, angehäuften Löffel mit Brei in den Mund. Es war besser, wenn er erst einmal nichts mehr sagte, dachte er sich. Und solange er etwas im Mund hatte, lief er auch nicht Gefahr etwas Törichtes zu sagen.
Doch dann war der Moment verstrichen. Die Gelegenheit, das Ungesagte auszusprechen wurde erneut verdorben. Vielleicht kam dies Entaro auch gerade recht. Doch er würde dies nicht ehrlich beantworten können. Es wäre eher eine instinktive Entscheidung. Die Luft veränderte sich. Kaum merklich, aber dennoch spürbar. Ein Kribbeln kroch in Entaros Glieder und als Isaé erstaunt auf den Boden sah, stellte Entaro fest, dass er sich dies nicht eingebildet hatte. »Spürtst du das auch?« Entaro nickte. »Ja. Seltsam. Was das wohl sein mag?« Er nahm den letzten Löffel und schob sich den Inhalt in den Mund, bevor er anschließend die Schüssel auf den Boden stellte, um seine Hand auf das, vom Morgentau noch feuchte, Gras zu legen. »Die Erde atmet.«, stellte Entaro fest, ohne wirklich zu wissen, was diese Worte bedeuteten. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wurde sein Atem schwerfällig. Er musste tief Luft holen, um überhaupt zu Atem zu kommen. Das Gefühl, welches sich auf seine Brust legte, fühlte sich an, als ob eine unsichtbare Hand ihm die Luft abschnürte. Instinktiv hob Entaro die Hand und wischte vor sich durch die Luft. Doch da war nichts. »Was…« Er hustete und presste die Worte hervor. »…geht hier vor?« Das seltsame Ereignis hatte inzwischen auch die anderen Männer im Lager ergriffen. Pferde wurden unruhig. Soldaten ächzten und riefen. Entaro erhob sich wieder und eine besorgte Miene überschattete sein Gesicht. »Hera…«, murmelte er so leise, dass es nur er selber hören mochte. Er hatte dieses Gefühl schon einmal erlebt. Im Totenhain. Als er mit dieser Frau allein gewesen war. War sie hier, um Rache für Istred und Ardeth zu nehmen? Doch wie bekämpfte man einen Feind, der gar nicht da war? Ardeth war ein schwächlicher Mann gewesen, der sich nur auf seine schwarzen Horden verlassen hatte. Ohne sie, war er nur ein gebrechlicher Mann. Istred hingegen war das genaue Gegenteil gewesen. Groß, grob, schnell und tödlich. Mit mehr Glück als Geschick hatten sie ihn abgewehrt. Doch Hera? Hera war gänzlich anders, als die anderen Beiden. Und insgeheim konnte Entaro nicht sagen, welcher von ihnen wohl der gefährlichste war. Doch nun, da Ardeth tot war und Istred vermutlich auch schon bald seinen letzten Atemzug tätigen würde, blieb nur noch Hera übrig. Eine verzweifelte und wütende Furie, die nichts mehr zu verlieren hatte.
Das Beben in der Erde wurde stärker, als Isaé ihren Brei fallen ließ. Ein Pferd ging durch und weitete panisch die Augen, so dass die Männer Mühe hatten es zu beruhigen. Die Hexenjägerin zog ihr Flüsterholz hervor und begann damit zu sprechen, während Entaro sie dabei beobachtete. Es war seltsam. Vielleicht war ihm dies zuvor nie wirklich aufgefallen, oder er hatte dem Umstand nie sonderliche Beachtung geschenkt. Doch nun konnte er es klar erkennen. Als Isaé mit dem Holz zu sprechen begann, verkleinerten sich ihre Iriden. Man konnte es förmlich mit ansehen, wie sie immer kleiner wurden und das Weiße ihrer Augen das wenige Blau in ihren Augen förmlich verschluckten. Entaro überkam eine Gänsehaut, als er Isaés Augen sah, doch er konnte auch nicht den Blick abwenden. Isaé wirkte irgendwie entrückt und die Worte die sie sprach, ergaben für Entaro auch keinen Sinn mehr. Aber als Isaé schließlich den Blick hob, und ihre Augen wieder aussahen, wie eh und je, rieb sich Entaro die Lider. Hatte er sich das nur eingebildet? Ihr Blick war ernst und eine Sorgenfalte zeichnete sich auf ihrer Stirn ab. »Istred lebt. Er ist schwach aber er lebt. Und Hera hat uns mit einem Sturm geantwortet…« Entaro runzelte die Stirn. »Woher weißt du das?«, hakte er nach und warf dabei einen Blick auf dieses seltsame Holz. »Hat es dir das Flüsterholz verraten?« Isaé nickte und Entaro runzelte erneut die Stirn, während er nachdenklich an seinem Bart zupfte. »Nun. Noch lebt er. Wer weiß, wie lange sie ihn unter den Lebenden halten kann. Seine Wunden sahen verheerend aus. Wir sollten mit dieser Alenja sprechen. Vielleicht kann sie etwas von ihrem Geheimnis preisgeben, dass wir wissen, welchen Schaden diese Waffe wirklich angerichtet hat?« Isaé nickte zustimmend und schob sich das Flüsterholz wieder in die Tasche.
Sie fanden Alenja schließlich am Rand des Lagers. Sie, und die anderen Hexenjäger, hatten sich bereits zusammengerottet. Vermutlich hatten auch sie dieses seltsame Zittern gespürt. Rodan trat Entaro entgegen und in seinem Blick lag eine tiefe Ernsthaftigkeit. »Habt ihr das auch gespürt? Dieses Beben?«, erkundigte er sich woraufhin Entaro und Isaé stumm nickten. »Magie…« Einer der Zwölf spuckte auf den Boden und beschrieb ein Zeichen des Schutzes auf seiner Stirn. Entaro musterte den Mann mit prüfenden Blicken. Vertraute er wirklich auf diese abergläubischen Gesten, oder lag mehr dahinter, als es den Anschein erweckte? »Ihr seid noch hier.« stellte Entaro schließlich fest und Rodans ernste Miene wandelte sich in ein breites Grinsen. Beinahe wie eine Maske, die er nach Belieben aufsetzen oder ablegen konnte. »Gewiss. Wir wollen schließlich unseren Sold, für das Retten eurer Ärsche.« Entaro brummte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es gab keinen Vertrag. Ich bezweifle, dass Ser Tarvain euch für etwas bezahlt, was ihr aus freien Stücken getan habt.« Alenja grunzte daraufhin abfällig und zog ihre Nase hoch, als ob sie einen tief versunkenen Klumpen zu Tage fördern wollte. »Das ist also der Dank?«, zischte sie und spuckte den Klumpen auf den Boden. Entaro seufzte. »Nicht jeder Dank wird in Silber und Gold bemessen. Der ehrliche Dank eines Mannes, ist auch viel wert…« Sie ließ ihn gar nicht weitersprechen. »Pha! Darauf gebe ich einen Scheißdreck! Von Dank und Ehre wird man nicht satt. Und Dank oder Ehre rettet einen auch nicht vor Hexen, Schindern oder Horden von Düsterlingen. Beschissener Akadier!« Sie spuckte erneut aus und Entaro schwieg, während sein Blick zu Rodan wanderte. Ob sie sich bewusst war, dass Rodan selbst ein Akadier war? Er musste bei diesem Gedanken leicht schmunzeln, was Alenja nicht unbemerkt blieb. »Was grinst du so blöde?«, fauchte sie und Entaro löste daraufhin die Verschränkung seiner Arme. »Gute Frau…«, erhob er ,doch das löste nur höhnendes und schallendes Gelächter unter den Zwölfen aus. »Gute Frau! Hahaha! Alenja, die gute Frau?« Einer ihrer Getreuen klopfte ihr daraufhin neckisch auf die Schulter und sie versetzte dem Mann einen Hieb. Entaro seufzte. Verschiedene Worte lagen ihm auf der Zunge. Nicht alle davon waren weise. Doch diese Scharade ging ihm doch gehörig gegen den Strich. »Es muss schwer sein, sich als Frau unter rauen Männern zu beweisen, oder?« Rodan grinste daraufhin noch breiter, sofern so etwas überhaupt noch möglich war. Aber Alenja funkelte Entaro mit Blicken an, die ihn vermutlich hätten tot umfallen lassen, wenn sie die Gabe dazu gehabt hätte.
Entaro wusste, dass die Gelegenheit vertan war, mit Alenja über ihre Waffe zu sprechen. Er grübelte innerlich. Lag es einfach nur an ihm, und die Art wie er sprach? Oder waren heute einfach alle mit dem falschen Fuß aufgestanden? Wenn sie wirklich bereit gewesen wäre ihr Geheimnis zu offenbaren, so bezweifelte Entaro nun, dass sie auch nur ein Wort herausrücken würde. »Ich halte euch nicht weiter auf. Ihr dürft gerne bleiben und auf die Genesung von Ser Tarvain warten.« Er legte demonstrativ seine Hand an den Griff seines Schwertes und deutete eine kurze, wenn auch nicht sehr höfliche, Verbeugung an. Ohne weitere Worte zu verschwenden wandte sich Entaro um und machte kehrt. Und in seinem Blick lag ein tiefer, dunkler Groll, den man nur erahnen konnte. Seine Kiefer waren angespannt und die Zähne aufeinandergepresst, doch außer dem Beben seines Bartes ließ der Bernsteinritter nichts davon erkennen. Als Isaé und Entaro einige Schritte weit gegangen waren, seufzte Entaro und in dem Seufzen schwoll das Ungemach und der Groll mit, der sich in ihm aufgestaut hatte. »Hexenjäger…« Er warf einen Blick auf Isaé und der dunkle Blick verflüchtigte sich, als er ihre blauen Augen sah. »Nun. Nicht alle Hexenjäger.« Er hüstelte verlegen und strich sich mit den Fingern durchs Haar. »Warum müssen sie nur so stur sein?« Entaro hielt inne und deutete auf die Akadier, welche bereits angefangen hatten, ihre Habe zusammenzupacken und die Pferde zu satteln. »Sie sind nur hier, weil Ser Tarvain sie duldete. Aber du hast Alenja gehört. Jeder Akadier hier, weiß, wie Kalather über sie denken. Für Akadier ist ein kalatischer Hexenjäger nicht besser als jeder andere Kalather. Es herrschten seit Jahrhunderten Zwietracht und Kriege zwischen unseren Völkern. Und nun sind alle dazu gezwungen zwölf aufsässige Aufschneider in ihren Reihen zu dulden. Du kannst es in ihren Blicken sehen. Und wenn sie glauben, niemand würde sie hören. Ich bin nicht der Heerführer. Was soll ich nur tun?« Entaro seufzte erneut und er verstärkte die Faust um den Griff seines Schwertes, bis die Knöchel weiß hervortraten.

Sie erreichten schließlich den Ort, an welchen Ser Tarvain lag. Entaro hatte erwartet, dass der rote Tod schlafen würde. Oder sich in Fieberträumen räkeln. Doch als er sah, wie der Heerführer der Akadier auf den Beinen stand, mit bleicher Haut wie ein Widergänger, traute Entaro seinen Augen nicht. »Ser Tarvain…«, begann Entaro und stockte, als der Angesprochene ihn ansah. Seine Augen waren eingefallen und von dunklen Augenringen gezeichnet. Doch er zwang sich zu einem bitteren Lächeln. »Ihr seid auf den Beinen?« Entaro konnte seine Verwunderung kaum im Zaum halten. Und um Entaros Verwunderung zu bekräftigen, schnalzte Mirou missbilligend mit der Zunge. »Ja, Erklärt es diesem Tor! Er soll sich wieder hinlegen! Die Wunde wird aufreißen, und noch schlimmer Bluten als zuvor!« Der Bader zeterte und seine Blicke wanderten zwischen Entaro und Tarvain hin und her. »Schweig, Mirou.«, blaffte Tarvain mit matter Stimme. »Ich bin der Heerführer. Und dein Herr. Ich werde nicht auf dem Totenbett dahinsiechen, während wir im Herzen des Feindeslandes sind!« Er zog, wie um seinen Worten den nötigen Nachhall zu verleihen, an einem Gurt und zurrte so den Mantel fest, welchen er sich gerade über die Schultern gelegt hatte. »Ruhen kann ich, wenn ich tot bin.«, brummte Ser Tarvain und zog sein Schwert aus der Scheide, um die Klinge auf Schäden zu begutachten, ähnlich wie Entaro es nach dem Kampf gegen Istred getan hatte. »Und der rote Tod bin ich schon so viele Jahre…Da kann der schwarze noch ein paar Jahre mehr warten.« Ser Tarvain schob demonstrativ sein Schwert zurück in die Scheide. Entaro wusste, dass er Recht hatte. Jeder Tag, an dem der Heerführer schwach und kraftlos auf seinem Lager lag, würde der Moral der Männer schaden zufügen. Er selbst wusste nur allzu gut, wie es einem nach einer Stichwunde erging. Entaro fasste sich unweigerlich an jene Stelle, an welcher das Messer dieses Schwarzssehers seine ewige Handschrift hinterlassen hatte. »Ihr solltet zumindest nicht gehen.«, entgegnete Entaro daraufhin und deutete auf eines der Pferde. »Schont euch, so gut es geht.« Ser Tarvain legte Entaro seine Hand auf die Schulter und sah ihm lange und tief in die Augen. »Ich danke für eure Anteilnahme, Ser Adun. Doch wir müssen das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist. Der Schinder ist verletzt worden! Wir müssen ihn aufspüren und es zu Ende bringen!« Entaro seufzte. »Apropos…Die Zwölf…«, begann Entaro und Ser Tarvain sah ihn mit einem fragenden Blick an. »Sie verlangen einen Lohn, für die Rettung unserer…« Entaro räusperte sich und Isaé ließ es sich nicht nehmen für Entaro in die Bresche zu springen. »Ärsche. Für das Retten unserer Ärsche!« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und grinste dabei, was Entaro ebenso zum Lächeln brachte. Und selbst Ser Tarvain ließ sich ein schmerzerfülltes Lächeln abringen. »Ach ist das so?« Der rote Tod blicke in jene Richtung, in welcher er die Hexenjäger, welche sich nur die Zwölf nannten, wähnte. »Nun, vielleicht sollten wir einmal ein ernstes Gespräch mit ihnen führen?« Entaro räusperte sich und legte Ser Tarvain die Hand auf die Schulter. »Da ist noch etwas.«, hob er an und weckte damit das Interesse des Heerführers. »Sprecht, Ser Adun.«, befahl er und war sichtlich bemüht seine stolze und starke Autorität auszustrahlen, doch es konnte ihm, aufgrund seines Zustandes, nur schwer gelingen. »Es sind eigentlich zwei Dinge. Der Anführer der Zwölf…Sein Name lautet Rodan.« Entaro hielt einen Moment lang inne um Ser Tarvain die Gelegenheit zu geben, selbst die Bedeutung dieses Namens zu erahnen. Doch entweder war ihm dieser Name wirklich nicht geläufig, oder sein geschwächter Zustand verhinderte dies, es zu offenbaren. »Ser Rodan…«, führte Entaro schließlich fort und da weitete Tarvain die Augen. »Von Rotenburg?« Entaro nickte und Ser Tarvains Blicke wurden grimmiger. »Wer weiß noch davon?«, verlangte er zu erfahren und Entaro deutete auf sich, dann auf Isaé und auf Mirou, und schließlich auf Ser Tarvain selbst. »Nur wir.« Der rote Tod nickte grimmig. »Gut. Dann soll es auch dabei bleiben.« Er warf Mirou einen scharfen Blick zu und der Bader vollführte eine stumme Bewegung mit Daumen und Zeigefinger aufeinandergepresst, als ob er seine Lippen mit einem unsichtbaren Schlüssel versperren würde. »Ser Rodan von Rotenburg. Dieser dreckige, ehrlose Bastard!«, zischte Ser Tarvain und ballte die Fäuste. »Eine Belohnung will er? Ich sollte ihn hier und jetzt an einem Baum aufhängen lassen, diesen miesen Verräter!« Entaro schüttelte den Kopf. »Das halte ich für keinen guten Einfall, Ser Tarvain.« Entaro versuchte die Wogen zu glätten und Ser Tarvain nickte resignierend. »Ihr habt ja Recht. Doch das Gefühl, auf diesen Bastard auch noch angewiesen zu sein. Sogar zum Dank verpflichtet, da gärt die Galle in mir!« Entaro seufzte. »Und der Sold, den er einfordert?« Ser Tarvain schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Lasst das meine Sorge sein.« Er warf einen prüfenden und zugleich neugierigen Blick auf Entaro und schließlich auf Isaé. Der Blick war leer und beinahe kalt. Dieser Mann stand nur aufgrund purer Willenskraft auf den Beinen, und das sah man ihm durchaus an. »Ihr erwähntet zwei Dinge?«, hakte Tarvain schließlich nach und Entaro nickte. »Ja, Frau Isaé hatte eine…Vision?« Er wusste selbst nicht so genau wie er es bezeichnen sollte und seine Blicke streiften die der Hexenjägerin, in Erwartung, dass sie einfach mit eigenen Worten davon berichtete...
Auf den Spuren des Flüsterns ❖
07.03.2026 '23:11 [2.601 Wörter]
 saé stand dicht genug bei Entaro, um jedes Wort zu hören, das zwischen ihm und Rodans Leuten fiel. Rodan und seine Leute waren geblieben und erwarteten offenbar eine Bezahlung für das, was sie in der Nacht getan hatten. Entaro versuchte ihnen mit ruhiger Stimme zu erklären, dass es keinen Vertrag gegeben hatte und man ihnen daher auch keinen Sold schulde. Das war vermutlich die falsche Antwort. Vor allem Alenja reagierte, als hätte man ihr ins Gesicht gespuckt. Ihre Erwiderungen waren scharf und voller Hohn, und sie machte keinen Hehl daraus, was sie von Dankbarkeit, Ehre und all den schönen Worten hielt, mit denen Männer gern bezahlte Arbeit ersetzten. Die anderen lachten, neckten sie, und Rodan schien das Schauspiel mit sichtlichem Vergnügen zu verfolgen. Isaé beobachtete das mit wachsendem Stirnrunzeln. Entaro blieb ruhig, beinahe stoisch, obwohl Alenja ihm mit jedem Satz einen neuen Giftpfeil entgegenschleuderte. Für Isaé war es schwer zu begreifen, wie jemand einen Mann, der so offensichtlich versuchte, die Dinge vernünftig zu regeln, mit solcher Schärfe behandeln konnte. Allerdings, dachte sie dann, war Entaros ruhige, beinahe belehrende Art vermutlich genau das, was eine Frau wie Alenja erst recht zur Weißglut trieb. Ihr war es ja am Anfang hin und wieder ähnlich ergangen. Bei dem Gedanken huschte ein kaum merkliches Schmunzeln über ihr Gesicht. Doch nun entschied Entaro, dass der einzig kluge Schachzug ein Rückzug war und so deutete er eine leichte Verbeugung ab und wandte sich um. Isaé folgte ihm und betrachtete seine Miene, die Groll und Missachtung ausdrückte. „Hexenjäger…“ Isaé lächelte flüchtig „Du darfst ‚Hexenjäger‘ sagen. Ich hab mir schon Schlimmeres anhören müssen als das… Hexenjäger haben ihren Ruf. Und ich nehme an, Drachenreiter ebenso.“ Sie stieß ihn im Gehen von der Seite an, um ihre Neckerei zu unterstreichen. Doch Entaro wurde von mehr angetrieben als nur von der Sorge über die Sturheit der Hexenjäger. Isaé betrachtete einen Moment seine verkrampfte Hand um den Schwertgriff und legte schließlich ruhig ihre Finger darauf, bis sich sein Griff ein wenig lockerte. „Du sollst gar nichts tun“, sagte sie leise. „Du bist, wie du sagst, nicht ihr Heerführer, und du bist auch nicht derjenige, der die Kriege dieser beiden Völker begonnen hat.“ Erst jetzt merkte Isaé, dass ihre Hand auf der seinen lag. Sie zog sie langsam zurück und sah ihn von der Seite an. „Zwietracht verschwindet nicht, nur weil man sich das wünscht. Aber sie wird auch nicht schlimmer, nur weil ein Dutzend Hexenjäger in einem Lager sitzt“. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Lass die Männer schauen und murmeln, wie sie wollen. Solange niemand zum Schwert greift, ist es nur Gerede. Und vielleicht gelingt es mir mal, mit Alenja zu sprechen, so von Frau zu Frau.“ Sie musterte ihn kurz und grinste. „Es kam mir so vor, als würde sie dir nicht unbedingt ihre Freundschaft anbieten.“
Als Isaé und Entaro Ser Tarvain erreichten, stand der Heerführer bereits wieder auf den Beinen, bleich und geschwächt, obwohl Mirou lautstark protestierte, dass die Wunde jederzeit wieder aufreißen könne. Tarvain ließ sich davon nicht beirren und erklärte mit rauer Entschlossenheit, dass er nicht untätig im Lager liegen werde, solange sie sich im Feindesland befänden. Für ihn zählte nur eines: Der Schinder war verwundet worden, und diese Gelegenheit musste genutzt werden, um ihn aufzuspüren und den Kampf zu beenden. Entaro versuchte dennoch, ihn zumindest dazu zu bewegen, sich zu schonen. Währenddessen brachte er auch das Problem der Zwölf zur Sprache, die für ihre Hilfe einen Lohn verlangten, was Tarvain mit einem bitteren Lächeln quittierte. Doch die eigentliche Überraschung folgte erst, als Entaro erwähnte, dass ihr Anführer Rodan hieß. Ser Rodan von Rothenburg. Tarvains Reaktion fiel heftig aus, denn der Name gehörte zu einem Verräter, den er am liebsten sofort hätte hängen lassen. Dennoch schluckte er seinen Zorn hinunter, da sie momentan auf die Zwölf angewiesen waren, und erklärte schließlich, dass er sich selbst um die Frage ihres Soldes kümmern werde. Dann hakte Ser Tarvain nach: „Ihr erwähntet zwei Dinge?“ Und Entaro bejahte und erklärte, dass Isaé eine ‚Vision‘ hatte. Tarvain wandte sich an Isaé und verlangte eine Erklärung. „Nun“ begann die Hexenjägerin. „Das Flüsterholz hat sich wieder zu Wort gemeldet, wenn ihr so wollt. Nun ist es aber dieses Mal ein wenig anders. Wie alle Männer im Lager bemerkt hatten, passierte hier etwas Seltsames. Es war beinahe, als atme der Boden und der ganze Wald. Wenn man es auf einen Nenner bringen müsste, würde ich sagen, Hera hat alles mit Magie überflutet, als hätte sie einen Sturm entfesselt und losgeschickt. Ich sah vor meinem inneren Auge einen alten überwucherten Turm. Ich glaube, dort ist Hera. Und ich glaube auch, dass Hera Istred dorthin gebracht hat. Das Flüsterholz sagt Istred lebt. Er sei schwach aber er lebt. Wenn wir diesen Turm finden, dann finden wir sie wahrscheinlich beide.“
Ser Tarvain hörte Isaé aufmerksam zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, blieb er einen Moment stillstehen, als würde er ihre Worte sorgfältig gegeneinander abwägen. „Der Schinder lebt also noch“, sagte er schließlich leise. Die Hexenjägerin zuckte die Schultern „Das sagt jedenfalls das Flüsterholz.“ Sein Blick wanderte zu Entaro, dann wieder zu Isaé. „Und ihr glaubt, Hera hat ihn in diesen Turm gebracht.“ Isaé nickte. „Das Flüsterholz zeigte mir nur den Ort. Ein alter Turm, überwuchert vom Wald.“ Tarvains Gesicht verhärtete sich. Für einen Augenblick schien die Erschöpfung aus seinen Zügen zu verschwinden und machte einer kalten Entschlossenheit Platz. „Gut“, sagte er. „Ich kenne diesen Turm nicht, aber wenn es ihn gibt, werden wir ihn finden.“ Mirou fuhr sofort dazwischen. „Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen? Ihr könnt in diesem Zustand keinen Feldzug beginnen!“ Tarvain warf ihm einen kurzen, müden Blick zu. „Es ist kein Feldzug.“ Dann sah er wieder zu Entaro und Isaé. „Es ist eine Jagd.“ Seine Hand legte sich auf den Knauf seines Schwertes. „Und der Schinder ist verwundet.“ Mirou fuhr sofort dazwischen. „Ihr seid selbst kaum besser dran!“, protestierte der Bader. „Eine weitere Stunde auf den Beinen und eure Wunde reißt wieder auf.“ Tarvain sah ihn lange an, dann erschien ein bitteres Lächeln auf seinem Gesicht. „Dann ist das wohl unsere einzige Chance.“ Seine Hand legte sich auf den Knauf seines Schwertes. „Ein verwundeter Schinder… und ein verwundeter Heerführer.“ Er sah zu Entaro und Isaé. „Wenn wir ihn jetzt nicht stellen, werden wir diese Gelegenheit nie wieder bekommen.“ Isaé schwieg einen Moment. Tarvains Worte hingen schwer in der Luft, wie ein Urteil, das bereits gesprochen war. Eine Jagd. Sie sah zu Entaro, dann wieder zu Tarvain. In dessen Augen lag diese kalte Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran ließ, wie diese Jagd enden sollte. Isaé konnte nicht glauben, dass alles nun auf dasselbe hinauslaufen sollte wie so oft zuvor: eine Spur, eine Jagd, ein Ende in Blut. Es konnte nicht so einfach sein. Sie verschränkte langsam die Arme vor der Brust. „Wenn wir diesen Turm finden“, sagte sie schließlich nachdenklich, „Finden wir nicht nur den Schinder.“ Ihr Blick wanderte kurz zu Entaro. „Dann finden wir auch Hera.“ Sie ließ eine kurze Pause. „Aber ich bezweifle, dass sie dort auf uns wartet, damit wir sie töten.“
Bevor der Aufbruch endgültig beschlossen, und während alles dafür vorbereitet wurde, entfernte sich Isaé noch einmal ein Stück von den anderen. Sie ging zum Rand der Lichtung, dorthin, wo das Gras höher stand und die ersten Bäume bereits Schatten warfen. Nach all dem Gerede brauchte sie einen Moment für sich. Sie hatte kaum zwei Schritte zwischen die Büsche gemacht, als sie bemerkte, dass sie nicht allein war. Alenja lehnte ein paar Schritte weiter an einem Baumstamm und sah zu ihr herüber. Ein schiefes Grinsen zog über ihr Gesicht. „Na sieh einer an.“ Isaé blieb stehen und wandte sich halb um. Alenja kam ein paar Schritte näher, die Arme locker verschränkt, als hätte sie sich den Moment bewusst ausgesucht. Ihr Blick glitt kurz zu Ser Tarvain, dann zu Entaro, bevor er wieder bei Isaé hängen blieb. „Interessant.“ Isaé zog eine Braue hoch. „Was genau?“ „Wieso lassen sie ausgerechnet dich vorgehen?“ „Warum lassen sie ausgerechnet dich vorgehen?“ Isaé erwiderte ihren Blick ruhig. „Weil ich wohl den Weg kenne.“ Das entsprach zwar nicht ganz genau der Wahrheit, doch Isaé sah keinen Grund, mehr zu sagen. Sie kannte diese zwölf Hexenjäger kaum, und Vertrauen war unter ihresgleichen ein seltenes Gut. Zu oft hatte sie erlebt, dass Neugier und Gier dicht beieinander lagen. Das Flüsterholz in ihrer Hand war zu kostbar, um auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Selbst wenn es unwahrscheinlich war, dass jemand die unscheinbare Pfeife als das erkannte, was sie wirklich war. Sie dachte bei dieser Gelegenheit daran, dass es vielleicht nicht die schlechteste Idee war, sich irgendein wunderlich aussehendes Stück Ast oder Wurzelholz zu suchen, der Wald war schließlich voll davon, und dieses als das Flüsterholz auszugeben. Man konnte nie vorsichtig genug sein. Also ließ Isaé es bei dieser knappen Antwort und Alenja verzog leicht den Mund. „Ach ja?“ Sie trat noch einen halben Schritt näher, als wolle sie Isaé genauer betrachten. „Komisch, mir schien, du bist nicht von hier? Aus Kalath stammst du, deinem Akzent nach, nicht.“ Isaé sagte nichts. Alenja schob die Unterlippe ein wenig vor, als denke sie laut nach. Dann sagte sie „Einer der Männer hat vorhin erzählt, du hättest ihnen den Turm beschrieben, bevor überhaupt jemand wusste, dass es einen gibt. Und plötzlich weißt du auch noch, wo er steht.“ Ein schmales Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und entblößte ihre breite Zahnlücke zwischen ihren vorderen Schneidezähnen. „Also… entweder hast du ein verdammt gutes Gespür…“ Sie machte eine kleine Pause. „Oder du hast ein paar Tricks, die du uns nicht verrätst.“ Isaé sah sie einen Moment lang ruhig an und ließ den Blick dann schließlich kurz zu dem seltsamen, schweren Gerät an Alenjas Seite wandern, das noch immer nach Rauch und Schwefel zu riechen schien. Dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Du schleppst doch auch ein großes Geheimnis mit dir herum.“ Für einen Augenblick blieb es still. Alenjas Brauen zogen sich leicht zusammen. „Eine Hexenjägerin, die mit einem akadischen Heerführer durch die Grenzlande zieht.“ Ein schmales Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist… ungewöhnlich.“ Isaé musterte sie ruhig. „Was genau ist daran ungewöhnlich?“ Alenja deutete mit dem Kinn zum Tross. „Dass eine von uns sich einem Haufen gewöhnlicher Männer anschließt.“ Sie ließ den Blick über Isaés Erscheinung gleiten, prüfend, aufmerksam. „Haben sie dich angeworben… oder bist du freiwillig hier?“ Isaé ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort. „Ich gehe, wohin meine Arbeit mich führt.“ Alenja schnaubte leise. „Das sagen alle.“ Sie trat noch einen Schritt näher. „Also bist du eine von denen, die lieber allein arbeiten?“ „Ich arbeite allein, ja“, sagte Isaé schließlich. Alenja musterte sie erneut, diesmal länger. „Allein unterwegs zu sein ist eine schlechte Angewohnheit. Vor allem als Frau.“ „Ich arbeite alleine, das stimmt, aber momentan reise ich zusammen mit Ser Adun.“ Alenja schürzte ihre Lippen „Du meinst diesen belehrenden Akadier? Das kann nicht dein Ernst sein!“ „Oh doch, das ist mein Ernst. Er ist ein guter Mann.“ „Gut im Schwafeln, meinst du wohl. Dieser Akadier hört sich selbst wohl gern reden“, brummte sie. „Kaum steht er auf zwei Beinen, fängt er an, allen zu erklären, wie sie sich zu verhalten haben.“ Isaé ließ den Blick kurz zu Entaro wandern, der ein paar Schritte entfernt mit Tarvain sprach. „Er meint es nicht böse“, sagte sie ruhig. Alenja sah sie scharf an. „Du verteidigst ihn.“ Isaé nickte „„Du verteidigst ihn.“ „Ja“, sagte Isaé ruhig. „Das tue ich. Jemand muss es ja tun.“ Alenja zog eine Braue hoch und ihr Blick wanderte kurz zu Entaro hinüber, der noch immer mit Tarvain sprach. Dann sah sie wieder Isaé an. „Also sag mir…“ Ein schiefes Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Ist er wirklich so klug, wie er tut?“ Sie verschränkte die Arme. „Oder hast du einfach nur eine Schwäche für belehrende Akadier?“ „Wenn wir schon von Schwächen sprechen“, sagte Isaé ruhig, „Es würde dir niemand als eine solche auslegen, wenn du aufhörtest, redliche Männer so anzufahren, wie du es vorher getan hast.“ Alenja musterte sie einen Moment lang. Dann verzog sich ihr Mund zu einem schiefen Lächeln. „Du hast Biss.“ Sie nickte einmal knapp. „Das gefällt mir.“ „Isaé setzte ein kleines Lächeln auf. Dann nickte Alenja langsam. „Gut.“ Sie trat zur Seite und machte eine kleine Bewegung mit der Hand in Richtung Wald. „Dann geh und finde deinen Turm.“ Ihr Blick wurde einen Hauch ernster. „Ich bin neugierig, ob dein Flüsterholz hält, was du versprichst.“ Isaé blieb stehen. Für einen Augenblick sah sie Alenja nur an, als hätte sie sich verhört. Alenja grinste breit. „Ich habe gute Ohren“, sagte sie. „Und blöd bin ich auch nicht.“ Isaé musterte sie einen Moment lang, dann schnaubte sie leise. Alenja verschränkte die Arme. „Weißt du“, fuhr sie fort, „ich habe schon einige Hexenjäger getroffen, die behaupteten, sie könnten Flüsterholz hören.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Am Ende war es meistens nichts als heiße Luft.“ Ihr Blick wurde prüfend. „Ich kenne jedenfalls niemanden, der es wirklich kann.“ Ein schiefes Lächeln zog über ihr Gesicht. „Also sag mir…Flüstert es wirklich mit dir?“ Isaé betrachtete sie einen Moment lang, als wäge sie etwas ab. Dann glitt ihr Blick zu dem schweren Gerät an Alenjas Seite, dessen Metall noch immer dunkel vom Rauch des letzten Schusses war. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Vielleicht.“ Alenja zog eine Braue hoch. Isaé zuckte leicht mit den Schultern. „Ich wäre bereit, mein Geheimnis zu teilen.“ Sie deutete mit einem kaum merklichen Nicken auf das seltsame Feuerrohr. „Wenn du bereit bist, deines zu teilen.“ Für einen Moment wurde Alenjas Blick scharf. Dann erschien wieder dieses schiefe Grinsen auf ihrem Gesicht. Für einen Moment blieb Alenja still. Das Grinsen war noch da, aber jetzt lag etwas Prüfendes darin. „Ein Handel also.“ Sie drückte ihre Zunge kurz gegen ihre Wange, als überlege sie. Dann murmelte sie „Du bist nicht dumm. Und du willst wissen, was es ist.“ Isaé zuckte leicht mit den Schultern. „Nicht nur du bist neugierig.“ Alenja nickte. „Heb dir deine Geschichte auf. Wenn du zurückkommst, reden wir weiter.“ Isaé sah sie einen Moment lang an. Für einen Herzschlag lag etwas wie Enttäuschung in ihrem Blick. „Glaubst du nicht, dass wir zurückkommen?“ Alenja verzog leicht den Mund. „Doch.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich habe gelernt, dass man solche Gespräche besser für später aufhebt.“ Ihr Blick wanderte kurz zum dunklen Wald. „Dieser Wald hat bestimmt schon bessere Leute verschluckt als euch vier.“ Dann sah sie Isaé wieder an. Ein schiefes Grinsen zog über ihr Gesicht. „Also geh. Finde deinen Turm. Und sorg dafür, dass ich diese Geschichte noch zu hören bekomme.“ Isaé musterte sie einen Augenblick länger, dann lächelte sie schwach. „Weißt du“, sagte sie schließlich, „Eigentlich bist du ganz nett.“ Alenja grinste breit. „Ob das dein Akadier auch so sieht? Ich bezweifle es.“ Isaé sagte nichts dazu, dann wandte sie sich ab und ging zurück zur Lichtung.
Das Gespräch hatte länger gedauert, als sie gedacht hatte. Während sie sich näherte, sah sie, dass Entaro bereits mit Tarvain und Vicar beisammenstand. Die Drei sprachen leise miteinander, während Vicar den Sitz seines Schwertgurtes prüfte. Es erweckte den Anschein, als warteten sie nur noch auf die Hexenjägerin. Einige der Männer die zurückbleiben würden, waren näher an den Waldrand getreten, andere beobachteten die vier mit einer stillen Neugier, die jeden Aufbruch in unbekanntes Gelände begleitete. Isaé blieb neben Entaro stehen und warf einen kurzen Blick in den Wald. Dort draußen wartete der Turm. Und wenn das Flüsterholz recht hatte, auch Hera. Ser Tarvain zog den Mantel fester um die Schultern und nickte knapp. „Es wird Zeit zu gehen.“ Ohne ein weiteres Wort setzte sich Isaé in Bewegung. Die anderen folgten ihr.
Der alte Turm ❖
13.03.2026 '18:13 [3.677 Wörter]
 ertraue nur auf dich selbst. Vertraue den Menschen und du wirst in dein Verderben laufen. Die Worte seines Vaters hallten Entaro durch den Kopf, als Isaé die Arme vor der Brust verschränkt hatte und ihre Bedenken zum Besten gab. »Wenn wir diesen Turm finden, finden wir nicht nur den Schinder. Mit diesen Worten sah sie in Entaros Richtung und der Bernsteinritter ertappte sich dabei, wie seine Haltung strammer wurde. Es war eher eine unterbewusste Handlung gewesen. Als ob man, wenn man sich beobachtet fühlte, in einem möglichst guten Licht präsentieren wollte. Isaé wandte sich wieder an Ser Tarvain, als sie fortfuhr. »Dann finden wir auch Hera. Bei der Erwähnung dieses Namens musste Entaro unweigerlich an seine Begegnung mit dieser Frau denken. Sie war undurchschaubar und über welche Gaben sie verfügte, konnte man bestenfalls erahnen. »Aber ich bezweifle, dass sie dort auf uns wartet, damit wir sie töten.« Entaro nickte, um Isaé beizupflichten. »Unser Unterfangen wurde bisher nicht von allzu großem Erfolg gekrönt, Herr.«, murmelte Mirou, welcher augenscheinlich nur Augen für die Wunde hatte, denn sein Blick hatte sich auf eben jene Stelle gehaftet, als ob unter Ser Tarvains Kettenhemd ein Topf voller Gold auf ihn warten würde. Der rote Tod schüttelte den Kopf. »Fürwahr. Doch das bedeutet nicht, dass wir zaudern oder zögern werden. Wir sind zu einem einzigen Zweck in die Grenzlande gezogen. Und jedem Rückschlag zum Trotze haben wir dennoch Erfolge zu verbuchen.« Entaro kräuselte die Lippen. Der einzige Erfolg, den sie bisher zu verzeichnen hatten, war nicht gestorben zu sein. Der Drache hatte die Düsterlinge vernichtet, der Schinder hatte Ardeth getötet, und diese Hexenjägerin hatte den Schinder erwischt. Sie waren mit fünfzig Mann ausgeritten und hatten schon so viele Verluste zu beklagen, dass die gestandenen Recken Marçiens nur wie Statisten wirkten und ihrem Ruf in keiner Weise gerecht wurden. Doch Entaro behielt diese Gedanken für sich. Solche Worte würden nur Zwietracht sähen und Unmut schüren. Stattdessen legte er seine Stirn in Falten und verlagerte sein Gewicht vom rechten auf das linke Bein. »Frau Isaé hat Recht, Heerführer.«, lenkte Entaro schließlich ein. »Diese Hera ist unberechenbar. Wir dürfen nicht denselben Fehler machen, der uns gegen Ardeth unterlaufen ist. Wir müssen den Ort des Geschehens bestimmen. Nicht sie.« Ser Tarvain nickte nun ebenfalls. »Nach nichts anderem stand mir der Sinn, Ser Adun.« Entaro seufzte. Wenn Tarvain sich eine Sache in den Kopf gesetzt hatte, konnten keine Worte dieser Welt ihn mehr davon abbringen. Einzig und allein der Umstand, dass er ein guter Heerführer war, der nicht blindlings in den Kampf zog, ließ Entaro nicht völlig resignieren.
So war es seit jeher gewesen. Damals, in den Tagen als Entaro und Tarvain gemeinsam gegen die Kalather gekämpft hatten. Tarvain war stehts der ungestüme gewesen. Der, der den Kampf gesucht hatte. Der, der den Ruhm geerntet hatte. Derjenige, der den Ruhm verdient hatte. Und nun stand dieser Mann, halbtot, vor ihm und hatte nichts anderes im Sinn, als seinen Weg unbeirrt fortzuführen. »Ich stehe an eurer Seite. Ser Tarvain.« Entaros Ehrgefühl lag im Zwiespalt mit sich selbst. Doch hatte er einen Vertrag unterschrieben. Dies war mehr als nur ein gegebenes Versprechen oder ein geschworenes Wort. Es war bindend. Und Entaro war der Letzte in diesen Grenzlanden, der sein Wort brechen würde.
Das Gespräch über den Turm und Hera war nicht ungehört geblieben. Ser Rodan und ein zweiter Hexenjäger, welcher vermutlich das Vertauen des Anführers der Zwölf genoss, trat an Ser Tarvain, Entaro und Isaé heran. »Habe ich mich verhört?«, flötete Rodan und lenkte so die Aufmerksamkeit auf sich. Ser Tarvain verzog seinen Mundwinkel zu einer grimmigen Grimasse und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das habt ihr, Rodan!«, antwortete der Heerführer und legte dann den Kopf ein wenig zur Seite, um Rodan in Augenschein zu nehmen. Der Angesprochene verschränkte nun seinerseits ebenfalls die Arme vor der Brust. »Hera die gottverdammte Hure.«, Er spuckte auf den Boden, was man sowohl als verächtliche Geste als auch als abwehrendes Schutzzeichen verstehen konnte. »Vielleicht ist es euch nicht bewusst, werte Herren. Aber auf dieses Luder ist ein unglaublich hohes Kopfgeld ausgesetzt.« Da lachte Tarvain bitter. »Wir sind nicht wegen dem Kopfgeld hier.« Da legte Rodan den Kopf schief. »Ach Nein?« Er lächelte dünn und räusperte sich. »Dann macht es euch vielleicht auch nichts aus, wenn wir euch weiterhin ein wenig begleiten?« Ser Tarvain verzog seine Mundwinkel doch antwortete nur mit einem zustimmenden Nicken. Sein Blick huschte zu Entaro, welcher die Finger seiner rechten Hand gespreizt hatte. Nur so, dass Tarvain es sehen konnte. Tarvain wandte sich wieder an Rodan und räusperte sich daraufhin. »Nun. Wenn ihr uns dabei nicht im Weg steht…« Da lachte Rodan. »Wir haben euch gegen den Schinder den Arsch gerettet. Schon vergessen?« Da verzog Ser Tarvain noch mürrischer die Mundwinkel. Als ob es ihm ein unermesslicher Dorn im Auge wäre von diesem Verräter gerettet worden zu sein und nun auch noch daran erinnert zu werden. »Mir kam zu Ohren, ihr erwartet eine Belohnung?« Da löste Rodan die Verschränkung seiner Arme und lächelte. Es war kein diebisches oder hinterlistiges Lächeln. Eher eines der Sorte der Gewissheit. Er nickte und sah Ser Tarvain herausfordernd an. »So ist es. Ihr schuldet uns was, Ser Tarvain dé Marçien.« Der rote Tod schwieg. Er schwieg sehr lange. Entaro konnte förmlich fühlen, wie es den Mann alle Kraft kostete seinen Ärger und auch die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, zu unterdrücken. Schließlich schluckte Ser Tarvain die Worte ungesagt herunter und trat so nahe an den Anführer der Zwölf heran, dass sein Begleiter schon die Hände zum Schwertgriff zu führen begann. »Wenn Hera gefallen ist.«, begann Ser Tarvain und haftete seinen Blick auf die Hand des Mannes, welcher daraufhin innehielt und den Griff seines Schwertes wieder losließ. »Soll das Kopfgeld auf diese Hure euer Lohn sein. Ser Rodan.« Der rote Tod starrte den Angesprochenen mit einem solch scharfen Blick an, dass diesem das Grinsen im Gesicht erfror. Ser Rodan erwiderte den stummen Blick und man konnte sehen wie seine Kiefer bebten, als ob seine Zähne verwünschende Worte zermalmten. »So sei es…Ser Tarvain.«, antwortete Ser Rodan schließlich und wandte sich ab, um sich zurückzuziehen. Sein Begleiter warf noch einen letzten Blick auf den roten Tod doch auch er hielt dem zornigen Blick des Heerführers nicht lange stand und gesellte sich zu Ser Rodan zum Rückzug.
Als die Beiden sich schließlich entfernt hatten sah man, wie die beiden miteinander zu streiten begannen. »Was ist das denn für eine Bezahlung?«, murrte der Mann und Rodan legte ihm die Hand auf den Unterarm. »Keine.« Mehr sagte er nicht. Der Hexenjäger wandte seinen Blick über die Schulter und warf Ser Tarvain abermals einen flüchtigen, fast mürrischen Blick zu. »Wir sprechen nicht weiter darüber.«, entschied Ser Rodan und dann waren sie so weit weg, dass Entaro sich sichtlich entspannte. Denn auch er hatte die ganze Zeit über seine Hand am Griff des Schwertes gehalten.
Ser Tarvain atmete schwer aus. Es hatte ihn viel Willenskraft gekostet vor Rodan und dem Hexenjäger weder Schwäche noch Versehrtheit zu zeigen. Doch nun sackte der Heerführer sichtlich in sich zusammen. »Haltet sie im Auge. Sie sind verräterischer Abschaum und ich traue ihnen nicht einen Steinwurf weit.«, beschied Ser Tarvain und Entaro nickte. »Ich werde die Augen offen alten.« »Und ihr werdet euch jetzt hinlegen! Sonst werde ich streiken und euch beim nächsten Mal einfach verrecken lassen!«, schimpfte Mirou, als er sah, wie sich das Hemd unter Ser Tarvains Rüstung rötlich verfärbt hatte. Ser Tarvain lächelte müde, da er wusste, dass Mirou ihn selbst dann nicht aufgeben würde, wenn er längst auf die andere Seite gegangen wäre. Er würde seinem Heerführer auf die andere Seite folgen, nur um ihn zurückzuholen. Doch Tarvain war zu müde um sich zu streiten und nickte nur. »Wir werden morgen aufbrechen. Instruiert die Männer, Ser Adun.«
Entaro stand noch eine Weile gemeinsam mit Isaé, als alle anderen schon gegangen waren. »Dieser Befehl.«, begann Entaro. »Es ist nicht nötig den Männern diesen Befehl zu übermitteln.« Isaé sah ihn daraufhin fragend an. »Willst du Tarvains Befehl missachten?«, hakte sie nach und Entaro schüttelte den Kopf. »Mitnichten. Doch die Männer halten diese Hexenjäger bereits im Auge, seit wir ihnen begegnet sind. Niemand traut ihnen. Es ist die uralte Feindschaft. Der Argwohn. Und das Misstrauen. Wenn auch nur einer dieser Hexenjäger sein Schwert ziehen würde…« Entaro seufzte und warf dabei einen Blick auf ein paar Akadier, die am Feuer saßen und sich einen Humpen Glutbier teilten. »Sie würden über sie herfallen wie ein Schwarm Hornissen. Und niemand, weder Ser Tarvain, noch ich, könnten sie davon abhalten.«
Entaro hatte sich, nachdem auch Isaé von dannen gezogen war, zurückgezogen. Er hatte sein Nachtlager etwas abseits von den anderen aufgeschlagen. Noch hatte er sich nicht zur Ruhe gelegt und stand nachdenklich am Rand des Lagers. Es lag ein seltsames Gefühl in der Luft. Wenn man den Atem anhielt und die Augen schloss, konnte man es noch fühlen. Dieses Vibrieren in der Erde. Der seltsame Schleier, aus welchem Hera herausgetreten war um Istred zu retten. Dieser Ort war voller fremder Macht. Und Entaro fühlte sie. Tief in sich. Er konnte sie nicht so fühlen wie Isaé das Flüstern vernehmen konnte. Doch er wusste, dass hier, an diesem Ort, etwas war, was nicht von dieser Welt war. Er ließ seine Blicke über das Lager schweifen und schien in Gedanken versunken. Er sah die Akadier, welche Glutbier tranken, ihre Waffen schärften, Würfel warfen, oder Wache schoben. Er sah einige der Hexenjäger, welche ihren Dingen nachgingen. Sie pflegten ihre Ausrüstung, lachten über unflätige Zoten ihrer Kameraden oder polierten ihre Schutzsiegel. Und dann war da Kalwen. Kalwen von Niefurt. Entaro starrte den Hexenjäger eine Weile lang an und beobachtete ihn. Irgendwann schien Kalwen bemerkt zu haben, dass Entaro ihn anstarrte und hob den Kopf. Als die Blicke der Männer sich kreuzten, schien es, als ob die Zeit sich verlangsamte. Die Geräusche wurden dumpfer und entrückter. Entaro starrte den Mann an, als würde er einfach durch ihn hindurchsehen. Kalwen hingegen starrte Entaro mit einem wissenden Blick an. Er wusste etwas, das Entaro nicht wusste. Und dann begann Kalwen zu lächeln. Entaros Blick verklärte sich und er runzelte die Stirn.
Schritte näherten sich dem Bernsteinritter. Schwere Schritte auf dem weichen Boden, der unter jedem Schritt ein wenig nachgab. »Ihr seid ein Bernsteinritter.« Entaro wandte den Blick von Kalwen ab und widmete sich dem Mann, welcher ihn angesprochen hatte. Es war einer der Hexenjäger der Zwölf. Entaro musterte den Mann schweigend. »Woran seht ihr das?«, erkundigte sich Entaro schließlich und der Mann deutete lächelnd auf Entaros Schwert. Entaros Blick huschte über das Schwert an seinem Gürtel und er lächelte nun ebenfalls. »Ich bin erst einmal einem eures Ordens begegnet.« Entaro horchte sichtlich auf und sein mürrischer, abweisender Blick hellte sich leicht auf. »Ach, ist dem so?« Der Hexenjäger nickte. »Er war ein Narr.« Entaro sah den Mann schweigend an und legte den Kopf schief. »War?« Entaro wusste es bereits, bevor der Hexenjäger es ausgesprochen hatte. Der Mann war gestorben. Vermutlich an Übermut oder das Schicksal hatte andere Pläne für ihn gehabt und er war ihnen nicht gefolgt. Der Hexenjäger nickte und tippte sich an die Schläfe. »Kalath hat ihn verschlungen.« Entaro nickte verstehend. In gewisser Weise keimte in ihm ein gewisses Bedauern über den Verlust eines ihm unbekannten Bruders auf. Doch seine Zeit in den gefallenen Reichen hatte ihn gelehrt, dass dieses Land an jeder Ecke Gefahren für einen bereithielt. Jeder unbedachte Schritt, jede unachtsame Handlung. Alles hatte Konsequenzen. Entaro hatte schon zu viel in diesem Land erlebt und dennoch stand er heute hier. Er lag nicht unter der Erde. Selbst den Kampf gegen den Schinder hatte er überlebt. Das Schicksal war ihm hold, wie es schien. Auch wenn sich dieses stets auf sehr wunderliche Weise offenbarte. »Ich habe euch kämpfen gesehen. Gegen den Schinder.«, führte der Hexenjäger schließlich fort und Entaro dachte unweigerlich an diesen zermürbenden Kampf. Entaro stellte sich vor, was für eine unrühmliche Figur er dabei gemacht haben musste, wie er, ein Bernsteinritter, derart vorgeführt worden war. Als der Hexenjäger nichts weiter sagte, räusperte sich Entaro und sah den Mann fragend an. »So wie jeder der hier Anwesenden.« Der Hexenjäger lachte. »Gewiss. Aber ich bezweifle, dass die meisten, der hier anwesenden, ihm so lange standgehalten hätten wie ihr.« Entaro musterte den Mann. Er war anders, als die anderen Hexenjäger. Eine gewisse Neugier erwachte in Entaro. Wer war dieser Mann? »Wie ist euer Name?«, erkundigte sich Entaro schließlich und er hob seine Hand, um sie Entaro entgegen zu halten. »Arn.« Entaro erwiderte den Handschlag und nickte. Doch als er mehr über Arn erfahren wollte, räusperte sich dieser und entfernte sich wieder von Entaro. »Wir sehen uns.« Er spreizte Zeigefinger und Mittelfinger aus und führte diese zuerst zu seinen eigenen Augen und anschließend richtete er sie auf Entaro.
Der Bernsteinritter stand noch eine Weile da und sah dem Mann nach, aus dessen Motiven er nicht sonderlich schlau werden wollte. Letzten Endes seufzte Entaro abermals und er konnte gar nicht mehr sagen wie oft er an diesem Tag schon geseufzt hatte. Doch das umtriebige Gefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte, war nach wie vor nicht abgeklungen. Es kroch ihm in die Glieder und in sein Blut und in seinen Kopf. Es war ein Gefühl, als ob er sich an einem Ort voller Eisen befand und von diesem unweigerlich angezogen wurde. Und so gab er diesem Zug schließlich nach. Ohne weiter darüber nachzudenken ließ er sich einfach von dem Gefühl leiten. Er setzte einen Fuß vor den anderen und folgte dem Gefühl. Mit jedem Schritt, den er tag, wurde das Gefühl klarer. Und mit jedem Schritt den er tat, wurde ihm bewusst, was dies für ein Gefühl war, welches ihn erfasst hatte. Es war das uralte und unzertrennliche Band, an welches sein Leben gebunden worden war. Entaro seufzte, zum ungezählten Male und legte seine Hand auf den Griff seines Schwertes, während er die Lichtung verließ und ins Unterholz trat.
Entaro hob einige Äste, welche sich ihm in den Weg gestellt hatten und schob sie beiseite. »Wo warst du?«, murmelte er und das Gefühl in ihm wurde unruhig. Fast ungeduldig. Entaro erwiderte nichts und setzte seinen Weg schweigend und stoisch fort. »Ich muss wieder zurück…«, murmelte er doch der Drang sich in die falsche Richtung zu bewegen war stärker. Die Geräusche des Waldes wurden nach und nach von einem Rauschen verdrängt. Es war das Rauschen eines Flusses, welcher die Grenzlande in zwei Teile teilte. Entaro wusste von diesem Fluss. Viele Schlachten sind hier geschlagen worden. Zwischen Akadiern und Kalathern. Zwischen Ariadern und Kalathern. Und zwischen Akadiern und Ariadern. Dieser Fluss hatte in all der Zeit in der er schon existierte so unglaublich viel Blut getrunken, dass er eigentlich rotes Wasser führen müsste. Doch das Wasser war einfach nur Wasser. Braun, von aufgewühltem Schlamm und Erde. Klar und salzig. Entaro hielt inne. Das Tosen des Flusses lag noch in weiter Ferne. Doch dem Tosen hatte sich etwas anderes beigemischt. Ein Grollen. Etwas, das nicht vom Fluss stammte. Entaro blieb schließlich stehen und hob seinen Kopf. Zwischen den Baumkronen des Waldes und den unzähligen Ästen, welche in seinem Blickfeld hingen, konnte er den wolkenverhangenen Himmel sehen. Doch seine Aufmerksamkeit wurde von einem Hang erregt. Eine Art Gefälle, mitten im Wald. Aus der Erde erhob sich eine steile, karge Steinwand. Und oben auf diesem Gefälle saß ein schwarzes, altes Wesen mit glühenden Augen. »Ich sehe dich.« murmelte Entaro und lächelte dabei. Das Grollen des Untieres schwoll etwas an und es klang beinahe wie ein uraltes, unterdrücktes Lachen.
Einige Zeit später kehrte Entaro wieder zu jener Lichtung zurück, auf welcher er gegen Istred um Leben und Tod gefochten hatte. Jene Lichtung, auf welcher nun der Tross der Akadier, sowie die Hexenjäger der Zwölf ihr notdürftiges Lager aufgeschlagen hatten. Entaro näherte sich Ser Tarvain und Vicar, welche nahe des Randes der Lichtung zu warten schienen. Entaro näherte sich mit stoischen Schritten und musterte den Heerführer mit eingehenden Blicken. Er sah nicht gut aus. Doch gemessen daran, dass die Wunde, welche ihm zugefügt worden war, beträchtlich schwerer gewesen war als jene, welche Entaro erst vor einiger Zeit erlitten hatte, schlug er sich wacker. »Ah, Ser Adun.«, rief Vicar. Der Krieger trug ein schweres Kettenhemd, welches ihm bis über die Knie reichte. Unter dem Arm trug er seinen Vendelhelm, was ihn unverwechselbar als einen Breschenbrecher auswies. Diese Männer waren unglaublich zähe Kämpfer und Entaro nickte ihm zu. Mit dem roten Tod auf eine Expedition zu gehen war für Männer wie Vicar eine unglaubliche Ehre. Vermutlich neideten manche seiner Kameraden, dass ausgerechnet er ausgewählt worden war. Doch vermutlich war er nur dabei, da Ser Tarvains Gesundheit angeschlagen war. »Vicar...«, antwortete Entaro und hielt daraufhin inne, da ihm bewusst geworden war, dass er nicht einmal seinen Nachnamen wusste. Entaro überspielte diese Unwissenheit, indem er ihm einfach die Hand zum Gruße reichte. Vicar schlug nicht einfach nur ein, sondern umfasste Entaros Unterarm. Entaro sah sich suchend um, doch von Isaé sah er nicht die geringste Spur. »Wo ist Frau Isaé?«, erkundigte er sich und Ser Tarvain lächelte matt. »Dort.« Er deutete in eine Richtung hinter Entaro und als dieser sich schließlich umwandte, erkannte er die junge Hexenjägerin, welche sich ihnen mit gemächlichen Schritten näherte. »Nun, da wir alle hier sind, können wir ja aufbrechen.«, entschied Ser Tarvain und klatschte daraufhin in die Hände, als wäre dies das Zeichen des Aufbruchs. Vicar setzte sich seinen Helm auf und die Halsberge aus Kettenhemd fiel ihm über Hals und Schulter. Von dem Mann sah man nun nicht mehr als seine grünen Augen, welche unheilvoll aus den beschlagenen Augenhöhlen des Helms heraus blitzen. Wenn Vicar zuvor noch irgendwie freundlich oder menschlich gewirkt hatte, so hatte der Helm ihn nun vollends entfremdet. Der Breschenbrecher wirkte nun wie ein Mann aus Stahl und Eisen und sein ruhiger Atem trat geräuschvoll aus dem Helm hervor. Er war bereit. Entaro zuckte mit den Schultern. Er hatte keinen Helm. Auch wenn es, in manchen Situationen, ratsam wäre einen zu tragen. Doch der Schutz, den der Helm bot, schränkte dafür die Sicht und auch die Bewegungsfreiheit ein.
Und so brachen die Vier schließlich auf. Entaro räusperte sich, als sie das Gehölz des Waldes betraten. »Mit Verlaub, Ser Tarvain.« Der Heerführer richtete seine forschen Blicke auf den Bernsteinritter. »Wir wissen nicht viel über unsere Feinde. Und wir wissen auch nicht wo sich dieser ominöse Turm befindet.« Isaé hielt bereits ihr Flüsterholz in der Hand und ließ sich von diesem leiten. Entaro warf ihr einen prüfenden Blick zu doch da er ohnehin nicht viel von diesen Dingen verstand, widmete er sich wieder Ser Tarvain. »Ich möchte weder respektlos noch belehrend sein. Doch unsere letzte Begegnung mit Ardeth. Ihr wisst, in den Sümpfen. Endete nicht sehr erbaulich. Wenn sich die Gelegenheit bietet den Schinder zu stellen, werde ich mich ihm stellen. Doch ihr solltet euch nicht in unnötige Gefahr begeben.« Ser Tarvain lächelte müde und legte Entaro seine Hand auf die Schulter. »Ich danke euch, für eure besonnenen Worte, Ser Adun.« Er schlug die Augen nieder und lächelte dann verschmitzt. »Aber dieses Mal werden wir diejenigen sein, die im Vorteil sind.« Entaro runzelte die Stirn. »Was lässt euch das glauben, Ser Tarvain?« Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, dass sie vier, wovon einer auch noch verletzt war, wirklich Herr der Lage sein würden. An einem unbekannten Ort. Und ohne Kenntnis, ob Hera oder Istred über Gefolge verfügten. Tarvain lächelte und ein leises Brummen entkam seiner Kehle, als er Entaros Frage unbeantwortet ließ. »Es ist nicht das Wissen über den unbekannten Feind.« Er deutete in die unbekannte Wildnis vor ihnen. »Es ist die Gewissheit, dass jeder Mann des Trosses bereit sind entfesselt zu werden. Wie die Hunde des Krieges.« Entaro seufzte und ließ seine Blicke durch die Wälder streifen, welche mit jedem Schritt, den sie tage, dunkler und abweisender auf ihre Gegenwart wirkten. »Möge Daerean uns beistehen.«, antwortete Vicar und seine Stimme hallte seltsam unmenschlich aus seinem Helm hervor. Entaro nickte und legte dann seine Hand auf den Bernstein seines Schwertes. »Möge Daerean uns beistehen...« »...und die dutzenden Armbrustbolzen des Trosses.« Tarvain grinste und schlug einen Ast beiseite, welcher ihm im Weg war. Entaro warf Isaé einen fragenden Blick zu. »Hast du schon eine Spur?«, erkundigte er sich und Isaé schüttelte den Kopf. »Es ist alles sehr undeutlich. Wir müssen näher heran.« Näher heran? Woran? Sie wussten ja nicht einmal in welche Richtung sie gehen mussten.
Die Zeit verging und das Unterholz wurde immer unwegsamer. Entaro konnte nicht sagen, wie lange sie bereits unterwegs waren, doch aufgrund der Beschaffenheit des Bodens, konnten sie noch nicht sehr weit gekommen sein. In unwegsamen Gelände musste man viele Haken schlagen und viele Hürden überwinden. Doch so langsam bemerkte Entaro eine Veränderung im Wald. Mit jedem Schritt den er tat, wuchs das unbestimmte Gefühl, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. »Wir nähern uns.«, sagte Isaé und wirkte dabei sehr konzentriert. Ihre Augen hatten sich seltsam verändert. Ebenso wie beim letzten Mal, als Entaro bemerkt hatte, dass sich ihre Pupillen seltsam veränderten, wenn sie das Flüstern des Holzes vernahm. »Was spricht das Flüsterholz?«, verlangte Ser Tarvain zu erfahren. Vicar trat an Isaé heran und warf einen prüfenden Blick auf die Pfeife. Doch er konnte weder etwas verstehen, noch das Summen und Flüstern vernehmen, welches davon ausging. Für ihn war es nur eine alte Pfeife. »Flüsterhorcher...« Der Klang seiner Stimme war nicht ehrfürchtig. Und auch nicht respektvoll. Durch den Helm klang seine Stimme drohend und blechern. Seine Worte waren anklagend und nüchtern zugleich.
Der Boden um sie herum war in Nebel gehüllt. Jeder Schritt, den sie taten, wirbelte etwas davon auf. Die Sicht war eingeschränkt und die Luft war feucht und roch modrig. Nach altem Holz, Moor und Fäulnis. Vor ihnen ragten alte, knorrige Bäume empor und der Nebel umspielte diese, als würden die Bäume einen dünnen Schleier aus Nebel und Schwaden tragen. Doch dann schälte sich vor Entaro etwas aus dem Dickicht. Ein drohender, alter Zahn, der aus der Erde empor ragte. Es schien beinahe, als ob die Bäume zur Seite gewichen wären, um ihnen den Blick auf diesen drohenden Dorn zu offenbaren. »Der Turm...«, stellte Entaro fest, noch bevor Isaé etwas sagten konnte.
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