Ardeth, die schwarze Hand ❖
11.10.2025 '22:00 [4.068 Wörter]
 saé hatte sich nach der Unterhaltung mit Ser Tarvain auf die große, mächtige Wurzel eines noch mächtigeren Baumes gesetzt, die sich über den Boden zog. Sie hatte sich wie eine riesige Schlange aus der Erde gewunden, verdreht, zerfurcht und moosbewachsen. Diese Wurzel war wie eine Ader der Erde Kalaths. Als wäre der Baum selbst Teil jenes alten Fluches, von dem man sagte, er durchdringe dieses Land. Langsam, beständig, und ohne je zu ruhen. Allein sie war schon so breit und dick wie ein gewöhnlicher Baum in gewöhnlichen Landen. Doch die Grenzlande, und mit ihnen das verfluchte Reich Kalath, waren alles andere als gewöhnlich. Das Holz war dunkel, feucht vom nächtlichen Nebel, der in dünnen Schwaden über den Boden zog. Unter ihren Fingern fühlte es sich warm an, beinahe lebendig, als würde tief darunter etwas atmen. Isaé lehnte sich zurück, und für einen Augenblick glaubte sie, einen Herzschlag zu vernehmen, der nicht ihr eigener war. Über ihr hing die kühle feuchte Luft schwer und still. Kein Wind regte sich, kein Blatt. Und doch war da dieses Flüstern, das aus der Erde zu kommen schien, und doch nur in ihrer Fantasie existierte. Isaé hing ihren Gedanken nach. Sie dachte an Ser Tarvains Worte. Er hatte ihr erklärt, dass er sie einerseits nicht töten würde, wenn Kalwen sich noch einen Fehltritt leistete. Denn er brauchte sie. Was für Isaé allerdings nicht bedeutete, dass er sie nicht erst dann richten würde, wenn das Unterfangen erledigt war, sie ihre Pflicht erfüllt und er für sie keine Verwendung mehr hatte. Doch dann sagte er etwas, was sie nicht erwartet hatte. "Ich glaube, Ser Adun würde mir euren Tod niemals verzeihen, und so sehr ich euch brauche, ihn brauche ich noch viel mehr." Das hatte Isaé wütend gemacht. Denn er wirkte so abgeklärt. Als wären sie keine Menschen, sondern nur Spielfiguren, die er auf einem Spielbrett platzieren und hin und herschieben konnte, wie es ihm beliebte. Und da hatte sie spitz zu ihm gesagt "Nicht ihn, nur seinen Drachen…" Und so sehr sie sich wünschte, dass dieses Unterfangen erfolgreich enden würde, weil sie dann den versprochenen Lohn bekämen, den Isaé so dringend brauchte, und weil sie sehr an ihrem Leben und ihrer Unversehrtheit hing, so gab es in ihrem Inneren auch einen kleinen Teil, der sich wünschte, dass Ser Tarvain einen ordentlichen Denkzettel bekam. Nicht verschuldet von Entaro, oder von ihr, und bei den Toten, schon gar nicht von Kalwen von Niefurt. Vielleicht von einer höheren Macht, die den arroganten Ser Tarvain zurück auf den Boden der Realität zurückholte. Isaé blickte in den dunklen Wald hinüber, dorthin, wohin Entaro vorhin gegangen war. Hatte sie Entaro verärgert? Noch immer hing seine Frage in ihrem Kopf. "Warum hast du das getan?" Und Isaé hatte die Schultern gezuckt und ihm geantwortet. "Weil ich Mitleid mit ihm hatte. Seine letzten Worte waren 'Es tut mir leid' und ich glaube ihm. Es war ein Bauchgefühl. Ich kann das nicht mit Worten erklären." "Du kennst ihn doch kaum. Er hat bewiesen, dass er weder vertrauenswürdig noch nützlich ist. Er wird wie ein Joch an deinem Hals hängen, bis er dich mit in den Tod ziehen wird. Und das werde ich nicht zulassen." Isaé sagte ihm "Ich weiß, was du sagen willst, Entaro. Und du hast recht. Aber es wurde schon genug Blut vergossen heute Nacht." Entaro hatte einen Gesichtsausdruck, den Isaé selten, bis nie an ihm gesehen hatte. Eine mürrische, fast gereizte Miene. Und diese entlud sich in Worte die er an Kalwen richtete, der immer noch am Boden gekniet hatte. Seine Stimme war ruhig, aber kalt wie Eis. "Ein Fehltritt. Ein falsches Wort. Eine unüberlegte Entscheidung. Und es wird mein Schwert sein, das dich richten wird, Kalwen von Niefurt." Niemand hatte danach gesprochen. Isaé stand reglos da, ihre Arme um sich selbst geschlungen, und mochte vielleicht sogar einen armseligen Anblick bieten. Ihr Gesicht war von getrocknetem Blut besudelt, ein paar Haarsträhnen standen steif von getrocknetem Blut ein wenig über dem restlichen Schopf. Und über all dem lagen Entaros unheilschwangere Worte. Sie hatte ihn lange angeblickt, schweigend, auf der Suche nach irgendwelchen Worten. Aber sie hatte keine gefunden. Er erwiderte ihren Blick, undeutbar, und war dann gegangen. Üblicherweise waren solche Worte nichts, was einen zum Grübeln bringen würde. Aber Isaé brachten sie zum Grübeln. Steckte hinter seinen Worten mehr, als sie ausdrückten?
Der Trupp hatte sich zur Ruhe begeben. Nur ein paar Männer saßen um ein Feuer, sprachen leise miteinander, vermutlich über die Geschehnisse des Abends. Kalwen trat leise aus dem Schatten. Er wirkte, als hätte diese Geschehnisse ihn verändert, soweit man das sagen konnte, oder vielmehr daran gemessen, wie man ihn kennengelernt hatte. Leise, wie ein geprügelter Hund kam er an, mit verschränkten Armen, unsicher, ob er näherkommen durfte. Er deutete auf die Baumwurzel, auf der die Hexenjägerin saß. "Darf ich?" fragte er knapp und Isaé nickte. „Du bist die Einzige, die noch mit mir spricht,“ sagte er schließlich „Die anderen schauen, als hätte ich sie schon verraten, bevor ich’s getan hab.“ Isaé hob den Blick, sagte erst nichts. Als würde sie ihn Lügen strafen, weil auch sie keine Worte an ihn richtete. Was eher der Tatsache geschuldet war, dass sie nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte. Erst jetzt setzte er sich neben sie auf diese dicke, riesige Baumwurzel und sprach weiter „Ich weiß ja, warum sie’s tun. Vielleicht hätt ich’s an ihrer Stelle genauso gemacht.“ Er lachte kurz auf, aber es war kein wirkliches Lachen. Es war wie ein Ton bevor man weinte, oder wehklagte. „Aber du… du hättest mich nicht müssen retten. Ich hätts verstanden, wenn du einfach weggesehen hättest.“ Isaé sah ihn lange an, dann sagte sie ruhig: „Ich denke nicht, dass ich dich gerettet habe, Kalwen. Ich hab nur verhindert, dass noch mehr Blut fließt.“ Er nickte. Ein leises, bitteres Nicken. „Mag sein,“ murmelte er, „aber du bist die Einzige, die mir noch wie einem Menschen begegnet.“ "Ich versuche immer, den Menschen freundlich zu begegnen, auch wenn sie sich mitunter wie Vollidioten benehmen…" Sie legte den Kopf schief und grinste ihn herausfordernd an. "Nimm es mir nicht übel, Kalwen, aber du hast es ihnen wirklich leicht gemacht, dich zu hassen. Dein selbstgefälliges Benehmen war geradezu eine Einladung dazu. Ich meine, es ist offensichtlich, dass du, und bitte versteh das ja nicht falsch…" hob sie abwehrend die Hände "… ganz genau weißt, dass du ein ziemlich gutaussehender Kerl bist. Und sicherlich gibt es eine Menge Frauen, die auf solch hohles Gewäsch reinfallen und sich davon einwickeln lassen. Oder die sich denken 'Lass ihn labern, hauptsache er teilt das Lager mit mir…' Aber in einem Tross von Männern, mit nur einer Frau, ist ein solches Gehabe wirklich deplatziert. Oder wolltest du Amaury wirklich angraben?" Jetzt musste sie kichern, und auch Kalwen schien sich zu entspannen, und verzog die Mundwinkel zu einem leichten Grinsen. "Nun ja, er ist ja auch ein ziemlich gutaussehender Teufel. Aber trotzdem nicht mein Geschmack. Ich bin da doch eher dem weiblichen Geschlecht zugetan, um ehrlich zu sein." Er kratzte sich am Kinn. "Und du warst ehrlich nicht beeindruckt von mir, Isaé?" Der Schalk blitzte ihm aus den Augen und sie lachte, während sie den Kopf schüttelte. Wenn sie sich ehrlich wahr, konnte sie in dem Moment auch nicht sagen, ob er ihren Scherz fortführte, oder ob er nicht doch seine Grenzen ausloten wollte. Und es war sicher nicht das Schlechteste, ihm dies nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen. "Bei allen guten Geistern, nein, Kalwen. So bin ich wirklich nicht. Ich hab es dir schon einmal gesagt, aber ich erinnere dich nochmal gerne. Mein Herz ist nicht zu haben." Er legte den Kopf schief und blickte sie herausfordernd an " Wer redet denn gleich vom Herzen? Dein Körper würde mir schon reichen, um die Nacht zu überstehen!" Isaé blickte ihn entgeistert an und da begann er zu lachen. "Du solltest dein Gesicht sehen! Entspann dich, Isaé, ich habe nicht vergessen, auf wem dein Auge ruht, weißt du? Sowas respektiere ich! Verzeih mir, wenn ich zu übergriffig war." Isaé errötete und schwieg. "Wobei er heute alles anderes als schweigsam war, wie ich vorhin feststellen musste!" setzte er nach. Isaé lächelte halbherzig. "Er versucht nur alles, um seinen Schwur zu halten. Wir haben wie gesagt versprochen, aufeinander achtzugeben, und die Aussicht, dass ich für dich bürge, schien ihm nicht zu behagen" "Oh, wie ein besitzergreifender Köter!" Isaé hob eine Augenbraue. "Wie ein Freund es tun würde." "Ein ganz schön eifersüchtiger Freund, wenn du mich fragst!" "Eifersüchtig? Schön wärs, denn das würde mich gewisse Rückschlüsse ziehen lassen, aber da bin ich mir nicht so sicher, ich glaube er wird immer nur eine Freundin in mir sehen und nicht mehr." "Wenn nicht, dann ist er ein Idiot. Ich wäre höchst erfreut, wenn eine so hübsche nette Frau an mir interessiert wäre. Und ich würde dem Kerl, der sich ihr gegenüber so benimmt wie ich, die Nase brechen!" Isaé kramte nach ihrer Pfeife und dem Pfeifenkraut. "Es mag vielleicht Menschen geben, die Eifersucht nicht kennen." Kalwen legte den Kopf schief. "Jeder Mensch hat einen wunden Punkt, man muss ihn nur kennen, oder finden." Sie stopfte sie und als sie damit fertig war, bot Kalwen sich an "Soll ich der Dame die Pfeife drüben anzünden gehen?" Isaé schüttelte den Kopf "Die Pfeife geb' ich nicht aus der Hand, sie ist mir viel zu kostbar. Und außerdem ist das nicht nötig." Sie holte ihre Dose mit dem Phosphorstäbchen hervor und entzündete damit die Pfeife unter Kalwens Augen, dem sie bei diesem Anblick beinahe hervorquollen." "Was ist das?" fragte er neugierig. "Alchemie, nichts weiter. Wenn das Ding verschwindet, weiß ich, wo ich suchen muss." Er hob abwehrend die Hände. "Ich bin kein Dieb, nur Hexenjäger!" "Und der Bessere von uns beiden, wie wir wissen, nicht?" Sie blies sanft den Rauch aus ihrem Mund. "Wie meinen?" fragte er. "Nun, auf meinem Kerbholz befinden sich ja nur vierzehn Kerben, während deines so gespickt ist, dass es als Kerbholz gar nicht mehr zu erkennen ist, nicht wahr? Von dir kann ich ja noch lernen, nicht wahr?" Kalwen grinste ertappt, als sie ihn rezitierte. "Nun, vielleicht waren es nicht so viele Hexen, dass ich ein neues Kerbholz bräuchte. Aber einige waren es schon. Du weißt sicher, dass viele Hexen keine sind. Ich töte keine alten Weiber, die nur ein bisschen Kräuterwerk und Brauchtum betreiben, was, wie wir wissen, keine Hexerei ist. Darf ich?" fragte er sie, als sie, und diesmal fühlte sie sich ertappt, die Pfeife aus dem Mund zog und sie einfach nur hielt, während der Rauch aus ihrem Mund waberte. Sie nickte, und Kalwen nahm ihr die Pfeife aus der Hand und zog daran. "Ich verurteile dich nicht dafür, Isaé. Es ist nun mal unser Tagewerk." Sie nickte. "Die Menschen sind so. Wenn sie sich ein Urteil gebildet haben, wollen sie Blut fließen sehen. Und wenns nicht der eine macht, machts ein anderer. Ich muss trotzdem essen. Wenn das Urteil erst einmal gefällt ist, gibt es kein Zurück." "Es gibt seltene Ausnahmen, zum Beispiel wenn man sich mit seinem Leben für jemand anderen verbürgt…" murmelte er und schickte den Rauch in die Luft während er die Pfeife zurück an Isaé reichte. Sie stieß ein leises Schnauben aus. "Verkacks nicht, wenn ich bitten darf, ich hänge sehr an meinem Leben. Es gibt noch einiges, das ich tun möchte, bevor ich eines Tages ins Gras beisse." "Ich tue mein Möglichstes. Ich hoffe aber auch, Ser Tarvain wird das genauso erkennen. Ich fürchte, er ist mir alles andere als wohlgesonnen und das wird sein Urteilsvermögen vielleicht ein wenig trüben." Isaé schnaubte "Ein komplizierter Mann. Ich verstehe sowieso nicht, wieso er dich unter Vertrag genommen hat. Er hatte von der ersten Minute an kein Vertrauen in dich." Kalwen hob die Augenbrauen. "Ach ja?" "Ja. Er fragte mich, was ich von dir halte." "Oh, jetzt bin ich aber gespannt!" "Nun, ich sagte ihm, dass ich nicht sicher bin, was ich dazu sagen soll denn ich kenne dich nicht. Ich sagte ihm aber auch, wenn du in der Lage bist, unsere Feinde zu Tode zu reden, dann bist du der richtige Mann." Kalwen lachte ehrlich auf und Isaé beugte sich leicht vor. "Unter uns, Hexenjäger. Du hast noch nie ein Flüsterholz in Händen gehabt, nicht wahr?" "Äh… Ich fürchte nicht." "Verstehe. Aber dann hör auf, Unsinn darüber zu verbreiten. Wie zum Beispiel, dass es sich verfärbt, oder schwarz wird, wenn Magier in seiner Nähe sind." "Nun… ich…" Isaé winkte ab. "Mir reicht zu wissen, dass ich dich richtig eingeschätzt habe. Und trotzdem hat Ser Tarvain dich in seine Dienste gestellt." "Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Welche Wahl hatte ich denn? Man hat mich im Moor aufgegriffen und unter Androhung von Waffengewalt mitgenommen. Im Lager hat man mir meine Waffen abgenommen und erst heute Abend habe ich sie zurückerhalten. Unter der Voraussetzung, ich solle förmlich wie ein Köder in ein feindliches Lager spazieren. Ich weiß nicht, was du gemacht hättest, und ich habe mich sicherlich nicht schlau angestellt. Doch vielleicht verstehst du, dass ich trotz Vertrages nicht sonderlich bemüht und motiviert war." Isaé nickte verstehend. Sie hob den Kopf, als sie Schritte in der Ferne hörte, die näher zu kommen schienen, und plötzlich schälten sich Entaro und Ser Tarvain aus den Schatten. Sie klopfte die Pfeife aus und blickte die beiden fragend an. "Frau Isaé. Wir sind bereit. Ich bitte euch, uns zu jener Stelle zu führen, an der ihr das Flüsterholz habt flüstern hören." "Jetzt?" fragte Isaé verwirrt. Es war mitten in der Nacht und eigentlich war sie müde. Sie wollte sich nun schlafen legen. "Ja, jetzt" erwiderte er mit fester Stimme. Wir werden zu dritt gehen. Ihr, Ser Adun und ich. Nur eines bleibt noch zu klären." Damit richtete er kurz seinen Blick auf Kalwen und dann wieder auf die Hexenjägerin. "Wollt ihr, nun, da ihr für ihn gebürgt habt, euer Pfand dabeihaben?" Isaé blitzte ihn scharf an. „Ich nehme ihn nicht mit,“ erwiderte sie kühl. „Ein Pfand führt man nicht spazieren, Ser Tarvain, man bewahrt es sicher auf.“ Ser Tarvain grinste, und eine gewisse Boshaftigkeit lag darin. "Wie ihr wollt, Frau Isaé. Dann bewahren wirs eben sicher auf. Wir brechen in wenigen Augenblicken auf."
Und so schritten die drei schweigsam auf dem Weg, auf dem Isaé vor wenigen Stunden ängstlich um ihr Leben gelaufen war. Der Wald lag still wie ein schlafendes Wesen da. Der mondbeschienene Weg fühlte sich wesentlich jetzt länger an, als zuvor, was natürlich kein Wunder war, schließlich war sie gerannt. Trotzdem hatte sie das Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein. Doch es dauerte nicht lange, und sie kamen an die Stelle, an dem unseligen Baum dessen tiefhängender Ast sich ihr beinahe ins Hirn gebohrt hatte. Von weitem schon konnte sie im Mondlicht den Spanngurt der Armbrust an dem Ast hängen sehen. Isaé hatte seit ihrem Aufbruch kein Wort mehr gesagt. Mit Entaro hatte sich kein Gespräch mehr ergeben, vor allem nicht, weil Ser Tarvain dabei war, und mit Letzterem wollte sie gar nicht reden, wenn es sich vermeiden ließ. Er mochte sie nicht, oder zumindest schätzte er sie nicht besonders hoch. Das merkte sie, und das zeigte er ihr ihrer Meinung nach auch in aller Deutlichkeit. Wenn er höflich war, dann sehr wahrscheinlich, weil er möglicherweise eine Unterredung mit Entaro hatte, oder weil er nun einmal ihre Hilfe brauchte und sie nicht allzu sehr verärgern wollte. Und trotzdem konnte er gewisse Spitzen nicht lassen, und dennoch war da dieser Vertrag, und er musste bis zum bitteren Ende erfüllt werden. "Da hinten ist die Stelle, die ich markiert habe" raunte Isaé, hob den Arm und deutete auf den Gürtel, mitten in den Weg auf dem tiefhängenden Ast hing. "Dort lag ich, dort habe ich das Flüsterholz gehört" flüsterte sie und schritt auf die Stelle zu. Sie griff nach dem Spanngürtel, holte ihn vom Ast, legte ihn sich um ihre Hüften und befestigte ihn wieder da wo er hingehörte. Erst jetzt holte sie ihre Pfeife aus der Tasche. Sie wandte sich an die beiden Männer. "Ich möchte euch bitten, ruhig zu sein. Ich muss mich konzentrieren und ich brauche Ruhe dabei. Wenn ich spreche, dann sind meine Worte nicht an euch gerichtet. Wenn ich mich nicht namentlich an euch wende, dann spreche ich mit dem Flüsterholz." Entaro und Tarvain nickten ruhig, und Isaé hob die Pfeife an ihr Ohr und schloss die Augen, während sie lauschte. Ein schwaches, kaum hörbares Flüstern drang von dem Holz an ihr Ohr. Oder in ihren Geist? Das hatte sie bisher noch ne so wirklich in Erfahrung bringen können. Fakt war, dass niemand das Flüstern hörte, selbst wenn er danebenstand. Es war also wirklich eine kuriose Sache, so ein Flüsterholz. Isaé murmelte beinahe tonlos. "Wo muss ich entlang?" fragte sie das Flüsterholz. Das Flüsterholz antwortete ihr. Es war wie ein kleines, orakelhaftes Wesen, obwohl es doch eigentlich nur ein Stück Holz war. Eine seltsame Sache. Das Flüstern war leise, so leise, dass selbst Isaé kaum ein Wort verstand. Das bedeutete, dass sie einfach weitergehen musste, und hoffen, dass sie in die richtige Richtung ging, denn das hieß, dass sie sich dem Ursprung der Magie näherte. Je näher die Magiequelle war, desto lauter wurde das Flüsterholz. Vom Flüstern zum Raunen, konnte man sagen. Langsam schritt sie immer tiefer in den dunklen Wald, bis die Baumkronen immer dichter wurden. Aber das Flüstern wurde lauter, und endlich verstand Isaé einzelne Worte. "Wer ist im Wald?" fragte Isaé das Flüsterholz leise, und das Flüsterholz antwortete. Dann wandte sich Isaé um. "Ser Tarvain. Ich habe das Flüsterholz gefragt, wer im Wald ist. Es nannte Ardeth, die schwarze Hand." Isaé wandte sich um und schritt weiter, den Kopf leicht geneigt, das Haar hinter das Ohr gestrichen, um besser hören zu können. Es dauerte nicht lange, und sie kamen an eine Weggabelung. "Welcher Weg ist der richtige?" hauchte Isaé. 'Der richtige Weg ist der rechte." "Meinst du rechts?" fragte Isaé nach. 'Der richtige Weg ist der rechte. Der linke Weg führt ins Verderben…' antwortete das Flüsterholz. Isaé runzelte irritiert ihre Stirn. "Welcher Weg führt zu Ardeth?" wiederholte Isaé ihre Frage, in der Hoffnung, eine präzisere Antwort zu erhalten. Denn sie durfte sich keine Fehler erlauben. 'Der linke Weg ist jener, der zu Ardeth führt' flüsterte die Pfeife. "Danke…" hauchte Isaé und beschritt den linken Weg. Sie blieb stehen "Warte… sind wir in Gefahr? Was ist mit dem Moor? Es hieß es gibt einen Weg, der vom befestigten Weg ab zu einem toten Baum führt. Aber ist das auch wahr?" fragte sie das Flüsterholz. 'Am Ende dieses Weges beginnt das Moor. Hab Acht vor den Irrlichtern. Sie zeigen euch keinen Weg. Sie führen euch in Versuchung.' "Aber wo ist jener markierte Weg, von welchem die Männer gesprochen haben?" 'Immer weiter, immer weiter… am Ende des Weges…' flüsterte das Holz. Nun gut, vielleicht sollte sie einfach ruhig sein und tun, was das Flüsterholz sprach. Und so folgten die drei dem Weg, bis sie nach einer ganzen Weile das Ende jenes Weges erreichten. Vor ihnen erstreckte sich das Moor auf einer weiten Fläche. Der Wald hatte sein Ende gefunden. Aber mitten im Moor stand ein gewaltiger Baum mit toten weitreichenden Ästen. Sein Stamm war gewaltig. Das Moor schimmerte und glänzte im Mondlicht, da wo das Licht sich in den Pfützen und in der Feuchte widerspiegelte. Isaé hielt die Pfeife vor sich. Es war nicht mehr nötig, sie ans Ohr zu halten. Die Pfeife flüsterte nicht mehr, sie raunte. Isaé stöhnte ängstlich auf. "Bist du sicher?" sagte sie leise. Dann wandte sie um und sprach zu Ser Tarvain und Entaro. Das Flüsterholz sagt, Ardeth ist nah,“ hauchte sie. „Das Holz spürt ihn.“ Isaé erstarrte, als das Flüsterholz weitersprach. 'Du stehst in seinem Schatten' "Was sagst du?" Isaé hob den Blick, die Pfeife zitterte in ihrer Hand. Doch es war nicht das Flüsterholz, sondern es war Isaés Angst, die ihre Hand zum Erbeben brachte. „Es sagt, er ist nicht weit. Und er weiß, dass wir hier sind.“ Ein Laut erhob sich, kaum mehr als ein dumpfer Schlag im Dunkel. Erst wie ein fernes Grollen, einem Donner gleich, dann tiefer, dumpfer, ein Schlag, der wie in der Erde pochte, langsam, gleichmäßig, wie ein ferner Herzschlag. Ser Tarvain spannte sich an, das Schwert halb gehoben.
„Was, in Daereans Namen, ist das?“ Isaé hob das Flüsterholz und lauschte. Eine Wolke schob sich vor den Mond, die moorige Lichtung verdunkelte sich. "Was geschieht hier?" fragte Isaé das Flüsterholz, und ihre Augen glitten angstvoll über das Moor, in den Himmel, wo sich die Wolken vor den Mond geschoben hatten, das konnte doch nur Zufall sein, oder? Isaé wandte sich erneut an Ser Tarvain. "Ser Tarvain. Das Flüsterholz sagte, Ardeth ist hier. Das Flüsterholz…" Die Hexenjägerin lauschte erneut und sprach gleichzeitig, was das Flüsterholz sagte "… zu spät… zu spät… er ist schon hier… zieht eure Waffen…" Das Donnern und das Pochen, das einem Herzschlag glich, war verschollen. Nun herrschte absolute Stille. Selbst das Flüsterholz schwieg in diesem Moment. Sie venahm nur ihren eigenen Atem, und das Knacken von Ästen, von irgendwo weit hinten. Isaé senkte das Flüsterholz, doch es raunte. „Da ist etwas,“ flüsterte Entaro. „Ich weiß,“ hauchte Isaé. Sie wusste auch, dass sie hier alleine auf sich gestellt waren. Sie drei. Es gab nun kein Zurück. Es war kein Vorspähen, um nachher mit dem gesaten Tross wieder zurück zu kommen. Sie waren mittendrin. Wie das Flüsterholz gesagt hatte. Zu spät, zu spät, er ist schon da… Ein Windstoß fuhr am Rande des Moores durch die Bäume, kein natürlicher. Einer, der aus einer Richtung kam, aus der keiner hätte kommen können. Zumal die Gegend ansonsten absolut windstill war. Der Windstoß trug den Geruch von etwas Unheimlichen. Kalt und beinahe modrig wie aus einem Grab. Ser Tarvain hob langsam und vorsichtig die Hand, bedeutete Stille. Doch da war längst keine Stille mehr. Etwas war im Wald. Zuerst hörten sie es nur. Kein Knacken, wie wenn jemand auf Äste trat. Und auch keine Schritt, sondern ein Laut wie glucksendes Lachen, wie ein heiseres Atmen. Dann ein Rascheln, nicht nah, nicht fern, sondern überall. Das Flüsterholz begann wieder zu murmeln, und es fühlte sich so an, als würde es in Isaés Kopf vibrieren, so laut erschien es ihr. Vor ihnen im Moor, keine zehn Schritte entfernt, kamen plötzlich Nebelschwaden auf. Sie tauchten enfach aus dem Moor auf. Wie von Zauberhand… Wie von einer schwarzen Hand… kam es Isaé in den Sinn. Nicht vom Wind, sondern von innen. Als ob das Moor begann, zu atmen.
Etwas im Nebel erhob sich. Eine Gestalt. Und wiederum keine Gestalt. Eine Form, menschlich, als wäre sie aus Schatten und Licht zugleich geschnitten. Die Wolken waren weitergezogen und das Mondlicht fiel wieder auf sie alle und auch auf die Gestalt, die sich aus dem Nebel erhoben hatte. Und für den Bruchteil eines Augenblicks sah Isaé ein Gesicht darin. Kein Gesicht aus Fleisch und Blut, ein Abdruck, als hätte jemand die Gestalt eines Menschen in Nebel gedrückt. Und dann ein schauerliches Flüstern. Doch es kam nicht aus dem Flüsterholz, sondern aus aus dem Nebel, von dieser schemenhaften Gestalt. Leise, eine brüchige, fast beruhigend, wenn alles um sie herum nicht so beunruhigend gewesen wäre. Die Stimme erhob sich. "Ich sehe euch. Ich sehe euch alle! Ja, ich sehe dich, Hexenjägerin Isaé Edera." Sie erschrak, als sie diese Stimme vernahm, die ihren Namen sagte und trat einige Schritte nach hinten, kam ins Stolpern als sie halb auf einen Stein trat, den sie in der Dunkelheit nicht hatte sehen können, stolperte gegen Entaro und strauchelte. Entaro hielt sie geistesgegenwärtig fest, bevor sie stürzte. Noch bevor sie etwas sagen konnte, was ihr in dieser Situation vermutlich ohnehin nicht in den Sinn gekommen wäre, erhob sich die Stimme erneut. "Oh ja, ich sehe auch dich, Drachenreiter Entaro Adun. Und ich sehe dich, Ser Tarvain dé Marçien." Der nebelhafte Schatten bewegte sich nicht, stattdessen fiel er in sich zusammen, bevor er sich endgültig auflöste, beinahe so, als würde er im Boden versickern. Und dann konnten sie eine wahrhaftige Gestalt erblicken, die da plötzlich stand. Und sie alle Drei alle wussten, die magischen Spielereien, die hier zweifelsohne stattgefunden hatten, waren vorbei. Vor ihnen in der Dunkelheit des Moores, beschienen vom hellen Mondlicht, stand Ardeth, die schwarze Hand. Das Flüsterholz knackte plötzlich in Isaés Hand, ein hauchdünner Riss zog sich durch die Maserung. Doch das konnte Isaé im Mondlicht nicht erkennen. Keiner sprach. Selbst Ser Tarvain hatte es die Sprache verschlagen. Sie standen am Rande des Moors, ihnen gegenüber stand Ardeth und starrte sie Drei herausfordernd an.
Lug und Trug ❖
16.10.2025 '21:29 [2.030 Wörter]
 llen Einwänden zum Trotz wollte Ser Tarvain noch heute die Lage sondieren und sich von Isaé zu jenem Ort führen lassen, an welchem das Flüsterholz zu ihr gesprochen hatte. Und nach einiger Zeit, die sie überwiegend schweigend verbracht hatten, erreichten sie schließlich einen Baum, an welchem Isaé ihren Spanngurt angebunden hatte. Ser Tarvain schien, ebenso wie auch Entaro, nun deutlich angespannter und zugleich auch neugieriger zu sein. Als ob sie erwarten würden, dass das Flüsterholz nun anfangen würde zu raunen und zu flüstern. Doch nichts dergleichen geschah. Aber was nun folgte, war sehr befremdlich und beinahe bizarr. Da stand Isaé, die Hexenjägerin, inmitten eines verlassenen Moores in den Grenzlanden. Und sie sprach mit sich selbst. Oder mit einem Stück Holz, dass sie sich an ihr Ohr hielt und dem sie Worte zuflüsterte. Je länger Entaro sie dabei beobachtete, wie sie versuchte mit dem Flüsterholz zu sprechen, desto mehr erweckte es den Eindruck, als ob hier eine Art alter, verlorener Magie am Werk war. Dies waren die seltsamen Dinge, auf die sich andere Menschen keinen Reim machen konnten. Und ehe man sichs versah, wurde man der Hexerei bezichtigt, obwohl man nur mit einem Stock gesprochen hat. Die Ironie an dem Ganzen war, dass Isaé selbst eine Hexenjägerin war, und sich in diesem Moment einer uralten Macht, welche dem Flüsterholz innewohnte, bediente, nur um eine andere Art von Macht aufzuspüren.
Und so irrten sie, Schritt um Schritt, durch das Moor, welches nur vom Mondschein erhellt wurde. Und mit jedem Schritt, den sie taten, drangen sie tiefer in den Wald vor. Und dadurch auch tiefer in das Moor. Entaro war sich längst nicht mehr sicher, ob sie noch auf sicheren Pfaden wandelten. Jeder folgende Schritt konnte ihr letzter sein, wenn sie ins Moor traten und darin versanken. Doch Isaé tat Schritt um Schritt, während sie ununterbrochen mit der Pfeife sprach. Für einen Moment zweifelte Entaro und fragte sich ob Isaé nicht vielleicht dem Feuermohnrausch anheimgefallen war. Doch da er die Dose mit ihren Vorräten unter Verwahrung hatte, war sich Entaro ziemlich sicher, dass dies kein Rausch war, in welchem Isaé sich befand. Eher noch war es eine Art Offenbarung. Wie bei einem Orakel?
Irgendwann hielt Isaé inne und wandte sich zu den beiden Rittern um. »Das Flüsterholz sagt, Ardeth ist nah. Das Holz spürt ihn.«, hauchte Isaé beinahe ehrfürchtig. Unweigerlich zogen die beiden Ritter ihre Schwerter und sahen sich suchend um. Doch konnte man, außer den wabernden Nebeln, die sich über dem Moor ausgebreitet hatten, nichts und niemanden erkennen. Aber da noch etwas. Der Nebel waberte und es legte sich ein kalter, feuchter Schauer über sie. Der Nebel kroch zwischen ihren Beinen umher und bald schon konnte man nicht mehr sagen, ob man noch festen Boden unter den Füßen hatte oder sumpfiges Moor. Entaro bemerkte seltsame Schemen im Nebel, welcher kontinuierlich auf etwas hinzuzufließen schien. Seine Augen richteten sich angestrengt auf das Zentrum des Geschehens, doch konnte er nichts erkennen. Doch aus dem Nichts wurde mehr. Langsam und stetig schien sich eine Gestalt aus dem Nebel zu erheben. Zunächst war es nur ein dunkler Schemen, welcher sich von dem hellen Nebel, der seine Füße umwaberte, deutlich abhob. Der Nebel trug eine seltsame Stimme an sie heran, welche ihnen in die Ohren und in den Geist kroch. Isaé stolperte zurück und Entaro hielt sie auf den Beinen. Er selbst starrte auf den Nebel und als die Stimme seinen Namen ausgesprochen hatte, fühlte er sich mit einem Mal ganz anders. Woher kannte diese Stimme seinen Namen? Und woher wusste sie von dem Drachen? Das waren Dinge, die Entaro nicht begreifen konnte. Konnte diese Gestalt Gedanken lesen? Entaro warf dem Nebel einen grimmigen Blick zu. Doch der Nebel hatte sich längst verzogen. Er war von der Gestalt abgefallen, wie eine Maske, oder ein Vorhang, der einfach fallen gelassen worden war. Zurück geblieben war nur eine dunkle Gestalt mit heller Haut, die da im Moor stand und sie anstarrte. »Ardeth., hauchte Ser Tarvain und trat einen Schritt hervor, um ihm entgegen zu treten. Doch Entaro hielt ihn davon ab. »Bleibt stehen.«, befahl der Drachenritter beinahe und Ser Tarvain sah ihn sowohl verwirrt als auch entrüstet an. Er war der Kommandant! Er erteilte die Befehle! Aber Entaro ließ sich nicht beirren. »Vor uns ist kein sicherer Pfad! Nur das Moor!«, raunte Entaro eindringlich und wie zum Hohn, begann die dunkle Gestalt, die da mitten im Moor stand, mit einem Mal zu grinsen. »Wir können ihn nicht erreichen?«, maulte Ser Tarvain fast beleidigt. So nah am Ziel und doch so unerreichbar fern. »Wir hätten ein paar Armbrustschützen mitnehmen sollen.« murmelte der Kommandant und Entaro lächelte bitter. »Immerhin kann er uns dann auch nicht erreichen, was auch immer er vorhat, es dient nur der Verwirrung.«, meinte Entaro und warf der dunklen Gestalt einen prüfenden Blick zu. Doch dieses Mal grinste er noch breiter. »Ihr irrt euch, Entaro Adun!« Der Mann hob seine Hand und richtete diese auf Entaro und die beiden anderen. Selbst in dem fahlen Licht konnte man erkennen, dass die Haut der Hand dunkel war. Fast schwarz. Und sich feine Linien von der Hand bis auf die Unterarme ausgebreitet hatten. Die Linien erinnerten an filigrane Adern, oder Risse in der Haut. Und als er die Hand auf sie gerichtet hielt, kam mit einem Mal Bewegung in den Nebel und die Bäume. Ein Wind kam auf und der Nebel verzog sich. Und wo zuvor noch Nebel gewabert hatte, starrten sie mit einem Mal dutzende, glimmende Kohlen an, die überall zu sein schienen. Auf dem moorigen Boden, in den Bäumen und hinter ihnen! Entaro riss das Schwert in die Höhe und wandte sich um. Doch der Schatten, welcher über ihn gekommen war, kreischte nur. »Düsterlinge!«, rief Ser Tarvain und hieb nach einigen von ihnen. »Wo kommen die jetzt auf einmal her?«, fragte Isaé doch die Antwort darauf schien sie längst zu wissen. »Von ihm!«, antwortete Entaro und deutete auf den dunklen Schemen, der da mit erhobener Hand im Moor stand. »Aber wie macht er das?«, fragte Entaro sich. »Niemand kann so viele von diesen teuflischen Ratten gleichzeitig kontrollieren!«, fluchte Ser Tarvain und zog einen Dolch aus dem Gürtel, welchen er kurz darauf auf Ardeths Gestalt schleuderte. Doch der Dolch traf sein Ziel nicht.
Nicht, dass Ser Tarvain sein Ziel verfehlt hätte. Aber der Dolch verschwand einfach in den Schatten, die den schemenhaften Mann umgaben. »Er ist nicht wirklich hier.« stellte Entaro fest. »Es ist nur eine Illusion? Oder ein Spiel aus Licht und Schatten.« Entaro legte Isaé die Hand auf die Schulter. »Was sagt dein Flüsterholz? Sollen wir uns zurückziehen? Oder können wir ihn irgendwie zur Strecke bringen?« Entaro hieb sein Schwert zwischen ein paar glühender Kohlen und als kurz darauf ein gellender Schrei ertönte, zuckte der Drachenreiter erschrocken zusammen. Die Düsterlinge waren wahrhaftig hier! Sie waren keine Illusion.
Und da begann das Chaos. Hexenjägerin, Drachenreiter und der rote Tod, hieben mit ihren Schwertern auf dutzende, schwarze Kreaturen ein, die zwischen Nebeln und Schatten umhersprangen. »Wir müssen uns zurückziehen.«, rief Entaro schließlich. »Es gibt keinen Weg durch das Moor!« Doch kaum hatte Entaro die Worte ausgesprochen, sprang ein Düsterling aus dem Nebel und landete direkt vor ihnen auf dem Boden. Der Nebel verflüchtigte sich, an jener Stelle, an der er gelandet war und offenbarte den festen Boden unter sich. Entaro starrte die Kreatur an, welche einen gellenden Schrei aussandte. Und noch bevor der Schrei sein Ende gefunden hatte, trieb Entaro auch schon die Klinge in die Kreatur hinein. »Dort ist der Pfad!«, rief er und deutete auf jene Stelle, an welcher soeben noch der Düsterling gehockt hatte. Ser Tarvain trat einen Schritt hervor und folgte dem schmalen Pfad. Doch der Nebel war allgegenwärtig und so kam er nicht sehr weit. Kaum ein halbes dutzend Schritte später verharrte der rote Tod, umgeben von Nebel, inmitten des Moores der Grenzlande. Gerade als Entaro ihm schon folgen wollte, da wandte sich der Kommandant zu Isaé und ihm um. Und auch wenn da noch Ser Tarvain stand, so war sein Blick kalt und leer.

Fast wie eine seelenlose Hülle, denn in seinen Augen begann ein kaltes, fast grünes Licht zu schimmern. Es war zunächst kaum sichtbar. Doch je länger man ihn ansah, desto klarer wurde das Licht. Bis Entaro schließlich sogar die winzigen, tanzenden Flammen erkennen konnte, die auf den Augen des roten Todes zu tanzen schienen. »Der Pfad ist hier.«, rief Ser Tarvain und winkte Isaé und Entaro zu sich. Doch Entaro hielt Isaé am Arm und schob sich zwischen sie und Ser Tarvain. »höre nicht auf ihn. Etwas stimmt hier nicht. Seine Augen! Siehst du dieses seltsame Licht?« Isaé nickte. »Irrlicht…«, murmelte sie und Entaro nickte. Doch Isaé deutete nicht auf Ser Tarvain, sondern auf Ardeth. Entaro wandte den Blick in eben jene Richtung, doch konnte Entaro nichts Ungewöhnliches feststellen. Jedenfalls, wenn man einmal davon absah, dass da ein Mann mitten im Moor stand und umgeben von Schatten, Nebeln, Irrlichtern und Düsterlingen trotz allem nicht im Moor zu versinken schien. Dies alles war schon seltsam und ungewöhnlich genug.
Entaro richtete seinen Blick wieder auf Ser Tarvain, welcher ihnen bedeutete, ihm zu folgen. Das seltsame Leuchten seiner Augen begann zu flackern und zu zucken. Entaro kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »Das ist doch nicht die Wirklichkeit?«, murmelte Entaro und rieb sich kurz darauf die Augen. und als er sie öffnete, waren die seltsamen Lichter aus den Augen Ser Tarvains veschwunden. »Folgt mir!«, befahl der akadische Ritter und trat weitere Schritte, tiefer in das Moor hinein. Immer weiter und weiter ging er, bis er Ardeth so nah gekommen war, dass er ihn hätte erschlagen können, wenn er einfach nur gesprungen wäre. Doch dann tat er noch einen Schritt. Einen verhängnisvollen Schritt.
Ser Tarvain geriet ins Wanken, denn der Boden unter seinen Füßen gab nach und er rutschte bis zum Knie in das Moor hinein. Entaro, welcher so lange gezögert hatte, Ser Tarvain ins Moor zu folgen, handelte instinktiv. Er sprang auf den gewundenen Pfad, folgte den kleinen Wurzeln und Baumstümpfen, die aus dem Nebel herausragten, und rannte auf Ser Tarvain hinzu. Immer wieder sprangen Düsterlinge auf ihn zu, doch er erschlug sie, oder zumindest vertrieb er sie so weit, dass sie immer außerhalb der Reichweite seines Schwertes blieben.
Als er schlussendlich Ser Tarvain erreicht hatte, und ihm die Hand reichte, um ihm aus dem Moor zu helfen, da erklang ein tiefes, hallendes und gehässiges Lachen. Entaro starrte auf den Mann, der vor ihm im Moor steckte, und als er seine Hand ergriff, da lachte die Stimme noch boshafter. Entaro zog, mit aller Kraft die er aufbringen konnte, um Ser Tarvain aus dem Moor zu helfen. Doch seine Bemühungen wurden von dutzenden, glühenden Augen beobachtet. Und immer wieder sprang eine dunkle Kreatur auf den Drachenreiter zu. Er schlug sie beiseite, versetzte ihnen Tritte. Doch die Angriffe waren nur vereinzelt. Als ob sie nur noch auf ein letztes Zeichen warten würden.
Und als Entaro Ser Tarvain endlich aus dem Moor gezogen hatte, da endete das frenetische Lachen. »Tötet sie!«, schrie die Stimme und mit einem Mal erhob sich eine schwarze Woge aus dem Nebel und dem sumpf des Moores. Wie eine Flutwelle, erhob sich ein schwarzer Schatten aus dem Nichts. Doch das war kein Schatten. Entaro erkannte dutzende Augen, messerscharfe Klauen und Zähne, und dutzende, flatternde Flügel. Und sie fegten über Entaro und Ser Tarvain hinweg, wie ein Sturm. Entaro riss die Augen auf als er erkannte, dass ein Großteil der Düsterlinge zum Ufer des Moores gepeitscht wurde. Genau zu jenem Punkt, an welchem Isaé stand. Sie starrte mit großen, geweiteten Augen auf das Moor. Die Irrlichter, welche ihren Geist umnebelt zu haben schienen, verschwanden und alles was sie jetzt noch sehen konnte waren dutzende glühender Augen, die wie Kohlen in den Augenhöhlen funkelten. Und dutzende Klauen die sich nach ihr ausstreckten. Und dutzende Kehlen die Kreischten, Zeterten und ihre Zähne in ihr Fleisch treiben wollten. »Lauf!«, brüllte Entaro und rannte los, um ihr so schnell wie möglich zur Hilfe zu eilen. Ser Tarvain folgte Entaro auf dem Fuße, doch für den roten Tod hatte der Drachenreiter keinen Blick mehr. Sein Blick war voll und ganz auf Isaé konzentriert, welche von einem gewaltigen, schwarzen Strom Düsterlinge überrannt zu werden drohte. »Lauf Isaé! Lauf!!!«
Falsche Visionen ❖
22.10.2025 '18:44 [2.521 Wörter]
 as Moor schien zu atmen, Dunkel, träge und lebendig. Zwischen den Wasserpfützen unter denen der Morast lauerte, waberte immer noch der Nebel, als wäre er so schwer, dass er bald im Moor versinken würde. Isaé spürte, wie sich die Luft veränderte. Sie wurde schwerer, wie ein lauerndes Raubtier. Das Flüsterholz in ihrer Hand raunte und wisperte vor sich her. Unruhig, beinahe so, als wollte es sie warnen. Doch Isaé hörte nicht hin. Denn ein Licht flackerte in der Ferne und zog ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Sie blickte angestrengt dort hin und schließlich erkannte sie ein Lagerfeuer. Und Stimmen und Gelächter. "Wir haben es geschafft!" hörte sie Ser Tarvains triumphierende Stimme. "Unsere Feinde sind gefallen! Es ist vollbracht! Wir sind endlich sicher!" Isaé trat näher, sah Männer am Feuer sitzen. Sah Entaro. Sein Gesicht wirkte zufrieden und entspannt. Ein so seltener Anblick. "Komm her, Isaé. Setz dich!" Es roch köstlich nach gebratenem Fleisch, nach Rauch, nach Friedlichkeit. Doch als sie sich setzen wollte, fiel ihr Blick auf den Boden, und das, was sie für den trockenen Waldboden gehalten hatte, glänzte schwarz und feucht. Es war Moorwasser. Dick, träge und von Blasen durchzogen, die vom Grund des Moores zu kommen schienen. Und in jeder Blase spiegelte sich ein Gesicht. Drei Gesichter. Drei Männer, die durch Kalwens Fehler gestorben waren. Ihre Augen starrten sie anklagend an. "Du hast uns geopfert" flüsterte einer. "Für ihn…" sagte der nächste und deutete mit dem Finger in die Dunkelheit. Dort stand Kalwen. Blut tropfte von seinen Fingern. Oder war es flüssiges Licht? Tanzendes Licht? Isaé wich zurück. "Nein, so war das nicht. Ihr wart tot, bevor ich ihn gerettet habe. Es tut mir leid, aber es ist nicht meine Schuld, dass ihr sterben musstet!" entgegnete Isaé. "Du wolltest ihn retten. Und hast uns dadurch noch einmal getötet." "WIeso?" fragte Isaé. Sie verstand nicht. Und sie blickte hinab auf ihre Hand, die sich mit einem Mal so warm anfühlte. Plötzlich umwaberte sie der schwere Rauch von Feuermohn. Süß, betörend, vertraut. Und da war sie einfach in ihrer Hand: Die Dose mit dem Feuermohnopium. Sie war geöffnet und ein roter, warmer Schimmer strömte aus der Dose heraus. War es ein Lichtschein? Oder war es vernebeltes Blut? "Nur ein Zug, Isaé…" flüsterte eine Stimme an ihr Ohr. "Ein Zug und dein Schmerz vergeht. Ein Zug lässt all deine Qualen und Sehnsüchte vergehen." Ihre Finger zitterten. Sie konnte fast den Geschmack spüren, das Gefühl, dass sich durch ihre Brust zog, das sanfte Betäuben aller störenden Sinne. "Nur ein Zug…" sagte die Stimme wieder und sie klang jetzt wie Entaro. Isaé schloss die Augen. Sie wollte 'Nein' sagen, nein zu dem Feuermohnopium, dem sie schon tapfer drei Tage widerstand, aber ihre Lippen bewegten sich nicht mehr. Als sie wieder die Augen öffnete, stand jemand vor ihr. Doch es war nicht Entaro.
Aduan. Er sah aus wie damals, bevor alles zerbrach. Freundlich, liebevoll, mit diesem süßen Lächeln, das ihr stets das Herz erwärmt hatte. "Ich warte schon so lange auf dich" sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. "So unendlich lange!" Hinter ihm glomm goldenes warmes Licht wie ein Sonnenaufgang. Er trat Schritt für Schritt in das goldene Leuchten hinein und wandte sich zu ihr um. "Komm zu mir, Isaé. Du bist jetzt frei." Isaé wunderte sich. Frei, aber wovon? Sie war doch keine Gefangene, oder etwas doch? Sie tat einen Schritt ins Licht, doch unter ihren Stiefel gluckste das Moor leise. "Blutschuld... Lebensschuld... du bist nicht frei, Isaé..." Wie ein trügerisches, nasses Lachen. "Isaé! Lass mich nicht warten!" rief Aduan. Ihre Brust zog sich zusammen. So sehr hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt. Nach diesem Frieden, nach dieser Stimme, nach jemandem, der sie kannte und liebte für das, was sie war. Damals, bevor alles zerbrach. Aber der Gedanke schnitt in ihr Herz wie ein Messer. Ein winziger, schmerzender Funke. Aduan war tot. Er konnte nicht hier stehen. "Das kann nicht sein. Du bist fort, Aduan. Du bist tot." flüsterte sie. "Ich war dabei, als sie dich in die schwarze, feuchte Erde legten." Doch er lächelte nur "Nicht alles, was begraben wird, bleibt unter der Erde." Isaé erschauerte. Und in ihre Gedanken drangen jene Worte der Kalather, die wie von Sinnen vor Furcht darum gebeten hatten, nicht neben ihren toten Kameraden an die Bäume gefesselt zu werden. Ihr Herz pochte wild. Sie hob den Blick und sah wieder in Aduan Gesicht. Es war so klar, dass sie am liebsten ihre Hand nach ihm ausgestreckt hätte, um ihn zu berühren. "Du hast mich vergessen" sagte er leise und seine Stimme war traurig. Ise schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe dich nie vergessen, Aduan. Ich versuche nur dich loszulassen, denn wir beide wissen, dass du für immer fort bist." Er streckte seine Hand nach ihr aus, und sie dachte für einen Moment, das alles gut war. Doch als sie ihre Hand in die seine legen wollte, da fiel seine Gestalt zu Staub und das Licht erlosch.
Aus der Finsternis tauchte Kalwen auf, die Lippen zu diesem selbstgefälligen Lächeln verzogen. "Du träumst schon wieder von Toten?" spottete er. Isaé hob den Kopf. "Du? Was willst du? Wir haben dich im Lager zurückgelassen…" Er nickte und lächelte breit. "Dort hast du für mich gebürgt." Er stand im flackernden Halbdunkel, das Haar zerzaust, Schatten spielten über sein Gesicht, machten ihn schöner als ein Mann sein durfte. Er trat näher, bis das Flackern in seinen Augen schimmerte. "Eine Frau, die ihr Leben für meines einsetzt. Ich fühle mich geschmeichelt!" "Mach es nicht größer als es ist. Ich wollte einfach verhindern, dass du stirbst. Nichts weiter." "Das ist mehr, als irgend jemand je für mich getan hat." Isaé wollte etwas erwidern, aber der Ton, in dem er das gesagt hatte, brachte sie zum Schweigen. Er musterte sie. Mit einem unverschämt langen, prüfenden Blick. "Sag mir, Isaé, tust du das oft? Männer retten?" Sie schüttelte den Kopf. "Kann mich nicht erinnern, das jemals getan zu haben." Er lachte nicht. Er sah sie einfach nur an und in seinem Blick lag eine unausgesprochene Spannung. Ein Schmaler Grat zwischen Dankbarkeit und Verlangen. "Ich muss sagen, Fräulein Hexenjägerin, du hast Geschmack. Aber ob das ein guter Tausch war?" Isaé verschränkte die Arme. "Wenn ich gewusst hätte, dass du dir so viel drauf einbildest, dann hätte ich es mir zweimal überlegt." "Ach komm schon, du wusstest genau, was du tust." Er trat noch ein Stück näher sodass Isaé seinen Geruch wahrnahm. Fremd, dunkel, nach Rauch, Leder, warmer Haut. Für einen Moment war ihr, als würde ihr der Atem stocken, ohne dass sie wusste, warum. "Eine Frau wie du bürgt nicht für irgendwen. Und sicher nicht für einen Mann, den sie nicht anziehend findet." Sie lachte auf. "Du bist ein Narr, Kalwen. "Möglich. Aber ein verdammt gutaussehender. Auch du wirst das eines Tages bemerken. Du wirst schon sehen. Ich kann dir zeigen wie man lebt. Worauf es ankommt im Leben. Ich kann dir die Lebensfreude zurückgeben. Und wenn ich sterbe, ziehe ich dich vielleicht mit. Findest du das nicht irgendwie... romantisch?" Isaé seufzte, schüttelte den Kopf. Aber als sie den Kopf zur Seite drehte, musste sie unweigerlich grinsen. Man konnte ihn schließlich einfach nicht ernst nehmen. Und er hatte es gesehen. Er hatte es gesehen wie sie ihren Mund verzogen hatte. Dann war Kalwen weg.
Und als sie in die Dunkelheit starrte, regte sich tief in ihr eine andere Erinnerung. Ein anderer Blick. Still, ernst, stets wachsam, beschützend, und fürsorglich. Entaro. Er saß an einem Lagerfeuer. Ähnlich wie die Szenerie zuvor. Sie setzte sich zu ihm ans Feuer. So nah, dass sich ihre Gewänder berührten. Eine Weile schwiegen sie beide. Dann hob ihren Kopf und sah ihn an. "Entaro. Habe ich dich auch verloren?" Er lächelte, was er selten tat. "Nein", sagte er. "Du hast dich verloren." "Das kann sein. Doch du weißt, du bist mein Fels. Du bist mein Halt, wenn ich mich verliere. Dann hilf mir doch, mich wiederzufinden" bat sie ihn flüsternd. "Das kann ich nicht" sagte er. "Ich bin das, was dich verloren hat." Isaé blickte ihn verwirrt an. "Was? Wie meinst du das? Wenn du mich verloren hast, dann warst du es, der losgelassen hat." Müdigkeit packte sie. Doch sie wusste, sie würde lange keinen Schlaf finden. Wie jede Nacht, seit sie dem Feuermohn entsagt hatte. Der Feuermohnentzug hatte ein Tor in ihr aufgestoßen, aus dem eine tiefe Leere gähnte. Sie wünschte sich, sie könnte diese Leere füllen, wusste jedoch nicht, womit. Sie lockerte ihre vorgebeugte Sitzhaltung und als sie sich zurücklehnte und abstützte, berührte ihre Hand unabsichtlich Entaros. Ein Schreck durchfuhr sie, kaum merkbar und sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Doch als sie aufsah, traf sie seinen Blick. Die Glut des Lagerfeuers spiegelte sich in ihrer beider Augen, und langsam und zielstrebig legte sie ihre Hand wieder auf die Seine. Nicht mehr zufällig, sondern beabsichtigt. Sie fühlte die Wärme seiner Hand, spürte, wie sich die Haut seines Handrückens anfühlte. Ein wenig rau, nicht so weich wie ihre Haut, aber sie spürte die Gegensätze von Kraft und Ruhe darunter und ihre Fingerspitzen begannen sich langsam zu bewegen. Ein zartes, kaum spürbares Streichen über seine, während sie ihn immer noch anstarrte. Da schob sie ihre Finger unter seine Hand, und ein wenig unbeholfen ihre Finger zwischen die seinen, unmissverständlich und hielt sie einfach. Sein Blick hielt den ihren gefangen, und ihrer den seinen. Niemand wagte wegzusehen. "Entaro… Du hast mich nicht verloren. Ich bin hier, du spürst es doch. Du lässt mich nur nicht näher." Sie wandte den Blick zum Lagerfeuer, nur ein einzelner älterer Kämpe saß noch am Feuer, auf seinen Speer gestützt und schnarchte. Alle anderen waren schon schlafen gegangen. Isaé lächelte und wandte sich wieder an Entaro, immer noch hielt sie seine Hand. Er bewegte sich nicht. Sie auch nicht. Selbst in dieser Traumwelt wusste sie dass er um Zeit gebeten hatte. Aber sie war leer, ausgelaugt, am Ende. In ihr war nur noch dieses eine Bedürfnis nach Wärme, nach Nähe, nach ihm. Nach diesem Gefühl das ihr niemand geben konnte, außer ihm. Und plötzlich drang in diesem Traum eine Erinnerung in ihren Geist zurück. Jene Nacht des Feuermohnrausches, wo sie seine Lippen auf den ihren gespürt hatte, wo ihre Zungen sich gegenseitig liebkost hatten, wie ein erfrischender kühler Quell. Dass es tatsächlich nur Wasser aus Entaros Wasserschlauch gewesen war, das ihren Mund erfüllt hatte, war ihr nicht bewusst. Weder zum damaligen Zeitpunkt, noch jetzt. Der Abstand zwischen ihnen wurde kleiner, kaum spürbar, alles in ihr zog sie zu ihm hin. Ihre Lippen leicht geöffnet, ihre Augen auf seinen Mund gerichtet. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, und sie hob ihre freie Hand, legte sie auf seine Wange. Ihre Fingerspitzen berührten seine Wange, seinen Bart, strichen sanft darüber, ihre Hand glitt über seine Schulter in seinen Nacken und drückten ihn vorsichtig zu sich heran. Und als Isaé ihren Mund auf den seinen legte, schloss sie die Augen. Ihre Lippen drückten sich fester gegeneinander, öffneten sich, lösten sich voneinander, fanden sich wieder, atemlos und seltsam vertraut. Seine Lippen waren weich und sinnlich und sie saugte an seiner Oberlippe, schob vorsichtig ihre Zunge in seinen geöffneten Mund, strich mit ihrer Zunge sanft über die seine, und ihr ganzer Körper erbebte, als sie seinen Duft, der ihn umgab einsog… Doch dann hatte sie plötzlich einen trockenen metallisch bitteren Geschmack im Mund. Und als sie erschrocken die Augen öffnete, da sah wie, wie er vor ihren Augen zu Asche zerfallen war. "Entaro…" rief sie. "Isaé!" verklangen seine Worte wie im Nebel. "Ja, Entaro?" "Lauf! Isaé! Lauf!"
Isaé erschrak und wurde sich gewahr, wo sie sich befand. „Düsterlinge!“ brüllte Ser Tarvain. Sie blickte nach oben und da sah sie es. Vor ihren Augen entfesselte sich ein Schwarm unzähliger Düsterlinge. Er strömte vom Moor her wie eine dunkle, kreischende Flut. Sie weitete vor Schreck die Augen. Die Illusionen die sie gefangen gehalten und unfähig gemacht hatten, im Hier und Jetzt zu bleiben, waren fort, doch ihr Herz raste, als wollte es ihr aus der Brust schlagen. Das Moor war kein Traum mehr, es war Wirklichkeit. Jeder Schritt abseits der schmalen Pfade sog sie tiefer in den Boden hinein, er schmatzte, sog an ihren Stiefeln, als wolle er sie nicht mehr loslassen. Über ihr erhoben sich unzählige Laute, die alles andere verschlangen. Ein vielstimmiges, schrilles Zischen, Kreischen, Fauchen. Ein Schwarm Düsterlinge. Kein Schwarm, eine Horde! Hunderte. Vielleicht tausende. Schwingen aus Leder, messerscharfe Zähne, die im Mondlicht blitzten, und messerscharfe Krallen. Die Luft vibrierte vor Geräuschen, das Rauschen war ohrenbetäubend. Einer der Düsterlinge stieß herab, erwischte Tarvain an der Schulter, er stolperte, fing sich jedoch gleich wieder, schlug mit seinem Schwert zu und riss das Ding in Stücke. Doch es war sinnlos, den Kampf gegen diese fliegenden Ratten aufzunehmen. Es waren einfach zu viele. Und Isaé tat, was Entaro ihr entgegen gebrüllt hatte. Sie rannte los. Ein Schatten stürzte herab, sie duckte sich, spürte, wie etwas an ihrem Haar vorbeizischte. Ein anderer riss ihr beinahe den Umhang von den Schultern, ein dritter riss ihr die Haut an der Hand auf, die sie sich schützend vor das Gesicht gehalten hatte. Blut lief hinab, warm und dunkel. Und sie rannte weiter, immer wieder Richtung Wald, hoffend, dass er Schutz bot, hoffend, die Biester abzuhängen. Entaro hatte sie schon eingeholt, packte sie fest am Arm und zog sie mit sich. Ser Tarvain hinter ihnen. Sie erreichten endlich festen Grund, Gras, Steine, den Rand des Moors. Isaé rannte, ohne zurückzusehen. Den Blick auf den Boden, und vor ihren Weg, wich Steinen und Baumwurzeln aus die sich über den Weg schlängelten, die Lichtung wurde dichter bis sie vom Wald umgeben waren. Sie rannten und rannten, doch die Düsterlinge ließen sich nicht abschütteln. Sie konnte kaum mehr atmen. Jeder Atemzug brannte in ihren Lungen, ihr Mund ward trocken, das Blut dröhnte in ihren Ohren, vor ihren Augen flimmerten Lichtpunkte die sie schon fast als Irrlichter glaubte, doch es waren nur Sinnestäuschungen. Die Düsterlinge stürzten tief hinter ihnen her, so dicht, dass der Wind ihrer Flügel ihr Haar verwehte. Ein Düsterling verfing sich mit seinen krallenbewehrten Flügeln in ihrem Haar. Sie zog im Rennen ihr Langmesser, und hieb es mehrmals nach dem Vieh. Es war widerspenstig und zäh, aber nach drei Hieben stürzte es aus dem Flug auf den Boden und sie ließen es hinter sich. Der Waldweg wurde ein wenig abschüssig. "Da vorn!"
Ein Lichtschein drang in der Ferne flackernd zwischen den Bäumen hervor. "Das Lager!“ Die Hoffnung verlieh ihr neue Kraft. Sie stolperte aus der Senke, Entaro hinter ihr, Tarvain folgte, der Atem ein Keuchen. Sie rannte. Zweige peitschten ihr ins Gesicht. Der Boden war uneben, sie stolperte, fiel beinahe, Entaro war sofort da und riss sie hoch, bevor sie fiel. Seine Hand brannte an ihrer Haut, doch sie ließ sie nicht los. Und dann brachen sie aus dem Wald. Vor ihnen das Lager. Hinter ihnen brach Tarvain durch das Unterholz, seine Klinge war rot vom Blut dieser niederen Kreaturen, sein Gesicht war schmutzverschmiert. Ser Tarvains Gefolgsmänner hoben die Köpfe, als sie die drei zwischen den Büschen hervorgerannt kamen sahen. Doch als sie sahen, was ihnen auf den Fersen war, da entgleisten ihre Gesichter.
Die schwarze Woge ❖
25.10.2025 '14:56 [2.303 Wörter]
 chwarze Schatten und dunkle Schwingen verdunkelten das Moor. Das spärliche Mondlicht, welches durch die Baumkronen schien, wurde beinahe gänzlich verschluckt. Isaé, Tarvain und Entaro rannten durch den Wald und unter ihren schweren Schritten brachen Zweige, raschelte Laub und ihr schwerer Atem hing in der Luft. »Lauf!«, brüllte Entaro und zog Isaé auf die Beine, welche kurz davor gewesen war zu Fall zu kommen. Er warf einen Blick über die Schulter doch alles was er erkennen konnte waren wabernde Schatten und funkelnde Augen, die im spärlichen Mondlicht immer wieder aufblitzten. Zähne, Klauen und dieses unheimliche Geräusch von flatternden, ledernen Schwingen. Doch das markerschütternde Gekreisch und Geschrei der Düsterlinge nagte an Entaros Verstand. Er wusste, wenn sie von der Horde eingeholt werden würden, wäre dies ihr Ende. Er vermochte nicht zu sagen, wie viele Düsterlinge ihnen da auf den Fersen waren, aber er fühlte, dass es mehrere Dutzend waren. Vermutlich hunderte. Entaro biss sich auf die Unterlippe. Er hatte gewusst, dass in den kalathischen Grenzlanden allerlei unheimliche, uralte und auch gefährliche Kreaturen ihr Unwesen trieben. Doch mit so vielen Düsterlingen hatte er nicht gerechnet.
Die drei Flüchtenden stolperten über Stock und Stein, während ihnen Äste und Zweige immer wieder ins Gesicht schlugen. Doch sie ließen sich davon nicht beirren. Jeder Düsterling der zu ihnen aufschloss, wurde mit dem Schwert gefällt. Jede Klaue, die sich an ihre Kleidung oder ihre Haare heftete, wurde abgeschüttelt. Doch die Horde rückte immer näher, denn sie waren flink und schnell. Und sie mussten nicht auf unwegsamen Gelände rennen, sondern konnten einfach fliegen. Entaro spürte seinen Herzschlag in der Brust hämmern und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Der Atem brannte in seiner Lunge und ein kaltes, unbehagliches Gefühl legte sich auf seine Haut. Angst. Die nackte Angst ums Überleben, drohte ihn zu übermannen. Pures Adrenalin pumpte durch seine Venen und verlieh ihm die Kraft und die Ausdauer immer weiter zu rennen. »Da!«, rief Ser Tarvain mit einem Mal und deutete auf einen schwachen Lichtschein, weit entfernt, zwischen den Bäumen. »Das Lager!«
Die Erkenntnis, dass sie bald das Lager erreicht haben würden, verlieh den Dreien neuen Mut und entfesselte die letzten Kräfte. Sie stürmten durch den Wald, während sie Äste aus dem Weg und Kreaturen die ihrer habhaft werden wollten, erschlugen. Entaro stolperte förmlich aus dem Wald auf die Lichtung, und schlug dabei einen weiten Bogen mit seinem Schwert um weitere Düsterlinge davon abzuhalten sich ihm zu nähern. Entaro stand Inmitten des Schildwalls und hatte sein daereanisches Siegel aus der Tasche gezogen. Isaé stürzte blindlings weiter und Ser Tarvain hob sein Schwert in die Höhe. Die Männer, welche die drei hatten kommen hören, weiteten mit einem Mal vor Schreck ihre Augen, als sie erkannten, was ihnen da auf den Fersen war. »Zu den Waffen!«, brüllte Ser Tarvain frenetisch. »Zu den Waffen! Düsterlinge! Schilde!!«
Und da brach die schwarze Woge aus dem Wald und strömte, wie lebende Tinte welche sich auf einem vereisten See ausbreitete, auf die Lichtung. Die ganze Lichtung wurde förmlich von den schwarzen Kreaturen verschluckt. Nur jene Bereiche, in welchen sich die Lagerfeuer befanden, wurde scheinbar noch von ihnen gemieden. Und die Männer sprangen zunächst in jene Bereiche, um sich zu wappnen. Die Akadier, welche soeben noch am Lagerfeuer gesessen hatten, kamen auf die Beine, rissen die Schilde hoch und bildeten, Schulter an Schulter, einen Schildwall. Vereinzelte Düsterlinge sprangen versprengte Krieger an und schlugen ihre Klauen und Zähne in ihre Leiber. Doch die Männer waren schwer gerüstet mit Kettenhemden und Spangenhelmen. Zähne brachen, Klauen kratzten. Doch die Männer hielten stand. »Tötet sie! Schildwall bilden!«, brüllte Ser Tarvain doch Entaro hielt ihn am Arm. »Es sind zu viele! Wir müssen fliehen!« Ser Tarvain riss seinen Blick von der Woge und starrte Entaro in die Augen. Und in seinen Augen glänzte ein Anflug von Wahnsinn und gleichzeitig auch bebende Furcht. Ser Tarvain war nicht mehr Herr der Lage, das wusste er, und das wusste auch Entaro. Die dunklen Kreaturen würden sie einfach überschwemmen und verschlingen. »Wenn wir fliehen, werden sie einen nach dem anderen fällen! Wir müssen einen Schildwall bilden und sie abwehren!« Entaro sah ein, dass er damit nicht ganz Unrecht hatte. »Wir werden sie so lange wie möglich aufhalten. Und geschlossen den Rückzug antreten. In Formation!«, sagte der rote Tod dann und Entaro nickte grimmig.
Düsterlinge kreischten, Schilde donnerten, Klingen schmatzten. Es war ein heilloses Durcheinander, doch die Akadier schlossen langsam zueinander auf. Einige Akadier warfen geflochtene Netze auf die Kreaturen und brachten sie so zu Fall. Speere stachen in die Leiber, Schwerter stießen in die Horden. Doch jeder tote Düsterling wurde von zwei weiteren ersetzt. Es war ein wahrer Zermürbungskampf, und die Akadier wichen Zoll um Zoll zurück. Manche von ihnen hatten hölzerne Knüppel, in welche sie eiserne Nägel geschlagen hatten und droschen so auf die Kreaturen ein. Ein Kreis aus Schilden und Speeren bildete sich und in dessen Zentrum standen Entaro, Kalwen, Mirou, der Bader, und Isaé. Jene Angehörigen des Trosses, die im Schildwall nur eine Last wären, und diesen mit ihrer Anwesenheit nur schwächen würden. Sie wären keine Hilfe. Das wusste Entaro und das wussten auch die Männer. Und so hatten sie sich in die Mitte des Schildwalls drängen lassen. Entaro fühlte sich so unglaublich nutzlos in diesem Moment, doch er musste sich auch eingestehen, dass er froh darüber war noch die kalte Luft des Abends einatmen zu können. Er war so unglaublich knapp dem Tode entronnen. Entaro stand Inmitten des Schildwalls und hatte sein daereanisches Siegel aus der Tasche gezogen. Er begann es in die Höhe zu halten und das goldene Licht, dass davon ausging, tauchte alle Männer um ihn herum in einen warmen Schein. Er wusste nicht ob es wirklich klug war, aber es war seine einzige Hoffnung. Das Licht würde die Düsterlinge zweifellos anziehen, wie das Laternenlicht die Motten in seinen Bann zu ziehen vermochte. Aber nichtsdestotrotz hielt er das Artefakt in die Höhe. Wohlwissend, dass die Düsterlinge ohnehin zu ihnen kommen würden. Tarvain hingegen stand in erster Reihe und schlug immer weiter auf die schwarze Woge ein. »Helft uns!«, riefen verzweifelte Stimmen. Entaro richtete seine Blicke in jene Richtung. Sein Instinkt rief ihn dazu, den Männern zur Hilfe zu eilen. Doch seine Vernunft gebot ihm im Schutz des Schildwalls zu bleiben. Hätte der Instinkt obsiegt, wäre seine Vernunft an der geschlossenen Formation an Männern gescheitert. Es gar kein Durchkommen. »Hilfe! Ihr müsst uns losbinden!«, tönten die flehenden Stimmen und da erkannte Entaro wem diese gehörten. Die Gefangenen. Sie waren an den Baum gebunden worden und waren dem Ansturm der Düsterlinge schutzlos und völlig wehrlos ausgeliefert. »Wir müssen ihnen helfen.«, rief Kalwen und versuchte durch den Schildwall durchzubrechen. Doch Entaro hielt ihn am Arm fest. »Du kannst sie nicht mehr retten.« Kalwen sah Entaro mit einem Blick an, den man bestenfalls als mürrisch bezeichnen konnte. »Ihr wollt sie einfach sich selbst und diesen Kreaturen überlassen?«, rief er und Entaro seufzte. »Ihr Opfer wird unser Überleben sichern. Und auch deines, Kalwen von Niefurt.« Und da erkannte Kalwen, dass die akadische Formation sich langsam von der Lichtung zurückbewegte. Die Akadier nutzten die Gunst der Stunde. Als die Düsterlinge begannen die Gefangenen zu umschwärmen, zogen sie sich immer weiter zurück. Der Ansturm auf die Akadier wurde schwächer und schließlich kam er gänzlich zum Erliegen. Mit jedem Schritt entfernten sie sich immer weiter fort von dem großen Baum, welcher inzwischen beinahe gänzlich von schwarzen Schwingen und peitschenden Gliedern eingeschlossen worden war. Die Schreie und das verzweifelte Klagen der Männer drangen unbarmherzig in die Ohren aller. Und in den grimmigen Augen der Akadier wuchsen, mit jedem Schrei, die Bitterkeit und die Erkenntnis der Hilflosigkeit. Manche schlugen sogar die Augen nieder und gedachten der Toten, die eigentlich ihre Feinde waren, doch selbst ihrem schlimmsten Feind ein solches Ende nicht wünschen würden. Langsam wurden die Stimmen immer brüchiger und immer verzweifelter. Bis auch die letzte Stimme schließlich verebbte. »Dieses Wehklagen werde ich niemals in meinem Leben aus dem Kopf bekommen.«, murmelte Kalwen und Entaro legte ihm die Hand auf die Schulter. »Keiner wird diesen Tag vergessen.«
Als der letzte gefangene Kalather durch die Düsterlinge getötet worden war, kam schließlich Bewegung in die Horde. Entaro, welcher noch immer das daereanische Siegel in die Höhe hielt, biss sich unweigerlich auf die Unterlippe. Das Licht hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. »So löscht doch das Licht!« herrschte Kalwen ihn an doch Entaro schüttelte den Kopf. »Dieses Licht ist das Einzige, was uns noch retten kann.« Kalwen seufzte verächtlich. »Euer Gott wird uns nicht retten!« Da lächelte Entaro bitter. »Dieses Licht ist nicht um Daerean um Hilfe zu bitten. Es ist Daerean.« Die meisten Kreaturen gruben ihre Klauen in das Fleisch der toten Kalather, bissen mit ihren scharfen Zähnen in die Haut, rissen Haut und Fleisch von den Knochen und nagten selbst an den Knochen. Doch jene Kreaturen, deren Blutdurst noch nicht gestillt worden war, wandten sich von den Gefallenen ab. Ihre funkelnden, schwarzen Augen starrten auf das goldene Licht, welches sich schon am Rand der Lichtung befand. Sie fauchten und kreischten. Manche von ihnen wetzten ihre Krallen auf den Felsen, andere sprangen in die Lüfte. Vereinzelte Kreaturen kreischten und lösten sich von dem Schwarm. Sie begannen sich den Akadiern zu nähern und als die ersten die Akadier schließlich erreicht hatten hielten sie inne, denn sie wagten sich nicht weiter dem Licht zu nähern. Diese Erkenntnis ließ Entaro das Licht noch höher halten und er reckte den Arm so hoch er nur konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwarm in Bewegung kommen würde. Einzelne Düsterlinge würden vor dem Licht noch zurückweichen. Aber die geschlossene Horde würde sie einfach überschwemmen und das Licht ersticken. Als die einzelnen Düsterlinge schließlich von Schwertern und Äxten erschlagen wurden, da bebte der Schwarm vor ihnen. Es wirkte beinahe als ob der Tod der einzelnen Kreaturen die restlichen Düsterlinge geweckt hätte und der ganze Schwarm kam in Bewegung. »Sie kommen!«, rief ein akadischer Krieger und hielt den Schild hoch. »Sie kommen!!!«, rief ein zweiter. Dutzende Düsterlinge umzingelten den Schildwall und hielten gerade so weit vor den Akadiern Abstand, dass sie noch außerhalb des Lichtes blieben. Die Spannung, welche sich zwischen den Akadiern und den Düsterlingen aufzubauen schien, war beinahe zum Greifen. Die Luft stank nach ihrem fauligen Atem und das Zittern ihrer Stimmen und das Flattern ihrer Schwingen begannen die Standhaftigkeit der Akadier auf eine harte Probe zu stellen. »Halten!«, befahl Ser Tarvain und warf einen verzweifelten Blick zu Entaro.
Ein Grollen ertönte. Und der Boden begann zu beben. Bäume krachten und Laub rauschelte. Für den Bruchteil eines Atemzuges stand die Zeit still und es herrschte absolute Stille. Und dann gellte ein unmenschlicher, tiefer Schrei durch die Nacht. Ein schwarzer Schatten schob sich aus dem Dickicht der Bäume und glühende Kohlen blitzten im Dunkel auf. Die atemlose Stille zerbrach und das Donnern verebbte. Die Akadier warfen ihre Blicke zum Waldrand, und das Entsetzen in ihren Augen war unbeschreiblich. Aus dem Dickicht brach eine massige, schwarze Kreatur und ihre Augen glühten wie Kohlen. »Was, bei allen Göttern und Verfluchten ist das?«, schrie Kalwen und deutete auf die schwarze Gestalt. Die Kreatur öffnete das Maul und ein gewaltiger, sengender Schwall an flüssigem Feuer und Rauch ließ die ganze Lichtung zum Tag werden. Die Düsterlinge kreischten und keiften aber stoben augenblicklich auseinander, als der Feuerschwall die Horde traf. Die Kreaturen zerstreuten sich, stürzten in die Dunkelheit und versuchten zu Entrinnen. Doch es gab kein Entkommen. Das Feuer zehrte ihnen die Haut und das Fleisch von den Knochen und noch bevor sie auf dem Boden aufschlugen, waren sie bereits qualvoll verendet. Wie kleine, brennende Sterne fielen die Düsterlinge zu Boden und jene, die noch weit genug entfernt waren, flogen mit brennenden Schwingen in den Wald, wo sie bald schon ihr Ende finden sollten, denn das Drachenfeuer würde sich tief in ihren Leib hineinfressen, bis nichts mehr von ihnen übrig sein würde als Asche. Ein zweites, donnerndes Brüllen erschütterte die Nacht und ein neuerlicher Flammenstoß züngelte über die Lichtung. Es traf die Horde, welche sich um den Baum versammelt hatte. Die Kreaturen stürzten zu Boden, die toten Leiber der gefallenen Kalather brannten wie Strohmänner und schließlich stand selbst der ganze Baum lichterloh in Flammen. Das Feuer knisterte und züngelte den Baumstamm empor und bald schon erhellte das Feuer, dass den Baum verbrennen ließ, die ganze Lichtung. Jetzt erst konnte man sehen, wie viele tote Düsterlinge hier eigentlich waren. Dutzende lagen verkohlt, rauchend oder noch brennend auf dem Boden. Und all die toten Männer, die zwischen den toten Düsterlingen lagen, wirkten nun beinahe wie ein Mahnmal. Ser Tarvain schrie und reckte sein Schwert in die Höhe. »Macht den Rest nieder! Lasst keine der Kreaturen entkommen!« Auf seinen Befehl hin brach der Schildwall auf und die Akadier stürmten aus ihrer Formation und fielen wie eine Horde Berserker über die versprengten Düsterlinge her. Jene die vom Feuer verschont geblieben waren, fielen durch die Axt, das Schwert oder die eisenbewehrte Keule. Das Kreischen und Flattern der Düsterlinge, welches längst vom Knistern des Feuers und dem Geschrei der Männer überlagert worden war, ebbte langsam ab. Und die Männer grölten und johlten. »Sie fliehen!«, rief ein Akadier und Ser Tarvain rannte los. »Keiner darf entkommen! Ardeth darf nicht erfahren, was hier geschehen ist!« Er nahm die Verfolgung auf und ein halbes Dutzend Männer folgte ihm.
Indes hatte Mirou sich an Isaé, Kalwen und einige Akadier gewandt. »Wir müssen unsere Gefallenen und Verwundeten finden. Wie viele Opfer haben wir erlitten?« Entaro ließ schließlich den Arm sinken und steckte das Artefakt wieder in seine Tasche. »Wie ihr seht, Kalwen von Niefurt. Das Artefakt hat seinen Dienst erfüllt. Wenngleich Schatten auch etwas schneller hätte darauf reagieren können.« Entaro seufzte resignierend, als er an den Tod der verzweifelten Männer dachte. Kalwen starrte nur ungläubig auf Entaro und seine Blicke huschten immer wieder zu dem schwarzen Drachen, der inmitten der brennenden Lichtung stand und einen letzten, wütenden Schrei in die Nacht brüllte.
Immer mehr Moor ❖
27.10.2025 '14:55 [2.542 Wörter]
 er Schildwall hatte sich aufgelöst und gab die darin eingeschlossenen frei. Isaé, Entaro, Kalwen und Mirou. Isaé fuhr sich mit den Händen durch das Haar und strich es zurück, während das allgemeine Entsetzen und die Angespanntheit der Männer allmählich wieder nachließen. Die Luft schien noch zu flimmern, als das Brüllen von Schatten längst verklungen war. Der Gestank von verbranntem Fleisch, Blut, Harz und Holz der Bäume und Asche hing schwer über dem Lager. Die Hexenjägerin trat langsam über den Platz, besah sich das Chaos, welches dieses Inferno hinterlassen hatte, und fand sich zuletzt an den Bäumen wieder, oder vielmehr was von ihnen noch übriggeblieben war, und das waren lediglich ein paar dünne verkohlte Stümpfe. Denn das Drachenfeuer hatte sich tief selbst in die frischen Baumstämme gefressen und diese verzehrt. Wo eben noch hastige Bewegungen, Schreie, Entsetzen und eine Horde von Düsterlingen gewesen war jetzt eine Stille. Von den Düsterlingen war kaum mehr zu erkennen als dunkle Schemen auf dem Boden, verkohlte kleine Silhouetten, die schon vom nächsten Windstoß davongetragen würden. Die Erde war schwarz verbrannt. Ein Helm lag da, zu einer dünnen, aschebedeckten und blasenübersäten Schale geworden. Und über all dem im Dunst des abkühlenden Rauchs, lag noch immer diese eigenartige Atmosphäre. Etwas uraltes, magisches, beinahe heiliges, welches das Drachenfeuer in die Welt getragen hatte. Die Bäume am Lagerrand standen noch, doch sie waren nur noch niedrige Gerippe, schwarz, ausgefranst und dünn wie Knochen. Von den Kalathern war nicht viel übriggeblieben. Einige Rüstungsteile, die leer und nutzlos dalagen, die Menschen selbst waren vom Drachenfeuer verzehrt worden. Isaé fragte sich, ob Schatten ihnen bei Ardeth hätte nützlich sein können. Es war aber fraglich, ob er sich ihnen in den Weg gestellte hätte, wenn der Drache an ihrer Seite gewesen wäre. Sie bezweifelte es. Schließlich hörte sie Schritte hinter sich. Sie wandte kurz den Kopf. Kalwen. Ihn hatte es ebenso wie die Hexenjägerin zu den Überresten der kalathischen Gefangenen gezogen. Eine Weile standen die beiden Hexenjäger an diesem Ort der unfreiwillig zu einem Ort einer Feuerbestattung geworden war. Isaé dachte sarkastisch, dass nun wenigstens niemand die Schaufel auspacken, und noch mehr Männer beerdigen musste, aber aus Pietätsgründen sprach sie es nicht aus. " Es tut mir leid, dass wir ihnen nicht helfen konnten." Isaé nickte. "Aber wir sind noch am Leben. Wenn sie im Kampf gefallen wären, würden wir jetzt nicht dastehen und sie betrachten. Oder zumindest den Ort wo sie ihr Ende fanden, es ist ja kaum was übriggeblieben. Für einen Hexenjäger bist du ziemlich weichherzig, Kalwen von Niefurth." Sie warf ihm einen schiefen Blick zu. "Ich hab nie behauptet, ein harter Hund zu sein…" grinste er. "Und dein Herz ist zumindest weich genug, dass du einen Zunftgenossen nicht über die Klinge springen hast lassen." Isaé grinste. "Als ob Hexenjäger eine Zunft hätten…" "Nun, vielleicht sollten sie das. Vielleicht wäre das eine interessante Idee." "Das kannst du ja machen, wenn diese Sache hier vorbei ist" lachte sie. "Zunftsmeister Kalwen von Niefurth. Eine neue Aufgabe… Ich werds mir überlegen" lächelte er. Isaé blickte ihn an und musste unweigerlich an diese Illusionen denken, da draußen im Moor. Was war das nur gewesen? Sie konnte nur mutmaßen, aber wahrscheinlich war es eine Illusion von Ardeth gewesen. Irgendwas hatte sie während diesen Illusionen immer weiter Richtung Moor getrieben. Nur wenige Schritte, und doch stets voran. Freiwillig, aber unfreiwillig. Es schauerte sie, wenn sie daran dachte. Und etwas in ihr versuchte zu ergründen, ob an diesen Illusionen etwas Wahres dran sein konnte, was, wenn sie nur genau darüber nachdachte, völlig unmöglich war. Kalwen war nicht im Moor gewesen. Er war im Lager geblieben. Also war nichts davon, was sich in dieser Illusion abgespielt hatte, wirklich passiert. Aduan war genauso wenig von Toten auferstanden, wie sie in Wahrheit nicht vorgeprescht war und Entaro leidenschaftlich geküsst hatte. Und ebenso wenig hatte Kalwen sie umgarnt. Es war nur eine Illusion gewesen. Doch es verunsicherte sie. Was wusste Ardeth alles von ihnen, oder waren dies nur Tricks, die mit ihrer Psyche spielten, ohne dass er wirklich was von ihnen wusste? Isaé wandte sich um und sie ging, gefolgt von Kalwen, wieder in die Mitte des Lagers, wo Entaro sein Artefakt wieder einsteckte. Entaro wandte sich an den Hexenjäger. "Wie ihr seht, Kalwen von Niefurth, hat das Artefakt seinen Zweck erfüllt. Wenngleich Schatten auch ein wenig schneller hätte darauf reagieren können." Und obgleich diese gesamte Situation alles andere als unbeschwert gewesen war, so verlieh Isaé mit einem begeisterten Lächeln ihrer Begeisterung über diese Gewaltigkeit des Momentes Ausdruck. Immerhin hatte sie nicht gewusst, dass dieses Kleinod, das Entaro aus dem Turm der tausend Wünsche zurückerobert hatte, solches Wunder vollbringen konnte. "Wie konntest du nur ein solches Ding bei Vaskir lassen? Das wäre ja fast so, als hätte ich meine Pfeife versetzt!" stieß sie Entaro in die Seite und lachte. "Ich fragte mich ehrlich gesagt schon, wofür man einen Drachen mit sich führt, wenn er dann, wenn man ihn braucht, nicht da ist. Und ich dachte schon, er würde gar nicht mehr kommen. Aber er hat uns nicht im Stich gelassen und hat diese verdammte Brut einfach weggeröstet!" Sie stieß ein ehrliches erleichtertes Lachen aus. "Das war verdammt knapp…" murmelte sie und warf dann einen Blick auf Kalwen, der jetzt wieder schwieg und Schatten ungläubig anstarrte. "Ja, da fällt selbst dem großen Kalwen von Niefurth jetzt nichts mehr ein, was? Jetzt bist du ruhig, nicht wahr?" grinste sie ihn mit demselben Spott an, den er zuweilen an den Tag legte. Er nickte schweigend und Isaé lachte. Dann kam Mirou der Bader auf sie zu. Ihn begleitete das Sonnenlicht, das von der aufgehenden Sonne ausging. Sie hatten die ganze Nacht mit Suchen und Kämpfen verwendet und nun machte sich eine allgemeine Erschöpfung und Müdigkeit breit. "Wir müssen unsere Gefallenen und Verwundeten finden. Wie viele Opfer haben wir erlitten?" "Wir werden euch helfen, Herr Mirou." Doch die paar akadischen Soldaten, die sich nicht der Jagd auf die letzten Düsterlinge verschrieben hatten, hatten sich längst darum gekümmert, das Chaos in dem Lager zu beseitigen. Sie waren ausgeschwärmt und bald hatten sie die Verletzten zusammengetragen. Und leider auch die Toten. Erneut waren drei Männer von ihnen gegangen. Insgesamt hatten sie schon sechs tapfere Männer verloren, aber sie hatten noch nicht einmal eine wirkliche Gelegenheit erlangt, auch nur einen ihrer drei Feinde zu töten. Zumindest konnte Isaé von sich behaupten, dass sie ihren Vertrag bisher nicht gebrochen hatte. Sie hatte Ser Tarvain mithilfe des Flüsterholzes zu Ardeth führen können. Und das war, soweit das bekannt war, mehr, als je ein anderer Hexenjäger vollbracht hatte. Ein wenig erfüllte sie das mit Genugtuung. Oder nach seiner Drohung, dass er ihr die Schuld geben würde, wenn etwas schief laufen würde. Dass Dinge schief liefen, für die sie nichts konnte oder die jenseits ihrer Macht lagen, das war eine andere Geschichte. Als die Sonne hoch am Himmel stand, waren die Verletzten versorgt und die Toten beerdigt. Sogar Kalwen hatte sich wieder daran beteiligt, für die toten Kameraden Gräber auszuheben, obgleich er dieses Mal nichts mit ihrem Tod zu schaffen hatte, was Isaé ungemein beruhigte. Als all die Arbeit getan war, und auch Ser Tarvain mit seinen Gefolgsleuten zurückgekehrt waren, gestattete er, dass sich alle zur Ruhe legten um wenigstens bis Mittag zu schlafen oder zu ruhen. Danach würden sie sich wieder zurück zur Wagenburg begeben. Ser Tarvain hatte eingesehen, dass ein erneutes Vorpreschen um Ardeth zu bezwingen zu diesem Zeitpunkt keinen rechten Sinn ergab.
Der vierte Tag war also angebrochen. Der vierte Tag, an dem Isaé dem Feuermohn entsagt hatte. Und dieser vierte Tag war der schlimmste bisher. Jetzt, nachdem sämtliche Anspannung gefallen war, sämtliches Adrenalin sie nicht mehr antrieb, fühlte sich ihr ganzer Körper an, als wäre er von innen wund und zerstört. Jeder Muskel schien zu spannen und zu schmerzen, als hätte sie tagelang körperlich schwer gearbeitet und doch lag sie nur da, unfähig, Ruhe zu finden. Es war, als würde etwas in ihr toben, das raus wollte und gleichzeitig in ihr verbrannte. Sie zitterte, obwohl sie schwitzte. Mal war ihr kalt, dann wieder heiß, so plötzlich, dass sie nicht wusste, ob sie sich zudecken oder ihre Decke fortwerfen sollte. Ihr Magen krampfte, und jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, fühlte sie, wie ihr Herz raste, unruhig, trotzig, als wolle es sie daran erinnern, dass sie lebte und dass das Leben zu diesem Zeitpunkt eben schmerzte. Ihre Haut fühlte sich an, als ob sie bis zum Zerreißen gespannt war und selbst das Atmen tat weh. Es war, als würde ihr Körper etwas ausschreien, was sie selbst längst nicht mehr in Worte fassen konnte. Unruhig erhob sie sich von ihrem Lagerplatz. Sie befürchtete, dass man es ihr ansehen würde, dass da etwas in ihr tobte. Wenn sie so elend aussah, wie sie sich fühlte, dann würde man das auf jeden Fall sehen. Doch das Lager schlief. Nur ein armer Kerl der Wache schieben musste, lehnte da und versuchte, sich wach zu halten. Die Hexenjägerin fand keine Ruhe. So erhob sie sich und schulterte ihre Tasche, um die Gegend zu erkunden.
Das Moor erstreckte sich flach über die Ebene, ein endloses Meer aus graugrünen Gräsern, Nebelschwaden so dünn wie Spinnweben und umherflirrenden Insekten. Doch am Rand, wo der Boden allmählich fester wurde und sich Tannen, Kiefern und schlanke, weißgliedrige Birken mischten, brach zwischen den Wurzeln ein schmaler Bach aus dem Boden. Das Wasser war klar und schlängelte sich leise plätschernd zwischen Grasbüscheln, seltsam aussehenden Pflanzen, kleinen bizarr aussehenden Blümchen und weiß puscheligen Gräsern, bis es in einer kleinen Senke zu einem kleinen Teich wurde. Still, rund, von riesigen Felsen umgeben, die rau in ihrer Struktur und mit blassgrünen, weißen und gelben Flechten bewachsen waren. Es war Still und friedlich hier. Nur das leise Plätschern, wo der Bach hineinfiel, und das Summen von Mücken über der Wasseroberfläche war zu vernehmen. Isaé kniete am Rand, hielt die Hand hinein. Das Wasser war beißend kalt, aber es war sauber, frisch und klar. Zwischen den Felsen wuchsen Moose, dicht und saftig, und das leicht zwielichtige Sonnenlicht ließ das Wasser und die Umgebung geheimnisvoll wirken. Ein Platz, der friedlich war, wenn man nicht wusste, was verganene Nacht ein Stück weiter draußen in der sumpfigen Weite geschehen war. Der leichte Wind hatte in dieser Senke nachgelassen und nur noch das Summen der Insekten und das ferne Rufen eines seltsamen Vogels lagen über dem Wasser. Isaé hatte einen Entschluss gefasst. Sie wollte baden, oder sich zumindest das getrocknete Blut aus dem Gesicht und vor allem ihrem Haar waschen und kramte aus ihrer Tasche das kleine Leinensäckchen mit ihrer Seife darin heraus und legte sie neben sich auf den Stein. Darin befand sich ein unscheinbares klein gewordenes Stück Seife, das von ihrem langen und nie endenden Reisen schon dünn war an den Kanten und von schlechter Lagerung viele Risse an der Oberfläche hatte. Sie legte ihren Umhang ab, die schwarze Tunika, lehnte sich an einen der großen Felsen, zog ihre Stiefel aus, die Wollsocken, dann ihre Hose. Sie blickte sich unsicher um, eher aus Vorsicht und seltsamer Gewohnheit, die sie sich angeeignet hatte und niemals abgelegt hatte, ob jemand in der Nähe war und sie sehen konnte. Doch wer sollte in der Nähe sein, in dieser einsamen weiten Moorlandschaft? Und aus dem Lager war ihr auch wohl niemand gefolgt. So zog sie sich schließlich ihr dünnes Leibhemd über den Kopf, und die Luft streifte kühl ihre nackte Haut. Das Quellbecken lag still vor ihr, kaum größer als ein großer Waschzuber, doch mehr brauchte sie ja auch nicht. Das Wasser war klar bis auf den Grund, und von dem kleinen Bächlein plätscherte ein leiser, unaufhörlicher Zufluss hinein. Isaé stieg mit einem Bein in den steil abfallenden Tümpel und sie zog die Luft mit einem zischenden laut scharf ein. Mit einem Bein im Wasser zu stehen fühlte sich noch kälter an als die Hand hinein zu halten. Doch es half nichts. Sie stieg mit dem anderen Bein auch hinein und sie spürte, wie Schauer über ihren ganzen Körper zogen und von einer Gänsehaut ergriffen wurden. Sie fluchte leise und tauchte schließlich mit dem ganzen Körper und anschließend dem Kopf unter, bevor sie kurz danach prustend und noch mehr fluchend wieder auftauchte. Sie fror jetzt schon jämmerlich und hatte noch nicht einmal die Seife zur Hand genommen. Isaé hangelte nach der Seife die am Felsen lag, seifte sich rasch das Haar, Gesicht und den Körper ein, tauchte unter, presste die Augen zu, befreite ihren Kopf und Haar unter Wasser mit eiligen Handbewegungen von dem Seifenschaum und rieb sich mit den Armen den Körper. Unter ihren Händen fühlte sich die Haut nun wieder weich und sauber an und als sie wieder auftauchte, atmete sie tief aus. Sie zitterte und bebte, so kalt war ihr. Dann kletterte sie schnell und keuchend aus dem Wasser. Es war kein angenehmes Bad gewesen, so wie sie es auf Ser Tarvains Burg erleben hatte dürfen, aber es war reinigend gewesen und das war die Hauptsache. Das eisige Wasser hatte zudem vorläufig ihre Müdigkeit und ihre Entzugserscheinungen vertrieben. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht an ihr wie kleine Edelsteine, wie klarer Bergkristall, und ein kühler Dampf stieg von der Haut, als sie sich wieder auf den Rand des Tümpels setzte. Isaé blieb eine Weile sitzen, ließ das Wasser in dünnen Rinnsalen über Rücken und Beine laufen, bis die Kälte sie noch mehr zu frösteln brachte. Dann griff sie nach dem Leinentuch, das sie zum Trocknen nutzte und rieb sich ab. Die Haut war rosig von der Kälte. Der Geruch der Seife hing noch in der Luft. Sie schob das nasse Haar aus dem Gesicht, drückte es aus, dann stand sie auf und blickte über die Wasserfläche. Das Licht war weicher geworden, gelblicher; die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Die Hexenjägerin griff nach ihrem Mantel und hüllte sich darin ein. Zwar hatte sie sich trockengerieben doch die Haut war trotzdem noch feucht. Es würde ein unseliger Kampf werden sich mit dieser feuchten Haut wieder in ihre Kleidung zu zwängen. Plötzlich war dieses Geräusch. Kein Tierlaut, kein Vogel. Ein leichtes Knacken, als träte jemand auf einen Ast. Sie hielt inne und wandte den Kopf. Doch nichts war zu sehen. Sie lauschte. Doch nichts. Nur ein leises Rascheln, irgendwo jenseits der Birken. Vielleicht doch ein Tier, vielleicht auch nicht. Isaé erhob sich, den Mantel noch über ihren Schultern, und griff nach ihrem Leibhemd, zog dieses über ihren Kopf, schlüpfte mit den Armen in die Ärmel und der Mantel fiel fast lautlos auf die Erde, als sie das Hemd über dem Leib richtete. Sie lauschte noch einmal angestrengt, hörte aber nur ihr eigenes Blut pochen, so laut in dieser Stille. Sie zuckte ihre Schultern. Wahrscheinlich hatte sie sich das nur eingebildet, oder tatsächlich war ein Tier am umherziehen. Vielleicht ein Wildschwein, ein Reh, oder auch nur ein Vogel. Vögel konnten im Unterholz erstaunlich laut sein, das hatte sie schon oft beobachten können. Sie zog sich eilig Hose, Tunika, Socken und Stiefel an, legte sich den Mantel um die Schultern und drückte mit dem Tuch noch ihre nassen Haare aus. Jetzt fühlte sie sich schon erheblich besser. Sauber. Die Hexenjägerin beeilte sich, zurück zum Lager zu kommen, denn Ser Tarvain hatte festgesetzt, dass sie mittags wieder zurück zur Wagenburg kehren würden. Isaé freute sich schon insgeheim darauf, die Aussicht auf eine warme Mahlzeit erfreute stets ihr Gemüt.
Der Wert eines Menschen ❖
31.10.2025 '02:31 [2.467 Wörter]
 ie Feuer schwelten noch, aber die Flammen waren allesamt erloschen. Nur einige Glutnester zeugten noch von dem, was an diesem Ort passiert war. Ein Ort, der ein Massengrab geworden war. Tote Menschen und unzählige, tote Kreaturen. Doch nichts als Asche war von ihnen übrig geblieben. Und Entaro stand inmitten der Asche und starrte auf das dürre Gerippe, was einst ein Baum gewesen war. Die Asche, in welcher er stand, waren einst Menschen gewesen und Entaro wagte es kaum sich zu bewegen, um ihre letzte, traurige Ruhe nicht zu stören. Er hielt den Kopf gesenkt und besah den schwarzen Boden zu seinen Füßen. Die spärliche Morgensonne, welche sich bereits über den Rand der Lichtung geschoben hatte, tauchte die Szenerie in ein besonderes Licht und dies war kein angenehmer Anblick für den Drachenreiter. Er gedachte der Toten auf seine Weise. Sie waren keine Anhänger seines Glaubens und so sprach er auch keine tröstenden Worte für ihre Seelen. Und dennoch kam er nicht umhin ihrer verlorenen Seelen zumindest einige Gedanken zu spenden. Was passierte mit der Seele eines Menschen, wenn sie vom Drachenfeuer vernichtet worden war? War sie dann frei? War sie für immer zerstört? War sie an diesen Ort gebunden und wenn der Regen alle Spuren beseitigt hatte, zeugten nur nächtliche Erscheinungen von dem was hier passiert war? Entaro wusste es nicht. Doch nach dem Glauben der Kalather waren die Grenzlande verflucht. Immer wieder sprachen sie von Widergängern und unheilvollen Erscheinungen. Ob die Seelen dieser Männer für immer an diesen Ort gebunden waren? Entaro hatte noch niemals einen solchen Widergänger gesehen, doch allerlei Geschichten über sie gehört. Er tat dies als einfältigen Aberglauben ab. Doch warum gab es diese Geschichten? Bargen sie gar einen wahren Kern? Die Zeit würde es zeigen.
Das Drachenfeuer hatte alles vernichtet. Den Baum, die Menschen, ihre Kleidung und auch ihre Rüstungen. Nur die Waffen waren erhalten geblieben, denn die Akadier hatten sie ihnen abgenommen. Doch sie waren unbrauchbar geworden, denn als das Feuer auf das Lager übergegriffen war, hatte es das Eisen spröde gemacht und würde man auch nur einen Schlag damit ausführen, würden die Klingen zersplittern wie Glas. Und so beugte sich Entaro nach den verkohlten Klingen und hob eine nach der anderen auf und rammte sie an jener Stelle in den Boden, an welchem die Kalather gestorben waren. Dies war seine Art, ihrer zu gedenken. Ihrem Opfer zu danken, denn ohne ihren Tod, wären die Akadier, Isaé, Kalwen und auch er selbst, vermutlich allesamt gestorben. Als Entaro die letzte Klinge in die Erde gestoßen hatte, wandte er sich von dem Grab aus Asche, Eisen und verbrannter Erde ab.
Er näherte sich dem Drachen, welcher am Rand der Lichtung lag und seine wachsamen Augen über das Treiben der Menschen ruhen ließ. Als der Drachenreiter sich der schwarzen Kreatur näherte, hob es den Kopf und starrte ihn direkt an. Wortlos und schweigend legte Entaro seine Hand auf die Stirn des Drachen und verharrte so eine Weile in Schweigen und Andacht. Er hatte ihnen das Leben gerettet. Und den Feind erheblich geschwächt, als er dutzende seiner finsteren Soldaten vernichtet hatte. Doch Entaro empfand kein Mitgefühl für diese Kreaturen. Sie waren ein Unheil, dass es aus dieser Welt zu tilgen galt. Und egal wie viele man von ihnen auch zu Fall brachte, man würde sie niemals gänzlich vernichten können. Dessen war er sich gewiss. Nach einer Weile des Schweigens berührte Entaro die Stirn des Drachen mit der seinen und seufzte. »Und wieder eine Bürde mehr, die wir zu tragen haben.«, murmelte Entaro mit der Gewissheit, dass die Lebensschuld, die er dieser Kreatur zu verbüßen hatte, niemals beglichen werden konnte. Vielleicht würde eines Tages der Tag kommen, an dem er das Band mit diesem Drachen lösen würde. Wenn alle Schuld beglichen worden war. Doch etwas in Entaro wusste, dass dieser Tag seinen eigenen Tod bedeuten würde. Wenn er sein Leben geben musste, um das des Drachen zu bewahren. Und egal wie oft er auch daran dachte, dieser Tag würde ihn eines Tages einholen. Und egal wie oft er auch seine Gedanken darum kreisen ließ. Er war nicht bereit dafür. Wer war schon bereit, seinen eigenen Tod zu empfangen? Wer war schon bereit dafür, sein Leben zu geben, damit ein anderes Leben gerettet wurde? Es gab viele Menschen die von sich behaupteten dafür bereit zu sein. Doch Entaro glaubte, dass diese Worte erst dann auf dem wahren Prüfstein lagen, wenn die Stunde der Wahrheit gekommen war.
Entaro vernahm Schritte, die sich ihm näherten. Sie waren leise und vorsichtig. Doch sie waren ihm nicht entgangen und so hob er den Kopf und wandte seine Blicke zur Seite. Und da stand Kalwen, der Hexenjäger von Niefurt. Noch ein Mensch, der in der Schuld des Drachen stand. Und in Isaés Schuld. Entaro fühlte, irgendwo tief in seinem Inneren, dass alle Menschen, die sich in seiner Nähe befanden, früher oder später durch ein unzertrennbares Band gebunden wurden. Und Entaro fühlte die Schuld auf seinen Schultern, dass dies alles seinetwegen geschah. »Ich habe Geschichten gehört.«, begann Kalwen und es schien, als ob er es nicht wagte sich weiter zu nähern. »Niemals hätte ich für möglich gehalten einen Drachen mit eigenen Augen zu sehen.« Entaro lächelte bitter. »Nun. Ich denke, wenn dieses Unterfangen sein Ende findet, und ihr dann noch am Leben seid, werdet ihr eine Geschichte zu erzählen haben, die für ein ganzes Leben reicht.« Kalwen nickte und Entaro bedachte ihn mit prüfenden Blicken. Der Mann, der da vor ihm stand, war ein gänzlich anderer, als jener den er vor einigen Tagen noch eine Rüge erteilt hatte. Doch Entaro wusste, dass dies nicht einem plötzlichen Sinneswandel zu verdanken war. Einzig und allein die Anwesenheit des Drachen schien dem Mann die Sprache zu verschlagen. »Wo habt ihr ihn gefunden?«, erkundigte sich der Hexenjäger und Entaro seufzte. »Nicht in diesen Landen.« Kalwen starrte den Drachen noch einen Augenblick lang an, ohne ein Wort zu sagen, doch dann wandte er sich wieder an Entaro. »Und was frisst er?« Da lächelte Entaro bitter. »Alles.« Als Entaro bemerkte, wie Kalwen einen unsicheren Schritt zurücktat, schmunzelte Entaro amüsiert. »Wenn er euch fressen wollen würde, würdet ihr nicht entkommen.« »Hat er schon einen Menschen gefressen?« Entaro seufzte und nickte schweigend und Kalwen schluckte daraufhin als ob er einen unverdaulichen Brocken zu schlucken hatte. Entaro verspürte nicht wirklich den Wunsch, sich weiter mit Kalwen zu unterhalten, doch der Hexenjäger machte keinerlei Anstalten es dabei bewenden zu lassen und Entaro ertrug es mit stoischer Ruhe und Gleichgültigkeit. »Könnt ihr mit ihm sprechen?« Kalwen sah Entaro neugierig und zugleich den Drachen mit gemischten Blicken an und Entaro schüttelte den Kopf. »Ich spreche mit ihm, weil es die Eigenart des Menschen ist, sich mit Worten Ausdruck zu verleihen. Doch der Drache antwortet nicht. Er kann in die Herzen der Menschen sehen und erkennt ihren wahren Wert. An jenem Tag, als ich dem Drachen zum ersten Mal begegnete, wurde mein Wert auf die Waagschale gelegt…« »…und nun seid ihr mit ihm verbunden?«, beendete Kalwen den Satz und Entaro nickte.
»Wie erfährt man, wie der Drache den Wert eines Menschen beurteilt?«, erkundigte sich Kalwen daraufhin und Entaro hob daraufhin seine Hand. »Die Zeichen dafür sind nicht zu übersehen.« Er hielt seine Hand, mit der geöffneten Handfläche, in die Richtung des Hexenjägers und forderte ihn damit auf, sich weiter zu nähern. Doch Kalwen zögerte zunächst. Aber als er es dann doch wagte, sich dem Drachen zu nähern, da reagierte die Kreatur. Die Augen, welche zuvor noch wie flüssiges Gold geschimmert hatten, verfärbten sich rötlich, wie glühende Kohlen. Und aus seiner Kehle erklang ein tiefes, leises Grollen, wie jenes eines entfernten Wasserfalls oder reißenden Stromes. Entaro hob die Hand und gebot dem Hexenjäger Einhalt und Kalwen erstarrte und seine Blicke huschten zwischen dem Drachenreiter und seiner schwarzen Kreatur hin und her. »Wir sollten gehen.«, entschied Entaro und näherte sich dann Kalwen, legte ihm seine Hand auf die Schulter und schob den Hexenjäger, mit langsamen Schritten so weit von dem Drachen hinfort, bis dieser seinen Kopf wieder sinken ließ und die Augen sich wieder golden verfärbt hatten. »Was hatte dies zu bedeuten?«, erkundigte sich Kalwen doch Entaro blieb ihm die Antwort darauf schuldig.
Der Tross hatte die Arbeiten, das Aufbahren der Toten, die erste Versorgung der Verwundeten, und das Sammeln der Truppen inzwischen abgeschlossen. Ser Tarvain führte seine Untergebenen zurück zur Wagenburg und insgeheim war Entaro natürlich in gewisser Weise froh, dass er keinen zweiten Vorstoß in das Moor wagen wollte. Doch auf der anderen Seite war nun eigentlich eine gute Gelegenheit diesen Ardeth, die sogenannte schwarze Hand, im Moor zu stellen. Der Tag hatte angebrochen und die Gefahren, die vom Moor und den Sümpfen ausging, würde milder ausfallen. Doch Entaro dachte auch an diese seltsamen Visionen, die er im Moor gehabt hatte. Er konnte sie sich nicht erklären. War dies Ardeths Werk gewesen, oder die alte, verfluchte Macht dieses Landes? Irrlichter, Gase, Magie. Entaro wusste nicht was er glauben und was er als Hirngespinste abtun sollte. Doch eines war gewiss. Die Männer brauchten ein wenig Erholung. Eine warme Mahlzeit und eine gute Strategie, um in diesem Labyrinth aus verborgenen Pfaden und unwegsamen Irrwegen den Feind aufzuspüren, zu stellen und letzten Endes zu schlagen. Der Drache würde keine Hilfe sein, denn das Gelände war unwegsam, und zu dicht bewaldet. Auf den Drachen konnte man sich im Moor nicht verlassen und wenn dieser eine tragende Rolle spielen sollte, in dem Kampf der ihnen noch bevorstand, dann musste es ihnen irgendwie gelingen Ardeth aus dem Moor heraus zu locken, oder zu treiben. Zweifellos würde ihm schon bald auffallen, dass seine Kreaturen nicht mehr zu ihm zurückkehrten. Und wenn er das Lager finden würde, nur Asche und das Mahnmal aus spröden Klingen vorfinden.
Ardeth hatte Entaro beim Namen genannt. Ihn einen Drachenreiter genannt. Doch waren dies wahrlich Ardeths Worte gewesen, oder nur Gedanken und Erinnerungen? Was wusste dieser Mann, der offensichtlich in der Lage war über diese finsteren Kreaturen Einfluss auszuüben und ihnen zu gebieten? Er war ein gefährlicher Gegner, dessen war sich Entaro bewusst geworden. Und er war sich nun im Klaren, dass dieses Unterfangen weit waghalsiger und gefährlicher war, als sich alle Mann dieses Unterfanges vorgestellt hatten. Einschließlich Ser Tarvains.
Als sie die Wagenburg erreicht hatten, wurden die Verwundeten sogleich in Obhut von Mirou in einem der Wagen untergebracht. Ihre Verwundungen waren nicht schwer und sie würden sich vermutlich bald wieder erholen. Es wäre eine Tragödie gewesen, diese guten Männer nun ebenfalls an das Gift der Düsterlinge zu verlieren. Die übrigen Männer begannen sogleich die Wagenburg zu verstärken. Ser Tarvain befahl das Schlagen von nahen, jungen Bäumen um die Wehrhaftigkeit der hölzernen Mauern zu verstärken. Und indes wurde ein heißer Eintopf zubereitet, der die Männer stärken sollte. Dazu ließ Ser Tarvain ein neues Fass Glutbier öffnen, was sowohl die Moral als auch die innere Kälte, in den Gliedern der Männer, vertreiben sollte. Und als der Tag sich langsam seinem Ende näherte, saßen die Männer um die Lagerfeuer und aßen, tranken und flüsterten. Über die Ereignisse der vergangenen Nacht. Über die dunklen Wunder dieser Lande. Und sie gedachten der toten Kameraden.
Entaro war von einer inneren Unruhe ergriffen. Natürlich ertappte er sich auch dabei, wie er durch das Lager streifte, auf der Suche nach Isaé. Er konnte nicht sagen, warum er stets ihre Nähe suchte, anstatt die der Akadier. Doch zu ihr fühlte er sich einfach mehr verbunden. Lag es daran, dass sie einander schon deutlich länger kannten? Oder an dem unsichtbaren Band, dass sie förmlich aneinander gekettet hielt? Entaro suchte die Antworten auf diese Fragen, doch sie blieben ihm verschlossen. Und so setzte er sich neben Isaé an das Lagerfeuer, aß seinen Eintopf und starrte eine ganze Weile schweigend in die Flammen. Doch irgendwann wurde die Stille scheinbar unerträglich. Sowohl für den Bernsteinritter, als auch für die Hexenjägerin, deren musternde Blicke er immer wieder aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. »Wie geht es dir?«, hob er schließlich seine Stimme und wandte seine Blicke von den Flammen ab. Er sah ihr Gesicht, welches von den Schatten und dem warmen Schein der Flammen in ein beinahe malerisches Bild getaucht wurde. »Wie ich sehe hat Mirou deine Wunde gut versorgt?« Er hob die Hand, doch dann hielt er inne und zog die Hand schließlich wieder zurück. Stattdessen nahm er den Löffel aus seiner Schale und führte sich diesen zum Mund. »Im Moor hatte es den Anschein, als ob du entrückt warst. Ich habe deinen Namen gerufen. Immer wieder. Doch du bist einfach nur da gestanden. Hast dich nicht gerührt. Hast nichts gesagt. Und einfach nur auf das Moor gestarrt. Was hast du dort gesehen?«
Der Abend schritt weiter voran, und irgendwann näherte sich Ser Tarvain den beiden, welche, als sie sein Kommen bemerkt hatten, beide die Blicke zu ihm hoben. »Ser Adun. Frau Isaé«. Er nickte beiden förmlich zu und hob dann seine geöffnete Hand und richtete diese auf den Platz neben ihnen. »Darf ich mich zu euch gesellen?« Entaro nickte und hob nun ebenfalls seine Hand, um Ser Tarvain den Platz anzubieten. Eine rein förmliche Geste, denn der Kommandant dieses Unterfangens hätte ohnehin einfach Platz nehmen können. Doch ritterliche Ehre und Manieren sollten nicht abhanden kommen, nur weil man im Moor der Grenzlande war. »Gewiss.«, antwortete Entaro und Ser Tarvain setzte sich schließlich, mit einem gewissen, gebührlichen Abstand, zu ihnen. Wie auch Entaro zuvor, starrte Ser Tarvain zunächst einen Augenblick lang in die Flammen. Als ob sie ihm Fragen auf Antworten geben könnten, auf die er keine finden konnte. Männer fanden Trost und Kraft in der Stille. Wenn sie einfach nur stumm in die Flammen starrten, war dies wie ein Rückzug in sich selbst. Ser Tarvain brach das Schweigen allerdings deutlich eher als Entaro dies getan hatte. »Ich möchte, in aller Förmlichkeit, um Vergebung für meine Unbesonnenheit erbitten. Ich wollte Ardeth stellen. Um jeden Preis. Und dabei habe ich euch und meine Männer in Gefahr gebracht. Und den Tod von guten Männern zu verantworten.« Ser Tarvain sah zuerst Entaro und dann Isaé mit einem ernsten Blick an. »Wir sind in den Grenzlanden, um den Feind zu stellen. Der gewählte Zeitpunkt war so gut wie jeder andere auch.«, antwortete Entaro daraufhin. »Der Tod dieser Männer ist nicht eure Schuld. Der Feind hatte uns einfach nur erwartet. Wir sind in eine Falle gelaufen und sind mit dem Leben davongekommen.« »Und der Preis dafür waren die Leben der Gefangenen.«, murmelte Ser Tarvain und starrte wieder in die Flammen. »Frau Isaé…«, begann Ser Tarvain daraufhin, ohne den Blick von den Flammen abzuwenden. »Darf ich euch um einen Gefallen bitten?« Nun hob er doch den Kopf und sah die junge Hexenjägern forsch an. »Könnt ihr die Stimmen des Flüsterholzes hören? Jetzt und hier?« Ser Tarvain legte den Kopf leicht zur Seite und sah Isaé erwartungsvoll an. »Und würdet ihr, gemeinsam mit mir, diese Nacht über das Lager wachen, mit dem Flüsterholz, damit wir nicht im Schlaf überrascht werden?«
Seltsame Nebelschwaden ❖
02.11.2025 '22:25 [3.128 Wörter]
 iellos streifte Isaé durch das Lager, von einer inneren Unruhe getrieben. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie nach Entaro Ausschau hielt und sich vorstellte, wie sie ihn um eine kleine Menge Feuermohn bitten würde. Aber dann stellte sie sich vor, was er sagen würde und wie er sie vorwurfsvoll ansehen würde, wenn sie das tat und dann verschwand ihr Verlangen danach wieder, jedenfalls für eine Weile. Denn sie wollte ihn nicht enttäuschen. Sie wollte, dass er stolz auf sie war, dass sie diesen unmöglichen Kampf aufgenommen hatte. Wie fest sie unter der Geisel des Feuermohns stand, das war ihr nie so bewusst gewesen. Und eigentlich hatte sie erwartet, dass es leichter werden würde mit jedem Tag der verging, und ihr Körper weniger und weniger Verlangen nach dieser Droge verspüren würde. Aber seltsamerweise war das genaue Gegenteil der Fall. Je länger sie dem Feuermohn entsagte, desto größer wurde ihr Verlangen danach. Und desto größer ihre innere Leere. Manchmal befürchtete Isaé, dass sie bald in ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit verschwinden würde. Und eigentlich sollte sie Stolz empfinden dafür, dass sie nun schon vier Tage keinen Feuermohn geraucht hatte. Auch, wenn das nicht komplett ihr Verdienst war. Schließlich bewahrte Entaro das Opium für sie auf. Dennoch hatte sie zumindest für einen Moment die geistige Stärke aufbringen können, es ihm auszuhändigen. Statt nach Entaro zu suchen, beschloss sie, den Drachen aufzusuchen. Niemand außer Entaro und ihr suchte seine Nähe. Der Drache lag im Halbschatten des Waldes. Sein Körper bewegte sich nicht. Nur alle paar Momente konnte man seinen tiefen Atem erkennen, der seinen Körper in eine sachte Bewegung brachte. Isaé trat leise näher, zögernd, wie immer. Auch, wenn sie sich fast sicher war, dass er ihr nichts tun würde, so blieb eine letzte Unsicherheit bestehen. Denn schließlich war er kein Schosstier, sondern das mächtigste Raubtier, dass es auf dieser Welt nur geben konnte. Und das war gewiss, da er vermutlich der letzte Drache auf dieser Welt war. Sie sprach kein Wort, machte keine unbedachte Bewegung, sondern trat langsam und ruhig an ihn heran. Trotzdem hob er den Kopf. Langsam und träge, als hätte er sie längst erwartet. Ein Auge öffnete sich, wie goldener Bernstein, im Zwielicht, groß genug, dass sie darin ihr eigenes Spiegelbild sah. „Ich hoffe ich störe dich nicht“ meinte sie, als sie ihre Hand auf seinen schuppigen Körper legte. Man sollte denken, dass Drachenschuppen rau wären, aber jede einzelne Schuppe war so groß, dass man sie, wenn man seine Hand darauflegte, als glatt bezeichnen konnte. Schatten antwortete nicht, natürlich nicht. Aber sein Atem wurde ruhiger, und das dumpfe Grollen in seiner Brust klang fast zufrieden. Isaé blieb vor ihm stehen und beobachtete ihn genau. Die Luft vibrierte beinahe von der Wärme, die von ihm ausging. Beherzt lehnte sie sich mit ihrem ganzen Körper an seinen massigen Körper. Sie spürte durch ihr Gewand seine Wärme, schloss die Augen und genoss die Wärme und die Ruhe. Der Drache sah sie nicht an wie die Menschen es taten. Weder mit Mitleid, auch nicht mit Argwohn, und nicht mit dieser stummen Frage im Blick, ob sie schwach war oder bemitleidenswert. Er schien sie gar nicht zu beurteilen, aber wenn doch, dann nur nach Maßstäben, die nichts mit Schuld oder Stärke zu tun hatten. Und genau das war es, was ihr Frieden gab. Bei ihm konnte sie einfach sie selbst sein. Sein Atem hob und senkte sich langsam und irgendwann, unmerklich, passte sich ihr eigener Atem seinem langsamen Rhythmus an, und es fühlte sich an wie ein tiefgreifender Trost. Nach einer Weile öffnete sie die Augen und trat wieder zwei Schritte von ihm weg. Ein letztes Mal legte sie ihre Hand auf seine Seite und flüsterte „Danke!“ Dann entfernte sie sich wieder von ihm.
Es war Abend und es war kühl geworden. Durch das Lager zog der Geruch des Eintopfes, der in dem großen Lagerkochkopf vor sich hin simmerte. Isaé hatte an einem der Lagerfeuer Platz genommen, ihre Beine angezogen und ihre Arme darum geschlungen. Ihr Kopf ruhte auf ihren Knien, ihr Haar breitete sich über ihren Rücken aus und sie wartete eigentlich nur noch darauf, dass der Koch „Essen fassen“ rief. Die Finger waren ineinander verschränkt, das machte das Zittern, das sich in solchen Momenten in welchen sie wenig Ablenkung hatte, unauffälliger bis unsichtbar. Isaé dachte schon seit geraumer Zeit an eine Pfeife mit Feuermohn, als sie Schritte hörte, die sich ihr näherten. Sie hob neugierig den Kopf und sah den Hexenjäger vor sich. „Ach du bist's…“ murmelte sie. „Hast du jemand anderen erwartet?“ legte er den Kopf schief. Isaé schüttelte den Kopf. „Ich habe niemanden erwartet, um ehrlich zu sein. Alles worauf ich warte, ist der Eintopf.“ „Du wirkst nachdenklich.“ „Man denkt doch immer an irgendetwas oder nicht? Ich jedenfalls habe selten Momente, in denen mein Kopf leer ist und ich an nichts denke.“ „Das is wohl wahr. Aber woran hast du eben gedacht?“ Er grinste, setzte sich neben sie, aber mit Abstand. „Darf man fragen, welcher das ist?“ „Nein.“ „Darf man raten?“ „Nein.“ Er schwieg kurz, sah ebenfalls in die Glut. „Dann rate ich trotzdem. Ich wüsste zu gern, was er hat, dass du ihn nicht aus dem Kopf kriegst.“ Isaé wandte ihren Kopf und sah ihn überrascht an. „Entaro? Das war schlecht geraten. Ich denke nicht an ihn. „In Ordnung. Ich bin schlecht im Raten. Aber noch schlechter im Aufgeben.“ „Kalwen.“ „Isaé.“ Einen Moment lang herrschte Stille. „Manchmal denk ich einfach zu viel nach“ murmelte sie. „Dann denk‘ ich mit,“ sagte er, „dann ist’s nur halb so schlimm.“ Sie schüttelte den Kopf, aber ihre Schultern entspannten sich etwas. „Und wenn’s was ist, das man lieber vergisst?“ „Dann hilft Reden manchmal. Oder Schweigen. Ich kann beides.“ Sie lächelte dünn. „Schweigen ist Gold, so sagt man.“ Er lehnte sich zurück, streckte die Beine aus. „Sagt man das?“ Isaé nickte selbstgefällig. „Wie schade. Denn ursprünglich bin ich gekommen, um dir etwas erzählen. Aber vielleicht sollte ich deinen Rat beherzigen, und besser schweigen!“ Isaé blickte ihn eine Weile lang an, so, als würde sie abwägen, ob es sich lohne, nachzubohren, oder sich diese Blöße nicht zu geben. Sie entschied sich für Letzteres. Ohnehin war er ein Klatschmaul. Man musste manchmal einfach nur abwarten bis der Redefluss in ihm obsiegte. Ihre Hand beschrieb eine lapidare Geste. „Erzähls mir, wenn du es mir erzählen willst, oder lass es, wenn du es nicht erzählen willst. Mir ist es einerlei!“ „Ich sollte es dir wohl sagen,“ begann er und kratzte sich am Nacken, und wirkte plötzlich unsicher. „Heute Morgen, im Wald, am Bachlauf, am Teich… Ich war zufällig in der Nähe. Und… na ja. Ich hab dich gesehen.“ Isaé kniff forschend ihre Augen zusammen. „Gesehen?“ „Nicht absichtlich!“ Er hob abwehrend die Hände. „Ich bin einfach in die falsche Richtung gelaufen, und plötzlich stand ich da, und… du standst da auch. Und ich dachte, wenn ich jetzt rufe, erschreck ich dich, also…“ „Also hast du geschaut?“ Kalwen blinzelte, sein Grinsen kam schief zurück. „Ich habe nicht hingeschaut. Eher nicht weggeschaut.“ Isaé errötete. „Kalwen… Das hättest du ruhig für dich behalten können!“ „Ich weiß, ich weiß.“ Er hob die Hände, halb reumütig, halb amüsiert. „War nicht die feine Art. Aber du bist wunderschön. Und ich wär‘ ein Lügner, wenn ich das nicht zugeben würd.“ Einen Moment lang sagte sie nichts. Nur ein sanfter Wind raschelte in den Blättern. Dann sagte sie „Dann hattest wenigstens du einen schönen Morgen. Ich hoffe, du hast dich wenigstens geschämt“ „Nicht im Geringsten!“ grinste er. Sie hielt seinem Blick stand, prüfend, dann blickte sie ihn ernst an „Ich habe vorher an Feuermohn gedacht. Ich... ich bin ihm verfallen. Seit vier Tagen rauche ich keinen Feuermohn mehr. Und ich kann bald an nichts anderes mehr denken.“ Kalwen nickte verstehend „„Dann ist das der Grund, warum du so unruhig wirkst. Ich dachte schon, es liegt an mir.“ Isaé zog eine Braue hoch. „Du kannst wirklich nicht einmal ernst sein, oder?“ Er atmete durch, starrte in die Glut. „Ernstsein...“ Ein kurzes, tonloses Lachen. „Ich hab’s versucht. Früher. Hat mich nur kaputt gemacht.“ Sie sah ihn an, überrascht vom Schwermut in seiner Stimme. „Weißt du,“ fuhr er fort, „Wenn du genug Scheiß erlebt hast, dann lernst du irgendwann, drüber zu lachen. Sonst frisst’s dich. Also lach ich. Immer. Zu laut, zu oft. Ist besser als das andere.“ Isaé schwieg. Sie wollte etwas sagen, fand aber nichts, was nicht dumm geklungen hätte. Kalwen warf einen kleinen Zweig ins Feuer, sah ihr nicht in die Augen. „Ich hab keine Lösung für dich, Isaé. Aber ich weiß, dass du nicht allein bist mit dem, was dich auffrisst.“ Sie nickte langsam. „Das war jetzt erstaunlich ernst.“ Er grinste müde, aber ehrlich. „Mach dir keine Sorgen. Ich gewöhn’s mir nicht an.“ „Davon bin ich überzeugt. Aber sag mir... was für Scheiß hast du denn erlebt?“ „Ach… nichts Großes. Kein heldenhaftes Elend, falls du das glaubst.“ Er lehnte sich zurück. „Nur das Übliche: zu viel versprochen, zu wenig gehalten. Menschen enttäuscht, die’s gut mit mir gemeint haben. Zu stolz, um es zuzugeben. Zu feige oder träge um es zu ändern.“ Isaé schwieg. „Ich hab ein Talent dafür, Dinge kaputtzumachen, die mir guttun,“ fuhr er fort, halb spöttisch, halb leise. „Und wenn’s schiefgeht, dann red ich’s mir schön. Oder ich mach einen Witz. Das kann ich wenigstens.“ „Das ist kein Talent, Kalwen,“ sagte sie ruhig. Er lachte tonlos. „Doch. Nur kein gutes.“ Isaé legte den Kopf schief. „Ein echter Traummann bist du…“ sagte sie sarkastisch. Er zog eine Braue hoch. „Das klang jetzt nicht nach Kompliment.“ „War’s auch nicht.“ Sie lehnte sich zurück, sah kurz ins Feuer, bevor sie weitersprach. „Und falls du dich wirklich fragst, was Entaro an sich hat, dann solltest du vielleicht mal versuchen, so zu sein. Nicht wie er, aber mit Haltung.“ Ein Moment Stille. Das Feuer knackte. Kalwen sah sie an, das Grinsen wich langsam. „Touché,“ murmelte er schließlich. Isaé nickte kaum merklich. „War nicht als Angriff gedacht. Nur als Antwort. Um dich schön am Boden zu halten. “ Er lächelte wieder, aber diesmal ohne Spott. „Und genau das ist der Unterschied zwischen uns.“ „Ich habe für dich gebürgt, ich darf mit dir reden, wie ich will, oder nicht?“ grinste sie. Und dann erschallen endlich die Worte, die Isaé schon sehnsüchtig erwartet hatte. „Essen fassen!“
Der Koch schlug seine Rührkelle gegen den Lagerkessel was einen dumpfen, tiefen metallischen Klang nach sich zog. Die Soldaten sprangen mit ihren Schüsseln, die sie schon unruhig in den Händen hielten auf. Isaé stand nicht alleine da wenn sie sagte, dass sie hungrig war. Sie stellte sich in die Warteschlange und wartete geduldig, bis sie an der Reihe war. Dann nahm sie ihre Schüssel und setzte sich wieder an ihren Platz am Lagerfeuer. Kalwen folgte ihr nicht mehr. Folge dessen hatte ihr Spruch wohl gesessen. Sie stellte die Schüssel neben sich auf dem Boden ab, da der Eintopf noch viel zu heiß war. Und dann setzte sich jemand neben sie. Sie dachte schon, dass Kalwen es sich anders überlegt hatte und ihr lag schon ein bissiger Spruch auf den Lippen, aber dann sah sie dass es nicht Kalwen war, und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Da er sich aber grußlos und schweigend neben sie gesetzt hatte, sah sie ebenfalls keine Veranlassung, etwas zu sagen. Weil der Eintopf neben ihr noch dampfte, und sie keine Worte hatte, blieb sie einfach ruhig sitzen und warf immer wieder einen Blick auf den Drachenreiter. Erst fand sie dieses Spiel ganz amüsant. Er, der beinahe krampfhaft in die Flammen starrte und sich zwischendurch den Eintopf reinschaufelte. Und mit dem anhaltenden Schweigen stieg ihre Unsicherheit. Sie begann nervös mit dem Bein zu wippen. „Wie geht es dir?“ wandte er sich schließlich an sie und blickte sie an. Sie hob ihren Kopf und wandte sich ihm zu. „Danke. Es geht mir gut“ erwiderte sie. „Den Umständen entsprechend.“ Sie schob ihre Hände unter ihren Hintern um das Zittern zu verbergen und lehnte sich ein kleines Stück weit zurück. „Wie geht es dir, Entaro?“ Er nickte. „Wie ich sehe, hat Mirou deine Wunde gut versorgt?“ Er hob seine Hand, hielt dann inne und aß schließlich weiter. „Oh das…“ sagte Isaé und griff sich an den Kopf. „Mirou hat übertrieben. Es ist nur ein Kratzer, und wenn die Wunde erst einmal verheilt ist, wird man es wohl kaum sehen. Ist ja nur auf der Kopfhaut, da hängt mein Haar drüber. Ist doch egal. Das ist nichts.“ „Im Moor hatte es den Anschein, als ob du entrückt warst.“ Isaé nickte „Das war wirklich eine verrückte Sache. Ich verstehe es selbst nicht ganz. Ich bin nicht sicher, was das war. Es waren Illusionen, aber ich denke, dass Ardeth diese verursacht hat. Wobei ich es nicht verstehe, wie er das gemacht hat. Wie kann er um diese Dinge wissen? “ „Ich habe deinen Namen gerufen. Immer wieder. Doch du bist einfach nur dagestanden. Hast dich nicht gerührt. Hast nichts gesagt. Und einfach nur auf das Moor gestarrt.“ „Ich habe dich erst gehört, als du sagtest, ich soll laufen. Ich glaube, Ardeth wollte mich ins Moor locken, ich weiß nicht, doch diese Illusionen waren so real, dass ich…“ Sie schwieg. „Was hast du dort gesehen?“ Isaé sah in das Lagerfeuer und überlegte für einen Moment. Dann sagte sie „Ich habe etwas gesehen, das ich vor langer Zeit verloren habe. Dann habe ich etwas gesehen, das nicht für mich bestimmt ist. Und ich sah etwas, das ich mir wünsche, doch nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung.“
Isaé wurde langsam müde, je weiter der Abend voranrückte. Und plötzlich gesellte sich Ser Tarvain zu ihnen. Er bat um einen Platz an ihrer Feuerstelle und es war selbstverständlich, dass sie ihm diesen Platz gewährten schließlich war er nicht nur der Herr dieses Trosses. Erst herrschte Schweigen, und Isaé überlegte, ob sie sich entschuldigen und zur Ruhe begeben sollte. Doch dann begann Ser Tarvain zu sprechen. Er bat sie beide um Vergebung dass er sie in Gefahr gebracht hatte, er sprach von jenen Männern die er verloren hatte und er schien auch die kalathischen Männer zu bedauern. Isaé überließ das Sprechen Entaro. Doch nach dem Entaro Ser Tarvain seine Meinung mitgeteilt hatte, da wandte Ser Tarvain sich an die Hexenjägerin. „Frau Isaé. Darf ich euch um einen Gefallen bitten?“ Sie hob den Blick, ohne dabei ihren Kopf zu bewegen und sah ihn unter ihren Lidern erwartungsvoll an. „Könnt ihr die Stimme des Flüsterholzes hören? Hier und Jetzt?“ Isaé schüttelte den Kopf. Doch um ganz sicher zu gehen, holte sie ihre Pfeife hervor und lauschte. Doch die Pfeife blieb stumm. Erneut schüttelte sie schweigend den Kopf. "Und würdet ihr, gemeinsam mit mir, diese Nacht über das Lager wachen, mit dem Flüsterholz, damit wir nicht im Schlaf überrascht werden?" Isaé blinzelte, leicht überrumpelt und hob den Kopf, überrascht von seiner Frage. „Ich?“ fragte sie, unsicher, ob sie richtig gehört hatte. „Ihr wollt, dass ich wache?“ Tarvain nickte langsam, sein Blick blieb unverändert ruhig. „Ihr habt uns zu Ardeth geführt, wo andere nichts fanden. Ich glaube, ihr hört, was andere überhören.“ Sie schwieg einen Moment, unschlüssig, ob das insgesamt gut oder schlecht war. Im Feuer knackte ein Holzscheit und ein lautes Knacken von Harz, das zerbarst, ertönte, irgendwo im Wald rief ein Uhu in die Nacht. Schließlich nickte sie nur. „Wie ihr wünscht, Ser Tarvain.“ „Nicht wie ich wünsche,“ erwiderte er, während er sich wieder setzte. „Weil es nötig ist. Ich kann es mir nicht erlauben, jeden Tag drei Männer zu verlieren.“ Isaé legte den Kopf schief und runzelte leicht die Stirn. „Das Flüsterholz reagiert nicht auf Düsterlinge,“ sagte sie nach kurzem Zögern. „Sie sind keine magischen Kreaturen. Es ist nicht dafür da, sie zu erkennen.“ Tarvain nickte verstehend, der Blick blieb ruhig. „Ich will nur, dass Ihr keine falschen Erwartungen habt,“ sagte Isaé. „Ich habe keine,“ entgegnete er. „Ich will nur, dass einer von uns wach bleibt, der mehr hört als das Knacken des Feuers.“ Sie schwieg und musterte ihn. Es war wohl ein Mann, der gelernt hatte, vorsichtig zu bleiben. „Nun gut, ich werde mit Euch Wache schieben. Immerhin bezahlt ihr mich, da habe ich ohnedies keine andere Wahl.“
Die Nacht legte sich über das Lager. Nebel waberte über dem Boden, das Feuer wurde nur noch von einem Scheit am Leben erhalten. Vereinzelt hörte man Schnarchen der Männer und Isaé beneidete sie darum, schlafen zu dürfen, wo sie doch selbst so unsagbar müde war. Die Hexenjägerin saß im Schneidersitz, an einen Baum gelehnt, das Flüsterholz in der Hand. Es fühlte sich kühl an, fast tot. Kein Summen, kein Wispern, nichts. Immer wieder warf Ser Tarvain einen fragenden Blick zu ihr, doch sie schüttelte stets den Kopf. „Es regt sich nicht,“ sagte sie schließlich, die Stimme leise, aber bestimmt. „Ich hab’s euch gesagt. Das Holz spricht nicht zu uns, wenn keine Magie in der Luft liegt.“ Ser Tarvain blickte nicht auf. Er saß ein Stück entfernt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Schwert quer über den Beinen.„Dann lauscht trotzdem,“ erwiderte er ruhig. „Vielleicht braucht man kein Flüsterholz, um dennoch Gefahr zu wittern. Wie ihr selbst sagtet, auf Düsterlinge reagiert das Flüsterholz nicht. Und auf Wölfe oder Bären auch nicht. Aber sagt mir, Hexenjägerin…“ Isaé hob kurz den Blick, beobachtete, wie sein Gesicht im unruhigen Schein des schwachen Feuers leuchtete. Er wirkte wie einer, der den Schlaf verlernt hatte. „Wie sieht es aus mit den Wiedergängern von welchen Kalwen von Niefurt ständig spricht? Isaé rutschte unbehaglich auf ihrem Platz hin und her. „Das weiß ich nicht. Ich habe noch nie von Wiedergängern gehört. Ich habe keine Ahnung was sie sind.“ „Die Frage ist, ob sie überhaupt existieren, nicht wahr? Ich halte dies allerdings für reinen Aberglauben, also seid unbesorgt und konzentriert euch lieber auf wilde Tiere oder diese fliegenden Ungetüme, denn diese Gefahr ist weitaus realer als solche Ammenmärchen.“ „Ich wache mit offenen Ohren,“ sagte sie, „Das hoffe ich,“ antwortete Tarvain. Sie wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Also schwieg sie. Sie hätte auch lieber mit Entaro gewacht, als mit Ser Tarvain. Oder mit Kalwen. Selbstverständlich. Sogar lieber mit dem griesgrämigen Koch, oder mit jedem beliebigen Soldaten. Ser Tarvain und sie, die gemeinsam über das Lager wachten, das fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Eine Weile hörte man nur das leise Knacken des Holzes das im Feuer lag. Isaé legte ihre Pfeife schließlich neben sich, schob ihre Hände unter ihren Umhang, den sie sich fester um den Leib geschlungen hatte und sah in die Glut die unter den Flammen glühte. Tarvain rührte sich nicht. Nur sein Blick war wach. Und so saßen sie da, stundenlang und schweigend, während Stunde um Stunde vorüberzog. Am Rand des Feuers, während das Flüsterholz still blieb. Was natürlich beruhigend war, doch andererseits war diese gemeinsame Nachtwache seltsam. Sie gähnte herzhaft, und hoffte insgeheim, dass er das nicht gesehen hatte. Sollte das jetzt jede Nacht so gehen?
Unheimliche Nachtwache ❖
04.11.2025 '19:23 [2.147 Wörter]
 ell standen die beiden Monde am Himmel, als Entaro erwachte, da es ihn fröstelte. Als er die Augen aufschlug, sah er dichte, weiße Nebelschwaden, welche zwischen seinen Füßen umherwaberten. Entaro hob ein Bein und der Nebel verflüchtigte sich, wie dichter, weißer Rauch, der sich auf das Land gelegt hatte und nur durch einen Windhauch vertrieben worden war. Entaro runzelte die Stirn und erhob sich schließlich von seinem Lager. Als er vor sein Zelt trat, musste er feststellen, dass das ganze Lager in einen dichten Nebel gehüllt worden war. Er nahm sein Schwert und gurtete es an seinen Gürtel. Und dann schritt er in die Nacht hinaus. Der Nebel wurde, durch jeden Schritt den er tat, zerteilt, löste sich förmlich unter ihm auf, und verschmolz hinter ihm wieder zu einem weißen See. Entaro blieb einen Moment lang stehen und verharrte regungslos, als er den Nebel dabei beobachtete, wie er sich um seine Füße wandte, bis diese gänzlich von dem weißen, milchigen Rauch umschlossen wurden. Er runzelte die Stirn und ging dann in die Hocke. Er berührte den Nebel mit der bloßen Hand, doch kaum hatte er seine Hand hinein getaucht, da stieb er auch schon wieder auseinander. Der Nebel war kalt und feucht und Entaro seufzte nachdenklich. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt derart dichten Nebel gesehen hatte. Als er sich wieder erhob, wischte er mit seinem Bein in der Form eines Halbkreises durch den Nebel und dieser löste sich vor ihm auf und gab den lehmigen Boden darunter wieder frei. »Seltsam.«, murmelte Entaro und setzte sich dann wieder in Bewegung. Nicht weit von ihm schien das Licht des Lagerfeuers, an welchem die Nachtwache saß und Entaro gesellte sich zu ihnen. Dort saßen Ser Tarvain und Isaé und als sie seine Gegenwart bemerkt hatten, entspannten sie sich sichtlich. »Ah, ihr seid es, Ser Adun. Könnt ihr nicht schlafen?«, bemerkte der Ritter und ließ seine Blicke wieder auf das Feuer sinken. »Dieser seltsame Nebel…« begann Entaro, als ihm auffiel, dass sich rund um das Lagerfeuer überhaupt kein Nebel befand. Erneut runzelte er die Stirn und ließ seine Blicke über den Platz schweifen. Der Nebel wirkte wie ein See aus weißem Rauch, welcher ständig in Bewegung schien. Doch um das Feuer herum sah man keinen Nebel. »Welcher Nebel?«, erkundigte sich Ser Tarvain und Entaro deutete hinter sich auf den Boden. »Dieser Nebel.«, antwortete er und Ser Tarvain erhob sich, das Schwert in der Hand. Er warf einen flüchtigen Blick zur Hexenjägerin und sah sie fragend an. »Das Flüsterholz ist stumm?« Natürlich war es stumm, sonst hätte Isaé längst Alarm geschlagen. Auch sie sah, beinahe verwundert, auf den Nebel. »Der Mond steht heute voll am Himmel. Ich kann aber nur einen der Monde sehen.«, murmelte Entaro nachdenklich, als er den Blick zum Himmel erhob. »Wir sind in der Nähe eines großen Moores. Es wird wohl irgendwie mit dem Mond zusammenhängen?«, mutmaßte er schließlich und seufzte. »Wenn das Flüsterholz schweigt, ist keine Magie am Werk.«, stellte Tarvain fest, doch in seiner Stimme schwang ein unüberhörbarer Hauch von Zweifel mit. Entaro näherte sich Isaé und legte ihr dann die Hand auf die Schulter. »Was auch immer diesen Nebel heraufbeschworen hat. Wenn es keine Magie in sich birgt, ist es auch nicht gefährlich. Oder?« Entaro hatte vermutlich schon mehr, seltsame Dinge in seinem Leben gesehen als Isaé. Doch sie war doch die Hexenjägerin. Isaé sah Entaro fragend an und er nickte verstehend. Sie hatte genauso wenig eine Antwort darauf. Entaro setzte sich schließlich neben sie ans Feuer. »Du solltest schlafen. Du kannst nicht die ganze Nacht Wache halten.« Er hob seinen Blick zu Ser Tarvain und als der rote Tod den Blick erwiderte, nickte Entaro. »Ihr solltet ebenfalls ein wenig schlafen. Ihr könnt nicht ewig wach bleiben. Und wer weiß, was der morgige Tag bringen mag?« Ser Tarvain wirkte, als ob er dagegen Widerspruch einlegen wollte, doch Entaro räusperte sich. »Wenn von diesem Nebel Gefahr drohen sollte, werde ich mich seiner annehmen. Seid euch gewiss. Doch ich kann, außer der feuchten Kälte, nichts sehen, hören oder fühlen.« »Ihr seid kein Hexenjäger, Ser Adun.«, stellte Ser Tarvain nüchtern fest und der Drachenreite nickte zustimmend. »Das mag wohl sein. Doch wenn hier keine Hexenmacht am Werk ist, werde ich schon damit klarkommen. Wenn ihr euch besser fühlt, könnt ihr den anderen Hexenjäger unseres Trosses gerne zu uns ans Feuer holen. Aber ihr solltet schlafen. Und Isaé auch.«
Ser Tarvain gab sich schließlich geschlagen und schob sein Schwert in die Scheide. »Also gut. Ich überlasse euch die restliche Nachtwache. Und ich hoffe, dass ihr euch nicht irrt.« Entaro antwortete nichts darauf, sondern sah Ser Tarvain nur stumm in die Augen, bis dieser schließlich seufzte und sich vom Lagerfeuer entfernte. Nach einer Weile hob Entaro schließlich den Kopf und sah Isaé in die Augen. »Dieser Nebel ist ungewöhnlich. Aber dein Flüsterholz schweigt. Ich kann es nicht wirklich erklären. Mir ist dieses Flüsterholz selbst ein Mysterium. Dieses ganze Land ist ein Mysterium. Du kannst hier dein ganzes Leben verbringen und würdest dennoch irgendwann überrascht sein, was es in sich birgt.« Entaro legte sein Schwert neben sich und lehnte es an den Holzstamm, auf welchem sie saßen. »Ich habe dich beobachtet, Isaé.«, murmelte Entaro schließlich und in seiner Stimme schwang ein stoischer Ton mit. »Du warst bei Schatten. Alleine.« Er sah sie fragend an und es schien, als ob er eine Erklärung von ihr erwarten würde. »Er scheint eine Bindung zu dir aufgebaut zu haben. Du bist der erste Mensch den er so nah an sich herangelassen hat. Aber ich kann nicht sagen was ich davon halten soll.« Er runzelte nachdenklich die Stirn und nahm dann einen der Holzscheite, welche neben dem Feuer aufgebahrt worden waren, und legte ihn in die knisternden Flammen. »Dieser Kalwen…«, murmelte Entaro und sah dann wieder Isaé in die Augen. »Schatten hatte sich verändert, als er sich genähert hatte. Ich kann auch nicht sagen was ich davon halten soll.« Entaro wusste, wenn er sich ehrlich war, nur sehr wenig über den Drachen. Doch er hatte schon mehr als einmal gesehen, wie der Drache sich verändert hatte, wenn Menschen sich ihm genähert hatten, die nicht würdig waren. Kalwen schien einer dieser Menschen zu sein. Doch das sprach er nicht laut aus. Manche Gedanken sollten nicht ausgesprochen werden, bevor man klare Gewissheit hatte. »Wenn der Tag anbricht, wird Ser Tarvain den Tross in das Moor führen.«, sagte Entaro schließlich und Isaé sah ihn fragend an. »Woher willst du das wissen?« »Es ist seine einzige, mögliche Entscheidung, die er treffen kann. Wenn er das Unterfangen nicht abbrechen will, dann muss er es weiterführen. Die Männer brauchen einen Sieg, wenn die Moral nicht gänzlich zerbrechen soll. Und wenn er zu lange in der Wagenburg verweilt, können sich dunkle Gedanken im Verstand der Männer bilden. Er hat keine andere Wahl. Und darum solltest du schlafen gehen. Du musst bei Kräften sein und bei klarem Verstand. Denn was wir heute erlebt haben, ist erst der Anfang. Dieses Unterfangen wird von jedem einiges abverlangen.«
Als Isaé sich schließlich vom Lagerfeuer entfernt hatte, starrte Entaro lange Zeit lang in die Flammen. Doch eine innere Unruhe hatte ihn ergriffen und wollte einfach nicht von ihm ablassen. Und so erhob er sich, zog einen brennenden Holzscheit aus dem Feuer und begann das durch das Lager zu laufen. Der Nebel hatte sich noch immer nicht verflüchtigt. Und auch wenn er bei jedem Schritt, sich vor ihm teilte, so verschmolz er kurz darauf wieder. Entaro ging erneut in die Hocke und hielt die Fackel so dicht über dem Boden, dass die Wärme des Feuers die wenigen Halme, die sich hier noch befanden, zu versengen begannen. Der Nebel kroch vor den Flammen zurück, als ob er in der Nähe des Feuers einfach nicht bestehen konnte. »Ungewöhnlich.« murmelte Entaro. Einen solchen Nebel hatte er noch nie gesehen. Er wirkte beinahe als wäre er lebendig. Ein Wesen, dass das Feuer mied. Und in Entaro machte sich eine unangenehme Ungewissheit breit. Was wenn dieser Nebel mehr war als nur Nebel? Er war nicht magischen Ursprungs, das hatte Isaés Flüsterholz bewiesen. Doch ob er wirklich natürlichen Ursprungs war, konnte Entaro nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Er entschied, dass es das Beste sein würde, Ser Tarvain zu empfehlen, den Ort der Wagenburg zu wechseln. Etwas in Entaro schrie förmlich danach, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen vor sich ging.
Doch die scheinbar unvermeidbare Konsequenz blieb aus. Es gab keine seltsamen Kreaturen, die aus dem Nebel krochen. Keine Widergänger, die im Schutz des Nebels aus dem Boden aufstiegen. Keine Irrlichter und keine Düsterlinge. Entaro erwog das Lager zu verlassen, um sich dem Rand des Moores zu nähern. Er wollte herausfinden, ob der Nebel dort seinen wahren Ursprung hatte. Doch er konnte das Lager nicht unbewacht zurücklassen. Wenn etwas in seiner Abwesenheit geschehen würde, wäre dies unverzeihlich. Und so schritt er zu dem hölzernen Wall der Wagenburg. Natürlich waren Ser Tarvain und Isaé nicht die einzigen Wachtposten, die in der Nacht über das Lager wachten. Während Isaés Aufgabe darin bestanden hatte, darauf zu achten ob sich magische Aktivitäten näherten, und Ser Tarvain ihr dabei Beistand geleistet hatte, damit sie nicht alleine sein musste, hielten die Akadier selbst Wache um alle Feinde zu erspähen, die nicht magischer Natur waren. Mit ihnen waren noch drei akadische Soldaten dazu abgestellt worden und jeder von ihnen starrte in die Dunkelheit vor dem umfriedeten Lager. »Ser Adun.«, flüsterte ein Soldat, als er den Bernsteinritter bemerkt hatte. Entaro nickte und deutete auf die schlafenden Soldaten, welche neben ihm lagen. Die Nachtwache war stets in drei Schichten unterteilt, und jeder der Soldaten war für eine dieser Schichten verantwortlich. »Weckt drei eurer Kameraden. Etwas Seltsames geht hier vor sich und ich möchte dem auf den Grund gehen. Wählt jene aus, die noch nicht Wache geschoben haben.« Der Soldat nickte und wandte sich an einen seiner Kameraden, welche auf dem Wagen schliefen, der eigens für die Nachtwache diente. Er stieß drei der Männer an, welche direkt am Ausgang des Wagens schliefen, welche daraufhin sofort hellwach waren. Der Soldat legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete seinen Kameraden zu schweigen. »Keine Gefahr.« Die Soldaten nickten und krochen dann von dem Wagen herunter. »Ser Adun?«, flüsterte der Wachposten und die Männer traten schließlich an den Bernsteinritter heran. »Seht. Das ganze Lager ist von einem seltsamen Nebel erfüllt. Das Flüsterholz der Hexenjägerin schweigt, doch dieser Nebel ist gar seltsam. Ich werde zum Moor gehen, um herauszufinden, ob dieser Nebel von dort kommt. Und ihr solltet nicht nur außerhalb des Lagers auf Feinde achten.« Die Männer nickten verstehend und jeder zog eine Fackel aus einem hölzernen Fass und entzündete diese schließlich an dem brennenden Holzscheit Entaros. Dieser tauschte dann ebenfalls das Holzscheit durch eine Fackel aus und machte sich dann auf den Weg.
Als Entaro das Lager hinter sich gelassen hatte, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Als ob dutzende Augen ihn beobachten würden. Doch egal wohin er auch sah, er konnte nichts und niemanden erkennen. Für einen Moment glaubte er, dass sich vielleicht Düsterlinge dem Lager genähert hatten. Aber sie hätten doch längst im Schutze der Nacht einen Überfall unternommen? Entaros Weg führte ihn immer weiter, bis er endlich am Moor angekommen war. Das Wasser lag ruhig wie ein Spiegel und auf dem Wasser lag das Ebenbild des Mondes, ebenso ruhig und hell, wie der wahre Mond, der am Himmel thronte. Doch als Entaro die Blicke über das Moor schweifen ließ, erkannte er, dass hier beinahe gar kein Nebel zu sehen war. Entaro seufzte nachdenklich. »Was hat das zu bedeuten?« Er entfernte sich von dem Moor, bis er wieder zu einem Teil des Waldes gekommen war, in welchem der wabernde Nebel über den Boden kroch. Mit forschen Blicken beobachtete er den Nebel und es schien, als ob der Nebel in jene Richtung zu fließen schien, in welcher das Lager lag. Und so entschied Entaro in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, aus welcher der Nebel zu kommen schien. Je weiter ihn sein Weg führte, desto mehr beschlich ihn das Gefühl, dass er an diesem Ort schon einmal gewesen war. Nach einer Weile, wurde ihm klar, warum ihm dieser Ort so bekannt vorkam. Er war hier schon einmal gewesen. Und als ihn die Erkenntnis einholte, da überkam ihn ein eisiger Schauer. Er konnte es nicht erklären warum. Doch dieser Ort wirkte so fremd, aber er schob es auf die Dunkelheit der Nacht, die nur vom hellen Mondschein erhellt wurde.
Vor ihm war ein Loch im Boden, und der Nebel waberte darum. Entaro trat noch einen Schritt näher, doch in dem Loch war nichts zu sehen. Nur gähnende Schwärze. Und so warf er die Fackel hinein, nur um festzustellen, dass das Loch absolut leer war. Entaro konnte nicht sagen, ob der Nebel aus dem Loch zu kommen schien, doch als er die Leere darin sah, da erstarrte er. Es war das Grab, welches das Grab des toten Akadiers war und in dem Loch war nur gähnende Leere.
Das leere Grab ❖
06.11.2025 '10:46 [2.941 Wörter]
 uälend langsam zog sich die Nacht dahin. Das Feuer schrumpfte immer wieder in sich zusammen bis einer von ihnen, die Hexenjägerin oder der rote Tod ein Stück Feuerholz nachlegte, um das Lagerfeuer am Leben zu erhalten. Isaé saß da, die Beine angewinkelt, den Umhang um sich gewickelt und sie trank einen Schluck Wasser aus ihrem Wasserschlauch. Es war warm im Schein des Feuers. Wo der Schein des Feuers hinfiel, war es warm. Und da wo der Feuerschein endete, da endete auch die Wärme und die Nächte waren mittlerweile kalt geworden dieser Tage, in denen der Herbst längst Einzug in dieses Land gehalten hatte. Aus diesem Grund waren sie beide immer weiter in den Schein des Lagerfeuers gerutscht und hielten einfach nur Wache. Isaé hielt die Flüsterholzpfeife zwischen den Fingern. Ihr haftete immer noch der Geruch des Feuermohnopiums an. Der süße, harzige und verführerische Duft des Opiums, von den unzähligen Malen die sie Feuermohnopium geraucht hatte, war tief ins Holz eingedrungen. Jetzt kroch er durch ihre Sinne, suchte alte Wege in ihr, die er einst gebahnt hatte und fand sie unverändert vor. Und irgendwo in ihr regte sich etwas. Das Verlangen nach dieser Droge war noch immer da und ihr Körper und ihr Geist fochten stets einen harten Kampf dagegen an. Sie drehte sie zwischen den Fingern, betrachtete das glatte Holz, die Maserung und die feinen Risse. Ihr Daumen strich immer wieder über die Stelle, wo das Mundstück sich befand. Es war eine Bewegung gegen die Müdigkeit, gegen das unerträgliche Schweigen. Ser Tarvain saß etwas abseits, stumm den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Er war kein Mann für leere Worte, das wusste sie inzwischen. Wäre sie hier mit Entaro gesessen oder mit Kalwen, wäre Schweigen kein Problem gewesen. Man konnte mit beiden schweigen ohne dass es unangenehm war. Oder man konnte sich wunderbar mit beiden unterhalten, um die Nachtwache nicht zu solch einer quälenden Aufgabe verkommen zu lassen. Aber diese Stille zwischen ihnen war zäher als die Nacht. „Vier Tage schon,“ sagte sie zu ihm irgendwann, leise, fast beiläufig. Er wandte sich ihr zu. „Was?“ „Seit vier Tagen nichts mehr.“ Sie hob kurz die Pfeife. „Kein Feuermohn.“ Er sagte zunächst nichts. Nur sein Blick blieb auf ihr liegen, prüfend, wie immer, schwer einzuschätzen. Dann fragte er „Freiwillig?“ „Könnte man so sagen. Ich wollte es euch beweisen. Und nicht nur euch. Aber ich wollte, dass ihr seht, dass ich vertrauenswürdig und verlässlich bin.“ Er schwieg. Das Feuer prasselte leise. „Vier Tage,“ wiederholte sie. „Ich dachte, das zählt vielleicht. Für irgendwas, für irgendwen.“ Tarvain nickte. „Vier Tage sind ein Anfang,“ sagte er schließlich. „Kein Triumph, aber ein erster Schritt. Bleibt dabei.“ Ein Schatten von einem Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann wurde er wieder ernst. „Ich fühle mich geehrt, aber ihr seid töricht.“ „Ist das so?“ fragte sie und hob eine Augenbraue. „Ihr solltet es nicht um meinetwillen tun, sondern um euretwillen. Ihr solltet es tun, um frei zu sein, nicht, um mir oder irgendjemandem etwas zu beweisen.“ „Das mag vielleicht sein, doch ich habe mir selbst nicht gedroht.“ Tarvain seufzte. „Ihr seid sehr nachtragend, Frau Isaé. Doch ich sage es euch gerne noch einmal. Ich drohe nicht. Ich stelle Erwartungen. Wer sie nicht erfüllt, soll wenigstens wissen, woran er ist.“ Sie nickte. „Dann hoffe ich, ihr erkennt auch, wenn jemand versucht, ihnen gerecht zu werden.“ Ser Tarvain nickte. „Das tue ich. Jedoch zählen für mich Ergebnisse, nicht Absichten.“ Sie nickte und legte die Pfeife beiseite. Sie wünschte sich, dass diese Nacht endlich vorbeisein würde, und rutsche ein wenig tiefer in ihrem Sitz und zog sich ihren Umhang ein wenig enger um den Körper. Sie warf Ser Tarvain einen letzten Blick zu und fragte sich, welche Menschen einem Selbstgerechten, wie er einer war, jemals gerecht werden konnten.
Plötzlich hörten sie Schritte und beide richteten sich schlagartig auf. Ser Tarvain war, sofern er überhaupt Müdigkeit verspürt hatte, hellwach. Ebenso die Hexenjägerin. Seine Hand schloss sich um den Schwertgriff, das Schwert lag immer noch quer über seinen Knien. Isaé saß aufrecht, das Flüsterholz in der Hand, doch das Holz blieb still. Ser Tarvains Augen glitten durch die Dunkelheit, ohne Hast. Er bewegte sich nicht und schien in die Dunkelheit zu lauschen. Die Schritte kamen näher, Isaé hielt den Atem an. Sie spürte, wie ihr Herz raste, wie der Puls gegen die Kehle schlug. Tarvain blieb regungslos, nur seine Finger spannten sich um den Griff. Dann trat Entaro in den Schein des Feuers. Die Anspannung fiel von der Hexenjägerin ab und sie musste innerlich beinahe über sich lachen, weil sie sich so angestellt hatte. „Ah, ihr seid es, Ser Adun. Könnt ihr nicht schlafen?“ fragte Ser Tarvain und Entaro begann, von einem seltsamen Nebel zu sprechen. Und erst dann sah sie ihn. Er kroch weit außerhalb des Feuerscheins in der Dunkelheit über den Waldboden und Isaé hätte ihn überhaupt nicht bemerkt, wenn Entaro nichts darüber erzählt hätte. Ser Tarvain stellte fest, dass es nichts Magisches sein konnte, da sonst das Flüsterholz gesprochen hätte. Doch der zweifelnde Tonfall, der seiner Stimme anhaftete, war unüberhörbar. „Was auch immer diesen Nebel heraufbeschworen hat. Wenn es keine Magie in sich birgt, ist es auch nicht gefährlich. Oder?“ fragte Entaro Isaé und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die Hexenjägerin schürzte die Lippen und blickte Entaro fragend an. Woher sollte sie das wissen? Sie wollte ihm schon sagen, dass sie einen solchen Nebel noch nie erlebt hatte, aber auf der Flüsterholz vertraute, doch stattdessen gähnte sie herzhaft und hielt sich die Hand vor den Mund. Entaro setzte sich zu ihr mit der Bemerkung, dass sie schlafen gehen sollte. Und dasselbe empfahl er auch Ser Tarvain, und bot an, die Nachtwache zu übernehmen. Nach einigem Hin und Her ließ Tarvain sich überzeugen und ging zurück zum Lager.
Und obwohl Isaé müde war, blieb sie noch sitzen, um sich ein wenig mit Entaro zu unterhalten, den sie dieser Tage nicht häufig zu Gesicht bekam, wie sie sich das wünschte. Seit sie mit Ser Tarvain und seinem Tross unterwegs waren, hatte sich alles verändert. Früher war Entaro einfach da, vom Morgen bis zur Nachtruhe. Er war ein Teil ihres Tages geworden, so selbstverständlich, dass sie kaum bemerkt hatte, wie sehr sie sich an seine Gegenwart gewöhnt hatte. Nun waren sie öfter getrennt. Er bei den Spähern, bei Tarvain, bei den Männern. Sie im Lager oder anderwärtig beschäftigt. Und jedes Mal, wenn sie sich umsah und ihn nicht sah, keimte diese Unruhe in ihr auf. Aber wenn er dann, wie eben, aus dem Nebel trat oder neben ihr auftauchte, als wäre er nie fort gewesen, dann war das, als würde die Welt wieder so sein, wie sie ihrer Meinung nach sein sollte. Und in diesen Momenten spürte sie, wie seltsam es war, jemanden zu vermissen, den man so lange für selbstverständlich gehalten hatte. Und so saßen sie beide alleine am Lagerfeuer, mitten in der Nacht und für Isaé war die Welt in Ordnung. Entaro sprach davon wie seltsam er dies alles fand, den Nebel, das Flüsterholz, das Land, vor allem das Land. Isaé nickte und erwiderte „Das stimmt wohl, doch irgendwie gefällt mir das. Es beunruhigt und fasziniert mich gleichermaßen. Alles wirkt hier so archaisch, uralt, wild, und irgendwie fühlt sich das vertraut an. Ich weiß auch nicht…“ zuckte sie die Schultern. Eine Weile herrschte Schweigen, dann sagte er „Ich habe dich beobachtet, Isaé.“ Sie hob eine Augenbraue und warf ihm einen fragenden Blick zu. „Du warst bei Schatten. Alleine.“ „Ach so…“ murmelte Isaé. "Dann bist du wohl selbst so etwas wie ein Schatten, was? Mein Schatten..." grinste sie. Sie fragte sich in diesem Augenblick, ob ihm das nicht recht war, wenn sie den Drachen alleine aufsuchte. Sie konnte sich aber nicht entsinnen, dass er ihr das jemals verboten hatte. Doch noch bevor sie ihm diese Frage stellen konnte, sprach er weiter. „Er scheint eine Bindung zu dir aufgebaut zu haben. Du bist der erste Mensch den er so nah an sich herangelassen hat. Aber ich kann nicht sagen was ich davon halten soll.“ Isaé grinste ihn an „Was ist? Bist du etwa eifersüchtig? Ich nehm‘ dir deinen Drachen schon nicht weg, er gehört ganz alleine dir.“ Sie gab ihm einen sanften neckischen Seitenhieb, dann verschwand das Grinsen aus ihrem Gesicht und sie wurde ernster „Manchmal habe ich das dringende Bedürfnis nach Ruhe. Schatten strahlt auf mich eine enorme Ruhe und Gelassenheit aus. Manchmal,“ begann sie leise, „…fühle ich mich so leer. Als hätte irgendwas in mir aufgehört zu brennen. Nicht auf einmal, eher langsam, Stück für Stück, bis kaum noch etwas übrig war. Wenn man es so sehen würde, dass jeder in sich eine Art Lebensfeuer trägt…“ Sie nahm einen kleinen Ast und stocherte in der in sich zusammengefallenen Glut, sah zu, wie Funken aufstoben und wieder verloschen. Dann warf sie den Ast ins Feuer, wo er sogleich von den Flammen angeleckt wurde und schließlich begann, sich im Feuer zu krümmen als er knackend verbrannte „Schatten scheint dieses Feuer in mir wieder zu entfachen. Er gibt mir einfach Kraft, ich weiß auch nicht… Und auch, wenn es sich vielleicht seltsam anhört, aber ich mag ihn. Ich mag ihn sehr. Er ist mir sogar lieber, als die meisten Menschen…“ Entaro ergriff ein Holzscheit von dem kleinen Stapel der für die Nachtwache vorbereitet worden war, beugte sich nach vorne und legte das Holz auf die aufgelockerte Glut. „Dieser Kalwen…“ murmelte Entaro „Schatten hatte sich verändert, als er sich genähert hatte. Ich kann auch nicht sagen was ich davon halten soll.“ „Was meinst du, mit ‚verändert‘? Meinst du, dass er ihn nicht mag?“ Sie lachte. „Da wäre er nicht der Einzige. Manchmal glaube ich, ich bin die Einzige im ganzen Tross, die ihn noch nicht verurteilt hat.“ Sie streckte die Arme von sich schob sich dann die Hand vor den Mund da sie schon wieder gähnen musste. „Er ist ganz nett. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht, was ich von ihm halten soll…“
Isaé hatte sich von den Baumstamm auf dem sie gesessen hatte erhoben und blieb noch einen Moment stehen, als Entaro sich schon von ihr abgewandt und dem Lagerfeuer zugewandt hatte, das Gesicht halb vom flackernden Feuerschein erhellt. Er hatte ihr gesagt „Du solltest schlafen gehen. Du musst bei Kräften sein und bei klarem Verstand. Denn was wir heute erlebt haben, ist erst der Anfang. Dieses Unterfangen wird von jedem einiges abverlangen.“ Es war keine Bitte gewesen, sondern eine sanfte, aber unmissverständliche Anweisung. Sie nickte und war insgeheim doch ganz froh, dass sie sich wenigstens für ein paar Stunden zur Ruhe würde begeben können. Der Weg zurück zu ihrem Schlafplatz war kaum zu erkennen. Der Nebel verschluckte alles, verwischte das, was man des Tages und des frühen Abends noch gut hatte ausmachen können. Alles war nur noch eine schemenhafte Nebelsuppe. Doch dort, wo sie hintrat, wich der Nebel. Ganz sacht, als würde er sie erkennen. Er glitt beiseite, öffnete ihr einen schmalen Pfad. Die Flüsterholzpfeife in ihrer Hand blieb still. Kein Wispern. Kein Wort. Nur das feuchte Rascheln des Laubes unter ihren Stiefeln war zu vernehmen. Sie fand schließlich ihre Decke, halb unter einen Wagen geschoben, wo der Wind nicht hinwehte. Sie legte sich hin, zog den Mantel enger um sich, hüllte sich in die Decke ein und starrte in die Dunkelheit. Ihre Müdigkeit war wie weggewischt. Ihr Kopf arbeitete. Sie dachte an Entaro, an Ser Tarvain, an den Drachen, an Ardeth und an alles was bisher passiert war. Und diese Unruhe die sie beherrschte, hielt den Schlaf davon ab, über sie zu kommen. Sie drehte sich zur einen Seite, zur anderen Seite. Schob den Arm unter ihren Kopf. Lag nicht bequem, änderte ihre Liegeposition, wieder und wieder. Hörte das leise Knacken des Feuers irgendwo in der Ferne. Und ärgerte sich über sich selbst, weil sie jetzt hellwach war. „Verdammt“, murmelte sie leise. Dann richtete sie sich auf und ging wieder los. Doch als sie den Lagerfeuerplatz erreichte, war Entaro nicht mehr da. Stattdessen hockten dort vier Soldaten, die sie sofort bemerkten. „Wo ist Entaro?“ fragte sie. „Ser Adun ist fort, Frau Isaé.“, sagte einer von ihnen. „Er hat sich in den Wald begeben, allein. Er meinte, er müsse etwas prüfen.“ Isaé runzelte die Stirn. „Wohin ist er gegangen?“ Ein anderer hob den Arm und deutete in den Wald. „In diese Richtung, glaube ich. Er trug eine Fackel.“ Sie sah dorthin, konnte aber nichts erkennen. Möglicherweise weil der Nebel alles verschluckte. Sie nickte und bedankte sich. Als sie sich ein Stück weit entfernt hatte, hörte sie, wie die jungen Männer sprachen. „… anstatt schlafen zu gehen, mitten in der Nacht, läuft sie dem Drachenreiter im Nebel hinterher. Davon kann man jetzt halten, was man mag…“ Sie hielt inne und überlegte, zurück zu gehen und dem frechen Kerl etwas zu sagen, aber stattdessen seufzte sie, während sie weiterging und die Worte die noch gesprochen wurden, hinter sich ließ. Vielleicht lag in diesen Worten auch eine unbequeme Wahrheit.
Während sie sich in der Dunkelheit, die immer größer wurde, je weiter sie sich vom Lager entfernte, zurecht zu finden versuchte, sah sie in der Ferne ein Licht. Er schien in der Luft zu schweben, hin und her und zunächst dachte sie, dass ihr ihre Augen oder vielleicht sogar der Nebel einen Streich spielten, oder dass ein Irrlicht durch den moorigen Wald tanzte. Doch je näher sie dem Licht kam, desto mehr erkannte sie, dass es Feuerschein war, eine Fackel. Und dann wusste sie, es war Entaro. Sie konzentrierte sich auf den Weg, setzte vorsichtig Schritt vor Schritt in der dunklen Umgebung und ein seltsames Gefühl überkam sie. Es war, als würde die Dunkelheit sie von allen Seiten packen und verschlingen. Es war dieses Land, dieses verfluchte Land, das regelrecht zu atmen und zu leben schien. Isaé beschleunigte ihre Schritte immer mehr, und der Wald wich einer Lichtung, an der das Moor wieder begann, und es dauerte nicht lange, bis sie Entaro eingeholt hatte. Die Wolke, die sich vor den Mond geschoben hatte, war vorbeigezogen und tauchte die Lichtung und das Moor wieder in einen kühlen, hellen Schein. Entaro stand da, rührte sich nicht, starrte auf den Boden. „Entaro, erschreck dich nicht, ich bins…“ raunte sie, doch es war zu spät. Vermutlich hatte sie sich zu sachte bewegt und er hatte sie nicht kommen hören. Er erschrak und wandte sich ihr zu. „Isaé…“ sagte er knapp. „Ich kann nicht schlafen…“ erklärte sie entschuldigend. „Ich wollte wieder zu dir kommen und mich ans Lagerfeuer setzen. Doch die Soldaten erklärten mir, dass du fortgegangen bist, um etwas zu prüfen. Was machst du hier…?“ fragte sie schließlich und stutzte, als sie die Fackel am Boden schwelen sah. Sie bückte sich danach um sie aufzuheben, da begann Entaro „Dies ist das Grab des toten jungen Mannes, der das erste Opfer des ersten Düsterlingangriffs wurde.“ Isaé erhob sich mit der Fackel in der Hand, leuchtete auf den Boden und erkannte ein großes Loch im Boden. „Meinst du Florent Courtevie?“ Ihre Blicke flogen über den Boden und ein Schauer kroch ihr plötzlich über den Rücken, als ihr bewusst geworden war, dass sie ihre Hand in einem Grab gehabt hatte. Aber sie hatte schließlich nur die Fackel, die Entaro wohl hatte fallen gelassen, aufheben wollen. Und außerdem sah sie keinen Leichnam. „Was redest du, Entaro? Das Grab, es ist…“ Sie sprach nicht weiter und Entaro schloss „…leer… Ja.“ Isaé leuchtete mit der Fackel in Entaros Gesicht und warf ihm einen skeptischen, aber auch sehr vorwurfsvollen Blick zu. „Machst du Witze, Entaro Adun? Das ist nicht lustig!“ Er schüttelte den Kopf. „Nein…“ Erneut glitt ihr Blick über das riesige Loch im Boden und sie widerstand dem Drang, sich niederzuknien und nach einem Leichnam zu graben, um sich zu vergewissern, ob er sich nicht doch in dem Grab befand. „Entaro. Das hier ist ein Moor. Vielleicht ist der Körper tiefer gesunken, vielleicht hat das Erdreich ihn verschluckt.“ Entaro schüttelte den Kopf. „Ich war dabei, als das Grab ausgehoben wurde. Der Boden hier ist feste, lockere Erde, hier befindet sich weder Morast noch Sumpf… Sieh doch!“ „Es ist doch nicht möglich, dass ein Leichnam aus der Erde verschwindet. Vielleicht irrst du dich. Und es ist nicht die Stelle, wo ihr Florent beerdigt habt.“ Sie leuchtete weiterhin ungläubig auf jene Stelle und plötzlich schien Entaro etwas zu entdecken. Er bückte sich, wischte mit dem Handrücken die Erde beiseite und hob etwas auf. „Was hast du da?“ erkundigte sich Isaé neugierig. Entaro hielt etwas in der Hand, einen kleinen Gegenstand, und er schien diesen von der schwarzen Erde zu befreien. „Der akadische Brauch sieht es vor, auf Grabstätten einen Bernstein zu legen, umringt von weißen Kieselsteinen. Dies hier ist der Bernstein, den ich auf dem Grabhügel platziert habe.“ Demonstrativ hielt er Isaé den Bernstein hin, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Er leuchtete im Feuerschein golden und glänzend. „Entaro…“ hauchte sie fassungslos. „Sollte Kalwen recht behalten haben?“ Der Bernsteinritter zuckte die Schultern. „Ich muss Ser Tarvain davon berichten“ Isaé nickte, doch dann zögerte sie. Und mit einem Mal wirkte sie ein wenig beunruhigt. „Und was willst du ihm sagen? Dass es Florent Courtevie, den ihr vor einigen Tagen beerdigt habt, an dieser Stelle nicht gefallen hat, und er sich aus dem Grab befreit hat? Vielleicht sollten wir, wenn es hell ist, noch einmal nachsehen gehen, zur Not mit einigen Männern und Schaufeln. Vielleicht irrst du dich nur! Lassen wir die Männer schlafen! Du sagtest selbst, dass Tarvain die Männer morgens ins Moor schickt, um Ardeth zu stellen. Nichts in dieser Nacht deutet daraufhin, dass uns Gefahr droht. Sieh selbst zu, dass du noch ein wenig Schlaf bekommst, auch wenn das vielleicht jetzt ein wenig schwierig wird. Ich werde Wache halten mit meinem Flüsterholz, du kannst ganz unbesorgt sein!“
Schemen im kalten Nebel ❖
08.11.2025 '21:38 [2.812 Wörter]
 ngläubig starrte Entaro auf das dunkle Loch, welches vor ihm im Boden war, und da er sich allein wähnte, und es nicht nur Nacht, sondern auch höchst unheimlich war, war es nicht verwunderlich, dass er zusammenzuckte, als Isaé plötzlich hinter ihm stand. »Entaro, erschreck dich nicht, ich bins…«, drangen ihre raunenden Worte an sein Ohr. Doch die Worte halfen nichts. Natürlich zuckte Entaro erschrocken zusammen. Er wandte sich zu der Stimme um und als er Isaé erkannte, lächelte er milde. »Isaé…Ich habe mich trotzdem erschrocken. Aber danke für die Warnung.« Seine Hand war unweigerlich an den Griff seines Schwertes gewandert, doch sie verharrte dort ruhig und gelassen, als Isaé schließlich näher trat. »Ich kann nicht schlafen.«, erläuterte sie ihr Hiersein und Entaro nickte verstehend. »Nun. Diese Nacht ist zweifellos ungewöhnlich.«, antwortete er daraufhin und ließ es dabei bewenden. Wenn sie nicht schlafen konnte, oder wollte, so konnte er sie schlecht dazu zwingen. Auch wenn er insgeheim wusste, dass es besser wäre. Als Isaé schließlich das Loch im Boden bemerkte, konnte sie erst nicht glauben, dass dies das Grab des ersten Gefallenen des Trosses sein sollte. Ihre Reaktionen durchliefen die typischen Muster. Sie konnte es nicht glauben, suchte Erklärungen und versuchte die Erklärung darin zu finden, dass er sich womöglich irrte. Entaro seufzte daraufhin. »Isaé. Ich war dabei. Und ich war an diesem Ort. Wir haben den Leichnam hier an diesem Ort beerdigt. Und es gibt keine Erklärung dafür.« Er runzelte die Stirn und nahm Isaé schließlich die Fackel ab. »Nun. Wenn wir Kalwen Glauben schenken, dann gibt es eine.«, gab er mit gedämpfter Stimme zu. »Doch wo ist der Leichnam? Ich kann ihn nirgends sehen.« Entaro machte einen Schritt zur Seite und ließ seine Blicke über das Umland schweifen. »Aber vielleicht ist die Erklärung auch ganz banal. Jemand, oder Etwas, hat den toten Körper aus dem Grab geholt.« Isaé sah Entaro mit fragenden und zugleich ungläubigen Blicken an. »Wer oder was sollte das getan haben?« Entaro suchte den Untergrund ab, bis er schließlich etwas gefunden hatte, dass seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war ein Bernstein. Entaro hob ihn auf und befreite ihn von dem Schmutz und Schlamm und hielt ihn Isaé entgegen. »Der akadische Brauch sieht es vor, auf Grabstätten einen Bernstein zu legen, umringt von weißen Kieselsteinen. Dies hier ist der Bernstein, den ich auf dem Grabhügel platziert habe.« Isaé sah den Bernstein schweigend an und man konnte sehen, wie sich eine gewisse Unruhe in ihr auszubreiten schien. Entaro zuckte schließlich mit den Schultern. »Ich kann hier weit und breit keinen Widergänger sehen. Oder einen Aasfresser, der die Leiche aus dem Grab geholt hat.« Erneut seufzte Entaro und nickte dann grimmig. »Wie dem auch sei. Ich muss Ser Tarvain davon berichten. Dieses offene Grab…und dieser seltsame Nebel…«, bei diesen Worten richtete er die Fackel zum Boden und beleuchtete diese seltsame, weiße Decke, die sich langsam über das Land bewegte. «…das ist alles sehr seltsam.« »Und was willst du ihm sagen? Dass es Florent Courtevie, den ihr vor einigen Tagen beerdigt habt, an dieser Stelle nicht gefallen hat, und er sich aus dem Grab befreit hat?« Entaro schüttelte den Kopf. »Nein, ich werde ihm berichten, dass der Leichnam von Florent Courtevie sich nicht mehr in seinem Grab befindet. Warum dies der Fall ist, entzieht sich meiner Vorstellung und Kenntnis.« Seine pragmatischen Worte schienen an Isaé buchstäblich abzuprallen, als sie weitere Bedenken äußerte. »Vielleicht sollten wir, wenn es hell ist, noch einmal nachsehen gehen, zur Not mit einigen Männern und Schaufeln. Vielleicht irrst du dich nur! Lassen wir die Männer schlafen! Du sagtest selbst, dass Tarvain die Männer morgens ins Moor schickt, um Ardeth zu stellen. Nichts in dieser Nacht deutet daraufhin, dass uns Gefahr droht. Sieh selbst zu, dass du noch ein wenig Schlaf bekommst, auch wenn das vielleicht jetzt ein wenig schwierig wird. Ich werde Wache halten mit meinem Flüsterholz, du kannst ganz unbesorgt sein!« Entaro lächelte besonnen und ruhig. Beinahe schon väterlich, doch es wurde sowohl von seinem Bart als auch von dem schlechten Licht der Nacht, weitestgehend verschleiert. »Ich habe diese Nacht schon mehr geschlafen als du. Wenn sich also jemand zur Ruhe legen sollte, dann doch eher du, und nicht ich?« Er sah sie mit eindringlichen Blicken an und seufzte daraufhin. »Und wie du sagtest. Ser Tarvain will morgen Ardeth aufspüren. Um ihn aufspüren zu können, benötigt er deine Gabe mit dem Flüsterholz zu sprechen. Also solltest du für diese Aufgabe gewappnet und ausgeruht sein. Wenn Ser Tarvain entscheiden sollte, dass wir das Grab bei Tageslicht erneut untersuchen, dann wird dies geschehen. Aber ich werde ihm auch empfehlen, dass wir den Standort der Wagenburg verlegen werden. Der Feind, welcher auch immer das sein mag, weiß wo wir lagern. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis wir angegriffen werden. Es wäre also taktisch klug, einen neuen Standort zu finden.« Und dabei ließ Entaro es bewenden. Er wandte dem Grab den Rücken zu und legte Isaé die Hand in den Rücken, um sie sanft, aber bestimmend, von dem Grab fort zu führen. »Ich danke dir, für deine Fürsorge, Isaé. Und ich gebe zu, dass ich froh bin, nicht alleine zum Lager gehen zu müssen.«
Nach einigen Schritten, hielt Entaro plötzlich inne. Ein seltsames Geräusch hatte seine Aufmerksamkeit gewonnen und er riss die Fackel in die Höhe. Seine lauernden und suchenden Blicke huschten durch die allgegenwärtige Dunkelheit. Doch konnte er keine Schemen, keine Bewegungen und keine weiteren Laute ausmachen. »Hast du das gehört?«, raunte er an Isaé gewandt, ohne den Blick von dem Land abzuwenden. »Dieses Geräusch.« Er ließ die Fackel langsam sinken, bis sie den Boden berührte. Der dichte Nebel, welcher ihre Füße beinahe gänzlich verschluckt hatte, wich vor dem Feuer zurück und offenbarte den harten, lehmigen Boden. Entaro trat auf die Fackel und löschte so das Feuer und Isaé sah ihn daraufhin bestürzt an. »Warum hast du das Feuer gelöscht?« hauchte sie verwundert und in ihrer Stimme schwang ein Hauch von Unsicherheit mit. Doch Entaro legte ihr seine Hand auf den Mund und bedeutete ihr mit seiner zweiten Hand, indem er den ausgestreckten Zeigefinger auf seine Lippen legte, dass sie Ruhe bewahren sollte. »Durch das Feuer sind wir eine wandelnde Zielscheibe, während wir selbst davon geblendet und in unserer Sicht eingeschränkt werden. Ich habe nur für ausgeglichene Verhältnisse gesorgt.« Entaro ging langsam in die Hocke und zog Isaé dann zu sich herunter. Dann deutete er ihr mit einem stummen Fingerzeig, dass sie sich in der Hocke von dem Ort, an dem sie sich gerade noch befunden hatten, fort bewegten, bis sie einen Baum erreicht hatten. Entaro lehnte sich gegen den Stamm und spähte angestrengt in die Dunkelheit, die nur von dem fahlen Mondlicht beschienen wurde. Doch konnte er noch immer nichts erkennen. Sie verharrten, still und angespannt und nur das Schlagen ihrer Herzen schien durch den Wald zu dröhnen, wie dröhnende Trommelschläge. Doch dann knackte es erneut im Unterholz. Ein Ast brach, ein Busch raschelte. Entaro zog sein Schwert lautlos aus der Scheide und schob Isaé schützend hinter sich, bereit den Feind, welcher Art auch immer er sein mochte, entgegen zu treten.
Ein Schatten huschte in sein Blickfeld. Ein großer, dunkler Schatten, der sich hastig auf sie zubewegte. Entaro packte den Griff seinen Schwertes und seine Knöchel knackten dabei. Doch als der Schatten schließlich vor ihnen aus dem Gehölz brach, atmete Entaro erleichtert auf. Ein Hirsch sprang aus dem Dickicht, machte einen Satz, und sprang sogleich wieder zwischen den Bäumen hindurch. Das Knacken der Äste und das Rascheln der Blätter verebbte und zurück blieben und Entaro und Isaé, deren Herzen so schnell in der Brust hämmerten, das sie drohten deren Brust zu zersprengen. »Ein Hirsch.«, bemerkte Entaro unnötigerweise und lächelte dabei. Die Erleichterung, welche ihn überkommen hatte verdrängte das Gefühl, dass er sich unsagbar einfältig vorkam. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er einen Widergänger, oder ein verfluchtes Wesen, das dem Moor entstiegen war, oder gar Ardeth selbst, erwartet hatte. Und es war nur ein Hirsch gewesen, welcher vermutlich mehr Angst vor ihnen gehabt hatte, als sie vor ihm. Entaro schmunzelte und warf Isaé dabei einen, beinahe verlegenen, Blick zu. Und erst da bemerkte er, dass seine Hand, die er schützend auf Isaé gelegt hatte, um sie vor der drohenden Gefahr abzuschirmen, direkt auf ihrer Brust prangerte. Erschrocken zog er die Hand zurück und spürte förmlich wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. »Verzeih mir. Es war nicht…meine Absicht…« Entaros Worte stolperten und er geriet ins Stocken. Und so erhob er sich, schob wortlos das Schwert in die Scheide und zog sein Wams zurecht. »Wir sollten gehen.«, schlug Entaro schließlich vor und Isaé nickte stumm, auch wenn Entaro der seltsame Blick nicht entgangen war, der sich ihrer bemächtigt hatte. Doch welche Worte auch immer ihr wohl auf der Zunge lagen, sie blieben unausgesprochen. Wenn auch nur für den Moment.
Entaro starrte Isaé einen Moment, der beinahe wie eine halbe Ewigkeit wirkte, in die Augen. Doch mit jedem Atemzug, der verging, wurde das Schweigen immer bedrückender und die Stille immer unangenehmer. Und er fühlte, wie eine unangenehme, fast beklemmende, Kälte in ihm aufstieg. Es fühlte sich an, als ob seine Beine zu Eis erstarrten. Entaro schob dieses Gefühl auf diese seltsame, fast ungewöhnliche Situation, welche unweigerlich zwischen ihm und Isaé entstanden war. Doch als die Kälte langsam seine Beine empor kroch, ließ er seine Blicke herunter wandern und musste feststellen, dass der Nebel an seinen, und auch an Isaés Beinen, empor zu kriechen schien. »Was hat das zu bedeuten?«, rief Entaro verwundert und hob ein Bein, um den Nebel abzuschütteln. Doch es fühlte sich beinahe an, als ob unsichtbare Hände ihn am Boden halten würden. Entaro klopfte mit der Hand nach dem Bein, und der Nebel verflüchtigte sich. Wortlos ergriff er Isaés Hand und zog sie mit sich, um zum Lager zurück zu kehren. »Dieser Nebel ist nicht natürlich. Ich kann nicht sagen warum, aber er wirkt sehr ungewöhnlich.«, sagte Entaro und beschleunigte merklich seine Schritte. Der weiße Nebel, der sich zu ihren Füßen angesammelt hatte, verflüchtigte sich, bei jedem Schritt, nur um sich wieder zu verdichten, kaum dass ihre Stiefel den Boden wieder verlassen hatten.
Mehr schlecht als recht, fanden sie schließlich das Lager. Ohne der Fackel, die ihnen den Weg geleuchtet hatte, mussten sie sich gänzlich auf das spärliche Mondlicht und ihre Orientierung verlassen, welche sie schlussendlich zurück geführt hatte, auch wenn sie einen sehr umständlichen Umweg gegangen waren. Das Lager wirkte ruhig und Entaro hielt einen Moment lang inne, denn es wirkte beinahe zu ruhig. Doch eine helle Stimme, schallte durch die Nacht. »Halt! Wer da?«, rief eine Stimme und Entaro hob sogleich die Hände »Hexenjägerin Isaé und Ser Entaro Adun!«, rief er dem Wachtposten zu, welcher ungesehen im dunklen Schatten der Wagenburg lauerte. Entaro musste innerlich schmunzeln, dass er sich inzwischen schon selbst als Ser Adun vorstellte, obwohl er doch eigentlich wusste, dass ihm dieser Titel nicht zustand, da er seines Ordens verwiesen worden war und er nur deshalb Ser genannt wurde, da die Akadier dies angenommen hatte. Vielleicht hätte er dies gleich von vorneherein berichtigen sollen, doch inzwischen war viel zu viel Zeit verstrichen. Zeit, in welcher er geschwiegen hatte. Und nun würde es keinen Sinn mehr machen, daran etwas zu berichtigen.
Ein Kopf hob sich über den Rand der Wagenburg, gefolgt von einer Fackel. Ein akadischer Soldat streckte den Kopf in die Höhe und warf einen Blick auf die beiden Gestalten vor sich. »Habt ihr gefunden, wonach ihr gesucht habt, Ser Adun?« Entaro schüttelte den Kopf. »Nein. Aber wir haben etwas anderes gefunden.« Entaro und Isaé traten schließlich in den schützenden Kreis der Wagenburg und Entaro musste feststellen, dass inzwischen deutlich mehr Wachleute auf den Beinen waren, als zu jenem Zeitpunkt, als er aufgebrochen war. Seine Blicke blieben dem Wachmann nicht unbemerkt. »Etwas Seltsames ist hier im Gange. Dieser Nebel. Er kriecht in jede Ritze, und sogar die Pferde scheuen vor ihm zurück.« Entaro nickte verstehend. »Darum haben wir mehr Männer geweckt. Feuer scheint den Nebel zu verdrängen, darum versuchen wir mit Fackeln ihn aus dem Kreis der Wagenburg zu verdrängen. Doch alle Bemühungen waren bisher vergebens. Doch der Nebel scheint sich den schlafenden Männern zu nähern und ihnen die Wärme zu rauben. Sie erwachen, zitternd vor Kälte.« Entaro runzelte die Stirn. Es war also keine Einbildung gewesen. »Wurde Ser Tarvain bereits informiert?«, erkundigte er sich und der Wachmann schüttelte den Kopf. »Nein. Er schläft noch.« Entaro wandte sich an Isaé und die Unschlüssigkeit schien ihm ins Gesicht geschrieben zu stehen. »Er sollte es erfahren, Entaro.«, raunte Isaé und Entaro nickte. »Ich werde es ihm persönlich überbringen.«
Entaro näherte sich dem Zelt des Kommandanten und hob sachte die Plane an. Als Entaro seinen Blick in das Innere des Zeltes warf, konnte er nur Schemen und Silhouetten erkennen. Eine Kiste. Einen Kleiderständer, an welchem der Mantel des Kommandanten hing. Ein kleiner Tisch. Und das Feldbett, auf welchem Ser Tarvain lag. Doch da war noch mehr. Der dichte, weiße Nebel, welcher sich um das Bett des Kommandanten zu kräuseln schien. Nicht nur das. Der Nebel war bereits das Bett empor gekrochen und hatte sich Ser Tarvain auf die Brust gelegt. Es wirkte beinahe, als ob der Recke in einem Zuber aus weißer Milch schwimmen würde. Entaro stürmte in das Zelt, riss die Decke vom Leib des Heerführers und schlug es beiseite. Der Nebel verflüchtigte sich und Ser Tarvain riss augenblicklich die Augen auf. Sein Blick war forsch, verwirrt und seine Haut war fahl und kühl. »Ser Tarvain!«, rief Entaro und der Heerführer richtete sich auf. »Ser Adun? Was hat das zu bedeuten?« Der Ritter setzte sich auf den Rand des Bettes und ein Schauer überkam ihn. »Und warum ist es so kalt?«, Er legte sich die Arme um den Leib und begann seine Glieder zu reiben. »Etwas Seltsames geht vor sich. Nebel. Überall Nebel! Und er scheint das ganze Lager zu umwabern!« Ser Tarvain rieb sich die Augen und sah Entaro mit müden Augen an. »Nebel? Darum weckt ihr mich?« »Das Grab. Das Grab des gefallenen Florent Courtevie ist leer!« Da sah Ser Tarvain mit großen, ungläubigen Augen an. Sein Augenlid zuckte doch sein Blick wirkte eher, als ob er Entaro für verrückt halten würde. »Was sagt ihr da?«, hakte der Ritter nach und sah Entaro dabei mit einem schiefen, fragenden Blick an. »Das Grab ist leer. Kein Leichnam. Nur ein Loch.« Ser Tarvain blinzelte und erhob sich von seinem Bett. »Und wo ist der Leichnam?« Entaro zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Spur davon gefunden.« Ser Tarvain lächelte ungläubig. »Sagt jetzt nicht, dass er ein Widergänger geworden ist? Wie in diesen Ammenmärchen des Hexenjägers von Niefurt?« Entaro zuckte erneut mit den Schultern. »Ich kann es nicht sagen, Ser Tarvain. Ich habe keinen Widergänger gesehen. Vielleicht hat ein Aasfresser den Leichnahm gefleddert? Oder einer der Schergen Ardeths, hat ihn geraubt? Wir könnten das Grab untersuchen, wenn der Tag anbricht?«, schlug Entaro vor und Ser Tarvain nickte, wobei es mehr wirkte, als ob er nur geistesabwesend den Kopf bewegte, ohne wirklich zu verstehen, was Entaro da sprach. »Mit Verlaub, Ser Tarvain. Ich empfehle dringend, das die Wagenburg an einen anderen Standort verlegt wird. Dieser Ort, ist…« Ser Tarvain sah Entaro daraufhin in die Augen und beendete den Satz des Bernsteinritters. »…verflucht?«
Wie zum Beweis seiner Worte, gellte mit einem Mal ein heller Schrei durch die Nacht. Entaro und Ser Tarvain stürmten daraufhin aus dem Zelt und mit ihnen dutzende Akadier, welcher einer nach dem Anderen aus dem Schlaf gerissen worden waren. Auf dem Platz stand ein Mann, so schien es. Ser Tarvain zog sein Schwert und schritt auf die Gestalt hinzu, die da schweigend und stoisch inmitten der Wagenburg stand. »Wer seid ihr?«, verlangte er zu erfahren, doch er erhielt keine Antwort. Entaro hingegen bemerkte, dass der seltsame Nebel, sich beinahe gänzlich verflüchtigt hatte. »Ser Tarvain.«, raunte er und erregte so die Aufmerksamkeit des Heerführers, welcher jedoch seinen Blick nicht von der Gestalt abwandte. »Der seltsame Nebel. Er ist verschwunden.« »Und stattdessen ist diese Gestalt erschienen?«, hakte Ser Tarvain nach und Entaro wirkte genauso verwirrt wie er selbst. »Wer ist diese Gestalt?« fragte Ser Tarvain und Entaro hatte abermals keine Antwort darauf. »Lass mich mit ihm sprechen?«, schlug Entaro vor und Ser Tarvain nickte und deutete mit einer Handbewegung, dass er Entaro gewähren ließ.
Entaro trat der Gestalt entgegen, doch je näher er ihr kam, desto seltsamer wirkte es. Die Gestalt sprach kein Wort. Sie würdigte ihn keines Blickes. Und insgeheim begann Entaro sich zu fragen, woher dieser Schrei gekommen war. Doch als Entaro sich schließlich so weit an die Gestalt angenähert hatte, dass er sie mit dem Schwert hätte berühren können, da zerfiel sie, wie ein gleitender Wasserfall, in sich zusammen und wurde zu dem Nebel, der des Nachtens das ganze Lager eingehüllt hatte. Der Nebel löste sich buchstäblich vor seinen Augen auf und zurück blieb nur ein Mann, der leblos und mit dem Gesicht auf dem Boden lag.
Nur ein Hirsch ❖
09.11.2025 '22:19 [2.271 Wörter]
 ein Wiedergänger, nur ein Hirsch war der Schatten der sich aus dem Nebel löste. Nur ein Tier, das sie aufgescheucht hatten und das vermutlich mehr Angst vor ihnen gehabt hatte. Der Hirsch blieb kurz stehen, zuckte mit den Ohren und schlug sich dann mit einem Haken durch das Unterholz zurück in den Wald. Man hörte das Rascheln des aufgeworfenen Laubes, das Knacken und Brechen von Rotholz, dann würde es wieder still. Entaro atmete hörbar aus, wie jemand, der den Atem zu lange angehalten hatte. Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht und dann fiel sein Blick auf Isaé. Sie folgte seinem Blick, sah an sich hinunter, dann in sein Gesicht und erst da begriff er, wo seine Hand lag. Der Ausdruck in seinem Gesicht veränderte sich augenblicklich. Schock oder Scham, oder beides. Der Bernsteinitter wünschte sich in diesem Augenblick wohl, der Boden möge ihn verschlucken. „Verzeih mir“, stammelte er, die Hand schon fortgenommen, als hätte er sich verbrannt. „Es war nicht meine Absicht.“ Isaé blinzelte, noch halb zwischen Herzklopfen und Verlegenheit. Dann sah sie ihn an und musste sich beherrschen, nicht zu grinsen. Denn das hätte der Situation die notwendige Ernsthaftigkeit entrissen, die seiner Reaktion entsprechend wohl dringend notwendig war. Aber es wäre nicht Isaé, wenn ihren Worten nicht doch ein Fünkchen Ironie angehaftet hätte. “Schon gut, Entaro, ich lebe noch.” Einen Moment lang sagte keiner etwas. „Du musst dich nicht entschuldigen. Ich weiß, dass du’s nicht wolltest,“ setzte sie leise hinterher, da sein Blick immer noch hilfesuchend und peinlich berührt wirkte. Ihr Ton war ruhig, beinahe nachsichtig, doch in dem Schweigen danach lag etwas, das anders klang. Als wollte sie sagen ‘Natürlich wolltest du nicht. Du willst nie.’ Das Lächeln, das ihr dabei über die Lippen kam, war kaum sichtbar, und doch verriet es mehr, als sie wollte. Eine stille Erkenntnis. Sie wusste, dass er sie nie aus Absicht so berühren würde. Und genau das versetzte ihr einen kleinen Stich. Dann räusperte sich Entaro, strich sich über den Mantel und richtete sich auf. „Wir sollten gehen.“ Isaé nickte und obwohl sie tat, als wäre die Sache damit erledigt, fühlte sie, wie etwas in ihr brannte. Dort, wo eben noch seine Hand gelegen hatte. Entaro hob den Blick, und für einen Moment begegneten sich ihre Augen. Ein stilles Innehalten, das wie eine Ewigkeit dauerte. Ein Blick, in dem so viel Unausgesprochenes lag, dass es fast zu viel war. Isaé fragte sich, was zum Henker zwischen ihnen stand, was sie immer wieder zueinander zog und im selben Atemzug wieder voneinander trennte.
Niemand rührte sich, als plötzlich, wie aus dem Nebel geboren, ein Mann mitten im Lager am Boden lag. Auch er rührte sich nicht und eine Zeit lang herrschte Schweigen. Isaé vernahm plötzlich das Flüsterholz, das leise vor sich her zu murmeln begann. Die Hexenjägerin erschrak und zog die Pfeife aus ihrer Tasche. Ser Tarvain trat derweil schließlich neben Entaro an den Mann heran, kniete nieder und gemeinsam wuchteten sie den Mann auf den Rücken. Er war tot. Das Leben war längst aus ihm gewichen und das sah man deutlich an. Die Gesichtshaut fahl, mit einem seltsamen Gelbstich, wie ein Bogen Pergament, aber feucht glänzend, an jenen Stellen wo Knochen hervortraten gespannt, an anderen lose. Der schwärzlich blaue Mund leicht geöffnet, Erde zwischen den Zähnen, Dreck unter den Nägeln. Das rote Haar klebte am Schädel, dunkel vom feuchten Boden. Die Lider halb offen, die Augen milchig, trüb und starr. Sie erkannten ihn als Florent Courtevie, doch glauben möchte das so recht niemand. Er trug noch die Tunika, in der man ihn begraben hatte. Das Gewebe verbrannt, die Stoffkanten verkohlt. Ein Strich einer schwarzen verkrusteten Wunde zog sich von der Halsschlagader bis über das Schlüsselbein. Daran war er verblutet. Daran war er gestorben. Doch seine Augen standen offen. Niemand rührte sich. Ser Tarvain starrte auf den Leichnam, vor dem er kniete und der keiner mehr zu sein schien. „Das… das kann nicht sein“, brachte jemand hervor. „Wir haben ihn begraben.“ „Ich habe die Fackel selbst auf den Leichnam geworfen nachdem Ser Adun ihn mit dem Öl gesalbt hatte. Danach haben wir die Grube gefüllt und die Erde aufgehäuft“, flüsterte ein anderer. Kalwen trat durch die Reihen, den Blick starr auf den Körper gerichtet. In seiner Stimme lag Furcht gepaart mit Genugtuung. „Ich hab’s euch gesagt! Keiner wollte mich anhören!“ Er deutete mit der Hand auf Entaro. “Er erwiderte auf meine Warnung lediglich, wenn er wiederkehrt, schickt er ihn zurück!” Keiner antwortete, weil es niemand begriff. Und wenn man es begriffen hätte, hätte man es dennoch nicht glauben wollen, auch wenn man es mit eigenen Augen sah. Nur das Knacken des Feuers, und leises ungläubiges Murmeln. Isaé stand reglos, die Augen ungläubig geöffnet, das Flüsterholz an die Brust gepresst. Sie hatte vergessen, was sie eben noch tun wollte, obwohl das Flüsterholz leise raunte. Dann zuckte etwas an dem Leichnam. Ein Finger. Dann ein Zucken im Arm, ein Zucken im Nacken, der Kopf hob sich und sackte wieder zurück auf den Boden, als könne er das Gewicht des Schädels nicht halten. Florent hob den Kopf erneut, und es wirkte, als drang ein Schwung Energie durch seine Glieder. Die Lippen öffneten sich. Ein dumpfes Stöhnen drang hervor. Begleitet von entsetzten Rufen der Akadier. Das Flüstern der Pfeife umwaberte Isaés Gehör. „Nicht allein… nicht allein… Die Erde trinkt Blut, das sie stillt… Das Moor ist erwacht…” … und holte sie aus ihrer Lethargie, obgleich die Worte, die es sprach, nicht unbedingt beruhigend auf sie wirkten. “Ser Tarvain! Das Flüsterholz spricht!” Er riss den Blick von dem Toten, als ob er nur auf eine Gelegenheit gewartet hätte, dies zu tun. Man konnte ihm ansehen, dass er völlig die Fassung verloren hatte und zum ersten Mal nicht recht wusste, was er tun sollte. “Was sagt es?” herrschte er sie regelrecht an und Isaé trat erschrocken einen Schritt zurück. “Es… Es sagt, die Erde trinkt Blut. Das Moor ist erwacht…” Die Hexenjägerin fragte sich, ob das Flüsterholz auf den Wiedergänger reagierte, oder ob mehr dahintersteckte. Doch sie wusste es nicht. “Was geschieht hier?” murmelte Isaé zu dem Holz. Die Pfeife wisperte, und Isaé wiederholte die Worte für Ser Tarvain. Und für alle anderen. “Dort, wo Erde, Blut und Magie miteinander verwoben sind, beginnt der Boden zu atmen. Und manchmal atmet er aus, was einst darin verschlossen war. Die Ruhe der Toten in diesem Land ist nicht ewig. Nicht, wenn man die Riten missachtet. Wenn der Boden atmet und der Nebel steigt, wird die Grenze zwischen Leben und Tod dünn. Was tief darin beerdigt wurde, findet seinen Weg zurück. Das Land gibt zurück, was man ihm nahm. Und so erhebt sich, was nicht hätte erwachen dürfen.”
 Florent regte und erhob sich plötzlich. Noch bevor jemand realisierte, was passierte, schob sich der Tote an Ser Tarvain und Entaro vorbei. Es schien, als träte er den Weg zurück in das Moor an, woher er gekommen war, wo sein Grab war. Doch dann änderte sich etwas in seinem trägen Gang. Mit einer Stimme, die nicht ihm gehörte brüllte er “Ihr werdet alle sterben!“ Der Tote riss die Augen auf, ein kaltes, fast unmerkliches Licht darin. So wie man es bei Ardeth im Moor gesehen hatte. „Doch zuerst muss die Hexenjägerin sterben!“ Er kreischte, sprang vor, ruckartig, die Hände fest nach Isaé ausgestreckt. Sie stolperte zurück, erschrocken, starr vor Schreck, doch es war zu spät. Florents Hände packten Isaé an den Schultern. Der Griff war kalt und unmenschlich fest. Die Haut seiner Finger spannte sich über die Gelenke, fahl, und doch voller Kraft. Isaé keuchte, versuchte, den Griff zu lösen, trat gegen seine Schienbeine, traf Fleisch, das nachgab, aber nicht zurückwich. Seine Finger krallten sich in ihren Arm, in ihren Mantel, mit kaltem, totem Griff. „Haltet ihn ab!“ schrie jemand. Hände griffen nach Florent, aber sein Körper war stärker, als er aussah. Er riss sich los und seine Hände, die immer noch im Mantel Isaés hingen, rissen erneut an der Hexenjägerin. Kalwen schrie, so dass es durch das ganze Lager drang: „Schlagt ihm den Kopf ab! Schlagt ihm den Kopf ab, verflucht noch mal!“ “Wie denn, du Schwätzer, ohne die Hexenjägerin zu gefährden?“ brüllte ihn jemand an. In den Augen der Männer blitzte die Panik, das Lager wurde von Chaos erfasst. Seinen Kopf abschlagen, ja. Doch der Raum war eng. Einen Schlag zu führen, ohne Isaé zu treffen, war eine schwierige Herausforderung, die binnen Sekunden gemeistert werden musste. Derjenige, der die Klinge führen musste, brauchte Schwung und Abstand. Schwung, den das Lager und die Situation nicht boten. Entaro trat entschlossen vor, hatte ihn schon am Arm. Er zog hart, mit dem ganzen Gewicht, aber der Tote hielt. Das Rucken riss Isaé hin und her, sie spürte, wie sich die Nähte ihres Mantels dehnten, hörte das dumpfe Knarren von Stoff und Leder. Florents Gesicht war nah, zu nah, die blauen Lippen aufgerissen, schwarzer erdiger Schleim auf den Zähnen und in den Mundwinkeln „Die Hexenjägerin muss sterben!“ Kalwen schrie etwas, aber es ging im Lärm unter. Männer sprangen heran, versuchten, die Hände zu lösen, griffen nach Florents Armen, rissen, hackten mit Dolchgriffen auf die Fingerknöchel ein. Die Finger lösten sich nicht. „Die Hände, verdammt!“, rief Ser Tarvain, seine Stimme klar trotz der Anstrengung. Einer kam von hinten, fasste Florent um die Brust, ein anderer trat von der Seite und stieß eine Klinge zwischen Arm und Körper. Der Hieb löste Fleisch, Blut quoll, kein warmes, sondern zähes, dunkles, kaltes. Isaé kam fiel halb frei, Entaro zog sie zurück, riss sie gegen sich, gerade als Florent wieder ausschlug. Sein rechter Arm fuhr hoch, ruckartig, die Muskeln unter der verbrannten Haut zuckten, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Die Männer wichen nicht. Einer stieß mit der Speerspitze vor, traf den Unterarm, nagelte ihn halb an die Seite, ein anderer packte den Hals und schrie „Haltet ihn!“ Isaé stolperte zurück, atemlos, das Flüsterholz noch immer in der Faust, als sie zu Boden stürzte. „Jetzt!“, brüllte jemand, und ein anderer hob eine Axt. Aber der Schlag konnte nicht fallen, nicht solange Florent noch an Entaro hing und sie miteinander rangelten. Der Tote war zäh, stieß sich ab, riss Entaro beinahe mit. Isaé lag halb am Boden, keuchend, Florents Griff endlich entkommen. Der Tote stand noch, wankend, der Axtmann hob die Waffe. Isaé sah die Bahn des Schlages, sah, dass Entaro im Weg war. „Runter!“, rief sie, erhob sich auf die Knoe und packte ihn, riss ihn am Arm nach unten. Beide gingen zu Boden, einer hielt den anderen fest um ihn zu schützen Sie spürte noch den Aufprall durch seinen Körper gehen. Der Axthieb fuhr über sie hinweg, traf Florent am Hals. Das Holz der Axt vibrierte, widerliches Schmatzen von Eisen in Fleisch, der Schlag war schwer, aber nicht tief genug. Der Untote zuckte, trat zurück, blieb stehen. Ein zweiter Schlag, diesmal mit mehr Schwung, dann ein dritter. Beim vierten gab der Hals nach. Der Kopf fiel vornüber, der Körper blieb noch einen Herzschlag lang stehen, und fiel hinterher. Dann herrschte Stille. Isaé duckte sich tiefer in Entaros Griff, die Hände an seiner Rüstung, die Flüsterholzpfeife fest im Griff, das Gesicht an seiner Schulter. Sie dachte für einen Moment an seine Verletzung, die er immer noch mit sich trug, aber nicht mehr drüber sprach, so, als gäbe es sie nicht mehr. Doch Isaé wusste, dass es sie noch gab, denn so schnell heilten Stichwunden nicht. Ihr Herz hämmerte gegen seine Brust. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Die Welt schien stillzustehen, als hielte sie selbst den Atem an. Entaros Arm lag noch immer fest um sie. Sie wusste, dass der Moment der Gefahr längst vorbei war aber sie ließ nicht los. Und sie wusste nicht, ob er sie festhielt oder sie ihn. Nur, dass keiner sich bewegte. Der Nebel war restlos verschwunden. Isaé hob langsam den Kopf. Der Druck seiner Hand blieb kurz, dann wich er. Sie sah sein Gesicht im Fackelschein, ruhig, kontrolliert, aber in den Augen noch das Flackern des Schreckens „Es ist vorbei,“ murmelte er leise. Die Hexenjägerin zitterte, jetzt, wo alles vorbei war. Erst jetzt begriff sie das Ausmaß des Ganzen, doch es fiel ihr schwer, ihre Gedanken in eine geordnete Reihenfolge zu bringen. Über das Geschehene, über das, was das Flüsterholz gesagt hatte. Sie war beinahe den Tränen nahe, doch sie bemühte sich mit aller Gewalt, diese zu bekämpfen. „Was war das eben? Das Flüsterholz hat reagiert. Es war Magie… Ardeth muss seine Finger im Spiel haben. Aber wie? Und wieso soll ich zuerst sterben?“ Dann schloss sich ihre Hand fester um das Flüsterholz. „Es ist deswegen… Es ist, weil er sich vor dem Flüsterholz nicht verstecken kann.“
Ser Tarvain blieb noch einen Moment neben der Leiche stehen. Der Kopf lag abseits, der Körper schief in sich gesackt, als hätte ihn etwas mitten in der Bewegung erstarren lassen. Er starrte auf seinen ehemaligen toten und wiederauferstandenen GEfolgsmann herab, als könne er es immer noch nicht glauben. Und wenn man sich ehrlich war, konnte man nicht agen, ob es allein Ardeths Zutun gewesen war, oder ob an dem Aberglauben der Wiedergänger Kalaths tatsächlich etwas dran war. „Was jetzt?“ fragte einer. Niemand antwortete. Denn niemand wagte eine Entscheidung zu treffen, die dann auch zielsicher war. Kalwen trat näher, verschränkte die Arme. „Begraben würd ich ihn nicht nochmal,“ sagte er. „Sonst steht er am Ende morgen wieder in unserem Lager.“ Ein paar murmelten zustimmend, ein anderer spuckte in den Dreck. "Verbrennt ihn." Es war schließlich Ser Tarvain, der die Entscheidung fällte. Während die Dunkelheit sich zurückzog und die blaue Stunde anbrach, schleppten die Männer Holz an und schichteten einen Scheiterhaufen auf. Als die Flammen aufflackerten und den Toten vereinnahmten, ging die Sonne auf und diese nie enden wollende Nacht war endlich vorüber.
Am seidenen Faden ❖
10.11.2025 '21:54 [2.003 Wörter]
 ntaro starrte auf den leblosen Körper, welcher vor ihm auf dem Boden lag. Der Kopf, den sie ihm von den Schultern getrennt hatten, lag nicht weit daneben. Doch in dem Blick des Mannes, der einst ein Recke des Trosses gewesen war, erinnerte nichts mehr an den Mensch, der er einst gewesen war. Es war eine verzerrte Fratze die in fahler Haut und schwarzen Adern prangerte. Entaro starrte auf den Leichnam und dachte an die Worte, die er zu Kalwen gesprochen hatte. Wenn er wiederkehrt, schicken wir ihn zurück. Aber er hatte es nicht für möglich gehalten. Ja, er hatte oft von diesem Aberglauben der Kalather gehört. Doch nun, da er Zeuge dessen geworden war, dass dieser Aberglaube keiner war, da konnte er es noch immer nicht glauben. »Wie?«, murmelte Entaro und verfiel in schweigendes Grübeln. Er konnte keine logische Erklärung finden. Was tot war, konnte nicht wieder aufstehen. Welche Kraft vermochte das Unmögliche zu schaffen? Es gab Geschichten aus längst vergessenen Tagen. Alte Magie und verbotene Zauber. Doch dieser Tote, der die Kraft von zehn Männern gehabt hatte, bewies, dass diese alte Magie nicht gänzlich vergessen war. Aber vielleicht war es auch dieses verfluchte Land selbst, dass es erst ermöglichte? Vielleicht ruhten hier, an diesem Ort, besondere Kräfte, die in den anderen Landen dieser Welt längst verschwunden waren? Zermahlen unter den Heeren der Menschen. Doch hier gab es keine Zivilisation. Keine Städte, keine Burgen. Nur den Wald und das Moor.
Entaro bemerkte Kalwen, welcher sich zu ihm gesellt hatte und ebenfalls den Toten betrachtete. »Bei unserem Kennenlernen sagtet ihr, man sollte ihm den Kopf abschlagen und einen Pfahl ins Herz treiben.«, bemerkte Entaro mit ruhiger Stimme. Kalwen sah ihn daraufhin an, doch in seinem Blick lag dieser Ausdruck, den Entaro nur allzu gut kannte. Er hatte es doch gesagt. Er hatte sie doch gewarnt. Doch in Kalwens Augen war auch diese schockierende Erkenntnis, als ob er die Worte, die er einst gesagt hatte nicht für möglich gehalten hatte. Als ob dieser Widergänger auch der erste war, den er je gesehen hatte. Kalwen nickte stumm und versuchte sich ein wissendes Lächeln abzuringen, doch es wirkte eher gequält. »Meint ihr, der Pfahl ist noch immer nötig?«, erkundigte sich Entaro und Kalwen sah ihn daraufhin nur mit leeren Blicken an. »Ich kenne die Geschichten. Die alten Legenden und was die Leute in den Dörfern so sagen. Aber ich habe…noch nie…« Entaro nickte verstehend. »Nun. Ihr hattet Recht behalten, Kalwen von NIefurt. Und ich gestehe, dass ich es für einfältigen Aberglauben gehalten hatte. Doch nun, da wir eines Besseren belehrt worden sind, denke ich, wir sollten den alten Riten dieses Landes Folge leisten.« Entaro trat an eines der Holzstapel heran, welche dazu dienten, die Lagerfeuer am Leben zu erhalten. Er nahm einen der Scheite und begann diesen, mit seinem Messer, langsam zu einem spitzen Pfahl zu schnitzen. Als er schließlich damit fertig war, trat er wieder an den Toten heran und setzte den Pfahl auf der Brust, direkt an jener Stelle, wo er das Herz wähnte, an. »Wenn ihr die Güte hättet, die Seele dieses Mannes von seinem Joch zu befreien?« Kalwen zuckte mit den Achseln. »Ich habe keinen Hammer.« Entaro seufzte. »Der Kopf einer Axt sollte gute Dienste leisten.«, schlug Entaro schließlich vor und er wandte dabei seinen Blick an einen der akadischen Krieger, welche ebenfalls in der Nähe gestanden hatte. Der Mann nickte stumm und zog seine Axt aus dem Gürtel. Mit einer eleganten Drehung, ließ er die Axt in seiner Hand rotieren, so dass die Schneide in die Höhe gerichtet wurde und trat dann an den Leichnam heran. Er schluckte und schloss die Augen. »Vergib mir, alter Freund.«, flüsterte der Krieger und als Entaro schließlich nickte, ließ er den Kopf der Axt auf den Pfahl nieder und trieb das Holz damit tief in die Brust des Leichnams. Der Krieger erhob sich und schob dann die Axt wieder in den Gürtel.
Es folgte ein betretenes Schweigen. Niemand wusste so recht, was nun zu machen war. Immerhin war niemand hier je einem Widergänger begegnet. Ser Tarvain entschied letzten Endes, dass der Leichnam verbrannt werden sollte, und so geschah es dann auch. Als alle Männer, und auch Isaé, schließlich vor dem Scheiterhaufen standen und dem Gefallenen die letzte Ehre erwiesen, herrschte absolute Stille, die nur von dem Knacken des Holzes und dem Knistern der Flammen unterbrochen wurde. Entaro musste an die ganzen Toten denken, die sie auf ihrem Unterfangen bisher zu beklagen hatten. Die gefallenen Akadier. Die gefallenen Kalather. Sie alle lagen in dem Moor und keiner von ihnen war enthauptet worden. Sie hatten Florent mit Öl übergossen und verbrannt, bevor sie ihn in die Erde gebettet hatten und dennoch war er wieder zurückgekehrt. Entaro wurde ein wenig mulmig zumute, als er daran dachte, dass all die Toten, die dort um den verbrannten Baum lagen, nun vielleicht auch wieder auferstehen könnten. Sie hatten schon Mühe gehabt, diesen einen zu Fall zu bringen. Und dort lagen über ein Dutzend Leichen. Doch vielleicht hatte das Drachenfeuer ihre Leiber so stark vernichtet, dass sie nicht wieder aufstehen konnten? Entaro seufzte und wandte sich dann schließlich von dem Scheiterhaufen ab. Er begab sich zu Ser Tarvain und legte ihm seine Hand auf die Schulter, um so seine Aufmerksamkeit zu erringen und zugleich auch sein Bedauern auszusprechen. »Ser Tarvain, auf ein Wort?« Entaros Stimme war ruhig und gedämpft, doch da sonst niemand auch nur ein Wort sprach, wurden seine Worte an mehr als nur die Ohren des Kommandanten getragen. »Ser Adun? Was liegt euch auf dem Herzen?« Entaro räusperte sich. »Ich habe schon gestern darüber nachgedacht. Und heute, nach diesem Vorfall, denke ich, dass es am Besten wäre, wenn wir die Wagenburg an einem anderen Ort errichten. Der Feind kennt unseren Standort. Er ist mit dem Land besser vertraut und er kann auf dunkle Kräfte zurückgreifen. Wir sollten weiterziehen. Einen geheimeren Platz finden. Und…« Entaro hielt für einen Moment lang inne, da ihm die Worte schwer auf der Seele lasteten. Ser Tarvain sah ihn daraufhin fragend an, als ob er Entaro dazu auffordern wollte, weiter zu sprechen. »Und?«, hakte er, mit unüberhörbarem Argwohn in der Stimme, nach. »Wir sollten nach den Toten sehen.«, schloss Entaro seinen Satz. Ser Tarvain warf ihm einen fragenden Blick, da er nicht zu verstehen schien, worauf Entaro hinauswollte. »Die Toten im Lager der Kalather.« Da verstand Ser Tarvain und weitete, ob der Erkenntnis Entaros Worte, kurz die Augen. »Bei Daereans Segen. Ihr habt Recht.« Ser Tarvain fuhr sich mit den leicht geöffneten Fingern durch das Haar und zwang es so nach hinten. »Nicht auszudenken, wenn ein Dutzend Widergänger aus dem Moor entsteigt.« Entaro nickte und deutete dann auf den Scheiterhaufen. »Das Drachenfeuer brennt heißer als gewöhnliches Feuer. Doch wir haben Florent auch verbrannt, bevor wir ihn der Erde übergeben hatten.«
Als der Scheiterhaufen schließlich zur Gänze heruntergebrannt war, und nichts als Asche und schwarze Kohle übrig geblieben war, versammelte Ser Tarvain seine Männer um sich. »Hört mich an!«, rief er mit lauter Stimme. »Daerean erlegt uns dieser Tage schwere Prüfungen auf. Doch der Widerstand und Wagemut des Feindes beweist auch, dass wir ihm nahe sind. Er versucht Furcht in unseren Herzen zu sähen. Damit wir dieses verfluchte und verlorene Land verlassen und es seinen finsteren Fängen überlassen. Doch ihr habt gesehen, was der Feind mit Florent gemacht hat! Seine heilige Ruhe wurde entweiht. Sein Leib geschändet! Wir werden nicht eher ruhen, bis diese ruchlose Sünde bestraft worden ist!«, bellte er und die Männer stimmten grimmig mit ein. »Doch, bevor wir diesen verfluchten Ardeth aus seinem Loch treiben können, müssen wir dafür sorgen, dass uns der Feind nicht in den Rücken fallen kann! Daher habe ich beschlossen, dass wir die Wagenburg abbauen werden und uns einen neuen, besser geschützten Ort suchen. Dieser Ort ist nicht mehr sicher. Daher werden wir in den Osten ziehen. Der Weg ist beschwerlich. Wir haben diesen Ort hier nicht ohne Grund gewählt. Doch schwere Prüfungen in diesen schweren Zeiten erfordern auch Wagemut. Einen Tagesmarsch gen Osten, liegt eine Anhöhe. Sie ist von Felsen umschlossen und liegt am Rand des Moores. Dorthin werden wir die Wagenburg verlegen. Doch der Weg dorthin ist gefährlich.« Ser Tarvain schwieg und sah jedem einzelnen seiner Gefolgsleute in die Augen. »Doch wir werden diesen Weg gemeinsam schaffen. Die Ochsen und die Pferde müssen geführt werden. Der Weg ist tückisch und unwegsam.« Die Männer nickten und klopften sich auf die Brust. Was ihr Kommandant befahl, das waren sie bereit auszuführen. Sie würden ihm in den Tod folgen, so hoch war ihr Respekt für ihn und so unerschütterlich ihr Vertrauen. »Doch diese Nacht hat uns vor eine weitere, harte Probe gestellt. Wir müssen jenem Lager zurückkehren, an welchem unsere Brüder gefallen sind. Und mit ihnen die gefallenen Kalather. Wir müssen uns vergewissern, dass sie in der Erde bleiben, wo sie hingehören. Und dafür brauche ich ein halbes Dutzend Männer.« Daraufhin schwieg Ser Tarvain und erneut wanderten seine Blicke über jeden einzelnen seiner Männer. Vermutlich wären einfach die ersten sechs Männer, die er angesehen hatte, einfach hervor getreten, um sich freiwillig zu melden. Doch der erste, der hervortrat war keiner seiner Krieger. Es war Kalwen von Niefurt, der Hexenjäger. »Ser Tarvain. Wenn ihr es gestatten würdet, dann würde ich mich gerne anschließen.« Er warf einen flüchtigen Blick zu Isaé, bevor er sich wieder dem strengen Blick des Kommandanten stellte. »Ich weiß, ich kann den Tod der Männer nicht ungeschehen machen. Aber vielleicht kann ich dafür sorgen, dass ihre Seelen Frieden finden.« Ser Tarvain sah den Hexenjäger eine lange Zeit schweigend und mit verschränkten Armen an. Auch er warf Isaé einen prüfenden Blick zu. Immerhin war Kalwens Leben an das Ihre gebunden. Doch dann nickte er schließlich. »So soll es sein, Hexenjäger. Ich gestatte dir deine Schuld zu bereinigen.« Entaro räusperte sich daraufhin und zog sein Schwert aus der Scheide. »Ich melde mich ebenfalls. Ich weiß, dass dies nicht Teil unseres Vertrages ist, doch habe ich einst eine Warnung in den Wind geschlagen, und ich möchte keinen Fehler zwei Mal begehen.« Da lächelte Ser Tarvain und wirkte dabei fast, als ob er längst geahnt hatte, dass Entaro sich melden würde. »Ich hatte gehofft, dass ihr euch melden würdet, Ser Adun.« Der Bernsteinritter erwiderte nichts darauf, und sah den Kommandanten nur mit schweigender und stoischer Miene an. »Nun, denn. Der Rest der Freiwilligen, soll sich bei Ser Adun einfinden. Wir werden beim Morgengrauen aufbrechen und bis dahin muss die Wagenburg, zum Aufbruch bereit, völlig abgebaut worden sein.« Damit beendete Ser Tarvain seine Ansprache und die Männer schwärmten aus, wie ein Bienenstock, welcher von einem Bären angegriffen worden war. Ser Tarvain hingegen trat an Isaé heran. »Frau Isaé, auf ein Wort.« Er führte Isaé etwas abseits, bis sie den Scheiterhaufen hinter sich gelassen hatten. »Das Flüsterholz. Diese Nacht hat mir gezeigt, dass ihr nicht nur unser größter Trumpf seid, sondern auch in größter Gefahr schwebt. Wenn es euch ein Anliegen sein sollte, die Männer zu der Lichtung zu begleiten, werde ich euch nicht davon abhalten. Doch ich muss zugeben, dass ich mir nicht sicher bin. Was wenn eure Anwesenheit die Aufmerksamkeit des Feindes erregt? Ser Adun, der Hexenjäger Kalwen…« Er sprach den Namen mit einem leichten, scharfen Unterton aus. »…und die anderen Freiwilligen. Sie könnten in eine Falle geraten. Aber andererseits, könnte eure Anwesenheit auch von Nutzen sein, ihr wärt ihr Augenlicht, wo alle anderen blind in der Dunkelheit sind. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so schwere Entscheidung zu fällen gehabt.« Ser Tarvain seufzte und man konnte ihm förmlich ansehen, dass es ihm schwerfiel, diese Worte auszusprechen. »Ich weiß, ihr habt in dieser Nacht wenig geschlafen. Ihr habt mit dem Widergänger gerungen. Und ihr leidet…« Er stockte in seinen Worten und sah sie daraufhin mit einem eindringlichen, fast durchleuchtenden, Blick an. »…an dem Entzug.« Seinen Blicken mischte sich fast ein entschuldigender Ausdruck hinzu. »Daher überlasse ich diese Entscheidung euch allein. Aber ich muss ich euch fragen. Fühlt ihr euch der Aufgabe gewachsen? Ich muss mir sicher sein! Der Erfolg dieses Unterfangens, und das Leben aller Männer hängt jetzt am seidenen Faden.«
Keine Ruhe für die Toten ❖
13.11.2025 '07:27 [2.187 Wörter]
 saés Müdigkeit war kein einfaches Erschöpftsein mehr, sie war ein Zustand, der sich tief in ihr festgesetzt hatte. Sie war erschöpft bis in die Knochen. Diese Nacht hatte kein Ende genommen, und sie hatte kein Auge zugemacht. Ihre Augen brannten jetzt, wenn sie sie schloss, die Lider fühlten sich schwer an wie Blei, und hinter den Schläfen pochte es in einem dumpfen, gleichmäßigen Takt. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, die Gedanken träge, und doch war da dieses nervöse Zittern, das sie nicht zur Ruhe kommen ließ. Jede Bewegung kostete sie mehr Kraft, als sie zugeben wollte. Sie zwang sich, gerade zu stehen, ruhig zu atmen, nicht zu zeigen, wie leer sie sich fühlte. Der Entzug machte es schlimmer. Ihr Körper war unruhig, nervös bis in die Fingerspitzen, doch gleichzeitig fiel jede Regung schwer. Ein widersprüchlicher Kampf aus Zittern und Erschlaffen, als würden ihr Körper und ihr Geist nicht mehr zusammenarbeiten wollen. Manchmal spürte sie, wie ihr Blick verschwamm, die Umgebung kurz schwankte. Eine unsagbare Kälte hatte von ihr Besitz ergriffen. Ein Nebeneffekt des Schlafmangels. Sie fühlte ihr Blut rauschen, das Herz zu schnell schlagen, der Atem war zu flach und ungleichmäßig. Und über allem lag dieser Hunger, der kein körperlicher war, sondern ein leeres brennendes Verlangen, flüsterte ihr Verstand ihr zu, wie leicht es wäre, diesen Hunger, dieses Verlangen zu stillen, nur ein Zug, nur ein einziges Mal. Und dann würde alles wieder gut sein. Aber sie gab nicht nach. Wie auch? Entaro bewahrte ihr Opium auf, und das war auch gut so. Sie war sich sicher, dass ihr Vorhaben, vom Feuermohn loszukommen, längst gescheitert wäre, wenn das Opium noch in ihrem Besitz gewesen wäre. So ehrlich musste man sein. Sie stand da, still, die Hände ruhig, das Gesicht unbewegt. nicht mehr nach Schlaf verlangt, sondern nach Ruhe, nach einem Ende, nach einem Tag, an dem niemand etwas von ihr wollte.
Doch dann rief Ser Tarvain nach ihr. „Frau Isaé, auf ein Wort!“ bat er sie um eine Unterredung und in der Hexenjägerin zog sich alles zusammen. Wenn Ser Tarvain Worte hatte, die nur für ihre Ohren bestimmt waren, dann war dies selten etwas Gutes. Und so war es dann auch. Er haderte mit einer Entscheidung. Sollte er sie in dem Trupp mitschicken, die sich um das Problem der beerdigten Toten kümmern würde, oder sollte sie mitkommen mit dem Rest, der die Wagenburg an einen anderen Standort verlagern sollte? Isaé war zugleich eine nützliche Waffe wie auch ein großes Risiko. Ihre Gabe konnte allen nützlich sein, oder aber sie ins Verderben führen. Isaé war von diesem Wissen nicht angetan. Sie sah ihre Aufgabe allein in dem, was Ser Tarvain ihr aufgetragen hatte: mit dem Flüsterholz den Feind aufzuspüren. Nicht mehr und nicht weniger. Isaé stand still, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, während Tarvain sprach. Seine Worte waren sachlich, aber schwer. Sie wusste, dass er Recht hatte. Als er endete, schwieg sie einen Moment. Der Wind spielte mit einer Strähne ihres Haars, und trug den fettig süßlichen Gestank des Scheiterhaufens mit sich, wo der Leichnam Florents verbrannte. Irgendwo in dem aufgetürmten, brennenden Holz knackte ein Ast, als dessen Harzeinschluss von den Flammen erreicht wurde und beinahe explosionsartig wie Zunder verbrannte. „Ich weiß, ihr habt in dieser Nacht wenig geschlafen. Ihr habt mit dem Widergänger gerungen. Und ihr leidet… an dem Entzug. Daher überlasse ich diese Entscheidung euch allein. Aber ich muss ich euch fragen. Fühlt ihr euch der Aufgabe gewachsen? Ich muss mir sicher sein! Der Erfolg dieses Unterfangens, und das Leben aller Männer hängt jetzt am seidenen Faden.“ Isaé schwieg. Länger, als Tarvain wohl erwartet hatte. „Ich bin erschöpft,“ sagte sie schließlich. „Und ja, das Verlangen nach dem Feuermohn beherrscht noch meinen Geist. Das muss ich zugeben. Aber ich bin bei Verstand und ich weiß, was ich tue. Und ich weiß, wann ich an meine Grenzen stoße.“ Sie hob den Blick, traf seine Augen. „Es steht immer noch diese Vertrauensfrage zwischen uns, nicht wahr? Und wenn ihr mich fragt, ob ich mir selbst vertraue, dann ist die Antwort ‚Ja‘. Wenn ihr mich fragt, ob ihr mir trauen könnt, oder wenn ihr euch das fragen müsst, dann sage ich, diese Antwort müsst ihr selbst finden. Tarvain schwieg einen Moment, dann nickte er knapp. „Das genügt mir.“ Isaé nickte. „Trotzdem wäre es schön, wenigstens heute Nacht einige Stunden schlafen zu können. Ich kann nicht noch eine weitere Nacht wach sein, um auf das Flüsterholz zu achten. Ich weiß, dass wir dafür keine befriedigende Lösung finden werden. Dazu wäre es wohl nötig, einen weiteren Hexenjäger zu haben, der in der Lage ist, das Flüsterholz zu verstehen. Aber den haben wir nicht. Doch ich hoffe, dass wir uns wenigstens am Tag weder vor Ardeth noch vor Wiedergängern zu sehr in Acht nehmen müssen.“ Tarvain nickte.
Wenig später stand Isaé etwas abseits vom Feuer. Der Himmel färbte sich von rosa und orange ins blau. Die Männer teilten sich in zwei Gruppen. Jener kleine Trupp, dem Ser Tarvain seine Befehle gegeben hatte: sechs Männer würden mit Entaro losziehen, um die Gräber zu öffnen. Der Rest des Trosses kümmerte sich um die Wagenburg und deren Verlagerung an einen anderen Standort. Isaé sah ihnen zu. Sie wusste immer noch nicht was von ihr erwartet wurde, obwohl Ser Tarvain ihr Entscheidungsfreiheit gelassen hatte. Das Flüsterholz konnte auf beiden Seiten helfen. Wenn sie bei Tarvains Tross blieb, konnte sie sich erholen, vielleicht ein paar Stunden Schlaf finden. Der Gedanke war sehr verlockend. Doch sie wusste, dass ihr diese Entscheidung keine Ruhe bringen würde. Sie dachte schließlich an Florent. An den Griff seiner toten, kalten Hände, der leere dumpfe Blick. Wenn noch mehr da draußen in der Erde lagen, dann musste man dafür sorgen, dass sie dort blieben, wo sie waren. Bei den Toten. Bei jenen Toten, die einfach in Ewigkeit ruhten und verrotteten. Und sie sah es als sinnvoller, sich dort anzuschließen. Sie atmete tief durch und ging zu Ser Tarvain. Er stand bei den Wagen, die Hände auf dem Gürtel, der Blick über die Männer gerichtet, die das Lager zusammen packten. Er bemerkte sie, sagte aber nichts und sie blieb vor ihm stehen. „Ser Tarvain,“ begann sie und er hob den Blick. „Habt ihr euch entschieden?“ Sie nickte. „Ich gehe mit dem Trupp. Es erscheint mir als sinnvoller.“ Tarvain nickte „So soll es sein.“
Der Marsch zu jener Lichtung zog sich. Der Wald war still, nur das Knacken der Stiefel auf gefallenen Ästen, dem belaubten Boden und das leise Klirren der Waffen begleitete sie. Niemand sprach viel. Ein kühler Wind wehte, trug den Geruch von feuchtem Laub und alten harzigen Kiefern und Tannen mit sich. Isaé ging neben Entaro und einem der jüngeren Soldaten und es herrschte Schweigen. Das Flüsterholz lag quer in ihrer Hand, leicht und warm, aber ohne das kleinste Wort. Der Weg führte über den kleinen Hang an dem sie schon zweimal vorbeigekommen waren, vorbei an klaren kleinen Bächen die zu einer kurzen Rast verlockten. Doch dazu war keine Zeit. Der Weg war weit und lang und ihr Unterfangen würde dauern. Sie mussten damit fertig sein, bevor die Nacht anbrach. Als sie gegen Nachmittag aus dem Wald traten, öffnete sich vor ihnen das freie Gelände.
Die Lichtung lag still und friedlich da, schon von weitem konnte man die Grabhügel sehen, und es gab der Lichtung eine seltsame Atmosphäre. Die Männer blieben stehen. Kalwen stützte die Hände auf die Hüften, musterte den Platz. „Sieht friedlich aus.“ Die angespannte Stimmung löste sich ein wenig. Isaé ging langsam zwischen den Gräbern hindurch. Das Flüsterholz blieb still, kein Flüstern, kein Wispern, kein Raunen. “Hier scheint alles so zu sein, wie es sein soll,“ sagte sie leise. Und blickte dabei fragend von Entaro zu Kalwen und den Anderen. „Das Flüsterholz ist still.“ Einer der Männer zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Vielleicht war’s ja wirklich nur der eine.“ Isaé sah auf, und blickte ihn an. „Vielleicht. Aber wir bleiben vorsichtig. Und Ser Tarvains Anweisungen waren klar und deutlich. Köpfen und pfählen.“ Sie erhob sich, blickte in den Himmel. Er war strahlend blau und still. Die Sonne stand tief, das Licht fiel warm auf den Waldrand. Zum ersten Mal seit der Nacht spürte sie, wie jegliche Angespanntheit von ihr abfiel. Nur Müdigkeit, aber eine, mit der sie leben konnte. Kalwen setzte sich auf einen umgestürzten Stamm. Die anderen Männer folgten seinem Beispiel, holten erst einmal ihre Wegzehrung hervor, tranken Wasser, ruhten sich aus, redeten leise miteinander. Isaé blieb noch eine Weile stehen, das Flüsterholz an die Brust gedrückt. Nach diesem Gewaltmarsch. Es war still, und das war gut so. Doch dann setzte sie sich neben Kalwen auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an dem Baumstamm an. Isaé betrachtete für eine Weile die Pfeife, dann suchte sie in ihrer Tasche. Ihre Finger fanden die kleine Flasche mit der klaren Flüssigkeit, an deren Korkeninnenseite das Stück Phosphor befestigt war. Sie holte noch den Beutel mit dem Pfeifenkraut und stopfte sich eine Pfeife. Wenigstens das. Vielleicht half ihr dieses Ritual, wenn schon die Quintessenz fehlte. Sie zog den Korken langsam heraus, bis das Phosphorstück aufflammte. Das Licht war grell und weiß und zog einiges an Aufmerksamkeit auf sich. Die Akadier hatten so etwas noch nie gesehen. “Was ist das? Hexenwerk?” brummte ein alter Soldat. Isaé schüttelte den Kopf. “Nein, nur Alchemie.” murmelte die, das Mundstück der Pfeife zwischen ihren Lippen. Sie zündete das Kraut an im Pfeifenkopf an. Der erste Rauch stieg auf und verdichtete sich, als sie ein paar Mal daran zog. “Erst das Vergnügen, dann die Arbeit” meinte sie grinsend und hielt das Ding in die Runde. Ein junger Soldat griff zögerlich zu, nahm zwei Züge und reichte die Pfeife an den nächsten weiter, bis die Pfeife einmal durchgegangen war. Am Ende blieb nur verbranntes Pfeifenkraut, welches sie am Boden ausklopfte. Es war ein kleines Ritual gewesen, welches diese völlig unterschiedlichen Menschen dennoch einander näher brachte. Denn wenn man bedachte, was ihre Aufgabe an diesem Nachmittag war, so war es nicht gewiss, wer einem morgen noch gegenüber stand, und wer nicht.
Nachdem sie sich von dem langen Marsch ausgeruht, gegessen und getrunken hatten, war es an der Zeit, sich ihrer Aufgabe zu widmen. Kalwen und die anderen Soldaten griffen zu ihren mitgebrachten Späten, und es war auch Kalwen, der den ersten Spatenstich in einen der Grabhügel setzte. Der Spaten fuhr knirschend in die feuchte schwere Erde und dann taten es ihm die anderen Akadier gleich. Es dauerte nicht lange, da begann der Hexenjäger zu schwitzen, denn er war körperliche Schwerarbeit offenkundig nicht gewöhnt. Die Akadier hingegen, die kampferprobt waren, hatten sichtlich weniger Mühe damit. Doch Kalwen biss die Zähne zusammen und nach einer Weile stieß der Spaten auf einen weichen Widerstand. Er begann nun, den Körper des Toten mit der flachen Seite des Spatens freizulegen.
Die Stimmung war schwer. Niemand sagte es laut, aber jeder wusste, dass sie hier gerade eine Grenze übertraten, die man nach akadischen Bräuchen eigentlich nicht anrührte. Die Männer hatten die Gräber geöffnet, eines nach dem anderen. Feuchter Lehm klebte an ihren Stiefeln und der Geruch frischer, dunkler Erde hing in der Luft. Keiner schaute gern hin. Sie standen schweigend vor den Toren, als müssten sie sich selbst davon überzeugen, dass das hier notwendig war. Falsch, aber notwendig. Als das letzte Grab offen war, trat ein älterer Soldat einen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Genug“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Dann sah er zu Kalwen und Isaé hinüber. Sein Blick war fest und überzeugt..„Wir haben getan, was wir konnten“, sagte er leise. „Und mehr, als unser Brauch zulässt. Unsere Toten sind Daerean geweiht. Wir sollten ihre Ruhe nicht stören.“ Er hielt kurz inne, räusperte sich, als müsste er sich überwinden, weiterzusprechen. „Aber dieses Land… und was hier geschehen ist… wir dürfen kein Risiko eingehen.“ Er nickte zu den offenen Gräbern. „Der Rest liegt bei euch” sah er die beiden Hexenjäger fest an. „Es widerstrebt uns völlig. Wir… wir kennen solche Praktiken an Toten nicht. Und wir wollen sie nicht durchführen. Ihr habt Recht, Hexenjägerin, wenn ihr sagt, dass Ser Tarvains Anweisungen unmissverständlich waren. Doch ich glaube, dass ihm bewusst war, dass wir Fremde bei uns haben, deren Hände helfen können.” Kalwen hob eine Braue, sein Ausdruck war trocken, wie immer, doch selbst er sparte sich in diesem Augenblick einen Spruch. Isaé spürte die Blicke der Männer. „Ihr seid Hexenjäger“, sagte der Alte. diesmal fester. „Euch sind solche Praktiken sicherlich nicht fremd. Also erledigt ihr diesen Teil. Bitte.“ Die Soldaten traten zurück, als wollten sie Abstand gewinnen zu dem, was jetzt kommen würde. Sie hatten ihre Pflicht getan und damit schon genug Brauchtum verletzt. Der Rest lag nun wohl bei jenen, die es ihrer Ansicht nach gewohnt waren, barbarische Sitten zu vollziehen. Isaé räusperte sich. “Nun, ich verstehe eure Beweggründe und ich respektiere sie. Ich kann die Pfähle in die Herzen dieser Männer treiben. Doch ich bitte um Verständnis, dass ich keine Köpfe abschlagen kann. Zumindest nicht, wenn es noch würdevoll bleiben soll.” Ihre Blicke schweiften zwischen Kalwen und Entaro skeptisch hin und her. Dem einen traute sie dies wohl nicht zu, der andere war ebenso aus Akadien.
Gläserne Blüten ❖
17.11.2025 '16:32 [2.523 Wörter]
 toisch und schweigend, marschierten die Männer durch die moorige Landschaft. Nur das Land selbst zeugte von ihrer Gegenwart. Knackendes Unterholz, Knirschende Kiesel und schmatzender Morast. Jeder von ihnen fühlte, dass dieses Land sie zu beobachten schien. Und jeder von ihnen wusste, dass sie eigentlich auf einer unheiligen, ketzerischen Mission waren. Die Gräber der Gefallenen zu öffnen, die Leichen auszuheben und ihnen den Kopf abzuschlagen, sowie einen Pfahl ins Herz zu treiben. Diese Männer befanden sich im Grunde genommen allesamt auf einer der größten Hexenjagden der letzten Jahre und keiner von ihnen war wirklich ein Hexenjäger. Die Dinge, die von ihnen abverlangt wurden, waren Blasphemie. Doch mit redlichen und lauteren Mitteln war den Dienern der Dunkelheit nicht immer beizukommen. Entaro hatte ebenfalls geschwiegen. Doch nicht wegen der schweren Bürde, die auf den Herzen der Männer lastete. Vielmehr wegen dieses seltsamen Gefühls, dass sich seiner mehr und mehr bemächtigte, je länger er in diesen Landen verweilte. Dieses Gefühl, dass diesem Land selbst innezuwohnen schien. Ein Gefühl, dass er nicht näher beschreiben konnte. Doch, so seltsam, grausam und verhext dieses Land auch schien, es schien tief in seinem Inneren etwas zu berühren. Er fühlte, dass eine uralte Macht in dem Fluch dieses Landes verborgen lag. Größer und Älter als der Glaube, der ihm von Kindes an gepredigt worden war. Die Macht, die an diesem alten Ort gebunden zu sein schien, war ursprünglich und spürbar. Sie war wahrhaftig und wirklich. Entaro konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal die tröstende oder heilsame Gegenwart Daereans gespürt hatte. Vermutlich als er das letzte Mal in einem der heiligen Tempel zum Gebet gewesen war. Doch seit er seine Heimat hinter sich gelassen hatte, war dieses Gefühl so fern gewesen wie noch nie. Doch hier, in den Grenzlanden, da war ein uraltes Gefühl erwacht. Eine Erinnerung oder vielmehr eine Präsenz, die Entaro nicht einzuordnen vermochte. War dies das Land selbst, oder die Kreaturen und Schwarzseher, die hier ihr Unwesen trieben? Vielleicht, wenn sie diesen Ardeth, diese Hera und den ominösen Istred zu Fall gebracht hatten, würde er seine Antworten finden? Wenn das Gefühl mit ihnen sterben würde, hätte er die Antwort, dass das Land selbst tot war, ohne Macht, ohne Erinnerungen und ohne Vergangenheit. Doch…wenn das Gefühl nicht verebben würde? Entaro wusste nicht was er auf diese Frage antworten sollte. Doch wenn dieser Tag gekommen sein würde, dann wüsste er, dass er niemals wieder den wahren Glauben Akadiens in sein Herz lassen könnte. Wie könnte er, wenn alles, was die Lehren seines Ordens, nur eine tiefe Leere war? Und hier, an diesem Ort war eine ungreifbare, uralte Macht, die an längst vergangene Zeiten erinnerte?
Entaro wurde aus seinen trübseligen Gedanken gerissen, als einer der Akadier zu sprechen begann. »Dieser Ort ist unheimlich. Daereans Macht hat hier keinen Einfluss. Das spüre ich.« Entaro runzelte die Stirn und warf dem Mann einen fragenden Blick zu. »Und was genau spürst du?« Der Akadier zuckte mit den Achseln. »Etwas Fremdes. Etwas Verlorenes. Etwas Böses.« Entaro seufzte. »Vielleicht hast du Recht, mein Freund.« Der Akadier erwiderte Entaros fragenden Blick und legte dabei den Kopf schief. »Vielleicht?« Entaro zwang sich zu einem milden Lächeln. »Es ist nicht immer alles wie es scheint. Vielleicht ist die wahre Macht dieses Ortes nur ein Schatten, oder ein Echo? Und das Böse, dass du spürst, ist nur der verdorbene Geist eines Mannes, der dem Bösen und dem Wahnsinn anheimgefallen ist?« Der Akadier schnaubte. »Ist doch beides das Gleiche.« Entaro erwiderte nichts darauf und sah nur auf die große Grube, die sich vor ihm auftat. Seine Blicke waren auf die verkohlten Leichname gehaftet, die darin aufgebahrt lagen. Sie waren schmutzig und voller Erde, Morast und Dreck. Die Männer hatten die Leiber so gut es ihnen möglich war freigelegt. Doch der Anblick, der sich ihnen darbot war dennoch nichts, was man als gewöhnlich bezeichnen mochte.
Die Akadier drückten sich den Daumen auf die Stirn. Sprachen Gebete und alte Schutzrituale. Als ob die Macht, die an diesem Ort gebunden war, von derlei Dingen gebannt werden könnte. Oder, sei es auch nur, um ihre Seelen vor der Strafe Daereans zu bewahren, dass sie ihre toten Kameraden wieder ausgegraben hatten. Entaro trat noch einen kleinen Schritt weit vor, so dass er so nah an der Kluft stand, dass er, würde die Erde unter seinem Gewicht nachgeben, in die Grube stürzen würde. »Nun.«, seufzte er. »Kalwen von Niefurt. Ihr habt euch freiwillig gemeldet, um eure Schuld zu begleichen?« Kalwen wirkte nun nicht mehr ganz so begierig darauf, in die Grube zu springen und den Männern Pfähle in die Herzen zu treiben und die Köpfe abzuschlagen. »Ihr seid kein Akadier, das hört man an eurem Akzent. Und ihr seid auch kein richtiger Hexenjäger. Isaé von Köllersberg. Sie ist mehr Hexenjägerin als ihr, und vielleicht auch nicht. Sie hat eine Gabe, die ihr nicht habt. Doch vielleicht habt ihr schon mehr Kerben in eurem Kerbholz, als sie? Was genau macht einen Menschen zu einem Hexenjäger? Die Gabe? Das Geschick? Oder einfach nur seine Tropähen?« Entaro seufzte erneut. Er wollte Isaé nicht in die Grube schicken, auch wenn es eigentlich ihre Aufgabe als Hexenjägerin war die verfluchten Seelen dieser Männer davor zu bewahren der Hexerei zu dienen. Aber Entaro schwieg und Kalwen sah ihn nur vorwurfsvoll an. »Es ist was anderes, gegen eine Hexe zu kämpfen, als in eine Grube zu springen und Leichen den Kopf abzuschlagen.«, wandte Kalwen schließlich ein, was Entaro nur die Stirn runzeln ließ. »Ihr habt uns doch, an jenem Tag, an dem wir einander kennenlernten, dazu geraten, unserem Kameraden den Kopf abzuschlagen. Habt ihr dies denn noch niemals getan?« Kalwen seufzte und zuckte mit den Achseln. »Bei einer Hexe…aber sonst…das war immer die Aufgabe der Totengräber.« Entaro erwiderte nichts darauf und sah ihn nur stoisch an. »Ich verstehe.«, nickte er schließlich. Er warf noch einen Blick zu Isaé doch es schien, dass sie auch nicht sehr erpicht darauf war, in die Grube zu springen.
Entaro zog an der Fibel, welche seinen Mantel an der Rüstung hielt, und öffnete diese schließlich. Sein Mantel glitt von seiner Schulter und er fing sie mit dem angewinkelten Arm auf, bevor dieser auf den Boden gleiten konnte. Er trat an Isaé heran und drückte ihr wortlos den Umhang in die Hände. Und dann trat er an den Akadier heran, welcher zuvor noch seine dunklen Gedanken mit ihm geteilt hatte, Nahm seine Axt und sprang, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, in die Grube. »Es ist Hexenjäger Arbeit.«, murmelte Entaro und warf einen Blick aus der Grube, hinauf zu den Männern. »Doch das sind Akadier. Sie verdienen, dass einer der Ihren sie auf die andere Seite schicken.« Entaro hob die Axt und schlug auf den Hals der ersten Leiche. Der Schlag schlug dumpf auf das tote Fleisch und der Schlag wurde aus der Grube hinauf getragen. Ein weiterer Schlag erfolgte und der Kopf war von den Schultern getrennt. Entaro wandte sich dem nächsten Leichnam zu und hackte auch diesem den Kopf ab. Und mit jedem Schlag, den er ausführte, zuckten die Männer, welche ihm bei seiner ehrlosen Aufgabe beobachteten, zusammen. Als Entaro schließlich dem letzten Mann den Kopf abgeschlagen hatte, warf er einen wehmütigen, ja beinahe traurigen, Blick hinauf zu den schweigenden Zusehern. »Die Pfähle.« befahl er und Kalwen trat von der Grube fort, um die bereits vorbereiteten, angespitzten Holzpfähle von dem Sattel seines Pferdes zu binden. Als sein Kopf wieder am Rand der Grube erschien, lächelte er, was Entaro seltsam erschien. Er warf die Pfähle in die Grube und sie schlugen dumpf auf einem der Leichen auf, woraufhin Kalwens Lächeln auf dem Gesicht erstarb. »Tut mir leid!«, flüsterte er doch niemand tadelte ihn wirklich. Entaro knotete die Seile auf, welche die Pfähle zusammenhielten und setzte sie einem nach dem anderen auf die Brust der Toten. Mit dem Axtkopf trieb er die Pfähle in die Herzen und ging dabei so akribisch und stoisch vor, als wäre er ein Zimmermann, der gerade Nägel in Holzbalken treiben würde.
Als auch der letzte Pfahl in der Brust eines Leichnams versenkt worden war, richtete sich Entaro auf. Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine Haut war fahl. Seine Hände zitterten und sein Blick war glasig und wirkte abwesend. Doch er sagte kein Wort. Er warf die Axt im hohen Bogen aus der Grube und begann dann, aus der Grube zu klettern. Doch die Erde war locker und es gab kaum Wurzeln, an welchen er sich festhalten konnte. Mit jedem Versuch, aus dem Loch zu klettern, brach etwas mehr Erdreich unter seinen Füßen weg, und er rutschte wieder etwas hinab. Doch als seine Hände schließlich aus der Grube ragten und sich in die Grasnarbe krallten, da packten die Akadier seine Arme und zogen ihn, mit geeinten Kräften, aus dem Grab. Entaro erhob sich, klopfte sich den Dreck und das Gefühl etwas Falsches getan zu haben, so gut es ging, von der Kleidung ab. »Schüttet es wieder zu.«, befahl er und nahm wortlos seinen Mantel aus Isaés Händen, schritt an ihr vorbei und warf ihn sich, während er sich weiter entfernte, den Mantel über die Schultern.
Die Männer schaufelten die Erde wieder in die Grube und Entaro näherte sich indes dem alten, verbrannten Baum, von welchem kaum noch ein hohles Gerippe übrig geblieben war. Ein einzelner, verkohlter Stumpf und ein dürrer Stamm, welcher sich, wie ein drohender Finger, in den Himmel erhob. Und um den Baum herum, steckten die vielen Schwerter, der gefallenen Kalather, welche Entaro selbst in die Erde getrieben hatte, um ihrer zu gedenken. Diese Männer konnte man nicht mehr enthaupten. Ihre Leiber waren zu Asche und Staub verbrannt worden. Alles, was von ihnen übrig geblieben war, waren diese Schwerter und der schwarze, verkohlte Boden. Und doch…Entaro fühlte eine seltsame Unruhe in sich, als er sich dem Schwertergrab genähert hatte. Entaro schob es auf die Umstände, dass er soeben den sterblichen Überresten der gefallenen Akadier die Köpfe abgeschlagen hatte und aus einer dreckigen Grube geklettert war. Seine Blicke wandten sich von den Schwertern und dem verkohlten Baum ab und suchten stattdessen den Himmel. Es herrschte ein dumpfes Zwielicht. Es war nebelig und man konnte kaum die Sonne sehen, welche bereits hinter dem Horizont verschwunden war. Wie spät es genau war, konnte man nicht mehr sagen, doch zweifellos würde es in wenigen Stunden bereits zu dämmern beginnen. »Wir sollten rasch aufbrechen. Der Tag neigt sich dem Ende, und ich möchte nicht durch die Dunkelheit wandern, ohne zu wissen, wer in den Wäldern lauert.« Entaro seufzte. Er fühlte sich irgendwie seltsam. Und jetzt sprach er schon mit sich selbst? Doch als sich eine Hand auf seine Schulter legte, erkannte er, dass Isaé neben ihm stand. »Die Männer sind fast fertig. Wir können bald aufbrechen.« Entaro nickte und sein Blick senkte sich wieder herab, aber er blieb auf einem der Schwerter haften. Er runzelte die Stirn und trat schließlich an das Schwert heran. Neugierig hafteten sich seine Blicke auf eine kleine, unscheinbare Blüte, welche am Fuß der Klinge, seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Er ging vor dem Schwert in die Hocke und streckte seine Hand danach aus. »Seltsam.«, murmelte Entaro und Isaé sah ihn fragend an. »Was ist denn?«, versuchte sie zu verstehen, was Entaro so seltsam fand. Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu, bevor er sich wieder auf die Blüte konzentrierte. »Diese weiße Blüte. Alles um sie herum ist schwarz, verbrannt und tot. Doch diese Blüte…sie war noch nicht hier, als ich die Klingen in die Erde getrieben hatte. Und sieh…« Er deutete auf die dornigen Ranken, welche sich um die Klinge gewunden hatten. »Diese Pflanze hat sich um die Klinge gewunden. Als wäre sie aus der Klinge selbst geboren worden.«
Als Entaro die Blüte berührte, zuckte er erschrocken zurück. Die Blüte war kalt und fühlte sich an wie scharfes Eisen. »Was ist das?« Entaro zog seine Hand zurück und trat von den Schwertern zurück. »Seltsam. Ich habe so etwas noch niemals gesehen.« Entaro wandte sich um und seine Blicke suchten nach dem einzigen Mann, von dem er sich eine Antwort erhoffte. »Kalwen, von Niefurt! Kommt hier her.«, rief er und der Hexenjäger eilte daraufhin zu Isaé und Entaro. »Habt ihr so etwas schon einmal gesehen?«, erkundigte sich Entaro und deutete auf die Blüte. Kalwens Blicke folgten Entaros Geste und hafteten sich dann schließlich auf die besagte Blüte. Wie auch Entaro zuvor, ging Kalwen in die Hocke um sie besser betrachten zu können. Doch er schüttelte nur den Kopf. »Das ist doch nur eine Blume.«, murmelte Kalwen und seine Stimme wirkte sowohl verwirrt als auch belustigt. »Wegen einer Blume habt ihr mich gerufen? Ich dachte schon, dass hier einer dieser Widergänger, oder ein Düsterling herumkreucht.« Er lachte und versuchte die Situation mit etwas Humor zu entschärfen. Doch Entaro grunzte ungehalten. »Diese Blume war vor zwei Tagen noch nicht hier. Sie ist aus der Asche der Toden gediehen!« Kalwen sah Entaro mit einem Blick an, der mehr als nur deutlich machte, dass er glaubte, der Drachenreiter hätte den Verstand verloren. »Was soll das heißen? So ein Unsinn!« rief Kalwen und schüttelte den Kopf. »Das ist nur eine normale Blume!« Entaro schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ihr wisst also nicht, was das ist.«, seufzte er und Kalwen fühlte sich sichtlich gekränkt. »Na, ich weiß jetzt nicht genau, welche Sorte das ist. Aber es ist nur eine Blume!« Und, als ob er Entaro davon überzeugen wollte, griff er nach der Blüte, um sie zu pflücken. Doch als seine Hände sich um das seltsame Gewächs legten, da zuckte Kalwen zusammen und ein kurzer, zischender Schmerzenslaut entkam seinen Lippen. »Scheiße!«, rief Kalwen und zog die Hand zu sich und öffnete sie. Die Handfläche wies zwei tiefe, rot blutende Schnitte auf. Als ob er gerade in eine scharfe Klinge oder Glasscherben gegriffen hätte. Er hielt mit seiner zweiten Hand das Handgelenk, um die Blutung zu verlangsamen, während er fluchte und die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen einsog. Entaros Blicke indes blieben auf die seltsame Blüte gehaftet. Er sah das Blut des Hexenjägers. Wie es von den dünnen, filigranen Blütenrändern tropfte, sich in die Mitte der Blüte verlief und dort scheinbar, in der Mitte der Blüte, einfach aufgesogen wurde und verschwand. Seine Blicke verfinsterten sich und er starrte wie gebannt auf die Blüte, bis auch der letzte Tropfen Blut verschwunden war. »Diese Blüte…«, flüsterte Entaro. »Sie hat das ganze Blut aufgesogen.« Entaro legte seine Hand auf Isaés Bauch und schob sie mit sich, während er zaghaft einige, rückwärtige Schritte tat und zugleich sein Schwert zog. »Sag mir, Isaé. Dein Flüsterholz, flüstert es?« Entaro hielt inne und für den Moment wirkte es, als ob er in der Zeit gefangen wäre. Kein Atemzug, kein Wimpernschlag, keine Regung. Er starrte nur auf den toten Baum, die Schwerter und diese seltsame Blüte. Doch nichts weiter geschah…Entaro blinzelte und das Leben kehrte in seinen Körper zurück. Er tat einen Atemzug und entließ den Atem aus dem leicht geöffneten Mund. Und als er den Blick von der Blüte abwandte, um mit Isaé und Kalwen zu den Akadiern zurückzukehren, da regte sich die Blüte. Sie wuchs…wenn auch nur kaum merkbar. Und an jener Stelle, wo soeben noch eine Blüte gewesen war, erblühten nun auf einmal zwei.
Der kalte Atem der Anderswelt ❖
18.11.2025 '04:10 [2.881 Wörter]
 ngläubig starrte die Hexenjägerin von der kleinen weißen Blume auf die Handfläche Kalwens, die blutete, als hätte er sich an einer scharfen Messerklinge verletzt. Hellrotes Blut strömte aus den zwei tiefen Schnitten und der Hexenjäger fluchte schmerzerfüllt auf. „Diese Blüte… Sie hat das ganze Blut aufgesogen“ flüsterte Entaro ungläubig. „Was sagst du da?“ fragte Isaé und ließ sich einige Schritte abseits dieses unheilvollen Ortes schieben. Er zog sein Schwert und starrte die Hexenjägerin an. „Sag mir, Isaé, Dein Flüsterholz, flüstert es?“ Sie schüttelte den Kopf und sah ihn fragend an. „Nein!“ hauchte sie, und eine gewisse Unsicherheit erfasste sie. Dieses verfluchte Land ließ sie allmählich schon an ihrem eigenen Verstand zweifeln. Hatte Entaro zuvor noch gesagt, dass sie aufbrechen sollten, war nun nicht mehr daran zu denken. Isáe holte ihre Flüsterholzpfeife hervor und ging vor dem Blümchen in die Hocke. Sie hielt, um ganz sicher zu gehen, die Pfeife nahe vor die kleine nackte schwarze Dornenranke, um ganz sicher zu gehen, dass die Pfeife die Anwesenheit dieses Gewächses bemerkte und darauf reagieren konnte, wenn sie darauf reagieren sollte. Doch nichts geschah. Isaé schüttelte den Kopf, bevor sie zu Entaro hinaufsah. „Hier ist keine Magie am Werk, Entaro. Das Flüsterholz schweigt“ erwiderte sie unbeirrt. „Aber sag… befand sich hier nicht eben nur eine Blüte?“ fragte sie ihn irritiert und Entaro nickte. Sie warf ihm einen mehr als skeptischen Blick zu. „Was ist das nur für ein Gewächs? Wie kann sich so schnell eine Blüte bilden? Oder haben wir sie übersehen?“ Isaé wagte es nicht, das Ding anzufassen, stattdessen berührte sie es mit dem Pfeifenhals. „Es sieht nicht so ungewöhnlich aus, doch es hat den Anschein, als wäre es das.“ Sie wandte den Kopf und blickte auf den Hexenjäger. „Ist alles in Ordnung bei dir?“ Kalwen war ein wenig blass geworden, doch er nickte. Isaé blickte wieder auf die Blume und zog ihr Langmesser aus der Scheide an ihrem Gürtel. Mit dem Messerrücken kratzte sie an der Erde, da wo die Dornenranke aus dem Boden zu wachsen schien. Sie schob mit der Klinge die lockere, verbrannte Erde beiseite, rund um die Stelle, an der die Schwertklinge in den Erdboden gerammt war. Sie scharrte mit dem Messer tiefer und fand das Wurzelgeflecht. Das Gewächs wurzelte nicht tief, sondern schlängelte sich quer und flach durch den Grabgrund, als folge es einer Spur, als suche es nach etwas. Isaé runzelte die Stirn, als sie etwas entdeckte und führte die Spitze des Messers vorsichtig darunter. Dann sah sie es. Die Wurzel hatte sich um etwas gewunden. Fest genug, um es zu halten. Ein kleines Fragment eines menschlichen Knochens. Es war schwarz angesengt aber nicht verbrannt. Für einen Moment lang hielt sie den Atem an, bevor sie ihre Bestürzung mit einem Fluch in die Freiheit entließ. „Was zum Henker ist das…?“ Die Wurzel dieses Gewächs, dessen Blüte sich, wie Entaro beobachtet hatte, an Kalwens Blut gelabt hatte, hielt das kleine Knochenfragment wie ein schützender Arm fest. Als würde sich das Ding an den Tod, oder seine Überreste klammern. Isaé spürte, wie ihr Herz gegen ihren Brustkorb hämmerte. Das hier wirkte völlig unnatürlich und falsch. Sie warf Entaro einen schweigenden, aber eindringlichen Blick zu, doch sie sagte kein Wort. Kalwen starrte darauf, als würde er etwas sehen, was die anderen nicht sehen konnten. „Kein Wort raunt das Flüsterholz. Was immer das hier ist, es ist keine Magie im Spiel“ murmelte Isaé leise und erhob sich. In ihren Geist drangen die Worte, die die Flüsterholzpfeife ihr zuraunte, als der Wiedergänger erschienen war. „Die Erde trinkt das Blut…“ Hatte das Flüsterholz das hier gemeint? Isaé war seltsam zumute. „Lasst uns von hier verschwinden“ hauchte sie.
Sie machten sich schweigend auf den Rückweg. Isaé ging ein kleines Stück weit vorne, noch immer mit dem Gefühl in den Fingern, als klebte die kalte verbrannte Erde daran. Der Pfad zog sich wie ein dunkles Band zwischen den Bäumen, und die Akadier folgten mit gedämpften Schritten. Kalwen hielt ein paar Schritte Abstand zu ihr, und war ungewöhnlich still. Für gewöhnlich unterhielt er mit seinem Geplapper die ganze Meute, bis einer ihm zu murrte, er solle endlich die Klappe halten. Entaro ging an ihrer anderen Seite, sein Blick immer wieder auf sie geheftet, als spüre er, dass sie innerlich noch nicht zur Ruhe gekommen war. Der Weg zog sich länger hin, als er sollte. Doch keiner klagte, oder jammerte. Die Männer waren müde, aber sie kannten diesen Trott. Und es waren gute Männer Ser Tarvains. Unermüdlich gingen sie Schritt für Schritt, die Stiefel fest über die feuchte Erde, Atemluft stieg in dampfenden weißen Wölkchen in die immer dunkler werdende Nacht. Als sie die letzte Talsenke hinter sich ließen, lichtete sich der Wald und jene Anhöhe lag vor ihnen, dunkel gegen den Himmel, und oben sah man schon die ersten Wachen, die Tarvain vor den Wagen, die ie neue Wagenburg bildeten, aufgestellt hatte. Der Aufstieg war steil. Die Rüstungen der Akadier klirrten leise, die Männer schnauften. Oben lag die neue Wagenburg wie ein befestigtes Nest aus Wagen, Schilden und flackernden Feuerstellen. Tarvain stand dort, ruhig wie immer, und sah ihnen entgegen. Ein großes Felsmassiv hob sich am obersten Punkt der Anhöhe gegen die dunkle Nacht. Doch ein kurz aufblitzendes, leuchtendes Auge, das die Lichtstrahlen des Mondes einfing und reflektierte, bezeugte, dass es kein riesiger Felsen, sondern Entaros Drache war. Seine Anwesenheit beruhigte die Hexenjägerin stets, und sie warf dem Ungetüm ein sanftes Lächeln zu, auch, wenn er es nicht sah, weil er seine Augen wieder geschlossen hatte. Sie traten durch die enge Öffnung der Wagenburg, vorbei an den aufgestellten Schilden und den beiden Akadier, die Wache standen, die ihnen nur kurz zunickten. Drinnen herrschte dieser vertraute Anblick. Mehrere kleine Lagerfeuer brannten. Ein paar Männer saßen an den Feuerstellen, andere polierten Waffen oder sprachen leise. Entaro löste sich sofort von der Gruppe. „Ich werde mit Ser Tarvain sprechen und ihm berichten“, murmelte er knapp, und stapfte dorthin, wo Tarvain stand und die Lage überblickte. Isaé blieb zurück. Ihr Körper fühlte sich schwer an, jeder Schritt war wie durch das zähe Moor. Sie brauchte nichts mehr an diesem Abend. Keine Mahlzeit, keine Gespräche, nur einen Platz, um endlich runter und zur Ruhe zu kommen. Sie fand diesen Platz an einem der äußeren Feuer. Zwei Soldaten rückten wortlos etwas zur Seite, ließen sie gewähren. Isaé ließ sich in die Hocke sinken, streckte vorsichtig die Hände zum Feuer, spürte die wohltuende Wärme in ihre kalten Hände kriechen. Ein Schlafplatz war schnell hergerichtet. Sie breitete ihren Umhang aus, legte eine Decke darauf, ihre Tasche als Kopfstütze. Sie legte sich hin, zog die Decke bis an ihr Kinn und spürte erst jetzt, wie erschöpft sie war. Der Lärm des Lagers wurde leiser, monoton und wie aus weiter Ferne. Die Hexenjägerin schlief ein, bevor sie sich überhaupt auf die andere Seite in eine bequemere Lage drehen konnte.
Isaé fuhr erschrocken hoch, noch halb im Schlaf, als jemand vorsichtig an ihrer Schulter rüttelte. Der Feuerschein war fast erloschen, nur schwache Glut spendete kaum Licht. Ihr Herz schlug wild und verwirrt blinzelte sie demjenigen entgegen, der sie geweckt hatte. Vor ihr kniete einer der jüngeren Soldaten, der zur Wache in dieser Nacht verdonnert worden war. Er wirkte nervös. Ob er verlegen war, weil er sie geweckt hatte, oder erschrocken, weil auch sie so erschrocken hochgefahren war, das war nicht zu erkennen. Er presste seine Lippen zusammen. „Verzeiht, Frau Isaé“, flüsterte er sofort, „Ich weiß, wie müde ihr seid und wie wenig ihr in letzter Zeit geschlafen habt. Und nichts lag mir ferner, als euch zu wecken. Wirklich. Aber, ich bitte euch, ihr müsst mit mir mitkommen.“ Sie blinzelte erneut, versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen und ihre Gedanken zu sortieren. „Was ist denn los?“ raunte sie sie. Der junge Mann wich mit dem Blick aus, als hätte er Angst, etwas Falsches zu sagen. Seine Hände zitterten leicht, und er schob sie hastig hinter den Rücken, damit sie es nicht sah. „Ist etwas mit Ser Adun?“ fragte sie und er schüttelte den Kopf. „Ich… Ich kann es nicht erklären. Vielleicht ist es auch nichts weiter. “, stammelte er. „Aber ich wusste nicht, wen ich sonst wecken sollte. Bitte, kommt und seht es euch selbst an.“ Isaé setzte sich auf und schob die Decke von sich. Ein kühler Wind zog durch das Lager, der Boden war kalt, und irgendetwas an der Haltung des Wachen gefiel ihr überhaupt nicht. „Natürlich, ich komme“, murmelte sie und stand auf. „Zeig mir was los ist.“ Der junge Mann nickte hastig und führte Isaé zwischen zwei Wagen hindurch, dorthin, wo selbst das schwache Glimmen der Glutnester nichts mehr gegen die Dunkelheit ausrichten konnten. „Dort“, flüsterte er und deutete auf eine Gestalt, die am Boden lag. Isaé brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Doch dann sah sie einen Mann, schlafend, doch in sich zusammengesunken. Wie jemand, der seine Kraft völlig verloren hatte. „Wer ist das?“ fragte ISaé und riss die Augen auf. Die Wache räusperte sich, unsicher. „Der Hexenjäger... Er benimmt sich seit einiger Zeit so. Ich wusste nicht, was ich tun soll.“ Isaé nickte und kniete sich neben ihn. Sein Atem ging schnell, ungleichmäßig. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, tropfte vom Kinn. Seine Finger zuckten, als würde er sich gegen etwas Unsichtbares wehren und seine Hände schienen sich ins Erdreich krallen zu wollen. Sie berührte ihn vorsichtig an der Schulter, beugte sich zu ihm und raunte in sein Ohr. „Kalwen? Wach auf!“ Er riss die Augen auf. Ein kurzer, und blitzschneller Reflex, den sie ihm nicht im geringsten zugetraut hätte, aber sein Messer war in seiner Hand, bevor sie reagieren konnte. Die Klinge streifte ihre Kehle, kalt und erschreckend nah. Unwillkürlich lehnte sie sich nach hinten, sie war furchtbar erschrocken „Kalwen! Nicht!“ Isaé hob beide Hände langsam, ruhig. „Ich bins… Isaé. Du bist sicher. Niemand will dir etwas tun!“ Sein Blick war glasig, fern der Realität, als sähe er noch immer etwas, das nur in seinem Kopf existierte. Seine Lippen formten Worte, die keinen Sinn ergaben. „Dornige Ranken… Sie… sie zogen an mir“, stieß er hervor, die Stimme heiser. „Sie wanden sich um meine Arme, und die Dornen rissen mir das Fleisch von den Knochen… Und zogen mich unter in die Erde… Ich konnte mich nicht bewegen… Isaé legte ihre Hand auf seinen Unterarm und schob die Klinge vorsichtig zur Seite. Er zuckte, als hätte er Angst vor ihr, aber ließ es letztendlich zu. „Kalwen… Es war nur ein Traum... Es war nicht die Wirklichkeit. Du bist in Sicherheit! Hier sind keine Dornenranken, die dich hinabziehen wollen…“ „Nein… Das war kein Traum. Es fühlte sich so echt an“ beharrte er. Isaé schüttelte den Kopf, doch unweigerlich drängten sich Bilder der weißen Blumen mit den dornigen scharfen Ranken in ihren Geist. Isaé nahm seine Hand, und drehte die Handfläche nach außen. Blut sickerte aus der Wunde und sie runzelte die Augenbrauen. „Es blutet noch immer?“ fragte sie verwundert. Sie legte ihm ihre Hand auf seine Stirn, das Haar hing klatschnass in sein Gesicht welches von einem Schweißfilm überzogen war. Seine Stirn fühlte sich heiß an. Ihre Hand legte sich auf seine Brust, das Herz raste. „Was ist los mit dir, Kalwen?“ fragte sie. „Hast du dir eine Vergiftung zugezogen?“ fragte sie ihn. „Ja doch, das muss es sein. Du hast dich an dieser Dornenranke verletzt. Vielleicht war es eine giftige Pflanze.“ Sie wandte sich an den jungen Soldaten. „Lauf. Sofort. Hol Mirou, den Bader. Schnell!“ Der Soldat nickte hastig und rannte los, die Waffen klirrten leise an ihm, während er zwischen den Wagen verschwand. Und langsam kehrte die Besinnung wieder in Kalwens Augen zurück. Seine Anspannung wich, die zitternde Hand steckte das Messer wieder in seine Lederscheide an seinem Gürtel. Er wirkte plötzlich völlig verwirrt darüber, was gerade passiert war. „Isaé, es tut mir leid, ich wollte dich nicht bedrohen, ich weiß es nicht…“ Isaé winkte ab. „Ist ja nichts passiert, mach dir keine Sorgen. Mirou wird dir helfen, da bin ich mir sicher!“ Sie blieb noch einen Moment neben ihm hocken, bis sie sicher war, dass er wirklich wieder hier war. In diesem Lager in dieser kalten Nacht. Und nicht irgendwo, gefangen in einer Traumwelt, wo Dornen ihn unter die Erde ziehen wollten. Kalwen saß inzwischen halb aufgerichtet, aber seine Hände zitterten und er sah noch immer aus, als fürchtete er sich vor etwas. Isaé blieb bei ihm, hielt seinen Blick, so gut es ging, damit er nicht wieder abdriftete.
Nach ein paar Minuten kam der Bader angestapft. Verschlafen, missmutig, den Mantel salopp um die Schultern gewickelt. „Bei Daerean… Was ist denn jetzt, was nicht bis morgen Früh warten kann?“ brummte er und warf einen prüfenden Blick auf Kalwen. Isaé stand auf und winkte ihn näher. „Er hatte einen Anfall. Starkes Schwitzen, Zittern, Albträume. Und…“ Sie zögerte kurz. „Seit er diese Blüte berührt hat, oder deren Dornenranke… Diese Wunden bluten immer noch. Ich frage mich, ob er sich vielleicht vergiftet hat.?“ Der Bader kniete sich zu Kalwen, fasste seine Stirn an, prüfte seinen Puls, seine Atmung, und besah sich seine Pupillen. Kalwen keuchte leise, aber ließ Mirou gewähren. „Eine Vergiftung?“ Der Bader brummte skeptisch. „Hm. Nein. Dafür spricht nichts. Der Puls ist nicht zu schnell, nicht zu langsam. Keine Blaufärbung, keine blutenden Schleimhäute. Keine Übelkeit. Keine Lähmungserscheinungen.“ Er drehte Kalwens Arm leicht. „Die Wunde blutet, ja… Aber das ist keine Pflanzenvergiftung. Nicht so.“ Isaé verschränkte die Arme, mit einem wachsenden Unbehagen, aber auch, weil die Nacht kalt war. „Dann… was ist es dann?“ „Vielleicht hat ihn etwas krank gemacht.“ Der Bader zuckte mit den Schultern, sichtlich ratlos. „Fieber, Erschöpfung, ein Schreck, was weiß ich. Irgendwas wird ihm zugesetzt haben, vielleicht ist er einfach krank geworden.“ Er zog ein kleines Lederbeutelchen hervor, holte ein paar Kräuter, ein kleines Fläschchen. „Ich gebe ihm einen stärkenden Trank für seinen Körper. Und er soll ruhen. Mehr kann ich nicht tun.“ Isaé nickte, doch sie sah, dass der Bader selbst nicht überzeugt war. Weder er, noch die Hexenjägerin, aber es lag unausgesprochen zwischen ihnen, dass der Bader kein Mittel gegen das hatte, was an Kalwen zog. Nachdem der Bader gegangen war, blieb eine seltsame Stille zurück. Es war keine ruhige, nächtliche Stille, es war ein Stille wie die Ruhe vor dem Sturm.
Isaé blieb die ganze Nacht bei Kalwen. Erst saß sie neben ihm, später lümmelte sie sich am Boden in eine unbequeme Position, von der aus sie ihn beobachten konnte. Sie hielt sich wach, so lange sie konnte, doch irgendwann siegte die Müdigkeit über ihren Willen, wach zu bleiben. Ihre Augen fielen zu, der Kopf sank auf die Erde und sie glitt in einen tiefen erschöpften Schlaf. Der Morgen war voller Stimmen, Lärm, voll von Schritten, dem Knacken von Feuerholz und dem Klirren von Metall. Isaé wurde wach, rieb sich das Gesicht und brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, wo sie war. Dann sah sie Kalwen. Und erschrak. Er wirkte, als wäre er über Nacht Jahre gealtert. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, violett und ungesund. Die Haut war blass und fahl. Seine Bewegungen stockend. Sein Blick leerer als sonst. Kein Spott, kein Hohn, kein schelmisches selbstbewusstes Grinsen, nur ein dumpfes, erschöpftes Starren. Ein Mann, dem etwas entglitten war, ohne dass er es benennen konnte, was es war. „Kalwen…?“ fragte sie leise. „Wie geht es dir?“ „Geht schon“, murmelte er, und es klang alles andere als überzeugend. Isaé wusste, dass sie so nichts erreichte. Also stand sie auf, schob sich durch das wachsende Treiben des Lagers und suchte Entaro. Sie fand ihn schließlich „Entaro… Wir müssen reden.“ Er nickte und blickte sie forschend an. „Isaé. Du wirkst… Was ist los?“ Isaé kauerte sich auf einen Holzstamm der als Sitzgelegenheit diente und schlang die Arme gegen die morgendliche Kühle um ihren Leib. „Eine Wache hat mich in der Nacht geweckt. Er meinte, irgendwas stimmt mit Kalwen nicht. Er hatte Albträume in der Nacht. Und wenn wir nicht hier in diesem seltsamen Land wären, würde ich gar nicht auf die Idee kommen, dass… Ach, ich weiß auch nicht... Aber er sprach davon, dass Ranken ihn packen, mit Dornen. Verstehst du? Als wollten sie ihn in die Erde ziehen. Und…“ Sie brach kurz ab, legte die Stirn in Falten. „Es geht mir nicht aus dem Kopf. Diese seltsame Blume. Diese Wurzel, die sich um diesen Knochen gewunden hat. Seit er sie berührt hat und sich daran verletzt hat, geht es mit ihm bergab. Das kann doch kein Zufall sein, oder? Du solltest ihn sehen. Er sieht aus wie ausgezehrt, und… ich weiß nicht, was das ist. Aber es ist nicht einfach nur Erschöpfung. Mirou der Bader hat auch keine Ahnung, was nicht stimmt mit ihm. Ich weiß, du magst ihn nicht besonders“, sagte Isaé dann leise. „Aber wir können ihn nicht einfach… verfallen lassen. Nicht so. Nicht, wenn wir nicht einmal wissen, was mit ihm passiert. Es wirkt, als stürbe er von innen. Aber was kann das sein? Und was kann man dagegen tun? Ich würde ja gerne das Flüsterholz fragen. Aber ohne Magie in der Nähe, schweigt es einfach..." Sie stützte ihren Kopf in ihre Hände und seufzte schwer. "Dieses Unterfangen macht mich fertig... Ich bin so müde. Ich habe nicht eine Nacht geschlafen, seit wir in die Grenzlande gezogen sind. Mancherorts ist Schlafentzug eine Foltermethode... Ich glaube, ich würde mittlerweile alles dafür geben, einen Tag und eine Nacht einfach nur schlafen zu können..."
Das Ende der langen Nacht ❖
21.11.2025 '21:33 [2.289 Wörter]
 angsam, aber unaufhaltsam neigte sich die Nacht ihrem unausweichlichen Ende und als die ersten, hellen Sonnenstrahlen über die schwarzen, kargen Wipfel der Bäume schienen, war Entaro schon seit geraumer Zeit erwacht. Die Anstrengungen der letzten Tage waren auch für ihn kräftezehrend gewesen, aber dennoch hielt die unbequeme Schlafstatt, die Entaro auf diesem Unterfangen sein Eigen nannte, ihn nie sehr lange im Reich der Träume geborgen. Die Träume, welche er hatte, waren nicht düster, aber auch nicht heilsam. Er war ruhelos und auch nicht von düsteren Gedanken geplagt. Aber vielleicht war es einfach die Ungewissheit. Oder die Erkenntnis, dass in diesem Land mehr vor sich ging, als man mit dem bloßen Auge zu erkennen vermochte. Entaro saß auf einem Baumstumpf, nahe des Lagerfeuerst der Nachtwache, welches inzwischen völlig erkaltet war. Er hatte seine Hände auf sein Schwert gestützt, welches vor ihm auf dem Boden gerichtet stand, und sah in den morgendlichen Sonnenaufgang. Das Lager lag ruhig hinter ihm und während langsam Leben in das Land kam, je mehr die Sonne aufstieg, desto mehr Leben kam auch in das Lager. Doch etwas wirkte ungewöhnlich und die morgendliche Unruhe blieb dem Bernsteinritter nicht verborgen. Und so erhob er sich von seinem Platz, schob das Schwert in die Scheide und war bereits im Begriff den Ursprung dieser Unruhe zu ergründen, als Isaé an ihn herantrat. Sie wirkte aufgelöst und als Entaro sich erkundigte, was denn der Grund für diese Unruhe war, da eröffnete sie ihm, dass Kalwen anscheinend in einem seltsamen Zustand war. Entaro wirkte zunächst eher desinteressiert, da ihm dieser Mann nicht wirklich sympathisch war, doch als Isaé näher ins Detail ging, da wurde Entaros Interesse, und auch eine Art Mitgefühl für den Mann, geweckt. »Ach, ich weiß auch nicht. Aber er sprach davon, dass Ranken ihn packen, mit Dornen. Verstehst du? Als wollten sie ihn in die Erde ziehen.« Entaro verschränkte die Arme vor der Brust und sah Isaé mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck an. »Alpträume…«, murmelte er doch waren an Alpträumen nicht unbedingt etwas ungewöhnliches. Nur die Art dieses Traumes war seltsam. Isaé erhob erneut die Stimme und setzte ihre Erzählungen fort. »Es geht mir nicht aus dem Kopf. Diese seltsame Blume. Diese Wurzel, die sich um diesen Knochen gewunden hat. Seit er sie berührt hat und sich daran verletzt hat, geht es mit ihm bergab. Das kann doch kein Zufall sein, oder?« Entaro schüttelte den Kopf. »Hättest du mich noch vor zwei Tagen gefragt, hätte ich es wohl als Zufall, oder göttliche Strafe angesehen. Kalwen von Niefurt ist ein Mann, der vielleicht einmal zu oft den Zorn der Götter herausgefordert hat und nun seine Strafe erhält. Aber nach dieser Sache mit dem Widergänger. Und all den anderen, seltsamen Dingen, die in diesen Grenzlanden vor sich gehen, bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht hat diese Blume wirklich etwas damit zu schaffen.« »Du solltest ihn sehen. Er sieht aus wie ausgezehrt, und…ich weiß nicht, was das ist. Aber es ist nicht einfach nur Erschöpfung.« Entaro seufzte und runzelte die Stirn. »Dieser Widergänger…er war auf den Beinen. Sprach mit fremder Zunge, alles was er war, widersprach den Gesetzen von Natur und Religion. Und doch stand er da. Und er hatte die Kraft eines Bären, obwohl der Mensch, der er einst gewesen war, nur ein Jüngling war, den ich selbst mit einem einfachen Streich zu Fall hätte bringen können. Diese Kraft, die diese Kreatur an diese Welt gebunden hatte, scheint über den Naturgesetzen zu stehen. Und diese seltsame Blume…womöglich ebenfalls. Nur scheint sie keine Kräfte zu verleihen, kein Leben…sondern sie zehrt und nährt sich an dem Leben anderer?« Entaro löste die Verschränkung seiner Arme und tippte sich nachdenklich auf die Unterlippe. »Mirou der Bader hat auch keine Ahnung, was nicht stimmt mit ihm. Ich weiß, du magst ihn nicht besonders, aber wir können ihn nicht einfach… verfallen lassen.« Entaro runzelte die Stirn und sah Isaé beinahe vorwurfsvoll an. »Isaé…«, erhob er seine mahnende Stimme. »Ich bin, egal wie schwierig die Umstände auch sein mögen, und egal wie unangenehm ein Mensch auch sein mag, trotz allem noch ein gesalbter Bernsteinritter und ein Diener Daereans…« Bei den letzten beiden Worten verzog er bitter seinen Mundwinkel. Diener Daereans…ein Gott, dessen Gegenwart er an diesem Ort noch nicht ein einziges Mal gespürt hatte. Dafür aber so viele andere Kräfte, die ihn immer wieder in Zweifel stürzten. Zweifel über die Lehren Daereans. Zweifel über sich selbst und die Unerschütterlichkeit seines Glaubens. »Als ein Ritter stünde es mir fern einem Menschen den Tod zu wünschen, oder ein grausames, elendes oder unwürdiges Schicksal, nur weil ich ihn nicht mag.« Er legte, als ob es eine Demonstration seiner Worte wäre, eine Hand auf den Knauf seines Schwertes und sah Isaé eindringlich an, welche daraufhin verstehend mit dem Kopf nickte. »Es wirkt, als stürbe er von innen. Aber was kann das sein? Und was kann man dagegen tun?« Entaro zuckte mit den Schultern. »Ich kann das nicht beantworten. Ich bin nur ein Ritter und kein Hexer.« Isaé seufzte daraufhin als ob sie alle möglichen Gedanken durchgesponnen hätte und inzwischen einfach keinen Rat mehr wusste. »Ich würde ja gerne das Flüsterholz fragen. Aber ohne Magie in der Nähe, schweigt es einfach...« Entaro hob eine Augenbraue zu einer stummen Frage. »Was sollte es dir auch sagen?« Er grübelte für einen Moment. »Ich glaube, dass es Menschen gibt, die eine Antwort auf diese Frage wissen.« Isaé sah ihn daraufhin beinahe erwartungsvoll an, doch Entaro seufzte. »Ihr Leben ist an dieses Land gebunden. Ihr Wirken ist von ungewissem Antrieb. Doch die Grenzlande sind ein wilder, ursprünglicher Ort. Hier gibt es keine großen Städte, keine Bibliotheken und keine alten, Weisen, die man um Rat bitten kann. Nur verirrte, verfluchte und verlorene Seelen. Vielleicht weiß einer von ihnen was es mit dieser Blume auf sich hat, und das seltsame Band, dass sich zwischen ihnen…« Als Entaro diese Worte sprach verstummte er. »Das Band…«, wiederholte er die Worte und ein seltsamer Gedanke bemächtigte sich seiner, während er mehr zu sich selbst sprach, als mit Isaé. »Dieses Unterfangen macht mich fertig... Ich bin so müde. Ich habe nicht eine Nacht geschlafen, seit wir in die Grenzlande gezogen sind. Mancherorts ist Schlafentzug eine Foltermethode... Ich glaube, ich würde mittlerweile alles dafür geben, einen Tag und eine Nacht einfach nur schlafen zu können...«Entaro nickte verstehend und legte Isaé seine Hand auf die Schulter. »Ich war einmal in einer Gegend da sagten die Menschen, Schlafen kannst du, wenn du tot bist.« Dabei lächelte er und verzog seinen Mundwinkel zu einer schiefen Grimasse. »Aber, ob du es hören willst oder nicht. Ich sagte dir, in jener Nacht, dass du schlafen gehen solltest. Doch du hast dich dagegen entschieden.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich denke, die Zeit für einen erholsamen Schlaf wird kommen. Doch vermutlich nicht allzu bald. Aber wenn alle Stricke reißen, Mirou hat sicher ein geeignetes Mittel. Denn du bist nicht die erste und auch nicht die einzige mit derartigen Problemen. Krieg ist immer kräftezehrend. Nur die harten, oder die gewissenlosen, können ihn unbeschadet überstehen.« Da ließ er seine Hand wieder von ihrer Schulter gleiten und deutete dann in jene Richtung, in welcher er Kalwen wähnte. »Zeig mir den Hexenjäger.«, bat er und ließ sich dann von Isaé zu Kalwen führen.
Als Entaros Schatten sich über den, am Boden hockenden, halb gebrochenen Mann legte, hob dieser seinen Kopf und als er den Bernsteinritter erkannte, huschte ein bitteres Lächeln über sein Gesicht. »Ah, Ser Adun. Beehrt mich mit seiner Gegenwart?« Doch seine Worte waren schwach und ihnen fehlte der zynische Biss, der ihnen sonst zu eigen war. «Ihr seht…mit Verlaub…Scheiße aus.«, erwiderte Entaro und sah Kalwen mit einem besorgten und einem geringschätzenden Auge zugleich an. Und dann ging Entaro vor Kalwen in die Hocke. »Zeigt mir eure Hand.«, befahl Entaro und als Kalwen seine Hand erhob, da ergriff Entaro diese und zog sie etwas näher zu sich heran, um sie zu begutachten. »Seltsam…wie Isaé sagte, sie blutet noch immer. Sie hat nicht einmal eine Kruste.« Er runzelte die Stirn. »Das ist sehr ungewöhnlich.« Entaro erhob sich wieder und ließ dabei die Hand des Hexenjägers achtlos aus der seinen gleiten. »Ich hatte einen seltsamen Gedanken.« Entaro wandte sich an Mirou, welcher gerade dabei war eine Art Salbe zu mischen, welche er Kalwen auf die Wunde auftragen wollte. »Diese Wunde ist keine natürliche Wunde. Es scheint, als ob Kalwen von Niefurt und diese seltsame Blume durch ein uraltes Band miteinander verbunden worden sind…ähnlich jenem Band, welches mich an den Drachen gebunden hat. Ein unsichtbares, starkes Band.« Mirou sah den Bernsteinritter fragend an. »Und? Kann man ein solches Band auflösen?« Entaro schwieg und sah Mirou mit einem so eindringlichen Blick an, dass der Bader seinem Blick nicht lange standhalten konnte. Als Mirou schließlich den Blick abwandte, da nickte Entaro und eine bittere Tonlage bemächtigte sich seiner Stimme. »Ja, die gibt es.« Mirou erhob den Kopf und sah den Bernsteinritter erwartungsvoll an, doch der Blick Entaros verriet ihm, dass die Antwort keine gute sein würde. »Der Tod.« Kalwen japste, als er die Worte vernahm. »Ich will aber nicht sterben. Nicht so!«, maulte er, doch seinem Protest fehlte jede Kraft. »Wir können versuchen das Band zu schwächen. Die Wunde versiegeln. Die Blume zerstören. Die Hand abhacken. Und wenn alles nichts hilft, dann musst du dieses Land verlassen, und vielleicht so das Band lösen.« Mirou erhob nun seine Stimme und wandte sich dabei an Entaro. »Diese Wunde verheilt nicht von alleine. Ich hatte überlegt sie zu vernähen. Doch auch eine genähte Wunde heilt nur wenn die Wunde anfängt zu verkrusten. Das ist hier nicht der Fall. Ich habe eine solche Wunde noch nie gesehen.« Entaro seufzte. »Feuer…«, murmelte Entaro und Mirou sah Entaro zuerst fragend an, doch dann hellte sich seine Mimik auf. »Aber natürlich!«, rief er. »Wir könnten die Wunde mit einem glühenden Eisen veröden. Wenn sie nicht von alleine zu verheilen beginn, können wir die Wunde mit Feuer verschmelzen.« Kalwen versuchte sich aufzurappeln, und hob seine Hand, so gut er es konnte. »Ihr wollt meine Hand verbrennen?“« Er wirkte nicht sonderlich begeistert von diesem Vorschlag. Aber andererseits schien es, dass er sich langsam auch in einem Zustand befand, in welchem ein Mann alles machen würde, nur damit es ihm endlich besser ging. »Es ist dein Leben, Hexenjäger.«, antwortete Mirou daraufhin. »Aber ihr habt doch gar keine Ahnung, ob es überhaupt funktioniert.«, gab Kalwen zu bedenken, woraufhin Entaro nur seufzte. »Besser es versuchen, und scheitern, als es gar nicht erst versuchen und ebenfalls zu scheitern.« Kalwen schnaubte mit einem gequälten Hauch eines verzweifelten, kurzen Lachens. »Ha. Meine Hand soll ja verbrannt werden, nicht die eure! Da habt ihr leicht reden.« Entaro zuckte mit den Achseln. »In den Grenzlanden kann man sich die Wege, die man beschreitet, nicht immer aussuchen.« Kalwen seufzte. »Na dann holt schon ein glühendes Eisen und bringen wir es hinter uns.«
Einige Zeit später hatte man einen eisernen Schürhaken so lange ins Feuer gehalten, bis er selbst rot zu glühen begonnen hatte. Kalwen saß, mehr schlecht als recht, und wurde von zwei Akadiern gestützt, während Mirou bereits mit Tüchern, Salben und allerlei Tinkturen bereitstand. Ein dritter Akadier hielt einen Kübel mit Wasser bereit, und ein vierter hielt das glühende Eisen. »Bereit?«, erkundigte sich Mirou und Kalwen biss die Zähne zusammen, presste die Lippen aufeinander und nickte entschlossen. Der Akadier, welcher das glühende Eisen vor Kalwen bereithielt, trat einen Schritt hervor und sah Kalwen dabei direkt in die Augen. »Brings einfach hinter dich. Drück die Wunde drauf, so lange du kannst.« Kalwen schluckte und hob langsam die Hand. Doch je näher er sich dem Eisen näherte, desto zögerlicher und zittriger wurde seine Hand. Die Hitze, welche von dem Eisen ausging, war auch so schon unerträglich genug, so dass es ihm sichtlich schwerfiel, mit vollem Bewusstsein seine Hand an dieses glühende Eisen zu legen. Er schluckte erneut und sein Blick hatte sich so auf das glühende Eisen fixiert, dass das rötliche Glühen sich sogar in seinen Augen widerspiegelte. Alle versammelten Männer starrten stumm und abwartend auf den Mann, der da auf dem Boden hockte und im Begriff war, seine Hand auf ein glühendes Eisen zu legen.
Die Stille wurde von einem jähen, gellenden Schrei durchbrochen, der über das ganze Tal zu hallen schien, und wie ein Echo über die Ebene getragen wurde. »Scheiße! Aaah!«, brüllte Kalwen und seine Hand umschloss das glühende Eisen. »Nicht umklammern!«, rief Mirou, doch es war bereits zu spät. Als die Hände sich geschlossen hatten, da begannen Kalwens Schreie noch verzweifelter zu werden. Die Haut schmolz und die Haut begann verbrannt zu riechen. »Ah, Ich bekomme die Hand nicht mehr los! Helft mir doch!«, rief Kalwen verzweifelt und seine Stimme schraubte sich schrill in die Höhe. Der akaische Krieger, welcher den Kübel mit Wasser bereit gehalten hatte, schütte diesen über die Hand und das glühende Eisen, während der andere Kalwen dabei half die Hand vom Eisen zu lösen. Als Kalwen schließlich freigekommen war, wirkte er sehr benommen und völlig entkräftet. Er hatte den Anschein, dass er nur noch deshalb gerade sitzen konnte, weil Mirou ihn stützte. »Er verliert das Bewusstsein!«, rief Mirou und begann mit Tüchern, die in Öle und Salben getränkt worden waren, die Wunde zu reinigen. Und als er die verbrannte Haut gereinigt, die Schwärzungen der Glut und den Ruß abgewaschen hatte, besah er sich die Wunde von Neuem. »Sie blutet nicht mehr. Doch ob es ihm geholfen hat, wird die Zeit zeigen.« Mirou begann eine heilende Salbe auf die Hand aufzutragen und wickelte dann die ganze Hand in mehrere Lagen Verbände. »Sorgt dafür dass er nicht friert. Er muss flach liegen. Und wenn er wieder aufwacht, soll er viel trinken. Gebt ihm aufgebrühte Melisse und Weißdorn. Für die Schmerzen etwas Weidenrinde und im schlimmsten Fall etwas von dem Opium…«
|