Die Wahrheit hinter dem Schleier ❖
06.09.2025 '08:54 [2.044 Wörter]
 euerrot brannte Isaés Welt. Sie stand in lichterlohen Flammen. Gefangen in einem nie dagewesenenen tiefen Rauschzustand des Feuermohns, schienen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichikeit zu verschwimmen. Jede Faser ihres Leibes glühte, obgleich nur ihre Leibesmitte zu verbrennen schien. Der Feuermohnrausch hatte seinen Höhepunkt erreicht und forderte seinen Tribut. "Entaro…" flüsterte Isaé mit bebenden Lippen, und sie sah ihn vor ihrem inneren Auge. Noch nie hatte sie ihn so wahrgenommen, wie in diesem Augenblick. Es war, als zeige ihr der Feuermohn mit einem Mal einen völlig anderen Mann als den, mit welchem sie schon seit vielen Monden durch die Reiche zog. Nicht den väterlichen, brüderlichen, unnahbaren und vernünftigen Weggefährten. Nein, dieser Mann, der da vor ihr war, den sie zu kennen glaubte, zog sie vollkommen in seinen Bann. Er hob seine Hand und strich ihr über das Gesicht, und Isaé atmete hörbar vor Erregung aus. So hatte er sie noch nie berührt und sie kam nicht umhin zugeben zu müssen, dass ihr dieses Gefühl, das er ihr gab, gefiel. Seine Hand wanderte über ihren Hals und die Hexenjägerin hielt den Atem an, nur, um ihn kurze Zeit später seufzend wieder auszustoßen, als seine Hand weiter nach unten auf ihre Brust wanderte und dort einen Augenblick lang verharrte. Konnte er ihren bebenden Herzschlag fühlen? Spürte er ihr erregtes Vibrieren, das durch ihren gesamten Körper drang? Isaé wurde seiner Hand auf ihrem Oberschenkel gewahr. Seine Hand streifte, suchte, forderte. Isaé lächelte, denn sie wusste, was er suchte, und sie war bereit, ihm geben, wonach er verlangte. Entaro hob ihren Kopf an, setzte die Flasche an ihre Lippen. Kühles Wasser lief in ihren Mund, doch in Isaés Rauschzustand verschwamm die Wirklichkeit. Es war kein Wasser das sie wahrnahm, es war sein Mund, der sich auf den ihren legte. Jeder Tropfen Wasser war ein Kuss, jeder Schwall von dem kühlen Nass seine Zunge, die sie kostete. Ein Zittern durchfuhr sie, halb vom Durst, halb von der Glut, die der Feuermohn ihr vorgaukelte. Und als er die Flasche wieder senkte, blieb auf ihren Lippen das brennende Gefühl zurück, er habe sie leidenschaftlich geküsst. "Entaro…" raunte sie. Und dieses brennende Gefühl auf ihren Lippen fühlte sich so wirklich an, dass sie sich wünschte, es würde nie wieder aufhören.
Doch das Feuermohnopium hatte seinen Zenith erreicht, flammte aber immer wieder in noch höhere Höhen auf. Zumindest an diesem Punkt, dass Isaé ihre Augen öffnete und sich wieder in der Realität wiederfand, war es abgeflaut. Sie setzte sich auf, strich sich das feuchte Haar zurück und sah Entaro, der über ihren Sachen gebückt kniete. Sie war verwirrt und kümmerte sich nicht darum, was er gerade tat. Vielmehr beschäftigten sie jene Momente die sie eben geträumt hatte. Hatte sie es geträumt? Oder war es wirklich passiert? Es hatte sich so real angefühlt, dass sie nicht wusste, ob sie ihrem Verstand trauen durfte. "Isaé hatte Recht…" murmelte Entaro, und da spitzte sie die Ohren. "Womit hatte ich Recht?" fragte sie, und erschrak Entaro damit so sehr, dass ihm etwas aus den Händen fiel. Sie richtete ihre Augen darauf und erkannte, dass er ihre Pfeife in den Händen gehalten und fallen gelassen hatte. "He, meine Pfeife!" rief sie leise und sprang auf, um die Pfeife in Augenschein zu nehmen, ob sie keinen Schaden erlitten hatte. "Du bist wach!" stellte Entaro fest und Isaé überlegte kurz, bevor sie nickte. "Ja! Also, womit hatte ich Recht?" "Dieses Flüsterholz, es hat zu mir gesprochen!" "Was? Was hat es gesagt?" fragte Isaé, die es kaum glauben konnte, dass Entaro ebenso ein Mann sein sollte, der das Raunen des Flüsterbaumes verstehen konnte. Entaro schüttelte den Kopf. "Ich habe nichts verstanden. Nur Eindrücke, Stimmen, Rauschen…" Isaé nickte verstehend. "Ach so…" Entaro wirkte sehr seltsam in diesem Augenblick. Und ihre Gedanken kreisten nur um diese eine Sache. War es Realität oder Einbildung gewesen? Und er hatte immer noch nicht erklärt, worüber sie Recht hatte. Was war nur los mit ihm? Isaé blickte ihn abwartend an. "Deine Ohnmacht, deine Hitzewallungen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich wollte die Pfeife zerstören." “Was wolltest du?” hakte sie nach. Sie konnte nicht glauben, was er da sagte, weswegen sie ihm einen argwöhnischen Blick schenkte. "Ich habe alles Mögliche versucht, dich zu wecken." Jetzt blickte sie ihn mit großen Augen an und ihr Herz schlug mit einem Male schneller. War das ein Geständnis? Hatte sie sich das alles doch nicht eingebildet? Hatte er sie wirklich von Kopf an abwärts bis an ihre Beine mit seinen Händen berührt, und sie letztendlich geküsst, um sie wachzubekommen?? "Ich habe dunkle Mächte hinter dem Flüsterholz vermutet. Aber ich glaube die Pfeife wollte mich nur warnen." Entaro seufzte und Isaé fiel in das Seufzen ein. Er hatte von etwas ganz anderem gesprochen. Es war nur ein Feuermohnrauschtraum gewesen. Natürlich! Entaro würde niemals einen solchen Zustand an ihr ausnutzen. Und das war gut so. Aber in irgendeinem Winkel ihrer in diesem Moment sehr schrägen Gedankenwelt wünschte sie sich, er hätte es getan. Und das verwirrte sie am allermeisten. "Das Fluchmal ist gefährlich. Wenn wir die Grenzlande betreten, müssen wir beide davon befreit sein. Und wenn dein Weg der einzige ist, dann bin ich bereit. Also lass es uns hinter uns bringen, bevor die Nachtwache uns noch zu suchen beginnt, weil wir so lange fort sind." Isaé nickte. Es war eine vernünftige Entscheidung, und sie war froh, dass er sie getroffen hatte. Sie setzte sich entspannt vor ihm auf den weichen, moosigen Waldboden und blickte Entaro ruhig an. “Ich werde nur die halbe Dosis bei dir verwenden. Ich denke, das ist völlig ausreichend. Du bist es ja nicht gewohnt. Versuche nur, völlig entspannt zu sein. Ein entscheidender Vorteil ist, dass ich ja nun den Namen Vaskirs aussprechen kann. Ich kann ihn dir also vorsagen, wenn etwas nicht verläuft wie es sollte. Es wird alles gut werden. Ich bin ganz nah bei dir und gebe auf dich acht.” Die Hexenjägerin bereitete ihm die Pfeife vor, wie sie es zuvor für sich getan hatte. Sie hielt die Pfeife am Pfeifenkopf und steckte mit dem Phosphorstück in der Büchse das Pfeifenkraut in Brand und zog ein paar Mal an der Pfeife, bis das Pfeifenkraut und somit auch das Feuermohnopium durchgeglüht waren. Dann reichte sie Entaro die Pfeife. "Atme den Rauch ganz langsam, aber tief ein. Halte einen Moment inne, bevor du ihn wieder rausbläst. Unbedingt mehrmals, ja, das ist wirklich notwendig. Sonst kannst du es gleich ganz bleiben lassen."
Isaé beobachtete Entaro ganz genau, als er das Opium inhalierte. Einerseits um sofort festzustellen, wenn irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung war, und andererseits musste sie zugeben, dass sie sehr neugierig war, wie er auf den Feuermohn reagieren würde, besonders, da er ihm in keiner Weise je etwas hatte abgewinnen können, ja ihn kategorisch abgelehnt hatte. Es dauerte eine Weile, in der sie ihn einfach nur schweigend beobachtete, aber allmählich schien sich die berauschende Wirkung zu entfalten. Sein Blick klärte sich und er wirkte weitaus weniger angespannt als sonst. Es dauerte einen Augenblick, bis Isaé bemerkte, wie er sie anstarrte. Sie erwiderte seinen Blick, und es kam ihr bald vor, als seien sie zwei Wölfe, die sich unentwegt in die Augen starrten, während sie sich umkreisten. Doch nicht zwei Wölfe, die bereitwillig einen Rivalen vertreiben wollten und so einen Kampf aufnahmen. Es kam ihr eher vor wie Wölfe die umeinander warben. "Isaé" murmelte er. Ihre Sinne waren mit einem Mal geschärft wie nie, und sie blickte ihn fragend an. "Entaro?" Mit halber Dosis Feuermohn hätte sie den Augenblick zu erfassen vermocht, doch so war es nicht, und darum schwankte ihr Geist auf und ab, hin und her…. Wie ein kleines Boot auf einem aufgewühlten tosenden Meer hin und hergeworfen wurde. Umhergerissen zwischen Rausch und Realität. Erneut wiederholte er ihren Namen und sie blickte ihn einfach nur schweigend an. Doch plötzlich verlor sie ihre Anspannung, schwankte, taumelte und fiel nach hinten, wie von einer unsichtbaren Macht gestoßen. Entaro wollte sie halten, seine Finger griffen nach ihrer Schulter, doch der Rausch hatte auch ihn schwerfällig gemacht. Sein Griff glitt an ihr ab, zu ungeschickt, um sie aufzufangen, und während seine linke Hand nach Halt auf dem Waldboden suchte, rutschte seine rechte Hand von ihrer Schulter ab, während sie ungebremst nach hinten fiel. Auf der Suche nach Halt glitt sie über den Stoff ihres Gewands, über Brust, Bauch, streifte ihre Hüfte, bis sie schließlich auf ihrem Oberschenkel zum Liegen kam, da Isaé sich geistesgegenwärtig mit ihrem Arm auf dem Waldboden abgestützt hatte um den Fall abzufedern. Halb über ihr, halb auf ihr, war das weit mehr, als seine ritterliche Ehre je gestattet hätte. Doch er war in diesem Moment nicht er selbst, und der Feuermohn gestattete es. Sein Gesicht ganz nah an dem ihren, streifte sein Atem ihre Wange. Isaé spürte das Gewicht seines Körpers auf ihr, und sie erschauerte, als sie an ihrem Schoß spürte, was eindeutiger nicht sein konnte. Mehrere Atemzüge lang verharrten sie so, ineinander verkeilt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Entaro schloss die Augen und Isaé bebte unter ihm, während ihr Herz raste. Er schloss seine Augen, während der Feuermohn in ihm tobte, und Isaé starrte ihn an. Nach einer kurzen Weile sagte er plötzlich "Vaskkrrr…" Isaé vergaß diesen heiklen Moment und riss ihre Augen auf.. "Ja! Entaro! Ja! Du schaffst es…" rief sie ihm zu, legte ihm die Hand auf seine Brust und schüttelte ihn, um ihn anzuspornen. "Sag den Namen! Vaskir de Escroc!" Schweiß brach ihm auf der Stirn aus und Blut lief aus seiner Nase, während er ächzte und stöhnte. Er focht denselben Kampf, den sie zuvor im Geiste und durch das Fluchmal mit Vaskir de Escroc geführt hatte. "Entaro! Sag den Namen!" rief sie ihm entgegen. Doch statt Vaskir rief er nach Wasser. Isaés Blick glitt zu seinem Wasserschlauch. Doch sein Wasserschlauch war leer, sie konnte ihm kein Wasser anbieten. "Sag den Namen!" befahl sie ihm eindringlich. "Vaskir de Escroc!" japste er, dann fiel er nach vorne, und Isaè fing ihn mit ihren Armen auf.
Eine Weile verharrten sie, Entaro weggetreten, Isaé nicht minder erschöpft. Sie rang um Atem, und nach einer kurzen Weile öffnete er die Augen, blickte sich suchend um, schien verwirrt. Isaé befreite sich unter ihm und kämpfte sich unter ihm vor. Forschend beobachtete sie ihn, dann hob er seine Hand, betrachtete sie und flüsterte lächelnd “Es ist geglückt!” Isaé lächelte ebenso, bestätigte seine Worte "Ja, es ist geglückt!" und streckte sich auf dem Waldboden aus um Kräfte zu sammeln. Denn sie hatten schon viel zu lange im Wald verweilt. Wenn ihre Abwesenheit bemerkt, und jemand sie suchen und so vorfinden würde, dann würden sie wohl in eine gewisse Erklärungsnot geraten.
Nachdem sie sich wie zwei geprügelte Hunde zurück zum Lager begeben hatten und einen aufmerksamen, aber lästigen Wachmann abgewimmelt hatten, saßen sie nebeneinander am Lagerfeuer und wärmten sich auf. Denn die Nacht war kühl in der Ebene der Grenzlande. Isaé starrte ins Feuer, als gäbe es dort etwas ungewöhnlich interessantes zu sehen. Und in der Tat briet dort ein aufgespießter Feldhase, den jemand gefangen hatte. Ihr leerer Magen knurrte, nachdem sie ihr Essen komplett ausgekotzt hatte. Man bot Entaro etwas davon an und die Hexenjägerin erhielt ebenso ein Stück davon. Doch das Glutbier lehnte sie ab. Sie hatte schon genug damit, den Feuermohn niederzukämpfen. Das köstliche Fleisch vertrieb rasch ihren Hunger und nachdem sie gegessen hatten, saßen sie schweigend am Feuer. Isaé starrte in die züngelnden Flammen, lauschte dem harzigen Holz, das knackend und zischend verbrannte und ließ die Geschehnisse noch einmal in ihren Gedanken passieren. Was, um alles in der Welt war vorgefallen? Was war Traum gewesen, was Wirklichkeit? Hin und wieder warf sie einen Seitenblick auf Entaro, um zu prüfen, ob sixh in seinem Gesicht eine ebensolche Ratlosigkeit breit machte, doch seine Miene war unerforschbar. Um ihn aus der Reserve zu locken und vielleicht etwas näheres zu erfahren, murmelte sie schließlich “Das war ganz schön schräg, was?” Und weil sie es sich nie nehmen ließ, einen Scherz zu machen, stieß sie Entaros Schulter mit ihrer Schulter an “Das war so schräg, das müssen wir unbedingt einmal wiederholen, was meinst du?” Sie lachte leise, und weil es am Feuer so gemütlich war, rollte sie sich an Ort und Stelle zusammen, um zu schlafen. Und als sie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie, dass diese Nacht alles verändert hatte.
Die Wagenburg ❖
09.09.2025 '23:44 [2.021 Wörter]
 ntaro nahm das Angebot des Recken gerne an. Seine Kehle war so trocken, dass er alles getrunken hätte. Zumindest alles, was genießbar war. So verzweifelt dass er Pferdepisse trinken würde, oder Blut, war er nun auch noch nicht. Er nahm den Humpen mit dem rötlichen Glutbier entgegen und stürzte den Inhalt mit einigen tiefen Schlucken herunter. Das wohlige Gefühl kratze an seiner Kehle und wärmte ihm schließlich den Magen. Doch da in ihm noch die Wärme des Feuermohns loderte, war die Kombination mit dem Glutbier wahrscheinlich nicht die beste gewesen. Es war fast, als ob die Wirkung des Rauschmittels nochmals angefeuert wurde, was Entaro erst bemerkte, als es zu spät war. Doch immerhin war der unsägliche Durst gelöscht. »Hab Dank.«, nickte Entaro und reichte den leeren Becher zurück und kaute dann etwas nachdenklich auf dem kargen Stück Fleisch herum. Doch schon bald riss ihn Isaé aus seinen nebulösen Gedanken. »Das war ganz schön schräg, was?« Sie stieß ihn an der Schulter und Entaro wandte seinen Kopf zu ihr. »Das kann man wohl sagen. Wobei ich vermutlich nicht den Ausdruck schräg wählen würde.«, murmelte Entaro und sah Isaé dabei forsch an. Doch da war etwas in Isaés Augen, dass seltsam war. Wie ein aufflammendes Funkeln. Entaro blinzelte um sich zu vergewissern, dass er sich dies nicht eingebildet hatte. Und als er sie nochmals ansah, war es verschwunden. Vermutlich war es eine Reflexion vom Feuerschein gewesen. Und doch, mit dem Bier und dem Feuermohn in seinem Inneren kam er nicht umhin Isaé weiter einfach anzustarren. Fast so als wäre er versteinert geworden und unfähig seinen Blick abzuwenden. »Das war so schräg, das müssen wir unbedingt einmal wiederholen, was meinst du?« Entaro legte den Kopf schief und besah Isaé mit einem fragenden Blick. »Welchen Teil genau meinst du eigentlich?« Er warf einen vorsichtigen Blick zu den beiden Soldaten, die nicht weit von ihnen saßen und vermutlich jedes Wort gehört hatten und die kryptischen Rätsel die damit verbunden waren nur zu deuten vermochten, aber sie nicht verstanden. »Ich muss sagen, dass ich es mir schlimmer vorgestellt hatte, als es in Wahrheit war.« Aber so wirklich verstand Entaro nicht worauf Isaé hinauswollte. Und die erregende Wärme in seiner Leibesmitte ebbte auch bald ab und wich einer unglaublichen Müdigkeit. Isaé schien davon bereits völlig übermannt worden zu sein, denn sie war einfach am Feuer eingeschlafen. Und so legte er ihr seinen Arm unter die Schulter, so dass ihr Kopf auf seiner Ellenbogenbeuge lag, und schob ihr dann den zweiten Arm unter Schenkel und Gesäß. Sie war so leicht, dass er sie ohne Anstrengungen in die Höhe heben und in ihr Lager tragen konnte.
Als er Isaé niederlegte, ging er dabei in die Knie und sehr behutsam ließ er sie auf den Boden gleiten. Dann zog er die einfache Wolldecke zurecht und legte sie ihr über. Und als er sie so ansah, wie sie mit geschlossenen Augen und einem seligen und zufriedenen Gesichtsausdruck schlief, da lächelte er freundlich. Auch, oder vielleicht auch gerade, weil, sie es nicht sah. Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und bemerkte, dass ihre Stirn kühl war. Anders als noch vor wenigen Momenten, als sie beinahe fiebrig wirkte. Und so tastete er nochmals ihren Körper ab. Am Hals, an den Armen und ein letzter, vorsichtiger Griff an ihren Bauch. Der Bauch war noch warm, aber nicht mehr so warm wie zuvor. Und in diesem Moment der einseitigen Vertrautheit überkam Entaro ein Gefühl. Es war wie ein kalter Schauer der ihn überkam, während zugleich in seinem Inneren eine heiße Woge aufflammte. Es war dieses Gefühl dass man hatte, wenn man über den Zaun geklettert war, um einen Apfel zu stehlen, und dabei erwischt worden war. Seine Gedanken kreisten wild umher. Aus der Neugier um Isaés Wohlbefinden hatte sein Verstand, oder war es der abklingende Rausch in ihm, eine völlig verdrehte Form von Schuld geformt. Entaro fühlte sich beinahe ertappt, als ob er etwas Unredliches getan hätte. Dabei hatte er Isaé nur berührt um sich über ihr Wohlergehen zu vergewissern. Und dennoch fühlte er sich in diesem Moment wie ein Mann der die Wehrlosigkeit einer Frau ausnutzte. Alles in ihm schrie förmlich auf. Der Instinkt und die ritterliche Ehre in ihm zwangen seine Hand sich von Isaé zu lösen. Ja auch sein Wille formte diesen Wunsch. Doch seine Hand gehorchte ihm nicht. Sie verharrte weiter auf Isaés Bauch. Nein. Sie verharrte nicht nur. Sie glitt, kaum merklich, wie ein Tautropfen, der über ein langes Blatt hinab perlte, über Isaés warme, aber weiche Haut. Und seine rauen Finger bewegten sich langsam aber stetig. Der kalte Schauer, der ihn soeben überkommen hatte, wandelte sich in eine unbändige Hitze. Es schien Entaro beinahe, als ob er von innen verglühen würde. Und sein Herz raste. Das Blut in seinen Adern pochte und bald schon begann sich etwas in Entaro zu regen. Ein pulsierendes Verlangen, tief in ihm verborgen. Unterbewusst und von Schatten und tausenden Eindrücken überlagert. Seine Hand war inzwischen nicht mehr auf Isaés Bauch und Isaé hatte sich im Schlaf bewegt. Es war eine kurze, abrupte Bewegung gewesen. Doch ihre Augen blieben geschlossen. Aber ihr Atem hatte für einen Moment ausgesetzt, und kurz darauf entkam ihr ein tiefer Seufzer. Und als ob Isaés Seufzer nicht genug wäre, schien es als ob ihre Hand sich um sein Handgelenk gelegt hatte und ihn dazu zwang an Ort und Stelle zu verharren. Nein. Sie dirigierte seine Hand zu einem anderen Ort ihres Körpers. Entaro starrte gebannt auf Isaés Gesicht. Es zeigte keinerlei Regungen. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem flach und ihre Mimik entspannt. Doch der Griff ihrer Hand war bestimmend und fordernd. Entaro starrte und als ihn eine neuerliche Hitzewelle überkam, da riss er seine Hand zurück und richtete sich auf. Sein Blick war wirkte wie der eines gehetzten Tieres. »Teufelszeug.«, flüsterte Entaro und versetzte sich selbst eine Ohrfeige. Isaé hingegen lag noch da wie zuvor. Ihre Arme lagen auf ihrem Bauch und Entaro erhob sich und verließ Isaés Lager. Was war nur in ihn gefahren? Seine Leibesmitte brannte und pochte und Entaro spürte, tief und unterbewusst in seinem Innersten, dass es nicht alleine dem Feuermohn zuzuschreiben war. Und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das hatte Isaé gemeint? Sein Blick wurde finster und nachdenklich und er versuchte sich daran zu erinnern, was während des Rituals alles geschehen war. Doch seine Erinnerung war nicht klar. Er konnte nicht wirklich unterscheiden was passiert war und was nur reine Einbildung und Wahnvorstellung gewesen war. Was hatte er getan? Was hatte Isaé gemeint? Was war so schräg gewesen? Nein, wenn etwas vorgefallen wäre, hätte sie doch anders reagiert. Auch wenn sie deutlich mehr mit der Wirkung dieses Krautes vertraut war, so erging es ihr vermutlich wie auch ihm. Was war die Wirklichkeit und hatte der Verstand einem nur vorgegaukelt?
Entaro begab sich schließlich in sein eigenes Lager und legte sich nieder. Sein Herz hämmerte, sein Blut raste, sein Gemächt pochte und seine Gedanken kreisten umher wie ein Strudel aus Bildern und Eindrücken. Er hatte die Hände über der Brust und verlor sich in der allumfassenden Erkenntnis seines völlig befreiten Geistes. Und gleichzeitig fühlte er sich ausgebrannt und entfremdet. Er war frei und gefangen. Er war entfesselt und haltlos. Er fühlte sich als würde ihn seine Vergangenheit verfolgen, während er auf seine Zukunft zusteuerte. Doch all diese Gedanken, Eindrücke und Bilder verschwammen mit der Zeit zu einem dunklen, Nebel der ihn umgarnte und in den Schlaf lockte. Seine Lider waren schwer wie Blei. Sein Atem ruhig und seine Gedanken stumm. Er träumte einen traumlosen Schlaf als ob sein Geist von seinem Körper getrennt worden war, und erst am nächsten Morgen wieder zu ihm zurückgefunden hatte. Als er erwachte fühlte er sich so ausgeruht wie noch lange nicht, denn er hatte wie ein Stein geschlafen. Und erst als die Männer Tarvains ihn aus dem Schlaf holten wurde ihm bewusst, wie tief und fest er geschlafen hatte. Und er kam nicht umhin diesen Umstand, den er natürlich ebenfalls dem Feuermohn zuschrieb, als einen angenehmen Nebeneffekt zu empfinden. Wie oft hatte er schon schlaflose Nächte, dunkle Träume und bittere Erinnerungen durchleben müssen. Und all diese Dinge waren förmlich von ihm genommen worden als er der seligen Wiege des Rausches versunken war.
Entaro schnallte seine Habe auf die Satteltaschen seines Drachen und warf immer wieder suchende Blicke durch die geschäftigen Männer, auf der Suche nach der einzigen Frau im Tross. Und als er Isaé endlich fand, trat er an sie heran. »Ich muss mir dir sprechen.« Er nahm sie etwas abseits und räusperte sich. »Letzte Nacht hatte ich seltsame Bilder im Kopf. Ich kann sie weder verstehen noch erklären. Aber sag mir bitte. Ist dies ein normaler Teil dieses Rausches? Oder ist das etwas anderes? Etwas tieferes…dunkleres oder hat es vielleicht auch mit diesem Ort zu tun? Wir sind hier schon in den Grenzlanden. Ein uralter, mystischer Ort. Voller vergessener Magie und mächtiger Vergangenheit.« Er nahm Isaé bei der Hand und schien nach dem Fluchmal zu suchen. »Ist es gänzlich fort? Kannst du das Flüsterholz hören, wenn du es nun in diese Hand nimmst?« Entaro ließ ihre Hand los und trat einen kleinen Schritt zurück. »Bist du bereit für das was jetzt kommen wird?« Er sah sie erwartungsvoll an und sie erwiderte mit einem ebenso erwartungsvollen und fragenden Blick. »Entaro deutete mit einem Kopfnicken in den Wald, der sich dunkel und wie ein gieriger Schlund vor ihnen auftat. »Bist du bereit dich den Grenzlanden zu stellen?«
Kurze Zeit später setzte sich der Tross in Bewegung. Ser Tarvain ritt weit am Anfang des Trosses und führte seine Männer, sowie den Drachenreiter und die Hexenjägerin über die Pforte der Grenzlande. Als sein Pferd den ersten Schritt in den Wald hineinwagte, hob er die Hand und gebot dem Tross zum Stillstand. »Männer!«, brüllte er laut. »An diesem Punkt verlassen wir unser geliebtes Land! Wir betreten die Grenzlande! Ein Ort voller Schrecken, Dunkelheit und Gefahren! Achtet auf jeden Schritt. Auf jeden Laut und jede Bewegung! Die Grenzlande sind ein uraltes, riesiges Moor und der Boden birgt oft mehr Gefahren als die dahinter lauernden Feinde!« Und so gab er seinem Pferd einen sanften Tritt und es schritt in den Wald, dessen Schatten ihn beinahe zu verschlucken schien. Nach und nach folgten ihm Mann um Mann, Pferd um Pferd, Wagen um Wagen. Sein Ziel war eine alte Lichtung, ungefähr einen halben Tagesritt vom Waldrand entfernt. Der letzte Ort zwischen der Heimat und dem allzeit, drohenden Tod. Bis zu dieser Lichtung war der Weg bekannt und gesichert. Doch hinter dieser Lichtung würden die Wagen nichts weiter als Ballast werden. Diese Lichtung würde ihre Grenzfestung werden, denn die Wagen waren so konzipiert, dass sie miteinander verbunden ein Wall wurden, der einer Mauer glich. Diese Lichtung würde ihr Rückzugsort sein, wenn es nötig sein sollte, und von dieser Lichtung aus würde ihre Suche nach den drei Namen beginnen, die Ser Tarvain auf den Vertrag geschrieben hatte.
Die Männer schlugen einige Bäume und verstärkten mit diesen die Wagenmauer und errichteten dahinter ihr Feldlager. Es wurden Gräben ausgehoben und Planen gespannt, so dass sie einer Belagerung standhalten konnten und auch dem Wetter nicht schutzlos ausgeliefert waren. Das ganze Unterfangen dauerte ganze zwei Tage, doch als es sich dem Ende neigte, zeigte sich die Lichtung in einem völlig anderen Licht. Der moosige Waldboden war plattgetreten von dutzenden, schweren Stiefeln. Um die Wagenburg herum waren spitze Pfähle in den Boden gerammt um anstürmende Gegner aufzuhalten oder gar aufzuspießen. Einige Gräben waren offen, andere wurden abgedeckt, so dass sie zu Stolperfallen wurden. Ser Tarvain war ein geübter Taktiker und dies war nicht seine erste Wagenburg die er auf dieser Lichtung errichtet hatte. Und als der zweite Tag sich dem Ende neigte, kehrte eine bedrückende Dunkelheit über das Lager. Der Schatten der Bäume schien bis zu ihnen zu kriechen. Das fahle Licht der Monde ließ die Wagenburg wie ein Raubtier mit Klauen und Zähnen wirken, die sich gegen die Schatten der Bäume zur Wehr setzen wollte. Und als die Männer um ihre Feuer saßen, ihre Klingen schärften, ihre Lieder summten, ihre Pfeifen rauchten und ihren Eintopf verzehrten, gellte mit einem Mal ein jäher Schrei durch die Nacht!
»Düsterlinge!«
Düsterlinge! ❖
12.09.2025 '00:00 [1.963 Wörter]
 erade, als Isaé am Zaumzeug ihres Pferdes arbeitete, wurde sie unerwartet angesprochen. "Ich muss mit dir sprechen.” Isaé stand noch vor dem Sattel von Geraud gebeugt und zog eben den Gurt fest, als Entaro sie ansprach. Sie richtete sich ruckartig auf, wandte sich ihm zu, und dabei fielen ihre Haare schwer und ungebändigt um ihr Gesicht. Sie strich sich ein paar wilde Strähnen zurück und ließ sich von ihm ein Stück weit vom Lager wegführen. Er kam ihr seltsam vor seit der vergangenen Nacht. Sie konnte sich nicht entsinnen, wann er je so unsicher gewirkt hatte. “Was ist los?” fragte sie und kam nicht umhin festzustellen, dass es ihr ähnlich erging. “Letzte Nacht hatte ich seltsame Bilder im Kopf. Ich kann sie weder verstehen noch erklären. Aber sag mir bitte. Ist dies ein normaler Teil dieses Rausches? Oder ist das etwas anderes? Etwas Tieferes… Dunkleres oder hat es vielleicht auch etwas mit diesem Ort zu tun? Wir sind hier schon in den Grenzlanden. Ein uralter, mystischer Ort. Voller vergessener Magie und mächtiger Vergangenheit” Isaé blickte Entaro an und überlegte für einen Moment, ob sie ihm erzählen sollte, was sie in dieser Nacht gesehen und erlebt hatte. Doch sie konnte letztendlich nicht sagen, was von den Dingen, die sie gesehen und gespürt hatte, tatsächlich geschehen war und was nicht. Und aus diesem Grund entschied sie, es lieber nicht zu tun. “Weißt du Entaro… Ich weiß nicht, was du gesehen hast, oder geglaubt hast, gesehen zu haben. Mir geht es da genauso wie dir. Ich weiß es einfach nicht. Und um ehrlich zu sein, ist es unmöglich zu sagen, was der Feuermohn einem vorgegaukelt hat, wenn wir ihn beide geraucht haben. Solange nicht einer bei klarem Verstand war, ist es unmöglich, die Grenze zu trennen zwischen Rausch und Realität. Wohl gibt es gewisse Eigenschaften, die man dem Feuermohn zuschreibt, denn darin sind sich die Erfahrungen jener, die Feuermohn konsumieren, einig. Aber was die Bedeutung dieser Bilder, Eindrücke und Gefühle betrifft, so muss jeder für sich selbst herausfinden, was Rausch ist und was Realität.” Entaro nickte. Isaé vermutete, dass er ähnliche Erfahrungen durchlebt hatte wie sie, doch das wagte sie nicht zu sagen. Sein Blick fiel auf ihre Hand und er nahm sie und betrachtete sie. “Ist es gänzlich fort? Kannst du das Flüsterholz hören, wenn du es nun in diese Hand nimmst?” Ein angenehmes Kribbeln erfüllte sie, als sie die Wärme seiner Hand spürte und sie schluckte. Isaé schüttelte den Kopf und ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Antlitz. “Nein, es herrscht Ruhe.” Er nickte verstehend und ließ ihre Hand los. Dann fragte er: "Bist du bereit für das, was jetzt kommen wird?” Isaé sah ihn erwartungsvoll an. Was meinte er? Was hatte er jetzt vor? Sie erstarrte und unweigerlich erhöhte sich ihr Herzschlag. Entaro deutete mit dem Kopf Richtung Wald. “Bist du bereit, dich den Grenzlanden zu stellen?” Ein unbeschreibliches Gefühl überkam Isaé. Halb erleichtert, halb spöttisch über sich selbst. Und ein seltsames kleines Fragment von Bedauern. Etwas löste sich in ihr und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, “Ich bin ehrlich, Entaro. Ich war entschlossen und dachte, ich bin bereit für dieses Unterfangen. Aber ich fürchte, ich bin es nicht.” Denn Isaé spürte, wie sie das Geschehene zwischen ihr und Entaro nicht losließ. Eigentlich wollte sie mit freiem Kopf in die Grenzlande aufbrechen, doch nun stand etwas zwischen ihnen. Verschwommen, ungewiss, hervorgegangen aus dem Feuermohnrausch. Und gerade weil sie nicht wusste, was geschehen war, oder was nicht geschehen war, ließ es sie nicht los. Es war Zeit, aufzubrechen. Doch bevor sie sich abwandte, bemerkte sie Entaros Zögern. “Welche Eigenschaften sind es, die man dem Feuermohn zuschreibt?” hakte er nach. Isaé holte Luft und öffnete den Mund, um ihm eine Antwort zu geben. Doch die Worte blieben aus. Also schloss sie ihn wieder. Sie wagte es nicht, ihm eine Antwort zu geben. “Ach, Entaro…” wich sie aus. Doch er blickte sie unbeirrt und entschlossen an und sie wusste, er würde auf eine Antwort beharren. So war er. Isaé ärgerte sich ein wenig, denn sein Blick ließ ihr keinen Ausweg. Und in einem Anflug von Trotz hob sie ihren Blick und sah ihm direkt in die Augen. “Glühendes Begierde, brennendes Verlangen. Feuermohn macht einen rallig, du verstehst? Ist das nun die Schattenseite, oder vielleicht gerade die Seite des Lichts? Das kann ich nicht beantworten.” Und sie wusste nicht, was diese Erklärung in Entaro möglicherweise auslösen könnte. Dass sie ihn hatte Feuermohn rauchen lassen, obwohl sie wusste, was es verursachte. Aber es hätte keine andere Möglichkeit gegeben, den Fluch aufzulösen. Jedenfalls war ihr keine andere Möglichkeit bekannt. Entaro hatte selbst gesagt, das Fluchmal sei gefährlich. “Aber ich denke, du hast keinen Grund zur Sorge. Am Ende hat sich keiner von uns beiden wieder angekleidet, also ist bestimmt nichts passiert.” Sie zwinkerte ihm zu, mit dem letzten Rest an Selbstbeherrschung, dann wandte sie sich ab, denn sie spürte wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Sie ging zurück zu ihrem Wallach Geraud, hielt sich am Sattelknauf fest, dann stieg sie auf.
Seit Stunden ritten sie schon durch die Grenzlande. Der Wald hatte etwas mystisches an sich. Zwischen uralten dicken und knorrigen Bäumen wuchsen junge kleine Bäume, an jedem von ihnen wuchsen dürre grüne Bartflechten, die Schattenseiten der Baumrinden trugen dickes Moor und blasse Flechten. Manche Bäume waren dicht bewachsen mit Baumpilzen verschiedenster Arten. Der Waldboden abseits der Wege war voll mit flauschig aussehenden Moospolstern. Es herrschte eine unsagbare Stille abseits Murmelns der Männer, dem dumpfen Schlag der Pferdehufe, dem Knarren der Wägen, die über die befestigten erdigen Wegen rollten. Kein Vogel war zu vernehmen. Normalerweise waren die Wälder erfüllt mit mannigfaltigen Geräuschen. Vogelgezwitscher, das Klopfen von Spechten, Rascheln im Laub, wenn ein Tier durchlief. Doch dieser Wald wirkte wie ausgestorben. Isaé war schon wie eingelullt von dem monotonen Ritt, aber dann bemerkte sie, wie ein Pferd neben ihr aufschloss. Sie blickte auf und sah Amaury neben sich reiten. “Du sitzt schon ziemlich fest im Sattel. Vor ein paar Tagen noch hätte ich das nicht gedacht.” “Ich hatte wohl einen ziemlich guten Reitlehrer, hm?” “Das mag sein. Die besten Lehrstunden hast du ja trotzdem ausgeschlagen” lachte er. “Aber das nehme ich dir nicht krumm, Hexenjägerin. Wahrscheinlich war das so, weil dein Auge längst auf jemand anderem liegt.” Isaé warf ihm einen mürrischen Blick zu. “Wenn du Entaro meinst… Wir sind nur Freunde.” Amaury grinste. "Genau den meinte ich. 'Nur Freunde', die älteste Lüge der Welt. Und du denkst ja sofort an ihn!” Isaé hob eine Augenbraue und warf ihm einen Blick zu “An wen sonst sollte ich denken? Ich kenne hier niemanden, und es gibt nur drei Namen, die in Frage kämen. Dich nicht, das weißt du. Tarvain nicht, der liegt außerhalb meiner Welt. Also bleibt nur Entaro. Wen sollte ich also sonst meinen? Amaury schmunzelte und machte eine bedeutende Redepause. Dann sagte er: “Siehst du, also doch Entaro!” Isaé lachte. “Ach komm! Verdreh mir nicht die Worte! Oder bist du eifersüchtig?” Er hob abwehrend eine Hand und lachte “Eifersüchtig? Niemals! Höchstens mein Stolz ist angekratzt! Aber das werde ich schon überleben!” Isaé schmunzelte. “Ist das deine einzige Sorge?” Er schwieg, während sie ein Stück weit schweigend weiter ritten, begleitet vom Schnauben der Pferde. Amaury hob den Blick gen Blätterkrone der Bäume und meinte “Die Grenzlande sind nicht gerade ein Ausritt übers Feld. Das ist meine Sorge. Hoffen wir, dass wir alle heil zurückkommen.” “Das hoffe ich auch, Amaury, das hoffe ich auch…” sagte sie leise.
Am Abend erreichten sie eine Lichtung, von der man sagte, dass sie der letzte aufgeschlossene und bekannte Punkt war. Alles was dahinter lag, war fremd und eine potentielle Gefahr. In unglaublichen zwei Tagen verwandelte sich die Lichtung in eine Art Bastion. Eine Wagenburg, ein Schutzwall, mit einem bedrohlichen Palisadenzaun. Wäre man in einem gewöhnlichen Feldzug gegen eine gewöhnliche menschliche Bedrohung, so hätte man sich in dieser stark befestigten provisorisch errichteten Wehranlage wohl und sicher gefühlt. Aber jeder wusste, dass die Bedrohung nicht alleine menschlich war. Eine andere Macht schwang mit. Am zweiten Abend, als die Arbeit endlich getan war, ruhten sich die Männer von ihrer getanen Arbeit aus. Sie rauchten Pfeife, schlugen kleine Liedchen an, schaufelten sich Eintopf in die Mäuler, oder frönten an diesem einen Abend dem Müßiggang. Isaé hatte sich schon für die Nacht bereit gemacht, was eigentlich nur bedeutete, dass sie sich nahe an einem Lagerfeuer hingelümmelt hatte, die Hände hinter dem Kopf verschränkte und die Augen geschlossen hatte. Nach dem sie den Eintopf verspeist hatte, kaute sie an einem Stück weichen Tannenharz, welches sie sich von einem Tannenstamm gekratzt hatte. Das Lager lag in einem trägen Müßiggang.
Zuerst war nur ein Rascheln in den Bäumen zu hören, dann ein Flattern von vielen Flügeln auf einmal. Bedrohliche Augen reflektierten das Licht im Halbdunkel, und dann sprangen sie auf das Lager herab, und ein gellender Schrei ertönte. "Düsterlinge!!!!" Isaé riss die Augen auf, und hätte sich vor Schreck beinahe an dem Harzstück verschluckt. Sie spuckte es aus, richtete sich schlagartig aus ihrer Lümmelposition auf, sprang erschrocken auf und suchte nach ihrer Armbrust, die sie in ihrer Nähe hingelegt hatte. Eine Horde Düsterlinge, so groß wie Katzen, und mit ledrigen Flügeln wie von Fledermäusen, die kleinen, messerscharfen Zähne gefletscht, kam über das Lager. Sie kamen nicht einzeln, sondern im Schwarm, kreischend rissen sie an Mänteln und Ärmeln, und versuchten sich in ungeschützte Hautareale zu verbeißen. Die Männer schrien auf, griffen nach ihren Waffen, schwangen Schwerter, Stangen und Äste in weiten Bögen. Funken stoben, als brennende Äste aus den Lagerfeuern nach den Kreaturen schwangen. Ein Düsterling kreischte widerlich auf, als er nach einem Schlag zu Boden fiel und dort von aufmerksamen Männern zu Brei geschlagen wurde. Doch immer wieder stoben neue Düsterlinge aus dem Dunkel, stießen herab, versetzten die Pferde in Panik und suchten Lücken in Rüstung und Kleidung in die sie ihre Zähne schlagen konnten. Isaé versuchte, mit ihrer Armbrust auf einen Düsterling zu zielen. Doch rasch erkannte sie, dass es ein sinnloses und gefährliches Unterfangen war, zu versuchen, in einem derartigen Chaos einen Bolzen abzuschießen, der sein auserwähltes Ziel, einen Düsterling verfehlen und einen Mann treffen, ja töten könnte. Isaé stellte die Armbrust auf den Boden, hielt sie senkrecht vor sich und legte eine Hand an die Sehne. Sie zog kräftig genug, um die Spannung vom Schloss zu nehmen, und betätigte mit der anderen den Abzug. Als der Mechanismus auslöste, hielt sie die Sehne noch fest und ließ sie dann langsam nach vorne gleiten, bis die Wurfarme entspannt waren. Anschließend warf sie die Armbrust wortlos an ihren Platz und ergriff stattdessen einen dicken Ast aus einem der Lagerfeuer und schwang dieses hin und her, um diese Wesen von sich und anderen abzuhalten. Es war kein Kampf, es war ein heilloses Durcheinander und wildes Abwehren. Hochgerissene schwingende Schilder, schwingende Schwerter, beinahe ekstatisches Brüllen um der Horde hehr zu werden. Einer der Männer packte einen Düsterling, schleuderte ihn mit bloßer Hand gegen einen Baum, dass er sich nicht mehr rührte, als er auf den Boden fiel. Das taten ihm etliche andere Männer gleich und als der Schwarm allmählich sichtbar dezimiert worden war, flohen die verbliebenen Düsterlinge, und so schnell, wie der Angriff über sie gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Zurück blieben schwer atmende und blutende Männer, deren Gesichter von scharfen Klauen der Düsterlinge, die überraschend über sie hergefallen waren zerkratzt waren, Gestank von verbranntem Fleisch, und das ferne Flattern der Lederschwingen, die sich in die Schwärze des nächtlichen Waldes zurückzogen, bis sich schließlich für einen kurzen Moment wieder Ruhe über das Lager legte. Isaé warf ihren brennenden Ast zurück ins Feuer und ließ sich auf den Waldboden sinken, da, wo sie kurz zuvor noch in aller Ruhe und Gemütlichkeit gelegen hatte. Ihre Müdigkeit war schlagartig verflogen und an Ruhe war in diesem Moment nicht mehr zu denken.
Ein herber Rückschlag ❖
13.09.2025 '20:45 [2.352 Wörter]
 ie Wagenburg war aufgebaut und die Männer gönnten sich eine Zeit der Erholung und Zerstreuung. Entaro hingegen saß etwas abseits und polierte sein Schwert mit einem Waffenöl und dachte über Isaés Worte nach. »Das Zeug löst glühende Begierde und brennendes Verlangen aus.« »Verstehe.« Ja er verstand. Jetzt machte alles einen Sinn. Wieso er sich so seltsam gefühlt hatte und warum er sich so seltsam benommen hatte. Aber Isaé hatte auch gesagt, dass dieses Rauschmittel nur Gefühle und Eindrücke verstärkt? Also was auch immer Entaro geträumt, gesehen oder getan hatte, dieses Verlangen war irgendwo tief in ihm und war nur durch dieses Ritual geweckt worden und zum Vorschein gekommen? Und dieser Umstand hatte den Drachenreiter nachdenklich gestimmt. Er ertappte sich bei gewissen Gedanken, die ihn weit in die Vergangenheit brachten. Als er noch in Akadien war, ein aufstrebender Bernsteinritter. Ein Mann mit Zukunft. Ein Mann mit Visionen. Vieles hatte sich seitdem geändert. Und ohne Isaé würde er noch immer sein pragmatisches, zynisches Dasein fristen. Auch wenn er sie gerettet hatte und sie eigentlich nur mit ihm reiste, da sie an ihn und den Drachen gebunden war, hatte sie ihn doch irgendwie aus seiner dunklen Vergangenheit gezogen. Entaro warf einen flüchtigen Blick zu der Hexenjägerin, welche gerade einen Eintopf zu sich nahm und ebenso wie er, irgendwie alleine wirkte, obwohl so viele Männer in der Nähe waren. Entaro rieb sich die Schläfen und nahm dann das Siegel Daereans aus seiner Tasche. Das Kleinod schimmerte schwach in dem dunklen Abendlicht und er sah es einfach nur an, vielleicht in der Hoffnung eine Art Antwort oder Zeichen zu erhalten. Doch natürlich geschah nichts dergleichen und er seufzte resignierend, bevor er es wieder in seiner Tasche verstaute. An diesem Ort war Daerean noch ferner als in Akadien selbst. Die Grenzlande waren erfüllt von einer uralten Macht, die jenseits aller Vorstellungskraft lagen. Hier gab es noch ursprüngliche und mystische Dinge die sich niemand erklären konnte. Er fühlte sich irgendwie verloren und umgeben von Dunkelheit und Vergessen. Aber irgendwie war da noch ein anderes Gefühl. Ein Gefühl von Befreitheit? Ein Gefühl, dass da mehr war als er ahnte? Ein Gefühl das tief in seinem Inneren brannte, obwohl der Rausch längst abgeklungen war. Vielleicht hatte es etwas in ihm geweckt, was schon lange unter schweren, dunklen Steinen verborgen gelegen hatte? Und er konnte es selbst nicht sagen was es genau war. Nur dass er Isaé seit letzter Nacht in einem neuen Licht sah. Und dieses Licht war seltsam vertraut und zugleich befremdlich.
Entaro wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Ein gellender Schrei weckte die Männer aus ihrer Gelassenheit. »Düsterlinge!« Entaro schreckte sofort hoch und hielt sein Schwert bereit. Natürlich wusste Entaro von den Gefahren der Grenzlande. Doch, so wie auch all die anderen Männer, hatte er nicht so früh mit einer derartigen Begegnung gerechnet. Es wirkte beinahe als ob ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben war und sie nun ein Zeichen geschickt bekamen. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie hier unerwünscht waren. Doch weder Entaro noch Ser Tarvain ließen sich von solchen Zeichen abschrecken. Nein, viel mehr noch spornte es sie an und bekräftigte nur die Tatsache, dass sie sich auf der richtigen Spur befanden. Doch die Akadier waren kein disziplinloser Haufen von Söldnern. Ser Tarvain hatte eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt. Binnen weniger Augenblicke waren alle Männer kampfbereit und stellten sich dem Feind. Die jüngeren Krieger preschten, wie es die Natur der Jugend war, ungestüm voran, doch die erfahreneren Soldaten hielten sie zurück. Riefen sie zur Formation und das anfängliche Chaos, welches der überraschende Angriff gebracht hatte, wandelte sich bald in eine disziplinierte, koordinierte Gegenoffensive. Entaro kämpfte beherzt, und all seine düsteren Gedanken, die soeben noch in seinem Kopf umhergegeistert waren, hatte er zurück in den Hintergrund gedrängt. Sein Schwert schnitt durch die Nacht und jeder Hieb erschlug einen dieser schwarzen Brut. Doch es waren unglaublich viele. Entaro hatte schon einige Male Düsterlinge gesehen, doch niemals so viele. Sie strömten wie eine schwarze Woge aus dem, sie alles umgebenden, Wald. Sie sprangen, kreischten, kratzen und bissen. Und Entaro musste feststellen, dass ein Schwert nicht die richtige Waffe war um diesen Ausgeburten des Bösen Herr zu werden. Zu groß war die Gefahr einen Kameraden zu verletzen. Die Krieger Tarvains kämpften überwiegend mit der Axt. Eine deutlich praktischere Waffe gegen solche Gegner. Doch auch die Axt war nicht ideal. Entaro hackte einem der Kreaturen im Sprung den Kopf ab und packte eine weitere Kreatur, die sich am Hals eines Mannes festgekrallt hatte. Er schleuderte sie zu Boden und trat so kräftig darauf, dass man die Knochen brechen hörte. Wie Ungeziefer wurden sie niedergemacht. Und nichts anderes waren sie. Schwarzes Ungeziefer aus dem tiefsten Schlund der Welt. Entaro sah sich immer wieder suchend nach Isaé um. Er hatte ihr ein Versprechen gegeben. Wenn er vor der Wahl stand Tarvains Männer oder sie zu retten, würde er immer sie wählen. Und nun war er ihr so fern, dass sie auf sich allein gestellt war. Dieser Angriff war so überraschend gekommen, doch Entaro hielt an seinem Schwur fest. Und so kämpfte er sich durch die schwarze Flut, hieb, trat und schlug um sich. Jedes Untier, dass sich an ihm festkrallte, schüttelte er ab, als ob sie lästige Fliegen seien. Nur waren sie deutlich größer, und noch viel hartnäckiger. Schilde polterten, als die Männer sie erhoben um sich springende Düsterlinge vom Leib zu halten. Und Schilde donnerten, als man den eisenbeschlagenen Rahmen auf, die am Boden liegenden, Kreaturen donnerte. Es war kein heilloses Durcheinander mehr. Doch die Natur des Menschen, welche durch den Überlebensinstinkt geweckt worden war, förderte gnadenlose Brutalität in ihnen hervor. Natürlich waren diese Kreaturen nichts, deren Tod man bedauern müsste. Sie waren eine Plage, die man mit Stumpf und Stiel ausrotten musste.
Entaro hatte sich inzwischen weit vorgekämpft und endlich zu Isaé aufgeschlossen. Ein Düsterling sprang gerade auf ihren Hals zu, als Entaros Schwert lautlos durch die Luft schnitt und die Kreatur in der Luft traf. Es kreitschte und schrie schmerzerfüllt auf, bevor es auf den Boden polterte und kurz darauf leblos liegen blieb. Entaro stach die Klinge noch in das Untier hinein und ergriff dann Isaé an der Schulter. »Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich und wandte sich gleichzeitig dem nächsten Angreifer zu. Doch der Kampf hatte bereits sein Ende genommen. Die Männer brüllten und donnerten ihre Äxte gegen die Schilde. Die Bogenschützen hatten Fackeln entzündet und wirbelten diese durch die Luft. Als die Lichtung durch die vielen Feuer immer heller wurde, und die Männer immer mehr Kreaturen erschlagen hatten, ergriffen die verbliebenen Kreaturen die Flucht. »Sie fliehen!«, rief einer der Soldaten und packte seine Axt um ihnen nachzustürmen. »Schlagt sie alle tot!«, schrie ein anderer und eine Welle des Übermutes überkam die Männer und sie stürmten den fliehenden Kreaturen nach. »Halt!«, befahl Ser Tarvains gebieterische Stimme. »Seid keine Narren! Sie wollen euch nur in die Wälder locken!« Die Kampfeslust der Männer kam ins Straucheln. »Wir haben sie zurückgeschlagen! Sammelt euch! Kümmert euch um die Verwundeten!«, befahl der rote Tod und die Männer gehorchten beinahe blind seinem Befehl. Entaro wischte seine Klinge mit einem Tuch ab und schob sie zufrieden in die Scheide zurück. Dann wandte er sich erneut an Isaé und vergewisserte sich, dass sie nicht verletzt war. Doch außer ein paar Schrammen und ihrem zerzausten Haar, schien ihr nichts passiert zu sein.
Die Männer hatten sich alle wieder hinter dem schützenden Wall der Wagenburg eingefunden und es waren noch mehr Fackeln entzündet worden. Nicht nur um die Düsterlinge an einem neuerlichen Angriff zu hindern, sondern auch um die Lage zu sondieren. »Haben wir Verluste?«, erkundigte sich Ser Tarvain und sah sich suchend nach seinen Offizieren um. »Die meisten Männer haben nur ein paar Kratzer oder Bisse abbekommen. Nichts von Bedeutung. Aber zwei Männern wurden im Hals verletzt. Die Blutung ist stark. Sie werden es wahrscheinlich nicht schaffen.«, antwortete ein älterer, erfahrender Veteran, welcher zweifellos einer der Vertrauten und Offiziere war. Ser Tarvain seufzte und nickte stumm. »Sorgt für ihre Wunden! Macht das Unmögliche möglich! Sie müssen überleben!« Der Mann nickte und schlug sich die Hand auf die Brust und gab die Befehle an die unteren Ränge weiter. Doch diese Soldaten waren nicht einfach nur Soldaten unter einem Kriegsfürst. Sie waren eine eingeschworene Bruderschaft, die mit jedem Kampf den sie bestritten an Stärke und Einheit wuchs. Jeder Mann der helfen konnte, beteiligte sich an dem Unterfangen das Leben der Männer zu bewahren, die dem unrühmlichen Tode so nahe waren.
Man hatte ihnen bereits Druckverbände auf den Hals gedrückt, doch diese sogen sich so schnell mit Blut voll, dass es den Anschein hatte, dass nichts helfen konnte. Entaro näherte sich einem der Männer, der am Boden lag, seine Axt mit beiden Händen umklammert hielt und mit leeren Blicken in den Himmel starrte. Sein Atem war flach und in seinem Blick war die Angst zu sehen. Die Angst vor dem Ende. »Wir können die Blutung nicht stoppen!«, rief einer der Männer, welcher mehr wie ein Bader als ein Krieger wirkte. Entaro kniete neben dem Mann und ergriff seine Hand. »Kämpfe nicht dagegen an. Du musst dich beruhigen. Dein Herz schlägt zu schnell, und dadurch verlierst du zu viel Blut«, befahl der Bernsteinritter und der Mann nickte flehend. Entaro wandte sich dem zweiten Krieger zu, doch sein Blick war kalt und leer. Er hatte den Kampf bereits verloren. Und so wandte er sich dem Krieger noch zu, dessen Leben nur noch am seidenen Faden hing und zog den Verband vom Hals und das Blut sickerte aus der Wunde, wie bei einem Weinschlauch in den man ein Loch gestochen hatte. Doch um die Wunde herum war die Haut schwarz verfärbt. »Diese Wunde wird nicht heilen.« murmelte Entaro ernüchternd. »Ihre Zähne sind wie ein dunkler Fluch.« Der Mann japste nach Luft und spuckte Blut. Doch er packte Entaro am Handgelenk und starrte ihn nur grimmig an. Er hatte den nötigen Überlebenswillen und kämpfte mit ganzer Kraft gegen das Gift in seiner Wunde an. »Wir müssen die Wunde ausbrennen!«, rief der Bader und die Männer packten den Krieger. Jeder hielt seine Arme und Beine fest und zwei packten ihn am Kopf, während einer der Männer eine Klinge an die Wunde ansetzte. Mit geschickter Präzision schabte er mit der Klinge das schwarze Fleisch von der Haut, was den Blutfluss nur noch verstärkte. Doch er ließ keine Zeit verstreichen. Kaum hatte er die Wunde halbwegs gesäubert presste er die Fackel an den Hals. Der Verwundete kreischte und bäumte sich auf. Man sagt, dass ein gehetztes Tier, dass dem Tode nahe ist, unglaubliche Kräfte mobilisieren kann, bevor es zugrunde geht. Es ist das Adrenalin, welches die Kraft eines Bären verleihen kann. Die Männer hatten Mühe ihn zu bändigen während die Haut unter der Hitze der Fackel verbrannte. Es roch nach verbranntem Fleisch und ein eisenhaltiger Geruch mischte sich in den Rauch. Doch die Kraft des Kriegers ließ schließlich nach. Er sackte matt zusammen und die Männer ließen ihn sofort los. »Ist er tot?«, erkundigte sich einer der Krieger und der Bader hielt seine Hand an den Hals und legte die zweite auf die Brust. Er schwieg und eine unglaubliche Anspannung legte sich auf alle Männer. »Er atmet noch.«, stellte der Bader fest doch in seiner Stimme schwang eine Sorge mit. »Wir müssen die Wunde säubern. Das Feuer hat sie verunreinigt. Wenn er diesen Fluch überlebt und am Ende am Wundbrand stirbt, hat er nichts gewonnen. Und wir müssen ihn irgendwie zu Kräften bringen. Er braucht viel Wasser und Medizin! Setzt sofort einen Kessel auf. Wir brauchen eine Brühe. Wasser, Honig Salz. Und Beifuß oder Salbei! Was haben wir dabei?« Einer der Männer holte eine kleine, hölzerne Kiste und besah die Bestände durch. »Wir haben alles. Ich bereite sofort die Brühe zu!« Der Bader nickte zufrieden. »Wir müssen seine Beine hochlagern und ihm Wärme zukommen lassen. Legt ihn ans Feuer und deckt ihn zu. Und er muss viel trinken! Er braucht Salz und er braucht was Starkes! Glutbier!« Dann begann der Bader die Asche und die verkrustete Haut vom Hals zu lösen, indem er eine Tinktur aus Arnika darauf auftrug und die tote Haut abzog. Mit jedem Mal zuckte der Krieger doch er war so schwach, dass er kaum mehr einen Schrei hervorbrachte. Als die Wunde gereinigt war, verteilte er eine Wundsalbe darauf und wickelte diese mit einem Leintuch ein. »Wird er es schaffen?« erkundigte sich Ser Tarvain, welcher natürlich hoffte, dass dieser Angriff nur einen Toten zu beklagen hatte. Doch der Bader schüttelte den Kopf. »Er ist mit einem Fuß bereits in der Welt der Bernsteinseelen. Nur ein Wunder kann ihn noch retten.« Ser Tarvain verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann vollbringe dieses Wunder, Bader!«, befahl er wohlwissend, dass dies ein Befehl war, den man nicht ausführen konnte. Doch es unterstrich wie sehr ihm jeder einzelne Mann seines Trosses am Herzen lag. »Damit sein Körper sich beruhigen und erholen kann bräuchte ich Mohnblumensaft. Oder etwas ähnliches, dass ihn so lange betäubt, bis die Brühe und die Salbe Wirkung zeigen. »Dann gebt es ihm doch?«, erkundigte sich Ser Tarvain doch der Bader verzog eine grimmige Miene. »Wir haben nichts. Die Tasche, in der sich unsere ganzen Vorräte befunden haben, sind beim Angriff zu Bruch gegangen.« Ser Tarvain fluchte aufgebracht. »Schon in der ersten Nacht ein solch herber Rückschlag.« Er trat nach einem imaginären Stein und die Männer sahen den Frust der ihm nahe ging. Er war der rote Tod, der mehr Gefühle als nur Gnadenlosigkeit gegenüber dem Feind kannte. Mitgefühl und verzweifelte Sorge um einem Kameraden. Und solche Momente waren wichtige Anker für die Moral der Männer. Auch wenn man verwundet wurde. Ihr Kommandant würde alles dafür geben sie zu retten. »Was ist mit dem Glutbier? Reicht das nicht?« Der Bader schüttelte den Kopf. »Das ist zu schwach. Es wird eine Weile dauern bis es wirkt, und wenn wir ihm zu viel geben, wird er sich übergeben und alles wird noch schlimmer.« »Aber es muss doch etwas geben!«, donnerte die Stimme des Anführers und der Baders seufzte. »Nun. Opium wäre gut. Alternativ Schattendorn, Tollkirsche oder Alraune. Aber ich habe nichts davon.« Entaro, der das Gespräch natürlich mit angespanntem Interesse verfolgt hatte, warf daraufhin einen verschwörerischen und zugleich eindeutigen Blick zu Isaé…
Die Qual der Wahl ❖
14.09.2025 '14:14 [2.347 Wörter]
 wei jungen Soldaten in diesem Tross war das Glück nicht so hold gewesen, wie allen anderen. Sie wurden durch Düsterlinge schwer verletzt, denn diese hatten sich an einer prekären Stelle des Halses verbissen, und auch, wenn diese fliegenden Ungetüme relativ klein waren, konnten ihre scharfen spitzen Zähne erheblichen Schaden an einem Menschen anrichten, wenn es ihnen nur gelang, diese in die richtige oder eben falsche Stelle zu schlagen, je nachdem wie man es betrachtete. Und während der eine den Kampf gegen den Tod verlor und aus leeren Augen in die vom Lagerfeuer erhellte Nacht starrte, zeigte der andere einen starken Willen, den Kampf aufzunehmen. Während viele Männer, und auch Entaro sich um den Überlebenden bemühten, stand Isaé ein wenig abseits, spürte eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen und konnte ihre Blicke nicht von dem jungen Mann lösen, dessen Gesicht allmählich eine wächserne Blässe überzog. Er war noch so jung gewesen, voller Tatendrang und Kampfesgeist, und nun hatte er sein Leben verloren. Ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass dies mit der höchsten Wahrscheinlichkeit nach erst der Anfang war. Sie würden noch viel tiefer in diesen verwunschen wirkenden Wald eindringen, und wer konnte schon sagen, was ihr nächster Widersacher war. Sie wandte den Blick ab, als man dem Armen die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrannte. Doch ihre Ohren hatte sie nicht verschlossen, und der gellende Schmerzensschrei ging ihr durch Mark und Bein. Und während der Bader und andere beratschlagten, was man für ihn tun konnte, oder ob es zu spät für ihn war, forderte Ser Tarvain, dass man alles menschenmögliche tun sollte, um ihn aus den Fängen des Todes zu zerren. Doch wie konnte er das verlangen? Wie man hörte, war das wichtigste bei diesem Angriff zerstört worden, Die wichtigsten Tränke und Essenzen, die sie mitgeführt hatten. Es war beinahe, als wäre dies ein gezielter Schlag gegen den Tross gewesen. Um sie jetzt schon, am Beginn dieses Kriegszuges, moralisch wie auch taktisch zu destabilisieren. Während man dem Jungen einen Sud aus Wasser, Honig, Beifuß und Salz eigeflößt hatte, und ihn in warme Decken gepackt nahe ans Feuer legte, zählte der Bader, sichtlich demoralisiert auf, was dem Verwundeten, der mit einem Fuß schon an der Schwelle des Todes zu stehen schien, helfen würde, diese Nacht zu überleben. Opium. Isaé war es, als würde sie der Blitz treffen. Doch es war kein Blitz. Als sie nach einer kurzen Weile aufblickte, sah sie, dass Entaro sie mit Blicken förmlich durchbohrte. Sein Blick war eindeutig. 'Wir brauchen Opium und du hast Opium'. Sie nickte ihm zu und trat dann beherzt zu Ser Tarvain. "Ser Tarvain. Ich habe Opium bei mir. Es ist jedoch eine andere Art als das herkömmliche Opium. Aber es wirkt in selben Maße schmerzstillend und beruhigend." Ser Tarvain blickte sie ungläubig an, nickte dann aber. "Dann lasst uns keine Zeit verlieren und gebt ihm etwas davon." Isaé holte aus ihrer Tasche die Dose mit den Feuermohnkügelchen und trat dann an den Verwundeten heran und im selben Augenblick traten die Umstehenden ein paar Schritte zurück. Isaé legte ihm erst ihre Hand auf die Brust, dann schob sie ihre Hand unter den Schlitz des Halsausschnittes. Seine Haut war kaltschweißig. Als er die warme Hand der Hexenjägerin spürte, öffnete er seine verkniffenen Augen. "Du bist es, Hexenjägerin…" stieß er matt hervor und kleine blutige Speicheltröpfchen verließen seine Lippen. Isaé nickte. "Wie heißt du?" "Volaire…" stieß er zwischen den Zähnen hervor. "Das ist ein schöner Name. Volaire, ich bin gekommen, um dir zu helfen. Ich habe wertvolle Medizin für dich, und sie wird dir helfen." Volaire nickte matt während Isaé ein Opiumkügelchen zerbröckelte und zerrieb und in einen kleinen Becher mit einem Schluck Weinbrand mischte und es akribisch durchrührte um es schnell aufzulösen. Währenddessen sang sie leise kleine Strophen des Soldatenliedes, dass sie gelernt hatte. "Fürchte nicht diese Nacht…Wenn Albträume kommen, so halte nur stand, hör meine Stimme, nimm meine Hand…" Sie beobachtete Volaire, während sie das Opium auflöste. "Gebt mir noch etwas Honig dazu…" wandte sie sich an den Bader, und dieser nickte. "Legt Feuerholz nach!" wies sie die Umstehenden an. "…kein Schritt ist verloren, kein Feuer versiegt…" sang sie leise weiter, und dann reichte ihr der Bader den Becher mit dem mit Honig versetzten Opiumtrunk. Sie nickte ihm dankbar zu und wandte sich an Volaire. Doch plötzlich erkannte sie, dass dieser nicht mehr bei Sinnen war. Erschrocken weitete sie ihre Augen, und legte ihr Hand auf seine Brust. Doch sein Herzschlag war zu vernehmen und seine Brust hob und senkte sich leicht. Er war nur bewusstlos geworden, was aufgrund seines massiven Blutverlustes kein Wunder war. Isáe überlegte, was sie stattdessen tun konnte, und es fiel ihr nur eine Möglichkeit ein. Sie wandte sich um und ihre Blicke suchten den Bader. Aber plötzlich war er nicht mehr zu sehen. Vielleicht gab es andere Verletzte, die ebenso seine Hilfe brauchten. Und Isaé hatte keine Zeit zu hadern. 'Schlucken kann er nicht mehr, also bleibt nur mehr der Weg von unten.' Sie holte ein neues Kügelchen Feuermohnopium aus der Dose, schlug die Decke beiseite, öffnete den Gürtel Volaires und zog ihm die Hose hinunter. Mit dem Opiumkügelchen zwischen den Fingern voran tastete sie nach dem Eingang. Während hinter ihrem Rücken das unterdrückte Murmeln und Kichern der Männer anschwoll, schob Isaé das Opiumkügelchen dorthin, wo es wirken musste, denn es gab keinen anderen Weg, den Sterbenden zu retten. Doch so leicht die Hose hinuntergezogen war, so schwerer war es, sie wieder hochzuziehen. Isaé breitete die Decke darum wieder über den bewusstlosen Volaire und schüttete mit Bedauern die vorbreitete, aber nutzlose Opiumtinktur ins Feuer, wo es kurz aufzischte. Als sie sich neben Volaire bequem auf den Waldboden setzte, um ihn zu überwachen, räusperte sich einer der jungen Soldaten. "Opium im Arsch, die Hexenjägerin an der Seite, was will man mehr?" Da begannen einige mit hohen Stimmen zu gackern, manche pressten sich die Hand vor den Mund um nicht laut los zu prusten. Isaé blickte den Kerl finster an "Findest du das etwa lustig?" "Ich? Nein gar nicht. Aber, Hexenjägerin… ich hätte nicht gedacht, dass deine Heilkunst so… tief geht…" Erneut ging erheiterndes Lachen durch die Gruppe der jungen Männer. Isaé rollte genervt die Augen und wandte den Blick ab und Volaire zu. Sein Atem war tiefer geworden, und es schien, dass das Feuermohnopium zu wirken begann. Seine angespannte schmerzerfüllte Körperhaltung schien sich zu entspannen und mit einem wohligen Seufzen rollte er von der Seite auf den Rücken. Isaé legte ihre Hand auf seine Stirn, auf seinen Rücken und er fühlte sich nicht mehr so kalt an, wie noch wenige Momente zuvor. Da entdeckte sie den Bader, der wohl allen Anscheins nach nur kurz abgetreten war. Isaé, die sich nur noch von dem Haufen dümmlicher jungen Männer entfernen wollte, bat ihn, auf Volaire zu achten, und erklärte ihm kurz, was wichtig war zu wissen. Über bestimmte Nebenwirkungen jedoch schwieg sie sich aus.
Isaé packte das Opium wieder zurück in ihre Tasche, richtete sich auf und überlegte kurz, ob sie zu Entaro gehen sollte, doch da trat Ser Tarvain auf sie zu. "Hexenjägerin… auf ein Wort!" Sie nickte, und folgte Ser Tarvain, des forschen Schritts durch das Lager ging. Bei seinem Zelt angelangt schlug er die Zeltplane beiseite und forderte sie mit einer Handbewegung, einzutreten. Isaé betrat das Zelt Ser Tarvains und erfolgte ihr. Ein wenig verunsichert stand sie nun da und blickte ihn abwartend an. "Ser Tarvain, was gibt es?" fragte sie in nach einer kurzen Weile des Schweigens. "Zeigt mir eure Opiumdose" forderte er sie auf und Isaé blickte ihn fragend an. "Wozu?" entgegnete sie. "Bitte leistet meiner Aufforderung folge." Isaé verzog resignierend die Lippen und kramte aus ihrer Tasche die Dose mit dem Feuermohnopium hervor. Ser Tarvain streckte die Hand danach aus und als er die Dose öffnete, weiteten sich seine Augen. "Bei Daerean… Dann haben mich meine Augen doch nicht getäuscht. Wieviel führt ihr mit Euch? Und zu welchem Zweck?" "Ser Tarvain… Es ist auch Bestandteil des Flüsterholz Rituals. Feuermohn und Flüsterholz interagieren miteinander. Ich weiß, dass ihr es solche Mittel nicht gutheißt, doch ich schwöre, dass es…" Mit einer barschen Handbewegungen unterbrach er sie, und ebenso barsch waren seine Worte. "Das ist Vorrat für einen ganzen Tross, jedoch nicht für eine einzelne Person! Ich habe Heiler ein Fläschchen Mohnblumensaft mit sich führen sehen… zwei, im höchsten Fall. Aber das hier… das ist der Besitz einer Süchtigen!" "Ser Tarvain…" begann sie, doch Tarvain ließ sie nicht zu Wort kommen. "Isaé Edera! Überlegt euch genau, was ihr als nächstes sagt, wenn ich euch frage: Tragt Ihr all dieses Opium mit euch, weil Ihr heilt, oder weil Ihr ihm selbst verfallen seid?!" Er blickte ihr in die Augen, als ob er in ihrer Seele lesen konnte. "Ser Tarvain. Die Wahrheit ist, der Feuermohn ist mein ständiger Begleiter. Aber auch mein Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe es unter Kontrolle." Ein paar Herzschläge lang schwiege er, starrte sie an, so, als wolle er eine Lüge aus ihr herauspressen, die er besser ertragen hätte, als die Wahrheit, die sie ihm da aufgetischt hatte. Eine Wahrheit, die er dennoch nicht glaubte. Dann stieß er die Luft aus den Lungen, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und lachte bitter und freudlos auf. "Ich habe mein Tross, meine Männer euch anvertraut. Ihr sagtet mir, ihr könnt das Flüsterholz verstehen und ich habe euch geglaubt." Es ist doch auch so. Ich verstehe das Flüsterholz. Und wenn es zu mir spricht, dann vermag der Feuermohn das Flüstern zu verstärken! Das müsst ihr mir glauben!" Ser Tarvain fuhr unbeirrt weiter fort "Daerean steh mir bei… ich habe die Sicherheit meines Trosses einer Süchtigen überantwortet. Einer Süchtigen, die glaubt, das Gift zu beherrschen!" Isaés Stirn runzelte sich "Sagt, was ihr wollt. Aber ihr wisst, dass ihr mich trotzdem braucht. Ich habe euch den Beweis geliefert in eurer Waffenkammer. Und das habt ihr erkannt. Deswegen habt ihr mir euer Vertrauen geschenkt. Und nicht, weil ihr ein ach so guter Menschenkenner seid!" Ja, ich brauche euch. Und jetzt, da ich weiß, wie es wirklich um euch steht, macht es mich krank. Aber verwechselt Mangel an Wahl nicht mit Glauben an Euch. Mein Vertrauen in euch ist lediglich geliehen und ich nehme es zurück, wenn Ihr mich je enttäuscht." Isaé ward rasend wütend. Sie konnte sich überhaupt nicht entsinnen, wann sie das letzte Mal einen solchen Zorn verspürt hatte. Sie deutete mit ihrer Hand in Richtung des Lagers, in etwa dort, wo Volaire im Feuermohnrausch gegen den Tod kämpfte und schnauzte ihn an "Da draußen kämpft einer euer Männer gegen den Tod. Wenn er überlebt, dann habt ihr das mir zu verdanken, vergesst das bloß nicht, Ser Tarvain!" Von diesem Satz in geringem Maße geschlagen, richtete er den Finger drohend auf sie. "Wenn euretwegen oder wegen eurem verfluchten Opium etwas schiefgeht auf diesem Kriegszug, dann werde ich euch die Schuld daran geben und alleine euch zur Verantwortung ziehen, ist euch das klar?" Isaé blickte ich ihn eiskalt an "War das dann alles?" Er schnaufte. "Ihr könnt gehen." Sie nickte, wandte sich ab und verließ Ser Tarvains Zelt.
Und als sie schon gedacht hatte, dass dies der Höhepunkt der Schmach war, die sie hatte einstecken müssen, und es wohl kaum noch schlimmer kommen konnte, kam einer der Soldaten angelaufen, als sie ohnehin schon gedemütigt und wütend zurück zum Lager stapfte. "Fräulein Isaé, was habt ihr mit Voltaire gemacht?" Isaé fuhr der Schrecken eiskalt in die Glieder und sie blickte ihn fragend an. "Warum? Was hat er?" "Nun, geht, und seht es euch selbst an!" Isaé lief dem jungen Mann hinterher, und als sie zum Lagerfeuer kamen, wo sie Voltaire ruhig und schlafend dem Bader überantwortet hatte, fand sie einen gänzlich anderen Anblick vor. Es war ja auch eine absolute Seltenheit, dass sie den Feuermohnrausch unbeteiligt, und von der anderen Seite erlebte. Und dieser Anblick ließ sie beinahe Erstarren. Das Feuermohnopium hatte gewirkt. Schmerzenslaute und kehliges unruhiges Atmen waren gewichen. Doch nun trieb es den Körper in eine andere Richtung: sein Gemächt ragte unübersehbar keck und stramm unter der Decke, der Stoff wölbte sich, Volaire bewegte sich unruhig, halb wälzend, halb stoßend, als rang er im Traum mit unsichtbaren Geliebten. Seine Lippen murmelten zusammenhanglose Fetzen, ein kehliges Seufzen entkam ihm, dann wieder ein wohliger Laut, als wäre er in den Armen einer drallen Frau, anstatt an der Schwelle des Todes. Die Männer ringsum blickten verlegen, ein anderer biss sich auf die Lippen, um nicht loszuprusten. "Verdammt nochmal! Schirmt ihn ab! Hört auf so dämlich zu lachen! Wolltet ihr etwa so gesehen werden, wenn ihr euch im Todeskampf befindet???" rief sie zwei Soldaten zu. Doch die Zwei blickten nur zu Boden, während hinten schon das erste Glucksen losbrach. Binnen wenigen Augenblicken schwankte die Stimmung zwischen peinlicher Betroffenheit und dreckigem Gelächter. Man merkte deutlich die Abwesenheit Ser Tarvains. Oder lag es an der komischen Situation, die in jedem Fall, ob mit oder ohne Tarvains Anwesenheit losgebrochen wäre. „Bei Daerean... Das nenn ich mal eine Behandlung. Erst kurz vorm Verrecken, und dann mit einer Latte zurückkommen...“ murmelte einer, und die Hälfte des Trosses brach in unterdrücktes Lachen aus. Andere schüttelten nur ratlos den Kopf, unfähig zu entscheiden, ob sie Mitleid oder Spott empfinden sollten." So eine Heilung möchte ich auch! Erst halb verrecken, und sich dann ins Leben zurück ficken, jedenfalls siehts genauso aus!" " Hexenjägerin! Wenn das von eurem Mohn ist, dann gebt mir gleich zwei Kügelchen, völlig egal, wohin ihr sie mir schiebt!" "Wenn das ihre Heilkunst ist… dann jagt sie wohl keine Hexen, sondern ist selbst eine…" Und das wurde selbst Isaé zu viel. "Haltet den Mund, oder ich stopf euch selbst Feuermohn in den Arsch, bis ihr nicht mehr könnt!" Dch es war zu spät. Mit keinem Wort der Welt war diese Heiterkeit noch zu Brechen. Darum wandte sie sich ab und stapfte wütend davon. Aus der Lagerküche holte sie sich ein Glutbier und ging damit bis zum Rand des Lagers. Lieber würde sie in Gesellschaft von eine Horde Düsterlingen sitzen, als unter diesen unreifen Lästermäulern. Dann atmete sie tief durch und spülte ihre Wut und ihre Enttäuschung mit dem herben Glutbier herunter.
Ein Gebet für die Gefallenen ❖
14.09.2025 '16:37 [3.059 Wörter]
 ie ganze Situation wurde zu einem unkontrollierten Selbstläufer. Isaé bot ihre Hilfe an und auch wenn Entaro dankbar darüber war, dass sie ihr Geheimnis nicht für sich behalten hatte, wusste er, dass dies einige schwerwiegende Probleme verursachen würde. Er hatte sie ja gewarnt, dass Ser Tarvain kein Freund von Opiaten war. Außer natürlich zu Zwecken der Heilung, da es sich hierbei nicht vermeiden ließ. Aber Entaro war sich gewiss, dass es letzten Endes die bessere Entscheidung war. Wenn der Mann ohne ihre Hilfe sterben würde, dann hätte sie sein Blut an den Händen wegen der unterlassenen Hilfe. Und ob sie damit klarkommen würde? Ob Entaro damit klarkommen würde? Er sah die Hexenjägerin jedenfalls mit einem gewissen, respektvollen Stolz an. Ja, sie hatte das Richtige getan. Und egal was sich aus dieser Sache entwickeln würde, er würde dafür Sorge tragen, dass sie es nicht bereuen würde.
Entaro wandte sich, nachdem der Krieger versorgt worden war, zum Rand des Lagers. Isaé hatte alle Hände voll zu tun. Und er fühlte sich sichtlich nutzlos. Und da nun, da die Männer in Alarmbereitschaft standen, sah er auch keine unmittelbare Gefahr. Und so ging er zum Ende der Wagenburg und trat hinaus in die Schatten der Bäume. Doch in diesen Schatten lauerte ein uralter und tödlicher Schatten. Seine Augen glühten in der Dunkelheit und sein heißer Atem vertrieb die kalten Nebelschwaden. Entaro näherte sich dem Drachen und legte ihm seine Hand auf den Kopf. Natürlich wollte er auch nachsehen ob der Drache von den Düsterlingen angegriffen worden war, doch entweder war er nicht bemerkt worden, oder sie hatten seine Nähe gemieden. Entaro konnte nur hoffen, dass die Anwesenheit des Drachen für die Herren dieser Moore und Wälder unbemerkt geblieben war. Er war immerhin eine mächtige Trumpfkarte. Und wie beim Kartenspiel war es ungünstig seine Trümpfe zu früh auszuspielen. Natürlich wäre es praktisch gewesen, wenn der Drache sich am Kampf beteiligt hätte. Aber vermutlich hätte er mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht. Und insgeheim war Entaro dankbar dafür, dass der Drache sich nicht eingemischt hatte. Wäre Entaro verwundet worden, oder vielleicht sogar Isaé, wäre der Drache unweigerlich auf den Plan getreten. Doch so war er in den Schatten geblieben und hatte lediglich beobachtet. Entaro legte seine Stirn auf den Kopf des Drachen und seufzte. »Schwere Tage kommen.«, murmelte er und hielt sich dabei an einem der Hörner fest. »Aber diese Tage werden vorüber gehen. Und nur von noch schwereren abgelöst werden.« Entaro deutete dem Drachen in die Ferne. »Geh jagen.«, befahl der Drachenreiter und der Drache sah ihn mit stummen Blicken eindringlich an. »Alés Devorem!«, befahl Entaro und der Drache begann sich aufzurichten. Er trottete von dem Lager fort und verschwand in der Dunkelheit. Entaro sah ihm eine Zeit lang nachdenklich nach, bis er nicht mehr zwischen den schwarzen Schatten der Bäume und der Silhouette des Drachen unterscheiden konnte. Abermals seufzte er aber das Untier musste jagen. Es musste seine Instinkte schärfen. Es musste satt sein. Sonst war es keine Hilfe, wenn man sie brauchte.
Entaro ging wieder zurück zum Lager, in welchem sich eine gewisse Heiterkeit bemerkbar gemacht hatte. Neugierig folgte Entaro dem Gelächter und fand sich schließlich an jenem Feuer wieder, an welchem der Verwundete lag. Die Männer standen im Kreis und in ihrer Mitte stand Isaé. Sichtlich genervt. Schnell stellte sich heraus, dass der Feuermohn bereits eine Wirkung zeigte. Die Droge hatte sein Leben gerettet. Doch nun sah er sich dem Hohn und Spott seiner Kameraden ausgesetzt. Doch letzten Endes war dies einerlei. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen und Entaro seufzte zufrieden. »Verdammt nochmal! Schirmt ihn ab! Hört auf so dämlich zu lachen!« Entaro erkannte den Grund für das Gelächter. Der Krieger räkelte sich im Fieberwahn. Und Entaro starrte gebannt auf den Mann und seine Gebarden. Hatte er sich genauso benommen, als er sich im Rausch befunden hatte? Entaro fühlte sich mit einem Mal ganz anders. Unwohl. Beschämt. Gedemütigt. Und er konnte sich ausmalen wie der Krieger sich wohl fühlen würde, wenn er erst wieder erwachte und erfuhr, was er durchgemacht hatte. Das Wortgeplänkel zwischen den jungen Kriegern und der Hexenjägerin schaukelte sich hin und her, bis sie schließlich den Höhepunkt erreichten und Isaé wütend von dannen zog. Einer der Krieger warf ihr noch einen zotigen Spruch nach, den alle mit gedämpftem Gelächter belohnten. »Hexenjägerin! Wenn das von eurem Mohn ist, dann gebt mir gleich zwei Kügelchen, völlig egal, wohin ihr sie mir schiebt!« Entaro trat an den Mann heran und packte ihn forsch am Arm. »Ihr vergesst euch, Soldat. Wir sind hier nicht auf dem Jahrmarkt! Gedenkt eures toten Kameraden. Und bewahrt die Würde des Mannes der mit dem Tode ringt! Ihr seit Getreue des roten Todes und im Feindesland. Reißt euch gefälligst zusammen.«, brummte Entaro mürrisch, der die Worte schärfer gewählt hatte, als es möglicherweise nötig gewesen wäre. Aber vielleicht war dies auch mehr der Tatsache zu verschulden, dass Isaé von ihnen unflätig behandelt worden war. Aber seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Das Gelächter der Männer verstummte und sie nickten betreten. »Jawohl Ser.« Die meisten zerstreuten sich und die wenigen die geblieben waren gingen dem Bader zur Hand, der sich um den räkelnden und fiebernden Mann sorgte. »Wie geht es ihm?«, erkundigte sich Entaro und der Bader lächelte. »Er wird überleben. Und er wird furchtbar toben, wenn er erfährt was hier passiert ist.« Entaro nickte stumm und warf einen suchenden Blick nach Isaé. Doch sie war nicht zu sehen. »Seht es den Männer nach. Die Ereignisse waren chaotisch und die Heiterkeit hat ihnen gutgetan.« Entaro nickte. »Ich weiß. Die Moral wäre katastrophal, wenn beide Männer gestorben wären…« Der Bader unterbrach ihn. »Nein, es war auch so eine Katastrophe. Egal wie Ser Tarvain, die Männer oder der Junge darüber denken oder sprechen. Die Hexenjägerin hat ihm nicht nur das Leben gerettet, sondern auch die Moral die auf der Kippe stand. Morgen wird sie wieder darüber lachen.« Dessen war sich Entaro nicht so sicher aber er nickte verstehend. »Gewiss. Das wird sie wohl, auch wenn sie das wohl nicht so sehen wird, da der Scherz auf ihre Kosten ging.« Der Bader nickte verstehend. »Es wird andere Tage geben. Und wer weiß? Vielleicht sogar schon morgen.« Entaro legte dem Bader die Hand auf die Schulter und nickte dankend. »Dann haltet ihn am Leben. Der Spott soll nicht völlig umsonst gewesen sein.« Der Bader lächelte matt. »Ich kann es nicht versprechen. Aber seine Leibessäfte sind in Wallung. Und dass er…« er deutete auf die Beule, die sich unter der Decke abhob. »… das ist ein gutes Zeichen! Bei der Menge Blut, die er verloren hat. Er ist stark! Und er ist noch jung. Er wird eine Narbe davontragen, und sich sein ganzes Leben an diese Nacht erinnern.« Da lächelte Entaro bitter. Ob das eine Erinnerung war, an die man sich sein ganzes Leben erinnern wollen würde?
Entaro wandte dem Bader schließlich den Rücken zu und machte sich auf die Suche nach Isaé. Zweifellos war ihre Laune nicht die Beste. Aber was sollte er schon groß sagen? Er konnte ihr nur mit seiner Gegenwart etwas Trost spenden. Entaro stromerte durch das Lager und beobachtete die Männer dabei, wie sie Schäden reparierten, Lücken in der Verteidigung verstärkten, oder gemeinsam Glutbier tranken. Manche von ihnen hielten einen alten, eisernen Sporn in ein Feuer und wenn er heiß genug war, versenkten sie diesen in ihrem Humpen, was von lautem Zischen und weißem Dampf begleitet wurde. Stachelbier. Entaro fand den Geschmack dieses Soldatenbrauchs furchtbar. Es schmeckte einfach nur nach Rost, Kohle und Dreck. Aber er kümmerte sich nicht weiter darum. Und als er Isaé schließlich fand, bemerkte er, dass sie nicht alleine war. Ein Mann stand bei ihr. Etwas älter, vermutlich in Entaros Alter. Er hatte Isaé einen Humpen Bier gereicht und lehnte an der Wagenwand. Entaro verharrte etwas abseits und beobachtete die Beiden. »Nehmt euch die Worte der Männer nicht so zu Herzen, Hexenjägerin. Sie standen alle unter enormer Anspannung. Es war gut, dass sie etwas zu lachen hatten.« Isaé schien nur wenig überzeugt von seinen Worten zu sein, und tat einen kräftigen Schluck aus ihrem Humpen, was der Mann ihr dann gleichtat. »Ich danke euch, dass ihr ihm das Leben gerettet habt. Ich werde das nicht vergessen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Soldat und Entaro sah ihm noch einen Augenblick lang nach, bevor er sich selbst an Isaé annäherte. »Wer war das?«, erkundigte sich Entaro und Isaé zuckte mit den Schultern. »Der Bruder von dem räkelnden Überlebenden.«, murmelte Isaé und lächelte dabei bitter. Sie versuchte es mit einem weiteren Schluck aus dem Humpen zu kaschieren aber ihre Worte verfehlten die Wirkung dennoch nicht, denn sie zauberten auch Entaro ein Lächeln aufs Gesicht. »Nun, du kannst wieder darüber lachen. Das ist gut.« Er nahm neben Isaé Platz und ihr dann den Humpen aus der Hand. »Du solltest nicht so viel davon trinken. Das Zeug ist…heimtückisch.« Isaé protestierte mit stummer Stimme doch Entaro seufzte. »Wenn du zu viel davon trinkst, wird es dir leidtun.« Er deutete auf den Schritt und legte dabei den Kopf schief. »Es wird wie Feuer brennen. Darum nennt man es Glutbier.« Entaro zog seinen Wasserschlauch vom Gürtel und reichte diesen Isaé. »Wenn du Durst hast, kannst du gerne etwas von meinem Wasser haben.« Und in diesem Moment kam er sich so seltsam vor. Er sah Isaé in die Augen und starrte dann zuerst auf die Wasserflasche und dann auf den Humpen. Sein Blick war betreten. »Verzeih. Ich wollte dich nicht bevormunden.« Und dann nahm er selbst einen kräftigen Schluck aus dem Humpen und reichte ihn an Isaé zurück.
Dann lehnte er sich an die Wagenwand und schob das Schwert, welche sich dabei etwas verhakt hatte, von sich, so dass es beim Sitzen nicht störte. »Der Mann hatte Recht. Du hast sein Leben gerettet. Und das auf Kosten deines Geheimnisses. Das war ein großes Wagnis, das du eingegangen bist. Aber du hast das Richtige getan. Und ich stehe hinter dir. Ich bin…« Er wollte stolz sagen…aber er verstummte. «…Das war sehr ehrenvoll von dir. Das Leben eines anderen über das eigene Wohl zu stellen. Du hast bewiesen, warum der Drache dir vertraut. Und du kannst dir sicher sein, dass mein Vertrauen in dich dadurch nicht erschüttert wurde. Ganz im Gegenteil.« Isaé starrte mit leerem Blick in ihren Humpen. Es schien als ob die Worte aus Entaros Mund für sie nur Schall und Rauch waren. Entaro legte ihr seine Hand auf die Schulter und drückte dann seine Finger fest um den Oberarm, um ihr Halt zu geben.
Am nächsten Morgen erschallte ein Horn und die Männer versammelten sich in der Mitte der Wagenburg. Ser Tarvain stand bereits auf dem Platz und die Männer trudelten binnen weniger Augenblicke auf dem provisorischen Platz ein. »Hört mich an!«, befahl seine donnernde Stimme. »Der Feind hat uns letzte Nacht eine Botschaft geschickt. Und wir haben sie verstanden. Sie wollen uns nicht hier haben. Doch wir werden nicht weichen! Dennoch haben wir einen Verlust zu betrauern. Doch dank Mirou (derBader) und der Hexenjägerin…« Er hielt für einen Augenblick lang inne und warf Isaé einen Blick zu den wohl nur Isaé richtig zu deuten vermochte. »…hat Volaire die Nacht überstanden!« Die Männer johlten. Es war ein Johlen zu Ehren der Hexenjägerin aber auch zu Gedenken des Gefallenen. »Marik, Jen, Gibard, Rikon!« Die genannten traten sogleich einen Schritt hervor und legten sich die geballte Faust auf die Brust. »Ihr werdet einen Spähtrupp bilden. Erkundet das nahe Umland. Ich will wissen ob weitere Düsterlinge in der Nähe sind und ob andere Feinde in der Nähe sind. Ich erwarte jeden von euch wohlbehalten zurück! Geht mit Bedacht vor.« Die Männer schlugen sich die Hände auf die Brust und verließen den Platz. Die Männer die Tarvain ausgewählt hatte waren alles gestandene Männer mit viel Erfahrung in den Grenzlanden. Sie hatten schon mehr als ein halbes Dutzend Kämpfe gegen Soldaten aus Kalath, Raubritter und Andere erlebt und waren mit allen Wassern gewaschen. Doch Tarvain war noch nicht mit seiner Ansprache fertig. »Ich erwarte acht Freiwillige, die ein Grab für Luen ausheben um ihm eines Kriegers würdige Bestattung zukommen zu lassen. Ser Adun. Als gesalbter Bernsteinritter wären eure Gebete für das Heil seiner Seele von großem Wert.« Ser Tarvain warf Entaro einen fragenden Blick zu. Natürlich hätte er es Entaro auch einfach befehlen können und Entaro hätte dem Befehl Folge geleistet. Doch Tarvain hatte sich für diesen Weg entschieden, es Entaro offen zu lassen. Was letzten Endes nur dazu führte, dass Entaro, sollte er ablehnen, den Unmut der Krieger auf sich ziehen würde. Sollte er aber Folge leisten, umso mehr die Führerschaft Tarvains untermauern. Und Entaro wusste, dass er letzten Endes keine wirkliche Entscheidungsgewalt hatte. Er nickte ehrerbietend und legte sich dann ebenfalls die geballte Faust auf die Brust, wenngleich er dies auch nicht mit derselben Inbrunst wie die Krieger getan hatte. »Gewiss. Es ist mir eine Ehre, Ser Tarvain.«
Und damit war der Appell abgeschlossen. Ser Tarvain begab sich wieder in sein Kommandeurszelt und überließ es seinen Offizieren sich um das nötige zu kümmern. »Er wirkt angespannt.«, murmelte einer der älteren Soldaten und erntete dafür zustimmendes Gemurmel. »Die Düsterlinge könnens nicht gewesen sein. Er hat schon härteren Gegnern gegenübergestanden.« »Wie oft schon hat Ser Tarvain schon am ersten Tag einen Mann verloren?«, erkundigte sich Entaro und da sahen ihn die Krieger mit wissenden Blicken an. »Dies war das erste Mal. Und das ist kein gutes Omen, Bernsteinritter.«
Entaro schritt nachdenklich zu dem Toten. Man hatte ihn in seinen Mantel gewickelt. Mehr hatten sie nicht zur Verfügung. Acht Männer trugen Schaufeln und Hacken und jeder von ihnen legte eine Hand an eine provisorische Bahre, die sie aus Ästen gebaut hatten. Und so führte Entaro den Trauerzug aus der Wagenburg in den Wald, bis sie eine Stelle gefunden hatten, die leichten, lockeren Boden aufwies. Der Boden war morastig und locker, und zeugte davon, dass nicht weit von hier ein Moor oder Sumpf sein musste. »Dieser Ort ist gut.«, entschied Entaro und befahl den Männern das Grab auszuheben. Die Männer machten sich daraufhin wortlos ans Werk und Entaro begann in seiner Tasche nach dem Daereankleinod zu kramen. Als er es zu Tage förderte, raunte einer der Männer. »Ein Siegel.«, hauchte er und legte sich sogleich Daumen und Zeigefinger, mit denen er einen Kreis bildete, auf die Stirn und dann auf die Brust. Entaro lächelte müde. Ja, er hatte ganz vergessen, dass diese Steine fast schon ein heiliger Mythos waren. Kaum ein Akadier hatte je einen zu Gesicht bekommen. Man sah ihn nur bei besonderen Prozessionen. Entaro legte sich das Kleinod in die Hände und begann leise den salbenden Gesang. Es war ein Gesang ohne Stimme. Tiefes Gemurmel ohne Worte. Er summte den monotonen Gesang während die Männer Sich um Stich das Grab aushoben. Entaro begann die erste Strophe des Liedes der Gefallenen anzustimmen, und bei der zweiten stimmten die Männer, wie es Brauch war, in den Gesang mit ein, während sie weiterhin die Gräber aushoben.
Daerean, Hüter, Herr der Seelen,
Lass dein Licht für unsren Bruder schwelen.
Führ ihn ins Licht, das ewig brennt,
wo Licht und Schatten, auf ewig getrennt.
O Seelenhüter, sanft und weise,
führ ihn zur letzten stillen Reise.
Lass seine Stimme ewig klingen,
im Chor, den deine Flammen singen.
Als Entaro die dritte Strophe andichten wollte, hielten die Männer inne. Sie legten die Schaufeln nieder und zogen ihre Äxte aus den Gürteln. Entaro zog sein Schwert und Stille herrschte. Man könnte meinen, dass dies ein Teil des Rituals gewesen wäre, doch dem war nicht so. Ein Knacken im Unterholz hatte die Männer aufhorchen lassen. Doch nun herrschte Stille. Die Anspannung war den Männern ins Gesicht geschrieben und Entaro trat einen Schritt hervor. »Zeig euch, oder wir erklären euch als Feind!«, befahl er und kurz darauf trat ein Mann aus dem Schatten der Bäume. Er hielt beide Hände erhoben und sein schwarzes Haar hing ihm verwegen ins Gesicht. »Ihr habt gute Ohren.«, meinte der Mann und ein wissendes Lächeln umspielte seine Mundwinklel. »Wer seid ihr?«, erkundigte sich Entaro forsch und richtete die Klinge auf den Fremden. »Mein Name ist nicht von Belang.«, antwortete der Mann und Entaro seufzte. »Nun, wenn euer Name nicht von Belang ist, dann ist euer Leben auch nicht weiter von Belang.« Entaro deutete eine verborgene Geste an und die acht Axtkrieger begannen auszuschwärmen. Der Fremde sah neugierig zu, wie sie ihn zu umkreisen begannen. »Who. Mal langsam. Ich bin nicht euer Feind!«, erhob er die Stimme, die Hände noch immer leicht erhoben. »Dann gebt euch zu erkennen.« befahl Entaro forsch und der Mann seufzte. »Ich bin ein Hexenjäger aus Kalath. Eure Brüder sehen in mir womöglich einen Feind, darum wollte ich…« Entaro unterbrach den Mann unwirsch. »Ich habe nicht nach eurer Gesinnung oder eurem Handwerk oder eurer Herkunft, sondern nach eurem Namen gefragt. »Kalwen, von Niefurt. Zu euren Diensten.«, antwortete der Mann und deutete eine Verbeugung an die sowohl spöttisch als auch herausfordernd war. Doch Entaro nickte zufrieden. »Nun denn, Kalwen, von Niefurt, Hexenjäger aus Kalath. Was führt euch an diesen Ort?« Da lächelte der Mann »Nun, ich denke das gleiche könnte ich euch fragen. Krieger und Ritter aus Akadien?« Entaro lächelte dünn. »Und habt ihr gesucht was ihr gefunden habt?« erkundigte sich der Hexenjäger und Entaro blieb stumm. »Nur den Tod.«, antwortete einer der acht Krieger stoisch doch behielt seine Kampfeshaltung bei. »Darf ich meine Hände senken? Es ist etwas schwer sie so lange oben zu halten.« Entaro nickte und schob sein Schwert in die Scheide, doch den Männern bedeutete er weiterhin Wachsam zu bleiben. »Seid ihr alleine in den Grenzlanden?«, erkundigte sich Entaro und ein kurzes Lächeln umspielte die gekräuselten Lippen. »Wer weiß?«, antwortete er und Entaro brummte ungehalten. »Ihr spielt gerne Spiele, nicht wahr?« Der Hexenjäger lachte. »Nein. Aber in den Grenzlanden darf man nicht zu freizügig mit Worten umgehen. Sie können sich gegen einen richten.« Entaro seufzte stumm und gebot dann den Männern sich an die Arbeit zu machen. »Das Grab ist tief genug. Lasst ihn uns bestatten und dann zurück zur Wagenburg kehren.«, befahl Entaro und die Männer bahrten den Mann auf und hoben ihn über das Grab. Doch als der Hexenjäger einen weiteren Schritt auf sie zu tat, zog Entaro unweigerlich das Schwert. »Bleibt … auf … Abstand.«, befahl Entaro und der Mann hielt inne. »Ich gebe euch einen guten Rat, mein Freund. Ihr solltet eurem Kameraden den Kopf abschlagen und einen Pfahl ins Herz treiben, bevor ihr ihn in die verfluchte, feuchte Erde bettet.«
Selbstzweifel ❖
16.09.2025 '08:47 [2.119 Wörter]
 ie Nacht hatte sich über das Lager gesenkt wie ein schwarzes Tuch. Nur das entfernte Knistern der Lagerfeuer, das Lachen, Murmeln und angeregte Schwatzen der Männer störte die Stille. Einer der Soldaten hatte ein Musikinstrument ausgepackt und klimperte ein Lied darauf, doch Isaé hielt sich fern davon. Sie saß am Rande des Lagers im Schatten eines Wagenrades, die Knie angezogen, ihren Mantel unter sich ausgebreitet. Sie stützte ihre Arme auf ihre Knie und verbarg das zarte Zittern ihrer Hände nicht, da ohnehin niemand da war, der es sehen konnte. Sie sehnte sich nach einem Zug aus ihrer Pfeife. Wenigstens einen einzigen beruhigenden Zug aus der Pfeife, versetzt mit Feuermohn! Nur einer! Dann würde es ihr schlagartig besser gehen. Aber sie versuchte, gegen diesen unwiderstehlichen Drang anzukämpfen. Denn Ser Tarvains Worte, die immer noch in ihren Gedanken nachhallten, ließen es nicht zu, dass sie ihrem Verlangen nachgab. Sie hatten sich in Isaés Geist eingebrannt. "Wenn euretwegen oder wegen eurem verfluchten Opium etwas schiefgeht auf diesem Kriegszug, dann werde ich euch die Schuld daran geben und alleine euch zur Verantwortung ziehen!" Sie hatte Ser Tarvain verstanden. Klar und deutlich. Und das war das große Dilemma. Bald würden sich Entzugserscheinungen bei ihr einstellen. Sie zitterte bereits. Sie hatte bereits dem Drang widerstanden, diese Honig Opium Brühe, die Volaire nicht mehr in der Lage gewesen war zu schlucken, wegzukippen, anstatt es selbst einzunehmen. Welch Verschwendung! Bald würden sich zu dem Zittern noch andere Anzeichen gesellen, schlimmere Anzeichen. Erscheinungen, die auf diesem Kriegszug mehr Schaden als Nutzen bringen würden. Bisher hatte sie doch gut unter Feuermohn funktioniert, nur dieses eine Mal nicht, diese vergangene Nacht, als sie zusammen mit Entaro diesen Fluch gebrochen hatte. Da war sie völlig neben sich gewesen. Aber das war nur eine Ausnahme gewesen und von dieser hatte er zum Glück auch nichts mitbekommen. Tarvain verstand es einfach nicht. Er sah nur das Feuermohnopium. Er verstand nicht, dass Isaé das Feuermohnopium brauchte. Natürlich war Isaé nach dem Feuermohn süchtig. Das wusste sie auch, und das war wohl der Hautpgrund warum sie es mit sich trug und konsumierte. Allerdings war es hier in dieser Angelegenheit auch hilfreich, das Flüsterholz besser und klarer zu verstehen. Alleine diese Angelegenheit war schon Belastung genug. Aber es kamen auch noch andere Aspekte hinzu. Dass diese eine Nacht plötzlich alles auf den Kopf gestellt hatte und sie ihren Seelenfrieden verloren hatte. Nichts war mehr so wie es noch vor ein paar Tagen war. Alles, was möglicherweise wie unter einer Decke geschlummert hatte, war geweckt und hervorgezerrt worden. Zusammen mit Ser Tarvains Drohung und dem Spott und der Häme durch die Soldaten, die sie heute hatte einstecken, brach das, woran sie sich noch klammerte, in sich zusammen: die Hoffnung, dass alles sich in Wohlgefallen auflösen würde. Isaé starrte in die Dunkelheit, als könnte sie dort eine Antwort finden. Doch alles, was sie fand, waren ihre eigenen Gedanken, düster und schwer.
Isaés hob den Kopf, als sie bemerkte, dass ihre selbsterwählte Einsamkeit durch einen Mann gestört wurde, welcher zielgerichtet auf sie zu stapfte und ihre Nähe suchte. "Verzeiht. Ich sehe schon, dass ihr es vorzieht, alleine zu sein. Doch lasst mich kurz sprechen. Ihr habt meinem Bruder mit größter Wahrscheinlichkeit nach, das Leben gerettet. Ich habe eben mit dem Bader gesprochen. Er ist sehr zuversichtlich, dass Volaire es schaffen wird. Doch ohne euch wäre er längst gegangen." Isaé nahm sich den Glutbierkrug und umklammerte ihn fest mit den Händen um ihr Zittern zu verbergen und schüttelte den Kopf. "Er lebt noch, weil er stark ist. Ich habe ihm nur ein Mittel gegeben, damit er in der Nacht nicht alleine um sein Leben kämpfen muss, sondern Kräfte sammeln kann." "Aber damit habt ihr ihn gerettet!" Isaé dachte für einen kurzen Moment nach, und die Worte dieses Mannes waren wie Balsam für ihre Seele. Und ein sachtes Lächeln glitt über ihre Lippen. "Ich habe es gerne getan und würde es jederzeit wieder tun. Auch wenn mir dann erneut Spott und Hohn sicher sind." "Nehmt euch die Worte der Männer nicht so zu Herzen, Hexenjägerin. Sie standen alle unter enormer Anspannung. Es war gut, dass sie etwas zu lachen hatten." Isaé ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen, sie nickte, sagte dazu aber nichts. Stattdessen trank sie aus dem Humpen von dem Glutbier. Wenn man es so betrachtete, waren all ihre Sorgen nichts im Vergleich dazu, was der junge Mann hatte durchmachen müssen. Er hätte beinahe sein Leben verloren. "Ich danke euch, dass ihr sein Leben gerettet habt. Ich werde euch das nicht vergessen." Isaé nickte, dann ging er wieder fort. Und plötzlich stand der Drachenreiter vor ihr. Entaro blickte dem Mann kurz nach, dann wandte er sich Isaé zu. "Wer war das?" Isaé zuckte die Schultern. "Der Bruder von diesem sich räkelnden Überlebenden…" Ihr war eigentlich gar nicht nach Späßen zumute und doch huschte ein kurzes Lächeln über ihre Lippen, auch, wenn es ein wenig bitter war. Sofort nahm sie einen Schluck Glutbier, um sich hinter dem Humpen zu verstecken, aber Entaro hatte ihr Lächeln bemerkt und erwiderte es. "Nun, du kannst wieder darüber lachen. Das ist gut." "Nicht deswegen…" erwiderte sie.
Als Entaro neben Isaé Platz nahm, ergriff er den Humpen, den sie in der Hand hielt und nahm ihn an sich. "Du solltest nicht so viel davon trinken. Das Zeug ist heimtückisch. Wenn du zu viel davon trinkst, wird es dir leidtun. Es wird wie Feuer brennen. Darum nennt man es Glutbier." Stattdessen bot er ihr Wasser aus seinem Wasserschlauch an. "Ich trinke es nicht, weil ich durstig bin Entaro." Er schien Isaés seltsamen Blick zu bemerken, denn er wirkte mit einem Mal verlegen und entschuldigte sich, dass er sie bevormundet hatte. Nachdem er einen Schluck aus dem Humpen genommen hatte und ihn Isaé wieder zurückgab, meinte er " Der Mann hatte Recht. Du hast sein Leben gerettet. Und das auf Kosten deines Geheimnisses. Das war ein großes Wagnis, das du eingegangen bist. Aber du hast das Richtige getan. Und ich stehe hinter dir. Ich bin… Das war sehr ehrenvoll von dir. Das Leben eines anderen über das eigene Wohl zu stellen. Du hast bewiesen, warum der Drache dir vertraut. Und du kannst dir sicher sein, dass mein Vertrauen in dich dadurch nicht erschüttert wurde. Ganz im Gegenteil." Isaé ließ seine Worte auf sich wirken. Entaro legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte ihren Oberarm. Das war eine sehr ungewohnte, aber eine sehr schöne Geste. Undals ob er es gespürt hätte, erreichte sie Isaé in dem Moment, wo sie sie am dringendsten brauchte. Aber es war dennoch zu wenig. Und so neigte sie ihren Kopf und legte diesen auf seine Schulter und starrte hinüber zum Lager. "Habe ich wirklich das Richtige getan? Ich dachte ja. Und tief in meinem Inneren denke ich natürlich immer noch so. Ein Leben ist das wertvollste, das man nur besitzen kann. Aber warum fühlt es sich nicht richtig an? Ser Tarvain kam zu mir. Natürlich stand er neben mir, und sah mir zu, als ich bei Volaire kniete. Danach bat er mich, auf eine Unterredung mit in sein Zelt zu kommen. Dort forderte er mich auf, ihm meinen Feuermohnopium Vorrat zu zeigen. Ich tat es, weil er es verlangte und er war entsetzt. Er bezeichnete mich als Süchtige, und dass er sein Tross einer Feuermohnsüchtigen anvertraut hätte. Er sagte noch so viel mehr und ich wünschte, du wärst dabei gewesen, dann wäre die Sache vielleicht glimpflicher ausgegangen. Oh, ich habe ihn angeschnauzt, weil ich wütend war. Am Ende sagte er, wenn wegen mir oder dem Feuermohn etwas schiefgeht, wird er mir dafür die Schuld geben und mich dafür zur Verantwortung ziehen." Isaé entzog sich seinem Arm und rückte ein Stück weit von ihm ab um ihn besser ansehen zu können. Aber dann konnte sie es nicht und sah erst wieder zu Boden. Vielleicht, weil sie sich für ihre Worte schämte. "Entaro, es hat sich so plötzlich alles verändert, und ich komme damit nicht zurecht. Ich kenne mich selbst nicht mehr und ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Ich bin in einem Moment der absoluten Schwäche. Ich will nicht schwach sein, aber ich kann momentan auch nicht stark sein. Der Feuermohn hat mich fest in der Hand. Ich weiß nicht, wie ich diesen Kampf gewinnen soll. Mit ihm gehe ich irgendwann zugrunde, aber ohne ihn verliere ich mich. Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen „Aber du… Du bist der Einzige, der mich stets bewahrt, wenn ich mich selbst verliere. Du bist ein starker Fels in meinem Leben. Der Einzige, dem ich vertraue... Ein sarkastisches Lächeln huschte über ihr Gesicht "Du bist ja auch der einzige Mensch den ich wirklich kenne…" Sie hob ihre Hand die leicht zitterte, entschlossen, ihn wirklich zu berühren, aber dann wagte sie es nicht und legte sie stattdessen auf seine Hand. Sie war so warm, dass sie erst jetzt merkte, wie kalt die ihre war. „Aber du bist der wertvollste Mensch, der mir je begegnet ist." Ihre Stimme wurde leiser, fast zu einem flüstern: „Entaro… ich hätte nie gedacht, dass mir jemand so viel bedeuten kann." Für einen Moment überlegte sie, ob sie sich klar ausgedrückt hatte, ob er ahnte, was sie ihm damit sagen wollte. Aber dann entschied sie, dass sie schon viel zu viel geredet hatte. In ihr hatten sich wahrlich alle Schleusen geöffnet und vermutlich musste Entaro mit dieser brandenden Flut an Wörtern erst einmal zurechtkommen. Ein Schauer durchströmte ihren Körper, als sie ihm direkt in die Augen blickte, und von einem Gefühl ergriffen, das stärker war als ihre Furcht, neigte Isaé ihren Kopf, beugte sich zu ihm, und drückte sanft ihre Lippen auf die seinen.
Am nächsten Tag erwachte Isaé später als gewöhnlich. Sie hatte unfassbar tief geschlafen, was sie nicht verstand, denn sie hatte ja keinen Feuermohn geraucht. Aber als dann die Natur rief, schob sie diesen Umstand dem ungewohnten Glutbier zu. Und als sie dann, weit vom Lager am Boden hockte, um diesem Ruf der Natur freien Lauf zu lassen, da fluchte sie. Es stimmte. Es brannte wie Feuer. Kläglich kniff sie die Augen zusammen, bis sie sich vollends erleichtert hatte und schwor sich, nie wieder von diesem Bier zu trinken, das ihr im Vergleich zum Feuermohn als wahres Teufelszeug vorkam. Schließlich trottete sie zum Platz, wo die Lagerküche aufgebaut war. Doch die Frühstückszeit war längst vorbei, und als Isaé mit ihrer Schüssel angetrottet kam, blickte der Koch sie verdutzt an. "Is nichts mehr da!" Isaé zog ein langes Gesicht und beugte sich vor, um in den Kessel zu blicken. "Da ist noch ein bisschen. Das kann man doch zusammenkratzen?" Sie blickte ihn bittend an, daraufhin seufzte er und kratzte die Reste der Hafergrütze mit einer großen hölzernen Schöpfkelle zusammen und klatschte sie in ihre Schüssel. "Nächstes Mal etwas früher aufstehen, Mamselle, schon im eigenen Interesse…" brummte er, doch in seinem Tonfall lag kein Tadel, so dass Isaé ihm ein dankbares Lächeln schenkte. "Ich werds versuchen. Danke!" Damit trollte sie sich zu ihrem Schlafplatz zurück und aß erst einmal die Hafergrütze. Im Anschluss holte sie aus ihrer Tasche einen Kamm und begann damit, ihr Haar zu entwirren, trank einen Schluck Wasser aus ihrem Schlauch und spülte damit ihren Mund aus. Sie spuckte ins Gras und packte dann ihre wenigen Habseligkeiten wieder in die Tasche, als ein Hornstoß erscholl. Das allgemeine Gemurmel und der Lagerlärm verstummte, die Männer sprangen auf in der gewohnten Disziplin, und Ser Tarvain, der sich in der Mitte des Platzes der Wagenburg aufgebaut hatte, begann, eine Ansprache zu halten. Auch Isaé erhob sich, allerdings nach dem gestrigen Abend nicht aus Respekt, sondern weil sie keine Lust hatte, vielleicht noch einen Tadel vor allen einstecken zu müssen, weil sie nicht den nötigen Respekt zeigte, sich nicht unterordnen konnte, oder sonst welche Spinnereien, die er sich ausdenken konnte, um sie sekkieren. Nein, seit dem gestrigen Abend sah sie auch Ser Tarvain mit völlig anderen Augen. Sie wollte es nicht zu weit treiben, aber wenn sie behauptete, dass er bei ihr nach seiner gestrigen Ansage sämtliche Sympathien verspielt hatte, so lag darin ein gewisser Wahrheitsgehalt. Zwischen ihm und ihr bestand lediglich nur noch ein unterschriebener Vertrag. Entsprechend anteilnahmslos blickte sie in seine Richtung, während er seine Männer instruierte. Als er über Volaire sprach und dass er die Nacht überlebt hatte, machte sich ein warmes Gefühl der Erleichterung breit. Aber auch eine gewisse Genugtuung. Ja, Tarvain erwähnte sogar, dass es neben dem Bader Mirou, ihr, der Hexenjägerin, zu verdanken gewesen war, dass er noch am Leben war und er warf ihr zusammen mit einer bedeutungsvollen Redepause auch einen Blick zu. Was auch immer in seinem Blick lag, der ihre war selbstgefällig und triumphierend. Dann wandte sie sich ab, um nach Volaire zu sehen. Und außerdem sie hatte genug gehört.
Kalwen von Niefurt ❖
17.09.2025 '00:51 [3.941 Wörter]
 anft umspielte das dumpfe Licht der Lagerfeuer Isaés Gesicht. Sie wirkte zurückgezogen und in sich gekehrt. Entaro spürte, dass da etwas mehr als nur der Spott der Männer. Und als er ihr seinen Arm auf die Schulter legte, reagierte Isaé instinktiv und lehnte sich an ihn an, wie an einen Fels in der Brandung. »Habe ich wirklich das Richtige getan?« Entaro räusperte sich. »Natürlich hast du das. Dank deinem Feuermohn wird er vermutlich die Nacht überleben. Und er hat dabei noch einen schönen Traum.«, Entaro versuchte die niedergeschlagene Stimmung mit etwas Humor aufzulockern. Aber kaum hatte er die Worte ausgesprochen kam er sich unglaublich dämlich vor. »Aber warum fühlt es sich nicht richtig an?« Da sah ihr Entaro tiefer in die Augen und sein Blick wurde forscher und eindringlicher. »Ist da vielleicht mehr als du mir bisher erzählt hast?« Isaé seufzte und schlug dabei die Augen nieder. »Ser Tarvain.«, da verstand Entaro. Er hatte sie vermutlich zur Rede gestellt. Entaro wusste wie Tarvain über Opium und andere Rauschmittel dachte. Entaro hatte Isaé ja diesbezüglich extra gewarnt, es geheim zu halten. Und nun hatte sie es getan um einen anderen Mann das Leben zu retten. Tarvain musste dies natürlich auch anerkennen, aber nichtsdestotrotz war es ein Vertrauensbruch. Nun verstand Entaro auch Isaés Niedergeschlagenheit. »Er bezeichnete mich als Süchtige, und dass er seinen Tross einer Feuermohnsüchtigen anvertraut hätte. Er sagte noch so viel mehr und ich wünschte, du wärst dabei gewesen, dann wäre die Sache vielleicht glimpflicher ausgegangen.« Entaro bezweifelte das. Wenn Ser Tarvain der rote Tod war, war er nicht mehr er selbst. Er war ein Kommandant. Aber Entaro äußerte sich nicht dazu, sondern nickte nur stoisch. »Und wie hast du darauf reagiert?«, erkundigte er sich. »Oh, ich habe ihn angeschnauzt, weil ich wütend war. Am Ende sagte er, wenn wegen mir oder dem Feuermohn etwas schiefgeht, wird er mir dafür die Schuld geben und mich dafür zur Verantwortung ziehen.« Entaro seufzte. Das hatte er befürchtet. Aber er schenkte Isaé ein aufmunterndes Lächeln. »Ich verstehe deinen Frust.«, begann er und räusperte sich dann. »Aber du wirst sehen. Es wird immer heißer gekocht als gegessen. Sobald du ihm bewiesen hast, dass seine Befürchtungen unbegründet sind, wird sich alles wieder einrenken.«
»Entaro, es hat sich so plötzlich alles verändert, und ich komme damit nicht zurecht. Ich kenne mich selbst nicht mehr und ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Ich bin in einem Moment der absoluten Schwäche.« Entaro verstand Isaé ganz genau. Ihm ging es dabei recht ähnlich. »Keine Sorge, Isaé. Ich bin immer für dich da, wenn du Hilfe brauchst. »Der Feuermohn hat mich fest in der Hand. Ich weiß nicht, wie ich diesen Kampf gewinnen soll. Mit ihm gehe ich irgendwann zugrunde, aber ohne ihn verliere ich mich.« Entaro räusperte sich. »Wenn du möchtest, kannst du mir deine Dose geben. Ich werde sie verwahren und dann führt sie dich nicht mehr in Versuchung. Und immer, wenn es dir nicht gut geht, bin ich dein Anker der dich bei Verstand hält?« Daraufhin sahen beide sich direkt in die Augen. »Du bist der Einzige, der mich stets bewahrt, wenn ich mich selbst verliere. Du bist ein starker Fels in meinem Leben. Der Einzige, dem ich vertraue...« Entaro lächelte bitter. »Das habe ich dir doch auch versprochen. Erinnerst du dich?« Nun war Isaé es die bitter, fast ironisch lächelte. »Du bist ja auch der einzige Mensch den ich wirklich kenne.« Entaro seufzte. Nun, damit lag sie natürlich nicht gänzlich falsch. Sie waren durch sehr seltsame, zufällige Umstände aneinandergeraten. Ein uraltes Band hat sie zusammen gezwungen. Also konnte man auch gar nicht mehr wirklich sagen was Isaé und Entaro wirklich miteinander verband. Freundschaft? Der Drachenschwur, ihre Lebensschuld, der Feuermohn, oder etwas anderes…tieferes…menschlicheres?
Isaé brach das kurze Schweigen, dass zwischen ihnen gehangen hatte wie eine unsichtbare Kette. »Du bist der wertvollste Mensch, der mir je begegnet ist.« Entaro spürte, dass sich etwas in Isaé veränderte. Ihre Blicke wurden durchdringender, ihre Körpersprache hin und hergerissen. Entaro spürte, dass da etwas in der Luft lag, dass über einfache Verbundenheit hinausging. Und tief in seinem innersten wusste er, dass dies ein zweischneidiges Schwert war. Er war, ebenso wie Isaé, hin und hergerissen. Er stand an einem Scheideweg. Zwischen ritterlicher Ehre und den Regeln und Schwüren seines Ordens. Doch Entaro war auch nur ein Mann. Und Isaé war eine attraktive Frau. Sie hatten immer wieder, im Laufe ihrer Reise, solche Momente gehabt, in denen sie sich nähergekommen waren. Doch stets war da dieses trennende Schwert zwischen ihnen gehangen. Er musste seine Ritterlichkeit wahren. Er durfte nicht Momente ihrer Schwäche, seien sie emotionaler oder berauschter Natur, ausnutzen. Dies widerstrebte allem wofür er einstand. Doch tief in seinem Innersten war ein Verlangen geboren. Nein, vielmehr war es aus der Vergessenheit seiner Vergangenheit zurück in seinen Verstand gekrochen. In Isaé mehr als nur eine Freundin, mehr als nur eine Schutzbefohlene zu sehen. Dies widersprach den Tugenden des Bernsteinritterordens. Es widersprach dem Segen Daereans, dessen Siegel er in seiner Tasche trug. Fast schon spürte er eine warnende Wärme, die davon auszugehen schien, als ob es ihn davor warnen würde den falschen Pfad einzuschlagen. Doch Entaro war innerlich zerrissen. Wenn man sich ehrlich war, war er sogar innerlich zerbrochen. Er war einsam. Er hatte Sehnsüchte. Und sein Glaube war ins Wanken geraten, seit er an der Schwelle des Todes gestanden hatte, aber das Licht Daereans ihn nicht in Empfang genommen hatte. Alles was Entaro ausmachte. Alles was Entaro repräsentierte. Sein ganzes Wesen, wirkte wie von einem zerbrochenen, verschwommenen Spiegel reflektiert. Er kam sich selbst so fremd vor, und zugleich fühlte er sich dabei sowohl unbehaglich als auch irgendwie befreit. Als ob das Schicksal ihm Zeichen sendete die er weder verstand noch akzeptieren konnte. Die innere Barriere in seinem Geist und den gelernten Dogmen, verhinderte, dass er sich dem Schicksal ergab. Er kämpfte nach wie vor dagegen an, unfähig sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Und dabei gab es in seiner Vergangenheit ein Leben vor den Regeln des Ordens und den Dogmen Daereans. Menschliche Dogmen. War dies wahrlich Daereans Wille? Entaros Gedanken wurden jäh durchbrochen als Isaé sich vorbeugte, und ihr Gesicht sich seinem immer mehr annäherte. Entaro schloss die Augen. Als würde er einen tödlichen Schwerthieb erwarten. Doch dann legten sich sanft ihre weichen Lippen auf die seinen. Und als Isaé sich wieder von ihm löste, schien ihr mit einem Mal, als ob sie ihm nicht mehr in die Augen sehen könnte. Sie entzog sich ihm und wandte sich ab., während Entaro in seine Gedanken versank. Entaro hatte ihr Trost spenden wollen, als ein Freund. Aber war dies sein einziger Antrieb gewesen? Diese Gedanken vergingen wieder, bevor Entaro sie weiter ausführen konnte. Isaé vertraute ihm. Und nicht nur das, sie sah mehr in ihm als nur einen Freund. Entsprangen diese Gefühle ehrlicher Natur? Oder sind sie geformt worden durch uralte Schwüre, das Drachenband, den Eindrücken des Feuermohns und den Umständen ihrer inneren Unsicherheit, geboren aus Einsamkeit und Konflikten? Aber war dies letzten Endes nicht genau das, warum Menschen zueinander fanden? Warum Menschen sich aneinander banden? Weil es ein unsichtbares Band gab, das sie miteinander verband? Und bei diesem Gedanken lächelte Entaro. Es war ein bitteres Lachen das zugleich aber auch ehrliche Freude bedeutete. Er wollte Isaés Vertrauen um keinen Preis enttäuschen. Und als sie ihm dann einen Kuss gegeben hatte und danach einfach aufgestanden und gegangen war, hatte Entaro sie am Arm festgehalten und sie daran gehindert zu gehen.
Seine Gedanken waren völlig losgelöst gewesen. Ihre Geste war doch nur eine ebenso freundliche, wenn auch etwas direktere, Art gewesen, ihre Dankbarkeit zu zeigen. Oder ihre Art zu zeigen, dass er ihr etwas bedeutete. Entaro war nicht dumm. Er wusste, dass dies auch etwas weitaus tiefer Gehendes bedeutete. Doch schwangen in ihm noch diese anderen Bilder durch den Kopf. Bilder die ihm dieser Rausch vorgegaukelt hatte? Bilder in denen er Isaé in einem völlig anderen Bild gesehen hatte als noch vor diesem Ritual. Und er haderte damit und auch mit sich selbst. »Isaé…«, hob er seine tiefe Stimme an und sah ihr dabei in die Augen. »Ich bin…ich muss dir etwas sagen.« Er rang mit den Worten. »Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich kann die Verbindung zwischen uns spüren. Ich erkenne den Wink des Schicksals. Doch ich habe so viele Bruchstücke in mir, die alle scharfe Kanten haben. Ich möchte dich nicht verletzen. Und ich verstehe manche Bilder einfach nicht. Tief in meinem innersten ist vor vielen Jahren etwas zerbrochen und es ist nie verheilt. Und letzte Nacht, als wir das Ritual durchgeführt haben, zeigte mir mein Innerstes ein Bild von dir, das nicht du warst. Du warst…« Entaro rang mit den Worten. Es war ihm sichtlich unangenehm darüber zu sprechen. Es war unredlich…obszön…nicht ritterlich. Doch der Pragmatismus in Entaro errang die Überhand. »In diesem fiebrigen Traum habe ich dich vor mir gesehen. Du hast mir tief in die Augen gesehen, wie jetzt auch. Doch in deinem Blick lag etwas raubtierhaftes, etwas Verdorbenes. Und du hast deine Kleidung vom Körper rutschen lassen und ich habe dich gesehen, in all deiner Schönheit. Und diese Bilder bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe sehe ich dich. Es fühlt sich falsch an. Wenn ich mich auf diese Gefühle einlasse, dann muss es ehrlich sein, frei von Zweifeln.« Wie sehr konnte er auf diese Gedanken und Eindrücke vertrauen? Waren dies einfach nur Eindrücke und Bilder die ihnen vorgegaukelt worden waren und sie diese nun als Wahrheit empfanden, obwohl dies nur eine Illusion war? Oder war dies eine echte Verbindung, die nur durch die äußeren Umstände in Gang gebracht worden waren? Entaro war ein Mann von Ehre. Und zugleich auch ein Mann, der von einer tiefen Sehnsucht erfüllt war. Und auch wenn er es sich selbst nicht zugestand, war er auch sehr lange ein sehr einsamer Mensch gewesen. Und ein solches Leben hinterlässt Spuren. Manche solcher Spuren bleiben vermutlich ein ganzes Leben lang und andere sind nur schwer abzulegen. »Ich…ich weise dich nicht zurück Isaé. Doch ich brauche mehr Zeit. Kannst du das verstehen?«
Entaro stand am Grab des gefallenen Kriegers und seine Gedanken waren an diesen Moment mit Isaé abgeschweift. Doch die Worte des Hexenjägers hallten in seinem Kopf nach. »Ihr müsst ihm den Kopf abschlagen und einen Pfahl ins Herz treiben.« Entaro starrte nur stoisch ins Leere und wurde kurz darauf aus seinen Gedanken gerissen, als einer der Krieger entrüstet die Stimme erhob. »Seid ihr von Sinnen?«, herrschte der Mann den Hexenjäger an. »Wir sollen den Toten schänden, ihnen den Kopf abschlagen und dann noch einen Pfahl ins Herz treiben?« Der Hexenjäger nickte bestimmend. Es war kein Spiel, er war felsenfest davon überzeugt. Doch dies sorgte nur noch mehr für Unmut unter den Männern. »Wenn wir seinen Körper von seinem Kopf trennen und dann noch sein Herz durchbohren, wird seine Seele an diesem Ort gebunden bleiben und nicht zu Daerean zurückfinden!« Die Krieger sahen zu Entaro und insgeheim verfluchte er Ser Tarvain, dass er ihn dazu genötigt hatte diese Beerdigung zu begleiten. Natürlich war er irgendwie ein Mann des Glaubens. Aber er hatte schon Dinge gesehen, die diese Männer sich nicht einmal vorstellen konnte. Er kannte diesen Aberglauben aus Kalath, wohl hatte er aber noch nie einen Beweis dafür gesehen, denn er hatte auch noch nie einen Mann gesehen, der wieder zurückgekehrt war. Für ihn war es also ebenso Aberglaube, der aber auf einer realen Angst der Menschen begründet fußte. Und da Entaro auch ein pragmatischer Mensch war, wog er die Konsequenzen miteinander ab und kam letzten Endes zu dem Schluss, dass es deutlich fataler wäre, den Glauben der Akadier auf eine solch barbarische Weise mit Füßen zu treten. Selbst in Anbetracht der Erkenntnis, dass er in seinem eigenen, einst unerschütterlichen, Glauben ins Wanken geraten war. Er würde die Moral des ganzen Tross erschüttern und zugleich auch den Respekt der Männer - vor ihm, vor seinem Status und dem Orden selbst - verlieren. »Ich danke euch für euren Rat, Kalwen von Niefurt…« Der Hexenjäger schnalzte mit der Zunge. »Bitte. Nennt mich einfach nur Kalwen. Ich bin kein adeliger Mann.« Entaro seufzte und nickte dann verstehend. »Also gut. Kalwen, Ich danke für euren Rat. Doch wir werden unseren Kameraden auf unsere Weise bestatten.« Kalwen spuckte daraufhin auf den Boden und zuckte dann mit den Schultern. »Nicht, dass ihr am Ende mir die Schuld gebt, weil ich nichts gesagt habe.«, maulte der Hexenjäger, für Entaros Geschmack etwas zu, süffisant. »Wenn unser Kamerad zurückkehren sollte, werden wir ihn wieder zurückschicken.«, antwortete Entaro daraufhin nur und die Männer nickten und begannen dann schließlich den Leichnam in dem Grab zu versenken. Er öffnete die kleine Flasche, die er aus dem Lager mitgenommen hatte, und schüttete das Öl daraus über den Leichnam. Und dann nahm er eine der Fackeln, welche die Männer beim Trauermarsch getragen hatten, und warf sie auf den Leichnam. Flammen schossen aus dem Loch im Boden und kurz darauf roch es nach Rauch, verbranntem Fleisch und stinkendem Öl. Als alles erledigt war und das Feuer erloschen, begannen die Männer das Grab zu schließen. Als die Männer die letzte Schippe moorige Erde auf das Grab gehäuft hatten, begannen sie, nach akadischem Brauch einen Bernstein auf das Grab zu legen, umrandet von einem Ring aus weißen Kieseln. Und jeder der Männer sprach ein kurzes Gebet, dass seiner Seele Frieden bringen möge.
Als sie sich anschickten zum Lager zurückzukehren, hielt Entaro einen Moment lang inne. »Was machen wir nun mit euch?«, erkundigte sich Entaro und Kalwen sah Entaro fragend an. »Was soll mit mir sein?« Entaro seufzte. »Wir können euch nicht hierlassen. Eure Gesinnung ist, trotz eurer Beteuerungen, nicht gänzlich geklärt. Und so wie ich unseren Kommandanten kenne, wird er es nicht gutheißen, wenn ich einen potentiellen Feind, oder einen möglichen Verbündeten, hinter den Linien des Lagers zurückgelassen habe.« Darauf seufzte Kalwen, abermals theatralisch wie zuvor auch. »Also habe ich ohnehin keine andere Wahl?« Entaro nickte bestimmend. »Also händigt mir eure Waffen aus und folgt uns zu unserem Lager.« Kalwen seufzte theatralisch. »Muss das denn sein?« maulte er, fast als würde man einem Kind ein Spielzeug wegnehmen wollen und Entaro rollte genervt mit den Augen. »Das ist doch zweifellos nicht das erste Mal, dass ihr vor einen Höhergestellten tretet und eure Waffen abgeben müsst. Also Schluss mit diesen lächerlichen Spielchen.« Kalwen warf Entaro einen mürrischen Blick zu. Er gurtete sein Schwert von der Hüfte und zog die Dolche aus seinen Scheiden und reichte alles davon an Entaro. »Die Phiolen ebenfalls.« blieb Entaro beharrlich, was Kalwen einen neugierigen Blick abrang. »Das ist nur etwas Schimmeröl. Keine Waffen.« Entaro seufzte. »Es könnte aber mit Flüsterholz oder Resonanzkohle versetzt sein und als Brandwaffe dienen.« Da nickte Kalwen und zog auch den ledernen Riemen, an welchem sich die Phiolen befanden, von seinem Gurt. »Ihr seid schon mehr als einem Hexenjäger begegnet, wie es scheint?« Entaro blieb ihm eine Antwort auf diese Frage schuldig und gab ihm schließlich einen dezenten Stoß in die richtige Richtung. »Wir gehen.« Entaro deutete dem Hexenjäger den acht Männern zu folgen. Als sich der Hexenjäger schließlich in Bewegung gesetzt hatte, schickte sich Entaro schließlich an ihnen ebenfalls zu folgen, und behielt dabei den Hexenjäger im Blick. Natürlich hatte er das Kerbholz an seinem Gürtel bemerkt. Auch die restliche Ausrüstung, welche sich doch in gewisser Weise stark von Isaés zu unterscheiden schien. Entaro hatte schon so manchen Hexenjäger auf seinen Reisen getroffen. Viele von ihnen agierten nach einem Muster. Doch die meisten von ihnen haben dennoch ihre eigene Art und Methoden wie sie ihrer Arbeit nachgingen. Und ein wenig war Entaro auch neugierig, was es bei Kalwen war. Entaro schritt den akadischen Kriegern nachdenklich hinterher. Dieser neue Hexenjäger, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, könnte sowohl eine große Hilfe, als auch für große Probleme sorgen. Er konnte es noch nicht wirklich einschätzen. Aber Ser Tarvain würde eine Entscheidung fällen. Er war der Kommandant und wie auch immer diese Entscheidung ausfallen würde, Entaro würde sie akzeptieren. Letzten Endes war es ihm auch einerlei, solange dieses Unterfangen am Ende nicht zum Tod vieler Männer führte.
Als sie das Lager erreichten ließ er die akadischen Krieger sich zerstreuen und bedeutete dem Hexenjäger ihm zu folgen. »Wir gehen zu Ser Tarvain. Er wird entscheiden.« Da hielt der verwegene Mann inne und in seinem Blick war, zum ersten Mal seit Entaro ihm begegnet war, ein Blick zu erkennen, der als Unsicherheit oder Zurückhaltung gedeutet werden vermochte. »Ser Tarvain? Der Ser Tarvain?«, hakte er nach und Entaro sah den Mann stoisch und ausdruckslos an. »Kennt ihr ihn etwa?«, erkundigte sich der Bernsteinritter und Kalwen schüttelte stumm den Kopf. »Oder habt ihr schon von mehr als einem Ser Tarvain gehört?«, hakte Entaro abermals nach und erneut schüttelte Kalwen den Kopf. »Ser Tarvain. Der rote Tod?« Entaro schnaubte grimmig. »Genau der.« Da seufzte Kalwen und blies seine Wangen auf. »Na das wird interessant werden.« Entaro legte den Kopf ein wenig schräg und besah den Mann mit fragenden Blicken. Doch die Frage, die zu diesen Blicken gefehlt hatte, sprach er nicht aus. Stattdessen deutete Entaro auf das Zelt des Kommandanten. »Nach euch, Kalwen von Niefurt. Hexenjäger aus Kalath.« Und er ertappte sich dabei, wie sich ein dünnes Lächeln auf seine Lippen stahl.
Entaro führte Kalwen in Ser Tarvains Zelt und als der Kommandant den Bernsteinritter erkannte lächelte er, doch dieses Lächeln erstarb auf den Lippen als er den Hexenjäger bemerkte. »Ah, Ser Adun. Ihr seid zurück.« Er warf dem Hexenjäger einen prüfenden Blick zu und wechselte dann wieder zu Entaro. »Und wer ist das?«, erkundigte er sich forsch.»Das ist Kalwen von Niefurt. Hexenjäger aus Kalath.« Ser Tarvain nahm den Mann abermals in Augenschein. »Ein Hexenjäger…», murmelte er und in seiner Stimme schwang ein seltsamer Ton mit. Kalwen räusperte sich und kratzte sich dann verlegen am Hinterkopf. »Seid gegrüßt, Ser Tarvain dé Marçien.« Kalwen reichte dem roten Tod die Hand zum Gruße, doch dieser erwiderte den Gruß nicht.

»Kalwen lächelte dünn und ließ seine Hand wieder sinken. Verletzter Stolz trug tiefe Narben. Das wusste Entaro und er entschied, diesen Mann genau im Auge zu behalten. Vermutlich lag ihm irgendein schlauer Spruch auf den Lippen. Entaro konnte sich förmlich vorstellen, wie er seine Hände erhob, dabei prahlend behauptete, keine Waffen zu benötigen um Ser Tarvain töten zu können, wenn er es denn wollte. Doch der Hexenjäger entpuppte sich als ein Mann, der wusste, wann man besser schwieg. »Ser Adun, lasst mich mit dem Mann unter vier Augen sprechen.«, verlangte Ser Tarvain. Entaro nickte, ohne sich dabei zu verbeugen, wandte sich auf der Stelle um und verließ daraufhin, mit einem flüchtigen, dünnen Lächeln in Kalwens Richtung, das Zelt. Der Hexenjäger war nun nicht mehr sein Problem. Und Entaro übergab seine Waffen an einen der nahen Soldaten. »Die Waffen des Hexenjägers. Wir haben doch sicher einen Ort, an welchem wir sie solange aufbewahren können, bis Ser Tarvain es ihm wieder gestattet sie zu tragen?« Der Soldat nickte und nahm die Waffen schließlich an sich.
Und so hatte Entaro diese Aufgabe hinter sich gebracht. Nun war er solange frei von Verpflichtungen, bis Ser Tarvain und Kalwen miteinander fertig waren. Und Entaro sah sich suchend im Lager um. Er ertappte sich dabei, dass seine Blicke auf der Suche nach Isaé waren. Doch er konnte sie nicht ausmachen. Stattdessen begab er sich zu den Soldaten, welche auf der Wagenburg Wache hielten. Die Männer saßen stets in Gruppen von drei Männern und überwachten die Umgebung. Entaro hatte sich einem dieser Gruppen genähert und als er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, nickte er den Männern zum Gruße. »Sind die Späher bereits zurückgekehrt?« Die Soldaten schüttelten den Kopf. »Nein, Ser. Wir erwarten sie nicht vor Einbruch der Dunkelheit. Wenn sie bereits wieder hier wären, hätten sie Ärger gefunden.«, antwortete einer der Soldaten und ein zweiter brummte. »Oder der Ärger sie.« Entaro nickte nachdenklich doch fühlte er sich hier genauso nutzlos, wie bei Ser Tarvains Zelt, oder gar bei seinem eigenen.
Es herrschte so eine seltsame, angespannte Stimmung. Es gab nicht wirklich etwas zu erledigen. Aber gleichzeitig lebte man unter der ständigen Anspannung, dass jederzeit etwas passieren konnte. Man musste kampfbereit sein. Man musste Abmarschbereit sein. Es gab kaum Zeit für einfaches Trübsal blasen oder schlichte Tagträumerei. Und immer wieder ertappte sich Entaro dabei, dass seine Gedanken zu Isaé abschweiften. Letzten Endes war dieser seltsame Zustand nur so lange von Dauer bis entweder die Späher zurückkehrten, oder Ser Tarvain sein Gespräch mit dem Hexenjäger beendet hatte, oder Isaé zufällig in seine Arme stolperte. Und es dauerte auch nicht sehr lange, da trat der Kommandant, gefolgt von Kalwen, aus seinem Zelt. Er entdeckte Entaro und winkte ihn zu sich. »Ser Adun!« Entaro richtete seinen Blick auf Ser Tarvain und sah ihn fragend an. »Wisst ihr wo sich Isaé befindet? Ich möchte ihr unseren zweiten Hexenjäger vorstellen.« Entaro schüttelte den Kopf. »Ich habe sie, seit meiner Rückkehr ins Lager, noch nicht gesehen.« Gleichzeitig warf er einen Blick auf Kalwen und bedachte diesen sowohl mit einem fragenden, als auch mit einem kritischen Blick. »Er wird also bei uns bleiben?« »Vorerst. Bis das, was er mir berichtet hat, sich bewahrheitet hat.« Ser Tarvain wirkte seltsam geheimnisvoll und Entaro Gedanken galten unweigerlich Isaé. Hatte dieser Kalwen etwas erzählt, dass Ser Tarvain irgendwie gegen Isaé verwenden konnte? Doch in Tarvains Blick lag eine unergründliche, stoische Ruhe. Nein, da war etwas anderes. Ein finsterer Blick lag in Tarvains Gesicht und Entaro wusste, was hier gespielt wurde. Vermutlich hatte er Kalwen einem Test unterzogen, wie er es auch bei Isaé getan hatte. Und nun wollte er die beiden gegeneinander aufwiegen. Wer war mehr wert? Wer war vertrauenswürdiger? Warum wollte er sie nun sonst sprechen? «Ich werde sie suchen.« meinte Entaro nur und wandte sich zum Gehen. Doch dann fiel ihm noch eine Sache ein. »Was ist mit seinen Waffen?«, erkundigte sich der Bernsteinritter. »Er wird sie vorerst nicht zurückbekommen.« Mit diesen Worten begab sich der Kommandant wieder in sein Zelt und einer der Wachen gesellte sich zu Kalwen, um diesen vorerst im Auge zu behalten.
Entaro schlenderte schließlich eine Weile durch das Lager bis er Isaé endlich gefunden hatte. »Ah da bist du ja.« meinte Entaro und als Isaé ihn erkannte huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. »Entaro…« hob sie an und wirkte ein wenig verlegen. »…wegen gestern.« Entaro hob seine Hand und unterbrach sie, ohne dabei allzu forsch zu klingen. »Das können wir gerne später besprechen. Ser Tarvain wünscht dich zu sehen.«, Bei der Erwähnung seines Namens huschte ein grimmiger Blick über Isaés Augen. »Was er will, weiß ich nicht. Aber wir haben einen Gast. Kalwen von Niefurt. Kennst du ihn?«, erkundigte sich Entaro und führte Isaé daraufhin zu Ser Tarvains Zelt.
Beim Zelt angekommen, fanden sie Kalwen, wie er mit dem Rücken an einen der Wagen gelehnt herumlungerte, und mit einem seiner Schuhe im Boden herum scharrte. Als er Entaro und Isaé bemerkte, zauberte sich unweigerlich ein, in Entaros Augen beinahe durchtriebenes, Lächeln auf sein Gesicht. »Ah, Ser Tarvain hat gar nicht erwähnt, dass die Hexenjägerin so eine Schönheit ist.«, flötete er, richtete sich ganz beiläufig sein langes Kerbholz, dass es zwischen seinen Beinen am Gürtel baumelte, als wolle er es unterschwellig zur Schau stellen, und stieß sich dabei von der Wand ab. Er trat Isaé und Entaro einige Schritte entgegen und streckte Isaé seine Hand, zum Gruße, entgegen. »Kalwen von Niefurt, zu Euren Diensten!« Entaro wandte sich an den Krieger, welchem aufgetragen worden war, Kalwen im Auge zu behalten. »Sagt Ser Tarvain Bescheid, dass Isaé, die Hexenjägerin, eingetroffen ist.« Der Mann nickte und schickte sich daraufhin an, die Nachricht zu überbringen. Kalwen indes ließ es sich nicht nehmen Isaé eines musternden Blickes zu unterziehen. »Isaé. Interessanter Name. Klingt aber nicht kalathisch. Woher seid ihr, wenn mir die Frage gestattet ist?«
Ein ereignisloser Tag ❖
20.09.2025 '20:23 [3.735 Wörter]
 in Trupp von acht Männern zog gemeinsam mit Entaro von dannen, um dem ersten verschiedenen Krieger die letzte Ehre zu erweisen und ihn zu beerdigen. Es war schon tragisch genug, dass er sein Leben hatte lassen müssen, aufgrund einer Horde Düsterlinge, die doch nichts anderes waren als fliegende Ratten. Doch diesem Unglück war geschuldet, dass sein Grab irgendwo in den Grenzlanden sein würde, fern der Heimat, verscharrt in fremder Erde, wo niemals an seiner Grabstätte seine Familie und seine Kameraden ihm würden gedenken können. Isaé war zurückgeblieben, weil ohnehin nichts zu tun war, obgleich sie sich stets in Bereitschaft hielten, falls Gefahr drohte, so wusste sie in diesem Augenblick mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen, als den verletzten Volaire zu besuchen, denn das hatte sie sich fest vorgenommen. Mirou war des Morgens schon in der Umgebung umher gestreift und hatte frische Kräuter gesammelt, daraus Breiumschläge für die Wunde bereitet, aber auch Elixiere aus stärkenden Kräutern, die ihm helfen sollten, die Blutbildung anzuregen und ihm neue Kräfte zu verleihen. Auch Ser Tarvain tat alles in seiner Macht stehende, um Volaire zu helfen. Er hatte mehrere Männer auf die Jagd geschickt und sie waren mit Wild zurückgekehrt. Die Tiere wurden gehäutet, zerlegt und entbeint, und aus den Knochen und den minderwertigen Fleischteilen wurde eine kräftige Fleischbrühe gekocht, die Volaire ebenso helfen sollte, seinen Blutverlust ein wenig auszugleichen. Das Fleisch wurde auf Spießen zubereitet, um die Laune der Männer mit einer anständigen Fleischmahlzeit zu heben. Isaé näherte sich dem Wagen, in welchem das Lazarett untergebracht worden war, und Mirou, der sie schon von weitem kommen sah, lächelte sie an und begrüßte sie. "Guten Morgen, Fräulein Isaé. Ihr seid gewiss gekommen, um nach Volaire zu sehen." Isaé nickte bei seinen Worten "Guten Morgen, Mirou. Ja natürlich, ich wollte einmal sehen, wie es eurem Schützling geht. Ich bin nicht sicher, ob er mich überhaupt sehen will." Mirou blickte sie fragend an "Wo denkt ihr hin? Es hat sich gewissermaßen nicht vermeiden lassen, dass gute Kameraden von ihm, die ihn besucht haben, ihm haarklein erzählt haben, was sich gestern Abend zugetragen hat. Doch er erträgt den Spott mit stoischer Fassung! Und er hatte auch schon nach euch gefragt. Ich habe euch doch bereits gestern gesagt, dass es keinen Anlass zur Beunruhigung gibt!" Isaé nickte, und betrat den Wagen, in dem der Verletzte lag und sich erholte. "Guten Morgen…" lächelte Isaé ihn an. Da sie die einzige Frau im Tross war, war es auch nicht nötig, sich vorzustellen, denn jedermann im Lager wusste, wer sie war. "Guten Morgen, Frau Isaé" erwiderte er matt, doch auch er lächelte sanft. "Ich wollte einmal nach dir sehen und mich nach deinem Befinden erkundigen" erklärte sie. "Du siehst besser aus, als gestern" stellte sie fest. "Hast du gut geschlafen?" Volaire nickte. "Wie ein Stein. So tief und fest wie ich noch nie in meinem Leben geschlafen habe. Doch ich muss zugeben, ich hatte sehr seltsame Träume. Sehr schöne Träume! Träume, um die mich meine Kameraden ganz bestimmt beneiden würden, da ich weiß, dass jeder gerne so etwas träumen würde!" Er grinste breit, doch bevor Isaé zu einer Antwort ansetzen konnte, entglitt ihm sein Grinsen wieder. "Mirou sagte, dass wars für mich. Die nächsten Tage brauche ich nicht einmal daran denken, das Lager zu verlassen. Und ich spüre, dass er Recht hat. Ich kann mich kaum aufsetzen, an aufstehen ist nicht zu denken. Mirou sagt, ich muss liegen, meine Kräfte schonen und tüchtig essen und trinken. Es wird viele Tage dauern, bis der Körper diesen Blutverlust überwunden hat und wieder kräftig wird. Dann liegt wahrscheinlich das ganze Unterfangen bereits hinter uns, und alles was für mich davon übrig bleiben wird, ist, dass ich von einer fliegenden Ratte durch einen beherzten Biss halb umgekommen bin. Ich werde ohne Ruhm erlangt zu haben, zu meiner Familie zurückkehren." Er sah enttäuscht drein, doch Isaé legte ihm eine Hand auf die seine. "Aber du kannst zurück zu deiner Familie kehren. Du weißt es selbst, das brauche ich dir nicht zu sagen. Dein Kamerad hatte nicht so viel Kraft und Glück wie du. Er wird nie wieder zurück in seine Heimat kehren. Eben sind neun Männer losgezogen, um seine sterblichen Überreste zu beerdigen. Sei dankbar. Du bist noch so jung, du kannst noch genug Ruhm im Leben erlangen. Und selbst das muss nicht am Schlachtfeld geschehen. Es gibt so viele Möglichkeiten, Ruhm zu erlangen." Volaire sagte nichts dazu. Er nickte matt und sank in sein Kissen zurück. "Du wirkst sehr müde. Ich lasse dich nun besser alleine." "Hexenjägerin… Ich danke euch. Sie sagen, ohne euer beherztes Eingreifen wäre es nicht so gut ausgegangen. Auch Ser Tarvain sagt das. Er war heute Morgen auch schon hier." Isaé erhob sich "Nichts zu danken!"
Als sie wieder ziellos durch das Lager ging, spürte sie, dass ihr Geist dringend nach Beschäftigung suchte. Je mehr Zeit sie überstand, ohne an das Feuermohnopium zu denken, desto besser. Doch es gab einfach nichts zu tun in diesem Moment. Die Männer saßen auch eher untätig herum, und beschäftigten sich mit jenen Dingen, die ihnen gerade in den Sinn kamen. So setzte sie sich zurück an ihren Lagerplatz, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte durch die Blätterkronen der Bäume, durch welche die Sonne blitzte. Ihre Gedanken drehten sich, wie häufig um Entaro. Was gestern vorgefallen war. Sie hatte ihn aus heiterem Himmel geküsst, und als sie erkannt hatte, dass das vielleicht nicht der beste Zeitpunkt und die beste Idee gewesen war, da hatte sie aufstehen und davonlaufen wollen. Doch er hatte sie am Arm festgehalten und nicht gehen lassen. Und dann hatte er ihr erklärt, was ihn im vorging. Er hatte ihr vermitteln wollen, dass er innerlich gebrochen war, Bruchstücke mit scharfen Kanten, und er sie nicht verletzten wollte. Dass tief in ihm etwas zerbrochen und nie geheilt worden war. Er hatte schon vor einigen Tagen, als sie auf Ser Tarvains Burg abends im Burghof saßen und Isaé ihn über seine Vergangenheit ausgefragt hatte, gesagt, dass viele Dinge in seiner Vergangenheit mit Schmerz, Trauer oder Einsamkeit verbunden waren und dass er nicht gerne daran erinnert werden wollte. Das betrübte Isaé. Es war nicht so, dass sie sensationslüstern und allzu neugierig war. Sie hegte ehrliches Interesse an Entaro und dazu gehörte auch, etwas über ihn und seine Vergangenheit zu erfahren. Doch nicht zu dem Preis, dass er Düsteres, Schmerzhaftes oder Trauriges offenbaren musste, das Wunden in ihm aufriss. Aber war es nicht dennoch einmal an der Zeit, dass man sich seiner Vergangenheit stellte? Oder versuchte, einen Heilungsprozess in Gang zu bringen? Sie würde ihm gerne dabei helfen. Doch wenn er nicht konnte, oder wollte, was sollte sie da schon machen? Er hatte noch so viel mehr gesagt, Dinge, die sie nicht verstanden hatte. Was hatten Bilder, die er offensichtlich im Feuermohnrausch gesehen hatte, mit der Realität zu tun? Was konnte sie dafür, dass er sie verdorben, oder, wie hatte er das doch gleich genannt… raubtierhaft gesehen hatte? Das waren doch nur Trug- und Fantasiebilder. Er wollte sich ehrlich und frei von Zweifeln auf Gefühle einlassen? Aber wie, wenn er doch jedes Mal diese Bilder sah, wenn er die Augen schloss, für die sie doch nichts konnte? Isaé seufzte. Entaro war ein reichlich komplizierter Mann. Sie hatte den Eindruck, dass er sich viel zu viele Gedanken um Dinge machte, die es einfach nicht wert waren, oder die Angelegenheiten unnötig kompliziert machten. Manche Dinge im Leben waren doch ganz einfach, oder? Man wagte Dinge, oder nicht. Erneut stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Vielleicht sollte sie ihn einfach noch einmal darauf ansprechen. Isaé bemerkte, wie der Entzug vom Feuermohn ihr immer mehr zusetzte. Sie war müde, konnte beinahe kaum stillsitzen, erhob sich immer wieder, ging unruhig auf und ab, und sie hatte dieses unglaublich starke Verlangen, die Wagenburg zu verlassen und sich einfach irgendwo eine Pfeife anzuzünden. Ihr Wille schrie danach, Ser Tarvain zu beweisen, dass sie es ohne das Opium schaffen würde, und so seine Anschuldigungen Lügen strafte. Ihr Körper verlangte nach Betäubung und Beruhigung durch Opium. Und ihr Herz? Das suchte nach Halt, nach Wärme, nach Nähe, nach Berührung. Entaro hatte gesagt, dass er sie nicht zurückwies. Nur, dass er Zeit brauchte. Das war kein Nein. Aber war es ein wirkliches Ja? Diese Ungewissheit war ebenso hässlich wie das Verlangen nach dem Feuermohnopium. Vielleicht würde ihr eine ganz normale Pfeife ohne Opium helfen. Aber würde Ser Tarvain, wenn er es sah, dass sie rauchte, nicht auch denken, dass sie ihrer Sucht frönte? Alles war derzeit ein Debakel. Isaé kam auch nicht umhin, dass sie sich hier in diesem Lager etwas einsam fühlte. Sie kannte ja kaum jemanden. Sie war da ähnlich wie Entaro. Sie bevorzugte es, alleine zu sein, obgleich sie sich sehr einsam fühlte. Am Ende lehnte sie sich an ein Fass, das am Rande des Lagers stand, und lümmelte einfach herum, während sie ihre Hände ineinander verschränkte und die Arme um ihre angezogenen Beine schlang. Sie summte und wippte ein wenig hin und her, um sich selbst zu beruhigen. Doch lang hielt sie es nicht aus. Sie löste die Verschränkung ihrer Arme und streckte die Beine aus. "Ich schaff das nicht… ich schaff das nicht…" murmelte sie. Und wie aus dem Nichts stand plötzlich Entaro vor ihr. "Ah da bist du ja!" meinte er, und Isaés Anspannung fiel ab von ihr und sie lächelte ihn an. Sie hatte ihn zuletzt am gestrigen Abend gesehen und mit einem Mal erfüllte sie ein seltsames Gefühl. Unsicherheit? Scham? Doch konnte sie ihn jetzt wenigstens nach jenen Dingen fragen, die ihr noch am Herzen lagen, Dinge die unbeantwortet geblieben waren. "Entaro… wegen gestern…" Er ließ sie nicht aussprechen. "Das können wir gerne später besprechen. Ser Tarvain wünscht dich zu sehen." "Was? Was will er denn?" "Was er will, weiß ich nicht. Aber wir haben einen Gast. Kalwen von Niefurt. Kennst du ihn?" Isaé hatte sich aufgerichtet und lief Entaro hinterher. "Nein, ich kenne ihn nicht, wer soll das sein?"
Sie erreichten Ser Tarvains Zelt, und vor dem Zelt, an einem der Wagen, lümmelte ein Mann herum. Ein Mann, dessen Erscheinung sofort Aufmerksamkeit erregte. Sein Haar fiel in dunklen, wilden Strähnen bis an seine Schultern, als hätte er es mit Absicht so gelassen, um so auszusehen, als käme er gerade aus einem Kampf, oder aus dem Bett. Die Haare rahmten ein Gesicht ein, das markant und ebenmäßig zugleich war, ein kantiges Kinn mit einem Grübchen, schmale hohe Wangenknochen, der Bart kurz und gepflegt, gerade so viel, dass er ihm Männlichkeit verlieh, ohne seine hübschen Züge zu verdecken. Er trug Schwarz. Wie ein Hexenjäger, die allesamt oft und gerne dunkle Kleidung trugen. Wie auch Isaé. Nur, bei ihm wirkte das ganz anders. Hemd, Hose und Umhang, bildeten ein Zusammenspiel, als wolle er in der Dunkelheit verschwinden und sich zugleich daraus abheben. Das Hemd war locker, der Kragen offen, sodass die gebräunte Haut und seine Brust deutlich sichtbar blieben und geradezu eine Einladung waren, hinzusehen. Er sah aus wie ein Mann, der wusste, wie er auf Frauen wirkte, mit jeder Faser seines Leibes. Er hob den Kopf, als er Isaé und Entaro gewahr wurde und haftete seinen Blick auf die Hexenjägerin die ihn ebenso anstarrte. Seine Augen wirkten tiefgründig und ein wenig müde. Sein Blick war der eines Mannes, der nichts preisgab. Vielleicht aber war es nur beabsichtigte Melancholie oder nur überhebliche Selbstsicherheit? "Ah, Ser Tarvain hat gar nicht erwähnt, dass die Hexenjägerin so eine Schönheit ist." Isaés sah den Mann skeptisch an. Ihre Augen glitten an dem Kerl hinab und irritiert folgte sie mit ihrem Blick seiner Hand, die wie ganz beiläufig ein großes Stück Holz in einer beinahe obszönen Geste von seiner Hüfte Richtung Schritt schob. Und da erkannte sie es. Ein Kerbholz! Dieser Mann war wirklich ein Hexenjäger? Isaé warf Entaro einen fragenden Blick zu. Doch der Mann hatte sich von dem Wagen an dem er gelehnt hatte, bereits lässig abgestoßen und war auf die beiden zugetreten. "Kalwen von Niefurt, zu Euren Diensten." Er hielt ihr die Hand zum Gruß hin und Isaé reichte ihm die Ihre. Sie war immer noch irritiert, da sie nun, da sie den Mann als Hexenjäger enttarnt zu haben glaubte, keinen Begriff hatte, was er hier wollte. Doch Entaro schien nicht überrascht zu sein, durch die Anwesenheit des Mannes, was Isaé noch mehr irritierte. "Sagt Ser Tarvain Bescheid, dass Isaé, die Hexenjägerin, eingetroffen ist." "Isaé, interessanter Name! Klingt aber nicht kalathisch. Woher seid ihr, wenn mir die Frage gestattet ist?" "Würdet ihr bitte meine Hand loslassen?" bat Isaé ihn, die schon versucht hatte, sich aus seiner eifrig schüttelnden Handbewegung zu befreien. "Oh natürlich!" Sie schenkte ihm ein schales Lächeln. "Ich danke euch. Und ja, ihr habt Recht, Isaé ist kein kalathischer Name. Ich stamme allerdings auch nicht aus Kalath. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in Ariad, aber doch recht nahe an Kalath. Wie auch immer, meine Eltern hatten wohl eine Vorliebe für fremde Namen. Isaé ist ein akadischer Name, doch ich glaube, das kann man auch recht gut heraushören." “Gewiss!” “ Und ihr seid Hexenjäger?” fragte Isaé und deutete mit dem Finger auf sein Kerbholz, welches über und über mit Scharten und Kerben bedeckt war. “Ja, in der Tat! Eigentlich muss ich mir ein neues Kerbholz zulegen, da auf meinem schon kaum mehr Platz ist, aber wisst ihr, die Eitelkeit ist keine meiner Tugenden. Wenn ich ein neues Kerbholz nähme, sähe es so aus, als wäre ich ein blutiger Anfänger! Wie steht es um euer Kerbholz? Darf ich es sehen?” Isaé schüttelte den Kopf. “Ich trage mein Kerbholz nicht an mir. Es dient mir lediglich als eine Art Erinnerungsstütze und nicht, um damit zu prahlen. Darum halte ich es stets verborgen. Versteht ihr?” “Natürlich, natürlich! Wie viele Hexen habt ihr denn schon zur Strecke gebracht?” “Es müssten an die vierzehn sein.” “Ich verstehe. Nun ja. Wir fangen alle klein an, nicht wahr? Und vielleicht könnt ihr ja noch von mir lernen. Wie ich bereits sagte, zu Euren Diensten, meine Schöne!”
Ser Tarvain schlug die Zeltplane beiseite und bedeutete Isaé, einzutreten. Die Hexenjägerin war wahrlich erleichtert darüber, denn dieser Kalwen war ein bemerkenswerter Maulheld. Er bedeutete ihr, sich hinzusetzen und sie tat, wie ihr geheißen. Ser Tarvain setzte sich ihr gegenüber auf einen hübschen geschnitzten und massiven Klappstuhl und blickte sie eine Weile an, ohne etwas zu sagen. Dabei beobachtete er sie mit wachsamen Blick und Isaé spürte eine aufkeimende Unsicherheit, die ihren Ursprung in der Unruhe hatte, welche der Entzug des Feuermohns ihr bescherte. Also schob sie ihre Hände seitlich unter ihr Sitzfleisch, um das Zittern zu unterdrücken. Er beobachtete sie und fragte sie dann: "Ist alles in Ordnung, Fräulein Isaé?” Isaé seufzte. Er war ein Mann, dem man rein gar nichts vormachen konnte und sie sah keinerlei Veranlassung, dies zu tun. “Warum habt ihr nach mir schicken lassen?” fragte sie ihn, ohne seine Frage zu beantworten. “Nun, der Grund steht vor dem Zelt. Ihr seid eine Hexenjägerin die ich unter Vertrag genommen habe. Ser Adun hat diesen Hexenjäger in der Nähe angetroffen und in unser Lager gebracht. Ich habe darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht nicht unklug wäre, einen zweiten Hexenjäger in meinen Tross zu wissen. Eine Art zweite Versicherung.” Er schwieg, als wolle er ihr Zeit zum Nachdenken zu geben. Dann beugte er sich leicht nach vorne, senkte die Stimme. „Versteht mich recht, Isaé. Ich weiß, was ihr vermögt. Ihr habt mich von eurer Fähigkeit überzeugt und ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Aber…” Er zögerte und ließ die Finger über den Tisch gleiten, als suche er die richtigen Worte. “Wir beide wissen, dass ihr mit einer Last kämpft, die ihr nicht leugnen könnt.” Isaé nickte. “Ser Tarvain. Es scheint mir, dass wir vor einem unüberwindbaren Hindernis stehen. Ihr vertraut mir nicht und ganz sicherlich habt ihr dafür eure berechtigten Gründe. Wenn Ihr mich so anseht, als sei ich eine Schwäche, dann macht Ihr mich erst Recht dazu. Ich kann nicht in euren Diensten stehen, wenn ich ständig spüre, dass Ihr mein Scheitern erwartet. Unter diesem Druck kann und werde ich nicht arbeiten.” Sie lehnte sich ebenfalls ein Stück zu ihm nach vorne und sag ihm fest in die Augen. “Da ihr mir also ohnehin nicht vertraut, und überdies möglicherweise der Ansicht seid, dass Kalwen von Niefurt die bessere Wahl darstellt, dann ersuche ich euch, mich mit sofortiger Wirkung aus meinem Vertrag zu entlassen. Mit Entaro hat das nichts zu tun. Mein Name auf dem Vertrag ist der meine, sein Wort bleibt davon unberührt." Seine Augen verengten sich für den Bruchteil eines Moments, dann sagte er "Wenn ich Euch entlassen wollte, Isaé, hätte ich das längst getan. Ich habe nicht gesagt, dass ich euch ersetzen will, ihr aber stellt es so dar, als wollte ich Euch loswerden." Auch Isaé verengte ihre Augen. Sie ließ ihre Faust auf den kleinen Tisch zwischen Ihnen herniedergehen und zischte "Weil ihr es so gesagt habt! Ihr sagtet, dass ihr mir die Schuld geben werdet, wenn etwas schief geht!" Ser Tarvain strich sich durch den Bart. „Eigentlich wollte ich Euch nach Kalwen fragen. Ob er Euch tauglich erscheint, ob er für unseren Tross von Nutzen sein könnte.“ "Das fragt ihr mich, um mich dann mit ihm zu ersetzen?" Isaé lehnte sich wieder zurück, und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich wollte nur Eure Einschätzung, nicht Eure Entlassung Isaé." Sie hielt sich selbst in Zaum und atmete tief durch. Nachdem sie ihn eine Weile schweigend angeblickt hatte, erwiderte sie ruhig "Was wollt ihr also wissen?" "Ich frage euch, was ihr von ihm haltet, könnte er uns von Nutzen sein?" Jetzt musste Isaé schmunzeln. "Es wäre unfair, ihn zu beurteilen, ohne ihn zu kennen. Ob er etwas taugt, das vermag ich nicht zu sagen. Doch, wenn er unsere Feinde mit Worten erschlagen könnte, dann mag er der Richtige sein." Isaé glaubte, in Ser Tarvains Mundwinkeln ebenso ein Schmunzeln zu erkennen. "Er hat mir etwas Interessantes über Flüsterholz verraten." "Und zwar?" "Er sagte, dass Flüsterholz sich dunkel bis schwarz verfärbt, wenn Hexen oder Schwarzseher in der Nähe sind." Isaé schüttelte den Kopf. "Nein. Flüsterholz trägt seinen Namen nicht umsonst. Flüsterholz trägt die Resonanz von Magie hinaus, hörbar wie ein Wispern. Selbstverständlich nur für jene die begabt sind, es zu hören. Wenn Kalwen behauptet, dass Flüsterhölzer sich verfärben, wenn sie magischen Schwingungen ausgesetzt sind, dann behaupte ich, er ist ein Schwätzer, und hat in seinem Leben noch nie ein Flüsterholz in Händen gehalten oder sein Wirken erlebt." Ser Tarvain zupfte sich nachdenklich an der Lippe. "Ich danke Euch für Eure Einschätzung." Sie nickte. "Wollt ihr noch etwas wissen?" "Ich denke, wir haben einander genug gesagt. Lasst Euch gesagt sein, ich misstraue Euch nicht völlig, ich bin nur vorsichtig. Denn zu häufig wurde mein Vertrauen enttäuscht. Ich trage Verantwortung für meine Männer, und ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Ihr könnt gehen…" Die Hexenjägerin erhob sich, deutete eine leichte Verneigung an und trat dann wieder aus dem Zelt.
Der Tag verging recht ereignislos. Die Wagenburg lag unter der Mittagssonne. Zwischen den aufgestellten Wagen hockten die Krieger, die Schwerter griffbereit neben sich in die Erde gesteckt, ihre Schilde angelehnt, die Helme auf den Schwerknauf gehängt. Niemand hatte etwas zu tun, und das schien eine gewisse Schwermut auszulösen. Man war zum Nichtstun verdammt, bis die Späher zurück kamen. Zwei Männer ließen kleine Steine gegen einen Baum springen, immer wieder, bis das Klacken den Nerven aller zusetzte und darüber beinahe ein Streit entstand. Einer saß mit verschränkten Armen und starrte in den Staub, bis er beinahe weg döste. An einem Feuer saßen drei Männer über Würfeln. Ein junger Kämpfer zog sein Schwert aus der Scheide, schwang die Klinge in der Luft immer wieder hin und her, und schob sie nach einer Weile doch wieder zurück. Die Wagen warfen lange Schatten, und die Langeweile wog schwer. Jeder wartete. Auf ein Signal, ein Schrei, eine Rückkehr der Späher. Irgendetwas, das zähe Zeit Vergehen endlich unterbrechen würde. Isaé saß auf der Kante eines Wagens, die Knie angezogen, den Mantel eng um die Schultern. Von hier aus sah sie über den Kreis der Männer, die verstreut zwischen den Feuern hockten. Jeder in seiner Rüstung, jeder wachsam, aber zugleich zermürbt vom Nichtstun. Und zermürbt war auch sie. Das dumpfe Klacken von Würfeln, das Kratzen eines Dolches am Holz, das leise Schnauben der Pferde hinter der Wagenburg, all die Geräusche nagten an ihren Nerven, die scheinbar schon brach lagen. Sie presste die Finger gegen die Schläfen, atmete tief und regelmäßig, doch die Unruhe in ihr wollte nicht weichen. Sie biss sich auf die Lippen, spürte das Zittern in den Händen. Wie lange schon hatte sie nicht mehr geraucht? Ein Tag? Mehr? Ihr Körper verlangte nach der Ruhe, die ihr der Feuermohn bescherte. Doch stattdessen war da nur diese Leere in ihr, diese Unruhe und dieses Verlangen, dass sie immer mehr quälte. Als sie es nicht mehr aushielt, kramte sie in ihrer Tasche, holte den Pfeifenkrautbeutel und die Pfeife hervor. Natürlich fiel ihr auch die Dose mit dem Feuermohn in die Hände. Das Herz schlug ihr sofort bis in den Hals.
Feuermohn. Alles in ihr schrie danach. Ein Zug, nur ein winziger Zug, und die Welt würde wieder in Ordnung sein! Sie presste die Lippen zusammen, zwang sich, den Deckel nicht zu öffnen. Ein langer Atemzug, dann ein zweiter. Schließlich hob sie den Kopf, suchte Entaro. Er saß ein paar Schritte entfernt, stumm, die Augen auf sie gerichtet, als hätte er sie beobachtet und längst gewusst, was kommen würde. Isaé erhob sich und setzte sich zu ihm, die Dose fest in ihren Händen. Ihre Stimme klang gequält, bevor sie sie ihm in die Hände drückte.. „Nimm sie bitte und verwahre sie für mich, ehe ich es mir anders überlege.” Sie versuchte ihre Verzweiflung mit einem Grinsen zu überspielen, doch es war stark zu bezweifeln, dass ihr das gelang. Entaro sah ihr in die Augen, nahm die Dose schweigend entgegen. Seine Hand schloss sich um das kleine Gefäß und Isaé spürte die Dose noch in ihren Händen, als sie die Dose schon längst losgelassen hatte. Sie seufzte schwer und blieb gleich bei Entaro sitzen. Sie stopfte sich die Pfeife mit Pfeifenkraut, und entzündete diese mit einem Kienspan, den sie in den Flammen des Lagerfeuers anstecke. Als sie den Rauch aus ihrem Mund blies, stellte sich eine gewisse Erleichterung ein, zumindest des Rituale des Rauchens wegen. Doch es war nur eine spröde Befriedigung. So, als würde man Wein trinken wollen, aber nur Wasser zur Verfügung. Nach zwei, drei Zügen bot sie Entaro die Pfeife an.
Im Land der Schatten ❖
22.09.2025 '23:17 [2.166 Wörter]
 erade noch hatte Kalwen noch an dem Wagen gelehnt und gelangweilt, mit dem Absatz seines Stiefels, in der Erde gekratzt. Doch kaum hatte er Isaé bemerkt, wirkte er wir ein anderer Mensch. Galant, Höflich. Aber in Entaros Augen wirkte es viel eher aufdringlich und prahlerisch. Der Drachenreiter rollte mit den Augen. Er war schon oft Männern seines Schlages begegnet. Ob Kalwen wirklich etwas von seinem Handwerk verstand, oder einfach nur sehr begabt darin war, andere Leute um den Finger zu wickeln, konnte Entaro aber nicht wirklich einschätzen. Daher warf er ihm einen mürrischen Blick zu und Isaé schien fast froh, dass Ser Tarvain sie zu sich ins Zelt gerufen hatte. Und so standen die beiden Männer vor dem Zelt und starrten sich kurzweilig an, bis Kalwen sich schließlich räusperte. »Eine hübsche Frau. Und so allein unter all den Männern.« Entaro warf ihm einen fragenden Blick zu doch in Kalwens Blick waren so viele, verschiedene Facetten, dass er nicht wirklich hinter seine Fassade blicken konnte, wie er diese Worte wohl gemeint haben könnte. »Wie meint ihr das?«, erkundigte er sich daher, mit etwas forscherer Stimme. Der Hexenjäger lächelte. »Ach, nichts weiter. Ich habe nur laut gedacht.« Entaro runzelte die Stirn. »Lautes Denken ist nichts weiter als reden ohne vorher nachzudenken.« Der Hexenjäger sah den Bernsteinritter mit einem forschen Blick an, doch er erwiderte nichts darauf. »Lasst euch eins gesagt sein, Hexenjäger Kalwen von Niefurt. Wenn ihr euch ihr gegenüber ungebührlich verhaltet, werdet ihr von mir eine Lektion in Benehmen erhalten.« Kalwen ließ sich davon nicht wirklich beeindrucken, so schien es. Doch er hob locker seine Hände und setzte sein Lächeln auf, welches Entaro schon jetzt auf die Nerven ging. »Ich bin ein ehrbarer Mann. Was auch immer ihr von mir halten mögt, Ser Adun.« Entaro nickte daraufhin. »Gut, ich möchte euch ungern an eure Worte erinnern müssen.« Da zuckte Kalwen mit den Schultern. »Ich komme darauf zurück, sobald Ser Tarvain es mir gestattet sich diesem Tross anzuschließen.« »Habt ihr denn überhaupt vor hier zu bleiben?« Da zuckte Kalwen mit den Achseln und lächelte. »Wenn die Bezahlung stimmt, ist dieser Ort genauso gut wie jeder andere auch.« Entaro dachte über seine Worte nach. In Wahrheit war er ja nichts anderes als ein Söldner. Wie auch dieser Hexenjäger. »Was führt euch denn in die Grenzlande? Ein Hexenjäger geht hier ja wohl kaum einfach so spazieren. Ihr habt doch sicher bereits einen Auftrag angenommen?« Kalwens Blick verfinsterte sich. »Nun, ihr trefft da einen wunden Punkt, Ser Adun. Tatsächlich habe ich einen solchen Auftrag angenommen. Allerdings hat es sich herausgestellt, dass die Hexe, die ich beauftragt wurde zu erlegen, eine alte, runzlige Vettel war, die nur ein paar Kräuter sammeln war. Ich bin kein Seelenverkäufer. Also habe ich sie nicht getötet. Und mich erwartet demzufolge auch keine Belohnung.« Entaro legte den Kopf schief und betrachtete den Mann mit einem forschen Blick. »Das spricht zumindest für euch. Viele eurer Zunft hätten sie einfach getötet um das Geld einzustreichen.«
Wenig später kam Isaé wieder aus dem Zelt und Ser Tarvain rief den Hexenjäger zu sich. Es wirkte beinahe wie eine wechselseitige Befragung. Und Entaro entschied, dass er des Wartens überdrüssig geworden war und folgte Isaé welche mit beinahe forschem Schritt aus Ser Tarvains Dunstkreis zu entkommen versuchen schien. »Was hat er denn mit dir besprochen?«, erkundigte sich Entaro, der sich in seiner Rolle als stiller Beobachter seltsam unwissend fühlte.
Einige Zeit später, als der Tag sich langsam dem Ende näherte, hatte Entaro seinen Rundgang um die Wagenburg hinter sich gebracht. Er war zu allen möglichen Plätzen gegangen, an welchen ein Drache sich niederlassen würde, wenn er sich satt gefressen hatte. Doch an keinem dieser Orte hatte er Schatten gefunden. Der Drache war noch immer nicht zurückgekehrt, was Entaro ins Grübeln brachte. Doch er spürte noch seine Gegenwart. Er konnte also nicht weit sein. Gedankenverloren ging er an einigen Männern vorbei, die ihm einen Gruß zuwarfen. Doch er reagierte kaum darauf. Hier ein Nicken. Da eine angedeutete, Geste mit den Fingern. Er zeigte, dass er sie gehört hatte, aber ließ sich nicht in Gespräche verwickeln. Und irgendwann hatte seine innere Unruhe sich etwas gelegt. Er saß an einem Wagen gelehnt und starrte einfach ins Leere. Dass Isaé in seinem Blickfeld saß, keine zehn Schritt von ihm entfernt, hatte er zunächst gar nicht bemerkt. Doch immer wieder ertappte er sich dabei, wie er zu der Hexenjägerin sah, anstatt einfach in den Wald dahinter zu starren. Kalwen trat irgendwann an ihn heran. »Na, mein Freund?«, erkundigte sich der Hexenjäger und Entaro hob weder den Kopf noch richtete er den Blick auf ihn. »Wir sind noch keine Freunde, Kalwen aus NIefurt. Wenn Ser Tarvain euch anheuert, dann könnten wir vielleicht welche werden.« Der Hexenjäger rümpfte die Nase, oder verzog mürrisch den Mund? Entaro konnte es nicht wirklich sehen, aber er vernahm ein, beinahe unscheinbares, Geräusch. »Warum starrt ihr sie die ganze Zeit lang an?«, erkundigte er sich und Entaro fühlte sich sowohl verlegen ertappt als auch entrüstet und brüskiert. »Ich starre sie nicht an. Ich schaue nur zufällig in diese Richtung.« Da lachte der Hexenjäger doch Entaro schüttelte nur den Kopf. »Was geht euch das überhaupt an?« Entaro hob nun doch den Kopf und sah dem Mann dabei in die Augen. »Nichts. Ich hab nur laut gedacht.« Entaro seufzte. »Wenn ihr schon so viel und so laut denkt, dann denkt doch mal daran, einem Mann, den ihr Freund nennt, auch in Freundschaft zu begegnen. Eure Haltung ist distanziert. Und eure Worte zweideutig.« Da nickte der Hexenjäger. »Fürwahr. Ich entschuldige mich dafür. Aufrichtig. Ich erkenne jetzt, dass ihr sie nicht anstarrt. Ihr beobachtet sie…wie ein Freund, der aus der Ferne Wache hält…heimlich.« Kalwens Stimme gluckste und er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen was Entaro nur noch zu einem weiteren Kopfschütteln veranlasste.
Kalwen tat einen kräftigen Schluck aus dem Humpen, den er in der Hand hielt und wischte sich dann das Bier von den Lippen. »Das Zeug schmeckt verdammt stark.«, murmelte Kalwen und Entaro überlegte, für einen Moment, ihn über die Nachwirkungen des Glutbieres aufzuklären. Aber eine innere, gemeine, Stimme gebot ihm, dies nicht zu machen. Und so schwieg er nur und erwiderte das Lächeln, welches der Hexenjäger zuvor aufgelegt hatte. Kalwen tat einen weiteren Schluck und Entaro wandte seinen Blick wieder ab und starrte wieder ins Leere…oder in Isaés Richtung? Kalwen schien dasselbe zu machen, nur ob seine Gedanken leer und nachdenklich waren, bezweifelte Entaro. Allerdings schien er relativ schnell das Interesse an Entaros Zeitvertreib zu verlieren und schlenderte weiter durch das Lager. Entaro sah ihm einen Moment lang nach und er wusste noch immer nicht so recht, was er von diesem Mann halten sollte. Aber er sah ihm nach, dass er sich erst einfinden musste, in eine Gruppe eingeschweißter Kameraden, die sich schon lange kannten.
Isaé wirkte unruhig. Und nach einer Weile schien sie ihn dann bemerkt zu haben. Zunächst starrte sie nur zurück. Doch dann erhob sie sich und schritt auf Entaro hinzu. Sie gab ihm ihre Opiumdose und Entaro nahm sie wortlos an sich. Als seine Finger die ihren berührten, und sie so eine Weile verharrten, bemerkte Entaro den leichten Widerstand in ihrem Griff. Ihre Blicke verrieten, dass sie die Dose am liebsten behalten würde. Ihr fester Griff um die Dose, der sich erst langsam lockerte, verriet dasselbe. Doch letzten Endes obsiegte ihr Wille und sie gab die Dose frei. Entaro verstaute sie in seiner Tasche und Isaé nahm einfach neben ihm Platz. Aber auch wenn sie die Dose abgegeben hatte, ihr Verlangen war dadurch nicht gezügelt worden. Und so steckte sie sich eine Pfeife an und entzündete das einfache Pfeifenkraut, welches sie hineingestopft hatte. Sie zog einige Male daran, und vielleicht verhalf ihr dieses kleine Ritual ihrem Geist etwas Ruhe zu gönnen. Nach einiger Zeit bot sie ihm ihre Pfeife an und Entaro nahm sie an sich.
Doch viel mehr als das ließ das Schicksal nicht geschehen. Denn ein gellender Hornstoß schnitt durch das abendliche Lager. »Obacht!«, rief eine Stimme. »Die Späher kehren zurück!« Schlagartig kehrte Leben in die Wagenburg. Die Männer packten ihre Würfel ein, stürzten den letzten Rest ihres Bieres herunter und packten ihre Waffen. Ser Tarvain kam aus seinem Zelt und schritt den Spähern entgegen, welche soeben das Tor passierten, welches aus einigen Schlagbäumen bestand und aufgezogen worden war. »Ser Tarvain!«, rief einer der Späher und hob dabei seine Hand zum Gruß. Der rote Tod warf dem Mann einen auffordernden Blick zu. Und noch während er seine Blicke über das Lager schweifen ließ, kehrten auch die anderen drei Späher zurück. Entaros Anspannung verflüchtigte sich. Sie waren lange fort gewesen und er hatte schon das eine oder andere Gespräch mitbekommen, bei denen gemunkelt wurde, dass sie womöglich niemals wiederkehren werden. »Bericht!« befahl Ser Tarvain kurz angebunden und die Männer schlugen sich sogleich die geballten Fäuste auf die Brust. »Wir haben im Norden vereinzelte Aktivitäten kalathischer Marschverbände ausgemacht. Wir können sie aber leicht umgehen.« Ser Tarvain nickte. Entaro wusste, was dies bedeutete. Sie waren hier auf Hexenjagt und ein Stoßtrupp kalathischer Grenzer würde das gesamte Unterfangen nur unnötig erschweren. »Im Osten gibt es ungefähr eine Tagesreise durch den Wald ein Moor. Es ist unpassierbar, aber mitten im Moor haben wir Lichter ausgemacht. Es gibt einen Pfad durch den Morast. Doch wir sind nur so nahe herangekommen, dass wir die Feuer zählen konnten. Sieben Feuer. An jedem Feuer drei Mann. Wir haben eine ganze Nacht auf der Lauer gelegen. Keine weiteren Aktivitäten. Das sonstige Umland ist ruhig. Fast zu ruhig. Es ist…« Ser Tarvain nickte und viel dem Mann dabei ins Wort. »…eine Falle. Sie haben irgendwie diese Kreaturen aufgescheucht um uns in die Flucht zu schlagen. Und nun warten sie ab was wir machen. Wir werden den Spieß umdrehen. Wir werden unseren Verband in drei Abteilungen aufteilen. Ein kleiner Teil der Männer wird beginnen die Wagenburg abzubauen. Zeigt euch nur vereinzelt, aber macht Lärm für viele, so dass der Feind glaubt, dass wir alle noch hier sind. Nur oberflächliche Arbeiten. Planen einrollen, Seile abnehmen, einige Pferde einspannen. Arbeitet gewissenhaft, aber so, dass man euch dabei sieht, sollte jemand aus der Ferne zusehen. Abteilung Zwei wird einen Weg in den Süden nehmen, dass es den Anschein hat, wir bereiten uns auf eine Heimreise vor. Allerdings werden wir dann nach Osten schwenken und zu diesem Moor gehen. Und die dritte Abteilung wird in kleinen Dreiergruppen in den Norden schleichen, um sich dem Moor so von der anderen Seite zu nähern. Gemeinsam nehmen wir sie dann in die Zange. Wenn wir uns unbeobachtet anschleichen konnten, wird ein berittener Ködertrupp die Feinde auf die Probe stellen. Wir werden uns im Gehölz verschanzen, der Ködertrupp wird sich dem Moor nähern und dann, wenn man entdeckt wird, sich verhalten, als ob man zufällig in ein Hornissennest getreten ist. Flucht ergreifen und Feinde rauslocken! Wenn wir sie am Haken haben, schlagt die Nordabteilung zu und fällt ihnen in den Rücken. Südabteilung wird Feuerschutz geben. Angriff in drei Wellen, so verbergen wir unsere tatsächliche Stärke, und können den Feind in unsere Falle locken, statt in seine zu geraten. Kein einziger Laut! Kein knackender Ast und achtet auf Stolperdrähte, Bärenfallen oder Morast der mit Laub getarnt wurde. Wir sind Schatten im Land der Schatten!«
Und so begann der Umbruch. Die Männer wappneten sich für den ersten Einsatz in den Grenzlanden. Es wurden Abteilungen zugeordnet und Männer nach Können, Erfahrung und Nutzen den jeweiligen zugeordnet. Bei der Wagenburg zu bleiben war wohl der unbeliebteste Teil des Plans. Doch er war unumstößlich. Und während Kalwen sich beinahe freiwillig meldete, bei der Wagenburg zu bleiben, was Entaro nicht weiter verwunderte, stellte Ser Tarvain einen ausgewogenen Trupp aus kampferfahrenen und jungen Kriegern zusammen. Denn sollte die Wagenburg in der Abwesenheit der Hauptstreitmacht angegriffen werden, mussten erfahrene Kämpfer zugegen sein, um sie effektiv zu verteidigen. Die meisten Bogenschützen wurden der zweiten Abteilung zugeordnet. Nur jene Kämpfer die besonders geschickt mit dem Bogen und sich in der Vergangenheit als herausragende Späher bewiesen hatten, würden der dritten Abteilung für die Hinterhalte zugewiesen. Und so wandte sich schließlich Ser Tarvain an Isaé und Entaro. »Habt ihr einen besonderen Wunsch, zu welchem Trupp ihr gehören wollt, Isaé?« »Für euch, Ser Adun, wäre die dritte Abteilung wohl die geeignetste. Ihr seid kampferfahren und habt viele Jahre alleine in Kalath gelebt. Allerdings würde die Wagenburg von eurer Anwesenheit ebenso profitieren. Wie ihr euch auch entscheidet, ich erwarte eure Entscheidung jetzt!« Und dann wandte er sich an Kalwen. »Wieso habt ihr euch für die Wagenburg entschieden?« Kalwen zuckte mit den Schultern. »Mir erscheint keine der drei Abteilungen am geeignetsten für mich. Ich bin doch ein Fremder. In jeder der Drei kann ich den Plan sabotieren oder Fehler machen. Ich habe einfach die Option genommen, die den Plan am wenigsten gefährden würde. Außerdem würde ich mich weder für Abteilung Zwei noch für Abteilung Drei melden, solange ihr mir meine Waffen nicht zurückgegeben habt.« Und so wandte sich Ser Tarvain wieder an Isaé und sah sie abwartend an. »Ich entscheide über eure Rolle, wenn Frau Isaé mir ihre Entscheidung mitgeteilt hat.«
Im Dunkeln ist gut munkeln ❖
23.09.2025 '21:43 [1.812 Wörter]
 it zusammengekniffenen Augen beobachtete Isaé diesen neuen Hexenjäger. Kalwen. "Ich entscheide über eure Rolle, wenn Frau Isaé mir ihre Entscheidung mitgeteilt hat" sagte Tarvain, und blickte Isaé abwartend an. "Fräulein Isaé…" verbesserte Kalwen Tarvain. "Wie ich hörte, ist sie keine verheiratete Frau, ist es nicht so?" "Das stimmt, aber es ist mir einerlei, ob man Fräulein, Frau, Mamselle, Madame oder wie auch immer sagt" zwinkerte die Hexenjägerin dem Hexenjäger zu. Und nun lag die Entscheidung offenkundig bei Isaé. Und Kalwen ließ auch diese Gelegenheit nicht aus, sie entsprechend zu kommentieren. „Also, ich soll jetzt warten, bis die Dame entscheidet, ob sie mich im Blick haben oder lieber endgültig in die Wagenburg verbannen will?" grinste er sie an, bevor er sich an Entaro wandte. "Oder verkenne ich die Situation, und in Wahrheit wartet ihr, Ser Adun, auf Fräulein Isaés Entscheidung, um mich anschließend aus ihrem Blick zu bringen?" Isaé blickte einen Moment auf den Boden, um ein Grinsen zu unterdrücken, denn so widerwillig sie es auch zugab, Kalwen hatte bisweilen seinen Unterhaltungswert. Dann hob sie den Kopf wieder und sah Kalwen in die Augen. "Kalwen von… von…" Sie stockte… "Verzeiht, wie war noch gleich euer Name?" Er verbeugte sich überschwänglich. "Kalwen von Niefurt. Immer noch und stets zu Euren Diensten!" "Gut. Also, Kalwen von Niefurt…" "Wie ihr das sagt… Fräulein Isaé!" grinste er. "Habt ihr was an den Ohren? Ich spreche ganz normal. Bitte lasst mich doch bitte erst einmal aussprechen." erwiderte sie ein wenig genervt. "Ich wollte sagen: Ihr irrt euch, was Entaro betrifft. Ob ihr in meinem Blick seid oder nicht, macht keinen Unterschied. Meine Wege sind ohnehin an Entaro gebunden, wo er hingeht, gehe auch ich. Und bis Ser Tarvain eine endgültige Entscheidung über euch verhängt hat, bleibt sowieso alles andere offen." Kalwen lächelte siegesgewiss und tätschelte seine Tasche. "Meine Liebe, ihr irrt euch. Ich habe längst einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche." Isaé, wie auch Entaro blickten ihn verwundert an. Sie nickte. "Nun dann bitte ich um Entschuldigung." Während die drei Gruppen eingeteilt wurden, was hauptsächlich von Ser Tarvain und seinen Offizieren bewerkstelligt wurde, durfte sich jeder, der seine Zuständigkeit erhalten hatte, zurück ins Lager begegeben und tun wonach es ihn verlangte. Denn es war bereits Abend und vor dem Morgengrauen war nicht mehr daran zu denken, in den Norden und Süden aufzubrechen. Isaé suchte ihren Platz auf, kniete vor der Zeltplane nieder und begann, ihre Habe fein säuberlich in die Tasche zurückzulegen, denn sie wollte es nicht erst am Morgen tun. Als sie vertieft war in ihr tun, hörte sie eine ihr mittlerweile bekannte Stimme. "Fräulein Isaé! Sagtet ihr nicht, ihr habt euer Kerbholz in der Tasche? Wie ich sehe, habt ihr eure Hände gerade in der Tasche! Wollt ihr mir es nicht zeigen?" Isaé zuckte die Schultern. "Wenn ihr unbedingt wollt…" "Und vielleicht könnten wir mit dieser unseligen förmlichen Anrede aufhören. Immerhin sind wir Hexenjäger ja Mitstreiter in derselben Sache, nicht wahr?" Isaé nickte. "Können wir gerne machen." Sie hatte ihr Kerbholz aus der Tasche geholt und hielt es ihm hin. Er nahm es, drehte es im entfernten Feuerschein, als ob es darauf irgendetwas interessantes zu sehen gab außer willkürlich mit einem Messer eingeritzte Kerben. "Schön" meinte er schließlich und gab es ihr wieder zurück. „Isaé, sag mal … Wer hat dich eigentlich in diesen Tross geschickt, um so viele Kerle zu bändigen? Oder war das deine eigene Idee?" Diese Vorstellung brachte die Hexenjägerin zum Schmunzeln. "Mhm, das hab ich mir wohl selbst ausgesucht." "Ich verstehe! Und wie ist es so? Bei so vielen Männern hier, da muss dir doch einer gefallen. Und wenn nicht, dann erklär mir bitte, was mit unser aller Gesichter nicht stimmt.“ Das brachte Isaé zum Lachen. „Vielleicht liegt das gar nicht an euren Gesichtern, Kalwen. Vielleicht hab ich nur einfach noch kein ernsthaftes Angebot bekommen? Kalwen lachte "Und wer hat je behauptet, dass wir Männer es ernst meinen?" Sie hob die Augenbrauen. "Da ist wohl was Wahres dran. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben!" "Wenn du hier noch Hoffnung siehst, Isaé, dann will ich den Mann sehen, der sie dir macht." Sie hielt Kalwen stand, doch ihre Augen verrieten sie, nur einen Herzschlag lang, als sie zu Entaro wanderten, der ein wenig abseits an einem der Feuer saß. Der Hexenjäger bemerkte es und verfolgte die Richtung, in die sie geblickt hatte. Dann sah er wieder Isaé an und grinste" "Der Schweigsame da hinten, auf den verlässt du dich?" "Du kennst ihn doch gar nicht. Er ist anständiger, als du wissen kannst" Kalwen folgte ihrem Blick und stieß ein belustigtes Lachen aus "Der und anständig? Ha! Er tut vielleicht so, aber ich habe ihn sofort durchschaut. Er starrt dich unentwegt an. Und behauptet dann, er sieht nur zufällig in dieselbe Richtung! Mit einer Empörung, sag ich dir, die selbst ich nicht besser vorspielen könnte! Siehst du? Er starrt ja schon wieder!" Die Hexenjägerin gluckste bei diesen Worten. "Lass ihn doch schauen. Ich gaff ihn auch manchmal an, da ist doch nichts dabei. Wir haben uns das Versprechen gegeben, aufeinander achtzugeben und da gehört’s wohl dazu, hinzusehen, wenn man gerade nicht nebeneinander ist." Der Hexenjäger stieß ein Lachen aus " Aha! Also reicht schon ein Versprechen und plötzlich darf man glotzen, wie man will? Dann muss ich mir auch dringend so eines sichern. Versprochen?" Da lachte sie trocken auf. "Spar dir die Mühe, Kalwen. Ein Versprechen ist nur so viel wert wie der Mann, der es gibt. In diesem Tross wirst du keinen anständigeren und edleren Mann finden als ihn. Daran halte ich fest."
Der Abend war vorangeschritten. Die Feuer inmitten der Wagenburg warfen Schatten auf die Gesichter der Männer. Das Fleisch, das die Männer in der Früh des Morgens erlegt hatten, und das über den Nachmittag auf den Spießen gesteckt langsam zart gebrutzelt worden war, war verzehrt, und die Männer, wie auch die Hexenjägerin alle satt und zufrieden. Becher mit Glutbier klirrten und die Stimmung war ausgelassen. Ser Tarvain maß dem Kampfgeist seiner Männer große Bedeutung bei, denn mit der Morgenröte würde es ernst werden. Um die Feuergruppen saßen die Krieger beieinander, redeten leise oder lachten, um die Anspannung zu vertreiben. Isaé hatte sich neben Entaro niedergelassen; erst jetzt fand sie die Muße, ihm von ihrer Unterredung mit Ser Tarvain zu berichten. Nah bei ihm sitzend, raunte sie ihm leise die Worte zu, die nur für seine Ohren bestimmt waren. Sie wusste, dass aus ihr und Ser Tarvain wohl keine rechten Freunde mehr würden, auch, wenn diese Unterredung deutlich besser gelaufen war, als jene davor. Doch das war auch nicht nötig. Zwischen ihnen stand nur ein Vertrag, und wenn dieser erfüllt war, wie auch immer die Sache enden mochte, würden sich ihre Wege wieder trennen. Auch Amaury lehnte lässig gegen einen Wagen, einen Becher in der Hand. Sein Blick blieb an Isaé hängen, die etwas abseits saß, die Hände umklammerten die Feuermohnpfeife, die nicht ihrer Bestimmung zugeführt wurde, sondern nur Pfeifenkraut verbrannte. Bedächtig lauschte sie, ob die Pfeife nicht auf ihre verfluchte Hand reagierte, doch das Flüsterholz schwieg, und wenigstens dieser Umstand machte sie zufrieden, wenn gleich sie die Pfeife mit lediglich Pfeifenkraut darin sie schon nicht glücklich machte. Mit einem schelmischen Grinsen hob er die Stimme. "Na Isaé, du blickst drein wie ich, nach meiner letzten Abfuhr." Er zwinkerte ihr zu, und Isaé schmunzelte. "Hat dich das so tief getroffen?" "Tief getroffen? Ich bin so schwer verwundet davon" Ich glaube, ich brauche dringend Arschbehandlung mit Feuermohn, um das zu überleben!" Isaé rollte erst mit den Augen, aber dann grinste sie, denn mittlerweile konnte sie über diese Geschichte schon lachen. "Mach dir keine Hoffnungen, Amaury, kein Feuermohn für dich. Ich kann dir höchstens noch einen Axtstiel anbieten. Aber ob dir das gefällt?" "Ob mir das gefällt? Isaé, wenn du den Axtstiel führst, würd ich’s riskieren. Hauptsache, du fasst mich endlich mal an." "Sei vorsichtig, was du dir wünschst!" kicherte sie. "Ach, hab ich etwa einen Wunsch frei?" Sie schüttelte den Kopf "Nicht bei mir!" Da mischte sich Kalwen ein. "Wenn du keine Wünsche erfüllst, Isaé… Ich tue es. Jede wünschte sich hinterher, sie wäre mir schon früher begegnet!" Er traf sie mit einem Blick, der mehr sagte, als ihr lieb war. Amaury jedoch unterbrach die Spannung unerwartet. "Ach, wirklich, Kalwen? Du erfüllst mir meine Wünsche? Na, dann pass besser auf, was ich mir von dir wünsche…" feixte er und fasste sich obszön in den Schritt." Ein allgemeines Gelächter brach unter den Männern hervor. „Ha! Sehr witzig! Amaury! Ich meinte, jede Frau wünschte sich das! Aber du, du müsstest du schon auf allen vieren kommen, wenn du was willst!" Amaury entgegnete "Auf allen vieren? Ich bin der Reitlehrer hier! Mit Sattel komm ich, Kalwen, halt dich fest!" Er war aufgesprungen und galoppierte auf der Stelle, bevor er sich wieder hinsetzte. Die Männer bogen sich vor Lachen, einer verschüttete dabei sein Glutbier, und warf den Becher danach vor lauter Lachen ins Gras, und ein anderer schüttelte sich so vor Lachen, dass er nach hinten kippte und auf den Waldboden rollte, sodass er wie ein Käfer a Rücken lag und Hilfe brauchte, um sich wieder auf den Stein zu setzen auf dem er saß. Aber auch Isaé konnte nicht mehr an sich halten und begann schallend zu lachen, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen. Einer rief, mit dem Zeigefinger auf ihn gedeutet „Also doch, Kalwen!“ Kalwen hob die Hände „Nein, nein, hört zu! Ich meinte natürlich, dass meine Gesellschaft jeden erfüllt, egal wer sie sucht! Aber nicht so, wie ihr denkt!“ Die Runde grölte noch mehr, das Johlen hallte über den Wagenkreis. Einer pfiff schrill. Kalwen, verzweifelt grinsend, hebt beschwichtigend die Stimme: „Ich sagte nur: Wer mich bekommt, hat schon gewonnen! Alles andere ist eure verdrehte Fantasie!“ Das Johlen schwappte noch, als einer der älteren Krieger, die bis jetzt nur schweigend getrunken hatten, brummig die Stimme erhob „Bei Daerean, was für ein Großmaul. Ich würd' ja gern mal die Schranzen sehen, die auf dein hohles Gewäsch reingefallen sind, Kalwen.“ Erneut brach schallendes Gelächtdr los, diesmal lauter und ehrlicher als zuvor. Einer klatschte begeistert, ein anderer prustete Bier durch die Nase. Kalwen hob die Hände, als wolle er sich ergeben und grinste dabei gezwungen. „Haha, lacht nur! Ich sag ja nur, man munkelt eben viel über mich.“ „Ja“, rief einer über das Feuer hinweg, „Vermutlich bist du der Einzige, der munkelt!“ Das Gelächter schwoll an, und Kalwen ließ sich in gespieltem Leidensgeste zurückfallen, die Hand ans Herz gedrückt. „Ihr seid ein grausames Publikum!“ Doch am Ende waren alle zufrieden, und es wirkte, als hätte dieser Abend das Eis ein wenig gebrochen, dass Kalwen einen Platz in der Truppe fand. Isaé hatte es gutgetan, wieder einmal herzlich zu lachen, Amaury lehnte sich entspannt zurück, zufrieden mit seinem Sieg. Auch Kalwen war zufrieden, er hatte seine Aufmerksamkeit abbekommen, und die Wagenburg hallte vom Lachen. Niemand wusste, was der morgige Tag und all die darauffolgenden Tage mit sich bringen würde.
Auf der Lauer ❖
26.09.2025 '23:27 [2.400 Wörter]
 wachsam und aufmerksam saß Entaro an einem der unzähligen Feuer und starrte, über die Flammen hinweg, auf den Horizont, welchen man hinter der Wagenburg erkennen konnte. Das Licht verschwand zusehends und wurde von den Schatten der Wälder verschluckt. Entaro hatte sein Schwert vor sich abgelegt und trommelte mit seinen Fingern auf der Klinge. Das Schwert glänzte rötlich im Schein der Flammen und es war so scharf, dass selbst das Feuer sich daran schneiden würde, wenn es wagen sollte, sich der Klinge zu nähern. Der Wetzstein lag noch neben ihm auf dem Boden und das Waffenöl, mit welchem Entaro anschließend die Klinge gereinigt hatte, stand daneben. Doch anstatt Wetzstein und Waffenöl in seine Tasche zu packen, tanzten Entaros behandschuhte Finger über die Klinge, als ob sie einen Tanz darauf vollführen würden. Und seine Blicke waren auf Isaé gehaftet, welche sich den Scherzen der anderen Männer angeschlossen hatte. Entaro stand nicht der Sinn nach obszönen Späßen oder hohlem Gerede. Doch Isaé schien es zu gefallen, oder sogar gut zu tun. Es war schön sie lächeln zu sehen.
Und als die Sonne schließlich vollends hinter dem Horizont verschwunden war, erhob sich Entaro, schob seine Klinge in die Scheide und sammelte sein Hab und Gut auf, um diese in seiner Tasche zu verstauen. Er trat an den Rand der Wagenburg und ließ, konzentriert und mit zusammengekniffenen Augen, seine Blicke über den nahen Waldrand wandern. Doch weder zwischen den Bäumen, noch am Himmel oder auf dem Boden waren Bewegungen oder Erhebungen auszumachen. Es war beinahe, als ob der Wald den Atem anhielt. Und Entaro kannte dieses Gefühl. Diese Ruhe vor dem Sturm. Seine Blicke schweiften über die Schatten, die dunklen Flecken und die seltsamen Silhouetten in der Dunkelheit, die man bei Tage als Steine, umgestürzte Bäume oder Büsche erkannt hätte. Doch in der Dunkelheit wirkten diese Dinge alle so befremdlich und andersartig. Als ob es Dämonen, Trolle oder Drachen sein könnten. Und als einer dieser Schatten sich bewegte, da kniff Entaro abermals die Augen zusammen. Doch es war nur ein Strauch gewesen, aus dem ein Fuchs geschlichen war. Entaro seufzte. »Es ist so ruhig.«, murmelte eine Stimme neben Entaro und er nickte nur, ohne den Blick zu dem Mann zu wenden, der ihn angesprochen hatte. Er kannte diese Stimme. »Wohl wahr.«, antwortete Entaro und seufzte abermals. »Die Ruhe vor dem Sturm ist diese Nacht besonders ruhig.« Da nickte Ser Tarvain und legte Entaro die Hand auf den Oberarm. »Wo ist er?«, erkundigte sich der Heerführer und Entaro deutete in eine Richtung im Süden. »Dort.« Ser Tarvain trat neben Entaro und starrte in jene Richtung, in welche Entaro deutete, doch er konnte nichts als Schatten ausmachen. »Ich sehe ihn nicht.«, murmelte Ser Tarvain und runzelte die Stirn. »Er ist schwarz und sein Name ist Schatten.«, murmelte Entaro und zuckte dann mit den Achseln. Und als ob die Stimmen der beiden Männer Gehör gefunden hätten, blitzten mit einem Mal zwei goldene Punkte, die fast wie glühende Kohlen anmuteten, in der Nacht auf, und verglühten kurz darauf wieder. Ser Tarvain trat erschrocken einen Schritt zurück und lächelte kurz darauf. »Gewiss.«, antwortete der Heerführer und entfernte sich wieder von Entaro. Er zog sein Schwert und klopfte dann mit der breiten Seite gegen das Rad eines Wagens. Der helle Klang des Stahls klang beinahe wie ein Glockenschlag und kurz darauf schälten sich die Männer aus den Schatten, erhoben sich von den Feuern und krochen aus ihren Zelten. Es hatte begonnen!
Die Männer begannen sich bereit zu machen. Kettenhemden wurden übergeworfen, Helme aufgesetzt und Waffen gezogen. Und als die Ablenktruppe begann Fackeln zu entzünden und ihre Arbeiten an den Wagen zu beginnen, stahlen sich, im Schutz der Nacht, über vierzig Männer aus der Wagenburg. Die Bogenschützen, unter der Führung von Ser Tarvain, zogen in den Süden. Kalwen der Hexenjäger begleitete den Heerführer und Entaro zog mit den ihm zugewiesenen Plänklern in den Norden. Entaros Spähtruppe hatte keine Fackeln. Sie mussten sich vorsichtig vorantasten. Schritt für Schritt. Morast, totes Holz und Blattwerk so gut es ging vermeiden und sie kämpften sich langsam in den Norden, bis sie an einem Punkt angekommen waren, der vom Mondlicht einen Weg vor ihnen aufzeigte. Entaro hielt inne und die Männer begannen sich zu verteilen. Jeder war auf sich gestellt in diesem dunklen und unbekannten Wald. Während Entaro sich immer wieder dabei ertappte, dass er mit seinem Schwert vor sich in den Boden stach, um die Festigkeit des Bodens zu überprüfen, schienen die akadischen Späher sich rein auf ihren Instinkt zu verlassen. Er warf immer wieder einen Blick über die Schulter, doch er konnte kaum zehn Meter weit sehen und erkannte nur Schatten, Schemen und Umrisse der Männer. Irgendwo war sicher auch Isaé.
Die Feuer der Wagenburg waren längst nicht mehr zu erkennen und Entaro folgte einem der Männer, welcher den Weg bereits kannte. Immerhin gehörte er zu den Spähern, welche erst vor Kurzem dieses Gebiet ausgekundschaftet hatten. Und noch während Entaro sich darüber wunderte, wie zielstrebig die Männer ihres Weges gingen, fiel ihm irgendwann ein dünnes, rotes Stück Stoff auf, das an einem Ast baumelte. Entaro sah es in den Augenwinkeln baumeln. Und keine zehn Meter weiter, sah er ein Zweites. Da dämmerte es Entaro, wieso sich die Männer so gut in diesem Wald zurechtfanden. Sie hatten den Weg markiert. Entaro schalt sich einen Narren und lächelte verlegen. Und irgendwie war er froh, dass niemand es sehen konnte.
Die Männer hatten sich inzwischen so weit zerstreut, dass nur noch jeweils drei Mann immer zusammen gingen. Und Entaro hatte zwei sehr schweigsame Begleiter. Sie schritten auf leisen Sohlen durch den Wald und Entaro musste sich schon sehr anstrengen, dass er überhaupt ein Geräusch vernahm, dass diese Männer von sich gaben. Das leise Klirren ihrer Kettenhemden. Der langsame Atem. Das schleifende Geräusch von Schuhen auf dem Moos. Er selbst war zwar so vorsichtig, wie er konnte, doch wirkte er im Vergleich zu ihnen wie ein Troll im Glashaus. Die Nacht war schon sehr weit vorangeschritten und Entaro hatte sein inneres Zeitgefühl beinahe verloren, als die Männer schließlich in die Hocke gingen und sich nicht mehr bewegten. Entaro ging nun ebenfalls in die Hocke, stellte sein Schwert vor sich ab und stützte sich mit beiden Händen auf dem Heft ab. Entaro ließ seine Blicke durch den Wald schweifen, doch zunächst konnte er den Grund für ihre kauernde Haltung nicht erkennen. Doch dann sah er sie. Zwei flackernde Lichter. Und einige Gestalten, die durch den Wald liefen. Eine Wache? Späher? Entaro drückte sich hinter einen der Bäume, als der Lichtschein heller wurde. Es war kein Lagerfeuer, sondern eine Fackel, welche zwei Männer bei sich trugen, die durch den Wald gingen. Ihre Schritte waren laut. Ihre Stimmen drangen wie ein leises Brummen an Entaros Ohren. Doch er konnte nicht verstehen was sie sprachen, denn dafür waren sie zu weit entfernt. Einer der Begleiter Entaros legte seinen ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen und zog seine Armbrust vom Gürtel. Sein Kamerad tat es ihm gleich und Entaro nickte grimmig. Die Akadier legten jeder einen Bolzen auf seine Armbrust und Entaro fühlte sich in diesem Moment beinahe etwas überflüssig. Er hatte keine Armbrust bei sich. Vielleicht hätte er, wie Isaé es getan hatte, sich auch eine aus Ser Tarvains Waffenkammer ausleihen sollen. Die Akadier legten die Armbrüste an und zielten auf die zwei Männer, die unwissend in ihren Tod liefen. Doch bevor die beiden den Abzug betätigen konnten hob Entaro die Hand. »Es sind drei.«, flüsterte Entaro als er einen Schemen erkannte, welcher bis zuvor noch im Schatten der anderen beiden gegangen war. Die Akadier ließen ihre Armbrüste sinken und verzogen grimmig ihre Mundwinkel.
Entaro seufzte. Das war um ein Haar nach hinten losgegangen. Die Akadier legten sich ins Gehölz und legten die Armbrüste vor sich auf den Boden. Einer der Männer nickte Entaro zu und deutete dann in die Richtung der Drei. »Was nun?« Entaro zuckte mit den Schultern. »Wir warten.«, entschied Entaro und warf einen wachsamen Blick in die Richtung der Männer. Doch sie kamen immer näher und die Gefahr entdeckt zu werden wurde mit jedem Schritt, den sie taten, größer. Aber sie hatten den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Wenn sie nah genug waren, dass das Licht der Fackel sie enttarnen würde, wären sie auch nah genug um sie mit dem Schwert zu fällen. Und so umfasste Entaro den Griff seines Schwertes mit beiden Händen und lehnte sich an den Baum, in dessen Schatten er sich langsam aufrichtete und mit dem Rücken an dem Stamm die beiden Akadier fixierte. »Wenn sie nah genug sind, stürze ich hervor, fälle einen von ihnen und ihr erledigt die anderen beiden.« Die Männer nickten und legten die Armbrüste an. »Diese Scheiß Akadier.«, maulte eine Stimme durch den Wald. »Angeblich hat Ardeths Plan funktioniert. Sie bauen ihr Lager ab.« Einer der Männer lachte dreckig. »Wenn sie ihr Lager abgebaut haben, wird Ardeth über sie herfallen wie eine Flut! Sie werden …« Ein Ast knackte. Ein helles Schwert zerschnitt die schwarze Nacht, ein dreckiges Lachen erstarb. Entaro war hinter dem Baum hervorgetreten und hatte in der Bewegung das Schwert in den Schädel des Mannes geschlagen. Und beinahe im selben Augenblick waren zwei Bolzen in die Brust seiner zwei Begleiter eingeschlagen. Die Stimmen verebbten. Drei dumpfe Schläge ertönten. Und dann herrschte Stille. »Scheiß Kalather.«, zischte einer der Akadier und versetzte dem Mann einen Tritt, der wohl die Akadier beleidigt hatte. »Verfaulen sollt ihr in diesem Scheiß Wald!« Entaro seufzte. »Und wenn Kalwen Recht behält, wiederkehren.« Doch er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu seinem Kameraden, welche ihn ob dieser Worte nur fragend ansahen. »Weiter geht’s.«, befahl Entaro und säuberte seine Klinge an dem Gewand eines der Toten. Die Akadier tasteten die Männer noch nach Wertgegenständen ab, und zogen ihnen alles was sie auf die Schnelle fanden aus den Taschen. Auch ihre Dolche nahmen sie an sich und traten dann die Fackel aus. Die Dunkelheit umfing sie erneut und Entaros Augen mussten sich erst wieder an diese absolute Finsternis, welche nur vom fahlen Mondlicht erhellt wurde, gewöhnen. »Wo die herkommen, sind noch mehr.«, flüsterte einer der Akadier, welcher den Bolzen, den er aus dem Toten gezogen hatte, gerade wieder in seine Armbrust einlegte.
Und es dauerte nicht lange, als sie schließlich weitere Lichter im Wald ausmachten. Doch diese waren größer. Und sie bewegten sich nicht. Allerdings bewegten sich allerlei Gestalten um die Feuer herum. »Das Lager.«, raunte Entaro und ging daraufhin in die Hocke. Nur einen Steinwurf vom Lager des Feindes entfernt lauerten an verschiedenen Orten die Akadier. Und nicht nur Entaro und seine zwei Begleiter. Nach und nach rückten die Späher, welche immer in Dreiergruppen durch den Wald gestreift waren, vor und nahmen ihre Positionen ein. Irgendwo unter ihnen musste auch Isaé sein und Entaro ertappte sich wie seine Gedanken an die Hexenjägerin abschweiften. »Wir warten auf das Zeichen.«, raunte Entaro und die Männer nickten.
Indes hatten Ser Tarvain, Kalwen und die zwanzig Akadischen Bogenschützen auch das Lager vom Süden her erreicht. Ser Tarvain hob seine Hand und gebot den Männern mit einem stummen Befehl die Pfeile einzunocken und bereit zu halten. »Dein Auftritt, Kalwen von Niefurt. Zeig uns was dein Sold wert ist.«, befahl Ser Tarvain und drückte Kalwen sein Schwert in die Hand, welches er bis zu diesem Zeitpunkt noch bei sich geführt hatte. Kalwen nickte, doch der Blick in seinem Gesicht verriet, dass er mit diesem Teil des Plans überhaupt nicht begeistert schien. Den Lockvogel zu spielen, das hatte er sich wahrlich nicht vorgestellt, als er den akadischen Vertrag unterschrieben hatte. Doch einen Rückzieher machen konnte er nun auch nicht mehr. Kalwens Stolz war noch größer als sein Mundwerk. Und Ser Tarvain hatte sehr schnell erkannt, dass dieser Hexenjäger vielleicht nicht unbedingt der beste Hexenjäger war, den es in Kalath zu finden gab. Doch sein Stolz war groß genug, dass er sich beweisen wollte, nur um an Ende damit prahlen zu können, was er alles geleistet hatte. Und für Ser Tarvain war es natürlich auch pragmatisch einfach einen Fremden als Lockvogel einzusetzen, anstatt einen seiner eigenen Männer. Immerhin hatte er ohnehin schon einen Mann verloren, noch bevor sie überhaupt einem richtigen Feind begegnet waren.
Kalwen schob sich sein Schwert in die Scheide und trat aus dem Dickicht heraus. Er setzte ein unbekümmertes Lächeln auf und spazierte durch den Wald, als ob er einen Mondscheinspaziergang machen würde. Bis er schließlich von den Wachen des Lagers unweigerlich bemerkt wurde. »Halt! Wer bist du?«, bellte eine Stimme durch die Nacht. Kalwen hob seine Hände und hielt inne. »Nicht schießen!«, rief er zurück. »Ich bin kein Feind.« Die Männer schienen natürlich nicht überzeugt zu sein. »Nun, immerhin ist dein Akzent nicht Akadisch…«, antwortete der Wächter und Kalwen runzelte, mit einer aufgesetzten Mimik, die Stirn. »Wieso Akadier? Wovon sprichst du?«, erkundigte sich Kalwen und der Wächter schnalzte mit der Zunge. »Ich stell hier die Fragen! Gib dich zu erkennen, klar?« Kalwen räusperte sich doch wurde er noch unterbrochen, bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte. »Komm näher, ins Licht. Ich will dein Gesicht sehen! Und wenn es mir nicht gefällt, bekommst du einen Pfeil zwischen die Augen!« Kalwen schluckte. So hatte er sich das nicht vorgestellt! Und er ertappte sich dabei, wie er einen grimmigen Blick in Ser Tarvains Richtung warf. Aber er tat wie ihm geheißen und als die Männer ihn erkannten schienen sie sich nicht unbedingt zu entspannen. »Ein Hexenjäger?«, erkundigte sich die befehlende Stimme und Kalwen nickte. »Ja. Kein Akadier,« Da lachte der Mann dreckig. »Du hast heute kein Glück, Hexenjäger. Deinesgleichen sind hier noch weniger erwünscht als diese Scheiß Akadier!« Kalwen runzelte die Stirn. »Welche Akadier meinst du denn? Etwa die, die da hinten mit gespannten Bögen in den Büschen lauern?« Der Wächter starrte Kalwen stumm und mit grimmigen Blicken an. »Was faselst du da?«, zischte er und trat schließlich auch in das Licht des Feuers. Es war ein kahler Mann mit kantigen Gesichtszügen. Er trug eine schwere Axt, die man mit zwei Händen schwingen musste. Der zweite Mann, welcher bisher geschwiegen hatte, grinste dreckig und richtete seinen Bogen auf Kalwen, welcher gute Miene zum bösen Spiel machte und die beiden breit angrinste. Er packte einen seiner Dolche, zog ihn aus dem Gürtel und schleuderte ihn dem Bogenschützen mitten ins Gesicht, dessen Pfeil ihn dadurch verfehlte. Und dann nahm er augenblicklich die Beine in die Hand und rannte…er rannte als ob eine Horde Düsterlinge ihm auf den Fersen wären. Und der Kerl mit der Glatze brüllte! »Dafür wirst du sterben du verfickter, dreckiger Hurensohn!«
Ein goldener Schuss ❖
29.09.2025 '22:56 [2.070 Wörter]
 ie Männer bewegten sich in kleinen Dreiergruppen, lautlos wie Schatten zwischen den Stämmen. Der Wald lag still, nur das matte Silber des Mondes sickerte durch das Blätterdach und zeichnete fahle Lichtstreifen auf den Waldboden. Jeder Schritt war bedacht, das Gewicht sorgsam zu verlagern, um keinen Ast brechen zu lassen, um jegliches Geräusch zu vermeiden, was im Wald und vor allem im Dunkeln gar nicht so einfach war. Der Atem der Männer dampfte in der kühlen Nacht, doch kein Laut drang aus irgendeinem Mund. Nur eine Frau ging inmitten ihres Grüppchens, die Armbrust lässig über der Schulter, den Blick ununterbrochen wachsam. Vor ihr schlich ein schweigsamer Akadier älteren Kalibers, der mit der freien Hand Äste zur Seite bog, die ihnen in den Weg hineinwuchsen, hinter ihr folgte ein junger Akadier, seine Armbrust in zwei Händen tragend, bereit, sie sofort einzusetzen, was Isaé doch ein wenig unpraktisch vorkam. Wahrscheinlich war das der Grund, warum seine Stirn vom Schweiß glänzte trotz der kühlen Luft. Obwohl es sehr still und friedlich war, war der Wald doch voller Geräusche. Nur einmal huschte lautlos eine Eule über ihre Köpfe wovon sie aber nichts bemerkten, gefolgt von ihrem Ruf, als sie sich auf einem Ast niederließ, einmal knackte oder raschelte etwas tiefer im Dickicht, und als die Gruppe prüfend stehen blieb, entpuppte sich das Knacken im Dickicht nur als ein Dachs der durch den Wald streifte. Doch die Männer hielten den Weg unbeirrbar nach Norden. Sie wussten, dass auch die anderen Grüppchen ihrer Gemeinschaft im gleichen Abstand marschierten und sie wie an einer unsichtbaren Kette förmlich in dieselbe Richtung gezogen wurden. Und niemand sprach. Doch nach einer Weile waren Stimmen zu hören. Unbekannte Stimmen. Die beiden Männer in Isaés Gruppe legten die Finger auf den Mund und bedeuteten ihr, stehen zu bleiben. Sie nickte schweigend, blieb stehen und wartete. Die Hexenjägerin wagte es kaum zu atmen, doch nach einer Weile, die ihr wie eine halbe Ewigkeit erschien, ertönte plötzlich ein hässliches Geräusch. Ein dumpfes metallisches Klirren, und zwei dumpfe Schläge, gefolgt von drei erneuten dumpfen Schlägen, wie wenn Körper zu Boden fielen. Sie blieben abwartend stehen, bis ihnen bekannte Stimmen an die Ohren drangen. Der ältere ihrer Gruppe gab ein Zeichen der Entwarnung und sie schlichen weiter durch den Wald, vorbei an drei Toten, die wohl zu dem Lager gehörten, auf dessen Weg sie sich befanden. Nach geraumer Zeit tauchten im Wald zwischen den Baumstämmen Lichter auf. Flackernde Lichter, Feuerschein, Lagerfeuer. Das Lager war gefunden. Sie schlichen sich so nahe wie nur möglich heran und nach und nach schlossen die einzelnen Dreiergruppen auf, bis sie alle wieder zusammen waren. Alle gingen in die Hocke. “Wir warten auf das Zeichen.” befahl Entaro und alle nickten zustimmend und richteten ihre Blicke wieder auf das Lager. Nach einer Weile konnte man die Silhouette eines Mannes sehen, der langsam aber lässig an das feindliche Lager stapfte und Isaé fiel nur ein Mann ein, der das sein konnte. Denn kein anderer gebärdete sich derart, stets darauf bedacht, möglichst gut auszusehen. Erst grinste Isaé bei dem Gedanken, doch je länger das Schauspiel anhielt, desto mehr Zweifel keimten in ihr auf. "Was passiert hier?" schoss ihr in den Kopf. Unsicher blickte sie sich zwischen ihren Kameraden um und auch hier fanden sich recht skeptische Blicke. Doch sie hielten sich weiterhin bedeckt und warteten auf das vereinbarte Zeichen Ser Tarvains. Doch es kam nicht, aber stattdessen rannte Kalwen plötzlich davon und ein Mann erhob sich. Das Brüllen eines Glatzköpfigen brach durch das Lager und durch den Wald wie ein Hornstoß. „Dort! In den Büschen! Akadier!“ Diese Worte schlugen ein, wie glühende Funken in knochentrockenen Zunder. Wie es aussah, war Ser Tarvains Gruppe aufgeflogen. Die Männer im Lager sprangen auf, Fackeln flackerten, Bögen wurden gespannt. Ein Durcheinander aus Stimmen, Befehlen und klirrendes Metall brach los, als das Lager in wenigen Herzschlägen in Kampfbereitschaft stand. Ser Tarvains Männer, im Dickicht verborgen, hielten den Atem an. Doch es war zu spät. Ein Pfeilregen ging hernieder in die Hecken. Zwei von ihnen sackten noch zwischen den Sträuchern zusammen, ehe sie die Sehnen der bereits gespannten Bögen loslassen konnten. Der Rest der Akadier antwortete hastig mit einem Pfeilregen, ohne überhaupt auf einen Befehl zu warten, doch der gut geplante Überraschungsangriff war dahin.
Auf der nördlichen Seite des Lagers, wo Isaés Gruppe hockte, erhob sich Entaro, sein Schwert in der Hand und führte die Männer nach vorn. Und der Nordtrupp brach aus den Schatten der Nacht wie eine Flutwelle, die gegen Felsen brandete. Isaé aber blieb an Ort und Stelle, das Herz schlug ihr bis zum Hals. In diesem chaotischen Durcheinander, das wusste sie, konnte sie im Nahkampf nichts ausrichten. Und wenn sie ehrlich war, war sie auch nicht hier, um zu kämpfen. Ihre Aufgaben lagen anderswo. Mit einem Pfeil in der Brust konnte sie ihren Teil des Vertrages jedenfalls nicht erfüllen. Und der sah vor, dass sie mit Hilfe des Flüsterholzes die magisch begabten Feinde aufstöberte. Nicht, dass sie kämpfte. Sie sah aus der Ferne, wie Stahl aufblitzte, wie Pfeile aus kurzer Distanz abgeschossen wurden, wie Männer brüllten und Fackeln wild geschwungen wurden. Der Plan war in heillosem Chaos aufgegangen. Isaé blieb wo sie war und hockte am feuchten Boden, verborgen im Gestrüpp, ihr Herzschlag dröhnte in ihren Ohren. Und je länger sie diese Kämpfe beobachtete, desto mehr geriet sie ins Zweifeln und Grübeln. Und sie beschloss: sie wollte helfen! Wie konnte sie hier hocken und zusehen, wie die Männer um ihr Leben kämpften? Doch was sollte sie tun? Von hier aus konnte sie nichts ausrichten, da die Distanz zu groß war. Und wenn sie die Distanz verringerte, brachte sie sich in Gefahr um eine närrische Idee zu verfolgen. Doch sie dachte schließlich nicht mehr an das, was passieren könnte, wenn sie sich in den Kampf mischte und so drückte sie sich tiefer in die Dunkelheit und kroch vorwärts. Ihre Knie schoben sie über den Boden, kaum ein Laut. Das Leder ihrer Hose knarzte leise, und es kam ihr so quälend laut vor ihren Ohren, dass sie glauben mochte, das ganze Lager würde sie hören. Doch natürlich hörte es niemand in diesem Tumult. Isaé kannte die ungefähre Reichweite ihrer Armbrust und so erhob sie sich nach einer Weile, im Schutz der Dunkelheit und der Gewissheit, dass niemand auf den weiteren Rand am Lager achten würde, legte ihre Armbrust an und suchte nach einem Ziel. Und dann fand sie es. Doch ihr Herzschlag setzte beinahe aus. Ein Bogenschütze stand leicht erhöht auf einem Stein, zog den Ellbogen nach hinten um die Sehne zu spannen. Sein Blick war in diesem heillosen Durcheinander fest auf Entaro gerichtet, der sich gerade in einem Nahkampf mit dem Glatzkopf und seiner Axt befand, nicht ahnend, was hinter ihm vor sich ging. Noch ein Atemzug, und der Schuss würde fallen. Isaé verlor keine Sekunde. Sie zielte, hielt den Atem an. Ein kurzer Druck, der Bolzen schnitt durch die Luft, sie schloss die Augen für einen kurzen Augenblick. Der Bolzen schlug in die Schläfe des Bogenschützen, er riss die Augen auf, Pfeil und Bogen fielen in sich zusammen, glitten aus seinen Fingern, noch ehe er die Sehne loslassen konnte. Er fiel zur Seite, als hätte ihn ein Hammerschlag gefällt, und verschwand aus Isaés Blick. Entaro kämpfte weiter, ohne zu wissen, wie knapp es gewesen war. Erst jetzt gestattete sie sich wieder zu atmen, und lächelte. Beseelt von diesem Glückstreffer stellte sie die Armbrust auf den Boden und spannte diese mit ihrem Zweifinger Spanngurt, legte einen neuen Bolzen in die Führung und suchte ein neues Ziel. Sie nahm sich den Glatzkopf vor, doch anders, als ein Bogenschütze, der still stehend sein Ziel anvisierte, war dieser Nahkämpfer ein weitaus schwereres Ziel. Als der Bogen durch die Luft schoss, hatte sich der Kerl bewegt und der Bolzen schlug vor ihm in den Boden. Er riss den Kopf zur Seite und blickte in die Richtung, in der die Hexenjägerin stand. Isaé vermochte nicht zu sagen, ob er sie gesehen hatte. Doch in dem Moment, als er begann, in ihre Richtung zu stapfen, da warf sie die Armbrust beiseite und tat, was Kalwen getan hatte. Sie wandte sich um, und rannte, als wäre eine Horde Düsterlinge hinter ihr her. Sie rannte hinter die Büsche, sie rannte in den Wald. Sie wusste nicht, wie tief sie in den Wald rennen musste, schlug einen Haken, rannte immer tiefer in die Dunkelheit, bis sie nicht mehr wusste, wo sie war. Sie hetzte weiter, aus Furcht, der Glatzkopf wäre hinter ihr, ihre Kehle brannte, ihre Brust brannte, das Atmen fiel ihr schwer. Das Mondlicht fiel nur spärlich durch die dichten Baumkronen, der Wald ein zackiges Wirrwarr aus Schatten, Stämmen und Mondlicht. Und plötzlich war da dieser tiefhängende Ast. Zu schnell, zu spät, um sich zu ducken. Das spitze Holz krachte gegen ihren Schädel, ein schneidender Schmerz, der ihr förmlich den Rücken hinunterlief, so, als hätte jemand ein Messer über ihre Kopfhaut gezogen. Sie schrie auf, strauchelte, stolperte, taumelte und fiel der Länge auf den Waldboden. Sie rollte sich auf den Rücken, rang nach Atem, keuchte, hustete. Ihre Lunge brannte, und sie schloss für einen Moment die Augen.
Als sie die Augen wieder öffnete, und den Kopf hob, bereute sie es bereits wieder. Sie spürte, wie ihr warmes Blut über die Stirn, und die Augenbrauen lief, und schließlich in die Augenwinkel. Es brannte in den Augen und ihr Blick verschleierte sich. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte mehrmals, doch immer noch lief Blut über ihr Gesicht. Sie fluchte, tastete über ihr Gesicht, doch da war nichts. Aber ihr Schädel pochte, und als sie weitertastete, spürte sie eine klaffende Wunde auf ihrer Kopfhaut, da, wo sich der Ast vermutlich bis in ihr Gehirn gebohrt hatte. Dem war natürlich nicht so, doch sie fühlte sich so. Isaé ließ ihren Kopf wieder auf den Waldboden sinken, und versuchte erst einmal ruhig zu atmen. Falls der Kerl ihr überhaupt gefolgt war, so schien sie ihn abgeschüttelt zu haben. Und der Preis dafür war vermutlich nicht allzu hoch gewesen. Sie sagte sich, dass es schlimmer hätte kommen können. Isaé presste sich ihren Arm gegen die Kopfhaut, um die Blutung zu stillen und während sie dies tat, prüfte sie, ob sie sich bei dem Sturz auch nichts getan hatte. Dem war nicht so, und so frohlockte sie, dass sie Glück im Unglück gehabt hatte. Sie lauschte in die Stille des Waldes, doch dann hörte sie eine Stimme. Es war keine Stimme in dem Sinn, es war ein leises Flüstern. Zuerst dachte die Hexenjägerin, dass sie sich doch etwas getan hatte, aber dann erkannte sie, dass das Flüstern ganz nahe war. Es war nahe an ihrem Ohr, nicht in ihrem Kopf. Ungläubig und etwas umständlich nestelte sie ihre Pfeife aus ihrer Tasche. Und wirklich. Die Flüsterholz Pfeife flüsterte. Und eine Gänsehaut lief ihr über den ganzen Körper. Jetzt richtete sich Isaé auf und war ganz schnell wieder auf ihren Füßen. Sie blickte sich um, konnte aber nicht entdecken, außer den vermaledeiten, tiefhängenden Ast, der ihr die Kopfhaut aufgerissen hatte, und die jetzt brannte wie Feuer, und wieder blutete, da sie ihren Arm nicht mehr draufpresste. Sie strich sich ihr blutverklebtes Haar zurück und überlegte. Sollte sie tiefer in den Wald eindringen, und sehen, warum das Flüsterholz flüsterte? Doch es war mitten in der Nacht, sie war verletzt, wenn auch nur leicht, aber auf jeden Fall lädiert. Was immer da im Wald war, in ihrem derzeitigen Zustand war sie nicht in der Lage, es mit irgendwem oder irgendwas aufzunehmen. Und die Armbrust hatte sie am Lagerrand weggeworfen. Nein, es war völlig irrsinnig, jetzt alleine und tiefer in den Wald zu laufen. Sie musste zurück zum Lager, und Ser Tarvain darüber Bericht erstatten. Da sie nun keine Armbrust bei sich trug, nutzte ihr der Spanngürtel auch nicht viel. Sie knüpfte den Gürtel um den tiefhängenden Ast, um ihn zu markieren als Ort, wo die Flüsterholzpfeife gewispert hatte, dann ging sie langsam den Weg zurück. Als sie das Lager wieder erreicht hatte, war der Kampf vorüber. Sie hatte keine Begriffe, was alles passiert war, und ihr Blick war vom Blut, das nach wie vor hervorsickerte, immer noch rötlich verschleiert. Dann verließen sie ihre Kräfte, und sie setzte sich einfach auf einen Stein, und presste wieder ihren Arm auf ihre Wunde. Ihr wurde schlecht, doch sie konnte nicht sagen wieso. Aber sie musste Bericht erstatten. Ohne genau zu wissen, wo er war, und ob er noch war, rief sie. "Ser Tarvain! Das Flüsterholz! Es hat im Wald gesprochen!"
Der rote Tod ❖
30.09.2025 '20:49 [2.705 Wörter]
 haos brach über die Nacht herein. Ein Mann brüllte und daraufhin breitete sich das Brüllen aus, wie ein Lauffeuer. Fackeln stieben von den Lagerfeuern in jene Richtung, aus welcher das Brüllen ertönt war und das Lager verwandelte sich in ein Ameisennest. Entaro lehnte an einem Baum und beobachtete die angespannte Szenerie. Doch noch schien alles nach Plan zu verlaufen. Kalwen hatte die Aufmerksamkeit der Männer auf sich gezogen. Und das Lager kam in Bewegung. Und sie alle rannten von den Männern, welche sich um Entaro geschart hatten, davon. Es verlief eigentlich genau so, wie Ser Tarvain es geplant hatte. Die Zeit zuzuschlagen war gekommen. Doch dann wurde Ser Tarvains Truppe entdeckt. »Akadier! Dort, in den Büschen!« Entaro biss sich auf die Lippe. Pfeile surrten durch die Luft. Einige flogen in die Büsche und Entaro konnte nicht sagen, ob sie ihr Ziel getroffen hatten, oder nicht. Doch die Antwort blieb nicht lange aus. Zwanzig Pfeile flogen aus den Büschen und dem dunklen Gehölz in das Kalather Lager. Und kurz darauf folgte eine zweite Salve.
Während Entaro das Geschehen beobachtete, knirschte Ser Tarvain mit den Zähnen. »Dieser Lump! Er hat alles verbockt!«, fluchte der Heerführer und schnippte mit den Fingern. »Macht sie nieder!«, befahl er und die Männer spannten ihre Bögen. Pfeile zischten in das Gehölz und bohrten sich in die Bäume, den Boden und in zwei seiner Gefolgsleute. Die akadischen Pfeile flogen postwendend zurück ohne, dass der rote Tod den Befehl dafür gegeben hatte, und im Gegensatz zu den Kalathern, die einfach nur blind ins Dickicht geschossen hatten, konnten die Akadier sehr gut sehen, wohin sie ihre Pfeile zu lenken hatten. Fünf Mann gingen sofort zu Boden und blieben regungslos liegen. Weitere drei Mann gerieten ins Straucheln. »Zweite Salve!« befahl Ser Tarvain und nahm seine zweihändige Axt in beide Hände. Dies war keine Stunde für ein Schwert. Er war der rote Tod, dessen Axt blutige Schneisen in die Reihen der Feinde schlug. »Die Pfeile surrten und wieder fielen Männer zu Boden und dann hob Ser Tarvain seine Axt über den Kopf und brüllte seine Todesverachtung in die Nacht und auf sein Gebrüll hin strömten die Akadier mit Äxten, Speeren und Schilden aus dem Gehölz und fielen über die Männer im Lager her wie ein Schwarm Wespen.
»Das Zeichen!«, rief Entaro und setzte sich in Bewegung. »Für Daerean!«, rief ein Soldat und fünfzehn Armbrustbolzen zerschnitten die schwarze Nacht wie Schatten. Sie bohrten sich in die Rücken der Männer, welche sich Ser Tarvains Männern entgegengestellt hatten. Und als die Plänkler, unter Entaros Führung, aus dem Gehölz brachen, und die Kalather in die Zange nahmen, begann das Chaos. Die Männer zerstreuten sich. Manche warfen sich Ser Tarvain entgegen, andere Entaro und seinen Gefolgsleuten. Es entstand ein heilloses Durcheinander, als die Äxte auf Fleisch, Knochen und Schilde krachten. Knochen brachen, Schädel wurden gespalten und Schilde zerschmettert. Entaro fällte einen Kalather, welcher sich ihm in den Weg gestellt hatte und trat schließlich einem Mann entgegen, welcher mit einer großen, schweren Axt umherwirbelte. Die Axt traf einen Akadier an der Brust und dieser wurde von der Wucht umgeworfen, als ob ein Ochse ihn getreten hätte. Doch als er mit der Axt nach dem, am Boden liegenden Mann, schlagen wollte, kreuzte Entaros Schwert seinen Hieb und er lenkte diesen zur Seite. Entaro packte sein Schwert direkt an der Klinge und hebelte so die Axt in die Höhe. Und noch bevor der kahlköpfige Krieger reagieren konnte, hieb er ihm den Knauf seines Schwertes ins Gesicht. »Du dreckiger Hund!«, bellte der Mann und hieb mit der Faust nach Entaro, welcher daraufhin einen Schritt zurücktrat und sein Schwert mit beiden Händen am Griff umfasste. »Hunde die bellen, beißen nicht.«, antwortete Entaro ruhig und lächelte dabei. «Und du bellst sehr laut.« Der Mann verzog sein Gesicht zu einem grimmigen und abfälligen Blick, packte seine Axt mit beiden Händen und warf sich, mitsamt seiner Axt, in Entaros Richtung. Entaro wusste in dem Moment, dass er den Hieb nicht abfangen können würde. Er würde auch nicht ausweichen können. Jeder Versuch diesen Angriff zu unterbinden würde nur dazu führen, dass er zu Fall kommen würde. Also stemmte sich Entaro mit aller Kraft in den Boden und hielt einfach nur das Schwert in den Schwung des Mannes. Er erkannte zu spät, dass Entaro den Hieb nicht kontern würde. Und so rannte er in Entaros Schwert und anstatt die Axt nach Entaro zu schlagen, hieb er damit die Klinge des Drachenritters beiseite. Eisen schlug auf Eisen und Entaros Schwert wurde beiseite gefegt. Doch der tödliche Streich blieb aus. Stattdessen polterte der Kalather in Entaro hinein und während Entaros fester Stand ihn auf den Beinen gehalten hatte, ging der kahlköpfige Krieger zu Boden. Noch während er auf dem Boden aufschlug und sich abrollte, schlug Entaro seine Klinge nach ihm. Der Kahlköpfige Mann erwies sich als ein zäher Gegner. Er rollte sich auf die Seite und entging so dem tödlichen Schlag. Doch nun lag er auf dem Rücken, unfähig seine Waffe zu schwingen. Es wäre für Entaro ein leichtes gewesen, ihm so den Gnadenstoß zu verpassen. Doch ein weiterer Kalather warf sich auf Entaro und er wehrte diesen Angriff behände ab. Er trat einen Schritt auf die Seite, ließ das Schwert des Mannes ins Leere gehen, drehte sich leicht zur Seite und hieb die Klinge in die Stelle zwischen Helm und Brustpanzer. Der scharfe Stahl kratzte über das Metall und fraß sich kurz daraufhin schmatzend in den Hals des Mannes.
Der Tod dieses Mannes hatte dem kahlköpfigen Mann genügend Zeit verschafft, sich wieder auf die Beine zu richten. Er warf einen mürrischen Blick auf Entaro, bereit erneut zuzuschlagen. Entaro, welcher noch mit dem Kalather zu kämpfen hatte, stand mit dem Rücken zu ihm. Und genau in dem Moment, als Entaros Schwert sich in den Hals des Mannes bohrte und zugleich der Kahle zum Schlag ausholte, schlug ein Bolzen zwischen Entaro und dem Krieger in den Boden. Er hielt einen Moment inne und sein Blick suchte den Schützen, und als er ihn gefunden hatte, warf er noch einen Blick auf Entaro, welcher bereits mit dem nächsten Kalather beschäftigt schien und lächelte matt und entschied sich diesen Armbrustschützen zu erledigen, bevor er den nächsten Bolzen einlegen konnte.
Ser Tarvains Axt donnerte in einer solchen Wucht auf den Helm eines Mannes, dass dieser unter der Wucht nachgab und sich das scharfe Axtblatt sich seinen Weg, durch das gespaltene Eisen, in den Schädel bahnte. Er versetzte dem sterbenden Mann einen Tritt und löste ihn so von seiner Axt, nur um gleich dem nächsten seine Axt entgegen zu schwingen. Die Rotte aus roten und braunen Kleidern schmetterte ihre Äxte in die Männer. Und kaum erfolgte der Gegenschlag hoben sie ihre Schilde und aus der zweiten Reihe bohrten sich die Speere in die Angreifer. Ser Tarvains berüchtigte Formation war in einem solchen, heillosen Durcheinander absolut tödlich. Äxte hieben auf den Gegner, und jeder Versuch der Gegenwehr wurde mit Speerstößen erwidert. Mann um Mann wurde gefällt, während die Akadier Schritt um Schritt die Kalather zurückdrängten. »Tooood!«, brüllte Tarvain und schmetterte seine Axt in einen Mann, der seinen Schlag nicht hatte kommen sehen. Er hatte ihm den Rücken zugewandt und war im Begriff in das nördliche Gehölz zu stürmen. Ser Tarvains Axt brach ihm den kahlen Schädel entzwei und der Mann fiel auf die Knie. Seine eigene Axt hielt er dabei fest umklammert und warf diese, mit seinem letzten Atemzug, gegen Ser Tarvains Bein. Doch das Leben wich so schnell aus seinem Körper, dass der Schlag wirkungslos ins Nichts verlief und seine Axt achtlos auf den waldigen Boden fiel.
Ser Tarvain schloss schließlich zu Entaro auf, welcher sich gegen zwei Kalather abmühte, welche immer abwechselnd auf ihn einschlugen. Der Bernsteinritter hatte inzwischen schon drei Feinde niedergerungen, und diese beiden verstanden es wie eine Einheit zu kämpfen, dass sie selbst ihn vor eine Herausforderung stellten. Doch als der rote Tod zu Entaro aufgeschlossen hatte, brach dieser durch ihre Verteidigung und seine Axt schlug jenem, welcher gerade sein Schwert nach Entaro gestoßen hatte, in die Brust. Entaro indes nutzte die Überraschung und brachte den zweiten Mann zu Fall, indem er ihm das Schwert, von unten nach oben geschwungen, gegen den Arm geworfen hatte. Der Arm brach und sein Schwert schnitt sich tief in den Knochen. »Gnade!«, rief der Mann, und ließ sein Schwert fallen. Entaro zog das Schwert zurück und hielt es ihm auf die Brust. »Gnade haben nur die Diener Daereans zu erwarten. Doch ich richte keinen unbewaffneten Mann« antwortete Entaro doch seine Klinge verharrte auf der Brust des Mannes. Indes hatte Ser Tarvain seine Axt erhoben und schmetterte sie auf den Schild eines nahestehenden Kriegers, welcher daraufhin zu Boden stürzte. »Der rote Tod! Der rote Tod!«, brüllten die Akadier und klopften sich dabei auf die Schilde. »Der rote Tod holt euch, Mann für Mann!« Der Schlachtruf und die Tatsache, dass die Akadier langsam die Oberhand gewannen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Die verbliebenden Krieger warfen ihre Klingen auf den Boden. Der rote Tod. Das war ein Name, der in den Grenzlanden wie ein Fluch gesprochen wurde. Und Ser Tarvains Gesicht war so rot, von all dem Blut seiner Feinde, dass es aussah, als hätte er in ihrem Blut gebadet. »Wir gewähren Gnade.« antwortete Ser Tarvain mit einem tiefen Schnauben in der Stimme. »Doch wir verlangen Antworten.« Der Mann nickte und hielt sich die blutende Wunde am Arm, welche ihm Entaro zugefügt hatte. »Ich werde euch Antworten gebe…« Er gurgelte und ein Schwall Blut ergoss sich aus seinem Mund. Und als Entaro das Leben aus seinen Augen weichen sah, bemerkte er den blutigen Dolch, der ebenfalls aus seinem Mund ragte. Ser Tarvains Axt sauste durch die Luft und wirbelte in kreisendem Flug auf jenen Mann, welcher gerade einen seiner eigenen Kameraden getötet hatte. Die Axt traf ihn an der Brust. Doch die Axt hatte ihn nicht mit der Schneide getroffen, sondern mit dem schweren Kopf. »Packt ihn!«, befahl der Heerführer und zog daraufhin sein Schwert aus der Scheide um nicht weiter unbewaffnet im Feindeslager zu stehen.
Der Kampf war vorüber. Die Akadier hatten die letzten Kalather, welche sich ergeben hatten, zusammengerottet und auf die Knie gezwungen um sie zu fesseln. Ganze sieben Krieger waren die letzten Überlebenden. Wie viele Verluste sie erlitten hatten konnte man noch nicht sagen. Und wie viele Akadier in dieser Nacht ihr Leben verloren hatten, stand noch in den Sternen. Doch bevor sie dazu kamen die Verluste zu zählen und erste Verhöre durchzuführen, stolperte Isaé aus dem Dickicht. Ihr Gesicht war blutüberströmt und Entaro weitete unweigerlich erschrocken die Augen. Sie nahm auf einem großen Stein Platz und hielt sich die Wunde, während sie, völlig außer Atem, in die Nacht rief. »Ser Tarvain! Das Flüsterholz! Es hat im Wald gesprochen!« Entaro eilte zu Isaé und hielt sie an der Schulter. »Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich und Isaé schüttelte den Kopf. Sie wirkte leicht benommen und Entaro nahm ihren Arm von der Wunde. Ein tiefroter Streifen zierte ihre Stirn und Blut rann aus einer Wunde. Er biss sich auf die Lippen und kramte in seiner Tasche um ein behelfsmäßiges Tuch zum Verbinden zu Tage zu fördern. Er tupfte die Wunde ab und besah sie sich dann, so gut es in dem Licht ging. »Das ist keine Wunde von einer Waffe.«, murmelte Entaro und sah Isaé fragend an. »Was ist passiert?«, erkundigte er sich, während er ihr das Tuch um den Kopf wickelte. Er zog es so fest wie nötig, um die Blutung zu stillen und Isaé sog schmerzerfüllt die Luft zwischen den Zähnen ein. Noch während Entaro sich um Isaé kümmerte, näherte sich auch Ser Tarvain. »Frau Isaé? Er hatte sowohl einen besorgten als auch einen fragenden Gesichtsausdruck. »Erklärt mir, was dies zu bedeuten hat. Was hat das Flüsterholz gesprochen?« Der Heerführer schnippte mit den Fingern und ein Offizier trat an ihn heran. »Bindet die Männer an diesen Baum und entfacht die Lagerfeuer, damit wir mehr Licht haben. Wir müssten alle Kameraden finden und unsere Verluste in Erfahrung bringen! Und sucht diesen Kalwen! Er muss sich erklären!« Der Mann nickte und eilte daraufhin davon.
Einige Zeit später brannten drei große Feuer und im Zentrum dieser knieten die überlebenden Kalather. Ihre Hände und Beine waren verschnürt und sie waren auch immer mit einem der Männer neben ihnen zusammengebunden. Ser Tarvain schritt vor ihnen auf und ab und wischte sich dabei das Blut ihrer gefallenen Kameraden vom Gesicht. »Wo fange ich nur an?«, murmelte der Heerführer und blieb vor einem der Männer stehen. »Wollt ihr sprechen, oder lieber sterben?«, erkundigte er sich und seine Blicke schienen sie förmlich herausfordernd zu durchbohren. Doch er erhielt keine Antwort. »Ihr wart dreißig Mann! Und seht was von euch übrig ist!«, fuhr er unbeirrt fort und deutete auf den kläglichen Haufen, welcher noch übriggeblieben war. »Euere kläglichen Versuche uns zu vertreiben sind gescheitert! Wir haben euch in eurem eigenen Land auf die Knie gezwungen!« Diese Worte zeigten eine Wirkung. Wenn auch nur grimmige Blicke und einer der Männer spuckte in Ser Tarvains Richtung, was diesem nur ein müdes Lächeln abrang. »Ehrloses Pack! In der Nacht gekommen…«, knurrte einer von ihnen und der rote Tod lachte nur müde. »Und ihr? Habt ihr diese Kreaturen geschickt?« Er legte den Kopf schief und beobachtete die Männer. »Einer von euch wollte sprechen. Doch er starb durch eure eigene Hand! Was sagt das über euch aus?«, erkundigte sich Ser Tarvain und er erntete nur grimmige Blicke. »Verräter verdienen den Tod!«, war die trotzige Antwort und Ser Tarvain nickte nachdenklich. »Ser Tarvain.«, räusperte sich einer der Akadier, welcher an den Heerführer herangetreten war. »Wir haben drei Männer verloren. Zwei liegen mit Pfeilen in der Schulter und Brust darnieder. Ob sie es schaffen werden ist ungewiss.« Ser Tarvain nickte stumm. Vier Männer hatte er bereits verloren. Vielleicht noch zwei weitere. »Und wo ist Kalwen?«, erkundigte sich Ser Tarvain und der akadische Krieger zuckte mit den Schultern. »Wir konnten ihn bisher nicht ausfindig machen. Aber es ist dunkel. Vielleicht wurde er getötet? Oder er liegt irgendwo in einem Busch herum.« »Wahrscheinlich hat er einen Moortümpel gefunden und bewundert sein eigenes Spiegelbild.«, murmelte Entaro und erntete dafür ein raues Lachen, welches aber kurz darauf wieder verstummte. »Findet ihn! Er hat Drei Männer auf dem Gewissen.« »Drei?«, bellte einer der Kalather daraufhin. »Wir haben über Zwanzig Mann verloren und ihr nur Drei…«, weiter kam er nicht, als Ser Tarvains Faust ihm im Gesicht trag. »Jeder Akadier, der durch euresgleichen fällt, ist einer zu viel. Wenn dieser Hexenjäger seine Sache gut gemacht hätte, wäre heute Nacht kein einziger Mann gestorben! Ihr könnt euch also bei ihm bedanken, dass diese Nacht so geendet hat!« Ser Tarvain zog daraufhin sein Schwert und richtete es dem Mann, welcher zuvor versucht hatte ihn zu bespucken, auf die Brust. »Also. Wer ist euer Anführer? Ardeth? Hera? Istred?« Der Mann erhob sein Kinn und blickte Ser Tarvain herausfordernd und todesverachtend ins Gesicht und biss sich dabei auf die Lippen. Dies war eine klare Sprache und Ser Tarvain wusste, dass es darauf nur eine Antwort geben durfte. Und so verlagerte er seinen Stand, verstärkte seinen Griff und stieß dem Mann das Schwert in die Brust.
Entaro trat daraufhin an Ser Tarvain heran. »Diese Männer haben sich ergeben.« Doch Tarvain warf ihm einen abweisenden Blick zu. »Ich brauche Antworten, Ser Adun. Ansonsten war der Tod unserer Männer völlig umsonst! Und wenn ich die Antworten aus diesem Abschaum herausprügeln muss, dann werde ich das machen!« Entaro legte dem roten Tod die Hand auf die Schulter. »Wir haben zwei von ihnen über Ardeth sprechen hören. Vermutlich ist er der Anführer dieser Rotte?« Da lächelte Tarvain. »Ardeth also?« Er wandte sich an den nächsten und legte ihm das Schwert auf die Brust. »Wo ist er? Lockere deine Zunge oder mein Schwert wird dein Herz öffnen!« Der Mann wirkte deutlich weniger entschlossen, als sein inzwischen toter Kamerad. Seine Blicke huschten zwischen Ser Tarvain und Entaro hin und her. Und man konnte an seinem gehetzten Blick erkennen, dass er nur einen kleinen Ruck benötigte, um endlich zu sprechen. »Frau Isaé!«, rief Ser Tarvain, welchem der Blick des Mannes ebenfalls nicht entgangen war. »Bitte kommt doch zu uns und berichtet uns wo euer Flüsterholz gesprochen hat!« Er lächelte siegessicher. »Dort wird Ardeth sich wohl verkrochen haben! Wenn du jetzt sprichst, verspreche ich, bei meiner Ehre, dass dein Leben verschont werden soll!«
Die Bürde der Bürgschaft ❖
01.10.2025 '19:57 [2.056 Wörter]
 bwohl die Nacht kühl war, und die Lagerfeuer neu entfacht werden mussten, um eine bessere Übersicht bekommen zu können, wurde es Isaé allmählich zu warm. Sie riss sich den Umhang von den Schultern und warf ihn achtlos neben sich auf den Boden. Jedes Mal, wenn sie den Arm von der Wunde nahm, sickerte neues Blut über ihre Stirn und ihr Gesicht, und dieses fortwährende Tropfen zerrte an ihren Nerven. Hinzu kam der unbändige Wunsch nach Feuermohn. Auch das zerrte an ihren Nerven. Feuermohn war ihr stets Trost gewesen: Wenn sie einsam war, wenn sie Schmerzen hatte, wenn einfach alles schieflief, und manchmal ganz einfach, weil es sich gut anfühlte. Nun aber ging sie bereits seit drei Tagen durch dieses tiefe, dunkle Tal des Entzugs, und rational betrachtet wäre es dumm, jetzt wieder anzufangen und den Teufelskreis erneut in Gang zu setzen. Zumal sie Entaro die Dose ausgehändigt hatte. Einmal hatte sie sich nachts, als er schlief, sogar vorgestellt, heimlich in seinen Habseligkeiten nach der Dose zu suchen, um ein oder zwei Kügelchen zu entwenden. Doch das war ein wahrhaft lächerlicher Gedanke gewesen, als sie länger darüber nachgedacht hatte und ein Vertrauensbruch obendrein. Isaé gab Entaro das Versprechen, dem Feuermohn ein für alle Mal zu entsagen. Sie hatte sich nur nicht vorstellen können, wie schwer das Entbehren sein würde.
Entaro trat an sie heran und löste ihr behutsam den Arm vom Kopf. Sie war hin- und hergerissen: Es gefiel ihr, dass er sich sorgte. Sie mochte es, wenn er ihr ganz nahe war und doch war es ihr auch widerum unangenehm. Denn sie wollte nicht schwach erscheinen und doch erlaubte sie sich in diesem Moment eine gewisse Schwäche. „Das ist keine Wunde von einer Waffe. Was ist passiert?“, fragte er, während er ihr provisorisch ein Tuch um den Kopf band und es festzog. Isaé zog die Luft zwischen zusammengebissenen Zähnen ein. „Ha, zum Glück war es keine Waffe, sonst wäre ich vermutlich jetzt tot. Ich saß da hinten in den Büschen, habe einen der Kalather, der ruhig da stand mit meiner Armbrust erwischt, aber den anderen nicht. Der hat mich bemerkt, ich bin in den Wald gerannt. Ich lief und lief, und dann war da plötzlich dieser tiefhängende Ast. So ist das passiert. Es hätte natürlich auch mein Auge sein können, das der Ast aufgespießt hätte, also denke ich, ich kann mich glücklich schätzen…“ Diese Einsicht gab ihr Kraft, und mit diesem Glücksgefühl beseelt schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln. In diesem Moment schob sich Ser Tarvain in ihr Blickfeld. „Frau Isaé. Erklärt mir, was dies zu bedeuten hat. Was hat das Flüsterholz gesprochen?“ Sie rieb sich die Augen, da sie immer noch einen leichten, brennenden Blutschleier vor Augen hatte und sah ihn an. „Ser Tarvain, das weiß ich derzeit noch nicht genau, um ehrlich zu sein. Ich habe nur gehört, dass das Flüsterholz geflüstert hat. Es reagiert wohl auf magische Energie im Wald. Hier im Lager ist nichts zu hören, also ist in unserer unmittelbaren Umgebung offenbar keine Quelle. Aber weiter hinten im Wald, dort war es. Ich wollte nicht allein und unbewaffnet tiefer vordringen, um nachzusehen. Erst wollte ich euch Bericht erstatten. Ihr seid der Anführer, ihr entscheidet, wie wir weiter vorgehen.“ Ser Tarvain nickte, winkte seinen Offizier heran und gab knappe Anweisungen, ehe er sich von der Hexenjägerin entfernte.
Nach einer ganzen Weile war im Chaos etwas Ordnung geschaffen worden. Die Toten waren nach Möglichkeit würdevoll und nach akadischem Brauch aufgebahrt worden, die Feuer loderten stärker, und die wenigen Kalather, die überlebt hatten, lagen gefesselt, Mann an Mann, gebunden da. Isaé bewunderte insgeheim die Männer, die Ser Tarvain folgten: mit welcher Disziplin und unerschütterlichen Willenskraft sie an seiner Seite standen, seine Befehle befolgten und in kurzer Zeit stets großartiges schafften. Sie folgten ihm nicht allein, weil er ihr Anführer war, sondern weil sie ihn achteten und bewunderten. Bei ihr hingegen war es hauptsächlich der Vertrag, den sie unterschrieben hatte, und vielleicht spielte noch ein Fünkchen Respekt eine Rolle, weil er ein Freund von Entaro war. Also saß sie eher teilnahmslos da und beobachtete, wie er alle Mittel ausschöpfte, um die verbliebenen Männer zum Reden zu bringen. Und wer nicht redete, dem drohte der Tod. Schließlich rief er nach Isaé „Frau Isaé. Kommt bitte her und berichtet, wo das Flüsterholz gesprochen hat.“ Sie erhob sich und trat zu den Gefangenen. Mit dem Arm deutete sie in eine bestimmte Richtung. „Dort hinten, in diese Richtung. Ein gutes Stück weit, tief im Wald. Ich habe die Stelle markiert, ich kann euch hinführen.“ Ser Tarvain nickte, wandte sich dem Gefangenen zu und sprach barsch: „Wie du gehört hast, haben wir Mittel und Wege, auch ohne dich weiterzufahren. Aber wenn du jetzt sprichst, verspreche ich bei meiner Ehre, dass dein Leben verschont wird.“ Der Kalather hob den Kopf, blickte von Isaé zu Entaro und Ser Tarvain, dann senkte er resigniert die Schultern. „Es ist wahr. Tief im Wald, so habe ich gehört, abseits der befestigten Wege, gibt es einen markierten Pfad, der einen unversehrt durch das Moor führt. Inmitten des Moores steht ein riesiger, toter Baum. Der Baum ist hohl und dient Meister Ardeth als Versteck. Mehr weiß ich nicht.“ Ser Tarvain nickte ruhig. „Wenn Ardeth sich dort versteckt, werden wir ihn finden. Wir haben schließlich eine Hexenjägerin mit einer besonderen Begabung."
"Ser Tarvain!" zischte einer der Soldaten plötzlich, riss die Armbrust hoch und zielte in die Dunkelheit, wo sie sich mit dem Feuerscheint traf. "Hände hoch! Tretet ins Licht!" brüllte er. Alle Augen richteten sich auf das Ziel der Armbrust, und Kalwen trat mit erhobenen Händen in den Feuerschein. Sofort richteten sich weitere Waffen auf ihn. Schwerter, Speere, Bögen, Dolche. "Sieh an, wer da wie ein geprügelter Hund zurückgeschlichen kommt…" stieß einer der Männer verächtlich hervor. Ser Tarvain wandte sich zu ihm um und seine Stimme donnerte unheilvoll über den Platz. "Kalwen von Niefurt! Kniet nieder!" Der rote Tod trat langsam auf ihn zu, das Schwert in der Hand noch blutig von dem letzten Mann dem er es in die Brust getrieben hatte. Als Kalwen dem Befehl Ser Tarvains nicht schnell genug nachgekommen war, ging einer der Soldaten auf ihn zu, trat ihm in die Kniekehlen und zwang ihn so in die Knie. "Bist du taub?" setzte er noch nach und spuckte vor ihn auf den Boden. "Arme hinter den Kopf!" zischte er und Kalwen verschränkte langsam die Arme hinter dem Kopf, während er im Dreck kniete. Ser Tarvain baute sich vor ihm auf "Kalwen von Niefurt. Dein unüberlegtes Handeln hat den Feind auf uns gelenkt. Dein Dolch hat nichts bewirkt außer Unruhe. Und weil du deine Zunge nicht in Zaum halten konntest, sind drei meiner Männer gefallen.“ Er machte noch einen Schritt näher, und seine Stimme wurde noch härter. „Hör ihre Namen, und vergiss sie niemals: Ardén Perraud. Lucien Charbonneau. Guillaume von Valét. Gute Männer, die länger gelebt hätten, wenn du dich nicht wie ein Narr benommen hättest." Tarvain hob das Schwert leicht an. „Ich bin heute und hier der Richter und der Vollstrecker. Und Daerean ist mein Zeuge. Mein Urteil spreche ich vor ihm und vor euch allen. Tod durch Enthauptung." Ein eisiges Schweigen legte sich über den Kreis. Kalwen kniete, starrte ihn beinahe geistesabwesend an, und obgleich er sonst immer vorlaut war oder einen frechen Spruch auf den Lippen hatte, schwieg er, als sei ihm die Sprache genommen worden. Die Männer hielten den Atem an. Die meisten nickten, andere sahen starr auf Kalwen. Ser Tarvain hob den Kopf und dunkle Schatten zuckten über sein Gesicht. "Irgendwelche letzten Worte, Kalwen von Niefurt?" Kalwen ließ den Kopf hängen. "Es tut mir leid" war alles, was er hervorbrachte. Isaé schluckte. Ser Tarvain nickte. "Gut." Er hob das Schwert, doch dann trat Isaé hervor. "Ser Tarvain! Bitte wartet!" Der Heerführer hielt inne und senkte das Schwert, bevor er seine Aufmerksamkeit der Hexenjägerin zuwandte. "Was wollt ihr, Hexenjägerin?" Isaé sagte leise "Ich bitte Euch, Kalwen zu verschonen." Ein ungläubiges Murmeln ging durch den Kreis. Ser Tarvain blickte sie durchdringend an "Warum? Bedeutet euch dieser Narr etwa etwas?" Isaé schüttelte den Kopf. "Nein. Ganz sicher nicht. Jedenfalls nicht so, wie es vielleicht den Anschein erwecken mag. Ich habe trotzdem Mitleid mit ihm, er finde, er verdient es nicht, so zu sterben." "Wieso? Seinetwegen sind drei meiner Männer tot. Sie werden nicht mehr zurückkehren zu ihren Frauen und ihren Kindern. Und auch sie haben den Tod nicht verdient" "Aber sein Tod wird nichts daran ändern. Ser Tarvain, Bitte gebt ihm noch eine allerletzte Chance, seinen Fehler wieder gut zu machen. Ich werde für ihn bürgen, wenn es sein muss." Er sah sie lange an, kalt und durchdringend, als wolle er prüfen, ob sie den Verstand verloren habe. „Ihr?“ Seine Stimme war fast ungläubig. „Ihr, Isaé Edera, wollt für diesen Mann bürgen?“ Sie nickte unbeirrt. „Ja.“ Ser Tarvain trat einen Schritt näher, das Feuer spiegelte sich im blutigen Stahl seiner Klinge. „Ihr verlangt viel. Ein Mann wie er ist nichts als ein Risiko." "Und dennoch habt ihr ihn in eure Dienste gestellt, Ser Tarvain. Warum? Irgendetwas müsst ihr in ihm gesehen haben, das ihr ihn für dieses Unterfangen verpflichtet habt, oder nicht?" Tarvain starrte sie an, die Augen leicht zusammengekniffen. Einen Herzschlag lang sagte er nichts. Dann antwortete er, seine Stimme war tief und beherrscht: „Ich habe ihm eine Aufgabe gegeben, die selbst ein Taugenichts hätte erfüllen können. Doch er hat selbst diese vergeigt. Wollt ihr mir nun sagen, dass er trotzdem mehr wert ist, als ich ihn ihm sehe? Wenn er erneut versagt, wenn er noch einen Tod zu verschulden hat, dann ist es euer Versagen. Und ihr wisst hoffentlich, was das zu bedeuten hat. Wenn er einen weiteren Tod zu verschulden hat, dann bürgt ihr mit eurem Leben. Wollt ihr das immer noch?“ Seine Worte waren hart, aber keine Drohung. Eine Feststellung, eine unausweichliche Tatsache. Isaé wirkte verunsichert. Sie warf unweigerlich einen Seitenblick auf Entaro. Sie schlug die Augen nieder und sah dann Kalwen ins Gesicht, der die Szenerie mit einem ungläubigen Blick verfolgte. Dann nickte Isaé einige Male, als müsste sie ihre Entscheidung noch einmal überdenken, aber dann hob sie ihren Kopf und blickte Ser Tarvain fest in die Augen und sagte "So sei es." Das Schweigen, das folgte, war fast unerträglich. Das Knacken des Feuers war das Einzige, das über den Platz hallte. Schließlich senkte Tarvain das Schwert und sprach, mit einer Stimme, die kein Widerspruch duldete „Dann möge Daerean mein Zeuge sein. Kalwen von Niefurt soll leben. Nicht aus meiner Gnade heraus, sondern weil die Hexenjägerin Isaé Edera ihr Leben für das seine einsetzt. Ich erwarte von dir, Kalwen von Niefurt, dass du dich ab nun als ehrenhafter Mann erweist. Verspielst du ihr Wort, dann nehme ich nicht nur dein Leben, sondern auch ihres.“ Kalwen nickte "Ich verspreche es." Die Männer schwiegen weiterhin. Einige schüttelten ungläubig die Köpfe, andere nickten stumm. Die Entscheidung war gefallen. Kalwen kniete schweigend, die Lippen fest aufeinandergepresst, er ließ die Hände langsam sinken. Seine Augen wanderten kurz zu Isaé kein Spott, kein Grinsen, nur ehrliche Verwunderung. Für einen Augenblick sah er aus wie jemand, dem man den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Ser Tarvain richtete seine Worte an den Hexenjäger "Wir haben drei Männer zu beerdigen. Ihr könnt gleich damit beginnen, euch in Wiedergutmachung zu üben, in dem ihr drei Gräber aushebt, damit meine Männer eine angemessene Bestattung erhalten." Er ging davon, und ließ sich in weiterer Entfernung an einem der Feuer nieder, einige Männer folgten ihm. Kalwen erhob sich und lächelte Isaé an "Ich weiß nicht, warum du das getan hast. Aber ich werde es nicht vergessen. Eines Tages wird der Tag kommen, an dem ich mich dafür revanchiere." Isaé blickte ihn an. "Du bist schließlich auch nur ein Hexenjäger. Die meisten der unseren sind verlorene Seelen. Und eine verlorene Seele braucht auch mal jemanden, der sie auffängt." Jetzt grinste Kalwen "Ich würde dich jederzeit auffangen, wenn du jemanden dafür brauchst." Isaé hielt den Kopf schief "So hab ich das nicht gemeint, aber danke. Ich denke, du solltest jetzt an die Arbeit gehen, die Ser Tarvain dir aufgetragen hat. Davor kannst du dich nicht drücken." Er hob beide Hände "Hab ich nicht vor! Kalwen von Niefurt ist als neuer Mensch wiedergeboren!" Damit wandte er sich ab, holte sich eine Schaufel und begann an dem für die drei Gräber zugewiesenen Ort die Erde auszuheben, während der Rest des Lagers ihm dabei zusah.
Ammenmärchen und Aberglaube ❖
10.10.2025 '21:37 [2.060 Wörter]
 achdem der gefangene Kalather das mutmaßliche Versteck dieses ominösen Ardeth verraten hatte, ließ er den Kopf hängen. »Verräter!«, zischte, einer der anderen Männer doch er wurde schnell zum Schweigen gebracht, als einer der Akadier ihm den Stiefen in die Rippen trat. »Halts Maul!«, bellte der Mann. Der Getretene warf ihm einen wütenden Blick zu, doch er schwieg. Noch während Tarvain sprach, kam Unruhe ins Lager. Die Unruhe entpuppte sich aber schließlich als Kalwen, welcher sogleich in Gewahrsam genommen wurde. Und als Ser Tarvain seine richtenden, harschen Worte gesprochen hatte, fällte er auch schon das Urteil. Der Tod. Entaro konnte nicht sagen, dass ihm dieser Mann sonderlich leidtat. Er war ein Aufschneider und er mochte ihn nicht. Und nach akadischem Recht war der Tod von drei Männern nur mit dem Tod aufzuwiegen. Doch sie waren hier nicht in Akadien, sondern in den Grenzlanden. Doch bevor der Rote Tod das Urteil vollstrecken konnte, hielt Isaé ihn davon ab. Noch mehr, sie bürgte sogar für Kalwen, was Entaro mit gemischten Gefühlen aufnahm. Auf der einen Seite wünschte Entaro diesem Mann eigentlich nicht den Tod. Doch dass Isaé nun für sein Leben mit ihrem eigenen bürgen sollte, schmeckte ihm ganz und gar nicht. Und da war noch etwas anderes…tieferes…das in Entaro Zweifel sähte. Warum hatte sie das getan? War es aus reiner Herzensgüte? Aus Mitleid? Oder war da etwas mehr? Hegte sie gar Gefühle für diesen Possenreißer? Entaro warf Kalwen eine finstere Miene zu und Isaé sah er daraufhin fragend an. »Warum hast du das getan?«, erkundigte er sich bei ihr und seine Blicke huschten zwischen Isaé und Kalwen hin und her. »Du kennst ihn doch kaum. Er hat bewiesen, dass er weder vertrauenswürdig noch nützlich ist. Er wird wie ein Joch an deinem Hals hängen, bis er dich mit in den Tod ziehen wird. Und das werde ich nicht zulassen.«, brummte Entaro und warf Kalwen daraufhin einen mürrischen Blick zu. »Ein Fehltritt. Ein falsches Wort. Eine unüberlegte Entscheidung. Und es wird mein Schwert sein, das dich richten wird, Kalwen von Niefurt.« Entaro sah den knieenden Hexenjäger ernst an. Dann sah er Ser Tarvain ernst an. Er sagte kein Wort, doch in seinen Blicken stand klar und deutlich geschrieben. Wenn er, oder einer seiner Männer, Hand an Isaé legen würde, würde dies bedeuten, sich den Drachenreiter zum Feind zu machen. Und schließlich warf er Isaé einen besorgten und zugleich beinahe enttäuschten Blick zu. Doch er sprach kein einziges Wort mehr. Er wandte der Gruppe den Rücken zu und verschwand in die schwarzen Schatten des Waldes.
Ser Tarvain wedelte schließlich mit der Hand. »Steht auf. Macht euch nützlich. Wir haben drei Männer zu beerdigen. Ihr könnt gleich damit beginnen, euch in Wiedergutmachung zu üben, in dem ihr drei Gräber aushebt, damit meine Männer eine angemessene Bestattung erhalten.« Als Kalwen schließlich begann das Loch aus dem morastigen Boden auszuheben, begannen die übrigen Akadier das Lager zu plündern. Manche beobachteten Kalwen bei seiner Arbeit, und der Rest begann die Toten zusammen zu tragen. Sie legten einen Kalather neben den nächsten, bis sie alle gefunden hatten. Jeder Gegenstand, der irgendwie von Wert war, wurde geplündert, und schließlich die Männer aufgebahrt. »Ihr solltet allen den Kopf abschlagen!«, rief einer der Gefangenen. Ser Tarvain warf ihm einen mürrischen Blick zu. »Warum sollten wir eure Kameraden im Tode entweihen?«, erkundigte er sich und der Gefangene erwiderte Ser Tarvains mürrischen Blick. »Es ist keine Entweihung! Die Männer sind Tod! Schlagt ihnen die Köpfe ab und treibt ihnen einen Pfahl ins Herz, damit sie tot bleiben!« Ser Tarvain lächelte dünn. »Kalathischer Aberglaube.« Kalwen, welcher unweit von den Gefangenen und Ser Tarvain sein Grab schaufelte, hielt einen Moment lang inne. »Es ist kein Aberglaube.«, rief er, doch als Ser Tarvain seinen Blick auf ihn richtete, senkte er sogleich den Kopf und stach die Schaufel wieder in die Erde. »Und was ist es dann, wenn kein Aberglaube?«, verlangte Ser Tarvain zu erfahren und als Kalwen ihm keine Antwort darauf gab, richtete er seine Blicke auf die Gefangenen. »Was passiert, wenn wir euren Toten nicht die Köpfe abschlagen?« »Dann kommen sie wieder!« Da lachte der rote Tod verächtlich. »Wiedergänger? Habt ihr je einen gesehen?«, verlangte er zu wissen und da schwiegen die Gefangenen betreten. »Hab ichs mir gedacht! Nichts als Aberglaube!«
Als das Grab schließlich ausgehoben worden war, kletterte Kalwen aus dem Loch. Seine Kleidung war matschig und voller Erde und Morast. Er warf die Schaufel auf den Boden und rieb sich die Hände, um sie so ein wenig vom Dreck zu befreien. »Erledigt!«, rief er und wirkte daraufhin etwas betreten. Seine Blicke wanderten zu den Akadiern, die ihn mit stummen Blicken anstarrten. Und als er den Blicken nicht mehr standhalten konnte, huschten sie zu dem Loch, welches er soeben ausgehoben hatte. Und mit einem Mal fühlte er sich noch betretener. Hatte er etwa sein eigenes Grab ausgehoben? Instinktiv trat er von dem Grab zurück. »Bahrt die Toten auf und bettet sie zu ihrer letzten Ruhe! Findet Ser Adun, damit er die Segnung sprechen kann!«, befahl Ser Tarvain und seine Männer begannen die drei toten Akadier in das Loch zu legen. Ihre Hände wurden ihnen auf der Brust verschränkt und auf ihre Augen wurden kleine, bemalte Steine gelegt. Und als dies alles erledigt war, aber Entaro noch immer nicht am Grab eingetroffen war, wandte sich Ser Tarvain an einen seiner Offiziere. »Wo ist Ser Adun?« Der Offizier zuckte mit den Schultern. »Wir können ihn nicht finden, Ser.« Der Heerführer brummte nachdenklich und nickte dann. »Dann werde ich das eben selbst übernehmen.«
Die Akadier in der Grube wurden mit trockenem Reisig und ebenso trockenem Moos bedeckt. Und als Ser Tarvain schließlich eine Fackel in die Grube warf, loderten kurz darauf die Flammen aus dem dunklen Abgrund. Das Feuer leckte an den Wänden, kroch über den Rand der Grube und schwarzer Rauch quoll aus der Erde. Als das Feuer schließlich erlosch, sprach Ser Tarvain das Gebet, um die Seelen auf ihrer letzten Reise zu geleiten und schüttete die erste Schaufel Erde in das Grab. Dann übergab er die Schaufel an einen seiner Gefolgsleute, welcher ebenfalls eine Schaufel Erde in die Grube war. Und so ging es immer weiter, bis auch der letzte Akadier schließlich die letzte Schaufel Erde in das Grab geworfen hatte.
Schließlich wandte sich Ser Tarvain an die Gefangenen. »Nun. Wir werden eure gefallenen Kameraden euch überlassen. Doch…«, er hielt einen Moment lang inne. «Wir können euch nicht freilassen. Erst, wenn wir Ardeth aufgespürt und ihn dingfest gemacht haben. Die Gefahr, dass ihr uns verraten werdet, ist zu hoch.« Die Gefangenen protestierten. »Ihr könnt uns doch nicht neben einem Haufen Toter zurücklassen!« Die Furcht, die in ihren Stimmen mitschwang war spürbar. Das Entsetzen in ihren Augen war deutlich zu sehen. Als er ihnen mit dem Tod gedroht hatte, um sie zum Reden zu zwingen hatten sie kaum mit der Wimper gezuckt. Doch allein der Gedanke daran, dass ihre toten Kameraden wiederkehren könnten ließ sie aufbegehren? Ser Tarvain war noch verwunderte, als zuvor. »Freilassen können wir euch nicht.« Und da er bei seiner Ehre geschworen hatte, sie zu verschonen, war dies auch kein Ausweg. »Daher werden wir euch hier zurücklassen. Gebunden an diesen Baum.« Damit war es für Ser Tarvain erledigt und er kehrte ihnen den Rücken zu. Ihre Proteste und ihr Flehen traf bei ihm auf taube Ohren.
Ser Tarvain näherte sich schließlich Isaé, welche gedankenverloren am Rand des Lagers an einem Baum lehnte und in den dunklen Wald starrte. »Was seht ihr?«, erkundigte er sich und es schien, als ob sie erschrocken zusammenzuckte. »Nichts.«, antwortete sie nur und wandte schließlich ihre Blicke von der Dunkelheit ab. »Sobald Ser Adun wieder zurück ist, werden wir zu dieser Stelle gehen, von der ihr gesprochen habt. Also findet ihn.« Als Isaé sich in Bewegung setzten wollte, hielt er sie am Arm fest. »Eure Tat war nobel. Ich bin noch nicht sicher, ob sie weise war. Aber ihr habt euch eine schwere Bürde aufgelegt. Ich habe natürlich Recht gesprochen. Als Anführer muss ich Stärke zeigen. Ich verspreche euch, wenn Kalwen nochmals den Tod eines meiner Männer zu verschulden hat, dass es dann keine Gnade mehr geben wird.« Isaé nickte, doch sie sagte kein Wort. Was dachte sie wohl in diesem Augenblick? Würde sie dann auch sterben? Ser Tarvain seufzte. »Ich wäre ein Narr, würde ich euch töten, bevor wir unser Unterfangen beendet haben. Ich werde euch zur Rechenschaft ziehen. Ich werde euch natürlich an eure Bürgschaft erinnern. Doch auch wenn euer Leben an das dieses Mannes gebunden ist, bedeutet dies nicht, dass auch euer Tod an den seinen gebunden sein wird…« Ser Tarvain räusperte sich und schwieg einen Augenblick. »Außerdem glaube ich, dass Ser Adun mir euren Tod niemals vergeben würde. Und so sehr wie ich euch brauche…ihn brauche ich noch viel mehr.« Da lächelte Isaé dünn. »Nicht ihn…nur seinen Drachen.«
Entaro stand an einem kleinen Tümpel am Rand des Moores. Der fahle Mond schien durch die lichten Blätter der Bäume und spiegelte sich auf dem stillen Wasser, das wie ein Spiegel vor ihm lag. Er warf einen nachdenklichen Blick in den Himmel und daraufhin auf das Spiegelbild des Mondes und dann seufzte er. Seine Gedanken kreisten um die Ereignisse des vergangenen Abends. Der Kampf. Das Gerede. Isaé und Kalwen und all die seltsamen Geschichten, Geheimnisse und Gerüchte, die sich in diesem uralten, verfluchten Land in jedem Baum, jedem Stein und auch in dem Spiegelbild dieses Mondes widerspiegelten. Seine Hände wanderten in seine Tasche, um das Kleinod, das daereanische Siegel, den glimmenden Bernstein, heraus zu holen. Doch seine Hände umfingen stattdessen Isaés Dose, welche er daraufhin aus der Tasche zog. Nachdenklich hielt er sie in der Hand und starrte darauf. Es war ein seltsames Gefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte. Nein. Er hatte kein Verlangen nach dem Kraut, welches darin lag. Und doch, war da ein seltsames Gefühl. Ein Gedanke. Eine flüchtige Erinnerung. Für einen Moment dachte er daran, die Dose einfach in den Sumpf zu werfen. Dort würde sie untergehen und im Schlamm und Morast des Landes verschwinden. Doch seine Hand umklammerte die Dose. Er konnte sich nicht dazu überwinden, sie einfach wegzuwerfen. Und so seufzte er schließlich und ließ die Dose wieder in seiner Tasche verschwinden.
Nach einer Weile kehrte er schließlich zum Lager zurück. Er wollte Isaé aufsuchen um mit ihr zu sprechen. Doch ein Akadier, welcher ihn bemerkt hatte, kam ihm sogleich entgegen. »Ser Adun! Da seid ihr ja!«, rief er und führte den Bernsteinritter sogleich zu seinem Herrn. Ser Tarvain, der rote Tod. »Ser Adun.« Er nickte stumm und Entaro erwiderte das stumme Nicken. »Wir werden Frau Isaé in das Moor folgen bis wir jenen Ort gefunden haben, von dem sie uns berichtet hatte. Und dann…werden wir sehen ob die Worte dieses Gefangenen der Wahrheit entsprechen.« Entaro legte den Kopf ein wenig schräg zur Seite. »In der Nacht?«, hakte Entaro nach. »Ist das klug, Ser Tarvain? Wir könnten in eine Falle laufen.« Ser Tarvain nickte. »Das ist mir bewusst. Doch wir werden keine unüberlegten Entscheidungen fällen. Sobald wir das Versteck ausgemacht haben, werden wir entscheiden.« Entaro wirkte nicht sehr überzeugt. »Ich glaube wir könnten auch einfach bis zum Sonnenaufgang warten und dann…« Ser Tarvain schnitt Entaro das Wort ab. »Nein. Wir werden jetzt aufbrechen. Ihr, Isaé und Ich.« Entaros Verwunderung war kaum zu verbergen. »Wie ihr befehlt, Ser Tarvain. Zu Dritt werden wir wohl deutlich weniger Aufmerksamkeit erregen, als wenn alle vierzig Mann durch das Moor marschieren.« Ser Tarvain nickte grimmig. »Aber Kalwen ist an Isaé gebunden. Soll er uns nun auch begleiten?«, hakte Entaro nach und Ser Tarvain runzelte die Stirn. »Oder sollen wir ihn solange wir fort sind, zu den Gefangenen an den Baum binden?« Entaro lächelte, beinahe diebisch, als er diese Worte vorgeschlagen hatte. Ser Tarvains Blicke waren unergründlich. Doch er schüttelte daraufhin den Kopf. »Nein. Frau Isaé soll entscheiden, was mit ihrer Bürde geschehen soll. Es ist ihr Leben das an das seine gebunden ist. Und daher ist es auch ihre Entscheidung.« Entaro seufzte. Es schien als ob es Isaés Schicksal war, ihr Leben an das anderer zu binden. Ihr Leben war an den Drachen gebunden. Ihr Leben war an ihn selbst gebunden. Ihr Leben war an das Haus der Tausend Wünsche gebunden gewesen. Und nun war ihr Leben auch noch an diesen kalathischen Hexenjäger gebunden. Wie viele Schicksalsfäden konnten noch an diese Frau gebunden werden, bevor ihre Seele in tausende Scherben zerrissen werden würde?
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