Im Land von Milch und Honig ❖
17.07.2023 '12:56 [2.222 Wörter]
 oréan konnte nicht wirklich sagen, was ihn dazu getrieben hatte, zu Aelias Fenster hinauf zu klettern. Tief in seinem Innersten wusste er es. Doch die Frage würde er dennoch nicht beantworten können. Nicht ehrlich. Er würde grinsen. Verlegen lächeln. Einen unausgegorenen Spruch ablassen. Aber die Wahrheit. Die lag so tief in ihm verborgen, dass er sie sich selbst nicht eingestehen konnte. Alles was er wusste war, dass er sie wiedersehen wollte. Und dass er nicht bis zum nächsten Abend hatte warten wollen. Und dennoch. Ein kleiner Teil von ihm hatte gehofft, etwas mehr als nur einen Kuss zu erhaschen. Und da stand er. Wortlos und schweigend. Und auch Aelia wagte kein Wort zu sprechen. Der Herzschlag in seiner Brust war längst nicht mehr zu überhören. Sie musste es auch hören, dessen war er sich gewiss. Er trat noch etwas näher an sie heran. »Ich konnte nich' bis morgen warten, mein Liebchen.« Er grinste sie draufgängerisch und mit einem neckischen Blick an. Dann hob seine Hand und strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war eine beiläufige Geste. Doch sie brach das Eis.
Sie kamen einander näher. Ihre Körper lagen so dicht aufeinander, dass sie den Atem des anderen auf der Haut fühlen konnten. Den Herzschlag, und jede Regung ihres Körpers spüren. Ihre Gesten waren behutsam und zärtlich. Ihre Hände strichen sanft über Wangen und Haar. Die Küsse wurden leidenschaftlich und fordernd. Aelia nestelte an Doréans Händen und zog ihm behutsam die Handschuhe von den Fingern. Einen Finger nach dem anderen. Doréan ließ es geschehen. Es hatte besonders intimes an sich, welches er bereitwillig mit dieser Frau teilte. Niemand sonst durfte seine Hände sehen. Doch Aelia…Doréan schloss die Augen…sie schon. Sie durfte alles. Dieser Gedanke war eigentlich töricht. Es waren die Gedanken eines jungen Mannes der bis über beide Ohren verliebt war. Ein Mann, der nun mit der Dame, der er sein Herz geschenkt hatte, einen langen und innigen Kuss teilte. Für Aelia würde er durchs Feuer gehen. Und darum durfte sie, in diesem Moment, auch alles verlangen. Als sie ihn von den Handschuhen befreit hatte, löste sie sich aus seiner Umarmung. Doréan setzte ihr nach, doch sie legte ihm ihre Hand auf die Brust und hielt ihn auf Abstand. Daraufhin sah er sie verwundert an. War er zu weit gegangen? War er zu ungestüm gewesen? Er biss sich auf die Unterlippe und ließ es geschehen. Aelia richtete sich auf und sah ihm dabei tief in die Augen. Doréan indes setzte sich ihr gegenüber auf die Knie und erwiderte ihre Blicke. Wieder herrschte diese Stille. Dieses leise Knistern, welches zwischen ihnen in der Luft flimmerte. Diese drückende Ruhe, welche die Anspannung bis zum zerreißen ausdehnte. Doréan öffnete die Lippen. Er wollte etwas sagen. Irgendetwas. Doch er brachte kein Wort hervor. Aelia hob ihre Hand und legte diese auf die seinen und er erwiderte es, mit einem stummen Lächeln.
Doch dann nahm sie seine Hand und zog sie zu sich. Sachte und andächtig, während sie nicht einem Moment den Blick von ihm abwandte. Als würden ihre Augen tief in seine Seele vordringen. Doréan fühlte sich wie eine Marionette. Außerstande etwas anderes zu machen, als Aelia gewähren zu lassen. Er atmete langsam und tief. Ein und aus. Während er ihrem durchdringenden Blick standhielt. Sie führte seine Hand immer näher an sich heran. Und schließlich, fühlte er ihre sanfte, weiche Haut an den Fingerspitzen. Ein warmer Schauer überkam Doréan und er wandte den Blick von Aelias Augen ab. Hinab zu ihren beiden Händen, die nun auf ihrem Körper lagen. Sie ließ ihre linke Hand herabsinken, und führte mit ihrer rechten Doréans Hand etwas tiefer. Noch ein Stück tiefer. Und schließlich schob sie die Hand unter die Kordeln ihres Kleides, welche lose herabbaumelten. Die sanfte Haut wurde langsam weicher. Doréan konnte den angeregten Herzschlag Aelias fühlen. Es kribbelte in seinen Fingerspitzen und die wohlige Wärme ihrer Haut, und eine sanfte Weichheit bescherte ihm ein angenehmes Gefühl. Aelia legte ihre rechte Hand, welche sie zuvor hatte herabsinken lassen, an Doréans Hüfte und übte dann sanften Druck auf ihn aus, so dass er ihr etwas näherkam, während ihre Hand noch immer auf der seinen lag. Und die seine ruhte regungslos auf ihren weichen, und bebenden Rundungen. Aelia lächelte. Es war nur der Hauch eines Lächelns. Als ob es neckisch über die Mundwinkel gehuscht wäre und von einem leicht beschämten Blick abgelöst wurde. Doréan hob den Blick erneut und sah ihr in die Augen, die nun so tief und unergründlich schienen wie der ferne Ozean. Doch er war wie erstarrt. Nicht wegen seiner Unerfahrenheit. Er hatte schon Mädchen auf diese Weise berührt. Doch hier und heute. Mit Aelia. Da war es etwas anderes. Es war viel berauschender und auch viel inniger, als alles, was er je hatte erfahren dürfen. Er kam sich nicht töricht vor. Auch nicht zögerlich. Er war einfach nur wie gelähmt. Unfähig eine Bewegung zu vollziehen. Aelia lächelte erneut und Doréans Starre schmolz dahin. Er seufzte kehlig und mit einer unüberhörbaren Zufriedenheit.
Da übte Aelia nochmals etwas Druck auf seine Hand aus. Ihre Finger schlossen sich um die seinen und zwangen ihn dazu, die seinen zu schließen. Sanft und dennoch mit Nachdruck. Seine Hand grub sich zärtlich in die weiche Haut Aelias und die Starre, welche ihn umfangen hatte, löste sich. Aelia hatte den Stein ins Rollen gebracht. Und Doréans Lebensgeister waren geweckt worden. Seine Hand ruhte auf ihrer Brust. Unter dem sanften Druck gab sie mit einer warmen, lebendigen Weichheit nach, die ihn für einen Augenblick den Atem vergessen ließ. Er sog die Luft tief in seine Lungen ein und verharrte. Atemlos. Schweigend. Genießend. Erneut bewegten sich seine Finger. Nur einen Hauch. Und erneut gab die Weichheit nach. Wie ein Kissen, gefüllt mit feinen Daunen. Oder wie weiche Seide, unter der warmer Teig ruhte. Jedes Mal, wenn er den Druck etwas verringerte, floss die weiche Haut wieder auseinander. Wie Wachs, das in der Sonne schmolz. Und wenn sie wieder etwas fester umschloss, gab es nach, wie Watte. Doréan lächelte zufrieden. Und schließlich hob er seine zweite Hand und schob sie sanft an Aelias Körper. Seine Finger nestelten an den störrischen Kordeln ihres Kleides und fanden schließlich einen Weg unter die störenden Stoffe. Aelia senkte den Blick und folgte seinen Händen, welche nun in abwechselndem, beiderseitigen Spiel ihren Busen umfassten, sanft kneteten und streichelten. Doch schließlich ließ Doréan seine Hände empor gleiten. Hinaus aus den beengenden Stoffen, welche die Rundungen Aelias gefangen hielten. Hinauf auf ihre Schultern. Seine Finger strichen ihr sanft über das Schlüsselbein und die kleine Kuhle an ihrem Hals. Einen Moment lang fuhr er das dünne Lederband entlang, an welchem die Lochmünze hing, die er ihr geschenkt hatte. Aelia zitterte erregt und eine leichte Gänsehaut überkam sie, wie sanftes Gras, das im Wind wogte. Auf und ab. Seine Hände legten sich auf ihr Kleid und schob es langsam und bedächtig über die Schultern. Langsam und immer tiefer.
Und dann rutschte das Kleid, beinahe wie von selbst. Als ob es ein Vorhang wäre, der fallengelassen worden war. Und zurück blieb nichts als eine Statue der Anmut, welche zuvor noch von dem Stoff verhüllt und verborgen geblieben war. Aelia hob den Blick. Ihre Augen waren groß und rund. Und ihre Lippen waren leicht geöffnet. Zu wenig um zu sprechen. Zu weit um geschlossen zu sein. »Du bist wirklich wunderschön.«, raunte Doréan und betrachtete Aelia, welche vor ihm saß. Das spärliche Mondlicht, welches durch das Fenster hereinschien, verlieh ihr einen seltsamen, beinahe ätherischen, traumgleichen Glanz. Als ob sie ein Spiegelbild aus einer anderen, schöneren Welt wäre und Doréan, der auf der anderen Seite stand, sie einfach nur betrachten und sich daran erfreuen durfte. Die warme Flamme des Talglichtes, welches nicht weit von ihnen auf dem kleinen Tisch stand, tauchte ihr Gesicht und alles was darunter lag, in einen warmen Schein und gediegene und zugleich verspielte Schatten.
Und so verharrten sie, mit bebenden Lippen, großen erwartungsvollen Augen und wild schlagenden Herzen. Die Stille die nun den Raum beherrschte, war eine andere als jene zuvor. Sie war nicht drückend. Sie war auch nicht unruhig. Sie war tiefgreifender. Beinahe so, als ob alle Geräusche der Welt mit einem Mal verstummt wären. Nur der Atem der beiden war zu hören. Selbst ihre Gedanken waren verstummt. Das sengende Knistern, welches zuvor in der Luft geflimmert hatte, war zu einem sanften, warmen Schein geworden. Gleich einer Welle aus warmer Luft an einem schönen Sommertag. Die Stille zweier Menschen, die den Atem anhalten, da sie den Moment noch einen Augenblick lang auskosten wollen. Die Stille, die in der Luft lag, da sie genau spürte, was hier geschah. Und die Stille selbst, sie legte sich über sie. So vollkommen leer, als lausche selbst die Welt auf diesen einen Augenblick. Sie barg all das Ungesagte zwischen ihnen und ließ keinen Raum mehr für Zweifel, sondern nur noch für Sehnsucht. Die Wärme ihrer Herzen kroch empor. Sie legte sich auf die Wangen und auf die Finger. Sie sank hinab, in ihren Schoß und begann dort zu glühen und zu lodern. Das Verlangen löste die Sehnsucht ab. Die Wollust vertrieb die Scheu. Und die Stille wurde durchbrochen von einem tiefen, leisen Raunen.
Doréan beugte sich zu Aelia hervor. Er legte seine Hände sanft, als fürchtete er, sie könnte dabei zerbrechen, an Aelias Hals. Seine Lippen legten sich auf die ihren und ihre Hände umfingen ihn, als wolle sie ihn niemals wieder loslassen. Seine Küsse wurden heißer und er begann sich seinen Weg zu suchen. Fort von ihren Lippen. Er benetzte ihren Hals mit sanften Küssen und Aelia schloss die Augen und sog die Luft tief in sich auf. Sie bewahrte sie in sich, wie einen Schatz, den sie bewahren wollte. Doch dann entkam ihr ein wohliges Seufzen, während Doréan immer tiefer glitt. Er küsste ihre Schultern. Er streichelte über ihre Arme. Seine Hände legten sich sanft gegen ihren Busen und hoben diesen an, als ob es schwere Krüge voller Milch und Honig wären. Dann bedeckte er sie mit Küssen, die immer länger andauerten. Seine Lippen öffneten sich und seine Zunge berührte die weiche Haut. Er küsste längst nicht mehr. Er liebkoste.
Aelias Hände glitten seinen Rücken hinab und umfassten den Saum seiner Tunika. Sie zog sie langsam empor, und schließlich über Doréans Kopf und zwang ihn so von ihr abzulassen. Er hob die Arme und ließ Aelia das Gewand nun gänzlich von seinem Körper abstreifen. Sie legte ihre Hände um seinen Hals und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Und er legte ihr seine Hände auf die Hüfte und umfing sie mit einem fordernden, zärtlichen Griff. So nah…Der Herzschlag der beiden verschmolz zu einem, von dem niemand sagen konnte, wo der eine anfing, und der andere endete. Ihrer beider Atem brannte auf der Haut des anderen. Ihre Lippen fanden Orte, die noch nie in ihrem Leben geküsst worden waren. Aelias Busen drückte sich gegen seine Brust und ihr Haar umschmeichelte seine Hände, welche er nun ebenfalls in ihren Rücken gelegt hatte. Er umfing eine ihrer Strähnen und begann damit zu spielen. Immer wieder. Langsam arbeitete sich seine linke Hand empor, bis sie ihren Nacken gefunden hatte. Seine rechte Hand streichelte ihr durchs Haar und sanft über die Wange. Sie glitt, sanft wie eine Feder, am Hals herab. Über ihre Seite und legte sich dann auf ihre Hüfte. Dort verharrte sie einen Moment, während Doréans zweite Hand den Griff um den Nacken ein wenig verstärkte und Aelia noch näher an sich drückte. Die Haut der beiden Liebenden war benetzt von feinen, salzigen Perlen. Es war ein lauer Sommerabend, doch war es nicht die warme Luft, die ihre Haut zum schwitzen brachte. Es war die Leidenschaft.
Schließlich hob er sie ein wenig in die Höhe. Seine Hände hielten ihren Rücken und er ließ sie sanft und langsam auf die Laken gleiten. Seine begehrlichen Blicke wanderten über ihren Körper. Ihr wunderschönes Gesicht, welches in Wonne und sichtlicher Erregung errötete. Ihr Busen, der sanft dahinschmolz und ihr Haar, welches sich wallend auf den Laken ausbreitete, wie Tinte, die man in ein Becken mit Wasser geleert hatte. Er strich ihr über den Körper. Immer wieder berührte er, scheinbar zufällig, ihren Busen, oder ihre Hüften. Doch dann umfasste er das Kleid, welches bis dahin noch über ihrem Schoß gelegen hatte und zog es ihr, langsam und bedächtig vom Leib. Sein Blick verharrte. Regungslos. Sie lag einfach nur da und lächelte ihn an, während sie eine Hand zu ihm erhob, um sie ihm auf die Wange zu legen. Doréans Blicke wanderten tiefer. Dorthin, wo das Licht von den Schatten verschluckt wurde. Ein Dunkler Ort, voller warmer Wonne. Zwischen ihren hellen Beinen, die vom Schein des Mondes in einen anmutigen Hauch gehüllt wurden.
Das Feuer, welches in seinen Lenden brannte, wurde immer heißer. Sein Atem war schwer und sein Herz bebte. Die Anspannung, die sich in ihm aufgebaut hatte, glich einem heißen Kessel, voller dampfendem Wasser. Der jeden Moment überzugehen drohte. Und so begann er an seiner Hose zu nesteln, während er Aelias Körper mit Küssen bedachte. Doch da legte sich ihre Hand auf die seine. Er hielt inne und sah sie fragend an. Sie lächelte und zog ihn zu sich, und so ließ von dem Gürtel ab. Sie zog seine Hände zu sich und verschränkte ihre Finger mit den seinen. Ihre Lippen fanden sich und so verschmolzen sie erneut, zu einem scheinbar ewigen Spiel aus sinnlichen Küssen und leidenschaftlicher Verschmelzung.
Regeln und Konsequenzen ❖
17.07.2023 '17:10 [3.561 Wörter]
 it jedem Augenblick verlor die Welt außerhalb von Aelias kleinem Zimmer mehr und mehr von ihrer Bedeutung. Die Nacht lag warm und reglos über den Dächern des grauen Viertels. Nichts schien sich zu rühren, kein Windhauch regte sich. Es war jene vollkommene Stille eines lauen Sommerabends, die nicht leer wirkte, sondern die Welt für einen flüchtigen Augenblick in friedvolle Ruhe hüllte. Doch in der kleinen Kammer schien ein lautloser Sturm zu toben. Aelia verspürte keine Scheu mehr. Was noch vor wenigen Augenblicken zaghaft und vorsichtig gewesen begonnen hatte, war unter seinen Blicken, seinen Berührungen und den zahllosen Küssen, die sie einander geschenkt hatten, still in sich zusammengefallen. Jeder Zweifel war von ihr abgefallen. Geblieben war nur die Gewissheit, dass sie diesen Augenblick ebenso sehr wollte wie ihn selbst. Sie waren verstummt und sprachen kein Wort mehr. Jedes Wort hätte den Zauber dieses Augenblicks gebrochen. Ihre Augen hielten einander gefangen. Jeder Blick schien tiefer zu reichen als der vorherige, als wollten sie den anderen bis in den verborgensten Winkel seines Herzens und seiner Seele ergründen. Sie begegneten einander immer wieder. Sie streiften, verweilten, kehrten zurück. Neugierig. Verlangend. Sehnsüchtig. Ehrfürchtig. Als gäbe es an dem anderen noch tausend Dinge zu entdecken, die kein Auge je zuvor erblickt hatte. Und vermutlich lag darin eine unumstößliche Wahrheit.
Doréan kniete ihr gegenüber auf dem Bett, während Aelia nackt auf den Laken lag und in ihren Augen lag unstillbares Verlangen und Begehren nach diesem Mann. Und dennoch hatte sie ihn in seinem Tun, seinen Gürtel zu öffnen, um sich von seiner Hose zu befreien, abgehalten und ihre Finger mit den seinen ineinander verflochten. Es war im Grunde eine schlichte Berührung, und doch fühlte sie sich inniger an als alles, was bisher zwischen ihnen geschehen war. Der Druck seiner Finger zwischen den ihren war sanft und zärtlich gewesen, und sie starrten einander an und keiner von ihnen schien sich am Anblick des anderen sattsehen zu können. Draußen ließ der Mond sein fahles Licht durch das geöffnete Fenster auf die Laken und das Paar fallen, als wolle selbst die Nacht schweigend über diesen Augenblick wachen. Ihre Lippen fanden sich erneut, und je inniger sie sich küssten, desto enger zog Aelia Doréan an sich heran, bis sie sein Gewicht auf ihm spüren konnte. Und nicht nur das. Sie spürte seine Erregung an ihrem Schoß und ein wohliges Kribbeln breitete sich zwischen ihren Beinen aus, während ihr Herz ungestüm gegen ihre Brust pochte. Bald schien es nicht mehr nur dort zu schlagen, sondern ihren ganzen Körper gänzlich zu erfüllen. Jeder Herzschlag sandte ein feines Beben durch sie hindurch, nahm ihr den Atem und ließ jeden noch so flachen Atemzug in einem leisen Zittern enden. Nun konnte Aelia nicht mehr an sich halten, befreite sich aus der Verflechtung ihrer Finger und ihre Hände wanderten an seinen Gürtel und sie versuchte, diesen zu öffnen. Während er sein Becken leicht anhob, befreite sie ihn mit sanften Händen von dem letzten Kleidungsstück. Doréans heißer Atem streifte ihre Haut und bereitete ihr eine Gänsehaut , die sich langdam über ihren Körper ausbeeitete. Wie die sanft wachsenden Wellen, wenn man einen Stein ins Wasser warf.. Aelia löste sich von seinen Lippen, bedeckte seinen Hals mit vielen kleinen Küssen und sein Duft drang in ihre Nase. Nicht der flüchtige Geruch, den der Wind für einen Augenblick an sie herangetragen hatte, wenn er ihr gegenübergestanden hatte. Es war der Duft seiner bloßen Haut – warm, lebendig, unverkennbar und unverfälscht. Ein Duft, den sie nicht hätte beschreiben können, weil er an nichts erinnerte, das ihr die Welt je offenbart hatte. Er war warm und herb, von jener Natürlichkeit, die keinem bekannten Geruch entsprang. Es war der Duft seiner Haut, seiner Wärme, seines Lebens. Unverwechselbar. So eigen wie seine Stimme oder die Art, wie seine Augen sie ansahen. Und darin lag eine unumstößliche Schönheit. Nichts daran war geschmückt oder verborgen. Es war der Geruch des Menschen, der ihr in kürzester Zeit so kostbar wie nichts auf der Welt geworden war, ursprünglich und geerdet und von einer Wärme erfüllt, die ihr Herz tiefer berührte, als sie es jemals für möglich gehalten hätte. Mit jedem Atemzug schien sie ihn ein wenig mehr kennenzulernen. Nicht seine Geschichte. Nicht seine Worte. Sondern ihn selbst. Als erzähle ihr dieser lautlose, unverwechselbare Duft von all dem, was kein Mensch je auszusprechen vermochte. Sie schloss die Augen. Mit jedem Atemzug schien sich dieser Duft tiefer in ihr auszubreiten, bis er nicht mehr nur ihre Sinne erfüllte, sondern ihre Gedanken. Etwas in ihrer Brust zog sich schmerzhaft zusammen und weitete sich im nächsten Augenblick wieder. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie meinte, sein Pochen bis in ihre Fingerspitzen zu spüren. Sie wusste nicht, weshalb ausgerechnet dieser unscheinbare, so zutiefst menschliche Duft eine solche Macht über sie besaß. Sie atmete noch einmal langsam ein. Für einen flüchtigen Augenblick vergaß sie alles um sich herum. Das graue Viertel. Die Schenke. Das offene Fenster. Die Sorgen der vergangenen Tage. Es gab nur noch diesen einen Atemzug und das stille Wunder, einen Menschen so nah bei sich zu wissen, dass selbst sein unverwechselbarer Duft ihr vertrauter erschien als die Welt draußen vor dem Fenster. Aelias Hände fuhren über seinen Rücken, glitten durch einen feinen Schweißfilm, während sie sich unaufhörlich und immer ungestümer küssten. Seine Hände hingegen legten sich auf ihre ebenso von Schweiß bedeckte Haut, drückten zärtlich ihre Brüste, seine Lippen lösten sich von den ihren und senkten sich auf ihre zarten Knospen und umschlossen diese wie eine Muschel eine Perle vor dem salzigen Gestade. Seine Zunge und Lippen liebkosten sie, bis Aelia schwer atmete. Wie von selbst öffneten sich nun ihre Schenkel, gaben den Weg zu ihrer Schlucht frei, an das sein Gemächt bereits begehrlich brandete, wie eine fordernde Woge der Wonne. Sie konnte die seidig zarte Haut spüren die sich gegen ihre Lippen schob und ihr dort schier wie ein hartes, glühendes Eisen erschienen. Sie schenkte ihm einen stummen, aber flehenden Blick und er schien zu verstehen und richtete sich leicht vor ihr auf. Doréan lächelte, bevor seine Hände ihren Bauch streichelten, zu ihren Hüften glitten, sich unter ihren Hintern schoben und Aelia sanft an sich heranzog. Ihre Blicke hielten sich gegenseitig gefangen, während sein Schaft, angeleitet durch die Feuchte ihres Schoßes, mühelos hineinglitt. Wie ein Schiff, dass in einen sicheren Hafen einlief.
Der kleine Raum war wieder eigentümlich still geworden. Nur das silberne Mondlicht fiel durch das geöffnete Fenster und warf einen breiten, hellen Streifen auf die Dielen. Von draußen drang nächtlicher Straßenlärm herauf. Aelia lag reglos neben Doréan. Ihr langes dunkles, und leicht zerzaustes Haar breitete sich fließend über das Kopfkissen und über seine Schulter aus. Ihr Herzschlag hatte sich längst beruhigt, doch ihr Atem wollte noch immer nicht ganz zur Ruhe kommen. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, während er seinen Arm um sie gelegt hatte und ihr sanft in immer wiederkehrenden Bewegungen über den Arm streichelte. Keiner von ihnen sagte etwas. Und unwillkürlich musste sie plötzlich an Jarik denken. Es war erst wenige Monate her. Damals hatte sie geglaubt, das Schweigen danach gehöre einfach dazu. Jarik hatte sich kaum von ihr gelöst, da war er schon aufgestanden. Wortlos hatte er nach seiner Kleidung gegriffen, sich angezogen und ihr mit einem flüchtigen Lächeln versichert, sie bald wiederzusehen. Wenige Augenblicke später war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie allein zurückgeblieben war. Wie sie noch lange auf die Tür gestarrt und sich eingeredet hatte, es gäbe stets einen triftigen Grund, warum er stets ging. Dass er sie nicht einfach zurückgelassen hatte. Der Gedanke kam so plötzlich, dass sie sich innerlich darüber ärgerte. Doréan war nicht Jarik. Und doch fragte sich ein kleiner Teil in ihr, was nun geschehen würde. Ob auch er sich jeden Augenblick von ihr lösen, nach seiner Kleidung greifen und danach durchs Fenster verschwinden würde. Vielleicht, dachte sie, zeigte sich erst jetzt, was dieser Abend für sie beide wirklich bedeutet hatte. Und welchen Einfluss er noch auf ihre Beziehung zueinander haben würde. Wortlos drehte sie den Kopf und sah ihn an. Ein unsicheres Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie hob die Hand und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Ihr Blick verweilte einen Augenblick an seiner Schläfe, ehe sie langsam wieder ihre Hand zurückzog. „Du bist noch immer hier“, sagte sie leise. Mehr zu sich selbst als zu ihm. Da sah er sie fragend an und erwiderte „Warum auch nicht, mein Liebchen?“ Sie wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte, ließ den Blick einen Moment über sein Gesicht wandern, als wollte sie sich vergewissern, dass all dies nicht bloß ein schöner Traum war. Dann rückte sie ein wenig näher, legte den Kopf an seine Schulter und schwieg. Die Stille zwischen ihnen fühlte sich nicht leer an. Sie war warm. Vollkommen. Erst nach einer langen Weile sprach sie wieder. „Bleib bei mir heute Nacht“ bat sie ihn und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie hob den Kopf nicht, sah ihn nicht einmal an. Es klang weder wie eine Bitte noch wie eine Forderung. Eher wie ein Gedanke, der ihr unbemerkt über die Lippen geglitten war. Nach einem kurzen Schweigen fügte sie, beinahe schüchtern, hinzu „Es war wunderschön mit dir…“ Ihre Finger fanden seine Hand und verschränkten sich wie selbstverständlich mit den seinen. „Ich wollte nur...« Sie lächelte flüchtig. „...dass du noch ein wenig hierbleibst, dass diese Nacht nicht so plötzlich endet…“ Sie schloss die Augen, lauschte seinem ruhigen Atem und spürte seine Wärme an ihrer Seite. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte sie nicht daran, was der nächste Morgen bringen mochte, sondern verweilte mit ihren Gedanken in diesem Moment.
Die Müdigkeit kam schleichend. Irgendwann, ohne dass einer von ihnen es bemerkte, waren ihre Stimmen verstummt. Aelia hatte den Kopf an Doréans Schulter gelegt, seine Hand noch immer in der ihren, während draußen über dem grauen Viertel die Nacht langsam tiefer wurde. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Als sie die Augen wieder öffnete, war der Mond ein Stück weitergewandert. Doréan regte sich neben ihr, blinzelte verschlafen und sah sie an. Einen Herzschlag lang sagte keiner von ihnen etwas. Dann lächelte Aelia und flüsterte „Du schnarchst!“ Doréan hob eine Braue. „Ich schnarche nicht.“ Auch Aelia hob jetzt eine Augenbraue „Oh doch! Davon bin ich doch wach geworden!“ „Beweis es.“ „Wie soll ich dir das denn beweisen?“ Sie schnaubte belustigt und Doréan zuckte leichthin die Schultern. „Siehst du.“ Sie streckte ihm frech die Zunge heraus. „Du hast geschnarcht. Ich hab Recht und du hast Unrecht!“ Er schüttelte grinsend den Kopf, rückte ein wenig näher und küsste sie flüchtig auf die Nasenspitze. „Freches Weib!“ „Jetzt bin ich schon ein Weib?“ Er nickte und grinste „Aber nicht irgendein Weib, sondern mein Weib.“ Da kicherte sie vergnügt, aber sofort presste sie erschrocken eine Hand vor den Mund. „Still!“ flüsterte sie und warf einen nervösen Blick zur Tür. Doréan konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Ich bin doch ganz still?“ hauchte er. „Psst!“ Sie beugte sich zu ihm herab und legte ihre Lippen auf die seinen und schloss sie mit einem zärtlichen Kuss. Ihre Brüste streiften dabei über seine Brust während ihre Hände auf Wanderschaft gingen und unter der Decke das Ziel ihrer Begierde fanden. Ein hartes und zugleich so seidig weiches. Doréan wollte gerade etwas erwidern, da verzog Aelia plötzlich das Gesicht. „Oh.“ Doréan sah sie fragend an. Sie biss sich verlegen auf die Lippe. „Ich...“ Sie räusperte sich. „Ich bin gleich wieder da.“ Er runzelte die Stirn. Aelia sprang aus dem Bett, griff nach ihrem Kleid, und zog es sich hastig über „Ich muss nur kurz in den Hof.“ Sie lächelte entschuldigend. „Dauert nicht lange.“ Dann deutete sie auf die Decke. „Bleib genau so da liegen, ja?“ Sie kicherte leise und huschte mit nackten Füßen zur Tür, öffnete sie vorsichtig und verschwand lautlos auf den dunklen Gang.
Mit einem leisen Seufzer verließ Aelia den Abort. Die kühle Nachtluft hatte die Wärme aus ihren Wangen getrieben, und für einen kurzen Augenblick blieb sie noch im Hof stehen. Sie warf einen Blick in den klaren Sternenhimmel, und irgendwo in der Ferne kläffte ein Hund. Dann raffte sie ihr Kleid ein wenig und lief über den Hof wieder ins Haus. Das alte Haus lag in tiefem Schlaf. Nur das Holz unter ihren nackten Füßen knarrte hin und wieder leise, als sie vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzte, stets darauf bedacht, keinen allzu großen Lärm zu machen. Sie huschte die Stufen hinauf und gerade erreichte sie den Treppenabsatz des ersten Stocks, als sich aus der Dunkelheit eine Stimme löste. „Aelia?“ Ihr Herz blieb ihr beinahe stehen. Sie fuhr so heftig zusammen, dass sie unwillkürlich nach dem Geländer griff. Aus dem Schatten trat Mahdia hervor, doch das überraschte Aelia nicht, die ihre Stimme längst erkannt hatte. Sie trug ein schlichtes Nachtgewand, darüber lose einen wollenen Überwurf und hielt einen kleinen Kerzenhalter mit einer dicken Wachskerze in der Hand. Ihr graublondes Haar hatte sie unter einer Schlafhaube, und obwohl sie ganz offensichtlich eben erst aus dem Schlaf gerissen worden war, lag in ihrem Blick jene unbeirrbare Wachsamkeit, die Aelia nur allzu gut kannte. „Mahdia...“, brachte sie atemlos hervor und ihr Herz begann heftig zu klopfen, während die Wirtin langsam ihren freien Arm in die Hüfte stemmte. „Was treibst du um diese Uhrzeit im Haus?“ Aelia schluckte. „Ich... ich war nur am Abort. Ist das jetzt etwa verboten?“ Mahdias Augen ruhten regungslos auf ihr. „Soso…“ Nur dieses eine Doppelwort. Aber die sagte es in einem Ton, der Aelia höchstes Unbehagen bereitete. „Ich geh ja schon wieder ins Bett, tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe!“ „Ich habe dich reden hören.“ Aelia blinzelte. „Reden? Mich?“ „Ja, dich. Mit wem hast du geredet?“ Für einen flüchtigen Moment schoss ihr das Blut in die Wangen. „Mit Niemandem.“ Mahdias Blick veränderte sich nicht. „Ich habe ganz deutlich eine Stimme gehört. Und Lachen.“ Aelia zwang sich zu einem unsicheren Lächeln. „Vielleicht...“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Vielleicht habe ich im Schlaf gesprochen. Das soll ja vorkommen.“ Noch während sie sprach, wusste sie, wie kümmerlich diese Ausrede klang. Mahdia antwortete nicht. Sie sah sie nur schweigend an. So lange, dass Aelia das Gefühl bekam, jeder Atemzug müsse sie verraten. Wenn es nicht ihr Herzschlag längst tat. Dann trat Mahdia einen Schritt auf sie zu. „Geh beiseite“ sagte Mahdia mit einem Mal. Aelia blinzelte verwirrt. „Mahdia… was…“ Mit überraschender Entschlossenheit schob die Wirtin sie kurzerhand zur Seite. Aelia stolperte einen halben Schritt rückwärts und sah ihr verdutzt nach. Sie hatte keine Chance, das drohende Unglück aufzuhalten. Doch der Schreck saß ihr so tief in den Knochen, dass sie erst wenige Momente später begriff, was die Wirtin im Sinn hatte. „Mahdia... warte…!“ Die Wirtin hörte sie längst nicht mehr. Mit großen, entschlossenen Schritten durchquerte sie den Gang und ohne das geringste Zögern steuerte sie auf Aelias Tür zu. Aelia setzte ihr hastig nach. „Mahdia! Nein!“ Zu spät, Mahdia riss die Tür auf. Das fahle Mondlicht ergoss sich immer noch durch das geöffnete Fenster in das kleine Dachzimmer und tauchte den Raum in silberne Schatten. Für den Bruchteil eines Herzschlags blieb alles vollkommen still. Dann fiel Mahdias Blick auf den jungen Mann im Zimmer. Doréan war offenbar eben dabei gewesen, seine Kleidung zusammenzusuchen. Die Tunika, die er sich übergezogen hatte, hing ihm noch halb über der Schulter, als er sich nach seinen übrigen Sachen bückte. Er schien mitbekommen zu haben, was sich draußen auf dem Gang abgespielt hatte und hatte wohl im Sinn gehabt, eilig durch das Fenster zu verschwinden. Doch Mahdia war schnell und entschlossen wie ein Berserker in das Zimmer gestürmt dass selbst er nur noch überrascht den Kopf hoch, als diese Matrone mit einem Mal im Zimmer stand. Ihre Blicke hafteten sich auf den verdutzten Doréan. Aelia legte sich eine Hand vor die Augen und schnaufte. Sie kannte Mahdia gut genug, um zu wissen, dass diese Stille gefährlicher war als jeder Wutausbruch.
Die Wirtin ließ den Blick langsam durch das Zimmer wandern. Nichts entging ihr. Nicht das offene Fenster. Nicht das zerwühlte Bett. Schließlich blieb ihr Blick auf Doréan ruhen. Ihre Augen wurden schmal. Als sie sprach, war ihre Stimme so eisig, dass Aelia eine Gänsehaut über den Rücken lief. „Also... du bist es.“ Mahdia trat weiteren einen Schritt ins Zimmer. „Von allen Männern in dieser verdammten Stadt“, sagte sie langsam, „Musste es ausgerechnet dieser verlauste Straßenköter sein!?“ Aelia sog scharf die Luft ein. „Mahdia, bitte...“ „Still!“ Das Wort fuhr durch das Zimmer wie ein Peitschenhieb. Mahdia riss den Blick nicht von Doréan los. „Du bist einer von diesen Gossenkindern, die den lieben langen Tag nichts anderes im Sinn haben, als Ärger zu suchen, sich zu prügeln und ehrbaren Leuten das Leben schwer zu machen.“ Sie deutete mit ausgestrecktem Finger auf ihn. „Und du schleichst dich mitten in der Nacht in mein Haus? In das Haus, in dem meine Mädchen arbeiten?“ Sie lachte kurz auf, aber es war ein höhnisches Lachen. „Glaubst du wirklich, ich lasse mir meine Schenke in ein Bordell verwandeln?“ Aelia machte einen zaghaften Schritt nach vorn. „Mahdia... es ist nicht…“ „Nicht was?“ Mahdia wirbelte zu ihr herum und jetzt traf Aelia die ganze Wucht ihres Zorns. „Nicht das, wonach es aussieht?“ Sie breitete beide Arme aus. „Als du hierherkamst, hattest du nichts. Keine Familie. Kein Dach über dem Kopf. Keine Menschenseele, die sich um dich scherte. Ich habe dich aufgenommen. Ich habe dir Arbeit gegeben. Ich habe dich gegen Gäste verteidigt, die glaubten, sie könnten sich an dir vergreifen. Ich habe dich behandelt wie eines meiner eigenen Mädchen! Ohne mich wärst du auch nur eine verkommene Hure aus der Dämmersenke geworden!“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „Und womit dankst du es mir? Indem du das einzige Verbot brichst, das ich euch gegeben habe! Das Einzige! Kein Mann auf den Zimmern! Niemals!“ Aelia senkte beschämt den Blick. Mahdia machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Weißt du überhaupt, weshalb diese Regel existiert?“ Sie wartete keine Antwort ab. „Ich dulde nachts keine Männer unter meinem Dach. Nicht weil ich euch das Glück missgönne, sondern weil ich weiß, wie so etwas endet. Erst schleicht einer herein, dann fehlt irgendwo Geld, einer zieht ein Messer oder irgendein Betrunkener glaubt, er müsse sich nehmen, was ihm nicht gehört. Und wer darf den Scherbenhaufen zusammenkehren? Ich!“ Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Brust. „Wir haben uns diesen Hof über viele Jahre aufgebaut und das war harte Arbeit, das kannst du mir glauben! Und du glaubst doch nicht ernsthaft, ich lasse irgendeinen dahergelaufenen Gossenjungen alles zunichtemachen?“ Sie zeigte erneut auf Doréan. Aelia hob vorsichtig den Kopf. „Er ist nicht irgendein Gossenjunge. Er ist ein anständiger Mann…“ Mahdia erstarrte. Ganz langsam wandte sie ihr Gesicht zu Aelia. In ihrem Blick lag nun nicht mehr nur Zorn. Es lag Fassungslosigkeit. „Du nimmst ihn auch noch in Schutz?“ Aelia schluckte und nickte heftig. Mahdia schloss für einen Augenblick die Augen, als müsse sie sich mühsam beherrschen, nicht vollends die Geduld zu verlieren. Als sie sie wieder öffnete, war ihre Stimme leiser. „Hör mir gut zu, Aelia. Mir ist gleich, ob dieser Bursche ein Bettler, ein Kaufmann oder der Sohn des Königs ist. Wer heimlich nachts in das Zimmer eines meiner Mädchen steigt, bringt nicht nur sich selbst in Schwierigkeiten. Er bringt mein ganzes Haus in Gefahr.“ Sie machte eine knappe Bewegung zur Tür. „Jetzt verschwindet er. Und zwar durch die Tür und nicht durchs Fenster wie ein dreckiger Dieb!“ Einen Herzschlag später fügte sie mit einer Schärfe hinzu, die keinen Widerspruch duldete „Sofort!“ Und dann wandte sie sich an Aelia. Dieser standen Tränen in den Augen. „Es tut mir leid, Mahdia.“ „Das glaube ich dir sogar.“ Mahdia nickte. „Aber das ändert nichts. Du kanntest die Regel und ihre Konsequenzen, wenn sie gebrochen wird!“ Aelia spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen entglitt. „Mahdia... bitte...“ Die Wirtin schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, erkannte Aelia, dass es derselbe Blick, mit dem sie einen randalierenden Gast hinauswarf oder einen Zechpreller vor die Tür setzte. „Du packst deine Sachen.“ Aelia starrte sie an. Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Was?“ „Du hast mich verstanden.“ Ihre Stimme duldete keinen Zweifel. „Pack deine Sachen. Und dann verschwindest du. Sofort. Ich will dich keine Minute länger unter meinem Dach wissen.“ Aelia wurde kreidebleich. „Nein...!“ Das Wort war kaum mehr als ein Hauch. „Mahdia, bitte nicht... ich habe doch... ich kann doch nirgendwo hingehen!“ Mahdia runzelte die Stirn. „Du hättest daran denken sollen, bevor du einen Mann durch mein Fenster steigen ließest.“ Aelia trat einen unsicheren Schritt auf sie zu. „Bitte... gib mir nur eine Chance... ich schwöre dir, es wird nie wieder… du warst doch immer zufrieden mit mir. Ich habe immer hart gearbeitet!“ Mahdia hob die Hand. „Nein. Du verschwindest in diesem Augenblick! Pack deine Sachen!“ „Ich habe überhaupt keine Sachen!“ Jetzt ließ Mahdia ein spöttisches Lächeln aufblitzen. „Nun, wie ich dir schon sagte. Du bist mit nichts gekommen, jetzt gehst du auch mit Nichts. Ich bin dir keinen Lohn schuldig, immerhin hast du die letzten Tage nicht gearbeitet.“ Im Zimmer wurde es vollkommen still. Nur draußen strich jetzt ein lauer Nachtwind durch das geöffnete Fenster und ließ das Talglicht auf dem kleinen Tisch flackern. Aelia stand reglos da. Sie hörte Mahdias Worte noch, begriff ihren Sinn jedoch nicht. Erst langsam, quälend langsam, dämmerte ihr, dass sie innerhalb weniger Augenblicke alles verloren hatte, was sie stolz war ihr eigen nennen zu können. Tägliche Mahlzeiten, Arbeit und ein Dach über dem Kopf.
Scheiße am Stiefel ❖
18.07.2023 '01:05 [5.420 Wörter]
 usgerechnet dieser verlauste Straßenköter. Die Worte hallten in Doréans Kopf wider, wie ein spottendes Echo. Doréan verzog die Mundwinkel zu einer mürrischen Grimasse. Dass Menschen wie diese Frau ihn wie einen Straßenköter sahen, war er ja gewohnt. Dass sie es ihm auch noch ins Gesicht sagte, ebenfalls. Doch verlaust? »Ich hab' keine verdammten Läuse!«, maulte er und die Wirtin strafte ihn mit einem missbilligenden Blick. Vielmehr noch, überging sie seinen Protest und knallte ihm noch mehr Vorwürfe vor die Füße. Ein Gossenkind, das nur Ärger suchte. Ein Straßenschläger und ein herumtreibender, streitsuchender Flegel. Er musste dabei grinsen. Eigentlich hatte sie damit, in einer gewissen Weise, gar nicht so unrecht. Doch ihr Ton missfiel ihm. »Und was grinst du jetzt noch so dämlich?«, fauchte Madiah wütend, so dass die Flamme ihrer Kerze, die sie in dem kleinen Armleuchter trug, wild flackerte. »Glaubst du wirklich, ich lasse mir meine Schenke in ein Bordell verwandeln?« Da verschränkte Doréan die Arme vor der Brust. Aelia hatte ihm ja erzählt, wie wenig sie in dieser Schenke verdiente. Einen Hungerlohn. Gerade genug um nicht am Hungertuch nagen zu müssen. Er hob das Kinn ein wenig in die Höhe und sah der Wirtin trotzig ins Gesicht. »Selbst als 'ne Hafenhure verdient man mehr, als bei dir.« Madiah hielt empört die Luft an und deutete dann mit dem drohenden Finger auf Doréan. »Du musst's ja grad wissen, was?« Dann wandte sich zu Aelia. »Siehst du, Mädchen. Genau das habe ich gemeint! Nur Gesocks und unflätige Flegel! Allesamt!« Aelia versuchte die Furie zu beschwichtigen. Doch sie ließ sie kaum zu Wort kommen. Im Gegenteil. Nun wurde Aelia Ziel ihrer scharfen Worte. Dass sie ihr ein Dach über dem Kopf gegeben hatte. Ihr Arbeit gegeben hatte…und sie davor bewahrt hatte eine Dirne zu werden. »Sieh dich an! Für so einen Rotzbengel hast du alles weggeworfen.« Sie deutete auf Doréan und ihr Finger bebte vor Wut, während sie sichtlich darum rang nicht vollends die Beherrschung zu verlieren. »Ruben. Der war dein Weg hier raus. Mein Wohlwollen. Mit Füßen getreten! Wie eine Hure hast du dich ihm hingegeben! Unter meinem Dach, in meinem Haus!« Doréans Blick wurde trotzig und der boshafte Schalk, der ihm stets zu Eigen war, kehrte blitzartig in seine Augen zurück. »Du scheinheilige, alte Vettel! Ich hab' gesehen, wie du deine Mädchen behandelst.« Er löste die Verschränkung seiner Arme und trat einen Schritt auf die wütende Frau zu. »Geschlagen hast du sie. Dieses Mädchen. Als sie Wiederworte gegeben hat.« Er verzog seinen Mundwinkel zu einer angewiderten Grimasse. »Du sitzt hier, auf deinem hohen Ross, aber bist nich' besser als die roten Hände. Die schlagen ihre Mädchen auch und behaupten sie beschützen sie.« Er zischte boshaft, als ob seine giftigen Worte alleine imstande wären ein Menschenleben zu fordern. Die Frau plusterte sich, sichtlich empört, vor ihm auf. »Bitte? Ich habe mich wohl verhört?« »Nein, hast du nich'.«, gab Doréan widerborstig zurück und funkelte Madiah mit einem grimmigen Blick an.
Madiah japste hörbar nach Luft und wandte sich dann wieder an Aelia. »So muss ich nicht mit mir reden lassen! Ihr seid hier in meinem Haus! Mit solchen Leuten gibst du dich also ab, Aelia?« Die Frau keifte und wedelte dabei unwirsch mit dem Kerzenhalter herum, so dass das Licht unaufhörlich flackerte und etwas Wachs durch die Luft flog. Aelia seufzte und wandte sich dann an Doréan. »Lass es gut sein. Das führt doch zu nichts.«, murmelte sie und Madiah stemmte energisch die Hände in die Hüfte. »Ganz recht! Die ersten, weisen Worte, die ich heute höre!« Aelia hakte ihren Arm in Doréans Ellenbogen ein und versuchte ihn fort zu ziehen. Doch Doréan schüttelte den Kopf. »Ich finde…«, hob Doréan schließlich an und wandte sich dabei an Madiah. »…dass du dich bei Aelia entschuldigen solltest.« Madiahs linkes Augenlid zuckte und ihre Blicke wurden schwarz wie Teer. »Warum sollte ich? Sie hat ganz genau gewusst, dass es diese Regel gibt!« Doréan schüttelte den Kopf. »Du hast sie eine Hure genannt.« Madiahs Augenlid zuckte erneut. »Mein Liebchen is keine Hure.« Er löste sich aus Aelias Umklammerung und hielt Madiahs funkelnden Blicken trotzig Stand.
Aelia schien die eskalierende Situation entschärfen zu wollen. Sie trat vor Doréan und hob beschwichtigend ihre Blicke zu der aufgebrachten, aufbrausenden Frau. » Es tut mir leid, Mahdia.« »Das glaube ich dir sogar.« Doch Aelia wurde nur Zeuge dessen, dass das raue Gesetz im grauen Viertel überall galt. In der Ascherinne. In den Hundsgassen. Und in diesem Haus. Sie hatte eine klare, feste und unumstößliche Regel. Aelia hatte diese Regel gebrochen. Und nun sollte sie dafür büßen. Sie deutete auf die Tür. »Raus.« Zunächst hatte es nur den Anschein erweckt, dass sie Doréan hatte loswerden wollen. Doch nun wurde es Aelia schlagartig bewusst. Sie wollte sie beide aus dem Haus haben. Aelia sollte gehen. Zusammen mit Doréan. Aelia versuchte zu retten, was zu retten war. Sie flehte sogar. Doch Madiah blieb eisern und unbarmherzig. »Wer einmal lügt…«, hob Madiah an und warf dabei einem mürrischen Blick auf Doréan. »…dem glaubt man nicht. Du hast mein Vertrauen missbraucht. Du hast mich angelogen. Mehr als einmal! Ich erinnere dich nur an das Brot, den Schinken…und meine Essiggurken! Und jetzt gehst du. Ich will dich nie wieder sehen.« Aelia wurde kreidebleich und sie begann zu stammeln. »Nein!« Ihre Stimme brach, wie hauchdünnes Glas. Das Wort war kaum zu hören. Doch Madiahs Herz ließ sich nicht erweichen. Aelias Flehen stieß bei ihr lediglich auf taube Ohren. »Ich habe doch nichts…wohin ich gehen kann.« Doch Madiahs Entschluss stand fest. Wie in Stein gemeißelt. Sie würde keinen Zoll davon zurückweichen. Nachsicht würde Schwäche bedeuten. Und wenn sie bei Aelia Gnade walten ließe, dann wäre Alva morgen die nächste, die einen Mann ins Zimmer mitnähme. Sie hatte eine rote Linie gezogen. Und Aelia hatte diese übertreten. Auch wenn es eigentlich Doréan gewesen war, der sie, durch seine Beharrlichkeit erst dazu verleitet hatte. Doch das war in diesem Moment völlig ohne Belang.
Doréan seufzte schließlich. Viele Worte spukten ihm durch den Kopf. »Ich habe mich geirrt…« Da lächelte Madiah wissend. »Schön, dass du es dir eingestehst.« Doch Doréan zuckte nur mit den Schultern. »Du bist nicht wie die roten Hände…du bist viel schlimmer.« Er sah Madiah mit einem verächtlichen Blick an, welche ihn daraufhin mit einem Ausdruck ansah, der zugleich Ärger wie auch Verwirrung zeigte. »Die roten Hände schlagen die Mädchen. Sie behandeln sie wie Dreck. Doch du…setzt eine Frau vor die Tür, wegen nichts. Du weißt, was das bedeutet. Du weißt, wo sie enden würde…und es ist dir völlig egal.« Die Frau fuhr, als ob sie von einer dreckigen Kanalratte aus der Ascherinne gebissen worden wäre, auf dem Absatz herum und trat einen wilden Schritt auf Doréan hinzu. »Was fällt dir ein, so mit mir zu sprechen?« Ihre Hand hob sich im Zwielicht der Kammer. Doch Doréan war ein Kind der Straße. Er hatte sich einmal von ihr übertölpeln lassen, als Millie vor der Schenke den Aufstand geprobt hatte. Er war schon mehr als einem Gassenschläger in dunkler Nacht begegnet und hatte schon mehr Prügel überlebt, als Lenze. Er duckte sich unter dem Schlag weg und wich zur Seite aus. Ihre offene Hand fegte über ihm hinweg und Doréan schubste die Wirtin von sich fort. »Bleib mir bloß vom Leib!«, rief er, während er versuchte möglichst viel Abstand zu gewinnen. Die Wirtin taumelte, ließ den Kerzenhalter fallen und die Kerze zerbrach. Das brennende Stück rollte noch einige Zoll weit über den Boden und erlosch schließlich »Du...Du hast mich geschubst.« Die Wirtin starrte Doréan ungläubig an. »Tu nich' so scheinheilig als ob du mich nich' schlagen wolltest, du dämliche Hundsfut!« »Das wirst du bereuen.« Die Frau klang wütend, doch ihre Stimme wurde kalt und ruhig. »Ich werde dich morgen bei der Wache melden. Ich will dich nie wieder in meinem Haus sehen. Raus jetzt.«
Auf der Straße war kaum mehr etwas los. Der eine oder andere Schenkengast schlurfte in langsamen Schritten über die Straße. Ein alter Mann zog einen Wagen schwerfällig über die alten Pflastersteine. Und ein räudiger Köter kläffte irgendwo, bis er schließlich jämmerlich winselte und zu jaulen begann. Doch die meisten Gassen und auch die Hauptstraße war gespenstisch leer. Als ob dieser Abend ihnen ein Zeichen offenbaren wollte. Wie zwei geprügelte Hunde, trotteten die Beiden aus der Tür in den Hof der Schenke. Aelia warf noch einen letzten Blick über die Schulter und seufzte. Und Doréan schnaubte mürrisch. »So eine falsche Funsen.« Er zuckte nur mit den Schultern und ließ sich von Aelia einige Schritte weiterziehen, denn alles war er in den Augen Aelias gesehen hatte, war stille Resignation. Ihr Aufbegehren hatte die alte Vettel völlig kalt gelassen. Doréan fühlte sich auf einmal irgendwie schuldig, auch wenn er dieses seltsame Gefühl nicht wirklich benennen konnte. Vielmehr gab er dieser Frau die Schuld, als sie bei sich selbst zu suchen. Oder gar bei Aelia. Und so verschwand das Gefühl recht bald wieder, ohne dass er Aelia eines Wortes gewürdigt hätte. Und sei es eine lieblose und halbherzige Entschuldigung gewesen.
Aelia hob den Blick und in ihren Augen war eine melancholische Hilflosigkeit zu sehen. »Was soll ich denn jetzt nur machen?«, murmelte sie und ihre Augen wurden glasig und begannen sich mit Tränen zu füllen. Doréan schluckte, doch er hatte darauf keine Antwort. »Ich steh auf der Straße! Wie ein…« Sie hielt inne und warf Doréan einen flüchten Blick zu und verschluckte die restlichen Worte. Daraufhin sah er sie mit einem neugierigen Blick an. »Wie ein…Straßenköter?« Er zog eine Augenbraue in die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das wolltest du doch sagen, oder?«, murmelte er und Aelia wirkte daraufhin resigniert und peinlich berührt. Da begann Doréan breit zu grinsen. »Es gibt schlimmeres.«, meinte er lapidar und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. »Ich leb schon mein ganzes Leben, mehr oder weniger, auf der Straße.« Er zuckte mit den Achseln und blies seine Wangen auf. »Vergiss die Alte…die hat doch nur große Töne gespuckt.« Aelia zuckte mit den Schultern. »Deine klugen Sprüche sind gerade wirklich das letzte, was ich gebrauchen kann. Sie helfen mir kein bisschen.« Sie wirkte alles andere als überzeugt und Doréan seufzte. »'Nen Scheiß hat sie für dich gemacht. Ich kenn solche Leute zur Genüge…werfen dir ein paar abgenagte Knochen und ranzige Krumen hin und glauben sie wären großzügig.« Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Oder glauben, die verdienen dafür noch, dass man ihnen in den Arsch kriecht.« Er wandte sich zu der Schenke um und hob den Mittelfinger.
Dann trat er an Aelia heran und legte ihr Daumen und Zeigefinger unters Kinn, um es etwas in die Höhe zu heben. Mit der anderen Hand strich er ihr sanft über die Wange und wischte dabei eine Träne weg. Dass er seine Handschuhe gar nicht trug, bemerkte er in diesem Augenblick gar nicht. Er hatte sie oben, in der Stube liegen gelassen. »Ausgenutzt hat sie dich. Mit 'nem miesen Hungerlohn. Und geschlagen hat sie euch…dich und diese Alva…« Da hob Aelia den Blick und ein Anflug von Trotz flammte in ihren glasigen Augen auf. »Die Kuh hats auch verdient. Miese Petze.« Da grinste Doréan und stimmte ihr nickend zu. »Eine verbitterte, alte Hexe is das…mehr nich'.« Er legte Aelia die Hand auf die Schulter und drückte sie etwas näher an sich heran. »Wahrscheinlich is sie nur so verbittert und hasst alle Männer, weil ihr eigener sie nich' mal mehr anschaut.« Er gluckste und rang Aelia ein kurzes, verhaltenes Schmunzeln ab. »Scheiß auf sie! vergiss sie einfach!« Die Sprache der Gosse war übermächtig. Romantische Worte, Gesten des Trostes. Sie waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wut und Ärger machte man sich am besten Luft, wenn man sie einfach hinaus fluchte. Und hier, auf den grauen, abgewetzten, und vom letzten Regen stellenweise noch von Pfützen durchzogenen, Gassen des Viertels war jeder Hauch von Romantik, welche sie vor kurzem noch verspürt hatten, ohnehin verflogen und der brachialen, rauen Natur der Straße gewichen.
Aelia wirkte nicht sehr überzeugt Doch Doréans Worte lenkten sie zumindest ein wenig ab. Sie seufzte und schlug die Augen nieder. »Ach…hätte ich dich heute nicht reingelassen…dann wär das nicht passiert.« Das Grinsen auf Doréans Gesicht erstarrte und sein Mundwinkel wurde daraufhin zu einem dünnen Strich. Er sah sie nur fragend an, mit einem seltsamen Blick in den Augen. Wieder keimte dieses seltsame Gefühl in ihm auf. Dieses Gefühl, als ob es seine Schuld gewesen wäre. Hätte es etwas geändert, wenn er einfach geschwiegen hätte? Er schüttelte den Kopf. Vermutlich nicht. Besser mit wehenden Fahnen, als kampflos unterzugehen. Aber ihre Worte hatten etwas anderes in ihm geweckt. Keine Schuldgefühle. Und auch keine Gewissensbisse. Vielmehr eine nagende Ungewissheit. »Bereust du es denn?« Er trat ein wenig vor ihr zurück. Seine Hand, die soeben noch auf ihrer Schulter gelegen hatte, glitt langsam von ihr ab. Doch da hob Aelia den Kopf und lächelte matt. »Nein.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihm dann in die Augen. »Es war wunderschön…« Ihr Lächeln war verhalten und scheu. Doch Doréan grinste daraufhin und legte ihr den Arm freundschaftlich über die Schultern. »Glaub mir, mein Liebchen. Ich leb schon seit Jahren ganz unten…wurd' wie ein Köter getreten und beschimpft…und trotzdem…sieh mich an.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf sein Gesicht und setzte ein besonders breites Grinsen auf. »Seh ich aus wie ein Straßenköter, der in den Ecken kauern würde?« Er schüttelte den Kopf. »Wirst seh'n. Morgen is das graue Viertel gar nich' mehr so grau wie jetzt, mein Liebchen.« Da lächelte Aelia verlegen doch ihr Blick verriet, dass sie seinen Optimismus nicht teilte.
Auf der Straße angekommen hielt Doréan dann endlich inne. Er warf einen Blick über die Schulter und erhaschte einen letzten Blick auf Schenke, die in dunklen Schatten lag. Kein Licht leuchtete in den Fenstern. Kein Mondlicht schien auf das Dach herab. Als ob selbst die Monde sich von diesem Haus abgewandt hatten. Er schüttelte den Kopf. »Was soll das überhaupt. Keinen Lohn?« Er schnaubte ungehalten. »Und was sollte das überhaupt heißen. Der Stadtwache melden.« Doréan verzog unwirsch den Mundwinkel. »Als ob die auch nur 'nen Finger krumm machen würden, wegen sowas.« Da lachte er und versetzte Aelia einen aufmunternden Stoß. Er trat etwas näher an sie heran und legte ihr, mehr als nur unbeholfen, die Hand an die Hüfte. Er fühlte sich wie eine Fliege, die in einer Pfütze um ihr Leben kämpfte. Er war nicht die Art von Mann die Frauen tröstete oder geschweige denn überhaupt wusste, wie man so etwas eigentlich machte. »Ihr Scheiß Haus hin oder her. Aber sie hatte nich' das Recht, so mit dir zu reden, und dich so zu behandeln.« Da rang sich Doréan ein aufmunterndes Lächeln ab. Das war es, was man den Trost Doréans nennen konnte.
Madiahs Worte hatten Aelia tief getroffen. »Ich fand den Abend sehr schön.« »Ich ebenfalls, mein Liebchen.« Er lächelte und diese Wärme, welche er zuletzt in Aelias Stube gefühlt hatte, keimte neuerlich in ihm auf. »Aber trotzdem fühle ich mich irgendwie…schlecht.« Doréan wusste nicht was für sie schlimmer war. Auf der Straße zu sitzen, oder als eine Dirne beschimpft worden zu sein. »Hör mal, mein Liebchen. Hier, im grauen Viertel, gibt es mehr Huren und Liederliche als Ratten und Wanzen.« Und dieser Vergleich passte bei einigen diesen Dirnen beinahe wie die Faust aufs Auge. »Aber ich kann 'nen Liebchen von 'ner Liederlichen unterscheiden« Er zwinkerte dabei, als ob dies ein besonders gelungener Scherz gewesen wäre. »Eins kann ich dir sagen. Du wirst immer mein Liebchen sein.« Er unterbrach sich selbst und schenkte Aelia dann erneut ein freundliches Lächeln.
Er deutete auf ein dickes Fass neben der Tür, die in die Küche führte, worin ein Haufen Fischköpfe, Schuppen und Eingeweide vor sich hingammelte. Räudige Katzen lungerten auf einer kleinen Mauer und maunzten, da der faulte, fischige Gestank sie des Nächtens in Scharen anlockte. Wie ein Haufen Scheiße die Fliegen, oder eine Laterne die Motten. »Am besten vergisst man seinen Frust, wenn man ihn einfach irgendwo rauslässt.« Er grinste verwegen und ein tückischer, kindischer Schalk blitzte in seinen Augen auf. »Mach irgendwas. Wirst sehn‘, dann geht’s dir besser!« Er nickte ihr aufmunternd zu, als sie seinem ausgestreckten Finger folgte und schließlich auch das Fass bemerkte. »Sie wird wissen, dass wir es waren.«, gab sie zu bedenken und da lachte Doréan. »Na und? Soll sies doch der Stadtwache erzählen.« Er gluckste und grinste dabei breit, um Aelia endlich zu dieser Schandtat zu verleiten. Er lächelte, als ob er sie dazu verführen wollte sich zu versündigen.
Anderswo im grauen Viertel, brummte Hartwig und rieb sich die Schläfe. Sein linkes Auge war blau unterlaufen und schmerzte. »Wer hat dich so zugerichtet?«, brummte sein Kamerad und Hartwig grunzte. »Ein paar Straßenratten.« Sein Kamerad kratzte sich nachdenklich am Bart. »Klingt nach Ärger.« Hartwig grunzte erneut und schüttelte dann den Kopf. »Nein, keine Sorge.« Der andere Wachmann verschränkte, mit einem zynischen Gesichtsausdruck, die Arme vor der Brust. »Ach wirklich? So siehst du aber nicht gerade aus.« Da grinste Hartwig dreckig. »Du weißt ja nicht, wie die anderen aussehen.« Ein kurzes Lachen, das eher wie ein Husten klang, entkam dem Mann und er entspannte sich. »Esben hat gemeldet, dass du deinen Posten verlassen hast.« Da verdunkelte sich Hartwigs Blick und er knirschte mit den Zähnen. »Ich musste pissen.« »Pissen.«, wiederholte Der Wächter und seine Stimme zeugte von dem zynischen Spott, der darin mitschwang. »Und dabei hast du dich verprügeln lassen? Hast du einem ans Bein gepisst oder was?« Hartwig grinste dreckig und richtete dann seinen Helm zurecht. »So ungefähr.« Die Antwort stellte ihn aber nicht sehr zufrieden. »Wo warst du denn pissen?« Da knurrte Hartwig mürrisch. »Was interessierts dich, wo ich pissen war Othmar. Mach nicht so nen Fass auf deswegen.« Othmar schnalzte mit der Zunge, doch er sagte nichts, woraufhin Hartwig ihn dann herausfordernd ansah. »Willst du mir irgendwas sagen, Othmar?« Dieser schüttelte langsam den Kopf. »Nein?«, murmelte Hartwig und nickte dann. »Du warst pissen.« »Verdammt nochmal. Ja, ich war pissen. Und dann haben mich diese Arschlöcher in der Ascherinne aufgemischt. Bist du jetzt zufrieden?« Da starrte Othmar ihn mit einem wandelnden Gesichtsausdruck an. Aus Neugier wurde Argwohn. Und aus Argwohn wurde Staunen. »Du warst in der Ascherinne?«, hakte er nach, doch Hartwig schwieg. Er hatte zu viel gesagt. »Bist du völlig bescheuert?«, herrschte Othmar, was Hartwig eine säuerliche Miene aufs Gesicht malte. »Alles halb so wild. Keiner is gestorben.« Othmar schnaubte. »Noch nicht. Willst du, dass die Scheiß Sanra'Jena uns auf die Pelle rücken?« Hartwig brummte mürrisch. »Warum zum Henker warst du in der Ascherinne?« Hartwig zuckte mit den Schultern. »Bin einem Dieb gefolgt. Er hat mich abgeschüttelt und ich…hab mich verlaufen.« Othmar schüttelte den Kopf, doch er konnte die Belustigung, die sich auf seinen Mundwinkeln bemerkbar machte, nicht verbergen. »Wenn die Roten uns Probleme machen, werde ich dich melden. Also bete, dass sie die Füße stillhalten.« Damit wandte sich Othmar ab und überließ Hartwig seinen düsteren Gedanken und seinem blauen Auge. Seine Gedanken galten Doréan, der in seinen Augen an allem Schuld war. Der verdammte Gossenfloh hatte ihn in eine Falle gelockt. Er hatte gemerkt, dass er verfolgt worden war und ihn absichtlich in die verdammte Ascherinne gelockt. Und er war ihm auf den Leim gegangen. Wenn er den Bengel finden würde, dann würde er ihm die Seele aus dem Leib prügeln.
Doréan und Aelia verließen gerade den Hafen. Eine Weile hatten sie sich ihrem Ärger freien Lauf gemacht. Ein feiner Hauch von vergammeltem Fisch, der ihnen noch immer in der Nase hing, zeugte von der Schandtat, die sie gemeinsam durchgezogen hatten. Doch die Freude darüber hatte sich, nach einer Weile, wieder gelegt. Das Trübsal, welchem Aelia verfallen war, hatte sich wieder eingestellt. Aelia stand nun vor der großen Frage, wohin sie gehen sollte. Nun, da sie unter Madiahs Dach nicht mehr willkommen war. Doréan hatte einen Moment lang darüber nachgedacht, sie zu sich nach Hause mitzunehmen. Doch der Gedanke daran ließ ihm die Nackenhaare aufstellen. Es war das eine, dass sie wusste woher er kam. Aber wenn sie dann auch noch erfuhr, dass er unter dem Dach eines Bordells wohnte. Er konnte sich nur schwer ausmalen, wie sie das alles aufnehmen würde. Nun, da sie, auch wegen ihm, ihre Bleibe, ihre Arbeit und ihre Perspektiven verloren hatte. Außerdem war da noch Bertram. Dieser schmerbäuchige Hundsfott. Der würde Aelia sehen und sie glatt in seinen Stall eingliedern wollen. Doréan wollte ein Teil von Aelias Leben sein. Nach nichts anderem sehnte er sich. Doch er wollte sie aus seinem Teil des Lebens so gut er es konnte heraushalten. Fern von Bertram. Fern von Raban. Und fern von der Ascherinne. Nun, da Aelia heimatlos und mittellos geworden war, musste er einen Plan schmieden. Und einen Ort, an dem sie schlafen konnten, ohne dass sie dabei erfuhr, dass er für eine der beiden, großen und berüchtigten Banden den Handlanger mimte.
Doch allzu viele Möglichkeiten hatte Doréan nicht. Er war kein Mann mit vielen Kontakten, oder Freunden. Er war ein Gossenfloh. Ein Straßenköter. Ein Mann, der sich Zeit seines Lebens von Tag zu Tag gehangelt hatte. Nun, mit Aelia, würde sich vieles ändern. Das war ihm zunächst, als er sie umworben hatte, gar nicht so bewusst gewesen. Doch nun war es ihm klar geworden. Er hatte sich geschworen für sie zu kämpfen. Er würde alles für sie machen…also musste er einen Weg finden.
Doch heute Nacht fand er nur einen einzigen Weg. Und er war ihm sehr unangenehm. Und so standen sie schließlich vor der Tür des Aschemädchens und Doréan klopfte zaghaft an die Tür. Aelia legte den Kopf in den Nacken, und die Kapuze ihres Mantels, rutschte dabei etwas zurück. Sie betrachtete das Haus, welches, für die Gegend in der sie sich befanden, durchaus gepflegt aussah. »Was ist das für ein Haus?«, erkundigte sie sich und Doréan räusperte sich verlegen. »Ein…rotes Haus.«, antwortete er ausweichend. Aelia sah ihn fragend an und warf dann nochmals einen Blick auf das Haus. »Das Haus ist aber nicht rot.« Doréan lächelte noch verlegener. »Man nennt es nur rotes Haus…nich' wegen der Farbe, mein Liebchen.« Noch ehe sie weiter darüber sprechen konnten, öffnete sich schließlich die Tür. Der Kopf einer Frau schob sich in den Spalt und warf misstrauische Blicke hinaus. Zu so später Stunde kamen für gewöhnlich keine Freier, sondern nur Leute die Probleme machten. Doch als sie Doréan erkannte, da hellte sich ihre Miene ein wenig auf und sie wirkte halbwegs freundlich. Ein Lächeln umspielte ihren linken Mundwinkel, während ihre rechte Gesichtshälfte beinahe gänzlich von ihrem dunklen Haar bedeckt wurde. »Réan.« Sie öffnete die Tür noch ein wenig weiter. »Schon wieder…mitten in der Nacht?« Sie trat in die Türschwelle und da bemerkte sie erst Aelia, welche hinter Doréan gestanden hatte. Das Lächeln, wenn man das bei Ronïa so nennen mochte, erstarb auf ihren Lippen und wechselte zurück zu dem kühlen und emotionslosen Strich, den sie sonst zu Tragen pflegte. »Wer ist das?«, verlangte sie in einem Ton zu erfahren, der zwar Neugierde in sich barg, aber keine Neugier verlauten ließ. Es klang eher wie ein missbilligender Befehl.
Doréan schob Aelia nun etwas hervor und hob ihre Kapuze an. »Aelia.« Er lächelte…verlegen und zugleich auch dieses betölpelte, verliebte und beinahe stolze Lächeln eines jungen Mannes, der gerade seine Freundin vorgestellt hatte. Ronïa rührte sich kaum. Ihre Hände lagen ineinander gelegt vor ihrem Schoß und ihr musternder Blick schweifte über Aelia. Über ihr Haar. Über ihr Kleid. Und über ihr Gesicht, welches halb in den Schatten verborgen lag. »Aha.« Sie warf Doréan einen Blick zu. Es war ein zucken in den Augen. Dieser kurze, verwirrte Blick. Was soll das? Warum ist sie hier? Wieder warf sie Aelia einen kurzen Blick zu. »Was willst du, Réan. Es is spät.« Doréan hob seine Hand und legte sie sich auf den Hinterkopf. Er bewegte seine Hand und wischte sich dadurch, um seine Verlegenheit zu kaschieren, wobei er sie dadurch nur noch weiter unterstrich, hin und her. »Ich…ich wär nich' gekommen, wenn's nich' anders gegangen wär.« Ronïa nickte, doch sie sagte kein Wort. In ihrem Blick lag diese Erwartungshaltung, mit der man ohne Worte zu verstehen gab, dass man mehr wissen wollte. Doréan räusperte sich und Aelia trat unruhig von einer Stelle auf die andere. »Sie wurde heute aus der Schenke geschmissen…«, hob Doréan an und Ronïa kniff die Augen zusammen. »Wegen dir?«, verlangte sie zu erfahren und Doréan sah sie nur an. Da er nicht sofort eine Antwort parat hatte, nickte Ronïa daraufhin. »Wegen dir…«, murmelte sie. »Und jetzt soll ich dir helfen?« Doréan zuckte hilflos mit den Achseln. »Ich kann sie doch nich' zu Bertram mitnehmen.« Da schnaubte Ronïa verächtlich. »Nein, bestimmt nicht!« Sie warf Aelia einen kurzen Blick zu. »Das wäre, als würde man Perlen vor die Säue werfen.« Ihr Mundwinkel zuckte. Das war ihre Art zu Lächeln, wenn Fremde in der Nähe waren. Doréan wusste das natürlich. Aber Aelia nicht. »Aber…«, hob sie dann schließlich an. »Ich kann euch nicht helfen.« Sie schüttelte den Kopf
Doréan trat einen Schritt vor. »Komm schon. Nur ein paar Tage. Du hast doch sicher ein leeres Zimmer für sie. Keiner wird sie bemerken? Ich…ich…weiß sonst niemanden.« Da seufzte Ronïa und warf sowohl Doréan als auch Aelia einen mitleidigen Blick zu. »Du Holzkopf. Bist du völlig übergeschnappt? Wenn Ela das herausfindet, dann reißt sie mit den Kopf ab.« Da grinste Doréan herausfordernd. »Dann erzählen wir Ela einfach nich's davon?« Ronïa seufzte. Doch dann trat sie einen Schritt zurück und ließ die beiden schließlich eintreten. »Seid leise.«, raunte sie und führte sie dann ins Obergeschoß. »Dort. Das Zimmer kannst du nehmen.«, flüsterte Ronïa und deutete auf eine Tür, welche im linkeren Flügel des Hauses lag. Sie lag Hofseitig und war auch nicht weit von der Treppe. »Hier ist der Schlüssel. Wenn du drinnen bist, sperr ab. Klar?« Aelia nickte verstehend und Doréan warf Ronïa einen dankbaren Blick zu. »Du bringst mich in Teufels Küche, das weißt du Réan?« Der Gossenfloh seufzte und nickte nur. »Dafür schuldest du mir was.« Sie warf Aelia einen kurzen Blick zu und schien dann nachzudenken. »Ela ist drei Tage nicht da. Drei Tage…dann müsst ihr was anderes gefunden haben.« Wieder warf sie Aelia einen flüchtigen Blick zu. »Wenn die Mädchen arbeiten…kannst du in der Küche was essen. Aber lass dich nich' blicken, wenn…Männer…im Haus sind. Klar?« Aelia nickte stumm und dann legte Ronïa einen drohenden Finger auf Doréans Brust. »Und du…du schläfst hier nicht. Unter gar keinen Umständen. Ist das klar?« Da verzog Doréan säuerlich den Mundwinkel, woraufhin Ronïa ihm ihren Finger noch etwas tiefer in die Brust bohrte. »Au…ja…is klar.« Da zog sie den Finger wieder zurück und nickte zufrieden. »Würdest du uns einen Moment entschuldigen?«, bat sie Aelia und ohne ihre Antwort abzuwarten, oder ob sie überhaupt damit einverstanden war, packte sie Doréan am Kragen und schleifte ihn hinter sich her, bis sie an der Ecke zur Treppe angekommen waren. »Die ist ja richtig süß.«, flüsterte Ronïa. »Wie kannst du es nur so verbocken? Sie hierherbringen? Du bist ein Holzkopf. Ein riesiger, dämlicher Holzkopf.«, Ihre Stimme zischte und tuschelte und Doréan warf einen kurzen, unsicheren Blick über die Schulter. Um die Ecke, zu Aelia. »Ich geb mir doch alle Mühe, und es lief auch sehr gut.«, murmelte Doréan. Ronïa schnalzte mit der Zunge. »Das sehe ich. Darum ist sie auch hier, was?« Er hob den Blick zu Ronïa und sah sie fragend an. »Hast du vielleicht Arbeit für sie?« Da glotzte Ronïa als ob sie sich verhört hätte. Doréan schüttelte sofort den Kopf. »Nein. Nicht so eine Arbeit! Spinnst du?« Ronïa lächelte wissend. »Natürlich nicht.« Sie schnaubte. »Warum sollte ich dir helfen? Du hast es verbockt« Doréan seufzte. »Ich war jetzt schon zwei Mal zu spät bei Raban. Er hat den Sold halbiert. Ich…sie braucht doch nur ein bisschen Geld. Lass mich nich' betteln wie ein verfickter Köter, verdammt.«, zischte er und Ronïa legte den Kopf ein wenig schräg und betrachtete Doréan mit einem akribischen Blick. »Ich kann dir nichts versprechen. Das weißt du. Aber ich hör mich mal um, und jetzt verschwinde endlich, bevor ich es mir noch anders überlege.« Das reichte Doréan und er nickte zufrieden.
Als Doréan endlich gegangen war, wobei Ronïa ihn förmlich aus dem Haus hatte treten müssen, trat sie an die Tür heran, hinter welcher Aelia sich zurückgezogen hatte. Sie legte die Hand an die Tür und verharrte. Sie wirkte unentschlossen. Fast zögerlich. Doch dann sog sie tief den Atem ein und straffte die Brust. Und dann klopfte sie. Zwei Mal. Und dann erneut zweimal. Der Schlüssel kratzte im Schloss und Aelia öffnete die Tür und lugte hindurch. »Darf ich reinkommen?«, erkundigte sich Ronïa und Aelia nickte, wenn auch zögernd. Sie schritt an Aelia vorbei, als ob der Raum ihr gehören würde. Was, unter Anbetracht der Umstände, dass sie hier das Sagen hatte, solange Ela nicht da war, auch der Fall war. Ihre Hände lagen auf ihrem Rücken und sie trat in den Raum hinein. Wortlos standen sich die beiden Frauen gegenüber und Ronïa nickte zu der Tür. Aelia schloss die Tür und Ronïa lehnte sich dann schließlich gegen die Wand. »Scheißtag?«, murmelte Ronïa. »Scheißtag.«, antwortete Aelia matt. Da lächelte Ronïa. Nicht das Lächeln für Fremde…ein kurzes…aufflackern in ihrem Auge, welches nicht von Haaren bedeckt war. Ein kurzes zucken ihres Mundwinkels. Und dann war sie wieder da. Ihre eiserne, stoische Maske.
Ronïa entspannte sich ein wenig. »Als Réan mir von dir erzählt hatte…«, begann sie schließlich. »…da hatte ich…etwas anderes erwartet.«, schloss sie und schwieg. Aelia war attraktiv. Vermutlich attraktiver als jedes andere Mädchen hier im Haus. Doch Ronïa war keine Frau die mit Komplimenten um sich warf. Aber Aelia war eine Frau. Sie würde schon verstehen, was sie gemeint hatte. Und wenn nicht, dann war sie zumindest genauso ein Holzkopf wie Réan. Aelia schien nicht zu wissen, was sie darauf antworten sollte und senkte nur den Blick. Doch es schien, als ob sie erröten würde. Ronïa räusperte sich und öffnete die Lippen. Doch die Worte brauchten noch einen Moment bis sie endlich entwichen. Es schien, als ob sie hadern würde, sie auszusprechen. »Brauchst du…Arbeit?«, erkundigte sich Ronïa und Aelia schüttelte den Kopf. »Nein. Danke.« Da legte sie wieder den Kopf schief und betrachtete Aelia mit einem verwunderten Blick. »Also ja. Aber…keine solche Arbeit.« Da lachte Ronïa bitter. »An solche Arbeit habe ich auch nicht gedacht. Aber das sagen sie alle.« Sie hob eine Hand zur Tür und deutete auf all die Mädchen die dahinter verborgen waren. »Jede von ihnen hat das irgendwann einmal gesagt. Keine von ihnen ist irgendwann aufgewacht und hat dann gesagt. Oh, jetzt werde ich eine Dirne.« Eine unangenehme Stille machte sich langsam breit. »Du bist hübsch. Aber nur eine von vielen. Vergiss das nicht.« Dabei strich sich Ronïa über die Haarsträhne, welche ihre Narbe verbarg. Sie war auch einmal hübsch gewesen. Bevor man ihr mit einer Glasscherbe das Gesicht entstellt hatte. »Aber…«, hob Ronïa schließlich an und erregte so wieder Aelias Aufmerksamkeit. »…du hast etwas, was sonst keine von ihnen hatte.« »Und was wäre das?«, erkundigte sich Aelia und Ronïa lehnte sich wieder an die Wand. »Einen Mann, der alles dafür tun würde, dass dir dieses Schicksal erspart bleibt.« Daraufhin schwieg Ronïa eine Weile und beobachtete Aelia mit ruhigen und beobachtenden Blicke. Sie sagte kein Wort. Nicht einmal, wenn Aelia etwas sagte. Sie stand einfach nur da und wartete. Schließlich räusperte sie sich. »Er hat ein gutes Herz…musst du wissen.«, fuhr sie fort. »…auch wenn er ein Holzkopf ist.« Doch da wurde Ronïas Miene ein wenig kälter. »Er ist anders…«, murmelte Ronïa. »Weißt du was man über schöne Frauen sagt?«, erkundigte sich Ronïa und warf Aelia einen fragenden Blick zu, während sie sich wieder, wie beiläufig, die Haarsträhne über die Narbe ihrer Wange strich. Aelia wirkte unschlüssig. Lag es an den Worten, oder einfach nur an Ronïas kühler und distanzierter Art. Doréan hatte sie ja schon darauf hingewiesen gehabt, dass Ronïa manchmal etwas seltsam wirkte, aber das Herz am rechten Fleck hatte. » Da, wo ich herkomme, ist Schönheit selten ein Geschenk.« Sie ließ ihre Hand wieder sinken und legte sie zurück zu der andern, hinter ihrem Rücken. »Sie bringt Männer dazu, den Verstand zu verlieren. Frauen dazu, einander zu hassen. Und meistens...« Ronïa trat einen Schritt näher an Aelia heran. »…haben die schönsten Frauen das kälteste und gemeinste Herz.« Sie sah Aelia dabei in die Augen, als versuche sie etwas darin zu lesen. »Er hat ein zerbrechliches Herz. Wenn du sein Herz kaputt machst…«, murmelte sie leise. »Dann schneide ich dir deins aus der Brust.«
Eine Kackbratze und ein Ungeheuer ❖
18.07.2023 '19:03 [4.249 Wörter]
 oréan ließ den Blick über die Straße schweifen. Offenbar suchte er nach irgendetwas, das Aelia von ihrem Kummer ablenken konnte. Schließlich blieb sein Blick an einem hölzernen Fass hängen, das unweit der Schenkentür stand. Schon von hier zog der säuerlich-faulige Gestank der darin gesammelten Fischabfälle durch die Gasse. Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Am besten vergisst man seinen Frust, wenn man ihn einfach irgendwo rauslässt. Mach irgendwas. Wirst sehn’, dann geht’s dir besser.“ Er deutete mit ausgestrecktem Finger auf das Fass und nickte ihr aufmunternd zu. Aelia folgte seinem Blick. Als sie begriff, worauf er hinauswollte, hob sie zweifelnd eine Augenbraue. „Sie wird wissen, dass wir das waren.“ Doréan lachte nur. „Na und? Soll sie’s doch der Stadtwache erzählen.“ Sein unbekümmertes Lachen wirkte ansteckend. Zum ersten Mal, seit Madiah sie vor die Tür gesetzt hatte, blitzte wieder jener vertraute Schalk in seinen Augen auf, der sie schon mehr als einmal zum Lächeln gebracht hatte. Und tatsächlich spürte Aelia, wie sich unwillkürlich ein schelmisches Grinsen auf ihrem eigenen Gesicht ausbreitete. „Du hast recht.“ Aelia starrte wie gebannt auf das Fass mit den stinkenden Fischresten, während sie langsam nähertrat. Ein übler Geruch stieg ihr in die Nase und ließ Übelkeit in ihr aufkeimen. Angeekelt schüttelte sie den Kopf. „Das hätte schon vor Tagen abgeholt werden sollen, aber der Mistknecht ist einfach nicht gekommen…“ Aelia betrachtete die leicht abschüssige Straße. Man musste nicht besonders schlau sein um zu erkennen, was passieren würde, wenn sich der Inhalt eines Fasses mit Fisch und Küchenabfällen vor einer geschlossenen Schenkentür staute. Er würde sich langsam aber gewiss seinen Weg durch den Türschlitz bahnen. „Madiah wird einen Schreianfall bekommen, wenn diese grindige Suppe bis in den Schankraum fließt…“ kicherte Aelia und der Gedanke gefiel ihr immer besser. Zögerlich trat sie nun an das Fass heran und drückte mit beiden Händen dagegen, um sein Gewicht abzuschätzen. Es war schwer, aber nicht unmöglich zu bewegen. Schließlich stemmte sie sich mit ihrem ganzen Körper dagegen, und das Fass begann langsam zu kippen. Ein weiterer kräftiger Stoß, bei dem sie sich mit vollem Gewicht dagegen warf, ließ es schließlich umfallen. Rasch machte Aelia einige Schritte zurück und beobachtete, wie sich der stinkende, faulige Unrat schmatzend über die Straße ergoss. Der leicht zur Schenke abschüssige Boden sorgte dafür, dass die übelriechende Brühe direkt auf die Tür zulief und langsam, aber stets unter der Schwelle hindurch in die Gaststube sickerte. Zufrieden grinste sie über ihr Werk, doch besser fühlte sie sich deshalb noch immer nicht. Gedankenverloren wog sie den Stein in ihrer Hand, den Doréan ihr gegeben hatte, als sie plötzlich eine Stimme hörte. Eine wohlbekannte Stimme – allerdings weder Madiahs noch Lestars. Es war die Stimme jener Alten, die ein Haus weiter neben der Schenke wohnte und Doréan und Aelia schon vor einigen Tagen angekeift hatte. Damals hatte Aelia sich versteckt, weil sie befürchtet hatte, Hiltrud, das Lumpenweib, würde sie bei Madiah anschwärzen. Doch was konnte sie jetzt noch ausrichten, nachdem die Wirtin sie ohnehin hinausgeworfen hatte? „He, ihr da! Was habt ihr gemacht? Seid ihr verrückt? Na wartet nur! Ich komme gleich runter, und dann gerb ich euch das Fell!“, schimpfte sie und reckte drohend die Faust aus dem Fenster. „Halt die Klappe, Hiltrud!“, rief Aelia zurück. Die Alte hielt mitten in ihrer Tirade inne.„Aelia? Bist du das?“ Neugierig beugte sie sich weiter aus dem Fenster und kniff die Augen zusammen, um unten besser erkennen zu können. „Natürlich bist du das. Sag mal, hast du den Verstand verloren? Wer macht diese Sauerei weg?“ „Ich bestimmt nicht! Putz es doch mit deinen gammeligen Lumpen weg, wenn's dich stört!“, gab Aelia frech zurück. Doréan hatte Recht. Es war tatsächlich befreiend, den Ärger nicht immer hinunterzuschlucken. „Du freche Göre! Na warte nur! Das wird‘ ich Madiah erzählen, verlass dich drauf! Sie sollte dich grün und blau schlagen!“, keifte Hiltrud. Da wurde Aelia des Steins in ihrer Hand wieder gewahr. Sie hob den Arm und schleuderte ihn in Richtung von Hiltruds Fenster. „Ja, komm runter, wenn du dich traust!“ rief sie voller Zorn. Natürlich traf sie weder das Fenster noch die Alte. Der Stein schlug stattdessen gegen das Mauerwerk daneben. Maroder Putz platzte splitternd ab und gab die darunterliegenden Ziegelsteine frei. Doch ihre Tat verfehlte ihre Wirkung nicht. Kreischend fuhr die Alte vom Fenster zurück und verschwand im Haus. Weder ließ sie sich noch einmal blicken, noch war auch nur ein weiterer Ton von Hiltrud zu hören. Aelia konnte nicht anders, als zu grinsen. Wie oft hatte sie geschwiegen, sich geduckt und den Zorn hinuntergewürgt? Diesmal nicht. Diesmal hatte sie zurückgekeift. Und das fühlte sich irgendwie herrlich an!
Doréan hob die Hand und klopfte. Während sie warteten, nickte er nur knapp zu dem unscheinbaren Gebäude. „Ein rotes Haus“, erklärte er leise. Aelia runzelte die Stirn. Rot war daran nun wirklich nichts. Sie wollte gerade fragen, weshalb ein Haus ohne roten Anstrich ein rotes Haus sein sollte, als sich die Tür bereits knarrend öffnete. Auf der Schwelle stand eine junge Frau mit einem Talglicht in der Hand. Die flackernde Flamme warf unruhige Schatten über ihr Gesicht, das zur Hälfte von dunklem Haar verdeckt wurde. Ihr ernster Ausdruck ließ sie beinahe streng wirken. Doch kaum erkannte sie Doréan, glitt ein ehrliches Lächeln über ihre Lippen. „Réan! Schon wieder mitten in der Nacht?“ Die Art und Weise, wie die beiden miteinander umgehen, ließ erkennen, dass es sich bei dieser jungen Frau um Ronia handeln musste. Aelia wusste nicht recht, weshalb ihr dieser Gruß missfiel. Vielleicht, weil er so seltsam geklungen hatte. Als käme Doréan öfter zu nächtlicher Stunde hierher. Weshalb eigentlich? Und weshalb besuchte man seine beste Freundin ausgerechnet nachts, wenn sie in einem Bordell arbeitete? Im nächsten Augenblick fiel der Blick der jungen Frau auf sie. Das Lächeln verschwand augenblicklich. „Wer ist das?“ „Das ist Aelia“, erwiderte Doréan und stellte sie ihr beinahe freudig vor. Doch die Freunde, oder auch nur ein geringster Funken an Interesse schien bei dieser Frau nicht überspringen zu wollen. Natürlich schuldete ihr Ronia keine Herzlichkeit, objektiv betrachtet. Doch Aelia hatte unwillkürlich erwartet, Ronïa würde sie wenigstens neugierig mustern, ihr vielleicht eine Frage stellen oder ihr ein freundliches Wort schenken. Doch nichts dergleichen geschah. Doréan stellte ihr die Frau vor, die ihm offenbar am meisten bedeutete, und Ronïa brachte nichts weiter hervor als ein knappes: „Aha.“ Nicht mehr. Kein Lächeln. Keine Begrüßung. Nichts. Beinahe erschien es ihr, als hätte Aelia den freundlichen Ausdruck in ihrem Gesicht mit ihrer bloßen Anwesenheit vertrieben. Von da an sprach die junge Frau nur noch mit Doréan. Sie fragte knapp, was er wolle, hörte sich seine Erklärung an und schüttelte den Kopf. Nein. Sie könne ihnen nicht helfen. Erst als Doréan sie eindringlich bat und erklärte, dass ihnen niemand sonst geblieben war, schwieg sie eine Weile, trat schließlich wortlos zur Seite und bedeutete ihnen einzutreten und sagte, sie könne eins der leeren Zimmer bewohnen. Aelia war dankbar. Natürlich war sie das. Ronïa schuldete ihr nichts. Sie gewährte ihr dennoch für drei Nächte ein Dach über dem Kopf. Und doch wollte sich dieses nagende Unbehagen nicht legen. Je länger sie in ihrer Gegenwart blieb, desto stärker beschlich sie das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Vielleicht bildete sie sich alles nur ein. Vielleicht war Ronïa tatsächlich einfach so, wie Doréan sie beschrieben hatte. Ein bisschen seltsam. Denk dir nichts dabei. Sie ist immer so. Es waren keine besonders schmeichelhaften Worte gewesen, mit denen er seine beste Freundin angekündigt hatte. Beste Freundin. Allein dieser Gedanke wollte Aelia nicht recht gefallen. Sie hatte nie verstanden, wie zwischen einem Mann und einer Frau eine Freundschaft bestehen sollte, ohne dass früher oder später einer von beiden mehr empfand. Zwei Menschen konnten einander nicht über Jahre begleiten, ohne dass einer von beiden irgendwann mehr darin sah. Einer hoffte stets auf etwas, das der andere nicht geben konnte. Es war nur eine Frage der Zeit. So war es jedenfalls immer gewesen, soweit sie es erlebt hatte. Vielleicht irrte sie sich. Vielleicht waren Doréan und Ronïa die große Ausnahme. Aber weshalb hatte Ronïa ihn dann eben noch so angelächelt? Weshalb war dieses Lächeln in dem Augenblick verschwunden, als sie selbst ins Blickfeld geraten war? Je öfter Aelia daran dachte, desto persönlicher nahm sie es. Als Ronïa sie schließlich mit einer knappen Entschuldigung zurückließ und Doréan ein Stück den Flur hinunterbat, um ungestört mit ihm zu sprechen, zog sich etwas in ihr zusammen. Die beiden sprachen leise. Zu leise. Sie konnte kein einziges Wort verstehen. Sie sah nur, wie sie dicht beieinanderstanden, wie Ronïa mit ernster Miene auf Doréan einredete und er aufmerksam zuhörte. Wieder war sie ausgeschlossen. Wieder gab es etwas zwischen ihnen, an dem sie keinen Anteil hatte. Aelia senkte den Blick und fragte sich zum ersten Mal, ob sie es in diesem Haus tatsächlich drei Tage aushalten würde.
Als Doréan schließlich aufbrach, wurde Aelia schmerzlich bewusst, wie sehr sie sich in den vergangenen Tagen an seine Nähe gewöhnt hatte. Die vergangene Nacht hatte alles verändert. Seit sie sich einander hingegeben hatten, fühlte sie sich ihm auf eine Weise verbunden, die sie nie zuvor erlebt hatte. Es war, als hätte sie ihm nicht nur ihren Körper offenbart, sondern zugleich einen Teil von sich selbst. Nun musste ausgerechnet der Mensch gehen, dem sie sich so nahe fühlte wie niemandem zuvor. Nun würde er gehen und sie in einem Haus zurücklassen, dessen Bewohner ihr fremd waren und dessen kühle Atmosphäre ihr mit jeder Minute schwerer aufs Gemüt schlug. Sie verabschiedete sich herzlich, wenn auch mit einer gewissen Zurückhaltung. Ronïa stand nur wenige Schritte entfernt, und Aelia verspürte nicht das Bedürfnis, ihre Zuneigung vor ihr zur Schau zu stellen. Als Doréan ihre Hand noch einmal drückte, hob sie den Blick zu ihm. „Kommst du morgen tagsüber vorbei?“, fragte sie leise. Er nickte. Erst dann trat sie einen halben Schritt näher, legte ihm flüchtig eine Hand an den Arm und hauchte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Kaum hatten sie sich voneinander gelöst, räusperte sich Ronïa hörbar. „Doréan.“ Er reagierte nicht sofort. „Nun geh schon“, sagte sie mit derselben nüchternen Stimme, die Aelia inzwischen nur allzu gut kannte. Widerwillig wandte er sich schließlich zur Tür, warf Aelia noch einen letzten Blick zu und verschwand. Sie sah ihm nach, bis sich die Haustür hinter ihm schloss. Erst jetzt bemerkte sie, wie still das Haus geworden war. Schließlich zog sie sich in das Zimmer zurück, das Ronïa ihr für die nächsten drei Tage überlassen hatte. Sie setzte sich auf die Bettkante, verschränkte die Hände im Schoß und starrte eine Weile gedankenverloren auf die rauen Dielen. Sie wollte dankbar sein. Ronïa hatte sie aufgenommen, obwohl sie ihr nichts schuldete. Dennoch wollte sich das unangenehme Gefühl nicht legen. Sie kam sich fehl am Platz vor. Als wäre sie hier allenfalls geduldet. Es verging nicht viel Zeit bis es klopfte. Aelia erhob sich, trat zur Tür und öffnete sie nur einen schmalen Spalt. Davor stand Ronïa. „Darf ich?“ Aelia trat wortlos beiseite.
Ronïa schloss die Tür hinter sich und blieb zunächst stehen. Einen Augenblick lang sagte keine von ihnen etwas. Das Talglicht ließ die Schatten über Ronïas halb verborgenes Gesicht wandern und verlieh ihren ohnehin ernsten Zügen etwas Unnahbares. Aelia erwiderte ihren Blick, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, und doch wollte das Unbehagen nicht weichen. Sie wusste nicht recht, was sie von dieser Frau halten sollte. Sie wirkte hart. Verschlossen. Als hielte sie jeden Menschen auf Armeslänge von sich fern. Und dennoch war sie Doréans beste Freundin. Gerade das wollte Aelia nicht recht begreifen. Doréan war so anders. Offener. Herzlicher. Aber vielleicht waren es genau diese Gegensätze die die Freundschaft der beiden ausmachte. Auch, wenn Aelia keinen Hehl daraus machen konnte, dass es ihr missfiel, wie Ronia beizeiten mit Doréan sprach. Freundschaft hin oder her. Aelia mochte es nicht, wenn sich Menschen über andere stellten. Vielleicht tat sie Ronia auch Unrecht. Vielleicht war ihre Art tatsächlich nichts weiter als jene sonderbare Verschlossenheit, vor der Doréan sie gewarnt hatte. Doch das änderte nichts daran, dass Ronïa ihn mit einem ehrlichen Lächeln begrüßt hatte, welches in dem Augenblick verschwunden war, als ihr Blick auf Aelia gefallen war. Und obwohl Aelia sich sagte, dass sie sich das nicht zu Herzen nehmen sollte, blieb der kleine Stachel hartnäckig sitzen.
„Als Réan mir von dir erzählt hatte …“, begann sie zögernd, „…da hatte ich etwas anderes erwartet.“ Mehr sagte sie nicht. Doch Aelia verstand auch so. Verlegen senkte sie den Blick, worauf Ronïa sich räusperte und nach kurzem Zögern fragte: „Brauchst du Arbeit?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein. Danke. Also … doch. Aber keine solche Arbeit.“ Ein bitteres Lächeln huschte über Ronïas Gesicht. „Das sagen sie alle“, erwiderte sie ruhig und deutete zur Tür hinaus. „Keine von ihnen hat sich jemals vorgenommen, eine Dirne zu werden.“ Jetzt legte Aelia den Kopf leicht schief. „Meine Freundin Millie behauptet steif und fest, sie hätte sich ihren Beruf ganz bewusst ausgesucht. Lieber die Beine breit machen, als den Rücken krumm, sagt sie immer.“ Aelia glaubte, so etwas wie ein Grinsen in Ronias Gesicht wahrzunehmen. Doch der Moment, in dem Aelia dachte, das Eis sei gebrochen, war nur flüchtig. Ronia begann auf einmal über Schönheit und schöne Frauen und deren meist hässliche Herzen zu sprechen. Sie sprach über Doréans gutes, zerbrechliches Herz und was sie mit ihrem machen würde, wenn sie seins zerbrechen würde. Aelia blieb für einen Moment lang der Mund offen stehen, denn sie glaubte, sich verhört zu haben. Doch Aelia hielt Ronïas Blick stand. Diesmal wich sie ihm nicht aus. „Ich kenne seinen Wert. Mag sein, dass du ihn schon kennst, seid ihr Kinder seid. Aber er hat mir sein Herz geöffnet und ich habe all die Schönheit darin gesehen, völlig gleich, als was er geboren oder wo er aufgewachsen ist. Ich habe in Kauf genommen, alles aufzugeben was ich habe. Ganz bewusst. Weil ich wusste, was ich dafür gewinnen würde.“ Einen Augenblick schwieg sie. „Wie ihr beide miteinander sprecht, geht mich nichts an. Wenn Doréan nichts daran findet, dass du ihn einen Holzkopf nennst, dann ist das eure Sache.“ Wieder tippte sie sich gegen die Brust. „Aber mir gegenüber sprichst du nicht so über ihn. Nicht über den Mann, den ich liebe. Hast du mich verstanden?“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch jeder Laut war fest. „Und einen Vortrag über schöne Frauen brauche ich auch nicht. Du kennst mich nicht. Trotzdem glaubst du bereits zu wissen, was für ein Herz ich habe.“ Sie trat noch einen halben Schritt näher. „Und eins solltest du dir merken. Ich bin kein Mensch der haltlose Drohungen ausstößt…“ Ihre Augen ließen Ronïa keinen Moment los. „Aber wer glaubt, sich zwischen Doréan und mich stellen zu können, der wird feststellen, dass ich sehr viel unbequemer sein kann, als ich aussehe.“ Einen langen Augenblick sagte Ronïa nichts. Sie sah Aelia nur an. Schließlich wandte sie sich wortlos um und ging.
Es mochte erst wenige Stunden später gewesen sein, als ein leises Klopfen Aelia aus dem Schlaf riss. Noch benommen richtete sie sich auf. Das kleine Zimmer lag bereits im hellen Licht des Vormittags. Einen Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie war in jenem roten Haus, dem Aschemädchen. Ein Bordell. Erneut klopfte es. Aelia strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht, zog hastig ihr Kleid zurecht und öffnete die Tür. Ronïa stand auf dem Gang. „Guten Morgen“, sagte sie knapp, mit auf dem Rücken verschränkten Armen. „Ich dachte ich lasse dich ein wenig schlafen, aber ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich habe mich ein wenig umgehört.“ Aelia sah sie fragend an. „Am Hafen werden heute Tagelöhner gesucht. Frag bei den Docks nach Pitt. Er soll, was man so hört, jede Hand brauchen, die zupacken kann.“ Einen Augenblick lang musterte Aelia sie überrascht. „Für welche Arbeit?“ Ronïa hob die Schultern. „Keine Ahnung. Was am Hafen eben so anfallen kann.“ Mehr sagte sie nicht. Aelia nickte langsam. „Danke.“ Ronïa erwiderte das Nicken, wandte sich wortlos um und verschwand den Flur hinunter. Aelia schloss die Tür, wusch sich das Gesicht mit dem Wasser aus der Schüssel und innerhalb weniger Augenblicke war sie bereit. Wenig später trat sie hinaus auf die Straße. Das Aschemädchen blieb hinter ihr zurück, während sie den engen Gassen zum Hafen folgte. Mit jedem Schritt wurde die Luft salziger. Möwen kreischten über den Dächern, und schon bald mischten sich die Rufe der Hafenarbeiter darunter. Die Docks waren bereits voller Leben. Zwischen Karren, Fässern und Ballen suchte und fragte Aelia nach dem Mann, dessen Namen Ronïa genannt hatte. Schließlich entdeckte sie einen breitschultrigen Kerl, der ihr genau beschrieben wurde, und der mehreren Arbeitern mit knappen Befehlen über den Kai scheuchte. Sie trat auf ihn zu. „Bist du Pitt?“ Der Mann musterte sie kurz. „Der bin ich.“ Aelia richtete sich unwillkürlich etwas gerader auf. „Man sagte mir, du suchst Tagelöhner. Ich brauche Arbeit.“ Pitt nahm die Pfeife aus dem Mund, die er grade paffte und ließ den Blick langsam über die zierliche Frau gleiten. Vom zurechtgemachten Haar über das schlichte Kleid bis hinunter zu ihren dünnen Schuhen. Dann hob er eine Augenbraue. „Du willst bei mir arbeiten?“ „Ja.“ Einen Moment lang sagte er nichts. Er musterte sie, als überlege er ernsthaft, ob sie sich über ihn lustig machte oder ob sie tatsächlich nicht den blassesten Schimmer hatte, worum es hier ging. Schließlich schnaubte er. „Mädchen …“ Er deutete mit dem Daumen zurück zur Stadt. „Versuch's in einer Schneiderei. Oder frag in einer Schänke nach. Am Markt suchen sie manchmal auch Leute.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Zeit, durch die halbe Stadt zu laufen.“ „Dann solltest du sie dir nehmen.“ „Kann ich nicht.“ Pitt zog die Stirn kraus. „Ich brauche Geld“, sagte Aelia schlicht. „Und ich kann hart anpacken.“ Wieder glitt sein Blick über ihre schmale Gestalt. Das Kleid. Die Hände. Die Schuhe. Dann grinste er. „Na gut, Püppi.“ Er stieß sich von dem Fass ab. „Ich soll's mit dir versuchen. Soll ja keiner sagen, der alte Pitt gäbe nicht jedem eine Chance.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Und du hast wirklich keine Ahnung, um welche Arbeit es sich überhaupt handelt?“ Aelia schüttelte erneut den Kopf. Inzwischen beschlich sie allerdings das Gefühl, dass sie diese Frage vielleicht besser hätte stellen sollen. Pitt sah sie einen Augenblick schweigend an. Dann wurde sein Grinsen noch ein wenig breiter. „Das“, murmelte er in seinen Bart, „wird ein Spaß …“ Aelia verstand nicht recht, was daran so komisch sein sollte. Pitt musterte sie noch einmal. „Hast du irgendwas zum Wechseln dabei?“ Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Nein, wieso?“ Er brummte nur, als hätte er keine andere Antwort erwartet, und deutete mit dem Daumen zu einer niedrigen Bretterhütte am Rand der Docks. „Dann geh da rüber. An der Wand hängen alte Arbeitstuniken. Such dir eine aus, die dir halbwegs passt. Die Dinger stinken zwar wie die Pest und sehen aus, als hätten sie schon drei Besitzer überlebt, aber wenn der Tag zu Ende ist, wirst du mir dankbar sein.“ Aelia bedankte sich und verschwand in der kleinen Hütte, um sich dort umzuziehen. Doch kaum hatte sie die Tunika übergestreift, bereute sie es schon. Sie war ihr an den Armen viel zu lang, und reichte dafür nur bis zu den Knien. Der speckige Stoff schmiegte sich an ihren Körper, als hätte er das Fett all der Jahre tief in sich aufgesogen. Er roch nach ranzigem Fett, Rauch und abgestandenem Schweiß. Aelia grauste es und sie kämpfte gegen den Impuls an, sich das Kleidungsstück sofort wieder vom Leib zu reißen. Doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und sie hatte sogar ein Tuch gefunden, mit welchem sie ihr langes Haar hochgebunden und gebändigt hatte. Als sie wieder zu Pitt trat, betrachtete dieser sie einen Augenblick und nickte zufrieden. „Geht doch.“ Pitt stemmte die Hände in die Hüften. „Eins noch, bevor wir anfangen.“ Aelia sah zu ihm auf. „Die Arbeit hier ist nichts für Zartbesaitete. Sie ist dreckig, sie ist schwer und sie stinkt. Wer mittendrin aufgibt, geht ohne Lohn nach Hause.“ Er hob zwei Finger. „Wer bis zum Feierabend durchhält, bekommt zwei Löcher.“ Aelia blinzelte. Zwei Skarin. Für einen einzigen Tag. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Das war mehr Geld, als sie in der Schänke in mehreren Tagen verdient hatte. Pitt bemerkte den Ausdruck in ihrem Gesicht und schnaubte belustigt. „Jetzt glänzen die Augen, was?“ Aelia nickte. „Ich mach's.“ Er grinste schief. „Das sagen sie morgens alle.“ „Ich halte durch.“ „Na“, brummte Pitt und wandte sich ab. „Das werden wir ja sehen.“
Gemeinsam verließen sie den Kai und folgten einem hölzernen Bohlenweg bis zu einem freien Platz direkt am Wasser. Schon von Weitem schlug Aelia ein übelerregender Geruch entgegen, so schwer und durchdringend, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt. Er erinnerte an verdorbenes Fett, altem nassen Leder und fauligen Fisch, vermischt mit etwas stechend-süßlichen und dem Geruch des altbekannten Salzwassers. Dann sah sie das gewaltige Untier und blieb wie angewurzelt stehen. Es lag auf dicken Holzrollen am Ufer, ein gewaltiges, schwarzes Ungeheuer, größer und länger als alles, was Aelia je zu Gesicht bekommen hatte. Vor ihr lag ein gigantischer Wal. Für einen Augenblick vermochte sie kaum zu begreifen, was sie sah. Sie hatte schon einige Fische gesehen. Karpfen, Hechte, Forellen. Andere eigentümliches Getier, das sie aus dem Meer zogen. Sie hatte Kühe gesehen, Ochsen und Pferde. Selbst diese mächtigen Tiere wirkten plötzlich klein gegen dieses gewaltige Geschöpf. Der Leib des Tieres füllte beinahe den gesamten Kai. Aelia hob unwillkürlich den Blick. Der Kopf allein war größer als ihr Elternhaus in Weidenau. „Du liebe Güte ...“, entfuhr es ihr kaum hörbar. Sie hatte nicht gewusst, dass die Welt Geschöpfe von solcher Größe hervorbringen konnte. Männer bewegten sich auf dem gewaltigen Leib des Wals und wirkten gegen seine schiere Größe beinahe klein. Sie trieben lange Messer tief in die Speckschicht. Mit Haken und Seilen rissen sie ganze Bahnen des weißen Walfetts herunter, die schwer auf den Boden klatschten. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Einige schleppten die tonnenschweren Speckbahnen zu niedrigen Hackblöcken. Andere zerlegten sie mit langen Messern in faustgroße Stücke, während weiter hinten gewaltige Eisenkessel über lodernden Feuern dampften. Dort warfen Frauen und Tagelöhner das Fett in die siedenden Kessel, aus denen der kostbare Tran gewonnen wurde. Pitt blieb stehen und deutete mit dem Zeigefinger „Da drüben wirst du gebraucht.“ Aelia folgte seinem Finger. Zwei Frauen stemmten gerade keuchend eine glitschige Speckschwarte auf einen Holzbock, während eine dritte sie mit kräftigen Hieben in kleinere Stücke zerlegte. Er sah sie von der Seite an und grinste. „Na? Immer noch Lust auf Arbeit?“ Aelia nickte grimmig. Sie würde nicht klein beigeben, jetzt erst recht nicht!
Pitt führte Aelia über den schlammigen Platz zwischen den Trankesseln hindurch. Je näher sie kamen, desto größer wurden die Menschen. Zumindest kam es Aelia so vor. Die Frauen, die hier arbeiteten, standen den Männern an Statur kaum nach. Breite Schultern, kräftige Rücken und Unterarme, so dick wie junge Baumstämme, zeichneten sich unter hochgekrempelten Ärmeln ab. Ihre Gesichter glänzten vor Schweiß und Fett, während sie Speckbrocken schleppten, Bottiche hievten oder mit geübten Griffen das Feuer unter den Kesseln schürten. Aelia kam sich zwischen ihnen vor wie ein Kind. Kaum bemerkten die Arbeiter sie, verstummten nach und nach die Gespräche. Eine Frau stemmte die Hände in die Hüften. „Pitt!“ Der Vorarbeiter blieb stehen. „Was hast du denn da angeschleppt?“ Ein bärtiger Kerl neben ihr lachte. „Hat sich das Püppchen verlaufen?“ „Pass auf“, rief ein anderer. „Nachher fällt sie noch in den Kessel, und wir kochen sie aus…“ Gelächter ging durch die Runde. Pitt hob die Hand. „Ruhe.“ Die Stimmen verstummten. „Jeder kriegt seine Chance, wenn er arbeiten will.“ Er warf Aelia einen kurzen Blick zu. „Und wenn sie nach einer Stunde nicht mehr auf den Beinen steht, könnt ihr immer noch lachen.“ Ein zustimmendes Grunzen ging durch die Gruppe, doch mehrere schüttelten belustigt die Köpfe. Aelia spürte ihre Blicke. Sie wusste genau, was sie sahen. Ein junges Mädchen, das aussah, als hätte es sich hierher verlaufen. Pitt ging mit ihr zu einem freien Platz vor den Trankesseln. „Pass auf.“ In diesem Augenblick rissen zwei Männer mit langen Eisenhaken eine gewaltige Speckbahn vom Wal. Mit einem dumpfen, nassen Schlag landete sie auf den Bohlen. Salzwasser, Blut und eine fettige Suppe spritzte dabei weit, du benetzte Aelias Gesicht. Ein anderer Arbeiter trat heran und zerlegte sie mit wenigen kräftigen Hieben seines langen Messers in Arm große Brocken. „Das ist deine Arbeit“, sagte Pitt. „Sobald die Stücke geschnitten sind, bringst du sie zu den Kesseln. Immer eins nach dem anderen. Rein damit und zurück. Den ganzen Tag. Bis das verdammte Vieh zerlegt ist.“ Aelia nickte. Sie trat an den ersten Brocken heran, ging in die Hocke und griff zu. Im selben Augenblick merkte sie, dass sie seine Schwere vollkommen unterschätzt hatte. Mit aller Kraft hob sie das glitschige Stück an ihre Brust. Warmes Fett und Blut schmierten über ihre nackten Arme und tränkten die ohnehin speckige Tunika. Der Boden unter ihren nackten Füßen war rutschig, jeder Schritt musste sitzen. Keuchend erreichte sie den Kessel und wuchtete den Brocken über den Rand. Er platschte in das siedende Fett. „Der nächste!“, rief jemand. Und der nächste kam. Und noch einer. Schon nach kurzer Zeit brannten ihre Schultern. Wenig später meldeten sich Rücken und Arme. Das Fett machte ihre Hände rutschig, die Tunika klebte an ihrer Haut, und mit jedem Gang schien der Weg zwischen Hackblock und Kessel ein Stück länger zu werden. Ob Ronia wirklich nicht gewusst hatte, um welche Arbeit es sich hier handelte? Aelia bezweifelte es beinahe. "So eine Kackbratze..." brummte sie. Dennoch biss Aelia die Zähne zusammen. Für zwei Lochmünzen würde sie auch solch einen ekelhaften Fettblock essen...
Der Bluthund und der Straßenköter ❖
19.07.2023 '18:43 [5.005 Wörter]
 ls der Morgen graute, gellte ein schriller Schrei über die Straße noch bevor der Hahn zum Morgen krähte. »Was, in drei Teufels Namen?« Madiahs Stimme krakelte durch die nahe Gasse, dass es einem durch Mark und Bein ging, während sie die Katastrophe, die sich zu ihren Füßen ausgebreitet hatte, betrachtete. Ungläubig, angewidert und mit einer wachsenden Wut im Bauch starrte sie auf die stinkende Brühe, welche bereits begonnen hatte zu trocknen. Es war überall. In den Ritzen der Dielen, in den Ecken und Kanten und im halben Hof verteilt. »Madiah!«, rief ein Mann, der auf der Straße stand und im Torbogen ihres Hofes stand. »Alles stinkt nach Fäulnis und Fisch! Als hätte der Leibhaftige selbst dir vor die Tür geschissen!« Madiah fuhr zornig herum. Es war Robert. Der unflätige Säufer, der fast jeden Abend in ihrer Schenke seine Zeche versoff. »Ach halt doch dein Schandmaul, Robert!« Sie wedelte unwirsch mit der Hand und schwang einen groben Besen, um die gröberen Abfälle zu einem Haufen zusammen zu kehren. »Hilf mir lieber!«, rief sie und Robert schüttelte angewidert den Kopf. »Lieber springe ich in den Kanal, als das. Hier stinkts, als ob ein Dutzend Weiber sich 'nen Monat nicht gewaschen hätten!« Madiah sah Robert mit einem giftigen Blick an, der vermutlich imstande gewesen wäre ihn auf der Stelle tot umfallen zu lassen, wenn er es gewagt hätte ihr in die Augen zu sehen. »Was ist denn hier geschehen?«, fragte Alva, während sie sichtlich mit dem Brechreiz rang und sich die Hand vor den Mund hielt und dabei noch die Nase mit Daumen und Zeigefinger geschlossen hielt. »Oh, das weiß ich ganz genau, was hier passiert ist. Diese dreimal verfluchte Gossenratte…« Alva hob den Blick und sah Madiah fragend an, deren Kopf bereits hochrot angelaufen war. »Welche Gossenratte?« Madiah fuhr herum und drückte Alva den Besen in die Hand. »Aelias neuer Schatten, der ihr wie Hundescheiße an den Fersen haftet. Ich hab sie gestern in ihrer Stube erwischt…« Madiah schnaubte wütend und verächtlich, während Alva sie mit großen Augen ansah. »Aelia…hat ihn mit hochgenommen?« »Dieser verflixte Rotzbengel! Ich hab die beiden gestern rausgeworfen und jetzt haben sie mir den ganzen Hof mit Fischsud und dieser stinkenden Suppe eingesaut!« Alva besah den Schlamassel doch wagte es nicht die Hand vom Mund zu nehmen. Doch sie konnte sich eines verhaltenen Kicherns nicht erwehren. Sie schüttelte schließlich den Kopf. »Aelia würde doch nie…«, murmelte sie gedämpft durch die Hand. »Das ist der Einfluss von diesem unflätigen Flegel! Sie hat sich völlig verändert, seit er ihr nachstellt. Frech und aufmüpfig…und...und jetzt auch noch das!« Madiah deutete auf den Unrat am Boden. »Den Gestank bekommen wir Wochen nicht aus dem Holz. Das…das werden die mir büßen!« Sie versetzte Alva einen Klaps auf den Hintern. »Los, mach alles weg. Hol Wasser vom Brunnen und nimm die grobe Bürste.« Alva sah Madiah mit einem entsetzten Blick an. Ihre verhaltene Schadenfreude wich einer erdrückenden Ernüchterungund innerlich kochte in ihr die Wut hoch. »Danke Aelia.«, brummte sie, während Madiah mit energischen Schritten vom Hof stampfte, wie ein wilder, entfesselter Bulle.
Hartwig saß in der Wachstube der Ringstraße, an der Kreuzung an welcher die Hundsgassen und das Turmviertel ineinander verschmolzen. Er starrte gelangweilt aus dem Fenster und nippte immer wieder an einem Becher bitterer Kräuterbrühe, deren Geschmack ihn jedes Mal aufs Neue die Zehennägel aufrollen ließ. Aber heute hatte er wenigstens keinen Dienst auf der Mauer. Gassenwacht auf dem Markt. Keine sengende Hitze auf der Mauer. Dafür unzählige, stinkende Menschen und lautes Geschrei. Er wusste nicht was schlimmer war. Er tat einen neuerlichen Schluck aus dem Becher. Auch wenn das Zeug widerlich schmeckte, es weckte zumindest die müden Lebensgeister.
Die Tür schwang auf und eine wilde Furie stürmte herein. »Wer führt hier Wache?«, rief sie. »Ich habe zwei Schufte zu melden!« Hartwig sah sich suchend um. Außer ihm war niemand sonst in der Stube. Doch er fühlte sich dennoch nicht angesprochen und bedachte die Frau nur mit einem mürrischen Blick. »Der Hauptmann is grad nicht da. Kommt später wieder.«, maulte er und tat einen neuerlichen Schluck aus seinem Becher. Doch da war er bei Madiah an die Falsche geraten. »Hartwig!«, rief sie erbost und stemmte die Hände in die Hüfte. »Der Hauptmann ist nie da!« Da lächelte Hartwig wissend, aber er antwortete nicht darauf. »Was willst du, Madiah?«, brummte er ungehalten und stellte demonstrativ seinen Becher auf dem Tisch ab und verschränkte die Arme vor der Brust. »Willst du dich mal wieder über einen Säufer beschweren. Oder den kläffenden Köter deiner Nachbarn? Oder…« Madiah zischte und wedelte unwirsch mit dem Finger. »Nein! Ich will Klage erheben!« Hartwig seufzte. »Und wer ist es diesmal?« »Doréan und Aelia! Diese verfluchten Gören haben meinen Hof verwüstet!«, schrie sie. »Und diesmal will ich, dass einer von euch etwas dagegen unternimmt. Ich will, dass der Gossenköter bestraft wird!« Hartwig hob seine rechte Hand und gebot Madiah zur Ruhe. »Nun mach mal Halblang.«, brummte er. »Was haben die beiden denn gemacht?« Madiah erzählte von der Fischsuppe, ihrem ruinierten Boden und wie unflätig Doréan sie behandelt hatte. Natürlich schmückte sie es entsprechend aus. »Wochen! Die Leute werden meine Schenke meiden, wie eine Pestgrube! Und dieser Gossenköter! Er hat mich geschlagen! In meinem eigenen Haus!« Hartwig seufzte. Das graue Viertel war ein raues Pflaster. Und die Stadtwache hatte nicht einmal genug Mann um das ganze Viertel unter Kontrolle zu halten. Dinge wie diese, waren nichts, wofür die Stadtwache Zeit oder Männer übrig hatte. Sie geschahen überall. »Wurde jemand umgebracht?«, murmelte Hartwig und Madiah sah ihn mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an. »Nein…aber…« Da schnalzte Hartwig mit der Zunge. »Hör mal, Madiah. Du siehst doch, dass ich heute ganz alleine hier bin. Und ich kann nicht das halbe Viertel nach zwei Gossenkindern durchstöbern. Hast du eine Ahnung wie viele von diesen kleinen Ratten alleine auf dem Markt rumlaufen und die Leute beklauen?« Madiah schnaubte grimmig. »Wegen euch verkommt das Viertel immer mehr und mehr. Als ich noch ein Mädchen war, ging es hier nicht so zu wie heute! Heute treiben sich diese Gossenratten herum, als gehörte ihnen das Viertel!« Da nickte Hartwig, doch er sagte nichts dazu. Wenn er sich ehrlich war, gehörte es ihnen längst. Es gab Gebiete, in denen selbst die Stadtwache keinen Fuß hineinwagte. Und es gab Stadtwachen, die von ihnen Silber nahmen, um wegzusehen, um gelöschte Ware falsch zu deklarieren, oder um einen Mann im Kerker verschwinden zu lassen. Was sollte er da auch schon sagen? Die Anzahl der Mannschaften war allein in den letzten drei Jahren beinahe um ein Drittel reduziert worden. Korruption und Deserteure. Niemand wollte im grauen Viertel Wache schieben. Selbst, als sie den Sold erhöht hatten. Es hatte nur die hartgesottenen Kerle angezogen. Kerle wie Hartwig einer war. Und was hatte es gebracht? Er hatte am Ende selbst die Hand aufgehalten. Er verdiente mehr beim Wegschauen. Er verdiente an manchen Tagen mehr mit geschlossenen Augen, als mit offenen. Das war die bittere Wahrheit. »Also gut.«, murmelte er. »Ich kann ja mal ein Auge offenhalten. Wie sehen die beiden denn aus?« »Aelia ist…«, hob sie an. »…sie ist ein hübsches Ding. Sie ist keine Graue. Aber der Flegel…Doréan! Der ist ein Grauer…Durch und durch.« Hartwig seufzte. Das konnte jeder sein. » So ein dürrer, schwarzhaariger Rotzbengel mit einem Mundwerk wie ein Kesselflicker. Er hat mich eine Hundsfut genannt! Kannst du dir das vorstellen? Hundsfut!« Hartwig grinste. Natürlich konnte er das. Er würde nicht so weit gehen Madiah ebenso zu nennen, doch er hatte andere Worte für sie, die ihm auf der Zunge lagen. »Sein Gesicht…ich…« Madiah stockte. So sehr sie sich auch versuchte anzustrengen. Sein Gesicht wollte ihr einfach nicht in den Sinn kommen. Als ob sie es vergessen hätte, wie er aussah. »Ein Allerweltsgesicht.« Hartwig seufzte. Doch da kramte Madiah etwas aus ihrer Tasche. »Da. Das sind seine Handschuhe. Die hat er bei mir verloren.« Hartwig runzelte die Stirn. »Handschuhe?«, murmelte er und nahm sie zur Hand, um sie etwas in Augenschein zu nehmen. »Was ist das?« murmelte er. Einer der Finger war ungewöhnlich hart, als ob etwas darin stecken würde. Er drehte den Handschuh etwas und betastete den Fingerling des Ringfingers. »Holz?« Er tastete den Handschuh ab und währenddessen begann sein Geist sich zu regen. Vielleicht war es die bittere Brühe, die endlich seine Lebensgeister geweckt hatte. Doch mit einem Mal wurde Hartwig ruhig. Der verdammte Bengel.
Nach und nach setzten sich die fehlenden Mosaiken in seinem Kopf zusammen und zeichneten, vor seinem geistigen Auge ein Bild des jungen Gossenflohs. »Seine Haare. Lang, oder kurz?«, murmelte er und Madiah deutete sich mit der Hand ungefähr knapp unter die Ohren. Er nickte. So hatte der Kerl auch die Haare gehabt. »Irgendwas Besonderes, außer der Handschuhe?«, hakte er nach. »Das Mädchen, hat eine Lochmünze um den Hals getragen. Weiß der Henker woher sie die hatte.«, murmelte Madiah, als ob sie gerade darüber nachdachte, ob Aelia diese womöglich aus ihrer Truhe gestohlen hatte. Das Silber. Hartwigs Bild nahm Formen an. Die Handschuhe. Das hübsche Luder auf der Mauer. Das glänzende Ding, welches er ihr um den Hals gehängt hatte. Also doch Silber. Hartwig zog eine mürrische Miene und räusperte sich. »Ich kümmere mich darum.« Madiah nickte zufrieden. »Gut. Verpass ihm ne ordentliche Tracht Prügel und lass ihn wissen, dass es von mir kommt.« Da grinste Hartwig breit. »Oh, keine Sorge.« Er klemmte sich die Handschuhe unter seinen Gürtel ein und tätschelte diese daraufhin ein wenig. »Das werde ich…Madiah.«

Es war dunkel in der Stube. Nur eine einzelne Kerze brannte und ihr tanzendes Licht warf tiefe Schatten auf das Gesicht eines Mannes, der im Halbschatten der Stube saß. Er wirkte nachdenklich und immer wieder hob er ein Mundstück aus Elfenbein an seinen Mund. Der weiße Opiumrauch füllte den Raum und der Mann seufzte zufrieden. Es war alchemistisch aufbereitet und mit Eisenminze versetzt. Dazu wohl dosiert, wie er es bevorzugte. Es war nicht, wie der gewöhnliche Dreck, den man sonst in den Opiumhöhlen bekam. Es war seine persönliche Mischung, die man eigens für ihn anfertigte. Sie machte nur den Kopf frei. Keine Müdigkeit. Keine Lethargie. Nur eine innere Ruhe und etwas Gelassenheit, in einer grauen Welt voller Verderben, Lügen und Verrat. Es klopfte und eine Tür öffnete sich. Der matte Schein des späten Nachmittags flutete den Raum und der Mann seufzte, denn nun war die Stille vorüber. »Boss.«, murmelte eine Stimme und verharrte, bei halb geöffneter Tür, auf der Türschwelle. Er erhielt keine Antwort. Der Mann legte seine Pfeife auf dem Tisch ab und nahm einen Kelch zur Hand, um einen kräftigen Schluck Eisenminzetee zu trinken, um die Wirkung des Opiums etwas abzudämpfen. »Komm rein.« brummte er und die dunkle Silhouette, die sich im hellen Türrahmen abgezeichnet hatte, trat vor. »Was gibt’s zu melden?« »Ivan…« murmelte der Bote. »Er hat heute eine seltsame Meldung gemacht, Lenan.« Lenan lehnte sich zurück und sein Stuhl knarrte dabei ein wenig. »Und was hat Ivan zu melden gehabt?« Der Bote zuckte mit den Achseln. »Der Wachmann…Hartweg, oder Hertwig. Du weißt schon, der mit der Narbe am Kinn.« Lenan nickte doch er sagte kein Wort. »Der fängt auf einmal an herumzuschnüffeln. Gestern hat man ihn in der Ascherinne gesehen. Und heute hat er am Markt komische Fragen gestellt.« Lenan horchte auf und hob eine Augenbraue. »Was für Fragen?«, verlangte er mit einem ruhigen Ton zu wissen. »Er erkundigt sich nach einem von uns, wies scheint. Ein Junge, aus der Ascherinne. Einer, der ständig Handschuhe trägt…heißt Doréan. Hab mich bei den Jungs umgehört…is 'n kleiner Fisch aus Rabans Truppe.« Lenan schwieg und fuhr sich nachdenklich über die Lippen. »Hat der Bengel was angestellt?«, verlangte Lenan zu wissen. Wenn Doréan die Aufmerksamkeit der Stadtwache auf sich gelenkt hatte, und diese nun überall herumzustochern begannen, wie ein aufgescheuchtes Wespennest, dann hatte der Junge einen großen Haufen Scheiße am Hals. Handelte dieser Wachmann eigenmächtig? Oder steckte mehr dahinter? »Keine Ahnung. Raban meinte, der Junge is zwar ein bisschen vorlaut, aber er macht was man ihm sagt.« Lenan nickte schweigend. »Hm.« Er erinnerte sich natürlich an den Jungen. Er hatte ihn erst vor wenigen Tagen gesehen. Er sah ihn förmlich vor sich, als er ihm die Silbermünze gab, nachdem er die erste Bewährung bestanden hatte. Der Bote räusperte sich. »Und was soll'n wir jetzt wegen dem Wachmann machen?« Lenan seufzte. »Erstmal nichts. Nur beobachten. Wenn er seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen, dann…sehen wir weiter.« Der Bote nickte und verschwand schließlich und Lenan seufzte. Die Tür fiel ins Schloss und die Stube versank wieder in Stille. »Helene…« Er nahm seinen Siegelring zwischen Daumen und Zeigefinger und begann ihn leicht hin und her zu drehen. »Was hat dein Bengel diesmal wieder angestellt…«
Doréan hatte den Tag über nur die Zeit totgeschlagen. Raban hatte keine Arbeit für ihn gehabt. Und daher wollte er Aelia besuchen. Immerhin war sie im Aschemädchen ganz alleine. Und den ganzen Tag in einem Dirnenhaus eingesperrt zu sein, während man zuhören musste, wie die anderen Mädchen ihrer Arbeit nachgingen, das wollte Doréan ihr ersparen. Und so war er in aller Früh schon zum Aschemädchen gelaufen, um Aelia abzuholen. Er wollte mit ihr etwas unternehmen. Sie auf andere Gedanken bringen. Und vielleicht einen netten Tag mit ihr verbringen, damit sie ihre Sorgen, wenn auch nur für einen Tag, vergessen konnte. Doch als er erfahren hatte, dass sie am anderen Ende des Hafens eine Arbeit angenommen hatte, und vermutlich bis Abend nicht zurück sein würde, da hatte es Doréan ein wenig den Boden unter den Füßen weggezogen. Zunächst war er unschlüssig gewesen. Doch Ronïa hatte nur die Stirn gerunzelt. »Anstatt hier dumm rumzusitzen, mach dich doch mal nützlich, Réan.« Er sah sie fragend an, während sie ihm sichtlich nicht anzusehen schien. »Und wie?« Sie rollte mit den Augen. »Du Ho…« Sie biss sich auf die Lippen und verschluckte das Wort, welches ihr sonst so leicht über die Lippen ging. »Du weißt, in drei Tagen muss sie hier weg. Und du willst sie doch nicht bei Bertram unterbringen. Also finde was. Du hast nur wenig Zeit.« Doréan lachte bitter. »Du willst mich doch auf den Arm nehmen? Woher soll ich eine Bleibe aus dem verdammten Hut zaubern? Glaubst du, ich lebe bei dem Hundsfott, weils dort so schön ist?« Ronïa zuckte mit den Achseln. »Du warst immer allein. Du hattest keinen Grund, dir was anderes zu suchen. Jetzt schon.«
Hartwig stromerte durch die Gassen des grauen Viertels. Er hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen. Der Bengel konnte schließlich überall sein und er machte sich keine Hoffnungen, ihm zufällig auf der Straße zu begegnen. Dieses Mädchen hatte bei Madiah gearbeitet. Doch er sah nur wenig Sinn darin in der Gegend herumzulungern. Dreimal hatte er schon ein Mädchen angehalten, weil er sie für diese Aelia gehalten hatte. Und dreimal hatte es sich herausgestellt, dass es die Falsche gewesen war. Er schlenderte über den Markt und warf beiläufige Blicke durch die Gegend. Hier und da trat er an einen Händler heran und inspizierte die Waren. Aber seine Aufmerksamkeit galt nicht eventueller Hehlerware. Immer wieder stellte er beiläufige Fragen. Nach dem Jungen. Nach dem Mädchen. Wenn sie für Madiah gearbeitet hatte, dann war sie doch sicher öfter am Markt gewesen, um Lebensmittel, Kerzen oder Leinen zu kaufen. Doch die beiden waren anscheinend so unbedeutend gewesen, dass niemand sich an sie erinnerte. Hartwig grunzte grimmig. Als er den Rand des Marktes erreicht hatte, fiel seine Aufmerksamkeit auf eine junge, blonde Frau. Sie hatte Locken und stand an einer Häuserecke. Sie lächelte vergnügt und hatte einen roten Apfel in der Hand. Hartwig ließ seine Blicke über das junge Ding schweifen. Sie stand mit einer anderen Frau zusammen und sie unterhielten sich, wobei die Blonde immer wieder herzerfrischend lachte. Er zuckte mit den Achseln. Sie wirkte so fehl am Platz. Im grauen Viertel gab es nicht viele Menschen die sich noch ihre Heiterkeit bewahren hatte können. Doch die Frau, mit welcher er sprach. Sie stand mit dem Rücken zugewandt zu Hartwig. Sie schien ebenfalls jung zu sein. Dunkles Haar. Er hatte schon genug Mädchen mit dunklem Haar gesehen. Vermutlich würde es wieder nur ein Reinfall werden. Seine Blicke schweiften über die beiden Frauen. Sie standen da. Lachten. Wenn Männer vorbeigingen dann zwinkerte die Blonde. Aber sie schien beinahe jeden zu kennen, der vorbeiging. Sie lächelte. Sie winkte. Sie grüßte. Hartwig lächelte dünn. Das war so ein typisches Tratschweib. Kannte alles und jeden. Wenn einer ihm helfen konnte, dann so eine. Und so trat er einige Schritte auf die Frau hinzu, welche ihn aber sofort aus den Augenwinkeln bemerkte. Kaum hatte sie Hartwig bemerkt, da kehrte ein betretenes Schweigen ein. Die Frau, mit welcher sie sich unterhalten hatte, wandte ihre Blicke ab. Es war offensichtlich. Diese Weiber hatten etwas zu verbergen. Und da wurden Hartwigs Instinkte geweckt. Hartwig musterte die beiden mit forschen Blicken. Zwei junge Frauen an einer Straßenecke. Keine Einkaufskörbe, keine Arbeit. Die eine trug sogar recht freizügige Kleidung, auch wenn sie sich nun, nachdem sie Hartwig bemerkt hatte, den Umhang etwas fester zusammenzog, um ihren tiefen Ausschnitt zu verbergen. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Meist bedeutete es aber eines. Dirnen. Vermutlich jene Sorte leichter Mädchen, die ohne direanischem Siegel arbeiteten.
Wenn er einen Deut mehr auf seinen Schwur geben würde, den er bei Dienstantritt geleistet hatte, dann könnte er sie nach der kleinen, blechernen Scheibe fragen. Doch sie würden ohnehin abstreiten, Dirnen zu sein. Und solange sie nur an einer Hausecke standen und miteinander redeten, konnte er ihnen nichts beweisen. Sie könnten Mägde oder Brunnenfrauen sein. Zwei unbescholtene Frauen konnten an ihrem freien Tag schließlich genauso herumstehen. Außerdem wollte er diese Karte lieber nicht ausspielen. Auch wenn Hartwig instinktiv wusste, dass sie Dirnen waren. Sie würden es leugnen. Menschen waren ohnehin offenherziger, wenn man ihnen nicht direkt mit der Tür ins Haus fiel. »He!«, rief er und lenkte so die Aufmerksamkeit der beiden auf sich. Die Blonde sah ihn mit einem fragenden Blick an, während die dunkelhaarige sich nicht einmal zu ihm umdrehte. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen. Man konnte ihre Angst förmlich riechen. Auch wenn sie es niemals zugeben würden, so stand es ihnen doch förmlich ins Gesicht geschrieben. »Arbeitet ihr gerade?« Die Blonde schüttelte den Kopf, so dass ihre Locken hin und her flogen. Hartwig grunzte. »Also nicht.« Er stemmte eine Hand in die Hüfte und klemmte sich den Daumen der anderen neben dem Schwertriff unter den Gürtel ein. Er sah sie einen Moment lang schweigend an, bis die Blonde sich schließlich räusperte. »Können wir irgendwie behilflich sein, Herr Hauptmann?« Sie lächelte keck und Hartwig grunzte, doch er konnte sich eines kurzen Anflugs von Schmunzeln nicht erwehren. »Es heißt einfach nur Wache.« Da lächelte die Blonde, doch sagte nichts darauf. »Du da.«, murmelte Hartwig und zwang die Brünette nun endlich, ihn auch endlich mal anzuschauen. Doch als sie ihm in die Augen sah, da stockte er einen Moment. Sie hatte zwei verschiedenfarbige Augen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Es wirkte beinahe unheimlich. Das eine Auge war grün, während das andere wie honigfarbenes Braun wirkte. Er wusste zwar nicht, wie diese Aelia aussah. Aber in so einem Fall hätte Madiah ja wohl etwas dergleichen gesagt. Er seufzte. »Ich weiß, dass ihr hier arbeitet. Vielleicht nicht jetzt…aber irgendwann…später.« Die Blonde legte den Kopf leicht auf die Seite und sah ihn an. Es lag keine Gefühlsregung in ihrem Gesicht. Und doch war es Hartwig, als ob sie ihn herausfordernd ansah. »Ich will nicht nach euren Siegeln fragen müssen. Denn wir wissen alle, dass ihr sowieso keine habt. Richtig?« Wieder schwiegen die Frauen und Hartwig tat einen tiefen Atemzug. Er hatte sich doch vorgenommen nicht mit der Tür ins Haus zufallen. Und jetzt hatte er sie buchstäblich vor der Nase zugeschlagen. »Wir haben keine Siegel, Herr Wache., sagte die Blonde schließlich und da lächelte Hartwig wissend. Doch die Blonde zuckte dann gleichgültig mit den Schultern. »Wir brauchen schließlich auch keine, denn wir sind keine Dirnen.« Er knirschte mit den Zähnen. »Ich will nichts von euch. Ich suche nur jemanden. Habt ihr in letzter Zeit 'ne Neue bekommen?« Die Blonde erwiderte wieder nichts. Es schien beinahe, als ob sie innerlich zu einer Salzsäule erstarrt wäre und ihn seither mit diesem fragenden, provokanten und zugleich unschuldigen Blick anstarrte. Hartwig fuhr schließlich fort und seufzte abermals. »Junge Frau. Vielleicht zwanzig. Dunkles Haar. Hat bis vor Kurzem in 'ner Schenke, nicht weit von hier, gearbeitet, klingelt da was?« Die Blonde räusperte sich. »Noch nie gehört.« Ihr Ton war tonlos…fast ein wenig harsch. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie log. Er hatte schon mehr als eine Hübschlerin an den Pranger gestellt. Und sie alle waren vom selben Schlag gewesen. Auch wenn diese hier ungewöhnlich aufgeweckt zu sein schien. »Warum sucht ihr sie denn?«, erkundigte sich die andere Frau und Hartwig seufzte. »Hat sie denn was angestellt?«, hakte die Blonde noch nach und da lächelte Hartwig. Sie war neugierig. Sie wusste etwas. Vielleicht würde es Sinn machen, die Kleine im Auge zu behalten. Und wenn er sie dabei erwischt, wie sie die Beine breitmacht, hat er noch ein gutes Druckmittel gegen sie in der Hand. Er blies die Luft aus den Wangen aus und wedelte lapidar mit der Hand. »Keine große Sache. Vermutlich nur ein Missverständnis. Sagt mir doch einfach wo sie ist, dann gibt’s keinen Ärger, verstanden?«
Zerknirscht hatte sich Hartwig zum Scherbentor aufgemacht. Der Tag neigte sich langsam dem Ende und er war nicht von Erfolg gekrönt geblieben. Er hatte weder eine Spur von dem Bengel, noch den geringsten Hinweis von scheinbar völlig zufälligen Fremden erhalten. Diese vermaledeiten Dirnen waren ihm auch keine große Hilfe gewesen. Für gewöhnlich kannte irgendwer immer irgendwen. Und wenn es ein Bettler, Lumpenweib oder eben eine dreckige Nutte war. Doch diese Beiden. Es wirkte beinahe, als ob sie niemals existiert hatten. Hartwig kratzte sich am Kinn. Entweder waren die beiden wirklich, was sie zu sein schienen. Völlig unbedeutende Straßenratten. Oder…hier steckte mehr dahinter. Immerhin schien der Bengel für die sogenannten, richtigen Leute zu arbeiten. Er hatte ihm das Schmiergeld gegeben. Er steckte mit drin, das war glasklar. Richtige Leute nannten sie sich gerne, um sich von der Obrigkeit und Männern wie Hartwig abzugrenzen. Die richtigen Leute. Vielleicht hatten sie ihre Hand hier im Spiel? Doch wer war der Bengel schon? Irgendeine Straßenratte, die ihm eine Silbermünze geklaut hatte. Hartwig grübelte. Vielleicht hatte sich seine Suche längst von selbst erledigt. Vielleicht würde er sie an einem Ort finden, an dem er noch gar nicht gesucht hatte. Irgendwo im Hafen, am Grund des Wassers…mit Steinen an den Füßen. »Scheiß der Hund drauf.«, brummte Hartwig. Für heute hatte er sich genug die Hacken wund gelaufen.
Seine Füße brannten, vom vielen Laufen. Und so war er in die Schenke eingekehrt, um sich bei einem schalen Bier den Feierabend zu versüßen. Zu dieser Zeit waren immer viele Leute im roten Bullen. Viele davon waren Kameraden. Männer, die am Scherbentor Dienst getan hatten. Oder, so wie Hartwig, den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen sind. »Hartwig!«, rief eine wohlbekannte Stimme. Als er sich umgewandt hatte, erkannte er Esben und er nickte stoisch. Esben winkte ihn zu sich und Hartwig folgte seinem Ruf. »Wieder einen Tag rumgebracht, was? Warst du heute wieder in der Ascherinne?« Esben roch nach Bier und seine Stimme war ein wenig verwaschen. »Wie viele hast du schon gehabt?« brummte Hartwig und Esben zuckte mit den Schultern. »Drei?« Hartwig nahm schließlich Platz und griff nach Esbens Becher. »He…«, wollte dieser protestieren doch Hartwig grunzte nur. »Du hattest schon genug. Und ich habe Durst.« Esben verzog mürrisch den Mundwinkel. »Trink lieber nicht zu viel. Bier treibt. Aber der Abort…liegt nicht in der Ascherinne.«, stichelte er und Hartwig warf ihm einen scharfen Blick zu. »Ja, das findet ihr alle wieder besonders lustig, was?« Esben hielt seinem giftigen Blick stand und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer den Schaden hat…braucht für den Spott nicht zu sorgen, Hartwig« Esben grinste Hartwig herausfordernd an. Mit einem Mal wirkte er gar nicht mehr so angetrunken. Man sah ihm deutlich an, dass er auf Hartwig sauer war. Er hatte ihn den halben Tag alleine auf der Mauer gelassen, während er in der Ascherinne beinahe umgebracht worden wäre. Hartwig stürzte das Bier auf einen Zug leer und knallte Esben den Becher vor die Nase. »Arschloch.«
Doréan hatte sich Ronïas Worte zu Herzen genommen. Und sie hatte ein Gerücht aufgeschnappt. Es gab eine Schenke im Norden des grauen Viertels. Nicht weit vom Scherbentor. Der Rote Bulle. Angeblich würde man dort bald eine neue Schankhilfe brauchen. Doréan hatte Ronïa gefragt, woher sie das wusste, doch sie hatte es nicht verraten. Sie hatte nur geheimnisvoll gelächelt. »Du weißt doch. Ich weiß Dinge. Und man verrät seine Geheimnisse nicht.« Da grinste Doréan aber dennoch wurmte es ihn ein wenig. Immerhin war er nicht irgendwer, sondern ihr bester Freund, der sie aus der tiefsten Scheiße gezogen hatte. Und umgekehrt.
Im Roten Bullen hatte Doréan schließlich herausgefunden, dass die Schankmaid sich ein Balg hatte andrehen lassen. Es war zum Brechen voll. Doch die Leute hier unterschieden sich klar von der Klientel anderer Schenken des grauen Viertels. Hier waren viele Händler, Fuhrleute, Knechte und Menschen die einer ehrlichen Arbeit nachgingen. Und jeder dritte Gast war von der Torwache gewesen, was Doréan ein wenig einen mulmigen Schauer über den Rücken gejagt hatte. Doch…wenn man es so betrachtete. Ein Ort wie dieser. Vermutlich gab es keine Schenke an der eine hübsche Frau wie Aelia sicherer war. Immerhin würden hier keine Halsabschneider der Nedran'Ja reinstürmen, um Schutzgeld zu erpressen, oder die Schankmaid belästigen. Doréan stand an der Budel und lehnte lässig mit beiden Ellenbogen darauf, während er mit dem Rücken zur Budel gelehnt seine Blicke durch die Menge schweifen ließ. Doch dann musste er innehalten. »Scheiße.«, brummte Doréan. Er blinzelte. Doch als er nochmals genauer hinsah, da erkannte er ihn. Diesen Mistkerl, der sie erst gestern bis in die Ascherinne verfolgt hatte. Und jetzt stand er einen Steinwurf von ihm entfernt. Doréan überkam ein kurzer, heißer Schauer. Und dann drehte er sich um und wandte den Blick von ihm ab, damit er ihn nicht am Ende noch erkannte.
Aber der Kerl stand dann plötzlich auf. Er rempelte einen anderen Gast an und drückte ihn rüde zur Seite. Doréans Herz begann schneller zu schlagen. Doch er wagte es nicht, sich zu bewegen. Der Kerl kam immer näher, und Doréans Gedanken hasteten von einer dummen Idee zur nächsten. Er musste hier weg. Doch was wollte der Kerl nur von ihm? Warum verfolgte er ihn überhaupt? Schwere Schritte polterten über die hölzernen Dielen. Und dann, auf einmal. Legte sich eine schwere Hand auf die Budel. Kaum eine Handbreit von Doréan entfernt. »He Wirt!«, bellte Hartwig. »Zwei Bier. Und zwar zügig.« Der Wirt wandte sich Hartwig zu. »Ihr werdet warten müssen, wie jeder andere auch, Herr.« Da brummte Hartwig ungehalten. »Ich bin den ganzen, verdammten Tag durch die Stadt gelaufen. Bei der Hitze!« Der Wirt ließ sich davon nicht wirklich beeindrucken und ging gar nicht darauf ein. Hartwig lümmelte sich mürrisch gegen die Budel. Und da standen sie nun. So nah beieinander. Den ganzen Tag hatte er nach Doréan gesucht. Und nun stand er so dicht vor ihm, dass er ihn wie einen reifen Apfel einfach nur noch zu pflücken brauchte. Wenn er nicht mit dem Rücken zu ihm gestanden wäre.
Hartwig begann ungeduldig auf der Budel zu trommeln, während Doréan sich langsam zur Seite drehte, um sich zu verdünnisieren. Doch sein Blick fiel schließlich auf etwas, was er da am Gürtel hängen hatte. Da stutzte Doréan verwirrt. »Moment mal…«, raunte er mehr zu sich selbst und kniff die Augen zusammen, und sah etwas genauer hin. In dem schlechten Licht der Schenke konnte man es natürlich nicht genau erkennen. »Sind das nich' meine Handschuhe?« Er knirschte mit den Zähnen. Den ganzen Tag schon hatte er mit den Händen in den Hosentaschen herumlaufen müssen und hatte sich darüber geärgert, sie bei dieser Furie in Aelias ehemaliger Stube liegengelassen zu haben. Und nun hatte dieser verfickte Hundsfott, der ihm schon gestern die ganze Zeit gefolgt war, sie einfach am Gürtel hängen…Da gerieten Doreáns Gedanken ins Stolpern. Moment. Das konnte doch nur bedeuten, dass diese beschissene Hundsfut wirklich zur Stadtwache gegangen war, um sie anzuschwärzen! Was für ein nachtragendes Miststück! Der Moment verging. Ein Herzschlag. Ein Atemzug. Ein Wimpernschlag. Und dann noch einmal ein Herzschlag. Er schloss die Augen und tat einen tiefen Atemzug. Innerlich begann er bis Drei zu zählen und dann entließ er den Atem aus seinen Lungen.
Und kurz darauf rannte Doréan um sein Leben. Und hinter ihm brüllte Hartwig lauthals. Er wirkte völlig überrumpelt und zugleich erzürnt und erbost. »Bleib stehen, du Ratte!« Doch seine Verfolgung scheiterte abrupt, denn er geriet ins Stolpern, als ihm der Gürtel von der Hose rutschte und er bäuchlings auf den harten Dielen aufschlug. Doréan grinste breit. In der einen Hand hielt er seinen Dolch, mit welchen er soeben den Gürtel zerschnitten hatte. Und als Zeichen seiner Dreistigkeit baumelten die Handschuhe aus der geballten Faust seiner anderen Hand, die er im selben Moment vom Gürtel gezogen hatte. Er grinste so breit, dass er schließlich anfing lauthals zu lachen, während er rannte wie der Teufel. »Scheiße, du Hundsfott! Lass mich gefälligst in Ruh'!« Er rempelte einige Gäste zur Seite und sprang über einen Schemel, der daraufhin zu Boden fiel. Ein Mann verschüttete sein Bier und ein anderer verschluckte sich an einem Stück Brot, als Doréan ihm einen ruppigen Stoß in den Rücken gegeben hatte. Das heillose Chaos war so plötzlich aufgekommen, doch da war Doréan auch schon aus der Schenke entkommen und in die nächste Gasse verschwunden. Er rannte und hastete immer weiter. Das Adrenalin schoss ihm ins Blut und die Euphorie übermannte ihn. Nun konnte ihn nichts mehr zurückhalten. Und er rannte immer weiter, bis er irgendwann so tief ins graue Viertel vorgedrungen war, dass er die roten Lichter der ebenso roten Laternen, an den roten Häusern bemerkte…Seine Gedanken kreisten wild umher. Seine Lungen brannten und sein Herz schlug so wild, dass es drohte zu zerspringen. Doch ein Gedanke überflügelte alle anderen. Der einzige Gedanke, der ihn nur noch beherrschte. Sein Liebchen.
Heiße Tränen, warmes Wasser ❖
19.07.2023 '20:37 [2.229 Wörter]
 ls Aelia endlich die Gasse erreichte in der sich das Aschemädchen befand, versank die Sonne längst hinter den Dächern des grauen Viertels. Mühsam schleppte sie sich durch die Gassen, denn jeder Schritt, den sie tat, schmerzte. Nicht nur ihre Füße. Es fühlte sich an, als würde ihr jeder einzelne Knochen im Leib schmerzen, obgleich dies natürlich nicht den Tatsachen entsprach. Doch tief im Leib hinter ihren Schulterblättern brannten die Muskeln von den unzähligen schweren Walfettbrocken, die sie den ganzen Tag hin und her geschleppt hatte. Ihre Unterarme schmerzten, ja überhaupt hatte sie das Gefühl, ihre Arme gehörten gar nicht mehr zu ihrem Körper. Selbst ihre Oberschenkel fühlten sich schwer an wie Blei. Schließlich erreichte sie die Pforte des Aschemädchens, hob die Hand und klopfte gegen die Tür. Es dauerte eine Weile, doch dann hörte Sie Schritte, die auf die Tür zugingen, und nur wenig später öffnete Ronïa. Wie es Aelia nicht anders kannte, stellte sie eine ernste, ja beinahe ausdruckslose und nichtssagende Miene zur Schau und sagte kein Wort. Stattdessen lauschte sie zunächst in den Flur hinter sich. Erst dann warf sie einen kurzen Blick über ihre Schulter, als wollte sie sich ein letztes Mal vergewissern. Schließlich nickte sie kaum merklich. „Niemand am Flur“, sagte sie leise. „Komm. Aber schnell.“ Aelia nickte und schlüpfte durch den schmalen Türspalt. Ronïa schloss die Tür hinter ihr, drehte sich um und blieb mitten in der Bewegung stehen. Ihr Blick glitt langsam über Aelia. Dann hob sich ihre Nase kaum merklich. Sie sog einen vorsichtigen Atemzug ein. Im nächsten Augenblick verzog sich ihr Gesicht. Ganz unwillkürlich wich sie einen halben Schritt zurück. „Ach du Scheiße...“ Aelia ließ erschöpft den Kopf hängen. „Was ist denn?“ Ronïa schnupperte noch einmal. „Du stinkst,.. aber wie...!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll.“ Aelia seufzte. „Das ist Wal Tran. Ist es wirklich so schlimm? Ich rieche es überhaupt nicht. Ich hab mich am Hafen noch gewaschen. Und ich hatte sogar andere Kleidung an…“ Ronïa starrte sie einen Moment an, dann verzog sie das Gesicht. „Ich möcht bloß nicht wissen, wie schlimm du vorher gerochen hast.“ Jetzt starrte Aelia sie an und dann geschah es, das etwas in Aelia zerbrach. Sie presste die Lippen aufeinander, als wolle sie den aufsteigenden Kloß hinunterschlucken. Es gelang ihr nicht. Ein ersticktes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Sie hob hastig die Hand vor den Mund, doch nun war es zu spät. Die Tränen, sie sie sich verkneifen hatte wollen, kamen. Erst leise, aber dann immer heftiger. Ihr ganzer Körper bebte. „Ich...“ Sie rang nach Luft. „Du... du hast mich doch selbst zum Hafen und zu Pitt geschickt...“ Die Worte gingen beinahe in ihrem Schluchzen unter. „Und ich brauch doch Geld...“ Sie wischte sich fahrig über das Gesicht, doch immer neue Tränen liefen ihr über die Wangen. „Und... und dann...“ Sie musste den Satz unterbrechen, weil ihr die Stimme versagte. „...da lag einfach ein riesiger Wal. Ich hab in meinem ganzen Leben noch nie einen Wal gesehen. Und besonders nicht gerochen…“ Sie schluchzte wieder auf. „Das... das war die Arbeit.“ Tränen liefen ihr unaufhaltsam über die Wangen. „Ich hab den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als blutige Walfettbrocken zu schleppen... immer vom Wal bis zu den Kesseln... immer wieder... den ganzen Tag...“ Sie schluchzte so heftig, dass sie kaum noch sprechen konnte und rang nach Luft. „Ich hab den ganzen Tag diese blutigen Fettbrocken geschleppt... immer wieder... immer wieder... ich konnte irgendwann meine Arme nicht mehr spüren... mein Rücken... meine Schultern... meine Beine... Ich brauch verdammt nochmal einfach nur Geld…“ Dann herrschte Stille. Ronïa stand reglos da. Sie wirkte, als hätte man ihr unvermittelt einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Sie räusperte sich verlegen. „Äh...“ Mehr brachte sie zunächst nicht hervor. „Ich lass dir ein Bad richten. Danach... geht's dir bestimmt besser.“ Ohne Aelias Antwort abzuwarten, drehte sie sich um. „Ich... kümmer mich drum.“ Aelia blieb allein zurück. Sie wischte sich mit dem Handrücken über das nasse Gesicht und stieg langsam die Treppe hinauf. Oben angekommen öffnete sie die Tür zu ihrem kleinen Zimmer, trat ein und sperrte sogleich ab. Ihr Blick fiel auf das schmale Bett. Sie wagte es nicht, sich zu setzen. Was, wenn ihre Kleider doch noch nach Hafen rochen? Was, wenn sie das Bettzeug verdarb? Also blieb sie einfach stehen und wartete.
Als Aelia wenig später die Tür zur Badestube die sich im Erdgeschoss befand öffnete, schlug ihr warme, feuchte Luft entgegen. Sie blieb auf der Schwelle stehen und war förmlich entzückt. Mitten im Raum stand ein großer hölzerner Badezuber. Aus dem Wasser stieg feiner Dampf auf und erfüllte den kleinen Raum mit wohliger Wärme. Auf einem Schemel daneben lagen ein Leinentuch, ein Stück Seife und sogar ein frisches Unterkleid. Für einen Augenblick rührte sie sich nicht sondern starrt einfach nur auf das Bild, das sich ihr bot. Sie wusste nicht mehr, wann sie zuletzt ein richtiges Bad genommen hatte. Seit ihrer Flucht aus Weidenau war ein Bad zu einem wahren Luxus geworden, den sie sich kaum leisten konnte, dabei gab es wenig, was sie derart liebte, wie in einem heißen Badezuber zu sitzen. Langsam schloss sie die Tür hinter sich und versperrte sie. Sie nestelte an den Bändern ihres Kleides. Ihre Finger schmerzten und konnten den Knoten kaum lösen. Schließlich glitt der Stoff zu Boden. Sie trat an den Zuber heran. Vorsichtig tauchte sie die Fingerspitzen ins Wasser. Warm, aber nicht heiß. Langsam stieg sie hinein, und kaum hatte sie sich gesetzt, umfing die Wärme ihren schmerzenden Körper. Warm genug, dass ihr ein leises Seufzen entwich. Sie schloss die Augen. Für einen langen Moment tat sie nichts. Sie saß einfach nur da. Nach und nach löste sich die Verspannung aus ihren Schultern. Das Ziehen in ihrem Rücken wurde erträglicher, ihre müden Arme fühlten sich nicht mehr so schwer an, und selbst ihre Beine, die sie den ganzen Heimweg kaum noch getragen hatten, kamen langsam zur Ruhe. Sie ließ den Kopf gegen den Rand des Zubers sinken. Es war, als würde die Wärme ihr Stück für Stück von dem Elend nehmen das sie umgab. Der Gestank des Hafens. Das Blut. Das Fett. Den Rauch. Schließlich griff Aelia nach der Seife. Sorgfältig wusch sie ihre Arme, erst den einen, dann den anderen. Sie schrubbte ihre Hände, bis auch die letzten dunklen Ränder unter den Fingernägeln verschwunden waren, und rieb über ihre Schultern, ihren Nacken und ihren Rücken, so gut sie ihn erreichen konnte. Das Wasser wurde mit jedem Handgriff ein wenig trüber. Dann löste sie den Zopf den sie immer noch vom Hafen trug. Ihr Haar fiel schwer und feucht über ihre Schultern. Sie tauchte den Kopf unter Wasser, bis jede Strähne durchnässt war, nahm etwas Seife zwischen die Hände und massierte sie behutsam in die Kopfhaut. Ihre Fingerspitzen glitten in kleinen kreisenden Bewegungen über den Kopf, lösten Schweiß, Staub und den hartnäckigen Geruch des Hafens aus ihrem Haar. Mehrmals schöpfte sie Wasser über den Kopf, bis die letzten Seifenreste davongespült waren. Als sie die nassen Strähnen nach hinten strich, atmete sie tief durch. Zum ersten Mal seit langem hatte sie das Gefühl, wieder sauber zu sein. Langsam erhob Aelia sich aus dem Badezuber. Das warme Wasser rann in dünnen Rinnsalen über ihre Haut und tropfte leise auf die Dielen. Sie griff nach dem Leinentuch und trocknete sich gründlich ab. Dabei fiel ihr Blick auf ein kleines Fläschchen, das halb hinter dem zusammengefalteten Unterkleid stand. Neugierig nahm sie es in die Hand. Sie zog den Korken heraus und hielt es vorsichtig unter die Nase. Ein zarter Duft stieg ihr entgegen. Blumig, warm und ein wenig süß. Sie konnte nicht sagen, wonach es genau roch, doch für einen Augenblick schloss sie unwillkürlich die Augen. Sie zögerte. Es gehörte ihr nicht. Nur ein wenig, dachte sie schließlich, könnte sie schon nehmen. Wirklich nur ein wenig. Sie ließ einige Tropfen auf ihre Handfläche fallen und verrieb das Öl behutsam auf Armen, Schultern und über ihrem Hals. Die feuchte Haut nahm es bereitwillig auf. Wo eben noch raue Trockenheit gewesen war, blieb nun nur ein seidiges Gefühl zurück. Sie strich sich mit den Fingerspitzen über den Unterarm und freute sich darüber. Behutsam verschloss sie das Fläschchen wieder und stellte es genau dorthin zurück, wo sie es gefunden hatte. Dann schlüpfte sie in das frische Unterkleid, trocknete ihr Haar so gut es ging mit dem Leinentuch und atmete tief ein. Der Gestank des Hafens war verschwunden. Stattdessen umgab sie ein feiner Duft, so leicht, dass sie ihn selbst kaum wahrnahm, Doch es genügte, sie für einen Augenblick daran zu erinnern, dass sie einst in einer Familie von Seifensieder gelebt hatte, bevor alles Stück für Stück zerbrochen war und das Leben sie schließlich nach Oshkïr und zuletzt ins graue Viertel geführt hatte.
Sie fragte sich, ob Doréan heute wohl hier gewesen war. Ronïa hätte ihm sicher gesagt, dass sie arbeiten war. Vielleicht war er sogar erst vor einer Stunde gegangen. Vielleicht hatte er versprochen, später noch einmal vorbeizusehen. Nach diesem Tag hätte sie ihn gern gesehen. Nicht einmal, um lange mit ihm zu reden. Es hätte genügt, wenn er einfach da war. Sie in den Arm nahm und diesem Tag noch einen guten Ausgang gab. Wahrscheinlich hätte sie ihm von dem Wal erzählt, der im Hafen gelegen hatte und den zu verarbeiten sie helfen musste und sie wäre neugierig gewesen, wie er darauf reagiert hätte. Und stolz hätte sie ihm erzählt, dass sie sich nicht hatte unterkriegen lassen, obwohl sowohl die Männer als auch die Frauen sie ausgelacht und verspottet hatten. Und dass sie diesen harten Tag durchgehalten hatte obwohl es von Zeit zu Zeit Momente gegeben hatte, in denen sie am liebsten einfach nur hingeschmissen hätte, Aber dann hätte sie überhaupt keinen Nagel bekommen, und ihr Durchhalten war schließlich mit zwei Löchern belohnt worden.
Ihr Blick glitt durch das kleine Zimmer. Es war kaum größer als ihr Zimmer in Lestars Schenke und gehörte ihr ebenso wenig. In drei Tagen musste sie wieder fort. Seltsam eigentlich, wie oft sie in den vergangenen Monaten von einem Ort zum nächsten gezogen war. Stets mit Nichts, denn sie besaß ja nichts. Erst weg von Weidenau. Dann in eine Schenke irgendwo in Oshkïr. Dann von dort weg und in Lestars Schenke. Und nun das Aschemädchen. Irgendwann, dachte sie, musste damit Schluss sein. Sie brauchte kein großes Haus. Sie hatte oft genug gesehen, wie die kleinen Häuschen in Steinward aussahen. Eines davon hätte ihr vollkommen genügt. Zwei Zimmer vielleicht. Eine Küche. Ein Dach, durch das es nicht regnete. Ein Stückchen Erde vor der Tür, gerade groß genug für ein paar Küchenkräuter. Und wenn daneben noch Platz blieb, würde sie eine Kletterrose pflanzen. Auch, wenn sie keinen besonderen Nutzen hatte. Sondern einfach, weil sie schön war.. Während sie sich mit dem Leinentuch das Haar trocknete, musste sie unwillkürlich daran denken, wie selbstverständlich ihr früher ein Bad erschienen war. Ihre Mutter hatte den Zuber nicht oft aufgestellt. Holz kostete Geld, Wasser musste geschleppt werden. Aber manchmal, wenn draußen Schnee lag oder ihr Vater besonders gute Geschäfte gemacht hatte, wurde in der Stube gebadet. Damals hatte sie nie darüber nachgedacht. Heute wusste sie, was für ein Luxus das gewesen war. Irgendwann würde sie ihren eigenen Badezuber besitzen. Einen, für den sie niemanden um Erlaubnis bitten musste.
Dann drang ein dumpfes Poltern durch die Wand. Kurz darauf folgte das tiefe Brummen einer Männerstimme. Eine Frauenstimme erwiderte mit einem langgezogenen Stöhnen. Aelia erstarrte. Das Aschemädchen war ja ein Bordell. Bislang hatte sie nicht viel davon mitbekommen. Sie senkte den Blick und spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie hätte nicht einmal sagen können, weshalb es ihr so unangenehm war. Schließlich wusste sie, was hier geschah. Millie verdiente auf diese Weise ihren Lebensunterhalt. Unzählige Frauen taten es. Es war irgendwie etwas ganz Normales. Und dennoch... Sie räusperte sich leise, als könne sie die Geräusche damit vertreiben. Vergeblich. Das Bettgestell im Nebenzimmer knackte hörbar. Jemand lachte. Wenig später begann das gedämpfte Murmeln erneut, gefolgt von einem weiteren Stöhnen, das selbst durch die dicken Wände noch deutlich zu hören war. Aelia zog die Decke bis unters Kinn. „Mein Haus wird jedenfalls nicht neben einem Bordell stehen…“ murmelte sie und schloss die Augen. Doch gegen die Geräusche auf der anderen Seite der Wand half das leider wenig. Sie hatte die Augen kaum geschlossen, als ein leises Klopfen gegen den Fensterladen drang. Einmal. Dann ein zweites Mal. Aelia setzte sich kerzengerade auf. Für einen Herzschlag lauschte sie reglos, dann ließ die Erkenntnis sie Grinsen. Sie sprang vom Bett auf, vergaß mit einem Mal die Müdigkeit in ihrem Körper und eilte zum Fenster. Behutsam öffnete sie den Laden. Auf dem schmalen Dachsims hockte Doréan. „Réan...“, hauchte sie. Unwillkürlich breitete sich ein Grinsen auf ihrem ganzen Gesicht aus. Sie trat sofort einen Schritt zurück, damit er hereinklettern konnte, und schloss, sobald er im Zimmer war, vorsichtig wieder den Fensterladen. Erst jetzt drehte sie sich zu ihm um. „Was würde Ronïa sagen, wenn sie wüsste?“ flüsterte sie belustigt. Sie musterte ihn einen Moment, weil sie kaum glauben konnte dass er doch noch gekommen war. Dann war alle Zurückhaltung vergessen. Mit wenigen Schritten überwand sie den Abstand zwischen ihnen, schlang die Arme um ihn und schmiegte sich an ihn. „Ich hab dich vermisst, mein Herz“, hauchte sie leise. Sie hob den Kopf, suchte seinen Blick und blieb ihm ganz nah. Für einen kurzen Augenblick geschah nichts. Dann fanden sich ihre Lippen zu einem innigen Kuss.
Der kleine Tod ❖
23.07.2023 '00:00 [3.000 Wörter]
 ähneknirschend und mit zermürbenden Blicken, saß Hartwig in der Wachstube des Scherbentores. Es hatte beinahe den Anschein, dass der halbe Raum sich, um ihn herum, verdunkelt hatte. Als ob seine Griesgrämigkeit all das Licht um ihn herum verschlingen würde. »Du ziehst 'ne düst're Grimasse, wie zehn Tage Regenwetter, Hartwig.«, brummte eine zynische Stimme. Hartwig hob den Kopf und rollte mit den Augen. Er schnaubte mürrisch und warf dem Mann einen ebenso mürrischen Blick zu. »Kümmer dich um deinen Kram, Alrik.« Hartwig widmete sich wieder seinem Dolch, mit welchem er den widerspenstigen Dreck unter seinen Fingernägeln hervor kratzte. »Du hast dich ganz schön vorführen lassen.«, brummte Alrik und grinste herausfordernd. Er lehnte sich lässig gegen die Wand und hatte einen Daumen im Gürtel eingehakt. »Diese Straßenratte. Hat mich vor allen Leuten zum Gespött gemacht.« Alrik gluckste schadenfroh, was Hartwig nur noch grantiger werden ließ. »Du brauchst gar nicht so dämlich zu grinsen.«, moserte Hartwig ungehalten. Alrik schien dies allerdings nur noch breiter grinsen zu lassen. Da richtete sich Hartwig vor dem Mann auf. »Hältst dich für was Besseres, hm?«, brummte Hartwig und Alrik kniff die Augen zusammen. Er strich sich das aschblonde, köterblonde Haar nach hinten und straffte seinen Rücken. Dann funklete er Hartwig herausfordernd an. Als ob er damit unterstreichen wollte, dass er etwas Besseres war. »…mit dem Namen deines Vaters.« Alriks Augenlid zuckte, als Hartwig seinen Vater erwähnt hatte. Ein rotes Tuch, wie jeder auf der Wache wusste, denn er hasste seinen Vater. »Wir wissen beide, warum du hier bist. Das Einzige, was dir vom Adel geblieben ist, ist das hohe Ross, auf dem du hockst.« Alrik war der Sohn eines alten Adelsgeschlechts Oshkïrs. Kein großes oder übermäßig wohlhabendes Haus. Aber dennoch von Einfluss. Alrik war hochmütig und sollte Demut lernen. Und so hatte sein Vater seine Beziehungen spielen lassen und Alrik zur den Kerkerwachen im grauen Viertel verbannt, bis er sich seine Sporen verdient hatte. Sehr zum Verdruss Alriks. »Immerhin hat mich nicht die halbe Wache mit heruntergelassenen Hosen gesehen.«, antwortete Alrik grimmig schmollend. Da lachte Hartwig. Es klang beinahe gehässig und bitter zugleich. »Du wünschtest dir doch, alle würden dich ohne Hosen sehen.« Alrik legte den Kopf schief und lächelte verhalten. Es war das Lächeln eines Mannes, der nicht wusste, ob er beleidigt oder verlegen sein sollte. Doch dann zuckte er mit den Achseln, was Hartwig nur noch mehr zur Weißglut trieb. »Was willst du denn damit sagen?«, Alrik knirschte mit den Zähnen, während Hartwig seinen Dolch in den Gürtel schob und den Kerkerknecht mit einem angewiderten Blick bedachte. »Dass du mehr Augen für die Männer hast, als das Weibsvolk.« Alriks Lächeln gefror und sein Kiefer spannte sich an. Die Muskeln zuckten und seine Fäuste färbten sich beinahe weiß um seine Knöchel. »Sag das nochmal.« Hartwig presste die Lippen aufeinander und starrte Alrik eine Weile schweigend an. Doch dann senkte er den Blick und blinzelte. »Du hast mich schon verstanden.« Er schritt an Alrik vorbei, wobei er ihn mit der Schulter ein wenig anrempelte und ließ Alrik alleine in der Stube zurück.
Doréan hatte das Rotlichtviertel erreicht. Der unverkennbare, rötliche Schein, der vielen Häusern dieser Gegend anhaftete, tauchte die dämmrigen Gassen in ein anrüchiges und beinahe unheilschwangeres Licht. Die Motten die hier allerdings zum Licht strömten waren Männer allen Schlages. Hafenarbeiter, Tagelöhner, unzufriedene Ehemänner und all jene, nach denen sich sonst keine Frau umdrehen würde. Wenn die Dirnen sich ehrlich waren, taten sie es auch nur des Geldes wegen. Aber anders als die Motten das Licht umschwirrten, so waren nur wenige Männer in den Gassen zu sehen, welche um die aufreizend gekleideten Liederlichen herumlungerten. Nicht jeder war so forsch und trat sogleich an eine Auserwählte heran. Manche beobachteten. Manche hofften vielleicht auch, ob nicht an einer anderen Ecke eine etwas jünger Aussehende, oder zumindest eine Hübschere stand und streiften rastlos durch die Gassen. Und so befanden sich die Frauen und die Männer im steten Zustand des gegenseitigen Umwerbens. Die Dirnen lächelten, ließen ihre Hüften kreisen oder legten ihre Hände an den Busen, um diesen anrüchig zu präsentieren. Manche von ihnen riefen unflätige Bemerkungen, andere lockten mit aufreizenden Worten. Nicht wenige nahmen sich kaum ein Blatt vor den Mund und offerierten ihre Dienste mit lasterhaften Zoten und liederlichen, flötenden Stimmen. Sie waren wie Raubtiere, die ihre Klauen in ihre Opfer schlagen wollten. Sie verführten und sie lockten, wie Irrlichter im Dunkel der Nacht, die über einem Meer aus Sünde schwebten. Mit Liebreiz und verheißungsvollen Verlockungen. Und die Männer grinsten, pfiffen oder lächelten. Manche verstohlen und manche völlig unverhohlen. Doch sie waren nichts anderes als Haifische, die in einem Hafen kreisten, bis ein armer Tropf endlich in das schwarze Wasser fiel. Doréan hingegen hegte nur wenig Interesse an den Dirnen, die hier ihr Unwesen trieben. Sein Interesse galt nur einer einzigen Frau. Keiner Liederlichen, sondern nur seinem Liebchen. Er kannte viele dieser Frauen. Einige noch aus einer Zeit, in welcher er selbst noch ein Knabe gewesen war. Manche mehr als ihm eigentlich lieb war. »He Süßer.«, hauchte eine Frauenstimme an sein Ohr. Doréan hatte sie kaum bemerkt, als sie, wie aus dem Nichts, hinter der nächsten Ecke gestanden hatte. »Nur ein Loch, für mein Loch.« Doréans Blicke huschten zur Seite. Die Frau stand im Halbschatten. Das Licht einer roten Laterne beschien ihren Körper, während ihr Gesicht von den Schatten der Wand beinahe verschluckt wurden. Ein innerer Drang überkam ihn. Näher hinzusehen. Zu erspähen, was sich da in der Dunkelheit verbarg. Doch er widerstand dem Drang und wandte nur den Kopf ab um seinen Weg fortzusetzen. Vermutlich hätte er es ohnehin bereut, wenn er in das wohlbekannte Gesicht einer Dirne geschaut hätte, deren Name er kannte. Oder noch schlimmer, die seinen Namen kannte. Als er um die nächste Ecke gebogen war, erspähte er schon zwei weitere vor sich. Doréan kniff die Augen zusammen. Er seufzte und sah sich suchend um, ob es vielleicht einen anderen Weg gab. Bis zum Aschemädchen war es nicht mehr weit. Irgendwo in der nächsten Gasse. Und so kletterte er über einen kleinen Mauervorsprung und zog sich auf einen alten Balkon hinauf. Von dort aus hangelte er sich am Dachsims entlang und sprang dann in den Hinterhof. Er lächelte breit und legte den Kopf in den Nacken. Das Fenster war geschlossen. Doch er konnte das schummrige Licht zwischen den Spalten der Fensterläden erspähen. Sie war zurück gekehrt. Da wurde sein Lächeln noch etwas breiter. Für einen Moment überkam ihn ein flauer Gedanke. Wenn Ronïa, oder eine andere der Dirnen, ihn sehen würden. Doch er dachte den Gedanken gar nicht erst zu Ende. Er musste einfach nur leise und mit Bedacht vorgehen. Dann würde er unbemerkt bleiben.
Und so erklomm er die Fassade des Aschemädchens bis er vor jenem Fenster angekommen war. hinter welchem er Aelia wähnte. Er klopfte vorsichtig gegen die hölzernen Läden und wartete.
Er musste nicht allzu lange warten, denn wenige Augenblicke später hatte Aelia auch schon das Fenster geöffnet und ihn, mit einem freudigen Blick, hineingelassen. Sie sah sich verstohlen um und lächelte verwegen. »Was würde Ronïa sagen, wenn sie wüsste?« Da zuckte Doréan mit den Schultern. »Vermutlich sowas in der Art…« Er richtete sich etwas strammer auf, und legte sich seine Hände in den Rücken. Dann setzte er eine möglichst emotionslose Mimik auf und schloss die Augenlider ein wenig. »Ich hab' dir doch gesagt, dass du hier nich' schlafen sollst.« Er gluckste, bei dem Versuch ihre Stimme zu imitieren. »Unter keinen Umständen!« Er grinste breit und zuckte dann mit den Schultern. »Aber ich schlafe doch nich', oder mein Liebchen?« Da lächelte er sie schelmisch an und der Schalk blitzte aus seinen Augen. »Ich hab dich vermisst, mein Herz.« Aelia nahm ihn in die Arme und Doréan erwiderte es, indem er seine Arme um sie schlang. Schließlich gaben sie sich einem innigen und leidenschaftlichen Kuss hin, der – egal wie lange er auch angehalten hätte – viel zu früh sein Ende fand. Er atmete ihren Duft tief ein und dabei kam er nicht umhin den dezenten, aber anmutigen Duft von Verruchtheit und lieblichen Blumen zu bemerken. »Dieser Duft…«, murmelte er und sah Aelia dann in die Augen. »Den habe ich schonmal gerochen.« Er runzelte die Stirn und rang sich ein verlegenes Lächeln ab. »Aber…« Er hob beschwichtigend die Hände. »Dir steht er wirklich sehr gut.« Als ihm klar wurde, dass man seine Worte auch falsch verstehen konnte, errötete er. »Äh., damit wollte ich natürlich nich' sagen…dass…ach vergiss es einfach.« Er schlug die Augen nieder und legte sich, sichtlich blamiert, die Hand aufs Gesicht. Jetzt hatte er Aelia beinahe als eine Frau bezeichnet, der der Duft der Dirnen gut anhaftete. Er schüttelte den Kopf und wischte sich dann mit der Hand übers Gesicht um auf diese Weise sein Unbehagen abzustreifen. Kaum hatte er die Hand vom Gesicht genommen, setzte er sogleich ein herausforderndes Grinsen auf »Ich war heute in aller Früh hier, um dich zu besuchen. Aber du warst schon fort.«, murmelte Doréan, um von seinem unglücklichen Faus Pax abzulenken. »Was hast du heut gemacht?«, erkundigte er sich neugierig.
Doréan konnte es sich beim besten Willen nicht erklären. Aber nachdem Aelia ihm erzählt hatte, wo sie heute war und was sie gearbeitet hatte, da schien es ihm beinahe, als ob der liebliche Duft von Blumen mit einem Mal von einem seltsamen Fischgeruch überschattet worden wäre. Er sog, unscheinbar, die Luft durch die Nase ein. Doch der Geruch hing in der Luft, als ob er nur durch seine Gedankenkraft erschienen wäre, welcher sich langsam wieder verflüchtigte. Doréan räusperte sich schließlich. »Da du heute nicht hier warst, habe ich mir gedacht…« Er kratzte sich hinterm Ohr. »…ich hab mich heut' ein bisschen umgehört und war heute im roten Bullen.« Aelia hing förmlich an seinen Lippen und er wedelte lapidar mit der linken Hand. »Du weißt schon. Die Schenke beim Scherbentor. Mit diesem Steingemäuer und dem hölzernen Aufbau in diesem Falunrot.« Aelia nickte. »Ja ich kenne es.« Jeder, der einmal am Scherbentor gewesen war, kannte den roten Bullen. Und da Aelia erst jüngst am Tor gewesen war, und sogar auf der anderen Seite in Steinward gewesen war, hatte ihr das Haus nur schwer entgehen können. »Aber ich war noch nie drin.«, gestand sie und Doréan lächelte breit. »Ich schon. Und zwar erst heute. Und weißt du was? Eine der Schankmaiden hat 'nen Braten im Ofen.« Er zwinkerte und lächelte noch ein wenig breiter. »Der Kerl, dem der Laden gehört, hat mich aber nur abgewimmelt. Er meint, er will dich selber seh'n, bevor er sich entscheidet.« Doréan seufzte, da er keine besseren Neuigkeiten zu unterbreiten hatte. »Is allemal besser als Walfett schleppen, oder sich von Madiah schlagen lassen.« Daraufhin zuckte er mit den Schultern. Aelia lächelte mit einer sichtlichen Müdigkeit in den Augen. »Das hast du für mich gemacht?«, hakte sie nach und Doréan schürzte die Lippen. »Nun. Irgendwie…ja. Warum auch nicht?« Da näherte sich Aelia ihm ein wenig und legte ihre Hand auf seine Brust. Doréan erwiderte die vertraute Geste und legte seine Hand an ihre Wange, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Sanft und bestimmend. Sie konnte seinen aufgeregten Herzschlag fühlen und er ihren langsamen und warmen Atem auf der Haut. Doréan starrte sie nur einen Moment lang an und alle Worte, die er zuvor gesprochen hatte, wie auch jene Worte, die ihm noch auf der Zunge gelegen hatten. Sie waren allesamt wie hinweggefegt. Er schloss langsam die Augen und legte ihr im Gegenzug seine Hand in den Nacken. Und so näherten sich die Beiden immer mehr und mehr, bis ihre Lippen aufs Neue miteinander verschmolzen. Alle Bedenken, die sie zuvor noch gedacht haben mochten, waren mit einem Augenblick zunichte gemacht und vergessen. Als hätte es sie nie gegeben und hier, in diesem Augenblick, völlig bedeutungslos geworden.
Langsam rutschten Doréans Hände an Aelia hinab. Der dünne Stoff, welcher auf ihrer Haut lag, konnte das Beben ihres Körpers kaum verbergen. Seine Hände glitten über ihren Rücken und berührten ihren strammen Hintern. Der Kuss hingegen wurde inniger und leidenschaftlicher. Der heiße Atem der beiden lag förmlich in der Luft und das Schlagen ihrer Herzen schien beinahe im Einklang zu sein. Doréans Finger wanderten schließlich zu ihren Schenkeln und glitten unter das Kleid. Dort verharrte er einen Augenblick, während seine zweite Hand sie zärtlich an der Hüfte berührte. Der Kuss raubte Doréan mehr und mehr den Atem. Langsam schob er sich unter dem Kleid immer weiter hinauf. Seine Finger tasteten sich suchend voran, während seine Zunge die ihre umkreiste. Ihr Haar strich ihm sanft über die Wange und ihre Brust bebte mit jedem Atemzug, den sie tat. Bald schon hatte er das Ende ihrer Röcke erreicht und ihre makellosen Beine von dieser störenden Last befreit. Er strich über ihre Innenseiten ihrer Schenkel und glitt förmlich dahin, wie ein Schiff auf einer spiegelglatten See. Fordernd, aber nicht drängend. Seine Berührungen waren begehrlich und ließen Aelia förmlich unter seinen Berührungen zerfließen. Aelias Lippen lösten sich von den seinen, nur für einen Atemzug. Um seinen Namen zu hauchen. »Doréan.« Sie legte ihre Hand auf die Seine, und zwang ihn damit, an Ort und Stelle zu verharren. Doch das Verlangen der Beiden war übermächtig. Das Gefühl voneinander getrennt zu sein wurde schier unerträglich. Und so gaben sie sich einander wieder hin. Noch inniger als zuvor. Der Kuss wandelte sich. Von zärtlicher Liebkosung zu sehnsüchtiger Wollust. In Doréans Lenden lodernde ein unbändiges Verlangen. Als Doréans Finger schließlich zärtlich über den Hügel ihrer Lust glitten, da zitterte Aelia und ein sanfter Schauer überkam sie. Langsam öffnete sie sich ihm, wie eine Blume, die sich der Sonne entgegen reckte. Und sie leitete seine Hand an, tiefer zu sinken. Sie führte ihn an einen dunklen Ort voller Wunder und seine Finger fuhren durch ihr Haar, wie Nebel, der durch den Wald kroch. Langsam und vorsichtig, als könnte jeder Schritt der Letzte sein.
Aelia glitt hinab. In eine Wolke aus weichen Daunen und sinnlichen Gesängen. Keiner von beiden sprach auch nur ein Wort. Ihre Sprache bedurfte keiner Worte. Denn sie war ehrliche Leidenschaft und unstillbares Verlangen. Ihre Lippen lösten sich voneinander, während Aelia immer tiefer hinab sank und Doréan sie mit Küssen überschüttete, wie warme Regentropfen. Er liebkoste ihren Hals und seine Hände umfingen Aelias weichen Busen, während er langsam sein Gesicht dazwischen vergrub. Doréans Männlichkeit erwachte, während Aelias Weiblichkeit sich den Wogen der Wonne zu ergeben schien. Ihr Körper bebte, und jeder Kuss, der sich auf ihrer Haut niederlegte, jagte ihr einen neuerlichen Schauer über die Haut. Sie sank hinab in das Meer der Sehnsucht. Und Doréan folgte ihr, auf einem Schiff, welches die Wellen dieses Meeres durchstießen. Jede Welle brandete am Kiel des Schiffes empor. Und jeder Welle folgte eine noch größere Welle. Der große Mast des Schiffes neigte sich. Langsam. Das süße Meer schwappte über den Kiel hinweg und umfing das Schiff, bis dieses gänzlich in den sturmgepeitschten Wogen des Meeres verschlungen worden war. Er war so tief in das Meer hinabgesunken, dass er den Grund berührte. Aelia bäumte sich auf. Eine Böe überkam sie, die über das Meer hinweg zu streifen schien. Sie bäumte sich auf, wie ein junger Baum im Wind. Anmutig und unbeugsam. Ihre Hände lösten sich von Doréans Haar und auch von seinem Rücken. Sie glitten hinab, über Doréan hinweg in die Wolke aus Leinen und Daunen. Ihre Finger krallten sich in den Stoff. Ihr Haar wallte über die Laken der Brandung. Ihre Krone geriet ins Wanken und die großen Glocken ihres Tempels begannen zu wanken und dann zu zittern. Sie schwangen hin und her. Langsam. Wie die Krone eines Baumes, die sich sanft im Winde wogte. Die Knospen erblühten, das Meer zerfloss und der eiserne Stamm des Schiffsmastes wurde von der Böe schließlich gänzlich umschlungen. Das Geläut der Glocken umfing sie und das tiefe Dröhnen des Nebelhorns stimmte mit ein. Gemeinsam sangen sie eine Sinfonie der Leidenschaft.
Doréan hob den Kopf. Seine Lippen lösten sich von Aelia und er umfing sie mit beiden Armen. Als ob er sie noch enger an sich drücken wollte. Aelia hob ihre Arme und umschloss Doréan in einer ewig scheinenden, innigen Umarmung. Doréan zog sich langsam aus ihr zurück. Nur um neuerlich und noch tiefer in sie vorzudringen. Immer wieder und wieder. Und Aelia legte sich schließlich die Hand auf den Mund, um die verräterischen Laute ihrer Wonne zu dämpfen. Doréan hingegen schloss die Augen und ergab sich schließlich dem Feuer, welches in seinen Lenden brannte. Doréans Mast bäumte sich unter dem Sturm auf, welcher in Aelia tobte. Das Meer brandete gegen die Klippen. Immer wieder und wieder. Dem letzten Stoß folgte der Hauch der Erlösung. Als ob das Schiff seiner Leidenschaft an den Klippen zerschellte. Das Meer beruhigte sich und alles, was vom Sturm aufgepeitscht worden war, wurde schließlich an den Strand gespült. Weißer Schaum brandete auf den heißen Sand, im Einklang mit dem salzigen Wasser auf ihrer beider Haut. Und so sank Doréan schließlich in sich zusammen, als ob der Sturm ihm alle Kraft geraubt hätte. Das Schiff war in den Hafen eingelaufen. Es hatte dem Sturm getrotzt und schließlich kehrte Ruhe ein. So rasch, wie der Sturm aufgezogen war. Ebenso rasch war er wieder verklungen. Und zurückgelassen hatte er nichts als Ruhe, Erlösung und den schweren Atem zweier Menschen. Doréans Kopf ruhte auf Aelias weicher Üppigkeit, während seine Hände langsam und andächtig über ihren Körper glitten.
Die Ruhe umfing die Beiden. Wie die Nacht die Welt in schwarzes Gewand kleidete. Langsam Und andächtig. Der Atem flaute ab und der warme, salzige Schweiß auf ihrer Haut erkaltete langsam. Doch dann wurde diese Ruhe jäh durchbrochen. Ein gellender Schrei. Ein Rumpeln, als ob die Welt aus den Fugen geraten würde. Und ein tiefer, archaischer Laut. »Aaah.« Doréan hielt erschrocken inne. Er hob leicht den Kopf und lauschte in die Ferne. Eine Männerstimme drang durch die Wand und die Stimme einer Frau mischte sich hinzu. Wieder ein Rumpeln. Und erneut ein Poltern. Ein hölzernes, knarrendes Geräusch ertönte. Und ein Knarzen, das sich in ein rhythmisches Quietschen wandelte. Wieder ertönte diese tiefe Männerstimme. Lüsterne Worte drangen durch die Wände, wie das Donnern eines Gewitters, welches in weiter Ferne am Himmel rumorte.
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24.07.2023 '21:13 [4.062 Wörter]
 anggezogenes Stöhnen drang durch die Wand, gefolgt von einem heftigen Poltern. Das Bett im Nebenzimmer protestierte mit einem klagenden Quietschen, als müsse es jeden Augenblick unter der Belastung zusammenbrechen. Aelia hielt unwillkürlich den Atem an und lauschte einen Moment. Dann hoben sich ihre Mundwinkel. Sie schmiegte sich ein wenig näher zu Doréan hinüber und hauchte kaum hörbar „Es klingt ein wenig übertrieben.“ Wieder erscholl ein kehliges Stöhnen, beinahe so laut, als wolle es das ganze Haus daran erinnern, was sich hinter jener Wand abspielte. Aelia legte den Kopf leicht schief und lauschte noch einen Augenblick. „Fast so...“, flüsterte sie nachdenklich, „...als würden sie wollen, dass jeder sie hört.“ Sie schwieg. Es war sonderbar. Unwillkürlich rückte sie noch ein kleines Stück näher an Doréan. Wieder drang ein lautes Stöhnen durch die Wand. Aelia schwieg eine Weile. Dann sagte sie „Es klingt... nicht ehrlich...“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Ich meine… nicht so wie bei uns.“ Aelia lächelte in die Dunkelheit und lauschte weiter. Einen Augenblick später grollte fern ein dumpfes Donnergrollen über die Dächer der Stadt. Sie hob leicht den Kopf. Dann folgte das leise Prasseln einzelner Tropfen, das binnen weniger Herzschläge zu einem gleichmäßigen Rauschen anschwoll. Regen. Erneut musste sie Lächeln. Behutsam schlug sie die Decke zurück und glitt aus dem Bett. Der alte Dielenboden war kühl unter ihren bloßen Füßen, und als sie ans Fenster getreten war, öffnete sie die hölzernen Läden und stützte die Hände auf das Fensterbrett. Sofort strömte frische, nach Sommerregen duftende Luft ins Zimmer. Draußen tanzten die Tropfen im Schein vereinzelter Laternen über die Dächer des grauen Viertels, während der Regen unermüdlich auf Schindeln, Gassen und Höfe niederfiel. Aelia schloss für einen Augenblick die Augen und sog die kühle Luft tief ein. Nach einer Weile kroch sie leise zurück unter die Decke und schmiegte sich wortlos an Doréan. Ein weiteres Grollen rollte über den Himmel. Der Regen rauschte nun so laut gegen das Dach und die geöffneten Fensterläden, dass das Quietschen des Bettes nebenan, das Poltern und selbst die lüsternen Rufe hinter der Wand allmählich darin untergingen. Aelia lauschte noch einen Moment dem gleichmäßigen Trommeln des Regens. Dann schloss sie die Augen, lag reglos neben Doréan und starrte in die Dunkelheit. Sie spürte seine Wärme an ihrer Seite, den ruhigen Atem, der den kleinen Raum erfüllte. Und wagte kaum zu atmen, aus der törichten Furcht heraus, das Glück könne sich ebenso lautlos wieder verflüchtigen, wie es gekommen war. Sie dachte daran, wie alles begonnen hatte. Ein flüchtiges Aufeinandertreffen. Ein paar freche Worte. Ein junger Mann, der sich hartnäckig geweigert hatte, sie in Ruhe zu lassen. Eine harte Ohrfeige und trotzdem wollte er sie wiedersehen. Der ihr sehr schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, noch ehe sie wusste, warum. Wie sonderbar die Wege des Schicksals doch waren. Ausgerechnet jene Begegnung, über die sie sich anfangs noch geärgert hatte, hatte sie zu dem wunderbarsten Menschen geführt, dem sie je begegnet war. Aelia wandte ihren Kopf in der Dunkelheit zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf sein Gesicht.
Nach einiger Zeit hörte sie Doréans regelmäßige Atemzüge. Eigentlich hätte auch sie längst schlafen müssen. Nach diesem Tag war jeder Muskel ihres Körpers erschöpft. Doch nach ihrer Vereinigung war sie im Gegensatz zu ihm hellwach und ihre Gedanken wollten keine Ruhe geben. So, wie sie für Doréan empfand, hatte sie noch nie für einen Menschen empfunden. Sie dachte an seine Küsse. An seine Hände. Daran, wie behutsam und zugleich voller Verlangen er sie berührt hatte. Obwohl die Erlebnisse längst vorüber waren, meinte sie seine Berührungen noch immer an und in sich zu spüren. Es war nur eine sanfte Erinnerung… kaum mehr als ein flüchtiges Echo, und doch genügte sie, um ihr wieder diese wohlige Wärme durch den Körper fließen zu lassen. Er hatte sie mit einer Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit geliebt, die immer noch in ihr nachwirkte. Sie schloss die Augen. Ein tiefes, wohliges Seufzen entwich ihr. Wo hatte er das nur gelernt? Der Gedanke kam ganz von selbst. Und kaum war er da, wünschte sie, er wäre nie aufgekommen. Unwillkürlich erinnerte sie sich an den Augenblick, als Doréan sie nach dem Bad angesehen hatte. „Dieser Duft...“, hatte er gesagt und dabei die Stirn leicht gerunzelt. „Den kenn ich doch...“ Einen Herzschlag lang hatte er sie einfach nur angesehen. „Er steht dir wirklich gut.“ Dann war ihm mit einem Mal etwas bewusst geworden. „Äh... damit wollte ich natürlich nich' sagen, dass... ach, vergiss es einfach.“ Da hatte sie nur geschmunzelt und war sehnsüchtig in seinen Armen versunken. Nun aber, in der Dunkelheit ihrer eigenen Gedanken klangen sie plötzlich ganz anders. Den kenn ich doch... Woher? Sie drehte den Kopf ein wenig und blickte gedankenverloren ins Leere. Das Öl hatte in der Badestube gestanden. Es gehörte nicht ihr. Wahrscheinlich benutzten es die Frauen des Aschemädchens. Ihr Magen zog sich unmerklich zusammen. Also hatte Doréan diesen Duft schon einmal an einer von ihnen gerochen. Sie schloss langsam die Augen. Als Ronïa ihm letzte Nacht die Tür geöffnet hatte, hatte sie nur gefragt: „Schon wieder in der Nacht?“ Es hatte geklungen, als sei sein nächtliches Erscheinen nichts Ungewöhnliches. Und nun erkannte er sogar den Duft. Sie wusste, dass Doréan unter Huren groß geworden war. Vielleicht bedeutete das gar nichts. Vielleicht war sie töricht. Aber nicht alle Frauen trugen dieses kostbare und teure Öl. Sie wollte den Gedanken fortschieben. Doch er Gedanke ließ sich nicht mehr vertreiben. Es ging sie nichts an. Was Doréan getan hatte, bevor er sie kennengelernt hatte, gehörte zu seinem Leben. So wie auch sie eines hatte, bevor sie ihm begegnet war. Er war ihr keine Rechenschaft schuldig, schon gar über seine Vergangenheit. Und doch... In dieser Sache war diese Vergangenheit plötzlich nicht länger etwas Fernes und Unbestimmtes. Sie hatte in diesem Haus einen greifbaren Ort. Diese Wände, diese Türen. Hinter irgendeiner davon hatte er vielleicht einmal gelegen. Mit einer Frau, die denselben Duft auf der Haut getragen hatte, und deren Duft, Rose und eine persönliche Unternote, hatte er vielleicht schon einmal eingeatmet. So, wie er den ihren Rosenduft mit ihrer persönlichen Note eingeatmet hatte. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe. Sie wollte keiner dieser Frauen die hier lebten und arbeiteten, begegnen. Weil sie fürchtete, ihnen ins Gesicht zu sehen und sich im selben Augenblick zu fragen: Warst du es? Allein der Gedanke war ihr unangenehm. Jetzt, wo diese Frage erst einmal in ihrem Kopf entstanden war, würde sie nun jede Frau in diesem Haus ansehen. Würde sich unwillkürlich vorstellen, wie Doréan sie vielleicht angesehen hatte. Ob er sie mit denselben Worten umschmeichelt hatte, mit der er sie umschmeichelt hatte. Ob er sie im Arm gehalten hatte, wie er sie im Arm gehalten hatte. Ob er sie geküsst hatte, mit derselben Zärtlichkeit mit der er sie geküsst hatte.… Wie konnte man überhaupt mit einem Menschen solche Momente teilen, wenn einem nichts an diesem Menschen gelegen war? Sie wollte sich die Bilder, die in ihrem Kopf entstanden, gar nicht ausmalen. Aelia wollte nicht vergleichen. Nicht darüber nachdenken, ob sie schöner gewesen war. Erfahrener. Begehrenswerter. Ihr Magen zog sich unmerklich zusammen. Und dann drängte sich ein weiterer Gedanke auf. Ronïa. Sie kannte Doréan gut. Sehr gut. Und wahrscheinlich war der Gedanke absurd. Aber nicht unmöglich. Nichts war unmöglich. Und Aelia wusste nichts über ihre Geschichte. Nichts darüber, wie lange sie einander schon kannten, wie sie sich kennen gelernt hatten oder was sie miteinander erlebt hatten. Sie wollte es auch gar nicht wissen. Es gab Fragen, deren Antworten nur wehtun konnten. Und es war klüger, sie niemals zu stellen. Und doch spürte sie, wie sich etwas Unangenehmes in ihr festsetzte. Ein winziger Dorn in ihrem Bewusstsein. Kaum spürbar, und dennoch da.
Am nächsten Morgen wurde Aelia von einem leisen Klopfen geweckt. Als sie zur Seite blickte, war der Platz neben ihr leer. Das war zwar bedauerlich, doch es war klar, dass Doréan längst das Haus verlassen hatte, wenn Ronïa ihm in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben hatte, dass er auf gar keinen Fall hier übernachten dürfe. Aelia wusste nicht, wann Doréan sich wieder aus dem Zimmer durch das Fenster geschlichen hatte, aber sie wusste, dass er einmal eingeschlafen war, und das Verbot somit gebrochen hatte, was Aelia mit einem leisen schmunzeln bedachte. „Ja?“ fragte sie schließlich, vom Bett aus. „Die anderen schlafen noch“, erklang Ronïas ruhige Stimme durch die Tür. „Wenn du etwas essen möchtest, kannst du kurz in die Küche kommen.“ Aelia zog sich an und folgte ihr die schmale Treppe hinunter. Im Haus lag jene eigentümliche Stille, die vermutlich kurz nach Sonnenaufgang herrschte. Kein Lachen, keine Musik, keine Männerstimmen, keine eindeutigen Geräusche. Das Aschemädchen wirkte beinahe wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Die Küche war größer, als Aelia erwartet hatte. Eine breite Feuerstelle nahm fast eine ganze Wand ein, darüber hingen Bündel getrockneter Kräuter und Kupferkessel in verschiedenen Größen. Auf einem langen Holztisch standen irdene Schüsseln, einige Becher und ein Brotkorb, daneben ein halbvoller Krug mit Wasser. Entlang der Wände reihten sich Haken, an denen Schürzen, Tücher und Körbe hingen. In einer Ecke lagen ein paar zusammengerollte Strümpfe neben einem Korb mit Flickzeug. Überall fanden sich kleine Spuren der Frauen, die hier lebten. Nichts wirkte kostbar, aber alles war ordentlich. Die Küche war kein Ort für Gäste. Es war ihr Zuhause. Ronïa stellte wortlos eine irdene Schüssel vor sie. Der Haferbrei dampfte noch, darüber war ein wenig Honig geträufelt. Aelia bedankte sich leise und begann zu essen. Eine Weile war nichts außer dem leisen Kratzen des Löffels auf der Schüssel zu hören. Aelia hob den Blick. Erst nach einigen Bissen hatte sie bemerkt, dass Ronïa sie ansah. Nicht flüchtig, oder beiläufig. Sie beobachtete sie. Für einen Augenblick sahen sie einander schweigend an, bis Aelia schließlich wieder auf ihren Haferbrei hinabsah. Sie kann es nicht wissen. Der Gedanke kam so plötzlich, dass sie unwillkürlich innehielt. Woher sollte Ronïa wissen, dass Doréan in der vergangenen Nacht bei ihr gewesen war? Sie hatten kaum gesprochen. Und die Stimmen aus dem Nebenzimmer hatten jedes andere Geräusch verschluckt. Trotzdem fühlte sie sich unter diesem ruhigen, durchdringenden Blick seltsam ertappt. Als könnte Ronïa in ihren Gedanken lesen, wie in einem offenen Buch. Sie nahm noch einen Löffel, ohne aufzusehen. Doch das Gefühl ließ sie nicht los. Schließlich hob sie den Kopf erneut. Ronïa sah sie noch immer mit derselben unergründlichen Ruhe an. „Ist... irgendetwas?“, fragte Aelia zögernd. Ronïa blinzelte kaum merklich. „Nein.“ Das war alles. Kein Lächeln. Keine Erklärung. Nur dieses eine Wort. Aelia senkte den Blick wieder auf ihre Schüssel. Seltsamerweise machte sie gerade diese Antwort noch misstrauischer. Ronïa stellte sich ebenfalls eine dampfende Schüssel vor Aelia und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. Während Aelia weiteraß, zückte Ronïa plötzlich ein großes Messer und begann, mit ruhigen, geübten Bewegungen einen Apfel zu schälen. „Hast du gut geschlafen?“ fragte sie, ohne aufzusehen. „Überraschend gut“, antwortete Aelia. Ronïa nickte langsam, als nähme sie diese Information aufmerksam Kenntnis. „Trotz des Gefickes?“ Aelia verschluckte sich beinahe am Haferbrei. „Was?“ Ronïa sah sie einen Moment schweigend an. „Na ja.“ Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern. „In diesem Haus schläft man selten ungestört.“ Erst da fiel Aelia wieder das laute Stöhnen und das unablässige Quietschen aus dem Nebenzimmer ein. Oder... Meinte Ronïa vielleicht doch etwas anderes? Aelia konnte sich nun ein Grinsen nicht verkneifen. „Das Geficke hat mich überhaupt nicht gestört.“ Ronïa erwiderte das Grinsen nicht. Sie musterte Aelia einen langen Augenblick, als hätte sich soeben ein Verdacht bestätigt. Ronïa nickte. „Nein.“ Eine kleine Pause entstand. „Den Eindruck hatte ich auch nicht.“ Aelia erwiderte ihren Blick, doch sie kniff leicht ihre Augen zusammen. „...Was soll das heißen?“ Ronïa hob gelassen die Schultern. „Nichts.“ Mehr sagte Ronïa zunächst nicht. Bedächtig ließ sie die Schale in einem langen, gleichmäßigen Band vom Apfel gleiten und Aelia rührte mit dem Löffel den Haferbrei von einer Seite auf die andere. „Das Bett war bequem? Hattest du genug Platz?“ Aelia hielt mitten in der Bewegung inne. „...Ja, wieso auch nicht?“ „Das hört man gern.“ Aelia blinzelte und hob langsam, beinahe heimlich, den Blick. Ronïa schälte seelenruhig weiter, als hätte sie nichts Besonderes gesagt. Aelia nahm einen weiteren Löffel. Ronïa nickte nur und legte den geschälten Apfel beiseite, während sie nach ihrer Schüssel griff. Aelia musterte sie misstrauisch. Sie weiß es. Der Gedanke drängte sich mit solcher Hartnäckigkeit auf, dass sie ihn kaum noch abschütteln konnte. Aber woher? Und selbst wenn jemand etwas gehört hätte, hinter den Wänden dieses Hauses wurde jede Nacht gestöhnt, gelacht und geflüstert. Vielleicht bildete sie sich das alles nur ein. Vielleicht meinte Ronïa jedes ihrer Worte genau so, wie sie sie aussprach. Oder vielleicht... Aelia war sich plötzlich nicht mehr sicher, welche Möglichkeit sie beunruhigender fand. Aelia schob die leere Schüssel von sich. „Danke“, sagte sie leise. „Für alles.“ Ronïa hob den Blick und zuckte anteilnahmslos die Schultern. „Doréan hat dich hergebracht.“ Aelia nickte langsam. „Aber du hättest mich dennoch wegschicken können.“ „Ja“ „Aber du hast es nicht gemacht.“ „Nein.“ Aelia hob den Blick. Für einen flüchtigen Augenblick begegneten sich ihre Blicke, und unwillkürlich blieb sie an Ronïas Gesicht hängen. Was war nur mit dieser Frau? Sie war weder unfreundlich noch abweisend. Und doch haftete ihr eine Kühle an, die einen beinahe frösteln ließ. Als hielte sie die ganze Welt mit einer unsichtbaren Armlänge auf Abstand. Ronïa zog die Schüssel zu sich heran und beugte sich leicht darüber, um ein paar Löffel des inzwischen nur noch lauwarmen Haferbreis zu essen. Die dicke Haarpartie, die stets ihre rechte Gesichtshälfte bedeckte, glitt ihr nach vorn, und in diesem Augenblick fiel das schräg einfallende Morgenlicht auf ihr Gesicht. Und als sie genauer hinsah, glaubte Aelia, eine tiefe Furche ins Gesicht eingegraben unter dem Haar zu erkennen. War das... Eine Narbe? Aelia blinzelte und versuchte, genauer hinzusehen. Als Ronïa den Kopf wieder hob, lag ihr Gesicht bereits wieder im Schatten ihrer schwarzen Haare, und die vermutete Narbe war verschwunden, als hätte Aelia sie sich nur eingebildet. „Warum starrst du mich so an?“, fragte Ronïa ruhig. Aelia fuhr unwillkürlich zusammen. „Ich...“ Sie schüttelte den Kopf. „Nichts.“ Ronïa hielt ihrem Blick noch einen kurzen Augenblick stand, als wüsste sie genau, dass diese Antwort nicht stimmte. Aelia senkte den Blick. Je länger sie Ronïa gegenübersaß, desto unwohler fühlte sie sich. Sie hätte nicht einmal sagen können, weshalb. Diese Frau hatte ihrfür die vergangene ein Dach über dem Kopf und ein Bett gegeben, ihr sogar ein Bad bereitet und ihr an diesem Morgen eine Schale Haferbrei. Und doch ging von ihr eine eigentümliche Kühle aus, die Aelia bis ins Mark verunsicherte. Vielleicht war es besser, zu gehen. Millie... Wenn jemand sie für ein paar Tage aufnehmen würde, dann ihre beste Freundin. Aelia hob den Kopf. „Ich werde jetzt zu meiner Freundin Millie gehen. Vielleicht lässt sie mich für ein paar Tage bei sich übernachten.“ Ronïa sah sie einen Moment schweigend an. „Bist du sicher?“ „Ja.“ Aelia nickte. „Ich möchte nicht, dass meinetwegen noch jemand in Schwierigkeiten gerät.“ Ronïa schwieg einen Herzschlag lang. „Dann wünsche ich dir viel Glück.“
Millie hatte Aelia kaum durch die Tür gelassen, da zog sie sie bereits in eine stürmische Umarmung. „Na endlich!“, schimpfte sie, während sie sie gleichzeitig fest an sich drückte. „Ich hab schon geglaubt, dein Straßenköter hat dich irgendwo verscharrt.“ Aelia lachte. „Er ist kein Straßenköter.“ „Ach nein?“ Millie trat einen Schritt zurück und musterte sie von oben bis unten. „Na, dann hat er dich wenigstens ordentlich durchgekaut. Du strahlst ja wie eine frisch geputzte Silbermünze.“ Dabei blieb ihr Blick an dem schlichten Lederband hängen, das um Aelias Hals lag. Sie streckte den Finger aus. „Wobei...“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Die da strahlt entschieden weniger.“ Aelia folgte ihrem Blick. Die Münze ruhte auf ihrer Brust. „Seit wann trägst du denn Lochmünzen um den Hals?“ Millie grinste. „Geht's dir neuerdings so gut, dass du dir dein Kleingeld als Schmuck umbinden kannst?“ Aelia senkte den Blick. Unwillkürlich glitten ihre Fingerspitzen zu der Münze und umschlossen sie behutsam. Ein zartes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Die hat mir Doréan geschenkt.“ Millie hob beide Augenbrauen. „Ach, schau einer an.“ Sie beugte sich vor und betrachtete die Lochmünze noch einmal, dieses Mal jedoch mit weitaus größerem Interesse. „Die meisten Kerle drücken einer Frau erst nachher Geld in die Hand. Also hast du mit ihm geschlafen?“ Aelia riss empört die Augen auf. „Millie!“ Diese grinste ungerührt. „Was denn? Ist doch wahr.“ Sie lehnte sich wieder zurück. „Deiner scheint's ja andersrum zu machen.“ Sie nickte anerkennend. „Vielleicht taugt er tatsächlich was. Und jetzt erzählst du mir besser von vorne, was dieser Kerl alles mit dir angestellt hat.“ Sie zog Aelia am Ärmel zu dem kleinen Tisch am Fenster. „Setz dich und erzähl mir alles. Aber wehe, du fängst mittendrin an oder lässt irgendwelche Stellen aus.“ Aelia lachte leise und ließ sich auf den Stuhl sinken. Dann begann sie zu erzählen. Vom Fleischmarkt und der Schiffslaterne die nun ihre beiden Namen barg. Von der alten Stadtmauer, auf der sie gesessen und über die Dächer geblickt hatten. Millie hörte ungewohnt aufmerksam zu und schließlich senkte Aelia den Blick. Ihre Fingerspitzen spielten mit dem Saum ihres Kleides. „Wir haben miteinander geschlafen.“ Für einen Moment sagte keine von ihnen etwas. Dann lehnte Millie sich langsam zurück. „Das hätte ich von dir jetzt nicht erwartet. Ich meine nach kaum einer Woche?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein, ich auch nicht… aber er ist wirklich etwas besonderes. Er ist süß, er ist aufmerksam. Wir verbringen jede freie Minute miteinander. Ich bin völlig hoffnungslos in ihn vernarrt…“ Millies Grinsen verblasste allmählich. Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch und sah Aelia ernst an. „Und?“ „Und was?“ „Wie war er?“ Aelia lächelte unwillkürlich. Dieses kleine, verträumte Lächeln genügte Millie bereits als Antwort. Sie nickte langsam. „Gut“ Dann hob sie den Zeigefinger. „Aber hör mir jetzt gut zu.“ Aelia sah sie fragend an. „Die meisten Männer sind aufmerksam. Charmant. Zärtlich sogar.“ Millies Stimme war ruhig geworden. „Zumindest solange sie noch vor verschlossenen Türen stehen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Erst wenn eine Frau ihnen ihr Allerheiligstes geöffnet hat, zeigen viele ihr wahres Gesicht.“ Aelias Lächeln wurde etwas kleiner. „Deshalb verlieb dich nicht zu schnell.“ Millie legte ihre Hand auf Aelias. „Warte ab, ob er morgen noch derselbe ist wie gestern.“ Sie lächelte schief. „Und übermorgen auch.“ „Wenn er dann immer noch so ist...“ Sie zuckte mit den Schultern. „...dann fange ich vielleicht an, ihm zu vertrauen.“
Das Lächeln auf Aelias Lippen verblasste allmählich. Sie ließ die Lochmünze los und senkte den Blick. „Millie...“ Ihre Stimme war plötzlich leiser geworden. „Es gibt noch etwas, das ich dir erzählen muss.“ Millie bemerkte den Wandel sofort. Das spöttische Funkeln in ihren Augen wich einer aufmerksamen Ruhe. Aelia rang einen Moment mit sich. „Mahdia hat uns erwischt.“ Millie blinzelte. „Wie... erwischt?“ „In meinem Zimmer.“ Aelia brachte den Satz kaum hervor. „Doréan war noch dort.“ Sie schwieg einen Herzschlag lang, ehe sie mit gesenktem Blick hinzufügte „Sie hat ihn hinausgeworfen.“ Noch einmal stockte sie. „...und mich gleich mit.“ Mehr sagte sie nicht. Sie musste es auch nicht. Millie starrte sie einen langen Augenblick an. Langsam verschwand der letzte Rest ihres Grinsens. Sie wusste genau, was ein Rauswurf aus der Taverne bedeutete. Schließlich fragte sie ruhig „Wo hast du letzte Nacht geschlafen?“ „Bei seiner besten Freundin.“ Millie schnalzte hörbar mit der Zunge. „Eine beste Freundin?“ Aelia nickte. „Sie hat mich aufgenommen.“ Millie hob die Hand. „Er hat dich mitten in der Nacht... zu einer anderen Frau gebracht?“ „Sie ist nur seine beste Freundin.“ „Das habe ich schon verstanden.“ Millie schüttelte langsam den Kopf. „Aber warum?“ Aelia blinzelte. „Wie meinst du das?“ „Na, warum hat er dich nicht mit zu sich genommen?“ Sie breitete die Hände aus, als sei die Antwort so klar wie Kloßbrühe. „Du stehst nachts plötzlich ohne Dach über dem Kopf da, und der Kerl bringt dich zu seiner besten Freundin?“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Das ergibt doch keinen Sinn.“ Aelia schwieg. „Hat er denn kein Zuhause?“ „Doch... ich glaube schon.“ Millie zog die Augenbrauen zusammen. „Dann erklär's mir.“ Sie beugte sich ein wenig vor. „Denn entweder verschweigst du mir etwas... oder er.“ Aelia öffnete den Mund, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Sie hatte sich diese Frage bisher noch nicht gestellt. In jener Nacht war alles so schnell gegangen. Mahdias Zorn, der Rauswurf, die Dunkelheit vor der Taverne. Doréan hatte einfach nach ihrer Hand gegriffen und war mit ihr losgelaufen. Sie war ihm gefolgt, ohne nach dem Wohin zu fragen. „Ich... weiß es nicht.“ Millie musterte sie einen langen Augenblick. „Hast du ihn überhaupt gefragt?“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Hat er dir erklärt, warum nicht?“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein.“ Millie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Das gefällt mir nicht.“ „Millie...“ „Nein, hör mir zu.“ Ihre Stimme war ruhig geworden. „Ich sage nicht, dass der Kerl etwas im Schilde führt. Dafür kenne ich ihn viel zu wenig.“ Sie hielt kurz inne. „Aber wenn eine Frau mitten in der Nacht alles verliert, bringt man sie entweder in sein eigenes Haus... oder man sagt ihr wenigstens, warum das nicht geht.“ Aelia senkte den Blick. „Vielleicht gibt es einen Grund.“„Den gibt es bestimmt.“ Millie nickte langsam. „Die Frage ist bloß, ob es ein guter ist.“ Aelia schwieg. Sie erinnerte sich an Doréans Zögern vor der Tür des Aschemädchens. An den Blick, mit dem er Ronïa beinahe angefleht hatte, Aelia aufzunehmen. An seine Erleichterung, als Ronïa schließlich zur Seite getreten war. Damals hatte sie darin nur seine Sorge um sie gesehen. Jetzt fragte sie sich zum ersten Mal, weshalb er sie nicht einfach zu sich gebracht hatte. Millie beobachtete sie aufmerksam. „Frag ihn.“ Aelia hob den Kopf. „Was?“ „Frag ihn.“ Millie zuckte mit den Schultern. Sie sah Aelia ernst an. „Wenn ein Mann einen guten Grund hat, wird er ihn dir nennen.“ Für einen Augenblick schwieg sie. „Und wenn er keinen hat... dann solltest du das lieber jetzt erfahren als erst in einem halben Jahr.“ Millie schwieg einen Moment. Dann schien ihr plötzlich noch etwas einzufallen. „Sag mal...“ Aelia hob den Blick. „Wovon lebt er eigentlich?“ Aelia blinzelte. „Wie meinst du das?“ Millie sah sie an als dachte sie, Aelia wolle sie verarschen und sie warf sie Hände in die Luft. „Na, was arbeitet er?“ Aelia öffnete bereits den Mund, doch die Antwort blieb ihr im Hals stecken. Nach einem kurzen Zögern senkte sie den Blick. „...Das weiß ich nicht.“ Millie starrte sie ungläubig an. „Du weißt es nicht?“ Aelia schüttelte kaum merklich den Kopf. „Hat er eine Werkstatt? Ist er Handwerker? Tagelöhner? Fuhrmann? Fischer? Irgendetwas wird der Mann doch tun.“ „Wir... haben nie darüber gesprochen.“ Millie fuhr sich langsam mit der Hand über das Gesicht. „Aelia...“ Sie atmete hörbar aus. „Weißt du wenigstens, wo er wohnt?“ Wieder schwieg Aelia. Dieses Schweigen genügte ihr und Millie schloss für einen Augenblick die Augen. „Nicht einmal das?“ Aelia brachte nur ein leises „Nein“ hervor. Millie stieß ein ungläubiges Lachen aus, in dem nichts Heiteres mehr lag. „Du hast mit Ruben Schluss gemacht.“ Sie hob einen Finger. „Du hast diesen Kerl in dein Zimmer gelassen.“ Ein zweiter Finger. „Du hast dafür deine Arbeit und dein Zuhause verloren.“ Ein dritter. „Du hast mit ihm geschlafen.“ Ein vierter. „Und als du mitten in der Nacht auf der Straße standest, hat er dich zu einer dir fremden Frau gebracht.“ Sie ließ die Hand wieder sinken. „Und du weißt weder, wo er wohnt, noch womit er sein Geld verdient.“ Aelia konnte ihr nicht widersprechen. Millie schüttelte fassungslos den Kopf. „Bei allen guten Geistern...“ Sie sah ihre Freundin lange an. „Du weißt über den Mann kaum mehr als seinen Namen.“ Aelia presste die Lippen aufeinander. „Ich weiß.“ „Nein.“ Millie beugte sich ein Stück weit zu ihr nach vorne. „Du weißt, wie er lächelt. Du weißt, wie er dich ansieht. Du weißt, wie sich seine Hand in der deinen und wie sich sein Schwanz in dir anfühlt….“ Aelia wollte etwas sagen aber Millie schüttelte unwirsch den Kopf und sprach umso lauter dass Aelia gar nicht erst auf die Idee kam etwas sagen zu wollen. „Aber von dem Leben, das er führt, weißt du fast nichts.“ Aelia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Bis zu diesem Augenblick hatte sie darüber nie nachgedacht. Jetzt kamen ihr all diese Fragen mit einem Mal selbst erschreckend naheliegend vor. „Was soll ich denn jetzt machen?“ hauchte sie. Millie lachte bitter auf und dann blickte sie sie eindringlich an. „Du liebe Güte, muss ich dir denn alles vorkauen? Frag ihn, und vor allem eines sag ihm: Millie kann dich nicht bei sich wohnen lassen!“
Bis zum Morgengrauen ❖
25.07.2023 '14:24 [7.500 Wörter]
 oréan erwachte in aller Früh, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster hereingefallen waren. Das Erste, was er gesehen hatte, war Aelia, welche neben ihm schlief. Er hatte gelächelt und sie einen Moment lang beobachtet, bis ihm klar geworden war, dass er sich nach wie vor im Aschemädchen befand. »Scheiße.«, zischte er und schlüpfte dabei vorsichtig aus dem Bett, um Aelia nicht dabei aufzuwecken. Er zog sich seine Kleidung an und wandte sich, ein letztes Mal, Aelia zu. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sie regte sich. Doch ihre Augen waren geschlossen geblieben. »Wir sehen uns, mein Liebchen.«, hatte er gemurmelt und war schließlich aus dem Fenster geklettert. Eigentlich hätte er schon früher gehen müssen. Noch bevor der Tag angebrochen war. Nun würden Ronïa und auch viele der anderen Mädchen schon wach sein.
Als er schließlich aus dem Fenster geklettert war, und einen letzten Blick hinaufgeworfen hatte, da atmete er erleichtert aus. »Was denkst du dir eigentlich?«, zischte eine Stimme hinter ihm, und er fuhr erschrocken zusammen. »Oder denkst du überhaupt irgendwann?« Doréan wandte sich um und da stand sie, mit ihrem mürrischen und reservierten Gesichtsausdruck. »Ich habe dir doch klar gesagt, dass du hier nicht schlafen kannst.« Doréan zuckte mit den Achseln. »War so nich' geplant gewesen.«, murmelte er verlegen und Ronïa verzog ihren linken Mundwinkel, jener welcher nicht von der Haarsträhne bedeckt war. »Du bist einfach unverbesserlich.« Da hob Doréan die Hände leicht in die Höhe und zuckte mit den Schultern. »Is doch nix passiert.« Ronïa schnalzte mit der Zunge. »Das is auch der einzige Grund, warum ich dir nicht den Kopf abreiße. Du Holzkopf!« Sie trat vom Fenster weg, aus welchem sie mit Doréan gesprochen hatte und öffnete die schmale Hintertür, welche vom Hinterhof in die Küche führte. »Komm.« Sie trat zur Seite und ließ Doréan schließlich ins Haus huschen.
Zwei neugierige Augen starrten zwischen den schweren Vorhängen hindurch, die nur einen schmalen Spalt freigelassen hatten und den Blick auf den Hinterhof gewährt hatten. Eine Frau mit blonden, langen Haaren starrte hinunter und runzelte die Stirn, als sie sah, wie Ronïa einen Mann ins Haus ließ, obwohl es eigentlich noch geschlossen war. Ein Freier? Um diese Zeit? Doch Ronïa empfing doch keine mehr, und das seit geraumer Zeit. Sie konnte den Mann nicht erkennen, doch ihre Neugier war geweckt worden. Und so zog sie die Vorhänge ein Stück weiter auseinander und wagte einen genaueren Blick, hinunter in den Innenhof. Und da erkannte sie ihn. Sie konnte ihn zuerst nicht erkennen. Doch als er sich verstohlen umgesehen hatte, bevor er das Haus betreten hatte, da konnte sie sein Gesicht sehen. »Den kenn ich doch?«, murmelte die Dirne und verzog ihren Mund zu einer nachdenklichen Schnute.
Ronïa bugsierte Doréan in die Küche. Der Duft von Brei und Brühe stieg ihm unweigerlich in die Nase und er hielt inne. Ronïa, welche Doreáns Blicke bemerkt hatte, rollte mit den Augen, doch sagte nichts. »Noch schlafen alle. Du gehst jetzt, durch die Tür.« Doréan allerdings lief das Wasser im Mund zusammen. Er hatte schon seit geraumer Zeit nichts richtiges mehr gegessen und sein knurrender Magen war kaum zu überhören, so dass Ronïa schließlich seufzte. »Na gut. Aber mach schnell.« Sie trat an den Kessel heran und schöpfte eine großzügige Portion in eine kleine Schale. Dazu reichte sie ihm einen hölzernen Löffel und einen Apfel. »Iss. Und dann verpiss dich endlich, Réan.«
Die blonde Dirne huschte vorsichtig die Treppen hinab. Mit jedem Schritt den sie tat, sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein, als ob jedes noch so leise Knarren sie verraten könnte. Doch schließlich war sie vor der Tür zur Küche angekommen. »Guten Morgen, Marla.«, tönte Ronïas Stimme hinter der Tür hervor, welche nur einen Spalt weit geöffnet stand. Marla knirschte mit den Zähnen und straffte dann stolz den Rücken, bevor sie die Tür vollends aufstieß und in die Küche trat. »Guten Morgen, Ronïa.« Ronïa lehnte an der Wand und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. »So früh auf den Beinen?«, hakte Ronïa nach, während Marla sich scheinbar unscheinbar und beiläufig in der Küche umsah. Doch außer einer leeren Schüssel, in welcher ein Holzlöffel lag, konnte sie nichts sehen. Marla runzelte die Stirn, doch sagte sie nichts darauf. Sie trat an das Fenster heran und legte ihre Hände auf die Fensterbank. »Die Nacht war sehr schwül. Konnte kaum ein Auge zubringen.« Da seufzte Ronïa und legte den Kopf ein wenig schräg zur Seite. »Er ist nicht mehr hier.« Marla hob den Kopf und wandte sich zu Ronïa um. »Wer?« Ronïa verzog ihren Mundwinkel zu einem wissenden Lächeln. »Du weißt, wen ich meine.« Damit löste Ronïa die Verschränkung ihrer Arme und verließ die Küche. »Sei nicht immer so neugierig, Marla.«, brummte Ronïa und innerlich biss sie sich auf die Lippen und verwünschte Doréan. Männer. Denken immer nur mit ihrem Scheiß Schwanz.
Doréan schlenderte über die alten Planken des Hafens. Er hatte es nicht sonderlich eilig, das konnte selbst ein Blinder sehen. Und doch zog es ihn unweigerlich an einen bestimmten Ort. Seine Gedanken hingegen hingen ganz woanders. Sie galten Aelia und immer, wenn er seine Augen schloss sah er ihr hübsches Gesicht vor sich. Wie sie ihn anlächelte. Wie sie, mit dem morgendlichen Sonnenstrahl auf dem schlafenden Gesicht einfach dagelegen hatte. Wie ihr dunkles, wallendes Haar ihren Körper umschlungen gehalten hatte. »Na sowas.«, brummte Raban. »Du bist heute mal nicht zu spät.« Doréan wurde aus seinen Gedanken gerissen. Raban stand am vereinbarten Treffpunkt unter der alten Statue, die jeden unter sich mit anklagenden Blicken bedachte. Die Pfeife in seiner Hand rauchte und er tat gerade einen kräftigen Zug. »Ich hätte schwören können, dass du heute wieder zu spät kommst.«, murmelte Raban und tat einen neuerlichen Zug aus der Pfeife. Doréan hingegen zuckte nur mit den Achseln. Was sollte er darauf schon groß erwidern. Raban trat von der Wand weg und einen Schritt auf Doréan hinzu. »Glück gehabt, Welpe. Ich hätt dir sonst gehörig in den Arsch getreten.« Da grinste Doréan breit. »Muss wohl mein Glückstag sein.« Raban schnaubte mürrisch. »Das werden wir noch sehen…Komm.« Raban klopfte die Pfeife an der Wand aus und ein wenig glühende Asche fiel dabei zu Boden.
Sie verließen den Hafen und Raban führte Doréan durch die Hundsgassen. Der Tag war schwül und die Luft war stickig. Obwohl dies eine Hafenstadt war, an welcher stets eine steife Brise herrschte. Doch heute nicht. Es war ein windstiller Tag und es hatte in der Nacht geregnet. Die Luft stand förmlich und in manchen engen Gassen war sie so dick geworden, dass man sie mit dem Messer hätte schneiden können. Raban standen einige Schweißperlen auf der Stirn und auch Doréan erging es kaum besser. »So ein Scheißtag.«, maulte Raban und bog in eine enge Gasse ein, in welcher die Häuser so dicht beieinanderstanden, dass sich selbst der kleinste Sonnenstrahl nicht mehr hindurchzwängen konnte. Die Schatten umfingen die beiden Männer und kaum waren sie etwas tiefer in die Gasse vorgedrungen, stellte sich auch schon eine merkliche Kühle ein, welche den beiden eine gewisse Linderung verschaffte. »Wer will an so 'nem Scheißtag überhaupt 'nen Finger krumm machen?«, maulte Doréan und da lächelte Raban breit. »Na du. Is wohl doch nich' dein Glückstag was?« Da seufzte Doréan.
Sie erreichten den Fleischmarkt. Am Gattertor lungerten Alberts Spießgesellen herum und warfen mürrische und gelangweilte Blicke in die Gegend. Auch ihnen war deutlich anzusehen, wie sehr ihnen diese schwüle Luft zu schaffen machte. Doch als sie Doréan und Raban sahen, da regten sie sich. Ein schwarzer Hund, welcher an einer langen Leine gehalten wurde, kam auf Doréan hinzu. Er begann zu schnüffeln und schließlich bedrohlich zu knurren. »Bei Fuß!« herrschte einer der Leute und zerrte den Hund zurück. Der Hund trottete zu seinem Herrn zurück und Raban warf einen mürrischen Blick auf den Hund. »Ich hasse Hunde.«, brummte Raban. »Was wollt ihr hier?«, maulte der Hundeführer und Raban schob sich vor Doréan. »Wo is der Fette Hundesohn?« Damit war natürlich Albert gemeint. Der Hundeführer zuckte mit den Achseln. »Irgendwo am Markt, schätze ich?« Raban schnaubte. »Geht das auch genauer? Ich habe keinen Bock über den halben Markt zu laufen. Es is Scheißschwül heute.« »Er is bei seinem verdammten Turm. Bei so'nem Wetter kommt er nur selten raus.« Raban nickte und schleifte Doréan förmlich hinter sich her. »Du gehst jetzt zu Albert und holst unseren Anteil. Ich warte hier auf dich…im schönen kühlen Schatten.« Raban grinste breit und Doréan verzog mürrisch den Mundwinkel. Sein Blick huschte durch das Tor des Schlunds. Doch alles was er sah waren schwitzende Menschen, Sonnenstrahlen, die durch die Dächer und Planen traten, und noch mehr schwitzende Menschen.
Aber er gab keine Widerworte und trottete auf den alten Turm zu, hinter welchem sich der fette Albert verkrochen hatte. Auf dem Weg dorthin blieb er einen Moment lang stehen. Die Seelaternen waren dunkel. Wenn einige von ihnen im matten Schein schimmerten, so konnte es man nicht sehen. Doch eine der Laternen fiel ihm besonders ins Auge. Es war jene, in welche er das Herz hinein geritzt hatte. Als er es über seinem Kopf erspähte, da lächelte er einen Moment und musste unweigerlich an Aelia denken.
Beim Turm angekommen, klopfte er gegen die hölzerne Tür und wartete. Der Mistkerl ließ sich, für Doréans Begriffe, viel zu lange Zeit. Doch als sich die Türe endlich öffnete, und der massige, schmerbäuchige Kerl vor ihm stand, da stellten sich Doréan förmlich die Nackenhaare auf. Seine Tunika wies große Schweißflecken auf und ein übler, stechender Geruch drang ihm in die Nase. »Was willst du, Bengel?«, murrte Albert. Doréan, welcher den Drang sich die Nase zuzuhalten, unterdrücken musste, hielt den Atem an. »Raban schickt mich.«, murmelte er nur, während er darauf bedacht war, möglichst wenig durch die Nase zu atmen. Albert schnaubte mürrisch, doch sagte nichts. Er schlurfte zurück in den Turm und ließ Doréan eine weitere, gefühlte Ewigkeit in der sengenden Sonne ausharren.
Schließlich kehrte Doréan mit einem kleinen, schweren Beutel voller Scherben zu Raban zurück und überreichte ihm diesen. Raban nickte nur, steckte den Beutel ein und führte Doréan weiter durch das warme, stickige Elend des grauen Viertels. Sie erreichten einen großen Brunnenplatz, an welchem sich ein altes Warenhaus befand, dass schon einmal deutlich bessere Tage gesehen hatte. Raban schnalzte mit der Zunge und wischte sich zum wiederholten Male den Schweiß von der Stirn. »Bei der Hitze klebt es einem sogar die Arschbacken zusammen.« Er zog seine Pfeife aus der Tasche und lehnte sich dann schließlich an die Häuserwand. »Na los. Setzt dich da hinten hin.«, befahl er mürrisch, während er im Begriff war seine Pfeife zu stopfen. Doréan zuckte zunächst mit den Achseln. »Und was soll ich da machen?«, hakte Doréan nach. »Wenn so ein Kerl mit 'nem roten Hut aufkreuzt, dann gib mir ein Zeichen. Solange hältst du einfach Maulaffen feil und machst keinen Scheiß.«
Die Zeit verging quälend langsam. Dutzende Menschen kamen und gingen. Die meisten von ihnen waren Frauen und Doréan sah, wie Raben jeder einzelnen ein Lächeln, ein Nicken oder einige zotige Worte nachgerufen hatte. Doch keiner von ihnen hatte einen roten Hut getragen. Er scharrte immer wieder mit der Hacke seines Stiefels im Boden herum, bis er irgendwann eine regelrechte Kuhle gegraben hatte. Doréan lief der Schweiß am Körper herab. Seine Tunika klebte ihm schon am Rücken fest und innerlich verwünschte er diesen verdammten Kerl mit seinem verfluchten roten Hut. Schließlich kam der Kerl endlich angelaufen. Doréan rollte seine Zunge und drückte sie gegen die Zähne, um Raban das vereinbarte Zeichen zu geben. Raban hatte soeben einen tiefen Zug aus seiner Pfeife gezogen. Doch da sah er den Mann ebenfalls. Er deutete Doréan und schließlich auf den Mann. Und so erhoben sich die beiden und näherten sich ihm aus zwei verschiedenen Richtungen. Bis sie ihn schließlich in die Zange genommen hatten. »Na. Wie geht’s, wie stehts?«, flötete Raban spöttisch vergnügt. Der Mann richtete seine Blicke auf Raban, bis er sich Doréan gewahr wurde, welcher sich ihm von hinten genähert hatte. »Wer seid ihr?« murmelte der Mann mit hörbarer Unsicherheit in der Stimme. Raban wedelte mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen würde. »Niemand.«, antwortete Raban und bedachte den Mann mit einem einhergehenden Blick. »Wie geht’s der Hand?«, erkundigte sich Raban was den Mann nur noch verwirrte dreinschauen ließ. »Welche Hand? Wovon faselst du da?« Da knurrte Raban ungehalten. »Ich stelle hier die Fragen, du hörst nur zu.« Er trat noch einen Schritt näher und Doréan war dabei nicht entgangen, dass er seine Fäuste geballt hatte. Ohne eine Vorwarnung donnerte er dem Mann die Faust in die Magengrube. Er ächzte und sackte auf ein Knie, woraufhin Raben ihm noch das Knie gegen die Schläfe schmetterte. Er hob schützend seine Hände und versuchte sich vor weiteren Schlägen abzuschirmen. Raban beugte sich zu ihm vor und packte ihn am Kragen. »Steh auf.« befahl er und zog ihn ruppig auf die Beine zurück. »Das war für Helga. Du erinnerst dich an Helga?« Der Mann schluckte, doch er schüttelte weder den Kopf, noch nickte er. »Du weißt schon. Die kleine Blonde, der du gestern eine Ohrfeige verpasst hast?« Da dämmerte es dem Mann langsam. »Sie…sie hat mir…« Raban schnitt dem Mann unwirsch das Wort ab. »Wegen dir hat sie jetzt ne gebrochene Nase und kann nich' anschaffen.«, brummte Raban mürrisch. Doch wer Raban kannte, wusste dass ihm die Dirne und ihre gebrochene Nase völlig egal war. Er war einfach nur wegen der schwülen Luft in schlechter Stimmung. Und dieser Kerl mit dem roten Hut kam ihm da gerade gelegen. »Auge um Auge…«, murmelte Raban und hob seine rechte Faust. »…Zahn um Zahn.« Und schon schnellte die Faust in das Gesicht des Mannes.
Es hatte drei harte Schläge gebraucht, bis Raban schließlich von ihm abgelassen hatte Erst da ließ Raban seinen Kragen los und ließ ihn zu Boden sacken. Doch er ließ es sich nicht nehmen, den roten Hut von seinem Kopf zu ziehen und warf diesen kurzerhand einfach in den Brunnen neben sich. »Nächstes Mal, sind wir nicht so zimperlich. Verstanden, du Pisspott?« Der Mann nickte nur, mit beiden Händen über dem Kopf zusammengeschlagen. Und dabei ließ es Raban schließlich bewenden.
Der Tag verlief sonst relativ ereignislos. Es wurden Schutzgelder eingefordert. Ein Streit unter Männern geschlichtet und ein zahlungssäumiger Händler an seine 'Pflichten' erinnert. Hier und da standen Raban und Doréan einfach nur Schmiere und warnten vor nahender Stadtwache. Doch als sich der Tag langsam seinem Ende näherte, da räusperte sich Raban. »Erinnerst du dich noch an diesen Wachmann?«, begann er und Doréan hob den Kopf. »Der, dem du vor Kurzem den Beutel Silber gegeben hast.« Da dämmerte es Doréan und er nickte. »Ja. Der verfickte Hundsfott. Läuft mir seither ständig über den Weg. Als ob er mich verfolgen würde.«, maulte Doréan ungehalten. »Ja. Davon habe ich gehört…Und?« Doréan sah Raban mit einem sichtlich, verständnislosen Blick an. »Und was?«, hakte er nach und Raban sah ihn dann noch ernster an. »Und, hast du ihm einen Grund dazu gegeben? Doréan schüttelte heftig den Kopf, so dass seine Haare hin und her flogen. »Nicht, dass ich wüsste.« Doch dass er diesem Wachmann erst gestern den Gürtel aufgeschnitten hatte, so dass dieser bäuchlings und mit heruntergelassener Hose zum Gespött des roten Bullen geworden war, verschwieg er dabei. »Nun, das will ich dir auch geraten haben…sonst…« Raban brachte den Satz nicht zu Ende. Es war klar, wo das enden würde. Bei den verdammten Fischen. »Is dir an dem irgendwas aufgefallen?«, verlangte Raban zu erfahren und Doréan schüttelte den Kopf. »Ne, ich hab' dem nur den Beutel gegeben und das wars.« Raban seufzte und bedachte Doréan mit einem nachdenklichen Blick. »Wirklich. Ich hab nur gemacht, was du mir gesagt hast.« Er hob abwehrend die Hände, als fürchtete er, dass er nun auch eine Tracht Prügel kassieren würde, aber Raban brummte nur grimmig. »Seit du ihm den Beutel gegeben hast, schnüffelt er herum. Fragt nach dir. Steckt seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen. Er sucht…gezielt nach dir. Das ist…ungewöhnlich.« Raban bedachte Doréan erneut mit einem beinahe misstrauischen Blick, so dass der Gossenfloh erneut die Arme hob. »Ich hab' nich' die leiseste Ahnung, warum. Ehrlich!« »Das hoffe ich für dich.«, brummte Raban und zupfte sich dabei nachdenklich an der Unterlippe. »Es gefällt Lenan nicht…« Dabei sah er Doréan mit einem seltsamen Blick an, doch der Gossenfloh erwiderte diesen nur mit einem leeren Blick. »Lenan bezahlt die Blauröcke nicht, damit sie einem von uns nachstellen, oder in der Ascherinne rumschnüffeln.« Wieder seufzte Raban und Doréan schlug die Augen nieder und betrachtete seine Stiefel, als ob er diese gerade zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hätte und sie furchtbar interessanter geworden wären, als dieser seltsame Wachmann. »Wie dem auch sei.«, brummte Raban. »Der Kerl ist ein Problem geworden…« Da hob Doréan wieder den Kopf und sah Raban schließlich in die Augen. »Und was machen wir jetzt?«, wollte Doréan wissen, woraufhin Raban nur schief grinste. »Wir? Gar nichts. Du…« Er drückte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust. »Du hast den Kettenhund aufgescheucht.« Doréan schluckte. Dieses Gespräch gefiel ihm immer weniger und weniger. »Du lockst ihn vom Tor weg…in irgendeine dunkle Gasse…den Rest erledigen andere. Verstanden?« Doréan nickte stumm und wagte es nicht einmal Raban dabei anzusehen. »Sieh zu, dass er alleine ist, und euch niemand sieht. Dann kannst du dich verpissen.« Raban ergriff Doréan daraufhin forsch am Arm und zwang ihn so, ihm direkt in die Augen zu sehen. »Aber wenn du doch Mist gebaut hast und wir es erfahren, wenn wir ihn in die Mangel nehmen…« »Ja Ja. Fische…und so weiter.«, murmelte Doréan und ein diebisches Grinsen stahl sich daraufhin auf Rabans Gesicht. Er zwinkerte und klopfte Doréan dann auf die Schulter. »Ich mag dich, Kleiner. Wär schade um dich.«
Die Abenddämmerung war bereits hereingebrochen. Das Tuch der Nacht breitete sich langsam über der ganzen Stadt aus und Doréan verwünschte innerlich diesen verdammten Wachmann. Wegen ihm hatte er Aelia heute nicht einmal gesehen. Und es würde vermutlich noch die halbe Nacht dauern, bis dieser Hundsfott endlich aus seiner verdammten Stube beim Tor herauskommen würde. Er seufzte und trat schlecht gelaunt nach einem Stein, der herrenlos und einsam auf der Straße lag. »Scheiße.« murmelte Doréan, während der Stein klackernd über die alten Pflastersteine rollte. Am liebsten würde er den Hundsfott selber in die Mangel nehmen und ihn fragen, warum er ihm so hartnäckig auf den Fersten haftete. Schlimmer als zähe Hundescheiße, das war er. Nichts anderes! Das schummrige Laternenlicht des Scherbentores tauchte den Platz in ein unheilvolles Ambiente. Das flackernde und oftmals pulsierende Licht ließ das Tor noch abweisender und bedrohlicher wirken, als es schon bei Tage wirkte, wenn dort die Wachmannschaft, bis an die Zähne bewaffnet, Wache schob. Doch noch viel bedrohlicher als das Leuchten selbst, wirkten die schwarzen Schemen, welche sich davor abzeichneten. Die beiden Torwachen warfen so lange Schatten in die Gasse, dass sie beinahe mit dem Schatten Doréans verschmolzen. Doréan lehnte sich gegen eine Hauswand und beobachtete die Schemen. Doch in diesem schlechten Licht sahen die Wachleute allesamt gleich aus. Alle trugen diesen dämlichen Helm, der wie ein eiserner Hut aussah. Alle trugen eine Lanze. Gelegentlich schlenderte einer von ihnen von einer Seite des Tores zur anderen und trug dabei eine schaukelnde Laterne vor sich her, dessen tanzendes Licht die diffuse Stimmung durchbrach. Die Schemen unterschieden sich lediglich in Statur oder der dumpfen Stimmen, die an Doréans Ohren drangen.
Eine schwere Hand legte sich ihm auf die Schulter und Doréan überkam ein Schauer des Schreckens, der ihm bist tief in die Glieder einfuhr. »Na, wen haben wir denn hier?« brummte eine tiefe Stimme, die Doréan erschreckend bekannt vorkam. »Hab' ich dich endlich gefunden, du miese, diebische Kanalratte.« Doréan wandte sich und drehte den Kopf zur Seite. Und da stand er, dieser Wachmann. Hartwig. »Was lungerst du hier so rum, allein…im Dunkeln?« Doréan schluckte hart. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Wie sollte er diesen Hundsfott jetzt in die Gasse locken? Hartwig brummte mürrisch. »Bist du stumm? Oder einfach nur behindert?« Er verstärkte den Griff um Doréans Schulter und seine Finger gruben sich unerbittlich in seine Haut. »Lass uns mal über das Silber reden.«, brummte Hartwig und bedachte Doréan mit einem finsteren Blick. Doréan hob den Kopf und die Verwirrung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Welches Silber?«, stammelte er kleinlaut. Daraufhin schnaubte Hartwig. »Du weißt, welches Silber ich meine. Und dann sehe ich dich am nächsten Tag. Und hängst diesem Flittchen eine silberne Münze um den Hals. Meine Münze.« Unweigerlich drängten sich Doréan die Erinnerungen an diesen Tag auf. Er sah sie so klar vor sich, als stünde sie hier neben ihm. Aelia. Ihr Lächeln. Und der Anblick, als die Münze sich zwischen ihren Brüsten auf ihrer hellen Haut abgezeichnet hatte. Sofort stahl sich ein verträumtes Lächeln auf sein Gesicht. Hartwig brummte genervt. »Hör auf so dämlich zu grinsen.« Er rüttelte mit seiner Hand und holte Doréan aus seiner Träumerei zurück. »Ich will die Münze zurück, klar?«, befahl Hartwig und Doréan biss sich dann auf die Lippen. »Das is nich' deine Münze, du Hundsfott!«, zischte er und windete sich aus Hartwigs Griff heraus. »Und mein Liebchen is kein Flittchen!« Mit diesen Worten holte er aus und ließ seinen Fuß hervorschnellen. Er grub sich hart und unbarmherzig zwischen Hartwigs Beine. Hartwig ließ von Doréan ab und stöhnte schmerzerfüllt auf. »Du Ratte.«, zischte er während er sich mit einem gequälten Ausdruck auf dem Gesicht das Gemächt hielt, um den Schmerz zu bändigen. »Dir schneide ich die Eier ab! Und dann hol ich mir von deinem Luder mein Silber zurück.«
Doréan dachte nicht im Traum daran, sich von Hartwig erwischen zu lassen. Er musste ihn nur in eine dunkle Gasse locken und dann würden sich die richtigen Leute um ihn kümmern. Die Worte Hartwigs schwangen ihm noch im Kopf herum. Er will sich an Aelia vergreifen? Sich sein Silber holen? Das war sein Silber! Er hatte es ehrlich verdient. Nun, wenn man seine Arbeit als ehrlich bezeichnen wollte. Aber er hatte es nicht gestohlen…Und ehe würde er diesen Hundsfott selber die Kehle durchschneiden, als dass er zuließe, dass er Hand an Aelia legen würde.
Jäh kam Doréans Flucht in die Schatten zum Erliegen. Er rannte um eine Ecke und prallte gegen einen Mann, der um die Ecke gestanden hatte. Rücklings kam Doréan zum Halt und eine rüde Hand packte ihn daraufhin. Noch ein Nachtwächter. Doréan presste die Lippen zusammen. Und als Hartwig, mit schwerem Atem und noch schwereren Schritten, ebenfalls um die Ecke gerannt kam, da lächelte er dreckig, als er Doréan in den Fängen seines Kameraden sah. »Ah, Hartwig. Hat der Bengel Dreck am Stecken?« Hartwig lächelte. »Und wie. Der kleine Scheißer, dem gerb ich das Fell.« Doréan windete sich unter dem Griff des Wachmanns doch dieser hielt ihn fester, als Hartwig zuvor. Es gab kein Entrinnen. »Ich hab' dein verdammtes Silber nicht' geklaut!«, protestierte Doréan und legte seine Hände auf die panzerbewehrte Hand des Wachmanns, in dem verzweifelten Versuch sie irgendwie zu öffnen, um sich zu befreien. »Silber?« Da horchte der Kamerad auf und warf Hartwig einen fragenden Blick zu. »Von welchem Silber faselt der Bengel?« Hartwig trat nun ebenfalls an Doréan heran. »Ich kümmere mich um die verlogene Ratte.« Er legte nun ebenfalls seine Hand an Doréan. Seine Hand umfasste sein Handgelenk und riss dann Doréans Arm in die Höhe und offenbarte die Hand, in dem ledernen Handschuh. Ohne ein Wort zu sagen, zog er Doréan den Handschuh von der Hand und offenbarte seinen Makel. Den fehlenden Finger. »Ah. Ein Dieb also.«, stellte der Kamerad fest und lächelte dann wissend. »Ihr Straßenköter seid unverbesserlich. Du weißt, was dir blüht, wenn man dich mit so einer Hand beim Klauen erwischt?« Doréan schüttelte den Kopf und protestierte. »Ich hab net geklaut!« Der Kamerad wandte sich an Hartwig. »Mein Kamerad behauptet, du hast Silber gestohlen.«, widersprach er rüde und riss an Doréans Kragen. »Der Hundsfott lügt…« Weiter kam Doréan nicht, als Hartwig ihm eine harte Schelle verpasst hatte. »Du bist der verlogene Hund, dem ein Finger fehlt.« Der Kamerad setzte sich schließlich in Bewegung und zerrte Doréan, und dadurch auch Hartwig, mit sich. »Wohin bringt ihr mich?«, begehrte Doréan auf und stemmte dabei seine Beine gegen den Boden, um sich zu wehren. »In den Kerker…und morgen…« Er legte sich eine Hand auf den Hals und wandte dann seinen Blick zu Doréan. »Wirst du hängen, dreckiger Straßenköter.« Hartwig grunzte und trat dann an Doréan heran. »Und ich hol mir dein Mädchen…und mein Silber. Und dann hängen wir sie neben dir auf.« Er raunte Doréan die Worte so leise ins Ohr, dass sein Kamerad sie nicht hören konnte. Doch Doréan sträubte sich wie eine Katze, die kurz davor war in den Fluss geworfen zu werden. »Ihr miesen Pisspötte! Lasst mich gefälligst los, verdammte Hurenhunde, die Pest soll euch dahinraffen, ihr verfickten…« Hartwigs Kamerad schnaubte verächtlich und donnerte Doréan die Faust in den Magen. »Halts Maul, du krakeelender Rohrspatz.«
In der Wachstube angekommen, wurde Doréan kurzerhand in die Zelle befördert. Der wachhabende Kerkermeister verschränkte die Arme vor der Brust. »Wen schleift ihr denn da an?« Er bedachte ihn mit akribischen, wenn auch gleichgültigen Blicken. »Noch so ein Straßenköter.« Hartwig brummte mürrisch. »Kümmer dich um deinen Kram, Alrik.« Alrik zischte und wandte sich schließlich Doréan zu. »Und was hat er ausgefressen?«, verlangte Alrik zu erfahren, während er Doréan etwas näher in Augenschein nahm, bis er schließlich auch den fehlenden Finger an seiner linken Hand bemerkt hatte. »Hat Silber geklaut.«, brummte Hartwig mürrisch. Alrik seufzte und wandte sich wieder um. »Silber geklaut…« Hartwig und der Kamerad, welcher Doréan auf der Straße ergriffen hatte, traten hervor. »Wessen Silber?«, Alrik bedachte Hartwig und Lothar mit fragenden Blicken. »Wer erhebt hier eigentlich Anklage?« »Was kümmerts dich, Alrik? Er is nur ein bedeutungsloser Straßenköter. Und morgen wird er hängen.« Da seufzte Alrik. »Ihr wisst doch, der verdammte Kommandant will jeden Scheiß dokumentiert haben. Und ihr schleift diesen Hund mitten in der Nacht ran und halst mir nen Haufen Arbeit auf. Danke vielmals.« Hartwigs Mundwinkel zuckte hämisch während Lothar sich schließlich räusperte. »Hartwigs Silber.« Hartwig verzog mürrisch die Mundwinkel. Das Gespräch entwickelte sich in eine Richtung, die ihm ganz und gar nicht gefiel. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre er nie in die Zelle geworfen worden. In Alriks Augen funkelte etwas. Es war dieses Funkeln eines Mannes, der Hartwig mit argwöhnischen Blicken bedachte. »Dein Silber also? Und du erhebst Anklage? Soll ich das so aufschreiben, Hartwig?«, hakte Alrik nach und lächelte dabei. »Dieser kleine Straßenköter hat dich beklaut?« Alrik grunzte und lachte dann dreckig. »Erst verläufst du dich in die Ascherinne, dann rutscht dir vor allen die Hose runter und du blamierst dich bis auf die Knochen, und jetzt klaut dir so ne kleine Straßenratte auch noch Silber?« Hartwig schnaubte mürrisch. »Is nicht deine Woche, was Hartwig?« Er lachte spöttisch und bedachte sowohl Hartwig als auch Doréan mit wechselnden Blicken. Er suhlte sich förmlich in dem Elend Hartwigs und sah nun seine Gelegenheit Hartwig ordentlich eine reinzuwürgen. Doréan, welcher das Gespräch der Wachen bisher aufmerksam und schweigend verfolgt hatte, grinste plötzlich breit. »Und er nimmt Schmiergeld.« Schlagartig wurde es still und die Männer verstummten. Jeder von ihnen. Alrik, Esben und Lothar. Selbst Hartwig sagte kein Wort mehr. Die vier Männer sahen einander an, und Doréan begriff augenblicklich, warum. Nicht einer von ihnen wirkte empört. Nicht einer stellte die Behauptung infrage. Sie wussten es längst. Sie alle hielten die Hand auf. Und sie bedachten Doréan mit einem wissenden Blick. Doréan starrte sie daraufhin nur wortlos an und in ihm keimte schließlich die drückende Erkenntnis auf, dass sie alle die Hand aufhielten. Die ganze Truppe war korrupt. »Du bist ganz schön vorlaut, Kleiner.«, brummte Esben und Doréan knirschte mit den Zähnen. »Aber ich hab' ihm kein Silber geklaut. Ganz im Gegenteil!« Schließlich deutete er auf Hartwig. »Dieser Hundsfott. Ich habe ihm erst gestern einen dicken Beutel Silber gegeben.« Alrik wandte sich zu Doréan um. »Ach…ist das so?« »So ein kleiner Kläffer.«, brummte Hartwig, der nun noch mürrischer wirkte als zuvor. Er trat an den Käfig heran und schlug gegen die Gitterstäbe. »Halts Maul, du Ratte.« Doch Alrik lächelte süffisant und legte seine Hand auf Hartwigs Arm. »Nein, lass den Kläffer mal reden. Da möchte ich mehr hören. Silber…ein dicker Beutel? Woher hat so eine kleine Ratte wie du so viel Silber?« Er wandte sich an Doréan und sah ihn herausfordernd an. »Was glaubst du denn, wessen Silber das war, du Hundsfott? Meins jedenfalls nich'.«, blaffte Doréan beleidigt. »Und du lügst auch nicht?« Alrik ahnte längst, dass hier etwas nicht stimmte. Er hatte Hartwig noch nie leiden können. Und nun bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit Hartwig endlich zu diskreditieren. Doreán lächelte und nickte eifrig. »Ja, ich schwörs bei allem was mir Heilig is.« Da schnaubte Hartwig und Lothar verschränkte sichtlich die Arme vor der Brust. »Einem Straßenköter wie dir ist doch gar nichts heilig!« Lothar lachte daraufhin dreckig und Hartwig stimmte verhalten mit ein. Doch Alrik ließ sich davon nicht beirren. »Nun.« Alrik rieb sich langsam über die Bartstoppeln und es klang wie ein rostiges Reibeisen. »Wo ist das Silber, Hartwig?« Seine Stimme hatte sich verändert. Sogar Doréan hatte es bemerkt. Die Stimmung war merklich kühler und angespannter geworden. »Du kennst unsere Regel.« Er zeigte nacheinander auf Lothar, Esben und schließlich auf sich selbst. »Jedes Loch wird geteilt.« Dabei warf er den angesprochenen auffordernde Blicke zu, welche daraufhin auch langsam zu nicken begannen. »Ja genau. Jedes Loch wird geteilt.« Hartwig verschränkte die Arme vor der Brust, doch sagte er nichts. »Dieser Bengel behauptet du hast Silber bekommen…wo ist mein Anteil? Unser Anteil?« Alrik deutete dabei auf die anderen beiden. Esben und Lothar, welche nun ebenfalls ein wenig verhaltener wirkten und ihre erwartungsvollen Blicke auf Hartwig warfen. »Wir haben diese Regel nicht ohne Grund. Das weißt du. Sie ist ein Zeichen der Loyalität…unter uns. Wir stehen jeden Tag mit einem Fuß am Galgen und du…du…« Da schnaubte Hartwig genervt. »Du brauchst grad reden, Alrik. Ständig stichelst du nur, du beschissener Wichser. Sitzt auf deinem hohen Ross, nur weil du blaues Blut in dir hast.« Dann wandte er sich an Esben. »Und du? Du hast mich in der Schenke auflaufen lassen, gestern Abend.« Hartwig teilte einen Rundumschlag aus und warf jedem von ihnen anklagende Worte vor die Füße. »Ihr seid alle keinen Deut besser. Und jetzt lasst ihr euch von den Worten dieses Scheißköters aufstacheln? Ihr räudigen, ehrlosen Arschlöcher!« Da seufzte Lothar und strich sich das grau melierte Haar zurück. Er war der Älteste von ihnen und vermutlich auch der erfahrenste. Keiner von ihnen hatte es so lange im grauen Viertel ausgehalten wie er. »Beruhig euch mal alle.« Er trat zwischen Hartwig und Alrik. »Hartwig hat recht. Wir sollten uns nicht von den Worten dieses Bengels gegeneinander aufwiegeln lassen.« Hartwig nickte zustimmend und stellte sich demonstrativ neben Lothar. Doch dieser bedachte nun auch Hartwig mit einem maßregelnden Blick. »Doch…du benimmst dich in letzter Zeit seltsam Hartwig.« Da grinste Alrik diebisch und auch Doréan konnte sich ein verhaltenes Lächeln nicht mehr verkneifen. »Also…« Lothar seufzte. »Zeig uns den Beutel. Gib uns unseren Anteil. Und wir vergessen das Ganze.« Eigentlich war dies ein sehr vernünftiger Vorschlag. Auch wenn es das entstandene Misstrauen nicht aus der Welt schaffen konnte, so würden sich die Gemüter der Männer zumindest etwas beruhigen. Doch Alrik schnaubte und deutete dann auf Doréan. »Und warum habt ihr den dann hier her geschleift? Der bringt uns nur Ärger. Wenn nicht mit dem Kommandanten, dann mit den Roten.« Da legte Doréan seine Finger um die Gitterstäbe und drückte sein Gesicht so nah wie möglich an die vier Wachen heran. Doréan ließ den Blick langsam über die vier Männer wandern. Keiner von ihnen sagte etwas. Keiner nahm den Blick von Hartwig. Und da lächelte er breit grinsend. »Warum ich hier bin?«, flüsterte er. »Der Hundsfott da…«, murmelte Doréan mürrisch. Er hatte erkannt, dass er mit dem Rücken zur Wand stand. Wenn sich diese Vier wieder verbrüdern würden, dann würde er morgen am Galgen baumeln. Damit er alle Geheimnisse, die er heute erfahren hatte, mit auf die andere Seite nehmen würde. Der Überlebensinstinkt in Doréan war erwacht. Er würde nicht kampflos aufgeben. Niemals. »Ich sollte ihn vom Tor weglocken…mehr nicht. Aber ihr wisst was das heißt, ihr beschissenen, dreimal verfluchten Hundsfotte!« Lothar und Esben warfen Hartwig einen flüchtigen Blick zu. Doch die Erkenntnis dieser Enthüllung war ihr sichtlich anzusehen. Alrik schnaubte. »Scheiß auf dich, Hartwig. Die Roten haben dich auf die Liste gesetzt! Ich habs doch gewusst! Du dämlicher Hund! Ich habs schon geahnt, als du lebendig aus der Ascherinne gekommen bist. Keiner kommt da lebend raus! Du hast uns verraten! Wegen dir, gehen wir alle noch drauf!« Doréan hatte den letzten Stein angestoßen und es ins Rollen gebracht. Die Zwietracht und der Argwohn, welcher zwischen den Wachen gelauert hatte. Es hatte nur ein kleiner Funke gefehlt. Eine boshafte Stichelei…und nun brannte es lichterloh wie ein Strohfeuer.
Hartwig donnerte mit seinem Knüppel gegen die Gitterstäbe. Doréan jaulte schmerzerfüllt auf, als er zwei seiner Finger erwischt hatte, während das Metall einen langanhaltenden, singenden Ton verklingen ließ. »Wenn ihr mich auflaufen lasst, dann reiße ich euch alle mit!« Er deutete mit den Knüppel auf Alrik und hielt ihm diesen direkt unter das Kinn. »Und dich als erstes.« Alriks Augenlider zuckten zornig. »Ich sage. Wir versenken die Ratte im Kanal. Und dann lassen wir Gras über die Sache wachsen.«, schlug Esben vor und deutete dabei auf Doréan. Lothar schüttelte den Kopf. »Nur, wenn Hartwig das Silber rausrückt und den verdammten Knüppel aus Alriks Gesicht nimmt.« Hartwig grunzte. Doch schließlich trat er einen Schritt zurück und steckte sich den Schlagstock wieder in den Gürtel. »Gut.«, murmelte Lothar und stemmte die Hände in die Hüfte. »Dann zeig uns jetzt das verdammte Silber.«
Die Männer ließen sich von Hartwig in die Stube nebenan führen. Hartwig warf Doréan einen letzten, wütenden Blick zu. Wegen einem verdammten Silberstück. Das alles war nur wegen einem verdammten Silberstück geschehen. Er verwünschte sich selbst und noch mehr verwünschte er diesen Bastard, der da breit grinsend in seiner Zelle stand. Doch kaum hatte Hartwig den Beutel geöffnet und offenbart, wieviel Silber sich darin befunden hatte, da schnellte Alriks Hand hervor und packte den Beutel. Er wollte ihn Hartwig aus der Hand reißen, doch dieser wehrte sich dagegen. Der Beutel klimperte und die Münzen schlugen singend gegeneinander, während Alrik versuchte Hartwig diesen aus der Hand zu reißen. »Jetzt gib schon her, du Arschloch.«, blaffte Alrik und donnerte Hartwig seine Faust genau auf die Schläfe. »Du verdammter, falscher Hund!«, bellte Alrik, während Hartwig zurücktaumelte. Lothar und Esben traten hervor, um den Streit zu schlichten. Doch Hartwig hieb einen schweren Schwinger, um Alrik zu treffen. Allerdings verpasste er dabei Esben einen gehörigen Schlag gegen den Kiefer. Esben blieb benommen stehen, während Alrik erneut auf Hartwig einschlug. »Du willst uns mitreißen? Du egoistischer Drecksack?« Hartwig geriet ins Stolpern und Alrik versetzte ihm einen Stoß in Esbens Richtung. Hartwig stolperte rückwärts über Esbens Stiefel und verlor das Gleichgewicht. Seine Fersen fanden keinen Halt mehr. Einen Augenblick ruderte er mit den Armen, dann schlug sein Hinterkopf mit voller Wucht gegen die steinerne Kante des Erkers hinter ihm. Ein unverkennbares Knacken durchschnitt den Raum, der die Männer sofort innehalten ließ. Hartwig lag regungslos am Boden. Sein Atem ging schwer und seine Augen flackerten. Unter seinem Hinterkopf sammelte sich bereits dunkles Blut, das langsam über die Fugen der Steinplatten kroch. »Scheiße! Ist er tot?«, fluchte Esben und trat an Hartwig heran um neben ihm auf die Knie zu gehen. »Was hast du gemacht?«, herrschte Lothar zu Alrik, wessen zorniger Gesichtsausdruck von einer aufkeimenden Panik erfüllt wurde. »Er…ich…«, stammelte Alrik und Lothar schnaubte. »Scheiße. Wir müssen ihn fortschaffen. Wenn der Kommandant ihn so sieht…und das Blut…und das ganze, verdammte Silber…dann sind wir gefickt!«
»Verdammter Narr.«, fluchte Lothar und bedachte Alrik mit strafenden Blicken, bevor er zu Hartwig herab blickte. »Er lebt doch noch.«, murmelte Alrik. »Noch.«, brummte Lothar. »Was machen wir jetzt?«, flüsterte Esben. Lothar strich sich erneut das Haar aus dem Gesicht. »Schaff ihn weg.«, befahl er und Alrik schnaubte widerwillig. »Wieso ich?« Da trat Lothar forsch hervor. »Weil er wegen dir da liegt! Also schaff ihn weg!« Alrik brummte mürrisch doch schließlich fügte er sich. Niemand sprach ein Wort. Nur der schwerfällige, rasselnde Atem Hartwigs erfüllte die Stille. Alle sahen auf ihren Kameraden hinab. Doch niemand rührte sich. »Wir müssen ihn zum Bader bringen.«, murmelte Esben doch da schnalzte Lothar mit der Zunge. »Du hast ihn doch gehört. Er wird uns alle mitreißen.« Lothar rieb sich nachdenklich den Nacken. »Schafft ihn weg.« Gemeinsam zogen sie Harwig die Tunika der Stadtwache aus. Lösten den Harnisch und die Halsberge. Schließlich zogen sie ihm auch den Gürtel mit dem Schwert und selbst seine Stiefel aus. Am Ende trug er nichts mehr am Leib, dass ihn mit der Stadtwache in Verbindung bringen konnte. Alrik schleifte Hartwig zur Hintertür und gemeinsam hievten sie ihn auf einen Wagen, welchen Alrik dann, mit polternden Rädern über die Pflastersteine zog. Als die Schatten der Gasse und die Dunkelheit der Nacht den Mann und den Wagen schließlich gänzlich verschluckt hatten, räusperte sich Esben. »Und was machen wir mit dem?« Er deutete in die Richtung der Zelle, in welcher Doréan noch immer schmorte. »Er hat alles gehört.« Lothar seufzte. »Aber er hat nichts gesehen.« Da lachte Esben leicht verzweifelt. »Der is doch nicht dumm. Und wir können ihn auch nicht einfach laufen lassen.« Esbens Stimme klang nervös. Man konnte die aufkeimende Sorge in seinen Augen förmlich sehen und die Angst riechen. Lothar nickte nachdenklich. Er wusste, dass nun nicht nur Hartwigs Leben am seidenen Faden hing, sondern ihrer aller Leben. Und das Leben dieses Gossenflohs war in diesem Augenblick völlig unbedeutend und keinen Nagel mehr wert. Das wusste Lothar. Und dennoch. Doréans Worte schwangen in seinem Kopf wieder. Wenn dieser Bengel wirklich zu den Roten gehörte. Dann konnten sie ihn nicht einfach verschwinden lassen. Hartwig hatte ins Wespennest gestochen. Lothar wollte verdammt sein, wenn er denselben Fehler beging. »Lass mich darüber nachdenken.«
 Lothar verließ die Stube. Er hatte sich seinen Mantel übergeworfen und sein Gesicht in die Schatten der Kapuze gehüllt. Er trug eine Nachtlaterne und streifte suchend vor dem Tor umher, bis er schließlich eine zwielichtige Gestalt bemerkte, welche an einer Häuserwand lehnte. Das verräterische Glimmen einer Pfeife gloste in der Dunkelheit und Lothar grunzte. Er näherte sich dem Haus, doch die Gestalt rührte sich nicht. Es schien, als ob die Augen der Gestalt auf ihm hafteten wie Pech, ohne dass er die Augen überhaupt sehen konnte. Lothar löschte das Licht der Laterne und bog dann um die Ecke. Dort verharrte er einen Moment und wartete, dass die Gestalt etwas unternahm. Die Männer waren einander nun so nahe, dass sie sich berühren konnten, und doch trennte sie die Ecke des Hauses und keiner der Beiden konnte den anderen sehen, denn nur die Kante des Mauerwerks trennte die beiden voneinander. »Wartest du auf jemanden?« Stille. Die Stille vereinnahmte den Ort und selbst die anderen Geräusche der Stadt und des Hafens rückten in weite Ferne. Dann erklang das leise, trockene Knirschen von Zähnen. Als würde jemand sehnig gewordenes Fleisch zwischen den Backenzähnen hervorsaugen. Die Gestalt war noch da. Lothar räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen. Doch die Gestalt antwortete nichts. Nur das Knistern der Pfeife war zu hören. Und schließlich der ruhige Atem, der aus den Lungen entlassen wurde. »Wir haben einen eurer Jungen in der Zelle.« Die Gestalt antwortete nicht und Lothar wischte sich nachdenklich über das Gesicht. Wie sollte er es am Besten sagen. »Dunkles Haar, fehlender Finger…ziemlich vorlaut.« Da grunzte die Gestalt und Lothar war, als ob ein verhaltenes, unterdrücktes Glucksen erklungen wäre. Als ob die Person wusste, von wem er da sprach. »Ja. Ziemlich vorlaut.«, antwortete die Stimme und Lothar atmete erleichtert aus. Er hatte seine Aufmerksamkeit errungen. »Wir wissen, warum er hier war.« Er presste die Zähne zusammen. Die Gestalt antwortete nicht…nicht sofort. »Und?«, hakte die Gestalt nach. Lothar räusperte sich und lehnte sich dann gegen die Wand. »Hartwig…wird euch keinen Ärger mehr machen…wir wollen keinen weiteren Ärger.« Da seufzte die Gestalt und klopfte seine Pfeife an der Mauer aus. »Gut.« Raban stieß sich von der Wand ab und räusperte sich. »Der Bengel? Hat er irgendwelche Namen genannt?« Lothar wandte sich um. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als ob der Mann genau hinter ihm stehen würde. Die Stimme hatte so nah geklungen, als ob sein Kopf direkt an seinem Ohr gewesen wäre. Doch als Lothar sich umwandte, stand dort niemand. »Nein. Er hat geflucht. Und geschimpft. Aber…keine Namen genannt.« Raban seufzte nachdenklich. »Sollen wir ihn laufen lassen?« Da schüttelte Raban den Kopf, was der gediegene Wachmann natürlich nicht sehen konnte. Er kratzte sich nachdenklich am Bart, und das Geräusch klang als ob man einen alten Schleifstein über morsches Holz gleiten ließ. »Nein. Lasst ihn bis zum Morgengrauen in der Zelle schmoren. Mal sehen, ob er bis morgen auch die Klappe halten kann.« Raban schwieg einen Moment. Lothar nickte. »Wir sind hier fertig.«, brummte Raban und verschwand schließlich in die dunkle Gasse. Die langsamen Schritte verklangen und verhallten nach und nach. Und schließlich stand Lothar ganz alleine an der Hausecke.
Am nächsten Morgen betrat Lothar den Kerker. Alrik saß in seiner Ecke am Tisch und hob den Kopf. Seine Augenringe waren schwarz wie das Hafenwasser. Und sein Blick war grimmig. Als er Lothar sah, da nickte er nur. 'Alles erledigt. Hartwig liegt bei den Fischen.' Lothar erwiderte das Nicken. Er schnippte mit den Fingern und deutete auf die Zelle. »Aufmachen.« Alrik erhob sich, wenn auch theatralisch langsam. Dann zog er den Schlüssel vom Gürtel und schob ihn kratzend ins Schloss. Doréan, welcher bis dahin auf dem Rücken der Zelle gelegen, und gelangweilt an die Decke gestarrt hatte, richtete sich auf. Die Tür schwang quietschend auf und Lothar trat zur Seite. »Verschwinde.«, brummte er und Doréan warf zuerst ihm und dann Alrik einen misstrauischen Blick zu. »Verpiss dich, du Ratte.«, zischte Alrik und stampfte auf den Boden, als ob er eine lästige Ratte oder Taube verscheuchen wollen würde. Doréan zuckte zusammen. Doch dann setzte er sich schließlich in Bewegung. Als er die Zelle hinter sich gelassen hatte, stand er einen Moment lang unschlüssig in der Wachstube. Seine Gedanken kreisten um den gestrigen Abend. Er hatte es verbockt. Oh, er hatte es so richtig verbockt. Die verdammte Stadtwache hatte ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. Raban würde toben. Oh, nein. Er würde ihn nicht nur verdreschen. Er würde ihn zu Tode prügeln! Doréan sah sich suchend in der Stube um. Es schien beinahe, als ob er es nicht wagen würde, hinaus auf die Straße zu gehen. In Erwartung dass Raban und seine Jungs ihn dort abfangen würden und die Sache zu Ende bringen, die Hartwig begonnen hatte.
Sein Blick fiel auf den Lederbeutel. Er lag auf dem Tisch. Verloren und wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Verstohlen warf Doréan einen Blick über die Schulter. Niemand war zu sehen. Die Stimmen der beiden Wachen drangen an sein Ohr. Er wandte den Blick zur anderen Seite. Doch die Stube war ebenso leer. Seine Hand glitt zu dem Lederbeutel. Seine Finger legten sich um das alte, speckige Leder. Er hielt einen Moment lang inne. Atmete tief ein. Sein Herzschlag trieb sich in ungeahnte Höhen. Doch dann schob er sich den Beutel in seine Tunika und rannte aus der Stube.
Das Wasser des Kanals schwappte gegen die gemauerten Wände. Immer wieder. Es plätscherte dahin und der Unrat der darin dümpelte wurde sanft hin und her geschaukelt. Immer wieder tauchte ein Stück Holz auf und versank daraufhin wieder. Am Rand des Kanals hatte sich Schaum gesammelt. Und der Gestank des Kanals hing schwer in der Luft. Eine Möwe flog über den Kanal hinweg. Zielstrebig flog sie am Ufer des Kanals entlang, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. An einer seichteren Stelle, lag ein Mann. Die Kleidung nass vom stinkenden Brackwasser. Das Haar klebte ihm im Gesicht. Blut klebte im Haar und im Gesicht. Der Körper trieb halb im Wasser, doch der Kopf lag auf der steinernen Kante der alten, von Algen bewachsenen Treppe, die einst für die Fuhrleute und Müller genutzt worden waren, um ihre Waren zu verladen. Das alte Mühlrad der Wassermühle knarrte und ächzte. Doch der Kanal lag still und schweigend da. Und so auch das alte Mühlrad. Die Möwe landete auf der Brust des Mannes, der regungslos im Wasser dümpelte. Nur seine Arme schwangen im steten Sog des Kanals hin und her. Die Möwe legte den Kopf schräg zur Seite und bedachte den Mann. Einen weiteren Schritt auf der Brust. Und dann begann sie mit dem Schnabel gegen die Schläfe zu picken. Da schreckte der Mann hoch. Die Möwe kreischte und flatterte davon. »Scheiße.«, brummte Hartwig und griff sich an den Kopf. Sein Schädel brummte und dröhnte. Der Schmerz durchfuhr ihn bis in die Beine. »Wo bin ich hier?« Er sah sich suchend um, und als er feststellte, dass er weder Rüstung, noch Stiefel noch ein Schwert bei sich trug, da dämmerte es ihm. Er war in der Ascherinne. Verloren und Verlassen.
Ein Dach aus Sternen ❖
25.07.2023 '19:09 [4.367 Wörter]
 as?“ Aelia starrte Millie einen Moment sprachlos an und diese nickte bekräftigend. „Du hast mich schon verstanden.“ “Aber… ich dachte du würdest mir ohne wenn und aber helfen…” Millie verzog bedauernd das Gesicht und schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“ „Wieso nicht?“ Millie verdrehte die Augen. „Ach, jetzt mach nicht so ein Gesicht“, sagte sie und legte ihr kurz die Hand auf den Arm. „Natürlich könntest du bei Ven und mir unterkommen. Irgendwie würden wir schon zusammenrücken.“ Sie machte eine kleine Pause. „Aber ich finde nicht, dass du das solltest.“ Aelia sah sie fragend an. „Wieso nicht?“ „Weil das jetzt nicht mehr unsere Aufgabe ist.“ Sie hob die Schultern. „Du hast jetzt einen Freund.“ Aelia ließ den Kopf sinken. „Ach...“ „He.“ Millie beugte sich näher zu ihr herüber und legte ihr eine Hand auf den Unterarm. „Jetzt zieh doch nicht gleich so ein Gesicht.“ Aelia rang sich ein schwaches Lächeln ab, doch ihre Sorge wollte nicht weichen. „Ich will niemandem zur Last fallen.“ „Tust du auch nicht.“ Millie lächelte. „Und wenn wirklich alle Stricke reißen, dann finden wir schon irgendeinen Platz für dich. Dann rücken wir eben zusammen oder du schläfst am Boden. Das wird unbequem, aber daran ist noch niemand gestorben.“ Aelia atmete etwas ruhiger aus. „Nur... ich glaube, vorher solltest du etwas anderes versuchen.“ Aelia blickte sie fragend an „Was denn?“ „Schlaf bei Doréan.“ Aelias Ausdruck wurde gleichermaßen skeptisch wie auch unsicher und Millie hob fragend eine Augenbraue. „Ja. Bei wem denn sonst?“ Aelia spielte verlegen mit dem Lederband der Lochmünze. „Ich weiß nicht, Millie...“ „Ist er denn nicht dein fester Freund?“ Aelia zögerte. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich glaube schon.“ „Du glaubst?“ rief Millie ungläubig aus, und Aelia hob hilflos die Schultern. „Wir haben noch nicht darüber gesprochen.“ Millie schnaubte belustigt. „„Na, immerhin wart ihr euch vorher einig, miteinander ins Bett zu gehen.“ Aelia wurde augenblicklich rot. „Millie...“ „Was denn?“ Sie grinste flüchtig, wurde dann aber wieder ernst. „Wenn ihr beide euch mögt, dann sollte es doch das Selbstverständlichste auf der Welt sein, dass du bei ihm unterkommst. Ich seh‘ da ehrlich gesagt überhaupt kein Problem.“ Aelia antwortete nicht und Millie beobachtete sie einen Moment. „Weißt du...“ Sie verschränkte langsam die Arme. „Vorhin habe ich dir eine ganze Menge Fragen gestellt.“ Aelia nickte. „Und auf fast keine hattest du eine Antwort.“ Sie sprach den Satz ohne Vorwurf aus. „Ich kann mich gerne wiederholen: Du weißt nicht, wo er wohnt. Du weißt nicht, womit er sein Geld verdient. Du kennst kaum etwas aus seinem Leben.“ Aelia senkte den Blick. Millie machte eine kleine Pause. Dann meinte sie „Ich würd gar nicht lange herumreden. Ich würde ihn einfach fragen, ob du für ein paar Tage bei ihm bleiben kannst.“ Aelia hob langsam den Kopf. „Meinst du?“ Millie nickte. „Nicht, um ihn auf die Probe zu stellen. Sondern weil das Leben manche Fragen von ganz allein beantwortet, wenn der Zeitpunkt der richtige ist.“ Sie hob leicht die Schultern. „Und falls es dafür einen guten Grund gibt, weshalb er dich nicht zu sich holen kann, dann wirst du ihn endlich erfahren.“ Aelia dachte an die vorletzte Nacht zurück. Daran, wie selbstverständlich sie Doréan gefolgt war. Nicht ein einziges Mal hatte sie gefragt, wohin sie gingen. Nicht ein einziges Mal, weshalb er ausgerechnet an Ronïas Tür geklopft hatte. Sie hatte ihm blind vertraut. Millie betrachtete sie aufmerksam. „Du musst nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifeln.“ Aelia hob eine Augenbraue. „Ich glaube, ich vertraue ihm mehr als du…“ Millie zuckte die Schultern, „Das mag durchaus sein, ich schlafe ja auch nicht mit ihm. Aber ich glaube, es wird Zeit, euch gegenseitig kennenzulernen.“ Aelia schwieg, und sie begann sie zu begreifen, wie viel sie über Doréan tatsächlich noch nicht wusste. Millie schien plötzlich wieder etwas einzufallen. „Ach... bevor ich's vergesse.“ Aelia hob den Blick. „Gestern Nachmittag ist da so ein Kerl von der Stadtwache über den Markt geschlichen.“ „Von der Stadtwache?“ Millie nickte. „Er hat mit den Händlern geredet. Mit den Fischweibern auch. Irgendwann ist er schließlich bei uns gelandet.“ Sie verzog nachdenklich den Mund. „Ich bin mir nicht absolut sicher... aber ich glaube, er hat nach dir gesucht.“ Aelia runzelte die Stirn. „Nach mir?“ „Er hat eine junge Frau beschrieben. Dunkles Haar. Etwa so groß wie du. Bis vor kurzem in einer Schenke gearbeitet. Ich hab mir erst nichts dabei gedacht, aber je länger ich darüber nachdenke...“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es hätte ziemlich gut auf dich gepasst.“ Aelia sah sie verständnislos an. „Hat er gesagt, warum?“ „Nein.“ Millie schüttelte den Kopf. „Bloß, ob jemand eine Frau gesehen hätte, auf die die Beschreibung passt. Mehr hat er nicht verraten.“ Für einen Moment schwiegen beide. „Aelia, bist du in irgendwelche Schwierigkeiten geraten?“ Aelia dachte nach. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf. „Nein.“ Sie sah Millie ratlos an. „Jedenfalls wüsste ich nicht, weshalb jemand nach mir suchen sollte.“ Millie musterte sie einen Augenblick, als überlegte sie, ob sie weiter nachhaken sollte. Dann hob sie lediglich die Schultern. „Na, vielleicht war's auch gar nicht wegen dir.“ Sie lächelte schief. „Trotzdem dachte ich, du solltest es wissen.“
Als Aelia sich schließlich von Millie verabschiedete, stand die Sonne bereits ein gutes Stück höher über den Dächern des grauen Viertels. Das geschäftige Treiben auf dem Markt hatte beinahe seinen Höhepunkt erreicht und zwischen den Ständen drängten sich noch Kundschaften, Händler, Lastentiere und Wagen. Sie zog ihren Beutel aus der Tasche und nahm die beiden Lochmünzen zwischen den paar Nägeln in Augenschein. Auch die rote Murmel die sie von der roten Liese erbeutet hatte, befand sich dazwischen. Als sie sie erneut betrachtete, musste sie lächeln. Es war jener Abend gewesen bevor sie zum Fleischmarkt gegangen waren, wo Doréan ein Herz und ihre Initialen in die Laterne hatte ritzen lassen und bevor sie sich geküsst hatten. Und viel war es nicht. Doch die beiden Lochmünzen in dem Beutel bedeuteten auch Zeit. Heute musste sie nicht zum Hafen laufen und sich unter die Tagelöhner stellen, in der Hoffnung, irgendein Vorarbeiter würde sie für ein paar Münzen Fische ausnehmen oder Säcke schleppen lassen. Doréan hatte ihr vom roten Bullen, jener Schenke am Scherbentor erzählt. Der Wirt suche eine neue Schankmaid und habe wohl gemeint, sie solle einfach einmal vorbeikommen. Es war keine verrufene Kaschemme wie die meisten Spelunken im grauen Viertel, sondern ein ordentliches Haus, in dem Reisende, Fuhrleute, Handwerker, aber auch die Stadtwachen nach Beendigung ihres Dienstes einkehrten. Allein der Gedanke daran ließ sie hoffen, wieder einigermaßen festen Boden unter die Füße zu bekommen. Also schlug sie den Weg zum Scherbentor ein. Er war weit. Noch vor kurzem hätte sie sich über jeden zusätzlichen Schritt geärgert, weil am Ende des Tages immer noch der Rückweg zu Mahdias Schenke auf sie wartete. Heute spielte das keine Rolle mehr. Sie dort keine Arbeit mehr, kein Zimmer, kein Bett. Kein Ort, an den sie zurückkehren musste. Sie zog die Schultern etwas höher, zog die Bänder ihres Beutels wieder zusammen, stopfte ihn zurück an seinen gewohnten Platz und setzte ihren Weg fort. Während sie ihren Weg durch die Straßen des grauen Viertels fortsetzte, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu Doréan zurück. Sie fragte sich, was er wohl gerade tat. Mehr als einmal ertappte sie sich dabei, zwischen den Menschen nach seinem dunklen Haarschopf Ausschau zu halten, obwohl sie wusste, dass sie ihm auf diesem Weg kaum begegnen würde. In den wenigen Tagen, seit sie sich kennengelernt hatten, war so vieles geschehen. Erst die Schlangengrube. Dann der Leuchtturm. Seine Besuche bei Lestars Schenke, der Fleischmarkt… Schließlich die vergangenen zwei Nächte in welchen sie einander hingegeben hatten. Sie kannten sich gerade einmal acht Tage. Wenn sie nun daran zurückdachte, kam es ihr beinahe unwirklich vor, wie schnell sich ihr Leben verändert hatte. Ob sie nun ein Paar waren? Sie zuckte leicht mit den Schultern. Sie wusste es nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sie wusste nur, dass sie ihn wiedersehen wollte.
Schon von Weitem fiel ihr das Haus auf. Zwischen den grauen Fassaden rings um das Scherbentor hob sich der Rote Bulle mit seinem Falunrot gestrichenen Fachwerk deutlich ab. Das tiefe, warme Rot wirkte beinahe einladend und ließ das Wirtshaus freundlicher erscheinen als die meisten Gebäude in diesem Teil der Stadt. Selbst aus der Ferne strahlte es etwas Behagliches aus, beinahe so, als warteten hinter den schweren Holzbalken Wärme, ein voller Schankraum und der Duft frisch gekochter Speisen. Je näher Aelia kam, desto lebhafter wurde das Treiben. Das Scherbentor gehörte zu den ihr bekanntesten und geschäftigsten Orten des grauen Viertels. Händler schoben beladene Karren durch das Gedränge, Fuhrwerke rumpelten über das unebene Pflaster, Reisende stritten mit Torwächtern über Zölle und Abgaben, während Knechte laut fluchend Maultiere und Pferde durch die Menge führten. Vor dem Tor selbst hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Graue, die das Viertel verlassen wollten, mussten sich von den Stadtwachen mustern lassen, als trügen sie ihre Vergehen bereits im Gesicht. Taschen wurden geöffnet, Bündel durchwühlt und selbst harmlose Fragen oft mit schneidender Überheblichkeit beantwortet. Wer widersprach, wurde sofort angebellt. Noch schlechter erging es den Schindern. In ihren schlichten Arbeitskitteln mit den Armbinden, die sie regelrecht brandmarkten, standen sie mit gesenkten Köpfen beisammen und warteten darauf, hinausgelassen zu werden. Einige trugen Schaufeln über den Schultern, andere leere Karren, die sie, jeder wusste womit, beladen würden. Kaum einer entging den höhnischen Bemerkungen oder einem groben Stoß der Wachen, die sich offenbar einen Spaß daraus machten, jene zu schikanieren, die ohnehin schon am untersten Ende der Gesellschaft standen. Aelia wandte den Blick ab. Sie hatte selbst oft genug erlebt, wie wenig es brauchte, um die Aufmerksamkeit einer Stadtwache auf sich zu ziehen. Heute verspürte sie keinerlei Wunsch, ihnen näher zu kommen als unbedingt nötig. Stattdessen lief sie zum Haupteingang des roten Bullen.
Kaum hatte sie die schwere Tür aufgedrückt, umfingen sie der Geruch von gebratenem Fleisch, frischem Brot und Rauch, begleitet vom dumpfen Stimmengewirr zahlreicher Gäste. Krüge klirrten, irgendwo lachte jemand schallend, und die Umsitzenden fielen in das Gelächter ein. und aus dem Schankraum drang jene geschäftige Unruhe, wie sie nur ein gut besuchtes Wirtshaus auszustrahlen vermochte. Anders als Mahdias Schenke. Aelia blieb einen kurzen Augenblick auf der Schwelle stehen und ließ den Blick durch den Schankraum wandern. Der Rote Bulle unterschied sich von Mahdias Schenke beinahe in allem. Dort hatte jeder jeden gekannt. Fast jeden Abend saßen dieselben Gesichter an denselben Tischen, und selbst Fremde fielen sofort auf. Mahdias Schankraum war klein genug gewesen, dass man jedes Gespräch halbwegs mitbekam, selbst wenn man gar nicht zuhören wollte. Hier war es völlig anders. Menschen kamen und gingen unablässig. Fuhrleute schleppten ihre Bündel herein, Händler stärkten sich hastig vor der Weiterreise, Handwerksgesellen tranken ihr Bier im Stehen, während bereits die nächsten Gäste durch die Tür drängten. Kaum wurde ein Tisch frei, nahm ihn schon die nächste Reisegesellschaft in Beschlag. Das Klirren der Krüge, das Scharren von Stühlen und das Rufen der Schankmägde vermischten sich zu einem geschäftigen Lärm, der den ganzen Schankraum erfüllte, ohne chaotisch zu wirken. Alles schien ineinanderzugreifen wie das Mahlwerk einer gut funktionierenden Mühle. Aelia schob sich vorsichtig zwischen den Gästen hindurch bis zu dem breiten Ausschank. Hinter der Theke herrschte geschäftiges Treiben. Zwei Schankmägde trugen Krüge zwischen den Tischen hinfort, während ein junger Schankbursch gerade mehrere Becher ausspülte und sie anschließend mit geübten Griffen zurück in das Regal stellte. Als er sie bemerkte, trat er an die Theke. „Was willst du haben?“ „Ich möchte nichts, danke...“ Aelia strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Aber mir wurde gesagt, hier würde eine Schankhilfe gesucht. Der Wirt meinte wohl, ich solle einmal vorbeikommen.“ Der junge Mann sah sie mit unverhohlener Neugierde an. „Ah!“ Er nickte langsam. „Dann bist du wohl die junge Frau, von der er gesprochen hat.“ „Peer ist der Wirt“, erklärte er. „Der hat hier das Sagen.“ Er deutete mit dem Daumen in Richtung der Küchentür. Sein Blick glitt von ihrem schlichten Kleid nach oben, blieb einen flüchtigen Augenblick an der Lochmünze hängen, die an dem Lederband zwischen ihren Brüsten ruhte, bevor er ihr in die Augen blickte. Ein schiefes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Das ist aber ein hübscher… Anhänger.“ Aelia folgte seinem Blick zu der angelaufenen Lochmünze und hob verwundert die Brauen. „Danke...?“ Sie betrachtete die alte, angelaufene Lochmünze an ihrem Lederband und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was daran hübsch sein sollte. Der Schankbursche schien dieselbe Erkenntnis im selben Augenblick zu haben, räusperte sich kurz und fügte hastig hinzu „Ich sag Peer Bescheid, dass du da bist.“ Bevor er sich abwandte, zwinkerte er ihr mit einem verschmitzten Grinsen zu. „Ich glaub, deine Chancen stehen gar nicht schlecht.“ Damit verschwand er durch die Tür zur Küche und ließ Aelia allein an dem Ausschank zurück, während rings um sie das geschäftige Leben des Roten Bullen unvermindert weiterging.
Erst nach einigen Minuten öffnete sich die Tür zur Küche erneut. Der Schankbursche trat wieder in den Schankraum, dicht gefolgt von einem Mann, der kaum älter als Mitte Dreißig sein mochte. Er war hochgewachsen, kräftig gebaut und trug die Ärmel seiner Tunika bis über die Unterarme aufgekrempelt. Sein dunkelblondes Haar war trug er überschulterlang und offen, und sein dichter Bart war ordentlich gestutzt. Vor allem aber wirkte er deutlich jünger als Lestar und Mahdia und auch weniger ernst. Der Schankbursche deutete auf Aelia. „Da ist sie.“ Der Mann trat hinter den Ausschank zu Aelia hervor, ließ den Blick über sie gleiten und streckte ihr schließlich die Hand entgegen. „Peer. Mir gehört der Laden.“ Aelia erwiderte das Lächeln und schlug ein. „Ich bin Aelia.“ „Also Aelia...“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie noch einmal. „Wie alt bist du?“ „Siebzehn.“ „Und wo kommst du her?“ „Nicht aus Oshkïr. Sondern aus einem kleinen Dorf außerhalb. Weidenau.“ Er nickte. „Nie gehört. Schon einmal in einer Schenke gearbeitet?“ „Zwei Monate. Bei Mahdia.“ Nun hoben sich seine Augenbrauen. „Du liebe Güte, bei Mahdia? Dann warst du ja anständig behütet.“ Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Und weshalb suchst du dann schon wieder Arbeit?“ Aelia zögerte nicht und zuckte die Schultern. „Sie hat mich hinausgeworfen.“ Peer musterte sie neugierig. „Das überrascht mich jetzt doch ein wenig.“ Er legte den Kopf schief. „„Was hast du denn verbrochen? Geld aus der Kasse verschwinden lassen?“ Aelia schüttelte eindringlich den Kopf „Nein.“ „Was dann?“ „Mein...“ Sie stockte einen Augenblick. „Mein Freund war bei mir oben im Zimmer…“ Einen Herzschlag lang starrte Peer sie schweigend an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Sein tiefes Lachen erfüllte den Schankraum und sein Lachen kippte in eine höhere Stimmlage, je länger er lachte. Er schlug dem Schankburschen mit der flachen Hand einige Male gegen die Schulter. „Hast du das gehört, Arne?“ brachte er zwischen zwei Lachern hervor. „Mahdia hat ihre Schankmaid rausgeworfen, weil sie einen Kerl im Bett hatte!“ Der Schankbursche grinste zunächst nur, doch Peers schallendes Gelächter war ansteckend. Schließlich schüttelte auch er lachend den Kopf. „Bei allen guten Geistern...“, murmelte er. „Die Frau ist wirklich aus hartem Holz geschnitzt.“ Aelia sah den beiden einen Augenblick lang mit leicht zerknirschter Miene zu. Doch je länger Peer lachte und je ansteckender Arnes Prusten wurde, desto schwerer fiel es ihr, ernst zu bleiben. Sie presste die Lippen aufeinander, doch ihre Mundwinkel wollten nicht gehorchen. Als ihr schließlich bewusstwurde, wie grotesk die ganze Geschichte eigentlich klang, musste auch sie lachen. Erst leise, dann schüttelte sie kichernd den Kopf. Peer wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ich weiß ja, dass Mahdia ein anständiges Haus führt, aber wegen sowas gleich die Schankmaid auf die Straße zu setzen?“ Kopfschüttelnd schnaubte er belustigt. „Das ist selbst für ihre Verhältnisse verdammt streng.“ Sein Lachen verebbte allmählich, während er Aelia erneut ansah, die immer noch von einem zum anderen grinste. Mahdias Ruf schien selbst unter den Wirten der Stadt besser bekannt, als sie gedacht hatte.
„Na schön.“ Peer verschränkte die Arme. „Dann reden wir mal über die Arbeit.“ Er nickte in den Schankraum, wo kaum ein Platz unbesetzt war. „Wie du siehst, ist hier fast immer was los. Wer im Roten Bullen anfängt, darf sich nicht davor fürchten, Krüge zu schleppen, Tische zu schrubben oder mit zwei Tellern mehr in den Händen loszulaufen, als normal wäre. Dafür zahl ich besser als die meisten Wirte im grauen Viertel.“ Aelia hörte aufmerksam zu. „Ein halbes Loch am Tag.“ Sie nickte. „Macht ein Loch nach zwei Tagen. So wie deine da…“ Er deutete grinsend auf die angelaufene Lochmünze, die an ihrem Lederband zwischen ihren Brüsten hing. „Hübsch übrigens.“ Aelia schnaubte belustigt. Er räusperte sich. „Wo war ich? Ach ja. Sechs Tage arbeitest du in der Neuntagewoche, drei hast du frei. Wenn einer krank wird oder ausfällt, erwarte ich, dass du auch mal einspringst. Dafür gibt's einen Darik extra.“ Er hob einen Finger. „Essen bekommst du mittags und abends. Trinken kannst du so viel, wie du willst, solange du mir dabei nicht hackedicht wirst.“ Aelia nickte erneut. „Außerdem wechseln sich kurze und lange Schichten ab. Drei Tage arbeitest du bis zwei Stunden vor Mitternacht, drei Tage bis nach Mitternacht. Die kurzen Schichten enden ungefähr zwei Stunden vor Mitternacht. Bei den langen bleibst du, bis die letzten Gäste draußen sind und wir den Laden wieder auf Vordermann gebracht haben.“ Danach beginnt der Rhythmus von vorn. Arbeitsbeginn is immer um zehn am Vormittag “ Er sah sie an. „Klar soweit?“ „Ja.“ „Gut.“ Peer legte den Kopf leicht schief. „Brauchst du auch eine Unterkunft?“ Aelia nickte. „Hab ich mir fast gedacht.“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Hinterhof. „Hinten stehen ein paar kleine Baracken für die Leute, die hier arbeiten. Erwart‘ dir nicht zu viel. Ein Bett, ein Stuhl und eine Waschschüssel drauf. Mehr ist da nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich verlang keinen Nagel dafür und zieh dir auch nichts vom Lohn ab. Also, Aelia. Was meinst du?“ Aelia nickte „Das klingt so gut, da kann ich nur ja sagen“ lächelte sie. Er streckte ihr schließlich die Hand entgegen, sie schlug ein, und der Handschlag besiegelte es. „Wann soll ich anfangen?“, fragte Aelia. „Morgen.“ Sie nickte zufrieden. Peer zeigte mit dem Finger auf sie, schnalzte grinsend mit der Zunge und fügte hinzu „Ach, und noch was. Hier stört's übrigens keinen, wenn du dir mal einen Kerl mit in deine Kaschemme nimmst.“ Aelia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Gut zu wissen.“ „Solang du am nächsten Tag pünktlich zur Arbeit erscheinst, soll mir alles recht sein.“
Als Aelia das Aschemädchen schließlich erreichte, lag das graue Viertel bereits im warmen Licht der Sommernacht. Sie blieb vor der Tür stehen und betrachtete das Haus einen Augenblick schweigend. Fast wie von selbst hob sich ihre Hand. Doch noch ehe ihre Finger das Holz berührten, hielt sie inne. Nein. Sie war nicht gekommen, um eingelassen zu werden. Ronïa hatte ihr für drei Nächte ein Dach über dem Kopf angeboten. Aber diese Nacht hatte sie ausgeschlagen, da sie ihr gesagt hatte, dass sie bei ihrer Freundin Millie schlafen würde. Das würde sie zwar nicht machen, aber sie konnte ja wohl auch bei Doréan schlafen, da brauchte sie ihre Gastfreundschaft nicht mehr in Anspruch zu nehmen. Außerdem herrschte im Aschemädchen um diese Stunde wohl Hochbetrieb. Die Frauen verdienten dort jetzt ihren Lebensunterhalt, und Aelia wollte ihnen dabei nicht im Weg stehen. Sie wartete ohnehin nur auf Doréan. Ein paar Schritte neben dem Eingang ragte ein flacher Steinquader aus der Hauswand hervor. Aelia setzte sich darauf, strich ihr Kleid glatt und verschränkte die Hände im Schoß. Er würde sicher bald kommen. So wie an jedem Abend. Anfangs verging kaum eine Minute, in der ihr Blick nicht unruhig die Gasse entlangwanderte. Jedes Geräusch ließ sie aufhorchen. Das Scharren von Schuhsohlen auf dem Pflaster, gedämpfte Stimmen aus einer Seitenstraße, das Klappern eines hölzernen Handkarrens… immer wieder hob sie erwartungsvoll den Kopf. Doch jedes Mal war es jemand anderes. Ein Gast, der zielstrebig auf das Aschemädchen zuging. Ein älterer Mann, der sich mit einem seltsamen Bündel unter dem Arm durch die Dunkelheit schleppte. Ein Betrunkener, der lallend in einer Seitengasse verschwand. Immer wieder öffnete sich die Tür des Hauses. Für den Bruchteil eines Augenblicks fiel warmes Licht auf das Pflaster, während ein Gast eintrat oder verabschiedet wurde. Dann schloss sich die Tür erneut, und die Gasse versank wieder in ihrer ruhigen Dunkelheit. Die Stunden vergingen. Aelia wechselte mehrmals die Sitzhaltung, zog schließlich die Knie an und legte die Arme darum. Immer häufiger wanderte ihr Blick bis ans Ende der Gasse, als könne Doréan jeden Augenblick zwischen den schiefen Häusern auftauchen. Wo blieb er nur? Sie begann, mit dem Daumen gedankenverloren über die angelaufene Lochmünze an ihrem Lederband zu streichen. Vielleicht war er aufgehalten worden. Doréan würde kommen.
Im oberen Stockwerk des Aschemädchens schob Yana den schweren Vorhang ein Stück zur Seite und blickte hinaus auf die Gasse. Ihre Stirn legte sich in Falten. „Ronïa?“ Die Angesprochene hob den Kopf. „Was gibt's?“ „Wer ist denn die da draußen?“ Yana deutete mit dem Kinn nach unten. „Die sitzt da schon seit Stunden.“ Ronïa trat ans Fenster und folgte ihrem Blick. Als sie Aelia erkannte, hob sie überrascht die Brauen. „Na, so was...“ „Kennst du sie?“ Ronïa antwortete nicht darauf. Yana blickte erneut hinaus. „Ich dachte erst, sie wartet auf einen Freier.“ Sie verzog den Mund. „Dann hielt ich sie für eine Abwerberin. Aber sie sitzt einfach nur noch da.“ Ronïa ließ den Vorhang wieder zurückgleiten. „Ich kümmer mich darum.“ Sie nahm ihren leichten Umhang vom Haken, streifte ihn sich über die Schultern und ging die knarrende Treppe hinunter. Wenig später öffnete sich die Tür des Aschemädchens. Ein warmer Lichtstreifen legte sich über das Pflaster, ehe Ronïa hinaustrat und die Tür hinter sich wieder leise schloss. „Aelia?“ Ihre Stimme war ruhig, doch unverkennbar überrascht. „Was tust du denn hier draußen?“ „Oh… Ronïa… Ich warte nur auf Doréan.“ Ronïas Blick glitt die Gasse hinunter, als rechne sie jeden Augenblick mit seinem Auftauchen. Als niemand erschien, sah sie wieder zu Aelia. „Seit wann?“ „Schon eine ganze Weile.“ Ronïa schwieg kurz. „Du kannst auch drinnen warten.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte euch nicht stören.“ „Du störst mehr, wenn du hier draußen seit Stunden vor der Tür hockst.“ „Das war nicht meine Absicht.“ Ronïa schwieg eine Weile, dann meinte sie „Was denkst du dir eigentlich dabei? Vor einem Bordell sitzen und auf deinen Liebsten warten? Bald werden die ersten Freier bei uns drinnen nach dir fragen.“ Aelia schwieg einen Augenblick. Dann nickte sie langsam. „Du hast recht.“ Ein müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich habe lange genug auf ihn gewartet.“ Sie stützte sich mit beiden Händen auf dem Stein ab und erhob sich. Ihre Beine waren vom langen Sitzen beinahe steif geworden. Ronïa beobachtete sie einen Moment. „Soll ich ihm etwas ausrichten, falls er doch noch auftaucht?“ Aelia hielt inne. Für einen Herzschlag schien sie darüber nachzudenken. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Nein.“ Mehr sagte sie nicht. Sie strich ihr Kleid glatt, schenkte Ronïa ein dankbares Lächeln und neigte leicht den Kopf. „Gute Nacht, Ronïa.“ Sie machte ein paar Schritte, hielt jedoch noch einmal kurz inne. „...Und danke. Für alles.“ Ronïa erwiderte den Blick, ohne etwas zu sagen. Erst als Aelia sich umwandte und langsam in der Dunkelheit der Gasse verschwand, blieb Ronïa noch einen Moment reglos vor der Tür stehen, ehe sie sich schließlich umdrehte und wieder ins Aschemädchen zurückkehrte.
Langsam setzte Aelia ihren Weg fort. Die Gassen des grauen Viertels lagen stiller da als noch vor wenigen Stunden. Es war dunkel überall, als sie den Blick gen Himmel hob, leuchteten unzählige Sterne. Nur vereinzelt begegnete ihr noch jemand. Ein Betrunkener schlurfte mit hängenden Schultern an ihr vorbei, irgendwo klapperte eine Tür, und aus einer fernen Schenke drang für einen kurzen Augenblick Gelächter herüber, ehe auch dieses wieder verstummte. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Zu Millie konnte sie jetzt nicht mehr. Um diese Stunde würde sie arbeiten, und Aelia wollte sie weder stören noch ihre Kammer aufsuchen, solange dort Gäste ein und aus gingen. Und irgendwie verbot es auch ihr Stolz, jetzt irgendwen zu bitten. Obgleich ihre Möglichkeiten ohnehin längst ausgereizt waren. Eine Schenke kam ebenso wenig infrage. Der Lohn am Hafen durch das Walfettschleppen war so hart erarbeitet worden. Es widerstrebte ihr, das wenige Geld, das sie verdient hatte, für ein Bett in einem schmuddeligen Gasthaus auszugeben. Sie blieb stehen. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, dass sie tatsächlich kein Dach über dem Kopf hatte. Wo schliefen Menschen eigentlich, wenn sie kein Zuhause hatten? Die Antwort lag direkt vor ihren Augen. Sie hatte nur nie darauf geachtet. Unter einem tief herabgezogenen Vordach lag ein alter Mann auf einem Haufen aus Stroh und Lumpen. Ein paar Häuser weiter hatte sich jemand zwischen zwei leere Fässer gekauert und den Mantel bis über den Kopf gezogen. In einer schmalen Hofeinfahrt lehnte eine Frau mit dem Rücken an der Mauer und schlief im Sitzen, die Arme fest um ihre Knie geschlungen. Dazwischen saßen immer wieder Starre. Reglos hockten sie an Hauswänden oder auf umgestürzten Karren, die trüben Augen ins Leere gerichtet. Manche hatten den Mund leicht geöffnet, andere bewegten kaum merklich die Lippen, als führten sie lautlose Gespräche mit jemandem, den nur sie sehen konnten. Wer an ihnen vorbeiging, schenkte ihnen kaum einen Blick. Man hatte sich an sie gewöhnt, an die Opfer des Rabenbluts, die zwar noch atmeten, von denen aber längst niemand mehr wusste, ob sie überhaupt noch etwas von der Welt wahrnahmen. Sie waren ihr all die Zeit begegnet. Und doch hatte sie sie nie wirklich gesehen. Aelia senkte den Blick. Also schlief man einfach dort, wo gerade Platz war. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Die Nacht war drückend warm. Wenigstens fror sie nicht. Dennoch erschien ihr der Gedanke, unter freiem Himmel in diesem Teil der Stadt zu schlafen, plötzlich erschreckend fremd. Sie ging weiter, bis sie eine schmale Seitengasse erreichte, die zwischen zwei baufälligen Häusern lag. Dort ragte das Vordach einer abgehalfterten verlassenen Werkstatt ein gutes Stück über das Pflaster hinaus. Regengeschützt und Windgeschützt war es ebenfalls. Sie trat darunter, sah sich noch einmal aufmerksam um und ließ sich schließlich langsam an der Mauer hinabgleiten. Der Stein fühlte sich selbst nach Sonnenuntergang noch ein bisschen warm an. Sie zog die Knie an den Körper, schlang die Arme darum und legte den Kopf dagegen. Über den schiefen Dächern des grauen Viertels funkelten die Sterne und es war alles andere als bequem. Aber für diese Nacht musste es irgendwie gehen.
In der Hand des Puppenspielers ❖
26.07.2023 '04:04 [4.565 Wörter]
 as Licht des Morgens blendete Doréan in den Augen, als er aus der Wachstube auf die Straße trat. Er hielt die Hand gegen die Sonne und schirmte das Licht so gut es ging von sich ab. Bis sich die Augen endlich an das Licht gewöhnt hatten. Er sah sich suchend um. Wartete irgendwo jemand auf ihn? Doch er konnte niemanden sehen. Er legte sich die Hand auf die Tasche, in welcher der schwere Beutel voller Silber lag, und verließ den Platz am Scherbentor. Er ging einige Schritte. Hinter jeder Ecke vermutete er eine Gestalt, die ihm auflauern würde, um ihn in die Schatten der Gasse zu zerren. Doch nichts dergleichen geschah. Als er an dem großen Haus, dessen Obergeschoss in roter Farbe bemalt worden war, vorbeikam, blieb er einen Moment lang stehen. Der Rote Bulle. Seine Hand fühlte den schweren Beutel in seiner Hand. Und ein ungeahnter Hunger überkam ihn. Er hatte schon seit Tagen nichts gescheites mehr gegessen. Nur Brei und Suppen. Ein ordentliches Stück Fleisch. Und dazu ein deftiges Bier. Doch…das Geld gehörte ihm nicht. Es gehörte niemand geringerem als Lenan. Dessen war sich Doréan bewusst. Aber…niemand hatte ihm befohlen das Geld zu nehmen. Niemand wusste, dass er es hatte, oder? Doréan schlug die Augen nieder. Natürlich wusste es jemand. Diese drei verdammten Wachleute. Sie hatten den Beutel gestern Abend alle gesehen. Doréan schüttelte schließlich den Kopf. Nichtsdestotrotz trieb ihn der Hunger immer näher an die Schwelle zum roten Bullen. Er hatte bereits die Hand auf der Tür und war bereit sie aufzustoßen. In einem Anflug von einem aufkeimenden, schlechten Gewissen hielt er inne. In dieser Schenke lungerten ständig Stadtwachen herum. Es wäre töricht, so kurz nach den nächtlichen Ereignissen ausgerechnet hier einzukehren.
Und so ließ er den roten Bullen links liegen, ohne zu wissen, dass Aelia hier schon bald aufkreuzen würde, um ihren ersten Arbeitstag zu beginnen. Woher sollte er es auch wissen? Er wähnte sie im Aschemädchen. Immerhin war die dritte Nacht vergangen. Und so führte ihn sein Weg in den Südosten des grauen Viertels. Er hielt sich lange auf der großen Marktstraße. Irgendwann hatte er das Turmviertel, die Hundsgassen und auch den Hafen hinter sich gelassen. Das Bild hatte sich mehr und mehr gewandelt. Hier, in jenem Teil der Stadt, in welchem alte Kanäle, tiefe Gräben, Bretterburgen und die Stadt über der Stadt das vorherrschende Bild waren. Die Ascherinne.
Doch das Aschemädchen lag nicht in der Ascherinne. Sein Weg führte ihn die Grenzstraße entlang, welche die Ascherinne vom Rest der Stadt trennte. Sein Ziel lag im roten Bezirk. Tief im Gebiet der Sanra'Jena. Wo sich die Häuser bis an die Stadtmauer reihten. Manche von ihnen waren sogar direkt an die Stadtmauer gebaut worden - und darüber. Das Aschemädchen lag unscheinbar und schmucklos zwischen zwei großen Gebäuden. Kein Licht brannte. Kein roter Schein drang aus den dunklen Fenstern. Das Haus wirkte wie verlassen und leer. Doch der Schein trog. Es war einfach nur ein Haus der Nacht. Bei Tage war der nächtliche, verruchte Zauber der roten Häuser verloren und unscheinbar. Dies galt auch beim Aschemädchen. Das Einzige, wodurch sich dieses Haus von den anderen unterschied, war die Farbe der Schindeln. Ein dunkles Grau, wie Schiefer. Während die anderen Häuser überwiegend Schindeln aus ergrautem, altem Holz hatten.
Doréan klopfte an die Tür. Er rückte seine Kleidung zurecht und sein Herz begann etwas schneller zu schlagen. Nicht nur in der Erwartung Aelia wiederzusehen. Auch überkam ihn ein anderes, mulmiges Gefühl. Das Wissen, Ronïa wieder unter die Augen zu treten, nachdem er sie gestern dabei erwischt hatte, wie er aus dem Fenster geklettert war. Doch als die Türe sich öffnete, stand dort nicht Ronïa. Es war diese Blonde, deren Namen er sich einfach nicht merken konnte. Ronïa schlief vermutlich oder hatte andere Verpflichtungen. Die Blonde hob eine Augenbraue und bedachte ihn mit einem musternden Blick. »Was willst du hier? Wir haben geschlossen.« Doréan zuckte mit den Achseln. »Ich weiß.« Die Frau runzelte daraufhin die Stirn und war schon im Begriff ihm die Tür vor der Nase zu schließen, als Doréan den Fuß in den Türspalt stellte, und sie daran hinderte. »Ist Aelia da?« Die Frau bedachte ihn mit einem ausdruckslosen Blick. Schließlich schüttelte sie nur den Kopf und übte wieder etwas mehr Druck auf die Tür aus. Doréan hielt mit der Hand, welche noch immer auf der Tür lag, dagegen. »Und Ronïa?« Da seufzte sie und trat auf die Türschwelle. »Du weißt, dass Ela heute zurückkommt?« Doréan zuckte mit den Schultern. Ronïa hatte es erwähnt. Schließlich nickte er und Marla seufzte mit einem mürrischen Nachdruck. »Ronïa schläft. Komm später wieder, und nimm jetzt endlich die verdammte Hand von der Tür.« Doréan zog die Hand zurück und kurz darauf schlug sie ihm auch schon die Tür vor der Nase zu. »Verdammtes Miststück.«, fluchte Doréan und trat von der Tür zurück. Sein Blick glitt über die Fassade. Er wusste selbst nicht genau, wonach er eigentlich Ausschau hielt. Doch weder bemerkte er neugierige Dirnen, die aus den Fenstern lugten, noch verräterische Vorhänge, die sich bewegten. Er seufzte und ließ dann die Schultern hängen. Wo konnte sie nur sein? Vermutlich hatte sie wieder eine Arbeit gefunden und würde erst spät am Abend zurückkehren? Einen Moment lang setzte sich Doréan einfach auf die Stufen des Freudenhauses und stützte seinen Kopf auf die Hände, mit den Ellenbogen auf den Knien ruhend. Und so starrte er einfach ins Nichts und dachte nach.
Aber egal wo Aelia auch sein mochte. Er würde sie vermutlich niemals finden, wenn ihm das Glück nicht besonders hold war. Und wie es um sein Glück bestellt war, das hatte er letzte Nacht leidvoll am eigenen Leib erfahren. Er war gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dort, wo Hartwig ihn geschlagen hatte, zeichnete sich bereits ein dunkler, verfärbter Fleck ab. Und seine Finger pochten auch noch immer wieder. Doch es hätte schlimmer kommen können. Er könnte jetzt schon am Galgen baumeln, mit den Füßen um sein Leben strampeln und sich bis zu den Knien einscheißen. Er hatte schon öfter einen Mann am Galgen sterben sehen. Nicht selten sogar jemanden, den er gekannt hatte. Niemand sprach darüber. Alle redeten nur davon wie die Stadtwachen ihn zum Galgen geführt hatten. Wie die Menge tobte und jubelte. Und wie die Männer starben. Aber niemand sprach davon, dass sich jeder von ihnen dabei in die Hosen schiss.
Nach einer Weile hatte Doréan genug vom Trübsal blasen. Er erhob sich von der Stufe und trottete davon. Er wollte am Abend zurückkehren, dann würde Aelia auch zurück sein, wo auch immer sie sich jetzt befand. Ziellos irrte er durch die verwinkelten Gassen. Wie viel Zeit inzwischen vergangen war, konnte er nicht sagen. Doch mit jeder Stunde die verging, fühlte er den wachsenden Hunger. Immer wieder legte er seine Hand auf den Lederbeutel in seiner Tasche. Doch der Hunger war längst nicht mehr das vorherrschende Gefühl, welches ihn von innen verzehrte. Es war ein anderes Verlangen, nach dem er dürstete. Und nun, mit der Hand auf diesem verdammt schweren Beutel, war das Verlangen nur umso größer geworden. Wie oft war er schon auf dieser Straße gelaufen, mit nicht einmal einer einzigen Scherbe in der Tasche. Und wie oft hatte er sehnsüchtige Blicke in den Rabenhof geworfen, nur um doch einfach weiterzugehen. Der Beutel lag schwer in seiner Tasche. Und seine Hand ruhte noch schwerer darauf. Das Schicksal hatte ihn an diesen Ort geführt. Es hatte ihm diesen Beutel in die Hände gespielt und nun stand er hier. Am Scheideweg zwischen dem roten Bezirk und der Ascherinne. An einem Ort, an welchem die Starren ihr Dasein fristeten. Und die Luft geschwängert war vom blassen Dunst des Rabenhofes. Doréans Hand glitt in die Tasche hinein und umschloss den Beutel. Die Münzen kratzten aneinander. Er fühlte die metallischen runden Scheiben durch das dicke Leder hindurch. Und das Verlangen hatte längst die Oberhand gewonnen. Ob er Raban zehn Löcher oder weniger brachte. Was machte das für einen Unterschied? Die Verlockungen des Rabenhofes waren schier übermächtig.
Doréan wurde von einer dunstigen Luft umfangen. Er musste sich leicht vorbeugen um durch die niedrige Tür gehen zu können. Er trat an den Mann heran, welcher mit mürrischer Miene hinter seinem kleinen Tisch saß und in einem alten Buch las, welches vermutlich älter war als Doréan selbst. Als der Mann ihn bemerkt hatte, hob er den Blick und legte das Buch beiseite. Doch er erhob sich nicht von seinem Platz. Und er sprach auch kein Wort. Er nickte nur. Doréan erwiderte das Nicken. Als Doréan schließlich an den Tisch herangetreten war, da beäugte ihn der Mann mit einem akribischen Blick. Er hob die linke Hand und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, während er Doréan einen herablassenden Blick zuwarf. Doréan lächelte verhalten. Doch dann zog er den schweren Beutel aus der Tasche und hielt ihn in die Höhe. Er schüttelte ihn, so dass die Münzen zu klimpern begannen und ließ den Beutel dann, ohne ihn zu öffnen, wieder in der Tasche versinken. Da veränderte sich die Miene des Mannes. Die mürrische Unfreundlichkeit wich einem falschen und gierigen Lächeln. Er beugte sich etwas vor und kramte einen hölzernen Teller hervor, welchen er kurz darauf vor Doréan auf den Tisch stellte. Schließlich legte er ein speckiges und fleckiges Bündel auf den Teller und begann es, beinahe feierlich zu entfalten, bis die begehrte Ware zum Vorschein kam.
Das Opium lag als faustgroßer, schwarzbrauner Harzklumpen auf dem flachen Holzteller. Die Oberfläche glänzte stellenweise wie altes Pech, an anderen Stellen war sie stumpf und von feinen Rissen durchzogen. Schließlich zog er ein Messer aus der Scheide, die an seinem Gürtel baumelte, und deutete damit auf den Klumpen. »Wieviel?«, verlangte er zu erfahren und Doréan hob seine sehnsüchtigen und gierigen Blicke von dem Klumpen um dem Mann anzusehen. Er zögerte noch. Doch das Zittern in seinen Händen und das pochende Verlangen in seiner Brust hatte längst die Kontrolle übernommen. Wie eine Marionette, die von einem zynischen Puppenspieler gelenkt wurde, griff Doréan in seine Tasche und zog den Beutel hervor. Er lockerte das Band, welches diesen zusammenhielt und kramte eine silberne Lochmünze hervor. Einen Moment lang hielt er die Münze in der Hand, als ob etwas in ihm sich dagegen sträubte sie aus der Hand zu geben. Doch der Puppenspieler verstand es die Fäden zu führen. Doréan legte die Münze wortlos auf den Tisch und der Händler nickte und zog sie über die Tischplatte zu sich. Das Metall kratzte dabei sanft über das alte Holz. Der Händler nahm die Lochsilbermünze zwischen Daumen und Zeigefinger und legte sie sich kurz darauf auf die Lippen, um mit einem Biss die Qualität der Münze zu überprüfen. Schließlich nickte er und warf die Münze achtlos in eine kleine, hölzerne Schatulle, die sich unter dem Tisch befand. Das Metall schlug dumpf auf anderes Metall und dann verklang es zu ewigem Schweigen. Bis die Münzen irgendwann in einen Beutel geschüttet werden würden, um in einem toten Winkel versteckt zu werden. Ohne ein Wort schnitt er mit einem schmalen Messer ein haselnussgroßes Stück von dem schwarzen Laib. Wo der Händler mit dem Messer ein Stück abschnitt, gab die Masse langsam nach und zog kurze, zähe Fäden, bevor sie sich mit einem dumpfen Reißen löste. An der Schnittfläche schimmerte das Innere dunkel bernsteinfarben und verströmte einen schweren, süßlich-erdigen Geruch nach Harz, Kräutern und feuchtem Holz. Er rollte die zähe Masse zwischen den Fingern zu einer kleinen Kugel und wickelte sie in ein Stück gewachstes Papier. Wortlos reichte er es Doréan und dieser nahm es schließlich ebenso wortlos entgegen. Der Händler nickte in eine der Kojen, welche sich hinter ihm in dem nächsten Raum befanden. Doch Doréan schüttelte den Kopf, worauf der Händler nur die Schultern zuckte und sich wieder auf seinen Stuhl setzte. Dann zog er den hölzernen Teller vom Tisch und verstaute ihn wieder an seinem verborgenen Platz.
Die Schwermut, welche Doréan seit einiger Zeit begleitet hatte, war verschwunden. Ein saftiger Schweinebraten und ein würziges Bier hatten seinen leeren Magen gefüllt. Und auch wenn der schwere Lederbeutel ein wenig leichter geworden war, so barg seine Tasche nun einen gänzlich anderen Schatz. Ein dunkler, fast schwarzer, Klumpen Harz. Schwer im Aroma und voller honigsüßer Sünde. Das schlechte Gewissen, welches ihn noch vor geraumer Zeit geplagt hatte, war inzwischen gänzlich verstummt. Düstere Gedanken lagen schwer im Magen. Doch nun, da er Hunger, Durst und das ewige Verlangen gestillt hatte, war das Gewissen zu einem kaum hörbaren Flüstern verstummt. Unwillkürlich tastete er wieder nach der Tasche. Wohlwissend, dass in dem Beutel zwei Münzen fehlten. Und dennoch lächelte er matt. Scheiß drauf! Das Lächeln wurde ein wenig breiter und sein Blick ein wenig grimmiger. Sein Weg führte ihn nun an einen gänzlich anderen Ort. Nicht weit von hier. Bertrams Stall.
Als Doréan den Hof betrat, welcher durch eine kleine Mauer von der Straße getrennt lag, drängte sich ihm sofort dieses wohlbekannte Gefühl auf. Er würde niemals so weit gehen, diesen Ort sein Zuhause zu nennen. Und doch war das Gefühl, welches in ihm zehrte, von ähnlicher Natur. Eine Dirne stand am Brunnen und schöpfte Wasser aus dem Eimer in eine tönerne Karaffe. Sie hob den Blick, als sie Doréan vorbeikommen sah, doch würdigte ihn sonst keines weiteren Blickes. Eine andere Dirne saß mit breiten Beinen auf einem alten Schemel. Ihr Kleid hing zwischen den Beinen herab und sie hielt eine kleine, zinnerne Dose in ihrer linken Hand. Vor ihr stand ein alter, vergilbter Spiegel auf welchen das morgendliche Sonnenlicht fiel. Sie hielt das Döschen gegen das reflektierende Licht und Doréan konnte sehen, dass die Dose nur noch spärlich am Boden bedeckt war. Am Boden klebte eine schwarze Paste aus Lampenruß und Schweineschmalz. Mit der Fingerspitze des Zeigefingers verrieb sie die Masse vorsichtig entlang ihrer Lider. Doréan hielt einen Moment lang inne und beobachtete die Frau dabei, wie sie sich mit äußerster Sorgfalt die schwarze Paste auf das Gesicht auftrug. Jeder Tropfen war kostbar. Mit Fingerspitzengefühl und akribischer Genauigkeit saß sie vor dem Spiegel, welchem sie so nah war, dass sie ihn beinahe berührte. Anschließend rieb sie die Reste am Rand der Dose ab und verschloss sie, nur um eine zweite Dose zu öffnen. Dieses Mal tunkte sie ihren Mittelfinger in eine Mischung aus rotem Ocker und Gänsefett und strich sich etwas Farbe auf die Wangen. Der Spiegel aus poliertem Zinn zeigte keine Schönheit – nur ein Gesicht, das im müden Sonnenlicht ein wenig lebendiger wirkte. Doréan überkam ein zynisches Lächeln. Sie konnte sich auch den ganzen Inhalt der Dose ins Gesicht schmieren. Es würde nichts daran ändern, dass sie hässlich wie die Nacht war und man im Dunkeln ohnehin nicht sah, wie sie aussah. »'Nen echten Schatz hat Bertram sich da angelacht.«, brummte Doréan und grinste dabei unflätig, während er kaum merklich den Kopf schüttelte. Doch kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gesponnen, da öffnete sich eine Tür am Ende des Hofes.
Schwere, schlurfende Schritte schallten aus der Tür heraus. Doréans warf einen Blick über die Schulter und biss sich dann unweigerlich auf die Lippen. Innerlich verfluchte er sich, dass er nicht einfach ins Haus gegangen war. Ein korpulenter Mann trat aus der Tür und stemmte eine Hand in den Rücken. Er schnaufte unüberhörbar und seinem Atem haftete ein rasselndes Röcheln an. Bertram, wenn man vom Teufel sprach, dann sprang er kurz darauf aus seinem dunklen Loch und man spürte seinen heißen Atem im Nacken. Doréans fühlte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Bertram zog die Luft durch die Nase hoch und das rasselnde Geräusch wurde lauter. Schließlich spuckte er einen gelben Klumpen auf den Boden und fuhr sich mit der Hand in den Schritt seiner Hose. Die Beule in seiner Hose bewegte sich unter den tanzenden Fingern. Während seine Finger nach seinem Gemächt tasteten, um es ein wenig in die Höhe zu ziehen und sich anschließend ausgiebig zu kratzen, ließ er seine gelangweilten Blicke über den Hof schweifen. Bis sich die Blicke Doréans und Bertrams schließlich trafen. Der Mann, welcher einen ganzen Kopf größer als Doréan war, hielt inne. Sein Blick nagelte sich förmlich auf Doréan fest und schließlich zog er seine Hand aus der Hose und setzte sich schlurfend in Bewegung. Doréan seufzte und die Schwermut kehrte mit einem Schlag wieder zurück. »Ah. Doréan.«, brummte Bertram und hob seine Hand um den Gossenfloh zu sich zu winken.
Doréan seufzte und noch ehe er sichs versah, stand der Mann auch schon direkt vor ihm. »Ah, lange nich' geseh'n. Hab schon geglaubt, du bist abgehauen…oder man hätte dich aufgeknüpft.« Er gluckste und sein dreckiges Lachen klang als ob eine Rassel geschwungen wurde. »Das hättest du wohl gern, was?«, brummte Doréan und verzog dabei eine mürrische Miene. Bertram zuckte mit den Schultern. »Ist ja schon Tage her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe.« Doréan schnaubte mürrisch. »Wir ham uns wohl immer nur knapp verpasst.« Da tippte sich Bertram an die Schläfe. »Na was für ein Glück, dass wir uns jetzt doch endlich über den Weg gelaufen sind, was?« Der Gossenfloh blies die Luft aus den Wangen und seufzte danach herablassend. »Ja, ist diese grausame Welt nicht ungerecht?« Bertram warf Doréan einen fragenden Blick zu und dieser verschränkte dann die Arme vor der Brust. »Na, ich kann mir echt nichts vorstellen, wo ich jetzt lieber wäre. Als hier…« Bertram hob daraufhin drohend den Finger und richtete diesen unter Doréans Nase. »Nun werd‘ mal nich‘ frech, Bursche.« Er wedelte unbeholfen mit dem Finger und Doréan erkannte das leichte Zittern darin, was ihm sichtlich Sorgen bereitete. Zitternde Finger bedeuteten bei Bertram immer Ärger. »Hör mal, Bertram…« Eigentlich hatte Doréan keine Lust sich weiter mit ihm zu unterhalten. Was auch immer er von ihm wollte, es verhieß nichts Gutes. Er kam immer nur daher, wenn er etwas von ihm wollte. Bertram schnitt ihm unwirsch das Wort ab. »Vergiss es. Du bist doch nie um 'ne Ausrede verlegen. Doch dieses Mal windest du dich nicht raus. Zwing mich nich' dich bei den Eiern zu packen und zu Raban zu schleifen, du nichtsnutziges Stück Scheiße.« Bertram gluckste dreckig und leckte sich über die Lippen. Als Doréan daraufhin die gewünschte Reaktion gezeigt hatte…indem er einfach schwieg, da räusperte sich Bertram. »Also, Junge, ich machs kurz. Du bist mit der Miete im Rückstand. Letztes Mal hab' ich dir gesagt, in drei Tagen will ich das Geld.« Dabei hob er drei Finger in die Höhe, als ob Doréan irgendein dummes Gör wäre, das nicht einmal bis drei zählen konnte. »Das war vor vier Tagen. Und jetzt will ich mein Geld sehen. Sofort!« Wieder zog er geräuschvoll die Luft durch die Nase hoch und rotzte dann auf den Boden. Doch da Doréan keine Anstalten machte ihn sofort mit Silber zu überhäufen, knurrte Bertram ungehalten.
Bertram fackelte nicht lange. Er packte Doréan am Kragen und hielt, wusste der Kuckuck woher, plötzlich ein Messer in der anderen Hand. »Ich kann auch andere Saiten aufzieh'n. Ständig muss ich meinem Geld hinterher laufen, wie ein Köter. Aber, ich bin kein Köter.« Da konnte sich Doréan ein kurzes Grinsen nicht verkneifen, was er sogleich wieder bereute. »Was grinst du jetzt so bescheuert? Du willst wohl unbedingt bei den Fischen schlafen, hm?« Doréan schüttelte den Kopf. »Bestimmt nich', Auch wenns dort vermutlich weniger stinkt als hier.« Bertram verzog den Mundwinkel und starrte Doréan mit einem schweigenden, strafenden Blick an. »Du redest…und redest…und gehst mir damit ständig auf die Nerven Kleiner. Lass mal Taten sprechen, anstatt immer nur das Maul aufzureißen.«, blaffte Bertram ungehalten und verstärkte den Griff um Doréans Kragen ein wenig ruppiger. Er hielt Doréan das Messer noch etwas näher unter die Nase, bis er die breite Seite der Klinge auf seinen Hals legte. Das Messer war abgewetzt, doch das kalte Metall fühlte sich dennoch unangenehm scharf an Doréans Kehle an. Und es fehlte nicht mehr viel, dann würde das alte Eisen rotes Blut schmecken. Doréan hob die Hände in die Höhe. »Ich…ich hab das Geld. Nimm dein Scheiß Messer weg, verdammt.« Bertram grinste und die Klinge bebte unter seinen zitternden Händen. Doch dann zog er die Klinge zurück und ließ die Hand langsam sinken und schob es in seinen Gürtel. Dann öffnete er die Hand zu einer Kuhle und wedelte unwirsch mit den Fingern. »Dann los. Her damit.« Doréan rieb sich den Hals und tastete ihn nach Blut ab. Doch das seltsame Gefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte, war nur Einbildung gewesen. Seine Finger waren weder feucht noch rot gefärbt. Seine Blicke wichen Bertram aus und er bemerkte aus den Augenwinkeln wie die Dirne, die sich zuvor noch geschminkt hatte, aus dem Staub machte. Sie kannte den Ärger, der hier in der Luft lag, mehr als genug. Bertram würde noch Stundenlang schlechte Laune haben und die erste Dirne, die ihm dabei in die Quere kam, würde dafür büßen müssen. Der Hof wirkte mit einem Mal wie ausgestorben. Als ob alle Frauen sich in Luft aufgelöst hätten.
Doréan griff in seine Tasche und fingerte an dem Beutel herum. Er wollte verdammt sein, wenn er diesen vor Bertrams Augen öffnete und dieser verfluchte Hundsfott all das Silber darin sähe. Und so fingerte er an der Schnürung des Beutels herum, bis er sie endlich soweit gelockert hatte um mit Daumen und Zeigefinger eine Lochmünze heraus zu fischen. Wortlos hielt er sie Bertram vor die Nase und als dieser erkannte, dass Doréan ihm Silber unter die Nase hielt, da flammte ein gieriges Glitzern in seinen Augen auf. »Silber?«, murmelte Bertram und Doréans Mundwinkel zuckte. »Du kannst doch rausgeben?«, murmelte Doréan doch da lachte Bertram und griff nach der Münze. »Bei dir hackts wohl?« Er grub seine Zähne in das silberne Metall und nickte dann zufrieden. »Echt.« Doréan verschränkte empört die Arme vor der Brust. »Natürlich ist die echt. Woher sollte man denn überhaupt eine Fälschung bekommen?« Bertram wedelte unwirsch mit der Hand, als ob Doréans Worte nur lästige Fliegen waren, die es zu verscheuchen galt. »Den Rest behalte ich. Sieh's als Verzugsgebühr, kleiner Scheißer.« Als Bertram Doréan schließlich den Rücken zugewandt hatte, da hob dieser mit grimmigem Blick die rechte Faust und streckte trotzig den Mittelfinger aus. »Arschloch.«
Es dauerte nicht lange, da lag Doréan auf seinem Bett, hinter seiner verschlossenen Tür. In der einen Hand hielt er eine lange Nadel und stocherte damit in dem Opium Klumpen herum, während er die Glut in der Pfeife anfachte, indem er immer wieder kurze, scharfe Züge machte. »Scheißtag.«, murmelte er und als das Opium seinen Geist umnebelte sank er matt auf das Bett und sein glasiger Blick schweifte in weite Ferne. »Fick dich, Bertram.«, säuselte Doréan mit fahriger Stimme und dämmerte dabei langsam ins Reich der Träume und des süßen, erlösenden Vergessens.
Als Doréan wieder die Augen öffnete, war es dunkler geworden. Er rieb sich die Augenlider und mit verkniffenem Blick sah er sich um. Dann schlurfte langsam zu der kleinen Luke, die sein einziges Fenster bildete. Er lugte hinaus doch die Sonne stand schon so tief, dass sie bereits hinter der Mauer versunken war. Doréan seufzte. Er hatte den halben Tag verschlafen! Er griff nach seiner Tasche und verließ seine schäbige Unterkunft, um wieder zum Aschemädchen zu gehen, in der Hoffnung Aelia nun vorzufinden.
Als Doréan zum zweiten Mal an diesem Tag an die Pforten des Aschemädches klopfte und Ronïa die Tür öffnete, da seufzte Doréan erleichtert. Sie hob eine Augenbraue und sah ihn fragend an. »Warum seufzt du so?« Da hob Doréan den Blick zur Seite und versuchte hinter Ronïa zu spähen. Doch da er niemanden sehen konnte, zuckte er mit den Schultern. »Ich bin nur froh, dass du die Tür aufmachst und nicht dieses...blonde Luder.« Ronïa folgte Doréans suchenden Blicken und sah nun ebenfalls über ihre Schulter. »Marla?«, hakte sie nach und Doréan nickte. Ja Marla war ihr verdammter Name. Jetzt erinnerte er sich wieder. Als Ronïa, wie schon Doréan zuvor, niemanden hinter sich hatte sehen können, wandte sie sich wieder Doréan zu. »Du kannst nicht reinkommen.« Doréan erwiderte nichts darauf, doch sein Blick sprach Bände. Ronïa seufzte und ließ eine ihrer Hände, die sie sonst hinter dem Rücken hielt, nach vorne gleiten. »Sie ist nicht da.« Da sackte Doréans Schulter ein wenig zusammen und Ronïa seufzte abermals. »Sie war auch letzte Nacht nicht hier.«, murmelte sie und Doréan hob daraufhin den Blick zu ihr. »Wie? Was sagst du da?« Sie hob ihre Schultern und atmete langsam aus. »Sie hat hier auf dich gewartet. Sehr lange. Doch irgendwann ist sie dann gegangen.« Doréan löcherte Ronïa mit Fragen. Wohin war sie gegangen. Und warum hatte sie sie überhaupt gehen lassen. Doch Ronïa hatte stets nur weitere, unbefriedigende Antworten für ihn parat. »Ich bin nicht ihre Amme, Réan.« Ronïa schnalzte mit der Zunge. »Dafür, dass ihr euch schon so lange kennt, weißt du erstaunlich wenig über sie.« Auf Doréans fragenden Blick erwiderte sie nur ein Schulterzucken. »Wo könnte sie denn sonst sein, außer hier?« Doréan hatte keine Ahnung. »Ich…ich werde hier auf sie warten.«, murmelte Doréan und Ronïa rollte mit den Augen. »Aber nicht drinnen.«
Die Zeit verging quälend langsam. Doréan hob bei jedem Schritt den er vernahm den Blick, in der Hoffnung es könnte Aelia sein. Doch jedes Mal wurde er aufs Neue enttäuscht. Doréan hockte nicht weit vom Aschemädchen im Schneidersitz auf dem Boden. In seinem Schoß lag ein offener Beutel, in welchem einige Murmeln lagen. Und auf dem Boden vor ihm lagen die übrigen. Der Kreis, den er in den harten Boden gezogen hatte, lag im Halbschatten des Hauses. Eine schwarze Murmel kullerte über den Boden und schlug gegen eine andere. Er war nicht wirklich in Gedanken beim Spiel. Eine weitere Murmel klickerte über das alte Pflaster, bis es schließlich ebenfalls im Kreis zum Stillstand kam. Hinter sich trotten Menschen vorbei. Dirnen, die sich langsam zu ihren Stammplätzen begaben. Ein Mann, der mit einem Hund vorbeikam, welcher neugierig an Doréan geschnüffelt hatte. Ein rüder Kutscher, der lauthals geflucht hatte, als sein Wagen über ein Schlagloch gefahren war. Doch diese Geräusche nahm er alle gar nicht wahr. Seine Gedanken kreisten nur um Aelia, so sehr, dass er selbst den Murmeln kaum Beachtung schenkte. Irgendwo in der Ferne konnte man das Singen von Eisen hören. Ein Hammer, der auf einen Amboss geschlagen wurde. Und dann…rollte eine grüne Murmel in Doréans Kreis hinein. »Du bist ja immer noch hier.« Ronïas Stimme klang nüchtern, wie immer. Und doch bemerkte Doréan einen leichten Hauch in ihrer Stimme. Besorgnis. Mitleid? »Kann man so sagen.« murmelte Doréan doch er hob nicht einmal den Blick zu ihr herauf. Sie fingerte in ihrem Beutel und förderte eine weitere Murmel hervor. Dieses Mal eine blaue. Sie schnippte die Murmel elegant aus dem Handgelenk. Sie sprang vom Boden gegen die Wand und von dort in den Kreis hinein, wo sie gleich zwei von Doréans grauen Murmeln zur Seite drängte. »Wenn du gegen mich gewinnst…« hob sie an und lächelte dabei verhalten. Doréan runzelte die Stirn und warf Ronïa schließlich einen fragenden Blick zu. »…dann kannst du damit angeben, dass du mich geschlagen hast.« Doréan verzog mürrisch den Mundwinkle. »Is das 'ne Belohnung? Oder 'ne Drohung?« Ronïa sah Doreán daraufhin verschwörerisch an. »Das wirst du nur herausfinden, wenn du gewinnst.« Doréan beugte sich vor. Sammelte alle seine Murmeln ein und legte dann die große Weiße in die Mitte. »Wenn ich gewinne…«, murmelte Doréan. »…dann bist du das nächste Mal, wenn du Aelia siehst, nett zu ihr.« Er hob den Blick und sah ihr dabei herausfordernd in die Augen. Ronïa sah ihn lange schweigend an. Ihr Blick war so verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Doch schließlich schloss sie die Augen und nickte.
Eine Lektion des grauen Viertels ❖
26.07.2023 '11:44 [4.118 Wörter]
 eises Scharren riss Aelia aus einem unruhigen Halbschlaf. Erst regte sie sich nicht. Einen Augenblick lang wusste sie nicht einmal, wo sie war. Die steinerne, teils scharfkantige Mauer drückte unangenehm in ihrem Rücken, das harte, kalte Pflaster unter ihren Beinen ließ diese sich klamm anfühlen, doch erst der dumpfe Geruch nach feuchtem Stein und feuchtem Holz und abgestandenem Urin ließ erst langsam die Erinnerung und Erkenntnis zurück in ihren Geist kehren. Doréan war nicht zum Aschemädchen gekommen. Diese Gasse. Sie hatte tatsächlich hier geschlafen, trotz aller Bedenken. Sie hatte diesem Aufflammen von Stolz nicht klein beigeben wollen. Spätabends bei Millie aufkreuzen und sie bitten, dass sie bei ihr schlafen könne, hätte bedeutet, zugeben zu müssen, dass Doréan nicht gekommen war. Was hätte Millie dann über ihn gesagt? Vermutlich nichts Gutes. Sie sah ihr Gesicht förmlich vor sich, wie sie etwas ähnliches sagen würde wie „Aelia jetzt reichts aber, was willst du mit so einem Kerl auf den du dich nicht verlassen kannst, wenn‘s drauf ankommt? Der genießt scheinbar nur die annehmlichen Seiten einer solchen Liebelei, aber wenn‘s ernst wird, dann is‘ er anscheinend wie alle anderen Kerle. Vergiss ihn bloß!“ Die andere Möglichkeit wäre gewesen, zurück zum Aschemädchen zu laufen und Ronïa bitten, ihr doch ein Bett für die Nacht zu geben, weil ihre Freundin sie doch nicht aufgenommen hatte. Weil sie sie nicht gefragt hatte. Lügen über Lügen. Egal zu wem sie gegangen wäre, es hätte sich auf Lügen oder zumindest auf Wahrheitsverdrehung und Verschweigen gestützt. Ob nun das Gesicht zu wahren, oder Doréan zu schützen, oder Millie… Wie man es auch drehte und wendete, es erschien ihr nicht richtig. Und beide Möglichkeiten waren ihr in dem Moment als derart unmöglich erschienen, dass sie sich lieber in die dreckige Ecke einer dunklen Gasse gekauert hatte, als das Richtige zu tun. Doch dass sie jetzt die Augen aufschlug, hatte ihr auch bewiesen, dass alles gut gegangen war. Nichts war passiert und sie hatte sich ihre zweifelhafte Würde vor Millie oder Ronïa bewahren können und hatte obendrein noch Geld gespart. Das Scharren erklang erneut. Langsam. Jemand kam näher. Aelia schlug die Augen auf und ein Schreck fuhr ihr durch die Glieder, beinahe so, das hätte man ihr einen harten Schlag verpasst, und ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Ein Mann stand nur wenige Schritte von ihr entfernt. Er war hager und ungepflegt. Das Haar fettig und strähnig. Seine Kleidung hing lose an ihm herab, und sah aus, als hätte sie seit Jahren keinen Waschbottich mehr gesehen. Er hatte sie bemerkt und blieb stehen. Sein Blick glitt über ihren zusammengekauerten Körper. Ein subtiles Grinsen schlich sich in sein Gesicht. „Na, schau an...“ Er trat langsam näher. So langsam, als wolle er ein scheues Tier nicht verschrecken. Einen Herzschlag lang schien er abzuwägen. Dann hob sich sein Blick wieder zu ihrem Gesicht. „Für 'ne Bettlerin bist du aber ein hübsches Ding.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Oder verdienst du deine Münzen auf andere Art?“ Aelia erhob sich sofort. Der Schlaf lag ihr vor wenigen Momenten noch schwer in den Gliedern, doch davon war nun nichts mehr zu spüren. Sie wich einen halben Schritt zurück, bis ihr Rücken erneut die Mauer berührte. Sein Blick glitt über sie, langsam und unverhohlen. „Ich dachte schon, ich hätt' da einen Schlafsack gefunden.“ Er machte noch einen Schritt näher und Aelia trat auf der Stelle, als könne das irgendetwas an ihrer schwächeren Position, nämlich die an der Wand, verbessern. Der Mann bemerkte die Bewegung und grinste nur breiter. „Für eine, die draußen pennt, bist du aber ein verdammt hübsches Püppchen.“ Seine Augen blieben einen Moment an der Lochmünze hängen, die an dem Lederband auf ihrem Dekolleté lag. „Läuft das Geschäft so gut?“ Aelia antwortete nicht. Sie hielt seinem Blick stand. Der Mann musterte sie noch einen Augenblick. Sein Grinsen verriet, dass er längst darüber nachdachte, was sich bei ihr wohl eher lohnen mochte, die Münze um ihren Hals, ein paar versteckte Groschen... oder etwas ganz anderes. „So ganz allein unterwegs...“, murmelte er. „Das ist gefährlich.“ Seine Stimme klang beinahe freundlich. Seine Augen waren es allerdings nicht. Jetzt tat Aelia einen Schritt nach vorne. Sie musste hier weg. Schnell weg. Sie tat einen erneuten Schritt und sah, dass er keine Anstalten machte, zur Seite zu treten. „Geh mir aus dem Weg…“ sagte sie, und versuchte, an ihm vorbei zu gehen. Doch er wich nicht zur Seite, im Gegenteil, er lehnte sich schräg und lässig an die Mauer und versperrte Aelia so den Weg. Die junge Frau versuchte es auf der anderen Seite und der Kerl trat ebenso auf diese Seite, fast spielerisch. Er lehnte sich lässig gegen den Durchgang der Gasse. „Immer mit der Ruhe“ sagte er und lächelte. „Ich hab dir doch gar nichts getan.“ Aelia blickte sich in der schmalen Gasse, die eine der Hundsgassen war, um, der Mann verfolgte ihren Blick. „Brauchst gar nicht suchen“ meinte er mit einem Grinsen. „Um diese Uhrzeit interessiert sich keiner für fremde Probleme.“ Erneut ließ er seine Blicke über sie wandern und blieb schließlich an der Lochmünze hängen. Seine schmutzigen Finger hoben sich langsam. „Was haben wir denn hier...?“ Mit Daumen und Zeigefinger fasste er nach der Lochmünze und fuhr mit seiner Daumenkuppe über die Prägung. „Tatsächlich eine Lochmünze…“ begann er, doch da hatte Aelia schon ohne groß darüber nachzudenken ihre Hand gehoben und ihm die Münze aus den Fingern geschlagen. Überrascht blickte er sie an und für einen Herzschlag sagte keiner von beiden etwas. Aelia hatte ihre Hand bereits wieder zurückgezogen. Der Mann sah nun auf seinen Handrücken. Dann hob er langsam den Kopf. Das Grinsen auf seinen Lippen verschwand. Dann floss es regelrecht aus seinem gesamten Gesicht. Übrig blieb nur noch ein kalter Blick. „Hat dir keiner beigebracht, dass man fremde Leute nicht schlägt?“ Seine Stimme klang plötzlich bedrohlich. Aelia antwortete nicht. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie wich keinen Schritt zurück. „Hat dir keiner beigebracht, fremde Sachen nicht anzufassen?“ gab sie zurück, und versuchte dabei, ihre Stimme nicht allzu sehr zittrig klingen zu lassen. Doch es gelang ihr nicht. Er starrte sie einen langen Moment an, dann schnaubte er leise. „Du glaubst wohl, weil du ein hübsches Gesicht hast, kannst du dir alles erlauben.“ Mit einem Schritt war er bei ihr. Seine Hand schoss vor und packte sie grob am Oberarm. Die Finger schlossen sich zu einer eisernen Umklammerung und gruben sich schmerzhaft in ihr Fleisch. „Scheint mir so, als ob ich dir Manieren beibringen muss, was?“ Er riss sie ein Stück weit von der Mauer fort. „Und wenn ich etwas anfassen will...“ Sein Gesicht war ihrem jetzt so nah, dass sie seinen stinkenden Atem roch. „...dann fasse ich es auch an.“ Dabei glitt sein Blick auf die Lochmünze und auf das, was darunter lag und seine Finger gruben sich noch tiefer in ihren Oberarm, sodass seine schmutzstarren Fingernägel ihre Haut aufschnitten. Aelia verzog das Gesicht vor Schmerz. „Lass mich los.“ Sie stemmte sich gegen seinen Griff, doch er war kräftiger. „Bitte…“ hauchte sie. Er lachte nur leise und zog sie noch ein Stück näher zu sich. „Na also“, murmelte er. „Jetzt klingt das schon ganz anders. Nicht mehr so großmäulig, was?“ Mit der freien Hand griff er erneut nach der Lochmünze. Diesmal zögerte er nicht. Er schloss die Finger darum und riss daran. Das Lederband grub sich schmerzhaft in Aelias Nacken. Sie keuchte auf und schlug ihm erneut die Hand fort. „Ich hab gesagt, Finger weg!“ Für den Bruchteil eines Herzschlags lag blankes Unverständnis in seinem Blick. Als könne er nicht fassen, dass sie es ein zweites Mal wagte, seine Hand wegzuschlagen. Dann traf sie die Ohrfeige. Hart genug, dass ihr Kopf zur Seite flog und es in ihren Ohren schrill zu pfeifen begann. „Jetzt reicht'sr mit aber!“ Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und stieß sie gegen die scharfkantige Mauer. Der Aufprall lähmte für einen Moment ihre Atmung. „Du glaubst wohl, du kannst mich zum Narren halten?“ Sein Gesicht war jetzt nur noch wenige Fingerbreit von ihrem entfernt und die Adern an seinem Hals traten deutlich hervor. Aelia wusste nicht mehr, was sie sonst tun konnte, also sie schrie sie um Hilfe. Da nahm er eine Hand und presste sie ihr auf den Mund. „Halt den Mund, hier hört dich keine Menschenseele, und keiner schert sich um dich!“ Sein Griff um ihren Arm lockerte sich nicht, im Gegenteil. Er drückte sie noch fester an die Mauer, während sein Blick ruhelos über ihr Gesicht glitt, als wartete er auf den Moment, in dem ihr Widerstand endlich brach. Doch Aelias Widerstand brach nicht, im Gegenteil. In dem Moment, als er eine seiner Hände von ihren Schultern genommen hatte um ihr den Mund zuzuhalten, versuchte Aelia, sich aus seinem Griff zu befreien, und er schien, als überfordere ihn dieser Moment. Er nahm seine Hand von ihrem Mund und währenddessen zischte er „Wenn du noch einmal schreist, wirst du es bereuen, du kleine Schlampe, verstanden?“ Aelia nickte und er nahm die Hand von ihrem Mund und legte sie wieder auf die Schulter. „Was willst du?“ stieß sie atemlos hervor und er grinste „Ich bin mir noch nicht sicher, aber… ich fang mal damit an…“ meinte er, griff erneut nach der Lochmünze und riss mit einem derartigen Ruck, dass das Lederband im Nacken neben dem Knoten riss. Mit einem triumphierenden Blick hielt er die Lochmünze umschlossen und Aelia wusste, dass sie sich etwas einfallen lassen musste. Aelia rang nach Luft. Ihr Nacken brannte. Sein Griff schmerzte. Und sie wusste, dass sie ihm körperlich nicht gewachsen war. Ihr Blick glitt über seine Schulter. Für den Bruchteil eines Herzschlags hielt sie inne. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Da bist du ja!“ Sie blickte an ihm vorbei, als wäre dort soeben jemand in die Gasse getreten. Der Mann erstarrte. Sein Kopf fuhr herum. Es war nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, aber mehr brauchte Aelia nicht. Mit aller Kraft riss sie ihr Knie nach oben. Ein erstickter Laut entfuhr ihm und sein Griff löste sich augenblicklich. Er krümmte sich nach vorn, beide Hände fuhren zwischen seine Beine. Aelia griff ebenso dorthin, an das Lederband, welches zwischen seinen Fingern hervorlugte und riss ihm das Band mit Lochmünze die daran baumelte, aus der Hand. Dann stieß ihn mit beiden Händen beiseite und sie rannte. Nicht einen Blick warf sie zurück, auch wenn seine wüsten Flüche sie noch begleiteten, als sie die nächste Ecek erreicht hatte.
Sie rannte wie wenn der Teufel hinter ihr her war, so schnell ihre Beine sie trugen, hinaus aus der engen Gasse, durch die nächste Gasse, links in die nächste und schließlich hinein in die erwachende Stadt. Erst als sie an den ersten Marktkarren, und Händlern, die sich auf den Weg zum nächsten kleinen Markt machten, erst als sie diese Menschen um sich hatte, wagte sie es, stehen zu bleiben. Sie rang nach Atem. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, als wolle es ihr die Rippen sprengen. Langsam hob sie die Hand und hielt sich die Lochmünze vors Gesicht. Aelia schloss die Augen. Nur für einen Herzschlag. Sie rang weiter nach Atem und hustete, als ihr Hals vom angestrengten Atem rau und trocken geworden war. Sie bog auf einen kleinen Platz ein, auf dem ein alter Ziehbrunnen zwischen windschiefen Häusern stand. Um diese frühe Stunde war kaum noch jemand dort. Mit zitternden Knien ließ sie sich auf den steinernen Brunnenrand sinken und setzte sich. Sie atmete tief ein. Und noch einmal. Erst jetzt merkte sie, wie heftig ihre Hände zitterten. Langsam hob sie die Hand, die die Lochmünze umschloss, wie ein Drache der auf seinem Goldschatz hockte. Das Lederband war gerissen, als er ihr grob die Münze stehlen wollte. Ihre Hand fuhr in den Nacken und strich über eine Stelle, die schmerzhaft brannte, als sie sie berührte und sie sog scharf die Luft zwischen ihren Zähnen ein. Behutsam versuchte sie, einen neuen Knoten zu knüpfen, möglichst so, dass die Lochmünze und Knoten hernach beide mittig lagen. Doch ihre Fingerspitzen zitterten so sehr, dass der Knoten misslang. Erst beim zweiten Versuch hielt er. Sie strich mit dem Daumen über das abgegriffene Silber. Dann hob sie das Lederband über ihren Kopf und legte es wieder um ihren Hals. Eine Weile saß sie einfach nur da, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, den Blick auf das Pflaster gerichtet. Langsam wich das Adrenalin aus ihrem Körper, und zurück blieb nur die Erkenntnis, wie töricht sie gewesen war. Eine Nacht allein in irgendeiner dunklen Gasse des grauen Viertels... Es hätte so viel schlimmer enden können. Unwillkürlich dachte sie an Doréan. Ob er wohl gestern noch zum Aschemädchen gekommen war? Ob er sie gesucht hatte? Vielleicht hatte er geglaubt, sie sei längst zu Millie gegangen. Vielleicht hatte Ronïa ihm sogar erzählt, dass sie stundenlang vor der Tür gewartet hatte. Aelia seufzte leise. Sie könnte jetzt wieder zum Aschemädchen gehen. Doch was dann? Sehr wahrscheinlich war Doréan längst fort und sie verpassten sie sich ohnehin nur wieder. Und ganz ehrlich... Sie verspürte wenig Lust, erneut unter Ronïas stets grimmigen, kühlen, schwer zu deutenden Blicken zu stehen und auf jemanden zu warten, von dem sie nicht einmal wusste, ob er überhaupt kommen würde. Sie vermisste ihn sehr. Seine Augen, sein Lächeln, seine Hand die die ihre umschloss. Seine Lippen und seine Küsse. Sein unwiderstehlicher Duft… Sie schloss für einen Moment die Augen und seufzte tief. Die Stadt erwachte um sie herum. Und sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie als Nächstes tun sollte.
Ein lautes Knurren durchschnitt die Stille und gab ihr die Antwort darauf. Aelia legte sich eine Hand auf den Magen und musste unwillkürlich schnauben. Und während ihre Gedanken unablässig um Doréan kreisten, erinnerte ihr Körper sie mit bemerkenswerter Deutlichkeit daran, dass er seit gestern Abend leer ausgegangen war. Sie hielt einen Moment inne. Gestern… Im Aschemädchen… dort hatte sie zuletzt gegessen. Danach war alles so rasch geschehen… das Laufen durch die Stadt, der rote Bulle, erneut das ganze Viertel zu durchqueren… das Warten beim Aschemädchen… die Nacht auf der Straße… dass sie den Hunger schlicht vergessen hatte. Unglaublich, aber wahr. Nun meldete er sich mit aller Macht zurück. Aelia stieß langsam die Luft aus und erhob sich vom Brunnenrand. Alles war leichter mit einem vollem Magen, statt einem leeren. An einem kleinen Backstand kaufte sie ein paar frische Brötchen. Sie waren noch warm und dufteten so verführerisch, dass sie am liebsten sofort hineingebissen hätte. Stattdessen hielt sie inne. Bis zum Dienstbeginn im Roten Bullen waren noch einige Stunden. Und plötzlich wusste sie, wohin ihre Füße sie trugen. Zu Millie.
Millie öffnete die Tür noch in dem knappen Unterkleid, das sie sich überwarf wenn sie ihre Arbeit beendete. Das goldgelockte Haar hing ihr wirr über die Schultern, und obwohl sie sich die Müdigkeit aus den Augen rieb, huschte ihr sofort ein Lächeln über das Gesicht. „Aelia?“ Ihr Blick fiel sofort auf die Brötchen in Aelias Armen. Eine Braue wanderte nach oben. „Gibt's was zu feiern?“ Aelia verzog gespielt die Lippen. „Kann ich meiner besten Freundin nicht einfach mal Frühstück mitbringen?“ Millie legte den Kopf schief und verschränkte die Arme. „Nein.“ Aelia lachte. „Du bist unmöglich.“ „Und du bringst nie einfach so Frühstück mit.“ Millie trat beiseite und nickte in die Kammer. „Also komm rein und erzähl.“ Wenig später saßen sie nebeneinander auf Millies Tisch, darauf zwei Becher dampfender Kräutertee und zwischen ihnen lag ein Tuch, auf dem die Brötchen ausgebreitet waren. Millie brach sich ein Stück ab und musterte Aelia erwartungsvoll. „Also?“ Aelia konnte das Grinsen nun nicht länger zurückhalten. „Ich habe Arbeit gefunden.“ Millie hielt mitten in der Bewegung inne. „Wirklich?“ Aelia nickte. „Im Roten Bullen.“ Für einen Moment sagte Millie nichts. Dann stieß sie einen anerkennenden Pfiff aus. „Na sieh mal einer an. Das ist keine schlechte Schenke.“ „Peer hat mich gestern eingestellt. Heute fange ich schon an.“ „So schnell?“ „Er meinte, wenn Mahdia mich nur hinausgeworfen hat, weil ein Mann in meinem Zimmer war, dann könne ich so schlimm wohl nicht sein.“ Millie prustete los. „Das hat er gesagt?“ Aelia nickte lachend. „Fast wortwörtlich.“ Millie schüttelte grinsend den Kopf und Aelia griff nach einem Brötchen. Zum ersten Mal fühlte sie wieder so etwas wie eine gewisse Leichtigkeit in sich. „Und das Beste ist“, sagte sie, bevor sie hineinbiss, „ich bekomme sogar eine Kammer im Hinterhof. Kost und Logis gehören zur Arbeit. Logis zumindest an den Tagen, wenn ich arbeite.“ Millies Gesicht hellte sich sichtbar auf. „Aelia... das ist wunderbar.“ Sie lächelte ihre Freundin an, ehrlich und ohne jeden Spott. „Siehst du? Ich hab dir doch gesagt, irgendwie geht's immer weiter.“ Für einen Augenblick glaubte Aelia ihr beinahe. Dann wanderte ihre Hand unwillkürlich zu der Lochmünze an ihrem Dekolleté. Doréan. Sie hatte immer noch keine Ahnung, wo er war. Doch wenigstens musste sie sich heute Nacht nicht mehr fragen, wo sie schlafen sollte. Millie lächelte ihre Freundin an. Sie griff nach ihrem Brötchen, brach ein Stück davon ab und nickte anerkennend. „Eine ordentliche Schenke, ein Dach über dem Kopf, warmes Essen... Das ist mehr, als viele hier im grauen Viertel jemals haben werden.“ Aelia nickte zustimmend und biss lächelnd in ihr Brötchen. Millie kaute noch einen Moment schweigend. Dann hob sie den Blick. „...Und Doréan? Hast du mit ihm gesprochen?“ Das Lächeln verschwand aus Aelias Gesicht. Sie senkte den Blick auf das angebissene Brötchen in ihrer Hand. „Ich weiß es nicht.“ Millie runzelte die Stirn. „Wie... du weißt es nicht?“ Aelia schüttelte langsam den Kopf. „Es hat sich nicht ergeben. Ich habe gestern bis spät in die Nacht vor dem Aschemädchen auf ihn gewartet.“ Sie schwieg einen Moment. „Er ist nicht gekommen.“ Millie legte ihr Brötchen langsam zurück auf das Tuch. „Vielleicht ist etwas dazwischengekommen.“ „So siehts aus...“ Aelia zuckte leicht mit den Schultern. „Aber ich werde bestimmt nicht noch einmal im Aschemädchen aufkreuzen.“ Millie hob fragend die Augenbrauen. „Warum nicht?“ Aelia verzog das Gesicht. „Ronïa...“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Ich weiß auch nicht. Sie ist so seltsam. So kühl. Man weiß nie, was sie denkt. Immer schaut sie einen so an…“ Aelia zuckte die Schultern. „Ronïa macht mir irgendwie Angst.“ Millie schaut überrascht. „Angst?“ „Nicht, weil sie böse wäre.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Ich kann's nicht erklären. Aber wenn sie mich ansieht, wird mir ganz komisch. Als würde sie in meinem Kopf herumstöbern. Und dann hat sie mir mal etwas gesagt…“ Millie beugte sich vor „Was hat sie gesagt?“ Aelia wedelte mit der Hand „Ist egal…“ Aber da war sie bei Millie an der falschen Adresse. „Spucks aus. Ich geb sowieso keine Ruhe bis du es mir gesagt hast, und da seufzte Aelia ergeben. „Sie sagte, wenn ich Doréans Herz breche, dann schneidet sie mir meins aus dem Leib…“ Für einen Augenblick herrschte Stille in der Millie sie nur mit großen Augen anglotzte. „Das hat sie wirklich gesagt?“ Aelia nickte. „Wortwörtlich.“ Millie schüttelte ungläubig den Kopf. „Was für eine Verrückte...“ Sie schwieg einen Moment und stieß schließlich hörbar die Luft aus. „Dann hoffe ich für dich, dass du ihm niemals das Herz brichst.“ Aelia sah sie entgeistert an. „Das ist alles, was dir dazu einfällt?“ Millie hob die Schultern. Millie schüttelte langsam den Kopf und legte das Brötchen aus der Hand. „Wie kommt man überhaupt auf so etwas? Das Herz aus dem Leib schneiden...“ Sie verzog das Gesicht. „Das muss einem erst einmal einfallen.“ Aelia hob hilflos die Schultern. „Ich hab dir doch gesagt, sie ist unheimlich.“ „Unheimlich?“ Millie schnaubte. „Das Weib ist nicht ganz richtig im Kopf.“ Aelia musste trotz allem leise lachen. Millie fuhr kopfschüttelnd fort. „Normalerweise droht man damit, jemandem die Nase zu brechen oder ihm die Zähne auszuschlagen. Aber gleich das Herz aus dem Leib schneiden?“ Sie schüttelte sich. „Bei der läuft doch irgendetwas gründlich schief.“ „Genau das meine ich.“ Millie schwieg einen Moment. „Weißt du, was mir daran nicht gefällt?“ Aelia sah sie fragend an. „Dass ich ihr sofort glaube, dass sie es versuchen würde. Und ich kenn sie nicht mal…“ Für einen Augenblick war es still. Dann griff Millie wieder nach ihrem Brötchen und schwieg einen Moment in dem sie Aelia nur nachdenklich ansah. „Und weißt du, was mir daran noch weniger gefällt?“ „Was denn?“ „Dass ausgerechnet dieses Weib Doréans beste Freundin ist.“ Aelia verzog das Gesicht. „Danke. Genau das habe ich mir auch schon gedacht.“ Millie schnaubte leise. „Stell dir das mal vor. Ihr zwei seid irgendwann glücklich miteinander... und dann ist die doch immer irgendwie in eurem Leben und beobachtet dich und wartet nur auf den Moment wo du Doréans Herz brichst damit sie dir deins rausschneiden kann…“ Millie sagte es so trocken, dass Aelia trotz allem auflachte. „Millie!“ rief sie. „Na, ist doch wahr!“ Sie hob abwehrend die Hände. „Ich meine das ernst. Gegen so eine beste Freundin kommst du doch gar nicht an. Die klebt euch doch ewig an den Fersen.“ Aelia schüttelte lachend den Kopf. „Jetzt malst du aber den Teufel an die Wand.“ „Ich male gar nichts.“ Millie biss in ihr Brötchen. „Ich sage nur, wenn ich mir jemals einen Mann suche, dann bitte einen ohne wahnsinnige beste Freundin. Und vielleicht auch ohne Mutter…“ Aelia lachte noch einmal, ehe ihr Lächeln langsam wieder nachließ. „Vielleicht täusche ich mich ja auch.“ Millie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“ Sie kaute einen Moment schweigend. „Aber bis dahin würde ich um Ronïa einen großen Bogen machen… Nein... ich hätte an deiner Stelle auch keine Lust, dieser Frau freiwillig noch einmal zu begegnen.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Ja. Lieber schlafe ich in der Gosse, als noch eine Nacht im Aschemädchen zu verbringen.“ Millie hielt mitten im Kauen inne. Langsam legte sie das Brötchen zurück auf das Tuch. „Moment.“ Aelia sah auf. „Wenn du Doréan gestern nicht getroffen hast... das Aschemädchen meidest... und auch nicht bei mir warst...“ Millie runzelte die Stirn. Wo hast du dann heute Nacht geschlafen?“ Für einen winzigen Augenblick blieb Aelia stumm. Das Bild der dunklen Gasse schoss ihr durch den Kopf. Der Fremde. Seine Finger an ihrer Lochmünze. Die Ohrfeige. Sie verdrängte die Erinnerung. „Na in meiner neuen Bleibe im Roten Bullen natürlich.“ Sie schüttelte gespielt den Kopf. „Was glaubst du denn?“ Millie sah sie noch einen Herzschlag lang an. Dann nickte sie. „Stimmt.“ Sie griff wieder nach ihrem Brötchen. „Daran habe ich gar nicht gedacht.“ Aelia lächelte. Ein kleines, flüchtiges Lächeln. Und während Millie unbekümmert weiterfrühstückte, schmeckte die Notlüge in Aelias Mund bitterer als jedes trockene Brot. Und die Sehnsucht nach Doréan. Sie hob hilflos die Schultern. „Das graue Viertel ist riesig, Millie.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Wie soll ich jemanden finden, wenn ich nicht einmal weiß, wo er wohnt?“ Für einen Augenblick war es still. Millie betrachtete ihre Freundin nachdenklich. „Du vermisst ihn ganz schön, hm?“ Aelia antwortete nicht sofort. Stattdessen griff sie unwillkürlich nach der Lochmünze unter ihrem Kleid und schloss die Finger darum. Erst dann nickte sie kaum merklich. Millie kaute einen Moment schweigend, dann schluckte sie hinunter und bröselte die letzten Brotkrümel von ihren Fingern. Sie war satt. „Hör zu, Aelia.“ Aelia sah auf. „Ich halte die Augen offen.“ „Wonach?“ „Ja, nach Doréan natürlich.“ Aelia blinzelte überrascht. Millie hob die Schultern. „Ich kenne ihn zwar kaum. Aber ich weiß ja wie er aussieht. Ich hab heute ohnehin ein paar Erledigungen zu machen. Und wenn er im grauen Viertel unterwegs ist, läuft er mir vielleicht über den Weg.“ Sie lächelte schmal. „Und wenn ich ihn sehe, richte ich ihm aus, dass du ihn gesucht hast.“ Aelia lächelte dankbar. „Danke.“ „Und wenn du ihn vor mir findest“, sagte Millie und deutete mit einem Finger auf sie, „Dann erzählst du ihm gefälligst, dass ich seinetwegen seit dem Frühstück Liebeskummergeschichten anhören muss. Und dass mein Leben ganz schon anstrengend geworden ist, seit er in dein Leben getreten ist.“ Aelia lachte leise. „Das sag ich ihm ganz sicher nicht!“ Millie fiel in ihr Lachen ein. „Ich halte die Augen offen“, sagte Millie. „Wenn ich Doréan irgendwo sehe, richte ich ihm aus, dass du ihn gesucht hast.“ Millie nickte nachdenklich. „Ich könnte ihm natürlich auch sagen, dass das Aschemädchen schuld daran ist, dass du dich zwar vor Sehnsucht nach ihm verzehrst, aber lieber den Teufel tun würdest, als dort jemals wieder aufzutauchen und dass er dich dort ganz bestimmt nicht finden wird.“ Aelia riss entsetzt die Augen auf. „Wehe dir!“ Millie prustete los. „Na, gelogen wär's nicht.“ „Millie!“ „Schon gut, schon gut.“ Sie hob lachend beide Hände. „Ich richte nur aus, dass du ihn suchst.“ Aelia schüttelte den Kopf. „Manchmal frage ich mich wirklich, warum wir befreundet sind.“ Millie grinste breit. „Weil ich so süß bin.“ „Nein.“ „Unwiderstehlich?“ „Auch nicht.“ Aelia musste gegen ihren Willen lachen. „Siehst du“, sagte Millie zufrieden und trank jetzt einen Schluck von dem Kräutertee der nun endlich ausgekühlt war. „Aber irgendeinen Grund muss es ja geben.“ „Wenn du ihn siehst und schon zuquatschen musst, dann sag ihm wenigstens, wo er mich finden kann: Im Roten Bullen.“
Die tote Krähe ❖
26.07.2023 '19:51 [5.535 Wörter]
 bwohl Doréan sich nicht ungeschickt anstellte, hatte er eindeutig kein Glück. Ronïa hatte nicht nur mehr Glück als Doréan, sondern auch deutlich bessere Murmeln. Sie hatte alleine zwei Bräute eingesetzt und Doréan sah sie dabei mit zusammengekniffenen Augen an. »Du willst wohl um jeden Preis gewinnen, was?« Da huschte ein wissendes Lächeln über ihren Mundwinkel. »Verlieren liegt mir nicht, Réan.« Er seufzte. »Du kannst auch gleich sagen, dass du Aelia nicht magst.« Da hob Ronïa, sichtlich empört die Augenbrauen. Ein scharfer, beinahe beleidigter Ton durchschnitt die Luft, als sie ihn mit einem ernsten Blick ansah. »Daran liegt es nicht.« In Ronïas Stimme schwang ein empörter Unterton mit. Doréan bleckte die Zähne und biss sich auf die Zunge, während er die Murmel auf dem angewinkelten Zeigefinger balancierte. Sein Daumen war angespannt und bereit die Murmel auf ihr Ziel zu schnippen. »Und woran dann?« Er ließ den Daumen hervorschnellen und die schwarze Murmel flog davon. Das helle Klacken tönte leise durch die Gasse. Es hallte von den Wänden wider und war das einzige Geräusch, welches zu hören war. Die Murmel prallte am Randstein der Gasse ab und schlug direkt gegen die weiße, hölzerne Kugel. »Ha!«, rief Doréan und sprang förmlich auf die Beine. Seine Murmel hatte die große weiße Kugel ein wenig zur Seite geschoben. Gerade weit genug. »Hier geht es nicht darum ob ich Aelia mag.« Ronïa sah Doréan dabei mit einem ernsten Blick an, doch um ihren Mundwinkel spielte ein verschwörerisches Lächeln. »Nur um den Sieg.« Doréan grinste breit und deutete auf seine schwarze Murmel. Ronïas Blick wurde nachdenklicher und ein verbissener Ausdruck mischte sich in ihre sonst so ernste Mimik. Sie zog eine blaue Murmel aus ihrem Beutel und grinste herausfordernd. Es war kein Grinsen, wie Doréan es aufzusetzen pflegte. Ein Zucken um den Mundwinkel. Ein schiefer Mund. Doch etwas mehr als sonst. Die Narbe unter ihrer Haarsträhne blitzte für einen Moment hervor. »Ich spiele die Braut als Dirne.« Doréans Blicke hafteten sich auf die Murmel, und es war, als ob die Zeit sich verlangsamen würde. Die blaue Murmel kullerte über den Boden. Wurde immer wieder von den Ritzen der Pflastersteine abgelenkt. Hin und her sprang sie, bis sie schließlich ihr Ziel gefunden hatte. Die blaue Murmel lag genau zwischen Doréans schwarzer Murmel und der weißen Kugel. Doch sie zitterte noch einen Moment. Ronïa schnalzte mit der Zunge und pfiff einen kurzen, scharfen Ton. Ihre Haarsträhne verrutschte, begleitet von einem bebenden Seufzer. »Knapp daneben.« Doréan lachte diebisch und erhob sich, um den Wurf in Augenschein zu nehmen. Ronïa folgte ihm schweigend. Gemeinsam erreichten sie den kleinen Kreis in der festgetretenen Erde. Die blaue Murmel lag nur um Haaresbreite getrennt von Doréans schwarzer Murmel. Er hob den Kopf und grinste Ronïa mit gebleckten Zähnen an. »Verloren!«, rief er laut doch Ronïa schüttelte den Kopf. »Schau nochmal genau.«, mahnte sie und als Doréan die Kugel erneut inspizierte, da berührten sich die blaue und die schwarze Murmel. Verdutzt starrte er die Murmeln an und konnte nicht glauben, was er da sah. Er hatte verloren. »Wie?« Er sah sie misstrauisch an und Ronïa zuckte mit einer Schulter, während sie zugleich den Kopf leicht zur Seite neigte und mit einem Auge zwinkerte. »Tja, Réan.« Doréans linkes Augenlid zuckte misstrauisch. Wie hatte sie es geschafft die Murmel noch zu bewegen, ohne dass er es bemerkt hatte? »Nächstes Mal hast du mehr Glück.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und beugte sich herab, um ihre Murmeln einzusammeln. Doréan indes stand einfach nur da und ließ die Schultern sinken. Als Ronïa ihre Murmeln in dem Beutel verstaut hatte da rang sie sich ein stolzes Lächeln ab. »Du hast gemogelt.«, maulte Doréan und deutete anklagend auf ihren Murmelbeutel. »Nur damit du gewinnst.« Ronïa sagte nichts dazu. Sie zurrte streng und ruckartig die Kordel des Beutels zusammen und die Murmeln darin klickerten dabei verräterisch. »Ist nicht verboten.« Sie zuckte mit den Schultern und Doréan seufzte. »Aber du musst nicht schummeln. Du hättest auch ehrlich spielen können.« Da wurde Ronïas Blick ernster. »Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, Réan. Und warum sollte ich dich gewinnen lassen?« Doréan hatte darauf keine Antwort. »Deine Wette war kindisch.« Ihre Stimme war ernst und doch konnte man die Empörung, die darin mitschwang kaum überhören. »Hättest du um etwas anständiges gewettet, hätte ich auch anständig gespielt. Aber du glaubst anscheinend, dir meine Gunst erspielen zu müssen. Menschen sind keine Murmeln.« Doréan hob den Kopf und rang sich ein verlegenes Lächeln ab, welches Ronïa weiterhin mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck erwiderte. »Das verletzt mich und das hast du gar nicht nötig, du Holzkopf.« Während sie sich den Beutel an den Gürtel band, musterte Doréan sie. Ihre Haarsträhne war verrutscht und die Narbe blitzte verräterisch hervor. Er versuchte es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen, während Ronïa den Knoten der Kordel festzog. »Man wettet nicht um Freundschaft. Man verdient sie sich.« Doréan seufzte. »Du bist einfach nur stur. Und verbittert. Wie ein störrischer Esel! Dir wär kein Zacken aus der Krone gebrochen es einfach gleich zu sagen.« Da hob Ronïa den Kopf und zuckte mit den Achseln. »Und du siehst aus, als ob dich einer getreten hätte. Mit deinem blauen Auge und diesem elendigen Hundeblick« Doréan zuckte mit den Achseln, während sie auf den blauen Fleck unter seinem Auge deutete. Doréan tippte sich mit dem Finger auf die Wange und sah Ronïa dabei an. Als sie ihn daraufhin nur mit einem stummen Blick bedachte, hob er die Hand und berührte ihre Haarsträhne. Doch Ronïa entzog sich seiner Berührung. Sie trat einen Schritt zurück und warf Doréan einen mürrischen Blick zu. »Lass das.« Doréan rollte mit den Augen. »Man sieht es.« Ronïa nahm daraufhin die Haarsträhne und zog sie sich wieder über das Gesicht. Hier und da drückte sie eine störrische Strähne zur Seite, bis sie Doréan einen erwartungsvollen Blick zuwarf und dieser nur stumm nickte.
Sie schlug die Augen nieder und wandte ihm den Rücken zu und ging zur Tür des Aschemädchens. »Danke.«, murmelte Ronïa und drehte den Kopf leicht zur Seite um ihm über die Schulter hinweg einen mürrischen Blick zuzuwerfen. »Ich mag sie…Sie hat das Herz am rechten Fleck.« Ihr Augenlid zuckte verschwörerisch und dann stahl sich ein herausforderndes Lächeln um ihre Mundwinkel. »Und außerdem…gegen dich zu verlieren, kommt gar nicht in Frage. Egal worum wir spielen. Du Holzkopf!«
Hartwig stromerte durch die dunklen, schäbigen Gassen. Ohne seine Rüstung oder seinen Wappenrock kam er sich irgendwie nackt vor. Als ob er einen Teil von sich verloren hätte. Doch noch mehr als die Rüstung vermisste er sein Schwert. Er war alleine und schutzlos in dem vermutlich gefährlichsten Ort der Stadt. Weggeworfen wie Dreck. Zum Sterben zurückgelassen. Von seinen eigenen Kameraden. Zurück konnte er nicht mehr. Und so stand er nun im Niemandsland. Zwischen den Argusaugen der Stadtwache und den verborgenen Augen der Hunde dieser Stadt. Den verdammten Sanra'Jena. Er rieb sich über die Wange. Die Bartstoppeln kratzten und Hartwig brummte. Eigentlich wäre es an der Zeit sich wieder zu rasieren. Doch sich einen Bart wachsen zu lassen, wäre vermutlich keine schlechte Idee.
Sein Schädel brummte und immer wieder durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, wenn er eine ruckartige Bewegung gemacht hatte. Irgendwann hatte er seine Unterkunft erreicht. Er stand in der Stube und sah sich nachdenklich um. Er musste eine neue Bleibe finden. Er zog die Schubladen auf und warf alles was von Wert war auf das Bett. Zwei Beutel mit Silber. Ein gut geölter Dolch. Ein paar Dinge, die er im Laufe seines Lebens konfisziert hatte und anstatt sie in der Wache abzugeben lieber behalten hatte. Dinge, die in einem Pfandhaus gutes Geld bringen würden. Er nahm die alte Wollweste aus dem Kasten und zupfte die Falten glattt. Besser als das von Blut besudelte Leinenhemd. Dann nahm er den ledernen Mantel vom Haken und schlüpfte hinein. Nun fühlte er sich fast wie ein neuer Mensch. Sauber, frische Kleidung. Er warf einen letzten Blick in die Stube. Hier hielt ihn nichts mehr. Er schulterte den Beutel, in welchem er seine restliche Habe zusammengerafft hatte und verließ die Unterkunft auf demselben Weg auf welchem er sie betreten hatte.
Sein Weg hatte ihn zum Pfandhaus am Ende des Fleischmarktes geführt. Der schwarze Markt. Hier konnte man fast alles zu Geld machen. Oder gegen andere, wertvolle Dinge tauschen. Wenn man nur etwas von Wert anzubieten hatte. Hartwig hatte seine Schätze auf dem Tresen ausgebreitet. Der Hehler warf ihm einen misstrauischen Blick zu, ehe er sich eine Juwelierlupe aus Messing vors rechte Auge klemmte. »Woher sind die Stücke?«, erkundigte sich der Mann, der gerade eine elegante Pfeife aus Wurzelholz mit einem Mundstück aus Horn begutachtete. »Von meinem Onkel. Er ist gestorben.«, brummte Hartwig und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. »Und die Knöpfe?« Der Händler fuhr mit der Handfläche über einige silberne Knöpfe, die wohl einst eine Jacke geziert hatten. »Von meiner alten Uniform.« Da hob der Mann den Kopf und ein misstrauischer Blick überschattete sein Gesicht. »Uniform?« Hartwig grinste schief. »Marine.« Da entspannte sich der Gesichtsausdruck des Mannes wieder. »Nun.« Er räusperte sich. »Für die Ringe…« Er schob ein halbes Dutzend Silber und Eisenringe auf einen Haufen »…die Pfeife…« Er legte die Pfeife vorsichtig auf ein Tuch aus Wolle. »…und die Knöpfe.« Er runzelte einen Augenblick die Stirn. »Acht Löcher.« Hartwig grunzte unzufrieden. »Zehn.« Da schüttelte der Mann den Kopf. »Nichts davon ist soviel wert. Acht.«, erwiderte er eisern. Da kramte Hartwig nochmals in seiner Tasche und warf ein gefaltetes, gewachstes Papier auf den Tisch. »Und dafür?« Der Mann entfaltete das Papier und förderte zwei alte, angetrocknete schwarze Klumpen zu Tage. Seine Augen weiteten sich einen Moment, bevor er den Blick zu Hartwig anhob. »Opium?« Hartwig nickte stumm, doch der Mann schüttelte den Kopf und faltete das Wachspapier wieder zusammen. »Nein, das kaufe ich nicht.« Hartwig zog seine linke Augenbraue in die Höhe. »Warum nicht?« Da seufzte der Hehler. »Versteht mich nich' falsch Das Zeug hat einen gewissen Wert. Aber, wenn sich rumspricht, dass ich Opium kaufe…dann findet man mich bald mit dem Gesicht nach unten im Hafen. Das müsst ihr woanders loswerden.« Demonstrativ schob er das Papier von sich und Hartwig seufzte mürrisch. »Nun gut. Acht.« Er gab sich geschlagen. Seine Blicke schweiften durch das Pfandhaus, auf der Suche nach etwas, dass von Wert war. Sein Blick blieb unerwartet auf etwas haften. Er hob die Hand und deutete auf ein schlichtes Langschwert, das an der Wand hing. Es war eine schmucklose Klinge. Aber ohne Scharten und ohne Rost. Der Griff war frisch beledert worden. Ein robustes Schwert ohne Tand. »Und wieviel willst du dafür?« Der Alte hob den Kopf und lächelte dann dünn. »Acht.« Da seufzte Hartwig. »Was für ein Zufall…« Da nickte der Hehler wissend. »Es gibt keine Zufälle. Nur Gelegenheiten.«, wohlwissend dass er den Preis gerade aus der Luft gegriffen hatte da er zu seinem Angebot passte. Hartwig grunzte. »Das Ding ist höchstens fünf wert. Gib mir drei Löcher und das Schwert und eine passende Scheide. Dann bin ich weg.« Der Händler wog den Wert der Waren vor seinem geistigen Auge gegeneinander ab. Und seufzte dann. »Einverstanden.«
Doréan stand am Hafen und die salzige Seeluft wehte ihm ins Gesicht. Es war ein warmer Tag, doch hier am Hafen war es dank des luftigen Windes erträglich. Allerdings war Doréan nicht wegen der Luft oder der Aussicht hier. Trotz des Windes liefen ihm dicke Schweißperlen von der Stirn und die Anstrengung stand ihm sichtlich ins Gesicht geschrieben. Der Kahn, auf welchem er umherging, schwankte müde und träge in den lauen Wellen des Hafens. Immer wieder ächzte ein Balken oder die Takelage. Das Schiff wog sich sanft hin und her, mit jedem Schritt den er, oder das halbe Dutzend anderer Männer machte, die emsig auf dem Schiff hin und her liefen. »Na los!«, bellte Raban und pfiff einen schrillen Ton zwischen den Zähnen hervor. »Die Scheiß Kisten verladen sich schließlich nicht von selbst!« Doréan lehnte sich an eine der Kisten und begutachtete sie von allen Seiten. Während die anderen Kerle die Ladung löschten, war Doréan auf der Suche nach einer ganz bestimmten Kiste. Raban hatte ihm gesagt, dass ein kleines Kreidezeichen an einer der Seiten angebracht worden war. Eine unscheinbare Kiste mit einem unscheinbaren Zeichen. Doch der Inhalt dieser Kiste unterschied sich gewaltig vom Inhalt der anderen Kisten. »Hol die verdammte Kiste, trag sie mit den anderen Tagelöhnern vom Kai, und bring sie rüber ins alte Lagerhaus. Ich lenke solange den Hafenmeister ab. Klar?« Doréan hatte genickt. Das klang nach einem leichten Auftrag. Doch da hatte er auch noch nicht gewusst, dass sich dutzende Kisten auf diesem verdammten Kahn befanden. Und keine davon trug ein verdammtes Kreidezeichen. Immer wieder schleppte er eine Kiste vom Deck über die schwankende und unter seinem Gewicht bedrohlich biegende Planke auf die hölzerne Anlegestelle. Nur um danach erneut die Kisten in Augenschein zu nehmen. »Das gibt’s doch nich'.«, maulte Doréan und wischte sich den Schweiß der Anstrengung vom Gesicht. Kein Zeichen. Er grummelte genervt. Vermutlich war das Kreidezeichen von einer Welle, die über Deck geschwappt war, einfach abgewaschen worden. Und nun war er dazu verdammt jede einzelne Kiste vom Schiff zu schleppen. Doréans Atem wurde schwer und die Luft immer heißer, während Doréans Stimmung immer genervter wurde und langsam aber sicher in mürrische Unzufriedenheit kippte. »Dieser Hundsfott. Das macht der doch nur um mir eins reinzuwürgen.« Dabei warf er einen verstohlenen Blick in Rabans Richtung. »Verarschen kann ich mich selbst, Arschloch«, brummte Doréan, während er die nächste Kiste vom Kahn schleppte.
Doch nach der gefühlt dutzenden Kiste machte sein Herz einen kleinen Sprung. Unter einem Stapel entdeckte er endlich das gesuchte Zeichen. Es war ein kleiner, weißer Kreidestrich. Unscheinbar. Am Rand der Kiste. Er hievte die anderen Kisten beiseite und anschließend trug er das Objekt von Rabans Begierde vom Schiff. Als er über die schwankende Planke schritt, warf er Raban das vereinbarte Zeichen zu. Er zwinkerte und Raban nickte verstehend. Während er sich dem Hafenmeister zuwandte, und einen Streit vom Zaun brach, dass alles viel zu langsam ging, mogelte sich Doréan über den anlegenden Steg und brachte die Kiste schließlich außer Sicht. Doch mit jedem Schritt den er tat, wurde das Gewicht der Kiste immer unerbittlicher. Seine Fingerkuppen rutschten an der spröden Kante und hätte er nicht seine Handschuhe getragen, hätte er sich vermutlich schon längst einen Splitter eingezogen. »Scheißtag.«, fluchte Doréan und stieß angestrengt den Atem aus den Lungen, während ihm der Schweiß unerbittlich aus allen Poren quoll.
Wenig später trafen sich Doréan und Raban abseits des Hafens. Raban lehnte lässig gegen eine Wand, während Doréan völlig abgekämpft zu ihm trottete. »Du siehst fertig aus.« Raban grinste breit und Doréan warf ihm einen mürrischen Blick zu. »Is das irgendeine Schikane, wegen gestern?«, maulte Doréan und Raban sah ihn daraufhin mit einem unergründlichen Blick an. »Wovon faselst du?«, verlangte Raban zu erfahren. doch sein Gesichtsausdruck zeigte keinerlei Neugier. Eher ein scharfer Blick, wie der eines Habichts der seine Beute im Blick behielt. »Na, wegen den Arschlöchern vom Tor. Ich habs doch offensichtlich vermasselt. Und jetzt muss ich in der Scheiß sengenden Hitze beschissene, schwere Kisten schleppen. Und du gammelst hier gemütlich im Schatten rum.«, maulte Doréan und Raban grinste verstohlen. »Wenn du das so siehst.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich habs im Kreuz.« Doréan verzog mürrisch den Mundwinkel und verschränkte denn die Arme vor der Brust. »Ach.« Raban schnippte mit den Fingern. »Komm her.« befahl er und Doréan trat etwas näher. Als Doréan nah genug gekommen war deutete Raban auf ein kleines Bündel, welches zu seinen Füßen lag. Es war gewickeltes Wachstuch, um welches noch eine grobe Hanfschnur gebunden worden war. Doch etwas an dem Bündel war seltsam, denn es wies seltsame Flecken auf. »Was is das?« Raban schnalzte genervt mit der Zunge. »Keine Fragen stellen. Aufheben.« Doréan beugte sich und hob das Bündel auf. Doch kaum hatte er es aufgehoben, da drang mit einem Mal ein unerbittlich widerlicher Gestank in seine Nase. »Boah! Was is'n da drin? Die Wochenwäsche von deiner Mutter?« Raban sah Doréan mit einem eisigen Gesichtsausdruck an, als ob er erstarrt wäre und nun zu schmelzen begann. »Haha. Sehr lustig, du Scherzkeks.« Er versetzte Doréan einen knappen Tritt mit dem Stiefel gegen das Bein. Das Bündel verrutschte in Doréans Armen und ein lebloser Fischkopf lugte aus dem feuchten Wachspapier heraus und sah ihn mit seinen leeren, trüben Augen anklagend an. »Ein Fisch?«, murmelte Doréan und runzelte die Stirn. »Du weißt doch, was man bei uns so sagt.«, hob Raban an, während Doréan versuchte den Fisch wieder in das Bündel zu stopfen. Doréan nickte verstehend. »Und wo soll dieser verdammte, gammlige Fisch schlafen gelegt werden?«, murmelte Doréan nachdenklich, während er versuchte durch den Mund zu atmen, um den Gestank zu ertragen. Raban deutete auf ein Schiff, welches etwas abseits vor Anker lag. »Da.« Doréan folgte Rabans ausgestreckter Hand, bis er das Schiff ebenfalls entdeckt hatte. »Der Kapitän. In letzter Zeit verlangt er mehr als üblich. Wir glauben er fährt unter falscher Flagge. Wir müssen ihn wohl daran erinnern, für wen er eigentlich arbeitet.« Doréan rümpfte die Nase. »Und wie soll ich den Fisch da reinbringen?« Raban zuckte mit den Schultern. »Das ist nicht…« Doréan schnaubte. »….jaja nicht dein verdammtes Problem. Ich versteh schon, du Hundsfott.« Rabans Augenwinkel zuckten einen Moment, doch sein Mund regte sich nicht. »Du musst diesen verdammten stinkenden Fisch auch nich' über den halben Hafen tragen.« Raban grinste wissend und trat, wohl um Doréans Worten die nötige Bedeutung beizumessen, sogleich einen Schritt vor ihm zurück. »Leg den toten Fisch vor seine Kajüte. Das reicht schon.« Doréan seufzte. »Und wenn er den Fisch einfach ins Wasser schmeißt?« Da lächelte Raban finster und der diabolische Glanz in seinen Augen jagte Doréan einen Schauer über den Rücken. »Dann wird vielleicht einmal eine seiner Öllaternen zu Bruch gehen und das schöne Schiff in Flammen stehen.« Als Doréan sich aufmachte um den Fisch abzuliefern, schnalzte Raban mit der Zunge. »He.« Doréan wandte sich Raban zu und blickte in ein düsteres Paar Augen. »Ich hab dir doch gesagt, was passiert, wenn du mich so nennst.« Doréan wusste erst nicht wovon Raban eigentlich sprach und sah ihn mit einem verwaschenen Blick an. »Hüte deine verdammte Zunge, oder ich schneid sie dir irgendwann noch aus deinem verfickten Lästermaul. Klar?«
Hartwig lief nachdenklich durch die engen Gassen, welche die meisten Menschen hier nur die Hundsgassen nannten. Immer wieder blieb er nachdenklich stehen, sah sich suchend um und setzte dann noch mürrischer seinen Weg fort. Hier und da waren ihm einzelne Menschen über den Weg gelaufen. Doch er war nicht mehr bei der Wache. Er konnte nicht mehr auftreten wie einer von ihnen. Und das letzte Mal, als er sich nach dem Bengel und seinem Luder erkundigt hatte, waren ihm die Roten auf die Pelle gerückt. Daher hatte er sich entschieden etwas subtiler vorzugehen. Er stellte Fragen. Unscheinbar. Unauffällig. »Hast du in letzter Zeit ein Mädchen gesehen? Jung. Dunkles Haar. Trägt eine Münze um den Hals.« Doch niemand hatte dieses Miststück gesehen. Hartwig wusste, dass er sie finden musste, um den Bengel zu finden. Und niemand scherte sich darum, wenn man ein Mädchen suchte. Falls jemand Fragen stellte, dann konnte er stets behaupten, sie wäre seine Tochter oder seine Frau. Und er mache sich Sorgen um sie.
In den Hundsgassen war es eng. Und Dunkel. Doch da es an diesem Tag noch heißer war als am gestrigen, schwülen Tag, kam dies Hartwig nur gelegen. Ein Mann kreuzte seinen Weg und erneut zeigte sich, warum man diesen verdammten Teil der Stadt die Hundsgassen nannte. Es gab kaum eine Möglichkeit an entgegenkommenden Menschen vorbeizugehen, so eng standen die Häuser beieinander. Der Mann stank nach abgestandenem Bier und Urin. Hartwig rümpfte die Nase. Der Mann schlurfte an der Wand entlang und lehnte mehr gegen die Mauer als dass er aufrecht ging. Hartwig wusste instinktiv, dass dieser Kerl ernste Probleme hatte. Vermutlich hatte er zu tief ins Glas geschaut. Oder er war bis oben voll mit Rabenblut. Solchen Leuten ging man am Besten aus dem Weg. Doch hier, in den Hundsgassen war das ein schier unmögliches Unterfangen.
Als der Mann und Hartwig auf gleicher Höhe standen, da vernahm er, dass dieser Kerl mit sich selbst zu sprechen schien. »Verdammte Schlampe.«, brummte er. »Wenn ich die in die Finger krieg…« Hartwig schenkte ihm keine Beachtung. Er wollte einfach nur dass er weiterging. Und so lehnte sich Hartwig gegen die Wand und wartete darauf, dass der Mann endlich verschwand. Doch anstatt zu gehen, verharrte er und hob den Kopf. Er warf Hartwig einen giftigen Blick zu und verzog mürrisch seinen Mund, so dass seine gelben Zähne zum Vorschein kamen. »Verfickte, kleine Hure.« Hartwig starrte den Mann an und verschränkte stoisch die Arme vor der Brust. »Redest du mit mir, du stinkende Ratte?«, blaffte Hartwig und streckte den Rücken etwas durch, damit sich seine Brust noch etwas mehr verbreiterte. »Nein, oder siehst du aus wie 'ne Hure?« Da gluckste der Kerl. »Ich red von der kleinen Schlampe, die mir heut in die Eier getreten hat.« Um seine Worte zu untermalen rieb er sich sogleich über das Gemächt und Hartwig seufzte angewidert. »Verpiss dich einfach.«, brummte Hartwig und nickte mit dem Kopf zur Seite. »Wenn ich das kleine Miststück finde. Dann reiß ich ihr die scheiß Münze vom Hals und stopf sie ihr in den Hals, bis sie dran erstickt.«, fauchte der Kerl und rutschte weiter an der Wand entlang. Da hellte sich Hartwigs Miene auf. »Was hast du da gesagt?« Der Kerl würdigte ihn keines Blickes und so trat Hartwig an ihn heran und riss ihn an der Schulter zurück. »Widerhole das.«, befahl er und der Mann sah ihn verdattert an. »Was willst du?«, maulte er. »Dieses Miststück. Wie sah sie aus? Jung? Dunkle Haare?« Da nickte der verlotterte Kerl und in Hartwigs Augen stahl sich ein gieriges Funkeln. »Wo hast du sie gesehen?« Der Kerl hob die Hand und deutete in eine unbestimmte Richtung. »Da hinten. Bei der Grenze zu den roten Häusern.« Hartwig ließ die Schulter des Mannes los und ihn seines Weges ziehen.
Er kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. »Eine Dirne?« Seine Stimme war zu einem Raunen gedämpft, während er die Bilder in seinem Kopf Revue passieren ließ. Auf der Mauer, an jenem Tag. Dieser Bengel und dieses unverschämt hübsche Ding. »Ich wusste doch, dass mit der was nicht stimmt.«, brummte Hartwig und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn. »Warum sollte sich so eine auch sonst mit so einem Versager abgeben? Lässt sich wohl in Silber bezahlen.« Schließlich hatte Hartwig ein neues Ziel vor Augen. Die roten Gassen, am Rande der Ascherinne. Vielleicht würde er hier endlich einmal mehr Glück auf seiner Suche haben, anstatt ständig nur im Dunkeln zu tappen.
Als Hartwig schließlich durch den roten Bezirk schlenderte wurde ihm schlagartig bewusst, dass dies die berühmte Nadel im Heuhaufen war. An jeder Ecke und unter jeder Laterne stand eine liederliche Frau. Manche reihten sich wie eine bunte Perlenkette nebeneinander auf und schenkten ihm ein Lächeln, ein Zwinkern oder hoben die Röcke an. »Na, mein Hübscher?«, flötete eine von ihnen und formte mit den Lippen einen Kuss. Sie küsste ihre Handfläche und blies den Kuss schließlich zu ihm. Hartwig blieb einen Moment lang stehen und betrachtete die Frau. Mit einem Mal war der Wunsch dieses Luder mit der Münze zu finden gar nicht mehr so drängend, denn ein anderes Verlangen begann sich in ihm zu regen. Er setzte seinen Weg fort. Hier und da standen einzelne Schabracken an den Ecken und stritten miteinander. Je tiefer Hartwig in die verzweigten Gassen vordrang, desto spärlicher wurde die Auswahl Und schließlich kam er in einen Teil des Viertels, den man nur die Ostkehre nannte. Die Straße wirkte ungewöhnlich leer. Hartwig sah sich misstrauisch um, als ob er in einen Hinterhalt geraten wäre. Doch niemand war zu sehen. Keine zwielichtigen Halunken, die herumlungerten. Kein Gesang von wetzenden Messern. Nur einzelne Frauen, die hier und da verstreut herumstanden. Manche saßen auf einem alten Fass. Andere lehnten an einer alten Mauer. Keine von ihnen wirkte sonderlich aufreizend. Am Ende der Straße lehnte eine junge Frau an der Wand und hielt sich einen kleinen Taschenspiegel vors Gesicht. Sie zeichnete ihre Lippen mit roter Farbe nach und Hartwig lächelte matt. »Na?« Sie zuckte erschrocken zusammen und wandte sich von dem Spiegel ab. Als sie den Kopf in seine Richtung wandte, da er kannte er einen blauen Fleck, der sich auf ihrer linken Wange abzeichnete. Einen Fleck, den sie versucht hatte mit ihrer Schminke zu kaschieren. Die Frau sah ihn mit großen Augen an und nickte dann scheu. »Ganz allein hier?«, murmelte sie und zwinkerte dann. Sie schob den Spiegel in eine verborgene Tasche in ihren Röcken und wandte sich Hartwig dann vollends zu. Doch ihre verstohlenen Blicke, die sie zu einem der Häuser geworfen hatte, waren Hartwig nicht entgangen. Vermutlich bedeutete dies nur, dass irgendwo wohl ein Kerl saß, oder eine andere Dirne. Hartwig warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Doch außer dieser Frau und ihm war niemand sonst in der Gasse. Er näherte sich der Frau noch ein wenig und lehnte sich dann mit ausgestreckten Arm gegen die Wand. Er stand ihr so nahe, dass sie seinen Geruch wahrnehmen konnte und schließlich hob sie den Blick zu ihm. Sie trug einen kleinen Anhänger um den Hals. Schnöder Tand. Eine kleine Muschel, die sie vermutlich irgendwann mal am Kanal oder im Hafen gefunden hatte. Er nahm die Muschel in die Hand und drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, bis er sie wieder achtlos auf ihre Brust gleiten ließ. »Hübsche Muschel.«, murmelte er und die Frau lächelte schweigend. »Hast du in letzter Zeit ein Mädchen gesehen?«, wagte Hartwig einen vorsichtigen Vorstoß. »Ungefähr in deinem Alter. Trägt eine Münze um den Hals, statt einer Muschel.« Die Frau sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, der sich Hartwig nicht eschließen wollte. »Keine von uns trägt eine Münze um den Hals.«, murmelte sie und Hartwig seufzte. Seine Blicke wanderten über die junge Frau und er leckte sich dann schließlich über die Lippen. »Und was soll deine Muschel kosten?« Da kicherte sie und hob ihre Hand um alle fünf Finger aufzufächern. Hartwig nickte und kramte in seiner Tasche. Als er eine abgegriffene Münze zu Tage gefördert hatte, schnippte er diese der Dirne zu und sie fing sie geschickt in der Luft auf. Sie ließ die Münze in ihrer Dekolleté gleiten und nestelte an ihren Röcken. Langsam hob sie die Stoffe so weit in die Höhe, bis sie ihm einen Blick auf die kostbarste Muschel dieser Straße gewährte.
Eine Frau rannte durch die Gassen. Zielstrebig steuerte sie auf eine alte Tür zu, die einst einmal eine rote Farbe gehabt hatte. Doch heute blätterte die Farbe mit jedem Zuschlagen mehr und mehr ab. Das alte Holz war grau und die brüchige Farbe dunkel und verwaschen. »Bertram!« rief sie und stürzte in die dunkle Stube, in welcher der Zuhälter hockte. Bertram hob den Kopf und warf ihr einen unwirschen Blick zu. »Was is denn?«, murmelte er und die Frau holte tief Luft. »Im Ostwinkel. Da liegt eine von uns. Sie…sie bewegt sich nicht.« Bertram grunzte nur ungehalten. Der Stuhl kratzte über die hölzernen Dielen, als er sich mürrisch erhob, um sich von der Dirne zu besagtem Ort führen zu lassen. »Rühr sie nich' an.«, knurrte er. »Ich hol Raban.«
Die blaue Stunde war bereits angebrochen und Doréan stand mit betretenem Gesicht neben Raban. Beide sahen auf den Boden und schwiegen. »Wer hat sie gefunden?«, verlangte Raban zu erfahren, während er einen verhaltenen Schritt nach vorne machte, aber dann doch wieder innehielt. »Tiana. Eine ausm Winkel.« Raban nickte nachdenklich. »Und weiß wer, wer sie is?« Schweigen. Einer schüttelte nur den Kopf und spuckte auf den Boden. »Ne verdammte Schande.« Raban schnippte mit den Fingern. »Dreht sie um.«, befahl er und zwei Kerle traten an die tote Frau heran und wälzten sie auf den Rücken. Ihr Haar klebte ihr im Gesicht und unter ihrem Kinn zeichnete sich ein grotesker, roter Mund ab. »Kehle aufgeschnitten.«, stellte einer der Handlanger fest. »Was hat sie da um den Hals?«, murmelte Raban und der Kerl nahm den blutverklebten Anhänger in die Hand. »Sieht aus wie ne kleine Muschel.«
Doréan hatte die Szene bisweilen nur schweigend beobachtet. Er wusste nicht, warum er hier sein musste. Das hätte Raban auch ohne ihn erledigen können. Er wusste nur, dass Raban herausfinden sollte, wer einer Frau unter ihrem Schutz so etwas angetan hatte. Doch der Anblick der toten Dirne wollte ihm keine Ruhe lassen. Bevor sie die Frau umgedreht hatten, da war ihm einen Moment lang seltsam anders geworden. Sie hatte ein dunkles Kleid getragen. Und dunkles Haar gehabt. Und einen Anhänger um den Hals. Doréan hatte sich der Magen zusammengeschnürt. Nicht Aelia…Nicht Aelia. Als sie die Frau umgedreht hatten, und sich herausgestellt hatte, dass es nicht Aelia gewesen war, da war ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Doch zugleich änderte dies nichts an der Tatsache, dass hier eine tote Dirne lag. Doréan entfernte sich von dem Tatort und ließ seine Blicke durch die Gegend schweifen. Vielleicht hatte ja jemand etwas gesehen? Einen Zeugen. Auch wenn Doréan schon jetzt wusste, dass dies Unsinn war. Niemand hatte etwas gesehen. Doréan hielt inne. Er legte den Kopf schräg und sein Blick haftete sich auf etwas Dunkles, dass im Schatten der Gasse lag. »Was ist das?«, murmelte er und trat näher heran. Als seine Augen sich schließlich an das düstere Zwielicht der Gasse gewohnt hatten, da schälte sich ein toter Vogel aus den Schatten.
Raban trat an Doréan heran und dieser zuckte erschrocken zusammen. »Was hast du gefunden?« Doréan zuckte mit den Achseln. »Nur 'ne tote Krähe.« Da veränderte sich Rabans Gesichtsausdruck. Er trat an den toten Vogel heran und griff ihn an einer der Schwingenfedern um ihn in die Höhe zu halten. »Nein.« Widersprach Raban. »Das ist kein Zufall.« Doréan hob den Blick und betrachtete den kläglichen, toten Vogel, dessen milchiger, toter Blick bis in die Seele einfuhr. »Was dann?«, murmelte er nachdenklich. Raban schnaubte und ließ den Kadaver fallen. Doréan sah Raban mit einem fragenden Blick an und Raban schnalzte mit der Zunge, während er mit zittrigen Fingern begann seine Pfeife aus der Tasche zu ziehen. »Beim ersten Mal dachte ich noch an einen Zufall. Aber das ist schon die dritte Krähe in drei Monden.« Er begann seine Pfeife zu stopfen und warf dabei einen finsteren Blick zu dem toten Mädchen hinter ihnen. »Jemand legt diese beschissenen Viecher mit Absicht neben die toten Mädchen.«
Doréan tauchte seine Arme tief in ein altes Fass, welches hinter dem Roten Bullen an einer Wand stand. Das kühle Regenwasser umfing seine Hände und er begann sich das Blut der toten Dirne von den Armen zu waschen. Sie hatten die Tote weggeschafft und Doréan hatte den verdammten Blutfleck wegschrubben müssen. Auf den Knieen war er über die alten Pflastersteine gerutscht und nur mit einer beschissenen Bürste hatte er das Blut von den Steinen geschabt. Er hob seine Hände aus dem Fass und drehte sie im spärlichen Licht hin und her. »Hier.« Raban trat an Doréan heran und legte ihm etwas in die Hand. Als Doréan auf seine Hand sah, entdeckte er eine kupferne Scherbe. »Für nen starken Schnaps. Geht auf mich.« Da wurde Doréan mit einem Mal von einem heißen Schauer erfasst. »Raban…«, murmelte Doréan verlegen. Er hob den Blick und sah Raban in die Augen. »Was is?« Da senkte Doréan verlegen den Kopf. »Ich hab' da was…« Er griff in seine Tasche und zog den Beutel mit den sieben verbliebenen Löchern aus der Tasche und hielt ihn Raban entgegen. Doch dieser sah ihn nur verwirrt an. »Was is das?«, verlangte er zu erfahren und Doréan seufzte. »Das Schmiergeld. Von dem Hundsfott beim Tor.« Raban kniff die Augen zusammen und betrachtete den Beutel, der schwer in Doréans Hand hing. »Und warum hast du den?«, verlangte er zu erfahren und Doréan seufzte. »Ich hab' ihn mitgehen lassen.« Raban starrte einen Moment lang auf den Beutel und dann wieder zu Doréan. Und dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. »Keine Zeugen?« Doréan schüttelte langsam den Kopf und Raban nickte mit einem langgezogenen Seufzer. Er hielt ihm schweigend die offene Hand hin. Sein Blick ließ keinen Widerspruch zu und Doréan überreichte ihm, wenn auch mit schwerem Herzen, den Beutel. Doch anstatt es dabei bewenden zu lassen öffnete Raban den Beutel und zurrte die Schnürung auseinander. Er schüttete sich die Münzen in die offene Hand und begann sie zu zählen. »Sieben.«, stellte er fest und ließ die Münzen dann wieder in den Beutel gleiten. Doréan spürte, wie ihm ein unangenehmes, kaltes Gefühl den Rücken empor kroch. »Es waren zehn gewesen.«, murmelte Raban und warf daraufhin einen kurzen Blick zu Doréan. Doch Doréan verharrte schweigsam und schließlich seufzte Raban nur. »Nun.« Er räusperte sich. »Du hättest auch alle zehn nehmen können.« Er schwieg einen Augenblick. »Du hast Schneid.« Er nickte anerkennend und seufzte dann abermals mit einem windigen Grinsen im Gesicht. »Der Arsch braucht sein Silber nicht mehr…« Er griff in den Beutel und fischte drei silberne Lochmünzen heraus und schob sie sich in die Tasche. Dann reichte er Doréan den Beutel zurück. »Wo kein Kläger, da kein Richter.« Er zwinkerte und griff dann in Doréans andere Hand und nahm die Scherbe, die er ihm zuvor gegeben hatte, wieder an sich. »Aber jetzt kannst du das Scheiß Bier von deinem eigenen Geld bezahlen.«
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