Einmal Gosse, immer Gosse
#97
Der Tanz auf Messers Schneide ❖
rabe-schweigsam trottete Doréan durch die engen Gassen des grauen Viertels. Er wischte sich eine fettige Strähne, welche sich langsam und mit jedem Schritt mehr auf seine Nase gewunden hatte, aus dem Gesicht und seufzte. Er war müde und das sah man ihm vermutlich auch an. Er hatte die ganze Nacht vor diesem elendigen Schuppen verbracht. Innerlich war er zerrissen. Er konnte nicht sagen ob er diesen Quilan danken oder ihn hassen sollte. Auf der einen Seite hatte er ihm einen entspannenden Zug gegönnt. Doch auf der anderen Seite hatte ihn das verdammte Opium die halbe Nacht in einer apathischen Lethargie dämmern lassen. Er konnte sich nicht einmal mehr erinnern ob er die ganze Nacht wach gewesen war. Er legte seinen Kopf in den Nacken und beschattete seine Augen, als das Tageslicht ihm unangenehm in den Augen brannte. Er musste furchtbar aussehen. Zumindest fühlte er sich furchtbar. Seine Glieder schmerzten und fühlten sich teilweise sogar wie gelähmt an, da er die ganze Nacht auf dieser kalten und harten Mauer zugebracht hatte. Seine Augen brannten und fühlten sich gereizt an. Und seine Stimmung war beinahe ebenso gereizt. Einzig der Umstand zumindest etwas erreicht zu haben, besänftigte seine innerliche Frustration zumindest ein wenig. Er trat mürrisch nach einem kleinen Stein, der achtlos auf dem Boden lag. Der Stein kullerte weit über die Gasse, prallte an einer Wand ab und rollte dann hinaus auf den Platz, welcher sich am Ende der Gasse befand.

Doréan trat aus dem Schatten der hohlen Gasse. Vor ihm eröffnete sich ein kleiner Platz in dessen Mitte sich ein alter Brunnen befand. Doch als er seine mürrischen Blicke über den Platz schweifen ließ, da hellte sich seine Miene auf, nur um sogleich wieder von einem düsteren Blick überschattet zu werden. Aelia. Er lächelte, als er sie sah. Doch neben Aelia stand diese goldlöckige Dirne. Millie. Doréan dachte unweigerlich an seine letzte Begegnung mit diesem vorlauten Luder. Er schob seine Hände in die Taschen und schlenderte möglichst lässig zum Brunnen heran, bis die beiden Frauen ihn schließlich bemerkten. Er trat an Aelia heran und legte ihr eine Hand um die Hüfte, um sie ein wenig an sich heran zu ziehen. »Na mein Liebchen?«, flötete Doréan ohne Millie dabei eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. »So ein Zufall.«, murmelte er mit einem gewissen Schalk in den Augen. Doch seine geröteten Augen und die dunklen Ringe darunter ließen sich damit nicht vertreiben. Doch Millie drängte sich ihm förmlich auf. Sie grinste breit und ihre Augen schienen beinahe zu leuchten, als ob es nichts auf der Welt gäbe, dass ihre gute Laune trüben konnte. »Ah, der Herr Doréan.« Millie setzte ein breites Grinsen auf und Doréan hatte unweigerlich das Gefühl, dass sie ihn verspottete. »Millie.«, murmelte er. »Ich würde ja behaupten, es wäre schön dich zu sehen.« Er drückte seine zweite Hand noch ein wenig tiefer in die Tasche und straffte seine Schultern. »Aber, das wäre gelogen.« Millie sah ihn mit einem ernsten Blick an, doch sie pfiff dann einen kurzen Ton zwischen den Zähnen hervor. »Na hör mal!«, begann sie sich sogleich aufzuplustern, doch da zog Doréan seine rechte Hand schließlich aus der Tasche und winkte ihre Worte hinfort, als wären es nur lästige Fliegen die versuchten ihn zu umschwirren.

Doch Millie ließ sich auf so eine Weise natürlich nicht einfach abwimmeln. Sie protestierte, und feuerte sogleich eine Spitze gegen Doréan heraus. »Hast du die letzte Nacht durchgemacht und nen Kater? Du siehst scheiße aus, als ob du mit ner Katze gerungen hättest.« Millie stemmte die Hände in die Hüfte und bedachte Doréan mit einem akribischen Blick. Ob sie ihn oder seine Reaktion beobachtete konnte Doréan nicht sagen. Doréan war die Spitze mit der Katze, nicht entgangen. Doch er verzog nur mürrisch die Lippen und sah an sich herunter. »So offensichtlich?« Millie nickte so eifrig, dass ihre Locken hin und her schwangen. Doréan zuckte mit den Achseln. »Mit Katzen kennst du dich ja aus, was?«, brummte Doréan und wischte sich ein paar störrische Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er sah es gar nicht ein sich vor dieser Frau zu beweisen. Sollte sie doch glauben was sie wollte. Aelia wandte sich zu Doréan um und sah ihm dabei tief in die Augen. Auch sie konnte es sehen, das erkannte Doréan an ihrem Blick. » Du warst die ganze Nacht weg.«, murmelte Aelia und legte ihm die Hand auf den Oberarm. Aelia sah Doréan in die Augen und Doréan fühlte sich mit einem Mal seltsam und unangenehm. Als ob ihre Blicke eine stumme Anklage in sich bargen. »Was hast du gestern noch so getrieben?« Aelia setzte nach dieser unverfänglichen Frage ein freundliches Lächeln auf. Doch Doréan kniff die Augen zusammen und seufzte. »Ach, is  nich‘ so Besonders, mein Liebchen.«

»Boss?« Lenan hob den Kopf und lenkte den Blick zur Tür. Der narbige Mann trat einen einzelnen Schritt in die Kammer ein und verharrte dann, bis Lenan ihm bedeutete, dass er eintreten durfte. »Der Bengel.« Er deutete mit dem ausgestreckten Daumen hinter sich. »Der lungert immer noch vor der Tür rum.« Lenan legte den Brief, den er gerade gelesen hatte auf den Tisch und seufzte. Er warf einen Blick zum Fenster und erkannte, dass die Nacht bereits vom beginnenden Tag abgelöst worden war. Noch war es dunkel, doch der verräterische, blaue Schein des Zwielichts zeichnete sich bereits über den Dächern ab. Da rieb er sich über die Augenlider und seufzte. »Die ganze Nacht?«, hakte Lenan nach während ihm bewusst geworden war, dass er selbst auch schon die ganze Nacht über diesen verdammten Briefen gebrütet hatte. »Ja, die ganze Nacht, Boss.« Er trat noch einen Schritt vor. »Soll ich mich um ihn kümmern?« Lenan antwortete nicht. Er starrte nur gedankenverloren aus dem Fenster. »Schon wieder Tag.«, murmelte Lenan. »Boss?« Lenan wandte den Blick zu seinem Untergebenen und einen Moment starrten sich die beiden ungleichen Männer einander an. Der eine wartete auf einen Befehl. Und der andere versuchte sich zu erinnern, was er überhaupt gefragt worden war. Als Lenan keine Antwort gab da räusperte sich der Rausschmeißer. »Nein.«, antwortete Lenan schließlich. »Habt ihr wenigstens inzwischen rausgefunden, wer der Bengel is?« Da nickte der Kerl. »Ja, haben uns umgehört. Heißt Doréan. Gehört zu den Gebrannten aus Rabans altem Trupp.« Lenan nickte. Mehr wollte er gerade nicht wissen. »Der Bengel ist beharrlich, das muss man ihm lassen.« Lenan lächelte dünn. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die müden Augen. Dann warf er einen missmutigen Blick auf die Briefe, die sich vor ihm auf dem Schreibtisch stapelten. »Na schön. Lass ihn herein.« Der Mann nickte aber warf Lenan dabei einen fragenden Blick zu, der diesem nicht entging. »Noch was?«, hakte Lenan nach und der narbige Mann räusperte sich. »Er is aus Rabans alter Bande.«, hob er an und Lenan sah ihn daraufhin fragend an. Doch dann seufzte er. »Ich werd ihn vorher gründlich filzen. Immerhin gehört er zu Rabans Leuten.« Lenan erwiderte nichts darauf. Sein Blick genügte, dass der Mann erkannte, dass Lenan das wohl ohnehin von ihm erwartet hatte. Und so schwieg er und zog langsam die Tür zu. Da reckte sich Lenan und schnippte energisch mit den Fingern. »Ist Marlon im Haus?« Er erhielt nur ein Kopfschütteln als Antwort. Lenan schnaubte und winkte ab. »Setz ihn irgendwo hin. Sieh zu, dass man Marlon findet.« Der Mann nickte abermals und wandte sich zur Tür. »Jawohl, Boss.«

Inzwischen war es heller geworden. Das fahle Morgenlicht fiel durch die Fenster und zeichnete blasse Streifen auf den Boden. Die Briefe waren vom Schreibtisch verschwunden, und Lenan wirkte, als hätte er sich wenigstens einigermaßen von der durchwachten Nacht erholt. Sein Haar war zurückgestrichen, seine Kleidung saß ordentlich, und er drehte den Siegelring an seiner linken Hand mit Daumen und Zeigefinger der rechten immer wieder langsam hin und her. Dabei sah er den hageren Gossenfloh an, welcher ihm schweigend gegenüberstand und betrachtete seinen Besucher mit einem Ausdruck, der wenig darüber verriet, was er von ihm hielt. »Also?« Lenan lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Besucher. »Du bist also der Kerl, der die ganze Nacht vor der Tür herumgelungert hat.« Doréan verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Er hatte sich dieses Gespräch während der vergangenen Nacht wohl ein Dutzend Mal zurechtgelegt. Jetzt, da er tatsächlich vor Lenan stand, wollte ihm keine seiner sorgfältig ausgedachten Eröffnungen mehr recht gefallen. »Sieht ganz danach aus.« Lenan betrachtete ihn einen Augenblick und verzog dabei die Augenbraue, als ob er sich gerade verhört hatte. Er legte den Kopf leicht zur Seite und sah Doréan eindringlich an. »Dann verrat mir doch mal, wie zum Geier du überhaupt hierhergefunden hast.«

Doréan öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Sein Blick huschte an Lenan vorbei, zu der Wand, doch die Blicke fanden dort nur stoische Kälte.  Stattdessen senkte er den Kopf und betrachtete betreten seine Füße, als wären diese mit einem Mal das Interessanteste in diesem ganzen Zimmer. Lenan schnalzte ungeduldig mit der Zunge und schnippte mit den Fingern. »He! Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.« Doréan hob erschrocken den Kopf und begegnete Lenans Blick. »Na also. Geht doch.« Lenan beobachtete ihn eine Weile. Dann fuhr er sich mit der Handfläche über das Gesicht, strich sich über die müden Augen und zog die Haut seiner Wangen nach unten. Ein unwilliges Brummen entwich seiner Kehle. »Junge, du hast die ganze Nacht beharrlich gewartet. Das hat mich neugierig gemacht, denn was zum Teufel mochte wohl so wichtig sein. Doch jetzt stehst du hier und willst mir nicht einmal eine einfache Frage beantworten.« Er ließ die Hand sinken und sah Doréan wieder an. »Du bist dreist und unangemeldet aufgetaucht. Ohne Bürgen.  In einem Haus, von dem du eigentlich gar nicht wissen solltest. Und jetzt stellst du dich hin und schweigst mich an. Und ich weiß noch nicht einmal wer zum Henker du überhaupt bist.«

Lenan griff neben sich, zog ein schmales Messer aus einer Schublade seines Schreibtisches und legte es vor sich auf die Tischplatte. Einen Augenblick lang betrachtete er die Klinge, dann deutete er damit auf Doréans behandschuhte Hand. »Soll ich dir vielleicht noch einen Finger abschneiden, bevor du anfängst zu reden?« Doréan erstarrte. Wie hatte er das gemerkt? Unwillkürlich zog er die betreffende Hand ein Stück zurück. Lenans Blick folgte der Bewegung. Ein schmales Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Dachte ich mir.« Er legte das Messer wieder auf den Tisch und beugte sich ein wenig vor. »Also. Raus mit der Sprache. Wer bist du und wer hat dir gesagt, wo du mich findest?« Doréan schluckte und hob den Kopf. »Ich heiße Doréan.«, murmelte dieser schließlich kleinlaut. »Doréan.«, wiederholte Lenan das Wort, welches er sich förmlich auf der Zunge zergehen ließ. Schließlich nickte er. »Das ist ja schon einmal ein Anfang.« Dann wedelte er lapidar mit der Hand um Doréan zu zeigen, dass er weitersprechen sollte. »Es hat mir eigentlich keiner so richtig gesagt«, brachte Doréan schließlich hervor. Lenan hob langsam eine Augenbraue. »Was soll das heißen?« Da lächelte Doréan und ein Hauch von Stolz mischte sich in das fadenscheinige, unsichere Grinsen. »Na, dass ich's selber rausgefunden hab.«

Lenan starrte ihn einen Moment lang an und sagte nichts. Dann ließ er sich wieder in seinen Sessel sinken und lächelte. Kurz darauf tippte er sich gegen die Schläfe. »Der verdammte Zwinger is groß, und du hast mich gefunden. Ganz allein.« Seine Worte endeten nicht in einer Frage und er starrte Doréan dabei eindringlich an. »Na ja, Boss ... ich hab‘ mich eben ein bisschen umgehört.« »Ein bisschen umgehört?« Lenan zog die Augenbrauen hoch. »Du weißt schon, dass es nicht besonders viele Leute gibt, die von diesem Ort wissen? Und noch weniger, denen ich vertraue, unangemeldet vor dieser Tür auftauchen zu dürfen.« Doréan wich seinem Blick aus. Er hatte sich während der vergangenen Nacht allerhand zurechtgelegt, doch ausgerechnet auf diese Frage war ihm keine besonders brauchbare Antwort eingefallen. Er konnte schlecht erklären, dass er sich den Weg zu Lenans Haus gewissermaßen erschlichen hatte. Noch weniger wollte er jemanden mit hineinziehen, der ihm eigentlich nur hatte helfen wollen. Und schon gar nicht wollte er Ronïa hier reinziehen. Sein Plan, Aelia aus der ganzen Sache heraus zu halten, gestaltete sich mehr und mehr zu einem Gang zum eigenen Schafott. Bei dem Gedanken seufzte er resignierend. Lenan wurde Doréans Zaghaftigkeit langsam überdrüssig. Er schnaubte erneut und schnippte genervt mit den Fingern. »Beantworte mir endlich die Scheiß Frage.« Seine Stimme war scharf und zugleich ungewöhnlich ruhig. Doréan wusste nicht was ihm in diesem Augenblick den größeren Schrecken über die Haut gejagt hatte. Er wischte sich einige klebrige Strähnen aus dem Gesicht und hob dann den Blick. Zunächst huschten sie wieder zu dieser Wand, neben Lenan. Doch erneut hielt er den Blick nicht lange aus und bevor er vollends den Mut verlor wandte er sich schließlich an Lenan. Er atmete noch einmal tief durch und schloss dann kurz die Augen. »Ich hab‘ da eine gute Freundin. Die hat mir den Namen von einem Kerl gegeben, der mir vielleicht weiterhelfen könnte. Und dem bin ich dann halt ein bisschen auf die…Eier gegangen.« Lenan sah Doréan einen Moment lang irritiert an. »Auf die Eier.«, wiederholte er und sein Blick verriet nichts über seine Gedanken. »Das waren seine Worte.« Doréan zuckte mit den Achseln. »Er wollts mir ausreden. Sagte es wäre eine dumme Idee.« Da nickte Lenan, als ob er da derselben Ansicht wäre. »Er hat gesagt, ich soll in drei Tagen wieder kommen. Doch so lange konnte ich nich‘ warten.  Ich glaub, der weiß nich‘ mal, dass ich hier bin.« Lenan ließ den Blick nicht von ihm. »Und wie heißt dieser Kerl?«

Doréan biss sich nachdenklich auf die Lippen. Er wusste, dass ein Mann wie Lenan nicht ohne Grund nach Namen fragte. Doch irgendetwas musste er ihm ja sagen. »Boss.« Er leckte sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Er räusperte sich und senkte dann kurz den Kopf. Doch bevor Lenan wieder energisch mit den Fingern schnipsen konnte, besann er sich wieder eines Besseren. Doréan biss die Zähne zusammen. Einen Augenblick lang sah es aus, als wolle er noch etwas erwidern. Doch Lenan wartete nur, und mit jeder verstreichenden Sekunde wurde ihm unangenehmer zumute, während Lenan unaufhörlich seinen Siegelring hin und her drehte. Schließlich senkte er den Kopf. »Quilan«, murmelte er. Lenans Finger hielten auf dem Siegelring inne. »Quilan?« Doréan nickte widerwillig und verzog das Gesicht. »Bekommt der jetzt Ärger wegen mir?« Da lächelte Lenan. Es war kein besonders freundliches Lächeln. »Das hättest du dir vielleicht überlegen sollen, bevor du hier aufgetaucht bist, Doréan aus der Ascherinne.« Doréan schluckte einen Moment. Hatte er es aus seiner Art zu Reden gemerkt? Oder wusste Lenan mehr über ihn, als es zunächst den Anschein gemacht hatte?  »Ich wollt ihm keinen Ärger machen.« »Ach nein?« Lenan beugte sich ein wenig vor. »Du gehst einem meiner Leute so lange auf die…Eier, bis er etwas ausplaudert, das dich nichts angeht und jetzt machst du dir Sorgen, dass jemand deswegen Schwierigkeiten bekommen könnte?« Da lachte Lenan schließlich trocken und schüttelte den Kopf. »Du bist ein ziemlich beharrlicher Bursche. Aber offenbar beißt du dir lieber die Zunge ab als deine Freunde zu verraten.« Lenan machte eine kurze Pause. »Das spricht für dich. Aber es ändert nichts daran, dass du dir deine Schwierigkeiten selbst eingebrockt hast.« »Ja, Boss«, murmelte Doréan und ließ dabei den Kopf sinken. »Du sollst mich ansehen, wenn ich mit dir rede. Ich werde es nicht noch einmal sagen«, brummte Lenan ungehalten. Doréan hob den Kopf und verkrampfte sich förmlich, während sein Blick starr auf Lenan gerichtet blieb. »Gut. Und jetzt merk dir eines. Und merke dir das gut. Jede deiner Entscheidungen hat Konsequenzen. Wenn du das nächste Mal beschließt, dich über die Köpfe anderer hinwegzusetzen, solltest du dir vorher überlegen, wen du damit in die Scheiße reitest.« Lenan seufzte und Doréan zuckte mit den Achseln. »Daran hatte ich nich‘ gedacht.«, gab er kleinlaut zu. »Jeder hat versucht es mir auszureden. Aber ich konnte nicht anders.« Lenan verschränkte nun die Arme vor der Brust. »Das ist der Grund warum du hier stehst und nicht mit gebrochenen Knochen in der Ascherinne.« Er knirschte mit den Zähnen und spannte seinen Kiefer an. »Aber du hast ihre Warnungen in den Wind geschlagen und in Kauf genommen, dass sie dabei unter die Räder kommen. Es hat dich vorher auch nicht interessiert, warum jetzt?«

Lenan ließ ihn noch einen Augenblick unter seinem Blick schmoren, ehe er sich wieder zurücklehnte. Die Sache mit Quilan würde sich klären lassen. Wenigstens hatte er nun einen Namen, und allem Anschein nach war dieser Bengel nicht von irgendjemandem gezielt zu ihm geschickt worden. »Jetzt hoffe ich für dich, dass du einen verdammt guten Grund hast, weshalb du meine Zeit verschwendest.«


Doréans Hand lag nun auf Aelias Schulter. Doch kurz darauf begann sie bereits in tiefere Gefilde zu wandern. Sein Blick glitt an ihr herab und blieb versteinert hängen. Er starrte einen Moment und runzelte die Stirn, ohne zu wissen, während sein Blick noch an der Stelle hing, an der die Gewohnheit etwas erwartete, dass nun eine Lücke hinterlassen hatte. Doch die Erkenntnis sickerte nur langsam in seinen Geist, denn die Ablenkung, die Aelias Anblick ihm darbot, ließ seine Gedanken fahrig werden. Dann hob er den Blick und öffnete den Mund. »Die Silbermünze.«, stellte er nüchtern fest und seine Hand strich über jene Stelle, an welcher sonst die angelaufene, dunkle Münze hing. »Wo ist sie hin?« Er hob eine Augenbraue und sah Aelia fragend an.

Doréan räusperte sich. Jetzt, da es endlich um sein eigentliches Anliegen ging, fiel es ihm plötzlich leichter den Mund aufzumachen. Und das, obwohl Lenan ihn mit finsteren, erwartungsvollen Blicken ansah. Blicke, die Dorean zu verstehen gaben, dass jedes falsche Wort Konsequenzen hatte. »Es geht um mein Liebchen.« Lenan hob eine Augenbraue. »Dein Liebchen?« Doréan lächelte verhalten. »Aelia.« Doréan machte eine unbestimmte Handbewegung. »Du weißt schon. Die Sache mit Raban.« Lenans Miene veränderte sich. Nicht besonders auffällig. Das dünne Lächeln, das eben noch um seine Lippen gespielt hatte, verschwand einfach. Er betrachtete Doréan mit einem Blick, der diesem ganz und gar nicht gefiel. »Raban«, wiederholte Lenan langsam. Doréan schluckte. Scheiße. Vielleicht hätte er den Namen besser nicht erwähnt. Immerhin gehörte er selbst zu den Gebrannten aus Rabans ehemaliger Truppe, und dessen Verrat hatte ihm schon genug Schwierigkeiten eingebracht. »Nun, wegen dem Hundsfott…« Er schluckte, doch hatte er das Wort bereits ausgesprochen. »Du hast ihm ihretwegen die Hand gebrochen. Weißt du noch, Boss?« Lenan schwieg einen Augenblick. Dann schien er sich zu besinnen. »Ach. Das hübsche Mädchen mit dem silbernen Loch am Vorbau.« Er nickte langsam. »Ja, ich erinnere mich.« Natürlich erinnerte er sich. Er hatte erst vor wenigen Stunden mit Aelia gesprochen. Doch das brauchte dieser Bengel nicht zu wissen. »Und was ist mit ihr?« »Ich will bloß nicht, dass sie noch mal in so eine Scheiße hineingerät.« »In welche Scheiße? Raban ist verschwunden.« Doréan suchte nach Worten. »Er war heute in Bertrams Stall.« Doréans Blick wurde ernster. »Der Hu…Bluthund…hat ihn vertrieben und is dann mit Aelia in den Zwinger gegangen.« Doréans Blick wurde fahrig. Er konnte sich nicht entscheiden ob er Lenan oder diesen Kerl anstarren sollte, der neben ihn an dieser dunklen Wand stand und schon die ganze Zeit über stoisch und schweigend ihn angestarrt hatte. Er hatte sich während der Nacht allerhand ausgemalt. Vielleicht hatte Aelia etwas gesehen oder gehört, dass sie besser nicht wissen sollte. Vielleicht würde irgendjemand irgendwann etwas von ihr verlangen. Vielleicht war sie längst in irgendwelche Angelegenheiten hineingeraten, von denen er keine Ahnung hatte. Nur konnte er Lenan schlecht erklären, dass er ausgerechnet ihn verdächtigte, seinem Mädchen Schwierigkeiten zu machen. »Ich mache mir Sorgen um sie.«, gab er schließlich zu. Lenan zog die Augenbrauen hoch. »Warum?« Darauf hatte Doréan keine Antwort parat und Lenan seufzte. »Aber du hältst es für nötig, deshalb dir vor der verschissenen Tür den Arsch abzufrieren?« Doréan zuckte hilflos mit den Schultern. Dann öffnete er den Mund, brachte aber zunächst nichts heraus. Die Frage war so einfach gestellt, dass er ins offene Messer gelaufen wäre. »Nun, Boss. Ich mag sie…wirklich sehr«, erklärte er schließlich. Lenan nickte nachdenklich. »Das hast du schon gesagt.« Doréan nickte und schüttelte dann den Kopf. Er kam sich so töricht vor. Wie machte er diesem Mann nur klar, dass er nicht wollte, dass sein Liebchen in seinen Sog hineingeriet? Schließlich fasste er sich ein Herz. »Aelia hat mit dem ganzen Kram doch nix zu schaffen. Und ich möcht, dass das auch so bleibt.« Lenan betrachtete ihn einen Augenblick. »Du möchtest also, dass dein Mädchen mit unseren Angelegenheiten nichts zu tun bekommt. Du willst sie raushalten, von dem ganzen Ärger.« Da lächelte Doréan. Er hatte es besser aufgenommen, als er es erwartet hatte. »Ja genau, Boss.« Lenan legte seine Hand in die andere und kurz darauf knackten einige Knorpel. »Aha.« Lenan lehnte sich zurück. »Du willst mir also durch die Blume vorsorglich erklären, wie ich mit deinem Mädchen umzugehen habe.« Da erstarrte Doréan und begann zu stammeln. »Nein, Boss! So mein ich das nich‘.« Doréan schüttelte hastig den Kopf. Lenan lächelte schief und die Falten um seine Augen gruben tiefe Furchen. »Ach, und wie dann?« Er beugte sich ein wenig zu Doréan vor und dabei knarrte das alte Leder beinahe bedrohlich.

Doréan rang mit sich. Er wusste, dass er sich verdammt ungeschickt anstellte, aber er konnte schlecht wieder gehen, ohne wenigstens versucht zu haben, etwas für Aelia zu erreichen. »Ich mein ja nur ... falls sie irgendwann mal irgendwem was schuldet oder sie etwas gesehen hat, dass sie nich‘ hätte sehen sollen, dann kann derjenige doch auch zu mir kommen. Ich kümmer mich schon drum. Aber sie soll aus der Sache rausbleiben.« Lenan schwieg einen Augenblick und sein ruhiger Atem war für den Moment das einzige, das man im Raum hören konnte. »Soll das heißen, du würdest für dein Mädchen bürgen?« Doréan nickte ohne mit der Wimper zu zucken. »Jederzeit Boss.« Lenan runzelte die Stirn, doch das dünne Lächeln auf den Lippen konnte er nicht unterdrücken. »Du würdest alles für sie machen, nur damit sie ein Leben in segenvoller Unwissenheit führen kann?« Da trat Doréan einen mutigen Schritt vor. »Ich würde alles machen, Boss.« Dabei sah er Lenan so tief in die Augen, dass ihm eine Gänsehaut überkam. Lenan schüttelte langsam den Kopf. »Bei allen verdammten Hunden. Du bist mir vielleicht einer.« Doréan wusste nicht recht, wie er das auffassen sollte.

»Du bist entweder blind vor Liebe, oder unglaublich töricht.« Lenan rieb sich nachdenklich mit dem Daumen über die Wange. »Ist dir eigentlich klar, was du da gerade gesagt hast?« Doréan nickte, auch wenn er sich ehrlich eingestehen musste, dass er nicht den leisesten Hauch einer Ahnung hatte. Doch er wurde bereits mehrfach davor gewarnt Lenan einen derartigen Gefallen zu schulden. Doch für Aelia würde er durch die Hölle gehen, die Sterne vom Himmel holen und seine Seele an diesen verdammten Hundsfott verkaufen, wenn es denn nötig wäre. Lenan ließ eine kurze Pause entstehen. »Und das alles, ohne dass die junge Frau überhaupt davon weiß. Das Mädchen kann sich glücklich schätzen so einen treuen Hund wie dich zu haben.« Er lächelte breit. »Ich will sie halt beschützen«, erwiderte Doréan leise. »Das habe ich inzwischen verstanden.« Lenan betrachtete ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Missbilligung. »Aber sag mir eines, Junge. Wer hat dir eigentlich erlaubt, deine eigenen Geschäfte mit mir auszuhandeln?« Doréan blinzelte. »Wer ist für dich zuständig? Der Bluthund, nicht wahr?« Doréan kniff die Augen zusammen, da er noch nicht ahnte, worauf das hinauslief. »Ja, Boss.« Lenan nickte verstehend und räusperte sich. »Und der weiß von deinem Besuch?« Doréan schüttelte den Kopf. »Quilan hat dich auch nicht hergeschickt, nehme ich an.« Wieder schüttelte Doréan den Kopf, während das seltsame Gefühl in ihm langsam in ein ungutes, schlechtes Gewissen umschlug. »Dann hast du also deinen Vorgesetzten übergangen, Quilan beschissen und stehst jetzt hier, weil du glaubst, mit mir persönlich etwas aushandeln zu können.« Lenans Blick war so streng und ernst, dass Doréan glaubte er würde im nächsten Moment dieses verdammte Messer auf seinem Tisch nehmen und dem stummen Mistkerl befehlen ihn damit abzustechen. »Ich dachte halt ...« Doréan stockte. »Wenn ich schon jemanden fragen muss, dann gleich den Richtigen.« Ein kaum merkliches Zucken ging über Lenans Mundwinkel. »Den Richtigen. Nun, wenigstens daran scheint es keinen Zweifel zu geben.« Er ließ sich wieder in seinen Stuhl zurücksinken. »Aber. Du nennst mich die ganze Zeit Boss.« Doréan sah ihn daraufhin mit sichtlicher Verunsicherung an. »Noch bin ich nicht dein Boss. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie du dir das offenbar vorstellst. Du gehörst zu den Gebrannten, die Raban zurückgelassen hat. Und soweit ich weiß, hat noch niemand für dich gebürgt. Du bist ein Niemand. Ein ungestümer Straßenköter, der sich aus Liebe freiwillig an die Leine legen lassen würde. Ein Welpe mit einer verdammt großen Klappe. Ich erinnere mich an dich, ich habe die Sache mit dem Bad im Hafenbecken nicht vergessen, Doréan.« Lenan betrachtete ihn eine Weile schweigend. Dann lächelte er dünn. »Immerhin scheinst du wenigstens zu wissen, wem du Respekt schuldest. Auch wenn du auf dem Weg hierher nur verbrannte Erde hinterlassen hast.« Doréan schwieg. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass Lenan ihm gerade ziemlich gründlich erklärte, weshalb er überhaupt kein Recht hatte, hier zu stehen. Und das Schlimmste daran war, dass er ihm kaum widersprechen konnte. »Setz dich erst mal«, sagte Lenan schließlich und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Du siehst aus, als würdest du mir gleich auf den Teppich kippen.« Doréan zögerte kurz, nahm dann aber Platz. Seine Beine waren ihm dankbar dafür. Trotzdem fühlte er sich keineswegs wohler. Lenan wirkte zwar inzwischen etwas zugänglicher, doch Doréan hatte keine Ahnung, ob das ein gutes Zeichen war.

Das seltsame Gefühl verstärkte sich, als dieser stoische Kerl sich regte. Doréans Blicke hetzten zwischen dem Mann und dem Messer auf dem Tisch hin und her. Angst überkam ihn. Eine lähmende Angst die ihn erstarren ließ. Vor seinem geistigen Auge sah er schon wie dieser verdammte Glatzkopf das Messer nahm um es ihm in die Brust zu rammen. »Nun«, begann Lenan nach einer Weile, »du hast mir also angeboten, für dein Mädchen einzustehen. Ganz gleich, worum es geht.« Lenans Finger legten sich auf die Klinge und ließ sie über die Tischplatte kreiseln. Doréans Blicke hafteten sich auf die Klinge und er schluckte. Sein Hals war trocken und seine Finger krallten sich zitternd in den Sessel. »Ja, Boss.« Da drückte Lenan einen Finger auf die Klinge und das kratzende, metallische Geräusch endete. »Und was bekomme ich dafür?« Doréan sah ihn verständnislos an. »Was hast du mir zu bieten, Welpe? Was bekomme ich im Gegenzug?« Doréan fuhr sich durchs Haar. »Ich mach alles.« Da lachte Lenan trocken und schüttelte den Kopf. »Falsche Antwort. Das können viele.« Lenan drehte nachdenklich seinen Siegelring. »Und die meisten davon haben wenigstens einen Bürgen.« Doréan biss sich auf die Lippen und schloss einen Moment die Augen. »Ich machs ohne eine Gegenleistung zu verlangen.« Lenan musterte ihn und ein breites Lächeln umspielte dann seine Lippen. »Das ist wirklich mal was Neues.« Dabei bemerkte Doréan wie sein Blick zu dem seltsamen, stillen Kerl wanderten. »Du bist also bereit, dir die Hände schmutzig zu machen?« Doréan nickte. »Und wenn dir die Arbeit nicht gefällt?« Doréan zögerte. »Ich…ich könnte mich überwinden.« Lenan lächelte. Er schwieg eine Weile und betrachtete den jungen Mann vor sich. Doréan war vor Müdigkeit und Furcht gezeichnet. Und dennoch saß er hier und beharrte weiter darauf für sein Mädchen alles zu geben, nur damit sie nicht wie er enden musste. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, wie man sich bei einem solchen Gespräch zu verhalten hatte, und war trotzdem bereit gewesen, sich durch die halbe Stadt zu fragen, nur um ihm gegenübertreten zu können. Ein vorlauter, ungestümer Bengel, der offenbar mehr Ärger verursachte, als er wert war. Andererseits hatte er gerade ziemlich deutlich bewiesen, wie weit er für jemanden zu gehen bereit war, der ihm etwas bedeutete. Und noch viel mehr als das. Lenan hatte erkannt, dass dieser kleine, vorlaute Scheißkerl sich lieber die Zunge abbeißen würde, als jemanden zu verraten. Lenan nickte nachdenklich.

Lenan nahm das Messer vom Tisch und hielt es einen Moment lang schweigend in der Hand. Doréans Blick haftete sich unweigerlich auf die Klinge. Doch dann öffnete Lenan die Lade und warf die Klinge hinein. »Nun. Du hast dir eine Gelegenheit erkauft.« Doréan richtete sich unwillkürlich auf. »Heißt das, du lässt Aelia in Ruhe?« Lenan sah ihn an. »Das heißt, dass ich bereit bin, dir eine Gelegenheit zu geben, Junge. Nicht mehr und nicht weniger. Eine, bei der du beweisen kannst, dass du mehr zu bieten hast als ein großes Maul und ein paar schöne Versprechungen.« Doréan runzelte die Stirn. »Und was soll ich machen?« »In zwei Tagen gehst du zum Hafen. Du meldest dich bei Marlon. Er wird wissen, weshalb du kommst.« Doréan nickte entschlossen. Lenan ließ ihm einen Augenblick Zeit, das zu verdauen. »Du wolltest doch eine Möglichkeit, dich nützlich zu machen. Hier ist sie. Was du daraus machst, liegt bei dir.« Doréan runzelte die Stirn. Er hatte so viel investiert um am Ende nichts als einen beschissenen Namen im Hafen zu bekommen? Das konnte nicht alles gewesen sein. »Und Aelia?«, hakte er nach. Lenan seufzte leise. »Deinem Mädchen ist mit einem Mann, der große Reden schwingt und nichts dahinter hat, wenig geholfen. Beweise mir, dass du dein Wort wert bist, und dann reden wir weiter.« Doréan senkte den Blick. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Lenan hatte ihm nichts versprochen. Nicht einmal, dass er Aelia in Ruhe lassen würde. Und doch war da diese Gelegenheit, von der er nicht wusste, ob er sie als Entgegenkommen oder als Drohung verstehen sollte.

Er wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu, und Doréan begriff, dass das Gespräch damit beendet war. Er erhob sich und wurde beinahe augenblicklich von dem stummen Kerl zur Tür begleitet. Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, wurde die Stille von einem leisen Räuspern unterbrochen. Lenan hob den Blick. »Was?« Marlon stand vor der verschlossenen Tür und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das besonders klug war.« »Ach nein?« Lenan lehnte sich zurück. »Worauf willst du hinaus?« »Du spielst die beiden gegeneinander aus. Das Mädchen und den Jungen.« Marlon hielt kurz inne. »Wenn einer von ihnen herausfindet, was du hier abziehst, kannst du beide in den Wind schießen.« Lenan lächelte und winkte ab. »Nur wenn die beiden nicht schweigen können. Und dann wissen wir wenigstens, ob die beiden etwas taugen, oder?« Marlon seufzte doch er wusste, dass es wenig Sinn machte Lenan zu widersprechen, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. »Die beiden haben mich neugierig gemacht. Das Herzchen war ein bisschen direkter als der Bengel.« Da zuckte Marlon die Schultern. »Er wusste wer du bist, sie nicht. Mut aus Unwissenheit ist nichts Besonderes.« Da nickte Lenan. »Jetzt hast du diene Antwort Marlon.« Marlon verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah nicht sonderlich überzeugt aus, ließ es aber dabei bewenden.


Zwei Tage später schlenderte der Bluthund über den Hof von Bertrams Stall. In seiner Hand baumelte ein dünnes Lederband und in seiner geschlossenen Faust befand sich in Ding, das klein genug war um gänzlich darin zu verschwinden. Es war früher Morgen und jeden Moment würde sie die alten, knarrenden Stufen herunter kommen. So wie es jeden zweiten Tag der Fall war, seit er hier seinen Zwangsdienst leisten musste. Als das verräterische Knarren schließlich ertönte da lächelte er wissend. Aelia trat aus dem Torbogen und schien den Bluthund zunächst gar nicht zu bemerken. Als Aelia an ihm vorüberging, blieb er stehen. »He, Anhang!« Aelia wandte sich um. Als sie ihn erkannte, huschte ein verlegenes Lächeln über ihr Gesicht. »Hast du was verloren?« Sie sah ihn verwundert an und ein schräges Lächeln huschte über sein Gesicht, was ihn noch gefährlicher aussehen ließ, als wenn er gar nicht erst lächelte. Da hob er die Hand und ließ die Münze vor ihren Augen baumeln. Aelias Lächeln verschwand und wich kurz darauf einer freudigen Erkenntnis. »Woher hast du die?« Sie nahm die Lochmünze an sich, als ob sie der größte Schatz der Stadt wäre. Der Bluthund betrachtete die Münze, dann wieder Aelia. »Gefunden.«

Hastige Schritte schwerer Stiefel donnerten wenige Stunden später über dieselben Stufen. Kaum hatte Doréan Bertrams Stall verlassen und war auf die Straße gekommen, begann er die Beine in die Hand zu nehmen. Er rannte wie der Teufel, dem eine Horde Priester auf den Fersen waren. »Was für eine Scheiße hab‘ ich mir da nur aufgehalst?« Er fluchte leise und ballte dabei die Fäuste. »Weh mir. Dieser Hundsfott wird mir die Eier abreißen und mich zwingen sie zu fressen!« Doréan hastete durch dunkle, enge Gassen, stolperte über breite Straßen, keuchte, schnaufte und fluchte um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, die er verschlafen hatte. Und jeder Mann und jede Frau, die ihm nicht schnell genug aus dem Weg gingen, rempelte er rücksichtslos an. Gefolgt von weiterem Gefluche und Gezeter. Sowohl von ihm selbst, als auch von den Menschen die er angerempelt hatte.

Sein Weg führte ihn an den Hafen, und je näher er dem Ort kam, desto weniger normale Menschen waren auf der Straße zu sehen. Doch die normalen Menschen wichen nur zwielichtigen Männern, die hier herumlungerten. Sie standen an Häuserwänden angelehnt, saßen auf Bänken oder glotzen aus Fenstern. Es waren die Sorte Menschen denen man lieber nicht auf die Füße treten sollte. Doréan konnte sich des seltsamen Gefühls nicht erwehren, dass heute besonders viele von ihnen zugegen waren. Als ob sie alle nur seinetwegen am Hafen herumlungerten. Selbst die kleinen Kinder, welche in einer staubigen Ecke mit Gaunermurmeln spielten, oder eine alte, scheinbar blinde, Frau welche mit einem Holzbecher um Almosen bettelte. Und mit jedem Schritt den er tat, verstärkte sich dieses Gefühl mehr und mehr, dass all die Leute nur ihn anstarrten. Sogar diese verdammte, blinde Alte. Doréans schwermütige Gedanken überschlugen sich mehr und mehr. Und das schlechte Gewissen begann ihn zu plagen. Was wenn er heute seinen letzten Gang antrat um bei den Fischen zu enden? Vielleicht hatte Lenan ihm deshalb keine klaren Versprechungen gegeben? Da er nie vorhatte ihm welche zu erfüllen? Da Doréan sich zu viele Fehltritte erlaubt hatte und sich als gebrannte Brut Rabans als unbrauchbar erwiesen hatte. Irgendwann nahmen die düsteren Gedanken derart Überhand, dass Doréan versucht war Kehrt zu machen. Raus aus dem Hafen. So schnell wie möglich zu Aelia und mit ihr einfach klammheimlich verschwinden. Doch er wusste insgeheim, dass sie es nicht einmal aus der Stadt heraus schaffen, bevor man sie erwischen würde. Und so seufzte er resignierend und beschritt den schweren Gang auf den sich biegenden Planken als ob jeder einzelne Schritt so schwer wie Blei an den Füßen wäre.

Doréan betrat ein unscheinbares Gebäude. Von außen machte es nicht viel her. Doch als er die Tür öffnete und hereintrat wurde er sogleich von mehreren Dutzenden neugieriger Augen in Empfang genommen. »Ah, wenn das nicht unser kleines Großmaul ist.« Die kläffende Stimme, welche sich erhoben hatte, gehörte zu Areón. Er hatte eigentlich nicht viel mehr zu sagen als Doréan selbst, sie beide befanden sich ganz am Absatz. Doch seit der Sache mit Raban, war Doréan zum Auserkorenen dieses Hundsfotts geworden. Er hatte ihn schon vorher nie wirklich leiden können, und schnaubte nur als er ihn sah. »Ich hab‘ keine Zeit für den Scheiß, ich soll mich hier bei nem Kerl namens Marlon melden.«, brummte Doréan mürrisch. Areón lachte nur dreckig, doch schien es, als ob er Doréan gar nicht richtig zugehört hatte. »Was treibt dich zu dieser frühen Stunde zu uns, du Nichtsnutz?« Doréan schnaubte und sog die Luft tief in seine Lungen ein. Er war noch völlig außer Atem von dem vielen Gerenne, und hatte weit besseres zu tun als sich auf dieses sinnlose Geplänkel einzulassen. »Das sagte ich doch schon. Bist du taub? Ich suche Marlon.« Da stand Areón von seinem Stuhl auf und verbreitete demonstrativ seine Brust. »Wie war das?« »Du hast mich schon verstanden!« zischte Doréan, und die Stimmung verlagerte sich zusehends in eine angespannte Situation. Inzwischen war auch die Aufmerksamkeit der anderen Männer geweckt worden und Areón trat ein paar Schritte auf Doréan zu. »So redest du nicht mit mir du Pisspott!« Doch Doréan trat seinerseits auch ein paar Schritte auf seinen Kontrahenten hinzu. »Ich rede mit dir wie ich will, du Hundsfott! Ich bin dir nich‘ unterstellt und dein Wort is auch nich‘ mehr wert als meins und jetzt hör auf mir auf den Sack zu gehen…« »…oder was?« unterbrach ihn Areón und baute sich demonstrativ vor Doréan auf. Doch Doréan verschränkte nur die Arme vor der Brust. »Ich stehe unter Beobachtung. Ich werde mich nich‘ mit dir prügeln, das weißt du genau.« Seine Stimme wurde etwas ruhiger. Doréan stand nicht nur unter Beobachtung. Er war ausdrücklich an diesen Ort bestellt worden. Es wäre nicht nur töricht, sondern abstrus dämlich sich auf selbst das Messer an die Kehle zu setzen. Areón lachte dreckig und nickte wissend. Doch er ließ es sich dennoch nicht nehmen Doréan weiter zu provozieren. »Zieh den Schwanz ein du Hurensohn.« Wieder dieses dreckige Lachen und Doréan wurde von einem roten Schleier übermannt. »Was hast du da gesagt?« Er löste die Verschränkung seiner Arme und trat noch einen Schritt auf Areón zu, so dass sich die beiden Männer so nah beieinanderstanden, dass sie die Muster ihrer Iriden erkennen konnten. Die Spannung, die sich zwischen den Beiden aufgebaut hatte, war nun förmlich zu spüren. Es lag ein unheilvollschwangeres Knistern in der Luft und die kleinste Bewegung von einem der beiden Kontrahenten könnte zu einer Verkettung von Ereignissen führen die letzten Endes Doréan zu den Fischen schicken würde.

»Jetzt reicht es aber ihr Zwei.«, brummte ein grobschlächtiger Kerl. Er drückte seine rechte Hand auf Doréans Brust und seine Linke auf Areóns. »Verpisst euch in eure Ecken, wo ihr hingehört ihr kläffenden, zahnlosen Straßenköter!« Mit einem kurzen, aber kräftigen Ruck, drückte er die beiden auseinander, als ob er einen schweren Vorhang auseinanderziehen würde, um etwas Sonnenlicht in den Raum zu lassen. Doréan stolperte ein paar Schritte zurück und Areón hingegen stolperte über die Beine eines anderen Mannes und stützte rücklings auf den Boden. Die angespannte Situation löste sich augenblicklich auf, als die umstehenden begannen den Unglücksraben, der sich nicht auf den Füßen halten konnte, schallend auszulachen. Areón protestierte, doch war sein Protest so kleinlaut und verhalten, dass er in dem Lachen gnadenlos unterging. Allerdings nicht sein vernichtender Blick, den er Doréan zuwarf. Er glich zwei messerscharfen Dolchen, welche er am liebsten in seiner Brust versenken würde. Doch schließlich trollte er sich und saß sich beleidigt auf seinen Platz zurück.

Der grobschlächtige Kerl wandte sich an Doreán und mustere diesen geringschätzend. »Du bist spät.« Doréan senkte den Blick. Es gab keine Ausrede in dieser Welt, die diese Worte entkräftigen konnten. Der Kerl schnaubte. »Marlon wartet…drinnen.« Er deutete auf eine alte Tür am Ende des Raumes. »Wenn er von dem Scheiß hier was mitbekommen hat, kannst du auch gleich dein Testament machen und selbst zu den Haien ins Hafenbecken springen.« Er grinste dreckig, während er missbilligend mit dem Kopf schüttelte. Doréan blieb wie angewurzelt stehen. »Testament?« Der Kerl versetzte Doréan dann einen kräftigen Schlag auf die Schulter, so dass diesem die Luft aus den Lungen getrieben wurde. »Aber ein echter Mann stellt sich seinem Urteil. Ein echter Mann rennt nicht davon. Bin beeindruckt, dass du überhaupt erschienen bist, du kleiner Köter.« Die Worte hallten immer wieder in Doréans Kopf. Urteil? Von einem Urteil war keine Rede gewesen. Doréan spürte, wie er sich innerlich verkrampfte. »Was für ein Urteil?«, murmelte er doch der Kerl schwieg nur und deutete auf die Tür, welche für Doreán auf einmal wirkte, als ob sie am Ende eines unendlich langen Ganges stand, der zum Ende hin immer dunkler und bedrohlicher wurde. Die Stille, die daraufhin folgte, war für Doréan eine unglaubliche Qual. Der Mann starrte Doréan mit eiserner, ja fast finsterer, Miene an und hatte die Arme verschränkt. Er schwieg zwar nur wenige Augenblicke, doch für Doréan fühlte es sich an wie eine halbe Ewigkeit. Sein Herz begann schneller zu schlagen und ihm wurde sichtlich unwohler in seiner Haut, je länger diese Stille andauerte. Schließlich erlöste er ihn, indem er das Schweigen brach. »Marlon wartet.«

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